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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Aus der Schneegrube - -Author: Wilhelm Bölsche - -Release Date: November 9, 2022 [eBook #69320] - -Language: German - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER SCHNEEGRUBE *** - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit - wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler - wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr - verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; - fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert. - - Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der - folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - fett: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Aus der Schneegrube - - - - - Die Neuauflage des vorliegenden Buches stellt - das erste Werk einer neuen Bücherreihe dar, die - der Verlag unter dem Gesamttitel „Religion und - Weltanschauung“ herausgibt. - - - - - Wilhelm Bölsche - - Aus der Schneegrube - - 14. bis 18. Tausend - - Dresden 1923 - Carl Reißner - - - - -Vorrede. - - -Ist das Herz der modernen Naturforschung eine Schneegrube? Draußen -lachender Frühling -- und im Innern ein kalter Krater, in dem auch dann -nur ein Stück Eiszeit dauert? - -Ich habe in diesem Buche einmal von einem Besuch in den Schneegruben -des Riesengebirges gesprochen: wie da im Näherkommen die vermeintliche -Schneefläche sich als ein Teppich duftender weißer Blüten erwies. - -Wird unsere Zeit diese weißen Blüten wiederfinden ...? - --- -- -- - -Je nachdem, denke ich, wie sich ihr Natur-Begriff allmählich feststellt -und klärt. - -Eine Anzahl Tagebuch-Blätter vereinige ich hier, die wenigstens aus dem -Ringen um diese Frage geboren sind. Sie sind durchaus subjektiv, aber -ich tröste mich mit den schönen Worten, die Goethe einst als „Vorschlag -zur Güte“ in seinen morphologischen Heften gesprochen hat. - -„Die Natur gehört sich selbst an, Wesen dem Wesen; der Mensch gehört -ihr, sie dem Menschen. Wer mit gesunden, offenen, freien Sinnen sich -hineinfühlt, übt sein Recht aus, ebenso das frische Kind als der -ernsteste Betrachter ... Erfahren, schauen, beobachten, betrachten, -verknüpfen, entdecken, erfinden sind Geistestätigkeiten, welche -tausendfältig, einzeln und zusammengenommen, von mehr oder weniger -begabten Menschen ausgeübt werden. Bemerken, sondern, zählen, messen, -wägen sind gleichfalls große Hülfsmittel, durch welche der Mensch -die Natur umfaßt und über sie Herr zu werden sucht, damit er zuletzt -alles zu seinem Nutzen verwende. Von diesen genannten sämtlichen -Wirksamkeiten und vielen anderen verschwisterten hat die gütige -Mutter niemanden ausgeschlossen. Ein Kind, ein Idiot macht wohl eine -Bemerkung, die dem Gewandtesten entgeht und eignet sich von dem großen -Gemeingut heiter, unbewußt, sein beschieden Teil zu.“ - -Während ich diese alten Sätze wieder einmal lese, lächelt mich der -blühende Apfelbaum mit seinem weiß und roten Mädchenantlitz schalkhaft -um die Giebelecke des kleinen Bauernhäusels an, in dem ich meine -Sommermonate im Gebirge verbringe. Die Rotschwänzchen, die unter dem -Dach ihr Nest haben, fliegen aus und ein. Im Talgrund liegt ein blaues -Gewitter; die absteigende Bergwiese steht mit hartem Smaragdgrün -dagegen, unzählige goldene und weiße Blumenpunkte funkeln naß darin; wo -das Weiß der Dolden wie ein Schlänglein zusammenfließt, geht der kleine -Quell leise summend und plätschernd hindurch. - -Ob es sich nicht lohnt, um diese Natur zu ringen, bis sie uns segnet -....? - - Haus Bölsche in Schreiberhau, Juni 1903 - - Wilhelm Bölsche. - - - - -Inhalts-Übersicht. - - - Weihnachtsstimmung. -- Kennt die moderne Weltanschauung noch ein - Weihnachten? -- Die Menschenliebe als Entwickelungsstufe des Alls. - -- Sternenfriede. -- Die Erfüllung unserer Ideale S. 1-6 - - Zusammensturz einer Welt -- und Schönheit. -- Die Entstehung des - Schmerzes. -- Ist Liebe ein Hemmnis? -- Die Kraft der Ideal-Schau - S. 7-15 - - Sturmtag am See. -- „Wir sind umgeben von Geheimnissen.“ -- Der - unergründliche Ratschluß. -- Christi Stellung in der Natur. -- Der - Triumph der Dichtung S. 15-23 - - Herber Frühling. -- Auferstehung in der Geschichte. -- Auferstehung - durch Dichterkraft S. 23-29 - - In der Schneegrube. -- Der Drache. -- Gott-Natur. -- Die Natur - als Minotaurus. -- Ein Versöhnter. -- Vom Geiste des Pessimismus - in unserer Zeit. -- Was „Kraft und Stoff“ angerichtet haben. -- - Der wahre Sinn des Wortes Entwickelung. -- Die Stufen des Gesetzes - und der Liebe. -- „Auge um Auge,“ ~A.~ = ~A.~ -- Die Herrschaft - über die Naturgesetze baut das Liebesreich. -- Naturwende. - -- Das optimistische Weltprinzip S. 29-57 - - Die Rede vom „Zusammenbruch des Darwinismus“. -- Was Darwin wollte. - -- Eine Kosmogonie Goethes. -- Der Entwickelungsbegriff stammt - nicht aus dem Darwinismus. -- Darwin und die Geologie. -- Die - Steinkohlenwälder. -- Die Archäopteryx. -- Pithekanthropus. -- Was - heißt „Wechsel der Verhältnisse“? -- Darwin und die Teleologie. -- - Die Idee eines „Kosmos“. -- Darwin berührt nur den „Weg“, nicht das - „Ziel“. -- Die natürliche Zuchtwahl in unserm Ideenleben. -- Was - wirklich not tut S. 57-92 - - Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze. -- Die Pflanzen als - Eroberer. -- Der Acker von Hilversum. -- Hugo de Vries. -- Variation - und Mutation. -- Ein Botaniker erlebt die Entstehung neuer Arten. - -- Das Ergebnis aus 50000 Nachtkerzen. -- Auf der Suche nach einem - Entwickelungsgesetz. -- Die Geschichte des Axolotl. -- Sprung oder - Entwickelung? -- De Vries führt zu Darwins Idee über den Zweck - zurück. -- Die Teleologie in der Ontogenie. -- Möglichkeit einer - Weltteleologie S. 132-152 - - Die Zeit-Frage. -- Die Krakatau-Explosion und ein botanisches - Ergebnis. -- Treubs Entdeckung. -- Wie das Leben die Erde erobert - hat. -- Im Erdinnern. -- Die Angst vor den Millionen. -- Ein - Experiment Buffons. -- Werners Wasserweisheit. -- Hutton als - Zeit-Forderer. -- Goethe als Geologe. -- Lyell und Hoff. -- Die - Biologie mischt sich ein. -- Die Rechnung erreicht die Milliarde. -- - Thomsons exakte Rechnung mißlingt. -- Sehr viel Zeit als Resultat - S. 152-172 - - Die erste Epoche des Darwinismus wird historisch. -- Weismann - schreibt sein Testament. -- Äußere und innere Zuchtwahl. -- Von - Nägeli bis zu Roux. -- Wo Weismann resigniert S. 173-183 - - Rückblick auf Haeckel. -- Persönliche Erinnerungen. -- Vogt. -- Ein - Schülerbund, der die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ liest. -- - Darwinismus und Sozialdemokratie. -- Vorträge über Darwinismus bei - Arbeitern. -- Die „Freie Bühne“. -- Die Gründung der Gesellschaft für - „Ethische Kultur“. -- Was ist Wahrheit? S. 183-191 - - Was wollt ihr gegen Darwin setzen? -- Vielleicht den Spiritismus? -- - Eine eigene Sitzung mit Valeska Töpfer. -- Das redende Kästchen. -- - Entlarvung des Schwindels. -- Der Geist Abila. -- Grauen vor einer - Weltanschauung aus solcher „Möglichkeit“ S. 191-217 - - Was wir dagegen wirklich brauchen. -- Ein Mann wie Fechner. -- - Fechners Hypothesen zum Naturbegriff. -- Die echten offenen - Möglichkeiten S. 217-230 - - Der Kampf um den Begriff „Wirklichkeit“. -- Das 19. Jahrhundert in - seiner Stärke. -- Das soziale Moment in unserer „Wirklichkeit“. -- - Geschichtlicher Rückblick. -- Der Triumph des Werkzeugs. -- Die Idee - der „Kultur“. -- Der Mensch erobert sich selbst. -- Der Himmel auf - Erden. -- Aber die Kehrseite. -- Die Sklavenkette der „Wirklichkeit“. - -- Der Mensch als Spiegelplättchen. -- Die tote Maschine als das - Absolute. -- Das Individuum als Nichts. -- Der „Normalmensch“. -- - Anprall gegen die Kunst. -- Man weiß mit dem Ästhetischen nichts mehr - anzufangen. -- Das Künstlergenie als angebliche Störung des Normalen. - -- Triumph der Lombrosos. -- Die Kunst zeigt sich selbst ergriffen. - -- Experimente des Naturalismus. -- Höhepunkt und Sturz des falschen - Prinzips. -- Die Kunst als Retterin S. 230-270 - - Waldeinsamkeit. -- Der Automat am Bahndamm und das Pfingstwunder. - -- Der Gegensatz des Automatischen und Elementaren. -- Vom ewigen - Pfingsten des Geschehens. -- Pfingsten in der Entwickelung. -- Der - Mensch als das Genie der Natur. -- Er steht im Aufmerksamkeitsfelde. - -- Entlastungen im Automatischen S. 270-278 - - Die Geschichte der Menschheit ist Pfingstgeschichte. -- Vom Pfingsten - der Kunst. -- Im Trüffel-Lande. -- Die Höhlen des Vezère-Tals. - -- Was der Mensch noch gesehen hat. -- Verschollene Tiere. -- - Phantasie-Tiere. -- Wie der Mensch stilisiert. -- Der Tintenfisch von - Mykenä. -- Der Altar von Pergamon. -- Bakairi-Kunst. -- Urwurzeln - von Realismus und Idealismus. -- Wie weit der Mensch zurückgeht. -- - Als Zeitgenosse des Mammut. -- Als Zeitgenosse des Alt-Elefanten und - des Süd-Elefanten. -- Der Mensch in der Auvergne bei Dinotherium und - Hipparion. -- Die gefälschten Tierbilder. -- Das erste Mammut-Bild. - -- Zweifel -- Jetzt die neuen Höhlen -- Wandgemälde. -- Echte - Darstellungen des Mammut S. 278-312 - - Woran man die Charaktergestalten unserer Naturforscher messen wird. - -- Virchows Stellung zum Naturbegriff. -- Ein Zeitalter Virchows? -- - Seine Größe. -- Virchows Denkmal, das er sich selbst geschaffen. -- - Die Kehrseite der Medaille. -- Imponderabilien der Naturforschung. - -- Virchows Widerstreben gegen Weltanschauung. -- Der Salto mortale - des Idealisten. -- Individuelle Tragik. -- Verhängnisvolle Folgen - S. 313-327 - - Dubois-Reymond als Parallelgestalt. -- Voraussetzungen und Folgen des - „~Ignorabimus~“. -- Der Standpunkt Johannes Müllers. -- Sturz der - Lebenskraft. -- Der entscheidende Irrtum bei Dubois. -- Zusammenbruch - des Naturbegriffs bei Virchow und Dubois-Reymond. -- Das wahre Ziel - S. 327-346 - - - - - (Friedrichshagen. Weihnachten.) - - -Der Orion schwimmt mit seinen weißen und rötlichen Sternenblüten über -dem schwarzen Kiefernforst herauf. - -Still und starr steht dieser wetterharte Wald da mit seinen kalten -Stämmen, das Geheimnis seines rastlosen Eigenlebens tief verschlossen -im unsichtbaren Innern. - -Und diese ungeheuren Sternbilder folgen dem Umschwung der Erde mit -ihrer mathematischen Strenge, heute wie sonst, all ihre Rätsel bergend -in den paar bunten Lichtpünktchen, die aus der Weltraumsnacht funkeln -wie die Augen im Dunkel umgehender Raubtiere. Ist Deine Weltanschauung -stark genug, Weihnachten noch zu ertragen ...? - -Was sind diesen Sternen des Naturforschers unsere kleinen -Menschenfeste! Als das Geschlecht der Nadelhölzer jung war, räuberte -der Ichthyosaurus im deutschen Korallenmeer, und die alte Erde mußte -noch öfter als zwölfmillionenmal um die Sonne laufen, ehe das kleine -Menschlein aus seiner Höhle kroch. Als der rote Stern Beteigeuze dort -im Orion weiß war, bestand diese ganze Erde wohl noch nicht, und die -Sonne war ein verwaschener Nebel. Wenn er dermaleinst herabgebrannt -ist zu schwankender Nachtglut wie Mira, der Wunderstern im Walfisch, -der nur noch periodisch aufglimmt und wieder erlischt -- dann wird -diese Sonne vielleicht längst wieder verschwunden sein und das letzte -Teilchen eines irdischen Nadelholzstammes wird ein Kohlenstäubchen in -einem eiskalten Meteorblock sein, der irgendwo in einem anderen System -als heimatloser Fremdling landet. - -Was will vor solcher Perspektive bestehen! - -Auf solchen Urweltsbaum kleben wir unsere lieben lustigen -Weihnachtskerzen. Aus Flittergold pflanzen wir ein Bildchen darauf, -geformt nach der Zickzackarabeske eines solchen Weltraumsterns, dessen -Lichtpunkt in unserer Atmosphäre zittert -- wir Eintagsfliegen zwischen -Äonen der Zeit und Siriusweiten. - -Und wir träumen, daß unter diesen Kerzen und diesem Stern das ewige -Menschenkind in seiner Krippe liege -- und daß die ewige Liebe von -hier als unhemmbares warmes Lichtband durch die Welten ströme. Durch -den kalten Raum, wo die Eisenmeteore sausen und die Kometen zur Sonne -stürzen und alle paar Billionen Meilen ein einsamer Weltkörper sich -dreht, immer dreht und dreht durch die Jahresfolge der Billionen ... - -Es ist die große Anschlußfrage unserer Zeit, die hier erklingt. - -Das Alte sollen wir retten. Und das Neue soll doch hinzu. Wo ist die -Brücke? - -Mein Auge, mein kleines Menschenauge in dieser Weihnachtsnacht der -Menschenliebe, bohrt sich ein in den roten Stern des Orion mit seinem -inbrünstigen Sehnen. Wie seltsam, daß ich diesen Stern doch sehen kann, -mit diesem schwachen Menschenauge! - -Es muß doch ein Verwandtes sein zwischen dem Stern und mir. Ich weiß: -wenn ich dort wäre und ganz scharfe Augen hätte -- als ganz kleines -Lichtpünktchen dieser Art erschiene unsere Sonnenwelt auch dort. Die -gleiche Lichtpost geht her wie hin. In diesem Licht steckt unsere -Einheit. - -Aber Licht, nur Licht! Wie weit ist das von der Menschenliebe. - -Und doch: dieses Licht ist ein Zauber ohnegleichen. Es kündet mir, daß -alle diese Sterne aus den gleichen Elementen aufgebaut sind wie die -Erde, wie der Kieferbaum, wie ich selbst. Aus den winzigen Regungen -dieses Lichtpünktchens lese ich in der untrüglichen Sicherheit eines -ewigen Dokuments, daß dieser Stern und alle dort nach denselben -Gesetzen der Schwere sich bewegen, nach denselben Gesetzen des Lichtes -Wellenzüge entsenden durch den Äther, kraft deren auch mein Christbaum -hier leise rauschend über meinem festlichen Tische schwebt, kraft deren -meine dreißig Kerzen hier leise knisternd ihr Weihelicht ergießen. - -Und ich fühle den starken Weltenarm auf einmal, den uralten, -urgewaltigen, in dem wir beide ruhen, mein roter Stern dort und -ich, mein Weihnachtsbaum im engen Erdenhause und der grenzenlose -Sternenweihnachtsbaum am schwarzblauen Firmament der Winternacht. - -Wie wunderbar ist der schlichte Gedanke, daß auch die Menschenliebe, -daß die schlichte Forderung, wie sie das Evangelium ausspricht, in der -ewigen Gesetzmäßigkeit des Alls steht! - -Ein urgesetztes Werden kommt herauf aus dem Grau des Unbekannten. Es -formt sich als Sonne, erzeugt Planeten. Auf einem solchen Planeten -blaut ein Meer, aus dem Wasser heben sich Inseln. In der kristallenen -Tiefe, dann am feuchten Rand der Klippe entfaltet sich Leben. Tieraugen -öffnen sich zum Licht, Pflanzengrün atmet in der Sonne. Unter einem -solchen grünen Baum schlägt zuletzt der Mensch seine herrlichen -Lichtaugen auf. Wie ein Tier ringt dieser Mensch anfangs noch -blutig-wild um seine Existenz. Aber im Banne seiner höheren, vertieften -Lichtsehnsucht steigen Marmortempel auf mit Gebilden der Kunst. Und -auf einer höchsten Stufe, noch umbrandet von tausendfachem Sturm, aber -sieghaft wie das einsame Lämpchen der Krippe in der Wüste, gibt der -Mensch auf seinem rastlos rollenden Planeten sich selbst ein neues -Gesetz. Es soll nicht mehr gelten: Auge um Auge, Zahn um Zahn -- die -alte, einfache, mathematisch strenge Gleichungsformel des Naturkampfes. -Siebenmal siebenmal soll jetzt die Schuld vergeben werden. Im Nächsten -sollst Du Dich selbst erkennen und heiligen. Das bist Du, lehrt -Dich der Inder schon zu allem sagen. Erkenne Dich selbst, predigt -der Grieche -- Dich selbst in allem, was um Dich ist. Nun heißt es: -Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Stunde, da diese Weisheit -endlich Wort wurde und in einer Menschenwiege lag, feiern wir als -Weihnachtsfest. - -Das alles aber mußte kommen nach ganz fester Naturgesetzlichkeit. - -Es lag in den Urelementen dieser unserer Sonnenwelt schon, daß es so -werden mußte. - -Was siehst Du aber brennen in den tausend und tausend Sternen dort? -Tausend- und tausendmal die gleichen Urelemente, bewegt von der -gleichen Gesetzlichkeit. Jede dieser Welten, wenn ihre Stunde erfüllt -ist, muß durch ihre gleichen Hauptstufen wandern. Jede muß ihre Station -erklimmen der Intelligenz, des Lichthungers im Geist. Mögen die äußeren -Formen tausend- und tausendfach verschiedene sein: die Grundlinien -werden sich nie verleugnen können. - -Es ist ein altes Wort, daß in aller Intelligenz, auf so verschiedenen -Welten unseres Alls sie nun erblühe, immer gewisse mathematische -Grundanschauungen gemeinsam sein müßten. Ein Mensch der Erde und -ein Intelligenzwesen des Orion würden sich in einer Sprache sofort -verstehen: nämlich, daß die Summe der Winkel im Dreieck gleich zwei -rechten sei, oder daß der pythagoreische Lehrsatz gelte. In diesem -Worte liegt ein tiefes Heil. Denn zu diesem ewigen Gemeingut muß auf -einer bestimmten Stufe zweifellos auch der schlichte, der wirklich -mathematisch schlichte Kerngedanke der Menschenliebe gehören: der -ganz einfache Schluß, daß wir alle weiter kommen, wenn wir uns -nicht totschlagen und auffressen; daß wir das Schlechte besser -ausrotten durch tätige Gegenliebe als durch Haß; daß wir groß sind, -menschheitsgroß, weltengroß, wenn wir in allen uns selbst sehen, -winzig, ein Stäubchen im Sturm, wenn wir uns trotzig isolieren. - -Wenn die Wesen von Milliarden Sternen sich nie begegnen werden (was -wir ja auch nicht wissen, schließlich!) -- milliardenmal müssen -sie doch in jedem System, auf jeder rollenden Kugel für sich diese -schlichte Gesetzmäßigkeit des Evangeliums finden, so gut wie sie den -pythagoreischen Lehrsatz in irgend einer Form, und mögen sie ihn -nennen, wie sie wollen, finden werden. - -Und wenn Jahrtausende ihnen dann wandern über den Tag, da zum ersten -Mal diese obere Mathematik der Liebe ihnen klar wurde: sie alle werden -auch ein Symbol dann suchen und besitzen für die Gnade dieses Tags --- sie werden ihre „Krippe“ haben und ihren „Weihnachtsbaum“, in den -Bildern eben und Gedankengängen ihres Sterns. - -Ein symbolischer Christbaum in diesem Sinne muß ragen durch den ganzen, -ganzen Weltraum, so weit die Schwere wandert und das Licht wandert, -kurz, so weit die Gesetzmäßigkeit wandert, die aus gleichen Ursachen -gleiche Wirkungen schafft. - -Jedes Lichtpünktchen, das von einer Sonne bis zu uns hernieder Kunde -gibt, das im Prisma sich zum Spektrum unserer irdischen Elemente bricht -und damit auf die gleiche Grundlage weist, -- es hat eine tiefste -Beziehung zu diesem unaufhaltsamen Weihnachtsprozeß aller kosmischen -Entwickelungen. Mit eigener Symbolik gesprochen: es ist eine Kerze am -Weihnachtsbaum. - -Stille Nacht, heilige Nacht. - -Es geht mehr durch dieses schwarzblaue Firmament da oben als bloß -Meteorsplitter und Kometen. Auch von Weltkörper zu Weltkörper rauscht -auf den Flügeln der Gesetzmäßigkeit das ewige „Das bist Du“ und -„Erkenne Dich selbst“. Und wieder auf der Flugbahn dieses ewigen -Imperativs geht der Glaube mit an die Erlösung durch das höhere Gesetz, -das Gesetz des oberen Geistesstockwerks -- der Glaube an den endlichen -„Sternenfrieden“ in dieser ganzen unermeßlichen Zersplitterung der -Schöpfung, in der die Welten durch den uferlosen Raum wirbeln wie -silberner Staub. - -Friede auf Erden! - -Hat dieser Glaube wirklich schon Weltenflügel? - -Wenn die Sterne über Dir brennen, schleierlos, mit der ganzen Majestät -des grenzenlos Wirklichen ... und Du sagst Dir, daß diese kleine Erde -mit ihren paar Millionen intelligenter Wesen noch bebt unter dem -Getümmel unausgesetzten Kampfes ...! - -Wird auch nur auf Erden dieser rohe Kampf je enden, wird eingehen in -einen reinen, freudigen Waffengang der Intelligenz unter Herrschaft der -Menschenliebe? Oder ist nicht schon dieses Ideal zu groß -- zu groß -über alle Kraft der Naturgesetzlichkeit hinaus ... - -Der Nachtwind rauscht leise über mir durch die Kiefernzweige. Ich -aber denke, daß auch diese Kiefer einst einmal ein Ideal bloß war im -Weltenschoße. Und doch hat das ewige Werden sie zustande gebracht, mit -dem Wunderbau ihres Zellenleibes, mit all den unsagbaren Feinheiten, -die da keimen, atmen, wachsen, zu hohen Säulen aufsteigen lassen. - -Und auch die Sterne dort waren einmal Ideal, leise vorgeträumte -Fern-Realien. Nichts von ihnen war einmal da als dieses schwebende -Zukunftsbild im Schoße des Urgeheimnisses. Und doch sind sie geworden, -geworden, was sie sind, dieses unbeschreiblich erhabene Himmelsspiel -kreisender Kugeln, die sich in harmonischen Abständen eingestellt -haben, um sich auf Jahrbillionen nicht zu stören, auf daß auf ihren -Planeten die zarte Blüte des Lebens sich entfalte. - -Willst Du der Macht, die +diese+ Ideale sich erfüllen konnte, Schranken -setzen? - -In feierlicher Ruhe brennen die Sterne fort über dem schwarzen Walde, -dem vereisten See. - -Der Blick des Einzelnen auf seinem Planeten aber kehrt zuletzt -friedevoll von aller versöhnten Himmelsschau zurück. Er haftet auf dem -lieben eigenen Weihnachtsbaum. Und er liest in seinen kleinen, trauten -Flämmchen das alte Weltenwort, das vor nun bald zweitausend Jahren -gesagt ist: „Wer mich hat, der hat alles andere auch.“ Jeder in seinem -Kreise erlebt das All. Und in seinen kleinen Weihnachtskerzen brennt -der tiefste Sinn all aller Sterne mit. - - * * * * * - - - - - (Friedrichshagen. Jahreswende zu 1903.) - - -Im Kieferngrunde wollte es schon dunkeln. Aber aus der Richtung des -Sees kriecht noch einmal etwas hinein wie eine braune Dämmerung, -nachträglich, verspätet. - -Diese nackten graden Kiefernstämme treiben ihrem Himmel gegenüber eine -drollige Mimikry. Wenn die Sonne verblutet, werden sie rot wie glühende -Metallpfeiler; wenn das Regenwasser sie genetzt hat und aus dem grauen -Wolkenfenster dann wieder ein blaues Himmelsauge bricht, spiegeln sie -blau; wenn der Himmel in düsterer Nebelbank untergeht, stehen sie -schwarz wie die Masten einer Totenflotte. - -Ich klettere den kurzen Sandhang des Uferwalles empor, hinter dem der -See liegt. - -Auf den Säulen ist hier wirkliche Lichtglut, es ist noch einmal so hell -geworden, daß sie Schatten hinter sich werfen. - -Und jäh bin ich selber im strömenden Quell dieses Lichts. - -Zart violett der leicht beschneite Eisteller unter mir. Drüben -die Berge und das schmale Ufer ein verwischter Rauchstreifen von -intensivem Grün, -- grün bloß durch Lichtzauber, denn es stehen dort -perspektivisch klein nur die gleichen winterdunklen Kiefern wie hier, -in denen selber kein Spangrün ist. Darauf als zweite Farbschicht, -fächerhaft von Westen herauffließend wie das Delta eines ungeheuren -Lichtstromes das brennendste Karminrot. Hoch, hoch empor, bis es -endlich jäh, fast ohne Übergang, als klappe ein Rand um eines -Purpurmantels, umschlägt in ebenso grelles Schwefelgelb. Das stößt zum -Zenith endlich an ein ganz süßes, ganz feines, abendliches und doch -auch noch ungewöhnlich erhelltes Himmelsblau. Rechts und links, wo das -Gelb in das absteigende Blau einfließt, leuchtet noch einmal wie Reflex -auf einer schönen Feder ein magisch zartes und doch auch lichtstarkes -Grün. - -Ich wende mich, und hinter mir über den dunklen Kiefernkronen schwimmt -im blassen Blau der große silberne Mond. Vom Kirchlein in der grau -verträumten sonnenfernsten Seeecke, wo die Spree einmündet, hallen -kurze, harte Klänge über die schalltragende Eisdecke daher. - -Diese wunderbaren Dämmerfarben, die den Heimgang des Jahres seit -Abenden jetzt hier begleiten und zu einem Schauspiel machen, als sei es -irgend ein besonderes Weihejahr, das da in nordlichthafter Glut noch -scheidend gefeiert wird: sie sind schwerlich gewöhnlicher, wie man zu -sagen gelernt hat, normaler Art. - -Wieder einmal mag es Vulkan-Asche sein, die da oben vom Sonnenkuß -brennt gleich den roten Kiefern hier unten und ihr Licht dann noch -einmal zu denen zurückwirft. - -Asche von jenen grauenvollen Schlachtfeldern Mittelamerikas, wo die -Sphinx, die Chimära sich plötzlich auf die armen Menschen geworfen hat, -sie zu Tausenden zu fressen wie im Griechenmärchen. - -Eine Glutwolke verschlingt eine blühende Stadt, brennt den hilflosen -Opfern die Lungen aus. Dann wirft sie ihre Mähne empor, hoch, immer -höher. Bis sie wie ein Ring um die Erde fliegt. Und auf der andern -Seite des Planetenkolosses steigen dem stillen Beschauer über seinem -See und seinem Kiefernfrieden liebliche Farbenwunder auf, ein buntes -Zauberspiel der Luft. Ihn entzückt, was dort verheert hat. Eine -Katastrophe, ein Weltuntergang -- und Schönheit. So war es 1883, als an -der Sunda-Straße der Vulkan Krakatau explodiert war und vierzigtausend -Menschen verschlungen hatte. So jetzt, obwohl nur in kleinem Maße, noch -Martinique. - -Uns aber fangen solche Kontraste an, vertraut zu werden. - -Ein ganzes Sonnensystem platzt, verdampft; und uns ist das ein -blinkendes Sternchen; ein Kind hebt die Händchen danach auf: „Wie -schön! Schenk mir das Silberfünkchen dort zum Spielen!“ Wir gewöhnen -uns, daß jede Entwickelung, jeder Fortschritt, jedes Hübsche, -Interessante, Erlebenswerte der Weltgeschichte erkauft wird durch eine -Folterkammer der ausgesuchtesten Scheußlichkeiten. - -Damit wir zum Sylvesterpunsch von 1903 ein philosophisches Bonmot -sprechen können, sind seit dreitausend Jahren Menschen ersten Ranges -verbrannt, gefoltert, gekreuzigt, von wilden Tieren gefressen worden. - -Daß wir überhaupt sind, daß wir so sind, so weit sind, verdanken wir -einem erbarmungslosen Daseinskampfe, von dessen Blutbad die Geschichte -rot ist wie dieser Abendhimmel. - -Und aus diesem Blutbade zerschmetterter Existenzen steigt nicht bloß -die Schädelpyramide Tamerlans: auch die Sixtinische Madonna und die -Neunte Symphonie steigen heraus, und Iphigenie und der Lehrsatz des -Pythagoras. - -Über Kampf, Tod, Schmerz, Verzweiflung, Folter läuft die Entwickelung. - -Wir haben zuviel gelernt, zu klar sehen gelernt, wir von nunmehr schon -1903, um uns gegen dieses „Weltgesetz“ die Augen zuhalten zu können. - -Ist dieses Gesetz aber nicht doch der Tod aller +Freude+ an der -Entwickelung? - -Der Zweck heiligt das Mittel. Wir begrüßen es als grandiosen -Kulturfortschritt, daß wir diese Jesuitenmoral nicht mehr anerkennen. -Und doch soll das Weltgesetzbuch auf dieser Moral stehen? Dazu all -unser Erkenntnisfortschritt?! - -Wir drehen unsere neue Jahresziffer um ein Jahrhundert rückwärts, auf -1803. - -Es ist das Datum, da Herder uns verließ, der Mann, der zuerst in -der Geschichte der Menschheit nur ein Kapitel gesehen der großen -Sternengeschichte und der zu der Frau von Stein sagte, daß „wir -erst Pflanzen und Tiere gewesen seien“. Es waren die ersten reifen -Gedankenfrüchte, Weltgedanken, Menschheitsgedanken, vom erstarkten Baum -der Forschung. - -Hundert Jahre nochmals zurück hatte Newton über seiner Optik gesessen. - -Noch vor hundert war das Fernrohr erfunden worden. - -Und noch vor hundert fuhr Columbus auf seiner vierten Reise durch das -westindische Meer und erwarb Kopernikus sich die Doktorwürde. - -Dafür aber all diese Erkenntnis, um zu erkennen, daß auch der Mensch -der Natur nur abgepreßt worden ist auf der Folter .... - -Die rote Dämmerungswelle dort hat ihren Höhepunkt erreicht. Rasch -beginnt sie jetzt zurückzuebben. Es ist, als sinke die blaue -Himmelsglocke, selber dabei noch funkelnd, langsam über sie herab, -tiefer und tiefer. - -Ein Schauspiel von wunderbarer Feierlichkeit, dieser stille Kampf der -Lichter an einem Abendhimmel. - -Es ist nicht wahr, daß die Entwickelung immer durch Folterschmerzen -gegangen sei. - -Äonen vor uns ist sie durch immerwährende Verwandlungen vorgeschritten, -in denen noch gar kein Schmerz bestand. Durch unendliche Raumweiten -neben uns arbeitet sie noch immer so. Da ballen sich Welten, entfalten -sich zu harmonischen Systemen. Und werden wieder eingeschmolzen in -noch größere Massenansammlungen. Aus denen arbeitet dann wie eine -tickende Uhr das große Weltgesetz abermals Harmonien und entsprechend -noch umfassendere heraus. Nie erfolgt ein wirklicher Zusammensturz -in der Idee. Denn es muß immer ein Größeres sein, das das Kleine an -sich reißt, in sich auflöst. Größerer Stoff aber: größerer Weg, höhere -Harmonie. Die dann bleibt, bis ein noch größeres System auch dieses -wieder umarmt, zu einer Neuzeugung zwingt. - -In diesen ganzen Naturprozessen außerhalb des Organischen waltet -nicht das, was wir „Schmerz“ nennen. Bausteine fügen sich zu immer -höheren Bauten aneinander, nichts weiter. Wir denken gar nicht an -Schmerzmöglichkeiten. Sollen die Metallteilchen klagen, daß sie ihre -frühere Gravitationslage verlassen, um in ein neues Formgebilde -eingeschmolzen zu werden, in einer neuen Lage in ihm aufzuerstehen? -Mögen aber auf dieser Linie auch ganze Milchstraßen verbrennen wie eine -Wolke Kohlenstaub -- in diesem Wandel waltet immer noch kein Schmerz. -Es waltet der unendliche Gesetzesfrieden wie in dem stillen Wechsel der -Dämmerfarben dort. Niemals wahrer Tod, denn das Gesetz stirbt nie; -immer nur Wandel; und Wandel in Höheres hinein. - - „Da flammt ein blitzendes Verheeren - Dem Pfade vor des Donnerschlags, - Doch Deine Boten, Herr, verehren - Das sanfte Wandeln Deines Tags.