summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-25 02:59:33 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-25 02:59:33 -0800
commitf40b230e3b0bc44f98ce9d99401c6b43e760d0a8 (patch)
treea7b1b2d6669e7f7118796df2b1a358ebf0033142
parentc90b68c61c397bb6c9bf2cb8b99b19359cdc90f3 (diff)
NormalizeHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/69320-0.txt13722
-rw-r--r--old/69320-0.zipbin275612 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/69320-h.zipbin1148826 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/69320-h/69320-h.htm14286
-rw-r--r--old/69320-h/images/cover.jpgbin865925 -> 0 bytes
8 files changed, 17 insertions, 28008 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..ebe7b2b
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #69320 (https://www.gutenberg.org/ebooks/69320)
diff --git a/old/69320-0.txt b/old/69320-0.txt
deleted file mode 100644
index 29df226..0000000
--- a/old/69320-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,13722 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Aus der Schneegrube, by Wilhelm
-Bölsche
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Aus der Schneegrube
-
-Author: Wilhelm Bölsche
-
-Release Date: November 9, 2022 [eBook #69320]
-
-Language: German
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER SCHNEEGRUBE ***
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit
- wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
- wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
- verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
- fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
-
- Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
- folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Aus der Schneegrube
-
-
-
-
- Die Neuauflage des vorliegenden Buches stellt
- das erste Werk einer neuen Bücherreihe dar, die
- der Verlag unter dem Gesamttitel „Religion und
- Weltanschauung“ herausgibt.
-
-
-
-
- Wilhelm Bölsche
-
- Aus der Schneegrube
-
- 14. bis 18. Tausend
-
- Dresden 1923
- Carl Reißner
-
-
-
-
-Vorrede.
-
-
-Ist das Herz der modernen Naturforschung eine Schneegrube? Draußen
-lachender Frühling -- und im Innern ein kalter Krater, in dem auch dann
-nur ein Stück Eiszeit dauert?
-
-Ich habe in diesem Buche einmal von einem Besuch in den Schneegruben
-des Riesengebirges gesprochen: wie da im Näherkommen die vermeintliche
-Schneefläche sich als ein Teppich duftender weißer Blüten erwies.
-
-Wird unsere Zeit diese weißen Blüten wiederfinden ...?
-
--- -- --
-
-Je nachdem, denke ich, wie sich ihr Natur-Begriff allmählich feststellt
-und klärt.
-
-Eine Anzahl Tagebuch-Blätter vereinige ich hier, die wenigstens aus dem
-Ringen um diese Frage geboren sind. Sie sind durchaus subjektiv, aber
-ich tröste mich mit den schönen Worten, die Goethe einst als „Vorschlag
-zur Güte“ in seinen morphologischen Heften gesprochen hat.
-
-„Die Natur gehört sich selbst an, Wesen dem Wesen; der Mensch gehört
-ihr, sie dem Menschen. Wer mit gesunden, offenen, freien Sinnen sich
-hineinfühlt, übt sein Recht aus, ebenso das frische Kind als der
-ernsteste Betrachter ... Erfahren, schauen, beobachten, betrachten,
-verknüpfen, entdecken, erfinden sind Geistestätigkeiten, welche
-tausendfältig, einzeln und zusammengenommen, von mehr oder weniger
-begabten Menschen ausgeübt werden. Bemerken, sondern, zählen, messen,
-wägen sind gleichfalls große Hülfsmittel, durch welche der Mensch
-die Natur umfaßt und über sie Herr zu werden sucht, damit er zuletzt
-alles zu seinem Nutzen verwende. Von diesen genannten sämtlichen
-Wirksamkeiten und vielen anderen verschwisterten hat die gütige
-Mutter niemanden ausgeschlossen. Ein Kind, ein Idiot macht wohl eine
-Bemerkung, die dem Gewandtesten entgeht und eignet sich von dem großen
-Gemeingut heiter, unbewußt, sein beschieden Teil zu.“
-
-Während ich diese alten Sätze wieder einmal lese, lächelt mich der
-blühende Apfelbaum mit seinem weiß und roten Mädchenantlitz schalkhaft
-um die Giebelecke des kleinen Bauernhäusels an, in dem ich meine
-Sommermonate im Gebirge verbringe. Die Rotschwänzchen, die unter dem
-Dach ihr Nest haben, fliegen aus und ein. Im Talgrund liegt ein blaues
-Gewitter; die absteigende Bergwiese steht mit hartem Smaragdgrün
-dagegen, unzählige goldene und weiße Blumenpunkte funkeln naß darin; wo
-das Weiß der Dolden wie ein Schlänglein zusammenfließt, geht der kleine
-Quell leise summend und plätschernd hindurch.
-
-Ob es sich nicht lohnt, um diese Natur zu ringen, bis sie uns segnet
-....?
-
- Haus Bölsche in Schreiberhau, Juni 1903
-
- Wilhelm Bölsche.
-
-
-
-
-Inhalts-Übersicht.
-
-
- Weihnachtsstimmung. -- Kennt die moderne Weltanschauung noch ein
- Weihnachten? -- Die Menschenliebe als Entwickelungsstufe des Alls.
- -- Sternenfriede. -- Die Erfüllung unserer Ideale S. 1-6
-
- Zusammensturz einer Welt -- und Schönheit. -- Die Entstehung des
- Schmerzes. -- Ist Liebe ein Hemmnis? -- Die Kraft der Ideal-Schau
- S. 7-15
-
- Sturmtag am See. -- „Wir sind umgeben von Geheimnissen.“ -- Der
- unergründliche Ratschluß. -- Christi Stellung in der Natur. -- Der
- Triumph der Dichtung S. 15-23
-
- Herber Frühling. -- Auferstehung in der Geschichte. -- Auferstehung
- durch Dichterkraft S. 23-29
-
- In der Schneegrube. -- Der Drache. -- Gott-Natur. -- Die Natur
- als Minotaurus. -- Ein Versöhnter. -- Vom Geiste des Pessimismus
- in unserer Zeit. -- Was „Kraft und Stoff“ angerichtet haben. --
- Der wahre Sinn des Wortes Entwickelung. -- Die Stufen des Gesetzes
- und der Liebe. -- „Auge um Auge,“ ~A.~ = ~A.~ -- Die Herrschaft
- über die Naturgesetze baut das Liebesreich. -- Naturwende.
- -- Das optimistische Weltprinzip S. 29-57
-
- Die Rede vom „Zusammenbruch des Darwinismus“. -- Was Darwin wollte.
- -- Eine Kosmogonie Goethes. -- Der Entwickelungsbegriff stammt
- nicht aus dem Darwinismus. -- Darwin und die Geologie. -- Die
- Steinkohlenwälder. -- Die Archäopteryx. -- Pithekanthropus. -- Was
- heißt „Wechsel der Verhältnisse“? -- Darwin und die Teleologie. --
- Die Idee eines „Kosmos“. -- Darwin berührt nur den „Weg“, nicht das
- „Ziel“. -- Die natürliche Zuchtwahl in unserm Ideenleben. -- Was
- wirklich not tut S. 57-92
-
- Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze. -- Die Pflanzen als
- Eroberer. -- Der Acker von Hilversum. -- Hugo de Vries. -- Variation
- und Mutation. -- Ein Botaniker erlebt die Entstehung neuer Arten.
- -- Das Ergebnis aus 50000 Nachtkerzen. -- Auf der Suche nach einem
- Entwickelungsgesetz. -- Die Geschichte des Axolotl. -- Sprung oder
- Entwickelung? -- De Vries führt zu Darwins Idee über den Zweck
- zurück. -- Die Teleologie in der Ontogenie. -- Möglichkeit einer
- Weltteleologie S. 132-152
-
- Die Zeit-Frage. -- Die Krakatau-Explosion und ein botanisches
- Ergebnis. -- Treubs Entdeckung. -- Wie das Leben die Erde erobert
- hat. -- Im Erdinnern. -- Die Angst vor den Millionen. -- Ein
- Experiment Buffons. -- Werners Wasserweisheit. -- Hutton als
- Zeit-Forderer. -- Goethe als Geologe. -- Lyell und Hoff. -- Die
- Biologie mischt sich ein. -- Die Rechnung erreicht die Milliarde. --
- Thomsons exakte Rechnung mißlingt. -- Sehr viel Zeit als Resultat
- S. 152-172
-
- Die erste Epoche des Darwinismus wird historisch. -- Weismann
- schreibt sein Testament. -- Äußere und innere Zuchtwahl. -- Von
- Nägeli bis zu Roux. -- Wo Weismann resigniert S. 173-183
-
- Rückblick auf Haeckel. -- Persönliche Erinnerungen. -- Vogt. -- Ein
- Schülerbund, der die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ liest. --
- Darwinismus und Sozialdemokratie. -- Vorträge über Darwinismus bei
- Arbeitern. -- Die „Freie Bühne“. -- Die Gründung der Gesellschaft für
- „Ethische Kultur“. -- Was ist Wahrheit? S. 183-191
-
- Was wollt ihr gegen Darwin setzen? -- Vielleicht den Spiritismus? --
- Eine eigene Sitzung mit Valeska Töpfer. -- Das redende Kästchen. --
- Entlarvung des Schwindels. -- Der Geist Abila. -- Grauen vor einer
- Weltanschauung aus solcher „Möglichkeit“ S. 191-217
-
- Was wir dagegen wirklich brauchen. -- Ein Mann wie Fechner. --
- Fechners Hypothesen zum Naturbegriff. -- Die echten offenen
- Möglichkeiten S. 217-230
-
- Der Kampf um den Begriff „Wirklichkeit“. -- Das 19. Jahrhundert in
- seiner Stärke. -- Das soziale Moment in unserer „Wirklichkeit“. --
- Geschichtlicher Rückblick. -- Der Triumph des Werkzeugs. -- Die Idee
- der „Kultur“. -- Der Mensch erobert sich selbst. -- Der Himmel auf
- Erden. -- Aber die Kehrseite. -- Die Sklavenkette der „Wirklichkeit“.
- -- Der Mensch als Spiegelplättchen. -- Die tote Maschine als das
- Absolute. -- Das Individuum als Nichts. -- Der „Normalmensch“. --
- Anprall gegen die Kunst. -- Man weiß mit dem Ästhetischen nichts mehr
- anzufangen. -- Das Künstlergenie als angebliche Störung des Normalen.
- -- Triumph der Lombrosos. -- Die Kunst zeigt sich selbst ergriffen.
- -- Experimente des Naturalismus. -- Höhepunkt und Sturz des falschen
- Prinzips. -- Die Kunst als Retterin S. 230-270
-
- Waldeinsamkeit. -- Der Automat am Bahndamm und das Pfingstwunder.
- -- Der Gegensatz des Automatischen und Elementaren. -- Vom ewigen
- Pfingsten des Geschehens. -- Pfingsten in der Entwickelung. -- Der
- Mensch als das Genie der Natur. -- Er steht im Aufmerksamkeitsfelde.
- -- Entlastungen im Automatischen S. 270-278
-
- Die Geschichte der Menschheit ist Pfingstgeschichte. -- Vom Pfingsten
- der Kunst. -- Im Trüffel-Lande. -- Die Höhlen des Vezère-Tals.
- -- Was der Mensch noch gesehen hat. -- Verschollene Tiere. --
- Phantasie-Tiere. -- Wie der Mensch stilisiert. -- Der Tintenfisch von
- Mykenä. -- Der Altar von Pergamon. -- Bakairi-Kunst. -- Urwurzeln
- von Realismus und Idealismus. -- Wie weit der Mensch zurückgeht. --
- Als Zeitgenosse des Mammut. -- Als Zeitgenosse des Alt-Elefanten und
- des Süd-Elefanten. -- Der Mensch in der Auvergne bei Dinotherium und
- Hipparion. -- Die gefälschten Tierbilder. -- Das erste Mammut-Bild.
- -- Zweifel -- Jetzt die neuen Höhlen -- Wandgemälde. -- Echte
- Darstellungen des Mammut S. 278-312
-
- Woran man die Charaktergestalten unserer Naturforscher messen wird.
- -- Virchows Stellung zum Naturbegriff. -- Ein Zeitalter Virchows? --
- Seine Größe. -- Virchows Denkmal, das er sich selbst geschaffen. --
- Die Kehrseite der Medaille. -- Imponderabilien der Naturforschung.
- -- Virchows Widerstreben gegen Weltanschauung. -- Der Salto mortale
- des Idealisten. -- Individuelle Tragik. -- Verhängnisvolle Folgen
- S. 313-327
-
- Dubois-Reymond als Parallelgestalt. -- Voraussetzungen und Folgen des
- „~Ignorabimus~“. -- Der Standpunkt Johannes Müllers. -- Sturz der
- Lebenskraft. -- Der entscheidende Irrtum bei Dubois. -- Zusammenbruch
- des Naturbegriffs bei Virchow und Dubois-Reymond. -- Das wahre Ziel
- S. 327-346
-
-
-
-
- (Friedrichshagen. Weihnachten.)
-
-
-Der Orion schwimmt mit seinen weißen und rötlichen Sternenblüten über
-dem schwarzen Kiefernforst herauf.
-
-Still und starr steht dieser wetterharte Wald da mit seinen kalten
-Stämmen, das Geheimnis seines rastlosen Eigenlebens tief verschlossen
-im unsichtbaren Innern.
-
-Und diese ungeheuren Sternbilder folgen dem Umschwung der Erde mit
-ihrer mathematischen Strenge, heute wie sonst, all ihre Rätsel bergend
-in den paar bunten Lichtpünktchen, die aus der Weltraumsnacht funkeln
-wie die Augen im Dunkel umgehender Raubtiere. Ist Deine Weltanschauung
-stark genug, Weihnachten noch zu ertragen ...?
-
-Was sind diesen Sternen des Naturforschers unsere kleinen
-Menschenfeste! Als das Geschlecht der Nadelhölzer jung war, räuberte
-der Ichthyosaurus im deutschen Korallenmeer, und die alte Erde mußte
-noch öfter als zwölfmillionenmal um die Sonne laufen, ehe das kleine
-Menschlein aus seiner Höhle kroch. Als der rote Stern Beteigeuze dort
-im Orion weiß war, bestand diese ganze Erde wohl noch nicht, und die
-Sonne war ein verwaschener Nebel. Wenn er dermaleinst herabgebrannt
-ist zu schwankender Nachtglut wie Mira, der Wunderstern im Walfisch,
-der nur noch periodisch aufglimmt und wieder erlischt -- dann wird
-diese Sonne vielleicht längst wieder verschwunden sein und das letzte
-Teilchen eines irdischen Nadelholzstammes wird ein Kohlenstäubchen in
-einem eiskalten Meteorblock sein, der irgendwo in einem anderen System
-als heimatloser Fremdling landet.
-
-Was will vor solcher Perspektive bestehen!
-
-Auf solchen Urweltsbaum kleben wir unsere lieben lustigen
-Weihnachtskerzen. Aus Flittergold pflanzen wir ein Bildchen darauf,
-geformt nach der Zickzackarabeske eines solchen Weltraumsterns, dessen
-Lichtpunkt in unserer Atmosphäre zittert -- wir Eintagsfliegen zwischen
-Äonen der Zeit und Siriusweiten.
-
-Und wir träumen, daß unter diesen Kerzen und diesem Stern das ewige
-Menschenkind in seiner Krippe liege -- und daß die ewige Liebe von
-hier als unhemmbares warmes Lichtband durch die Welten ströme. Durch
-den kalten Raum, wo die Eisenmeteore sausen und die Kometen zur Sonne
-stürzen und alle paar Billionen Meilen ein einsamer Weltkörper sich
-dreht, immer dreht und dreht durch die Jahresfolge der Billionen ...
-
-Es ist die große Anschlußfrage unserer Zeit, die hier erklingt.
-
-Das Alte sollen wir retten. Und das Neue soll doch hinzu. Wo ist die
-Brücke?
-
-Mein Auge, mein kleines Menschenauge in dieser Weihnachtsnacht der
-Menschenliebe, bohrt sich ein in den roten Stern des Orion mit seinem
-inbrünstigen Sehnen. Wie seltsam, daß ich diesen Stern doch sehen kann,
-mit diesem schwachen Menschenauge!
-
-Es muß doch ein Verwandtes sein zwischen dem Stern und mir. Ich weiß:
-wenn ich dort wäre und ganz scharfe Augen hätte -- als ganz kleines
-Lichtpünktchen dieser Art erschiene unsere Sonnenwelt auch dort. Die
-gleiche Lichtpost geht her wie hin. In diesem Licht steckt unsere
-Einheit.
-
-Aber Licht, nur Licht! Wie weit ist das von der Menschenliebe.
-
-Und doch: dieses Licht ist ein Zauber ohnegleichen. Es kündet mir, daß
-alle diese Sterne aus den gleichen Elementen aufgebaut sind wie die
-Erde, wie der Kieferbaum, wie ich selbst. Aus den winzigen Regungen
-dieses Lichtpünktchens lese ich in der untrüglichen Sicherheit eines
-ewigen Dokuments, daß dieser Stern und alle dort nach denselben
-Gesetzen der Schwere sich bewegen, nach denselben Gesetzen des Lichtes
-Wellenzüge entsenden durch den Äther, kraft deren auch mein Christbaum
-hier leise rauschend über meinem festlichen Tische schwebt, kraft deren
-meine dreißig Kerzen hier leise knisternd ihr Weihelicht ergießen.
-
-Und ich fühle den starken Weltenarm auf einmal, den uralten,
-urgewaltigen, in dem wir beide ruhen, mein roter Stern dort und
-ich, mein Weihnachtsbaum im engen Erdenhause und der grenzenlose
-Sternenweihnachtsbaum am schwarzblauen Firmament der Winternacht.
-
-Wie wunderbar ist der schlichte Gedanke, daß auch die Menschenliebe,
-daß die schlichte Forderung, wie sie das Evangelium ausspricht, in der
-ewigen Gesetzmäßigkeit des Alls steht!
-
-Ein urgesetztes Werden kommt herauf aus dem Grau des Unbekannten. Es
-formt sich als Sonne, erzeugt Planeten. Auf einem solchen Planeten
-blaut ein Meer, aus dem Wasser heben sich Inseln. In der kristallenen
-Tiefe, dann am feuchten Rand der Klippe entfaltet sich Leben. Tieraugen
-öffnen sich zum Licht, Pflanzengrün atmet in der Sonne. Unter einem
-solchen grünen Baum schlägt zuletzt der Mensch seine herrlichen
-Lichtaugen auf. Wie ein Tier ringt dieser Mensch anfangs noch
-blutig-wild um seine Existenz. Aber im Banne seiner höheren, vertieften
-Lichtsehnsucht steigen Marmortempel auf mit Gebilden der Kunst. Und
-auf einer höchsten Stufe, noch umbrandet von tausendfachem Sturm, aber
-sieghaft wie das einsame Lämpchen der Krippe in der Wüste, gibt der
-Mensch auf seinem rastlos rollenden Planeten sich selbst ein neues
-Gesetz. Es soll nicht mehr gelten: Auge um Auge, Zahn um Zahn -- die
-alte, einfache, mathematisch strenge Gleichungsformel des Naturkampfes.
-Siebenmal siebenmal soll jetzt die Schuld vergeben werden. Im Nächsten
-sollst Du Dich selbst erkennen und heiligen. Das bist Du, lehrt
-Dich der Inder schon zu allem sagen. Erkenne Dich selbst, predigt
-der Grieche -- Dich selbst in allem, was um Dich ist. Nun heißt es:
-Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Stunde, da diese Weisheit
-endlich Wort wurde und in einer Menschenwiege lag, feiern wir als
-Weihnachtsfest.
-
-Das alles aber mußte kommen nach ganz fester Naturgesetzlichkeit.
-
-Es lag in den Urelementen dieser unserer Sonnenwelt schon, daß es so
-werden mußte.
-
-Was siehst Du aber brennen in den tausend und tausend Sternen dort?
-Tausend- und tausendmal die gleichen Urelemente, bewegt von der
-gleichen Gesetzlichkeit. Jede dieser Welten, wenn ihre Stunde erfüllt
-ist, muß durch ihre gleichen Hauptstufen wandern. Jede muß ihre Station
-erklimmen der Intelligenz, des Lichthungers im Geist. Mögen die äußeren
-Formen tausend- und tausendfach verschiedene sein: die Grundlinien
-werden sich nie verleugnen können.
-
-Es ist ein altes Wort, daß in aller Intelligenz, auf so verschiedenen
-Welten unseres Alls sie nun erblühe, immer gewisse mathematische
-Grundanschauungen gemeinsam sein müßten. Ein Mensch der Erde und
-ein Intelligenzwesen des Orion würden sich in einer Sprache sofort
-verstehen: nämlich, daß die Summe der Winkel im Dreieck gleich zwei
-rechten sei, oder daß der pythagoreische Lehrsatz gelte. In diesem
-Worte liegt ein tiefes Heil. Denn zu diesem ewigen Gemeingut muß auf
-einer bestimmten Stufe zweifellos auch der schlichte, der wirklich
-mathematisch schlichte Kerngedanke der Menschenliebe gehören: der
-ganz einfache Schluß, daß wir alle weiter kommen, wenn wir uns
-nicht totschlagen und auffressen; daß wir das Schlechte besser
-ausrotten durch tätige Gegenliebe als durch Haß; daß wir groß sind,
-menschheitsgroß, weltengroß, wenn wir in allen uns selbst sehen,
-winzig, ein Stäubchen im Sturm, wenn wir uns trotzig isolieren.
-
-Wenn die Wesen von Milliarden Sternen sich nie begegnen werden (was
-wir ja auch nicht wissen, schließlich!) -- milliardenmal müssen
-sie doch in jedem System, auf jeder rollenden Kugel für sich diese
-schlichte Gesetzmäßigkeit des Evangeliums finden, so gut wie sie den
-pythagoreischen Lehrsatz in irgend einer Form, und mögen sie ihn
-nennen, wie sie wollen, finden werden.
-
-Und wenn Jahrtausende ihnen dann wandern über den Tag, da zum ersten
-Mal diese obere Mathematik der Liebe ihnen klar wurde: sie alle werden
-auch ein Symbol dann suchen und besitzen für die Gnade dieses Tags
--- sie werden ihre „Krippe“ haben und ihren „Weihnachtsbaum“, in den
-Bildern eben und Gedankengängen ihres Sterns.
-
-Ein symbolischer Christbaum in diesem Sinne muß ragen durch den ganzen,
-ganzen Weltraum, so weit die Schwere wandert und das Licht wandert,
-kurz, so weit die Gesetzmäßigkeit wandert, die aus gleichen Ursachen
-gleiche Wirkungen schafft.
-
-Jedes Lichtpünktchen, das von einer Sonne bis zu uns hernieder Kunde
-gibt, das im Prisma sich zum Spektrum unserer irdischen Elemente bricht
-und damit auf die gleiche Grundlage weist, -- es hat eine tiefste
-Beziehung zu diesem unaufhaltsamen Weihnachtsprozeß aller kosmischen
-Entwickelungen. Mit eigener Symbolik gesprochen: es ist eine Kerze am
-Weihnachtsbaum.
-
-Stille Nacht, heilige Nacht.
-
-Es geht mehr durch dieses schwarzblaue Firmament da oben als bloß
-Meteorsplitter und Kometen. Auch von Weltkörper zu Weltkörper rauscht
-auf den Flügeln der Gesetzmäßigkeit das ewige „Das bist Du“ und
-„Erkenne Dich selbst“. Und wieder auf der Flugbahn dieses ewigen
-Imperativs geht der Glaube mit an die Erlösung durch das höhere Gesetz,
-das Gesetz des oberen Geistesstockwerks -- der Glaube an den endlichen
-„Sternenfrieden“ in dieser ganzen unermeßlichen Zersplitterung der
-Schöpfung, in der die Welten durch den uferlosen Raum wirbeln wie
-silberner Staub.
-
-Friede auf Erden!
-
-Hat dieser Glaube wirklich schon Weltenflügel?
-
-Wenn die Sterne über Dir brennen, schleierlos, mit der ganzen Majestät
-des grenzenlos Wirklichen ... und Du sagst Dir, daß diese kleine Erde
-mit ihren paar Millionen intelligenter Wesen noch bebt unter dem
-Getümmel unausgesetzten Kampfes ...!
-
-Wird auch nur auf Erden dieser rohe Kampf je enden, wird eingehen in
-einen reinen, freudigen Waffengang der Intelligenz unter Herrschaft der
-Menschenliebe? Oder ist nicht schon dieses Ideal zu groß -- zu groß
-über alle Kraft der Naturgesetzlichkeit hinaus ...
-
-Der Nachtwind rauscht leise über mir durch die Kiefernzweige. Ich
-aber denke, daß auch diese Kiefer einst einmal ein Ideal bloß war im
-Weltenschoße. Und doch hat das ewige Werden sie zustande gebracht, mit
-dem Wunderbau ihres Zellenleibes, mit all den unsagbaren Feinheiten,
-die da keimen, atmen, wachsen, zu hohen Säulen aufsteigen lassen.
-
-Und auch die Sterne dort waren einmal Ideal, leise vorgeträumte
-Fern-Realien. Nichts von ihnen war einmal da als dieses schwebende
-Zukunftsbild im Schoße des Urgeheimnisses. Und doch sind sie geworden,
-geworden, was sie sind, dieses unbeschreiblich erhabene Himmelsspiel
-kreisender Kugeln, die sich in harmonischen Abständen eingestellt
-haben, um sich auf Jahrbillionen nicht zu stören, auf daß auf ihren
-Planeten die zarte Blüte des Lebens sich entfalte.
-
-Willst Du der Macht, die +diese+ Ideale sich erfüllen konnte, Schranken
-setzen?
-
-In feierlicher Ruhe brennen die Sterne fort über dem schwarzen Walde,
-dem vereisten See.
-
-Der Blick des Einzelnen auf seinem Planeten aber kehrt zuletzt
-friedevoll von aller versöhnten Himmelsschau zurück. Er haftet auf dem
-lieben eigenen Weihnachtsbaum. Und er liest in seinen kleinen, trauten
-Flämmchen das alte Weltenwort, das vor nun bald zweitausend Jahren
-gesagt ist: „Wer mich hat, der hat alles andere auch.“ Jeder in seinem
-Kreise erlebt das All. Und in seinen kleinen Weihnachtskerzen brennt
-der tiefste Sinn all aller Sterne mit.
-
- * * * * *
-
-
-
-
- (Friedrichshagen. Jahreswende zu 1903.)
-
-
-Im Kieferngrunde wollte es schon dunkeln. Aber aus der Richtung des
-Sees kriecht noch einmal etwas hinein wie eine braune Dämmerung,
-nachträglich, verspätet.
-
-Diese nackten graden Kiefernstämme treiben ihrem Himmel gegenüber eine
-drollige Mimikry. Wenn die Sonne verblutet, werden sie rot wie glühende
-Metallpfeiler; wenn das Regenwasser sie genetzt hat und aus dem grauen
-Wolkenfenster dann wieder ein blaues Himmelsauge bricht, spiegeln sie
-blau; wenn der Himmel in düsterer Nebelbank untergeht, stehen sie
-schwarz wie die Masten einer Totenflotte.
-
-Ich klettere den kurzen Sandhang des Uferwalles empor, hinter dem der
-See liegt.
-
-Auf den Säulen ist hier wirkliche Lichtglut, es ist noch einmal so hell
-geworden, daß sie Schatten hinter sich werfen.
-
-Und jäh bin ich selber im strömenden Quell dieses Lichts.
-
-Zart violett der leicht beschneite Eisteller unter mir. Drüben
-die Berge und das schmale Ufer ein verwischter Rauchstreifen von
-intensivem Grün, -- grün bloß durch Lichtzauber, denn es stehen dort
-perspektivisch klein nur die gleichen winterdunklen Kiefern wie hier,
-in denen selber kein Spangrün ist. Darauf als zweite Farbschicht,
-fächerhaft von Westen herauffließend wie das Delta eines ungeheuren
-Lichtstromes das brennendste Karminrot. Hoch, hoch empor, bis es
-endlich jäh, fast ohne Übergang, als klappe ein Rand um eines
-Purpurmantels, umschlägt in ebenso grelles Schwefelgelb. Das stößt zum
-Zenith endlich an ein ganz süßes, ganz feines, abendliches und doch
-auch noch ungewöhnlich erhelltes Himmelsblau. Rechts und links, wo das
-Gelb in das absteigende Blau einfließt, leuchtet noch einmal wie Reflex
-auf einer schönen Feder ein magisch zartes und doch auch lichtstarkes
-Grün.
-
-Ich wende mich, und hinter mir über den dunklen Kiefernkronen schwimmt
-im blassen Blau der große silberne Mond. Vom Kirchlein in der grau
-verträumten sonnenfernsten Seeecke, wo die Spree einmündet, hallen
-kurze, harte Klänge über die schalltragende Eisdecke daher.
-
-Diese wunderbaren Dämmerfarben, die den Heimgang des Jahres seit
-Abenden jetzt hier begleiten und zu einem Schauspiel machen, als sei es
-irgend ein besonderes Weihejahr, das da in nordlichthafter Glut noch
-scheidend gefeiert wird: sie sind schwerlich gewöhnlicher, wie man zu
-sagen gelernt hat, normaler Art.
-
-Wieder einmal mag es Vulkan-Asche sein, die da oben vom Sonnenkuß
-brennt gleich den roten Kiefern hier unten und ihr Licht dann noch
-einmal zu denen zurückwirft.
-
-Asche von jenen grauenvollen Schlachtfeldern Mittelamerikas, wo die
-Sphinx, die Chimära sich plötzlich auf die armen Menschen geworfen hat,
-sie zu Tausenden zu fressen wie im Griechenmärchen.
-
-Eine Glutwolke verschlingt eine blühende Stadt, brennt den hilflosen
-Opfern die Lungen aus. Dann wirft sie ihre Mähne empor, hoch, immer
-höher. Bis sie wie ein Ring um die Erde fliegt. Und auf der andern
-Seite des Planetenkolosses steigen dem stillen Beschauer über seinem
-See und seinem Kiefernfrieden liebliche Farbenwunder auf, ein buntes
-Zauberspiel der Luft. Ihn entzückt, was dort verheert hat. Eine
-Katastrophe, ein Weltuntergang -- und Schönheit. So war es 1883, als an
-der Sunda-Straße der Vulkan Krakatau explodiert war und vierzigtausend
-Menschen verschlungen hatte. So jetzt, obwohl nur in kleinem Maße, noch
-Martinique.
-
-Uns aber fangen solche Kontraste an, vertraut zu werden.
-
-Ein ganzes Sonnensystem platzt, verdampft; und uns ist das ein
-blinkendes Sternchen; ein Kind hebt die Händchen danach auf: „Wie
-schön! Schenk mir das Silberfünkchen dort zum Spielen!“ Wir gewöhnen
-uns, daß jede Entwickelung, jeder Fortschritt, jedes Hübsche,
-Interessante, Erlebenswerte der Weltgeschichte erkauft wird durch eine
-Folterkammer der ausgesuchtesten Scheußlichkeiten.
-
-Damit wir zum Sylvesterpunsch von 1903 ein philosophisches Bonmot
-sprechen können, sind seit dreitausend Jahren Menschen ersten Ranges
-verbrannt, gefoltert, gekreuzigt, von wilden Tieren gefressen worden.
-
-Daß wir überhaupt sind, daß wir so sind, so weit sind, verdanken wir
-einem erbarmungslosen Daseinskampfe, von dessen Blutbad die Geschichte
-rot ist wie dieser Abendhimmel.
-
-Und aus diesem Blutbade zerschmetterter Existenzen steigt nicht bloß
-die Schädelpyramide Tamerlans: auch die Sixtinische Madonna und die
-Neunte Symphonie steigen heraus, und Iphigenie und der Lehrsatz des
-Pythagoras.
-
-Über Kampf, Tod, Schmerz, Verzweiflung, Folter läuft die Entwickelung.
-
-Wir haben zuviel gelernt, zu klar sehen gelernt, wir von nunmehr schon
-1903, um uns gegen dieses „Weltgesetz“ die Augen zuhalten zu können.
-
-Ist dieses Gesetz aber nicht doch der Tod aller +Freude+ an der
-Entwickelung?
-
-Der Zweck heiligt das Mittel. Wir begrüßen es als grandiosen
-Kulturfortschritt, daß wir diese Jesuitenmoral nicht mehr anerkennen.
-Und doch soll das Weltgesetzbuch auf dieser Moral stehen? Dazu all
-unser Erkenntnisfortschritt?!
-
-Wir drehen unsere neue Jahresziffer um ein Jahrhundert rückwärts, auf
-1803.
-
-Es ist das Datum, da Herder uns verließ, der Mann, der zuerst in
-der Geschichte der Menschheit nur ein Kapitel gesehen der großen
-Sternengeschichte und der zu der Frau von Stein sagte, daß „wir
-erst Pflanzen und Tiere gewesen seien“. Es waren die ersten reifen
-Gedankenfrüchte, Weltgedanken, Menschheitsgedanken, vom erstarkten Baum
-der Forschung.
-
-Hundert Jahre nochmals zurück hatte Newton über seiner Optik gesessen.
-
-Noch vor hundert war das Fernrohr erfunden worden.
-
-Und noch vor hundert fuhr Columbus auf seiner vierten Reise durch das
-westindische Meer und erwarb Kopernikus sich die Doktorwürde.
-
-Dafür aber all diese Erkenntnis, um zu erkennen, daß auch der Mensch
-der Natur nur abgepreßt worden ist auf der Folter ....
-
-Die rote Dämmerungswelle dort hat ihren Höhepunkt erreicht. Rasch
-beginnt sie jetzt zurückzuebben. Es ist, als sinke die blaue
-Himmelsglocke, selber dabei noch funkelnd, langsam über sie herab,
-tiefer und tiefer.
-
-Ein Schauspiel von wunderbarer Feierlichkeit, dieser stille Kampf der
-Lichter an einem Abendhimmel.
-
-Es ist nicht wahr, daß die Entwickelung immer durch Folterschmerzen
-gegangen sei.
-
-Äonen vor uns ist sie durch immerwährende Verwandlungen vorgeschritten,
-in denen noch gar kein Schmerz bestand. Durch unendliche Raumweiten
-neben uns arbeitet sie noch immer so. Da ballen sich Welten, entfalten
-sich zu harmonischen Systemen. Und werden wieder eingeschmolzen in
-noch größere Massenansammlungen. Aus denen arbeitet dann wie eine
-tickende Uhr das große Weltgesetz abermals Harmonien und entsprechend
-noch umfassendere heraus. Nie erfolgt ein wirklicher Zusammensturz
-in der Idee. Denn es muß immer ein Größeres sein, das das Kleine an
-sich reißt, in sich auflöst. Größerer Stoff aber: größerer Weg, höhere
-Harmonie. Die dann bleibt, bis ein noch größeres System auch dieses
-wieder umarmt, zu einer Neuzeugung zwingt.
-
-In diesen ganzen Naturprozessen außerhalb des Organischen waltet
-nicht das, was wir „Schmerz“ nennen. Bausteine fügen sich zu immer
-höheren Bauten aneinander, nichts weiter. Wir denken gar nicht an
-Schmerzmöglichkeiten. Sollen die Metallteilchen klagen, daß sie ihre
-frühere Gravitationslage verlassen, um in ein neues Formgebilde
-eingeschmolzen zu werden, in einer neuen Lage in ihm aufzuerstehen?
-Mögen aber auf dieser Linie auch ganze Milchstraßen verbrennen wie eine
-Wolke Kohlenstaub -- in diesem Wandel waltet immer noch kein Schmerz.
-Es waltet der unendliche Gesetzesfrieden wie in dem stillen Wechsel der
-Dämmerfarben dort. Niemals wahrer Tod, denn das Gesetz stirbt nie;
-immer nur Wandel; und Wandel in Höheres hinein.
-
- „Da flammt ein blitzendes Verheeren
- Dem Pfade vor des Donnerschlags,
- Doch Deine Boten, Herr, verehren
- Das sanfte Wandeln Deines Tags.“
-
-Doch inmitten jetzt dieses grenzenlosen Kosmos-Friedens, in dem ein
-Weltuntergang nicht mehr ist als eine in herrlicher Farbenglorie
-verblutende Abendsonne: -- das Lebendige. Wenn die Kälte dieses
-Winterabends den kleinen Vogel, der dort zwitschert, bis ins Mark faßt,
-so bebt er vor Schmerz. Und das begann mit dem ersten zellenartigen
-Gallertpünktchen an einer Uferklippe vor vielen Millionen von Jahren.
-Und sein Triumph ist der Mensch. Der Triumph der Feinfühligkeit in
-Schmerzempfindung. Ein seltsamer -- Triumph.
-
-Dennoch: welche ungeheure Fortschrittskette im reinen Sinn von
-Entwickelung in diesem Stück organischen Lebens. Welcher Umschwung mit
-diesem grünen Schimmelhäutchen einer Urweltklippe!
-
-Auf diesem Häutchen wuchsen schließlich Augen, die das Licht, die
-Farben, die Formen der Dinge sahen, das blaue Meer, die Sonne, das
-Abendrot und den Sternenhimmel. Und hinter diesen Lichtaugen begann das
-Klümpchen grauer Nervensubstanz zu denken, zu schließen, zu folgern.
-Die Natur unten hatte immer nur gestreut, Samen der Dinge gestreut und
-hatte das Harmoniegesetz grob gewaltsam sieben und sichten lassen.
-Jetzt ging aus denkenden Gehirnen und schauenden Augen die höhere Stufe
-hervor: die bewußte Zwecksetzung, dieses fabelhafte Spar-Prinzip der
-Entwickelung, dieser einzigartige Fortschritt im kleinsten Kraftmaß.
-Es durfte dann diese befreite, hier überschüssige Kraft sein, die eine
-Kunst, eine Wissenschaft, eine Philosophie, eine Kultur schuf. Und der
-Mensch ist es, der diese Krone sich aufs Haupt setzt, der Mensch als
-Triumph des sehenden, denkenden, zwecksetzenden Lebens.
-
-Ein Triumph also doch. Aber erkauft um jenen andern ....?
-
-Das Glöcklein da drüben ist plötzlich verstummt, wie erstarrt von
-der rasch wachsenden Abendkälte. Aber das Eis selber singt und summt
-leise fort. Und ich höre eine Stimme der Naturgeister zu den schwarz
-ersterbenden Kiefern und dem mondduftigen Himmelsrund herauf.
-
-Deine Rechnung ist falsch. Du hast ja noch gar nicht erfaßt, was der
-Mensch zwischen Lebensschmerz und Sternenfrieden wirklich soll.
-
-Dieser Mensch ist nicht bloß der einfache Triumph der
-Entwickelungslinie, die über das Leben ging.
-
-Er ist auch ihre Korrektur.
-
-Er ist die Versöhnung zwischen dem großen Zweck im Leben: dem
-Bewußtwerden der Welt, -- und dem furchtbaren Mittel: dem Schmerz. Er
-ist der Protest des Weltgesetzes gegen dieses Mittel.
-
-Zwei Gaben ohnegleichen sind für diese Arbeit in ihn gelegt.
-
-Die erste ist das Prinzip der Liebe.
-
-Im Moment, da er als Triumph der Entwickelung die Hand ausstreckt
-nach der Naturherrschaft, bricht auch dieses Prinzip mit einer
-fortreißenden Elementargewalt aus ihm hervor. Prometheus, der das Feuer
-des Himmels, die Naturkraft der Weltallssonnen in einem hohlen Stabe,
-einem Menschenwerkzeug, trägt, wird Christus, der seinen Fluch hängt
-an jeden, der Schmerz sät. Er predigt die Köstlichkeit, die Heiligkeit
-alles Lebendigen. Er lehrt, daß Du selbst in allem bist, in der Lilie,
-die Du brichst, und im Wurm, den Dein Fuß zertritt. Aus dem Staube
-sollst Du die Opfer ziehen und ihre Wunden verbinden, Du, der sehende
-Mensch.
-
-Natur bist Du und bleibst Du, nichts ist in Dir als Natur. So muß auch
-diese Stimme aus der Natur selber kommen, die Stimme einer Einkehr,
-einer Umkehr, die ein furchtbares Mittel wieder mildern, wieder
-versöhnen will.
-
-Das Leben zeugte Bewußtsein und damit ein unendliches Entwickelungsfeld
-von höherer Art. Aber es zeugte auch den namenlosen Schmerz, der
-plötzlich in diese Entwickelung von der Stufe des Lebens an versponnen
-schien. Nun glänzt in den Lichtaugen dieses Bewußtseins auf einmal die
-Liebe. Die große Entwickelungskorrektur ist im Spiel! Mag Prometheus
-jetzt wirklich wachsen, bis er aus der Kraft seines Stabes voll
-Sonnen-Energie Planeten bewegt und zu den Sternen fliegt, -- immer wird
-der Christus in ihm mit ihm wachsen. Er wird mit dem Leben wandern und
-die Schmerzen wieder aufheben, die das Leben schlägt.
-
-Doch der Mensch hat noch eine zweite Gabe.
-
-Immer, wenn der Gedanke diese Bahn der Entwickelung quer durch den
-Schmerz gehen sah -- und dann die Liebe sah, wie sie den Schmerz wieder
-lindern wollte, ist auch das dritte gedacht worden: ob die Liebe nicht
-die Entwickelung lähmen müsse?
-
-Wenn der Fortschritt immer wieder zu einer Bruchstelle führt, die als
-Schmerz empfunden wird: muß nicht die Liebe ein Gegner des Fortschritts
-sein?
-
-In hundert Stimmen klingt das schon heute in unsere Zeit hinein. Es
-sind die Stimmen der Tolstois, die alle Herrlichkeiten der Kunst und
-der Forschung und der Geistes- und Körperfreiheit für nichts achten
-um der Liebe willen, -- weil sie doch alle nur wieder Schmerzquellen
-öffneten. Und es sind die Stimmen der Nietzsches, die rufen: werde
-hart, wenn Du aufwärts willst, -- wer um der weichen Seele willen
-zurückschaut, der erstarrt wie das Weib des Lot in der Bibel.
-
-Wäre die Liebe, die nachträgliche mitleidige Liebe allein gegen die
-arbeitende Entwickelung gestellt: kein Zweifel, daß sie allein wirklich
-zu einem hemmenden, retardierenden Element werden müßte. Sie würde das
-Höhere in seinem Werden hemmen um der Wehen dieses Werdens willen.
-Starr würde in ihrer Hand allein die Welt wie dieser vereiste See hier,
-starr, stagnierend, konservativ, losgeschaltet vom Frühlingssturm der
-Entwickelung.
-
-Aber im erwachten Menschengeiste lebt noch eine zweite Kraft, die auch
-das wieder aufhebt in ein noch höheres hinein. Eine Kraft, die den
-Schmerz überwindet in der Entwickelung selbst ohne den Schritt dieser
-Entwickelung zu hemmen.
-
-Es ist die Kraft der Ideal-Schau.
-
-Es ist die Kraft, die über Linien, über Stufen der Entwickelung selber
-hinwegschaut. Die von einer Stufe aus, von einer errungenen Harmonie
-aus schon die nächste als „Ideal“ aufsteigen sieht, sonnenhell,
-frühlingshaft, im Jugendschein und Lichtschein des Ideals. Und die
-sieht, daß der Weg von unserer schon errungenen Wirklichkeit zu diesem
-Höheren darüber, zu diesem Ideal, nur führen kann durch eine Lösung,
-ein Sinken unseres augenblicklichen Besitzes, -- durch eine kurze
-Disharmonie. Die aber diese Disharmonie mit ihrem Schmerz freiwillig
-auf sich nimmt, den Blick fest auf der winkenden Goldzinne des Ideals.
-„Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ Innerlich ist der
-Schmerz vernichtet im Moment, da er aufgenommen ist in die Linie
-zum Ideal. Von hier die Freudigkeit, die bis in den Tod reicht, die
-Freudigkeit, die den Weisen den Giftbecher trinken und den Heiligen
-sein Kreuz tragen läßt, die aus den Augen des Idealschauers leuchtet,
-um den schon die Flamme des Scheiterhaufens züngelt. Das Kreuz wird
-genommen, weil Du morgen im Paradiese bist.
-
-Erst mit dieser Ideal-Schau ist der ganze Anschluß wieder da des
-sehenden Menschen an die arbeitende Fortschrittslinie der Natur in
-seiner Brust.
-
-Der freiwillige Anschluß.
-
-Es war der Preis des Sehens: die Forderung dieser Freiwilligkeit.
-Mit dem Sehen, mit dem Bewußtsein kam der Schmerz. Er ist erlöst wie
-der Fliegende Holländer der Sage, da er freiwillig gewählt wird vom
-höchsten Sehen, von der Ideal-Schau, die durch sein Dunkel schon durch
-und durch schaut bis auf den brennend roten Streifen der höheren Sonne
-hinter ihm ....
-
-Langsam schritt ich durch den dunklen Wald meinem Hause zu.
-
-Über den schwarzen Wipfeln brannten die großen Sterne der Winternacht.
-Ich dachte an Menschen dieser kleinen Erde, die auf ihrer Sternwarte
-ein Menschenleben daran setzten, ein paar winzige Änderungen in den
-Bewegungen dieser Gestirne festzustellen, ein winziges Fünkchen nur zum
-Geistesfortschritt dieser Menschheit, vielleicht erst in Jahrtausenden
-mit tausend andern zu einem kleinen Flämmchen zusammenwachsend. Und
-doch Ideal-Schau.
-
-Und ich dachte an die kleinen frierenden, hungernden Vögelchen in
-diesem Walde, -- und daß diese Menschen auf ihre Fensterschwelle
-Brodkrumen streuen würden, um sie zu sättigen. So weit waltete auch die
-Liebe schon.
-
-Es lohnte sich doch noch, ein neues Jahr anzufangen ...
-
-
-
-
- (Friedrichshagen. Vor-Ostern.)
-
-
-Über die Wasserfläche geht ein schwerer, kalter Wind.
-
-Alles liegt in schwarz und braun, der Frühling scheint noch einmal
-erstorben.
-
-Langsam, wie zähe erdfarbige Schollen, treiben die braunen Wellen
-vorbei. Bisweilen ist mir, als schaute ich nicht auf einen See, sondern
-auf tief zerpflügtes Ackerland. Und durch die Scholle schimmert es
-auf Momente wie Bernstein durch. Dann meint das Auge den verlorensten
-Grund zu fassen: gelbe Sandbänke der Tiefe, auf denen die Muscheln
-und die Kiesel unablässig mitrollen, oder gespenstische schwarze
-Streifen Moor. Die Wassersäule scheint plötzlich anzusteigen, sich zu
-heben von unten, bis sie platzt und einen Fächer weißer Gischt wirft.
-Doch der Blick folgt wieder der Fläche und nun ist es doch bloß das
-endlose einförmige Spiel, der flache Zug vor dem Winde, Scholle um
-Scholle, eine unabsehbare vorbeirollende halbstarre und doch bewegte
-Masse, vorne am Lande tiefbraun, je mehr nach draußen desto mehr ganz
-starr und schiefergrau, bis die Berge drüben darauf liegen wie eine
-nasse graugrüne Nebelwolke. Ein paar Krähen schweben geisterhaft
-kohlschwarz zwischen Himmel und Erde, spähend über den Wassern wie
-Raubvögel, unbekümmert um den leise heulenden, schneidend eisigen Wind.
-Am Ufer knistern die Erlen, wenn die Welle in das Stelzwerk ihrer
-ausgewaschenen Wurzeln schlägt.
-
-An solchem Tage kommt der Frühling selbst wie ein düsteres Geheimnis.
-Der schwärzeste Moorgrund der Dinge ist bewegt. Was wird er ans Ufer
-spülen?
-
-„Wir sind umgeben von Geheimnissen.“
-
-Sagt Goethe.
-
-Feste haben für mich längst aufgehört, etwas anderes zu sein als Tage
-des stillen Gedenkens an das Geheimnisvolle aller Menschheits- und
-Naturdinge.
-
-Ich unterscheide rückblickend bei mir drei Stimmungen vor einem solchen
-Feste wie Ostern.
-
-Eine alte, früh überkommene und auch früh verlorene Stimmung der
-Gewißheit, wo der Tag in einem festen, bald zweitausend Jahre alten
-Weltbild bekräftigte, wo er ein Erinnerungstag an Tatsachen sein sollte.
-
-Dann eine lange Stimmung des Zweifels, des Unbehagens, die einen
-Schatten gerade auf diesen Tag warf, ihn aus einem weichen Feiertag zu
-einem harten kämpfenden Alltagstage des Gedankens machen wollte. Bis
-dann endlich ein Drittes, ohne daß ich es rief, auch das ablöste.
-
-An solchem Tage, der vom Reiß in der Winternacht oder von den blauen
-Auferstehungsglöckchen der Welt-Frühlingswiese singt oder von den
-Geistesflämmchen über Menschenstirnen an einem Tag der Erfüllung, --
-an einem solchen Tage suche ich heute weder einzelne Tatsachen, noch
-Tatsachen-Kritik. Ich suche eine Stimmung, die ab und zu ihren Feiertag
-verlangt: die Stimmung des Geheimnisses.
-
-Ich fühle das Bedürfnis, mich still an meinen einsamen See hier zu
-setzen und mir zu sagen: Nun tu was Du willst, -- darin steckst Du;
-über Deinen eigenen Schatten springst Du nicht; das Geheimnis hat Dich,
-heraus kannst Du nicht; also werde fertig, wie Du kannst.
-
-Im Grunde steckt dieser Begriff des Geheimnisses ja doch auch hinter
-all den anderen Standpunkten. Er ist sozusagen jene blaue Tinktur der
-Ideenwelt, die der Alchimist für die Metalle suchte, die Ur-Essenz, die
-bleibt, wenn man überall die Mischung ablöst.
-
-Hinter allen dogmatischen Glaubenslehren steht als letzte Instanz das
-Schicksal, der „unergründliche Ratschluß“. Wenn ich eine Todesanzeige
-im hergebrachten Stil lese, so empfinde ich, wo Halt gemacht wird und
-wo das anfängt, worin wir alle einig sind: die ~tinctura aurea~ des
-Denkens.
-
-Die Götter Homers haben viel Macht, sie gehen auf Wolken und essen
-Ambrosia; aber wenn die Sache ganz aufs größte kommt, wenn sich
-entscheiden soll, ob Hektor oder Achill der Sieger ist, woran die ganze
-Komposition der Ilias hängt, -- dann losen sie. Schicksal!
-
-Es ist aber die gleiche Losurne des unsterblichen Dichters, in der
-Demokrit nachher seine Atome tanzen ließ. Aus diesem schwarzen
-Erlenzweig hier mit seinen üppigen feuchten violetten Blattknospen, in
-denen eine so verlangende Frühlingsbrunst nackt aufdrängt, kann ich
-die ganze Naturforscherwelt entwickeln, über Pflanzen und Planeten bis
-zur Urfrühlingskraft brennender Weltallssonnen; ich glaube persönlich,
-daß sie sich wirklich ganz entwickeln läßt, ohne Dualismus und ohne
-Eingriffe; aber ich weiß, daß auch zuletzt die Atome in der Urne
-schwingen und daß aus fernsten Nebelflecken und Milchstraßen eine
-höchst wunderbare mathematische Figur auftaucht, die, ohne Sinus und
-Cosinus schlicht in Goethe-Deutsch ausgedrückt, bedeutet: Weltgeheimnis.
-
-Schließlich meine ich, daß es sogar recht gut so ist.
-
-Wieviel Ansichten, Theorien, Glaubenssätze, Weltanschauungen ergießen
-sich über uns! Und mit wie mancher möchte man als wahrhaft fatal
-rechnen, wenn sie nun ganz wahr wäre, der Welt wirklich ins geheimste
-Uhrwerk schaute.
-
-Mit dem Geheimnis kann man leben.
-
-Man wird ja von selbst davor bewahrt, übermütig zu werden. Aber von der
-Unendlichkeit des Unbekannten läßt sich doch immer etwas erwarten.
-Wieviel Frühling, dieses liebste Geheimnis, mag noch darin stecken!
-
-Das Geheimnis dieses Festfriedens ist nur, daß man das Geheimnis
-überall richtig zu finden weiß.
-
-Ostergeheimnis! Ist es wirklich bloß das Geheimnis, daß ein Mann Wunder
-tun konnte, wie Wasser in Wein verwandeln, oder auf ~H₂O~ gehen, oder
-von den Toten leibhaftig auferstehen ....?
-
-Ich schaue in die braunen Wellen vor mir mit ihrem unablässigen
-Ansturm, ihrem Heben und Senken, und mir ist, ich blicke in das Gehirn
-der Menschheit, in das der arbeitende Gedanke tiefe Furchen gräbt. Und
-in eine solche Furche arbeitet sich ein, keimt und sproßt, daß das
-Naturgesetz etwas Heiliges sei, das nicht verletzt werden dürfe. Daß
-Himmel und Erde nicht dabei erlöst werden könnten, sondern im gleichen
-Moment zusammenbrechen müßten in das ewige Chaos hinein, da ein
-winzigstes Ringlein nur aus der Sternenkette dieses Gesetzes glitte.
-
-Hängen doch an jedem Ringlein ganze Welten! Was ist im Kosmos klein,
-was groß? Wenn dieses Ringlein hier unten auf der winzigen Erde brechen
-sollte, so stürzte der ungeheure Sirius mit herab, die Milchstraße
-löste sich auf, Surturs Weltbrand verschlänge das All.
-
-Ein Atom verschoben aus seiner heiligen Lage, in die es die
-Entwickelung der Jahrmillionen gebracht -- und alle Harmonien dieses
-Kosmos splitterten auseinander.
-
-Und das sollte geschehen sein gerade damals, als der Grundstein gesetzt
-wurde zu der herrlichsten Harmonie dieser ganzen Erde: zu der Idee der
-großen friedlichen Menscheneinheit durch die Menschenliebe?
-
-Und der Gedanke keimt und sproßt weiter.
-
-Sollte nicht hinter der größten Tat der Menschheit auch nur ein
-+Mensch+ gestanden haben? Sollten nicht hinter jenen wunderbaren
-Berichten nur tiefste Symbole stecken? Sollte nicht das große
-Auge einer tiefsinnigsten +Dichtung+ uns daraus anschauen, die in
-Gleichnissen formte, was nachher für reale Wahrheiten gehalten worden
-ist -- die größte Dichtung des größten Dichters aller Zeiten, -- aber
-doch nur eine Dichtung ....?
-
-Oder sollte die Menschheitsseele in ihrem Ringen nach einer ethisch
-und sozial befreienden Tat, die alles bisher Geschehene umwarf und die
-Weltgeschichte durch das scheinbar Unmöglichste -- die Liebe -- aus den
-Angeln zu heben sich vermaß, -- sollte sie ein Zeichen dort sich nur
-geschaffen haben, ein Bild ihrer eigenen inbrünstigen Sehnsucht, das
-die unvollkommene Legende nachher als Personenschicksal vergröberte und
-mißverstand?
-
-Ostergeheimnis, wirst Du scheitern an solchen Gedanken?
-
-Die Handlung der Evangelien nur ein Symbol, ein Gleichnis, eine
-Dichtung, ein Vorgang im der Menschheitsseele! Ich weiß, wie viele
-heute ihr Geheimnis hier wirklich noch hoffnungslos im Sande sähen. Um
-die Menschenliebe geht es auch ihnen. Von des Menschen Erlösung spielt
-das große Mysterium. Aber der Mensch ist ihnen doch zu klein dazu. In
-tausend melancholischen Stimmen klagt es durch unsere Zeit, daß der
-Baum, der aus dieser Gedankenfurche erwachsen sei, wohl wild und stark
-heute stehe. Aber das Geheimnis rausche nicht mehr durch seine Zweige.
-Er sei kein heiliger Baum. Nur kalte Sterne äugten durch seine kahlen
-Äste. Kein Weihnachtsstern und kein Osterschein und keine Pfingstflamme.
-
-Ich aber frage: Was kann denn überhaupt abgrundtiefer im Geheimnis
-sein, als eben -- ein +Mensch+?
-
-Du verlangst den, der noch einmal leiblich auferstanden ist, nachdem er
-gegangen war. Was aber ist geheimnisvoller, als das Alltägliche, das so
-unsäglich Schlichte scheinbar: daß überhaupt ein Mensch geboren wird,
-daß er aufersteht aus dem Unbekannten in dieses Leben hinein?
-
-Wenn Du alle Pfade des Liebeslebens mit der Wissenschaft, die Dir
-beschieden ist, durchpilgert hast: Du kehrst heim mit dem Geständnis,
-daß hier immer wieder das ungeheuerste Mysterium sich vollzieht --
-allein wert, daß Du still Einkehr bei Dir selber hältst und Dir
-Feiertage setzest des Geheimnisses, das Dich vom Tage Deiner Zeugung
-und Geburt an umschließt.
-
-Und +Dichtung+?
-
-Bist Du so schnell fertig mit dem Geheimnis, wenn ein Mann nicht
-wirklich auf Wassern geht, sondern wenn diese Geschichte nur das tiefe
-Gleichnis einer größten Dichtung sein soll? Ist nicht gerade die
-Existenz einer großen Dichtung etwas noch viel Geheimnisvolleres als
-irgend eine Tatsache der „Wirklichkeit“? Ist nicht die Dichterkraft des
-Genius das größte aller „Wunder“, unsagbar viel größer und wunderbarer
-als ein realer Krug Wein, der aus einem realen Kruge ~H₂O~ verwandelt
-ist?
-
-Ich denke an alle die Riesen, die seit Jahrtausenden auf den Wellen
-der Dichtung zu uns wandeln, Gestalten, viel größer als ein Mensch,
-zusammenfassende Gestalten, die ganze Zeiten, ganze Ideen verkörpern.
-Sie überdauern Generationen, sie leben Jahrtausende, sie haben ewige
-Jugend und Kraft. Wo steht, wohin projiziert sich in der „Realität“
-eine Figur wie Faust? Sie schwebt im Raum- und Zeitlosen, und doch
-ist sie greifbarer, ist sie unvergleichlich viel lebendiger und viel
-wertvoller als Millionen und Abermillionen wirklicher Menschen, die auf
-der Erde sich nach den Ziffern des Gravitationsgesetzes bewegt haben,
-~H₂O~ getrunken haben und verweht sind, man findet ihre Spuren nicht
-mehr.
-
-Auch diese Dichtergestalten sind aus dem Geheimnis geboren. Sie leben
-im Geheimnis. Im Dichtergeiste hat „es gezeugt“, hat „es geschaffen“,
-das dunkle „es“ der ~tinctura aurea~ alles Naturgeschehens.
-
-Ich richte in diesem Augenblick nicht im einzelnen über jene Theorien.
-Ich lasse sie vorbeiziehen an mir, wie diese braunen Wellen hier
-vorübergehen im Zug des Windes. Vorhanden sind sie als Theorien, das
-schafft keiner mehr aus der Welt. Und nach ihnen werden noch mehr
-kommen, wie der Wellen hier noch mehr kommen. Wir sind erst in den
-Anfängen der Spekulation über den wahren Lauf der Geschichte, überall,
-also auch hier.
-
-Aber ich sage: wenn es so wäre, wenn den Evangelien eine tiefe,
-unsagbar rührende symbolische Dichtung zu Grunde läge -- die Dichtung
-vom neuen Menschen, der sich zur Menschenliebe durchgerungen und der
-auf Erden, wie alle Idealträger, zunächst sein Kreuz tragen muß, bis
-über Leid und Tod des einzelnen das Ideal unbesiegbar aufersteht und
-weiterlebt und die zähe alte Erde aus den Angeln reißt: -- ich sage,
-wenn das als eine Wahrheit jemals erwiesen werden könnte, was würde das
-ändern an der welterschütternden Größe dieser Tat und an ihrer tiefen
-Verankerung im Geheimnisvollen?
-
-Achill, der nur durch die winzige Dunkelzelle eines Dichtergehirnes
-phantomhaft gewandelt ist, ist mehr wert für uns als alle Griechen
-zusammengenommen, die damals die schwarze Erde getreten haben.
-
-Jene Dichtertat behielte den ganzen riesenhaften Zug in vollem Maße,
-der auch so den Dingen zukommt. Im Geheimnisvollen aber wurzelte sie
-nur um so sicherer eben als Dichtertat. Ja gerade so bliebe sie in
-einem Größeren, als ein wirkliches einzelnes Menschenschicksal geben
-kann.
-
-Der Rationalist bekäme +Unrecht+, der hinter den ungeheuren
-Menschheitsmoment bloß ein Stückchen Menschenleben eines Einzelnen auf
-dem winzigen Raum zwischen Betlehem und Golgatha deuten wollte.
-
-In den Geheimzellen eines Dichtergehirns ist unendlich viel mehr Raum
-und es ist mehr darin als bloß eine Person. In Goethes Gehirn haben
-Faust und Egmont, Tasso und Werther, Iphigenie und Gretchen eine ganze
-Lebensbahn erfüllt. Im Dichtergeiste jenes Giganten an der Schwelle
-unserer Zeitrechnung hätte die ganze Menschheit mit all ihren ethischen
-Errungenschaften bis dahin gelebt, sie hätte sich zusammengefunden
-darin zu einer einzigen Tat -- und gelebt hätte darin die ganze
-Zukunfts-Menschheit von Jahrtausenden nach ihm, geeint durch das Ideal
-der Menschenliebe. Der Dichter der Bergpredigt! Was willst Du mehr?
-
-Der Wind heult hohl über die Wellen, die braunen Gedankenfurchen.
-
-Offenbarung! ruft es. Wo bleibt die Offenbarung? Offenbarung brauchen
-wir.
-
-Nun, alle Dichtung ist Offenbarung. Vom Geheimnis kommt es, zum
-Geheimnis geht es, unmeßbar, unwägbar, und doch von Welten kündend,
-Welten der Urtiefe, der Idealerweckung, der innersten Fortentwickelung,
-und Welten verwandelnd, Welten aufbauend, Welten zeugend: -- das ist
-die Offenbarung; aber was ist es anders, als auch die Dichtung, die
-Kunst; es gibt keine bessere, schärfere Definition für sie.
-
-Ja man muß das Geheimnis nur am rechten Fleck begreifen.
-
-Manchmal scheint mir, als sei der ganze Hader und Fortschritt
-menschlicher Ideen bloß ein Kampf um die Perspektive. Wie die Dinge
-projiziert werden, hintereinander gelegt werden, darum ringen wir. Und
-wo das Blau des Geheimnisvollen beginnt. Darum aber auch diese ewige
-Auferstehung der Gedanken. Nichts fällt wirklich ins Grab, es wechselt
-nur seinen Projektionsort.
-
-Diese Erkenntnis gibt Frieden, heute wenigstens für eine
-Feiertagsstunde, vielleicht später auch einmal für den Alltag. Die
-braunen Wellen zogen an mir vorbei, immer vorbei und der Wind blies,
-eine unablässige, fleißige Naturarbeit. Die Natur machte da keinen
-Feiertag, sie arbeitete. Jede dieser Wellen mochte ein klein wenig an
-diesem Ufer umschaffen, trug sie auch nur ein Hölzchen darauf, ein
-Sandkörnchen davon.
-
-Ich dachte an die Rede der Leute: der See behält nichts, er gibt alles
-wieder, wenn’s auch eine Weile dauert.
-
-Im Grunde macht es das Naturgeheimnis auch so.
-
-Es ist kein Minotaurus, der verschlingt, um zu verderben. Es läßt
-die Welten, Menschen, Ideen in seinem Blau verschwinden und zahlt
-sie in Höherem wieder aus. In dieser ~tinctura aurea~ steckt
-wirklich wie in der der Alchimisten auch der Stein der Weisen, der alle
-Gebrechen, alle Unvollkommenheiten heilt, der ewige Jungbrunnen, der
-den Fluch der Zeitlichkeit aufhebt.
-
-Diese ewige Wiedergeburt als Auferstehung des Geistes im allen Dingen
-erkennen, -- das wäre der wahre neue Osterglaube.
-
-Aber dazu bedarf es noch gar mancher Auferstehung erst im eigenen
-Innenleben der Idee.
-
-
-
-
- (Friedrichshagen. Am Auferstehungstag.)
-
-
-Heute wandere ich tief in der dürren Kiefernheide und suche den
-Frühling.
-
-Die Luft ist hart, der Himmel weiß: es könnte auch Oktober sein. Ich
-denke an deutsche Länder, wo der Frühling wie ein Rausch kommt, in
-hinreißenden Farben. In der lieben Mark geht es wie in einem mageren
-Prozeß: es gibt da nur ganz feine Indizienbeweise.
-
-Da liegt ein gelblicher Würfel Schlagholz. Wie mein Auge aber die
-graue Walddämmerung darüber durchsucht, stößt es da, dort auf kleinste
-Silberpünktchen, die pfeilschnell die Luft durchqueren, jedesmal einen
-schwachen Blitz in der Grundfarbe weckend, wenn sie eine hellere Stelle
-passieren.
-
-Der Fremde weiß nicht, was hier stäubt in den noch so herben Tag
-hinein. Aber ich kenne sie als alter Käfersammler: die winzigen
-Borkenkäfer des Kiefernholzes, die jetzt schwärmen. Wenig später, und
-sie sind wieder völlig verschwunden, tief vergraben in ihrem krausen
-Bergwerk im Holz.
-
-Auf den Schlagstämmen klettert auch schon eilfertig ihr wilder Gegner,
-der schwarz-weiß-rote Clerus, der Ameisenkäfer, der selber zum Schutz
-in prächtiger Mimicry die Ameisen-Wespe Mutilla in Farbe wie Gestalt
-täuschend nachahmt.
-
-Während ich aber seinem trippelnden Wesen zuschaue, fällt in mein
-Ohr jäh ein überlautes Gegacker. Glüüh, glüh, glü, glück, glück,
-glückglücklücklick ... Die Silben folgen sich immer rascher wie bei
-einer heransausenden pfeifenden Lokomotive.
-
-Das ist der Grünspecht.
-
-Umsonst sucht der Blick ihn heute in seiner vertrauten, pfeilschnell
-gewechselten Horcherstellung senkrecht am Ast. Nur wenn ich draußen,
-jenseits der Schonung, stände, sähe ich ihn. Über den gleichmäßigen
-jungen Nachwuchs ragt dort einsam eine ältere, pinienhaft entfaltete
-Kiefer zum blinkenden weißen Himmel auf. Auf einem ihrer höchsten
-Äste sitzt der Specht, nah der Spitze, exponiert wie eine Krähe, und
-er reckt den Hals senkrecht zum Zenit empor und schmettert seinen
-Glückjuchzer. Völlig verwandelt ist er -- er ist verliebt. Ja, es ist
-Frühling. Die Indizien stimmen zueinander.
-
-Ich träumte in den stillen Aprilmorgen hinein.
-
-Auferstehungstag. Ich dachte an die ungeheuren Kräfte, die dieser
-Frühling im Schwachen auferstehen läßt.
-
-Ich dachte an den Saftstrom, der unter seinem Bann von allen
-Pflanzenwurzeln aufwärts drang, dieses geheimnisvolle Pumpwerk der
-Holzgefäße, das bei der amerikanischen Rebe mit einem Druck von fast
-2½ Atmosphären arbeitet und einer Quecksilbersäule von 180 ~cm~
-Länge die Wage hält!
-
-Und ich dachte an die lieblichen Blaukehlchen, die winzigen
-Singvögelchen Skandinaviens, die nach des trefflichen Gätke Rechnung
-auf ihrer Frühlingsheimkehr in einer einzigen Nacht die Strecke vom
-Sudan jenseits der Sahara bis Helgoland durchfliegen. 45 Meilen nehmen
-sie in der Stunde, dreimal mehr als der schnellste Schnellzug. Mehrere
-tausend Meter hoch geht +es+ dahin, damit die kolossale Sperrmauer
-der Alpen keine Störung giebt. Und nach diesem Sturm über ein Meer
-und anderthalb Erdteile sind sie noch so leistungsfähig, daß sie nach
-kurzer Rast auf Helgoland sogleich weiterfliegen. Das ist der Frühling!
-Ein ganzer Planet erscheint auf einmal eng gegenüber seiner Kraft, die
-eine arme Pflanze, ein schwaches Vögelchen durchseelt.
-
-Er muß ja auch selber heran dazu, der ganze Planet.
-
-Ich träumte mich über den weißen Himmel dort über den
-Wachholderbüschen hinaus in den eisigen Weltraum, wo die Erde mit
-ihrer schiefen Achse dahinrollte, sehr viel schneller noch als die
-Blaukehlchen auf ihr flogen. Jetzt begann der schiefe Planet wieder
-sein Nordantlitz der Sonne zuzuwenden, obwohl er sich gleichzeitig
-rückwärts von dieser Sonne entfernte. Und die Gnade lag auf dem
-zugewandten Scheitel, die Eiszapfen seines Bartes schmolzen, es wurde
-Lenz.
-
-Achsenschiefe. Ein undurchdringliches Planetengeheimnis schläft in
-dieser kosmischen Frühlingsursache. Alles hängt daran, bis in das
-Jauchzen dieses Spechts, das Schwärmen dieser Borkenkäfer -- und
-doch wissen wir nicht, was hinter ihr steht. Alles sonst in diesem
-himmlischen Billardspiel der Sonnenkinder ist so wunderbar regelmäßig,
-deutet so ganz auf einen harmonisch-einheitlichen Ursprung: die
-Kugelgestalt, die Bahnebenen, die Umlaufszeiten. Nur die Achsen gehen
-ihren anscheinend irregulären Weg. Jupiter ragt fast gerade, Uranus ist
-fast ganz entgleist; die Erde steht nachdrücklich schief. Kein Schimmer
-eines Warum ist uns gegeben.
-
-Wie wenig wir wissen! Eine ganz dunkle, unergründbare Tatsache -- und
-an der hängt aller Frühling, all diese Konzentrierung der Liebe auf
-eine Jahreszeit, alle Poesie, die wieder auf dieser Liebe ruht. Eine
-schiefe Planetenachse ragt hindurch -- und schiefe Menschenweisheit.
-
-Und doch haben wir schon ein Gesetz wenigstens entdeckt auch in dieser
-Achse. Ohne ihre Schiefe selbst zu ändern, wandert sie in großen
-Zeiträumen kreiselnd einmal herum. Sie sucht sich andere Sterne, auf
-die sie deutet, bis sie endlich zum gleichen wiederkehrt. In einem
-Zyklus von über zwanzigtausend Jahren geschieht das.
-
-Mehr als zwanzigtausendmal Frühling! Vor meinem Geiste, den auch die
-große Lenzkraft anhauchte, erschien ein solcher Zyklus als Einzeljahr,
-nur in unermeßlichen, höheren Verbänden. Da war die ganze Eiszeit mit
-ihren fünfhunderttausend Jahren, die ihr Penck zuschreibt, nur ein
-einziger Winter und ihr Ende nur ein großer Frühling. Vielleicht war
-es der erste Frühling, den der ganz klar sehende, ganz begreifende
-Mensch erlebte! Vielleicht hatte noch lange vor dem, in der Kreidezeit,
-der Frühling überhaupt erst begonnen. War die Erdachse einst gerade
-gewesen wie die des Jupiter und hatte sich erst gesenkt in jenen
-Urtagen der großen Saurier? Träume, wenn der Saft steigt mit seinem
-Atmosphärendruck und die Wanderschwinge hunderte von Meilen wie ein
-Spiel nimmt!
-
-Aber der Gedanke wanderte zurück auf den letzten dieser
-Zwanzigtausendzyklen.
-
-Ich dachte, wie der große Hipparch um 150 v. Chr. schon dieses Kreiseln
-der Erdachse, das den Polarstern verschiebt, wissenschaftlich erfaßte.
-
-Und wie es ein paar Jahrtausende weiter zurück schon hineingespielt
-in die geheimnisvolle astronomische Mythologie der Ur-Babylonier, der
-Sumerer, in die Tierkreis-Rechnungen und Tierkreis-Mythen dort. Es
-ist das geheimnisvolle Volk, an das wir heute so oft und so lebhaft
-denken, das immer gesuchte, endlich sicher gefundene Volk im Morgenrot
-der Kultur, dessen Tempel eine Sternwarte und dessen Astronomie ein
-Gottesdienst war.
-
-Und über diesem Volke, im Morgenhimmel all unserer Weisheit, ragen
-schon die Zyklus-Rätsel der schiefen Erdachse, schimmern die großen
-Zeichen der Über-Frühlings-Periode!
-
-Mir aber ist, als schimmere noch etwas anderes, etwas noch viel
-Weihevolleres darin.
-
-„Aus den Gruben hier im Graben hör ich des Propheten Sang.“
-
-In welchem wunderbaren Auferstehungs-Frühling leben wir Menschen von
-Tag zu Tag! Immer neue Welten der Vergangenheit tun sich uns kund,
-leben auf in uns. Um 3000 v. Chr. begann diese „moralische Astronomie“
-der Sumerer schon zu verblassen, sich einzusargen zum Winterschlaf.
-1900 n. Chr. rollt sie wie eine Frühlingsoffenbarung wieder über die
-Erde, weil ein paar alte Tonzylinder mit Schriftzeichen sich gespiegelt
-haben in der Kristallflut einer wunderbaren kosmischen Höhenmacht: der
-rückschauenden, die Geschichte wieder erweckenden Menschheitsseele.
-
-Ein alter astronomischer Traum kündet: wenn Du viel schneller noch
-reisen könntest als der Lichtstrahl, der doch in jeder Sekunde
-zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt, wenn Du die Lichtpost der Erde
-von Jahrhundert zu Jahrhundert noch einmal überholen könntest: -- das
-Weltgeschehen würde sich Deinem Anblick umkehren, noch einmal sähest
-Du Cäsar auftauchen unter den Dolchen der Brutus und Cassius, sähest
-Sokrates mit seinem Giftbecher und die Sumerer auf ihrer Sternwarte,
-die Gletscher der Eiszeit, die auf Norddeutschland lagen, und die
-immergrünen Haine der Tertiär-Zeit, die Ur-Säugetiere von Neu-Mexiko
-und den letzten Ichthyosaurus am Ausgang der Sekundär-Periode ...
-
-Wie ein Märchen klingt das.
-
-Der Mensch, dieser winzige Planetensohn, der durch die Schwere an
-seiner harten, widerwilligen Scholle klebt, kann nicht fliegen. Fliegen
-nicht einmal wie die Blaukehlchen. Geschweige denn mit dem Lichtstrahl.
-
-Und doch, -- wie ich hier stehe und an die Sumerer denke und den
-Tierkreis verschiebe -- ich, hier an meinem Schlagholz-Stoß im
-märkischen Kiefernwalde, ich bin mit allen in meiner Zeit auf solchem
-Fluge.
-
-Unser Gehirn, das +Geschichte enträtselt+, ist der Apparat, der
-das Weltgeschehen sich aufstauen läßt, wie die Wasser sich vor dem
-biblischen Helden stauten, der die Sonne rückwärts wandern heißt, der
-die Dinge umkehrt und noch einmal auferstehen macht.
-
-Es war das +raum+überwindende Meisterstück der Natur: diese
-unendlich fein reflektierende Platte Menschenhirn, Menschengeist. Aber
-es war auch die +Zeit+ damit überwunden im gleichen Moment, da
-diese Platte auf die Vergangenheit eingestellt wurde, da sie rückwärts
-gewandt wurde.
-
-Der Menschengeist, der Geschichte sinnt, -- das ist die Auferstehung.
-
-Er ist das große Ostergeschenk der Natur, der Ostertag der
-Jahrmillionen.
-
-Sie haben ihn gemacht, diese Jahrmillionen. Nun zahlt er heim, indem er
-sie erweckt.
-
-Und was hat er für Gaben dazu! Geht doch dieses Geschichtsschauen nicht
-bloß durch Tabellen und Zahlen, durch winzige Mosaikstiftchen der
-grabenden, wieder äußerlich sammelnden wissenschaftlichen Forschung.
-Hinter diesen Stiftchen und Steinchen erhebt sich erst das ganz
-Große des Menschen: seine +Dichterkraft+, die Zeugekraft seiner
-+Phantasie+, die das Getrennte, das gräberhaft Zerfallene kraft
-des inneren „Werde“ wieder zusammenschließt, bis die schlotternden
-Gerippe wieder auferstandene Seelen sind, die mit uns leben.
-
-So verklärt sich die Geschichte als Forschung zur Geschichte als
-Dichtung in dem höchsten Sinne, der in der Dichtung erst wieder die
-ganze lebendige Wahrheit sieht. So wird das Schauen zur Tat. Und das
-erst ist die ganze Auferstehung.
-
-Noch ist unsere Kraft jung.
-
-Noch ahnen wir kaum erst den ungeheuren Schöpferberuf, den
-Erlöserberuf, der in uns gelegt ist: die Überwindung des zeitlichen
-durch den ewigen Geist, in dem es keinen Tod, kein Alter, keinen Winter
-gibt.
-
-Wenn unsere Wissenschaft aus Keilschrift enträtselt, was vor
-fünftausend Jahren durch die Seele der Menschheit flutete und ebbte,
-ahnen wir die eine Seite. Wenn durch die Dichterkraft Shakespeares
-Julius Cäsar leibhaftig vor uns zu wandeln beginnt, dämmert die andere
-auf. Aber eines stellt sich uns heute schon ganz dar: Nichts ist
-verloren in der Natur, das nicht geweckt werden könnte.
-
-Das ist unserer Weisheit sicherster Schluß: keine Wirkung kann und
-konnte je verloren gehen.
-
-Wenn ich meine Hand auf diesen Holzstoß hier lege, so zittert die
-Kraftwelle durch alle Ewigkeit, ewig individualisiert, ewig zu finden,
-im Brennspiegel der Kräfte wieder zu konzentrieren, zu fangen für den,
-der -- einen Brennspiegel besitzt.
-
-Das ist das Grundgesetz alles Geschehens, aller „Natur“ -- aller
-Gott-Natur.
-
-Der Urgrund der Dinge, der dieses Gesetz gesetzt hat, hat die
-Unsterblichkeit zugleich mit gesetzt. Der Spiegel aber -- und hier
-liegt die zweite, die eigentlich krönende Tat -- ist in unserer
-Hand. Nun ist nur noch eines nötig: unendliche Zukunft. Und in diese
-Unendlichkeit vor uns hinein wird die ganze Unendlichkeit hinter uns
-wieder auferstehen.
-
-Der Specht oben rief wieder sein Glück, Glück, Glück.
-
-Wie der Ton verschwebte, verschwebte mein Träumen durch den herben
-Frühlingstag.
-
-Er ist noch herb, unser Frühling. Eine junge Menschheit sind wir,
-in den Anfängen erst. Halb schwankt der Zauberspiegel noch in einer
-Kinderhand.
-
-Aber wie sonnig ist, daß alle unsere Wege zum gleichen Ziele aufwärts
-lenken.
-
-Religiöses Schauen wirft den Auferstehungsgedanken uns wie einen
-Blitz zu, der im Moment für alles andere zu blenden scheint. Aber die
-Wissenschaft taucht auf, ohne Glanz, keuchend in schwerer Arbeit. Doch
-die Idee umgoldet sie, und nun wird offenbar: sie ist auf dem gleichen
-Wege. Und die Dichtung, ihr oft so fremd, erscheint nur als ihre eigene
-Krönung, ihre Vollendung in das Lebendige hinein, das die zeugende Tat
-ewig hat, während die Zerstückelung es nie erreicht.
-
-Indizienbeweis! Er genügt mir auch für die große Weltenfrühlingswelt,
-wie Specht und Borkenkäfer für die kleine im märkischen Kiefernwald.
-
-
-
-
- (Reisetagebuch. Schreiberhau.)
-
-
-Über mir ragt es wie schwarze Zinnen einer gewaltigen alten
-Schloßruine. Durch eine Lücke im zerfallenen Gemäuer hängt ein schräger
-grauer Sonnenstreifen in den Schatten hinein wie ein jahrtausendalter
-Wust Spinngewebe. Er deutet in den Schloßhof, der roh verwildert liegt.
-Grünes Kraut steht fast mannshoch in der ganzen Breite. Irgendwo
-tropft Wasser, tickend wie eine gespenstische Uhr, aus dem Spalt eines
-geborstenen Marmorbrunnens.
-
-Es ist Naturwerk, dieses Schloß.
-
-Seine Zinnen sind grotesk zerspaltene Granitzacken des Riesengebirges,
-und der Schloßhof ist der innerste Kessel der großen Schneegrube.
-
-In uralten Tagen lag in dieser kraterartigen Höhlung unter der
-Kammmauer ein Ungetüm, das mit bleichen Augen ins Tal hinunterglotzte:
-der Gletscher.
-
-Mit seinen ungeschlachten Tatzen hat es die Blöcke dort herausgeschoben
-und cyklopisch wie eine Brustwehr getürmt, mit seinem schwerlastenden
-Leibe hat es den Grund ausgetieft zum gähnenden Kessel. Aber es ist
-ihm im Laufe der Zeiten ergangen wie dem fetten Lollus im Keller in
-Bechsteins Märchen: immer dünner und dünner ist es hingeschmolzen,
-immer magerer lag es zum Schluß in seinem viel zu weiten Felsennest.
-Heute weht nur noch ein leiser Schatten von ihm durch die Grube, ein
-unsichtbar körperloses Etwas, das als kellerhaft kalter Hauch am leeren
-Fleck noch einen letzten Kampf kämpft mit seiner furchtbarsten Feindin,
-der Sommersonne.
-
-Wenn die Ebene weithin in allen Farben des Frühlings prangt und selbst
-auf dem hohen Kamm die blauweißen Anemonen blühen, dann liegt in dem
-alten Drachenkrater noch der Winterschnee zu zähen Lasten gehäuft. Aber
-zuletzt muß er doch weichen. Die Wendestunde, in der einst der Drache
-für immer der Sonne unterlag, wiederholt sich: die Sonne bezwingt auch
-den letzten Schneestreifen der Grube. Einmal, am Ende der Eiszeit,
-ist das entscheidend geschehen: einmal hat die Sommerwärme den ganzen
-Schnee weggetaut, während früher immer ein Rest überdauerte als Zutat
-zum nächsten Winter; damals ist das Ungeheuer des Gletschers ins Herz
-getroffen worden durch Baldurs Schwert.
-
-Heute, da ich hier sitze, liegt die weite Landschaft am Kammesfuße
-eingesponnen im heißen Juli-Glast.
-
-Hier in der Schneegrube hat gerade endlich der erste Frühling gesiegt.
-
-Noch stecken in den tiefsten Granitschründen auch jetzt ein paar
-letzte Schneeflecken, aber schon grau vom tauenden Zermürben. Lustige
-Quickwässerlein rinnen leise davon herab. An der Grenze aber vollzieht
-sich jenes liebliche Schauspiel des Frühlingssieges, das auf tauenden
-Alpenpässen so oft meine Freude war: noch farblos weißliche oder gelbe
-Pflanzenspitzen, spargelhaft eingerollte Blätterknospen, durchbrechen
-mit eigener Kraft und Wärme die morsche Schneedecke, noch ehe sie
-sich selber gelüftet hat. So ringt sich an der Furka die zierliche
-violettblaue Soldanella (~Soldanella pusilla~ und ~alpina~)
-sogar als geöffnetes Blütenglöckchen aus selbstgewärmten Schmelzlöchern
-des Lawinenschnees zum Staunen des Naturfreundes heraus.
-
-Wo aber der Kesselgrund schon völlig frei ist, da erfüllt ihn ein
-wahrer lebendiger Schnee: halbmeterhoch ragen in weitem, schneeweißen
-Blumenteppich die wundervollen Dolden der seltenen narzissenblütigen
-Anemone (~Anemone narcissiflora~), des „Berghähnleins“ der
-Gebirgsleute. Auf jedem lichtgrünen Hauptstengel stehen etwa ein halbes
-Dutzend großer Einzelblüten ganz nach Narzissenart. Ein berauschender
-Honigduft liegt über der Wiese. Man kann über den ganzen Kamm wandern,
-ohne dieser köstlichen Blume zu begegnen, hier aber tritt sie plötzlich
-als Herrscherin auf, -- das schönste Sinnbild des Sonnensieges im alten
-Drachenbett.
-
-Auf der Gletschermoräne selbst aber stehen niedrige, noch völlig
-blattlose Weidenbüsche im ersten goldenen Kätzchenschmuck, ein seltsam
-später Anblick für den, der aus dem Tal kommt, wo längst alle Blätter
-in schwerer grüner Sommerfülle rauschen.
-
-Einsam und still ist es hier.
-
-Oben an den Zinnen erscheint ab und zu ein punkthaft kleines Zwerglein
-scharf vor dem Himmelsblau: einer aus dem endlos dort vorbeihastenden
-Fremdenstrom, der sich etwas näher an den schwindelnden Abhang gewagt.
-
-Hier herunter kommt in Tagen keiner, denn selbst der kaum sichtbare
-Pfad von unten her ist heute noch ein wahrer Steg ins Drachennest,
-wie man ihn sich im Märchen träumt: Block um Block, wie ihn der
-Riese abgerollt und liegen gelassen, will übersprungen sein und
-dazwischen schiebt sich in jede Lücke noch viel unwegsameres Knieholz,
-schwarzgrüne Büschel wie struppige Gnomenköpfe, aber zäh, als sollte
-ein Schwimmer sich durch halbflüssiges Pech durchkämpfen.
-
-Eisdrache und Sonnenkampf, weiße Blütensterne -- und Mensch. Das alles
-ist +Natur+.
-
-Immer vor solchem reinen Bilde bewegt mich der tiefe Widerspruch, der
-in unserer Zeit durch dieses Wort geht.
-
-Ich denke an seinen wechselnden Klang in den Jahrhunderten.
-
-Da ist das Buch des Lukretius nahe der Wende vor Christus, im Abendrot
-der echten Antike, -- von der „Natur der Dinge“. Natur ist hier das
-Offenbarungswort, das Himmel und Erde öffnet, das magische Wort, das
-die „Dinge“ bewegt.
-
-Dann kommt eine Zeit, da heißt Natur soviel wie Teufelsspuk. Auf
-einsamem Kreuzweg wird sie gesucht, wenn die Eulen schreien; mit
-Bluthandschrift muß seine Seele verschreiben, wer sie sehen will.
-
-Aber aus dem Munde eines Mannes, der gelebt und geliebt, gelacht und
-gegrübelt hat und der zuletzt auf dem Scheiterhaufen steht, um ein
-Märtyrer seines naiven Menschentums zu werden, -- aus dem Munde des
-Nolaners Bruno ringt sich das Wort: Gott-Natur.
-
-Dann kommen Rousseaus Tage, und ein Klang romantischer Wehmut, die
-Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese, zittert aus dem Wort.
-
-Der größte Dichter vom deutschen Stamme steht in seinem Garten vor
-dem Wunder eines grünen Blattes und wiederholt abermals das große:
-Gott-Natur.
-
-Und nun ist das Wort schon mit hineingerissen in die wilden Wogen
-des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Getöse ist plötzlich darin wie von
-einer ungeheuren stampfenden Maschine. Ein tausendstimmiger Jubelruf
-erschallt, Kränze wehen, -- heisa, der Mensch sitzt hoch auf dieser
-Maschine, sie trägt ihn, er regiert sie. Seine Natur! Der Mensch Herr
-der Naturkräfte, Herr der Welt. Diese Hoffnung reißt empor wie ein
-Schwindel.
-
-Aber die Vision wechselt jäh.
-
-Der weiße Dampf der Lokomotive teilt sich und auf einmal liegt der
-Mensch unter der Maschine, ein zuckendes Haupt auf blutiger Schiene.
-Fühllos geht die Maschine über ihn fort. Und die sterbende Lippe
-stammelt „Gott-Natur“, -- es klingt aber wie eine Blasphemie.
-
-Kein Wort in unserer Zeit wiegt so schwer wie dieses Wort Natur.
-
-Alles drängt darauf, ringt und lechzt darnach. Dieser Begriff Natur
-hat die Sterne erobert, die Billionen von Meilen von uns abstehen,
-er hat den Menschen selber erobert, hat die Geschichte erobert, die
-Milchstraße ist ihm nur ein Zeichen, der Mensch eine Station, die
-Zukunft eine mathematische Gleichung.
-
-Und doch ist vielleicht kein zweites Alltagswort unserer Tage so wenig
-geklärt, so verschleiert, so mißverstanden wie „Natur“.
-
-Auf ungezählten denkenden Menschen liegt es wie ein Tyrann.
-
-Sie wissen nicht, wie sie ihm entrinnen sollen, aber sie fluchen ihm.
-Jeder Fortschritt der Naturforschung erscheint ihnen wie ein Schritt
-mehr zum Minotaurus hin, der sie in seiner Höhle zu Asche verbrennt.
-
-Was tut’s, wen tröstet’s, ob in diesem Minotaurus ganze Sonnensysteme
-mit uns sinnlos verpulvert werden. Je größer das Ungeheuer wird, es
-steigert sich nur seine Ungeheuerlichkeit. Du magst diesen Leuten von
-Doppelsternen und Marskanälen, von Urweltmeeren und dem Werdegang des
-Menschen zwischen tollem Getier erzählen: das Gemüt hat immer nur das
-Gefühl, daß es selber dabei gefressen wird. Nun hat dieser Drache auch
-schon die Geschichte des Menschen. Wo wird er Halt machen? Alles packt
-er. Gibt es denn gar keine Grenzen dieses Verheerungszuges?
-
-In mein einsames Sinnen mischt sich wieder ein altes Bild.
-
-In einem verwitterten Büchlein fand ich unlängst Dokumente aus dem
-Leben des Naturforschers Konrad Gesner, des Meisters der Tierkunde im
-sechzehnten Jahrhundert. Ich suche seit Jahren Stoff zusammen über sein
-Leben. Daheim habe ich die alten Pracht-Folianten seiner Werke, ein
-Monumentalwerk deutschen Fleißes.
-
-Zeit seines Lebens war er ein armes dürres Männlein, dieser Gesner,
-unsagbar fleißig, mit den großen Augen des Genies, aber vom Leben
-unerbittlich gedrückt. Und doch: eins drückte diese Seele nicht:
-Skrupel über den Natur-Begriff. Sie war nicht gerade besonders
-liebenswürdig gegen ihn im gewöhnlichen Sinne, diese Natur. Um ihn,
-den pflichttreuen Arzt, wütete die Pest. Mit 49 Jahren schon ist er
-selber ihr erlegen. Als sie, die er mannhaft bei anderen bekämpft, ihn
-endlich selber „hatte“, da hat er sein Testament niedergeschrieben, das
-uns heute noch erhalten ist. Er hatte nicht über allzuviel Glücksgüter
-zu verfügen. Nur eine Rente von hundert Gulden kann er stiften, daraus
-sollen jährlich zwei ärmste Kinder gekleidet werden. Aber seinem
-Geschlecht läßt er eine andere Aufgabe vergeistigterer Art. Je einmal
-im Jahr soll die Familie sich in allen ihren Gliedern zu einem frohen
-Liebesmahl vereinigen. Ein goldener Becher soll dabei kreisen, den er
-mit dem Testament übergibt. „Sonderlich“ sollen daraus die trinken,
-„welche etwas Zwytrachts miteinander gehebt.“ Nach dem Mahl soll
-einer ein paar Sprüche aus dem Evangelium vorlesen, „welche dienind,
-Fried, Liebe und Einigkeit zu förderen.“ „Demnach,“ aber heißt es zum
-Schluß, „soll er ihnen fürhin bringen (vorzeigen) meine Figurenbücher
-der Tieren, daß sy sich die zu besächen belustigend, und durch myn
-Gedächtniß, auch ihre Kind, welche tugendlich, zu der Lehr oder sonst
-zu guten und ehrlichen Künste und Uebungen erzüchten.“ Dieser Mann
-hatte kein Gefühl dafür, daß sein „Tierbuch“ die Weihe jener Sprüche
-stören könne. Es ist ein friedevoller Optimismus, der aus den Worten
-dieses besten Kenners der „Natur“ in seiner ganzen Zeit spricht ....
-
-Das Ergebnis der unheilvollen Trübung, die für unsere Tage das Wort
-„Natur“ bedeckt, ist der immer tiefer fressende Pessimismus.
-
-Es ist die Weltanschauung des knirschenden Sklaven.
-
-Man fühlt, daß man gegen die überwältigenden Resultate der
-Naturforschung dauernd nichts machen kann. Dieser Sieg kommt ja nicht
-allein durch den Gedanken. Man darf Darwin in den Boden verfluchen
-und steigt doch in eine Eisenbahn, spricht durch ein Telephon. Von
-dieser Ecke her gibt’s kein Entrinnen, und wer einmal in der realen
-Bahn sitzt, hält schließlich doch auch bei der Station Darwin, ganz
-unversehens. Aber man glaubt zugleich zu fühlen, daß man damit etwas in
-Kauf nehmen soll, was das ganze innerste Leben lahmlegt. Man bekommt
-einen Toten ins Haus für immer. Zuerst heißt die Folgerung Resignation.
-Und dann heißt sie Pessimismus.
-
-Täuschen wir uns nicht: der Pessimismus als theoretisch ausgesprochene
-lehrhafte Philosophie ist immer nur eine gelegentliche Erscheinung;
-der Pessimismus der Stimmung aber nagt und nagt bei uns fortgesetzt
-wachsend in allen Kreisen, wo man unter jener Sonnenfinsternis des
-Naturbegriffs wandelt und diese Sonnenfinsternis für ein Ergebnis der
-Astronomie hält.
-
-Für mich liegt hier mehr und mehr eine Sache auf Biegen oder Brechen.
-
-Ich bin mir nicht einen Moment mehr unschlüssig, daß in der Frage
-„Optimismus und Naturforschung“ die Schicksalsfrage der ganzen
-künftigen Naturforschung liegt.
-
-Wenn die Naturforschung ihren Naturbegriff nicht aus dem Pessimismus
-herausbekommt, so geht sie im ganzen doch wieder herunter und muß
-heruntergehen.
-
-Gewiß: wir steigen in die Eisenbahn. Aber täuschen wir uns doch auch
-darüber nicht, daß technische Erfindungen wohl eine Weile so fortreißen
-können, daß alles andere darüber in den Hintergrund kommt, -- aber auf
-die Dauer hält das allein nicht stand. Wenn die Idee all dieser Dinge
-endlich überall in den Pessimismus führt, so erlischt schließlich doch
-das Interesse auch an diesen Erfindungen, es stirbt eben an dieser
-Idee. Wenn ich ideell doch immer auf der Schiene liege mit einem Knebel
-im Mund und einem Strick um Arme und Beine, so wird schließlich auch
-die Freude an der Eisenbahnfahrt immer dünner, die Fahrt weckt nur
-fatale Assoziationen. Und endlich steige ich lieber wieder in die alte
-rappelnde Postkutsche.
-
-Ich persönlich gestehe gern, daß ich ohne eine optimistische
-Grundlinie in meinem Naturbegriff selber die eigene Beschäftigung
-mit naturwissenschaftlichen Dingen längst eingestellt hätte. Nichts
-wäre mir mehr zuwider, als das Paktieren, das ewige Versuchen, um die
-Allgewalt dieser Dinge herumzukommen.
-
-Ich sehe ja, wie es anderen geht. Sie suchen auch aus der schwarzen
-Flut des Pessimismus sich herauszuhalten. Aber im Grunde ist ihnen alle
-Naturforschung doch nur die ewige Gleitbahn in diesen Pessimismus. So
-suchen sie „Grenzen des Naturerkennens“, Mauern, wo der Naturforscher
-angeblich nicht weiter kann. Da soll endlich das Reich der Trübsal
-aufhören, der blaue optimistische Sonnenhimmel doch noch beginnen.
-
-Täuschen wir uns aber wieder nicht.
-
-Es gibt diese Grenzen nicht.
-
-Die Naturforschung ist nicht abzugraben etwa vom Seelischen, wie
-ein Maulwurf durch einen Wasserkanal. Ihr Naturbegriff muß auch das
-umspannen, wenn er nicht eine Narretei sein will, -- es fragt sich bloß
-wie. Das bequeme „Ignorabimus“ eines Naturforschers, der im Grunde
-seines Herzens nie etwas anderes als Stockmaterialist war, hilft
-nicht fort von der viel größeren, tieferen, schwereren Aufgabe: den
-Naturbegriff selber vor der pessimistischen Vernachtung zu retten. Hier
-gilt das alte Wort: Davonlaufen nützt auf keinen Fall.
-
-Auch mit dem Zweifel an dieser oder jener naturwissenschaftlichen
-Einzelhypothese ist nichts getan. Mit ein bißchen Zweifel an der
-Zuchtwahl oder sonst einem Stück Darwinismus oder mit einem allgemeinen
-schnodderigen Satz eines Kritikers, dem der ganze Darwinismus noch
-nicht mechanistisch +genug+ ist, kommst Du nicht durch, so
-fröhlich das auch heute wieder dieser und jener träumen mag.
-
-Das alles sind kleine Mittelchen, die einen Moment den Laien froh
-machen können, aber dauernd doch an die Sache nicht rühren.
-
-Denn die großen Linien im Sachmaterial der heutigen Naturforschung
-lassen sich nicht mehr umwerfen. Es bleibt die allgemeine
-Naturgesetzlichkeit, es bleibt die Grundtatsache allgemeiner
-Entwickelung, es bleibt der Mensch als Glied in der großen Kette der
-Natur. Um diese Dinge kommen wir schlechterdings nicht mehr herum,
-und was an der Anerkennung dieser Hauptlinie schon stirbt von älteren
-Anschauungen, das muß eben sterben.
-
-Was ich aber behaupte, ist, daß es einem +tieferen religiösen+
-Empfinden gar nicht einfällt, hier zu sterben, wofern nur eine Klärung
-über den Naturbegriff und eine Loslösung vom Pessimismus damit Hand in
-Hand geht.
-
-Die erste Aufgabe ist allerdings, daß man den Menschen nicht wieder
-gewaltsam +losreißt+ von der Natur aus lauter Eifer für „Natur“.
-Das ist bisher mit wahrer Hartnäckigkeit geschehen.
-
-Der Begriff „Kraft und Stoff“ hat dabei eine merkwürdige Rolle gespielt.
-
-Seltsam genug ja: unsere Zeit ist die erste, die wirklich Ernst damit
-gemacht hat, den Menschen restlos einzubeziehen in die Natur. Aber
-diese unsere gleiche Zeit hat sich auch alle Mühe gegeben, ihn durch
-unglückliche Begriffsworte in seinem ganzen Fühlen weiter wieder von
-der Natur fortzugraulen als irgend eine.
-
-Kraft und Stoff sind in der exakten Forschungssprache vortreffliche
-und durchaus nötige Abstraktionen. Man kann sie auch philosophisch
-anstandslos benutzen, um eine bestimmte Linie einheitlichen
-Zusammenhanges der Dinge in der Welt zu begründen. Lege ich dieses
-Formelwort aber didaktisch als Generaldefinition der „Natur“ ~sans
-phrase~ zu Grunde, so werfe ich grade den Menschen vor dieser Natur
-in eine unfaßbare Öde.
-
-Ich werfe ihn nämlich nicht, wie die Schwärmer für das Wort gemeint
-haben, in die höchste Realität, sondern in die äußerste Abstraktion.
-
-Um den Menschen in die Natur zu bringen, ziehe ich von ihm ab und ab,
-bis nur das ausgezehrteste, mit nichts mehr greifbare Gespenst übrig
-ist. Dann ziehe ich die ganze übrige Natur ebenso fasernackt aus und
-nun endlich bringe ich die Ähnlichkeiten zusammen. In dieser Eiseskälte
-erfriert aber dem Beschauer die Natur, und sein eignes Eingehen in
-diese Natur bedeutet ihm nichts anderes als auch nur ein Miterfrieren.
-
-Im Grunde bleibt ihm trotz alles Redens seine eigene Kraft-Stoffheit
-etwas ebenso absolut Fremdes wie die der Natur. Und auf diesem Wege
-kommt er von sich als lebendig warmem Menschen nie und nimmer zu der
-sonst bekannten Natur, -- das ~tertium comparationis~ ist ein
-Gespenst, das er an beiden nicht kennt. Schließlich wird er es ja der
-Natur noch eher andichten mögen als sich. Dann ist er aber erst recht
-von ihr fort, weiter als je. Ich begehe eine Handlung, die im Sinne der
-Menschenliebe ist, wie sie am schlichtesten nach wie vor die Sprüche
-des Evangeliums aussprechen: -- Kraft und Stoff. Ich begehe die aufs
-äußerste entgegengesetzte Niederträchtigkeit: Kraft und Stoff. Ich lebe
-oder bin tot, glücklich oder unglücklich, arbeitsam oder faul, bin ein
-Mensch oder bin der Sirius: Kraft und Stoff. Dieser Begriff gehört zu
-denen, die, weil sie überall passen, nirgendwo passen.
-
-Die Folge dieser künstlichen Trennung des Menschen von der Natur ist
-aber der erste Teufelsfinger für den Pessimismus.
-
-Der arme Hörer denkt, es muß nun einmal dieser Kraft-Stoff-Natur sich
-ausliefern, er empfindet es aber innerlich als einen Absturz wie vom
-prangenden Leibe eines schönen Mädchens zum schlotternden Skelett. Alle
-wahre Entwickelung hört ihm zugleich auf, denn alles ist ja eins. Eine
-uferlose graue Weltöde frißt ihn in sich hinein: der Minotaurus Natur.
-
-Und dabei bedeutet doch diese ganze Idee von „Kraft und Stoff“
-tatsächlich gar nichts anderes als die naturwissenschaftlich exakte
-Formel für etwas, was die Gottes-Vorstellung auf ihrer höchsten Stufe
-genau so suchte: die Existenz nämlich von Zusammenhängen in der
-Gesamtwelt, von einem durchgehenden Grundprinzip. Es ist das gleiche
-Prinzip, das in der Absolutgültigkeit der Logik und der mathematischen
-Verhältnisse vor uns auftaucht. Auf diese eine Karte aber nun die ganze
-Definition der Natur setzen wollen, wäre genau so, wie wenn einer
-etwa als einzige Eigenschaft seines Gottes hinstellen wollte: er ist
-unendlich, und nun verlangte, daß wir auf Grund dessen schon in ein
-religiöses Gemütsverhältnis mit diesem Gotte einträten.
-
-Gerade die strengste Naturforschung zwingt uns, in diesen Begriff Natur
-noch ganz andere Dinge als entscheidend aufzunehmen vom Moment an,
-da wir Ernst damit machen, den Menschen vollständig in die Natur zu
-übernehmen.
-
-Wir Menschen überschauen ein gewisses Stück Weltbegebenheiten. Räumlich
-ein Stück nebeneinander, bis in die fernsten Nebelflecke. Durch die
-Verzögerung des Lichtstrahls aus der großen Ferne ordnen sich schon die
-entfernteren Raumdinge zum Teil direkt in Zeitdinge um. Andere nähere,
-greifbare Merkmale vergangener Tage um uns her kommen hinzu und so
-sehen wir schließlich auch einen Zeitausschnitt, ein Hintereinander
-von so und so viel Millionen Jahren mehr oder minder deutlich. Etwas
-anderes zu Aussagen über die „Natur“ haben wir nicht als den Inhalt
-dieses für uns begrenzten Raum- und Zeitausschnitts.
-
-In diesem doppelten Ausschnitt aber sehen wir nun keineswegs bloß ein
-belangloses Auf- und Abplätschern eines Stoff- und Kraftmeers.
-
-Wir sehen vielmehr eine höchst eigenartige +Entwickelungslinie+.
-In dieser Linie stehen aber wiederum nicht bloß aufglänzende und wieder
-verglühende Sterne, Wechsel von warm und kalt, Auftauchen irgend eines
-Sauriers und Wiederabsterben seiner Art.
-
-Vielmehr vollziehen sich darin die allereigentümlichsten Sachen und
-zwar werden uns diese aufdringlich deutlich vom Moment an, da wir den
-Menschen restlos aufgenommen haben in diese Linie der Entwickelung.
-
-Der Laie hört heute: der Mensch stammt vom Affen ab. In der Form, wie
-er das zu hören bekommt, liegt vielfach das gleiche Unglück, wie bei
-jener Kraft-Stoff-Antwort. Du stammst vom Affen ab, folglich bist
-du eigentlich nur ein Affe; zähme deinen Ehrgeiz, steige eine Stufe
-herunter, laß dich von einem Niedrigeren, von der tierischen Natur
-fressen: -- Minotaurus. Auch hier liegt die pessimistische Folgerung
-auf der Hand: was nützt Dein Arbeiten, Du bleibst, was Du warst,
-Kraft, Stoff, Tier, Affe -- in Summa: ewig gleichförmig plätschernde
-„Natur“, dieses scheußliche, allesverschlingende graue Abstraktum. In
-Wahrheit ist die entscheidende Folgerung: der Affe ist also nur ein
-Übergang gewesen zu unvergleichlich viel Höherem, es gab etwas in der
-organischen Entwickelung, das den Affenzustand wie eine Puppenhülle
-abwarf und zum Lichte flog.
-
-Von solcher Betrachtungsweise kommt man auf ganz andere Schlüsse auch
-im Menschen selbst vor der Natur und in der Natur. Der schlichte
-Übergang der Lebensstufe unterhalb des Menschen in den Menschen hinein
-nach einfachem Naturgesetz bleibt nicht nur bestehen, er wird sogar zu
-einer Säule des wahren Baues. Nur durch ihn gewinnen wir ja ein Recht,
-zu sagen: der Mensch ist auch ein Stück Natur, eine Stufe der sich
-entwickelnden Natur. Wenn der Mensch das aber ist, so gewinnt die Natur
-ganz unzweideutig das folgende höchst eigenartige Antlitz.
-
-In dem Stück Entwickelung, das wir überschauen können, zeigen sich dann
-zwei ganz überwältigend große Entwickelungsstufen. Die erste will ich
-als die Stufe des +Gesetzes+ bezeichnen, die zweite als die Stufe
-der +Liebe+.
-
-Die erste Stufe ist für uns eine gegebene im Moment, da der Vorhang uns
-über dem Kosmos zeitlich aufgeht.
-
-Sogleich und für uns vom ersten Tage an sehen wir hier die Welt
-ausgeliefert einer unerschütterlichen Gesetzmäßigkeit. Bestimmte Bahnen
-sind den Stoffen fest eingepaukt. Ein Körper, der unter bestimmten
-Schwereverhältnissen fällt, fällt nach einem ganz bestimmten Gesetz
-immer so. Und der Sinn gleichsam aller Dinge scheint erschöpft in
-diesem Naturgesetz.
-
-Es hat etwas Großartiges in seiner ruhigen Majestät, dieses Gesetz,
-aber auch etwas Unerbittliches. Welten fallen aus seiner Hand:
-Milchstraßen, Fixsternsysteme, Sonnen. Es gibt keinen Zufall vor ihm:
-alles muß so sein, wie es ist. Aber alles Werden, alle Welten, die
-entstehen, scheinen zunächst in ihrem Sinn auch erschöpft in diesem Muß.
-
-Dieses Ur-Naturprinzip wird mit derselben Ruhe, womit es eine Welt
-schafft, diese Welt auch wieder zertrümmern, wenn sie eine Fehlerquelle
-in sich hat. Es ist die Inkarnation einer unerbittlichen Gerechtigkeit
-einfacher Art: was wird, muß seine Folge tragen. Wird es schlecht,
-so stürzt seine Strafe über es herein, wird es gut, so erntet es
-unendlichen Lohn.
-
-Wir brauchen nicht von Gravitation und anderen naturgeschichtlichen
-Werten zu reden, -- dieses unerbittliche Gesetz ist uns aus einer
-anderen Quelle mindestens ebenso geläufig: in dem alten Bibelworte
-nämlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Es ist der moralische Triumph der
-Formel ~A~ = ~A~.
-
-Ich sage, dieses Gesetz ist für uns da mit dem Anfang der Welt.
-Das ist an sich freilich noch kein Beweis, daß es ewig da war. Es
-könnte sich selber in unbekannten Vor-Äonen erst entwickelt haben,
-als eine Überwindung des regellosen Zufalles im Geschehen, als das
-erste ungeheure Ordnungsprinzip, das sich herauskristallisierte in
-unendlichen Vorkämpfen der Welt. Diese „Mythologie der Logik“ braucht
-uns hier jedenfalls nicht zu beschäftigen.
-
-Sicher ist, daß das Gesetz da ist, wo unsere Erkenntnis beginnt.
-Das geringste Ballungsstäubchen Nebelmaterie, mit dem unsere ganze
-Entwickelung eingesetzt haben könnte, können wir uns nur vorstellen
-schon im Banne dieser Gesetzmäßigkeit.
-
-Aber ebenso sicher wieder sehen wir weiterhin, innerhalb jenes uns
-sichtbaren Stückes Naturentwickelung, eine Fortentwickelung über dieses
-Prinzip hinaus.
-
-Auch wir Menschen auf dieser Erde, Natur wie wir sind, hängen in
-jener großen Gesetzmäßigkeit. Wenn wir fallen, fallen wir nach der
-mathematischen Weltregel des Gravitationsgesetzes. Wieviel wir der
-Natur außer uns hinlegen, soviel erhalten wir zurück, Kraft um Kraft.
-Messen wir das an einem wüsten Zufallsgeschehen, so müssen wir uns
-ehrlich dessen freuen.
-
-Nur diese Gesetzmäßigkeit aller, aber auch absolut aller Vorgänge der
-Welt hat uns, wenn noch in beschränktem Maße, so doch anwachsend mit
-jedem Tage, zum Herrn so vieler Naturprozesse werden lassen. Dieser
-ungeheuren schlechterdings untrüglichen Ehrlichkeit der Natur verdanken
-wir alle Erfolge unserer Technik. Kein Zündhölzchen zünden wir an, kein
-Haus steht, kein Schiff fährt ohne diese Verläßlichkeit der Natur.
-
-Und doch!
-
-In uns Menschen arbeitet sinnfällig noch etwas über diesem Prinzip.
-
-Ein geliebter Mensch beugt sich zu weit über das Fensterbrett und
-stürzt ab. Er muß stürzen nach dem Naturgesetz der Schwere. Er stürzt,
-weil Logik gilt; er stürzt, weil ~A~ = ~A~ ist. Sein Einsatz,
-seine Schuld war das Hinauslehnen. Die Naturgesetzlichkeit vollzieht
-das absolute „Muß“, den Lohn: er stürzt und liegt zerschmettert da.
-Unerbittlich.
-
-Wir aber fragen: konnte diese Schuld nicht vergeben werden?
-
-Unser Herz ringt gegen dieses „Muß“, es ist uns auf einmal etwas
-Furchtbares, scheint uns entsetzlich vor solchem Falle.
-
-Wenn wir zu entscheiden gehabt hätten: unser ganzes bestes Inneres
-hätte sich aufgelehnt gegen diese furchtbare Konsequenz, tausend
-Stimmen des Mitleides, der Solidarität von Mensch und Mensch hätten
-sich erhoben in uns, unser ganzes höchstes sittliches Empfinden hätte
-gerufen „Nein!“
-
-Und doch sind auch wir Natur.
-
-Aber das macht: in uns Menschen ist schon ein zweites Prinzip.
-
-Die Liebe.
-
-Das Mitleid, die Toleranz, das Eingehen auf jede Sehnsucht des
-einzelnen, das Vergeben der Schuld, die höhere Gerechtigkeit.
-
-Überschauen wir auf dieses Prinzip hin jenes allein bekannte Stück
-Weltengang, so müssen wir sagen: der ganze aktive Inhalt dieses Stückes
-ist wesentlich die allmähliche Entwickelung dieses zweiten Prinzips.
-
-Da entsteht die Erde und durch diese Erde, auf dieser Erde entsteht
-als ihre höchste Äußerung der Mensch. Im Menschen aber zeigen sich die
-Keime endlich ganz offen. Auf einer bestimmten Stufe seiner natürlichen
-Kulturentwickelung hören wir aus seinem Munde frei als Ideal
-aussprechen: fortan soll nicht mehr gelten Auge um Auge, Zahn um Zahn,
-sondern siebenmal siebenmal sollst Du eine Schuld vergeben um der Liebe
-willen. Der Fortgang der Menschheit seitdem ist ein langsamer, aber
-zäher Versuch, das nicht bloß zu sagen, sondern durchzuführen. Über den
-Ausgang besteht für mich kein Zweifel. Wir arbeiten an der Realisierung
-dieses Ideals, und all unser sittlicher Fortschritt geht hierher.
-
-Vergleicht man nun die beiden Naturprinzipien miteinander, so erscheint
-das erste wie das alte Testament der Welt, und das zweite wie das
-neue. Das erste reicht von dem uns erschaubaren „Anfang der Welt“ bis
-in den Menschen hinein; das zweite läßt sich, als auf seinen ersten
-ganz hellen irdischen Lichtpunkt hin, mit einem Namen lokalisieren bei
-Christus, mit dem jenes Ideal zweifellos den ersten festen Schritt
-zur Tat getan hat, einerlei wie sich nun der Schleier über der
-Persönlichkeit einmal löse.
-
-Auch diese beiden Naturprinzipien haben das Eigenartige, daß das zweite
-nicht kommt, um das erste aufzuheben, sondern nur um es in ein Höheres
-hinein zu erfüllen.
-
-Die Liebe wirft die Welt keineswegs wieder zurück in den wüsten
-Zufall. Sie umfaßt das rein Gesetzmäßige, -- wie ja ihr Träger für
-unsere Kenntnis, der Mensch, sich rein natürlich auch im Banne dieses
-Gesetzmäßigen entwickelt hat, ohne Riß, ohne Magie. Aber sie bringt in
-dieses Gesetzmäßige einen neuen Sinn.
-
-Dem Zufall gegenüber war schon ein großer Sinn das einfache „Muß“.
-Die Liebe aber sagt jetzt: das Muß tut es noch nicht. Das Muß
-schafft Glück, aber auch mit der gleichen Folgerichtigkeit bis ins
-siebente Glied heilloses Unglück. Die Liebe aber will nur Glück,
-nur Beglückendes. Sie wird das Muß nicht als solches aufheben, aber
-sie wird versuchen, es in ihren Dienst zu stellen: das folgerichtig
-Schlechte wird sie auszurotten suchen und nur das folgerichtig Gute
-erhalten.
-
-Die Frage wird sich nur hier vorwagen, ob sie das kann.
-
-Betrachten wir aber wieder das Stückchen uns bekannter Tatsachen.
-
-Wäre die Liebe etwas dualistisch der Natur Entgegengesetztes, so möchte
-die Antwort heikel sein. Aber sie ist ja selber in unserer Linie nur
-die sich entwickelnde Natur. Und da ist eins wieder über alle Maßen
-überraschend.
-
-Diese Liebe leuchtet genau erst da auf, wo wir im Kulturmenschen ein
-Wesen sehen, das zugleich mit Siebenmeilenstiefeln auf die Herrschaft
-über das ganze „Muß“ losschreitet, -- auf die +Herrschaft über alle
-Naturgesetzlichkeit+ wenigstens seines engeren Bereichs. Der Mensch
-in diesem Sinne, „Herr der Erde“ als Techniker, als Naturforscher --
-und dieser Mensch durchdrungen von der Liebe: -- diese Erde wäre ein
-Reich der Liebe innerhalb ihrer Naturgesetzlichkeit und durch sie.
-
-Nun mag man ja sagen, dieser Mensch mit seiner ganzen Erde sei nur ein
-Pünktlein in der Natur. Ein Sternlein sei diese Erde unter Milliarden.
-Was will das eine Sternlein der Liebe selbst dann gegen Milliarden
-Sterne der fortgesetzten reinen Naturgesetzlichkeit bloß im alten Sinne.
-
-Aber gerade weil ich das Auftauchen des Menschen und der Liebe in
-ihm nicht als eine Magie auffasse, sondern als ein naturnotwendiges
-Werden auf dieser Erde, halte ich solche Notwendigkeit auch auf anderen
-Weltkörpern für möglich.
-
-Ja, ich halte sie aus strengen Verstandesgründen sogar für sicher.
-Ich sehe in der Menschwerdung eine kosmische Stufe, die genau so
-milliardenmal eintritt zu ihrer Zeit, wie Milliarden Sterne leuchten
-gleich unserer Sonne zu ihrer Zeit.
-
-Aus der Naturstufe Mensch wird sich aber immer auch das Naturprinzip
-Liebe neu offenbaren, milliardenmal, durch die ganze Natur hindurch, --
-wenn es eben ein Naturprinzip, eine höhere sich entfaltende Form dieser
-Natur ist.
-
-Auf jedem belebten Weltkörper werden Menschen erwachen und in
-diesen Menschen ein Funken Liebe und zugleich ein Wegstückchen
-Naturbeherrschung, -- ein Stückchen Bändigung der Natur zu Zwecken der
-Liebe.
-
-Und in diesem ihrem Werk müssen die Funken wohl schließlich sogar
-zusammenfließen. Ist doch die Verbindung zuletzt eine reine Frage
-der Technik. Was sollen wir aber einer Technik für Schranken setzen,
-die sich Millionen von Jahre über das hinaus entfaltet, was wir
-heute besitzen. Zusammenhänge werden sich herausstellen zwischen den
-unzähligen kleinen Ecken und Winkeln der Naturbeherrschung.
-
-Im Moment, da alles Geschehen der Welt in den Händen, im Willen
-intelligenter Wesen liegt, alle Naturgesetzlichkeit nur in der Linie
-arbeitet, die dieser Wille will, -- in dem Moment würde die zweite
-Stufe erfüllt sein. Naturgesetz und Liebe fielen zusammen im Sinne, daß
-das Naturgesetz nur mehr wirkte in der Richtung der Wünsche der Liebe.
-Seine unendlichen Möglichkeiten wären sozusagen polarisiert auf die
-eine Ebene -- der Liebe.
-
-Für unsern Blick, in der Linie, die wir allein auf unserer Stufe
-denken können, bedeutete das die Stufe der vollkommenen Seligkeit: den
-Himmel. Wobei immerhin offen bleiben mag, wie auch diese Stufe von noch
-weiterer Entwickelung überwunden, überboten werden könnte.
-
--- -- --
-
-Solange die Menschheit jetzt über sich nachdenkt und Ideen darüber
-schriftlich niedergelegt hat, ist sie immer auf diesen fernen
-Zielgedanken hinausgekommen einer gesetzmäßigen Welt, aber mit
-einer obersten Leiterin in dieser Gesetzmäßigkeit: der Liebe. Die
-Gesetzmäßigkeit sorgend für die ewig Fortwirkung jeder Ursache. Aber
-die Liebe das erste „Daß“ setzend, von dem alle diese Fortwirkungen
-ausstrahlen.
-
-Unsagbar aber hat sich der Gedanke abgequält mit der Tatsache, daß
-offenbar dieses Ideal heute noch nicht erfüllt sei.
-
-Ungeheure Ketten solcher naturgesetzlichen Folgerichtigkeit liefen auf
-höchste Unlust, auf das Gegenteil aller Liebesforderung hinaus.
-
-Man stieß eben gegen den Sachverhalt, daß wir erst im +Werden+ der
-zweiten Stufe stehen, daß hinter uns nicht die Liebe, sondern die Stufe
-des wahllosen Muß steht, während erst vor uns, in der Ferne und durch
-uns in endlosester Projektion, die wahre Aufhebung dieses Muß in die
-Liebe steht.
-
-Schließlich hat aber auch an den verschiedensten Stellen das unentwegte
-Grübeln auf die Zukunftshoffnung geführt: auf die Idee einer Seligkeit
-in einer Ferne der Zeit, am „Ende der Dinge“, am „jüngsten Tag“, im
-„Nirwana“, und wie die Worte lauten mochten.
-
-Auch das ist der grübelnden Menschheit immer und immer wieder klar
-geworden: ihre seltsame Zwitterstellung halb scheinbar mit der „Natur“,
-halb gegen die „Natur“.
-
-Es waren die zwei Stufen der Natur, die in ihr rangen: die Raupe, die
-unter quälendem Schmerz sich selber als Puppe gebären soll.
-
-Abwechselnd fühlte der Mensch sich Herr der Natur und gefressen von
-der Natur. Heute liebend, geliebt, die Wunden heilend, die Beladenen
-aufrichtend, die Dinge regierend nach seiner Seligkeitssehnsucht, die
-alle gleich beglücken, verklären sollte. Morgen in Krankheit, die jäh
-aus seinem Innern fraß, vom Dämon besessen, unter Leichen hinstürzend,
-tausendfach im Bann völlig unverständlicher, unbeherrschbarer,
-unberechenbarer „Notwendigkeiten“, die einfach blind, gefühllos ihre
-Bahn abklapperten.
-
-Und der Bedrängte, Ratlose konstruierte in der Not einen ewigen
-Gegensatz der Dinge: hier das „Ich“, Liebe setzend, einiges
-vollbringend, aber dann wieder ohnmächtig, -- dort „die Natur“, die
-weltengroße kalte Muß-Maschine, die um der Konsequenz der heiligen
-Logik willen alle Gefühle und Sehnsuchten zermalmte.
-
-Auch hier war das Symptom erfaßt, -- bloß der Sinn hinkte.
-
-Es kam die Antwort Hiobs, daß wir den Sinn der Welt nicht verstehen
-könnten, weil wir zu klein sind.
-
-Oder die furchtbare Antwort des Harfners bei Goethe:
-
- „Ihr führt ins Leben ihn hinein,
- Ihr laßt den Armen schuldig werden,
- Dann übergebt ihr ihn der Pein,
- Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.“
-
-Dieser Vers malt unvergleichlich das reine „Muß“. War das das
-Weltprinzip nach wie vor? Der einzige Sinn der „himmlischen Mächte?“
-
-Was Wunder, wenn Prometheus sich dagegen auflehnte, das trotzige Ich,
-das, an den Felsen des „Muß“ geschmiedet, doch noch höhnt:
-
-„Ich kenne nichts Ärmeres als Euch Götter.“
-
-Prometheus hat eben tatsächlich etwas mehr als das Muß. Er hat die
-Forderung der Liebe.
-
-Aber der Kontrast ist nur der von älter und neuer.
-
-Das Alte ist eine unermeßlich große Masse, -- das Neue ein paar
-Lichtpünktchen. Man denke an die paar Menschen, die um Liebe nach den
-Sternen blicken -- und diesen Erdball unter ihnen, der kein Gesetz hat
-als das des „Muß“, wonach er jährlich 365 Mal um sich und einmal um
-die Sonne fällt. Aber gib dem Neuen die ganze Zukunft mit in Kauf und
-die Folge der Milliarden Generationen nach ihm, -- und Prometheus wird
-Christus, er wird Newton, der den Mond schon fallen sieht wie einen
-Apfel, er wird der Erfinder, der mit elektrischen Wellen über Meere
-spricht und endlich: nicht er hängt mehr am Kaukasus, sondern dieser
-ganze Kaukasus wächst und zerfällt, je nachdem er es zu Zwecken seiner
-Liebe will, er, der Herr der Naturgesetze.
-
-Wie bisher über die Einzelheiten dieser Dinge gestritten worden ist, so
-wird auch noch weiter darüber gestritten werden müssen. Was ich aber
-meine, ist, daß diese Gedankengänge sich +völlig vertragen+ mit
-den Dingen, die der moderne Naturforscher lehrt.
-
-Nirgendwo steckt auch nur die geringste Konzession darin, die vom
-+Naturforscher+ verlangt würde.
-
-Es wird bloß darin Ernst gemacht mit dem, was gerade dieser Forscher
-verlangt und verlangen muß: daß nämlich der Mensch in seinem ganzen
-Umfange in die Natur aufgenommen werde. Dieser Mensch muß dabei
-bleiben, was er ist. Er wird nicht plötzlich +bloß+ Kraft und Stoff,
-oder +nur+ eine Mischung aus ~H₂O~ und einigen anderen Elementen.
-Er bleibt Hiob und Prometheus und Christus und Faust, bleibt in
-der uralten brennenden Sehnsucht seiner Ideale, bleibt in seiner
-Weltverzweiflung und Welthoffnung und Weltüberwindung, bleibt in seiner
-Liebe.
-
-Von all diesen Dingen wird man doch wohl nicht glauben, daß der
-Naturforscher plötzlich daran rüttle?
-
-Er gerade ist doch der allerletzte, als Beobachter, der Phänomene
-scharf auseinander zu halten gelernt hat, -- der einen Unterschied
-leugnen sollte zwischen einem Stein, der einfach nach dem
-Gravitationsgesetz fällt, oder einer insektenfressenden Pflanze, die
-unerbittlich ihr Opfer aussaugt, -- und dann einem Menschen, in dem das
-schlichte christliche Gebot auferstanden ist, daß man mit den Armen das
-Brod teilen und seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst?
-
-Was der Naturforscher in erster Linie verlangt, ist, daß diese
-Unterschiede nicht durch Magie erklärt werden, sondern als natürliche
-Entwickelungen.
-
-Gerade das aber wollen ja jene Ideengänge, denen +alle+ jene
-Vorgänge nur Entwickelungsstufen einer und derselben Natur sind.
-
-Gerade der Naturforscher wird doch auch der letzte sein,
-der unabsehbare Zukunftsfernen dieser einmal angeschlagenen
-Entwickelungswellen leugnet. Von ihm stammt ja die erste exakte
-Fassung des alten Glaubens, daß alles Geschehene für die Ewigkeit
-geschehen, in die Ewigkeit hinein geschrieben sei: er lehrt uns, daß
-die Kraft nie erlischt und daß der geringste Schlag im Äthermeer
-fortzittert durch alle Äonen hindurch in immer weiter sich zerteilenden
-Kreisen, -- diesen wunderbaren Gedanken von der Unsterblichkeit
-der Wirkungen, auf dem Fechner seine ganze tiefsinnige Philosophie
-aufgebaut hat.
-
-Aus der Astronomie und nicht aus der Märchendichtung stammt unseren
-Tagen die Idee, daß gleiche Ursachen auch auf anderen Sternen zu
-gleichen Wirkungen, nämlich organischer Lebensentfaltung bis zu
-intelligenten Wesen hinauf, führen müssen.
-
-Aus unserer Technik, die in allen Zügen angewandte Naturwissenschaft
-ist, stammt die schlichte Folgerung, daß unserer Beherrschung des
-mechanischen Geschehens keine Grenze gesteckt sei. Dieses Mechanische
-hat in sich keinen Riß und das macht es zum kontinuierlichen Bande,
-das wir fort und fort weiter aufrollen, nachdem wir einmal fest Hand
-angelegt haben. Der größte Unsinn, den der Wilde sich ausdenken konnte,
-ist von unserer Technik schon erfüllt: daß wir durch Wände sehen
-könnten, daß wir den Blitz zu einem zahmen Haustier machen könnten, das
-uns die Stube erhellt, daß wir mit einer Wolke Stoff, die leichter als
-Luft ist, durch die Luft fliegen könnten, daß wir das Licht zwingen
-könnten, uns Rede zu stehen, wie es in der Glutatmosphäre der Sonne
-oder im Nebelfleck der Andromeda aussieht.
-
-Wie anders aber nimmt sich der Naturbegriff aus, wenn wir ihn von
-solchen Linien her fassen!
-
-Wie groß erscheint der Mensch darin: der Träger der Naturwende auf
-unserem Stern!
-
-Ausgelöscht ist das Minotaurusbild.
-
-Jener Kampf des Herzens gegen die eiserne Logik ist der große
-Höhenkampf der Natur selbst, der in uns ringt, -- der zweite
-Schöpfungstag, der mit dem ersten streitet.
-
-Über das graue Nebelfeld zuckt ein optimistischer Strahl.
-
--- -- --
-
-In der Edda kommt ein furchtbares Schlußbild alles Weltgeschehens
-vor, zu furchtbar doch, als daß es selbst dort, wo Götter und Welten
-sterben, als endgültiger Abschluß gedacht würde. Himmel und Erde sind
-verbrannt und über die Stätte hat sich ein uferloses schwarzes Meer
-ergossen. Nichts mehr lebt darin. Nur ein gespenstischer Spielmann
-zieht darüber und nach dem einförmigen Takt seiner Melodie heben sich
-die Wellen unablässig herauf, um wieder zu sinken, -- auf und ab, ein
-zweckloses Einerlei -- und das in alle Ewigkeit.
-
-Auf ein solches grauenvolles Phantasiebild lenkt aber als
-Wirklichkeitsschluß der falsch angewendete Materiebegriff.
-
-Das Meer ist der abstrakte Stoff, der Spielmann mit seiner unendlichen
-Melodie ohne Wechsel die abstrakte Kraft. Und es ist hier nicht bloß
-ein Endbild, es ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alles in
-einem. Den Menschen mit seinen Hoffnungen und Idealen in dieses Meer
-hinabziehen, heißt ihn schon jetzt vernichten.
-
-Und doch ist nichts nötig, als die Natur-Definition nur auf eine etwas
-größere Fülle der Phänomene zu bauen statt auf eine solche einzige
-skeletthafte Abstraktion, -- und dieses Meer des gespenstischen
-Spielmannes wird zu der blauen Welle, aus der in einer Lotosblume das
-Gotteskind Mensch erblüht, das Kind, in dem die Gott-Natur sich selber
-fortschreitend neu zur Welt bringt.
-
-Nur etwas mehr Mut braucht es in der Definition des gleichen Dings.
-
-Hat man diese große Linie aber einmal resolut erfaßt, so ist es leicht,
-in sie noch eine Menge einzelner Züge hineinzuzeichnen, die jetzt alle
-nach der optimistischen Seite weisen.
-
-Die Stufe der Liebe ersteht rein „natürlich“ aus der Urstufe des
-Gesetzes, sagte ich. Sie entwickelt sich in dem uns bekannten
-Weltausschnitt in der Phase, die allmählich zum Menschen hinleitet und
-endlich in diesem selbst gipfelt. Hier aber wird die Frage wichtig, ob
-dann nicht in der Stufe des reinen Gesetzes doch +auch schon+ ein
-optimistisches Prinzip erkennbar gewaltet haben müsse.
-
-Diese Frage berührt allerdings zunächst das unendlich schwierige
-teleologische Gebiet.
-
-Auch auf diesem Gebiete haben wir uns vorweg vor einem Irrtum zu
-hüten, der ebenso gefährlich werden kann wie der falsch verstandene
-Materie-Begriff.
-
-Wenn ich Ernst mache mit der Behauptung, es sei der ganze Mensch ein
-Stück Natur, so darf ich nicht sagen: es gibt in der Natur keine
-Zwecke. Der Mensch handelt nach Zwecken, und also handelt die Natur auf
-der Stufe Mensch nach Zwecken. In einer Generaldefinition der Natur
-muß der Satz stehen, daß sie jedenfalls unter bestimmten Verhältnissen
-bewußt zwecksetzend, also im ausgesprochensten Sinne teleologisch
-arbeitet. Der Sieg der Liebe, von intelligenten Wesen durchgefochten,
-wird auf alle Fälle erreicht werden mit den Mitteln solcher Teleologie.
-
-Andererseits bleibt aber ebenso wahr, daß lange Zeit hindurch nichts
-verhängnisvoller gewirkt hat, als das Hineindeuten von Zwecken in die
-reine Stufe des Muß.
-
-Es war wie ein Aufatmen für die Naturforschung, als aus diesem
-Teil der Natur das teleologische Prinzip zunächst einmal nach
-Möglichkeit herausgedrängt wurde zu Gunsten einer Betrachtung reiner
-Kausalzusammenhänge.
-
-Wenn ich mich überhaupt mit dem „Muß“ beschäftige, so muß dieses auch
-+herrschen+.
-
-Jede Einmischung irgend welcher Art wäre Magie, und die zerstört das
-Fundament unserer anderen größten Errungenschaft: des Vertrauens in
-die absolute Naturlogik, in das ewige: „Gleiche Ursachen, gleiche
-Wirkungen.“
-
-Gleichwohl gibt es noch eine dritte Betrachtungsweise, die eben möglich
-wird, weil beide Gebiete doch +natürlich+ zusammenhängen.
-
-Das „Muß“, das „Gesetz“, hat den Menschen und die Liebe schließlich
-in der von ihm allein beherrschten Welt doch auch hervorgehen lassen.
-Es hat eine ungeheure Entwickelungskette erzeugt, die zu diesen
-Höhenphänomenen hinführte. Unter diesen Umständen fragen wir uns, ob
-nicht mit der ersten Setzung dieses Muß wenigstens doch auch schon
-ein optimistisches Grundprinzip mit gesetzt war, das solche Blüten
-ermöglichte.
-
-Wohlverstanden: ich will auch jetzt keineswegs die geschlossene Kette
-des Naturgesetzlichen durchbrechen mit einer hineingeschmuggelten
-Zweckkreuzung, einem Finger aus Numero ~x~, der die Kette beugt.
-
-Ich teile konsequent den Standpunkt Fechners, der immer und immer
-wieder seinen Hörern eingepaukt hat: alle Welt-Teleologie muß im
-Naturgesetz umschlossen sein, muß gesetzt sein, wenn sie besteht,
-+durch+ die Naturgesetze, nicht noch einmal neben oder hinter ihnen;
-wenn es einen Zweck im Fall des Steines gibt, so kann er einzig und
-allein erfüllt werden durch diesen in der mathematisch genauen Formel
-der Gravitation gegebenen Fall und nicht noch einmal extra; in diesem
-genauen Wortsinne gibt es keine Meta-Physik, das heißt: nichts noch
-einmal +hinter+ der Physik.
-
-Aber wenn das Weltmuß an einer Stelle des uns sichtbaren Bildes in
-eine optimistische Linie im Sinne eines Anlaufens auf wachsende
-Glückseligkeit einmündet, -- werden wir nicht erwarten dürfen, daß
-in der ersten Setzung dieses Muß bereits als ein optimistisches Ziel
-irgendwie gegeben war? Mit andern Worten: steckt nicht schon ein
-optimistisch zu deutender Faden in der Stufe des Gesetzes?
-
-Ich glaube, daß wir ihn erkennen können. Er offenbart sich in dem
-eigentümlichen Zwange der Weltlogik, der +das Harmonischere über das
-Disharmonische+ rein mechanisch triumphieren läßt.
-
-Diese Logik hat noch gar nichts direkt zu tun mit Lust oder Schmerz.
-Sie trifft Sterne und Steine und Staubteilchen, man kann sie
-durchführen durch eine +absolut mechanisch+ gedachte Natur.
-
-Aber innerhalb dieses Mechanismus waltet sie als ganz bestimmtes
-Ordnungsprinzip. Sie siebt unablässig das regellose Auftauchen der
-Formen durch auf eine ganz bestimmte, fort und fort gesteigerte
-Ordnung, eine harmonische „Anpassung“ der Teile aneinander.
-
-Ihr Werk ist, daß die rein gesetzmäßige Natur nicht als ein unendlich
-buntes Phantasiestück, sondern bereits als ein „Kosmos“ erscheint.
-
-Es ist die Logik, die Empedokles als Weltordner pries und die in unsern
-Tagen Darwin als sein Prinzip der natürlichen Auslese der Passendsten
-im Organischen auf den Schild erhoben hat.
-
-Diesem Weltprinzip allein verdanken wir die Möglichkeit eines
-mindestens auf Jahrmilliarden stabilen Fixstern- und Planetensystems,
-die Grundbedingung also der uns bekannten organischen Entwickelung. Und
-diesem Prinzip verdanken wir zweifellos den Menschen selbst, der das
-Ideal geradezu einer prachtvollen Anpassungs-Auslese darstellt.
-
-Die gewöhnliche Antwort lautet allerdings, daß dieses Gesetz der
-Erhaltung des Passenderen doch ganz selbstverständlich sei.
-
-Ja, warum aber ist es selbstverständlich?
-
-Es ist selbstverständlich, erstens weil eine Logik, eine
-Gesetzmäßigkeit überhaupt in der Welt ist. In einer reinen
-Kuddelmuddelwelt wäre es gar nicht selbstverständlich. Es ist aber
-selbstverständlich zweitens noch, weil in dieser Weltlogik mit ihrer
-+ersten Setzung+ eine +optimistische+ Tendenz steckt, etwas
-was zu harmonischen, stabilen und immer harmonischeren, stabileren
-Verhältnissen in der Welt drängt.
-
-Auch dieser Gedankengang ist ein sehr schwieriger im Ausbau, den ein
-paar Sätze gewiß nicht erschöpfen können. Er berührt unter anderem
-ja die tiefste philosophische Kernfrage der ganzen Darwinschen Idee.
-Aber so viel, meine ich, leuchtet doch schon durch, daß auch er nur
-einen optimistischen Zug in das Gesamtbild fügen kann. Gleichzeitig
-umfaßt er aber wieder nur ein streng naturwissenschaftliches Gebiet.
-Läßt er sich doch sogar die extremste mechanistische Ausnutzung des
-Zuchtwahlprinzips im Gebiet des Lebendigen gefallen, die nur möglich
-ist, -- ohne ein Titelchen seiner optimistischen Färbung dabei
-preiszugeben.
-
-Von den einzelnen Phänomenen der Anpassung aus läßt sich dann wieder
-ein sehr klarer optimistischer Faden finden in der „Entwickelung“ der
-Dinge, wie sie uns unser Naturausschnitt geschichtlich weist.
-
-Immer, solange man in Linien dieser Geschichte etwas hineinschaut durch
-Astronomie, Geologie, Paläontologie, Anthropologie, hat ja der Gedanke
-frappiert, daß es da doch eigentlich im ganzen ständig emporgehe: --
-vom chaotischen Nebelfleck zum Sonnensystem, von der Glutkugel zur
-bewohnbaren Erde, vom einzelligen Urtier zum Menschen. Und im Menschen
-vom Mammutjäger zu Plato und Kopernikus und Goethe.
-
-Aber es gibt doch auch gegenteilige Meinungen, anknüpfend an die
-Kuddelmuddel-Definition einer völlig sinnlosen Natur.
-
-Da erscheint diese ganze angebliche Entwickelung der Erde bloß als
-der Degenerationsprozeß eines erkaltenden, verfallenden Planeten. Das
-ganze Leben ist bloß eine Verfallsanpassung, die mit fortschreitender
-Erkaltung auch des benachbarten Gestirns wieder verschwinden
-wird. Der physikalische Satz aus der Lehre von der Entropie wird
-herangezogen, wonach in einer endlich begrenzten Welt schließlich die
-Temperaturdifferenzen sich völlig ausgleichen müßten und damit jedwedes
-Weltgeschehen endgültig zum Stillstand käme. Die Anpassung wird gefaßt
-als etwas völlig zielloses, ein ganz beliebiges Jenachdem, in dem alles
-gleichwertig ist, was überhaupt da ist: heute der Bacillus, morgen der
-Wurm oder der blinde Olm oder der Mensch.
-
-Und doch steckt auch hier wieder gerade in der skeptischen Auffassung
-das eigentlich Gewaltsame, das Vergewaltigende den schlichten
-naturgeschichtlichen Tatsachen gegenüber.
-
-Die Skala der Entwickelung in dem uns gegebenen zeitlichen Weltstück
-einfach bloß auf das Thermometer hin zu definieren, ist genau so
-abstrakt einseitig wie jene Skelettierung des Naturbegriffes auf „Kraft
-und Stoff“.
-
-Ich lasse den Entropie-Satz dabei von vorne herein aus dem Spiel, da
-er mit einer +endlichen+ Welt rechnet, für die natürlich alle
-Ideen von unendlicher Entwickelungsfolge fortfallen, die aber selber
-dafür auch völlig aus jedem Beweis fällt. Ich beschränke mich auf
-die engeren Tatsachen-Linien. Im Moment, da der Planet seine eigene
-Sonnenglut verliert, erwacht nach gangbarer naturwissenschaftlicher
-Annahme auf ihm die wunderbare Stufe des uns bekannten organischen
-Lebens, wahrscheinlich zuerst in jener Bakterienform, die mit ihrer
-gewaltigen Fähigkeit, hohe Temperaturen zu ertragen wie schaurig tiefe,
-noch das Kennzeichen einer weiteren, umfassenderen kosmischen Anpassung
-verrät. Für die engeren Erdverhältnisse richtet sich dann dieses
-Leben mehr und mehr ein, aber keineswegs im Sinne einer bloß passiven
-Anpassung.
-
-Immer deutlicher heben sich die Versuche heraus, durch sinnvolle
-Ausbildung herrschend zu werden auf der Erde.
-
-Zuerst erscheint das zerteilt über ganze Gruppen von Pflanzen und
-Tieren, die mit Hilfe hier dieser, dort jener Leibesorgane bestimmte
-Gebiete erobern: das Wasser, die Erde, die Luft, andere Wesen, Licht
-und Finsternis, Hochgebirge und Tiefsee, Wärme und Kälte. Wir sehen
-solche zersplitterten Anpassungskreise, doch schon von gemeinsamem
-Stamm, bei den Insekten; dann wieder den Reptilien; die wieder werden
-vom Typus des Säugetiers überboten. Gleichzeitig aber vollzieht sich
-ein wunderbares Zweites. Neben die zersplitterten Anpassungsversuche
-ganzer Gruppen, in denen jede eine Möglichkeit starr vertritt, stellt
-sich ein Bestreben, zahlreichste Möglichkeiten auf eine Form, eine
-Art zu vereinigen, eine Art zu konstruieren, die auf jede Bedingung
-der Erde zweckmäßig reagiert. Diese Art in ihrer Vollendung muß
-Erdherrscher im absoluten Sinne werden. Wir wissen, welche es ist: der
-Mensch.
-
-Dieser Mensch ist nicht wieder eine Anpassung neben vielen wie der
-Käfer, wie der Olm, wie der Vogel. Er ist die absolute, die erfüllende,
-sämtliche Einzelversuche zusammenfassende Anpassung der Erde. Es wird
-ihm ermöglicht durch sein Gehirn, das im Werkzeug eine höhere, neue,
-überbietende Stufe des Organs schafft. Mit diesem Gehirn und Werkzeug
-wird der Mensch +Erdbeherrscher+. Die Erde geht auf in ihn. Seine
-Erde ist sie fortan. Ein Stück seiner Maschinen, ein Knochengerüst
-seines Werkzeugkörpers.
-
-An jener einseitigen Thermometer-Skala gemessen fällt das
-Aufwachsen des Kultur-Menschen in eine Zeit schon vorgeschrittener
-Erkaltungssymptome der Erde, -- mag er auch noch so früh in der
-Tertiär-Zeit +entstanden+ sein, so fällt doch sein erster
-+höherer+ Kulturanstieg, den wir kennen, zusammen gradezu mit der
-nachtertiären Eiszeit, -- also auf alle Fälle einem gewaltigen Symptom
-jener angeblichen Planetendegeneration. Man sollte meinen, diese
-Erdperiode müßte auch die ersten sichtbaren Verfallszeichen des Lebens
-einleiten. Statt dessen erfindet jetzt gerade der Mensch die künstliche
-Feuererzeugung: der erste Schritt zu der Enträtselung und Beherrschung
-der Wärme überhaupt als Naturkraft.
-
-Und nun dieser Mensch (um in den Gedankengang von oben wieder
-einzulenken) -- dieser Mensch ist es, der sich zu der Stufe der
-Liebe erhebt, dieser Mensch wird Christus! Mindestens scheint das
-Intellektuelle ein ganz anderes Tempo seiner Bahn einzuhalten als die
-Thermometer-Skala als Absolutwert erwarten läßt.
-
-Wir haben, um es immer wieder zu sagen, nur die eine einzige Naturlinie
-bis hierher zur Schau, nur dieses eine Paradigma und Beispiel der uns
-bekannten Erdentwickelung.
-
-Aber wer will vor diesem einen Beispiel wirklich leugnen, daß es
-in allen seinen Zügen geradezu schreit nach einer optimistischen
-Deutung, die diese Liebe als das sichtbare Ziel faßt und die
-Naturbeherrschung und alles, was zu ihr führte, samt allen Anpassungen,
-Planetenwandlungen und so weiter, als das Mittel?
-
-Wenn sich irgendwo ein reiner Kausalzusammenhang, aufgedeckt von
-nüchternen Naturforschern, die jede teleologische Betrachtungsweise
-sorgsam vermieden wie den bösen Feind, im Ganzen gedeckt hat mit
-diesem Endsinn, so ist es diese Entwickelung vom Nebelfleck bis auf
-den Menschen, der die Naturkräfte eine nach der andern in seine Hand
-bringt, um auf ihren Schultern ein Reich der verfeinerten Kultur, der
-idealen Menschlichkeit, der Liebe zu gründen.
-
--- -- --
-
-So wanderten meine Gedanken in der stillen Stunde in dem alten
-blumenweißen Gletscherbett, während die Tropfen in den schattenkühlen
-Felsschrunden leise von dem letzten schmelzenden Schnee fielen.
-
-Ich dachte an die Folgen der Jahrtausende, da Tropfen, klein wie
-diese, das ganze Gebirge abtragen würden. Und das hatte die Menschheit
-vor sich, -- Zeiten, in denen Gebirge schwanden und neu wurden durch
-Tropfen, die ein Sandteilchen herabschwemmen und anderswo wieder
-antragen....
-
-Ich dachte an die lieblichen Blütensterne dieser Anemonen -- und wie
-viel sonst noch in eine echte Natur-Definition einginge.
-
-Auch ein rhythmisches Kunstprinzip muß in dieser Natur stecken, das
-unten diese Blume gebaut hat und oben im Menschen als Raffael und
-Goethe und Beethoven herausgeblüht ist.
-
-Und aus dieser Natur sollte sich nicht doch ein beglückendes,
-erlösendes Evangelium herauslesen lassen, -- nun wir doch einmal jetzt
-endgültig ihr angehören durch Forschungsresultate, die keiner mehr
-umwerfen kann?
-
-
-
-
- (Friedrichshagen. Abendstunde daheim.)
-
-
-Die stille Lampe leuchtet über allerlei bunte Farben. Ein blasses Grün,
-ein grelles Orangegelb.
-
-Buchumschläge sind’s. Bücher haben sich angehäuft, während ich im
-Gebirge war, neue Bücher, eine ganze Schicht. Unheimlich schnell mahlt
-sie, diese große Geistesmühle der Menschheit. Ein paar Monate will man
-allein sein, mit Felsen, Bäumen, Tieren. Man schaut auf vom Traum und
-das Zimmer ist voll gemahlen von der Rastlosen, -- wie Max und Moritz
-steckt man halb im frischen Korn. Alles riecht nach Korn.
-
-Ich blättere. Darwinistisches, Antidarwinistisches. Das letztere
-kommt jetzt immer in einer gewissen Prozentziffer. Geht der Strom
-wirklich von hier fort? Sind wir so rasch fertig mit dem neunzehnten
-Jahrhundert? Mit der Idee schon, die es für seine größte hielt?
-
-Ich muß an ein Gespräch denken, droben in den Bergen, während Rübezahl
-seine Wolken warf.
-
-Wir unterhielten uns von den großen Problemen unserer Zeit. Mein Freund
-war ein geistvoller, außergewöhnlich kenntnisreicher, echt moderner
-Mensch. In allen Hauptpunkten waren wir einig über den Fortschritt,
-über den Kampf gegen das Veraltete, Absterbende, über den notwendigen
-Sieg der Aufklärung und das Wachstum freiheitlicher Ideen überall.
-
-„Aber die Haupt-Störenfriede, die alles hemmen,“ sagte er schließlich,
-„sind doch der Marx und der Darwin.“
-
-Ich wußte, was er an Marx auszusetzen hatte. Wissenschaftliche Details,
-wissenschaftlich diskutierbar, jedenfalls auf ernsten Fachstudien
-bei ihm beruhend. Ziemlich ebenso war es bei Darwin. Er war auch da
-Fachmann und seine eigentliche Kritik setzte wenigstens bei diskutabeln
-zoologischen und botanischen Einzelheiten ein.
-
-Aber seit langem polemisierte er so auch allgemein gegen die beiden.
-In seinem Kopfe hatten sich die Dinge allmählich so zurecht gestellt,
-daß er an diese Namen wie an Symbole dachte für das Äußerste, was
-ihm überhaupt befehdenswert schien. Er brachte sie auch jetzt vor,
-daß ein unbefangener Zuhörer, der beider Werk nicht genauer kannte,
-sie als Trumpf auf unser vorhergehendes Gespräch auffassen mußte,
--- als verkörpere sich in Marx heute etwa alle Unterdrückung,
-soziale Unfreiheit, starre Reaktion gegenüber jedem Versuch sozialen
-Fortschritts; und als sei Darwin der Typus des Obskurantentums, der
-geistigen Vergewaltigung und Rückschrittlerei auf dem Gebiete der
-Weltanschauung.
-
-Lassen wir Marx hier auf sich beruhen und bleiben bei Darwin. Leute,
-die, vor die Wahl gestellt, unbedingt für freie Ideen etwa gegenüber
-dem Kirchendogma eintreten würden, hauen in einer Weise neuerdings auf
-den Darwinismus los, als sei er plötzlich der böse Dämon.
-
-Aus der Fachliteratur läuft das dann in die Menge. Bei halben und
-flachen Geistern wird der Ton „Mode“, weil er wenigstens Abwechslung
-bietet. Die wirklich finstern Kreise aber freuen sich, daß ein
-gefährlicher Name plötzlich preisgegeben ist und sie ziehen, selber mit
-unverkennbarer Logik, ihren Vorteil davon.
-
-Ich bin in den letzten Jahren auch in guten, aber nicht
-naturwissenschaftlichen Schriften mehr und mehr einer Stimmung des
-Zweifels, der Unsicherheit gegenüber den Darwinschen Ideen begegnet.
-Man weiß nicht recht, wo selber angreifen, aber es kommt wie ein vages
-Echo: im Fache selbst sieht man ja schon wieder über die Sache hinaus.
-Der eine oder andere „Professor“ wird genannt, der bereits offen den
-„Zusammenbruch des Darwinismus“ lehre. Schwerwiegende neue „Tatsachen“
-werden natürlich dahinter vom Laien vorausgesetzt, -- Tatsachen, die
-Darwins Behauptungen widerlegt oder die sie doch nicht gestützt hätten.
-
-Dabei ist es merkwürdig: der Verdacht scheint sich meist auf das
-eigentliche Wort „Darwinismus“ zu konzentrieren, das Wort in
-Anführungszeichen.
-
-Der große Entwickelungsgedanke lebt, auch ohne Schlagwort, als das
-Lebendigste der ganzen Zeit in uns allen, beherrscht unser ganzes
-Denken und Handeln.
-
-Jener Mann, der in Darwin den Hemmschuh sah, war praktisch ein wahrer
-Entwickelungsfanatiker.
-
-So scheint es fast, als löse sich nachträglich bloß ein Wort, das
-Jahrzehnte hindurch die Bewegung gekennzeichnet, wieder von ihr
-ab. Das Wort ist aber gleichzeitig so mit ihr verquickt, daß der
-Mißverständnisse kein Ende werden will.
-
-Ist es wirklich möglich, heute „Darwin“ wieder aus der großen
-Entwickelungs-Richtung in unserem Geistesleben herauszuwerfen, --
-wegen irgend welcher subjektiven Begleitumstände, irgend welcher
-naturwissenschaftlichen Fach-Einwürfe?
-
-Oder äußert sich unter der Hülle des Kampfes gegen den „Darwinismus“
-am Ende doch eine beginnende Abschwenkung von dieser ganzen
-Entwickelungs-Richtung, über die sich bloß manche neueren
-Darwin-Angreifer selber in der Tragweite noch nicht klar sind?
-
-Ich gestehe, daß ich in dem ganzen Auftauchen und Weiterverbreiten
-solcher Zweifelfragen schon etwas Mißverständliches sehe.
-
-Es ist richtig, daß im engeren Fachgebäude des sogenannten Darwinismus
-gegenwärtig wieder einmal besonders lebhafte Kämpfe stattfinden. Diese
-Kämpfe sind überaus fruchtbar und segensreich, soweit sie gewisse
-allgemeine Gesichtspunkte nicht ganz verlieren und soweit persönliche
-Gehässigkeiten herausbleiben. Aber gerade diese echten Kämpfe sind
-in jeder Faser etwas total anderes, als der Laie, Freund wie Feind,
-dahinter zu suchen beginnt.
-
-Der Darwinismus mit diesem seinem Namen ist heute genau 44 Jahre alt,
-datiert vom Erscheinen des „~Origin of species~“ von Charles
-Darwin im November 1859.
-
-Wenn Darwin noch lebend unter uns weilte, so würde er ganz zweifellos
-der +erste+ sein, der jenen heute fortbrennenden Fach-Zwist
-mit Freuden, ja mit Genugtuung begrüßte. Er würde in ihm nichts
-anderes finden als sein eigenes Entwickelungsprinzip, das unablässig
-weiterwaltet, -- das sich jetzt auf einen Fels rettet als die endlich
-erreichte Feste, -- und das morgen diesen Fels selber anbohrt, um
-abermals weiter zu kommen.
-
-Darwin hatte in eigner Bahn die volle Wucht gefühlt, was es hieß,
-einen Ideengang umwerfen. Er hatte sich zuerst von der Theologie
-freigemacht, immerhin das noch ohne allzuviel Nöte. Dann war er in die
-strenge Wissenschaft gekommen, als halber Dilettant zunächst. Seine
-ganze Sorge war, sich nur überhaupt als berechtigt zur Fachforschung
-zu erweisen. Inmitten dieses Strebens aber geht ihm auf, daß ein
-allgemein angenommener Lehrsatz dieser Wissenschaft, der Satz von der
-Unveränderlichkeit der Tier- und Pflanzenarten, +falsch+ sei.
-
-Immer ist es ihm als etwas Ungeheures erschienen, daß er gerade berufen
-sein sollte, so verwegen den Revolutionär zu spielen.
-
-Sein endloses Zögern, das seinen Ruhm bedroht hat, vielleicht zum teil
-selbst seine physische Krankheit hingen damit zusammen.
-
-Doch er wagt es, muß es als ehrlicher Mann wagen, und er bricht
-durch. Er erlebt mit einem gewissen Grauen, daß ein einzelner den
-Kampf aufnehmen kann mit einer ganzen, über lange Jahrhunderte
-heraufkommenden Wissenschaft und daß er +siegen+ kann.
-
-Nie hat er das vergessen. In allem Triumph seiner Lehre, wo mancher
-vom Weihrauch erstickt wäre, schaut er beständig sich nach dem Manne
-um, der nun +ihn+ wieder umwerfen wird. Er rechnete mit der
-Wissenschaft, die er an einer Stauungsstelle entfesselt hatte, und die
-ihn dafür verschlang, indem sie auch über seinen Fleck strömte.
-
-Buchstäblich hat er die ganzen Jahre seines rauschenden Erfolges
-gegrübelt, wo er sich +geirrt+ haben könnte. Hinter den späteren
-Auflagen der „Entstehung der Arten“ glaubt man einen Menschen zu sehen,
-der beständig aus dem Schlaf aufschreckt mit dem Gedanken: „Ich habe
-etwas vergessen.“
-
-Wenn ich mir heute den Alten von Down denken soll, wie er in irgend
-eine zoologische Sektion tritt, zwischen einen Kreis junger,
-leidenschaftlich schimpfender Entwickelungs-Mechaniker, er könnte nur
-mit den Worten kommen: „Na endlich, Kinder, seid ihr endlich drauf, wo
-die Sache hapert!“
-
-Ob er freilich grade diese Einwürfe anerkennen würde, wäre ja eine
-andere Frage. Sicherlich aber würde er eins vorweg betonen.
-
-Wenn ich in den Kampf der Meinungen heute offen hinaustrete -- hinaus
-aus der Studierstube in die große ringende Welt -- so finde ich zwei
-Dinge im Streit, im unversöhnlichen Streit. Zwei Weltanschauungen
-mögen wir sie nennen. Man könnte ziemlich ebenso gut auch sagen: zwei
-Geschichtsepochen, die heute beide nebeneinander (noch und schon)
-Vertreter haben.
-
-Nach der einen Ansicht ist die Welt ein Ding unter einer Käseglocke.
-Jenseits der Glocke schaltet und waltet etwas absolut anderes. Es
-holt heraus, stellt hinein, macht was es will. Drunten rechnen sie,
-inventarisieren sie. Droben wird nicht gerechnet und aus dem Droben
-kommt, in das Droben geht ein unbegrenzter loser Inventarbestand.
-Wenn das „Droben“ will, so rauscht von der Glocke der Wind, rinnt
-der Regen. Und jeder Windstoß, jeder Regentropfen kommt eigentlich
-als „Wunder“. Das Droben setzt Tiere herunter, heute Trilobiten,
-morgen Ichthyosaurier, übermorgen Menschen. Und zu den Menschen
-übermenschliche Wesen noch wieder von jenseits der Glocke. Alles als
-unberechenbares Wunder. In der Existenz der Glocke steckt ein ewiger
-Riß, eine immer erneute Unfaßbarkeit, ein Hin und Her, das uns Menschen
-keine andere Rolle finden läßt, als die Hände in den Schoß legen und
-resigniert abwarten, was kommt.
-
-Dem gegenüber steht ebenso schlicht die Anschauung, daß es keine
-Käseglocke gibt. Daß alles eins ist im Sinne des Ur-Zusammenhangs. Das
-Drüben, das die Schäfchen und die Bäumchen setzt, sind diese Schäfchen
-und Bäumchen selbst, es ist nicht noch einmal besonders da. Wir selbst
-sind wir selbst. Alle Dinge der Natur, der Welt, sind da bloß als
-Ausfluß von Eigenschaften dieser Natur.
-
-Nun blicken diese beiden Ansichten in die Geschichte zurück.
-
-Die eine sieht da dieselbe Willkür. Eingriffe von jenseits der Glocke.
-Unberechenbare. Was ist ihr überhaupt die Gewähr des Geschichtlichen?
-Jene Übermacht ohne Raum und Zeit könnte auch rückwärts ja noch einmal
-hineingreifen.
-
-Die andere aber gerät unabänderlich auf den Begriff natürlicher
-Entwickelung. Weil es überhaupt eine Geschichte, eine Zeitenfolge
-gibt, die eins an Stelle des andern zeigt; und weil es ihr nichts
-gibt als die Dinge selbst; so folgt ihr einfach Wandel dieser
-Dinge: Entwickelung. Hier steht etwas. Morgen etwas anderes. Aus der
-Versenkung ist nichts gekommen. Folglich hat das eine sich entwickelt
-zum andern. Zu den Eigenschaften der Natur gehört auch Werden,
-Verwandlung, Entwickelung. Und die Geschichte ist das Reich dieser
-Eigenschaft.
-
-Nun denn: in den Kampf dieser beiden Grund-Meinungs-Verschiedenheiten
-greift auch nicht +eine einzige+ jener „neuen“ Tatsachen oder
-Ideen ein, die heute den Mittelpunkt der +Fachkämpfe um den
-Darwinismus+ bilden.
-
-Ob die Zuchtwahl-Theorie richtig ist. Ob ältere Lamarcksche Ansichten
-besser sind als die neueren Darwinschen. Ob es eine Vererbung
-erworbener Eigenschaften gibt. Was Vererbung ist. Wie die ersten
-Varianten entstehen, aus denen der Kampf ums Dasein nach Darwin
-ausliest. Ob neue Arten entstehen aus den einfachen Variationen oder
-(im Sinne von de Vries) aus plötzlichen Mutationen. Ob die bisher
-aufgestellten Entwickelungsgesetze der organischen Welt sämtlich
-falsch sind. Ob alle bisher entworfenen Stammbäume verkehrt sind. Ob
-der Haeckelsche Zusammenhang von Ontogenie und Phylogenie stimmt oder
-nicht. Ob selbst die Methoden, mit denen man bisher solche Gesetze,
-solche Stammbäume gesucht, alle grundirrig sind. Ob es ganz neuer
-experimenteller Wege bedarf, um nur erst einmal das Anfangsmaterial
-dazu notdürftig zu erlangen. Ob wir seit und mit Darwin in einem
-Überschwang von geistreichen Konstruktionen geschwelgt oder ob wir, wie
-andere meinen, in dürrer Heide uns im Kreise herumgetrieben und das
-Nächstnötige noch gar nicht gesehen haben. Ob es in der einheitlichen
-Natur als Grundeigenschaften dieser Natur noch zweitausend verschiedene
-Entwickelungsgründe, Entwickelungsgesetze, direkte oder indirekte Wege
-der Umwandlung gibt, von denen die ganze Darwinsche Richtung keine
-Ahnung besessen hat. Und so weiter. Das alles und noch ungezähltes
-mehr, das jüngere, besonders höfliche Kritiker heute gelegentlich
-veranlaßt hat, Darwin einen Tropf zu nennen und alle seine Schüler
-in Haeckel’s Richtung samt diesem unwissenschaftliche Stümper,
-+hinter+ die die ganze Entwickelungsforschung erst wieder
-zurückgehen müsse, wenn je etwas aus ihr werden solle, -- -- das alles
-miteinander hat nämlich +auch nicht+ die +leiseste+ Beziehung
-zu jenem General-Zwist der beiden +Weltanschauungen+.
-
-Es kann sie nicht haben, denn dieser Zwist ist viel älter als Darwin,
-er ist weder entfacht noch beendet durch Darwin, er ist viel größer,
-viel umfassender, viel tiefer als Darwin.
-
-Und in ihm haben noch ganz andere Leute mitzureden als bloß
-naturwissenschaftliche Spezial-Forscher.
-
-Im neunten Bande der großen Weimarer Goethe-Ausgabe (S. 268-79) steht
-ein loser Entwurf, ein „Schema“, von Goethes Hand, mutmaßlich von 1806.
-
-Er gibt die Grundzüge einer Kosmogonie auf Grund natürlicher
-Entwickelung, oder wenigstens des ersten Kapitels einer solchen.
-Die Erde erscheint zuerst als Stern. „Als ein Wandelstern. Die
-neuen Erfahrungen zeigen das Universum selbst nicht als fertig. Die
-Nebelsterne sieht man als Massen werdender Welten an. Ja den Jupiter
-als nicht erstarrt. Die Kometen, die man ehemals als Weltenzerstörer
-ansah, betrachtet man als werdende Erdkörper.“ So geht das weiter. Die
-Erde erstarrt. Die Urwasser schlagen sich nieder. „Sinken des Wassers.
-Hervortreten des Soliden. Gebirge im Kreuz.“ Der Granit erscheint
-als das frühste Gebirge. Überall ist „eine genetische Betrachtung
-wünschenswert.“ „Alles was wir entstanden sehen und eine Succession
-dabei gewahr werden, davon verlangen wir dieses successive Werden
-einzusehen. So wie die wahre Geschichte überhaupt nicht das Geschehene
-aufzählt; sondern +wie sich das Geschehene auseinander entwickelt und
-darstellt+.“
-
-Goethe verwarf die Katastrophen in der Erdgeschichte, weil sie ihm
-nicht genug Entwickelung enthielten. Er predigte die Lehren Lyells
-lange vor Lyell; er begrüßte Lyells großen deutschen Vorgänger, Hoff,
-als einen, der endlich in seine (Goethes) Bahn einlenke.
-
-Man fragt sich, wie jener Entwurf, der leider beim Gestein abbricht,
-ohne je ausgeführt zu werden, ins Organische hinein hätte weiter gehen
-können. Und es ist nur selbstverständlich, daß er auch da Entwickelung
-annahm. Goethe hat ja an anderen Orten seine Ansichten auch darüber
-klar genug ans Licht gestellt. Inwiefern seine engeren Ideen über
-den Weg dieser Entwickelung von der späteren Darwins abwichen, ist
-dabei sehr belanglos. Er dachte sich wohl, daß gewisse Grundtypen
-des Lebendigen naturgesetzlich bestimmt zu ihrer Zeit auf der Erde
-anschießen wie Krystalle. Die äußeren Umstände, das Milieu, die
-Lebensweise modelten dann im Einzelnen während des Werdens an der
-Reinheit dieser Krystallformen, bis das unendlich wechselvolle Spiel
-der heutigen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten entstand. Man kann
-sich bei dieser Auffassung über die Gesetze streiten, nach denen der
-Typus sich bildet. Aber man kann sich ja auch in der Mineralogie über
-die Gesetze streiten, die dort die anorganischen Krystalle bilden, und
-heute noch weiß keiner da Rat.
-
-Das Wesentliche bleibt, daß beides innerhalb der Natur gedacht wird.
-Jenes ganze Weltbild, zu dem Darwin nur ein letztes Stiftchen hinzutun
-konnte, war unzweifelhaft in Goethes Tagen schon vollkräftig da.
-
-Wie sollte es nicht.
-
-Wenn man das übernatürliche Eingreifen von jenseits der Käseglocke auch
-nur auf einen Moment vergißt, so werden Entwickelungstatsachen auch dem
-schlichtesten Sinn sofort übermächtig.
-
-Unser eigenes Leben unterliegt der Entwickelung; zwischen Kind und
-Mann, Mann und Greis liegt nicht ein göttlicher Wunderakt, sondern eine
-kontinuierliche Folge.
-
-Wie unsagbar einfach ist die Lehre der Geschichte. Ist der heutige
-Franzose aus dem alten Gallier entstanden durch glatte Entwickelung
-oder trennt die beiden ein mystisches Wunder? Sind die romanischen
-Sprachen, ist das heutige Schriftdeutsch nicht kontrollierbar
-„natürlich“ durch Entwickelung herauf gekommen? Zu solchen
-Gedankengängen ist kein Darwin erst nötig gewesen. Man kann die ganze
-Ideenunterlage zum „Darwinismus“ in diesem Sinne aus Goethes „Wahrheit
-und Dichtung“ oder aus Schlossers Weltgeschichte lernen, ohne den
-„~Origin of species~“ je gesehen zu haben.
-
-Aber Bücher sind überhaupt nicht dazu nötig.
-
-Wie oft bin ich gefragt worden, ob mich nicht manchmal ein Bangen
-anwandle, wenn ich mir sagen müßte, auf was für verwickeltem,
-spitzfindigem, haarspalterischem biologischen Material meine
-„darwinistische“ Weltanschauung im Grunde beruhe. Wenn nun ein Stäbchen
-wankt, hieß es, eins von den ganz zerbrechlich dünnen der biologischen
-Fachforschung, irgend so ein Sätzchen aus der Zellenlehre, ein
-statistisches Zifferchen über Variieren der Arten, ein Müschelchen
-oder Zähnchen der Paläontologie? Und das immer als Stoß in der
-Weltanschauung zu fühlen, im Heiligsten, das man für sich selbst,
-über sich selbst hat! Jeden Morgen zittern, wenn der Briefbote kommt
-und eine grüne oder blaue Broschüre bringt: ob da nicht der ganze
-„Darwinismus“ doch jetzt den Gnadenstoß hat durch ein Knöchelchen in
-einer verkehrten Erdschicht, oder eine neueste Superklugheit über den
-Zellkern, oder einen Froschembryo, der zwischen zwei quetschenden
-Glasplatten aufgezogen ist, -- zittern um den Zusammenbruch der ganzen
-Weltauffassung!
-
-Und wie oft habe ich diesem wohlmeinenden Bedauern lachend entgegnen
-müssen, daß meine Welt- und Lebensanschauung über Entwickelung im
-Gegensatz zum Wundereingriff gar nicht aus dem „Darwinismus“ in diesem
-Sinne stamme, also auch nicht mit ihm fallen könne, -- zugestanden
-selbst einmal (wozu nicht der geringste Anlaß ist), der ganze
-Darwinismus fiele heute oder morgen durch eine solche Einzelheit.
-
-Der Entwickelungsbegriff, auf dem ich nicht meine biologischen
-Spezialüberzeugungen, sondern meine Weltanschauung aufbaue, fließt mir
-aus der persönlichen Erfahrung meines ganzen Lebens zu, +nicht aus
-Büchern+.
-
-Als ich ein Kind war, habe ich gelernt, daß die weiße Blüte, die über
-Nacht an den Birnbaum im Garten gekommen war, nicht durch ein Wunder
-vom Himmel gefallen war, sondern sich aus der Knospe entfaltet hatte.
-Ich habe gelernt, daß die Suppe nicht per Wunder aus einer mystischen
-Versenkung kam, sondern aus dem Kochtopf, wo sie sich aus bestimmten
-Substanzen unter bestimmten Bedingungen vor meinen Augen entwickelte.
-
-Als ich älter wurde, bildete das ganze Leben nur eine einzige
-fortgesetzte Weitererziehung nach dieser Seite.
-
-Ich saß im Hörsaal und hörte griechische Geschichte vortragen.
-Ich hätte die Gesichter der Studenten sehen mögen, wenn unser
-scharfsinniger Dozent bei der Darstellung des „Peloponnesischen
-Krieges aus den Quellen“ plötzlich hätte den klaren Verlauf der Dinge
-durchbrechen wollen mit dem Satz: die Armeen in dieser Schlacht, die
-Verteidigungsmauern dieser Stadt, die Kasse, die diese Mittel lieferte,
-stammten nicht aus den und den gegebenen Verhältnissen, sondern
-sie waren plötzlich per Wunder da. Gegen diesen Dozenten wäre eine
-Disziplinaruntersuchung eingesetzt worden, die ihn schleunigst seines
-Amtes enthoben hätte.
-
-Ich wohnte einer Gerichtsverhandlung bei und hörte die Rede des
-Staatsanwalts. Gibt es eine blasseste Möglichkeit auch nur, sich
-auszudenken, daß ein Staatsanwalt in der logischen Entwickelungskette
-eines Indizienbeweises vor einer Mordtat irgendwo das „Wunder“
-einführen sollte anstatt einer ursächlichen Begründung aus den
-Verhältnissen und dem Zusammenhang?
-
-Es ist einfach jede Minute und jede Regung meines Lebens, es ist mein
-ganzes Ich als objektive Erfahrung aus so und so viel Jahren, was ich
-in die Wagschale lege, wenn ich mich für eine natürlich-einheitliche
-Weltanschauung und einen natürlichen Entwickelungsbegriff entscheide,
--- nicht ein Paragraph oder eine Figur aus einem modernen biologischen
-Lehrbuch.
-
-Gewiß, auch mein ganzes Wissen steckt darin und dabei
-selbstverständlich auch mein ganzes Naturwissen. Aber es ist nicht das
-Erste, sondern erst das Sekundäre jenseits der unmittelbar eingepaukten
-Lebenserfahrung.
-
-Und es ist wieder in diesem Naturwissen zunächst noch lange nicht
-Darwin oder irgend etwas mit seinem Gebiet auch nur Zusammenhängendes
-der engere Fels, auf den ich das +Stück+ meiner Weltanschauung
-baue, das speziell zur Naturforschung gehört. (Ein armer Kopf, der
-seine Weltanschauung +bloß+ auf „Naturwissenschaft“ im Fachsinne
-bauen wollte!) Lange vor Darwin, Jahrhunderte vor Darwin, hat aber auch
-die Naturforschung den Begriff geschaffen, der allerdings ein Pfeiler
-jeder einheitlichen Weltanschauung ohne Wunderbegriff sein muß: den
-Begriff der +Naturgesetzlichkeit+.
-
-Das simpelste Experiment gelingt nicht ohne ihn, die alltäglichste
-wissenschaftliche Rechnung bis in ein so banales Ding wie das Benutzen
-einer Uhr hinein ist ein Kinderspott ohne ihn.
-
-Er ist gewissermaßen die exakte naturwissenschaftliche Formel für jenes
-große Massenbild unserer Lebenserfahrungen.
-
-Die stärksten Geister der neueren Zeit haben gerungen, diesen Begriff
-zu klären, zu festigen als Formel, und sie haben damit allerdings jener
-zunächst intuitiv erlebten Weltanschauung einen Bewußtseinsausdruck
-gegeben, der heute leicht als ihre festeste Säule erscheinen kann.
-
-Diese Naturgesetzlichkeit ist es, auf der sich Goethes Idee von der
-Gott-Natur erhebt, und von der Fechner gesagt hat, daß sie der einzige
-strenge Beweis vom Dasein Gottes sei; auch er meinte natürlich Gott
-im Sinne der einheitlichen Gott-Natur, und seinem klaren Denkerkopf
-mußte folgerichtig das „Wunder“ umgekehrt als Beweis erscheinen, daß es
-keinen Gott, d. h. keine Einheit in der Welt gebe.
-
-Das alles steht vor Darwin, wie Newton und Galilei vor Darwin stehen
-und so viele, die für diesen Begriff der Naturgesetzlichkeit gelebt,
-gefochten, geblutet haben.
-
-Erst auf einem +weiten+ Wege von da komme ich zu Darwin und ich
-komme zu ihm mit einer im Prinzip bereits vollkommen +fertigen+
-Weltanschauung, an der er im Ganzen nichts mehr ab-, noch zutun kann.
-
-Zweifeln wir doch nicht: er selber ist an seine eigenen Spezialgedanken
-über Entwickelung der Tiere und Pflanzen auch schon seiner Zeit ebenso
-damit herangekommen als echt moderner Mensch.
-
-Seine Idee war, einen Gedanken, den das Leben und all sein Wissen
-ihm sonst genugsam eingepaukt hatten, auch in eine Spezialecke zu
-treiben, wo man sich ihm durch eine sonderbare Konstellation der Dinge
-bisher hartnäckig verschlossen hatte: nämlich in die Entstehung der
-wechselnden Tier- und Pflanzenarten auf Erden bis zur Tierart Mensch
-herauf.
-
-Zweierlei hat er dann versucht, und im Prinzip also jedenfalls
-versucht im Sinne und zu Gunsten einer monistischen
-Entwickelungs-Weltanschauung, wenn auch keineswegs als erstes Fundament
-einer solchen im Menschheitsdenken.
-
-Zunächst hat er versucht, die natürliche Entstehung
-der Tier- und Pflanzenarten nicht bloß als allgemeine
-Weltanschauungs-+Folgerung+ zu behaupten, sondern sie in
-sich so reinlich herauszuarbeiten, daß sie schließlich selber als
-+Exempel+ für die ganze Allgemeinidee gelten und wirken könnte.
-
-Dann hat er im notgedrungenen Zusammenhang damit einen höheren
-naturgesetzlichen Zusammenhalt gesucht, der als „Gesetz“ diese
-biologische Entwickelungslinie beherrscht und gelenkt haben könnte; das
-war für sein Vermuten die natürliche Selektion oder Zuchtwahl.
-
-Fragt sich, ob er in beidem das Rechte getroffen hat.
-
-Das erste könnte ihm mangels ausreichenden Materials mißlungen sein.
-
-Im zweiten könnte er sich über das spezielle Naturgesetz getäuscht
-haben, wie es so und so viel Forschern auf andern Gebieten gründlich
-und häufig auch passiert ist, ohne daß deshalb jemand Lärm gemacht
-hätte, die naturgesetzlichen Prinzipien der Forschung seien überhaupt
-erschüttert und die (unter anderm auch hier verankerte) natürliche
-Weltanschauung sei bankerott.
-
-Immerhin läßt sich nach 44 Jahren mit kühlem Kopfe diese Doppelfrage
-stellen.
-
-Vor diesen beiden Möglichkeiten setzt der heutige Kampf um Darwin ein,
--- +kein+ Weltanschauungs-Kampf mit hie Entwickelung, hie Wunder.
-Sondern eine höchst interessante Debatte mit zwei schlichten Fragen:
-erstens ob sich von der Entwickelung auch an dieser (über ein paar
-hundert Jahrmillionen verzettelten) Ecke heute schon oder noch ein
-Bild gewinnen läßt; -- und zweitens, ob in diesem Bilde die natürliche
-Zuchtwahl eine Rolle spielt.
-
--- -- --
-
-Als Darwin, gedrängt von der ganzen Geistesrichtung seiner Zeit,
-sich mit dem Entwickelungsgedanken in die Geschichte der Tier- und
-Pflanzenwelt wagte, stieß er dort, wie gesagt, auf eine in jeder
-Hinsicht außergewöhnliche Situation.
-
-Zwei Dinge waren in unvereinbaren Widerspruch miteinander geraten.
-
-Auf der einen Seite stand das Dogma, daß die Arten in der Geologie und
-Botanik unveränderlich, konstant seien.
-
-Auf der andern wies die neuaufgeblühte Geologie nach, daß beim
-Zurückgehen in frühere Epochen der Erdgeschichte das Bild der Tier- und
-Pflanzenwelt tatsächlich ein anderes wird, daß andere Arten erscheinen
-wie heute, während die heutigen durchweg noch fehlen.
-
-In der Not hatte hier, unwissenschaftlich genug, eine Weile wirklich
-das „Wunder“ herhalten müssen. Die Art war in sich konstant. Aber
-ab und zu im Laufe der Jahrmillionen kam eine Hand von jenseits der
-Glocke, brach allem Vorhandenen den Hals und setzte neue Arten herunter.
-
-Darwin trat dem entgegen, nicht eigentlich als Revolutionär, wenn
-man die Dinge ganz streng mißt, sondern einfach als Vertreter der
-schlichten wissenschaftlichen Methode, wie sie für alle anderen Zweige
-der Forschung längst fest eingeführt war.
-
-Vom Boden einer Naturgesetzlichkeit, erklärte er, ist der Ausweg
-des Wunders unzulässig. Zulässig ist dagegen, anzunehmen, daß ein
-wissenschaftliches Dogma falsch sein könne, -- in diesem Falle das
-Dogma von der Konstanz der Arten. Es kann eine natürliche Entwickelung
-von Arten zu anderen Arten stattgefunden haben, -- und das würde in
-Einklang mit der Geologie sein.
-
-Die Geologie wurde damit von einer Art Ketzerrolle befreit, zugleich
-wurde ihr aber auch eine große, neue, positive Aufgabe zugewiesen. Gab
-man ihr zu, daß Arten sich entwickelt haben könnten, so schien nun ihr
-der Beweis obzuliegen, daß es tatsächlich der Fall gewesen sei.
-
-Mit Forderungen an die Geologie aber ist es eine seltsame Sache.
-
-Es ist das hübsche Los aller Wissenschaften, die auf den Zufall
-historischer Dokumente angewiesen sind, daß „Fordern“ in ihnen einen
-komischen Beigeschmack hat. Ich suche Daten über Wallensteins Leben
-und finde die vollständigen Akten über Herrn Müller oder Schulze, die
-+dessen+ Leben bis in jeden Punkt aufhellen. Ich suche schmerzlich
-Angaben über das mir größte Ereignis des Altertums, die Taten Christi;
-der Vesuv liefert mir eine ganze römische Stadt mit Haut und Haaren aus
-und in dieser ganzen Stadt hat man von Christus keine Notiz genommen.
-
-Der Laie sieht ein prachtvolles Museum aufgebaut: geologische
-Fundstücke aus dem Leben der Vorwelt. Er kommt mit der Idee Darwins
-zwischen die Megatherien und Ichthyosaurier und verlangt, daß ihm die
-gesamten Darwinschen Übergangsketten, die in der Entwickelung jede
-Tierart mit der nächsten verknüpfen, vorgezeigt werden. Man zuckt die
-Achseln, und nun fängt er an zu schmollen. 44 Jahre nach Darwin und
-noch immer dieses Material nicht zur Stelle? Da ist es doch wohl mit
-dem ganzen Darwin nichts.
-
-In Wahrheit ist unsere gesamte Versteinerungskunde heute wenig über 100
-Jahre alt. In den letzten 50 dieser Jahre, also auch in der Ära Darwin,
-hat sich trotz alles Aufblühens an gewissen Dingen für sie gar nichts
-geändert und es wird sich noch lange nichts, zum teil nie etwas daran
-ändern.
-
-In den 50 ersten so wenig, wie in den 50 letzten Jahren des
-Jahrhunderts haben ihr, die mit vielen Millionen von Jahren rechnet,
-auch entsprechende Millionen von Mark zur Verfügung gestanden.
-
-So ist ihre Materialsuche Stückwerk ohne jedes systematische
-Vorgehen geblieben. Ihr Stoff, die ganze Masse dessen, was an alten
-Tier- und Pflanzenresten überhaupt erhalten ist, durchsetzt, oft
-in homöopathischer Verdünnung, alle jüngeren Schichtgesteine der
-Erde. Dieses Musterbuch ganz zugänglich machen, hieße nichts viel
-anderes, als die ganze Erdrinde abblättern, aufrollen von den höchsten
-Alpengipfeln bis unter die Sohle unserer heutigen tiefsten Bohrlöcher,
--- nicht zu vergessen den Boden aller Ozeane und den Sockel der polaren
-Eiskappen.
-
-Erst wenn die Millionen, die Arbeitskräfte, die technischen Erfindungen
-da vorhanden und die Sache geleistet wäre, könnten wir von einer ersten
-Inventaraufnahme sprechen, die dann auf Darwin zu prüfen wäre.
-
-So, wie die Dinge liegen, sind wir bisher trotz der 100 Jahre auf ein
-paar Stichproben angewiesen. Ein Schieferblock etwa wie der Solnhofener
-lithographische Stein, der eine prachtvolle ganze Schriftseite der
-Jura-Zeit liefert, ist zu technischen Zwecken wirklich im Abbau und
-steuert langsam sein Teil zu. Hier, dort hat ein Privatmann sein Geld
-und seine Energie ähnlich auf einen einzelnen Punkt konzentriert.
-Punkte gegen eine Erde!
-
-Schon diese Stichproben haben aber genügt, um etwas noch viel
-Fundamentaleres, selbst mit allen Milliarden aller Staatskassen der
-Welt Unverrückbares zu offenbaren.
-
-Das in der ganzen Erdrinde versteinert Erhaltene ist überhaupt
-+nur+ wieder eine Stichprobe dessen, was lebendig +da war+.
-
-Sicherste Anzeichen lehren das. An sich ist es ja ein wahres
-Wunder anstatt einer dicken Wahrscheinlichkeit, daß überhaupt
-etwas so erhalten ist. Der Laie hat da gut fordern. Wenn ich
-ein paläontologisches Museum besuche, so ist mir immer wieder
-das staunenswerteste Rätsel, daß das alles die ungezählten
-Zerstörungsmöglichkeiten in Jahrmillionen überdauert hat. Um so
-selbstverständlicher, daß schließlich Grenzen kommen. Es ist im ganzen
-doch nur ein kleiner Bruchteil, eben eine Stichprobe, da.
-
-Das Wort Stichprobe paßt aber wieder in anderem Sinne schlecht dabei.
-In so und so viel Fällen geht es wie oben in dem Beispiel: ich steche
-auf Wallenstein und dringe in die Käserechnungen des Herrn Schulze.
-Wenn die Stichproben mich nun aber gar unzweideutig lehren, daß
-Wallenstein überhaupt nicht mehr dabei ist? Diese Sachlage steht fest
-für das ganze Altbuch der Paläontologie.
-
-Da liegen ungeheure Schichtgesteine, die sogenannten krystallinischen
-Schiefer. Jede Spur von Versteinerungen ist nachträglich darin
-gelöscht, -- durch irgend einen seltsamen Prozeß, der das Gestein
-durcheinander gearbeitet hat, vielleicht die Wärme, die bei der
-nachträglichen Zusammenziehung des Erdballs entstand, es gibt da nur
-Vermutungen. Was wir auch wollen: wir müssen bei allen geologischen
-Streifzügen abwarten, bis diese verwunschene Schichtenfolge aufhört,
-erst dann setzt die Möglichkeit von Versteinerungsfunden ein. Das Leben
-der Urzeit selber aber hat offenbar keineswegs die Freundlichkeit
-gehabt, für uns so lange mit zu warten. Als der Vorhang für uns
-endlich, mit der kambrischen Epoche, aufgeht, ist es schon im vollen
-Spiel. Ja, fast hat es den Anschein, als schneiten wir mindestens in
-den vierten Akt. Von Entwickelungsanfängen kann keine Rede mehr sein.
-Schon treten Muscheln, Stachelhäuter, hoch organisierte Krebse, ja
-gar bald bereits Fische auf. Aus den Steinabdrücken werden wir nie
-erfahren, durch welche Formreihen hindurch sie sich entwickelt haben
-könnten, denn tiefer geht unser irdisches Dokument überhaupt nicht.
-
-Was heißt hier „fordern“?
-
-Fordern wir vom Astronomen, daß er uns die Rückseite des Mondes zeige
-und machen wir davon den Wert der Astronomie abhängig! So ist es genau
-mit dem Darwinismus in der Geologie jenseits der ersten Muscheln und
-Trilobitenkrebse.
-
-Auf solche Löcher im Material hat schon Darwin selbst hinweisen müssen.
-Geändert hat sich aber in den 44 Jahren seither nicht das Mindeste
-daran, -- so wenig wie unsere Astronomie in den Jahren hinter den Mond
-gekrochen ist.
-
-Es gibt aber noch mehr Lücken.
-
-Als man zuerst Tier- und Pflanzenabdrücke fand und noch in biblischer
-Treue dabei nur an die Sintflut dachte, bürgerte die Idee sich ein,
-alles Versteinerte sei das Resultat irgend einer jähen Katastrophe,
-einer großen Wandlung im Erdenleben: verschüttete Wälder, in Hekatomben
-verunglückte Tiere. Einzeln ist es auch wohl so gewesen, in der Regel
-nicht. Die Regel zum Zustandekommen von Versteinerungen war gerade
-das Gegenteil: lange Epochen größter Ruhe und Regelmäßigkeit. Wälder
-von kryptogamischen Gewächsen grünen Jahrhunderttausende am gleichen
-Fleck und bilden eine ungeheure Torfschicht; die bleibt als Steinkohle
-erhalten. In eine seichte Bucht (wie die von Solnhofen) rinnen
-kalkhaltige Bäche, häufen in endlosen Zeiten immer neue ungestörte
-Häutchen feinsten Schlicks übereinander; an diesem Ort muß ein wahres
-Paradies an Ruhe gewesen sein und sein Ergebnis ist das wunderbare
-Bilderbuch im Schiefer abkonterfeiter Quallen, Libellen, Krebse,
-Fische und Urvögel. Gesellige Korallentiere bauen in ungestörter Ruhe
-berghohe Riffe; sie tauchen bei Faltungen der Erde in die Tiefe und
-liegen unzerstörbar. In den Abgründen der Tiefsee, tausende von Metern
-tief, lagern sich die mikroskopischen Schälchen einzelliger Wesen
-ab zwischen Seelilien, deren schwanken Stiel hier unten kein Sturm
-bedroht, -- auch ein Reich des Friedens, stationär bis zu dem Maße, daß
-es seit Jahrmillionen bis heute fast das gleiche Gesicht, immer die
-gleichen Anpassungen und Formen, zeigt; aus solchem Tiefseeschlamm ist
-die weiße Kreide geworden, die selbst dem Laien durch die Masse ihrer
-Versteinerungen auffällt.
-
-Gerade diese Zeiten der Ruhe, des unendlichen gleichartigen Fortzeugens
-bestimmter Arten sind es aber +nicht+, die der Darwinismus
-+sucht+!
-
-Er möchte die Reste sehen der unruhigen Zeiten, die auch äußerlich,
-im Bilde der Erdverhältnisse, sei es lokal oder im ganzen, bewegt, im
-Fluß und beeinflussend erscheinen. In solchen Zeiten gab es nach ihm
-Wandel der Formen, Zwang zu neuer Entwickelung, veränderte Anpassungen,
-Degenerationen und Aufschwung. Aber grade +die+ Spur ist verwischt
--- +wegen+ der Unruhe. Erst nach langer Zeit, wenn alles sich so
-in Gleichtakt gesetzt hat, daß wieder viele Jahrtausende lang immer die
-gleichen Gewächse ihre Stämme im Torf begraben, dieselben Müschelchen
-in Millionen Generationen sich im Teichschlamm ablagern, geht von neuem
-in solcher Dauerschicht der Ruhe der Vorhang wieder für uns auf. Wir
-sehen dann wohl, daß alles ein Stück anders, ein Stück weiter ist. Aber
-grade der Zwischenakt fehlt uns in Spuren, auf die wir die Hände legen
-könnten.
-
-Es ist eine bitterernste Wahrheit, daß das, was man hat, hier nichts
-beweist und daß man das, was beweisen könnte, nicht hat.
-
-Nicht Darwin, sondern das Dilemma in unserm geologischen Material hat
-diese Ironie geschaffen.
-
-Denken wir uns, in der Geschichte fehlte uns die Völkerwanderung. Wir
-hätten Pompeji und dann wieder unvermittelt das Reich Karls des Großen.
-Oder die Mumie eines römischen Cäsars und unmittelbar darauf das Grab
-eines Papstes, ohne Kenntnis des Christentums. Es gibt ja Orte, wo
-auch die Geschichtsdokumente ganz ähnlich abrupt aufeinanderliegen:
-im Lehmboden von Höhlen geraten einsinkend die Scherben von
-Porzellantassen moderner Kulturnomaden, vielleicht von Bahnarbeitern,
-die dort einmal bei Regenwetter ihren Kaffee gekocht haben, unmittelbar
-zwischen Knochen des Höhlenbären und Steinbeile der Mammutzeit. An
-Wunder glaubt aber +hier+ niemand, bloß an +Lücken+ der
-+Überlieferung+.
-
-Grade bei solchem Sachverhalt ist es aber doppelt merkwürdig,
-doppelt lehrreich, daß sich nun +dennoch+ -- in Umkehrung des
-eigentlich Selbstverständlichen -- darwinistische Züge in der Geologie
-+haben+ aufweisen lassen.
-
-Das erste, was immer wieder auffallen mußte und muß, ist eben die
-nachträgliche Existenz immer wieder so vieler +neuer+ Tier- und
-Pflanzenformen von Epoche zu Epoche.
-
-Haben wir auch durchweg nur Dauerbilder, so sind eben doch diese
-Dauerbilder stufenweise immer wieder verschieden.
-
-Und dabei sehen wir klar, daß nicht etwa ein +absolutes+ Muß
-der Verwandlung vorlag. Einzelne Tierformen sind tatsächlich viele
-Jahrmillionen bis heute unverändert stehen geblieben: die Gattung
-~Ceratodus~ (Molchfisch) seit der Triaszeit; die Gattung
-~Lingula~ (ein wurmartiges Tier in muschelähnlichen Schalen)
-gar seit jener kambrischen Epoche, mit der all unser Wissen beginnt.
-Warum ist nicht alles in dieser Weise seit Beginn seiner Existenz beim
-gleichen Leisten geblieben? Woher neben wenigen solcher Überlebenden
-mit jeder Epoche die Unmasse neuer, andersartiger Typen?
-
-Und dabei ein weiterer, jetzt der eigentlich durchschlagende Zug.
-
-Es zeigt sich, hält man Dauerbild zu Dauerbild von Epoche zu Epoche,
-ein Ansteigen von Unvollkommenerem zum Vollkommeneren.
-
-Wir können da freilich nicht eigentlich von unten beginnen, da uns ja
-der ganze Anfang fehlt. Die kambrische Epoche setzt, wie gesagt, mit
-bereits relativ hohen Typen ein. Aber von da erleben wir doch noch ein
-Stück wenigstens mit.
-
-Bis gegen die Sekundärperiode sehen wir ungeheure Gebiete der Erde
-bedeckt mit Wäldern farrnähnlicher kryptogamischer Pflanzen, also einer
-niedrigen Flora. Ganz allmählich erst treten dazu die systematisch
-niedrigsten Phanerogamen: Nadelhölzer und Palmfarrne. Erst in der
-Kreidezeit kommen auf einmal die höheren Blütenpflanzen.
-
-Ganz ähnlich steigt der höchste Stamm der Tiere stufenweise von Bild
-zu Bild an, der der Wirbeltiere. Er erscheint mit Fischen, nur
-Fischen. Dann werden höher hinauf amphibische, reptilische Wesen
-sichtbar, erst urtümliche, dann vollkommenere. Vögel wie Säuger
-treten erst in der Sekundärzeit, viele Millionen von Jahren nach dem
-kambrischen Anfang, hervor. Der Vogel ist zuerst Archäopteryx, mit
-ausgesprochenen Eidechsenrückständen am Leibe. Das Säugetier ist
-Ursäuger und Beuteltier. Erst um die Wende zur Tertiärzeit erscheint
-eine Mischgruppe, die nicht mehr Beuteltier ist, aber die Merkmale
-von Raubtieren, Huftieren und selbst Halbaffen in sich vereinigt. Die
-Krone des Säugerstammes, der Mensch, endlich erscheint mindestens erst
-tief in dieser Tertiärzeit, selbst wenn wir ihn mit Klaatsch so weit
-zurückdatieren wollen, wie nur irgend zulässig. Er erscheint noch
-in der Eiszeit als Rasse mit primitiverem Schädel und erst nach der
-Eiszeit setzt seine höhere Kultur ein.
-
-Gleiche Anpassungskreise werden dabei mehrfach in folgenden Epochen
-neu ausgefüllt, aber dann von einer im +ganzen höheren+
-Organisationsstufe: so ersetzen die Säuger der Tertiärzeit im gesamten
-Anpassungsumfang genau die Reptile der Sekundärzeit und wieder der
-Mensch mit seinem Werkzeug umgreift die ganze ältere Säugeranpassung.
-
-An diesen großen Linien hat alle Kritik der Jahre seit Darwin aber auch
-rein nirgendwo rütteln können.
-
-Versucht worden ist ja jeder Ausweg.
-
-In den Steinkohlen sollten uns bloß die kryptogamischen Moore der
-älteren Zeit erhalten sein, wie wir deren aus Moosen heute noch
-genug haben, -- die Nadel- und Laubwälder jener Tage aber sollten
-bloß zufällig keine Reste hinterlassen haben. Aber diese Farrn-,
-Bärlapp- und Schachtelhalmwälder von damals waren kein Moorwinkel
-irgendwo, sondern sie überzogen die Erde vom Nordpol bis zum Südpol in
-himmelragenden Stämmen. Ein Blick auf die räumliche Größe auch nur der
-heute bereits bekannten Kohlendistrikte genügt, um zu beweisen, daß es
-sich dabei um die Charaktervegetation der Erde in einer Weise handelt,
-wie es von keiner einzigen heutigen Pflanzengruppe behauptet werden
-kann. Und das eben ist das Bezeichnende.
-
-Andere nahmen sich die Archäopteryx vor. Man hatte sie (die erst
-nach Darwins Auftreten gefunden worden war) als Mittelglied zwischen
-Eidechse und Vogel bezeichnet. Nun kommt ein feiner Kenner und zeigt,
-daß in der Mischung auf feinster Wagschale die Vogelmerkmale des
-Zwitterwesens die Eidechsenmerkmale um etwas überragen. Das wird
-ausgemünzt, als seien die Eidechsenzüge damit überhaupt gestrichen.
-Man bedenke: bei einem Tier mit Zähnen im Maul, Krallenfingern an den
-Flügeln, einem langen Eidechsenschwanz, primitiv geformten Wirbeln,
-einer Fülle noch anderer reptilischer Merkmale. Aber es ist nicht
-mathematisch genau die Mitte, und so wird geredet, bis der Laie betrübt
-abzieht und den Posten überhaupt verloren gibt.
-
-Das Beispiel ist typisch, wie der Stoff von Gegnern behandelt worden
-ist und wie wertlos diese Sorte Gegnerschaft ist, die in so unendlich
-schwieriger, verwickelter Lage Wortspielereien treibt: ob man
-Mittelform, Übergangsform noch nennen dürfe, was nicht mathematisch
-genau den Mittelpunkt bezeichnet. Das alte Sophistenspiel, wann ein
-Häufchen zum Haufen wird. In dieser Welt der Annäherungswerte, wo es
-im abstrakt mathematischen Sinne weder Arten, noch Gattungen, noch
-überhaupt irgend etwas gibt!
-
-Am verzweifeltsten ist natürlich um das kleine Endchen Paläontologie
-gefochten worden, das auf die Entwickelung des Menschen hinweist.
-
-Ein Dogma häufte sich hier aufs andere. Es gibt keinen fossilen
-Menschen. Aber er kam, es half nichts. Zur Reserve, damit die beiden
-sich ja nicht begegneten, sollte es auch einmal keine fossilen Affen
-geben. In ganzen Reihen stehen sie heute in unseren Museen. Dann blieb:
-es gebe wenigstens keinen fossilen Affenmenschen. Ein in Zoologie
-dilettierender Theologe schrieb einmal als probates Rezept aus, man
-solle jede Erwähnung Darwins niederschmettern mit dem Satz: „Ist er
-gefunden, ja oder nein?“ Nämlich der Affenmensch. Jetzt ist er zum
-Schluß wirklich noch gefunden worden, ehe das Jahrhundert ausging, der
-Pithecanthropus von Java, mit dem Schädelinhalt haarscharf zwischen
-Gorilla und Mensch.
-
-Bei manchem der wilden Kämpen in diesem Zwist tritt hier wirklich durch
-ihre eigene Schuld der früher erwähnte Fall ein: der Kampf wird um ein
-Schädelbruchstück mit der verzweifelten Überzeugung geführt, es hänge
-an dem Knöchelchen der Sieg oder Tod einer Weltanschauung.
-
-Der Sieg einer einheitlichen Naturanschauung mit Entwickelungsideen ist
-nicht um ein so billiges zu erkaufen!
-
-Aber feststellen darf diese Weltanschauung immerhin mit einiger
-Befriedigung, daß bisher auch nicht eine einzige Tatsache der
-Paläontologie, auch heute nach 44 Jahren nicht, existiert, die gegen
-eine natürliche Entstehung der höheren Tier- und Pflanzenformen aus den
-niederen, älteren spräche.
-
-Etwas anderes aber ist heute nach 44 Jahren allerdings zu betonen.
-
-Die Geologie dieser Stunde ist in vielen Zügen nicht mehr die Geologie,
-mit der Darwin rechnete. Komplizierter und, wenn man es nur nicht im
-alten Wunder-Sinne verstehen will: mysteriöser ist sie geworden.
-
-Darwin sagte: die Tier- und Pflanzenarten haben sich im Laufe der
-geologischen Epochen langsam umgewandelt. Wodurch? Durch den Druck der
-äußerlichen Umwandlung der Verhältnisse, in denen das Lebendige auf
-Erden hing. Sei das einmal genug Erklärung. Jedenfalls dachte Darwin an
-Lyells Sätze dabei.
-
-Lyell betonte, wie langsam, successive alles in der äußeren
-Geologie sich vollzogen habe: Wandel der Erdteile und Gewässer,
-Gesteinsbildungen, Klima, kurz der „Wechsel der Verhältnisse“.
-
-Das war gut und paßte trefflich zu Darwins Selektions-Idee.
-
-Lyell betonte, daß dieselben Kräfte wie heute ausgereicht hätten. Seine
-Verhältnisse der Vergangenheit behalten immer in ihrem stillen Strom
-eine größte Wesens-Ähnlichkeit mit den heutigen.
-
-Auch das gab damals viel Hülfe. Man studierte die eigene Epoche und
-konstruierte danach die verflossenen, wie Mommsen aus der modernen
-Politik die Geschichte Cäsars ausgelegt hat.
-
-Aber in der Weise hat sich das doch nur sehr bedingt als dauerndes
-Prinzip wahren lassen. Ehrlich gesagt, versagt das Prinzip heute an
-ganz auffälligen Stellen auch wieder. Die große Eiszeit hat da zuerst
-Bresche gelegt. Hier war ein Vorgang, der aus dem allzu korrekten
-Schema grob heraussprang. Die einfache Parole: zunehmende Abkühlung
-der einstmals heißen Erde in den geologischen Epochen, langte nicht
-aus. Warum lag diese Eiszeit schon wieder hinter uns? Vor ihr war in
-Europa Tropenklima. Warum? Heute ist die ganze Klima-Frage in der
-Geologie ein Labyrinth ungelöster Probleme. Schon dämmert die Idee
-auf, daß es mehrfach auch in früheren Epochen Eiszeiten gegeben habe.
-Periodische Erscheinungen der Erdkugel tauchen dahinter auf. Hängen
-sie mit periodischen Akten der Erdkugel zusammen? Hängen sie ab von
-Periodizitäten unseres Sonnensystems? Fragen.
-
-Die ganze Abkühlungstheorie der Erde ist heute schwankend, wenigstens
-in der hergebracht einfachen Form.
-
-Die Klimafrage ist aber nur ein krasses Beispiel. Wie hier sind erste,
-scheinbar sichere Schemata überall in der modernen Geologie in die
-Brüche gegangen. Ein ungeheurer Zuwachs von Tatsachen hat einen Berg
-ganz neuer Fragen aufgetürmt. Wenn wir sagen, die „Verhältnisse“ haben
-die Arten geschaffen, so muß uns beständig heute der Zweifel ins Ohr
-raunen, +was wir denn von diesen Verhältnissen geologisch eigentlich
-wissen+?
-
-Wie viel Möglichkeiten umschließt das Wort noch, und wie wenig Klarheit!
-
-In der Tier- und Pflanzengeschichte sehen wir einzelne besonders
-merkbare große Einschnitte. Wir träumen da besonders starke
-Umwandlungen. So vor der Trias-Periode und wieder in der Mitte der
-Kreide-Periode. Was ist da äußerlich auf Erden vorgefallen? „Wechsel
-der Verhältnisse“ ist an solchen Stellen ein Kryptogramm für uns, ein
-Deckwort für ein Bündel dunkler Dinge, deren Füße wir bloß gespenstisch
-hinter dem Vorhang arbeiten sehen.
-
-Kaum eine einzige große Hypothese der älteren Geologie schließlich, die
-im Moment nicht wackelte. Sie ist ein unendlich viel merkwürdigeres
-Ungeheuer, diese alte Erde, als wir dachten. Man braucht bloß an
-die magnetischen Erscheinungen, die Polschwankungen und anderen
-Achsengeheimnisse, den Wechsel des Meeresniveaus, die immer wieder
-verwirrten vulkanischen Phänomene, die Geheimnisse der Innenwärme zu
-denken, um den Stich zu fühlen, wie wenig wir von diesem Ungeheuer
-wissen. Jene unerklärten krystallinischen Schiefer rufen es uns aus der
-Mineralogie zu. Von den rätselhaften Periodizitäten der Sonne, deren
-Fleckenperiode mit unsern magnetischen Mysterien über 20 Millionen
-Meilen hinweg in Kontakt steht, kommt es auf kosmischen Umwegen zu uns
-zurück.
-
-Kein geologisch geschulter Mensch denkt daran, die Fäden dieses
-dunkelsten Gewebes +außerhalb+ der Naturgesetzlichkeit zu suchen.
-Der Wechsel, das Andersartige grade der Bilder predigt aufdringlich
-genug Entwickelung.
-
-Nichts also entfernt sich in dieser Geologie der unendlich höher
-gespannten Möglichkeiten im Prinzip von Darwin.
-
-Aber wir dürfen uns grade in seinem Sinne nicht dagegen verschließen,
-daß nun der Entwicklungsprozeß des Lebendigen in diesem ungeheuren,
-kaum erst in seinem Umfang hier und da +geahnten+ Spiel
-der geologischen Gesamtdinge, dem gigantischen Gesamtprozeß der
-Entwickelung des Erdplaneten, mit allen Fasern +auch+ hängt, -- in
-seinen +Rätseln+ hängt.
-
-Phasen dieser Gesamtentwickelung können in ihn eingreifen, von denen
-der Anblick der heutigen Verhältnisse wahrscheinlich ebenso wenig
-ein Bild gibt wie das enge, einer Uhrfeder gleich sich abrollende
-Leben eines kleinen Philisters in einer erstarrten Umgebung ein
-psychologisches und kulturgeschichtliches Bild geben würde von der
-ideellen Siedehitze eines Kopfes in einer sozialen Revolution oder in
-der ungeheuren Stunde einer Religionsgeburt.
-
-Ich glaube zuversichtlich, daß die Geologie in diesem Sinne noch einmal
-reden wird, viel reden wird zu Darwin, -- nicht in dem kleinlichen
-Sinne, daß sie die paar paläontologischen Daten, die jetzt schon
-allgemein eine Entwickelung befürworten, wieder umwerfen sollte, wohl
-aber so, daß sie Darwins Programm von den „Verhältnissen“ uns erst
-eigentlich +erfüllte+.
-
-Unvermerkt wird dabei freilich auch der +Begriff+ „Verhältnisse“
-selbst eine leise, aber schließlich doch wichtige Umwandlung erfahren:
--- eine Erweiterung.
-
-Der Prozeß wird wahrscheinlich ein ganz ähnlicher werden, wie heute
-in der von der Nationalökonomie in bestimmtem Sinne beeinflußten
-Geschichtsauffassung. Auch da spielt das Wort „Verhältnisse“ eine
-überwältigende Rolle. Je mehr die Forschung sich aber vertieft, desto
-mehr geht in sie alles, was man früher „Ideen“ nannte, doch auch
-wieder als Faktoren ein, man spricht von einem „Milieu der Ideen“ in
-bestimmter Zeit, und schließlich zeigt sich hier wie überall als Parole
-des Fortschritts, daß es nicht gilt, irgend etwas herauszuwerfen aus
-der Betrachtung, sondern nur immer mehr hinzu zu umgreifen.
-
-Ich berühre damit schon etwas, was ich oben als zweite Stufe in Darwins
-Werk bezeichnet habe: seine Idee über das eigentliche Gesetz der
-Entwickelung im Tier- und Pflanzenreich.
-
-Ein Naturgesetz in der biologischen Entwickelungslinie suchte Darwin --
-und er geriet auf die Selektion.
-
-Seit 44 Jahren geht der Streit, ob er in diesem Punkte recht gesehen.
-Aber neben diesem Fachstreit gibt es noch einen anderen, der auch
-anknüpft an das Wort Selektion.
-
-In ihm wird behauptet, daß Darwin gerade mit diesem seinem
-individuellsten Gedanken doch die ganze Entwickelungsidee entscheidend
-beeinflußt und +umgestaltet+ habe.
-
-Zerstört, sagen die einen.
-
-Erst vollendet, die andern.
-
-Ein Teil von Darwins Ruhm stammt aus dieser Ecke, weil er hier
-scheinbar Leuten entgegen gekommen ist. Ein Teil auch von dem Haß, den
-er erlitten, von der Reaktion einer aufgestörten Stimmung. Und immer
-wieder hat dieser große Hall auch in die engeren Fachkämpfe hinein
-nachgezittert.
-
-Ist die Sache wahr?
-
-Darwins Tat traf äußerlich mitten hinein in den erbitterten Zwist noch
-zweier anderer Weltanschauungen als bloß „Hie Wunder, Hie Naturgesetz.“
-
-Ich kann das Wunder verwerfen und an eine natürliche Entwickelung, an
-eine einheitlich gebaute Natur glauben. So sind mir doch in dieser
-Überzeugung noch zwei Anschauungen möglich.
-
-Ich kann in der Natur ein sinnloses Spiel sehen, ein Auf und Ab ohne
-inneren roten Faden, ein Welt-Kuddelmuddel.
-
-Ich kann aber auch in dieser Natur ein allgemeines ungeheures
-Aufwärtsringen gewahren, ein Aufwärtsringen allerdings bloß mit
-natürlichen Mitteln, innerhalb und vermittelst der Naturgesetze,
--- aber doch ein +Empor+, in dem sich schließlich das Höchste
-erfüllt, -- das erfüllt, was die ältere Betrachtungsweise noch einmal
-extra und außerhalb der Natur als Göttliches gesucht hatte.
-
-Jene erste Ansicht ist eine unbedingt pessimistische, die zweite
-eine wenigstens bedingt optimistische. Goethe mit seinem Begriff
-„Gott-Natur“ stand stets der letzteren näher. Die erstere aber
-durchfärbte den Pessimismus des ganzen 19. Jahrhunderts mehr oder
-minder stark und gab dem Jahrhundert auch da, wo sie bloß halb und
-unklar auftrat, merkwürdig scharf seine Physiognomie; zumal gegen sein
-Ende hin.
-
-Wahr ist nun, daß die Selektions-Idee, die Darwin in den
-Entwickelungsgedanken gebracht hat, +zunächst nur auf die
-erstere+, die Kuddelmuddel-Anschauung, energisch bezogen worden ist.
-
-Darwin brachte als ganz, oder doch nahezu ganz neu den folgenden
-Gedanken.
-
-Hier stehen zweckmäßige Gebilde in der Natur. Hat irgend eine
-Intelligenz sie sofort so zweckmäßig hergestellt?
-
-Nein, sagt Darwin, sondern die Natur produzierte zunächst ohne Wahl
-ungezählte Varianten, zweckmäßige und unzweckmäßige durcheinander. In
-der logischen Notwendigkeit dieser gleichen Natur aber war enthalten,
-daß bei gleicher Konkurrenz nur die zweckmäßigen Gebilde sich
-erhielten, die unzweckmäßigen dagegen untergingen.
-
-Alles Kosmische, Geordnete, Stabile der Welt, so kann man Darwins Idee
-verallgemeinern, ist ein Produkt bereits solcher logischen Auslese.
-
-Der Kuddelmuddel-Pessimismus zog daraus den Schluß, daß also auch
-dieses Kosmische, Geordnete, Zweckmäßige bloß ein Produkt des
-Kuddelmuddels sei. Die Würfe der Natur, schloß er, erfolgten also nicht
-auf ein optimistisches Prinzip hin. Und erst die Auslese täusche eine
-Ordnung, eine immer zweckmäßigere Entwickelungswelt, vor.
-
-Diese pessimistische Folgerung aus Darwin ist aber im tiefsten Kern
-nichts anderes als ein grober Trugschluß.
-
-Das +Resultat+, das ist vorweg zu betonen, bleibt auch bei Darwin
-genau als das +gleiche+ stehen. Es treten uns zweckmäßige,
-harmonische, kosmische Dinge (Kosmos gleich Ordnung!) als Resultate
-von Entwickelungen konkret in der Welt entgegen. Davon gehen wir aus,
--- also von einem Schluß-Phänomen, das für uns aber zugleich eine Art
-Ur-Phänomen bildet.
-
-Das Neue, das Darwin hinzutut, steckt nun nicht in der Anfechtung
-dieses Resultats, sondern lediglich in einer neuen Analyse des Weges,
-der in der Natur +dahin führt+.
-
-Über diesen Weg sagte aber auch jene optimistische
-Gott-Natur-Auffassung zunächst gar nichts aus, -- er ist in ihr offenes
-Problem. Auch sie muß ja zu ihrer Welt über die Naturgesetze. Da nicht
-alles bereits Harmonie in der Welt ist, wird ein allzu bequemer Weg
-von vorne herein hier nicht wahrscheinlich sein, -- die Existenz des
-Harmonischen scheint viel eher überall ein langes, umständliches Ringen
-vorauszusetzen, einen Kampf, wo jeder Schritt schwer bezahlt werden muß.
-
-Jene andere, ältere Anschauung freilich, die eine überweltliche
-Intelligenz von jenseits der Glocke in die Natur eingreifen ließ: sie
-schrieb im Gegensatz dazu auch ihren Weg tatsächlich vor und sie konnte
-vom ersten Satz an sich also mit der Selektion Darwins +nicht+
-befreunden. Ihr eingreifender Schöpfer ist einfach ein aktiver Mensch,
-dessen Handlungen nur im Bilde eines solchen zu denken sind, bloß noch
-viel direkter, da er allmächtig ist.
-
-In der Gott-Natur Goethes dagegen sind viele Wohnungen.
-
-Sehen wir ruhig an, welchen Weg Darwin von ihr verlangt und ob er ihrem
-Bilde überhaupt widersprechen kann.
-
-Darwins Selektionslehre, im weitesten Sinne als kosmosbauendes
-Naturprinzip gefaßt, rechnet mit der Existenz einer ganzen Reihe fester
-Naturveranlagungen.
-
-Es ist eine solche Veranlagung, Potenz, Eigenschaft der Natur, daß sie
-überhaupt Varianten erzeugt, aus denen eine Auslese stattfinden kann.
-
-Es ist eine weitere Veranlagung, daß sie auch als zweckmäßig
-verwertbare Varianten dabei wirft; daß sie es tut, zeigt das
-Schlußphänomen.
-
-Ferner eine, daß eine Auslese in Frage kommt; sie findet in ihr statt,
-ist also als ganzes ihre Eigenschaft.
-
-Ferner, daß eine Logik bei dieser Auslese die passenden Varianten
-bestehen läßt, ihnen ein Plus gibt vor den andern und damit der ganzen
-Weltentwickelung ein Übergewicht gegen harmonische Verhältnisse hin
-verleiht. Auch diese Logik steckt doch gegeben in der Natur. Es ist
-ja vielfach ein billiges polemisches Kunststück, derartige Logik als
-solche gleichsam noch einmal wieder abzuziehen vom Begriffe „Natur“,
-womit dieser dann allerdings leicht dem Kuddelmuddel ausgeliefert ist.