“ - -Doch inmitten jetzt dieses grenzenlosen Kosmos-Friedens, in dem ein -Weltuntergang nicht mehr ist als eine in herrlicher Farbenglorie -verblutende Abendsonne: -- das Lebendige. Wenn die Kälte dieses -Winterabends den kleinen Vogel, der dort zwitschert, bis ins Mark faßt, -so bebt er vor Schmerz. Und das begann mit dem ersten zellenartigen -Gallertpünktchen an einer Uferklippe vor vielen Millionen von Jahren. -Und sein Triumph ist der Mensch. Der Triumph der Feinfühligkeit in -Schmerzempfindung. Ein seltsamer -- Triumph. - -Dennoch: welche ungeheure Fortschrittskette im reinen Sinn von -Entwickelung in diesem Stück organischen Lebens. Welcher Umschwung mit -diesem grünen Schimmelhäutchen einer Urweltklippe! - -Auf diesem Häutchen wuchsen schließlich Augen, die das Licht, die -Farben, die Formen der Dinge sahen, das blaue Meer, die Sonne, das -Abendrot und den Sternenhimmel. Und hinter diesen Lichtaugen begann das -Klümpchen grauer Nervensubstanz zu denken, zu schließen, zu folgern. -Die Natur unten hatte immer nur gestreut, Samen der Dinge gestreut und -hatte das Harmoniegesetz grob gewaltsam sieben und sichten lassen. -Jetzt ging aus denkenden Gehirnen und schauenden Augen die höhere Stufe -hervor: die bewußte Zwecksetzung, dieses fabelhafte Spar-Prinzip der -Entwickelung, dieser einzigartige Fortschritt im kleinsten Kraftmaß. -Es durfte dann diese befreite, hier überschüssige Kraft sein, die eine -Kunst, eine Wissenschaft, eine Philosophie, eine Kultur schuf. Und der -Mensch ist es, der diese Krone sich aufs Haupt setzt, der Mensch als -Triumph des sehenden, denkenden, zwecksetzenden Lebens. - -Ein Triumph also doch. Aber erkauft um jenen andern ....? - -Das Glöcklein da drüben ist plötzlich verstummt, wie erstarrt von -der rasch wachsenden Abendkälte. Aber das Eis selber singt und summt -leise fort. Und ich höre eine Stimme der Naturgeister zu den schwarz -ersterbenden Kiefern und dem mondduftigen Himmelsrund herauf. - -Deine Rechnung ist falsch. Du hast ja noch gar nicht erfaßt, was der -Mensch zwischen Lebensschmerz und Sternenfrieden wirklich soll. - -Dieser Mensch ist nicht bloß der einfache Triumph der -Entwickelungslinie, die über das Leben ging. - -Er ist auch ihre Korrektur. - -Er ist die Versöhnung zwischen dem großen Zweck im Leben: dem -Bewußtwerden der Welt, -- und dem furchtbaren Mittel: dem Schmerz. Er -ist der Protest des Weltgesetzes gegen dieses Mittel. - -Zwei Gaben ohnegleichen sind für diese Arbeit in ihn gelegt. - -Die erste ist das Prinzip der Liebe. - -Im Moment, da er als Triumph der Entwickelung die Hand ausstreckt -nach der Naturherrschaft, bricht auch dieses Prinzip mit einer -fortreißenden Elementargewalt aus ihm hervor. Prometheus, der das Feuer -des Himmels, die Naturkraft der Weltallssonnen in einem hohlen Stabe, -einem Menschenwerkzeug, trägt, wird Christus, der seinen Fluch hängt -an jeden, der Schmerz sät. Er predigt die Köstlichkeit, die Heiligkeit -alles Lebendigen. Er lehrt, daß Du selbst in allem bist, in der Lilie, -die Du brichst, und im Wurm, den Dein Fuß zertritt. Aus dem Staube -sollst Du die Opfer ziehen und ihre Wunden verbinden, Du, der sehende -Mensch. - -Natur bist Du und bleibst Du, nichts ist in Dir als Natur. So muß auch -diese Stimme aus der Natur selber kommen, die Stimme einer Einkehr, -einer Umkehr, die ein furchtbares Mittel wieder mildern, wieder -versöhnen will. - -Das Leben zeugte Bewußtsein und damit ein unendliches Entwickelungsfeld -von höherer Art. Aber es zeugte auch den namenlosen Schmerz, der -plötzlich in diese Entwickelung von der Stufe des Lebens an versponnen -schien. Nun glänzt in den Lichtaugen dieses Bewußtseins auf einmal die -Liebe. Die große Entwickelungskorrektur ist im Spiel! Mag Prometheus -jetzt wirklich wachsen, bis er aus der Kraft seines Stabes voll -Sonnen-Energie Planeten bewegt und zu den Sternen fliegt, -- immer wird -der Christus in ihm mit ihm wachsen. Er wird mit dem Leben wandern und -die Schmerzen wieder aufheben, die das Leben schlägt. - -Doch der Mensch hat noch eine zweite Gabe. - -Immer, wenn der Gedanke diese Bahn der Entwickelung quer durch den -Schmerz gehen sah -- und dann die Liebe sah, wie sie den Schmerz wieder -lindern wollte, ist auch das dritte gedacht worden: ob die Liebe nicht -die Entwickelung lähmen müsse? - -Wenn der Fortschritt immer wieder zu einer Bruchstelle führt, die als -Schmerz empfunden wird: muß nicht die Liebe ein Gegner des Fortschritts -sein? - -In hundert Stimmen klingt das schon heute in unsere Zeit hinein. Es -sind die Stimmen der Tolstois, die alle Herrlichkeiten der Kunst und -der Forschung und der Geistes- und Körperfreiheit für nichts achten -um der Liebe willen, -- weil sie doch alle nur wieder Schmerzquellen -öffneten. Und es sind die Stimmen der Nietzsches, die rufen: werde -hart, wenn Du aufwärts willst, -- wer um der weichen Seele willen -zurückschaut, der erstarrt wie das Weib des Lot in der Bibel. - -Wäre die Liebe, die nachträgliche mitleidige Liebe allein gegen die -arbeitende Entwickelung gestellt: kein Zweifel, daß sie allein wirklich -zu einem hemmenden, retardierenden Element werden müßte. Sie würde das -Höhere in seinem Werden hemmen um der Wehen dieses Werdens willen. -Starr würde in ihrer Hand allein die Welt wie dieser vereiste See hier, -starr, stagnierend, konservativ, losgeschaltet vom Frühlingssturm der -Entwickelung. - -Aber im erwachten Menschengeiste lebt noch eine zweite Kraft, die auch -das wieder aufhebt in ein noch höheres hinein. Eine Kraft, die den -Schmerz überwindet in der Entwickelung selbst ohne den Schritt dieser -Entwickelung zu hemmen. - -Es ist die Kraft der Ideal-Schau. - -Es ist die Kraft, die über Linien, über Stufen der Entwickelung selber -hinwegschaut. Die von einer Stufe aus, von einer errungenen Harmonie -aus schon die nächste als „Ideal“ aufsteigen sieht, sonnenhell, -frühlingshaft, im Jugendschein und Lichtschein des Ideals. Und die -sieht, daß der Weg von unserer schon errungenen Wirklichkeit zu diesem -Höheren darüber, zu diesem Ideal, nur führen kann durch eine Lösung, -ein Sinken unseres augenblicklichen Besitzes, -- durch eine kurze -Disharmonie. Die aber diese Disharmonie mit ihrem Schmerz freiwillig -auf sich nimmt, den Blick fest auf der winkenden Goldzinne des Ideals. -„Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ Innerlich ist der -Schmerz vernichtet im Moment, da er aufgenommen ist in die Linie -zum Ideal. Von hier die Freudigkeit, die bis in den Tod reicht, die -Freudigkeit, die den Weisen den Giftbecher trinken und den Heiligen -sein Kreuz tragen läßt, die aus den Augen des Idealschauers leuchtet, -um den schon die Flamme des Scheiterhaufens züngelt. Das Kreuz wird -genommen, weil Du morgen im Paradiese bist. - -Erst mit dieser Ideal-Schau ist der ganze Anschluß wieder da des -sehenden Menschen an die arbeitende Fortschrittslinie der Natur in -seiner Brust. - -Der freiwillige Anschluß. - -Es war der Preis des Sehens: die Forderung dieser Freiwilligkeit. -Mit dem Sehen, mit dem Bewußtsein kam der Schmerz. Er ist erlöst wie -der Fliegende Holländer der Sage, da er freiwillig gewählt wird vom -höchsten Sehen, von der Ideal-Schau, die durch sein Dunkel schon durch -und durch schaut bis auf den brennend roten Streifen der höheren Sonne -hinter ihm .... - -Langsam schritt ich durch den dunklen Wald meinem Hause zu. - -Über den schwarzen Wipfeln brannten die großen Sterne der Winternacht. -Ich dachte an Menschen dieser kleinen Erde, die auf ihrer Sternwarte -ein Menschenleben daran setzten, ein paar winzige Änderungen in den -Bewegungen dieser Gestirne festzustellen, ein winziges Fünkchen nur zum -Geistesfortschritt dieser Menschheit, vielleicht erst in Jahrtausenden -mit tausend andern zu einem kleinen Flämmchen zusammenwachsend. Und -doch Ideal-Schau. - -Und ich dachte an die kleinen frierenden, hungernden Vögelchen in -diesem Walde, -- und daß diese Menschen auf ihre Fensterschwelle -Brodkrumen streuen würden, um sie zu sättigen. So weit waltete auch die -Liebe schon. - -Es lohnte sich doch noch, ein neues Jahr anzufangen ... - - - - - (Friedrichshagen. Vor-Ostern.) - - -Über die Wasserfläche geht ein schwerer, kalter Wind. - -Alles liegt in schwarz und braun, der Frühling scheint noch einmal -erstorben. - -Langsam, wie zähe erdfarbige Schollen, treiben die braunen Wellen -vorbei. Bisweilen ist mir, als schaute ich nicht auf einen See, sondern -auf tief zerpflügtes Ackerland. Und durch die Scholle schimmert es -auf Momente wie Bernstein durch. Dann meint das Auge den verlorensten -Grund zu fassen: gelbe Sandbänke der Tiefe, auf denen die Muscheln -und die Kiesel unablässig mitrollen, oder gespenstische schwarze -Streifen Moor. Die Wassersäule scheint plötzlich anzusteigen, sich zu -heben von unten, bis sie platzt und einen Fächer weißer Gischt wirft. -Doch der Blick folgt wieder der Fläche und nun ist es doch bloß das -endlose einförmige Spiel, der flache Zug vor dem Winde, Scholle um -Scholle, eine unabsehbare vorbeirollende halbstarre und doch bewegte -Masse, vorne am Lande tiefbraun, je mehr nach draußen desto mehr ganz -starr und schiefergrau, bis die Berge drüben darauf liegen wie eine -nasse graugrüne Nebelwolke. Ein paar Krähen schweben geisterhaft -kohlschwarz zwischen Himmel und Erde, spähend über den Wassern wie -Raubvögel, unbekümmert um den leise heulenden, schneidend eisigen Wind. -Am Ufer knistern die Erlen, wenn die Welle in das Stelzwerk ihrer -ausgewaschenen Wurzeln schlägt. - -An solchem Tage kommt der Frühling selbst wie ein düsteres Geheimnis. -Der schwärzeste Moorgrund der Dinge ist bewegt. Was wird er ans Ufer -spülen? - -„Wir sind umgeben von Geheimnissen.“ - -Sagt Goethe. - -Feste haben für mich längst aufgehört, etwas anderes zu sein als Tage -des stillen Gedenkens an das Geheimnisvolle aller Menschheits- und -Naturdinge. - -Ich unterscheide rückblickend bei mir drei Stimmungen vor einem solchen -Feste wie Ostern. - -Eine alte, früh überkommene und auch früh verlorene Stimmung der -Gewißheit, wo der Tag in einem festen, bald zweitausend Jahre alten -Weltbild bekräftigte, wo er ein Erinnerungstag an Tatsachen sein sollte. - -Dann eine lange Stimmung des Zweifels, des Unbehagens, die einen -Schatten gerade auf diesen Tag warf, ihn aus einem weichen Feiertag zu -einem harten kämpfenden Alltagstage des Gedankens machen wollte. Bis -dann endlich ein Drittes, ohne daß ich es rief, auch das ablöste. - -An solchem Tage, der vom Reiß in der Winternacht oder von den blauen -Auferstehungsglöckchen der Welt-Frühlingswiese singt oder von den -Geistesflämmchen über Menschenstirnen an einem Tag der Erfüllung, -- -an einem solchen Tage suche ich heute weder einzelne Tatsachen, noch -Tatsachen-Kritik. Ich suche eine Stimmung, die ab und zu ihren Feiertag -verlangt: die Stimmung des Geheimnisses. - -Ich fühle das Bedürfnis, mich still an meinen einsamen See hier zu -setzen und mir zu sagen: Nun tu was Du willst, -- darin steckst Du; -über Deinen eigenen Schatten springst Du nicht; das Geheimnis hat Dich, -heraus kannst Du nicht; also werde fertig, wie Du kannst. - -Im Grunde steckt dieser Begriff des Geheimnisses ja doch auch hinter -all den anderen Standpunkten. Er ist sozusagen jene blaue Tinktur der -Ideenwelt, die der Alchimist für die Metalle suchte, die Ur-Essenz, die -bleibt, wenn man überall die Mischung ablöst. - -Hinter allen dogmatischen Glaubenslehren steht als letzte Instanz das -Schicksal, der „unergründliche Ratschluß“. Wenn ich eine Todesanzeige -im hergebrachten Stil lese, so empfinde ich, wo Halt gemacht wird und -wo das anfängt, worin wir alle einig sind: die ~tinctura aurea~ des -Denkens. - -Die Götter Homers haben viel Macht, sie gehen auf Wolken und essen -Ambrosia; aber wenn die Sache ganz aufs größte kommt, wenn sich -entscheiden soll, ob Hektor oder Achill der Sieger ist, woran die ganze -Komposition der Ilias hängt, -- dann losen sie. Schicksal! - -Es ist aber die gleiche Losurne des unsterblichen Dichters, in der -Demokrit nachher seine Atome tanzen ließ. Aus diesem schwarzen -Erlenzweig hier mit seinen üppigen feuchten violetten Blattknospen, in -denen eine so verlangende Frühlingsbrunst nackt aufdrängt, kann ich -die ganze Naturforscherwelt entwickeln, über Pflanzen und Planeten bis -zur Urfrühlingskraft brennender Weltallssonnen; ich glaube persönlich, -daß sie sich wirklich ganz entwickeln läßt, ohne Dualismus und ohne -Eingriffe; aber ich weiß, daß auch zuletzt die Atome in der Urne -schwingen und daß aus fernsten Nebelflecken und Milchstraßen eine -höchst wunderbare mathematische Figur auftaucht, die, ohne Sinus und -Cosinus schlicht in Goethe-Deutsch ausgedrückt, bedeutet: Weltgeheimnis. - -Schließlich meine ich, daß es sogar recht gut so ist. - -Wieviel Ansichten, Theorien, Glaubenssätze, Weltanschauungen ergießen -sich über uns! Und mit wie mancher möchte man als wahrhaft fatal -rechnen, wenn sie nun ganz wahr wäre, der Welt wirklich ins geheimste -Uhrwerk schaute. - -Mit dem Geheimnis kann man leben. - -Man wird ja von selbst davor bewahrt, übermütig zu werden. Aber von der -Unendlichkeit des Unbekannten läßt sich doch immer etwas erwarten. -Wieviel Frühling, dieses liebste Geheimnis, mag noch darin stecken! - -Das Geheimnis dieses Festfriedens ist nur, daß man das Geheimnis -überall richtig zu finden weiß. - -Ostergeheimnis! Ist es wirklich bloß das Geheimnis, daß ein Mann Wunder -tun konnte, wie Wasser in Wein verwandeln, oder auf ~H₂O~ gehen, oder -von den Toten leibhaftig auferstehen ....? - -Ich schaue in die braunen Wellen vor mir mit ihrem unablässigen -Ansturm, ihrem Heben und Senken, und mir ist, ich blicke in das Gehirn -der Menschheit, in das der arbeitende Gedanke tiefe Furchen gräbt. Und -in eine solche Furche arbeitet sich ein, keimt und sproßt, daß das -Naturgesetz etwas Heiliges sei, das nicht verletzt werden dürfe. Daß -Himmel und Erde nicht dabei erlöst werden könnten, sondern im gleichen -Moment zusammenbrechen müßten in das ewige Chaos hinein, da ein -winzigstes Ringlein nur aus der Sternenkette dieses Gesetzes glitte. - -Hängen doch an jedem Ringlein ganze Welten! Was ist im Kosmos klein, -was groß? Wenn dieses Ringlein hier unten auf der winzigen Erde brechen -sollte, so stürzte der ungeheure Sirius mit herab, die Milchstraße -löste sich auf, Surturs Weltbrand verschlänge das All. - -Ein Atom verschoben aus seiner heiligen Lage, in die es die -Entwickelung der Jahrmillionen gebracht -- und alle Harmonien dieses -Kosmos splitterten auseinander. - -Und das sollte geschehen sein gerade damals, als der Grundstein gesetzt -wurde zu der herrlichsten Harmonie dieser ganzen Erde: zu der Idee der -großen friedlichen Menscheneinheit durch die Menschenliebe? - -Und der Gedanke keimt und sproßt weiter. - -Sollte nicht hinter der größten Tat der Menschheit auch nur ein -+Mensch+ gestanden haben? Sollten nicht hinter jenen wunderbaren -Berichten nur tiefste Symbole stecken? Sollte nicht das große -Auge einer tiefsinnigsten +Dichtung+ uns daraus anschauen, die in -Gleichnissen formte, was nachher für reale Wahrheiten gehalten worden -ist -- die größte Dichtung des größten Dichters aller Zeiten, -- aber -doch nur eine Dichtung ....? - -Oder sollte die Menschheitsseele in ihrem Ringen nach einer ethisch -und sozial befreienden Tat, die alles bisher Geschehene umwarf und die -Weltgeschichte durch das scheinbar Unmöglichste -- die Liebe -- aus den -Angeln zu heben sich vermaß, -- sollte sie ein Zeichen dort sich nur -geschaffen haben, ein Bild ihrer eigenen inbrünstigen Sehnsucht, das -die unvollkommene Legende nachher als Personenschicksal vergröberte und -mißverstand? - -Ostergeheimnis, wirst Du scheitern an solchen Gedanken? - -Die Handlung der Evangelien nur ein Symbol, ein Gleichnis, eine -Dichtung, ein Vorgang im der Menschheitsseele! Ich weiß, wie viele -heute ihr Geheimnis hier wirklich noch hoffnungslos im Sande sähen. Um -die Menschenliebe geht es auch ihnen. Von des Menschen Erlösung spielt -das große Mysterium. Aber der Mensch ist ihnen doch zu klein dazu. In -tausend melancholischen Stimmen klagt es durch unsere Zeit, daß der -Baum, der aus dieser Gedankenfurche erwachsen sei, wohl wild und stark -heute stehe. Aber das Geheimnis rausche nicht mehr durch seine Zweige. -Er sei kein heiliger Baum. Nur kalte Sterne äugten durch seine kahlen -Äste. Kein Weihnachtsstern und kein Osterschein und keine Pfingstflamme. - -Ich aber frage: Was kann denn überhaupt abgrundtiefer im Geheimnis -sein, als eben -- ein +Mensch+? - -Du verlangst den, der noch einmal leiblich auferstanden ist, nachdem er -gegangen war. Was aber ist geheimnisvoller, als das Alltägliche, das so -unsäglich Schlichte scheinbar: daß überhaupt ein Mensch geboren wird, -daß er aufersteht aus dem Unbekannten in dieses Leben hinein? - -Wenn Du alle Pfade des Liebeslebens mit der Wissenschaft, die Dir -beschieden ist, durchpilgert hast: Du kehrst heim mit dem Geständnis, -daß hier immer wieder das ungeheuerste Mysterium sich vollzieht -- -allein wert, daß Du still Einkehr bei Dir selber hältst und Dir -Feiertage setzest des Geheimnisses, das Dich vom Tage Deiner Zeugung -und Geburt an umschließt. - -Und +Dichtung+? - -Bist Du so schnell fertig mit dem Geheimnis, wenn ein Mann nicht -wirklich auf Wassern geht, sondern wenn diese Geschichte nur das tiefe -Gleichnis einer größten Dichtung sein soll? Ist nicht gerade die -Existenz einer großen Dichtung etwas noch viel Geheimnisvolleres als -irgend eine Tatsache der „Wirklichkeit“? Ist nicht die Dichterkraft des -Genius das größte aller „Wunder“, unsagbar viel größer und wunderbarer -als ein realer Krug Wein, der aus einem realen Kruge ~H₂O~ verwandelt -ist? - -Ich denke an alle die Riesen, die seit Jahrtausenden auf den Wellen -der Dichtung zu uns wandeln, Gestalten, viel größer als ein Mensch, -zusammenfassende Gestalten, die ganze Zeiten, ganze Ideen verkörpern. -Sie überdauern Generationen, sie leben Jahrtausende, sie haben ewige -Jugend und Kraft. Wo steht, wohin projiziert sich in der „Realität“ -eine Figur wie Faust? Sie schwebt im Raum- und Zeitlosen, und doch -ist sie greifbarer, ist sie unvergleichlich viel lebendiger und viel -wertvoller als Millionen und Abermillionen wirklicher Menschen, die auf -der Erde sich nach den Ziffern des Gravitationsgesetzes bewegt haben, -~H₂O~ getrunken haben und verweht sind, man findet ihre Spuren nicht -mehr. - -Auch diese Dichtergestalten sind aus dem Geheimnis geboren. Sie leben -im Geheimnis. Im Dichtergeiste hat „es gezeugt“, hat „es geschaffen“, -das dunkle „es“ der ~tinctura aurea~ alles Naturgeschehens. - -Ich richte in diesem Augenblick nicht im einzelnen über jene Theorien. -Ich lasse sie vorbeiziehen an mir, wie diese braunen Wellen hier -vorübergehen im Zug des Windes. Vorhanden sind sie als Theorien, das -schafft keiner mehr aus der Welt. Und nach ihnen werden noch mehr -kommen, wie der Wellen hier noch mehr kommen. Wir sind erst in den -Anfängen der Spekulation über den wahren Lauf der Geschichte, überall, -also auch hier. - -Aber ich sage: wenn es so wäre, wenn den Evangelien eine tiefe, -unsagbar rührende symbolische Dichtung zu Grunde läge -- die Dichtung -vom neuen Menschen, der sich zur Menschenliebe durchgerungen und der -auf Erden, wie alle Idealträger, zunächst sein Kreuz tragen muß, bis -über Leid und Tod des einzelnen das Ideal unbesiegbar aufersteht und -weiterlebt und die zähe alte Erde aus den Angeln reißt: -- ich sage, -wenn das als eine Wahrheit jemals erwiesen werden könnte, was würde das -ändern an der welterschütternden Größe dieser Tat und an ihrer tiefen -Verankerung im Geheimnisvollen? - -Achill, der nur durch die winzige Dunkelzelle eines Dichtergehirnes -phantomhaft gewandelt ist, ist mehr wert für uns als alle Griechen -zusammengenommen, die damals die schwarze Erde getreten haben. - -Jene Dichtertat behielte den ganzen riesenhaften Zug in vollem Maße, -der auch so den Dingen zukommt. Im Geheimnisvollen aber wurzelte sie -nur um so sicherer eben als Dichtertat. Ja gerade so bliebe sie in -einem Größeren, als ein wirkliches einzelnes Menschenschicksal geben -kann. - -Der Rationalist bekäme +Unrecht+, der hinter den ungeheuren -Menschheitsmoment bloß ein Stückchen Menschenleben eines Einzelnen auf -dem winzigen Raum zwischen Betlehem und Golgatha deuten wollte. - -In den Geheimzellen eines Dichtergehirns ist unendlich viel mehr Raum -und es ist mehr darin als bloß eine Person. In Goethes Gehirn haben -Faust und Egmont, Tasso und Werther, Iphigenie und Gretchen eine ganze -Lebensbahn erfüllt. Im Dichtergeiste jenes Giganten an der Schwelle -unserer Zeitrechnung hätte die ganze Menschheit mit all ihren ethischen -Errungenschaften bis dahin gelebt, sie hätte sich zusammengefunden -darin zu einer einzigen Tat -- und gelebt hätte darin die ganze -Zukunfts-Menschheit von Jahrtausenden nach ihm, geeint durch das Ideal -der Menschenliebe. Der Dichter der Bergpredigt! Was willst Du mehr? - -Der Wind heult hohl über die Wellen, die braunen Gedankenfurchen. - -Offenbarung! ruft es. Wo bleibt die Offenbarung? Offenbarung brauchen -wir. - -Nun, alle Dichtung ist Offenbarung. Vom Geheimnis kommt es, zum -Geheimnis geht es, unmeßbar, unwägbar, und doch von Welten kündend, -Welten der Urtiefe, der Idealerweckung, der innersten Fortentwickelung, -und Welten verwandelnd, Welten aufbauend, Welten zeugend: -- das ist -die Offenbarung; aber was ist es anders, als auch die Dichtung, die -Kunst; es gibt keine bessere, schärfere Definition für sie. - -Ja man muß das Geheimnis nur am rechten Fleck begreifen. - -Manchmal scheint mir, als sei der ganze Hader und Fortschritt -menschlicher Ideen bloß ein Kampf um die Perspektive. Wie die Dinge -projiziert werden, hintereinander gelegt werden, darum ringen wir. Und -wo das Blau des Geheimnisvollen beginnt. Darum aber auch diese ewige -Auferstehung der Gedanken. Nichts fällt wirklich ins Grab, es wechselt -nur seinen Projektionsort. - -Diese Erkenntnis gibt Frieden, heute wenigstens für eine -Feiertagsstunde, vielleicht später auch einmal für den Alltag. Die -braunen Wellen zogen an mir vorbei, immer vorbei und der Wind blies, -eine unablässige, fleißige Naturarbeit. Die Natur machte da keinen -Feiertag, sie arbeitete. Jede dieser Wellen mochte ein klein wenig an -diesem Ufer umschaffen, trug sie auch nur ein Hölzchen darauf, ein -Sandkörnchen davon. - -Ich dachte an die Rede der Leute: der See behält nichts, er gibt alles -wieder, wenn’s auch eine Weile dauert. - -Im Grunde macht es das Naturgeheimnis auch so. - -Es ist kein Minotaurus, der verschlingt, um zu verderben. Es läßt -die Welten, Menschen, Ideen in seinem Blau verschwinden und zahlt -sie in Höherem wieder aus. In dieser ~tinctura aurea~ steckt -wirklich wie in der der Alchimisten auch der Stein der Weisen, der alle -Gebrechen, alle Unvollkommenheiten heilt, der ewige Jungbrunnen, der -den Fluch der Zeitlichkeit aufhebt. - -Diese ewige Wiedergeburt als Auferstehung des Geistes im allen Dingen -erkennen, -- das wäre der wahre neue Osterglaube. - -Aber dazu bedarf es noch gar mancher Auferstehung erst im eigenen -Innenleben der Idee. - - - - - (Friedrichshagen. Am Auferstehungstag.) - - -Heute wandere ich tief in der dürren Kiefernheide und suche den -Frühling. - -Die Luft ist hart, der Himmel weiß: es könnte auch Oktober sein. Ich -denke an deutsche Länder, wo der Frühling wie ein Rausch kommt, in -hinreißenden Farben. In der lieben Mark geht es wie in einem mageren -Prozeß: es gibt da nur ganz feine Indizienbeweise. - -Da liegt ein gelblicher Würfel Schlagholz. Wie mein Auge aber die -graue Walddämmerung darüber durchsucht, stößt es da, dort auf kleinste -Silberpünktchen, die pfeilschnell die Luft durchqueren, jedesmal einen -schwachen Blitz in der Grundfarbe weckend, wenn sie eine hellere Stelle -passieren. - -Der Fremde weiß nicht, was hier stäubt in den noch so herben Tag -hinein. Aber ich kenne sie als alter Käfersammler: die winzigen -Borkenkäfer des Kiefernholzes, die jetzt schwärmen. Wenig später, und -sie sind wieder völlig verschwunden, tief vergraben in ihrem krausen -Bergwerk im Holz. - -Auf den Schlagstämmen klettert auch schon eilfertig ihr wilder Gegner, -der schwarz-weiß-rote Clerus, der Ameisenkäfer, der selber zum Schutz -in prächtiger Mimicry die Ameisen-Wespe Mutilla in Farbe wie Gestalt -täuschend nachahmt. - -Während ich aber seinem trippelnden Wesen zuschaue, fällt in mein -Ohr jäh ein überlautes Gegacker. Glüüh, glüh, glü, glück, glück, -glückglücklücklick ... Die Silben folgen sich immer rascher wie bei -einer heransausenden pfeifenden Lokomotive. - -Das ist der Grünspecht. - -Umsonst sucht der Blick ihn heute in seiner vertrauten, pfeilschnell -gewechselten Horcherstellung senkrecht am Ast. Nur wenn ich draußen, -jenseits der Schonung, stände, sähe ich ihn. Über den gleichmäßigen -jungen Nachwuchs ragt dort einsam eine ältere, pinienhaft entfaltete -Kiefer zum blinkenden weißen Himmel auf. Auf einem ihrer höchsten -Äste sitzt der Specht, nah der Spitze, exponiert wie eine Krähe, und -er reckt den Hals senkrecht zum Zenit empor und schmettert seinen -Glückjuchzer. Völlig verwandelt ist er -- er ist verliebt. Ja, es ist -Frühling. Die Indizien stimmen zueinander. - -Ich träumte in den stillen Aprilmorgen hinein. - -Auferstehungstag. Ich dachte an die ungeheuren Kräfte, die dieser -Frühling im Schwachen auferstehen läßt. - -Ich dachte an den Saftstrom, der unter seinem Bann von allen -Pflanzenwurzeln aufwärts drang, dieses geheimnisvolle Pumpwerk der -Holzgefäße, das bei der amerikanischen Rebe mit einem Druck von fast -2½ Atmosphären arbeitet und einer Quecksilbersäule von 180 ~cm~ -Länge die Wage hält! - -Und ich dachte an die lieblichen Blaukehlchen, die winzigen -Singvögelchen Skandinaviens, die nach des trefflichen Gätke Rechnung -auf ihrer Frühlingsheimkehr in einer einzigen Nacht die Strecke vom -Sudan jenseits der Sahara bis Helgoland durchfliegen. 45 Meilen nehmen -sie in der Stunde, dreimal mehr als der schnellste Schnellzug. Mehrere -tausend Meter hoch geht +es+ dahin, damit die kolossale Sperrmauer -der Alpen keine Störung giebt. Und nach diesem Sturm über ein Meer -und anderthalb Erdteile sind sie noch so leistungsfähig, daß sie nach -kurzer Rast auf Helgoland sogleich weiterfliegen. Das ist der Frühling! -Ein ganzer Planet erscheint auf einmal eng gegenüber seiner Kraft, die -eine arme Pflanze, ein schwaches Vögelchen durchseelt. - -Er muß ja auch selber heran dazu, der ganze Planet. - -Ich träumte mich über den weißen Himmel dort über den -Wachholderbüschen hinaus in den eisigen Weltraum, wo die Erde mit -ihrer schiefen Achse dahinrollte, sehr viel schneller noch als die -Blaukehlchen auf ihr flogen. Jetzt begann der schiefe Planet wieder -sein Nordantlitz der Sonne zuzuwenden, obwohl er sich gleichzeitig -rückwärts von dieser Sonne entfernte. Und die Gnade lag auf dem -zugewandten Scheitel, die Eiszapfen seines Bartes schmolzen, es wurde -Lenz. - -Achsenschiefe. Ein undurchdringliches Planetengeheimnis schläft in -dieser kosmischen Frühlingsursache. Alles hängt daran, bis in das -Jauchzen dieses Spechts, das Schwärmen dieser Borkenkäfer -- und -doch wissen wir nicht, was hinter ihr steht. Alles sonst in diesem -himmlischen Billardspiel der Sonnenkinder ist so wunderbar regelmäßig, -deutet so ganz auf einen harmonisch-einheitlichen Ursprung: die -Kugelgestalt, die Bahnebenen, die Umlaufszeiten. Nur die Achsen gehen -ihren anscheinend irregulären Weg. Jupiter ragt fast gerade, Uranus ist -fast ganz entgleist; die Erde steht nachdrücklich schief. Kein Schimmer -eines Warum ist uns gegeben. - -Wie wenig wir wissen! Eine ganz dunkle, unergründbare Tatsache -- und -an der hängt aller Frühling, all diese Konzentrierung der Liebe auf -eine Jahreszeit, alle Poesie, die wieder auf dieser Liebe ruht. Eine -schiefe Planetenachse ragt hindurch -- und schiefe Menschenweisheit. - -Und doch haben wir schon ein Gesetz wenigstens entdeckt auch in dieser -Achse. Ohne ihre Schiefe selbst zu ändern, wandert sie in großen -Zeiträumen kreiselnd einmal herum. Sie sucht sich andere Sterne, auf -die sie deutet, bis sie endlich zum gleichen wiederkehrt. In einem -Zyklus von über zwanzigtausend Jahren geschieht das. - -Mehr als zwanzigtausendmal Frühling! Vor meinem Geiste, den auch die -große Lenzkraft anhauchte, erschien ein solcher Zyklus als Einzeljahr, -nur in unermeßlichen, höheren Verbänden. Da war die ganze Eiszeit mit -ihren fünfhunderttausend Jahren, die ihr Penck zuschreibt, nur ein -einziger Winter und ihr Ende nur ein großer Frühling. Vielleicht war -es der erste Frühling, den der ganz klar sehende, ganz begreifende -Mensch erlebte! Vielleicht hatte noch lange vor dem, in der Kreidezeit, -der Frühling überhaupt erst begonnen. War die Erdachse einst gerade -gewesen wie die des Jupiter und hatte sich erst gesenkt in jenen -Urtagen der großen Saurier? Träume, wenn der Saft steigt mit seinem -Atmosphärendruck und die Wanderschwinge hunderte von Meilen wie ein -Spiel nimmt! - -Aber der Gedanke wanderte zurück auf den letzten dieser -Zwanzigtausendzyklen. - -Ich dachte, wie der große Hipparch um 150 v. Chr. schon dieses Kreiseln -der Erdachse, das den Polarstern verschiebt, wissenschaftlich erfaßte. - -Und wie es ein paar Jahrtausende weiter zurück schon hineingespielt -in die geheimnisvolle astronomische Mythologie der Ur-Babylonier, der -Sumerer, in die Tierkreis-Rechnungen und Tierkreis-Mythen dort. Es -ist das geheimnisvolle Volk, an das wir heute so oft und so lebhaft -denken, das immer gesuchte, endlich sicher gefundene Volk im Morgenrot -der Kultur, dessen Tempel eine Sternwarte und dessen Astronomie ein -Gottesdienst war. - -Und über diesem Volke, im Morgenhimmel all unserer Weisheit, ragen -schon die Zyklus-Rätsel der schiefen Erdachse, schimmern die großen -Zeichen der Über-Frühlings-Periode! - -Mir aber ist, als schimmere noch etwas anderes, etwas noch viel -Weihevolleres darin. - -„Aus den Gruben hier im Graben hör ich des Propheten Sang.“ - -In welchem wunderbaren Auferstehungs-Frühling leben wir Menschen von -Tag zu Tag! Immer neue Welten der Vergangenheit tun sich uns kund, -leben auf in uns. Um 3000 v. Chr. begann diese „moralische Astronomie“ -der Sumerer schon zu verblassen, sich einzusargen zum Winterschlaf. -1900 n. Chr. rollt sie wie eine Frühlingsoffenbarung wieder über die -Erde, weil ein paar alte Tonzylinder mit Schriftzeichen sich gespiegelt -haben in der Kristallflut einer wunderbaren kosmischen Höhenmacht: der -rückschauenden, die Geschichte wieder erweckenden Menschheitsseele. - -Ein alter astronomischer Traum kündet: wenn Du viel schneller noch -reisen könntest als der Lichtstrahl, der doch in jeder Sekunde -zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt, wenn Du die Lichtpost der Erde -von Jahrhundert zu Jahrhundert noch einmal überholen könntest: -- das -Weltgeschehen würde sich Deinem Anblick umkehren, noch einmal sähest -Du Cäsar auftauchen unter den Dolchen der Brutus und Cassius, sähest -Sokrates mit seinem Giftbecher und die Sumerer auf ihrer Sternwarte, -die Gletscher der Eiszeit, die auf Norddeutschland lagen, und die -immergrünen Haine der Tertiär-Zeit, die Ur-Säugetiere von Neu-Mexiko -und den letzten Ichthyosaurus am Ausgang der Sekundär-Periode ... - -Wie ein Märchen klingt das. - -Der Mensch, dieser winzige Planetensohn, der durch die Schwere an -seiner harten, widerwilligen Scholle klebt, kann nicht fliegen. Fliegen -nicht einmal wie die Blaukehlchen. Geschweige denn mit dem Lichtstrahl. - -Und doch, -- wie ich hier stehe und an die Sumerer denke und den -Tierkreis verschiebe -- ich, hier an meinem Schlagholz-Stoß im -märkischen Kiefernwalde, ich bin mit allen in meiner Zeit auf solchem -Fluge. - -Unser Gehirn, das +Geschichte enträtselt+, ist der Apparat, der -das Weltgeschehen sich aufstauen läßt, wie die Wasser sich vor dem -biblischen Helden stauten, der die Sonne rückwärts wandern heißt, der -die Dinge umkehrt und noch einmal auferstehen macht. - -Es war das +raum+überwindende Meisterstück der Natur: diese -unendlich fein reflektierende Platte Menschenhirn, Menschengeist. Aber -es war auch die +Zeit+ damit überwunden im gleichen Moment, da -diese Platte auf die Vergangenheit eingestellt wurde, da sie rückwärts -gewandt wurde. - -Der Menschengeist, der Geschichte sinnt, -- das ist die Auferstehung. - -Er ist das große Ostergeschenk der Natur, der Ostertag der -Jahrmillionen. - -Sie haben ihn gemacht, diese Jahrmillionen. Nun zahlt er heim, indem er -sie erweckt. - -Und was hat er für Gaben dazu! Geht doch dieses Geschichtsschauen nicht -bloß durch Tabellen und Zahlen, durch winzige Mosaikstiftchen der -grabenden, wieder äußerlich sammelnden wissenschaftlichen Forschung. -Hinter diesen Stiftchen und Steinchen erhebt sich erst das ganz -Große des Menschen: seine +Dichterkraft+, die Zeugekraft seiner -+Phantasie+, die das Getrennte, das gräberhaft Zerfallene kraft -des inneren „Werde“ wieder zusammenschließt, bis die schlotternden -Gerippe wieder auferstandene Seelen sind, die mit uns leben. - -So verklärt sich die Geschichte als Forschung zur Geschichte als -Dichtung in dem höchsten Sinne, der in der Dichtung erst wieder die -ganze lebendige Wahrheit sieht. So wird das Schauen zur Tat. Und das -erst ist die ganze Auferstehung. - -Noch ist unsere Kraft jung. - -Noch ahnen wir kaum erst den ungeheuren Schöpferberuf, den -Erlöserberuf, der in uns gelegt ist: die Überwindung des zeitlichen -durch den ewigen Geist, in dem es keinen Tod, kein Alter, keinen Winter -gibt. - -Wenn unsere Wissenschaft aus Keilschrift enträtselt, was vor -fünftausend Jahren durch die Seele der Menschheit flutete und ebbte, -ahnen wir die eine Seite. Wenn durch die Dichterkraft Shakespeares -Julius Cäsar leibhaftig vor uns zu wandeln beginnt, dämmert die andere -auf. Aber eines stellt sich uns heute schon ganz dar: Nichts ist -verloren in der Natur, das nicht geweckt werden könnte. - -Das ist unserer Weisheit sicherster Schluß: keine Wirkung kann und -konnte je verloren gehen. - -Wenn ich meine Hand auf diesen Holzstoß hier lege, so zittert die -Kraftwelle durch alle Ewigkeit, ewig individualisiert, ewig zu finden, -im Brennspiegel der Kräfte wieder zu konzentrieren, zu fangen für den, -der -- einen Brennspiegel besitzt. - -Das ist das Grundgesetz alles Geschehens, aller „Natur“ -- aller -Gott-Natur. - -Der Urgrund der Dinge, der dieses Gesetz gesetzt hat, hat die -Unsterblichkeit zugleich mit gesetzt. Der Spiegel aber -- und hier -liegt die zweite, die eigentlich krönende Tat -- ist in unserer -Hand. Nun ist nur noch eines nötig: unendliche Zukunft. Und in diese -Unendlichkeit vor uns hinein wird die ganze Unendlichkeit hinter uns -wieder auferstehen. - -Der Specht oben rief wieder sein Glück, Glück, Glück. - -Wie der Ton verschwebte, verschwebte mein Träumen durch den herben -Frühlingstag. - -Er ist noch herb, unser Frühling. Eine junge Menschheit sind wir, -in den Anfängen erst. Halb schwankt der Zauberspiegel noch in einer -Kinderhand. - -Aber wie sonnig ist, daß alle unsere Wege zum gleichen Ziele aufwärts -lenken. - -Religiöses Schauen wirft den Auferstehungsgedanken uns wie einen -Blitz zu, der im Moment für alles andere zu blenden scheint. Aber die -Wissenschaft taucht auf, ohne Glanz, keuchend in schwerer Arbeit. Doch -die Idee umgoldet sie, und nun wird offenbar: sie ist auf dem gleichen -Wege. Und die Dichtung, ihr oft so fremd, erscheint nur als ihre eigene -Krönung, ihre Vollendung in das Lebendige hinein, das die zeugende Tat -ewig hat, während die Zerstückelung es nie erreicht. - -Indizienbeweis! Er genügt mir auch für die große Weltenfrühlingswelt, -wie Specht und Borkenkäfer für die kleine im märkischen Kiefernwald. - - - - - (Reisetagebuch. Schreiberhau.) - - -Über mir ragt es wie schwarze Zinnen einer gewaltigen alten -Schloßruine. Durch eine Lücke im zerfallenen Gemäuer hängt ein schräger -grauer Sonnenstreifen in den Schatten hinein wie ein jahrtausendalter -Wust Spinngewebe. Er deutet in den Schloßhof, der roh verwildert liegt. -Grünes Kraut steht fast mannshoch in der ganzen Breite. Irgendwo -tropft Wasser, tickend wie eine gespenstische Uhr, aus dem Spalt eines -geborstenen Marmorbrunnens. - -Es ist Naturwerk, dieses Schloß. - -Seine Zinnen sind grotesk zerspaltene Granitzacken des Riesengebirges, -und der Schloßhof ist der innerste Kessel der großen Schneegrube. - -In uralten Tagen lag in dieser kraterartigen Höhlung unter der -Kammmauer ein Ungetüm, das mit bleichen Augen ins Tal hinunterglotzte: -der Gletscher. - -Mit seinen ungeschlachten Tatzen hat es die Blöcke dort herausgeschoben -und cyklopisch wie eine Brustwehr getürmt, mit seinem schwerlastenden -Leibe hat es den Grund ausgetieft zum gähnenden Kessel. Aber es ist -ihm im Laufe der Zeiten ergangen wie dem fetten Lollus im Keller in -Bechsteins Märchen: immer dünner und dünner ist es hingeschmolzen, -immer magerer lag es zum Schluß in seinem viel zu weiten Felsennest. -Heute weht nur noch ein leiser Schatten von ihm durch die Grube, ein -unsichtbar körperloses Etwas, das als kellerhaft kalter Hauch am leeren -Fleck noch einen letzten Kampf kämpft mit seiner furchtbarsten Feindin, -der Sommersonne. - -Wenn die Ebene weithin in allen Farben des Frühlings prangt und selbst -auf dem hohen Kamm die blauweißen Anemonen blühen, dann liegt in dem -alten Drachenkrater noch der Winterschnee zu zähen Lasten gehäuft. Aber -zuletzt muß er doch weichen. Die Wendestunde, in der einst der Drache -für immer der Sonne unterlag, wiederholt sich: die Sonne bezwingt auch -den letzten Schneestreifen der Grube. Einmal, am Ende der Eiszeit, -ist das entscheidend geschehen: einmal hat die Sommerwärme den ganzen -Schnee weggetaut, während früher immer ein Rest überdauerte als Zutat -zum nächsten Winter; damals ist das Ungeheuer des Gletschers ins Herz -getroffen worden durch Baldurs Schwert. - -Heute, da ich hier sitze, liegt die weite Landschaft am Kammesfuße -eingesponnen im heißen Juli-Glast. - -Hier in der Schneegrube hat gerade endlich der erste Frühling gesiegt. - -Noch stecken in den tiefsten Granitschründen auch jetzt ein paar -letzte Schneeflecken, aber schon grau vom tauenden Zermürben. Lustige -Quickwässerlein rinnen leise davon herab. An der Grenze aber vollzieht -sich jenes liebliche Schauspiel des Frühlingssieges, das auf tauenden -Alpenpässen so oft meine Freude war: noch farblos weißliche oder gelbe -Pflanzenspitzen, spargelhaft eingerollte Blätterknospen, durchbrechen -mit eigener Kraft und Wärme die morsche Schneedecke, noch ehe sie -sich selber gelüftet hat. So ringt sich an der Furka die zierliche -violettblaue Soldanella (~Soldanella pusilla~ und ~alpina~) -sogar als geöffnetes Blütenglöckchen aus selbstgewärmten Schmelzlöchern -des Lawinenschnees zum Staunen des Naturfreundes heraus. - -Wo aber der Kesselgrund schon völlig frei ist, da erfüllt ihn ein -wahrer lebendiger Schnee: halbmeterhoch ragen in weitem, schneeweißen -Blumenteppich die wundervollen Dolden der seltenen narzissenblütigen -Anemone (~Anemone narcissiflora~), des „Berghähnleins“ der -Gebirgsleute. Auf jedem lichtgrünen Hauptstengel stehen etwa ein halbes -Dutzend großer Einzelblüten ganz nach Narzissenart. Ein berauschender -Honigduft liegt über der Wiese. Man kann über den ganzen Kamm wandern, -ohne dieser köstlichen Blume zu begegnen, hier aber tritt sie plötzlich -als Herrscherin auf, -- das schönste Sinnbild des Sonnensieges im alten -Drachenbett. - -Auf der Gletschermoräne selbst aber stehen niedrige, noch völlig -blattlose Weidenbüsche im ersten goldenen Kätzchenschmuck, ein seltsam -später Anblick für den, der aus dem Tal kommt, wo längst alle Blätter -in schwerer grüner Sommerfülle rauschen. - -Einsam und still ist es hier. - -Oben an den Zinnen erscheint ab und zu ein punkthaft kleines Zwerglein -scharf vor dem Himmelsblau: einer aus dem endlos dort vorbeihastenden -Fremdenstrom, der sich etwas näher an den schwindelnden Abhang gewagt. - -Hier herunter kommt in Tagen keiner, denn selbst der kaum sichtbare -Pfad von unten her ist heute noch ein wahrer Steg ins Drachennest, -wie man ihn sich im Märchen träumt: Block um Block, wie ihn der -Riese abgerollt und liegen gelassen, will übersprungen sein und -dazwischen schiebt sich in jede Lücke noch viel unwegsameres Knieholz, -schwarzgrüne Büschel wie struppige Gnomenköpfe, aber zäh, als sollte -ein Schwimmer sich durch halbflüssiges Pech durchkämpfen. - -Eisdrache und Sonnenkampf, weiße Blütensterne -- und Mensch. Das alles -ist +Natur+. - -Immer vor solchem reinen Bilde bewegt mich der tiefe Widerspruch, der -in unserer Zeit durch dieses Wort geht. - -Ich denke an seinen wechselnden Klang in den Jahrhunderten. - -Da ist das Buch des Lukretius nahe der Wende vor Christus, im Abendrot -der echten Antike, -- von der „Natur der Dinge“. Natur ist hier das -Offenbarungswort, das Himmel und Erde öffnet, das magische Wort, das -die „Dinge“ bewegt. - -Dann kommt eine Zeit, da heißt Natur soviel wie Teufelsspuk. Auf -einsamem Kreuzweg wird sie gesucht, wenn die Eulen schreien; mit -Bluthandschrift muß seine Seele verschreiben, wer sie sehen will. - -Aber aus dem Munde eines Mannes, der gelebt und geliebt, gelacht und -gegrübelt hat und der zuletzt auf dem Scheiterhaufen steht, um ein -Märtyrer seines naiven Menschentums zu werden, -- aus dem Munde des -Nolaners Bruno ringt sich das Wort: Gott-Natur. - -Dann kommen Rousseaus Tage, und ein Klang romantischer Wehmut, die -Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese, zittert aus dem Wort. - -Der größte Dichter vom deutschen Stamme steht in seinem Garten vor -dem Wunder eines grünen Blattes und wiederholt abermals das große: -Gott-Natur. - -Und nun ist das Wort schon mit hineingerissen in die wilden Wogen -des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Getöse ist plötzlich darin wie von -einer ungeheuren stampfenden Maschine. Ein tausendstimmiger Jubelruf -erschallt, Kränze wehen, -- heisa, der Mensch sitzt hoch auf dieser -Maschine, sie trägt ihn, er regiert sie. Seine Natur! Der Mensch Herr -der Naturkräfte, Herr der Welt. Diese Hoffnung reißt empor wie ein -Schwindel. - -Aber die Vision wechselt jäh. - -Der weiße Dampf der Lokomotive teilt sich und auf einmal liegt der -Mensch unter der Maschine, ein zuckendes Haupt auf blutiger Schiene. -Fühllos geht die Maschine über ihn fort. Und die sterbende Lippe -stammelt „Gott-Natur“, -- es klingt aber wie eine Blasphemie. - -Kein Wort in unserer Zeit wiegt so schwer wie dieses Wort Natur. - -Alles drängt darauf, ringt und lechzt darnach. Dieser Begriff Natur -hat die Sterne erobert, die Billionen von Meilen von uns abstehen, -er hat den Menschen selber erobert, hat die Geschichte erobert, die -Milchstraße ist ihm nur ein Zeichen, der Mensch eine Station, die -Zukunft eine mathematische Gleichung. - -Und doch ist vielleicht kein zweites Alltagswort unserer Tage so wenig -geklärt, so verschleiert, so mißverstanden wie „Natur“. - -Auf ungezählten denkenden Menschen liegt es wie ein Tyrann. - -Sie wissen nicht, wie sie ihm entrinnen sollen, aber sie fluchen ihm. -Jeder Fortschritt der Naturforschung erscheint ihnen wie ein Schritt -mehr zum Minotaurus hin, der sie in seiner Höhle zu Asche verbrennt. - -Was tut’s, wen tröstet’s, ob in diesem Minotaurus ganze Sonnensysteme -mit uns sinnlos verpulvert werden. Je größer das Ungeheuer wird, es -steigert sich nur seine Ungeheuerlichkeit. Du magst diesen Leuten von -Doppelsternen und Marskanälen, von Urweltmeeren und dem Werdegang des -Menschen zwischen tollem Getier erzählen: das Gemüt hat immer nur das -Gefühl, daß es selber dabei gefressen wird. Nun hat dieser Drache auch -schon die Geschichte des Menschen. Wo wird er Halt machen? Alles packt -er. Gibt es denn gar keine Grenzen dieses Verheerungszuges? - -In mein einsames Sinnen mischt sich wieder ein altes Bild. - -In einem verwitterten Büchlein fand ich unlängst Dokumente aus dem -Leben des Naturforschers Konrad Gesner, des Meisters der Tierkunde im -sechzehnten Jahrhundert. Ich suche seit Jahren Stoff zusammen über sein -Leben. Daheim habe ich die alten Pracht-Folianten seiner Werke, ein -Monumentalwerk deutschen Fleißes. - -Zeit seines Lebens war er ein armes dürres Männlein, dieser Gesner, -unsagbar fleißig, mit den großen Augen des Genies, aber vom Leben -unerbittlich gedrückt. Und doch: eins drückte diese Seele nicht: -Skrupel über den Natur-Begriff. Sie war nicht gerade besonders -liebenswürdig gegen ihn im gewöhnlichen Sinne, diese Natur. Um ihn, -den pflichttreuen Arzt, wütete die Pest. Mit 49 Jahren schon ist er -selber ihr erlegen. Als sie, die er mannhaft bei anderen bekämpft, ihn -endlich selber „hatte“, da hat er sein Testament niedergeschrieben, das -uns heute noch erhalten ist. Er hatte nicht über allzuviel Glücksgüter -zu verfügen. Nur eine Rente von hundert Gulden kann er stiften, daraus -sollen jährlich zwei ärmste Kinder gekleidet werden. Aber seinem -Geschlecht läßt er eine andere Aufgabe vergeistigterer Art. Je einmal -im Jahr soll die Familie sich in allen ihren Gliedern zu einem frohen -Liebesmahl vereinigen. Ein goldener Becher soll dabei kreisen, den er -mit dem Testament übergibt. „Sonderlich“ sollen daraus die trinken, -„welche etwas Zwytrachts miteinander gehebt.“ Nach dem Mahl soll -einer ein paar Sprüche aus dem Evangelium vorlesen, „welche dienind, -Fried, Liebe und Einigkeit zu förderen.“ „Demnach,“ aber heißt es zum -Schluß, „soll er ihnen fürhin bringen (vorzeigen) meine Figurenbücher -der Tieren, daß sy sich die zu besächen belustigend, und durch myn -Gedächtniß, auch ihre Kind, welche tugendlich, zu der Lehr oder sonst -zu guten und ehrlichen Künste und Uebungen erzüchten.“ Dieser Mann -hatte kein Gefühl dafür, daß sein „Tierbuch“ die Weihe jener Sprüche -stören könne. Es ist ein friedevoller Optimismus, der aus den Worten -dieses besten Kenners der „Natur“ in seiner ganzen Zeit spricht .... - -Das Ergebnis der unheilvollen Trübung, die für unsere Tage das Wort -„Natur“ bedeckt, ist der immer tiefer fressende Pessimismus. - -Es ist die Weltanschauung des knirschenden Sklaven. - -Man fühlt, daß man gegen die überwältigenden Resultate der -Naturforschung dauernd nichts machen kann. Dieser Sieg kommt ja nicht -allein durch den Gedanken. Man darf Darwin in den Boden verfluchen -und steigt doch in eine Eisenbahn, spricht durch ein Telephon. Von -dieser Ecke her gibt’s kein Entrinnen, und wer einmal in der realen -Bahn sitzt, hält schließlich doch auch bei der Station Darwin, ganz -unversehens. Aber man glaubt zugleich zu fühlen, daß man damit etwas in -Kauf nehmen soll, was das ganze innerste Leben lahmlegt. Man bekommt -einen Toten ins Haus für immer. Zuerst heißt die Folgerung Resignation. -Und dann heißt sie Pessimismus. - -Täuschen wir uns nicht: der Pessimismus als theoretisch ausgesprochene -lehrhafte Philosophie ist immer nur eine gelegentliche Erscheinung; -der Pessimismus der Stimmung aber nagt und nagt bei uns fortgesetzt -wachsend in allen Kreisen, wo man unter jener Sonnenfinsternis des -Naturbegriffs wandelt und diese Sonnenfinsternis für ein Ergebnis der -Astronomie hält. - -Für mich liegt hier mehr und mehr eine Sache auf Biegen oder Brechen. - -Ich bin mir nicht einen Moment mehr unschlüssig, daß in der Frage -„Optimismus und Naturforschung“ die Schicksalsfrage der ganzen -künftigen Naturforschung liegt. - -Wenn die Naturforschung ihren Naturbegriff nicht aus dem Pessimismus -herausbekommt, so geht sie im ganzen doch wieder herunter und muß -heruntergehen. - -Gewiß: wir steigen in die Eisenbahn. Aber täuschen wir uns doch auch -darüber nicht, daß technische Erfindungen wohl eine Weile so fortreißen -können, daß alles andere darüber in den Hintergrund kommt, -- aber auf -die Dauer hält das allein nicht stand. Wenn die Idee all dieser Dinge -endlich überall in den Pessimismus führt, so erlischt schließlich doch -das Interesse auch an diesen Erfindungen, es stirbt eben an dieser -Idee. Wenn ich ideell doch immer auf der Schiene liege mit einem Knebel -im Mund und einem Strick um Arme und Beine, so wird schließlich auch -die Freude an der Eisenbahnfahrt immer dünner, die Fahrt weckt nur -fatale Assoziationen. Und endlich steige ich lieber wieder in die alte -rappelnde Postkutsche. - -Ich persönlich gestehe gern, daß ich ohne eine optimistische -Grundlinie in meinem Naturbegriff selber die eigene Beschäftigung -mit naturwissenschaftlichen Dingen längst eingestellt hätte. Nichts -wäre mir mehr zuwider, als das Paktieren, das ewige Versuchen, um die -Allgewalt dieser Dinge herumzukommen. - -Ich sehe ja, wie es anderen geht. Sie suchen auch aus der schwarzen -Flut des Pessimismus sich herauszuhalten. Aber im Grunde ist ihnen alle -Naturforschung doch nur die ewige Gleitbahn in diesen Pessimismus. So -suchen sie „Grenzen des Naturerkennens“, Mauern, wo der Naturforscher -angeblich nicht weiter kann. Da soll endlich das Reich der Trübsal -aufhören, der blaue optimistische Sonnenhimmel doch noch beginnen. - -Täuschen wir uns aber wieder nicht. - -Es gibt diese Grenzen nicht. - -Die Naturforschung ist nicht abzugraben etwa vom Seelischen, wie -ein Maulwurf durch einen Wasserkanal. Ihr Naturbegriff muß auch das -umspannen, wenn er nicht eine Narretei sein will, -- es fragt sich bloß -wie. Das bequeme „Ignorabimus“ eines Naturforschers, der im Grunde -seines Herzens nie etwas anderes als Stockmaterialist war, hilft -nicht fort von der viel größeren, tieferen, schwereren Aufgabe: den -Naturbegriff selber vor der pessimistischen Vernachtung zu retten. Hier -gilt das alte Wort: Davonlaufen nützt auf keinen Fall. - -Auch mit dem Zweifel an dieser oder jener naturwissenschaftlichen -Einzelhypothese ist nichts getan. Mit ein bißchen Zweifel an der -Zuchtwahl oder sonst einem Stück Darwinismus oder mit einem allgemeinen -schnodderigen Satz eines Kritikers, dem der ganze Darwinismus noch -nicht mechanistisch +genug+ ist, kommst Du nicht durch, so -fröhlich das auch heute wieder dieser und jener träumen mag. - -Das alles sind kleine Mittelchen, die einen Moment den Laien froh -machen können, aber dauernd doch an die Sache nicht rühren. - -Denn die großen Linien im Sachmaterial der heutigen Naturforschung -lassen sich nicht mehr umwerfen. Es bleibt die allgemeine -Naturgesetzlichkeit, es bleibt die Grundtatsache allgemeiner -Entwickelung, es bleibt der Mensch als Glied in der großen Kette der -Natur. Um diese Dinge kommen wir schlechterdings nicht mehr herum, -und was an der Anerkennung dieser Hauptlinie schon stirbt von älteren -Anschauungen, das muß eben sterben. - -Was ich aber behaupte, ist, daß es einem +tieferen religiösen+ -Empfinden gar nicht einfällt, hier zu sterben, wofern nur eine Klärung -über den Naturbegriff und eine Loslösung vom Pessimismus damit Hand in -Hand geht. - -Die erste Aufgabe ist allerdings, daß man den Menschen nicht wieder -gewaltsam +losreißt+ von der Natur aus lauter Eifer für „Natur“. -Das ist bisher mit wahrer Hartnäckigkeit geschehen. - -Der Begriff „Kraft und Stoff“ hat dabei eine merkwürdige Rolle gespielt. - -Seltsam genug ja: unsere Zeit ist die erste, die wirklich Ernst damit -gemacht hat, den Menschen restlos einzubeziehen in die Natur. Aber -diese unsere gleiche Zeit hat sich auch alle Mühe gegeben, ihn durch -unglückliche Begriffsworte in seinem ganzen Fühlen weiter wieder von -der Natur fortzugraulen als irgend eine. - -Kraft und Stoff sind in der exakten Forschungssprache vortreffliche -und durchaus nötige Abstraktionen. Man kann sie auch philosophisch -anstandslos benutzen, um eine bestimmte Linie einheitlichen -Zusammenhanges der Dinge in der Welt zu begründen. Lege ich dieses -Formelwort aber didaktisch als Generaldefinition der „Natur“ ~sans -phrase~ zu Grunde, so werfe ich grade den Menschen vor dieser Natur -in eine unfaßbare Öde. - -Ich werfe ihn nämlich nicht, wie die Schwärmer für das Wort gemeint -haben, in die höchste Realität, sondern in die äußerste Abstraktion. - -Um den Menschen in die Natur zu bringen, ziehe ich von ihm ab und ab, -bis nur das ausgezehrteste, mit nichts mehr greifbare Gespenst übrig -ist. Dann ziehe ich die ganze übrige Natur ebenso fasernackt aus und -nun endlich bringe ich die Ähnlichkeiten zusammen. In dieser Eiseskälte -erfriert aber dem Beschauer die Natur, und sein eignes Eingehen in -diese Natur bedeutet ihm nichts anderes als auch nur ein Miterfrieren. - -Im Grunde bleibt ihm trotz alles Redens seine eigene Kraft-Stoffheit -etwas ebenso absolut Fremdes wie die der Natur. Und auf diesem Wege -kommt er von sich als lebendig warmem Menschen nie und nimmer zu der -sonst bekannten Natur, -- das ~tertium comparationis~ ist ein -Gespenst, das er an beiden nicht kennt. Schließlich wird er es ja der -Natur noch eher andichten mögen als sich. Dann ist er aber erst recht -von ihr fort, weiter als je. Ich begehe eine Handlung, die im Sinne der -Menschenliebe ist, wie sie am schlichtesten nach wie vor die Sprüche -des Evangeliums aussprechen: -- Kraft und Stoff. Ich begehe die aufs -äußerste entgegengesetzte Niederträchtigkeit: Kraft und Stoff. Ich lebe -oder bin tot, glücklich oder unglücklich, arbeitsam oder faul, bin ein -Mensch oder bin der Sirius: Kraft und Stoff. Dieser Begriff gehört zu -denen, die, weil sie überall passen, nirgendwo passen. - -Die Folge dieser künstlichen Trennung des Menschen von der Natur ist -aber der erste Teufelsfinger für den Pessimismus. - -Der arme Hörer denkt, es muß nun einmal dieser Kraft-Stoff-Natur sich -ausliefern, er empfindet es aber innerlich als einen Absturz wie vom -prangenden Leibe eines schönen Mädchens zum schlotternden Skelett. Alle -wahre Entwickelung hört ihm zugleich auf, denn alles ist ja eins. Eine -uferlose graue Weltöde frißt ihn in sich hinein: der Minotaurus Natur. - -Und dabei bedeutet doch diese ganze Idee von „Kraft und Stoff“ -tatsächlich gar nichts anderes als die naturwissenschaftlich exakte -Formel für etwas, was die Gottes-Vorstellung auf ihrer höchsten Stufe -genau so suchte: die Existenz nämlich von Zusammenhängen in der -Gesamtwelt, von einem durchgehenden Grundprinzip. Es ist das gleiche -Prinzip, das in der Absolutgültigkeit der Logik und der mathematischen -Verhältnisse vor uns auftaucht. Auf diese eine Karte aber nun die ganze -Definition der Natur setzen wollen, wäre genau so, wie wenn einer -etwa als einzige Eigenschaft seines Gottes hinstellen wollte: er ist -unendlich, und nun verlangte, daß wir auf Grund dessen schon in ein -religiöses Gemütsverhältnis mit diesem Gotte einträten. - -Gerade die strengste Naturforschung zwingt uns, in diesen Begriff Natur -noch ganz andere Dinge als entscheidend aufzunehmen vom Moment an, -da wir Ernst damit machen, den Menschen vollständig in die Natur zu -übernehmen. - -Wir Menschen überschauen ein gewisses Stück Weltbegebenheiten. Räumlich -ein Stück nebeneinander, bis in die fernsten Nebelflecke. Durch die -Verzögerung des Lichtstrahls aus der großen Ferne ordnen sich schon die -entfernteren Raumdinge zum Teil direkt in Zeitdinge um. Andere nähere, -greifbare Merkmale vergangener Tage um uns her kommen hinzu und so -sehen wir schließlich auch einen Zeitausschnitt, ein Hintereinander -von so und so viel Millionen Jahren mehr oder minder deutlich. Etwas -anderes zu Aussagen über die „Natur“ haben wir nicht als den Inhalt -dieses für uns begrenzten Raum- und Zeitausschnitts. - -In diesem doppelten Ausschnitt aber sehen wir nun keineswegs bloß ein -belangloses Auf- und Abplätschern eines Stoff- und Kraftmeers. - -Wir sehen vielmehr eine höchst eigenartige +Entwickelungslinie+. -In dieser Linie stehen aber wiederum nicht bloß aufglänzende und wieder -verglühende Sterne, Wechsel von warm und kalt, Auftauchen irgend eines -Sauriers und Wiederabsterben seiner Art. - -Vielmehr vollziehen sich darin die allereigentümlichsten Sachen und -zwar werden uns diese aufdringlich deutlich vom Moment an, da wir den -Menschen restlos aufgenommen haben in diese Linie der Entwickelung. - -Der Laie hört heute: der Mensch stammt vom Affen ab. In der Form, wie -er das zu hören bekommt, liegt vielfach das gleiche Unglück, wie bei -jener Kraft-Stoff-Antwort. Du stammst vom Affen ab, folglich bist -du eigentlich nur ein Affe; zähme deinen Ehrgeiz, steige eine Stufe -herunter, laß dich von einem Niedrigeren, von der tierischen Natur -fressen: -- Minotaurus. Auch hier liegt die pessimistische Folgerung -auf der Hand: was nützt Dein Arbeiten, Du bleibst, was Du warst, -Kraft, Stoff, Tier, Affe -- in Summa: ewig gleichförmig plätschernde -„Natur“, dieses scheußliche, allesverschlingende graue Abstraktum. In -Wahrheit ist die entscheidende Folgerung: der Affe ist also nur ein -Übergang gewesen zu unvergleichlich viel Höherem, es gab etwas in der -organischen Entwickelung, das den Affenzustand wie eine Puppenhülle -abwarf und zum Lichte flog. - -Von solcher Betrachtungsweise kommt man auf ganz andere Schlüsse auch -im Menschen selbst vor der Natur und in der Natur. Der schlichte -Übergang der Lebensstufe unterhalb des Menschen in den Menschen hinein -nach einfachem Naturgesetz bleibt nicht nur bestehen, er wird sogar zu -einer Säule des wahren Baues. Nur durch ihn gewinnen wir ja ein Recht, -zu sagen: der Mensch ist auch ein Stück Natur, eine Stufe der sich -entwickelnden Natur. Wenn der Mensch das aber ist, so gewinnt die Natur -ganz unzweideutig das folgende höchst eigenartige Antlitz. - -In dem Stück Entwickelung, das wir überschauen können, zeigen sich dann -zwei ganz überwältigend große Entwickelungsstufen. Die erste will ich -als die Stufe des +Gesetzes+ bezeichnen, die zweite als die Stufe -der +Liebe+. - -Die erste Stufe ist für uns eine gegebene im Moment, da der Vorhang uns -über dem Kosmos zeitlich aufgeht. - -Sogleich und für uns vom ersten Tage an sehen wir hier die Welt -ausgeliefert einer unerschütterlichen Gesetzmäßigkeit. Bestimmte Bahnen -sind den Stoffen fest eingepaukt. Ein Körper, der unter bestimmten -Schwereverhältnissen fällt, fällt nach einem ganz bestimmten Gesetz -immer so. Und der Sinn gleichsam aller Dinge scheint erschöpft in -diesem Naturgesetz. - -Es hat etwas Großartiges in seiner ruhigen Majestät, dieses Gesetz, -aber auch etwas Unerbittliches. Welten fallen aus seiner Hand: -Milchstraßen, Fixsternsysteme, Sonnen. Es gibt keinen Zufall vor ihm: -alles muß so sein, wie es ist. Aber alles Werden, alle Welten, die -entstehen, scheinen zunächst in ihrem Sinn auch erschöpft in diesem Muß. - -Dieses Ur-Naturprinzip wird mit derselben Ruhe, womit es eine Welt -schafft, diese Welt auch wieder zertrümmern, wenn sie eine Fehlerquelle -in sich hat. Es ist die Inkarnation einer unerbittlichen Gerechtigkeit -einfacher Art: was wird, muß seine Folge tragen. Wird es schlecht, -so stürzt seine Strafe über es herein, wird es gut, so erntet es -unendlichen Lohn. - -Wir brauchen nicht von Gravitation und anderen naturgeschichtlichen -Werten zu reden, -- dieses unerbittliche Gesetz ist uns aus einer -anderen Quelle mindestens ebenso geläufig: in dem alten Bibelworte -nämlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Es ist der moralische Triumph der -Formel ~A~ = ~A~. - -Ich sage, dieses Gesetz ist für uns da mit dem Anfang der Welt. -Das ist an sich freilich noch kein Beweis, daß es ewig da war. Es -könnte sich selber in unbekannten Vor-Äonen erst entwickelt haben, -als eine Überwindung des regellosen Zufalles im Geschehen, als das -erste ungeheure Ordnungsprinzip, das sich herauskristallisierte in -unendlichen Vorkämpfen der Welt. Diese „Mythologie der Logik“ braucht -uns hier jedenfalls nicht zu beschäftigen. - -Sicher ist, daß das Gesetz da ist, wo unsere Erkenntnis beginnt. -Das geringste Ballungsstäubchen Nebelmaterie, mit dem unsere ganze -Entwickelung eingesetzt haben könnte, können wir uns nur vorstellen -schon im Banne dieser Gesetzmäßigkeit. - -Aber ebenso sicher wieder sehen wir weiterhin, innerhalb jenes uns -sichtbaren Stückes Naturentwickelung, eine Fortentwickelung über dieses -Prinzip hinaus. - -Auch wir Menschen auf dieser Erde, Natur wie wir sind, hängen in -jener großen Gesetzmäßigkeit. Wenn wir fallen, fallen wir nach der -mathematischen Weltregel des Gravitationsgesetzes. Wieviel wir der -Natur außer uns hinlegen, soviel erhalten wir zurück, Kraft um Kraft. -Messen wir das an einem wüsten Zufallsgeschehen, so müssen wir uns -ehrlich dessen freuen. - -Nur diese Gesetzmäßigkeit aller, aber auch absolut aller Vorgänge der -Welt hat uns, wenn noch in beschränktem Maße, so doch anwachsend mit -jedem Tage, zum Herrn so vieler Naturprozesse werden lassen. Dieser -ungeheuren schlechterdings untrüglichen Ehrlichkeit der Natur verdanken -wir alle Erfolge unserer Technik. Kein Zündhölzchen zünden wir an, kein -Haus steht, kein Schiff fährt ohne diese Verläßlichkeit der Natur. - -Und doch! - -In uns Menschen arbeitet sinnfällig noch etwas über diesem Prinzip. - -Ein geliebter Mensch beugt sich zu weit über das Fensterbrett und -stürzt ab. Er muß stürzen nach dem Naturgesetz der Schwere. Er stürzt, -weil Logik gilt; er stürzt, weil ~A~ = ~A~ ist. Sein Einsatz, -seine Schuld war das Hinauslehnen. Die Naturgesetzlichkeit vollzieht -das absolute „Muß“, den Lohn: er stürzt und liegt zerschmettert da. -Unerbittlich. - -Wir aber fragen: konnte diese Schuld nicht vergeben werden? - -Unser Herz ringt gegen dieses „Muß“, es ist uns auf einmal etwas -Furchtbares, scheint uns entsetzlich vor solchem Falle. - -Wenn wir zu entscheiden gehabt hätten: unser ganzes bestes Inneres -hätte sich aufgelehnt gegen diese furchtbare Konsequenz, tausend -Stimmen des Mitleides, der Solidarität von Mensch und Mensch hätten -sich erhoben in uns, unser ganzes höchstes sittliches Empfinden hätte -gerufen „Nein!“ - -Und doch sind auch wir Natur. - -Aber das macht: in uns Menschen ist schon ein zweites Prinzip. - -Die Liebe. - -Das Mitleid, die Toleranz, das Eingehen auf jede Sehnsucht des -einzelnen, das Vergeben der Schuld, die höhere Gerechtigkeit. - -Überschauen wir auf dieses Prinzip hin jenes allein bekannte Stück -Weltengang, so müssen wir sagen: der ganze aktive Inhalt dieses Stückes -ist wesentlich die allmähliche Entwickelung dieses zweiten Prinzips. - -Da entsteht die Erde und durch diese Erde, auf dieser Erde entsteht -als ihre höchste Äußerung der Mensch. Im Menschen aber zeigen sich die -Keime endlich ganz offen. Auf einer bestimmten Stufe seiner natürlichen -Kulturentwickelung hören wir aus seinem Munde frei als Ideal -aussprechen: fortan soll nicht mehr gelten Auge um Auge, Zahn um Zahn, -sondern siebenmal siebenmal sollst Du eine Schuld vergeben um der Liebe -willen. Der Fortgang der Menschheit seitdem ist ein langsamer, aber -zäher Versuch, das nicht bloß zu sagen, sondern durchzuführen. Über den -Ausgang besteht für mich kein Zweifel. Wir arbeiten an der Realisierung -dieses Ideals, und all unser sittlicher Fortschritt geht hierher. - -Vergleicht man nun die beiden Naturprinzipien miteinander, so erscheint -das erste wie das alte Testament der Welt, und das zweite wie das -neue. Das erste reicht von dem uns erschaubaren „Anfang der Welt“ bis -in den Menschen hinein; das zweite läßt sich, als auf seinen ersten -ganz hellen irdischen Lichtpunkt hin, mit einem Namen lokalisieren bei -Christus, mit dem jenes Ideal zweifellos den ersten festen Schritt -zur Tat getan hat, einerlei wie sich nun der Schleier über der -Persönlichkeit einmal löse. - -Auch diese beiden Naturprinzipien haben das Eigenartige, daß das zweite -nicht kommt, um das erste aufzuheben, sondern nur um es in ein Höheres -hinein zu erfüllen. - -Die Liebe wirft die Welt keineswegs wieder zurück in den wüsten -Zufall. Sie umfaßt das rein Gesetzmäßige, -- wie ja ihr Träger für -unsere Kenntnis, der Mensch, sich rein natürlich auch im Banne dieses -Gesetzmäßigen entwickelt hat, ohne Riß, ohne Magie. Aber sie bringt in -dieses Gesetzmäßige einen neuen Sinn. - -Dem Zufall gegenüber war schon ein großer Sinn das einfache „Muß“. -Die Liebe aber sagt jetzt: das Muß tut es noch nicht. Das Muß -schafft Glück, aber auch mit der gleichen Folgerichtigkeit bis ins -siebente Glied heilloses Unglück. Die Liebe aber will nur Glück, -nur Beglückendes. Sie wird das Muß nicht als solches aufheben, aber -sie wird versuchen, es in ihren Dienst zu stellen: das folgerichtig -Schlechte wird sie auszurotten suchen und nur das folgerichtig Gute -erhalten. - -Die Frage wird sich nur hier vorwagen, ob sie das kann. - -Betrachten wir aber wieder das Stückchen uns bekannter Tatsachen. - -Wäre die Liebe etwas dualistisch der Natur Entgegengesetztes, so möchte -die Antwort heikel sein. Aber sie ist ja selber in unserer Linie nur -die sich entwickelnde Natur. Und da ist eins wieder über alle Maßen -überraschend. - -Diese Liebe leuchtet genau erst da auf, wo wir im Kulturmenschen ein -Wesen sehen, das zugleich mit Siebenmeilenstiefeln auf die Herrschaft -über das ganze „Muß“ losschreitet, -- auf die +Herrschaft über alle -Naturgesetzlichkeit+ wenigstens seines engeren Bereichs. Der Mensch -in diesem Sinne, „Herr der Erde“ als Techniker, als Naturforscher -- -und dieser Mensch durchdrungen von der Liebe: -- diese Erde wäre ein -Reich der Liebe innerhalb ihrer Naturgesetzlichkeit und durch sie. - -Nun mag man ja sagen, dieser Mensch mit seiner ganzen Erde sei nur ein -Pünktlein in der Natur. Ein Sternlein sei diese Erde unter Milliarden. -Was will das eine Sternlein der Liebe selbst dann gegen Milliarden -Sterne der fortgesetzten reinen Naturgesetzlichkeit bloß im alten Sinne. - -Aber gerade weil ich das Auftauchen des Menschen und der Liebe in -ihm nicht als eine Magie auffasse, sondern als ein naturnotwendiges -Werden auf dieser Erde, halte ich solche Notwendigkeit auch auf anderen -Weltkörpern für möglich. - -Ja, ich halte sie aus strengen Verstandesgründen sogar für sicher. -Ich sehe in der Menschwerdung eine kosmische Stufe, die genau so -milliardenmal eintritt zu ihrer Zeit, wie Milliarden Sterne leuchten -gleich unserer Sonne zu ihrer Zeit. - -Aus der Naturstufe Mensch wird sich aber immer auch das Naturprinzip -Liebe neu offenbaren, milliardenmal, durch die ganze Natur hindurch, -- -wenn es eben ein Naturprinzip, eine höhere sich entfaltende Form dieser -Natur ist. - -Auf jedem belebten Weltkörper werden Menschen erwachen und in -diesen Menschen ein Funken Liebe und zugleich ein Wegstückchen -Naturbeherrschung, -- ein Stückchen Bändigung der Natur zu Zwecken der -Liebe. - -Und in diesem ihrem Werk müssen die Funken wohl schließlich sogar -zusammenfließen. Ist doch die Verbindung zuletzt eine reine Frage -der Technik. Was sollen wir aber einer Technik für Schranken setzen, -die sich Millionen von Jahre über das hinaus entfaltet, was wir -heute besitzen. Zusammenhänge werden sich herausstellen zwischen den -unzähligen kleinen Ecken und Winkeln der Naturbeherrschung. - -Im Moment, da alles Geschehen der Welt in den Händen, im Willen -intelligenter Wesen liegt, alle Naturgesetzlichkeit nur in der Linie -arbeitet, die dieser Wille will, -- in dem Moment würde die zweite -Stufe erfüllt sein. Naturgesetz und Liebe fielen zusammen im Sinne, daß -das Naturgesetz nur mehr wirkte in der Richtung der Wünsche der Liebe. -Seine unendlichen Möglichkeiten wären sozusagen polarisiert auf die -eine Ebene -- der Liebe. - -Für unsern Blick, in der Linie, die wir allein auf unserer Stufe -denken können, bedeutete das die Stufe der vollkommenen Seligkeit: den -Himmel. Wobei immerhin offen bleiben mag, wie auch diese Stufe von noch -weiterer Entwickelung überwunden, überboten werden könnte. - --- -- -- - -Solange die Menschheit jetzt über sich nachdenkt und Ideen darüber -schriftlich niedergelegt hat, ist sie immer auf diesen fernen -Zielgedanken hinausgekommen einer gesetzmäßigen Welt, aber mit -einer obersten Leiterin in dieser Gesetzmäßigkeit: der Liebe. Die -Gesetzmäßigkeit sorgend für die ewig Fortwirkung jeder Ursache. Aber -die Liebe das erste „Daß“ setzend, von dem alle diese Fortwirkungen -ausstrahlen. - -Unsagbar aber hat sich der Gedanke abgequält mit der Tatsache, daß -offenbar dieses Ideal heute noch nicht erfüllt sei. - -Ungeheure Ketten solcher naturgesetzlichen Folgerichtigkeit liefen auf -höchste Unlust, auf das Gegenteil aller Liebesforderung hinaus. - -Man stieß eben gegen den Sachverhalt, daß wir erst im +Werden+ der -zweiten Stufe stehen, daß hinter uns nicht die Liebe, sondern die Stufe -des wahllosen Muß steht, während erst vor uns, in der Ferne und durch -uns in endlosester Projektion, die wahre Aufhebung dieses Muß in die -Liebe steht. - -Schließlich hat aber auch an den verschiedensten Stellen das unentwegte -Grübeln auf die Zukunftshoffnung geführt: auf die Idee einer Seligkeit -in einer Ferne der Zeit, am „Ende der Dinge“, am „jüngsten Tag“, im -„Nirwana“, und wie die Worte lauten mochten. - -Auch das ist der grübelnden Menschheit immer und immer wieder klar -geworden: ihre seltsame Zwitterstellung halb scheinbar mit der „Natur“, -halb gegen die „Natur“. - -Es waren die zwei Stufen der Natur, die in ihr rangen: die Raupe, die -unter quälendem Schmerz sich selber als Puppe gebären soll. - -Abwechselnd fühlte der Mensch sich Herr der Natur und gefressen von -der Natur. Heute liebend, geliebt, die Wunden heilend, die Beladenen -aufrichtend, die Dinge regierend nach seiner Seligkeitssehnsucht, die -alle gleich beglücken, verklären sollte. Morgen in Krankheit, die jäh -aus seinem Innern fraß, vom Dämon besessen, unter Leichen hinstürzend, -tausendfach im Bann völlig unverständlicher, unbeherrschbarer, -unberechenbarer „Notwendigkeiten“, die einfach blind, gefühllos ihre -Bahn abklapperten. - -Und der Bedrängte, Ratlose konstruierte in der Not einen ewigen -Gegensatz der Dinge: hier das „Ich“, Liebe setzend, einiges -vollbringend, aber dann wieder ohnmächtig, -- dort „die Natur“, die -weltengroße kalte Muß-Maschine, die um der Konsequenz der heiligen -Logik willen alle Gefühle und Sehnsuchten zermalmte. - -Auch hier war das Symptom erfaßt, -- bloß der Sinn hinkte. - -Es kam die Antwort Hiobs, daß wir den Sinn der Welt nicht verstehen -könnten, weil wir zu klein sind. - -Oder die furchtbare Antwort des Harfners bei Goethe: - - „Ihr führt ins Leben ihn hinein, - Ihr laßt den Armen schuldig werden, - Dann übergebt ihr ihn der Pein, - Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.“ - -Dieser Vers malt unvergleichlich das reine „Muß“. War das das -Weltprinzip nach wie vor? Der einzige Sinn der „himmlischen Mächte?“ - -Was Wunder, wenn Prometheus sich dagegen auflehnte, das trotzige Ich, -das, an den Felsen des „Muß“ geschmiedet, doch noch höhnt: - -„Ich kenne nichts Ärmeres als Euch Götter.