-Warum aber überleben die Passenden die Unpassenden? Aus einfacher
-Logik, sagt jeder. Nun grade an dieser Naturlogik als einer Eigenschaft
-der Natur hängt aber nach Darwin das Schlußentstehen eines geordneten
-Kosmos. Nicht auf regellosen Zufällen, sondern auf klar gegebenen
-Eigenschaften der Natur, die für sie ein absolutes Muß bilden,
-beruht auch in der extremsten Selektionstheorie die Entwickelung
-zu harmonischen, stabilen, zweckmäßigen Gebilden. Eine nur dieser
-Eigenschaften fehlend -- und kein Zufall brächte je das geringfügigste
-„kosmische“ Verhältnis hervor!
-
-Kein Mensch kann mir demnach logisch verbieten, den Sachverhalt
-im ganzen so zusammenzufassen, daß ich sage: die Natur hat die
-Eigenschaft, sich in der Richtung auf kosmische, geordnete, in ihrem
-Zusammenhang zweckmäßige Verhältnisse zu entwickeln; und die Selektion
-ist bloß der verwickelte Weg im Spiel dieser Eigenschaft.
-
-Mit der kosmischen Tendenz als Eigenschaft der Natur (Tendenz
-fällt hier vollkommen zusammen mit Finalität!) bin ich aber
-vollständig heraus aus jeglicher Kuddelmuddel-Theorie und noch in
-dem alten optimistischen Entwickelungsgedanken samt und trotz der
-Selektions-Theorie.
-
-Zugestanden: Darwins Weg ist ein umständlicher.
-
-Es ist richtig, wie man gesagt hat: die Natur Darwins durchsetzt, um
-einen Hasen zu schießen, die Luft mit Millionen Kugeln nach allen
-Richtungen, anstatt eine Kugel senkrecht auf ihn los zu feuern.
-
-Aber die Hauptsache bleibt, daß der Hase auch so geschossen wird, --
-geschossen werden muß nach unerbittlicher Logik.
-
-Und was wissen wir im Grunde über Länge oder Kürze der Wege in der
-zum Kosmos sich entwickelnden Natur? Wir sehen über hunderttausende
-von Jahrmillionen der Geschichte allein unserer Erde im Sonnensystem
-zurück. Wer will da das Tempo, will Methoden kritisieren?
-
-Es ist sogar wirklich höchst lehrreich, sich einen Augenblick zu
-vergegenwärtigen, wie in jenem Bilde vom Hasen das +sicherste+
-Ziel, -- das Erlegen des Hasen um +jeden+ Preis -- überhaupt zu
-erreichen war.
-
-Ganz streng ging es tatsächlich nur auf zwei Wegen an: entweder mit
-einem absolut treffsicheren Einzelschützen -- oder mit jenem alles
-abrasierenden Kreuzfeuer.
-
-Nun läßt sich aber immerhin ganz plausibel behaupten, wenigstens in der
-uns sichtbaren Naturlinie sei der annähernd treffsichere Einzelschütze
-erst eine ganz späte Errungenschaft: nämlich der Mensch selbst.
-
-Es ist durchaus denkbar, daß, so lange die Natur den Menschen als
-graden Zweck-Weg noch nicht im Spiel hatte, sie den andern Weg wählen
-mußte in der einfachen Alternative der +beiden einzigen absolut
-sicheren+ Möglichkeiten.
-
-Es gibt einzelne gute Beispiele in der Welt des Lebendigen, wo man
-einen ganz ähnlichen Faden wirklich ~ad oculos~ demonstriert bekommt,
-z. B. bei den Zeugungsverhältnissen. Die Auster schwängert das ganze
-Wasser um sich her mit Samen, in Voraussetzung, daß bei diesem
-Kreuzfeuer ein einziges Samentierchen die Eizelle der Nachbarauster
-finden und befruchten werde. Bei den Schnecken und Tintenfischen schon
-und überhaupt bei den höchsten Vertretern der Tierstämme finden wir
-im Gegensatz dazu das Prinzip der Einzelflinte (wenn auch noch nicht
-der Einzelkugel): bestimmte Organe, die das befruchtende Element
-unmittelbar an seine Stelle im weiblichen Organismus einführen.
-
-Fragt natürlich jemand: +warum+ macht die Natur überhaupt erst
-Austern und warum übte sie nach Darwin zuerst blinde Selektion statt
-treffsicheren Schießens mit Menschenflinten, -- so kann ich das nicht
-lösen. Es fällt zusammen mit der Frage: warum überhaupt Entwickelung?
-Ich meine aber, daß die einfache Existenz dieser ungelösten Frage an
-sich noch nichts für den Welt-Pessimismus und die Kuddelmddel-Theorie
-beweist.
-
-Jeder Begriff der allmählichen Entwickelung vom Unvollkommenen zum
-Vollkommeneren schließt ja gewisse Faktoren des Mißlichen, des
-Schmerzes ein. Denn das Niedrigere, indem es vom Höheren überboten,
-besiegt wird, ist allemal in irgend einem Sinne ein Absterbendes, das
-unter die Füße getreten wird, und da die Natur nun einmal Empfindung
-mit sich gebracht hat, wird das schmerzlich empfunden werden.
-
-Reicht es doch bis in unser höchstes Geistesleben. Jeder Irrtum, der
-abgetan wird, ist ein Stich, jeder vom besseren verdrängte Gedanke,
-der doch einmal in uns lebte, ein Tod mit Sterbeschmerz. Aber die
-Idee der aufsteigenden Entwickelung als optimistischer Generalfaktor
-überbietet das immer wieder, grade wenn man auf das Ganze sieht.
-Und von Kuddelmuddel ist keine Rede, so lange überhaupt nur ein
-kontinuierlicher Entwickelungsfaden mit Überbietung eines Minderguten
-durch ein Besseres sichtbar bleibt.
-
-Wer da meinte, die Weltgeschichte sei mit Darwin nicht bloß einer
-gewissen Wegblindheit in älteren Tagen, sondern dem wahren absolut
-sinnlosen und blödsinnigen „Zufall“ ausgeliefert, der hatte übrigens
-noch ein drastischeres altes Bild gelegentlich zur Hand, als jene
-famose Hasenjagd. Ein Schwein wühlt in einem ungeheuren Haufen
-Buchstaben. Es wühlt ihn zu immer neuen zufälligen Kombinationen
-durcheinander. Als eine solche Kombination entsteht eines Tages die
-Ilias. So soll es mit den harmonischen, den kosmischen Gebilden
-in der Welt überhaupt sein, und zwar beweise das eben Darwins
-Selektions-Theorie.
-
-Das Beispiel ist in der Tat aber höchst prägnant grade für das oben
-Entwickelte.
-
-Auch hier ist das Resultat zunächst nur eines: nämlich eben die Ilias.
-Damit sie aber werde, sind eine ganze Reihe fester Voraussetzungen
-nötig, deren Summe der Kraft nach eben auch schon die ganze Ilias
-enthält.
-
-Zunächst jener Buchstabenhaufe, in dessen Buchstabenkombinationen auch
-schon die Ilias einmal ganz steckt. Dann die unendliche Wühltätigkeit
-des Schweins, die nicht rastet, bis endlich auch die Kombination Ilias
-da ist. Das Gleichnis enthält eins nicht, das hier bei Darwin sehr
-wesentlich ist: das Harmonischere ist das Erhaltungsfähigere. Man
-müßte das Gleichnis ergänzen, indem man etwa sagte: im Moment, da das
-Schwein ein Stück Ilias herausgerüsselt hat, kleben jedesmal grade
-diese Buchstaben plötzlich so fest aneinander, daß der Rüssel sie
-nicht wieder zerstören und nicht wieder weiterverwühlen kann. Doch das
-nebenbei.
-
-Die Hauptsache ist auch hier: der Buchstabenhaufe und das wühlende
-Schwein bezeichnen bloß einen +Weg+ zum Auslösen des gleichen
-Ziels. Die Intelligenz des Schweines erzeugt allerdings nicht
-die Ilias, -- das entspricht genau dem Gedanken Darwins, daß der
-auslesende Kampf ums Dasein selber durchaus nicht als zweckschauende
-Macht im Menschensinne zu deuten sei. Aber der Gesamterfolg wird
-gleichwohl einem Komplex von Gesamteigenschaften in dem umfassenden
-Organismus „Buchstaben -- Logik -- Zeit -- Schwein -- Wühleifer
-und Ausdauer dieses Schweins“ verdankt: -- niemand wird bestreiten
-können, daß dieser so begabte Organismus die Tendenz hat, eine Ilias
-hervorzubringen.
-
-Und mehr brauchen wir ja nicht für die Natur.
-
-Die Dinge lagen hier bloß noch etwas verwickelter.
-
-Die Selektion hat zunächst das Menschengehirn herausgewühlt. Dieses
-Menschengehirn dann erzeugte die wirkliche Ilias. Schließlich könnte
-man aber auch im Menschen noch einmal mit etwas Phantasie das
-Urbeispiel innerlich weitertreiben. Aus einer riesigen Auslese bleiben
-die griechischen Schriftzeichen, Sprachformen, Begriffe übrig. Aus
-einer unendlichen Auslese erhebt sich der (oder erheben sich die)
-Verfasser der Ilias grade mit dieser Wortkombination. Eine unendliche
-Auslese, Wahl, Verwerfung von Bildern, Ideen, Erfindungen ging ihr im
-Dichtergehirn vorauf. Es ließe sich wenigstens als Aufgabe stellen, in
-alledem die Selektion aufzuspüren.
-
-Wahr ist ja, daß unsere feinste Gedankenarbeit bis ins tiefste
-dichterische Empfinden Züge zeigt, die sich immer noch auffallend gut
-mit Selektion vergleichen lassen.
-
-Wir suchen ein Bild, einen Schluß. Eine ganze Kette von Vorschlägen
-gleichsam taucht aus der Tiefe, ohne daß wir den Prozeß irgendwie
-bewußt beherrschten. Sie treten in Konkurrenz, blitzschnell oft, oft
-auch sehr langsam. Es ist, als passierten sie Stück für Stück Revue
-vor einem logischen Prinzip, einem Messen an bestimmten Forderungen.
-Das fällt, jenes, noch eins, -- da: endlich sitzt die dunkel in uns
-arbeitende Maschine. Das hier und kein anderes ist das erlösende Bild,
-die treffende Idee, -- heureka, wir haben es.
-
-Auch diese subtilsten Dinge beherrscht unsere bewußte Intelligenz
-keineswegs in ihren einzelnen Bedingungen. Wohl haben wir das Gefühl,
-daß etwas in uns sei, das auch das Ganze wieder umgreift, und in dem
-diese Bedingungen Eigenschaften sind. Und wohl hat das schließliche
-Resultat den klarsten Sinn für unsere Intelligenz. Aber auf dem Wege
-spielen sich eine Masse Prozesse ab, die uns vom Intelligenzboden aus
-da genau so fremdartig und so unnötig umständlich erscheinen könnten,
-wie in der Welt Darwins der Weg über die Selektion.
-
-Warum gehorcht dem Wunsche nach einem Bild, einer Idee nicht sofort die
-höchste uns gegebene, zielsichere Intuition, -- der Flintenschuß, der
-den Hasen mit einer einzigen Kugel fällt? Warum dieses Aufdrängen von
-Massen Varianten, von denen doch nur eine sich der Forderung wirklich
-verbinden kann, während alle andern ergebnislos wieder verpuffen wie
-die Million übriger Kugeln jenes Kreuzfeuers?
-
-Ich glaube, daß wirklich nichts lehrreicher ist zum Begriffe
-„Verschwendung“ und „Umständlichkeit“ in der Natur, als ein wenig
-Beobachtung in unserem eigenen Denkapparat.
-
-Es gibt bekanntlich eine philosophische Auffassung, die alles Reale
-der Welt eigentlich als ein Seelisches faßt und in der ganzen
-Weltentwickelung also einen ungeheuren Denkprozeß des Naturgeistes
-sieht.
-
-Auf den ersten Blick hat es gewiß den Anschein, als werde eine
-derartige Weltanschauung nun wenigstens mit der Selektion nichts
-anfangen können. Und im Kampfe des Tages ist in der Tat sogar von dort
-gelegentlich recht demonstrativ die ganze Darwinsche Selektionstheorie
-der Kuddelmuddel-Theorie zugeworfen worden, -- natürlich zur Freude der
-letzteren.
-
-Aber was hätte solche Weltgedanken-Philosophie anderes an Analogie zur
-Hand, als eben unsere eigenen Denkprozesse -- und wenn nun gerade in
-denen selektionsartige Dinge auftauchen, -- weshalb sollte die große
-Naturseele beim Bauen ihrer kosmischen Gebilde nicht ähnlich ihre Ideen
-auf dem Selektionswege zustande gebracht haben?
-
-Kuddelmuddel jedenfalls kommt damit so wenig in den Weltprozeß,
-wie unser eigener feinster Gedankenprozeß etwa beim Dichten oder
-dem Verfolgen einer wissenschaftlichen Idee trotz aller wieder
-ausgestrichenen Gedankenvarianten und zerrissenen Zettel irgend eine
-Ähnlichkeit mit Kuddelmuddel-Wirtschaft hat -- was, wie ich hoffe, doch
-wohl jedermann zugeben wird.
-
-So viel zur philosophischen Klärung.
-
-Die letzten Sätze haben ja streng genommen schon in ein ganz anderes
-Gebiet eingelenkt: nämlich in das Gebiet der Frage, ob die Selektion
-+wahr+ sei?
-
-Diese Frage fällt nun selbstverständlich nicht mit der zusammen, ob sie
-gegebenen Falles jene Folgen für den großen Entwickelungsgedanken mit
-sich zöge.
-
-Ich meine aber, daß wir, ich möchte wohl sagen: gemütlicher an die
-Dinge herangehen, wenn wir der Entscheidung über diese Eventualität
-+vorweg sicher+ sind und damit erst vor die Wert-Frage im
-Wahrheitssinne selber treten.
-
-Mir persönlich ist es so ergangen, wenn ich zurückblicke. Ob mit, ob
-ohne Selektion, habe ich mir eines Tages gesagt: in den Weltblödsinn
-hinein geht es auf alle Fälle nicht. Niemals kommen wir auch mit der
-Selektion auf ein wirkliches Chaos als Ausgangspunkt der sichtbaren
-Welt, -- immer bleibt eine Ur-Logik des Naturganzen, die auf kosmische,
-harmonische, höhere Gebilde führen +mußte+.
-
-Darwin hat +seine+ Selektionsfrage auf ein ganz bestimmtes Gebiet
-beschränkt. Er fragte nach der Entstehung der Tier- und Pflanzenarten
--- allerdings ein Feld, wo seit Alters das gesteigert Harmonische, die
-innere höhere allgemeine Zweckmäßigkeit doch grade ganz besonders stark
-in die Augen gefallen war.
-
-Ist ihm der Beweis zu Gunsten der Selektion in seinem Spezialfalle
-gelungen, so hat er ein famoses Exempel geschaffen.
-
-Ist er nicht geglückt, so muß eine +andere+ Deutung des
-+Weges+ gesucht werden, den die Entwickelung hier genommen hat.
-Niemals aber ist diese Entwickelung selbst als Grundauffassung bedroht!
-
-Es ist möglich, daß der antidarwinistische Stürmer und Dränger
-vom Modeschlage, wenn man ihn bis hierher geführt hat, die Sache
-+überhaupt nicht mehr interessant+ findet.
-
-Um den Preis bloß dieser kleinen Schwankungen mache ihm der ganze
-Feldzug gegen Darwin keinen Spaß mehr! Wenn nicht mehr herauskomme ....
-
-Da kann ich ihm nun nicht helfen. Ich für mein Teil finde, daß der
-Fortgang der Debatte +jetzt erst wirklich+ interessant +wird+.
-Freilich wird er’s nicht mehr zu gunsten von Modeschlagworten. Denn
-hier gilt das alte Wort: die Moral aus der Geschichte ist keine Rede,
-sondern eine Handlung. An dieser Ecke kann schlechterdings kein
-theoretisches Gerede den Darwinismus über sich selbst hinausführen,
-sondern nur noch ernste, strenge, wissenschaftliche Tat, -- Tat in
-fachwissenschaftlicher Spezialarbeit.
-
-Ich denke an eine solche Tat, -- wie fruchtbar sie gleich ist! Die
-Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze.
-
- * * * * *
-
-Die Geschichte, an die ich mich erinnere, fängt streng genommen an mit
-der Entdeckung Amerikas, -- mit der ja so vieles Merkwürdige für unsere
-Kenntnis wie Schätzung des Himmels und der Erden angefangen hat.
-
-In der hübschen Morgenstunde des 12. Oktober 1492, als die Kanonen
-der „Santa Maria“ den großen Tag verkündeten, stellte sich das
-Zünglein der Wage auch schon auf die Entscheidung ein: wer nun Herr
-werden sollte, die alte Welt über die neue oder die neue über die
-alte. Es sollte noch gar manche Sprünge vor und zurück machen, dieses
-Zeigerlein. Was Kolumbus damals aber wohl am wenigsten geahnt hat,
-das war die rasche und endgültige Lösung der Frage durch einige der
-sanftesten Landeskinder der neuen Erdhälfte, wenigstens für ihr Gebiet:
-nämlich Pflanzen.
-
-Im Laufe der jetzt verflossenen vier Jahrhunderte haben eine Anzahl
-amerikanischer Pflanzen unzweideutig die alte Welt erobert.
-
-An jenem Entdeckungsmorgen berührte des Altweltlers Kolumbus Fuß auch
-den Erdteil der Nachtkerzen.
-
-In bald hundert Arten wuchs das Geschlecht dieser lieblichen
-Blumen auf dem neuweltlichen Kontinent. Ein schwefelgelber Strauß
-Nachtkerzenblüten, in unsere sandige Mark gebracht, wäre damals ein
-eigenartig exotischer Genuß von jenseits des großen Wassers mit allem
-Zauber jungfräulicher Neuheit gewesen.
-
-Uns nachkolumbisches Geschlecht nimmt das schon Wunder. Denn wir
-pilgern aus der Stadt in die märkische Heide und am Bahndamm zwischen
-den Kiefern stehen die Nachtkerzen Kopf an Kopf wie die gelben
-Flämmchen, ein echtes und rechtes Unkraut, das uns weder in Liebe
-noch Haß für gewöhnlich imponieren kann. Denn es gehört zwar zum
-altvertrauten Vaterlandsbilde, aber der schlichte Sinn achtet es doch
-durchweg eben als ein Unkraut sehr niederen Grades.
-
-Nun denn: die erste ~Oenothera~, wie die Nachtkerze als botanische
-Gattung heißt, kam um 1614 aus Virginien in Nordamerika zu uns herüber.
-Es war die sogenannte ~Oenothera biennis~. Im Jahre 1778 führte
-John Fothergill eine zweite Art (~muricata~), 1789 John Hunnemann
-die dritte (~suaveolens~) aus Kanada ein. Europas Luft und Erde
-sagten den Gästen aber alsbald so zu, daß sie sich heimlich aus den
-Gärten, wo man sie als fremde Rarität gehegt, fortmachten und bald
-da, bald dort als freie Kolonisten auf eigene Faust ansiedelten.
-Seitdem besitzen sie Sandgrube und Düne und Waldrain bei uns, als hätte
-Thusnelda schon ihre Kränze aus ihren Gelblingen geflochten.
-
-Das ist die ursprünglichste Voraussetzung der wunderbaren Historie, die
-es zu berichten gilt: die erste Station der Nachtkerze von Amerika bis
-zum märkischen Bahndamm.
-
-Die nächste Wegstrecke ist freilich etwas länger. Sie führt nämlich von
-da bis ins Herz menschlicher Philosophie und Weltauffassung.
-
-Am Ende des 18. Jahrhunderts lebte in Paris Lamarck, Botaniker und
-Zoologe, ein ebenso großer Mann wie Pechvogel der Weltironie. Er
-predigte die natürliche Entwickelung der Tiere und Pflanzen und die
-Wandelbarkeit der Arten zu einer Zeit, da nur ein halbes Dutzend
-Auserlesener (die sich meist untereinander nicht kannten) etwas davon
-wissen wollte, der nicht unbeträchtliche Rest dagegen solche Ideen als
-Kontrebande aus dem Heiligtum der Forschung hinausprügelte.
-
-Dieser Lamarck fand wieder in einem Augenblick, da ihm alle Spekulation
-ganz fern lag, im Herbarium des Pariser Pflanzengartens einige
-getrocknete Exemplare auch so einer amerikanischen Nachtkerzen-Art, die
-er als erster wissenschaftlich beschrieb. Sie war von den genannten
-anderen verschieden und der Zufall wollte, daß sie in der Folge den
-Namen ~Oenothera Lamarckiana~ bekommen hat.
-
-Heute, da jedermann den alten Lamarck als Vorläufer Darwins kennt,
-klingt das förmlich herausfordernd darwinistisch. Gedacht hat sich aber
-damals und noch lange später niemand etwas derart dabei. Es war wie ein
-prophetischer Donnerschlag der Olympischen, den zunächst jeder für ein
-ganz simples Gewitter hält.
-
-Auch diese Lamarcksche Nachtkerze ging übrigens den Weg ihrer
-Schwestern. Sie wanderte zunächst in unsere Gärten hier und da ein,
-und wenn die Gartenpforte offen stand, rückte auch sie ein Schrittchen
-weiter, fühlte sich wieder als freie Farmerin mit dem Pioniermut des
-Westens und verwilderte. Das aber sollte grade ihr großes Schicksal
-bedingen.
-
-Im Jahre 1886 war es.
-
-Und in Holland war es, Nord-Holland, zwischen Hilversum und s’Graveland.
-
-~Dr. jur.~ J. Six hieß ein Mann dort und der Mann hatte einen
-Kartoffelacker. Er gehörte zu seinem Gute, Jagtlust mit Namen. Durch
-Kanalanlagen war das Feld von drei Seiten her unzugänglich geworden und
-infolgedessen hatte der Eigentümer es seit einer Reihe von Jahren nicht
-mehr verpachtet. Es lag da, in die Hand der Natur zurückgegeben, was
-sie mit ihm machen wollte. Und sie schenkte ihm, was sie für solchen
-Acker hat, von dem der Mensch seine Hand zieht: Unkraut unter dem
-Himmel.
-
-Ich erzähle die Umstände so genau, denn der Leser wird die Behauptung
-zu hören bekommen, es habe sich auf diesem Kartoffelacker, der brach
-lag wie in einem Gleichnis des Evangeliums, nichts Geringeres vollzogen
-als eine Art Akt der Weltschöpfung. Den Lehm, aus dem eine Welt
-geschaffen wird, möchte man doch aber genau kennen.
-
-Noch wieder in nicht allzuweiter Entfernung von diesem Acker hatte Herr
-Six Gartenanlagen und darin ein kleines Zierbeet. Als Gartenpflanze
-war dort neben anderem bunten Volk auch die gelbe Nachtkerze Lamarcks
-gelegentlich angepflanzt worden. Ihr aber war, treu dem alten
-Nachtkerzen-Gelüst, das Beet bald zu klein geworden. Da lag ja, gerade
-von dieser Seite zugänglich, der leere Acker, eine Fläche von 5000
-Quadratmetern. Also dehnte sie sich allgemach dort hinüber, setzte ihre
-Kinder und Kindeskinder ins freie Feld und trieb zwischen den Kanälen
-des Herrn Six im Kleinen, was ihre Schwestern im großen Stil einst mit
-ganz Europa gemacht hatten.
-
-So lagen die Dinge im Sommer 1886.
-
-Das Kulturbeet war selber eingegangen, kaum daß man seinen Fleck noch
-erkannte. Ringsum aber in das Feld hinein und da und dort schon tief in
-diesem drängte es sich in zierlichen Blattrosetten und hohen Stauden
-von verwildertem Oenotherenvolk. Im Juli und August flammten mit ihrem
-verwegenen Leuchtgelb zahllose Blüten auf. Und da geschah’s.
-
-Just auf diesen Goldacker geriet nicht ein harmloser Spaziergänger,
-den bloß die gelben Blumen freuten, sondern ein Mann, der seit Jahren
-auf der Lauer lag, ja dessen Geist so zu sagen ein großes Klappnetz
-darstellte, bereit, beim geringsten Einschlag mit energischstem Ruck
-zusammenzuschlagen.
-
-Wenige Minuten davon hatte sich für drei Sommer der Professor der
-Botanik zu Amsterdam, Hugo de Vries, einquartiert.
-
-1886, -- das waren nicht mehr die Zeiten Lamarcks.
-
-Dazwischen lag jenes Kolumbus-Jahr der neueren Biologie: 1859, da
-Darwin auftrat. Was bei Lamarck ein Traum eines einzelnen gewesen war,
-das hatte Darwin den Zeitgenossen als höchstes wissenschaftliches
-Arbeitsziel beigebracht: die Suche nach dem Werden der Tier-
-und Pflanzenarten, das Studium der Wandlungen, Umgestaltungen,
-Entwickelungen im Bereich des Lebendigen. Inzwischen waren indessen
-wiederum fast dreißig Jahre hingezogen. Die Generation nach Darwin
-hielt den Meister hoch in Ehren, aber sie grübelte selber schon wieder
-ein Stück weiter, wie das ihr gutes Recht war. „Was du ererbt von
-Deinem Darwin hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ De Vries war in den
-wesentlichsten Punkten Darwinianer, wie sich das beinahe von selbst
-verstand. Er zweifelte keinen Augenblick mehr an einer Entwickelung des
-Lebendigen nach natürlichen Gesetzen und an einer Wandelbarkeit der
-Arten. Aber der alte Darwin hatte auch jene Sätze über das „Wie“ dieser
-Entwickelung und Wandlung gelehrt: -- von Vererbung, Anpassung, Kampf
-ums Dasein, Variieren, Zuchtwahl und Verwandtem. Dieser alte Darwin
-hatte dabei nie verfehlt, diese seine engeren Ansichten als alles eher,
-denn ein Dogma hinzustellen. Er verstand unter dem „Darwinismus“ nichts
-mehr und nichts minder als ein schweres Arbeitsprogramm für die Zukunft.
-
-Die Generation, zu der de Vries (geboren 1848) gehörte, fing an, das
-mehr und mehr wirklich als Ernst zu fühlen. Man hatte im ersten Feuer
-doch etwas viel nur für die äußerliche Ausmünzung der Ideen Darwins
-gewirkt. Jetzt besann man sich auf des Meisters innerste esoterische
-Kernlehre: daß ja die Hauptsache erst noch zu leisten sei durch
-unermüdliche harte Beobachterarbeit. Auch de Vries hatte sich sein
-Programm gemacht, wo er arbeiten wollte.
-
-De Vries war Botaniker.
-
-Darwin hatte gelehrt, daß auch bei den Pflanzen die „Art“
-+veränderlich+ sei. Neue Arten entwickelten sich aus schon
-vorhandenen, und so fort. Ungeheure Linien dieser Entwickelungen
-lagen zweifellos in der Vorwelt, der Geschichte. Sie konnten in ihrem
-eigentlichen Verlauf, als Vorgang, von uns nicht mehr beobachtet
-werden. Aber Darwin neigte dazu, daß die Naturgesetze der Vergangenheit
-keine anderen seien als die unserer sichtbaren Gegenwart, -- ein Punkt,
-in dem er wohl sicher recht hatte. Dann aber wurde im höchsten Grade
-wahrscheinlich, daß die Entstehung neuer Arten +noch weitergehen+
-und auch bis zu uns heranreichen müsse.
-
-Darwin zog denn auch, um die Sache aufzuhellen, ganz folgerichtig
-die Experimente unserer heutigen Gärtner und Tierzüchter heran, die,
-wenn nicht Arten, so doch mindestens Abarten herangezüchtet zu haben
-glaubten durch planmäßiges Ausnutzen kleiner natürlicher Veränderungen.
-
-Dieser Weg führte ihn auf gewisse +mögliche+ Gesetze der
-wirklichen Artentstehung in der Natur. Aber grade er schien ihm
-auch zu beweisen, daß der wahre Naturweg in diesen Dingen ein ganz
-unglaublich +langsamer+ sei. Die winzige Zeitspanne, in der wir
-beobachten, schien viel zu kurz, um eine wahre Artentstehung, die
-Entwickelung einer neuen Pflanzenart aus einer andern ohne menschliche
-Nachhilfe, darin schon erleben zu können. Das war denn nun eine
-mißliche Zwickmühle. Die eine Beweisinstanz geriet in die unfaßbare
-Vergangenheit, die andere in die nebelblaue Zukunft. Dort waren wir
-nicht mehr dabei, und hier noch nicht.
-
-Es gab hitzige Köpfe, die da behaupteten, an diesen Dingen hinge ein
-großes Stück Weltanschauung. Es war nicht gerade angenehm, von dem
-entscheidendsten Ding dann sagen zu müssen, es schwebe wie Mohammeds
-Sarg einstweilen zwischen Himmel und Erde.
-
-Leute der jüngeren Generation, wie de Vries, begannen zu fragen,
-ob Darwin hier unbedingt Recht behalten solle, -- nicht mit seiner
-Entwickelungsidee, sondern mit seiner Skepsis. Wenn es nun bei
-sorgsamster Tatsachenprüfung doch einmal glückte, die Natur bei der
-Arbeit zu belauschen, wie ihr das Meisterstück gelang, heute noch unter
-unsern kritischen Augen eine neue Art zu schaffen?
-
-Gelang es, so mußte ja im „Wie“ der Artbildung einiges +anders+
-sein, als Darwin sich gedacht hatte. Aber darauf kam ja grade gar
-nichts an. Man arbeitete nicht an einem toten Monument für Darwins
-Einzelmeinungen, sondern man arbeitete an einem lebendigen Werk der
-Wahrheit, das sein Name als der eines vorbildlichen Wahrheitssuchers
-bloß eingeweiht.
-
-In solchen Gedanken schweifte seit Jahren jetzt de Vries Auge über
-jeden Fleck Erde, wo Pflanzen bei einander standen.
-
-Wie einst Goethe in Palermo den Blick wandern ließ, ob er nicht in
-irgend einem bunten Beet doch die „Urpflanze“ entdecken möchte, die das
-reine Urbild des Pflanzenwesens heute noch verkörpere, so suchte de
-Vries die Wandelpflanze, die Pflanze, die ihr Artbild durchbricht einem
-Neuwerden zu Liebe. Gab es sie, -- gab es sie nicht, mochte er die
-Blüten fragen wie Gretchen ihr Blumenorakel nach Fausts Liebe befragt.
-
-Er besuchte auch den Kartoffelacker von Hilversum.
-
-Ein Botaniker bringt seinen sichern Blick in solches Unkraut-Paradies
-mit. Er sah den Zusammenhang, wie diese Nachtkerzen-Gesellschaft sich
-seit etwa zehn Jahren hier auf die Eroberung begeben. Solcher freie
-Einfall in unbenutztes gutes Terrain ist für eine Pflanzenart aber
-stets ein Ereignis. Unerhört war ihre Üppigkeit, ihre Individuen-Zahl
-in den wenigen Generationen gesteigert worden. Was eine Art konnte,
-mußte hier geleistet sein.
-
-Nun weiß man seit Alters, in besonderem Maße aber seit Darwin, daß jede
-Pflanzenart, die man in vielen Individuen vergleichen kann, ein solches
-Können hat: das sogenannte Variieren.
-
-Die Individuen zeigen in den feinen Einzelheiten ihres Baues kleine
-Schwankungen, kleine individuelle Abweichungen von einander. Man lege
-beispielsweise eine Anzahl Blätter der gleichen Art nebeneinander und
-man findet nicht zwei absolut gleiche. Bei genauerem Zusehen findet
-man sogar bestimmte Reihen, in die diese Variationen des vorgesetzten
-Grundschemas sich einordnen lassen. Man kann sie unter gewisse
-Schwankungsgesetze einordnen, wie das (unabhängig von Darwin) durch
-Quetelet geschehen ist.
-
-Darwin selbst war der Ansicht, daß diese kleinen Varianten jeder Art
-von großer Bedeutung für die Entstehungsgeschichte ganz neuer Arten
-seien, grade darauf aber baute er auch seine Theorie auf, daß diese
-Entstehung unendlich langsam in weiten Zeiträumen, also uns unfaßbar,
-herankrieche.
-
-Einerlei: wer immer nach Verwandlungsspuren suchte, mußte das Variieren
-als interessant beachten. Und diese Nachtkerzen-Kolonie in der Kraft
-ihres Könnens wies dem Besucher sogleich solche individuellen Varianten
-in verschwenderischer Pracht. Notwendig mußte es ihn fesseln. Er blieb
-eine Weile beim Studium der Kolonie. Schade nur, dreifach schade, daß
-mit allem Studieren dieses Variierens grade in Darwins Sinn so wenig
-für die Grundfrage herauskam! Ging die Artbildung diesen Weg, so war es
-eine ewige Zukunftsvertröstung für uns, keine sichere Erkenntnis. Wir
-sahen von der Artentstehung nicht mehr als ein Astronom in seinem Leben
-von der Wiederkehr eines Kometen sieht, der tausend Jahre braucht, um
-wieder in unsere Erdsicht zu kommen. Der Astronom konnte wenigstens
-die Ziffern fest errechnen. Wir hatten bloß schwache Vermutungen ohne
-festen Halt!
-
-Indessen schon bald geschah etwas Wunderliches, etwas Unerwartetes.
-
-Die Nachtkerzen-Art, die den gelben Blütenteppich des Ackers bildete,
-war von dem Botaniker zunächst ohne Skrupel und Mühe im Ganzen als die
-Lamarckiana bestimmt worden. Die kleinen Abweichungen der einzelnen
-Individuen galten ihm als selbstverständliche Varianten dieser einen
-guten Art. Aber in den Sommern 1886 und 1887 stellte er etwas fest, was
-hierzu nicht stimmte.
-
-Beim sorgfältigen Durchprüfen aller vorhandenen Einzelnachtkerzen
-entdeckte er zwei andere Arten mitten dazwischen, beide scharf
-geschieden von der Nachtkerze Lamarcks.
-
-Schon am 20. August 1886 fand er zwei Individuen, eines im dichtesten
-Wald der Lamarckskerzen, eines etwas davon entfernt, beide aber
-ausgezeichnet durch sehr viel kürzeren Griffel und kleinere Früchte,
-auch sonst in Einzelheiten durchaus absonderlich.
-
-Im nächsten Sommer zeigten sich ihm an einer Stelle tief im Felde als
-pionierhaft vorgedrungene Nachtkerzen-Kolonie zehn Individuen einer
-zweiten Sonderart, die durch sehr viel schönere Belaubung, nämlich
-glattere Blätter und durch anders gestaltete schmälere, oben nicht
-herzförmig ausgebuchtete Blumenblätter abermals von der Lamarckskerze
-grundverschieden war.
-
-Die Sachlage war auffällig über alle Maßen.
-
-Die Individuen der beiden fremden Arten steckten so eingekeilt in der
-Kolonistenlinie der Lamarckier, daß schlechterdings nicht zu begreifen
-war, wie sie als „fremd“ hier hineingeraten sein sollten. Trotz
-ihrer Verschiedenheit saßen sie genau so da, als seien sie schlichte
-Abkömmlinge der Lamarcks-Gesellschaft selbst gleich allen andern des
-Feldes. Waren sie es nicht wirklich? Und waren sie dann nicht doch bloß
-gewöhnliche, nur etwas extreme Varianten der Lamarckskerzen?
-
-De Vries trat dem gegenüber zwei feste Beweise an, beide in sich völlig
-gelungen.
-
-Er brachte beide Sonderlinge im botanischen Garten zu Amsterdam zur
-Fortpflanzung und stellte fest, daß sie in weiteren Generationen
-vollständig konstant bleiben: die kurzgriffelige Form erzeugt weiter
-immer nur Kurzgriffler, die glattblätterige nur Glattblättler. Das gilt
-im allgemeinen botanisch als Merkmal einer festen Art. Also doch zwei
-Arten! Keine Varianten von Lamarckskerzen!
-
-Gleichzeitig aber stellte de Vries aus der Literatur und den
-Musterherbarien von Leiden, Paris und Kew fest, daß bisher +weder in
-Europa noch in Amerika irgend ein Botaniker diese beiden Arten gesehen
-hatte+.
-
-Es waren beides neue Arten!
-
-Zwei bisher unbekannte Nachtkerzen-Arten!
-
-Die eine mußte ~Oenothera brevistylis~, die kurzgriffelige, getauft
-werden, die andere ~Oenothera laevifolia~, die glattblätterige.
-
-Was war das?
-
-Hatte jemand in aller Stille in einem undurchforschten Winkel Amerikas
-diese beiden Arten gefunden, hatte ihre Samen heimlich nach Holland
-gebracht und zwischen die Lamarckier geschmuggelt?
-
-Aber diese ganze Pflanzenkolonie hier war ja grade ein
-Verwilderungsprodukt, das Ergebnis einer von Menschenhand unberührten
-Auswanderung sich selbst überlassener Pflanzen von einem unbeachteten
-Beet auf einen unbenutzten Acker!
-
-Oder welcher unglaubliche Wind sollte diese Samen über den Ozean hinweg
-hierher geweht haben, -- da doch vor dem siebzehnten Jahrhundert
-niemals offenbar ein einziger Nachtkerzensamen selbst der häufigsten
-amerikanischen Art auf solchem freien Naturwege zu uns gekommen war?
-
-Je unwahrscheinlicher, unmöglicher alle diese Erklärungen wurden, desto
-deutlicher arbeitete sich aus dem Ganzen eine +Möglichkeit+ heraus.
-
-Auf dem ursprünglichen Beet war nur die Lamarckiana gewesen. Diese
-allein war auf den Acker ausgewandert. Dort hatte sie sich üppig
-vermehrt. Und bei der Gelegenheit hatte sie plötzlich zwei vollkommen
-neue Nachtkerzen-Arten +aus sich erzeugt+.
-
-Plötzlich, -- das heißt immerhin in der kurzen, übersehbaren Spanne
-der paar Jahre, seit denen nachweislich die Invasion auf den Acker erst
-statt haben konnte.
-
-So wäre denn hier das ungeheure Wunder einer Art-Entstehung nicht von
-uns getrennt durch Jahrmillionen der Vergangenheit oder Äonen der
-Zukunft, -- ganz dicht wäre es nur hinter uns gewesen, zu messen noch
-an ein paar Nachtkerzen-Generationen in ein paar Menschenjahren.
-
-Eine winzige Spanne zurück -- und der Botaniker wäre gradezu drauf
-gestoßen, -- gestoßen auf den Schöpfungsakt zweier neuer Pflanzenarten
-auf einem Kartoffelacker zu Hilversum ....
-
-De Vries aber sagte sich folgendes. Wenn diese gelbe Kerzenkolonie erst
-vor zwei Jahren dieses „Wunder“ hier vollbracht hat, so besteht eine
-höchste Wahrscheinlichkeit, daß sie es auch +jetzt noch+ kann.
-Und wenn sie es vollbracht hat in der abgeschiedenen Stille dieses
-Kartoffelwinkels zwischen zwei Hilversumer Kanälen, so wird sie es auch
-vollbringen in der wissenschaftlichen Helle eines botanischen Gartens.
-
-De Vries sah plötzlich eine Lebensaufgabe vor sich. Er entnahm dem
-geheimnisvollen Acker Zuchtpflanzen und Samen der echten Lamarckiana
-und der beiden neuen Arten und brachte sie in den botanischen Garten
-zu Amsterdam. Wenn diese Abkömmlinge der Schöpfungsstätte unter
-genauester Kontrolle aufblühten, wenn sie unter den denkbar günstigsten
-Verhältnissen tausende und tausende von Individuen entfalteten, -- ob
-dann in diesem goldenen Blütenfelde noch einmal und sichtbar jetzt vor
-Menschenaugen das große Mysterium sich vollziehen würde: die Entstehung
-einer neuen Pflanzenart?
-
-Es war das eigenartigste Experiment, das der ganze Darwinismus bisher
-erlebt hatte. Würde es glücken?
-
-Wir sind im Herbst 1886. Zu dieser Zeit also entnahm de Vries dem
-rätselhaften Acker von Hilversum neun besonders schöne, große Rosetten
-der echten Lamarckskerze und pflanzte sie in den botanischen Garten zu
-Amsterdam.
-
-Das bedeutsame Experiment begann.
-
-Zweijährig, wie diese Pflänzchen waren, kamen sie im nächsten Sommer,
-also 1887, in üppige Blüte und lieferten reichlich Samen. Dieser
-Samen kam zu neuer Aussaat und lieferte für die Sommer 88 und 89 eine
-ungeheure Nachkommenschaft, von der rund fünfzehntausend Individuen
-genau geprüft, gleichsam steckbrieflich aufgenommen wurden.
-
-Wenn die Nachtkerze auch im Garten unter Kontrolle eine neue Art zu
-erzeugen beliebte, so war jetzt erste Gelegenheit.
-
-Und der Fall ließ in der Tat nicht auf sich warten.
-
-Unter den fünfzehntausend Kerzchen von 88/89 waren genau zehn Stück,
-die nicht auf den Steckbrief der Lamarckskerze hören wollten.
-
-Da standen zunächst fünf Individuen, die sich als „Zwerge“ gaben.
-
-Trieb die echte Lamarckiana durchweg erst bei Meterhöhe Blüten,
-so sproßten sie diesen Zwergen schon bei zehn Zentimetern ihres
-Höhenwachstums. Dabei handelte es sich aber keineswegs um reine
-Miniaturausgaben im Sinne einfach schwacher Individuen, etwa wie auf
-so und so viel Menschen auch einmal ein Schwächling weit unter dem
-Normalmaß kommt. Gleich das erste Blättlein, mit dem die zierliche
-Rosette einsetzte, erschien schon anders als die Lamarcksblätter,
-breiter in der Basis, kürzer gestielt, kurz art-verschieden. Wiederum
-die Blüte, wenn sie kam, war selber gar nicht verkrüppelt, sondern im
-Verhältnis der Blätter ganz auffällig groß. Kurz: der Botaniker stand
-vor einer neuen Art. Und, wohlverstanden, vor einer Art, die diesmal
-nachweislich von echten Lamarcks-Eltern herstammte!
-
-De Vries taufte sie ob ihrer Zwergenhaftigkeit die ~nanella~.
-
-Es erübrigte, sie auf ihre Artbeständigkeit in eigenen, weiteren
-Generationen zu prüfen, und auch das gelang. Samen der fünf Zwerge
-ergaben zwanzig neue Exemplare, die mit der höchsten Sorgfalt vor
-Vermischung mit echten Lamarckiern geschützt wurden. Es ist zur
-Abwehr solcher Vermischung ein besonderes Verfahren nötig, das erst
-einen rechten Begriff gibt, welche Arbeit überhaupt in solchen
-Versuchen steckt. Bekanntlich wird die Befruchtung bei den höheren
-Pflanzengruppen durchweg so vollzogen, daß männlicher Blütenstaub der
-einen Blüte auf den weiblichen Griffel einer anderen gebracht wird.
-Die Vermittler dieser Uebertragung sind bei den höchsten Gruppen (zu
-denen auch die Nachtkerze gehört) die ab- und zufliegenden Insekten,
-Bienen, Fliegen, Schmetterlinge, die auf ihrer Honigsuche ohne Willen
-hier den Staub einer Blüte sich aufpulvern lassen und dort, bei Einkehr
-in einer anderen, am rechten Fleck zurücklassen. Bei solcher Post wäre
-nun in unserm Falle nur zu leicht möglich, daß ein Insekt mit echtem
-Lamarckianastaub bepulvert in eine Nanellablüte kröche. Der Erfolg aber
-wäre eine Kreuzung der beiden Formen, die die Einsicht hemmte, ob die
-Nanella, allein gelassen, als echter Artanfang wieder reine Nanellae
-erzeugte anstatt Lamarckskindern. So mußte denn die Insektenpost hier
-vorsätzlich ausgeschaltet werden. Jedes Pflänzchen wurde, wenn es
-Blüten setzte, durch transparente Papierhütchen gegen anfliegende Gäste
-abgeschlossen, die nötige Befruchtung aber besorgte an Insektenstatt
-der Professor selbst und zwar stets so, daß er nur den Staub einer
-echten Nanella wieder auf eine Nanella brachte. Resultat war, daß aus
-den bewußten zwanzig Nanellae 2463 neue Keimpflanzen hervorgingen, die
-ausnahmslos Nanella-Zwerge waren. Das entschied.
-
-Inzwischen waren aber die Wunder in den fünfzehntausend ursprünglichen
-Lamarcks-Abkömmlingen noch nicht zu Ende.
-
-Dabei wuchsen nämlich nochmals genau fünf andere Exemplare, die auch
-ihren Sonderweg gingen.
-
-Auch sie waren bereits im zweiten oder mindestens dritten Blättchen,
-das sie trieben, von den Lamarckiern streng unterscheidbar an der
-wunderbaren Breite und oberen Abrundung ihrer Blätter. Kamen sie ganz
-herauf, so erwies sich alles an ihnen entsprechend dick und geweitet.
-
-„Dickköpfe“ wurden es, die jeder Laie schon auf den ersten Blick
-herauskannte. ~Lata~, die Breite, taufte man also diese zweite
-Nachtkerzen-Art, die unter den Augen des unbestechlichen Beobachters
-sich aus der echten Lamarckskerze „entwickelt“ hatte.
-
-Von allen bisher erkannten Neu-Arten wich sie am meisten von der
-Urform ab. Und schade nur, daß diesmal die Dauerhaftigkeit in weiteren
-Generationen nicht festzustellen war aus einem rein äußerlichen Grunde:
-diese (und alle später noch beobachteten) Individuen der Lata waren nur
-in ihren weiblichen Blütenteilen voll entwickelt, in den männlichen
-dagegen so verkümmert, daß eine Befruchtung mit echtem Lata-Staub
-unmöglich blieb.
-
-Das Wirtschaften mit solchen Pflanzenkolonieen, die in die vielen
-Tausende hinein gehen, ist kein Kinderspiel. Trotzdem folgte de Vries
-zunächst unentwegt noch wieder einer Generation weiter. Er erzielte aus
-echtem Lamarckssamen der Fünfzehntausend von 88/89 eine Generation für
-1890 und 91, die zehntausend gezählte und geprüfte Pflänzchen enthielt.
-
-Unter diesen Zehntausend waren abermals drei Lata-Kerzen und drei
-Nanella-Kerzen!
-
-Die Kraft, die zu erzeugen, bestand also bei den Lamarckiern auch jetzt
-noch fort.
-
-Aber außerdem war diesmal ausgespart ein einziges Individuum dabei, das
-eine dritte Neu-Art darstellte!!
-
-Diese Art war von hervorragender Schönheit. Sie wies rote Blattnerven
-und breite rote Streifen auf Kelch und Frucht. Die Blüte war größer
-und dunkler gelb. Ganz besonders auffällig aber war ihre Sprödigkeit.
-Stengel und Blätter zerbrachen bei jedem derberen Stoß. Schlug man
-von oben auf die blühende Pflanze, so zersprang „der Stengel förmlich
-in mehrere Stücke mit glatten Bruchflächen“. Den Grund bildete die
-sehr schwache Ausbildung der mikroskopischen Bastfasern, -- ein
-interessanter Umstand als Beweis, wie tief bis in ihre feinste Struktur
-hinein diese Art von der echten Lamarckiana verschieden ist. Im übrigen
-war grade sie über allen Verdacht hinaus kräftig und fruchtbar.
-
-~Rubrinervis~, die Rotnervige, nannte sie ihr Entdecker, und diese
-Rotnerven-Kerze gab in der Folge, als sie noch einmal und zahlreicher
-in einer Lamarckszucht „entstand“, aus acht Individuen Samen für
-tausend Nachkommen, von denen 999 echte Rotnerver waren, und nur ein
-einziges Exemplar die alte Lamarckierin.
-
-Selbst dieser eine Rückschlag war höchstwahrscheinlich gar kein
-echter, sondern Ergebnis einer zufälligen Einschleppung in das
-Beobachtungsbeet. Denn eine weitere Samengeneration lieferte 1114
-Pflanzen, die samt und sonders rote Blattnerven besaßen.
-
-Leider wurden die Schwierigkeiten der Kultur jetzt so groß, daß für
-eine Weile das großartige Experiment ruhen mußte. Drei Jahre ruhten die
-Samen der Sommergeneration von 1891 unbenutzt und mit ihnen ruhte so
-lange das Schöpfungswunder von Amsterdam.
-
-Endlich 1895 kam es zu neuer Aussaat.
-
-Reichlicher als früher wurde diesmal der Boden gedüngt. In größerem
-Stil als je wurde alles aufgenommen. Alle Befruchtungen wurden mit
-raffiniertester Gewissenhaftigkeit künstlich unter Dütenschutz
-vollzogen, die Statistiken mit polizeilicher Sorgfalt geführt.
-
-Und abermals wuchs eine Generation auf, eine einjährige diesmal,
-abermals vierzehntausend Individuen. Und staunenswertes Resultat: die
-Artbildung warf abermals Wellen, stärker als je zuvor.
-
-Da standen unter den Vierzehntausend zunächst sechzig Nanella-Zwerge.
-
-Dann dreiundsiebzig Lata-Dickköpfe.
-
-Und endlich acht Rotnervchen.
-
-Wie aber diese Rubrinervis das vorige Mal als einzige ihrer Art
-plötzlich aufgetaucht war, so erhob sich diesmal aus seiner Rosette ein
-Einzelindividuum je von zwei nochmals völlig neuen Arten.
-
-Der eine dieser Revolutionäre auf eigene Faust war im Gegensatz zu den
-Zwergen ein Riese, kräftig, breitblätterig, mit gewaltigen Blüten bei
-kurzer Frucht.
-
-Augenblicks, da das gelbe Feld der Vierzehntausend von 1895 in
-Flor trat, stachen diese Prachtblüten aus der Menge vor. Nie vorher
-konnte ein Exemplar solcher Größe dabei gewesen sein, -- es war
-schlechterdings eine Neuheit wieder. Und doch eine Neuheit vom alten
-Stamm, -- vom einen Stamm, der jetzt in der vierten Generation streng
-nachweislich reine Lamarckiana-Zucht war!
-
-~Gigas~ wurde der Riese mit Recht benannt.
-
-Er erwies sich in 450 weiteren Sprößlingen aus Selbstbefruchtung
-konstant insofern, als er keine einzige Lamarckiana wieder
-hervorbrachte; dagegen erlaubte er sich schon in der nächsten
-Generation eine eigene neue Art in einem einzigen Exemplar zu
-zeugen: einen Riesen im Einzelwuchs, der doch in der Gesamthöhe nur
-das Zwergenmaß der Nanella erreichte. Weitere Generationen blieben
-dagegen unverändert beim Riesentypus, wahrten ihm also sein Art-Recht
-ungeschmälert fort.
-
-Der andere Individualist der Vierzehntausend hatte schmale,
-langgestielte Blätter von eigenartig glänzender Oberfläche ohne Buckeln
-und von einer ganz besonderen dunkelgrünen Färbung, durch die sich die
-Nerven weißlich dehnten. Die Blüten waren diesmal klein wie bei der
-kleinblütigen Biennis-Nachtkerze, die sich grade in diesem Punkt so von
-der Lamarckierin schied.
-
-~Scintillans~, die Glänzende, wurde diese Neu-Art getauft.
-
-Ihre Dauerhaftigkeit unterlag in der Folge Zweifeln, doch ist die Sache
-noch nicht klar aufgehellt, weder positiv noch negativ.
-
-Interessierte in diesen beiden Fällen das pionierhaft Vereinzelte der
-Neuschöpfung, so wirkte grade umgekehrt, daß eine dritte „Art“ diesmal
-sofort in ganzen hundertsechsundsiebzig Exemplaren aufmarschierte.
-
-Schmal waren auch ihre Blätter und langgestielt, aber auffälliger noch
-als bei allen andern, und kenntlich dabei durch die breiten, blassen,
-oft rötlichen Nerven. Die Größe blieb hinter der Lamarckskerze zurück,
-ohne sie doch zum Zwerg zu degradieren. Und auch sonst fehlte es nicht
-an Sondermerkmalen. Die Dauerhaftigkeit erhellte sicher aus allen
-weiteren Kulturversuchen.
-
-~Oblonga~ wurde Taufname.
-
-Endlich erwiesen sich noch fünfzehn Exemplare der Masse diesmal
-sicher als Neukerze, obwohl man ihnen Ähnliches schon in den früheren
-Generationen gewahrt, aber nicht als Neu-Art angesprochen hatte.
-Es handelte sich um schöne, aber stets sehr hinfällige Kerzen von
-weißlichgrauer Blattfarbe, viel kleiner als die Lamarckierin in Wuchs
-wie Blüte. Früher erschienen sie nur als Krankheits-Varianten. Jetzt
-erkannte de Vries auch in ihnen eine feste Art, deren Dauerhaftigkeit
-sich denn auch anstandslos bewährte.
-
-~Albida~, die Weißliche, hieß sie fortan.
-
-Auf vierzehntausend Kerzen aus Lamarckssaat also im ganzen
-dreihundertundvierunddreißig abweichende Exemplare in nicht weniger als
-sieben von der Lamarckskerze verschiedenen Arten!
-
-Die Versuche in dieser Reihe wurden bis 1899 fortgesetzt, jedes
-Jahr mit einer neuen Folge-Generation. Mit der achten Folge war die
-ungeheuerliche Ziffer von fünfzigtausend genau untersuchten Individuen
-erreicht. Über achthundert hatten eigene Wege in die genannten sieben
-Arten eingeschlagen. Eine weitere Art über die sieben hinaus kam in
-dieser Reihe nicht mehr hinzu.
-
-Inzwischen waren aber gleichzeitige Kulturen aus andern Samen des
-Hilversumer Ackers in Amsterdam durchgeführt worden, zum Beispiel von
-jener ursprünglich schon wild in Hilversum entdeckten glattblättrigen
-Art, und auch dort waren in langen Generationsketten neue Arten
-aufgetaucht, teils die gleichen, schon genannten, teils noch andere.
-
-Endlich war das Hilversumer Wunderfeld selbst fort und fort unter
-Aufsicht geblieben und es hatte sich herausgestellt, daß fünf der
-Amsterdamer Neu-Arten auch dort im wilden Zustand in den Jahren
-erschienen waren, so die Breite und der Zwerg.
-
-Das sind die Tatsachen.
-
-Wie die ganze Fülle der Beobachtungen und Experimente in dem de
-Vriesschen Prachtwerke „Die Mutationstheorie“ (erster Band, Leipzig,
-Veits Verlag) ausführlich und mit schönen Farbentafeln in Wort und
-Bild dargelegt ist, macht sie nicht den Eindruck, als wenn an dem
-grundlegenden Material noch viel wesentliche Kritik geübt werden könnte.
-
-Was de Vries gesehen hat, scheint fortan zu unserm wissenschaftlichen
-Stammstoff zu gehören und jede Theorie muß damit rechnen.
-
-De Vries selber aber hat jedenfalls das erste Recht, auch zu einer
-solchen Theorie gehört zu werden.
-
-Nachdem er seine Tatsachen einigermaßen beisammen hatte, verwertete er
-sie für folgende verallgemeinernde Sätze.
-
-Diese hier beschriebenen neuen Nachtkerzen-Arten sind +nicht+
-gewöhnliche +Varietäten+.
-
-Kleine, individuelle Variantenbildung lief während der ganzen Studie
-immer und überall nebenher, ohne die Sache irgendwie zu berühren.
-Die ersten Hilversumer Lamarckskerzen variierten so im kleinen, es
-variierten ihre fünfzigtausend Nachkommen in Amsterdam, es variierten
-innerhalb ihres typischen Bildes wieder die entstandenen Neuarten
-selbst in all ihren Reinkulturen, kurz, diese kleinen Schwankungen
-gingen immer und überall nebenher, änderten oder taten zur Sache,
-um die es sich handelt, aber gar nichts. Es war eben, wie wenn
-fünfzigtausend Menschen verschiedene Nasen haben: sie bleiben darum
-doch alle Mensch und es wird keiner zu einer außermenschlichen Art.
-
-Solches Werden im letzteren Sinn aber entspräche nach de Vries
-tatsächlich dem, was bei Entstehung jener sieben und mehr Neuformen aus
-der Lamarckskerze vorliegt. Hier hat irgend ein Innenakt der Pflanze
-aus einer Art eine ganze Kolonie neuer Arten plötzlich, von Generation
-zu Generation, hervorbrechen lassen, -- echte +Arten+ mit +allen
-Merkmalen+ von solchen.
-
-So lautet denn de Vries’ erster Lehrsatz: eine Pflanzenart hat unter
-Umständen die Kraft, eine ihr verwandte, aber doch grundlegend
-verschiedene neue Art plötzlich, ruckweise aus sich bei der
-Fortpflanzung entstehen zu lassen. Im Gegensatz zur gewöhnlichen
-Variation bezeichnet er diesen Akt als eine „+Mutation+“, von
-~mutare~, verwandeln.
-
-Es handelt sich dabei nicht um eine kleine individuelle Abweichung
-in irgend welchen Merkmalen, sondern um einen Ruck, bei dem die
-Tochterpflanze in ihrem tiefsten Wesen als Ganzes aufgerüttelt,
-umgerüttelt, neu fundiert, verwandelt erscheint.
-
-De Vries gebraucht zur Klarlegung des Unterschiedes zwischen Variation
-und Mutation gelegentlich ein sehr hübsches Bild, das von F. Galton
-herrührt. Man denke sich ein sogenanntes Polyeder, einen Körper mit
-vielen verschiedenen Flächen nach allen Seiten. Als Bild kann gut einer
-jener schönen kristallenen Briefbeschwerer mit vielen Schliff-Flächen
-dienen, die man öfter sieht. Ein solcher Kristallblock gerate auf eine
-schiefe Ebene. Er liegt zunächst fest auf einer seiner Schliffflächen.
-Aber die Ebene senkt sich unter ihm und er beginnt zu rutschen, --
-zunächst auf dieser seiner Fläche. Die Rutschpartie geht schneller:
-er beginnt zu kippen. Er schwankt, balanziert auf der unteren Kante
-seiner Grundfläche, neigt sich etwas vor und zurück. Aber noch zwingt
-ihn die Schwere in die alte Lage zurück, er fällt wieder in die alte
-Basis, entfernt sich nicht dauernd von ihr, sondern oszilliert nun
-gleichsam um sie herum. Das wäre die Variation einer Art auf der
-schiefen Ebene ihrer Fortpflanzung! Indessen plötzlich jetzt ein
-Ruck: unser Kristallblock hat auf einer stärksten Neigungsstelle das
-Übergewicht bekommen, ist gekippt -- und liegt jäh auf seiner nächsten
-Schlifffläche. Er hat seine Basis verändert. Um die mag er jetzt wieder
-schwanken, oszillieren, -- jedenfalls ist es ein Oszillieren um einen
-ganz neuen, veränderten Schwerpunkt. Dieser Ruck, dieser Sturz, diese
-plötzliche Basisänderung -- ist eine Mutation. Die Art oszilliert,
-variiert bei ihr nicht um ihre gegebene Basis, -- sie fällt in sich um
-auf eine neue Basis: sie erzeugt eine neue Art.
-
-Die Entdeckung dieser Mutation als einer experimentell gesicherten
-Sache hielt de Vries für seine wichtigste Leistung. Aber er blieb dabei
-nicht stehen.
-
-Er folgerte weiter, daß die Mutation nicht wie die Variation eine
-beständige Begleiterscheinung im Leben der Pflanzenarten sei, sondern
-wahrscheinlich +in gewissen Perioden+ sich einstelle.
-
-Eine Art kann lange auf ihrer Fortpflanzungsbahn bloß oszillieren. Dann
-plötzlich macht sie Sprünge, bei denen die Basis jäh wechselt: sie
-tritt in eine Mutationsperiode.
-
-Für diesen Sachverhalt spricht die Ruhe so vieler Pflanzenarten,
-die, lange beobachtet, keinerlei Mutationen zeigen, und umgekehrt
-dieser Nachtkerzenfall, wo in kürzester Frist die Neubildungen sich
-jagen und überall, oft in verhältnismäßig kolossaler Individuenzahl,
-hervorbrechen.
-
-Hier lag ja nun die Frage nahe genug, welches Gesetz denn diesen
-Wechsel von Ruhezeit und Mutationszeit bestimme, -- oder mit anderen
-Worten: was für ein Grund die Pflanze überhaupt zur Mutation zwinge?
-Diese Frage mit irgend einer Theorie zu beantworten, vermaß sich
-indessen de Vries vorläufig nicht.
-
-Seine Experimente gaben keinen Anhalt dafür. Seine Nachtkerze war
-offenbar schon im wildesten Trubel einer Mutationsperiode, als er sie
-fand. Den Anfang der Dinge sah er nicht. Vermuten ließ sich höchstens
-ein Zusammenhang zwischen der äußerst üppigen und raschen Vermehrung
-durch Eroberung des Hilversumer Ackers und dem Eintritt dieser Periode.
-Doch warf das de Vries nur so als Denkbarkeit hin.
-
-Im wesentlichen resignierte er: die äußeren Ursachen der Mutabilität
-seien uns noch völlig unbekannt. Um so energischer aber erörterte und
-entschied er einen verwandten Punkt.
-
-Die Mutation arbeitet -- +richtungslos+!
-
-Die Lamarckskerze, wie sie gegeben war, erscheint als eine gute
-Anpassung an den Daseinskampf. Wir sehen sie in Amerika sich halten, in
-Europa fortblühen, sehen sie als Pionier, der sich wieder wild macht,
-den Hilversumer Acker erobern, kurz, sie steht ihren Mann.
-
-Wie geht es nun mit den Neuarten? Sind sie noch besser? Sind sie
-schlechter? Ist etwas Besonderes in bestimmter Richtung an ihnen
-„verändert“? Etwas pro oder kontra?
-
-Der Sachverhalt der vorhandenen Neuarten gibt eine feste Antwort.
-
-Die Abänderungen umfassen alle Organe gradezu und gehen überall in
-fast jeder Richtung. Die Pflanzen werden stärker, sagt de Vries, oder
-schwächer, mit breiteren und schmäleren Blättern. Die Blumen werden
-größer und dunkler gelb, oder kleiner und blasser. Die Früchte werden
-länger oder kürzer. Die Oberhaut wird unebener oder glätter; die
-Buckeln auf den Blättern nehmen zu oder ab. Die Produktion der Pollen
-nimmt zu oder ab; die Samen werden größer oder kleiner, reichlicher
-oder spärlicher. Die Pflanze wird weiblich oder fast männlich; manche
-hier noch nicht beschriebene Formen waren völlig steril, einige
-nahezu ohne Blüten. Einige neigten mehr zur Zweijährigkeit, andere
-weniger, eine war fast rein einjährig. Das entscheidet jene Frage.
-Diese Abänderungen sind in kunterbunter Reihe teils nützlich, --
-teils indifferent -- teils ausgesprochen schädlich. Die Riesenform
-~Gigas~ ist der Lamarckiana anscheinend in jedem Betracht über.
-Die Zwergform ~Nanella~ und die zerbrechliche ~Rubrinervis~
-sind wehrloser als die Lamarckskerze. Eine Neuart, die unfruchtbar
-ist, ist selbstverständlich ein unrettbarer Todeskandidat. Also: der
-Mutationsprozeß, was er nun auch für eine Triebfeder habe, arbeitet
-hinsichtlich der Anpassung, der Kampfstärke im Leben richtungslos, --
-bald pro, bald kontra. Er probt blind „Möglichkeiten“ durch, indem er
-bessere, schlechtere, gleiche Würfel regellos ausstreut.
-
-Daraus aber mußte sich für de Vries folgerichtig noch ein weiterer Satz
-ergeben.
-
-Über die Fortexistenz der regellos geschaffenen Mutationsarten
-entschied der Daseinskampf!
-
-Er merzte die schlechteren Neuschöpfungen aus. Bei Gleichheit
-im Lebenswert ließ er je nachdem Mutterart und Mutationsarten
-nebeneinander bestehen. War dagegen ein Mutationsprodukt +besser+
-angepaßt, brauchbarer als alle Mitmutationen und als die Mutterart
-selbst, so ließ er diese +beste+ Form +allein+ bestehen und
-merzte alle anderen aus.
-
-Die Rolle des Daseinskampfes war in diesem Sinne zwar eine gewaltige,
--- aber sie war rein -- negativ. Er machte nicht die Mutation.
-
-Er konnte an sie als gegebenes „Absolutes“ direkt in keiner Weise heran.
-
-Aber er warf unablässig alle schlechten Mutationen wieder aus dem
-Spiel, einschließlich aller überbotenen Stammformen, und reichte einer
-besten oder einigen gleichberechtigt besten die Palme der Herrschaft.
-
-Indem er ungeheure Ketten von Mißmutationen und wertlos gewordenen
-Stammformen wie welke Zweige beständig abschnitt, trennte er die
-überlebenden Sieg-Mutationen durch weite Räume voneinander.
-
-Darum erscheinen uns im Dauerbilde die „Arten“ meist so getrennt,
-obwohl die Mutationen sich zunächst immer noch so verhältnismäßig
-nahe gestanden hatten, wie die Lamarckiana und ihre Zwergenkinder,
-Riesenkinder, Kurzgriffler, Rotnervchen und Glanzblättler.
-
-Ganz scharf tritt in dieser „Mutationstheorie“ die Beziehung wie der
-Gegensatz hervor zu der engeren Darwinschen Lehre von den Bedingungen
-der Entwickelung.
-
-De Vries nimmt den ganzen +äußeren+ Besitz des Darwinismus
-+vollzählig+ in sich auf, er umspannt ihn, wie jede gute neue
-Theorie alles Gute der älteren umspannen soll, anstatt künstliche
-Unterschiede zu schaffen.
-
-Dem lauten Getriebe, das heute alle darwinistischen Grundtatsachen
-wieder aus der Welt reden möchte, steht ein so besonnener Kopf, der
-grade beim alten Darwin arbeiten gelernt hat, vollkommen fern.
-
-Die fördernde oder hemmende Macht der äußeren Existenzbedingungen, in
-die die lebenden Wesen jedes für sich eintreten -- der „Daseinskampf“,
-wie es Darwin nannte, ohne selbst in die Mißverständnisse
-überzulenken, die das vieldeutige Wort im Alltagsleben seitdem erfahren
-hat -- sie bleibt in voller Wucht bestehen.
-
-Wie sollte sie nicht?
-
-Fällt doch jedes neue Pflänzchen auf dieser alten Erde nicht vom
-Blauen ins Blaue, sondern es tritt vom Tage seiner Entstehung an
-in ein ungeheures Netz bereits bestehender Verhältnisse, vor denen
-es sich ausweisen muß, ob es „lebensfähig“ ist. Wenn ein Fischlein
-im Wasser aus dem Ei kriecht und das Wasser rauscht um es her --
-und es hat plötzlich durch irgend eine individuelle Veranlagung
-keine Kiemen, so muß es augenblicks sterben, es ist untauglich zum
-Lebenskampf. Je besser dagegen seine Kiemen sind, desto flotter kann
-es das „Leben“, sein Leben in den gegebenen Bedingungen des Fischs im
-Wasser, aufnehmen. Die Logik dieses Gedankens ist eine immer wieder
-so schlichte, so schlechterdings zwingende, daß einer sich wirklich
-schon künstlich in den blinden Zweifel hineinreden muß, um das nicht
-mehr zu fassen. Wo immer in einer Tier- oder Pflanzenart individuelle
-Veränderungen auftreten, da +muß+ diese logische Mühle weiter
-mahlen, da +muß+ eine Selektion, eine Auslese des Besseren, vor
-den äußeren gegebenen Bedingungen Zweckmäßigeren, und eine Ausmerzung
-des Schlechteren stattfinden. Und das Resultat muß eine beständige
-Annäherung sein an eine immer bessere, eine beste „Anpassung“
-der Gesamtmenge an diese Bedingungen, -- also genau das, was wir
-in so ungezählten Beispielen wirklicher famosester Anpassung und
-Zweckdienlichkeit der Lebewesen allerorten auf Erden vor Augen sehen.
-
-Damit ist der Kerngedanke aber der Darwinschen Zuchtwahltheorie immer
-und immer wieder gerettet als ein schlicht logisches Grundprinzip,
-um das wir außen und oben, auf der Kampffläche der Dinge, nicht
-herumkommen.
-
-Was sich aber fragt und von Anfang an schon für alle ernsten Denker,
-vor allem Darwin selbst, gefragt hat, das ist: wie es sich mit jenen
-„individuellen Veränderungen“ selbst verhalte, also mit dem Korn, das
-die Daseinskampfmühle oder das Daseinskampfsieb, wie das Bild besser
-lautet, zu verarbeiten bekommt?
-
-Die Darwinsche Schule, so will ich einmal etwas allgemeiner hier
-sagen, hat durchweg angenommen, daß für die große Entwickelungslinie
-wesentlich jene kleinen individuellen Varianten in Betracht kämen,
-die, wie erwähnt, ungefähr unter jene statistischen Schwankungsgesetze
-Quetelets fallen, -- also im groben Bilde etwa, was bei uns Menschen
-sich als Unterschiede in der Nasenlänge oder so etwas Ähnlichem äußert.
-
-Eine solche kleine Variante sollte gelegentlich schon ein kleines Plus
-im Daseinskampfe geben. Durch bessere Erhaltung auf Grund dieses Plus
-sollte dieser Daseinskampf sie so zu sagen mehr und mehr in Reinkultur
-herausarbeiten und allmählich so steigern, daß sie endlich unter die
-Dauermerkmale der ganzen Art geriet. Ein Komplex solcher endlich
-fest herangezüchteten Plus-Varianten mochte schließlich das ganze
-frühere Art-Bild so verwandeln, daß wir Systematiker die ausgelesene
-Varianten-Elite der Ur-Ur-Enkel gradezu für eine neue Art ansprachen.
-Und ein Hauptstützmittel dieser Auffassung waren eben die Erfahrungen
-unserer Gärtner und Tierzüchter, die mit großer Sicherheit behaupteten,
-genau in dieser Weise, durch stete Auslese der passenderen Varianten,
-völlig neue Dauerformen „erzeugt“ zu haben.
-
-So die darwinistische offizielle Lehrmeinung.
-
-Nun ist aber in hohem Grade bemerkenswert, daß Darwin selbst mindestens
-ursprünglich in diesem heikelsten Punkte gar kein extrem waschechter
-„Darwinianer“ war.
-
-Er betonte, daß sich in der „Variation“ +zwei+ Dinge zu verstecken
-schienen, zwei nicht ohne weiteres gleiche Dinge.
-
-Erstens nämlich ein stetiges individuelles Wechselspiel von Plus
-und Minus im Sinne eben jenes Nasenbeispiels. Zweitens aber gewisse
-plötzliche, unvermittelte Abweichungen vom Grundschema der Art,
-Varianten, die nicht in die Linie Plus und Minus ausbogen, sondern so
-zu sagen in eine neue Dimension hinein, in etwas ganz abrupt Neues.
-
-In der ersten hellsichtigen Genieschau durch das ganze neue Lichtfeld
-der Dinge sah das Darwin sehr gut.
-
-Als er sich aber dann mehr in die praktischen Gärtner- und
-Tierzüchter-Versuche hineinarbeitete, vermischte sich ihm die Zweiheit.
-
-Dort fielen die beiden Arten der Variation anscheinend für die Praxis
-so durcheinander und in eins, daß es unwichtig schien, die Trennung
-noch zu betonen.
-
-Es folgte die Hochflut der Darwinschen Schule. Insbesondere Wallace
-trieb den Zuchtwahl-Gedanken aufs gedanklich Äußerste hinauf. Hier war
-von irgend einer Beachtung des feinen Unterschiedes gar keine Rede
-mehr. Die Variation war Eines nur und in diesem Einen war entscheidend
-ausgesprochen bloß die Plus- und Minusschwankung. Aus ihr wuchsen die
-neuen Arten.
-
-Ist das doch selbstverständlich, meinte Wallace, wenn wir nur etwa ein
-so einfaches Beispiel anschauen wie unsere tausend Kulturspielarten
-aus der einzigen Ur-Art des wilden Apfelbaums. Dieser Apfelbaum hat
-nach Plus und Minus variiert und diese Varianten haben die Gärtner
-benutzt, um alle die prächtigen süßen Apfelsorten unserer Obstgärten
-allmählich herauszufixieren. Dabei sind die Äpfel aber keineswegs
-bloß süß geworden. Es sind so und so viel echte Apfelspielarten von
-recht verschiedenem Bau dabei herausgekommen, -- ein Beweis, daß die
-ursprüngliche einfache Plus-Variante auch den Keim solcher Artbildung
-bot.
-
-Und das schien wirklich schlagend. Eine ganze Generation beugte sich.
-Wer da oder dort zweifelte, der geriet in das Dilemma, ob er etwa mit
-dem ganzen Darwinismus brechen wollte ob seiner Ketzergedanken. So
-unzertrennbar fest schien diese Masche im großen Netz der Theorie zu
-stecken, daß man gradezu glaubte, sie trüge das Ganze und der große
-Entwickelungsgedanke müsse unten durchfallen, wenn man sie löse.
-
-Nun, meint de Vries, die Entwickelungslehre als solche steht heute
-auf so breiten Füßen, daß man diese Skrupel wahrlich abtun kann.
-Eine neue Prüfung des Variationsproblems ändert da auch nicht ein
-Titelchen. Zumal wir eigentlich nur auf Darwins eigene erste Ideenlinie
-zurücklenken. Und so steht denn hier die Lamarcksche Nachtkerze mit
-ihren „Mutationen“ und wirft eine ganz neue Farbe ins Bild.
-
-Sie besagt mit ihrer proteisch vielseitigen Person zunächst klipp
-und klar, daß es jene Doppelgestalt hinter dem einfachen Wörtchen
-„Variation“ wirklich gibt. Es gibt neben dem Variieren im Sinne von
-Hin- und Herpendeln der Plus- und Minus-Varianten auf der Art-Kante
-noch ein regelrechtes Umkippen in neue Art-Merkmale hinein, eine
-Sorte Variation, die eben mit besserem Wort als „Mutation“ von der
-gewöhnlichen geschieden wird.
-
-Das aber geklärt, kommt nunmehr ein Vorstoß allerdings über Darwin
-hinaus und sogar gegen ihn.
-
-Über diese Mutations-Varianten und nicht über die einfachen
-Schwankungs-Varianten läuft nach de Vries und ist immer gelaufen die
-wahre Neubildung von Arten. Alle Behauptungen und angeblichen Resultate
-der Gärtner und Tierzüchter, alle noch so sicheren Schlüsse und Thesen
-der hyperdarwinistischen Theoretiker sind falsch, so weit sie die
-Entstehung irgend einer neuen Art durch künstliche oder natürliche
-Weiterzüchtung einfacher Plus-Minus-Varianten behaupten.
-
-Wo ein Ergebnis dieser Sorte durch Zuchtwahl mit „Varianten überhaupt“
-zustande gekommen ist, da steckten eben Mutationen mit darunter, sie
-haben nachgeholfen ganz in der Stille und ein Gewinnlos in die an sich
-falsch gestellte Nietenlotterie eingeschmuggelt. Beispiel: eben die
-Wallacesche Geschichte der Gartenäpfel.
-
-Die künstliche Gärtnerzuchtwahl konnte wohl aus sauren Wildäpfeln süße
-Kulturäpfel durch einfache Ausnutzung der kleinen Schwankungs-Varianten
-machen. Hier handelte es sich bloß um Steigerung einer Plus-Variante im
-Zuckergehalt bis auf ein extremes Maximum. Das ist genau der gleiche
-Erfolg wie bei dem allbekannten Beispiel der Zuckerrüben, über das die
-einwandfreieste Statistik vorliegt. Niemals wird so ein eigentlich
-konstanter Wert geschaffen. Läßt man die künstliche Auslese ruhen,
-läßt die süße Kulturform wieder verwildern, so sinkt sie binnen kurzem
-wieder auf den zuckerärmeren Urstand zurück, der Kulturapfel wird
-wieder Holzapfel, die Zuckerrübe in unserm Zuchtsinne verschwindet
-wieder von der Erde. Vollends aber niemals entsteht bei einfachem
-Zuchtprozeß auf diesem Wege der Variantennutzung eine feste neue
-Spielart, die sich nicht bloß in einem einseitigen Plusmerkmal von
-der Stammart unterschiede und darin in alle Nachkommenschaft hinein
-konstant bliebe. Nie ist es bei den Zuckerrüben passiert.
-
-Aber doch bei den Äpfeln? Keineswegs auch da, sagt de Vries. Die wahre
-Tatsache ist in diesem Falle, daß schon der wilde Holzapfel eine
-gewaltig +mutierende+ Pflanze war, die sich bereits wild in so und
-so viel Unterarten zerspalten hatte, in echte Mutations-Varianten also,
-die natürlich als solche konstant waren und das schönste Ur-Material
-bereits lieferten. Die Gärtner haben sie durch Ausnutzung ihrer
-jedesmal „auch“ vorhandenen Plus-Varianten des Zuckergehalts einzeln
-zu Kulturäpfeln umgeformt. Dabei sind die Spielarten als solche eben
-geblieben, -- niemals aber sind +sie+ erst bei dem Gärtnerprozeß
-der Versüßung, den alle parallel erlebten, selber „erzeugt“ worden.
-
-Dieser Fall gibt nach de Vries gradezu den Schlüssel für alle jene
-Irrtumsquellen, wo Arten durch Steigerung der einfachen Variation
-gewonnen worden sein sollten. Immer war Mutation im Spiel, ungewollte,
-unberechenbare, einfach in den Schoß fallende Mutation als Akt des
-tiefsten Eigenlebens der Pflanze, -- wenn die Sache gelang! Fehlte
-sie als Kräutchen Nießmitlust, so mochte die Pastete hundert Jahre
-schmoren, es gab keinen Erfolg.
-
-Daher die Klagen der Gärtner, daß sie mit aller Variations-Nutzung
-keine blauen Georginen, großen weißen Kannablüten, hochgelben
-Hyazinthen „erzeugen“ konnten. Die stille Helferin Mutation warf eben
-diese Nummern bisher nicht ins Spiel. Daher der alte tiefsinnige
-Praktikersatz: „Die erste Bedingung, um eine Neuheit hervorzubringen,
-ist, sie bereits zu besitzen.“ Zu besitzen: das heißt, vom Glück so
-begünstigt zu werden, daß die Mutation, selber unbeherrschbar wie sie
-ist, sie einem grade ins Spiel setzt. Sonst hilft alle Zuchtwahl und
-alles Rübenglück nichts.
-
-Wenn es aber mit der künstlichen, uns zugänglichen Züchtung so steht,
-dann wird es wohl mit der natürlichen, auf die wir ja nur von hierher
-schließen, ebenso sein.
-
-Auch der freie Daseinskampf wird nur echte Neuheiten mit Dauerwert
-durch die Arbeit der Mutation seit alters zur Verfügung gehabt haben,
-von denen er dann die einen bestehen lassen, die andern, unpraktischen
-ausroden konnte.
-
-Mit den Varianten der einfachen Sorte aber wird auch er nichts weiter
-haben anfangen können, als daß er diese oder jene eine Weile ins Extrem
-trieb; zog er die Hand von solchem Schützling, weil sich in seinen
-eigenen Bedingungen lokal etwas änderte, so fiel das sofort wieder ab,
-ohne daß je eine wirkliche innere Erneuerung damit angeregt gewesen
-wäre.
-
-Es ist sehr wichtig, daß im Augenblick, da man bis hierher mitgeht,
-ein tatsächliches Sachverhältnis in der Tier- und Pflanzenwelt sich
-plötzlich ganz von selbst aufhellt.
-
-So lange die Zuchtwahl-Theorie mit ihrer Anpassungs-Idee jetzt in der
-Welt ist, so lange ist auch von Freund, wie Gegner (am schärfsten
-wieder von Darwin selbst) erkannt und betont worden, daß ihr ein
-Zug im Bilde der Arten, wenn nicht direkt widerspricht, so doch zäh
-widerstrebt.
-
-Die charakteristischen Eigenschaften der einzelnen Tier- und
-Pflanzenarten lassen sich in ungezählten Fällen in zwei scharfe Gruppen
-sondern.
-
-Die einen fallen unter den Anpassungsbegriff.
-
-Sie sind dem lebenden Geschöpf im Lebenskampfe ausgesprochen nützlich,
-z. B. wenn ein Laubfrosch, der auf grünen Blättern lebt, grün ist. Zur
-Verteidigung der Zuchtwahl-Theorie im ganzen sind diese Fälle stets
-sehr hell beleuchtet worden und kein Mensch mit gesunden Sinnen kann
-auch wirklich leugnen, daß sie Legion sind und für ihr Teil alles
-beweisen, was die kühnste Theorie hier verlangen kann.
-
-Die zweite Gruppe bilden auch daneben nicht etwa umgekehrt
-Nichtanpassungen im Sinne von offenbaren Schädlichkeiten, groben
-Unzweckmäßigkeiten. Wo solche auffällig beständen, da könnte man ja
-sagen, die ganze Anpassungs-Idee sei unmöglich -- aber man könnte wohl
-ebenso sicher sagen, das Tier oder die Pflanze mit solchem Selbstgift
-der angeborenen Unzweckmäßigkeit sei unmöglich.
-
-Was aber nicht unmöglich ist, vielmehr ebenso tausendfältig wie die
-Schutzanpassungen uns vor Augen steht, das ist die Existenz von
-völlig indifferenten Merkmalen, bei allen Tier- und Pflanzenarten, --
-Merkmalen, die schlechterdings mit Schutz im Lebenskampfe nichts zu tun
-haben -- und die doch da sind.
-
-Eine Tiersorte, die auf grünen Blättern lebt, sei im ganzen grün. Gut,
-das ist die Schutzseite. Aber jetzt spaltet diese grüne Tiersorte sich
-noch wieder in eine Portion Einzelarten, die sich durch allerhand
-kleine, meist von fern so gut wie garnicht sichtbare Merkmale
-voneinander unterscheiden, -- Merkmale, die mit Anpassung auch im
-weitesten Sinne unbedingt nichts zu tun haben, sondern in Hinsicht auf
-sie reinweg wie Spielereien der Natur, wie ein unabhängiges Durchproben
-von hundert indifferenten Möglichkeiten jenseits von Schutz und
-Nichtschutz sich ausnehmen. Bei unserer systematischen Trennung der
-einzelnen Arten spielen diese Merkmale vielfältig die Hauptrolle. Und
-doch finden wir keinen „Zweck“ in ihnen vom Boden der Anpassungstheorie.
-
-Wie ist es nun gekommen, daß sie sich überhaupt erhalten konnten,
-fixieren konnten, wenn +alle+ Eigenschaften der Tiere und Pflanzen
-erst durch die Anpassungsmaschine des Daseinskampfes aus kleinen Plus-
-und Minus-Varianten langsam heraufgezüchtet worden sind?
-
-Diese Maschine hatte ja nicht das leiseste Interesse an irgend einem
-vom Schutzzweck aus indifferenten Plus oder Minus. Wie konnte es
-dennoch dahin kommen, daß solche Merkmale konstant wurden, ja sich
-schließlich dem Systematiker gradezu strenger aufdrängten als die
-Anpassungssachen?
-
-Darwin suchte vor dieser Frage in allen Jahren seines Hauptschaffens
-nach Auswegen, kühn und ehrlich mit dem Blick auf den Tatsachen.
-
-Einen Teil jener Merkmale, gewisse rhythmische Gebilde besonders
-in Farben und Formen, schob er bei den höheren Tieren auf den
-Schönheitssinn bei der Liebeswahl, er führte seine sogenannte
-„geschlechtliche Zuchtwahl“ ins Spiel. Er wußte selbst, daß er damit
-nur einen ganz bestimmten Ausschnitt packte, niemals die Hauptsache, um
-die es ging.
-
-Dann betonte er scharfsinnig ein Gesetz, daß, wenn ein Merkmal bei
-einer Tierart so und so durch Züchtung werde, so und so viel andere
-Merkmale sich auf Grund eines geheimen Zusammenhangs, der aber nicht
-im Schutzzweck lag, mit veränderten, -- das sogenannte „Gesetz der
-Korrelation“. Wurde ein Tier aus Schutzzwecken grün, so konnte das eine
-Portion anderer Merkmale an ihm erwecken, die an sich nichts mit Grün
-und Schutz zu tun hatten, aber so lange der Art verbleiben mußten, wie
-sie grün blieb.
-
-Aber auch das traf nur gewisse Einzelfälle, in der Masse aber versagte
-es, -- ganz abgesehen noch davon, daß es ein „Gesetz“ mit ganz dunklen
-Faktoren in sich war. Unzählige Arten waren sämtlich aus Schutzzwecken
-grün und hatten dabei erst recht nicht alle übrigen Artmerkmale
-gemeinsam und gleich bekommen, sondern sie waren grade sonst so
-verschieden, daß man sie als selbständige Arten zählte.
-
-Diese ganze Schwierigkeit aber hebt sich im gleichen Augenblick, da wir
-von der Mutationstheorie ausgehen.
-
-Bei ihr züchtet der Lebenskampf nicht erst die Artmerkmale aus kleinen
-Schwankungsvariationen allmählich heran. Sondern er merzt bloß aus
-dem anmarschierenden Heer ewig neuer Mutations-Arten, die alle
-Sortenmerkmale zur Probe mitbringen, alle die aus, die aufdringlich
-unzweckmäßige Merkmale zeigen. Alle Mutationen mit nützlichen +oder
-mit indifferenten+ Merkmalen läßt er dagegen durchpassieren. Diese
-sind sofort als „Art“ da, pflanzen sich konstant fort und bilden das
-Material unserer Systeme. Naturgemäß müssen ihre Merkmale sich fort
-und fort zusammensetzen aus den beiden Urgruppen: nützlichen -- und
-indifferenten, -- genau wie es wirklich im Tatbestande der Fall ist.
-
-In der schönsten Weise ordnet sich der ungeheure Formenreichtum der
-lebendigen Natur hier in die Theorie ein, ohne daß alles durch das
-Prokrustesbett der reinen „Nützlichkeit“ durch muß. So und so viel
-fällt auf die, -- aber es braucht durchaus nicht alles hierher zu
-fallen, was da ist. Denn bei freiem Durchmutieren in alle Möglichkeiten
-hinein muß mindestens ebenso viel Indifferentes sich einstellen, wie
-ausgespart Nützliches, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr.
-
-Grade an dieser Stelle aber lenkt die gesamte Frage doch auch wieder
-zurück zu jener schon einmal gestreiften Grundfrage: wie es sich mit
-den +Ursachen+ der Mutation selbst verhalte und ob es nicht doch
-möglich sei, in sie hinein noch ein letztes formbildendes Gesetz zu
-verfolgen.
-
-Es ist keine Frage: in der Darwinschen Linie sieht man zunächst mehr
-von den treibenden Ursachen des ganzen Hergangs, als bei de Vries.
-
-Die Hauptursache liegt dort im hellen Lichte der Naturzüchtung und
-nur ein kleines Sätzchen bleibt als Unbekanntes, als „Sprung“: die
-schlichte Plus- und Minus-Schwankung, mit der die Mühle zu mahlen
-anfängt. Bei de Vries springt die Mutation allsogleich auf den Plan wie
-ein fertiger Ritter -- und alles, was wir sehen, ist bloß der Ausweis,
-ob es ein sieghafter Held oder ein armer Don Quixote vor der Praxis sei.
-
-De Vries verwahrt sich zwar gegen den „Sprung“. Es bleibe zu recht,
-daß die Natur ~non facit saltus~, keine Saltomortales mache. Ein
-Ruck sei die Mutation, kein Sprung. Aber auch der Ruck ist doch ein
-herzhafter, auf alle Fälle. Und das gibt mit größerer Dunkelheit auch
-erhöhte Grübellust.
-
-Der rein theoretische Gedanke, daß die Entwickelung sich stoßweise
-vollziehe, -- von Art zu Neu-Art ohne die Vermittelung einer langen,
-langsam gesteigerten Varietätenkette, -- dieser Gedanke brauchte nicht
-erst als solcher von de Vries eingeführt zu werden.
-
-Er ist dagewesen, so lange wir überhaupt wissenschaftliche Formen der
-Entwickelungslehre haben. So lange wir den Darwin hatten, hatten wir
-auch den Kölliker, den trefflichen Anatomen, der die „sprungweise
-Entwickelung“, wie er es ruhig nannte, als sein Evangelium lehrte.
-Beweise gab es freilich nicht. Aber man hatte die Idee. Und da
-man bestritt, daß Darwin scharf beweisbar sei, hielt man sich die
-Möglichkeit offen. Bisweilen schien es sogar, als melde sich eine wahre
-Tatsache dazu.
-
-Da war ein absonderlicher Molch im See von Mexiko, das „Axolotl“. Die
-alten Azteken zu Cortez des Eroberers Zeiten hatten ihn schon als
-Leckerbissen in einer Pfefferbrühe verspeist. Heute kennt ihn jeder
-Junge, der ein Aquarium hat.
-
-Als man ihn wissenschaftlich beschrieb (Humboldt hatte ihn
-mitgebracht), lebte er als sogenannter „Kiemenmolch“ in seinem See,
-mit Kiemen zur Wasseratmung wie ein Fisch, und so fortpflanzungsfähig,
--- im übrigen aber doch schon ein Molch aus der Verwandtschaft unserer
-lungenatmenden echten „Salamander und Molche“. Im Pflanzengarten
-zu Paris nun geschah eines Tages das große Wunder: besagtes
-Axolotl kletterte, als man ihm Raum gab, aus dem Wasser aufs Land
-und verwandelte sich selber regelrecht in einen echten Land- und
-Lungenmolch gleich unserm Feuersalamander. Die Kunde lief also, es habe
-sich durch einen (immerhin gradezu riesenhaften) Sprung schon hier
-einmal vor Forschers Augen eine völlig neue, höhere Tierform gebildet.
-
-Aber die Freude hat beim Axolotl nicht lange gedauert. Kritische
-Köpfe stellten nämlich die triftige Gegentheorie auf, das fischhaft
-kiemenatmende Axolotl des Sees von Mexiko sei trotz seiner
-selbständigen Fortpflanzung gar kein fertiges Tier, sondern eine noch
-unvollkommene Larve. Bekanntlich leben so gut wie alle Amphibien in
-ihrer frühen Jugend als Larve ebenso fischhaft kiemenatmend im Wasser,
-Molche wie Frösche und Kröten.
-
-Für gewöhnlich entwickelt sich eine solche Amphibienlarve allerdings
-schon vor der Geschlechtsreife zum Lungenatmer. Aber es kommen doch
-auch Hemmungen vor, wo die Tiere sich so wohl bei ihrer Fischstufe
-fühlen, daß sie schon auf dieser in die Liebeszeit eintreten. So
-machen es unsere kleinen Teichmolche bereits ab und zu. Das Axolotl
-aber hatte, scheint es, das auf eine gewisse Zeit dauernd ins Große
-getrieben. Es hatte nämlich seine Gründe dafür.
-
-Ehemals stieß der See von Mexiko an feuchten Urwald, ein Eldorado
-für Luft-Molche. Später schwand der Wald, der See schmolz weithin
-ein und es bildete sich um sein verkleinertes Wasserfeld ein Kranz
-dürrster Salzsteppe. Da zogen es die Axolotl vor, Generation für
-Generation fischhaft im Wasser zu verbleiben als „ewige Larven“.
-Und erst als man ihnen in Paris wieder die alte Gelegenheit eines
-grünen Pflanzenufers bot, besannen sie sich (bildlich gesprochen)
-auf ihr altes Schlußkapitel im Lebensroman, krochen ans Land und
-wurden zum ersten Mal wieder „fertig“. Das war denn nun durchaus kein
-Köllikerscher „Sprung“: -- die angeblich „neue“ Art war in Wahrheit
-bloß die Wiederherstellung grade der „alten“, die eine Weile etwas in
-Unordnung geraten war.
-
-Solche Fälle mußten erst recht vorsichtig machen, anstatt den kühnen
-Sprung-Theoretikern Türen zu öffnen.
-
-Kein Zweifel aber, daß des de Vries Beobachtungen, wenn sie stand
-halten, jetzt aus dem allgemeinen Behauptungsheer der Sprung-Theorie
-einen gewissen engeren Teil als wirklich brauchbar herauslösen.
-
-Sie geben aber sofort als Gegengift auch die richtige Einschränkung
-dazu.
-
-In dem Nachtkerzen-Beispiel von Hilversum ist kein leisester Anhalt für
-einen so groben Mutationsstoß wie etwa bei dem Axolotl.
-
-Durchaus nicht etwa hat die Lamarcksche Kerze jählings die Wunderkraft
-gezeigt, eine Winde oder Rose zu produzieren. Sie hat zunächst nur
-Nachtkerzen, allerdings andere Arten, gebildet. In einer ungeheuren
-Kette solcher Mutationen möchte man ja auch vermuten (vermuten!),
-daß die Gattung schließlich überschritten, ja endlich der Kreis der
-Familie und so weiter von der Mutation Stufe für Stufe gesprengt werde.
-Aber immer bliebe eine ungeheure Kette, -- wenn schon keine so ganz
-ungeheuerlich lange, wie sie im streng darwinistischen Sinne durch
-die jedesmal einzuschiebende Varietäten-Unterkette zwischen je zwei
-Hauptkettengliedern gefordert wird.
-
-Mit großem Nachdruck weist de Vries darauf hin, daß eine seiner
-„Mutationen“ unter Umständen als eine +geringere+ Abweichung
-gradezu vom Urtypus erscheinen könnte als eine extreme Varietät jener
-bewußten belanglosen Sorte, -- oder daß sie wenigstens nicht notwendig
-abweichender sein „müßte“. Ihre entscheidende Sache bleibt eben allemal
-die Dauerhaftigkeit bei der Fortpflanzung und eine gewisse innere
-Harmonie ihrer Neuerungen, die uns in jenem guten Bilde sagen läßt:
-hier hat der Kristallblock nicht nur im Rollen gezittert, geschwankt,
-sondern er ist regelrecht auf eine neue Fläche gefallen, er ist
-übergekippt bis zur Basis-Änderung.
-
-Etwas Verschiedenheit ist natürlich immer nötig. Aber es braucht
-keineswegs rein summarisch viel zu sein. Damit aber schwindet ein gar
-gewaltiges Stück des eigentlich Trennenden für den Anblick zwischen der
-also reformierten „Sprung-Theorie“ und der offiziellen darwinistischen
-Lehrmeinung.
-
-Auch so bleibt ein Stammbaum der Lebewesen mit relativ ganz kleinen
-Ruckstellen des Wachstums, kleinen Schußstellen von Knoten zu Knoten.
-
-Ein ganzes Bisserl „Schuß“ oder „Ruck“ oder „Sprung“ oder wie man
-es nun nennen will, war ja wohlverstanden auch jede einfachste
-darwinistische Varietätenbildung schon.
-
-Wenn ein Mensch mit einer kurzen Nase plötzlich einen Sohn hat mit
-einer langen: ein Sprünglein liegt auch darin.
-
-Fragt sich bloß, wie groß es im äußersten Falle sein darf, -- und das
-wieder führt auf die Tiefenfrage: welche mechanische Ursache wir
-hinter ihm zu suchen haben und wie viel Kraft wir der schon für das
-Ganze beimessen sollen.
-
-Schon aus jenem Kristallflächen-Beispiel erhellt aber sehr nett, wie
-schlicht mechanisch de Vries da denkt.
-
-Es ist nicht zu leugnen: in der alten Sprung-Theorie war, besonders
-je größer sie ihre Sprünge sich gedehnt dachte, immer ein Zug auf
-eine mystische Ausbeutung merkbar. Ob nicht ein „Wunder“ hier lag, so
-riesig, daß es ewig über unseren Verstand ging?
-
-In dem Bilde des de Vries wird mindestens bildlich absolut klar, was
-er von der Sache hält. Der Kristallblock kommt ins Rollen. Das ist
-nichts Mystisch-wunderhaftes, sondern das Bild arbeitet mit einfachsten
-mechanischen Voraussetzungen. Der Rollblock fängt an zu kippen, zu
-zittern, zu balanzieren, -- abermals nur ein rein natürlicher, im
-richtig verstandenen Sinne „mechanischer“ Prozeß. Endlich kommt der
-Block gar zum völligen Kippen, aber doch offenbar wiederum nur durch
-ein Plus der ursprünglichen naturgesetzlich arbeitenden Kraft, die
-schon das Rollen und Balanzieren beherrschte.
-
-Was aber im Bilde gilt, faßt hier zugleich die Sache: auch
-Fortpflanzung, Variation und Mutation erscheinen durchaus nur im festen
-Banne einer und derselben natürlichen Gesetzlichkeit. Wenn auch unsere
-Kenntnis die Einzelheiten noch nicht erfassen kann: das natürliche
-Glaubensbekenntnis des Naturforschers, der Glaube an unzerstörbare
-Gesetzmäßigkeit ohne Ignorabimus-Lücke, bleibt im Prinzip vollkommen
-gewahrt.
-
-Das ist aber für den Fortschritt all unserer Sachweisheit doch
-eigentlich wieder die Hauptsache, -- viel wichtiger als etwas
-Lehrmeinungs-Sieg oder Nicht-Sieg in darwinistischen Einzelheiten.
-
-Die alte Sprung-Theorie, wie sie vor de Vries schon bestand, hatte
-ja stets da noch eine besondere Liebhaberei gehabt. Sie liebäugelte
-nämlich mit einem Gedanken, der als solcher wieder noch viel älter als
-Darwin ist.
-
-Könnte es nicht doch ein besonderes „Entwickelungsgesetz“ geben in
-diesen Sprüngen -- und zwar eines, das der Anpassung schon entgegenkäme?
-
-Nehmen wir wieder das einfachste Beispiel.
-
-Auf einem braunen Boden leben braune Tiere, hübsch als solche durch
-ihre gut angepaßte Farbe geschützt. Nun wird durch Wechsel der
-Verhältnisse, etwa durch Schnee, der Boden weiß. Braun ist jetzt nicht
-mehr Trumpf. Die Tiere müßten weiß sein, wenn ihre Feinde sie nicht
-sehen sollen. Tritt nun nicht am Ende doch grade in solchem Moment
-prompt der „Sprung“, die Mutation +so+ ein, daß +alle+ nach
-„Weiß“ springen und mutieren, also daß die nächste Generation genau dem
-neuen Zweck entsprechend schon eine weiße wäre?
-
-Wie schon erwähnt, ist de Vries selbst +radikaler Gegner+ dieser
-Meinung.
-
-Seine Nachtkerzen mutierten zwar, aber sie taten es keineswegs nach
-+einer+ Seite, wie um irgend einem neuen Anpassungsbedürfnis
-entgegen zu kommen, etwa irgend einem Vorteil, den das neu eroberte
-Kartoffelfeld bestimmt umgeformten Neuerern gewährt hätte.
-
-Ihr Mutieren verriet nicht das Genie eines Erfinders vor einer äußeren
-Forderung.
-
-Es glich einem blinden Darauflos-Phantasieren mit dutzenden von neuen
-Motiven, die unmöglich alle zum Zweck passen konnten.
-
-Das ist also genau, was Darwin auch meinte, bloß daß hier die Mutation
-trifft, was dort von der angeblich artbildenden Variation galt.
-
-Und wie sollte es denn auch anders sein, meint de Vries. Jedes
-entgegenarbeitende Entwickelungsgesetz jener Art wäre „Mystik“. „Die
-Annahme,“ sagt er wörtlich, „einer bestimmten Variierungstendenz,
-welche das Auftreten zweckmäßiger Änderungen bedingen oder doch nur
-begünstigen sollte, liegt außerhalb des Rahmens unserer heutigen
-Naturwissenschaft. Darin liegt ja der große Vorzug der Darwinschen
-Selektionstheorie, daß sie die ganze Entwickelung des Tier- und
-Pflanzenreiches ohne die Hülfe außernatürlicher Voraussetzungen
-zu erklären strebt.“ Eine solche Stelle wird alle beruhigen,
-die fürchteten, de Vries führe aus dem Darwinismus heraus zu den
-+alten+ Zweckursachen zurück. Oder, vorsichtiger und weiter noch
-gesagt: sie wird auch denen die Hoffnung abschneiden, die da wünschten
-und erwarteten, daß der Ketzer an einigen darwinistischen Grundpunkten,
-de Vries, mit seinen Nachtkerzen den ganzen Darwinismus an dieser
-teleologischen Stelle umrennen werde. Im Gegenteil.
-
-Hier grade lockt es mich aber wieder, dazu selber noch ein Wörtchen zu
-sagen.
-
-Ich möchte nämlich betonen, daß wir mit dem einfachen Sprüchlein von
-der „Mystik“ an solcher Stelle allein noch nicht auskommen, soll die
-Sache ganz reinlich werden.
-
-Angenommen doch einmal, die Nachtkerzen hätten wirklich das Umgekehrte
-bewiesen.
-
-Unumstößlich, so weit ein Einzelbeispiel unumstößlich ist, hätten sie
-dargetan, daß die Mutation jedesmal genau auf die äußere Forderung
-reagiert, -- also in jenem Exempel von vorhin so, daß etwa der
-Forderung „Weiß“ ohne jedes Schwanken nun sofort Weiß als Mutation
-überall antwortete.
-
-Ich frage, was dann?
-
-Sollten wir im gleichen Moment auch schon die ganze Naturforscher-Bude
-zuschließen müssen und sagen: hier ist ein teleologisches Verhalten,
-folglich Mystik, folglich Aufhören der Naturwissenschaft, folglich
-legen wir die Hände in den Schoß?
-
-Ich meine, es würde das ganz andere gelten: daß wir nämlich schlicht
-auch mit dieser Tatsache naturwissenschaftlich zunächst fertig zu
-werden suchten.
-
-Wir haben ja den bekanntesten Fall wirklich und viel näher bei uns
-selbst.
-
-Wir Menschen handeln „zweckmäßig“, wir suchen vor einer neuen äußeren
-Forderung bewußt nach der zweckmäßigsten Reaktion, -- also in jenem
-Bilde, wenn „Weiß“ gefordert wird, so machen wir uns einfach selber
-„weiß“. Trotzdem geht unser ganzes neueres Denken dahin, den Menschen
-nicht mystisch und unwissenschaftlich, sondern grade erst recht als
-Gegenstand innerhalb der besonnenen Naturforschung zu nehmen. Wir
-suchen den Menschen einzuordnen in die Natur, suchen ihn mitsamt
-seinem Bewußtsein, das dieses teleologische Verhalten ermöglicht, in
-einer Natur unterzubringen, die denn allerdings vernünftiger Maßen so
-definiert werden muß, daß er auch wirklich mit hinein paßt.
-
-Je nun, die Nachtkerze wäre kein Mensch, also fiele das dort
-Heranzuziehende hier fort. Aber wenn nun auch die Nachtkerze bei ihrer
-Mutation gewisse anscheinend zweckmäßige Reaktionen zeigte, so müßten
-wir wenigstens nach der Analogie doch zunächst auch hier versuchen,
-natürlich durchzukommen.
-
-Nun ist interessant, daß wir in der Welt der Tiere wie Pflanzen noch
-eine ganze Reihe Vorgänge haben, wo (tief unterhalb schon des Menschen)
-eine Art prästabilierter Harmonie zwischen äußerer Forderung und
-innerer Entwickelungsreaktion wirklich besteht, -- nämlich in der
-Ontogenie, in der Bildung der Tiere und Pflanzen aus Ei und Keim.
-
-Das Hühnchen im Ei entwickelt aus sich heraus Augen, mit denen es
-im Moment, da es die Eierschale bricht, sehen kann. Jenes Axolotl
-entwickelt nach innerem Gesetz sich zu bestimmter Zeit, wo es aufs
-Land soll, die zum Landleben nötigen Lungen. Es ist genau, als sei
-im werdenden Wesen, in Eizelle, Embryo, Larve, eine Uhrfeder so
-eingestellt, daß zur rechten Zeit grade das zur äußeren Forderung
-Zweckmäßigste ausgelöst wird. Im Moment, da das kleine Menschlein das
-Licht der Welt erblickt, sind seine Augen da, wirklich zu sehen, sind
-seine Lungen da, wirklich zu atmen. Der Schmetterling bildet sich in
-der Puppe schon zum Fliegen vor, was die Raupe nicht konnte. Und so ist
-der Beispiele Legion.
-
-In all diesen Fällen aber fällt es keinem Naturforscher ein, diese
-ausgesprochen teleologischen Vorgänge als „Mystik außerhalb des
-naturwissenschaftlichen Denkens“ zu bezeichnen.
-
-Man fühlt bloß das Bedürfnis, zur natürlichen General-Erklärung dieser
-wunderbaren „prästabilierten Harmonie“ hier noch eine +besondere+
-Hülfskette +natürlicher+ Erklärungen hinzunehmen.
-
-Den Schmetterling in der Puppe bildet individuell weder die zu
-durchfliegende Luft draußen, noch bildet ihn eine unfaßbare mystische
-Flugsehnsucht ohne Kausalzusammenhang. Sondern es waltet die Vererbung.
-Die Eltern haben schon die Flugfähigkeit erworben, einerlei jetzt wie,
-das ist Frage für sich. Dem neu werdenden jungen Schmetterling, ihrem
-Kinde, haben sie aber durch Vererbung das Uhrwerk so zu sagen schon in
-den Leib gesetzt, daß es auf die Flügelentwickelung genau losarbeite
-und rechtzeitig wie eine automatische Weckuhr vor dem „Zweck“
-abschnurre.
-
-So wunderbar fein die Sache also auch funktioniert: ein wahres „Wunder“
-ist sie keineswegs. Kein vernünftiger Naturforscher bezweifelt, daß
-bei der „Vererbung“, so verwickelt sie auch sei, alles mit natürlichen
-Ursachen zugehe.
-
-Jetzt setzen wir den Fall, solche Anzeichen prästabilierter Harmonie
-von Zweckforderung und Reaktion zeigten sich aber nicht bloß in der
-Ontogenie, sondern auch in dem bereits, was Haeckel die Phylogenie
-genannt hat, nämlich eben in der geschichtlichen Entwickelung der
-ganzen Tier- und Pflanzenarten.
-
-Jede Mutation wäre stets eine zweckmäßige, und das arbeitete genau so
-wie das kleine teleologische Uhrwerk in der Schmetterlingspuppe. Es
-hätte für sein Teil die ersten Flügel der Schmetterlingsahnen schon
-ebenso für den „Zweck“ gebaut, wie heute die Vererbung in der Puppe sie
-wiederholt.
-
-Der einfache Schluß müßte sein, daß auch das nicht „Mystik“ sei,
-sondern bloß auf etwas +noch Früheres+ hinweise.
-
-Auch hier schon waltete irgend eine Art Vererbung. Die ganze Phylogenie
-wäre selber schon etwas wie eine versteckte Ontogenie. Der Stammbaum
-mit all seinen Arten wäre eigentlich nur die große Auswickelung eines
-einzigen Individuums, das von dieser Ur-Vererbung als Zweckuhrwerk
-innerlich beherrscht würde, wie den Schmetterling in seiner Puppe
-seine Vererbung zweiten Grades beherrscht. Das Leben in den vielen
-Millionen Jahren seiner Erdgeschichte wäre bereits das Produkt einer
-ungeheuren Vorgeschichte, die in der ersten Urzelle als „Eizelle“ schon
-die ganze Zweckmäßigkeits-Uhr für alle folgenden Reaktionen aufgezogen
-hätte. Und in jeder Mutation sähen wir diese Uhr bloß laufen.
-
-Die „Erwerbung“ der jetzt automatisch bestimmten Dinge aber läge in uns
-unfaßbaren Aeonen einer unbekannten Vorgeschichte.
-
-So würde ich, wenn es eben +not+ täte, jenes seltsame „innere
-Entwickelungsgesetz“ zu deuten suchen, nach Analogie des Gegebenen und
-ganz ohne Mystik.
-
-Gewiß: es läge in der Sache in gewissem Sinne etwas Mißliches.
-
-Wir hätten die Ontogenie zurückgeführt auf die Phylogenie. Aber die
-Phylogenie wäre selber wieder abhängig von einer hypothetischen
-Vor-Phylogenie. Immer nur aufgezogene Uhren zweiter Hand. Das
-Ursprüngliche schöbe sich historisch ganz über unser Gesichtsfeld
-hinaus. Mißlich! Aber noch nicht mystisch. Solcher Mißlichkeiten
-haben wir mehr. Auch das Gravitationsgesetz ist für uns „gegeben“
-von jenseits unserer Zeit-Weisheit her. Wo hat es sich „entwickelt“
-als Eigenschaft der Stoffe? Fragen! Aber doch nur Fragen unserer
-Beschränkung im geschichtlichen Blick. Nicht das ewige absolute „Tür
-zu!“ der Mystik!
-
-Je nun, die Sache steht trotz mancher gegenteiligen Behauptung
-vorläufig tatsächlich +nicht+ so, daß wir auf derartig verwickelte
-Straßen müßten, -- mit de Vries weniger als je.
-
-Aber philosophisch sollte man sich darüber klar bleiben, -- das ist
-immer ein unendlich wichtiges prophylaktisches Mittel!
-
-Wie man sich, um es noch einmal zum Schluß zu betonen, darüber klar
-bleiben muß, daß selbst die strengste Zuchtwahl-Theorie noch nicht
-jede Fassung von Teleologie ausschließt. Sie schließt eben bloß eine
-ganz bestimmte herkömmlich +grobe+ Form aus, die den Zweck
-als spiritistisches Gespensterpferdchen neben den einfachen völlig
-ausreichenden braven Gaul des Kausalzusammenhangs einspannen möchte.
-+Nicht+ dagegen schließt sie eine +feinere+ Teleologie aus,
-die eben bloß auf das faktische Schlußergebnis schaut und aus dem
-tatsächlichen schließlichen Herauskommen einer zweckmäßigen Welt,
-eines „harmonischen“ Verhältnisses der Dinge die Vermutung entnimmt,
-es müsse schon in der Uranlage der Welt eine Anlage mitgegeben gewesen
-sein, die das bedingte, -- das Ideal einer zweckmäßigen Welt, das sich
-aber dann realisierte auf dem rein natürlichen Wege undurchbrechbarer
-Kausalzusammenhänge.
-
-In dieser Betrachtung ist es völlig offen gelassen, welche +Wege+
-diese Weltteleologie nahm, es kommt alles bloß auf das +Resultat+
-an.
-
-Und es steht nicht das Leiseste entgegen, unter diese Wege auch die
-Auslese des Passendsten im Daseinskampfe aufzunehmen.
-
-Wobei ich freilich den Anhängern jener anderen, wie ich es nenne:
-groben Teleologie anheimstellen muß, ob sie das, was ich meine,
-überhaupt noch Teleologie nennen wollen.
-
-Mir genügt es vollständig zur Rettung einer philosophischen
-Weltauffassung, die zwar absieht von jedem Durcheinanderwerfen von
-Teleologie und Kausalität, die aber dabei keineswegs auf ein wüstes
-Welt-Kuddelmuddel hinauskommt, sondern sich sehr wohl auch etwas denken
-kann bei einem +vernünftigen Sinn der gesamten Weltentwickelung+.
-
- * * * * *
-
-Eine Frage aber, die hinter diesen darwinistischen Problemen immer
-wieder auftauchen muß, ist die +Zeit-Frage+.
-
-Haben wir Zeit genug in der Weltgeschichte, in der Erdgeschichte für
-solche schrittweisen Entwickelungen?
-
-Es ist die Stelle, wo der starre Bibel-Glaube mit seiner
-alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte zuerst gescheitert ist, -- bei
-dieser Zeit-Frage.
-
-Noch immer aber herrscht über sie trotz dieses wahrlich schon nicht
-gering zu achtenden Kampf-Wertes vielfältig eine Unklarheit, wie kaum
-über einen zweiten Darwin-Punkt. Auch hier wird -- erst mißverstanden
--- und dann losgeredet.
-
-Ich erinnere mich auch dazu einer kleinen Geschichte, die mir
-symbolisch bedeutsam scheint.
-
-Am 27. August 1883 explodierte in der Sunda-Straße zwischen Sumatra und
-Java der Vulkan Krakatau.
-
-Er explodierte buchstäblich, als das Meereswasser sich in seinen halb
-geschmolzenen Krater ergoß.
-
-Das Wasser wurde an der glühenden Lava zu Dampf, und auf diesen
-ungeheuerlichen Druck hin platzte die ganze Krakatau-Insel.
-
-Die Dampfsäule schoß dreißig Kilometer hoch empor.
-
-Eine Sturzwelle, wie die Phantasie sie für die Sintflut sich ausmalt,
-bis zu sechsunddreißig Meter hoch, verwüstete die nahen Küsten von Java
-und Sumatra und kostete vierzigtausend Menschen das Leben.
-
-Das Gebrüll der Katastrophe hörte man bis Ceylon, bis zu den
-Philippinen, bis Perth in Australien, also so weit, wie es etwa von
-Berlin bis Kairo ist.
-
-Zehn Stunden nach der Explosion fingen selbst in Berlin die automatisch
-registrierenden Barometer an, unruhig zu werden: es war die Luftwelle,
-die über Ostindien kam; sechzehn Stunden später folgte die zweite
-auf dem längeren Wege über Amerika; so schlug der Stoß um die ganze
-Erdkugel. Die aufgeschleuderten Aschenteilchen aber haben noch Jahre
-lang als erhöhte Dämmerglut und leuchtende Nachtwolken auch in unseren
-Landen die Forscher beschäftigt.
-
-In diesem Sommer wurden es zwanzig Jahre seit diesem Tage der
-Schrecken für eine paradiesisch schöne Gegend. Das Paradies hat sich
-wieder hergestellt, so gut es konnte, -- in der tropischen Üppigkeit
-wurde es ja nicht allzu schwer. Nur auf der See schaukeln da und
-dort noch treibende Bimssteinfelder. Und aus der blauen Sunda-Straße
-ragt als düstere Ruine das letzte Stück Kesselwand, der bis ins Herz
-zerborstene Vulkan. Aber auch auf diese Ruine hat die schaffende Natur
-leise schon wieder ihre Hand gelegt mit neuem Leben.
-
-Die Insel Krakatau war bis zum Tage ihrer Explosion dreiunddreißig
-Quadratkilometer groß. Diesen Raum bedeckte dichter Wald in
-vollkommener Tropen-Üppigkeit. Als sich der furchtbare Qualm später
-verzogen hatte, stand von der ganzen Insel nur noch die Südhälfte
-des Vulkanpiks. Mehr als die Hälfte des Landes war verschwunden, und
-es wäre noch mehr fort gewesen, hätten nicht die vulkanischen Massen
-selbst sich wieder angelagert; hatte der Vulkan doch nachweisbar allein
-mindestens 18 Kubikkilometer Asche und Bimsstein gespieen. Was stand,
-war aber in diesem Moment ausnahmslos und bis aufs letzte Hälmchen
-gründlich nackte Schlacke, ohne Pflanzenwuchs, ohne Tierwelt. Ein
-soeben aus seiner Urglut erstarrter Planet konnte nicht radikaler vom
-Leben frei, gleichsam kosmisch sterilisiert sein.
-
-In den zwanzig Jahren seither aber sind zweimal Botaniker auf den
-Ruinenpik geklettert. Und ihnen ist vergönnt gewesen, etwas zu
-beobachten, was in dieser Reinheit des Exempels wohl noch nie zeitlich
-genau von kundigen Menschenaugen verfolgt worden ist: die stufenweise
-Neueroberung einer einsamen irdischen Brandstätte im Ozean durch Flora
-auf ihrer Wanderschaft.
-
-Drei Jahre nach der Katastrophe, im Juni 1886, besuchte der
-hochverdiente Direktor des prachtvollen botanischen Gartens zu
-Buitenzorg (Batavia), Melchior Treub (sprich: Tröb), die Insel.
-
-Er traf den Prozeß der Neubesiedelung durch Pflanzen bereits in vollem
-Gange. Zunächst machte sich auf der vulkanischen Zerstörungsdecke aus
-Asche, Lava und Bimsstein eine schwarzgrüne, gallertartige Schicht
-„Leben“ bemerkbar: Genossenschaften von (einzeln mikroskopisch
-winzigen) Algen. Sie waren zweifellos der Urstamm der Pioniere. Sechs
-Arten ließen sich unterscheiden, alle aus der Gruppe der Cyanophyceen.
-Die Cyanophyceen oder Schizophyceen, zu deutsch Blaualgen oder
-Spaltalgen, gehören jener alleruntersten, allereinfachsten Reihe
-pflanzenähnlicher Urwesen an, zu denen auch die vielbesagten Bakterien
-oder Bazillen gerechnet werden. Im Engeren gehört dazu das wunderliche
-Volk der sogenannten Nostoc-Algen, die es in ihrer gemeinsten Sorte
-bei uns bis zu handgroßen, hirnartig verfalteten Gallertbrocken
-bringen, wenn die nötige Feuchtigkeit sie trifft; gerät solcher
-Nostocteller umgekehrt in eine ganz trockene Jahreszeit, so schmilzt
-er fast zur Unsichtbarkeit ein, unbeschadet doch seiner fröhlichsten
-Lebenszähigkeit. Auch jene allbekannte Erscheinung unserer Seen, die
-„Wasserblüte“, ein plötzliches Trüb- und Grünwerden des Wassers, beruht
-auf einer jähen grenzenlosen Vermehrung solcher Spaltalgen.
-
-All dieses niedrigste Pflanzenvolk weiß sich nun zum Zweck der
-Ausbreitung aufs Wunderbarste zu „verflüchtigen“. Wir kennen das ja
-von den Bakterien, den allgegenwärtigen, besser als uns lieb ist.
-Als trockene Keime (Sporen) reisen sie mit jedem Luftzug dahin, über
-Berg und Tal, Eis und Wasser, -- Herren der Erde, die keine räumliche
-Schranke anerkennen.
-
-Ganz zweifellos sind auch jene Algen des Krakatau auf solchem Wege der
-Luftpost angesegelt. Das Wunder der „Urzeugung“, von dem wir so wenig
-wissen, brauchte sich auf der verbrannten Insel nicht neu einzustellen.
-
-Rings lag ja die weite Erde üppig nach wie vor unter ihrer grünen
-Pflanzendecke. Mit dem Winde entsandte sie ihre mikroskopisch kleinen
-Boten. Der Botaniker Kerner von Marilaun hat vor Jahren einmal in
-einem Tiroler Gebirgstal eine Tafel mit feucht erhaltenem weißen
-Filtrierpapier dem Südwinde ausgesetzt: kaum ein paar Stunden waren
-herum und an der Tafel haftete schon ein buntes Stück solchen
-windgeführten Wanderlebens: Pollenzellen und Sporen von allerhand
-Pflanzen, aber immer dabei auch ausschwärmende Zellgruppen jener
-Nostoc-Algen.
-
-Wie die künstliche Tafel, so diente aber auch der natürliche nackte
-Fels, den der Tropenregen netzte: reisenden Algen bot auch er Quartier.
-
-Die Algen hatten dann mit ihrem Schleimüberzug wieder den Keimboden,
-den ersten Humus gleichsam geschaffen für höhere, bereits etwas
-anspruchsvollere Pflanzen.
-
-Auch von denen reisten Sporen durch die Luft: die Sporen von
-Farnkräutern und Moosen. Sie landeten und gingen auf, wo die Algen
-das Bett bereitet. Elf Arten tropischer Farnkräuter beobachtete Treub
-bereits an den Abhängen der Vulkanruine.
-
-Solches Farnkraut steht aber selber immer noch wieder tief unter
-den eigentlichen Samenpflanzen, den Phanerogamen, wie sie unsere
-Wälder und Wiesen in der Masse zusammensetzen. Es war, als wiederhole
-dieser kleine Fels im Südmeer noch einmal den uralten Heraufgang des
-pflanzlichen Lebens auf der Gesamterde, in dem auch der Farnwald sich
-an zweiter Stelle über den Algenteppich erhoben, um selber dann dem
-echten Nadelholz- und Laubwald und der bunten Blumenmatte als der
-endlichen Krone der Entwickelung zu weichen. Die Insel Krakatau stand
-aber bereits auch an der Schwelle dieses höchsten Zeitalters, wie Treub
-des weiteren feststellte.
-
-Auch diese obersten Pflanzengeschlechter haben ja noch gar manche
-Möglichkeit zu Luftreisen. Bald ist der ganze befruchtete Samen auch
-bei ihnen noch so staubhaft winzig, daß er mitgeht gleich Alge und
-Farnspore. So glückt es besonders ohne Mühe den schönen farbenfrohen
-Orchideen. Bald aber auch hat das Früchtlein allerhand Anhängsel,
-wie Flügel, Ruder und Luftschrauben, ich erinnere bloß an die
-allbekannten lustigen Luftschifflein des Ahorns. So sammelte unser
-Botaniker im Innern des Inselchens zwei Grasarten und vier Arten jener
-formenreichsten heutigen Pflanzenfamilie, die zusammengesetzte Blüten
-trägt, der Kompositen. Auch für ihre leichten, flugfähigen Samen war
-der Wind sicherlich noch Postillon gewesen.
-
-Endlich aber wuchsen am Strande auch noch neun unterschiedliche Sorten
-Strandpflanzen, für die es am wahrscheinlichsten war, daß die Welle sie
-heranverfrachtet.
-
-Das ist ja auch ein im oberen Pflanzenleben öfter benutzter
-Transportweg. Es ist dazu nur nötig, daß die Frucht ihre Keimfähigkeit
-im Salzwasser behält und daß sie schwimmen kann. Von manchen Samen
-hat man sicher beobachtet, daß sie über ein Jahr im Meerwasser
-liegen können, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Ein Muster von
-Schwimmfähigkeit bietet beispielsweise die Kokosnuß, die durch ein
-luftgefülltes Faserhemd und einen für Wasser unzugänglichen Fettpanzer
-wie in einen Schwimmgürtel eingeschnallt ist; ohne Mühe reist sie
-denn auch von Strand zu Strand und trägt ihr Paradies in den kahlsten
-Tropenwinkel. Die ganze Strandflora des Krakatau war entsprechend in
-den drei Jahren angeschwommen, von Meeresströmungen herangelotst und
-von der Welle dann als Spülicht abgesetzt wie Muscheln und Tange.
-
-Nach dieser ersten Sondierung vergingen mehr als zehn Jahre.
-
-Erst im März 1897 machte sich abermals ein kleiner Botanikerkreis,
-Treub an der Spitze, von Buitenzorg auf, um den Fortschritt vom nackten
-Höllengrund zum Paradiese abermals zu messen.
-
-Diesmal war auch der bewährte deutsche Pflanzenkenner Professor O.
-Penzig mit von der Partie, der ausführlich und anschaulich darüber
-berichtet hat (in den Annalen des botanischen Gartens zu Buitenzorg 2.
-III. S. 92-113).
-
-Die kleine Expedition, mit allem wohl ausgerüstet, verweilte auf
-der Ruine einen halben Tag. Den Vulkanrest selber zu besteigen --
-er ist noch seine 800 Meter hoch wie der stehen gebliebene Zacken
-eines abbröckelnden Zahns -- gelang nicht wegen der tiefen Klüfte,
-die sich wohl durch Zusammenziehung der erkaltenden Lava wie Risse in
-erstarrendem Pech gebildet haben und allenthalben den Weg versperren.
-Um so wertvoller aber war die botanische Ausbeute.
-
-An der westlichen Hälfte der Nordseite der Insel zeigt sich die einzige
-echte, zum Landen erträgliche Strandstelle. Bimssteinblöcke und
-Korallenbruchstücke bauen sie hauptsächlich auf.
-
-Hier ist ein kleines Strandparadies im vollen Werden.
-
-Überall blüht es und treibt es, stellenweise ist das ganze Ufer
-völlig pflanzengrün. Da wachsen ein Pandanus, eine Wolfsmilch
-(~Euphorbia~), eine Scävola, unverkennbare Stammgäste sandiger und
-kiesiger Tropenufer der Gegend. In Massen kriechen die langen Stengel
-einer Trichterwinde dahin, dazwischen Vigna-Arten und die giftige, aber
-weithin duftende Leguminose ~Canavalia obtusifolia~, die auch eine
-typische Strandpflanze ist. Endlich fehlt es nicht an Gräsern (von der
-berüchtigt stacheligen Sorte Spinifex) und Cypergräsern.
-
-Neben den schon regelrecht aufgeblühten Gewächsen aber fanden sich eine
-Masse frisch angeschwemmter Früchte und Samen, zum Teil in munterem
-Keimen begriffen, so daß man recht in die lebendige Werkstatt des
-Fortschrittes sehen konnte. Hier lag vor allem die Kokosnuß selber,
-dann der Same des Mangobaumes, dessen terpentinartig schmeckende
-Goldfrucht jeder Indienfahrer kennt, zweier Eichen, zweier Cäsalpinien
-(aus der Gruppe der berühmten Färbholzpflanzen), der Zuckerpalme, von
-der der Palmzucker kommt, und vieler anderen mehr.
-
-Das Bild änderte sich, als die Besucher mehr ins Innere drangen.
-
-Sie betraten eine Grassteppe.
-
-Über mannshoch ragten die Grashalme, den Weg versperrend, und in
-den Halmwald verspannen sich zu zähem Dschungel die Trichterwinden
-und anderen Schlinggewächse. Wieder aus der Steppe aber erhebt sich
-der Fels. Noch ist ihm treu, was der erste Besucher einst fand: die
-blaugrünen oder schwärzlichen Schleimpolster der Algen und dann
-in reichster Fülle die Farnkräuter. Aber schon mischen sich auch
-hier oben in die Flora schöne echte Blütenpflanzen höherer Art. Da
-leuchtet es von weißen und rosaroten Blumen: es ist eine Erd-Orchidee
-(~Spathiglottis plicata~), deren feiner Samen also jetzt wirklich
-glücklich auch den Weg über die blaue See gefunden hat. Daneben prangt
-eine über meterhohe Composite, die „~Blumea balsamifera~“, die
-alles mit ihrem Duft erfüllt.
-
-Den Schluß der Expedition bildete ein Besuch auf einem Inselchen
-„Verlaten Eiland“, das ein paar Kilometer entfernt liegt.
-
-Als der Krakatau hier Weltuntergang spielte, mußte das nahe Eiland mit.
-Auch auf ihm verbrannte jedes letzte Hälmchen und dicke Schichten von
-Asche und Bimsstein begruben die Stätte. Grade hier aber hatte Floras
-Hand das höchste Wunder aufgespart, die äußerste Leistung tropischer
-Schnellproduktion.
-
-Denn an der Südspitze dieses Friedhofs von 1883 stand bereits wieder
-ein ganzes Wäldchen von fünf bis sechs Meter hohen Bäumen. Casuarinen
-waren es. „Casuarbäume“, aus jenem seltsamen Geschlecht, dessen
-eigentliche Heimat das Wunderland Australien bildet. Wie gerupft, wie
-abgefressen hängen die scheinbar ganz blattlosen, düsteren Zweige
-herab, eher an Schachtelhalme als an Laubpflanzen erinnernd, eine
-echte Staffagepflanze von urweltlichem Habitus zu dem Erdteil der
-Schnabeltiere und Molchfische.
-
-Als die Besucher ihre Ausbeute musterten, hatten sie im ganzen
-gesammelt: 22 niedere Kryptogamen (Algen und anderes), 12 Farne und 50
-höhere Pflanzen (Phanerogamen). Treub bei seiner ersten Fahrt hatte 8
-Kryptogamen, ein Farnkraut weniger und nur 15 Phanerogamen erbeutet.
-So trat der Fortschritt ganz deutlich hervor, wenn er auch nicht eben
-mit Siebenmeilenstiefeln gelaufen war, -- der Fortschritt in elf Jahren
-genau gemessener Zeit.
-
-Interessant war dabei noch die weitere Einsicht in die Transportart der
-neuen Ankömmlinge.
-
-Penzig verrechnet da alle Algen und Farne nach wie vor auf den Wind.
-Von den Phanerogamen gibt er siebzehn Arten mit meist kleinen und
-teilweise mit Flugapparaten ausgestatteten Samen den gleichen Weg:
-es sind sämtlich Gräser, Compositen oder Orchideen. Zweiunddreißig
-Arten dagegen fallen auf Wassertransport: es sind fast durchweg
-Strandpflanzen, darunter die Casuarinen, Euphorbien, Canavalien und die
-Kokospalme.
-
-Endlich für ein paar Arten (Melastoma und Ficus) kommt noch ein
-ganz besonderes Luftschifflein in Betracht, an das man früher gar
-nicht für solche Fälle zu denken gewagt hätte: nämlich Verschleppung
-durch früchtefressende Tiere, -- Vögel oder Fledermäuse (Flughunde).
-Diese Pflanzen haben wohlschmeckende Früchte, deren Samen den
-Verdauungsprozeß überstehen. Der Weg ist also kein ungewöhnlicher.
-Darwin hat, wie so vieles, auch diese Art der Pflanzenverbreitung
-zuerst genau studiert und in unsere Rechnungen eingeführt. Er fand, daß
-Körner lustig aufkeimten, nachdem sie Tage lang in einem Vogelinnern
-zugebracht hatten; der Vogel konnte in dieser Zeit aber mehrere hundert
-Meilen weit geflogen sein.
-
-So viel vom Krakatau, seiner Explosion und seinem neu erblühenden
-Garten.
-
-Warum ich aber grade an diese Geschichte mich erinnert habe, damit hat
-es diese Bewandtnis. Ein Zeit-Beispiel steht uns hier wirklich vor
-Augen von außergewöhnlicher Art. Im Rahmen ganz fester Jahresziffern,
-1883, 1886, 1897, erleben wir stufenweise mit einen Naturvorgang
-typischer Sorte: die Neuumfassung eines vegetationslosen Landes im Meer
-durch die „Biosphäre“, den großen Lebenskörper, der in Gestalt von
-Pflanze, Tier und Mensch die Oberfläche unseres Erdplaneten überlagert.
-
-Hätten wir solche Zeitbeispiele, wo sich eine meßbare Zeit mit einem
-konkreten „Werden“ für uns füllt und deckt, in größerer Zahl, so träte
-jene Zeitfrage der Entwickelungslehre auf ein ganz anderes, ein exaktes
-Feld für uns über.
-
-So wie hier, müßten wir dabei gewesen sein bei der Erdgeschichte,
-sollten unsere Antworten ganz unmittelbare sein.
-
-Statt dessen sind wir angewiesen auf Indizienbeweise. Tatsächlich sind
-aber auch sie wenigstens für die größten Linien von zwingender Gewalt.
-Um ihnen zu folgen, ist aber wieder ein verwickelter Weg nötig, der
-weit fort führt von allen Schlagworten.
-
-Ein Stück menschlicher Denkgeschichte ist dazu nötig.
-
--- -- --
-
-Wen man von einem mittelhohen, aber kahlen Berggipfel in die Ebene
-schaut -- etwa von der Schneekoppe -- so bekommt man ein gutes
-Bild, wie die „Biosphäre“, die Gesamtmasse des „Lebendigen“, zu dem
-ungeheuren Erdplaneten sich verhält.
-
-Dunkler Fichtenwald, lichter, grüner Busch, endlich Wiesen und
-Kornfelder liegen da nicht mehr plastisch, sondern als Farbflecke. Nur
-noch die Unterlage, Hügel, Täler, Erdwellen aller Art steigen auf oder
-sinken ab. Die Farbfelder aber gehen mit, eben wie eine einfache Farbe,
-an deren Dicke man nicht noch einmal besonders denkt.
-
-So liegt das Leben im ganzen um die Erde.
-
-Der Fels aus Urgestein hier oben hat noch einen Vergleich: an seiner
-Flanke klebt die gelbe Flechte, auch sie fast nur ein Farbfleck ohne
-Tiefe, aber doch ein „Etwas“, das nicht selber Fels ist, sondern das
-man abschaben kann.
-
-Wie eine solche feine bunte Flechtenkruste überzieht das Leben
-den rein mineralischen Block des Planeten in seinen kolossalen
-Größenverhältnissen eines Kugelberges von mehr als 12000 Kilometer
-Durchmesser.
-
-Wer aus dem Weltraum sich der eilig sausenden Kugel näherte, der
-würde etwa die Urwälder des tropischen Südamerika sich andeuten sehen
-wie einen grünen Schimmel. Näherte er sich von der Nachtseite und
-schwebte über dem Ozean, so würde ein solcher Schimmel ihm vielleicht
-phosphorisch auf der Fläche zu funkeln scheinen: in der Tat läge auch
-hier in den oberen Wasserschichten eine riesige Schicht Leben winziger
-Organismen, deren vereinte Kraft das „Meerleuchten“ erzeugt.
-
-Beim tieferen Eindringen merkte er dann die große Leistung, wie dieser
-Planetenschimmel der Gliederung der Planetenoberfläche wunderbar folgt.
-
-Wo diese Oberfläche eine Meile tief zum Ozeansgrunde abstürzt, da senkt
-sich auch der Teppich mit, tierisches Leben geht bis zur Sohle die
-ganze Meile mit hinab.
-
-Aus dem schwarzen Abgrund hebt es sich dann wieder zum Licht: grüne
-Tangstämme, wie die ~Macrocystis pyrifera~ der Südsee, recken
-sich 200 Meter empor, ein Medusenschwarm dehnt sich über mehrere
-Kilometer aus, eine rötliche Alge färbt ein halbes Meer.
-
-Auf der Feste wieder wächst ein einzelner Eukalyptusstamm anderthalb
-hundert Meter vom Boden an aufwärts durch die Luft. Knieholz folgt
-den viel höheren oberen Gebirgsterrassen. Zuletzt hängt die gelbe
-Flechte selbst als äußerstes Faserwerk des Teppichs am Granit. Über
-dem schneebedeckten Hochgebirgshorn aber schwebt noch der Geier.
-Und vielleicht noch weit über der Meile Gestein, die die höchste
-Gebirgserhebung über das Meeresniveau hinausgipfelt, ziehen mit dem
-Winde Bakteriensporen.
-
-Dem Vertikalen dieser Doppelmeile wiederum entspricht die horizontale
-Eroberung durch alle Zonen. In der Steppe durchmißt der Reisende
-wochenlang immer neuen Blumenflor. Selbst über der nackten Wüste
-zaubert die Fata Morgana Palmen herauf. Eisberge des Pols färbt die
-Volvox-Alge der Karmoisinklippen mit zauberhaftem Rot. Unter 81 Grad 26
-Min. nördlicher Breite fand Nansen die Tümpel des schmelzenden Eises
-noch mit Diatomeen und Bakterien erfüllt.
-
-Und dieser räumlichen Anschmiegung entspricht eine innerliche,
-eine physiologische: die unendlich vielseitige Anpassung an alle
-Bedingungen dieses Lebensraumes. Der Tiefseefisch leuchtet, der Käfer
-~Leptoderus~ in der finsteren Adelsberger-Grotte ist blind, der
-Eisbär ist behaart bis auf die Tatzensohle, und die Haut des Nilpferdes
-ist ganz nackt; die Flechte am Fels verträgt das Austrocknen, das
-Murmeltier unserer Alpen überschläft die kalte Jahreszeit und der
-Tanrek-Igel Madagaskars die ausdörrend heiße, und der Zugvogel
-überquert ganze Erdteile, um für sich den Unterschied der Zonen
-aufzuheben.
-
-Aber es wird Nacht, und über dieser lebensfrohen Erde beginnen die
-Sterne aufzufunkeln.
-
-Du sagst Dir, daß jedes dieser Lichtpünktchen des Fixsternhimmels
-eine Welt für sich ist, so groß oder größer als unsere Sonne. Und
-sie alle müssen, damit wir sie sehen können, leuchten, müssen eine
-Hülle glühender Gase um einen Kern in Weißglut mit sich dahintragen.
-Trotzdem sind die Stoffe dort die gleichen wie bei uns. Nur der
-Wärmestand ist ein unvergleichlich viel höherer. Das Gewicht unserer
-Erde verrät uns, daß sie im Herzen wohl nichts anderes ist, als eine
-riesige Metallkugel, vielleicht hauptsächlich aus Eisen, dem gleichen
-Element, das auch in dem Meteorblock steckt, der vom freien Raum her
-zu uns stürzt und der vielleicht ein solches Herzstück eines anderen
-Weltkörpers ist, und dem gleichen, ohne das hier an der Oberfläche in
-der Sphäre des Lebendigen kein Pflanzenblatt sein wundervolles Grün
-entwickeln könnte. Der Raum aber, aus dem dieses Meteoreisen fällt,
-ist selber eiskalt, kälter als die tiefste Polarkälte. Wenn dieser
-Meteorblock einst glühend gleich den Sonnen dort hinein geworfen worden
-ist, so ist er längst darin bis ins Innerste so kalt geworden, daß
-unsere Haut daran kleben bliebe, wollten wir ihn greifen; wohl erhitzt
-er sich durch die Reibung unserer Atmosphäre flüchtig noch einmal, aber
-im Innern ist noch mehrfach die ganze Kälte festgestellt worden, die
-schaurige Weltraumkälte. Was aber dem Zentnerblock geschah, warum nicht
-das Gleiche dem ganzen Erdplaneten?
-
-Auch er war einst im Lose derer da oben, sein Metallkern strahlte
-Weißglut, und blutrote Wasserstoffdämpfe schossen als Protuberanz
-darüber hinaus. Aber die Kälte kroch zäh heran und legte ihre Hand
-darauf. Bis die Schlacke eine Rinde hatte. Bis das Eisen sich härtete
-und Rost setzte. Und bis der Wasserstoff sich dem Sauerstoff vermählte
-zu Wasser. Die großen Sonnen glühen noch fort, -- die kleine Erde ist
-schon gestrichen im Chor der Glutatmenden.
-
-So ist der Gedanke schon dem René Descartes im siebzehnten Jahrhundert
-aufgestiegen: die Erde ist nur eine verkrustete, eine erloschene Sonne.
-
-Athanasius Kircher in seinem Folianten von der „Unterirdischen Welt“
-(~Mundus subterraneus~) hat 1668 auf einer prächtigen Tafel die
-ganze Kugel durchschnitten wie eine Apfelsine dargestellt; im Innern,
-verborgen unter unermeßlichen Lasten starren Gesteins, zeigt sich nur
-noch wie in einem Gefängnis der alte Stern, als Zentralfeuer, von dem
-glühende Kanäle mit knotenartigen Feuerinseln durch die Feste sich
-schlängeln bis zu den lavaspeienden Feuerbergen der Rinde. Es ist die
-Anschauung, die sich bis an die Schwelle der neuesten Geologie fest
-erhalten hat.
-
-Hat sie aber recht, so wäre diese gesamte Erdoberfläche, über die sich
-heute die Lebenssphäre zieht, einst auch als Ganzes nur ein solcher
-nackter Krakatau-Fels gewesen, -- einmal damals, als zum ersten Male
-die Glut oben endgültig ausbrannte, die Urlava starr wurde.
-
-Ein Krakatau-Fels der ganze Planet, kahl aufstarrend gegen den öden
-Weltenraum. Und dann erst hätte auf ihm irgendwie (worüber denn
-Theorien zu bauen wären) das Leben eingesetzt, um allmählich seine
-große Eroberung der zwei Meilen vertikalen Teppichspielraums und der
-Horizontale von den beiden Polen zum Äquator zu beginnen.
-
-Wann aber war das?
-
-Heute ist die Erde grün und lebensbunt, wie der Krakatau in seinen
-zwanzig Jahren noch lange nicht.
-
-Werden wir irgend einen Anhalt finden können, auch bei ihr diese
-Besiedelung auf eine Jahresziffer festzulegen, ihre Krakatau-Periode zu
-bestimmen, wie es auf der Ruine der Sundastraße Treub und Penzig gelang?
-
-In den achtziger Jahren hörte ich in Bonn ein Kolleg bei dem
-trefflichen alten Historiker Arnold Schäfer, -- über Chronologie in
-der alten Geschichte. Er ging bis zu den damals noch ältesten Daten
-der Ägypter und Babylonier. Immerhin blieb’s ein kleiner Kreis von
-Jahrtausenden. Dahinter aber, sagte er, wird’s ganz düster; dort, meine
-Herren, beginnt nämlich der Naturforscher, und der hat’s ja sehr viel
-leichter, wenn Sie ihn fragen wollen: der spielt mit Millionen; aber
-mit Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun.
-
-Das hörte ich vormittags. Nachmittags las der Anthropologe
-Schaaffhausen. Er legte uns den Neandertal-Schädel vor, den er damals
-für einen uralten, noch ausgesprochen tierähnlichen Menschenrest
-hielt; in der Folge ist das stark bestritten worden, heute aber glaubt
-man nach Schwalbes Forschungen und nach anderen prähistorischen Funden
-wieder entschieden daran.
-
-Nun denn: dieser Schädel und Verwandtes führte so weit vom alten
-Babylonier und Ägypter fort, daß man in unfaßbare Zwischenräume zu
-sehen glaubte. Und doch war er gewiß nicht älter, als nur erst das
-Diluvium. Dahinter erst begannen die großen Epochen der organischen
-Erdgeschichte, Tertiär, Kreide, Jura und so weiter. Erdteile
-zerspalteten sich da vor dem Blick, Meere überbrückten sich, die großen
-Gebirge von heute wurden zu Koralleninseln oder Seeboden und andere
-kreuzten die völlig verwandelte Karte. Die klimatischen Grenzen von
-heute paßten nicht mehr. Tier- und Pflanzenwelt bekamen einen fremden
-Zug. Der Mensch fehlte vollkommen. Vor solchen Änderungen schien das
-Wörtchen Million auf einmal ganz klein. Nicht wir waren die Könige,
-die mit Millionen spielten. Da drunten wuchs, von uns nicht gewollt,
-sondern einfach nur in Empfang genommen, eine Welt der zeitlichen
-Riesendimensionen auf, der unsere Nullen hinter der Eins umgekehrt ein
-Zwergenspiel wurden, Strohfäserchen, die eine Ameise schleppt, gegen
-ein Weltmeer.
-
-Der ganze Kontrast war in den beiden Bildern: des Historikers in seiner
-„Weltgeschichte“ alten Schlages, der schon ein Rechnen mit +einem+
-Jahrhunderttausend für einen schlechten Dilettantenscherz voll
-leichtsinnigster Verwegenheit hält; -- und des modernen Naturforschers,
-dem bei sorgfältigster Selbstkritik der eigene Leichtsinn immer wieder
-darin steckt, daß er noch +zu kurze+ Zeitmaße ansetzt.
-
-Aber jener Vorwurf ist mir seitdem immer wieder aufgetaucht, er ist
-noch jetzt zäh.
-
-Heute, da die Meinung Modefarbe bekommt, die ganze Entwickelungslehre
-gehe wieder zurück, kann man auch ihn wieder lebhafter hören. Wenn der
-ganze Ideengang Darwins erst wieder abgetan ist, heißt es, so werden
-wohl auch diese tollen Ziffern, mit denen wir unsern armen Kopf quälen
-sollten, endlich verschwinden.
-
-Und dabei ist der wahre Sachverhalt heute der ganz genau gleiche wie
-früher.
-
-Höchstens ist er noch schärfer geworden, -- schärfer in der unbedingten
-Forderung größtmöglichster Zeiträume für die Geologie.
-
-Es gibt eine Hauptquelle für diese Mißverständnisse.
-
-Sie sprudelt, solange wir eine echte Geologie haben.
-
-Immer haben wir von außerordentlich viel Zeit gehört, die dort nötig
-sei, -- aber wir haben auch immer das größte Schwanken gesehen
-innerhalb der Naturforschung über die eigentlichen Ziffern. Um diese
-engeren Ziffern ist jedesmal der erbittertste Zwist geführt worden,
-sobald eine genannt war, und so oft der Fernstehende einen solchen
-Kampf mit dem Sturz einer Ziffer enden sah, machte er sich seinen Vers,
-es sei nun aus dort mit der ganzen Zeitrechnung der Millionen.
-
-Wer aber tiefer in die Karten schaut, dem erscheint gerade als das
-Entscheidende, daß jeder Sturz der Ziffer immer nur ein Sieg war des
-noch ausgedehnteren Maßes überhaupt. Als zu klein ist noch jede echte
-geologische Ziffer verworfen worden.
-
-Das spielt jetzt seit anderthalb hundert Jahren.
-
-Der erste geologische Rechner modernen Stils ist Buffon im achtzehnten
-Jahrhundert.
-
-Man muß heute wieder öfter auf Buffon zurückkommen. Von seinen
-Zeitgenossen vergöttert, ist er im neunzehnten Jahrhundert durchweg
-schlecht behandelt worden. Man hat ihm nachgerechnet, was er im
-Detailwerk der Forschung an neuen exakten Tatsachen gegeben habe, und
-diese Wage schien immer leichter. Sein Kultureinfluß in seiner Zeit
-war aber unberechenbar groß. Er gab diesem allenthalben geweckten,
-nach neuen Weltfundamenten lechzenden Jahrhundert der Voltaire,
-Rousseau, Lessing, Kant, Herder, Schiller zum ersten Mal das große
-geschlossene Weltpanorama des Naturforschers als „Macht“ in den Besitz.
-Es entscheidet nicht dabei, wie viel kühne Hypothese war. Die Lücken
-füllte er mit glänzenden Hypothesen. Was tun wir heute anderes? Das
-Wesentliche war das Einheitliche des Natur-Weltbildes. Er malte es so,
-daß jeder gepackt wurde. Keiner bis auf ihn hatte es annähernd noch
-gekonnt. Nach ihm sind Humboldt und alle die Kosmologieen gekommen. Er
-war der erste.
-
-Man kann behaupten, daß keine große geistige Debatte bis ins Extremste
-des Moralischen und Ästhetischen hinein im letzten Drittel des
-achtzehnten Jahrhunderts geführt worden ist, ohne daß dieses Panorama
-einer vom Naturforscher gefaßten Ganz-Welt, einer ganz gefaßten Welt
-auf Naturgesetzen, dabei einen Hintergrund gebildet hätte, mit dem
-jeder rechnete; es war aber Buffons Naturgemälde, an das man dachte.
-
-Man braucht allein auf Goethe zu sehen, wo dieses
-naturwissenschaftliche Bild schon die ganze Anschauung der Dinge auch
-im Ästhetischen beherrscht, um Buffons Einfluß in seiner Kraft zu
-fühlen. Ich halte Buffon in allem Naturgeschichtlichen für gradezu
-bestimmend bei Goethe. Die unmittelbare Berührung läßt sich durch viele
-Stellen belegen. Die feine geistige Beziehung ist aber noch viel weiter
-deutlich. Von Buffon hatte auch Goethe zu den überliefert religiösen,
-den philosophisch-moralischen, den ästhetischen Weltbildern seiner Zeit
-das große Kosmosbild des Naturforschers, das damals eine ganz neue
-Kraft war, stählend zugleich, aber auch beängstigend; wie er sich damit
-auseinander gesetzt hat, war ja dann sein eigenes Werk.
-
-Nun also: Buffon hatte jenen oben gestreiften Ideengang schon ganz klar.
-
-Die Erde war ein Stück Sonne, das in der Weltraumkälte eines Tages
-erstarren mußte. An dem Tage begann auf ihm das Leben wie auf der
-nackten Schlacke des Krakatau. Eher konnte es nicht beginnen, denn
-es ist kein Salamander der Sage, der im Feuer leben kann. Immerhin
-ist es auch nur möglich auf einer noch erwärmten Rinde. Wenn der
-Block einst ganz erkaltet und eine ewige Eisperiode anhebt, wird es
-wieder verschwunden sein. So stellt es eine Intervall-Erscheinung
-des Planeten zwischen zwei Grenzen dar, gebunden an ein
-Temperatur-Intervall. Sollten wir aber diese so scharf gegebene
-Zeitspanne nicht wirklich ziffernmäßig berechnen können?
-
-Buffon machte ein ganz einfaches, aber zunächst verblüffendes
-Experiment.
-
-Er stellte eine Anzahl kleiner Metall- und Steinkugeln auf, erhitzte
-sie bis zur Weißglut und ließ sie sich dann bei einer mäßigen
-Lufttemperatur allmählich wieder abkühlen. Die Grade dieser Abkühlung
-legte er in festen Ziffern nieder, die vor allem zwei Zeitpunkte genau
-fixierten: den Augenblick, da man die Kugel zuerst wieder berühren
-konnte, ohne daß unsere lebendige Haut Schaden dabei nahm; und den
-andern, da die gewöhnliche heutige Temperatur der Kugel bei dieser
-bestimmten Luftwärme wieder erreicht war, also die Eisenkugel sich
-wieder anfühlte wie jedes Eisen sonst. Diese einfachen Ziffern wurden
-dann im Verhältnis umgerechnet für eine Kugel von der Größe der Erde
-und sofort erschienen auch hier ganz feste Zahlen.
-
-Wenn der heutige Temperaturzustand dieser großen Erdkugel auch nur ein
-Produkt der Abkühlung aus Weißglut war, so ergab das für die Dauer des
-Abkühlungsprozesses bei den Größenverhältnissen des Erdballs (unter
-Anrechnung einiger kleiner Begleitumstände) im ganzen bis heute genau
-74832 Jahre.
-
-In diesen rund vierundsiebzigtausend Jahren bildete wie bei den kleinen
-Versuchskugeln einen wichtigen Einschnitt die Jahresziffer, bei der
-wir die Erdoberfläche zum ersten Mal hätten berühren können, ohne daß
-unsere Haut Brandblasen bekam.
-
-Den entsprechend umgerechneten Experimentziffern nach mußte das vor
-genau 40062 Jahren geschehen sein.
-
-Das bedeutete aber dann zugleich ein ungemein wichtiges
-Geschichtsdatum. Denn wenn unsere Hand sich damals nicht mehr verbrannt
-hätte, so heißt das: Leben war damals möglich geworden auf der Erde.
-Vor rund vierzigtausend Jahren hatte das Pflanzen- und Tierleben
-begonnen: es war die Krakatau-Ziffer des ganzen Erdfelsens!
-
-Buffon war in Hinsicht der Lebenserscheinungen ein eminent aufgeklärter
-Kopf, seiner Zeit weit voraus. Wo die nötigen Temperaturbedingungen
-gegeben waren, da nahm er Entstehung von Leben als notwendigen
-Naturprozeß an. Wenn zwei Länder ähnliche Wärmeverhältnisse hatten, so
-brachten sie auch ähnliche Tiere und Pflanzen ganz von selbst hervor,
-ohne daß man an Wanderungen zu denken brauchte. „Die gleiche Temperatur
-nährt, erzeugt überall die gleichen Wesen,“ sagt er wörtlich (Ausgabe
-von Richard, Paris 1839, Bd. I., S. 463).
-
-Wenn also vor vierzigtausend Jahren die Lebenswärme erreicht war,
-so war nicht einzusehen, warum wir nicht mit dieser Ziffer auch den
-wirklichen Lebensanfang in Händen hatten.
-
-Buffon schloß aber noch weiter.
-
-Zunächst gab diese Rechnung auch einen scharfen Zukunfts-Grenzwert.
-
-Die Abkühlung der Erde ging weiter, auch über unsern heutigen
-Zustand hinaus. In 93291 Jahren mußte die Erdkugel bis auf ein
-Fünfundzwanzigstel der heutigen Temperatur abgekühlt sein. Das
-bedeutete aber Vereisung, -- endgültigen Kältetod alles Lebens. Es war
-die Schlußziffer, mit der die Lebensära nach einer ruhmreichen Dauer
-von rund hundertdreiunddreißigtausend Jahren wieder abschnitt, Pflanze,
-Tier und Mensch begrabend.
-
-Die zweite Folgerung ging auf die übrigen Planeten und Monde unseres
-Systems. Überall dort rechnete Buffon nach der gleichen Methode. Die
-kleineren waren früher in ihre Lebensperiode eingetreten, hatten sie
-aber auch rascher schon durchlaufen, die größeren umgekehrt folgten
-erst langsam nach. Der fünfte Trabant des Saturn war beispielsweise
-die erste Welt in unserem System gewesen, die lebensfähig geworden
-war, seit mehreren Jahrtausenden aber war sie auch schon wieder zu
-Todesstarre vereist. Unser eigener Mond hatte höchstens sechzigtausend
-Jahre lang geblüht und war seit über zweitausend Jahren auch im
-Lebenssinne wieder erloschen. Auch der Mars war längst gestorben,
-auf dem vierten Saturn-Trabanten lag alles in den letzten Zügen der
-Verschmachtung, die Venus dagegen war noch etwas wärmer als wir, auf
-dem Saturnring stand das Leben in erster Vollkraft und gar der Jupiter
-war heute noch überhaupt zu heiß zur Bildung organischer Wesen.
-
-Auch alle diese Angaben kamen in Ziffern bis auf halbe Jahre genau.
-Daß auch diese andern Weltkörper ihr Leben entwickelten zu ihrer
-Zeit, stand ein für allemal fest. Man darf glauben, sagt Buffon, daß
-alle diese gewaltigen Himmelskörper, deren Temperatur in der rechten
-Periode ist, „gleich dem Erdball bedeckt seien mit Pflanzen und selbst
-bevölkert mit empfindenden Wesen, die den Tieren der Erde ungefähr
-ähnlich sind.“
-
-Buffon erfuhr mit diesen kühnen Rechnungen das größte Leid seines
-sonst so schönen Denkerlebens. Obwohl die Ziffern gar nicht so
-außerordentlich groß waren, stimmten sie nämlich doch nicht mit den
-hergebrachten Zahlen der Bibel.
-
-Selbst eine tief religiöse Natur mit innerlich fein geklärtem
-Standpunkt, hatte Buffon friedlich losgerechnet, ohne sich etwas
-Verfängliches zu denken. Aber man begreift, daß das für seine Zeit
-eine starke Zumutung war: über 74000 Jahre Weltexistenz allein für
-die Erde gefordert statt der üblichen paar tausend Jahre für das
-Ganze, -- Mehrheit bewohnter Welten bis zu empfindenden Wesen von
-Tierähnlichkeit, also wohl gar Menschen auf Venus und Saturn --
-endlich, wie wir heute sagen würden, unverfälschter Darwinismus, der
-den Planeten Leben treiben ließ zu seiner Zeit und Pflanzen- wie
-Tierarten sich entwickeln ließ wie ein Kristall unter bestimmten
-Umständen naturgesetzlich anschießt ... das war für den Hof Ludwigs XV.
-und XVI. denn doch des Guten an Ketzerei zu viel.
-
-Man machte dem harmlosen Gelehrten das Dasein sauer genug. Doch das ist
-mit den Zeiten verschollen. Was uns als übrig allein interessiert, ist
-die Wahrheitsgrundlage seiner Rechnungen und Ideen selbst. Und da ist
-denn auch für uns manches zu sagen.
-
-Wer aus der schlichten Vorstellung der sieben Schöpfungstage kam, dem
-mußte gewiß schon Buffons großer Erd-Roman wie etwas Überwältigendes an
-Handlung und Verwickelung erscheinen.
-
-Der nächste Fund aber über Buffon hinaus war: er hatte die Dinge +zu
-klein+ gesehen.
-
-Wohl schwebte er im Geiste wie ein Herrscher über der Glutkugel,
-die sich abkühlte, bis Pflanze, Tier und Mensch auf ihrer Rinde
-wohnen konnten. Doch bei dieser „Rinde“ hatte er immer nur an die
-Schlackendecke aus Schmelzfluß gedacht, an etwas Einheitliches, wie es
-auch seine Metallkugeln im Experiment wiesen. Die Forschung noch neben
-ihm und unmittelbar nach ihm besah sich aber die wirkliche Erdrinde,
-auf der wir Menschen hausten, etwas genauer und sie geriet auf ein
-besonderes Bau-Geheimnis noch in ihr, zu dem Buffons einfaches Modell
-des Erdenhauses nicht auslangen wollte.
-
-Gewiß war das, was wir von dieser „Rinde“ im Oberflächenbilde mit
-seinem Wechsel von Berg und Tal, Ebene und Wasserbett oder auch im
-Aufschnitt und angerissenen Innern zu sehen bekamen, nur ein kleines
-Stückchen zu der ungeheuren Kugel, wirklich nur eine Art dünner Haut.
-Noch heute, da wir ein paar für unsere Ameisen-Technik ganz kolossal
-tiefe Bohrlöcher hineingetrieben haben, geht das längste dieser Löcher
-(das von Paruschowitz in Oberschlesien) nur erst 2003 Meter in die
-Erde hinab, zwei Kilometer von zwölftausend; die tiefsten natürlichen
-Aushöhlungen im Ozeansgrunde reichen immer noch mehr als viermal
-tiefer und selbst das wäre schließlich auch nur eine kleine Ziffer.
-Nehmen wir den Gaurisankargipfel, den tatsächlich noch keiner wirklich
-betreten hat, als oberste Ecke und jene Riesentiefen des Meeres, wie
-sie die Challenger-Expedition und neuere gelotet haben (auch von hier
-kennen wir nur einige oberflächlichste Schlammproben und die Druck- und
-Temperaturziffern), so kommen rund kaum achtzehntausend Meter heraus,
--- als das Äußerste, was wir annähernd von der Erdrinde als idealer
-Kante überschauen. Achtzehn Kilometer gegen zwölftausend! Damals, zu
-Goethes Manneszeiten, hatte man aber noch viel weniger.
-
-Und doch merkte man etwas.
-
-Dieses Stückchen Rindenerde machte durchaus nicht bloß den Eindruck von
-Krakatau-Schlacke. Allenthalben, wo diese Rinde geborsten, aufgewühlt,
-in ihre „Eingeweide“ hinein entblößt war, erschien sie wie durchsetzt
-mit aller Art Brocken und Fetzenstücken eigentümlicher konzentrischer
-Steinhäute, die aus der einfachen Rinde ein so unglaublich
-kompliziertes Ding machten, wie wenn einer in eine Zwiebel schneidet
-und statt einer einfachen Fruchtschale eine Zwiebelhaut über die andere
-losschält.
-
-Und es bedurfte wirklich nur eines ziemlich geringen Durchdenkens der
-Sache, so mußte klar werden, daß diese bald aufeinander gepackten,
-bald wieder gelösten, zerrüttelten, zerstückelten Zwiebelhäute zum
-teil jedenfalls ein Ergebnis von Wasserniederschlägen in einer Reihe
-von einander folgenden Zeitabschnitten sein mußten. Nur das Wasser
-konnte diese zwar oft nachträglich gestörte, aber immer wieder
-durchschimmernde horizontale Butterbrot-Schichtung der Gesteine bewirkt
-haben, und auf alten, erst nachher verhärteten Wasserschlamm deutete
-allzu klärlich auch die sandige, schieferige, kalkige Natur dieses
-Gesteins.
-
-Das war die grundlegende neue Weisheit unseres deutschen geologischen
-Altmeisters Werner, der geboren wurde, als der erste Band von Buffons
-Naturgeschichte eben heraus war, 1750. Werner saß Zeit seines Lebens
-im Erzgebirge, er reiste nicht, er spekulierte wenig mit großen Werten
-und er schrieb keinerlei packende Werke in vielen Bänden. Aber er ritt
-auf einem Prinzip, und das war in der Tat unendlich wichtig: daß der
-Hauptteil mindestens der Gesteine der Erdrinde, die wir heute sehen,
-ein Produkt des Wassers sei, angesetzt auf einer Grundrinde, etwa
-wie sich nachträglich Kesselstein auf das Metall eines Dampfkessels
-auflagert, und, ursprünglich wenigstens, angesetzt in wirklichen
-konzentrischen Lagen Schicht auf Schicht in einer Reihe einander
-folgender Zeitperioden.
-
-Mochte es nun mit der anfänglichen Glutkugel sein, wie es wollte:
-jedenfalls schob sich zwischen ihre erste eigene Erkaltungsrinde und
-unsere schließliche, heute greifbare „Oberfläche“ noch ein gewichtiges
-Zwischending: diese ungeheure, viele tausende von Metern dicke Lage
-steinerner Butterbrote, die den darüber stehenden Meeren verdankt
-wurden. Ihre ganze Masse war im Meer einmal einigermaßen aufgelöst,
-lose verteilt gewesen und dann langsam abgelagert worden, wie heute
-noch allerorten die Schlammteilchen im ruhigen Wasser allmählich
-abwärts sinken und einen Bodensatz bilden.
-
-Zu diesem Akt des Wassers aber gehörte -- Zeit.
-
-Buffon hatte gerufen: Zeit für die Temperatur, 74000 Jahre für die
-heutige Abkühlung der Ur-Rinde! Werner verlangte: Zeit für das Wasser;
-Zeit für seine dicken Kesselsteinschichten auf dieser Rinde; wie viel,
-mochte zunächst offen sein, und es brauchte vorläufig auch keine
-Debatte zu sein, ob die Buffonsche Ziffer stimmte, auf alle Fälle
-handelte es sich jetzt um ein Separatkonto.
-
-Und das ist für die ganze Folge das Entscheidende auch geblieben in
-allem Wechsel: daß hier eine +zweite+, von der Wärmerechnung
-ganz unabhängige Zeitforderung in die Geologie eintrat. Die ganze
-Buffon-Forderung konnte leerer Traum sein: so blieb doch hier von einer
-ganz anderen Ecke her eine neue Zeitforderung bestehen, die für sich
-bewiesen werden konnte oder widerlegt werden wollte. Aber -- und das
-ist das noch wieder Entscheidende -- auch diese Forderung verlangte
-viel Zeit.
-
-Es ist nicht Werner selbst, der große alte „Thales der Geologie“, der
-Wassergeologe, der diese Forderung des „viel Zeit“ am schärfsten zieht,
-sondern ein zweiter Mann der gleichen Tage.
-
-Wer die Geschichte der Geologie in ihrer großen denkwürdigen Genesis
-im 18. Jahrhundert knapp aus dem Leitfaden lernt, der pflegt sich
-einzupauken: zwei Schulen des Anfangs, zwischen 1750 und 1800;
-Neptunisten und Plutonisten; erstere leiteten alle Bildungen der
-Erdrinde geschichtlich aus dem Wasser ab, letztere aus dem Feuer;
-Haupt der ersten Schule ist Werner von Freiberg; Haupt der letzteren
-Hutton in England. Wer das konfus ausdrückt, dem wird es zu einem
-wirklichen Wiederaufleben des alten Philosophengegensatzes von Thales
-und Heraklit: der eine baut die ganze Erde bloß aus Wasser, der andere
-bloß aus Feuer auf. So kahl waren aber die Extreme in Wahrheit nicht.
-
-Hinter beiden Anschauungen stand Buffon mit seinem sich abkühlenden
-Glutstern. Werner kam bloß in der Folge zum Ruf des Allverwässerers,
-weil er einzelne Gesteine, die wir heute sicher zu den lavaartigen,
-aus Glutfluß unmittelbar erstarrten, rechnen, auch noch für
-Wasserniederschläge nahm, so den als Exempel und Kampfobjekt berühmt
-gewordenen Basalt. Aber an der Basis aller Schichten blieb auch ihm
-ein ursprünglicher „Grund der Hölle“ wie Goethe im Faust sagt, als er
-seinen Helden mit Mephisto auf dem Granit des Hochgebirges Halt machen
-läßt.
-
-Und umgekehrt war James Hutton kein einseitiger Feuermeister, sonst
-hätte er nur für den Buffonschen und nicht für jenen anderen, zweiten
-Zeit-Begriff in Betracht kommen können.
-
-Huttons umfassende Bedeutung ist erst in späteren, zum Teil erst in
-neueren Tagen recht gewürdigt worden. Kürzlich hat Friedrich Ratzel
-in einer auch sonst ausgezeichneten Studie (in Ostwalds „Annalen
-der Naturphilosophie“) ihn trefflich grade in seiner Rolle auch als
-nicht-plutonischer Zeit-Forderer charakterisiert.
-
-Obwohl Hutton die Erdwärme überall brauchte und sich ohne sie das
-Stein-Werden alter Schlammschichten überhaupt nicht denken konnte, lag
-ihm doch an Buffons Ur-Roman eigentlich noch weniger als Werner. Sein
-Blick faßte die Erde viel lieber als etwas von Ewigkeit her Gegebenes,
-an dem wir bloß gewisse harmonische, gleichsam rhythmische Kreisläufe
-von Erscheinungen beobachten könnten. Zu solchen Erscheinungen gehörte
-auch die Bildungsgeschichte jedes Stückes Kalk, jeder Platte Sandstein.
-Das Bild, das wir uns von dem Vorgang der Entstehung nach schlichter
-Gesetzmäßigkeit machen wollten, bestimmte die dabei verflossene Zeit.
-Wo konnte uns aber bei der ewigen Ähnlichkeit dieses Erden-Rhythmus
-etwas Besseres ausgesagt sein über jenes Bild als in den +heute+
-noch sichtbaren Vorgängen der Kalk-Bildung, der Sand-Anhäufung auf
-Erden?
-
-Noch heute häufte der Fluß vor seiner Mündung eine Barre von Sand
-auf, noch heute baute sich, erhöhte sich, wanderte, festigte sich
-die Sand-Düne am Gestade des Ozeans. Heute auch noch häuften sich im
-Seegrunde die Kalkschalen von Tieren, heute noch bauten die kleinen
-Korallenwesen hohe Mauern aus solider Kalkmasse auf. Hier und nur hier
-konnte der Schlüssel auch zum Verständnis des alten Werdens liegen.
-
-Grade diese Vorgänge von heute aber liefen nicht im
-Siebenmeilenschritt: sie verlangten Zeit zuerst, Zeit zuzweit, Zeit
-immer wieder.
-
-Sandkörnchen um Sandkörnchen wuchs die Düne. Jahr um Jahr prägte sich
-das Stromdelta an der Mündung etwas schärfer aus, aber an der Spule
-dieses „Etwas“ spann sich der Faden durch die Jahrtausende, bis ein
-großes Bild wirklich da sein konnte.
-
-Die Ewigkeit der Vergangenheit hatte nun weite Arme für solche
-Zeitforderung der Gegenwart. Genau so langsam mochten die Sandberge,
-die Kalkquadern der Vorwelt sich gebildet haben. Zumal wenn wir uns
-dachten, daß all dieses Material, das vom Wasser etwa als Schlamm
-abgelagert werden konnte, vorher durch langsames Abnagen und Zerstören
-wieder vom Urfels oder von noch älteren, schon landgewordenen
-Ablagerungen gewonnen sein mußte. Und der Blick tauchte und tauchte in
-geradezu endlose Zeiten allein für diese Wasserarbeit. Es hatte nicht
-vom Kosmos her plötzlich vierzig Tage lang Sand geregnet oder der
-Erdenschlund hatte nicht Sand gespieen, sondern Teilchen zu Teilchen
-war atomhaft winzig in den Wassergrund gesunken wie heute -- und doch
-waren jene Butterbrotschichten von vielen Kilometern Dicke geworden,
-die heute bald in Brocken durch die zerborstene Rinde verstreut
-liegen, bald sich Kilometer um Kilometer noch als einheitliche Fläche
-horizontal unter unserem Schritt dahin ziehen.
-
-Zeit war die große Melodie, die aus all diesen grundlegenden Tatsachen
-heraufklang. Unabsehbare Zeiträume, allein nötig für die Wasserleistung
-und organische Kalkproduktion des Planeten.
-
-Die Veröffentlichung von Huttons Ideen fällt erst ganz in den Ausgang
-des Jahrhunderts.
-
-Auch da war die unmittelbare Wirkung gerade seines Werkes geringer, als
-wir heute denken sollten, wenn sein Name im Leitfaden als der eines
-Kirchenvaters der Geologie, als des scheinbaren Gegenpapstes zu Werner,
-erklingt. Als eigentliches Dokument ist es, wie gesagt, erst später
-gewürdigt worden. Aber die Gedankengänge, die es ausspricht, müssen
-wir in der ganzen Zeit damals als eine (wenn auch nicht so scharf
-formulierte) Grundströmung suchen.
-
-Goethe ist das beste Beispiel bei uns.
-
-Goethes Geologie, wie wir sie jetzt in zwei Bänden der Weimarer Ausgabe
-vollständig vor Augen haben, besteht nur aus einer scheinbar regellosen
-Fragmentenreihe. Aber es geht wie bei allen naturwissenschaftlichen
-Studien Goethes. Die Stücke sind alle nur Bruchstücke eines
-einheitlichen Werkes, einer Morphologie der Erde. Man fühlt die große
-Linie durch, die ihm vorschwebte, und man fühlt auf Schritt und Tritt
-das Wehen des geologischen Zeitgeistes dabei von damals.
-
-Goethes Geologie schiebt sich zeitlich fast ziffernmäßig genau zwischen
-Buffon und Lyell. Für die Ur-Anfänge seiner Erde schweben ihm Buffons
-Bilder vor: die Erde als erkaltender Stern. Das reicht bis auf eine
-Ur-Erkaltungsrinde, die er im Granit sucht. Auf ihr (und zeitlich nach
-ihr) spielt sich aber dann der ganze Zwischenakt im Sinne Werners und
-Huttons ab. Die Sedimentgesteine bilden sich. Langsam, schlicht, nach
-Art, wie heute sich etwas ablagert.
-
-Goethe nahm in Plutonismus und Neptunismus anfangs eine sehr besonnene
-Vermittlerstellung ein. Später, als die Katastrophen-Lehre sich geltend
-machte, war er entschieden gegen das Gewaltsame, die wüste „Polterei“
-auf vulkanistischer Grundlage; es war aber nur eine Stellungnahme bei
-ihm gegen ein Extrem, und im Untergrunde revoltierte in ihm gerade
-das Festhalten an dem Prinzip des Langsamen, der reichen Zeit, des
-harmonischen Kreislaufes kleiner, noch heute ebenso zu beobachtender
-Wirkungen.
-
-Gerade an den Stellen, wo man von Goethe als Detailforscher reden
-kann, äußert sich am durchsichtigsten, wie selbstständig und klar er
-sich den Standpunkt auch errungen hatte, an dem man jetzt bei Huttons
-Namen denkt. Das Geheimnis der erratischen Blöcke beispielsweise
-hat ihn viele Jahre lang beschäftigt, jener Blöcke, die weitab von
-der Stelle, da ihr Gestein als Fels ansteht, jäh, unerklärlich
-zunächst, als loses Trümmerstück auftauchen, nicht abgerollt durch
-Wassertransport, sondern hingeworfen, als habe eine Riesenhand sie
-meilenfern vom Gebirge gesprengt und als scharfkantige Scherbe ins
-Land gestreut. Goethe löste das Problem in dem Sinne, der heute fester
-Besitz unserer Wissenschaft ist, -- es war aber just ein Sinn aus jenem
-weiteren Gedankengang heraus. Er suchte nicht mit blühender Phantasie
-wirkliche gespenstische Riesenursachen der Vorwelt, die mit hausgroßen
-Granitblöcken spielten wie mit Kindermurmeln. Er sammelte Material
-über die heute noch sichtbare Art, wie Urgestein fernweg von seiner
-Gebirgsader verfrachtet wird. Wasser im gewöhnlichen Sinne, das Sand
-verschleppt, paßte nicht. Aber Wasser trat heute auch auf als Eis.
-Die Alpengletscher brachten Granitscherben langsam, aber sicher heute
-noch vom Firngipfel bis an ihren schmelzenden Fuß im Tal. Eisschollen
-trugen eingebackene Gesteinsbrocken als natürliches Schiff sogar
-übers Meer. Mit unermüdlichem Eifer sammelte Goethe Material über den
-Gletschertransport in den Schweizer Alpen. Eine Nachricht über große
-Eisschollen, die mit Granitstücken beladen, durch den Sund geschwommen
-seien, versetzte ihn in Entzücken, -- es war gerade, was er brauchen
-konnte: eine heute beobachtete Tatsache, die das Vergangene jäh
-erhellte. Wo heute erratische Blöcke lagen, da war einst ein Meer mit
-solchem blockbeladenen Treibeis gewesen, oder ein Gletscher hatte seine
-Moränen gehäuft. Zu all diesen Vorgängen aber war Zeit erforderlich.
-Dem Auge des Reisenden war ein Gletscher ein starres Gebilde. Seine
-Arbeit konnten erst Generationen gewahren. Gerade von dieser Arbeit
-aber sahen wir aus alten Tagen nun die unvergänglichen Spuren,
-unvergänglicher als selbst seine eigene Existenz.
-
-Das war nur möglich, wenn man „einer freiwirkenden Natur Jahrtausende
-Zeit“ ließ (Worte Goethes, Weimarer Ausgabe Band IX S. 20 in dem
-Aufsatze über die „Joseph Müllerische Sammlung“) und mit Thales im
-„Faust“ sprach:
-
- „Nie war Natur und ihr lebend’ges Fließen
- Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.“
-
-Bedürfte es noch einer Probe für Goethes geologisch-chronologisches
-Bekenntnis, so steckt sie, auch dem Skeptischsten offen, in seiner
-Stellungnahme zu dem geologischen Werke des deutschen Karl Ernst Adolf
-von Hoff in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Es war ihm „ein
-Schatz“. Aber mehr als das. Es erging ihm dabei wie bei dem berühmten
-vor-darwinistischen Streit Geoffroy St. Hilaires gegen Cuvier, wo
-er seine eigenen vieljährigen Überzeugungen über die Entwickelung
-des Organischen in einer jungen Generation unabhängig aufleben und
-sich durchringen sah. Das Gleiche erlebte er mit Hoff für seine
-geologischen Ideen: er fand sein Eigenstes, das Resultat unendlichen
-stillen Nachdenkens, im strengsten wissenschaftlichen Gewande jetzt bei
-einem Jüngeren vor, der aber nicht wirklich sein Jünger war, sondern
-nur durch eigenen Blick vor den Dingen auf das Gleiche gekommen war.
-Selbstlos freute er sich des immer erneuten logischen Durchbrechens der
-Wahrheit.
-
-Was aber lehrte Hoff?
-
-Es gilt hier, die Linie ein Stück weiter geschichtlich heranzuleiten.
-
-Noch in Goethes größten Jahren folgte auf Werner und Hutton eine
-Arabeskenkurve des geologischen Betrachtens.
-
-Es folgte die sogenannte Katastrophen-Lehre.
-
-Man hatte jetzt gelernt, eine sichere Reihe geologischer Epochen
-diesseits des Buffonschen Rindenabkühlungsmoments wirklich zu
-unterscheiden, die Epochen der verschiedenen Gesteinsbildungen durch
-Meeresniederschläge. Innerhalb jeder einzelnen dieser Epochen ließ man
-das langsame Werden im Sinne der Huttonschen, der Goetheschen Ideen
-durchweg zu. Aber zwischen Epoche und Epoche schob man ein Interregnum
-besonderer Erdtätigkeit, eine katastrophenhafte Unterbrechung.
-
-Man hatte gemerkt, daß die meisten Tiere mit den Epochen wechselten.
-Neue Arten tauchten auf, alte verschwanden. Gerade an diesem
-Wechsel der Tierformen in den versteinerten Resten hatte Smith die
-ursprüngliche Reihenfolge und Sonderung der Butterbrotschnitten in der
-Rinde unterscheiden gelehrt.
-
-Jetzt übertrieb man das, als habe keine Tierart von einer Epoche in die
-nächste hinein ausgedauert. Und aus dem Untergang wieder schloß man auf
-eine tötende Katastrophe.
-
-Die Voraussetzung war falsch, der Schluß war es entsprechend. Es
-handelte sich nicht um gerade Fortschrittsbahn der geologischen
-Auffassung, sondern um eine Arabeske.
-
-Immerhin war es, was den Begriff der langen geologischen Zeit anbetraf,
-nicht unbedingt nötig, daß er von hier aus litt. Die Zwischenzeiten
-zwischen je zwei Katastrophen, also die eigentlichen geologischen
-Epochen, mochten als solche eine ungeheure Zeit nach wie vor füllen.
-Cuvier dachte an Millionen von Jahren, die uns im ganzen etwa von den
-Ichthyosauriern trennen könnten.
-
-Aber es war doch auch wahr, daß das Plötzlichkeits-Element ohne jede
-Analogie zum heutigen Geschehen, das in den Katastrophen steckte,
-auch innerhalb der ruhigen Epochen schließlich zu Gewalt-Phantasien
-verführen mußte, die von den Ideen Huttons und Goethes fortlenkten.
-Das jähe, aus keiner Analogie begreifbare Neu-Entstehen der Tiere und
-Pflanzen auf der nackten Krakatau-Schlacke jeder neuen Katastrophe
-war schon eine solche Verführung. Wenn das möglich gewesen war, dann
-möchte die Urwelt auch Kolossalmittel des Moments gehabt haben, um in
-einer Stunde eine ganze Sandbarre, groß wie die Sächsische Schweiz,
-aufzuhäufen.
-
-Der Maßstab von heute fiel ab als Wahrscheinlichkeitsmaß.
-
-Wenn man also auch in der Katastrophenlehre gern mit Riesenziffern
-herumwarf, so geschah das eigentlich nicht mehr auf dem Boden des
-gesunden Huttonschen Prinzips. Es geschah vielmehr aus Liebe zum
-überhaupt Kolossalischen, in die man die Geologie hineinerzogen.
-Riesige Ichthyosaurier und riesige Mammute; riesige Explosionen,
-Dämpfe, Lavastöße, Glut- und Wasserfluten; dazu paßten am besten auch
-„riesige“ Zeiten. Aber man war aus der beobachtenden Forschung heraus
-im Roman.
-
-Der Dichter Goethe, der ein so wundervolles Beobachterauge und so
-viel schlichten Respekt vor der nicht zu übertreibenden Majestät des
-Einfachen, der „Alltagsnatur“ hatte, sah das klar ein und tat danach:
-er verschloß seine Tür vor dieser Polter-Geologie der analogiefreien
-Erfindung. Die wissenschaftliche Herrschaft der Katastrophenlehre
-dauerte aber offiziell bis zu seinem Ende. Dann brach sie merkwürdig
-schnell wieder zusammen.
-
-Der erste Vorbote dieses Zusammenbruchs war aber eben jener deutsche
-Geologe zu Gotha, von Hoff, im ersten Bande seiner „Geschichte der
-durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der
-Erdoberfläche“ 1822. Hoff lenkte durchaus wieder in Huttons besonnene
-Bahnen zurück. Mit vollem Nachdruck lehrte er wieder die Gegenwart
-mit ihrem alltäglichen geologischen Geschehen als Lehrmeisterin der
-Urwelts-Geologie betrachten. Und beredt wußte er zu schildern, daß hier
-die ungeheure Länge der geologischen Zeit eine echte Forderung der
-strengen Kritik sei, nicht ein phantastisches Riesenspiel. Das war der
-Hoff, den Goethe begrüßte.
-
-Anfang der dreißiger Jahre, in Goethes spätestem Abendrot, trat
-dann der Engländer Lyell auf, mit dem die Katastrophenlehre wirklich
-einstürzt.
-
-Lyell führte die Ansichten von Hutton, von Goethe und von Hoff
-hinsichtlich der geologischen Arbeitsart zum vollständigen Siege. Das
-heißt: er entwickelte sie für sich und erfocht den Sieg auf seinen
-Namen. Hutton verscholl dabei mehr oder minder, Goethe war nie bekannt
-geworden, Hoff trat bescheiden bei Seite und ist erst ganz spät gegen
-den Wunsch der Lyellianer in seine Prioritätsrechte eingesetzt worden.
-
-Einerlei aber: die Ideen gewannen diesmal endgiltig die Oberhand.
-Und damit triumphierte um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch jene
-zweite Forderung langer geologischer Zeit endgiltig, die tief im 18.
-unabhängig von Buffon eingesetzt hatte.
-
-Diesmal sollte sie aber gleich noch eine dritte Quelle auslösen, --
-eine auch schon früher geahnte.
-
-Als Darwin 1831 seine Weltreise antrat, war eines der wenigen Bücher,
-die er mit in seine Kajüte nahm, der eben erschienene erste Band von
-Lyells Geologie.
-
-Auf der Reise selbst wurde er zum Geologen und zum Schüler Lyells. Er
-lernte, die Dinge alle im Sinne langsamen Werdens anzusehen. Langsam
-hoben sich Küsten, langsam zermalmte der Gebirgsbach den harten
-Stein, langsam baute die Koralle sich auf sinkendem Grunde immer
-wieder zäh empor, langsam verschleppte der Eisberg Granitbrocken.
-Allenthalben arbeitete heute noch die Erde geologisch weiter. Dieser
-Arbeit Vergangenheit zugestanden und Zeit, unabsehbare Zeit -- und das
-Antlitz der Erde faltete sich und glättete sich, das ganze ungeheure
-Wandelpanorama zog und zog vorbei, von dem die Sedimentschichten
-erzählten, ohne erdumwälzende Katastrophen.
-
-Wenn es aber keine Katastrophen gab, so mußte auch der Wechsel der
-Tierwelt in der Geologie anders begriffen werden. Was verschwunden war,
-wie die Mammute, die Ichthyosaurier, mußte allmählich ausgestorben
-sein. Wir hatten das unter unsern Augen erlebt, wie Tierarten
-sterben, am Vogel Dronte, an der Seekuh von Kamtschatka. Was aber neu
-entstanden war, in späteren geologischen Schichten in versteinerten
-Resten lag, während es in früheren fehlte, -- das hatte sich auf
-natürliche Weise entwickelt. Diese Neu-Entwickelung von Arten hatten
-wir allerdings noch nicht gesehen. Aber Darwin suchte und glaubte
-zu finden eine erdrückende Fülle von Indizienbeweisen dafür. Es war
-das nächstliegende, daß Art sich von Art abgespalten hatte, daß das
-Vorhandene stets das Treibbeet des Neuentstehenden gewesen war.
-
-So hatten schon vor Darwin die gedacht, die den alten Buffonschen
-Grundgedanken, daß Arten da entstehen, wo ihre Möglichkeit gegeben ist,
-sich irgendwie auszudenken, in Bildern zu denken gewagt hatten.
-
-Warum aber erlebten wir diesen Prozeß heute nicht mehr? Darwin fand
-jene einfache Antwort auch da, die aber unendlich schwerwiegend sein
-mußte für das Zeit-Problem. Der Vorgang der Art-Entstehung war so
-langsam, daß wir ihn mit unseren paar Beobachter-Jahrhunderten noch gar
-nicht fassen konnten. Eine geologisch im Lyellschen Sinne zweifellos
-so gewaltig lange Zeitperiode wie etwa die ganze Tertiär-Zeit mochte
-dagegen etwa die höheren Säugetier-Arten alle hervorgebracht haben, sie
-langte.
-
-Der alte Huttonsche, Goethesche, Hoffsche, jetzt Lyellsche geologische
-Zeitbeweis trat hier in die Kette der biologischen Indizien ein.
-
-Aber dann zahlten Darwin und die Seinen auch zurück von ihrer Seite.
-
-Die älteren geologischen Zeiten verlangten noch ganz andere
-Tierumformungen als nur die Zerspaltung des Säugetiers in so und so
-viel Ordnungen, Familien, Gattungen, Arten. Das älteste Säugetier
-sollte sich einmal vom Reptil, das Reptil vom Molch und Fisch
-abgespalten, schließlich das Wirbeltier aus dem Wirbellosen geworden
-sein. Das waren so riesige Umwandlungen, daß die Zeiträume selbst
-im höchsten geologischen Maß, an das man bisher gedacht, +sich
-strecken+ mußten.
-
-Die Biologie, von Darwin inspiriert, ging noch einmal für sich auf
-chronologische Maximalziffern.
-
-Erst durch Darwin ist es geläufig geworden, von Jahrmillionen im
-größten Stil zu reden, von zwei-, dreihundert Millionen Jahren, die
-für das Leben allein auf der Erde nötig seien, -- bis an die tausend
-Millionen, also die regelrechte Milliarde heran.
-
-Rechnete man doch jetzt nicht mit dem Krakataufels, zu dem Wind und
-Welle und Vogel Geschlecht um Geschlecht schon anderswo vorhandenen
-Lebens trägt: auf dem ursprünglichen Fels hatte man nur die primitivste
-einzellige Alge etwa und aus der sollten je nach Ort und Gelegenheit
-auf dieser Ecke der Erdeninsel diese, auf jener jene Abarten sich
-entwickelt haben, die wiederum in Enkel- und Urenkelketten Wandel
-erlitten, bis der Fels endlich von immer höherem Leben autochthon
-grünte und so weiter bis zur höchsten Krone des Lebens.
-
-Überschauen wir auf dieser Ebene die zweite Hälfte des 19.
-Jahrhunderts, so bleiben wir trotz allem, was heute wohl gesagt wird,
-auf einheitlichem Boden.
-
-Bei allem Zweifel an den engeren Darwinschen Sätzen ist der
-Grundgedanke einer langsamen natürlichen Entwickelung von Form zu Form
-immer fester und fester geworden.
-
-Längst ist er nicht mehr bloß ein Anhängsel der rein geologischen
-Anschauung, wenn schon er sich nach wie vor aufs beste mit der modernen
-Geologie verträgt. Vor allem durch die vergleichende Anatomie, die
-heute alle biologische Systematik von Grund aus trägt, ist er zu einer
-völlig selbständigen Macht geworden, mit völlig eigenen Beweisketten,
-die bestehen blieben, auch wenn es gar keine Geologie gäbe.
-
-Und so läßt sich der Zeitbegriff für die Spanne seit jener alten
-Buffon-Grenze, „seit Möglichwerden organischen Lebens auf der Erde“,
-heute tatsächlich rein biologisch begründen, ohne Rücksicht noch
-wieder auf jene zweite geologische Chronologie, wie sie in der Linie
-zwischen Werner und Lyell liegt.
-
-Und wir mögen die Dinge wenden und drehen, wie wir wollen: wir kommen
-hier nach wie vor auf die denkbar größte Forderung.
-
-Alle irgendwie sinnvollen Versuche, die ursprünglichen Darwinschen
-Erklärungsprinzipien für den Hergang der Entwickelung durch bessere
-zu ersetzen, kommen ja doch, wie gesagt, über den einen Punkt nicht
-hinaus: daß die Entwickelung langsam, Schritt für Schritt, sich
-vollzogen habe.
-
-Immer, wenn man die Formreihen der Lebewesen entlang blickt, kommt
-der alte Goethe-Spruch zur Geltung, das Goethesche Gesetz, wie man
-es nennen könnte: daß in jeder anatomischen Einzelheit uns die
-greifbaren Spuren eines großen geschlossenen harmonischen Kunstwerks
-entgegentreten, eines Kunstwerks, in dem es keine abrupten Töne,
-sondern nur wunderbar miteinander verknüpfte Tonfolgen, unendliche
-Melodieen ohne Lücken gibt. Der Ort, wo der alte Goethe sich seine
-Weisheit holte, ist noch immer der geeignetste dazu: ein Gang durch die
-Skelettsammlung eines anatomischen Museums führt auch den Ungläubigsten
-mitten in das ungeheure Notenblatt dieser biologischen Symphonie. Ein
-einzelnes Organ, wie etwa das Handskelett der Wirbeltiere bis zum
-Menschen herauf, läßt eine solche Melodie überwältigend erklingen,
-zumal, wenn man noch etwas Paläontologie und Embryologie hinzunimmt,
--- ich persönlich verlasse einen solchen Raum und seine Schau nie,
-ohne den ganzen tiefen Genuß mitzunehmen wie aus einem Konzertsaal;
-der fortreißende Zauber steckt aber in nichts anderem hier wie dort,
-als in dem unendlichen harmonischen Hingang von Ton zu Ton ohne Riß
-in immer weiter schreitender feinster Verschränkung und Steigerung.
-Jeder grobe Stoß von Form jäh in gänzlich andere Form wäre ein Schlag
-ins Gesicht dieser anatomischen Harmonie und zerstörte uns den Genuß
-des Herrlichsten, was überhaupt die Biologie bietet, des wahrhaft
-Erhabenen, in eine edle Weltenschau Entrückenden, das diese scheinbar
-kahlste Wissenschaft des „Beinhauses“ unserm größten Dichter (der
-allerdings auch ein großer Kenner war) einst so verklärt hat, daß er
-vor ihr sein heiligstes Bekenntnis sprach:
-
- „Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
- Als daß sich Gottnatur ihm offenbare?“
-
-Es ist entscheidend, daß auch alle neueren und neuesten wirklichen
-Versuche, über Darwin hinaus die Artentstehung zu deuten, den „kurzen
-Schritt“ nicht angreifen. Auch jene Mutationstheorie von Hugo de Vries
-trägt doch an ihrer Spitze den Satz: die Natur macht keine Sprünge.
-Auch in ihr ist die Umwandlung zwar stets ein fester, aber doch ein
-kleiner Schritt.
-
-Und interessant auch ist, wenn man der gemeinsamen Arbeit heute
-von Geologie und biologischer Entwickelungslehre folgt, wie beide
-sich beständig in die Hände arbeiten zu gunsten noch immer größerer
-Zeiträume.
-
-Einerseits dehnt die Geologie ihre Strecken noch beständig.
-
-Die Epochen der echten Sedimentgesteine werden länger und länger.
-
-Vor gar nicht so sehr langer Zeit konnte man noch hören, der Anfang
-der Eiszeit sei uns vielleicht ganz nahe gewesen, sie habe sich
-möglicherweise im Norden erst abgespielt, als im Orient schon die
-alten Kulturreiche blühten, also ein paar Jahrtausende bloß vor
-Christus. Heute scheinen den besten Kennern hunderttausend Jahre schon
-eine viel zu kleine Ziffer für die Dauer auch nur der eigentlichen
-Vergletscherung. Penck rechnet 23000 Jahre vom Ende der Eiszeit
-bis heute, wobei er nicht etwa vage astronomische Ziffern, die auf
-Ursachen-Hypothesen über die Eiszeit beruhen, zu Grunde legt, sondern
-in der streng geologischen Schätzung bleibt. Die Quartärzeit, das
-alte „Sündflut-Gebiet“ zwischen dem Ende der Tertiärzeit und unserer
-Gegenwart, kommt bei diesen Rechnungen auf seine gute halbe Million
-Jahre.
-
-Eine Idee von der Größe dann der Tertiärzeit mag rein geologisch die
-jetzt ziemlich sichere Vorstellung geben, daß auf einen engeren
-Abschnitt darin die Bildung unserer größten Gebirgserhebungen (Alpen,
-Himalaya, Kordilleren) fällt, wohlverstanden im Sinne heutiger Annahmen
-kein jäher Polter-Akt, sondern eine ganz allmähliche Bildung.
-
-Die ganze Tertiärzeit ist aber wieder winzig gegen die Kreide- oder
-Jura-Zeit. Von der Jura-Zeit hat schon vor Jahren ein feiner Kenner wie
-Neumayr gesagt, die ganze Quartärzeit gehe mindestens an die dreißig
-Mal in ihre Länge hinein.
-
-Wie man auch mit solchen rein geologischen Maßstäben an die Milliarde
-Jahre tatsächlich herankommen kann, mag jene schon einmal von mir
-gestreifte Rechnung von Mellard Reade andeuten. Er geht davon aus,
-daß zur Bildung einer Kalksteinschicht von einem Meter Dicke auf dem
-Meeresgrund über drei Millionen Jahre nötig seien. Nun rechnet er, daß
-sämtliche Kalksteine der Erde, die aus den geologischen Epochen übrig
-sind, gleichmäßig ausgewalzt eine Schicht von mehr als 160 Metern Dicke
-ergeben müßten. Und er schließt also, daß zu deren Entstehung annähernd
-600 Millionen Jahre erforderlich seien. Bei der schwimmenden Grenze
-solcher Ziffern wird der Weg gegen die tausendste Million, also die
-Milliarde, offen!
-
-Auf der anderen Seite aber ist die Entwickelungslehre immer mehr
-bestrebt, grade ihre größten, schwersten, also zweifellos längsten
-Umformungen organischer Gruppen immer weiter rückwärts in diesen
-geologischen Perioden zu schieben.
-
-Daß der Mensch bis hinter die Eiszeit geht, wird nachgerade nicht
-mehr ernstlich bestritten werden, -- damit wären wir also einige
-Hunderttausend Jahre vor den heute so viel genannten Babyloniern von
-vier- oder dreitausend v. Chr. Man kann aber auch schon (von Klaatsch
-zum Beispiel) die Meinung lesen, daß der Mensch im mittleren Tertiär,
-in der Miocän-Zeit, bereits Steinwaffen hinterlassen habe, ja daß er
-ein unmittelbarer Sprößling der urtümlichen eocänen Säugetierwelt sei
-und also allen Ernstes selber bis in dieses Eocän, also die älteste
-Epoche des Tertiär, zurückreiche.
-
-Diese in der Tat höchst merkwürdige eocäne Säugerfauna, in der
-später so himmelweit getrennte Gruppen wie Raubtiere, Huftiere und
-gar Halbaffen noch eng in eine Ordnung zusammenfallen, tritt aber
-selber schon so im ersten Morgenrot dieser „Morgenrotsperiode“ des
-Tertiär auf, daß man ihre eigene Entstehung trotz mangelhafter
-paläontologischer Funde unbedingt bis in die Kreide-Zeit, also noch in
-die Sekundär-Periode, zurückdenken muß.
-
-Noch wieder aus dieser Periode schieben sich die Säugetiere in ihren
-allerfrühesten, noch reptil- oder amphibienhaften Anfängen über die
-ältesten Trias-Funde hinaus bis an die Grenze der Primär-Periode zurück.
-
-Wenn aber schon diese Primär-, also die sogenannte Erstlings-Periode
-der Geologie, es zu solchem Gipfel gebracht hatte, wie dem Säugetier,
-wie lang sollen wir sie allein denken?
-
-Die Sache wird in Wirklichkeit hier noch viel chronologisch
-großartiger. Diese Primär-Periode setzt an ihrer untersten
-verschwimmenden Grenze, bei oder dicht unter dem sogenannten
-Kambrium, ein mit Versteinerungen eines schon damals relativ ganz
-hoch entwickelten Lebens, mit echten Vertretern fast aller großen
-Tierstämme, und beispielsweise bei den Gliedertieren schon mit einer so
-hohen, komplizierten Gruppe wie den Krebsen. Unterhalb dieser Schichten
-hören dann, wie gesagt, die Versteinerungen jäh ganz auf. Geschichtetes
-Gestein liegt ja da noch weiter in enormster Dicke. Die Geologie für
-sich zankt sich aber seit Alters darüber, wie das jetzt entstanden
-sei, ob plutonisch oder neptunisch. Einerseits sprechen gute Merkmale
-für weitere ungeheure uralte Wasserablagerungen. Andererseits ist die
-Struktur so, daß Wärme unbedingt eine Rolle dabei gespielt zu haben
-scheint, sei es auch im Sinne nur einer nachträglichen Metamorphose.
-
-Mögen sich aber Pluto und Neptun geologisch in den Haaren liegen, so
-lange sie wollen: die biologische Entwickelungslehre fordert hier für
-ihr Teil einfach eine unabsehbare chronologische Rückausdehnung der
-Lebensmöglichkeit auf Erden noch über das Kambrium hinaus. Denn wenn
-auch alle versteinerten Reste zerstört sind: sie fordert Zeit für das
-Werden der großen Tierstämme, fordert Zeit für den unendlichen Wandel
-solcher Stämme etwa wie dort bis zu den Krebsen hinauf. Da ihr Gebäude
-sonst fest steht, darf sie das verlangen. Hinter dem Kambrium kann sich
-ihr die Lebenschronologie nicht schon schließen und etwa bereits die
-Buffonsche Urerde, die Gluterde ohne Lebensmöglichkeit, geschichtlich
-beginnen.
-
-Sieht man aber auf das, was da geleistet worden sein soll, denkt
-man, daß alle Anfänge am schwersten sind und daß es ganz gewiß
-unvergleichlich viel mehr Mühe gemacht hat und also Zeit gebraucht
-hat, daß aus einem einzelligen Urtier ein Trilobiten-Krebs wurde, als
-aus dem ein Hummer -- so wird man dieser hypothetischen vorkambrischen
-Lebensperiode mit ihren Meeren und sonstigen Lebensbedingungen eine
-Zeit ansetzen müssen, viel länger als alles noch, was seit dem Kambrium
-und seinen Krebsen verflossen ist.
-
-Mit diesem Zuwachs langt die Milliarde schwerlich.
-
-Und so ist es wirklich wie ein Wettlauf zwischen Geologie und Biologie,
--- wo die eine zögert, reißt die andere mit, und beide zusammen zerren
-schließlich den Faden der Chronologie in die Unfaßbarkeit an Länge.
-
-Der Chronologie, wohl verstanden, zwischen dem alten Krakatau-Termin
-der oberflächlich erkalteten Erdschlacke Buffons und der Gegenwart!
-
-Eine Milliarde Jahre als kleinste Annäherungsziffer dort, wo Buffon vor
-seinen sich abkühlenden Metallkügelchen des Experiments die schlichte
-Ziffer Vierzigtausend auf den Schild des Chronos geschrieben, zweifelnd
-und verlästert ob des chronologischen Ketzermutes, der Vierzigtausend
-gegen die Zahl Sechstausend der Theologie zu setzen wagte!
-
-Aber wir sind mit der einen Linie bis ans Ende des 19. Jahrhunderts
-gestiegen. In dieser langen Zeit seit Buffon hatte auch der spezielle
-Gedanke jener Buffonschen Rechnung seine Sonderbahn beschrieben und
-war tatsächlich sein eigenes Stück auch weiter gekommen.
-
-Eine Weile ist es im 19. Jahrhundert allerdings gewesen, als sei
-Buffons Ziffer rein fortgefegt, so stark wurden jene anderen
-Zeit-Argumente. Sie war wie erdrückt, erlebte selber das Schicksal der
-biblischen Ziffer.
-
-Aber grade in dieser Zeit fügen sich fortgesetzt Züge in das
-geologische Bild, die doch merkwürdig gut wenigstens ihre
-Voraussetzungen zu bestätigen scheinen.
-
-Die Kant-Laplacesche Theorie wird fast allgemein angenommen und gibt
-eine ganz anders anschauliche Grundlage für die Vorstellung einer
-Abstammung der Erde von der glühenden Sonne und eines ursprünglich
-selber sonnenhaft glühenden Erdballs, als Buffon besessen hatte.
-
-Vulkane, heiße Quellen, die Hebekräfte bei der Gebirgsbildung und vor
-allem eine ziffernmäßige Zunahme der Temperatur in den Bergwerken und
-Bohrlöchern machen vereint die Meinung wirklich einmal ganz fest, ganz
-„exakt“, daß das Innere der Erde noch jetzt glühendflüssig, ja im
-Herzen gar gasförmig sei.
-
-Bloß über die Dicke der Erkaltungsrinde von heute bleibt noch Streit,
-die Grundangabe dagegen kommt in jedes Schulbuch.
-
-Gelegentlich, schon recht tief im 19. Jahrhundert, wird sogar einmal
-von einem Gelehrten auch wieder ein umfangreiches Schmelz-Experiment
-gemacht: Bischof läßt große Kugeln geschmolzenen Basalts sich
-abkühlen, bohrt Löcher hinein und senkt Thermometer nach, um die
-Abkühlungsgesetze zu ergründen.
-
-Schließlich scheint das ganze Material so wundervoll neu da zu liegen
-und doch ganz im Rahmen zugleich der alten Voraussetzungen, daß es nur
-eines findigen Kopfs braucht, um auch ohne Rücksicht auf den alten
-Buffon selbst eine reine Wärme-Rechnung von neuem in der Geologie
-auferstehen zu lassen.
-
-Rund ein Jahrhundert nach Buffon nimmt denn auch William Thomson in
-England die Sache richtig auf und sucht abermals eine feste Ziffer.
-
-Buffons Angabe ist natürlich in jedem Betracht zu klein. Eine
-so ungeheure Differenz kann unmöglich herauskommen zwischen der
-Temperatur-Rechnung und jenen Ziffern Lyells und Darwins. Aber Thomson
-geht im Übrigen doch wieder seinen Eigenweg, genau wie einst Buffon
-selbst.
-
-Er holt die neuen Temperatur-Materialien zusammen und sucht mit ihnen
-durchzudringen, indem er sie aneinander reiht. Da merkt er denn
-freilich etwas Störendes.
-
-Die Grundziffern sind doch nicht so bequem. Beispielsweise: wie
-viel ursprüngliche Erkaltungswärme hat die Erde heute noch? Jene
-Thermometer-Steigerung beim Eindringen in Bohrlöcher müßte es lehren.
-Wie verläuft sie? Bei welcher Tiefe müssen wir uns denken, daß sie
-so hoch wird, daß noch jetzt alle Gesteine im Schmelzfluß sind?
-Die Angaben über die Steigerung differierten leider. Es gab eine
-Maximalbehauptung und eine Minimalbehauptung, die sich widersprachen.
-
-Ferner: wie hoch war die Anfangstemperatur der Urerde? Und wie stand es
-mit der Wärmeleitung der Gesteine? Auch da gab es schwankende Ziffern.
-
-Also beschied sich Thomson, zwei +Grenz+zahlen zu finden.
-
-Eine, wenn jene Grundziffern so hoch, wie es ihm noch zulässig
-erschien, angenommen wurden, und eine, wenn sie so tief wie tunlich
-gesetzt waren.
-
-Das Resultat war jedenfalls interessant.
-
-Thomson errechnete, daß seit Erstarrung der Erdkruste nicht weniger als
-zwanzig Millionen Jahre verflossen sein könnten, -- aber auch nicht
-mehr als vierhundert Millionen.
-
-Schlug die Minimalziffer immer noch gründlich Buffons Zahl tot, so war
-die Maximalziffer doch immer noch nicht genügend für jene Forderungen
-der modernen Geologie und der Entwickelungslehre der Biologie. Vollends
-entsprach diesen nicht die von Thomson befürwortete Mittelzahl von
-bloß etwas über hundert Millionen. Und später ist Thomson sogar noch
-von der beträchtlich heruntergegangen.
-
-Es konnte scheinen, als bereite sich da noch einmal ein ernsthafter
-Konflikt trotz allem zwischen der echten Nachfolge Buffons in
-der Physik und der Nachfolge Lyells und Darwins vor. Wo man
-besonders Darwin etwas am Zeuge flicken wollte, wurde denn auch die
-Thomson-Ziffer gelegentlich ausgespielt als Dämpfer.
-
-Andererseits diente sie mit ihrem riesigen Spielraum von hunderten von
-Millionen auch wohl wieder denen als Zielscheibe, die über das müßige
-„Spiel mit Millionen“ in der Chronologie des Naturforschers wohlfeil zu
-scherzen beliebten.
-
-Der wahre Sachverhalt ist, daß auch über diesen heutigen physikalischen
-Rechnungen schließlich doch ein Unstern schwebt.
-
-Grade sie wollen uns wirkliche Zahlen „exakt“ geben und verwirren doch
-nur das Bild, das Geologie und Biologie aufgerollt haben, dabei ins
-ganz Unsichere hinein. Die Voraussetzungen, die Thomson vermeintlich so
-sicher vorfand, schwankten nicht nur ihm im Laufe seiner Rechnung: sie
-sind überhaupt heute wieder schwankendster Grund, -- so schwankend, daß
-sich grade auf sie gar nichts bauen läßt.
-
-Der Widerspruch in den Angaben über die Zunahme der Wärme in den
-Bergwerken und unsern (immer ja noch so winzigen) Bohrlöchern ist nicht
-nur innerhalb der Thomsonschen Grenzen da: er ist zur Stunde derartig,
-daß sich überhaupt keine Rechnung auf ihn begründen läßt.
-
-Sämtliche Angaben des weitern über einen im Erdinnern noch erhaltenen
-Rest ursprünglicher Erdwärme sind gegenwärtig mit Glück angezweifelt.
-Das ganze Schulbild der Erdkugel mit einer dünnen Erstarrungsrinde
-bloß über einem ungeheuren Glutkern fängt unverkennbar an, in der
-Geologie „mythisch“ zu werden. Weder zur Erklärung des Vulkanismus noch
-vollends zu der der Gebirgsbildung ist das aufdrängende einheitliche
-Innen-Glutmeer mehr nötig -- von dieser Seite hat die Hilfe so gut wie
-ganz aufgehört.
-
-Wenn die Erde heute noch Wärme in ihrem Innern hegt, so gibt es
-Gedankengänge, die selbst das erklären ohne Rücksicht auf Reste von
-Urwärme; auch ein Körper, der sich zusammenzieht, erzeugt mechanisch
-Wärme; Wärme entsteht bei allen Gesteinsverschiebungen, Wärme entsteht
-aus örtlichen chemischen Prozessen.
-
-Ich will wenigstens mit einem Wort andeuten, daß selbst die
-Kant-Laplacesche Theorie heute wieder schwächer in ihrer Beweiskraft
-erscheint.
-
-Das soll nicht sagen, daß die Erde nie ein Sonnenstadium gehabt habe.
-Aber es kann unendlich viel früher erloschen sein, als alle unsere
-Rechnungen erreichen. Wenn die Erde überhaupt heute kein sicher
-erweisbares Glutmeer als unmittelbares Erbe jener Sonnenzeit mehr in
-sich birgt, erlahmt mit der Gesamtrechnung auch die Vermutung, wie
-lange sie schon in diesem Zustande ist. Nichts hemmt dann, zu den
-Zahlen der Geologie und Biologe zurückzukehren und sie umgekehrt als
-einzigen Anhalt auszuspielen. Wenn das Leben zu seiner Entwickelung
-eine Milliarde und mehr brauchte, so muß eben so lange die Erdrinde
-schon so sein, daß Leben auf ihr existieren konnte.
-
-Sehr viel Zeit!
-
-Das bleibt das Resultat.
-
-Nicht feste Ziffern, -- grade die trügen am leichtesten. Aber
-unendlicher Spielraum!
-
-Und wenn etwas je Ziffern geben könnte, so wären es ganz kleine, eng
-umrissene Beobachtungsreihen inmitten des hellen Tages von heute.
-Wie ein nackter Fels heute vom Leben erobert wird gleich jener
-Krakatauschlacke; und wie dieses isolierte Leben dann lokalen Wandel
-vielleicht erfährt in Jahrtausenden; das wäre so eine Reihe. Und wie
-zugleich der Boden sich wandelt, wie Zuwachs, Abzug, Hebung oder
-Senkung sich zeigt, das wäre echtes geologisch-chronologisches Material.
-
-Bescheiden sein gilt es da, bescheiden vorgehen von Schritt zu Schritt,
-um als Krone der Bescheidenheit zu ernten -- die Milliarde.
-
- * * * * *
-
-Ich blättere wieder in den Büchern. Man merkt es noch an anderem, daß
-der Darwinismus aus dem Schwabenalter kommt.
-
-Es lösen sich +persönliche+ Beziehungen.
-
-Die Taufpaten, die das Kind aus der Wiege hoben -- Darwin, Lyell,
-Huxley -- sind fast alle schon hin. Die zweite große Generation aber
-fängt an, ihr Testament zu schreiben. August Weismann gibt seine
-„Vorträge über Deszendenztheorie“ heraus, in zwei dicken Bänden.
-Haeckel hat seine „Gemeinverständlichen Vorträge und Abhandlungen aus
-dem Gebiete der Entwickelungslehre“ ebenso in zwei Bände gesammelt.
-
-Gleich in der Vorrede lese ich da bei Weismann: „Wenn ein
-arbeitsfreudiges Leben sich seinem Ende zuneigt, so regt sich wohl
-der Wunsch, die Hauptergebnisse desselben zu einem abgerundeten und
-in sich harmonischen Bild zusammenzufassen und gewissermaßen als ein
-Vermächtnis den nach uns Kommenden zu hinterlassen. -- Das ist der
-Hauptgrund, der mich zur Veröffentlichung dieser Vorträge veranlaßte.“
-Ein Werk, das solche Sätze an der Spitze trägt, legt eine neue
-Verpflichtung auf.
-
-Es verlangt, daß man historisch auf eine Lebensarbeit zurückschaut.
-
-Denke ich allerdings wieder an die Leutchen, die dem ganzen Darwinismus
-schon diese „Heiligsprechung des Historischwerdens“ zugestehen
-möchten, mit dem behaglichen Gefühl dabei, daß so stillschweigend
-auch die klassische Antiquierung mit Absetzung von der Tagesordnung
-vollzogen sei, so ist das Weismannsche Buch eine der hübschesten
-Widerlegungen dieses frommen Wunsches. Es fixiert, historisch wie
-aktuell, eine +Schattierung innerhalb des Darwinismus+, die
-spezifische Weismann-Lehre, die im Grunde ebensoviel Anrecht auf einen
-Personennamen hat wie die Gesamtschule auf den des Charles Darwin oder
-wie die Mutations-Theorie wieder auf den des Hugo De Vries.
-
-Eine Lehre aber ist nach meiner Auffassung in der Vollblüte ihrer
-Leistungsfähigkeit als Geistesquelle, wenn sie noch Raum hat für so
-verschiedene, jederseits für sich geistvoll-eigenartige Schattierungen.
-Wobei es dem Spitzfindigen wirklich ruhig überlassen bleiben mag, ob
-er bei dem Wettstreit dieser Schattierungen von Kämpfen im Darwinismus
-oder um den Darwinismus reden will. Ich selbst erachte es als eine
-Pflicht historischer Anständigkeit, der Gesamtbewegung zu einer
-wissenschaftlichen Deszendenztheorie, wie sie eine ungeheure, fort und
-fort wachsende Litteratur heute vertritt, den Namen „Darwinismus“ zu
-lassen; im übrigen aber wünsche ich dem Kampf der Meinungen innerhalb
-dieser Theorie Tür und Tor geöffnet, so weit es geht.
-
-Wir reden ja auch, und reden ganz gewiß mit Recht, von einem
-kopernikanischen Weltsystem, obwohl Kopernikus noch keine Keplerschen
-Gesetze und kein Newtonsches Gravitationsgesetz kannte, obwohl wir
-heute genau wissen, daß auch die Sonne nicht still steht und dadurch
-die ganze Figur des Systems beständig verschoben wird, und obwohl
-Kopernikus noch an eine Drehung des Achsenwinkels der Erde bei jedem
-Jahresumlauf dachte, die in dieser Form völliger Irrtum war.
-
-Wollen wir jeden Zwist um ein engeres Deszendenzgesetz als
-Entscheidungskampf um Wohl und Wehe des Darwinismus fassen, so wird
-nur eine Verwechslung in die Laienwelt getragen: als wenn nämlich der
-Gedanke der Entwickelung im Gebiet der modernsten Biologie selbst
-wieder bedroht oder gar wieder in den Hintergrund gedrängt sei, --
-eine Behauptung, der kein ehrlicher Mensch, der die Dinge verfolgt,
-Verbreitung wünschen kann, da sie den nacktesten Tatsachen widerspricht.
-
-Auch Weismanns eigene Anschauungen haben aber innerhalb der
-vierundvierzig Jahre Darwinismus schon ihre besondere Geschichte.
-
-Sie sind zu ihrer Zeit als unvollkommener Keim sichtbar geworden, sind
-in vielfältigem Hader gewachsen und sind heute, soweit Weismann als
-Person in Betracht kommt, ausgewachsen. Ganz ausgewachsen im ideellen
-Sinne sind sie natürlich noch so wenig wie irgend ein menschlicher
-Gedanke, der in die vorläufig unserem Blick einmal „ewige“ Menschheit
-gesäet worden. Mit Bedauern lese ich, daß August Weismann durch ein
-Augenleiden mehr und mehr im praktischen Forschen gehemmt wird, wobei
-ich doch von seinem theoretischen Denken mir noch reiche Frucht
-verspreche, trotz seines „Testaments“. Inzwischen stelle ich fest, --
-und ich denke, hier wird Freund wie Feind des Darwinismus und aller
-seiner Schattierungen mir anstandslos recht geben --, daß im ganzen
-Darwinismus nächst Darwin selbst kein zweiter so sittlich vornehm, so
-liebenswürdig, ja, ich möchte sagen: so graziös zu hadern verstanden
-hat wie er. Und das auf einem Gebiete, wo gelegentlich unverkennbar mit
-Dreschflegeln und verwandten, nicht völlig einwandfreien Instrumenten
-in Sachen der Weltanschauung operiert worden ist -- ~nomina sunt
-odiosa~.