“ - -Prometheus hat eben tatsächlich etwas mehr als das Muß. Er hat die -Forderung der Liebe. - -Aber der Kontrast ist nur der von älter und neuer. - -Das Alte ist eine unermeßlich große Masse, -- das Neue ein paar -Lichtpünktchen. Man denke an die paar Menschen, die um Liebe nach den -Sternen blicken -- und diesen Erdball unter ihnen, der kein Gesetz hat -als das des „Muß“, wonach er jährlich 365 Mal um sich und einmal um -die Sonne fällt. Aber gib dem Neuen die ganze Zukunft mit in Kauf und -die Folge der Milliarden Generationen nach ihm, -- und Prometheus wird -Christus, er wird Newton, der den Mond schon fallen sieht wie einen -Apfel, er wird der Erfinder, der mit elektrischen Wellen über Meere -spricht und endlich: nicht er hängt mehr am Kaukasus, sondern dieser -ganze Kaukasus wächst und zerfällt, je nachdem er es zu Zwecken seiner -Liebe will, er, der Herr der Naturgesetze. - -Wie bisher über die Einzelheiten dieser Dinge gestritten worden ist, so -wird auch noch weiter darüber gestritten werden müssen. Was ich aber -meine, ist, daß diese Gedankengänge sich +völlig vertragen+ mit -den Dingen, die der moderne Naturforscher lehrt. - -Nirgendwo steckt auch nur die geringste Konzession darin, die vom -+Naturforscher+ verlangt würde. - -Es wird bloß darin Ernst gemacht mit dem, was gerade dieser Forscher -verlangt und verlangen muß: daß nämlich der Mensch in seinem ganzen -Umfange in die Natur aufgenommen werde. Dieser Mensch muß dabei -bleiben, was er ist. Er wird nicht plötzlich +bloß+ Kraft und Stoff, -oder +nur+ eine Mischung aus ~H₂O~ und einigen anderen Elementen. -Er bleibt Hiob und Prometheus und Christus und Faust, bleibt in -der uralten brennenden Sehnsucht seiner Ideale, bleibt in seiner -Weltverzweiflung und Welthoffnung und Weltüberwindung, bleibt in seiner -Liebe. - -Von all diesen Dingen wird man doch wohl nicht glauben, daß der -Naturforscher plötzlich daran rüttle? - -Er gerade ist doch der allerletzte, als Beobachter, der Phänomene -scharf auseinander zu halten gelernt hat, -- der einen Unterschied -leugnen sollte zwischen einem Stein, der einfach nach dem -Gravitationsgesetz fällt, oder einer insektenfressenden Pflanze, die -unerbittlich ihr Opfer aussaugt, -- und dann einem Menschen, in dem das -schlichte christliche Gebot auferstanden ist, daß man mit den Armen das -Brod teilen und seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst? - -Was der Naturforscher in erster Linie verlangt, ist, daß diese -Unterschiede nicht durch Magie erklärt werden, sondern als natürliche -Entwickelungen. - -Gerade das aber wollen ja jene Ideengänge, denen +alle+ jene -Vorgänge nur Entwickelungsstufen einer und derselben Natur sind. - -Gerade der Naturforscher wird doch auch der letzte sein, -der unabsehbare Zukunftsfernen dieser einmal angeschlagenen -Entwickelungswellen leugnet. Von ihm stammt ja die erste exakte -Fassung des alten Glaubens, daß alles Geschehene für die Ewigkeit -geschehen, in die Ewigkeit hinein geschrieben sei: er lehrt uns, daß -die Kraft nie erlischt und daß der geringste Schlag im Äthermeer -fortzittert durch alle Äonen hindurch in immer weiter sich zerteilenden -Kreisen, -- diesen wunderbaren Gedanken von der Unsterblichkeit -der Wirkungen, auf dem Fechner seine ganze tiefsinnige Philosophie -aufgebaut hat. - -Aus der Astronomie und nicht aus der Märchendichtung stammt unseren -Tagen die Idee, daß gleiche Ursachen auch auf anderen Sternen zu -gleichen Wirkungen, nämlich organischer Lebensentfaltung bis zu -intelligenten Wesen hinauf, führen müssen. - -Aus unserer Technik, die in allen Zügen angewandte Naturwissenschaft -ist, stammt die schlichte Folgerung, daß unserer Beherrschung des -mechanischen Geschehens keine Grenze gesteckt sei. Dieses Mechanische -hat in sich keinen Riß und das macht es zum kontinuierlichen Bande, -das wir fort und fort weiter aufrollen, nachdem wir einmal fest Hand -angelegt haben. Der größte Unsinn, den der Wilde sich ausdenken konnte, -ist von unserer Technik schon erfüllt: daß wir durch Wände sehen -könnten, daß wir den Blitz zu einem zahmen Haustier machen könnten, das -uns die Stube erhellt, daß wir mit einer Wolke Stoff, die leichter als -Luft ist, durch die Luft fliegen könnten, daß wir das Licht zwingen -könnten, uns Rede zu stehen, wie es in der Glutatmosphäre der Sonne -oder im Nebelfleck der Andromeda aussieht. - -Wie anders aber nimmt sich der Naturbegriff aus, wenn wir ihn von -solchen Linien her fassen! - -Wie groß erscheint der Mensch darin: der Träger der Naturwende auf -unserem Stern! - -Ausgelöscht ist das Minotaurusbild. - -Jener Kampf des Herzens gegen die eiserne Logik ist der große -Höhenkampf der Natur selbst, der in uns ringt, -- der zweite -Schöpfungstag, der mit dem ersten streitet. - -Über das graue Nebelfeld zuckt ein optimistischer Strahl. - --- -- -- - -In der Edda kommt ein furchtbares Schlußbild alles Weltgeschehens -vor, zu furchtbar doch, als daß es selbst dort, wo Götter und Welten -sterben, als endgültiger Abschluß gedacht würde. Himmel und Erde sind -verbrannt und über die Stätte hat sich ein uferloses schwarzes Meer -ergossen. Nichts mehr lebt darin. Nur ein gespenstischer Spielmann -zieht darüber und nach dem einförmigen Takt seiner Melodie heben sich -die Wellen unablässig herauf, um wieder zu sinken, -- auf und ab, ein -zweckloses Einerlei -- und das in alle Ewigkeit. - -Auf ein solches grauenvolles Phantasiebild lenkt aber als -Wirklichkeitsschluß der falsch angewendete Materiebegriff. - -Das Meer ist der abstrakte Stoff, der Spielmann mit seiner unendlichen -Melodie ohne Wechsel die abstrakte Kraft. Und es ist hier nicht bloß -ein Endbild, es ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alles in -einem. Den Menschen mit seinen Hoffnungen und Idealen in dieses Meer -hinabziehen, heißt ihn schon jetzt vernichten. - -Und doch ist nichts nötig, als die Natur-Definition nur auf eine etwas -größere Fülle der Phänomene zu bauen statt auf eine solche einzige -skeletthafte Abstraktion, -- und dieses Meer des gespenstischen -Spielmannes wird zu der blauen Welle, aus der in einer Lotosblume das -Gotteskind Mensch erblüht, das Kind, in dem die Gott-Natur sich selber -fortschreitend neu zur Welt bringt. - -Nur etwas mehr Mut braucht es in der Definition des gleichen Dings. - -Hat man diese große Linie aber einmal resolut erfaßt, so ist es leicht, -in sie noch eine Menge einzelner Züge hineinzuzeichnen, die jetzt alle -nach der optimistischen Seite weisen. - -Die Stufe der Liebe ersteht rein „natürlich“ aus der Urstufe des -Gesetzes, sagte ich. Sie entwickelt sich in dem uns bekannten -Weltausschnitt in der Phase, die allmählich zum Menschen hinleitet und -endlich in diesem selbst gipfelt. Hier aber wird die Frage wichtig, ob -dann nicht in der Stufe des reinen Gesetzes doch +auch schon+ ein -optimistisches Prinzip erkennbar gewaltet haben müsse. - -Diese Frage berührt allerdings zunächst das unendlich schwierige -teleologische Gebiet. - -Auch auf diesem Gebiete haben wir uns vorweg vor einem Irrtum zu -hüten, der ebenso gefährlich werden kann wie der falsch verstandene -Materie-Begriff. - -Wenn ich Ernst mache mit der Behauptung, es sei der ganze Mensch ein -Stück Natur, so darf ich nicht sagen: es gibt in der Natur keine -Zwecke. Der Mensch handelt nach Zwecken, und also handelt die Natur auf -der Stufe Mensch nach Zwecken. In einer Generaldefinition der Natur -muß der Satz stehen, daß sie jedenfalls unter bestimmten Verhältnissen -bewußt zwecksetzend, also im ausgesprochensten Sinne teleologisch -arbeitet. Der Sieg der Liebe, von intelligenten Wesen durchgefochten, -wird auf alle Fälle erreicht werden mit den Mitteln solcher Teleologie. - -Andererseits bleibt aber ebenso wahr, daß lange Zeit hindurch nichts -verhängnisvoller gewirkt hat, als das Hineindeuten von Zwecken in die -reine Stufe des Muß. - -Es war wie ein Aufatmen für die Naturforschung, als aus diesem -Teil der Natur das teleologische Prinzip zunächst einmal nach -Möglichkeit herausgedrängt wurde zu Gunsten einer Betrachtung reiner -Kausalzusammenhänge. - -Wenn ich mich überhaupt mit dem „Muß“ beschäftige, so muß dieses auch -+herrschen+. - -Jede Einmischung irgend welcher Art wäre Magie, und die zerstört das -Fundament unserer anderen größten Errungenschaft: des Vertrauens in -die absolute Naturlogik, in das ewige: „Gleiche Ursachen, gleiche -Wirkungen.“ - -Gleichwohl gibt es noch eine dritte Betrachtungsweise, die eben möglich -wird, weil beide Gebiete doch +natürlich+ zusammenhängen. - -Das „Muß“, das „Gesetz“, hat den Menschen und die Liebe schließlich -in der von ihm allein beherrschten Welt doch auch hervorgehen lassen. -Es hat eine ungeheure Entwickelungskette erzeugt, die zu diesen -Höhenphänomenen hinführte. Unter diesen Umständen fragen wir uns, ob -nicht mit der ersten Setzung dieses Muß wenigstens doch auch schon -ein optimistisches Grundprinzip mit gesetzt war, das solche Blüten -ermöglichte. - -Wohlverstanden: ich will auch jetzt keineswegs die geschlossene Kette -des Naturgesetzlichen durchbrechen mit einer hineingeschmuggelten -Zweckkreuzung, einem Finger aus Numero ~x~, der die Kette beugt. - -Ich teile konsequent den Standpunkt Fechners, der immer und immer -wieder seinen Hörern eingepaukt hat: alle Welt-Teleologie muß im -Naturgesetz umschlossen sein, muß gesetzt sein, wenn sie besteht, -+durch+ die Naturgesetze, nicht noch einmal neben oder hinter ihnen; -wenn es einen Zweck im Fall des Steines gibt, so kann er einzig und -allein erfüllt werden durch diesen in der mathematisch genauen Formel -der Gravitation gegebenen Fall und nicht noch einmal extra; in diesem -genauen Wortsinne gibt es keine Meta-Physik, das heißt: nichts noch -einmal +hinter+ der Physik. - -Aber wenn das Weltmuß an einer Stelle des uns sichtbaren Bildes in -eine optimistische Linie im Sinne eines Anlaufens auf wachsende -Glückseligkeit einmündet, -- werden wir nicht erwarten dürfen, daß -in der ersten Setzung dieses Muß bereits als ein optimistisches Ziel -irgendwie gegeben war? Mit andern Worten: steckt nicht schon ein -optimistisch zu deutender Faden in der Stufe des Gesetzes? - -Ich glaube, daß wir ihn erkennen können. Er offenbart sich in dem -eigentümlichen Zwange der Weltlogik, der +das Harmonischere über das -Disharmonische+ rein mechanisch triumphieren läßt. - -Diese Logik hat noch gar nichts direkt zu tun mit Lust oder Schmerz. -Sie trifft Sterne und Steine und Staubteilchen, man kann sie -durchführen durch eine +absolut mechanisch+ gedachte Natur. - -Aber innerhalb dieses Mechanismus waltet sie als ganz bestimmtes -Ordnungsprinzip. Sie siebt unablässig das regellose Auftauchen der -Formen durch auf eine ganz bestimmte, fort und fort gesteigerte -Ordnung, eine harmonische „Anpassung“ der Teile aneinander. - -Ihr Werk ist, daß die rein gesetzmäßige Natur nicht als ein unendlich -buntes Phantasiestück, sondern bereits als ein „Kosmos“ erscheint. - -Es ist die Logik, die Empedokles als Weltordner pries und die in unsern -Tagen Darwin als sein Prinzip der natürlichen Auslese der Passendsten -im Organischen auf den Schild erhoben hat. - -Diesem Weltprinzip allein verdanken wir die Möglichkeit eines -mindestens auf Jahrmilliarden stabilen Fixstern- und Planetensystems, -die Grundbedingung also der uns bekannten organischen Entwickelung. Und -diesem Prinzip verdanken wir zweifellos den Menschen selbst, der das -Ideal geradezu einer prachtvollen Anpassungs-Auslese darstellt. - -Die gewöhnliche Antwort lautet allerdings, daß dieses Gesetz der -Erhaltung des Passenderen doch ganz selbstverständlich sei. - -Ja, warum aber ist es selbstverständlich? - -Es ist selbstverständlich, erstens weil eine Logik, eine -Gesetzmäßigkeit überhaupt in der Welt ist. In einer reinen -Kuddelmuddelwelt wäre es gar nicht selbstverständlich. Es ist aber -selbstverständlich zweitens noch, weil in dieser Weltlogik mit ihrer -+ersten Setzung+ eine +optimistische+ Tendenz steckt, etwas -was zu harmonischen, stabilen und immer harmonischeren, stabileren -Verhältnissen in der Welt drängt. - -Auch dieser Gedankengang ist ein sehr schwieriger im Ausbau, den ein -paar Sätze gewiß nicht erschöpfen können. Er berührt unter anderem -ja die tiefste philosophische Kernfrage der ganzen Darwinschen Idee. -Aber so viel, meine ich, leuchtet doch schon durch, daß auch er nur -einen optimistischen Zug in das Gesamtbild fügen kann. Gleichzeitig -umfaßt er aber wieder nur ein streng naturwissenschaftliches Gebiet. -Läßt er sich doch sogar die extremste mechanistische Ausnutzung des -Zuchtwahlprinzips im Gebiet des Lebendigen gefallen, die nur möglich -ist, -- ohne ein Titelchen seiner optimistischen Färbung dabei -preiszugeben. - -Von den einzelnen Phänomenen der Anpassung aus läßt sich dann wieder -ein sehr klarer optimistischer Faden finden in der „Entwickelung“ der -Dinge, wie sie uns unser Naturausschnitt geschichtlich weist. - -Immer, solange man in Linien dieser Geschichte etwas hineinschaut durch -Astronomie, Geologie, Paläontologie, Anthropologie, hat ja der Gedanke -frappiert, daß es da doch eigentlich im ganzen ständig emporgehe: -- -vom chaotischen Nebelfleck zum Sonnensystem, von der Glutkugel zur -bewohnbaren Erde, vom einzelligen Urtier zum Menschen. Und im Menschen -vom Mammutjäger zu Plato und Kopernikus und Goethe. - -Aber es gibt doch auch gegenteilige Meinungen, anknüpfend an die -Kuddelmuddel-Definition einer völlig sinnlosen Natur. - -Da erscheint diese ganze angebliche Entwickelung der Erde bloß als -der Degenerationsprozeß eines erkaltenden, verfallenden Planeten. Das -ganze Leben ist bloß eine Verfallsanpassung, die mit fortschreitender -Erkaltung auch des benachbarten Gestirns wieder verschwinden -wird. Der physikalische Satz aus der Lehre von der Entropie wird -herangezogen, wonach in einer endlich begrenzten Welt schließlich die -Temperaturdifferenzen sich völlig ausgleichen müßten und damit jedwedes -Weltgeschehen endgültig zum Stillstand käme. Die Anpassung wird gefaßt -als etwas völlig zielloses, ein ganz beliebiges Jenachdem, in dem alles -gleichwertig ist, was überhaupt da ist: heute der Bacillus, morgen der -Wurm oder der blinde Olm oder der Mensch. - -Und doch steckt auch hier wieder gerade in der skeptischen Auffassung -das eigentlich Gewaltsame, das Vergewaltigende den schlichten -naturgeschichtlichen Tatsachen gegenüber. - -Die Skala der Entwickelung in dem uns gegebenen zeitlichen Weltstück -einfach bloß auf das Thermometer hin zu definieren, ist genau so -abstrakt einseitig wie jene Skelettierung des Naturbegriffes auf „Kraft -und Stoff“. - -Ich lasse den Entropie-Satz dabei von vorne herein aus dem Spiel, da -er mit einer +endlichen+ Welt rechnet, für die natürlich alle -Ideen von unendlicher Entwickelungsfolge fortfallen, die aber selber -dafür auch völlig aus jedem Beweis fällt. Ich beschränke mich auf -die engeren Tatsachen-Linien. Im Moment, da der Planet seine eigene -Sonnenglut verliert, erwacht nach gangbarer naturwissenschaftlicher -Annahme auf ihm die wunderbare Stufe des uns bekannten organischen -Lebens, wahrscheinlich zuerst in jener Bakterienform, die mit ihrer -gewaltigen Fähigkeit, hohe Temperaturen zu ertragen wie schaurig tiefe, -noch das Kennzeichen einer weiteren, umfassenderen kosmischen Anpassung -verrät. Für die engeren Erdverhältnisse richtet sich dann dieses -Leben mehr und mehr ein, aber keineswegs im Sinne einer bloß passiven -Anpassung. - -Immer deutlicher heben sich die Versuche heraus, durch sinnvolle -Ausbildung herrschend zu werden auf der Erde. - -Zuerst erscheint das zerteilt über ganze Gruppen von Pflanzen und -Tieren, die mit Hilfe hier dieser, dort jener Leibesorgane bestimmte -Gebiete erobern: das Wasser, die Erde, die Luft, andere Wesen, Licht -und Finsternis, Hochgebirge und Tiefsee, Wärme und Kälte. Wir sehen -solche zersplitterten Anpassungskreise, doch schon von gemeinsamem -Stamm, bei den Insekten; dann wieder den Reptilien; die wieder werden -vom Typus des Säugetiers überboten. Gleichzeitig aber vollzieht sich -ein wunderbares Zweites. Neben die zersplitterten Anpassungsversuche -ganzer Gruppen, in denen jede eine Möglichkeit starr vertritt, stellt -sich ein Bestreben, zahlreichste Möglichkeiten auf eine Form, eine -Art zu vereinigen, eine Art zu konstruieren, die auf jede Bedingung -der Erde zweckmäßig reagiert. Diese Art in ihrer Vollendung muß -Erdherrscher im absoluten Sinne werden. Wir wissen, welche es ist: der -Mensch. - -Dieser Mensch ist nicht wieder eine Anpassung neben vielen wie der -Käfer, wie der Olm, wie der Vogel. Er ist die absolute, die erfüllende, -sämtliche Einzelversuche zusammenfassende Anpassung der Erde. Es wird -ihm ermöglicht durch sein Gehirn, das im Werkzeug eine höhere, neue, -überbietende Stufe des Organs schafft. Mit diesem Gehirn und Werkzeug -wird der Mensch +Erdbeherrscher+. Die Erde geht auf in ihn. Seine -Erde ist sie fortan. Ein Stück seiner Maschinen, ein Knochengerüst -seines Werkzeugkörpers. - -An jener einseitigen Thermometer-Skala gemessen fällt das -Aufwachsen des Kultur-Menschen in eine Zeit schon vorgeschrittener -Erkaltungssymptome der Erde, -- mag er auch noch so früh in der -Tertiär-Zeit +entstanden+ sein, so fällt doch sein erster -+höherer+ Kulturanstieg, den wir kennen, zusammen gradezu mit der -nachtertiären Eiszeit, -- also auf alle Fälle einem gewaltigen Symptom -jener angeblichen Planetendegeneration. Man sollte meinen, diese -Erdperiode müßte auch die ersten sichtbaren Verfallszeichen des Lebens -einleiten. Statt dessen erfindet jetzt gerade der Mensch die künstliche -Feuererzeugung: der erste Schritt zu der Enträtselung und Beherrschung -der Wärme überhaupt als Naturkraft. - -Und nun dieser Mensch (um in den Gedankengang von oben wieder -einzulenken) -- dieser Mensch ist es, der sich zu der Stufe der -Liebe erhebt, dieser Mensch wird Christus! Mindestens scheint das -Intellektuelle ein ganz anderes Tempo seiner Bahn einzuhalten als die -Thermometer-Skala als Absolutwert erwarten läßt. - -Wir haben, um es immer wieder zu sagen, nur die eine einzige Naturlinie -bis hierher zur Schau, nur dieses eine Paradigma und Beispiel der uns -bekannten Erdentwickelung. - -Aber wer will vor diesem einen Beispiel wirklich leugnen, daß es -in allen seinen Zügen geradezu schreit nach einer optimistischen -Deutung, die diese Liebe als das sichtbare Ziel faßt und die -Naturbeherrschung und alles, was zu ihr führte, samt allen Anpassungen, -Planetenwandlungen und so weiter, als das Mittel? - -Wenn sich irgendwo ein reiner Kausalzusammenhang, aufgedeckt von -nüchternen Naturforschern, die jede teleologische Betrachtungsweise -sorgsam vermieden wie den bösen Feind, im Ganzen gedeckt hat mit -diesem Endsinn, so ist es diese Entwickelung vom Nebelfleck bis auf -den Menschen, der die Naturkräfte eine nach der andern in seine Hand -bringt, um auf ihren Schultern ein Reich der verfeinerten Kultur, der -idealen Menschlichkeit, der Liebe zu gründen. - --- -- -- - -So wanderten meine Gedanken in der stillen Stunde in dem alten -blumenweißen Gletscherbett, während die Tropfen in den schattenkühlen -Felsschrunden leise von dem letzten schmelzenden Schnee fielen. - -Ich dachte an die Folgen der Jahrtausende, da Tropfen, klein wie -diese, das ganze Gebirge abtragen würden. Und das hatte die Menschheit -vor sich, -- Zeiten, in denen Gebirge schwanden und neu wurden durch -Tropfen, die ein Sandteilchen herabschwemmen und anderswo wieder -antragen.... - -Ich dachte an die lieblichen Blütensterne dieser Anemonen -- und wie -viel sonst noch in eine echte Natur-Definition einginge. - -Auch ein rhythmisches Kunstprinzip muß in dieser Natur stecken, das -unten diese Blume gebaut hat und oben im Menschen als Raffael und -Goethe und Beethoven herausgeblüht ist. - -Und aus dieser Natur sollte sich nicht doch ein beglückendes, -erlösendes Evangelium herauslesen lassen, -- nun wir doch einmal jetzt -endgültig ihr angehören durch Forschungsresultate, die keiner mehr -umwerfen kann? - - - - - (Friedrichshagen. Abendstunde daheim.) - - -Die stille Lampe leuchtet über allerlei bunte Farben. Ein blasses Grün, -ein grelles Orangegelb. - -Buchumschläge sind’s. Bücher haben sich angehäuft, während ich im -Gebirge war, neue Bücher, eine ganze Schicht. Unheimlich schnell mahlt -sie, diese große Geistesmühle der Menschheit. Ein paar Monate will man -allein sein, mit Felsen, Bäumen, Tieren. Man schaut auf vom Traum und -das Zimmer ist voll gemahlen von der Rastlosen, -- wie Max und Moritz -steckt man halb im frischen Korn. Alles riecht nach Korn. - -Ich blättere. Darwinistisches, Antidarwinistisches. Das letztere -kommt jetzt immer in einer gewissen Prozentziffer. Geht der Strom -wirklich von hier fort? Sind wir so rasch fertig mit dem neunzehnten -Jahrhundert? Mit der Idee schon, die es für seine größte hielt? - -Ich muß an ein Gespräch denken, droben in den Bergen, während Rübezahl -seine Wolken warf. - -Wir unterhielten uns von den großen Problemen unserer Zeit. Mein Freund -war ein geistvoller, außergewöhnlich kenntnisreicher, echt moderner -Mensch. In allen Hauptpunkten waren wir einig über den Fortschritt, -über den Kampf gegen das Veraltete, Absterbende, über den notwendigen -Sieg der Aufklärung und das Wachstum freiheitlicher Ideen überall. - -„Aber die Haupt-Störenfriede, die alles hemmen,“ sagte er schließlich, -„sind doch der Marx und der Darwin.“ - -Ich wußte, was er an Marx auszusetzen hatte. Wissenschaftliche Details, -wissenschaftlich diskutierbar, jedenfalls auf ernsten Fachstudien -bei ihm beruhend. Ziemlich ebenso war es bei Darwin. Er war auch da -Fachmann und seine eigentliche Kritik setzte wenigstens bei diskutabeln -zoologischen und botanischen Einzelheiten ein. - -Aber seit langem polemisierte er so auch allgemein gegen die beiden. -In seinem Kopfe hatten sich die Dinge allmählich so zurecht gestellt, -daß er an diese Namen wie an Symbole dachte für das Äußerste, was -ihm überhaupt befehdenswert schien. Er brachte sie auch jetzt vor, -daß ein unbefangener Zuhörer, der beider Werk nicht genauer kannte, -sie als Trumpf auf unser vorhergehendes Gespräch auffassen mußte, --- als verkörpere sich in Marx heute etwa alle Unterdrückung, -soziale Unfreiheit, starre Reaktion gegenüber jedem Versuch sozialen -Fortschritts; und als sei Darwin der Typus des Obskurantentums, der -geistigen Vergewaltigung und Rückschrittlerei auf dem Gebiete der -Weltanschauung. - -Lassen wir Marx hier auf sich beruhen und bleiben bei Darwin. Leute, -die, vor die Wahl gestellt, unbedingt für freie Ideen etwa gegenüber -dem Kirchendogma eintreten würden, hauen in einer Weise neuerdings auf -den Darwinismus los, als sei er plötzlich der böse Dämon. - -Aus der Fachliteratur läuft das dann in die Menge. Bei halben und -flachen Geistern wird der Ton „Mode“, weil er wenigstens Abwechslung -bietet. Die wirklich finstern Kreise aber freuen sich, daß ein -gefährlicher Name plötzlich preisgegeben ist und sie ziehen, selber mit -unverkennbarer Logik, ihren Vorteil davon. - -Ich bin in den letzten Jahren auch in guten, aber nicht -naturwissenschaftlichen Schriften mehr und mehr einer Stimmung des -Zweifels, der Unsicherheit gegenüber den Darwinschen Ideen begegnet. -Man weiß nicht recht, wo selber angreifen, aber es kommt wie ein vages -Echo: im Fache selbst sieht man ja schon wieder über die Sache hinaus. -Der eine oder andere „Professor“ wird genannt, der bereits offen den -„Zusammenbruch des Darwinismus“ lehre. Schwerwiegende neue „Tatsachen“ -werden natürlich dahinter vom Laien vorausgesetzt, -- Tatsachen, die -Darwins Behauptungen widerlegt oder die sie doch nicht gestützt hätten. - -Dabei ist es merkwürdig: der Verdacht scheint sich meist auf das -eigentliche Wort „Darwinismus“ zu konzentrieren, das Wort in -Anführungszeichen. - -Der große Entwickelungsgedanke lebt, auch ohne Schlagwort, als das -Lebendigste der ganzen Zeit in uns allen, beherrscht unser ganzes -Denken und Handeln. - -Jener Mann, der in Darwin den Hemmschuh sah, war praktisch ein wahrer -Entwickelungsfanatiker. - -So scheint es fast, als löse sich nachträglich bloß ein Wort, das -Jahrzehnte hindurch die Bewegung gekennzeichnet, wieder von ihr -ab. Das Wort ist aber gleichzeitig so mit ihr verquickt, daß der -Mißverständnisse kein Ende werden will. - -Ist es wirklich möglich, heute „Darwin“ wieder aus der großen -Entwickelungs-Richtung in unserem Geistesleben herauszuwerfen, -- -wegen irgend welcher subjektiven Begleitumstände, irgend welcher -naturwissenschaftlichen Fach-Einwürfe? - -Oder äußert sich unter der Hülle des Kampfes gegen den „Darwinismus“ -am Ende doch eine beginnende Abschwenkung von dieser ganzen -Entwickelungs-Richtung, über die sich bloß manche neueren -Darwin-Angreifer selber in der Tragweite noch nicht klar sind? - -Ich gestehe, daß ich in dem ganzen Auftauchen und Weiterverbreiten -solcher Zweifelfragen schon etwas Mißverständliches sehe. - -Es ist richtig, daß im engeren Fachgebäude des sogenannten Darwinismus -gegenwärtig wieder einmal besonders lebhafte Kämpfe stattfinden. Diese -Kämpfe sind überaus fruchtbar und segensreich, soweit sie gewisse -allgemeine Gesichtspunkte nicht ganz verlieren und soweit persönliche -Gehässigkeiten herausbleiben. Aber gerade diese echten Kämpfe sind -in jeder Faser etwas total anderes, als der Laie, Freund wie Feind, -dahinter zu suchen beginnt. - -Der Darwinismus mit diesem seinem Namen ist heute genau 44 Jahre alt, -datiert vom Erscheinen des „~Origin of species~“ von Charles -Darwin im November 1859. - -Wenn Darwin noch lebend unter uns weilte, so würde er ganz zweifellos -der +erste+ sein, der jenen heute fortbrennenden Fach-Zwist -mit Freuden, ja mit Genugtuung begrüßte. Er würde in ihm nichts -anderes finden als sein eigenes Entwickelungsprinzip, das unablässig -weiterwaltet, -- das sich jetzt auf einen Fels rettet als die endlich -erreichte Feste, -- und das morgen diesen Fels selber anbohrt, um -abermals weiter zu kommen. - -Darwin hatte in eigner Bahn die volle Wucht gefühlt, was es hieß, -einen Ideengang umwerfen. Er hatte sich zuerst von der Theologie -freigemacht, immerhin das noch ohne allzuviel Nöte. Dann war er in die -strenge Wissenschaft gekommen, als halber Dilettant zunächst. Seine -ganze Sorge war, sich nur überhaupt als berechtigt zur Fachforschung -zu erweisen. Inmitten dieses Strebens aber geht ihm auf, daß ein -allgemein angenommener Lehrsatz dieser Wissenschaft, der Satz von der -Unveränderlichkeit der Tier- und Pflanzenarten, +falsch+ sei. - -Immer ist es ihm als etwas Ungeheures erschienen, daß er gerade berufen -sein sollte, so verwegen den Revolutionär zu spielen. - -Sein endloses Zögern, das seinen Ruhm bedroht hat, vielleicht zum teil -selbst seine physische Krankheit hingen damit zusammen. - -Doch er wagt es, muß es als ehrlicher Mann wagen, und er bricht -durch. Er erlebt mit einem gewissen Grauen, daß ein einzelner den -Kampf aufnehmen kann mit einer ganzen, über lange Jahrhunderte -heraufkommenden Wissenschaft und daß er +siegen+ kann. - -Nie hat er das vergessen. In allem Triumph seiner Lehre, wo mancher -vom Weihrauch erstickt wäre, schaut er beständig sich nach dem Manne -um, der nun +ihn+ wieder umwerfen wird. Er rechnete mit der -Wissenschaft, die er an einer Stauungsstelle entfesselt hatte, und die -ihn dafür verschlang, indem sie auch über seinen Fleck strömte. - -Buchstäblich hat er die ganzen Jahre seines rauschenden Erfolges -gegrübelt, wo er sich +geirrt+ haben könnte. Hinter den späteren -Auflagen der „Entstehung der Arten“ glaubt man einen Menschen zu sehen, -der beständig aus dem Schlaf aufschreckt mit dem Gedanken: „Ich habe -etwas vergessen.“ - -Wenn ich mir heute den Alten von Down denken soll, wie er in irgend -eine zoologische Sektion tritt, zwischen einen Kreis junger, -leidenschaftlich schimpfender Entwickelungs-Mechaniker, er könnte nur -mit den Worten kommen: „Na endlich, Kinder, seid ihr endlich drauf, wo -die Sache hapert!“ - -Ob er freilich grade diese Einwürfe anerkennen würde, wäre ja eine -andere Frage. Sicherlich aber würde er eins vorweg betonen. - -Wenn ich in den Kampf der Meinungen heute offen hinaustrete -- hinaus -aus der Studierstube in die große ringende Welt -- so finde ich zwei -Dinge im Streit, im unversöhnlichen Streit. Zwei Weltanschauungen -mögen wir sie nennen. Man könnte ziemlich ebenso gut auch sagen: zwei -Geschichtsepochen, die heute beide nebeneinander (noch und schon) -Vertreter haben. - -Nach der einen Ansicht ist die Welt ein Ding unter einer Käseglocke. -Jenseits der Glocke schaltet und waltet etwas absolut anderes. Es -holt heraus, stellt hinein, macht was es will. Drunten rechnen sie, -inventarisieren sie. Droben wird nicht gerechnet und aus dem Droben -kommt, in das Droben geht ein unbegrenzter loser Inventarbestand. -Wenn das „Droben“ will, so rauscht von der Glocke der Wind, rinnt -der Regen. Und jeder Windstoß, jeder Regentropfen kommt eigentlich -als „Wunder“. Das Droben setzt Tiere herunter, heute Trilobiten, -morgen Ichthyosaurier, übermorgen Menschen. Und zu den Menschen -übermenschliche Wesen noch wieder von jenseits der Glocke. Alles als -unberechenbares Wunder. In der Existenz der Glocke steckt ein ewiger -Riß, eine immer erneute Unfaßbarkeit, ein Hin und Her, das uns Menschen -keine andere Rolle finden läßt, als die Hände in den Schoß legen und -resigniert abwarten, was kommt. - -Dem gegenüber steht ebenso schlicht die Anschauung, daß es keine -Käseglocke gibt. Daß alles eins ist im Sinne des Ur-Zusammenhangs. Das -Drüben, das die Schäfchen und die Bäumchen setzt, sind diese Schäfchen -und Bäumchen selbst, es ist nicht noch einmal besonders da. Wir selbst -sind wir selbst. Alle Dinge der Natur, der Welt, sind da bloß als -Ausfluß von Eigenschaften dieser Natur. - -Nun blicken diese beiden Ansichten in die Geschichte zurück. - -Die eine sieht da dieselbe Willkür. Eingriffe von jenseits der Glocke. -Unberechenbare. Was ist ihr überhaupt die Gewähr des Geschichtlichen? -Jene Übermacht ohne Raum und Zeit könnte auch rückwärts ja noch einmal -hineingreifen. - -Die andere aber gerät unabänderlich auf den Begriff natürlicher -Entwickelung. Weil es überhaupt eine Geschichte, eine Zeitenfolge -gibt, die eins an Stelle des andern zeigt; und weil es ihr nichts -gibt als die Dinge selbst; so folgt ihr einfach Wandel dieser -Dinge: Entwickelung. Hier steht etwas. Morgen etwas anderes. Aus der -Versenkung ist nichts gekommen. Folglich hat das eine sich entwickelt -zum andern. Zu den Eigenschaften der Natur gehört auch Werden, -Verwandlung, Entwickelung. Und die Geschichte ist das Reich dieser -Eigenschaft. - -Nun denn: in den Kampf dieser beiden Grund-Meinungs-Verschiedenheiten -greift auch nicht +eine einzige+ jener „neuen“ Tatsachen oder -Ideen ein, die heute den Mittelpunkt der +Fachkämpfe um den -Darwinismus+ bilden. - -Ob die Zuchtwahl-Theorie richtig ist. Ob ältere Lamarcksche Ansichten -besser sind als die neueren Darwinschen. Ob es eine Vererbung -erworbener Eigenschaften gibt. Was Vererbung ist. Wie die ersten -Varianten entstehen, aus denen der Kampf ums Dasein nach Darwin -ausliest. Ob neue Arten entstehen aus den einfachen Variationen oder -(im Sinne von de Vries) aus plötzlichen Mutationen. Ob die bisher -aufgestellten Entwickelungsgesetze der organischen Welt sämtlich -falsch sind. Ob alle bisher entworfenen Stammbäume verkehrt sind. Ob -der Haeckelsche Zusammenhang von Ontogenie und Phylogenie stimmt oder -nicht. Ob selbst die Methoden, mit denen man bisher solche Gesetze, -solche Stammbäume gesucht, alle grundirrig sind. Ob es ganz neuer -experimenteller Wege bedarf, um nur erst einmal das Anfangsmaterial -dazu notdürftig zu erlangen. Ob wir seit und mit Darwin in einem -Überschwang von geistreichen Konstruktionen geschwelgt oder ob wir, wie -andere meinen, in dürrer Heide uns im Kreise herumgetrieben und das -Nächstnötige noch gar nicht gesehen haben. Ob es in der einheitlichen -Natur als Grundeigenschaften dieser Natur noch zweitausend verschiedene -Entwickelungsgründe, Entwickelungsgesetze, direkte oder indirekte Wege -der Umwandlung gibt, von denen die ganze Darwinsche Richtung keine -Ahnung besessen hat. Und so weiter. Das alles und noch ungezähltes -mehr, das jüngere, besonders höfliche Kritiker heute gelegentlich -veranlaßt hat, Darwin einen Tropf zu nennen und alle seine Schüler -in Haeckel’s Richtung samt diesem unwissenschaftliche Stümper, -+hinter+ die die ganze Entwickelungsforschung erst wieder -zurückgehen müsse, wenn je etwas aus ihr werden solle, -- -- das alles -miteinander hat nämlich +auch nicht+ die +leiseste+ Beziehung -zu jenem General-Zwist der beiden +Weltanschauungen+. - -Es kann sie nicht haben, denn dieser Zwist ist viel älter als Darwin, -er ist weder entfacht noch beendet durch Darwin, er ist viel größer, -viel umfassender, viel tiefer als Darwin. - -Und in ihm haben noch ganz andere Leute mitzureden als bloß -naturwissenschaftliche Spezial-Forscher. - -Im neunten Bande der großen Weimarer Goethe-Ausgabe (S. 268-79) steht -ein loser Entwurf, ein „Schema“, von Goethes Hand, mutmaßlich von 1806. - -Er gibt die Grundzüge einer Kosmogonie auf Grund natürlicher -Entwickelung, oder wenigstens des ersten Kapitels einer solchen. -Die Erde erscheint zuerst als Stern. „Als ein Wandelstern. Die -neuen Erfahrungen zeigen das Universum selbst nicht als fertig. Die -Nebelsterne sieht man als Massen werdender Welten an. Ja den Jupiter -als nicht erstarrt. Die Kometen, die man ehemals als Weltenzerstörer -ansah, betrachtet man als werdende Erdkörper.“ So geht das weiter. Die -Erde erstarrt. Die Urwasser schlagen sich nieder. „Sinken des Wassers. -Hervortreten des Soliden. Gebirge im Kreuz.“ Der Granit erscheint -als das frühste Gebirge. Überall ist „eine genetische Betrachtung -wünschenswert.“ „Alles was wir entstanden sehen und eine Succession -dabei gewahr werden, davon verlangen wir dieses successive Werden -einzusehen. So wie die wahre Geschichte überhaupt nicht das Geschehene -aufzählt; sondern +wie sich das Geschehene auseinander entwickelt und -darstellt+.“ - -Goethe verwarf die Katastrophen in der Erdgeschichte, weil sie ihm -nicht genug Entwickelung enthielten. Er predigte die Lehren Lyells -lange vor Lyell; er begrüßte Lyells großen deutschen Vorgänger, Hoff, -als einen, der endlich in seine (Goethes) Bahn einlenke. - -Man fragt sich, wie jener Entwurf, der leider beim Gestein abbricht, -ohne je ausgeführt zu werden, ins Organische hinein hätte weiter gehen -können. Und es ist nur selbstverständlich, daß er auch da Entwickelung -annahm. Goethe hat ja an anderen Orten seine Ansichten auch darüber -klar genug ans Licht gestellt. Inwiefern seine engeren Ideen über -den Weg dieser Entwickelung von der späteren Darwins abwichen, ist -dabei sehr belanglos. Er dachte sich wohl, daß gewisse Grundtypen -des Lebendigen naturgesetzlich bestimmt zu ihrer Zeit auf der Erde -anschießen wie Krystalle. Die äußeren Umstände, das Milieu, die -Lebensweise modelten dann im Einzelnen während des Werdens an der -Reinheit dieser Krystallformen, bis das unendlich wechselvolle Spiel -der heutigen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten entstand. Man kann -sich bei dieser Auffassung über die Gesetze streiten, nach denen der -Typus sich bildet. Aber man kann sich ja auch in der Mineralogie über -die Gesetze streiten, die dort die anorganischen Krystalle bilden, und -heute noch weiß keiner da Rat. - -Das Wesentliche bleibt, daß beides innerhalb der Natur gedacht wird. -Jenes ganze Weltbild, zu dem Darwin nur ein letztes Stiftchen hinzutun -konnte, war unzweifelhaft in Goethes Tagen schon vollkräftig da. - -Wie sollte es nicht. - -Wenn man das übernatürliche Eingreifen von jenseits der Käseglocke auch -nur auf einen Moment vergißt, so werden Entwickelungstatsachen auch dem -schlichtesten Sinn sofort übermächtig. - -Unser eigenes Leben unterliegt der Entwickelung; zwischen Kind und -Mann, Mann und Greis liegt nicht ein göttlicher Wunderakt, sondern eine -kontinuierliche Folge. - -Wie unsagbar einfach ist die Lehre der Geschichte. Ist der heutige -Franzose aus dem alten Gallier entstanden durch glatte Entwickelung -oder trennt die beiden ein mystisches Wunder? Sind die romanischen -Sprachen, ist das heutige Schriftdeutsch nicht kontrollierbar -„natürlich“ durch Entwickelung herauf gekommen? Zu solchen -Gedankengängen ist kein Darwin erst nötig gewesen. Man kann die ganze -Ideenunterlage zum „Darwinismus“ in diesem Sinne aus Goethes „Wahrheit -und Dichtung“ oder aus Schlossers Weltgeschichte lernen, ohne den -„~Origin of species~“ je gesehen zu haben. - -Aber Bücher sind überhaupt nicht dazu nötig. - -Wie oft bin ich gefragt worden, ob mich nicht manchmal ein Bangen -anwandle, wenn ich mir sagen müßte, auf was für verwickeltem, -spitzfindigem, haarspalterischem biologischen Material meine -„darwinistische“ Weltanschauung im Grunde beruhe. Wenn nun ein Stäbchen -wankt, hieß es, eins von den ganz zerbrechlich dünnen der biologischen -Fachforschung, irgend so ein Sätzchen aus der Zellenlehre, ein -statistisches Zifferchen über Variieren der Arten, ein Müschelchen -oder Zähnchen der Paläontologie? Und das immer als Stoß in der -Weltanschauung zu fühlen, im Heiligsten, das man für sich selbst, -über sich selbst hat! Jeden Morgen zittern, wenn der Briefbote kommt -und eine grüne oder blaue Broschüre bringt: ob da nicht der ganze -„Darwinismus“ doch jetzt den Gnadenstoß hat durch ein Knöchelchen in -einer verkehrten Erdschicht, oder eine neueste Superklugheit über den -Zellkern, oder einen Froschembryo, der zwischen zwei quetschenden -Glasplatten aufgezogen ist, -- zittern um den Zusammenbruch der ganzen -Weltauffassung! - -Und wie oft habe ich diesem wohlmeinenden Bedauern lachend entgegnen -müssen, daß meine Welt- und Lebensanschauung über Entwickelung im -Gegensatz zum Wundereingriff gar nicht aus dem „Darwinismus“ in diesem -Sinne stamme, also auch nicht mit ihm fallen könne, -- zugestanden -selbst einmal (wozu nicht der geringste Anlaß ist), der ganze -Darwinismus fiele heute oder morgen durch eine solche Einzelheit. - -Der Entwickelungsbegriff, auf dem ich nicht meine biologischen -Spezialüberzeugungen, sondern meine Weltanschauung aufbaue, fließt mir -aus der persönlichen Erfahrung meines ganzen Lebens zu, +nicht aus -Büchern+. - -Als ich ein Kind war, habe ich gelernt, daß die weiße Blüte, die über -Nacht an den Birnbaum im Garten gekommen war, nicht durch ein Wunder -vom Himmel gefallen war, sondern sich aus der Knospe entfaltet hatte. -Ich habe gelernt, daß die Suppe nicht per Wunder aus einer mystischen -Versenkung kam, sondern aus dem Kochtopf, wo sie sich aus bestimmten -Substanzen unter bestimmten Bedingungen vor meinen Augen entwickelte. - -Als ich älter wurde, bildete das ganze Leben nur eine einzige -fortgesetzte Weitererziehung nach dieser Seite. - -Ich saß im Hörsaal und hörte griechische Geschichte vortragen. -Ich hätte die Gesichter der Studenten sehen mögen, wenn unser -scharfsinniger Dozent bei der Darstellung des „Peloponnesischen -Krieges aus den Quellen“ plötzlich hätte den klaren Verlauf der Dinge -durchbrechen wollen mit dem Satz: die Armeen in dieser Schlacht, die -Verteidigungsmauern dieser Stadt, die Kasse, die diese Mittel lieferte, -stammten nicht aus den und den gegebenen Verhältnissen, sondern -sie waren plötzlich per Wunder da. Gegen diesen Dozenten wäre eine -Disziplinaruntersuchung eingesetzt worden, die ihn schleunigst seines -Amtes enthoben hätte. - -Ich wohnte einer Gerichtsverhandlung bei und hörte die Rede des -Staatsanwalts. Gibt es eine blasseste Möglichkeit auch nur, sich -auszudenken, daß ein Staatsanwalt in der logischen Entwickelungskette -eines Indizienbeweises vor einer Mordtat irgendwo das „Wunder“ -einführen sollte anstatt einer ursächlichen Begründung aus den -Verhältnissen und dem Zusammenhang? - -Es ist einfach jede Minute und jede Regung meines Lebens, es ist mein -ganzes Ich als objektive Erfahrung aus so und so viel Jahren, was ich -in die Wagschale lege, wenn ich mich für eine natürlich-einheitliche -Weltanschauung und einen natürlichen Entwickelungsbegriff entscheide, --- nicht ein Paragraph oder eine Figur aus einem modernen biologischen -Lehrbuch. - -Gewiß, auch mein ganzes Wissen steckt darin und dabei -selbstverständlich auch mein ganzes Naturwissen. Aber es ist nicht das -Erste, sondern erst das Sekundäre jenseits der unmittelbar eingepaukten -Lebenserfahrung. - -Und es ist wieder in diesem Naturwissen zunächst noch lange nicht -Darwin oder irgend etwas mit seinem Gebiet auch nur Zusammenhängendes -der engere Fels, auf den ich das +Stück+ meiner Weltanschauung -baue, das speziell zur Naturforschung gehört. (Ein armer Kopf, der -seine Weltanschauung +bloß+ auf „Naturwissenschaft“ im Fachsinne -bauen wollte!) Lange vor Darwin, Jahrhunderte vor Darwin, hat aber auch -die Naturforschung den Begriff geschaffen, der allerdings ein Pfeiler -jeder einheitlichen Weltanschauung ohne Wunderbegriff sein muß: den -Begriff der +Naturgesetzlichkeit+. - -Das simpelste Experiment gelingt nicht ohne ihn, die alltäglichste -wissenschaftliche Rechnung bis in ein so banales Ding wie das Benutzen -einer Uhr hinein ist ein Kinderspott ohne ihn. - -Er ist gewissermaßen die exakte naturwissenschaftliche Formel für jenes -große Massenbild unserer Lebenserfahrungen. - -Die stärksten Geister der neueren Zeit haben gerungen, diesen Begriff -zu klären, zu festigen als Formel, und sie haben damit allerdings jener -zunächst intuitiv erlebten Weltanschauung einen Bewußtseinsausdruck -gegeben, der heute leicht als ihre festeste Säule erscheinen kann. - -Diese Naturgesetzlichkeit ist es, auf der sich Goethes Idee von der -Gott-Natur erhebt, und von der Fechner gesagt hat, daß sie der einzige -strenge Beweis vom Dasein Gottes sei; auch er meinte natürlich Gott -im Sinne der einheitlichen Gott-Natur, und seinem klaren Denkerkopf -mußte folgerichtig das „Wunder“ umgekehrt als Beweis erscheinen, daß es -keinen Gott, d. h. keine Einheit in der Welt gebe. - -Das alles steht vor Darwin, wie Newton und Galilei vor Darwin stehen -und so viele, die für diesen Begriff der Naturgesetzlichkeit gelebt, -gefochten, geblutet haben. - -Erst auf einem +weiten+ Wege von da komme ich zu Darwin und ich -komme zu ihm mit einer im Prinzip bereits vollkommen +fertigen+ -Weltanschauung, an der er im Ganzen nichts mehr ab-, noch zutun kann. - -Zweifeln wir doch nicht: er selber ist an seine eigenen Spezialgedanken -über Entwickelung der Tiere und Pflanzen auch schon seiner Zeit ebenso -damit herangekommen als echt moderner Mensch. - -Seine Idee war, einen Gedanken, den das Leben und all sein Wissen -ihm sonst genugsam eingepaukt hatten, auch in eine Spezialecke zu -treiben, wo man sich ihm durch eine sonderbare Konstellation der Dinge -bisher hartnäckig verschlossen hatte: nämlich in die Entstehung der -wechselnden Tier- und Pflanzenarten auf Erden bis zur Tierart Mensch -herauf. - -Zweierlei hat er dann versucht, und im Prinzip also jedenfalls -versucht im Sinne und zu Gunsten einer monistischen -Entwickelungs-Weltanschauung, wenn auch keineswegs als erstes Fundament -einer solchen im Menschheitsdenken. - -Zunächst hat er versucht, die natürliche Entstehung -der Tier- und Pflanzenarten nicht bloß als allgemeine -Weltanschauungs-+Folgerung+ zu behaupten, sondern sie in -sich so reinlich herauszuarbeiten, daß sie schließlich selber als -+Exempel+ für die ganze Allgemeinidee gelten und wirken könnte. - -Dann hat er im notgedrungenen Zusammenhang damit einen höheren -naturgesetzlichen Zusammenhalt gesucht, der als „Gesetz“ diese -biologische Entwickelungslinie beherrscht und gelenkt haben könnte; das -war für sein Vermuten die natürliche Selektion oder Zuchtwahl. - -Fragt sich, ob er in beidem das Rechte getroffen hat. - -Das erste könnte ihm mangels ausreichenden Materials mißlungen sein. - -Im zweiten könnte er sich über das spezielle Naturgesetz getäuscht -haben, wie es so und so viel Forschern auf andern Gebieten gründlich -und häufig auch passiert ist, ohne daß deshalb jemand Lärm gemacht -hätte, die naturgesetzlichen Prinzipien der Forschung seien überhaupt -erschüttert und die (unter anderm auch hier verankerte) natürliche -Weltanschauung sei bankerott. - -Immerhin läßt sich nach 44 Jahren mit kühlem Kopfe diese Doppelfrage -stellen. - -Vor diesen beiden Möglichkeiten setzt der heutige Kampf um Darwin ein, --- +kein+ Weltanschauungs-Kampf mit hie Entwickelung, hie Wunder. -Sondern eine höchst interessante Debatte mit zwei schlichten Fragen: -erstens ob sich von der Entwickelung auch an dieser (über ein paar -hundert Jahrmillionen verzettelten) Ecke heute schon oder noch ein -Bild gewinnen läßt; -- und zweitens, ob in diesem Bilde die natürliche -Zuchtwahl eine Rolle spielt. - --- -- -- - -Als Darwin, gedrängt von der ganzen Geistesrichtung seiner Zeit, -sich mit dem Entwickelungsgedanken in die Geschichte der Tier- und -Pflanzenwelt wagte, stieß er dort, wie gesagt, auf eine in jeder -Hinsicht außergewöhnliche Situation. - -Zwei Dinge waren in unvereinbaren Widerspruch miteinander geraten. - -Auf der einen Seite stand das Dogma, daß die Arten in der Geologie und -Botanik unveränderlich, konstant seien. - -Auf der andern wies die neuaufgeblühte Geologie nach, daß beim -Zurückgehen in frühere Epochen der Erdgeschichte das Bild der Tier- und -Pflanzenwelt tatsächlich ein anderes wird, daß andere Arten erscheinen -wie heute, während die heutigen durchweg noch fehlen. - -In der Not hatte hier, unwissenschaftlich genug, eine Weile wirklich -das „Wunder“ herhalten müssen. Die Art war in sich konstant. Aber -ab und zu im Laufe der Jahrmillionen kam eine Hand von jenseits der -Glocke, brach allem Vorhandenen den Hals und setzte neue Arten herunter. - -Darwin trat dem entgegen, nicht eigentlich als Revolutionär, wenn -man die Dinge ganz streng mißt, sondern einfach als Vertreter der -schlichten wissenschaftlichen Methode, wie sie für alle anderen Zweige -der Forschung längst fest eingeführt war. - -Vom Boden einer Naturgesetzlichkeit, erklärte er, ist der Ausweg -des Wunders unzulässig. Zulässig ist dagegen, anzunehmen, daß ein -wissenschaftliches Dogma falsch sein könne, -- in diesem Falle das -Dogma von der Konstanz der Arten. Es kann eine natürliche Entwickelung -von Arten zu anderen Arten stattgefunden haben, -- und das würde in -Einklang mit der Geologie sein. - -Die Geologie wurde damit von einer Art Ketzerrolle befreit, zugleich -wurde ihr aber auch eine große, neue, positive Aufgabe zugewiesen. Gab -man ihr zu, daß Arten sich entwickelt haben könnten, so schien nun ihr -der Beweis obzuliegen, daß es tatsächlich der Fall gewesen sei. - -Mit Forderungen an die Geologie aber ist es eine seltsame Sache. - -Es ist das hübsche Los aller Wissenschaften, die auf den Zufall -historischer Dokumente angewiesen sind, daß „Fordern“ in ihnen einen -komischen Beigeschmack hat. Ich suche Daten über Wallensteins Leben -und finde die vollständigen Akten über Herrn Müller oder Schulze, die -+dessen+ Leben bis in jeden Punkt aufhellen. Ich suche schmerzlich -Angaben über das mir größte Ereignis des Altertums, die Taten Christi; -der Vesuv liefert mir eine ganze römische Stadt mit Haut und Haaren aus -und in dieser ganzen Stadt hat man von Christus keine Notiz genommen. - -Der Laie sieht ein prachtvolles Museum aufgebaut: geologische -Fundstücke aus dem Leben der Vorwelt. Er kommt mit der Idee Darwins -zwischen die Megatherien und Ichthyosaurier und verlangt, daß ihm die -gesamten Darwinschen Übergangsketten, die in der Entwickelung jede -Tierart mit der nächsten verknüpfen, vorgezeigt werden. Man zuckt die -Achseln, und nun fängt er an zu schmollen. 44 Jahre nach Darwin und -noch immer dieses Material nicht zur Stelle? Da ist es doch wohl mit -dem ganzen Darwin nichts. - -In Wahrheit ist unsere gesamte Versteinerungskunde heute wenig über 100 -Jahre alt. In den letzten 50 dieser Jahre, also auch in der Ära Darwin, -hat sich trotz alles Aufblühens an gewissen Dingen für sie gar nichts -geändert und es wird sich noch lange nichts, zum teil nie etwas daran -ändern. - -In den 50 ersten so wenig, wie in den 50 letzten Jahren des -Jahrhunderts haben ihr, die mit vielen Millionen von Jahren rechnet, -auch entsprechende Millionen von Mark zur Verfügung gestanden. - -So ist ihre Materialsuche Stückwerk ohne jedes systematische -Vorgehen geblieben. Ihr Stoff, die ganze Masse dessen, was an alten -Tier- und Pflanzenresten überhaupt erhalten ist, durchsetzt, oft -in homöopathischer Verdünnung, alle jüngeren Schichtgesteine der -Erde. Dieses Musterbuch ganz zugänglich machen, hieße nichts viel -anderes, als die ganze Erdrinde abblättern, aufrollen von den höchsten -Alpengipfeln bis unter die Sohle unserer heutigen tiefsten Bohrlöcher, --- nicht zu vergessen den Boden aller Ozeane und den Sockel der polaren -Eiskappen. - -Erst wenn die Millionen, die Arbeitskräfte, die technischen Erfindungen -da vorhanden und die Sache geleistet wäre, könnten wir von einer ersten -Inventaraufnahme sprechen, die dann auf Darwin zu prüfen wäre. - -So, wie die Dinge liegen, sind wir bisher trotz der 100 Jahre auf ein -paar Stichproben angewiesen. Ein Schieferblock etwa wie der Solnhofener -lithographische Stein, der eine prachtvolle ganze Schriftseite der -Jura-Zeit liefert, ist zu technischen Zwecken wirklich im Abbau und -steuert langsam sein Teil zu. Hier, dort hat ein Privatmann sein Geld -und seine Energie ähnlich auf einen einzelnen Punkt konzentriert. -Punkte gegen eine Erde! - -Schon diese Stichproben haben aber genügt, um etwas noch viel -Fundamentaleres, selbst mit allen Milliarden aller Staatskassen der -Welt Unverrückbares zu offenbaren. - -Das in der ganzen Erdrinde versteinert Erhaltene ist überhaupt -+nur+ wieder eine Stichprobe dessen, was lebendig +da war+. - -Sicherste Anzeichen lehren das. An sich ist es ja ein wahres -Wunder anstatt einer dicken Wahrscheinlichkeit, daß überhaupt -etwas so erhalten ist. Der Laie hat da gut fordern. Wenn ich -ein paläontologisches Museum besuche, so ist mir immer wieder -das staunenswerteste Rätsel, daß das alles die ungezählten -Zerstörungsmöglichkeiten in Jahrmillionen überdauert hat. Um so -selbstverständlicher, daß schließlich Grenzen kommen. Es ist im ganzen -doch nur ein kleiner Bruchteil, eben eine Stichprobe, da. - -Das Wort Stichprobe paßt aber wieder in anderem Sinne schlecht dabei. -In so und so viel Fällen geht es wie oben in dem Beispiel: ich steche -auf Wallenstein und dringe in die Käserechnungen des Herrn Schulze. -Wenn die Stichproben mich nun aber gar unzweideutig lehren, daß -Wallenstein überhaupt nicht mehr dabei ist? Diese Sachlage steht fest -für das ganze Altbuch der Paläontologie. - -Da liegen ungeheure Schichtgesteine, die sogenannten krystallinischen -Schiefer. Jede Spur von Versteinerungen ist nachträglich darin -gelöscht, -- durch irgend einen seltsamen Prozeß, der das Gestein -durcheinander gearbeitet hat, vielleicht die Wärme, die bei der -nachträglichen Zusammenziehung des Erdballs entstand, es gibt da nur -Vermutungen. Was wir auch wollen: wir müssen bei allen geologischen -Streifzügen abwarten, bis diese verwunschene Schichtenfolge aufhört, -erst dann setzt die Möglichkeit von Versteinerungsfunden ein. Das Leben -der Urzeit selber aber hat offenbar keineswegs die Freundlichkeit -gehabt, für uns so lange mit zu warten. Als der Vorhang für uns -endlich, mit der kambrischen Epoche, aufgeht, ist es schon im vollen -Spiel. Ja, fast hat es den Anschein, als schneiten wir mindestens in -den vierten Akt. Von Entwickelungsanfängen kann keine Rede mehr sein. -Schon treten Muscheln, Stachelhäuter, hoch organisierte Krebse, ja -gar bald bereits Fische auf. Aus den Steinabdrücken werden wir nie -erfahren, durch welche Formreihen hindurch sie sich entwickelt haben -könnten, denn tiefer geht unser irdisches Dokument überhaupt nicht. - -Was heißt hier „fordern“? - -Fordern wir vom Astronomen, daß er uns die Rückseite des Mondes zeige -und machen wir davon den Wert der Astronomie abhängig! So ist es genau -mit dem Darwinismus in der Geologie jenseits der ersten Muscheln und -Trilobitenkrebse. - -Auf solche Löcher im Material hat schon Darwin selbst hinweisen müssen. -Geändert hat sich aber in den 44 Jahren seither nicht das Mindeste -daran, -- so wenig wie unsere Astronomie in den Jahren hinter den Mond -gekrochen ist. - -Es gibt aber noch mehr Lücken. - -Als man zuerst Tier- und Pflanzenabdrücke fand und noch in biblischer -Treue dabei nur an die Sintflut dachte, bürgerte die Idee sich ein, -alles Versteinerte sei das Resultat irgend einer jähen Katastrophe, -einer großen Wandlung im Erdenleben: verschüttete Wälder, in Hekatomben -verunglückte Tiere. Einzeln ist es auch wohl so gewesen, in der Regel -nicht. Die Regel zum Zustandekommen von Versteinerungen war gerade -das Gegenteil: lange Epochen größter Ruhe und Regelmäßigkeit. Wälder -von kryptogamischen Gewächsen grünen Jahrhunderttausende am gleichen -Fleck und bilden eine ungeheure Torfschicht; die bleibt als Steinkohle -erhalten. In eine seichte Bucht (wie die von Solnhofen) rinnen -kalkhaltige Bäche, häufen in endlosen Zeiten immer neue ungestörte -Häutchen feinsten Schlicks übereinander; an diesem Ort muß ein wahres -Paradies an Ruhe gewesen sein und sein Ergebnis ist das wunderbare -Bilderbuch im Schiefer abkonterfeiter Quallen, Libellen, Krebse, -Fische und Urvögel. Gesellige Korallentiere bauen in ungestörter Ruhe -berghohe Riffe; sie tauchen bei Faltungen der Erde in die Tiefe und -liegen unzerstörbar. In den Abgründen der Tiefsee, tausende von Metern -tief, lagern sich die mikroskopischen Schälchen einzelliger Wesen -ab zwischen Seelilien, deren schwanken Stiel hier unten kein Sturm -bedroht, -- auch ein Reich des Friedens, stationär bis zu dem Maße, daß -es seit Jahrmillionen bis heute fast das gleiche Gesicht, immer die -gleichen Anpassungen und Formen, zeigt; aus solchem Tiefseeschlamm ist -die weiße Kreide geworden, die selbst dem Laien durch die Masse ihrer -Versteinerungen auffällt. - -Gerade diese Zeiten der Ruhe, des unendlichen gleichartigen Fortzeugens -bestimmter Arten sind es aber +nicht+, die der Darwinismus -+sucht+! - -Er möchte die Reste sehen der unruhigen Zeiten, die auch äußerlich, -im Bilde der Erdverhältnisse, sei es lokal oder im ganzen, bewegt, im -Fluß und beeinflussend erscheinen. In solchen Zeiten gab es nach ihm -Wandel der Formen, Zwang zu neuer Entwickelung, veränderte Anpassungen, -Degenerationen und Aufschwung. Aber grade +die+ Spur ist verwischt --- +wegen+ der Unruhe. Erst nach langer Zeit, wenn alles sich so -in Gleichtakt gesetzt hat, daß wieder viele Jahrtausende lang immer die -gleichen Gewächse ihre Stämme im Torf begraben, dieselben Müschelchen -in Millionen Generationen sich im Teichschlamm ablagern, geht von neuem -in solcher Dauerschicht der Ruhe der Vorhang wieder für uns auf. Wir -sehen dann wohl, daß alles ein Stück anders, ein Stück weiter ist. Aber -grade der Zwischenakt fehlt uns in Spuren, auf die wir die Hände legen -könnten. - -Es ist eine bitterernste Wahrheit, daß das, was man hat, hier nichts -beweist und daß man das, was beweisen könnte, nicht hat. - -Nicht Darwin, sondern das Dilemma in unserm geologischen Material hat -diese Ironie geschaffen. - -Denken wir uns, in der Geschichte fehlte uns die Völkerwanderung. Wir -hätten Pompeji und dann wieder unvermittelt das Reich Karls des Großen. -Oder die Mumie eines römischen Cäsars und unmittelbar darauf das Grab -eines Papstes, ohne Kenntnis des Christentums. Es gibt ja Orte, wo -auch die Geschichtsdokumente ganz ähnlich abrupt aufeinanderliegen: -im Lehmboden von Höhlen geraten einsinkend die Scherben von -Porzellantassen moderner Kulturnomaden, vielleicht von Bahnarbeitern, -die dort einmal bei Regenwetter ihren Kaffee gekocht haben, unmittelbar -zwischen Knochen des Höhlenbären und Steinbeile der Mammutzeit. An -Wunder glaubt aber +hier+ niemand, bloß an +Lücken+ der -+Überlieferung+. - -Grade bei solchem Sachverhalt ist es aber doppelt merkwürdig, -doppelt lehrreich, daß sich nun +dennoch+ -- in Umkehrung des -eigentlich Selbstverständlichen -- darwinistische Züge in der Geologie -+haben+ aufweisen lassen. - -Das erste, was immer wieder auffallen mußte und muß, ist eben die -nachträgliche Existenz immer wieder so vieler +neuer+ Tier- und -Pflanzenformen von Epoche zu Epoche. - -Haben wir auch durchweg nur Dauerbilder, so sind eben doch diese -Dauerbilder stufenweise immer wieder verschieden. - -Und dabei sehen wir klar, daß nicht etwa ein +absolutes+ Muß -der Verwandlung vorlag. Einzelne Tierformen sind tatsächlich viele -Jahrmillionen bis heute unverändert stehen geblieben: die Gattung -~Ceratodus~ (Molchfisch) seit der Triaszeit; die Gattung -~Lingula~ (ein wurmartiges Tier in muschelähnlichen Schalen) -gar seit jener kambrischen Epoche, mit der all unser Wissen beginnt. -Warum ist nicht alles in dieser Weise seit Beginn seiner Existenz beim -gleichen Leisten geblieben? Woher neben wenigen solcher Überlebenden -mit jeder Epoche die Unmasse neuer, andersartiger Typen? - -Und dabei ein weiterer, jetzt der eigentlich durchschlagende Zug. - -Es zeigt sich, hält man Dauerbild zu Dauerbild von Epoche zu Epoche, -ein Ansteigen von Unvollkommenerem zum Vollkommeneren. - -Wir können da freilich nicht eigentlich von unten beginnen, da uns ja -der ganze Anfang fehlt. Die kambrische Epoche setzt, wie gesagt, mit -bereits relativ hohen Typen ein. Aber von da erleben wir doch noch ein -Stück wenigstens mit. - -Bis gegen die Sekundärperiode sehen wir ungeheure Gebiete der Erde -bedeckt mit Wäldern farrnähnlicher kryptogamischer Pflanzen, also einer -niedrigen Flora. Ganz allmählich erst treten dazu die systematisch -niedrigsten Phanerogamen: Nadelhölzer und Palmfarrne. Erst in der -Kreidezeit kommen auf einmal die höheren Blütenpflanzen. - -Ganz ähnlich steigt der höchste Stamm der Tiere stufenweise von Bild -zu Bild an, der der Wirbeltiere. Er erscheint mit Fischen, nur -Fischen. Dann werden höher hinauf amphibische, reptilische Wesen -sichtbar, erst urtümliche, dann vollkommenere. Vögel wie Säuger -treten erst in der Sekundärzeit, viele Millionen von Jahren nach dem -kambrischen Anfang, hervor. Der Vogel ist zuerst Archäopteryx, mit -ausgesprochenen Eidechsenrückständen am Leibe. Das Säugetier ist -Ursäuger und Beuteltier. Erst um die Wende zur Tertiärzeit erscheint -eine Mischgruppe, die nicht mehr Beuteltier ist, aber die Merkmale -von Raubtieren, Huftieren und selbst Halbaffen in sich vereinigt. Die -Krone des Säugerstammes, der Mensch, endlich erscheint mindestens erst -tief in dieser Tertiärzeit, selbst wenn wir ihn mit Klaatsch so weit -zurückdatieren wollen, wie nur irgend zulässig. Er erscheint noch -in der Eiszeit als Rasse mit primitiverem Schädel und erst nach der -Eiszeit setzt seine höhere Kultur ein. - -Gleiche Anpassungskreise werden dabei mehrfach in folgenden Epochen -neu ausgefüllt, aber dann von einer im +ganzen höheren+ -Organisationsstufe: so ersetzen die Säuger der Tertiärzeit im gesamten -Anpassungsumfang genau die Reptile der Sekundärzeit und wieder der -Mensch mit seinem Werkzeug umgreift die ganze ältere Säugeranpassung. - -An diesen großen Linien hat alle Kritik der Jahre seit Darwin aber auch -rein nirgendwo rütteln können. - -Versucht worden ist ja jeder Ausweg. - -In den Steinkohlen sollten uns bloß die kryptogamischen Moore der -älteren Zeit erhalten sein, wie wir deren aus Moosen heute noch -genug haben, -- die Nadel- und Laubwälder jener Tage aber sollten -bloß zufällig keine Reste hinterlassen haben. Aber diese Farrn-, -Bärlapp- und Schachtelhalmwälder von damals waren kein Moorwinkel -irgendwo, sondern sie überzogen die Erde vom Nordpol bis zum Südpol in -himmelragenden Stämmen. Ein Blick auf die räumliche Größe auch nur der -heute bereits bekannten Kohlendistrikte genügt, um zu beweisen, daß es -sich dabei um die Charaktervegetation der Erde in einer Weise handelt, -wie es von keiner einzigen heutigen Pflanzengruppe behauptet werden -kann. Und das eben ist das Bezeichnende. - -Andere nahmen sich die Archäopteryx vor. Man hatte sie (die erst -nach Darwins Auftreten gefunden worden war) als Mittelglied zwischen -Eidechse und Vogel bezeichnet. Nun kommt ein feiner Kenner und zeigt, -daß in der Mischung auf feinster Wagschale die Vogelmerkmale des -Zwitterwesens die Eidechsenmerkmale um etwas überragen. Das wird -ausgemünzt, als seien die Eidechsenzüge damit überhaupt gestrichen. -Man bedenke: bei einem Tier mit Zähnen im Maul, Krallenfingern an den -Flügeln, einem langen Eidechsenschwanz, primitiv geformten Wirbeln, -einer Fülle noch anderer reptilischer Merkmale. Aber es ist nicht -mathematisch genau die Mitte, und so wird geredet, bis der Laie betrübt -abzieht und den Posten überhaupt verloren gibt. - -Das Beispiel ist typisch, wie der Stoff von Gegnern behandelt worden -ist und wie wertlos diese Sorte Gegnerschaft ist, die in so unendlich -schwieriger, verwickelter Lage Wortspielereien treibt: ob man -Mittelform, Übergangsform noch nennen dürfe, was nicht mathematisch -genau den Mittelpunkt bezeichnet. Das alte Sophistenspiel, wann ein -Häufchen zum Haufen wird. In dieser Welt der Annäherungswerte, wo es -im abstrakt mathematischen Sinne weder Arten, noch Gattungen, noch -überhaupt irgend etwas gibt! - -Am verzweifeltsten ist natürlich um das kleine Endchen Paläontologie -gefochten worden, das auf die Entwickelung des Menschen hinweist. - -Ein Dogma häufte sich hier aufs andere. Es gibt keinen fossilen -Menschen. Aber er kam, es half nichts. Zur Reserve, damit die beiden -sich ja nicht begegneten, sollte es auch einmal keine fossilen Affen -geben. In ganzen Reihen stehen sie heute in unseren Museen. Dann blieb: -es gebe wenigstens keinen fossilen Affenmenschen. Ein in Zoologie -dilettierender Theologe schrieb einmal als probates Rezept aus, man -solle jede Erwähnung Darwins niederschmettern mit dem Satz: „Ist er -gefunden, ja oder nein?“ Nämlich der Affenmensch. Jetzt ist er zum -Schluß wirklich noch gefunden worden, ehe das Jahrhundert ausging, der -Pithecanthropus von Java, mit dem Schädelinhalt haarscharf zwischen -Gorilla und Mensch. - -Bei manchem der wilden Kämpen in diesem Zwist tritt hier wirklich durch -ihre eigene Schuld der früher erwähnte Fall ein: der Kampf wird um ein -Schädelbruchstück mit der verzweifelten Überzeugung geführt, es hänge -an dem Knöchelchen der Sieg oder Tod einer Weltanschauung. - -Der Sieg einer einheitlichen Naturanschauung mit Entwickelungsideen ist -nicht um ein so billiges zu erkaufen! - -Aber feststellen darf diese Weltanschauung immerhin mit einiger -Befriedigung, daß bisher auch nicht eine einzige Tatsache der -Paläontologie, auch heute nach 44 Jahren nicht, existiert, die gegen -eine natürliche Entstehung der höheren Tier- und Pflanzenformen aus den -niederen, älteren spräche. - -Etwas anderes aber ist heute nach 44 Jahren allerdings zu betonen. - -Die Geologie dieser Stunde ist in vielen Zügen nicht mehr die Geologie, -mit der Darwin rechnete. Komplizierter und, wenn man es nur nicht im -alten Wunder-Sinne verstehen will: mysteriöser ist sie geworden. - -Darwin sagte: die Tier- und Pflanzenarten haben sich im Laufe der -geologischen Epochen langsam umgewandelt. Wodurch? Durch den Druck der -äußerlichen Umwandlung der Verhältnisse, in denen das Lebendige auf -Erden hing. Sei das einmal genug Erklärung. Jedenfalls dachte Darwin an -Lyells Sätze dabei. - -Lyell betonte, wie langsam, successive alles in der äußeren -Geologie sich vollzogen habe: Wandel der Erdteile und Gewässer, -Gesteinsbildungen, Klima, kurz der „Wechsel der Verhältnisse“. - -Das war gut und paßte trefflich zu Darwins Selektions-Idee. - -Lyell betonte, daß dieselben Kräfte wie heute ausgereicht hätten. Seine -Verhältnisse der Vergangenheit behalten immer in ihrem stillen Strom -eine größte Wesens-Ähnlichkeit mit den heutigen. - -Auch das gab damals viel Hülfe. Man studierte die eigene Epoche und -konstruierte danach die verflossenen, wie Mommsen aus der modernen -Politik die Geschichte Cäsars ausgelegt hat. - -Aber in der Weise hat sich das doch nur sehr bedingt als dauerndes -Prinzip wahren lassen. Ehrlich gesagt, versagt das Prinzip heute an -ganz auffälligen Stellen auch wieder. Die große Eiszeit hat da zuerst -Bresche gelegt. Hier war ein Vorgang, der aus dem allzu korrekten -Schema grob heraussprang. Die einfache Parole: zunehmende Abkühlung -der einstmals heißen Erde in den geologischen Epochen, langte nicht -aus. Warum lag diese Eiszeit schon wieder hinter uns? Vor ihr war in -Europa Tropenklima. Warum? Heute ist die ganze Klima-Frage in der -Geologie ein Labyrinth ungelöster Probleme. Schon dämmert die Idee -auf, daß es mehrfach auch in früheren Epochen Eiszeiten gegeben habe. -Periodische Erscheinungen der Erdkugel tauchen dahinter auf. Hängen -sie mit periodischen Akten der Erdkugel zusammen? Hängen sie ab von -Periodizitäten unseres Sonnensystems? Fragen. - -Die ganze Abkühlungstheorie der Erde ist heute schwankend, wenigstens -in der hergebracht einfachen Form. - -Die Klimafrage ist aber nur ein krasses Beispiel. Wie hier sind erste, -scheinbar sichere Schemata überall in der modernen Geologie in die -Brüche gegangen. Ein ungeheurer Zuwachs von Tatsachen hat einen Berg -ganz neuer Fragen aufgetürmt. Wenn wir sagen, die „Verhältnisse“ haben -die Arten geschaffen, so muß uns beständig heute der Zweifel ins Ohr -raunen, +was wir denn von diesen Verhältnissen geologisch eigentlich -wissen+? - -Wie viel Möglichkeiten umschließt das Wort noch, und wie wenig Klarheit! - -In der Tier- und Pflanzengeschichte sehen wir einzelne besonders -merkbare große Einschnitte. Wir träumen da besonders starke -Umwandlungen. So vor der Trias-Periode und wieder in der Mitte der -Kreide-Periode. Was ist da äußerlich auf Erden vorgefallen? „Wechsel -der Verhältnisse“ ist an solchen Stellen ein Kryptogramm für uns, ein -Deckwort für ein Bündel dunkler Dinge, deren Füße wir bloß gespenstisch -hinter dem Vorhang arbeiten sehen. - -Kaum eine einzige große Hypothese der älteren Geologie schließlich, die -im Moment nicht wackelte. Sie ist ein unendlich viel merkwürdigeres -Ungeheuer, diese alte Erde, als wir dachten. Man braucht bloß an -die magnetischen Erscheinungen, die Polschwankungen und anderen -Achsengeheimnisse, den Wechsel des Meeresniveaus, die immer wieder -verwirrten vulkanischen Phänomene, die Geheimnisse der Innenwärme zu -denken, um den Stich zu fühlen, wie wenig wir von diesem Ungeheuer -wissen. Jene unerklärten krystallinischen Schiefer rufen es uns aus der -Mineralogie zu. Von den rätselhaften Periodizitäten der Sonne, deren -Fleckenperiode mit unsern magnetischen Mysterien über 20 Millionen -Meilen hinweg in Kontakt steht, kommt es auf kosmischen Umwegen zu uns -zurück. - -Kein geologisch geschulter Mensch denkt daran, die Fäden dieses -dunkelsten Gewebes +außerhalb+ der Naturgesetzlichkeit zu suchen. -Der Wechsel, das Andersartige grade der Bilder predigt aufdringlich -genug Entwickelung. - -Nichts also entfernt sich in dieser Geologie der unendlich höher -gespannten Möglichkeiten im Prinzip von Darwin. - -Aber wir dürfen uns grade in seinem Sinne nicht dagegen verschließen, -daß nun der Entwicklungsprozeß des Lebendigen in diesem ungeheuren, -kaum erst in seinem Umfang hier und da +geahnten+ Spiel -der geologischen Gesamtdinge, dem gigantischen Gesamtprozeß der -Entwickelung des Erdplaneten, mit allen Fasern +auch+ hängt, -- in -seinen +Rätseln+ hängt. - -Phasen dieser Gesamtentwickelung können in ihn eingreifen, von denen -der Anblick der heutigen Verhältnisse wahrscheinlich ebenso wenig -ein Bild gibt wie das enge, einer Uhrfeder gleich sich abrollende -Leben eines kleinen Philisters in einer erstarrten Umgebung ein -psychologisches und kulturgeschichtliches Bild geben würde von der -ideellen Siedehitze eines Kopfes in einer sozialen Revolution oder in -der ungeheuren Stunde einer Religionsgeburt. - -Ich glaube zuversichtlich, daß die Geologie in diesem Sinne noch einmal -reden wird, viel reden wird zu Darwin, -- nicht in dem kleinlichen -Sinne, daß sie die paar paläontologischen Daten, die jetzt schon -allgemein eine Entwickelung befürworten, wieder umwerfen sollte, wohl -aber so, daß sie Darwins Programm von den „Verhältnissen“ uns erst -eigentlich +erfüllte+. - -Unvermerkt wird dabei freilich auch der +Begriff+ „Verhältnisse“ -selbst eine leise, aber schließlich doch wichtige Umwandlung erfahren: --- eine Erweiterung. - -Der Prozeß wird wahrscheinlich ein ganz ähnlicher werden, wie heute -in der von der Nationalökonomie in bestimmtem Sinne beeinflußten -Geschichtsauffassung. Auch da spielt das Wort „Verhältnisse“ eine -überwältigende Rolle. Je mehr die Forschung sich aber vertieft, desto -mehr geht in sie alles, was man früher „Ideen“ nannte, doch auch -wieder als Faktoren ein, man spricht von einem „Milieu der Ideen“ in -bestimmter Zeit, und schließlich zeigt sich hier wie überall als Parole -des Fortschritts, daß es nicht gilt, irgend etwas herauszuwerfen aus -der Betrachtung, sondern nur immer mehr hinzu zu umgreifen. - -Ich berühre damit schon etwas, was ich oben als zweite Stufe in Darwins -Werk bezeichnet habe: seine Idee über das eigentliche Gesetz der -Entwickelung im Tier- und Pflanzenreich. - -Ein Naturgesetz in der biologischen Entwickelungslinie suchte Darwin -- -und er geriet auf die Selektion. - -Seit 44 Jahren geht der Streit, ob er in diesem Punkte recht gesehen. -Aber neben diesem Fachstreit gibt es noch einen anderen, der auch -anknüpft an das Wort Selektion. - -In ihm wird behauptet, daß Darwin gerade mit diesem seinem -individuellsten Gedanken doch die ganze Entwickelungsidee entscheidend -beeinflußt und +umgestaltet+ habe. - -Zerstört, sagen die einen. - -Erst vollendet, die andern. - -Ein Teil von Darwins Ruhm stammt aus dieser Ecke, weil er hier -scheinbar Leuten entgegen gekommen ist. Ein Teil auch von dem Haß, den -er erlitten, von der Reaktion einer aufgestörten Stimmung. Und immer -wieder hat dieser große Hall auch in die engeren Fachkämpfe hinein -nachgezittert. - -Ist die Sache wahr? - -Darwins Tat traf äußerlich mitten hinein in den erbitterten Zwist noch -zweier anderer Weltanschauungen als bloß „Hie Wunder, Hie Naturgesetz.