-
-Neben diesem Charakter ist zur Sache zu sagen, daß Weismann zwar
-nicht im Sinne eines Kampfschlusses objektiv gesiegt hat, -- wer hat
-denn in diesen vier Jahrzehnten irgendwo „gesiegt“ vor Problemen, die
-mindestens der Beobachtungskontrolle von Jahrtausenden bedürften! Aber
-er hat seine „Schattierung“ klar herausgearbeitet. In diesem Buche
-feiert das seinen Triumph.
-
-Es ist ein Werk von solcher stilistischen Klarheit, wie der Darwinismus
-höchstens noch zwei oder drei besitzt unter seinen allerbesten. Es
-ist alles so abgeschliffen und ausgeklärt, jedes Beispiel genau
-blankgewischt und an seinen Fleck gestellt, wie bei Schauobjekten einer
-am Schnürchen laufenden Schuldemonstration. Sehen muß hier jeder, was
-gemeint ist, -- mag er das Begriffene danach schelten.
-
-Von keiner Linie des Darwinismus wird heute mit mehr Eifer behauptet,
-daß sie falsch sei, wie von der Zuchtwahl-Theorie. Nun denn: Weismann
-ist zur Zeit der extremste Vertreter gerade dieser Zuchtwahl-Theorie.
-Das bestimmt eben seine Eigenart.
-
-Man muß, um seine Stellung andeutend zu fixieren, auf den alten
-Gegensatz zurückgehen zwischen Lamarck und Darwin, einen Gegensatz,
-der überhaupt mit den Jahren wieder immer interessanter geworden ist.
-
-Als Darwin sich an den Entwickelungsgedanken wagte, schien es ihm vor
-allem nötig, ihn aus dem Schutt herauszuarbeiten, in den er mit Lamarck
-geraten war. Heute haben wir umgekehrt wieder eine feste Schule von
-Neo-Lamarckisten, die ungefähr etwas Ähnliches von Darwin sagen.
-
-Umgekehrt ist aber auch aus dem immer noch vorsichtigen Darwinschen
-Vorstoß ~contra~ Lamarck eine Lehre erwachsen, die dann erst mit Stumpf
-und Stiel den letzten Lamarcksrest austreiben möchte. Und das ist die
-Farbe Weismann im Bilde.
-
-Lamarck hatte eines deutlich erfaßt, und das ist übriggeblieben in
-+allen+ späteren Meinungen.
-
-In der Entwickelung der Tier- und Pflanzenarten sind zwei Faktoren zu
-beachten.
-
-Ein +äußerer+ und ein +innerer+.
-
-Außen wechseln die Bedingungen des Lebens auf Erden. Sie ziehen vorbei
-wie ein großes Wandelpanorama.
-
-Innen, in den Lebewesen selbst, reagiert aber etwas darauf. Sie passen
-sich diesen Bedingungen an.
-
-Wie aber ist nun das wahre Verhältnis von drüben und hier? Wir suchen
-in der Natur Kausalzusammenhänge. Wo sind sie hier?
-
-Lamarck sagte: Außen wirkt auf innen. Die äußeren Bedingungen treten
-nach innen auf als Forderungen. Und diese Forderungen finden Gehör bei
-einer Eigenschaft des Innern. Sie rufen „Übung“ hervor. Der Arm, der
-zum Schlagen gefordert wird, stählt sich, der Hals, der hoch reichen
-soll, streckt sich. Das Resultat dieser Übung aber wird auf die
-Nachkommen vererbt. Ihr Arm wächst sogleich muskelstärker, ihr Hals
-gleich in der nötigen Länge. So fixiert sich die Übung hier bereits als
-angeborene Anpassung. Und so fort.
-
-Nun Darwin.
-
-Das langt nicht. Durch Übung wird kein Laubfrosch grün, kein
-Blattschmetterling seinem Blatte ähnlich. Und doch haben wir
-auch solcher Anpassungen die Fülle. Es muß noch ein besonderes
-Wechselverhältnis geben zwischen dem Außen und irgend einer andern
-Eigenschaft des Innen, die auch hier entgegenkommt. Und Darwin findet
-es in der Zuchtwahl, der Selektion. Neben der Übung gehört zu den
-entgegenkommenden Möglichkeiten die Variation. Ein beständiges Spiel
-waltet da von allerhand Hervorbringungen, die unabhängig von der Übung
-herausgeworfen werden. Diese Variation macht z. B. einen Frosch, der
-sonst braun war, auch einmal grün. Und jetzt darauf reagiert das
-Äußere nicht erzieherisch, wie bei der Übung, sondern gewaltsam.
-Der grüne Frosch wird als zweckmäßige Anpassung auf Grün erhalten,
-weitergezüchtet, während alle nicht grünen Formen eingehen müssen. Das
-ist die berühmte Auslese der Passendsten.
-
-Ein sinnvoller Gedanke, der zunächst durch seine Einfachheit fortriß.
-Aber man sieht: er wirft Lamarck nicht um. Er ergänzt ihn nur für
-die unzähligen Fälle, vor denen die Anpassung durch Übung als
-Erklärungsgrund versagt.
-
-Aber nun wieder einen Spatenstich tiefer.
-
-Was steckte hinter dieser Variation? Was war ihr Geheimnis, ihr Gesetz?
-Mit dieser Frage sind wir mitten in den Kämpfen der Schule Darwins.
-
-Eine Linie beschäftigte sich bloß mit der Schrittweite, dem Maß dieser
-Variation. Ob schon winzige, gesetzmäßige Gleichgewichtsschwankungen
-zur Artbildung führten oder bloß kräftige, das Innerste erschütternde
-Stöße? Hier setzt heute de Vries ein, der experimentell festgestellt zu
-haben glaubt, daß stets ein wirklicher Stoß, ein Ruck oder Sprung nötig
-sei, eine Mutation. Doch der Darwinsche Grundgedanke bleibt in dieser
-Linie unangetastet.
-
-Über Darwin mußte dagegen in irgend einer Weise hinausführen jede
-Meinung über die tieferen +Ursachen+ der artbildenden Variation.
-
-Die eine Richtung grub ausschließlich nach innen, ins Innerste des
-Innern hinein weiter. Gab es nicht doch ein festes inneres Hausgesetz
-der Variation, das schon der ersten Urzelle eingeprägt war?
-
-Hier wurde Nägeli bedeutend. Er verknüpfte die Frage mit einem älteren,
-vordarwinistischen Gedanken. Er suchte ein „Entwickelungsgesetz“ schon
-in der Variation. Aber er ließ es teleologisch arbeiten. Es drängte
-selber schon, in einem allerdings schwer definierbaren „Hellsehen“,
-auf nützliche Anpassungsvarianten, wie sie außen gefordert wurden,
-direkt hin. Damit wurde die Selektion überflüssig. Und so führte Nägeli
-allerdings folgerichtig wieder aus Darwin heraus, ohne zu Lamarck
-zurückzukehren, -- in ein Drittes hinein.
-
-Aber das hatte man ja gerade an Darwin geschätzt, daß er keine
-teleologische Grundveranlagung brauchte, sondern das Zweckmäßige
-erst vor unseren Augen entstehen ließ. Die ganze Hauptmasse der
-Schule schwenkte also hier nicht mit. Aber wo lag denn das Gesetz der
-Variation?
-
-Im „Zufall“?
-
-Das ist oft als Hilfs- und Notwort gesagt worden. Jeder wußte aber, daß
-Zufall einen eigentlichen Sinn in einem Spiel von Kausalzusammenhängen,
-wo alle Karten aufgedeckt sind, gar nicht besitzt. Und nach solchem
-Spiel suchte man doch.
-
-So sah man sich unhemmbar wieder ins „Außen“ gedrängt.
-
-Steckten die Anstöße zur Variation nicht doch irgendwie im Druck der
-Verhältnisse, im Milieu selbst, -- also außen?
-
-Hier lag eine unverkennbare Möglichkeit, in äußerster Schwenkung doch
-noch wieder auf einen +vertieften Lamarck+ zu kommen. Darwin hat
-in späteren Jahren selbst etwas paktiert mit dieser Richtung. Die
-Neo-Lamarckisten haben sie offen proklamiert.
-
-Das jetzt ist aber die Stelle, wo Weismann vor Jahren zuerst in die
-Debatte mit einem wahren Blitzschlage eingegriffen hat.
-
-Er versuchte, den ganzen Lamarckismus nachträglich in Grund und Boden
-zu schlagen durch die Behauptung, daß die Ergebnisse dieser ganzen
-direkten Einflüsse von außen auf innen, wie Übungsstärkung u. s. w.,
-also jene vom Individuum +erworbenen+ Eigenschaften, +nicht
-vererbt werden könnten+.
-
-War das richtig, so konnte auf dem Lamarckswege niemals eine neue
-Art entstanden sein, denn jeder Anlauf zu einer Anpassung blieb
-individuell und starb mit dem Tode des Individuums wieder aus, ohne
-in die Unsterblichkeit der Generationenfolge durch Kinder und Enkel
-einzutreten.
-
-Mochte das nun bestritten werden -- und wie ist es bestritten worden
-bis auf diesen Tag nicht bloß von Lamarckisten, sondern auch von
-engeren Darwinisten und auch von ganz indifferenten Physiologen und
-Vererbungstheoretikern --: für Weismann war damit seine weitere
-Bahn endgültig gegeben. Ihm galt es, den Darwinismus vom letzten
-Rest Lamarckismus reinzuputzen. Da er kein drittes Prinzip im Sinne
-Nägelis hatte, blieb schlechterdings nichts übrig, als die natürliche
-Zuchtwahl auch in allen Fällen, wo Darwin noch Lamarck Raum gelassen,
-für die absolute Macht zu erklären. Es wurde die +Allmacht der
-Naturzüchtung+ proklamiert.
-
-Das für sich vollzogen, wurde aber nun wieder etwas hochinteressant.
-
-Nämlich: wie endlich Weismann ohne Nägeli und auch ganz ohne Lamarck
-den geheimen Mechanismus der Variation für sich deuten werde.
-
-Abermals wird hier eine neue, zunächst unabhängige Linie der
-Darwinschen Schule wichtig: der Ideengang von Wilhelm Roux.
-
-Roux faßte den Gedanken -- einen der genialsten nach Darwin, -- daß es
-nicht bloß eine äußerliche Zuchtwahl geben müsse, sondern auch eine im
-Innern. Eine Zuchtwahl nicht bloß des Milieus gegenüber den Individuen,
-sondern auch eine Zuchtwahl durch den Kampf ums Dasein der Teile im
-Individuum selbst.
-
-Wir wissen ja, daß jedes Individuum, jedes echte Einzeltier, jede echte
-Einzelpflanze, aus Teilen besteht, die mehr oder minder jeder für sich
-etwas Selbständiges in ihm darstellen. Das einfachste Beispiel in allen
-etwas entwickelteren Lebensformen sind die Organe. Goethe stand schon
-tief bewegt vor diesem Geheimnis. In dem ersten seiner morphologischen
-Hefte sagt er: „Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine
-Mehrheit; selbst insofern es uns als Individuum erscheint, bleibt es
-doch eine Versammlung von lebendigen, selbständigen Wesen, die der
-Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder
-ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können. Diese Wesen sind teils
-ursprünglich schon verbunden, teils finden und vereinigen sie sich. Sie
-entzweien sich und suchen sich wieder und bewirken so eine unendliche
-Produktion auf alle Weise und nach allen Seiten.“ Einundzwanzig Jahre,
-nachdem diese Stelle gedruckt, einunddreißig, nachdem sie geschrieben
-war, wurde in der „Zelle“ ein noch viel fundamentaleres Bauelement der
-Lebewesen entdeckt. Seit Schleiden, Schwann und vor allem seit Virchows
-bahnbrechenden Arbeiten wissen wir, daß alle höheren Pflanzen wie Tiere
-ungeheure Komplexe, Genossenschaften, Staaten solcher Zellen sind.
-Erst tief an der Wurzel alles Lebendigen fällt Zelle und Individuum
-zusammen. Aber selbst vor der Zelle macht die Auflösung noch nicht
-Halt. Selbst sie noch erscheint als ein verwickeltes Sozialgebilde aus
-einer ungeheuren Masse noch einfacherer Lebensträger.
-
-Nun denn: auch diese Teile und Teilchen bis ins Winzigste, Unsichtbare
-hinein, sie müssen in einem unausgesetzten Konkurrenzkampfe stehen.
-Besser gelagerte, besser genährte überwinden die minderwertigen.
-Bestimmte Gruppen siegen und unterliegen; eine große Zuchtwahl waltet.
-
-So weit im Kern der Ideengang Roux’. Nun darüber hinaus wieder Weismann.
-
-Dieser Kampf der Teilchen mit seiner inneren Auslese findet auch in
-dem Allergeheimnisvollsten statt, was die lebenden Wesen besitzen: in
-ihrem körperlichen „Unsterblichkeitsteil“, nämlich dem sogenannten
-Keimplasma, dem Kraftreservoir, das bei der Fortpflanzung mitgegeben
-wird. Und sein Resultat ist die Variation der neu entstehenden
-Gesamtindividuen, die natürlich erblich sein +muß+, da es sich
-ja um Resultate sozusagen im Herzen aller Vererbung, im ewigen
-Keimplasma, handelt. Bei den Ergebnissen dieser Variation mag dann die
-Zuchtwahl höheren Grades, die Darwin zunächst nur gesehen hatte, sie,
-die feste Arten mit zweckmäßigen Anpassungen bildet, einsetzen.
-
-Erst in diesem „Testament“ kommt Weismanns Gedankengebäude zum ersten
-Mal völlig klar heraus. Erst jetzt wird deutlich, was der Satz von der
-Allmacht der Zuchtwahl schließlich doch für Wahrscheinlichkeiten selbst
-wieder öffnet.
-
-Wohl: außen ist jetzt Zuchtwahl, innen Zuchtwahl, Zuchtwahl überall.
-Doch gerade dabei zeigt sich plötzlich erst recht eine feine, aber
-sichere Brücke von „außen“ nach „innen“.
-
-Das Milieu, das außen die Individuen ausliest, wirkt doch auch in ihnen
-als Ernährung mit. Wenn dieser Einfluß lange Zeit ein gleichartiger
-ist, so muß er im inneren Kampf der Teile bis in das entscheidende
-Keimplasma hinein schließlich auch schon eine ganz bestimmte Auslese,
-einen bestimmten Sieg, eine bestimmte Richtung der Variation dort
-bewirken.
-
-Und damit ist die endgültige „Möglichkeit“ wenigstens geschaffen, daß
-der äußeren Zuchtwahl bestimmte nützliche Varianten schon +in die
-Hände arbeiten+. Äußere und innere Zuchtwahl, im letzten Ende vom
-Gleichen bewegt, können aufeinander losarbeiten wie in einem Ansatz
-wenigstens zu einer „prästabilierten Harmonie“.
-
-Man sieht, was das bedeutet.
-
-Es ist der beste Kern des Nägelischen Gedankens gerettet, ohne daß doch
-ein unklares teleologisches Entwickelungsgesetz nötig würde, und auch
-ohne daß die Zuchtwahl überflüssig würde; die äußere Zuchtwahl wird nur
-in etwas entlastet durch die innere.
-
-Zugleich aber ist trotz aller Allgewalt des Zuchtwahlprinzips doch
-auch wiederhergestellt und anerkannt der wichtigste Kerngedanke des
-Lamarckismus, daß nämlich zuletzt der Druck der äußeren Verhältnisse
-die Anpassung schafft.
-
-In dieser Form umfaßt der Weismannismus alle kräftigen Triebe, die das
-Deszedenzprinzip bisher hervorgebracht hat und genügt damit formal
-zweifellos den Anforderungen an eine Schlußhypothese. Weismann selber
-muß das genügen; er darf mit Befriedigung auf eine Bahn blicken, die
-für sein Teil konsequent durchlaufen ist. Den Fortgang mögen andere
-suchen, meinetwegen auch den Rückgang. Die Geschichte der Wissenschaft
-hat etwas von Penelope, die in der Nacht trennt, was sie am Tage gewebt
-hat. Darum kann einer doch den Ruhm eines guten Webers behalten.
-
-Was ich hier angedeutet habe, ist nur der größte Gerüstbalken
-des Buches, roh wie die Tragbalken in der Goldelfenbeinmasse des
-olympischen Zeus. Das Werk selbst wirkt so ungemein fesselnd, weil es
-sich breiter und breiter vor dem Leser aufbaut. Man fühlt mit, wie
-Weismann sich allmählich die ganze Deszendenzlehre neu aufzimmern,
-mit ihrem gesamten Apparat neu ordnen mußte. Dann aber kam er
-wirklich an die Grenze, wo es eine individuelle Biologie zu schaffen
-galt und schließlich eine ganze Weltanschauung mit der spezifischen
-Weismann-Farbe. Das letzte Kapitel verrät davon wenigstens noch
-einiges. Ein Gedanke sehr allgemeiner Art taucht dabei noch auf, der
-mir wert scheint, daß man ihn bespricht, vielleicht auch, daß man ihm
-widerspricht.
-
-Weismann empfindet, was jeder vor jedem ganz tief gefaßten Problem
-zuletzt empfinden muß: man kommt auf die +Urfragen+.
-
-Hinter außen und innen, Vererbung und Zuchtwahl erwachsen die großen
-Türhüter des ganz Rätselhaften. Was ist Leben, was Materie, Geist,
-Zweck, Zeit, Kausalität?
-
-Und er meint, wir müssen da ewig +resignieren+.
-
-Muß es nicht so sein? fragt er.
-
-Auch wir sind Anpassungsprodukte jener großen Lebensmühle, angepaßt an
-ganz bestimmte Forderungen des Lebens. Zu diesen Forderungen gehört
-aber nicht, daß unser Verstand etwas ergrübelt über jene letzten
-Fragen. Lassen wir also den Versuch, über uns selbst hinausgreifen zu
-wollen; bescheiden wir uns.
-
-Ich kann diesem Schluß Weismanns nicht zustimmen.
-
-Seit drei Jahrtausenden mindestens besteht eine ganz bestimmte
-Beziehung zwischen dem Glück grade der edelsten, denkenden,
-voranschreitenden Menschen und diesem innigen Ringen um die Grundfragen
-der Philosophie, diesem immer erneuten Ringen um das „du segnest mich
-denn“ an dieser Stelle.
-
-Das Glück der Menschheit verlangt +nicht mehr bloß+ nach Anpassung
-an die äußeren Bedingungen der Welt im Sinne einer immer mehr
-vervollkommneten Technik -- fester und fester verspinnt es sich mit
-jenen Fragen nach Sinn und Wesen der Welt, mit der einfachen Frage der
-+Philosophie+.
-
-Es gibt sich nicht mit der Resignation allein zufrieden. In ihr muß der
-Mensch hungern, wie nur je ein schlecht angepaßtes Tier gehungert hat.
-
-Aber gerade in Weismanns Buch wird so hinreißend deutlich gemacht, wie
-der Hunger, das Bedürfnis das Ideal, die vollkommnere Anpassung selbst
-herausgezogen, heranentwickelt hat -- damals, bei den Pflanzen und
-Tieren, so tief da unten.
-
-Und oben bei uns soll das nicht mehr so gehen?
-
-Bei unserem Geisteshunger ...?
-
- * * * * *
-
-Haeckel hat mit seiner Person zu lange im Brennpunkte des Darwinismus
-gestanden, um +bloß+ eine Schattierung zu spiegeln. Bei ihm macht
-man den ganzen Kampf der ersten vier Jahrzehnte auf den Vorposten mit.
-Für mich hat es vor seinem Buche einen unwillkürlichen Reiz, eigensten
-Erinnerungen nachzuhängen. Sie haben etwas Charakteristisches, ich
-weiß, wie vielen in der Generation, die mit Darwin aufgewachsen ist,
-ich ihre eigenen Erlebnisse erzähle.
-
-Meine frühesten Erinnerungen gehen zurück auf Darwins Porträt. Ich war
-zu jung, um das Buch von der „Entstehung der Arten“ lesen zu können.
-Aber der eigenartige Kopf mit der fast abnormen, tiefgefurchten Stirn
-und dem weißen Patriarchenbart prägte sich ein. Es war ein Kopf, den
-auch ein Knabe nicht vergaß. Als Schuljungen stritten wir uns, ob der
-Name D=a=rwin oder Darw=i=n auszusprechen sei.
-
-Die neue Gedankenwelt kam mir zum ersten Mal äußerlich in gewissen
-Schlagworten wie „Affenmensch“ nahe, als in meinem Elternhaus die
-Falstaffgestalt Karl Vogts auftauchte. Er reiste schon in Darwinismus,
-hielt zwischen einem Menschen- und einem Gorillageripp seine bekannten
-geistsprühenden Vorträge und war nebenher nicht abgeneigt, sich die
-brave volkstümliche und wissenschaftliche Arbeit durch reichliche
-Festessen versüßen zu lassen, was er dann wieder seinerseits mit
-den köstlichsten Bonmots vergalt. Das war noch der Darwinismus der
-sechziger Jahre, für Vogt genau damit abgegrenzt, daß er nach 1870
-als öffentlicher Redner sich aus politischen Gründen nicht mehr in
-Deutschland hat sehen lassen.
-
-In dieses erste Jahrzehnt weisen noch die vier ersten Vorträge des
-ersten Haeckelschen Bandes. Mit dem frühesten, am 19. September 1863
-auf der Naturforscherversammlung in Stettin gehalten, setzte die
-Entwickelungslehre in Deutschland ein. Die alten Schul-Zoologen und
--Geologen schüttelten die Köpfe, als der hübsche junge Herr aus Jena
-mit dem Blondkopf und den strahlenden Blauaugen in hohem Stimmton eine
-neue Ära für eingeleitet erklärte. Das zähle in eine Sorte mit der
-berüchtigten Od-Lehre und anderem spiritistischen Unfug, meinten sie,
-daß Arten sich verändern könnten und wohl gar der Mensch vom Affen
-abstammen solle! Unter den Kollegen aber saß damals Virchow und stimmte
-mit Haeckel. Bloß für das menschliche Bewußtsein wollte er schon ein
-Separatkonto gewahrt wissen, die natürliche Entwickelung gab er ruhig
-zu.
-
-Drei Jahre darauf erschien Haeckels bestes biologisches Werk, die
-„Generelle Morphologie“, so schwer für den Laien aus Fachgründen,
-daß es dort niemand las, und so fremdartig für den Fachgelehrten
-aus philosophischen Gründen, daß es dort nahezu niemand verstand.
-In einer guten Stunde aber schmuggelte nochmals zwei Jahre später
-Haeckel seine ketzerischsten und verwegensten Ideen in ganz schlicht
-populärer Form an einem Orte ein, wo man sie am wenigsten vermutete:
-in der Virchow-Holtzendorffschen „Sammlung gemeinverständlicher
-wissenschaftlicher Vorträge“. Es sind die Nummern II und III des neuen
-Buches: „Über die Entstehung des Menschengeschlechtes“ und „Über den
-Stammbaum des Menschen“.
-
-Darwin hatte sich gerade über dieses heikelste Thema noch nicht
-entscheidend geäußert. Auch jetzt war es aber noch Virchow selbst,
-der ohne jeden Skrupel das bedenkliche Manuskript passieren ließ, ja
-sogar Haeckel persönlich seine Freude darüber aussprach. Auf alle
-Fälle war der Ort, wo die Bombe sich diesmal barg, in der allgemeinen
-Geltung der denkbar harmloseste. Diese Hefte waren ob ihres friedlichen
-Deckschildes tatsächlich das erste von Haeckel, was ich als Junge in
-die Hand bekam und wirklich las.
-
-Inzwischen war die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ rasch nachgefolgt,
-in der ersten, noch kalenderhaft primitiv illustrierten Ausgabe. Zu
-ihrer Lektüre bildeten wir als Gymnasiasten einen Geheimbund mit den
-rigorosesten Satzungen wie Vehme oder Freimaurer. In der verborgenen
-Hinterstube einer ziemlich anrüchigen Kölner Bierwirtschaft hielten
-wir Sitzungen ab, deren Mittelpunkt „das Buch“ bildete, mit seinen
-Embryo- und Monerenbildern, seinen Kühnheiten gegen Himmel und Kirche
-(wir wurden zwischendurch konfirmiert!), nebenbei tranken wir das erste
-verbotene Glas Wirtshausbier, was den Reiz der Situation erhöhte.
-In den Debatten aber steckte eine jugendlich-frische Inbrunst der
-Anteilnahme an einem jäh eröffneten unendlichen Gedankenreich, daß ich
-mich heute noch an der Erinnerung wärme und mit Dank auf diesen kleinen
-Kreis echter „Leser“, wie man sie Büchern wünscht, zurückschaue.
-
-Das waren die siebziger Jahre des Darwinismus.
-
-Die Vorträge Haeckels über „Zellseelen und Seelenzellen“, „Perigenesis
-der Plastidule“, „Urkunden der Stammesgeschichte“ und „Ursprung und
-Entwickelung der Sinneswerkzeuge“ in der Sammlung gehören alle
-hierher. Den letzteren Vortrag hielt Haeckel auch einmal in Köln.
-
-Der Kulturkampf hatte in der Stadt der Kirchenglocken eine mächtige
-darwinfreundliche Strömung geschaffen; nicht nur Schüler, sondern
-auch eisgraue Oberlehrer fingen an, der neuen Ketzerei zu folgen.
-Unser Religionslehrer an einem Kölner Gymnasium, ein trefflicher,
-hochgebildeter Mann, gab sein Amt auf, da er sich zum Darwinismus
-bekehrt hatte, und wesentlich durch Anteilnahme tüchtiger Gymnasial-
-und Realschullehrer entstand der naturwissenschaftliche Verein, der
-Haeckel zu einem Vortrag einlud. Hier habe ich ihn zum erstenmal
-gesehen. Wir wunderten uns, daß der „junge“ Darwinianer schon einen
-Anflug von grauen Haaren hatte, er hatte schon ein ernsteres Stück
-schwerer Lebenspilgerschaft hinter sich, als wir ahnten. Aber er machte
-doch auch ein paar gute Witze, wie es immer seine Art gewesen ist,
-bis in die „Welträtsel“ hinein, wo es ihm als besonders frivole Sünde
-angekreidet worden ist. Glücklich, wer auf solcher Vorpostenstellung in
-vier Jahrzehnten wildesten Kampfes gegen alle Sorten roher und feiner
-Geschosse die Naturgabe hat, daß ihm der gutmütige Gelegenheitswitz
-nicht ausgeht! Damals warf er mitten im tiefernsten Vortrag die Frage
-hin, ob die Wagnersche Musik uns wohl neue Gehörwerkzeuge anzüchten
-werde. Der dicke Komponist Ferdinand Hiller, der schon die Wassersucht
-hatte und nur mühsam, aber tapfer im Saale aushielt, lachte sich
-zu Tränen darüber. Es ist lange her heute, man fühlt es in jeder
-Kleinigkeit.
-
-Am Ende dieses Jahrzehnts steht dann der große Zwist mit Virchow
-auf der Naturforscherversammlung in München. Auch zu ihm liegen die
-Dokumente jetzt für Haeckels Seite vollzählig in dem zweiten Bande der
-Sammlung: zuerst der Vortrag „Über die heutige Entwickelungslehre im
-Verhältnis zur Gesamtwissenschaft“, dann die ganze Streitschrift „Freie
-Wissenschaft und freie Lehre“ mit ihren sieben Kapiteln und ihrem
-Anhang.
-
-Die Dinge hatten auf dieser Zeithöhe wieder ein etwas anderes Gesicht.
-Die Kirchenangst war allgemein für eine Weile auch bei den zartesten
-Gemütern zurückgetreten. Dafür begann jetzt die Sozialistenangst zu
-herrschen. Die Frage kam, ob nicht jeder Darwinianer schließlich „gar
-ein Sozialdemokrat“ werden müsse. Virchow warf das in seiner Münchener
-Rede so hin, wie den gelegentlichen Einfall einer schlaflosen Nacht. Er
-wußte aber gut genug als alter Praktiker, wie sehr er damit ein Signal
-gebe: das Signal für eine ganz neue Sorte Reaktion dem Darwinismus
-gegenüber. Der Darwinismus staatsgefährlich, gesellschaftsgefährlich!
-Das wurde plötzlich Parole, und es wird immer fatal in der Geschichte
-der modernen Naturforschung bleiben, daß ein Naturforscher grade die
-Stirn gefunden hatte, diese Parole auszusprechen zu einer Stunde, da
-selbst die reaktionärsten Kreise außerhalb der Naturforschung sich
-+so weit+ noch nicht getraut hatten.
-
-Für mich selbst setzte es einige Jahre später wie eine Offenbarung
-ein: welche wunderbare Anteilnahme sich bei der Arbeiterschaft
-für darwinistische Probleme zeigte. Ich lernte das kennen bei den
-Vorträgen über Entwickelungslehre, die ich Jahre hindurch in Berliner
-Arbeitervereinen selbst gehalten habe, vor ungezählten Massen immer
-neuer Zuhörer und immer vor einem gleich dankbaren und aufmerksamen
-Publikum.
-
-Dem eigentlichen politischen Wirken stets fern, verzeichne ich diese
-Tatsache gerade erst recht als eine der erfreulichsten Erfahrungen
-meines Lebens. Sie bewies natürlich nicht, daß Darwinismus und
-Sozialdemokratie identisch seien, aber sie war ein Beweis für
-das unaufhaltsam machtvolle Aufblühen eigener Geisteskeime und
-Geistesbedürfnisse in der Arbeiterschaft in diesen Jahren. Eine
-neue Schicht Menschen begann nachzudenken über die Welt, über sich
-selbst, über Bedingungen wie Möglichkeiten ihres Daseins. In solcher
-Stimmung und Stunde führt jedes beliebige Material, das aus der freien
-Geisteswerkstatt kommt, zu freieren Ausblicken und hilft schließlich
-mit zu aktiven Freiheitsbewegungen, mag auch der stille Denker im
-Kämmerlein noch so wenig daran gedacht haben. Wie sollte die große
-Lehre es nicht tun, die von einem unaufhaltsamen Flusse aller Dinge
-sprach, eine Entwickelung predigte, die Sonnen und Planeten und den
-Menschen selbst gebaut hatte?
-
-Diese Erlebnisse geben mir in der Rückschau heute ein so lebhaft
-jungfrisches Bild, daß es mir Mühe macht, mich in die Greisenhaftigkeit
-jener Virchow-Aussprüche gerade für diese Jahre auch nur noch
-historisch hineinzufinden. Was Haeckel damals geantwortet hat und was
-für Polemik sich an seine Definition des Verhältnisses von Darwinismus
-und Sozialdemokratie wieder anknüpfte, braucht heute nicht wiederholt
-zu werden. Er hat es nach vierundzwanzig Jahren wörtlich wieder so
-abdrucken lassen, und im Grunde mit Recht. Es hat heute auch den Wert
-eines historischen Aktenstücks. Und der schärfste Gegner findet ja auch
-den Satz wieder mit abgedruckt: „Ich bin nichts weniger als Politiker.“
-
-Ich blättere noch ein paar Seiten in dem zweiten Bande weiter und
-zugleich ein paar in meiner Erinnerung.
-
-Das achtziger Jahrzehnt ist in der Sammlung nur vertreten durch den
-Vortrag auf der Eisenacher Naturforscher-Versammlung von 1882 über „Die
-Naturanschauung von Darwin, Goethe und Lamarck“. Fünf Monate vorher
-war der alte Darwin gestorben. Der Darwinismus stand im Zeichen seiner
-Siegessonne. In diesem Augenblick interessierte nur noch als Sensation,
-wie weit Darwin selber in den äußersten Konsequenzen mitgegangen sei.
-Das Zugstück dieser Rede war also eine Briefstelle, in der der Alte
-von Down den Begriff der „Offenbarung“ mit kühler Gelassenheit über
-Bord warf und die Unsterblichkeit der Seele unter die „widersprechenden
-unbestimmten Wahrscheinlichkeiten“ verwies.
-
-In diesen achtziger Jahren brannte aber an einer ganz anderen Ecke des
-geistigen Lebens ein Leuchtfeuer für sich auf: die naturalistische
-Bewegung in der Kunst. Am Schlusse des Jahrzehnts führte sie zu
-stürmischen Theaterszenen, -- bei der armseligen Rolle, die das Theater
-heute bei uns leider spielt, an und für sich Stürme im Glase Wasser.
-Aber auch hier brach das Politische, die soziale Färbung der Zeit, sich
-Bahn. Über die Bühne rauschten die „Weber“, aus der naturalistischen
-Bühne für neue Kunst entwickelte sich für eine Weile die Zeitschrift
-„Freie Bühne“, die wenigstens für ein paar Jahre den Versuch machte,
-weit über das Litterarische hinauszugreifen. Hier, bei der Leitung
-dieser „Freien Bühne“, die ein unruhiges, aber doch an Anregungen
-reiches Kapitel für mein eigenes Leben bedeutet, bin ich wieder stark
-mit Haeckel in Berührung gekommen.
-
-Diesmal hatten sich persönliche Beziehungen angesponnen, die ungetrübt
-dauern sollten, mir zu reichem Gewinn, denn jenseits all seiner
-Leistungen, wie sie die Bücher geben, und jenseits alles Streites
-um diese Meinungen steckt in Haeckel ein Persönlichkeitszauber, den
-alle empfunden haben, denen er je einmal die Hand gedrückt hat.
-Viele Dinge haben in ihm zusammengewirkt: das kleine Jena und die
-ungeheure Tropenferne, die seine Reisen ihm erschlossen, die Linie
-strenger Gelehrtenarbeit und die Arabeske des Künstlertemperamentes,
-das Schlichte eines halben Menschenlebens vor dem Mikroskop und die
-Romantik einer solchen Geistesrevolution, wie sie der Darwinismus
-in die Zeit warf, der Ernst eines einsamen Vorkämpfers für ein
-selbstgestelltes Programm über die höchsten Dinge des Himmels und der
-Erden und die burschikose Studentenheiterkeit bis unters weiße Haar.
-
-Von den beiden Aufsätzen, die Haeckel damals für die „Freie Bühne für
-den Entwickelungskampf der Zeit“ geschrieben hat, hat besonders der
-erste: „Die Weltanschauung des neuen Kurses“ starkes Aufsehen gemacht.
-Wieder einmal hatte die Front sich etwas verschoben: die Kirche wurde
-von oben begünstigt. So sind die Dinge hin- und hergependelt in den
-vierundzwanzig Jahren, immer wieder mit anderen Gesichtern gegen den
-Darwinismus, aber im Grunde immer die gleichen Feinde.
-
-Es hatte wenig Aussicht, zum Frieden läuten, während die Parteiwellen
-gegeneinander brandeten. In jenen „Freie Bühne“-Jahren wurde in
-Berlin die Gesellschaft für „Ethische Kultur“ gegründet, von ethisch
-und intellektuell hochstehenden Männern, deren Liebe nicht bloß eine
-klingende Schelle war, aber mit einem praktischen Unstern, der bis
-heute darüber geblieben ist und auch aus gewissen innersten Gründen
-meiner Ansicht nach bleiben mußte.
-
-Die Kunde davon ging aber damals weit herum. Auch Haeckel kam von Jena
-herüber und hoffte. Doch schon die Anfangsverhandlungen stießen ihn
-ab. Man konnte sich über seine Weltanschauung schließlich streiten
--- aber was sollte er in einem Kreise, wo es von der Weltanschauung
-überhaupt hieß, daß man von ihr in der Praxis absehen könne und daß es
-eine „absolute Ethik“ zu finden gälte, die auf alle verschiedensten
-Weltanschauungen passe, -- auf den Jesuitismus schließlich wie auf das
-Glaubensbekenntnis Goethes oder die Toleranzlehre Lessings? Es war
-nicht Haeckel allein, der die Existenzmöglichkeit dieses ethischen
-Universalzugtiers bestritt.
-
-Aber eine gewisse Sehnsucht nach Vertragen, nach Frieden kennzeichnet
-doch auch bei ihm den Eintritt in das vierte Jahrzehnt des Darwinismus,
-die neunziger Jahre.
-
-Aus ihr heraus ist, unabhängig von der „Ethischen Kultur“-Bewegung,
-das „Glaubensbekenntnis eines Naturforschers“ entstanden, das zuerst
-in der „Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes“ zu Altenburg
-1892 abgelegt wurde und das mit den Worten schloß: „Das walte Gott,
-der Geist des Guten, des Schönen und der Wahrheit“. Für Haeckel war
-es das Maximum, was er an Versöhnlichkeit von seinem Naturell und
-Standpunkt aus geben konnte. Zum Lohne der guten Absicht und zur Kritik
-der unabhängigen Ethik ist es mehr und gröber befehdet worden als
-frühere Schriften weit polemischeren Inhalts. Und die Gegenstimmung
-von dieser Ecke hat dann wieder viel mitgewirkt bei dem herben Ton des
-nachfolgenden Buches „Die Welträtsel“.
-
-Dieses Werk bildet den Abschluß gewiß nicht des Darwinismus, aber in
-mancher Hinsicht doch wirklich seiner ersten Vierzigjahresepoche in
-ihrer entscheidendsten philosophischen Färbung. Ich beurteile es hier
-absichtlich nicht, die großen Fragen mögen für sich selbst sprechen,
-so und so. Aber ich meine, daß es +einen+ Zug hat, den ihm
-Freund +wie+ Feind in der Folge danken werden. Die konsequente
-Klarheit meine ich, mit der eine ganz bestimmte Weltanschauung darin
-bis auf das letzte Tipfelchen herausgearbeitet ist. In einer Reinheit
-der Linienführung, die ich so bei keinem zweiten Naturforscher und
-Naturphilosophen unserer Zeit kenne, gibt sich Haeckel als das, was er
-sein will.
-
-Es erscheint sein Zug zum Materialismus, der doch vom gewöhnlichen
-Schulmaterialismus sich wieder eigenartig abhebt durch seine Schwenkung
-in der Seelenfrage zum Panpsychismus, zur Urbeseelung der Materie.
-Es erscheint seine unbedingte Verwerfung dessen, was sich heute für
-„christliche“ Philosophie ausgibt, und seine individuelle Abneigung
-wenigstens gegen alle kühneren Feldzüge der rein spekulativen
-Erkenntnistheorie auch außerhalb der christlichen Dogmatik. Mögen heute
-die Leute sagen, Haeckel sei gar kein Philosoph. In der Dauergeschichte
-der menschlichen Geistesarbeit haben sich von jeher nicht die Werke an
-hellster Stelle gehalten, die am meisten reine Wahrheit enthielten. Wer
-wollte das auch schon nach so kurzen Fristen, wie sie unsere Geschichte
-gibt, abwägen. Und die alte Pilatusfrage lebt immer noch: Was ist
-Wahrheit? ...
-
-Aber immer sind es +die+ Werke gewesen, die irgend ein System der
-Welterklärung ganz klar +dargestellt+ haben, es herausgearbeitet
-haben zum blanken Kristall, daß fortan jeder darnach greifen konnte
-wie nach einem Hausgerät, so oft er darnach greifen +wollte+. Und
-das hat Haeckel gemacht, es gibt seinen Werken den monumentalen Bezug
-zum Geschichtlichen, es erhebt sie zu Quellen, die dermaleinst Freund
-+und+ Feind als solche schätzen werden.
-
- * * * * *
-
-Was wollt Ihr an die Stelle der darwinistischen Grundideen setzen?
-Immer kann es doch nur eine Vertiefung sein, die das Große, was da
-geleistet worden ist, voraussetzt und anerkennt, um +dann+
-weiterzukommen, -- und nicht eine wirkliche Umkehr.
-
-Umkehr, -- ja wohin?
-
-Unter meinen Papieren finde ich ein altes Blatt, das ich mir selber als
-Mene Tekel gelegentlich aufgezeichnet habe.
-
-Heute habe ich Lust, es noch einmal ganz zu veröffentlichen, -- als
-ein Kapitelchen, klein aber mein, zu diesem großen Schlagwort Umkehr.
-Inhaltlich ist es entschieden noch nicht vergilbt.
-
-Es ist das Protokoll einer eigenen Sitzung mit dem Medium Valeska
-Töpfer aus den achtziger Jahren, wie ich es mir selber zu späterer
-Kontrolle und Beruhigung damals sofort niedergeschrieben.
-
-Sachliches Interesse für alles, was mit Weltanschauungsfragen
-zusammenhängt, und der Wunsch zugleich, für eine bestimmte dichterische
-Arbeit Stoff zu sammeln, veranlaßten mich damals zu Studien über den
-Spiritismus. Was ich sonst da an Materialien erlangt, ist in meinem
-Roman „Die Mittagsgöttin“ (Zweite Auflage, 1902, im Verlage von Eugen
-Diederichs in Leipzig) enthalten und kritisch verarbeitet. Diese
-Töpfer-Sitzung aber blieb als solche dort unbenutzt.
-
-Sie ist auch kein „großer Fall“.
-
-Trotzdem glaube ich, daß sie gerade mit ihren ganz +schlichten+
-Angaben einen gewissen Beitrag zur Klärung bieten kann.
-
-Sie führt in die Anfangsgründe dieser Dinge ein -- wenn aber irgendwo,
-so gilt vom Spiritismus dieser groben Art der Satz: Es ist nur der
-erste Schritt, der etwas kostet.
-
-Ich lasse den Wortlaut genau so, wie er damals niedergeschrieben wurde.
-
--- -- --
-
-Unsere spiritistischen Wortführer behaupten zwar mit besonderer
-Energie, jedem Zweifler werde täglich an allen möglichen Orten
-ausreichend Gelegenheit gegeben, Augenzeuge der seltsamsten und
-überzeugendsten Geistermanifestationen zu werden, man brauche nach dem
-Worte Richard Wagners „nur zu wollen“ und man werde schon die neue
-Kunst sehen. In Wahrheit ist es nicht ganz so leicht, als irrende Seele
-im Chaos einer Weltstadt wie Berlin die Pforte einer Gespensterkammer
-aufzuspüren; Vereine für diese Sachen sind ja vorhanden und lassen
-sich auch finden, aber man ist dort unter Gläubigen und entbehrt der
-wichtigsten Freiheit: in bekannten Räumen und im Verein mit Freunden,
-auf die man vollkommen rechnen darf, Experimente anzustellen.
-
-Der Zufall ist in solchem Falle der Glücksgott.
-
-Er ließ mich und ein paar gleichgesinnte Freunde einen Mann finden,
-der, selbst begeisterter Jünger der neuen Lehre, uns trotz unsrer
-zugestandenen Skepsis mit vollendeter Liebenswürdigkeit seine geräumige
-Wohnung zur Verfügung stellte, viele Nachmittage seiner kostbaren Zeit
--- er war ausübender Künstler von Beruf -- widmete und schließlich die
-Bekanntschaft eines weiblichen Mediums verschaffte, von dem ich nach
-späteren Erfahrungen nicht annehmen darf, daß es von uns allein ohne
-eine Verstellungskunst, die wir kaum besessen haben dürften, hätte
-gewonnen werden können.
-
-Unser freundlicher Gastgeber, den ich O. nennen will -- der Name tut
-ja nichts zur Sache -- war noch nicht lange Spiritist, aber er war mit
-desto glühenderem Eifer bei der Sache. Seine Bibliothek umfaßte die
-spiritistische Literatur in einer Vollzähligkeit, wie ich sie noch
-nicht in Privatbesitz gefunden, und seine Kenntnis der „Theorie“ war
-eine entsprechend erschöpfende.
-
-Dazu kam der praktische Stolz, selbst ein werdendes Medium zu sein.
-
-Es war ihm das von einem alten Manne, der die Rolle eines Taxators in
-mediumistischen Kräften zu spielen schien und die Stärke eines jeden
-für solche Leistungen in Ziffern anzugeben wußte, ausdrücklich zugesagt
-worden. Und Ereignisse seines früheren Lebens schienen diese Diagnose
-zu bestätigen.
-
-Er berichtete, daß seine Hände nicht nur den Pinsel zu führen
-verständen, sondern nicht selten auch eine übernatürliche „Führung“
-hätten, bei der sein Wille aufhöre und die Finger Bewegungen, Griffe
-und Stöße ausübten, die vollkommen „unbewußt“ seien.
-
-Uns war es, nachdem die Bekanntschaft einmal gemacht war,
-selbstverständlich vor allem um Vorführung eines ausgereiften,
-einwandfreien Mediums selbst zu tun, und er versprach auch diese zu
-bewerkstelligen, da er ein starkes weibliches Medium, das bereits
-Hellenbach und Zöllner ins nachhaltigste Erstaunen versetzt, kenne und
-besuche. Vorher aber müßten wir eine Reihe einleitender Sitzungen mit
-ihm allein abhalten, da erst ein „magnetischer Austausch“ stattfinden,
-ein harmonischer Kreis geschaffen werden müsse.
-
-Da er selbst schon das Medium in sich wachsen fühlte und möglicherweise
-auch in uns unerwartete Keime zu einem solchen stecken konnten, so
-war die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß auch in diesen vorläufigen
-Studiensitzungen bereits seltsame Sachen aus dem Gebiete jener „Mehr
-Dinge“ sich ereignen würden.
-
-Vor Beginn des ersten Experiments wurden große weiße Bogen mit
-Geisterschrift vorgezeigt, die aus Sitzungen bei jenem weiblichen
-Medium (eben der heute noch vielgenannten und bekannten Frau Valeska
-Töpfer) stammten, denen O. beigewohnt hatte.
-
-Die Wahrheit der Sache zugestanden, eröffnete sich hier anscheinend
-ein neues Forschungsgebiet für die Goethe-Philologie, nämlich
-die transcendentale Goetheforschung. Die Blätter waren mit der
-Unterschrift des Altmeisters versehen, eine gewisse Verwandtschaft
-mit echten Autographen ließ sich nicht leugnen, nur fand sich die
-Schreibweise des Namens mit ö statt mit oe, die bekanntlich Goethe
-selbst nicht anwandte. Der Inhalt der Offenbarung selbst war leider der
-allertieftraurigste Blödsinn; Goethe mußte zur Strafe seiner Sünden
-wohl im spiritistischen Jenseits vollkommen versimpelt sein oder sich
-der Flasche ergeben haben.
-
-Das zweite, was uns vorgelegt wurde, war ein viereckiges, sehr dünnes
-und gebrechliches Holzkästchen ohne Boden.
-
-Solche Kästchen und Pappschachteln sind der Theorie nach gewissermaßen
-die Tür des Geisterlandes. Sobald Menschen mit hinreichender
-mediumistischer Veranlagung ihre Hand lose darauflegen, öffnet sich
-diese Tür, die bereitstehenden Geister fahren in das Kästchen, lassen
-es nach Belieben auf einer größeren Tischplatte herumkriechen und
-beantworten Fragen vermittelst hörbarer Klopflaute im Holz oder
-regelmäßigen Auftickens der einen Seite des Kästchens bei schwebender
-Stellung an der Tischkante.
-
-Der Dinge harrend, die da kommen wollten, nahmen mein Freund Bruno
-Wille, unser freundlicher Gastgeber O. und ich zunächst jetzt am Tische
-Platz und legten unsre sechs Hände lose auf das Deckbrett der Schachtel.
-
-Lange Zeit ereignete sich absolut nichts.
-
-Die bunte Ausstattung des Ateliers um uns her mit ihren fertigen und
-halbfertigen Studienköpfen, Staffeleien und Paletten versank allmählich
-in Dämmerung.
-
-Die Spannung bei uns war trotz aller Vorurteile immerhin eine ziemlich
-bedeutende.
-
-Zuweilen, wenn einer von uns sich etwas bewegte, krachte das Kästchen.
-
-O. geriet dann in lebhafte Erregung, beschrieb wilde Kreise mit den
-Händen in der Luft, um den magnetischen Strom überzuleiten, und begann
-schließlich in einer Weise mit der Holzschachtel zu reden, als handle
-es sich allen Ernstes um ein lebendiges Wesen. „Liebes Kästchen, willst
-Du uns etwas sagen? Bitte, bitte, liebes Kästchen, sei so gut, antworte
-uns, bewege Dich, rücke auf einen von uns zu, den Du auszeichnen
-willst“ etc.
-
-Dann, und, nachdem inzwischen auch noch die Gebrüder Heinrich und
-Julius Hart erschienen waren und damit unser Beobachterkreis vollzählig
-geworden, begannen denn allerdings die ersten seltsamen Vorgänge, alle
-für heute lokalisiert auf das bewußte Kästchen.
-
-Ich will sie zunächst bloß dem Tatsächlichen gemäß beschreiben und die
-aufklärenden Bemerkungen, die ich machen kann, zusammenhängend folgen
-lassen.
-
-Die Schachtel fängt also an, sich unter unseren Händen zu bewegen, nach
-rechts, nach links, bald rascher, bald langsamer, bald auf Momente
-wie angenagelt verharrend, um dann in kurzen krachenden Stößen wieder
-weiter zu rücken -- endlich kommt es zu einer tollen Wirbelbewegung,
-der die einzelnen kaum folgen können.
-
-Nachdem diese Sache so glänzend gelungen, versucht die vergrößerte
-Kette den ganzen Tisch zu bewegen, was aber mißlingt.
-
-Freund O. pocht wiederholt kräftig auf den Deckel des Kästchens und
-wenn dann alles hinhorcht, um antwortende Klopflaute zu vernehmen, so
-hört man mehrfach ein unendlich feines Knistern im Holz.
-
-Nun wird mit dem Kästchen experimentiert, um zu ergründen, ob es unter
-den Händen auf einen in der Kette (etwa ein besonderes starkes Medium)
-über den Tisch wegkriechen könne.
-
-Es rutscht in der Tat auf mehrere zu, zuletzt besonders nachdrücklich
-auf mich, und klappt mehrfach an der Tischkante auf. Nach O.s
-Interpretation bedeutet das einen „Geistergruß“.
-
-Nunmehr soll ein Anwesender, der nicht in der direkten Kette ist, also
-die Hände nicht auf dem Kästchen liegen hat, sich einen in der Kette
-Befindlichen denken, zu dem die Geisterschachtel hinrücken soll.
-
-Neben mehreren mißlungenen Versuchen tritt ein eklatantes Gelingen ein
-in einem Falle, wo Heinrich Hart in Gedanken seinen Bruder Julius als
-den Betreffenden bezeichnet hat und das Kästchen tatsächlich und mit
-förmlicher Leidenschaft auf Julius zusteuert.
-
-Der Höhepunkt der Sitzung wird schließlich erstiegen, als die
-Holzschachtel sich hartnäckig an der Tischkante in schräg schwebender
-Lage festsetzt. O. stellt in gesellschaftshöflicher Form die laute
-Anfrage an den Geist, ob er uns jetzt bestimmte Fragen durch Aufticken
-beantworten wolle. Das Kästchen schwankt gegen die Tischplatte herunter
-und tickt sehr vernehmbar dreimal auf. Drei Schläge bedeuten im
-spiritistischen Geistervolapük „Ja“!
-
-Die Frage wird also gestellt: „Wovon wirst Du bewegt?“
-
-Einer zählt das Alphabet, immer von neuem anhebend, laut her, und
-jedesmal tickt bei irgend einem Buchstaben das Kästchen dreimal mehr
-oder minder stark auf, so daß der Satz zustande kommt: „Von Geist
-Heochios.“
-
-Die Anwesenden ergehen sich mit ganzem Aufgebot ihrer philologischen
-Kenntnisse in den kühnsten Hypothesen über den Ursprung dieses Namens.
-
-Auf die neue Frage „Woher?“ antwortet der Geist in der Schachtel: „Aus
-Südosten.“ Bei dem Wunsche, den genaueren Namen des Landes zu hören,
-kommt noch ein M., dann scheint die Leitung gestört, und es erfolgt
-nichts mehr.
-
-Man versucht also neue Experimente.
-
-Ich selbst stelle im Nebenzimmer den großen Zeiger meiner Uhr auf
-die Ziffer drei, und das Aufticken des Kästchens ergibt für die
-Experimentierenden im andern Raume richtig „drei“.
-
-Ein zweiter analoger Versuch, bei dem O. seine Uhr nebenan auf zehn
-stellt, mißlingt allerdings, indem der Kasten auch diesmal nur drei
-Schläge tut.
-
-Gegen 9 Uhr abends wird die Sitzung infolge äußerster Erschöpfung aller
-Anwesenden abgebrochen.
-
-So das Protokoll, das von O. in ähnlicher Fassung festgestellt und
-auf seinen Wunsch von sämtlichen Zeugen als richtig anerkannt und
-unterschrieben worden ist.
-
-Nun einige kritische Bemerkungen dazu.
-
-Die Beschaffenheit der äußeren Umstände brachte es mit sich, daß es
-sich für mich bei dieser ersten Probesitzung in keiner Weise um eine
-„Entlarvung“ handeln konnte. Bei den bedenklichen Dingen, die mir O.
-von den Experimenten seiner Frau Töpfer erzählte, mußte ich allerdings
-an bewußte Täuschung seitens des Mediums denken, wenn gewöhnliche
-Erklärungen zulässig sein sollten. Bei unsrem Freunde selbst aber
-konnte lediglich unbewußte Selbsttäuschung ins Spiel kommen. Diese galt
-es zu beobachten und das erforderte ein sehr vorsichtiges Prüfen.
-
-Während jener ersten halben Stunde, in der, wie erzählt, durchaus
-nichts sich ereignete, das Kästchen vielmehr regungslos unter den sechs
-Händen von Wille, O. und mir lag, hatte ich hinlänglich Zeit, mir über
-einen gewissen Feldzugsplan klar zu werden.
-
-Wenn das Kästchen sich ohne mein Zutun bewegte, so war dreierlei
-möglich; entweder es mischte sich wirklich eine fremde Kraft, sagen wir
-also einmal, ein „Geist“, in die Sache; oder winzige, mit Bewußtsein
-nicht kontrollierbare Zuckungen und Druckdifferenzen aller Beteiligten
-brachten in der Weise, wie längst von Physikern (Faraday z. B.) das
-Tischrücken erklärt worden ist, allmählich eine Bewegung zustande; oder
-Freund O. arbeitete im leidenschaftlichen Drange, Bewegungen bestimmter
-Art zu sehen, ohne eigenes Wollen mit und dirigierte den Kasten.
-
-Von Wille durfte ich annehmen, daß er vollkommen passiv blieb und bloß
-vermöge der größeren Schwere seiner Hände den zweiten Fall beeinflussen
-konnte.
-
-Nun zeigte sich lange Zeit überhaupt nichts. Geister schienen nicht
-da zu sein, jene unwillkürliche Muskelbewegung (die ich bei späteren
-Gelegenheiten, wo Wille und ich allein experimentierten, in voller
-Wirkung gesehen habe) ließ sich wenigstens für diesen Anfang noch nicht
-verspüren.
-
-Nunmehr stellte sich bei mir folgender Gedankengang ein.
-
-Es war psychologisch unwahrscheinlich, daß die Selbsttäuschung bei
-O. so weit gehen würde, daß er selbständig das Kästchen zu schieben
-begann. Dagegen sprach alles dafür, daß er, wenn einmal die geringste
-Bewegung sich gezeigt, die Herrschaft über seine Hände so weit
-verlieren würde, daß er jetzt auch aktiv eingriff.
-
-Ich beschloß also, einen Anstoß zu geben, gleichsam als psychologische
-Falle, und ich hatte dabei zugleich ein lebhaftes Interesse an
-Feststellung der größeren oder geringeren Leichtigkeit, mit der man
-absichtlich eine Bewegung hervorbringen könne.
-
-Die Leichtigkeit, so zeigte sich sofort, war die denkbar größte.
-
-Ich brauchte nur den minimalsten Seitendruck mit der Fläche irgend
-eines Fingers auszuüben, so rückte der Kasten. Mir selbst war
-es vollständig unmöglich, an der Oberseite meiner fest auf dem
-Deckel schwebenden Hände irgend welche Bewegung bei diesem Drücken
-wahrzunehmen. Drückte ich mit dem kleinen Finger der linken Hand, so
-rutschte das Kästchen nach rechts, und umgekehrt.
-
-Für O. aber hatte ich absolut richtig gerechnet. Sobald einmal die
-Bewegung da war, fühlte ich das lebhafteste Mitarbeiten von seiner
-Seite her.
-
-Ich konnte nun die eigenen Hände ganz aufheben, das Kästchen lief doch,
-und bei der Leidenschaft, die unsern Freund ergriffen, sah man sogar
-deutlich jetzt das Arbeiten seiner Hand darauf.
-
-Je schneller der Kasten lief, desto mehr fühlte ich selbst, wie die
-Entscheidung, ob ich drückte oder bloß folgte, immer schwerer wurde,
-und da es den übrigen Teilnehmern ebenso ging, so hat von einem
-bestimmten Punkte ab, wo die Kette größer war, zweifellos jeder bald
-mitgeschoben, bald im Wunsche, nicht zu schieben, sondern bloß zu
-folgen, unbewußt gehemmt oder dem Gange eine neue Richtung gegeben.
-Vollends beim Kreisen der Schachtel kreisten alle Arme und Hände
-unwillkürlich derartig mit, daß man die Schachtel getrost hätte
-wegnehmen können und doch noch einen Augenblick unsre leeren Hände wie
-toll hätte durch die Luft herumwirbeln sehen.
-
-So viel zur Erläuterung des „Ur-Phänomens“, wie es Goethe genannt haben
-würde.
-
-Nun zu Einzelheiten.
-
-„Geklopft“ hat es in dem Kasten niemals. Das kam in klassischer
-Vollendung erst bei der später zu schildernden Sitzung mit jenem
-echten Medium vor, und hier ist es uns zweifellos geworden, daß
-bewußter Betrug im Spiele war.
-
-Ein Knistern und Krachen im Holze ließ sich dagegen wiederholt
-vernehmen, ich konnte es ebenso wie die Bewegung in jedem beliebigen
-Moment durch bewußte Konzentrierung des Druckes erzeugen, und von den
-andern ist es unbewußt mehrfach auf die gleiche Weise hervorgebracht
-worden.
-
-Wenn Freund O. mit ziemlich bedeutender Kraft seines Zeigefingergelenks
-auf den ohnehin an einer Stelle brüchigen Kasten schlug, so war es
-durchaus kein Wunder, wenn beim folgenden Hinhorchen ein schwaches
-Knistern in den sich wieder aufrichtenden Fasern des dünnen Deckels dem
-Ohre bemerkbar wurde.
-
-Das Hinrutschen der Schachtel zu irgend einem der Anwesenden ist
-mehrmals von mir selbst bewußt beeinflußt worden.
-
-In andern Fällen hat jedenfalls unbewußtes Ziehen einzelner
-stattgefunden, da bei noch soviel Skepsis doch der eine oder der andere
-im entscheidenden Moment, wo es sich darum handelte, wen der Geist
-für das größte anwesende Medium erklären werde, im Zwange der kleinen
-harmlosen Eitelkeit stand, er selbst möchte der Erwählte sein.
-
-Den eklatanten Treffer, daß Julius Hart, den der außerhalb des
-Kreises stehende Heinrich sich in Gedanken ausgewählt hatte, vom
-Kästchen begrüßt wurde, verdankte man lediglich mir; bei so wenigen
-Möglichkeiten war das zufällige Treffen leicht genug gemacht, und ich
-hatte auf das Nächstliegende, den Bruder, geraten.
-
-Nachdem ich nun in der genannten Weise genügend auf eigene Faust in die
-Phänomene hineinexperimentiert, beschloß ich, für den Rest der Sitzung
-bloß noch zu beobachten, und nahm der schärferen Kontrolle wegen an den
-nächsten Experimenten überhaupt nicht mehr aktiv teil. Ich schützte
-Ermattung vor und trat aus der Kette aus.
-
-Es folgten die Kunststücke an der Tischkante. Wie vorhin das Schieben,
-so war jetzt das Überkippen- und Aufschlagenlassen der Schachtel ein
-Kinderspiel für jeden Beteiligten, ja es war noch leichter gemacht,
-da das Kästchen in der äußersten Schwebe hing und sich niederbog, wenn
-einer auch nur den Gedanken hatte, es solle es tun, -- und dabei war
-die Nervosität in sämtlichen beteiligten Fingern jetzt eine derartige
-geworden, daß die Kontrolle durch das Bewußtsein fast nicht mehr
-möglich war.
-
-Folgendes ist im einzelnen zu der seltsamen Antwort „Von Geist
-Heochios“ zu sagen.
-
-Das -- den andern ziemlich unerwartete -- „von Geist“ hatte sich
-Heinrich Hart, dessen Hände an der kritischen Stelle lagen,
-eingestandenermaßen als mögliche Antwort gedacht und nahezu mit
-Bewußtsein erzeugt.
-
-Bleibt noch das famose „Heochios“.
-
-Dieses Wort ist nach unserm (d. h. der Beobachter) einstimmigem Urteile
-ein Produkt der verschiedensten Einflüsse.
-
-Heinrich Hart gibt an, er habe „Hart“ herausbringen wollen, das „a“
-jedoch verpaßt und den Rest dann dem Zufall und den andern überlassen.
-
-Ein Erklärung aus „reinem Zufall“, in dem doch ein gewisser logischer
-Zwang steckte, ließe gerade die Entstehung des H., wie ich nebenbei und
-für analoge Fälle erwähnen will, auch zu. Man bedenke, daß acht Hände
-auf dem lose schwankenden Kasten liegen. Einer zählt laut das Alphabet
-her. Jeder erwartet, daß bei irgend einem Buchstaben die Schachtel
-sich beugen werde. Anfangs wartet jeder. Die ersten Buchstaben
-gehen vorüber, die Spannung wächst. Es liegt eine psychologische
-Wahrscheinlichkeit darin, daß gerade in der Gegend vom H., also am Ende
-ungefähr des ersten Drittels vom Alphabet, ein Höhepunkt eintritt, bei
-dem einem in der Kette die Hände entweder ganz lose oder ganz schwer
-werden; sobald das aber erfolgt, klappt das Kästchen auf, und daß es
-dreimal klappt, ist unvermeidlich, teils weil jeder erwartet, es müsse
-dreimal klappen, und teils schon, weil überhaupt durch den Rückstoß ein
-Geschaukel entsteht, das wiederholt sogar zu vier oder fünf Schlägen
-führte. Ein oder zwei Schläge mehr gelten aber nur als besondere
-Bestätigung seitens des Geistes.
-
-Beim Suchen nach dem zweiten Buchstaben durch erneutes Hersagen des
-Alphabetes ist dann mit höchster Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß
-ein Vokal und nicht ein Konsonant kommen wird. Jeder hat, er mag wollen
-oder nicht, im Kopfe sich irgend eine oder auch mehrere Fortsetzungen
-zu dem H gebildet, bei denen allen aber natürlich ein Vokal folgt. Daß
-gerade E, der zweite Vokal, kommt, liegt auch wieder nahe, bei A will
-jeder noch abwarten, bei E ist die Spannung schon genügend gesteigert,
-bei I würde die Wahrscheinlichkeit vollends ganz groß sein, da die
-meisten sich kaum noch weiter werden bezwingen können, die Erwartung
-„Jetzt muß es kommen“ wird zu stark.
-
-O und C mögen mehr durch Zufall entstanden sein, obwohl die Vermutung,
-es komme ein ans Griechische anklingender Name, jetzt bereits
-ausgesprochen war und einer laut auf „Henoch“ geraten hatte, womit O in
-den Ohren klang.
-
-H nach C ist einfach selbstverständlich, die griechische Endung
-erschien unter dem Zwange des laut eingestandenen „Das muß kommen, da
-es unbedingt ein griechischer Name ist!“
-
-Dem „Südosten“ ging die Vermutung voraus: es braucht nicht direkt
-Griechenland zu kommen, es kann auch Kleinasien oder sonst so etwas
-werden.
-
-Bei M mag einer an Makedonien oder Medien gedacht haben, doch
-entstanden bei diesem allzu bestätigenden Fortgang jetzt offenbar
-selbst bei O. Zweifel, ob unsre Gedanken nicht beeinflussend wirkten,
-jeder beeiferte sich, einmal ganz und gar nichts zu tun, und -- sofort
-stand die Maschine wirklich still.
-
-Das Experiment mit der Uhr endlich ist ohne alle Beweiskraft, da
-in beiden Fällen lediglich der gewohnte Rhythmus der drei Schläge
-wiederkehrte; als der Zeiger zufällig auf drei wies, ergab sich eine
-Übereinstimmung, bei zehn blieb sie ebenso naturgemäß aus.
-
-Der Leser wird den Kopf schütteln über diese Haarspaltereien.
-
-Und doch ist diese Zergliederung grade der allereinfachsten
-spiritistischen Kunststücke das unbedingt Nötige als Vorschule zur
-Auflösung der schwierigeren Probleme.
-
-Der Fundamentalfehler, der immer wieder begangen wird und dem dann
-selbst gute geschulte Beobachter erliegen, ist, daß man gleich ein
-Medium der hohen Schule prüfen will, ein ungeheures Raffinement in
-verwickeltsten Kunststücken überwinden zu müssen glaubt und dann
-grade durch die ganz einfachen, haarsträubend simplen Sachen, die man
-als zu einfach gar nicht in Rechnung zieht, überlistet und gefangen
-wird. Fritz Schultze, der ein an Material ziemlich reichhaltiges,
-dafür im Raisonnement allerdings schwaches und stellenweise ziemlich
-ungeschicktes Buch gegen den Spiritismus geschrieben hat (Die
-Grundgedanken des Spiritismus. Leipzig, Günthers Verlag, 1883), hat bei
-Gelegenheit dieses Punktes nicht mit Unrecht an eine Kriminalnovelle
-Edgar Poes erinnert, in der ein wichtiger Brief gerade deswegen von der
-Polizei, die doch jeden Winkel des Hauses durchstöbert, nicht gefunden
-wird, weil er gar nicht versteckt ist, sondern offen vor jedermann auf
-dem Tische liegt.
-
--- -- --
-
-Nachdem die Ergebnisse der ersten Sitzung bei O. im engeren Kreise der
-unbefangenen Beobachter genügend durchgesprochen waren, kam es acht
-Tage später zu einem zweiten Experiment.
-
-Bruno Wille und ich hatten diesmal ein Stichwort „Merkwürdig“
-verabredet, das zur Kontrolle für den andern dienen sollte, wenn der
-eine mit Bewußtsein und zum Zwecke irgend einer Probe oder Falle in die
-Handlung eingriff.
-
-Zunächst wurden noch einmal die meisten Phänomene der vorigen Sitzung
-der genaueren Bestätigung wegen wiederholt, wobei zur Abwechslung
-an Stelle des Uhren-Experiments das Kästchen heute angeben sollte,
-wieviel Kleingeld sich in meinem und in einem zweiten Falle in Willes
-Portemonnaie befinde.
-
-In beiden Fällen wußte ich die Zahl nicht genau, habe aber doch durch
-leichte Drucknachhilfe einmal genau und einmal beinah das richtige
-Resultat hervorgebracht, zum guten Beweise dafür, wie leicht auf
-Grund auch nur annähernd richtiger Kombination einiger bekannter
-Anhaltspunkte das genau richtige Erraten der Wahrheit gemacht wird und
-wie gutmütig der Zufall in solchen Fällen auszuhelfen pflegt, wenn man
-nur den Mut hat, überhaupt zu raten.
-
-Der wesentlichste Fortschritt in dieser zweiten Sitzung war aber in
-einem Experiment mit dem „spiritistischen Schreibapparat“ gegeben.
-
-Dieser Apparat besteht in einem runden Holzplättchen, das eben gerade
-Raum für zwei aufgelegte Handflächen bietet, und an dessen unterer
-Seite drei Stützen (gewissermaßen drei Stuhlfüßchen) angeleimt sind;
-eine dieser Stützen ist ein Bleistift. Man setzt das Ganze auf einen
-großen Bogen weißen Schreibpapiers. Einer legt die Hände auf die
-Platte und eventuell noch ein zweiter seine auf die des andern,
-und dann erwartet man regungslos das Eintreten einer Bewegung des
-Holzapparats, die den Bleistift aufkratzen läßt und so, bei korrekter
-„Geisterführung“, eine Schrift hervorbringt, -- eine „Geisterschrift“
-mit individueller „Geisterhandschrift“ und einem vom „Geiste“ gewollten
-Inhalt.
-
-Freund O. hatte seine Hände kaum auf die Holzplatte gelegt, als der
-Apparat auch bereits mächtig zu wirbeln begann.
-
-Der Bleistift beschrieb eine große Spirale und raste dann förmlich
-über das Papier dahin, den Bogen mit kindlich ungeschickten, aber doch
-lesbaren Buchstaben bedeckend.
-
-Aber O. klagte dabei selbst, er fürchte unbewußte Selbsttäuschung, er
-„schreibe nur, was er denke“. Ein andrer möge an seine Stelle treten,
-vielleicht hätten wir ein noch unerkanntes gutes „Schreibmedium“ unter
-uns.
-
-So legte ich denn meine Hände auf, er wollte seine eigenen nur lose
-darüber legen, „um die Kraft zu verstärken“. Ohne daß ich im geringsten
-bewußt mithalf, kamen auch jetzt mehrmals lange Schriften zu stande.
-
-„Gott zum Gruß“, begann jede der Offenbarungen, dann folgten ein paar
-allgemeine Redensarten und zum Schluß, Wunder über Wunder, kam zweimal
-mit gewaltigen Lettern die famose Unterschrift „Heochios“!
-
-O. war entzückt, da er diese Fälle, wo seiner Ansicht nach unbedingt
-nicht er geschrieben hatte, ich aber bestimmt versichern konnte, auch
-nicht absichtlich hineingearbeitet zu haben, für beweisend hielt sowohl
-für die Existenz eines uns umschwebenden Geistes Heochios, als auch für
-meine Befähigung zum Schreibmedium.
-
-So weit auch hier wieder der rein äußerliche Sachverhalt und Folgendes
-zur Aufklärung.
-
-Von den drei oben erwähnten Erklärungsmöglichkeiten: Geist,
-unwillkürliche Muskelbewegung, Selbsttäuschung, die äußerlich zum
-entscheidenden Mitwirken wird, fällt die mittelste hier von vornherein
-fort. Wenn ich -- ich habe es in einer der nächsten Sitzungen bis zur
-Dauer von 20 Minuten fortgesetzt -- meine Hände ohne O. auf den Apparat
-legte, so ergaben sich nachher die Spuren dieser Muskelzuckungen auf
-dem Papier als eine ganz kleine, blitzartig zackige Linie, die aus
-einzelnen Punkten gebildet schien und aus der, wie ich annehmen muß,
-bei einem gesunden Menschen niemals auch nur ein einzelner Buchstabe
-hervorgehen könnte, geschweige denn eine fortlaufende Schrift, die am
-Zeilenende von selbst absetzt und eine neue Reihe anfängt.
-
-Mit vollkommenster Deutlichkeit dagegen fühlte ich, sobald O. seine
-Hände auf meine legte, wie er drückte, über meine sehr kleine Hand
-mit seiner weit größeren weggriff und wie er nach allen Regeln der
-irdischen Physik so die Schrift selbst zustande brachte.
-
-Das scheint mir ein Maximum von Selbsttäuschung, das im höchsten Grade
-interessant ist.
-
-Freund O., so muß ich mir den Fall erklären, hat bei Frau Töpfer, die
-bewußt täuschte, oftmals gläubig dem Schreiben zugesehen. Er hat sich
-die traditionellen Formeln des Geisterschreibens (das Beginnen mit der
-Spirale etc.) gradezu in Fleisch und Blut übergehen lassen, er hat
-jene Beigaben auswendig gelernt, wie das „Gott zum Gruß“, das der wohl
-hauptsächlich amerikanischen Verquickung des spiritistischen Versuchs
-mit frömmelndem Sektiererwesen seinen Ursprung verdankt. Er hat dann in
-Mußestunden mit Bewußtsein Proben angestellt, wie man mit dem Apparat
-schreiben muß, -- ohne diese Schulung wäre es nicht möglich, daß er es
-überhaupt so glatt fertig brächte.
-
-Das alles hat er getan mit dem sehnsüchtigen Wunsche, eines Tags möchte
-nicht seine Hand den Apparat, sondern der Apparat wirklich seine
-Hand führen. Als er nun meine Hände statt des Holzdeckels unter sich
-fühlte, vollzog sich in der Leidenschaft der psychologische Prozeß
-der Selbsttäuschung, er glaubte nicht mehr aktiv zu sein, und dennoch
-schrieb er in Wahrheit selbst, er schrieb mechanisch dasselbe nieder,
-was er so oft in letzter Zeit zur Probe mit Bewußtsein geschrieben, und
-er schrieb den Namen Heochios unter das Ganze, weil ihm dieser seit
-acht Tagen beständig auf der Zunge schwebte und weil er fest erwartete,
-ein Geist Heochios führe den Apparat.
-
-Unsere kühle Erklärung der Entstehungsgeschichte jenes unglücklichen
-Spruchs „Von Geist Heochios“ existierte ja nicht für ihn, ihm war
-Heochios ein wirklich erschienener Geist.
-
-Ich habe so viel Worte gebraucht, um für den Fall unseres Freundes, bei
-dem ich nicht den geringsten Grund habe, ~mala fides~ vorauszusetzen,
-die Selbsttäuschung wahrscheinlich zu machen. Jetzt bedenke man
-aber die Chancen, die bewußte Täuschung in analogen Fällen mit
-einer zweifelhafteren Persönlichkeit notwendig gerade bei diesem
-„Geisterschreiben“ hat. Die Möglichkeiten sind gar nicht auszudenken.
-
-Nur kurz erwähnen will ich die Ergebnisse einer dritten Sitzung, bei
-der ich mehrere Stunden lang mit O. allein experimentierte, ohne
-nennenswerte Erfolge zu erzielen.
-
-Wir berührten Grenzgebiete des eigentlichen Spiritismus: Gedankenlesen
-und Telepathie.
-
-Jene wissenschaftliche, leicht erklärliche Art des groben
-Gedankenlesens -- Auffinden eines von A. versteckten Gegenstands durch
-B. dadurch ermöglicht, daß B. den A. bei der Hand nimmt und beim
-Durchwandern des Zimmers am Zucken dieser Hand und ihrem unbewußten
-Ziehen oder Widerstreben den Ort ermittelt, wo der Gegenstand liegt --
-gelang auffallend gut, wenn ich der Suchende war und O. der unbewußt
-Führende.
-
-Doch hier lag, wie gesagt, absolut nichts Mystisches vor, da diese
-Dinge überzeugend auch von Nicht-Spiritisten öffentlich vorgeführt
-worden sind.
-
-Eine heiklere Sache ist aber schon die echte sogenannte „Telepathie“
-(Fern-Empfindung). Hier denkt einer der Beteiligten sich möglichst
-lebhaft eine Figur, eine Zahl oder Ähnliches, und der andre rät
-angeblich ohne Handberührung das Gedachte, d. h. es findet der Theorie
-nach eine „mystische Fernwirkung von Seele zu Seele“ statt, bei der
-das Vorstellungsbild sich ohne Hilfe der physikalischen Wege und der
-Sinnesorgane von Gehirn zu Gehirn überträgt, ohne Luft- und Lichtwellen
-also und ohne Auge und Ohr.
-
-Für unsern Fall kann ich nur feststellen, daß die Experimente
-dieser Art bei O. ebenso mißlungen sind, wie sie vorher und nachher
-ausnahmslos mißlangen, als ich mit Wille allein und mit andern Versuche
-anstellte.
-
-Zufällige Annäherungen beim Raten sind vorgekommen, beweisen mir aber
-gar nichts. Wenn ich mir eine 8 dachte und O. einen ganzen Bogen mit
-allerlei Kreisen, Spiralen und sonstigen Krackelfüßen bedeckte und
-unter denen in der Tat auch einmal eine brezelartige Verschlingung, die
-an eine 8 gemahnte, auftauchte, so wird man nicht verlangen, daß ich
-dem irgendwelche Beweiskraft beimesse.
-
-Etwas Besseres aber habe ich nicht gesehen, und die schönen
-Figurentafeln in der spiritistischen Zeitschrift Sphinx, die von dem
-fabelhaften Glück anderer, spiritistisch gläubiger Beobachter Zeugnis
-ablegen sollen, treffen bei mir also vorläufig auf eine unerschütterte
-Skepsis.
-
-Doch zurück zur Hauptsache, zu den eigentlichen Medien und ihren
-Gespenstern. Eine besondere Einladung von seiten unseres Freundes
-versammelte uns an einem Montag in O.s Wohnung, um endlich denn auch
-das große Orakel, das altbewährte Medium, Frau Valeska Töpfer, selber
-in Augenschein zu nehmen und auf seine Wunderkraft zu prüfen.
-
-Etwa eine Stunde lang hatten wir Zeit, uns auf einen würdigen Empfang
-vorzubereiten, da O. sich erst, nachdem wir bereits vollzählig
-erschienen waren, auf den Weg machte, um die ehrwürdige Dame zu uns zu
-geleiten.
-
-Wir verabredeten uns inzwischen von neuem auf das Stichwort
-„Merkwürdig“, und wir schwärzten einen genau bezeichneten Papierbogen
-über der Lampe, damit die Geister materialisierte Hände oder Füße in
-der Weise, wie es bei Zöllner geschehen, darauf abdrücken könnten.
-
-Der Gedanke ergötzte uns im voraus, es möchte auch heute wieder jener
-treffliche „Heochios“ auftreten, was denn wohl dem Faß sofort den Boden
-ausschlagen müßte.
-
-Im ganzen aber schuf doch auch heute die zu erwartende Nähe
-einer fremden Persönlichkeit eine beklommenere Stimmung, die bei
-einigen durch etwas überraschendere Leistungen leicht in höchste
-Empfänglichkeit für Mystik hätte gesteigert werden können.
-
-Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit erschien die Seherin, und
-zwar nicht bloß von O., sondern merkwürdigerweise auch von ihrem Mann
-begleitet.
-
-Sie selbst eine mittelgroße, ziemlich beleibte Dame mit spitzer
-Nase, kleinen Augen, das Gesicht gepudert, die ergrauenden Haare
-glatt emporgeknotet, -- der Herr Gemahl ein kleiner Berliner
-Grünkrambesitzer, dessen erste Äußerung darin bestand, daß er sich ein
-Glas Bier erbat.
-
-Wir nahmen in langer Kette um den Tisch, auf dem die Lampe stand,
-Platz, leider, wie Frau Töpfer sogleich bemerkte, auf tiefen Sesseln,
-die für solche Sitzungen höchst ungeeignet seien.
-
-Die Luft, so wurde im übrigen zugestanden, sei bereits stark
-„mediumisiert“, es müßten „kräftige Naturen“ unter uns sein.
-
-In der Tat begann es denn auch, da wir kaum einen Augenblick unsere
-Hände auf den Tisch gelegt, sehr vernehmlich irgendwo zu pochen, bald
-dumpf, bald lauter, und die Täuschung, der das Gehör in Bezug auf die
-Richtung des Schalls unterlag, war eine vollkommene. Der eine riet auf
-die Wand hinter dem Rücken der Frau Töpfer, ein andrer auf den Ofen,
-bisweilen schienen die ganz dumpfen Laute sogar aus dem Nebenzimmer zu
-kommen.
-
-Man muß dieses Klopfen im eigenen Zimmer mit Muße durchprobiert haben,
-um die Erkenntnis zu erlangen, daß das falsche Lokalisieren die Regel
-ist, und daß verschieden starke Pochlaute, die unmittelbar vor uns
-unter dem Tisch erzeugt werden, in Wahrheit aus den verschiedensten
-Richtungen und Entfernungen zu kommen scheinen.
-
-Ich glaube, jeder empfand im Moment, daß Frau Töpfer die Sache äußerst
-geschickt mache, aber nichts sprach dagegen, daß sie die einzige --
-allerdings bewußt täuschende -- Quelle dieser Geisterstimmen sei.
-Ihre eigenen Füße wie die ihres Mannes waren unsichtbar unter der
-Tischplatte verborgen, dank dem festen Kettebilden aller, und ob sie
-sonst noch besondere Apparate unter den Kleidern verborgen trug, war
-selbstverständlich erst recht nicht zu ermitteln.
-
-Unsre Mienen mochten das denn auch ziemlich deutlich erkennen lassen,
-denn nach dem günstigen Anfang trat eine Stockung ein, die Pochlaute
-blieben dumpf und undeutlich, die Frau erklärte: „So kann ich’s nicht
-leiden! Dabei wird mir’s unheimlich!“
-
-Der Tisch machte plötzlich zur Abwechslung einen Ruck auf Wille
-zu (Frau Töpfer schob zweifellos kräftig mit dem Fuße), aber auch
-hier schien der rechte Mut zu mangeln, vor allem hob sich der Tisch
-keineswegs empor, wie es sonst in Sitzungen bei dem Medium nach O.s
-Aussage überraschend zu gelingen pflegte.
-
-Nunmehr ergriff aber der Gemahl das Wort, er schalt auf die Geister
-energisch ein und rief endlich im derbsten Tone: „Na, wollt Ihr jetzt
-oder nicht? Ich verlange, daß Ihr Euch jetzt anständig betragt und was
-tut, sonst warten wir nicht mehr.“ Er wurde so grob, daß die Frau ihn
-beschwichtigen mußte. „Laß doch, sie werden sonst ganz böse.“
-
-Wozu diese ganze Posse diente, weiß ich nicht. Jedenfalls wirkte sie
-auf uns unsäglich lächerlich und als das beste Mittel, jede ernsthafte
-Stimmung dauernd zu zerstören.
-
-Die Scherze aus unserm Kreise mehrten sich auch so, daß die
-Hexenmeisterin sich wohl bewogen fühlen mochte, rasch etwas
-vorzuführen, um wieder Spannung zu wecken.
-
-Sie meinte plötzlich, der große Tisch sei den Geistern (ihren Füßen!)
-zu schwer, es wurde also ein kleiner sogenannter stummer Diener
-herangeholt, der unter der oberen Platte zwischen den vier Füßen noch
-eine zweite Platte zum Tragen von Büchern oder Nippessachen hatte.
-
-Dieser Tisch war denn nun ein wahres Ideal, wenn es sich darum
-handelte, durch geschickt verdeckte Bewegungen ruckweises Wandern oder
-sogar scheinbares Emporfliegen zu bewerkstelligen.
-
-Der Bodenteppich wurde entfernt, um kein Hemmnis beim Rutschen zu
-geben, auf das Tischchen wurden ein Bogen Papier und ein Bleistift
-gelegt und unter den Tisch gleiches Material. An dem letzteren geschah
-nichts, da wir zu gut kontrollierten. Man sah wohl den Schuh der
-Frau T. danach langen, auch erklärte sie einmal, einen Lichtschein
-unten zu sehen (wohl um unsere Aufmerksamkeit von irgendetwas anderm
-abzulenken), gleichwohl erfolgte nichts.
-
-Theoretisch wäre es ja nicht gerade allzu schwer gewesen, trotz unsres
-Aufpassens im guten Moment mit einem schon vorher präparierten und in
-die Stiefelsohle geklemmten Bleistiftspitzchen auch diesen Bogen mit
-einer lesbaren Schrift zu bedecken.
-
-Über dem oberen, offen aufliegenden Blatt bekam die Hand der Frau
-natürlich sofort „Führung“, es entstanden wieder folgerichtig jene
-berühmte Spirale, das „Gott zum Gruß“ und ein paar ähnliche alberne
-Phrasen, wie sie O. stets geliefert hatte. Die Unterschrift lautete
-„Werner“.
-
-Das letztere war offenbar eine Art von Probepfeil. Es wurde
-rundgefragt, ob keiner einen Bekannten dieses Namens besitze, was
-zufällig einmal nicht der Fall war. Der Name „Müller“ dürfte für dieses
-„Experiment ins Blaue“ allerdings noch empfehlenswerter sein.
-
-Wille erhielt im weiteren auf eine Frage nach seinem Bruder durch
-Klopflaute den Namen „Gustav“, und die Geisterschrift auf dem Blatte
-meldete, Gustav sei auf dem Schlachtfelde gestorben. Beides, Name wie
-Tatsache, war unrichtig, der einzige Bruder lebte und hieß anders.
-
-Wille ging indessen mit scheinbarer Erregung auf die Sache ein, und
-von da ab verstärkte sich der Mut der Töpfer -- und mit dem Mut kamen
-verstärkte Wunder.
-
-Der „Zimmermann“ begann jetzt im Tische zu rumoren.
-
-Um zu verstehen, um was es sich hier handelte, muß man Kenntnis
-nehmen von der unsäglichen Einförmigkeit und Enge der Phantasie, die
-in diesen spiritistischen Zirkeln herrscht. Wie das berühmte Kölner
-Hänneschen-Theater, so hat jedes Medium seine paar stereotypen Rollen,
-die immer wiederkehren, seine drei oder vier Spezialregister, auf
-die es eingedrillt ist. So bei Frau Töpfer die kleine „Abila“, der
-Schutzgeist „Zwibos“ und der „Zimmermann“.
-
-Das Nahen des letzteren betätigte sich durch sägende und hobelnde
-Geräusche im Tisch, endlich auf Verlangen durch ein gewaltiges
-Gepoche, wie wenn jemand einen Nagel einschlüge, -- übrigens keine
-einzige Leistung in allem, die nicht Wille und ich später zu Hause
-hätten annähernd ebenso täuschend durch unmerkliches Nagelkratzen und
-Bewegungen der Füße hervorbringen können.
-
-Schließlich fuhr der Poltergeist noch in die Hand des Mediums und
-schrieb mit eckigen Zügen und schlechter Orthographie ein paar Sätze
-auf ein Blatt, unterzeichnet: „Hunger, Chemnitz, Neue Gasse“.
-
-Von neuem begann nach diesem der Tisch zu schwanken.
-
-Meine laut ausgesprochene Befürchtung, die Petroleumlampe möchte dabei
-zu Schaden kommen, wurde zuerst mit der Versicherung abgewiesen:
-„Und wenn der Tisch sich auf den Kopf stellt, die Lampe fällt bei
-Geistermanifestationen niemals.“
-
-Gleich darauf, als Wille mit dem Rufe „merkwürdig“ den gegen
-ihn anrückenden Tisch selbsttätig etwas herabdrückte, wurde die
-Versicherung aber eilfertig eingeschränkt durch Zugeben von
-„unberechenbaren Ausnahmen“, und der Mann setzte die Lampe jetzt selbst
-vorsorglich auf das Klavier.
-
-Der leichter gewordene Tisch spazierte nunmehr durch das halbe Gemach,
-es kam aber auch jetzt nicht zum Fliegen.
-
-Ein sehr gelungenes Kunststück bei dieser Gelegenheit bestand darin,
-daß Frau Töpfer, wie mehrere von uns deutlich sahen, mit weit
-zurückgerecktem Fuße einen etwas entfernt stehenden Schaukelstuhl
-heranriß und gleich darauf höchst verwundert ausrief: „Sehen Sie bloß,
-der Stuhl ist uns allein nachgekommen!“
-
-Damit schloß der erste Akt der Sitzung.
-
-Eine Pause wurde benutzt, jenes oben erwähnte geschwärzte Papier unter
-das Sofa zu legen und vermittelst eines vorgeschobenen Teppichs gegen
-jedes auffallende Licht abzuschließen.
-
-Ich will gleich vorausschicken, daß es dort unversehrt noch gegen
-Schluß des Ganzen gelegen hat. Während dieser Zeit hat zwar Herr Töpfer
-hartnäckig als unbeteiligter Zuschauer, zeitweise anscheinend sogar
-schlafend, seinen Platz auf diesem Sofa behauptet. Ferner ist das immer
-längere Zeit hindurch verdunkelt worden und alle Beobachter haben
-ihre Aufmerksamkeit andern Dingen zuwenden müssen, die sich entfernt
-vom Sofa abspielten. Anfangs hatte ich wohl beschlossen, nicht aus
-der gerade über dem Papier liegenden Sofaecke zu weichen, aber das
-konsequente Wegrücken des Tisches, auf dem doch meine Hände aufliegen
-sollten, hinderte mich an der Durchführung.
-
-So muß ich auch hier konstatieren, daß wohl die infolge andrer, gleich
-zu erzählender Umstände wieder wachsende Ängstlichkeit des Ehepaars
-es nicht zu einem Versuche dieser Art hat kommen lassen, daß aber
-die +Gelegenheit+ zu einem solchen auch diesmal so günstig war
-(der Mann konnte beispielsweise im Dunkeln sehr leicht an das Papier
-heranlangen und seine Hand oder auch ein im Rock verborgenes Wachsglied
-darauf drücken), daß ein wirklicher „Geisterabdruck“ uns kaum hätte
-überraschen dürfen.
-
-Die wichtigste wirkliche Episode im zweiten Teil unsrer Sitzung bildete
-eine „Dunkelsitzung“.
-
-Mit Ausnahme des Herrn Töpfer saßen wir alle in fester Kette, die Hände
-auf der Platte, um den kleinen Tisch. Die Vermutung war ausgestreut, in
-der Finsternis würden bei einzelnen in der Kette „Berührungen“ durch
-materialisierte Geister-Hände oder -Füße stattfinden, und zum Schluß
-werde der Tisch nun endlich emporfliegen.
-
-Es dauerte auch nicht lange, so hörte man Willes Stimme: „Es klopft
-dreimal an meinen Stiefel!“ und gleich darauf: „Es hat wieder geklopft,
--- sehr merkwürdig!“
-
-Was sich da, den andern unsichtbar, abgespielt, schildere ich so, wie
-es mir Wille unmittelbar nach der Sitzung berichtet hat.
-
-Er, der zur Rechten der Frau saß, ging von dem Gedanken aus, Frau
-Töpfer werde versuchen, mit ihren Füßen von unten her den Tisch zu
-heben. In aller Stille versuchte er also das dunkle Gebiet unter der
-zweiten (unteren) Tischplatte zu kontrollieren, indem er seinen rechten
-Fuß bis etwa in die Mitte vorschob. Der linke Fuß blieb lange nahe am
-Stuhl -- wie man nicht vergesse: auf der Seite der Frau Töpfer.
-
-An der Spitze dieses linken Fußes nun verspürte er plötzlich eine
-Berührung: es klopfte dreimal hörbar auf das Leder. Allem Anschein nach
-ging die Berührung aus von dem Fuße der Frau Töpfer. Nicht lange und
-das Klopfen kam wieder, diesmal am Absatz von Willes linkem Fuß.
-
-Schnell entschlossen folgte er aber jetzt mit seinem Stiefel dem sich
-zurückziehenden Klopfer, er stieß richtig auf einen echten andern
-Stiefel, und während er ihm einen leichten Tritt versetzte, fühlte er
-mit zweifelloser Deutlichkeit, wie der fremde Fuß unter die hörbar
-knitternden Röcke der guten Frau Töpfer zurückfuhr.
-
-Von diesem Moment an, der eine offenkundige Entlarvung wenigstens für
-einen der Beobachter umschloß, war Frau Töpfer vollkommen verstört,
-unruhig, traurig, jedermann merkte, daß etwas vorgefallen war, obwohl
-wir andern erst später erfuhren, was.
-
-Ein zweites Abenteuer bestand, nachdem die Frau jetzt in der ganzen
-Dunkelsitzung absolut nichts mehr zu unternehmen wagte, darin, daß der
-vorgeschobene rechte Fuß Willes mit einem plötzlich vorrückenden Fuße
-unsres Freundes O. dort zusammentraf.
-
-Hier war nun wiederum charakteristisch, den Grad der unbewußten
-Selbsttäuschung bei O. zu beobachten.
-
-O. bebte vor Ungeduld nach einer Geisterberührung. Wahrscheinlich
-ohne jede Spur von Willen, bloß im Drange, den Geistern sich als
-Objekt darzubieten, schob er seinen Fuß langsam bis in die Mitte des
-Raums unter dem Tische vor. Als er dabei auf Willes Stiefel stieß,
-durchzuckte es ihn übermächtig: „Jetzt muß es dreimal klopfen!“ Es
-klopfte in der Tat, aber sein eigener Stiefel war der Urheber, wie
-Wille, der vollkommen passiv blieb, genau feststellte.
-
-So hatten wir auch hier wieder Betrug und Selbstbetrug in schönster
-Blüte nebeneinander.
-
-Da aber schlechterdings nichts weiter kommen wollte, gesellte sich der
-Scherz hinzu -- der Tisch flog plötzlich empor, so schön, daß jetzt
-selbst Frau T. hätte an echte „Geister“ glauben dürfen.
-
-In Wahrheit war der Urheber unser humorvoll veranlagter Freund Heinrich
-Hart, dem das Spiel längst zum Ekel geworden und der uns wenigstens den
-Gefallen tun wollte, zu zeigen, wie leicht die Sache sei.
-
-Der dritte Akt war der jämmerlichste von allen.
-
-Frau Töpfer, die ihren Boden schwanken sah, wagte ein letztes
-Radikalmittel.
-
-Vor eine Ecke des Ateliers wurde ein weißes Leinentuch gespannt, hinter
-ihm nahm das Medium Platz. Sie sollte in „Verzückungsschlaf“ verfallen
-und Geisterstimmen sollten durch den Vorhang zu uns reden.
-
-Die Zuhörer setzten sich im Halbkreise vor das mystische Theater,
-Herr Töpfer hielt sich im Hintergrunde, anscheinend bereit, jeden
-Störenfried, der etwa an der Hülle zerren würde, zurückzuhalten; es
-bedurfte dessen nicht; was wir hörten, genügte vollauf....
-
-Zuerst ertönte ein zartes Kinderstimmchen: der Geist Abila.
-
-Die Stimme hatte sich Frau Töpfer offenbar bis zu vollkommener
-Meisterschaft eingeübt.
-
-„Gott zum Gruß, Brüder!“ begann auch diese Offenbarung. Das Geistchen
-redete mit jedem einzeln, bei jedem sah es „unsichtbare Brüder“
-(Verstorbene) stehen, die es beschrieb und bei denen es, wenn man
-fragte, Antwort holte. Aber die Weisheit Schön-Abilas hatte einen
-traurigen Fehler: ihre geistige Urheberin, Frau Töpfer, mußte blind
-raten, und sie riet entsetzlich schlecht.
-
-Bei Julius Hart sah Abila den Vater der Gebrüder stehen, er sollte
-Adolf heißen und ein leiblich sehr großer Mann sein. Der treffliche
-Vater Hart lebte aber, wie die meisten von uns wußten, in Wahrheit noch
-fröhlich unter dieser Sonne, er hieß weder Adolf, noch hatte jemals von
-ihm, einem kleinen beleibten Herrn, behauptet werden können, daß er ein
-Herkules sei.
-
-Bei mir stand meine Großmutter Lottchen und ließ mich an das letzte
-Gespräch erinnern, das wir beide miteinander geführt. Und auch hier
-paßte der Name nicht und vollends nicht die Tatsache, denn meine beiden
-Großmütter sind viele Jahre vor dem Tage gestorben, an dem ich das
-Licht der Welt erblickt.
-
-Am meisten von allen interessierte sich Abila für den „dicken Bruder
-mit der Brille und den roten Backen“, nämlich Bruno Wille.
-
-Dieser Bruder lohnte nun freilich solche Liebe schlecht, denn
-anknüpfend an den famosen Bruder Gustav von vorhin, entlockte er durch
-geschickt zugespitzte Fragen der Frau Töpfer einen Kriminalroman voll
-grausigster Tatsachen. Ich erwähne nur, daß ein Onkel darin vorkam, der
-an „Galle, die ins Blut ging“, gestorben sein sollte. „Das ist in der
-Tat merkwürdig“, sagte Wille halblaut, „ein Onkel von mir ist am gelben
-Fieber gestorben.“
-
-Von einer Seite her wurde im Zuhörerraum ebenso halblaut, aber auch der
-Frau T. vernehmbar, angedeutet, das gelbe Fieber hänge wirklich mit der
-Galle zusammen.
-
-Zum Schluß gab sich der „Geist“ dann noch die böseste Blöße, die
-möglich war: er ermahnte den Bruder, doch nur ja nicht zu glauben,
-in der Dunkelsitzung vorhin habe der Schuh der Schwester Töpfer an
-seinen Stiefel geklopft: es sei ein echter materialisierter Geisterfuß
-gewesen. Überhaupt sollten wir alle nicht so viel zweifeln, sondern
-lesen und dann glauben lernen.
-
-Die alte Wahrheit: „Wer sich entschuldigt, ist’s gewesen!“
-
-Nach Abilas Verschwinden redete noch eine grobe Männerstimme, der Geist
-eines „Schusters aus Plauen“, durch den Vorhang.
-
-Hier verließen aber Frau Töpfer selbst ihre deklamatorischen
-Fähigkeiten, man hörte den Dialektklang ihrer eigenen Stimme störend
-deutlich durch.
-
-Ohnehin waren alle des dummen Spiels müde, man weckte das Medium, das
-nun zum Schlusse noch einmal in besonderer Weise, durch Ablesen von
-einem geschriebenen Alphabet mit Hilfe eines auftickenden Bleistiftes,
-einen Geist „Zwibos“ reden ließ. Er bestätigte unter ziemlich
-unverhohlener Heiterkeit der Hörer, jener Onkel Willes sei in der Tat
-am gelben Fieber gestorben.
-
-Wir hatten genug und gingen nach Hause.
-
-So weit meine alten Aufzeichnungen.
-
-Ich mag sie nicht durch Theorie abschwächen.
-
-Aber ich sage heute wie damals: mir graut vor einer „Weltanschauung“,
-die das höchste, heiligste Urteil eines wahrheitsuchenden Menschen
-über sich und alle Dinge um ihn her darstellen soll, -- und die
-sich aufbauen sollte auf einer solchen Valeska Töpfer und ihren
-Möglichkeiten ...
-
- * * * * *
-
-Was wir zur Verständigung im Kampfe moderner Weltanschauungen brauchen,
-das sind wirklich gar nicht in diesem Sinne neue Tatsachen. Es sind
-neue Deutungen, neue Wertungen, es ist Tiefenschau im schon Vorhandenen.
-
-Das ist der schwere Schaden ja in solchen Versuchen wie dem
-Spiritismus: daß er auf ein paar, noch dazu angebliche, neue Tatsachen
-sofort die unerhörtesten Schlüsse mit einem methodologischen Leichtsinn
-ohne gleichen baut, Geisterhypothesen in einer materialistisch groben
-Form, und das alsbald wieder mit starrem Dogmatismus, der nicht zugeben
-will, daß diese „Tatsachen“, selbst wenn sie richtig wären, die
-verschiedensten Deutungen zulassen würden.
-
-Aber wichtig ist auch, daß er grade diesen methodologischen Schaden
-teilt mit Arabesken der modernen Naturphilosophie, die ihm sonst in
-allem entgegen sind und nicht einmal seine „Tatsachen“ anerkennen.
-Sie steifen sich dafür auf ihre und, geben wir zu, an sich richtige
-Tatsachen, -- in der Methode verderben sie es aber ebenso durch starre
-Einseitigkeit und Fanatismus für „Eindeutigkeit“.
-
-Umgekehrt aber werden an dieser Ecke Denker für uns wichtig, die
-den Tatsachenbau unserer einheitlichen Forschung und den exakten
-Beobachterweg als solchen niemals angefochten, sondern sogar als
-+Palladium+ verteidigt haben -- und die doch, +mit+ dem und
-+trotz+ dem, eine eigene Tiefenschau versucht haben, die ohne
-jeden Dogmatismus ihren individuellen Weg ging -- und die uns so das
-Tor überhaupt weit aufgetan haben für die Masse der „Möglichkeiten“,
-die noch in die Tiefe aller Tatsachen hinein denkbar sind.
-
-Ein solcher Mann war Fechner.
-
-Fechner grade hat aber noch eine besondere Farbe dabei in die Dinge
-gebracht, die wieder mein Grundthema berührt.
-
-Man muß sich heute mit Fechner auseinandersetzen. Er wird eine
-+Macht+, -- trotz aller oberflächlichen Urteile, die auch mit ihm
-„fertig“ zu sein glaubten.
-
-Vor kurzem ist sein naturphilosophisches Hauptwerk, „Zend-Avesta“, neu
-herausgekommen. In einem halben Jahrhundert war das Buch nicht wieder
-aufgelegt worden, -- überhaupt nicht nach der ersten Ausgabe.
-
-Ich sehe die ursprünglichen Bändchen noch vor mir in dem alten,
-schmutzigen, zerfetzten Exemplar der Berliner Universitäts-Bibliothek,
-das Jahrzehnte hindurch immer einmal wieder zu erlangen ein Ereignis
-war.
-
-Jetzt sind es zwei schöne Bände in Lexikonformat geworden, mit
-besonders hellem, freundlichem Druck, man kennt den alten Sonderling
-kaum wieder. Kurd Laßwitz, der ausgezeichnete Gothaer Physiker und
-Dichter, hat die Vorrede dazu geschrieben, in der er erklärt, daß
-dieses Buch zu seiner Neuauflage keiner erklärenden Vorrede bedarf,
-sondern daß es einfach wiederkommt, weil es heute wiederkommen
-+muß+.
-
-Als der alte Gellert in Audienz beim alten Fritz ist, sprechen sie über
-ein Buch, und der alte Fritz sagt: „Das haben sie mir gebracht, aber
-das hab’ ich fortgeworfen.“ So hat es das neunzehnte Jahrhundert mit
-Zend-Avesta gemacht.
-
-Ich weiß noch heute eine ganze Anzahl trefflicher, kenntnisreicher,
-ethisch hochstehender Männer, die es genau so machen. Man braucht
-dem Gespräch nur eine bestimmte Wendung zu geben und dann plötzlich
-einen Fechnerschen Zend-Avesta-Gedanken mitten aus dem Zusammenhang
-dazwischen zu werfen, -- etwa: man spricht über die Spektral-Analyse
-der Gestirne im Anschluß an das treffliche Buch unseres Potsdamer
-Astrophysikers Scheiner und wirft hinein, daß Fechner noch im Jahre
-1851 die Gestirne für „beseelt“ gehalten habe; auch über das Antlitz
-eines sehr milden, sehr sachlichen Zuhörers wird ein Lächeln fliegen,
-das so viel besagt, wie: werfen wir den Mann fort aus jeder ernsthaften
-Debatte.
-
-Vielleicht gibt es in der ganzen Tragödie menschlicher Irrungen nichts
-Bittereres als eben dieses Lächeln des Mißverständnisses bei Besten,
--- dieses Lächeln, das doch im Grund der Dinge nur ein Lachen der
-tatsächlichen nackten Unkenntnis ist.
-
-Denn nicht um einen solchen einzelnen, aus dem Text gerissenen Satz
-geht die wahre Frage, nicht er bildet den echten Hintergrund, vor dem
-die den Fechner heute wieder suchen, -- nun die ihn eben suchen.
-
-Das Fortwerfen eines Jahrhunderts ist selber kein End-Urteil.
-
-Dieses gleiche Jahrhundert hatte auch Schopenhauer schon einmal
-fortgeworfen, gründlich, bis zum Makulaturwerden eines Hauptbuchs. Es
-gab eine Zeit in diesem Jahrhundert, da es ebenso ein Hohn war, wenn
-ein paar tüchtige Köpfe beisammen waren und über Physik redeten, etwa
-über das eben begründete große Gesetz von der Erhaltung der Energie
--- und wenn da einer dazwischen warf, es habe der Naturphilosoph
-Schopenhauer alle Kraftäußerungen der Natur auf den „Willen“
-zurückgeführt. Mit diesem Willen im Energiegesetz wäre Schopenhauer nie
-über das Achselzucken der Leute hinausgestiegen. Eines Tages aber trat
-das Jahrhundert in seine eigentümliche graue Epoche, die Welt erschien
-ihm nichtig, der Pessimismus die Lösung. In dieser Stimmung hat es
-plötzlich die Ansatzstelle zu Schopenhauer gefunden, die Ansatzstelle,
-von der aus es dann auch überhaupt begriffen hat, daß dieser Mann einer
-der schärfsten und ehrlichsten Denkerköpfe der Menschheit gewesen ist,
-ganz einerlei, wie viel von seiner Willenstheorie oder selbst von
-seinem Pessimismus ewige Wahrheit bleiben soll, -- ein Denkerkopf, den
-„wegzuwerfen“ eine himmelschreiende Versündigung an dem wahrlich nicht
-zum Vergeuden reichen Denkschatze dieser Menschheit gewesen wäre.
-
-Was heute nun wieder zu Fechner zurückdrängt und auch da eine ganz neue
-Ansatzstelle öffnet, das ist in gewissem Sinne ja genau das Umgekehrte
-an Stimmung von dem, was damals zu Schopenhauer führte.
-
-Aber es ist genau ebenso eine +Gesamtstimmung+.
-
-Das neunzehnte Jahrhundert zwar kann sich in ihr nicht mehr
-rektifizieren, denn es ist um. Aber Jahrhundert hebt Jahrhunderturteil
-auf, wie es in dem Spruche heißt: „~Nemo contra Deum, nisi Deus
-ipse.~“ Es sind nicht ein paar Antiquare und antiquarische Gemüter,
-die den fortgeworfenen Schriften Fechners heute wieder nachspüren.
-
-+Optimismus+ sucht unsere Zeit.
-
-Das ist wahrlich ein größeres Wort als Gestirnseele oder als der
-antiquarische Buchname Fechner, -- wie Pessimismus ein ander Ding war
-als der mystische Wille und Schopenhauer.
-
-Um ihres Strebens, ihrer lang verhaltenen, überall aber elementar
-durchbrechenden philosophischen Sehnsucht nach konsequentem Optimismus
-willen klammert sich unsere Stimmung an Goethe, der zwar nie
-fortgeworfen, aber auch gründlich mißverstanden worden war. Und darum
-auch kommt sie auf Fechner zurück.
-
-Sein Name ist ein Zeichen heute, das kein Lächeln und Lachen über
-Pflanzenseelen und Gestirnseelen mehr fortschaffen kann. Er ist ein
-Symptom einer äußerst charakteristischen Wende, und das muß ernst
-genommen werden.
-
-Was Fechner wollte?
-
-Wie der Faden eines großen Kunstwerks läßt sich der Kerngedanke auch
-seiner ganzen Philosophie auf eine Nußschale schreiben.
-
-Der Angelpunkt liegt in dem schlichtesten Wort, über das auch im
-exaktesten Kreise doch unmöglich als solches gelacht werden kann: in
-dem Wörtchen +Natur+.
-
-In diesem Wörtchen steckt eben noch mehr als bloß etwas
-Spektral-Analyse oder Energiegesetz. Unsere größte Lebens- und
-Herzensfrage steckt allmählich darin. In vierhundert Jahren ist das
-langsam über uns gekommen, und es hilft keine Phrase mehr darüber fort.
-Das ganze achtzehnte und das ganze neunzehnte Jahrhundert ist eine
-einzige fortgesetzte Krisis vor diesem Begriff.
-
-Rekapitulieren wir noch einmal.
-
-Zuerst kam die große Zeit von Kopernikus bis auf Newton mit ihren
-überwältigenden äußeren Bildern der Natur. Die ungeheure negative Rolle
-des Neuen setzte ein. Vor den Sternen in Galileis Fernrohr verblaßte
-ein ganzer alter Lichthimmel. Vor dem Naturgesetz Newtons versank der
-Wunderbegriff. Wo einst Überwelt und kleine Erdenwelt eng aufeinander
-geprallt waren, da schob sich jetzt das Riesending dazwischen, das wir
-eben im neueren Sinne „Natur“ nennen: Myriaden Sonnen im Raum, Äonen
-der Vergangenheit, natürliche Entwickelung in der eisernen Hand des
-Naturgesetzes -- und diese Welt dem Forscher zugänglich, das leise
-Ticken ihres Lebens sich wiederspiegelnd auf seiner Uhr, ihr in allen
-Äonen gleichmäßig geregelter Schritt sich aufprägend auf seiner Wage.
-
-Auf einmal ist das da, gigantisch groß, zermalmend für unzählige
-altvertraute Vorstellungen, mit nichts mehr fortzudisputieren. Wir
-lieben es, das neunzehnte Jahrhundert im engeren hervorzuheben als die
-Epoche der Naturforschung, der Naturerkenntnis. In Wahrheit bezeichnet
-es nur den Wellenkamm, wo das Bewußtsein des Erreichten einsetzt. Ein
-Werk wie Humboldts „Kosmos“ ist charakteristisch für dieses Jahrhundert
-als eine Zusammenfassung, ein erster, ganz großer Rechnungsabschluß.
-
-Lange ehe es dazu kommt, setzt aber bereits eine ganz andere Linie ein,
--- eine, die ebenso folgerichtig einsetzen mußte.
-
-Der Begriff Natur hat die ganze sichtbare Welt erobert. Streng genommen
-sogar die unsichtbare. Wo der alte Glaube Himmel und Hölle jenseits der
-Schranke unseres Sehens träumte, träumt er immer noch wieder Sterne. In
-die Ewigkeit reicht sein Naturgesetz.
-
-Aber ob nun da oben durch die Fugen der Aetherglocke der Schimmer des
-Paradieses blitzt oder ob Sterne kreisen im leeren Raum, getragen vom
-Gravitationsgesetz: auf der Erde sitzt der gleiche Mensch, stützt den
-Kopf auf die Hand und fragt sich, wie er sich in ein Verhältnis setze
-zur Welt.
-
-Ist die Welt „Natur“ geworden, -- wie also zu dieser Natur?
-
-Einen Augenblick, unter dem Krachen der alten Säulen, kann er
-vielleicht meinen, mit diesen Säulen sei jenes Anschlußbedürfnis selber
-zerstört. Aber das ist nur ein negativ übertäubter Moment. Mensch
-bleibt Mensch. In dem alten Tempelbau ließ sich leben. Wie ist’s nun in
-der Natur?
-
-Wenn die Flut eine halbe Insel wegreißt und die Leute auf ein Viertel
-des alten Raumes drängt; wenn ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch eine
-ganze Stadt wegtilgen: die verschüchterten Menschen meinen auch zuerst,
-jetzt würden sie ewig im Chaos bleiben; in ein paar Jahren haben
-sie sich doch wieder eingerichtet, so gut es geht, und die nächste
-Generation weiß es schon nicht anders.
-
-Die Naturerkenntnis verhieß nun umgekehrt sogar unendlichen Zuwachs.
-Für den engen Tempel eine Sternenwelt. Immerhin lag das alte Haus für
-den Moment unter der Lava und es wollte ein neues Dach gebaut sein,
-unter dem der Mensch die Sterne ruhig ertragen konnte.
-
-Die Linie, die von hier heraufkommt, darf man gar nicht in der Weise,
-wie jene erste, grundlegende, zunächst bei den Naturforschern suchen,
-ja nicht einmal bei den Naturphilosophen vom abstrakten Feld.
-
-Die Frage, wie man praktisch, als ganzer Mensch mit allen echten,
-unzerstörbaren Menschenbedürfnissen, mit der „Natur“ leben solle, ist
-in ihrer eigentlichen Intensität auch von den intensivsten Ganzmenschen
-zuerst brennend gestellt worden: den +künstlerischen+ und
-+ethischen+ Köpfen.
-
-Ihre größte erste Entladung in der Tiefe des achtzehnten Jahrhunderts
-liegt nicht bei irgend einem exakten Naturforscher (nicht einmal bei
-Newton), sondern bei Rousseau.
-
-Rousseau kämpfte im Kleinen noch einmal den ganzen Kampf des Alten und
-Neuen bei sich aus.
-
-Als eine durch und durch ethische Natur lief er zunächst mit dem
-harten Kopf gegen moralische Widersprüche in seiner Zeit. An der
-Unmöglichkeit, sie mit dem alten Glauben noch zu lösen, erkannte er die
-Krisis des neuen Menschen. Der Mensch mußte sich mit irgend etwas neu
-einrichten, um diesen Dampf zu durchdringen.
-
-In dieser Stimmung bot sich ihm das Wort „Natur“.
-
-Die Natur erschien ihm als die Erlösung. Heim ans Herz der Natur!
-
-Rousseau zuerst suchte in der Natur mit der ganzen Inbrunst des
-Erlösungsringers nicht die Ziffern irgend einer Naturforscherrechnung,
-ja nicht einmal philosophische Spekulation: er suchte in ihr einen
-neuen ethischen Grundwert und Urwert, den Fels, an den der neue Mensch
-sich klammern könnte, den ruhenden Punkt des Gemütes, das Herz, an das
-dieses Gemüt heim wollte.
-
-Es ist die Tragik in Rousseaus Leben, daß der Begriff Natur bei alle
-dem ihm selber ein schwankender, halber, phantastisch-unklarer blieb.
-Er mußte eine sentimentale Natur erfinden, die in dieser Form für
-die nächste Folge dem Fortschritt der echten Naturerkenntnis schroff
-entgegenstand. Und selbst darin blieb er halb.
-
-Hätte Rousseau die Kraft des Wissens und der Phantasie gehabt, seinen
-Naturbegriff wirklich groß und suggestiv zu machen, so wäre er mit
-seiner ethischen Wucht ein Religionsstifter geworden, wozu er in
-vielen Zügen das Zeug hatte. So blieb er in der Natur-Krisis stecken,
-allerdings mit einer ungeheuren Wirkung innerhalb dieser Krisis. Ein
-Gewaltigerer löste ihn ab: Goethe.
-
-Auch Goethes Leben ist ein unausgesetzter Kampf um den Natur-Begriff.
-
-Goethe ist eine unendlich viel positivere Gestalt als Rousseau, schon
-weil er viel stärker Künstlernatur ist.
-
-Er geht für sich niemals so herb von dem Riß zwischen Alt und Neu
-aus. Viel mehr Naturforscher auch als Rousseau, steht er von Anfang an
-fester auf dem Natur-Boden. Von Spinoza her ist er zugleich auf den
-Einheitsbegriff gedrillt. Ihm kann der Schnitzer nicht passieren, daß
-er nun doch noch wieder den Riß in die Welt hineinprojiziert und einen
-Schnitt macht zwischen Natur und Kultur, die Kultur als Abfall ansieht
-von einer künstlich konstruierten „Natur“.
-
-Goethe ist es, der, nicht abstrakt wie Spinoza, sondern künstlerisch
-schauend, das Wort einführt: „Gott-Natur“.
-
-Wenn ein Wort die Probleme hier wie irgendwo endgiltig lösen könnte, so
-wäre die Schlacht für diese ganze Linie damit gewonnen gewesen.
-
-Aber Goethe selbst hat in unablässigem Ringen, Tasten, Versuchen
-deutlich genug gezeigt, wie sehr er sich bewußt war, daß das Wort erst
-eine Direktive sei, keine Erfüllung. Vielleicht das Größte, was er uns
-im Kampfe um den Naturbegriff geleistet hat, war aber der Mut, mit dem
-er dem Ding ins Auge schaute, ohne jede Sorge, es könne ihn fressen,
-statt ihn zu erlösen.
-
-Es lag schon in der Luft damals, dieses Gefressenwerden durch den
-Natur-Begriff. Ganz langsam hatte sich in die große Linie der
-Naturforschung der seltsame Faden hineinversponnen, von dem ich schon
-gesprochen habe.
-
-Da stand der große neue Lichtbau der Welt, aufgemauert mit cyklopischen
-Quadern der Forschung. Aber nun der Mensch sich darin einrichten
-wollte, hing über der Tür plötzlich etwas wie ein Gorgonenschild.
-
-Die Natur ist das Absolute; aber dieses Absolute ist ein sinnloser
-Blödsinn!
-
-Eine närrische Ausgeburt des Chaos, diesem Chaos wieder verschrieben
-mit Leib und Seele!
-
-In herrlichem Siegeszuge hatte die Naturforschung in der Rechnung ein
-Mittel erkannt, dem Geheimgewebe der Natur in die Maschen zu rücken;
-jetzt hieß es: die Natur selber ist nichts anderes, als eine dürre
-Ziffernfolge. Wir selbst sind auch nur gleichgültige Ziffern darin.
-Ein wahnsinniger Totentanz rast die Wirklichkeit an uns vorüber. An
-uns, -- an ein paar Spiegelplättchen für Momente. Morgen ist alles
-aus. Was war im Grunde die ganze Erkenntnisjagd? Ein tappender Gang im
-Labyrinth, Kammer um Kammer durch, von Treppe zu Treppe. Bis endlich,
-unentrinnbar, in der tiefsten Zelle, der schwarze Minotaurus saß, der
-uns alle fraß. Warum? Danach durfte man nicht mehr fragen.
-
-Goethe kannte diese Auffassung ganz genau.
-
-Er hat sein Leben lang Aug in Auge mit ihr gestanden.
-
-Er wußte, daß hier die Stelle war, wo der Natur-Begriff seinen
-wildesten Versucher in sich selbst hatte, wo er, mit einem Schritt nur
-über die Kante, hoffnungslos abstürzte in den Pessimismus.
-
-Wenn der Natur-Begriff über diese innerlichste Krisis nicht gerettet
-wurde, so war seine ganze Zukunftsrolle verspielt. Denn im Pessimismus
-dieser absolut hoffnungslosen Art würde die Menschheit sich nicht
-dauernd zufrieden geben. Durch irgend eine Spalte würde die alte,
-überwundene Weltanschauung, die vor Copernikus und Galilei zersplittert
-war, wieder zurückkriechen und von dieser verrannten Ecke aus den
-ganzen wundervollen Lichtbau der Naturforschung überhaupt wieder
-auseinandersprengen.
-
-Was Goethe sich bei dem Begriffe Gott-Natur dachte, war in allen
-Phasen seines Lebens immer der schärfste Protest gegen diese
-+Nachtansicht+ der Natur.
-
-Aber obwohl er ein unendliches Stück darin weiter als Rousseau kam,
-lag es doch gerade in seiner Art, den ganz festen Formulierungen aus
-dem Wege zu gehen. In einzelnen glücklichen Momenten glaubte er an
-optimistische Grundfäden der Natur auch als Forscher zu rühren, -- so
-wenn er dem Begriff der Steigerung in der Naturentwickelung nachsann.
-Am sichersten aber hat er sich immer nur in der Dichtung, als Künstler,
-ausgesprochen. Da war er sich völlig klar und goß seine lichte Klarheit
-auch über andere aus, ein Apostel eines Natur-Begriffs, der den
-Menschen wirklich mit ganzer Erlöserglut wieder emporzog, anstatt ihn
-in die Minotaurus-Höhle zu stoßen.
-
-Nur so konnte er, der Naturforscher, der in jeder Faser das echteste
-Kind des Natur-Zeitalters nach Copernikus und Galilei war, die
-Erlösungsdichtung des Faust schreiben: die Dichtung vom Menschen, der
-nicht vom Minotaurus gefressen wird, sondern am Bande eines ehernen
-optimistischen Naturgesetzes durch alle Sphären der Welt strebend
-emporwandelt, selber ein aktives Stück Welt, nicht ein sinnloses
-Spiegelplättchen.
-
-Sehr bezeichnend für die Auffassungen des Natur-Begriffs ist im Engeren
-im Faust die Szene mit dem Erdgeist.
-
-In ihrer veredeltsten, abgeklärtesten Form erscheint in des Erdgeists
-Worten jene Natur-Definition, die für das einsame Ringen des Menschen
-keinen Anschluß hat. Nicht in der Minotaurus-Gestalt, sondern so groß,
-daß das Wort auch für sie fallen darf von der Gottheit lebendigem
-Kleid. Und doch als absolut fremde, in sich geschlossene Welt, die
-auf und ab webt in Lebensfluten und Tatensturm als völlig in sich
-stimmende Rechnung, in der nur unsere Qual, unsere Sehnsucht, unser
-Erlösungsbedürfnis nicht mitverrechnet sind. Ein kosmisches Schauspiel,
-das uns im Grunde gar nicht berührt, das sich abrollt vollkommen ohne
-uns.
-
-Mag das eherne Antlitz dieses Erdgeistes ein Ziel sogar für sich haben,
-auf das es starrt, -- unser Ziel ist es jedenfalls nicht, nie werden
-wir es begreifen; wir werden blutend auf dem Opferstein liegen und
-nicht einmal wissen, warum wir geopfert werden. Ein furchtbares Phantom
-in all seiner Größe steigt der Erdgeist auf, singt sein Lied und
-versinkt; Faust, der ringende Mensch, bleibt auf den Knieen liegen und
-ist im Grunde so klug wie zuvor. Schließlich ergibt er sich lieber dem
-Teufel, dem Pessimismus, bloß um wenigstens irgend eine Tat zu tun und
-damit aktiv in der Welt zu bleiben, -- anstatt sich dort dauernd zum
-hilflosen Zuschauer verdammt zu sehen vor dem Tatensturm einer Natur,
-die ihn innerlich nichts angeht.
-
-Es liegt nahe, von Goethes Erdgeist auf Fechner zu kommen.
-
-Doch nicht so um des äußeren Wortes willen und weil es gerade auch bei
-ihm eine Rolle spielt; sondern wegen jenes tieferen Zusammenhangs in
-der Natur-Idee.
-
-Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Anstieg der Naturforschung
-zum Triumph, zum wohlberechtigten. Aber auch die Verwickelung des
-Natur-Begriffs wurde trotz Goethe eine immer größere.
-
-Erst in diesem Jahrhundert, in der Epoche Darwins, geriet der Mensch
-endgiltig in den Naturzusammenhang hinein, in einer prachtvollen
-logischen Verknüpfung. Und doch, seltsam genug: je fester, je
-energischer man den Menschen körperlich und seelisch, geschichtlich
-und individuell in die Natur verknotete, in sie ein-, in ihr aufgehen
-ließ, desto größer schien die Lust, eben diese Natur so unwirtlich
-und unwohnlich für alle praktischen Bedürfnisse des Ganz-Menschen zu
-definieren, wie nur irgend denkbar.
-
-Weil ihr Verlauf ein gesetzmäßiger ist, sollte er ein sinnloser sein.
-
-Weil wir eine tiefe Logik der Dinge gewahren, die auch aus einer
-scheinbar chaotischen Zertrümmerung aller kosmischen Gebilde dennoch
-immer wieder eine der Harmonie sich annähernde Welt heraufentwickeln
-würde, sollte der Kosmos in Wahrheit ein Chaos sein.
-
-Weil es die Natur war, die im Menschengeiste sich zu grenzenlosen
-Herrlichkeiten der Erkenntnis, der Kunst, der Ethik emporgearbeitet
-hatte, sollten alle diese Errungenschaften plötzlich gleichgültige
-Seifenblasen eines törichten Spieles sein.
-
-Immerfort hat dieses Jahrhundert dem Menschen einschärfen wollen, daß
-er in der Natur als seiner umfassenden Idee aufgehe, -- aufgehen müsse,
-weil diese Natur im monistischen Sinne Goethes das wahre All sei, in
-dem es nicht ein Außen und Innen gebe. Und immer hat dieses gleiche
-Jahrhundert dem Menschen tatsächlich an den Kopf geworfen, daß er in
-der Natur unterzugehen habe, unterzugehen wie ein armer Schwimmer, der
-sich sträubt und sträubt und den der tückische Strudel endlich doch in
-seinen schwarzen Abgrund saugt.
-
-Und der Erfolg ist Pessimismus gewesen, Pessimismus bis über die
-Ohren, während draußen alle bunten Triumphraketen der grandiosesten
-Naturerschließung prasselten.
-
-Ein Mann aber, der sich gewehrt hat gegen diese Definitionen mit aller
-Kraft seines unsagbar reichen und logischen Geistes, war Fechner.
-
-Es ist äußerst bezeichnend für Fechner, daß er gerade das war, was
-Goethe Zeit seines Lebens am wenigsten der Anlage nach gewesen ist:
-exakter Physiker.
-
-Er kam gleichsam aus der engsten Geheimzelle der modernen
-Naturforschung, vom feinsten Räderwerk des ganzen Getriebes. Bei ihm
-ist kein Zweifel über richtige Handhabung der Forschungsmethode, kein
-Zweifel über die Beherrschung der Forschungsresultate seiner Zeit. Wo
-er als reiner Sachforscher im Detail aufgetreten ist, da hat er sich
-ausnahmslos den Ruf eines geradezu klassischen Arbeiters erworben.
-Wer sich die Mühe gibt, auf Eleganz der Methode bei ihm nachzuprüfen,
-der wird den Verfasser der Elemente der Psychophysik unbefangen neben
-Gauß, Weber, Faraday und Helmholtz in der Geschichte der modernen
-Naturforschung stellen können.
-
-Und doch lag Fechners Denker-Ehrgeiz tatsächlich auf einem anderen
-Gebiete, weit darüber hinaus. Auch er wollte den Naturbegriff selbst
-reformieren, ihn endlich, angesichts so erdrückenden Naturmaterials der
-Forschung, zu einem wirklichen Hause umschaffen, in dem sich für den
-ganzen Menschen wieder +wohnen+ ließ.
-
-Und dieser Fechner ist es, der uns heute, nachdem die Krisis des
-Begriffs nachgerade wieder einmal fünfzig Jahre gedauert hat, auch erst
-recht wieder interessiert.
-
-In drei Werken hat er seine Allgemein-Anschauungen niedergelegt, in
-der Mitte seines Schaffens in „Nanna“ und „Zend-Avesta“, im Alter in
-der „Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht“. Es sind keine leichten
-Bücher, die man in einer müßigen Stunde wie einen Roman lesen kann.
-Ich denke aber, die Frage, ob es eine Versöhnung von Optimismus und
-moderner Naturanschauung geben könne, ist auch nicht die Frage einer
-müßigen Stunde.
-
-Was Fechner im ganzen versucht hat, das ist eine +ungeheure
-Hilfskonstruktion+ zu dem Satze: was könnte die „Natur“ doch noch
-in einem optimistischen, unser Sehnen beruhigenden Sinne sein unter
-Achtung aller festen oder fest geglaubten Tatsachen und Lehrsätze der
-exakten Naturforschung von heute?
-
-Es ist bei dieser Stellung der Frage von vornherein klar, daß kein
-Rückfall mit ihr möglich ist in eine Weltauffassung, die mit diesen
-Tatsachen und Lehrsätzen noch nicht gerechnet hatte, als sie entstand,
-und die in der Folge sich nur in erklärtem Widerspruch zu ihnen
-erhalten hat.
-
-Das unzerstörbare Walten der Logik im Naturgesetz, das jedes „Wunder“
-ausschließt; die Einheit aller Dinge Himmels und der Erden im
-monistischen Sinne ohne jedes „Hinter der Natur“, die den ganzen
-alten Dualismus und die ganze alte, schlechte Sorte der Metaphysik
-fortstreicht; das ewige Gebundensein alles Seelischen an einen
-materiellen Untergrund, mit dem alle Gespensterei und Theorie der
-stofflich unabhängigen Seelen aufhört: -- solche und ähnliche Sätze der
-Naturforschung sind für Fechner eherne Säulen, die fertig dastehen, ehe
-er seine ganze Konstruktion anfängt, und bei denen eben jene Achtung in
-Kraft tritt.
-
-Was er aber behauptet, das ist: daß jenes pessimistische
-Minotaurusbild, ja auch schon jenes ganz indifferente Bild einer kalten
-Weltenrechnung ohne inneren Anschlußpunkt für uns, eben selber auch nur
-eine Hilfskonstruktion innerhalb dieser Säulen sei -- und zwar weder
-die einzige, noch auch die logisch beste.
-
-Im Gegenteil.
-
-Es läßt sich eine optimistische Hilfskonstruktion denken, die dem
-Harmonie- und Erlösungsbedürfnis des Menschen vollkommen gerecht wird
-und den Menschen aktiv an die Natur angliedert als den umfassenderen
-Organismus, ohne daß dabei ein Titelchen verrückt zu werden braucht
-an jenen Grundsäulen der Forschung. Und es läßt sich gerade diese
-Hilfskonstruktion innerlich sogar mit einer konsequenteren Logik
-zwischen diese Säulen einbauen, als es für jene andern denkbar ist. Das
-ist Fechners wesentlichstes Denkbekenntnis.
-
-Das „Wie“ seiner Konstruktion steht in den drei Büchern. Es läßt sich
-darüber streiten, und Fechner verlangte, daß man darüber stritt,
-eventuell ihn widerlegte.
-
-Der Schmerz seines Lebens war, daß man ihn statt dessen totschwieg.
-
-Nie hat er das vollauf berechtigte Gefühl überwunden, daß es sich
-um Fragen von solcher Heiligkeit, Fragen auf Leben und Tod wie des
-modernen Menschen, so der modernen Naturforschung, hier handle, daß
-diese Antwort absolut unwürdig sei.
-
-Heute würde er es als einen neuen Beweis seines optimistischen
-Naturprinzips selbst hinnehmen, daß die Geistesentwickelung uns ganz
-von selber darauf führt, die alte Sünde wett zu machen.
-
-Im Moment, da wir nach so viel abgeflossenen schwarzen Wassern des
-Pessimismus wieder Optimismus suchen, sind wir mit drei Schritten
-wie bei dem Sänger der Gott-Natur, so auch wieder bei dem stillen
-Philosophen im Leipziger Rosental.
-
-Denn so viel Stationen der modernen Geisteswallfahrt nach dieser Seite
-haben wir nicht, daß wir im Gedränge fehl gehen könnten.
-
- * * * * *
-
-In dem großen Kampfe um den Natur-Begriff steckt aber noch ein tieferer
-Kampf.
-
-Der Kampf überhaupt um die +Wirklichkeit+.
-
-Um Begriff und Sinn und Kraft der Wirklichkeit.
-
-Auch um sie hat das neunzehnte Jahrhundert unablässig gerungen, mit
-und ohne Wissen, mit und ohne Segen, aber rastlos, unermüdlich.
-
-Es ist seltsam: ganz andere Erinnerungsfäden spinnen sich mir an, ganz
-andere Assoziationen, wie ich an dieses Wort „Wirklichkeit“ denke.
-
-Kampfbilder tauchen mir zunächst auf aus dem ästhetischen Gebiet. Wie
-ist in den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts gestritten worden
-über den Begriff des Realismus in der Kunst, -- über Wirklichkeitskunst!
-
-Auch von dieser ästhetischen Fehde ist im Persönlichen heute viel
-antiquiert.
-
-Da hängt Zola’s Bild an meiner Wand. Zola ist tot.
-
-Dort stehen die grünen Hefte der „Freien Bühne“, der deutschen
-Zeitschrift, in der die Rede vom Naturalismus und Realismus der Kunst
-so lautes Leitwort war. Das trotzige Frühlingsgrün ihrer Umschläge ist
-zum sanften Grau abgeblaßt. Ach ja! Moderne Umschlagsfarben halten kein
-Jahrzehnt! Es ist mir aber auch schon wie ein Omen zur Sache.
-
-Und doch war dieser engere ästhetische Zwist eine so notwendige Farbe
-in jenem größeren Streit, -- dem eigentlichen Geisteskampfe um die
-+Wirklichkeit+.
-
-Durch ihn mußte durchgehen, wer hier auftauchen wollte, auftauchen in
-eine freiere Luft.
-
-So lange ich rückschauend mich selbst ernst nehme als Arbeiter, hat das
-Problem mich bewegt des Verhältnisses zwischen Naturforschung oder von
-ihr getragener Naturphilosophie -- und Kunst. Erste Lösungen, die ich
-versucht habe und an denen ich eine Weile einmal Freude hatte wie an
-einem braven Funde, sind mir heute bloß Lehrgeld. Erst ganz allmählich
-aber ist mir dabei wenigstens +ein+ echter Wert aufgegangen:
-nämlich Respekt vor der ungeheuren Wucht und Macht jeder Einmischung
-überhaupt des Ästhetischen ins allgemein Philosophische.
-
-Wenn die Kunst sich aufrafft und spricht, so tritt allemale eine Riesin
-aufs Schlachtfeld.
-
-Eine Tiefe des Menschen ist aufgewühlt, an die kein Instrument der
-Forschung heran konnte. Dieser Quell wird nicht planmäßig erbohrt
-und fließt in bequemen Röhren ab: er gährt auf, bringt mit oder
-verschlingt, je nachdem. Immer aber ist die Sachlage völlig verändert,
-wenn die Kunst darüber gerauscht ist.
-
-Erst von hier aus glaube ich heute auch zu ahnen, was +hinter+
-jenem Kunstkampfe um den Realismus stand.
-
--- -- --
-
-Wie oft ist versucht worden, das neunzehnte Jahrhundert gegen das
-achtzehnte durch irgend ein scharfes Ereignis abzugrenzen. Durch die
-französische Revolution. Oder durch Goethes Tod. Man gab hier, dort ein
-Jahrzehnt, ein paar Jahrzehnte zu. Immer vergebens.
-
-Mit eigentlichen Ereignissen im gewöhnlichen Sinne glücken wahre
-weltgeschichtliche Trennungen überhaupt nie. Die Antike schließt so
-wenig mit der Absetzung des Romulus Augustulus, wie das Mittelalter
-wirklich endet mit der Entdeckung Amerikas.
-
-Man muß den Begriff „Ereignis“ in einer tieferen, einer verfeinert
-geistigen Bedeutung fassen.
-
-Ein tiefstes innerliches Erleben, eine langsame Geistesströmung der
-Menschheit, lange im Unzulänglichen gehalten, wird endlich „Ereignis“
-im Faustischen Sinne. An solchem Ereigniswerden gehen dann in der Tat
-Weltalter auseinander, an ihm gliedert sich die Geschichte zu Epochen
-voneinander wie ein grandioses Kunstwerk.
-
-Aber diesen Vollzug bezeichnet kein Name einer Person, keine
-Staatsaktion, keine Explosion und kein Landruf aus dem Mastkorbe eines
-Entdeckerschiffs.
-
-Wir finden dafür immer nur eines jener begrifflichen Worte, ein
-ideelles Leitwort aus dem begrifflichen Denken heraus, das uns
-allerdings in solchem Moment daran mahnen mag, wie dieses begriffliche
-Denken des Menschenhirnes selber eine Art geheimnisvollen Sinnesorgans
-sei, das gerade da in den innersten Säulenbau der Weltendinge und
-Geschichtsdinge schaut, Zusammenhänge, Umfassungen, Trennungen sieht,
-wo das gewöhnliche Auge versagt.
-
-Auch das neunzehnte Jahrhundert hat sein begriffliches Leitwort.
-
-Es lautet: Wirklichkeit.
-
-Das Ereigniswerden dieses Wortes in der Menschheitsseele bildet den
-eigentlichen Leib, das eigentliche Individuum dieses Jahrhunderts,
--- die Kristallisationsform der Menschheit, die immerhin der äußeren
-Ziffer von achtzehnhundert Jahren seit Christi dunkler Geburt am
-nächsten steht.
-
-In diesem Wörtchen Wirklichkeit liegt auch alles, was das neunzehnte
-Jahrhundert vom achtzehnten trennt. Um dieses Leitwortes willen
-erscheint es dem raschen Blick so stark als „Tat“ zu dessen „Gedanken“.
-
-Es lag dieser Tat aber doch in Wahrheit ein anderer, ein eigener
-Gedanke zugrunde.
-
-Das achtzehnte Jahrhundert (in diesem Sinne immer jetzt nur als eine
-lose Annäherung gefaßt an die Jahresziffer) philosophierte abstrakt,
-träumte, dichtete, phantasierte, lebte und schwelgte in Gefühlswelten.
-
-Alle seine Maßstäbe waren ästhetische.
-
-Seine Naturgeschichte war Naturphilosophie.
-
-Seine soziale Besserungssehnsucht wandelte in Utopien, versenkte sich
-in mystische Gründe, konstruierte sich eine romantische Geschichte,
-die nie existiert hat, und baute darauf in die Wolken hinein eine
-märchenhafte Zukunft.
-
-Immer hat dieses Jahrhundert einen Stich ins Ungemessene, ein
-Überfliegen der Dinge durch den Gedanken, eine naive Befreiung von der
-Schwere.
-
-Das neunzehnte Jahrhundert kennt nur einen Maßstab: den technischen.
-
-Sein Blick ist auf einmal kurz, aber auf diese kurze Spanne
-mikroskopisch scharf.
-
-Sein Boden, seine eigentliche Erdwissenschaft, aus der Antäus Kraft
-schöpft, ist die Naturgeschichte, aber sie ist jetzt im echten Sinne
-Naturwissenschaft und nur solche.
-
-Auf ethischem, auf sozialem Gebiete ist es das Jahrhundert der
-kurzen Programme, die nicht die Welt neuschöpfen wollen, sondern
-einen einzigen nächsten besseren Schritt eisern ins Auge fassen,
-ganz nüchtern, -- für diese Menschheit, für dieses Leben, für diese
-Prozentziffer Schlechtigkeit weniger und für diesen konkreten Laib Brot
-mehr.
-
-Hinter allen Taten dieses Jahrhunderts scheint obenan der Gedanke zu
-stehen: beschränken wir uns.
-
-Beschränkung ist aber keine Beschränktheit. Man nimmt dem Worte die
-Spitze, wenn man sich das Wesen jenes Beschränkens aus seinem Kern
-heraus klar macht.
-
-Das neunzehnte Jahrhundert hat alle seine Siege erfochten im Zeichen
-der Wirklichkeit.
-
-Dieser Begriff gerade in dem Sinne, wie ihn das Jahrhundert am meisten
-im Munde geführt hat, kommt aber selbst nur zustande durch eine
-Beschränkung.
-
-Das muß erfaßt werden, wenn man den Dingen gerecht werden will.
-
-Wir gebrauchen das Wörtchen „wirklich“ gewöhnlich in einer Auffassung,
-über die ein Zweifel nicht möglich scheint.
-
-Wirklich ist das Blatt, ist der Tisch, auf denen ich diesen Satz
-schreibe. Wirklich ist die Tapete meines Zimmers, der Ahornbaum vor
-meinem Fenster, der Schornstein der Fabrik, der darüber vorlugt, der
-Blitzableiter auf diesem Schornstein, und der Vogel, der eben darüber
-hin fliegt. Wirklich ist der Atlantische Ozean, ist Amerika, ist die
-Stadt New-York. Wirklich war einmal im neunzehnten Jahrhundert, einige
-siebzig Jahre lang, der Darwin, dessen Bild dort an der Wand hängt.
-
-Nicht wirklich ist dagegen die Hallucination des Fieberkranken, die
-sich als Gestalt im Zimmer dort bewegt, einen bestimmten Teil der
-Tapete dort ihm verdeckt, menschliche Worte zu ihm spricht. Nicht
-wirklich sind die Sirenen und Cyklopen der homerischen Gesänge. Niemals
-wirklich war die Traumlandschaft, in der ich heute Nacht im Schlafe
-unwirkliche Abenteuer ausgefochten habe. Niemals wirklich waren Faust
-und Gretchen.
-
-Es ist diese Wirklichkeit ~sans phrase~, auf deren Ergründung,
-deren Wiedergabe die ganze Forschung, die ganze Naturforschung beruht.
-
-Und es ist jene Unwirklichkeit, deren Ausmerzung bis in den heikelsten
-Schlupfwinkel hinein ebenso sehr Ziel und Bedingung dieser Forschung
-ist.
-
-Gleich diese erstbesten Beispiele zeigen aber auch aufs klarste, daß
-und was für eine Voraussetzung hierbei stillschweigend gemacht ist.
-
-Eine Voraussetzung, die eine Beschränkung ist.
-
-In einem umfassenderen Sinne sind auch die Sirene und das Fieberphantom
-„Wirklichkeiten“. Die Sirene hat vor zweieinhalb Jahrtausenden in
-der Phantasie von kleinasiatischen Schiffern gelebt. Der redende,
-raumfüllende, schattenwerfende Unhold des Fiebernden lebt mindestens
-einen Augenblick lang in dieses Einzelnen Phantasie. Die Landschaft
-meines Traumes war für mich Realität, solange ich träumte.
-
-Es ist aber zur Klärung gut, das Wort hier zu ändern.
-
-Beides, das sogenannte Wirkliche und das sogenannte Unwirkliche, lösen
-sich tatsächlich auf vor einem höheren Begriff.
-
-Vor dem Begriff des +Erlebnisses+.
-
-Ganz zweifellos: der Ahornbaum da draußen, der Tisch hier vor mir, die
-Tapete neben mir, der atlantische Ozean, Amerika und die Sirene, der
-Cyklop, der Fieberkobold und Fausts edle Denkerstirn: sie sind alle
-gleichermaßen Erlebnisse. Ich habe meinen Wald im Traume heute Nacht
-erlebt; und der Kleinasiate von so und so viel hundert vor Christo hat
-seine Sirene erlebt; und Goethe hat Faust und Gretchen erlebt -- ganz
-genau so, wie Kolumbus Amerika erlebt hat, als er den Schaft seiner
-spanischen Fahne in den Ufersand von San Salvador stieß, oder wie ich
-jetzt und wachend den Ahornbaum mit seinen gelben Herbstblättern dort
-draußen erlebe. Erlebnis ist einfach alles.
-
-Aber nun in diesem Erlebnisse die Unterscheidung, die Einschränkung.
-
-Die Hallucination sehe ich als Fieberkranker +allein+.
-
-Wenn ich andern beweisen will, daß dort vor der Wand jetzt eine
-schreckhafte Gestalt stehe, so lachen sie mich aus und erklären mich
-für krank. Wenn ich erzähle, daß ich heute Nacht in einem bunten
-Märchenwalde spazieren gegangen bin, so halten mir andere entgegen, daß
-sie mich zu dieser Zeit haben im Bette liegen und schlafen gesehen.
-
-Umgekehrt, den Ahornbaum und den Schornstein da draußen sehen alle
-Menschen mit normalen Augen genau so gut wie ich.
-
-Wenn wir zu mehreren sprechen, so rechnen wir mit ihm als etwas
-Gemeinsamem. Es liegt eine Identität unseres Erlebens vor. Mag sie auch
-keine absolute sein, da jeder schließlich doch den Ahornbaum etwas
-subjektiv anders sieht als der zweite und dritte. Aber diese Differenz
-ist zu gering, um ein ernstes Hemmnis abzugeben.
-
-Kein Zweifel: es ist in diesem zweiten Falle ein +soziales+ Moment
-berührt.
-
-Die „Wirklichkeit“ des Ahornbaumes wird bestimmt durch das
-identische Urteil vieler, sie fußt auf einem Kollektiverlebnisse,
-sie kommt zustande, man möchte sagen, durch eine Abstimmung, einen
-Majoritätsbeschluß. Bei der Hallucination fehlt dieser Beschluß
-vollständig.
-
-Das soziale Moment beginnt ja schon in mir selbst.
-
-Jeder einzelne von uns ist doch in sich schon eine Art sozialen Wesens
-hinsichtlich seiner Erlebnisse. Bloß kein räumliches, sondern ein
-zeitliches.
-
-Ich löse mich zeitlich rückwärts in Tausende und Tausende von Personen
-auf, die etwas erlebt haben. Diese Tausende verknüpft allerdings
-ein Gemeinsames, Identisches. Schon das Gedächtnis ist ja ein
-solches Identisches. Aber hinsichtlich der Erlebnisse stellt sich
-gleichwohl eine Kette von Personen dar. Auch diese Personen legen nun
-schon ihre Erlebnisse zusammen und erzielen in mir selbst ähnliche
-Majoritätsbeschlüsse. Ich selbst werde schon zu einer Unterscheidung
-genötigt zwischen dem Ahornbaum und dem Traumwald. Die tausendfache
-Prozentziffer des immer erneuten Ahornbaum-Erlebnisses mit allem, was
-darum und daran hängt, erhebt sich mit einer schweren Majorität gegen
-das einmalige Traum- oder Fiebererlebnis.
-
-So arbeitet aus mir bereits etwas jenem Sozialbeschlusse der vielen
-Menschen entgegen.
-
-Aber die innere Unterscheidung des Einzelnen würde in unzähligen Fällen
-doch nicht ausreichen.
-
-Man denke an den Zustand eines Irrsinnigen, der subjektive fixe Ideen,
-hallucinatorische Erlebnisse viele Jahre lang ebenso regelmäßig haben
-kann wie den Anblick des Ahornbaumes. Die eigentliche Entscheidung
-fällt erst die soziale Gemeinschaft mehrerer, schließlich, als
-Idealziel, +aller+ Menschen.
-
-Die schrankenlose Flut der Erlebnisse wird durchgesiebt auf das
-Identische, das Gemeinsame hin. Und so erst entsteht das, was wir
-konventionell Wirklichkeit oder Wahrheit nennen.
-
-Durch ein Filtrieren, ein Ausschließen.
-
-Durch einen Akt der Beschränkung!
-
-Je mehr Gleichartigkeit, je mehr Stäte für möglichst viele Menschen
-in den Erlebnissen, desto stärker anwachsend der Schatz an
-„Wirklichkeiten“, der Wahrheitsschatz der Menschheit in ganz bestimmtem
-Sinne.
-
-Es liegt wahrlich nichts in dieser Herkunft, was den
-Wirklichkeitsbegriff herabsetzen könnte.
-
-Jene schlichte Tatsache, daß ein gewisser Kreis von Erlebnissen sich
-bei mehreren oder gar allen Menschen deckt, ist eine Grundtatsache
-überhaupt zum Zustandekommen jedes sozialen Zusammenschlusses der
-Menschen gewesen von Anfang an. Auf Grund nur davon haben sie sich
-verständigen können. Diese „Wirklichkeit“ ist das eigentliche Band
-der Zersplitterten geworden, die größte Identität, in der sie sich
-zusammenfanden. Zusammenfanden zu gemeinsamer Arbeit.
-
-Dieses Herausheben einer gewissen Reihe von Erlebnissen aus dem
-regellosen Andrange als „Wirklichkeit“ war der erste große Schritt zu
-einer +Ordnung+ der Dinge, die dem Menschen eine neue Stellung in
-der Welt verhieß.
-
-Denn an diese Ordnung schloß sich die Beherrschung, die Herrschaft über
-die Natur, über die „Wirklichkeit“.
-
-In diesem Begriffe, der sozial gedacht war, konnte die Menschheit ihre
-Einzelarbeit summieren, vor ihm konnte sie gemeinsam vorgehen, wo der
-einzelne ohnmächtig versagte.
-
-Das ganze Wort Kultur hat eine Wurzel hier.
-
-Vielleicht gibt es kein schärferes Trennungszeichen zwischen einem
-Naturvolke und einem Kulturvolke, als das Steigen im Wertmesser einer
-für alle im Volke gemeinsamen „Wirklichkeit“.
-
-Wo der Begriff mit Bewußtsein erfaßt wird in der Gesamtgeschichte,
-da ist es, als überschreite die Kultur eine Wasserscheide ihrer
-Entwickelung.
-
-Die Vorstellung einer ganz „objektiven Wahrheit“ wird in dem
-Augenblicke geboren und damit eigentlich das Fundament gelegt für alle
-höhere Wissenschaft und Forschung.
-
-Ungeheuer freilich ist die Arbeit, die fort und fort getan werden
-will, um die rechte Auswahl zu treffen und zu wahren zum Zwecke dieser
-objektiven Wahrheit.
-
-Je mehr Völker in den Kulturkreis hineinwachsen, je mehr diese Kultur
-sich inhaltlich erweitert, desto strenger die Auslese des Gemeinsamen.
-
-Es gilt nicht mehr bloß das Objektive, das Gemeinsame fort und fort zu
-fixieren gegenüber dem bloß Subjektiven, dem Traum, der Hallucination,
-kurz alledem, was das Individuum einsam erlebt ohne Übereinstimmung mit
-seinen Genossen in der Kultur.
-
-Es müssen auch, wenn das Wort erlaubt ist, ganze
-Hallucinations-Genossenschaften immer wieder ausgemerzt werden.
-
-Ein Volk, ein Kreis, eine Zeit einigen sich, daß dieses oder jenes für
-sie Wirklichkeit sei. Aber dieser Glaube hält vor einer umfassenderen
-Einheit, einer vorgeschrittenen Zeit nicht Stand, sinkt ins Subjektive,
-muß wieder ausgesiebt werden aus dem wahren Bestand.
-
-Wo immer ein Ding auf Majoritätsbeschlüssen ruht, da zeigt sich ja
-dieser Verlauf als natürliche Folge fortschreitender Entwickelung: die
-Majorität wird gelegentlich abgelöst durch eine höhere Majorität.
-
-Aber soviel schwere Arbeit, soviel Erfolg.
-
-Von Jahrhundert zu Jahrhundert wächst den Menschen ihr gemeinsamer
-Erfahrungsbestand -- ein eiserner Bestand, in dem sie eine immer
-solidere Einheit über alles Schwankende des Individuums hinaus bilden.
-
-Unablässig fallen Millionen von Individuen ab. Aber das Gemeinsame
-scheint unsterblich, diese ideale Einheit paralleler Erlebnisse in
-soviel Köpfen in soviel Jahrhunderten.
-
-Immer mehr streckt sich ihr Gigantenleib, der Einzelne scheint nur noch
-wie ein Punkt in ihr zu schwimmen, -- in der „Wirklichkeit“, diesem
-kolossalen Komplex aller gemeinsamen Erlebnisse der Kulturmenschen von
-sieben oder acht Jahrtausenden.
-
-Diese Wirklichkeit ist es, von der das neunzehnte Jahrhundert
-beherrscht wird.
-
-Und zwar stärker beherrscht als irgendein Jahrhundert zuvor, -- als
-sei ein durch die Jahrtausende rollender Schneeball endlich zur Lawine
-geworden.
-
--- -- --
-
-Zwei Linien der Entwickelung arbeiteten sich dazu in die Hände.
-
-Seit rund nun vier Jahrhunderten war die eine in ein verstärktes Tempo
-geraten.
-
-Man muß über das achtzehnte Jahrhundert noch weit zurück, um sie in
-ihrem Urstamm zu fassen.
-
-Es ist wieder in den Tagen des Columbus, und von denen zunächst
-heraufwachsend bis auf die Zeit etwa, da Galilei beobachtet. In dieser
-Epoche vollzieht sich für die Menschheit ein grundlegend Neues.
-
-In der Gruppe der Menschheit, die sich als europäische Kultur
-zusammenfassen läßt, erfolgt ein großer Ruck hinsichtlich des
-Werkzeuges. Die Buchdruckerkunst ersetzt die Schrift. Das Schiff wird
-zu einem Werkzeug, das nicht mehr bloß die menschenbewohnten Küsten
-eines Flusses, eines Binnenmeeres verknüpft, sondern Weltmeere zur
-Brücke nach fernsten Erdteilen macht und eine halbe Erdkugel neu
-erschließt. Das Fernrohr schiebt sich zwischen Mensch und Mond,
-zwischen Padua und den Jupitertrabanten steht es plötzlich wie
-eine wahre Himmelsleiter. Das Mikroskop löst den Schleier über dem
-Infusorium und über den Winzigkeiten unseres eigenen Leibes, den
-Blutkörperchen und Samenzellen, -- also über einer Welt, die bisher
-eingeschachtelt lag wie in einer uns unerreichbaren Dimension.
-
-Ein Ruck hinsichtlich der Werkzeugtechnik bedeutet aber nichts anderes
-als einen unmittelbaren Fortschritt gewisser menschlicher Körperorgane.
-
-Es ist der Körper des Menschen mit seinen Organen und Sinnen, der sich
-eine Stufe weiter entwickelt.
-
-Seit prähistorischen Zeiten, seit das erste, roheste Werkzeug von
-einem Menschen hergestellt wurde, hatte dieses gerade Verhältnis
-bestanden. Die Keule war nur eine Fortsetzung des schlagenden Armes.
-Das Kleid ein höheres Fell. Der Einbaum, aus dem das Schiff geworden
-ist, ein künstlicher Wasserleib mit Anpassung hinsichtlich der Schwere
-an das Wasser. Das Neue war bloß, daß diese Werkzeuggestaltung des
-Urmenschen nicht mehr am lebendigen Zellenleibe herumformte, sondern
-zweckmäßige Projektionen schuf in fremdes, totes, bloß angeeignetes
-Material hinein. Der Mensch entwickelte sich keinen zermalmenden
-Elefantenfuß, festgewachsen an seinem Leibe. Er behielt die kleine,
-einfache, gelenkige Hand mit dem großen Daumen bei, wie er sie von
-seinen frühtertiären Säugetier-Ahnen überkommen hatte. Doch mit dieser
-Hand faßte er Keule und Streitaxt und zermalmte damit den Schädel des
-Gegners. Mit dieser Hand hat er in den späteren Tagen, von denen wir
-sprechen, gelernt, ein Fünkchen an das Pulver einer Kanone zu bringen,
-und diese Kanonenkugel fällte den stärksten Elefanten. Die Schiffe des
-Columbus, Vasco da Gama und Magelhaens waren nichts anderes als solche
-projizierten Schwimmorgane, mit denen der Mensch jetzt endlich sogar
-den Walfisch überbot und Weltmeere durchquerte. Das Fernrohr Galileis
-und das Mikroskop des Leeuwenhoek waren verschärfte Augen, gebaut nach
-dem gleichen Linsenprinzip unseres leiblichen Auges, wie wir es als
-Säugetier mitbekommen haben -- bloß soviel besser, daß wir jetzt in
-die Krater des Mondes und jenes Spiel der Samentierchen und der roten
-Blutkügelchen schauten.
-
-Aber damals schon lag und immer liegt in dieser Art des
-Organfortschrittes, den wir Werkzeug nennen, etwas Besonderes unlösbar
-mit enthalten.
-
-Was hatte die Menschheit, oder sagen wir die Tierheit in ihr,
-gezwungen, überhaupt diesen Schritt zum Werkzeug über das angewachsene
-Körperorgan hinaus zu tun?
-
-Zwei entscheidende Faktoren der Nützlichkeit hatten dazu gedrängt.
-
-Wenn ich bloß mit der Faust zuschlage und der Gegenstand, nach dem
-ich schlage, ist zu hart: so bricht mir der Knochen im Fleische. Ich
-empfinde einen ungeheuren Schmerz, weil Fleisch und Knochen unmittelbar
-im Bereiche meines subjektiven Nervensystems liegen. Und mehr: die
-Faust ist mindestens für lange Zeit, vielleicht für immer, gelähmt, --
-ich bin mit einem Schlage in einen Zustand der Wehrlosigkeit gestürzt.
-
-Umgekehrt: die Keule zersplittert. Ich empfinde den Bruch des toten
-Werkzeuges nicht als Nervenruck in mir. Ich werfe die Trümmer einfach
-fort und greife eine andere auf. Holz wächst ja genug. Ich habe schon
-welche auf Reserve geschnitzt. Oder kann sie doch jederzeit schnell
-beschaffen.
-
-Und dazu jetzt und gleich hier anknüpfend ein zweiter, unsagbar großer
-Vorteil.
-
-Ich verteidige als Mensch der Steinzeit meine Höhle gegen einen grimmen
-Bären. Meine Keule zerspällt auf seinem harten Schädel. Jetzt stürzt er
-zu. Aber ehe er mich wehrlos findet, hat mir ein Genosse, ein zweiter
-Mensch, der hinter mir steht, seine unversehrte Keule gereicht. In
-meiner Hand ist sie sogleich meine jetzt, ein vollkommener Ersatz der
-früheren. Doch der Kampf dehnt sich. Mein Arm, der die Keule schwingt,
-erlahmt. Ich lasse den Freund vor mich treten, gebe ihm meine Keule.
-Nun schwingt er sie mit frischer Kraft wieder als seine. Und diesmal
-erliegt der Feind.
-
-Das Werkzeug ist einfach ein +soziales Organ+.
-
-Eine Fortentwickelung des Organs mit einem sozialen Zug.
-
-Ich mag ein Menschenleben damit verbringen, eine besonders gute,
-eine schier unverwüstliche Keule herzustellen. Aber wenn ich sie nun
-geschaffen, so mag meine ganze Familie, mag mein ganzer Stamm damit
-wirken. Ich kann zu Hause auf der Bärenhaut liegen, während andere mit
-der Keule einen lebendigen Bären fern im Forst bezwingen. Ich kann
-sterben und die Keule bleibt. Meine Kinder und Enkel werden sie führen.
-Ich bin längst vergessen -- und diese künstliche Faust, die ich mir
-geschnitzt, lebt, schützt immer wieder lebendige Menschen, ist eine
-soziale Faust geworden, die Generationen überdauert.
-
-Ein solches Sozialorgan ist aber ebenso das Schiff des Columbus: trägt
-es doch charakteristischerweise schon ein ganzes Häuflein tapferer
-Menschen als gemeinsames Schwimmorgan. Ein solches soziales Sinnesorgan
-ist das Fernrohr Galileis. Man wird dem Meister die Sternwarte
-verbieten. Er wird erblinden. Aber auf seinen Turm steigen andere
-und ihr Auge kriecht in dasselbe Glas, mit dem er die Sichelgestalt
-der Venus und die Monde des Jupiter entdeckt hat. Und wenn diese
-vergrößernden Linsen hier ihm zerbrechen, so wird Spinoza in Holland
-andere schleifen. Das Werkzeug übertrumpft die Vereinsamung und die
-Vergänglichkeit des Individuums, -- es ist ein Organ am sozialen Leibe
-des Kollektivwesens „Mensch“, erhaben über den Zusammensturz des
-Einzelnen in der Zeit, erhaben über die zerspaltende Schranke unserer
-Zellenleiber.
-
-Ist nun die „Wirklichkeit“ nur ein grober Ausdruck für das Gemeinsame
-in den Erlebnissen der Menschen, so gehört das Werkzeug, dieses ins
-Gemeinsame verlegte Organ, zweifellos aufs engste zu ihr.
-
-Jeder Fortschritt im Werkzeug war ein Siebenmeilenschritt zu ihr, in
-ihr.
-
-Als die Holländer zuerst durchs Mikroskop schauten, die Italiener
-durchs Fernrohr, da stutzten sie einen Moment: sollten die Dinge da
-drinnen nicht bloß Hallucinationen sein? Teufelsspuk nannte man das
-damals. Aber es war gerade umgekehrt.
-
-Diese neuen Augen waren um einen ganzen Schritt weiter +gesichert+
-vor individueller Hallucination: das Sinnesorgan selbst gehörte ja
-jetzt schon der Allgemeinheit an.
-
-Tausende konnten die gleiche Linse benützen.
-
-Ein Mittel der Forschung wurden diese Gläser sofort -- der objektiven
-Forschung, die sich grundsätzlich nur noch zu den gemeinsamen
-Menschheitswerten, also zu der sogenannten Wirklichkeit, bekannte.
-
-So mußte von hierher eine Welle steigen und steigen. Mußte steigen mit
-der neuen Epoche der Technik. Eine Welle, die auf die Wirklichkeit, auf
-ein ungeheures Übergewicht dieser Wirklichkeit loseilte.
-
-Denn die Werkzeugtechnik begann mit jenen Tagen einen Siegeslauf, der
-schlechterdings nicht mehr zu hemmen war.
-
-Das ganze achtzehnte Jahrhundert ist nur eine leichte Kurve in ihm.
-
-Im neunzehnten bricht ein Triumph aus, so überwältigend, daß die
-Geschichte der Technik von so und so viel Jahrtausenden sich
-auseinander zu spalten scheint in zwei Perioden: alles bis dahin -- und
-dieses neunzehnte Jahrhundert.
-
-Technische Fortschritte wie die Verwertung der Dampfkraft und der
-Elektrizität lassen sich in der gesamten Kulturgeschichte an Größe
-nur noch vergleichen mit den uralten gigantischen Türhütern der
-Werkzeugerfindung überhaupt: mit dem ersten Steinmesser, dem ersten
-selbst gegossenen Stück Bronze, oder mit jener Tat aller Taten, mit der
-künstlichen Erzeugung der roten Herdflamme.
-
-Im eigentlichsten Sinne durchsponnen erscheint dieses ganze letzte
-Jahrhundert mit Fäden, mit Netzen der Technik. Ein Geräusch kommt von
-ihm herauf wie ein großes Summen, Klirren, Sausen -- ungezählte Räder,
-wirbelnde Schwungriemen, stöhnende Metallwände, hinter denen eine
-Kraft eingekerkert ist. Eine weiße Dampfwolke liegt darüber, in die
-blaue Lichtbänder fließen.
-
-Was aber da rasselt und rauscht und glüht, das sind neue Nerven,
-neue Muskeln des Menschen, soziale Muskeln, die als Dampfhammer
-niederdröhnen, als Dynamit den Granitberg sprengen, soziale Nerven,
-die als Kabel von Kontinent zu Kontinent durch schwarze Meeresschlünde
-leiten, das sind Leuchtorgane des millionenköpfigen Kollektivwesens
-Mensch, Blitzorgane, ins Erdumwälzende vergrößert aus jener schwachen
-Kraft, die den Zitteraal Venezuelas seine elektrischen Schläge
-austeilen läßt. Im Zeichen des Sozialorgans wehen bis in jeden Winkel
-die Fahnen dieses Jahrhunderts, und alles, was in ihm lebt, von der
-steilsten Schneehöhe des reinen Denkens bis in den tiefsten Meeresazur
-der Kunst: es fühlt das Fächeln dieser Fahnen über sich.
-
-Und dazu nun eine zweite Welle, auch sie sich rapid steigernd auf das
-neunzehnte Jahrhundert zu. Der anderen parallel, oft zum Verschmelzen
-eng.
-
-Der soziale Zusammenschluß der Menschheit als solcher.
-
-Auch das rauscht durch die Jahrtausende.
-
-Zuerst die einfacheren Hilfszusammenschlüsse bis zum Volke. Dann der
-Begriff des auserwählten Volkes: des Kulturvolkes, der Kultur überhaupt.
-
-Im Orient zuerst, dann bei den Griechen, dann das Mittelmeer umfassend,
-endlich im Lichtfelde ganz Europas, als liege hier allein fortan das
-Aufmerksamkeitsfeld des Menschenbewußtseins im großen. Eine bevorzugte
-Menscheninsel, die Kulturinsel. Unabsehbar um sie, die Erdscheibe
-überflutend, der rohe Ozean des Halbmenschentums, des Barbarentums.
-
-Aber kaum, daß sich das konstituiert hat, so gebiert auch diese
-Kultureinheit schon mit innerer Notwendigkeit das Ideal einer noch
-höheren Umfassung: die Idee einer wirklichen „Menschheit“. Jener ganze
-Ozean saugt die Kultur wie eine Farbe, die von einem Fleck ausgeht, in
-sich ein, durchfärbt sich damit.
-
-„Menschheit“ fällt zusammen mit „Kultur“.
-
-Das letzte ist nun schon ein Begriff, den wir selbst erst werden,
-erst wachsen sehen, blaue Berge vor uns, halb im Nebel noch. Aber in
-die große Linie ordnet sich die Arbeit von Jahrtausenden auch hier
-stufenweise ein.
-
-Im Grunde ist dieser soziale Gesamtzug die umfassendere Leistung
-gegenüber der Technik, der Ausbildung bloß des sozialen Organs.
-
-Dieser allgemeine Sozialverband der Menschen zum Zweck gemeinsamen
-Wirkens, gemeinsamer Behauptung, gegenseitigen Schutzes, gegenseitig
-gewährten Glückes umspannt viel mehr als bloß den Sozialanteil an
-technischen Erfindungen -- viel mehr Säulen des Menschengeistes.
-
-Das sagt ja das Gesamtwort Kultur schon, das zugleich das Gemeinsame
-und das Tiefe ausspricht.
-
-Aber in bestimmter Betrachtung ist doch auch wieder jede große
-technische Fortschrittsepoche ein Ausgangspunkt dieser allgemeinen
-Sozialfortschritte.
-
-In den Tagen zwischen Columbus und Galilei ist es, als lege sich eine
-ganze neue Quader unter den Begriff Kultur. Der Kulturmensch ist
-fortan der, der gedruckte Bücher besitzt, mit Fernrohr und Mikroskop
-beobachtet. Noch ist das im wesentlichen damals der europäische
-Mensch. Man denkt an den Spanier, den Portugiesen, der über Meer
-fährt und zu nackten Wilden kommt. Aber eben solche Fahrt, ermöglicht
-durch technische Hilfen, wie Schiff und Kompaß, ist zugleich eine
-Geburtshelferin jenes erweiterten Kulturbegriffes, der an keinem
-einzelnen Erdteil mehr haftet. Indem die Kultur Europas nach Amerika
-überfließt, geht in jenem Bilde ein Farbstreifen quer durch den
-Ozean. Eine halbe neue Erdkugel wird die Kultur einsaugen. Auf den
-Schiffen der Columbus und Magelhaens steuert der Idealbegriff einer
-Kulturmenschheit, in der es überhaupt keine Wilden, keine Barbaren mehr
-gibt, als blinder Passagier mit.
-
-Mit seinem Triumph der Technik war dem neunzehnten Jahrhundert schon
-ganz von selbst vorgezeichnet, daß es auch ein soziales Jahrhundert
-ersten Ranges werden mußte.
-
-Immer bewußter, hell wie die blauen elektrischen Lichtbänder dieses
-Jahrhunderts, tritt die Kultureinheit hervor.
-
-Schon seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mindestens geschieht kein
-größeres Werk mehr, ohne daß wir uns direkt mit Worten dieser Einheit
-dabei erinnerten.
-
-In einer Welt, die noch unter Kriegsschrecken bebt und in tausend
-Ketten knirscht, klingt das Wort wohl oft wie eine Phrase. Aber in
-solcher Phrasenform sind alle großen Ideale auf Erden millionenmal und
-siebenmillionenmal aufgetaucht -- bis sie endlich doch ein Lebenswort
-wurden.
-
-Es ist aber eben jenes achtzehnte Jahrhundert gewesen, das dem
-neunzehnten noch ein weiteres soziales Ferment übermittelt hat.
-
-Jenes Bild der älteren Kultur, die auf einer Insel sitzt, weithin um
-sich das finstere Meer der Barbarei, des kultursozial noch nicht
-angeschlossenen menschlichen Rohstoffes, hat noch eine andere Bedeutung
-als bloß eine geographische, bei der Europa die Insel ist.
-
-Es findet sich zum zweiten Mal wieder innerhalb unserer Kulturvölker
-selbst.
-
-Da ist ein enger Stand zunächst, der die Bildung, das soziale Werkzeug,
-all das andere, Tiefere, Vergeistigte, was die Kultur sonst noch
-ausmacht, besitzt und die Glückssonne dieser Errungenschaften über sich
-leuchten läßt.
-
-Um diesen Sonnenstand aber nach unten wogt abermals ein ungeheures Meer
-nackter, hilfloser, isolierter Feuerländer und Australneger unseres
-eigenen Volkes.
-
-Auch nach hier hinab hebt nun eine Mischströmung an, auch in diesen
-Ozean stößt Schiff um Schiff allmählich ab, um Farbströme hinter sich
-herzuziehen, bis eines Tages auch diese ganze Barbarensee die Kultur
-aufgesaugt haben wird und ihrer Vorteile teilhaftig ist.
-
-Wir haben uns gewöhnt, die Arbeit nach dieser Richtung im engeren Sinne
-als das soziale Problem zu bezeichnen. Und es braucht nicht mehr
-gesagt zu werden, mit welcher wachsenden, orkanartigen Intensität das
-neunzehnte Jahrhundert das Jahrhundert dieses sozialen Problems gewesen
-ist. Und es braucht auch nicht das Allbekannte erzählt zu werden:
-wie gerade das soziale Organ, die Maschine, auch hier die Felsblöcke
-in krachenden Sturz gebracht hat, allerdings in besonderer Weise.
-Nicht die Geschichte dieser Dinge berührt mich ja hier, sondern das
-Gesamtantlitz, das sie dem Jahrhundert geben.
-
-Auf das Soziale deutet dieses Antlitz im neunzehnten, wo immer es uns
-anstarrt.
-
-Es sieht nicht den Menschen, sondern die Menschen.
-
-Und wo sich ein einzähliges Wort ihm dennoch auf die Lippe drängt, da
-ist es ein Idealwort, geschmiedet aus fünfzehnhundert Millionen Köpfen:
--- +Menschheit+.
-
-Wo dieses bis in jede Faser sozial durchfärbte Jahrhundert Weltenwerte,
-Erlebniswerte wog und für seine Bedürfnisse aussonderte: da war es, da
-mußte es sein jene Auslese der Erlebnisse, die sozial gemacht werden,
--- also der „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen.
-
-Das Blut, von dem es trinken mußte, um zu leben, um nicht ein leerer
-Schatten zu sein, rann ihm hier zu.
-
-Wirklichkeit! Wirklichkeit!
-
-Aus den Myriaden individueller Sondererlebnisse durchgesiebt die
-übereinstimmenden, die sozial brauchbaren, die, bei denen man Mensch
-mit Mensch packen konnte.
-
-Und als brächte der Ruf, das Verlangen danach selber das Blut zum
-Strömen, so strömte und strömte dieses rote, nahrhafte, verbindende
-Blut der Wirklichkeit nun auch diesem Jahrhundert tatsächlich wie aus
-unerschöpflicher Ader zu.
-
--- -- --
-
-Dem neunzehnten Jahrhundert glückt es, Dinge in den Bereich der
-Wirklichkeitswerte ganz oder doch nahezu hineinzuziehen, an deren
-Wirklichkeitsmöglichkeit selbst die aufgewecktesten Kulturepochen in
-sieben Jahrtausenden nicht in kühnster Hoffnung gedacht hatten.
-
-Ein prachtvoller Eroberungszug bemächtigt sich des Menschen
-+selbst+.
-
-Zum erstenmal entsteht eine eigentliche +Naturgeschichte des
-Menschen+. Und im Rahmen dieser Naturgeschichte eine erste auf
-Tatsachen, auf Wirklichkeiten gestützte „wahre“ Geschichte.
-
-Über den Ursprung der Menschheit enthüllen sich schlechterdings
-neue Dinge, die jeder fortan greifen kann. Es ist das Problem aller
-Probleme, die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, die mit diesem Punkte
-berührt ist. Das Centralgeheimnis aller Erlebnisse, der Blick ins
-eigene Sein.
-
-Seltsam genug: gerade die Geschichte, der Ursprung des Menschen hatte
-bis in dieses Jahrhundert hinein mit einer zähen Hartnäckigkeit
-außerhalb der sozial kontrollierbaren „Wirklichkeiten“ gelegen.
-
-Der biblische Mensch, der Mensch der uralten babylonisch-jüdischen
-Schöpfungslegende herrschte für diesen Punkt, und er beherrschte von
-hier aus das Bild des Menschen überhaupt.
-
-Dieser biblische Mensch reichte seiner eigenen Schöpfung im
-Menschengeist nach aber in Zeiten zurück, die an Wirklichkeitswerten
-und an Sehnsucht nach solchen noch unendlich viel ärmer gewesen waren
-als auch nur etwa das Jahrhundert des Columbus.
-
-Einzelne objektive, von vielen erlebte Tatsachen mögen ja immerhin
-bei seinem Uranfang mitgewirkt haben. Der Glaube an die Sintflut hat
-zweifellos an die versteinerten Muscheln auf Berghöhen angeknüpft,
-die man anders nicht zu erklären wußte. Die Entstehung des Menschen
-aus einem Lehmkloß schloß sich an die angebliche Beobachtung, daß
-kleine Tiere, Flöhe, Maden und Mäuse, unmittelbar aus toter Substanz
-hervorzukommen schienen.
-
-Aber diese Erfahrungen traten später so gut wie ganz in den
-Hintergrund. Der biblische Schöpfungsmythus lebte fort einfach als
-Überlieferung. Irgend einem, etwa Moses, sollte das so offenbart worden
-sein. Dieses innere Erlebnis wurde aber sozial gemacht, zu einem
-Erlebnis für alle, also zu einer „Wirklichkeit“ gemacht nur durch eine
-Art Machtgebot, eine künstliche +Sanktion+.
-
-Glaube wurde verlangt, Beweise nicht mehr für nötig erachtet.
-
-Und anderthalb Jahrtausende hielt sich das wirklich so in einer
-notdürftigen Balance.
-
-Aber jene innere Logik der Dinge, die alle Sozialwerte, auch die
-scheinbar fest errungenen, immer wieder durchsiebt, mußte langsam
-endlich durchsickern lassen, wie sehr in diesem überlieferten
-Glaubenswerte die Gefahr eben doch einer +bloß+ subjektiven
-Annahme, sagen wir: einer Hallucination, steckte. Mochte es die
-Hallucination einer ganzen Kulturepoche sein. Auch solche werden, wie
-gesagt, schließlich ausgemerzt, wenn die Kultur weiter steigt.
-
-Um den Sozialwert der biblischen Menschengeschichte und
-Menschenauffassung dauernd und in immer wirklichkeits-energischere
-Zeiten hineinzuretten, mußte man ihn schließlich doch mit gewöhnlichen
-Wirklichkeitswerten wieder zu stützen versuchen.
-
-Der Glaube suchte endlich doch einen Halt bei der Forschung.
-
-Es ist aber im ganzen achtzehnten Jahrhundert schon ein öffentliches
-Geheimnis der besten Köpfe, daß dieser Rettungsversuch scheitern müsse.
-
-Es war unmöglich, wirkliche Tatsachengründe, die jeder greifen konnte,
-für die Bibeltradition zu finden.
-
-Der biblische Gott in seiner Gestalt eines bloß vergrößerten
-Übermenschen, Adam und Eva, das Paradies, der Sündenfall, Noahs Arche
-in der Flut, sie verschwebten im Blau, unfaßbar, ohne Akten und Siegel
-im Sinne sonstiger greifbarer Tatsachengeschichte, im Sinne von
-„Wirklichkeit“.
-
-Dieses Ergebnis war ja zunächst ein rein negatives.
-
-Und im Zeichen dieses Negativen steht das ganze achtzehnte Jahrhundert.
-
-Die Bibel sinkt in die Rolle eines subjektiven Erlebnisses ohne
-Sozialwert, ohne Gebrauchswert für viele, hinab. Die wahre Geschichte
-des Menschenursprunges ist jetzt ein nacktes weißes Blatt.
-
-Das Jahrhundert geht ins nächste mit Stimmen, die jede Möglichkeit
-anzweifeln, daß je noch Schrift der Wirklichkeit auf dieses Blatt
-kommen werde. Ist all das bunte Märchenspiel seiner biblischen Wiege
-dem Menschen ins Blaue verdampft -- so scheint sein Ursprung, scheint
-er selbst in seiner zeitlichen Dehnung rückwärts erst recht jetzt im
-Nebelblau des absolut Unbekannten.
-
-Das hier einsetzende neue Jahrhundert aber bringt gerade das
-Unerwartete: den Bruch grade dieses Geheimschlosses nun doch durch die
-Wirklichkeit.
-
-Die Technik wieder ist es, die den Spaten gibt.
-
-Der Spaten wird eingesetzt -- und jetzt kommen Erlebnisse realster Art
-zustande, Erlebnisse für alle, die der Kultur angehören.
-
-Ein solcher Spaten ist das künstliche Auge des Fernrohres, das in die
-Nebelflecke schaut. Das Thermometer, das die Wärmeverhältnisse des Alls
-mißt, eine verfeinerte Haut gleichsam des Menschen. Das Spektroskop,
-ein nochmals neues, chemisches Auge, das Sternenlicht in seine Elemente
-zerspaltet.
-
-Jedes dieser erweiterten Sinnesorgane eröffnet erweiterte
-Wirklichkeitswerte.
-
-Im unendlichen Raume erscheint die Urmaterie nebelhaft zerstreut. Sie
-glüht auf als Fixsterninsel. Als Sonne. Diese Sonne entläßt feurige
-Reifen, die sich zu Planetenkugeln aufrollen. Eine solche Kugel
-saust Trillionen Jahre lang im eiskalten Raume und sie erstarrt. Ein
-metallischer Eisblock, läßt sie sich nur noch von der Sonne erwärmen.
-Aber ihre Rinde wird das Spiel unzähliger chemischer Prozesse. Im
-milden Sonnenatem erhält sich der Sauerstoff, gemischt mit andern
-Gasen, als Luftschicht, verbunden mit Wasserstoff dauert er als
-flüssiges Meer. Dieses Meer umwogt Länder. Und so baut sich, schon
-eine Folge von Aeonen, die Urerde auf, noch einmal herausgesehen
-aus der heutigen Wirklichkeitswelt mit Hilfe jener gesteigerten
-Wirklichkeitsorgane der Technik.
-
-Diese Technik wandelt aber wieder einen anderen Weg.
-
-Zu den Gemeinsamkeitserfahrungen der Menschheit gehören gewisse
-Gesteinsmassen der Erde. In diese Gesteinsmassen dringen technische
-Organe vor, sie bohren Tunnels hinein für einen künstlichen Muskel-
-und Nervenstrang des Kolossalwesens Mensch, sie bauen die Steinkohle
-heraus, damit sie selber ein Leuchtorgan, ein Wärmeorgan dieses
-Menschen werde, sie tragen Schiefer Platte um Platte davon ab,
-um eine Form ihres sozialen Gedächtnisses, die Bilderschrift des
-lithographischen Druckes, damit herzustellen.
-
-Dabei aber kommen neue Erfahrungen zustande: versteinerte Baumstämme,
-Abdrücke und Knochen seltsamer Tiere. Handgreiflich gemeinsame
-Erfahrungen, die, in öffentlichen Museen aufbewahrt, durch
-photographische Platten jenseits aller Hallucinationsmöglichkeit
-fixiert, von allen fünfzehnhundert Millionen Menschen der Erde gesehen
-werden können und den nachgeborenen Generationen ebenso unverändert
-erhalten bleiben.
-
-In die Jahrmillion der Urwelt auf dem erkalteten Planeten zeichnen
-sich damit neue Bilder ein. Am Ufersande entlegenster Zeit regt sich
-gallertiges Gewürm. Durch die blaue Flut ziehen Schwärme bunter
-Medusen. Der Wind knattert durch die Schachtelhalmwälder sumpfiger
-Inseln. In diesem Sumpfe kriechen gepanzerte Molche auf dem feuchten
-Moosboden. Der Farrnwald wird zum Nadelgehölz. Gigantische Saurier,
-turmhoch auf den Hinterbeinen, watscheln hindurch. Der erste Vogel,
-noch mit einem langen Eidechsenschwanz hinter sich, flattert darüber.
-Dann ein Palmenwald in Sachsen, mit Affen und Antilopen. Urwaldfichten,
-deren Harztränen zu Bernstein werden. Groteske Dinotherien mit
-Walroßhauern bei Mainz. Ein Menschenaffe auf der schwäbischen Alb.
-Endlich Eisgletscher über ganz Norddeutschland, auf denen schwedischer
-Granit, als Moräne verfrachtet, bis nach Berlin rutscht.
-
-Und jetzt in diese nie geahnten Wirklichkeitspanoramen eingehend -- der
-Mensch.
-
-Eines jener neuen gemeinschaftlichen Werkzeugaugen, das Mikroskop, löst
-ihn in winzige Urelemente des Lebens, die Zellen, auf. Aus solchen
-Zellen baut sich auch jedes Tier, baut ich jede Pflanze. Aus einer
-einzigen Zelle, der Eizelle, entsteht geschichtlich als einzelner jeder
-Mensch. Auf Wesen, nur aus einer Zelle bestehend, läßt sich auch die
-ganze Fülle des Tier- und Pflanzenlebens auf Erden zurückführen, wenn
-man zu ihren geschichtlichen Wurzeln zurückgreift.
-
-Die Fülle der Gesichte, über jene ganze Urwelt ausgebreitet, ordnet
-sich dann hintereinander.
-
-Aus dem Niederen das Höhere.
-
-Einzellige Urwesen am ersten Strand. Niedrige Pflanzen, später niedrige
-Tiere. Doch der Stammbaum wachsend, Ast um Ast, bis zur Rose, bis zum
-Säugetier. Und dieses Säugetier wird an einer letzten Stelle Mensch.
-Mensch nach oben -- nachdem es nach unten Eidechse, Molch, Fisch, Wurm
-wie Häute seiner Entwickelung durchgemacht und abgestreift hat. Noch im
-Säugetier steigt eine ganze Skala an, Schnabeltier, Beuteltier, zuletzt
-gibt es eine Gabelung, die hier den Affen entläßt, dort unaufhaltsam
-in den Menschen empor sich steigert. Nicht in einen Paradieses-Adam,
-sondern einen harten Kämpfer. Unter Eis stöhnt die Erde, als er noch
-jung ist. Der Höhlenlöwe brüllt vor seinem Versteck. Aber in diesem
-Versteck entzündet er sich die Herdflamme und bei ihrem Schein schlägt
-er sich den Stein immer vollkommener zur Waffe.
-
-Hier hebt das andere, höhere Epos an: die Kultur.
-
-Immer aber, in jedem Zuge, ist diese neue Schöpfungsgeschichte getragen
-von gemeinsamem Erfahrungsmaterial: von „Wirklichkeiten“.
-
-Noch jetzt leben Tierformen vor jedermanns Blick, die bis zu jenen
-Einzellern hinunter seinen Ahnen gleichen.
-
-Sein Embryo im Mutterleibe, der heute noch die Kiemenbogen des
-Fisches, das Wollkleid, die spitzen Ohren und den Schwanz des niederen
-Säugetieres wiederholt, steht im Museum.
-
-Greifbar zieht ein Forscher gar aus einem Flußbett Javas die Hirnschale
-und den Schenkelknochen des Pithekanthropus, der halb Gibbonaffe und
-halb Mensch vor mehr als einer halben Million Jahren gewesen ist.
-An der Stätte, wo Goethe gewandelt ist, dicht bei Weimar, in den
-Kalktuffen der Ilm, speit der Boden Steinwerkzeuge aus, gemischt
-mit den von Menschenhand bearbeiteten Knochen des Elefanten und des
-Rhinoceros. Auf dem Felsen von Rüdersdorf folgt die Hand der Glättung
-und Ritzung des Gesteines, die dem alten Riesengletscher jener Eiszeit
-verdankt werden.
-
-Nicht eine Hand bloß, von der dann die Tradition allein bleiben müßte
-wie einst von den Gesichten des mosaischen Schöpfungsdichters.
-
-Hundert, Millionen Hände, immer wieder, wenn sie sich bloß die Mühe
-machen wollen.
-
-Von „Wirklichkeiten“ ist diese neue Schöpfungsgeschichte umspannt,
-umklammert wie von einer Eisenhand.
-
-Von Wirklichkeiten in eine ganz bestimmte, nicht mehr erschütterbare
-Gestalt gepreßt, schreitet der Mensch aus dem neunzehnten Jahrhundert.
-
-Eine Kette klirrt hinter ihm her aus diesen Wirklichkeiten, eine eherne
-Nabelschnur, die ihn, wohin er auch schreite und was er nun sei, fortan
-rückwärts angeschmiedet hält an einem ungeheueren weltallsschweren
-Granitblock übereinstimmender Erlebnisse der Menschheit selbst über
-ihren Ursprung.
-
-+Ein Jahrhundert, das einen solchen Triumph mit der Wirklichkeit
-erlebt hatte -- ist es ein Wunder, wenn es allmählich wie in Ekstase
-geriet vor diesem Begriffe?+
-
--- -- --
-
-Es läßt sich sehr gut verfolgen, wie das Jahrhundert zwei Phasen in
-sich durchläuft, was diesen Punkt anbelangt.
-
-Grob kann man es genau auf seine Mitte, auf den Umschwung zu den
-Fünfzigerjahren, durchschneiden, um sie zu erhalten.
-
-In der ersten Hälfte ist es, als seien Zwerge schweigend bei einer
-Nachtarbeit.
-
-Blöcke werden noch geräuschlos aufgetürmt. Die Technik wächst langsam
-empor. Die erste Lokomotive dampft. Der erste Telegraphendraht
-spannt sich. Das zusammengesetzte Mikroskop beginnt zu arbeiten.
-Neue Wissenschaften blühen auf, alle mit der Färbung nach der
-naturwissenschaftlichen Seite. Das allgemein Soziale reckt sich und
-zeigt mehr und mehr Fühlung mit der Technik. Der alte Goethe stirbt
-schon mit dem Gefühle, daß eine neue Zeit dabei sei, sich zu erfüllen,
-eine Zeit der sieghaften Realwerte.
-
-Aber bei alledem haben diese ersten fünf Jahrzehnte im ganzen doch noch
-etwas Intuitives, etwas dumpf im Mutterleibe Wachsendes, etwas bloß im
-dunklen Drange geradeaus Gehendes ohne Nachdenken.
-
-Das eigentliche Bewußtsein all der Dinge blitzt erst mit der Wende zur
-zweiten Hälfte auf. Die Nebel fallen über dem Zwergenschlosse und es
-steht auf einmal da, vor aller Welt Augen, und es zwingt diese Augen zu
-sich.
-
-Nach fünfzig Jahren stillen aber steten Ringens um die „Wirklichkeit“
-kommt in den ersten beiden Jahrzehnten der zweiten Phase mit Übergewalt
-gerade jetzt auch jener stolzeste Eroberungszug wie eine reife
-Frucht: die neue Lehre vom Menschen, das neue Weltbild, aufgebaut auf
-Wirklichkeit. Lange schon hat diese Frucht ungesehen im dichten Laube
-gehangen, jetzt fällt sie, und ihr Poltern zieht die ganze bewußte
-Aufmerksamkeit auf sich. So und so viel noch fest Schlafenden fällt
-sie auf den Kopf -- und sie +müssen+ aufwachen, +müssen+
-begreifen.
-
-Um das Ende der Fünfziger und den Anfang der Sechziger erfolgt nach
-dieser Seite ein Hauptschlag um den anderen.
-
-Die Spektralanalyse, die die Gestirne enträtselt.
-
-Darwin.
-
-Das Gesetz von der Erhaltung der Energie fest begründet.
-
-Boucher de Perthes’ prähistorische Funde bestätigt.
-
-Zum ersten Mal läßt sich der Faden einer Kosmogonie auf Grund von
-lauter Wirklichkeiten spinnen, wie es Haeckel in ewig unvergeßlicher
-Weise versucht hat.
-
-Der Kampf gegen die Bibel, durch Strauß angebahnt, nimmt unter
-dem Druck dieses positiven Ersatzmaterials den Charakter eines
-Vernichtungskampfes an. Alles, was mit dogmatischer Religion
-zusammenhängt, kommt ins Bröckeln. Die Autorität der Tradition wankt in
-ihr im Verhältnisse, wie die Autorität der Wirklichkeit, das Vertrauen
-zur Wirklichkeit überall wächst.
-
-Andererseits ist dieser gleiche Zug gegen die alte Autorität bloßer
-Überlieferungen im allgemein Sozialen wie ein Frühlingssturm merkbar.
-
-Wie in der Philosophie, so in der Politik. Abkehr vom Phantastischen
-zugleich und minderer Glaube an alte Bücher, alte Titel, alte Verträge,
-zweifelhafte Dokumente von lediglich traditioneller Heiligkeit. Die
-wachsende soziale Bewegung sucht sich auf greifbare Realwerte hin neu,
-solider, weltgerechter zu ordnen.
-
-Scheinbar fliegt eine ungeheuere Masse Pietät über Bord.
-
-Aber in Wahrheit nur, weil eine einzige ganz bestimmte Pietät
-überwiegend, erdrückend, alles verschlingend geworden ist: die Pietät
-vor den „Tatsachen“, vor der „Wirklichkeit“.
-
-Der darwinistische Mensch und der sozialistische Mensch reichen sich in
-diesem Pietätsgefühl brüderlich die Hand.
-
-Und all diese Dinge, dieser ganze Zug der Zeit haben einen so
-greifbaren +Glücksinhalt+!
-
-Es liegt wie ein großes Aufatmen in der Entlastung von soviel
-schweren Berglasten der Illusionen, Glaubenssätze, Vertröstungen,
-Subjektivitäten mit Autoritätsmacht. Das Feld für neue Entwickelungen
-scheint endlich wieder frei, und das Bewußtsein davon gießt junge Kraft
-in alle Adern.
-
-Wo immer die Wirklichkeit resolut erfaßt wird, philosophisch,
-technisch, sozial -- es fließt und fließt ein überwältigender Strom von
-Glück zu.
-
-All sein körperliches Glücksbedürfnis eines ungeheuer sinnlich
-kräftigen Organismus wirft das Jahrhundert nach dieser Seite, all seine
-brennende Seelensehnsucht.
-
-Die Kirche sank, der Himmel schloß sich mit seinen Belohnungen,
-seiner außerweltlichen Bestimmung des Menschen, seiner unmittelbaren
-Gotteshilfe. Das ganze alte Gefüge der Autoritäten, Traditionen,
-Moraltafeln, privilegierten Stammbäume krachte.
-
-Aber die Wissenschaft schenkte einen neuen Himmel mit Millionen
-Sternen. Sie schenkte einen neuen Menschen, der in ganz neuer, solider
-Weise auf der Erde stand. Und die Technik, Schöpferin zugleich und
-Kind dieser Erkenntnis, würde Brot und Muße für alle aus diesem Boden
-zaubern, hier auf dieser Erde -- eines Tages.
-
-Noch verwirrten ja ihre Maschinen eher, als daß sie halfen. Aber das
-war nur der letzte Nebel vor Sonnenaufgang. Die soziale Neuordnung und
-Gesamtkonstituierung der Menschheit würde ein irdisches Reich der Liebe
-und Gerechtigkeit gründen, aufgebaut auf Arbeit im richtigen Maße.
-Keine Herrschenden und Unterdrückten mehr, nur der freiwillige Arbeiter
-triumphierend.
-
-Und das alles schließlich verdankt dem großen Umschwung in der
-Wertschätzung der Wirklichkeit. Sie war der Fels endlich im Meer, wo
-die Arche landen konnte ....
-
-Man kann die Dinge bis hierher ruhig in ihrem ganzen Königsmantel
-rauschen lassen, ohne auch nur ein Wort einschränkender Kritik
-hinzuzusetzen.
-
-Die vollkommene Größe des neunzehnten Jahrhunderts erscheint wirklich
-so, die ihm nie wieder irgend eine Zukunft entreißen wird.
-
-Das Jahrhundert der Dampfmaschine und des Telegraphendrahtes, Darwins
-und der beginnenden Umwandlung des alten Christuswortes von der
-Nächstenliebe in reale soziale Tat -- es hat mit seiner „Wirklichkeit“
-in Wahrheit Berge versetzt, Berge, an denen sich der Strom der
-Menschheitsentwickelung gestaut hätte, wenn nicht eine Hand sie endlich
-wegriß und die Wasser schäumen ließ.
-
--- -- --
-
-.... Aber es wird kein Kind geboren, auch kein Heiligenkind, ohne daß
-edles Mutterblut dabei verströmte.
-
-Jede große Entwickelungserweiterung der Menschheit, bei der ein neues
-Flußbett sich gräbt, hat seine gewissen Züge auch des Dammbruches, der
-Überschwemmung, der entfesselten Gewalt, die Fruchtbäume bricht und
-Ackerboden verschüttet.
-
-Auch in der größten Tat des Genius erscheint unabänderlich der
-Erdenrest bestimmter Unterdrückungen, Vergewaltigungen, Übertreibungen.
-
-Im Grunde, wenn man tiefer blickt, ist dieser scheinbare dunkle
-Fleck eigentlich nichts anderes als der schwarze Schnittpunkt der
-Entwickelung selbst, die auch in der erhabensten Leistung nicht ganz
-erfüllt, nicht ganz zum Stillstand gebracht sein darf, sondern ihre
-Ecke behalten muß, wo sie auch diese Leistung wieder zersetzen, wieder
-überwinden wird -- zum Nutzen des unablässigen Weiterganges.
-
-Auch das neunzehnte Jahrhundert hat diesen Schnittpunkt. Und es hat
-ihn genau mitten in dem, was seine Größe ausmacht: in dem Begriffe der
-„Wirklichkeit“. Dieser Begriff ist seine Sonne -- aber es ist auch sein
-größter Sonnenfleck darin.
-
-In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts treten mit dem wachsenden
-Bewußtsein von jener großen Fügung auch ganz allgemach die Spuren einer
-gewissen Verschiebung auf.
-
-Der Begriff Wirklichkeit nimmt in einer Menge von Köpfen eine
-eigentümliche Schwere an.
-
-Er bekommt etwas von einem Block, der sich nicht mehr recht bewegen
-lassen will, der selber wieder lastet, drückt.
-
-Die Wirklichkeit hatte zu solchem Triumph geführt, eröffnete solche
-Glücksbilder. Wie nahe lag es, sie für das +einzige+ zu erklären,
-was für den Menschen überhaupt in Betracht kam, was +Wert+ für ihn
-besaß!
-
-Wir erinnern uns jener Grunddefinition: daß „Wirklichkeit“ eine Auslese
-der für viele, eventuell alle Menschen gemeinsamen Erlebnisse darstelle.
-
-In dieser Definition ist noch kein Werturteil enthalten, was besser
-sei: diese sozialen Erlebnisse in ihrer Ganzheit oder der Rest des
-tausendfältig Subjektiven, der daneben schwimmt, ohne aufgelöst zu
-werden, all der individuellen Erlebnisse, die jeder zunächst für sich
-hat ohne Parallelen bei andern.
-
-Höchstens konnte man sagen: die Wirklichkeit wurde jedenfalls etwas
-zweiten Grades, -- eben als Auslese.
-
-Jetzt aber wird der Spieß umgekehrt.
-
-Die Frage taucht auf, ob das Subjektive nicht bloß ein wertloser Rest,
-etwas Überzähliges ohne Sinn sei?
-
-Die Wirklichkeit allein das echte Erlebnis, das erlebenswerte!
-
-Das Subjektive dagegen, das mit ihr nicht zusammenfällt, bloß ein
-gleichgültiges Schaumgekräusel -- Schnitzelwerk des Erlebens, das
-nebenherlaufend nicht immer zu vermeiden ist, aber jedenfalls eine
-Luxusproduktion darstellt!
-
-Ja, war es bloß die?
-
-Der Schritt in der Logik ist äußerst klein vom Wertlosen zum
-Widerwärtigen, zum Schändlichen.
-
-Man hatte so deutliche Beweise, wo das Subjektive geschadet hatte,
-indem es das Wirkliche fälschte, zum Beispiel in religiösen Dogmen.
-
-Der eigentliche Schaden hatte zwar strenggenommen in solchen Fällen
-immer in der blinden Tradition bestanden, in der Nachlässigkeit, die
-Subjektives für allgemeine Wahrheitswerte einfach leichtfertig hinnahm,
-und in der Autorität, die solche Verwirrungen heiligte und gewaltsam
-durchdrückte.
-
-Aber war es nicht doch die nackte Existenz des Subjektiven in der
-großen Menschheitsrechnung gewesen, die den Anlaß gab, daß dergleichen
-überhaupt in Szene treten konnte?!
-
-Jede Zeit hat ihren Versucher, der als kleines Schlänglein hinter dem
-Apfelbaume hervorkriecht. Für das neunzehnte Jahrhundert steckte er in
-dieser harmlosen Frage. Es kroch eigentümliche Wege, das Schlängelchen,
-aber mit der ganzen schwarzen Teufelslogik.
-
-Alles Subjektive, das nicht in das Gemeinsame paßte, war also tauber
-Schuß, Rankenwerk, das besser abgeschnitten wurde.
-
-Man vergaß, daß das Subjektive tatsächlich der große Nährboden war,
-aus dem alles zunächst einmal wuchs und gewachsen war, auch das
-„Wirkliche“.
-
-Man vergaß, daß dieses Wirkliche in keinem Moment etwas Absolutes
-war, sondern unablässig nur ein schwankendes Lichtfeld innerhalb
-der subjektiven Erlebnisse bildete, in das beständig Neues aus der
-subjektiven Masse einwuchs und aus dem schon Aufgenommenes beständig
-wieder austrat.
-
-Man vergaß, daß man im Subjektiven den wahren seelischen Boden
-berührte, der dem Antäus die Mutterkraft gab -- während das „Wirkliche“
-sich immerzu einem rein objektiven Werte näherte, für den man in dem
-Denken wenigstens, das das neunzehnte Jahrhundert nach seiner großen
-Religionskrisis beherrschte, keinerlei höhere seelische Einheit zur
-Verfügung hatte.
-
-In der ganzen zweiten Hälfte des Jahrhunderts sinkt in der allgemeinen
-Auffassung des Menschen überall das Individuum.
-
-Die „Wirklichkeit“, dieses Gemeinsame der Individuen, gewinnt einen
-Zug, bei dem das Einzelne als das sozusagen Überflüssige erscheint.
-
-Sie +umfaßt es+.
-
-Eine Null ist es schließlich vor ihr. Seit man seine Geschichte mit
-Werten in ihr belegen kann, scheint sie von allen Seiten ganz um ihn
-herumgewachsen zu sein.
-
-Philosophisch kräuselte sich das zu dem Gedanken aus: sie +ist+
-überhaupt bloß.
-
-Der einzelne Mensch ist lediglich eine Welle in ihr. Sie dauert, er
-vergeht. Allerdings ist sie bloß eine ungeheuere Maschine, gleich den
-Sozialorganen des Menschen. Aber diese Maschine eben ist das eigentlich
-Seiende. Die Menschen sind nur in ihr geborene und wieder zerstörte
-Spiegelplättchen.
-
-Allmählich sinkt das ganze Aktive der Welt mehr und mehr in diese
-gemeinsame Wirklichkeit.
-
-Der Mensch ist nur noch Passives.
-
-Er liegt in einer ungeheueren Maschine.
-
-Sie treibt heute ihren Dampf in ihn und läßt ihn laufen. Morgen wirft
-sie ihn auf den Schwungriemen und wirbelt ihn gegen die Decke.
-
-In diesem Jahrhundert grandioser technischer Werkstätten nimmt auch
-dieses Bild grandiose, monumentale Formen an.
-
-Aber in seiner philosophischen Konsequenz muß es zu einem Pessimismus
-der schärfsten Färbung führen: dem Pessimismus, der in allen
-Kulturjahrtausenden immer wieder die Reaktion des Individuums gewesen
-ist, das von einer Weltanschauung wie eine Schnecke im Weinberg
-zertreten wird.
-
-Und dieser Pessimismus wird tatsächlich doch nur verdankt einem
-falschen erkenntnistheoretischen Schachzuge.
-
-Das Jahrhundert beginnt sich seinen schönsten Zauberstab, die
-„Wirklichkeit“ in Anführungszeichen, zu versteinern, zu entwerten, zu
-einer Geißel gegen sich selbst umzuübertreiben.
-
-Das aber einmal in voller Gährung, fließen die Wellen jetzt
-unaufhaltsam auf der schiefen Ebene ab, den Rest des Jahrhunderts mit
-ihrem Rauschen durchhallend.
-
-Aus dem wundervollen neuen Menschen, den uns das Jahrhundert aus
-Nebelflecken und Urzellen gezogen hatte, diesem Menschen, der einen
-Kosmos um ein Paradiesgärtlein eingetauscht hatte, der auch in
-der schlichtesten Arbeiterbluse fortan ein Sonnensohn war, dessen
-Adelsbaum bis in die Milchstraßen ragte: aus diesem unsagbar prächtig
-vergrößerten Menschen ging in der Logik der falschen Doktrin auf einmal
-der „Normalmensch“ hervor, ein kleines spaßhaftes Philisterlein mit
-einer Nummer vor der Stirn, der nicht zu mucken, sondern nur zu folgen
-hatte.
-
-Dieses Menschen-Maschinlein war der Mensch, ausgemünzt bloß noch auf
-die bestehenden Allgemeinwerte hin, unter absolutem Niedersäbeln jedes
-subjektiven Lebens als einer „Schädlichkeit“.
-
-Von einer blinden Vergottung der heute gerade errungenen
-Wirklichkeitswerte aus wurde dieses Menschlein zurückgezahlt als
-erstarrte Schablone, die jetzt in die Praxis allenthalben hineingepreßt
-werden sollte.
-
-Es war die Entwickelung, die sich selber den Ast absägte, die Quelle
-verstopfte, den ewigen Jungbrunnen zuschüttete.
-
-Denn mit der Nichtigkeitserklärung den ganzen rein subjektiven Werten
-gegenüber erstickten alle die Keimkristalle des Fortschrittes in der
-Erweiterung des Wirklichkeitsbildes, die unablässig in dieser großen
-Mutterlauge des Subjektiven anschossen.
-
-Jede große Allgemeinwahrheit war einmal in einem einzelnen Kopf
-als heterogene, als ketzerische Subjektivität geboren, jede
-Allgemeinnützlichkeit an einem subjektiven Leibe zuerst erprobt worden.
-Aber was sollte das, wenn man alles Aktive in diesem nachgeborenen
-Produkt, in der schon bestehenden „Wirklichkeit“ selbst suchte, anstatt
-in den Individuen mit ihren Subjektivitäten, die unablässig neues
-Material aus ihrer Aktivität heraus zur Auslese des sozial Passenden
-ins Feld warfen?
-
-Der Normalmensch wuchs wirklich für die Theorie sieghaft auf, so
-und so viel tausend und tausend Spiegelplättchen, alle auf dieselbe
-omnipotente „Wirklichkeit“ eingestellt und nur gemessen auf die
-Korrektheit dieser Einstellung.
-
-Wer im genauesten Winkelmaß ziffernmäßig eingerenkt stand, -- der war
-„gesund“.
-
-Jede subjektive Abweichung aber war -- Krankheit.
-
-Obwohl alle letzten Gedankengänge, die schließlich bis hierher geführt
-hatten, falsch oder wenigstens übertrieben waren, so tritt doch auch
-darin noch die Größe des Jahrhunderts hervor, daß die Verfolgung
-dieser Dinge jenseits des schlechten Punktes eine so gewaltige Logik
-entwickelte, daß schon das allerstärkste Bollwerk nötig wurde, um sie
-endlich doch zum Falle zu bringen.
-
-Es liegt aber ein solches Bollwerk tatsächlich inmitten des unendlich
-schwankenden Halbdunkelgebietes des „Subjektiven“ -- und zwar sind
-seine Zinnen von alters in ihrer ganzen Cyklopenkraft bekannt.
-
-+Es ist die Kunst.+
-
--- -- --
-
-Auf einem Höhepunkte der Verwickelung mußte die Kunst das Ilion werden,
-vor dessen Mauern der große Kampf zum Stillstande der Entscheidung kam.
-
-Der Kampf zwischen der versteinerten, vergötzten „Wirklichkeit“ -- und
-dem Aktiven in der Subjektivität, das neue Werte schuf und den ewigen
-Fluß, die ewige Relativität, die ewige Entwickelung vertrat jenes
-Ausschnittes aus dem grundlegenden Gesamtergebnisse der Menschheit, den
-wir „Wirklichkeit“ nennen.
-
-Die Kunst nimmt in dem Gegensatze zwischen Subjektivem und Sozialem,
-zwischen der großen Erlebniswirklichkeit und der engeren, gemeinsamen
-„Wirklichkeit“ in Anführungszeichen eine so schlechterdings besondere
-Stellung ein, eine so raffiniert verwickelte Grenzstellung, daß jede
-Übertreibung hier ein Zwist auf Tod und Leben werden muß.
-
-Nichts ist seltsamer, ist von gewissem Boden aus unwahrscheinlicher und
-ist doch tatsächlich wahrer als der Satz, daß in der Kulturgeschichte
-noch +jede+ Welle, die +vergewaltigend+ gegen die +Kunst+ anbrandete,
-schließlich +zerbrochen und verschäumt ist+, -- als sei hier der
-feinste Kern- und Schutzwert der Menschheit berührt, dessen Antastung
-jäh alle Alarmsignale auslöst und zum generalen Widerstande bläst.
-
-Auch in der Auffassung des Ästhetischen läßt sich das neunzehnte
-Jahrhundert ziemlich gut auf seine zwei Hälften trennen.
-
-Die erste Hälfte steigt herauf geradezu aus einer ästhetischen
-Hochblüte. Ästhetisch ist also förmlich aufdringlich zuerst noch ihre
-Grundstimmung.
-
-Während die Naturforschung, die Technik, der Realitätssinn in der
-Stille schon die ganze Unterströmung beherrschen, liegt das Bewußtsein
-doch noch hell im ästhetischen Felde. An den ästhetischen Begriffen
-wird zunächst noch gemessen, was aus jener engeren Wirklichkeitswelt
-zufließt. Noch kann man von einer ästhetischen Weltanschauung reden,
-die selbst Naturforscher ersten Ranges beherrscht.
-
-Aber in dieser Vorherrschaft ist sie allerdings schon in einer
-absteigenden Linie. Und der Umschwung wird in der zweiten Hälfte
-vollständig sichtbar.
-
-Aus einem ästhetischen Wellenkamm ist nunmehr ein Tal geworden.
-
-Jene Wirklichkeitsstimmung hat die Lichtgrenze des Bewußtseins
-allenthalben erobert. An ihr, an Wirklichkeitswerten, wird das
-Ästhetische des Tagesgebrauches jetzt umgekehrt gemessen. Und da
-alsbald noch mehr als das.
-
-Indem die „Wirklichkeit“ in den Brennpunkt der Übertreibung tritt,
-erfolgt etwas, wovor am Ende des achtzehnten Jahrhunderts allen guten
-Köpfen gegraut hätte wie vor der Sünde wider den heiligen Geist.
-
-+Die Existenzfrage der Kunst+ wird gestellt.
-
-Die Berechtigungsfrage aus jenen Gedankengängen heraus.
-
-Die Welle auf der schiefen Ebene hat die Mauer erreicht und platzt.
-
-Von der einen Seite kommt eine Strömung, die sich wissenschaftlich
-nennt.
-
-Sie wird eingeleitet durch eine gewisse allgemeine Stimmung.
-
-Man weiß in bestimmten Kreisen mit dem Ästhetischen plötzlich nichts
-Rechtes mehr anzufangen.
-
-Naturforscher einer ganz bestimmten Färbung, Techniker, Realpolitiker
-aller Art, echteste, auf beiden Beinen, wie sie glauben,
-unerschütterlich fest stehende Jahrhundertkinder, rufen nach Tatsachen,
-immer nur wieder Tatsachen. Tatsachen helfen, Tatsachen machen frei,
-gut, glücklich. Künstler aber geben keine Tatsachen in diesem Sinne.
-Ob die Kunst also nicht etwas ist, was sich auslebt, wie die Religion?
-Etwas Sanfteres, Ungefährlicheres, aber doch auch etwas Epigonenhaftes,
-Abblassendes, eine Kinderei und Jugendeselei der Menschheit?
-
-Man konnte ab und zu sagen hören, daß der Mensch wirklich jetzt endlich
-und glücklicherweise aus den losen Kinderspieltagen und Phantasiezeiten
-heraus und in der Schule sei, wo es lesen, schreiben, rechnen und vor
-allem stille sitzen gelte. Wer auf die nützliche Schiefertafel dort,
-statt Rechenexempel zu schreiben, Männchen mit humoristischen Nasen
-malte, bekam Arrest.
-
-So grob ist das allerdings nur vereinzelt ausgesprochen worden. Aber in
-der Zeitstimmung lag es.
-
-Man las es zwischen den Zeilen, wohin man sah.
-
-Und man wird die ganze Realperiode des neunzehnten Jahrhunderts nie
-verstehen, wenn man es da nicht mitliest.
-
-Aus der Stimmung erwuchs dann ein +Angriff+.
-
-Ein altes Aperçu Diderots sagte, die Narren, Lumpen und Genies kämen
-aus demselben Topf. Das wird eines Tages „naturwissenschaftliche“
-Kunsttheorie. Es wird zum Urteil (im juristischen Sinne) über die Kunst.
-
-Man hatte ja jetzt das Gesetzbuch dazu.
-
-Jener famose Normalmensch gab die Grundlage.
-
-Alle subjektiven Werte, die über ihn hinausfielen, waren
-Hallucinationen. Hallucination war aber etwas Delirisches, etwas
-Pathologisches.
-
-Das ästhetische Schauen und Schaffen etwas Krankhaftes! Genie im
-ganzen, also auch Künstlergenie, eine Krankheit! Eine Spezialform des
-Wahnsinns!
-
-Man behielt die Wahl, ob man den ästhetischen Menschen bloß als eine
-Spezies des Epileptikers auffassen wollte, oder ob man wenigstens eine
-besondere Irrsinnsgattung ihm zugestand.
-
-Lombroso bevorzugte den Epileptiker, doch blieb das noch Problem.
-
-Es war auch möglich, daß das Genie bloß eine Vererbungserscheinung im
-Alkoholismus war. Eine Erbsünde also vom Vater Noah. Der Zwist der
-„Forscher“ hierüber ist im neunzehnten Jahrhundert nicht beigelegt
-worden.
-
-Einer dieser Irrenhaus-Ästhetiker betonte auch einmal, daß das Singen
-und besonders das Denken und Reden in Reimen ein spezifisches Symptom
-cerebraler Störungen sei; ich habe dabei immer an den armen Rückert
-denken müssen und wie gemeingefährlich dieser Patient ohne Zwangsjacke
-eigentlich gewesen ist, ohne daß seine leichtsinnige Umgebung es ahnte!
-
-Gestützt wurde die Debatte mit einem Anekdotenkram ungefähr vom
-geistigen Niveau jenes treuen Schulpedanten, der auf die Frage, ob
-unter seinen Zöglingen auch einmal ein Dichter gewesen sei, antwortete:
-er habe wohl einmal ein solches Monstrum dabei gehabt, es sei aber
-wegen Faulheit zum Glück bald wieder aus der Klasse geflogen.
-
-Dabei waren es äußerst ehrenwerte Männer, die diesen Weg gingen,
-ehrliche Sucher, die eine Versöhnung zwischen der Idee des Jahrhunderts
-und diesem widerspenstigen Dinge, Kunst genannt, ernstlich anzubahnen
-glaubten. Eine Versöhnung bloß durch die Guillotine.
-
-Alles in allem war dieser theoretische Kreuzzug aber doch eine kleine
-Sache. So klein, daß man ihn eine Mode nennen könnte, obwohl auch er
-schon das ganze Jahrhundert in seiner Art in der Sackgasse hatte.
-
-Ein Windstoß der echten, souveränen Kunst, und die Splitter stoben.
-
-Diese Lombrosos waren keine Graalsritter. Sie waren nicht einmal
-edle Don Quixotes. Sie waren Hampelmännchen, Liliputchen, die den
-schlafenden Riesen zu fesseln meinten, indem sie an jedes Haar ein
-spinnwebedünnes Seil banden.
-
-Nicht ihre Handlung gab den Ausschlag, sondern die des Riesen selbst.
-
-Es war nämlich ein ungeheuerlich viel größeres Schauspiel, als eines
-Tages +die Kunst selber+ sich ergriffen zu zeigen schien von den
-neuen Schätzungen, den neuen Werten.
-
-Sie paktierte nicht mit den Lombrosos der Theorie -- aber sie paktierte
-mit der Zeit, mit der Praxis, die auch diese Lombrosos trug.
-
-Der Riese, dessen Befreiung von den lächerlichen Haarseilchen nur ein
-Ruck war, ein ärgerliches Kopfschütteln -- er öffnete auf einmal selbst
-seine Jacke und bot sein Herz.
-
-Die Kunst selber stellte sich Auge in Auge mit der „Wirklichkeit“ und
-allem, was daran hing.
-
-Und das jetzt wurde ein wirklich entscheidender Moment in der
-Entwickelung dieses Jahrhunderts selbst.
-
-Die ausübende Kunst stand praktisch damals am Ende einer Krisis.
-
-Es ist gar kein Zweifel, und ich finde, daß es auf alle Kulturländer
-im großen trifft: jenes langsame allgemeine Absinken der ästhetischen
-Epoche im neunzehnten Jahrhundert war Hand in Hand gegangen mit einem
-Wellental auch der unmittelbaren künstlerischen Kraft selbst.
-
-So etwas ist schwer in Bausch und Bogen zu beweisen. Im Detail lassen
-sich hundert kräftige Sachen aus allen Kunstgebieten dagegen stellen.
-Aber es ist doch etwas daran wahr, das jeder sehen muß, der Höhenschau
-hat.
-
-Vor der Kunstepoche, die überall, in der Malerei so gut wie in der
-Dichtung, die Epoche des Naturalismus heißt, liegt eine Einbiegung
-der Kurve, eine Epoche der Lähmung, des Tastens, des Zweifels, des
-bewußten teils und teils des unbewußten Epigonentums. Die Kraft versagt
-natürlich nicht ohne weiteres. Aber sie erscheint verzettelt, es fehlt
-die Frische des Entwickelungsbewußtseins, es fehlen all die lieben,
-grünen, aber triebkräftigen Symptome der Jugend.
-
-In unserer deutschen Dichtung war es die Zeit, die, wie sie sagte,
-sich gedrückt fühlte durch Goethes Riesengestalt, die sich um Goethes
-Größe willen als Epigonenzeit fühlte -- und die doch ebendadurch
-charakterisiert war, daß sie Goethe am wenigsten kannte und seine wahre
-„Nachfolge“ immer mehr zu vergessen schien.
-
-Es war in vieler Hinsicht eine kunstvergeudete Zeit, und es bedeutete
-ein Aufatmen, als sie, dank einer neue Generation, aufhörte.
-
-Aber nun grade kam das ganz Sonderbare.
-
-Diese neue Generation, geschwellt von frischer Tatkraft, war gesäet und
-aufgesproßt schon mitten im neunzehnten Jahrhundert. Dieses Jahrhundert
-in seiner ganzen Glorie wuchs über ihr. Es +hatte+ sie und es ließ
-sie nicht.
-
-Und im Moment, da sie die nackten Prachtarme recken wollte,
-schmetterte es sie nieder mit seinem Generalworte: Wirklichkeit!
-
-In ihrem ganzen Königsmantel stand die Zeit da.
-
-Eine neue Zeit, mit Erfolgen, von denen der ganze uralte Palmbaum der
-Menschheit bis in seine Wurzel bebte.
-
-Und das vor einer Kunst, die nach Neuem sich mit der Inbrunst
-erwachenden Frühlings, schleierloser Liebe sehnte.
-
-Was tun?
-
-Die Kunst hat Somnambulenaugen.
-
-Sie sah nicht bloß schwirrende Räder, sie sah den Dingen ins Herz.
-
-Sie sah die neue +Weltanschauung+.
-
-In dieser Weltanschauung raste ein furchtbares seelenloses Grundwesen
-dahin, eine menschenfressende Maschine: die „Wirklichkeit“. Die
-einzelnen Menschen waren bloß noch Glasplättchen, die diese Maschinerie
-spiegelten, nichts weiter. Heute herausgestellt, daß sie blitzten;
-morgen zersplittert. Was war in diesem Schauspiele die Kunst?
-
-In dieser jungen Künstlerschaft voll gährender Kraft war von Anfang
-an gewiß keine Stätte für Lombroserei. Man glaubte hier an die Größe
-der Kunst, wenn je. Groß war sie, wie der Mensch selbst. An der Spitze
-der Menschheit ging der schaffende Künstler, mit dem Banner dieser
-Menschheit in der Faust.
-
-Aber wenn nun der Mensch, wenn die ganze Menschheit nichts andres
-war als ein bloßes Spiegelplättchen eines objektiven Mechanismus,
-ein Spiegelchen vor einer ungeheuren kollernden, keuchenden Maschine
-... mochte die Kunst triumphieren im Menschen von Pol zu Pol seiner
-Existenz: +mehr als der Mensch+ konnte sie doch nicht sein!
-
-Und so sank auch der Genius der Kunst in dem Augenblicke, da er seine
-Flügel ganz herumwarf um diesen Menschen, ihn umfing, ihn durchdrang
-wie eine Geliebte im äußersten Besitz: so sank auch er herab zur Rolle
-bloß noch eines Spiegelchens vor diesem Allmechanismus.
-
-In dieser Stunde und vor diesem Gedanken ist nicht die Lombroserei,
-sondern die wirkliche künstlerische Idee in echten Künstlerköpfen
-geboren worden, daß die Kunst sich zu +erschöpfen+ habe in der
-einfachen +Wiedergabe+ der Wirklichkeit.
-
-Die Kunst ist degradiert worden zu einer Kopistin dieser „Wirklichkeit“.
-
-Aus einem Schöpfer, einem Entwickelungsfaktor der Welt zu einem Spiegel.
-
-Nicht liliputische Männlein wie Lombroso standen, wie gesagt, an
-der Wiege dieser Idee. Stolze Hochgeister der Kunst beugten sich
-in der brennenden Liebe zu ihrem Jahrhundert einem versteinernden
-Gorgonengedanken dieses Jahrhunderts.
-
-In der tiefsinnigen griechischen Sage schwingt sich der Pegasus aus dem
-Blute der Gorgo. Diesmal versank er darin.
-
-Es macht die Betrachtung dieser Dinge schwer, daß sich eben jene beiden
-Fäden ineinander verspannen: eine neu ansteigende, praktisch wieder
-junge und lebensstarke Kunst überhaupt -- und eine falsche Kunstidee.
-
-Jedesmal nämlich, wenn der Kunstgenius der Menschheit sich überhaupt
-besinnt, sich aufrafft, seine Kräfte zusammen nimmt -- jedesmal dann
-erscheint das ganz von selber wie eine Rückkehr zur Wahrheit.
-
-Die innere Logik des Kunstwerkes scheint verstärkt, die Suggestion wird
-unvergleichlich gewaltiger, ein Gefühl der objektiven Reinheit des
-Schaffenden als eines innerlich Gebundenen, auf die innere Wahrheit
-Verpflichteten strömt wie von einer reifen Blüte aus.
-
-Schleier des Nachgeahmten fallen, äußere Motive, mit denen jede
-Epigonenzeit die Kunst überwuchert, dorren plötzlich als Unkraut ab.
-Und ein Gefühl der Kraft, des Kraftstrotzens gibt unter allen Umständen
-einen realistischen Zug, die Kunst tritt wieder jung als Eroberer auf
-und wagt sich mit dem kecken Mute dessen, dem die Welt verheißen, in
-neue Provinzen dieser Welt. So ist einst Goethe selber gekommen -- als
-Wahrheitskünstler.
-
-Auch diese Symptome werden nun immer merkbarer in der Kunst des letzten
-Viertels des neunzehnten Jahrhunderts.
-
-Von hier aus blühte ein „Naturalismus“ in ihr auf, der aber tatsächlich
-nichts anderes war als ein Zurückbesinnen der Kunst einfach auf
-sich selbst, auf ihre echtesten, urältesten Rechte, auf ihren
-inneren Wahrheitsgeist im Gegensatze zur Pseudokunst, die bildet um
-äußerlicher, kunstfremder Zwecke willen.
-
-Einen Triumph der Kunstnatur möchte man in diesem Sinne hinter das Wort
-deuten.
-
-Die gesamte Kunstgeschichte seit grauen Tagen wandelt empor auf solchen
-Triumphen, die immer und immer wieder den Erdenstaub durchbrechen und
-das unsterbliche Leben der Kunst neu proklamieren auf dem dürren Acker
-einer Epigonenzeit.
-
-Aber das alles hatte ganz und gar nichts zu tun mit jener spezifischen
-Wirklichkeitstheorie des Jahrhunderts, die eben nur dieses Jahrhundert
-so aus sich gebären konnte.
-
-Wohl läßt sich sagen, daß so heroische Irrtümer, wie diese
-Wirklichkeitslehre, selbst als Irrtum einer kraftlosen Epigonenzeit
-nicht gelungen wäre.
-
-Es bedurfte selbst zur Grundlage dieses großen Irrtums einer großen
-Kunst.
-
-Nur eine Kunst, die den Weg ins Herz großer Weltanschauungsfragen
-überhaupt wiederfand -- und das ist immer Zeichen echter, ansteigender
-Kunst -- konnte sich so tief verwickeln in eine Übertreibung, einen
-Irrgarten eben der modernen Weltanschauung hinein.
-
-Aber darum bleibt Irrweg Irrweg.
-
-..... Ich glaube nun aber, daß die Kunst auch hier grade die tiefste
-Mission erfüllt hat.
-
-Gerade, indem die Kunst die brausende Welle dieser Wirklichkeitsidee
-eine Weile tief und scheinbar bis ins Herz hinein aufnahm, meine
-ich, daß sie uns die Augen hat öffnen helfen für die +kolossale
-Übertreibung+, die +überhaupt in die ursprünglich so fruchtbare
-Idee der Wirklichkeit verheerend hineingeraten war+.
-
-Und so hat sie sich doch als die alte stärkste Schutzmauer bewährt.
-
-Hat sie --?
-
-Ich weiß es nicht, inwiefern das schon hinter uns liegt.
-
-Wir stehen, was diese höchsten Gesichtspunkte anbetrifft, ja noch
-mitten im Kampfe, und streng genommen kann man doch nur von Anzeichen
-reden.
-
-Aber eine Anzahl Menschen fangen doch entschieden schon an, darüber
-nachzudenken, ob man nicht über eine Kunsttheorie, deren Schwächen
-man nur zu deutlich empfindet, eine Schicht +tiefer+ zurückgehen
-müsse auf eine +Revision+ gewisser +Voraussetzungen in der
-Weltanschauung+, die uns das neunzehnte Jahrhundert überliefert hat.
-
-Eine Revision, die natürlich nicht wieder zu den Torheiten zurückführt,
-die dieses prachtvolle Jahrhundert glücklich antiquiert hat.
-
-Sondern, die uns noch einmal wieder um ein Stück freier macht und dabei
-allerdings auch noch mit einigen Spezialgespenstern aufräumt, die
-dieses Jahrhundert selbst hinzugebracht hatte.
-
-Befreien wir den Menschen wieder von diesem Wirklichkeits-Gespenst,
-das sein Herzblut saugt wie ein Vampyr -- -- und wir haben die Kunst
-mitbefreit.
-
-Lernen wir aus den Kunst-Konsequenzen.
-
-Und wir begreifen, daß in der Philosophie etwas falsch war.
-
-
-
-
- (Friedrichshagen. Fest des Geistes.)
-
-
-Der Wald schimmert im blassen Sonnenglast nach einem Regenschauer.
-
-Wie eine braune Schlange liegt der Bahndamm quer hindurch, vom Geleise
-glänzt es wie silberne Schuppen.
-
-Die Telegraphendrähte vor den roten Kiefernstangen und schwarzen
-Kronsilhouetten wie glimmerndes goldrötliches Spinngewebe. Einmal ist
-es, als spinne dieses feine Netz sich an eine riesige Blume, eine
-Rispe weißer Maiglöckchen an, die auf hohem, trockenem Stengel lose
-schwebt: das Viereck mit den Porzellanhütchen.
-
-Weißblau liegt der Himmel im Ausschnitt der Bäume.
-
-In der Linie der Bahn aber, wie das Auge ihr folgt, ein wunderbares
-Aufflammen von Grün, junge Birken, Flamme um Flamme goldgrün lodernd
-vom spiegelnd weißen Schaft.
-
-Ein goldener Vogel huscht scheu hinzu: der Pirol.
-
-Und dieses jungfrische jubelnde Pfingstgrün fließt dem Blick überall
-weiter, in die grüngelbe Wolfsmilch und den Fleck grellgelber
-Potentillablüten am Bahndamm, in die Akazienbüsche, denen das erste
-Laub vor der Sonne wie ein goldiger Heiligenschein um die schwarze
-Dornenkrone der Zweige steht, in den tiefen Waldgrund unter den roten
-Stämmen, wo der hartgrüne starre Farnteppich sich verliert.
-
-Naturstille.
-
-Nur ein ganz leises Rollen noch, wie aus der feuchten Erde herauf von
-dem letzten enteilenden Zug. Hinten im Waldgeheimnis verschwehlt noch
-ein letzter bläulicher Nebel seiner Rauchwolke.
-
-Ein fernes helles Läuten von der Wärterstelle, als klängen die
-Maiglöckchen da oben im Spinnennetz aneinander.
-
-Und wieder ganz still.
-
-Finken zirpen leise, einförmig aus dem Unbekannten der Kiefernkronen.
-
-Und nun auf einmal, ganz unvermittelt, ein hartes, rohes Geräusch,
-mitten aus der Landschaft, als stürze ihr etwas ins Herz.
-
-Ein Ratschen, Knacken, ein Ruck und Fall.
-
-Vor dem Glast hat sich etwas bewegt wie ein Schattenfinger. An dem
-plumpen, rot-weiß getünchten Bahnsignal dort ist automatisch der
-Galgenbalken heruntergefallen. Eine geheime Zeichensprache eines
-automatischen Hampelmanns, an dem ein Schicksal hängt.
-
-Pfingstwehen.
-
-Wie ich auf die grünen Flammen dort schaue, die jetzt wieder in der
-großen Stille ein ganz verlorener Lufthauch geräuschlos wiegt, denke
-ich an das große alte Symbol der Pfingstgeschichte.
-
-Aus der Urtiefe des Geheimnisses auf einmal der +Geist+
-vorbrechend, wild wie ein Feuer, das da ist, niemand weiß, woher, und
-uns verzehrt, ehe wir es fest erkennen.
-
-Und in diesem Geist verjüngt sich eine Zeit, eine neue Menschheit wird
-mit ihm geboren.
-
-Woher?
-
-Aus dem Unbekannten in uns, aus dem „Werde“ des Entwickelungsrätsels,
-aus der ~Natura naturans~, die weltengründend auch in uns weiterlebt,
-wie sie in Milchstraßen und Sonnen gewesen ist.
-
-Und der größte Gegensatz taucht mir auf, der durch unsere Zeit geht:
-der Gegensatz des +Automatischen+ und des +Elementaren+.
-
-Das Automatische war die Stärke des neunzehnten Jahrhunderts.
-
-Es ist sein Erbe in uns, sein Herrenerbe.
-
-Wie diese Signalstange hier im einsamen Walde automatisch sich senkt,
-so sollte ein neuer automatischer Menschheitsleib als Technik den
-ganzen Planeten umspinnen. Schon geht der Zeigerdruck durch die Ozeane.
-In seinen realistischen Träumen sah das Jahrhundert auch solchen
-Metallarm sich bereits heben und senken auf den Eispolen, in den
-Erdtiefen, an den Grenzen des Luftmeeres.
-
-Von der Technik kam das aber dann als Bild und Maß aller Dinge.
-
-Ein Kind drückt auf den Knopf einer elektrischen Leitung, und ein Berg
-spaltet sich.
-
-Aber, was ist das Kind selbst?
-
-Nicht Ebenbild Gottes, sondern auch nur dieser Technik. Eine höhere
-Macht, das Milieu, hat auf einen Knopf gedrückt, und automatisch
-entstand dieses Kind. Es wird den Faust dichten und die sixtinische
-Madonna malen: automatischer Fall eines Balkens im Gehirn aus
-bestimmter Konstellation der Außendinge wie bei jenem Bahnsignal,
-nüchtern zu überschauender Außendinge, die wir wohl auch einmal
-rechnend beherrschen werden, -- dann, wenn wir jenen Zeiger auf dem
-Nordpol haben ...
-
-Schon sehen wir einen ungeheuren Regulator dieser Dinge: die Masse.
-
-Ihr Werkzeug ist der Einzelne. Wo er nicht automatisch reagiert, da
-wird er als schlechter Apparat für funktionsunfähig erklärt; er ist
-krank.
-
-Diese Masse aber ist selbst wieder Automat, fallender Balken einer
-umfassenderen automatischen Welt. Und so fort bis zum letzten
-Doppelstern des Alls.
-
-Dieses All ist ein sich selbst tragendes automatisches System,
-unveränderlich, absolut tot, ohne Sinn für sich selbst.
-
-In dieser einsamen starren Größe endet das Denken des neunzehnten
-Jahrhunderts.
-
-Alles hier um mich her ist ein Automat.
-
-Nicht jener häßlich ratschende Signalbalken bloß, der mich eben
-erschreckt hat.
-
-Die grünen Pfingstflammen der jungen Birken dort ebenso.
-
-Und die Sonne.
-
-Und ich selbst.
-
-Und all meine Träume von einer Pfingstlegende.
-
-Aber das neunzehnte Jahrhundert hat uns nicht nur dieses Herrenerbe
-hinterlassen, das Erbe seines Herrengedankens.
-
-Auch ein Sklavenerbe haben wir von ihm, das Aufbäumen des unterjochten
-+Gedankens vom Elementaren in der Welt+.
-
-Ihm ist der Fortgang der Dinge ein immer neues Fest der Ausgießung des
-Geistes.
-
-Pfingsten ist im Erwachen jeder Persönlichkeit, Pfingsten ist in jeder
-Geburt.
-
-Und das nicht nur, wenn ein Mensch geboren wird. Auch wenn im
-Menschengeiste geboren wird. Wenn jenes tiefere Liebesleben sich
-abspielt, aus dem die Fauste und die Sixtinen steigen.
-
-Ohne die Flämmchen dieses Pfingstwunders entsteht kein Kunstwerk,
-entsteht kein tiefster Gedanke der Philosophie, entsteht keine
-Erfindung der Wissenschaft, erwächst keine geniale Tat des brandenden
-Lebens um uns her.
-
-Dieser Pfingstgeist ist es, der die „Wirklichkeiten“ erst baut und der
-sie ebenso auch wieder zerschlägt, um höherer Wirklichkeit willen.
-
-Er hängt einsam am Kreuz und er zwingt doch die Masse, daß sich
-dreitausend taufen lassen.
-
-Er wandelt ein Zerschlagener durch eine Welt von Disharmonien und durch
-diese Welt rauscht fortan die neunte Symphonie.
-
-Beide Anschauungen haben ihren Punkt, wo sie in ihr Gegenteil
-umschlagen könnten und beide Male in eine unvollkommene, schlechte Form
-dieses Gegenteils.
-
-Das neunzehnte Jahrhundert war so stolz, daß es mit seinem
-Automatenideal alle groben Wunder unmöglich gemacht.
-
-Und doch: wenn alles nun Automat ist, die ganze Welt nur eine Kette
-elektrischer Klingelanschlüsse ist, wenn es kein Elementarisches mehr
-in irgend einer menschlichen Person, in keinem Dichter, keinem Genius
-auf Erden mehr gibt -- wird nicht doch am Ende der allerletzten Kette
-der eine letzte Finger nötig, der aus dem Urelementarischen auf den
-ersten Klingelknopf drückt -- die eine einzige Urperson, der Alldichter?
-
-Je automatischer alles sonst, desto greller dieses letzte Wunder.
-
-Hinter der toten Welt ein einziges Lebendiges im elementaren Sinn.
-
-Und um das doch schließlich zu erkaufen, -- dafür dieses schaurige
-Ertöten der ganzen sichtbaren Welt in den fallenden Balken eines
-fühllosen Automaten hinein!
-
-Umgekehrt hat der Pfingstglaube selbst aber seine Stelle, wo auch er
-erbarmungslos ins Automatische schlagen kann.
-
-Wenn er nämlich das Wunder des Intuitiven, des Elementaren roh faßt,
-wie das „Wunder“ so lange gefaßt worden ist: dualistisch als Eingriff
-eines Fremden.
-
-Die Natur, die Entwickelung erzeugt dann auch nur, was eine +fremde+
-Macht in sie wirft. Der Dichter ist nur armer Stenograph des
-überirdischen Diktats, die Person nur Werkzeug eines außerweltlichen
-Milieus.
-
-Da hast du nun Wunder auf Schritt und Tritt, es fingert allerorten und
-drückt mit Geisterhänden auf die elektrischen Knöpfe dieser Welt -- und
-doch bist du nur selber eine armselige Klingel und seist du Goethe und
-Beethoven und Rafael.
-
-War dort eine unendliche Automatenkette, so hier lauter
-Augenblicksautomaten.
-
-Aber um das automatische Sklaventum kommst du nicht herum.
-
-Es liegen aber zum Glück noch andere Möglichkeiten vor und auch welche,
-die nicht ins Alte zurückführen.
-
-Wie stolz ist die automatische Vorstellung auf ihren
-Entwickelungsbegriff gewesen!
-
-Er stand unberührt von jeder Möglichkeit, ins Veraltete umzulenken. Und
-wahrlich, so steht er auch.
-
-Aber geheimnisvoller Traum, einer Pfingststunde angemessen: wie will
-der Entwickelungsbegriff, daß aus Einem etwas Anderes wird, daß
-ein Niedrigeres zu einem Höheren steigt, eigentlich logisch leben,
-+ohne+ daß sein Königshaupt immer wieder gesalbt sei mit einem
-Tropfen elementarischen Oels?
-
-In jedem dieser Uebergänge liegt ja ein elementarischer Geheimniszug!
-
-Ich selbst fasse ihn gewiß nicht als den Finger der Mystik, der
-von außen stößt, aber das Wunder in den Dingen bleibt er auch mir
-unabänderlich, das Wunder, das auf eine Pfingsttiefe weist zwischen
-allem Automatischen -- eben weil dieses Automatische zugleich eine
-+Entwickelung+ in sich zeigt.
-
-Durch die goldgrünen Flammenbüsche der Birkenkronen spielt und spielt
-leise der Wind, wie eine Hand durch schönes Frauenhaar fährt.
-
-Auch um mich, wie ich hier sinne, zieht sich jenes Ödfeld des
-Automatischen her. Dort das Signal ist ganz darin. Aber auch diese
-grüne Birke und dieser goldene Vogel sind mehr darin als ich selbst,
-viel mehr. Wie gering ist der Geistesspielraum in dieser Pflanze,
-diesem Tier, den ich sehe!
-
-Und die Sonne dort, die starr in ihren Himmelsgesetzen Jahrbillionen
-hängt!
-
-Ist es nicht, als sei die Ausgießung des Geistes über diesen allen
-schon äonenlang vorbei?
-
-Ihr Pfingsten lag, als das Gesetz sich in sie schrieb, das sie nun
-in unendliche Folge, sei es selbst oder zerspalten in Generationen,
-automatisch wiederholen ...
-
-In mir aber wogt der große Kampf mit seinem wunderbaren Gemisch von
-reflektierendem Bewußtsein und intuitiv aufsprühenden Geniusflämmchen
-des Elementaren fort und fort.
-
-In mir -- dem Menschen!
-
-Ist der Mensch +das Genie der Natur+, -- die große
-Aufmerksamkeitsstelle im unendlichen Felde des Elementaren, auf
-der seit Jahrtausenden jetzt das ganze Licht liegt, während
-um dessentwillen rings die ganze übrige Natur in den halben
-Dornröschenschlaf des Automatischen verfallen ist?
-
-Es kann der Mensch dieser Erde nicht allein sein, die Menschenstufe des
-ganzen Alls wird dazu gehören, wie immer es mit ihr sei. Bilden doch
-schließlich Sterne keine größeren Trennungen als in dieser irdischen
-Menschheit die parallelen Individuen.
-
-Pfingstwunder!
-
-So wäre es nichts anderes, als das wandernde Auge der Natur.
-
-Pfingsten wäre Leben, der Automat aber zeitweise weise Kraftersparnis.
-
-Die Welt ein Gewebe aus segensreichem, kraftspeicherndem Schlaf und
-konzentrierter, kraftverstürmender Lichtschau!
-
-Ein Gespenst nur wäre der große Weltautomat, auf dessen letzten Knopf
-der Finger von außen drückte. Wertlos aber wäre ebenso der Glaube an
-das Wunder noch einmal hinter dem Wunder.
-
-Die Natur hätte keine anderen Augen als unsere Menschenaugen -- aber
-mit denen sähe sie auch wirklich, sähe nicht bloß durch sie durch.
-Und zu diesen Augen gehörte auch der Geist Goethes und Rafaels und
-Beethovens, der Geist der großen Religionsstifter und Weltdeuter, der
-Geist der Forscher, die unsere Technik geschaffen, und der Geist derer,
-die das Evangelium von der Liebe gepredigt haben und gelehrt haben, daß
-alle Technik nur einen Sinn habe, wenn sie in der Hand der Liebe und
-des Ideals sei, Liebe und die Sehnsucht nach dem Ideal zu säen, so weit
-der willige Automat des elektrischen Funkens für uns fliegt.
-
-Wieder schnarrte das Signal da oben.
-
-Ich aber dachte jetzt, wie dieser Metallstab wohl auch kein
-Ausgestoßener der Welt sei, sondern ein unveräußerliches Stück Natur.
-
-War er heute auch nicht das Pfingstauge, in dem das elementare
-Lichtfeld zu den Sternen und zu der Weltliebe sah -- wer weiß, wozu
-seine Metallmoleküle heute schliefen.
-
-Vielleicht, wenn diese Gehirnmoleküle der Menschheit ausgerungen in
-Leid und Liebe, in dem großen, aber auch so furchtbar schweren Kampfe
-um +das+ Ideal, wenn sie trüb geworden als Auge der Natur --
-wer wußte, wohin diese elementare Natur dann wandern würde mit ihrem
-Lichtfeld, ihrem Sehnsuchtsfeld, wo sie diesen Metallstab und die
-jubelnde grüne Flamme dieses Birkenbusches auferstehen lassen würde aus
-dem Automatischen ins Geisthelle hinein, damit sie in den Sternen läsen
-und um Liebe kämpften, wie einst wir -- die wir dann vielleicht auf
-Äonen in irgendeiner stillen Versorgung des Automatischen ruhten, einem
-abermals neuen Rufe ins Aufmerksamkeitsfeld des Bewußtseins bereit.
-
-Ob unsere Zeit den Frieden einer solchen Weltanschauung finden wird,
-den Frieden ihres Doppelerbes?
-
-Aus den Kiefern tönte das leise Zirpen der Finken.
-
-Diese Naturstille war vielleicht die Antwort.
-
-Frieden ist nur im Automatischen.
-
-Wir sollen kämpfen.
-
-Und doch steht in den hellsten Idealen dieses Lichtfeldes der Natur,
-das wir Mensch nennen, auch schon die Menschenliebe.
-
-Geht auch das Elementarische auf eine höhere Lösung?
-
-Die Pfingstflammen glühen. Gehen wir. Wir werden sehen.
-
- * * * * *
-
-Das eben macht die Geschichte des Menschen so großartig und so
-tief, daß sie eigentlich immer Pfingstgeschichte ist, konzentrierte
-Pfingstgeschichte.
-
-Der Zeitraum ist auch mit allen Ziffern des Naturforschers für sie so
-kurz, und gleichzeitig ist so unglaublich viel Neues in ihr getan, daß
-gar kein Spielraum für das Erstarrende, das schon wieder Automatische
-zu bleiben scheint. Von einem Pfingstwunder scheint es zum andern zu
-gehen. Die Natur schaltet mit einer Kraft plötzlich, daß sie uns wie
-ein ganz anderes Wesen vorkommt.
-
-Daher so lange der zähe Glaube: es hebe mit dem Menschen ein ganz
-anderes Buch an, das Buch Gottes im Gegensatz zum Buche der Natur.
-
-Aber das ist ja jetzt für uns grade das ganz Große, daß wir das
-Göttliche auch in Ichthyosauriern und Planeten und Sonnen sehen und
-dafür das Natürliche auch im Menschen.
-
-Nirgendwo empfinde ich das deutlicher, als wenn ich von neuen
-Fortschritten der „Urgeschichte“ lese, jenes Grenzgebiets, wo
-die sogenannte „Geschichte“ sich gegen die Naturgeschichte, die
-Erdgeschichte hin auflöst.
-
-Früher herrschte auf diesen Rand zu immer ein leises Gruseln. Der Atem
-Gottes stockte auf einmal und drüben in der Finsternis lauerten die
-Fratzen der entgeistigten Natur. Heute ist eine Wanderung dort hinab
-wie ein Schritt in eine heiße Sommernacht, es duftet von verborgenen
-Blumen und durch das Dunkel ziehen leuchtende Punkte wie Johanniskäfer.
-Aber es sind heilige Flämmchen: lauter Pfingstflämmchen; es wird einmal
-wieder Pfingsten, +denn der Mensch kommt+.
-
-Eben grade ist ein solches Flämmchen wieder besonders hell
-aufgeglüht. Aus tiefem Schacht glimmt es zu uns. Es meldete von einer
-Pfingststunde, selbst noch wieder fast ohne gleichen in der Reihe der
-Pfingstwunder des Menschengeistes, -- vom +Pfingsten der Kunst+.
-Da die Kunst niederstieg auf diesen rollenden Planeten, niederstieg
-nicht als das Wunder einer unfaßbaren Überwelt, das als Sternschnuppe
-in den Sumpf der Natur fiel; sondern als eine Tat der Natur, die ihr
-gelang, weil ihr endlich der Mensch gelungen war.
-
--- -- --
-
-Auf dem kleinen Delikateßteller vor mir liegt eine Trüffel, zierlich
-und rund. Sie duftet nach allen guten Sachen und dem Feinschmecker geht
-das Herz auf.
-
-Wenn Du aber nicht bloß ein Esser, sondern auch ein Kenner bist, so
-weißt Du, daß dieser schwarze Diamant unter den Edelsteinen der Tafel
-einen kleinen Roman hinter sich hat.
-
-In fernem Lande grünte ein Eichenhain. Mit dem feinsten Wurzelgeflecht
-einer solchen Eiche verspann sich tief im Erdboden ein Schimmelpilz
-zu geheimnisvoller Gütergemeinschaft, von der heute noch nicht völlig
-klar ist, ob sie mehr auf gegenseitiger Liebe oder auf einseitigem
-Schmarotzertum beruht. Aus dem wohlgespeisten Pilzaderwerk aber erwuchs
-ein großer fleischiger Fruchtkörper, mit Sporen gefüllt. Sein Duft
-schwoll durch die Erde, daß die Schweine, die ihn verehrten, danach
-scharrten. Da die Sporen solcher Pilze durchweg nicht bei der Verdauung
-leiden, ist das Gefressenwerden für sie kein Schaden, es hilft nur zur
-Weiterverbreitung. Vielleicht ist der Duft, der das Schwein froh macht,
-ein wirkliches Lockmittel, wie die rote Kirsche mit ihrer leuchtenden
-Farbe zum Naschen und Weitertragen ihrer Kerne lockt. Der Mensch aber,
-der unleugbar in Gebiß und Geschmack mehrere Ähnlichkeiten mit dem
-Tierlein des heiligen Antonius verrät, nahm dem ehrlichen Finder seinen
-Fund ab, und versandte ihn für die Tafeln seiner schlemmenden Mitbrüder
-in aller Herren Ländern.
-
-Das Land, wo der Erdenschoß solche Schätze einer Schweineschnauze
-beut, ist die alte Grafschaft Périgord im heutigen Departement Dordogne
-im südwestlichen Frankreich.
-
-Gering wäre ihr Ruhm in der Welt, wäre die Trüffel nicht. Mit der
-Périgord-Trüffel geht er um die Erde, wie der Klang des Namens Teltow
-mit seinen Rübchen oder Frankfurt mit seinen Würstchen. Gegen solchen
-Ruhm aus dem Kochbuch ist schwer mit anderen Werten anzukämpfen, wie
-denn ganz gewiß schon manche naive Seele von Frankfurter Würstchen
-gehört hat, nicht aber von dem Frankfurter Goethe.
-
-Der Trüffel-Kenner aber soll doch als wirklich feiner Kenner, der auch
-seinen Goethe zu schätzen weiß, über seine Tafelfreude hinweg heute
-sich erinnern an die wahrhaftig wunderbaren Schätze, die diese gute
-Landschaft Périgord in ihrem Boden birgt, -- Schätze, die zum oberen
-Geistesstockwerk der Menschheit gehören, dort, wo eben dieser Goethe
-auch hingehört, und die an Geisteswert für unser edelstes Menschentum
-doch noch etwas wertvoller sind als die dreißig Millionen, die unsere
-welschen Nachbarn alljährlich am Trüffel-Handel verdienen.
-
-Zum Fluß Dordogne geht als Seitenader die Vezère, selbst wieder
-gespeist von kleineren Wässerlein.
-
-Dieses Vezère-Netz bildet liebliche Täler im Kalkfels. In diesem
-Fels seiner Talwände aber liegen Höhlen. In diesen Höhlen haben
-in entlegenen Tagen, jenseits aller unmittelbaren geschichtlichen
-Überlieferung, Menschen gehaust.
-
-Ob diese Menschen schon Trüffeln gesucht, wissen wir nicht. Was wir
-aber wissen, ist, daß sie die höchste und freieste Tätigkeit werdenden
-Edel-Menschentums schon gesucht und gefunden haben: Kunst.
-
-Kunst -- in Tagen, da noch das Mammut ein Charaktertier der
-französischen wie der deutschen Landschaft war!
-
-Lange schon ist von den Tierbildern die Rede gewesen, die, eingeritzt
-in Rentierhorn und Mammutelfenbein, in diesen Périgord-Höhlen entdeckt
-sein sollten. Heute kommt die fest bestätigte Kunde von Funden, die
-alles Kühnste in Schatten stellen.
-
-Höhlen sind erschlossen, eng wie ein Flaschenhals, aber auf ihren
-Wänden bedeckt mit einer ganzen Gemäldegallerie der wundervollsten
-Tierbilder, zum teil in Meter- bis Zweimeter-Größe, zum teil in Farben,
--- prähistorischen Tierbildern von prähistorischer Künstlerhand.
-
-Das Mammut ist dabei.
-
-Was keine Denkmalstradition der großen alten Kulturen, mit denen unsere
-„Geschichte“ anhebt, mehr erreichte, das haben wir nun endlich ganz
-sicher, mit einer Fülle der Details, die niemand je erwarten konnte.
-
-Es ist ja eine Kenntnis, in die sich das 19. Jahrhundert erst ganz
-langsam überhaupt eingewöhnt hat: daß uns Tiere noch innerhalb der Zeit
-des Menschen verloren gegangen seien; und daß dieser Mensch selber uns
-gelegentlich durch Kunstmittel noch etwas davon gerettet haben könnte.
-
-Als es allmählich eine Tatsache von betrüblicher Unwiderleglichkeit
-wurde, daß der große seltsame taubenähnliche Vogel Dronte, den die
-Expedition des Vasco da Gama 1497 auf der Insel Mauritius in ungeheuren
-Scharen entdeckt hatte, in der Zwischenzeit bis auf den letzten Kopf
-wieder ausgerottet sei, ohne daß man auch nur ein Museumsexemplar für
-die Naturgeschichte übrig habe, -- da fing man an, alte Gemälde zu
-durchsuchen, auf denen die holländischen Zeitgenossen allerlei Getier
-abkonterfeit. Und richtig: auf alten „Paradiesen“ des 17. Jahrhunderts
-stand bei anderm Geflügel auch die Dronte noch, in jedem Federchen treu
-kopiert mit dem ganzen Realismus der Niederländer und ihrer Liebe grade
-für groteske Gesellen.
-
-Als es desgleichen offenbar wurde, daß wir den Auerochsen falsch
-getauft hatten und daß auf diesen Namen in Wahrheit ein gewaltiges
-deutsches Tier, der echte Ur, stillschweigend irgendwo um das
-sechzehnte Jahrhundert herum verschollen sein müsse, -- da kam abermals
-hier ein alter Holzschnitt, dort ein mit „Tur“ gezeichnetes altes
-Ölgemälde zu Ehren, die den Verlorenen wenigstens noch mit seinem
-schwarzen Fell und seinen flach ausgezogenen Riesenhörnern für unsere
-Phantasie retteten.
-
-Das Tierbuch des trefflichen Gesner hat uns den deutschen schwarzen
-Mauer-Ibis bewahrt, den Waldrapp, der einst unsere Ruinen umflog.
-
-Für unsere Enkel wird es not tun, daß wir unsere Bilder des
-südafrikanischen Quagga-Pferdes, unsere Photographien der letzten
-Bisons und der letzten Riesenschildkröten an einem recht sicheren
-Ort niederlegen, denn lebend werden sie diese ~Morituri~, diese
-Zusammenbrechenden, auch nicht mehr zu sehen bekommen.
-
-Die Frage war nur, wie weit man mit solchen zoologisch-historischen
-Streifzügen auch in die ältere und älteste Kunst zurückgehen könne.
-
-Sachlich wurde ja der Boden dort immer interessanter. Je weiter in die
-graue Vergangenheit, desto mehr Wahrscheinlichkeit, daß der Künstler
-von damals noch von zoologischen Pracht- und Schaustücken wußte, die
-uns längst nicht mehr zu Gebote standen.
-
-Und an wunderlichen, höchst fremdartigen Tierformen war in der Tat
-in der älteren Kunst immer weniger Mangel, -- nur fingen sie alsbald
-an, etwas +zu+ wunderlich zu werden. Da kamen die Sphinxe und
-Greife und Chimären, die Einhörner und Basiliske, die Drachen und
-Midgardschlangen. Sollte man zu alledem wirkliche Urbilder suchen?
-
-Wir haben aus ganz neuester Zeit wohl ein hübsches Beispiel, wie
-vorsichtig man im Ablehnen auch hier sein muß. In Afrika wurde da das
-merkwürdigste neue Säugetier der letzten Jahrzehnte entdeckt: das
-Okapi, ein großes Huftier, äußerlich einer Antilope ähnlich, an den
-Beinen schön schwarzweiß gestreift wie ein Zebra, im Knochenbau aber
-das Allerunerwartetste: nämlich ein Verwandter zu der bisher völlig
-im System vereinsamten Giraffe und zwar ein noch lebender Sproß eines
-giraffen-ähnlichen Geschlechts, das in der Tertiär-Zeit bei uns in
-Griechenland existiert hatte und aus Knochenfunden von dort längst
-bekannt war. Nun denn: dieses Okapi, das uns nächstens hoffentlich
-unsere zoologischen Gärten vorführen werden (ich gönnte unserm so
-verdienstvollen Berliner Direktor Heck wohl die Priorität dabei!),
-haben die alten Ägypter schon auf ihren Denkmälern völlig kenntlich
-dargestellt, -- natürlich wußte bis vor kurzem kein Forscher diese
-„Hieroglyphe“ zu deuten, da wir ja selber das Tier nicht hatten.
-
-Aber in der großen Masse der Fälle haben wir es gleichwohl mit dem
-„Phantasie-Tier“ zu tun.
-
-Im Drachen steckt nicht der Ichthyosaurus, mit dem der Mensch nie
-zusammen gelebt hat, nie hat ein Reptil Feuer gespieen oder ein Pferd
-Flügel gehabt.
-
-Auch in das Tierbild hat jene tiefe Kraft des Menschen
-hineingearbeitet, die im Grunde so rätselvoll ist und doch so urwüchsig
-aus ihm hervorbricht, als stecke seine halbe Seele darin: die Kraft,
-die Dinge nicht nur zu sehen und wiederzugeben, sondern sie sofort auch
-zu stilisieren, umzudenken, in eigener Andersform neu zu schaffen.
-
-Er ist ein Schöpfer, der Mensch, nicht bloß ein Spiegel. Er hat das
-Tier gesehen, dieser Mensch. Es hat ihn gelockt, es wiederzugeben. Aber
-wenn er es auf der Tafel hatte, hat ihn jene andere Seite seiner Seele
-nicht ruhen lassen: er hat schöpferisch daran herumzuarbeiten versucht.
-
-Wenn der Stier nun Flügel hätte wie der Adler? Wenn er so noch hübscher
-aussähe?
-
-Und wenn die Federn dieser Flügel, die schon beim Vogel einen so
-guten Anlauf zum Rhythmischen nehmen (ist doch die Natur allerorten
-schon voll solcher Anläufe, als habe jene Menschengeisteskraft längst
-irgendwo in einem unteren Stockwerk geheimnisvoll in ihr gewaltet!) --
-wenn diese Federn nun ganz zu Ornamenten würden, in Spiralen ausliefen,
-vollkommen sich in stilisiert „Schönes“ als Kunstform verwandelten?
-
-Eine ungeheure Linie setzt hier ein, die vom ältesten Babylon, von
-China und von Mexiko, aus allen noch so getrennten Kulturen und
-Kunstanfängen heraufsteigt bis auf den ersten Holzschnitt des
-Rhinozeros von Albrecht Dürer, auf dem das ganze Dickhäuterfell dieses
-Tierriesen mit all’ seinen Wülsten, Falten und Höckern in lauter
-elegante Ornamente hinein stilisiert ist, daß es eine wahre Freude
-ist -- oder bis auf die köstlichen Schweine und Maikäfer unseres
-lieben Wilhelm Busch, in denen ebenso der ganze Kodex der Zoologie
-und Anatomie Fühler für Fühler und Schwänzchen für Schwänzchen in die
-Kunstform des humoristischen Ornaments umgedichtet ist.
-
-In dem schönen Buche, das Schliemann über Mykenä herausgegeben hat,
-kann man diese Umstilisierung des Zoologischen in recht alten Tagen
-aufs Prächtigste noch bei der Arbeit sehen.
-
-Da findet sich auf einem der runden Goldblätter aus dem dritten jener
-mykenischen Königsgräber wunderhübsch herausgearbeitet ein Oktopus, ein
-Tintenfisch.
-
-Wir wissen aus Homers unsterblicher Schilderung vom schiffbrüchigen
-Dulder Odysseus, den die Welle gleich dem zäh angeklammerten
-Meerpolypen von dem rettenden Fels reißt, wie genau die alten Griechen
-dieses sonderbare Tier mit dem sackförmigen Leib und den Klammerbeinen
-oben am Kopf beobachtet hatten. Kannte doch Aristoteles sogar schon die
-märchenhaften Liebesspiele und Liebesmethoden der Tintenfische, die
-erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt worden sind.
-
-Nun ist unverkennbar in solchem Polypen mit seinen acht Greifern
-eine gewisse rhythmische Kunstgestalt roh gegeben, eine dicke
-Wurzel gleichsam und acht gekrümmte Ranken. Aber unser alter
-Griechengoldschmied, Agamemnons Hoflieferant, um Schliemanns Redeweise
-nachzusprechen, -- er hatte darin erst den Naturansatz zu dem, was
-seine Phantasie nun hineinharmonisierte. Ihm wird die Rübe das Herz
-eines wunderschönen Ornaments, von dem aus sich in rhythmisch reinster
-Steigerung acht eleganteste Spiralen in die Goldplatte hineinrollen,
-jede oben stolz eingekrümmt wie ein Bischofsstab. Der Tintenfisch, im
-Typus noch auf den ersten Blick erkennbar, ist doch ein Kunst-Mollusk,
-ein Mischwesen aus nachahmender Zoologie und selbstherrlich
-schaffender Schönheitsschau geworden.
-
-Ganz das Gleiche ist auf einem zweiten Blatt einem Schmetterling
-widerfahren, der mit Kopf und Augen und Fühlern, mit der Zeichnung und
-dem Geäder seiner Flügel und selbst den Schnitten seines Kerbtierleibes
-ein ganzes Gewebe stilvoller Arabesken geworden ist.
-
-Dabei befindet man sich an und für sich grade in diesem Buche noch
-auf einem Boden, wo zoologisch Wichtiges direkt in jenem andern Sinne
-auch zu lernen ist: in dramatisch belebten Bildern sehen wir diese
-Mykenä-Helden im Kampfe mit dem Löwen und wir erinnern uns plötzlich,
-daß wir ja hier in der Zeit sind, wo der Löwe wirklich noch in Europa,
-in Griechenland, vorkam, was heute wie ein verschollenes Märchen klingt.
-
-Aber dieser Löwe selbst floß bereits gelegentlich ins Ornament, sein
-Schwanz bekommt Stil auf den Bildern wie ein Schweinequästlein Buschs.
-Und dann faßte die Kunst herrisch und herrischer zu.
-
-Aus dem Polypen, an dessen Armen die beißenden Schröpfköpfe sitzen,
-aus dem Polypen, der unter Umständen als Koloß auftrat und dann ein
-furchtbarer Gegner wurde, hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst
-zeichnerisch und dann rednerisch, in Sage und Epos, die lernäische
-Hydra mit den vielen Köpfen und ihre mythische Verwandte, die Scylla,
-entwickelt.
-
-Bis in unsere bekanntesten antiken Statuen hinein läßt sich
-gelegentlich die Überwindung der Zoologie durch die Ästhetik verfolgen.
-Unvergeßlich ist mir der Ausspruch eines Zoologen vor dem vatikanischen
-Laokoon in Rom: „Das sind ja keine echten Schlangen, sondern
-fett gefütterte Regenwürmer!“ Seit wir die Schlangenmenschen des
-herrlichen Pergamenischen Altars in Berlin haben, wissen wir, was für
-realistisch treue, zoologisch geradezu packend echte Schlangenleiber
-und Schlangenköpfe die griechische Kunst hat liefern können, wenn sie
-wollte. Aber gerade diese Laokoon-Gruppe, die in jedem Zuge sich schon
-als raffiniertere, abgeglättetere, im abstrakten Sinne vergeistigtere
-Kunstarbeit darstellt, hat auch ihre Schlangen schon sehr viel weiter
-ins abstrakt Ornamentale hinein verzaubert: es sind zwar keineswegs
-Regenwürmer, denn das wäre ja nur wieder ein anderer zoologischer
-Schachzug, aber sie sind aus echten Schlangen vom Reptilstamm gleichsam
-zu nackten Symbolen bloß der schreckhaften Schnürkraft, zu elastischen
-Strangulierungs-Ornamenten geworden.
-
-Erst in den neunziger Jahren des Jahrhunderts haben wir durch das
-Verdienst eines deutschen Reisenden und Ethnographen eine wahre
-Ur-Schmiede solcher Tier-Verästhetisierung kennen gelernt, die diesmal
-nicht aus altem Ruinenschutt gegraben zu werden brauchte, sondern heute
-noch bunt und lustig uns vor Augen steht, -- allerdings in einem so
-versteckten Winkel der Erde, daß man wohl von einer Art lebendigen
-Fossils der Menschheitsentwickelung dabei reden darf.
-
-Karl von den Steinen hat uns unübertrefflich in Wort und Bild das Leben
-der südamerikanischen Indianer am Schingû-Flusse geschildert.
-
-Nackte Wilde, die noch keine Metallwaffen kannten, als die Europäer
-sie in ihrer Weltverlorenheit auffanden, also in gewissem Sinne heute
-noch lebende, echte Steinzeit-Menschen, -- und dabei doch ein Kunstvolk
-ersten Ranges, das keinen leeren Fleck um sich leiden mochte, es habe
-denn ein Ornament darauf gesetzt.
-
-Das Kanu-Boot und sein Ruder, die Trinkschale und die Kalabasse aus
-Kürbis, der Spinnwirtel aus Schildkrötenpanzer und der tönerne Topf,
-die Hauswand und der eigene Leib -- alles muß in Kunstformen hinein,
-muß strotzen von Mustern, über die das Auge mit Wohlgefälligkeit läuft.
-
-Fröhliche Völker sind es, mit behaglichen Sitten, ohne groteske und
-schaurige Formen der Barbarei, in einem gemäßigten Lebenskampfe, der
-Zeit läßt, an die Lustigkeit des Daseins und seine Verzierung zu denken.
-
-Bei diesen Bakairi und Verwandten nun fand ihr Erforscher einen
-tiefbezeichnenden Zug, wert in jede Kunstgeschichte an hervorragender
-Stelle fortan aufgenommen zu werden gleichsam als eine Stimme aus dem
-„Paradiese“.
-
-Die Leute waren zunächst ganz nette Realkünstler, was Wiedergabe von
-Wirklichkeitsobjekten anbetraf, und zwar waren es in allererster Linie
-Tiere, die sie abbildeten.
-
-Ganz reinlich zeichneten sie einen Fisch im Umriß in den Sand. Saß der
-fremde Gast mit ihnen abends beim Mondschein am Boden, so malten sie
-ihm mit unverwüstlichem Eifer Jagdtiere und Jagdszenen aus dem Stegreif
-im Sande vor. Sie begnügten sich nicht, „die Umrisse zu zeichnen,
-sondern sie schaufelten mit der Hand den Sand aus dem Umriß des
-darzustellenden Tieres der Fläche nach weg und füllten diese Vertiefung
-von der Gestalt z. B. eines Jaguars oder Tapirs mit grauweißlicher
-Asche aus: so erhielten sie den Körper mit seinen Extremitäten als
-ein weißlich schimmerndes Gemälde. Mit dunklem Sande wurden das
-Auge und die Fleckenzeichnung der Haut eingetragen. Da die Figuren
-mindestens Lebensgröße hatten, machten sie in dem Zwielicht der Nacht
-einen überraschend lebendigen Eindruck; es sah aus, als wenn riesige,
-schimmernde und flimmernde Felle über den Boden ausgebreitet wären“.
-
-Mit dem fremden Kulturbleistift zeichneten sie dem deutschen Professor
-sein und seiner Leute eigenes Porträt in sein Notizbuch, spaßig, wie
-der kleine Moritz bei Oberländer in Strichmanier karikiert, aber doch
-auch packend charakterisiert.
-
-Ganz auf der Höhe aber war ihre Kunst im plastischen Modellieren.
-Wie sie einen Topf formten in Gestalt einer vom Bauche her gehöhlten
-Schildkröte, Eidechse oder Kröte, das war bewundernswert selbst vom
-verfeinerten Kulturboden aus. Es war ausschließlich Frauenarbeit,
-diese Topfkunst. Wie zierlich zugleich und echt hatte aber solche Frau
-das Köpfchen, das Schwänzchen und die eingebogenen Vorderpätschchen
-der Schildkröte herausgebracht, wie humoristisch treu die breite
-Schnauze der Kröte, wie elegant hatte sie auf die Rückenwölbung
-des Schildkrötentopfs die Panzerplatten mit ihrer natürlichen
-Schildpattzeichnung eingeritzt!
-
-Schon an diesen Töpfen nun nötigte die Anpassung an die Gebrauchsform
-zu einem Anfang von Stilisierung, der denn auch wohl zu merken ist:
-geht die Schildkröte, geht das Gürteltier noch fast rein mit seiner
-Naturform in der Topfgestalt auf -- man könnte ja aus ihren gewölbten
-Hohlschalen unmittelbar einen Topf machen, wenn’s not täte -- so muß
-das Waldhuhn, muß die Eule und Fledermaus doch schon abgerundet, muß
-topfhaft stilisiert werden.
-
-Prächtig, wie auch das gemacht wird, wie die Flügel der Fledermaus zu
-einfachen Ornamentlamellen am Topfrande, abgerundeten Griffen umgedacht
-werden, bis das Ganze die Tierform überhaupt fast verläßt und aus
-dem Fledermaus-Topf ein einfacher Kunstnapf mit einem rhythmischen
-Ornamentenflügel-Kränzlein wird.
-
-Und da denn gibt sich die Brücke zu etwas, was in der Malerei und
-Schnitzerei dieser Naturvölker am verblüffendsten wirkt, aber zugleich
-am lehrreichsten ist.
-
-Als Fries über die Wand oder sonst über jeden verfügbaren Fleck werden
-Ornamente hingezogen, die zunächst rein ästhetisch-mathematisch
-ausschauen: dunkle Würfel mit weißen wechselnd, rhombische Felder in
-graziöser Folge, Dreiecke sich aneinander schließend, ganz wie auf
-unsern Teppichmustern, Parkettböden, Mosaiken und so weiter.
-
-Befragt aber, hat der Schingû-Indianer auch für diese echtesten
-Ornamente noch realistische Namen.
-
-Dieses Rautenfeld ist dem Namen nach ein Zug ganz bestimmter
-eckiger Fische, der Fischname bezeichnet auch das Ornament. Diese
-Doppeldreiecke sind dem Worte nach eigentlich Fledermäuse, jetzt
-fliegende, in anderer Stellung hängende. Diese dunklen Quadrate im
-weißen Grund sind junge Bienen. Diese einfachen Dreiecke schwarz auf
-weiß sind zierliche dreieckige Schamschürzchen der Frauen, das einzige,
-winzige Bekleidungsstück dieser glücklichen Naturkinder jenseits von
-Korsett, Hose und Schuh.
-
-Das heißt: sie sind es noch im Namen, in der Tradition. Es ist genau
-so, wie wenn wir ein bestimmtes Wellenornament als Schlangenlinie
-bezeichnen. Die Leute haben ursprünglich Fische, Fledermäuse zu
-allerlei Gebrauch, als Jagdzeichen, als eine Art Bildersprache zur
-Verständigung, in einfachem Nachahmungstrieb, Reproduktionstrieb
-dessen, wovon die Seele voll war, aufgezeichnet, -- notabene sie
-konnten es, worin eben schon die eine ganze Wurzel ihrer künstlerischen
-Menschheitsgabe steckte! Dann haben sie aber an diesen Bildern
-+stilisiert+.
-
-Der zweite Sinn, der Sinn für rhythmisch bequeme, glatte Formen mischte
-sich ein, mischte sich schon in die erste Wiedergabe zweifellos mit:
-das mathematisch Einfachste, über das der Blick am widerstandslosesten,
-mit kleinstem Kraftmaß, lief, wurde bevorzugt, das Rhombische des
-Fischs, das Dreieckige der Fledermaus. Das wurde dann selbstschaffend
-ausgestaltet, in Wiederholungen aneinandergereiht, die Wiederholungen
-gaben wieder neue Wohlgefälligkeiten, ästhetische Bequemlichkeiten und
-das Ornament war fertig.
-
-Schließlich ging das Tier als Grundform unter bis zur Unkenntlichkeit
-und nur der Name bezeichnete noch, daß es historisch einmal im Ornament
-gewesen war.
-
-Unendlich weit lassen sich die rein ästhetischen Gedanken ausspinnen
-vor dieser Bakairi-Kunst.
-
-Schauen wir doch vor diesem Doppelspiel von wirklicher Tierwiedergabe
-und ornamentaler Stilisierung nicht bloß in das Wurzelwerk eines
-kleinen Kunstsprößlings: wir blicken in die Wiege überhaupt der Kunst
-und aus dieser Wiege schon sehen uns zwei verschiedene Augen an.
-
-Das eine ist das +ur-realistische+ Auge, das Wirklichkeit zu fassen
-und nachzuahmen sucht, -- das andere das +ur-idealistische+, das diese
-Wirklichkeit umzuschauen, umzuregeln sucht in harmonische Folgen, in
-einen wohlgefälligen Rhythmus hinein.
-
-Und beide Arten künstlerischen Wollens sehen wir bereits bei diesen
-nackten Wilden mit ihrer Steinzeit-Kultur in Kraft, -- bloß, daß die
-erstere, die realistische, insofern eine gewisse Priorität wahrt, als
-sie dem zweiten, dem idealistisch stilisierenden Sinne, das Material
-geliefert hat, an dem er seine idealistischen Besserungen erproben
-konnte.
-
-Wie eine uralte Weisheitsstimme, der keine grüne Klügellogik gewachsen
-ist, klingt diese Bakairi-Ästhetik bis in unsern hellsten ästhetischen
-Kampfestag hinein.
-
-Wer denkt nicht an unsern heftigen Hader um den Realismus in der Kunst,
-in der dichtenden wie der malenden und steinbildenden!
-
-Wie naiv ist der Gegensatz von nackter Wahrheitswiedergabe und
-idealistischem Stilisieren, Rhythmisieren da als ein „Entweder -- Oder“
-auf Biegen und Brechen ausgespielt worden, als gelte fortan nur noch
-ein unbedingtes Gefressenwerden des einen Prinzips durch das andere,
--- während die kleinste und unscheinbarste dieser Fledermäuse oder das
-schlichteste Frauenschürzchen dieser Bakairi-Kunst uns doch schon die
-ewige Lehre in Fleisch und Blut pauken kann, daß nur beide Richtungen
-vereint die wahre Kunst ergeben.
-
-Jene Kunst, die des Menschen würdig ist, der seine ganze Höhenkraft
-als König eines Planeten unabänderlich ebenso auch sonst nur der
-Doppelfähigkeit verdankt: einmal die gegebenen Wirklichkeiten dieses
-Planeten zu erkennen und zu beherrschen bis ins kleinste Kraftwellchen
-hinein -- und dann sie zu wandeln nach seinem Idealbilde, sie zu
-vergeistigen, wie ein Denkender sein Antlitz vergeistigt, sie zu etwas
-emporzuführen, was in der äußeren Wirklichkeit um ihn her noch gar
-nicht sein kann, also von dort auch nicht abgelesen werden kann, weil
-ja eben der höchste zeitlich gegebene Entwickelungssproß der Natur
-nichts anderes ist, als sein „Inneres“ selbst, sein idealbildender,
-neuen und umfassenderen Harmonieen zustrebender Menschengeist selbst....
-
-Erst aus dem unendlich verwickelten und doch stets logisch notwendigen
-Hin- und Wiederweben ihres roten realistischen und ihres blauen
-idealistischen Fadens entsteht das wunderbare Gewebe der Geschichte der
-Kunst, wie wir es in den Kulturjahrtausenden hinter uns sich breiten
-sehen.
-
-Der Verlauf wird aber noch versponnener und feiner dadurch, daß die
-Wirklichkeitsteile des Ästhetischen unablässig auch gebraucht werden in
-jenem riesigen Gesamtgewebe zunehmender menschlicher Weltbeherrschung.
-
-So reklamiert auf einer gewissen Höhe die strenge Wissenschaft als
-realistischer Teil der technischen Welteroberung und Weltverbesserung
-gerade das Tierbild wieder in seiner möglichst reinen Urform als
-Reproduktion der Wirklichkeit für ihre streng zoologischen Zwecke. Wir
-erleben die Mützel und Specht und Leutemann, wie sie wissenschaftliche
-„Tierleben“ illustrieren, und zuletzt muß gar die Momentphotographie
-heran, um ganz unverfälschte Wirklichkeitsbilder (vorläufig gelingt es
-ja durchaus noch nicht „ganz“!) zu ermöglichen.
-
-Das führt aber von dem Streifblick in die theoretisch-ästhetische Seite
-wieder genau auf unser eigentliches Problem selbst zurück.
-
-Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen: gesehen hat dieser
-Mensch, in dem also nach der einen Seite schon als nacktem
-Steinzeit-Wilden eine realistische Kraft der reinen Naturwiedergabe
-steckte, noch eine ganz andere Sorte verschollener Tierwelt als jene
-immer doch relativ junge der Dronten und mykenischen Löwen.
-
-Denn das wissen wir jetzt endlich mit voller Sicherheit: der Mensch in
-einem Kulturzustand, der sich immer noch mit dem jener Bakairi-Indianer
-oder auch der heutigen Eskimo vergleichen läßt, ist alt, uralt,
-märchenhaft alt.
-
-Der Polarpunkt unseres Nordhimmels, in dem heute der Stern des kleinen
-Bären leuchtet, ist so und so oft infolge der Achsenverschiebung der
-Erde auf die Wanderschaft gegangen, hat sich die Wega und andere
-schöne Sterne als Richtlampe erkoren und ist endlich wieder beim alten
-Fleck angelangt, -- und immer war der Mensch schon da. Zeiträume aber,
-in denen himmlische Achsenpunkte derartige Sternexkursionen machen
-können, müssen auch ganz gewaltige Wandlungen und Verschiebungen der
-Tierwelt bedingen, in die wir denn also auch mit diesem Menschen
-hineingeraten, sobald wir uns bloß resolut sagen, daß die paar
-tausend Jahre unmittelbarer Schriftüberlieferung, die wir haben,
-völlig zurücktreten gegen das Gesamtdasein eines mehr oder minder
-schon überhaupt „etwas“ kultivierten Menschen auf dem Erdplaneten.
-Fallen doch selbst die ältesten jener babylonischen oder ägyptischen
-Unmittelbar-Überlieferungen nur in einen kleinen Bruchteil einer
-einzigen letzten astronomischen Revolution jener Art!
-
-Noch vor zehn Jahren konnte man sagen, daß mindestens Streit darüber
-bestehe, ob Mensch und Mammut sich lebendig begegnet seien.
-
-Autoritäten wie Virchow und Steenstrup waren dagegen. Eine Fundstelle
-wie die von Predmost in Mähren, wo die von Menschenhand unzweideutig
-bearbeiteten, um die Reste menschlicher Kohlenfeuer gelagerte
-Mammutknochen nach tausenden zählten, wurde als Eisfleisch-Station
-gedeutet, auf der prähistorische Hungerleider vieltausendjährige
-gefrorene Eiskadaver von Mammuten herausgehackt und mit dem Appetit
-der heutigen Tungusen-Hunde in Sibirien, die jetzt noch tapfer so auf
-Eis-Mammut gehen, verspeist haben sollten.
-
-Diese Skepsis ist heute antiquiert.
-
-Zur Stunde tauchen ganz andere Gemeinschaften als Problem auf,
-unendlich viel ältere.
-
-Jene wundervolle Fundstätte vorgeschichtlicher Menschheitskultur in
-Taubach bei Weimar, von der nachgerade wohl die Meisten gehört haben,
-zeigt uns den Menschen als gewohnheitsmäßigen, offenbar durch lange
-Zeiten und Generationen fest eingeübten Jäger schon nicht mehr des
-eigentlichen Mammut-Elefanten, sondern des sogenannten Alt-Elefanten
-(~Elephas antiquus~), einer riesenhaften Elefanten-Form, die
-mindestens in ihrer Blütezeit dem Mammut voraufging.
-
-Kein einziger Mammut-Rest ist auf diesem klassischen Boden gefunden
-worden, und gewisse Konfusionen sind bloß vorübergehend durch böse
-neuzeitliche Nachhilfe in die wissenschaftliche Beschreibung hinein
-geraten.
-
-Es ist nämlich unglaublich schier, aber leider doch wahr, was findige
-Geldbeutelbedürfnisse selbst bei solchen Dingen für Unheil anrichten
-können. Als die Taubacher Knochen und Menschenreste anfingen, Aufsehen
-zu machen, stellten sich Käufer ein, Laien, die bloß allgemein etwas
-von den Dingen hatten läuten hören. Sie verlangten von den Leuten
-in den Taubacher Brüchen vor allem „Mammut“. So kamen schlaue
-Industrie-Genies auf den unglücklichen Plan, besagtes „Mammut“ heimlich
-irgendwoher zu beziehen und als Taubacher Material mit Profit am Fleck
-zu verkaufen. Nahe, eine Stunde rund von Taubach entfernte Kieslager,
-in denen auch Elefantenknochen lagen, wurden geplündert und die Zähne
-körbeweise nach Taubach gebracht, der Korb im Zwischenhandel zum
-Engrospreise von zehn Mark. Die Interessenten erhielten dann beliebig
-„Mammut“ aus diesen Körben zu tüchtigen Detailsätzen.
-
-Um die Verwirrung zunächst auf den Gipfel zu treiben, handelte es sich
-auch bei diesen Schmuggel-Elefanten aber erst recht nicht um Mammut,
-sondern um eine noch ältere Art als der Alt-Elefant war, nämlich um
-einen nahen Verwandten des sogenannten Süd-Elefanten (~Elephas
-meridionalis~), der nicht gleich dem Mammut jünger, sondern nochmals
-zweifellos ein ganzes Teil älter ist, als der Alt-Elefant. Die
-Elefanten- und Nashorn-Jagden der Ur-Taubacher hatten sich, wie die
-erhaltenen schönen Reste klärlich zeigen, in einem Walde abgespielt,
-in dem Birken- und Haselnußbüsche standen. Das deutet nun zwar auf ein
-gemäßigtes Klima, ähnlich dem heutigen am gleichen Ort. Da die Zeit
-zweifellos bis in die Grenzen der großen Eiszeit zurückgeht, nimmt man
-mit ziemlicher Sicherheit an, daß es sich um eine etwas wärmere Pause
-innerhalb dieser wechselreichen, im Wort wenig erschöpften „Eiszeit“
-handelte. Der Süd-Elefant aber hat noch vor der ganzen Eisperiode
-gelebt und aus voreiszeitlichen Schichten stammte denn auch das
-eingeschmuggelte Material.
-
-Die Taubacher Industrie konnte zum Glück noch rechtzeitig aufgedeckt
-und wissenschaftlich unschädlich gemacht werden.
-
-Der letzte Trumpf der ganzen Geschichte aber bleibt, daß dieser
-Süd-Elefant an und für sich und in seiner eigenen Schicht ganz wohl
-+auch noch+ mit menschlichen Kulturresten hätte zusammenliegen
-können -- auch ohne Schwindelei. Denn auch ihn hat der Mensch noch
-erlebt, oder besser von unten nach oben gesagt: schon erlebt.
-
-Nie werde ich den Eindruck vergessen, den in den achtziger Jahren ein
-kleiner Raum des altberühmten Jardin des Plantes zu Paris, der Stätte
-Buffons und Cuviers, auf mich machte.
-
-In einer provisorischen rohen Bretterbude hatte man die größten
-paläontologischen Schaustücke, meist vollständige Gerippe urweltlicher
-Riesentiere, in Erwartung eines (heute längst vollendeten) würdigeren
-Museums-Neubaues vereinigt. Nur Auserwählte mit Karten drangen bis
-in dieses Heiligtum vor. Ihnen aber ward ein im buchstäblichen Sinne
-ungeheurer Anblick zu teil.
-
-Da stand das Skelett des Riesenfaultiers, des Megatherium, da wölbten
-sich wie mächtige Tonnen empor die Panzerdecken der Riesengürteltiere,
--- beide aus Tiergeschlechtern, von denen wir heute wissen, daß der
-Mensch sie auch noch gejagt und verspeist hat.
-
-Um einen Koloß wie das Megatherium zu überbieten, dessen Oberschenkel
-fast dreimal so breit sind wie die des lebenden Elefanten, war in
-dieser Versammlung schon ein ganz besonderer Elefant nötig, und den
-hatte denn auch eine Ausgrabung in Südfrankreich in Gestalt eines
-prachtvoll erhaltenen Riesenexemplars jenes Süd-Elefanten geliefert.
-
-Aufrecht hatte der Koloß im Boden gestanden, als man ihn fand, ein
-Beweis, daß er an Ort und Stelle einst im Sumpf versunken sein mußte.
-Die Stoßzähne, vollkommen erhalten wie sie sind, zeigen doch nichts von
-der abenteuerlichen Krümmung, wie sie den Mammutstößern zukommt.
-
-Dieser Süd-Elefant lebte, wie gesagt, vor der Eiszeit, in das letzte
-Drittel der voraufgehenden Tertiärzeit, die sogenannte Pliocänzeit,
-hinein.
-
-Wer noch heute auf dem Standpunkt steht, der vor zehn Jahren Mode in
-der Anthropologie war: vor jeder Möglichkeit eines Fundes tertiärer
-Menschenspuren zunächst ein skeptisches Lächeln wie über eine Art
-Dummejungenbehauptung aufzusetzen, der muß diese Altersbestimmung
-bestreiten.
-
-Denn es läßt sich nicht mehr fortleugnen, daß mit Knochen des
-Süd-Elefanten in ungestörter Schicht zusammen in Frankreich schon
-Feuersteinwerkzeuge, bearbeitet von Menschenhand, gefunden worden
-sind, -- wenn auch bearbeitet in einer noch etwas roheren Weise, als
-es in der Folge geschah. Wiederum aber zweifelt von der Menschenfrage
-unabhängig kein unbefangener geologischer Beurteiler heute, daß wir
-mit dem Süd-Elefanten wirklich in der echten +tertiären+ Tierwelt
-sind, und so wird auch hier nachgerade der allzu skeptischen Skepsis
-ihr Stündlein geschlagen haben.
-
-Die eigentliche Kühnheit im Zurückdatieren setzt erst noch wieder eine
-ganze Station auch dahinter heute ein, -- und ich kann offen gestanden
-auch noch in ihr nichts zu kühnes sehen.
-
-In der Auvergne, dem alten Vulkangebiet Frankreichs, wo noch in jener
-Pliocänzeit des Süd-Elefanten eine Unmasse feuerspeiender Berge große
-Lavaströme entsandten, sind tief unter solcher alter Lava Feuersteine
-mit Bearbeitungsspuren gefunden worden, die der Lage nach in das
-mittlere Drittel der Tertiärzeit, die +Miocänzeit+, gehören würden.
-
-Angesehene französische Forscher sowohl, wie unser trefflicher
-Heidelberger Anatom und Prähistoriker Hermann Klaatsch, halten die
-eigentümlichen Schartungen auch dieser Splitter für Menschenwerk.
-
-Triftige Sachgründe gegen diese Deutung sehe ich nach Klaatschs
-scharfsinniger Darlegung nicht mehr. Wenn man dem Teufel einmal den
-kleinen Finger gibt und überhaupt auf Grund gewisser feiner Merkmale
-sich den Indizienbeweis menschlicher Arbeit auch an den älteren,
-roheren Steinsachen gefallen läßt -- und für nachtertiäre Fundstellen
-tut das einstimmig die ganze Fachmannschaft, -- so muß man, meine ich,
-auch hier die Hand nachschicken.
-
-Dieser Miocän-Mensch also von Aurillac, wie die Fundstätte heißt,
--- er, den wir ohne besondere chronologische Skrupel um anderthalb
-Millionen Jahre rückwärts vom heutigen Bewohner der rauhen Auvergne
-trennen mögen, muß aber eine Tierwelt noch gesehen haben, die alles
-bisher erwähnte an Fremdartigkeit weit hinter sich ließ.
-
-Je tiefer wir in die Tertiärzeit hineingehen, desto mehr nähern wir uns
-ja jener merkwürdigen Epoche, da das Klima in Europa, statt eiszeitlich
-härter, umgekehrt südländisch wärmer war als heute.
-
-Bis gegen die Mitte der Tertiär-Zeit haben Frankreich wie Deutschland
-ein Palmenklima gehabt. In Südfrankreich wuchsen große Fächer- und
-Sabal-Palmen, Pisangs, Drachenbäume und Kampferbäume.
-
-Noch der Süd-Elefant hat in seiner Pliocän-Zeit sich durch immergrüne
-Wälder von Lorbeern und Magnolien in der Umgegend von Paris
-ästeknickend durchgedrängt.
-
-In jenem miocänen Urwald von tropischer Üppigkeit aber hauste auch die
-entsprechende Tierwelt.
-
-In ihm muß der Mensch noch leibhaftig mit Augen das Tier gesehen haben,
-das anderthalb Millionen Jahre später mit am allermeisten Zwist und
-Kopfzerbrechen erzeugen sollte, als seine Gebeine noch einmal aus ihrem
-uralten Grabe zum Vorschein kamen.
-
-Im Morgenrot der Versteinerungskunde hatte einst Cuvier ein paar
-einzeln gefundene große Backenzähne als dem Tapir angehörig
-beschrieben. Uns würde es heute schon seltsam genug anmuten, den Tapir
-aus Südamerika oder Indien lebend in die Auvergne versetzt zu sehen.
-In den älteren Tertiärtagen war aber grade an tapirähnlichen Tieren
-in ganz Europa kein Mangel. 1835 kam dann in der Pfalz der ganze Kopf
-des vermeintlichen Tapirs ans Licht. Mehr als ein Meter lang, trug
-er im Unterkiefer zwei abwärts gekrümmte, an das Walroß gemahnende,
-stoßzahnartige Hauer. Da der Rest des Körpers fehlte, blühten um dieses
-groteske Haupt die buntesten Theorien auf.
-
-„Ich möchte,“ ließ sich 1856 der große Anatom und famose
-Fossiliendeuter Burmeister vernehmen, „dem Tiere einen kurzen, dicken
-Hals, einen kräftigen, spindelförmigen Rumpf nebst breiten, selbst
-zum Kriechen wie beim Walroß tauglichen Flossenfüßen zuschreiben und
-dasselbe für ein pflanzenfressendes Seeungeheuer erklären, welches
-nach Art der Sirenen gern in die großen Flußmündungen sich begab
-und selbst bis in die höheren Teile der Flüsse hinaufstieg. Seiner
-vorderen Hakenzähne bediente es sich gleich dem Walrosse wohl mehr
-zum Unterstützen seiner Bewegungen am Ufer, wenn es ruhen wollte, als
-zur Verteidigung; oder es riß seine vegetabilische Nahrung, dicke
-fleischige Wurzeln, damit aus der Tiefe empor.“
-
-In der Tat erschien das Tier in dieser Robbengestalt lange Jahre
-hindurch in den populären Geologien.
-
-Dinotherium, das „Schreckenstier“, hatte man es einstweilen getauft.
-
-Welch bitterböses Lachen aber würde der miocäne Auvergnate, der diesem
-Waldschratt selber noch gewohnheitsmäßig auf seinen Streifereien
-begegnete, vor unserm Naturforscherbilde aufgeschlagen haben!
-
-Denn das Dinotherium war, wie wir heute aus besseren Funden nun auch
-glücklich wissen, in Wahrheit ein über vier Meter hoher Elefant mit dem
-Rüssel und den Säulenbeinen eines solchen, der bloß diese allerdings
-ganz charakteristische Besonderheit bei sich ausgebildet hatte, daß
-nicht der Ober-, sondern der Unterkiefer die Stoßzähne lieferte und daß
-sie sich nach unten krümmten, statt nach oben.
-
-Bei einem zweiten Elefanten, den jener Miocän-Mensch ebenfalls gesehen
-haben muß, dem Mastodon, wuchsen sogar im ganzen vier Stößer, zwei aus
-dem Ober- und zwei aus dem Unterkiefer.
-
-Seltsamer Reiz dieser Bilder: der Mensch bei Mastodon und Dinotherium!
-
-Was mag es für ein Mensch gewesen sein?
-
-Wir wissen heute wieder mit voller Sicherheit, daß jene Menschenschädel
-vom Neandertal und von Spy, die von der Schule Virchows einmal
-so gründlich „totgeschlagen“ schienen und doch so munter wieder
-wissenschaftlich „lebendig“ geworden sind, als sei nichts passiert, --
-wir wissen aus ihrem Bau mit den vorspringenden Augenbrauen-Wülsten
-und anderen Merkmalen, daß es sogar noch nach der Tertiär-Zeit eine
-wirklich urtümliche, vom heutigen Menschen charakteristisch abweichende
-altdiluviale Menschenrasse in Europa gegeben hat.
-
-Und wenn jener Miocän-Mensch von Aurillac unter die Drachenbäume und
-Pisanas und Kampferbäume seines Urwaldes trat, in die natürlichen
-Pfade hinein, die, wie heute in Indien, von den schweren Rüsseltieren
-ausgetreten waren: dann begegnete ihm, unbeholfen in schwankendem Gang
-wohl ein Stück weit auf die Hände gestützt, der große Menschenaffe
-Dryopithekus oder durch das Geäst über ihm schwang sich akrobatenhaft
-von Zweig zu Zweig der Gibbon-Affe Pliopithekus.
-
-Lag in solcher Begegnung -- für unser Denken heute -- etwas wie ein
-Hauch geheimnisvoller Vergangenheit, so rührte ein anderes Bild
-umgekehrt an die eigene Zukunft.
-
-Wo der Wald sich auftat und der grüne Plan sich entrollte, da
-galoppierten Herden schlanker Huftiere dahin vor dem Blick dieses
-Ur-Auvergnaten. Hätte dieser Blick die Jahrhunderttausende der Folge
-sich aufrollen sehen, wie diese grüne Steppe sich vor ihm entrollte,
-so hätte er eine der denkwürdigsten Metamorphosen der Tierwelt ahnend
-geschaut, die sich grade in seiner Nähe und mit unmittelbarster
-Beziehung auf ihn ereignen sollte.
-
-Diese schnellen Hufträger waren Hipparions, -- Ur-Pferde.
-
-Heute noch geschieht es ab und zu einmal, daß als „Mißgeburt“ ein
-Pferd bei uns geboren wird, das statt des einen einzigen Hufs, mit
-dem normaler Weise dieser König unter den Läufern nur mehr den
-Boden schlägt, an allen vier Beinen noch drei Hufe trägt, von denen
-allerdings die zwei ungewöhnlichen die Erde nicht mehr erreichen.
-In Jahrmarktsbuden wird solch ein Dreihufer-Pferd gezeigt. Aus der
-Antike kommt die Kunde, daß Alexander des Großen berühmter Bukephalos
-diese scheinbar widersinnige Zier besessen habe. Es liegt aber Sinn in
-Wahrheit doch in der Zier.
-
-Denn diese Dreihufer sind vereinzelte späte Rückschläge eben auf die
-uralte Stammform unseres einhufigen Pferdes, die regulär noch solche
-beiden Nebenhufe trug -- auf jenes Hipparion der Miocän-Zeit. Freies
-Wildpferd war es zugleich noch, ohne engere Beziehung zum Menschen,
-ohne jene Rolle des „Kulturtiers“, die dem Pferde dermaleinst eine so
-besondere Stellung auf seinem Planeten geben sollte.
-
-Ich habe das Bild absichtlich so weit aufgetan, wie noch in steilster
-Theorie möglich ist. Bis zum Dinotherium und Hipparion könnten im
-äußersten Falle menschliche Tierzeichnungen gehen, wenn nichts weiter
-dazu nötig wäre als überhaupt ein Mensch mit den frühesten Anfängen
-der Werkzeugtechnik. Den Plesiosaurus oder Pterodaktylus, die in die
-Tertiärzeit selber nicht mehr hineinreichen aus der großen Saurierzeit,
-kann auch die regste Phantasie im Konterfei von zeitgenössischer
-Menschenhand nicht mehr erwarten. Aber wie unabsehbar groß ist auch so
-noch der Spielraum, -- wie viel könnte unsere wißbegierige Zoologie
-noch vom kleinsten Kritzelbildchen auf einer Wand, einem Knochen ernten!
-
-Und das jetzt ist die Stimmung, mit der wir in den finsteren Schlund
-jener Höhlen im Vezère-Tale kriechen, spähend beim schwachen
-Kerzenlicht, was diese Wände uns offenbaren wollen.
-
-Es war in der ersten Hochblüte der Begeisterung für prähistorische
-Kulturfunde.
-
-Gebrochen war der Bann grundsätzlicher Zweifel, mit denen der
-treffliche Boucher de Perthes noch gekämpft hatte. Man gab eine
-diluviale Urkultur unumwunden zu, achtete die Reste als neue
-Quelle, redete zum ersten Mal mit Sicherheit von einer neuen, der
-prähistorischen Wissenschaft.
-
-In dieser Zeit wurden die ersten Spuren einer „prähistorischen Kunst“
-in Gestalt erkennbarer Tierbilder bekannt.
-
-Zuerst aus Frankreich selbst, woher die frische Weisheit überhaupt
-diesmal gekommen. Dann aber auch aus einem der strengen deutschen
-Forschung näheren, leichter zu prüfenden Ort: von Thayingen, zwischen
-Konstanz und Schaffhausen, aus dem sogenannten Keßler Loch.
-
-Es waren zunächst Gravierungen auf Rentierhorn und ähnlichem alten
-Material, und Schnitzereien aus solchem Stoff.
-
-Der rasch berühmteste der französischen Funde war die Zeichnung oder
-besser Ritzung eines Mammut-Elefanten auf Mammut-Elfenbein. Man sah
-die charakteristische Kopfform, den Rüssel, die Stoßzähne, den aus den
-sibirischen Eiskadavern bereits bekannten dicken Wollpelz; selbst die
-richtige Gangart war angedeutet.
-
-Auf diese Epoche der enthusiastischen Anerkennung folgte unmittelbar
-aber das Wellental jäh absinkender Skepsis.
-
-War jenes Mammutbild immerhin eine eskimohaft rohe Skizze trotz seiner
-Naturtreue, so hatten sich im Keßler Loch humoristisch stilisierte
-Zeichnungen gefunden, die jeden Unterschied zwischen alt und neu in der
-Kunst zu verwischen schienen. Sie muteten an, wie aus einem neuesten
-Tierbilderbuch für unsere Kinder.
-
-Und der sachkundige Konservator des Mainzer Altertums-Museums,
-Lindenschmidt, bestätigte diese verblüffende Ähnlichkeit eines Tages in
-der Tat dergestalt, daß er die -- Originale einiger „prähistorischer“
-Tierzeichnungen aus jener Bodensee-Nachbarschaft in einem kürzlich
-erschienenen Weihnachtsbuche des Spamerschen Verlages nachwies. Was
-Leutemann hier für die reifere Jugend gezeichnet, das war in jenem
-famosen Keßler Loch einfach auf altes Rentierhorn kopiert worden.
-Und zwar, wie allsogleich erkennbar wurde, nicht in spiritistischer
-Umkehrung aller Zeitverhältnisse schon von unsern prähistorischen
-Ur-Schwaben, sondern von neuzeitlichen Genossen jener Taubacher
-Mammut-Schmuggler: nämlich Arbeitern bei den Ausgrabungen, die sich ein
-Stück Geld bei diesem Fischzug der Wissenschaft verdienen wollten.
-
-Der Betrug war so offenkundig, daß das Gericht einschreiten und die
-Sünder bestrafen konnte. In der ganzen Frage prähistorischer Kunst aber
-bedeutete dieses mißliche Einzelereignis einen allgemeinen Kurssturz.
-
-Jetzt kamen auf einmal die Stimmen derer obenauf, die solche
-vorweltliche Zeichnerei überhaupt für unmöglich hielten. Die Faust,
-die eben die ersten Steinbeile ordentlich zurecht geschlagen, habe noch
-nichts von Zeichnen und Kunst ahnen können! Eitel Schwindel seien eben
-alle diese angeblichen Ritz- und Schnitzarbeiten, moderne Fälschung
-plumpster Art. Wenn solches Schwindelwerk am grünen Holze, bei uns,
-gelungen, -- wie sollte man nicht der Leichtfertigkeit französischer
-Halb-Forscher das Bedenklichste unbedenklich zutrauen!
-
-Jenes Mammut-Bild, das Lartet im Vezère-Tal des Trüffel-Landes
-entdeckt, sollte gar bloß in der Phantasie dieses Herrn Lartet
-und seiner Freunde entstanden sein durch willkürliche Auslese und
-Allein-Wiedergabe einiger Krackelstriche in einem wüsten Netz
-vielfältiger und regelloser Ritzungen eines stark verschrammten
-Elfenbeinstücks.
-
-Die mildesten Kritiker bestritten doch wenigstens alle irgendwie
-„besseren“ Bilder. So trat Johannes Ranke den Beweis für Unechtheit
-eines Rentiers aus dem Keßler Loch, das sonst nicht in jene
-unzweideutige Fälschungsgeschichte verwickelt war, mit der Begründung
-an, daß bei diesem Tierbilde die Füße, ja sogar die Afterklauen daran,
-genau dargestellt seien; gleich den heutigen zeichnenden Buschmännern
-Afrikas hätten aber die prähistorischen Menschen auf „echten“ Bildern
-niemals die Füße der Tiere mitgezeichnet.
-
-Je nun, -- diese jungen Wissenschaften haben ihre Umläufe, es wechselt,
-um mit dem Prolog im Himmel zu reden: „Paradieseshelle mit tiefer
-schauervoller Nacht“, und die Weisheit, die zweimal umgelernt hat, darf
-sich nicht scheuen, es auch zum dritten Mal zu tun.
-
-Auch jene skeptische Phase ist heute wieder um, und vor den neuen
-Funden der Trüffel-Erde, die wir jetzt besitzen, hebt abermals ein
-neues Kapitel dieses tiefsinnigen Lehrbuchs vom Menschen und seiner
-Ur-Gabe der Kunst an, ein helles und positives nun doch.
-
-Jenes Vezère-Tal in der Landschaft Périgord, wo Lartet schon in den
-sechziger Jahren sein angebliches Mammut auf Mammutbein aus dem Schutt
-prähistorischer Zeiten gezogen, ist eine äußerst liebliche Gegend.
-
-Als Lubbock, heute der Alt-Meister vorgeschichtlicher Forschung,
-einst die Vezère hinabfuhr, pries er die Schönheit des Ortes, daß
-sie jeden packen müsse, auch abgesehen vom wissenschaftlichen
-Interesse. „Da der Fluß bald die eine, bald die andere Seite des Tales
-aufsuchte, so hatten wir in einem Augenblick zu beiden Seiten reiche
-Wiesenländereien, und in dem nächsten befanden wir uns dicht an dem
-senkrechten, fast überhängenden Felsen. Hier und dort kamen wir zu
-einigen wallonischen alten Burgen, und obgleich die Bäume noch nicht im
-vollen Laubschmuck standen, so waren doch die Felsen an manchen Stellen
-völlig grün durch Buchsbaum, Efeu und immergrüne Eichen, und das
-harmonierte überaus gut mit der satten gelbbraunen Farbe des Gesteins.“
-
-Hermann Klaatsch, dem wir die neueste anschauliche Ortsschilderung
-auf Grund eines Besuches im letzten September verdanken, findet, daß
-das Tal „einen intimen Reiz des süßesten Friedens“ besitzt „und einer
-Nervenberuhigung, welche die Sorge aufkommen ließe -- es möchte hier
-einmal eine Nervenheilanstalt entstehen, wozu die Gefahr nahe läge,
-wenn das Terrain in Deutschland sich befände“.
-
-Ohne besondere Spitzfindigkeiten läßt sich ein Bild gewinnen, wie
-dieses Haupttal und seine mäandrischen Verzweigungen geologisch
-ausgestaltet worden sind.
-
-Das ganze Quellnetz zum Dordogne-Flusse deutet rückwärts auf das hohe
-Zentral-Plateau von Frankreich, das alte Vulkanland der Auvergne.
-
-Nachdem diese Krater, mehrere hundert an der Zahl, in der späteren
-Tertiärzeit ihre Lavaströme genügend ergossen hatten und mit
-erschöpfter Kraft in den Ruhestand der wenigstens auf absehbare Zeit
-erloschenen Vulkanruine eingetreten waren, setzte die beginnende
-Periode der Eiszeiten die Durchschnittstemperatur lange Reihen von
-Jahrtausenden hindurch um so viel herunter, daß diese Gipfel sich durch
-Herabsinken der Schneegrenze mit „ewigem Schnee“ und mächtigen, zu Tal
-drängenden Gletschern bedecken mußten.
-
-Als diese Gletscher aber zeitweise wieder schmolzen, mußten die
-Schmelzwasser sich mit ungeheurer Gewalt zu Tal ergießen. Sie erfüllten
-die vorhandenen Flußtäler hoch herauf und wühlten in das weiche
-Kreidegestein ihrer Wände tiefe Furchen und Löcher ein, die später,
-als die Hochflut verströmt war und die Talsohle wieder als solche
-auftauchte, als Nischen und Grotten der Talwände frei wurden.
-
-Erst nach dieser Zeit, nach Ausgang einer ersten
-Vergletscherungsperiode und wohl noch während einer zweiten, hat
-dann der vorgeschichtliche Mensch sich im Vezère-Tal und seinen
-Seitenzweigen angesiedelt.
-
-Er hat die Grotten als willkommene Zufluchtsstätten genau so benutzt,
-wie sie spät noch in der geschichtlichen Zeit, ja bis in die neuesten
-Tage hinein vorkommenden Falles immer wieder besucht und gebraucht
-worden sind.
-
-Einem ausgesprochenen Jägervolk, aber von kleinen Mitteln, bot ja grade
-ein Tal von dieser Art die sinnfälligsten Vorteile.
-
-In senkrechten Steilstürzen bricht das Plateau oben vielfach gegen
-die Taltiefe ab. Gelang es den steinzeitlichen Jägern, eine Tierherde
-dieses Plateaus durch irgendwelche Schreckmittel, etwa künstliche
-Feuerbrände in der Nacht, gegen die unheimliche Kante zu hetzen und zum
-Absturz zu bringen, so war ein großer Sieg mit verhältnismäßig wenig
-Mühe gegeben, und die Opfer lagen gleich vor dem Hause.
-
-Vor Jahren schon hat Boyd Dawkins in England solche Rand-Jagd in
-vorgeschichtlicher Zeit als Erklärung aufgestellt für die erstaunlichen
-Anhäufungen zerbrochener und zernagter Tierknochen in englischen
-Steil-Schluchten. Als die Jäger, die hier den Riesenhirsch und das
-Mammut, das Rhinozeros und den Wisent ins Verderben gehetzt, nahm er
-zwar, und für seine Oertlichkeiten wohl sicher mit Recht, die Hyänen
-an, die damals in Scharen das Land bevölkert haben müssen. Heute noch
-jagen ihre lebenden Vertreter so, daß sie starke Beutetiere, die sie
-sonst nicht überwältigen könnten, durch Massenangriff erschrecken und
-auf einen äußersten Fleck drängen, wo der Absturz unvermeidlich wird.
-
-Doch vom Tier hat der Mensch jagen gelernt: was Wunder, wenn auch er
-die grausigbequeme Methode der schwachen, aber klugen Hyäne nachahmte.
-
-Längst kennt man auch eine französische Fundstätte, von Solutré bei
-Lyon, wo unter einem hohen Fels mit schauerlichem Steilfall eine an
-hundert Meter lange und drei Meter dicke Knochenschicht aufgedeckt
-worden ist, die so gut wie ganz aus Knochen diluvialer Wildpferde
-besteht. Ueber 20000 Individuen müssen hier immer genau am gleichen
-Fleck umgekommen sein! Und in diesem Falle verrät sich der wilde Jäger
-sofort: sehr gute Steinmesser, von Menschenarbeit, wahrscheinlich hier
-als Lanzenspitzen bei der Verfolgung benutzt, liegen noch zur Hand, und
-jeder Pferdeschädel ist künstlich aufgebrochen, um den Leckerbissen des
-wilden Menschen, das Gehirn, herzugeben.
-
-In solchen Jagdszenen, bei denen unter rohem Hallo und bei
-geschwungenen Fackeln die großen Säugetiere der Diluvialzeit zum
-Todessturz genötigt wurden, liegt zweifellos auch das Geheimnis der
-Liebe jener Vorgeschichtler für die schroffen Tälchen im Lande Périgord.
-
-Einmal am Fleck zäh eingebürgert, hinterließen diese Steinzeitler aber
-nun im Schutt und Kalksinter der Talhöhlen ein wahres Pompeji ihrer
-primitiven Kultur.
-
-Geräte und Waffen, Nahrungsreste und Herdfeuerspuren, alles was nur
-irgend dauerfähig war aus ihrem äußeren Leben, -- und in diesen harten
-Tagen des behauenen Steins und bearbeiteten Rentierknochens war ja
-fast alles von einer Solidität für rauschende Jahrtausende. Bloß ein
-Teil fehlt, dem es an und für sich sonst nie an weltgeschichtlicher
-Solidität gemangelt hat: Topfscherben; die Erfindung des irdenen Topfes
-scheint noch nicht in dieser Zeit zu liegen.
-
-Jeder Winkel dieser Flüßchen bewährt sich dem Suchenden als ein Haus
-dieses großen Pompeji. Da folgen sich die Stätten, deren Namen durch
-alle Lehrbücher und Museen schallen: Le Moustier, La Madelaine,
-Laugerie-Haute und -Basse, Cro Magnon -- jede berühmt durch irgend
-einen großen Fund.
-
-Bei La Madelaine, einer unerschöpflichen Katakombe dicht am
-Vezère-Flüßchen, die von einer Burgruine hoch auf dem überhängenden,
-eine Halbgrotte bildenden Fels ihren Namen trägt, hatte Lartet seiner
-Zeit das vielberühmte und vielverspottete Elfenbeinplättchen mit dem
-angeblichen Mammut-Bilde geborgen.
-
-Auch die es mit Hohn zurückwiesen, sie mußten doch zugeben, daß an
-dieser und anderen Stellen Spuren auftauchten von etwas, was irgend
-einen ästhetischen Zusammenhang schlechterdings nicht verleugnen
-konnte. Da lagen Fußknochen des Rentiers, die unzweideutig zu Pfeifen
-gehöhlt und gelocht waren. Röhrenknochen von Vögeln wiesen gar mehrere
-Löcher genau so, als sollten es Flöten gewesen sein. Was ferner sollten
-die massenhaften Anhäufungen bunter Erden in diesen prähistorischen
-Müllhaufen, insbesondere eines lebhaften Färbe-Rotes? Heute bemalen
-sich wilde, nackte Menschen mit so etwas den Leib! Was sollten die
-durchbohrten Schneckenhäuser, die Amethyst- und Bergkristall-Stücke?
-Heute hängt sich der wilde Mensch dergleichen als Schmuck an den
-Leib, -- ist doch auch der zahme noch nicht abgeneigt, diese Sorte
-ästhetischer Aufbesserung seiner gegebenen Persönlichkeit zu betätigen.
-
-Es war nun für den eingefleischten Zweifler vielleicht ein unbefugt
-kühner, für den naiven Besucher aber wirklich nur ein recht nahe
-liegender Schritt, wenn einer nicht bloß die Sohle dieser Höhlen nach
-prähistorischem Material durchwühlte, sondern auch einmal einen etwas
-sorgsamen Blick auf die Wände warf.
-
-Vom Vater Kieselack her besteht im Menschen bekanntlich ein Ur-Zug,
-seinen lieben Namen und etwa noch dieses oder jenes erfreuliche
-oder nichtsnutzige Umrißprofil auf die Wand einer besuchten Stätte
-zu setzen. Wenn diese alten Herrn des Trüffellandes wirklich schon
-irgend eine Fähigkeit besessen haben sollten, ähnlich wenigstens
-irgend ein Symbol ihres Daseins mit Kunstmitteln zu hinterlassen, so
-lag ernstlich nichts näher, als daß sie die Wände ihrer jedenfalls
-vielhundertjährigen, vielleicht mehrtausendjährigen Winterquartiere,
-der Höhlen, mit verwandten Scherzen bedacht hätten.
-
-Und der „Echtheit“ mußte dabei zu statten kommen, daß die langsame
-Arbeit tropfenden Wassers in der Folge diese Wände vielfältig nach
-gewohnter Höhlenart wieder mit einer schützenden Decke derben
-steinharten Kalksinters überzogen und alles auf ihnen Befindliche also
-profanem Blicke gänzlich entzogen hatte bis zum Tage, da der „Rechte“
-kam.
-
-Die erste Kunde, daß es auf den Höhlenwänden des Vezère-Gebietes
-tatsächlich etwas zu sehen gebe, kam denn auch schon vor Jahren,
-verscholl aber wieder in der allgemeinen Mißstimmung gegenüber
-prähistorischen „Bildern“.
-
-Das erste Jahr fester wissenschaftlicher Publikation ist 1895.
-Professor Rivière beschrieb eine „bemalte Höhle“.
-
-Weiter in Fluß kamen die Dinge seit 1901 dann besonders durch Capitan,
-ebenfalls Professor in Paris.
-
-Den neuesten und in jeder Hinsicht instruktiven Bericht über die
-vollendeten Fakten verdanken wir Klaatsch, der zugleich seine solide
-deutsche Autorität als Augenzeuge am Ort für das Ganze eingesetzt hat,
-so daß die großen, verallgemeinernden Zweifel jetzt endgültig abgetan
-sind.
-
-In das Haupttal der Vezère mündet bei dem Orte Les Eyzies eine kleine
-Seitenader, das Tälchen der Beune.
-
-In einem feinsten Nebenzweiglein wieder dieses Wässerchens liegt die
-sogenannte Grotte von Combarelles.
-
-Man darf bei dem Wort nicht an eine der allbekannten Tropfsteinhöhlen
-von imposanter Domhöhe denken. Es ist im viel eigentlicheren Sinne
-ein Loch. Vor die Öffnung dieses Loches ist denn auch heute noch ein
-Bauernhaus quer gelagert, als solle es sich bloß um einen privaten
-Kellerschacht handeln. Ein praktischer Mann, hat der Bauer den Anfang
-des Schachts sich als Hühnerstall eingerichtet, die „Höhle“ ist also in
-gewissem Sinne bewohnt bis auf den heutigen Tag.
-
-Der Hühnerstall ist aber noch der geräumigste Teil. Gleich dahinter
-wird jenseits einer Tür der Kellerhals so eng, daß der Besucher auf
-allen Vieren kriechen muß.
-
-Freilich erkennt er: so niedrig ist’s hier nicht immer gewesen.
-Mindestens ein Meter hoch hat sich auf die alte Sohle eine sogenannte
-Stalagmitenschicht, also Kalksintermasse, die das tropfende Wasser
-allmählich abgelagert hat, gelegt, den Gang auf die Hälfte des
-Ehemaligen verengend. In Mammuttagen konnte ein Mensch hier zweifellos
-erhobenen Hauptes noch durchschreiten.
-
-Etwa die halbe Länge hindurch, hundert und einige Meter weit, entdeckt
-man allerdings von solchem Ur-Dasein des Menschen gar nichts.
-
-Hat er Knochen oder Steingerät hinterlassen, so muß es tief unter
-dieser harten Kalkhülle des Bodens begraben liegen.
-
-Das Licht der Kerze leuchtet an der Wand entlang: auch da zunächst
-nichts.
-
-Die ersten hundert Meter sind überschritten. Noch immer nur leere Wand.
-
-Doch das Auge gewöhnt sich. Und endlich findet es jetzt wirklich etwas,
--- etwas höchst Überraschendes.
-
-Der Höhlenhals läuft bis zu seinem Abschluß noch ungefähr 115 Meter
-weiter. Fällt auf dieser Strecke der Kerzenschein von links her ein, so
-erscheinen in der Höhlenwand eine große Menge flacher Ritzlinien, die
-schärfsten bis zu einem halben Zentimeter tief, die schwächeren fast
-nur als Oberflächenzeichnung.
-
-Die Kalksintermassen, die auch hier sich unregelmäßig wie
-Kesselsteinbrocken angesetzt haben, gehen vielfach, Stücke verdeckend,
-über die Ritzungen hin, ein deutliches Zeichen, daß es sich keinenfalls
-um etwas ganz neuerdings Eingegrabenes handeln kann.
-
-Einmal erfaßt, schließen sich diese Linien dann dem Auge leicht zu
-Gestalten zusammen. Zuerst erkennt man durchweg Beine, endlich ganze
-Umrisse von Leibern.
-
-Es sind Tierbilder.
-
-Die meisten nur mittelgroß, kaum viel über ein Meter im selten
-äußersten Fall.
-
-Nun aber was für Tiere!
-
-Zunächst ein allbekanntes, das aber doch mit einem Schlage in die
-Eiszeit für diese Gegenden versetzt: das Rentier.
-
-Dann Pferde, -- Wildpferde!
-
-Wir haben erst in jüngster Zeit das noch lebende, heute nur in der
-asiatischen Steppe noch lebende echte Ur-Wildpferd von Angesicht zu
-Angesicht wieder begrüßen können auf europäischer Kulturerde: in dem
-Pärchen unseres Berliner zoologischen Gartens. Unverkennbar finden wir
-auf diesen alten Bildern seinen unförmlich dicken und großen Kopf,
-seine charakteristische hochgesträubte Mähne wieder. Schon hatten es
-uns einige jener bestrittenen älteren Gravierungen auf Rentierknochen
-aus den Vezèrehöhlen so gezeigt, aber die waren eben bestritten worden,
-trotzdem man sich fragte, welcher moderne Fälscher wohl diese äußersten
-Feinheiten zoologischer Charakteristik beherrscht und bewährt haben
-sollte; war doch die Kenntnis der Wildpferde bis vor kurzem noch einer
-der dunkelsten, unsichersten Punkte moderner Fachforschung -- und da
-sollte irgend ein pfuschender Dilettant derartig das allein Richtige
-getroffen haben?
-
-Die Pferdebilder von Combarelles machen alle weiteren Skrupel dieser
-Art überflüssig. Hochinteressant aber ist, daß auf ihnen neben dem
-Dickkopf, dem typischen Ur-Wildpferde, schon eine zweite Pferderasse
-erscheint, die wesentlich zierlicher gebaut ist. Das wird unserer
-Rassenforschung zu denken geben!
-
-Weiter: es treten aus der Wand Steinböcke.
-
-Heute sind das Hochgebirgstiere, die sich da oben ins „Kalte“
-zurückgezogen haben, nachdem unten die Eiszeit mit ihren letzten
-Kältewehen schwand, eine vertikale Rettung als Seitenstück zu der
-horizontalen, die das Rentier nach Lappland verscheucht hat.
-
-Und nun endlich nahen die ganz Fremden, die gänzlich Verschollenen.
-
-Eine einzige Antilopenart haben wir heute noch in Europa, auch sie nur
-in einer gleichsam abnormen Lage als Alpentier gerettet: die Gemse.
-Hier sind noch sehr verschiedenartige Antilopen, eine mit ganz steil
-ragenden Hörnern, eine dem Gnu ähnlich; es könnte sich freilich im
-letzteren Falle auch um etwas ähnliches wie die seltsame Gnu-Ziege
-(~Budorcas~) von Tibet handeln, deren Gehörn völlig dem des
-Weißschwanzgnus entspricht.
-
-Die Hauptmasse der „Verschollenen“ aber bilden -- die Mammute.
-
-Vierzehn an der Zahl!
-
-Grade sie konnte auch Klaatsch aufs entschiedenste feststellen.
-
-Die von Capitan mitgeteilten Bilder sind in der Tat von
-durchschlagender Wirkung.
-
-Da steht das Tier, mit seinem hohen Elefantenrücken und den
-Säulenbeinen. Der gewaltige Rüssel, mit Doppelzipfel unten statt des
-einfachen Fingers, ist in belebter Auffassung nach hinten eingerollt,
-die riesigen krummen Stößer streben darüber ins Weite. Selbst das Auge
-sitzt sehr gut. Und in wilden Strähnen wallt von Bauch und Kopf die
-schwere Mammut-Mähne und Verpelzung, die kein lebender Elefant kennt.
-
-Dieses Tierbild ist keine Klein-Moritz-Karikatur. Es ist der rohe,
-aber durch und durch charakteristische Entwurf einer Künstlerhand, --
-wie ein echter Tiermaler rasch, um mit einer Umrißskizze das Nötigste
-zu füllen, einen Elefanten eben hinsetzt, doch so, daß jeder sofort
-weiß: das ist einer; kein Strich zu viel, aber jeder Strich auch eine
-feste Charakterlinie. Und das mit einem Stück Feuerstein in eine
-Höhlenwand geritzt, bei Fackelschein, in engstem Raum, -- von einem
-vorgeschichtlichen Jäger der Eiszeit!
-
-Es war kein Dinotherium- oder Hipparion-Jäger mehr, das zeigen,
-abgesehen von den mangelnden Bildern, klärlich die Eiszeit-Tiere Mammut
-und Rentier selbst. Und doch noch der Mensch einer anderen, einer
-fremden Welt. Aber in diese Welt sahen schon Künstleraugen. Wie nah
-uns das nicht nur äußerlich, im Bilde, sondern grade im tiefsten Innern
-doch wieder diesen Tag der Mammute bringt!
-
-In einem zweiten jener Beune-Tälchen liegt die Grotte von Font-de-Gaume.
-
-Der Eingang öffnet sich rund 20 Meter über dem Talgrund. Ein großer
-Felsblock liegt davor wie ein Tisch.
-
-Zuerst ist es hier, als solle es wirklich in eine hohe Höhle mit dem
-bekannten Stalaktiten-Schleier an der Decke gehen. Aber dann folgt
-doch noch der unvermeidliche enge Flaschenhals, eine Geheimpforte des
-Allerheiligsten von nur 70 Zentimeter Höhe und bedrohlicher Enge.
-
-Als Klaatsch diesen Spalt passierte, mußte er des französischen
-Forschers Elie Massénat gedenken, der ihm kurz vorher alle diese
-bemalten Grotten als eitel Schwindel und Fälschung bezeichnet hatte.
-Da dieser alte Gelehrte sich eines bedeutenden Körperumfanges erfreut,
-erschien es Klaatsch schier unbegreiflich, daß der dicke Herr diese
-enge Pforte je sollte überwunden haben; und so konnte denn auch alsbald
-durch Zeugen festgestellt werden, daß Herr Massénat niemals am Orte
-gewesen war und sein Absprechen aus billiger „allgemeiner“ Skepsis
-geschöpft hatte -- ein recht lehrreiches Exempel!
-
-Immerhin ist wahr, daß ein eiliger Besucher, der nichts sucht, ein- und
-wieder ausgehen könnte, ohne das Entscheidende, nämlich die auch hier
-vorhandenen prähistorischen Bilder überhaupt zu entdecken.
-
-Moderne Kieselacks sind ahnungslos gelegentlich dagewesen, haben ihren
-Namen auf die Wand gekritzelt, quer über ein Tiergemälde -- und haben
-nichts gemerkt.
-
-Ja, über ein „Tiergemälde“! Denn auch hier gibt’s Tiere und sogar
-gemalte.
-
-Wahrscheinlich ist es vor allem diesmal ihre Riesengröße gewesen, die
-sie versteckt hat, sie erschienen bloß als weite zufällige Felder
-unbestimmten Brauns. Durchweg ist nämlich hier jedes Tier ein bis
-zwei Meter groß, und das auf drei bis fünf Meter hohen Wänden eines
-höchstens zwei Meter breiten Schachts.
-
-Die Technik ist eine raffiniert dauerhafte: die Umrisse und ein Teil
-der Einzelheiten sehr tief eingeritzt und der so markierte Tierkörper
-dann noch bemalt, der Umriß noch einmal mit Manganschwarz, der Inhalt
-mit braunroter Okererde.
-
-Gerade diese letztere Farbe paßt ausgezeichnet, da die Hauptmasse
-der dargestellten Tierarten diesmal Wisentstiere (jene sogenannten
-„Auerochsen“ unserer zoologischen Gärten) sind, deren Wolle dieses
-Braun entspricht.
-
-49 solcher Wisents sind bisher festgestellt, dazu 4 Rentiere, 4 Pferde,
-3 Antilopen und (hier nur) 2 Mammute.
-
-Es ist sehr wahrscheinlich, auch aus Gründen verfeinerter Technik, daß
-man in dieser Grotte ein etwas jüngeres Kunsterzeugnis vor sich hat,
-von der andern durch eine längere Kette der Generationen getrennt; das
-Mammut war inzwischen vielleicht seltener geworden, der Wisent-Stier
-dagegen jetzt Haupt-Jagdtier.
-
-Erstaunlich über alle Maßen ist, wie die Unebenheiten der Wand in die
-Bilder aufgenommen, gleichsam mit verarbeitet sind. Der untere Rand
-einer nischenartigen Vertiefung bildet im Bilde einen Rasenhorizont
-der weidenden Herde. Das Gras ist mit Strichen markiert, die Tiere der
-Herde zum Teil perspektivisch hintereinander geordnet.
-
-Der buckelige, durch die Mähne nach vorne verbreiterte Umriß der
-Wildochsen ist geradezu genial erfaßt. Ausgesprochen genau die Füße,
-die nach Johannes Ranke kein prähistorischer Zeichner je beachtet haben
-sollte (!), sind zoologisch wie künstlerisch bis in jede Einzelheit der
-Hufe am korrektesten wiedergegeben.
-
-Zwei Rentiere aber, die mit einander zugekehrten Köpfen
-freundnachbarlich weiden, sind nicht nur einzeln realistisch treu,
-sondern als belebte Gruppe wirklich „lebendig“ herausgebracht; lebendig
-im höchsten Kunstsinne, der mehr gibt, als bloß den Leib: der ein Stück
-Seele mitfaßt. Kein modernes „Tierleben“ brauchte sich dieser Köpfe zu
-schämen!
-
-Menschenbilder sind nicht dabei. Doch erscheinen sehr deutlich kleine
-Zelte, wohl die Sommer-Wigwams des Jägerstammes.
-
-Ich klappe das Bilderbuch wieder zu. Schon hört man aus anderen
-Gegenden Frankreichs von ähnlichen „illustrierten Höhlen“. Aus Spanien
-ist bereits eine bekannt. Wer ahnt, wie viele wir jetzt noch finden
-werden, da der Blick dafür geschärft ist, auf die Suche geht!
-
-Wir stehen jedenfalls erst im Anfang der Veröffentlichungen,
-wahrscheinlich erst auch in dem der Entdeckungen.
-
-Wieder einmal erwächst vor uns das Unwahrscheinlichste als das Wahre:
-die Mammut-Zeit in Bildern aus der Zeit.
-
-Und wieder einmal erscheint der Mensch schließlich als das Größte in
-allem. Ich frage mich: wo ist diese Größe auf ihrem Gipfel: bei ihm,
-der schon als Mammut-Jäger diese Bilderchronik in die Wände enger
-Höhlen grub -- oder bei ihm, der mit wissenschaftlicher Kenntnis von
-diesem Mammut heute, nach vielen Jahrtausenden, in diese Höhlen dringt
-und vor dem Bilde ruft: Das ist es!
-
-Schließlich wird die Höhe doch bei +ihr+ liegen, der
-Ewig-Proteischen, die in ihm damals war und heute ist, die in der Kunst
-und im Menschen und im Mammut war.
-
-Und wie ich mich in diese stille Höhle träume, wo das Licht der
-Kerze auf den unberührten Bildern dieser unsagbar fern verschollenen
-Kunststunde glänzt, ist es mir, als streife mich durch die heiße
-Pfingstnacht der glühende Atem ihrer rastlosen Liebe, die unablässig
-zeugt und zeugt durch die Äonen, -- die Goethe spürte, als er sang:
-
- „In der Liebesnächte Kühlung,
- Die dich zeugte, wo du zeugtest,
- Überfällt dich fremde Fühlung,
- Wenn die stille Kerze leuchtet.“
-
- * * * * *
-
-Stimmungen vor der Natur! An ihnen wird man einmal die Charakterköpfe
-des neunzehnten Jahrhunderts messen. An ihrer Stellung zum Naturbegriff.
-
-Ich habe Virchow eben mit meinen Gedanken gestreift. Das ist „auch
-einer“.
-
-„Indeß war ....“, so sagt einmal Goethe von irgend jemand, „bei all
-seinen Verdiensten doch nur einer von den .... Köpfen, die +sich
-mit der Natur gewissermaßen im Widerspruch fühlen+ und deßwegen
-das komplizierte Paradoxe mehr als das einfache Wahre lieben und sich
-am Irrtum freuen, weil er ihnen Gelegenheit gibt, ihren Scharfsinn zu
-zeigen, da derjenige, der das Wahre anerkennt, nur Gott und die Natur,
-nicht aber sich selbst zu ehren scheint.“ (Geschichte der Farbenlehre,
-in der fünften Abteilung.)
-
-Virchow war Naturforscher in jeder Faser. Aber er hatte +keine Freude
-am Anschluß+.
-
-Wie ist das möglich?
-
-Das Wort ist neulich, bei seinem Tode, gefallen von einem „Zeitalter
-Virchows“ in der Naturwissenschaft.
-
-Solche Schlagworte sind immer schief, und sie werden schiefer, je näher
-man der Arbeit unserer Zeit auf irgend einem Gebiete kommt.
-
-Wenn man von einer Epoche Newtons oder Linnés spricht, so enthält das
-schon eine große Ungerechtigkeit gegen gewaltige andere Geistestriebe,
-die jene Zeiten im ganzen umfassen, die aber gerade von Newton oder
-Linné selber keineswegs umfaßt wurden.
-
-In der Naturforschung unserer Tage ist für die Linie, in der Virchows
-Größe liegt, bestimmend, daß sie überhaupt nicht mehr bestimmt werden
-kann durch einen einzelnen. Das Band der Methode, das alle Disziplinen
-dort umgreift, ist längst gegeben und ist längst unpersönlich. Darüber
-hinaus aber steckt die Kraft im Wirken unzähliger Persönlichkeiten, die
-in einem weiten Spielraum so heterogen denken mögen wie nur möglich.
-
-Trotzdem ist es interessant, sich einmal für einen Augenblick der
-Fiktion hinzugeben, Virchow sei wirklich der einzige Naturforscher in
-seiner Zeit gewesen. Wie würde diese Naturforschung der letzten sechzig
-Jahre aussehen, angeschaut bloß in ihm?
-
-Man kann die Fiktion ohnehin wagen für eine ganze Menge gebildeter
-Leute, die tatsächlich in ihrem Leben keinen anderen Naturforscher
-kennen gelernt haben als Virchow. Als Parlamentarier war er „der“
-Naturforscher. Parlamentsberichte werden aber von einer Masse gelesen,
-die sonst heute noch gar keine Fühlung mit der Naturforschung
-besitzt. Und er hatte so noch etwa ein Dutzend anderer öffentlicher
-Berufszweige, wo er redete, -- als Naturforscher, der er doch einmal
-war, redete, und wieder von soundsovielen gehört werden mußte, auch als
-Naturforscher gehört werden mußte, die sonst im weiten Bogen um alle
-Naturwissenschaft herumgingen.
-
-In einer Virchowschen Naturforschung würde zunächst hervortreten
-der ungeheure Fleiß, die beispiellose Arbeitskraft in der rein
-quantitativen Leistung.
-
-Es liegt in dieser Arbeitskraft allgemein heute ein Dank von Seiten der
-Methode: ohne die Stütze dieser fest überkommenen und, einmal erlernt,
-ewig sich gleichbleibenden Methode wäre diese Ausnützung der Kraft in
-der Naturforschung gar nicht möglich.
-
-Aber Virchow war wirklich die Maximalgrenze.
-
-Er arbeitete bis an die letzten Jahre heran (81 ist er geworden!)
-wie eines jener prachtvollen astronomischen Instrumente der Neuzeit,
-auf denen nie ein Stäubchen, ein Rostfleckchen denkbar ist, deren
-Präzision auf Generationen gebaut scheint, blank, leuchtend über die
-Köpfe von so und so viel einander ablösenden Sterblichen hinweg. Ein
-solches Instrument kennt kein Zittern. Ein einziger Willensakt, der
-die Richtung bestimmt: und es steht, es ist eingestellt, absolut
-scharf, so weit sein Bau reicht, ohne jeden Zeitverlust des Suchens.
-Genau so schoß Virchow auf die Dinge los. Ohne jede Nervosität, alle
-vorhandenen Kräfte stets im Brennpunkt beisammen. Darum erschien seine
-Leistungsfähigkeit oft noch viel imposanter, ja über die Grenze des
-Menschlichen gedehnt, weil sie das Geheimnis besaß, keine Zeitverluste
-mit verrechnen zu müssen.
-
-Der zweite Punkt ist die Vielseitigkeit, die qualitative Ausdehnung.
-
-Die gangbare Annahme ist, daß der Heraufgang der Naturforschung vom
-Polyhistor zum Spezialisten führt. Eine Naturforschung Virchows hätte
-dann die Stufe des Spezialistentums bereits wieder verlassen.
-
-Er fing als Spezialist an, als Mediziner. Aber er brachte schon damals
-zwei Gaben mit, die darüber hinauswiesen.
-
-Er gründete eine Zeitschrift und wußte sie hochzubringen, natürlich
-zunächst eine Fachzeitschrift.
-
-Und er schrieb einen vornehm-wundervollen Stil. In Zeiten, da man
-seine „Cellular-Pathologie“, in wenigen Jahren ein halbes Jahrhundert
-alt, des veralteten Stoffes wegen nicht mehr als Lehrbuch benutzen
-wird, wird man sie als klassisches Beispiel nehmen, wie ein Mediziner
-schreiben soll, der außer dem menschlichen Körper die deutsche Sprache
-kennt.
-
-Daß ihn das tolle Jahr mitriß, will ich nicht unter besondere
-Vielseitigkeit verrechnen, denn es hat überall bis in die
-verknöchertsten Spezialistenkreise tatsächlich hineingeblasen.
-Aber wie er in den sechziger Jahren sich dann in den preußischen
-Parlamentarismus, in die politische Parteibildung mit all ihrem
-Kleinwerk zäh hineinarbeitet, das ist im alten Spezialistensinne
-entschieden nicht „naturwissenschaftlich“. Es ist mindestens eine
-neue Auffassung von den Rechten, Pflichten und Möglichkeiten des
-Naturforschers. Er hatte in der Pathologie das staatsbildende
-Sozialleben der Zelle im menschlichen Gewebe als Spezialist zugrunde
-gelegt, einen sensationellen Momentfortschritt damit anbahnend.
-Aber daß er sich jetzt auch berufen fühlte, als Naturforscher in
-den wirklichen Menschenstaat einzugreifen, das erschien den meisten
-Kollegen als höchst überraschende Ablenkung vom gewohnten Pfad. Auch
-ich wäge hier nicht Virchows politische Erfolge oder Mißerfolge; das
-Wort mag die Partei sich wählen, die der Leser hochhält. Ich betone
-nur, daß er in der Linie „seiner“ Naturforschung auch das Parlament
-sah, wo die Naturgeschichte des Staates praktisch betrieben wurde.
-
-Daß er in den Kriegsjahren im Sanitätswesen tatkräftig mithalf, wird
-der gangbare Zünftler auch zugeben: war er doch eben von Haus aus Arzt.
-
-Aber unerwarteter war wieder, daß er den Berliner Handwerkern
-volkstümliche Vorträge hielt, daß er sich an der Herausgabe einer
-gedruckten Sammlung solcher populärer wissenschaftlicher Vorlesungen
-beteiligte, die wenigstens in ihren älteren Jahrgängen viel Gutes getan
-und gebracht hat; daß er über Goethe als Naturforscher ein treffliches
-Büchlein schrieb und über die Frauenfrage mitredete.
-
-Und doch trat auch das alles zurück gegen seine größte Aufgabe, die er
-sich freiwillig wählte und die er mit Energie so weit trieb, daß sie
-fast wieder als ein Spezialismus erscheinen konnte, bloß einer, den
-bisher niemand in der Naturforschung gesucht hatte.
-
-Die Großstadt entstand bei uns.
-
-Entstand um ihn her, der, obwohl Pommer von Geburt, aus Neigung und
-Beruf eigentlich seit seiner Studienzeit und als Hochschullehrer dann
-seit den Fünfzigerjahren in Berlin festwurzelte. Ein politisches
-und wirtschaftliches Produkt war sie, diese neue Großstadt an der
-Spree. Die meisten sahen sie mit einem Gemisch von Grauen und dunklen
-Hoffnungen aufwachsen, doch zunächst jedenfalls als ein Phänomen, das
-man hinnehmen und von dem man abwarten mußte, was es wollte.
-
-Virchow sah vom ersten Tage die Großstadt an als ein
-naturwissenschaftliches Problem!
-
-In der Hand der Naturwissenschaft lag ihm, ob dieser werdende Koloß
-eine Kloake werden sollte, vor der der Kleinstädter sich bekreuzte, --
-oder eine sanitäre Musteranstalt.
-
-In rastloser Arbeit hat Virchow seit den Sechzigerjahren diesen
-Riesenorganismus studiert, hat seine leitenden „Nervenzellen“ beraten
-zu Gunsten der Hygiene. Man muß sich an die Schwerfälligkeit eines
-solchen Großstadtapparates mit all seinen Instanzen, zumal eines
-unreifen, erinnern, um die Leistung zu verstehen. Man muß sich
-erinnern, daß dieser junge Riese wieder eingezwängt lag in einem
-noch größeren, viel älteren Organismus, dem Staat, und daß dieser
-Staat geschichtlich sich aufgebaut hatte ohne Rücksicht auf eine
-Naturforschung, ja ohne Kenntnis eines Naturforschers als Berater
--- in Zeiten, da der Naturforscher bei Hof oder in der Polizeistube
-noch etwas vom Tropf, von der lächerlichen Lustspielfigur mit der
-Botanisiertrommel hatte.
-
-Man kann Virchows gesamte politische Erfolge von bestimmtem Parteiboden
-aus als solche für ephemere Dinge ohne höheren Einsatz halten und
-wird doch zugeben müssen, daß sie einen ganz durchschlagenden Gewinn
-ergeben haben, wenn man Virchows politische Anteilnahme als nötige
-Vorschule faßt für jene Kulturarbeit zum Wohle der Großstadt. Bei der
-verwickelten Lage staatlicher Dinge von heute wäre er an die gar nicht
-herangekommen, hätte er nicht dort sich Kenntnis über die Mittel und
-Wege erworben.
-
-Wer die Großstadt wirklich kennt, der verlangt keine kostspieligen
-Denkmäler in ihr, dafür ist das Elend hinter den Coulissen zu
-namenlos groß. Sonst würde ich sagen, Virchow verdiene ein Denkmal im
-eigentlichsten Sinne von der „Großstadt“.
-
-Es bedarf aber des Stückchens Marmor nicht: wer heute durch die
-Berliner Straßen geht und an die Rinnsteine von ehemals, an die
-Kanalisationen und Rieselfelder und Wasserleitungen von heute denkt,
-ich meine, er riecht ordentlich den Geist Virchows und seiner
-Mithelfer, und das ist ein feineres, vergeistigteres Monument des
-„Naturforschers der Großstadt“.
-
-Von der Zelle zur Großstadt! Dazwischen liegen zwei weite Strecken.
-
-Nach alter Einteilung gehört die eine ganz der Naturforschung, die
-andere ganz einem himmelweit verschiedenen Gebiet, nämlich der
-Geschichte. Durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts herauf kommt
-ein ganz eigenartiger Versuch: die Geschichte, wo nicht zu erobern,
-doch zu erweitern durch die Naturwissenschaft.
-
-An die heikle Stelle des Überganges jener beiden Streckenteile,
-zwischen „Erdgeschichte“ und „Geschichte“, schob sich die
-„prähistorische Wissenschaft“ in jedem Zuge von ihrer Begründung her
-ein Kind der Naturwissenschaft, das diese zur Welt brachte zunächst
-unter dem heftigsten Protest des offiziellen Geschichtsprofessors.
-
-Und wieder ist es Virchow, der sich hier festsetzt, der, mag man
-in hundert Einzelzügen mit ihm rechten, doch im Ganzen diese
-prähistorische Zettelsammlung wirklich in eine „Wissenschaft“
-verwandelt hat.
-
-Die Stärkste seiner persönlichen Position dabei war, daß er das Wissen
-besaß, um auf beiden Gebieten wirklich zu arbeiten, als Naturforscher
-und als Historiker. In den rein naturwissenschaftlichen Teilen des
-Gebietes suchte er immer einen Zweig zu bessern durch Verknüpfung mit
-einem zweiten.
-
-Er drang darauf, die Anthropologie aufzufrischen durch die Anatomie.
-In der Rassenfrage drang er auf das Experiment, wozu wieder Statistik
-nötig wurde, für die der Staat, die Schule heranmußten: der rein
-philologisch gebildete Gymnasialdirektor sah sich plötzlich in diese
-ganz neuen Forschungszweige mit hineingerissen, indem man ihm von
-oben eine Tabelle über die Haarfarben und Augenfarben seiner Zöglinge
-abverlangte; hinter dem „von oben“ stand aber Virchow.
-
-Das prähistorische Material begutachtete er nicht bloß im Museum. Er
-nahm die Schaufel zur Hand und grub selber aus.
-
-So erschien er, immer pfeilschnell aufs klar vorbedachte Ziel
-losstoßend, im Kaukasus, in Ägypten, auf dem Scherbenhügel von
-Hissarlik in der Ebene von Troja. Er fühlte, bewährte, predigte
-unaufhörlich, wo auf diesem vagen neuen Terrain der Fachmann zunächst
-hingehöre: nicht in die Studierstube zum Grübeln über neue Theorien
-vor ein paar von anderen hereingebrachten Fundstücken; sondern an die
-Fundstelle selbst, damit der Fund selber im Moment seines Auftauchens
-zunächst kritisch fixiert werde. Kaum, daß diese junge Wissenschaft da
-war, so bewegte sich ihr schon nur zu gewaltsam ja das Terrain.
-
-Eine Eisenbahnstrecke wurde gebaut: sie schnitt eine uralte Stätte
-auf, wie etwa den Burgberg im Spreewald. In fliegender Hast galt es an
-solchen Stellen einheimsen, die Zettel zu den Dingen schreiben. Für die
-Theorien mochten Jahrhunderte folgen, Zeit genug. Aber all ihr Wert
-hing unabänderlich ab von dem kleinen Zettel, den wir heute zu dem
-Fundobjekt legen. Dieser Zettel mußte ein Meisterstück fachmännischer
-Exaktheit sein -- und dann durfte er doch auch noch in gutem Deutsch
-geschrieben sein; auf beides hielt Virchow.
-
-Nun, es ist gesorgt, daß die Bäume in diesem defekten Leben nicht in
-den Himmel wachsen.
-
-Wenn man bloß auf diese Linien sieht, die sich noch um eine Menge
-kleinerer Arabesken bereichern ließen, so erscheint es bedauerlich, daß
-Virchow nicht wirklich seine Zeit in der Naturforschung ganz nach sich
-bestimmte. In Wahrheit war er in den besten Zügen dieser Zeit voraus,
-war der Pionier einer Naturforschung, wie sie allgemein erst kommen
-soll.
-
-Die Medaille hat aber auch ihre Kehrseite.
-
-Eine Naturforschung Virchows würde dauernd und herrschend Züge
-aufgewiesen haben, die ich wenigstens nicht im Antlitz der
-„Naturforschung“ wünschte.
-
-Jetzt, da er selbst fort ist, hat man allgemein auch in den Kreisen,
-die ihm nicht als Partei gegenüberstanden, sondern seine Größe
-einwandlos ehrten, eine Art Gefühl, als sei doch auch etwas wie ein
-Hemmnis hingenommen. Es waren nicht allein die allgemeinen Spuren, wie
-sie jede alternde Autorität zeigt, -- nach deren Scheiden die Jüngeren
-immer von etwas Druck aufatmen, auch wenn der Mann dahinter noch so
-bedeutend gewesen ist. Man empfindet, daß in der ganzen Methode hier
-doch bei allem Vorbildlichen auch eine dauernde Fehlerquelle war.
-Vielleicht ein kleiner Fehler nur in dem Ganzen des Mannes. Aber in
-einer großen Gestalt, die stark auf ihre Zeit wirkt, pflegen kleine
-Fehler grade in der Wirkung riesengroß zu werden.
-
-Es war die Kehrseite von Virchows staunenswerter Vielseitigkeit, daß er
-für gewisse Dinge so gut wie blind war, die doch überall ihm vor den
-Füßen blühten.
-
-Er achtete nicht auf gewisse Imponderabilien, die in der Naturforschung
-so gut ihre Rolle spielen wie in jedem anderen großen menschlichen
-Denkgebiet.
-
-Was er errungen, dankte er einer eisernen Treue zu einer gewissen
-Methode, einem unermüdlichen Fleiß, einer ewigen klaren Beherrschung
-seiner selbst, einer fort und fort genährten „Klarheit“.
-
-Die große Intuition, der Lichtblitz des Gedankens, der jäh über Weiten
-zuckt, der Geist, der über den Wassern schwebt -- sie waren ihm fremd
-und er haßte sie.
-
-Er übersah, daß die größten Leistungen auch der Naturforschung hierher
-stammen.
-
-Er übersah, daß die Begeisterung aus dieser Quelle schöpft.
-
-Er übersah, daß an dieser geheimnisvollen Stelle das unendliche Feld
-naturwissenschaftlicher Tatsachen beständig strebt und streben muß,
-sich zu einer einzigen Knospe zusammenzuschließen: aus dieser Knospe
-aber bricht, was allein zuletzt die ganze unendliche Gärtnerarbeit
-lohnt -- die Lotosblume einer +Weltanschauung+.
-
-Seine Leistungen kamen nicht von hier. Die Begeisterung war ihm eine
-lästige Trübung des kalten Forscherauges. Vor der Weltanschauung zuckte
-er die Achseln. Er hatte ein unnachahmliches Gesicht zu solchen Worten.
-
-Diese Skepsis sollte ihm selbst teuer zu stehen kommen.
-
-Er, der sein Leben lang gegen Engen, Schranken, Abgrenzungen der
-Geistesgebiete gegeneinander, partikularistischen Fachdünkel,
-Autoritätsgelüste und reaktionäre Anwandlungen aller Art sachlich wie
-ein Held angekämpft hatte mit einem völlig blanken Schilde --, er kam
-in bestimmter Beleuchtung in eine ganz gegenteilige Position.
-
-Es mischte sich da noch ein Zweites ein, das ebenfalls zur Kehrseite
-der Medaille gehört.
-
-Er war der Ansicht, daß die Naturforschung bald schon in ihre Epoche
-trete, da sie die wahre Weltmacht im Denken der Menschheit wirklich
-werde. Sie eroberte der Reihe nach alle Gebiete, wie sie die Großstadt
-auf dem Wege einer verbesserten Kanalisation erobert hatte. Das war
-sein Ideal, dem das Minimum von Begeisterung diente, dessen er fähig
-war.
-
-Aber dieses Ideal sah er nur erreichbar eben auf sehr nüchtern
-praktischen Wegen, und er glaubte, seit er im politischen Getriebe
-stand, etwas von diesen Wegen gelernt zu haben.
-
-Sie forderten, daß man ein Geringes gab, um viel zu gewinnen.
-
-Um ihre Mission zu erfüllen, mußte die Naturforschung sich in erster
-Linie mit dem modernen Staat vertragen. Und eventuell dann auch mit
-Mächten, die dieser Staat nicht von sich lösen wollte oder konnte --
-wie der Kirche.
-
-Das ging aber nicht ohne Konzessionen.
-
-Gab man also als Ring des Polykrates etwas möglichst Entbehrliches!
-
-Virchow zögerte keinen Augenblick mit dem Geständnis, wo das zu finden
-sei: im Gebiet jener Imponderabilien!
-
-Um der „Duldung“ der Naturwissenschaft willen gab er mit leichtester
-Hand grade die Stellen preis, wo die moderne Naturforschung sich zur
-Weltanschauung krystallisieren wollte.
-
-Aus dieser Stimmung hat er gelegentlich gesagt, daß die „Tatsachen des
-Bewußtseins“ vom Naturforscher ruhig preisgegeben werden dürften zum
-beliebigen Gebrauch der „herrschenden Kirchen“.
-
-Aus dieser Stimmung hat er die modernen Ideen über den natürlichen
-Ursprung des Menschen, die unsere Weltanschauung so bis ins Innerste
-aufrütteln müssen, mit einer Leichtigkeit durchstrichen und unter den
-Tisch geworfen wie ein Papier, das jetzt nicht hierher gehört, daß
-seine besten Mitstreiter sich verdutzt fragen mußten, ob der Mann denn
-überhaupt noch für die Wahrheitsideale der Wissenschaft mitfechte.
-
-Es war in der Tat derselbe Mann, der sich für die Wahrheit irgend einer
-winzigen Bagatelle-Tatsache, einer Scherbe in einem Grabhügel etwa,
-ganz unbedingt hätte verbrennen lassen wie Giordano Bruno -- und der
-doch kaum glaublicherweise vor dem ganzen Begriff Weltanschauung eine
-so wegwerfende Meinung zeigte, daß er dessen kostbarstes Material als
-die einzige Scherbe nahm, die so wertlos sei, daß man sie dem Gegner
-ganz ruhig hingeben könne, um nicht verbrannt zu werden.
-
-Das Verhängnis -- man kann aber hier auch sagen: die Nemesis wollte,
-daß in den späteren Zeiten seines langen Lebens gerade diese
-ketzerischen, zu Weltanschauungsdingen durchaus +drängenden+
-Menschheitsfragen sich ihm immer energischer gerade auf dem Gebiet
-entgegenwarfen, wo er von allen Sachkundigen mit Recht als Meister,
-ja als Altmeister und Bahnbrecher verehrt wurde, -- auf dem
-prähistorischen Felde, bei Tertiär-Mensch und Mammut-Mensch. Es war das
-fatalste Schauspiel gerade für solche, die jedes Wort aus seinem Munde
-auf diesem seinem eigensten Ruf- und Ruhmgebiet durchaus gebührend
-aufs Höchste zu achten gewohnt waren, wie er auch hier mit immer
-gesteigerter Hartnäckigkeit seinen allgemeinen Ablehnungs-Standpunkt
-in allen Detailfragen durchzuführen suchte, -- und wie er schließlich
-Verwirrung in solche Fragen trug, bei denen schon viel mittelmäßigere
-Köpfe doch die klare Linie gar nicht verfehlen +konnten+, --
-er, der Meister der Klarheit und umsichtigen Kritik! Ich weiß wohl,
-daß der Glaube noch weit verbreitet ist, Virchow habe in seinem
-Kampf gegen den Neandertal-Menschen, den Tertiär-Menschen, den
-Menschen als Mammutzeitgenossen und verwandte Fragen bis zu der
-Allgemeinfrage der Verwandtschaft des Menschen mit den anatomisch
-nächsten Säugetiergruppen, stets den Standpunkt der nüchtern-besonnenen
-Kritik gegenüber der waghalsig schweifenden Hypothese vertreten.
-Die Dinge lagen in Wahrheit aber bei +diesen+ Spezialfragen
-genau umgekehrt. Virchow war es, der schließlich die verwickeltsten,
-unwahrscheinlichsten Hypothesen aufeinandertürmte, um Dinge umzudeuten,
-die vor der schlicht nüchternen Anschauung nur eine einzige gerade
-und einfache Deutung zuließen. Seine Kritik des Neandertal-Schädels,
-die heute als endgültig zurückgewiesen gelten kann, ist das
-schlagendste Beispiel. Er hatte eben in diesen Dingen den schlichten
-Standpunkt vollständig verloren. Er ließ sich an autoritativer
-Stelle zu Aussprüchen hinreißen, die allen Elementarergebnissen der
-vergleichenden Anatomie ins Gesicht schlugen, -- ein Anfänger, ein
-Student, konnte ihn schließlich bei einzelnen Sätzen korrigieren.
-Geister, die ihn intensiv liebten, mit ihm gern durch Dick und
-Dünn gegangen wären, hat er zur Verzweiflung gebracht mit solchen
-unberechenbaren Schachzügen.
-
-Ich will hier ausdrücklich nicht in den Fehler verfallen, daß ich
-Virchow deshalb wirklich eine reaktionäre Natur nenne. Das mögen andere
-machen, denen es im Parteitreiben selber nicht um ein Wort zuviel zu
-tun ist. Er war in einem einzigen Punkte -- nicht ein Reaktionär, aber
-ein Diplomat.
-
-Die große Wissenschaft jedoch kennt keine Diplomatie.
-
-Ob die Naturforschung je in unserem Gesamtleben die führende
-Rolle übernehmen wird, wie Virchow felsenfest geglaubt hat, sei
-dahingestellt. Sicherlich wird sie es nur, wenn sie es je tut, in der
-Form einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Aber ebenso sicher
-ist, daß sie jetzt und jederzeit sich ihr eigenes Todesurteil fällt im
-Moment, da sie Konzessionen macht an irgend eine Macht des Himmels und
-der Erden außer ihr.
-
-Virchow war groß genug, daß man ihm +das+ nachrufen kann. Er
-hat genug geschaffen, was dauern wird. Gerade vor seinem Gesamtbilde
-läßt sich ohne Bitterkeit aussprechen: daß ein Gedanke seines Lebens,
-von anderen erfüllt, die Axt gelegt hätte an seine eigene große und
-lichtbringende Arbeit, -- weil er nämlich die Axt gelegt hätte an den
-Grundpfeiler unbeirrter Wahrheitsforschung.
-
-... Nein, aus diesen entscheidenden Gründen wird man kein Zeitalter der
-Naturwissenschaft benennen nach Virchow.
-
-Er ist einer der stärksten Träger der Naturforschung in seiner Zeit
-gewesen, sowohl was Arbeit wie was Ansehen betrifft. Aber er ist
-+kein Förderer gewesen für uns im Naturbegriff+.
-
-Und das gibt zuletzt reinlich den Ausschlag.
-
-Man mag noch so eifrig versuchen, die Naturforschung bloß aufzubauen
-auf den einsamen, voraussetzungslosen Imperativ des: Du sollst bloß
-forschen über einzelne Kausalzusammenhänge der Erscheinungen in der
-Natur, nichts weiter, -- es ist Deine Pflicht, -- weiter frage nicht,
-.... es hilft schließlich alles nichts, wenn hinter diesem Imperativ
-nicht auch der Sinn steht einer Weltanschauung, einer Auffassung von
-dieser Natur, aus der alle freudige Arbeit ausfließt und in die alle
-fruchtbare Arbeit wieder einfließt.
-
-Auch hier, wenn je, gilt das alte Wort des Paulus: „... und hätte der
-Liebe nicht, so wär ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.“
-
-Diese Liebe +kann+ immer nur aus einer großen, umfassenden
-Anschauung der Dinge kommen, aus einer Ecke, wo den Menschen der
-heilige Sturm anrauscht, der ihn über sich hinausführt in ein unendlich
-Umfassenderes hinein, der ihm seine ganze kleine Person und ihre
-Augenblicksinteressen und alle Mittelchen winziger Diplomatie zugleich
-wegfegt wie dürre Spreu ...
-
-Virchow selber war ja noch in sich getragen gleichsam von einem
-Zehr-Kapital solcher Liebe aus einer älteren großen Epoche der
-Naturauffassung, so wenig er es Wort haben wollte, -- in seiner
-eigentlichen Forschung, zumal in den besten Jahren, atmete alles an ihm
-unbewußt doch noch solche Kern-Liebe; ohne das hätte er überhaupt nie
-schaffen können, was er positiv geschaffen hat. Aber eine Generation,
-von ihm in seinen Grundsätze, wie er sie +bewußt+ verfocht,
-erzogen, würde nichts mehr sein als eine Generation der „klingenden
-Schelle“ in der Naturforschung.
-
-Wenn ich auf die ganze philosophische Stimmung der Zeit sehe, in
-der Virchow emporgestiegen ist, so meine ich ein tiefstes, von ihm
-unabhängiges, aber ihn zwingendes Motiv zu gewahren, das in sein
-Widerstreben gegen jede Weltanschauung, jede größere Naturauffassung
-zweifellos mit hineingespielt hat und das durch persönliche
-Fähigkeitsschranken bei ihm wohl nur unterstützt wurde.
-
-Virchow gehörte der gleichen Denkgeneration an, wie Karl Vogt, wie so
-viele andere bedeutende Naturforscher seiner Zeit, die +alle+ in
-gewissen Zügen das gleiche Los gehabt haben.
-
-Söhne und Enkel einer durch und durch idealistischen Generation,
-Idealisten in jedem Zuge selbst, sahen sie sich in die Naturforschung
-versetzt durch stärksten inneren Beruf -- und nun aber in dieser
-Naturforschung sahen sie sich in eine Zeitströmung mechanistischer
-Denkweise und Forschungsmethode hineingerissen, die jeden Anschluß zu
-einer idealistischen Auffassung der Dinge verloren zu haben schien.
-
-Es war das an und für sich ein philosophischer Irrweg, denn es gibt,
-wie ich wenigstens fest glaube, eine Art des „Mechanismus“, die sich
-durchaus mit einer idealistischen Weltanschauung verträgt. Aber
-die Zeitmeinung war damals jedenfalls die genau entgegengesetzte.
-Einerseits wurde die mechanistische Methode seltsamer Weise überhaupt
-nicht mehr für „Philosophie“ gehalten, sondern sollte einfach identisch
-sein mit exakter Naturforschung. Andererseits wurde diese von ihr
-durchdrungene Naturforschung eben als „mechanistische“ doch ausgespielt
-gegen jeden Idealismus der Welt- und Naturauffassung.
-
-Eine ganze Reihe bester Köpfe dieser Virchowschen Generation ging, ich
-möchte wohl sagen, philosophisch von Anfang an +unter+ in diesem
-künstlichen Konflikt.
-
-Ihr innerer intuitiver Idealismus, der als eine Art kategorischen
-Imperativs in ihnen stand, fand keinen andern Rettungsausweg als den
-Ruf: Nieder mit allem Nachdenken über den Naturbegriff! Fort mit aller
-Weltanschauung! Nicht denken an das Verhältnis zwischen mechanistischer
-Forschungsmethode mit lauter mechanistischen Ergebnissen und dem
-Idealismus als Ur-Ansporn aller Wahrheitsforschung! Nicht rühren an
-Philosophie, damit wir uns nicht den Widerspruch selber eingestehen
-müssen!
-
-Daher das unflätige Schimpfen auf jede Philosophie bei einem so feinen,
-so liebenswürdigen, in jedem Betracht so geistreichen, so geistig
-feinschmeckerischen Kopf wie Karl Vogt. Und daher das wunderliche
-Diplomatenspiel in seiner einen Wurzel, seiner tiefsten am Ende doch,
-auch bei Virchow.
-
-Mit klaren Karten hätte sein Bekenntnis etwa gelautet: um in der
-Naturforschung etwas zu leisten, brauchen wir mechanistische Methode,
-aus dieser Methode resultiert als Weltanschauung ein toter Mechanismus
-als Weltbild; mit dieser Weltanschauung verträgt sich unser Idealismus,
-das eigentliche treibende Grundmotiv all’ unseres Arbeitens, also auch
-des Naturforschens, nicht, also halten wir den Mund, sobald jemand von
-Weltanschauung reden will; überlassen wir dieses ganze Feld lieber
-offen solchen Mächten, wie der Kirche, -- ein Frieden, für den uns noch
-obendrein der Staat lobt und durch seinen Schutz lohnt; mag +sie+
-sich damit blamieren oder was sonst: -- besser immer, als wir sägen uns
-selber den Ast ab, auf dem wir sitzen.
-
-Was Virchow +nicht+ fand -- und worin auch er in all’ seiner
-Größe eben klein geblieben ist und nicht ein bahnbrechender König und
-Meister im Gedankenleben seiner Zeit geworden ist: -- das war eine
-wahre philosophische Versöhnung von Mechanismus und Idealismus, eine
-wahre Brücke von den Resultaten objektiver Forschung zu den subjektiven
-idealistischen Wurzeln und Motiven jeglicher Forschung eben auf Grund
-einer noch umfassenderen, beides umfassenden philosophischen +Klärung
-und Vertiefung des Naturbegriffs+.
-
-Ein einzelner kann in sich Verstecken spielen ein Menschenleben lang.
-Ganze Generationen vermögen das auf die Dauer nicht.
-
-Jener innere Widerspruch, den Virchow mit einer verzwickten Stellung
-hinter sich verdeckte, wird unserer Zeit jetzt schon allenthalben im
-Ganzen +doch+ sichtbar.
-
-Und je deutlicher sie ihn sieht, desto deutlicher wird ihr auch die
-Forderung einer resoluten Lösung in jenem positiven Sinne, in ein Neues
-hinein.
-
-Dabei kann ihr eine Übergangsgestalt wie Virchow selbst natürlich
-nichts mehr sagen.
-
-Wir haben ganz und gar keine Lust, lieber in den wichtigsten Weltfragen
-pro forma zum Kirchendogma zurückzukehren, bloß damit nicht offenbar
-werde, daß unsere Forschung ein schwarzes Scheusal heimlich geboren
-habe, das unserm Idealismus die Leber ausfrißt.
-
-Wir wollen weder diesen Idealismus einbüßen, noch die Naturforschung
-und ihre Ergebnisse.
-
-Das +Wie+ ist eine +Forderung+.
-
-Aber noch keine strebend sich bemühende Zeit ist daran gestorben,
-daß sie eine große geistige Forderung hatte. Im Gegenteil. An faulen
-Kompromissen und der lähmenden Behauptung des Dogmas, dem alle Fragen
-Himmels und der Erden gelöst gelten, sind Zeiten versumpft und
-versandet, -- noch nie an der steilen Größe ihrer Ideale.
-
- * * * * *
-
-Man kann nicht an Virchow denken, ohne daß dem Blick auch die andere
-Gestalt aus der „Hochburg der Naturforschung Berlin“ vom letzten
-Drittel des Jahrhunderts auftaucht: der alte Dubois.
-
-So grundverschiedene Persönlichkeiten Emil Dubois-Reymond und
-Rudolf Virchow waren -- der eine so ganz und gar „ohne Sinn für
-Feierlichkeit“, wie Fontane sagte, in seinen Schwächen wie in seiner
-Größe, der andere der geborene Feier-Redner, immer mit Pomp und auf
-einem schweren Piedestal, schon als Lebender der eigenen Absicht nach
-wie der Humboldt des Standbilds mit einem riesigen Marmorfolianten,
-dem Welt-Gesetzbuch des Naturforschers, auf den Knieen --: in ihrer
-Stellung zu der großen Herz-Frage der „Natur“ besaßen sie eine packende
-Ähnlichkeit.
-
-Beide waren Naturforscher ersten Ranges, was exakte Arbeit anbelangt:
-Dubois in der Gesamtleistung wohl nicht annähernd so vielseitig, so
-praktisch nachhaltig und so bahnbrechend wie Virchow, aber doch
-intensiv immerhin genug für eine ganz hervorragende Stellung in der
-Arbeit seines Jahrhunderts.
-
-Beide waren zweifellos hingebende Idealisten in ihrem innersten Wesen.
-
-Beide haben notwendig nach den größten Gesichtspunkten suchen müssen,
-da sie beide den Naturforscher für den berufenen Führer der Zeit
-hielten, in der aufsteigenden Naturforschung den Brennpunkt unserer
-Kulturentwickelung sahen und beide dabei ein ungewöhnlich starkes
-Gefühl für die +Breite+ dieser Kultur über die verschiedensten
-Geistesgebiete fort besaßen.
-
-Beide aber sind grade vor dem äußersten, dem höchsten Problem einem
-seltsamen Schicksal verfallen.
-
-Die Reaktion, die um jeden Preis von der ganzen Naturforschung
-fortwollte, hat sich beider auf gewisser Höhe bemächtigt, um grade sie
-als schärfsten Trumpf auszuspielen.
-
-Und so wenig sie selber deshalb Reaktionäre waren, so logisch war doch
-diese ungewollte Nachfolge.
-
-Denn Dubois genau wie Virchow ist in der Formulierung und Deutung des
-Naturbegriffs hoffnungslos stecken geblieben. Und je gebieterischer
-die Zeit, die ja wirklich eine „Zeit der Naturforschung“ war, nach
-einem Fortschritt, einer Hülfe, einer Klärung an dieser grundlegenden
-Stelle verlangte, desto notwendiger mußte sie durch eine schiefe,
-unbrauchbare, irre führende Definition und Auffassung gehemmt und ins
-Ungewisse verstoßen werden. Das haben die reaktionären Verächter des
-Wortes „Natur“ aber sofort klar herausgefunden.
-
-In der Art, +wie+ beide ihre Stellung bewußt suchten und
-zeigten, waren sie ja wieder grundverschieden. Sie waren da
-temperamentsverschieden.
-
-Virchow sprach sich eben zu den Grundfragen überhaupt nicht aus. Er
-offenbarte seine Anschauung nur in einem konsequenten Verhalten. Es
-steckte in dieser Art etwas Zähes, das Mundhalten, aber Handeln eines
-verschlossenen, aber innerlich eisig klaren Diplomatenkopfs, das ihn
-eben in seiner Art als Charaktertypus eines „Staatsmanns“ bestimmter
-Schule (etwa im Ideal Rankes) erscheinen läßt, wenn man von der Sache
-absieht und rein die Charaktersilhouette zu fassen sucht.
-
-Dubois im Gegensatz dazu war eine viel naivere Natur. Er hatte einen
-ganz bestimmten Form-Ehrgeiz, auch eine Art Form-Eitelkeit, kann
-man sagen. In gewissem Reifestand spitzte sich ihm alles zu einem
-großen Bonmot zu. Das mußte dann heraus, mußte in einer bengalischen
-Beleuchtung heraus; bei sich behalten konnte er es nicht mehr, und wenn
-es in die Welt sollte, so setzte bei ihm der Sporn ein, daß es nun auch
-in einer verblüffend individuellen Fassung als „von ihm“ kam.
-
-Dubois ging zeitlich genau parallel zu Virchow, und es ist also
-kein Wunder, daß seine Denker-Bahn vor dem Naturbegriff in ihren
-Voraussetzungen so gut wie genau gleich bei ihm eingestellt war.
-
-Auch bei ihm erfolgt in den besten Jahren ein glattes Einlenken in rein
-mechanistische Erklärungsversuche, -- ein Einlenken, das zunächst den
-höchsten praktischen Erfolg hat, dem der Zeitgeist zujubelt und vor
-dem es gar keinen Bruch, keine Haltstelle zu geben scheint. Trotzdem
-aber kommt der innere Ruck, innere Chok, -- eines Tages, -- bei beiden.
-Der Moment, da ihnen bei ihrer mechanistischen Naturähnlichkeit bange
-wird. Und der Konflikt erwächst gerade aus der ehrlichsten eigenen
-Hauptarbeit selbst.
-
-Virchow hat auf der ersten Höhe seiner Bahn den glücklichen
-Gedanken, auch im lebenden Organismus des Menschen den Begriff des
-„Zellenstaates“ durchzuführen. Wie der tote menschliche Körper
-sich anatomisch noch aus den im Mikroskop nachweisbaren einzelnen
-Form-Elementen, den „Zellen“, zusammensetzt, so muß auch der
-physiologische, der lebendige Mensch ein Produkt, ein Additionsexempel
-der Funktionen dieser Millionen von einzelnen Zell-Leistungen sein. Der
-Mensch ist ein „Zellenstaat“, sein Handeln die Summe der Leistungen der
-einzelnen Staatsbürger, der Zellen.
-
-Bis hierher war die Sache glatt. Man hatte im objektiven Bilde nur die
-Zusammenarbeit all’ dieser Millionen subjektiver Zentren, der Zellen.
-
-Aber nun ein Haken im Vergleich. Der aus so und so viel Bürgern
-zusammengesetzte Staat hatte doch, gangbarer Auffassung nach,
-deshalb noch nicht wieder ein Gesamt-Ich, ein Gesamt-Bewußtsein.
-Der Zellenstaat „Mensch“ hatte das dagegen zu seinen Lebzeiten
-unanzweifelbar. Gerade von diesem Gesamt-Ich gingen wir ja naiv
-beständig aus, von seiner Einheit. Mein -- also etwa Virchows --
-Bewußtsein, war dieses Gesamtbewußtsein über einer Pyramide von
-Millionen Zellen.
-
-Hier lag etwas Verzwicktes. Steckte doch etwas Falsches in den
-Grunddefinitionen? Aber mit denen waren wir ja doch gerade praktisch so
-weit gekommen, -- zu dieser Lehre vom Zellenstaat, die eine ganz neue
-Pathologie verhieß!
-
-Und Virchow machte seinen Salto mortale. Wir gehen ruhig in der
-Bahn weiter. Die „Tatsachen des Bewußtseins“ aber lassen wir für
-sich stehen, als existierten sie nicht. Damit sie möglichst aus dem
-Versuchungsbereich des Naturforschers verschwinden, liefern wir sie
-sogar gelegentlich, bei vorteilhaften Konzessionsmöglichkeiten,
-willig ganz anderen, dem Naturforscher an sich gar nicht diskutabeln
-„Geistesgebieten“ aus: der Theologie, der „herrschenden Kirche“, der
-je nachdem kirchenfreundlichen „Staatsraison“. Je fester sie dort
-einregistriert werden, desto sicherer sind wir sie nämlich los. Will
-uns Einer in der Naturwissenschaft fortan von „Bewußtsein“ reden, so
-rufen wir ihn einfach zur Ordnung wegen Grenzschmuggel, -- er bringe
-uns Religion, Theologie, Kirche, Staat hinein; eine Diskussion über die
-heikeln Punkte selbst schneiden wir so geschickt vorher ab.
-
-Dem guten Glauben nach war dieser Kompromiß eine Rettung der Reinheit
-des Forschungsfeldes für den Naturforscher. In Wahrheit war er der
-endgültige Verzicht auf einen echten umfassenden Naturbegriff.
-
-Ein Naturbegriff, bei dessen Definition das Bewußtsein über Bord flog,
-als Dublette gewissermaßen verschachert wurde, war ja ein Hohn seiner
-selbst. Mit vollem Recht mußte der Theologe alten Stils mit Lachen auf
-ihn herabsehen, der er die Grunddinge unserer eigenen Persönlichkeit
-aus seiner Anthropologie einfach fortließ.
-
-Aber Virchow blieb ein Menschenalter lang zäh. Er hatte im Eigensten
-seine Wegwende gehabt, wo es ihm geheißen hatte: jetzt mußt Du
-weitergehen ohne Dich umzusehen; siehst Du Dich um, so versteinerst Du
-zur Salzsäule wie Loths Weib; und die Handlung dünkte ihm fortan eine
-Lebensaufgabe, die andern auch über diesen kritischen Punkt zu bringen.
-
-Genau auf diesen Punkt aber geriet auf seiner Bahn parallel auch Dubois.
-
-Seine Lösung war die vielberühmte ~Ignorabismus~-Rede.
-
-Keine Handlung bei ihm, sondern eben eine Rede. Er wurde daran nicht
-zum schweigenden Schulmeister, der die Zähne aufeinander biß und
-handelte, ohrfeigte, lobte, alles aus dem Prinzip, das aber selbst
-nicht gelehrt wurde. Er wurde zum Bekenner, der sein Glaubensbekenntnis
-offen abgab, mit rednerisch betontem „Ich“.
-
-Die Wirkung war aber ungefähr die gleiche. Denn der Inhalt hatte im
-Innersten eine ganz frappante Ähnlichkeit.
-
-Auch hier gab es, und zwar diesmal scharf ausgesprochen, eine
-Bankerotterklärung.
-
-Der Naturbegriff müßte, um ein Weltprinzip, die wahre Basis einer
-Weltanschauung für uns zu werden, die Frage lösen: +wie Materie
-denkt+?
-
-Diese Frage aber, so bekennt Dubois, ist für uns +ewig unlösbar+!
-Wir werden das nie begreifen. ~Ignorabimus!~
-
-Die Gegner jubelten.
-
-Also war es nichts mit dem Naturbegriff, mit der ganzen „Natur“! Der
-Naturforscher verzichtete auf Weltanschauung. Denn eine Weltanschauung
-muß, wenn sie nicht schon eine Lösung irgendwie besitzt, mindestens
-doch die Möglichkeit einer solchen Lösung als Arbeitsprogramm
-enthalten. Sie muß einem „immer strebenden Sichbemühen“ das Tor frei
-lassen. Auf ~Ignoramus~ kann man noch eine Philosophie aufbauen.
-Auf ~Ignorabimus~ nicht mehr. Vor ihm hebt sich jeder Wert des
-Erkenntnissuchens selbst auf. Wo aber die Werte fortfallen, fällt nach
-unerbittlichem praktischem Gesetz, in dem wir so sicher hängen wie im
-Gravitationsgesetz, die Sache selbst dahin.
-
-Und das sollte also Ergebnis des grandiosen Höhenfluges der
-Naturforschung sein?
-
-Dubois selbst hatte mit der Kirche gar keine Berührungspunkte. Er besaß
-auch nicht die äußeren Konzessions-Neigungen des Politikers Virchow. Er
-war Zeit seines Lebens nach dieser Seite ein unabhängiger Mann, trotzig
-und mutig wie Tyndall, Huxley, Vogt. Sein Naturforscherstolz war so
-hoch entwickelt, daß er ein Ding wie einen Theologen gar nicht mehr
-unter sich sah, geschweige denn als Rivalen neben sich empfand. Auch
-im Moment seines Bekenntnisses sah er sich ganz allein, oder höchstens
-im engen Kreise einer Anzahl erster Naturforscher unter sich. Er, oder
-wir, waren die Titanen, die den Kopf auf die Hand stützten, in das
-schwarze Loch jenes bodenlosen Dilemma starrten und aus tiefster Brust
-mit dem Donnerton unserer Stimme bekannten: „Es ist halt nichts. Wir
-haben uns verrannt auf ewig.“
-
-Aber wenn die Riesen sich klein machen -- das ist nun so -- dann
-werden die Zwerge Riesen. Im Moment, da er sein Bekenntnis preisgab,
-als Redner, der auch noch zu einem Bekenntnis der eigenen Ohnmacht den
-Beifall für eine prächtige rednerische Wendung brauchte, -- in dem
-Moment ragten die verachteten Theologen plötzlich wie die Pilze über
-einen gestürzten Baumriesen hinweg, -- sie waren groß im Verhältnis zu
-ihm und die Menge sah es und schloß danach.
-
-Dubois kochte vor Wut, als ihm einmal einer vorwarf, er habe dem
-Ultramontanismus in die Hände gearbeitet. Nein, es konnte keiner
-dem Ultramontanismus innerlich ferner stehen als diese trotzigen
-Naturforscher-Gestalten des 19. Jahrhunderts, zu denen Dubois in jeder
-Faser gehörte.
-
-Aber ich denke an Fechners schönes Bild von den Taten des Menschen,
-die über seine leibliche Person hinaus selber einen neuen Leib bilden.
-
-Der Tatenleib dieses Duboisschen Bekenntnisses war nicht mehr er
-selbst, der stolze Physiker und Physiologe auf der Höhe seiner
-Wissenschaft, führende Gestalt seiner Zeit im eigenen Glauben; er war
-ein kleines gebrochenes Männchen mit den Zügen des Famulus Wagner,
-der sich in seine Apotheke verschloß, wo man seine Kleinarbeit eben
-duldete; die Faust-Fragen hatte er abgeschworen.
-
-Der Naturforscher war in diesem Männlein wieder zum armen Handlanger
-herabgesunken.
-
-Man schickte zu ihm um ein Pülverchen, wenn man keinen Stuhlgang hatte.
-Wer Auge in Auge mit den großen Weltfragen stand, der dachte nicht an
-ihn, denn er wußte, daß seine Weisheit nicht über die Aufschrift auf
-ein paar Dutzend Porzellankruken mit kleinen Hausmittelchen reichte. Er
-mußte sich anderswo helfen.
-
-Und wer schon die Natur aufgegeben hat, dem bleiben nicht +viele+
-Wege. Die Klingel zum Pfarrer ist gleich nebenan. Und was der nun in
-seinen Kruken hege: ~Ignorabimus~ steht gewiß nicht darauf.
-
-.... Und dabei: -- was für ein schwacher Trugschluß bloß steckte auch
-hinter diesem Abfall!
-
-Ich kenne in der ganzen Geschichte der neueren Philosophie keine
-so grobe Denkfalle, wie die, in die der große Beobachter und
-Experimentator Dubois naiv hineingegangen ist.
-
-Blättern wir, um dem Problem ins Herz zu schauen, noch um eine Gestalt
-zeitlich zurück.
-
--- -- --
-
-Was ist das Leben?
-
-Vor der Glasveranda, in der ich sitze, fluten die goldgrünen Wiesen
-weit hinaus. Sie branden endlich mit einem krausen, wulstigen Waldsaum
-vor einer ungeheuren, tiefblauen Mauer der Kammwand des Riesengebirges.
-
-Mitten im Wiesengrunde hebt sich winzig, aber blendend weiß, eine
-ländliche Kirche mit spitzem Turm herauf.
-
-Und ganz vorn, in der ersten Wiese, steht eine alte Frau und mäht mit
-sehnigem Armstoß die hohen blauen Glockenblumen um, Stoß um Stoß.
-
-Ich sage mir, daß dieses ganze schöne Bild, diese Farben, diese
-wundervolle Gebirgslinie in diesem Moment in einem tiefen, rätselvollen
-Zauberbrunnen der Natur schwimmen: meinem lebenden Auge.
-
-Was lebt da?
-
-Und ich sage mir, daß der kleine weiße Spitzturm dort drüben eigentlich
-nur das Fragezeichen, das uralte Fragezeichen der Jahrtausende hinter
-jenem Satze markiert.
-
-Es ist gewiß einer der wenigen abstrakten Sätze, die in irgend einem
-Sinne auch jene schlichte Bauernalte hier vor ihrer Sichel über den
-Glockenblumen begreifen würde -- nicht physiologisch, aber aus einer
-eisernen Erfahrung von sechzig Lebensjahren voll unzähliger verworrener
-Dinge ohne Antwort.
-
-Nur den Titel des Buches verstände sie eben nicht, in dem ich gerade
-geblättert habe. Und wie viele verstehen ihn nicht in unserer Zeit, die
-mit Bildung prunkt.
-
-Es ist hundert Jahre rund her, daß der Mann geboren worden ist, der auf
-dem alten schlechten Löschpapier des Titelblattes aus den Dreißigen des
-neunzehnten Jahrhunderts steht: der „Dr. Johannes Müller, ordentlicher
-öffentlicher Professor der Anatomie und Physiologie an der Königl.
-Friedrich-Wilhelms-Universität und an der Königl. medizin.-chirurg.
-Militär-Akademie in Berlin“. Es ist sein „Handbuch der Physiologie des
-Menschen für Vorlesungen“. Gedruckt in seiner Vaterstadt Koblenz. Mir
-sind zufällig zwei Auflagen zur Hand: auf der vierten von 1844 ist er
-schon Geheimer Medizinal-Rat, vierzehn Jahre später war er schon tot,
-hingemäht von einer Krisis des allzu intensiven Lebens.
-
-Auch der Mann hat an dem Problem gerüttelt, ist mit dem Kopf gegen das
-Fragezeichen gerannt.
-
-An Johannes Müller muß man sich zuerst einen Augenblick klar erinnern,
-wenn man die Absturzstelle finden will, von der Dubois in sein
-„~Ignorabimus~“ +fiel+. Es schadet aber heute überhaupt
-nichts, einen Moment bei ihm stehen zu bleiben.
-
-Wenn man aus der Perspektive jetzt von hundert Jahren auf Johannes
-Müller schaut, so meint man wohl, man könne ihn gar nicht mehr allein
-sehen. Er erscheint in einem Gedränge, nur einen Kopf hoch vorragend,
-wie die großen Männer auf offiziellen Treppenhaus-Dekorationen, die
-gerade so weit vorkommen, daß man noch den Orden ~Pour le mérite~
-unter der Halsbinde sieht. Er war das Haupt einer Schule, und das
-Charakteristische dieser Schule war, daß die Besten darin doch so auf
-eigene Façon selig und berühmt wurden, daß man sie nicht als Schüler
-zu verrechnen pflegt. Neben Dubois gehörte Haeckel dazu. Ein dritter,
-Schwann, entdeckte in seinen Arbeitsräumen die tierische Zelle, eine
-Leistung, nach der man die ganze Physiologie des 19. Jahrhunderts
-allein benennen könnte, wenn eine einzelne Entdeckertat den Ausschlag
-geben soll.
-
-In unsagbar armseligen Räumen, bei einem Assistentengehalt zum
-Verhungern.
-
-Aber es war noch die große Zeit, wo die Leistungen wirklich genau im
-umgekehrten Verhältnis zu Größe und Prunk der Institute standen, wie
-Haeckel es gelegentlich ausgedrückt hat. Bei Claude Bernard in Paris
-sah es noch schlimmer aus.
-
-Nimmt man hinzu, daß Müllers dauerndstes Werk ein zusammenfassendes,
-rückschauendes Kompendium seiner Wissenschaft war, so könnte man
-versucht sein, ihn bloß für eine Übergangsgestalt zu halten, wie sie
-in der offiziellen Geschichte der Wissenschaften imponierende Namen
-bewahren, als Vermittler wirklich viel getan haben, aber für die
-eigentlich geistige Innenlinie doch zurücktreten. Das trifft aber hier
-gerade den Kern nicht.
-
-Johannes Müller war seiner echtesten Art nach ein durchaus einsamer
-Mensch. Ein einsamer Kämpfer, Auge in Auge bloß für sich mit dem großen
-Rätsel. Seine Wissenschaft, die Wissenschaft vom Leben, war ihm nicht
-ein Paragraph, den man elegant weiter gab, sondern dieses Rätsel.
-
-Es ist merkwürdig, wie einstimmig seine großen Schüler ihn alle gelobt
-haben, von den verschiedensten Richtungen aus. Das gibt immer eine
-starke Wahrscheinlichkeit dafür, daß, streng genommen, keiner mit ihm
-intim geworden ist; dauernde Bewunderer finden nur Menschen, deren
-Größe etwas Einsames, einen Grund von Undurchdringlichem besessen hat,
-der der Auflösung, der Gewöhnung, dem Banalwerden trotzt. Inmitten der
-unbegrenzten Achtung wird von seinem dämonischen Blick erzählt, den
-niemand ertrug, vor dem die jungen Studenten sich fürchteten. Es war
-der Blick des Adepten, des Gezeichneten für die Einsamkeit.
-
-Solche intensiven, vom Rätselhaften der Welt faszinierten
-Einsamkeitsdenker sind allemal Weltanschauungsfiguren ihres
-Jahrhunderts -- viel mehr als Lehrer oder auch als Spezialforscher.
-
-Das Wissen vom Leben war und ist eine Weltanschauungsfrage. Um die
-Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war Johannes Müller der unbestritten
-gründlichste Denker über das Leben. Er war nicht ein Physiologe,
-sondern der Physiologe seiner Zeit. Ganz scharf kennzeichnet sich die
-Epoche, die sein Name beherrscht, in der Geschichte des menschlichen
-Denkens, scharf wie wenige.
-
-Mit „Natur“ als Losungswort hatte das Jahrhundert schon eingesetzt.
-Aber es kam zuerst in der Zusammensetzung „Natur-Philosophie“. Das
-Abendrot der großen idealistischen, ästhetisierenden Denkperiode, die
-tief ins achtzehnte Jahrhundert zurückreicht, flammte darin um das neue
-Wort.
-
-Dann wenden sich die Dinge. Es beginnt die umgekehrt scharf
-realistische Periode. Zunächst mit einem bleiernen, kreidigen
-Morgenvorschein. In ihm prägt sich das Wort um in „Natur-Wissenschaft“.
-
-Auf der Wende dieser beiden Perioden aber steht vor dem Begriffe
-„Leben“ Johannes Müller.
-
-Das Typische in ihm ist, daß er seiner Liebe nach noch ganz
-Naturphilosoph der Hegel-Schelling-Fichte-Schillerschen Epoche war. Er
-wollte dieser Naturphilosophie in der Physiologie bloß einen besseren,
-einen dauerhafteren Untergrund bauen. Als der Neubau aber dastand, war
-er für die ganze junge Generation, die sich plötzlich unter ihm sah,
-ganz etwas anderes als bloß ein neues Fundament.
-
-Das ganze Abendrot schien hinter ihm untergegangen: gerade sein
-Schatten selbst aber erzeugte nach vorne in voller Kraft jenes neue
-kreidige, unbestimmte Dämmerlicht eines kühlen Frühmorgens.
-
-Müller war seinem innerlichen Ausgangspunkte, seinem Temperamentspunkte
-nach noch eine durch und durch religiöse Natur.
-
-Er glaubte an Zwecke, Ziele in der Welt, an einen Sinn der Welt. Die
-Teleologie steckte seinem Denken im Blut ohne Hehl.
-
-Aber ebenso konsequent neigte er von Anfang an dazu, diese Zwecke,
-Ziele, diesen ganzen „Sinn“ für eine wissenschaftliche Betrachtung
-+innerhalb+ des +naturgesetzlichen+ Zusammenhanges der Welt
-zu suchen, oder eigentlich noch besser gesagt: identisch damit. Alles
-war kausal verknüpft. Aber diese Reihe der Kausalität war von Anfang an
-so gelegt, daß ein Ziel, ein Sinn schließlich herauskamen. Teleologie
-und Kausalität lagen sich nicht in den Haaren, sondern standen vor
-genau der gleichen Sachfolge. Die kausale Betrachtung sah bloß auf die
-Art der Verknüpfung, die teleologische auf das Endergebnis. Mochte
-man nun im praktischen Bedarf die Teleologie mehr der Philosophie
-überantworten und die exakte Naturforschung enger auf die rein kausale
-Schau einstellen: das war eine Bequemlichkeitsfrage menschlicher
-Arbeitsteilung -- für Müller selbst bedeutete es jedenfalls keinen
-ernsthaften Riß.
-
-So weit seine verwickelte Persönlichkeit überhaupt durchsichtig ist,
-ist auch diese idealistische Stellung zu den Dingen bei ihm klar.
-
-Und mit solchen Gesinnungen betrat er nun sein Spezialgebiet, -- das
-Leben.
-
-Herrschend auf diesem Boden fand er den Begriff der „Lebenskraft“. Der
-ganze Johannes Müller als Physiologe taucht auf, wenn man dieses Wort
-ausspricht.
-
-Das ungefähr war das Dogma der Physiologie, wie er es erhielt: zwischen
-dem Lebendigen und Toten gähnt eine unüberbrückbare Kluft; im Bereich
-des Leblosen herrschen die Kräfte der Chemie und Physik; im Lebendigen
-gelten diese zwar auch, aber über ihnen steht noch ein Geheimprinzip,
-das sie meistert, ein Genius, dem sie untertan sind; und diesem
-Prinzip wird das eigentlich Merkwürdige des „Lebens“ verdankt; geben
-wir ihm also danach seinen Namen: -- die „Lebenskraft“. Im Büchlein
-vom „Rhodischen Genius“ hat der junge Alexander von Humboldt (noch
-in Schillers „Horen“!) die Lebenskraft geradezu so als persönlichen
-„Genius“ geschildert, der die chemisch-physikalischen Kräfte in
-Sklavenfesseln hält, so lange der Organismus „lebt“. Stirbt der Genius,
-so fallen die entfesselten rohen Kräfte über den toten Leib her.
-
-Im Grunde war diese Lebenskraft, wie sie Müller erhielt, ein Knäuel
-teils sich klärender, teils aber auch noch hochgradig unklarer
-Definitionen und Auffassungen. Subjektive und objektive Anschauung,
-Seelisches und Mechanisches, Innen und Außen, Zweck und Folge, freier
-Wille und kausal gebundene Kraft, alles Mögliche und Unmögliche war in
-den Winkel dieses Wortes zusammengekehrt. Es schien fast eine Forderung
-über Menschenkraft, aus diesem Wirrwarr praktisch aufzutauchen, das nur
-geschichtlich zu begreifen war.
-
-Nun, Müller acceptierte zunächst ruhig das Wort. Was an ihm
-naturphilosophisch etwa im Sinne der Schellingschen Epoche war,
-schreckte ihn, den Naturphilosophen aus Neigung, ganz und gar nicht.
-Kaum einer hat in dieser Hinsicht die Lebenskraft „mystischer“ gefaßt,
-als grade er. Als ein unbewußt zweckmäßig schaffendes, dämonisches
-Grundprinzip der lebendigen Natur erschien sie ihm, mit dem wir
-bei dem absolut Geheimnisvollen standen, das selber überhaupt keine
-Diskussion vom exakten Boden aus zuließ. Den leibhaftigen Finger Gottes
-glaubt man manchmal aus seinen Definitionen herauslangen zu sehen.
-
-Und doch machte er eine einzige, eine scheinbar ganz kleine Konzession,
-eine kleine Bedingung, die aber eigentlich die ganze Schlachtlinie
-veränderte.
-
-Lebens-+Kraft+ lautete das Wort. Das Leben sollte etwas sein, was
-über den gewöhnlichen Kräften der Chemie und Physik stand. Aber indem
-man den Lebensgenius auch selber grade „Lebens+kraft+“ taufte,
-hatte man ganz in der Stille dabei ihm doch schon ein eigentümliches
-Röcklein angetan. Man hatte dem Leben eben doch auch schon mitten in
-allen mystischen Definitionen selber einen gewissen Charakter einer
-„Kraft“ beigelegt. Mochte es eine „besondere“ Kraft sein. Eine Kraft,
-die stärker war als alle anderen, eine wahrhafte Meisterkraft. Es blieb
-die Definition als irgend eine Sorte doch auch von „Kraft“, also im
-Sinne bloß eines Gradunterschiedes.
-
-Mochten die Erfinder des Wortes über die Kraftdefinition hinweg
-noch so viel Apartes an geistigen Werten hineingebraut haben: das
-Wort bewies, daß sie doch nach einer Seite im Innersten schon mit
-dem Zuge der Zeit gegangen waren, -- einer Zeit, die dem einfachen
-mechanischen Kraftbegriff täglich mehr technische Triumphe und logische
-Vereinfachungen auf allen Wissensgebieten verdankte.
-
-Ganz still steckte, halb unbewußt, der Wunsch schon in dem Worte, mit
-dem einfachen objektiven mechanischen Kraftbegriff halt doch auch
-ins Leben selber hineinzuarbeiten, -- gewisse Vorgänge dieses Lebens
-aufzulösen in eine letzte, oberste „Kraft“, die zwar scheinbar über
-allen gewöhnlichen Physikkräften stand, aber in Wahrheit die Teufel
-doch nur austrieb durch Beelzebub, der Teufel Obersten, -- eben als
-Lebenskraft.
-
-Und ohne nun in das Gewebe der Grunddefinitionen selber von hier
-weiter einzudringen, zog doch Müller eine wirklich sehr einfache
-Wort-Konsequenz.
-
-Die sichtbaren Äußerungen der Lebenskraft, meint er, treten uns
-wissenschaftlich exakt doch immer nur wieder in echten mechanischen
-Wirkungen vor Augen, bei deren Beschreibung wir keinen Moment die
-Sphäre der anderen exakten Wissenschaften zu verlassen brauchen. Und
-die einfachste, zweckmäßigste Methode der Forschung bleibt also auch
-in der Physiologie die, daß man als das Wahrscheinliche zunächst
-stets einen rein mechanischen Sachverhalt im gleichen Sinne wie bei
-den Gesetzen der Chemie und Physik annimmt und alle Experimente, alle
-Hypothesen auf ihn allein einstellt.
-
-Wo es galt, Schüler nicht für allgemeine Naturphilosophie, sondern im
-Laboratorium für die schlichte praktische Arbeit zu erziehen, da hat
-Müller stets für diese Konsequenz erzogen.
-
-Einer der „hellsten“ dieser Schüler war aber Emil Dubois-Reymond.
-
-Und seine erste große, an biologische Probleme höherer Ordnung rührende
-Tat war, daß dieser Dubois als so erzogener Müller-Schüler noch einen
-Schritt in der Konsequenz weiter tat.
-
-Er unterfing sich zu sagen: für diese exakte Arbeit, die nur einfache
-mechanische Reihen sucht, ist die Hypothese einer besonderen
-Lebenskraft sogar als solche auch noch entbehrlich. Es genügen als
-Voraussetzung zunächst die bereits bekannten Naturkräfte der Physik.
-
-Dubois versuchte in einem Einzelfall mit großem Glück den Nachweis,
-wie man selbst in der Lehre vom lebendigen Nerv -- die Dinge rein
-mechanisch immer angesehen -- glatt so durchkomme.
-
-Und Müller lebte noch, als man schon hören konnte: der junge Dubois
-habe die ganze berüchtigte Lebenskraft endgültig ausgeschaltet.
-
-Ja, als „Kraft“ neben der „Kraft“! Im Grunde hatte Dubois nur eine
-letzte Unklarheit aufgehoben. Die Physik war die Lehre von der
-„Kraft“. Was im Leben als Kraftwirkung definierbar war, das gehörte
-also folgerichtig zu ihr von Anfang an. Die Physiologie, soweit sie
-Lehre von Kräften war, mechanischen Kräften, konnte ~eo ipso~
-nur ein Zweig der Physik sein. Die „Lebenskraft“ war nichts anderes,
-als der Komplex physikalischer Bedingungen, die Physik des Lebens.
-Und damit war sie allerdings in ihrer alten Sonderrolle gleichzeitig
-mediatisiert, war, streng genommen, beseitigt eben dadurch, daß die
-Silbe „Kraft“ in ihrem Namen endgültig +ernst+ genommen wurde.
-
-Bis hierher ist in der Linie von Müller zu Dubois alles logisch
-reinlich.
-
-Nun kam aber bei Dubois eine weitere Linie ins Gewebe, die nicht über
-Müller lief.
-
-Mit seiner ganzen jüngeren Generation segelte er naiv in ein
-Fahrwasser, wohin sich Müller niemals gewagt hätte. Es hieß
-plötzlich: Kraft ist das Generalwort der ganzen „Natur“. Es ist ihre
-Grunddefinition. Natur ist gleich Kraft. Alle Naturforschung ist bloß
-Feststellung von Kraftwirkungen. Es gibt in der Natur nichts als Kraft.
-„Kraft und Stoff“ sagte man gewöhnlich, oder auch einfach Materie;
-das floß zusammen in kleinen Definitionsschwankungen ohne Belang.
-Jedenfalls war für diese Behauptungen Dubois’ Tat noch eine ganz
-andere, mußte eine ganz andere sein. Er hatte ihr auch noch das Stück
-Natur, das wir „Leben“ nannten, für die Allmacht der Kraft, der rein
-kraftbewegten Materie erobert. Man pries ihn, daß er geradezu den Ring
-geschlossen habe.
-
-Und er ging zuerst im vollen Eifer mit. Es gab nichts im Felde des
-Naturforschers als Kraft und Stoff, in schärfster Definition bloß Kraft
-schlechthin, -- wie sollte er das nicht anerkennen, den man als den
-Ritter Georg des mystischen Prinzips in der Lebenskraft ehrte, der der
-Physik endgültig das Tor auch des Lebens aufgetan!
-
-Und doch. Auch dieser Mann griff sich eines Tages an die Stirn. Alte
-Reminiszenzen erwachten.
-
-Die „Lebenskraft“, wie sie Müller lehrte, hatte ja doch noch etwas
-+mehr+ umfaßt.
-
-Auch die Tatsachen der Empfindung, des Bewußtseins!
-
-Nicht bloß das: „Es schwingt etwas mechanisch rechts oder links“;
-sondern auch „Ich rieche Rosenduft; ich sehe Rosenrot; ich denke Rose.“
-
-Wo war das jetzt?
-
-Die ganze „Natur“ war bloß Materie. Die Definition dieser Materie
-sprach bloß von Kräften, Schwingungen, mechanischen Ketten. Auch die
-lebenden Wesen steckten als Natur in dieser Definition. Von Empfinden,
-von Denken aber war schlechterdings nichts in der Definition gegeben.
-Keine Brücke führte von „Es schwingt so oder so“ zu: „Ich denke.“ Dort
-war ~A~ = ~A~. Hier ~B~ = ~B~. Aber niemals wurde ~A~ = ~B~. Und nun
-diese grenzenlose Kalamität: wir +dachten doch+ ....! „Und dennoch
-spukt’s in Tegel,“ heißt es im Faust.
-
-An dieser Stelle kommt Dubois’ Saltomortale. Die Natur ist nur Materie.
-Wir sind Natur. Folglich nur Materie. Materie denkt nicht. Wir denken.
-Folglich ist hier ~A~ nicht gleich ~A~. ~A~ = ~A~ ist aber der
-Grundsatz aller Logik, alles Erkennens. Er liegt hier „unter den Hufen
-der Pferde“. Das kann kein Menschenverstand mehr lösen. ~Ignorabimus!~
-Unsere Weltdefinition führt auf Ignorabimus. Folglich sind wir große
-tragische Nichtweiterkönner, die sich mit Stoizismus, grandios
-deklamierend wie Shakespearesche Helden in ihren Gedanken-Dolch stürzen
-müssen.
-
-Oder, sagt der Herr Pfarrer, Euer ganzes Naturforschen ist Dunst, mit
-Eurer „Natur“ ist es trotz aller Worte nichts, werft die Natur über
-Bord, mit der Euch nur der Teufel narrt, und kommt zu -- Mir.
-
-Es gibt eine +noch viel einfachere+ Antwort.
-
-Eure Natur-Definition ist falsch. Natur ist nicht Materie ohne Denken
--- und, weil doch in ihr gedacht wird, ist nicht ~A~ gleich nicht
-~A~ und damit der Unsinn Weltregent.
-
-Ihr definiert erst und vergeßt dabei. Alles ist Kraft und Stoff.
-Das Empfinden ist vergessen worden. Und nun fällt euch ein. Es gibt
-doch Empfinden! Aber von Kraft zu Empfinden ist keine Brücke. Und
-nun korrigiert ihr nicht die Ur-Definition, sondern ihr verkündet:
-~Ignorabimus~. Was ist das für eine Manier!
-
-Ich sehe einen Vogel und erkenne, er hat einen Kopf und einen Schwanz.
-Ich sage: ein Vogel ist ein Ding, das aus Kopf und Schwanz besteht. Nun
-schaue ich durchs Fernrohr und sehe, er hat auch noch Beine. Wie ist
-das möglich, sage ich? Ein Vogel hat nur Kopf und Schwanz. Ein Ding,
-das bloß Kopf und Schwanz hat, kann nicht Beine haben. Und doch ist
-es dasselbe Ding. Hier ist dasselbe also nicht dasselbe. Das ist der
-Bankerott der Logik. Das werden wir nie begreifen. ~Ignorabimus.~
-
-Gewiß werden wir nie begreifen, wie eine nicht als subjektiv
-empfindend, sondern bloß als objektive Kraftwelle definierte Materie
-empfinden und denken kann! Wir werden es so wenig begreifen, wie wir je
-begreifen werden, daß blau rot ist oder zweimal zwei fünf.
-
-Wenn ich die Tatsachen des Bewußtseins ausschließe aus meiner
-Generaldefinition der Natur, kann ich natürlich nicht nachher
-verlangen, sie darin wiederzufinden, außer durch ein Wunder, das die
-Logik durchbricht. Und wenn ich unsere ganze Naturforschung (mit
-Recht) auf der Logik aufbaue, so kann ich +dann+ allerdings nicht
-verlangen, daß sie je an dieses Problem außerhalb der Logik heranreiche.
-
-Damit sind aber die ganzen Tatsachen des Subjektiven, des Empfindens
-und Bewußtwerdens, dieser Naturforschung entrückt.
-
-Wir stehen im Grunde an der gleichen Stelle wie bei Virchow.
-
-Auf der einen Seite fragt sich, wem dieses ungeheure, uns selber
-allenthalben zunächst angehende „außernaturwissenschaftliche“ Feld denn
-in der geistigen Arbeitsteilung ausgeliefert werden soll.
-
-Auf der andern Seite ist fest damit ausgemacht, daß die Naturerkenntnis
-uns +niemals+ zu einer +Welt+anschauung führen kann, denn mit
-einer solchen Lücke umfaßt und deutet man keine „Welt“.
-
-Virchow für sein Teil entschied die erste Frage durch Auslieferung
-des ganzen Bewußtseinsgebiets an „herrschende“ Mächte wie Kirche und
-Staat zu beliebigem Gebrauch; die zweite durch eine tatsächliche
-Achterklärung über jedes Reden von Weltanschauung innerhalb der
-Naturforschung. Dubois ließ es bei der heroischen Bekennerstellung,
-dem an sich vollkommen ehrlichen „Hier stehe ich, ich kann nicht
-anders“ bewenden, konnte aber nicht hindern, daß die Gegner jedes
-Versuchs eines naturwissenschaftlichen Weltbildes an Stelle des
-alten kirchlichen sein Bekenntnis nur noch energischer und extremer
-ausnutzten und ausnutzen in jenem +reaktionären+ Sinne einer
-Umkehr zum Kirchendogma und einer Bankerotterklärung jeder echten
-Weltanschauung auf dem Wege der Naturforschung und Naturerkenntnis.
-
--- -- --
-
-So stehen diese beiden großen Gestalten im Ausgang des 19. Jahrhunderts
-vor uns als Exempel schließlich des gleichen Irrweges.
-
-Beide sind gescheitert im Experiment einer idealistischen
-Natur-Definition, mit der der +ganze+ Mensch mit all seinem
-Können und Sehnen wieder leben könnte, und beide haben letzten
-Endes nur fortgelenkt von dem großen Ziel einer wirklich positiven
-Natur-Anschauung als der neuen, uns alle wieder erfüllenden und
-befriedigenden Welt-Anschauung.
-
-Lassen wir es uns noch einmal fest gesagt sein: es +ist nichts+
-mit einer solchen Weltanschauung, solange wir beständig uns etwas
-+abziehen+ sollen.
-
-Nie und nimmer kommen wir mit der „Natur“ zu einer Weltanschauung, wenn
-wir die Menschen erst gewöhnen wollen, etwas +aufzugeben+, sich an
-etwas Halbes, Lückenhaftes, Fragmentarisches anzupassen.
-
-Eine neue Weltanschauung kann immer nur siegen, indem sie +etwas
-mehr+ gibt, als alle früheren, indem sie sie alle umgreift und
-überbietet.
-
-Das ist der verhängnisvolle Irrtum, der uns aus den negativen Kämpfen
-gegen das Alte heute noch nachschleift: daß wir fortan in einer
-kahleren, einer kälteren, einer selber vom Negativen allenthalben
-eroberten Weltanschauung hausen sollten.
-
-Gewiß: wenn wir in ihren Mittelpunkt ein +Stück+ Natur bloß
-setzen, ein abgezehrtes Gerippstück, gewonnen durch lauter Abzüge,
-anstatt des Ganzen, was das Wort geben kann und geben soll, dann ist
-davor kein Ausweg. Der Begriff Natur muß aber für alles Wohnungen
-haben, was uns bewegt.
-
-Denn unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse sind nicht verändert, nicht
-plötzlich tot.
-
-Einerlei woher wir stammen: wir +sind+ Menschen. Kunst, Sitte,
-Liebe, Ideale -- das alles +ist+, so gut wie Logik ist.
-
-Und wem Du die Welt deuten willst, seine Welt, -- dem darfst Du
-nicht beliebig bald das, bald jenes herauswerfen auf Grund eines
-Prokrusteswortes „Natur“.
-
-Dieses Wort, wenn es ganz decken soll, mußt Du auch dem Ganzen wirklich
-anpassen.
-
-Das Subjektive und das Objektive muß hinein, das konventionelle
-„Wirkliche“ und die ständige Möglichkeit des Elementaren, das Jetzt und
-das Empor, das Unvollkommene und der ewige Harmonien-Weg, die Stufe und
-das Ideal, die Folge und der Sinn, der Mensch, der aus glühenden Sonnen
-des Alls sich entwickelt hat und der sich fortentwickelt auf Sonnen des
-Denkens, des höheren Zwecksetzens, des Weltordnens und Weltgenießens,
-des künstlerischen Harmonienschaffens zu.
-
-Wirf das alles über Bord, stelle Dich auf einen großen Sandhaufen,
-sage: in diesem Sande liegen pulverisiert alle Säulen und Statuen
-Griechenlands, und predige dann von diesem neuen Offenbarungshügel
-unter den kalten Sternen als Deine Bergpredigt: ~Ignorabimus~.
-
-Du wirst weit kommen.
-
-Der ärmste Mensch, der auch nur eine einzige tiefe Stunde des
-Innenlebens gehabt hat, da das Elementarische der Dinge auch durch ihn
-gegangen ist -- in irgend einer Form, als Liebe oder Kunstintuition
-oder Idealschau oder dämonisches Schicksal: -- er wird lachen über Dich
-mit all Deinen Sonnen.
-
-Wenn Du es aber fertig bekommst, ihm in diese Stunde +auch+ noch
-die Sonnen des Firmaments hineinglühen zu lassen, ihm die goldenen
-Fäden der Entwickelung zu zeigen, die sich von denen spinnen bis
-zu ihm, ihn selber erhöhend bis zu Sternenweiten über alle alten
-Verheißungen seines dunklen Lebens hinaus, -- +dann+ darfst Du ihm
-die Hand auf die Schulter legen und ihn fragen: ob er Dir nicht einmal
-vertrauen will und mit Dir einen neuen Weltengang versuchen will in der
-Hut eines neuen Begriffs, -- ob er es einmal versuchen will mit der
-
- Natur.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER SCHNEEGRUBE ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/old/69320-0.zip b/old/69320-0.zip
deleted file mode 100644
index 3ca209c..0000000
--- a/old/69320-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69320-h.zip b/old/69320-h.zip
deleted file mode 100644
index 712f6da..0000000
--- a/old/69320-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69320-h/69320-h.htm b/old/69320-h/69320-h.htm
deleted file mode 100644
index ec1f7fe..0000000
--- a/old/69320-h/69320-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,14286 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html>
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
-<head>
- <meta charset="UTF-8">
- <title>
- Aus Der Schneegrube, by Wilhelm Bölsche—A Project Gutenberg eBook
- </title>
- <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
- <style> /* <![CDATA[ */
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-h1,h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
- font-weight: normal;}
-
-h1 {font-size: 275%;}
-h2,.s2 {font-size: 175%;}
-.s3 {font-size: 125%;}
-.s4 {font-size: 110%;}
-.s5 {font-size: 90%;}
-
-h2 {
- padding-top: 0;
- page-break-before: avoid;}
-
-h2.nobreak {
- padding-top: 3em;
- margin-bottom: 1em;
- font-size: 100%;
- text-align: right;
- margin-right: 2em;}
-
-.initial {
- font-size: 175%;
- line-height: 1;}
-
-p {
- margin-top: .51em;
- text-align: justify;
- margin-bottom: .49em;
- text-indent: 1.5em;}
-
-p.p0,p.center {text-indent: 0;}
-
-div.toc {
- width: 70%;
- margin: auto 15%;
- font-size: 90%;
- text-align: justify;}
-div.toc p {
- padding-left: 1.5em;
- text-indent: -1.5em;
- padding-bottom: 0.5em;}
-
-.x-ebookmaker div.toc {
- width: 90%;
- margin: auto 5%;
- font-size: 90%;
- text-align: left;}
-
-span.rechts {
- float: right;
- clear: right;
- white-space: nowrap;
- margin-left: 2em;}
-
-.mtop2 {margin-top: 2em;}
-.mtop3 {margin-top: 3em;}
-.mleft7 {margin-left: 7em;}
-.mright2 {margin-right: 2em;}
-
-.padtop1 {padding-top: 1em;}
-.padtop3 {padding-top: 3em;}
-.padtop5 {padding-top: 5em;}
-
-div.chapter {page-break-before: always;}
-
-.break-before {page-break-before: always;}
-
-.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
- /* visibility: hidden; */
- position: absolute;
- left: 94%;
- font-size: 70%;
- color: #777777;
- text-align: right;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-variant: normal;
- text-indent: 0;
-} /* page numbers */
-
-.center {text-align: center;}
-
-.right {text-align: right;}
-
-.antiqua {font-style: italic;}
-
-.gesperrt
-{
- letter-spacing: 0.2em;
- margin-right: -0.2em;
-}
-
-.x-ebookmaker .gesperrt {
- letter-spacing: 0.15em;
- margin-right: -0.25em;}
-
-em.gesperrt
-{
- font-style: normal;
-}
-
-.x-ebookmaker em.gesperrt {
- font-family: sans-serif, serif;
- font-size: 90%;
- margin-right: 0;}
-
-sub {
- font-size: 70%;
- vertical-align: -30%;}
-
-/* Poetry */
-.poetry-container {text-align: center;}
-.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;}
-.poetry {display: inline-block;}
-.poetry .stanza {margin: 1em auto;}
-.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;}
-/* large inline blocks don't split well on paged devices */
-@media print { .poetry {display: block;} }
-.x-ebookmaker .poetry {
- margin-left: 2em;
- display: block;}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {
- background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size: smaller;
- padding: 0.5em;
- margin-bottom: 5em;
- page-break-before: always;}
-
-/* Poetry indents */
-.poetry .indent0 {text-indent: -3em;}
-
-.nohtml {visibility: hidden; display: none;}
-.x-ebookmaker .nohtml {visibility: visible; display: inline;}
-
- /* ]]> */ </style>
-</head>
-<body>
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Aus der Schneegrube</span>, by Wilhelm Bölsche</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Aus der Schneegrube</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Wilhelm Bölsche</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: November 9, 2022 [eBook #69320]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>AUS DER SCHNEEGRUBE</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
-1923 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
-Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
-nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
-unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift
-gesetzt. Passagen in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier
-kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
-Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
-
-<p class="p0 nohtml">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen.
-Ein Urheberrecht wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von
-jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center padtop5 break-before">Aus der Schneegrube</p>
-
-<p class="center padtop3 break-before">Die Neuauflage des vorliegenden Buches stellt<br>
-das erste Werk einer neuen Bücherreihe dar, die<br>
-der Verlag unter dem Gesamttitel „Religion und<br>
-Weltanschauung“ herausgibt.</p>
-
-<p class="s2 center padtop1 mtop3 break-before">Wilhelm Bölsche</p>
-
-<h1>Aus der Schneegrube</h1>
-
-<p class="center mtop2">14. bis 18. Tausend</p>
-
-<p class="center padtop5">Dresden 1923<br>
-Carl Reißner</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. VII]</span></p>
-
-<h2 class="padtop3" id="Vorrede">Vorrede.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ist das Herz der modernen Naturforschung eine Schneegrube? Draußen
-lachender Frühling — und im Innern ein kalter Krater, in dem auch dann
-nur ein Stück Eiszeit dauert?</p>
-
-<p>Ich habe in diesem Buche einmal von einem Besuch in den Schneegruben
-des Riesengebirges gesprochen: wie da im Näherkommen die vermeintliche
-Schneefläche sich als ein Teppich duftender weißer Blüten erwies.</p>
-
-<p>Wird unsere Zeit diese weißen Blüten wiederfinden&#160;...?</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Je nachdem, denke ich, wie sich ihr Natur-Begriff allmählich feststellt
-und klärt.</p>
-
-<p>Eine Anzahl Tagebuch-Blätter vereinige ich hier, die wenigstens aus dem
-Ringen um diese Frage geboren sind. Sie sind durchaus subjektiv, aber
-ich tröste mich mit den schönen Worten, die Goethe einst als „Vorschlag
-zur Güte“ in seinen morphologischen Heften gesprochen hat.</p>
-
-<p>„Die Natur gehört sich selbst an, Wesen dem Wesen; der Mensch gehört
-ihr, sie dem Menschen. Wer mit gesunden, offenen, freien Sinnen sich
-hineinfühlt, übt sein Recht aus, ebenso das frische Kind als der
-ernsteste Betrachter ... Erfahren, schauen, beobachten, betrachten,
-verknüpfen, entdecken, erfinden sind Geistestätigkeiten, welche
-tausendfältig, einzeln und zusammengenommen, von mehr oder weniger
-begabten Menschen ausgeübt werden. Bemerken, sondern, zählen, messen,
-wägen sind gleichfalls große Hülfsmittel, durch welche der Mensch
-die Natur umfaßt und über sie Herr zu werden sucht, damit er zuletzt
-alles zu seinem Nutzen verwende. Von diesen genannten sämtlichen
-Wirksamkeiten und vielen anderen verschwisterten hat die gütige
-Mutter niemanden<span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. VIII]</span> ausgeschlossen. Ein Kind, ein Idiot macht wohl eine
-Bemerkung, die dem Gewandtesten entgeht und eignet sich von dem großen
-Gemeingut heiter, unbewußt, sein beschieden Teil zu.“</p>
-
-<p>Während ich diese alten Sätze wieder einmal lese, lächelt mich der
-blühende Apfelbaum mit seinem weiß und roten Mädchenantlitz schalkhaft
-um die Giebelecke des kleinen Bauernhäusels an, in dem ich meine
-Sommermonate im Gebirge verbringe. Die Rotschwänzchen, die unter dem
-Dach ihr Nest haben, fliegen aus und ein. Im Talgrund liegt ein blaues
-Gewitter; die absteigende Bergwiese steht mit hartem Smaragdgrün
-dagegen, unzählige goldene und weiße Blumenpunkte funkeln naß darin; wo
-das Weiß der Dolden wie ein Schlänglein zusammenfließt, geht der kleine
-Quell leise summend und plätschernd hindurch.</p>
-
-<p>Ob es sich nicht lohnt, um diese Natur zu ringen, bis sie uns segnet
-....?</p>
-
-<p class="s5">Haus Bölsche in Schreiberhau, Juni 1903</p>
-
-<p class="s4 right mright2">Wilhelm Bölsche.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. IX]</span></p>
-
-<h2 class="padtop3" id="Inhalts-UEbersicht">Inhalts-Übersicht.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="toc">
-
-<p>Weihnachtsstimmung. — Kennt die moderne Weltanschauung noch ein
-Weihnachten? — Die Menschenliebe als Entwickelungsstufe des Alls.
-— Sternenfriede. — Die Erfüllung unserer Ideale <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Weihnachten">S. 1–6</a></span></p>
-
-<p>Zusammensturz einer Welt — und Schönheit. — Die Entstehung des
-Schmerzes. — Ist Liebe ein Hemmnis? — Die Kraft der Ideal-Schau <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Jahreswende_zu_1903">S. 7–15</a></span></p>
-
-<p>Sturmtag am See. — „Wir sind umgeben von Geheimnissen.“ — Der
-unergründliche Ratschluß. — Christi Stellung in der Natur. — Der
-Triumph der Dichtung <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Vor_Ostern">S. 15–23</a></span></p>
-
-<p>Herber Frühling. — Auferstehung in der Geschichte. — Auferstehung
-durch Dichterkraft <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Am_Auferstehungstag">S. 23–29</a></span></p>
-
-<p>In der Schneegrube. — Der Drache. — Gott-Natur. — Die Natur
-als Minotaurus. — Ein Versöhnter. — Vom Geiste des Pessimismus
-in unserer Zeit. — Was „Kraft und Stoff“ angerichtet haben. —
-Der wahre Sinn des Wortes Entwickelung. — Die Stufen des Gesetzes
-und der Liebe. — „Auge um Auge,“ <span class="antiqua">A.</span> = <span class="antiqua">A.</span> — Die Herrschaft
-über die Naturgesetze baut das Liebesreich. — Naturwende.
-— Das optimistische Weltprinzip <span class="rechts"><a href="#Reisetagebuch_Schreiberhau">S. 29–57</a></span></p>
-
-<p>Die Rede vom „Zusammenbruch des Darwinismus“. — Was Darwin
-wollte. — Eine Kosmogonie Goethes. — Der Entwickelungsbegriff
-stammt nicht aus dem Darwinismus. — Darwin und die Geologie.
-— Die Steinkohlenwälder. — Die Archäopteryx. — Pithekanthropus.
-— Was heißt „Wechsel der Verhältnisse“? — Darwin und die Teleologie.
-— Die Idee eines „Kosmos“. — Darwin berührt nur den
-„Weg“, nicht das „Ziel“. — Die natürliche Zuchtwahl in unserm
-Ideenleben. — Was wirklich not tut <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Abendstunde_daheim">S. 57–92</a></span></p>
-
-<p>Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze. — Die Pflanzen als Eroberer.
-— Der Acker von Hilversum. — Hugo de Vries. — Variation
-und Mutation. — Ein Botaniker erlebt die Entstehung neuer
-Arten. — Das Ergebnis aus 50000 Nachtkerzen. — Auf der Suche
-nach einem Entwickelungsgesetz. — Die Geschichte des Axolotl. —
-Sprung oder Entwickelung? — De Vries führt zu Darwins Idee
-über den Zweck zurück. — Die Teleologie in der Ontogenie. —
-Möglichkeit einer Weltteleologie <span class="rechts"><a href="#Geheimnis_der_Nachtkerze">S. 92–132</a></span></p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_x"><span class="s4">[S. X]</span></span>
-Die Zeit-Frage. — Die Krakatau-Explosion und ein botanisches Ergebnis.
-— Treubs Entdeckung. — Wie das Leben die Erde erobert hat. —
-Im Erdinnern. — Die Angst vor den Millionen. — Ein Experiment
-Buffons. — Werners Wasserweisheit. — Hutton als Zeit-Forderer.
-— Goethe als Geologe. — Lyell und Hoff. — Die Biologie mischt
-sich ein. — Die Rechnung erreicht die Milliarde. — Thomsons exakte
-Rechnung mißlingt. — Sehr viel Zeit als Resultat <span class="rechts"><a href="#Die_Zeit_Frage">S. 132–172</a></span></p>
-
-<p>Die erste Epoche des Darwinismus wird historisch. — Weismann schreibt
-sein Testament. — Äußere und innere Zuchtwahl. — Von Nägeli
-bis zu Roux. — Wo Weismann resigniert <span class="rechts"><a href="#Die_erste_Epoche_des_Darwinismus">S. 173–183</a></span></p>
-
-<p>Rückblick auf Haeckel. — Persönliche Erinnerungen. — Vogt. — Ein
-Schülerbund, der die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ liest. — Darwinismus
-und Sozialdemokratie. — Vorträge über Darwinismus bei
-Arbeitern. — Die „Freie Bühne“. — Die Gründung der Gesellschaft
-für „Ethische Kultur“. — Was ist Wahrheit? <span class="rechts"><a href="#Rueckblick_auf_Haeckel">S. 183–191</a></span></p>
-
-<p>Was wollt ihr gegen Darwin setzen? — Vielleicht den Spiritismus?
-— Eine eigene Sitzung mit Valeska Töpfer. — Das redende Kästchen.
-— Entlarvung des Schwindels. — Der Geist Abila. — Grauen vor
-einer Weltanschauung aus solcher „Möglichkeit“ <span class="rechts"><a href="#gegen_Darwin">S. 191–217</a></span></p>
-
-<p>Was wir dagegen wirklich brauchen. — Ein Mann wie Fechner. —
-Fechners Hypothesen zum Naturbegriff. — Die echten offenen Möglichkeiten <span class="rechts"><a href="#was_wir_brauchen">S. 217–230</a></span></p>
-
-<p>Der Kampf um den Begriff „Wirklichkeit“. — Das 19. Jahrhundert in
-seiner Stärke. — Das soziale Moment in unserer „Wirklichkeit“. —
-Geschichtlicher Rückblick. — Der Triumph des Werkzeugs. — Die
-Idee der „Kultur“. — Der Mensch erobert sich selbst. — Der Himmel
-auf Erden. — Aber die Kehrseite. — Die Sklavenkette der „Wirklichkeit“.
-— Der Mensch als Spiegelplättchen. — Die tote Maschine
-als das Absolute. — Das Individuum als Nichts. — Der „Normalmensch“.
-— Anprall gegen die Kunst. — Man weiß mit dem Ästhetischen
-nichts mehr anzufangen. — Das Künstlergenie als angebliche
-Störung des Normalen. — Triumph der Lombrosos. — Die Kunst
-zeigt sich selbst ergriffen. — Experimente des Naturalismus. — Höhepunkt
-und Sturz des falschen Prinzips. — Die Kunst als Retterin <span class="rechts"><a href="#Wirklichkeit">S. 230–270</a></span></p>
-
-<p>Waldeinsamkeit. — Der Automat am Bahndamm und das Pfingstwunder.
-— Der Gegensatz des Automatischen und Elementaren. — Vom
-ewigen Pfingsten des Geschehens. — Pfingsten in der Entwickelung.
-— Der Mensch als das Genie der Natur. — Er steht im Aufmerksamkeitsfelde.
-— Entlastungen im Automatischen <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Fest_des_Geistes">S. 270–278</a></span></p>
-
-<p>Die Geschichte der Menschheit ist Pfingstgeschichte. — Vom Pfingsten der
-Kunst. — Im Trüffel-Lande. — Die Höhlen des Vezère-Tals. —
-<span class="pagenum" id="Seite_xi"><span class="s4">[S. XI]</span></span>
-Was der Mensch noch gesehen hat. — Verschollene Tiere. — Phantasie-Tiere.
-— Wie der Mensch stilisiert. — Der Tintenfisch von
-Mykenä. — Der Altar von Pergamon. — Bakairi-Kunst. — Urwurzeln
-von Realismus und Idealismus. — Wie weit der Mensch
-zurückgeht. — Als Zeitgenosse des Mammut. — Als Zeitgenosse des
-Alt-Elefanten und des Süd-Elefanten. — Der Mensch in der Auvergne
-bei Dinotherium und Hipparion. — Die gefälschten Tierbilder. —
-Das erste Mammut-Bild. — Zweifel — Jetzt die neuen Höhlen —
-Wandgemälde. — Echte Darstellungen des Mammut <span class="rechts"><a href="#Pfingstgeschichte">S. 278–312</a></span></p>
-
-<p>Woran man die Charaktergestalten unserer Naturforscher messen wird. —
-Virchows Stellung zum Naturbegriff. — Ein Zeitalter Virchows? —
-Seine Größe. — Virchows Denkmal, das er sich selbst geschaffen. —
-Die Kehrseite der Medaille. — Imponderabilien der Naturforschung. —
-Virchows Widerstreben gegen Weltanschauung. — Der Salto mortale
-des Idealisten. — Individuelle Tragik. — Verhängnisvolle
-Folgen <span class="rechts"><a href="#Charaktergestalten">S. 313–327</a></span></p>
-
-<p>Dubois-Reymond als Parallelgestalt. — Voraussetzungen und Folgen
-des „<span class="antiqua">Ignorabimus</span>“. — Der Standpunkt Johannes Müllers. — Sturz
-der Lebenskraft. — Der entscheidende Irrtum bei Dubois. — Zusammenbruch
-des Naturbegriffs bei Virchow und Dubois-Reymond. —
-Das wahre Ziel <span class="rechts"><a href="#Dubois_Reymond">S. 327–346</a></span></p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Weihnachten">(Friedrichshagen.
-Weihnachten.)</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="initial">D</span>er Orion schwimmt mit seinen weißen und rötlichen Sternenblüten über
-dem schwarzen Kiefernforst herauf.</p>
-
-<p>Still und starr steht dieser wetterharte Wald da mit seinen kalten
-Stämmen, das Geheimnis seines rastlosen Eigenlebens tief verschlossen
-im unsichtbaren Innern.</p>
-
-<p>Und diese ungeheuren Sternbilder folgen dem Umschwung der Erde mit
-ihrer mathematischen Strenge, heute wie sonst, all ihre Rätsel bergend
-in den paar bunten Lichtpünktchen, die aus der Weltraumsnacht funkeln
-wie die Augen im Dunkel umgehender Raubtiere. Ist Deine Weltanschauung
-stark genug, Weihnachten noch zu ertragen&#160;...?</p>
-
-<p>Was sind diesen Sternen des Naturforschers unsere kleinen
-Menschenfeste! Als das Geschlecht der Nadelhölzer jung war, räuberte
-der Ichthyosaurus im deutschen Korallenmeer, und die alte Erde mußte
-noch öfter als zwölfmillionenmal um die Sonne laufen, ehe das kleine
-Menschlein aus seiner Höhle kroch. Als der rote Stern Beteigeuze dort
-im Orion weiß war, bestand diese ganze Erde wohl noch nicht, und die
-Sonne war ein verwaschener Nebel. Wenn er dermaleinst herabgebrannt
-ist zu schwankender Nachtglut wie Mira, der Wunderstern im Walfisch,
-der nur noch periodisch aufglimmt und wieder erlischt — dann wird
-diese Sonne vielleicht längst wieder verschwunden sein und das letzte
-Teilchen eines irdischen Nadelholzstammes wird ein Kohlenstäubchen in
-einem eiskalten Meteorblock sein, der irgendwo in einem anderen System
-als heimatloser Fremdling landet.</p>
-
-<p>Was will vor solcher Perspektive bestehen!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span></p>
-
-<p>Auf solchen Urweltsbaum kleben wir unsere lieben lustigen
-Weihnachtskerzen. Aus Flittergold pflanzen wir ein Bildchen darauf,
-geformt nach der Zickzackarabeske eines solchen Weltraumsterns, dessen
-Lichtpunkt in unserer Atmosphäre zittert — wir Eintagsfliegen zwischen
-Äonen der Zeit und Siriusweiten.</p>
-
-<p>Und wir träumen, daß unter diesen Kerzen und diesem Stern das ewige
-Menschenkind in seiner Krippe liege — und daß die ewige Liebe von
-hier als unhemmbares warmes Lichtband durch die Welten ströme. Durch
-den kalten Raum, wo die Eisenmeteore sausen und die Kometen zur Sonne
-stürzen und alle paar Billionen Meilen ein einsamer Weltkörper sich
-dreht, immer dreht und dreht durch die Jahresfolge der Billionen&#160;...</p>
-
-<p>Es ist die große Anschlußfrage unserer Zeit, die hier erklingt.</p>
-
-<p>Das Alte sollen wir retten. Und das Neue soll doch hinzu. Wo ist die
-Brücke?</p>
-
-<p>Mein Auge, mein kleines Menschenauge in dieser Weihnachtsnacht der
-Menschenliebe, bohrt sich ein in den roten Stern des Orion mit seinem
-inbrünstigen Sehnen. Wie seltsam, daß ich diesen Stern doch sehen kann,
-mit diesem schwachen Menschenauge!</p>
-
-<p>Es muß doch ein Verwandtes sein zwischen dem Stern und mir. Ich weiß:
-wenn ich dort wäre und ganz scharfe Augen hätte — als ganz kleines
-Lichtpünktchen dieser Art erschiene unsere Sonnenwelt auch dort. Die
-gleiche Lichtpost geht her wie hin. In diesem Licht steckt unsere
-Einheit.</p>
-
-<p>Aber Licht, nur Licht! Wie weit ist das von der Menschenliebe.</p>
-
-<p>Und doch: dieses Licht ist ein Zauber ohnegleichen. Es kündet mir, daß
-alle diese Sterne aus den gleichen Elementen aufgebaut sind wie die
-Erde, wie der Kieferbaum, wie ich selbst. Aus den winzigen Regungen
-dieses Lichtpünktchens lese ich in der untrüglichen Sicherheit eines
-ewigen Dokuments, daß dieser Stern und alle dort nach denselben
-Gesetzen der Schwere sich bewegen, nach denselben Gesetzen des Lichtes
-Wellenzüge entsenden durch den Äther, kraft deren auch mein<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> Christbaum
-hier leise rauschend über meinem festlichen Tische schwebt, kraft deren
-meine dreißig Kerzen hier leise knisternd ihr Weihelicht ergießen.</p>
-
-<p>Und ich fühle den starken Weltenarm auf einmal, den uralten,
-urgewaltigen, in dem wir beide ruhen, mein roter Stern dort und
-ich, mein Weihnachtsbaum im engen Erdenhause und der grenzenlose
-Sternenweihnachtsbaum am schwarzblauen Firmament der Winternacht.</p>
-
-<p>Wie wunderbar ist der schlichte Gedanke, daß auch die Menschenliebe,
-daß die schlichte Forderung, wie sie das Evangelium ausspricht, in der
-ewigen Gesetzmäßigkeit des Alls steht!</p>
-
-<p>Ein urgesetztes Werden kommt herauf aus dem Grau des Unbekannten. Es
-formt sich als Sonne, erzeugt Planeten. Auf einem solchen Planeten
-blaut ein Meer, aus dem Wasser heben sich Inseln. In der kristallenen
-Tiefe, dann am feuchten Rand der Klippe entfaltet sich Leben. Tieraugen
-öffnen sich zum Licht, Pflanzengrün atmet in der Sonne. Unter einem
-solchen grünen Baum schlägt zuletzt der Mensch seine herrlichen
-Lichtaugen auf. Wie ein Tier ringt dieser Mensch anfangs noch
-blutig-wild um seine Existenz. Aber im Banne seiner höheren, vertieften
-Lichtsehnsucht steigen Marmortempel auf mit Gebilden der Kunst. Und
-auf einer höchsten Stufe, noch umbrandet von tausendfachem Sturm, aber
-sieghaft wie das einsame Lämpchen der Krippe in der Wüste, gibt der
-Mensch auf seinem rastlos rollenden Planeten sich selbst ein neues
-Gesetz. Es soll nicht mehr gelten: Auge um Auge, Zahn um Zahn — die
-alte, einfache, mathematisch strenge Gleichungsformel des Naturkampfes.
-Siebenmal siebenmal soll jetzt die Schuld vergeben werden. Im Nächsten
-sollst Du Dich selbst erkennen und heiligen. Das bist Du, lehrt
-Dich der Inder schon zu allem sagen. Erkenne Dich selbst, predigt
-der Grieche — Dich selbst in allem, was um Dich ist. Nun heißt es:
-Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Stunde, da diese Weisheit
-endlich Wort wurde und in einer Menschenwiege lag, feiern wir als
-Weihnachtsfest.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span></p>
-
-<p>Das alles aber mußte kommen nach ganz fester Naturgesetzlichkeit.</p>
-
-<p>Es lag in den Urelementen dieser unserer Sonnenwelt schon, daß es so
-werden mußte.</p>
-
-<p>Was siehst Du aber brennen in den tausend und tausend Sternen dort?