“ - -Ich kann das Wunder verwerfen und an eine natürliche Entwickelung, an -eine einheitlich gebaute Natur glauben. So sind mir doch in dieser -Überzeugung noch zwei Anschauungen möglich. - -Ich kann in der Natur ein sinnloses Spiel sehen, ein Auf und Ab ohne -inneren roten Faden, ein Welt-Kuddelmuddel. - -Ich kann aber auch in dieser Natur ein allgemeines ungeheures -Aufwärtsringen gewahren, ein Aufwärtsringen allerdings bloß mit -natürlichen Mitteln, innerhalb und vermittelst der Naturgesetze, --- aber doch ein +Empor+, in dem sich schließlich das Höchste -erfüllt, -- das erfüllt, was die ältere Betrachtungsweise noch einmal -extra und außerhalb der Natur als Göttliches gesucht hatte. - -Jene erste Ansicht ist eine unbedingt pessimistische, die zweite -eine wenigstens bedingt optimistische. Goethe mit seinem Begriff -„Gott-Natur“ stand stets der letzteren näher. Die erstere aber -durchfärbte den Pessimismus des ganzen 19. Jahrhunderts mehr oder -minder stark und gab dem Jahrhundert auch da, wo sie bloß halb und -unklar auftrat, merkwürdig scharf seine Physiognomie; zumal gegen sein -Ende hin. - -Wahr ist nun, daß die Selektions-Idee, die Darwin in den -Entwickelungsgedanken gebracht hat, +zunächst nur auf die -erstere+, die Kuddelmuddel-Anschauung, energisch bezogen worden ist. - -Darwin brachte als ganz, oder doch nahezu ganz neu den folgenden -Gedanken. - -Hier stehen zweckmäßige Gebilde in der Natur. Hat irgend eine -Intelligenz sie sofort so zweckmäßig hergestellt? - -Nein, sagt Darwin, sondern die Natur produzierte zunächst ohne Wahl -ungezählte Varianten, zweckmäßige und unzweckmäßige durcheinander. In -der logischen Notwendigkeit dieser gleichen Natur aber war enthalten, -daß bei gleicher Konkurrenz nur die zweckmäßigen Gebilde sich -erhielten, die unzweckmäßigen dagegen untergingen. - -Alles Kosmische, Geordnete, Stabile der Welt, so kann man Darwins Idee -verallgemeinern, ist ein Produkt bereits solcher logischen Auslese. - -Der Kuddelmuddel-Pessimismus zog daraus den Schluß, daß also auch -dieses Kosmische, Geordnete, Zweckmäßige bloß ein Produkt des -Kuddelmuddels sei. Die Würfe der Natur, schloß er, erfolgten also nicht -auf ein optimistisches Prinzip hin. Und erst die Auslese täusche eine -Ordnung, eine immer zweckmäßigere Entwickelungswelt, vor. - -Diese pessimistische Folgerung aus Darwin ist aber im tiefsten Kern -nichts anderes als ein grober Trugschluß. - -Das +Resultat+, das ist vorweg zu betonen, bleibt auch bei Darwin -genau als das +gleiche+ stehen. Es treten uns zweckmäßige, -harmonische, kosmische Dinge (Kosmos gleich Ordnung!) als Resultate -von Entwickelungen konkret in der Welt entgegen. Davon gehen wir aus, --- also von einem Schluß-Phänomen, das für uns aber zugleich eine Art -Ur-Phänomen bildet. - -Das Neue, das Darwin hinzutut, steckt nun nicht in der Anfechtung -dieses Resultats, sondern lediglich in einer neuen Analyse des Weges, -der in der Natur +dahin führt+. - -Über diesen Weg sagte aber auch jene optimistische -Gott-Natur-Auffassung zunächst gar nichts aus, -- er ist in ihr offenes -Problem. Auch sie muß ja zu ihrer Welt über die Naturgesetze. Da nicht -alles bereits Harmonie in der Welt ist, wird ein allzu bequemer Weg -von vorne herein hier nicht wahrscheinlich sein, -- die Existenz des -Harmonischen scheint viel eher überall ein langes, umständliches Ringen -vorauszusetzen, einen Kampf, wo jeder Schritt schwer bezahlt werden muß. - -Jene andere, ältere Anschauung freilich, die eine überweltliche -Intelligenz von jenseits der Glocke in die Natur eingreifen ließ: sie -schrieb im Gegensatz dazu auch ihren Weg tatsächlich vor und sie konnte -vom ersten Satz an sich also mit der Selektion Darwins +nicht+ -befreunden. Ihr eingreifender Schöpfer ist einfach ein aktiver Mensch, -dessen Handlungen nur im Bilde eines solchen zu denken sind, bloß noch -viel direkter, da er allmächtig ist. - -In der Gott-Natur Goethes dagegen sind viele Wohnungen. - -Sehen wir ruhig an, welchen Weg Darwin von ihr verlangt und ob er ihrem -Bilde überhaupt widersprechen kann. - -Darwins Selektionslehre, im weitesten Sinne als kosmosbauendes -Naturprinzip gefaßt, rechnet mit der Existenz einer ganzen Reihe fester -Naturveranlagungen. - -Es ist eine solche Veranlagung, Potenz, Eigenschaft der Natur, daß sie -überhaupt Varianten erzeugt, aus denen eine Auslese stattfinden kann. - -Es ist eine weitere Veranlagung, daß sie auch als zweckmäßig -verwertbare Varianten dabei wirft; daß sie es tut, zeigt das -Schlußphänomen. - -Ferner eine, daß eine Auslese in Frage kommt; sie findet in ihr statt, -ist also als ganzes ihre Eigenschaft. - -Ferner, daß eine Logik bei dieser Auslese die passenden Varianten -bestehen läßt, ihnen ein Plus gibt vor den andern und damit der ganzen -Weltentwickelung ein Übergewicht gegen harmonische Verhältnisse hin -verleiht. Auch diese Logik steckt doch gegeben in der Natur. Es ist -ja vielfach ein billiges polemisches Kunststück, derartige Logik als -solche gleichsam noch einmal wieder abzuziehen vom Begriffe „Natur“, -womit dieser dann allerdings leicht dem Kuddelmuddel ausgeliefert ist. -Warum aber überleben die Passenden die Unpassenden? Aus einfacher -Logik, sagt jeder. Nun grade an dieser Naturlogik als einer Eigenschaft -der Natur hängt aber nach Darwin das Schlußentstehen eines geordneten -Kosmos. Nicht auf regellosen Zufällen, sondern auf klar gegebenen -Eigenschaften der Natur, die für sie ein absolutes Muß bilden, -beruht auch in der extremsten Selektionstheorie die Entwickelung -zu harmonischen, stabilen, zweckmäßigen Gebilden. Eine nur dieser -Eigenschaften fehlend -- und kein Zufall brächte je das geringfügigste -„kosmische“ Verhältnis hervor! - -Kein Mensch kann mir demnach logisch verbieten, den Sachverhalt -im ganzen so zusammenzufassen, daß ich sage: die Natur hat die -Eigenschaft, sich in der Richtung auf kosmische, geordnete, in ihrem -Zusammenhang zweckmäßige Verhältnisse zu entwickeln; und die Selektion -ist bloß der verwickelte Weg im Spiel dieser Eigenschaft. - -Mit der kosmischen Tendenz als Eigenschaft der Natur (Tendenz -fällt hier vollkommen zusammen mit Finalität!) bin ich aber -vollständig heraus aus jeglicher Kuddelmuddel-Theorie und noch in -dem alten optimistischen Entwickelungsgedanken samt und trotz der -Selektions-Theorie. - -Zugestanden: Darwins Weg ist ein umständlicher. - -Es ist richtig, wie man gesagt hat: die Natur Darwins durchsetzt, um -einen Hasen zu schießen, die Luft mit Millionen Kugeln nach allen -Richtungen, anstatt eine Kugel senkrecht auf ihn los zu feuern. - -Aber die Hauptsache bleibt, daß der Hase auch so geschossen wird, -- -geschossen werden muß nach unerbittlicher Logik. - -Und was wissen wir im Grunde über Länge oder Kürze der Wege in der -zum Kosmos sich entwickelnden Natur? Wir sehen über hunderttausende -von Jahrmillionen der Geschichte allein unserer Erde im Sonnensystem -zurück. Wer will da das Tempo, will Methoden kritisieren? - -Es ist sogar wirklich höchst lehrreich, sich einen Augenblick zu -vergegenwärtigen, wie in jenem Bilde vom Hasen das +sicherste+ -Ziel, -- das Erlegen des Hasen um +jeden+ Preis -- überhaupt zu -erreichen war. - -Ganz streng ging es tatsächlich nur auf zwei Wegen an: entweder mit -einem absolut treffsicheren Einzelschützen -- oder mit jenem alles -abrasierenden Kreuzfeuer. - -Nun läßt sich aber immerhin ganz plausibel behaupten, wenigstens in der -uns sichtbaren Naturlinie sei der annähernd treffsichere Einzelschütze -erst eine ganz späte Errungenschaft: nämlich der Mensch selbst. - -Es ist durchaus denkbar, daß, so lange die Natur den Menschen als -graden Zweck-Weg noch nicht im Spiel hatte, sie den andern Weg wählen -mußte in der einfachen Alternative der +beiden einzigen absolut -sicheren+ Möglichkeiten. - -Es gibt einzelne gute Beispiele in der Welt des Lebendigen, wo man -einen ganz ähnlichen Faden wirklich ~ad oculos~ demonstriert bekommt, -z. B. bei den Zeugungsverhältnissen. Die Auster schwängert das ganze -Wasser um sich her mit Samen, in Voraussetzung, daß bei diesem -Kreuzfeuer ein einziges Samentierchen die Eizelle der Nachbarauster -finden und befruchten werde. Bei den Schnecken und Tintenfischen schon -und überhaupt bei den höchsten Vertretern der Tierstämme finden wir -im Gegensatz dazu das Prinzip der Einzelflinte (wenn auch noch nicht -der Einzelkugel): bestimmte Organe, die das befruchtende Element -unmittelbar an seine Stelle im weiblichen Organismus einführen. - -Fragt natürlich jemand: +warum+ macht die Natur überhaupt erst -Austern und warum übte sie nach Darwin zuerst blinde Selektion statt -treffsicheren Schießens mit Menschenflinten, -- so kann ich das nicht -lösen. Es fällt zusammen mit der Frage: warum überhaupt Entwickelung? -Ich meine aber, daß die einfache Existenz dieser ungelösten Frage an -sich noch nichts für den Welt-Pessimismus und die Kuddelmddel-Theorie -beweist. - -Jeder Begriff der allmählichen Entwickelung vom Unvollkommenen zum -Vollkommeneren schließt ja gewisse Faktoren des Mißlichen, des -Schmerzes ein. Denn das Niedrigere, indem es vom Höheren überboten, -besiegt wird, ist allemal in irgend einem Sinne ein Absterbendes, das -unter die Füße getreten wird, und da die Natur nun einmal Empfindung -mit sich gebracht hat, wird das schmerzlich empfunden werden. - -Reicht es doch bis in unser höchstes Geistesleben. Jeder Irrtum, der -abgetan wird, ist ein Stich, jeder vom besseren verdrängte Gedanke, -der doch einmal in uns lebte, ein Tod mit Sterbeschmerz. Aber die -Idee der aufsteigenden Entwickelung als optimistischer Generalfaktor -überbietet das immer wieder, grade wenn man auf das Ganze sieht. -Und von Kuddelmuddel ist keine Rede, so lange überhaupt nur ein -kontinuierlicher Entwickelungsfaden mit Überbietung eines Minderguten -durch ein Besseres sichtbar bleibt. - -Wer da meinte, die Weltgeschichte sei mit Darwin nicht bloß einer -gewissen Wegblindheit in älteren Tagen, sondern dem wahren absolut -sinnlosen und blödsinnigen „Zufall“ ausgeliefert, der hatte übrigens -noch ein drastischeres altes Bild gelegentlich zur Hand, als jene -famose Hasenjagd. Ein Schwein wühlt in einem ungeheuren Haufen -Buchstaben. Es wühlt ihn zu immer neuen zufälligen Kombinationen -durcheinander. Als eine solche Kombination entsteht eines Tages die -Ilias. So soll es mit den harmonischen, den kosmischen Gebilden -in der Welt überhaupt sein, und zwar beweise das eben Darwins -Selektions-Theorie. - -Das Beispiel ist in der Tat aber höchst prägnant grade für das oben -Entwickelte. - -Auch hier ist das Resultat zunächst nur eines: nämlich eben die Ilias. -Damit sie aber werde, sind eine ganze Reihe fester Voraussetzungen -nötig, deren Summe der Kraft nach eben auch schon die ganze Ilias -enthält. - -Zunächst jener Buchstabenhaufe, in dessen Buchstabenkombinationen auch -schon die Ilias einmal ganz steckt. Dann die unendliche Wühltätigkeit -des Schweins, die nicht rastet, bis endlich auch die Kombination Ilias -da ist. Das Gleichnis enthält eins nicht, das hier bei Darwin sehr -wesentlich ist: das Harmonischere ist das Erhaltungsfähigere. Man -müßte das Gleichnis ergänzen, indem man etwa sagte: im Moment, da das -Schwein ein Stück Ilias herausgerüsselt hat, kleben jedesmal grade -diese Buchstaben plötzlich so fest aneinander, daß der Rüssel sie -nicht wieder zerstören und nicht wieder weiterverwühlen kann. Doch das -nebenbei. - -Die Hauptsache ist auch hier: der Buchstabenhaufe und das wühlende -Schwein bezeichnen bloß einen +Weg+ zum Auslösen des gleichen -Ziels. Die Intelligenz des Schweines erzeugt allerdings nicht -die Ilias, -- das entspricht genau dem Gedanken Darwins, daß der -auslesende Kampf ums Dasein selber durchaus nicht als zweckschauende -Macht im Menschensinne zu deuten sei. Aber der Gesamterfolg wird -gleichwohl einem Komplex von Gesamteigenschaften in dem umfassenden -Organismus „Buchstaben -- Logik -- Zeit -- Schwein -- Wühleifer -und Ausdauer dieses Schweins“ verdankt: -- niemand wird bestreiten -können, daß dieser so begabte Organismus die Tendenz hat, eine Ilias -hervorzubringen. - -Und mehr brauchen wir ja nicht für die Natur. - -Die Dinge lagen hier bloß noch etwas verwickelter. - -Die Selektion hat zunächst das Menschengehirn herausgewühlt. Dieses -Menschengehirn dann erzeugte die wirkliche Ilias. Schließlich könnte -man aber auch im Menschen noch einmal mit etwas Phantasie das -Urbeispiel innerlich weitertreiben. Aus einer riesigen Auslese bleiben -die griechischen Schriftzeichen, Sprachformen, Begriffe übrig. Aus -einer unendlichen Auslese erhebt sich der (oder erheben sich die) -Verfasser der Ilias grade mit dieser Wortkombination. Eine unendliche -Auslese, Wahl, Verwerfung von Bildern, Ideen, Erfindungen ging ihr im -Dichtergehirn vorauf. Es ließe sich wenigstens als Aufgabe stellen, in -alledem die Selektion aufzuspüren. - -Wahr ist ja, daß unsere feinste Gedankenarbeit bis ins tiefste -dichterische Empfinden Züge zeigt, die sich immer noch auffallend gut -mit Selektion vergleichen lassen. - -Wir suchen ein Bild, einen Schluß. Eine ganze Kette von Vorschlägen -gleichsam taucht aus der Tiefe, ohne daß wir den Prozeß irgendwie -bewußt beherrschten. Sie treten in Konkurrenz, blitzschnell oft, oft -auch sehr langsam. Es ist, als passierten sie Stück für Stück Revue -vor einem logischen Prinzip, einem Messen an bestimmten Forderungen. -Das fällt, jenes, noch eins, -- da: endlich sitzt die dunkel in uns -arbeitende Maschine. Das hier und kein anderes ist das erlösende Bild, -die treffende Idee, -- heureka, wir haben es. - -Auch diese subtilsten Dinge beherrscht unsere bewußte Intelligenz -keineswegs in ihren einzelnen Bedingungen. Wohl haben wir das Gefühl, -daß etwas in uns sei, das auch das Ganze wieder umgreift, und in dem -diese Bedingungen Eigenschaften sind. Und wohl hat das schließliche -Resultat den klarsten Sinn für unsere Intelligenz. Aber auf dem Wege -spielen sich eine Masse Prozesse ab, die uns vom Intelligenzboden aus -da genau so fremdartig und so unnötig umständlich erscheinen könnten, -wie in der Welt Darwins der Weg über die Selektion. - -Warum gehorcht dem Wunsche nach einem Bild, einer Idee nicht sofort die -höchste uns gegebene, zielsichere Intuition, -- der Flintenschuß, der -den Hasen mit einer einzigen Kugel fällt? Warum dieses Aufdrängen von -Massen Varianten, von denen doch nur eine sich der Forderung wirklich -verbinden kann, während alle andern ergebnislos wieder verpuffen wie -die Million übriger Kugeln jenes Kreuzfeuers? - -Ich glaube, daß wirklich nichts lehrreicher ist zum Begriffe -„Verschwendung“ und „Umständlichkeit“ in der Natur, als ein wenig -Beobachtung in unserem eigenen Denkapparat. - -Es gibt bekanntlich eine philosophische Auffassung, die alles Reale -der Welt eigentlich als ein Seelisches faßt und in der ganzen -Weltentwickelung also einen ungeheuren Denkprozeß des Naturgeistes -sieht. - -Auf den ersten Blick hat es gewiß den Anschein, als werde eine -derartige Weltanschauung nun wenigstens mit der Selektion nichts -anfangen können. Und im Kampfe des Tages ist in der Tat sogar von dort -gelegentlich recht demonstrativ die ganze Darwinsche Selektionstheorie -der Kuddelmuddel-Theorie zugeworfen worden, -- natürlich zur Freude der -letzteren. - -Aber was hätte solche Weltgedanken-Philosophie anderes an Analogie zur -Hand, als eben unsere eigenen Denkprozesse -- und wenn nun gerade in -denen selektionsartige Dinge auftauchen, -- weshalb sollte die große -Naturseele beim Bauen ihrer kosmischen Gebilde nicht ähnlich ihre Ideen -auf dem Selektionswege zustande gebracht haben? - -Kuddelmuddel jedenfalls kommt damit so wenig in den Weltprozeß, -wie unser eigener feinster Gedankenprozeß etwa beim Dichten oder -dem Verfolgen einer wissenschaftlichen Idee trotz aller wieder -ausgestrichenen Gedankenvarianten und zerrissenen Zettel irgend eine -Ähnlichkeit mit Kuddelmuddel-Wirtschaft hat -- was, wie ich hoffe, doch -wohl jedermann zugeben wird. - -So viel zur philosophischen Klärung. - -Die letzten Sätze haben ja streng genommen schon in ein ganz anderes -Gebiet eingelenkt: nämlich in das Gebiet der Frage, ob die Selektion -+wahr+ sei? - -Diese Frage fällt nun selbstverständlich nicht mit der zusammen, ob sie -gegebenen Falles jene Folgen für den großen Entwickelungsgedanken mit -sich zöge. - -Ich meine aber, daß wir, ich möchte wohl sagen: gemütlicher an die -Dinge herangehen, wenn wir der Entscheidung über diese Eventualität -+vorweg sicher+ sind und damit erst vor die Wert-Frage im -Wahrheitssinne selber treten. - -Mir persönlich ist es so ergangen, wenn ich zurückblicke. Ob mit, ob -ohne Selektion, habe ich mir eines Tages gesagt: in den Weltblödsinn -hinein geht es auf alle Fälle nicht. Niemals kommen wir auch mit der -Selektion auf ein wirkliches Chaos als Ausgangspunkt der sichtbaren -Welt, -- immer bleibt eine Ur-Logik des Naturganzen, die auf kosmische, -harmonische, höhere Gebilde führen +mußte+. - -Darwin hat +seine+ Selektionsfrage auf ein ganz bestimmtes Gebiet -beschränkt. Er fragte nach der Entstehung der Tier- und Pflanzenarten --- allerdings ein Feld, wo seit Alters das gesteigert Harmonische, die -innere höhere allgemeine Zweckmäßigkeit doch grade ganz besonders stark -in die Augen gefallen war. - -Ist ihm der Beweis zu Gunsten der Selektion in seinem Spezialfalle -gelungen, so hat er ein famoses Exempel geschaffen. - -Ist er nicht geglückt, so muß eine +andere+ Deutung des -+Weges+ gesucht werden, den die Entwickelung hier genommen hat. -Niemals aber ist diese Entwickelung selbst als Grundauffassung bedroht! - -Es ist möglich, daß der antidarwinistische Stürmer und Dränger -vom Modeschlage, wenn man ihn bis hierher geführt hat, die Sache -+überhaupt nicht mehr interessant+ findet. - -Um den Preis bloß dieser kleinen Schwankungen mache ihm der ganze -Feldzug gegen Darwin keinen Spaß mehr! Wenn nicht mehr herauskomme .... - -Da kann ich ihm nun nicht helfen. Ich für mein Teil finde, daß der -Fortgang der Debatte +jetzt erst wirklich+ interessant +wird+. -Freilich wird er’s nicht mehr zu gunsten von Modeschlagworten. Denn -hier gilt das alte Wort: die Moral aus der Geschichte ist keine Rede, -sondern eine Handlung. An dieser Ecke kann schlechterdings kein -theoretisches Gerede den Darwinismus über sich selbst hinausführen, -sondern nur noch ernste, strenge, wissenschaftliche Tat, -- Tat in -fachwissenschaftlicher Spezialarbeit. - -Ich denke an eine solche Tat, -- wie fruchtbar sie gleich ist! Die -Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze. - - * * * * * - -Die Geschichte, an die ich mich erinnere, fängt streng genommen an mit -der Entdeckung Amerikas, -- mit der ja so vieles Merkwürdige für unsere -Kenntnis wie Schätzung des Himmels und der Erden angefangen hat. - -In der hübschen Morgenstunde des 12. Oktober 1492, als die Kanonen -der „Santa Maria“ den großen Tag verkündeten, stellte sich das -Zünglein der Wage auch schon auf die Entscheidung ein: wer nun Herr -werden sollte, die alte Welt über die neue oder die neue über die -alte. Es sollte noch gar manche Sprünge vor und zurück machen, dieses -Zeigerlein. Was Kolumbus damals aber wohl am wenigsten geahnt hat, -das war die rasche und endgültige Lösung der Frage durch einige der -sanftesten Landeskinder der neuen Erdhälfte, wenigstens für ihr Gebiet: -nämlich Pflanzen. - -Im Laufe der jetzt verflossenen vier Jahrhunderte haben eine Anzahl -amerikanischer Pflanzen unzweideutig die alte Welt erobert. - -An jenem Entdeckungsmorgen berührte des Altweltlers Kolumbus Fuß auch -den Erdteil der Nachtkerzen. - -In bald hundert Arten wuchs das Geschlecht dieser lieblichen -Blumen auf dem neuweltlichen Kontinent. Ein schwefelgelber Strauß -Nachtkerzenblüten, in unsere sandige Mark gebracht, wäre damals ein -eigenartig exotischer Genuß von jenseits des großen Wassers mit allem -Zauber jungfräulicher Neuheit gewesen. - -Uns nachkolumbisches Geschlecht nimmt das schon Wunder. Denn wir -pilgern aus der Stadt in die märkische Heide und am Bahndamm zwischen -den Kiefern stehen die Nachtkerzen Kopf an Kopf wie die gelben -Flämmchen, ein echtes und rechtes Unkraut, das uns weder in Liebe -noch Haß für gewöhnlich imponieren kann. Denn es gehört zwar zum -altvertrauten Vaterlandsbilde, aber der schlichte Sinn achtet es doch -durchweg eben als ein Unkraut sehr niederen Grades. - -Nun denn: die erste ~Oenothera~, wie die Nachtkerze als botanische -Gattung heißt, kam um 1614 aus Virginien in Nordamerika zu uns herüber. -Es war die sogenannte ~Oenothera biennis~. Im Jahre 1778 führte -John Fothergill eine zweite Art (~muricata~), 1789 John Hunnemann -die dritte (~suaveolens~) aus Kanada ein. Europas Luft und Erde -sagten den Gästen aber alsbald so zu, daß sie sich heimlich aus den -Gärten, wo man sie als fremde Rarität gehegt, fortmachten und bald -da, bald dort als freie Kolonisten auf eigene Faust ansiedelten. -Seitdem besitzen sie Sandgrube und Düne und Waldrain bei uns, als hätte -Thusnelda schon ihre Kränze aus ihren Gelblingen geflochten. - -Das ist die ursprünglichste Voraussetzung der wunderbaren Historie, die -es zu berichten gilt: die erste Station der Nachtkerze von Amerika bis -zum märkischen Bahndamm. - -Die nächste Wegstrecke ist freilich etwas länger. Sie führt nämlich von -da bis ins Herz menschlicher Philosophie und Weltauffassung. - -Am Ende des 18. Jahrhunderts lebte in Paris Lamarck, Botaniker und -Zoologe, ein ebenso großer Mann wie Pechvogel der Weltironie. Er -predigte die natürliche Entwickelung der Tiere und Pflanzen und die -Wandelbarkeit der Arten zu einer Zeit, da nur ein halbes Dutzend -Auserlesener (die sich meist untereinander nicht kannten) etwas davon -wissen wollte, der nicht unbeträchtliche Rest dagegen solche Ideen als -Kontrebande aus dem Heiligtum der Forschung hinausprügelte. - -Dieser Lamarck fand wieder in einem Augenblick, da ihm alle Spekulation -ganz fern lag, im Herbarium des Pariser Pflanzengartens einige -getrocknete Exemplare auch so einer amerikanischen Nachtkerzen-Art, die -er als erster wissenschaftlich beschrieb. Sie war von den genannten -anderen verschieden und der Zufall wollte, daß sie in der Folge den -Namen ~Oenothera Lamarckiana~ bekommen hat. - -Heute, da jedermann den alten Lamarck als Vorläufer Darwins kennt, -klingt das förmlich herausfordernd darwinistisch. Gedacht hat sich aber -damals und noch lange später niemand etwas derart dabei. Es war wie ein -prophetischer Donnerschlag der Olympischen, den zunächst jeder für ein -ganz simples Gewitter hält. - -Auch diese Lamarcksche Nachtkerze ging übrigens den Weg ihrer -Schwestern. Sie wanderte zunächst in unsere Gärten hier und da ein, -und wenn die Gartenpforte offen stand, rückte auch sie ein Schrittchen -weiter, fühlte sich wieder als freie Farmerin mit dem Pioniermut des -Westens und verwilderte. Das aber sollte grade ihr großes Schicksal -bedingen. - -Im Jahre 1886 war es. - -Und in Holland war es, Nord-Holland, zwischen Hilversum und s’Graveland. - -~Dr. jur.~ J. Six hieß ein Mann dort und der Mann hatte einen -Kartoffelacker. Er gehörte zu seinem Gute, Jagtlust mit Namen. Durch -Kanalanlagen war das Feld von drei Seiten her unzugänglich geworden und -infolgedessen hatte der Eigentümer es seit einer Reihe von Jahren nicht -mehr verpachtet. Es lag da, in die Hand der Natur zurückgegeben, was -sie mit ihm machen wollte. Und sie schenkte ihm, was sie für solchen -Acker hat, von dem der Mensch seine Hand zieht: Unkraut unter dem -Himmel. - -Ich erzähle die Umstände so genau, denn der Leser wird die Behauptung -zu hören bekommen, es habe sich auf diesem Kartoffelacker, der brach -lag wie in einem Gleichnis des Evangeliums, nichts Geringeres vollzogen -als eine Art Akt der Weltschöpfung. Den Lehm, aus dem eine Welt -geschaffen wird, möchte man doch aber genau kennen. - -Noch wieder in nicht allzuweiter Entfernung von diesem Acker hatte Herr -Six Gartenanlagen und darin ein kleines Zierbeet. Als Gartenpflanze -war dort neben anderem bunten Volk auch die gelbe Nachtkerze Lamarcks -gelegentlich angepflanzt worden. Ihr aber war, treu dem alten -Nachtkerzen-Gelüst, das Beet bald zu klein geworden. Da lag ja, gerade -von dieser Seite zugänglich, der leere Acker, eine Fläche von 5000 -Quadratmetern. Also dehnte sie sich allgemach dort hinüber, setzte ihre -Kinder und Kindeskinder ins freie Feld und trieb zwischen den Kanälen -des Herrn Six im Kleinen, was ihre Schwestern im großen Stil einst mit -ganz Europa gemacht hatten. - -So lagen die Dinge im Sommer 1886. - -Das Kulturbeet war selber eingegangen, kaum daß man seinen Fleck noch -erkannte. Ringsum aber in das Feld hinein und da und dort schon tief in -diesem drängte es sich in zierlichen Blattrosetten und hohen Stauden -von verwildertem Oenotherenvolk. Im Juli und August flammten mit ihrem -verwegenen Leuchtgelb zahllose Blüten auf. Und da geschah’s. - -Just auf diesen Goldacker geriet nicht ein harmloser Spaziergänger, -den bloß die gelben Blumen freuten, sondern ein Mann, der seit Jahren -auf der Lauer lag, ja dessen Geist so zu sagen ein großes Klappnetz -darstellte, bereit, beim geringsten Einschlag mit energischstem Ruck -zusammenzuschlagen. - -Wenige Minuten davon hatte sich für drei Sommer der Professor der -Botanik zu Amsterdam, Hugo de Vries, einquartiert. - -1886, -- das waren nicht mehr die Zeiten Lamarcks. - -Dazwischen lag jenes Kolumbus-Jahr der neueren Biologie: 1859, da -Darwin auftrat. Was bei Lamarck ein Traum eines einzelnen gewesen war, -das hatte Darwin den Zeitgenossen als höchstes wissenschaftliches -Arbeitsziel beigebracht: die Suche nach dem Werden der Tier- -und Pflanzenarten, das Studium der Wandlungen, Umgestaltungen, -Entwickelungen im Bereich des Lebendigen. Inzwischen waren indessen -wiederum fast dreißig Jahre hingezogen. Die Generation nach Darwin -hielt den Meister hoch in Ehren, aber sie grübelte selber schon wieder -ein Stück weiter, wie das ihr gutes Recht war. „Was du ererbt von -Deinem Darwin hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ De Vries war in den -wesentlichsten Punkten Darwinianer, wie sich das beinahe von selbst -verstand. Er zweifelte keinen Augenblick mehr an einer Entwickelung des -Lebendigen nach natürlichen Gesetzen und an einer Wandelbarkeit der -Arten. Aber der alte Darwin hatte auch jene Sätze über das „Wie“ dieser -Entwickelung und Wandlung gelehrt: -- von Vererbung, Anpassung, Kampf -ums Dasein, Variieren, Zuchtwahl und Verwandtem. Dieser alte Darwin -hatte dabei nie verfehlt, diese seine engeren Ansichten als alles eher, -denn ein Dogma hinzustellen. Er verstand unter dem „Darwinismus“ nichts -mehr und nichts minder als ein schweres Arbeitsprogramm für die Zukunft. - -Die Generation, zu der de Vries (geboren 1848) gehörte, fing an, das -mehr und mehr wirklich als Ernst zu fühlen. Man hatte im ersten Feuer -doch etwas viel nur für die äußerliche Ausmünzung der Ideen Darwins -gewirkt. Jetzt besann man sich auf des Meisters innerste esoterische -Kernlehre: daß ja die Hauptsache erst noch zu leisten sei durch -unermüdliche harte Beobachterarbeit. Auch de Vries hatte sich sein -Programm gemacht, wo er arbeiten wollte. - -De Vries war Botaniker. - -Darwin hatte gelehrt, daß auch bei den Pflanzen die „Art“ -+veränderlich+ sei. Neue Arten entwickelten sich aus schon -vorhandenen, und so fort. Ungeheure Linien dieser Entwickelungen -lagen zweifellos in der Vorwelt, der Geschichte. Sie konnten in ihrem -eigentlichen Verlauf, als Vorgang, von uns nicht mehr beobachtet -werden. Aber Darwin neigte dazu, daß die Naturgesetze der Vergangenheit -keine anderen seien als die unserer sichtbaren Gegenwart, -- ein Punkt, -in dem er wohl sicher recht hatte. Dann aber wurde im höchsten Grade -wahrscheinlich, daß die Entstehung neuer Arten +noch weitergehen+ -und auch bis zu uns heranreichen müsse. - -Darwin zog denn auch, um die Sache aufzuhellen, ganz folgerichtig -die Experimente unserer heutigen Gärtner und Tierzüchter heran, die, -wenn nicht Arten, so doch mindestens Abarten herangezüchtet zu haben -glaubten durch planmäßiges Ausnutzen kleiner natürlicher Veränderungen. - -Dieser Weg führte ihn auf gewisse +mögliche+ Gesetze der -wirklichen Artentstehung in der Natur. Aber grade er schien ihm -auch zu beweisen, daß der wahre Naturweg in diesen Dingen ein ganz -unglaublich +langsamer+ sei. Die winzige Zeitspanne, in der wir -beobachten, schien viel zu kurz, um eine wahre Artentstehung, die -Entwickelung einer neuen Pflanzenart aus einer andern ohne menschliche -Nachhilfe, darin schon erleben zu können. Das war denn nun eine -mißliche Zwickmühle. Die eine Beweisinstanz geriet in die unfaßbare -Vergangenheit, die andere in die nebelblaue Zukunft. Dort waren wir -nicht mehr dabei, und hier noch nicht. - -Es gab hitzige Köpfe, die da behaupteten, an diesen Dingen hinge ein -großes Stück Weltanschauung. Es war nicht gerade angenehm, von dem -entscheidendsten Ding dann sagen zu müssen, es schwebe wie Mohammeds -Sarg einstweilen zwischen Himmel und Erde. - -Leute der jüngeren Generation, wie de Vries, begannen zu fragen, -ob Darwin hier unbedingt Recht behalten solle, -- nicht mit seiner -Entwickelungsidee, sondern mit seiner Skepsis. Wenn es nun bei -sorgsamster Tatsachenprüfung doch einmal glückte, die Natur bei der -Arbeit zu belauschen, wie ihr das Meisterstück gelang, heute noch unter -unsern kritischen Augen eine neue Art zu schaffen? - -Gelang es, so mußte ja im „Wie“ der Artbildung einiges +anders+ -sein, als Darwin sich gedacht hatte. Aber darauf kam ja grade gar -nichts an. Man arbeitete nicht an einem toten Monument für Darwins -Einzelmeinungen, sondern man arbeitete an einem lebendigen Werk der -Wahrheit, das sein Name als der eines vorbildlichen Wahrheitssuchers -bloß eingeweiht. - -In solchen Gedanken schweifte seit Jahren jetzt de Vries Auge über -jeden Fleck Erde, wo Pflanzen bei einander standen. - -Wie einst Goethe in Palermo den Blick wandern ließ, ob er nicht in -irgend einem bunten Beet doch die „Urpflanze“ entdecken möchte, die das -reine Urbild des Pflanzenwesens heute noch verkörpere, so suchte de -Vries die Wandelpflanze, die