-Tausend- und tausendmal die gleichen Urelemente, bewegt von der
-gleichen Gesetzlichkeit. Jede dieser Welten, wenn ihre Stunde erfüllt
-ist, muß durch ihre gleichen Hauptstufen wandern. Jede muß ihre Station
-erklimmen der Intelligenz, des Lichthungers im Geist. Mögen die äußeren
-Formen tausend- und tausendfach verschiedene sein: die Grundlinien
-werden sich nie verleugnen können.</p>
-
-<p>Es ist ein altes Wort, daß in aller Intelligenz, auf so verschiedenen
-Welten unseres Alls sie nun erblühe, immer gewisse mathematische
-Grundanschauungen gemeinsam sein müßten. Ein Mensch der Erde und
-ein Intelligenzwesen des Orion würden sich in einer Sprache sofort
-verstehen: nämlich, daß die Summe der Winkel im Dreieck gleich zwei
-rechten sei, oder daß der pythagoreische Lehrsatz gelte. In diesem
-Worte liegt ein tiefes Heil. Denn zu diesem ewigen Gemeingut muß auf
-einer bestimmten Stufe zweifellos auch der schlichte, der wirklich
-mathematisch schlichte Kerngedanke der Menschenliebe gehören: der
-ganz einfache Schluß, daß wir alle weiter kommen, wenn wir uns
-nicht totschlagen und auffressen; daß wir das Schlechte besser
-ausrotten durch tätige Gegenliebe als durch Haß; daß wir groß sind,
-menschheitsgroß, weltengroß, wenn wir in allen uns selbst sehen,
-winzig, ein Stäubchen im Sturm, wenn wir uns trotzig isolieren.</p>
-
-<p>Wenn die Wesen von Milliarden Sternen sich nie begegnen werden (was
-wir ja auch nicht wissen, schließlich!) — milliardenmal müssen
-sie doch in jedem System, auf jeder rollenden Kugel für sich diese
-schlichte Gesetzmäßigkeit des Evangeliums finden, so gut wie sie den
-pythagoreischen Lehrsatz in irgend einer Form, und mögen sie ihn
-nennen, wie sie wollen, finden werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
-
-<p>Und wenn Jahrtausende ihnen dann wandern über den Tag, da zum ersten
-Mal diese obere Mathematik der Liebe ihnen klar wurde: sie alle werden
-auch ein Symbol dann suchen und besitzen für die Gnade dieses Tags
-— sie werden ihre „Krippe“ haben und ihren „Weihnachtsbaum“, in den
-Bildern eben und Gedankengängen ihres Sterns.</p>
-
-<p>Ein symbolischer Christbaum in diesem Sinne muß ragen durch den ganzen,
-ganzen Weltraum, so weit die Schwere wandert und das Licht wandert,
-kurz, so weit die Gesetzmäßigkeit wandert, die aus gleichen Ursachen
-gleiche Wirkungen schafft.</p>
-
-<p>Jedes Lichtpünktchen, das von einer Sonne bis zu uns hernieder Kunde
-gibt, das im Prisma sich zum Spektrum unserer irdischen Elemente bricht
-und damit auf die gleiche Grundlage weist, — es hat eine tiefste
-Beziehung zu diesem unaufhaltsamen Weihnachtsprozeß aller kosmischen
-Entwickelungen. Mit eigener Symbolik gesprochen: es ist eine Kerze am
-Weihnachtsbaum.</p>
-
-<p>Stille Nacht, heilige Nacht.</p>
-
-<p>Es geht mehr durch dieses schwarzblaue Firmament da oben als bloß
-Meteorsplitter und Kometen. Auch von Weltkörper zu Weltkörper rauscht
-auf den Flügeln der Gesetzmäßigkeit das ewige „Das bist Du“ und
-„Erkenne Dich selbst“. Und wieder auf der Flugbahn dieses ewigen
-Imperativs geht der Glaube mit an die Erlösung durch das höhere Gesetz,
-das Gesetz des oberen Geistesstockwerks — der Glaube an den endlichen
-„Sternenfrieden“ in dieser ganzen unermeßlichen Zersplitterung der
-Schöpfung, in der die Welten durch den uferlosen Raum wirbeln wie
-silberner Staub.</p>
-
-<p>Friede auf Erden!</p>
-
-<p>Hat dieser Glaube wirklich schon Weltenflügel?</p>
-
-<p>Wenn die Sterne über Dir brennen, schleierlos, mit der ganzen Majestät
-des grenzenlos Wirklichen ... und Du sagst Dir, daß diese kleine Erde
-mit ihren paar Millionen intelligenter Wesen noch bebt unter dem
-Getümmel unausgesetzten Kampfes&#160;...!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span></p>
-
-<p>Wird auch nur auf Erden dieser rohe Kampf je enden, wird eingehen in
-einen reinen, freudigen Waffengang der Intelligenz unter Herrschaft der
-Menschenliebe? Oder ist nicht schon dieses Ideal zu groß — zu groß
-über alle Kraft der Naturgesetzlichkeit hinaus&#160;...</p>
-
-<p>Der Nachtwind rauscht leise über mir durch die Kiefernzweige. Ich
-aber denke, daß auch diese Kiefer einst einmal ein Ideal bloß war im
-Weltenschoße. Und doch hat das ewige Werden sie zustande gebracht, mit
-dem Wunderbau ihres Zellenleibes, mit all den unsagbaren Feinheiten,
-die da keimen, atmen, wachsen, zu hohen Säulen aufsteigen lassen.</p>
-
-<p>Und auch die Sterne dort waren einmal Ideal, leise vorgeträumte
-Fern-Realien. Nichts von ihnen war einmal da als dieses schwebende
-Zukunftsbild im Schoße des Urgeheimnisses. Und doch sind sie geworden,
-geworden, was sie sind, dieses unbeschreiblich erhabene Himmelsspiel
-kreisender Kugeln, die sich in harmonischen Abständen eingestellt
-haben, um sich auf Jahrbillionen nicht zu stören, auf daß auf ihren
-Planeten die zarte Blüte des Lebens sich entfalte.</p>
-
-<p>Willst Du der Macht, die <em class="gesperrt">diese</em> Ideale sich erfüllen konnte,
-Schranken setzen?</p>
-
-<p>In feierlicher Ruhe brennen die Sterne fort über dem schwarzen Walde,
-dem vereisten See.</p>
-
-<p>Der Blick des Einzelnen auf seinem Planeten aber kehrt zuletzt
-friedevoll von aller versöhnten Himmelsschau zurück. Er haftet auf dem
-lieben eigenen Weihnachtsbaum. Und er liest in seinen kleinen, trauten
-Flämmchen das alte Weltenwort, das vor nun bald zweitausend Jahren
-gesagt ist: „Wer mich hat, der hat alles andere auch.“ Jeder in seinem
-Kreise erlebt das All. Und in seinen kleinen Weihnachtskerzen brennt
-der tiefste Sinn all aller Sterne mit.</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Jahreswende_zu_1903">(Friedrichshagen.
-Jahreswende zu 1903.)</h2>
-
-</div>
-
-<p>Im Kieferngrunde wollte es schon dunkeln. Aber aus der Richtung des
-Sees kriecht noch einmal etwas hinein wie eine braune Dämmerung,
-nachträglich, verspätet.</p>
-
-<p>Diese nackten graden Kiefernstämme treiben ihrem Himmel gegenüber eine
-drollige Mimikry. Wenn die Sonne verblutet, werden sie rot wie glühende
-Metallpfeiler; wenn das Regenwasser sie genetzt hat und aus dem grauen
-Wolkenfenster dann wieder ein blaues Himmelsauge bricht, spiegeln sie
-blau; wenn der Himmel in düsterer Nebelbank untergeht, stehen sie
-schwarz wie die Masten einer Totenflotte.</p>
-
-<p>Ich klettere den kurzen Sandhang des Uferwalles empor, hinter dem der
-See liegt.</p>
-
-<p>Auf den Säulen ist hier wirkliche Lichtglut, es ist noch einmal so hell
-geworden, daß sie Schatten hinter sich werfen.</p>
-
-<p>Und jäh bin ich selber im strömenden Quell dieses Lichts.</p>
-
-<p>Zart violett der leicht beschneite Eisteller unter mir. Drüben
-die Berge und das schmale Ufer ein verwischter Rauchstreifen von
-intensivem Grün, — grün bloß durch Lichtzauber, denn es stehen dort
-perspektivisch klein nur die gleichen winterdunklen Kiefern wie hier,
-in denen selber kein Spangrün ist. Darauf als zweite Farbschicht,
-fächerhaft von Westen herauffließend wie das Delta eines ungeheuren
-Lichtstromes das brennendste Karminrot. Hoch, hoch empor, bis es
-endlich jäh, fast ohne Übergang, als klappe ein Rand um eines
-Purpurmantels, umschlägt in ebenso grelles Schwefelgelb. Das stößt zum
-Zenith endlich an ein ganz süßes, ganz feines, abendliches und doch
-auch noch ungewöhnlich erhelltes Himmelsblau. Rechts und links, wo das
-Gelb in das absteigende Blau einfließt, leuchtet noch einmal wie Reflex
-auf einer schönen Feder ein magisch zartes und doch auch lichtstarkes
-Grün.</p>
-
-<p>Ich wende mich, und hinter mir über den dunklen Kiefernkronen schwimmt
-im blassen Blau der große silberne Mond. Vom Kirchlein in der grau
-verträumten sonnenfernsten Seeecke,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> wo die Spree einmündet, hallen
-kurze, harte Klänge über die schalltragende Eisdecke daher.</p>
-
-<p>Diese wunderbaren Dämmerfarben, die den Heimgang des Jahres seit
-Abenden jetzt hier begleiten und zu einem Schauspiel machen, als sei es
-irgend ein besonderes Weihejahr, das da in nordlichthafter Glut noch
-scheidend gefeiert wird: sie sind schwerlich gewöhnlicher, wie man zu
-sagen gelernt hat, normaler Art.</p>
-
-<p>Wieder einmal mag es Vulkan-Asche sein, die da oben vom Sonnenkuß
-brennt gleich den roten Kiefern hier unten und ihr Licht dann noch
-einmal zu denen zurückwirft.</p>
-
-<p>Asche von jenen grauenvollen Schlachtfeldern Mittelamerikas, wo die
-Sphinx, die Chimära sich plötzlich auf die armen Menschen geworfen hat,
-sie zu Tausenden zu fressen wie im Griechenmärchen.</p>
-
-<p>Eine Glutwolke verschlingt eine blühende Stadt, brennt den hilflosen
-Opfern die Lungen aus. Dann wirft sie ihre Mähne empor, hoch, immer
-höher. Bis sie wie ein Ring um die Erde fliegt. Und auf der andern
-Seite des Planetenkolosses steigen dem stillen Beschauer über seinem
-See und seinem Kiefernfrieden liebliche Farbenwunder auf, ein buntes
-Zauberspiel der Luft. Ihn entzückt, was dort verheert hat. Eine
-Katastrophe, ein Weltuntergang — und Schönheit. So war es 1883, als an
-der Sunda-Straße der Vulkan Krakatau explodiert war und vierzigtausend
-Menschen verschlungen hatte. So jetzt, obwohl nur in kleinem Maße, noch
-Martinique.</p>
-
-<p>Uns aber fangen solche Kontraste an, vertraut zu werden.</p>
-
-<p>Ein ganzes Sonnensystem platzt, verdampft; und uns ist das ein
-blinkendes Sternchen; ein Kind hebt die Händchen danach auf: „Wie
-schön! Schenk mir das Silberfünkchen dort zum Spielen!“ Wir gewöhnen
-uns, daß jede Entwickelung, jeder Fortschritt, jedes Hübsche,
-Interessante, Erlebenswerte der Weltgeschichte erkauft wird durch eine
-Folterkammer der ausgesuchtesten Scheußlichkeiten.</p>
-
-<p>Damit wir zum Sylvesterpunsch von 1903 ein philosophisches Bonmot
-sprechen können, sind seit dreitausend Jahren Menschen<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> ersten Ranges
-verbrannt, gefoltert, gekreuzigt, von wilden Tieren gefressen worden.</p>
-
-<p>Daß wir überhaupt sind, daß wir so sind, so weit sind, verdanken wir
-einem erbarmungslosen Daseinskampfe, von dessen Blutbad die Geschichte
-rot ist wie dieser Abendhimmel.</p>
-
-<p>Und aus diesem Blutbade zerschmetterter Existenzen steigt nicht bloß
-die Schädelpyramide Tamerlans: auch die Sixtinische Madonna und die
-Neunte Symphonie steigen heraus, und Iphigenie und der Lehrsatz des
-Pythagoras.</p>
-
-<p>Über Kampf, Tod, Schmerz, Verzweiflung, Folter läuft die Entwickelung.</p>
-
-<p>Wir haben zuviel gelernt, zu klar sehen gelernt, wir von nunmehr schon
-1903, um uns gegen dieses „Weltgesetz“ die Augen zuhalten zu können.</p>
-
-<p>Ist dieses Gesetz aber nicht doch der Tod aller <em class="gesperrt">Freude</em> an der
-Entwickelung?</p>
-
-<p>Der Zweck heiligt das Mittel. Wir begrüßen es als grandiosen
-Kulturfortschritt, daß wir diese Jesuitenmoral nicht mehr anerkennen.
-Und doch soll das Weltgesetzbuch auf dieser Moral stehen? Dazu all
-unser Erkenntnisfortschritt?!</p>
-
-<p>Wir drehen unsere neue Jahresziffer um ein Jahrhundert rückwärts, auf
-1803.</p>
-
-<p>Es ist das Datum, da Herder uns verließ, der Mann, der zuerst in
-der Geschichte der Menschheit nur ein Kapitel gesehen der großen
-Sternengeschichte und der zu der Frau von Stein sagte, daß „wir
-erst Pflanzen und Tiere gewesen seien“. Es waren die ersten reifen
-Gedankenfrüchte, Weltgedanken, Menschheitsgedanken, vom erstarkten Baum
-der Forschung.</p>
-
-<p>Hundert Jahre nochmals zurück hatte Newton über seiner Optik gesessen.</p>
-
-<p>Noch vor hundert war das Fernrohr erfunden worden.</p>
-
-<p>Und noch vor hundert fuhr Columbus auf seiner vierten Reise durch das
-westindische Meer und erwarb Kopernikus sich die Doktorwürde.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p>
-
-<p>Dafür aber all diese Erkenntnis, um zu erkennen, daß auch der Mensch
-der Natur nur abgepreßt worden ist auf der Folter&#160;....</p>
-
-<p>Die rote Dämmerungswelle dort hat ihren Höhepunkt erreicht. Rasch
-beginnt sie jetzt zurückzuebben. Es ist, als sinke die blaue
-Himmelsglocke, selber dabei noch funkelnd, langsam über sie herab,
-tiefer und tiefer.</p>
-
-<p>Ein Schauspiel von wunderbarer Feierlichkeit, dieser stille Kampf der
-Lichter an einem Abendhimmel.</p>
-
-<p>Es ist nicht wahr, daß die Entwickelung immer durch Folterschmerzen
-gegangen sei.</p>
-
-<p>Äonen vor uns ist sie durch immerwährende Verwandlungen vorgeschritten,
-in denen noch gar kein Schmerz bestand. Durch unendliche Raumweiten
-neben uns arbeitet sie noch immer so. Da ballen sich Welten, entfalten
-sich zu harmonischen Systemen. Und werden wieder eingeschmolzen in
-noch größere Massenansammlungen. Aus denen arbeitet dann wie eine
-tickende Uhr das große Weltgesetz abermals Harmonien und entsprechend
-noch umfassendere heraus. Nie erfolgt ein wirklicher Zusammensturz
-in der Idee. Denn es muß immer ein Größeres sein, das das Kleine an
-sich reißt, in sich auflöst. Größerer Stoff aber: größerer Weg, höhere
-Harmonie. Die dann bleibt, bis ein noch größeres System auch dieses
-wieder umarmt, zu einer Neuzeugung zwingt.</p>
-
-<p>In diesen ganzen Naturprozessen außerhalb des Organischen waltet
-nicht das, was wir „Schmerz“ nennen. Bausteine fügen sich zu immer
-höheren Bauten aneinander, nichts weiter. Wir denken gar nicht an
-Schmerzmöglichkeiten. Sollen die Metallteilchen klagen, daß sie ihre
-frühere Gravitationslage verlassen, um in ein neues Formgebilde
-eingeschmolzen zu werden, in einer neuen Lage in ihm aufzuerstehen?
-Mögen aber auf dieser Linie auch ganze Milchstraßen verbrennen wie eine
-Wolke Kohlenstaub — in diesem Wandel waltet immer noch kein Schmerz.
-Es waltet der unendliche Gesetzesfrieden wie in dem stillen Wechsel der
-Dämmerfarben dort. Niemals<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> wahrer Tod, denn das Gesetz stirbt nie;
-immer nur Wandel; und Wandel in Höheres hinein.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Da flammt ein blitzendes Verheeren</div>
- <div class="verse indent0">Dem Pfade vor des Donnerschlags,</div>
- <div class="verse indent0">Doch Deine Boten, Herr, verehren</div>
- <div class="verse indent0">Das sanfte Wandeln Deines Tags.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Doch inmitten jetzt dieses grenzenlosen Kosmos-Friedens, in dem ein
-Weltuntergang nicht mehr ist als eine in herrlicher Farbenglorie
-verblutende Abendsonne: — das Lebendige. Wenn die Kälte dieses
-Winterabends den kleinen Vogel, der dort zwitschert, bis ins Mark faßt,
-so bebt er vor Schmerz. Und das begann mit dem ersten zellenartigen
-Gallertpünktchen an einer Uferklippe vor vielen Millionen von Jahren.
-Und sein Triumph ist der Mensch. Der Triumph der Feinfühligkeit in
-Schmerzempfindung. Ein seltsamer — Triumph.</p>
-
-<p>Dennoch: welche ungeheure Fortschrittskette im reinen Sinn von
-Entwickelung in diesem Stück organischen Lebens. Welcher Umschwung mit
-diesem grünen Schimmelhäutchen einer Urweltklippe!</p>
-
-<p>Auf diesem Häutchen wuchsen schließlich Augen, die das Licht, die
-Farben, die Formen der Dinge sahen, das blaue Meer, die Sonne, das
-Abendrot und den Sternenhimmel. Und hinter diesen Lichtaugen begann das
-Klümpchen grauer Nervensubstanz zu denken, zu schließen, zu folgern.
-Die Natur unten hatte immer nur gestreut, Samen der Dinge gestreut und
-hatte das Harmoniegesetz grob gewaltsam sieben und sichten lassen.
-Jetzt ging aus denkenden Gehirnen und schauenden Augen die höhere Stufe
-hervor: die bewußte Zwecksetzung, dieses fabelhafte Spar-Prinzip der
-Entwickelung, dieser einzigartige Fortschritt im kleinsten Kraftmaß.
-Es durfte dann diese befreite, hier überschüssige Kraft sein, die eine
-Kunst, eine Wissenschaft, eine Philosophie, eine Kultur schuf. Und der
-Mensch ist es, der diese Krone sich aufs Haupt setzt, der Mensch als
-Triumph des sehenden, denkenden, zwecksetzenden Lebens.</p>
-
-<p>Ein Triumph also doch. Aber erkauft um jenen andern&#160;....?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p>
-
-<p>Das Glöcklein da drüben ist plötzlich verstummt, wie erstarrt von
-der rasch wachsenden Abendkälte. Aber das Eis selber singt und summt
-leise fort. Und ich höre eine Stimme der Naturgeister zu den schwarz
-ersterbenden Kiefern und dem mondduftigen Himmelsrund herauf.</p>
-
-<p>Deine Rechnung ist falsch. Du hast ja noch gar nicht erfaßt, was der
-Mensch zwischen Lebensschmerz und Sternenfrieden wirklich soll.</p>
-
-<p>Dieser Mensch ist nicht bloß der einfache Triumph der
-Entwickelungslinie, die über das Leben ging.</p>
-
-<p>Er ist auch ihre Korrektur.</p>
-
-<p>Er ist die Versöhnung zwischen dem großen Zweck im Leben: dem
-Bewußtwerden der Welt, — und dem furchtbaren Mittel: dem Schmerz. Er
-ist der Protest des Weltgesetzes gegen dieses Mittel.</p>
-
-<p>Zwei Gaben ohnegleichen sind für diese Arbeit in ihn gelegt.</p>
-
-<p>Die erste ist das Prinzip der Liebe.</p>
-
-<p>Im Moment, da er als Triumph der Entwickelung die Hand ausstreckt
-nach der Naturherrschaft, bricht auch dieses Prinzip mit einer
-fortreißenden Elementargewalt aus ihm hervor. Prometheus, der das Feuer
-des Himmels, die Naturkraft der Weltallssonnen in einem hohlen Stabe,
-einem Menschenwerkzeug, trägt, wird Christus, der seinen Fluch hängt
-an jeden, der Schmerz sät. Er predigt die Köstlichkeit, die Heiligkeit
-alles Lebendigen. Er lehrt, daß Du selbst in allem bist, in der Lilie,
-die Du brichst, und im Wurm, den Dein Fuß zertritt. Aus dem Staube
-sollst Du die Opfer ziehen und ihre Wunden verbinden, Du, der sehende
-Mensch.</p>
-
-<p>Natur bist Du und bleibst Du, nichts ist in Dir als Natur. So muß auch
-diese Stimme aus der Natur selber kommen, die Stimme einer Einkehr,
-einer Umkehr, die ein furchtbares Mittel wieder mildern, wieder
-versöhnen will.</p>
-
-<p>Das Leben zeugte Bewußtsein und damit ein unendliches Entwickelungsfeld
-von höherer Art. Aber es zeugte auch den namenlosen Schmerz, der
-plötzlich in diese Entwickelung von<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> der Stufe des Lebens an versponnen
-schien. Nun glänzt in den Lichtaugen dieses Bewußtseins auf einmal die
-Liebe. Die große Entwickelungskorrektur ist im Spiel! Mag Prometheus
-jetzt wirklich wachsen, bis er aus der Kraft seines Stabes voll
-Sonnen-Energie Planeten bewegt und zu den Sternen fliegt, — immer wird
-der Christus in ihm mit ihm wachsen. Er wird mit dem Leben wandern und
-die Schmerzen wieder aufheben, die das Leben schlägt.</p>
-
-<p>Doch der Mensch hat noch eine zweite Gabe.</p>
-
-<p>Immer, wenn der Gedanke diese Bahn der Entwickelung quer durch den
-Schmerz gehen sah — und dann die Liebe sah, wie sie den Schmerz wieder
-lindern wollte, ist auch das dritte gedacht worden: ob die Liebe nicht
-die Entwickelung lähmen müsse?</p>
-
-<p>Wenn der Fortschritt immer wieder zu einer Bruchstelle führt, die als
-Schmerz empfunden wird: muß nicht die Liebe ein Gegner des Fortschritts
-sein?</p>
-
-<p>In hundert Stimmen klingt das schon heute in unsere Zeit hinein. Es
-sind die Stimmen der Tolstois, die alle Herrlichkeiten der Kunst und
-der Forschung und der Geistes- und Körperfreiheit für nichts achten
-um der Liebe willen, — weil sie doch alle nur wieder Schmerzquellen
-öffneten. Und es sind die Stimmen der Nietzsches, die rufen: werde
-hart, wenn Du aufwärts willst, — wer um der weichen Seele willen
-zurückschaut, der erstarrt wie das Weib des Lot in der Bibel.</p>
-
-<p>Wäre die Liebe, die nachträgliche mitleidige Liebe allein gegen die
-arbeitende Entwickelung gestellt: kein Zweifel, daß sie allein wirklich
-zu einem hemmenden, retardierenden Element werden müßte. Sie würde das
-Höhere in seinem Werden hemmen um der Wehen dieses Werdens willen.
-Starr würde in ihrer Hand allein die Welt wie dieser vereiste See hier,
-starr, stagnierend, konservativ, losgeschaltet vom Frühlingssturm der
-Entwickelung.</p>
-
-<p>Aber im erwachten Menschengeiste lebt noch eine zweite Kraft, die auch
-das wieder aufhebt in ein noch höheres<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> hinein. Eine Kraft, die den
-Schmerz überwindet in der Entwickelung selbst ohne den Schritt dieser
-Entwickelung zu hemmen.</p>
-
-<p>Es ist die Kraft der Ideal-Schau.</p>
-
-<p>Es ist die Kraft, die über Linien, über Stufen der Entwickelung selber
-hinwegschaut. Die von einer Stufe aus, von einer errungenen Harmonie
-aus schon die nächste als „Ideal“ aufsteigen sieht, sonnenhell,
-frühlingshaft, im Jugendschein und Lichtschein des Ideals. Und die
-sieht, daß der Weg von unserer schon errungenen Wirklichkeit zu diesem
-Höheren darüber, zu diesem Ideal, nur führen kann durch eine Lösung,
-ein Sinken unseres augenblicklichen Besitzes, — durch eine kurze
-Disharmonie. Die aber diese Disharmonie mit ihrem Schmerz freiwillig
-auf sich nimmt, den Blick fest auf der winkenden Goldzinne des Ideals.
-„Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ Innerlich ist der
-Schmerz vernichtet im Moment, da er aufgenommen ist in die Linie
-zum Ideal. Von hier die Freudigkeit, die bis in den Tod reicht, die
-Freudigkeit, die den Weisen den Giftbecher trinken und den Heiligen
-sein Kreuz tragen läßt, die aus den Augen des Idealschauers leuchtet,
-um den schon die Flamme des Scheiterhaufens züngelt. Das Kreuz wird
-genommen, weil Du morgen im Paradiese bist.</p>
-
-<p>Erst mit dieser Ideal-Schau ist der ganze Anschluß wieder da des
-sehenden Menschen an die arbeitende Fortschrittslinie der Natur in
-seiner Brust.</p>
-
-<p>Der freiwillige Anschluß.</p>
-
-<p>Es war der Preis des Sehens: die Forderung dieser Freiwilligkeit.
-Mit dem Sehen, mit dem Bewußtsein kam der Schmerz. Er ist erlöst wie
-der Fliegende Holländer der Sage, da er freiwillig gewählt wird vom
-höchsten Sehen, von der Ideal-Schau, die durch sein Dunkel schon durch
-und durch schaut bis auf den brennend roten Streifen der höheren Sonne
-hinter ihm&#160;....</p>
-
-<p>Langsam schritt ich durch den dunklen Wald meinem Hause zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p>
-
-<p>Über den schwarzen Wipfeln brannten die großen Sterne der Winternacht.
-Ich dachte an Menschen dieser kleinen Erde, die auf ihrer Sternwarte
-ein Menschenleben daran setzten, ein paar winzige Änderungen in den
-Bewegungen dieser Gestirne festzustellen, ein winziges Fünkchen nur zum
-Geistesfortschritt dieser Menschheit, vielleicht erst in Jahrtausenden
-mit tausend andern zu einem kleinen Flämmchen zusammenwachsend. Und
-doch Ideal-Schau.</p>
-
-<p>Und ich dachte an die kleinen frierenden, hungernden Vögelchen in
-diesem Walde, — und daß diese Menschen auf ihre Fensterschwelle
-Brodkrumen streuen würden, um sie zu sättigen. So weit waltete auch die
-Liebe schon.</p>
-
-<p>Es lohnte sich doch noch, ein neues Jahr anzufangen&#160;...</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Vor_Ostern">(Friedrichshagen.
-Vor-Ostern.)</h2>
-
-</div>
-
-<p>Über die Wasserfläche geht ein schwerer, kalter Wind.</p>
-
-<p>Alles liegt in schwarz und braun, der Frühling scheint noch einmal
-erstorben.</p>
-
-<p>Langsam, wie zähe erdfarbige Schollen, treiben die braunen Wellen
-vorbei. Bisweilen ist mir, als schaute ich nicht auf einen See, sondern
-auf tief zerpflügtes Ackerland. Und durch die Scholle schimmert es
-auf Momente wie Bernstein durch. Dann meint das Auge den verlorensten
-Grund zu fassen: gelbe Sandbänke der Tiefe, auf denen die Muscheln
-und die Kiesel unablässig mitrollen, oder gespenstische schwarze
-Streifen Moor. Die Wassersäule scheint plötzlich anzusteigen, sich zu
-heben von unten, bis sie platzt und einen Fächer weißer Gischt wirft.
-Doch der Blick folgt wieder der Fläche und nun ist es doch bloß das
-endlose einförmige Spiel, der flache Zug vor dem Winde, Scholle um
-Scholle, eine unabsehbare vorbeirollende halbstarre und doch bewegte
-Masse, vorne am Lande tiefbraun, je mehr nach draußen desto mehr ganz
-starr und schiefergrau, bis die Berge drüben darauf liegen wie eine
-nasse graugrüne Nebelwolke. Ein paar Krähen schweben geisterhaft
-kohlschwarz<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> zwischen Himmel und Erde, spähend über den Wassern wie
-Raubvögel, unbekümmert um den leise heulenden, schneidend eisigen Wind.
-Am Ufer knistern die Erlen, wenn die Welle in das Stelzwerk ihrer
-ausgewaschenen Wurzeln schlägt.</p>
-
-<p>An solchem Tage kommt der Frühling selbst wie ein düsteres Geheimnis.
-Der schwärzeste Moorgrund der Dinge ist bewegt. Was wird er ans Ufer
-spülen?</p>
-
-<p>„Wir sind umgeben von Geheimnissen.“</p>
-
-<p>Sagt Goethe.</p>
-
-<p>Feste haben für mich längst aufgehört, etwas anderes zu sein als Tage
-des stillen Gedenkens an das Geheimnisvolle aller Menschheits- und
-Naturdinge.</p>
-
-<p>Ich unterscheide rückblickend bei mir drei Stimmungen vor einem solchen
-Feste wie Ostern.</p>
-
-<p>Eine alte, früh überkommene und auch früh verlorene Stimmung der
-Gewißheit, wo der Tag in einem festen, bald zweitausend Jahre alten
-Weltbild bekräftigte, wo er ein Erinnerungstag an Tatsachen sein sollte.</p>
-
-<p>Dann eine lange Stimmung des Zweifels, des Unbehagens, die einen
-Schatten gerade auf diesen Tag warf, ihn aus einem weichen Feiertag zu
-einem harten kämpfenden Alltagstage des Gedankens machen wollte. Bis
-dann endlich ein Drittes, ohne daß ich es rief, auch das ablöste.</p>
-
-<p>An solchem Tage, der vom Reiß in der Winternacht oder von den blauen
-Auferstehungsglöckchen der Welt-Frühlingswiese singt oder von den
-Geistesflämmchen über Menschenstirnen an einem Tag der Erfüllung, —
-an einem solchen Tage suche ich heute weder einzelne Tatsachen, noch
-Tatsachen-Kritik. Ich suche eine Stimmung, die ab und zu ihren Feiertag
-verlangt: die Stimmung des Geheimnisses.</p>
-
-<p>Ich fühle das Bedürfnis, mich still an meinen einsamen See hier zu
-setzen und mir zu sagen: Nun tu was Du willst, — darin steckst Du;
-über Deinen eigenen Schatten springst Du nicht; das Geheimnis hat Dich,
-heraus kannst Du nicht; also werde fertig, wie Du kannst.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p>
-
-<p>Im Grunde steckt dieser Begriff des Geheimnisses ja doch auch hinter
-all den anderen Standpunkten. Er ist sozusagen jene blaue Tinktur der
-Ideenwelt, die der Alchimist für die Metalle suchte, die Ur-Essenz, die
-bleibt, wenn man überall die Mischung ablöst.</p>
-
-<p>Hinter allen dogmatischen Glaubenslehren steht als letzte Instanz das
-Schicksal, der „unergründliche Ratschluß“. Wenn ich eine Todesanzeige
-im hergebrachten Stil lese, so empfinde ich, wo Halt gemacht wird und
-wo das anfängt, worin wir alle einig sind: die <span class="antiqua">tinctura aurea</span> des
-Denkens.</p>
-
-<p>Die Götter Homers haben viel Macht, sie gehen auf Wolken und essen
-Ambrosia; aber wenn die Sache ganz aufs größte kommt, wenn sich
-entscheiden soll, ob Hektor oder Achill der Sieger ist, woran die ganze
-Komposition der Ilias hängt, — dann losen sie. Schicksal!</p>
-
-<p>Es ist aber die gleiche Losurne des unsterblichen Dichters, in der
-Demokrit nachher seine Atome tanzen ließ. Aus diesem schwarzen
-Erlenzweig hier mit seinen üppigen feuchten violetten Blattknospen, in
-denen eine so verlangende Frühlingsbrunst nackt aufdrängt, kann ich
-die ganze Naturforscherwelt entwickeln, über Pflanzen und Planeten bis
-zur Urfrühlingskraft brennender Weltallssonnen; ich glaube persönlich,
-daß sie sich wirklich ganz entwickeln läßt, ohne Dualismus und ohne
-Eingriffe; aber ich weiß, daß auch zuletzt die Atome in der Urne
-schwingen und daß aus fernsten Nebelflecken und Milchstraßen eine
-höchst wunderbare mathematische Figur auftaucht, die, ohne Sinus und
-Cosinus schlicht in Goethe-Deutsch ausgedrückt, bedeutet: Weltgeheimnis.</p>
-
-<p>Schließlich meine ich, daß es sogar recht gut so ist.</p>
-
-<p>Wieviel Ansichten, Theorien, Glaubenssätze, Weltanschauungen ergießen
-sich über uns! Und mit wie mancher möchte man als wahrhaft fatal
-rechnen, wenn sie nun ganz wahr wäre, der Welt wirklich ins geheimste
-Uhrwerk schaute.</p>
-
-<p>Mit dem Geheimnis kann man leben.</p>
-
-<p>Man wird ja von selbst davor bewahrt, übermütig zu werden. Aber von der
-Unendlichkeit des Unbekannten läßt<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> sich doch immer etwas erwarten.
-Wieviel Frühling, dieses liebste Geheimnis, mag noch darin stecken!</p>
-
-<p>Das Geheimnis dieses Festfriedens ist nur, daß man das Geheimnis
-überall richtig zu finden weiß.</p>
-
-<p>Ostergeheimnis! Ist es wirklich bloß das Geheimnis, daß ein Mann Wunder
-tun konnte, wie Wasser in Wein verwandeln, oder auf <span class="antiqua">H<sub>2</sub>O</span>
-gehen, oder von den Toten leibhaftig auferstehen&#160;....?</p>
-
-<p>Ich schaue in die braunen Wellen vor mir mit ihrem unablässigen
-Ansturm, ihrem Heben und Senken, und mir ist, ich blicke in das Gehirn
-der Menschheit, in das der arbeitende Gedanke tiefe Furchen gräbt. Und
-in eine solche Furche arbeitet sich ein, keimt und sproßt, daß das
-Naturgesetz etwas Heiliges sei, das nicht verletzt werden dürfe. Daß
-Himmel und Erde nicht dabei erlöst werden könnten, sondern im gleichen
-Moment zusammenbrechen müßten in das ewige Chaos hinein, da ein
-winzigstes Ringlein nur aus der Sternenkette dieses Gesetzes glitte.</p>
-
-<p>Hängen doch an jedem Ringlein ganze Welten! Was ist im Kosmos klein,
-was groß? Wenn dieses Ringlein hier unten auf der winzigen Erde brechen
-sollte, so stürzte der ungeheure Sirius mit herab, die Milchstraße
-löste sich auf, Surturs Weltbrand verschlänge das All.</p>
-
-<p>Ein Atom verschoben aus seiner heiligen Lage, in die es die
-Entwickelung der Jahrmillionen gebracht — und alle Harmonien dieses
-Kosmos splitterten auseinander.</p>
-
-<p>Und das sollte geschehen sein gerade damals, als der Grundstein gesetzt
-wurde zu der herrlichsten Harmonie dieser ganzen Erde: zu der Idee der
-großen friedlichen Menscheneinheit durch die Menschenliebe?</p>
-
-<p>Und der Gedanke keimt und sproßt weiter.</p>
-
-<p>Sollte nicht hinter der größten Tat der Menschheit auch nur ein
-<em class="gesperrt">Mensch</em> gestanden haben? Sollten nicht hinter jenen wunderbaren
-Berichten nur tiefste Symbole stecken? Sollte nicht das große Auge
-einer tiefsinnigsten <em class="gesperrt">Dichtung</em> uns daraus anschauen, die in
-Gleichnissen formte, was nachher für reale<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Wahrheiten gehalten worden
-ist — die größte Dichtung des größten Dichters aller Zeiten, — aber
-doch nur eine Dichtung&#160;....?</p>
-
-<p>Oder sollte die Menschheitsseele in ihrem Ringen nach einer ethisch
-und sozial befreienden Tat, die alles bisher Geschehene umwarf und die
-Weltgeschichte durch das scheinbar Unmöglichste — die Liebe — aus den
-Angeln zu heben sich vermaß, — sollte sie ein Zeichen dort sich nur
-geschaffen haben, ein Bild ihrer eigenen inbrünstigen Sehnsucht, das
-die unvollkommene Legende nachher als Personenschicksal vergröberte und
-mißverstand?</p>
-
-<p>Ostergeheimnis, wirst Du scheitern an solchen Gedanken?</p>
-
-<p>Die Handlung der Evangelien nur ein Symbol, ein Gleichnis, eine
-Dichtung, ein Vorgang im der Menschheitsseele! Ich weiß, wie viele
-heute ihr Geheimnis hier wirklich noch hoffnungslos im Sande sähen. Um
-die Menschenliebe geht es auch ihnen. Von des Menschen Erlösung spielt
-das große Mysterium. Aber der Mensch ist ihnen doch zu klein dazu. In
-tausend melancholischen Stimmen klagt es durch unsere Zeit, daß der
-Baum, der aus dieser Gedankenfurche erwachsen sei, wohl wild und stark
-heute stehe. Aber das Geheimnis rausche nicht mehr durch seine Zweige.
-Er sei kein heiliger Baum. Nur kalte Sterne äugten durch seine kahlen
-Äste. Kein Weihnachtsstern und kein Osterschein und keine Pfingstflamme.</p>
-
-<p>Ich aber frage: Was kann denn überhaupt abgrundtiefer im Geheimnis
-sein, als eben — ein <em class="gesperrt">Mensch</em>?</p>
-
-<p>Du verlangst den, der noch einmal leiblich auferstanden ist, nachdem er
-gegangen war. Was aber ist geheimnisvoller, als das Alltägliche, das so
-unsäglich Schlichte scheinbar: daß überhaupt ein Mensch geboren wird,
-daß er aufersteht aus dem Unbekannten in dieses Leben hinein?</p>
-
-<p>Wenn Du alle Pfade des Liebeslebens mit der Wissenschaft, die Dir
-beschieden ist, durchpilgert hast: Du kehrst heim mit dem Geständnis,
-daß hier immer wieder das ungeheuerste Mysterium sich vollzieht —
-allein wert, daß Du still Einkehr<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> bei Dir selber hältst und Dir
-Feiertage setzest des Geheimnisses, das Dich vom Tage Deiner Zeugung
-und Geburt an umschließt.</p>
-
-<p>Und <em class="gesperrt">Dichtung</em>?</p>
-
-<p>Bist Du so schnell fertig mit dem Geheimnis, wenn ein Mann nicht
-wirklich auf Wassern geht, sondern wenn diese Geschichte nur das tiefe
-Gleichnis einer größten Dichtung sein soll? Ist nicht gerade die
-Existenz einer großen Dichtung etwas noch viel Geheimnisvolleres als
-irgend eine Tatsache der „Wirklichkeit“? Ist nicht die Dichterkraft des
-Genius das größte aller „Wunder“, unsagbar viel größer und wunderbarer
-als ein realer Krug Wein, der aus einem realen Kruge <span class="antiqua">H<sub>2</sub>O</span>
-verwandelt ist?</p>
-
-<p>Ich denke an alle die Riesen, die seit Jahrtausenden auf den Wellen
-der Dichtung zu uns wandeln, Gestalten, viel größer als ein Mensch,
-zusammenfassende Gestalten, die ganze Zeiten, ganze Ideen verkörpern.
-Sie überdauern Generationen, sie leben Jahrtausende, sie haben ewige
-Jugend und Kraft. Wo steht, wohin projiziert sich in der „Realität“
-eine Figur wie Faust? Sie schwebt im Raum- und Zeitlosen, und doch
-ist sie greifbarer, ist sie unvergleichlich viel lebendiger und viel
-wertvoller als Millionen und Abermillionen wirklicher Menschen, die auf
-der Erde sich nach den Ziffern des Gravitationsgesetzes bewegt haben,
-<span class="antiqua">H<sub>2</sub>O</span> getrunken haben und verweht sind, man findet ihre Spuren
-nicht mehr.</p>
-
-<p>Auch diese Dichtergestalten sind aus dem Geheimnis geboren. Sie leben
-im Geheimnis. Im Dichtergeiste hat „es gezeugt“, hat „es geschaffen“,
-das dunkle „es“ der <span class="antiqua">tinctura aurea</span> alles Naturgeschehens.</p>
-
-<p>Ich richte in diesem Augenblick nicht im einzelnen über jene Theorien.
-Ich lasse sie vorbeiziehen an mir, wie diese braunen Wellen hier
-vorübergehen im Zug des Windes. Vorhanden sind sie als Theorien, das
-schafft keiner mehr aus der Welt. Und nach ihnen werden noch mehr
-kommen, wie der Wellen hier noch mehr kommen. Wir sind erst in den<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>
-Anfängen der Spekulation über den wahren Lauf der Geschichte, überall,
-also auch hier.</p>
-
-<p>Aber ich sage: wenn es so wäre, wenn den Evangelien eine tiefe,
-unsagbar rührende symbolische Dichtung zu Grunde läge — die Dichtung
-vom neuen Menschen, der sich zur Menschenliebe durchgerungen und der
-auf Erden, wie alle Idealträger, zunächst sein Kreuz tragen muß, bis
-über Leid und Tod des einzelnen das Ideal unbesiegbar aufersteht und
-weiterlebt und die zähe alte Erde aus den Angeln reißt: — ich sage,
-wenn das als eine Wahrheit jemals erwiesen werden könnte, was würde das
-ändern an der welterschütternden Größe dieser Tat und an ihrer tiefen
-Verankerung im Geheimnisvollen?</p>
-
-<p>Achill, der nur durch die winzige Dunkelzelle eines Dichtergehirnes
-phantomhaft gewandelt ist, ist mehr wert für uns als alle Griechen
-zusammengenommen, die damals die schwarze Erde getreten haben.</p>
-
-<p>Jene Dichtertat behielte den ganzen riesenhaften Zug in vollem Maße,
-der auch so den Dingen zukommt. Im Geheimnisvollen aber wurzelte sie
-nur um so sicherer eben als Dichtertat. Ja gerade so bliebe sie in
-einem Größeren, als ein wirkliches einzelnes Menschenschicksal geben
-kann.</p>
-
-<p>Der Rationalist bekäme <em class="gesperrt">Unrecht</em>, der hinter den ungeheuren
-Menschheitsmoment bloß ein Stückchen Menschenleben eines Einzelnen auf
-dem winzigen Raum zwischen Betlehem und Golgatha deuten wollte.</p>
-
-<p>In den Geheimzellen eines Dichtergehirns ist unendlich viel mehr Raum
-und es ist mehr darin als bloß eine Person. In Goethes Gehirn haben
-Faust und Egmont, Tasso und Werther, Iphigenie und Gretchen eine ganze
-Lebensbahn erfüllt. Im Dichtergeiste jenes Giganten an der Schwelle
-unserer Zeitrechnung hätte die ganze Menschheit mit all ihren ethischen
-Errungenschaften bis dahin gelebt, sie hätte sich zusammengefunden
-darin zu einer einzigen Tat — und gelebt hätte darin die ganze
-Zukunfts-Menschheit von Jahrtausenden<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> nach ihm, geeint durch das Ideal
-der Menschenliebe. Der Dichter der Bergpredigt! Was willst Du mehr?</p>
-
-<p>Der Wind heult hohl über die Wellen, die braunen Gedankenfurchen.</p>
-
-<p>Offenbarung! ruft es. Wo bleibt die Offenbarung? Offenbarung brauchen
-wir.</p>
-
-<p>Nun, alle Dichtung ist Offenbarung. Vom Geheimnis kommt es, zum
-Geheimnis geht es, unmeßbar, unwägbar, und doch von Welten kündend,
-Welten der Urtiefe, der Idealerweckung, der innersten Fortentwickelung,
-und Welten verwandelnd, Welten aufbauend, Welten zeugend: — das ist
-die Offenbarung; aber was ist es anders, als auch die Dichtung, die
-Kunst; es gibt keine bessere, schärfere Definition für sie.</p>
-
-<p>Ja man muß das Geheimnis nur am rechten Fleck begreifen.</p>
-
-<p>Manchmal scheint mir, als sei der ganze Hader und Fortschritt
-menschlicher Ideen bloß ein Kampf um die Perspektive. Wie die Dinge
-projiziert werden, hintereinander gelegt werden, darum ringen wir. Und
-wo das Blau des Geheimnisvollen beginnt. Darum aber auch diese ewige
-Auferstehung der Gedanken. Nichts fällt wirklich ins Grab, es wechselt
-nur seinen Projektionsort.</p>
-
-<p>Diese Erkenntnis gibt Frieden, heute wenigstens für eine
-Feiertagsstunde, vielleicht später auch einmal für den Alltag. Die
-braunen Wellen zogen an mir vorbei, immer vorbei und der Wind blies,
-eine unablässige, fleißige Naturarbeit. Die Natur machte da keinen
-Feiertag, sie arbeitete. Jede dieser Wellen mochte ein klein wenig an
-diesem Ufer umschaffen, trug sie auch nur ein Hölzchen darauf, ein
-Sandkörnchen davon.</p>
-
-<p>Ich dachte an die Rede der Leute: der See behält nichts, er gibt alles
-wieder, wenn’s auch eine Weile dauert.</p>
-
-<p>Im Grunde macht es das Naturgeheimnis auch so.</p>
-
-<p>Es ist kein Minotaurus, der verschlingt, um zu verderben. Es läßt
-die Welten, Menschen, Ideen in seinem Blau verschwinden und zahlt
-sie in Höherem wieder aus. In dieser<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> <span class="antiqua">tinctura aurea</span> steckt
-wirklich wie in der der Alchimisten auch der Stein der Weisen, der alle
-Gebrechen, alle Unvollkommenheiten heilt, der ewige Jungbrunnen, der
-den Fluch der Zeitlichkeit aufhebt.</p>
-
-<p>Diese ewige Wiedergeburt als Auferstehung des Geistes im allen Dingen
-erkennen, — das wäre der wahre neue Osterglaube.</p>
-
-<p>Aber dazu bedarf es noch gar mancher Auferstehung erst im eigenen
-Innenleben der Idee.</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Am_Auferstehungstag">(Friedrichshagen.
-Am Auferstehungstag.)</h2>
-
-</div>
-
-<p>Heute wandere ich tief in der dürren Kiefernheide und suche den
-Frühling.</p>
-
-<p>Die Luft ist hart, der Himmel weiß: es könnte auch Oktober sein. Ich
-denke an deutsche Länder, wo der Frühling wie ein Rausch kommt, in
-hinreißenden Farben. In der lieben Mark geht es wie in einem mageren
-Prozeß: es gibt da nur ganz feine Indizienbeweise.</p>
-
-<p>Da liegt ein gelblicher Würfel Schlagholz. Wie mein Auge aber die
-graue Walddämmerung darüber durchsucht, stößt es da, dort auf kleinste
-Silberpünktchen, die pfeilschnell die Luft durchqueren, jedesmal einen
-schwachen Blitz in der Grundfarbe weckend, wenn sie eine hellere Stelle
-passieren.</p>
-
-<p>Der Fremde weiß nicht, was hier stäubt in den noch so herben Tag
-hinein. Aber ich kenne sie als alter Käfersammler: die winzigen
-Borkenkäfer des Kiefernholzes, die jetzt schwärmen. Wenig später, und
-sie sind wieder völlig verschwunden, tief vergraben in ihrem krausen
-Bergwerk im Holz.</p>
-
-<p>Auf den Schlagstämmen klettert auch schon eilfertig ihr wilder Gegner,
-der schwarz-weiß-rote Clerus, der Ameisenkäfer, der selber zum Schutz
-in prächtiger Mimicry die Ameisen-Wespe Mutilla in Farbe wie Gestalt
-täuschend nachahmt.</p>
-
-<p>Während ich aber seinem trippelnden Wesen zuschaue, fällt in mein
-Ohr jäh ein überlautes Gegacker. Glüüh, glüh, glü,<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> glück, glück,
-glückglücklücklick ... Die Silben folgen sich immer rascher wie bei
-einer heransausenden pfeifenden Lokomotive.</p>
-
-<p>Das ist der Grünspecht.</p>
-
-<p>Umsonst sucht der Blick ihn heute in seiner vertrauten, pfeilschnell
-gewechselten Horcherstellung senkrecht am Ast. Nur wenn ich draußen,
-jenseits der Schonung, stände, sähe ich ihn. Über den gleichmäßigen
-jungen Nachwuchs ragt dort einsam eine ältere, pinienhaft entfaltete
-Kiefer zum blinkenden weißen Himmel auf. Auf einem ihrer höchsten
-Äste sitzt der Specht, nah der Spitze, exponiert wie eine Krähe, und
-er reckt den Hals senkrecht zum Zenit empor und schmettert seinen
-Glückjuchzer. Völlig verwandelt ist er — er ist verliebt. Ja, es ist
-Frühling. Die Indizien stimmen zueinander.</p>
-
-<p>Ich träumte in den stillen Aprilmorgen hinein.</p>
-
-<p>Auferstehungstag. Ich dachte an die ungeheuren Kräfte, die dieser
-Frühling im Schwachen auferstehen läßt.</p>
-
-<p>Ich dachte an den Saftstrom, der unter seinem Bann von allen
-Pflanzenwurzeln aufwärts drang, dieses geheimnisvolle Pumpwerk der
-Holzgefäße, das bei der amerikanischen Rebe mit einem Druck von fast
-2½ Atmosphären arbeitet und einer Quecksilbersäule von 180 <span class="antiqua">cm</span>
-Länge die Wage hält!</p>
-
-<p>Und ich dachte an die lieblichen Blaukehlchen, die winzigen
-Singvögelchen Skandinaviens, die nach des trefflichen Gätke Rechnung
-auf ihrer Frühlingsheimkehr in einer einzigen Nacht die Strecke vom
-Sudan jenseits der Sahara bis Helgoland durchfliegen. 45 Meilen nehmen
-sie in der Stunde, dreimal mehr als der schnellste Schnellzug. Mehrere
-tausend Meter hoch geht <em class="gesperrt">es</em> dahin, damit die kolossale Sperrmauer
-der Alpen keine Störung giebt. Und nach diesem Sturm über ein Meer
-und anderthalb Erdteile sind sie noch so leistungsfähig, daß sie nach
-kurzer Rast auf Helgoland sogleich weiterfliegen. Das ist der Frühling!
-Ein ganzer Planet erscheint auf einmal eng gegenüber seiner Kraft, die
-eine arme Pflanze, ein schwaches Vögelchen durchseelt.</p>
-
-<p>Er muß ja auch selber heran dazu, der ganze Planet.</p>
-
-<p>Ich träumte mich über den weißen Himmel dort über<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> den
-Wachholderbüschen hinaus in den eisigen Weltraum, wo die Erde mit
-ihrer schiefen Achse dahinrollte, sehr viel schneller noch als die
-Blaukehlchen auf ihr flogen. Jetzt begann der schiefe Planet wieder
-sein Nordantlitz der Sonne zuzuwenden, obwohl er sich gleichzeitig
-rückwärts von dieser Sonne entfernte. Und die Gnade lag auf dem
-zugewandten Scheitel, die Eiszapfen seines Bartes schmolzen, es wurde
-Lenz.</p>
-
-<p>Achsenschiefe. Ein undurchdringliches Planetengeheimnis schläft in
-dieser kosmischen Frühlingsursache. Alles hängt daran, bis in das
-Jauchzen dieses Spechts, das Schwärmen dieser Borkenkäfer — und
-doch wissen wir nicht, was hinter ihr steht. Alles sonst in diesem
-himmlischen Billardspiel der Sonnenkinder ist so wunderbar regelmäßig,
-deutet so ganz auf einen harmonisch-einheitlichen Ursprung: die
-Kugelgestalt, die Bahnebenen, die Umlaufszeiten. Nur die Achsen gehen
-ihren anscheinend irregulären Weg. Jupiter ragt fast gerade, Uranus ist
-fast ganz entgleist; die Erde steht nachdrücklich schief. Kein Schimmer
-eines Warum ist uns gegeben.</p>
-
-<p>Wie wenig wir wissen! Eine ganz dunkle, unergründbare Tatsache — und
-an der hängt aller Frühling, all diese Konzentrierung der Liebe auf
-eine Jahreszeit, alle Poesie, die wieder auf dieser Liebe ruht. Eine
-schiefe Planetenachse ragt hindurch — und schiefe Menschenweisheit.</p>
-
-<p>Und doch haben wir schon ein Gesetz wenigstens entdeckt auch in dieser
-Achse. Ohne ihre Schiefe selbst zu ändern, wandert sie in großen
-Zeiträumen kreiselnd einmal herum. Sie sucht sich andere Sterne, auf
-die sie deutet, bis sie endlich zum gleichen wiederkehrt. In einem
-Zyklus von über zwanzigtausend Jahren geschieht das.</p>
-
-<p>Mehr als zwanzigtausendmal Frühling! Vor meinem Geiste, den auch die
-große Lenzkraft anhauchte, erschien ein solcher Zyklus als Einzeljahr,
-nur in unermeßlichen, höheren Verbänden. Da war die ganze Eiszeit mit
-ihren fünfhunderttausend Jahren, die ihr Penck zuschreibt, nur ein
-einziger Winter und ihr Ende nur ein großer Frühling. Vielleicht war
-es der erste Frühling, den der ganz klar sehende, ganz begreifende<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>
-Mensch erlebte! Vielleicht hatte noch lange vor dem, in der Kreidezeit,
-der Frühling überhaupt erst begonnen. War die Erdachse einst gerade
-gewesen wie die des Jupiter und hatte sich erst gesenkt in jenen
-Urtagen der großen Saurier? Träume, wenn der Saft steigt mit seinem
-Atmosphärendruck und die Wanderschwinge hunderte von Meilen wie ein
-Spiel nimmt!</p>
-
-<p>Aber der Gedanke wanderte zurück auf den letzten dieser
-Zwanzigtausendzyklen.</p>
-
-<p>Ich dachte, wie der große Hipparch um 150 v.&#160;Chr. schon dieses Kreiseln
-der Erdachse, das den Polarstern verschiebt, wissenschaftlich erfaßte.</p>
-
-<p>Und wie es ein paar Jahrtausende weiter zurück schon hineingespielt
-in die geheimnisvolle astronomische Mythologie der Ur-Babylonier, der
-Sumerer, in die Tierkreis-Rechnungen und Tierkreis-Mythen dort. Es
-ist das geheimnisvolle Volk, an das wir heute so oft und so lebhaft
-denken, das immer gesuchte, endlich sicher gefundene Volk im Morgenrot
-der Kultur, dessen Tempel eine Sternwarte und dessen Astronomie ein
-Gottesdienst war.</p>
-
-<p>Und über diesem Volke, im Morgenhimmel all unserer Weisheit, ragen
-schon die Zyklus-Rätsel der schiefen Erdachse, schimmern die großen
-Zeichen der Über-Frühlings-Periode!</p>
-
-<p>Mir aber ist, als schimmere noch etwas anderes, etwas noch viel
-Weihevolleres darin.</p>
-
-<p>„Aus den Gruben hier im Graben hör ich des Propheten Sang.“</p>
-
-<p>In welchem wunderbaren Auferstehungs-Frühling leben wir Menschen von
-Tag zu Tag! Immer neue Welten der Vergangenheit tun sich uns kund,
-leben auf in uns. Um 3000 v.&#160;Chr. begann diese „moralische Astronomie“
-der Sumerer schon zu verblassen, sich einzusargen zum Winterschlaf.
-1900 n.&#160;Chr. rollt sie wie eine Frühlingsoffenbarung wieder über die
-Erde, weil ein paar alte Tonzylinder mit Schriftzeichen sich gespiegelt
-haben in der Kristallflut einer wunderbaren<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> kosmischen Höhenmacht: der
-rückschauenden, die Geschichte wieder erweckenden Menschheitsseele.</p>
-
-<p>Ein alter astronomischer Traum kündet: wenn Du viel schneller noch
-reisen könntest als der Lichtstrahl, der doch in jeder Sekunde
-zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt, wenn Du die Lichtpost der Erde
-von Jahrhundert zu Jahrhundert noch einmal überholen könntest: — das
-Weltgeschehen würde sich Deinem Anblick umkehren, noch einmal sähest
-Du Cäsar auftauchen unter den Dolchen der Brutus und Cassius, sähest
-Sokrates mit seinem Giftbecher und die Sumerer auf ihrer Sternwarte,
-die Gletscher der Eiszeit, die auf Norddeutschland lagen, und die
-immergrünen Haine der Tertiär-Zeit, die Ur-Säugetiere von Neu-Mexiko
-und den letzten Ichthyosaurus am Ausgang der Sekundär-Periode&#160;...</p>
-
-<p>Wie ein Märchen klingt das.</p>
-
-<p>Der Mensch, dieser winzige Planetensohn, der durch die Schwere an
-seiner harten, widerwilligen Scholle klebt, kann nicht fliegen. Fliegen
-nicht einmal wie die Blaukehlchen. Geschweige denn mit dem Lichtstrahl.</p>
-
-<p>Und doch, — wie ich hier stehe und an die Sumerer denke und den
-Tierkreis verschiebe — ich, hier an meinem Schlagholz-Stoß im
-märkischen Kiefernwalde, ich bin mit allen in meiner Zeit auf solchem
-Fluge.</p>
-
-<p>Unser Gehirn, das <em class="gesperrt">Geschichte enträtselt</em>, ist der Apparat, der
-das Weltgeschehen sich aufstauen läßt, wie die Wasser sich vor dem
-biblischen Helden stauten, der die Sonne rückwärts wandern heißt, der
-die Dinge umkehrt und noch einmal auferstehen macht.</p>
-
-<p>Es war das <em class="gesperrt">raum</em>überwindende Meisterstück der Natur: diese
-unendlich fein reflektierende Platte Menschenhirn, Menschengeist. Aber
-es war auch die <em class="gesperrt">Zeit</em> damit überwunden im gleichen Moment, da
-diese Platte auf die Vergangenheit eingestellt wurde, da sie rückwärts
-gewandt wurde.</p>
-
-<p>Der Menschengeist, der Geschichte sinnt, — das ist die Auferstehung.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p>
-
-<p>Er ist das große Ostergeschenk der Natur, der Ostertag der
-Jahrmillionen.</p>
-
-<p>Sie haben ihn gemacht, diese Jahrmillionen. Nun zahlt er heim, indem er
-sie erweckt.</p>
-
-<p>Und was hat er für Gaben dazu! Geht doch dieses Geschichtsschauen nicht
-bloß durch Tabellen und Zahlen, durch winzige Mosaikstiftchen der
-grabenden, wieder äußerlich sammelnden wissenschaftlichen Forschung.
-Hinter diesen Stiftchen und Steinchen erhebt sich erst das ganz
-Große des Menschen: seine <em class="gesperrt">Dichterkraft</em>, die Zeugekraft seiner
-<em class="gesperrt">Phantasie</em>, die das Getrennte, das gräberhaft Zerfallene kraft
-des inneren „Werde“ wieder zusammenschließt, bis die schlotternden
-Gerippe wieder auferstandene Seelen sind, die mit uns leben.</p>
-
-<p>So verklärt sich die Geschichte als Forschung zur Geschichte als
-Dichtung in dem höchsten Sinne, der in der Dichtung erst wieder die
-ganze lebendige Wahrheit sieht. So wird das Schauen zur Tat. Und das
-erst ist die ganze Auferstehung.</p>
-
-<p>Noch ist unsere Kraft jung.</p>
-
-<p>Noch ahnen wir kaum erst den ungeheuren Schöpferberuf, den
-Erlöserberuf, der in uns gelegt ist: die Überwindung des zeitlichen
-durch den ewigen Geist, in dem es keinen Tod, kein Alter, keinen Winter
-gibt.</p>
-
-<p>Wenn unsere Wissenschaft aus Keilschrift enträtselt, was vor
-fünftausend Jahren durch die Seele der Menschheit flutete und ebbte,
-ahnen wir die eine Seite. Wenn durch die Dichterkraft Shakespeares
-Julius Cäsar leibhaftig vor uns zu wandeln beginnt, dämmert die andere
-auf. Aber eines stellt sich uns heute schon ganz dar: Nichts ist
-verloren in der Natur, das nicht geweckt werden könnte.</p>
-
-<p>Das ist unserer Weisheit sicherster Schluß: keine Wirkung kann und
-konnte je verloren gehen.</p>
-
-<p>Wenn ich meine Hand auf diesen Holzstoß hier lege, so zittert die
-Kraftwelle durch alle Ewigkeit, ewig individualisiert, ewig zu finden,
-im Brennspiegel der Kräfte wieder zu konzentrieren, zu fangen für den,
-der — einen Brennspiegel besitzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p>
-
-<p>Das ist das Grundgesetz alles Geschehens, aller „Natur“ — aller
-Gott-Natur.</p>
-
-<p>Der Urgrund der Dinge, der dieses Gesetz gesetzt hat, hat die
-Unsterblichkeit zugleich mit gesetzt. Der Spiegel aber — und hier
-liegt die zweite, die eigentlich krönende Tat — ist in unserer
-Hand. Nun ist nur noch eines nötig: unendliche Zukunft. Und in diese
-Unendlichkeit vor uns hinein wird die ganze Unendlichkeit hinter uns
-wieder auferstehen.</p>
-
-<p>Der Specht oben rief wieder sein Glück, Glück, Glück.</p>
-
-<p>Wie der Ton verschwebte, verschwebte mein Träumen durch den herben
-Frühlingstag.</p>
-
-<p>Er ist noch herb, unser Frühling. Eine junge Menschheit sind wir,
-in den Anfängen erst. Halb schwankt der Zauberspiegel noch in einer
-Kinderhand.</p>
-
-<p>Aber wie sonnig ist, daß alle unsere Wege zum gleichen Ziele aufwärts
-lenken.</p>
-
-<p>Religiöses Schauen wirft den Auferstehungsgedanken uns wie einen
-Blitz zu, der im Moment für alles andere zu blenden scheint. Aber die
-Wissenschaft taucht auf, ohne Glanz, keuchend in schwerer Arbeit. Doch
-die Idee umgoldet sie, und nun wird offenbar: sie ist auf dem gleichen
-Wege. Und die Dichtung, ihr oft so fremd, erscheint nur als ihre eigene
-Krönung, ihre Vollendung in das Lebendige hinein, das die zeugende Tat
-ewig hat, während die Zerstückelung es nie erreicht.</p>
-
-<p>Indizienbeweis! Er genügt mir auch für die große Weltenfrühlingswelt,
-wie Specht und Borkenkäfer für die kleine im märkischen Kiefernwald.</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Reisetagebuch_Schreiberhau">(Reisetagebuch.
-Schreiberhau.)</h2>
-
-</div>
-
-<p>Über mir ragt es wie schwarze Zinnen einer gewaltigen alten
-Schloßruine. Durch eine Lücke im zerfallenen Gemäuer hängt ein schräger
-grauer Sonnenstreifen in den Schatten hinein wie ein jahrtausendalter
-Wust Spinngewebe. Er deutet in den Schloßhof, der roh verwildert liegt.
-Grünes Kraut<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> steht fast mannshoch in der ganzen Breite. Irgendwo
-tropft Wasser, tickend wie eine gespenstische Uhr, aus dem Spalt eines
-geborstenen Marmorbrunnens.</p>
-
-<p>Es ist Naturwerk, dieses Schloß.</p>
-
-<p>Seine Zinnen sind grotesk zerspaltene Granitzacken des Riesengebirges,
-und der Schloßhof ist der innerste Kessel der großen Schneegrube.</p>
-
-<p>In uralten Tagen lag in dieser kraterartigen Höhlung unter der
-Kammmauer ein Ungetüm, das mit bleichen Augen ins Tal hinunterglotzte:
-der Gletscher.</p>
-
-<p>Mit seinen ungeschlachten Tatzen hat es die Blöcke dort herausgeschoben
-und cyklopisch wie eine Brustwehr getürmt, mit seinem schwerlastenden
-Leibe hat es den Grund ausgetieft zum gähnenden Kessel. Aber es ist
-ihm im Laufe der Zeiten ergangen wie dem fetten Lollus im Keller in
-Bechsteins Märchen: immer dünner und dünner ist es hingeschmolzen,
-immer magerer lag es zum Schluß in seinem viel zu weiten Felsennest.
-Heute weht nur noch ein leiser Schatten von ihm durch die Grube, ein
-unsichtbar körperloses Etwas, das als kellerhaft kalter Hauch am leeren
-Fleck noch einen letzten Kampf kämpft mit seiner furchtbarsten Feindin,
-der Sommersonne.</p>
-
-<p>Wenn die Ebene weithin in allen Farben des Frühlings prangt und selbst
-auf dem hohen Kamm die blauweißen Anemonen blühen, dann liegt in dem
-alten Drachenkrater noch der Winterschnee zu zähen Lasten gehäuft. Aber
-zuletzt muß er doch weichen. Die Wendestunde, in der einst der Drache
-für immer der Sonne unterlag, wiederholt sich: die Sonne bezwingt auch
-den letzten Schneestreifen der Grube. Einmal, am Ende der Eiszeit,
-ist das entscheidend geschehen: einmal hat die Sommerwärme den ganzen
-Schnee weggetaut, während früher immer ein Rest überdauerte als Zutat
-zum nächsten Winter; damals ist das Ungeheuer des Gletschers ins Herz
-getroffen worden durch Baldurs Schwert.</p>
-
-<p>Heute, da ich hier sitze, liegt die weite Landschaft am Kammesfuße
-eingesponnen im heißen Juli-Glast.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
-
-<p>Hier in der Schneegrube hat gerade endlich der erste Frühling gesiegt.</p>
-
-<p>Noch stecken in den tiefsten Granitschründen auch jetzt ein paar
-letzte Schneeflecken, aber schon grau vom tauenden Zermürben. Lustige
-Quickwässerlein rinnen leise davon herab. An der Grenze aber vollzieht
-sich jenes liebliche Schauspiel des Frühlingssieges, das auf tauenden
-Alpenpässen so oft meine Freude war: noch farblos weißliche oder gelbe
-Pflanzenspitzen, spargelhaft eingerollte Blätterknospen, durchbrechen
-mit eigener Kraft und Wärme die morsche Schneedecke, noch ehe sie
-sich selber gelüftet hat. So ringt sich an der Furka die zierliche
-violettblaue Soldanella (<span class="antiqua">Soldanella pusilla</span> und <span class="antiqua">alpina</span>)
-sogar als geöffnetes Blütenglöckchen aus selbstgewärmten Schmelzlöchern
-des Lawinenschnees zum Staunen des Naturfreundes heraus.</p>
-
-<p>Wo aber der Kesselgrund schon völlig frei ist, da erfüllt ihn ein
-wahrer lebendiger Schnee: halbmeterhoch ragen in weitem, schneeweißen
-Blumenteppich die wundervollen Dolden der seltenen narzissenblütigen
-Anemone (<span class="antiqua">Anemone narcissiflora</span>), des „Berghähnleins“ der
-Gebirgsleute. Auf jedem lichtgrünen Hauptstengel stehen etwa ein halbes
-Dutzend großer Einzelblüten ganz nach Narzissenart. Ein berauschender
-Honigduft liegt über der Wiese. Man kann über den ganzen Kamm wandern,
-ohne dieser köstlichen Blume zu begegnen, hier aber tritt sie plötzlich
-als Herrscherin auf, — das schönste Sinnbild des Sonnensieges im alten
-Drachenbett.</p>
-
-<p>Auf der Gletschermoräne selbst aber stehen niedrige, noch völlig
-blattlose Weidenbüsche im ersten goldenen Kätzchenschmuck, ein seltsam
-später Anblick für den, der aus dem Tal kommt, wo längst alle Blätter
-in schwerer grüner Sommerfülle rauschen.</p>
-
-<p>Einsam und still ist es hier.</p>
-
-<p>Oben an den Zinnen erscheint ab und zu ein punkthaft kleines Zwerglein
-scharf vor dem Himmelsblau: einer aus dem endlos dort vorbeihastenden
-Fremdenstrom, der sich etwas näher an den schwindelnden Abhang gewagt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p>
-
-<p>Hier herunter kommt in Tagen keiner, denn selbst der kaum sichtbare
-Pfad von unten her ist heute noch ein wahrer Steg ins Drachennest,
-wie man ihn sich im Märchen träumt: Block um Block, wie ihn der
-Riese abgerollt und liegen gelassen, will übersprungen sein und
-dazwischen schiebt sich in jede Lücke noch viel unwegsameres Knieholz,
-schwarzgrüne Büschel wie struppige Gnomenköpfe, aber zäh, als sollte
-ein Schwimmer sich durch halbflüssiges Pech durchkämpfen.</p>
-
-<p>Eisdrache und Sonnenkampf, weiße Blütensterne — und Mensch. Das alles
-ist <em class="gesperrt">Natur</em>.</p>
-
-<p>Immer vor solchem reinen Bilde bewegt mich der tiefe Widerspruch, der
-in unserer Zeit durch dieses Wort geht.</p>
-
-<p>Ich denke an seinen wechselnden Klang in den Jahrhunderten.</p>
-
-<p>Da ist das Buch des Lukretius nahe der Wende vor Christus, im Abendrot
-der echten Antike, — von der „Natur der Dinge“. Natur ist hier das
-Offenbarungswort, das Himmel und Erde öffnet, das magische Wort, das
-die „Dinge“ bewegt.</p>
-
-<p>Dann kommt eine Zeit, da heißt Natur soviel wie Teufelsspuk. Auf
-einsamem Kreuzweg wird sie gesucht, wenn die Eulen schreien; mit
-Bluthandschrift muß seine Seele verschreiben, wer sie sehen will.</p>
-
-<p>Aber aus dem Munde eines Mannes, der gelebt und geliebt, gelacht und
-gegrübelt hat und der zuletzt auf dem Scheiterhaufen steht, um ein
-Märtyrer seines naiven Menschentums zu werden, — aus dem Munde des
-Nolaners Bruno ringt sich das Wort: Gott-Natur.</p>
-
-<p>Dann kommen Rousseaus Tage, und ein Klang romantischer Wehmut, die
-Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese, zittert aus dem Wort.</p>
-
-<p>Der größte Dichter vom deutschen Stamme steht in seinem Garten vor
-dem Wunder eines grünen Blattes und wiederholt abermals das große:
-Gott-Natur.</p>
-
-<p>Und nun ist das Wort schon mit hineingerissen in die wilden Wogen
-des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Getöse ist plötzlich darin wie von
-einer ungeheuren stampfenden Maschine.<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Ein tausendstimmiger Jubelruf
-erschallt, Kränze wehen, — heisa, der Mensch sitzt hoch auf dieser
-Maschine, sie trägt ihn, er regiert sie. Seine Natur! Der Mensch Herr
-der Naturkräfte, Herr der Welt. Diese Hoffnung reißt empor wie ein
-Schwindel.</p>
-
-<p>Aber die Vision wechselt jäh.</p>
-
-<p>Der weiße Dampf der Lokomotive teilt sich und auf einmal liegt der
-Mensch unter der Maschine, ein zuckendes Haupt auf blutiger Schiene.
-Fühllos geht die Maschine über ihn fort. Und die sterbende Lippe
-stammelt „Gott-Natur“, — es klingt aber wie eine Blasphemie.</p>
-
-<p>Kein Wort in unserer Zeit wiegt so schwer wie dieses Wort Natur.</p>
-
-<p>Alles drängt darauf, ringt und lechzt darnach. Dieser Begriff Natur
-hat die Sterne erobert, die Billionen von Meilen von uns abstehen,
-er hat den Menschen selber erobert, hat die Geschichte erobert, die
-Milchstraße ist ihm nur ein Zeichen, der Mensch eine Station, die
-Zukunft eine mathematische Gleichung.</p>
-
-<p>Und doch ist vielleicht kein zweites Alltagswort unserer Tage so wenig
-geklärt, so verschleiert, so mißverstanden wie „Natur“.</p>
-
-<p>Auf ungezählten denkenden Menschen liegt es wie ein Tyrann.</p>
-
-<p>Sie wissen nicht, wie sie ihm entrinnen sollen, aber sie fluchen ihm.
-Jeder Fortschritt der Naturforschung erscheint ihnen wie ein Schritt
-mehr zum Minotaurus hin, der sie in seiner Höhle zu Asche verbrennt.</p>
-
-<p>Was tut’s, wen tröstet’s, ob in diesem Minotaurus ganze Sonnensysteme
-mit uns sinnlos verpulvert werden. Je größer das Ungeheuer wird, es
-steigert sich nur seine Ungeheuerlichkeit. Du magst diesen Leuten von
-Doppelsternen und Marskanälen, von Urweltmeeren und dem Werdegang des
-Menschen zwischen tollem Getier erzählen: das Gemüt hat immer nur das
-Gefühl, daß es selber dabei gefressen wird. Nun hat dieser Drache auch
-schon die Geschichte des Menschen. Wo wird er Halt machen? Alles packt
-er. Gibt es denn gar keine Grenzen dieses Verheerungszuges?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p>
-
-<p>In mein einsames Sinnen mischt sich wieder ein altes Bild.</p>
-
-<p>In einem verwitterten Büchlein fand ich unlängst Dokumente aus dem
-Leben des Naturforschers Konrad Gesner, des Meisters der Tierkunde im
-sechzehnten Jahrhundert. Ich suche seit Jahren Stoff zusammen über sein
-Leben. Daheim habe ich die alten Pracht-Folianten seiner Werke, ein
-Monumentalwerk deutschen Fleißes.</p>
-
-<p>Zeit seines Lebens war er ein armes dürres Männlein, dieser Gesner,
-unsagbar fleißig, mit den großen Augen des Genies, aber vom Leben
-unerbittlich gedrückt. Und doch: eins drückte diese Seele nicht:
-Skrupel über den Natur-Begriff. Sie war nicht gerade besonders
-liebenswürdig gegen ihn im gewöhnlichen Sinne, diese Natur. Um ihn,
-den pflichttreuen Arzt, wütete die Pest. Mit 49 Jahren schon ist er
-selber ihr erlegen. Als sie, die er mannhaft bei anderen bekämpft, ihn
-endlich selber „hatte“, da hat er sein Testament niedergeschrieben, das
-uns heute noch erhalten ist. Er hatte nicht über allzuviel Glücksgüter
-zu verfügen. Nur eine Rente von hundert Gulden kann er stiften, daraus
-sollen jährlich zwei ärmste Kinder gekleidet werden. Aber seinem
-Geschlecht läßt er eine andere Aufgabe vergeistigterer Art. Je einmal
-im Jahr soll die Familie sich in allen ihren Gliedern zu einem frohen
-Liebesmahl vereinigen. Ein goldener Becher soll dabei kreisen, den er
-mit dem Testament übergibt. „Sonderlich“ sollen daraus die trinken,
-„welche etwas Zwytrachts miteinander gehebt.“ Nach dem Mahl soll
-einer ein paar Sprüche aus dem Evangelium vorlesen, „welche dienind,
-Fried, Liebe und Einigkeit zu förderen.“ „Demnach,“ aber heißt es zum
-Schluß, „soll er ihnen fürhin bringen (vorzeigen) meine Figurenbücher
-der Tieren, daß sy sich die zu besächen belustigend, und durch myn
-Gedächtniß, auch ihre Kind, welche tugendlich, zu der Lehr oder sonst
-zu guten und ehrlichen Künste und Uebungen erzüchten.“ Dieser Mann
-hatte kein Gefühl dafür, daß sein „Tierbuch“ die Weihe jener Sprüche
-stören könne. Es ist ein friedevoller Optimismus, der aus den Worten
-dieses besten Kenners der „Natur“ in seiner ganzen Zeit spricht&#160;....</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p>
-
-<p>Das Ergebnis der unheilvollen Trübung, die für unsere Tage das Wort
-„Natur“ bedeckt, ist der immer tiefer fressende Pessimismus.</p>
-
-<p>Es ist die Weltanschauung des knirschenden Sklaven.</p>
-
-<p>Man fühlt, daß man gegen die überwältigenden Resultate der
-Naturforschung dauernd nichts machen kann. Dieser Sieg kommt ja nicht
-allein durch den Gedanken. Man darf Darwin in den Boden verfluchen
-und steigt doch in eine Eisenbahn, spricht durch ein Telephon. Von
-dieser Ecke her gibt’s kein Entrinnen, und wer einmal in der realen
-Bahn sitzt, hält schließlich doch auch bei der Station Darwin, ganz
-unversehens. Aber man glaubt zugleich zu fühlen, daß man damit etwas in
-Kauf nehmen soll, was das ganze innerste Leben lahmlegt. Man bekommt
-einen Toten ins Haus für immer. Zuerst heißt die Folgerung Resignation.
-Und dann heißt sie Pessimismus.</p>
-
-<p>Täuschen wir uns nicht: der Pessimismus als theoretisch ausgesprochene
-lehrhafte Philosophie ist immer nur eine gelegentliche Erscheinung;
-der Pessimismus der Stimmung aber nagt und nagt bei uns fortgesetzt
-wachsend in allen Kreisen, wo man unter jener Sonnenfinsternis des
-Naturbegriffs wandelt und diese Sonnenfinsternis für ein Ergebnis der
-Astronomie hält.</p>
-
-<p>Für mich liegt hier mehr und mehr eine Sache auf Biegen oder Brechen.</p>
-
-<p>Ich bin mir nicht einen Moment mehr unschlüssig, daß in der Frage
-„Optimismus und Naturforschung“ die Schicksalsfrage der ganzen
-künftigen Naturforschung liegt.</p>
-
-<p>Wenn die Naturforschung ihren Naturbegriff nicht aus dem Pessimismus
-herausbekommt, so geht sie im ganzen doch wieder herunter und muß
-heruntergehen.</p>
-
-<p>Gewiß: wir steigen in die Eisenbahn. Aber täuschen wir uns doch auch
-darüber nicht, daß technische Erfindungen wohl eine Weile so fortreißen
-können, daß alles andere darüber in den Hintergrund kommt, — aber auf
-die Dauer hält das allein nicht stand. Wenn die Idee all dieser Dinge
-endlich überall in den Pessimismus führt, so erlischt schließlich doch
-das Interesse auch an diesen Erfindungen, es stirbt eben an dieser<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>
-Idee. Wenn ich ideell doch immer auf der Schiene liege mit einem Knebel
-im Mund und einem Strick um Arme und Beine, so wird schließlich auch
-die Freude an der Eisenbahnfahrt immer dünner, die Fahrt weckt nur
-fatale Assoziationen. Und endlich steige ich lieber wieder in die alte
-rappelnde Postkutsche.</p>
-
-<p>Ich persönlich gestehe gern, daß ich ohne eine optimistische
-Grundlinie in meinem Naturbegriff selber die eigene Beschäftigung
-mit naturwissenschaftlichen Dingen längst eingestellt hätte. Nichts
-wäre mir mehr zuwider, als das Paktieren, das ewige Versuchen, um die
-Allgewalt dieser Dinge herumzukommen.</p>
-
-<p>Ich sehe ja, wie es anderen geht. Sie suchen auch aus der schwarzen
-Flut des Pessimismus sich herauszuhalten. Aber im Grunde ist ihnen alle
-Naturforschung doch nur die ewige Gleitbahn in diesen Pessimismus. So
-suchen sie „Grenzen des Naturerkennens“, Mauern, wo der Naturforscher
-angeblich nicht weiter kann. Da soll endlich das Reich der Trübsal
-aufhören, der blaue optimistische Sonnenhimmel doch noch beginnen.</p>
-
-<p>Täuschen wir uns aber wieder nicht.</p>
-
-<p>Es gibt diese Grenzen nicht.</p>
-
-<p>Die Naturforschung ist nicht abzugraben etwa vom Seelischen, wie
-ein Maulwurf durch einen Wasserkanal. Ihr Naturbegriff muß auch das
-umspannen, wenn er nicht eine Narretei sein will, — es fragt sich bloß
-wie. Das bequeme „Ignorabimus“ eines Naturforschers, der im Grunde
-seines Herzens nie etwas anderes als Stockmaterialist war, hilft
-nicht fort von der viel größeren, tieferen, schwereren Aufgabe: den
-Naturbegriff selber vor der pessimistischen Vernachtung zu retten. Hier
-gilt das alte Wort: Davonlaufen nützt auf keinen Fall.</p>
-
-<p>Auch mit dem Zweifel an dieser oder jener naturwissenschaftlichen
-Einzelhypothese ist nichts getan. Mit ein bißchen Zweifel an der
-Zuchtwahl oder sonst einem Stück Darwinismus oder mit einem allgemeinen
-schnodderigen Satz eines Kritikers, dem der ganze Darwinismus noch
-nicht mechanistisch <em class="gesperrt">genug</em> ist, kommst Du nicht durch, so
-fröhlich das auch heute wieder dieser und jener träumen mag.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p>
-
-<p>Das alles sind kleine Mittelchen, die einen Moment den Laien froh
-machen können, aber dauernd doch an die Sache nicht rühren.</p>
-
-<p>Denn die großen Linien im Sachmaterial der heutigen Naturforschung
-lassen sich nicht mehr umwerfen. Es bleibt die allgemeine
-Naturgesetzlichkeit, es bleibt die Grundtatsache allgemeiner
-Entwickelung, es bleibt der Mensch als Glied in der großen Kette der
-Natur. Um diese Dinge kommen wir schlechterdings nicht mehr herum,
-und was an der Anerkennung dieser Hauptlinie schon stirbt von älteren
-Anschauungen, das muß eben sterben.</p>
-
-<p>Was ich aber behaupte, ist, daß es einem <em class="gesperrt">tieferen religiösen</em>
-Empfinden gar nicht einfällt, hier zu sterben, wofern nur eine Klärung
-über den Naturbegriff und eine Loslösung vom Pessimismus damit Hand in
-Hand geht.</p>
-
-<p>Die erste Aufgabe ist allerdings, daß man den Menschen nicht wieder
-gewaltsam <em class="gesperrt">losreißt</em> von der Natur aus lauter Eifer für „Natur“.
-Das ist bisher mit wahrer Hartnäckigkeit geschehen.</p>
-
-<p>Der Begriff „Kraft und Stoff“ hat dabei eine merkwürdige Rolle gespielt.</p>
-
-<p>Seltsam genug ja: unsere Zeit ist die erste, die wirklich Ernst damit
-gemacht hat, den Menschen restlos einzubeziehen in die Natur. Aber
-diese unsere gleiche Zeit hat sich auch alle Mühe gegeben, ihn durch
-unglückliche Begriffsworte in seinem ganzen Fühlen weiter wieder von
-der Natur fortzugraulen als irgend eine.</p>
-
-<p>Kraft und Stoff sind in der exakten Forschungssprache vortreffliche
-und durchaus nötige Abstraktionen. Man kann sie auch philosophisch
-anstandslos benutzen, um eine bestimmte Linie einheitlichen
-Zusammenhanges der Dinge in der Welt zu begründen. Lege ich dieses
-Formelwort aber didaktisch als Generaldefinition der „Natur“ <span class="antiqua">sans
-phrase</span> zu Grunde, so werfe ich grade den Menschen vor dieser Natur
-in eine unfaßbare Öde.</p>
-
-<p>Ich werfe ihn nämlich nicht, wie die Schwärmer für das<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Wort gemeint
-haben, in die höchste Realität, sondern in die äußerste Abstraktion.</p>
-
-<p>Um den Menschen in die Natur zu bringen, ziehe ich von ihm ab und ab,
-bis nur das ausgezehrteste, mit nichts mehr greifbare Gespenst übrig
-ist. Dann ziehe ich die ganze übrige Natur ebenso fasernackt aus und
-nun endlich bringe ich die Ähnlichkeiten zusammen. In dieser Eiseskälte
-erfriert aber dem Beschauer die Natur, und sein eignes Eingehen in
-diese Natur bedeutet ihm nichts anderes als auch nur ein Miterfrieren.</p>
-
-<p>Im Grunde bleibt ihm trotz alles Redens seine eigene Kraft-Stoffheit
-etwas ebenso absolut Fremdes wie die der Natur. Und auf diesem Wege
-kommt er von sich als lebendig warmem Menschen nie und nimmer zu der
-sonst bekannten Natur, — das <span class="antiqua">tertium comparationis</span> ist ein
-Gespenst, das er an beiden nicht kennt. Schließlich wird er es ja der
-Natur noch eher andichten mögen als sich. Dann ist er aber erst recht
-von ihr fort, weiter als je. Ich begehe eine Handlung, die im Sinne der
-Menschenliebe ist, wie sie am schlichtesten nach wie vor die Sprüche
-des Evangeliums aussprechen: — Kraft und Stoff. Ich begehe die aufs
-äußerste entgegengesetzte Niederträchtigkeit: Kraft und Stoff. Ich lebe
-oder bin tot, glücklich oder unglücklich, arbeitsam oder faul, bin ein
-Mensch oder bin der Sirius: Kraft und Stoff. Dieser Begriff gehört zu
-denen, die, weil sie überall passen, nirgendwo passen.</p>
-
-<p>Die Folge dieser künstlichen Trennung des Menschen von der Natur ist
-aber der erste Teufelsfinger für den Pessimismus.</p>
-
-<p>Der arme Hörer denkt, es muß nun einmal dieser Kraft-Stoff-Natur sich
-ausliefern, er empfindet es aber innerlich als einen Absturz wie vom
-prangenden Leibe eines schönen Mädchens zum schlotternden Skelett. Alle
-wahre Entwickelung hört ihm zugleich auf, denn alles ist ja eins. Eine
-uferlose graue Weltöde frißt ihn in sich hinein: der Minotaurus Natur.</p>
-
-<p>Und dabei bedeutet doch diese ganze Idee von „Kraft und Stoff“
-tatsächlich gar nichts anderes als die naturwissenschaftlich<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> exakte
-Formel für etwas, was die Gottes-Vorstellung auf ihrer höchsten Stufe
-genau so suchte: die Existenz nämlich von Zusammenhängen in der
-Gesamtwelt, von einem durchgehenden Grundprinzip. Es ist das gleiche
-Prinzip, das in der Absolutgültigkeit der Logik und der mathematischen
-Verhältnisse vor uns auftaucht. Auf diese eine Karte aber nun die ganze
-Definition der Natur setzen wollen, wäre genau so, wie wenn einer
-etwa als einzige Eigenschaft seines Gottes hinstellen wollte: er ist
-unendlich, und nun verlangte, daß wir auf Grund dessen schon in ein
-religiöses Gemütsverhältnis mit diesem Gotte einträten.</p>
-
-<p>Gerade die strengste Naturforschung zwingt uns, in diesen Begriff Natur
-noch ganz andere Dinge als entscheidend aufzunehmen vom Moment an,
-da wir Ernst damit machen, den Menschen vollständig in die Natur zu
-übernehmen.</p>
-
-<p>Wir Menschen überschauen ein gewisses Stück Weltbegebenheiten. Räumlich
-ein Stück nebeneinander, bis in die fernsten Nebelflecke. Durch die
-Verzögerung des Lichtstrahls aus der großen Ferne ordnen sich schon die
-entfernteren Raumdinge zum Teil direkt in Zeitdinge um. Andere nähere,
-greifbare Merkmale vergangener Tage um uns her kommen hinzu und so
-sehen wir schließlich auch einen Zeitausschnitt, ein Hintereinander
-von so und so viel Millionen Jahren mehr oder minder deutlich. Etwas
-anderes zu Aussagen über die „Natur“ haben wir nicht als den Inhalt
-dieses für uns begrenzten Raum- und Zeitausschnitts.</p>
-
-<p>In diesem doppelten Ausschnitt aber sehen wir nun keineswegs bloß ein
-belangloses Auf- und Abplätschern eines Stoff- und Kraftmeers.</p>
-
-<p>Wir sehen vielmehr eine höchst eigenartige <em class="gesperrt">Entwickelungslinie</em>.
-In dieser Linie stehen aber wiederum nicht bloß aufglänzende und wieder
-verglühende Sterne, Wechsel von warm und kalt, Auftauchen irgend eines
-Sauriers und Wiederabsterben seiner Art.</p>
-
-<p>Vielmehr vollziehen sich darin die allereigentümlichsten Sachen und
-zwar werden uns diese aufdringlich deutlich vom<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> Moment an, da wir den
-Menschen restlos aufgenommen haben in diese Linie der Entwickelung.</p>
-
-<p>Der Laie hört heute: der Mensch stammt vom Affen ab. In der Form, wie
-er das zu hören bekommt, liegt vielfach das gleiche Unglück, wie bei
-jener Kraft-Stoff-Antwort. Du stammst vom Affen ab, folglich bist
-du eigentlich nur ein Affe; zähme deinen Ehrgeiz, steige eine Stufe
-herunter, laß dich von einem Niedrigeren, von der tierischen Natur
-fressen: — Minotaurus. Auch hier liegt die pessimistische Folgerung
-auf der Hand: was nützt Dein Arbeiten, Du bleibst, was Du warst,
-Kraft, Stoff, Tier, Affe — in Summa: ewig gleichförmig plätschernde
-„Natur“, dieses scheußliche, allesverschlingende graue Abstraktum. In
-Wahrheit ist die entscheidende Folgerung: der Affe ist also nur ein
-Übergang gewesen zu unvergleichlich viel Höherem, es gab etwas in der
-organischen Entwickelung, das den Affenzustand wie eine Puppenhülle
-abwarf und zum Lichte flog.</p>
-
-<p>Von solcher Betrachtungsweise kommt man auf ganz andere Schlüsse auch
-im Menschen selbst vor der Natur und in der Natur. Der schlichte
-Übergang der Lebensstufe unterhalb des Menschen in den Menschen hinein
-nach einfachem Naturgesetz bleibt nicht nur bestehen, er wird sogar zu
-einer Säule des wahren Baues. Nur durch ihn gewinnen wir ja ein Recht,
-zu sagen: der Mensch ist auch ein Stück Natur, eine Stufe der sich
-entwickelnden Natur. Wenn der Mensch das aber ist, so gewinnt die Natur
-ganz unzweideutig das folgende höchst eigenartige Antlitz.</p>
-
-<p>In dem Stück Entwickelung, das wir überschauen können, zeigen sich dann
-zwei ganz überwältigend große Entwickelungsstufen. Die erste will ich
-als die Stufe des <em class="gesperrt">Gesetzes</em> bezeichnen, die zweite als die Stufe
-der <em class="gesperrt">Liebe</em>.</p>
-
-<p>Die erste Stufe ist für uns eine gegebene im Moment, da der Vorhang uns
-über dem Kosmos zeitlich aufgeht.</p>
-
-<p>Sogleich und für uns vom ersten Tage an sehen wir hier die Welt
-ausgeliefert einer unerschütterlichen Gesetzmäßigkeit. Bestimmte Bahnen
-sind den Stoffen fest eingepaukt. Ein Körper,<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> der unter bestimmten
-Schwereverhältnissen fällt, fällt nach einem ganz bestimmten Gesetz
-immer so. Und der Sinn gleichsam aller Dinge scheint erschöpft in
-diesem Naturgesetz.</p>
-
-<p>Es hat etwas Großartiges in seiner ruhigen Majestät, dieses Gesetz,
-aber auch etwas Unerbittliches. Welten fallen aus seiner Hand:
-Milchstraßen, Fixsternsysteme, Sonnen. Es gibt keinen Zufall vor ihm:
-alles muß so sein, wie es ist. Aber alles Werden, alle Welten, die
-entstehen, scheinen zunächst in ihrem Sinn auch erschöpft in diesem Muß.</p>
-
-<p>Dieses Ur-Naturprinzip wird mit derselben Ruhe, womit es eine Welt
-schafft, diese Welt auch wieder zertrümmern, wenn sie eine Fehlerquelle
-in sich hat. Es ist die Inkarnation einer unerbittlichen Gerechtigkeit
-einfacher Art: was wird, muß seine Folge tragen. Wird es schlecht,
-so stürzt seine Strafe über es herein, wird es gut, so erntet es
-unendlichen Lohn.</p>
-
-<p>Wir brauchen nicht von Gravitation und anderen naturgeschichtlichen
-Werten zu reden, — dieses unerbittliche Gesetz ist uns aus einer
-anderen Quelle mindestens ebenso geläufig: in dem alten Bibelworte
-nämlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Es ist der moralische Triumph der
-Formel <span class="antiqua">A</span> = <span class="antiqua">A</span>.</p>
-
-<p>Ich sage, dieses Gesetz ist für uns da mit dem Anfang der Welt.
-Das ist an sich freilich noch kein Beweis, daß es ewig da war. Es
-könnte sich selber in unbekannten Vor-Äonen erst entwickelt haben,
-als eine Überwindung des regellosen Zufalles im Geschehen, als das
-erste ungeheure Ordnungsprinzip, das sich herauskristallisierte in
-unendlichen Vorkämpfen der Welt. Diese „Mythologie der Logik“ braucht
-uns hier jedenfalls nicht zu beschäftigen.</p>
-
-<p>Sicher ist, daß das Gesetz da ist, wo unsere Erkenntnis beginnt.
-Das geringste Ballungsstäubchen Nebelmaterie, mit dem unsere ganze
-Entwickelung eingesetzt haben könnte, können wir uns nur vorstellen
-schon im Banne dieser Gesetzmäßigkeit.</p>
-
-<p>Aber ebenso sicher wieder sehen wir weiterhin, innerhalb jenes uns
-sichtbaren Stückes Naturentwickelung, eine Fortentwickelung über dieses
-Prinzip hinaus.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p>
-
-<p>Auch wir Menschen auf dieser Erde, Natur wie wir sind, hängen in
-jener großen Gesetzmäßigkeit. Wenn wir fallen, fallen wir nach der
-mathematischen Weltregel des Gravitationsgesetzes. Wieviel wir der
-Natur außer uns hinlegen, soviel erhalten wir zurück, Kraft um Kraft.
-Messen wir das an einem wüsten Zufallsgeschehen, so müssen wir uns
-ehrlich dessen freuen.</p>
-
-<p>Nur diese Gesetzmäßigkeit aller, aber auch absolut aller Vorgänge der
-Welt hat uns, wenn noch in beschränktem Maße, so doch anwachsend mit
-jedem Tage, zum Herrn so vieler Naturprozesse werden lassen. Dieser
-ungeheuren schlechterdings untrüglichen Ehrlichkeit der Natur verdanken
-wir alle Erfolge unserer Technik. Kein Zündhölzchen zünden wir an, kein
-Haus steht, kein Schiff fährt ohne diese Verläßlichkeit der Natur.</p>
-
-<p>Und doch!</p>
-
-<p>In uns Menschen arbeitet sinnfällig noch etwas über diesem Prinzip.</p>
-
-<p>Ein geliebter Mensch beugt sich zu weit über das Fensterbrett und
-stürzt ab. Er muß stürzen nach dem Naturgesetz der Schwere. Er stürzt,
-weil Logik gilt; er stürzt, weil <span class="antiqua">A</span> = <span class="antiqua">A</span> ist. Sein Einsatz,
-seine Schuld war das Hinauslehnen. Die Naturgesetzlichkeit vollzieht
-das absolute „Muß“, den Lohn: er stürzt und liegt zerschmettert da.
-Unerbittlich.</p>
-
-<p>Wir aber fragen: konnte diese Schuld nicht vergeben werden?</p>
-
-<p>Unser Herz ringt gegen dieses „Muß“, es ist uns auf einmal etwas
-Furchtbares, scheint uns entsetzlich vor solchem Falle.</p>
-
-<p>Wenn wir zu entscheiden gehabt hätten: unser ganzes bestes Inneres
-hätte sich aufgelehnt gegen diese furchtbare Konsequenz, tausend
-Stimmen des Mitleides, der Solidarität von Mensch und Mensch hätten
-sich erhoben in uns, unser ganzes höchstes sittliches Empfinden hätte
-gerufen „Nein!“</p>
-
-<p>Und doch sind auch wir Natur.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p>
-
-<p>Aber das macht: in uns Menschen ist schon ein zweites Prinzip.</p>
-
-<p>Die Liebe.</p>
-
-<p>Das Mitleid, die Toleranz, das Eingehen auf jede Sehnsucht des
-einzelnen, das Vergeben der Schuld, die höhere Gerechtigkeit.</p>
-
-<p>Überschauen wir auf dieses Prinzip hin jenes allein bekannte Stück
-Weltengang, so müssen wir sagen: der ganze aktive Inhalt dieses Stückes
-ist wesentlich die allmähliche Entwickelung dieses zweiten Prinzips.</p>
-
-<p>Da entsteht die Erde und durch diese Erde, auf dieser Erde entsteht
-als ihre höchste Äußerung der Mensch. Im Menschen aber zeigen sich die
-Keime endlich ganz offen. Auf einer bestimmten Stufe seiner natürlichen
-Kulturentwickelung hören wir aus seinem Munde frei als Ideal
-aussprechen: fortan soll nicht mehr gelten Auge um Auge, Zahn um Zahn,
-sondern siebenmal siebenmal sollst Du eine Schuld vergeben um der Liebe
-willen. Der Fortgang der Menschheit seitdem ist ein langsamer, aber
-zäher Versuch, das nicht bloß zu sagen, sondern durchzuführen. Über den
-Ausgang besteht für mich kein Zweifel. Wir arbeiten an der Realisierung
-dieses Ideals, und all unser sittlicher Fortschritt geht hierher.</p>
-
-<p>Vergleicht man nun die beiden Naturprinzipien miteinander, so erscheint
-das erste wie das alte Testament der Welt, und das zweite wie das
-neue. Das erste reicht von dem uns erschaubaren „Anfang der Welt“ bis
-in den Menschen hinein; das zweite läßt sich, als auf seinen ersten
-ganz hellen irdischen Lichtpunkt hin, mit einem Namen lokalisieren bei
-Christus, mit dem jenes Ideal zweifellos den ersten festen Schritt
-zur Tat getan hat, einerlei wie sich nun der Schleier über der
-Persönlichkeit einmal löse.</p>
-
-<p>Auch diese beiden Naturprinzipien haben das Eigenartige, daß das zweite
-nicht kommt, um das erste aufzuheben, sondern nur um es in ein Höheres
-hinein zu erfüllen.</p>
-
-<p>Die Liebe wirft die Welt keineswegs wieder zurück in den wüsten
-Zufall. Sie umfaßt das rein Gesetzmäßige, —<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> wie ja ihr Träger für
-unsere Kenntnis, der Mensch, sich rein natürlich auch im Banne dieses
-Gesetzmäßigen entwickelt hat, ohne Riß, ohne Magie. Aber sie bringt in
-dieses Gesetzmäßige einen neuen Sinn.</p>
-
-<p>Dem Zufall gegenüber war schon ein großer Sinn das einfache „Muß“.
-Die Liebe aber sagt jetzt: das Muß tut es noch nicht. Das Muß
-schafft Glück, aber auch mit der gleichen Folgerichtigkeit bis ins
-siebente Glied heilloses Unglück. Die Liebe aber will nur Glück,
-nur Beglückendes. Sie wird das Muß nicht als solches aufheben, aber
-sie wird versuchen, es in ihren Dienst zu stellen: das folgerichtig
-Schlechte wird sie auszurotten suchen und nur das folgerichtig Gute
-erhalten.</p>
-
-<p>Die Frage wird sich nur hier vorwagen, ob sie das kann.</p>
-
-<p>Betrachten wir aber wieder das Stückchen uns bekannter Tatsachen.</p>
-
-<p>Wäre die Liebe etwas dualistisch der Natur Entgegengesetztes, so möchte
-die Antwort heikel sein. Aber sie ist ja selber in unserer Linie nur
-die sich entwickelnde Natur. Und da ist eins wieder über alle Maßen
-überraschend.</p>
-
-<p>Diese Liebe leuchtet genau erst da auf, wo wir im Kulturmenschen ein
-Wesen sehen, das zugleich mit Siebenmeilenstiefeln auf die Herrschaft
-über das ganze „Muß“ losschreitet, — auf die <em class="gesperrt">Herrschaft über alle
-Naturgesetzlichkeit</em> wenigstens seines engeren Bereichs. Der Mensch
-in diesem Sinne, „Herr der Erde“ als Techniker, als Naturforscher —
-und dieser Mensch durchdrungen von der Liebe: — diese Erde wäre ein
-Reich der Liebe innerhalb ihrer Naturgesetzlichkeit und durch sie.</p>
-
-<p>Nun mag man ja sagen, dieser Mensch mit seiner ganzen Erde sei nur ein
-Pünktlein in der Natur. Ein Sternlein sei diese Erde unter Milliarden.
-Was will das eine Sternlein der Liebe selbst dann gegen Milliarden
-Sterne der fortgesetzten reinen Naturgesetzlichkeit bloß im alten Sinne.</p>
-
-<p>Aber gerade weil ich das Auftauchen des Menschen und der Liebe in
-ihm nicht als eine Magie auffasse, sondern als ein naturnotwendiges
-Werden auf dieser Erde, halte ich solche Notwendigkeit auch auf anderen
-Weltkörpern für möglich.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
-
-<p>Ja, ich halte sie aus strengen Verstandesgründen sogar für sicher.
-Ich sehe in der Menschwerdung eine kosmische Stufe, die genau so
-milliardenmal eintritt zu ihrer Zeit, wie Milliarden Sterne leuchten
-gleich unserer Sonne zu ihrer Zeit.</p>
-
-<p>Aus der Naturstufe Mensch wird sich aber immer auch das Naturprinzip
-Liebe neu offenbaren, milliardenmal, durch die ganze Natur hindurch, —
-wenn es eben ein Naturprinzip, eine höhere sich entfaltende Form dieser
-Natur ist.</p>
-
-<p>Auf jedem belebten Weltkörper werden Menschen erwachen und in
-diesen Menschen ein Funken Liebe und zugleich ein Wegstückchen
-Naturbeherrschung, — ein Stückchen Bändigung der Natur zu Zwecken der
-Liebe.</p>
-
-<p>Und in diesem ihrem Werk müssen die Funken wohl schließlich sogar
-zusammenfließen. Ist doch die Verbindung zuletzt eine reine Frage
-der Technik. Was sollen wir aber einer Technik für Schranken setzen,
-die sich Millionen von Jahre über das hinaus entfaltet, was wir
-heute besitzen. Zusammenhänge werden sich herausstellen zwischen den
-unzähligen kleinen Ecken und Winkeln der Naturbeherrschung.</p>
-
-<p>Im Moment, da alles Geschehen der Welt in den Händen, im Willen
-intelligenter Wesen liegt, alle Naturgesetzlichkeit nur in der Linie
-arbeitet, die dieser Wille will, — in dem Moment würde die zweite
-Stufe erfüllt sein. Naturgesetz und Liebe fielen zusammen im Sinne, daß
-das Naturgesetz nur mehr wirkte in der Richtung der Wünsche der Liebe.
-Seine unendlichen Möglichkeiten wären sozusagen polarisiert auf die
-eine Ebene — der Liebe.</p>
-
-<p>Für unsern Blick, in der Linie, die wir allein auf unserer Stufe
-denken können, bedeutete das die Stufe der vollkommenen Seligkeit: den
-Himmel. Wobei immerhin offen bleiben mag, wie auch diese Stufe von noch
-weiterer Entwickelung überwunden, überboten werden könnte.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Solange die Menschheit jetzt über sich nachdenkt und Ideen darüber
-schriftlich niedergelegt hat, ist sie immer auf diesen fernen
-Zielgedanken hinausgekommen einer gesetzmäßigen Welt,<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> aber mit
-einer obersten Leiterin in dieser Gesetzmäßigkeit: der Liebe. Die
-Gesetzmäßigkeit sorgend für die ewig Fortwirkung jeder Ursache. Aber
-die Liebe das erste „Daß“ setzend, von dem alle diese Fortwirkungen
-ausstrahlen.</p>
-
-<p>Unsagbar aber hat sich der Gedanke abgequält mit der Tatsache, daß
-offenbar dieses Ideal heute noch nicht erfüllt sei.</p>
-
-<p>Ungeheure Ketten solcher naturgesetzlichen Folgerichtigkeit liefen auf
-höchste Unlust, auf das Gegenteil aller Liebesforderung hinaus.</p>
-
-<p>Man stieß eben gegen den Sachverhalt, daß wir erst im <em class="gesperrt">Werden</em> der
-zweiten Stufe stehen, daß hinter uns nicht die Liebe, sondern die Stufe
-des wahllosen Muß steht, während erst vor uns, in der Ferne und durch
-uns in endlosester Projektion, die wahre Aufhebung dieses Muß in die
-Liebe steht.</p>
-
-<p>Schließlich hat aber auch an den verschiedensten Stellen das unentwegte
-Grübeln auf die Zukunftshoffnung geführt: auf die Idee einer Seligkeit
-in einer Ferne der Zeit, am „Ende der Dinge“, am „jüngsten Tag“, im
-„Nirwana“, und wie die Worte lauten mochten.</p>
-
-<p>Auch das ist der grübelnden Menschheit immer und immer wieder klar
-geworden: ihre seltsame Zwitterstellung halb scheinbar mit der „Natur“,
-halb gegen die „Natur“.</p>
-
-<p>Es waren die zwei Stufen der Natur, die in ihr rangen: die Raupe, die
-unter quälendem Schmerz sich selber als Puppe gebären soll.</p>
-
-<p>Abwechselnd fühlte der Mensch sich Herr der Natur und gefressen von
-der Natur. Heute liebend, geliebt, die Wunden heilend, die Beladenen
-aufrichtend, die Dinge regierend nach seiner Seligkeitssehnsucht, die
-alle gleich beglücken, verklären sollte. Morgen in Krankheit, die jäh
-aus seinem Innern fraß, vom Dämon besessen, unter Leichen hinstürzend,
-tausendfach im Bann völlig unverständlicher, unbeherrschbarer,
-unberechenbarer „Notwendigkeiten“, die einfach blind, gefühllos ihre
-Bahn abklapperten.</p>
-
-<p>Und der Bedrängte, Ratlose konstruierte in der Not einen ewigen
-Gegensatz der Dinge: hier das „Ich“, Liebe setzend,<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> einiges
-vollbringend, aber dann wieder ohnmächtig, — dort „die Natur“, die
-weltengroße kalte Muß-Maschine, die um der Konsequenz der heiligen
-Logik willen alle Gefühle und Sehnsuchten zermalmte.</p>
-
-<p>Auch hier war das Symptom erfaßt, — bloß der Sinn hinkte.</p>
-
-<p>Es kam die Antwort Hiobs, daß wir den Sinn der Welt nicht verstehen
-könnten, weil wir zu klein sind.</p>
-
-<p>Oder die furchtbare Antwort des Harfners bei Goethe:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Ihr führt ins Leben ihn hinein,</div>
- <div class="verse indent0">Ihr laßt den Armen schuldig werden,</div>
- <div class="verse indent0">Dann übergebt ihr ihn der Pein,</div>
- <div class="verse indent0">Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Dieser Vers malt unvergleichlich das reine „Muß“. War das das
-Weltprinzip nach wie vor? Der einzige Sinn der „himmlischen Mächte?“</p>
-
-<p>Was Wunder, wenn Prometheus sich dagegen auflehnte, das trotzige Ich,
-das, an den Felsen des „Muß“ geschmiedet, doch noch höhnt:</p>
-
-<p>„Ich kenne nichts Ärmeres als Euch Götter.“</p>
-
-<p>Prometheus hat eben tatsächlich etwas mehr als das Muß. Er hat die
-Forderung der Liebe.</p>
-
-<p>Aber der Kontrast ist nur der von älter und neuer.</p>
-
-<p>Das Alte ist eine unermeßlich große Masse, — das Neue ein paar
-Lichtpünktchen. Man denke an die paar Menschen, die um Liebe nach den
-Sternen blicken — und diesen Erdball unter ihnen, der kein Gesetz hat
-als das des „Muß“, wonach er jährlich 365 Mal um sich und einmal um
-die Sonne fällt. Aber gib dem Neuen die ganze Zukunft mit in Kauf und
-die Folge der Milliarden Generationen nach ihm, — und Prometheus wird
-Christus, er wird Newton, der den Mond schon fallen sieht wie einen
-Apfel, er wird der Erfinder, der mit elektrischen Wellen über Meere
-spricht und endlich: nicht er hängt mehr am Kaukasus, sondern dieser
-ganze Kaukasus wächst und zerfällt, je nachdem er es zu Zwecken seiner
-Liebe will, er, der Herr der Naturgesetze.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
-
-<p>Wie bisher über die Einzelheiten dieser Dinge gestritten worden ist, so
-wird auch noch weiter darüber gestritten werden müssen. Was ich aber
-meine, ist, daß diese Gedankengänge sich <em class="gesperrt">völlig vertragen</em> mit
-den Dingen, die der moderne Naturforscher lehrt.</p>
-
-<p>Nirgendwo steckt auch nur die geringste Konzession darin, die vom
-<em class="gesperrt">Naturforscher</em> verlangt würde.</p>
-
-<p>Es wird bloß darin Ernst gemacht mit dem, was gerade dieser Forscher
-verlangt und verlangen muß: daß nämlich der Mensch in seinem ganzen
-Umfange in die Natur aufgenommen werde. Dieser Mensch muß dabei
-bleiben, was er ist. Er wird nicht plötzlich <em class="gesperrt">bloß</em> Kraft und
-Stoff, oder <em class="gesperrt">nur</em> eine Mischung aus <span class="antiqua">H<sub>2</sub>O</span> und einigen
-anderen Elementen. Er bleibt Hiob und Prometheus und Christus und
-Faust, bleibt in der uralten brennenden Sehnsucht seiner Ideale, bleibt
-in seiner Weltverzweiflung und Welthoffnung und Weltüberwindung, bleibt
-in seiner Liebe.</p>
-
-<p>Von all diesen Dingen wird man doch wohl nicht glauben, daß der
-Naturforscher plötzlich daran rüttle?</p>
-
-<p>Er gerade ist doch der allerletzte, als Beobachter, der Phänomene
-scharf auseinander zu halten gelernt hat, — der einen Unterschied
-leugnen sollte zwischen einem Stein, der einfach nach dem
-Gravitationsgesetz fällt, oder einer insektenfressenden Pflanze, die
-unerbittlich ihr Opfer aussaugt, — und dann einem Menschen, in dem das
-schlichte christliche Gebot auferstanden ist, daß man mit den Armen das
-Brod teilen und seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst?</p>
-
-<p>Was der Naturforscher in erster Linie verlangt, ist, daß diese
-Unterschiede nicht durch Magie erklärt werden, sondern als natürliche
-Entwickelungen.</p>
-
-<p>Gerade das aber wollen ja jene Ideengänge, denen <em class="gesperrt">alle</em> jene
-Vorgänge nur Entwickelungsstufen einer und derselben Natur sind.</p>
-
-<p>Gerade der Naturforscher wird doch auch der letzte sein,
-der unabsehbare Zukunftsfernen dieser einmal angeschlagenen
-Entwickelungswellen leugnet. Von ihm stammt ja die erste<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> exakte
-Fassung des alten Glaubens, daß alles Geschehene für die Ewigkeit
-geschehen, in die Ewigkeit hinein geschrieben sei: er lehrt uns, daß
-die Kraft nie erlischt und daß der geringste Schlag im Äthermeer
-fortzittert durch alle Äonen hindurch in immer weiter sich zerteilenden
-Kreisen, — diesen wunderbaren Gedanken von der Unsterblichkeit
-der Wirkungen, auf dem Fechner seine ganze tiefsinnige Philosophie
-aufgebaut hat.</p>
-
-<p>Aus der Astronomie und nicht aus der Märchendichtung stammt unseren
-Tagen die Idee, daß gleiche Ursachen auch auf anderen Sternen zu
-gleichen Wirkungen, nämlich organischer Lebensentfaltung bis zu
-intelligenten Wesen hinauf, führen müssen.</p>
-
-<p>Aus unserer Technik, die in allen Zügen angewandte Naturwissenschaft
-ist, stammt die schlichte Folgerung, daß unserer Beherrschung des
-mechanischen Geschehens keine Grenze gesteckt sei. Dieses Mechanische
-hat in sich keinen Riß und das macht es zum kontinuierlichen Bande,
-das wir fort und fort weiter aufrollen, nachdem wir einmal fest Hand
-angelegt haben. Der größte Unsinn, den der Wilde sich ausdenken konnte,
-ist von unserer Technik schon erfüllt: daß wir durch Wände sehen
-könnten, daß wir den Blitz zu einem zahmen Haustier machen könnten, das
-uns die Stube erhellt, daß wir mit einer Wolke Stoff, die leichter als
-Luft ist, durch die Luft fliegen könnten, daß wir das Licht zwingen
-könnten, uns Rede zu stehen, wie es in der Glutatmosphäre der Sonne
-oder im Nebelfleck der Andromeda aussieht.</p>
-
-<p>Wie anders aber nimmt sich der Naturbegriff aus, wenn wir ihn von
-solchen Linien her fassen!</p>
-
-<p>Wie groß erscheint der Mensch darin: der Träger der Naturwende auf
-unserem Stern!</p>
-
-<p>Ausgelöscht ist das Minotaurusbild.</p>
-
-<p>Jener Kampf des Herzens gegen die eiserne Logik ist der große
-Höhenkampf der Natur selbst, der in uns ringt, — der zweite
-Schöpfungstag, der mit dem ersten streitet.</p>
-
-<p>Über das graue Nebelfeld zuckt ein optimistischer Strahl.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
-
-<p>In der Edda kommt ein furchtbares Schlußbild alles Weltgeschehens
-vor, zu furchtbar doch, als daß es selbst dort, wo Götter und Welten
-sterben, als endgültiger Abschluß gedacht würde. Himmel und Erde sind
-verbrannt und über die Stätte hat sich ein uferloses schwarzes Meer
-ergossen. Nichts mehr lebt darin. Nur ein gespenstischer Spielmann
-zieht darüber und nach dem einförmigen Takt seiner Melodie heben sich
-die Wellen unablässig herauf, um wieder zu sinken, — auf und ab, ein
-zweckloses Einerlei — und das in alle Ewigkeit.</p>
-
-<p>Auf ein solches grauenvolles Phantasiebild lenkt aber als
-Wirklichkeitsschluß der falsch angewendete Materiebegriff.</p>
-
-<p>Das Meer ist der abstrakte Stoff, der Spielmann mit seiner unendlichen
-Melodie ohne Wechsel die abstrakte Kraft. Und es ist hier nicht bloß
-ein Endbild, es ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alles in
-einem. Den Menschen mit seinen Hoffnungen und Idealen in dieses Meer
-hinabziehen, heißt ihn schon jetzt vernichten.</p>
-
-<p>Und doch ist nichts nötig, als die Natur-Definition nur auf eine etwas
-größere Fülle der Phänomene zu bauen statt auf eine solche einzige
-skeletthafte Abstraktion, — und dieses Meer des gespenstischen
-Spielmannes wird zu der blauen Welle, aus der in einer Lotosblume das
-Gotteskind Mensch erblüht, das Kind, in dem die Gott-Natur sich selber
-fortschreitend neu zur Welt bringt.</p>
-
-<p>Nur etwas mehr Mut braucht es in der Definition des gleichen Dings.</p>
-
-<p>Hat man diese große Linie aber einmal resolut erfaßt, so ist es leicht,
-in sie noch eine Menge einzelner Züge hineinzuzeichnen, die jetzt alle
-nach der optimistischen Seite weisen.</p>
-
-<p>Die Stufe der Liebe ersteht rein „natürlich“ aus der Urstufe des
-Gesetzes, sagte ich. Sie entwickelt sich in dem uns bekannten
-Weltausschnitt in der Phase, die allmählich zum Menschen hinleitet und
-endlich in diesem selbst gipfelt. Hier aber wird die Frage wichtig, ob
-dann nicht in der Stufe des reinen Gesetzes doch <em class="gesperrt">auch schon</em> ein
-optimistisches Prinzip erkennbar gewaltet haben müsse.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p>
-
-<p>Diese Frage berührt allerdings zunächst das unendlich schwierige
-teleologische Gebiet.</p>
-
-<p>Auch auf diesem Gebiete haben wir uns vorweg vor einem Irrtum zu
-hüten, der ebenso gefährlich werden kann wie der falsch verstandene
-Materie-Begriff.</p>
-
-<p>Wenn ich Ernst mache mit der Behauptung, es sei der ganze Mensch ein
-Stück Natur, so darf ich nicht sagen: es gibt in der Natur keine
-Zwecke. Der Mensch handelt nach Zwecken, und also handelt die Natur auf
-der Stufe Mensch nach Zwecken. In einer Generaldefinition der Natur
-muß der Satz stehen, daß sie jedenfalls unter bestimmten Verhältnissen
-bewußt zwecksetzend, also im ausgesprochensten Sinne teleologisch
-arbeitet. Der Sieg der Liebe, von intelligenten Wesen durchgefochten,
-wird auf alle Fälle erreicht werden mit den Mitteln solcher Teleologie.</p>
-
-<p>Andererseits bleibt aber ebenso wahr, daß lange Zeit hindurch nichts
-verhängnisvoller gewirkt hat, als das Hineindeuten von Zwecken in die
-reine Stufe des Muß.</p>
-
-<p>Es war wie ein Aufatmen für die Naturforschung, als aus diesem
-Teil der Natur das teleologische Prinzip zunächst einmal nach
-Möglichkeit herausgedrängt wurde zu Gunsten einer Betrachtung reiner
-Kausalzusammenhänge.</p>
-
-<p>Wenn ich mich überhaupt mit dem „Muß“ beschäftige, so muß dieses auch
-<em class="gesperrt">herrschen</em>.</p>
-
-<p>Jede Einmischung irgend welcher Art wäre Magie, und die zerstört das
-Fundament unserer anderen größten Errungenschaft: des Vertrauens in
-die absolute Naturlogik, in das ewige: „Gleiche Ursachen, gleiche
-Wirkungen.“</p>
-
-<p>Gleichwohl gibt es noch eine dritte Betrachtungsweise, die eben möglich
-wird, weil beide Gebiete doch <em class="gesperrt">natürlich</em> zusammenhängen.</p>
-
-<p>Das „Muß“, das „Gesetz“, hat den Menschen und die Liebe schließlich
-in der von ihm allein beherrschten Welt doch auch hervorgehen lassen.
-Es hat eine ungeheure Entwickelungskette erzeugt, die zu diesen
-Höhenphänomenen hinführte. Unter diesen Umständen fragen wir uns, ob
-nicht mit der ersten<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> Setzung dieses Muß wenigstens doch auch schon
-ein optimistisches Grundprinzip mit gesetzt war, das solche Blüten
-ermöglichte.</p>
-
-<p>Wohlverstanden: ich will auch jetzt keineswegs die geschlossene Kette
-des Naturgesetzlichen durchbrechen mit einer hineingeschmuggelten
-Zweckkreuzung, einem Finger aus Numero <span class="antiqua">x</span>, der die Kette beugt.</p>
-
-<p>Ich teile konsequent den Standpunkt Fechners, der immer und immer
-wieder seinen Hörern eingepaukt hat: alle Welt-Teleologie muß im
-Naturgesetz umschlossen sein, muß gesetzt sein, wenn sie besteht,
-<em class="gesperrt">durch</em> die Naturgesetze, nicht noch einmal neben oder hinter ihnen;
-wenn es einen Zweck im Fall des Steines gibt, so kann er einzig und
-allein erfüllt werden durch diesen in der mathematisch genauen Formel
-der Gravitation gegebenen Fall und nicht noch einmal extra; in diesem
-genauen Wortsinne gibt es keine Meta-Physik, das heißt: nichts noch
-einmal <em class="gesperrt">hinter</em> der Physik.</p>
-
-<p>Aber wenn das Weltmuß an einer Stelle des uns sichtbaren Bildes in
-eine optimistische Linie im Sinne eines Anlaufens auf wachsende
-Glückseligkeit einmündet, — werden wir nicht erwarten dürfen, daß
-in der ersten Setzung dieses Muß bereits als ein optimistisches Ziel
-irgendwie gegeben war? Mit andern Worten: steckt nicht schon ein
-optimistisch zu deutender Faden in der Stufe des Gesetzes?</p>
-
-<p>Ich glaube, daß wir ihn erkennen können. Er offenbart sich in dem
-eigentümlichen Zwange der Weltlogik, der <em class="gesperrt">das Harmonischere über das
-Disharmonische</em> rein mechanisch triumphieren läßt.</p>
-
-<p>Diese Logik hat noch gar nichts direkt zu tun mit Lust oder Schmerz.
-Sie trifft Sterne und Steine und Staubteilchen, man kann sie
-durchführen durch eine <em class="gesperrt">absolut mechanisch</em> gedachte Natur.</p>
-
-<p>Aber innerhalb dieses Mechanismus waltet sie als ganz bestimmtes
-Ordnungsprinzip. Sie siebt unablässig das regellose Auftauchen der
-Formen durch auf eine ganz bestimmte, fort und fort gesteigerte
-Ordnung, eine harmonische „Anpassung“ der Teile aneinander.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
-
-<p>Ihr Werk ist, daß die rein gesetzmäßige Natur nicht als ein unendlich
-buntes Phantasiestück, sondern bereits als ein „Kosmos“ erscheint.</p>
-
-<p>Es ist die Logik, die Empedokles als Weltordner pries und die in unsern
-Tagen Darwin als sein Prinzip der natürlichen Auslese der Passendsten
-im Organischen auf den Schild erhoben hat.</p>
-
-<p>Diesem Weltprinzip allein verdanken wir die Möglichkeit eines
-mindestens auf Jahrmilliarden stabilen Fixstern- und Planetensystems,
-die Grundbedingung also der uns bekannten organischen Entwickelung. Und
-diesem Prinzip verdanken wir zweifellos den Menschen selbst, der das
-Ideal geradezu einer prachtvollen Anpassungs-Auslese darstellt.</p>
-
-<p>Die gewöhnliche Antwort lautet allerdings, daß dieses Gesetz der
-Erhaltung des Passenderen doch ganz selbstverständlich sei.</p>
-
-<p>Ja, warum aber ist es selbstverständlich?</p>
-
-<p>Es ist selbstverständlich, erstens weil eine Logik, eine
-Gesetzmäßigkeit überhaupt in der Welt ist. In einer reinen
-Kuddelmuddelwelt wäre es gar nicht selbstverständlich. Es ist aber
-selbstverständlich zweitens noch, weil in dieser Weltlogik mit ihrer
-<em class="gesperrt">ersten Setzung</em> eine <em class="gesperrt">optimistische</em> Tendenz steckt, etwas
-was zu harmonischen, stabilen und immer harmonischeren, stabileren
-Verhältnissen in der Welt drängt.</p>
-
-<p>Auch dieser Gedankengang ist ein sehr schwieriger im Ausbau, den ein
-paar Sätze gewiß nicht erschöpfen können. Er berührt unter anderem
-ja die tiefste philosophische Kernfrage der ganzen Darwinschen Idee.
-Aber so viel, meine ich, leuchtet doch schon durch, daß auch er nur
-einen optimistischen Zug in das Gesamtbild fügen kann. Gleichzeitig
-umfaßt er aber wieder nur ein streng naturwissenschaftliches Gebiet.
-Läßt er sich doch sogar die extremste mechanistische Ausnutzung des
-Zuchtwahlprinzips im Gebiet des Lebendigen gefallen, die nur möglich
-ist, — ohne ein Titelchen seiner optimistischen Färbung dabei
-preiszugeben.</p>
-
-<p>Von den einzelnen Phänomenen der Anpassung aus läßt<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> sich dann wieder
-ein sehr klarer optimistischer Faden finden in der „Entwickelung“ der
-Dinge, wie sie uns unser Naturausschnitt geschichtlich weist.</p>
-
-<p>Immer, solange man in Linien dieser Geschichte etwas hineinschaut durch
-Astronomie, Geologie, Paläontologie, Anthropologie, hat ja der Gedanke
-frappiert, daß es da doch eigentlich im ganzen ständig emporgehe: —
-vom chaotischen Nebelfleck zum Sonnensystem, von der Glutkugel zur
-bewohnbaren Erde, vom einzelligen Urtier zum Menschen. Und im Menschen
-vom Mammutjäger zu Plato und Kopernikus und Goethe.</p>
-
-<p>Aber es gibt doch auch gegenteilige Meinungen, anknüpfend an die
-Kuddelmuddel-Definition einer völlig sinnlosen Natur.</p>
-
-<p>Da erscheint diese ganze angebliche Entwickelung der Erde bloß als
-der Degenerationsprozeß eines erkaltenden, verfallenden Planeten. Das
-ganze Leben ist bloß eine Verfallsanpassung, die mit fortschreitender
-Erkaltung auch des benachbarten Gestirns wieder verschwinden
-wird. Der physikalische Satz aus der Lehre von der Entropie wird
-herangezogen, wonach in einer endlich begrenzten Welt schließlich die
-Temperaturdifferenzen sich völlig ausgleichen müßten und damit jedwedes
-Weltgeschehen endgültig zum Stillstand käme. Die Anpassung wird gefaßt
-als etwas völlig zielloses, ein ganz beliebiges Jenachdem, in dem alles
-gleichwertig ist, was überhaupt da ist: heute der Bacillus, morgen der
-Wurm oder der blinde Olm oder der Mensch.</p>
-
-<p>Und doch steckt auch hier wieder gerade in der skeptischen Auffassung
-das eigentlich Gewaltsame, das Vergewaltigende den schlichten
-naturgeschichtlichen Tatsachen gegenüber.</p>
-
-<p>Die Skala der Entwickelung in dem uns gegebenen zeitlichen Weltstück
-einfach bloß auf das Thermometer hin zu definieren, ist genau so
-abstrakt einseitig wie jene Skelettierung des Naturbegriffes auf „Kraft
-und Stoff“.</p>
-
-<p>Ich lasse den Entropie-Satz dabei von vorne herein aus<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> dem Spiel, da
-er mit einer <em class="gesperrt">endlichen</em> Welt rechnet, für die natürlich alle
-Ideen von unendlicher Entwickelungsfolge fortfallen, die aber selber
-dafür auch völlig aus jedem Beweis fällt. Ich beschränke mich auf
-die engeren Tatsachen-Linien. Im Moment, da der Planet seine eigene
-Sonnenglut verliert, erwacht nach gangbarer naturwissenschaftlicher
-Annahme auf ihm die wunderbare Stufe des uns bekannten organischen
-Lebens, wahrscheinlich zuerst in jener Bakterienform, die mit ihrer
-gewaltigen Fähigkeit, hohe Temperaturen zu ertragen wie schaurig tiefe,
-noch das Kennzeichen einer weiteren, umfassenderen kosmischen Anpassung
-verrät. Für die engeren Erdverhältnisse richtet sich dann dieses
-Leben mehr und mehr ein, aber keineswegs im Sinne einer bloß passiven
-Anpassung.</p>
-
-<p>Immer deutlicher heben sich die Versuche heraus, durch sinnvolle
-Ausbildung herrschend zu werden auf der Erde.</p>
-
-<p>Zuerst erscheint das zerteilt über ganze Gruppen von Pflanzen und
-Tieren, die mit Hilfe hier dieser, dort jener Leibesorgane bestimmte
-Gebiete erobern: das Wasser, die Erde, die Luft, andere Wesen, Licht
-und Finsternis, Hochgebirge und Tiefsee, Wärme und Kälte. Wir sehen
-solche zersplitterten Anpassungskreise, doch schon von gemeinsamem
-Stamm, bei den Insekten; dann wieder den Reptilien; die wieder werden
-vom Typus des Säugetiers überboten. Gleichzeitig aber vollzieht sich
-ein wunderbares Zweites. Neben die zersplitterten Anpassungsversuche
-ganzer Gruppen, in denen jede eine Möglichkeit starr vertritt, stellt
-sich ein Bestreben, zahlreichste Möglichkeiten auf eine Form, eine
-Art zu vereinigen, eine Art zu konstruieren, die auf jede Bedingung
-der Erde zweckmäßig reagiert. Diese Art in ihrer Vollendung muß
-Erdherrscher im absoluten Sinne werden. Wir wissen, welche es ist: der
-Mensch.</p>
-
-<p>Dieser Mensch ist nicht wieder eine Anpassung neben vielen wie der
-Käfer, wie der Olm, wie der Vogel. Er ist die absolute, die erfüllende,
-sämtliche Einzelversuche zusammenfassende Anpassung der Erde. Es wird
-ihm ermöglicht durch sein Gehirn, das im Werkzeug eine höhere, neue,
-überbietende Stufe des Organs schafft. Mit diesem Gehirn und Werkzeug<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>
-wird der Mensch <em class="gesperrt">Erdbeherrscher</em>. Die Erde geht auf in ihn. Seine
-Erde ist sie fortan. Ein Stück seiner Maschinen, ein Knochengerüst
-seines Werkzeugkörpers.</p>
-
-<p>An jener einseitigen Thermometer-Skala gemessen fällt das
-Aufwachsen des Kultur-Menschen in eine Zeit schon vorgeschrittener
-Erkaltungssymptome der Erde, — mag er auch noch so früh in der
-Tertiär-Zeit <em class="gesperrt">entstanden</em> sein, so fällt doch sein erster
-<em class="gesperrt">höherer</em> Kulturanstieg, den wir kennen, zusammen gradezu mit der
-nachtertiären Eiszeit, — also auf alle Fälle einem gewaltigen Symptom
-jener angeblichen Planetendegeneration. Man sollte meinen, diese
-Erdperiode müßte auch die ersten sichtbaren Verfallszeichen des Lebens
-einleiten. Statt dessen erfindet jetzt gerade der Mensch die künstliche
-Feuererzeugung: der erste Schritt zu der Enträtselung und Beherrschung
-der Wärme überhaupt als Naturkraft.</p>
-
-<p>Und nun dieser Mensch (um in den Gedankengang von oben wieder
-einzulenken) — dieser Mensch ist es, der sich zu der Stufe der
-Liebe erhebt, dieser Mensch wird Christus! Mindestens scheint das
-Intellektuelle ein ganz anderes Tempo seiner Bahn einzuhalten als die
-Thermometer-Skala als Absolutwert erwarten läßt.</p>
-
-<p>Wir haben, um es immer wieder zu sagen, nur die eine einzige Naturlinie
-bis hierher zur Schau, nur dieses eine Paradigma und Beispiel der uns
-bekannten Erdentwickelung.</p>
-
-<p>Aber wer will vor diesem einen Beispiel wirklich leugnen, daß es
-in allen seinen Zügen geradezu schreit nach einer optimistischen
-Deutung, die diese Liebe als das sichtbare Ziel faßt und die
-Naturbeherrschung und alles, was zu ihr führte, samt allen Anpassungen,
-Planetenwandlungen und so weiter, als das Mittel?</p>
-
-<p>Wenn sich irgendwo ein reiner Kausalzusammenhang, aufgedeckt von
-nüchternen Naturforschern, die jede teleologische Betrachtungsweise
-sorgsam vermieden wie den bösen Feind, im Ganzen gedeckt hat mit
-diesem Endsinn, so ist es diese Entwickelung vom Nebelfleck bis auf
-den Menschen, der die Naturkräfte eine nach der andern in seine Hand
-bringt, um auf<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> ihren Schultern ein Reich der verfeinerten Kultur, der
-idealen Menschlichkeit, der Liebe zu gründen.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>So wanderten meine Gedanken in der stillen Stunde in dem alten
-blumenweißen Gletscherbett, während die Tropfen in den schattenkühlen
-Felsschrunden leise von dem letzten schmelzenden Schnee fielen.</p>
-
-<p>Ich dachte an die Folgen der Jahrtausende, da Tropfen, klein wie
-diese, das ganze Gebirge abtragen würden. Und das hatte die Menschheit
-vor sich, — Zeiten, in denen Gebirge schwanden und neu wurden durch
-Tropfen, die ein Sandteilchen herabschwemmen und anderswo wieder
-antragen....</p>
-
-<p>Ich dachte an die lieblichen Blütensterne dieser Anemonen — und wie
-viel sonst noch in eine echte Natur-Definition einginge.</p>
-
-<p>Auch ein rhythmisches Kunstprinzip muß in dieser Natur stecken, das
-unten diese Blume gebaut hat und oben im Menschen als Raffael und
-Goethe und Beethoven herausgeblüht ist.</p>
-
-<p>Und aus dieser Natur sollte sich nicht doch ein beglückendes,
-erlösendes Evangelium herauslesen lassen, — nun wir doch einmal jetzt
-endgültig ihr angehören durch Forschungsresultate, die keiner mehr
-umwerfen kann?</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Abendstunde_daheim">(Friedrichshagen.
-Abendstunde daheim.)</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die stille Lampe leuchtet über allerlei bunte Farben. Ein blasses Grün,
-ein grelles Orangegelb.</p>
-
-<p>Buchumschläge sind’s. Bücher haben sich angehäuft, während ich im
-Gebirge war, neue Bücher, eine ganze Schicht. Unheimlich schnell mahlt
-sie, diese große Geistesmühle der Menschheit. Ein paar Monate will man
-allein sein, mit Felsen, Bäumen, Tieren. Man schaut auf vom Traum und
-das Zimmer ist voll gemahlen von der Rastlosen, — wie<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Max und Moritz
-steckt man halb im frischen Korn. Alles riecht nach Korn.</p>
-
-<p>Ich blättere. Darwinistisches, Antidarwinistisches. Das letztere
-kommt jetzt immer in einer gewissen Prozentziffer. Geht der Strom
-wirklich von hier fort? Sind wir so rasch fertig mit dem neunzehnten
-Jahrhundert? Mit der Idee schon, die es für seine größte hielt?</p>
-
-<p>Ich muß an ein Gespräch denken, droben in den Bergen, während Rübezahl
-seine Wolken warf.</p>
-
-<p>Wir unterhielten uns von den großen Problemen unserer Zeit. Mein Freund
-war ein geistvoller, außergewöhnlich kenntnisreicher, echt moderner
-Mensch. In allen Hauptpunkten waren wir einig über den Fortschritt,
-über den Kampf gegen das Veraltete, Absterbende, über den notwendigen
-Sieg der Aufklärung und das Wachstum freiheitlicher Ideen überall.</p>
-
-<p>„Aber die Haupt-Störenfriede, die alles hemmen,“ sagte er schließlich,
-„sind doch der Marx und der Darwin.“</p>
-
-<p>Ich wußte, was er an Marx auszusetzen hatte. Wissenschaftliche Details,
-wissenschaftlich diskutierbar, jedenfalls auf ernsten Fachstudien
-bei ihm beruhend. Ziemlich ebenso war es bei Darwin. Er war auch da
-Fachmann und seine eigentliche Kritik setzte wenigstens bei diskutabeln
-zoologischen und botanischen Einzelheiten ein.</p>
-
-<p>Aber seit langem polemisierte er so auch allgemein gegen die beiden.
-In seinem Kopfe hatten sich die Dinge allmählich so zurecht gestellt,
-daß er an diese Namen wie an Symbole dachte für das Äußerste, was
-ihm überhaupt befehdenswert schien. Er brachte sie auch jetzt vor,
-daß ein unbefangener Zuhörer, der beider Werk nicht genauer kannte,
-sie als Trumpf auf unser vorhergehendes Gespräch auffassen mußte,
-— als verkörpere sich in Marx heute etwa alle Unterdrückung,
-soziale Unfreiheit, starre Reaktion gegenüber jedem Versuch sozialen
-Fortschritts; und als sei Darwin der Typus des Obskurantentums, der
-geistigen Vergewaltigung und Rückschrittlerei auf dem Gebiete der
-Weltanschauung.</p>
-
-<p>Lassen wir Marx hier auf sich beruhen und bleiben bei<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Darwin. Leute,
-die, vor die Wahl gestellt, unbedingt für freie Ideen etwa gegenüber
-dem Kirchendogma eintreten würden, hauen in einer Weise neuerdings auf
-den Darwinismus los, als sei er plötzlich der böse Dämon.</p>
-
-<p>Aus der Fachliteratur läuft das dann in die Menge. Bei halben und
-flachen Geistern wird der Ton „Mode“, weil er wenigstens Abwechslung
-bietet. Die wirklich finstern Kreise aber freuen sich, daß ein
-gefährlicher Name plötzlich preisgegeben ist und sie ziehen, selber mit
-unverkennbarer Logik, ihren Vorteil davon.</p>
-
-<p>Ich bin in den letzten Jahren auch in guten, aber nicht
-naturwissenschaftlichen Schriften mehr und mehr einer Stimmung des
-Zweifels, der Unsicherheit gegenüber den Darwinschen Ideen begegnet.
-Man weiß nicht recht, wo selber angreifen, aber es kommt wie ein vages
-Echo: im Fache selbst sieht man ja schon wieder über die Sache hinaus.
-Der eine oder andere „Professor“ wird genannt, der bereits offen den
-„Zusammenbruch des Darwinismus“ lehre. Schwerwiegende neue „Tatsachen“
-werden natürlich dahinter vom Laien vorausgesetzt, — Tatsachen, die
-Darwins Behauptungen widerlegt oder die sie doch nicht gestützt hätten.</p>
-
-<p>Dabei ist es merkwürdig: der Verdacht scheint sich meist auf das
-eigentliche Wort „Darwinismus“ zu konzentrieren, das Wort in
-Anführungszeichen.</p>
-
-<p>Der große Entwickelungsgedanke lebt, auch ohne Schlagwort, als das
-Lebendigste der ganzen Zeit in uns allen, beherrscht unser ganzes
-Denken und Handeln.</p>
-
-<p>Jener Mann, der in Darwin den Hemmschuh sah, war praktisch ein wahrer
-Entwickelungsfanatiker.</p>
-
-<p>So scheint es fast, als löse sich nachträglich bloß ein Wort, das
-Jahrzehnte hindurch die Bewegung gekennzeichnet, wieder von ihr
-ab. Das Wort ist aber gleichzeitig so mit ihr verquickt, daß der
-Mißverständnisse kein Ende werden will.</p>
-
-<p>Ist es wirklich möglich, heute „Darwin“ wieder aus der großen
-Entwickelungs-Richtung in unserem Geistesleben herauszuwerfen,<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> —
-wegen irgend welcher subjektiven Begleitumstände, irgend welcher
-naturwissenschaftlichen Fach-Einwürfe?</p>
-
-<p>Oder äußert sich unter der Hülle des Kampfes gegen den „Darwinismus“
-am Ende doch eine beginnende Abschwenkung von dieser ganzen
-Entwickelungs-Richtung, über die sich bloß manche neueren
-Darwin-Angreifer selber in der Tragweite noch nicht klar sind?</p>
-
-<p>Ich gestehe, daß ich in dem ganzen Auftauchen und Weiterverbreiten
-solcher Zweifelfragen schon etwas Mißverständliches sehe.</p>
-
-<p>Es ist richtig, daß im engeren Fachgebäude des sogenannten Darwinismus
-gegenwärtig wieder einmal besonders lebhafte Kämpfe stattfinden. Diese
-Kämpfe sind überaus fruchtbar und segensreich, soweit sie gewisse
-allgemeine Gesichtspunkte nicht ganz verlieren und soweit persönliche
-Gehässigkeiten herausbleiben. Aber gerade diese echten Kämpfe sind
-in jeder Faser etwas total anderes, als der Laie, Freund wie Feind,
-dahinter zu suchen beginnt.</p>
-
-<p>Der Darwinismus mit diesem seinem Namen ist heute genau 44 Jahre alt,
-datiert vom Erscheinen des „<span class="antiqua">Origin of species</span>“ von Charles
-Darwin im November 1859.</p>
-
-<p>Wenn Darwin noch lebend unter uns weilte, so würde er ganz zweifellos
-der <em class="gesperrt">erste</em> sein, der jenen heute fortbrennenden Fach-Zwist
-mit Freuden, ja mit Genugtuung begrüßte. Er würde in ihm nichts
-anderes finden als sein eigenes Entwickelungsprinzip, das unablässig
-weiterwaltet, — das sich jetzt auf einen Fels rettet als die endlich
-erreichte Feste, — und das morgen diesen Fels selber anbohrt, um
-abermals weiter zu kommen.</p>
-
-<p>Darwin hatte in eigner Bahn die volle Wucht gefühlt, was es hieß,
-einen Ideengang umwerfen. Er hatte sich zuerst von der Theologie
-freigemacht, immerhin das noch ohne allzuviel Nöte. Dann war er in die
-strenge Wissenschaft gekommen, als halber Dilettant zunächst. Seine
-ganze Sorge war, sich nur überhaupt als berechtigt zur Fachforschung
-zu erweisen. Inmitten dieses Strebens aber geht ihm auf, daß<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> ein
-allgemein angenommener Lehrsatz dieser Wissenschaft, der Satz von der
-Unveränderlichkeit der Tier- und Pflanzenarten, <em class="gesperrt">falsch</em> sei.</p>
-
-<p>Immer ist es ihm als etwas Ungeheures erschienen, daß er gerade berufen
-sein sollte, so verwegen den Revolutionär zu spielen.</p>
-
-<p>Sein endloses Zögern, das seinen Ruhm bedroht hat, vielleicht zum teil
-selbst seine physische Krankheit hingen damit zusammen.</p>
-
-<p>Doch er wagt es, muß es als ehrlicher Mann wagen, und er bricht
-durch. Er erlebt mit einem gewissen Grauen, daß ein einzelner den
-Kampf aufnehmen kann mit einer ganzen, über lange Jahrhunderte
-heraufkommenden Wissenschaft und daß er <em class="gesperrt">siegen</em> kann.</p>
-
-<p>Nie hat er das vergessen. In allem Triumph seiner Lehre, wo mancher
-vom Weihrauch erstickt wäre, schaut er beständig sich nach dem Manne
-um, der nun <em class="gesperrt">ihn</em> wieder umwerfen wird. Er rechnete mit der
-Wissenschaft, die er an einer Stauungsstelle entfesselt hatte, und die
-ihn dafür verschlang, indem sie auch über seinen Fleck strömte.</p>
-
-<p>Buchstäblich hat er die ganzen Jahre seines rauschenden Erfolges
-gegrübelt, wo er sich <em class="gesperrt">geirrt</em> haben könnte. Hinter den späteren
-Auflagen der „Entstehung der Arten“ glaubt man einen Menschen zu sehen,
-der beständig aus dem Schlaf aufschreckt mit dem Gedanken: „Ich habe
-etwas vergessen.“</p>
-
-<p>Wenn ich mir heute den Alten von Down denken soll, wie er in irgend
-eine zoologische Sektion tritt, zwischen einen Kreis junger,
-leidenschaftlich schimpfender Entwickelungs-Mechaniker, er könnte nur
-mit den Worten kommen: „Na endlich, Kinder, seid ihr endlich drauf, wo
-die Sache hapert!“</p>
-
-<p>Ob er freilich grade diese Einwürfe anerkennen würde, wäre ja eine
-andere Frage. Sicherlich aber würde er eins vorweg betonen.</p>
-
-<p>Wenn ich in den Kampf der Meinungen heute offen hinaustrete — hinaus
-aus der Studierstube in die große ringende Welt — so finde ich zwei
-Dinge im Streit, im unversöhnlichen<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Streit. Zwei Weltanschauungen
-mögen wir sie nennen. Man könnte ziemlich ebenso gut auch sagen: zwei
-Geschichtsepochen, die heute beide nebeneinander (noch und schon)
-Vertreter haben.</p>
-
-<p>Nach der einen Ansicht ist die Welt ein Ding unter einer Käseglocke.
-Jenseits der Glocke schaltet und waltet etwas absolut anderes. Es
-holt heraus, stellt hinein, macht was es will. Drunten rechnen sie,
-inventarisieren sie. Droben wird nicht gerechnet und aus dem Droben
-kommt, in das Droben geht ein unbegrenzter loser Inventarbestand.
-Wenn das „Droben“ will, so rauscht von der Glocke der Wind, rinnt
-der Regen. Und jeder Windstoß, jeder Regentropfen kommt eigentlich
-als „Wunder“. Das Droben setzt Tiere herunter, heute Trilobiten,
-morgen Ichthyosaurier, übermorgen Menschen. Und zu den Menschen
-übermenschliche Wesen noch wieder von jenseits der Glocke. Alles als
-unberechenbares Wunder. In der Existenz der Glocke steckt ein ewiger
-Riß, eine immer erneute Unfaßbarkeit, ein Hin und Her, das uns Menschen
-keine andere Rolle finden läßt, als die Hände in den Schoß legen und
-resigniert abwarten, was kommt.</p>
-
-<p>Dem gegenüber steht ebenso schlicht die Anschauung, daß es keine
-Käseglocke gibt. Daß alles eins ist im Sinne des Ur-Zusammenhangs. Das
-Drüben, das die Schäfchen und die Bäumchen setzt, sind diese Schäfchen
-und Bäumchen selbst, es ist nicht noch einmal besonders da. Wir selbst
-sind wir selbst. Alle Dinge der Natur, der Welt, sind da bloß als
-Ausfluß von Eigenschaften dieser Natur.</p>
-
-<p>Nun blicken diese beiden Ansichten in die Geschichte zurück.</p>
-
-<p>Die eine sieht da dieselbe Willkür. Eingriffe von jenseits der Glocke.
-Unberechenbare. Was ist ihr überhaupt die Gewähr des Geschichtlichen?
-Jene Übermacht ohne Raum und Zeit könnte auch rückwärts ja noch einmal
-hineingreifen.</p>
-
-<p>Die andere aber gerät unabänderlich auf den Begriff natürlicher
-Entwickelung. Weil es überhaupt eine Geschichte, eine Zeitenfolge
-gibt, die eins an Stelle des andern zeigt; und weil es ihr nichts
-gibt als die Dinge selbst; so folgt ihr<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> einfach Wandel dieser
-Dinge: Entwickelung. Hier steht etwas. Morgen etwas anderes. Aus der
-Versenkung ist nichts gekommen. Folglich hat das eine sich entwickelt
-zum andern. Zu den Eigenschaften der Natur gehört auch Werden,
-Verwandlung, Entwickelung. Und die Geschichte ist das Reich dieser
-Eigenschaft.</p>
-
-<p>Nun denn: in den Kampf dieser beiden Grund-Meinungs-Verschiedenheiten
-greift auch nicht <em class="gesperrt">eine einzige</em> jener „neuen“ Tatsachen oder
-Ideen ein, die heute den Mittelpunkt der <em class="gesperrt">Fachkämpfe um den
-Darwinismus</em> bilden.</p>
-
-<p>Ob die Zuchtwahl-Theorie richtig ist. Ob ältere Lamarcksche Ansichten
-besser sind als die neueren Darwinschen. Ob es eine Vererbung
-erworbener Eigenschaften gibt. Was Vererbung ist. Wie die ersten
-Varianten entstehen, aus denen der Kampf ums Dasein nach Darwin
-ausliest. Ob neue Arten entstehen aus den einfachen Variationen oder
-(im Sinne von de Vries) aus plötzlichen Mutationen. Ob die bisher
-aufgestellten Entwickelungsgesetze der organischen Welt sämtlich
-falsch sind. Ob alle bisher entworfenen Stammbäume verkehrt sind. Ob
-der Haeckelsche Zusammenhang von Ontogenie und Phylogenie stimmt oder
-nicht. Ob selbst die Methoden, mit denen man bisher solche Gesetze,
-solche Stammbäume gesucht, alle grundirrig sind. Ob es ganz neuer
-experimenteller Wege bedarf, um nur erst einmal das Anfangsmaterial
-dazu notdürftig zu erlangen. Ob wir seit und mit Darwin in einem
-Überschwang von geistreichen Konstruktionen geschwelgt oder ob wir, wie
-andere meinen, in dürrer Heide uns im Kreise herumgetrieben und das
-Nächstnötige noch gar nicht gesehen haben. Ob es in der einheitlichen
-Natur als Grundeigenschaften dieser Natur noch zweitausend verschiedene
-Entwickelungsgründe, Entwickelungsgesetze, direkte oder indirekte Wege
-der Umwandlung gibt, von denen die ganze Darwinsche Richtung keine
-Ahnung besessen hat. Und so weiter. Das alles und noch ungezähltes
-mehr, das jüngere, besonders höfliche Kritiker heute gelegentlich
-veranlaßt hat, Darwin einen Tropf zu nennen und alle seine Schüler
-in Haeckel’s Richtung<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> samt diesem unwissenschaftliche Stümper,
-<em class="gesperrt">hinter</em> die die ganze Entwickelungsforschung erst wieder
-zurückgehen müsse, wenn je etwas aus ihr werden solle, — — das alles
-miteinander hat nämlich <em class="gesperrt">auch nicht</em> die <em class="gesperrt">leiseste</em> Beziehung
-zu jenem General-Zwist der beiden <em class="gesperrt">Weltanschauungen</em>.</p>
-
-<p>Es kann sie nicht haben, denn dieser Zwist ist viel älter als Darwin,
-er ist weder entfacht noch beendet durch Darwin, er ist viel größer,
-viel umfassender, viel tiefer als Darwin.</p>
-
-<p>Und in ihm haben noch ganz andere Leute mitzureden als bloß
-naturwissenschaftliche Spezial-Forscher.</p>
-
-<p>Im neunten Bande der großen Weimarer Goethe-Ausgabe (S. 268–79) steht
-ein loser Entwurf, ein „Schema“, von Goethes Hand, mutmaßlich von 1806.</p>
-
-<p>Er gibt die Grundzüge einer Kosmogonie auf Grund natürlicher
-Entwickelung, oder wenigstens des ersten Kapitels einer solchen.
-Die Erde erscheint zuerst als Stern. „Als ein Wandelstern. Die
-neuen Erfahrungen zeigen das Universum selbst nicht als fertig. Die
-Nebelsterne sieht man als Massen werdender Welten an. Ja den Jupiter
-als nicht erstarrt. Die Kometen, die man ehemals als Weltenzerstörer
-ansah, betrachtet man als werdende Erdkörper.“ So geht das weiter. Die
-Erde erstarrt. Die Urwasser schlagen sich nieder. „Sinken des Wassers.
-Hervortreten des Soliden. Gebirge im Kreuz.“ Der Granit erscheint
-als das frühste Gebirge. Überall ist „eine genetische Betrachtung
-wünschenswert.“ „Alles was wir entstanden sehen und eine Succession
-dabei gewahr werden, davon verlangen wir dieses successive Werden
-einzusehen. So wie die wahre Geschichte überhaupt nicht das Geschehene
-aufzählt; sondern <em class="gesperrt">wie sich das Geschehene auseinander entwickelt und
-darstellt</em>.“</p>
-
-<p>Goethe verwarf die Katastrophen in der Erdgeschichte, weil sie ihm
-nicht genug Entwickelung enthielten. Er predigte die Lehren Lyells
-lange vor Lyell; er begrüßte Lyells großen deutschen Vorgänger, Hoff,
-als einen, der endlich in seine (Goethes) Bahn einlenke.</p>
-
-<p>Man fragt sich, wie jener Entwurf, der leider beim Gestein<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> abbricht,
-ohne je ausgeführt zu werden, ins Organische hinein hätte weiter gehen
-können. Und es ist nur selbstverständlich, daß er auch da Entwickelung
-annahm. Goethe hat ja an anderen Orten seine Ansichten auch darüber
-klar genug ans Licht gestellt. Inwiefern seine engeren Ideen über
-den Weg dieser Entwickelung von der späteren Darwins abwichen, ist
-dabei sehr belanglos. Er dachte sich wohl, daß gewisse Grundtypen
-des Lebendigen naturgesetzlich bestimmt zu ihrer Zeit auf der Erde
-anschießen wie Krystalle. Die äußeren Umstände, das Milieu, die
-Lebensweise modelten dann im Einzelnen während des Werdens an der
-Reinheit dieser Krystallformen, bis das unendlich wechselvolle Spiel
-der heutigen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten entstand. Man kann
-sich bei dieser Auffassung über die Gesetze streiten, nach denen der
-Typus sich bildet. Aber man kann sich ja auch in der Mineralogie über
-die Gesetze streiten, die dort die anorganischen Krystalle bilden, und
-heute noch weiß keiner da Rat.</p>
-
-<p>Das Wesentliche bleibt, daß beides innerhalb der Natur gedacht wird.
-Jenes ganze Weltbild, zu dem Darwin nur ein letztes Stiftchen hinzutun
-konnte, war unzweifelhaft in Goethes Tagen schon vollkräftig da.</p>
-
-<p>Wie sollte es nicht.</p>
-
-<p>Wenn man das übernatürliche Eingreifen von jenseits der Käseglocke auch
-nur auf einen Moment vergißt, so werden Entwickelungstatsachen auch dem
-schlichtesten Sinn sofort übermächtig.</p>
-
-<p>Unser eigenes Leben unterliegt der Entwickelung; zwischen Kind und
-Mann, Mann und Greis liegt nicht ein göttlicher Wunderakt, sondern eine
-kontinuierliche Folge.</p>
-
-<p>Wie unsagbar einfach ist die Lehre der Geschichte. Ist der heutige
-Franzose aus dem alten Gallier entstanden durch glatte Entwickelung
-oder trennt die beiden ein mystisches Wunder? Sind die romanischen
-Sprachen, ist das heutige Schriftdeutsch nicht kontrollierbar
-„natürlich“ durch Entwickelung herauf gekommen? Zu solchen
-Gedankengängen ist kein Darwin erst nötig gewesen. Man kann die ganze
-Ideenunterlage zum<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> „Darwinismus“ in diesem Sinne aus Goethes „Wahrheit
-und Dichtung“ oder aus Schlossers Weltgeschichte lernen, ohne den
-„<span class="antiqua">Origin of species</span>“ je gesehen zu haben.</p>
-
-<p>Aber Bücher sind überhaupt nicht dazu nötig.</p>
-
-<p>Wie oft bin ich gefragt worden, ob mich nicht manchmal ein Bangen
-anwandle, wenn ich mir sagen müßte, auf was für verwickeltem,
-spitzfindigem, haarspalterischem biologischen Material meine
-„darwinistische“ Weltanschauung im Grunde beruhe. Wenn nun ein Stäbchen
-wankt, hieß es, eins von den ganz zerbrechlich dünnen der biologischen
-Fachforschung, irgend so ein Sätzchen aus der Zellenlehre, ein
-statistisches Zifferchen über Variieren der Arten, ein Müschelchen
-oder Zähnchen der Paläontologie? Und das immer als Stoß in der
-Weltanschauung zu fühlen, im Heiligsten, das man für sich selbst,
-über sich selbst hat! Jeden Morgen zittern, wenn der Briefbote kommt
-und eine grüne oder blaue Broschüre bringt: ob da nicht der ganze
-„Darwinismus“ doch jetzt den Gnadenstoß hat durch ein Knöchelchen in
-einer verkehrten Erdschicht, oder eine neueste Superklugheit über den
-Zellkern, oder einen Froschembryo, der zwischen zwei quetschenden
-Glasplatten aufgezogen ist, — zittern um den Zusammenbruch der ganzen
-Weltauffassung!</p>
-
-<p>Und wie oft habe ich diesem wohlmeinenden Bedauern lachend entgegnen
-müssen, daß meine Welt- und Lebensanschauung über Entwickelung im
-Gegensatz zum Wundereingriff gar nicht aus dem „Darwinismus“ in diesem
-Sinne stamme, also auch nicht mit ihm fallen könne, — zugestanden
-selbst einmal (wozu nicht der geringste Anlaß ist), der ganze
-Darwinismus fiele heute oder morgen durch eine solche Einzelheit.</p>
-
-<p>Der Entwickelungsbegriff, auf dem ich nicht meine biologischen
-Spezialüberzeugungen, sondern meine Weltanschauung aufbaue, fließt mir
-aus der persönlichen Erfahrung meines ganzen Lebens zu, <em class="gesperrt">nicht aus
-Büchern</em>.</p>
-
-<p>Als ich ein Kind war, habe ich gelernt, daß die weiße Blüte, die über
-Nacht an den Birnbaum im Garten gekommen war, nicht durch ein Wunder
-vom Himmel gefallen war, sondern sich aus der Knospe entfaltet hatte.
-Ich habe gelernt,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> daß die Suppe nicht per Wunder aus einer mystischen
-Versenkung kam, sondern aus dem Kochtopf, wo sie sich aus bestimmten
-Substanzen unter bestimmten Bedingungen vor meinen Augen entwickelte.</p>
-
-<p>Als ich älter wurde, bildete das ganze Leben nur eine einzige
-fortgesetzte Weitererziehung nach dieser Seite.</p>
-
-<p>Ich saß im Hörsaal und hörte griechische Geschichte vortragen.
-Ich hätte die Gesichter der Studenten sehen mögen, wenn unser
-scharfsinniger Dozent bei der Darstellung des „Peloponnesischen
-Krieges aus den Quellen“ plötzlich hätte den klaren Verlauf der Dinge
-durchbrechen wollen mit dem Satz: die Armeen in dieser Schlacht, die
-Verteidigungsmauern dieser Stadt, die Kasse, die diese Mittel lieferte,
-stammten nicht aus den und den gegebenen Verhältnissen, sondern
-sie waren plötzlich per Wunder da. Gegen diesen Dozenten wäre eine
-Disziplinaruntersuchung eingesetzt worden, die ihn schleunigst seines
-Amtes enthoben hätte.</p>
-
-<p>Ich wohnte einer Gerichtsverhandlung bei und hörte die Rede des
-Staatsanwalts. Gibt es eine blasseste Möglichkeit auch nur, sich
-auszudenken, daß ein Staatsanwalt in der logischen Entwickelungskette
-eines Indizienbeweises vor einer Mordtat irgendwo das „Wunder“
-einführen sollte anstatt einer ursächlichen Begründung aus den
-Verhältnissen und dem Zusammenhang?</p>
-
-<p>Es ist einfach jede Minute und jede Regung meines Lebens, es ist mein
-ganzes Ich als objektive Erfahrung aus so und so viel Jahren, was ich
-in die Wagschale lege, wenn ich mich für eine natürlich-einheitliche
-Weltanschauung und einen natürlichen Entwickelungsbegriff entscheide,
-— nicht ein Paragraph oder eine Figur aus einem modernen biologischen
-Lehrbuch.</p>
-
-<p>Gewiß, auch mein ganzes Wissen steckt darin und dabei
-selbstverständlich auch mein ganzes Naturwissen. Aber es ist nicht das
-Erste, sondern erst das Sekundäre jenseits der unmittelbar eingepaukten
-Lebenserfahrung.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
-
-<p>Und es ist wieder in diesem Naturwissen zunächst noch lange nicht
-Darwin oder irgend etwas mit seinem Gebiet auch nur Zusammenhängendes
-der engere Fels, auf den ich das <em class="gesperrt">Stück</em> meiner Weltanschauung
-baue, das speziell zur Naturforschung gehört. (Ein armer Kopf, der
-seine Weltanschauung <em class="gesperrt">bloß</em> auf „Naturwissenschaft“ im Fachsinne
-bauen wollte!) Lange vor Darwin, Jahrhunderte vor Darwin, hat aber auch
-die Naturforschung den Begriff geschaffen, der allerdings ein Pfeiler
-jeder einheitlichen Weltanschauung ohne Wunderbegriff sein muß: den
-Begriff der <em class="gesperrt">Naturgesetzlichkeit</em>.</p>
-
-<p>Das simpelste Experiment gelingt nicht ohne ihn, die alltäglichste
-wissenschaftliche Rechnung bis in ein so banales Ding wie das Benutzen
-einer Uhr hinein ist ein Kinderspott ohne ihn.</p>
-
-<p>Er ist gewissermaßen die exakte naturwissenschaftliche Formel für jenes
-große Massenbild unserer Lebenserfahrungen.</p>
-
-<p>Die stärksten Geister der neueren Zeit haben gerungen, diesen Begriff
-zu klären, zu festigen als Formel, und sie haben damit allerdings jener
-zunächst intuitiv erlebten Weltanschauung einen Bewußtseinsausdruck
-gegeben, der heute leicht als ihre festeste Säule erscheinen kann.</p>
-
-<p>Diese Naturgesetzlichkeit ist es, auf der sich Goethes Idee von der
-Gott-Natur erhebt, und von der Fechner gesagt hat, daß sie der einzige
-strenge Beweis vom Dasein Gottes sei; auch er meinte natürlich Gott
-im Sinne der einheitlichen Gott-Natur, und seinem klaren Denkerkopf
-mußte folgerichtig das „Wunder“ umgekehrt als Beweis erscheinen, daß es
-keinen Gott, d. h. keine Einheit in der Welt gebe.</p>
-
-<p>Das alles steht vor Darwin, wie Newton und Galilei vor Darwin stehen
-und so viele, die für diesen Begriff der Naturgesetzlichkeit gelebt,
-gefochten, geblutet haben.</p>
-
-<p>Erst auf einem <em class="gesperrt">weiten</em> Wege von da komme ich zu Darwin und ich
-komme zu ihm mit einer im Prinzip bereits vollkommen <em class="gesperrt">fertigen</em>
-Weltanschauung, an der er im Ganzen nichts mehr ab-, noch zutun kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p>
-
-<p>Zweifeln wir doch nicht: er selber ist an seine eigenen Spezialgedanken
-über Entwickelung der Tiere und Pflanzen auch schon seiner Zeit ebenso
-damit herangekommen als echt moderner Mensch.</p>
-
-<p>Seine Idee war, einen Gedanken, den das Leben und all sein Wissen
-ihm sonst genugsam eingepaukt hatten, auch in eine Spezialecke zu
-treiben, wo man sich ihm durch eine sonderbare Konstellation der Dinge
-bisher hartnäckig verschlossen hatte: nämlich in die Entstehung der
-wechselnden Tier- und Pflanzenarten auf Erden bis zur Tierart Mensch
-herauf.</p>
-
-<p>Zweierlei hat er dann versucht, und im Prinzip also jedenfalls
-versucht im Sinne und zu Gunsten einer monistischen
-Entwickelungs-Weltanschauung, wenn auch keineswegs als erstes Fundament
-einer solchen im Menschheitsdenken.</p>
-
-<p>Zunächst hat er versucht, die natürliche Entstehung
-der Tier- und Pflanzenarten nicht bloß als allgemeine
-Weltanschauungs-<em class="gesperrt">Folgerung</em> zu behaupten, sondern sie in
-sich so reinlich herauszuarbeiten, daß sie schließlich selber als
-<em class="gesperrt">Exempel</em> für die ganze Allgemeinidee gelten und wirken könnte.</p>
-
-<p>Dann hat er im notgedrungenen Zusammenhang damit einen höheren
-naturgesetzlichen Zusammenhalt gesucht, der als „Gesetz“ diese
-biologische Entwickelungslinie beherrscht und gelenkt haben könnte; das
-war für sein Vermuten die natürliche Selektion oder Zuchtwahl.</p>
-
-<p>Fragt sich, ob er in beidem das Rechte getroffen hat.</p>
-
-<p>Das erste könnte ihm mangels ausreichenden Materials mißlungen sein.</p>
-
-<p>Im zweiten könnte er sich über das spezielle Naturgesetz getäuscht
-haben, wie es so und so viel Forschern auf andern Gebieten gründlich
-und häufig auch passiert ist, ohne daß deshalb jemand Lärm gemacht
-hätte, die naturgesetzlichen Prinzipien der Forschung seien überhaupt
-erschüttert und die (unter anderm auch hier verankerte) natürliche
-Weltanschauung sei bankerott.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
-
-<p>Immerhin läßt sich nach 44 Jahren mit kühlem Kopfe diese Doppelfrage
-stellen.</p>
-
-<p>Vor diesen beiden Möglichkeiten setzt der heutige Kampf um Darwin ein,
-— <em class="gesperrt">kein</em> Weltanschauungs-Kampf mit hie Entwickelung, hie Wunder.
-Sondern eine höchst interessante Debatte mit zwei schlichten Fragen:
-erstens ob sich von der Entwickelung auch an dieser (über ein paar
-hundert Jahrmillionen verzettelten) Ecke heute schon oder noch ein
-Bild gewinnen läßt; — und zweitens, ob in diesem Bilde die natürliche
-Zuchtwahl eine Rolle spielt.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Als Darwin, gedrängt von der ganzen Geistesrichtung seiner Zeit,
-sich mit dem Entwickelungsgedanken in die Geschichte der Tier- und
-Pflanzenwelt wagte, stieß er dort, wie gesagt, auf eine in jeder
-Hinsicht außergewöhnliche Situation.</p>
-
-<p>Zwei Dinge waren in unvereinbaren Widerspruch miteinander geraten.</p>
-
-<p>Auf der einen Seite stand das Dogma, daß die Arten in der Geologie und
-Botanik unveränderlich, konstant seien.</p>
-
-<p>Auf der andern wies die neuaufgeblühte Geologie nach, daß beim
-Zurückgehen in frühere Epochen der Erdgeschichte das Bild der Tier- und
-Pflanzenwelt tatsächlich ein anderes wird, daß andere Arten erscheinen
-wie heute, während die heutigen durchweg noch fehlen.</p>
-
-<p>In der Not hatte hier, unwissenschaftlich genug, eine Weile wirklich
-das „Wunder“ herhalten müssen. Die Art war in sich konstant. Aber
-ab und zu im Laufe der Jahrmillionen kam eine Hand von jenseits der
-Glocke, brach allem Vorhandenen den Hals und setzte neue Arten herunter.</p>
-
-<p>Darwin trat dem entgegen, nicht eigentlich als Revolutionär, wenn
-man die Dinge ganz streng mißt, sondern einfach als Vertreter der
-schlichten wissenschaftlichen Methode, wie sie für alle anderen Zweige
-der Forschung längst fest eingeführt war.</p>
-
-<p>Vom Boden einer Naturgesetzlichkeit, erklärte er, ist der Ausweg
-des Wunders unzulässig. Zulässig ist dagegen, anzunehmen, daß ein
-wissenschaftliches Dogma falsch sein könne,<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> — in diesem Falle das
-Dogma von der Konstanz der Arten. Es kann eine natürliche Entwickelung
-von Arten zu anderen Arten stattgefunden haben, — und das würde in
-Einklang mit der Geologie sein.</p>
-
-<p>Die Geologie wurde damit von einer Art Ketzerrolle befreit, zugleich
-wurde ihr aber auch eine große, neue, positive Aufgabe zugewiesen. Gab
-man ihr zu, daß Arten sich entwickelt haben könnten, so schien nun ihr
-der Beweis obzuliegen, daß es tatsächlich der Fall gewesen sei.</p>
-
-<p>Mit Forderungen an die Geologie aber ist es eine seltsame Sache.</p>
-
-<p>Es ist das hübsche Los aller Wissenschaften, die auf den Zufall
-historischer Dokumente angewiesen sind, daß „Fordern“ in ihnen einen
-komischen Beigeschmack hat. Ich suche Daten über Wallensteins Leben
-und finde die vollständigen Akten über Herrn Müller oder Schulze, die
-<em class="gesperrt">dessen</em> Leben bis in jeden Punkt aufhellen. Ich suche schmerzlich
-Angaben über das mir größte Ereignis des Altertums, die Taten Christi;
-der Vesuv liefert mir eine ganze römische Stadt mit Haut und Haaren aus
-und in dieser ganzen Stadt hat man von Christus keine Notiz genommen.</p>
-
-<p>Der Laie sieht ein prachtvolles Museum aufgebaut: geologische
-Fundstücke aus dem Leben der Vorwelt. Er kommt mit der Idee Darwins
-zwischen die Megatherien und Ichthyosaurier und verlangt, daß ihm die
-gesamten Darwinschen Übergangsketten, die in der Entwickelung jede
-Tierart mit der nächsten verknüpfen, vorgezeigt werden. Man zuckt die
-Achseln, und nun fängt er an zu schmollen. 44 Jahre nach Darwin und
-noch immer dieses Material nicht zur Stelle? Da ist es doch wohl mit
-dem ganzen Darwin nichts.</p>
-
-<p>In Wahrheit ist unsere gesamte Versteinerungskunde heute wenig über 100
-Jahre alt. In den letzten 50 dieser Jahre, also auch in der Ära Darwin,
-hat sich trotz alles Aufblühens an gewissen Dingen für sie gar nichts
-geändert und es wird sich noch lange nichts, zum teil nie etwas daran
-ändern.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p>
-
-<p>In den 50 ersten so wenig, wie in den 50 letzten Jahren des
-Jahrhunderts haben ihr, die mit vielen Millionen von Jahren rechnet,
-auch entsprechende Millionen von Mark zur Verfügung gestanden.</p>
-
-<p>So ist ihre Materialsuche Stückwerk ohne jedes systematische
-Vorgehen geblieben. Ihr Stoff, die ganze Masse dessen, was an alten
-Tier- und Pflanzenresten überhaupt erhalten ist, durchsetzt, oft
-in homöopathischer Verdünnung, alle jüngeren Schichtgesteine der
-Erde. Dieses Musterbuch ganz zugänglich machen, hieße nichts viel
-anderes, als die ganze Erdrinde abblättern, aufrollen von den höchsten
-Alpengipfeln bis unter die Sohle unserer heutigen tiefsten Bohrlöcher,
-— nicht zu vergessen den Boden aller Ozeane und den Sockel der polaren
-Eiskappen.</p>
-
-<p>Erst wenn die Millionen, die Arbeitskräfte, die technischen Erfindungen
-da vorhanden und die Sache geleistet wäre, könnten wir von einer ersten
-Inventaraufnahme sprechen, die dann auf Darwin zu prüfen wäre.</p>
-
-<p>So, wie die Dinge liegen, sind wir bisher trotz der 100 Jahre auf ein
-paar Stichproben angewiesen. Ein Schieferblock etwa wie der Solnhofener
-lithographische Stein, der eine prachtvolle ganze Schriftseite der
-Jura-Zeit liefert, ist zu technischen Zwecken wirklich im Abbau und
-steuert langsam sein Teil zu. Hier, dort hat ein Privatmann sein Geld
-und seine Energie ähnlich auf einen einzelnen Punkt konzentriert.
-Punkte gegen eine Erde!</p>
-
-<p>Schon diese Stichproben haben aber genügt, um etwas noch viel
-Fundamentaleres, selbst mit allen Milliarden aller Staatskassen der
-Welt Unverrückbares zu offenbaren.</p>
-
-<p>Das in der ganzen Erdrinde versteinert Erhaltene ist überhaupt
-<em class="gesperrt">nur</em> wieder eine Stichprobe dessen, was lebendig <em class="gesperrt">da war</em>.</p>
-
-<p>Sicherste Anzeichen lehren das. An sich ist es ja ein wahres
-Wunder anstatt einer dicken Wahrscheinlichkeit, daß überhaupt
-etwas so erhalten ist. Der Laie hat da gut fordern. Wenn ich
-ein paläontologisches Museum besuche, so ist mir immer wieder
-das staunenswerteste Rätsel, daß das alles die<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> ungezählten
-Zerstörungsmöglichkeiten in Jahrmillionen überdauert hat. Um so
-selbstverständlicher, daß schließlich Grenzen kommen. Es ist im ganzen
-doch nur ein kleiner Bruchteil, eben eine Stichprobe, da.</p>
-
-<p>Das Wort Stichprobe paßt aber wieder in anderem Sinne schlecht dabei.
-In so und so viel Fällen geht es wie oben in dem Beispiel: ich steche
-auf Wallenstein und dringe in die Käserechnungen des Herrn Schulze.
-Wenn die Stichproben mich nun aber gar unzweideutig lehren, daß
-Wallenstein überhaupt nicht mehr dabei ist? Diese Sachlage steht fest
-für das ganze Altbuch der Paläontologie.</p>
-
-<p>Da liegen ungeheure Schichtgesteine, die sogenannten krystallinischen
-Schiefer. Jede Spur von Versteinerungen ist nachträglich darin
-gelöscht, — durch irgend einen seltsamen Prozeß, der das Gestein
-durcheinander gearbeitet hat, vielleicht die Wärme, die bei der
-nachträglichen Zusammenziehung des Erdballs entstand, es gibt da nur
-Vermutungen. Was wir auch wollen: wir müssen bei allen geologischen
-Streifzügen abwarten, bis diese verwunschene Schichtenfolge aufhört,
-erst dann setzt die Möglichkeit von Versteinerungsfunden ein. Das Leben
-der Urzeit selber aber hat offenbar keineswegs die Freundlichkeit
-gehabt, für uns so lange mit zu warten. Als der Vorhang für uns
-endlich, mit der kambrischen Epoche, aufgeht, ist es schon im vollen
-Spiel. Ja, fast hat es den Anschein, als schneiten wir mindestens in
-den vierten Akt. Von Entwickelungsanfängen kann keine Rede mehr sein.
-Schon treten Muscheln, Stachelhäuter, hoch organisierte Krebse, ja
-gar bald bereits Fische auf. Aus den Steinabdrücken werden wir nie
-erfahren, durch welche Formreihen hindurch sie sich entwickelt haben
-könnten, denn tiefer geht unser irdisches Dokument überhaupt nicht.</p>
-
-<p>Was heißt hier „fordern“?</p>
-
-<p>Fordern wir vom Astronomen, daß er uns die Rückseite des Mondes zeige
-und machen wir davon den Wert der Astronomie abhängig! So ist es genau
-mit dem Darwinismus<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> in der Geologie jenseits der ersten Muscheln und
-Trilobitenkrebse.</p>
-
-<p>Auf solche Löcher im Material hat schon Darwin selbst hinweisen müssen.
-Geändert hat sich aber in den 44 Jahren seither nicht das Mindeste
-daran, — so wenig wie unsere Astronomie in den Jahren hinter den Mond
-gekrochen ist.</p>
-
-<p>Es gibt aber noch mehr Lücken.</p>
-
-<p>Als man zuerst Tier- und Pflanzenabdrücke fand und noch in biblischer
-Treue dabei nur an die Sintflut dachte, bürgerte die Idee sich ein,
-alles Versteinerte sei das Resultat irgend einer jähen Katastrophe,
-einer großen Wandlung im Erdenleben: verschüttete Wälder, in Hekatomben
-verunglückte Tiere. Einzeln ist es auch wohl so gewesen, in der Regel
-nicht. Die Regel zum Zustandekommen von Versteinerungen war gerade
-das Gegenteil: lange Epochen größter Ruhe und Regelmäßigkeit. Wälder
-von kryptogamischen Gewächsen grünen Jahrhunderttausende am gleichen
-Fleck und bilden eine ungeheure Torfschicht; die bleibt als Steinkohle
-erhalten. In eine seichte Bucht (wie die von Solnhofen) rinnen
-kalkhaltige Bäche, häufen in endlosen Zeiten immer neue ungestörte
-Häutchen feinsten Schlicks übereinander; an diesem Ort muß ein wahres
-Paradies an Ruhe gewesen sein und sein Ergebnis ist das wunderbare
-Bilderbuch im Schiefer abkonterfeiter Quallen, Libellen, Krebse,
-Fische und Urvögel. Gesellige Korallentiere bauen in ungestörter Ruhe
-berghohe Riffe; sie tauchen bei Faltungen der Erde in die Tiefe und
-liegen unzerstörbar. In den Abgründen der Tiefsee, tausende von Metern
-tief, lagern sich die mikroskopischen Schälchen einzelliger Wesen
-ab zwischen Seelilien, deren schwanken Stiel hier unten kein Sturm
-bedroht, — auch ein Reich des Friedens, stationär bis zu dem Maße, daß
-es seit Jahrmillionen bis heute fast das gleiche Gesicht, immer die
-gleichen Anpassungen und Formen, zeigt; aus solchem Tiefseeschlamm ist
-die weiße Kreide geworden, die selbst dem Laien durch die Masse ihrer
-Versteinerungen auffällt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
-
-<p>Gerade diese Zeiten der Ruhe, des unendlichen gleichartigen Fortzeugens
-bestimmter Arten sind es aber <em class="gesperrt">nicht</em>, die der Darwinismus
-<em class="gesperrt">sucht</em>!</p>
-
-<p>Er möchte die Reste sehen der unruhigen Zeiten, die auch äußerlich,
-im Bilde der Erdverhältnisse, sei es lokal oder im ganzen, bewegt, im
-Fluß und beeinflussend erscheinen. In solchen Zeiten gab es nach ihm
-Wandel der Formen, Zwang zu neuer Entwickelung, veränderte Anpassungen,
-Degenerationen und Aufschwung. Aber grade <em class="gesperrt">die</em> Spur ist verwischt
-— <em class="gesperrt">wegen</em> der Unruhe. Erst nach langer Zeit, wenn alles sich so
-in Gleichtakt gesetzt hat, daß wieder viele Jahrtausende lang immer die
-gleichen Gewächse ihre Stämme im Torf begraben, dieselben Müschelchen
-in Millionen Generationen sich im Teichschlamm ablagern, geht von neuem
-in solcher Dauerschicht der Ruhe der Vorhang wieder für uns auf. Wir
-sehen dann wohl, daß alles ein Stück anders, ein Stück weiter ist. Aber
-grade der Zwischenakt fehlt uns in Spuren, auf die wir die Hände legen
-könnten.</p>
-
-<p>Es ist eine bitterernste Wahrheit, daß das, was man hat, hier nichts
-beweist und daß man das, was beweisen könnte, nicht hat.</p>
-
-<p>Nicht Darwin, sondern das Dilemma in unserm geologischen Material hat
-diese Ironie geschaffen.</p>
-
-<p>Denken wir uns, in der Geschichte fehlte uns die Völkerwanderung. Wir
-hätten Pompeji und dann wieder unvermittelt das Reich Karls des Großen.
-Oder die Mumie eines römischen Cäsars und unmittelbar darauf das Grab
-eines Papstes, ohne Kenntnis des Christentums. Es gibt ja Orte, wo
-auch die Geschichtsdokumente ganz ähnlich abrupt aufeinanderliegen:
-im Lehmboden von Höhlen geraten einsinkend die Scherben von
-Porzellantassen moderner Kulturnomaden, vielleicht von Bahnarbeitern,
-die dort einmal bei Regenwetter ihren Kaffee gekocht haben, unmittelbar
-zwischen Knochen des Höhlenbären und Steinbeile der Mammutzeit. An
-Wunder glaubt aber <em class="gesperrt">hier</em> niemand, bloß an <em class="gesperrt">Lücken</em> der
-<em class="gesperrt">Überlieferung</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p>
-
-<p>Grade bei solchem Sachverhalt ist es aber doppelt merkwürdig,
-doppelt lehrreich, daß sich nun <em class="gesperrt">dennoch</em> — in Umkehrung des
-eigentlich Selbstverständlichen — darwinistische Züge in der Geologie
-<em class="gesperrt">haben</em> aufweisen lassen.</p>
-
-<p>Das erste, was immer wieder auffallen mußte und muß, ist eben die
-nachträgliche Existenz immer wieder so vieler <em class="gesperrt">neuer</em> Tier- und
-Pflanzenformen von Epoche zu Epoche.</p>
-
-<p>Haben wir auch durchweg nur Dauerbilder, so sind eben doch diese
-Dauerbilder stufenweise immer wieder verschieden.</p>
-
-<p>Und dabei sehen wir klar, daß nicht etwa ein <em class="gesperrt">absolutes</em> Muß
-der Verwandlung vorlag. Einzelne Tierformen sind tatsächlich viele
-Jahrmillionen bis heute unverändert stehen geblieben: die Gattung
-<span class="antiqua">Ceratodus</span> (Molchfisch) seit der Triaszeit; die Gattung
-<span class="antiqua">Lingula</span> (ein wurmartiges Tier in muschelähnlichen Schalen)
-gar seit jener kambrischen Epoche, mit der all unser Wissen beginnt.
-Warum ist nicht alles in dieser Weise seit Beginn seiner Existenz beim
-gleichen Leisten geblieben? Woher neben wenigen solcher Überlebenden
-mit jeder Epoche die Unmasse neuer, andersartiger Typen?</p>
-
-<p>Und dabei ein weiterer, jetzt der eigentlich durchschlagende Zug.</p>
-
-<p>Es zeigt sich, hält man Dauerbild zu Dauerbild von Epoche zu Epoche,
-ein Ansteigen von Unvollkommenerem zum Vollkommeneren.</p>
-
-<p>Wir können da freilich nicht eigentlich von unten beginnen, da uns ja
-der ganze Anfang fehlt. Die kambrische Epoche setzt, wie gesagt, mit
-bereits relativ hohen Typen ein. Aber von da erleben wir doch noch ein
-Stück wenigstens mit.</p>
-
-<p>Bis gegen die Sekundärperiode sehen wir ungeheure Gebiete der Erde
-bedeckt mit Wäldern farrnähnlicher kryptogamischer Pflanzen, also einer
-niedrigen Flora. Ganz allmählich erst treten dazu die systematisch
-niedrigsten Phanerogamen: Nadelhölzer und Palmfarrne. Erst in der
-Kreidezeit kommen auf einmal die höheren Blütenpflanzen.</p>
-
-<p>Ganz ähnlich steigt der höchste Stamm der Tiere stufenweise von Bild
-zu Bild an, der der Wirbeltiere. Er erscheint<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> mit Fischen, nur
-Fischen. Dann werden höher hinauf amphibische, reptilische Wesen
-sichtbar, erst urtümliche, dann vollkommenere. Vögel wie Säuger
-treten erst in der Sekundärzeit, viele Millionen von Jahren nach dem
-kambrischen Anfang, hervor. Der Vogel ist zuerst Archäopteryx, mit
-ausgesprochenen Eidechsenrückständen am Leibe. Das Säugetier ist
-Ursäuger und Beuteltier. Erst um die Wende zur Tertiärzeit erscheint
-eine Mischgruppe, die nicht mehr Beuteltier ist, aber die Merkmale
-von Raubtieren, Huftieren und selbst Halbaffen in sich vereinigt. Die
-Krone des Säugerstammes, der Mensch, endlich erscheint mindestens erst
-tief in dieser Tertiärzeit, selbst wenn wir ihn mit Klaatsch so weit
-zurückdatieren wollen, wie nur irgend zulässig. Er erscheint noch
-in der Eiszeit als Rasse mit primitiverem Schädel und erst nach der
-Eiszeit setzt seine höhere Kultur ein.</p>
-
-<p>Gleiche Anpassungskreise werden dabei mehrfach in folgenden Epochen
-neu ausgefüllt, aber dann von einer im <em class="gesperrt">ganzen höheren</em>
-Organisationsstufe: so ersetzen die Säuger der Tertiärzeit im gesamten
-Anpassungsumfang genau die Reptile der Sekundärzeit und wieder der
-Mensch mit seinem Werkzeug umgreift die ganze ältere Säugeranpassung.</p>
-
-<p>An diesen großen Linien hat alle Kritik der Jahre seit Darwin aber auch
-rein nirgendwo rütteln können.</p>
-
-<p>Versucht worden ist ja jeder Ausweg.</p>
-
-<p>In den Steinkohlen sollten uns bloß die kryptogamischen Moore der
-älteren Zeit erhalten sein, wie wir deren aus Moosen heute noch
-genug haben, — die Nadel- und Laubwälder jener Tage aber sollten
-bloß zufällig keine Reste hinterlassen haben. Aber diese Farrn-,
-Bärlapp- und Schachtelhalmwälder von damals waren kein Moorwinkel
-irgendwo, sondern sie überzogen die Erde vom Nordpol bis zum Südpol in
-himmelragenden Stämmen. Ein Blick auf die räumliche Größe auch nur der
-heute bereits bekannten Kohlendistrikte genügt, um zu beweisen, daß es
-sich dabei um die Charaktervegetation der Erde in einer Weise handelt,
-wie es von keiner<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> einzigen heutigen Pflanzengruppe behauptet werden
-kann. Und das eben ist das Bezeichnende.</p>
-
-<p>Andere nahmen sich die Archäopteryx vor. Man hatte sie (die erst
-nach Darwins Auftreten gefunden worden war) als Mittelglied zwischen
-Eidechse und Vogel bezeichnet. Nun kommt ein feiner Kenner und zeigt,
-daß in der Mischung auf feinster Wagschale die Vogelmerkmale des
-Zwitterwesens die Eidechsenmerkmale um etwas überragen. Das wird
-ausgemünzt, als seien die Eidechsenzüge damit überhaupt gestrichen.
-Man bedenke: bei einem Tier mit Zähnen im Maul, Krallenfingern an den
-Flügeln, einem langen Eidechsenschwanz, primitiv geformten Wirbeln,
-einer Fülle noch anderer reptilischer Merkmale. Aber es ist nicht
-mathematisch genau die Mitte, und so wird geredet, bis der Laie betrübt
-abzieht und den Posten überhaupt verloren gibt.</p>
-
-<p>Das Beispiel ist typisch, wie der Stoff von Gegnern behandelt worden
-ist und wie wertlos diese Sorte Gegnerschaft ist, die in so unendlich
-schwieriger, verwickelter Lage Wortspielereien treibt: ob man
-Mittelform, Übergangsform noch nennen dürfe, was nicht mathematisch
-genau den Mittelpunkt bezeichnet. Das alte Sophistenspiel, wann ein
-Häufchen zum Haufen wird. In dieser Welt der Annäherungswerte, wo es
-im abstrakt mathematischen Sinne weder Arten, noch Gattungen, noch
-überhaupt irgend etwas gibt!</p>
-
-<p>Am verzweifeltsten ist natürlich um das kleine Endchen Paläontologie
-gefochten worden, das auf die Entwickelung des Menschen hinweist.</p>
-
-<p>Ein Dogma häufte sich hier aufs andere. Es gibt keinen fossilen
-Menschen. Aber er kam, es half nichts. Zur Reserve, damit die beiden
-sich ja nicht begegneten, sollte es auch einmal keine fossilen Affen
-geben. In ganzen Reihen stehen sie heute in unseren Museen. Dann blieb:
-es gebe wenigstens keinen fossilen Affenmenschen. Ein in Zoologie
-dilettierender Theologe schrieb einmal als probates Rezept aus, man
-solle jede Erwähnung Darwins niederschmettern mit dem Satz: „Ist er
-gefunden, ja oder nein?“ Nämlich der<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> Affenmensch. Jetzt ist er zum
-Schluß wirklich noch gefunden worden, ehe das Jahrhundert ausging, der
-Pithecanthropus von Java, mit dem Schädelinhalt haarscharf zwischen
-Gorilla und Mensch.</p>
-
-<p>Bei manchem der wilden Kämpen in diesem Zwist tritt hier wirklich durch
-ihre eigene Schuld der früher erwähnte Fall ein: der Kampf wird um ein
-Schädelbruchstück mit der verzweifelten Überzeugung geführt, es hänge
-an dem Knöchelchen der Sieg oder Tod einer Weltanschauung.</p>
-
-<p>Der Sieg einer einheitlichen Naturanschauung mit Entwickelungsideen ist
-nicht um ein so billiges zu erkaufen!</p>
-
-<p>Aber feststellen darf diese Weltanschauung immerhin mit einiger
-Befriedigung, daß bisher auch nicht eine einzige Tatsache der
-Paläontologie, auch heute nach 44 Jahren nicht, existiert, die gegen
-eine natürliche Entstehung der höheren Tier- und Pflanzenformen aus den
-niederen, älteren spräche.</p>
-
-<p>Etwas anderes aber ist heute nach 44 Jahren allerdings zu betonen.</p>
-
-<p>Die Geologie dieser Stunde ist in vielen Zügen nicht mehr die Geologie,
-mit der Darwin rechnete. Komplizierter und, wenn man es nur nicht im
-alten Wunder-Sinne verstehen will: mysteriöser ist sie geworden.</p>
-
-<p>Darwin sagte: die Tier- und Pflanzenarten haben sich im Laufe der
-geologischen Epochen langsam umgewandelt. Wodurch? Durch den Druck der
-äußerlichen Umwandlung der Verhältnisse, in denen das Lebendige auf
-Erden hing. Sei das einmal genug Erklärung. Jedenfalls dachte Darwin an
-Lyells Sätze dabei.</p>
-
-<p>Lyell betonte, wie langsam, successive alles in der äußeren
-Geologie sich vollzogen habe: Wandel der Erdteile und Gewässer,
-Gesteinsbildungen, Klima, kurz der „Wechsel der Verhältnisse“.</p>
-
-<p>Das war gut und paßte trefflich zu Darwins Selektions-Idee.</p>
-
-<p>Lyell betonte, daß dieselben Kräfte wie heute ausgereicht hätten. Seine
-Verhältnisse der Vergangenheit behalten immer<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> in ihrem stillen Strom
-eine größte Wesens-Ähnlichkeit mit den heutigen.</p>
-
-<p>Auch das gab damals viel Hülfe. Man studierte die eigene Epoche und
-konstruierte danach die verflossenen, wie Mommsen aus der modernen
-Politik die Geschichte Cäsars ausgelegt hat.</p>
-
-<p>Aber in der Weise hat sich das doch nur sehr bedingt als dauerndes
-Prinzip wahren lassen. Ehrlich gesagt, versagt das Prinzip heute an
-ganz auffälligen Stellen auch wieder. Die große Eiszeit hat da zuerst
-Bresche gelegt. Hier war ein Vorgang, der aus dem allzu korrekten
-Schema grob heraussprang. Die einfache Parole: zunehmende Abkühlung
-der einstmals heißen Erde in den geologischen Epochen, langte nicht
-aus. Warum lag diese Eiszeit schon wieder hinter uns? Vor ihr war in
-Europa Tropenklima. Warum? Heute ist die ganze Klima-Frage in der
-Geologie ein Labyrinth ungelöster Probleme. Schon dämmert die Idee
-auf, daß es mehrfach auch in früheren Epochen Eiszeiten gegeben habe.
-Periodische Erscheinungen der Erdkugel tauchen dahinter auf. Hängen
-sie mit periodischen Akten der Erdkugel zusammen? Hängen sie ab von
-Periodizitäten unseres Sonnensystems? Fragen.</p>
-
-<p>Die ganze Abkühlungstheorie der Erde ist heute schwankend, wenigstens
-in der hergebracht einfachen Form.</p>
-
-<p>Die Klimafrage ist aber nur ein krasses Beispiel. Wie hier sind erste,
-scheinbar sichere Schemata überall in der modernen Geologie in die
-Brüche gegangen. Ein ungeheurer Zuwachs von Tatsachen hat einen Berg
-ganz neuer Fragen aufgetürmt. Wenn wir sagen, die „Verhältnisse“ haben
-die Arten geschaffen, so muß uns beständig heute der Zweifel ins Ohr
-raunen, <em class="gesperrt">was wir denn von diesen Verhältnissen geologisch eigentlich
-wissen</em>?</p>
-
-<p>Wie viel Möglichkeiten umschließt das Wort noch, und wie wenig Klarheit!</p>
-
-<p>In der Tier- und Pflanzengeschichte sehen wir einzelne besonders
-merkbare große Einschnitte. Wir träumen da besonders starke
-Umwandlungen. So vor der Trias-Periode<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> und wieder in der Mitte der
-Kreide-Periode. Was ist da äußerlich auf Erden vorgefallen? „Wechsel
-der Verhältnisse“ ist an solchen Stellen ein Kryptogramm für uns, ein
-Deckwort für ein Bündel dunkler Dinge, deren Füße wir bloß gespenstisch
-hinter dem Vorhang arbeiten sehen.</p>
-
-<p>Kaum eine einzige große Hypothese der älteren Geologie schließlich, die
-im Moment nicht wackelte. Sie ist ein unendlich viel merkwürdigeres
-Ungeheuer, diese alte Erde, als wir dachten. Man braucht bloß an
-die magnetischen Erscheinungen, die Polschwankungen und anderen
-Achsengeheimnisse, den Wechsel des Meeresniveaus, die immer wieder
-verwirrten vulkanischen Phänomene, die Geheimnisse der Innenwärme zu
-denken, um den Stich zu fühlen, wie wenig wir von diesem Ungeheuer
-wissen. Jene unerklärten krystallinischen Schiefer rufen es uns aus der
-Mineralogie zu. Von den rätselhaften Periodizitäten der Sonne, deren
-Fleckenperiode mit unsern magnetischen Mysterien über 20 Millionen
-Meilen hinweg in Kontakt steht, kommt es auf kosmischen Umwegen zu uns
-zurück.</p>
-
-<p>Kein geologisch geschulter Mensch denkt daran, die Fäden dieses
-dunkelsten Gewebes <em class="gesperrt">außerhalb</em> der Naturgesetzlichkeit zu suchen.
-Der Wechsel, das Andersartige grade der Bilder predigt aufdringlich
-genug Entwickelung.</p>
-
-<p>Nichts also entfernt sich in dieser Geologie der unendlich höher
-gespannten Möglichkeiten im Prinzip von Darwin.</p>
-
-<p>Aber wir dürfen uns grade in seinem Sinne nicht dagegen verschließen,
-daß nun der Entwicklungsprozeß des Lebendigen in diesem ungeheuren,
-kaum erst in seinem Umfang hier und da <em class="gesperrt">geahnten</em> Spiel
-der geologischen Gesamtdinge, dem gigantischen Gesamtprozeß der
-Entwickelung des Erdplaneten, mit allen Fasern <em class="gesperrt">auch</em> hängt, — in
-seinen <em class="gesperrt">Rätseln</em> hängt.</p>
-
-<p>Phasen dieser Gesamtentwickelung können in ihn eingreifen, von denen
-der Anblick der heutigen Verhältnisse wahrscheinlich ebenso wenig
-ein Bild gibt wie das enge, einer Uhrfeder gleich sich abrollende
-Leben eines kleinen Philisters in einer<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> erstarrten Umgebung ein
-psychologisches und kulturgeschichtliches Bild geben würde von der
-ideellen Siedehitze eines Kopfes in einer sozialen Revolution oder in
-der ungeheuren Stunde einer Religionsgeburt.</p>
-
-<p>Ich glaube zuversichtlich, daß die Geologie in diesem Sinne noch einmal
-reden wird, viel reden wird zu Darwin, — nicht in dem kleinlichen
-Sinne, daß sie die paar paläontologischen Daten, die jetzt schon
-allgemein eine Entwickelung befürworten, wieder umwerfen sollte, wohl
-aber so, daß sie Darwins Programm von den „Verhältnissen“ uns erst
-eigentlich <em class="gesperrt">erfüllte</em>.</p>
-
-<p>Unvermerkt wird dabei freilich auch der <em class="gesperrt">Begriff</em> „Verhältnisse“
-selbst eine leise, aber schließlich doch wichtige Umwandlung erfahren:
-— eine Erweiterung.</p>
-
-<p>Der Prozeß wird wahrscheinlich ein ganz ähnlicher werden, wie heute
-in der von der Nationalökonomie in bestimmtem Sinne beeinflußten
-Geschichtsauffassung. Auch da spielt das Wort „Verhältnisse“ eine
-überwältigende Rolle. Je mehr die Forschung sich aber vertieft, desto
-mehr geht in sie alles, was man früher „Ideen“ nannte, doch auch
-wieder als Faktoren ein, man spricht von einem „Milieu der Ideen“ in
-bestimmter Zeit, und schließlich zeigt sich hier wie überall als Parole
-des Fortschritts, daß es nicht gilt, irgend etwas herauszuwerfen aus
-der Betrachtung, sondern nur immer mehr hinzu zu umgreifen.</p>
-
-<p>Ich berühre damit schon etwas, was ich oben als zweite Stufe in Darwins
-Werk bezeichnet habe: seine Idee über das eigentliche Gesetz der
-Entwickelung im Tier- und Pflanzenreich.</p>
-
-<p>Ein Naturgesetz in der biologischen Entwickelungslinie suchte Darwin —
-und er geriet auf die Selektion.</p>
-
-<p>Seit 44 Jahren geht der Streit, ob er in diesem Punkte recht gesehen.
-Aber neben diesem Fachstreit gibt es noch einen anderen, der auch
-anknüpft an das Wort Selektion.</p>
-
-<p>In ihm wird behauptet, daß Darwin gerade mit diesem seinem
-individuellsten Gedanken doch die ganze Entwickelungsidee entscheidend
-beeinflußt und <em class="gesperrt">umgestaltet</em> habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p>
-
-<p>Zerstört, sagen die einen.</p>
-
-<p>Erst vollendet, die andern.</p>
-
-<p>Ein Teil von Darwins Ruhm stammt aus dieser Ecke, weil er hier
-scheinbar Leuten entgegen gekommen ist. Ein Teil auch von dem Haß, den
-er erlitten, von der Reaktion einer aufgestörten Stimmung. Und immer
-wieder hat dieser große Hall auch in die engeren Fachkämpfe hinein
-nachgezittert.</p>
-
-<p>Ist die Sache wahr?</p>
-
-<p>Darwins Tat traf äußerlich mitten hinein in den erbitterten Zwist noch
-zweier anderer Weltanschauungen als bloß „Hie Wunder, Hie Naturgesetz.“</p>
-
-<p>Ich kann das Wunder verwerfen und an eine natürliche Entwickelung, an
-eine einheitlich gebaute Natur glauben. So sind mir doch in dieser
-Überzeugung noch zwei Anschauungen möglich.</p>
-
-<p>Ich kann in der Natur ein sinnloses Spiel sehen, ein Auf und Ab ohne
-inneren roten Faden, ein Welt-Kuddelmuddel.</p>
-
-<p>Ich kann aber auch in dieser Natur ein allgemeines ungeheures
-Aufwärtsringen gewahren, ein Aufwärtsringen allerdings bloß mit
-natürlichen Mitteln, innerhalb und vermittelst der Naturgesetze,
-— aber doch ein <em class="gesperrt">Empor</em>, in dem sich schließlich das Höchste
-erfüllt, — das erfüllt, was die ältere Betrachtungsweise noch einmal
-extra und außerhalb der Natur als Göttliches gesucht hatte.</p>
-
-<p>Jene erste Ansicht ist eine unbedingt pessimistische, die zweite
-eine wenigstens bedingt optimistische. Goethe mit seinem Begriff
-„Gott-Natur“ stand stets der letzteren näher. Die erstere aber
-durchfärbte den Pessimismus des ganzen 19. Jahrhunderts mehr oder
-minder stark und gab dem Jahrhundert auch da, wo sie bloß halb und
-unklar auftrat, merkwürdig scharf seine Physiognomie; zumal gegen sein
-Ende hin.</p>
-
-<p>Wahr ist nun, daß die Selektions-Idee, die Darwin in den
-Entwickelungsgedanken gebracht hat, <em class="gesperrt">zunächst nur auf die
-erstere</em>, die Kuddelmuddel-Anschauung, energisch bezogen worden ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p>
-
-<p>Darwin brachte als ganz, oder doch nahezu ganz neu den folgenden
-Gedanken.</p>
-
-<p>Hier stehen zweckmäßige Gebilde in der Natur. Hat irgend eine
-Intelligenz sie sofort so zweckmäßig hergestellt?</p>
-
-<p>Nein, sagt Darwin, sondern die Natur produzierte zunächst ohne Wahl
-ungezählte Varianten, zweckmäßige und unzweckmäßige durcheinander. In
-der logischen Notwendigkeit dieser gleichen Natur aber war enthalten,
-daß bei gleicher Konkurrenz nur die zweckmäßigen Gebilde sich
-erhielten, die unzweckmäßigen dagegen untergingen.</p>
-
-<p>Alles Kosmische, Geordnete, Stabile der Welt, so kann man Darwins Idee
-verallgemeinern, ist ein Produkt bereits solcher logischen Auslese.</p>
-
-<p>Der Kuddelmuddel-Pessimismus zog daraus den Schluß, daß also auch
-dieses Kosmische, Geordnete, Zweckmäßige bloß ein Produkt des
-Kuddelmuddels sei. Die Würfe der Natur, schloß er, erfolgten also nicht
-auf ein optimistisches Prinzip hin. Und erst die Auslese täusche eine
-Ordnung, eine immer zweckmäßigere Entwickelungswelt, vor.</p>
-
-<p>Diese pessimistische Folgerung aus Darwin ist aber im tiefsten Kern
-nichts anderes als ein grober Trugschluß.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Resultat</em>, das ist vorweg zu betonen, bleibt auch bei Darwin
-genau als das <em class="gesperrt">gleiche</em> stehen. Es treten uns zweckmäßige,
-harmonische, kosmische Dinge (Kosmos gleich Ordnung!) als Resultate
-von Entwickelungen konkret in der Welt entgegen. Davon gehen wir aus,
-— also von einem Schluß-Phänomen, das für uns aber zugleich eine Art
-Ur-Phänomen bildet.</p>
-
-<p>Das Neue, das Darwin hinzutut, steckt nun nicht in der Anfechtung
-dieses Resultats, sondern lediglich in einer neuen Analyse des Weges,
-der in der Natur <em class="gesperrt">dahin führt</em>.</p>
-
-<p>Über diesen Weg sagte aber auch jene optimistische
-Gott-Natur-Auffassung zunächst gar nichts aus, — er ist in ihr offenes
-Problem. Auch sie muß ja zu ihrer Welt über die Naturgesetze. Da nicht
-alles bereits Harmonie in der Welt ist, wird ein allzu bequemer Weg
-von vorne herein hier nicht<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> wahrscheinlich sein, — die Existenz des
-Harmonischen scheint viel eher überall ein langes, umständliches Ringen
-vorauszusetzen, einen Kampf, wo jeder Schritt schwer bezahlt werden muß.</p>
-
-<p>Jene andere, ältere Anschauung freilich, die eine überweltliche
-Intelligenz von jenseits der Glocke in die Natur eingreifen ließ: sie
-schrieb im Gegensatz dazu auch ihren Weg tatsächlich vor und sie konnte
-vom ersten Satz an sich also mit der Selektion Darwins <em class="gesperrt">nicht</em>
-befreunden. Ihr eingreifender Schöpfer ist einfach ein aktiver Mensch,
-dessen Handlungen nur im Bilde eines solchen zu denken sind, bloß noch
-viel direkter, da er allmächtig ist.</p>
-
-<p>In der Gott-Natur Goethes dagegen sind viele Wohnungen.</p>
-
-<p>Sehen wir ruhig an, welchen Weg Darwin von ihr verlangt und ob er ihrem
-Bilde überhaupt widersprechen kann.</p>
-
-<p>Darwins Selektionslehre, im weitesten Sinne als kosmosbauendes
-Naturprinzip gefaßt, rechnet mit der Existenz einer ganzen Reihe fester
-Naturveranlagungen.</p>
-
-<p>Es ist eine solche Veranlagung, Potenz, Eigenschaft der Natur, daß sie
-überhaupt Varianten erzeugt, aus denen eine Auslese stattfinden kann.</p>
-
-<p>Es ist eine weitere Veranlagung, daß sie auch als zweckmäßig
-verwertbare Varianten dabei wirft; daß sie es tut, zeigt das
-Schlußphänomen.</p>
-
-<p>Ferner eine, daß eine Auslese in Frage kommt; sie findet in ihr statt,
-ist also als ganzes ihre Eigenschaft.</p>
-
-<p>Ferner, daß eine Logik bei dieser Auslese die passenden Varianten
-bestehen läßt, ihnen ein Plus gibt vor den andern und damit der ganzen
-Weltentwickelung ein Übergewicht gegen harmonische Verhältnisse hin
-verleiht. Auch diese Logik steckt doch gegeben in der Natur. Es ist
-ja vielfach ein billiges polemisches Kunststück, derartige Logik als
-solche gleichsam noch einmal wieder abzuziehen vom Begriffe „Natur“,
-womit dieser dann allerdings leicht dem Kuddelmuddel ausgeliefert ist.
-Warum aber überleben die Passenden die Unpassenden?<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> Aus einfacher
-Logik, sagt jeder. Nun grade an dieser Naturlogik als einer Eigenschaft
-der Natur hängt aber nach Darwin das Schlußentstehen eines geordneten
-Kosmos. Nicht auf regellosen Zufällen, sondern auf klar gegebenen
-Eigenschaften der Natur, die für sie ein absolutes Muß bilden,
-beruht auch in der extremsten Selektionstheorie die Entwickelung
-zu harmonischen, stabilen, zweckmäßigen Gebilden. Eine nur dieser
-Eigenschaften fehlend — und kein Zufall brächte je das geringfügigste
-„kosmische“ Verhältnis hervor!</p>
-
-<p>Kein Mensch kann mir demnach logisch verbieten, den Sachverhalt
-im ganzen so zusammenzufassen, daß ich sage: die Natur hat die
-Eigenschaft, sich in der Richtung auf kosmische, geordnete, in ihrem
-Zusammenhang zweckmäßige Verhältnisse zu entwickeln; und die Selektion
-ist bloß der verwickelte Weg im Spiel dieser Eigenschaft.</p>
-
-<p>Mit der kosmischen Tendenz als Eigenschaft der Natur (Tendenz
-fällt hier vollkommen zusammen mit Finalität!) bin ich aber
-vollständig heraus aus jeglicher Kuddelmuddel-Theorie und noch in
-dem alten optimistischen Entwickelungsgedanken samt und trotz der
-Selektions-Theorie.</p>
-
-<p>Zugestanden: Darwins Weg ist ein umständlicher.</p>
-
-<p>Es ist richtig, wie man gesagt hat: die Natur Darwins durchsetzt, um
-einen Hasen zu schießen, die Luft mit Millionen Kugeln nach allen
-Richtungen, anstatt eine Kugel senkrecht auf ihn los zu feuern.</p>
-
-<p>Aber die Hauptsache bleibt, daß der Hase auch so geschossen wird, —
-geschossen werden muß nach unerbittlicher Logik.</p>
-
-<p>Und was wissen wir im Grunde über Länge oder Kürze der Wege in der
-zum Kosmos sich entwickelnden Natur? Wir sehen über hunderttausende
-von Jahrmillionen der Geschichte allein unserer Erde im Sonnensystem
-zurück. Wer will da das Tempo, will Methoden kritisieren?</p>
-
-<p>Es ist sogar wirklich höchst lehrreich, sich einen Augenblick zu
-vergegenwärtigen, wie in jenem Bilde vom Hasen das<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> <em class="gesperrt">sicherste</em>
-Ziel, — das Erlegen des Hasen um <em class="gesperrt">jeden</em> Preis — überhaupt zu
-erreichen war.</p>
-
-<p>Ganz streng ging es tatsächlich nur auf zwei Wegen an: entweder mit
-einem absolut treffsicheren Einzelschützen — oder mit jenem alles
-abrasierenden Kreuzfeuer.</p>
-
-<p>Nun läßt sich aber immerhin ganz plausibel behaupten, wenigstens in der
-uns sichtbaren Naturlinie sei der annähernd treffsichere Einzelschütze
-erst eine ganz späte Errungenschaft: nämlich der Mensch selbst.</p>
-
-<p>Es ist durchaus denkbar, daß, so lange die Natur den Menschen als
-graden Zweck-Weg noch nicht im Spiel hatte, sie den andern Weg wählen
-mußte in der einfachen Alternative der <em class="gesperrt">beiden einzigen absolut
-sicheren</em> Möglichkeiten.</p>
-
-<p>Es gibt einzelne gute Beispiele in der Welt des Lebendigen, wo man
-einen ganz ähnlichen Faden wirklich <span class="antiqua">ad oculos</span> demonstriert bekommt,
-z.&#160;B. bei den Zeugungsverhältnissen. Die Auster schwängert das ganze
-Wasser um sich her mit Samen, in Voraussetzung, daß bei diesem
-Kreuzfeuer ein einziges Samentierchen die Eizelle der Nachbarauster
-finden und befruchten werde. Bei den Schnecken und Tintenfischen schon
-und überhaupt bei den höchsten Vertretern der Tierstämme finden wir
-im Gegensatz dazu das Prinzip der Einzelflinte (wenn auch noch nicht
-der Einzelkugel): bestimmte Organe, die das befruchtende Element
-unmittelbar an seine Stelle im weiblichen Organismus einführen.</p>
-
-<p>Fragt natürlich jemand: <em class="gesperrt">warum</em> macht die Natur überhaupt erst
-Austern und warum übte sie nach Darwin zuerst blinde Selektion statt
-treffsicheren Schießens mit Menschenflinten, — so kann ich das nicht
-lösen. Es fällt zusammen mit der Frage: warum überhaupt Entwickelung?
-Ich meine aber, daß die einfache Existenz dieser ungelösten Frage an
-sich noch nichts für den Welt-Pessimismus und die Kuddelmddel-Theorie
-beweist.</p>
-
-<p>Jeder Begriff der allmählichen Entwickelung vom Unvollkommenen zum
-Vollkommeneren schließt ja gewisse Faktoren<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> des Mißlichen, des
-Schmerzes ein. Denn das Niedrigere, indem es vom Höheren überboten,
-besiegt wird, ist allemal in irgend einem Sinne ein Absterbendes, das
-unter die Füße getreten wird, und da die Natur nun einmal Empfindung
-mit sich gebracht hat, wird das schmerzlich empfunden werden.</p>
-
-<p>Reicht es doch bis in unser höchstes Geistesleben. Jeder Irrtum, der
-abgetan wird, ist ein Stich, jeder vom besseren verdrängte Gedanke,
-der doch einmal in uns lebte, ein Tod mit Sterbeschmerz. Aber die
-Idee der aufsteigenden Entwickelung als optimistischer Generalfaktor
-überbietet das immer wieder, grade wenn man auf das Ganze sieht.
-Und von Kuddelmuddel ist keine Rede, so lange überhaupt nur ein
-kontinuierlicher Entwickelungsfaden mit Überbietung eines Minderguten
-durch ein Besseres sichtbar bleibt.</p>
-
-<p>Wer da meinte, die Weltgeschichte sei mit Darwin nicht bloß einer
-gewissen Wegblindheit in älteren Tagen, sondern dem wahren absolut
-sinnlosen und blödsinnigen „Zufall“ ausgeliefert, der hatte übrigens
-noch ein drastischeres altes Bild gelegentlich zur Hand, als jene
-famose Hasenjagd. Ein Schwein wühlt in einem ungeheuren Haufen
-Buchstaben. Es wühlt ihn zu immer neuen zufälligen Kombinationen
-durcheinander. Als eine solche Kombination entsteht eines Tages die
-Ilias. So soll es mit den harmonischen, den kosmischen Gebilden
-in der Welt überhaupt sein, und zwar beweise das eben Darwins
-Selektions-Theorie.</p>
-
-<p>Das Beispiel ist in der Tat aber höchst prägnant grade für das oben
-Entwickelte.</p>
-
-<p>Auch hier ist das Resultat zunächst nur eines: nämlich eben die Ilias.
-Damit sie aber werde, sind eine ganze Reihe fester Voraussetzungen
-nötig, deren Summe der Kraft nach eben auch schon die ganze Ilias
-enthält.</p>
-
-<p>Zunächst jener Buchstabenhaufe, in dessen Buchstabenkombinationen auch
-schon die Ilias einmal ganz steckt. Dann die unendliche Wühltätigkeit
-des Schweins, die nicht rastet, bis endlich auch die Kombination Ilias
-da ist. Das Gleichnis enthält eins nicht, das hier bei Darwin sehr
-wesentlich ist:<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> das Harmonischere ist das Erhaltungsfähigere. Man
-müßte das Gleichnis ergänzen, indem man etwa sagte: im Moment, da das
-Schwein ein Stück Ilias herausgerüsselt hat, kleben jedesmal grade
-diese Buchstaben plötzlich so fest aneinander, daß der Rüssel sie
-nicht wieder zerstören und nicht wieder weiterverwühlen kann. Doch das
-nebenbei.</p>
-
-<p>Die Hauptsache ist auch hier: der Buchstabenhaufe und das wühlende
-Schwein bezeichnen bloß einen <em class="gesperrt">Weg</em> zum Auslösen des gleichen
-Ziels. Die Intelligenz des Schweines erzeugt allerdings nicht
-die Ilias, — das entspricht genau dem Gedanken Darwins, daß der
-auslesende Kampf ums Dasein selber durchaus nicht als zweckschauende
-Macht im Menschensinne zu deuten sei. Aber der Gesamterfolg wird
-gleichwohl einem Komplex von Gesamteigenschaften in dem umfassenden
-Organismus „Buchstaben — Logik — Zeit — Schwein — Wühleifer
-und Ausdauer dieses Schweins“ verdankt: — niemand wird bestreiten
-können, daß dieser so begabte Organismus die Tendenz hat, eine Ilias
-hervorzubringen.</p>
-
-<p>Und mehr brauchen wir ja nicht für die Natur.</p>
-
-<p>Die Dinge lagen hier bloß noch etwas verwickelter.</p>
-
-<p>Die Selektion hat zunächst das Menschengehirn herausgewühlt. Dieses
-Menschengehirn dann erzeugte die wirkliche Ilias. Schließlich könnte
-man aber auch im Menschen noch einmal mit etwas Phantasie das
-Urbeispiel innerlich weitertreiben. Aus einer riesigen Auslese bleiben
-die griechischen Schriftzeichen, Sprachformen, Begriffe übrig. Aus
-einer unendlichen Auslese erhebt sich der (oder erheben sich die)
-Verfasser der Ilias grade mit dieser Wortkombination. Eine unendliche
-Auslese, Wahl, Verwerfung von Bildern, Ideen, Erfindungen ging ihr im
-Dichtergehirn vorauf. Es ließe sich wenigstens als Aufgabe stellen, in
-alledem die Selektion aufzuspüren.</p>
-
-<p>Wahr ist ja, daß unsere feinste Gedankenarbeit bis ins tiefste
-dichterische Empfinden Züge zeigt, die sich immer noch auffallend gut
-mit Selektion vergleichen lassen.</p>
-
-<p>Wir suchen ein Bild, einen Schluß. Eine ganze Kette von<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Vorschlägen
-gleichsam taucht aus der Tiefe, ohne daß wir den Prozeß irgendwie
-bewußt beherrschten. Sie treten in Konkurrenz, blitzschnell oft, oft
-auch sehr langsam. Es ist, als passierten sie Stück für Stück Revue
-vor einem logischen Prinzip, einem Messen an bestimmten Forderungen.
-Das fällt, jenes, noch eins, — da: endlich sitzt die dunkel in uns
-arbeitende Maschine. Das hier und kein anderes ist das erlösende Bild,
-die treffende Idee, — heureka, wir haben es.</p>
-
-<p>Auch diese subtilsten Dinge beherrscht unsere bewußte Intelligenz
-keineswegs in ihren einzelnen Bedingungen. Wohl haben wir das Gefühl,
-daß etwas in uns sei, das auch das Ganze wieder umgreift, und in dem
-diese Bedingungen Eigenschaften sind. Und wohl hat das schließliche
-Resultat den klarsten Sinn für unsere Intelligenz. Aber auf dem Wege
-spielen sich eine Masse Prozesse ab, die uns vom Intelligenzboden aus
-da genau so fremdartig und so unnötig umständlich erscheinen könnten,
-wie in der Welt Darwins der Weg über die Selektion.</p>
-
-<p>Warum gehorcht dem Wunsche nach einem Bild, einer Idee nicht sofort die
-höchste uns gegebene, zielsichere Intuition, — der Flintenschuß, der
-den Hasen mit einer einzigen Kugel fällt? Warum dieses Aufdrängen von
-Massen Varianten, von denen doch nur eine sich der Forderung wirklich
-verbinden kann, während alle andern ergebnislos wieder verpuffen wie
-die Million übriger Kugeln jenes Kreuzfeuers?</p>
-
-<p>Ich glaube, daß wirklich nichts lehrreicher ist zum Begriffe
-„Verschwendung“ und „Umständlichkeit“ in der Natur, als ein wenig
-Beobachtung in unserem eigenen Denkapparat.</p>
-
-<p>Es gibt bekanntlich eine philosophische Auffassung, die alles Reale
-der Welt eigentlich als ein Seelisches faßt und in der ganzen
-Weltentwickelung also einen ungeheuren Denkprozeß des Naturgeistes
-sieht.</p>
-
-<p>Auf den ersten Blick hat es gewiß den Anschein, als werde eine
-derartige Weltanschauung nun wenigstens mit der Selektion nichts
-anfangen können. Und im Kampfe des Tages ist in der Tat sogar von dort
-gelegentlich recht demonstrativ<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> die ganze Darwinsche Selektionstheorie
-der Kuddelmuddel-Theorie zugeworfen worden, — natürlich zur Freude der
-letzteren.</p>
-
-<p>Aber was hätte solche Weltgedanken-Philosophie anderes an Analogie zur
-Hand, als eben unsere eigenen Denkprozesse — und wenn nun gerade in
-denen selektionsartige Dinge auftauchen, — weshalb sollte die große
-Naturseele beim Bauen ihrer kosmischen Gebilde nicht ähnlich ihre Ideen
-auf dem Selektionswege zustande gebracht haben?</p>
-
-<p>Kuddelmuddel jedenfalls kommt damit so wenig in den Weltprozeß,
-wie unser eigener feinster Gedankenprozeß etwa beim Dichten oder
-dem Verfolgen einer wissenschaftlichen Idee trotz aller wieder
-ausgestrichenen Gedankenvarianten und zerrissenen Zettel irgend eine
-Ähnlichkeit mit Kuddelmuddel-Wirtschaft hat — was, wie ich hoffe, doch
-wohl jedermann zugeben wird.</p>
-
-<p>So viel zur philosophischen Klärung.</p>
-
-<p>Die letzten Sätze haben ja streng genommen schon in ein ganz anderes
-Gebiet eingelenkt: nämlich in das Gebiet der Frage, ob die Selektion
-<em class="gesperrt">wahr</em> sei?</p>
-
-<p>Diese Frage fällt nun selbstverständlich nicht mit der zusammen, ob sie
-gegebenen Falles jene Folgen für den großen Entwickelungsgedanken mit
-sich zöge.</p>
-
-<p>Ich meine aber, daß wir, ich möchte wohl sagen: gemütlicher an die
-Dinge herangehen, wenn wir der Entscheidung über diese Eventualität
-<em class="gesperrt">vorweg sicher</em> sind und damit erst vor die Wert-Frage im
-Wahrheitssinne selber treten.</p>
-
-<p>Mir persönlich ist es so ergangen, wenn ich zurückblicke. Ob mit, ob
-ohne Selektion, habe ich mir eines Tages gesagt: in den Weltblödsinn
-hinein geht es auf alle Fälle nicht. Niemals kommen wir auch mit der
-Selektion auf ein wirkliches Chaos als Ausgangspunkt der sichtbaren
-Welt, — immer bleibt eine Ur-Logik des Naturganzen, die auf kosmische,
-harmonische, höhere Gebilde führen <em class="gesperrt">mußte</em>.</p>
-
-<p>Darwin hat <em class="gesperrt">seine</em> Selektionsfrage auf ein ganz bestimmtes Gebiet
-beschränkt. Er fragte nach der Entstehung der Tier-<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> und Pflanzenarten
-— allerdings ein Feld, wo seit Alters das gesteigert Harmonische, die
-innere höhere allgemeine Zweckmäßigkeit doch grade ganz besonders stark
-in die Augen gefallen war.</p>
-
-<p>Ist ihm der Beweis zu Gunsten der Selektion in seinem Spezialfalle
-gelungen, so hat er ein famoses Exempel geschaffen.</p>
-
-<p>Ist er nicht geglückt, so muß eine <em class="gesperrt">andere</em> Deutung des
-<em class="gesperrt">Weges</em> gesucht werden, den die Entwickelung hier genommen hat.
-Niemals aber ist diese Entwickelung selbst als Grundauffassung bedroht!</p>
-
-<p>Es ist möglich, daß der antidarwinistische Stürmer und Dränger
-vom Modeschlage, wenn man ihn bis hierher geführt hat, die Sache
-<em class="gesperrt">überhaupt nicht mehr interessant</em> findet.</p>
-
-<p>Um den Preis bloß dieser kleinen Schwankungen mache ihm der ganze
-Feldzug gegen Darwin keinen Spaß mehr! Wenn nicht mehr herauskomme&#160;....</p>
-
-<p>Da kann ich ihm nun nicht helfen. Ich für mein Teil finde, daß
-der Fortgang der Debatte <em class="gesperrt">jetzt erst wirklich</em> interessant
-<em class="gesperrt">wird</em>. Freilich wird er’s nicht mehr zu gunsten von
-Modeschlagworten. Denn hier gilt das alte Wort: die Moral aus der
-Geschichte ist keine Rede, sondern eine Handlung. An dieser Ecke
-kann schlechterdings kein theoretisches Gerede den Darwinismus
-über sich selbst hinausführen, sondern nur noch ernste, strenge,
-wissenschaftliche Tat, — Tat in fachwissenschaftlicher Spezialarbeit.</p>
-
-<p>Ich denke an eine solche Tat, — wie fruchtbar sie gleich ist! Die
-Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze.</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Geheimnis_der_Nachtkerze" title="Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze">&#160;</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Geschichte, an die ich mich erinnere, fängt streng genommen an mit
-der Entdeckung Amerikas, — mit der ja so vieles Merkwürdige für unsere
-Kenntnis wie Schätzung des Himmels und der Erden angefangen hat.</p>
-
-<p>In der hübschen Morgenstunde des 12. Oktober 1492, als die Kanonen
-der „Santa Maria“ den großen Tag verkündeten,<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> stellte sich das
-Zünglein der Wage auch schon auf die Entscheidung ein: wer nun Herr
-werden sollte, die alte Welt über die neue oder die neue über die
-alte. Es sollte noch gar manche Sprünge vor und zurück machen, dieses
-Zeigerlein. Was Kolumbus damals aber wohl am wenigsten geahnt hat,
-das war die rasche und endgültige Lösung der Frage durch einige der
-sanftesten Landeskinder der neuen Erdhälfte, wenigstens für ihr Gebiet:
-nämlich Pflanzen.</p>
-
-<p>Im Laufe der jetzt verflossenen vier Jahrhunderte haben eine Anzahl
-amerikanischer Pflanzen unzweideutig die alte Welt erobert.</p>
-
-<p>An jenem Entdeckungsmorgen berührte des Altweltlers Kolumbus Fuß auch
-den Erdteil der Nachtkerzen.</p>
-
-<p>In bald hundert Arten wuchs das Geschlecht dieser lieblichen
-Blumen auf dem neuweltlichen Kontinent. Ein schwefelgelber Strauß
-Nachtkerzenblüten, in unsere sandige Mark gebracht, wäre damals ein
-eigenartig exotischer Genuß von jenseits des großen Wassers mit allem
-Zauber jungfräulicher Neuheit gewesen.</p>
-
-<p>Uns nachkolumbisches Geschlecht nimmt das schon Wunder. Denn wir
-pilgern aus der Stadt in die märkische Heide und am Bahndamm zwischen
-den Kiefern stehen die Nachtkerzen Kopf an Kopf wie die gelben
-Flämmchen, ein echtes und rechtes Unkraut, das uns weder in Liebe
-noch Haß für gewöhnlich imponieren kann. Denn es gehört zwar zum
-altvertrauten Vaterlandsbilde, aber der schlichte Sinn achtet es doch
-durchweg eben als ein Unkraut sehr niederen Grades.</p>
-
-<p>Nun denn: die erste <span class="antiqua">Oenothera</span>, wie die Nachtkerze als botanische
-Gattung heißt, kam um 1614 aus Virginien in Nordamerika zu uns herüber.
-Es war die sogenannte <span class="antiqua">Oenothera biennis</span>. Im Jahre 1778 führte
-John Fothergill eine zweite Art (<span class="antiqua">muricata</span>), 1789 John Hunnemann
-die dritte (<span class="antiqua">suaveolens</span>) aus Kanada ein. Europas Luft und Erde
-sagten den Gästen aber alsbald so zu, daß sie sich heimlich aus den
-Gärten, wo man sie als fremde Rarität gehegt, fortmachten und bald
-da, bald dort als freie Kolonisten auf eigene Faust<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> ansiedelten.
-Seitdem besitzen sie Sandgrube und Düne und Waldrain bei uns, als hätte
-Thusnelda schon ihre Kränze aus ihren Gelblingen geflochten.</p>
-
-<p>Das ist die ursprünglichste Voraussetzung der wunderbaren Historie, die
-es zu berichten gilt: die erste Station der Nachtkerze von Amerika bis
-zum märkischen Bahndamm.</p>
-
-<p>Die nächste Wegstrecke ist freilich etwas länger. Sie führt nämlich von
-da bis ins Herz menschlicher Philosophie und Weltauffassung.</p>
-
-<p>Am Ende des 18. Jahrhunderts lebte in Paris Lamarck, Botaniker und
-Zoologe, ein ebenso großer Mann wie Pechvogel der Weltironie. Er
-predigte die natürliche Entwickelung der Tiere und Pflanzen und die
-Wandelbarkeit der Arten zu einer Zeit, da nur ein halbes Dutzend
-Auserlesener (die sich meist untereinander nicht kannten) etwas davon
-wissen wollte, der nicht unbeträchtliche Rest dagegen solche Ideen als
-Kontrebande aus dem Heiligtum der Forschung hinausprügelte.</p>
-
-<p>Dieser Lamarck fand wieder in einem Augenblick, da ihm alle Spekulation
-ganz fern lag, im Herbarium des Pariser Pflanzengartens einige
-getrocknete Exemplare auch so einer amerikanischen Nachtkerzen-Art, die
-er als erster wissenschaftlich beschrieb. Sie war von den genannten
-anderen verschieden und der Zufall wollte, daß sie in der Folge den
-Namen <span class="antiqua">Oenothera Lamarckiana</span> bekommen hat.</p>
-
-<p>Heute, da jedermann den alten Lamarck als Vorläufer Darwins kennt,
-klingt das förmlich herausfordernd darwinistisch. Gedacht hat sich aber
-damals und noch lange später niemand etwas derart dabei. Es war wie ein
-prophetischer Donnerschlag der Olympischen, den zunächst jeder für ein
-ganz simples Gewitter hält.</p>
-
-<p>Auch diese Lamarcksche Nachtkerze ging übrigens den Weg ihrer
-Schwestern. Sie wanderte zunächst in unsere Gärten hier und da ein,
-und wenn die Gartenpforte offen stand, rückte auch sie ein Schrittchen
-weiter, fühlte sich wieder als freie Farmerin mit dem Pioniermut des
-Westens und verwilderte. Das aber sollte grade ihr großes Schicksal
-bedingen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p>
-
-<p>Im Jahre 1886 war es.</p>
-
-<p>Und in Holland war es, Nord-Holland, zwischen Hilversum und s’Graveland.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Dr. jur.</span> J. Six hieß ein Mann dort und der Mann hatte einen
-Kartoffelacker. Er gehörte zu seinem Gute, Jagtlust mit Namen. Durch
-Kanalanlagen war das Feld von drei Seiten her unzugänglich geworden und
-infolgedessen hatte der Eigentümer es seit einer Reihe von Jahren nicht
-mehr verpachtet. Es lag da, in die Hand der Natur zurückgegeben, was
-sie mit ihm machen wollte. Und sie schenkte ihm, was sie für solchen
-Acker hat, von dem der Mensch seine Hand zieht: Unkraut unter dem
-Himmel.</p>
-
-<p>Ich erzähle die Umstände so genau, denn der Leser wird die Behauptung
-zu hören bekommen, es habe sich auf diesem Kartoffelacker, der brach
-lag wie in einem Gleichnis des Evangeliums, nichts Geringeres vollzogen
-als eine Art Akt der Weltschöpfung. Den Lehm, aus dem eine Welt
-geschaffen wird, möchte man doch aber genau kennen.</p>
-
-<p>Noch wieder in nicht allzuweiter Entfernung von diesem Acker hatte Herr
-Six Gartenanlagen und darin ein kleines Zierbeet. Als Gartenpflanze
-war dort neben anderem bunten Volk auch die gelbe Nachtkerze Lamarcks
-gelegentlich angepflanzt worden. Ihr aber war, treu dem alten
-Nachtkerzen-Gelüst, das Beet bald zu klein geworden. Da lag ja, gerade
-von dieser Seite zugänglich, der leere Acker, eine Fläche von 5000
-Quadratmetern. Also dehnte sie sich allgemach dort hinüber, setzte ihre
-Kinder und Kindeskinder ins freie Feld und trieb zwischen den Kanälen
-des Herrn Six im Kleinen, was ihre Schwestern im großen Stil einst mit
-ganz Europa gemacht hatten.</p>
-
-<p>So lagen die Dinge im Sommer 1886.</p>
-
-<p>Das Kulturbeet war selber eingegangen, kaum daß man seinen Fleck noch
-erkannte. Ringsum aber in das Feld hinein und da und dort schon tief in
-diesem drängte es sich in zierlichen Blattrosetten und hohen Stauden
-von verwildertem Oenotherenvolk. Im Juli und August flammten mit ihrem<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span>
-verwegenen Leuchtgelb zahllose Blüten auf. Und da geschah’s.</p>
-
-<p>Just auf diesen Goldacker geriet nicht ein harmloser Spaziergänger,
-den bloß die gelben Blumen freuten, sondern ein Mann, der seit Jahren
-auf der Lauer lag, ja dessen Geist so zu sagen ein großes Klappnetz
-darstellte, bereit, beim geringsten Einschlag mit energischstem Ruck
-zusammenzuschlagen.</p>
-
-<p>Wenige Minuten davon hatte sich für drei Sommer der Professor der
-Botanik zu Amsterdam, Hugo de Vries, einquartiert.</p>
-
-<p>1886, — das waren nicht mehr die Zeiten Lamarcks.</p>
-
-<p>Dazwischen lag jenes Kolumbus-Jahr der neueren Biologie: 1859, da
-Darwin auftrat. Was bei Lamarck ein Traum eines einzelnen gewesen war,
-das hatte Darwin den Zeitgenossen als höchstes wissenschaftliches
-Arbeitsziel beigebracht: die Suche nach dem Werden der Tier-
-und Pflanzenarten, das Studium der Wandlungen, Umgestaltungen,
-Entwickelungen im Bereich des Lebendigen. Inzwischen waren indessen
-wiederum fast dreißig Jahre hingezogen. Die Generation nach Darwin
-hielt den Meister hoch in Ehren, aber sie grübelte selber schon wieder
-ein Stück weiter, wie das ihr gutes Recht war. „Was du ererbt von
-Deinem Darwin hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ De Vries war in den
-wesentlichsten Punkten Darwinianer, wie sich das beinahe von selbst
-verstand. Er zweifelte keinen Augenblick mehr an einer Entwickelung des
-Lebendigen nach natürlichen Gesetzen und an einer Wandelbarkeit der
-Arten. Aber der alte Darwin hatte auch jene Sätze über das „Wie“ dieser
-Entwickelung und Wandlung gelehrt: — von Vererbung, Anpassung, Kampf
-ums Dasein, Variieren, Zuchtwahl und Verwandtem. Dieser alte Darwin
-hatte dabei nie verfehlt, diese seine engeren Ansichten als alles eher,
-denn ein Dogma hinzustellen. Er verstand unter dem „Darwinismus“ nichts
-mehr und nichts minder als ein schweres Arbeitsprogramm für die Zukunft.</p>
-
-<p>Die Generation, zu der de Vries (geboren 1848) gehörte, fing an, das
-mehr und mehr wirklich als Ernst zu fühlen.<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Man hatte im ersten Feuer
-doch etwas viel nur für die äußerliche Ausmünzung der Ideen Darwins
-gewirkt. Jetzt besann man sich auf des Meisters innerste esoterische
-Kernlehre: daß ja die Hauptsache erst noch zu leisten sei durch
-unermüdliche harte Beobachterarbeit. Auch de Vries hatte sich sein
-Programm gemacht, wo er arbeiten wollte.</p>
-
-<p>De Vries war Botaniker.</p>
-
-<p>Darwin hatte gelehrt, daß auch bei den Pflanzen die „Art“
-<em class="gesperrt">veränderlich</em> sei. Neue Arten entwickelten sich aus schon
-vorhandenen, und so fort. Ungeheure Linien dieser Entwickelungen
-lagen zweifellos in der Vorwelt, der Geschichte. Sie konnten in ihrem
-eigentlichen Verlauf, als Vorgang, von uns nicht mehr beobachtet
-werden. Aber Darwin neigte dazu, daß die Naturgesetze der Vergangenheit
-keine anderen seien als die unserer sichtbaren Gegenwart, — ein Punkt,
-in dem er wohl sicher recht hatte. Dann aber wurde im höchsten Grade
-wahrscheinlich, daß die Entstehung neuer Arten <em class="gesperrt">noch weitergehen</em>
-und auch bis zu uns heranreichen müsse.</p>
-
-<p>Darwin zog denn auch, um die Sache aufzuhellen, ganz folgerichtig
-die Experimente unserer heutigen Gärtner und Tierzüchter heran, die,
-wenn nicht Arten, so doch mindestens Abarten herangezüchtet zu haben
-glaubten durch planmäßiges Ausnutzen kleiner natürlicher Veränderungen.</p>
-
-<p>Dieser Weg führte ihn auf gewisse <em class="gesperrt">mögliche</em> Gesetze der
-wirklichen Artentstehung in der Natur. Aber grade er schien ihm
-auch zu beweisen, daß der wahre Naturweg in diesen Dingen ein ganz
-unglaublich <em class="gesperrt">langsamer</em> sei. Die winzige Zeitspanne, in der wir
-beobachten, schien viel zu kurz, um eine wahre Artentstehung, die
-Entwickelung einer neuen Pflanzenart aus einer andern ohne menschliche
-Nachhilfe, darin schon erleben zu können. Das war denn nun eine
-mißliche Zwickmühle. Die eine Beweisinstanz geriet in die unfaßbare
-Vergangenheit, die andere in die nebelblaue Zukunft. Dort waren wir
-nicht mehr dabei, und hier noch nicht.</p>
-
-<p>Es gab hitzige Köpfe, die da behaupteten, an diesen Dingen hinge ein
-großes Stück Weltanschauung. Es war<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> nicht gerade angenehm, von dem
-entscheidendsten Ding dann sagen zu müssen, es schwebe wie Mohammeds
-Sarg einstweilen zwischen Himmel und Erde.</p>
-
-<p>Leute der jüngeren Generation, wie de Vries, begannen zu fragen,
-ob Darwin hier unbedingt Recht behalten solle, — nicht mit seiner
-Entwickelungsidee, sondern mit seiner Skepsis. Wenn es nun bei
-sorgsamster Tatsachenprüfung doch einmal glückte, die Natur bei der
-Arbeit zu belauschen, wie ihr das Meisterstück gelang, heute noch unter
-unsern kritischen Augen eine neue Art zu schaffen?</p>
-
-<p>Gelang es, so mußte ja im „Wie“ der Artbildung einiges <em class="gesperrt">anders</em>
-sein, als Darwin sich gedacht hatte. Aber darauf kam ja grade gar
-nichts an. Man arbeitete nicht an einem toten Monument für Darwins
-Einzelmeinungen, sondern man arbeitete an einem lebendigen Werk der
-Wahrheit, das sein Name als der eines vorbildlichen Wahrheitssuchers
-bloß eingeweiht.</p>
-
-<p>In solchen Gedanken schweifte seit Jahren jetzt de Vries Auge über
-jeden Fleck Erde, wo Pflanzen bei einander standen.</p>
-
-<p>Wie einst Goethe in Palermo den Blick wandern ließ, ob er nicht in
-irgend einem bunten Beet doch die „Urpflanze“ entdecken möchte, die das
-reine Urbild des Pflanzenwesens heute noch verkörpere, so suchte de
-Vries die Wandelpflanze, die Pflanze, die ihr Artbild durchbricht einem
-Neuwerden zu Liebe. Gab es sie, — gab es sie nicht, mochte er die
-Blüten fragen wie Gretchen ihr Blumenorakel nach Fausts Liebe befragt.</p>
-
-<p>Er besuchte auch den Kartoffelacker von Hilversum.</p>
-
-<p>Ein Botaniker bringt seinen sichern Blick in solches Unkraut-Paradies
-mit. Er sah den Zusammenhang, wie diese Nachtkerzen-Gesellschaft sich
-seit etwa zehn Jahren hier auf die Eroberung begeben. Solcher freie
-Einfall in unbenutztes gutes Terrain ist für eine Pflanzenart aber
-stets ein Ereignis. Unerhört war ihre Üppigkeit, ihre Individuen-Zahl
-in den wenigen Generationen gesteigert worden. Was eine Art konnte,
-mußte hier geleistet sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p>
-
-<p>Nun weiß man seit Alters, in besonderem Maße aber seit Darwin, daß jede
-Pflanzenart, die man in vielen Individuen vergleichen kann, ein solches
-Können hat: das sogenannte Variieren.</p>
-
-<p>Die Individuen zeigen in den feinen Einzelheiten ihres Baues kleine
-Schwankungen, kleine individuelle Abweichungen von einander. Man lege
-beispielsweise eine Anzahl Blätter der gleichen Art nebeneinander und
-man findet nicht zwei absolut gleiche. Bei genauerem Zusehen findet
-man sogar bestimmte Reihen, in die diese Variationen des vorgesetzten
-Grundschemas sich einordnen lassen. Man kann sie unter gewisse
-Schwankungsgesetze einordnen, wie das (unabhängig von Darwin) durch
-Quetelet geschehen ist.</p>
-
-<p>Darwin selbst war der Ansicht, daß diese kleinen Varianten jeder Art
-von großer Bedeutung für die Entstehungsgeschichte ganz neuer Arten
-seien, grade darauf aber baute er auch seine Theorie auf, daß diese
-Entstehung unendlich langsam in weiten Zeiträumen, also uns unfaßbar,
-herankrieche.</p>
-
-<p>Einerlei: wer immer nach Verwandlungsspuren suchte, mußte das Variieren
-als interessant beachten. Und diese Nachtkerzen-Kolonie in der Kraft
-ihres Könnens wies dem Besucher sogleich solche individuellen Varianten
-in verschwenderischer Pracht. Notwendig mußte es ihn fesseln. Er blieb
-eine Weile beim Studium der Kolonie. Schade nur, dreifach schade, daß
-mit allem Studieren dieses Variierens grade in Darwins Sinn so wenig
-für die Grundfrage herauskam! Ging die Artbildung diesen Weg, so war es
-eine ewige Zukunftsvertröstung für uns, keine sichere Erkenntnis. Wir
-sahen von der Artentstehung nicht mehr als ein Astronom in seinem Leben
-von der Wiederkehr eines Kometen sieht, der tausend Jahre braucht, um
-wieder in unsere Erdsicht zu kommen. Der Astronom konnte wenigstens
-die Ziffern fest errechnen. Wir hatten bloß schwache Vermutungen ohne
-festen Halt!</p>
-
-<p>Indessen schon bald geschah etwas Wunderliches, etwas Unerwartetes.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p>
-
-<p>Die Nachtkerzen-Art, die den gelben Blütenteppich des Ackers bildete,
-war von dem Botaniker zunächst ohne Skrupel und Mühe im Ganzen als die
-Lamarckiana bestimmt worden. Die kleinen Abweichungen der einzelnen
-Individuen galten ihm als selbstverständliche Varianten dieser einen
-guten Art. Aber in den Sommern 1886 und 1887 stellte er etwas fest, was
-hierzu nicht stimmte.</p>
-
-<p>Beim sorgfältigen Durchprüfen aller vorhandenen Einzelnachtkerzen
-entdeckte er zwei andere Arten mitten dazwischen, beide scharf
-geschieden von der Nachtkerze Lamarcks.</p>
-
-<p>Schon am 20. August 1886 fand er zwei Individuen, eines im dichtesten
-Wald der Lamarckskerzen, eines etwas davon entfernt, beide aber
-ausgezeichnet durch sehr viel kürzeren Griffel und kleinere Früchte,
-auch sonst in Einzelheiten durchaus absonderlich.</p>
-
-<p>Im nächsten Sommer zeigten sich ihm an einer Stelle tief im Felde als
-pionierhaft vorgedrungene Nachtkerzen-Kolonie zehn Individuen einer
-zweiten Sonderart, die durch sehr viel schönere Belaubung, nämlich
-glattere Blätter und durch anders gestaltete schmälere, oben nicht
-herzförmig ausgebuchtete Blumenblätter abermals von der Lamarckskerze
-grundverschieden war.</p>
-
-<p>Die Sachlage war auffällig über alle Maßen.</p>
-
-<p>Die Individuen der beiden fremden Arten steckten so eingekeilt in der
-Kolonistenlinie der Lamarckier, daß schlechterdings nicht zu begreifen
-war, wie sie als „fremd“ hier hineingeraten sein sollten. Trotz
-ihrer Verschiedenheit saßen sie genau so da, als seien sie schlichte
-Abkömmlinge der Lamarcks-Gesellschaft selbst gleich allen andern des
-Feldes. Waren sie es nicht wirklich? Und waren sie dann nicht doch bloß
-gewöhnliche, nur etwas extreme Varianten der Lamarckskerzen?</p>
-
-<p>De Vries trat dem gegenüber zwei feste Beweise an, beide in sich völlig
-gelungen.</p>
-
-<p>Er brachte beide Sonderlinge im botanischen Garten zu Amsterdam zur
-Fortpflanzung und stellte fest, daß sie in weiteren Generationen
-vollständig konstant bleiben: die kurzgriffelige<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Form erzeugt weiter
-immer nur Kurzgriffler, die glattblätterige nur Glattblättler. Das gilt
-im allgemeinen botanisch als Merkmal einer festen Art. Also doch zwei
-Arten! Keine Varianten von Lamarckskerzen!</p>
-
-<p>Gleichzeitig aber stellte de Vries aus der Literatur und den
-Musterherbarien von Leiden, Paris und Kew fest, daß bisher <em class="gesperrt">weder in
-Europa noch in Amerika irgend ein Botaniker diese beiden Arten gesehen
-hatte</em>.</p>
-
-<p>Es waren beides neue Arten!</p>
-
-<p>Zwei bisher unbekannte Nachtkerzen-Arten!</p>
-
-<p>Die eine mußte <span class="antiqua">Oenothera brevistylis</span>, die kurzgriffelige,
-getauft werden, die andere <span class="antiqua">Oenothera laevifolia</span>, die
-glattblätterige.</p>
-
-<p>Was war das?</p>
-
-<p>Hatte jemand in aller Stille in einem undurchforschten Winkel Amerikas
-diese beiden Arten gefunden, hatte ihre Samen heimlich nach Holland
-gebracht und zwischen die Lamarckier geschmuggelt?</p>
-
-<p>Aber diese ganze Pflanzenkolonie hier war ja grade ein
-Verwilderungsprodukt, das Ergebnis einer von Menschenhand unberührten
-Auswanderung sich selbst überlassener Pflanzen von einem unbeachteten
-Beet auf einen unbenutzten Acker!</p>
-
-<p>Oder welcher unglaubliche Wind sollte diese Samen über den Ozean hinweg
-hierher geweht haben, — da doch vor dem siebzehnten Jahrhundert
-niemals offenbar ein einziger Nachtkerzensamen selbst der häufigsten
-amerikanischen Art auf solchem freien Naturwege zu uns gekommen war?</p>
-
-<p>Je unwahrscheinlicher, unmöglicher alle diese Erklärungen wurden, desto
-deutlicher arbeitete sich aus dem Ganzen eine <em class="gesperrt">Möglichkeit</em> heraus.</p>
-
-<p>Auf dem ursprünglichen Beet war nur die Lamarckiana gewesen. Diese
-allein war auf den Acker ausgewandert. Dort hatte sie sich üppig
-vermehrt. Und bei der Gelegenheit hatte sie plötzlich zwei vollkommen
-neue Nachtkerzen-Arten <em class="gesperrt">aus sich erzeugt</em>.</p>
-
-<p>Plötzlich, — das heißt immerhin in der kurzen, übersehbaren<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Spanne
-der paar Jahre, seit denen nachweislich die Invasion auf den Acker erst
-statt haben konnte.</p>
-
-<p>So wäre denn hier das ungeheure Wunder einer Art-Entstehung nicht von
-uns getrennt durch Jahrmillionen der Vergangenheit oder Äonen der
-Zukunft, — ganz dicht wäre es nur hinter uns gewesen, zu messen noch
-an ein paar Nachtkerzen-Generationen in ein paar Menschenjahren.</p>
-
-<p>Eine winzige Spanne zurück — und der Botaniker wäre gradezu drauf
-gestoßen, — gestoßen auf den Schöpfungsakt zweier neuer Pflanzenarten
-auf einem Kartoffelacker zu Hilversum&#160;....</p>
-
-<p>De Vries aber sagte sich folgendes. Wenn diese gelbe Kerzenkolonie erst
-vor zwei Jahren dieses „Wunder“ hier vollbracht hat, so besteht eine
-höchste Wahrscheinlichkeit, daß sie es auch <em class="gesperrt">jetzt noch</em> kann.
-Und wenn sie es vollbracht hat in der abgeschiedenen Stille dieses
-Kartoffelwinkels zwischen zwei Hilversumer Kanälen, so wird sie es auch
-vollbringen in der wissenschaftlichen Helle eines botanischen Gartens.</p>
-
-<p>De Vries sah plötzlich eine Lebensaufgabe vor sich. Er entnahm dem
-geheimnisvollen Acker Zuchtpflanzen und Samen der echten Lamarckiana
-und der beiden neuen Arten und brachte sie in den botanischen Garten
-zu Amsterdam. Wenn diese Abkömmlinge der Schöpfungsstätte unter
-genauester Kontrolle aufblühten, wenn sie unter den denkbar günstigsten
-Verhältnissen tausende und tausende von Individuen entfalteten, — ob
-dann in diesem goldenen Blütenfelde noch einmal und sichtbar jetzt vor
-Menschenaugen das große Mysterium sich vollziehen würde: die Entstehung
-einer neuen Pflanzenart?</p>
-
-<p>Es war das eigenartigste Experiment, das der ganze Darwinismus bisher
-erlebt hatte. Würde es glücken?</p>
-
-<p>Wir sind im Herbst 1886. Zu dieser Zeit also entnahm de Vries dem
-rätselhaften Acker von Hilversum neun besonders schöne, große Rosetten
-der echten Lamarckskerze und pflanzte sie in den botanischen Garten zu
-Amsterdam.</p>
-
-<p>Das bedeutsame Experiment begann.</p>
-
-<p>Zweijährig, wie diese Pflänzchen waren, kamen sie im<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> nächsten Sommer,
-also 1887, in üppige Blüte und lieferten reichlich Samen. Dieser
-Samen kam zu neuer Aussaat und lieferte für die Sommer 88 und 89 eine
-ungeheure Nachkommenschaft, von der rund fünfzehntausend Individuen
-genau geprüft, gleichsam steckbrieflich aufgenommen wurden.</p>
-
-<p>Wenn die Nachtkerze auch im Garten unter Kontrolle eine neue Art zu
-erzeugen beliebte, so war jetzt erste Gelegenheit.</p>
-
-<p>Und der Fall ließ in der Tat nicht auf sich warten.</p>
-
-<p>Unter den fünfzehntausend Kerzchen von 88/89 waren genau zehn Stück,
-die nicht auf den Steckbrief der Lamarckskerze hören wollten.</p>
-
-<p>Da standen zunächst fünf Individuen, die sich als „Zwerge“ gaben.</p>
-
-<p>Trieb die echte Lamarckiana durchweg erst bei Meterhöhe Blüten,
-so sproßten sie diesen Zwergen schon bei zehn Zentimetern ihres
-Höhenwachstums. Dabei handelte es sich aber keineswegs um reine
-Miniaturausgaben im Sinne einfach schwacher Individuen, etwa wie auf
-so und so viel Menschen auch einmal ein Schwächling weit unter dem
-Normalmaß kommt. Gleich das erste Blättlein, mit dem die zierliche
-Rosette einsetzte, erschien schon anders als die Lamarcksblätter,
-breiter in der Basis, kürzer gestielt, kurz art-verschieden. Wiederum
-die Blüte, wenn sie kam, war selber gar nicht verkrüppelt, sondern im
-Verhältnis der Blätter ganz auffällig groß. Kurz: der Botaniker stand
-vor einer neuen Art. Und, wohlverstanden, vor einer Art, die diesmal
-nachweislich von echten Lamarcks-Eltern herstammte!</p>
-
-<p>De Vries taufte sie ob ihrer Zwergenhaftigkeit die <span class="antiqua">nanella</span>.</p>
-
-<p>Es erübrigte, sie auf ihre Artbeständigkeit in eigenen, weiteren
-Generationen zu prüfen, und auch das gelang. Samen der fünf Zwerge
-ergaben zwanzig neue Exemplare, die mit der höchsten Sorgfalt vor
-Vermischung mit echten Lamarckiern geschützt wurden. Es ist zur
-Abwehr solcher Vermischung ein besonderes Verfahren nötig, das erst
-einen rechten Begriff gibt,<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> welche Arbeit überhaupt in solchen
-Versuchen steckt. Bekanntlich wird die Befruchtung bei den höheren
-Pflanzengruppen durchweg so vollzogen, daß männlicher Blütenstaub der
-einen Blüte auf den weiblichen Griffel einer anderen gebracht wird.
-Die Vermittler dieser Uebertragung sind bei den höchsten Gruppen (zu
-denen auch die Nachtkerze gehört) die ab- und zufliegenden Insekten,
-Bienen, Fliegen, Schmetterlinge, die auf ihrer Honigsuche ohne Willen
-hier den Staub einer Blüte sich aufpulvern lassen und dort, bei Einkehr
-in einer anderen, am rechten Fleck zurücklassen. Bei solcher Post wäre
-nun in unserm Falle nur zu leicht möglich, daß ein Insekt mit echtem
-Lamarckianastaub bepulvert in eine Nanellablüte kröche. Der Erfolg aber
-wäre eine Kreuzung der beiden Formen, die die Einsicht hemmte, ob die
-Nanella, allein gelassen, als echter Artanfang wieder reine Nanellae
-erzeugte anstatt Lamarckskindern. So mußte denn die Insektenpost hier
-vorsätzlich ausgeschaltet werden. Jedes Pflänzchen wurde, wenn es
-Blüten setzte, durch transparente Papierhütchen gegen anfliegende Gäste
-abgeschlossen, die nötige Befruchtung aber besorgte an Insektenstatt
-der Professor selbst und zwar stets so, daß er nur den Staub einer
-echten Nanella wieder auf eine Nanella brachte. Resultat war, daß aus
-den bewußten zwanzig Nanellae 2463 neue Keimpflanzen hervorgingen, die
-ausnahmslos Nanella-Zwerge waren. Das entschied.</p>
-
-<p>Inzwischen waren aber die Wunder in den fünfzehntausend ursprünglichen
-Lamarcks-Abkömmlingen noch nicht zu Ende.</p>
-
-<p>Dabei wuchsen nämlich nochmals genau fünf andere Exemplare, die auch
-ihren Sonderweg gingen.</p>
-
-<p>Auch sie waren bereits im zweiten oder mindestens dritten Blättchen,
-das sie trieben, von den Lamarckiern streng unterscheidbar an der
-wunderbaren Breite und oberen Abrundung ihrer Blätter. Kamen sie ganz
-herauf, so erwies sich alles an ihnen entsprechend dick und geweitet.</p>
-
-<p>„Dickköpfe“ wurden es, die jeder Laie schon auf den ersten Blick
-herauskannte. <span class="antiqua">Lata</span>, die Breite, taufte man also diese<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> zweite
-Nachtkerzen-Art, die unter den Augen des unbestechlichen Beobachters
-sich aus der echten Lamarckskerze „entwickelt“ hatte.</p>
-
-<p>Von allen bisher erkannten Neu-Arten wich sie am meisten von der
-Urform ab. Und schade nur, daß diesmal die Dauerhaftigkeit in weiteren
-Generationen nicht festzustellen war aus einem rein äußerlichen Grunde:
-diese (und alle später noch beobachteten) Individuen der Lata waren nur
-in ihren weiblichen Blütenteilen voll entwickelt, in den männlichen
-dagegen so verkümmert, daß eine Befruchtung mit echtem Lata-Staub
-unmöglich blieb.</p>
-
-<p>Das Wirtschaften mit solchen Pflanzenkolonieen, die in die vielen
-Tausende hinein gehen, ist kein Kinderspiel. Trotzdem folgte de Vries
-zunächst unentwegt noch wieder einer Generation weiter. Er erzielte aus
-echtem Lamarckssamen der Fünfzehntausend von 88/89 eine Generation für
-1890 und 91, die zehntausend gezählte und geprüfte Pflänzchen enthielt.</p>
-
-<p>Unter diesen Zehntausend waren abermals drei Lata-Kerzen und drei
-Nanella-Kerzen!</p>
-
-<p>Die Kraft, die zu erzeugen, bestand also bei den Lamarckiern auch jetzt
-noch fort.</p>
-
-<p>Aber außerdem war diesmal ausgespart ein einziges Individuum dabei, das
-eine dritte Neu-Art darstellte!!</p>
-
-<p>Diese Art war von hervorragender Schönheit. Sie wies rote Blattnerven
-und breite rote Streifen auf Kelch und Frucht. Die Blüte war größer
-und dunkler gelb. Ganz besonders auffällig aber war ihre Sprödigkeit.
-Stengel und Blätter zerbrachen bei jedem derberen Stoß. Schlug man
-von oben auf die blühende Pflanze, so zersprang „der Stengel förmlich
-in mehrere Stücke mit glatten Bruchflächen“. Den Grund bildete die
-sehr schwache Ausbildung der mikroskopischen Bastfasern, — ein
-interessanter Umstand als Beweis, wie tief bis in ihre feinste Struktur
-hinein diese Art von der echten Lamarckiana verschieden ist. Im übrigen
-war grade sie über allen Verdacht hinaus kräftig und fruchtbar.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Rubrinervis</span>, die Rotnervige, nannte sie ihr Entdecker, und diese
-Rotnerven-Kerze gab in der Folge, als sie noch einmal<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> und zahlreicher
-in einer Lamarckszucht „entstand“, aus acht Individuen Samen für
-tausend Nachkommen, von denen 999 echte Rotnerver waren, und nur ein
-einziges Exemplar die alte Lamarckierin.</p>
-
-<p>Selbst dieser eine Rückschlag war höchstwahrscheinlich gar kein
-echter, sondern Ergebnis einer zufälligen Einschleppung in das
-Beobachtungsbeet. Denn eine weitere Samengeneration lieferte 1114
-Pflanzen, die samt und sonders rote Blattnerven besaßen.</p>
-
-<p>Leider wurden die Schwierigkeiten der Kultur jetzt so groß, daß für
-eine Weile das großartige Experiment ruhen mußte. Drei Jahre ruhten die
-Samen der Sommergeneration von 1891 unbenutzt und mit ihnen ruhte so
-lange das Schöpfungswunder von Amsterdam.</p>
-
-<p>Endlich 1895 kam es zu neuer Aussaat.</p>
-
-<p>Reichlicher als früher wurde diesmal der Boden gedüngt. In größerem
-Stil als je wurde alles aufgenommen. Alle Befruchtungen wurden mit
-raffiniertester Gewissenhaftigkeit künstlich unter Dütenschutz
-vollzogen, die Statistiken mit polizeilicher Sorgfalt geführt.</p>
-
-<p>Und abermals wuchs eine Generation auf, eine einjährige diesmal,
-abermals vierzehntausend Individuen. Und staunenswertes Resultat: die
-Artbildung warf abermals Wellen, stärker als je zuvor.</p>
-
-<p>Da standen unter den Vierzehntausend zunächst sechzig Nanella-Zwerge.</p>
-
-<p>Dann dreiundsiebzig Lata-Dickköpfe.</p>
-
-<p>Und endlich acht Rotnervchen.</p>
-
-<p>Wie aber diese Rubrinervis das vorige Mal als einzige ihrer Art
-plötzlich aufgetaucht war, so erhob sich diesmal aus seiner Rosette ein
-Einzelindividuum je von zwei nochmals völlig neuen Arten.</p>
-
-<p>Der eine dieser Revolutionäre auf eigene Faust war im Gegensatz zu den
-Zwergen ein Riese, kräftig, breitblätterig, mit gewaltigen Blüten bei
-kurzer Frucht.</p>
-
-<p>Augenblicks, da das gelbe Feld der Vierzehntausend von<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> 1895 in
-Flor trat, stachen diese Prachtblüten aus der Menge vor. Nie vorher
-konnte ein Exemplar solcher Größe dabei gewesen sein, — es war
-schlechterdings eine Neuheit wieder. Und doch eine Neuheit vom alten
-Stamm, — vom einen Stamm, der jetzt in der vierten Generation streng
-nachweislich reine Lamarckiana-Zucht war!</p>
-
-<p><span class="antiqua">Gigas</span> wurde der Riese mit Recht benannt.</p>
-
-<p>Er erwies sich in 450 weiteren Sprößlingen aus Selbstbefruchtung
-konstant insofern, als er keine einzige Lamarckiana wieder
-hervorbrachte; dagegen erlaubte er sich schon in der nächsten
-Generation eine eigene neue Art in einem einzigen Exemplar zu
-zeugen: einen Riesen im Einzelwuchs, der doch in der Gesamthöhe nur
-das Zwergenmaß der Nanella erreichte. Weitere Generationen blieben
-dagegen unverändert beim Riesentypus, wahrten ihm also sein Art-Recht
-ungeschmälert fort.</p>
-
-<p>Der andere Individualist der Vierzehntausend hatte schmale,
-langgestielte Blätter von eigenartig glänzender Oberfläche ohne Buckeln
-und von einer ganz besonderen dunkelgrünen Färbung, durch die sich die
-Nerven weißlich dehnten. Die Blüten waren diesmal klein wie bei der
-kleinblütigen Biennis-Nachtkerze, die sich grade in diesem Punkt so von
-der Lamarckierin schied.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Scintillans</span>, die Glänzende, wurde diese Neu-Art getauft.</p>
-
-<p>Ihre Dauerhaftigkeit unterlag in der Folge Zweifeln, doch ist die Sache
-noch nicht klar aufgehellt, weder positiv noch negativ.</p>
-
-<p>Interessierte in diesen beiden Fällen das pionierhaft Vereinzelte der
-Neuschöpfung, so wirkte grade umgekehrt, daß eine dritte „Art“ diesmal
-sofort in ganzen hundertsechsundsiebzig Exemplaren aufmarschierte.</p>
-
-<p>Schmal waren auch ihre Blätter und langgestielt, aber auffälliger noch
-als bei allen andern, und kenntlich dabei durch die breiten, blassen,
-oft rötlichen Nerven. Die Größe blieb hinter der Lamarckskerze zurück,
-ohne sie doch zum Zwerg zu degradieren. Und auch sonst fehlte es nicht
-an Sondermerkmalen.<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> Die Dauerhaftigkeit erhellte sicher aus allen
-weiteren Kulturversuchen.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Oblonga</span> wurde Taufname.</p>
-
-<p>Endlich erwiesen sich noch fünfzehn Exemplare der Masse diesmal
-sicher als Neukerze, obwohl man ihnen Ähnliches schon in den früheren
-Generationen gewahrt, aber nicht als Neu-Art angesprochen hatte.
-Es handelte sich um schöne, aber stets sehr hinfällige Kerzen von
-weißlichgrauer Blattfarbe, viel kleiner als die Lamarckierin in Wuchs
-wie Blüte. Früher erschienen sie nur als Krankheits-Varianten. Jetzt
-erkannte de Vries auch in ihnen eine feste Art, deren Dauerhaftigkeit
-sich denn auch anstandslos bewährte.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Albida</span>, die Weißliche, hieß sie fortan.</p>
-
-<p>Auf vierzehntausend Kerzen aus Lamarckssaat also im ganzen
-dreihundertundvierunddreißig abweichende Exemplare in nicht weniger als
-sieben von der Lamarckskerze verschiedenen Arten!</p>
-
-<p>Die Versuche in dieser Reihe wurden bis 1899 fortgesetzt, jedes
-Jahr mit einer neuen Folge-Generation. Mit der achten Folge war die
-ungeheuerliche Ziffer von fünfzigtausend genau untersuchten Individuen
-erreicht. Über achthundert hatten eigene Wege in die genannten sieben
-Arten eingeschlagen. Eine weitere Art über die sieben hinaus kam in
-dieser Reihe nicht mehr hinzu.</p>
-
-<p>Inzwischen waren aber gleichzeitige Kulturen aus andern Samen des
-Hilversumer Ackers in Amsterdam durchgeführt worden, zum Beispiel von
-jener ursprünglich schon wild in Hilversum entdeckten glattblättrigen
-Art, und auch dort waren in langen Generationsketten neue Arten
-aufgetaucht, teils die gleichen, schon genannten, teils noch andere.</p>
-
-<p>Endlich war das Hilversumer Wunderfeld selbst fort und fort unter
-Aufsicht geblieben und es hatte sich herausgestellt, daß fünf der
-Amsterdamer Neu-Arten auch dort im wilden Zustand in den Jahren
-erschienen waren, so die Breite und der Zwerg.</p>
-
-<p>Das sind die Tatsachen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p>
-
-<p>Wie die ganze Fülle der Beobachtungen und Experimente in dem de
-Vriesschen Prachtwerke „Die Mutationstheorie“ (erster Band, Leipzig,
-Veits Verlag) ausführlich und mit schönen Farbentafeln in Wort und
-Bild dargelegt ist, macht sie nicht den Eindruck, als wenn an dem
-grundlegenden Material noch viel wesentliche Kritik geübt werden könnte.</p>
-
-<p>Was de Vries gesehen hat, scheint fortan zu unserm wissenschaftlichen
-Stammstoff zu gehören und jede Theorie muß damit rechnen.</p>
-
-<p>De Vries selber aber hat jedenfalls das erste Recht, auch zu einer
-solchen Theorie gehört zu werden.</p>
-
-<p>Nachdem er seine Tatsachen einigermaßen beisammen hatte, verwertete er
-sie für folgende verallgemeinernde Sätze.</p>
-
-<p>Diese hier beschriebenen neuen Nachtkerzen-Arten sind <em class="gesperrt">nicht</em>
-gewöhnliche <em class="gesperrt">Varietäten</em>.</p>
-
-<p>Kleine, individuelle Variantenbildung lief während der ganzen Studie
-immer und überall nebenher, ohne die Sache irgendwie zu berühren.
-Die ersten Hilversumer Lamarckskerzen variierten so im kleinen, es
-variierten ihre fünfzigtausend Nachkommen in Amsterdam, es variierten
-innerhalb ihres typischen Bildes wieder die entstandenen Neuarten
-selbst in all ihren Reinkulturen, kurz, diese kleinen Schwankungen
-gingen immer und überall nebenher, änderten oder taten zur Sache,
-um die es sich handelt, aber gar nichts. Es war eben, wie wenn
-fünfzigtausend Menschen verschiedene Nasen haben: sie bleiben darum
-doch alle Mensch und es wird keiner zu einer außermenschlichen Art.</p>
-
-<p>Solches Werden im letzteren Sinn aber entspräche nach de Vries
-tatsächlich dem, was bei Entstehung jener sieben und mehr Neuformen aus
-der Lamarckskerze vorliegt. Hier hat irgend ein Innenakt der Pflanze
-aus einer Art eine ganze Kolonie neuer Arten plötzlich, von Generation
-zu Generation, hervorbrechen lassen, — echte <em class="gesperrt">Arten</em> mit <em class="gesperrt">allen
-Merkmalen</em> von solchen.</p>
-
-<p>So lautet denn de Vries’ erster Lehrsatz: eine Pflanzenart hat unter
-Umständen die Kraft, eine ihr verwandte, aber doch<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> grundlegend
-verschiedene neue Art plötzlich, ruckweise aus sich bei der
-Fortpflanzung entstehen zu lassen. Im Gegensatz zur gewöhnlichen
-Variation bezeichnet er diesen Akt als eine „<em class="gesperrt">Mutation</em>“, von
-<span class="antiqua">mutare</span>, verwandeln.</p>
-
-<p>Es handelt sich dabei nicht um eine kleine individuelle Abweichung
-in irgend welchen Merkmalen, sondern um einen Ruck, bei dem die
-Tochterpflanze in ihrem tiefsten Wesen als Ganzes aufgerüttelt,
-umgerüttelt, neu fundiert, verwandelt erscheint.</p>
-
-<p>De Vries gebraucht zur Klarlegung des Unterschiedes zwischen Variation
-und Mutation gelegentlich ein sehr hübsches Bild, das von F. Galton
-herrührt. Man denke sich ein sogenanntes Polyeder, einen Körper mit
-vielen verschiedenen Flächen nach allen Seiten. Als Bild kann gut einer
-jener schönen kristallenen Briefbeschwerer mit vielen Schliff-Flächen
-dienen, die man öfter sieht. Ein solcher Kristallblock gerate auf eine
-schiefe Ebene. Er liegt zunächst fest auf einer seiner Schliffflächen.
-Aber die Ebene senkt sich unter ihm und er beginnt zu rutschen, —
-zunächst auf dieser seiner Fläche. Die Rutschpartie geht schneller:
-er beginnt zu kippen. Er schwankt, balanziert auf der unteren Kante
-seiner Grundfläche, neigt sich etwas vor und zurück. Aber noch zwingt
-ihn die Schwere in die alte Lage zurück, er fällt wieder in die alte
-Basis, entfernt sich nicht dauernd von ihr, sondern oszilliert nun
-gleichsam um sie herum. Das wäre die Variation einer Art auf der
-schiefen Ebene ihrer Fortpflanzung! Indessen plötzlich jetzt ein
-Ruck: unser Kristallblock hat auf einer stärksten Neigungsstelle das
-Übergewicht bekommen, ist gekippt — und liegt jäh auf seiner nächsten
-Schlifffläche. Er hat seine Basis verändert. Um die mag er jetzt wieder
-schwanken, oszillieren, — jedenfalls ist es ein Oszillieren um einen
-ganz neuen, veränderten Schwerpunkt. Dieser Ruck, dieser Sturz, diese
-plötzliche Basisänderung — ist eine Mutation. Die Art oszilliert,
-variiert bei ihr nicht um ihre gegebene Basis, — sie fällt in sich um
-auf eine neue Basis: sie erzeugt eine neue Art.</p>
-
-<p>Die Entdeckung dieser Mutation als einer experimentell<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> gesicherten
-Sache hielt de Vries für seine wichtigste Leistung. Aber er blieb dabei
-nicht stehen.</p>
-
-<p>Er folgerte weiter, daß die Mutation nicht wie die Variation eine
-beständige Begleiterscheinung im Leben der Pflanzenarten sei, sondern
-wahrscheinlich <em class="gesperrt">in gewissen Perioden</em> sich einstelle.</p>
-
-<p>Eine Art kann lange auf ihrer Fortpflanzungsbahn bloß oszillieren. Dann
-plötzlich macht sie Sprünge, bei denen die Basis jäh wechselt: sie
-tritt in eine Mutationsperiode.</p>
-
-<p>Für diesen Sachverhalt spricht die Ruhe so vieler Pflanzenarten,
-die, lange beobachtet, keinerlei Mutationen zeigen, und umgekehrt
-dieser Nachtkerzenfall, wo in kürzester Frist die Neubildungen sich
-jagen und überall, oft in verhältnismäßig kolossaler Individuenzahl,
-hervorbrechen.</p>
-
-<p>Hier lag ja nun die Frage nahe genug, welches Gesetz denn diesen
-Wechsel von Ruhezeit und Mutationszeit bestimme, — oder mit anderen
-Worten: was für ein Grund die Pflanze überhaupt zur Mutation zwinge?
-Diese Frage mit irgend einer Theorie zu beantworten, vermaß sich
-indessen de Vries vorläufig nicht.</p>
-
-<p>Seine Experimente gaben keinen Anhalt dafür. Seine Nachtkerze war
-offenbar schon im wildesten Trubel einer Mutationsperiode, als er sie
-fand. Den Anfang der Dinge sah er nicht. Vermuten ließ sich höchstens
-ein Zusammenhang zwischen der äußerst üppigen und raschen Vermehrung
-durch Eroberung des Hilversumer Ackers und dem Eintritt dieser Periode.
-Doch warf das de Vries nur so als Denkbarkeit hin.</p>
-
-<p>Im wesentlichen resignierte er: die äußeren Ursachen der Mutabilität
-seien uns noch völlig unbekannt. Um so energischer aber erörterte und
-entschied er einen verwandten Punkt.</p>
-
-<p>Die Mutation arbeitet — <em class="gesperrt">richtungslos</em>!</p>
-
-<p>Die Lamarckskerze, wie sie gegeben war, erscheint als eine gute
-Anpassung an den Daseinskampf. Wir sehen sie in Amerika sich halten, in
-Europa fortblühen, sehen sie als Pionier, der sich wieder wild macht,
-den Hilversumer Acker erobern, kurz, sie steht ihren Mann.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p>
-
-<p>Wie geht es nun mit den Neuarten? Sind sie noch besser? Sind sie
-schlechter? Ist etwas Besonderes in bestimmter Richtung an ihnen
-„verändert“? Etwas pro oder kontra?</p>
-
-<p>Der Sachverhalt der vorhandenen Neuarten gibt eine feste Antwort.</p>
-
-<p>Die Abänderungen umfassen alle Organe gradezu und gehen überall in
-fast jeder Richtung. Die Pflanzen werden stärker, sagt de Vries, oder
-schwächer, mit breiteren und schmäleren Blättern. Die Blumen werden
-größer und dunkler gelb, oder kleiner und blasser. Die Früchte werden
-länger oder kürzer. Die Oberhaut wird unebener oder glätter; die
-Buckeln auf den Blättern nehmen zu oder ab. Die Produktion der Pollen
-nimmt zu oder ab; die Samen werden größer oder kleiner, reichlicher
-oder spärlicher. Die Pflanze wird weiblich oder fast männlich; manche
-hier noch nicht beschriebene Formen waren völlig steril, einige
-nahezu ohne Blüten. Einige neigten mehr zur Zweijährigkeit, andere
-weniger, eine war fast rein einjährig. Das entscheidet jene Frage.
-Diese Abänderungen sind in kunterbunter Reihe teils nützlich, —
-teils indifferent — teils ausgesprochen schädlich. Die Riesenform
-<span class="antiqua">Gigas</span> ist der Lamarckiana anscheinend in jedem Betracht über.
-Die Zwergform <span class="antiqua">Nanella</span> und die zerbrechliche <span class="antiqua">Rubrinervis</span>
-sind wehrloser als die Lamarckskerze. Eine Neuart, die unfruchtbar
-ist, ist selbstverständlich ein unrettbarer Todeskandidat. Also: der
-Mutationsprozeß, was er nun auch für eine Triebfeder habe, arbeitet
-hinsichtlich der Anpassung, der Kampfstärke im Leben richtungslos, —
-bald pro, bald kontra. Er probt blind „Möglichkeiten“ durch, indem er
-bessere, schlechtere, gleiche Würfel regellos ausstreut.</p>
-
-<p>Daraus aber mußte sich für de Vries folgerichtig noch ein weiterer Satz
-ergeben.</p>
-
-<p>Über die Fortexistenz der regellos geschaffenen Mutationsarten
-entschied der Daseinskampf!</p>
-
-<p>Er merzte die schlechteren Neuschöpfungen aus. Bei Gleichheit
-im Lebenswert ließ er je nachdem Mutterart und<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Mutationsarten
-nebeneinander bestehen. War dagegen ein Mutationsprodukt <em class="gesperrt">besser</em>
-angepaßt, brauchbarer als alle Mitmutationen und als die Mutterart
-selbst, so ließ er diese <em class="gesperrt">beste</em> Form <em class="gesperrt">allein</em> bestehen und
-merzte alle anderen aus.</p>
-
-<p>Die Rolle des Daseinskampfes war in diesem Sinne zwar eine gewaltige,
-— aber sie war rein — negativ. Er machte nicht die Mutation.</p>
-
-<p>Er konnte an sie als gegebenes „Absolutes“ direkt in keiner Weise heran.</p>
-
-<p>Aber er warf unablässig alle schlechten Mutationen wieder aus dem
-Spiel, einschließlich aller überbotenen Stammformen, und reichte einer
-besten oder einigen gleichberechtigt besten die Palme der Herrschaft.</p>
-
-<p>Indem er ungeheure Ketten von Mißmutationen und wertlos gewordenen
-Stammformen wie welke Zweige beständig abschnitt, trennte er die
-überlebenden Sieg-Mutationen durch weite Räume voneinander.</p>
-
-<p>Darum erscheinen uns im Dauerbilde die „Arten“ meist so getrennt,
-obwohl die Mutationen sich zunächst immer noch so verhältnismäßig
-nahe gestanden hatten, wie die Lamarckiana und ihre Zwergenkinder,
-Riesenkinder, Kurzgriffler, Rotnervchen und Glanzblättler.</p>
-
-<p>Ganz scharf tritt in dieser „Mutationstheorie“ die Beziehung wie der
-Gegensatz hervor zu der engeren Darwinschen Lehre von den Bedingungen
-der Entwickelung.</p>
-
-<p>De Vries nimmt den ganzen <em class="gesperrt">äußeren</em> Besitz des Darwinismus
-<em class="gesperrt">vollzählig</em> in sich auf, er umspannt ihn, wie jede gute neue
-Theorie alles Gute der älteren umspannen soll, anstatt künstliche
-Unterschiede zu schaffen.</p>
-
-<p>Dem lauten Getriebe, das heute alle darwinistischen Grundtatsachen
-wieder aus der Welt reden möchte, steht ein so besonnener Kopf, der
-grade beim alten Darwin arbeiten gelernt hat, vollkommen fern.</p>
-
-<p>Die fördernde oder hemmende Macht der äußeren Existenzbedingungen, in
-die die lebenden Wesen jedes für sich eintreten — der „Daseinskampf“,
-wie es Darwin nannte, ohne selbst<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> in die Mißverständnisse
-überzulenken, die das vieldeutige Wort im Alltagsleben seitdem erfahren
-hat — sie bleibt in voller Wucht bestehen.</p>
-
-<p>Wie sollte sie nicht?</p>
-
-<p>Fällt doch jedes neue Pflänzchen auf dieser alten Erde nicht vom
-Blauen ins Blaue, sondern es tritt vom Tage seiner Entstehung an
-in ein ungeheures Netz bereits bestehender Verhältnisse, vor denen
-es sich ausweisen muß, ob es „lebensfähig“ ist. Wenn ein Fischlein
-im Wasser aus dem Ei kriecht und das Wasser rauscht um es her —
-und es hat plötzlich durch irgend eine individuelle Veranlagung
-keine Kiemen, so muß es augenblicks sterben, es ist untauglich zum
-Lebenskampf. Je besser dagegen seine Kiemen sind, desto flotter kann
-es das „Leben“, sein Leben in den gegebenen Bedingungen des Fischs im
-Wasser, aufnehmen. Die Logik dieses Gedankens ist eine immer wieder
-so schlichte, so schlechterdings zwingende, daß einer sich wirklich
-schon künstlich in den blinden Zweifel hineinreden muß, um das nicht
-mehr zu fassen. Wo immer in einer Tier- oder Pflanzenart individuelle
-Veränderungen auftreten, da <em class="gesperrt">muß</em> diese logische Mühle weiter
-mahlen, da <em class="gesperrt">muß</em> eine Selektion, eine Auslese des Besseren, vor
-den äußeren gegebenen Bedingungen Zweckmäßigeren, und eine Ausmerzung
-des Schlechteren stattfinden. Und das Resultat muß eine beständige
-Annäherung sein an eine immer bessere, eine beste „Anpassung“
-der Gesamtmenge an diese Bedingungen, — also genau das, was wir
-in so ungezählten Beispielen wirklicher famosester Anpassung und
-Zweckdienlichkeit der Lebewesen allerorten auf Erden vor Augen sehen.</p>
-
-<p>Damit ist der Kerngedanke aber der Darwinschen Zuchtwahltheorie immer
-und immer wieder gerettet als ein schlicht logisches Grundprinzip,
-um das wir außen und oben, auf der Kampffläche der Dinge, nicht
-herumkommen.</p>
-
-<p>Was sich aber fragt und von Anfang an schon für alle ernsten Denker,
-vor allem Darwin selbst, gefragt hat, das ist: wie es sich mit jenen
-„individuellen Veränderungen“ selbst verhalte, also mit dem Korn, das
-die Daseinskampfmühle oder<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> das Daseinskampfsieb, wie das Bild besser
-lautet, zu verarbeiten bekommt?</p>
-
-<p>Die Darwinsche Schule, so will ich einmal etwas allgemeiner hier
-sagen, hat durchweg angenommen, daß für die große Entwickelungslinie
-wesentlich jene kleinen individuellen Varianten in Betracht kämen,
-die, wie erwähnt, ungefähr unter jene statistischen Schwankungsgesetze
-Quetelets fallen, — also im groben Bilde etwa, was bei uns Menschen
-sich als Unterschiede in der Nasenlänge oder so etwas Ähnlichem äußert.</p>
-
-<p>Eine solche kleine Variante sollte gelegentlich schon ein kleines Plus
-im Daseinskampfe geben. Durch bessere Erhaltung auf Grund dieses Plus
-sollte dieser Daseinskampf sie so zu sagen mehr und mehr in Reinkultur
-herausarbeiten und allmählich so steigern, daß sie endlich unter die
-Dauermerkmale der ganzen Art geriet. Ein Komplex solcher endlich
-fest herangezüchteten Plus-Varianten mochte schließlich das ganze
-frühere Art-Bild so verwandeln, daß wir Systematiker die ausgelesene
-Varianten-Elite der Ur-Ur-Enkel gradezu für eine neue Art ansprachen.
-Und ein Hauptstützmittel dieser Auffassung waren eben die Erfahrungen
-unserer Gärtner und Tierzüchter, die mit großer Sicherheit behaupteten,
-genau in dieser Weise, durch stete Auslese der passenderen Varianten,
-völlig neue Dauerformen „erzeugt“ zu haben.</p>
-
-<p>So die darwinistische offizielle Lehrmeinung.</p>
-
-<p>Nun ist aber in hohem Grade bemerkenswert, daß Darwin selbst mindestens
-ursprünglich in diesem heikelsten Punkte gar kein extrem waschechter
-„Darwinianer“ war.</p>
-
-<p>Er betonte, daß sich in der „Variation“ <em class="gesperrt">zwei</em> Dinge zu verstecken
-schienen, zwei nicht ohne weiteres gleiche Dinge.</p>
-
-<p>Erstens nämlich ein stetiges individuelles Wechselspiel von Plus
-und Minus im Sinne eben jenes Nasenbeispiels. Zweitens aber gewisse
-plötzliche, unvermittelte Abweichungen vom Grundschema der Art,
-Varianten, die nicht in die Linie Plus und Minus ausbogen, sondern so
-zu sagen in eine neue Dimension hinein, in etwas ganz abrupt Neues.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
-
-<p>In der ersten hellsichtigen Genieschau durch das ganze neue Lichtfeld
-der Dinge sah das Darwin sehr gut.</p>
-
-<p>Als er sich aber dann mehr in die praktischen Gärtner- und
-Tierzüchter-Versuche hineinarbeitete, vermischte sich ihm die Zweiheit.</p>
-
-<p>Dort fielen die beiden Arten der Variation anscheinend für die Praxis
-so durcheinander und in eins, daß es unwichtig schien, die Trennung
-noch zu betonen.</p>
-
-<p>Es folgte die Hochflut der Darwinschen Schule. Insbesondere Wallace
-trieb den Zuchtwahl-Gedanken aufs gedanklich Äußerste hinauf. Hier war
-von irgend einer Beachtung des feinen Unterschiedes gar keine Rede
-mehr. Die Variation war Eines nur und in diesem Einen war entscheidend
-ausgesprochen bloß die Plus- und Minusschwankung. Aus ihr wuchsen die
-neuen Arten.</p>
-
-<p>Ist das doch selbstverständlich, meinte Wallace, wenn wir nur etwa ein
-so einfaches Beispiel anschauen wie unsere tausend Kulturspielarten
-aus der einzigen Ur-Art des wilden Apfelbaums. Dieser Apfelbaum hat
-nach Plus und Minus variiert und diese Varianten haben die Gärtner
-benutzt, um alle die prächtigen süßen Apfelsorten unserer Obstgärten
-allmählich herauszufixieren. Dabei sind die Äpfel aber keineswegs
-bloß süß geworden. Es sind so und so viel echte Apfelspielarten von
-recht verschiedenem Bau dabei herausgekommen, — ein Beweis, daß die
-ursprüngliche einfache Plus-Variante auch den Keim solcher Artbildung
-bot.</p>
-
-<p>Und das schien wirklich schlagend. Eine ganze Generation beugte sich.
-Wer da oder dort zweifelte, der geriet in das Dilemma, ob er etwa mit
-dem ganzen Darwinismus brechen wollte ob seiner Ketzergedanken. So
-unzertrennbar fest schien diese Masche im großen Netz der Theorie zu
-stecken, daß man gradezu glaubte, sie trüge das Ganze und der große
-Entwickelungsgedanke müsse unten durchfallen, wenn man sie löse.</p>
-
-<p>Nun, meint de Vries, die Entwickelungslehre als solche steht heute
-auf so breiten Füßen, daß man diese Skrupel wahrlich abtun kann.
-Eine neue Prüfung des Variationsproblems<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> ändert da auch nicht ein
-Titelchen. Zumal wir eigentlich nur auf Darwins eigene erste Ideenlinie
-zurücklenken. Und so steht denn hier die Lamarcksche Nachtkerze mit
-ihren „Mutationen“ und wirft eine ganz neue Farbe ins Bild.</p>
-
-<p>Sie besagt mit ihrer proteisch vielseitigen Person zunächst klipp
-und klar, daß es jene Doppelgestalt hinter dem einfachen Wörtchen
-„Variation“ wirklich gibt. Es gibt neben dem Variieren im Sinne von
-Hin- und Herpendeln der Plus- und Minus-Varianten auf der Art-Kante
-noch ein regelrechtes Umkippen in neue Art-Merkmale hinein, eine
-Sorte Variation, die eben mit besserem Wort als „Mutation“ von der
-gewöhnlichen geschieden wird.</p>
-
-<p>Das aber geklärt, kommt nunmehr ein Vorstoß allerdings über Darwin
-hinaus und sogar gegen ihn.</p>
-
-<p>Über diese Mutations-Varianten und nicht über die einfachen
-Schwankungs-Varianten läuft nach de Vries und ist immer gelaufen die
-wahre Neubildung von Arten. Alle Behauptungen und angeblichen Resultate
-der Gärtner und Tierzüchter, alle noch so sicheren Schlüsse und Thesen
-der hyperdarwinistischen Theoretiker sind falsch, so weit sie die
-Entstehung irgend einer neuen Art durch künstliche oder natürliche
-Weiterzüchtung einfacher Plus-Minus-Varianten behaupten.</p>
-
-<p>Wo ein Ergebnis dieser Sorte durch Zuchtwahl mit „Varianten überhaupt“
-zustande gekommen ist, da steckten eben Mutationen mit darunter, sie
-haben nachgeholfen ganz in der Stille und ein Gewinnlos in die an sich
-falsch gestellte Nietenlotterie eingeschmuggelt. Beispiel: eben die
-Wallacesche Geschichte der Gartenäpfel.</p>
-
-<p>Die künstliche Gärtnerzuchtwahl konnte wohl aus sauren Wildäpfeln süße
-Kulturäpfel durch einfache Ausnutzung der kleinen Schwankungs-Varianten
-machen. Hier handelte es sich bloß um Steigerung einer Plus-Variante im
-Zuckergehalt bis auf ein extremes Maximum. Das ist genau der gleiche
-Erfolg wie bei dem allbekannten Beispiel der Zuckerrüben, über das die
-einwandfreieste Statistik vorliegt. Niemals wird so<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> ein eigentlich
-konstanter Wert geschaffen. Läßt man die künstliche Auslese ruhen,
-läßt die süße Kulturform wieder verwildern, so sinkt sie binnen kurzem
-wieder auf den zuckerärmeren Urstand zurück, der Kulturapfel wird
-wieder Holzapfel, die Zuckerrübe in unserm Zuchtsinne verschwindet
-wieder von der Erde. Vollends aber niemals entsteht bei einfachem
-Zuchtprozeß auf diesem Wege der Variantennutzung eine feste neue
-Spielart, die sich nicht bloß in einem einseitigen Plusmerkmal von
-der Stammart unterschiede und darin in alle Nachkommenschaft hinein
-konstant bliebe. Nie ist es bei den Zuckerrüben passiert.</p>
-
-<p>Aber doch bei den Äpfeln? Keineswegs auch da, sagt de Vries. Die wahre
-Tatsache ist in diesem Falle, daß schon der wilde Holzapfel eine
-gewaltig <em class="gesperrt">mutierende</em> Pflanze war, die sich bereits wild in so und
-so viel Unterarten zerspalten hatte, in echte Mutations-Varianten also,
-die natürlich als solche konstant waren und das schönste Ur-Material
-bereits lieferten. Die Gärtner haben sie durch Ausnutzung ihrer
-jedesmal „auch“ vorhandenen Plus-Varianten des Zuckergehalts einzeln
-zu Kulturäpfeln umgeformt. Dabei sind die Spielarten als solche eben
-geblieben, — niemals aber sind <em class="gesperrt">sie</em> erst bei dem Gärtnerprozeß
-der Versüßung, den alle parallel erlebten, selber „erzeugt“ worden.</p>
-
-<p>Dieser Fall gibt nach de Vries gradezu den Schlüssel für alle jene
-Irrtumsquellen, wo Arten durch Steigerung der einfachen Variation
-gewonnen worden sein sollten. Immer war Mutation im Spiel, ungewollte,
-unberechenbare, einfach in den Schoß fallende Mutation als Akt des
-tiefsten Eigenlebens der Pflanze, — wenn die Sache gelang! Fehlte
-sie als Kräutchen Nießmitlust, so mochte die Pastete hundert Jahre
-schmoren, es gab keinen Erfolg.</p>
-
-<p>Daher die Klagen der Gärtner, daß sie mit aller Variations-Nutzung
-keine blauen Georginen, großen weißen Kannablüten, hochgelben
-Hyazinthen „erzeugen“ konnten. Die stille Helferin Mutation warf eben
-diese Nummern bisher nicht ins Spiel. Daher der alte tiefsinnige
-Praktikersatz: „Die erste Bedingung,<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> um eine Neuheit hervorzubringen,
-ist, sie bereits zu besitzen.“ Zu besitzen: das heißt, vom Glück so
-begünstigt zu werden, daß die Mutation, selber unbeherrschbar wie sie
-ist, sie einem grade ins Spiel setzt. Sonst hilft alle Zuchtwahl und
-alles Rübenglück nichts.</p>
-
-<p>Wenn es aber mit der künstlichen, uns zugänglichen Züchtung so steht,
-dann wird es wohl mit der natürlichen, auf die wir ja nur von hierher
-schließen, ebenso sein.</p>
-
-<p>Auch der freie Daseinskampf wird nur echte Neuheiten mit Dauerwert
-durch die Arbeit der Mutation seit alters zur Verfügung gehabt haben,
-von denen er dann die einen bestehen lassen, die andern, unpraktischen
-ausroden konnte.</p>
-
-<p>Mit den Varianten der einfachen Sorte aber wird auch er nichts weiter
-haben anfangen können, als daß er diese oder jene eine Weile ins Extrem
-trieb; zog er die Hand von solchem Schützling, weil sich in seinen
-eigenen Bedingungen lokal etwas änderte, so fiel das sofort wieder ab,
-ohne daß je eine wirkliche innere Erneuerung damit angeregt gewesen
-wäre.</p>
-
-<p>Es ist sehr wichtig, daß im Augenblick, da man bis hierher mitgeht,
-ein tatsächliches Sachverhältnis in der Tier- und Pflanzenwelt sich
-plötzlich ganz von selbst aufhellt.</p>
-
-<p>So lange die Zuchtwahl-Theorie mit ihrer Anpassungs-Idee jetzt in der
-Welt ist, so lange ist auch von Freund, wie Gegner (am schärfsten
-wieder von Darwin selbst) erkannt und betont worden, daß ihr ein
-Zug im Bilde der Arten, wenn nicht direkt widerspricht, so doch zäh
-widerstrebt.</p>
-
-<p>Die charakteristischen Eigenschaften der einzelnen Tier- und
-Pflanzenarten lassen sich in ungezählten Fällen in zwei scharfe Gruppen
-sondern.</p>
-
-<p>Die einen fallen unter den Anpassungsbegriff.</p>
-
-<p>Sie sind dem lebenden Geschöpf im Lebenskampfe ausgesprochen nützlich,
-z.&#160;B. wenn ein Laubfrosch, der auf grünen Blättern lebt, grün ist. Zur
-Verteidigung der Zuchtwahl-Theorie im ganzen sind diese Fälle stets
-sehr hell beleuchtet worden und kein Mensch mit gesunden Sinnen kann
-auch<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> wirklich leugnen, daß sie Legion sind und für ihr Teil alles
-beweisen, was die kühnste Theorie hier verlangen kann.</p>
-
-<p>Die zweite Gruppe bilden auch daneben nicht etwa umgekehrt
-Nichtanpassungen im Sinne von offenbaren Schädlichkeiten, groben
-Unzweckmäßigkeiten. Wo solche auffällig beständen, da könnte man ja
-sagen, die ganze Anpassungs-Idee sei unmöglich — aber man könnte wohl
-ebenso sicher sagen, das Tier oder die Pflanze mit solchem Selbstgift
-der angeborenen Unzweckmäßigkeit sei unmöglich.</p>
-
-<p>Was aber nicht unmöglich ist, vielmehr ebenso tausendfältig wie die
-Schutzanpassungen uns vor Augen steht, das ist die Existenz von
-völlig indifferenten Merkmalen, bei allen Tier- und Pflanzenarten, —
-Merkmalen, die schlechterdings mit Schutz im Lebenskampfe nichts zu tun
-haben — und die doch da sind.</p>
-
-<p>Eine Tiersorte, die auf grünen Blättern lebt, sei im ganzen grün. Gut,
-das ist die Schutzseite. Aber jetzt spaltet diese grüne Tiersorte sich
-noch wieder in eine Portion Einzelarten, die sich durch allerhand
-kleine, meist von fern so gut wie garnicht sichtbare Merkmale
-voneinander unterscheiden, — Merkmale, die mit Anpassung auch im
-weitesten Sinne unbedingt nichts zu tun haben, sondern in Hinsicht auf
-sie reinweg wie Spielereien der Natur, wie ein unabhängiges Durchproben
-von hundert indifferenten Möglichkeiten jenseits von Schutz und
-Nichtschutz sich ausnehmen. Bei unserer systematischen Trennung der
-einzelnen Arten spielen diese Merkmale vielfältig die Hauptrolle. Und
-doch finden wir keinen „Zweck“ in ihnen vom Boden der Anpassungstheorie.</p>
-
-<p>Wie ist es nun gekommen, daß sie sich überhaupt erhalten konnten,
-fixieren konnten, wenn <em class="gesperrt">alle</em> Eigenschaften der Tiere und Pflanzen
-erst durch die Anpassungsmaschine des Daseinskampfes aus kleinen Plus-
-und Minus-Varianten langsam heraufgezüchtet worden sind?</p>
-
-<p>Diese Maschine hatte ja nicht das leiseste Interesse an irgend einem
-vom Schutzzweck aus indifferenten Plus oder Minus. Wie konnte es
-dennoch dahin kommen, daß solche<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> Merkmale konstant wurden, ja sich
-schließlich dem Systematiker gradezu strenger aufdrängten als die
-Anpassungssachen?</p>
-
-<p>Darwin suchte vor dieser Frage in allen Jahren seines Hauptschaffens
-nach Auswegen, kühn und ehrlich mit dem Blick auf den Tatsachen.</p>
-
-<p>Einen Teil jener Merkmale, gewisse rhythmische Gebilde besonders
-in Farben und Formen, schob er bei den höheren Tieren auf den
-Schönheitssinn bei der Liebeswahl, er führte seine sogenannte
-„geschlechtliche Zuchtwahl“ ins Spiel. Er wußte selbst, daß er damit
-nur einen ganz bestimmten Ausschnitt packte, niemals die Hauptsache, um
-die es ging.</p>
-
-<p>Dann betonte er scharfsinnig ein Gesetz, daß, wenn ein Merkmal bei
-einer Tierart so und so durch Züchtung werde, so und so viel andere
-Merkmale sich auf Grund eines geheimen Zusammenhangs, der aber nicht
-im Schutzzweck lag, mit veränderten, — das sogenannte „Gesetz der
-Korrelation“. Wurde ein Tier aus Schutzzwecken grün, so konnte das eine
-Portion anderer Merkmale an ihm erwecken, die an sich nichts mit Grün
-und Schutz zu tun hatten, aber so lange der Art verbleiben mußten, wie
-sie grün blieb.</p>
-
-<p>Aber auch das traf nur gewisse Einzelfälle, in der Masse aber versagte
-es, — ganz abgesehen noch davon, daß es ein „Gesetz“ mit ganz dunklen
-Faktoren in sich war. Unzählige Arten waren sämtlich aus Schutzzwecken
-grün und hatten dabei erst recht nicht alle übrigen Artmerkmale
-gemeinsam und gleich bekommen, sondern sie waren grade sonst so
-verschieden, daß man sie als selbständige Arten zählte.</p>
-
-<p>Diese ganze Schwierigkeit aber hebt sich im gleichen Augenblick, da wir
-von der Mutationstheorie ausgehen.</p>
-
-<p>Bei ihr züchtet der Lebenskampf nicht erst die Artmerkmale aus kleinen
-Schwankungsvariationen allmählich heran. Sondern er merzt bloß aus
-dem anmarschierenden Heer ewig neuer Mutations-Arten, die alle
-Sortenmerkmale zur Probe mitbringen, alle die aus, die aufdringlich
-unzweckmäßige Merkmale zeigen. Alle Mutationen mit nützlichen <em class="gesperrt">oder
-mit indifferenten</em> Merkmalen läßt er dagegen durchpassieren. Diese<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span>
-sind sofort als „Art“ da, pflanzen sich konstant fort und bilden das
-Material unserer Systeme. Naturgemäß müssen ihre Merkmale sich fort
-und fort zusammensetzen aus den beiden Urgruppen: nützlichen — und
-indifferenten, — genau wie es wirklich im Tatbestande der Fall ist.</p>
-
-<p>In der schönsten Weise ordnet sich der ungeheure Formenreichtum der
-lebendigen Natur hier in die Theorie ein, ohne daß alles durch das
-Prokrustesbett der reinen „Nützlichkeit“ durch muß. So und so viel
-fällt auf die, — aber es braucht durchaus nicht alles hierher zu
-fallen, was da ist. Denn bei freiem Durchmutieren in alle Möglichkeiten
-hinein muß mindestens ebenso viel Indifferentes sich einstellen, wie
-ausgespart Nützliches, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr.</p>
-
-<p>Grade an dieser Stelle aber lenkt die gesamte Frage doch auch wieder
-zurück zu jener schon einmal gestreiften Grundfrage: wie es sich mit
-den <em class="gesperrt">Ursachen</em> der Mutation selbst verhalte und ob es nicht doch
-möglich sei, in sie hinein noch ein letztes formbildendes Gesetz zu
-verfolgen.</p>
-
-<p>Es ist keine Frage: in der Darwinschen Linie sieht man zunächst mehr
-von den treibenden Ursachen des ganzen Hergangs, als bei de Vries.</p>
-
-<p>Die Hauptursache liegt dort im hellen Lichte der Naturzüchtung und
-nur ein kleines Sätzchen bleibt als Unbekanntes, als „Sprung“: die
-schlichte Plus- und Minus-Schwankung, mit der die Mühle zu mahlen
-anfängt. Bei de Vries springt die Mutation allsogleich auf den Plan wie
-ein fertiger Ritter — und alles, was wir sehen, ist bloß der Ausweis,
-ob es ein sieghafter Held oder ein armer Don Quixote vor der Praxis sei.</p>
-
-<p>De Vries verwahrt sich zwar gegen den „Sprung“. Es bleibe zu recht,
-daß die Natur <span class="antiqua">non facit saltus</span>, keine Saltomortales mache. Ein
-Ruck sei die Mutation, kein Sprung. Aber auch der Ruck ist doch ein
-herzhafter, auf alle Fälle. Und das gibt mit größerer Dunkelheit auch
-erhöhte Grübellust.</p>
-
-<p>Der rein theoretische Gedanke, daß die Entwickelung sich stoßweise
-vollziehe, — von Art zu Neu-Art ohne die Vermittelung<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> einer langen,
-langsam gesteigerten Varietätenkette, — dieser Gedanke brauchte nicht
-erst als solcher von de Vries eingeführt zu werden.</p>
-
-<p>Er ist dagewesen, so lange wir überhaupt wissenschaftliche Formen der
-Entwickelungslehre haben. So lange wir den Darwin hatten, hatten wir
-auch den Kölliker, den trefflichen Anatomen, der die „sprungweise
-Entwickelung“, wie er es ruhig nannte, als sein Evangelium lehrte.
-Beweise gab es freilich nicht. Aber man hatte die Idee. Und da
-man bestritt, daß Darwin scharf beweisbar sei, hielt man sich die
-Möglichkeit offen. Bisweilen schien es sogar, als melde sich eine wahre
-Tatsache dazu.</p>
-
-<p>Da war ein absonderlicher Molch im See von Mexiko, das „Axolotl“. Die
-alten Azteken zu Cortez des Eroberers Zeiten hatten ihn schon als
-Leckerbissen in einer Pfefferbrühe verspeist. Heute kennt ihn jeder
-Junge, der ein Aquarium hat.</p>
-
-<p>Als man ihn wissenschaftlich beschrieb (Humboldt hatte ihn
-mitgebracht), lebte er als sogenannter „Kiemenmolch“ in seinem See,
-mit Kiemen zur Wasseratmung wie ein Fisch, und so fortpflanzungsfähig,
-— im übrigen aber doch schon ein Molch aus der Verwandtschaft unserer
-lungenatmenden echten „Salamander und Molche“. Im Pflanzengarten
-zu Paris nun geschah eines Tages das große Wunder: besagtes
-Axolotl kletterte, als man ihm Raum gab, aus dem Wasser aufs Land
-und verwandelte sich selber regelrecht in einen echten Land- und
-Lungenmolch gleich unserm Feuersalamander. Die Kunde lief also, es habe
-sich durch einen (immerhin gradezu riesenhaften) Sprung schon hier
-einmal vor Forschers Augen eine völlig neue, höhere Tierform gebildet.</p>
-
-<p>Aber die Freude hat beim Axolotl nicht lange gedauert. Kritische
-Köpfe stellten nämlich die triftige Gegentheorie auf, das fischhaft
-kiemenatmende Axolotl des Sees von Mexiko sei trotz seiner
-selbständigen Fortpflanzung gar kein fertiges Tier, sondern eine noch
-unvollkommene Larve. Bekanntlich leben so gut wie alle Amphibien in
-ihrer frühen Jugend als Larve<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> ebenso fischhaft kiemenatmend im Wasser,
-Molche wie Frösche und Kröten.</p>
-
-<p>Für gewöhnlich entwickelt sich eine solche Amphibienlarve allerdings
-schon vor der Geschlechtsreife zum Lungenatmer. Aber es kommen doch
-auch Hemmungen vor, wo die Tiere sich so wohl bei ihrer Fischstufe
-fühlen, daß sie schon auf dieser in die Liebeszeit eintreten. So
-machen es unsere kleinen Teichmolche bereits ab und zu. Das Axolotl
-aber hatte, scheint es, das auf eine gewisse Zeit dauernd ins Große
-getrieben. Es hatte nämlich seine Gründe dafür.</p>
-
-<p>Ehemals stieß der See von Mexiko an feuchten Urwald, ein Eldorado
-für Luft-Molche. Später schwand der Wald, der See schmolz weithin
-ein und es bildete sich um sein verkleinertes Wasserfeld ein Kranz
-dürrster Salzsteppe. Da zogen es die Axolotl vor, Generation für
-Generation fischhaft im Wasser zu verbleiben als „ewige Larven“.
-Und erst als man ihnen in Paris wieder die alte Gelegenheit eines
-grünen Pflanzenufers bot, besannen sie sich (bildlich gesprochen)
-auf ihr altes Schlußkapitel im Lebensroman, krochen ans Land und
-wurden zum ersten Mal wieder „fertig“. Das war denn nun durchaus kein
-Köllikerscher „Sprung“: — die angeblich „neue“ Art war in Wahrheit
-bloß die Wiederherstellung grade der „alten“, die eine Weile etwas in
-Unordnung geraten war.</p>
-
-<p>Solche Fälle mußten erst recht vorsichtig machen, anstatt den kühnen
-Sprung-Theoretikern Türen zu öffnen.</p>
-
-<p>Kein Zweifel aber, daß des de Vries Beobachtungen, wenn sie stand
-halten, jetzt aus dem allgemeinen Behauptungsheer der Sprung-Theorie
-einen gewissen engeren Teil als wirklich brauchbar herauslösen.</p>
-
-<p>Sie geben aber sofort als Gegengift auch die richtige Einschränkung
-dazu.</p>
-
-<p>In dem Nachtkerzen-Beispiel von Hilversum ist kein leisester Anhalt für
-einen so groben Mutationsstoß wie etwa bei dem Axolotl.</p>
-
-<p>Durchaus nicht etwa hat die Lamarcksche Kerze jählings die Wunderkraft
-gezeigt, eine Winde oder Rose zu produzieren.<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Sie hat zunächst nur
-Nachtkerzen, allerdings andere Arten, gebildet. In einer ungeheuren
-Kette solcher Mutationen möchte man ja auch vermuten (vermuten!),
-daß die Gattung schließlich überschritten, ja endlich der Kreis der
-Familie und so weiter von der Mutation Stufe für Stufe gesprengt werde.
-Aber immer bliebe eine ungeheure Kette, — wenn schon keine so ganz
-ungeheuerlich lange, wie sie im streng darwinistischen Sinne durch
-die jedesmal einzuschiebende Varietäten-Unterkette zwischen je zwei
-Hauptkettengliedern gefordert wird.</p>
-
-<p>Mit großem Nachdruck weist de Vries darauf hin, daß eine seiner
-„Mutationen“ unter Umständen als eine <em class="gesperrt">geringere</em> Abweichung
-gradezu vom Urtypus erscheinen könnte als eine extreme Varietät jener
-bewußten belanglosen Sorte, — oder daß sie wenigstens nicht notwendig
-abweichender sein „müßte“. Ihre entscheidende Sache bleibt eben allemal
-die Dauerhaftigkeit bei der Fortpflanzung und eine gewisse innere
-Harmonie ihrer Neuerungen, die uns in jenem guten Bilde sagen läßt:
-hier hat der Kristallblock nicht nur im Rollen gezittert, geschwankt,
-sondern er ist regelrecht auf eine neue Fläche gefallen, er ist
-übergekippt bis zur Basis-Änderung.</p>
-
-<p>Etwas Verschiedenheit ist natürlich immer nötig. Aber es braucht
-keineswegs rein summarisch viel zu sein. Damit aber schwindet ein gar
-gewaltiges Stück des eigentlich Trennenden für den Anblick zwischen der
-also reformierten „Sprung-Theorie“ und der offiziellen darwinistischen
-Lehrmeinung.</p>
-
-<p>Auch so bleibt ein Stammbaum der Lebewesen mit relativ ganz kleinen
-Ruckstellen des Wachstums, kleinen Schußstellen von Knoten zu Knoten.</p>
-
-<p>Ein ganzes Bisserl „Schuß“ oder „Ruck“ oder „Sprung“ oder wie man
-es nun nennen will, war ja wohlverstanden auch jede einfachste
-darwinistische Varietätenbildung schon.</p>
-
-<p>Wenn ein Mensch mit einer kurzen Nase plötzlich einen Sohn hat mit
-einer langen: ein Sprünglein liegt auch darin.</p>
-
-<p>Fragt sich bloß, wie groß es im äußersten Falle sein darf, — und das
-wieder führt auf die Tiefenfrage: welche mechanische<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Ursache wir
-hinter ihm zu suchen haben und wie viel Kraft wir der schon für das
-Ganze beimessen sollen.</p>
-
-<p>Schon aus jenem Kristallflächen-Beispiel erhellt aber sehr nett, wie
-schlicht mechanisch de Vries da denkt.</p>
-
-<p>Es ist nicht zu leugnen: in der alten Sprung-Theorie war, besonders
-je größer sie ihre Sprünge sich gedehnt dachte, immer ein Zug auf
-eine mystische Ausbeutung merkbar. Ob nicht ein „Wunder“ hier lag, so
-riesig, daß es ewig über unseren Verstand ging?</p>
-
-<p>In dem Bilde des de Vries wird mindestens bildlich absolut klar, was
-er von der Sache hält. Der Kristallblock kommt ins Rollen. Das ist
-nichts Mystisch-wunderhaftes, sondern das Bild arbeitet mit einfachsten
-mechanischen Voraussetzungen. Der Rollblock fängt an zu kippen, zu
-zittern, zu balanzieren, — abermals nur ein rein natürlicher, im
-richtig verstandenen Sinne „mechanischer“ Prozeß. Endlich kommt der
-Block gar zum völligen Kippen, aber doch offenbar wiederum nur durch
-ein Plus der ursprünglichen naturgesetzlich arbeitenden Kraft, die
-schon das Rollen und Balanzieren beherrschte.</p>
-
-<p>Was aber im Bilde gilt, faßt hier zugleich die Sache: auch
-Fortpflanzung, Variation und Mutation erscheinen durchaus nur im festen
-Banne einer und derselben natürlichen Gesetzlichkeit. Wenn auch unsere
-Kenntnis die Einzelheiten noch nicht erfassen kann: das natürliche
-Glaubensbekenntnis des Naturforschers, der Glaube an unzerstörbare
-Gesetzmäßigkeit ohne Ignorabimus-Lücke, bleibt im Prinzip vollkommen
-gewahrt.</p>
-
-<p>Das ist aber für den Fortschritt all unserer Sachweisheit doch
-eigentlich wieder die Hauptsache, — viel wichtiger als etwas
-Lehrmeinungs-Sieg oder Nicht-Sieg in darwinistischen Einzelheiten.</p>
-
-<p>Die alte Sprung-Theorie, wie sie vor de Vries schon bestand, hatte
-ja stets da noch eine besondere Liebhaberei gehabt. Sie liebäugelte
-nämlich mit einem Gedanken, der als solcher wieder noch viel älter als
-Darwin ist.</p>
-
-<p>Könnte es nicht doch ein besonderes „Entwickelungsgesetz“<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> geben in
-diesen Sprüngen — und zwar eines, das der Anpassung schon entgegenkäme?</p>
-
-<p>Nehmen wir wieder das einfachste Beispiel.</p>
-
-<p>Auf einem braunen Boden leben braune Tiere, hübsch als solche durch
-ihre gut angepaßte Farbe geschützt. Nun wird durch Wechsel der
-Verhältnisse, etwa durch Schnee, der Boden weiß. Braun ist jetzt nicht
-mehr Trumpf. Die Tiere müßten weiß sein, wenn ihre Feinde sie nicht
-sehen sollen. Tritt nun nicht am Ende doch grade in solchem Moment
-prompt der „Sprung“, die Mutation <em class="gesperrt">so</em> ein, daß <em class="gesperrt">alle</em> nach
-„Weiß“ springen und mutieren, also daß die nächste Generation genau dem
-neuen Zweck entsprechend schon eine weiße wäre?</p>
-
-<p>Wie schon erwähnt, ist de Vries selbst <em class="gesperrt">radikaler Gegner</em> dieser
-Meinung.</p>
-
-<p>Seine Nachtkerzen mutierten zwar, aber sie taten es keineswegs nach
-<em class="gesperrt">einer</em> Seite, wie um irgend einem neuen Anpassungsbedürfnis
-entgegen zu kommen, etwa irgend einem Vorteil, den das neu eroberte
-Kartoffelfeld bestimmt umgeformten Neuerern gewährt hätte.</p>
-
-<p>Ihr Mutieren verriet nicht das Genie eines Erfinders vor einer äußeren
-Forderung.</p>
-
-<p>Es glich einem blinden Darauflos-Phantasieren mit dutzenden von neuen
-Motiven, die unmöglich alle zum Zweck passen konnten.</p>
-
-<p>Das ist also genau, was Darwin auch meinte, bloß daß hier die Mutation
-trifft, was dort von der angeblich artbildenden Variation galt.</p>
-
-<p>Und wie sollte es denn auch anders sein, meint de Vries. Jedes
-entgegenarbeitende Entwickelungsgesetz jener Art wäre „Mystik“. „Die
-Annahme,“ sagt er wörtlich, „einer bestimmten Variierungstendenz,
-welche das Auftreten zweckmäßiger Änderungen bedingen oder doch nur
-begünstigen sollte, liegt außerhalb des Rahmens unserer heutigen
-Naturwissenschaft. Darin liegt ja der große Vorzug der Darwinschen
-Selektionstheorie, daß sie die ganze Entwickelung des Tier- und
-Pflanzenreiches ohne die Hülfe außernatürlicher Voraussetzungen
-zu erklären<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> strebt.“ Eine solche Stelle wird alle beruhigen,
-die fürchteten, de Vries führe aus dem Darwinismus heraus zu den
-<em class="gesperrt">alten</em> Zweckursachen zurück. Oder, vorsichtiger und weiter noch
-gesagt: sie wird auch denen die Hoffnung abschneiden, die da wünschten
-und erwarteten, daß der Ketzer an einigen darwinistischen Grundpunkten,
-de Vries, mit seinen Nachtkerzen den ganzen Darwinismus an dieser
-teleologischen Stelle umrennen werde. Im Gegenteil.</p>
-
-<p>Hier grade lockt es mich aber wieder, dazu selber noch ein Wörtchen zu
-sagen.</p>
-
-<p>Ich möchte nämlich betonen, daß wir mit dem einfachen Sprüchlein von
-der „Mystik“ an solcher Stelle allein noch nicht auskommen, soll die
-Sache ganz reinlich werden.</p>
-
-<p>Angenommen doch einmal, die Nachtkerzen hätten wirklich das Umgekehrte
-bewiesen.</p>
-
-<p>Unumstößlich, so weit ein Einzelbeispiel unumstößlich ist, hätten sie
-dargetan, daß die Mutation jedesmal genau auf die äußere Forderung
-reagiert, — also in jenem Exempel von vorhin so, daß etwa der
-Forderung „Weiß“ ohne jedes Schwanken nun sofort Weiß als Mutation
-überall antwortete.</p>
-
-<p>Ich frage, was dann?</p>
-
-<p>Sollten wir im gleichen Moment auch schon die ganze Naturforscher-Bude
-zuschließen müssen und sagen: hier ist ein teleologisches Verhalten,
-folglich Mystik, folglich Aufhören der Naturwissenschaft, folglich
-legen wir die Hände in den Schoß?</p>
-
-<p>Ich meine, es würde das ganz andere gelten: daß wir nämlich schlicht
-auch mit dieser Tatsache naturwissenschaftlich zunächst fertig zu
-werden suchten.</p>
-
-<p>Wir haben ja den bekanntesten Fall wirklich und viel näher bei uns
-selbst.</p>
-
-<p>Wir Menschen handeln „zweckmäßig“, wir suchen vor einer neuen äußeren
-Forderung bewußt nach der zweckmäßigsten Reaktion, — also in jenem
-Bilde, wenn „Weiß“ gefordert wird, so machen wir uns einfach selber
-„weiß“. Trotzdem geht unser ganzes neueres Denken dahin, den Menschen
-nicht<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> mystisch und unwissenschaftlich, sondern grade erst recht als
-Gegenstand innerhalb der besonnenen Naturforschung zu nehmen. Wir
-suchen den Menschen einzuordnen in die Natur, suchen ihn mitsamt
-seinem Bewußtsein, das dieses teleologische Verhalten ermöglicht, in
-einer Natur unterzubringen, die denn allerdings vernünftiger Maßen so
-definiert werden muß, daß er auch wirklich mit hinein paßt.</p>
-
-<p>Je nun, die Nachtkerze wäre kein Mensch, also fiele das dort
-Heranzuziehende hier fort. Aber wenn nun auch die Nachtkerze bei ihrer
-Mutation gewisse anscheinend zweckmäßige Reaktionen zeigte, so müßten
-wir wenigstens nach der Analogie doch zunächst auch hier versuchen,
-natürlich durchzukommen.</p>
-
-<p>Nun ist interessant, daß wir in der Welt der Tiere wie Pflanzen noch
-eine ganze Reihe Vorgänge haben, wo (tief unterhalb schon des Menschen)
-eine Art prästabilierter Harmonie zwischen äußerer Forderung und
-innerer Entwickelungsreaktion wirklich besteht, — nämlich in der
-Ontogenie, in der Bildung der Tiere und Pflanzen aus Ei und Keim.</p>
-
-<p>Das Hühnchen im Ei entwickelt aus sich heraus Augen, mit denen es
-im Moment, da es die Eierschale bricht, sehen kann. Jenes Axolotl
-entwickelt nach innerem Gesetz sich zu bestimmter Zeit, wo es aufs
-Land soll, die zum Landleben nötigen Lungen. Es ist genau, als sei
-im werdenden Wesen, in Eizelle, Embryo, Larve, eine Uhrfeder so
-eingestellt, daß zur rechten Zeit grade das zur äußeren Forderung
-Zweckmäßigste ausgelöst wird. Im Moment, da das kleine Menschlein das
-Licht der Welt erblickt, sind seine Augen da, wirklich zu sehen, sind
-seine Lungen da, wirklich zu atmen. Der Schmetterling bildet sich in
-der Puppe schon zum Fliegen vor, was die Raupe nicht konnte. Und so ist
-der Beispiele Legion.</p>
-
-<p>In all diesen Fällen aber fällt es keinem Naturforscher ein, diese
-ausgesprochen teleologischen Vorgänge als „Mystik außerhalb des
-naturwissenschaftlichen Denkens“ zu bezeichnen.</p>
-
-<p>Man fühlt bloß das Bedürfnis, zur natürlichen General-Erklärung dieser
-wunderbaren „prästabilierten Harmonie“ hier<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> noch eine <em class="gesperrt">besondere</em>
-Hülfskette <em class="gesperrt">natürlicher</em> Erklärungen hinzunehmen.</p>
-
-<p>Den Schmetterling in der Puppe bildet individuell weder die zu
-durchfliegende Luft draußen, noch bildet ihn eine unfaßbare mystische
-Flugsehnsucht ohne Kausalzusammenhang. Sondern es waltet die Vererbung.
-Die Eltern haben schon die Flugfähigkeit erworben, einerlei jetzt wie,
-das ist Frage für sich. Dem neu werdenden jungen Schmetterling, ihrem
-Kinde, haben sie aber durch Vererbung das Uhrwerk so zu sagen schon in
-den Leib gesetzt, daß es auf die Flügelentwickelung genau losarbeite
-und rechtzeitig wie eine automatische Weckuhr vor dem „Zweck“
-abschnurre.</p>
-
-<p>So wunderbar fein die Sache also auch funktioniert: ein wahres „Wunder“
-ist sie keineswegs. Kein vernünftiger Naturforscher bezweifelt, daß
-bei der „Vererbung“, so verwickelt sie auch sei, alles mit natürlichen
-Ursachen zugehe.</p>
-
-<p>Jetzt setzen wir den Fall, solche Anzeichen prästabilierter Harmonie
-von Zweckforderung und Reaktion zeigten sich aber nicht bloß in der
-Ontogenie, sondern auch in dem bereits, was Haeckel die Phylogenie
-genannt hat, nämlich eben in der geschichtlichen Entwickelung der
-ganzen Tier- und Pflanzenarten.</p>
-
-<p>Jede Mutation wäre stets eine zweckmäßige, und das arbeitete genau so
-wie das kleine teleologische Uhrwerk in der Schmetterlingspuppe. Es
-hätte für sein Teil die ersten Flügel der Schmetterlingsahnen schon
-ebenso für den „Zweck“ gebaut, wie heute die Vererbung in der Puppe sie
-wiederholt.</p>
-
-<p>Der einfache Schluß müßte sein, daß auch das nicht „Mystik“ sei,
-sondern bloß auf etwas <em class="gesperrt">noch Früheres</em> hinweise.</p>
-
-<p>Auch hier schon waltete irgend eine Art Vererbung. Die ganze Phylogenie
-wäre selber schon etwas wie eine versteckte Ontogenie. Der Stammbaum
-mit all seinen Arten wäre eigentlich nur die große Auswickelung eines
-einzigen Individuums, das von dieser Ur-Vererbung als Zweckuhrwerk
-innerlich beherrscht würde, wie den Schmetterling in seiner<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Puppe
-seine Vererbung zweiten Grades beherrscht. Das Leben in den vielen
-Millionen Jahren seiner Erdgeschichte wäre bereits das Produkt einer
-ungeheuren Vorgeschichte, die in der ersten Urzelle als „Eizelle“ schon
-die ganze Zweckmäßigkeits-Uhr für alle folgenden Reaktionen aufgezogen
-hätte. Und in jeder Mutation sähen wir diese Uhr bloß laufen.</p>
-
-<p>Die „Erwerbung“ der jetzt automatisch bestimmten Dinge aber läge in uns
-unfaßbaren Aeonen einer unbekannten Vorgeschichte.</p>
-
-<p>So würde ich, wenn es eben <em class="gesperrt">not</em> täte, jenes seltsame „innere
-Entwickelungsgesetz“ zu deuten suchen, nach Analogie des Gegebenen und
-ganz ohne Mystik.</p>
-
-<p>Gewiß: es läge in der Sache in gewissem Sinne etwas Mißliches.</p>
-
-<p>Wir hätten die Ontogenie zurückgeführt auf die Phylogenie. Aber die
-Phylogenie wäre selber wieder abhängig von einer hypothetischen
-Vor-Phylogenie. Immer nur aufgezogene Uhren zweiter Hand. Das
-Ursprüngliche schöbe sich historisch ganz über unser Gesichtsfeld
-hinaus. Mißlich! Aber noch nicht mystisch. Solcher Mißlichkeiten
-haben wir mehr. Auch das Gravitationsgesetz ist für uns „gegeben“
-von jenseits unserer Zeit-Weisheit her. Wo hat es sich „entwickelt“
-als Eigenschaft der Stoffe? Fragen! Aber doch nur Fragen unserer
-Beschränkung im geschichtlichen Blick. Nicht das ewige absolute „Tür
-zu!“ der Mystik!</p>
-
-<p>Je nun, die Sache steht trotz mancher gegenteiligen Behauptung
-vorläufig tatsächlich <em class="gesperrt">nicht</em> so, daß wir auf derartig verwickelte
-Straßen müßten, — mit de Vries weniger als je.</p>
-
-<p>Aber philosophisch sollte man sich darüber klar bleiben, — das ist
-immer ein unendlich wichtiges prophylaktisches Mittel!</p>
-
-<p>Wie man sich, um es noch einmal zum Schluß zu betonen, darüber klar
-bleiben muß, daß selbst die strengste Zuchtwahl-Theorie noch nicht
-jede Fassung von Teleologie ausschließt. Sie schließt eben bloß eine
-ganz bestimmte herkömmlich <em class="gesperrt">grobe</em> Form aus, die den Zweck
-als spiritistisches Gespensterpferdchen neben den einfachen völlig
-ausreichenden<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> braven Gaul des Kausalzusammenhangs einspannen möchte.
-<em class="gesperrt">Nicht</em> dagegen schließt sie eine <em class="gesperrt">feinere</em> Teleologie aus,
-die eben bloß auf das faktische Schlußergebnis schaut und aus dem
-tatsächlichen schließlichen Herauskommen einer zweckmäßigen Welt,
-eines „harmonischen“ Verhältnisses der Dinge die Vermutung entnimmt,
-es müsse schon in der Uranlage der Welt eine Anlage mitgegeben gewesen
-sein, die das bedingte, — das Ideal einer zweckmäßigen Welt, das sich
-aber dann realisierte auf dem rein natürlichen Wege undurchbrechbarer
-Kausalzusammenhänge.</p>
-
-<p>In dieser Betrachtung ist es völlig offen gelassen, welche <em class="gesperrt">Wege</em>
-diese Weltteleologie nahm, es kommt alles bloß auf das <em class="gesperrt">Resultat</em>
-an.</p>
-
-<p>Und es steht nicht das Leiseste entgegen, unter diese Wege auch die
-Auslese des Passendsten im Daseinskampfe aufzunehmen.</p>
-
-<p>Wobei ich freilich den Anhängern jener anderen, wie ich es nenne:
-groben Teleologie anheimstellen muß, ob sie das, was ich meine,
-überhaupt noch Teleologie nennen wollen.</p>
-
-<p>Mir genügt es vollständig zur Rettung einer philosophischen
-Weltauffassung, die zwar absieht von jedem Durcheinanderwerfen von
-Teleologie und Kausalität, die aber dabei keineswegs auf ein wüstes
-Welt-Kuddelmuddel hinauskommt, sondern sich sehr wohl auch etwas denken
-kann bei einem <em class="gesperrt">vernünftigen Sinn der gesamten Weltentwickelung</em>.</p>
-
-<p class="center mtop2">*<br>
-* <span class="mleft7">*</span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Die_Zeit_Frage" title="Die Zeit-Frage">&#160;</h2>
-
-</div>
-
-<p>Eine Frage aber, die hinter diesen darwinistischen Problemen immer
-wieder auftauchen muß, ist die <em class="gesperrt">Zeit-Frage</em>.</p>
-
-<p>Haben wir Zeit genug in der Weltgeschichte, in der Erdgeschichte für
-solche schrittweisen Entwickelungen?</p>
-
-<p>Es ist die Stelle, wo der starre Bibel-Glaube mit seiner
-alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte zuerst gescheitert ist, — bei
-dieser Zeit-Frage.</p>
-
-<p>Noch immer aber herrscht über sie trotz dieses wahrlich<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> schon nicht
-gering zu achtenden Kampf-Wertes vielfältig eine Unklarheit, wie kaum
-über einen zweiten Darwin-Punkt. Auch hier wird — erst mißverstanden
-— und dann losgeredet.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich auch dazu einer kleinen Geschichte, die mir
-symbolisch bedeutsam scheint.</p>
-
-<p>Am 27. August 1883 explodierte in der Sunda-Straße zwischen Sumatra und
-Java der Vulkan Krakatau.</p>
-
-<p>Er explodierte buchstäblich, als das Meereswasser sich in seinen halb
-geschmolzenen Krater ergoß.</p>
-
-<p>Das Wasser wurde an der glühenden Lava zu Dampf, und auf diesen
-ungeheuerlichen Druck hin platzte die ganze Krakatau-Insel.</p>
-
-<p>Die Dampfsäule schoß dreißig Kilometer hoch empor.</p>
-
-<p>Eine Sturzwelle, wie die Phantasie sie für die Sintflut sich ausmalt,
-bis zu sechsunddreißig Meter hoch, verwüstete die nahen Küsten von Java
-und Sumatra und kostete vierzigtausend Menschen das Leben.</p>
-
-<p>Das Gebrüll der Katastrophe hörte man bis Ceylon, bis zu den
-Philippinen, bis Perth in Australien, also so weit, wie es etwa von
-Berlin bis Kairo ist.</p>
-
-<p>Zehn Stunden nach der Explosion fingen selbst in Berlin die automatisch
-registrierenden Barometer an, unruhig zu werden: es war die Luftwelle,
-die über Ostindien kam; sechzehn Stunden später folgte die zweite
-auf dem längeren Wege über Amerika; so schlug der Stoß um die ganze
-Erdkugel. Die aufgeschleuderten Aschenteilchen aber haben noch Jahre
-lang als erhöhte Dämmerglut und leuchtende Nachtwolken auch in unseren
-Landen die Forscher beschäftigt.</p>
-
-<p>In diesem Sommer wurden es zwanzig Jahre seit diesem Tage der
-Schrecken für eine paradiesisch schöne Gegend. Das Paradies hat sich
-wieder hergestellt, so gut es konnte, — in der tropischen Üppigkeit
-wurde es ja nicht allzu schwer. Nur auf der See schaukeln da und
-dort noch treibende Bimssteinfelder. Und aus der blauen Sunda-Straße
-ragt als düstere Ruine das letzte Stück Kesselwand, der bis ins Herz
-zerborstene<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Vulkan. Aber auch auf diese Ruine hat die schaffende Natur
-leise schon wieder ihre Hand gelegt mit neuem Leben.</p>
-
-<p>Die Insel Krakatau war bis zum Tage ihrer Explosion dreiunddreißig
-Quadratkilometer groß. Diesen Raum bedeckte dichter Wald in
-vollkommener Tropen-Üppigkeit. Als sich der furchtbare Qualm später
-verzogen hatte, stand von der ganzen Insel nur noch die Südhälfte
-des Vulkanpiks. Mehr als die Hälfte des Landes war verschwunden, und
-es wäre noch mehr fort gewesen, hätten nicht die vulkanischen Massen
-selbst sich wieder angelagert; hatte der Vulkan doch nachweisbar allein
-mindestens 18 Kubikkilometer Asche und Bimsstein gespieen. Was stand,
-war aber in diesem Moment ausnahmslos und bis aufs letzte Hälmchen
-gründlich nackte Schlacke, ohne Pflanzenwuchs, ohne Tierwelt. Ein
-soeben aus seiner Urglut erstarrter Planet konnte nicht radikaler vom
-Leben frei, gleichsam kosmisch sterilisiert sein.</p>
-
-<p>In den zwanzig Jahren seither aber sind zweimal Botaniker auf den
-Ruinenpik geklettert. Und ihnen ist vergönnt gewesen, etwas zu
-beobachten, was in dieser Reinheit des Exempels wohl noch nie zeitlich
-genau von kundigen Menschenaugen verfolgt worden ist: die stufenweise
-Neueroberung einer einsamen irdischen Brandstätte im Ozean durch Flora
-auf ihrer Wanderschaft.</p>
-
-<p>Drei Jahre nach der Katastrophe, im Juni 1886, besuchte der
-hochverdiente Direktor des prachtvollen botanischen Gartens zu
-Buitenzorg (Batavia), Melchior Treub (sprich: Tröb), die Insel.</p>
-
-<p>Er traf den Prozeß der Neubesiedelung durch Pflanzen bereits in vollem
-Gange. Zunächst machte sich auf der vulkanischen Zerstörungsdecke aus
-Asche, Lava und Bimsstein eine schwarzgrüne, gallertartige Schicht
-„Leben“ bemerkbar: Genossenschaften von (einzeln mikroskopisch
-winzigen) Algen. Sie waren zweifellos der Urstamm der Pioniere. Sechs
-Arten ließen sich unterscheiden, alle aus der Gruppe der Cyanophyceen.
-Die Cyanophyceen oder Schizophyceen, zu deutsch Blaualgen oder
-Spaltalgen, gehören jener alleruntersten, allereinfachsten<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> Reihe
-pflanzenähnlicher Urwesen an, zu denen auch die vielbesagten Bakterien
-oder Bazillen gerechnet werden. Im Engeren gehört dazu das wunderliche
-Volk der sogenannten Nostoc-Algen, die es in ihrer gemeinsten Sorte
-bei uns bis zu handgroßen, hirnartig verfalteten Gallertbrocken
-bringen, wenn die nötige Feuchtigkeit sie trifft; gerät solcher
-Nostocteller umgekehrt in eine ganz trockene Jahreszeit, so schmilzt
-er fast zur Unsichtbarkeit ein, unbeschadet doch seiner fröhlichsten
-Lebenszähigkeit. Auch jene allbekannte Erscheinung unserer Seen, die
-„Wasserblüte“, ein plötzliches Trüb- und Grünwerden des Wassers, beruht
-auf einer jähen grenzenlosen Vermehrung solcher Spaltalgen.</p>
-
-<p>All dieses niedrigste Pflanzenvolk weiß sich nun zum Zweck der
-Ausbreitung aufs Wunderbarste zu „verflüchtigen“. Wir kennen das ja
-von den Bakterien, den allgegenwärtigen, besser als uns lieb ist.
-Als trockene Keime (Sporen) reisen sie mit jedem Luftzug dahin, über
-Berg und Tal, Eis und Wasser, — Herren der Erde, die keine räumliche
-Schranke anerkennen.</p>
-
-<p>Ganz zweifellos sind auch jene Algen des Krakatau auf solchem Wege der
-Luftpost angesegelt. Das Wunder der „Urzeugung“, von dem wir so wenig
-wissen, brauchte sich auf der verbrannten Insel nicht neu einzustellen.</p>
-
-<p>Rings lag ja die weite Erde üppig nach wie vor unter ihrer grünen
-Pflanzendecke. Mit dem Winde entsandte sie ihre mikroskopisch kleinen
-Boten. Der Botaniker Kerner von Marilaun hat vor Jahren einmal in
-einem Tiroler Gebirgstal eine Tafel mit feucht erhaltenem weißen
-Filtrierpapier dem Südwinde ausgesetzt: kaum ein paar Stunden waren
-herum und an der Tafel haftete schon ein buntes Stück solchen
-windgeführten Wanderlebens: Pollenzellen und Sporen von allerhand
-Pflanzen, aber immer dabei auch ausschwärmende Zellgruppen jener
-Nostoc-Algen.</p>
-
-<p>Wie die künstliche Tafel, so diente aber auch der natürliche nackte
-Fels, den der Tropenregen netzte: reisenden Algen bot auch er Quartier.</p>
-
-<p>Die Algen hatten dann mit ihrem Schleimüberzug wieder<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> den Keimboden,
-den ersten Humus gleichsam geschaffen für höhere, bereits etwas
-anspruchsvollere Pflanzen.</p>
-
-<p>Auch von denen reisten Sporen durch die Luft: die Sporen von
-Farnkräutern und Moosen. Sie landeten und gingen auf, wo die Algen
-das Bett bereitet. Elf Arten tropischer Farnkräuter beobachtete Treub
-bereits an den Abhängen der Vulkanruine.</p>
-
-<p>Solches Farnkraut steht aber selber immer noch wieder tief unter
-den eigentlichen Samenpflanzen, den Phanerogamen, wie sie unsere
-Wälder und Wiesen in der Masse zusammensetzen. Es war, als wiederhole
-dieser kleine Fels im Südmeer noch einmal den uralten Heraufgang des
-pflanzlichen Lebens auf der Gesamterde, in dem auch der Farnwald sich
-an zweiter Stelle über den Algenteppich erhoben, um selber dann dem
-echten Nadelholz- und Laubwald und der bunten Blumenmatte als der
-endlichen Krone der Entwickelung zu weichen. Die Insel Krakatau stand
-aber bereits auch an der Schwelle dieses höchsten Zeitalters, wie Treub
-des weiteren feststellte.</p>
-
-<p>Auch diese obersten Pflanzengeschlechter haben ja noch gar manche
-Möglichkeit zu Luftreisen. Bald ist der ganze befruchtete Samen auch
-bei ihnen noch so staubhaft winzig, daß er mitgeht gleich Alge und
-Farnspore. So glückt es besonders ohne Mühe den schönen farbenfrohen
-Orchideen. Bald aber auch hat das Früchtlein allerhand Anhängsel,
-wie Flügel, Ruder und Luftschrauben, ich erinnere bloß an die
-allbekannten lustigen Luftschifflein des Ahorns. So sammelte unser
-Botaniker im Innern des Inselchens zwei Grasarten und vier Arten jener
-formenreichsten heutigen Pflanzenfamilie, die zusammengesetzte Blüten
-trägt, der Kompositen. Auch für ihre leichten, flugfähigen Samen war
-der Wind sicherlich noch Postillon gewesen.</p>
-
-<p>Endlich aber wuchsen am Strande auch noch neun unterschiedliche Sorten
-Strandpflanzen, für die es am wahrscheinlichsten war, daß die Welle sie
-heranverfrachtet.</p>
-
-<p>Das ist ja auch ein im oberen Pflanzenleben öfter benutzter<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span>
-Transportweg. Es ist dazu nur nötig, daß die Frucht ihre Keimfähigkeit
-im Salzwasser behält und daß sie schwimmen kann. Von manchen Samen
-hat man sicher beobachtet, daß sie über ein Jahr im Meerwasser
-liegen können, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Ein Muster von
-Schwimmfähigkeit bietet beispielsweise die Kokosnuß, die durch ein
-luftgefülltes Faserhemd und einen für Wasser unzugänglichen Fettpanzer
-wie in einen Schwimmgürtel eingeschnallt ist; ohne Mühe reist sie
-denn auch von Strand zu Strand und trägt ihr Paradies in den kahlsten
-Tropenwinkel. Die ganze Strandflora des Krakatau war entsprechend in
-den drei Jahren angeschwommen, von Meeresströmungen herangelotst und
-von der Welle dann als Spülicht abgesetzt wie Muscheln und Tange.</p>
-
-<p>Nach dieser ersten Sondierung vergingen mehr als zehn Jahre.</p>
-
-<p>Erst im März 1897 machte sich abermals ein kleiner Botanikerkreis,
-Treub an der Spitze, von Buitenzorg auf, um den Fortschritt vom nackten
-Höllengrund zum Paradiese abermals zu messen.</p>
-
-<p>Diesmal war auch der bewährte deutsche Pflanzenkenner Professor O.
-Penzig mit von der Partie, der ausführlich und anschaulich darüber
-berichtet hat (in den Annalen des botanischen Gartens zu Buitenzorg 2.
-III. S. 92–113).</p>
-
-<p>Die kleine Expedition, mit allem wohl ausgerüstet, verweilte auf
-der Ruine einen halben Tag. Den Vulkanrest selber zu besteigen —
-er ist noch seine 800 Meter hoch wie der stehen gebliebene Zacken
-eines abbröckelnden Zahns — gelang nicht wegen der tiefen Klüfte,
-die sich wohl durch Zusammenziehung der erkaltenden Lava wie Risse in
-erstarrendem Pech gebildet haben und allenthalben den Weg versperren.
-Um so wertvoller aber war die botanische Ausbeute.</p>
-
-<p>An der westlichen Hälfte der Nordseite der Insel zeigt sich die einzige
-echte, zum Landen erträgliche Strandstelle. Bimssteinblöcke und
-Korallenbruchstücke bauen sie hauptsächlich auf.</p>
-
-<p>Hier ist ein kleines Strandparadies im vollen Werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
-
-<p>Überall blüht es und treibt es, stellenweise ist das ganze Ufer
-völlig pflanzengrün. Da wachsen ein Pandanus, eine Wolfsmilch
-(<span class="antiqua">Euphorbia</span>), eine Scävola, unverkennbare Stammgäste sandiger und
-kiesiger Tropenufer der Gegend. In Massen kriechen die langen Stengel
-einer Trichterwinde dahin, dazwischen Vigna-Arten und die giftige, aber
-weithin duftende Leguminose <span class="antiqua">Canavalia obtusifolia</span>, die auch eine
-typische Strandpflanze ist. Endlich fehlt es nicht an Gräsern (von der
-berüchtigt stacheligen Sorte Spinifex) und Cypergräsern.</p>
-
-<p>Neben den schon regelrecht aufgeblühten Gewächsen aber fanden sich eine
-Masse frisch angeschwemmter Früchte und Samen, zum Teil in munterem
-Keimen begriffen, so daß man recht in die lebendige Werkstatt des
-Fortschrittes sehen konnte. Hier lag vor allem die Kokosnuß selber,
-dann der Same des Mangobaumes, dessen terpentinartig schmeckende
-Goldfrucht jeder Indienfahrer kennt, zweier Eichen, zweier Cäsalpinien
-(aus der Gruppe der berühmten Färbholzpflanzen), der Zuckerpalme, von
-der der Palmzucker kommt, und vieler anderen mehr.</p>
-
-<p>Das Bild änderte sich, als die Besucher mehr ins Innere drangen.</p>
-
-<p>Sie betraten eine Grassteppe.</p>
-
-<p>Über mannshoch ragten die Grashalme, den Weg versperrend, und in
-den Halmwald verspannen sich zu zähem Dschungel die Trichterwinden
-und anderen Schlinggewächse. Wieder aus der Steppe aber erhebt sich
-der Fels. Noch ist ihm treu, was der erste Besucher einst fand: die
-blaugrünen oder schwärzlichen Schleimpolster der Algen und dann
-in reichster Fülle die Farnkräuter. Aber schon mischen sich auch
-hier oben in die Flora schöne echte Blütenpflanzen höherer Art. Da
-leuchtet es von weißen und rosaroten Blumen: es ist eine Erd-Orchidee
-(<span class="antiqua">Spathiglottis plicata</span>), deren feiner Samen also jetzt wirklich
-glücklich auch den Weg über die blaue See gefunden hat. Daneben prangt
-eine über meterhohe Composite, die „<span class="antiqua">Blumea balsamifera</span>“, die
-alles mit ihrem Duft erfüllt.</p>
-
-<p>Den Schluß der Expedition bildete ein Besuch auf einem<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Inselchen
-„Verlaten Eiland“, das ein paar Kilometer entfernt liegt.</p>
-
-<p>Als der Krakatau hier Weltuntergang spielte, mußte das nahe Eiland mit.
-Auch auf ihm verbrannte jedes letzte Hälmchen und dicke Schichten von
-Asche und Bimsstein begruben die Stätte. Grade hier aber hatte Floras
-Hand das höchste Wunder aufgespart, die äußerste Leistung tropischer
-Schnellproduktion.</p>
-
-<p>Denn an der Südspitze dieses Friedhofs von 1883 stand bereits wieder
-ein ganzes Wäldchen von fünf bis sechs Meter hohen Bäumen. Casuarinen
-waren es. „Casuarbäume“, aus jenem seltsamen Geschlecht, dessen
-eigentliche Heimat das Wunderland Australien bildet. Wie gerupft, wie
-abgefressen hängen die scheinbar ganz blattlosen, düsteren Zweige
-herab, eher an Schachtelhalme als an Laubpflanzen erinnernd, eine
-echte Staffagepflanze von urweltlichem Habitus zu dem Erdteil der
-Schnabeltiere und Molchfische.</p>
-
-<p>Als die Besucher ihre Ausbeute musterten, hatten sie im ganzen
-gesammelt: 22 niedere Kryptogamen (Algen und anderes), 12 Farne und 50
-höhere Pflanzen (Phanerogamen). Treub bei seiner ersten Fahrt hatte 8
-Kryptogamen, ein Farnkraut weniger und nur 15 Phanerogamen erbeutet.
-So trat der Fortschritt ganz deutlich hervor, wenn er auch nicht eben
-mit Siebenmeilenstiefeln gelaufen war, — der Fortschritt in elf Jahren
-genau gemessener Zeit.</p>
-
-<p>Interessant war dabei noch die weitere Einsicht in die Transportart der
-neuen Ankömmlinge.</p>
-
-<p>Penzig verrechnet da alle Algen und Farne nach wie vor auf den Wind.
-Von den Phanerogamen gibt er siebzehn Arten mit meist kleinen und
-teilweise mit Flugapparaten ausgestatteten Samen den gleichen Weg:
-es sind sämtlich Gräser, Compositen oder Orchideen. Zweiunddreißig
-Arten dagegen fallen auf Wassertransport: es sind fast durchweg
-Strandpflanzen, darunter die Casuarinen, Euphorbien, Canavalien und die
-Kokospalme.</p>
-
-<p>Endlich für ein paar Arten (Melastoma und Ficus) kommt<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> noch ein
-ganz besonderes Luftschifflein in Betracht, an das man früher gar
-nicht für solche Fälle zu denken gewagt hätte: nämlich Verschleppung
-durch früchtefressende Tiere, — Vögel oder Fledermäuse (Flughunde).
-Diese Pflanzen haben wohlschmeckende Früchte, deren Samen den
-Verdauungsprozeß überstehen. Der Weg ist also kein ungewöhnlicher.
-Darwin hat, wie so vieles, auch diese Art der Pflanzenverbreitung
-zuerst genau studiert und in unsere Rechnungen eingeführt. Er fand, daß
-Körner lustig aufkeimten, nachdem sie Tage lang in einem Vogelinnern
-zugebracht hatten; der Vogel konnte in dieser Zeit aber mehrere hundert
-Meilen weit geflogen sein.</p>
-
-<p>So viel vom Krakatau, seiner Explosion und seinem neu erblühenden
-Garten.</p>
-
-<p>Warum ich aber grade an diese Geschichte mich erinnert habe, damit hat
-es diese Bewandtnis. Ein Zeit-Beispiel steht uns hier wirklich vor
-Augen von außergewöhnlicher Art. Im Rahmen ganz fester Jahresziffern,
-1883, 1886, 1897, erleben wir stufenweise mit einen Naturvorgang
-typischer Sorte: die Neuumfassung eines vegetationslosen Landes im Meer
-durch die „Biosphäre“, den großen Lebenskörper, der in Gestalt von
-Pflanze, Tier und Mensch die Oberfläche unseres Erdplaneten überlagert.</p>
-
-<p>Hätten wir solche Zeitbeispiele, wo sich eine meßbare Zeit mit einem
-konkreten „Werden“ für uns füllt und deckt, in größerer Zahl, so träte
-jene Zeitfrage der Entwickelungslehre auf ein ganz anderes, ein exaktes
-Feld für uns über.</p>
-
-<p>So wie hier, müßten wir dabei gewesen sein bei der Erdgeschichte,
-sollten unsere Antworten ganz unmittelbare sein.</p>
-
-<p>Statt dessen sind wir angewiesen auf Indizienbeweise. Tatsächlich sind
-aber auch sie wenigstens für die größten Linien von zwingender Gewalt.
-Um ihnen zu folgen, ist aber wieder ein verwickelter Weg nötig, der
-weit fort führt von allen Schlagworten.</p>
-
-<p>Ein Stück menschlicher Denkgeschichte ist dazu nötig.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Wen man von einem mittelhohen, aber kahlen Berggipfel<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> in die Ebene
-schaut — etwa von der Schneekoppe — so bekommt man ein gutes
-Bild, wie die „Biosphäre“, die Gesamtmasse des „Lebendigen“, zu dem
-ungeheuren Erdplaneten sich verhält.</p>
-
-<p>Dunkler Fichtenwald, lichter, grüner Busch, endlich Wiesen und
-Kornfelder liegen da nicht mehr plastisch, sondern als Farbflecke. Nur
-noch die Unterlage, Hügel, Täler, Erdwellen aller Art steigen auf oder
-sinken ab. Die Farbfelder aber gehen mit, eben wie eine einfache Farbe,
-an deren Dicke man nicht noch einmal besonders denkt.</p>
-
-<p>So liegt das Leben im ganzen um die Erde.</p>
-
-<p>Der Fels aus Urgestein hier oben hat noch einen Vergleich: an seiner
-Flanke klebt die gelbe Flechte, auch sie fast nur ein Farbfleck ohne
-Tiefe, aber doch ein „Etwas“, das nicht selber Fels ist, sondern das
-man abschaben kann.</p>
-
-<p>Wie eine solche feine bunte Flechtenkruste überzieht das Leben
-den rein mineralischen Block des Planeten in seinen kolossalen
-Größenverhältnissen eines Kugelberges von mehr als 12000 Kilometer
-Durchmesser.</p>
-
-<p>Wer aus dem Weltraum sich der eilig sausenden Kugel näherte, der
-würde etwa die Urwälder des tropischen Südamerika sich andeuten sehen
-wie einen grünen Schimmel. Näherte er sich von der Nachtseite und
-schwebte über dem Ozean, so würde ein solcher Schimmel ihm vielleicht
-phosphorisch auf der Fläche zu funkeln scheinen: in der Tat läge auch
-hier in den oberen Wasserschichten eine riesige Schicht Leben winziger
-Organismen, deren vereinte Kraft das „Meerleuchten“ erzeugt.</p>
-
-<p>Beim tieferen Eindringen merkte er dann die große Leistung, wie dieser
-Planetenschimmel der Gliederung der Planetenoberfläche wunderbar folgt.</p>
-
-<p>Wo diese Oberfläche eine Meile tief zum Ozeansgrunde abstürzt, da senkt
-sich auch der Teppich mit, tierisches Leben geht bis zur Sohle die
-ganze Meile mit hinab.</p>
-
-<p>Aus dem schwarzen Abgrund hebt es sich dann wieder zum Licht: grüne
-Tangstämme, wie die <span class="antiqua">Macrocystis pyrifera</span> der<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Südsee, recken
-sich 200 Meter empor, ein Medusenschwarm dehnt sich über mehrere
-Kilometer aus, eine rötliche Alge färbt ein halbes Meer.</p>
-
-<p>Auf der Feste wieder wächst ein einzelner Eukalyptusstamm anderthalb
-hundert Meter vom Boden an aufwärts durch die Luft. Knieholz folgt
-den viel höheren oberen Gebirgsterrassen. Zuletzt hängt die gelbe
-Flechte selbst als äußerstes Faserwerk des Teppichs am Granit. Über
-dem schneebedeckten Hochgebirgshorn aber schwebt noch der Geier.
-Und vielleicht noch weit über der Meile Gestein, die die höchste
-Gebirgserhebung über das Meeresniveau hinausgipfelt, ziehen mit dem
-Winde Bakteriensporen.</p>
-
-<p>Dem Vertikalen dieser Doppelmeile wiederum entspricht die horizontale
-Eroberung durch alle Zonen. In der Steppe durchmißt der Reisende
-wochenlang immer neuen Blumenflor. Selbst über der nackten Wüste
-zaubert die Fata Morgana Palmen herauf. Eisberge des Pols färbt die
-Volvox-Alge der Karmoisinklippen mit zauberhaftem Rot. Unter 81 Grad 26
-Min. nördlicher Breite fand Nansen die Tümpel des schmelzenden Eises
-noch mit Diatomeen und Bakterien erfüllt.</p>
-
-<p>Und dieser räumlichen Anschmiegung entspricht eine innerliche,
-eine physiologische: die unendlich vielseitige Anpassung an alle
-Bedingungen dieses Lebensraumes. Der Tiefseefisch leuchtet, der Käfer
-<span class="antiqua">Leptoderus</span> in der finsteren Adelsberger-Grotte ist blind, der
-Eisbär ist behaart bis auf die Tatzensohle, und die Haut des Nilpferdes
-ist ganz nackt; die Flechte am Fels verträgt das Austrocknen, das
-Murmeltier unserer Alpen überschläft die kalte Jahreszeit und der
-Tanrek-Igel Madagaskars die ausdörrend heiße, und der Zugvogel
-überquert ganze Erdteile, um für sich den Unterschied der Zonen
-aufzuheben.</p>
-
-<p>Aber es wird Nacht, und über dieser lebensfrohen Erde beginnen die
-Sterne aufzufunkeln.</p>
-
-<p>Du sagst Dir, daß jedes dieser Lichtpünktchen des Fixsternhimmels
-eine Welt für sich ist, so groß oder größer als unsere Sonne. Und
-sie alle müssen, damit wir sie sehen<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> können, leuchten, müssen eine
-Hülle glühender Gase um einen Kern in Weißglut mit sich dahintragen.
-Trotzdem sind die Stoffe dort die gleichen wie bei uns. Nur der
-Wärmestand ist ein unvergleichlich viel höherer. Das Gewicht unserer
-Erde verrät uns, daß sie im Herzen wohl nichts anderes ist, als eine
-riesige Metallkugel, vielleicht hauptsächlich aus Eisen, dem gleichen
-Element, das auch in dem Meteorblock steckt, der vom freien Raum her
-zu uns stürzt und der vielleicht ein solches Herzstück eines anderen
-Weltkörpers ist, und dem gleichen, ohne das hier an der Oberfläche in
-der Sphäre des Lebendigen kein Pflanzenblatt sein wundervolles Grün
-entwickeln könnte. Der Raum aber, aus dem dieses Meteoreisen fällt,
-ist selber eiskalt, kälter als die tiefste Polarkälte. Wenn dieser
-Meteorblock einst glühend gleich den Sonnen dort hinein geworfen worden
-ist, so ist er längst darin bis ins Innerste so kalt geworden, daß
-unsere Haut daran kleben bliebe, wollten wir ihn greifen; wohl erhitzt
-er sich durch die Reibung unserer Atmosphäre flüchtig noch einmal, aber
-im Innern ist noch mehrfach die ganze Kälte festgestellt worden, die
-schaurige Weltraumkälte. Was aber dem Zentnerblock geschah, warum nicht
-das Gleiche dem ganzen Erdplaneten?</p>
-
-<p>Auch er war einst im Lose derer da oben, sein Metallkern strahlte
-Weißglut, und blutrote Wasserstoffdämpfe schossen als Protuberanz
-darüber hinaus. Aber die Kälte kroch zäh heran und legte ihre Hand
-darauf. Bis die Schlacke eine Rinde hatte. Bis das Eisen sich härtete
-und Rost setzte. Und bis der Wasserstoff sich dem Sauerstoff vermählte
-zu Wasser. Die großen Sonnen glühen noch fort, — die kleine Erde ist
-schon gestrichen im Chor der Glutatmenden.</p>
-
-<p>So ist der Gedanke schon dem René Descartes im siebzehnten Jahrhundert
-aufgestiegen: die Erde ist nur eine verkrustete, eine erloschene Sonne.</p>
-
-<p>Athanasius Kircher in seinem Folianten von der „Unterirdischen Welt“
-(<span class="antiqua">Mundus subterraneus</span>) hat 1668 auf einer prächtigen Tafel die
-ganze Kugel durchschnitten wie eine Apfelsine dargestellt; im Innern,
-verborgen unter unermeßlichen<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> Lasten starren Gesteins, zeigt sich nur
-noch wie in einem Gefängnis der alte Stern, als Zentralfeuer, von dem
-glühende Kanäle mit knotenartigen Feuerinseln durch die Feste sich
-schlängeln bis zu den lavaspeienden Feuerbergen der Rinde. Es ist die
-Anschauung, die sich bis an die Schwelle der neuesten Geologie fest
-erhalten hat.</p>
-
-<p>Hat sie aber recht, so wäre diese gesamte Erdoberfläche, über die sich
-heute die Lebenssphäre zieht, einst auch als Ganzes nur ein solcher
-nackter Krakatau-Fels gewesen, — einmal damals, als zum ersten Male
-die Glut oben endgültig ausbrannte, die Urlava starr wurde.</p>
-
-<p>Ein Krakatau-Fels der ganze Planet, kahl aufstarrend gegen den öden
-Weltenraum. Und dann erst hätte auf ihm irgendwie (worüber denn
-Theorien zu bauen wären) das Leben eingesetzt, um allmählich seine
-große Eroberung der zwei Meilen vertikalen Teppichspielraums und der
-Horizontale von den beiden Polen zum Äquator zu beginnen.</p>
-
-<p>Wann aber war das?</p>
-
-<p>Heute ist die Erde grün und lebensbunt, wie der Krakatau in seinen
-zwanzig Jahren noch lange nicht.</p>
-
-<p>Werden wir irgend einen Anhalt finden können, auch bei ihr diese
-Besiedelung auf eine Jahresziffer festzulegen, ihre Krakatau-Periode zu
-bestimmen, wie es auf der Ruine der Sundastraße Treub und Penzig gelang?</p>
-
-<p>In den achtziger Jahren hörte ich in Bonn ein Kolleg bei dem
-trefflichen alten Historiker Arnold Schäfer, — über Chronologie in
-der alten Geschichte. Er ging bis zu den damals noch ältesten Daten
-der Ägypter und Babylonier. Immerhin blieb’s ein kleiner Kreis von
-Jahrtausenden. Dahinter aber, sagte er, wird’s ganz düster; dort, meine
-Herren, beginnt nämlich der Naturforscher, und der hat’s ja sehr viel
-leichter, wenn Sie ihn fragen wollen: der spielt mit Millionen; aber
-mit Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun.</p>
-
-<p>Das hörte ich vormittags. Nachmittags las der Anthropologe
-Schaaffhausen. Er legte uns den Neandertal-Schädel vor, den er damals
-für einen uralten, noch ausgesprochen<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> tierähnlichen Menschenrest
-hielt; in der Folge ist das stark bestritten worden, heute aber glaubt
-man nach Schwalbes Forschungen und nach anderen prähistorischen Funden
-wieder entschieden daran.</p>
-
-<p>Nun denn: dieser Schädel und Verwandtes führte so weit vom alten
-Babylonier und Ägypter fort, daß man in unfaßbare Zwischenräume zu
-sehen glaubte. Und doch war er gewiß nicht älter, als nur erst das
-Diluvium. Dahinter erst begannen die großen Epochen der organischen
-Erdgeschichte, Tertiär, Kreide, Jura und so weiter. Erdteile
-zerspalteten sich da vor dem Blick, Meere überbrückten sich, die großen
-Gebirge von heute wurden zu Koralleninseln oder Seeboden und andere
-kreuzten die völlig verwandelte Karte. Die klimatischen Grenzen von
-heute paßten nicht mehr. Tier- und Pflanzenwelt bekamen einen fremden
-Zug. Der Mensch fehlte vollkommen. Vor solchen Änderungen schien das
-Wörtchen Million auf einmal ganz klein. Nicht wir waren die Könige,
-die mit Millionen spielten. Da drunten wuchs, von uns nicht gewollt,
-sondern einfach nur in Empfang genommen, eine Welt der zeitlichen
-Riesendimensionen auf, der unsere Nullen hinter der Eins umgekehrt ein
-Zwergenspiel wurden, Strohfäserchen, die eine Ameise schleppt, gegen
-ein Weltmeer.</p>
-
-<p>Der ganze Kontrast war in den beiden Bildern: des Historikers in seiner
-„Weltgeschichte“ alten Schlages, der schon ein Rechnen mit <em class="gesperrt">einem</em>
-Jahrhunderttausend für einen schlechten Dilettantenscherz voll
-leichtsinnigster Verwegenheit hält; — und des modernen Naturforschers,
-dem bei sorgfältigster Selbstkritik der eigene Leichtsinn immer wieder
-darin steckt, daß er noch <em class="gesperrt">zu kurze</em> Zeitmaße ansetzt.</p>
-
-<p>Aber jener Vorwurf ist mir seitdem immer wieder aufgetaucht, er ist
-noch jetzt zäh.</p>
-
-<p>Heute, da die Meinung Modefarbe bekommt, die ganze Entwickelungslehre
-gehe wieder zurück, kann man auch ihn wieder lebhafter hören. Wenn der
-ganze Ideengang Darwins erst wieder abgetan ist, heißt es, so werden
-wohl auch diese<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> tollen Ziffern, mit denen wir unsern armen Kopf quälen
-sollten, endlich verschwinden.</p>
-
-<p>Und dabei ist der wahre Sachverhalt heute der ganz genau gleiche wie
-früher.</p>
-
-<p>Höchstens ist er noch schärfer geworden, — schärfer in der unbedingten
-Forderung größtmöglichster Zeiträume für die Geologie.</p>
-
-<p>Es gibt eine Hauptquelle für diese Mißverständnisse.</p>
-
-<p>Sie sprudelt, solange wir eine echte Geologie haben.</p>
-
-<p>Immer haben wir von außerordentlich viel Zeit gehört, die dort nötig
-sei, — aber wir haben auch immer das größte Schwanken gesehen
-innerhalb der Naturforschung über die eigentlichen Ziffern. Um diese
-engeren Ziffern ist jedesmal der erbittertste Zwist geführt worden,
-sobald eine genannt war, und so oft der Fernstehende einen solchen
-Kampf mit dem Sturz einer Ziffer enden sah, machte er sich seinen Vers,
-es sei nun aus dort mit der ganzen Zeitrechnung der Millionen.</p>
-
-<p>Wer aber tiefer in die Karten schaut, dem erscheint gerade als das
-Entscheidende, daß jeder Sturz der Ziffer immer nur ein Sieg war des
-noch ausgedehnteren Maßes überhaupt. Als zu klein ist noch jede echte
-geologische Ziffer verworfen worden.</p>
-
-<p>Das spielt jetzt seit anderthalb hundert Jahren.</p>
-
-<p>Der erste geologische Rechner modernen Stils ist Buffon im achtzehnten
-Jahrhundert.</p>
-
-<p>Man muß heute wieder öfter auf Buffon zurückkommen. Von seinen
-Zeitgenossen vergöttert, ist er im neunzehnten Jahrhundert durchweg
-schlecht behandelt worden. Man hat ihm nachgerechnet, was er im
-Detailwerk der Forschung an neuen exakten Tatsachen gegeben habe, und
-diese Wage schien immer leichter. Sein Kultureinfluß in seiner Zeit
-war aber unberechenbar groß. Er gab diesem allenthalben geweckten,
-nach neuen Weltfundamenten lechzenden Jahrhundert der Voltaire,
-Rousseau, Lessing, Kant, Herder, Schiller zum ersten Mal das große
-geschlossene Weltpanorama des Naturforschers als „Macht“ in den Besitz.
-Es entscheidet nicht dabei, wie viel<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> kühne Hypothese war. Die Lücken
-füllte er mit glänzenden Hypothesen. Was tun wir heute anderes? Das
-Wesentliche war das Einheitliche des Natur-Weltbildes. Er malte es so,
-daß jeder gepackt wurde. Keiner bis auf ihn hatte es annähernd noch
-gekonnt. Nach ihm sind Humboldt und alle die Kosmologieen gekommen. Er
-war der erste.</p>
-
-<p>Man kann behaupten, daß keine große geistige Debatte bis ins Extremste
-des Moralischen und Ästhetischen hinein im letzten Drittel des
-achtzehnten Jahrhunderts geführt worden ist, ohne daß dieses Panorama
-einer vom Naturforscher gefaßten Ganz-Welt, einer ganz gefaßten Welt
-auf Naturgesetzen, dabei einen Hintergrund gebildet hätte, mit dem
-jeder rechnete; es war aber Buffons Naturgemälde, an das man dachte.</p>
-
-<p>Man braucht allein auf Goethe zu sehen, wo dieses
-naturwissenschaftliche Bild schon die ganze Anschauung der Dinge auch
-im Ästhetischen beherrscht, um Buffons Einfluß in seiner Kraft zu
-fühlen. Ich halte Buffon in allem Naturgeschichtlichen für gradezu
-bestimmend bei Goethe. Die unmittelbare Berührung läßt sich durch viele
-Stellen belegen. Die feine geistige Beziehung ist aber noch viel weiter
-deutlich. Von Buffon hatte auch Goethe zu den überliefert religiösen,
-den philosophisch-moralischen, den ästhetischen Weltbildern seiner Zeit
-das große Kosmosbild des Naturforschers, das damals eine ganz neue
-Kraft war, stählend zugleich, aber auch beängstigend; wie er sich damit
-auseinander gesetzt hat, war ja dann sein eigenes Werk.</p>
-
-<p>Nun also: Buffon hatte jenen oben gestreiften Ideengang schon ganz klar.</p>
-
-<p>Die Erde war ein Stück Sonne, das in der Weltraumkälte eines Tages
-erstarren mußte. An dem Tage begann auf ihm das Leben wie auf der
-nackten Schlacke des Krakatau. Eher konnte es nicht beginnen, denn
-es ist kein Salamander der Sage, der im Feuer leben kann. Immerhin
-ist es auch nur möglich auf einer noch erwärmten Rinde. Wenn der
-Block einst ganz erkaltet und eine ewige Eisperiode anhebt, wird es
-wieder verschwunden sein. So stellt es eine Intervall-Erscheinung<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span>
-des Planeten zwischen zwei Grenzen dar, gebunden an ein
-Temperatur-Intervall. Sollten wir aber diese so scharf gegebene
-Zeitspanne nicht wirklich ziffernmäßig berechnen können?</p>
-
-<p>Buffon machte ein ganz einfaches, aber zunächst verblüffendes
-Experiment.</p>
-
-<p>Er stellte eine Anzahl kleiner Metall- und Steinkugeln auf, erhitzte
-sie bis zur Weißglut und ließ sie sich dann bei einer mäßigen
-Lufttemperatur allmählich wieder abkühlen. Die Grade dieser Abkühlung
-legte er in festen Ziffern nieder, die vor allem zwei Zeitpunkte genau
-fixierten: den Augenblick, da man die Kugel zuerst wieder berühren
-konnte, ohne daß unsere lebendige Haut Schaden dabei nahm; und den
-andern, da die gewöhnliche heutige Temperatur der Kugel bei dieser
-bestimmten Luftwärme wieder erreicht war, also die Eisenkugel sich
-wieder anfühlte wie jedes Eisen sonst. Diese einfachen Ziffern wurden
-dann im Verhältnis umgerechnet für eine Kugel von der Größe der Erde
-und sofort erschienen auch hier ganz feste Zahlen.</p>
-
-<p>Wenn der heutige Temperaturzustand dieser großen Erdkugel auch nur ein
-Produkt der Abkühlung aus Weißglut war, so ergab das für die Dauer des
-Abkühlungsprozesses bei den Größenverhältnissen des Erdballs (unter
-Anrechnung einiger kleiner Begleitumstände) im ganzen bis heute genau
-74832 Jahre.</p>
-
-<p>In diesen rund vierundsiebzigtausend Jahren bildete wie bei den kleinen
-Versuchskugeln einen wichtigen Einschnitt die Jahresziffer, bei der
-wir die Erdoberfläche zum ersten Mal hätten berühren können, ohne daß
-unsere Haut Brandblasen bekam.</p>
-
-<p>Den entsprechend umgerechneten Experimentziffern nach mußte das vor
-genau 40062 Jahren geschehen sein.</p>
-
-<p>Das bedeutete aber dann zugleich ein ungemein wichtiges
-Geschichtsdatum. Denn wenn unsere Hand sich damals nicht mehr verbrannt
-hätte, so heißt das: Leben war damals möglich geworden auf der Erde.
-Vor rund vierzigtausend Jahren<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> hatte das Pflanzen- und Tierleben
-begonnen: es war die Krakatau-Ziffer des ganzen Erdfelsens!</p>
-
-<p>Buffon war in Hinsicht der Lebenserscheinungen ein eminent aufgeklärter
-Kopf, seiner Zeit weit voraus. Wo die nötigen Temperaturbedingungen
-gegeben waren, da nahm er Entstehung von Leben als notwendigen
-Naturprozeß an. Wenn zwei Länder ähnliche Wärmeverhältnisse hatten, so
-brachten sie auch ähnliche Tiere und Pflanzen ganz von selbst hervor,
-ohne daß man an Wanderungen zu denken brauchte. „Die gleiche Temperatur
-nährt, erzeugt überall die gleichen Wesen,“ sagt er wörtlich (Ausgabe
-von Richard, Paris 1839, Bd. I., S. 463).</p>
-
-<p>Wenn also vor vierzigtausend Jahren die Lebenswärme erreicht war,
-so war nicht einzusehen, warum wir nicht mit dieser Ziffer auch den
-wirklichen Lebensanfang in Händen hatten.</p>
-
-<p>Buffon schloß aber noch weiter.</p>
-
-<p>Zunächst gab diese Rechnung auch einen scharfen Zukunfts-Grenzwert.</p>
-
-<p>Die Abkühlung der Erde ging weiter, auch über unsern heutigen
-Zustand hinaus. In 93291 Jahren mußte die Erdkugel bis auf ein
-Fünfundzwanzigstel der heutigen Temperatur abgekühlt sein. Das
-bedeutete aber Vereisung, — endgültigen Kältetod alles Lebens. Es war
-die Schlußziffer, mit der die Lebensära nach einer ruhmreichen Dauer
-von rund hundertdreiunddreißigtausend Jahren wieder abschnitt, Pflanze,
-Tier und Mensch begrabend.</p>
-
-<p>Die zweite Folgerung ging auf die übrigen Planeten und Monde unseres
-Systems. Überall dort rechnete Buffon nach der gleichen Methode. Die
-kleineren waren früher in ihre Lebensperiode eingetreten, hatten sie
-aber auch rascher schon durchlaufen, die größeren umgekehrt folgten
-erst langsam nach. Der fünfte Trabant des Saturn war beispielsweise
-die erste Welt in unserem System gewesen, die lebensfähig geworden
-war, seit mehreren Jahrtausenden aber war sie auch schon wieder zu
-Todesstarre vereist. Unser eigener Mond hatte höchstens sechzigtausend
-Jahre lang geblüht und war seit über<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> zweitausend Jahren auch im
-Lebenssinne wieder erloschen. Auch der Mars war längst gestorben,
-auf dem vierten Saturn-Trabanten lag alles in den letzten Zügen der
-Verschmachtung, die Venus dagegen war noch etwas wärmer als wir, auf
-dem Saturnring stand das Leben in erster Vollkraft und gar der Jupiter
-war heute noch überhaupt zu heiß zur Bildung organischer Wesen.</p>
-
-<p>Auch alle diese Angaben kamen in Ziffern bis auf halbe Jahre genau.
-Daß auch diese andern Weltkörper ihr Leben entwickelten zu ihrer
-Zeit, stand ein für allemal fest. Man darf glauben, sagt Buffon, daß
-alle diese gewaltigen Himmelskörper, deren Temperatur in der rechten
-Periode ist, „gleich dem Erdball bedeckt seien mit Pflanzen und selbst
-bevölkert mit empfindenden Wesen, die den Tieren der Erde ungefähr
-ähnlich sind.“</p>
-
-<p>Buffon erfuhr mit diesen kühnen Rechnungen das größte Leid seines
-sonst so schönen Denkerlebens. Obwohl die Ziffern gar nicht so
-außerordentlich groß waren, stimmten sie nämlich doch nicht mit den
-hergebrachten Zahlen der Bibel.</p>
-
-<p>Selbst eine tief religiöse Natur mit innerlich fein geklärtem
-Standpunkt, hatte Buffon friedlich losgerechnet, ohne sich etwas
-Verfängliches zu denken. Aber man begreift, daß das für seine Zeit
-eine starke Zumutung war: über 74000 Jahre Weltexistenz allein für
-die Erde gefordert statt der üblichen paar tausend Jahre für das
-Ganze, — Mehrheit bewohnter Welten bis zu empfindenden Wesen von
-Tierähnlichkeit, also wohl gar Menschen auf Venus und Saturn —
-endlich, wie wir heute sagen würden, unverfälschter Darwinismus, der
-den Planeten Leben treiben ließ zu seiner Zeit und Pflanzen- wie
-Tierarten sich entwickeln ließ wie ein Kristall unter bestimmten
-Umständen naturgesetzlich anschießt ... das war für den Hof Ludwigs XV.
-und XVI. denn doch des Guten an Ketzerei zu viel.</p>
-
-<p>Man machte dem harmlosen Gelehrten das Dasein sauer genug. Doch das ist
-mit den Zeiten verschollen. Was uns als übrig allein interessiert, ist
-die Wahrheitsgrundlage seiner<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> Rechnungen und Ideen selbst. Und da ist
-denn auch für uns manches zu sagen.</p>
-
-<p>Wer aus der schlichten Vorstellung der sieben Schöpfungstage kam, dem
-mußte gewiß schon Buffons großer Erd-Roman wie etwas Überwältigendes an
-Handlung und Verwickelung erscheinen.</p>
-
-<p>Der nächste Fund aber über Buffon hinaus war: er hatte die Dinge <em class="gesperrt">zu
-klein</em> gesehen.</p>
-
-<p>Wohl schwebte er im Geiste wie ein Herrscher über der Glutkugel,
-die sich abkühlte, bis Pflanze, Tier und Mensch auf ihrer Rinde
-wohnen konnten. Doch bei dieser „Rinde“ hatte er immer nur an die
-Schlackendecke aus Schmelzfluß gedacht, an etwas Einheitliches, wie es
-auch seine Metallkugeln im Experiment wiesen. Die Forschung noch neben
-ihm und unmittelbar nach ihm besah sich aber die wirkliche Erdrinde,
-auf der wir Menschen hausten, etwas genauer und sie geriet auf ein
-besonderes Bau-Geheimnis noch in ihr, zu dem Buffons einfaches Modell
-des Erdenhauses nicht auslangen wollte.</p>
-
-<p>Gewiß war das, was wir von dieser „Rinde“ im Oberflächenbilde mit
-seinem Wechsel von Berg und Tal, Ebene und Wasserbett oder auch im
-Aufschnitt und angerissenen Innern zu sehen bekamen, nur ein kleines
-Stückchen zu der ungeheuren Kugel, wirklich nur eine Art dünner Haut.
-Noch heute, da wir ein paar für unsere Ameisen-Technik ganz kolossal
-tiefe Bohrlöcher hineingetrieben haben, geht das längste dieser Löcher
-(das von Paruschowitz in Oberschlesien) nur erst 2003 Meter in die
-Erde hinab, zwei Kilometer von zwölftausend; die tiefsten natürlichen
-Aushöhlungen im Ozeansgrunde reichen immer noch mehr als viermal
-tiefer und selbst das wäre schließlich auch nur eine kleine Ziffer.
-Nehmen wir den Gaurisankargipfel, den tatsächlich noch keiner wirklich
-betreten hat, als oberste Ecke und jene Riesentiefen des Meeres, wie
-sie die Challenger-Expedition und neuere gelotet haben (auch von hier
-kennen wir nur einige oberflächlichste Schlammproben und die Druck- und
-Temperaturziffern), so kommen rund kaum<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> achtzehntausend Meter heraus,
-— als das Äußerste, was wir annähernd von der Erdrinde als idealer
-Kante überschauen. Achtzehn Kilometer gegen zwölftausend! Damals, zu
-Goethes Manneszeiten, hatte man aber noch viel weniger.</p>
-
-<p>Und doch merkte man etwas.</p>
-
-<p>Dieses Stückchen Rindenerde machte durchaus nicht bloß den Eindruck von
-Krakatau-Schlacke. Allenthalben, wo diese Rinde geborsten, aufgewühlt,
-in ihre „Eingeweide“ hinein entblößt war, erschien sie wie durchsetzt
-mit aller Art Brocken und Fetzenstücken eigentümlicher konzentrischer
-Steinhäute, die aus der einfachen Rinde ein so unglaublich
-kompliziertes Ding machten, wie wenn einer in eine Zwiebel schneidet
-und statt einer einfachen Fruchtschale eine Zwiebelhaut über die andere
-losschält.</p>
-
-<p>Und es bedurfte wirklich nur eines ziemlich geringen Durchdenkens der
-Sache, so mußte klar werden, daß diese bald aufeinander gepackten,
-bald wieder gelösten, zerrüttelten, zerstückelten Zwiebelhäute zum
-teil jedenfalls ein Ergebnis von Wasserniederschlägen in einer Reihe
-von einander folgenden Zeitabschnitten sein mußten. Nur das Wasser
-konnte diese zwar oft nachträglich gestörte, aber immer wieder
-durchschimmernde horizontale Butterbrot-Schichtung der Gesteine bewirkt
-haben, und auf alten, erst nachher verhärteten Wasserschlamm deutete
-allzu klärlich auch die sandige, schieferige, kalkige Natur dieses
-Gesteins.</p>
-
-<p>Das war die grundlegende neue Weisheit unseres deutschen geologischen
-Altmeisters Werner, der geboren wurde, als der erste Band von Buffons
-Naturgeschichte eben heraus war, 1750. Werner saß Zeit seines Lebens
-im Erzgebirge, er reiste nicht, er spekulierte wenig mit großen Werten
-und er schrieb keinerlei packende Werke in vielen Bänden. Aber er ritt
-auf einem Prinzip, und das war in der Tat unendlich wichtig: daß der
-Hauptteil mindestens der Gesteine der Erdrinde, die wir heute sehen,
-ein Produkt des Wassers sei, angesetzt auf einer Grundrinde, etwa
-wie sich nachträglich Kesselstein auf das Metall eines Dampfkessels
-auflagert, und, ursprünglich wenigstens, angesetzt<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> in wirklichen
-konzentrischen Lagen Schicht auf Schicht in einer Reihe einander
-folgender Zeitperioden.</p>
-
-<p>Mochte es nun mit der anfänglichen Glutkugel sein, wie es wollte:
-jedenfalls schob sich zwischen ihre erste eigene Erkaltungsrinde und
-unsere schließliche, heute greifbare „Oberfläche“ noch ein gewichtiges
-Zwischending: diese ungeheure, viele tausende von Metern dicke Lage
-steinerner Butterbrote, die den darüber stehenden Meeren verdankt
-wurden. Ihre ganze Masse war im Meer einmal einigermaßen aufgelöst,
-lose verteilt gewesen und dann langsam abgelagert worden, wie heute
-noch allerorten die Schlammteilchen im ruhigen Wasser allmählich
-abwärts sinken und einen Bodensatz bilden.</p>
-
-<p>Zu diesem Akt des Wassers aber gehörte — Zeit.</p>
-
-<p>Buffon hatte gerufen: Zeit für die Temperatur, 74000 Jahre für die
-heutige Abkühlung der Ur-Rinde! Werner verlangte: Zeit für das Wasser;
-Zeit für seine dicken Kesselsteinschichten auf dieser Rinde; wie viel,
-mochte zunächst offen sein, und es brauchte vorläufig auch keine
-Debatte zu sein, ob die Buffonsche Ziffer stimmte, auf alle Fälle
-handelte es sich jetzt um ein Separatkonto.</p>
-
-<p>Und das ist für die ganze Folge das Entscheidende auch geblieben in
-allem Wechsel: daß hier eine <em class="gesperrt">zweite</em>, von der Wärmerechnung
-ganz unabhängige Zeitforderung in die Geologie eintrat. Die ganze
-Buffon-Forderung konnte leerer Traum sein: so blieb doch hier von einer
-ganz anderen Ecke her eine neue Zeitforderung bestehen, die für sich
-bewiesen werden konnte oder widerlegt werden wollte. Aber — und das
-ist das noch wieder Entscheidende — auch diese Forderung verlangte
-viel Zeit.</p>
-
-<p>Es ist nicht Werner selbst, der große alte „Thales der Geologie“, der
-Wassergeologe, der diese Forderung des „viel Zeit“ am schärfsten zieht,
-sondern ein zweiter Mann der gleichen Tage.</p>
-
-<p>Wer die Geschichte der Geologie in ihrer großen denkwürdigen Genesis
-im 18. Jahrhundert knapp aus dem Leitfaden lernt, der pflegt sich
-einzupauken: zwei Schulen des<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Anfangs, zwischen 1750 und 1800;
-Neptunisten und Plutonisten; erstere leiteten alle Bildungen der
-Erdrinde geschichtlich aus dem Wasser ab, letztere aus dem Feuer;
-Haupt der ersten Schule ist Werner von Freiberg; Haupt der letzteren
-Hutton in England. Wer das konfus ausdrückt, dem wird es zu einem
-wirklichen Wiederaufleben des alten Philosophengegensatzes von Thales
-und Heraklit: der eine baut die ganze Erde bloß aus Wasser, der andere
-bloß aus Feuer auf. So kahl waren aber die Extreme in Wahrheit nicht.</p>
-
-<p>Hinter beiden Anschauungen stand Buffon mit seinem sich abkühlenden
-Glutstern. Werner kam bloß in der Folge zum Ruf des Allverwässerers,
-weil er einzelne Gesteine, die wir heute sicher zu den lavaartigen,
-aus Glutfluß unmittelbar erstarrten, rechnen, auch noch für
-Wasserniederschläge nahm, so den als Exempel und Kampfobjekt berühmt
-gewordenen Basalt. Aber an der Basis aller Schichten blieb auch ihm
-ein ursprünglicher „Grund der Hölle“ wie Goethe im Faust sagt, als er
-seinen Helden mit Mephisto auf dem Granit des Hochgebirges Halt machen
-läßt.</p>
-
-<p>Und umgekehrt war James Hutton kein einseitiger Feuermeister, sonst
-hätte er nur für den Buffonschen und nicht für jenen anderen, zweiten
-Zeit-Begriff in Betracht kommen können.</p>
-
-<p>Huttons umfassende Bedeutung ist erst in späteren, zum Teil erst in
-neueren Tagen recht gewürdigt worden. Kürzlich hat Friedrich Ratzel
-in einer auch sonst ausgezeichneten Studie (in Ostwalds „Annalen
-der Naturphilosophie“) ihn trefflich grade in seiner Rolle auch als
-nicht-plutonischer Zeit-Forderer charakterisiert.</p>
-
-<p>Obwohl Hutton die Erdwärme überall brauchte und sich ohne sie das
-Stein-Werden alter Schlammschichten überhaupt nicht denken konnte, lag
-ihm doch an Buffons Ur-Roman eigentlich noch weniger als Werner. Sein
-Blick faßte die Erde viel lieber als etwas von Ewigkeit her Gegebenes,
-an dem wir bloß gewisse harmonische, gleichsam rhythmische Kreisläufe
-von Erscheinungen beobachten könnten. Zu solchen Erscheinungen<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> gehörte
-auch die Bildungsgeschichte jedes Stückes Kalk, jeder Platte Sandstein.
-Das Bild, das wir uns von dem Vorgang der Entstehung nach schlichter
-Gesetzmäßigkeit machen wollten, bestimmte die dabei verflossene Zeit.
-Wo konnte uns aber bei der ewigen Ähnlichkeit dieses Erden-Rhythmus
-etwas Besseres ausgesagt sein über jenes Bild als in den <em class="gesperrt">heute</em>
-noch sichtbaren Vorgängen der Kalk-Bildung, der Sand-Anhäufung auf
-Erden?</p>
-
-<p>Noch heute häufte der Fluß vor seiner Mündung eine Barre von Sand
-auf, noch heute baute sich, erhöhte sich, wanderte, festigte sich
-die Sand-Düne am Gestade des Ozeans. Heute auch noch häuften sich im
-Seegrunde die Kalkschalen von Tieren, heute noch bauten die kleinen
-Korallenwesen hohe Mauern aus solider Kalkmasse auf. Hier und nur hier
-konnte der Schlüssel auch zum Verständnis des alten Werdens liegen.</p>
-
-<p>Grade diese Vorgänge von heute aber liefen nicht im
-Siebenmeilenschritt: sie verlangten Zeit zuerst, Zeit zuzweit, Zeit
-immer wieder.</p>
-
-<p>Sandkörnchen um Sandkörnchen wuchs die Düne. Jahr um Jahr prägte sich
-das Stromdelta an der Mündung etwas schärfer aus, aber an der Spule
-dieses „Etwas“ spann sich der Faden durch die Jahrtausende, bis ein
-großes Bild wirklich da sein konnte.</p>
-
-<p>Die Ewigkeit der Vergangenheit hatte nun weite Arme für solche
-Zeitforderung der Gegenwart. Genau so langsam mochten die Sandberge,
-die Kalkquadern der Vorwelt sich gebildet haben. Zumal wenn wir uns
-dachten, daß all dieses Material, das vom Wasser etwa als Schlamm
-abgelagert werden konnte, vorher durch langsames Abnagen und Zerstören
-wieder vom Urfels oder von noch älteren, schon landgewordenen
-Ablagerungen gewonnen sein mußte. Und der Blick tauchte und tauchte in
-geradezu endlose Zeiten allein für diese Wasserarbeit. Es hatte nicht
-vom Kosmos her plötzlich vierzig Tage lang Sand geregnet oder der
-Erdenschlund hatte nicht Sand gespieen, sondern Teilchen zu Teilchen
-war atomhaft winzig in den Wassergrund gesunken wie heute —<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> und doch
-waren jene Butterbrotschichten von vielen Kilometern Dicke geworden,
-die heute bald in Brocken durch die zerborstene Rinde verstreut
-liegen, bald sich Kilometer um Kilometer noch als einheitliche Fläche
-horizontal unter unserem Schritt dahin ziehen.</p>
-
-<p>Zeit war die große Melodie, die aus all diesen grundlegenden Tatsachen
-heraufklang. Unabsehbare Zeiträume, allein nötig für die Wasserleistung
-und organische Kalkproduktion des Planeten.</p>
-
-<p>Die Veröffentlichung von Huttons Ideen fällt erst ganz in den Ausgang
-des Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Auch da war die unmittelbare Wirkung gerade seines Werkes geringer, als
-wir heute denken sollten, wenn sein Name im Leitfaden als der eines
-Kirchenvaters der Geologie, als des scheinbaren Gegenpapstes zu Werner,
-erklingt. Als eigentliches Dokument ist es, wie gesagt, erst später
-gewürdigt worden. Aber die Gedankengänge, die es ausspricht, müssen
-wir in der ganzen Zeit damals als eine (wenn auch nicht so scharf
-formulierte) Grundströmung suchen.</p>
-
-<p>Goethe ist das beste Beispiel bei uns.</p>
-
-<p>Goethes Geologie, wie wir sie jetzt in zwei Bänden der Weimarer Ausgabe
-vollständig vor Augen haben, besteht nur aus einer scheinbar regellosen
-Fragmentenreihe. Aber es geht wie bei allen naturwissenschaftlichen
-Studien Goethes. Die Stücke sind alle nur Bruchstücke eines
-einheitlichen Werkes, einer Morphologie der Erde. Man fühlt die große
-Linie durch, die ihm vorschwebte, und man fühlt auf Schritt und Tritt
-das Wehen des geologischen Zeitgeistes dabei von damals.</p>
-
-<p>Goethes Geologie schiebt sich zeitlich fast ziffernmäßig genau zwischen
-Buffon und Lyell. Für die Ur-Anfänge seiner Erde schweben ihm Buffons
-Bilder vor: die Erde als erkaltender Stern. Das reicht bis auf eine
-Ur-Erkaltungsrinde, die er im Granit sucht. Auf ihr (und zeitlich nach
-ihr) spielt sich aber dann der ganze Zwischenakt im Sinne Werners und<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span>
-Huttons ab. Die Sedimentgesteine bilden sich. Langsam, schlicht, nach
-Art, wie heute sich etwas ablagert.</p>
-
-<p>Goethe nahm in Plutonismus und Neptunismus anfangs eine sehr besonnene
-Vermittlerstellung ein. Später, als die Katastrophen-Lehre sich geltend
-machte, war er entschieden gegen das Gewaltsame, die wüste „Polterei“
-auf vulkanistischer Grundlage; es war aber nur eine Stellungnahme bei
-ihm gegen ein Extrem, und im Untergrunde revoltierte in ihm gerade
-das Festhalten an dem Prinzip des Langsamen, der reichen Zeit, des
-harmonischen Kreislaufes kleiner, noch heute ebenso zu beobachtender
-Wirkungen.</p>
-
-<p>Gerade an den Stellen, wo man von Goethe als Detailforscher reden
-kann, äußert sich am durchsichtigsten, wie selbstständig und klar er
-sich den Standpunkt auch errungen hatte, an dem man jetzt bei Huttons
-Namen denkt. Das Geheimnis der erratischen Blöcke beispielsweise
-hat ihn viele Jahre lang beschäftigt, jener Blöcke, die weitab von
-der Stelle, da ihr Gestein als Fels ansteht, jäh, unerklärlich
-zunächst, als loses Trümmerstück auftauchen, nicht abgerollt durch
-Wassertransport, sondern hingeworfen, als habe eine Riesenhand sie
-meilenfern vom Gebirge gesprengt und als scharfkantige Scherbe ins
-Land gestreut. Goethe löste das Problem in dem Sinne, der heute fester
-Besitz unserer Wissenschaft ist, — es war aber just ein Sinn aus jenem
-weiteren Gedankengang heraus. Er suchte nicht mit blühender Phantasie
-wirkliche gespenstische Riesenursachen der Vorwelt, die mit hausgroßen
-Granitblöcken spielten wie mit Kindermurmeln. Er sammelte Material
-über die heute noch sichtbare Art, wie Urgestein fernweg von seiner
-Gebirgsader verfrachtet wird. Wasser im gewöhnlichen Sinne, das Sand
-verschleppt, paßte nicht. Aber Wasser trat heute auch auf als Eis.
-Die Alpengletscher brachten Granitscherben langsam, aber sicher heute
-noch vom Firngipfel bis an ihren schmelzenden Fuß im Tal. Eisschollen
-trugen eingebackene Gesteinsbrocken als natürliches Schiff sogar
-übers Meer. Mit unermüdlichem Eifer sammelte Goethe Material über den
-Gletschertransport in den Schweizer Alpen. Eine Nachricht über große
-Eisschollen,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> die mit Granitstücken beladen, durch den Sund geschwommen
-seien, versetzte ihn in Entzücken, — es war gerade, was er brauchen
-konnte: eine heute beobachtete Tatsache, die das Vergangene jäh
-erhellte. Wo heute erratische Blöcke lagen, da war einst ein Meer mit
-solchem blockbeladenen Treibeis gewesen, oder ein Gletscher hatte seine
-Moränen gehäuft. Zu all diesen Vorgängen aber war Zeit erforderlich.
-Dem Auge des Reisenden war ein Gletscher ein starres Gebilde. Seine
-Arbeit konnten erst Generationen gewahren. Gerade von dieser Arbeit
-aber sahen wir aus alten Tagen nun die unvergänglichen Spuren,
-unvergänglicher als selbst seine eigene Existenz.</p>
-
-<p>Das war nur möglich, wenn man „einer freiwirkenden Natur Jahrtausende
-Zeit“ ließ (Worte Goethes, Weimarer Ausgabe Band IX S. 20 in dem
-Aufsatze über die „Joseph Müllerische Sammlung“) und mit Thales im
-„Faust“ sprach:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Nie war Natur und ihr lebend’ges Fließen</div>
- <div class="verse indent0">Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Bedürfte es noch einer Probe für Goethes geologisch-chronologisches
-Bekenntnis, so steckt sie, auch dem Skeptischsten offen, in seiner
-Stellungnahme zu dem geologischen Werke des deutschen Karl Ernst Adolf
-von Hoff in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Es war ihm „ein
-Schatz“. Aber mehr als das. Es erging ihm dabei wie bei dem berühmten
-vor-darwinistischen Streit Geoffroy St. Hilaires gegen Cuvier, wo
-er seine eigenen vieljährigen Überzeugungen über die Entwickelung
-des Organischen in einer jungen Generation unabhängig aufleben und
-sich durchringen sah. Das Gleiche erlebte er mit Hoff für seine
-geologischen Ideen: er fand sein Eigenstes, das Resultat unendlichen
-stillen Nachdenkens, im strengsten wissenschaftlichen Gewande jetzt bei
-einem Jüngeren vor, der aber nicht wirklich sein Jünger war, sondern
-nur durch eigenen Blick vor den Dingen auf das Gleiche gekommen war.
-Selbstlos freute er sich des immer erneuten logischen Durchbrechens der
-Wahrheit.</p>
-
-<p>Was aber lehrte Hoff?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p>
-
-<p>Es gilt hier, die Linie ein Stück weiter geschichtlich heranzuleiten.</p>
-
-<p>Noch in Goethes größten Jahren folgte auf Werner und Hutton eine
-Arabeskenkurve des geologischen Betrachtens.</p>
-
-<p>Es folgte die sogenannte Katastrophen-Lehre.</p>
-
-<p>Man hatte jetzt gelernt, eine sichere Reihe geologischer Epochen
-diesseits des Buffonschen Rindenabkühlungsmoments wirklich zu
-unterscheiden, die Epochen der verschiedenen Gesteinsbildungen durch
-Meeresniederschläge. Innerhalb jeder einzelnen dieser Epochen ließ man
-das langsame Werden im Sinne der Huttonschen, der Goetheschen Ideen
-durchweg zu. Aber zwischen Epoche und Epoche schob man ein Interregnum
-besonderer Erdtätigkeit, eine katastrophenhafte Unterbrechung.</p>
-
-<p>Man hatte gemerkt, daß die meisten Tiere mit den Epochen wechselten.
-Neue Arten tauchten auf, alte verschwanden. Gerade an diesem
-Wechsel der Tierformen in den versteinerten Resten hatte Smith die
-ursprüngliche Reihenfolge und Sonderung der Butterbrotschnitten in der
-Rinde unterscheiden gelehrt.</p>
-
-<p>Jetzt übertrieb man das, als habe keine Tierart von einer Epoche in die
-nächste hinein ausgedauert. Und aus dem Untergang wieder schloß man auf
-eine tötende Katastrophe.</p>
-
-<p>Die Voraussetzung war falsch, der Schluß war es entsprechend. Es
-handelte sich nicht um gerade Fortschrittsbahn der geologischen
-Auffassung, sondern um eine Arabeske.</p>
-
-<p>Immerhin war es, was den Begriff der langen geologischen Zeit anbetraf,
-nicht unbedingt nötig, daß er von hier aus litt. Die Zwischenzeiten
-zwischen je zwei Katastrophen, also die eigentlichen geologischen
-Epochen, mochten als solche eine ungeheure Zeit nach wie vor füllen.
-Cuvier dachte an Millionen von Jahren, die uns im ganzen etwa von den
-Ichthyosauriern trennen könnten.</p>
-
-<p>Aber es war doch auch wahr, daß das Plötzlichkeits-Element ohne jede
-Analogie zum heutigen Geschehen, das in den Katastrophen steckte,
-auch innerhalb der ruhigen Epochen schließlich zu Gewalt-Phantasien
-verführen mußte, die von den Ideen Huttons und Goethes fortlenkten.
-Das jähe, aus keiner<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Analogie begreifbare Neu-Entstehen der Tiere und
-Pflanzen auf der nackten Krakatau-Schlacke jeder neuen Katastrophe
-war schon eine solche Verführung. Wenn das möglich gewesen war, dann
-möchte die Urwelt auch Kolossalmittel des Moments gehabt haben, um in
-einer Stunde eine ganze Sandbarre, groß wie die Sächsische Schweiz,
-aufzuhäufen.</p>
-
-<p>Der Maßstab von heute fiel ab als Wahrscheinlichkeitsmaß.</p>
-
-<p>Wenn man also auch in der Katastrophenlehre gern mit Riesenziffern
-herumwarf, so geschah das eigentlich nicht mehr auf dem Boden des
-gesunden Huttonschen Prinzips. Es geschah vielmehr aus Liebe zum
-überhaupt Kolossalischen, in die man die Geologie hineinerzogen.
-Riesige Ichthyosaurier und riesige Mammute; riesige Explosionen,
-Dämpfe, Lavastöße, Glut- und Wasserfluten; dazu paßten am besten auch
-„riesige“ Zeiten. Aber man war aus der beobachtenden Forschung heraus
-im Roman.</p>
-
-<p>Der Dichter Goethe, der ein so wundervolles Beobachterauge und so
-viel schlichten Respekt vor der nicht zu übertreibenden Majestät des
-Einfachen, der „Alltagsnatur“ hatte, sah das klar ein und tat danach:
-er verschloß seine Tür vor dieser Polter-Geologie der analogiefreien
-Erfindung. Die wissenschaftliche Herrschaft der Katastrophenlehre
-dauerte aber offiziell bis zu seinem Ende. Dann brach sie merkwürdig
-schnell wieder zusammen.</p>
-
-<p>Der erste Vorbote dieses Zusammenbruchs war aber eben jener deutsche
-Geologe zu Gotha, von Hoff, im ersten Bande seiner „Geschichte der
-durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der
-Erdoberfläche“ 1822. Hoff lenkte durchaus wieder in Huttons besonnene
-Bahnen zurück. Mit vollem Nachdruck lehrte er wieder die Gegenwart
-mit ihrem alltäglichen geologischen Geschehen als Lehrmeisterin der
-Urwelts-Geologie betrachten. Und beredt wußte er zu schildern, daß hier
-die ungeheure Länge der geologischen Zeit eine echte Forderung der
-strengen Kritik sei, nicht ein phantastisches Riesenspiel. Das war der
-Hoff, den Goethe begrüßte.</p>
-
-<p>Anfang der dreißiger Jahre, in Goethes spätestem<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Abendrot, trat
-dann der Engländer Lyell auf, mit dem die Katastrophenlehre wirklich
-einstürzt.</p>
-
-<p>Lyell führte die Ansichten von Hutton, von Goethe und von Hoff
-hinsichtlich der geologischen Arbeitsart zum vollständigen Siege. Das
-heißt: er entwickelte sie für sich und erfocht den Sieg auf seinen
-Namen. Hutton verscholl dabei mehr oder minder, Goethe war nie bekannt
-geworden, Hoff trat bescheiden bei Seite und ist erst ganz spät gegen
-den Wunsch der Lyellianer in seine Prioritätsrechte eingesetzt worden.</p>
-
-<p>Einerlei aber: die Ideen gewannen diesmal endgiltig die Oberhand.
-Und damit triumphierte um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch jene
-zweite Forderung langer geologischer Zeit endgiltig, die tief im 18.
-unabhängig von Buffon eingesetzt hatte.</p>
-
-<p>Diesmal sollte sie aber gleich noch eine dritte Quelle auslösen, —
-eine auch schon früher geahnte.</p>
-
-<p>Als Darwin 1831 seine Weltreise antrat, war eines der wenigen Bücher,
-die er mit in seine Kajüte nahm, der eben erschienene erste Band von
-Lyells Geologie.</p>
-
-<p>Auf der Reise selbst wurde er zum Geologen und zum Schüler Lyells. Er
-lernte, die Dinge alle im Sinne langsamen Werdens anzusehen. Langsam
-hoben sich Küsten, langsam zermalmte der Gebirgsbach den harten
-Stein, langsam baute die Koralle sich auf sinkendem Grunde immer
-wieder zäh empor, langsam verschleppte der Eisberg Granitbrocken.
-Allenthalben arbeitete heute noch die Erde geologisch weiter. Dieser
-Arbeit Vergangenheit zugestanden und Zeit, unabsehbare Zeit — und das
-Antlitz der Erde faltete sich und glättete sich, das ganze ungeheure
-Wandelpanorama zog und zog vorbei, von dem die Sedimentschichten
-erzählten, ohne erdumwälzende Katastrophen.</p>
-
-<p>Wenn es aber keine Katastrophen gab, so mußte auch der Wechsel der
-Tierwelt in der Geologie anders begriffen werden. Was verschwunden war,
-wie die Mammute, die Ichthyosaurier, mußte allmählich ausgestorben
-sein. Wir hatten<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> das unter unsern Augen erlebt, wie Tierarten
-sterben, am Vogel Dronte, an der Seekuh von Kamtschatka. Was aber neu
-entstanden war, in späteren geologischen Schichten in versteinerten
-Resten lag, während es in früheren fehlte, — das hatte sich auf
-natürliche Weise entwickelt. Diese Neu-Entwickelung von Arten hatten
-wir allerdings noch nicht gesehen. Aber Darwin suchte und glaubte
-zu finden eine erdrückende Fülle von Indizienbeweisen dafür. Es war
-das nächstliegende, daß Art sich von Art abgespalten hatte, daß das
-Vorhandene stets das Treibbeet des Neuentstehenden gewesen war.</p>
-
-<p>So hatten schon vor Darwin die gedacht, die den alten Buffonschen
-Grundgedanken, daß Arten da entstehen, wo ihre Möglichkeit gegeben ist,
-sich irgendwie auszudenken, in Bildern zu denken gewagt hatten.</p>
-
-<p>Warum aber erlebten wir diesen Prozeß heute nicht mehr? Darwin fand
-jene einfache Antwort auch da, die aber unendlich schwerwiegend sein
-mußte für das Zeit-Problem. Der Vorgang der Art-Entstehung war so
-langsam, daß wir ihn mit unseren paar Beobachter-Jahrhunderten noch gar
-nicht fassen konnten. Eine geologisch im Lyellschen Sinne zweifellos
-so gewaltig lange Zeitperiode wie etwa die ganze Tertiär-Zeit mochte
-dagegen etwa die höheren Säugetier-Arten alle hervorgebracht haben, sie
-langte.</p>
-
-<p>Der alte Huttonsche, Goethesche, Hoffsche, jetzt Lyellsche geologische
-Zeitbeweis trat hier in die Kette der biologischen Indizien ein.</p>
-
-<p>Aber dann zahlten Darwin und die Seinen auch zurück von ihrer Seite.</p>
-
-<p>Die älteren geologischen Zeiten verlangten noch ganz andere
-Tierumformungen als nur die Zerspaltung des Säugetiers in so und so
-viel Ordnungen, Familien, Gattungen, Arten. Das älteste Säugetier
-sollte sich einmal vom Reptil, das Reptil vom Molch und Fisch
-abgespalten, schließlich das Wirbeltier aus dem Wirbellosen geworden
-sein. Das waren so riesige Umwandlungen, daß die Zeiträume selbst
-im höchsten<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> geologischen Maß, an das man bisher gedacht, <em class="gesperrt">sich
-strecken</em> mußten.</p>
-
-<p>Die Biologie, von Darwin inspiriert, ging noch einmal für sich auf
-chronologische Maximalziffern.</p>
-
-<p>Erst durch Darwin ist es geläufig geworden, von Jahrmillionen im
-größten Stil zu reden, von zwei-, dreihundert Millionen Jahren, die
-für das Leben allein auf der Erde nötig seien, — bis an die tausend
-Millionen, also die regelrechte Milliarde heran.</p>
-
-<p>Rechnete man doch jetzt nicht mit dem Krakataufels, zu dem Wind und
-Welle und Vogel Geschlecht um Geschlecht schon anderswo vorhandenen
-Lebens trägt: auf dem ursprünglichen Fels hatte man nur die primitivste
-einzellige Alge etwa und aus der sollten je nach Ort und Gelegenheit
-auf dieser Ecke der Erdeninsel diese, auf jener jene Abarten sich
-entwickelt haben, die wiederum in Enkel- und Urenkelketten Wandel
-erlitten, bis der Fels endlich von immer höherem Leben autochthon
-grünte und so weiter bis zur höchsten Krone des Lebens.</p>
-
-<p>Überschauen wir auf dieser Ebene die zweite Hälfte des 19.
-Jahrhunderts, so bleiben wir trotz allem, was heute wohl gesagt wird,
-auf einheitlichem Boden.</p>
-
-<p>Bei allem Zweifel an den engeren Darwinschen Sätzen ist der
-Grundgedanke einer langsamen natürlichen Entwickelung von Form zu Form
-immer fester und fester geworden.</p>
-
-<p>Längst ist er nicht mehr bloß ein Anhängsel der rein geologischen
-Anschauung, wenn schon er sich nach wie vor aufs beste mit der modernen
-Geologie verträgt. Vor allem durch die vergleichende Anatomie, die
-heute alle biologische Systematik von Grund aus trägt, ist er zu einer
-völlig selbständigen Macht geworden, mit völlig eigenen Beweisketten,
-die bestehen blieben, auch wenn es gar keine Geologie gäbe.</p>
-
-<p>Und so läßt sich der Zeitbegriff für die Spanne seit jener alten
-Buffon-Grenze, „seit Möglichwerden organischen Lebens auf der Erde“,
-heute tatsächlich rein biologisch begründen, ohne<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Rücksicht noch
-wieder auf jene zweite geologische Chronologie, wie sie in der Linie
-zwischen Werner und Lyell liegt.</p>
-
-<p>Und wir mögen die Dinge wenden und drehen, wie wir wollen: wir kommen
-hier nach wie vor auf die denkbar größte Forderung.</p>
-
-<p>Alle irgendwie sinnvollen Versuche, die ursprünglichen Darwinschen
-Erklärungsprinzipien für den Hergang der Entwickelung durch bessere
-zu ersetzen, kommen ja doch, wie gesagt, über den einen Punkt nicht
-hinaus: daß die Entwickelung langsam, Schritt für Schritt, sich
-vollzogen habe.</p>
-
-<p>Immer, wenn man die Formreihen der Lebewesen entlang blickt, kommt
-der alte Goethe-Spruch zur Geltung, das Goethesche Gesetz, wie man
-es nennen könnte: daß in jeder anatomischen Einzelheit uns die
-greifbaren Spuren eines großen geschlossenen harmonischen Kunstwerks
-entgegentreten, eines Kunstwerks, in dem es keine abrupten Töne,
-sondern nur wunderbar miteinander verknüpfte Tonfolgen, unendliche
-Melodieen ohne Lücken gibt. Der Ort, wo der alte Goethe sich seine
-Weisheit holte, ist noch immer der geeignetste dazu: ein Gang durch die
-Skelettsammlung eines anatomischen Museums führt auch den Ungläubigsten
-mitten in das ungeheure Notenblatt dieser biologischen Symphonie. Ein
-einzelnes Organ, wie etwa das Handskelett der Wirbeltiere bis zum
-Menschen herauf, läßt eine solche Melodie überwältigend erklingen,
-zumal, wenn man noch etwas Paläontologie und Embryologie hinzunimmt,
-— ich persönlich verlasse einen solchen Raum und seine Schau nie,
-ohne den ganzen tiefen Genuß mitzunehmen wie aus einem Konzertsaal;
-der fortreißende Zauber steckt aber in nichts anderem hier wie dort,
-als in dem unendlichen harmonischen Hingang von Ton zu Ton ohne Riß
-in immer weiter schreitender feinster Verschränkung und Steigerung.
-Jeder grobe Stoß von Form jäh in gänzlich andere Form wäre ein Schlag
-ins Gesicht dieser anatomischen Harmonie und zerstörte uns den Genuß
-des Herrlichsten, was überhaupt die Biologie bietet, des wahrhaft
-Erhabenen, in eine edle Weltenschau Entrückenden, das diese<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> scheinbar
-kahlste Wissenschaft des „Beinhauses“ unserm größten Dichter (der
-allerdings auch ein großer Kenner war) einst so verklärt hat, daß er
-vor ihr sein heiligstes Bekenntnis sprach:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,</div>
- <div class="verse indent0">Als daß sich Gottnatur ihm offenbare?“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Es ist entscheidend, daß auch alle neueren und neuesten wirklichen
-Versuche, über Darwin hinaus die Artentstehung zu deuten, den „kurzen
-Schritt“ nicht angreifen. Auch jene Mutationstheorie von Hugo de Vries
-trägt doch an ihrer Spitze den Satz: die Natur macht keine Sprünge.
-Auch in ihr ist die Umwandlung zwar stets ein fester, aber doch ein
-kleiner Schritt.</p>
-
-<p>Und interessant auch ist, wenn man der gemeinsamen Arbeit heute
-von Geologie und biologischer Entwickelungslehre folgt, wie beide
-sich beständig in die Hände arbeiten zu gunsten noch immer größerer
-Zeiträume.</p>
-
-<p>Einerseits dehnt die Geologie ihre Strecken noch beständig.</p>
-
-<p>Die Epochen der echten Sedimentgesteine werden länger und länger.</p>
-
-<p>Vor gar nicht so sehr langer Zeit konnte man noch hören, der Anfang
-der Eiszeit sei uns vielleicht ganz nahe gewesen, sie habe sich
-möglicherweise im Norden erst abgespielt, als im Orient schon die
-alten Kulturreiche blühten, also ein paar Jahrtausende bloß vor
-Christus. Heute scheinen den besten Kennern hunderttausend Jahre schon
-eine viel zu kleine Ziffer für die Dauer auch nur der eigentlichen
-Vergletscherung. Penck rechnet 23000 Jahre vom Ende der Eiszeit
-bis heute, wobei er nicht etwa vage astronomische Ziffern, die auf
-Ursachen-Hypothesen über die Eiszeit beruhen, zu Grunde legt, sondern
-in der streng geologischen Schätzung bleibt. Die Quartärzeit, das
-alte „Sündflut-Gebiet“ zwischen dem Ende der Tertiärzeit und unserer
-Gegenwart, kommt bei diesen Rechnungen auf seine gute halbe Million
-Jahre.</p>
-
-<p>Eine Idee von der Größe dann der Tertiärzeit mag rein geologisch die
-jetzt ziemlich sichere Vorstellung geben, daß auf<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> einen engeren
-Abschnitt darin die Bildung unserer größten Gebirgserhebungen (Alpen,
-Himalaya, Kordilleren) fällt, wohlverstanden im Sinne heutiger Annahmen
-kein jäher Polter-Akt, sondern eine ganz allmähliche Bildung.</p>
-
-<p>Die ganze Tertiärzeit ist aber wieder winzig gegen die Kreide- oder
-Jura-Zeit. Von der Jura-Zeit hat schon vor Jahren ein feiner Kenner wie
-Neumayr gesagt, die ganze Quartärzeit gehe mindestens an die dreißig
-Mal in ihre Länge hinein.</p>
-
-<p>Wie man auch mit solchen rein geologischen Maßstäben an die Milliarde
-Jahre tatsächlich herankommen kann, mag jene schon einmal von mir
-gestreifte Rechnung von Mellard Reade andeuten. Er geht davon aus,
-daß zur Bildung einer Kalksteinschicht von einem Meter Dicke auf dem
-Meeresgrund über drei Millionen Jahre nötig seien. Nun rechnet er, daß
-sämtliche Kalksteine der Erde, die aus den geologischen Epochen übrig
-sind, gleichmäßig ausgewalzt eine Schicht von mehr als 160 Metern Dicke
-ergeben müßten. Und er schließt also, daß zu deren Entstehung annähernd
-600 Millionen Jahre erforderlich seien. Bei der schwimmenden Grenze
-solcher Ziffern wird der Weg gegen die tausendste Million, also die
-Milliarde, offen!</p>
-
-<p>Auf der anderen Seite aber ist die Entwickelungslehre immer mehr
-bestrebt, grade ihre größten, schwersten, also zweifellos längsten
-Umformungen organischer Gruppen immer weiter rückwärts in diesen
-geologischen Perioden zu schieben.</p>
-
-<p>Daß der Mensch bis hinter die Eiszeit geht, wird nachgerade nicht
-mehr ernstlich bestritten werden, — damit wären wir also einige
-Hunderttausend Jahre vor den heute so viel genannten Babyloniern von
-vier- oder dreitausend v.&#160;Chr. Man kann aber auch schon (von Klaatsch
-zum Beispiel) die Meinung lesen, daß der Mensch im mittleren Tertiär,
-in der Miocän-Zeit, bereits Steinwaffen hinterlassen habe, ja daß er
-ein unmittelbarer Sprößling der urtümlichen eocänen Säugetierwelt sei
-und also allen Ernstes selber bis in dieses Eocän, also die älteste
-Epoche des Tertiär, zurückreiche.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p>
-
-<p>Diese in der Tat höchst merkwürdige eocäne Säugerfauna, in der
-später so himmelweit getrennte Gruppen wie Raubtiere, Huftiere und
-gar Halbaffen noch eng in eine Ordnung zusammenfallen, tritt aber
-selber schon so im ersten Morgenrot dieser „Morgenrotsperiode“ des
-Tertiär auf, daß man ihre eigene Entstehung trotz mangelhafter
-paläontologischer Funde unbedingt bis in die Kreide-Zeit, also noch in
-die Sekundär-Periode, zurückdenken muß.</p>
-
-<p>Noch wieder aus dieser Periode schieben sich die Säugetiere in ihren
-allerfrühesten, noch reptil- oder amphibienhaften Anfängen über die
-ältesten Trias-Funde hinaus bis an die Grenze der Primär-Periode zurück.</p>
-
-<p>Wenn aber schon diese Primär-, also die sogenannte Erstlings-Periode
-der Geologie, es zu solchem Gipfel gebracht hatte, wie dem Säugetier,
-wie lang sollen wir sie allein denken?</p>
-
-<p>Die Sache wird in Wirklichkeit hier noch viel chronologisch
-großartiger. Diese Primär-Periode setzt an ihrer untersten
-verschwimmenden Grenze, bei oder dicht unter dem sogenannten
-Kambrium, ein mit Versteinerungen eines schon damals relativ ganz
-hoch entwickelten Lebens, mit echten Vertretern fast aller großen
-Tierstämme, und beispielsweise bei den Gliedertieren schon mit einer so
-hohen, komplizierten Gruppe wie den Krebsen. Unterhalb dieser Schichten
-hören dann, wie gesagt, die Versteinerungen jäh ganz auf. Geschichtetes
-Gestein liegt ja da noch weiter in enormster Dicke. Die Geologie für
-sich zankt sich aber seit Alters darüber, wie das jetzt entstanden
-sei, ob plutonisch oder neptunisch. Einerseits sprechen gute Merkmale
-für weitere ungeheure uralte Wasserablagerungen. Andererseits ist die
-Struktur so, daß Wärme unbedingt eine Rolle dabei gespielt zu haben
-scheint, sei es auch im Sinne nur einer nachträglichen Metamorphose.</p>
-
-<p>Mögen sich aber Pluto und Neptun geologisch in den Haaren liegen, so
-lange sie wollen: die biologische Entwickelungslehre fordert hier für
-ihr Teil einfach eine unabsehbare chronologische Rückausdehnung der
-Lebensmöglichkeit auf Erden noch<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> über das Kambrium hinaus. Denn wenn
-auch alle versteinerten Reste zerstört sind: sie fordert Zeit für das
-Werden der großen Tierstämme, fordert Zeit für den unendlichen Wandel
-solcher Stämme etwa wie dort bis zu den Krebsen hinauf. Da ihr Gebäude
-sonst fest steht, darf sie das verlangen. Hinter dem Kambrium kann sich
-ihr die Lebenschronologie nicht schon schließen und etwa bereits die
-Buffonsche Urerde, die Gluterde ohne Lebensmöglichkeit, geschichtlich
-beginnen.</p>
-
-<p>Sieht man aber auf das, was da geleistet worden sein soll, denkt
-man, daß alle Anfänge am schwersten sind und daß es ganz gewiß
-unvergleichlich viel mehr Mühe gemacht hat und also Zeit gebraucht
-hat, daß aus einem einzelligen Urtier ein Trilobiten-Krebs wurde, als
-aus dem ein Hummer — so wird man dieser hypothetischen vorkambrischen
-Lebensperiode mit ihren Meeren und sonstigen Lebensbedingungen eine
-Zeit ansetzen müssen, viel länger als alles noch, was seit dem Kambrium
-und seinen Krebsen verflossen ist.</p>
-
-<p>Mit diesem Zuwachs langt die Milliarde schwerlich.</p>
-
-<p>Und so ist es wirklich wie ein Wettlauf zwischen Geologie und Biologie,
-— wo die eine zögert, reißt die andere mit, und beide zusammen zerren
-schließlich den Faden der Chronologie in die Unfaßbarkeit an Länge.</p>
-
-<p>Der Chronologie, wohl verstanden, zwischen dem alten Krakatau-Termin
-der oberflächlich erkalteten Erdschlacke Buffons und der Gegenwart!</p>
-
-<p>Eine Milliarde Jahre als kleinste Annäherungsziffer dort, wo Buffon vor
-seinen sich abkühlenden Metallkügelchen des Experiments die schlichte
-Ziffer Vierzigtausend auf den Schild des Chronos geschrieben, zweifelnd
-und verlästert ob des chronologischen Ketzermutes, der Vierzigtausend
-gegen die Zahl Sechstausend der Theologie zu setzen wagte!</p>
-
-<p>Aber wir sind mit der einen Linie bis ans Ende des 19. Jahrhunderts
-gestiegen. In dieser langen Zeit seit Buffon hatte auch der spezielle
-Gedanke jener Buffonschen Rechnung<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> seine Sonderbahn beschrieben und
-war tatsächlich sein eigenes Stück auch weiter gekommen.</p>
-
-<p>Eine Weile ist es im 19. Jahrhundert allerdings gewesen, als sei
-Buffons Ziffer rein fortgefegt, so stark wurden jene anderen
-Zeit-Argumente. Sie war wie erdrückt, erlebte selber das Schicksal der
-biblischen Ziffer.</p>
-
-<p>Aber grade in dieser Zeit fügen sich fortgesetzt Züge in das
-geologische Bild, die doch merkwürdig gut wenigstens ihre
-Voraussetzungen zu bestätigen scheinen.</p>
-
-<p>Die Kant-Laplacesche Theorie wird fast allgemein angenommen und gibt
-eine ganz anders anschauliche Grundlage für die Vorstellung einer
-Abstammung der Erde von der glühenden Sonne und eines ursprünglich
-selber sonnenhaft glühenden Erdballs, als Buffon besessen hatte.</p>
-
-<p>Vulkane, heiße Quellen, die Hebekräfte bei der Gebirgsbildung und vor
-allem eine ziffernmäßige Zunahme der Temperatur in den Bergwerken und
-Bohrlöchern machen vereint die Meinung wirklich einmal ganz fest, ganz
-„exakt“, daß das Innere der Erde noch jetzt glühendflüssig, ja im
-Herzen gar gasförmig sei.</p>
-
-<p>Bloß über die Dicke der Erkaltungsrinde von heute bleibt noch Streit,
-die Grundangabe dagegen kommt in jedes Schulbuch.</p>
-
-<p>Gelegentlich, schon recht tief im 19. Jahrhundert, wird sogar einmal
-von einem Gelehrten auch wieder ein umfangreiches Schmelz-Experiment
-gemacht: Bischof läßt große Kugeln geschmolzenen Basalts sich
-abkühlen, bohrt Löcher hinein und senkt Thermometer nach, um die
-Abkühlungsgesetze zu ergründen.</p>
-
-<p>Schließlich scheint das ganze Material so wundervoll neu da zu liegen
-und doch ganz im Rahmen zugleich der alten Voraussetzungen, daß es nur
-eines findigen Kopfs braucht, um auch ohne Rücksicht auf den alten
-Buffon selbst eine reine Wärme-Rechnung von neuem in der Geologie
-auferstehen zu lassen.</p>
-
-<p>Rund ein Jahrhundert nach Buffon nimmt denn auch<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> William Thomson in
-England die Sache richtig auf und sucht abermals eine feste Ziffer.</p>
-
-<p>Buffons Angabe ist natürlich in jedem Betracht zu klein. Eine
-so ungeheure Differenz kann unmöglich herauskommen zwischen der
-Temperatur-Rechnung und jenen Ziffern Lyells und Darwins. Aber Thomson
-geht im Übrigen doch wieder seinen Eigenweg, genau wie einst Buffon
-selbst.</p>
-
-<p>Er holt die neuen Temperatur-Materialien zusammen und sucht mit ihnen
-durchzudringen, indem er sie aneinander reiht. Da merkt er denn
-freilich etwas Störendes.</p>
-
-<p>Die Grundziffern sind doch nicht so bequem. Beispielsweise: wie
-viel ursprüngliche Erkaltungswärme hat die Erde heute noch? Jene
-Thermometer-Steigerung beim Eindringen in Bohrlöcher müßte es lehren.
-Wie verläuft sie? Bei welcher Tiefe müssen wir uns denken, daß sie
-so hoch wird, daß noch jetzt alle Gesteine im Schmelzfluß sind?
-Die Angaben über die Steigerung differierten leider. Es gab eine
-Maximalbehauptung und eine Minimalbehauptung, die sich widersprachen.</p>
-
-<p>Ferner: wie hoch war die Anfangstemperatur der Urerde? Und wie stand es
-mit der Wärmeleitung der Gesteine? Auch da gab es schwankende Ziffern.</p>
-
-<p>Also beschied sich Thomson, zwei <em class="gesperrt">Grenz</em>zahlen zu finden.</p>
-
-<p>Eine, wenn jene Grundziffern so hoch, wie es ihm noch zulässig
-erschien, angenommen wurden, und eine, wenn sie so tief wie tunlich
-gesetzt waren.</p>
-
-<p>Das Resultat war jedenfalls interessant.</p>
-
-<p>Thomson errechnete, daß seit Erstarrung der Erdkruste nicht weniger als
-zwanzig Millionen Jahre verflossen sein könnten, — aber auch nicht
-mehr als vierhundert Millionen.</p>
-
-<p>Schlug die Minimalziffer immer noch gründlich Buffons Zahl tot, so war
-die Maximalziffer doch immer noch nicht genügend für jene Forderungen
-der modernen Geologie und der Entwickelungslehre der Biologie. Vollends
-entsprach diesen nicht die von Thomson befürwortete Mittelzahl von
-bloß<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> etwas über hundert Millionen. Und später ist Thomson sogar noch
-von der beträchtlich heruntergegangen.</p>
-
-<p>Es konnte scheinen, als bereite sich da noch einmal ein ernsthafter
-Konflikt trotz allem zwischen der echten Nachfolge Buffons in
-der Physik und der Nachfolge Lyells und Darwins vor. Wo man
-besonders Darwin etwas am Zeuge flicken wollte, wurde denn auch die
-Thomson-Ziffer gelegentlich ausgespielt als Dämpfer.</p>
-
-<p>Andererseits diente sie mit ihrem riesigen Spielraum von hunderten von
-Millionen auch wohl wieder denen als Zielscheibe, die über das müßige
-„Spiel mit Millionen“ in der Chronologie des Naturforschers wohlfeil zu
-scherzen beliebten.</p>
-
-<p>Der wahre Sachverhalt ist, daß auch über diesen heutigen physikalischen
-Rechnungen schließlich doch ein Unstern schwebt.</p>
-
-<p>Grade sie wollen uns wirkliche Zahlen „exakt“ geben und verwirren doch
-nur das Bild, das Geologie und Biologie aufgerollt haben, dabei ins
-ganz Unsichere hinein. Die Voraussetzungen, die Thomson vermeintlich so
-sicher vorfand, schwankten nicht nur ihm im Laufe seiner Rechnung: sie
-sind überhaupt heute wieder schwankendster Grund, — so schwankend, daß
-sich grade auf sie gar nichts bauen läßt.</p>
-
-<p>Der Widerspruch in den Angaben über die Zunahme der Wärme in den
-Bergwerken und unsern (immer ja noch so winzigen) Bohrlöchern ist nicht
-nur innerhalb der Thomsonschen Grenzen da: er ist zur Stunde derartig,
-daß sich überhaupt keine Rechnung auf ihn begründen läßt.</p>
-
-<p>Sämtliche Angaben des weitern über einen im Erdinnern noch erhaltenen
-Rest ursprünglicher Erdwärme sind gegenwärtig mit Glück angezweifelt.
-Das ganze Schulbild der Erdkugel mit einer dünnen Erstarrungsrinde
-bloß über einem ungeheuren Glutkern fängt unverkennbar an, in der
-Geologie „mythisch“ zu werden. Weder zur Erklärung des Vulkanismus noch
-vollends zu der der Gebirgsbildung ist das aufdrängende einheitliche
-Innen-Glutmeer mehr nötig — von dieser Seite hat die Hilfe so gut wie
-ganz aufgehört.</p>
-
-<p>Wenn die Erde heute noch Wärme in ihrem Innern<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> hegt, so gibt es
-Gedankengänge, die selbst das erklären ohne Rücksicht auf Reste von
-Urwärme; auch ein Körper, der sich zusammenzieht, erzeugt mechanisch
-Wärme; Wärme entsteht bei allen Gesteinsverschiebungen, Wärme entsteht
-aus örtlichen chemischen Prozessen.</p>
-
-<p>Ich will wenigstens mit einem Wort andeuten, daß selbst die
-Kant-Laplacesche Theorie heute wieder schwächer in ihrer Beweiskraft
-erscheint.</p>
-
-<p>Das soll nicht sagen, daß die Erde nie ein Sonnenstadium gehabt habe.
-Aber es kann unendlich viel früher erloschen sein, als alle unsere
-Rechnungen erreichen. Wenn die Erde überhaupt heute kein sicher
-erweisbares Glutmeer als unmittelbares Erbe jener Sonnenzeit mehr in
-sich birgt, erlahmt mit der Gesamtrechnung auch die Vermutung, wie
-lange sie schon in diesem Zustande ist. Nichts hemmt dann, zu den
-Zahlen der Geologie und Biologe zurückzukehren und sie umgekehrt als
-einzigen Anhalt auszuspielen. Wenn das Leben zu seiner Entwickelung
-eine Milliarde und mehr brauchte, so muß eben so lange die Erdrinde
-schon so sein, daß Leben auf ihr existieren konnte.</p>
-
-<p>Sehr viel Zeit!</p>
-
-<p>Das bleibt das Resultat.</p>
-
-<p>Nicht feste Ziffern, — grade die trügen am leichtesten. Aber
-unendlicher Spielraum!</p>
-
-<p>Und wenn etwas je Ziffern geben könnte, so wären es ganz kleine, eng
-umrissene Beobachtungsreihen inmitten des hellen Tages von heute.
-Wie ein nackter Fels heute vom Leben erobert wird gleich jener
-Krakatauschlacke; und wie dieses isolierte Leben dann lokalen Wandel
-vielleicht erfährt in Jahrtausenden; das wäre so eine Reihe. Und wie
-zugleich der Boden sich wandelt, wie Zuwachs, Abzug, Hebung oder
-Senkung sich zeigt, das wäre echtes geologisch-chronologisches Material.</p>
-
-<p>Bescheiden sein gilt es da, bescheiden vorgehen von Schritt zu Schritt,
-um als Krone der Bescheidenheit zu ernten — die Milliarde.</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p>
-
-<h2 id="Die_erste_Epoche_des_Darwinismus" title="Die erste Epoche des Darwinismus
-wird historisch">&#160;</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich blättere wieder in den Büchern. Man merkt es noch an anderem, daß
-der Darwinismus aus dem Schwabenalter kommt.</p>
-
-<p>Es lösen sich <em class="gesperrt">persönliche</em> Beziehungen.</p>
-
-<p>Die Taufpaten, die das Kind aus der Wiege hoben — Darwin, Lyell,
-Huxley — sind fast alle schon hin. Die zweite große Generation aber
-fängt an, ihr Testament zu schreiben. August Weismann gibt seine
-„Vorträge über Deszendenztheorie“ heraus, in zwei dicken Bänden.
-Haeckel hat seine „Gemeinverständlichen Vorträge und Abhandlungen aus
-dem Gebiete der Entwickelungslehre“ ebenso in zwei Bände gesammelt.</p>
-
-<p>Gleich in der Vorrede lese ich da bei Weismann: „Wenn ein
-arbeitsfreudiges Leben sich seinem Ende zuneigt, so regt sich wohl
-der Wunsch, die Hauptergebnisse desselben zu einem abgerundeten und
-in sich harmonischen Bild zusammenzufassen und gewissermaßen als ein
-Vermächtnis den nach uns Kommenden zu hinterlassen. — Das ist der
-Hauptgrund, der mich zur Veröffentlichung dieser Vorträge veranlaßte.“
-Ein Werk, das solche Sätze an der Spitze trägt, legt eine neue
-Verpflichtung auf.</p>
-
-<p>Es verlangt, daß man historisch auf eine Lebensarbeit zurückschaut.</p>
-
-<p>Denke ich allerdings wieder an die Leutchen, die dem ganzen Darwinismus
-schon diese „Heiligsprechung des Historischwerdens“ zugestehen
-möchten, mit dem behaglichen Gefühl dabei, daß so stillschweigend
-auch die klassische Antiquierung mit Absetzung von der Tagesordnung
-vollzogen sei, so ist das Weismannsche Buch eine der hübschesten
-Widerlegungen dieses frommen Wunsches. Es fixiert, historisch wie
-aktuell, eine <em class="gesperrt">Schattierung innerhalb des Darwinismus</em>, die
-spezifische Weismann-Lehre, die im Grunde ebensoviel Anrecht auf einen
-Personennamen hat wie die Gesamtschule auf den des Charles Darwin oder
-wie die Mutations-Theorie wieder auf den des Hugo De Vries.</p>
-
-<p>Eine Lehre aber ist nach meiner Auffassung in der Vollblüte ihrer
-Leistungsfähigkeit als Geistesquelle, wenn sie noch<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Raum hat für so
-verschiedene, jederseits für sich geistvoll-eigenartige Schattierungen.
-Wobei es dem Spitzfindigen wirklich ruhig überlassen bleiben mag, ob
-er bei dem Wettstreit dieser Schattierungen von Kämpfen im Darwinismus
-oder um den Darwinismus reden will. Ich selbst erachte es als eine
-Pflicht historischer Anständigkeit, der Gesamtbewegung zu einer
-wissenschaftlichen Deszendenztheorie, wie sie eine ungeheure, fort und
-fort wachsende Litteratur heute vertritt, den Namen „Darwinismus“ zu
-lassen; im übrigen aber wünsche ich dem Kampf der Meinungen innerhalb
-dieser Theorie Tür und Tor geöffnet, so weit es geht.</p>
-
-<p>Wir reden ja auch, und reden ganz gewiß mit Recht, von einem
-kopernikanischen Weltsystem, obwohl Kopernikus noch keine Keplerschen
-Gesetze und kein Newtonsches Gravitationsgesetz kannte, obwohl wir
-heute genau wissen, daß auch die Sonne nicht still steht und dadurch
-die ganze Figur des Systems beständig verschoben wird, und obwohl
-Kopernikus noch an eine Drehung des Achsenwinkels der Erde bei jedem
-Jahresumlauf dachte, die in dieser Form völliger Irrtum war.</p>
-
-<p>Wollen wir jeden Zwist um ein engeres Deszendenzgesetz als
-Entscheidungskampf um Wohl und Wehe des Darwinismus fassen, so wird
-nur eine Verwechslung in die Laienwelt getragen: als wenn nämlich der
-Gedanke der Entwickelung im Gebiet der modernsten Biologie selbst
-wieder bedroht oder gar wieder in den Hintergrund gedrängt sei, —
-eine Behauptung, der kein ehrlicher Mensch, der die Dinge verfolgt,
-Verbreitung wünschen kann, da sie den nacktesten Tatsachen widerspricht.</p>
-
-<p>Auch Weismanns eigene Anschauungen haben aber innerhalb der
-vierundvierzig Jahre Darwinismus schon ihre besondere Geschichte.</p>
-
-<p>Sie sind zu ihrer Zeit als unvollkommener Keim sichtbar geworden, sind
-in vielfältigem Hader gewachsen und sind heute, soweit Weismann als
-Person in Betracht kommt, ausgewachsen. Ganz ausgewachsen im ideellen
-Sinne sind sie natürlich noch so wenig wie irgend ein menschlicher
-Gedanke,<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> der in die vorläufig unserem Blick einmal „ewige“ Menschheit
-gesäet worden. Mit Bedauern lese ich, daß August Weismann durch ein
-Augenleiden mehr und mehr im praktischen Forschen gehemmt wird, wobei
-ich doch von seinem theoretischen Denken mir noch reiche Frucht
-verspreche, trotz seines „Testaments“. Inzwischen stelle ich fest, —
-und ich denke, hier wird Freund wie Feind des Darwinismus und aller
-seiner Schattierungen mir anstandslos recht geben —, daß im ganzen
-Darwinismus nächst Darwin selbst kein zweiter so sittlich vornehm, so
-liebenswürdig, ja, ich möchte sagen: so graziös zu hadern verstanden
-hat wie er. Und das auf einem Gebiete, wo gelegentlich unverkennbar mit
-Dreschflegeln und verwandten, nicht völlig einwandfreien Instrumenten
-in Sachen der Weltanschauung operiert worden ist — <span class="antiqua">nomina sunt
-odiosa</span>.</p>
-
-<p>Neben diesem Charakter ist zur Sache zu sagen, daß Weismann zwar
-nicht im Sinne eines Kampfschlusses objektiv gesiegt hat, — wer hat
-denn in diesen vier Jahrzehnten irgendwo „gesiegt“ vor Problemen, die
-mindestens der Beobachtungskontrolle von Jahrtausenden bedürften! Aber
-er hat seine „Schattierung“ klar herausgearbeitet. In diesem Buche
-feiert das seinen Triumph.</p>
-
-<p>Es ist ein Werk von solcher stilistischen Klarheit, wie der Darwinismus
-höchstens noch zwei oder drei besitzt unter seinen allerbesten. Es
-ist alles so abgeschliffen und ausgeklärt, jedes Beispiel genau
-blankgewischt und an seinen Fleck gestellt, wie bei Schauobjekten einer
-am Schnürchen laufenden Schuldemonstration. Sehen muß hier jeder, was
-gemeint ist, — mag er das Begriffene danach schelten.</p>
-
-<p>Von keiner Linie des Darwinismus wird heute mit mehr Eifer behauptet,
-daß sie falsch sei, wie von der Zuchtwahl-Theorie. Nun denn: Weismann
-ist zur Zeit der extremste Vertreter gerade dieser Zuchtwahl-Theorie.