Pflanze, die ihr Artbild durchbricht einem -Neuwerden zu Liebe. Gab es sie, -- gab es sie nicht, mochte er die -Blüten fragen wie Gretchen ihr Blumenorakel nach Fausts Liebe befragt. - -Er besuchte auch den Kartoffelacker von Hilversum. - -Ein Botaniker bringt seinen sichern Blick in solches Unkraut-Paradies -mit. Er sah den Zusammenhang, wie diese Nachtkerzen-Gesellschaft sich -seit etwa zehn Jahren hier auf die Eroberung begeben. Solcher freie -Einfall in unbenutztes gutes Terrain ist für eine Pflanzenart aber -stets ein Ereignis. Unerhört war ihre Üppigkeit, ihre Individuen-Zahl -in den wenigen Generationen gesteigert worden. Was eine Art konnte, -mußte hier geleistet sein. - -Nun weiß man seit Alters, in besonderem Maße aber seit Darwin, daß jede -Pflanzenart, die man in vielen Individuen vergleichen kann, ein solches -Können hat: das sogenannte Variieren. - -Die Individuen zeigen in den feinen Einzelheiten ihres Baues kleine -Schwankungen, kleine individuelle Abweichungen von einander. Man lege -beispielsweise eine Anzahl Blätter der gleichen Art nebeneinander und -man findet nicht zwei absolut gleiche. Bei genauerem Zusehen findet -man sogar bestimmte Reihen, in die diese Variationen des vorgesetzten -Grundschemas sich einordnen lassen. Man kann sie unter gewisse -Schwankungsgesetze einordnen, wie das (unabhängig von Darwin) durch -Quetelet geschehen ist. - -Darwin selbst war der Ansicht, daß diese kleinen Varianten jeder Art -von großer Bedeutung für die Entstehungsgeschichte ganz neuer Arten -seien, grade darauf aber baute er auch seine Theorie auf, daß diese -Entstehung unendlich langsam in weiten Zeiträumen, also uns unfaßbar, -herankrieche. - -Einerlei: wer immer nach Verwandlungsspuren suchte, mußte das Variieren -als interessant beachten. Und diese Nachtkerzen-Kolonie in der Kraft -ihres Könnens wies dem Besucher sogleich solche individuellen Varianten -in verschwenderischer Pracht. Notwendig mußte es ihn fesseln. Er blieb -eine Weile beim Studium der Kolonie. Schade nur, dreifach schade, daß -mit allem Studieren dieses Variierens grade in Darwins Sinn so wenig -für die Grundfrage herauskam! Ging die Artbildung diesen Weg, so war es -eine ewige Zukunftsvertröstung für uns, keine sichere Erkenntnis. Wir -sahen von der Artentstehung nicht mehr als ein Astronom in seinem Leben -von der Wiederkehr eines Kometen sieht, der tausend Jahre braucht, um -wieder in unsere Erdsicht zu kommen. Der Astronom konnte wenigstens -die Ziffern fest errechnen. Wir hatten bloß schwache Vermutungen ohne -festen Halt! - -Indessen schon bald geschah etwas Wunderliches, etwas Unerwartetes. - -Die Nachtkerzen-Art, die den gelben Blütenteppich des Ackers bildete, -war von dem Botaniker zunächst ohne Skrupel und Mühe im Ganzen als die -Lamarckiana bestimmt worden. Die kleinen Abweichungen der einzelnen -Individuen galten ihm als selbstverständliche Varianten dieser einen -guten Art. Aber in den Sommern 1886 und 1887 stellte er etwas fest, was -hierzu nicht stimmte. - -Beim sorgfältigen Durchprüfen aller vorhandenen Einzelnachtkerzen -entdeckte er zwei andere Arten mitten dazwischen, beide scharf -geschieden von der Nachtkerze Lamarcks. - -Schon am 20. August 1886 fand er zwei Individuen, eines im dichtesten -Wald der Lamarckskerzen, eines etwas davon entfernt, beide aber -ausgezeichnet durch sehr viel kürzeren Griffel und kleinere Früchte, -auch sonst in Einzelheiten durchaus absonderlich. - -Im nächsten Sommer zeigten sich ihm an einer Stelle tief im Felde als -pionierhaft vorgedrungene Nachtkerzen-Kolonie zehn Individuen einer -zweiten Sonderart, die durch sehr viel schönere Belaubung, nämlich -glattere Blätter und durch anders gestaltete schmälere, oben nicht -herzförmig ausgebuchtete Blumenblätter abermals von der Lamarckskerze -grundverschieden war. - -Die Sachlage war auffällig über alle Maßen. - -Die Individuen der beiden fremden Arten steckten so eingekeilt in der -Kolonistenlinie der Lamarckier, daß schlechterdings nicht zu begreifen -war, wie sie als „fremd“ hier hineingeraten sein sollten. Trotz -ihrer Verschiedenheit saßen sie genau so da, als seien sie schlichte -Abkömmlinge der Lamarcks-Gesellschaft selbst gleich allen andern des -Feldes. Waren sie es nicht wirklich? Und waren sie dann nicht doch bloß -gewöhnliche, nur etwas extreme Varianten der Lamarckskerzen? - -De Vries trat dem gegenüber zwei feste Beweise an, beide in sich völlig -gelungen. - -Er brachte beide Sonderlinge im botanischen Garten zu Amsterdam zur -Fortpflanzung und stellte fest, daß sie in weiteren Generationen -vollständig konstant bleiben: die kurzgriffelige Form erzeugt weiter -immer nur Kurzgriffler, die glattblätterige nur Glattblättler. Das gilt -im allgemeinen botanisch als Merkmal einer festen Art. Also doch zwei -Arten! Keine Varianten von Lamarckskerzen! - -Gleichzeitig aber stellte de Vries aus der Literatur und den -Musterherbarien von Leiden, Paris und Kew fest, daß bisher +weder in -Europa noch in Amerika irgend ein Botaniker diese beiden Arten gesehen -hatte+. - -Es waren beides neue Arten! - -Zwei bisher unbekannte Nachtkerzen-Arten! - -Die eine mußte ~Oenothera brevistylis~, die kurzgriffelige, getauft -werden, die andere ~Oenothera laevifolia~, die glattblätterige. - -Was war das? - -Hatte jemand in aller Stille in einem undurchforschten Winkel Amerikas -diese beiden Arten gefunden, hatte ihre Samen heimlich nach Holland -gebracht und zwischen die Lamarckier geschmuggelt? - -Aber diese ganze Pflanzenkolonie hier war ja grade ein -Verwilderungsprodukt, das Ergebnis einer von Menschenhand unberührten -Auswanderung sich selbst überlassener Pflanzen von einem unbeachteten -Beet auf einen unbenutzten Acker! - -Oder welcher unglaubliche Wind sollte diese Samen über den Ozean hinweg -hierher geweht haben, -- da doch vor dem siebzehnten Jahrhundert -niemals offenbar ein einziger Nachtkerzensamen selbst der häufigsten -amerikanischen Art auf solchem freien Naturwege zu uns gekommen war? - -Je unwahrscheinlicher, unmöglicher alle diese Erklärungen wurden, desto -deutlicher arbeitete sich aus dem Ganzen eine +Möglichkeit+ heraus. - -Auf dem ursprünglichen Beet war nur die Lamarckiana gewesen. Diese -allein war auf den Acker ausgewandert. Dort hatte sie sich üppig -vermehrt. Und bei der Gelegenheit hatte sie plötzlich zwei vollkommen -neue Nachtkerzen-Arten +aus sich erzeugt+. - -Plötzlich, -- das heißt immerhin in der kurzen, übersehbaren Spanne -der paar Jahre, seit denen nachweislich die Invasion auf den Acker erst -statt haben konnte. - -So wäre denn hier das ungeheure Wunder einer Art-Entstehung nicht von -uns getrennt durch Jahrmillionen der Vergangenheit oder Äonen der -Zukunft, -- ganz dicht wäre es nur hinter uns gewesen, zu messen noch -an ein paar Nachtkerzen-Generationen in ein paar Menschenjahren. - -Eine winzige Spanne zurück -- und der Botaniker wäre gradezu drauf -gestoßen, -- gestoßen auf den Schöpfungsakt zweier neuer Pflanzenarten -auf einem Kartoffelacker zu Hilversum .... - -De Vries aber sagte sich folgendes. Wenn diese gelbe Kerzenkolonie erst -vor zwei Jahren dieses „Wunder“ hier vollbracht hat, so besteht eine -höchste Wahrscheinlichkeit, daß sie es auch +jetzt noch+ kann. -Und wenn sie es vollbracht hat in der abgeschiedenen Stille dieses -Kartoffelwinkels zwischen zwei Hilversumer Kanälen, so wird sie es auch -vollbringen in der wissenschaftlichen Helle eines botanischen Gartens. - -De Vries sah plötzlich eine Lebensaufgabe vor sich. Er entnahm dem -geheimnisvollen Acker Zuchtpflanzen und Samen der echten Lamarckiana -und der beiden neuen Arten und brachte sie in den botanischen Garten -zu Amsterdam. Wenn diese Abkömmlinge der Schöpfungsstätte unter -genauester Kontrolle aufblühten, wenn sie unter den denkbar günstigsten -Verhältnissen tausende und tausende von Individuen entfalteten, -- ob -dann in diesem goldenen Blütenfelde noch einmal und sichtbar jetzt vor -Menschenaugen das große Mysterium sich vollziehen würde: die Entstehung -einer neuen Pflanzenart? - -Es war das eigenartigste Experiment, das der ganze Darwinismus bisher -erlebt hatte. Würde es glücken? - -Wir sind im Herbst 1886. Zu dieser Zeit also entnahm de Vries dem -rätselhaften Acker von Hilversum neun besonders schöne, große Rosetten -der echten Lamarckskerze und pflanzte sie in den botanischen Garten zu -Amsterdam. - -Das bedeutsame Experiment begann. - -Zweijährig, wie diese Pflänzchen waren, kamen sie im nächsten Sommer, -also 1887, in üppige Blüte und lieferten reichlich Samen. Dieser -Samen kam zu neuer Aussaat und lieferte für die Sommer 88 und 89 eine -ungeheure Nachkommenschaft, von der rund fünfzehntausend Individuen -genau geprüft, gleichsam steckbrieflich aufgenommen wurden. - -Wenn die Nachtkerze auch im Garten unter Kontrolle eine neue Art zu -erzeugen beliebte, so war jetzt erste Gelegenheit. - -Und der Fall ließ in der Tat nicht auf sich warten. - -Unter den fünfzehntausend Kerzchen von 88/89 waren genau zehn Stück, -die nicht auf den Steckbrief der Lamarckskerze hören wollten. - -Da standen zunächst fünf Individuen, die sich als „Zwerge“ gaben. - -Trieb die echte Lamarckiana durchweg erst bei Meterhöhe Blüten, -so sproßten sie diesen Zwergen schon bei zehn Zentimetern ihres -Höhenwachstums. Dabei handelte es sich aber keineswegs um reine -Miniaturausgaben im Sinne einfach schwacher Individuen, etwa wie auf -so und so viel Menschen auch einmal ein Schwächling weit unter dem -Normalmaß kommt. Gleich das erste Blättlein, mit dem die zierliche -Rosette einsetzte, erschien schon anders als die Lamarcksblätter, -breiter in der Basis, kürzer gestielt, kurz art-verschieden. Wiederum -die Blüte, wenn sie kam, war selber gar nicht verkrüppelt, sondern im -Verhältnis der Blätter ganz auffällig groß. Kurz: der Botaniker stand -vor einer neuen Art. Und, wohlverstanden, vor einer Art, die diesmal -nachweislich von echten Lamarcks-Eltern herstammte! - -De Vries taufte sie ob ihrer Zwergenhaftigkeit die ~nanella~. - -Es erübrigte, sie auf ihre Artbeständigkeit in eigenen, weiteren -Generationen zu prüfen, und auch das gelang. Samen der fünf Zwerge -ergaben zwanzig neue Exemplare, die mit der höchsten Sorgfalt vor -Vermischung mit echten Lamarckiern geschützt wurden. Es ist zur -Abwehr solcher Vermischung ein besonderes Verfahren nötig, das erst -einen rechten Begriff gibt, welche Arbeit überhaupt in solchen -Versuchen steckt. Bekanntlich wird die Befruchtung bei den höheren -Pflanzengruppen durchweg so vollzogen, daß männlicher Blütenstaub der -einen Blüte auf den weiblichen Griffel einer anderen gebracht wird. -Die Vermittler dieser Uebertragung sind bei den höchsten Gruppen (zu -denen auch die Nachtkerze gehört) die ab- und zufliegenden Insekten, -Bienen, Fliegen, Schmetterlinge, die auf ihrer Honigsuche ohne Willen -hier den Staub einer Blüte sich aufpulvern lassen und dort, bei Einkehr -in einer anderen, am rechten Fleck zurücklassen. Bei solcher Post wäre -nun in unserm Falle nur zu leicht möglich, daß ein Insekt mit echtem -Lamarckianastaub bepulvert in eine Nanellablüte kröche. Der Erfolg aber -wäre eine Kreuzung der beiden Formen, die die Einsicht hemmte, ob die -Nanella, allein gelassen, als echter Artanfang wieder reine Nanellae -erzeugte anstatt Lamarckskindern. So mußte denn die Insektenpost hier -vorsätzlich ausgeschaltet werden. Jedes Pflänzchen wurde, wenn es -Blüten setzte, durch transparente Papierhütchen gegen anfliegende Gäste -abgeschlossen, die nötige Befruchtung aber besorgte an Insektenstatt -der Professor selbst und zwar stets so, daß er nur den Staub einer -echten Nanella wieder auf eine Nanella brachte. Resultat war, daß aus -den bewußten zwanzig Nanellae 2463 neue Keimpflanzen hervorgingen, die -ausnahmslos Nanella-Zwerge waren. Das entschied. - -Inzwischen waren aber die Wunder in den fünfzehntausend ursprünglichen -Lamarcks-Abkömmlingen noch nicht zu Ende. - -Dabei wuchsen nämlich nochmals genau fünf andere Exemplare, die auch -ihren Sonderweg gingen. - -Auch sie waren bereits im zweiten oder mindestens dritten Blättchen, -das sie trieben, von den Lamarckiern streng unterscheidbar an der -wunderbaren Breite und oberen Abrundung ihrer Blätter. Kamen sie ganz -herauf, so erwies sich alles an ihnen entsprechend dick und geweitet. - -„Dickköpfe“ wurden es, die jeder Laie schon auf den ersten Blick -herauskannte. ~Lata~, die Breite, taufte man also diese zweite -Nachtkerzen-Art, die unter den Augen des unbestechlichen Beobachters -sich aus der echten Lamarckskerze „entwickelt“ hatte. - -Von allen bisher erkannten Neu-Arten wich sie am meisten von der -Urform ab. Und schade nur, daß diesmal die Dauerhaftigkeit in weiteren -Generationen nicht festzustellen war aus einem rein äußerlichen Grunde: -diese (und alle später noch beobachteten) Individuen der Lata waren nur -in ihren weiblichen Blütenteilen voll entwickelt, in den männlichen -dagegen so verkümmert, daß eine Befruchtung mit echtem Lata-Staub -unmöglich blieb. - -Das Wirtschaften mit solchen Pflanzenkolonieen, die in die vielen -Tausende hinein gehen, ist kein Kinderspiel. Trotzdem folgte de Vries -zunächst unentwegt noch wieder einer Generation weiter. Er erzielte aus -echtem Lamarckssamen der Fünfzehntausend von 88/89 eine Generation für -1890 und 91, die zehntausend gezählte und geprüfte Pflänzchen enthielt. - -Unter diesen Zehntausend waren abermals drei Lata-Kerzen und drei -Nanella-Kerzen! - -Die Kraft, die zu erzeugen, bestand also bei den Lamarckiern auch jetzt -noch fort. - -Aber außerdem war diesmal ausgespart ein einziges Individuum dabei, das -eine dritte Neu-Art darstellte!! - -Diese Art war von hervorragender Schönheit. Sie wies rote Blattnerven -und breite rote Streifen auf Kelch und Frucht. Die Blüte war größer -und dunkler gelb. Ganz besonders auffällig aber war ihre Sprödigkeit. -Stengel und Blätter zerbrachen bei jedem derberen Stoß. Schlug man -von oben auf die blühende Pflanze, so zersprang „der Stengel förmlich -in mehrere Stücke mit glatten Bruchflächen“. Den Grund bildete die -sehr schwache Ausbildung der mikroskopischen Bastfasern, -- ein -interessanter Umstand als Beweis, wie tief bis in ihre feinste Struktur -hinein diese Art von der echten Lamarckiana verschieden ist. Im übrigen -war grade sie über allen Verdacht hinaus kräftig und fruchtbar. - -~Rubrinervis~, die Rotnervige, nannte sie ihr Entdecker, und diese -Rotnerven-Kerze gab in der Folge, als sie noch einmal und zahlreicher -in einer Lamarckszucht „entstand“, aus acht Individuen Samen für -tausend Nachkommen, von denen 999 echte Rotnerver waren, und nur ein -einziges Exemplar die alte Lamarckierin. - -Selbst dieser eine Rückschlag war höchstwahrscheinlich gar kein -echter, sondern Ergebnis einer zufälligen Einschleppung in das -Beobachtungsbeet. Denn eine weitere Samengeneration lieferte 1114 -Pflanzen, die samt und sonders rote Blattnerven besaßen. - -Leider wurden die Schwierigkeiten der Kultur jetzt so groß, daß für -eine Weile das großartige Experiment ruhen mußte. Drei Jahre ruhten die -Samen der Sommergeneration von 1891 unbenutzt und mit ihnen ruhte so -lange das Schöpfungswunder von Amsterdam. - -Endlich 1895 kam es zu neuer Aussaat. - -Reichlicher als früher wurde diesmal der Boden gedüngt. In größerem -Stil als je wurde alles aufgenommen. Alle Befruchtungen wurden mit -raffiniertester Gewissenhaftigkeit künstlich unter Dütenschutz -vollzogen, die Statistiken mit polizeilicher Sorgfalt geführt. - -Und abermals wuchs eine Generation auf, eine einjährige diesmal, -abermals vierzehntausend Individuen. Und staunenswertes Resultat: die -Artbildung warf abermals Wellen, stärker als je zuvor. - -Da standen unter den Vierzehntausend zunächst sechzig Nanella-Zwerge. - -Dann dreiundsiebzig Lata-Dickköpfe. - -Und endlich acht Rotnervchen. - -Wie aber diese Rubrinervis das vorige Mal als einzige ihrer Art -plötzlich aufgetaucht war, so erhob sich diesmal aus seiner Rosette ein -Einzelindividuum je von zwei nochmals völlig neuen Arten. - -Der eine dieser Revolutionäre auf eigene Faust war im Gegensatz zu den -Zwergen ein Riese, kräftig, breitblätterig, mit gewaltigen Blüten bei -kurzer Frucht. - -Augenblicks, da das gelbe Feld der Vierzehntausend von 1895 in -Flor trat, stachen diese Prachtblüten aus der Menge vor. Nie vorher -konnte ein Exemplar solcher Größe dabei gewesen sein, -- es war -schlechterdings eine Neuheit wieder. Und doch eine Neuheit vom alten -Stamm, -- vom einen Stamm, der jetzt in der vierten Generation streng -nachweislich reine Lamarckiana-Zucht war! - -~Gigas~ wurde der Riese mit Recht benannt. - -Er erwies sich in 450 weiteren Sprößlingen aus Selbstbefruchtung -konstant insofern, als er keine einzige Lamarckiana wieder -hervorbrachte; dagegen erlaubte er sich schon in der nächsten -Generation eine eigene neue Art in einem einzigen Exemplar zu -zeugen: einen Riesen im Einzelwuchs, der doch in der Gesamthöhe nur -das Zwergenmaß der Nanella erreichte. Weitere Generationen blieben -dagegen unverändert beim Riesentypus, wahrten ihm also sein Art-Recht -ungeschmälert fort. - -Der andere Individualist der Vierzehntausend hatte schmale, -langgestielte Blätter von eigenartig glänzender Oberfläche ohne Buckeln -und von einer ganz besonderen dunkelgrünen Färbung, durch die sich die -Nerven weißlich dehnten. Die Blüten waren diesmal klein wie bei der -kleinblütigen Biennis-Nachtkerze, die sich grade in diesem Punkt so von -der Lamarckierin schied. - -~Scintillans~, die Glänzende, wurde diese Neu-Art getauft. - -Ihre Dauerhaftigkeit unterlag in der Folge Zweifeln, doch ist die Sache -noch nicht klar aufgehellt, weder positiv noch negativ. - -Interessierte in diesen beiden Fällen das pionierhaft Vereinzelte der -Neuschöpfung, so wirkte grade umgekehrt, daß eine dritte „Art“ diesmal -sofort in ganzen hundertsechsundsiebzig Exemplaren aufmarschierte. - -Schmal waren auch ihre Blätter und langgestielt, aber auffälliger noch -als bei allen andern, und kenntlich dabei durch die breiten, blassen, -oft rötlichen Nerven. Die Größe blieb hinter der Lamarckskerze zurück, -ohne sie doch zum Zwerg zu degradieren. Und auch sonst fehlte es nicht -an Sondermerkmalen. Die Dauerhaftigkeit erhellte sicher aus allen -weiteren Kulturversuchen. - -~Oblonga~ wurde Taufname. - -Endlich erwiesen sich noch fünfzehn Exemplare der Masse diesmal -sicher als Neukerze, obwohl man ihnen Ähnliches schon in den früheren -Generationen gewahrt, aber nicht als Neu-Art angesprochen hatte. -Es handelte sich um schöne, aber stets sehr hinfällige Kerzen von -weißlichgrauer Blattfarbe, viel kleiner als die Lamarckierin in Wuchs -wie Blüte. Früher erschienen sie nur als Krankheits-Varianten. Jetzt -erkannte de Vries auch in ihnen eine feste Art, deren Dauerhaftigkeit -sich denn auch anstandslos bewährte. - -~Albida~, die Weißliche, hieß sie fortan. - -Auf vierzehntausend Kerzen aus Lamarckssaat also im ganzen -dreihundertundvierunddreißig abweichende Exemplare in nicht weniger als -sieben von der Lamarckskerze verschiedenen Arten! - -Die Versuche in dieser Reihe wurden bis 1899 fortgesetzt, jedes -Jahr mit einer neuen Folge-Generation. Mit der achten Folge war die -ungeheuerliche Ziffer von fünfzigtausend genau untersuchten Individuen -erreicht. Über achthundert hatten eigene Wege in die genannten sieben -Arten eingeschlagen. Eine weitere Art über die sieben hinaus kam in -dieser Reihe nicht mehr hinzu. - -Inzwischen waren aber gleichzeitige Kulturen aus andern Samen des -Hilversumer Ackers in Amsterdam durchgeführt worden, zum Beispiel von -jener ursprünglich schon wild in Hilversum entdeckten glattblättrigen -Art, und auch dort waren in langen Generationsketten neue Arten -aufgetaucht, teils die gleichen, schon genannten, teils noch andere. - -Endlich war das Hilversumer Wunderfeld selbst fort und fort unter -Aufsicht geblieben und es hatte sich herausgestellt, daß fünf der -Amsterdamer Neu-Arten auch dort im wilden Zustand in den Jahren -erschienen waren, so die Breite und der Zwerg. - -Das sind die Tatsachen. - -Wie die ganze Fülle der Beobachtungen und Experimente in dem de -Vriesschen Prachtwerke „Die Mutationstheorie“ (erster Band, Leipzig, -Veits Verlag) ausführlich und mit schönen Farbentafeln in Wort und -Bild dargelegt ist, macht sie nicht den Eindruck, als wenn an dem -grundlegenden Material noch viel wesentliche Kritik geübt werden könnte. - -Was de Vries gesehen hat, scheint fortan zu unserm wissenschaftlichen -Stammstoff zu gehören und jede Theorie muß damit rechnen. - -De Vries selber aber hat jedenfalls das erste Recht, auch zu einer -solchen Theorie gehört zu werden. - -Nachdem er seine Tatsachen einigermaßen beisammen hatte, verwertete er -sie für folgende verallgemeinernde Sätze. - -Diese hier beschriebenen neuen Nachtkerzen-Arten sind +nicht+ -gewöhnliche +Varietäten+. - -Kleine, individuelle Variantenbildung lief während der ganzen Studie -immer und überall nebenher, ohne die Sache irgendwie zu berühren. -Die ersten Hilversumer Lamarckskerzen variierten so im kleinen, es -variierten ihre fünfzigtausend Nachkommen in Amsterdam, es variierten -innerhalb ihres typischen Bildes wieder die entstandenen Neuarten -selbst in all ihren Reinkulturen, kurz, diese kleinen Schwankungen -gingen immer und überall nebenher, änderten oder taten zur Sache, -um die es sich handelt, aber gar nichts. Es war eben, wie wenn -fünfzigtausend Menschen verschiedene Nasen haben: sie bleiben darum -doch alle Mensch und es wird keiner zu einer außermenschlichen Art. - -Solches Werden im letzteren Sinn aber entspräche nach de Vries -tatsächlich dem, was bei Entstehung jener sieben und mehr Neuformen aus -der Lamarckskerze vorliegt. Hier hat irgend ein Innenakt der Pflanze -aus einer Art eine ganze Kolonie neuer Arten plötzlich, von Generation -zu Generation, hervorbrechen lassen, -- echte +Arten+ mit +allen -Merkmalen+ von solchen. - -So lautet denn de Vries’ erster Lehrsatz: eine Pflanzenart hat unter -Umständen die Kraft, eine ihr verwandte, aber doch grundlegend -verschiedene neue Art plötzlich, ruckweise aus sich bei der -Fortpflanzung entstehen zu lassen. Im Gegensatz zur gewöhnlichen -Variation bezeichnet er diesen Akt als eine „+Mutation+“, von -~mutare~, verwandeln. - -Es handelt sich dabei nicht um eine kleine individuelle Abweichung -in irgend welchen Merkmalen, sondern um einen Ruck, bei dem die -Tochterpflanze in ihrem tiefsten Wesen als Ganzes aufgerüttelt, -umgerüttelt, neu fundiert, verwandelt erscheint. - -De Vries gebraucht zur Klarlegung des Unterschiedes zwischen Variation -und Mutation gelegentlich ein sehr hübsches Bild, das von F. Galton -herrührt. Man denke sich ein sogenanntes Polyeder, einen Körper mit -vielen verschiedenen Flächen nach allen Seiten. Als Bild kann gut einer -jener schönen kristallenen Briefbeschwerer mit vielen Schliff-Flächen -dienen, die man öfter sieht. Ein solcher Kristallblock gerate auf eine -schiefe Ebene. Er liegt zunächst fest auf einer seiner Schliffflächen. -Aber die Ebene senkt sich unter ihm und er beginnt zu rutschen, -- -zunächst auf dieser seiner Fläche. Die Rutschpartie geht schneller: -er beginnt zu kippen. Er schwankt, balanziert auf der unteren Kante -seiner Grundfläche, neigt sich etwas vor und zurück. Aber noch zwingt -ihn die Schwere in die alte Lage zurück, er fällt wieder in die alte -Basis, entfernt sich nicht dauernd von ihr, sondern oszilliert nun -gleichsam um sie herum. Das wäre die Variation einer Art auf der -schiefen Ebene ihrer Fortpflanzung! Indessen plötzlich jetzt ein -Ruck: unser Kristallblock hat auf einer stärksten Neigungsstelle das -Übergewicht bekommen, ist gekippt -- und liegt jäh auf seiner nächsten -Schlifffläche. Er hat seine Basis verändert. Um die mag er jetzt wieder -schwanken, oszillieren, -- jedenfalls ist es ein Oszillieren um einen -ganz neuen, veränderten Schwerpunkt. Dieser Ruck, dieser Sturz, diese -plötzliche Basisänderung -- ist eine Mutation. Die Art oszilliert, -variiert bei ihr nicht um ihre gegebene Basis, -- sie fällt in sich um -auf eine neue Basis: sie erzeugt eine neue Art. - -Die Entdeckung dieser Mutation als einer experimentell gesicherten -Sache hielt de Vries für seine wichtigste Leistung. Aber er blieb dabei -nicht stehen. - -Er folgerte weiter, daß die Mutation nicht wie die Variation eine -beständige Begleiterscheinung im Leben der Pflanzenarten sei, sondern -wahrscheinlich +in gewissen Perioden+ sich einstelle. - -Eine Art kann lange auf ihrer Fortpflanzungsbahn bloß oszillieren. Dann -plötzlich macht sie Sprünge, bei denen die Basis jäh wechselt: sie -tritt in eine Mutationsperiode. - -Für diesen Sachverhalt spricht die Ruhe so vieler Pflanzenarten, -die, lange beobachtet, keinerlei Mutationen zeigen, und umgekehrt -dieser Nachtkerzenfall, wo in kürzester Frist die Neubildungen sich -jagen und überall, oft in verhältnismäßig kolossaler Individuenzahl, -hervorbrechen. - -Hier lag ja nun die Frage nahe genug, welches Gesetz denn diesen -Wechsel von Ruhezeit und Mutationszeit bestimme, -- oder mit anderen -Worten: was für ein Grund die Pflanze überhaupt zur Mutation zwinge? -Diese Frage mit irgend einer Theorie zu beantworten, vermaß sich -indessen de Vries vorläufig nicht. - -Seine Experimente gaben keinen Anhalt dafür. Seine Nachtkerze war -offenbar schon im wildesten Trubel einer Mutationsperiode, als er sie -fand. Den Anfang der Dinge sah er nicht. Vermuten ließ sich höchstens -ein Zusammenhang zwischen der äußerst üppigen und raschen Vermehrung -durch Eroberung des Hilversumer Ackers und dem Eintritt dieser Periode. -Doch warf das de Vries nur so als Denkbarkeit hin. - -Im wesentlichen resignierte er: die äußeren Ursachen der Mutabilität -seien uns noch völlig unbekannt. Um so energischer aber erörterte und -entschied er einen verwandten Punkt. - -Die Mutation arbeitet -- +richtungslos+! - -Die Lamarckskerze, wie sie gegeben war, erscheint als eine gute -Anpassung an den Daseinskampf. Wir sehen sie in Amerika sich halten, in -Europa fortblühen, sehen sie als Pionier, der sich wieder wild macht, -den Hilversumer Acker erobern, kurz, sie steht ihren Mann. - -Wie geht es nun mit den Neuarten? Sind sie noch besser? Sind sie -schlechter? Ist etwas Besonderes in bestimmter Richtung an ihnen -„verändert“? Etwas pro oder kontra? - -Der Sachverhalt der vorhandenen Neuarten gibt eine feste Antwort. - -Die Abänderungen umfassen alle Organe gradezu und gehen überall in -fast jeder Richtung. Die Pflanzen werden stärker, sagt de Vries, oder -schwächer, mit breiteren und schmäleren Blättern. Die Blumen werden -größer und dunkler gelb, oder kleiner und blasser. Die Früchte werden -länger oder kürzer. Die Oberhaut wird unebener oder glätter; die -Buckeln auf den Blättern nehmen zu oder ab. Die Produktion der Pollen -nimmt zu oder ab; die Samen werden größer oder kleiner, reichlicher -oder spärlicher. Die Pflanze wird weiblich oder fast männlich; manche -hier noch nicht beschriebene Formen waren völlig steril, einige -nahezu ohne Blüten. Einige neigten mehr zur Zweijährigkeit, andere -weniger, eine war fast rein einjährig. Das entscheidet jene Frage. -Diese Abänderungen sind in kunterbunter Reihe teils nützlich, -- -teils indifferent -- teils ausgesprochen schädlich. Die Riesenform -~Gigas~ ist der Lamarckiana anscheinend in jedem Betracht über. -Die Zwergform ~Nanella~ und die zerbrechliche ~Rubrinervis~ -sind wehrloser als die Lamarckskerze. Eine Neuart, die unfruchtbar -ist, ist selbstverständlich ein unrettbarer Todeskandidat. Also: der -Mutationsprozeß, was er nun auch für eine Triebfeder habe, arbeitet -hinsichtlich der Anpassung, der Kampfstärke im Leben richtungslos, -- -bald pro, bald kontra. Er probt blind „Möglichkeiten“ durch, indem er -bessere, schlechtere, gleiche Würfel regellos ausstreut. - -Daraus aber mußte sich für de Vries folgerichtig noch ein weiterer Satz -ergeben. - -Über die Fortexistenz der regellos geschaffenen Mutationsarten -entschied der Daseinskampf! - -Er merzte die schlechteren Neuschöpfungen aus. Bei Gleichheit -im Lebenswert ließ er je nachdem Mutterart und Mutationsarten -nebeneinander bestehen. War dagegen ein Mutationsprodukt +besser+ -angepaßt, brauchbarer als alle Mitmutationen und als die Mutterart -selbst, so ließ er diese +beste+ Form +allein+ bestehen und -merzte alle anderen aus. - -Die Rolle des Daseinskampfes war in diesem Sinne zwar eine gewaltige, --- aber sie war rein -- negativ. Er machte nicht die Mutation. - -Er konnte an sie als gegebenes „Absolutes“ direkt in keiner Weise heran. - -Aber er warf unablässig alle schlechten Mutationen wieder aus dem -Spiel, einschließlich aller überbotenen Stammformen, und reichte einer -besten oder einigen gleichberechtigt besten die Palme der Herrschaft. - -Indem er ungeheure Ketten von Mißmutationen und wertlos gewordenen -Stammformen wie welke Zweige beständig abschnitt, trennte er die -überlebenden Sieg-Mutationen durch weite Räume voneinander. - -Darum erscheinen uns im Dauerbilde die „Arten“ meist so getrennt, -obwohl die Mutationen sich zunächst immer noch so verhältnismäßig -nahe gestanden hatten, wie die Lamarckiana und ihre Zwergenkinder, -Riesenkinder, Kurzgriffler, Rotnervchen und Glanzblättler. - -Ganz scharf tritt in dieser „Mutationstheorie“ die Beziehung wie der -Gegensatz hervor zu der engeren Darwinschen Lehre von den Bedingungen -der Entwickelung. - -De Vries nimmt den ganzen +äußeren+ Besitz des Darwinismus -+vollzählig+ in sich auf, er umspannt ihn, wie jede gute neue -Theorie alles Gute der älteren umspannen soll, anstatt künstliche -Unterschiede zu schaffen. - -Dem lauten Getriebe, das heute alle darwinistischen Grundtatsachen -wieder aus der Welt reden möchte, steht ein so besonnener Kopf, der -grade beim alten Darwin arbeiten gelernt hat, vollkommen fern. - -Die fördernde oder hemmende Macht der äußeren Existenzbedingungen, in -die die lebenden Wesen jedes für sich eintreten -- der „Daseinskampf“, -wie es Darwin nannte, ohne selbst in die Mißverständnisse -überzulenken, die das vieldeutige Wort im Alltagsleben seitdem erfahren -hat -- sie bleibt in voller Wucht bestehen. - -Wie sollte sie nicht? - -Fällt doch jedes neue Pflänzchen auf dieser alten Erde nicht vom -Blauen ins Blaue, sondern es tritt vom Tage seiner Entstehung an -in ein ungeheures Netz bereits bestehender Verhältnisse, vor denen -es sich ausweisen muß, ob es „lebensfähig“ ist. Wenn ein Fischlein -im Wasser aus dem Ei kriecht und das Wasser rauscht um es her -- -und es hat plötzlich durch irgend eine individuelle Veranlagung -keine Kiemen, so muß es augenblicks sterben, es ist untauglich zum -Lebenskampf. Je besser dagegen seine Kiemen sind, desto flotter kann -es das „Leben“, sein Leben in den gegebenen Bedingungen des Fischs im -Wasser, aufnehmen. Die Logik dieses Gedankens ist eine immer wieder -so schlichte, so schlechterdings zwingende, daß einer sich wirklich -schon künstlich in den blinden Zweifel hineinreden muß, um das nicht -mehr zu fassen. Wo immer in einer Tier- oder Pflanzenart individuelle -Veränderungen auftreten, da +muß+ diese logische Mühle weiter -mahlen, da +muß+ eine Selektion, eine Auslese des Besseren, vor -den äußeren gegebenen Bedingungen Zweckmäßigeren, und eine Ausmerzung -des Schlechteren stattfinden. Und das Resultat muß eine beständige -Annäherung sein an eine immer bessere, eine beste „Anpassung“ -der Gesamtmenge an diese Bedingungen, -- also genau das, was wir -in so ungezählten Beispielen wirklicher famosester Anpassung und -Zweckdienlichkeit der Lebewesen allerorten auf Erden vor Augen sehen. - -Damit ist der Kerngedanke aber der Darwinschen Zuchtwahltheorie immer -und immer wieder gerettet als ein schlicht logisches Grundprinzip, -um das wir außen und oben, auf der Kampffläche der Dinge, nicht -herumkommen. - -Was sich aber fragt und von Anfang an schon für alle ernsten Denker, -vor allem Darwin selbst, gefragt hat, das ist: wie es sich mit jenen -„individuellen Veränderungen“ selbst verhalte, also mit dem Korn, das -die Daseinskampfmühle oder das Daseinskampfsieb, wie das Bild besser -lautet, zu verarbeiten bekommt? - -Die Darwinsche Schule, so will ich einmal etwas allgemeiner hier -sagen, hat durchweg angenommen, daß für die große Entwickelungslinie -wesentlich jene kleinen individuellen Varianten in Betracht kämen, -die, wie erwähnt, ungefähr unter jene statistischen Schwankungsgesetze -Quetelets fallen, -- also im groben Bilde etwa, was bei uns Menschen -sich als Unterschiede in der Nasenlänge oder so etwas Ähnlichem äußert. - -Eine solche kleine Variante sollte gelegentlich schon ein kleines Plus -im Daseinskampfe geben. Durch bessere Erhaltung auf Grund dieses Plus -sollte dieser Daseinskampf sie so zu sagen mehr und mehr in Reinkultur -herausarbeiten und allmählich so steigern, daß sie endlich unter die -Dauermerkmale der ganzen Art geriet. Ein Komplex solcher endlich -fest herangezüchteten Plus-Varianten mochte schließlich das ganze -frühere Art-Bild so verwandeln, daß wir Systematiker die ausgelesene -Varianten-Elite der Ur-Ur-Enkel gradezu für eine neue Art ansprachen. -Und ein Hauptstützmittel dieser Auffassung waren eben die Erfahrungen -unserer Gärtner und Tierzüchter, die mit großer Sicherheit behaupteten, -genau in dieser Weise, durch stete Auslese der passenderen Varianten, -völlig neue