-Das bestimmt eben seine Eigenart.</p>
-
-<p>Man muß, um seine Stellung andeutend zu fixieren, auf den alten
-Gegensatz zurückgehen zwischen Lamarck und Darwin,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> einen Gegensatz,
-der überhaupt mit den Jahren wieder immer interessanter geworden ist.</p>
-
-<p>Als Darwin sich an den Entwickelungsgedanken wagte, schien es ihm vor
-allem nötig, ihn aus dem Schutt herauszuarbeiten, in den er mit Lamarck
-geraten war. Heute haben wir umgekehrt wieder eine feste Schule von
-Neo-Lamarckisten, die ungefähr etwas Ähnliches von Darwin sagen.</p>
-
-<p>Umgekehrt ist aber auch aus dem immer noch vorsichtigen Darwinschen
-Vorstoß <span class="antiqua">contra</span> Lamarck eine Lehre erwachsen, die dann erst mit Stumpf
-und Stiel den letzten Lamarcksrest austreiben möchte. Und das ist die
-Farbe Weismann im Bilde.</p>
-
-<p>Lamarck hatte eines deutlich erfaßt, und das ist übriggeblieben in
-<em class="gesperrt">allen</em> späteren Meinungen.</p>
-
-<p>In der Entwickelung der Tier- und Pflanzenarten sind zwei Faktoren zu
-beachten.</p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">äußerer</em> und ein <em class="gesperrt">innerer</em>.</p>
-
-<p>Außen wechseln die Bedingungen des Lebens auf Erden. Sie ziehen vorbei
-wie ein großes Wandelpanorama.</p>
-
-<p>Innen, in den Lebewesen selbst, reagiert aber etwas darauf. Sie passen
-sich diesen Bedingungen an.</p>
-
-<p>Wie aber ist nun das wahre Verhältnis von drüben und hier? Wir suchen
-in der Natur Kausalzusammenhänge. Wo sind sie hier?</p>
-
-<p>Lamarck sagte: Außen wirkt auf innen. Die äußeren Bedingungen treten
-nach innen auf als Forderungen. Und diese Forderungen finden Gehör bei
-einer Eigenschaft des Innern. Sie rufen „Übung“ hervor. Der Arm, der
-zum Schlagen gefordert wird, stählt sich, der Hals, der hoch reichen
-soll, streckt sich. Das Resultat dieser Übung aber wird auf die
-Nachkommen vererbt. Ihr Arm wächst sogleich muskelstärker, ihr Hals
-gleich in der nötigen Länge. So fixiert sich die Übung hier bereits als
-angeborene Anpassung. Und so fort.</p>
-
-<p>Nun Darwin.</p>
-
-<p>Das langt nicht. Durch Übung wird kein Laubfrosch grün, kein
-Blattschmetterling seinem Blatte ähnlich. Und doch<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> haben wir
-auch solcher Anpassungen die Fülle. Es muß noch ein besonderes
-Wechselverhältnis geben zwischen dem Außen und irgend einer andern
-Eigenschaft des Innen, die auch hier entgegenkommt. Und Darwin findet
-es in der Zuchtwahl, der Selektion. Neben der Übung gehört zu den
-entgegenkommenden Möglichkeiten die Variation. Ein beständiges Spiel
-waltet da von allerhand Hervorbringungen, die unabhängig von der Übung
-herausgeworfen werden. Diese Variation macht z.&#160;B. einen Frosch, der
-sonst braun war, auch einmal grün. Und jetzt darauf reagiert das
-Äußere nicht erzieherisch, wie bei der Übung, sondern gewaltsam.
-Der grüne Frosch wird als zweckmäßige Anpassung auf Grün erhalten,
-weitergezüchtet, während alle nicht grünen Formen eingehen müssen. Das
-ist die berühmte Auslese der Passendsten.</p>
-
-<p>Ein sinnvoller Gedanke, der zunächst durch seine Einfachheit fortriß.
-Aber man sieht: er wirft Lamarck nicht um. Er ergänzt ihn nur für
-die unzähligen Fälle, vor denen die Anpassung durch Übung als
-Erklärungsgrund versagt.</p>
-
-<p>Aber nun wieder einen Spatenstich tiefer.</p>
-
-<p>Was steckte hinter dieser Variation? Was war ihr Geheimnis, ihr Gesetz?
-Mit dieser Frage sind wir mitten in den Kämpfen der Schule Darwins.</p>
-
-<p>Eine Linie beschäftigte sich bloß mit der Schrittweite, dem Maß dieser
-Variation. Ob schon winzige, gesetzmäßige Gleichgewichtsschwankungen
-zur Artbildung führten oder bloß kräftige, das Innerste erschütternde
-Stöße? Hier setzt heute de Vries ein, der experimentell festgestellt zu
-haben glaubt, daß stets ein wirklicher Stoß, ein Ruck oder Sprung nötig
-sei, eine Mutation. Doch der Darwinsche Grundgedanke bleibt in dieser
-Linie unangetastet.</p>
-
-<p>Über Darwin mußte dagegen in irgend einer Weise hinausführen jede
-Meinung über die tieferen <em class="gesperrt">Ursachen</em> der artbildenden Variation.</p>
-
-<p>Die eine Richtung grub ausschließlich nach innen, ins Innerste des
-Innern hinein weiter. Gab es nicht doch ein<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> festes inneres Hausgesetz
-der Variation, das schon der ersten Urzelle eingeprägt war?</p>
-
-<p>Hier wurde Nägeli bedeutend. Er verknüpfte die Frage mit einem älteren,
-vordarwinistischen Gedanken. Er suchte ein „Entwickelungsgesetz“ schon
-in der Variation. Aber er ließ es teleologisch arbeiten. Es drängte
-selber schon, in einem allerdings schwer definierbaren „Hellsehen“,
-auf nützliche Anpassungsvarianten, wie sie außen gefordert wurden,
-direkt hin. Damit wurde die Selektion überflüssig. Und so führte Nägeli
-allerdings folgerichtig wieder aus Darwin heraus, ohne zu Lamarck
-zurückzukehren, — in ein Drittes hinein.</p>
-
-<p>Aber das hatte man ja gerade an Darwin geschätzt, daß er keine
-teleologische Grundveranlagung brauchte, sondern das Zweckmäßige
-erst vor unseren Augen entstehen ließ. Die ganze Hauptmasse der
-Schule schwenkte also hier nicht mit. Aber wo lag denn das Gesetz der
-Variation?</p>
-
-<p>Im „Zufall“?</p>
-
-<p>Das ist oft als Hilfs- und Notwort gesagt worden. Jeder wußte aber, daß
-Zufall einen eigentlichen Sinn in einem Spiel von Kausalzusammenhängen,
-wo alle Karten aufgedeckt sind, gar nicht besitzt. Und nach solchem
-Spiel suchte man doch.</p>
-
-<p>So sah man sich unhemmbar wieder ins „Außen“ gedrängt.</p>
-
-<p>Steckten die Anstöße zur Variation nicht doch irgendwie im Druck der
-Verhältnisse, im Milieu selbst, — also außen?</p>
-
-<p>Hier lag eine unverkennbare Möglichkeit, in äußerster Schwenkung doch
-noch wieder auf einen <em class="gesperrt">vertieften Lamarck</em> zu kommen. Darwin hat
-in späteren Jahren selbst etwas paktiert mit dieser Richtung. Die
-Neo-Lamarckisten haben sie offen proklamiert.</p>
-
-<p>Das jetzt ist aber die Stelle, wo Weismann vor Jahren zuerst in die
-Debatte mit einem wahren Blitzschlage eingegriffen hat.</p>
-
-<p>Er versuchte, den ganzen Lamarckismus nachträglich in Grund und Boden
-zu schlagen durch die Behauptung, daß die Ergebnisse dieser ganzen
-direkten Einflüsse von außen auf<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> innen, wie Übungsstärkung u.&#160;s.&#160;w.,
-also jene vom Individuum <em class="gesperrt">erworbenen</em> Eigenschaften, <em class="gesperrt">nicht
-vererbt werden könnten</em>.</p>
-
-<p>War das richtig, so konnte auf dem Lamarckswege niemals eine neue
-Art entstanden sein, denn jeder Anlauf zu einer Anpassung blieb
-individuell und starb mit dem Tode des Individuums wieder aus, ohne
-in die Unsterblichkeit der Generationenfolge durch Kinder und Enkel
-einzutreten.</p>
-
-<p>Mochte das nun bestritten werden — und wie ist es bestritten worden
-bis auf diesen Tag nicht bloß von Lamarckisten, sondern auch von
-engeren Darwinisten und auch von ganz indifferenten Physiologen und
-Vererbungstheoretikern —: für Weismann war damit seine weitere
-Bahn endgültig gegeben. Ihm galt es, den Darwinismus vom letzten
-Rest Lamarckismus reinzuputzen. Da er kein drittes Prinzip im Sinne
-Nägelis hatte, blieb schlechterdings nichts übrig, als die natürliche
-Zuchtwahl auch in allen Fällen, wo Darwin noch Lamarck Raum gelassen,
-für die absolute Macht zu erklären. Es wurde die <em class="gesperrt">Allmacht der
-Naturzüchtung</em> proklamiert.</p>
-
-<p>Das für sich vollzogen, wurde aber nun wieder etwas hochinteressant.</p>
-
-<p>Nämlich: wie endlich Weismann ohne Nägeli und auch ganz ohne Lamarck
-den geheimen Mechanismus der Variation für sich deuten werde.</p>
-
-<p>Abermals wird hier eine neue, zunächst unabhängige Linie der
-Darwinschen Schule wichtig: der Ideengang von Wilhelm Roux.</p>
-
-<p>Roux faßte den Gedanken — einen der genialsten nach Darwin, — daß es
-nicht bloß eine äußerliche Zuchtwahl geben müsse, sondern auch eine im
-Innern. Eine Zuchtwahl nicht bloß des Milieus gegenüber den Individuen,
-sondern auch eine Zuchtwahl durch den Kampf ums Dasein der Teile im
-Individuum selbst.</p>
-
-<p>Wir wissen ja, daß jedes Individuum, jedes echte Einzeltier, jede echte
-Einzelpflanze, aus Teilen besteht, die mehr oder minder jeder für sich
-etwas Selbständiges in ihm darstellen. Das einfachste Beispiel in allen
-etwas entwickelteren Lebensformen<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> sind die Organe. Goethe stand schon
-tief bewegt vor diesem Geheimnis. In dem ersten seiner morphologischen
-Hefte sagt er: „Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine
-Mehrheit; selbst insofern es uns als Individuum erscheint, bleibt es
-doch eine Versammlung von lebendigen, selbständigen Wesen, die der
-Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder
-ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können. Diese Wesen sind teils
-ursprünglich schon verbunden, teils finden und vereinigen sie sich. Sie
-entzweien sich und suchen sich wieder und bewirken so eine unendliche
-Produktion auf alle Weise und nach allen Seiten.“ Einundzwanzig Jahre,
-nachdem diese Stelle gedruckt, einunddreißig, nachdem sie geschrieben
-war, wurde in der „Zelle“ ein noch viel fundamentaleres Bauelement der
-Lebewesen entdeckt. Seit Schleiden, Schwann und vor allem seit Virchows
-bahnbrechenden Arbeiten wissen wir, daß alle höheren Pflanzen wie Tiere
-ungeheure Komplexe, Genossenschaften, Staaten solcher Zellen sind.
-Erst tief an der Wurzel alles Lebendigen fällt Zelle und Individuum
-zusammen. Aber selbst vor der Zelle macht die Auflösung noch nicht
-Halt. Selbst sie noch erscheint als ein verwickeltes Sozialgebilde aus
-einer ungeheuren Masse noch einfacherer Lebensträger.</p>
-
-<p>Nun denn: auch diese Teile und Teilchen bis ins Winzigste, Unsichtbare
-hinein, sie müssen in einem unausgesetzten Konkurrenzkampfe stehen.
-Besser gelagerte, besser genährte überwinden die minderwertigen.
-Bestimmte Gruppen siegen und unterliegen; eine große Zuchtwahl waltet.</p>
-
-<p>So weit im Kern der Ideengang Roux’. Nun darüber hinaus wieder Weismann.</p>
-
-<p>Dieser Kampf der Teilchen mit seiner inneren Auslese findet auch in
-dem Allergeheimnisvollsten statt, was die lebenden Wesen besitzen: in
-ihrem körperlichen „Unsterblichkeitsteil“, nämlich dem sogenannten
-Keimplasma, dem Kraftreservoir, das bei der Fortpflanzung mitgegeben
-wird. Und sein Resultat ist die Variation der neu entstehenden
-Gesamtindividuen, die natürlich erblich sein <em class="gesperrt">muß</em>, da es sich
-ja um Resultate sozusagen<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> im Herzen aller Vererbung, im ewigen
-Keimplasma, handelt. Bei den Ergebnissen dieser Variation mag dann die
-Zuchtwahl höheren Grades, die Darwin zunächst nur gesehen hatte, sie,
-die feste Arten mit zweckmäßigen Anpassungen bildet, einsetzen.</p>
-
-<p>Erst in diesem „Testament“ kommt Weismanns Gedankengebäude zum ersten
-Mal völlig klar heraus. Erst jetzt wird deutlich, was der Satz von der
-Allmacht der Zuchtwahl schließlich doch für Wahrscheinlichkeiten selbst
-wieder öffnet.</p>
-
-<p>Wohl: außen ist jetzt Zuchtwahl, innen Zuchtwahl, Zuchtwahl überall.
-Doch gerade dabei zeigt sich plötzlich erst recht eine feine, aber
-sichere Brücke von „außen“ nach „innen“.</p>
-
-<p>Das Milieu, das außen die Individuen ausliest, wirkt doch auch in ihnen
-als Ernährung mit. Wenn dieser Einfluß lange Zeit ein gleichartiger
-ist, so muß er im inneren Kampf der Teile bis in das entscheidende
-Keimplasma hinein schließlich auch schon eine ganz bestimmte Auslese,
-einen bestimmten Sieg, eine bestimmte Richtung der Variation dort
-bewirken.</p>
-
-<p>Und damit ist die endgültige „Möglichkeit“ wenigstens geschaffen, daß
-der äußeren Zuchtwahl bestimmte nützliche Varianten schon <em class="gesperrt">in die
-Hände arbeiten</em>. Äußere und innere Zuchtwahl, im letzten Ende vom
-Gleichen bewegt, können aufeinander losarbeiten wie in einem Ansatz
-wenigstens zu einer „prästabilierten Harmonie“.</p>
-
-<p>Man sieht, was das bedeutet.</p>
-
-<p>Es ist der beste Kern des Nägelischen Gedankens gerettet, ohne daß doch
-ein unklares teleologisches Entwickelungsgesetz nötig würde, und auch
-ohne daß die Zuchtwahl überflüssig würde; die äußere Zuchtwahl wird nur
-in etwas entlastet durch die innere.</p>
-
-<p>Zugleich aber ist trotz aller Allgewalt des Zuchtwahlprinzips doch
-auch wiederhergestellt und anerkannt der wichtigste Kerngedanke des
-Lamarckismus, daß nämlich zuletzt der Druck der äußeren Verhältnisse
-die Anpassung schafft.</p>
-
-<p>In dieser Form umfaßt der Weismannismus alle kräftigen Triebe, die das
-Deszedenzprinzip bisher hervorgebracht hat<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> und genügt damit formal
-zweifellos den Anforderungen an eine Schlußhypothese. Weismann selber
-muß das genügen; er darf mit Befriedigung auf eine Bahn blicken, die
-für sein Teil konsequent durchlaufen ist. Den Fortgang mögen andere
-suchen, meinetwegen auch den Rückgang. Die Geschichte der Wissenschaft
-hat etwas von Penelope, die in der Nacht trennt, was sie am Tage gewebt
-hat. Darum kann einer doch den Ruhm eines guten Webers behalten.</p>
-
-<p>Was ich hier angedeutet habe, ist nur der größte Gerüstbalken
-des Buches, roh wie die Tragbalken in der Goldelfenbeinmasse des
-olympischen Zeus. Das Werk selbst wirkt so ungemein fesselnd, weil es
-sich breiter und breiter vor dem Leser aufbaut. Man fühlt mit, wie
-Weismann sich allmählich die ganze Deszendenzlehre neu aufzimmern,
-mit ihrem gesamten Apparat neu ordnen mußte. Dann aber kam er
-wirklich an die Grenze, wo es eine individuelle Biologie zu schaffen
-galt und schließlich eine ganze Weltanschauung mit der spezifischen
-Weismann-Farbe. Das letzte Kapitel verrät davon wenigstens noch
-einiges. Ein Gedanke sehr allgemeiner Art taucht dabei noch auf, der
-mir wert scheint, daß man ihn bespricht, vielleicht auch, daß man ihm
-widerspricht.</p>
-
-<p>Weismann empfindet, was jeder vor jedem ganz tief gefaßten Problem
-zuletzt empfinden muß: man kommt auf die <em class="gesperrt">Urfragen</em>.</p>
-
-<p>Hinter außen und innen, Vererbung und Zuchtwahl erwachsen die großen
-Türhüter des ganz Rätselhaften. Was ist Leben, was Materie, Geist,
-Zweck, Zeit, Kausalität?</p>
-
-<p>Und er meint, wir müssen da ewig <em class="gesperrt">resignieren</em>.</p>
-
-<p>Muß es nicht so sein? fragt er.</p>
-
-<p>Auch wir sind Anpassungsprodukte jener großen Lebensmühle, angepaßt an
-ganz bestimmte Forderungen des Lebens. Zu diesen Forderungen gehört
-aber nicht, daß unser Verstand etwas ergrübelt über jene letzten
-Fragen. Lassen wir also den Versuch, über uns selbst hinausgreifen zu
-wollen; bescheiden wir uns.</p>
-
-<p>Ich kann diesem Schluß Weismanns nicht zustimmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p>
-
-<p>Seit drei Jahrtausenden mindestens besteht eine ganz bestimmte
-Beziehung zwischen dem Glück grade der edelsten, denkenden,
-voranschreitenden Menschen und diesem innigen Ringen um die Grundfragen
-der Philosophie, diesem immer erneuten Ringen um das „du segnest mich
-denn“ an dieser Stelle.</p>
-
-<p>Das Glück der Menschheit verlangt <em class="gesperrt">nicht mehr bloß</em> nach Anpassung
-an die äußeren Bedingungen der Welt im Sinne einer immer mehr
-vervollkommneten Technik — fester und fester verspinnt es sich mit
-jenen Fragen nach Sinn und Wesen der Welt, mit der einfachen Frage der
-<em class="gesperrt">Philosophie</em>.</p>
-
-<p>Es gibt sich nicht mit der Resignation allein zufrieden. In ihr muß der
-Mensch hungern, wie nur je ein schlecht angepaßtes Tier gehungert hat.</p>
-
-<p>Aber gerade in Weismanns Buch wird so hinreißend deutlich gemacht, wie
-der Hunger, das Bedürfnis das Ideal, die vollkommnere Anpassung selbst
-herausgezogen, heranentwickelt hat — damals, bei den Pflanzen und
-Tieren, so tief da unten.</p>
-
-<p>Und oben bei uns soll das nicht mehr so gehen?</p>
-
-<p>Bei unserem Geisteshunger&#160;...?</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Rueckblick_auf_Haeckel" title="Rückblick auf Haeckel">&#160;</h2>
-
-</div>
-
-<p>Haeckel hat mit seiner Person zu lange im Brennpunkte des Darwinismus
-gestanden, um <em class="gesperrt">bloß</em> eine Schattierung zu spiegeln. Bei ihm macht
-man den ganzen Kampf der ersten vier Jahrzehnte auf den Vorposten mit.
-Für mich hat es vor seinem Buche einen unwillkürlichen Reiz, eigensten
-Erinnerungen nachzuhängen. Sie haben etwas Charakteristisches, ich
-weiß, wie vielen in der Generation, die mit Darwin aufgewachsen ist,
-ich ihre eigenen Erlebnisse erzähle.</p>
-
-<p>Meine frühesten Erinnerungen gehen zurück auf Darwins Porträt. Ich war
-zu jung, um das Buch von der „Entstehung der Arten“ lesen zu können.
-Aber der eigenartige Kopf mit der fast abnormen, tiefgefurchten Stirn
-und dem<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> weißen Patriarchenbart prägte sich ein. Es war ein Kopf, den
-auch ein Knabe nicht vergaß. Als Schuljungen stritten wir uns, ob der
-Name D<b>a</b>rwin oder Darw<b>i</b>n auszusprechen sei.</p>
-
-<p>Die neue Gedankenwelt kam mir zum ersten Mal äußerlich in gewissen
-Schlagworten wie „Affenmensch“ nahe, als in meinem Elternhaus die
-Falstaffgestalt Karl Vogts auftauchte. Er reiste schon in Darwinismus,
-hielt zwischen einem Menschen- und einem Gorillageripp seine bekannten
-geistsprühenden Vorträge und war nebenher nicht abgeneigt, sich die
-brave volkstümliche und wissenschaftliche Arbeit durch reichliche
-Festessen versüßen zu lassen, was er dann wieder seinerseits mit
-den köstlichsten Bonmots vergalt. Das war noch der Darwinismus der
-sechziger Jahre, für Vogt genau damit abgegrenzt, daß er nach 1870
-als öffentlicher Redner sich aus politischen Gründen nicht mehr in
-Deutschland hat sehen lassen.</p>
-
-<p>In dieses erste Jahrzehnt weisen noch die vier ersten Vorträge des
-ersten Haeckelschen Bandes. Mit dem frühesten, am 19. September 1863
-auf der Naturforscherversammlung in Stettin gehalten, setzte die
-Entwickelungslehre in Deutschland ein. Die alten Schul-Zoologen und
--Geologen schüttelten die Köpfe, als der hübsche junge Herr aus Jena
-mit dem Blondkopf und den strahlenden Blauaugen in hohem Stimmton eine
-neue Ära für eingeleitet erklärte. Das zähle in eine Sorte mit der
-berüchtigten Od-Lehre und anderem spiritistischen Unfug, meinten sie,
-daß Arten sich verändern könnten und wohl gar der Mensch vom Affen
-abstammen solle! Unter den Kollegen aber saß damals Virchow und stimmte
-mit Haeckel. Bloß für das menschliche Bewußtsein wollte er schon ein
-Separatkonto gewahrt wissen, die natürliche Entwickelung gab er ruhig
-zu.</p>
-
-<p>Drei Jahre darauf erschien Haeckels bestes biologisches Werk, die
-„Generelle Morphologie“, so schwer für den Laien aus Fachgründen,
-daß es dort niemand las, und so fremdartig für den Fachgelehrten
-aus philosophischen Gründen, daß es dort nahezu niemand verstand.
-In einer guten Stunde aber schmuggelte nochmals zwei Jahre später
-Haeckel seine<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> ketzerischsten und verwegensten Ideen in ganz schlicht
-populärer Form an einem Orte ein, wo man sie am wenigsten vermutete:
-in der Virchow-Holtzendorffschen „Sammlung gemeinverständlicher
-wissenschaftlicher Vorträge“. Es sind die Nummern II und III des neuen
-Buches: „Über die Entstehung des Menschengeschlechtes“ und „Über den
-Stammbaum des Menschen“.</p>
-
-<p>Darwin hatte sich gerade über dieses heikelste Thema noch nicht
-entscheidend geäußert. Auch jetzt war es aber noch Virchow selbst,
-der ohne jeden Skrupel das bedenkliche Manuskript passieren ließ, ja
-sogar Haeckel persönlich seine Freude darüber aussprach. Auf alle
-Fälle war der Ort, wo die Bombe sich diesmal barg, in der allgemeinen
-Geltung der denkbar harmloseste. Diese Hefte waren ob ihres friedlichen
-Deckschildes tatsächlich das erste von Haeckel, was ich als Junge in
-die Hand bekam und wirklich las.</p>
-
-<p>Inzwischen war die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ rasch nachgefolgt,
-in der ersten, noch kalenderhaft primitiv illustrierten Ausgabe. Zu
-ihrer Lektüre bildeten wir als Gymnasiasten einen Geheimbund mit den
-rigorosesten Satzungen wie Vehme oder Freimaurer. In der verborgenen
-Hinterstube einer ziemlich anrüchigen Kölner Bierwirtschaft hielten
-wir Sitzungen ab, deren Mittelpunkt „das Buch“ bildete, mit seinen
-Embryo- und Monerenbildern, seinen Kühnheiten gegen Himmel und Kirche
-(wir wurden zwischendurch konfirmiert!), nebenbei tranken wir das erste
-verbotene Glas Wirtshausbier, was den Reiz der Situation erhöhte.
-In den Debatten aber steckte eine jugendlich-frische Inbrunst der
-Anteilnahme an einem jäh eröffneten unendlichen Gedankenreich, daß ich
-mich heute noch an der Erinnerung wärme und mit Dank auf diesen kleinen
-Kreis echter „Leser“, wie man sie Büchern wünscht, zurückschaue.</p>
-
-<p>Das waren die siebziger Jahre des Darwinismus.</p>
-
-<p>Die Vorträge Haeckels über „Zellseelen und Seelenzellen“, „Perigenesis
-der Plastidule“, „Urkunden der Stammesgeschichte“ und „Ursprung und
-Entwickelung der Sinneswerkzeuge“ in der<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Sammlung gehören alle
-hierher. Den letzteren Vortrag hielt Haeckel auch einmal in Köln.</p>
-
-<p>Der Kulturkampf hatte in der Stadt der Kirchenglocken eine mächtige
-darwinfreundliche Strömung geschaffen; nicht nur Schüler, sondern
-auch eisgraue Oberlehrer fingen an, der neuen Ketzerei zu folgen.
-Unser Religionslehrer an einem Kölner Gymnasium, ein trefflicher,
-hochgebildeter Mann, gab sein Amt auf, da er sich zum Darwinismus
-bekehrt hatte, und wesentlich durch Anteilnahme tüchtiger Gymnasial-
-und Realschullehrer entstand der naturwissenschaftliche Verein, der
-Haeckel zu einem Vortrag einlud. Hier habe ich ihn zum erstenmal
-gesehen. Wir wunderten uns, daß der „junge“ Darwinianer schon einen
-Anflug von grauen Haaren hatte, er hatte schon ein ernsteres Stück
-schwerer Lebenspilgerschaft hinter sich, als wir ahnten. Aber er machte
-doch auch ein paar gute Witze, wie es immer seine Art gewesen ist,
-bis in die „Welträtsel“ hinein, wo es ihm als besonders frivole Sünde
-angekreidet worden ist. Glücklich, wer auf solcher Vorpostenstellung in
-vier Jahrzehnten wildesten Kampfes gegen alle Sorten roher und feiner
-Geschosse die Naturgabe hat, daß ihm der gutmütige Gelegenheitswitz
-nicht ausgeht! Damals warf er mitten im tiefernsten Vortrag die Frage
-hin, ob die Wagnersche Musik uns wohl neue Gehörwerkzeuge anzüchten
-werde. Der dicke Komponist Ferdinand Hiller, der schon die Wassersucht
-hatte und nur mühsam, aber tapfer im Saale aushielt, lachte sich
-zu Tränen darüber. Es ist lange her heute, man fühlt es in jeder
-Kleinigkeit.</p>
-
-<p>Am Ende dieses Jahrzehnts steht dann der große Zwist mit Virchow
-auf der Naturforscherversammlung in München. Auch zu ihm liegen die
-Dokumente jetzt für Haeckels Seite vollzählig in dem zweiten Bande der
-Sammlung: zuerst der Vortrag „Über die heutige Entwickelungslehre im
-Verhältnis zur Gesamtwissenschaft“, dann die ganze Streitschrift „Freie
-Wissenschaft und freie Lehre“ mit ihren sieben Kapiteln und ihrem
-Anhang.</p>
-
-<p>Die Dinge hatten auf dieser Zeithöhe wieder ein etwas anderes Gesicht.
-Die Kirchenangst war allgemein für eine<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Weile auch bei den zartesten
-Gemütern zurückgetreten. Dafür begann jetzt die Sozialistenangst zu
-herrschen. Die Frage kam, ob nicht jeder Darwinianer schließlich „gar
-ein Sozialdemokrat“ werden müsse. Virchow warf das in seiner Münchener
-Rede so hin, wie den gelegentlichen Einfall einer schlaflosen Nacht. Er
-wußte aber gut genug als alter Praktiker, wie sehr er damit ein Signal
-gebe: das Signal für eine ganz neue Sorte Reaktion dem Darwinismus
-gegenüber. Der Darwinismus staatsgefährlich, gesellschaftsgefährlich!
-Das wurde plötzlich Parole, und es wird immer fatal in der Geschichte
-der modernen Naturforschung bleiben, daß ein Naturforscher grade die
-Stirn gefunden hatte, diese Parole auszusprechen zu einer Stunde, da
-selbst die reaktionärsten Kreise außerhalb der Naturforschung sich
-<em class="gesperrt">so weit</em> noch nicht getraut hatten.</p>
-
-<p>Für mich selbst setzte es einige Jahre später wie eine Offenbarung
-ein: welche wunderbare Anteilnahme sich bei der Arbeiterschaft
-für darwinistische Probleme zeigte. Ich lernte das kennen bei den
-Vorträgen über Entwickelungslehre, die ich Jahre hindurch in Berliner
-Arbeitervereinen selbst gehalten habe, vor ungezählten Massen immer
-neuer Zuhörer und immer vor einem gleich dankbaren und aufmerksamen
-Publikum.</p>
-
-<p>Dem eigentlichen politischen Wirken stets fern, verzeichne ich diese
-Tatsache gerade erst recht als eine der erfreulichsten Erfahrungen
-meines Lebens. Sie bewies natürlich nicht, daß Darwinismus und
-Sozialdemokratie identisch seien, aber sie war ein Beweis für
-das unaufhaltsam machtvolle Aufblühen eigener Geisteskeime und
-Geistesbedürfnisse in der Arbeiterschaft in diesen Jahren. Eine
-neue Schicht Menschen begann nachzudenken über die Welt, über sich
-selbst, über Bedingungen wie Möglichkeiten ihres Daseins. In solcher
-Stimmung und Stunde führt jedes beliebige Material, das aus der freien
-Geisteswerkstatt kommt, zu freieren Ausblicken und hilft schließlich
-mit zu aktiven Freiheitsbewegungen, mag auch der stille Denker im
-Kämmerlein noch so wenig daran gedacht haben. Wie sollte die große
-Lehre es nicht tun, die von einem unaufhaltsamen Flusse aller Dinge
-sprach, eine Entwickelung predigte,<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> die Sonnen und Planeten und den
-Menschen selbst gebaut hatte?</p>
-
-<p>Diese Erlebnisse geben mir in der Rückschau heute ein so lebhaft
-jungfrisches Bild, daß es mir Mühe macht, mich in die Greisenhaftigkeit
-jener Virchow-Aussprüche gerade für diese Jahre auch nur noch
-historisch hineinzufinden. Was Haeckel damals geantwortet hat und was
-für Polemik sich an seine Definition des Verhältnisses von Darwinismus
-und Sozialdemokratie wieder anknüpfte, braucht heute nicht wiederholt
-zu werden. Er hat es nach vierundzwanzig Jahren wörtlich wieder so
-abdrucken lassen, und im Grunde mit Recht. Es hat heute auch den Wert
-eines historischen Aktenstücks. Und der schärfste Gegner findet ja auch
-den Satz wieder mit abgedruckt: „Ich bin nichts weniger als Politiker.“</p>
-
-<p>Ich blättere noch ein paar Seiten in dem zweiten Bande weiter und
-zugleich ein paar in meiner Erinnerung.</p>
-
-<p>Das achtziger Jahrzehnt ist in der Sammlung nur vertreten durch den
-Vortrag auf der Eisenacher Naturforscher-Versammlung von 1882 über „Die
-Naturanschauung von Darwin, Goethe und Lamarck“. Fünf Monate vorher
-war der alte Darwin gestorben. Der Darwinismus stand im Zeichen seiner
-Siegessonne. In diesem Augenblick interessierte nur noch als Sensation,
-wie weit Darwin selber in den äußersten Konsequenzen mitgegangen sei.
-Das Zugstück dieser Rede war also eine Briefstelle, in der der Alte
-von Down den Begriff der „Offenbarung“ mit kühler Gelassenheit über
-Bord warf und die Unsterblichkeit der Seele unter die „widersprechenden
-unbestimmten Wahrscheinlichkeiten“ verwies.</p>
-
-<p>In diesen achtziger Jahren brannte aber an einer ganz anderen Ecke des
-geistigen Lebens ein Leuchtfeuer für sich auf: die naturalistische
-Bewegung in der Kunst. Am Schlusse des Jahrzehnts führte sie zu
-stürmischen Theaterszenen, — bei der armseligen Rolle, die das Theater
-heute bei uns leider spielt, an und für sich Stürme im Glase Wasser.
-Aber auch hier brach das Politische, die soziale Färbung der Zeit, sich
-Bahn. Über die Bühne rauschten die „Weber“, aus der naturalistischen<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span>
-Bühne für neue Kunst entwickelte sich für eine Weile die Zeitschrift
-„Freie Bühne“, die wenigstens für ein paar Jahre den Versuch machte,
-weit über das Litterarische hinauszugreifen. Hier, bei der Leitung
-dieser „Freien Bühne“, die ein unruhiges, aber doch an Anregungen
-reiches Kapitel für mein eigenes Leben bedeutet, bin ich wieder stark
-mit Haeckel in Berührung gekommen.</p>
-
-<p>Diesmal hatten sich persönliche Beziehungen angesponnen, die ungetrübt
-dauern sollten, mir zu reichem Gewinn, denn jenseits all seiner
-Leistungen, wie sie die Bücher geben, und jenseits alles Streites
-um diese Meinungen steckt in Haeckel ein Persönlichkeitszauber, den
-alle empfunden haben, denen er je einmal die Hand gedrückt hat.
-Viele Dinge haben in ihm zusammengewirkt: das kleine Jena und die
-ungeheure Tropenferne, die seine Reisen ihm erschlossen, die Linie
-strenger Gelehrtenarbeit und die Arabeske des Künstlertemperamentes,
-das Schlichte eines halben Menschenlebens vor dem Mikroskop und die
-Romantik einer solchen Geistesrevolution, wie sie der Darwinismus
-in die Zeit warf, der Ernst eines einsamen Vorkämpfers für ein
-selbstgestelltes Programm über die höchsten Dinge des Himmels und der
-Erden und die burschikose Studentenheiterkeit bis unters weiße Haar.</p>
-
-<p>Von den beiden Aufsätzen, die Haeckel damals für die „Freie Bühne für
-den Entwickelungskampf der Zeit“ geschrieben hat, hat besonders der
-erste: „Die Weltanschauung des neuen Kurses“ starkes Aufsehen gemacht.
-Wieder einmal hatte die Front sich etwas verschoben: die Kirche wurde
-von oben begünstigt. So sind die Dinge hin- und hergependelt in den
-vierundzwanzig Jahren, immer wieder mit anderen Gesichtern gegen den
-Darwinismus, aber im Grunde immer die gleichen Feinde.</p>
-
-<p>Es hatte wenig Aussicht, zum Frieden läuten, während die Parteiwellen
-gegeneinander brandeten. In jenen „Freie Bühne“-Jahren wurde in
-Berlin die Gesellschaft für „Ethische Kultur“ gegründet, von ethisch
-und intellektuell hochstehenden Männern, deren Liebe nicht bloß eine
-klingende Schelle war,<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> aber mit einem praktischen Unstern, der bis
-heute darüber geblieben ist und auch aus gewissen innersten Gründen
-meiner Ansicht nach bleiben mußte.</p>
-
-<p>Die Kunde davon ging aber damals weit herum. Auch Haeckel kam von Jena
-herüber und hoffte. Doch schon die Anfangsverhandlungen stießen ihn
-ab. Man konnte sich über seine Weltanschauung schließlich streiten
-— aber was sollte er in einem Kreise, wo es von der Weltanschauung
-überhaupt hieß, daß man von ihr in der Praxis absehen könne und daß es
-eine „absolute Ethik“ zu finden gälte, die auf alle verschiedensten
-Weltanschauungen passe, — auf den Jesuitismus schließlich wie auf das
-Glaubensbekenntnis Goethes oder die Toleranzlehre Lessings? Es war
-nicht Haeckel allein, der die Existenzmöglichkeit dieses ethischen
-Universalzugtiers bestritt.</p>
-
-<p>Aber eine gewisse Sehnsucht nach Vertragen, nach Frieden kennzeichnet
-doch auch bei ihm den Eintritt in das vierte Jahrzehnt des Darwinismus,
-die neunziger Jahre.</p>
-
-<p>Aus ihr heraus ist, unabhängig von der „Ethischen Kultur“-Bewegung,
-das „Glaubensbekenntnis eines Naturforschers“ entstanden, das zuerst
-in der „Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes“ zu Altenburg
-1892 abgelegt wurde und das mit den Worten schloß: „Das walte Gott,
-der Geist des Guten, des Schönen und der Wahrheit“. Für Haeckel war
-es das Maximum, was er an Versöhnlichkeit von seinem Naturell und
-Standpunkt aus geben konnte. Zum Lohne der guten Absicht und zur Kritik
-der unabhängigen Ethik ist es mehr und gröber befehdet worden als
-frühere Schriften weit polemischeren Inhalts. Und die Gegenstimmung
-von dieser Ecke hat dann wieder viel mitgewirkt bei dem herben Ton des
-nachfolgenden Buches „Die Welträtsel“.</p>
-
-<p>Dieses Werk bildet den Abschluß gewiß nicht des Darwinismus, aber in
-mancher Hinsicht doch wirklich seiner ersten Vierzigjahresepoche in
-ihrer entscheidendsten philosophischen Färbung. Ich beurteile es hier
-absichtlich nicht, die großen Fragen mögen für sich selbst sprechen,
-so und so. Aber ich<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> meine, daß es <em class="gesperrt">einen</em> Zug hat, den ihm
-Freund <em class="gesperrt">wie</em> Feind in der Folge danken werden. Die konsequente
-Klarheit meine ich, mit der eine ganz bestimmte Weltanschauung darin
-bis auf das letzte Tipfelchen herausgearbeitet ist. In einer Reinheit
-der Linienführung, die ich so bei keinem zweiten Naturforscher und
-Naturphilosophen unserer Zeit kenne, gibt sich Haeckel als das, was er
-sein will.</p>
-
-<p>Es erscheint sein Zug zum Materialismus, der doch vom gewöhnlichen
-Schulmaterialismus sich wieder eigenartig abhebt durch seine Schwenkung
-in der Seelenfrage zum Panpsychismus, zur Urbeseelung der Materie.
-Es erscheint seine unbedingte Verwerfung dessen, was sich heute für
-„christliche“ Philosophie ausgibt, und seine individuelle Abneigung
-wenigstens gegen alle kühneren Feldzüge der rein spekulativen
-Erkenntnistheorie auch außerhalb der christlichen Dogmatik. Mögen heute
-die Leute sagen, Haeckel sei gar kein Philosoph. In der Dauergeschichte
-der menschlichen Geistesarbeit haben sich von jeher nicht die Werke an
-hellster Stelle gehalten, die am meisten reine Wahrheit enthielten. Wer
-wollte das auch schon nach so kurzen Fristen, wie sie unsere Geschichte
-gibt, abwägen. Und die alte Pilatusfrage lebt immer noch: Was ist
-Wahrheit?&#160;...</p>
-
-<p>Aber immer sind es <em class="gesperrt">die</em> Werke gewesen, die irgend ein System der
-Welterklärung ganz klar <em class="gesperrt">dargestellt</em> haben, es herausgearbeitet
-haben zum blanken Kristall, daß fortan jeder darnach greifen konnte
-wie nach einem Hausgerät, so oft er darnach greifen <em class="gesperrt">wollte</em>. Und
-das hat Haeckel gemacht, es gibt seinen Werken den monumentalen Bezug
-zum Geschichtlichen, es erhebt sie zu Quellen, die dermaleinst Freund
-<em class="gesperrt">und</em> Feind als solche schätzen werden.</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="gegen_Darwin" title="Was wollt ihr gegen Darwin setzen?">&#160;</h2>
-
-</div>
-
-<p>Was wollt Ihr an die Stelle der darwinistischen Grundideen setzen?
-Immer kann es doch nur eine Vertiefung sein, die das Große, was da
-geleistet worden ist, voraussetzt und<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> anerkennt, um <em class="gesperrt">dann</em>
-weiterzukommen, — und nicht eine wirkliche Umkehr.</p>
-
-<p>Umkehr, — ja wohin?</p>
-
-<p>Unter meinen Papieren finde ich ein altes Blatt, das ich mir selber als
-Mene Tekel gelegentlich aufgezeichnet habe.</p>
-
-<p>Heute habe ich Lust, es noch einmal ganz zu veröffentlichen, — als
-ein Kapitelchen, klein aber mein, zu diesem großen Schlagwort Umkehr.
-Inhaltlich ist es entschieden noch nicht vergilbt.</p>
-
-<p>Es ist das Protokoll einer eigenen Sitzung mit dem Medium Valeska
-Töpfer aus den achtziger Jahren, wie ich es mir selber zu späterer
-Kontrolle und Beruhigung damals sofort niedergeschrieben.</p>
-
-<p>Sachliches Interesse für alles, was mit Weltanschauungsfragen
-zusammenhängt, und der Wunsch zugleich, für eine bestimmte dichterische
-Arbeit Stoff zu sammeln, veranlaßten mich damals zu Studien über den
-Spiritismus. Was ich sonst da an Materialien erlangt, ist in meinem
-Roman „Die Mittagsgöttin“ (Zweite Auflage, 1902, im Verlage von Eugen
-Diederichs in Leipzig) enthalten und kritisch verarbeitet. Diese
-Töpfer-Sitzung aber blieb als solche dort unbenutzt.</p>
-
-<p>Sie ist auch kein „großer Fall“.</p>
-
-<p>Trotzdem glaube ich, daß sie gerade mit ihren ganz <em class="gesperrt">schlichten</em>
-Angaben einen gewissen Beitrag zur Klärung bieten kann.</p>
-
-<p>Sie führt in die Anfangsgründe dieser Dinge ein — wenn aber irgendwo,
-so gilt vom Spiritismus dieser groben Art der Satz: Es ist nur der
-erste Schritt, der etwas kostet.</p>
-
-<p>Ich lasse den Wortlaut genau so, wie er damals niedergeschrieben wurde.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Unsere spiritistischen Wortführer behaupten zwar mit besonderer
-Energie, jedem Zweifler werde täglich an allen möglichen Orten
-ausreichend Gelegenheit gegeben, Augenzeuge der seltsamsten und
-überzeugendsten Geistermanifestationen zu werden, man brauche nach dem
-Worte Richard Wagners „nur<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> zu wollen“ und man werde schon die neue
-Kunst sehen. In Wahrheit ist es nicht ganz so leicht, als irrende Seele
-im Chaos einer Weltstadt wie Berlin die Pforte einer Gespensterkammer
-aufzuspüren; Vereine für diese Sachen sind ja vorhanden und lassen
-sich auch finden, aber man ist dort unter Gläubigen und entbehrt der
-wichtigsten Freiheit: in bekannten Räumen und im Verein mit Freunden,
-auf die man vollkommen rechnen darf, Experimente anzustellen.</p>
-
-<p>Der Zufall ist in solchem Falle der Glücksgott.</p>
-
-<p>Er ließ mich und ein paar gleichgesinnte Freunde einen Mann finden,
-der, selbst begeisterter Jünger der neuen Lehre, uns trotz unsrer
-zugestandenen Skepsis mit vollendeter Liebenswürdigkeit seine geräumige
-Wohnung zur Verfügung stellte, viele Nachmittage seiner kostbaren Zeit
-— er war ausübender Künstler von Beruf — widmete und schließlich die
-Bekanntschaft eines weiblichen Mediums verschaffte, von dem ich nach
-späteren Erfahrungen nicht annehmen darf, daß es von uns allein ohne
-eine Verstellungskunst, die wir kaum besessen haben dürften, hätte
-gewonnen werden können.</p>
-
-<p>Unser freundlicher Gastgeber, den ich O. nennen will — der Name tut
-ja nichts zur Sache — war noch nicht lange Spiritist, aber er war mit
-desto glühenderem Eifer bei der Sache. Seine Bibliothek umfaßte die
-spiritistische Literatur in einer Vollzähligkeit, wie ich sie noch
-nicht in Privatbesitz gefunden, und seine Kenntnis der „Theorie“ war
-eine entsprechend erschöpfende.</p>
-
-<p>Dazu kam der praktische Stolz, selbst ein werdendes Medium zu sein.</p>
-
-<p>Es war ihm das von einem alten Manne, der die Rolle eines Taxators in
-mediumistischen Kräften zu spielen schien und die Stärke eines jeden
-für solche Leistungen in Ziffern anzugeben wußte, ausdrücklich zugesagt
-worden. Und Ereignisse seines früheren Lebens schienen diese Diagnose
-zu bestätigen.</p>
-
-<p>Er berichtete, daß seine Hände nicht nur den Pinsel zu führen
-verständen, sondern nicht selten auch eine<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> übernatürliche „Führung“
-hätten, bei der sein Wille aufhöre und die Finger Bewegungen, Griffe
-und Stöße ausübten, die vollkommen „unbewußt“ seien.</p>
-
-<p>Uns war es, nachdem die Bekanntschaft einmal gemacht war,
-selbstverständlich vor allem um Vorführung eines ausgereiften,
-einwandfreien Mediums selbst zu tun, und er versprach auch diese zu
-bewerkstelligen, da er ein starkes weibliches Medium, das bereits
-Hellenbach und Zöllner ins nachhaltigste Erstaunen versetzt, kenne und
-besuche. Vorher aber müßten wir eine Reihe einleitender Sitzungen mit
-ihm allein abhalten, da erst ein „magnetischer Austausch“ stattfinden,
-ein harmonischer Kreis geschaffen werden müsse.</p>
-
-<p>Da er selbst schon das Medium in sich wachsen fühlte und möglicherweise
-auch in uns unerwartete Keime zu einem solchen stecken konnten, so
-war die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß auch in diesen vorläufigen
-Studiensitzungen bereits seltsame Sachen aus dem Gebiete jener „Mehr
-Dinge“ sich ereignen würden.</p>
-
-<p>Vor Beginn des ersten Experiments wurden große weiße Bogen mit
-Geisterschrift vorgezeigt, die aus Sitzungen bei jenem weiblichen
-Medium (eben der heute noch vielgenannten und bekannten Frau Valeska
-Töpfer) stammten, denen O. beigewohnt hatte.</p>
-
-<p>Die Wahrheit der Sache zugestanden, eröffnete sich hier anscheinend
-ein neues Forschungsgebiet für die Goethe-Philologie, nämlich
-die transcendentale Goetheforschung. Die Blätter waren mit der
-Unterschrift des Altmeisters versehen, eine gewisse Verwandtschaft
-mit echten Autographen ließ sich nicht leugnen, nur fand sich die
-Schreibweise des Namens mit ö statt mit oe, die bekanntlich Goethe
-selbst nicht anwandte. Der Inhalt der Offenbarung selbst war leider der
-allertieftraurigste Blödsinn; Goethe mußte zur Strafe seiner Sünden
-wohl im spiritistischen Jenseits vollkommen versimpelt sein oder sich
-der Flasche ergeben haben.</p>
-
-<p>Das zweite, was uns vorgelegt wurde, war ein viereckiges, sehr dünnes
-und gebrechliches Holzkästchen ohne Boden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span></p>
-
-<p>Solche Kästchen und Pappschachteln sind der Theorie nach gewissermaßen
-die Tür des Geisterlandes. Sobald Menschen mit hinreichender
-mediumistischer Veranlagung ihre Hand lose darauflegen, öffnet sich
-diese Tür, die bereitstehenden Geister fahren in das Kästchen, lassen
-es nach Belieben auf einer größeren Tischplatte herumkriechen und
-beantworten Fragen vermittelst hörbarer Klopflaute im Holz oder
-regelmäßigen Auftickens der einen Seite des Kästchens bei schwebender
-Stellung an der Tischkante.</p>
-
-<p>Der Dinge harrend, die da kommen wollten, nahmen mein Freund Bruno
-Wille, unser freundlicher Gastgeber O. und ich zunächst jetzt am Tische
-Platz und legten unsre sechs Hände lose auf das Deckbrett der Schachtel.</p>
-
-<p>Lange Zeit ereignete sich absolut nichts.</p>
-
-<p>Die bunte Ausstattung des Ateliers um uns her mit ihren fertigen und
-halbfertigen Studienköpfen, Staffeleien und Paletten versank allmählich
-in Dämmerung.</p>
-
-<p>Die Spannung bei uns war trotz aller Vorurteile immerhin eine ziemlich
-bedeutende.</p>
-
-<p>Zuweilen, wenn einer von uns sich etwas bewegte, krachte das Kästchen.</p>
-
-<p>O. geriet dann in lebhafte Erregung, beschrieb wilde Kreise mit den
-Händen in der Luft, um den magnetischen Strom überzuleiten, und begann
-schließlich in einer Weise mit der Holzschachtel zu reden, als handle
-es sich allen Ernstes um ein lebendiges Wesen. „Liebes Kästchen, willst
-Du uns etwas sagen? Bitte, bitte, liebes Kästchen, sei so gut, antworte
-uns, bewege Dich, rücke auf einen von uns zu, den Du auszeichnen
-willst“ etc.</p>
-
-<p>Dann, und, nachdem inzwischen auch noch die Gebrüder Heinrich und
-Julius Hart erschienen waren und damit unser Beobachterkreis vollzählig
-geworden, begannen denn allerdings die ersten seltsamen Vorgänge, alle
-für heute lokalisiert auf das bewußte Kästchen.</p>
-
-<p>Ich will sie zunächst bloß dem Tatsächlichen gemäß beschreiben<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> und die
-aufklärenden Bemerkungen, die ich machen kann, zusammenhängend folgen
-lassen.</p>
-
-<p>Die Schachtel fängt also an, sich unter unseren Händen zu bewegen, nach
-rechts, nach links, bald rascher, bald langsamer, bald auf Momente
-wie angenagelt verharrend, um dann in kurzen krachenden Stößen wieder
-weiter zu rücken — endlich kommt es zu einer tollen Wirbelbewegung,
-der die einzelnen kaum folgen können.</p>
-
-<p>Nachdem diese Sache so glänzend gelungen, versucht die vergrößerte
-Kette den ganzen Tisch zu bewegen, was aber mißlingt.</p>
-
-<p>Freund O. pocht wiederholt kräftig auf den Deckel des Kästchens und
-wenn dann alles hinhorcht, um antwortende Klopflaute zu vernehmen, so
-hört man mehrfach ein unendlich feines Knistern im Holz.</p>
-
-<p>Nun wird mit dem Kästchen experimentiert, um zu ergründen, ob es unter
-den Händen auf einen in der Kette (etwa ein besonderes starkes Medium)
-über den Tisch wegkriechen könne.</p>
-
-<p>Es rutscht in der Tat auf mehrere zu, zuletzt besonders nachdrücklich
-auf mich, und klappt mehrfach an der Tischkante auf. Nach O.s
-Interpretation bedeutet das einen „Geistergruß“.</p>
-
-<p>Nunmehr soll ein Anwesender, der nicht in der direkten Kette ist, also
-die Hände nicht auf dem Kästchen liegen hat, sich einen in der Kette
-Befindlichen denken, zu dem die Geisterschachtel hinrücken soll.</p>
-
-<p>Neben mehreren mißlungenen Versuchen tritt ein eklatantes Gelingen ein
-in einem Falle, wo Heinrich Hart in Gedanken seinen Bruder Julius als
-den Betreffenden bezeichnet hat und das Kästchen tatsächlich und mit
-förmlicher Leidenschaft auf Julius zusteuert.</p>
-
-<p>Der Höhepunkt der Sitzung wird schließlich erstiegen, als die
-Holzschachtel sich hartnäckig an der Tischkante in schräg schwebender
-Lage festsetzt. O. stellt in gesellschaftshöflicher Form die laute
-Anfrage an den Geist, ob er uns jetzt bestimmte<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> Fragen durch Aufticken
-beantworten wolle. Das Kästchen schwankt gegen die Tischplatte herunter
-und tickt sehr vernehmbar dreimal auf. Drei Schläge bedeuten im
-spiritistischen Geistervolapük „Ja“!</p>
-
-<p>Die Frage wird also gestellt: „Wovon wirst Du bewegt?“</p>
-
-<p>Einer zählt das Alphabet, immer von neuem anhebend, laut her, und
-jedesmal tickt bei irgend einem Buchstaben das Kästchen dreimal mehr
-oder minder stark auf, so daß der Satz zustande kommt: „Von Geist
-Heochios.“</p>
-
-<p>Die Anwesenden ergehen sich mit ganzem Aufgebot ihrer philologischen
-Kenntnisse in den kühnsten Hypothesen über den Ursprung dieses Namens.</p>
-
-<p>Auf die neue Frage „Woher?“ antwortet der Geist in der Schachtel: „Aus
-Südosten.“ Bei dem Wunsche, den genaueren Namen des Landes zu hören,
-kommt noch ein M., dann scheint die Leitung gestört, und es erfolgt
-nichts mehr.</p>
-
-<p>Man versucht also neue Experimente.</p>
-
-<p>Ich selbst stelle im Nebenzimmer den großen Zeiger meiner Uhr auf
-die Ziffer drei, und das Aufticken des Kästchens ergibt für die
-Experimentierenden im andern Raume richtig „drei“.</p>
-
-<p>Ein zweiter analoger Versuch, bei dem O. seine Uhr nebenan auf zehn
-stellt, mißlingt allerdings, indem der Kasten auch diesmal nur drei
-Schläge tut.</p>
-
-<p>Gegen 9 Uhr abends wird die Sitzung infolge äußerster Erschöpfung aller
-Anwesenden abgebrochen.</p>
-
-<p>So das Protokoll, das von O. in ähnlicher Fassung festgestellt und
-auf seinen Wunsch von sämtlichen Zeugen als richtig anerkannt und
-unterschrieben worden ist.</p>
-
-<p>Nun einige kritische Bemerkungen dazu.</p>
-
-<p>Die Beschaffenheit der äußeren Umstände brachte es mit sich, daß es
-sich für mich bei dieser ersten Probesitzung in keiner Weise um eine
-„Entlarvung“ handeln konnte. Bei den bedenklichen Dingen, die mir O.
-von den Experimenten seiner Frau Töpfer erzählte, mußte ich allerdings
-an bewußte Täuschung seitens des Mediums denken, wenn gewöhnliche<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span>
-Erklärungen zulässig sein sollten. Bei unsrem Freunde selbst aber
-konnte lediglich unbewußte Selbsttäuschung ins Spiel kommen. Diese galt
-es zu beobachten und das erforderte ein sehr vorsichtiges Prüfen.</p>
-
-<p>Während jener ersten halben Stunde, in der, wie erzählt, durchaus
-nichts sich ereignete, das Kästchen vielmehr regungslos unter den sechs
-Händen von Wille, O. und mir lag, hatte ich hinlänglich Zeit, mir über
-einen gewissen Feldzugsplan klar zu werden.</p>
-
-<p>Wenn das Kästchen sich ohne mein Zutun bewegte, so war dreierlei
-möglich; entweder es mischte sich wirklich eine fremde Kraft, sagen wir
-also einmal, ein „Geist“, in die Sache; oder winzige, mit Bewußtsein
-nicht kontrollierbare Zuckungen und Druckdifferenzen aller Beteiligten
-brachten in der Weise, wie längst von Physikern (Faraday z.&#160;B.) das
-Tischrücken erklärt worden ist, allmählich eine Bewegung zustande; oder
-Freund O. arbeitete im leidenschaftlichen Drange, Bewegungen bestimmter
-Art zu sehen, ohne eigenes Wollen mit und dirigierte den Kasten.</p>
-
-<p>Von Wille durfte ich annehmen, daß er vollkommen passiv blieb und bloß
-vermöge der größeren Schwere seiner Hände den zweiten Fall beeinflussen
-konnte.</p>
-
-<p>Nun zeigte sich lange Zeit überhaupt nichts. Geister schienen nicht
-da zu sein, jene unwillkürliche Muskelbewegung (die ich bei späteren
-Gelegenheiten, wo Wille und ich allein experimentierten, in voller
-Wirkung gesehen habe) ließ sich wenigstens für diesen Anfang noch nicht
-verspüren.</p>
-
-<p>Nunmehr stellte sich bei mir folgender Gedankengang ein.</p>
-
-<p>Es war psychologisch unwahrscheinlich, daß die Selbsttäuschung bei
-O. so weit gehen würde, daß er selbständig das Kästchen zu schieben
-begann. Dagegen sprach alles dafür, daß er, wenn einmal die geringste
-Bewegung sich gezeigt, die Herrschaft über seine Hände so weit
-verlieren würde, daß er jetzt auch aktiv eingriff.</p>
-
-<p>Ich beschloß also, einen Anstoß zu geben, gleichsam als psychologische
-Falle, und ich hatte dabei zugleich ein lebhaftes<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> Interesse an
-Feststellung der größeren oder geringeren Leichtigkeit, mit der man
-absichtlich eine Bewegung hervorbringen könne.</p>
-
-<p>Die Leichtigkeit, so zeigte sich sofort, war die denkbar größte.</p>
-
-<p>Ich brauchte nur den minimalsten Seitendruck mit der Fläche irgend
-eines Fingers auszuüben, so rückte der Kasten. Mir selbst war
-es vollständig unmöglich, an der Oberseite meiner fest auf dem
-Deckel schwebenden Hände irgend welche Bewegung bei diesem Drücken
-wahrzunehmen. Drückte ich mit dem kleinen Finger der linken Hand, so
-rutschte das Kästchen nach rechts, und umgekehrt.</p>
-
-<p>Für O. aber hatte ich absolut richtig gerechnet. Sobald einmal die
-Bewegung da war, fühlte ich das lebhafteste Mitarbeiten von seiner
-Seite her.</p>
-
-<p>Ich konnte nun die eigenen Hände ganz aufheben, das Kästchen lief doch,
-und bei der Leidenschaft, die unsern Freund ergriffen, sah man sogar
-deutlich jetzt das Arbeiten seiner Hand darauf.</p>
-
-<p>Je schneller der Kasten lief, desto mehr fühlte ich selbst, wie die
-Entscheidung, ob ich drückte oder bloß folgte, immer schwerer wurde,
-und da es den übrigen Teilnehmern ebenso ging, so hat von einem
-bestimmten Punkte ab, wo die Kette größer war, zweifellos jeder bald
-mitgeschoben, bald im Wunsche, nicht zu schieben, sondern bloß zu
-folgen, unbewußt gehemmt oder dem Gange eine neue Richtung gegeben.
-Vollends beim Kreisen der Schachtel kreisten alle Arme und Hände
-unwillkürlich derartig mit, daß man die Schachtel getrost hätte
-wegnehmen können und doch noch einen Augenblick unsre leeren Hände wie
-toll hätte durch die Luft herumwirbeln sehen.</p>
-
-<p>So viel zur Erläuterung des „Ur-Phänomens“, wie es Goethe genannt haben
-würde.</p>
-
-<p>Nun zu Einzelheiten.</p>
-
-<p>„Geklopft“ hat es in dem Kasten niemals. Das kam in klassischer
-Vollendung erst bei der später zu schildernden Sitzung<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> mit jenem
-echten Medium vor, und hier ist es uns zweifellos geworden, daß
-bewußter Betrug im Spiele war.</p>
-
-<p>Ein Knistern und Krachen im Holze ließ sich dagegen wiederholt
-vernehmen, ich konnte es ebenso wie die Bewegung in jedem beliebigen
-Moment durch bewußte Konzentrierung des Druckes erzeugen, und von den
-andern ist es unbewußt mehrfach auf die gleiche Weise hervorgebracht
-worden.</p>
-
-<p>Wenn Freund O. mit ziemlich bedeutender Kraft seines Zeigefingergelenks
-auf den ohnehin an einer Stelle brüchigen Kasten schlug, so war es
-durchaus kein Wunder, wenn beim folgenden Hinhorchen ein schwaches
-Knistern in den sich wieder aufrichtenden Fasern des dünnen Deckels dem
-Ohre bemerkbar wurde.</p>
-
-<p>Das Hinrutschen der Schachtel zu irgend einem der Anwesenden ist
-mehrmals von mir selbst bewußt beeinflußt worden.</p>
-
-<p>In andern Fällen hat jedenfalls unbewußtes Ziehen einzelner
-stattgefunden, da bei noch soviel Skepsis doch der eine oder der andere
-im entscheidenden Moment, wo es sich darum handelte, wen der Geist
-für das größte anwesende Medium erklären werde, im Zwange der kleinen
-harmlosen Eitelkeit stand, er selbst möchte der Erwählte sein.</p>
-
-<p>Den eklatanten Treffer, daß Julius Hart, den der außerhalb des
-Kreises stehende Heinrich sich in Gedanken ausgewählt hatte, vom
-Kästchen begrüßt wurde, verdankte man lediglich mir; bei so wenigen
-Möglichkeiten war das zufällige Treffen leicht genug gemacht, und ich
-hatte auf das Nächstliegende, den Bruder, geraten.</p>
-
-<p>Nachdem ich nun in der genannten Weise genügend auf eigene Faust in die
-Phänomene hineinexperimentiert, beschloß ich, für den Rest der Sitzung
-bloß noch zu beobachten, und nahm der schärferen Kontrolle wegen an den
-nächsten Experimenten überhaupt nicht mehr aktiv teil. Ich schützte
-Ermattung vor und trat aus der Kette aus.</p>
-
-<p>Es folgten die Kunststücke an der Tischkante. Wie vorhin das Schieben,
-so war jetzt das Überkippen- und Aufschlagenlassen der Schachtel ein
-Kinderspiel für jeden Beteiligten, ja<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> es war noch leichter gemacht,
-da das Kästchen in der äußersten Schwebe hing und sich niederbog, wenn
-einer auch nur den Gedanken hatte, es solle es tun, — und dabei war
-die Nervosität in sämtlichen beteiligten Fingern jetzt eine derartige
-geworden, daß die Kontrolle durch das Bewußtsein fast nicht mehr
-möglich war.</p>
-
-<p>Folgendes ist im einzelnen zu der seltsamen Antwort „Von Geist
-Heochios“ zu sagen.</p>
-
-<p>Das — den andern ziemlich unerwartete — „von Geist“ hatte sich
-Heinrich Hart, dessen Hände an der kritischen Stelle lagen,
-eingestandenermaßen als mögliche Antwort gedacht und nahezu mit
-Bewußtsein erzeugt.</p>
-
-<p>Bleibt noch das famose „Heochios“.</p>
-
-<p>Dieses Wort ist nach unserm (d. h. der Beobachter) einstimmigem Urteile
-ein Produkt der verschiedensten Einflüsse.</p>
-
-<p>Heinrich Hart gibt an, er habe „Hart“ herausbringen wollen, das „a“
-jedoch verpaßt und den Rest dann dem Zufall und den andern überlassen.</p>
-
-<p>Ein Erklärung aus „reinem Zufall“, in dem doch ein gewisser logischer
-Zwang steckte, ließe gerade die Entstehung des H., wie ich nebenbei und
-für analoge Fälle erwähnen will, auch zu. Man bedenke, daß acht Hände
-auf dem lose schwankenden Kasten liegen. Einer zählt laut das Alphabet
-her. Jeder erwartet, daß bei irgend einem Buchstaben die Schachtel
-sich beugen werde. Anfangs wartet jeder. Die ersten Buchstaben
-gehen vorüber, die Spannung wächst. Es liegt eine psychologische
-Wahrscheinlichkeit darin, daß gerade in der Gegend vom H., also am Ende
-ungefähr des ersten Drittels vom Alphabet, ein Höhepunkt eintritt, bei
-dem einem in der Kette die Hände entweder ganz lose oder ganz schwer
-werden; sobald das aber erfolgt, klappt das Kästchen auf, und daß es
-dreimal klappt, ist unvermeidlich, teils weil jeder erwartet, es müsse
-dreimal klappen, und teils schon, weil überhaupt durch den Rückstoß ein
-Geschaukel entsteht, das wiederholt sogar zu vier oder fünf Schlägen
-führte. Ein oder zwei<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> Schläge mehr gelten aber nur als besondere
-Bestätigung seitens des Geistes.</p>
-
-<p>Beim Suchen nach dem zweiten Buchstaben durch erneutes Hersagen des
-Alphabetes ist dann mit höchster Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß
-ein Vokal und nicht ein Konsonant kommen wird. Jeder hat, er mag wollen
-oder nicht, im Kopfe sich irgend eine oder auch mehrere Fortsetzungen
-zu dem H gebildet, bei denen allen aber natürlich ein Vokal folgt. Daß
-gerade E, der zweite Vokal, kommt, liegt auch wieder nahe, bei A will
-jeder noch abwarten, bei E ist die Spannung schon genügend gesteigert,
-bei I würde die Wahrscheinlichkeit vollends ganz groß sein, da die
-meisten sich kaum noch weiter werden bezwingen können, die Erwartung
-„Jetzt muß es kommen“ wird zu stark.</p>
-
-<p>O und C mögen mehr durch Zufall entstanden sein, obwohl die Vermutung,
-es komme ein ans Griechische anklingender Name, jetzt bereits
-ausgesprochen war und einer laut auf „Henoch“ geraten hatte, womit O in
-den Ohren klang.</p>
-
-<p>H nach C ist einfach selbstverständlich, die griechische Endung
-erschien unter dem Zwange des laut eingestandenen „Das muß kommen, da
-es unbedingt ein griechischer Name ist!“</p>
-
-<p>Dem „Südosten“ ging die Vermutung voraus: es braucht nicht direkt
-Griechenland zu kommen, es kann auch Kleinasien oder sonst so etwas
-werden.</p>
-
-<p>Bei M mag einer an Makedonien oder Medien gedacht haben, doch
-entstanden bei diesem allzu bestätigenden Fortgang jetzt offenbar
-selbst bei O. Zweifel, ob unsre Gedanken nicht beeinflussend wirkten,
-jeder beeiferte sich, einmal ganz und gar nichts zu tun, und — sofort
-stand die Maschine wirklich still.</p>
-
-<p>Das Experiment mit der Uhr endlich ist ohne alle Beweiskraft, da
-in beiden Fällen lediglich der gewohnte Rhythmus der drei Schläge
-wiederkehrte; als der Zeiger zufällig auf drei wies, ergab sich eine
-Übereinstimmung, bei zehn blieb sie ebenso naturgemäß aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p>
-
-<p>Der Leser wird den Kopf schütteln über diese Haarspaltereien.</p>
-
-<p>Und doch ist diese Zergliederung grade der allereinfachsten
-spiritistischen Kunststücke das unbedingt Nötige als Vorschule zur
-Auflösung der schwierigeren Probleme.</p>
-
-<p>Der Fundamentalfehler, der immer wieder begangen wird und dem dann
-selbst gute geschulte Beobachter erliegen, ist, daß man gleich ein
-Medium der hohen Schule prüfen will, ein ungeheures Raffinement in
-verwickeltsten Kunststücken überwinden zu müssen glaubt und dann
-grade durch die ganz einfachen, haarsträubend simplen Sachen, die man
-als zu einfach gar nicht in Rechnung zieht, überlistet und gefangen
-wird. Fritz Schultze, der ein an Material ziemlich reichhaltiges,
-dafür im Raisonnement allerdings schwaches und stellenweise ziemlich
-ungeschicktes Buch gegen den Spiritismus geschrieben hat (Die
-Grundgedanken des Spiritismus. Leipzig, Günthers Verlag, 1883), hat bei
-Gelegenheit dieses Punktes nicht mit Unrecht an eine Kriminalnovelle
-Edgar Poes erinnert, in der ein wichtiger Brief gerade deswegen von der
-Polizei, die doch jeden Winkel des Hauses durchstöbert, nicht gefunden
-wird, weil er gar nicht versteckt ist, sondern offen vor jedermann auf
-dem Tische liegt.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Nachdem die Ergebnisse der ersten Sitzung bei O. im engeren Kreise der
-unbefangenen Beobachter genügend durchgesprochen waren, kam es acht
-Tage später zu einem zweiten Experiment.</p>
-
-<p>Bruno Wille und ich hatten diesmal ein Stichwort „Merkwürdig“
-verabredet, das zur Kontrolle für den andern dienen sollte, wenn der
-eine mit Bewußtsein und zum Zwecke irgend einer Probe oder Falle in die
-Handlung eingriff.</p>
-
-<p>Zunächst wurden noch einmal die meisten Phänomene der vorigen Sitzung
-der genaueren Bestätigung wegen wiederholt, wobei zur Abwechslung
-an Stelle des Uhren-Experiments das Kästchen heute angeben sollte,
-wieviel Kleingeld sich in meinem und in einem zweiten Falle in Willes
-Portemonnaie befinde.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p>
-
-<p>In beiden Fällen wußte ich die Zahl nicht genau, habe aber doch durch
-leichte Drucknachhilfe einmal genau und einmal beinah das richtige
-Resultat hervorgebracht, zum guten Beweise dafür, wie leicht auf
-Grund auch nur annähernd richtiger Kombination einiger bekannter
-Anhaltspunkte das genau richtige Erraten der Wahrheit gemacht wird und
-wie gutmütig der Zufall in solchen Fällen auszuhelfen pflegt, wenn man
-nur den Mut hat, überhaupt zu raten.</p>
-
-<p>Der wesentlichste Fortschritt in dieser zweiten Sitzung war aber in
-einem Experiment mit dem „spiritistischen Schreibapparat“ gegeben.</p>
-
-<p>Dieser Apparat besteht in einem runden Holzplättchen, das eben gerade
-Raum für zwei aufgelegte Handflächen bietet, und an dessen unterer
-Seite drei Stützen (gewissermaßen drei Stuhlfüßchen) angeleimt sind;
-eine dieser Stützen ist ein Bleistift. Man setzt das Ganze auf einen
-großen Bogen weißen Schreibpapiers. Einer legt die Hände auf die
-Platte und eventuell noch ein zweiter seine auf die des andern,
-und dann erwartet man regungslos das Eintreten einer Bewegung des
-Holzapparats, die den Bleistift aufkratzen läßt und so, bei korrekter
-„Geisterführung“, eine Schrift hervorbringt, — eine „Geisterschrift“
-mit individueller „Geisterhandschrift“ und einem vom „Geiste“ gewollten
-Inhalt.</p>
-
-<p>Freund O. hatte seine Hände kaum auf die Holzplatte gelegt, als der
-Apparat auch bereits mächtig zu wirbeln begann.</p>
-
-<p>Der Bleistift beschrieb eine große Spirale und raste dann förmlich
-über das Papier dahin, den Bogen mit kindlich ungeschickten, aber doch
-lesbaren Buchstaben bedeckend.</p>
-
-<p>Aber O. klagte dabei selbst, er fürchte unbewußte Selbsttäuschung, er
-„schreibe nur, was er denke“. Ein andrer möge an seine Stelle treten,
-vielleicht hätten wir ein noch unerkanntes gutes „Schreibmedium“ unter
-uns.</p>
-
-<p>So legte ich denn meine Hände auf, er wollte seine eigenen nur lose
-darüber legen, „um die Kraft zu verstärken“. Ohne daß ich im geringsten
-bewußt mithalf, kamen auch jetzt mehrmals lange Schriften zu stande.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p>
-
-<p>„Gott zum Gruß“, begann jede der Offenbarungen, dann folgten ein paar
-allgemeine Redensarten und zum Schluß, Wunder über Wunder, kam zweimal
-mit gewaltigen Lettern die famose Unterschrift „Heochios“!</p>
-
-<p>O. war entzückt, da er diese Fälle, wo seiner Ansicht nach unbedingt
-nicht er geschrieben hatte, ich aber bestimmt versichern konnte, auch
-nicht absichtlich hineingearbeitet zu haben, für beweisend hielt sowohl
-für die Existenz eines uns umschwebenden Geistes Heochios, als auch für
-meine Befähigung zum Schreibmedium.</p>
-
-<p>So weit auch hier wieder der rein äußerliche Sachverhalt und Folgendes
-zur Aufklärung.</p>
-
-<p>Von den drei oben erwähnten Erklärungsmöglichkeiten: Geist,
-unwillkürliche Muskelbewegung, Selbsttäuschung, die äußerlich zum
-entscheidenden Mitwirken wird, fällt die mittelste hier von vornherein
-fort. Wenn ich — ich habe es in einer der nächsten Sitzungen bis zur
-Dauer von 20 Minuten fortgesetzt — meine Hände ohne O. auf den Apparat
-legte, so ergaben sich nachher die Spuren dieser Muskelzuckungen auf
-dem Papier als eine ganz kleine, blitzartig zackige Linie, die aus
-einzelnen Punkten gebildet schien und aus der, wie ich annehmen muß,
-bei einem gesunden Menschen niemals auch nur ein einzelner Buchstabe
-hervorgehen könnte, geschweige denn eine fortlaufende Schrift, die am
-Zeilenende von selbst absetzt und eine neue Reihe anfängt.</p>
-
-<p>Mit vollkommenster Deutlichkeit dagegen fühlte ich, sobald O. seine
-Hände auf meine legte, wie er drückte, über meine sehr kleine Hand
-mit seiner weit größeren weggriff und wie er nach allen Regeln der
-irdischen Physik so die Schrift selbst zustande brachte.</p>
-
-<p>Das scheint mir ein Maximum von Selbsttäuschung, das im höchsten Grade
-interessant ist.</p>
-
-<p>Freund O., so muß ich mir den Fall erklären, hat bei Frau Töpfer, die
-bewußt täuschte, oftmals gläubig dem Schreiben zugesehen. Er hat sich
-die traditionellen Formeln des Geisterschreibens (das Beginnen mit der
-Spirale etc.)<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> gradezu in Fleisch und Blut übergehen lassen, er hat
-jene Beigaben auswendig gelernt, wie das „Gott zum Gruß“, das der wohl
-hauptsächlich amerikanischen Verquickung des spiritistischen Versuchs
-mit frömmelndem Sektiererwesen seinen Ursprung verdankt. Er hat dann in
-Mußestunden mit Bewußtsein Proben angestellt, wie man mit dem Apparat
-schreiben muß, — ohne diese Schulung wäre es nicht möglich, daß er es
-überhaupt so glatt fertig brächte.</p>
-
-<p>Das alles hat er getan mit dem sehnsüchtigen Wunsche, eines Tags möchte
-nicht seine Hand den Apparat, sondern der Apparat wirklich seine
-Hand führen. Als er nun meine Hände statt des Holzdeckels unter sich
-fühlte, vollzog sich in der Leidenschaft der psychologische Prozeß
-der Selbsttäuschung, er glaubte nicht mehr aktiv zu sein, und dennoch
-schrieb er in Wahrheit selbst, er schrieb mechanisch dasselbe nieder,
-was er so oft in letzter Zeit zur Probe mit Bewußtsein geschrieben, und
-er schrieb den Namen Heochios unter das Ganze, weil ihm dieser seit
-acht Tagen beständig auf der Zunge schwebte und weil er fest erwartete,
-ein Geist Heochios führe den Apparat.</p>
-
-<p>Unsere kühle Erklärung der Entstehungsgeschichte jenes unglücklichen
-Spruchs „Von Geist Heochios“ existierte ja nicht für ihn, ihm war
-Heochios ein wirklich erschienener Geist.</p>
-
-<p>Ich habe so viel Worte gebraucht, um für den Fall unseres Freundes, bei
-dem ich nicht den geringsten Grund habe, <span class="antiqua">mala fides</span> vorauszusetzen,
-die Selbsttäuschung wahrscheinlich zu machen. Jetzt bedenke man
-aber die Chancen, die bewußte Täuschung in analogen Fällen mit
-einer zweifelhafteren Persönlichkeit notwendig gerade bei diesem
-„Geisterschreiben“ hat. Die Möglichkeiten sind gar nicht auszudenken.</p>
-
-<p>Nur kurz erwähnen will ich die Ergebnisse einer dritten Sitzung, bei
-der ich mehrere Stunden lang mit O. allein experimentierte, ohne
-nennenswerte Erfolge zu erzielen.</p>
-
-<p>Wir berührten Grenzgebiete des eigentlichen Spiritismus: Gedankenlesen
-und Telepathie.</p>
-
-<p>Jene wissenschaftliche, leicht erklärliche Art des groben<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span>
-Gedankenlesens — Auffinden eines von A. versteckten Gegenstands durch
-B. dadurch ermöglicht, daß B. den A. bei der Hand nimmt und beim
-Durchwandern des Zimmers am Zucken dieser Hand und ihrem unbewußten
-Ziehen oder Widerstreben den Ort ermittelt, wo der Gegenstand liegt —
-gelang auffallend gut, wenn ich der Suchende war und O. der unbewußt
-Führende.</p>
-
-<p>Doch hier lag, wie gesagt, absolut nichts Mystisches vor, da diese
-Dinge überzeugend auch von Nicht-Spiritisten öffentlich vorgeführt
-worden sind.</p>
-
-<p>Eine heiklere Sache ist aber schon die echte sogenannte „Telepathie“
-(Fern-Empfindung). Hier denkt einer der Beteiligten sich möglichst
-lebhaft eine Figur, eine Zahl oder Ähnliches, und der andre rät
-angeblich ohne Handberührung das Gedachte, d. h. es findet der Theorie
-nach eine „mystische Fernwirkung von Seele zu Seele“ statt, bei der
-das Vorstellungsbild sich ohne Hilfe der physikalischen Wege und der
-Sinnesorgane von Gehirn zu Gehirn überträgt, ohne Luft- und Lichtwellen
-also und ohne Auge und Ohr.</p>
-
-<p>Für unsern Fall kann ich nur feststellen, daß die Experimente
-dieser Art bei O. ebenso mißlungen sind, wie sie vorher und nachher
-ausnahmslos mißlangen, als ich mit Wille allein und mit andern Versuche
-anstellte.</p>
-
-<p>Zufällige Annäherungen beim Raten sind vorgekommen, beweisen mir aber
-gar nichts. Wenn ich mir eine 8 dachte und O. einen ganzen Bogen mit
-allerlei Kreisen, Spiralen und sonstigen Krackelfüßen bedeckte und
-unter denen in der Tat auch einmal eine brezelartige Verschlingung, die
-an eine 8 gemahnte, auftauchte, so wird man nicht verlangen, daß ich
-dem irgendwelche Beweiskraft beimesse.</p>
-
-<p>Etwas Besseres aber habe ich nicht gesehen, und die schönen
-Figurentafeln in der spiritistischen Zeitschrift Sphinx, die von dem
-fabelhaften Glück anderer, spiritistisch gläubiger Beobachter Zeugnis
-ablegen sollen, treffen bei mir also vorläufig auf eine unerschütterte
-Skepsis.</p>
-
-<p>Doch zurück zur Hauptsache, zu den eigentlichen Medien<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> und ihren
-Gespenstern. Eine besondere Einladung von seiten unseres Freundes
-versammelte uns an einem Montag in O.s Wohnung, um endlich denn auch
-das große Orakel, das altbewährte Medium, Frau Valeska Töpfer, selber
-in Augenschein zu nehmen und auf seine Wunderkraft zu prüfen.</p>
-
-<p>Etwa eine Stunde lang hatten wir Zeit, uns auf einen würdigen Empfang
-vorzubereiten, da O. sich erst, nachdem wir bereits vollzählig
-erschienen waren, auf den Weg machte, um die ehrwürdige Dame zu uns zu
-geleiten.</p>
-
-<p>Wir verabredeten uns inzwischen von neuem auf das Stichwort
-„Merkwürdig“, und wir schwärzten einen genau bezeichneten Papierbogen
-über der Lampe, damit die Geister materialisierte Hände oder Füße in
-der Weise, wie es bei Zöllner geschehen, darauf abdrücken könnten.</p>
-
-<p>Der Gedanke ergötzte uns im voraus, es möchte auch heute wieder jener
-treffliche „Heochios“ auftreten, was denn wohl dem Faß sofort den Boden
-ausschlagen müßte.</p>
-
-<p>Im ganzen aber schuf doch auch heute die zu erwartende Nähe
-einer fremden Persönlichkeit eine beklommenere Stimmung, die bei
-einigen durch etwas überraschendere Leistungen leicht in höchste
-Empfänglichkeit für Mystik hätte gesteigert werden können.</p>
-
-<p>Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit erschien die Seherin, und
-zwar nicht bloß von O., sondern merkwürdigerweise auch von ihrem Mann
-begleitet.</p>
-
-<p>Sie selbst eine mittelgroße, ziemlich beleibte Dame mit spitzer
-Nase, kleinen Augen, das Gesicht gepudert, die ergrauenden Haare
-glatt emporgeknotet, — der Herr Gemahl ein kleiner Berliner
-Grünkrambesitzer, dessen erste Äußerung darin bestand, daß er sich ein
-Glas Bier erbat.</p>
-
-<p>Wir nahmen in langer Kette um den Tisch, auf dem die Lampe stand,
-Platz, leider, wie Frau Töpfer sogleich bemerkte, auf tiefen Sesseln,
-die für solche Sitzungen höchst ungeeignet seien.</p>
-
-<p>Die Luft, so wurde im übrigen zugestanden, sei bereits<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> stark
-„mediumisiert“, es müßten „kräftige Naturen“ unter uns sein.</p>
-
-<p>In der Tat begann es denn auch, da wir kaum einen Augenblick unsere
-Hände auf den Tisch gelegt, sehr vernehmlich irgendwo zu pochen, bald
-dumpf, bald lauter, und die Täuschung, der das Gehör in Bezug auf die
-Richtung des Schalls unterlag, war eine vollkommene. Der eine riet auf
-die Wand hinter dem Rücken der Frau Töpfer, ein andrer auf den Ofen,
-bisweilen schienen die ganz dumpfen Laute sogar aus dem Nebenzimmer zu
-kommen.</p>
-
-<p>Man muß dieses Klopfen im eigenen Zimmer mit Muße durchprobiert haben,
-um die Erkenntnis zu erlangen, daß das falsche Lokalisieren die Regel
-ist, und daß verschieden starke Pochlaute, die unmittelbar vor uns
-unter dem Tisch erzeugt werden, in Wahrheit aus den verschiedensten
-Richtungen und Entfernungen zu kommen scheinen.</p>
-
-<p>Ich glaube, jeder empfand im Moment, daß Frau Töpfer die Sache äußerst
-geschickt mache, aber nichts sprach dagegen, daß sie die einzige —
-allerdings bewußt täuschende — Quelle dieser Geisterstimmen sei.
-Ihre eigenen Füße wie die ihres Mannes waren unsichtbar unter der
-Tischplatte verborgen, dank dem festen Kettebilden aller, und ob sie
-sonst noch besondere Apparate unter den Kleidern verborgen trug, war
-selbstverständlich erst recht nicht zu ermitteln.</p>
-
-<p>Unsre Mienen mochten das denn auch ziemlich deutlich erkennen lassen,
-denn nach dem günstigen Anfang trat eine Stockung ein, die Pochlaute
-blieben dumpf und undeutlich, die Frau erklärte: „So kann ich’s nicht
-leiden! Dabei wird mir’s unheimlich!“</p>
-
-<p>Der Tisch machte plötzlich zur Abwechslung einen Ruck auf Wille
-zu (Frau Töpfer schob zweifellos kräftig mit dem Fuße), aber auch
-hier schien der rechte Mut zu mangeln, vor allem hob sich der Tisch
-keineswegs empor, wie es sonst in Sitzungen bei dem Medium nach O.s
-Aussage überraschend zu gelingen pflegte.</p>
-
-<p>Nunmehr ergriff aber der Gemahl das Wort, er schalt<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> auf die Geister
-energisch ein und rief endlich im derbsten Tone: „Na, wollt Ihr jetzt
-oder nicht? Ich verlange, daß Ihr Euch jetzt anständig betragt und was
-tut, sonst warten wir nicht mehr.“ Er wurde so grob, daß die Frau ihn
-beschwichtigen mußte. „Laß doch, sie werden sonst ganz böse.“</p>
-
-<p>Wozu diese ganze Posse diente, weiß ich nicht. Jedenfalls wirkte sie
-auf uns unsäglich lächerlich und als das beste Mittel, jede ernsthafte
-Stimmung dauernd zu zerstören.</p>
-
-<p>Die Scherze aus unserm Kreise mehrten sich auch so, daß die
-Hexenmeisterin sich wohl bewogen fühlen mochte, rasch etwas
-vorzuführen, um wieder Spannung zu wecken.</p>
-
-<p>Sie meinte plötzlich, der große Tisch sei den Geistern (ihren Füßen!)
-zu schwer, es wurde also ein kleiner sogenannter stummer Diener
-herangeholt, der unter der oberen Platte zwischen den vier Füßen noch
-eine zweite Platte zum Tragen von Büchern oder Nippessachen hatte.</p>
-
-<p>Dieser Tisch war denn nun ein wahres Ideal, wenn es sich darum
-handelte, durch geschickt verdeckte Bewegungen ruckweises Wandern oder
-sogar scheinbares Emporfliegen zu bewerkstelligen.</p>
-
-<p>Der Bodenteppich wurde entfernt, um kein Hemmnis beim Rutschen zu
-geben, auf das Tischchen wurden ein Bogen Papier und ein Bleistift
-gelegt und unter den Tisch gleiches Material. An dem letzteren geschah
-nichts, da wir zu gut kontrollierten. Man sah wohl den Schuh der
-Frau T. danach langen, auch erklärte sie einmal, einen Lichtschein
-unten zu sehen (wohl um unsere Aufmerksamkeit von irgendetwas anderm
-abzulenken), gleichwohl erfolgte nichts.</p>
-
-<p>Theoretisch wäre es ja nicht gerade allzu schwer gewesen, trotz unsres
-Aufpassens im guten Moment mit einem schon vorher präparierten und in
-die Stiefelsohle geklemmten Bleistiftspitzchen auch diesen Bogen mit
-einer lesbaren Schrift zu bedecken.</p>
-
-<p>Über dem oberen, offen aufliegenden Blatt bekam die Hand der Frau
-natürlich sofort „Führung“, es entstanden wieder folgerichtig jene
-berühmte Spirale, das „Gott zum<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Gruß“ und ein paar ähnliche alberne
-Phrasen, wie sie O. stets geliefert hatte. Die Unterschrift lautete
-„Werner“.</p>
-
-<p>Das letztere war offenbar eine Art von Probepfeil. Es wurde
-rundgefragt, ob keiner einen Bekannten dieses Namens besitze, was
-zufällig einmal nicht der Fall war. Der Name „Müller“ dürfte für dieses
-„Experiment ins Blaue“ allerdings noch empfehlenswerter sein.</p>
-
-<p>Wille erhielt im weiteren auf eine Frage nach seinem Bruder durch
-Klopflaute den Namen „Gustav“, und die Geisterschrift auf dem Blatte
-meldete, Gustav sei auf dem Schlachtfelde gestorben. Beides, Name wie
-Tatsache, war unrichtig, der einzige Bruder lebte und hieß anders.</p>
-
-<p>Wille ging indessen mit scheinbarer Erregung auf die Sache ein, und
-von da ab verstärkte sich der Mut der Töpfer — und mit dem Mut kamen
-verstärkte Wunder.</p>
-
-<p>Der „Zimmermann“ begann jetzt im Tische zu rumoren.</p>
-
-<p>Um zu verstehen, um was es sich hier handelte, muß man Kenntnis
-nehmen von der unsäglichen Einförmigkeit und Enge der Phantasie, die
-in diesen spiritistischen Zirkeln herrscht. Wie das berühmte Kölner
-Hänneschen-Theater, so hat jedes Medium seine paar stereotypen Rollen,
-die immer wiederkehren, seine drei oder vier Spezialregister, auf
-die es eingedrillt ist. So bei Frau Töpfer die kleine „Abila“, der
-Schutzgeist „Zwibos“ und der „Zimmermann“.</p>
-
-<p>Das Nahen des letzteren betätigte sich durch sägende und hobelnde
-Geräusche im Tisch, endlich auf Verlangen durch ein gewaltiges
-Gepoche, wie wenn jemand einen Nagel einschlüge, — übrigens keine
-einzige Leistung in allem, die nicht Wille und ich später zu Hause
-hätten annähernd ebenso täuschend durch unmerkliches Nagelkratzen und
-Bewegungen der Füße hervorbringen können.</p>
-
-<p>Schließlich fuhr der Poltergeist noch in die Hand des Mediums und
-schrieb mit eckigen Zügen und schlechter Orthographie ein paar Sätze
-auf ein Blatt, unterzeichnet: „Hunger, Chemnitz, Neue Gasse“.</p>
-
-<p>Von neuem begann nach diesem der Tisch zu schwanken.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p>
-
-<p>Meine laut ausgesprochene Befürchtung, die Petroleumlampe möchte dabei
-zu Schaden kommen, wurde zuerst mit der Versicherung abgewiesen:
-„Und wenn der Tisch sich auf den Kopf stellt, die Lampe fällt bei
-Geistermanifestationen niemals.“</p>
-
-<p>Gleich darauf, als Wille mit dem Rufe „merkwürdig“ den gegen
-ihn anrückenden Tisch selbsttätig etwas herabdrückte, wurde die
-Versicherung aber eilfertig eingeschränkt durch Zugeben von
-„unberechenbaren Ausnahmen“, und der Mann setzte die Lampe jetzt selbst
-vorsorglich auf das Klavier.</p>
-
-<p>Der leichter gewordene Tisch spazierte nunmehr durch das halbe Gemach,
-es kam aber auch jetzt nicht zum Fliegen.</p>
-
-<p>Ein sehr gelungenes Kunststück bei dieser Gelegenheit bestand darin,
-daß Frau Töpfer, wie mehrere von uns deutlich sahen, mit weit
-zurückgerecktem Fuße einen etwas entfernt stehenden Schaukelstuhl
-heranriß und gleich darauf höchst verwundert ausrief: „Sehen Sie bloß,
-der Stuhl ist uns allein nachgekommen!“</p>
-
-<p>Damit schloß der erste Akt der Sitzung.</p>
-
-<p>Eine Pause wurde benutzt, jenes oben erwähnte geschwärzte Papier unter
-das Sofa zu legen und vermittelst eines vorgeschobenen Teppichs gegen
-jedes auffallende Licht abzuschließen.</p>
-
-<p>Ich will gleich vorausschicken, daß es dort unversehrt noch gegen
-Schluß des Ganzen gelegen hat. Während dieser Zeit hat zwar Herr Töpfer
-hartnäckig als unbeteiligter Zuschauer, zeitweise anscheinend sogar
-schlafend, seinen Platz auf diesem Sofa behauptet. Ferner ist das immer
-längere Zeit hindurch verdunkelt worden und alle Beobachter haben
-ihre Aufmerksamkeit andern Dingen zuwenden müssen, die sich entfernt
-vom Sofa abspielten. Anfangs hatte ich wohl beschlossen, nicht aus
-der gerade über dem Papier liegenden Sofaecke zu weichen, aber das
-konsequente Wegrücken des Tisches, auf dem doch meine Hände aufliegen
-sollten, hinderte mich an der Durchführung.</p>
-
-<p>So muß ich auch hier konstatieren, daß wohl die infolge andrer, gleich
-zu erzählender Umstände wieder wachsende<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Ängstlichkeit des Ehepaars
-es nicht zu einem Versuche dieser Art hat kommen lassen, daß aber
-die <em class="gesperrt">Gelegenheit</em> zu einem solchen auch diesmal so günstig war
-(der Mann konnte beispielsweise im Dunkeln sehr leicht an das Papier
-heranlangen und seine Hand oder auch ein im Rock verborgenes Wachsglied
-darauf drücken), daß ein wirklicher „Geisterabdruck“ uns kaum hätte
-überraschen dürfen.</p>
-
-<p>Die wichtigste wirkliche Episode im zweiten Teil unsrer Sitzung bildete
-eine „Dunkelsitzung“.</p>
-
-<p>Mit Ausnahme des Herrn Töpfer saßen wir alle in fester Kette, die Hände
-auf der Platte, um den kleinen Tisch. Die Vermutung war ausgestreut, in
-der Finsternis würden bei einzelnen in der Kette „Berührungen“ durch
-materialisierte Geister-Hände oder -Füße stattfinden, und zum Schluß
-werde der Tisch nun endlich emporfliegen.</p>
-
-<p>Es dauerte auch nicht lange, so hörte man Willes Stimme: „Es klopft
-dreimal an meinen Stiefel!“ und gleich darauf: „Es hat wieder geklopft,
-— sehr merkwürdig!“</p>
-
-<p>Was sich da, den andern unsichtbar, abgespielt, schildere ich so, wie
-es mir Wille unmittelbar nach der Sitzung berichtet hat.</p>
-
-<p>Er, der zur Rechten der Frau saß, ging von dem Gedanken aus, Frau
-Töpfer werde versuchen, mit ihren Füßen von unten her den Tisch zu
-heben. In aller Stille versuchte er also das dunkle Gebiet unter der
-zweiten (unteren) Tischplatte zu kontrollieren, indem er seinen rechten
-Fuß bis etwa in die Mitte vorschob. Der linke Fuß blieb lange nahe am
-Stuhl — wie man nicht vergesse: auf der Seite der Frau Töpfer.</p>
-
-<p>An der Spitze dieses linken Fußes nun verspürte er plötzlich eine
-Berührung: es klopfte dreimal hörbar auf das Leder. Allem Anschein nach
-ging die Berührung aus von dem Fuße der Frau Töpfer. Nicht lange und
-das Klopfen kam wieder, diesmal am Absatz von Willes linkem Fuß.</p>
-
-<p>Schnell entschlossen folgte er aber jetzt mit seinem Stiefel dem sich
-zurückziehenden Klopfer, er stieß richtig auf einen<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> echten andern
-Stiefel, und während er ihm einen leichten Tritt versetzte, fühlte er
-mit zweifelloser Deutlichkeit, wie der fremde Fuß unter die hörbar
-knitternden Röcke der guten Frau Töpfer zurückfuhr.</p>
-
-<p>Von diesem Moment an, der eine offenkundige Entlarvung wenigstens für
-einen der Beobachter umschloß, war Frau Töpfer vollkommen verstört,
-unruhig, traurig, jedermann merkte, daß etwas vorgefallen war, obwohl
-wir andern erst später erfuhren, was.</p>
-
-<p>Ein zweites Abenteuer bestand, nachdem die Frau jetzt in der ganzen
-Dunkelsitzung absolut nichts mehr zu unternehmen wagte, darin, daß der
-vorgeschobene rechte Fuß Willes mit einem plötzlich vorrückenden Fuße
-unsres Freundes O. dort zusammentraf.</p>
-
-<p>Hier war nun wiederum charakteristisch, den Grad der unbewußten
-Selbsttäuschung bei O. zu beobachten.</p>
-
-<p>O. bebte vor Ungeduld nach einer Geisterberührung. Wahrscheinlich
-ohne jede Spur von Willen, bloß im Drange, den Geistern sich als
-Objekt darzubieten, schob er seinen Fuß langsam bis in die Mitte des
-Raums unter dem Tische vor. Als er dabei auf Willes Stiefel stieß,
-durchzuckte es ihn übermächtig: „Jetzt muß es dreimal klopfen!“ Es
-klopfte in der Tat, aber sein eigener Stiefel war der Urheber, wie
-Wille, der vollkommen passiv blieb, genau feststellte.</p>
-
-<p>So hatten wir auch hier wieder Betrug und Selbstbetrug in schönster
-Blüte nebeneinander.</p>
-
-<p>Da aber schlechterdings nichts weiter kommen wollte, gesellte sich der
-Scherz hinzu — der Tisch flog plötzlich empor, so schön, daß jetzt
-selbst Frau T. hätte an echte „Geister“ glauben dürfen.</p>
-
-<p>In Wahrheit war der Urheber unser humorvoll veranlagter Freund Heinrich
-Hart, dem das Spiel längst zum Ekel geworden und der uns wenigstens den
-Gefallen tun wollte, zu zeigen, wie leicht die Sache sei.</p>
-
-<p>Der dritte Akt war der jämmerlichste von allen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p>
-
-<p>Frau Töpfer, die ihren Boden schwanken sah, wagte ein letztes
-Radikalmittel.</p>
-
-<p>Vor eine Ecke des Ateliers wurde ein weißes Leinentuch gespannt, hinter
-ihm nahm das Medium Platz. Sie sollte in „Verzückungsschlaf“ verfallen
-und Geisterstimmen sollten durch den Vorhang zu uns reden.</p>
-
-<p>Die Zuhörer setzten sich im Halbkreise vor das mystische Theater,
-Herr Töpfer hielt sich im Hintergrunde, anscheinend bereit, jeden
-Störenfried, der etwa an der Hülle zerren würde, zurückzuhalten; es
-bedurfte dessen nicht; was wir hörten, genügte vollauf....</p>
-
-<p>Zuerst ertönte ein zartes Kinderstimmchen: der Geist Abila.</p>
-
-<p>Die Stimme hatte sich Frau Töpfer offenbar bis zu vollkommener
-Meisterschaft eingeübt.</p>
-
-<p>„Gott zum Gruß, Brüder!“ begann auch diese Offenbarung. Das Geistchen
-redete mit jedem einzeln, bei jedem sah es „unsichtbare Brüder“
-(Verstorbene) stehen, die es beschrieb und bei denen es, wenn man
-fragte, Antwort holte. Aber die Weisheit Schön-Abilas hatte einen
-traurigen Fehler: ihre geistige Urheberin, Frau Töpfer, mußte blind
-raten, und sie riet entsetzlich schlecht.</p>
-
-<p>Bei Julius Hart sah Abila den Vater der Gebrüder stehen, er sollte
-Adolf heißen und ein leiblich sehr großer Mann sein. Der treffliche
-Vater Hart lebte aber, wie die meisten von uns wußten, in Wahrheit noch
-fröhlich unter dieser Sonne, er hieß weder Adolf, noch hatte jemals von
-ihm, einem kleinen beleibten Herrn, behauptet werden können, daß er ein
-Herkules sei.</p>
-
-<p>Bei mir stand meine Großmutter Lottchen und ließ mich an das letzte
-Gespräch erinnern, das wir beide miteinander geführt. Und auch hier
-paßte der Name nicht und vollends nicht die Tatsache, denn meine beiden
-Großmütter sind viele Jahre vor dem Tage gestorben, an dem ich das
-Licht der Welt erblickt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span></p>
-
-<p>Am meisten von allen interessierte sich Abila für den „dicken Bruder
-mit der Brille und den roten Backen“, nämlich Bruno Wille.</p>
-
-<p>Dieser Bruder lohnte nun freilich solche Liebe schlecht, denn
-anknüpfend an den famosen Bruder Gustav von vorhin, entlockte er durch
-geschickt zugespitzte Fragen der Frau Töpfer einen Kriminalroman voll
-grausigster Tatsachen. Ich erwähne nur, daß ein Onkel darin vorkam, der
-an „Galle, die ins Blut ging“, gestorben sein sollte. „Das ist in der
-Tat merkwürdig“, sagte Wille halblaut, „ein Onkel von mir ist am gelben
-Fieber gestorben.“</p>
-
-<p>Von einer Seite her wurde im Zuhörerraum ebenso halblaut, aber auch der
-Frau T. vernehmbar, angedeutet, das gelbe Fieber hänge wirklich mit der
-Galle zusammen.</p>
-
-<p>Zum Schluß gab sich der „Geist“ dann noch die böseste Blöße, die
-möglich war: er ermahnte den Bruder, doch nur ja nicht zu glauben,
-in der Dunkelsitzung vorhin habe der Schuh der Schwester Töpfer an
-seinen Stiefel geklopft: es sei ein echter materialisierter Geisterfuß
-gewesen. Überhaupt sollten wir alle nicht so viel zweifeln, sondern
-lesen und dann glauben lernen.</p>
-
-<p>Die alte Wahrheit: „Wer sich entschuldigt, ist’s gewesen!“</p>
-
-<p>Nach Abilas Verschwinden redete noch eine grobe Männerstimme, der Geist
-eines „Schusters aus Plauen“, durch den Vorhang.</p>
-
-<p>Hier verließen aber Frau Töpfer selbst ihre deklamatorischen
-Fähigkeiten, man hörte den Dialektklang ihrer eigenen Stimme störend
-deutlich durch.</p>
-
-<p>Ohnehin waren alle des dummen Spiels müde, man weckte das Medium, das
-nun zum Schlusse noch einmal in besonderer Weise, durch Ablesen von
-einem geschriebenen Alphabet mit Hilfe eines auftickenden Bleistiftes,
-einen Geist „Zwibos“ reden ließ. Er bestätigte unter ziemlich
-unverhohlener Heiterkeit der Hörer, jener Onkel Willes sei in der Tat
-am gelben Fieber gestorben.</p>
-
-<p>Wir hatten genug und gingen nach Hause.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p>
-
-<p>So weit meine alten Aufzeichnungen.</p>
-
-<p>Ich mag sie nicht durch Theorie abschwächen.</p>
-
-<p>Aber ich sage heute wie damals: mir graut vor einer „Weltanschauung“,
-die das höchste, heiligste Urteil eines wahrheitsuchenden Menschen
-über sich und alle Dinge um ihn her darstellen soll, — und die
-sich aufbauen sollte auf einer solchen Valeska Töpfer und ihren
-Möglichkeiten&#160;...</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="was_wir_brauchen" title="Was wir dagegen wirklich brauchen">&#160;</h2>
-
-</div>
-
-<p>Was wir zur Verständigung im Kampfe moderner Weltanschauungen brauchen,
-das sind wirklich gar nicht in diesem Sinne neue Tatsachen. Es sind
-neue Deutungen, neue Wertungen, es ist Tiefenschau im schon Vorhandenen.</p>
-
-<p>Das ist der schwere Schaden ja in solchen Versuchen wie dem
-Spiritismus: daß er auf ein paar, noch dazu angebliche, neue Tatsachen
-sofort die unerhörtesten Schlüsse mit einem methodologischen Leichtsinn
-ohne gleichen baut, Geisterhypothesen in einer materialistisch groben
-Form, und das alsbald wieder mit starrem Dogmatismus, der nicht zugeben
-will, daß diese „Tatsachen“, selbst wenn sie richtig wären, die
-verschiedensten Deutungen zulassen würden.</p>
-
-<p>Aber wichtig ist auch, daß er grade diesen methodologischen Schaden
-teilt mit Arabesken der modernen Naturphilosophie, die ihm sonst in
-allem entgegen sind und nicht einmal seine „Tatsachen“ anerkennen.
-Sie steifen sich dafür auf ihre und, geben wir zu, an sich richtige
-Tatsachen, — in der Methode verderben sie es aber ebenso durch starre
-Einseitigkeit und Fanatismus für „Eindeutigkeit“.</p>
-
-<p>Umgekehrt aber werden an dieser Ecke Denker für uns wichtig, die
-den Tatsachenbau unserer einheitlichen Forschung und den exakten
-Beobachterweg als solchen niemals angefochten, sondern sogar als
-<em class="gesperrt">Palladium</em> verteidigt haben — und die doch, <em class="gesperrt">mit</em> dem und
-<em class="gesperrt">trotz</em> dem, eine eigene Tiefenschau versucht haben, die ohne
-jeden Dogmatismus ihren individuellen Weg ging — und die uns so das
-Tor überhaupt<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> weit aufgetan haben für die Masse der „Möglichkeiten“,
-die noch in die Tiefe aller Tatsachen hinein denkbar sind.</p>
-
-<p>Ein solcher Mann war Fechner.</p>
-
-<p>Fechner grade hat aber noch eine besondere Farbe dabei in die Dinge
-gebracht, die wieder mein Grundthema berührt.</p>
-
-<p>Man muß sich heute mit Fechner auseinandersetzen. Er wird eine
-<em class="gesperrt">Macht</em>, — trotz aller oberflächlichen Urteile, die auch mit ihm
-„fertig“ zu sein glaubten.</p>
-
-<p>Vor kurzem ist sein naturphilosophisches Hauptwerk, „Zend-Avesta“, neu
-herausgekommen. In einem halben Jahrhundert war das Buch nicht wieder
-aufgelegt worden, — überhaupt nicht nach der ersten Ausgabe.</p>
-
-<p>Ich sehe die ursprünglichen Bändchen noch vor mir in dem alten,
-schmutzigen, zerfetzten Exemplar der Berliner Universitäts-Bibliothek,
-das Jahrzehnte hindurch immer einmal wieder zu erlangen ein Ereignis
-war.</p>
-
-<p>Jetzt sind es zwei schöne Bände in Lexikonformat geworden, mit
-besonders hellem, freundlichem Druck, man kennt den alten Sonderling
-kaum wieder. Kurd Laßwitz, der ausgezeichnete Gothaer Physiker und
-Dichter, hat die Vorrede dazu geschrieben, in der er erklärt, daß
-dieses Buch zu seiner Neuauflage keiner erklärenden Vorrede bedarf,
-sondern daß es einfach wiederkommt, weil es heute wiederkommen
-<em class="gesperrt">muß</em>.</p>
-
-<p>Als der alte Gellert in Audienz beim alten Fritz ist, sprechen sie über
-ein Buch, und der alte Fritz sagt: „Das haben sie mir gebracht, aber
-das hab’ ich fortgeworfen.“ So hat es das neunzehnte Jahrhundert mit
-Zend-Avesta gemacht.</p>
-
-<p>Ich weiß noch heute eine ganze Anzahl trefflicher, kenntnisreicher,
-ethisch hochstehender Männer, die es genau so machen. Man braucht
-dem Gespräch nur eine bestimmte Wendung zu geben und dann plötzlich
-einen Fechnerschen Zend-Avesta-Gedanken mitten aus dem Zusammenhang
-dazwischen zu werfen, — etwa: man spricht über die Spektral-Analyse
-der Gestirne im Anschluß an das treffliche Buch unseres Potsdamer<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span>
-Astrophysikers Scheiner und wirft hinein, daß Fechner noch im Jahre
-1851 die Gestirne für „beseelt“ gehalten habe; auch über das Antlitz
-eines sehr milden, sehr sachlichen Zuhörers wird ein Lächeln fliegen,
-das so viel besagt, wie: werfen wir den Mann fort aus jeder ernsthaften
-Debatte.</p>
-
-<p>Vielleicht gibt es in der ganzen Tragödie menschlicher Irrungen nichts
-Bittereres als eben dieses Lächeln des Mißverständnisses bei Besten,
-— dieses Lächeln, das doch im Grund der Dinge nur ein Lachen der
-tatsächlichen nackten Unkenntnis ist.</p>
-
-<p>Denn nicht um einen solchen einzelnen, aus dem Text gerissenen Satz
-geht die wahre Frage, nicht er bildet den echten Hintergrund, vor dem
-die den Fechner heute wieder suchen, — nun die ihn eben suchen.</p>
-
-<p>Das Fortwerfen eines Jahrhunderts ist selber kein End-Urteil.</p>
-
-<p>Dieses gleiche Jahrhundert hatte auch Schopenhauer schon einmal
-fortgeworfen, gründlich, bis zum Makulaturwerden eines Hauptbuchs. Es
-gab eine Zeit in diesem Jahrhundert, da es ebenso ein Hohn war, wenn
-ein paar tüchtige Köpfe beisammen waren und über Physik redeten, etwa
-über das eben begründete große Gesetz von der Erhaltung der Energie
-— und wenn da einer dazwischen warf, es habe der Naturphilosoph
-Schopenhauer alle Kraftäußerungen der Natur auf den „Willen“
-zurückgeführt. Mit diesem Willen im Energiegesetz wäre Schopenhauer nie
-über das Achselzucken der Leute hinausgestiegen. Eines Tages aber trat
-das Jahrhundert in seine eigentümliche graue Epoche, die Welt erschien
-ihm nichtig, der Pessimismus die Lösung. In dieser Stimmung hat es
-plötzlich die Ansatzstelle zu Schopenhauer gefunden, die Ansatzstelle,
-von der aus es dann auch überhaupt begriffen hat, daß dieser Mann einer
-der schärfsten und ehrlichsten Denkerköpfe der Menschheit gewesen ist,
-ganz einerlei, wie viel von seiner Willenstheorie oder selbst von
-seinem Pessimismus ewige Wahrheit bleiben soll, — ein Denkerkopf, den
-„wegzuwerfen“ eine himmelschreiende Versündigung an dem wahrlich nicht<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span>
-zum Vergeuden reichen Denkschatze dieser Menschheit gewesen wäre.</p>
-
-<p>Was heute nun wieder zu Fechner zurückdrängt und auch da eine ganz neue
-Ansatzstelle öffnet, das ist in gewissem Sinne ja genau das Umgekehrte
-an Stimmung von dem, was damals zu Schopenhauer führte.</p>
-
-<p>Aber es ist genau ebenso eine <em class="gesperrt">Gesamtstimmung</em>.</p>
-
-<p>Das neunzehnte Jahrhundert zwar kann sich in ihr nicht mehr
-rektifizieren, denn es ist um. Aber Jahrhundert hebt Jahrhunderturteil
-auf, wie es in dem Spruche heißt: „<span class="antiqua">Nemo contra Deum, nisi Deus
-ipse.</span>“ Es sind nicht ein paar Antiquare und antiquarische Gemüter,
-die den fortgeworfenen Schriften Fechners heute wieder nachspüren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Optimismus</em> sucht unsere Zeit.</p>
-
-<p>Das ist wahrlich ein größeres Wort als Gestirnseele oder als der
-antiquarische Buchname Fechner, — wie Pessimismus ein ander Ding war
-als der mystische Wille und Schopenhauer.</p>
-
-<p>Um ihres Strebens, ihrer lang verhaltenen, überall aber elementar
-durchbrechenden philosophischen Sehnsucht nach konsequentem Optimismus
-willen klammert sich unsere Stimmung an Goethe, der zwar nie
-fortgeworfen, aber auch gründlich mißverstanden worden war. Und darum
-auch kommt sie auf Fechner zurück.</p>
-
-<p>Sein Name ist ein Zeichen heute, das kein Lächeln und Lachen über
-Pflanzenseelen und Gestirnseelen mehr fortschaffen kann. Er ist ein
-Symptom einer äußerst charakteristischen Wende, und das muß ernst
-genommen werden.</p>
-
-<p>Was Fechner wollte?</p>
-
-<p>Wie der Faden eines großen Kunstwerks läßt sich der Kerngedanke auch
-seiner ganzen Philosophie auf eine Nußschale schreiben.</p>
-
-<p>Der Angelpunkt liegt in dem schlichtesten Wort, über das auch im
-exaktesten Kreise doch unmöglich als solches gelacht werden kann: in
-dem Wörtchen <em class="gesperrt">Natur</em>.</p>
-
-<p>In diesem Wörtchen steckt eben noch mehr als bloß etwas
-Spektral-Analyse oder Energiegesetz. Unsere größte Lebens-<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> und
-Herzensfrage steckt allmählich darin. In vierhundert Jahren ist das
-langsam über uns gekommen, und es hilft keine Phrase mehr darüber fort.
-Das ganze achtzehnte und das ganze neunzehnte Jahrhundert ist eine
-einzige fortgesetzte Krisis vor diesem Begriff.</p>
-
-<p>Rekapitulieren wir noch einmal.</p>
-
-<p>Zuerst kam die große Zeit von Kopernikus bis auf Newton mit ihren
-überwältigenden äußeren Bildern der Natur. Die ungeheure negative Rolle
-des Neuen setzte ein. Vor den Sternen in Galileis Fernrohr verblaßte
-ein ganzer alter Lichthimmel. Vor dem Naturgesetz Newtons versank der
-Wunderbegriff. Wo einst Überwelt und kleine Erdenwelt eng aufeinander
-geprallt waren, da schob sich jetzt das Riesending dazwischen, das wir
-eben im neueren Sinne „Natur“ nennen: Myriaden Sonnen im Raum, Äonen
-der Vergangenheit, natürliche Entwickelung in der eisernen Hand des
-Naturgesetzes — und diese Welt dem Forscher zugänglich, das leise
-Ticken ihres Lebens sich wiederspiegelnd auf seiner Uhr, ihr in allen
-Äonen gleichmäßig geregelter Schritt sich aufprägend auf seiner Wage.</p>
-
-<p>Auf einmal ist das da, gigantisch groß, zermalmend für unzählige
-altvertraute Vorstellungen, mit nichts mehr fortzudisputieren. Wir
-lieben es, das neunzehnte Jahrhundert im engeren hervorzuheben als die
-Epoche der Naturforschung, der Naturerkenntnis. In Wahrheit bezeichnet
-es nur den Wellenkamm, wo das Bewußtsein des Erreichten einsetzt. Ein
-Werk wie Humboldts „Kosmos“ ist charakteristisch für dieses Jahrhundert
-als eine Zusammenfassung, ein erster, ganz großer Rechnungsabschluß.</p>
-
-<p>Lange ehe es dazu kommt, setzt aber bereits eine ganz andere Linie ein,
-— eine, die ebenso folgerichtig einsetzen mußte.</p>
-
-<p>Der Begriff Natur hat die ganze sichtbare Welt erobert. Streng genommen
-sogar die unsichtbare. Wo der alte Glaube Himmel und Hölle jenseits der
-Schranke unseres Sehens träumte, träumt er immer noch wieder Sterne. In
-die Ewigkeit reicht sein Naturgesetz.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span></p>
-
-<p>Aber ob nun da oben durch die Fugen der Aetherglocke der Schimmer des
-Paradieses blitzt oder ob Sterne kreisen im leeren Raum, getragen vom
-Gravitationsgesetz: auf der Erde sitzt der gleiche Mensch, stützt den
-Kopf auf die Hand und fragt sich, wie er sich in ein Verhältnis setze
-zur Welt.</p>
-
-<p>Ist die Welt „Natur“ geworden, — wie also zu dieser Natur?</p>
-
-<p>Einen Augenblick, unter dem Krachen der alten Säulen, kann er
-vielleicht meinen, mit diesen Säulen sei jenes Anschlußbedürfnis selber
-zerstört. Aber das ist nur ein negativ übertäubter Moment. Mensch
-bleibt Mensch. In dem alten Tempelbau ließ sich leben. Wie ist’s nun in
-der Natur?</p>
-
-<p>Wenn die Flut eine halbe Insel wegreißt und die Leute auf ein Viertel
-des alten Raumes drängt; wenn ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch eine
-ganze Stadt wegtilgen: die verschüchterten Menschen meinen auch zuerst,
-jetzt würden sie ewig im Chaos bleiben; in ein paar Jahren haben
-sie sich doch wieder eingerichtet, so gut es geht, und die nächste
-Generation weiß es schon nicht anders.</p>
-
-<p>Die Naturerkenntnis verhieß nun umgekehrt sogar unendlichen Zuwachs.
-Für den engen Tempel eine Sternenwelt. Immerhin lag das alte Haus für
-den Moment unter der Lava und es wollte ein neues Dach gebaut sein,
-unter dem der Mensch die Sterne ruhig ertragen konnte.</p>
-
-<p>Die Linie, die von hier heraufkommt, darf man gar nicht in der Weise,
-wie jene erste, grundlegende, zunächst bei den Naturforschern suchen,
-ja nicht einmal bei den Naturphilosophen vom abstrakten Feld.</p>
-
-<p>Die Frage, wie man praktisch, als ganzer Mensch mit allen echten,
-unzerstörbaren Menschenbedürfnissen, mit der „Natur“ leben solle, ist
-in ihrer eigentlichen Intensität auch von den intensivsten Ganzmenschen
-zuerst brennend gestellt worden: den <em class="gesperrt">künstlerischen</em> und
-<em class="gesperrt">ethischen</em> Köpfen.</p>
-
-<p>Ihre größte erste Entladung in der Tiefe des achtzehnten Jahrhunderts
-liegt nicht bei irgend einem exakten Naturforscher (nicht einmal bei
-Newton), sondern bei Rousseau.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p>
-
-<p>Rousseau kämpfte im Kleinen noch einmal den ganzen Kampf des Alten und
-Neuen bei sich aus.</p>
-
-<p>Als eine durch und durch ethische Natur lief er zunächst mit dem
-harten Kopf gegen moralische Widersprüche in seiner Zeit. An der
-Unmöglichkeit, sie mit dem alten Glauben noch zu lösen, erkannte er die
-Krisis des neuen Menschen. Der Mensch mußte sich mit irgend etwas neu
-einrichten, um diesen Dampf zu durchdringen.</p>
-
-<p>In dieser Stimmung bot sich ihm das Wort „Natur“.</p>
-
-<p>Die Natur erschien ihm als die Erlösung. Heim ans Herz der Natur!</p>
-
-<p>Rousseau zuerst suchte in der Natur mit der ganzen Inbrunst des
-Erlösungsringers nicht die Ziffern irgend einer Naturforscherrechnung,
-ja nicht einmal philosophische Spekulation: er suchte in ihr einen
-neuen ethischen Grundwert und Urwert, den Fels, an den der neue Mensch
-sich klammern könnte, den ruhenden Punkt des Gemütes, das Herz, an das
-dieses Gemüt heim wollte.</p>
-
-<p>Es ist die Tragik in Rousseaus Leben, daß der Begriff Natur bei alle
-dem ihm selber ein schwankender, halber, phantastisch-unklarer blieb.
-Er mußte eine sentimentale Natur erfinden, die in dieser Form für
-die nächste Folge dem Fortschritt der echten Naturerkenntnis schroff
-entgegenstand. Und selbst darin blieb er halb.</p>
-
-<p>Hätte Rousseau die Kraft des Wissens und der Phantasie gehabt, seinen
-Naturbegriff wirklich groß und suggestiv zu machen, so wäre er mit
-seiner ethischen Wucht ein Religionsstifter geworden, wozu er in
-vielen Zügen das Zeug hatte. So blieb er in der Natur-Krisis stecken,
-allerdings mit einer ungeheuren Wirkung innerhalb dieser Krisis. Ein
-Gewaltigerer löste ihn ab: Goethe.</p>
-
-<p>Auch Goethes Leben ist ein unausgesetzter Kampf um den Natur-Begriff.</p>
-
-<p>Goethe ist eine unendlich viel positivere Gestalt als Rousseau, schon
-weil er viel stärker Künstlernatur ist.</p>
-
-<p>Er geht für sich niemals so herb von dem Riß zwischen<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Alt und Neu
-aus. Viel mehr Naturforscher auch als Rousseau, steht er von Anfang an
-fester auf dem Natur-Boden. Von Spinoza her ist er zugleich auf den
-Einheitsbegriff gedrillt. Ihm kann der Schnitzer nicht passieren, daß
-er nun doch noch wieder den Riß in die Welt hineinprojiziert und einen
-Schnitt macht zwischen Natur und Kultur, die Kultur als Abfall ansieht
-von einer künstlich konstruierten „Natur“.</p>
-
-<p>Goethe ist es, der, nicht abstrakt wie Spinoza, sondern künstlerisch
-schauend, das Wort einführt: „Gott-Natur“.</p>
-
-<p>Wenn ein Wort die Probleme hier wie irgendwo endgiltig lösen könnte, so
-wäre die Schlacht für diese ganze Linie damit gewonnen gewesen.</p>
-
-<p>Aber Goethe selbst hat in unablässigem Ringen, Tasten, Versuchen
-deutlich genug gezeigt, wie sehr er sich bewußt war, daß das Wort erst
-eine Direktive sei, keine Erfüllung. Vielleicht das Größte, was er uns
-im Kampfe um den Naturbegriff geleistet hat, war aber der Mut, mit dem
-er dem Ding ins Auge schaute, ohne jede Sorge, es könne ihn fressen,
-statt ihn zu erlösen.</p>
-
-<p>Es lag schon in der Luft damals, dieses Gefressenwerden durch den
-Natur-Begriff. Ganz langsam hatte sich in die große Linie der
-Naturforschung der seltsame Faden hineinversponnen, von dem ich schon
-gesprochen habe.</p>
-
-<p>Da stand der große neue Lichtbau der Welt, aufgemauert mit cyklopischen
-Quadern der Forschung. Aber nun der Mensch sich darin einrichten
-wollte, hing über der Tür plötzlich etwas wie ein Gorgonenschild.</p>
-
-<p>Die Natur ist das Absolute; aber dieses Absolute ist ein sinnloser
-Blödsinn!</p>
-
-<p>Eine närrische Ausgeburt des Chaos, diesem Chaos wieder verschrieben
-mit Leib und Seele!</p>
-
-<p>In herrlichem Siegeszuge hatte die Naturforschung in der Rechnung ein
-Mittel erkannt, dem Geheimgewebe der Natur in die Maschen zu rücken;
-jetzt hieß es: die Natur selber ist nichts anderes, als eine dürre
-Ziffernfolge. Wir selbst sind auch nur gleichgültige Ziffern darin.
-Ein wahnsinniger<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Totentanz rast die Wirklichkeit an uns vorüber. An
-uns, — an ein paar Spiegelplättchen für Momente. Morgen ist alles
-aus. Was war im Grunde die ganze Erkenntnisjagd? Ein tappender Gang im
-Labyrinth, Kammer um Kammer durch, von Treppe zu Treppe. Bis endlich,
-unentrinnbar, in der tiefsten Zelle, der schwarze Minotaurus saß, der
-uns alle fraß. Warum? Danach durfte man nicht mehr fragen.</p>
-
-<p>Goethe kannte diese Auffassung ganz genau.</p>
-
-<p>Er hat sein Leben lang Aug in Auge mit ihr gestanden.</p>
-
-<p>Er wußte, daß hier die Stelle war, wo der Natur-Begriff seinen
-wildesten Versucher in sich selbst hatte, wo er, mit einem Schritt nur
-über die Kante, hoffnungslos abstürzte in den Pessimismus.</p>
-
-<p>Wenn der Natur-Begriff über diese innerlichste Krisis nicht gerettet
-wurde, so war seine ganze Zukunftsrolle verspielt. Denn im Pessimismus
-dieser absolut hoffnungslosen Art würde die Menschheit sich nicht
-dauernd zufrieden geben. Durch irgend eine Spalte würde die alte,
-überwundene Weltanschauung, die vor Copernikus und Galilei zersplittert
-war, wieder zurückkriechen und von dieser verrannten Ecke aus den
-ganzen wundervollen Lichtbau der Naturforschung überhaupt wieder
-auseinandersprengen.</p>
-
-<p>Was Goethe sich bei dem Begriffe Gott-Natur dachte, war in allen
-Phasen seines Lebens immer der schärfste Protest gegen diese
-<em class="gesperrt">Nachtansicht</em> der Natur.</p>
-
-<p>Aber obwohl er ein unendliches Stück darin weiter als Rousseau kam,
-lag es doch gerade in seiner Art, den ganz festen Formulierungen aus
-dem Wege zu gehen. In einzelnen glücklichen Momenten glaubte er an
-optimistische Grundfäden der Natur auch als Forscher zu rühren, — so
-wenn er dem Begriff der Steigerung in der Naturentwickelung nachsann.
-Am sichersten aber hat er sich immer nur in der Dichtung, als Künstler,
-ausgesprochen. Da war er sich völlig klar und goß seine lichte Klarheit
-auch über andere aus, ein Apostel eines Natur-Begriffs, der den
-Menschen wirklich mit ganzer Erlöserglut<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> wieder emporzog, anstatt ihn
-in die Minotaurus-Höhle zu stoßen.</p>
-
-<p>Nur so konnte er, der Naturforscher, der in jeder Faser das echteste
-Kind des Natur-Zeitalters nach Copernikus und Galilei war, die
-Erlösungsdichtung des Faust schreiben: die Dichtung vom Menschen, der
-nicht vom Minotaurus gefressen wird, sondern am Bande eines ehernen
-optimistischen Naturgesetzes durch alle Sphären der Welt strebend
-emporwandelt, selber ein aktives Stück Welt, nicht ein sinnloses
-Spiegelplättchen.</p>
-
-<p>Sehr bezeichnend für die Auffassungen des Natur-Begriffs ist im Engeren
-im Faust die Szene mit dem Erdgeist.</p>
-
-<p>In ihrer veredeltsten, abgeklärtesten Form erscheint in des Erdgeists
-Worten jene Natur-Definition, die für das einsame Ringen des Menschen
-keinen Anschluß hat. Nicht in der Minotaurus-Gestalt, sondern so groß,
-daß das Wort auch für sie fallen darf von der Gottheit lebendigem
-Kleid. Und doch als absolut fremde, in sich geschlossene Welt, die
-auf und ab webt in Lebensfluten und Tatensturm als völlig in sich
-stimmende Rechnung, in der nur unsere Qual, unsere Sehnsucht, unser
-Erlösungsbedürfnis nicht mitverrechnet sind. Ein kosmisches Schauspiel,
-das uns im Grunde gar nicht berührt, das sich abrollt vollkommen ohne
-uns.</p>
-
-<p>Mag das eherne Antlitz dieses Erdgeistes ein Ziel sogar für sich haben,
-auf das es starrt, — unser Ziel ist es jedenfalls nicht, nie werden
-wir es begreifen; wir werden blutend auf dem Opferstein liegen und
-nicht einmal wissen, warum wir geopfert werden. Ein furchtbares Phantom
-in all seiner Größe steigt der Erdgeist auf, singt sein Lied und
-versinkt; Faust, der ringende Mensch, bleibt auf den Knieen liegen und
-ist im Grunde so klug wie zuvor. Schließlich ergibt er sich lieber dem
-Teufel, dem Pessimismus, bloß um wenigstens irgend eine Tat zu tun und
-damit aktiv in der Welt zu bleiben, — anstatt sich dort dauernd zum
-hilflosen Zuschauer verdammt zu sehen vor dem Tatensturm einer Natur,
-die ihn innerlich nichts angeht.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
-
-<p>Es liegt nahe, von Goethes Erdgeist auf Fechner zu kommen.</p>
-
-<p>Doch nicht so um des äußeren Wortes willen und weil es gerade auch bei
-ihm eine Rolle spielt; sondern wegen jenes tieferen Zusammenhangs in
-der Natur-Idee.</p>
-
-<p>Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Anstieg der Naturforschung
-zum Triumph, zum wohlberechtigten. Aber auch die Verwickelung des
-Natur-Begriffs wurde trotz Goethe eine immer größere.</p>
-
-<p>Erst in diesem Jahrhundert, in der Epoche Darwins, geriet der Mensch
-endgiltig in den Naturzusammenhang hinein, in einer prachtvollen
-logischen Verknüpfung. Und doch, seltsam genug: je fester, je
-energischer man den Menschen körperlich und seelisch, geschichtlich
-und individuell in die Natur verknotete, in sie ein-, in ihr aufgehen
-ließ, desto größer schien die Lust, eben diese Natur so unwirtlich
-und unwohnlich für alle praktischen Bedürfnisse des Ganz-Menschen zu
-definieren, wie nur irgend denkbar.</p>
-
-<p>Weil ihr Verlauf ein gesetzmäßiger ist, sollte er ein sinnloser sein.</p>
-
-<p>Weil wir eine tiefe Logik der Dinge gewahren, die auch aus einer
-scheinbar chaotischen Zertrümmerung aller kosmischen Gebilde dennoch
-immer wieder eine der Harmonie sich annähernde Welt heraufentwickeln
-würde, sollte der Kosmos in Wahrheit ein Chaos sein.</p>
-
-<p>Weil es die Natur war, die im Menschengeiste sich zu grenzenlosen
-Herrlichkeiten der Erkenntnis, der Kunst, der Ethik emporgearbeitet
-hatte, sollten alle diese Errungenschaften plötzlich gleichgültige
-Seifenblasen eines törichten Spieles sein.</p>
-
-<p>Immerfort hat dieses Jahrhundert dem Menschen einschärfen wollen, daß
-er in der Natur als seiner umfassenden Idee aufgehe, — aufgehen müsse,
-weil diese Natur im monistischen Sinne Goethes das wahre All sei, in
-dem es nicht ein Außen und Innen gebe. Und immer hat dieses gleiche
-Jahrhundert dem Menschen tatsächlich an den Kopf geworfen, daß er in
-der Natur unterzugehen habe, unterzugehen wie ein<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> armer Schwimmer, der
-sich sträubt und sträubt und den der tückische Strudel endlich doch in
-seinen schwarzen Abgrund saugt.</p>
-
-<p>Und der Erfolg ist Pessimismus gewesen, Pessimismus bis über die
-Ohren, während draußen alle bunten Triumphraketen der grandiosesten
-Naturerschließung prasselten.</p>
-
-<p>Ein Mann aber, der sich gewehrt hat gegen diese Definitionen mit aller
-Kraft seines unsagbar reichen und logischen Geistes, war Fechner.</p>
-
-<p>Es ist äußerst bezeichnend für Fechner, daß er gerade das war, was
-Goethe Zeit seines Lebens am wenigsten der Anlage nach gewesen ist:
-exakter Physiker.</p>
-
-<p>Er kam gleichsam aus der engsten Geheimzelle der modernen
-Naturforschung, vom feinsten Räderwerk des ganzen Getriebes. Bei ihm
-ist kein Zweifel über richtige Handhabung der Forschungsmethode, kein
-Zweifel über die Beherrschung der Forschungsresultate seiner Zeit. Wo
-er als reiner Sachforscher im Detail aufgetreten ist, da hat er sich
-ausnahmslos den Ruf eines geradezu klassischen Arbeiters erworben.
-Wer sich die Mühe gibt, auf Eleganz der Methode bei ihm nachzuprüfen,
-der wird den Verfasser der Elemente der Psychophysik unbefangen neben
-Gauß, Weber, Faraday und Helmholtz in der Geschichte der modernen
-Naturforschung stellen können.</p>
-
-<p>Und doch lag Fechners Denker-Ehrgeiz tatsächlich auf einem anderen
-Gebiete, weit darüber hinaus. Auch er wollte den Naturbegriff selbst
-reformieren, ihn endlich, angesichts so erdrückenden Naturmaterials der
-Forschung, zu einem wirklichen Hause umschaffen, in dem sich für den
-ganzen Menschen wieder <em class="gesperrt">wohnen</em> ließ.</p>
-
-<p>Und dieser Fechner ist es, der uns heute, nachdem die Krisis des
-Begriffs nachgerade wieder einmal fünfzig Jahre gedauert hat, auch erst
-recht wieder interessiert.</p>
-
-<p>In drei Werken hat er seine Allgemein-Anschauungen niedergelegt, in
-der Mitte seines Schaffens in „Nanna“ und „Zend-Avesta“, im Alter in
-der „Tagesansicht gegenüber der<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> Nachtansicht“. Es sind keine leichten
-Bücher, die man in einer müßigen Stunde wie einen Roman lesen kann.
-Ich denke aber, die Frage, ob es eine Versöhnung von Optimismus und
-moderner Naturanschauung geben könne, ist auch nicht die Frage einer
-müßigen Stunde.</p>
-
-<p>Was Fechner im ganzen versucht hat, das ist eine <em class="gesperrt">ungeheure
-Hilfskonstruktion</em> zu dem Satze: was könnte die „Natur“ doch noch
-in einem optimistischen, unser Sehnen beruhigenden Sinne sein unter
-Achtung aller festen oder fest geglaubten Tatsachen und Lehrsätze der
-exakten Naturforschung von heute?</p>
-
-<p>Es ist bei dieser Stellung der Frage von vornherein klar, daß kein
-Rückfall mit ihr möglich ist in eine Weltauffassung, die mit diesen
-Tatsachen und Lehrsätzen noch nicht gerechnet hatte, als sie entstand,
-und die in der Folge sich nur in erklärtem Widerspruch zu ihnen
-erhalten hat.</p>
-
-<p>Das unzerstörbare Walten der Logik im Naturgesetz, das jedes „Wunder“
-ausschließt; die Einheit aller Dinge Himmels und der Erden im
-monistischen Sinne ohne jedes „Hinter der Natur“, die den ganzen
-alten Dualismus und die ganze alte, schlechte Sorte der Metaphysik
-fortstreicht; das ewige Gebundensein alles Seelischen an einen
-materiellen Untergrund, mit dem alle Gespensterei und Theorie der
-stofflich unabhängigen Seelen aufhört: — solche und ähnliche Sätze der
-Naturforschung sind für Fechner eherne Säulen, die fertig dastehen, ehe
-er seine ganze Konstruktion anfängt, und bei denen eben jene Achtung in
-Kraft tritt.</p>
-
-<p>Was er aber behauptet, das ist: daß jenes pessimistische
-Minotaurusbild, ja auch schon jenes ganz indifferente Bild einer kalten
-Weltenrechnung ohne inneren Anschlußpunkt für uns, eben selber auch nur
-eine Hilfskonstruktion innerhalb dieser Säulen sei — und zwar weder
-die einzige, noch auch die logisch beste.</p>
-
-<p>Im Gegenteil.</p>
-
-<p>Es läßt sich eine optimistische Hilfskonstruktion denken, die dem
-Harmonie- und Erlösungsbedürfnis des Menschen vollkommen<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> gerecht wird
-und den Menschen aktiv an die Natur angliedert als den umfassenderen
-Organismus, ohne daß dabei ein Titelchen verrückt zu werden braucht
-an jenen Grundsäulen der Forschung. Und es läßt sich gerade diese
-Hilfskonstruktion innerlich sogar mit einer konsequenteren Logik
-zwischen diese Säulen einbauen, als es für jene andern denkbar ist. Das
-ist Fechners wesentlichstes Denkbekenntnis.</p>
-
-<p>Das „Wie“ seiner Konstruktion steht in den drei Büchern. Es läßt sich
-darüber streiten, und Fechner verlangte, daß man darüber stritt,
-eventuell ihn widerlegte.</p>
-
-<p>Der Schmerz seines Lebens war, daß man ihn statt dessen totschwieg.</p>
-
-<p>Nie hat er das vollauf berechtigte Gefühl überwunden, daß es sich
-um Fragen von solcher Heiligkeit, Fragen auf Leben und Tod wie des
-modernen Menschen, so der modernen Naturforschung, hier handle, daß
-diese Antwort absolut unwürdig sei.</p>
-
-<p>Heute würde er es als einen neuen Beweis seines optimistischen
-Naturprinzips selbst hinnehmen, daß die Geistesentwickelung uns ganz
-von selber darauf führt, die alte Sünde wett zu machen.</p>
-
-<p>Im Moment, da wir nach so viel abgeflossenen schwarzen Wassern des
-Pessimismus wieder Optimismus suchen, sind wir mit drei Schritten
-wie bei dem Sänger der Gott-Natur, so auch wieder bei dem stillen
-Philosophen im Leipziger Rosental.</p>
-
-<p>Denn so viel Stationen der modernen Geisteswallfahrt nach dieser Seite
-haben wir nicht, daß wir im Gedränge fehl gehen könnten.</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Wirklichkeit" title="Der Kampf um den Begriff „Wirklichkeit“">&#160;</h2>
-
-</div>
-
-<p>In dem großen Kampfe um den Natur-Begriff steckt aber noch ein tieferer
-Kampf.</p>
-
-<p>Der Kampf überhaupt um die <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em>.</p>
-
-<p>Um Begriff und Sinn und Kraft der Wirklichkeit.</p>
-
-<p>Auch um sie hat das neunzehnte Jahrhundert unablässig<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> gerungen, mit
-und ohne Wissen, mit und ohne Segen, aber rastlos, unermüdlich.</p>
-
-<p>Es ist seltsam: ganz andere Erinnerungsfäden spinnen sich mir an, ganz
-andere Assoziationen, wie ich an dieses Wort „Wirklichkeit“ denke.</p>
-
-<p>Kampfbilder tauchen mir zunächst auf aus dem ästhetischen Gebiet. Wie
-ist in den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts gestritten worden
-über den Begriff des Realismus in der Kunst, — über Wirklichkeitskunst!</p>
-
-<p>Auch von dieser ästhetischen Fehde ist im Persönlichen heute viel
-antiquiert.</p>
-
-<p>Da hängt Zola’s Bild an meiner Wand. Zola ist tot.</p>
-
-<p>Dort stehen die grünen Hefte der „Freien Bühne“, der deutschen
-Zeitschrift, in der die Rede vom Naturalismus und Realismus der Kunst
-so lautes Leitwort war. Das trotzige Frühlingsgrün ihrer Umschläge ist
-zum sanften Grau abgeblaßt. Ach ja! Moderne Umschlagsfarben halten kein
-Jahrzehnt! Es ist mir aber auch schon wie ein Omen zur Sache.</p>
-
-<p>Und doch war dieser engere ästhetische Zwist eine so notwendige Farbe
-in jenem größeren Streit, — dem eigentlichen Geisteskampfe um die
-<em class="gesperrt">Wirklichkeit</em>.</p>
-
-<p>Durch ihn mußte durchgehen, wer hier auftauchen wollte, auftauchen in
-eine freiere Luft.</p>
-
-<p>So lange ich rückschauend mich selbst ernst nehme als Arbeiter, hat das
-Problem mich bewegt des Verhältnisses zwischen Naturforschung oder von
-ihr getragener Naturphilosophie — und Kunst. Erste Lösungen, die ich
-versucht habe und an denen ich eine Weile einmal Freude hatte wie an
-einem braven Funde, sind mir heute bloß Lehrgeld. Erst ganz allmählich
-aber ist mir dabei wenigstens <em class="gesperrt">ein</em> echter Wert aufgegangen:
-nämlich Respekt vor der ungeheuren Wucht und Macht jeder Einmischung
-überhaupt des Ästhetischen ins allgemein Philosophische.</p>
-
-<p>Wenn die Kunst sich aufrafft und spricht, so tritt allemale eine Riesin
-aufs Schlachtfeld.</p>
-
-<p>Eine Tiefe des Menschen ist aufgewühlt, an die kein<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> Instrument der
-Forschung heran konnte. Dieser Quell wird nicht planmäßig erbohrt
-und fließt in bequemen Röhren ab: er gährt auf, bringt mit oder
-verschlingt, je nachdem. Immer aber ist die Sachlage völlig verändert,
-wenn die Kunst darüber gerauscht ist.</p>
-
-<p>Erst von hier aus glaube ich heute auch zu ahnen, was <em class="gesperrt">hinter</em>
-jenem Kunstkampfe um den Realismus stand.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Wie oft ist versucht worden, das neunzehnte Jahrhundert gegen das
-achtzehnte durch irgend ein scharfes Ereignis abzugrenzen. Durch die
-französische Revolution. Oder durch Goethes Tod. Man gab hier, dort ein
-Jahrzehnt, ein paar Jahrzehnte zu. Immer vergebens.</p>
-
-<p>Mit eigentlichen Ereignissen im gewöhnlichen Sinne glücken wahre
-weltgeschichtliche Trennungen überhaupt nie. Die Antike schließt so
-wenig mit der Absetzung des Romulus Augustulus, wie das Mittelalter
-wirklich endet mit der Entdeckung Amerikas.</p>
-
-<p>Man muß den Begriff „Ereignis“ in einer tieferen, einer verfeinert
-geistigen Bedeutung fassen.</p>
-
-<p>Ein tiefstes innerliches Erleben, eine langsame Geistesströmung der
-Menschheit, lange im Unzulänglichen gehalten, wird endlich „Ereignis“
-im Faustischen Sinne. An solchem Ereigniswerden gehen dann in der Tat
-Weltalter auseinander, an ihm gliedert sich die Geschichte zu Epochen
-voneinander wie ein grandioses Kunstwerk.</p>
-
-<p>Aber diesen Vollzug bezeichnet kein Name einer Person, keine
-Staatsaktion, keine Explosion und kein Landruf aus dem Mastkorbe eines
-Entdeckerschiffs.</p>
-
-<p>Wir finden dafür immer nur eines jener begrifflichen Worte, ein
-ideelles Leitwort aus dem begrifflichen Denken heraus, das uns
-allerdings in solchem Moment daran mahnen mag, wie dieses begriffliche
-Denken des Menschenhirnes selber eine Art geheimnisvollen Sinnesorgans
-sei, das gerade da in den innersten Säulenbau der Weltendinge und
-Geschichtsdinge<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> schaut, Zusammenhänge, Umfassungen, Trennungen sieht,
-wo das gewöhnliche Auge versagt.</p>
-
-<p>Auch das neunzehnte Jahrhundert hat sein begriffliches Leitwort.</p>
-
-<p>Es lautet: Wirklichkeit.</p>
-
-<p>Das Ereigniswerden dieses Wortes in der Menschheitsseele bildet den
-eigentlichen Leib, das eigentliche Individuum dieses Jahrhunderts,
-— die Kristallisationsform der Menschheit, die immerhin der äußeren
-Ziffer von achtzehnhundert Jahren seit Christi dunkler Geburt am
-nächsten steht.</p>
-
-<p>In diesem Wörtchen Wirklichkeit liegt auch alles, was das neunzehnte
-Jahrhundert vom achtzehnten trennt. Um dieses Leitwortes willen
-erscheint es dem raschen Blick so stark als „Tat“ zu dessen „Gedanken“.</p>
-
-<p>Es lag dieser Tat aber doch in Wahrheit ein anderer, ein eigener
-Gedanke zugrunde.</p>
-
-<p>Das achtzehnte Jahrhundert (in diesem Sinne immer jetzt nur als eine
-lose Annäherung gefaßt an die Jahresziffer) philosophierte abstrakt,
-träumte, dichtete, phantasierte, lebte und schwelgte in Gefühlswelten.</p>
-
-<p>Alle seine Maßstäbe waren ästhetische.</p>
-
-<p>Seine Naturgeschichte war Naturphilosophie.</p>
-
-<p>Seine soziale Besserungssehnsucht wandelte in Utopien, versenkte sich
-in mystische Gründe, konstruierte sich eine romantische Geschichte,
-die nie existiert hat, und baute darauf in die Wolken hinein eine
-märchenhafte Zukunft.</p>
-
-<p>Immer hat dieses Jahrhundert einen Stich ins Ungemessene, ein
-Überfliegen der Dinge durch den Gedanken, eine naive Befreiung von der
-Schwere.</p>
-
-<p>Das neunzehnte Jahrhundert kennt nur einen Maßstab: den technischen.</p>
-
-<p>Sein Blick ist auf einmal kurz, aber auf diese kurze Spanne
-mikroskopisch scharf.</p>
-
-<p>Sein Boden, seine eigentliche Erdwissenschaft, aus der Antäus Kraft
-schöpft, ist die Naturgeschichte, aber sie ist jetzt im echten Sinne
-Naturwissenschaft und nur solche.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p>
-
-<p>Auf ethischem, auf sozialem Gebiete ist es das Jahrhundert der
-kurzen Programme, die nicht die Welt neuschöpfen wollen, sondern
-einen einzigen nächsten besseren Schritt eisern ins Auge fassen,
-ganz nüchtern, — für diese Menschheit, für dieses Leben, für diese
-Prozentziffer Schlechtigkeit weniger und für diesen konkreten Laib Brot
-mehr.</p>
-
-<p>Hinter allen Taten dieses Jahrhunderts scheint obenan der Gedanke zu
-stehen: beschränken wir uns.</p>
-
-<p>Beschränkung ist aber keine Beschränktheit. Man nimmt dem Worte die
-Spitze, wenn man sich das Wesen jenes Beschränkens aus seinem Kern
-heraus klar macht.</p>
-
-<p>Das neunzehnte Jahrhundert hat alle seine Siege erfochten im Zeichen
-der Wirklichkeit.</p>
-
-<p>Dieser Begriff gerade in dem Sinne, wie ihn das Jahrhundert am meisten
-im Munde geführt hat, kommt aber selbst nur zustande durch eine
-Beschränkung.</p>
-
-<p>Das muß erfaßt werden, wenn man den Dingen gerecht werden will.</p>
-
-<p>Wir gebrauchen das Wörtchen „wirklich“ gewöhnlich in einer Auffassung,
-über die ein Zweifel nicht möglich scheint.</p>
-
-<p>Wirklich ist das Blatt, ist der Tisch, auf denen ich diesen Satz
-schreibe. Wirklich ist die Tapete meines Zimmers, der Ahornbaum vor
-meinem Fenster, der Schornstein der Fabrik, der darüber vorlugt, der
-Blitzableiter auf diesem Schornstein, und der Vogel, der eben darüber
-hin fliegt. Wirklich ist der Atlantische Ozean, ist Amerika, ist die
-Stadt New-York. Wirklich war einmal im neunzehnten Jahrhundert, einige
-siebzig Jahre lang, der Darwin, dessen Bild dort an der Wand hängt.</p>
-
-<p>Nicht wirklich ist dagegen die Hallucination des Fieberkranken, die
-sich als Gestalt im Zimmer dort bewegt, einen bestimmten Teil der
-Tapete dort ihm verdeckt, menschliche Worte zu ihm spricht. Nicht
-wirklich sind die Sirenen und Cyklopen der homerischen Gesänge. Niemals
-wirklich war die Traumlandschaft, in der ich heute Nacht im Schlafe
-unwirkliche Abenteuer ausgefochten habe. Niemals wirklich waren Faust
-und Gretchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p>
-
-<p>Es ist diese Wirklichkeit <span class="antiqua">sans phrase</span>, auf deren Ergründung,
-deren Wiedergabe die ganze Forschung, die ganze Naturforschung beruht.</p>
-
-<p>Und es ist jene Unwirklichkeit, deren Ausmerzung bis in den heikelsten
-Schlupfwinkel hinein ebenso sehr Ziel und Bedingung dieser Forschung
-ist.</p>
-
-<p>Gleich diese erstbesten Beispiele zeigen aber auch aufs klarste, daß
-und was für eine Voraussetzung hierbei stillschweigend gemacht ist.</p>
-
-<p>Eine Voraussetzung, die eine Beschränkung ist.</p>
-
-<p>In einem umfassenderen Sinne sind auch die Sirene und das Fieberphantom
-„Wirklichkeiten“. Die Sirene hat vor zweieinhalb Jahrtausenden in
-der Phantasie von kleinasiatischen Schiffern gelebt. Der redende,
-raumfüllende, schattenwerfende Unhold des Fiebernden lebt mindestens
-einen Augenblick lang in dieses Einzelnen Phantasie. Die Landschaft
-meines Traumes war für mich Realität, solange ich träumte.</p>
-
-<p>Es ist aber zur Klärung gut, das Wort hier zu ändern.</p>
-
-<p>Beides, das sogenannte Wirkliche und das sogenannte Unwirkliche, lösen
-sich tatsächlich auf vor einem höheren Begriff.</p>
-
-<p>Vor dem Begriff des <em class="gesperrt">Erlebnisses</em>.</p>
-
-<p>Ganz zweifellos: der Ahornbaum da draußen, der Tisch hier vor mir, die
-Tapete neben mir, der atlantische Ozean, Amerika und die Sirene, der
-Cyklop, der Fieberkobold und Fausts edle Denkerstirn: sie sind alle
-gleichermaßen Erlebnisse. Ich habe meinen Wald im Traume heute Nacht
-erlebt; und der Kleinasiate von so und so viel hundert vor Christo hat
-seine Sirene erlebt; und Goethe hat Faust und Gretchen erlebt — ganz
-genau so, wie Kolumbus Amerika erlebt hat, als er den Schaft seiner
-spanischen Fahne in den Ufersand von San Salvador stieß, oder wie ich
-jetzt und wachend den Ahornbaum mit seinen gelben Herbstblättern dort
-draußen erlebe. Erlebnis ist einfach alles.</p>
-
-<p>Aber nun in diesem Erlebnisse die Unterscheidung, die Einschränkung.</p>
-
-<p>Die Hallucination sehe ich als Fieberkranker <em class="gesperrt">allein</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p>
-
-<p>Wenn ich andern beweisen will, daß dort vor der Wand jetzt eine
-schreckhafte Gestalt stehe, so lachen sie mich aus und erklären mich
-für krank. Wenn ich erzähle, daß ich heute Nacht in einem bunten
-Märchenwalde spazieren gegangen bin, so halten mir andere entgegen, daß
-sie mich zu dieser Zeit haben im Bette liegen und schlafen gesehen.</p>
-
-<p>Umgekehrt, den Ahornbaum und den Schornstein da draußen sehen alle
-Menschen mit normalen Augen genau so gut wie ich.</p>
-
-<p>Wenn wir zu mehreren sprechen, so rechnen wir mit ihm als etwas
-Gemeinsamem. Es liegt eine Identität unseres Erlebens vor. Mag sie auch
-keine absolute sein, da jeder schließlich doch den Ahornbaum etwas
-subjektiv anders sieht als der zweite und dritte. Aber diese Differenz
-ist zu gering, um ein ernstes Hemmnis abzugeben.</p>
-
-<p>Kein Zweifel: es ist in diesem zweiten Falle ein <em class="gesperrt">soziales</em> Moment
-berührt.</p>
-
-<p>Die „Wirklichkeit“ des Ahornbaumes wird bestimmt durch das
-identische Urteil vieler, sie fußt auf einem Kollektiverlebnisse,
-sie kommt zustande, man möchte sagen, durch eine Abstimmung, einen
-Majoritätsbeschluß. Bei der Hallucination fehlt dieser Beschluß
-vollständig.</p>
-
-<p>Das soziale Moment beginnt ja schon in mir selbst.</p>
-
-<p>Jeder einzelne von uns ist doch in sich schon eine Art sozialen Wesens
-hinsichtlich seiner Erlebnisse. Bloß kein räumliches, sondern ein
-zeitliches.</p>
-
-<p>Ich löse mich zeitlich rückwärts in Tausende und Tausende von Personen
-auf, die etwas erlebt haben. Diese Tausende verknüpft allerdings
-ein Gemeinsames, Identisches. Schon das Gedächtnis ist ja ein
-solches Identisches. Aber hinsichtlich der Erlebnisse stellt sich
-gleichwohl eine Kette von Personen dar. Auch diese Personen legen nun
-schon ihre Erlebnisse zusammen und erzielen in mir selbst ähnliche
-Majoritätsbeschlüsse. Ich selbst werde schon zu einer Unterscheidung
-genötigt zwischen dem Ahornbaum und dem Traumwald. Die tausendfache
-Prozentziffer des immer erneuten Ahornbaum-Erlebnisses mit<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> allem, was
-darum und daran hängt, erhebt sich mit einer schweren Majorität gegen
-das einmalige Traum- oder Fiebererlebnis.</p>
-
-<p>So arbeitet aus mir bereits etwas jenem Sozialbeschlusse der vielen
-Menschen entgegen.</p>
-
-<p>Aber die innere Unterscheidung des Einzelnen würde in unzähligen Fällen
-doch nicht ausreichen.</p>
-
-<p>Man denke an den Zustand eines Irrsinnigen, der subjektive fixe Ideen,
-hallucinatorische Erlebnisse viele Jahre lang ebenso regelmäßig haben
-kann wie den Anblick des Ahornbaumes. Die eigentliche Entscheidung
-fällt erst die soziale Gemeinschaft mehrerer, schließlich, als
-Idealziel, <em class="gesperrt">aller</em> Menschen.</p>
-
-<p>Die schrankenlose Flut der Erlebnisse wird durchgesiebt auf das
-Identische, das Gemeinsame hin. Und so erst entsteht das, was wir
-konventionell Wirklichkeit oder Wahrheit nennen.</p>
-
-<p>Durch ein Filtrieren, ein Ausschließen.</p>
-
-<p>Durch einen Akt der Beschränkung!</p>
-
-<p>Je mehr Gleichartigkeit, je mehr Stäte für möglichst viele Menschen
-in den Erlebnissen, desto stärker anwachsend der Schatz an
-„Wirklichkeiten“, der Wahrheitsschatz der Menschheit in ganz bestimmtem
-Sinne.</p>
-
-<p>Es liegt wahrlich nichts in dieser Herkunft, was den
-Wirklichkeitsbegriff herabsetzen könnte.</p>
-
-<p>Jene schlichte Tatsache, daß ein gewisser Kreis von Erlebnissen sich
-bei mehreren oder gar allen Menschen deckt, ist eine Grundtatsache
-überhaupt zum Zustandekommen jedes sozialen Zusammenschlusses der
-Menschen gewesen von Anfang an. Auf Grund nur davon haben sie sich
-verständigen können. Diese „Wirklichkeit“ ist das eigentliche Band
-der Zersplitterten geworden, die größte Identität, in der sie sich
-zusammenfanden. Zusammenfanden zu gemeinsamer Arbeit.</p>
-
-<p>Dieses Herausheben einer gewissen Reihe von Erlebnissen aus dem
-regellosen Andrange als „Wirklichkeit“ war der erste große Schritt zu
-einer <em class="gesperrt">Ordnung</em> der Dinge, die dem Menschen eine neue Stellung in
-der Welt verhieß.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p>
-
-<p>Denn an diese Ordnung schloß sich die Beherrschung, die Herrschaft über
-die Natur, über die „Wirklichkeit“.</p>
-
-<p>In diesem Begriffe, der sozial gedacht war, konnte die Menschheit ihre
-Einzelarbeit summieren, vor ihm konnte sie gemeinsam vorgehen, wo der
-einzelne ohnmächtig versagte.</p>
-
-<p>Das ganze Wort Kultur hat eine Wurzel hier.</p>
-
-<p>Vielleicht gibt es kein schärferes Trennungszeichen zwischen einem
-Naturvolke und einem Kulturvolke, als das Steigen im Wertmesser einer
-für alle im Volke gemeinsamen „Wirklichkeit“.</p>
-
-<p>Wo der Begriff mit Bewußtsein erfaßt wird in der Gesamtgeschichte,
-da ist es, als überschreite die Kultur eine Wasserscheide ihrer
-Entwickelung.</p>
-
-<p>Die Vorstellung einer ganz „objektiven Wahrheit“ wird in dem
-Augenblicke geboren und damit eigentlich das Fundament gelegt für alle
-höhere Wissenschaft und Forschung.</p>
-
-<p>Ungeheuer freilich ist die Arbeit, die fort und fort getan werden
-will, um die rechte Auswahl zu treffen und zu wahren zum Zwecke dieser
-objektiven Wahrheit.</p>
-
-<p>Je mehr Völker in den Kulturkreis hineinwachsen, je mehr diese Kultur
-sich inhaltlich erweitert, desto strenger die Auslese des Gemeinsamen.</p>
-
-<p>Es gilt nicht mehr bloß das Objektive, das Gemeinsame fort und fort zu
-fixieren gegenüber dem bloß Subjektiven, dem Traum, der Hallucination,
-kurz alledem, was das Individuum einsam erlebt ohne Übereinstimmung mit
-seinen Genossen in der Kultur.</p>
-
-<p>Es müssen auch, wenn das Wort erlaubt ist, ganze
-Hallucinations-Genossenschaften immer wieder ausgemerzt werden.</p>
-
-<p>Ein Volk, ein Kreis, eine Zeit einigen sich, daß dieses oder jenes für
-sie Wirklichkeit sei. Aber dieser Glaube hält vor einer umfassenderen
-Einheit, einer vorgeschrittenen Zeit nicht Stand, sinkt ins Subjektive,
-muß wieder ausgesiebt werden aus dem wahren Bestand.</p>
-
-<p>Wo immer ein Ding auf Majoritätsbeschlüssen ruht, da zeigt sich ja
-dieser Verlauf als natürliche Folge fortschreitender<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> Entwickelung: die
-Majorität wird gelegentlich abgelöst durch eine höhere Majorität.</p>
-
-<p>Aber soviel schwere Arbeit, soviel Erfolg.</p>
-
-<p>Von Jahrhundert zu Jahrhundert wächst den Menschen ihr gemeinsamer
-Erfahrungsbestand — ein eiserner Bestand, in dem sie eine immer
-solidere Einheit über alles Schwankende des Individuums hinaus bilden.</p>
-
-<p>Unablässig fallen Millionen von Individuen ab. Aber das Gemeinsame
-scheint unsterblich, diese ideale Einheit paralleler Erlebnisse in
-soviel Köpfen in soviel Jahrhunderten.</p>
-
-<p>Immer mehr streckt sich ihr Gigantenleib, der Einzelne scheint nur noch
-wie ein Punkt in ihr zu schwimmen, — in der „Wirklichkeit“, diesem
-kolossalen Komplex aller gemeinsamen Erlebnisse der Kulturmenschen von
-sieben oder acht Jahrtausenden.</p>
-
-<p>Diese Wirklichkeit ist es, von der das neunzehnte Jahrhundert
-beherrscht wird.</p>
-
-<p>Und zwar stärker beherrscht als irgendein Jahrhundert zuvor, — als
-sei ein durch die Jahrtausende rollender Schneeball endlich zur Lawine
-geworden.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Zwei Linien der Entwickelung arbeiteten sich dazu in die Hände.</p>
-
-<p>Seit rund nun vier Jahrhunderten war die eine in ein verstärktes Tempo
-geraten.</p>
-
-<p>Man muß über das achtzehnte Jahrhundert noch weit zurück, um sie in
-ihrem Urstamm zu fassen.</p>
-
-<p>Es ist wieder in den Tagen des Columbus, und von denen zunächst
-heraufwachsend bis auf die Zeit etwa, da Galilei beobachtet. In dieser
-Epoche vollzieht sich für die Menschheit ein grundlegend Neues.</p>
-
-<p>In der Gruppe der Menschheit, die sich als europäische Kultur
-zusammenfassen läßt, erfolgt ein großer Ruck hinsichtlich des
-Werkzeuges. Die Buchdruckerkunst ersetzt die Schrift. Das Schiff wird
-zu einem Werkzeug, das nicht mehr bloß die menschenbewohnten Küsten
-eines Flusses, eines Binnenmeeres<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> verknüpft, sondern Weltmeere zur
-Brücke nach fernsten Erdteilen macht und eine halbe Erdkugel neu
-erschließt. Das Fernrohr schiebt sich zwischen Mensch und Mond,
-zwischen Padua und den Jupitertrabanten steht es plötzlich wie
-eine wahre Himmelsleiter. Das Mikroskop löst den Schleier über dem
-Infusorium und über den Winzigkeiten unseres eigenen Leibes, den
-Blutkörperchen und Samenzellen, — also über einer Welt, die bisher
-eingeschachtelt lag wie in einer uns unerreichbaren Dimension.</p>
-
-<p>Ein Ruck hinsichtlich der Werkzeugtechnik bedeutet aber nichts anderes
-als einen unmittelbaren Fortschritt gewisser menschlicher Körperorgane.</p>
-
-<p>Es ist der Körper des Menschen mit seinen Organen und Sinnen, der sich
-eine Stufe weiter entwickelt.</p>
-
-<p>Seit prähistorischen Zeiten, seit das erste, roheste Werkzeug von
-einem Menschen hergestellt wurde, hatte dieses gerade Verhältnis
-bestanden. Die Keule war nur eine Fortsetzung des schlagenden Armes.
-Das Kleid ein höheres Fell. Der Einbaum, aus dem das Schiff geworden
-ist, ein künstlicher Wasserleib mit Anpassung hinsichtlich der Schwere
-an das Wasser. Das Neue war bloß, daß diese Werkzeuggestaltung des
-Urmenschen nicht mehr am lebendigen Zellenleibe herumformte, sondern
-zweckmäßige Projektionen schuf in fremdes, totes, bloß angeeignetes
-Material hinein. Der Mensch entwickelte sich keinen zermalmenden
-Elefantenfuß, festgewachsen an seinem Leibe. Er behielt die kleine,
-einfache, gelenkige Hand mit dem großen Daumen bei, wie er sie von
-seinen frühtertiären Säugetier-Ahnen überkommen hatte. Doch mit dieser
-Hand faßte er Keule und Streitaxt und zermalmte damit den Schädel des
-Gegners. Mit dieser Hand hat er in den späteren Tagen, von denen wir
-sprechen, gelernt, ein Fünkchen an das Pulver einer Kanone zu bringen,
-und diese Kanonenkugel fällte den stärksten Elefanten. Die Schiffe des
-Columbus, Vasco da Gama und Magelhaens waren nichts anderes als solche
-projizierten Schwimmorgane, mit denen der Mensch jetzt endlich sogar
-den Walfisch überbot und Weltmeere durchquerte. Das Fernrohr<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> Galileis
-und das Mikroskop des Leeuwenhoek waren verschärfte Augen, gebaut nach
-dem gleichen Linsenprinzip unseres leiblichen Auges, wie wir es als
-Säugetier mitbekommen haben — bloß soviel besser, daß wir jetzt in
-die Krater des Mondes und jenes Spiel der Samentierchen und der roten
-Blutkügelchen schauten.</p>
-
-<p>Aber damals schon lag und immer liegt in dieser Art des
-Organfortschrittes, den wir Werkzeug nennen, etwas Besonderes unlösbar
-mit enthalten.</p>
-
-<p>Was hatte die Menschheit, oder sagen wir die Tierheit in ihr,
-gezwungen, überhaupt diesen Schritt zum Werkzeug über das angewachsene
-Körperorgan hinaus zu tun?</p>
-
-<p>Zwei entscheidende Faktoren der Nützlichkeit hatten dazu gedrängt.</p>
-
-<p>Wenn ich bloß mit der Faust zuschlage und der Gegenstand, nach dem
-ich schlage, ist zu hart: so bricht mir der Knochen im Fleische. Ich
-empfinde einen ungeheuren Schmerz, weil Fleisch und Knochen unmittelbar
-im Bereiche meines subjektiven Nervensystems liegen. Und mehr: die
-Faust ist mindestens für lange Zeit, vielleicht für immer, gelähmt, —
-ich bin mit einem Schlage in einen Zustand der Wehrlosigkeit gestürzt.</p>
-
-<p>Umgekehrt: die Keule zersplittert. Ich empfinde den Bruch des toten
-Werkzeuges nicht als Nervenruck in mir. Ich werfe die Trümmer einfach
-fort und greife eine andere auf. Holz wächst ja genug. Ich habe schon
-welche auf Reserve geschnitzt. Oder kann sie doch jederzeit schnell
-beschaffen.</p>
-
-<p>Und dazu jetzt und gleich hier anknüpfend ein zweiter, unsagbar großer
-Vorteil.</p>
-
-<p>Ich verteidige als Mensch der Steinzeit meine Höhle gegen einen grimmen
-Bären. Meine Keule zerspällt auf seinem harten Schädel. Jetzt stürzt er
-zu. Aber ehe er mich wehrlos findet, hat mir ein Genosse, ein zweiter
-Mensch, der hinter mir steht, seine unversehrte Keule gereicht. In
-meiner Hand ist sie sogleich meine jetzt, ein vollkommener Ersatz der
-früheren. Doch der Kampf dehnt sich. Mein Arm, der die Keule schwingt,<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span>
-erlahmt. Ich lasse den Freund vor mich treten, gebe ihm meine Keule.
-Nun schwingt er sie mit frischer Kraft wieder als seine. Und diesmal
-erliegt der Feind.</p>
-
-<p>Das Werkzeug ist einfach ein <em class="gesperrt">soziales Organ</em>.</p>
-
-<p>Eine Fortentwickelung des Organs mit einem sozialen Zug.</p>
-
-<p>Ich mag ein Menschenleben damit verbringen, eine besonders gute,
-eine schier unverwüstliche Keule herzustellen. Aber wenn ich sie nun
-geschaffen, so mag meine ganze Familie, mag mein ganzer Stamm damit
-wirken. Ich kann zu Hause auf der Bärenhaut liegen, während andere mit
-der Keule einen lebendigen Bären fern im Forst bezwingen. Ich kann
-sterben und die Keule bleibt. Meine Kinder und Enkel werden sie führen.
-Ich bin längst vergessen — und diese künstliche Faust, die ich mir
-geschnitzt, lebt, schützt immer wieder lebendige Menschen, ist eine
-soziale Faust geworden, die Generationen überdauert.</p>
-
-<p>Ein solches Sozialorgan ist aber ebenso das Schiff des Columbus: trägt
-es doch charakteristischerweise schon ein ganzes Häuflein tapferer
-Menschen als gemeinsames Schwimmorgan. Ein solches soziales Sinnesorgan
-ist das Fernrohr Galileis. Man wird dem Meister die Sternwarte
-verbieten. Er wird erblinden. Aber auf seinen Turm steigen andere
-und ihr Auge kriecht in dasselbe Glas, mit dem er die Sichelgestalt
-der Venus und die Monde des Jupiter entdeckt hat. Und wenn diese
-vergrößernden Linsen hier ihm zerbrechen, so wird Spinoza in Holland
-andere schleifen. Das Werkzeug übertrumpft die Vereinsamung und die
-Vergänglichkeit des Individuums, — es ist ein Organ am sozialen Leibe
-des Kollektivwesens „Mensch“, erhaben über den Zusammensturz des
-Einzelnen in der Zeit, erhaben über die zerspaltende Schranke unserer
-Zellenleiber.</p>
-
-<p>Ist nun die „Wirklichkeit“ nur ein grober Ausdruck für das Gemeinsame
-in den Erlebnissen der Menschen, so gehört das Werkzeug, dieses ins
-Gemeinsame verlegte Organ, zweifellos aufs engste zu ihr.</p>
-
-<p>Jeder Fortschritt im Werkzeug war ein Siebenmeilenschritt zu ihr, in
-ihr.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p>
-
-<p>Als die Holländer zuerst durchs Mikroskop schauten, die Italiener
-durchs Fernrohr, da stutzten sie einen Moment: sollten die Dinge da
-drinnen nicht bloß Hallucinationen sein? Teufelsspuk nannte man das
-damals. Aber es war gerade umgekehrt.</p>
-
-<p>Diese neuen Augen waren um einen ganzen Schritt weiter <em class="gesperrt">gesichert</em>
-vor individueller Hallucination: das Sinnesorgan selbst gehörte ja
-jetzt schon der Allgemeinheit an.</p>
-
-<p>Tausende konnten die gleiche Linse benützen.</p>
-
-<p>Ein Mittel der Forschung wurden diese Gläser sofort — der objektiven
-Forschung, die sich grundsätzlich nur noch zu den gemeinsamen
-Menschheitswerten, also zu der sogenannten Wirklichkeit, bekannte.</p>
-
-<p>So mußte von hierher eine Welle steigen und steigen. Mußte steigen mit
-der neuen Epoche der Technik. Eine Welle, die auf die Wirklichkeit, auf
-ein ungeheures Übergewicht dieser Wirklichkeit loseilte.</p>
-
-<p>Denn die Werkzeugtechnik begann mit jenen Tagen einen Siegeslauf, der
-schlechterdings nicht mehr zu hemmen war.</p>
-
-<p>Das ganze achtzehnte Jahrhundert ist nur eine leichte Kurve in ihm.</p>
-
-<p>Im neunzehnten bricht ein Triumph aus, so überwältigend, daß die
-Geschichte der Technik von so und so viel Jahrtausenden sich
-auseinander zu spalten scheint in zwei Perioden: alles bis dahin — und
-dieses neunzehnte Jahrhundert.</p>
-
-<p>Technische Fortschritte wie die Verwertung der Dampfkraft und der
-Elektrizität lassen sich in der gesamten Kulturgeschichte an Größe
-nur noch vergleichen mit den uralten gigantischen Türhütern der
-Werkzeugerfindung überhaupt: mit dem ersten Steinmesser, dem ersten
-selbst gegossenen Stück Bronze, oder mit jener Tat aller Taten, mit der
-künstlichen Erzeugung der roten Herdflamme.</p>
-
-<p>Im eigentlichsten Sinne durchsponnen erscheint dieses ganze letzte
-Jahrhundert mit Fäden, mit Netzen der Technik. Ein Geräusch kommt von
-ihm herauf wie ein großes Summen, Klirren, Sausen — ungezählte Räder,
-wirbelnde Schwungriemen,<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> stöhnende Metallwände, hinter denen eine
-Kraft eingekerkert ist. Eine weiße Dampfwolke liegt darüber, in die
-blaue Lichtbänder fließen.</p>
-
-<p>Was aber da rasselt und rauscht und glüht, das sind neue Nerven,
-neue Muskeln des Menschen, soziale Muskeln, die als Dampfhammer
-niederdröhnen, als Dynamit den Granitberg sprengen, soziale Nerven,
-die als Kabel von Kontinent zu Kontinent durch schwarze Meeresschlünde
-leiten, das sind Leuchtorgane des millionenköpfigen Kollektivwesens
-Mensch, Blitzorgane, ins Erdumwälzende vergrößert aus jener schwachen
-Kraft, die den Zitteraal Venezuelas seine elektrischen Schläge
-austeilen läßt. Im Zeichen des Sozialorgans wehen bis in jeden Winkel
-die Fahnen dieses Jahrhunderts, und alles, was in ihm lebt, von der
-steilsten Schneehöhe des reinen Denkens bis in den tiefsten Meeresazur
-der Kunst: es fühlt das Fächeln dieser Fahnen über sich.</p>
-
-<p>Und dazu nun eine zweite Welle, auch sie sich rapid steigernd auf das
-neunzehnte Jahrhundert zu. Der anderen parallel, oft zum Verschmelzen
-eng.</p>
-
-<p>Der soziale Zusammenschluß der Menschheit als solcher.</p>
-
-<p>Auch das rauscht durch die Jahrtausende.</p>
-
-<p>Zuerst die einfacheren Hilfszusammenschlüsse bis zum Volke. Dann der
-Begriff des auserwählten Volkes: des Kulturvolkes, der Kultur überhaupt.</p>
-
-<p>Im Orient zuerst, dann bei den Griechen, dann das Mittelmeer umfassend,
-endlich im Lichtfelde ganz Europas, als liege hier allein fortan das
-Aufmerksamkeitsfeld des Menschenbewußtseins im großen. Eine bevorzugte
-Menscheninsel, die Kulturinsel. Unabsehbar um sie, die Erdscheibe
-überflutend, der rohe Ozean des Halbmenschentums, des Barbarentums.</p>
-
-<p>Aber kaum, daß sich das konstituiert hat, so gebiert auch diese
-Kultureinheit schon mit innerer Notwendigkeit das Ideal einer noch
-höheren Umfassung: die Idee einer wirklichen „Menschheit“. Jener ganze
-Ozean saugt die Kultur wie eine Farbe, die von einem Fleck ausgeht, in
-sich ein, durchfärbt sich damit.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p>
-
-<p>„Menschheit“ fällt zusammen mit „Kultur“.</p>
-
-<p>Das letzte ist nun schon ein Begriff, den wir selbst erst werden,
-erst wachsen sehen, blaue Berge vor uns, halb im Nebel noch. Aber in
-die große Linie ordnet sich die Arbeit von Jahrtausenden auch hier
-stufenweise ein.</p>
-
-<p>Im Grunde ist dieser soziale Gesamtzug die umfassendere Leistung
-gegenüber der Technik, der Ausbildung bloß des sozialen Organs.</p>
-
-<p>Dieser allgemeine Sozialverband der Menschen zum Zweck gemeinsamen
-Wirkens, gemeinsamer Behauptung, gegenseitigen Schutzes, gegenseitig
-gewährten Glückes umspannt viel mehr als bloß den Sozialanteil an
-technischen Erfindungen — viel mehr Säulen des Menschengeistes.</p>
-
-<p>Das sagt ja das Gesamtwort Kultur schon, das zugleich das Gemeinsame
-und das Tiefe ausspricht.</p>
-
-<p>Aber in bestimmter Betrachtung ist doch auch wieder jede große
-technische Fortschrittsepoche ein Ausgangspunkt dieser allgemeinen
-Sozialfortschritte.</p>
-
-<p>In den Tagen zwischen Columbus und Galilei ist es, als lege sich eine
-ganze neue Quader unter den Begriff Kultur. Der Kulturmensch ist
-fortan der, der gedruckte Bücher besitzt, mit Fernrohr und Mikroskop
-beobachtet. Noch ist das im wesentlichen damals der europäische
-Mensch. Man denkt an den Spanier, den Portugiesen, der über Meer
-fährt und zu nackten Wilden kommt. Aber eben solche Fahrt, ermöglicht
-durch technische Hilfen, wie Schiff und Kompaß, ist zugleich eine
-Geburtshelferin jenes erweiterten Kulturbegriffes, der an keinem
-einzelnen Erdteil mehr haftet. Indem die Kultur Europas nach Amerika
-überfließt, geht in jenem Bilde ein Farbstreifen quer durch den
-Ozean. Eine halbe neue Erdkugel wird die Kultur einsaugen. Auf den
-Schiffen der Columbus und Magelhaens steuert der Idealbegriff einer
-Kulturmenschheit, in der es überhaupt keine Wilden, keine Barbaren mehr
-gibt, als blinder Passagier mit.</p>
-
-<p>Mit seinem Triumph der Technik war dem neunzehnten<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> Jahrhundert schon
-ganz von selbst vorgezeichnet, daß es auch ein soziales Jahrhundert
-ersten Ranges werden mußte.</p>
-
-<p>Immer bewußter, hell wie die blauen elektrischen Lichtbänder dieses
-Jahrhunderts, tritt die Kultureinheit hervor.</p>
-
-<p>Schon seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mindestens geschieht kein
-größeres Werk mehr, ohne daß wir uns direkt mit Worten dieser Einheit
-dabei erinnerten.</p>
-
-<p>In einer Welt, die noch unter Kriegsschrecken bebt und in tausend
-Ketten knirscht, klingt das Wort wohl oft wie eine Phrase. Aber in
-solcher Phrasenform sind alle großen Ideale auf Erden millionenmal und
-siebenmillionenmal aufgetaucht — bis sie endlich doch ein Lebenswort
-wurden.</p>
-
-<p>Es ist aber eben jenes achtzehnte Jahrhundert gewesen, das dem
-neunzehnten noch ein weiteres soziales Ferment übermittelt hat.</p>
-
-<p>Jenes Bild der älteren Kultur, die auf einer Insel sitzt, weithin um
-sich das finstere Meer der Barbarei, des kultursozial noch nicht
-angeschlossenen menschlichen Rohstoffes, hat noch eine andere Bedeutung
-als bloß eine geographische, bei der Europa die Insel ist.</p>
-
-<p>Es findet sich zum zweiten Mal wieder innerhalb unserer Kulturvölker
-selbst.</p>
-
-<p>Da ist ein enger Stand zunächst, der die Bildung, das soziale Werkzeug,
-all das andere, Tiefere, Vergeistigte, was die Kultur sonst noch
-ausmacht, besitzt und die Glückssonne dieser Errungenschaften über sich
-leuchten läßt.</p>
-
-<p>Um diesen Sonnenstand aber nach unten wogt abermals ein ungeheures Meer
-nackter, hilfloser, isolierter Feuerländer und Australneger unseres
-eigenen Volkes.</p>
-
-<p>Auch nach hier hinab hebt nun eine Mischströmung an, auch in diesen
-Ozean stößt Schiff um Schiff allmählich ab, um Farbströme hinter sich
-herzuziehen, bis eines Tages auch diese ganze Barbarensee die Kultur
-aufgesaugt haben wird und ihrer Vorteile teilhaftig ist.</p>
-
-<p>Wir haben uns gewöhnt, die Arbeit nach dieser Richtung im engeren Sinne
-als das soziale Problem zu bezeichnen. Und<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> es braucht nicht mehr
-gesagt zu werden, mit welcher wachsenden, orkanartigen Intensität das
-neunzehnte Jahrhundert das Jahrhundert dieses sozialen Problems gewesen
-ist. Und es braucht auch nicht das Allbekannte erzählt zu werden:
-wie gerade das soziale Organ, die Maschine, auch hier die Felsblöcke
-in krachenden Sturz gebracht hat, allerdings in besonderer Weise.
-Nicht die Geschichte dieser Dinge berührt mich ja hier, sondern das
-Gesamtantlitz, das sie dem Jahrhundert geben.</p>
-
-<p>Auf das Soziale deutet dieses Antlitz im neunzehnten, wo immer es uns
-anstarrt.</p>
-
-<p>Es sieht nicht den Menschen, sondern die Menschen.</p>
-
-<p>Und wo sich ein einzähliges Wort ihm dennoch auf die Lippe drängt, da
-ist es ein Idealwort, geschmiedet aus fünfzehnhundert Millionen Köpfen:
-— <em class="gesperrt">Menschheit</em>.</p>
-
-<p>Wo dieses bis in jede Faser sozial durchfärbte Jahrhundert Weltenwerte,
-Erlebniswerte wog und für seine Bedürfnisse aussonderte: da war es, da
-mußte es sein jene Auslese der Erlebnisse, die sozial gemacht werden,
-— also der „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen.</p>
-
-<p>Das Blut, von dem es trinken mußte, um zu leben, um nicht ein leerer
-Schatten zu sein, rann ihm hier zu.</p>
-
-<p>Wirklichkeit! Wirklichkeit!</p>
-
-<p>Aus den Myriaden individueller Sondererlebnisse durchgesiebt die
-übereinstimmenden, die sozial brauchbaren, die, bei denen man Mensch
-mit Mensch packen konnte.</p>
-
-<p>Und als brächte der Ruf, das Verlangen danach selber das Blut zum
-Strömen, so strömte und strömte dieses rote, nahrhafte, verbindende
-Blut der Wirklichkeit nun auch diesem Jahrhundert tatsächlich wie aus
-unerschöpflicher Ader zu.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Dem neunzehnten Jahrhundert glückt es, Dinge in den Bereich der
-Wirklichkeitswerte ganz oder doch nahezu hineinzuziehen, an deren
-Wirklichkeitsmöglichkeit selbst die aufgewecktesten Kulturepochen in
-sieben Jahrtausenden nicht in kühnster Hoffnung gedacht hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span></p>
-
-<p>Ein prachtvoller Eroberungszug bemächtigt sich des Menschen
-<em class="gesperrt">selbst</em>.</p>
-
-<p>Zum erstenmal entsteht eine eigentliche <em class="gesperrt">Naturgeschichte des
-Menschen</em>. Und im Rahmen dieser Naturgeschichte eine erste auf
-Tatsachen, auf Wirklichkeiten gestützte „wahre“ Geschichte.</p>
-
-<p>Über den Ursprung der Menschheit enthüllen sich schlechterdings
-neue Dinge, die jeder fortan greifen kann. Es ist das Problem aller
-Probleme, die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, die mit diesem Punkte
-berührt ist. Das Centralgeheimnis aller Erlebnisse, der Blick ins
-eigene Sein.</p>
-
-<p>Seltsam genug: gerade die Geschichte, der Ursprung des Menschen hatte
-bis in dieses Jahrhundert hinein mit einer zähen Hartnäckigkeit
-außerhalb der sozial kontrollierbaren „Wirklichkeiten“ gelegen.</p>
-
-<p>Der biblische Mensch, der Mensch der uralten babylonisch-jüdischen
-Schöpfungslegende herrschte für diesen Punkt, und er beherrschte von
-hier aus das Bild des Menschen überhaupt.</p>
-
-<p>Dieser biblische Mensch reichte seiner eigenen Schöpfung im
-Menschengeist nach aber in Zeiten zurück, die an Wirklichkeitswerten
-und an Sehnsucht nach solchen noch unendlich viel ärmer gewesen waren
-als auch nur etwa das Jahrhundert des Columbus.</p>
-
-<p>Einzelne objektive, von vielen erlebte Tatsachen mögen ja immerhin
-bei seinem Uranfang mitgewirkt haben. Der Glaube an die Sintflut hat
-zweifellos an die versteinerten Muscheln auf Berghöhen angeknüpft,
-die man anders nicht zu erklären wußte. Die Entstehung des Menschen
-aus einem Lehmkloß schloß sich an die angebliche Beobachtung, daß
-kleine Tiere, Flöhe, Maden und Mäuse, unmittelbar aus toter Substanz
-hervorzukommen schienen.</p>
-
-<p>Aber diese Erfahrungen traten später so gut wie ganz in den
-Hintergrund. Der biblische Schöpfungsmythus lebte fort einfach als
-Überlieferung. Irgend einem, etwa Moses, sollte das so offenbart worden
-sein. Dieses innere Erlebnis wurde aber sozial gemacht, zu einem
-Erlebnis für alle, also zu einer<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> „Wirklichkeit“ gemacht nur durch eine
-Art Machtgebot, eine künstliche <em class="gesperrt">Sanktion</em>.</p>
-
-<p>Glaube wurde verlangt, Beweise nicht mehr für nötig erachtet.</p>
-
-<p>Und anderthalb Jahrtausende hielt sich das wirklich so in einer
-notdürftigen Balance.</p>
-
-<p>Aber jene innere Logik der Dinge, die alle Sozialwerte, auch die
-scheinbar fest errungenen, immer wieder durchsiebt, mußte langsam
-endlich durchsickern lassen, wie sehr in diesem überlieferten
-Glaubenswerte die Gefahr eben doch einer <em class="gesperrt">bloß</em> subjektiven
-Annahme, sagen wir: einer Hallucination, steckte. Mochte es die
-Hallucination einer ganzen Kulturepoche sein. Auch solche werden, wie
-gesagt, schließlich ausgemerzt, wenn die Kultur weiter steigt.</p>
-
-<p>Um den Sozialwert der biblischen Menschengeschichte und
-Menschenauffassung dauernd und in immer wirklichkeits-energischere
-Zeiten hineinzuretten, mußte man ihn schließlich doch mit gewöhnlichen
-Wirklichkeitswerten wieder zu stützen versuchen.</p>
-
-<p>Der Glaube suchte endlich doch einen Halt bei der Forschung.</p>
-
-<p>Es ist aber im ganzen achtzehnten Jahrhundert schon ein öffentliches
-Geheimnis der besten Köpfe, daß dieser Rettungsversuch scheitern müsse.</p>
-
-<p>Es war unmöglich, wirkliche Tatsachengründe, die jeder greifen konnte,
-für die Bibeltradition zu finden.</p>
-
-<p>Der biblische Gott in seiner Gestalt eines bloß vergrößerten
-Übermenschen, Adam und Eva, das Paradies, der Sündenfall, Noahs Arche
-in der Flut, sie verschwebten im Blau, unfaßbar, ohne Akten und Siegel
-im Sinne sonstiger greifbarer Tatsachengeschichte, im Sinne von
-„Wirklichkeit“.</p>
-
-<p>Dieses Ergebnis war ja zunächst ein rein negatives.</p>
-
-<p>Und im Zeichen dieses Negativen steht das ganze achtzehnte Jahrhundert.</p>
-
-<p>Die Bibel sinkt in die Rolle eines subjektiven Erlebnisses ohne
-Sozialwert, ohne Gebrauchswert für viele, hinab. Die<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> wahre Geschichte
-des Menschenursprunges ist jetzt ein nacktes weißes Blatt.</p>
-
-<p>Das Jahrhundert geht ins nächste mit Stimmen, die jede Möglichkeit
-anzweifeln, daß je noch Schrift der Wirklichkeit auf dieses Blatt
-kommen werde. Ist all das bunte Märchenspiel seiner biblischen Wiege
-dem Menschen ins Blaue verdampft — so scheint sein Ursprung, scheint
-er selbst in seiner zeitlichen Dehnung rückwärts erst recht jetzt im
-Nebelblau des absolut Unbekannten.</p>
-
-<p>Das hier einsetzende neue Jahrhundert aber bringt gerade das
-Unerwartete: den Bruch grade dieses Geheimschlosses nun doch durch die
-Wirklichkeit.</p>
-
-<p>Die Technik wieder ist es, die den Spaten gibt.</p>
-
-<p>Der Spaten wird eingesetzt — und jetzt kommen Erlebnisse realster Art
-zustande, Erlebnisse für alle, die der Kultur angehören.</p>
-
-<p>Ein solcher Spaten ist das künstliche Auge des Fernrohres, das in die
-Nebelflecke schaut. Das Thermometer, das die Wärmeverhältnisse des Alls
-mißt, eine verfeinerte Haut gleichsam des Menschen. Das Spektroskop,
-ein nochmals neues, chemisches Auge, das Sternenlicht in seine Elemente
-zerspaltet.</p>
-
-<p>Jedes dieser erweiterten Sinnesorgane eröffnet erweiterte
-Wirklichkeitswerte.</p>
-
-<p>Im unendlichen Raume erscheint die Urmaterie nebelhaft zerstreut. Sie
-glüht auf als Fixsterninsel. Als Sonne. Diese Sonne entläßt feurige
-Reifen, die sich zu Planetenkugeln aufrollen. Eine solche Kugel
-saust Trillionen Jahre lang im eiskalten Raume und sie erstarrt. Ein
-metallischer Eisblock, läßt sie sich nur noch von der Sonne erwärmen.
-Aber ihre Rinde wird das Spiel unzähliger chemischer Prozesse. Im
-milden Sonnenatem erhält sich der Sauerstoff, gemischt mit andern
-Gasen, als Luftschicht, verbunden mit Wasserstoff dauert er als
-flüssiges Meer. Dieses Meer umwogt Länder. Und so baut sich, schon
-eine Folge von Aeonen, die Urerde auf, noch einmal herausgesehen
-aus der heutigen Wirklichkeitswelt mit Hilfe jener gesteigerten
-Wirklichkeitsorgane der Technik.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p>
-
-<p>Diese Technik wandelt aber wieder einen anderen Weg.</p>
-
-<p>Zu den Gemeinsamkeitserfahrungen der Menschheit gehören gewisse
-Gesteinsmassen der Erde. In diese Gesteinsmassen dringen technische
-Organe vor, sie bohren Tunnels hinein für einen künstlichen Muskel-
-und Nervenstrang des Kolossalwesens Mensch, sie bauen die Steinkohle
-heraus, damit sie selber ein Leuchtorgan, ein Wärmeorgan dieses
-Menschen werde, sie tragen Schiefer Platte um Platte davon ab,
-um eine Form ihres sozialen Gedächtnisses, die Bilderschrift des
-lithographischen Druckes, damit herzustellen.</p>
-
-<p>Dabei aber kommen neue Erfahrungen zustande: versteinerte Baumstämme,
-Abdrücke und Knochen seltsamer Tiere. Handgreiflich gemeinsame
-Erfahrungen, die, in öffentlichen Museen aufbewahrt, durch
-photographische Platten jenseits aller Hallucinationsmöglichkeit
-fixiert, von allen fünfzehnhundert Millionen Menschen der Erde gesehen
-werden können und den nachgeborenen Generationen ebenso unverändert
-erhalten bleiben.</p>
-
-<p>In die Jahrmillion der Urwelt auf dem erkalteten Planeten zeichnen
-sich damit neue Bilder ein. Am Ufersande entlegenster Zeit regt sich
-gallertiges Gewürm. Durch die blaue Flut ziehen Schwärme bunter
-Medusen. Der Wind knattert durch die Schachtelhalmwälder sumpfiger
-Inseln. In diesem Sumpfe kriechen gepanzerte Molche auf dem feuchten
-Moosboden. Der Farrnwald wird zum Nadelgehölz. Gigantische Saurier,
-turmhoch auf den Hinterbeinen, watscheln hindurch. Der erste Vogel,
-noch mit einem langen Eidechsenschwanz hinter sich, flattert darüber.
-Dann ein Palmenwald in Sachsen, mit Affen und Antilopen. Urwaldfichten,
-deren Harztränen zu Bernstein werden. Groteske Dinotherien mit
-Walroßhauern bei Mainz. Ein Menschenaffe auf der schwäbischen Alb.
-Endlich Eisgletscher über ganz Norddeutschland, auf denen schwedischer
-Granit, als Moräne verfrachtet, bis nach Berlin rutscht.</p>
-
-<p>Und jetzt in diese nie geahnten Wirklichkeitspanoramen eingehend — der
-Mensch.</p>
-
-<p>Eines jener neuen gemeinschaftlichen Werkzeugaugen, das Mikroskop, löst
-ihn in winzige Urelemente des Lebens, die<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> Zellen, auf. Aus solchen
-Zellen baut sich auch jedes Tier, baut ich jede Pflanze. Aus einer
-einzigen Zelle, der Eizelle, entsteht geschichtlich als einzelner jeder
-Mensch. Auf Wesen, nur aus einer Zelle bestehend, läßt sich auch die
-ganze Fülle des Tier- und Pflanzenlebens auf Erden zurückführen, wenn
-man zu ihren geschichtlichen Wurzeln zurückgreift.</p>
-
-<p>Die Fülle der Gesichte, über jene ganze Urwelt ausgebreitet, ordnet
-sich dann hintereinander.</p>
-
-<p>Aus dem Niederen das Höhere.</p>
-
-<p>Einzellige Urwesen am ersten Strand. Niedrige Pflanzen, später niedrige
-Tiere. Doch der Stammbaum wachsend, Ast um Ast, bis zur Rose, bis zum
-Säugetier. Und dieses Säugetier wird an einer letzten Stelle Mensch.
-Mensch nach oben — nachdem es nach unten Eidechse, Molch, Fisch, Wurm
-wie Häute seiner Entwickelung durchgemacht und abgestreift hat. Noch im
-Säugetier steigt eine ganze Skala an, Schnabeltier, Beuteltier, zuletzt
-gibt es eine Gabelung, die hier den Affen entläßt, dort unaufhaltsam
-in den Menschen empor sich steigert. Nicht in einen Paradieses-Adam,
-sondern einen harten Kämpfer. Unter Eis stöhnt die Erde, als er noch
-jung ist. Der Höhlenlöwe brüllt vor seinem Versteck. Aber in diesem
-Versteck entzündet er sich die Herdflamme und bei ihrem Schein schlägt
-er sich den Stein immer vollkommener zur Waffe.</p>
-
-<p>Hier hebt das andere, höhere Epos an: die Kultur.</p>
-
-<p>Immer aber, in jedem Zuge, ist diese neue Schöpfungsgeschichte getragen
-von gemeinsamem Erfahrungsmaterial: von „Wirklichkeiten“.</p>
-
-<p>Noch jetzt leben Tierformen vor jedermanns Blick, die bis zu jenen
-Einzellern hinunter seinen Ahnen gleichen.</p>
-
-<p>Sein Embryo im Mutterleibe, der heute noch die Kiemenbogen des
-Fisches, das Wollkleid, die spitzen Ohren und den Schwanz des niederen
-Säugetieres wiederholt, steht im Museum.</p>
-
-<p>Greifbar zieht ein Forscher gar aus einem Flußbett Javas die Hirnschale
-und den Schenkelknochen des Pithekanthropus, der halb Gibbonaffe und
-halb Mensch vor mehr als einer halben Million Jahren gewesen ist.
-An der Stätte, wo<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> Goethe gewandelt ist, dicht bei Weimar, in den
-Kalktuffen der Ilm, speit der Boden Steinwerkzeuge aus, gemischt
-mit den von Menschenhand bearbeiteten Knochen des Elefanten und des
-Rhinoceros. Auf dem Felsen von Rüdersdorf folgt die Hand der Glättung
-und Ritzung des Gesteines, die dem alten Riesengletscher jener Eiszeit
-verdankt werden.</p>
-
-<p>Nicht eine Hand bloß, von der dann die Tradition allein bleiben müßte
-wie einst von den Gesichten des mosaischen Schöpfungsdichters.</p>
-
-<p>Hundert, Millionen Hände, immer wieder, wenn sie sich bloß die Mühe
-machen wollen.</p>
-
-<p>Von „Wirklichkeiten“ ist diese neue Schöpfungsgeschichte umspannt,
-umklammert wie von einer Eisenhand.</p>
-
-<p>Von Wirklichkeiten in eine ganz bestimmte, nicht mehr erschütterbare
-Gestalt gepreßt, schreitet der Mensch aus dem neunzehnten Jahrhundert.</p>
-
-<p>Eine Kette klirrt hinter ihm her aus diesen Wirklichkeiten, eine eherne
-Nabelschnur, die ihn, wohin er auch schreite und was er nun sei, fortan
-rückwärts angeschmiedet hält an einem ungeheueren weltallsschweren
-Granitblock übereinstimmender Erlebnisse der Menschheit selbst über
-ihren Ursprung.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ein Jahrhundert, das einen solchen Triumph mit der Wirklichkeit
-erlebt hatte — ist es ein Wunder, wenn es allmählich wie in Ekstase
-geriet vor diesem Begriffe?</em></p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Es läßt sich sehr gut verfolgen, wie das Jahrhundert zwei Phasen in
-sich durchläuft, was diesen Punkt anbelangt.</p>
-
-<p>Grob kann man es genau auf seine Mitte, auf den Umschwung zu den
-Fünfzigerjahren, durchschneiden, um sie zu erhalten.</p>
-
-<p>In der ersten Hälfte ist es, als seien Zwerge schweigend bei einer
-Nachtarbeit.</p>
-
-<p>Blöcke werden noch geräuschlos aufgetürmt. Die Technik wächst langsam
-empor. Die erste Lokomotive dampft. Der erste Telegraphendraht
-spannt sich. Das zusammengesetzte<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> Mikroskop beginnt zu arbeiten.
-Neue Wissenschaften blühen auf, alle mit der Färbung nach der
-naturwissenschaftlichen Seite. Das allgemein Soziale reckt sich und
-zeigt mehr und mehr Fühlung mit der Technik. Der alte Goethe stirbt
-schon mit dem Gefühle, daß eine neue Zeit dabei sei, sich zu erfüllen,
-eine Zeit der sieghaften Realwerte.</p>
-
-<p>Aber bei alledem haben diese ersten fünf Jahrzehnte im ganzen doch noch
-etwas Intuitives, etwas dumpf im Mutterleibe Wachsendes, etwas bloß im
-dunklen Drange geradeaus Gehendes ohne Nachdenken.</p>
-
-<p>Das eigentliche Bewußtsein all der Dinge blitzt erst mit der Wende zur
-zweiten Hälfte auf. Die Nebel fallen über dem Zwergenschlosse und es
-steht auf einmal da, vor aller Welt Augen, und es zwingt diese Augen zu
-sich.</p>
-
-<p>Nach fünfzig Jahren stillen aber steten Ringens um die „Wirklichkeit“
-kommt in den ersten beiden Jahrzehnten der zweiten Phase mit Übergewalt
-gerade jetzt auch jener stolzeste Eroberungszug wie eine reife
-Frucht: die neue Lehre vom Menschen, das neue Weltbild, aufgebaut auf
-Wirklichkeit. Lange schon hat diese Frucht ungesehen im dichten Laube
-gehangen, jetzt fällt sie, und ihr Poltern zieht die ganze bewußte
-Aufmerksamkeit auf sich. So und so viel noch fest Schlafenden fällt
-sie auf den Kopf — und sie <em class="gesperrt">müssen</em> aufwachen, <em class="gesperrt">müssen</em>
-begreifen.</p>
-
-<p>Um das Ende der Fünfziger und den Anfang der Sechziger erfolgt nach
-dieser Seite ein Hauptschlag um den anderen.</p>
-
-<p>Die Spektralanalyse, die die Gestirne enträtselt.</p>
-
-<p>Darwin.</p>
-
-<p>Das Gesetz von der Erhaltung der Energie fest begründet.</p>
-
-<p>Boucher de Perthes’ prähistorische Funde bestätigt.</p>
-
-<p>Zum ersten Mal läßt sich der Faden einer Kosmogonie auf Grund von
-lauter Wirklichkeiten spinnen, wie es Haeckel in ewig unvergeßlicher
-Weise versucht hat.</p>
-
-<p>Der Kampf gegen die Bibel, durch Strauß angebahnt,<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> nimmt unter
-dem Druck dieses positiven Ersatzmaterials den Charakter eines
-Vernichtungskampfes an. Alles, was mit dogmatischer Religion
-zusammenhängt, kommt ins Bröckeln. Die Autorität der Tradition wankt in
-ihr im Verhältnisse, wie die Autorität der Wirklichkeit, das Vertrauen
-zur Wirklichkeit überall wächst.</p>
-
-<p>Andererseits ist dieser gleiche Zug gegen die alte Autorität bloßer
-Überlieferungen im allgemein Sozialen wie ein Frühlingssturm merkbar.</p>
-
-<p>Wie in der Philosophie, so in der Politik. Abkehr vom Phantastischen
-zugleich und minderer Glaube an alte Bücher, alte Titel, alte Verträge,
-zweifelhafte Dokumente von lediglich traditioneller Heiligkeit. Die
-wachsende soziale Bewegung sucht sich auf greifbare Realwerte hin neu,
-solider, weltgerechter zu ordnen.</p>
-
-<p>Scheinbar fliegt eine ungeheuere Masse Pietät über Bord.</p>
-
-<p>Aber in Wahrheit nur, weil eine einzige ganz bestimmte Pietät
-überwiegend, erdrückend, alles verschlingend geworden ist: die Pietät
-vor den „Tatsachen“, vor der „Wirklichkeit“.</p>
-
-<p>Der darwinistische Mensch und der sozialistische Mensch reichen sich in
-diesem Pietätsgefühl brüderlich die Hand.</p>
-
-<p>Und all diese Dinge, dieser ganze Zug der Zeit haben einen so
-greifbaren <em class="gesperrt">Glücksinhalt</em>!</p>
-
-<p>Es liegt wie ein großes Aufatmen in der Entlastung von soviel
-schweren Berglasten der Illusionen, Glaubenssätze, Vertröstungen,
-Subjektivitäten mit Autoritätsmacht. Das Feld für neue Entwickelungen
-scheint endlich wieder frei, und das Bewußtsein davon gießt junge Kraft
-in alle Adern.</p>
-
-<p>Wo immer die Wirklichkeit resolut erfaßt wird, philosophisch,
-technisch, sozial — es fließt und fließt ein überwältigender Strom von
-Glück zu.</p>
-
-<p>All sein körperliches Glücksbedürfnis eines ungeheuer sinnlich
-kräftigen Organismus wirft das Jahrhundert nach dieser Seite, all seine
-brennende Seelensehnsucht.</p>
-
-<p>Die Kirche sank, der Himmel schloß sich mit seinen Belohnungen,
-seiner außerweltlichen Bestimmung des Menschen,<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> seiner unmittelbaren
-Gotteshilfe. Das ganze alte Gefüge der Autoritäten, Traditionen,
-Moraltafeln, privilegierten Stammbäume krachte.</p>
-
-<p>Aber die Wissenschaft schenkte einen neuen Himmel mit Millionen
-Sternen. Sie schenkte einen neuen Menschen, der in ganz neuer, solider
-Weise auf der Erde stand. Und die Technik, Schöpferin zugleich und
-Kind dieser Erkenntnis, würde Brot und Muße für alle aus diesem Boden
-zaubern, hier auf dieser Erde — eines Tages.</p>
-
-<p>Noch verwirrten ja ihre Maschinen eher, als daß sie halfen. Aber das
-war nur der letzte Nebel vor Sonnenaufgang. Die soziale Neuordnung und
-Gesamtkonstituierung der Menschheit würde ein irdisches Reich der Liebe
-und Gerechtigkeit gründen, aufgebaut auf Arbeit im richtigen Maße.
-Keine Herrschenden und Unterdrückten mehr, nur der freiwillige Arbeiter
-triumphierend.</p>
-
-<p>Und das alles schließlich verdankt dem großen Umschwung in der
-Wertschätzung der Wirklichkeit. Sie war der Fels endlich im Meer, wo
-die Arche landen konnte&#160;....</p>
-
-<p>Man kann die Dinge bis hierher ruhig in ihrem ganzen Königsmantel
-rauschen lassen, ohne auch nur ein Wort einschränkender Kritik
-hinzuzusetzen.</p>
-
-<p>Die vollkommene Größe des neunzehnten Jahrhunderts erscheint wirklich
-so, die ihm nie wieder irgend eine Zukunft entreißen wird.</p>
-
-<p>Das Jahrhundert der Dampfmaschine und des Telegraphendrahtes, Darwins
-und der beginnenden Umwandlung des alten Christuswortes von der
-Nächstenliebe in reale soziale Tat — es hat mit seiner „Wirklichkeit“
-in Wahrheit Berge versetzt, Berge, an denen sich der Strom der
-Menschheitsentwickelung gestaut hätte, wenn nicht eine Hand sie endlich
-wegriß und die Wasser schäumen ließ.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>.... Aber es wird kein Kind geboren, auch kein Heiligenkind, ohne daß
-edles Mutterblut dabei verströmte.</p>
-
-<p>Jede große Entwickelungserweiterung der Menschheit, bei<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> der ein neues
-Flußbett sich gräbt, hat seine gewissen Züge auch des Dammbruches, der
-Überschwemmung, der entfesselten Gewalt, die Fruchtbäume bricht und
-Ackerboden verschüttet.</p>
-
-<p>Auch in der größten Tat des Genius erscheint unabänderlich der
-Erdenrest bestimmter Unterdrückungen, Vergewaltigungen, Übertreibungen.</p>
-
-<p>Im Grunde, wenn man tiefer blickt, ist dieser scheinbare dunkle
-Fleck eigentlich nichts anderes als der schwarze Schnittpunkt der
-Entwickelung selbst, die auch in der erhabensten Leistung nicht ganz
-erfüllt, nicht ganz zum Stillstand gebracht sein darf, sondern ihre
-Ecke behalten muß, wo sie auch diese Leistung wieder zersetzen, wieder
-überwinden wird — zum Nutzen des unablässigen Weiterganges.</p>
-
-<p>Auch das neunzehnte Jahrhundert hat diesen Schnittpunkt. Und es hat
-ihn genau mitten in dem, was seine Größe ausmacht: in dem Begriffe der
-„Wirklichkeit“. Dieser Begriff ist seine Sonne — aber es ist auch sein
-größter Sonnenfleck darin.</p>
-
-<p>In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts treten mit dem wachsenden
-Bewußtsein von jener großen Fügung auch ganz allgemach die Spuren einer
-gewissen Verschiebung auf.</p>
-
-<p>Der Begriff Wirklichkeit nimmt in einer Menge von Köpfen eine
-eigentümliche Schwere an.</p>
-
-<p>Er bekommt etwas von einem Block, der sich nicht mehr recht bewegen
-lassen will, der selber wieder lastet, drückt.</p>
-
-<p>Die Wirklichkeit hatte zu solchem Triumph geführt, eröffnete solche
-Glücksbilder. Wie nahe lag es, sie für das <em class="gesperrt">einzige</em> zu erklären,
-was für den Menschen überhaupt in Betracht kam, was <em class="gesperrt">Wert</em> für ihn
-besaß!</p>
-
-<p>Wir erinnern uns jener Grunddefinition: daß „Wirklichkeit“ eine Auslese
-der für viele, eventuell alle Menschen gemeinsamen Erlebnisse darstelle.</p>
-
-<p>In dieser Definition ist noch kein Werturteil enthalten, was besser
-sei: diese sozialen Erlebnisse in ihrer Ganzheit oder der Rest des
-tausendfältig Subjektiven, der daneben schwimmt,<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> ohne aufgelöst zu
-werden, all der individuellen Erlebnisse, die jeder zunächst für sich
-hat ohne Parallelen bei andern.</p>
-
-<p>Höchstens konnte man sagen: die Wirklichkeit wurde jedenfalls etwas
-zweiten Grades, — eben als Auslese.</p>
-
-<p>Jetzt aber wird der Spieß umgekehrt.</p>
-
-<p>Die Frage taucht auf, ob das Subjektive nicht bloß ein wertloser Rest,
-etwas Überzähliges ohne Sinn sei?</p>
-
-<p>Die Wirklichkeit allein das echte Erlebnis, das erlebenswerte!</p>
-
-<p>Das Subjektive dagegen, das mit ihr nicht zusammenfällt, bloß ein
-gleichgültiges Schaumgekräusel — Schnitzelwerk des Erlebens, das
-nebenherlaufend nicht immer zu vermeiden ist, aber jedenfalls eine
-Luxusproduktion darstellt!</p>
-
-<p>Ja, war es bloß die?</p>
-
-<p>Der Schritt in der Logik ist äußerst klein vom Wertlosen zum
-Widerwärtigen, zum Schändlichen.</p>
-
-<p>Man hatte so deutliche Beweise, wo das Subjektive geschadet hatte,
-indem es das Wirkliche fälschte, zum Beispiel in religiösen Dogmen.</p>
-
-<p>Der eigentliche Schaden hatte zwar strenggenommen in solchen Fällen
-immer in der blinden Tradition bestanden, in der Nachlässigkeit, die
-Subjektives für allgemeine Wahrheitswerte einfach leichtfertig hinnahm,
-und in der Autorität, die solche Verwirrungen heiligte und gewaltsam
-durchdrückte.</p>
-
-<p>Aber war es nicht doch die nackte Existenz des Subjektiven in der
-großen Menschheitsrechnung gewesen, die den Anlaß gab, daß dergleichen
-überhaupt in Szene treten konnte?!</p>
-
-<p>Jede Zeit hat ihren Versucher, der als kleines Schlänglein hinter dem
-Apfelbaume hervorkriecht. Für das neunzehnte Jahrhundert steckte er in
-dieser harmlosen Frage. Es kroch eigentümliche Wege, das Schlängelchen,
-aber mit der ganzen schwarzen Teufelslogik.</p>
-
-<p>Alles Subjektive, das nicht in das Gemeinsame paßte, war also tauber
-Schuß, Rankenwerk, das besser abgeschnitten wurde.</p>
-
-<p>Man vergaß, daß das Subjektive tatsächlich der große<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> Nährboden war,
-aus dem alles zunächst einmal wuchs und gewachsen war, auch das
-„Wirkliche“.</p>
-
-<p>Man vergaß, daß dieses Wirkliche in keinem Moment etwas Absolutes
-war, sondern unablässig nur ein schwankendes Lichtfeld innerhalb
-der subjektiven Erlebnisse bildete, in das beständig Neues aus der
-subjektiven Masse einwuchs und aus dem schon Aufgenommenes beständig
-wieder austrat.</p>
-
-<p>Man vergaß, daß man im Subjektiven den wahren seelischen Boden
-berührte, der dem Antäus die Mutterkraft gab — während das „Wirkliche“
-sich immerzu einem rein objektiven Werte näherte, für den man in dem
-Denken wenigstens, das das neunzehnte Jahrhundert nach seiner großen
-Religionskrisis beherrschte, keinerlei höhere seelische Einheit zur
-Verfügung hatte.</p>
-
-<p>In der ganzen zweiten Hälfte des Jahrhunderts sinkt in der allgemeinen
-Auffassung des Menschen überall das Individuum.</p>
-
-<p>Die „Wirklichkeit“, dieses Gemeinsame der Individuen, gewinnt einen
-Zug, bei dem das Einzelne als das sozusagen Überflüssige erscheint.</p>
-
-<p>Sie <em class="gesperrt">umfaßt es</em>.</p>
-
-<p>Eine Null ist es schließlich vor ihr. Seit man seine Geschichte mit
-Werten in ihr belegen kann, scheint sie von allen Seiten ganz um ihn
-herumgewachsen zu sein.</p>
-
-<p>Philosophisch kräuselte sich das zu dem Gedanken aus: sie <em class="gesperrt">ist</em>
-überhaupt bloß.</p>
-
-<p>Der einzelne Mensch ist lediglich eine Welle in ihr. Sie dauert, er
-vergeht. Allerdings ist sie bloß eine ungeheuere Maschine, gleich den
-Sozialorganen des Menschen. Aber diese Maschine eben ist das eigentlich
-Seiende. Die Menschen sind nur in ihr geborene und wieder zerstörte
-Spiegelplättchen.</p>
-
-<p>Allmählich sinkt das ganze Aktive der Welt mehr und mehr in diese
-gemeinsame Wirklichkeit.</p>
-
-<p>Der Mensch ist nur noch Passives.</p>
-
-<p>Er liegt in einer ungeheueren Maschine.</p>
-
-<p>Sie treibt heute ihren Dampf in ihn und läßt ihn laufen.<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Morgen wirft
-sie ihn auf den Schwungriemen und wirbelt ihn gegen die Decke.</p>
-
-<p>In diesem Jahrhundert grandioser technischer Werkstätten nimmt auch
-dieses Bild grandiose, monumentale Formen an.</p>
-
-<p>Aber in seiner philosophischen Konsequenz muß es zu einem Pessimismus
-der schärfsten Färbung führen: dem Pessimismus, der in allen
-Kulturjahrtausenden immer wieder die Reaktion des Individuums gewesen
-ist, das von einer Weltanschauung wie eine Schnecke im Weinberg
-zertreten wird.</p>
-
-<p>Und dieser Pessimismus wird tatsächlich doch nur verdankt einem
-falschen erkenntnistheoretischen Schachzuge.</p>
-
-<p>Das Jahrhundert beginnt sich seinen schönsten Zauberstab, die
-„Wirklichkeit“ in Anführungszeichen, zu versteinern, zu entwerten, zu
-einer Geißel gegen sich selbst umzuübertreiben.</p>
-
-<p>Das aber einmal in voller Gährung, fließen die Wellen jetzt
-unaufhaltsam auf der schiefen Ebene ab, den Rest des Jahrhunderts mit
-ihrem Rauschen durchhallend.</p>
-
-<p>Aus dem wundervollen neuen Menschen, den uns das Jahrhundert aus
-Nebelflecken und Urzellen gezogen hatte, diesem Menschen, der einen
-Kosmos um ein Paradiesgärtlein eingetauscht hatte, der auch in
-der schlichtesten Arbeiterbluse fortan ein Sonnensohn war, dessen
-Adelsbaum bis in die Milchstraßen ragte: aus diesem unsagbar prächtig
-vergrößerten Menschen ging in der Logik der falschen Doktrin auf einmal
-der „Normalmensch“ hervor, ein kleines spaßhaftes Philisterlein mit
-einer Nummer vor der Stirn, der nicht zu mucken, sondern nur zu folgen
-hatte.</p>
-
-<p>Dieses Menschen-Maschinlein war der Mensch, ausgemünzt bloß noch auf
-die bestehenden Allgemeinwerte hin, unter absolutem Niedersäbeln jedes
-subjektiven Lebens als einer „Schädlichkeit“.</p>
-
-<p>Von einer blinden Vergottung der heute gerade errungenen
-Wirklichkeitswerte aus wurde dieses Menschlein zurückgezahlt als
-erstarrte Schablone, die jetzt in die Praxis allenthalben hineingepreßt
-werden sollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p>
-
-<p>Es war die Entwickelung, die sich selber den Ast absägte, die Quelle
-verstopfte, den ewigen Jungbrunnen zuschüttete.</p>
-
-<p>Denn mit der Nichtigkeitserklärung den ganzen rein subjektiven Werten
-gegenüber erstickten alle die Keimkristalle des Fortschrittes in der
-Erweiterung des Wirklichkeitsbildes, die unablässig in dieser großen
-Mutterlauge des Subjektiven anschossen.</p>
-
-<p>Jede große Allgemeinwahrheit war einmal in einem einzelnen Kopf
-als heterogene, als ketzerische Subjektivität geboren, jede
-Allgemeinnützlichkeit an einem subjektiven Leibe zuerst erprobt worden.
-Aber was sollte das, wenn man alles Aktive in diesem nachgeborenen
-Produkt, in der schon bestehenden „Wirklichkeit“ selbst suchte, anstatt
-in den Individuen mit ihren Subjektivitäten, die unablässig neues
-Material aus ihrer Aktivität heraus zur Auslese des sozial Passenden
-ins Feld warfen?</p>
-
-<p>Der Normalmensch wuchs wirklich für die Theorie sieghaft auf, so
-und so viel tausend und tausend Spiegelplättchen, alle auf dieselbe
-omnipotente „Wirklichkeit“ eingestellt und nur gemessen auf die
-Korrektheit dieser Einstellung.</p>
-
-<p>Wer im genauesten Winkelmaß ziffernmäßig eingerenkt stand, — der war
-„gesund“.</p>
-
-<p>Jede subjektive Abweichung aber war — Krankheit.</p>
-
-<p>Obwohl alle letzten Gedankengänge, die schließlich bis hierher geführt
-hatten, falsch oder wenigstens übertrieben waren, so tritt doch auch
-darin noch die Größe des Jahrhunderts hervor, daß die Verfolgung
-dieser Dinge jenseits des schlechten Punktes eine so gewaltige Logik
-entwickelte, daß schon das allerstärkste Bollwerk nötig wurde, um sie
-endlich doch zum Falle zu bringen.</p>
-
-<p>Es liegt aber ein solches Bollwerk tatsächlich inmitten des unendlich
-schwankenden Halbdunkelgebietes des „Subjektiven“ — und zwar sind
-seine Zinnen von alters in ihrer ganzen Cyklopenkraft bekannt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Es ist die Kunst.</em></p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p>
-
-<p>Auf einem Höhepunkte der Verwickelung mußte die Kunst das Ilion werden,
-vor dessen Mauern der große Kampf zum Stillstande der Entscheidung kam.</p>
-
-<p>Der Kampf zwischen der versteinerten, vergötzten „Wirklichkeit“ — und
-dem Aktiven in der Subjektivität, das neue Werte schuf und den ewigen
-Fluß, die ewige Relativität, die ewige Entwickelung vertrat jenes
-Ausschnittes aus dem grundlegenden Gesamtergebnisse der Menschheit, den
-wir „Wirklichkeit“ nennen.</p>
-
-<p>Die Kunst nimmt in dem Gegensatze zwischen Subjektivem und Sozialem,
-zwischen der großen Erlebniswirklichkeit und der engeren, gemeinsamen
-„Wirklichkeit“ in Anführungszeichen eine so schlechterdings besondere
-Stellung ein, eine so raffiniert verwickelte Grenzstellung, daß jede
-Übertreibung hier ein Zwist auf Tod und Leben werden muß.</p>
-
-<p>Nichts ist seltsamer, ist von gewissem Boden aus unwahrscheinlicher und
-ist doch tatsächlich wahrer als der Satz, daß in der Kulturgeschichte
-noch <em class="gesperrt">jede</em> Welle, die <em class="gesperrt">vergewaltigend</em> gegen die
-<em class="gesperrt">Kunst</em> anbrandete, schließlich <em class="gesperrt">zerbrochen und verschäumt
-ist</em>, — als sei hier der feinste Kern- und Schutzwert der
-Menschheit berührt, dessen Antastung jäh alle Alarmsignale auslöst und
-zum generalen Widerstande bläst.</p>
-
-<p>Auch in der Auffassung des Ästhetischen läßt sich das neunzehnte
-Jahrhundert ziemlich gut auf seine zwei Hälften trennen.</p>
-
-<p>Die erste Hälfte steigt herauf geradezu aus einer ästhetischen
-Hochblüte. Ästhetisch ist also förmlich aufdringlich zuerst noch ihre
-Grundstimmung.</p>
-
-<p>Während die Naturforschung, die Technik, der Realitätssinn in der
-Stille schon die ganze Unterströmung beherrschen, liegt das Bewußtsein
-doch noch hell im ästhetischen Felde. An den ästhetischen Begriffen
-wird zunächst noch gemessen, was aus jener engeren Wirklichkeitswelt
-zufließt. Noch kann man von einer ästhetischen Weltanschauung reden,
-die selbst Naturforscher ersten Ranges beherrscht.</p>
-
-<p>Aber in dieser Vorherrschaft ist sie allerdings schon in<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> einer
-absteigenden Linie. Und der Umschwung wird in der zweiten Hälfte
-vollständig sichtbar.</p>
-
-<p>Aus einem ästhetischen Wellenkamm ist nunmehr ein Tal geworden.</p>
-
-<p>Jene Wirklichkeitsstimmung hat die Lichtgrenze des Bewußtseins
-allenthalben erobert. An ihr, an Wirklichkeitswerten, wird das
-Ästhetische des Tagesgebrauches jetzt umgekehrt gemessen. Und da
-alsbald noch mehr als das.</p>
-
-<p>Indem die „Wirklichkeit“ in den Brennpunkt der Übertreibung tritt,
-erfolgt etwas, wovor am Ende des achtzehnten Jahrhunderts allen guten
-Köpfen gegraut hätte wie vor der Sünde wider den heiligen Geist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Existenzfrage der Kunst</em> wird gestellt.</p>
-
-<p>Die Berechtigungsfrage aus jenen Gedankengängen heraus.</p>
-
-<p>Die Welle auf der schiefen Ebene hat die Mauer erreicht und platzt.</p>
-
-<p>Von der einen Seite kommt eine Strömung, die sich wissenschaftlich
-nennt.</p>
-
-<p>Sie wird eingeleitet durch eine gewisse allgemeine Stimmung.</p>
-
-<p>Man weiß in bestimmten Kreisen mit dem Ästhetischen plötzlich nichts
-Rechtes mehr anzufangen.</p>
-
-<p>Naturforscher einer ganz bestimmten Färbung, Techniker, Realpolitiker
-aller Art, echteste, auf beiden Beinen, wie sie glauben,
-unerschütterlich fest stehende Jahrhundertkinder, rufen nach Tatsachen,
-immer nur wieder Tatsachen. Tatsachen helfen, Tatsachen machen frei,
-gut, glücklich. Künstler aber geben keine Tatsachen in diesem Sinne.
-Ob die Kunst also nicht etwas ist, was sich auslebt, wie die Religion?
-Etwas Sanfteres, Ungefährlicheres, aber doch auch etwas Epigonenhaftes,
-Abblassendes, eine Kinderei und Jugendeselei der Menschheit?</p>
-
-<p>Man konnte ab und zu sagen hören, daß der Mensch wirklich jetzt endlich
-und glücklicherweise aus den losen Kinderspieltagen und Phantasiezeiten
-heraus und in der Schule sei, wo es lesen, schreiben, rechnen und vor
-allem stille sitzen gelte.<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> Wer auf die nützliche Schiefertafel dort,
-statt Rechenexempel zu schreiben, Männchen mit humoristischen Nasen
-malte, bekam Arrest.</p>
-
-<p>So grob ist das allerdings nur vereinzelt ausgesprochen worden. Aber in
-der Zeitstimmung lag es.</p>
-
-<p>Man las es zwischen den Zeilen, wohin man sah.</p>
-
-<p>Und man wird die ganze Realperiode des neunzehnten Jahrhunderts nie
-verstehen, wenn man es da nicht mitliest.</p>
-
-<p>Aus der Stimmung erwuchs dann ein <em class="gesperrt">Angriff</em>.</p>
-
-<p>Ein altes Aperçu Diderots sagte, die Narren, Lumpen und Genies kämen
-aus demselben Topf. Das wird eines Tages „naturwissenschaftliche“
-Kunsttheorie. Es wird zum Urteil (im juristischen Sinne) über die Kunst.</p>
-
-<p>Man hatte ja jetzt das Gesetzbuch dazu.</p>
-
-<p>Jener famose Normalmensch gab die Grundlage.</p>
-
-<p>Alle subjektiven Werte, die über ihn hinausfielen, waren
-Hallucinationen. Hallucination war aber etwas Delirisches, etwas
-Pathologisches.</p>
-
-<p>Das ästhetische Schauen und Schaffen etwas Krankhaftes! Genie im
-ganzen, also auch Künstlergenie, eine Krankheit! Eine Spezialform des
-Wahnsinns!</p>
-
-<p>Man behielt die Wahl, ob man den ästhetischen Menschen bloß als eine
-Spezies des Epileptikers auffassen wollte, oder ob man wenigstens eine
-besondere Irrsinnsgattung ihm zugestand.</p>
-
-<p>Lombroso bevorzugte den Epileptiker, doch blieb das noch Problem.</p>
-
-<p>Es war auch möglich, daß das Genie bloß eine Vererbungserscheinung im
-Alkoholismus war. Eine Erbsünde also vom Vater Noah. Der Zwist der
-„Forscher“ hierüber ist im neunzehnten Jahrhundert nicht beigelegt
-worden.</p>
-
-<p>Einer dieser Irrenhaus-Ästhetiker betonte auch einmal, daß das Singen
-und besonders das Denken und Reden in Reimen ein spezifisches Symptom
-cerebraler Störungen sei; ich habe dabei immer an den armen Rückert
-denken müssen und wie gemeingefährlich dieser Patient ohne Zwangsjacke<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span>
-eigentlich gewesen ist, ohne daß seine leichtsinnige Umgebung es ahnte!</p>
-
-<p>Gestützt wurde die Debatte mit einem Anekdotenkram ungefähr vom
-geistigen Niveau jenes treuen Schulpedanten, der auf die Frage, ob
-unter seinen Zöglingen auch einmal ein Dichter gewesen sei, antwortete:
-er habe wohl einmal ein solches Monstrum dabei gehabt, es sei aber
-wegen Faulheit zum Glück bald wieder aus der Klasse geflogen.</p>
-
-<p>Dabei waren es äußerst ehrenwerte Männer, die diesen Weg gingen,
-ehrliche Sucher, die eine Versöhnung zwischen der Idee des Jahrhunderts
-und diesem widerspenstigen Dinge, Kunst genannt, ernstlich anzubahnen
-glaubten. Eine Versöhnung bloß durch die Guillotine.</p>
-
-<p>Alles in allem war dieser theoretische Kreuzzug aber doch eine kleine
-Sache. So klein, daß man ihn eine Mode nennen könnte, obwohl auch er
-schon das ganze Jahrhundert in seiner Art in der Sackgasse hatte.</p>
-
-<p>Ein Windstoß der echten, souveränen Kunst, und die Splitter stoben.</p>
-
-<p>Diese Lombrosos waren keine Graalsritter. Sie waren nicht einmal
-edle Don Quixotes. Sie waren Hampelmännchen, Liliputchen, die den
-schlafenden Riesen zu fesseln meinten, indem sie an jedes Haar ein
-spinnwebedünnes Seil banden.</p>
-
-<p>Nicht ihre Handlung gab den Ausschlag, sondern die des Riesen selbst.</p>
-
-<p>Es war nämlich ein ungeheuerlich viel größeres Schauspiel, als eines
-Tages <em class="gesperrt">die Kunst selber</em> sich ergriffen zu zeigen schien von den
-neuen Schätzungen, den neuen Werten.</p>
-
-<p>Sie paktierte nicht mit den Lombrosos der Theorie — aber sie paktierte
-mit der Zeit, mit der Praxis, die auch diese Lombrosos trug.</p>
-
-<p>Der Riese, dessen Befreiung von den lächerlichen Haarseilchen nur ein
-Ruck war, ein ärgerliches Kopfschütteln — er öffnete auf einmal selbst
-seine Jacke und bot sein Herz.</p>
-
-<p>Die Kunst selber stellte sich Auge in Auge mit der „Wirklichkeit“ und
-allem, was daran hing.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p>
-
-<p>Und das jetzt wurde ein wirklich entscheidender Moment in der
-Entwickelung dieses Jahrhunderts selbst.</p>
-
-<p>Die ausübende Kunst stand praktisch damals am Ende einer Krisis.</p>
-
-<p>Es ist gar kein Zweifel, und ich finde, daß es auf alle Kulturländer
-im großen trifft: jenes langsame allgemeine Absinken der ästhetischen
-Epoche im neunzehnten Jahrhundert war Hand in Hand gegangen mit einem
-Wellental auch der unmittelbaren künstlerischen Kraft selbst.</p>
-
-<p>So etwas ist schwer in Bausch und Bogen zu beweisen. Im Detail lassen
-sich hundert kräftige Sachen aus allen Kunstgebieten dagegen stellen.
-Aber es ist doch etwas daran wahr, das jeder sehen muß, der Höhenschau
-hat.</p>
-
-<p>Vor der Kunstepoche, die überall, in der Malerei so gut wie in der
-Dichtung, die Epoche des Naturalismus heißt, liegt eine Einbiegung
-der Kurve, eine Epoche der Lähmung, des Tastens, des Zweifels, des
-bewußten teils und teils des unbewußten Epigonentums. Die Kraft versagt
-natürlich nicht ohne weiteres. Aber sie erscheint verzettelt, es fehlt
-die Frische des Entwickelungsbewußtseins, es fehlen all die lieben,
-grünen, aber triebkräftigen Symptome der Jugend.</p>
-
-<p>In unserer deutschen Dichtung war es die Zeit, die, wie sie sagte,
-sich gedrückt fühlte durch Goethes Riesengestalt, die sich um Goethes
-Größe willen als Epigonenzeit fühlte — und die doch ebendadurch
-charakterisiert war, daß sie Goethe am wenigsten kannte und seine wahre
-„Nachfolge“ immer mehr zu vergessen schien.</p>
-
-<p>Es war in vieler Hinsicht eine kunstvergeudete Zeit, und es bedeutete
-ein Aufatmen, als sie, dank einer neue Generation, aufhörte.</p>
-
-<p>Aber nun grade kam das ganz Sonderbare.</p>
-
-<p>Diese neue Generation, geschwellt von frischer Tatkraft, war gesäet und
-aufgesproßt schon mitten im neunzehnten Jahrhundert. Dieses Jahrhundert
-in seiner ganzen Glorie wuchs über ihr. Es <em class="gesperrt">hatte</em> sie und es ließ
-sie nicht.</p>
-
-<p>Und im Moment, da sie die nackten Prachtarme recken<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> wollte,
-schmetterte es sie nieder mit seinem Generalworte: Wirklichkeit!</p>
-
-<p>In ihrem ganzen Königsmantel stand die Zeit da.</p>
-
-<p>Eine neue Zeit, mit Erfolgen, von denen der ganze uralte Palmbaum der
-Menschheit bis in seine Wurzel bebte.</p>
-
-<p>Und das vor einer Kunst, die nach Neuem sich mit der Inbrunst
-erwachenden Frühlings, schleierloser Liebe sehnte.</p>
-
-<p>Was tun?</p>
-
-<p>Die Kunst hat Somnambulenaugen.</p>
-
-<p>Sie sah nicht bloß schwirrende Räder, sie sah den Dingen ins Herz.</p>
-
-<p>Sie sah die neue <em class="gesperrt">Weltanschauung</em>.</p>
-
-<p>In dieser Weltanschauung raste ein furchtbares seelenloses Grundwesen
-dahin, eine menschenfressende Maschine: die „Wirklichkeit“. Die
-einzelnen Menschen waren bloß noch Glasplättchen, die diese Maschinerie
-spiegelten, nichts weiter. Heute herausgestellt, daß sie blitzten;
-morgen zersplittert. Was war in diesem Schauspiele die Kunst?</p>
-
-<p>In dieser jungen Künstlerschaft voll gährender Kraft war von Anfang
-an gewiß keine Stätte für Lombroserei. Man glaubte hier an die Größe
-der Kunst, wenn je. Groß war sie, wie der Mensch selbst. An der Spitze
-der Menschheit ging der schaffende Künstler, mit dem Banner dieser
-Menschheit in der Faust.</p>
-
-<p>Aber wenn nun der Mensch, wenn die ganze Menschheit nichts andres
-war als ein bloßes Spiegelplättchen eines objektiven Mechanismus,
-ein Spiegelchen vor einer ungeheuren kollernden, keuchenden Maschine
-... mochte die Kunst triumphieren im Menschen von Pol zu Pol seiner
-Existenz: <em class="gesperrt">mehr als der Mensch</em> konnte sie doch nicht sein!</p>
-
-<p>Und so sank auch der Genius der Kunst in dem Augenblicke, da er seine
-Flügel ganz herumwarf um diesen Menschen, ihn umfing, ihn durchdrang
-wie eine Geliebte im äußersten Besitz: so sank auch er herab zur Rolle
-bloß noch eines Spiegelchens vor diesem Allmechanismus.</p>
-
-<p>In dieser Stunde und vor diesem Gedanken ist nicht die<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> Lombroserei,
-sondern die wirkliche künstlerische Idee in echten Künstlerköpfen
-geboren worden, daß die Kunst sich zu <em class="gesperrt">erschöpfen</em> habe in der
-einfachen <em class="gesperrt">Wiedergabe</em> der Wirklichkeit.</p>
-
-<p>Die Kunst ist degradiert worden zu einer Kopistin dieser „Wirklichkeit“.</p>
-
-<p>Aus einem Schöpfer, einem Entwickelungsfaktor der Welt zu einem Spiegel.</p>
-
-<p>Nicht liliputische Männlein wie Lombroso standen, wie gesagt, an
-der Wiege dieser Idee. Stolze Hochgeister der Kunst beugten sich
-in der brennenden Liebe zu ihrem Jahrhundert einem versteinernden
-Gorgonengedanken dieses Jahrhunderts.</p>
-
-<p>In der tiefsinnigen griechischen Sage schwingt sich der Pegasus aus dem
-Blute der Gorgo. Diesmal versank er darin.</p>
-
-<p>Es macht die Betrachtung dieser Dinge schwer, daß sich eben jene beiden
-Fäden ineinander verspannen: eine neu ansteigende, praktisch wieder
-junge und lebensstarke Kunst überhaupt — und eine falsche Kunstidee.</p>
-
-<p>Jedesmal nämlich, wenn der Kunstgenius der Menschheit sich überhaupt
-besinnt, sich aufrafft, seine Kräfte zusammen nimmt — jedesmal dann
-erscheint das ganz von selber wie eine Rückkehr zur Wahrheit.</p>
-
-<p>Die innere Logik des Kunstwerkes scheint verstärkt, die Suggestion wird
-unvergleichlich gewaltiger, ein Gefühl der objektiven Reinheit des
-Schaffenden als eines innerlich Gebundenen, auf die innere Wahrheit
-Verpflichteten strömt wie von einer reifen Blüte aus.</p>
-
-<p>Schleier des Nachgeahmten fallen, äußere Motive, mit denen jede
-Epigonenzeit die Kunst überwuchert, dorren plötzlich als Unkraut ab.
-Und ein Gefühl der Kraft, des Kraftstrotzens gibt unter allen Umständen
-einen realistischen Zug, die Kunst tritt wieder jung als Eroberer auf
-und wagt sich mit dem kecken Mute dessen, dem die Welt verheißen, in
-neue Provinzen dieser Welt. So ist einst Goethe selber gekommen — als
-Wahrheitskünstler.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p>
-
-<p>Auch diese Symptome werden nun immer merkbarer in der Kunst des letzten
-Viertels des neunzehnten Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Von hier aus blühte ein „Naturalismus“ in ihr auf, der aber tatsächlich
-nichts anderes war als ein Zurückbesinnen der Kunst einfach auf
-sich selbst, auf ihre echtesten, urältesten Rechte, auf ihren
-inneren Wahrheitsgeist im Gegensatze zur Pseudokunst, die bildet um
-äußerlicher, kunstfremder Zwecke willen.</p>
-
-<p>Einen Triumph der Kunstnatur möchte man in diesem Sinne hinter das Wort
-deuten.</p>
-
-<p>Die gesamte Kunstgeschichte seit grauen Tagen wandelt empor auf solchen
-Triumphen, die immer und immer wieder den Erdenstaub durchbrechen und
-das unsterbliche Leben der Kunst neu proklamieren auf dem dürren Acker
-einer Epigonenzeit.</p>
-
-<p>Aber das alles hatte ganz und gar nichts zu tun mit jener spezifischen
-Wirklichkeitstheorie des Jahrhunderts, die eben nur dieses Jahrhundert
-so aus sich gebären konnte.</p>
-
-<p>Wohl läßt sich sagen, daß so heroische Irrtümer, wie diese
-Wirklichkeitslehre, selbst als Irrtum einer kraftlosen Epigonenzeit
-nicht gelungen wäre.</p>
-
-<p>Es bedurfte selbst zur Grundlage dieses großen Irrtums einer großen
-Kunst.</p>
-
-<p>Nur eine Kunst, die den Weg ins Herz großer Weltanschauungsfragen
-überhaupt wiederfand — und das ist immer Zeichen echter, ansteigender
-Kunst — konnte sich so tief verwickeln in eine Übertreibung, einen
-Irrgarten eben der modernen Weltanschauung hinein.</p>
-
-<p>Aber darum bleibt Irrweg Irrweg.</p>
-
-<p>..... Ich glaube nun aber, daß die Kunst auch hier grade die tiefste
-Mission erfüllt hat.</p>
-
-<p>Gerade, indem die Kunst die brausende Welle dieser Wirklichkeitsidee
-eine Weile tief und scheinbar bis ins Herz hinein aufnahm, meine
-ich, daß sie uns die Augen hat öffnen helfen für die <em class="gesperrt">kolossale
-Übertreibung</em>, die <em class="gesperrt">überhaupt in die ursprünglich so fruchtbare
-Idee der Wirklichkeit verheerend hineingeraten war</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span></p>
-
-<p>Und so hat sie sich doch als die alte stärkste Schutzmauer bewährt.</p>
-
-<p>Hat sie —?</p>
-
-<p>Ich weiß es nicht, inwiefern das schon hinter uns liegt.</p>
-
-<p>Wir stehen, was diese höchsten Gesichtspunkte anbetrifft, ja noch
-mitten im Kampfe, und streng genommen kann man doch nur von Anzeichen
-reden.</p>
-
-<p>Aber eine Anzahl Menschen fangen doch entschieden schon an, darüber
-nachzudenken, ob man nicht über eine Kunsttheorie, deren Schwächen
-man nur zu deutlich empfindet, eine Schicht <em class="gesperrt">tiefer</em> zurückgehen
-müsse auf eine <em class="gesperrt">Revision</em> gewisser <em class="gesperrt">Voraussetzungen in der
-Weltanschauung</em>, die uns das neunzehnte Jahrhundert überliefert hat.</p>
-
-<p>Eine Revision, die natürlich nicht wieder zu den Torheiten zurückführt,
-die dieses prachtvolle Jahrhundert glücklich antiquiert hat.</p>
-
-<p>Sondern, die uns noch einmal wieder um ein Stück freier macht und dabei
-allerdings auch noch mit einigen Spezialgespenstern aufräumt, die
-dieses Jahrhundert selbst hinzugebracht hatte.</p>
-
-<p>Befreien wir den Menschen wieder von diesem Wirklichkeits-Gespenst,
-das sein Herzblut saugt wie ein Vampyr — — und wir haben die Kunst
-mitbefreit.</p>
-
-<p>Lernen wir aus den Kunst-Konsequenzen.</p>
-
-<p>Und wir begreifen, daß in der Philosophie etwas falsch war.</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Fest_des_Geistes">(Friedrichshagen.
-Fest des Geistes.)</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Wald schimmert im blassen Sonnenglast nach einem Regenschauer.</p>
-
-<p>Wie eine braune Schlange liegt der Bahndamm quer hindurch, vom Geleise
-glänzt es wie silberne Schuppen.</p>
-
-<p>Die Telegraphendrähte vor den roten Kiefernstangen und schwarzen
-Kronsilhouetten wie glimmerndes goldrötliches Spinngewebe. Einmal ist
-es, als spinne dieses feine Netz sich an eine<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> riesige Blume, eine
-Rispe weißer Maiglöckchen an, die auf hohem, trockenem Stengel lose
-schwebt: das Viereck mit den Porzellanhütchen.</p>
-
-<p>Weißblau liegt der Himmel im Ausschnitt der Bäume.</p>
-
-<p>In der Linie der Bahn aber, wie das Auge ihr folgt, ein wunderbares
-Aufflammen von Grün, junge Birken, Flamme um Flamme goldgrün lodernd
-vom spiegelnd weißen Schaft.</p>
-
-<p>Ein goldener Vogel huscht scheu hinzu: der Pirol.</p>
-
-<p>Und dieses jungfrische jubelnde Pfingstgrün fließt dem Blick überall
-weiter, in die grüngelbe Wolfsmilch und den Fleck grellgelber
-Potentillablüten am Bahndamm, in die Akazienbüsche, denen das erste
-Laub vor der Sonne wie ein goldiger Heiligenschein um die schwarze
-Dornenkrone der Zweige steht, in den tiefen Waldgrund unter den roten
-Stämmen, wo der hartgrüne starre Farnteppich sich verliert.</p>
-
-<p>Naturstille.</p>
-
-<p>Nur ein ganz leises Rollen noch, wie aus der feuchten Erde herauf von
-dem letzten enteilenden Zug. Hinten im Waldgeheimnis verschwehlt noch
-ein letzter bläulicher Nebel seiner Rauchwolke.</p>
-
-<p>Ein fernes helles Läuten von der Wärterstelle, als klängen die
-Maiglöckchen da oben im Spinnennetz aneinander.</p>
-
-<p>Und wieder ganz still.</p>
-
-<p>Finken zirpen leise, einförmig aus dem Unbekannten der Kiefernkronen.</p>
-
-<p>Und nun auf einmal, ganz unvermittelt, ein hartes, rohes Geräusch,
-mitten aus der Landschaft, als stürze ihr etwas ins Herz.</p>
-
-<p>Ein Ratschen, Knacken, ein Ruck und Fall.</p>
-
-<p>Vor dem Glast hat sich etwas bewegt wie ein Schattenfinger. An dem
-plumpen, rot-weiß getünchten Bahnsignal dort ist automatisch der
-Galgenbalken heruntergefallen. Eine geheime Zeichensprache eines
-automatischen Hampelmanns, an dem ein Schicksal hängt.</p>
-
-<p>Pfingstwehen.</p>
-
-<p>Wie ich auf die grünen Flammen dort schaue, die jetzt<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> wieder in der
-großen Stille ein ganz verlorener Lufthauch geräuschlos wiegt, denke
-ich an das große alte Symbol der Pfingstgeschichte.</p>
-
-<p>Aus der Urtiefe des Geheimnisses auf einmal der <em class="gesperrt">Geist</em>
-vorbrechend, wild wie ein Feuer, das da ist, niemand weiß, woher, und
-uns verzehrt, ehe wir es fest erkennen.</p>
-
-<p>Und in diesem Geist verjüngt sich eine Zeit, eine neue Menschheit wird
-mit ihm geboren.</p>
-
-<p>Woher?</p>
-
-<p>Aus dem Unbekannten in uns, aus dem „Werde“ des Entwickelungsrätsels,
-aus der <span class="antiqua">Natura naturans</span>, die weltengründend auch in uns weiterlebt, wie
-sie in Milchstraßen und Sonnen gewesen ist.</p>
-
-<p>Und der größte Gegensatz taucht mir auf, der durch unsere Zeit geht:
-der Gegensatz des <em class="gesperrt">Automatischen</em> und des <em class="gesperrt">Elementaren</em>.</p>
-
-<p>Das Automatische war die Stärke des neunzehnten Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Es ist sein Erbe in uns, sein Herrenerbe.</p>
-
-<p>Wie diese Signalstange hier im einsamen Walde automatisch sich senkt,
-so sollte ein neuer automatischer Menschheitsleib als Technik den
-ganzen Planeten umspinnen. Schon geht der Zeigerdruck durch die Ozeane.
-In seinen realistischen Träumen sah das Jahrhundert auch solchen
-Metallarm sich bereits heben und senken auf den Eispolen, in den
-Erdtiefen, an den Grenzen des Luftmeeres.</p>
-
-<p>Von der Technik kam das aber dann als Bild und Maß aller Dinge.</p>
-
-<p>Ein Kind drückt auf den Knopf einer elektrischen Leitung, und ein Berg
-spaltet sich.</p>
-
-<p>Aber, was ist das Kind selbst?</p>
-
-<p>Nicht Ebenbild Gottes, sondern auch nur dieser Technik. Eine höhere
-Macht, das Milieu, hat auf einen Knopf gedrückt, und automatisch
-entstand dieses Kind. Es wird den Faust dichten und die sixtinische
-Madonna malen: automatischer Fall eines Balkens im Gehirn aus
-bestimmter Konstellation<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> der Außendinge wie bei jenem Bahnsignal,
-nüchtern zu überschauender Außendinge, die wir wohl auch einmal
-rechnend beherrschen werden, — dann, wenn wir jenen Zeiger auf dem
-Nordpol haben&#160;...</p>
-
-<p>Schon sehen wir einen ungeheuren Regulator dieser Dinge: die Masse.</p>
-
-<p>Ihr Werkzeug ist der Einzelne. Wo er nicht automatisch reagiert, da
-wird er als schlechter Apparat für funktionsunfähig erklärt; er ist
-krank.</p>
-
-<p>Diese Masse aber ist selbst wieder Automat, fallender Balken einer
-umfassenderen automatischen Welt. Und so fort bis zum letzten
-Doppelstern des Alls.</p>
-
-<p>Dieses All ist ein sich selbst tragendes automatisches System,
-unveränderlich, absolut tot, ohne Sinn für sich selbst.</p>
-
-<p>In dieser einsamen starren Größe endet das Denken des neunzehnten
-Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Alles hier um mich her ist ein Automat.</p>
-
-<p>Nicht jener häßlich ratschende Signalbalken bloß, der mich eben
-erschreckt hat.</p>
-
-<p>Die grünen Pfingstflammen der jungen Birken dort ebenso.</p>
-
-<p>Und die Sonne.</p>
-
-<p>Und ich selbst.</p>
-
-<p>Und all meine Träume von einer Pfingstlegende.</p>
-
-<p>Aber das neunzehnte Jahrhundert hat uns nicht nur dieses Herrenerbe
-hinterlassen, das Erbe seines Herrengedankens.</p>
-
-<p>Auch ein Sklavenerbe haben wir von ihm, das Aufbäumen des unterjochten
-<em class="gesperrt">Gedankens vom Elementaren in der Welt</em>.</p>
-
-<p>Ihm ist der Fortgang der Dinge ein immer neues Fest der Ausgießung des
-Geistes.</p>
-
-<p>Pfingsten ist im Erwachen jeder Persönlichkeit, Pfingsten ist in jeder
-Geburt.</p>
-
-<p>Und das nicht nur, wenn ein Mensch geboren wird. Auch wenn im
-Menschengeiste geboren wird. Wenn jenes tiefere Liebesleben sich
-abspielt, aus dem die Fauste und die Sixtinen steigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span></p>
-
-<p>Ohne die Flämmchen dieses Pfingstwunders entsteht kein Kunstwerk,
-entsteht kein tiefster Gedanke der Philosophie, entsteht keine
-Erfindung der Wissenschaft, erwächst keine geniale Tat des brandenden
-Lebens um uns her.</p>
-
-<p>Dieser Pfingstgeist ist es, der die „Wirklichkeiten“ erst baut und der
-sie ebenso auch wieder zerschlägt, um höherer Wirklichkeit willen.</p>
-
-<p>Er hängt einsam am Kreuz und er zwingt doch die Masse, daß sich
-dreitausend taufen lassen.</p>
-
-<p>Er wandelt ein Zerschlagener durch eine Welt von Disharmonien und durch
-diese Welt rauscht fortan die neunte Symphonie.</p>
-
-<p>Beide Anschauungen haben ihren Punkt, wo sie in ihr Gegenteil
-umschlagen könnten und beide Male in eine unvollkommene, schlechte Form
-dieses Gegenteils.</p>
-
-<p>Das neunzehnte Jahrhundert war so stolz, daß es mit seinem
-Automatenideal alle groben Wunder unmöglich gemacht.</p>
-
-<p>Und doch: wenn alles nun Automat ist, die ganze Welt nur eine Kette
-elektrischer Klingelanschlüsse ist, wenn es kein Elementarisches mehr
-in irgend einer menschlichen Person, in keinem Dichter, keinem Genius
-auf Erden mehr gibt — wird nicht doch am Ende der allerletzten Kette
-der eine letzte Finger nötig, der aus dem Urelementarischen auf den
-ersten Klingelknopf drückt — die eine einzige Urperson, der Alldichter?</p>
-
-<p>Je automatischer alles sonst, desto greller dieses letzte Wunder.</p>
-
-<p>Hinter der toten Welt ein einziges Lebendiges im elementaren Sinn.</p>
-
-<p>Und um das doch schließlich zu erkaufen, — dafür dieses schaurige
-Ertöten der ganzen sichtbaren Welt in den fallenden Balken eines
-fühllosen Automaten hinein!</p>
-
-<p>Umgekehrt hat der Pfingstglaube selbst aber seine Stelle, wo auch er
-erbarmungslos ins Automatische schlagen kann.</p>
-
-<p>Wenn er nämlich das Wunder des Intuitiven, des Elementaren roh faßt,
-wie das „Wunder“ so lange gefaßt worden ist: dualistisch als Eingriff
-eines Fremden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p>
-
-<p>Die Natur, die Entwickelung erzeugt dann auch nur, was eine
-<em class="gesperrt">fremde</em> Macht in sie wirft. Der Dichter ist nur armer
-Stenograph des überirdischen Diktats, die Person nur Werkzeug eines
-außerweltlichen Milieus.</p>
-
-<p>Da hast du nun Wunder auf Schritt und Tritt, es fingert allerorten und
-drückt mit Geisterhänden auf die elektrischen Knöpfe dieser Welt — und
-doch bist du nur selber eine armselige Klingel und seist du Goethe und
-Beethoven und Rafael.</p>
-
-<p>War dort eine unendliche Automatenkette, so hier lauter
-Augenblicksautomaten.</p>
-
-<p>Aber um das automatische Sklaventum kommst du nicht herum.</p>
-
-<p>Es liegen aber zum Glück noch andere Möglichkeiten vor und auch welche,
-die nicht ins Alte zurückführen.</p>
-
-<p>Wie stolz ist die automatische Vorstellung auf ihren
-Entwickelungsbegriff gewesen!</p>
-
-<p>Er stand unberührt von jeder Möglichkeit, ins Veraltete umzulenken. Und
-wahrlich, so steht er auch.</p>
-
-<p>Aber geheimnisvoller Traum, einer Pfingststunde angemessen: wie will
-der Entwickelungsbegriff, daß aus Einem etwas Anderes wird, daß
-ein Niedrigeres zu einem Höheren steigt, eigentlich logisch leben,
-<em class="gesperrt">ohne</em> daß sein Königshaupt immer wieder gesalbt sei mit einem
-Tropfen elementarischen Oels?</p>
-
-<p>In jedem dieser Uebergänge liegt ja ein elementarischer Geheimniszug!</p>
-
-<p>Ich selbst fasse ihn gewiß nicht als den Finger der Mystik, der
-von außen stößt, aber das Wunder in den Dingen bleibt er auch mir
-unabänderlich, das Wunder, das auf eine Pfingsttiefe weist zwischen
-allem Automatischen — eben weil dieses Automatische zugleich eine
-<em class="gesperrt">Entwickelung</em> in sich zeigt.</p>
-
-<p>Durch die goldgrünen Flammenbüsche der Birkenkronen spielt und spielt
-leise der Wind, wie eine Hand durch schönes Frauenhaar fährt.</p>
-
-<p>Auch um mich, wie ich hier sinne, zieht sich jenes Ödfeld des
-Automatischen her. Dort das Signal ist ganz darin.<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Aber auch diese
-grüne Birke und dieser goldene Vogel sind mehr darin als ich selbst,
-viel mehr. Wie gering ist der Geistesspielraum in dieser Pflanze,
-diesem Tier, den ich sehe!</p>
-
-<p>Und die Sonne dort, die starr in ihren Himmelsgesetzen Jahrbillionen
-hängt!</p>
-
-<p>Ist es nicht, als sei die Ausgießung des Geistes über diesen allen
-schon äonenlang vorbei?</p>
-
-<p>Ihr Pfingsten lag, als das Gesetz sich in sie schrieb, das sie nun
-in unendliche Folge, sei es selbst oder zerspalten in Generationen,
-automatisch wiederholen&#160;...</p>
-
-<p>In mir aber wogt der große Kampf mit seinem wunderbaren Gemisch von
-reflektierendem Bewußtsein und intuitiv aufsprühenden Geniusflämmchen
-des Elementaren fort und fort.</p>
-
-<p>In mir — dem Menschen!</p>
-
-<p>Ist der Mensch <em class="gesperrt">das Genie der Natur</em>, — die große
-Aufmerksamkeitsstelle im unendlichen Felde des Elementaren, auf
-der seit Jahrtausenden jetzt das ganze Licht liegt, während
-um dessentwillen rings die ganze übrige Natur in den halben
-Dornröschenschlaf des Automatischen verfallen ist?</p>
-
-<p>Es kann der Mensch dieser Erde nicht allein sein, die Menschenstufe des
-ganzen Alls wird dazu gehören, wie immer es mit ihr sei. Bilden doch
-schließlich Sterne keine größeren Trennungen als in dieser irdischen
-Menschheit die parallelen Individuen.</p>
-
-<p>Pfingstwunder!</p>
-
-<p>So wäre es nichts anderes, als das wandernde Auge der Natur.</p>
-
-<p>Pfingsten wäre Leben, der Automat aber zeitweise weise Kraftersparnis.</p>
-
-<p>Die Welt ein Gewebe aus segensreichem, kraftspeicherndem Schlaf und
-konzentrierter, kraftverstürmender Lichtschau!</p>
-
-<p>Ein Gespenst nur wäre der große Weltautomat, auf dessen letzten Knopf
-der Finger von außen drückte. Wertlos aber wäre ebenso der Glaube an
-das Wunder noch einmal hinter dem Wunder.</p>
-
-<p>Die Natur hätte keine anderen Augen als unsere Menschenaugen<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> — aber
-mit denen sähe sie auch wirklich, sähe nicht bloß durch sie durch.
-Und zu diesen Augen gehörte auch der Geist Goethes und Rafaels und
-Beethovens, der Geist der großen Religionsstifter und Weltdeuter, der
-Geist der Forscher, die unsere Technik geschaffen, und der Geist derer,
-die das Evangelium von der Liebe gepredigt haben und gelehrt haben, daß
-alle Technik nur einen Sinn habe, wenn sie in der Hand der Liebe und
-des Ideals sei, Liebe und die Sehnsucht nach dem Ideal zu säen, so weit
-der willige Automat des elektrischen Funkens für uns fliegt.</p>
-
-<p>Wieder schnarrte das Signal da oben.</p>
-
-<p>Ich aber dachte jetzt, wie dieser Metallstab wohl auch kein
-Ausgestoßener der Welt sei, sondern ein unveräußerliches Stück Natur.</p>
-
-<p>War er heute auch nicht das Pfingstauge, in dem das elementare
-Lichtfeld zu den Sternen und zu der Weltliebe sah — wer weiß, wozu
-seine Metallmoleküle heute schliefen.</p>
-
-<p>Vielleicht, wenn diese Gehirnmoleküle der Menschheit ausgerungen in
-Leid und Liebe, in dem großen, aber auch so furchtbar schweren Kampfe
-um <em class="gesperrt">das</em> Ideal, wenn sie trüb geworden als Auge der Natur —
-wer wußte, wohin diese elementare Natur dann wandern würde mit ihrem
-Lichtfeld, ihrem Sehnsuchtsfeld, wo sie diesen Metallstab und die
-jubelnde grüne Flamme dieses Birkenbusches auferstehen lassen würde aus
-dem Automatischen ins Geisthelle hinein, damit sie in den Sternen läsen
-und um Liebe kämpften, wie einst wir — die wir dann vielleicht auf
-Äonen in irgendeiner stillen Versorgung des Automatischen ruhten, einem
-abermals neuen Rufe ins Aufmerksamkeitsfeld des Bewußtseins bereit.</p>
-
-<p>Ob unsere Zeit den Frieden einer solchen Weltanschauung finden wird,
-den Frieden ihres Doppelerbes?</p>
-
-<p>Aus den Kiefern tönte das leise Zirpen der Finken.</p>
-
-<p>Diese Naturstille war vielleicht die Antwort.</p>
-
-<p>Frieden ist nur im Automatischen.</p>
-
-<p>Wir sollen kämpfen.</p>
-
-<p>Und doch steht in den hellsten Idealen dieses Lichtfeldes<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> der Natur,
-das wir Mensch nennen, auch schon die Menschenliebe.</p>
-
-<p>Geht auch das Elementarische auf eine höhere Lösung?</p>
-
-<p>Die Pfingstflammen glühen. Gehen wir. Wir werden sehen.</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Pfingstgeschichte" title="Die Geschichte der Menschheit ist
-Pfingstgeschichte">&#160;</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das eben macht die Geschichte des Menschen so großartig und so
-tief, daß sie eigentlich immer Pfingstgeschichte ist, konzentrierte
-Pfingstgeschichte.</p>
-
-<p>Der Zeitraum ist auch mit allen Ziffern des Naturforschers für sie so
-kurz, und gleichzeitig ist so unglaublich viel Neues in ihr getan, daß
-gar kein Spielraum für das Erstarrende, das schon wieder Automatische
-zu bleiben scheint. Von einem Pfingstwunder scheint es zum andern zu
-gehen. Die Natur schaltet mit einer Kraft plötzlich, daß sie uns wie
-ein ganz anderes Wesen vorkommt.</p>
-
-<p>Daher so lange der zähe Glaube: es hebe mit dem Menschen ein ganz
-anderes Buch an, das Buch Gottes im Gegensatz zum Buche der Natur.</p>
-
-<p>Aber das ist ja jetzt für uns grade das ganz Große, daß wir das
-Göttliche auch in Ichthyosauriern und Planeten und Sonnen sehen und
-dafür das Natürliche auch im Menschen.</p>
-
-<p>Nirgendwo empfinde ich das deutlicher, als wenn ich von neuen
-Fortschritten der „Urgeschichte“ lese, jenes Grenzgebiets, wo
-die sogenannte „Geschichte“ sich gegen die Naturgeschichte, die
-Erdgeschichte hin auflöst.</p>
-
-<p>Früher herrschte auf diesen Rand zu immer ein leises Gruseln. Der Atem
-Gottes stockte auf einmal und drüben in der Finsternis lauerten die
-Fratzen der entgeistigten Natur. Heute ist eine Wanderung dort hinab
-wie ein Schritt in eine heiße Sommernacht, es duftet von verborgenen
-Blumen und durch das Dunkel ziehen leuchtende Punkte wie Johanniskäfer.
-Aber es sind heilige Flämmchen: lauter Pfingstflämmchen; es wird einmal
-wieder Pfingsten, <em class="gesperrt">denn der Mensch kommt</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p>
-
-<p>Eben grade ist ein solches Flämmchen wieder besonders hell
-aufgeglüht. Aus tiefem Schacht glimmt es zu uns. Es meldete von einer
-Pfingststunde, selbst noch wieder fast ohne gleichen in der Reihe der
-Pfingstwunder des Menschengeistes, — vom <em class="gesperrt">Pfingsten der Kunst</em>.
-Da die Kunst niederstieg auf diesen rollenden Planeten, niederstieg
-nicht als das Wunder einer unfaßbaren Überwelt, das als Sternschnuppe
-in den Sumpf der Natur fiel; sondern als eine Tat der Natur, die ihr
-gelang, weil ihr endlich der Mensch gelungen war.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Auf dem kleinen Delikateßteller vor mir liegt eine Trüffel, zierlich
-und rund. Sie duftet nach allen guten Sachen und dem Feinschmecker geht
-das Herz auf.</p>
-
-<p>Wenn Du aber nicht bloß ein Esser, sondern auch ein Kenner bist, so
-weißt Du, daß dieser schwarze Diamant unter den Edelsteinen der Tafel
-einen kleinen Roman hinter sich hat.</p>
-
-<p>In fernem Lande grünte ein Eichenhain. Mit dem feinsten Wurzelgeflecht
-einer solchen Eiche verspann sich tief im Erdboden ein Schimmelpilz
-zu geheimnisvoller Gütergemeinschaft, von der heute noch nicht völlig
-klar ist, ob sie mehr auf gegenseitiger Liebe oder auf einseitigem
-Schmarotzertum beruht. Aus dem wohlgespeisten Pilzaderwerk aber erwuchs
-ein großer fleischiger Fruchtkörper, mit Sporen gefüllt. Sein Duft
-schwoll durch die Erde, daß die Schweine, die ihn verehrten, danach
-scharrten. Da die Sporen solcher Pilze durchweg nicht bei der Verdauung
-leiden, ist das Gefressenwerden für sie kein Schaden, es hilft nur zur
-Weiterverbreitung. Vielleicht ist der Duft, der das Schwein froh macht,
-ein wirkliches Lockmittel, wie die rote Kirsche mit ihrer leuchtenden
-Farbe zum Naschen und Weitertragen ihrer Kerne lockt. Der Mensch aber,
-der unleugbar in Gebiß und Geschmack mehrere Ähnlichkeiten mit dem
-Tierlein des heiligen Antonius verrät, nahm dem ehrlichen Finder seinen
-Fund ab, und versandte ihn für die Tafeln seiner schlemmenden Mitbrüder
-in aller Herren Ländern.</p>
-
-<p>Das Land, wo der Erdenschoß solche Schätze einer<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> Schweineschnauze
-beut, ist die alte Grafschaft Périgord im heutigen Departement Dordogne
-im südwestlichen Frankreich.</p>
-
-<p>Gering wäre ihr Ruhm in der Welt, wäre die Trüffel nicht. Mit der
-Périgord-Trüffel geht er um die Erde, wie der Klang des Namens Teltow
-mit seinen Rübchen oder Frankfurt mit seinen Würstchen. Gegen solchen
-Ruhm aus dem Kochbuch ist schwer mit anderen Werten anzukämpfen, wie
-denn ganz gewiß schon manche naive Seele von Frankfurter Würstchen
-gehört hat, nicht aber von dem Frankfurter Goethe.</p>
-
-<p>Der Trüffel-Kenner aber soll doch als wirklich feiner Kenner, der auch
-seinen Goethe zu schätzen weiß, über seine Tafelfreude hinweg heute
-sich erinnern an die wahrhaftig wunderbaren Schätze, die diese gute
-Landschaft Périgord in ihrem Boden birgt, — Schätze, die zum oberen
-Geistesstockwerk der Menschheit gehören, dort, wo eben dieser Goethe
-auch hingehört, und die an Geisteswert für unser edelstes Menschentum
-doch noch etwas wertvoller sind als die dreißig Millionen, die unsere
-welschen Nachbarn alljährlich am Trüffel-Handel verdienen.</p>
-
-<p>Zum Fluß Dordogne geht als Seitenader die Vezère, selbst wieder
-gespeist von kleineren Wässerlein.</p>
-
-<p>Dieses Vezère-Netz bildet liebliche Täler im Kalkfels. In diesem
-Fels seiner Talwände aber liegen Höhlen. In diesen Höhlen haben
-in entlegenen Tagen, jenseits aller unmittelbaren geschichtlichen
-Überlieferung, Menschen gehaust.</p>
-
-<p>Ob diese Menschen schon Trüffeln gesucht, wissen wir nicht. Was wir
-aber wissen, ist, daß sie die höchste und freieste Tätigkeit werdenden
-Edel-Menschentums schon gesucht und gefunden haben: Kunst.</p>
-
-<p>Kunst — in Tagen, da noch das Mammut ein Charaktertier der
-französischen wie der deutschen Landschaft war!</p>
-
-<p>Lange schon ist von den Tierbildern die Rede gewesen, die, eingeritzt
-in Rentierhorn und Mammutelfenbein, in diesen Périgord-Höhlen entdeckt
-sein sollten. Heute kommt die fest bestätigte Kunde von Funden, die
-alles Kühnste in Schatten stellen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p>
-
-<p>Höhlen sind erschlossen, eng wie ein Flaschenhals, aber auf ihren
-Wänden bedeckt mit einer ganzen Gemäldegallerie der wundervollsten
-Tierbilder, zum teil in Meter- bis Zweimeter-Größe, zum teil in Farben,
-— prähistorischen Tierbildern von prähistorischer Künstlerhand.</p>
-
-<p>Das Mammut ist dabei.</p>
-
-<p>Was keine Denkmalstradition der großen alten Kulturen, mit denen unsere
-„Geschichte“ anhebt, mehr erreichte, das haben wir nun endlich ganz
-sicher, mit einer Fülle der Details, die niemand je erwarten konnte.</p>
-
-<p>Es ist ja eine Kenntnis, in die sich das 19. Jahrhundert erst ganz
-langsam überhaupt eingewöhnt hat: daß uns Tiere noch innerhalb der Zeit
-des Menschen verloren gegangen seien; und daß dieser Mensch selber uns
-gelegentlich durch Kunstmittel noch etwas davon gerettet haben könnte.</p>
-
-<p>Als es allmählich eine Tatsache von betrüblicher Unwiderleglichkeit
-wurde, daß der große seltsame taubenähnliche Vogel Dronte, den die
-Expedition des Vasco da Gama 1497 auf der Insel Mauritius in ungeheuren
-Scharen entdeckt hatte, in der Zwischenzeit bis auf den letzten Kopf
-wieder ausgerottet sei, ohne daß man auch nur ein Museumsexemplar für
-die Naturgeschichte übrig habe, — da fing man an, alte Gemälde zu
-durchsuchen, auf denen die holländischen Zeitgenossen allerlei Getier
-abkonterfeit. Und richtig: auf alten „Paradiesen“ des 17. Jahrhunderts
-stand bei anderm Geflügel auch die Dronte noch, in jedem Federchen treu
-kopiert mit dem ganzen Realismus der Niederländer und ihrer Liebe grade
-für groteske Gesellen.</p>
-
-<p>Als es desgleichen offenbar wurde, daß wir den Auerochsen falsch
-getauft hatten und daß auf diesen Namen in Wahrheit ein gewaltiges
-deutsches Tier, der echte Ur, stillschweigend irgendwo um das
-sechzehnte Jahrhundert herum verschollen sein müsse, — da kam abermals
-hier ein alter Holzschnitt, dort ein mit „Tur“ gezeichnetes altes
-Ölgemälde zu Ehren, die den Verlorenen wenigstens noch mit seinem<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span>
-schwarzen Fell und seinen flach ausgezogenen Riesenhörnern für unsere
-Phantasie retteten.</p>
-
-<p>Das Tierbuch des trefflichen Gesner hat uns den deutschen schwarzen
-Mauer-Ibis bewahrt, den Waldrapp, der einst unsere Ruinen umflog.</p>
-
-<p>Für unsere Enkel wird es not tun, daß wir unsere Bilder des
-südafrikanischen Quagga-Pferdes, unsere Photographien der letzten
-Bisons und der letzten Riesenschildkröten an einem recht sicheren
-Ort niederlegen, denn lebend werden sie diese <span class="antiqua">Morituri</span>, diese
-Zusammenbrechenden, auch nicht mehr zu sehen bekommen.</p>
-
-<p>Die Frage war nur, wie weit man mit solchen zoologisch-historischen
-Streifzügen auch in die ältere und älteste Kunst zurückgehen könne.</p>
-
-<p>Sachlich wurde ja der Boden dort immer interessanter. Je weiter in die
-graue Vergangenheit, desto mehr Wahrscheinlichkeit, daß der Künstler
-von damals noch von zoologischen Pracht- und Schaustücken wußte, die
-uns längst nicht mehr zu Gebote standen.</p>
-
-<p>Und an wunderlichen, höchst fremdartigen Tierformen war in der Tat
-in der älteren Kunst immer weniger Mangel, — nur fingen sie alsbald
-an, etwas <em class="gesperrt">zu</em> wunderlich zu werden. Da kamen die Sphinxe und
-Greife und Chimären, die Einhörner und Basiliske, die Drachen und
-Midgardschlangen. Sollte man zu alledem wirkliche Urbilder suchen?</p>
-
-<p>Wir haben aus ganz neuester Zeit wohl ein hübsches Beispiel, wie
-vorsichtig man im Ablehnen auch hier sein muß. In Afrika wurde da das
-merkwürdigste neue Säugetier der letzten Jahrzehnte entdeckt: das
-Okapi, ein großes Huftier, äußerlich einer Antilope ähnlich, an den
-Beinen schön schwarzweiß gestreift wie ein Zebra, im Knochenbau aber
-das Allerunerwartetste: nämlich ein Verwandter zu der bisher völlig
-im System vereinsamten Giraffe und zwar ein noch lebender Sproß eines
-giraffen-ähnlichen Geschlechts, das in der Tertiär-Zeit bei uns in
-Griechenland existiert hatte und aus Knochenfunden von dort längst
-bekannt war. Nun denn: dieses<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> Okapi, das uns nächstens hoffentlich
-unsere zoologischen Gärten vorführen werden (ich gönnte unserm so
-verdienstvollen Berliner Direktor Heck wohl die Priorität dabei!),
-haben die alten Ägypter schon auf ihren Denkmälern völlig kenntlich
-dargestellt, — natürlich wußte bis vor kurzem kein Forscher diese
-„Hieroglyphe“ zu deuten, da wir ja selber das Tier nicht hatten.</p>
-
-<p>Aber in der großen Masse der Fälle haben wir es gleichwohl mit dem
-„Phantasie-Tier“ zu tun.</p>
-
-<p>Im Drachen steckt nicht der Ichthyosaurus, mit dem der Mensch nie
-zusammen gelebt hat, nie hat ein Reptil Feuer gespieen oder ein Pferd
-Flügel gehabt.</p>
-
-<p>Auch in das Tierbild hat jene tiefe Kraft des Menschen
-hineingearbeitet, die im Grunde so rätselvoll ist und doch so urwüchsig
-aus ihm hervorbricht, als stecke seine halbe Seele darin: die Kraft,
-die Dinge nicht nur zu sehen und wiederzugeben, sondern sie sofort auch
-zu stilisieren, umzudenken, in eigener Andersform neu zu schaffen.</p>
-
-<p>Er ist ein Schöpfer, der Mensch, nicht bloß ein Spiegel. Er hat das
-Tier gesehen, dieser Mensch. Es hat ihn gelockt, es wiederzugeben. Aber
-wenn er es auf der Tafel hatte, hat ihn jene andere Seite seiner Seele
-nicht ruhen lassen: er hat schöpferisch daran herumzuarbeiten versucht.</p>
-
-<p>Wenn der Stier nun Flügel hätte wie der Adler? Wenn er so noch hübscher
-aussähe?</p>
-
-<p>Und wenn die Federn dieser Flügel, die schon beim Vogel einen so
-guten Anlauf zum Rhythmischen nehmen (ist doch die Natur allerorten
-schon voll solcher Anläufe, als habe jene Menschengeisteskraft längst
-irgendwo in einem unteren Stockwerk geheimnisvoll in ihr gewaltet!) —
-wenn diese Federn nun ganz zu Ornamenten würden, in Spiralen ausliefen,
-vollkommen sich in stilisiert „Schönes“ als Kunstform verwandelten?</p>
-
-<p>Eine ungeheure Linie setzt hier ein, die vom ältesten Babylon, von
-China und von Mexiko, aus allen noch so getrennten Kulturen und
-Kunstanfängen heraufsteigt bis auf den<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> ersten Holzschnitt des
-Rhinozeros von Albrecht Dürer, auf dem das ganze Dickhäuterfell dieses
-Tierriesen mit all’ seinen Wülsten, Falten und Höckern in lauter
-elegante Ornamente hinein stilisiert ist, daß es eine wahre Freude
-ist — oder bis auf die köstlichen Schweine und Maikäfer unseres
-lieben Wilhelm Busch, in denen ebenso der ganze Kodex der Zoologie
-und Anatomie Fühler für Fühler und Schwänzchen für Schwänzchen in die
-Kunstform des humoristischen Ornaments umgedichtet ist.</p>
-
-<p>In dem schönen Buche, das Schliemann über Mykenä herausgegeben hat,
-kann man diese Umstilisierung des Zoologischen in recht alten Tagen
-aufs Prächtigste noch bei der Arbeit sehen.</p>
-
-<p>Da findet sich auf einem der runden Goldblätter aus dem dritten jener
-mykenischen Königsgräber wunderhübsch herausgearbeitet ein Oktopus, ein
-Tintenfisch.</p>
-
-<p>Wir wissen aus Homers unsterblicher Schilderung vom schiffbrüchigen
-Dulder Odysseus, den die Welle gleich dem zäh angeklammerten
-Meerpolypen von dem rettenden Fels reißt, wie genau die alten Griechen
-dieses sonderbare Tier mit dem sackförmigen Leib und den Klammerbeinen
-oben am Kopf beobachtet hatten. Kannte doch Aristoteles sogar schon die
-märchenhaften Liebesspiele und Liebesmethoden der Tintenfische, die
-erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt worden sind.</p>
-
-<p>Nun ist unverkennbar in solchem Polypen mit seinen acht Greifern
-eine gewisse rhythmische Kunstgestalt roh gegeben, eine dicke
-Wurzel gleichsam und acht gekrümmte Ranken. Aber unser alter
-Griechengoldschmied, Agamemnons Hoflieferant, um Schliemanns Redeweise
-nachzusprechen, — er hatte darin erst den Naturansatz zu dem, was
-seine Phantasie nun hineinharmonisierte. Ihm wird die Rübe das Herz
-eines wunderschönen Ornaments, von dem aus sich in rhythmisch reinster
-Steigerung acht eleganteste Spiralen in die Goldplatte hineinrollen,
-jede oben stolz eingekrümmt wie ein Bischofsstab. Der Tintenfisch, im
-Typus noch auf den ersten Blick erkennbar, ist doch ein Kunst-Mollusk,
-ein Mischwesen aus nachahmender<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> Zoologie und selbstherrlich
-schaffender Schönheitsschau geworden.</p>
-
-<p>Ganz das Gleiche ist auf einem zweiten Blatt einem Schmetterling
-widerfahren, der mit Kopf und Augen und Fühlern, mit der Zeichnung und
-dem Geäder seiner Flügel und selbst den Schnitten seines Kerbtierleibes
-ein ganzes Gewebe stilvoller Arabesken geworden ist.</p>
-
-<p>Dabei befindet man sich an und für sich grade in diesem Buche noch
-auf einem Boden, wo zoologisch Wichtiges direkt in jenem andern Sinne
-auch zu lernen ist: in dramatisch belebten Bildern sehen wir diese
-Mykenä-Helden im Kampfe mit dem Löwen und wir erinnern uns plötzlich,
-daß wir ja hier in der Zeit sind, wo der Löwe wirklich noch in Europa,
-in Griechenland, vorkam, was heute wie ein verschollenes Märchen klingt.</p>
-
-<p>Aber dieser Löwe selbst floß bereits gelegentlich ins Ornament, sein
-Schwanz bekommt Stil auf den Bildern wie ein Schweinequästlein Buschs.
-Und dann faßte die Kunst herrisch und herrischer zu.</p>
-
-<p>Aus dem Polypen, an dessen Armen die beißenden Schröpfköpfe sitzen,
-aus dem Polypen, der unter Umständen als Koloß auftrat und dann ein
-furchtbarer Gegner wurde, hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst
-zeichnerisch und dann rednerisch, in Sage und Epos, die lernäische
-Hydra mit den vielen Köpfen und ihre mythische Verwandte, die Scylla,
-entwickelt.</p>
-
-<p>Bis in unsere bekanntesten antiken Statuen hinein läßt sich
-gelegentlich die Überwindung der Zoologie durch die Ästhetik verfolgen.
-Unvergeßlich ist mir der Ausspruch eines Zoologen vor dem vatikanischen
-Laokoon in Rom: „Das sind ja keine echten Schlangen, sondern
-fett gefütterte Regenwürmer!“ Seit wir die Schlangenmenschen des
-herrlichen Pergamenischen Altars in Berlin haben, wissen wir, was für
-realistisch treue, zoologisch geradezu packend echte Schlangenleiber
-und Schlangenköpfe die griechische Kunst hat liefern können, wenn sie
-wollte. Aber gerade diese Laokoon-Gruppe, die in jedem Zuge sich schon
-als raffiniertere, abgeglättetere, im abstrakten Sinne vergeistigtere
-Kunstarbeit darstellt, hat auch<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> ihre Schlangen schon sehr viel weiter
-ins abstrakt Ornamentale hinein verzaubert: es sind zwar keineswegs
-Regenwürmer, denn das wäre ja nur wieder ein anderer zoologischer
-Schachzug, aber sie sind aus echten Schlangen vom Reptilstamm gleichsam
-zu nackten Symbolen bloß der schreckhaften Schnürkraft, zu elastischen
-Strangulierungs-Ornamenten geworden.</p>
-
-<p>Erst in den neunziger Jahren des Jahrhunderts haben wir durch das
-Verdienst eines deutschen Reisenden und Ethnographen eine wahre
-Ur-Schmiede solcher Tier-Verästhetisierung kennen gelernt, die diesmal
-nicht aus altem Ruinenschutt gegraben zu werden brauchte, sondern heute
-noch bunt und lustig uns vor Augen steht, — allerdings in einem so
-versteckten Winkel der Erde, daß man wohl von einer Art lebendigen
-Fossils der Menschheitsentwickelung dabei reden darf.</p>
-
-<p>Karl von den Steinen hat uns unübertrefflich in Wort und Bild das Leben
-der südamerikanischen Indianer am Schingû-Flusse geschildert.</p>
-
-<p>Nackte Wilde, die noch keine Metallwaffen kannten, als die Europäer
-sie in ihrer Weltverlorenheit auffanden, also in gewissem Sinne heute
-noch lebende, echte Steinzeit-Menschen, — und dabei doch ein Kunstvolk
-ersten Ranges, das keinen leeren Fleck um sich leiden mochte, es habe
-denn ein Ornament darauf gesetzt.</p>
-
-<p>Das Kanu-Boot und sein Ruder, die Trinkschale und die Kalabasse aus
-Kürbis, der Spinnwirtel aus Schildkrötenpanzer und der tönerne Topf,
-die Hauswand und der eigene Leib — alles muß in Kunstformen hinein,
-muß strotzen von Mustern, über die das Auge mit Wohlgefälligkeit läuft.</p>
-
-<p>Fröhliche Völker sind es, mit behaglichen Sitten, ohne groteske und
-schaurige Formen der Barbarei, in einem gemäßigten Lebenskampfe, der
-Zeit läßt, an die Lustigkeit des Daseins und seine Verzierung zu denken.</p>
-
-<p>Bei diesen Bakairi und Verwandten nun fand ihr Erforscher einen
-tiefbezeichnenden Zug, wert in jede Kunstgeschichte an hervorragender
-Stelle fortan aufgenommen zu werden gleichsam als eine Stimme aus dem
-„Paradiese“.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span></p>
-
-<p>Die Leute waren zunächst ganz nette Realkünstler, was Wiedergabe von
-Wirklichkeitsobjekten anbetraf, und zwar waren es in allererster Linie
-Tiere, die sie abbildeten.</p>
-
-<p>Ganz reinlich zeichneten sie einen Fisch im Umriß in den Sand. Saß der
-fremde Gast mit ihnen abends beim Mondschein am Boden, so malten sie
-ihm mit unverwüstlichem Eifer Jagdtiere und Jagdszenen aus dem Stegreif
-im Sande vor. Sie begnügten sich nicht, „die Umrisse zu zeichnen,
-sondern sie schaufelten mit der Hand den Sand aus dem Umriß des
-darzustellenden Tieres der Fläche nach weg und füllten diese Vertiefung
-von der Gestalt z.&#160;B. eines Jaguars oder Tapirs mit grauweißlicher
-Asche aus: so erhielten sie den Körper mit seinen Extremitäten als
-ein weißlich schimmerndes Gemälde. Mit dunklem Sande wurden das
-Auge und die Fleckenzeichnung der Haut eingetragen. Da die Figuren
-mindestens Lebensgröße hatten, machten sie in dem Zwielicht der Nacht
-einen überraschend lebendigen Eindruck; es sah aus, als wenn riesige,
-schimmernde und flimmernde Felle über den Boden ausgebreitet wären“.</p>
-
-<p>Mit dem fremden Kulturbleistift zeichneten sie dem deutschen Professor
-sein und seiner Leute eigenes Porträt in sein Notizbuch, spaßig, wie
-der kleine Moritz bei Oberländer in Strichmanier karikiert, aber doch
-auch packend charakterisiert.</p>
-
-<p>Ganz auf der Höhe aber war ihre Kunst im plastischen Modellieren.
-Wie sie einen Topf formten in Gestalt einer vom Bauche her gehöhlten
-Schildkröte, Eidechse oder Kröte, das war bewundernswert selbst vom
-verfeinerten Kulturboden aus. Es war ausschließlich Frauenarbeit,
-diese Topfkunst. Wie zierlich zugleich und echt hatte aber solche Frau
-das Köpfchen, das Schwänzchen und die eingebogenen Vorderpätschchen
-der Schildkröte herausgebracht, wie humoristisch treu die breite
-Schnauze der Kröte, wie elegant hatte sie auf die Rückenwölbung
-des Schildkrötentopfs die Panzerplatten mit ihrer natürlichen
-Schildpattzeichnung eingeritzt!</p>
-
-<p>Schon an diesen Töpfen nun nötigte die Anpassung an die Gebrauchsform
-zu einem Anfang von Stilisierung, der<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> denn auch wohl zu merken ist:
-geht die Schildkröte, geht das Gürteltier noch fast rein mit seiner
-Naturform in der Topfgestalt auf — man könnte ja aus ihren gewölbten
-Hohlschalen unmittelbar einen Topf machen, wenn’s not täte — so muß
-das Waldhuhn, muß die Eule und Fledermaus doch schon abgerundet, muß
-topfhaft stilisiert werden.</p>
-
-<p>Prächtig, wie auch das gemacht wird, wie die Flügel der Fledermaus zu
-einfachen Ornamentlamellen am Topfrande, abgerundeten Griffen umgedacht
-werden, bis das Ganze die Tierform überhaupt fast verläßt und aus
-dem Fledermaus-Topf ein einfacher Kunstnapf mit einem rhythmischen
-Ornamentenflügel-Kränzlein wird.</p>
-
-<p>Und da denn gibt sich die Brücke zu etwas, was in der Malerei und
-Schnitzerei dieser Naturvölker am verblüffendsten wirkt, aber zugleich
-am lehrreichsten ist.</p>
-
-<p>Als Fries über die Wand oder sonst über jeden verfügbaren Fleck werden
-Ornamente hingezogen, die zunächst rein ästhetisch-mathematisch
-ausschauen: dunkle Würfel mit weißen wechselnd, rhombische Felder in
-graziöser Folge, Dreiecke sich aneinander schließend, ganz wie auf
-unsern Teppichmustern, Parkettböden, Mosaiken und so weiter.</p>
-
-<p>Befragt aber, hat der Schingû-Indianer auch für diese echtesten
-Ornamente noch realistische Namen.</p>
-
-<p>Dieses Rautenfeld ist dem Namen nach ein Zug ganz bestimmter
-eckiger Fische, der Fischname bezeichnet auch das Ornament. Diese
-Doppeldreiecke sind dem Worte nach eigentlich Fledermäuse, jetzt
-fliegende, in anderer Stellung hängende. Diese dunklen Quadrate im
-weißen Grund sind junge Bienen. Diese einfachen Dreiecke schwarz auf
-weiß sind zierliche dreieckige Schamschürzchen der Frauen, das einzige,
-winzige Bekleidungsstück dieser glücklichen Naturkinder jenseits von
-Korsett, Hose und Schuh.</p>
-
-<p>Das heißt: sie sind es noch im Namen, in der Tradition. Es ist genau
-so, wie wenn wir ein bestimmtes Wellenornament als Schlangenlinie
-bezeichnen. Die Leute haben ursprünglich Fische, Fledermäuse zu
-allerlei Gebrauch, als Jagdzeichen, als<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> eine Art Bildersprache zur
-Verständigung, in einfachem Nachahmungstrieb, Reproduktionstrieb
-dessen, wovon die Seele voll war, aufgezeichnet, — notabene sie
-konnten es, worin eben schon die eine ganze Wurzel ihrer künstlerischen
-Menschheitsgabe steckte! Dann haben sie aber an diesen Bildern
-<em class="gesperrt">stilisiert</em>.</p>
-
-<p>Der zweite Sinn, der Sinn für rhythmisch bequeme, glatte Formen mischte
-sich ein, mischte sich schon in die erste Wiedergabe zweifellos mit:
-das mathematisch Einfachste, über das der Blick am widerstandslosesten,
-mit kleinstem Kraftmaß, lief, wurde bevorzugt, das Rhombische des
-Fischs, das Dreieckige der Fledermaus. Das wurde dann selbstschaffend
-ausgestaltet, in Wiederholungen aneinandergereiht, die Wiederholungen
-gaben wieder neue Wohlgefälligkeiten, ästhetische Bequemlichkeiten und
-das Ornament war fertig.</p>
-
-<p>Schließlich ging das Tier als Grundform unter bis zur Unkenntlichkeit
-und nur der Name bezeichnete noch, daß es historisch einmal im Ornament
-gewesen war.</p>
-
-<p>Unendlich weit lassen sich die rein ästhetischen Gedanken ausspinnen
-vor dieser Bakairi-Kunst.</p>
-
-<p>Schauen wir doch vor diesem Doppelspiel von wirklicher Tierwiedergabe
-und ornamentaler Stilisierung nicht bloß in das Wurzelwerk eines
-kleinen Kunstsprößlings: wir blicken in die Wiege überhaupt der Kunst
-und aus dieser Wiege schon sehen uns zwei verschiedene Augen an.</p>
-
-<p>Das eine ist das <em class="gesperrt">ur-realistische</em> Auge, das Wirklichkeit
-zu fassen und nachzuahmen sucht, — das andere das
-<em class="gesperrt">ur-idealistische</em>, das diese Wirklichkeit umzuschauen, umzuregeln
-sucht in harmonische Folgen, in einen wohlgefälligen Rhythmus hinein.</p>
-
-<p>Und beide Arten künstlerischen Wollens sehen wir bereits bei diesen
-nackten Wilden mit ihrer Steinzeit-Kultur in Kraft, — bloß, daß die
-erstere, die realistische, insofern eine gewisse Priorität wahrt, als
-sie dem zweiten, dem idealistisch stilisierenden Sinne, das Material
-geliefert hat, an dem er seine idealistischen Besserungen erproben
-konnte.</p>
-
-<p>Wie eine uralte Weisheitsstimme, der keine grüne Klügellogik<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> gewachsen
-ist, klingt diese Bakairi-Ästhetik bis in unsern hellsten ästhetischen
-Kampfestag hinein.</p>
-
-<p>Wer denkt nicht an unsern heftigen Hader um den Realismus in der Kunst,
-in der dichtenden wie der malenden und steinbildenden!</p>
-
-<p>Wie naiv ist der Gegensatz von nackter Wahrheitswiedergabe und
-idealistischem Stilisieren, Rhythmisieren da als ein „Entweder — Oder“
-auf Biegen und Brechen ausgespielt worden, als gelte fortan nur noch
-ein unbedingtes Gefressenwerden des einen Prinzips durch das andere,
-— während die kleinste und unscheinbarste dieser Fledermäuse oder das
-schlichteste Frauenschürzchen dieser Bakairi-Kunst uns doch schon die
-ewige Lehre in Fleisch und Blut pauken kann, daß nur beide Richtungen
-vereint die wahre Kunst ergeben.</p>
-
-<p>Jene Kunst, die des Menschen würdig ist, der seine ganze Höhenkraft
-als König eines Planeten unabänderlich ebenso auch sonst nur der
-Doppelfähigkeit verdankt: einmal die gegebenen Wirklichkeiten dieses
-Planeten zu erkennen und zu beherrschen bis ins kleinste Kraftwellchen
-hinein — und dann sie zu wandeln nach seinem Idealbilde, sie zu
-vergeistigen, wie ein Denkender sein Antlitz vergeistigt, sie zu etwas
-emporzuführen, was in der äußeren Wirklichkeit um ihn her noch gar
-nicht sein kann, also von dort auch nicht abgelesen werden kann, weil
-ja eben der höchste zeitlich gegebene Entwickelungssproß der Natur
-nichts anderes ist, als sein „Inneres“ selbst, sein idealbildender,
-neuen und umfassenderen Harmonieen zustrebender Menschengeist selbst....</p>
-
-<p>Erst aus dem unendlich verwickelten und doch stets logisch notwendigen
-Hin- und Wiederweben ihres roten realistischen und ihres blauen
-idealistischen Fadens entsteht das wunderbare Gewebe der Geschichte der
-Kunst, wie wir es in den Kulturjahrtausenden hinter uns sich breiten
-sehen.</p>
-
-<p>Der Verlauf wird aber noch versponnener und feiner dadurch, daß die
-Wirklichkeitsteile des Ästhetischen unablässig auch gebraucht werden in
-jenem riesigen Gesamtgewebe zunehmender menschlicher Weltbeherrschung.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p>
-
-<p>So reklamiert auf einer gewissen Höhe die strenge Wissenschaft als
-realistischer Teil der technischen Welteroberung und Weltverbesserung
-gerade das Tierbild wieder in seiner möglichst reinen Urform als
-Reproduktion der Wirklichkeit für ihre streng zoologischen Zwecke. Wir
-erleben die Mützel und Specht und Leutemann, wie sie wissenschaftliche
-„Tierleben“ illustrieren, und zuletzt muß gar die Momentphotographie
-heran, um ganz unverfälschte Wirklichkeitsbilder (vorläufig gelingt es
-ja durchaus noch nicht „ganz“!) zu ermöglichen.</p>
-
-<p>Das führt aber von dem Streifblick in die theoretisch-ästhetische Seite
-wieder genau auf unser eigentliches Problem selbst zurück.</p>
-
-<p>Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen: gesehen hat dieser
-Mensch, in dem also nach der einen Seite schon als nacktem
-Steinzeit-Wilden eine realistische Kraft der reinen Naturwiedergabe
-steckte, noch eine ganz andere Sorte verschollener Tierwelt als jene
-immer doch relativ junge der Dronten und mykenischen Löwen.</p>
-
-<p>Denn das wissen wir jetzt endlich mit voller Sicherheit: der Mensch in
-einem Kulturzustand, der sich immer noch mit dem jener Bakairi-Indianer
-oder auch der heutigen Eskimo vergleichen läßt, ist alt, uralt,
-märchenhaft alt.</p>
-
-<p>Der Polarpunkt unseres Nordhimmels, in dem heute der Stern des kleinen
-Bären leuchtet, ist so und so oft infolge der Achsenverschiebung der
-Erde auf die Wanderschaft gegangen, hat sich die Wega und andere
-schöne Sterne als Richtlampe erkoren und ist endlich wieder beim alten
-Fleck angelangt, — und immer war der Mensch schon da. Zeiträume aber,
-in denen himmlische Achsenpunkte derartige Sternexkursionen machen
-können, müssen auch ganz gewaltige Wandlungen und Verschiebungen der
-Tierwelt bedingen, in die wir denn also auch mit diesem Menschen
-hineingeraten, sobald wir uns bloß resolut sagen, daß die paar
-tausend Jahre unmittelbarer Schriftüberlieferung, die wir haben,
-völlig zurücktreten gegen das Gesamtdasein eines mehr oder minder
-schon überhaupt „etwas“ kultivierten Menschen auf dem Erdplaneten.
-Fallen doch selbst<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> die ältesten jener babylonischen oder ägyptischen
-Unmittelbar-Überlieferungen nur in einen kleinen Bruchteil einer
-einzigen letzten astronomischen Revolution jener Art!</p>
-
-<p>Noch vor zehn Jahren konnte man sagen, daß mindestens Streit darüber
-bestehe, ob Mensch und Mammut sich lebendig begegnet seien.</p>
-
-<p>Autoritäten wie Virchow und Steenstrup waren dagegen. Eine Fundstelle
-wie die von Predmost in Mähren, wo die von Menschenhand unzweideutig
-bearbeiteten, um die Reste menschlicher Kohlenfeuer gelagerte
-Mammutknochen nach tausenden zählten, wurde als Eisfleisch-Station
-gedeutet, auf der prähistorische Hungerleider vieltausendjährige
-gefrorene Eiskadaver von Mammuten herausgehackt und mit dem Appetit
-der heutigen Tungusen-Hunde in Sibirien, die jetzt noch tapfer so auf
-Eis-Mammut gehen, verspeist haben sollten.</p>
-
-<p>Diese Skepsis ist heute antiquiert.</p>
-
-<p>Zur Stunde tauchen ganz andere Gemeinschaften als Problem auf,
-unendlich viel ältere.</p>
-
-<p>Jene wundervolle Fundstätte vorgeschichtlicher Menschheitskultur in
-Taubach bei Weimar, von der nachgerade wohl die Meisten gehört haben,
-zeigt uns den Menschen als gewohnheitsmäßigen, offenbar durch lange
-Zeiten und Generationen fest eingeübten Jäger schon nicht mehr des
-eigentlichen Mammut-Elefanten, sondern des sogenannten Alt-Elefanten
-(<span class="antiqua">Elephas antiquus</span>), einer riesenhaften Elefanten-Form, die
-mindestens in ihrer Blütezeit dem Mammut voraufging.</p>
-
-<p>Kein einziger Mammut-Rest ist auf diesem klassischen Boden gefunden
-worden, und gewisse Konfusionen sind bloß vorübergehend durch böse
-neuzeitliche Nachhilfe in die wissenschaftliche Beschreibung hinein
-geraten.</p>
-
-<p>Es ist nämlich unglaublich schier, aber leider doch wahr, was findige
-Geldbeutelbedürfnisse selbst bei solchen Dingen für Unheil anrichten
-können. Als die Taubacher Knochen und Menschenreste anfingen, Aufsehen
-zu machen, stellten sich Käufer ein, Laien, die bloß allgemein etwas
-von den Dingen hatten läuten hören. Sie verlangten von den Leuten
-in den Taubacher<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> Brüchen vor allem „Mammut“. So kamen schlaue
-Industrie-Genies auf den unglücklichen Plan, besagtes „Mammut“ heimlich
-irgendwoher zu beziehen und als Taubacher Material mit Profit am Fleck
-zu verkaufen. Nahe, eine Stunde rund von Taubach entfernte Kieslager,
-in denen auch Elefantenknochen lagen, wurden geplündert und die Zähne
-körbeweise nach Taubach gebracht, der Korb im Zwischenhandel zum
-Engrospreise von zehn Mark. Die Interessenten erhielten dann beliebig
-„Mammut“ aus diesen Körben zu tüchtigen Detailsätzen.</p>
-
-<p>Um die Verwirrung zunächst auf den Gipfel zu treiben, handelte es sich
-auch bei diesen Schmuggel-Elefanten aber erst recht nicht um Mammut,
-sondern um eine noch ältere Art als der Alt-Elefant war, nämlich um
-einen nahen Verwandten des sogenannten Süd-Elefanten (<span class="antiqua">Elephas
-meridionalis</span>), der nicht gleich dem Mammut jünger, sondern nochmals
-zweifellos ein ganzes Teil älter ist, als der Alt-Elefant. Die
-Elefanten- und Nashorn-Jagden der Ur-Taubacher hatten sich, wie die
-erhaltenen schönen Reste klärlich zeigen, in einem Walde abgespielt,
-in dem Birken- und Haselnußbüsche standen. Das deutet nun zwar auf ein
-gemäßigtes Klima, ähnlich dem heutigen am gleichen Ort. Da die Zeit
-zweifellos bis in die Grenzen der großen Eiszeit zurückgeht, nimmt man
-mit ziemlicher Sicherheit an, daß es sich um eine etwas wärmere Pause
-innerhalb dieser wechselreichen, im Wort wenig erschöpften „Eiszeit“
-handelte. Der Süd-Elefant aber hat noch vor der ganzen Eisperiode
-gelebt und aus voreiszeitlichen Schichten stammte denn auch das
-eingeschmuggelte Material.</p>
-
-<p>Die Taubacher Industrie konnte zum Glück noch rechtzeitig aufgedeckt
-und wissenschaftlich unschädlich gemacht werden.</p>
-
-<p>Der letzte Trumpf der ganzen Geschichte aber bleibt, daß dieser
-Süd-Elefant an und für sich und in seiner eigenen Schicht ganz wohl
-<em class="gesperrt">auch noch</em> mit menschlichen Kulturresten hätte zusammenliegen
-können — auch ohne Schwindelei. Denn auch ihn hat der Mensch noch
-erlebt, oder besser von unten nach oben gesagt: schon erlebt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p>
-
-<p>Nie werde ich den Eindruck vergessen, den in den achtziger Jahren ein
-kleiner Raum des altberühmten Jardin des Plantes zu Paris, der Stätte
-Buffons und Cuviers, auf mich machte.</p>
-
-<p>In einer provisorischen rohen Bretterbude hatte man die größten
-paläontologischen Schaustücke, meist vollständige Gerippe urweltlicher
-Riesentiere, in Erwartung eines (heute längst vollendeten) würdigeren
-Museums-Neubaues vereinigt. Nur Auserwählte mit Karten drangen bis
-in dieses Heiligtum vor. Ihnen aber ward ein im buchstäblichen Sinne
-ungeheurer Anblick zu teil.</p>
-
-<p>Da stand das Skelett des Riesenfaultiers, des Megatherium, da wölbten
-sich wie mächtige Tonnen empor die Panzerdecken der Riesengürteltiere,
-— beide aus Tiergeschlechtern, von denen wir heute wissen, daß der
-Mensch sie auch noch gejagt und verspeist hat.</p>
-
-<p>Um einen Koloß wie das Megatherium zu überbieten, dessen Oberschenkel
-fast dreimal so breit sind wie die des lebenden Elefanten, war in
-dieser Versammlung schon ein ganz besonderer Elefant nötig, und den
-hatte denn auch eine Ausgrabung in Südfrankreich in Gestalt eines
-prachtvoll erhaltenen Riesenexemplars jenes Süd-Elefanten geliefert.</p>
-
-<p>Aufrecht hatte der Koloß im Boden gestanden, als man ihn fand, ein
-Beweis, daß er an Ort und Stelle einst im Sumpf versunken sein mußte.
-Die Stoßzähne, vollkommen erhalten wie sie sind, zeigen doch nichts von
-der abenteuerlichen Krümmung, wie sie den Mammutstößern zukommt.</p>
-
-<p>Dieser Süd-Elefant lebte, wie gesagt, vor der Eiszeit, in das letzte
-Drittel der voraufgehenden Tertiärzeit, die sogenannte Pliocänzeit,
-hinein.</p>
-
-<p>Wer noch heute auf dem Standpunkt steht, der vor zehn Jahren Mode in
-der Anthropologie war: vor jeder Möglichkeit eines Fundes tertiärer
-Menschenspuren zunächst ein skeptisches Lächeln wie über eine Art
-Dummejungenbehauptung aufzusetzen, der muß diese Altersbestimmung
-bestreiten.</p>
-
-<p>Denn es läßt sich nicht mehr fortleugnen, daß mit Knochen<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> des
-Süd-Elefanten in ungestörter Schicht zusammen in Frankreich schon
-Feuersteinwerkzeuge, bearbeitet von Menschenhand, gefunden worden
-sind, — wenn auch bearbeitet in einer noch etwas roheren Weise, als
-es in der Folge geschah. Wiederum aber zweifelt von der Menschenfrage
-unabhängig kein unbefangener geologischer Beurteiler heute, daß wir
-mit dem Süd-Elefanten wirklich in der echten <em class="gesperrt">tertiären</em> Tierwelt
-sind, und so wird auch hier nachgerade der allzu skeptischen Skepsis
-ihr Stündlein geschlagen haben.</p>
-
-<p>Die eigentliche Kühnheit im Zurückdatieren setzt erst noch wieder eine
-ganze Station auch dahinter heute ein, — und ich kann offen gestanden
-auch noch in ihr nichts zu kühnes sehen.</p>
-
-<p>In der Auvergne, dem alten Vulkangebiet Frankreichs, wo noch in jener
-Pliocänzeit des Süd-Elefanten eine Unmasse feuerspeiender Berge große
-Lavaströme entsandten, sind tief unter solcher alter Lava Feuersteine
-mit Bearbeitungsspuren gefunden worden, die der Lage nach in das
-mittlere Drittel der Tertiärzeit, die <em class="gesperrt">Miocänzeit</em>, gehören würden.</p>
-
-<p>Angesehene französische Forscher sowohl, wie unser trefflicher
-Heidelberger Anatom und Prähistoriker Hermann Klaatsch, halten die
-eigentümlichen Schartungen auch dieser Splitter für Menschenwerk.</p>
-
-<p>Triftige Sachgründe gegen diese Deutung sehe ich nach Klaatschs
-scharfsinniger Darlegung nicht mehr. Wenn man dem Teufel einmal den
-kleinen Finger gibt und überhaupt auf Grund gewisser feiner Merkmale
-sich den Indizienbeweis menschlicher Arbeit auch an den älteren,
-roheren Steinsachen gefallen läßt — und für nachtertiäre Fundstellen
-tut das einstimmig die ganze Fachmannschaft, — so muß man, meine ich,
-auch hier die Hand nachschicken.</p>
-
-<p>Dieser Miocän-Mensch also von Aurillac, wie die Fundstätte heißt,
-— er, den wir ohne besondere chronologische Skrupel um anderthalb
-Millionen Jahre rückwärts vom heutigen Bewohner der rauhen Auvergne
-trennen mögen, muß<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> aber eine Tierwelt noch gesehen haben, die alles
-bisher erwähnte an Fremdartigkeit weit hinter sich ließ.</p>
-
-<p>Je tiefer wir in die Tertiärzeit hineingehen, desto mehr nähern wir uns
-ja jener merkwürdigen Epoche, da das Klima in Europa, statt eiszeitlich
-härter, umgekehrt südländisch wärmer war als heute.</p>
-
-<p>Bis gegen die Mitte der Tertiär-Zeit haben Frankreich wie Deutschland
-ein Palmenklima gehabt. In Südfrankreich wuchsen große Fächer- und
-Sabal-Palmen, Pisangs, Drachenbäume und Kampferbäume.</p>
-
-<p>Noch der Süd-Elefant hat in seiner Pliocän-Zeit sich durch immergrüne
-Wälder von Lorbeern und Magnolien in der Umgegend von Paris
-ästeknickend durchgedrängt.</p>
-
-<p>In jenem miocänen Urwald von tropischer Üppigkeit aber hauste auch die
-entsprechende Tierwelt.</p>
-
-<p>In ihm muß der Mensch noch leibhaftig mit Augen das Tier gesehen haben,
-das anderthalb Millionen Jahre später mit am allermeisten Zwist und
-Kopfzerbrechen erzeugen sollte, als seine Gebeine noch einmal aus ihrem
-uralten Grabe zum Vorschein kamen.</p>
-
-<p>Im Morgenrot der Versteinerungskunde hatte einst Cuvier ein paar
-einzeln gefundene große Backenzähne als dem Tapir angehörig
-beschrieben. Uns würde es heute schon seltsam genug anmuten, den Tapir
-aus Südamerika oder Indien lebend in die Auvergne versetzt zu sehen.
-In den älteren Tertiärtagen war aber grade an tapirähnlichen Tieren
-in ganz Europa kein Mangel. 1835 kam dann in der Pfalz der ganze Kopf
-des vermeintlichen Tapirs ans Licht. Mehr als ein Meter lang, trug
-er im Unterkiefer zwei abwärts gekrümmte, an das Walroß gemahnende,
-stoßzahnartige Hauer. Da der Rest des Körpers fehlte, blühten um dieses
-groteske Haupt die buntesten Theorien auf.</p>
-
-<p>„Ich möchte,“ ließ sich 1856 der große Anatom und famose
-Fossiliendeuter Burmeister vernehmen, „dem Tiere einen kurzen, dicken
-Hals, einen kräftigen, spindelförmigen Rumpf nebst breiten, selbst
-zum Kriechen wie beim Walroß tauglichen<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> Flossenfüßen zuschreiben und
-dasselbe für ein pflanzenfressendes Seeungeheuer erklären, welches
-nach Art der Sirenen gern in die großen Flußmündungen sich begab
-und selbst bis in die höheren Teile der Flüsse hinaufstieg. Seiner
-vorderen Hakenzähne bediente es sich gleich dem Walrosse wohl mehr
-zum Unterstützen seiner Bewegungen am Ufer, wenn es ruhen wollte, als
-zur Verteidigung; oder es riß seine vegetabilische Nahrung, dicke
-fleischige Wurzeln, damit aus der Tiefe empor.“</p>
-
-<p>In der Tat erschien das Tier in dieser Robbengestalt lange Jahre
-hindurch in den populären Geologien.</p>
-
-<p>Dinotherium, das „Schreckenstier“, hatte man es einstweilen getauft.</p>
-
-<p>Welch bitterböses Lachen aber würde der miocäne Auvergnate, der diesem
-Waldschratt selber noch gewohnheitsmäßig auf seinen Streifereien
-begegnete, vor unserm Naturforscherbilde aufgeschlagen haben!</p>
-
-<p>Denn das Dinotherium war, wie wir heute aus besseren Funden nun auch
-glücklich wissen, in Wahrheit ein über vier Meter hoher Elefant mit dem
-Rüssel und den Säulenbeinen eines solchen, der bloß diese allerdings
-ganz charakteristische Besonderheit bei sich ausgebildet hatte, daß
-nicht der Ober-, sondern der Unterkiefer die Stoßzähne lieferte und daß
-sie sich nach unten krümmten, statt nach oben.</p>
-
-<p>Bei einem zweiten Elefanten, den jener Miocän-Mensch ebenfalls gesehen
-haben muß, dem Mastodon, wuchsen sogar im ganzen vier Stößer, zwei aus
-dem Ober- und zwei aus dem Unterkiefer.</p>
-
-<p>Seltsamer Reiz dieser Bilder: der Mensch bei Mastodon und Dinotherium!</p>
-
-<p>Was mag es für ein Mensch gewesen sein?</p>
-
-<p>Wir wissen heute wieder mit voller Sicherheit, daß jene Menschenschädel
-vom Neandertal und von Spy, die von der Schule Virchows einmal
-so gründlich „totgeschlagen“ schienen und doch so munter wieder
-wissenschaftlich „lebendig“ geworden sind, als sei nichts passiert, —
-wir wissen aus ihrem Bau mit den vorspringenden Augenbrauen-Wülsten
-und anderen Merkmalen,<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> daß es sogar noch nach der Tertiär-Zeit eine
-wirklich urtümliche, vom heutigen Menschen charakteristisch abweichende
-altdiluviale Menschenrasse in Europa gegeben hat.</p>
-
-<p>Und wenn jener Miocän-Mensch von Aurillac unter die Drachenbäume und
-Pisanas und Kampferbäume seines Urwaldes trat, in die natürlichen
-Pfade hinein, die, wie heute in Indien, von den schweren Rüsseltieren
-ausgetreten waren: dann begegnete ihm, unbeholfen in schwankendem Gang
-wohl ein Stück weit auf die Hände gestützt, der große Menschenaffe
-Dryopithekus oder durch das Geäst über ihm schwang sich akrobatenhaft
-von Zweig zu Zweig der Gibbon-Affe Pliopithekus.</p>
-
-<p>Lag in solcher Begegnung — für unser Denken heute — etwas wie ein
-Hauch geheimnisvoller Vergangenheit, so rührte ein anderes Bild
-umgekehrt an die eigene Zukunft.</p>
-
-<p>Wo der Wald sich auftat und der grüne Plan sich entrollte, da
-galoppierten Herden schlanker Huftiere dahin vor dem Blick dieses
-Ur-Auvergnaten. Hätte dieser Blick die Jahrhunderttausende der Folge
-sich aufrollen sehen, wie diese grüne Steppe sich vor ihm entrollte,
-so hätte er eine der denkwürdigsten Metamorphosen der Tierwelt ahnend
-geschaut, die sich grade in seiner Nähe und mit unmittelbarster
-Beziehung auf ihn ereignen sollte.</p>
-
-<p>Diese schnellen Hufträger waren Hipparions, — Ur-Pferde.</p>
-
-<p>Heute noch geschieht es ab und zu einmal, daß als „Mißgeburt“ ein
-Pferd bei uns geboren wird, das statt des einen einzigen Hufs, mit
-dem normaler Weise dieser König unter den Läufern nur mehr den
-Boden schlägt, an allen vier Beinen noch drei Hufe trägt, von denen
-allerdings die zwei ungewöhnlichen die Erde nicht mehr erreichen.
-In Jahrmarktsbuden wird solch ein Dreihufer-Pferd gezeigt. Aus der
-Antike kommt die Kunde, daß Alexander des Großen berühmter Bukephalos
-diese scheinbar widersinnige Zier besessen habe. Es liegt aber Sinn in
-Wahrheit doch in der Zier.</p>
-
-<p>Denn diese Dreihufer sind vereinzelte späte Rückschläge eben auf die
-uralte Stammform unseres einhufigen Pferdes,<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> die regulär noch solche
-beiden Nebenhufe trug — auf jenes Hipparion der Miocän-Zeit. Freies
-Wildpferd war es zugleich noch, ohne engere Beziehung zum Menschen,
-ohne jene Rolle des „Kulturtiers“, die dem Pferde dermaleinst eine so
-besondere Stellung auf seinem Planeten geben sollte.</p>
-
-<p>Ich habe das Bild absichtlich so weit aufgetan, wie noch in steilster
-Theorie möglich ist. Bis zum Dinotherium und Hipparion könnten im
-äußersten Falle menschliche Tierzeichnungen gehen, wenn nichts weiter
-dazu nötig wäre als überhaupt ein Mensch mit den frühesten Anfängen
-der Werkzeugtechnik. Den Plesiosaurus oder Pterodaktylus, die in die
-Tertiärzeit selber nicht mehr hineinreichen aus der großen Saurierzeit,
-kann auch die regste Phantasie im Konterfei von zeitgenössischer
-Menschenhand nicht mehr erwarten. Aber wie unabsehbar groß ist auch so
-noch der Spielraum, — wie viel könnte unsere wißbegierige Zoologie
-noch vom kleinsten Kritzelbildchen auf einer Wand, einem Knochen ernten!</p>
-
-<p>Und das jetzt ist die Stimmung, mit der wir in den finsteren Schlund
-jener Höhlen im Vezère-Tale kriechen, spähend beim schwachen
-Kerzenlicht, was diese Wände uns offenbaren wollen.</p>
-
-<p>Es war in der ersten Hochblüte der Begeisterung für prähistorische
-Kulturfunde.</p>
-
-<p>Gebrochen war der Bann grundsätzlicher Zweifel, mit denen der
-treffliche Boucher de Perthes noch gekämpft hatte. Man gab eine
-diluviale Urkultur unumwunden zu, achtete die Reste als neue
-Quelle, redete zum ersten Mal mit Sicherheit von einer neuen, der
-prähistorischen Wissenschaft.</p>
-
-<p>In dieser Zeit wurden die ersten Spuren einer „prähistorischen Kunst“
-in Gestalt erkennbarer Tierbilder bekannt.</p>
-
-<p>Zuerst aus Frankreich selbst, woher die frische Weisheit überhaupt
-diesmal gekommen. Dann aber auch aus einem der strengen deutschen
-Forschung näheren, leichter zu prüfenden Ort: von Thayingen, zwischen
-Konstanz und Schaffhausen, aus dem sogenannten Keßler Loch.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span></p>
-
-<p>Es waren zunächst Gravierungen auf Rentierhorn und ähnlichem alten
-Material, und Schnitzereien aus solchem Stoff.</p>
-
-<p>Der rasch berühmteste der französischen Funde war die Zeichnung oder
-besser Ritzung eines Mammut-Elefanten auf Mammut-Elfenbein. Man sah
-die charakteristische Kopfform, den Rüssel, die Stoßzähne, den aus den
-sibirischen Eiskadavern bereits bekannten dicken Wollpelz; selbst die
-richtige Gangart war angedeutet.</p>
-
-<p>Auf diese Epoche der enthusiastischen Anerkennung folgte unmittelbar
-aber das Wellental jäh absinkender Skepsis.</p>
-
-<p>War jenes Mammutbild immerhin eine eskimohaft rohe Skizze trotz seiner
-Naturtreue, so hatten sich im Keßler Loch humoristisch stilisierte
-Zeichnungen gefunden, die jeden Unterschied zwischen alt und neu in der
-Kunst zu verwischen schienen. Sie muteten an, wie aus einem neuesten
-Tierbilderbuch für unsere Kinder.</p>
-
-<p>Und der sachkundige Konservator des Mainzer Altertums-Museums,
-Lindenschmidt, bestätigte diese verblüffende Ähnlichkeit eines Tages in
-der Tat dergestalt, daß er die — Originale einiger „prähistorischer“
-Tierzeichnungen aus jener Bodensee-Nachbarschaft in einem kürzlich
-erschienenen Weihnachtsbuche des Spamerschen Verlages nachwies. Was
-Leutemann hier für die reifere Jugend gezeichnet, das war in jenem
-famosen Keßler Loch einfach auf altes Rentierhorn kopiert worden.
-Und zwar, wie allsogleich erkennbar wurde, nicht in spiritistischer
-Umkehrung aller Zeitverhältnisse schon von unsern prähistorischen
-Ur-Schwaben, sondern von neuzeitlichen Genossen jener Taubacher
-Mammut-Schmuggler: nämlich Arbeitern bei den Ausgrabungen, die sich ein
-Stück Geld bei diesem Fischzug der Wissenschaft verdienen wollten.</p>
-
-<p>Der Betrug war so offenkundig, daß das Gericht einschreiten und die
-Sünder bestrafen konnte. In der ganzen Frage prähistorischer Kunst aber
-bedeutete dieses mißliche Einzelereignis einen allgemeinen Kurssturz.</p>
-
-<p>Jetzt kamen auf einmal die Stimmen derer obenauf, die solche
-vorweltliche Zeichnerei überhaupt für unmöglich hielten.<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> Die Faust,
-die eben die ersten Steinbeile ordentlich zurecht geschlagen, habe noch
-nichts von Zeichnen und Kunst ahnen können! Eitel Schwindel seien eben
-alle diese angeblichen Ritz- und Schnitzarbeiten, moderne Fälschung
-plumpster Art. Wenn solches Schwindelwerk am grünen Holze, bei uns,
-gelungen, — wie sollte man nicht der Leichtfertigkeit französischer
-Halb-Forscher das Bedenklichste unbedenklich zutrauen!</p>
-
-<p>Jenes Mammut-Bild, das Lartet im Vezère-Tal des Trüffel-Landes
-entdeckt, sollte gar bloß in der Phantasie dieses Herrn Lartet
-und seiner Freunde entstanden sein durch willkürliche Auslese und
-Allein-Wiedergabe einiger Krackelstriche in einem wüsten Netz
-vielfältiger und regelloser Ritzungen eines stark verschrammten
-Elfenbeinstücks.</p>
-
-<p>Die mildesten Kritiker bestritten doch wenigstens alle irgendwie
-„besseren“ Bilder. So trat Johannes Ranke den Beweis für Unechtheit
-eines Rentiers aus dem Keßler Loch, das sonst nicht in jene
-unzweideutige Fälschungsgeschichte verwickelt war, mit der Begründung
-an, daß bei diesem Tierbilde die Füße, ja sogar die Afterklauen daran,
-genau dargestellt seien; gleich den heutigen zeichnenden Buschmännern
-Afrikas hätten aber die prähistorischen Menschen auf „echten“ Bildern
-niemals die Füße der Tiere mitgezeichnet.</p>
-
-<p>Je nun, — diese jungen Wissenschaften haben ihre Umläufe, es wechselt,
-um mit dem Prolog im Himmel zu reden: „Paradieseshelle mit tiefer
-schauervoller Nacht“, und die Weisheit, die zweimal umgelernt hat, darf
-sich nicht scheuen, es auch zum dritten Mal zu tun.</p>
-
-<p>Auch jene skeptische Phase ist heute wieder um, und vor den neuen
-Funden der Trüffel-Erde, die wir jetzt besitzen, hebt abermals ein
-neues Kapitel dieses tiefsinnigen Lehrbuchs vom Menschen und seiner
-Ur-Gabe der Kunst an, ein helles und positives nun doch.</p>
-
-<p>Jenes Vezère-Tal in der Landschaft Périgord, wo Lartet schon in den
-sechziger Jahren sein angebliches Mammut auf Mammutbein aus dem Schutt
-prähistorischer Zeiten gezogen, ist eine äußerst liebliche Gegend.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p>
-
-<p>Als Lubbock, heute der Alt-Meister vorgeschichtlicher Forschung,
-einst die Vezère hinabfuhr, pries er die Schönheit des Ortes, daß
-sie jeden packen müsse, auch abgesehen vom wissenschaftlichen
-Interesse. „Da der Fluß bald die eine, bald die andere Seite des Tales
-aufsuchte, so hatten wir in einem Augenblick zu beiden Seiten reiche
-Wiesenländereien, und in dem nächsten befanden wir uns dicht an dem
-senkrechten, fast überhängenden Felsen. Hier und dort kamen wir zu
-einigen wallonischen alten Burgen, und obgleich die Bäume noch nicht im
-vollen Laubschmuck standen, so waren doch die Felsen an manchen Stellen
-völlig grün durch Buchsbaum, Efeu und immergrüne Eichen, und das
-harmonierte überaus gut mit der satten gelbbraunen Farbe des Gesteins.“</p>
-
-<p>Hermann Klaatsch, dem wir die neueste anschauliche Ortsschilderung
-auf Grund eines Besuches im letzten September verdanken, findet, daß
-das Tal „einen intimen Reiz des süßesten Friedens“ besitzt „und einer
-Nervenberuhigung, welche die Sorge aufkommen ließe — es möchte hier
-einmal eine Nervenheilanstalt entstehen, wozu die Gefahr nahe läge,
-wenn das Terrain in Deutschland sich befände“.</p>
-
-<p>Ohne besondere Spitzfindigkeiten läßt sich ein Bild gewinnen, wie
-dieses Haupttal und seine mäandrischen Verzweigungen geologisch
-ausgestaltet worden sind.</p>
-
-<p>Das ganze Quellnetz zum Dordogne-Flusse deutet rückwärts auf das hohe
-Zentral-Plateau von Frankreich, das alte Vulkanland der Auvergne.</p>
-
-<p>Nachdem diese Krater, mehrere hundert an der Zahl, in der späteren
-Tertiärzeit ihre Lavaströme genügend ergossen hatten und mit
-erschöpfter Kraft in den Ruhestand der wenigstens auf absehbare Zeit
-erloschenen Vulkanruine eingetreten waren, setzte die beginnende
-Periode der Eiszeiten die Durchschnittstemperatur lange Reihen von
-Jahrtausenden hindurch um so viel herunter, daß diese Gipfel sich durch
-Herabsinken der Schneegrenze mit „ewigem Schnee“ und mächtigen, zu Tal
-drängenden Gletschern bedecken mußten.</p>
-
-<p>Als diese Gletscher aber zeitweise wieder schmolzen,<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> mußten die
-Schmelzwasser sich mit ungeheurer Gewalt zu Tal ergießen. Sie erfüllten
-die vorhandenen Flußtäler hoch herauf und wühlten in das weiche
-Kreidegestein ihrer Wände tiefe Furchen und Löcher ein, die später,
-als die Hochflut verströmt war und die Talsohle wieder als solche
-auftauchte, als Nischen und Grotten der Talwände frei wurden.</p>
-
-<p>Erst nach dieser Zeit, nach Ausgang einer ersten
-Vergletscherungsperiode und wohl noch während einer zweiten, hat
-dann der vorgeschichtliche Mensch sich im Vezère-Tal und seinen
-Seitenzweigen angesiedelt.</p>
-
-<p>Er hat die Grotten als willkommene Zufluchtsstätten genau so benutzt,
-wie sie spät noch in der geschichtlichen Zeit, ja bis in die neuesten
-Tage hinein vorkommenden Falles immer wieder besucht und gebraucht
-worden sind.</p>
-
-<p>Einem ausgesprochenen Jägervolk, aber von kleinen Mitteln, bot ja grade
-ein Tal von dieser Art die sinnfälligsten Vorteile.</p>
-
-<p>In senkrechten Steilstürzen bricht das Plateau oben vielfach gegen
-die Taltiefe ab. Gelang es den steinzeitlichen Jägern, eine Tierherde
-dieses Plateaus durch irgendwelche Schreckmittel, etwa künstliche
-Feuerbrände in der Nacht, gegen die unheimliche Kante zu hetzen und zum
-Absturz zu bringen, so war ein großer Sieg mit verhältnismäßig wenig
-Mühe gegeben, und die Opfer lagen gleich vor dem Hause.</p>
-
-<p>Vor Jahren schon hat Boyd Dawkins in England solche Rand-Jagd in
-vorgeschichtlicher Zeit als Erklärung aufgestellt für die erstaunlichen
-Anhäufungen zerbrochener und zernagter Tierknochen in englischen
-Steil-Schluchten. Als die Jäger, die hier den Riesenhirsch und das
-Mammut, das Rhinozeros und den Wisent ins Verderben gehetzt, nahm er
-zwar, und für seine Oertlichkeiten wohl sicher mit Recht, die Hyänen
-an, die damals in Scharen das Land bevölkert haben müssen. Heute noch
-jagen ihre lebenden Vertreter so, daß sie starke Beutetiere, die sie
-sonst nicht überwältigen könnten, durch Massenangriff erschrecken und
-auf einen äußersten Fleck drängen, wo der Absturz unvermeidlich wird.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span></p>
-
-<p>Doch vom Tier hat der Mensch jagen gelernt: was Wunder, wenn auch er
-die grausigbequeme Methode der schwachen, aber klugen Hyäne nachahmte.</p>
-
-<p>Längst kennt man auch eine französische Fundstätte, von Solutré bei
-Lyon, wo unter einem hohen Fels mit schauerlichem Steilfall eine an
-hundert Meter lange und drei Meter dicke Knochenschicht aufgedeckt
-worden ist, die so gut wie ganz aus Knochen diluvialer Wildpferde
-besteht. Ueber 20000 Individuen müssen hier immer genau am gleichen
-Fleck umgekommen sein! Und in diesem Falle verrät sich der wilde Jäger
-sofort: sehr gute Steinmesser, von Menschenarbeit, wahrscheinlich hier
-als Lanzenspitzen bei der Verfolgung benutzt, liegen noch zur Hand, und
-jeder Pferdeschädel ist künstlich aufgebrochen, um den Leckerbissen des
-wilden Menschen, das Gehirn, herzugeben.</p>
-
-<p>In solchen Jagdszenen, bei denen unter rohem Hallo und bei
-geschwungenen Fackeln die großen Säugetiere der Diluvialzeit zum
-Todessturz genötigt wurden, liegt zweifellos auch das Geheimnis der
-Liebe jener Vorgeschichtler für die schroffen Tälchen im Lande Périgord.</p>
-
-<p>Einmal am Fleck zäh eingebürgert, hinterließen diese Steinzeitler aber
-nun im Schutt und Kalksinter der Talhöhlen ein wahres Pompeji ihrer
-primitiven Kultur.</p>
-
-<p>Geräte und Waffen, Nahrungsreste und Herdfeuerspuren, alles was nur
-irgend dauerfähig war aus ihrem äußeren Leben, — und in diesen harten
-Tagen des behauenen Steins und bearbeiteten Rentierknochens war ja
-fast alles von einer Solidität für rauschende Jahrtausende. Bloß ein
-Teil fehlt, dem es an und für sich sonst nie an weltgeschichtlicher
-Solidität gemangelt hat: Topfscherben; die Erfindung des irdenen Topfes
-scheint noch nicht in dieser Zeit zu liegen.</p>
-
-<p>Jeder Winkel dieser Flüßchen bewährt sich dem Suchenden als ein Haus
-dieses großen Pompeji. Da folgen sich die Stätten, deren Namen durch
-alle Lehrbücher und Museen schallen: Le Moustier, La Madelaine,
-Laugerie-Haute und<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> -Basse, Cro Magnon — jede berühmt durch irgend
-einen großen Fund.</p>
-
-<p>Bei La Madelaine, einer unerschöpflichen Katakombe dicht am
-Vezère-Flüßchen, die von einer Burgruine hoch auf dem überhängenden,
-eine Halbgrotte bildenden Fels ihren Namen trägt, hatte Lartet seiner
-Zeit das vielberühmte und vielverspottete Elfenbeinplättchen mit dem
-angeblichen Mammut-Bilde geborgen.</p>
-
-<p>Auch die es mit Hohn zurückwiesen, sie mußten doch zugeben, daß an
-dieser und anderen Stellen Spuren auftauchten von etwas, was irgend
-einen ästhetischen Zusammenhang schlechterdings nicht verleugnen
-konnte. Da lagen Fußknochen des Rentiers, die unzweideutig zu Pfeifen
-gehöhlt und gelocht waren. Röhrenknochen von Vögeln wiesen gar mehrere
-Löcher genau so, als sollten es Flöten gewesen sein. Was ferner sollten
-die massenhaften Anhäufungen bunter Erden in diesen prähistorischen
-Müllhaufen, insbesondere eines lebhaften Färbe-Rotes? Heute bemalen
-sich wilde, nackte Menschen mit so etwas den Leib! Was sollten die
-durchbohrten Schneckenhäuser, die Amethyst- und Bergkristall-Stücke?
-Heute hängt sich der wilde Mensch dergleichen als Schmuck an den
-Leib, — ist doch auch der zahme noch nicht abgeneigt, diese Sorte
-ästhetischer Aufbesserung seiner gegebenen Persönlichkeit zu betätigen.</p>
-
-<p>Es war nun für den eingefleischten Zweifler vielleicht ein unbefugt
-kühner, für den naiven Besucher aber wirklich nur ein recht nahe
-liegender Schritt, wenn einer nicht bloß die Sohle dieser Höhlen nach
-prähistorischem Material durchwühlte, sondern auch einmal einen etwas
-sorgsamen Blick auf die Wände warf.</p>
-
-<p>Vom Vater Kieselack her besteht im Menschen bekanntlich ein Ur-Zug,
-seinen lieben Namen und etwa noch dieses oder jenes erfreuliche
-oder nichtsnutzige Umrißprofil auf die Wand einer besuchten Stätte
-zu setzen. Wenn diese alten Herrn des Trüffellandes wirklich schon
-irgend eine Fähigkeit besessen haben sollten, ähnlich wenigstens
-irgend ein Symbol ihres Daseins<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> mit Kunstmitteln zu hinterlassen, so
-lag ernstlich nichts näher, als daß sie die Wände ihrer jedenfalls
-vielhundertjährigen, vielleicht mehrtausendjährigen Winterquartiere,
-der Höhlen, mit verwandten Scherzen bedacht hätten.</p>
-
-<p>Und der „Echtheit“ mußte dabei zu statten kommen, daß die langsame
-Arbeit tropfenden Wassers in der Folge diese Wände vielfältig nach
-gewohnter Höhlenart wieder mit einer schützenden Decke derben
-steinharten Kalksinters überzogen und alles auf ihnen Befindliche also
-profanem Blicke gänzlich entzogen hatte bis zum Tage, da der „Rechte“
-kam.</p>
-
-<p>Die erste Kunde, daß es auf den Höhlenwänden des Vezère-Gebietes
-tatsächlich etwas zu sehen gebe, kam denn auch schon vor Jahren,
-verscholl aber wieder in der allgemeinen Mißstimmung gegenüber
-prähistorischen „Bildern“.</p>
-
-<p>Das erste Jahr fester wissenschaftlicher Publikation ist 1895.
-Professor Rivière beschrieb eine „bemalte Höhle“.</p>
-
-<p>Weiter in Fluß kamen die Dinge seit 1901 dann besonders durch Capitan,
-ebenfalls Professor in Paris.</p>
-
-<p>Den neuesten und in jeder Hinsicht instruktiven Bericht über die
-vollendeten Fakten verdanken wir Klaatsch, der zugleich seine solide
-deutsche Autorität als Augenzeuge am Ort für das Ganze eingesetzt hat,
-so daß die großen, verallgemeinernden Zweifel jetzt endgültig abgetan
-sind.</p>
-
-<p>In das Haupttal der Vezère mündet bei dem Orte Les Eyzies eine kleine
-Seitenader, das Tälchen der Beune.</p>
-
-<p>In einem feinsten Nebenzweiglein wieder dieses Wässerchens liegt die
-sogenannte Grotte von Combarelles.</p>
-
-<p>Man darf bei dem Wort nicht an eine der allbekannten Tropfsteinhöhlen
-von imposanter Domhöhe denken. Es ist im viel eigentlicheren Sinne
-ein Loch. Vor die Öffnung dieses Loches ist denn auch heute noch ein
-Bauernhaus quer gelagert, als solle es sich bloß um einen privaten
-Kellerschacht handeln. Ein praktischer Mann, hat der Bauer den Anfang
-des Schachts sich als Hühnerstall eingerichtet, die „Höhle“ ist also in
-gewissem Sinne bewohnt bis auf den heutigen Tag.</p>
-
-<p>Der Hühnerstall ist aber noch der geräumigste Teil.<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> Gleich dahinter
-wird jenseits einer Tür der Kellerhals so eng, daß der Besucher auf
-allen Vieren kriechen muß.</p>
-
-<p>Freilich erkennt er: so niedrig ist’s hier nicht immer gewesen.
-Mindestens ein Meter hoch hat sich auf die alte Sohle eine sogenannte
-Stalagmitenschicht, also Kalksintermasse, die das tropfende Wasser
-allmählich abgelagert hat, gelegt, den Gang auf die Hälfte des
-Ehemaligen verengend. In Mammuttagen konnte ein Mensch hier zweifellos
-erhobenen Hauptes noch durchschreiten.</p>
-
-<p>Etwa die halbe Länge hindurch, hundert und einige Meter weit, entdeckt
-man allerdings von solchem Ur-Dasein des Menschen gar nichts.</p>
-
-<p>Hat er Knochen oder Steingerät hinterlassen, so muß es tief unter
-dieser harten Kalkhülle des Bodens begraben liegen.</p>
-
-<p>Das Licht der Kerze leuchtet an der Wand entlang: auch da zunächst
-nichts.</p>
-
-<p>Die ersten hundert Meter sind überschritten. Noch immer nur leere Wand.</p>
-
-<p>Doch das Auge gewöhnt sich. Und endlich findet es jetzt wirklich etwas,
-— etwas höchst Überraschendes.</p>
-
-<p>Der Höhlenhals läuft bis zu seinem Abschluß noch ungefähr 115 Meter
-weiter. Fällt auf dieser Strecke der Kerzenschein von links her ein, so
-erscheinen in der Höhlenwand eine große Menge flacher Ritzlinien, die
-schärfsten bis zu einem halben Zentimeter tief, die schwächeren fast
-nur als Oberflächenzeichnung.</p>
-
-<p>Die Kalksintermassen, die auch hier sich unregelmäßig wie
-Kesselsteinbrocken angesetzt haben, gehen vielfach, Stücke verdeckend,
-über die Ritzungen hin, ein deutliches Zeichen, daß es sich keinenfalls
-um etwas ganz neuerdings Eingegrabenes handeln kann.</p>
-
-<p>Einmal erfaßt, schließen sich diese Linien dann dem Auge leicht zu
-Gestalten zusammen. Zuerst erkennt man durchweg Beine, endlich ganze
-Umrisse von Leibern.</p>
-
-<p>Es sind Tierbilder.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p>
-
-<p>Die meisten nur mittelgroß, kaum viel über ein Meter im selten
-äußersten Fall.</p>
-
-<p>Nun aber was für Tiere!</p>
-
-<p>Zunächst ein allbekanntes, das aber doch mit einem Schlage in die
-Eiszeit für diese Gegenden versetzt: das Rentier.</p>
-
-<p>Dann Pferde, — Wildpferde!</p>
-
-<p>Wir haben erst in jüngster Zeit das noch lebende, heute nur in der
-asiatischen Steppe noch lebende echte Ur-Wildpferd von Angesicht zu
-Angesicht wieder begrüßen können auf europäischer Kulturerde: in dem
-Pärchen unseres Berliner zoologischen Gartens. Unverkennbar finden wir
-auf diesen alten Bildern seinen unförmlich dicken und großen Kopf,
-seine charakteristische hochgesträubte Mähne wieder. Schon hatten es
-uns einige jener bestrittenen älteren Gravierungen auf Rentierknochen
-aus den Vezèrehöhlen so gezeigt, aber die waren eben bestritten worden,
-trotzdem man sich fragte, welcher moderne Fälscher wohl diese äußersten
-Feinheiten zoologischer Charakteristik beherrscht und bewährt haben
-sollte; war doch die Kenntnis der Wildpferde bis vor kurzem noch einer
-der dunkelsten, unsichersten Punkte moderner Fachforschung — und da
-sollte irgend ein pfuschender Dilettant derartig das allein Richtige
-getroffen haben?</p>
-
-<p>Die Pferdebilder von Combarelles machen alle weiteren Skrupel dieser
-Art überflüssig. Hochinteressant aber ist, daß auf ihnen neben dem
-Dickkopf, dem typischen Ur-Wildpferde, schon eine zweite Pferderasse
-erscheint, die wesentlich zierlicher gebaut ist. Das wird unserer
-Rassenforschung zu denken geben!</p>
-
-<p>Weiter: es treten aus der Wand Steinböcke.</p>
-
-<p>Heute sind das Hochgebirgstiere, die sich da oben ins „Kalte“
-zurückgezogen haben, nachdem unten die Eiszeit mit ihren letzten
-Kältewehen schwand, eine vertikale Rettung als Seitenstück zu der
-horizontalen, die das Rentier nach Lappland verscheucht hat.</p>
-
-<p>Und nun endlich nahen die ganz Fremden, die gänzlich Verschollenen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p>
-
-<p>Eine einzige Antilopenart haben wir heute noch in Europa, auch sie nur
-in einer gleichsam abnormen Lage als Alpentier gerettet: die Gemse.
-Hier sind noch sehr verschiedenartige Antilopen, eine mit ganz steil
-ragenden Hörnern, eine dem Gnu ähnlich; es könnte sich freilich im
-letzteren Falle auch um etwas ähnliches wie die seltsame Gnu-Ziege
-(<span class="antiqua">Budorcas</span>) von Tibet handeln, deren Gehörn völlig dem des
-Weißschwanzgnus entspricht.</p>
-
-<p>Die Hauptmasse der „Verschollenen“ aber bilden — die Mammute.</p>
-
-<p>Vierzehn an der Zahl!</p>
-
-<p>Grade sie konnte auch Klaatsch aufs entschiedenste feststellen.</p>
-
-<p>Die von Capitan mitgeteilten Bilder sind in der Tat von
-durchschlagender Wirkung.</p>
-
-<p>Da steht das Tier, mit seinem hohen Elefantenrücken und den
-Säulenbeinen. Der gewaltige Rüssel, mit Doppelzipfel unten statt des
-einfachen Fingers, ist in belebter Auffassung nach hinten eingerollt,
-die riesigen krummen Stößer streben darüber ins Weite. Selbst das Auge
-sitzt sehr gut. Und in wilden Strähnen wallt von Bauch und Kopf die
-schwere Mammut-Mähne und Verpelzung, die kein lebender Elefant kennt.</p>
-
-<p>Dieses Tierbild ist keine Klein-Moritz-Karikatur. Es ist der rohe,
-aber durch und durch charakteristische Entwurf einer Künstlerhand, —
-wie ein echter Tiermaler rasch, um mit einer Umrißskizze das Nötigste
-zu füllen, einen Elefanten eben hinsetzt, doch so, daß jeder sofort
-weiß: das ist einer; kein Strich zu viel, aber jeder Strich auch eine
-feste Charakterlinie. Und das mit einem Stück Feuerstein in eine
-Höhlenwand geritzt, bei Fackelschein, in engstem Raum, — von einem
-vorgeschichtlichen Jäger der Eiszeit!</p>
-
-<p>Es war kein Dinotherium- oder Hipparion-Jäger mehr, das zeigen,
-abgesehen von den mangelnden Bildern, klärlich die Eiszeit-Tiere Mammut
-und Rentier selbst. Und doch noch der Mensch einer anderen, einer
-fremden Welt. Aber in diese<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> Welt sahen schon Künstleraugen. Wie nah
-uns das nicht nur äußerlich, im Bilde, sondern grade im tiefsten Innern
-doch wieder diesen Tag der Mammute bringt!</p>
-
-<p>In einem zweiten jener Beune-Tälchen liegt die Grotte von Font-de-Gaume.</p>
-
-<p>Der Eingang öffnet sich rund 20 Meter über dem Talgrund. Ein großer
-Felsblock liegt davor wie ein Tisch.</p>
-
-<p>Zuerst ist es hier, als solle es wirklich in eine hohe Höhle mit dem
-bekannten Stalaktiten-Schleier an der Decke gehen. Aber dann folgt
-doch noch der unvermeidliche enge Flaschenhals, eine Geheimpforte des
-Allerheiligsten von nur 70 Zentimeter Höhe und bedrohlicher Enge.</p>
-
-<p>Als Klaatsch diesen Spalt passierte, mußte er des französischen
-Forschers Elie Massénat gedenken, der ihm kurz vorher alle diese
-bemalten Grotten als eitel Schwindel und Fälschung bezeichnet hatte.
-Da dieser alte Gelehrte sich eines bedeutenden Körperumfanges erfreut,
-erschien es Klaatsch schier unbegreiflich, daß der dicke Herr diese
-enge Pforte je sollte überwunden haben; und so konnte denn auch alsbald
-durch Zeugen festgestellt werden, daß Herr Massénat niemals am Orte
-gewesen war und sein Absprechen aus billiger „allgemeiner“ Skepsis
-geschöpft hatte — ein recht lehrreiches Exempel!</p>
-
-<p>Immerhin ist wahr, daß ein eiliger Besucher, der nichts sucht, ein- und
-wieder ausgehen könnte, ohne das Entscheidende, nämlich die auch hier
-vorhandenen prähistorischen Bilder überhaupt zu entdecken.</p>
-
-<p>Moderne Kieselacks sind ahnungslos gelegentlich dagewesen, haben ihren
-Namen auf die Wand gekritzelt, quer über ein Tiergemälde — und haben
-nichts gemerkt.</p>
-
-<p>Ja, über ein „Tiergemälde“! Denn auch hier gibt’s Tiere und sogar
-gemalte.</p>
-
-<p>Wahrscheinlich ist es vor allem diesmal ihre Riesengröße gewesen, die
-sie versteckt hat, sie erschienen bloß als weite zufällige Felder
-unbestimmten Brauns. Durchweg ist nämlich hier jedes Tier ein bis
-zwei Meter groß, und das auf drei<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> bis fünf Meter hohen Wänden eines
-höchstens zwei Meter breiten Schachts.</p>
-
-<p>Die Technik ist eine raffiniert dauerhafte: die Umrisse und ein Teil
-der Einzelheiten sehr tief eingeritzt und der so markierte Tierkörper
-dann noch bemalt, der Umriß noch einmal mit Manganschwarz, der Inhalt
-mit braunroter Okererde.</p>
-
-<p>Gerade diese letztere Farbe paßt ausgezeichnet, da die Hauptmasse
-der dargestellten Tierarten diesmal Wisentstiere (jene sogenannten
-„Auerochsen“ unserer zoologischen Gärten) sind, deren Wolle dieses
-Braun entspricht.</p>
-
-<p>49 solcher Wisents sind bisher festgestellt, dazu 4 Rentiere, 4 Pferde,
-3 Antilopen und (hier nur) 2 Mammute.</p>
-
-<p>Es ist sehr wahrscheinlich, auch aus Gründen verfeinerter Technik, daß
-man in dieser Grotte ein etwas jüngeres Kunsterzeugnis vor sich hat,
-von der andern durch eine längere Kette der Generationen getrennt; das
-Mammut war inzwischen vielleicht seltener geworden, der Wisent-Stier
-dagegen jetzt Haupt-Jagdtier.</p>
-
-<p>Erstaunlich über alle Maßen ist, wie die Unebenheiten der Wand in die
-Bilder aufgenommen, gleichsam mit verarbeitet sind. Der untere Rand
-einer nischenartigen Vertiefung bildet im Bilde einen Rasenhorizont
-der weidenden Herde. Das Gras ist mit Strichen markiert, die Tiere der
-Herde zum Teil perspektivisch hintereinander geordnet.</p>
-
-<p>Der buckelige, durch die Mähne nach vorne verbreiterte Umriß der
-Wildochsen ist geradezu genial erfaßt. Ausgesprochen genau die Füße,
-die nach Johannes Ranke kein prähistorischer Zeichner je beachtet haben
-sollte (!), sind zoologisch wie künstlerisch bis in jede Einzelheit der
-Hufe am korrektesten wiedergegeben.</p>
-
-<p>Zwei Rentiere aber, die mit einander zugekehrten Köpfen
-freundnachbarlich weiden, sind nicht nur einzeln realistisch treu,
-sondern als belebte Gruppe wirklich „lebendig“ herausgebracht; lebendig
-im höchsten Kunstsinne, der mehr gibt, als bloß den Leib: der ein Stück
-Seele mitfaßt. Kein modernes „Tierleben“ brauchte sich dieser Köpfe zu
-schämen!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p>
-
-<p>Menschenbilder sind nicht dabei. Doch erscheinen sehr deutlich kleine
-Zelte, wohl die Sommer-Wigwams des Jägerstammes.</p>
-
-<p>Ich klappe das Bilderbuch wieder zu. Schon hört man aus anderen
-Gegenden Frankreichs von ähnlichen „illustrierten Höhlen“. Aus Spanien
-ist bereits eine bekannt. Wer ahnt, wie viele wir jetzt noch finden
-werden, da der Blick dafür geschärft ist, auf die Suche geht!</p>
-
-<p>Wir stehen jedenfalls erst im Anfang der Veröffentlichungen,
-wahrscheinlich erst auch in dem der Entdeckungen.</p>
-
-<p>Wieder einmal erwächst vor uns das Unwahrscheinlichste als das Wahre:
-die Mammut-Zeit in Bildern aus der Zeit.</p>
-
-<p>Und wieder einmal erscheint der Mensch schließlich als das Größte in
-allem. Ich frage mich: wo ist diese Größe auf ihrem Gipfel: bei ihm,
-der schon als Mammut-Jäger diese Bilderchronik in die Wände enger
-Höhlen grub — oder bei ihm, der mit wissenschaftlicher Kenntnis von
-diesem Mammut heute, nach vielen Jahrtausenden, in diese Höhlen dringt
-und vor dem Bilde ruft: Das ist es!</p>
-
-<p>Schließlich wird die Höhe doch bei <em class="gesperrt">ihr</em> liegen, der
-Ewig-Proteischen, die in ihm damals war und heute ist, die in der Kunst
-und im Menschen und im Mammut war.</p>
-
-<p>Und wie ich mich in diese stille Höhle träume, wo das Licht der
-Kerze auf den unberührten Bildern dieser unsagbar fern verschollenen
-Kunststunde glänzt, ist es mir, als streife mich durch die heiße
-Pfingstnacht der glühende Atem ihrer rastlosen Liebe, die unablässig
-zeugt und zeugt durch die Äonen, — die Goethe spürte, als er sang:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„In der Liebesnächte Kühlung,</div>
- <div class="verse indent0">Die dich zeugte, wo du zeugtest,</div>
- <div class="verse indent0">Überfällt dich fremde Fühlung,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn die stille Kerze leuchtet.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p>
-
-<h2 id="Charaktergestalten" title="Woran man die Charaktergestalten unserer
-Naturforscher messen wird">&#160;</h2>
-
-</div>
-
-<p>Stimmungen vor der Natur! An ihnen wird man einmal die Charakterköpfe
-des neunzehnten Jahrhunderts messen. An ihrer Stellung zum Naturbegriff.</p>
-
-<p>Ich habe Virchow eben mit meinen Gedanken gestreift. Das ist „auch
-einer“.</p>
-
-<p>„Indeß war ....“, so sagt einmal Goethe von irgend jemand, „bei all
-seinen Verdiensten doch nur einer von den .... Köpfen, die <em class="gesperrt">sich
-mit der Natur gewissermaßen im Widerspruch fühlen</em> und deßwegen
-das komplizierte Paradoxe mehr als das einfache Wahre lieben und sich
-am Irrtum freuen, weil er ihnen Gelegenheit gibt, ihren Scharfsinn zu
-zeigen, da derjenige, der das Wahre anerkennt, nur Gott und die Natur,
-nicht aber sich selbst zu ehren scheint.“ (Geschichte der Farbenlehre,
-in der fünften Abteilung.)</p>
-
-<p>Virchow war Naturforscher in jeder Faser. Aber er hatte <em class="gesperrt">keine Freude
-am Anschluß</em>.</p>
-
-<p>Wie ist das möglich?</p>
-
-<p>Das Wort ist neulich, bei seinem Tode, gefallen von einem „Zeitalter
-Virchows“ in der Naturwissenschaft.</p>
-
-<p>Solche Schlagworte sind immer schief, und sie werden schiefer, je näher
-man der Arbeit unserer Zeit auf irgend einem Gebiete kommt.</p>
-
-<p>Wenn man von einer Epoche Newtons oder Linnés spricht, so enthält das
-schon eine große Ungerechtigkeit gegen gewaltige andere Geistestriebe,
-die jene Zeiten im ganzen umfassen, die aber gerade von Newton oder
-Linné selber keineswegs umfaßt wurden.</p>
-
-<p>In der Naturforschung unserer Tage ist für die Linie, in der Virchows
-Größe liegt, bestimmend, daß sie überhaupt nicht mehr bestimmt werden
-kann durch einen einzelnen. Das Band der Methode, das alle Disziplinen
-dort umgreift, ist längst gegeben und ist längst unpersönlich. Darüber
-hinaus aber steckt die Kraft im Wirken unzähliger Persönlichkeiten, die
-in einem weiten Spielraum so heterogen denken mögen wie nur möglich.</p>
-
-<p>Trotzdem ist es interessant, sich einmal für einen Augenblick der
-Fiktion hinzugeben, Virchow sei wirklich der einzige<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> Naturforscher in
-seiner Zeit gewesen. Wie würde diese Naturforschung der letzten sechzig
-Jahre aussehen, angeschaut bloß in ihm?</p>
-
-<p>Man kann die Fiktion ohnehin wagen für eine ganze Menge gebildeter
-Leute, die tatsächlich in ihrem Leben keinen anderen Naturforscher
-kennen gelernt haben als Virchow. Als Parlamentarier war er „der“
-Naturforscher. Parlamentsberichte werden aber von einer Masse gelesen,
-die sonst heute noch gar keine Fühlung mit der Naturforschung
-besitzt. Und er hatte so noch etwa ein Dutzend anderer öffentlicher
-Berufszweige, wo er redete, — als Naturforscher, der er doch einmal
-war, redete, und wieder von soundsovielen gehört werden mußte, auch als
-Naturforscher gehört werden mußte, die sonst im weiten Bogen um alle
-Naturwissenschaft herumgingen.</p>
-
-<p>In einer Virchowschen Naturforschung würde zunächst hervortreten
-der ungeheure Fleiß, die beispiellose Arbeitskraft in der rein
-quantitativen Leistung.</p>
-
-<p>Es liegt in dieser Arbeitskraft allgemein heute ein Dank von Seiten der
-Methode: ohne die Stütze dieser fest überkommenen und, einmal erlernt,
-ewig sich gleichbleibenden Methode wäre diese Ausnützung der Kraft in
-der Naturforschung gar nicht möglich.</p>
-
-<p>Aber Virchow war wirklich die Maximalgrenze.</p>
-
-<p>Er arbeitete bis an die letzten Jahre heran (81 ist er geworden!)
-wie eines jener prachtvollen astronomischen Instrumente der Neuzeit,
-auf denen nie ein Stäubchen, ein Rostfleckchen denkbar ist, deren
-Präzision auf Generationen gebaut scheint, blank, leuchtend über die
-Köpfe von so und so viel einander ablösenden Sterblichen hinweg. Ein
-solches Instrument kennt kein Zittern. Ein einziger Willensakt, der
-die Richtung bestimmt: und es steht, es ist eingestellt, absolut
-scharf, so weit sein Bau reicht, ohne jeden Zeitverlust des Suchens.
-Genau so schoß Virchow auf die Dinge los. Ohne jede Nervosität, alle
-vorhandenen Kräfte stets im Brennpunkt beisammen. Darum erschien seine
-Leistungsfähigkeit oft noch viel imposanter, ja über die Grenze des
-Menschlichen gedehnt,<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> weil sie das Geheimnis besaß, keine Zeitverluste
-mit verrechnen zu müssen.</p>
-
-<p>Der zweite Punkt ist die Vielseitigkeit, die qualitative Ausdehnung.</p>
-
-<p>Die gangbare Annahme ist, daß der Heraufgang der Naturforschung vom
-Polyhistor zum Spezialisten führt. Eine Naturforschung Virchows hätte
-dann die Stufe des Spezialistentums bereits wieder verlassen.</p>
-
-<p>Er fing als Spezialist an, als Mediziner. Aber er brachte schon damals
-zwei Gaben mit, die darüber hinauswiesen.</p>
-
-<p>Er gründete eine Zeitschrift und wußte sie hochzubringen, natürlich
-zunächst eine Fachzeitschrift.</p>
-
-<p>Und er schrieb einen vornehm-wundervollen Stil. In Zeiten, da man
-seine „Cellular-Pathologie“, in wenigen Jahren ein halbes Jahrhundert
-alt, des veralteten Stoffes wegen nicht mehr als Lehrbuch benutzen
-wird, wird man sie als klassisches Beispiel nehmen, wie ein Mediziner
-schreiben soll, der außer dem menschlichen Körper die deutsche Sprache
-kennt.</p>
-
-<p>Daß ihn das tolle Jahr mitriß, will ich nicht unter besondere
-Vielseitigkeit verrechnen, denn es hat überall bis in die
-verknöchertsten Spezialistenkreise tatsächlich hineingeblasen.
-Aber wie er in den sechziger Jahren sich dann in den preußischen
-Parlamentarismus, in die politische Parteibildung mit all ihrem
-Kleinwerk zäh hineinarbeitet, das ist im alten Spezialistensinne
-entschieden nicht „naturwissenschaftlich“. Es ist mindestens eine
-neue Auffassung von den Rechten, Pflichten und Möglichkeiten des
-Naturforschers. Er hatte in der Pathologie das staatsbildende
-Sozialleben der Zelle im menschlichen Gewebe als Spezialist zugrunde
-gelegt, einen sensationellen Momentfortschritt damit anbahnend.
-Aber daß er sich jetzt auch berufen fühlte, als Naturforscher in
-den wirklichen Menschenstaat einzugreifen, das erschien den meisten
-Kollegen als höchst überraschende Ablenkung vom gewohnten Pfad. Auch
-ich wäge hier nicht Virchows politische Erfolge oder Mißerfolge; das
-Wort mag die Partei sich wählen, die der Leser hochhält. Ich betone
-nur, daß er in der Linie „seiner“<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> Naturforschung auch das Parlament
-sah, wo die Naturgeschichte des Staates praktisch betrieben wurde.</p>
-
-<p>Daß er in den Kriegsjahren im Sanitätswesen tatkräftig mithalf, wird
-der gangbare Zünftler auch zugeben: war er doch eben von Haus aus Arzt.</p>
-
-<p>Aber unerwarteter war wieder, daß er den Berliner Handwerkern
-volkstümliche Vorträge hielt, daß er sich an der Herausgabe einer
-gedruckten Sammlung solcher populärer wissenschaftlicher Vorlesungen
-beteiligte, die wenigstens in ihren älteren Jahrgängen viel Gutes getan
-und gebracht hat; daß er über Goethe als Naturforscher ein treffliches
-Büchlein schrieb und über die Frauenfrage mitredete.</p>
-
-<p>Und doch trat auch das alles zurück gegen seine größte Aufgabe, die er
-sich freiwillig wählte und die er mit Energie so weit trieb, daß sie
-fast wieder als ein Spezialismus erscheinen konnte, bloß einer, den
-bisher niemand in der Naturforschung gesucht hatte.</p>
-
-<p>Die Großstadt entstand bei uns.</p>
-
-<p>Entstand um ihn her, der, obwohl Pommer von Geburt, aus Neigung und
-Beruf eigentlich seit seiner Studienzeit und als Hochschullehrer dann
-seit den Fünfzigerjahren in Berlin festwurzelte. Ein politisches
-und wirtschaftliches Produkt war sie, diese neue Großstadt an der
-Spree. Die meisten sahen sie mit einem Gemisch von Grauen und dunklen
-Hoffnungen aufwachsen, doch zunächst jedenfalls als ein Phänomen, das
-man hinnehmen und von dem man abwarten mußte, was es wollte.</p>
-
-<p>Virchow sah vom ersten Tage die Großstadt an als ein
-naturwissenschaftliches Problem!</p>
-
-<p>In der Hand der Naturwissenschaft lag ihm, ob dieser werdende Koloß
-eine Kloake werden sollte, vor der der Kleinstädter sich bekreuzte, —
-oder eine sanitäre Musteranstalt.</p>
-
-<p>In rastloser Arbeit hat Virchow seit den Sechzigerjahren diesen
-Riesenorganismus studiert, hat seine leitenden „Nervenzellen“ beraten
-zu Gunsten der Hygiene. Man muß sich an die Schwerfälligkeit eines
-solchen Großstadtapparates mit all seinen Instanzen, zumal eines
-unreifen, erinnern, um die Leistung<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> zu verstehen. Man muß sich
-erinnern, daß dieser junge Riese wieder eingezwängt lag in einem
-noch größeren, viel älteren Organismus, dem Staat, und daß dieser
-Staat geschichtlich sich aufgebaut hatte ohne Rücksicht auf eine
-Naturforschung, ja ohne Kenntnis eines Naturforschers als Berater
-— in Zeiten, da der Naturforscher bei Hof oder in der Polizeistube
-noch etwas vom Tropf, von der lächerlichen Lustspielfigur mit der
-Botanisiertrommel hatte.</p>
-
-<p>Man kann Virchows gesamte politische Erfolge von bestimmtem Parteiboden
-aus als solche für ephemere Dinge ohne höheren Einsatz halten und
-wird doch zugeben müssen, daß sie einen ganz durchschlagenden Gewinn
-ergeben haben, wenn man Virchows politische Anteilnahme als nötige
-Vorschule faßt für jene Kulturarbeit zum Wohle der Großstadt. Bei der
-verwickelten Lage staatlicher Dinge von heute wäre er an die gar nicht
-herangekommen, hätte er nicht dort sich Kenntnis über die Mittel und
-Wege erworben.</p>
-
-<p>Wer die Großstadt wirklich kennt, der verlangt keine kostspieligen
-Denkmäler in ihr, dafür ist das Elend hinter den Coulissen zu
-namenlos groß. Sonst würde ich sagen, Virchow verdiene ein Denkmal im
-eigentlichsten Sinne von der „Großstadt“.</p>
-
-<p>Es bedarf aber des Stückchens Marmor nicht: wer heute durch die
-Berliner Straßen geht und an die Rinnsteine von ehemals, an die
-Kanalisationen und Rieselfelder und Wasserleitungen von heute denkt,
-ich meine, er riecht ordentlich den Geist Virchows und seiner
-Mithelfer, und das ist ein feineres, vergeistigteres Monument des
-„Naturforschers der Großstadt“.</p>
-
-<p>Von der Zelle zur Großstadt! Dazwischen liegen zwei weite Strecken.</p>
-
-<p>Nach alter Einteilung gehört die eine ganz der Naturforschung, die
-andere ganz einem himmelweit verschiedenen Gebiet, nämlich der
-Geschichte. Durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts herauf kommt
-ein ganz eigenartiger Versuch: die Geschichte, wo nicht zu erobern,
-doch zu erweitern durch die Naturwissenschaft.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p>
-
-<p>An die heikle Stelle des Überganges jener beiden Streckenteile,
-zwischen „Erdgeschichte“ und „Geschichte“, schob sich die
-„prähistorische Wissenschaft“ in jedem Zuge von ihrer Begründung her
-ein Kind der Naturwissenschaft, das diese zur Welt brachte zunächst
-unter dem heftigsten Protest des offiziellen Geschichtsprofessors.</p>
-
-<p>Und wieder ist es Virchow, der sich hier festsetzt, der, mag man
-in hundert Einzelzügen mit ihm rechten, doch im Ganzen diese
-prähistorische Zettelsammlung wirklich in eine „Wissenschaft“
-verwandelt hat.</p>
-
-<p>Die Stärkste seiner persönlichen Position dabei war, daß er das Wissen
-besaß, um auf beiden Gebieten wirklich zu arbeiten, als Naturforscher
-und als Historiker. In den rein naturwissenschaftlichen Teilen des
-Gebietes suchte er immer einen Zweig zu bessern durch Verknüpfung mit
-einem zweiten.</p>
-
-<p>Er drang darauf, die Anthropologie aufzufrischen durch die Anatomie.
-In der Rassenfrage drang er auf das Experiment, wozu wieder Statistik
-nötig wurde, für die der Staat, die Schule heranmußten: der rein
-philologisch gebildete Gymnasialdirektor sah sich plötzlich in diese
-ganz neuen Forschungszweige mit hineingerissen, indem man ihm von
-oben eine Tabelle über die Haarfarben und Augenfarben seiner Zöglinge
-abverlangte; hinter dem „von oben“ stand aber Virchow.</p>
-
-<p>Das prähistorische Material begutachtete er nicht bloß im Museum. Er
-nahm die Schaufel zur Hand und grub selber aus.</p>
-
-<p>So erschien er, immer pfeilschnell aufs klar vorbedachte Ziel
-losstoßend, im Kaukasus, in Ägypten, auf dem Scherbenhügel von
-Hissarlik in der Ebene von Troja. Er fühlte, bewährte, predigte
-unaufhörlich, wo auf diesem vagen neuen Terrain der Fachmann zunächst
-hingehöre: nicht in die Studierstube zum Grübeln über neue Theorien
-vor ein paar von anderen hereingebrachten Fundstücken; sondern an die
-Fundstelle selbst, damit der Fund selber im Moment seines Auftauchens
-zunächst kritisch fixiert werde. Kaum, daß diese junge Wissenschaft<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> da
-war, so bewegte sich ihr schon nur zu gewaltsam ja das Terrain.</p>
-
-<p>Eine Eisenbahnstrecke wurde gebaut: sie schnitt eine uralte Stätte
-auf, wie etwa den Burgberg im Spreewald. In fliegender Hast galt es an
-solchen Stellen einheimsen, die Zettel zu den Dingen schreiben. Für die
-Theorien mochten Jahrhunderte folgen, Zeit genug. Aber all ihr Wert
-hing unabänderlich ab von dem kleinen Zettel, den wir heute zu dem
-Fundobjekt legen. Dieser Zettel mußte ein Meisterstück fachmännischer
-Exaktheit sein — und dann durfte er doch auch noch in gutem Deutsch
-geschrieben sein; auf beides hielt Virchow.</p>
-
-<p>Nun, es ist gesorgt, daß die Bäume in diesem defekten Leben nicht in
-den Himmel wachsen.</p>
-
-<p>Wenn man bloß auf diese Linien sieht, die sich noch um eine Menge
-kleinerer Arabesken bereichern ließen, so erscheint es bedauerlich, daß
-Virchow nicht wirklich seine Zeit in der Naturforschung ganz nach sich
-bestimmte. In Wahrheit war er in den besten Zügen dieser Zeit voraus,
-war der Pionier einer Naturforschung, wie sie allgemein erst kommen
-soll.</p>
-
-<p>Die Medaille hat aber auch ihre Kehrseite.</p>
-
-<p>Eine Naturforschung Virchows würde dauernd und herrschend Züge
-aufgewiesen haben, die ich wenigstens nicht im Antlitz der
-„Naturforschung“ wünschte.</p>
-
-<p>Jetzt, da er selbst fort ist, hat man allgemein auch in den Kreisen,
-die ihm nicht als Partei gegenüberstanden, sondern seine Größe
-einwandlos ehrten, eine Art Gefühl, als sei doch auch etwas wie ein
-Hemmnis hingenommen. Es waren nicht allein die allgemeinen Spuren, wie
-sie jede alternde Autorität zeigt, — nach deren Scheiden die Jüngeren
-immer von etwas Druck aufatmen, auch wenn der Mann dahinter noch so
-bedeutend gewesen ist. Man empfindet, daß in der ganzen Methode hier
-doch bei allem Vorbildlichen auch eine dauernde Fehlerquelle war.
-Vielleicht ein kleiner Fehler nur in dem Ganzen des Mannes. Aber in
-einer großen Gestalt, die stark auf ihre Zeit wirkt, pflegen kleine
-Fehler grade in der Wirkung riesengroß zu werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span></p>
-
-<p>Es war die Kehrseite von Virchows staunenswerter Vielseitigkeit, daß er
-für gewisse Dinge so gut wie blind war, die doch überall ihm vor den
-Füßen blühten.</p>
-
-<p>Er achtete nicht auf gewisse Imponderabilien, die in der Naturforschung
-so gut ihre Rolle spielen wie in jedem anderen großen menschlichen
-Denkgebiet.</p>
-
-<p>Was er errungen, dankte er einer eisernen Treue zu einer gewissen
-Methode, einem unermüdlichen Fleiß, einer ewigen klaren Beherrschung
-seiner selbst, einer fort und fort genährten „Klarheit“.</p>
-
-<p>Die große Intuition, der Lichtblitz des Gedankens, der jäh über Weiten
-zuckt, der Geist, der über den Wassern schwebt — sie waren ihm fremd
-und er haßte sie.</p>
-
-<p>Er übersah, daß die größten Leistungen auch der Naturforschung hierher
-stammen.</p>
-
-<p>Er übersah, daß die Begeisterung aus dieser Quelle schöpft.</p>
-
-<p>Er übersah, daß an dieser geheimnisvollen Stelle das unendliche Feld
-naturwissenschaftlicher Tatsachen beständig strebt und streben muß,
-sich zu einer einzigen Knospe zusammenzuschließen: aus dieser Knospe
-aber bricht, was allein zuletzt die ganze unendliche Gärtnerarbeit
-lohnt — die Lotosblume einer <em class="gesperrt">Weltanschauung</em>.</p>
-
-<p>Seine Leistungen kamen nicht von hier. Die Begeisterung war ihm eine
-lästige Trübung des kalten Forscherauges. Vor der Weltanschauung zuckte
-er die Achseln. Er hatte ein unnachahmliches Gesicht zu solchen Worten.</p>
-
-<p>Diese Skepsis sollte ihm selbst teuer zu stehen kommen.</p>
-
-<p>Er, der sein Leben lang gegen Engen, Schranken, Abgrenzungen der
-Geistesgebiete gegeneinander, partikularistischen Fachdünkel,
-Autoritätsgelüste und reaktionäre Anwandlungen aller Art sachlich wie
-ein Held angekämpft hatte mit einem völlig blanken Schilde —, er kam
-in bestimmter Beleuchtung in eine ganz gegenteilige Position.</p>
-
-<p>Es mischte sich da noch ein Zweites ein, das ebenfalls zur Kehrseite
-der Medaille gehört.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p>
-
-<p>Er war der Ansicht, daß die Naturforschung bald schon in ihre Epoche
-trete, da sie die wahre Weltmacht im Denken der Menschheit wirklich
-werde. Sie eroberte der Reihe nach alle Gebiete, wie sie die Großstadt
-auf dem Wege einer verbesserten Kanalisation erobert hatte. Das war
-sein Ideal, dem das Minimum von Begeisterung diente, dessen er fähig
-war.</p>
-
-<p>Aber dieses Ideal sah er nur erreichbar eben auf sehr nüchtern
-praktischen Wegen, und er glaubte, seit er im politischen Getriebe
-stand, etwas von diesen Wegen gelernt zu haben.</p>
-
-<p>Sie forderten, daß man ein Geringes gab, um viel zu gewinnen.</p>
-
-<p>Um ihre Mission zu erfüllen, mußte die Naturforschung sich in erster
-Linie mit dem modernen Staat vertragen. Und eventuell dann auch mit
-Mächten, die dieser Staat nicht von sich lösen wollte oder konnte —
-wie der Kirche.</p>
-
-<p>Das ging aber nicht ohne Konzessionen.</p>
-
-<p>Gab man also als Ring des Polykrates etwas möglichst Entbehrliches!</p>
-
-<p>Virchow zögerte keinen Augenblick mit dem Geständnis, wo das zu finden
-sei: im Gebiet jener Imponderabilien!</p>
-
-<p>Um der „Duldung“ der Naturwissenschaft willen gab er mit leichtester
-Hand grade die Stellen preis, wo die moderne Naturforschung sich zur
-Weltanschauung krystallisieren wollte.</p>
-
-<p>Aus dieser Stimmung hat er gelegentlich gesagt, daß die „Tatsachen des
-Bewußtseins“ vom Naturforscher ruhig preisgegeben werden dürften zum
-beliebigen Gebrauch der „herrschenden Kirchen“.</p>
-
-<p>Aus dieser Stimmung hat er die modernen Ideen über den natürlichen
-Ursprung des Menschen, die unsere Weltanschauung so bis ins Innerste
-aufrütteln müssen, mit einer Leichtigkeit durchstrichen und unter den
-Tisch geworfen wie ein Papier, das jetzt nicht hierher gehört, daß
-seine besten Mitstreiter sich verdutzt fragen mußten, ob der Mann denn
-überhaupt noch für die Wahrheitsideale der Wissenschaft mitfechte.</p>
-
-<p>Es war in der Tat derselbe Mann, der sich für die Wahrheit irgend einer
-winzigen Bagatelle-Tatsache, einer Scherbe<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> in einem Grabhügel etwa,
-ganz unbedingt hätte verbrennen lassen wie Giordano Bruno — und der
-doch kaum glaublicherweise vor dem ganzen Begriff Weltanschauung eine
-so wegwerfende Meinung zeigte, daß er dessen kostbarstes Material als
-die einzige Scherbe nahm, die so wertlos sei, daß man sie dem Gegner
-ganz ruhig hingeben könne, um nicht verbrannt zu werden.</p>
-
-<p>Das Verhängnis — man kann aber hier auch sagen: die Nemesis wollte,
-daß in den späteren Zeiten seines langen Lebens gerade diese
-ketzerischen, zu Weltanschauungsdingen durchaus <em class="gesperrt">drängenden</em>
-Menschheitsfragen sich ihm immer energischer gerade auf dem Gebiet
-entgegenwarfen, wo er von allen Sachkundigen mit Recht als Meister,
-ja als Altmeister und Bahnbrecher verehrt wurde, — auf dem
-prähistorischen Felde, bei Tertiär-Mensch und Mammut-Mensch. Es war das
-fatalste Schauspiel gerade für solche, die jedes Wort aus seinem Munde
-auf diesem seinem eigensten Ruf- und Ruhmgebiet durchaus gebührend
-aufs Höchste zu achten gewohnt waren, wie er auch hier mit immer
-gesteigerter Hartnäckigkeit seinen allgemeinen Ablehnungs-Standpunkt
-in allen Detailfragen durchzuführen suchte, — und wie er schließlich
-Verwirrung in solche Fragen trug, bei denen schon viel mittelmäßigere
-Köpfe doch die klare Linie gar nicht verfehlen <em class="gesperrt">konnten</em>, —
-er, der Meister der Klarheit und umsichtigen Kritik! Ich weiß wohl,
-daß der Glaube noch weit verbreitet ist, Virchow habe in seinem
-Kampf gegen den Neandertal-Menschen, den Tertiär-Menschen, den
-Menschen als Mammutzeitgenossen und verwandte Fragen bis zu der
-Allgemeinfrage der Verwandtschaft des Menschen mit den anatomisch
-nächsten Säugetiergruppen, stets den Standpunkt der nüchtern-besonnenen
-Kritik gegenüber der waghalsig schweifenden Hypothese vertreten.
-Die Dinge lagen in Wahrheit aber bei <em class="gesperrt">diesen</em> Spezialfragen
-genau umgekehrt. Virchow war es, der schließlich die verwickeltsten,
-unwahrscheinlichsten Hypothesen aufeinandertürmte, um Dinge umzudeuten,
-die vor der schlicht nüchternen Anschauung nur eine einzige gerade
-und einfache<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> Deutung zuließen. Seine Kritik des Neandertal-Schädels,
-die heute als endgültig zurückgewiesen gelten kann, ist das
-schlagendste Beispiel. Er hatte eben in diesen Dingen den schlichten
-Standpunkt vollständig verloren. Er ließ sich an autoritativer
-Stelle zu Aussprüchen hinreißen, die allen Elementarergebnissen der
-vergleichenden Anatomie ins Gesicht schlugen, — ein Anfänger, ein
-Student, konnte ihn schließlich bei einzelnen Sätzen korrigieren.
-Geister, die ihn intensiv liebten, mit ihm gern durch Dick und
-Dünn gegangen wären, hat er zur Verzweiflung gebracht mit solchen
-unberechenbaren Schachzügen.</p>
-
-<p>Ich will hier ausdrücklich nicht in den Fehler verfallen, daß ich
-Virchow deshalb wirklich eine reaktionäre Natur nenne. Das mögen andere
-machen, denen es im Parteitreiben selber nicht um ein Wort zuviel zu
-tun ist. Er war in einem einzigen Punkte — nicht ein Reaktionär, aber
-ein Diplomat.</p>
-
-<p>Die große Wissenschaft jedoch kennt keine Diplomatie.</p>
-
-<p>Ob die Naturforschung je in unserem Gesamtleben die führende
-Rolle übernehmen wird, wie Virchow felsenfest geglaubt hat, sei
-dahingestellt. Sicherlich wird sie es nur, wenn sie es je tut, in der
-Form einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Aber ebenso sicher
-ist, daß sie jetzt und jederzeit sich ihr eigenes Todesurteil fällt im
-Moment, da sie Konzessionen macht an irgend eine Macht des Himmels und
-der Erden außer ihr.</p>
-
-<p>Virchow war groß genug, daß man ihm <em class="gesperrt">das</em> nachrufen kann. Er
-hat genug geschaffen, was dauern wird. Gerade vor seinem Gesamtbilde
-läßt sich ohne Bitterkeit aussprechen: daß ein Gedanke seines Lebens,
-von anderen erfüllt, die Axt gelegt hätte an seine eigene große und
-lichtbringende Arbeit, — weil er nämlich die Axt gelegt hätte an den
-Grundpfeiler unbeirrter Wahrheitsforschung.</p>
-
-<p>... Nein, aus diesen entscheidenden Gründen wird man kein Zeitalter der
-Naturwissenschaft benennen nach Virchow.</p>
-
-<p>Er ist einer der stärksten Träger der Naturforschung in seiner Zeit
-gewesen, sowohl was Arbeit wie was Ansehen<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> betrifft. Aber er ist
-<em class="gesperrt">kein Förderer gewesen für uns im Naturbegriff</em>.</p>
-
-<p>Und das gibt zuletzt reinlich den Ausschlag.</p>
-
-<p>Man mag noch so eifrig versuchen, die Naturforschung bloß aufzubauen
-auf den einsamen, voraussetzungslosen Imperativ des: Du sollst bloß
-forschen über einzelne Kausalzusammenhänge der Erscheinungen in der
-Natur, nichts weiter, — es ist Deine Pflicht, — weiter frage nicht,
-.... es hilft schließlich alles nichts, wenn hinter diesem Imperativ
-nicht auch der Sinn steht einer Weltanschauung, einer Auffassung von
-dieser Natur, aus der alle freudige Arbeit ausfließt und in die alle
-fruchtbare Arbeit wieder einfließt.</p>
-
-<p>Auch hier, wenn je, gilt das alte Wort des Paulus: „... und hätte der
-Liebe nicht, so wär ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.“</p>
-
-<p>Diese Liebe <em class="gesperrt">kann</em> immer nur aus einer großen, umfassenden
-Anschauung der Dinge kommen, aus einer Ecke, wo den Menschen der
-heilige Sturm anrauscht, der ihn über sich hinausführt in ein unendlich
-Umfassenderes hinein, der ihm seine ganze kleine Person und ihre
-Augenblicksinteressen und alle Mittelchen winziger Diplomatie zugleich
-wegfegt wie dürre Spreu&#160;...</p>
-
-<p>Virchow selber war ja noch in sich getragen gleichsam von einem
-Zehr-Kapital solcher Liebe aus einer älteren großen Epoche der
-Naturauffassung, so wenig er es Wort haben wollte, — in seiner
-eigentlichen Forschung, zumal in den besten Jahren, atmete alles an ihm
-unbewußt doch noch solche Kern-Liebe; ohne das hätte er überhaupt nie
-schaffen können, was er positiv geschaffen hat. Aber eine Generation,
-von ihm in seinen Grundsätze, wie er sie <em class="gesperrt">bewußt</em> verfocht,
-erzogen, würde nichts mehr sein als eine Generation der „klingenden
-Schelle“ in der Naturforschung.</p>
-
-<p>Wenn ich auf die ganze philosophische Stimmung der Zeit sehe, in
-der Virchow emporgestiegen ist, so meine ich ein tiefstes, von ihm
-unabhängiges, aber ihn zwingendes Motiv zu gewahren, das in sein
-Widerstreben gegen jede Weltanschauung, jede größere Naturauffassung
-zweifellos mit hineingespielt hat und<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> das durch persönliche
-Fähigkeitsschranken bei ihm wohl nur unterstützt wurde.</p>
-
-<p>Virchow gehörte der gleichen Denkgeneration an, wie Karl Vogt, wie so
-viele andere bedeutende Naturforscher seiner Zeit, die <em class="gesperrt">alle</em> in
-gewissen Zügen das gleiche Los gehabt haben.</p>
-
-<p>Söhne und Enkel einer durch und durch idealistischen Generation,
-Idealisten in jedem Zuge selbst, sahen sie sich in die Naturforschung
-versetzt durch stärksten inneren Beruf — und nun aber in dieser
-Naturforschung sahen sie sich in eine Zeitströmung mechanistischer
-Denkweise und Forschungsmethode hineingerissen, die jeden Anschluß zu
-einer idealistischen Auffassung der Dinge verloren zu haben schien.</p>
-
-<p>Es war das an und für sich ein philosophischer Irrweg, denn es gibt,
-wie ich wenigstens fest glaube, eine Art des „Mechanismus“, die sich
-durchaus mit einer idealistischen Weltanschauung verträgt. Aber
-die Zeitmeinung war damals jedenfalls die genau entgegengesetzte.
-Einerseits wurde die mechanistische Methode seltsamer Weise überhaupt
-nicht mehr für „Philosophie“ gehalten, sondern sollte einfach identisch
-sein mit exakter Naturforschung. Andererseits wurde diese von ihr
-durchdrungene Naturforschung eben als „mechanistische“ doch ausgespielt
-gegen jeden Idealismus der Welt- und Naturauffassung.</p>
-
-<p>Eine ganze Reihe bester Köpfe dieser Virchowschen Generation ging, ich
-möchte wohl sagen, philosophisch von Anfang an <em class="gesperrt">unter</em> in diesem
-künstlichen Konflikt.</p>
-
-<p>Ihr innerer intuitiver Idealismus, der als eine Art kategorischen
-Imperativs in ihnen stand, fand keinen andern Rettungsausweg als den
-Ruf: Nieder mit allem Nachdenken über den Naturbegriff! Fort mit aller
-Weltanschauung! Nicht denken an das Verhältnis zwischen mechanistischer
-Forschungsmethode mit lauter mechanistischen Ergebnissen und dem
-Idealismus als Ur-Ansporn aller Wahrheitsforschung! Nicht rühren an
-Philosophie, damit wir uns nicht den Widerspruch selber eingestehen
-müssen!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p>
-
-<p>Daher das unflätige Schimpfen auf jede Philosophie bei einem so feinen,
-so liebenswürdigen, in jedem Betracht so geistreichen, so geistig
-feinschmeckerischen Kopf wie Karl Vogt. Und daher das wunderliche
-Diplomatenspiel in seiner einen Wurzel, seiner tiefsten am Ende doch,
-auch bei Virchow.</p>
-
-<p>Mit klaren Karten hätte sein Bekenntnis etwa gelautet: um in der
-Naturforschung etwas zu leisten, brauchen wir mechanistische Methode,
-aus dieser Methode resultiert als Weltanschauung ein toter Mechanismus
-als Weltbild; mit dieser Weltanschauung verträgt sich unser Idealismus,
-das eigentliche treibende Grundmotiv all’ unseres Arbeitens, also auch
-des Naturforschens, nicht, also halten wir den Mund, sobald jemand von
-Weltanschauung reden will; überlassen wir dieses ganze Feld lieber
-offen solchen Mächten, wie der Kirche, — ein Frieden, für den uns noch
-obendrein der Staat lobt und durch seinen Schutz lohnt; mag <em class="gesperrt">sie</em>
-sich damit blamieren oder was sonst: — besser immer, als wir sägen uns
-selber den Ast ab, auf dem wir sitzen.</p>
-
-<p>Was Virchow <em class="gesperrt">nicht</em> fand — und worin auch er in all’ seiner
-Größe eben klein geblieben ist und nicht ein bahnbrechender König und
-Meister im Gedankenleben seiner Zeit geworden ist: — das war eine
-wahre philosophische Versöhnung von Mechanismus und Idealismus, eine
-wahre Brücke von den Resultaten objektiver Forschung zu den subjektiven
-idealistischen Wurzeln und Motiven jeglicher Forschung eben auf Grund
-einer noch umfassenderen, beides umfassenden philosophischen <em class="gesperrt">Klärung
-und Vertiefung des Naturbegriffs</em>.</p>
-
-<p>Ein einzelner kann in sich Verstecken spielen ein Menschenleben lang.
-Ganze Generationen vermögen das auf die Dauer nicht.</p>
-
-<p>Jener innere Widerspruch, den Virchow mit einer verzwickten Stellung
-hinter sich verdeckte, wird unserer Zeit jetzt schon allenthalben im
-Ganzen <em class="gesperrt">doch</em> sichtbar.</p>
-
-<p>Und je deutlicher sie ihn sieht, desto deutlicher wird ihr auch die
-Forderung einer resoluten Lösung in jenem positiven Sinne, in ein Neues
-hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span></p>
-
-<p>Dabei kann ihr eine Übergangsgestalt wie Virchow selbst natürlich
-nichts mehr sagen.</p>
-
-<p>Wir haben ganz und gar keine Lust, lieber in den wichtigsten Weltfragen
-pro forma zum Kirchendogma zurückzukehren, bloß damit nicht offenbar
-werde, daß unsere Forschung ein schwarzes Scheusal heimlich geboren
-habe, das unserm Idealismus die Leber ausfrißt.</p>
-
-<p>Wir wollen weder diesen Idealismus einbüßen, noch die Naturforschung
-und ihre Ergebnisse.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Wie</em> ist eine <em class="gesperrt">Forderung</em>.</p>
-
-<p>Aber noch keine strebend sich bemühende Zeit ist daran gestorben,
-daß sie eine große geistige Forderung hatte. Im Gegenteil. An faulen
-Kompromissen und der lähmenden Behauptung des Dogmas, dem alle Fragen
-Himmels und der Erden gelöst gelten, sind Zeiten versumpft und
-versandet, — noch nie an der steilen Größe ihrer Ideale.</p>
-
-<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br>
-*</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Dubois_Reymond" title="Dubois-Reymond als Parallelgestalt">&#160;</h2>
-
-</div>
-
-<p>Man kann nicht an Virchow denken, ohne daß dem Blick auch die andere
-Gestalt aus der „Hochburg der Naturforschung Berlin“ vom letzten
-Drittel des Jahrhunderts auftaucht: der alte Dubois.</p>
-
-<p>So grundverschiedene Persönlichkeiten Emil Dubois-Reymond und
-Rudolf Virchow waren — der eine so ganz und gar „ohne Sinn für
-Feierlichkeit“, wie Fontane sagte, in seinen Schwächen wie in seiner
-Größe, der andere der geborene Feier-Redner, immer mit Pomp und auf
-einem schweren Piedestal, schon als Lebender der eigenen Absicht nach
-wie der Humboldt des Standbilds mit einem riesigen Marmorfolianten,
-dem Welt-Gesetzbuch des Naturforschers, auf den Knieen —: in ihrer
-Stellung zu der großen Herz-Frage der „Natur“ besaßen sie eine packende
-Ähnlichkeit.</p>
-
-<p>Beide waren Naturforscher ersten Ranges, was exakte Arbeit anbelangt:
-Dubois in der Gesamtleistung wohl nicht annähernd so vielseitig, so
-praktisch nachhaltig und so bahnbrechend<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> wie Virchow, aber doch
-intensiv immerhin genug für eine ganz hervorragende Stellung in der
-Arbeit seines Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Beide waren zweifellos hingebende Idealisten in ihrem innersten Wesen.</p>
-
-<p>Beide haben notwendig nach den größten Gesichtspunkten suchen müssen,
-da sie beide den Naturforscher für den berufenen Führer der Zeit
-hielten, in der aufsteigenden Naturforschung den Brennpunkt unserer
-Kulturentwickelung sahen und beide dabei ein ungewöhnlich starkes
-Gefühl für die <em class="gesperrt">Breite</em> dieser Kultur über die verschiedensten
-Geistesgebiete fort besaßen.</p>
-
-<p>Beide aber sind grade vor dem äußersten, dem höchsten Problem einem
-seltsamen Schicksal verfallen.</p>
-
-<p>Die Reaktion, die um jeden Preis von der ganzen Naturforschung
-fortwollte, hat sich beider auf gewisser Höhe bemächtigt, um grade sie
-als schärfsten Trumpf auszuspielen.</p>
-
-<p>Und so wenig sie selber deshalb Reaktionäre waren, so logisch war doch
-diese ungewollte Nachfolge.</p>
-
-<p>Denn Dubois genau wie Virchow ist in der Formulierung und Deutung des
-Naturbegriffs hoffnungslos stecken geblieben. Und je gebieterischer
-die Zeit, die ja wirklich eine „Zeit der Naturforschung“ war, nach
-einem Fortschritt, einer Hülfe, einer Klärung an dieser grundlegenden
-Stelle verlangte, desto notwendiger mußte sie durch eine schiefe,
-unbrauchbare, irre führende Definition und Auffassung gehemmt und ins
-Ungewisse verstoßen werden. Das haben die reaktionären Verächter des
-Wortes „Natur“ aber sofort klar herausgefunden.</p>
-
-<p>In der Art, <em class="gesperrt">wie</em> beide ihre Stellung bewußt suchten und
-zeigten, waren sie ja wieder grundverschieden. Sie waren da
-temperamentsverschieden.</p>
-
-<p>Virchow sprach sich eben zu den Grundfragen überhaupt nicht aus. Er
-offenbarte seine Anschauung nur in einem konsequenten Verhalten. Es
-steckte in dieser Art etwas Zähes, das Mundhalten, aber Handeln eines
-verschlossenen, aber innerlich eisig klaren Diplomatenkopfs, das ihn
-eben in seiner Art als Charaktertypus eines „Staatsmanns“ bestimmter
-Schule (etwa<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> im Ideal Rankes) erscheinen läßt, wenn man von der Sache
-absieht und rein die Charaktersilhouette zu fassen sucht.</p>
-
-<p>Dubois im Gegensatz dazu war eine viel naivere Natur. Er hatte einen
-ganz bestimmten Form-Ehrgeiz, auch eine Art Form-Eitelkeit, kann
-man sagen. In gewissem Reifestand spitzte sich ihm alles zu einem
-großen Bonmot zu. Das mußte dann heraus, mußte in einer bengalischen
-Beleuchtung heraus; bei sich behalten konnte er es nicht mehr, und wenn
-es in die Welt sollte, so setzte bei ihm der Sporn ein, daß es nun auch
-in einer verblüffend individuellen Fassung als „von ihm“ kam.</p>
-
-<p>Dubois ging zeitlich genau parallel zu Virchow, und es ist also
-kein Wunder, daß seine Denker-Bahn vor dem Naturbegriff in ihren
-Voraussetzungen so gut wie genau gleich bei ihm eingestellt war.</p>
-
-<p>Auch bei ihm erfolgt in den besten Jahren ein glattes Einlenken in rein
-mechanistische Erklärungsversuche, — ein Einlenken, das zunächst den
-höchsten praktischen Erfolg hat, dem der Zeitgeist zujubelt und vor
-dem es gar keinen Bruch, keine Haltstelle zu geben scheint. Trotzdem
-aber kommt der innere Ruck, innere Chok, — eines Tages, — bei beiden.
-Der Moment, da ihnen bei ihrer mechanistischen Naturähnlichkeit bange
-wird. Und der Konflikt erwächst gerade aus der ehrlichsten eigenen
-Hauptarbeit selbst.</p>
-
-<p>Virchow hat auf der ersten Höhe seiner Bahn den glücklichen
-Gedanken, auch im lebenden Organismus des Menschen den Begriff des
-„Zellenstaates“ durchzuführen. Wie der tote menschliche Körper
-sich anatomisch noch aus den im Mikroskop nachweisbaren einzelnen
-Form-Elementen, den „Zellen“, zusammensetzt, so muß auch der
-physiologische, der lebendige Mensch ein Produkt, ein Additionsexempel
-der Funktionen dieser Millionen von einzelnen Zell-Leistungen sein. Der
-Mensch ist ein „Zellenstaat“, sein Handeln die Summe der Leistungen der
-einzelnen Staatsbürger, der Zellen.</p>
-
-<p>Bis hierher war die Sache glatt. Man hatte im objektiven<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> Bilde nur die
-Zusammenarbeit all’ dieser Millionen subjektiver Zentren, der Zellen.</p>
-
-<p>Aber nun ein Haken im Vergleich. Der aus so und so viel Bürgern
-zusammengesetzte Staat hatte doch, gangbarer Auffassung nach,
-deshalb noch nicht wieder ein Gesamt-Ich, ein Gesamt-Bewußtsein.
-Der Zellenstaat „Mensch“ hatte das dagegen zu seinen Lebzeiten
-unanzweifelbar. Gerade von diesem Gesamt-Ich gingen wir ja naiv
-beständig aus, von seiner Einheit. Mein — also etwa Virchows —
-Bewußtsein, war dieses Gesamtbewußtsein über einer Pyramide von
-Millionen Zellen.</p>
-
-<p>Hier lag etwas Verzwicktes. Steckte doch etwas Falsches in den
-Grunddefinitionen? Aber mit denen waren wir ja doch gerade praktisch so
-weit gekommen, — zu dieser Lehre vom Zellenstaat, die eine ganz neue
-Pathologie verhieß!</p>
-
-<p>Und Virchow machte seinen Salto mortale. Wir gehen ruhig in der
-Bahn weiter. Die „Tatsachen des Bewußtseins“ aber lassen wir für
-sich stehen, als existierten sie nicht. Damit sie möglichst aus dem
-Versuchungsbereich des Naturforschers verschwinden, liefern wir sie
-sogar gelegentlich, bei vorteilhaften Konzessionsmöglichkeiten,
-willig ganz anderen, dem Naturforscher an sich gar nicht diskutabeln
-„Geistesgebieten“ aus: der Theologie, der „herrschenden Kirche“, der
-je nachdem kirchenfreundlichen „Staatsraison“. Je fester sie dort
-einregistriert werden, desto sicherer sind wir sie nämlich los. Will
-uns Einer in der Naturwissenschaft fortan von „Bewußtsein“ reden, so
-rufen wir ihn einfach zur Ordnung wegen Grenzschmuggel, — er bringe
-uns Religion, Theologie, Kirche, Staat hinein; eine Diskussion über die
-heikeln Punkte selbst schneiden wir so geschickt vorher ab.</p>
-
-<p>Dem guten Glauben nach war dieser Kompromiß eine Rettung der Reinheit
-des Forschungsfeldes für den Naturforscher. In Wahrheit war er der
-endgültige Verzicht auf einen echten umfassenden Naturbegriff.</p>
-
-<p>Ein Naturbegriff, bei dessen Definition das Bewußtsein über Bord flog,
-als Dublette gewissermaßen verschachert<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> wurde, war ja ein Hohn seiner
-selbst. Mit vollem Recht mußte der Theologe alten Stils mit Lachen auf
-ihn herabsehen, der er die Grunddinge unserer eigenen Persönlichkeit
-aus seiner Anthropologie einfach fortließ.</p>
-
-<p>Aber Virchow blieb ein Menschenalter lang zäh. Er hatte im Eigensten
-seine Wegwende gehabt, wo es ihm geheißen hatte: jetzt mußt Du
-weitergehen ohne Dich umzusehen; siehst Du Dich um, so versteinerst Du
-zur Salzsäule wie Loths Weib; und die Handlung dünkte ihm fortan eine
-Lebensaufgabe, die andern auch über diesen kritischen Punkt zu bringen.</p>
-
-<p>Genau auf diesen Punkt aber geriet auf seiner Bahn parallel auch Dubois.</p>
-
-<p>Seine Lösung war die vielberühmte <span class="antiqua">Ignorabismus</span>-Rede.</p>
-
-<p>Keine Handlung bei ihm, sondern eben eine Rede. Er wurde daran nicht
-zum schweigenden Schulmeister, der die Zähne aufeinander biß und
-handelte, ohrfeigte, lobte, alles aus dem Prinzip, das aber selbst
-nicht gelehrt wurde. Er wurde zum Bekenner, der sein Glaubensbekenntnis
-offen abgab, mit rednerisch betontem „Ich“.</p>
-
-<p>Die Wirkung war aber ungefähr die gleiche. Denn der Inhalt hatte im
-Innersten eine ganz frappante Ähnlichkeit.</p>
-
-<p>Auch hier gab es, und zwar diesmal scharf ausgesprochen, eine
-Bankerotterklärung.</p>
-
-<p>Der Naturbegriff müßte, um ein Weltprinzip, die wahre Basis einer
-Weltanschauung für uns zu werden, die Frage lösen: <em class="gesperrt">wie Materie
-denkt</em>?</p>
-
-<p>Diese Frage aber, so bekennt Dubois, ist für uns <em class="gesperrt">ewig unlösbar</em>!
-Wir werden das nie begreifen. <span class="antiqua">Ignorabimus!</span></p>
-
-<p>Die Gegner jubelten.</p>
-
-<p>Also war es nichts mit dem Naturbegriff, mit der ganzen „Natur“! Der
-Naturforscher verzichtete auf Weltanschauung. Denn eine Weltanschauung
-muß, wenn sie nicht schon eine Lösung irgendwie besitzt, mindestens
-doch die Möglichkeit einer solchen Lösung als Arbeitsprogramm
-enthalten. Sie muß einem „immer strebenden Sichbemühen“ das Tor frei
-lassen. Auf<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> <span class="antiqua">Ignoramus</span> kann man noch eine Philosophie aufbauen.
-Auf <span class="antiqua">Ignorabimus</span> nicht mehr. Vor ihm hebt sich jeder Wert des
-Erkenntnissuchens selbst auf. Wo aber die Werte fortfallen, fällt nach
-unerbittlichem praktischem Gesetz, in dem wir so sicher hängen wie im
-Gravitationsgesetz, die Sache selbst dahin.</p>
-
-<p>Und das sollte also Ergebnis des grandiosen Höhenfluges der
-Naturforschung sein?</p>
-
-<p>Dubois selbst hatte mit der Kirche gar keine Berührungspunkte. Er besaß
-auch nicht die äußeren Konzessions-Neigungen des Politikers Virchow. Er
-war Zeit seines Lebens nach dieser Seite ein unabhängiger Mann, trotzig
-und mutig wie Tyndall, Huxley, Vogt. Sein Naturforscherstolz war so
-hoch entwickelt, daß er ein Ding wie einen Theologen gar nicht mehr
-unter sich sah, geschweige denn als Rivalen neben sich empfand. Auch
-im Moment seines Bekenntnisses sah er sich ganz allein, oder höchstens
-im engen Kreise einer Anzahl erster Naturforscher unter sich. Er, oder
-wir, waren die Titanen, die den Kopf auf die Hand stützten, in das
-schwarze Loch jenes bodenlosen Dilemma starrten und aus tiefster Brust
-mit dem Donnerton unserer Stimme bekannten: „Es ist halt nichts. Wir
-haben uns verrannt auf ewig.“</p>
-
-<p>Aber wenn die Riesen sich klein machen — das ist nun so — dann
-werden die Zwerge Riesen. Im Moment, da er sein Bekenntnis preisgab,
-als Redner, der auch noch zu einem Bekenntnis der eigenen Ohnmacht den
-Beifall für eine prächtige rednerische Wendung brauchte, — in dem
-Moment ragten die verachteten Theologen plötzlich wie die Pilze über
-einen gestürzten Baumriesen hinweg, — sie waren groß im Verhältnis zu
-ihm und die Menge sah es und schloß danach.</p>
-
-<p>Dubois kochte vor Wut, als ihm einmal einer vorwarf, er habe dem
-Ultramontanismus in die Hände gearbeitet. Nein, es konnte keiner
-dem Ultramontanismus innerlich ferner stehen als diese trotzigen
-Naturforscher-Gestalten des 19. Jahrhunderts, zu denen Dubois in jeder
-Faser gehörte.</p>
-
-<p>Aber ich denke an Fechners schönes Bild von den Taten<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> des Menschen,
-die über seine leibliche Person hinaus selber einen neuen Leib bilden.</p>
-
-<p>Der Tatenleib dieses Duboisschen Bekenntnisses war nicht mehr er
-selbst, der stolze Physiker und Physiologe auf der Höhe seiner
-Wissenschaft, führende Gestalt seiner Zeit im eigenen Glauben; er war
-ein kleines gebrochenes Männchen mit den Zügen des Famulus Wagner,
-der sich in seine Apotheke verschloß, wo man seine Kleinarbeit eben
-duldete; die Faust-Fragen hatte er abgeschworen.</p>
-
-<p>Der Naturforscher war in diesem Männlein wieder zum armen Handlanger
-herabgesunken.</p>
-
-<p>Man schickte zu ihm um ein Pülverchen, wenn man keinen Stuhlgang hatte.
-Wer Auge in Auge mit den großen Weltfragen stand, der dachte nicht an
-ihn, denn er wußte, daß seine Weisheit nicht über die Aufschrift auf
-ein paar Dutzend Porzellankruken mit kleinen Hausmittelchen reichte. Er
-mußte sich anderswo helfen.</p>
-
-<p>Und wer schon die Natur aufgegeben hat, dem bleiben nicht <em class="gesperrt">viele</em>
-Wege. Die Klingel zum Pfarrer ist gleich nebenan. Und was der nun in
-seinen Kruken hege: <span class="antiqua">Ignorabimus</span> steht gewiß nicht darauf.</p>
-
-<p>.... Und dabei: — was für ein schwacher Trugschluß bloß steckte auch
-hinter diesem Abfall!</p>
-
-<p>Ich kenne in der ganzen Geschichte der neueren Philosophie keine
-so grobe Denkfalle, wie die, in die der große Beobachter und
-Experimentator Dubois naiv hineingegangen ist.</p>
-
-<p>Blättern wir, um dem Problem ins Herz zu schauen, noch um eine Gestalt
-zeitlich zurück.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>Was ist das Leben?</p>
-
-<p>Vor der Glasveranda, in der ich sitze, fluten die goldgrünen Wiesen
-weit hinaus. Sie branden endlich mit einem krausen, wulstigen Waldsaum
-vor einer ungeheuren, tiefblauen Mauer der Kammwand des Riesengebirges.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p>
-
-<p>Mitten im Wiesengrunde hebt sich winzig, aber blendend weiß, eine
-ländliche Kirche mit spitzem Turm herauf.</p>
-
-<p>Und ganz vorn, in der ersten Wiese, steht eine alte Frau und mäht mit
-sehnigem Armstoß die hohen blauen Glockenblumen um, Stoß um Stoß.</p>
-
-<p>Ich sage mir, daß dieses ganze schöne Bild, diese Farben, diese
-wundervolle Gebirgslinie in diesem Moment in einem tiefen, rätselvollen
-Zauberbrunnen der Natur schwimmen: meinem lebenden Auge.</p>
-
-<p>Was lebt da?</p>
-
-<p>Und ich sage mir, daß der kleine weiße Spitzturm dort drüben eigentlich
-nur das Fragezeichen, das uralte Fragezeichen der Jahrtausende hinter
-jenem Satze markiert.</p>
-
-<p>Es ist gewiß einer der wenigen abstrakten Sätze, die in irgend einem
-Sinne auch jene schlichte Bauernalte hier vor ihrer Sichel über den
-Glockenblumen begreifen würde — nicht physiologisch, aber aus einer
-eisernen Erfahrung von sechzig Lebensjahren voll unzähliger verworrener
-Dinge ohne Antwort.</p>
-
-<p>Nur den Titel des Buches verstände sie eben nicht, in dem ich gerade
-geblättert habe. Und wie viele verstehen ihn nicht in unserer Zeit, die
-mit Bildung prunkt.</p>
-
-<p>Es ist hundert Jahre rund her, daß der Mann geboren worden ist, der auf
-dem alten schlechten Löschpapier des Titelblattes aus den Dreißigen des
-neunzehnten Jahrhunderts steht: der „Dr. Johannes Müller, ordentlicher
-öffentlicher Professor der Anatomie und Physiologie an der Königl.
-Friedrich-Wilhelms-Universität und an der Königl. medizin.-chirurg.
-Militär-Akademie in Berlin“. Es ist sein „Handbuch der Physiologie des
-Menschen für Vorlesungen“. Gedruckt in seiner Vaterstadt Koblenz. Mir
-sind zufällig zwei Auflagen zur Hand: auf der vierten von 1844 ist er
-schon Geheimer Medizinal-Rat, vierzehn Jahre später war er schon tot,
-hingemäht von einer Krisis des allzu intensiven Lebens.</p>
-
-<p>Auch der Mann hat an dem Problem gerüttelt, ist mit dem Kopf gegen das
-Fragezeichen gerannt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p>
-
-<p>An Johannes Müller muß man sich zuerst einen Augenblick klar erinnern,
-wenn man die Absturzstelle finden will, von der Dubois in sein
-„<span class="antiqua">Ignorabimus</span>“ <em class="gesperrt">fiel</em>. Es schadet aber heute überhaupt
-nichts, einen Moment bei ihm stehen zu bleiben.</p>
-
-<p>Wenn man aus der Perspektive jetzt von hundert Jahren auf Johannes
-Müller schaut, so meint man wohl, man könne ihn gar nicht mehr allein
-sehen. Er erscheint in einem Gedränge, nur einen Kopf hoch vorragend,
-wie die großen Männer auf offiziellen Treppenhaus-Dekorationen, die
-gerade so weit vorkommen, daß man noch den Orden <span class="antiqua">Pour le mérite</span>
-unter der Halsbinde sieht. Er war das Haupt einer Schule, und das
-Charakteristische dieser Schule war, daß die Besten darin doch so auf
-eigene Façon selig und berühmt wurden, daß man sie nicht als Schüler
-zu verrechnen pflegt. Neben Dubois gehörte Haeckel dazu. Ein dritter,
-Schwann, entdeckte in seinen Arbeitsräumen die tierische Zelle, eine
-Leistung, nach der man die ganze Physiologie des 19. Jahrhunderts
-allein benennen könnte, wenn eine einzelne Entdeckertat den Ausschlag
-geben soll.</p>
-
-<p>In unsagbar armseligen Räumen, bei einem Assistentengehalt zum
-Verhungern.</p>
-
-<p>Aber es war noch die große Zeit, wo die Leistungen wirklich genau im
-umgekehrten Verhältnis zu Größe und Prunk der Institute standen, wie
-Haeckel es gelegentlich ausgedrückt hat. Bei Claude Bernard in Paris
-sah es noch schlimmer aus.</p>
-
-<p>Nimmt man hinzu, daß Müllers dauerndstes Werk ein zusammenfassendes,
-rückschauendes Kompendium seiner Wissenschaft war, so könnte man
-versucht sein, ihn bloß für eine Übergangsgestalt zu halten, wie sie
-in der offiziellen Geschichte der Wissenschaften imponierende Namen
-bewahren, als Vermittler wirklich viel getan haben, aber für die
-eigentlich geistige Innenlinie doch zurücktreten. Das trifft aber hier
-gerade den Kern nicht.</p>
-
-<p>Johannes Müller war seiner echtesten Art nach ein durchaus einsamer
-Mensch. Ein einsamer Kämpfer, Auge in Auge bloß für sich mit dem großen
-Rätsel. Seine Wissenschaft, die<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Wissenschaft vom Leben, war ihm nicht
-ein Paragraph, den man elegant weiter gab, sondern dieses Rätsel.</p>
-
-<p>Es ist merkwürdig, wie einstimmig seine großen Schüler ihn alle gelobt
-haben, von den verschiedensten Richtungen aus. Das gibt immer eine
-starke Wahrscheinlichkeit dafür, daß, streng genommen, keiner mit ihm
-intim geworden ist; dauernde Bewunderer finden nur Menschen, deren
-Größe etwas Einsames, einen Grund von Undurchdringlichem besessen hat,
-der der Auflösung, der Gewöhnung, dem Banalwerden trotzt. Inmitten der
-unbegrenzten Achtung wird von seinem dämonischen Blick erzählt, den
-niemand ertrug, vor dem die jungen Studenten sich fürchteten. Es war
-der Blick des Adepten, des Gezeichneten für die Einsamkeit.</p>
-
-<p>Solche intensiven, vom Rätselhaften der Welt faszinierten
-Einsamkeitsdenker sind allemal Weltanschauungsfiguren ihres
-Jahrhunderts — viel mehr als Lehrer oder auch als Spezialforscher.</p>
-
-<p>Das Wissen vom Leben war und ist eine Weltanschauungsfrage. Um die
-Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war Johannes Müller der unbestritten
-gründlichste Denker über das Leben. Er war nicht ein Physiologe,
-sondern der Physiologe seiner Zeit. Ganz scharf kennzeichnet sich die
-Epoche, die sein Name beherrscht, in der Geschichte des menschlichen
-Denkens, scharf wie wenige.</p>
-
-<p>Mit „Natur“ als Losungswort hatte das Jahrhundert schon eingesetzt.
-Aber es kam zuerst in der Zusammensetzung „Natur-Philosophie“. Das
-Abendrot der großen idealistischen, ästhetisierenden Denkperiode, die
-tief ins achtzehnte Jahrhundert zurückreicht, flammte darin um das neue
-Wort.</p>
-
-<p>Dann wenden sich die Dinge. Es beginnt die umgekehrt scharf
-realistische Periode. Zunächst mit einem bleiernen, kreidigen
-Morgenvorschein. In ihm prägt sich das Wort um in „Natur-Wissenschaft“.</p>
-
-<p>Auf der Wende dieser beiden Perioden aber steht vor dem Begriffe
-„Leben“ Johannes Müller.</p>
-
-<p>Das Typische in ihm ist, daß er seiner Liebe nach noch<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> ganz
-Naturphilosoph der Hegel-Schelling-Fichte-Schillerschen Epoche war. Er
-wollte dieser Naturphilosophie in der Physiologie bloß einen besseren,
-einen dauerhafteren Untergrund bauen. Als der Neubau aber dastand, war
-er für die ganze junge Generation, die sich plötzlich unter ihm sah,
-ganz etwas anderes als bloß ein neues Fundament.</p>
-
-<p>Das ganze Abendrot schien hinter ihm untergegangen: gerade sein
-Schatten selbst aber erzeugte nach vorne in voller Kraft jenes neue
-kreidige, unbestimmte Dämmerlicht eines kühlen Frühmorgens.</p>
-
-<p>Müller war seinem innerlichen Ausgangspunkte, seinem Temperamentspunkte
-nach noch eine durch und durch religiöse Natur.</p>
-
-<p>Er glaubte an Zwecke, Ziele in der Welt, an einen Sinn der Welt. Die
-Teleologie steckte seinem Denken im Blut ohne Hehl.</p>
-
-<p>Aber ebenso konsequent neigte er von Anfang an dazu, diese Zwecke,
-Ziele, diesen ganzen „Sinn“ für eine wissenschaftliche Betrachtung
-<em class="gesperrt">innerhalb</em> des <em class="gesperrt">naturgesetzlichen</em> Zusammenhanges der Welt
-zu suchen, oder eigentlich noch besser gesagt: identisch damit. Alles
-war kausal verknüpft. Aber diese Reihe der Kausalität war von Anfang an
-so gelegt, daß ein Ziel, ein Sinn schließlich herauskamen. Teleologie
-und Kausalität lagen sich nicht in den Haaren, sondern standen vor
-genau der gleichen Sachfolge. Die kausale Betrachtung sah bloß auf die
-Art der Verknüpfung, die teleologische auf das Endergebnis. Mochte
-man nun im praktischen Bedarf die Teleologie mehr der Philosophie
-überantworten und die exakte Naturforschung enger auf die rein kausale
-Schau einstellen: das war eine Bequemlichkeitsfrage menschlicher
-Arbeitsteilung — für Müller selbst bedeutete es jedenfalls keinen
-ernsthaften Riß.</p>
-
-<p>So weit seine verwickelte Persönlichkeit überhaupt durchsichtig ist,
-ist auch diese idealistische Stellung zu den Dingen bei ihm klar.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p>
-
-<p>Und mit solchen Gesinnungen betrat er nun sein Spezialgebiet, — das
-Leben.</p>
-
-<p>Herrschend auf diesem Boden fand er den Begriff der „Lebenskraft“. Der
-ganze Johannes Müller als Physiologe taucht auf, wenn man dieses Wort
-ausspricht.</p>
-
-<p>Das ungefähr war das Dogma der Physiologie, wie er es erhielt: zwischen
-dem Lebendigen und Toten gähnt eine unüberbrückbare Kluft; im Bereich
-des Leblosen herrschen die Kräfte der Chemie und Physik; im Lebendigen
-gelten diese zwar auch, aber über ihnen steht noch ein Geheimprinzip,
-das sie meistert, ein Genius, dem sie untertan sind; und diesem
-Prinzip wird das eigentlich Merkwürdige des „Lebens“ verdankt; geben
-wir ihm also danach seinen Namen: — die „Lebenskraft“. Im Büchlein
-vom „Rhodischen Genius“ hat der junge Alexander von Humboldt (noch
-in Schillers „Horen“!) die Lebenskraft geradezu so als persönlichen
-„Genius“ geschildert, der die chemisch-physikalischen Kräfte in
-Sklavenfesseln hält, so lange der Organismus „lebt“. Stirbt der Genius,
-so fallen die entfesselten rohen Kräfte über den toten Leib her.</p>
-
-<p>Im Grunde war diese Lebenskraft, wie sie Müller erhielt, ein Knäuel
-teils sich klärender, teils aber auch noch hochgradig unklarer
-Definitionen und Auffassungen. Subjektive und objektive Anschauung,
-Seelisches und Mechanisches, Innen und Außen, Zweck und Folge, freier
-Wille und kausal gebundene Kraft, alles Mögliche und Unmögliche war in
-den Winkel dieses Wortes zusammengekehrt. Es schien fast eine Forderung
-über Menschenkraft, aus diesem Wirrwarr praktisch aufzutauchen, das nur
-geschichtlich zu begreifen war.</p>
-
-<p>Nun, Müller acceptierte zunächst ruhig das Wort. Was an ihm
-naturphilosophisch etwa im Sinne der Schellingschen Epoche war,
-schreckte ihn, den Naturphilosophen aus Neigung, ganz und gar nicht.
-Kaum einer hat in dieser Hinsicht die Lebenskraft „mystischer“ gefaßt,
-als grade er. Als ein unbewußt zweckmäßig schaffendes, dämonisches
-Grundprinzip der<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> lebendigen Natur erschien sie ihm, mit dem wir
-bei dem absolut Geheimnisvollen standen, das selber überhaupt keine
-Diskussion vom exakten Boden aus zuließ. Den leibhaftigen Finger Gottes
-glaubt man manchmal aus seinen Definitionen herauslangen zu sehen.</p>
-
-<p>Und doch machte er eine einzige, eine scheinbar ganz kleine Konzession,
-eine kleine Bedingung, die aber eigentlich die ganze Schlachtlinie
-veränderte.</p>
-
-<p>Lebens-<em class="gesperrt">Kraft</em> lautete das Wort. Das Leben sollte etwas sein, was
-über den gewöhnlichen Kräften der Chemie und Physik stand. Aber indem
-man den Lebensgenius auch selber grade „Lebens<em class="gesperrt">kraft</em>“ taufte,
-hatte man ganz in der Stille dabei ihm doch schon ein eigentümliches
-Röcklein angetan. Man hatte dem Leben eben doch auch schon mitten in
-allen mystischen Definitionen selber einen gewissen Charakter einer
-„Kraft“ beigelegt. Mochte es eine „besondere“ Kraft sein. Eine Kraft,
-die stärker war als alle anderen, eine wahrhafte Meisterkraft. Es blieb
-die Definition als irgend eine Sorte doch auch von „Kraft“, also im
-Sinne bloß eines Gradunterschiedes.</p>
-
-<p>Mochten die Erfinder des Wortes über die Kraftdefinition hinweg
-noch so viel Apartes an geistigen Werten hineingebraut haben: das
-Wort bewies, daß sie doch nach einer Seite im Innersten schon mit
-dem Zuge der Zeit gegangen waren, — einer Zeit, die dem einfachen
-mechanischen Kraftbegriff täglich mehr technische Triumphe und logische
-Vereinfachungen auf allen Wissensgebieten verdankte.</p>
-
-<p>Ganz still steckte, halb unbewußt, der Wunsch schon in dem Worte, mit
-dem einfachen objektiven mechanischen Kraftbegriff halt doch auch
-ins Leben selber hineinzuarbeiten, — gewisse Vorgänge dieses Lebens
-aufzulösen in eine letzte, oberste „Kraft“, die zwar scheinbar über
-allen gewöhnlichen Physikkräften stand, aber in Wahrheit die Teufel
-doch nur austrieb durch Beelzebub, der Teufel Obersten, — eben als
-Lebenskraft.</p>
-
-<p>Und ohne nun in das Gewebe der Grunddefinitionen selber<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> von hier
-weiter einzudringen, zog doch Müller eine wirklich sehr einfache
-Wort-Konsequenz.</p>
-
-<p>Die sichtbaren Äußerungen der Lebenskraft, meint er, treten uns
-wissenschaftlich exakt doch immer nur wieder in echten mechanischen
-Wirkungen vor Augen, bei deren Beschreibung wir keinen Moment die
-Sphäre der anderen exakten Wissenschaften zu verlassen brauchen. Und
-die einfachste, zweckmäßigste Methode der Forschung bleibt also auch
-in der Physiologie die, daß man als das Wahrscheinliche zunächst
-stets einen rein mechanischen Sachverhalt im gleichen Sinne wie bei
-den Gesetzen der Chemie und Physik annimmt und alle Experimente, alle
-Hypothesen auf ihn allein einstellt.</p>
-
-<p>Wo es galt, Schüler nicht für allgemeine Naturphilosophie, sondern im
-Laboratorium für die schlichte praktische Arbeit zu erziehen, da hat
-Müller stets für diese Konsequenz erzogen.</p>
-
-<p>Einer der „hellsten“ dieser Schüler war aber Emil Dubois-Reymond.</p>
-
-<p>Und seine erste große, an biologische Probleme höherer Ordnung rührende
-Tat war, daß dieser Dubois als so erzogener Müller-Schüler noch einen
-Schritt in der Konsequenz weiter tat.</p>
-
-<p>Er unterfing sich zu sagen: für diese exakte Arbeit, die nur einfache
-mechanische Reihen sucht, ist die Hypothese einer besonderen
-Lebenskraft sogar als solche auch noch entbehrlich. Es genügen als
-Voraussetzung zunächst die bereits bekannten Naturkräfte der Physik.</p>
-
-<p>Dubois versuchte in einem Einzelfall mit großem Glück den Nachweis,
-wie man selbst in der Lehre vom lebendigen Nerv — die Dinge rein
-mechanisch immer angesehen — glatt so durchkomme.</p>
-
-<p>Und Müller lebte noch, als man schon hören konnte: der junge Dubois
-habe die ganze berüchtigte Lebenskraft endgültig ausgeschaltet.</p>
-
-<p>Ja, als „Kraft“ neben der „Kraft“! Im Grunde hatte Dubois nur eine
-letzte Unklarheit aufgehoben. Die Physik war die Lehre von der
-„Kraft“. Was im Leben als Kraftwirkung<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> definierbar war, das gehörte
-also folgerichtig zu ihr von Anfang an. Die Physiologie, soweit sie
-Lehre von Kräften war, mechanischen Kräften, konnte <span class="antiqua">eo ipso</span>
-nur ein Zweig der Physik sein. Die „Lebenskraft“ war nichts anderes,
-als der Komplex physikalischer Bedingungen, die Physik des Lebens.
-Und damit war sie allerdings in ihrer alten Sonderrolle gleichzeitig
-mediatisiert, war, streng genommen, beseitigt eben dadurch, daß die
-Silbe „Kraft“ in ihrem Namen endgültig <em class="gesperrt">ernst</em> genommen wurde.</p>
-
-<p>Bis hierher ist in der Linie von Müller zu Dubois alles logisch
-reinlich.</p>
-
-<p>Nun kam aber bei Dubois eine weitere Linie ins Gewebe, die nicht über
-Müller lief.</p>
-
-<p>Mit seiner ganzen jüngeren Generation segelte er naiv in ein
-Fahrwasser, wohin sich Müller niemals gewagt hätte. Es hieß
-plötzlich: Kraft ist das Generalwort der ganzen „Natur“. Es ist ihre
-Grunddefinition. Natur ist gleich Kraft. Alle Naturforschung ist bloß
-Feststellung von Kraftwirkungen. Es gibt in der Natur nichts als Kraft.
-„Kraft und Stoff“ sagte man gewöhnlich, oder auch einfach Materie;
-das floß zusammen in kleinen Definitionsschwankungen ohne Belang.
-Jedenfalls war für diese Behauptungen Dubois’ Tat noch eine ganz
-andere, mußte eine ganz andere sein. Er hatte ihr auch noch das Stück
-Natur, das wir „Leben“ nannten, für die Allmacht der Kraft, der rein
-kraftbewegten Materie erobert. Man pries ihn, daß er geradezu den Ring
-geschlossen habe.</p>
-
-<p>Und er ging zuerst im vollen Eifer mit. Es gab nichts im Felde des
-Naturforschers als Kraft und Stoff, in schärfster Definition bloß Kraft
-schlechthin, — wie sollte er das nicht anerkennen, den man als den
-Ritter Georg des mystischen Prinzips in der Lebenskraft ehrte, der der
-Physik endgültig das Tor auch des Lebens aufgetan!</p>
-
-<p>Und doch. Auch dieser Mann griff sich eines Tages an die Stirn. Alte
-Reminiszenzen erwachten.</p>
-
-<p>Die „Lebenskraft“, wie sie Müller lehrte, hatte ja doch noch etwas
-<em class="gesperrt">mehr</em> umfaßt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p>
-
-<p>Auch die Tatsachen der Empfindung, des Bewußtseins!</p>
-
-<p>Nicht bloß das: „Es schwingt etwas mechanisch rechts oder links“;
-sondern auch „Ich rieche Rosenduft; ich sehe Rosenrot; ich denke Rose.“</p>
-
-<p>Wo war das jetzt?</p>
-
-<p>Die ganze „Natur“ war bloß Materie. Die Definition dieser Materie
-sprach bloß von Kräften, Schwingungen, mechanischen Ketten. Auch die
-lebenden Wesen steckten als Natur in dieser Definition. Von Empfinden,
-von Denken aber war schlechterdings nichts in der Definition gegeben.
-Keine Brücke führte von „Es schwingt so oder so“ zu: „Ich denke.“
-Dort war <span class="antiqua">A</span>&#160;=&#160;<span class="antiqua">A</span>. Hier <span class="antiqua">B</span>&#160;=&#160;<span class="antiqua">B</span>. Aber niemals
-wurde <span class="antiqua">A</span>&#160;=&#160;<span class="antiqua">B</span>. Und nun diese grenzenlose Kalamität: wir
-<em class="gesperrt">dachten doch</em>&#160;....! „Und dennoch spukt’s in Tegel,“ heißt es im
-Faust.</p>
-
-<p>An dieser Stelle kommt Dubois’ Saltomortale. Die Natur ist nur Materie.
-Wir sind Natur. Folglich nur Materie. Materie denkt nicht. Wir denken.
-Folglich ist hier <span class="antiqua">A</span> nicht gleich <span class="antiqua">A</span>. <span class="antiqua">A</span>&#160;=&#160;<span class="antiqua">A</span>
-ist aber der Grundsatz aller Logik, alles Erkennens. Er liegt hier
-„unter den Hufen der Pferde“. Das kann kein Menschenverstand mehr
-lösen. <span class="antiqua">Ignorabimus!</span> Unsere Weltdefinition führt auf Ignorabimus.
-Folglich sind wir große tragische Nichtweiterkönner, die sich mit
-Stoizismus, grandios deklamierend wie Shakespearesche Helden in ihren
-Gedanken-Dolch stürzen müssen.</p>
-
-<p>Oder, sagt der Herr Pfarrer, Euer ganzes Naturforschen ist Dunst, mit
-Eurer „Natur“ ist es trotz aller Worte nichts, werft die Natur über
-Bord, mit der Euch nur der Teufel narrt, und kommt zu — Mir.</p>
-
-<p>Es gibt eine <em class="gesperrt">noch viel einfachere</em> Antwort.</p>
-
-<p>Eure Natur-Definition ist falsch. Natur ist nicht Materie ohne Denken
-— und, weil doch in ihr gedacht wird, ist nicht <span class="antiqua">A</span> gleich nicht
-<span class="antiqua">A</span> und damit der Unsinn Weltregent.</p>
-
-<p>Ihr definiert erst und vergeßt dabei. Alles ist Kraft und Stoff.
-Das Empfinden ist vergessen worden. Und nun fällt euch ein. Es gibt
-doch Empfinden! Aber von Kraft zu Empfinden ist keine Brücke. Und
-nun korrigiert ihr nicht die Ur-Definition,<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> sondern ihr verkündet:
-<span class="antiqua">Ignorabimus</span>. Was ist das für eine Manier!</p>
-
-<p>Ich sehe einen Vogel und erkenne, er hat einen Kopf und einen Schwanz.
-Ich sage: ein Vogel ist ein Ding, das aus Kopf und Schwanz besteht. Nun
-schaue ich durchs Fernrohr und sehe, er hat auch noch Beine. Wie ist
-das möglich, sage ich? Ein Vogel hat nur Kopf und Schwanz. Ein Ding,
-das bloß Kopf und Schwanz hat, kann nicht Beine haben. Und doch ist
-es dasselbe Ding. Hier ist dasselbe also nicht dasselbe. Das ist der
-Bankerott der Logik. Das werden wir nie begreifen. <span class="antiqua">Ignorabimus.</span></p>
-
-<p>Gewiß werden wir nie begreifen, wie eine nicht als subjektiv
-empfindend, sondern bloß als objektive Kraftwelle definierte Materie
-empfinden und denken kann! Wir werden es so wenig begreifen, wie wir je
-begreifen werden, daß blau rot ist oder zweimal zwei fünf.</p>
-
-<p>Wenn ich die Tatsachen des Bewußtseins ausschließe aus meiner
-Generaldefinition der Natur, kann ich natürlich nicht nachher
-verlangen, sie darin wiederzufinden, außer durch ein Wunder, das die
-Logik durchbricht. Und wenn ich unsere ganze Naturforschung (mit
-Recht) auf der Logik aufbaue, so kann ich <em class="gesperrt">dann</em> allerdings nicht
-verlangen, daß sie je an dieses Problem außerhalb der Logik heranreiche.</p>
-
-<p>Damit sind aber die ganzen Tatsachen des Subjektiven, des Empfindens
-und Bewußtwerdens, dieser Naturforschung entrückt.</p>
-
-<p>Wir stehen im Grunde an der gleichen Stelle wie bei Virchow.</p>
-
-<p>Auf der einen Seite fragt sich, wem dieses ungeheure, uns selber
-allenthalben zunächst angehende „außernaturwissenschaftliche“ Feld denn
-in der geistigen Arbeitsteilung ausgeliefert werden soll.</p>
-
-<p>Auf der andern Seite ist fest damit ausgemacht, daß die Naturerkenntnis
-uns <em class="gesperrt">niemals</em> zu einer <em class="gesperrt">Welt</em>anschauung führen kann, denn mit
-einer solchen Lücke umfaßt und deutet man keine „Welt“.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p>
-
-<p>Virchow für sein Teil entschied die erste Frage durch Auslieferung
-des ganzen Bewußtseinsgebiets an „herrschende“ Mächte wie Kirche und
-Staat zu beliebigem Gebrauch; die zweite durch eine tatsächliche
-Achterklärung über jedes Reden von Weltanschauung innerhalb der
-Naturforschung. Dubois ließ es bei der heroischen Bekennerstellung,
-dem an sich vollkommen ehrlichen „Hier stehe ich, ich kann nicht
-anders“ bewenden, konnte aber nicht hindern, daß die Gegner jedes
-Versuchs eines naturwissenschaftlichen Weltbildes an Stelle des
-alten kirchlichen sein Bekenntnis nur noch energischer und extremer
-ausnutzten und ausnutzen in jenem <em class="gesperrt">reaktionären</em> Sinne einer
-Umkehr zum Kirchendogma und einer Bankerotterklärung jeder echten
-Weltanschauung auf dem Wege der Naturforschung und Naturerkenntnis.</p>
-
-<p>— — —</p>
-
-<p>So stehen diese beiden großen Gestalten im Ausgang des 19. Jahrhunderts
-vor uns als Exempel schließlich des gleichen Irrweges.</p>
-
-<p>Beide sind gescheitert im Experiment einer idealistischen
-Natur-Definition, mit der der <em class="gesperrt">ganze</em> Mensch mit all seinem
-Können und Sehnen wieder leben könnte, und beide haben letzten
-Endes nur fortgelenkt von dem großen Ziel einer wirklich positiven
-Natur-Anschauung als der neuen, uns alle wieder erfüllenden und
-befriedigenden Welt-Anschauung.</p>
-
-<p>Lassen wir es uns noch einmal fest gesagt sein: es <em class="gesperrt">ist nichts</em>
-mit einer solchen Weltanschauung, solange wir beständig uns etwas
-<em class="gesperrt">abziehen</em> sollen.</p>
-
-<p>Nie und nimmer kommen wir mit der „Natur“ zu einer Weltanschauung, wenn
-wir die Menschen erst gewöhnen wollen, etwas <em class="gesperrt">aufzugeben</em>, sich an
-etwas Halbes, Lückenhaftes, Fragmentarisches anzupassen.</p>
-
-<p>Eine neue Weltanschauung kann immer nur siegen, indem sie <em class="gesperrt">etwas
-mehr</em> gibt, als alle früheren, indem sie sie alle umgreift und
-überbietet.</p>
-
-<p>Das ist der verhängnisvolle Irrtum, der uns aus den negativen Kämpfen
-gegen das Alte heute noch nachschleift:<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> daß wir fortan in einer
-kahleren, einer kälteren, einer selber vom Negativen allenthalben
-eroberten Weltanschauung hausen sollten.</p>
-
-<p>Gewiß: wenn wir in ihren Mittelpunkt ein <em class="gesperrt">Stück</em> Natur bloß
-setzen, ein abgezehrtes Gerippstück, gewonnen durch lauter Abzüge,
-anstatt des Ganzen, was das Wort geben kann und geben soll, dann ist
-davor kein Ausweg. Der Begriff Natur muß aber für alles Wohnungen
-haben, was uns bewegt.</p>
-
-<p>Denn unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse sind nicht verändert, nicht
-plötzlich tot.</p>
-
-<p>Einerlei woher wir stammen: wir <em class="gesperrt">sind</em> Menschen. Kunst, Sitte,
-Liebe, Ideale — das alles <em class="gesperrt">ist</em>, so gut wie Logik ist.</p>
-
-<p>Und wem Du die Welt deuten willst, seine Welt, — dem darfst Du
-nicht beliebig bald das, bald jenes herauswerfen auf Grund eines
-Prokrusteswortes „Natur“.</p>
-
-<p>Dieses Wort, wenn es ganz decken soll, mußt Du auch dem Ganzen wirklich
-anpassen.</p>
-
-<p>Das Subjektive und das Objektive muß hinein, das konventionelle
-„Wirkliche“ und die ständige Möglichkeit des Elementaren, das Jetzt und
-das Empor, das Unvollkommene und der ewige Harmonien-Weg, die Stufe und
-das Ideal, die Folge und der Sinn, der Mensch, der aus glühenden Sonnen
-des Alls sich entwickelt hat und der sich fortentwickelt auf Sonnen des
-Denkens, des höheren Zwecksetzens, des Weltordnens und Weltgenießens,
-des künstlerischen Harmonienschaffens zu.</p>
-
-<p>Wirf das alles über Bord, stelle Dich auf einen großen Sandhaufen,
-sage: in diesem Sande liegen pulverisiert alle Säulen und Statuen
-Griechenlands, und predige dann von diesem neuen Offenbarungshügel
-unter den kalten Sternen als Deine Bergpredigt: <span class="antiqua">Ignorabimus</span>.</p>
-
-<p>Du wirst weit kommen.</p>
-
-<p>Der ärmste Mensch, der auch nur eine einzige tiefe Stunde des
-Innenlebens gehabt hat, da das Elementarische der Dinge auch durch ihn
-gegangen ist — in irgend einer Form, als Liebe<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> oder Kunstintuition
-oder Idealschau oder dämonisches Schicksal: — er wird lachen über Dich
-mit all Deinen Sonnen.</p>
-
-<p>Wenn Du es aber fertig bekommst, ihm in diese Stunde <em class="gesperrt">auch</em> noch
-die Sonnen des Firmaments hineinglühen zu lassen, ihm die goldenen
-Fäden der Entwickelung zu zeigen, die sich von denen spinnen bis
-zu ihm, ihn selber erhöhend bis zu Sternenweiten über alle alten
-Verheißungen seines dunklen Lebens hinaus, — <em class="gesperrt">dann</em> darfst Du ihm
-die Hand auf die Schulter legen und ihn fragen: ob er Dir nicht einmal
-vertrauen will und mit Dir einen neuen Weltengang versuchen will in der
-Hut eines neuen Begriffs, — ob er es einmal versuchen will mit der</p>
-
-<p class="center">Natur.</p>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>AUS DER SCHNEEGRUBE</span> ***</div>
-<div style='text-align:left'>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
-be renamed.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg&#8482; electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG&#8482;
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away&#8212;you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-</div>
-
-<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div>
-<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div>
-<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-To protect the Project Gutenberg&#8482; mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase &#8220;Project
-Gutenberg&#8221;), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg&#8482; License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg&#8482;
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg&#8482; electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person
-or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.B. &#8220;Project Gutenberg&#8221; is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg&#8482; electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg&#8482; electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg&#8482;
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (&#8220;the
-Foundation&#8221; or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg&#8482; electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg&#8482; mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg&#8482;
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg&#8482; name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg&#8482; License when
-you share it without charge with others.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg&#8482; work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg&#8482; License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg&#8482; work (any work
-on which the phrase &#8220;Project Gutenberg&#8221; appears, or with which the
-phrase &#8220;Project Gutenberg&#8221; is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-</div>
-
-<blockquote>
- <div style='display:block; margin:1em 0'>
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
- other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
- whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
- of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
- at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
- are not located in the United States, you will have to check the laws
- of the country where you are located before using this eBook.
- </div>
-</blockquote>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg&#8482; electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase &#8220;Project
-Gutenberg&#8221; associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg&#8482;
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg&#8482; electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg&#8482; License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg&#8482;
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg&#8482;.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg&#8482; License.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg&#8482; work in a format
-other than &#8220;Plain Vanilla ASCII&#8221; or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg&#8482; website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original &#8220;Plain
-Vanilla ASCII&#8221; or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg&#8482; License as specified in paragraph 1.E.1.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg&#8482; works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
-provided that:
-</div>
-
-<div style='margin-left:0.7em;'>
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg&#8482; works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg&#8482; trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, &#8220;Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation.&#8221;
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg&#8482;
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg&#8482;
- works.
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg&#8482; works.
- </div>
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg&#8482; electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg&#8482; trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg&#8482; collection. Despite these efforts, Project Gutenberg&#8482;
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain &#8220;Defects,&#8221; such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the &#8220;Right
-of Replacement or Refund&#8221; described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg&#8482; trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg&#8482; electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you &#8216;AS-IS&#8217;, WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg&#8482;
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
-Defect you cause.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
-</html>
diff --git a/old/69320-h/images/cover.jpg b/old/69320-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 10b6bd7..0000000
--- a/old/69320-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