Dauerformen „erzeugt“ zu haben. - -So die darwinistische offizielle Lehrmeinung. - -Nun ist aber in hohem Grade bemerkenswert, daß Darwin selbst mindestens -ursprünglich in diesem heikelsten Punkte gar kein extrem waschechter -„Darwinianer“ war. - -Er betonte, daß sich in der „Variation“ +zwei+ Dinge zu verstecken -schienen, zwei nicht ohne weiteres gleiche Dinge. - -Erstens nämlich ein stetiges individuelles Wechselspiel von Plus -und Minus im Sinne eben jenes Nasenbeispiels. Zweitens aber gewisse -plötzliche, unvermittelte Abweichungen vom Grundschema der Art, -Varianten, die nicht in die Linie Plus und Minus ausbogen, sondern so -zu sagen in eine neue Dimension hinein, in etwas ganz abrupt Neues. - -In der ersten hellsichtigen Genieschau durch das ganze neue Lichtfeld -der Dinge sah das Darwin sehr gut. - -Als er sich aber dann mehr in die praktischen Gärtner- und -Tierzüchter-Versuche hineinarbeitete, vermischte sich ihm die Zweiheit. - -Dort fielen die beiden Arten der Variation anscheinend für die Praxis -so durcheinander und in eins, daß es unwichtig schien, die Trennung -noch zu betonen. - -Es folgte die Hochflut der Darwinschen Schule. Insbesondere Wallace -trieb den Zuchtwahl-Gedanken aufs gedanklich Äußerste hinauf. Hier war -von irgend einer Beachtung des feinen Unterschiedes gar keine Rede -mehr. Die Variation war Eines nur und in diesem Einen war entscheidend -ausgesprochen bloß die Plus- und Minusschwankung. Aus ihr wuchsen die -neuen Arten. - -Ist das doch selbstverständlich, meinte Wallace, wenn wir nur etwa ein -so einfaches Beispiel anschauen wie unsere tausend Kulturspielarten -aus der einzigen Ur-Art des wilden Apfelbaums. Dieser Apfelbaum hat -nach Plus und Minus variiert und diese Varianten haben die Gärtner -benutzt, um alle die prächtigen süßen Apfelsorten unserer Obstgärten -allmählich herauszufixieren. Dabei sind die Äpfel aber keineswegs -bloß süß geworden. Es sind so und so viel echte Apfelspielarten von -recht verschiedenem Bau dabei herausgekommen, -- ein Beweis, daß die -ursprüngliche einfache Plus-Variante auch den Keim solcher Artbildung -bot. - -Und das schien wirklich schlagend. Eine ganze Generation beugte sich. -Wer da oder dort zweifelte, der geriet in das Dilemma, ob er etwa mit -dem ganzen Darwinismus brechen wollte ob seiner Ketzergedanken. So -unzertrennbar fest schien diese Masche im großen Netz der Theorie zu -stecken, daß man gradezu glaubte, sie trüge das Ganze und der große -Entwickelungsgedanke müsse unten durchfallen, wenn man sie löse. - -Nun, meint de Vries, die Entwickelungslehre als solche steht heute -auf so breiten Füßen, daß man diese Skrupel wahrlich abtun kann. -Eine neue Prüfung des Variationsproblems ändert da auch nicht ein -Titelchen. Zumal wir eigentlich nur auf Darwins eigene erste Ideenlinie -zurücklenken. Und so steht denn hier die Lamarcksche Nachtkerze mit -ihren „Mutationen“ und wirft eine ganz neue Farbe ins Bild. - -Sie besagt mit ihrer proteisch vielseitigen Person zunächst klipp -und klar, daß es jene Doppelgestalt hinter dem einfachen Wörtchen -„Variation“ wirklich gibt. Es gibt neben dem Variieren im Sinne von -Hin- und Herpendeln der Plus- und Minus-Varianten auf der Art-Kante -noch ein regelrechtes Umkippen in neue Art-Merkmale hinein, eine -Sorte Variation, die eben mit besserem Wort als „Mutation“ von der -gewöhnlichen geschieden wird. - -Das aber geklärt, kommt nunmehr ein Vorstoß allerdings über Darwin -hinaus und sogar gegen ihn. - -Über diese Mutations-Varianten und nicht über die einfachen -Schwankungs-Varianten läuft nach de Vries und ist immer gelaufen die -wahre Neubildung von Arten. Alle Behauptungen und angeblichen Resultate -der Gärtner und Tierzüchter, alle noch so sicheren Schlüsse und Thesen -der hyperdarwinistischen Theoretiker sind falsch, so weit sie die -Entstehung irgend einer neuen Art durch künstliche oder natürliche -Weiterzüchtung einfacher Plus-Minus-Varianten behaupten. - -Wo ein Ergebnis dieser Sorte durch Zuchtwahl mit „Varianten überhaupt“ -zustande gekommen ist, da steckten eben Mutationen mit darunter, sie -haben nachgeholfen ganz in der Stille und ein Gewinnlos in die an sich -falsch gestellte Nietenlotterie eingeschmuggelt. Beispiel: eben die -Wallacesche Geschichte der Gartenäpfel. - -Die künstliche Gärtnerzuchtwahl konnte wohl aus sauren Wildäpfeln süße -Kulturäpfel durch einfache Ausnutzung der kleinen Schwankungs-Varianten -machen. Hier handelte es sich bloß um Steigerung einer Plus-Variante im -Zuckergehalt bis auf ein extremes Maximum. Das ist genau der gleiche -Erfolg wie bei dem allbekannten Beispiel der Zuckerrüben, über das die -einwandfreieste Statistik vorliegt. Niemals wird so ein eigentlich -konstanter Wert geschaffen. Läßt man die künstliche Auslese ruhen, -läßt die süße Kulturform wieder verwildern, so sinkt sie binnen kurzem -wieder auf den zuckerärmeren Urstand zurück, der Kulturapfel wird -wieder Holzapfel, die Zuckerrübe in unserm Zuchtsinne verschwindet -wieder von der Erde. Vollends aber niemals entsteht bei einfachem -Zuchtprozeß auf diesem Wege der Variantennutzung eine feste neue -Spielart, die sich nicht bloß in einem einseitigen Plusmerkmal von -der Stammart unterschiede und darin in alle Nachkommenschaft hinein -konstant bliebe. Nie ist es bei den Zuckerrüben passiert. - -Aber doch bei den Äpfeln? Keineswegs auch da, sagt de Vries. Die wahre -Tatsache ist in diesem Falle, daß schon der wilde Holzapfel eine -gewaltig +mutierende+ Pflanze war, die sich bereits wild in so und -so viel Unterarten zerspalten hatte, in echte Mutations-Varianten also, -die natürlich als solche konstant waren und das schönste Ur-Material -bereits lieferten. Die Gärtner haben sie durch Ausnutzung ihrer -jedesmal „auch“ vorhandenen Plus-Varianten des Zuckergehalts einzeln -zu Kulturäpfeln umgeformt. Dabei sind die Spielarten als solche eben -geblieben, -- niemals aber sind +sie+ erst bei dem Gärtnerprozeß -der Versüßung, den alle parallel erlebten, selber „erzeugt“ worden. - -Dieser Fall gibt nach de Vries gradezu den Schlüssel für alle jene -Irrtumsquellen, wo Arten durch Steigerung der einfachen Variation -gewonnen worden sein sollten. Immer war Mutation im Spiel, ungewollte, -unberechenbare, einfach in den Schoß fallende Mutation als Akt des -tiefsten Eigenlebens der Pflanze, -- wenn die Sache gelang! Fehlte -sie als Kräutchen Nießmitlust, so mochte die Pastete hundert Jahre -schmoren, es gab keinen Erfolg. - -Daher die Klagen der Gärtner, daß sie mit aller Variations-Nutzung -keine blauen Georginen, großen weißen Kannablüten, hochgelben -Hyazinthen „erzeugen“ konnten. Die stille Helferin Mutation warf eben -diese Nummern bisher nicht ins Spiel. Daher der alte tiefsinnige -Praktikersatz: „Die erste Bedingung, um eine Neuheit hervorzubringen, -ist, sie bereits zu besitzen.“ Zu besitzen: das heißt, vom Glück so -begünstigt zu werden, daß die Mutation, selber unbeherrschbar wie sie -ist, sie einem grade ins Spiel setzt. Sonst hilft alle Zuchtwahl und -alles Rübenglück nichts. - -Wenn es aber mit der künstlichen, uns zugänglichen Züchtung so steht, -dann wird es wohl mit der natürlichen, auf die wir ja nur von hierher -schließen, ebenso sein. - -Auch der freie Daseinskampf wird nur echte Neuheiten mit Dauerwert -durch die Arbeit der Mutation seit alters zur Verfügung gehabt haben, -von denen er dann die einen bestehen lassen, die andern, unpraktischen -ausroden konnte. - -Mit den Varianten der einfachen Sorte aber wird auch er nichts weiter -haben anfangen können, als daß er diese oder jene eine Weile ins Extrem -trieb; zog er die Hand von solchem Schützling, weil sich in seinen -eigenen Bedingungen lokal etwas änderte, so fiel das sofort wieder ab, -ohne daß je eine wirkliche innere Erneuerung damit angeregt gewesen -wäre. - -Es ist sehr wichtig, daß im Augenblick, da man bis hierher mitgeht, -ein tatsächliches Sachverhältnis in der Tier- und Pflanzenwelt sich -plötzlich ganz von selbst aufhellt. - -So lange die Zuchtwahl-Theorie mit ihrer Anpassungs-Idee jetzt in der -Welt ist, so lange ist auch von Freund, wie Gegner (am schärfsten -wieder von Darwin selbst) erkannt und betont worden, daß ihr ein -Zug im Bilde der Arten, wenn nicht direkt widerspricht, so doch zäh -widerstrebt. - -Die charakteristischen Eigenschaften der einzelnen Tier- und -Pflanzenarten lassen sich in ungezählten Fällen in zwei scharfe Gruppen -sondern. - -Die einen fallen unter den Anpassungsbegriff. - -Sie sind dem lebenden Geschöpf im Lebenskampfe ausgesprochen nützlich, -z. B. wenn ein Laubfrosch, der auf grünen Blättern lebt, grün ist. Zur -Verteidigung der Zuchtwahl-Theorie im ganzen sind diese Fälle stets -sehr hell beleuchtet worden und kein Mensch mit gesunden Sinnen kann -auch wirklich leugnen, daß sie Legion sind und für ihr Teil alles -beweisen, was die kühnste Theorie hier verlangen kann. - -Die zweite Gruppe bilden auch daneben nicht etwa umgekehrt -Nichtanpassungen im Sinne von offenbaren Schädlichkeiten, groben -Unzweckmäßigkeiten. Wo solche auffällig beständen, da könnte man ja -sagen, die ganze Anpassungs-Idee sei unmöglich -- aber man könnte wohl -ebenso sicher sagen, das Tier oder die Pflanze mit solchem Selbstgift -der angeborenen Unzweckmäßigkeit sei unmöglich. - -Was aber nicht unmöglich ist, vielmehr ebenso tausendfältig wie die -Schutzanpassungen uns vor Augen steht, das ist die Existenz von -völlig indifferenten Merkmalen, bei allen Tier- und Pflanzenarten, -- -Merkmalen, die schlechterdings mit Schutz im Lebenskampfe nichts zu tun -haben -- und die doch da sind. - -Eine Tiersorte, die auf grünen Blättern lebt, sei im ganzen grün. Gut, -das ist die Schutzseite. Aber jetzt spaltet diese grüne Tiersorte sich -noch wieder in eine Portion Einzelarten, die sich durch allerhand -kleine, meist von fern so gut wie garnicht sichtbare Merkmale -voneinander unterscheiden, -- Merkmale, die mit Anpassung auch im -weitesten Sinne unbedingt nichts zu tun haben, sondern in Hinsicht auf -sie reinweg wie Spielereien der Natur, wie ein unabhängiges Durchproben -von hundert indifferenten Möglichkeiten jenseits von Schutz und -Nichtschutz sich ausnehmen. Bei unserer systematischen Trennung der -einzelnen Arten spielen diese Merkmale vielfältig die Hauptrolle. Und -doch finden wir keinen „Zweck“ in ihnen vom Boden der Anpassungstheorie. - -Wie ist es nun gekommen, daß sie sich überhaupt erhalten konnten, -fixieren konnten, wenn +alle+ Eigenschaften der Tiere und Pflanzen -erst durch die Anpassungsmaschine des Daseinskampfes aus kleinen Plus- -und Minus-Varianten langsam heraufgezüchtet worden sind? - -Diese Maschine hatte ja nicht das leiseste Interesse an irgend einem -vom Schutzzweck aus indifferenten Plus oder Minus. Wie konnte es -dennoch dahin kommen, daß solche Merkmale konstant wurden, ja sich -schließlich dem Systematiker gradezu strenger aufdrängten als die -Anpassungssachen? - -Darwin suchte vor dieser Frage in allen Jahren seines Hauptschaffens -nach Auswegen, kühn und ehrlich mit dem Blick auf den Tatsachen. - -Einen Teil jener Merkmale, gewisse rhythmische Gebilde besonders -in Farben und Formen, schob er bei den höheren Tieren auf den -Schönheitssinn bei der Liebeswahl, er führte seine sogenannte -„geschlechtliche Zuchtwahl“ ins Spiel. Er wußte selbst, daß er damit -nur einen ganz bestimmten Ausschnitt packte, niemals die Hauptsache, um -die es ging. - -Dann betonte er scharfsinnig ein Gesetz, daß, wenn ein Merkmal bei -einer Tierart so und so durch Züchtung werde, so und so viel andere -Merkmale sich auf Grund eines geheimen Zusammenhangs, der aber nicht -im Schutzzweck lag, mit veränderten, -- das sogenannte „Gesetz der -Korrelation“. Wurde ein Tier aus Schutzzwecken grün, so konnte das eine -Portion anderer Merkmale an ihm erwecken, die an sich nichts mit Grün -und Schutz zu tun hatten, aber so lange der Art verbleiben mußten, wie -sie grün blieb. - -Aber auch das traf nur gewisse Einzelfälle, in der Masse aber versagte -es, -- ganz abgesehen noch davon, daß es ein „Gesetz“ mit ganz dunklen -Faktoren in sich war. Unzählige Arten waren sämtlich aus Schutzzwecken -grün und hatten dabei erst recht nicht alle übrigen Artmerkmale -gemeinsam und gleich bekommen, sondern sie waren grade sonst so -verschieden, daß man sie als selbständige Arten zählte. - -Diese ganze Schwierigkeit aber hebt sich im gleichen Augenblick, da wir -von der Mutationstheorie ausgehen. - -Bei ihr züchtet der Lebenskampf nicht erst die Artmerkmale aus kleinen -Schwankungsvariationen allmählich heran. Sondern er merzt bloß aus -dem anmarschierenden Heer ewig neuer Mutations-Arten, die alle -Sortenmerkmale zur Probe mitbringen, alle die aus, die aufdringlich -unzweckmäßige Merkmale zeigen. Alle Mutationen mit nützlichen +oder -mit indifferenten+ Merkmalen läßt er dagegen durchpassieren. Diese -sind sofort als „Art“ da, pflanzen sich konstant fort und bilden das -Material unserer Systeme. Naturgemäß müssen ihre Merkmale sich fort -und fort zusammensetzen aus den beiden Urgruppen: nützlichen -- und -indifferenten, -- genau wie es wirklich im Tatbestande der Fall ist. - -In der schönsten Weise ordnet sich der ungeheure Formenreichtum der -lebendigen Natur hier in die Theorie ein, ohne daß alles durch das -Prokrustesbett der reinen „Nützlichkeit“ durch muß. So und so viel -fällt auf die, -- aber es braucht durchaus nicht alles hierher zu -fallen, was da ist. Denn bei freiem Durchmutieren in alle Möglichkeiten -hinein muß mindestens ebenso viel Indifferentes sich einstellen, wie -ausgespart Nützliches, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr. - -Grade an dieser Stelle aber lenkt die gesamte Frage doch auch wieder -zurück zu jener schon einmal gestreiften Grundfrage: wie es sich mit -den +Ursachen+ der Mutation selbst verhalte und ob es nicht doch -möglich sei, in sie hinein noch ein letztes formbildendes Gesetz zu -verfolgen. - -Es ist keine Frage: in der Darwinschen Linie sieht man zunächst mehr -von den treibenden Ursachen des ganzen Hergangs, als bei de Vries. - -Die Hauptursache liegt dort im hellen Lichte der Naturzüchtung und -nur ein kleines Sätzchen bleibt als Unbekanntes, als „Sprung“: die -schlichte Plus- und Minus-Schwankung, mit der die Mühle zu mahlen -anfängt. Bei de Vries springt die Mutation allsogleich auf den Plan wie -ein fertiger Ritter -- und alles, was wir sehen, ist bloß der Ausweis, -ob es ein sieghafter Held oder ein armer Don Quixote vor der Praxis sei. - -De Vries verwahrt sich zwar gegen den „Sprung“. Es bleibe zu recht, -daß die Natur ~non facit saltus~, keine Saltomortales mache. Ein -Ruck sei die Mutation, kein Sprung. Aber auch der Ruck ist doch ein -herzhafter, auf alle Fälle. Und das gibt mit größerer Dunkelheit auch -erhöhte Grübellust. - -Der rein theoretische Gedanke, daß die Entwickelung sich stoßweise -vollziehe, -- von Art zu Neu-Art ohne die Vermittelung einer langen, -langsam gesteigerten Varietätenkette, -- dieser Gedanke brauchte nicht -erst als solcher von de Vries eingeführt zu werden. - -Er ist dagewesen, so lange wir überhaupt wissenschaftliche Formen der -Entwickelungslehre haben. So lange wir den Darwin hatten, hatten wir -auch den Kölliker, den trefflichen Anatomen, der die „sprungweise -Entwickelung“, wie er es ruhig nannte, als sein Evangelium lehrte. -Beweise gab es freilich nicht. Aber man hatte die Idee. Und da -man bestritt, daß Darwin scharf beweisbar sei, hielt man sich die -Möglichkeit offen. Bisweilen schien es sogar, als melde sich eine wahre -Tatsache dazu. - -Da war ein absonderlicher Molch im See von Mexiko, das „Axolotl“. Die -alten Azteken zu Cortez des Eroberers Zeiten hatten ihn schon als -Leckerbissen in einer Pfefferbrühe verspeist. Heute kennt ihn jeder -Junge, der ein Aquarium hat. - -Als man ihn wissenschaftlich beschrieb (Humboldt hatte ihn -mitgebracht), lebte er als sogenannter „Kiemenmolch“ in seinem See, -mit Kiemen zur Wasseratmung wie ein Fisch, und so fortpflanzungsfähig, --- im übrigen aber doch schon ein Molch aus der Verwandtschaft unserer -lungenatmenden echten „Salamander und Molche“. Im Pflanzengarten -zu Paris nun geschah eines Tages das große Wunder: besagtes -Axolotl kletterte, als man ihm Raum gab, aus dem Wasser aufs Land -und verwandelte sich selber regelrecht in einen echten Land- und -Lungenmolch gleich unserm Feuersalamander. Die Kunde lief also, es habe -sich durch einen (immerhin gradezu riesenhaften) Sprung schon hier -einmal vor Forschers Augen eine völlig neue, höhere Tierform gebildet. - -Aber die Freude hat beim Axolotl nicht lange gedauert. Kritische -Köpfe stellten nämlich die triftige Gegentheorie auf, das fischhaft -kiemenatmende Axolotl des Sees von Mexiko sei trotz seiner -selbständigen Fortpflanzung gar kein fertiges Tier, sondern eine noch -unvollkommene Larve. Bekanntlich leben so gut wie alle Amphibien in -ihrer frühen Jugend als Larve ebenso fischhaft kiemenatmend im Wasser, -Molche wie Frösche und Kröten. - -Für gewöhnlich entwickelt sich eine solche Amphibienlarve allerdings -schon vor der Geschlechtsreife zum Lungenatmer. Aber es kommen doch -auch Hemmungen vor, wo die Tiere sich so wohl bei ihrer Fischstufe -fühlen, daß sie schon auf dieser in die Liebeszeit eintreten. So -machen es unsere kleinen Teichmolche bereits ab und zu. Das Axolotl -aber hatte, scheint es, das auf eine gewisse Zeit dauernd ins Große -getrieben. Es hatte nämlich seine Gründe dafür. - -Ehemals stieß der See von Mexiko an feuchten Urwald, ein Eldorado -für Luft-Molche. Später schwand der Wald, der See schmolz weithin -ein und es bildete sich um sein verkleinertes Wasserfeld ein Kranz -dürrster Salzsteppe. Da zogen es die Axolotl vor, Generation für -Generation fischhaft im Wasser zu verbleiben als „ewige Larven“. -Und erst als man ihnen in Paris wieder die alte Gelegenheit eines -grünen Pflanzenufers bot, besannen sie sich (bildlich gesprochen) -auf ihr altes Schlußkapitel im Lebensroman, krochen ans Land und -wurden zum ersten Mal wieder „fertig“. Das war denn nun durchaus kein -Köllikerscher „Sprung“: -- die angeblich „neue“ Art war in Wahrheit -bloß die Wiederherstellung grade der „alten“, die eine Weile etwas in -Unordnung geraten war. - -Solche Fälle mußten erst recht vorsichtig machen, anstatt den kühnen -Sprung-Theoretikern Türen zu öffnen. - -Kein Zweifel aber, daß des de Vries Beobachtungen, wenn sie stand -halten, jetzt aus dem allgemeinen Behauptungsheer der Sprung-Theorie -einen gewissen engeren Teil als wirklich brauchbar herauslösen. - -Sie geben aber sofort als Gegengift auch die richtige Einschränkung -dazu. - -In dem Nachtkerzen-Beispiel von Hilversum ist kein leisester Anhalt für -einen so groben Mutationsstoß wie etwa bei dem Axolotl. - -Durchaus nicht etwa hat die Lamarcksche Kerze jählings die Wunderkraft -gezeigt, eine Winde oder Rose zu produzieren. Sie hat zunächst nur -Nachtkerzen, allerdings andere Arten, gebildet. In einer ungeheuren -Kette solcher Mutationen möchte man ja auch vermuten (vermuten!), -daß die Gattung schließlich überschritten, ja endlich der Kreis der -Familie und so weiter von der Mutation Stufe für Stufe gesprengt werde. -Aber immer bliebe eine ungeheure Kette, -- wenn schon keine so ganz -ungeheuerlich lange, wie sie im streng darwinistischen Sinne durch -die jedesmal einzuschiebende Varietäten-Unterkette zwischen je zwei -Hauptkettengliedern gefordert wird. - -Mit großem Nachdruck weist de Vries darauf hin, daß eine seiner -„Mutationen“ unter Umständen als eine +geringere+ Abweichung -gradezu vom Urtypus erscheinen könnte als eine extreme Varietät jener -bewußten belanglosen Sorte, -- oder daß sie wenigstens nicht notwendig -abweichender sein „müßte“. Ihre entscheidende Sache bleibt eben allemal -die Dauerhaftigkeit bei der Fortpflanzung und eine gewisse innere -Harmonie ihrer Neuerungen, die uns in jenem guten Bilde sagen läßt: -hier hat der Kristallblock nicht nur im Rollen gezittert, geschwankt, -sondern er ist regelrecht auf eine neue Fläche gefallen, er ist -übergekippt bis zur Basis-Änderung. - -Etwas Verschiedenheit ist natürlich immer nötig. Aber es braucht -keineswegs rein summarisch viel zu sein. Damit aber schwindet ein gar -gewaltiges Stück des eigentlich Trennenden für den Anblick zwischen der -also reformierten „Sprung-Theorie“ und der offiziellen darwinistischen -Lehrmeinung. - -Auch so bleibt ein Stammbaum der Lebewesen mit relativ ganz kleinen -Ruckstellen des Wachstums, kleinen Schußstellen von Knoten zu Knoten. - -Ein ganzes Bisserl „Schuß“ oder „Ruck“ oder „Sprung“ oder wie man -es nun nennen will, war ja wohlverstanden auch jede einfachste -darwinistische Varietätenbildung schon. - -Wenn ein Mensch mit einer kurzen Nase plötzlich einen Sohn hat mit -einer langen: ein Sprünglein liegt auch darin. - -Fragt sich bloß, wie groß es im äußersten Falle sein darf, -- und das -wieder führt auf die Tiefenfrage: welche mechanische Ursache wir -hinter ihm zu suchen haben und wie viel Kraft wir der schon für das -Ganze beimessen sollen. - -Schon aus jenem Kristallflächen-Beispiel erhellt aber sehr nett, wie -schlicht mechanisch de Vries da denkt. - -Es ist nicht zu leugnen: in der alten Sprung-Theorie war, besonders -je größer sie ihre Sprünge sich gedehnt dachte, immer ein Zug auf -eine mystische Ausbeutung merkbar. Ob nicht ein „Wunder“ hier lag, so -riesig, daß es ewig über unseren Verstand ging? - -In dem Bilde des de Vries wird mindestens bildlich absolut klar, was -er von der Sache hält. Der Kristallblock kommt ins Rollen. Das ist -nichts Mystisch-wunderhaftes, sondern das Bild arbeitet mit einfachsten -mechanischen Voraussetzungen. Der Rollblock fängt an zu kippen, zu -zittern, zu balanzieren, -- abermals nur ein rein natürlicher, im -richtig verstandenen Sinne „mechanischer“ Prozeß. Endlich kommt der -Block gar zum völligen Kippen, aber doch offenbar wiederum nur durch -ein Plus der ursprünglichen naturgesetzlich arbeitenden Kraft, die -schon das Rollen und Balanzieren beherrschte. - -Was aber im Bilde gilt, faßt hier zugleich die Sache: auch -Fortpflanzung, Variation und Mutation erscheinen durchaus nur im festen -Banne einer und derselben natürlichen Gesetzlichkeit. Wenn auch unsere -Kenntnis die Einzelheiten noch nicht erfassen kann: das natürliche -Glaubensbekenntnis des Naturforschers, der Glaube an unzerstörbare -Gesetzmäßigkeit ohne Ignorabimus-Lücke, bleibt im Prinzip vollkommen -gewahrt. - -Das ist aber für den Fortschritt all unserer Sachweisheit doch -eigentlich wieder die Hauptsache, -- viel wichtiger als etwas -Lehrmeinungs-Sieg oder Nicht-Sieg in darwinistischen Einzelheiten. - -Die alte Sprung-Theorie, wie sie vor de Vries schon bestand, hatte -ja stets da noch eine besondere Liebhaberei gehabt. Sie liebäugelte -nämlich mit einem Gedanken, der als solcher wieder noch viel älter als -Darwin ist. - -Könnte es nicht doch ein besonderes „Entwickelungsgesetz“ geben in -diesen Sprüngen -- und zwar eines, das der Anpassung schon entgegenkäme? - -Nehmen wir wieder das einfachste Beispiel. - -Auf einem braunen Boden leben braune Tiere, hübsch als solche durch -ihre gut angepaßte Farbe geschützt. Nun wird durch Wechsel der -Verhältnisse, etwa durch Schnee, der Boden weiß. Braun ist jetzt nicht -mehr Trumpf. Die Tiere müßten weiß sein, wenn ihre Feinde sie nicht -sehen sollen. Tritt nun nicht am Ende doch grade in solchem Moment -prompt der „Sprung“, die Mutation +so+ ein, daß +alle+ nach -„Weiß“ springen und mutieren, also daß die nächste Generation genau dem -neuen Zweck entsprechend schon eine weiße wäre? - -Wie schon erwähnt, ist de Vries selbst +radikaler Gegner+ dieser -Meinung. - -Seine Nachtkerzen mutierten zwar, aber sie taten es keineswegs nach -+einer+ Seite, wie um irgend einem neuen Anpassungsbedürfnis -entgegen zu kommen, etwa irgend einem Vorteil, den das neu eroberte -Kartoffelfeld bestimmt umgeformten Neuerern gewährt hätte. - -Ihr Mutieren verriet nicht das Genie eines Erfinders vor einer äußeren -Forderung. - -Es glich einem blinden Darauflos-Phantasieren mit dutzenden von neuen -Motiven, die unmöglich alle zum Zweck passen konnten. - -Das ist also genau, was Darwin auch meinte, bloß daß hier die Mutation -trifft, was dort von der angeblich artbildenden Variation galt. - -Und wie sollte es denn auch anders sein, meint de Vries. Jedes -entgegenarbeitende Entwickelungsgesetz jener Art wäre „Mystik“. „Die -Annahme,“ sagt er wörtlich, „einer bestimmten Variierungstendenz, -welche das Auftreten zweckmäßiger Änderungen bedingen oder doch nur -begünstigen sollte, liegt außerhalb des Rahmens unserer heutigen -Naturwissenschaft. Darin liegt ja der große Vorzug der Darwinschen -Selektionstheorie, daß sie die ganze Entwickelung des Tier- und -Pflanzenreiches ohne die Hülfe außernatürlicher Voraussetzungen -zu erklären strebt.“ Eine solche Stelle wird alle beruhigen, -die fürchteten, de Vries führe aus dem Darwinismus heraus zu den -+alten+ Zweckursachen zurück. Oder, vorsichtiger und weiter noch -gesagt: sie wird auch denen die Hoffnung abschneiden, die da wünschten -und erwarteten, daß der Ketzer an einigen darwinistischen Grundpunkten, -de Vries, mit seinen Nachtkerzen den ganzen Darwinismus an dieser -teleologischen Stelle umrennen werde. Im Gegenteil. - -Hier grade lockt es mich aber wieder, dazu selber noch ein Wörtchen zu -sagen. - -Ich möchte nämlich betonen, daß wir mit dem einfachen Sprüchlein von -der „Mystik“ an solcher Stelle allein noch nicht auskommen, soll die -Sache ganz reinlich werden. - -Angenommen doch einmal, die Nachtkerzen hätten wirklich das Umgekehrte -bewiesen. - -Unumstößlich, so weit ein Einzelbeispiel unumstößlich ist, hätten sie -dargetan, daß die Mutation jedesmal genau auf die äußere Forderung -reagiert, -- also in jenem Exempel von vorhin so, daß etwa der -Forderung „Weiß“ ohne jedes Schwanken nun sofort Weiß als Mutation -überall antwortete. - -Ich frage, was dann? - -Sollten wir im gleichen Moment auch schon die ganze Naturforscher-Bude -zuschließen müssen und sagen: hier ist ein teleologisches Verhalten, -folglich Mystik, folglich Aufhören der Naturwissenschaft, folglich -legen wir die Hände in den Schoß? - -Ich meine, es würde das ganz andere gelten: daß wir nämlich schlicht -auch mit dieser Tatsache naturwissenschaftlich zunächst fertig zu -werden suchten. - -Wir haben ja den bekanntesten Fall wirklich und viel näher bei uns -selbst. - -Wir Menschen handeln „zweckmäßig“, wir suchen vor einer neuen äußeren -Forderung bewußt nach der zweckmäßigsten Reaktion, -- also in jenem -Bilde, wenn „Weiß“ gefordert wird, so machen wir uns einfach selber -„weiß“. Trotzdem geht unser ganzes neueres Denken dahin, den Menschen -nicht mystisch und unwissenschaftlich, sondern grade erst recht als -Gegenstand innerhalb der besonnenen Naturforschung zu nehmen. Wir -suchen den Menschen einzuordnen in die Natur, suchen ihn mitsamt -seinem Bewußtsein, das dieses teleologische Verhalten ermöglicht, in -einer Natur unterzubringen, die denn allerdings vernünftiger Maßen so -definiert werden muß, daß er auch wirklich mit hinein paßt. - -Je nun, die Nachtkerze wäre kein Mensch, also fiele das dort -Heranzuziehende hier fort. Aber wenn nun auch die Nachtkerze bei ihrer -Mutation gewisse anscheinend zweckmäßige Reaktionen zeigte, so müßten -wir wenigstens nach der Analogie doch zunächst auch hier versuchen, -natürlich durchzukommen. - -Nun ist interessant, daß wir in der Welt der Tiere wie Pflanzen noch -eine ganze Reihe Vorgänge haben, wo (tief unterhalb schon des Menschen) -eine Art prästabilierter Harmonie zwischen äußerer Forderung und -innerer Entwickelungsreaktion wirklich besteht, -- nämlich in der -Ontogenie, in der Bildung der Tiere und Pflanzen aus Ei und Keim. - -Das Hühnchen im Ei entwickelt aus sich heraus Augen, mit denen es -im Moment, da es die Eierschale bricht, sehen kann. Jenes Axolotl -entwickelt nach innerem Gesetz sich zu bestimmter Zeit, wo es aufs -Land soll, die zum Landleben nötigen Lungen. Es ist genau, als sei -im werdenden Wesen, in Eizelle, Embryo, Larve, eine Uhrfeder so -eingestellt, daß zur rechten Zeit grade das zur äußeren Forderung -Zweckmäßigste ausgelöst wird. Im Moment, da das kleine Menschlein das -Licht der Welt erblickt, sind seine Augen da, wirklich zu sehen, sind -seine Lungen da, wirklich zu atmen. Der Schmetterling bildet sich in -der Puppe schon zum Fliegen vor, was die Raupe nicht konnte. Und so ist -der Beispiele Legion. - -In all diesen Fällen aber fällt es keinem Naturforscher ein, diese -ausgesprochen teleologischen Vorgänge als „Mystik außerhalb des -naturwissenschaftlichen Denkens“ zu bezeichnen. - -Man fühlt bloß das Bedürfnis, zur natürlichen General-Erklärung dieser -wunderbaren „prästabilierten Harmonie“ hier noch eine +besondere+ -Hülfskette +natürlicher+ Erklärungen hinzunehmen. - -Den Schmetterling in der Puppe bildet individuell weder die zu -durchfliegende Luft draußen, noch bildet ihn eine unfaßbare mystische -Flugsehnsucht ohne Kausalzusammenhang. Sondern es waltet die Vererbung. -Die Eltern haben schon die Flugfähigkeit erworben, einerlei jetzt wie, -das ist Frage für sich. Dem neu werdenden jungen Schmetterling, ihrem -Kinde, haben sie aber durch Vererbung das Uhrwerk so zu sagen schon in -den Leib gesetzt, daß es auf die Flügelentwickelung genau losarbeite -und rechtzeitig wie eine automatische Weckuhr vor dem „Zweck“ -abschnurre. - -So wunderbar fein die Sache also auch funktioniert: ein wahres „Wunder“ -ist sie keineswegs. Kein vernünftiger Naturforscher bezweifelt, daß -bei der „Vererbung“, so verwickelt sie auch sei, alles mit natürlichen -Ursachen zugehe. - -Jetzt setzen wir den Fall, solche Anzeichen prästabilierter Harmonie -von Zweckforderung und Reaktion zeigten sich aber nicht bloß in der -Ontogenie, sondern auch in dem bereits, was Haeckel die Phylogenie -genannt hat, nämlich eben in der geschichtlichen Entwickelung der -ganzen Tier- und Pflanzenarten. - -Jede Mutation wäre stets eine zweckmäßige, und das arbeitete genau so -wie das kleine teleologische Uhrwerk in der Schmetterlingspuppe. Es -hätte für sein Teil die ersten Flügel der Schmetterlingsahnen schon -ebenso für den „Zweck“ gebaut, wie heute die Vererbung in der Puppe sie -wiederholt. - -Der einfache Schluß müßte sein, daß auch das nicht „Mystik“ sei, -sondern bloß auf etwas +noch Früheres+ hinweise. - -Auch hier schon waltete irgend eine Art Vererbung. Die ganze Phylogenie -wäre selber schon etwas wie eine versteckte Ontogenie. Der Stammbaum -mit all seinen Arten wäre eigentlich nur die große Auswickelung eines -einzigen Individuums, das von dieser Ur-Vererbung als Zweckuhrwerk -innerlich beherrscht würde, wie den Schmetterling in seiner Puppe -seine Vererbung zweiten Grades beherrscht. Das Leben in den vielen -Millionen Jahren seiner Erdgeschichte wäre bereits das Produkt einer -ungeheuren Vorgeschichte, die in der ersten Urzelle als „Eizelle“ schon -die ganze Zweckmäßigkeits-Uhr für alle folgenden Reaktionen aufgezogen -hätte. Und in jeder Mutation sähen wir diese Uhr bloß laufen. - -Die „Erwerbung“ der jetzt automatisch bestimmten Dinge aber läge in uns -unfaßbaren Aeonen einer unbekannten Vorgeschichte. - -So würde ich, wenn es eben +not+ täte, jenes seltsame „innere -Entwickelungsgesetz“ zu deuten suchen, nach Analogie des Gegebenen und -ganz ohne Mystik. - -Gewiß: es läge in der Sache in gewissem Sinne etwas Mißliches. - -Wir hätten die Ontogenie zurückgeführt auf die Phylogenie. Aber die -Phylogenie wäre selber wieder abhängig von einer hypothetischen -Vor-Phylogenie. Immer nur aufgezogene Uhren zweiter Hand. Das -Ursprüngliche schöbe sich historisch ganz über unser Gesichtsfeld -hinaus. Mißlich! Aber noch nicht mystisch. Solcher Mißlichkeiten -haben wir mehr. Auch das Gravitationsgesetz ist für uns „gegeben“ -von jenseits unserer Zeit-Weisheit her. Wo hat es sich „entwickelt“ -als Eigenschaft der Stoffe? Fragen! Aber doch nur Fragen unserer -Beschränkung im geschichtlichen Blick. Nicht das ewige absolute „Tür -zu!“ der Mystik! - -Je nun, die Sache steht trotz mancher gegenteiligen Behauptung -vorläufig tatsächlich +nicht+ so, daß wir auf derartig verwickelte -Straßen müßten, -- mit de Vries weniger als je. - -Aber philosophisch sollte man sich darüber klar bleiben, -- das ist -immer ein unendlich wichtiges prophylaktisches Mittel! - -Wie man sich, um es noch einmal zum Schluß zu betonen, darüber klar -bleiben muß, daß selbst die strengste Zuchtwahl-Theorie noch nicht -jede Fassung von Teleologie ausschließt. Sie schließt eben bloß eine -ganz bestimmte herkömmlich +grobe+ Form aus, die den Zweck -als spiritistisches Gespensterpferdchen neben den einfachen völlig -ausreichenden braven Gaul des Kausalzusammenhangs einspannen möchte. -+Nicht+ dagegen schließt sie eine +feinere+ Teleologie aus, -die eben bloß auf das faktische Schlußergebnis schaut und aus dem -tatsächlichen schließlichen Herauskommen einer zweckmäßigen Welt, -eines „harmonischen“ Verhältnisses der Dinge die Vermutung entnimmt, -es müsse schon in der Uranlage der Welt eine Anlage mitgegeben gewesen -sein, die das bedingte, -- das Ideal einer zweckmäßigen Welt, das sich -aber dann realisierte auf dem rein natürlichen Wege undurchbrechbarer -Kausalzusammenhänge. - -In dieser Betrachtung ist es völlig offen gelassen, welche +Wege+ -diese Weltteleologie nahm, es kommt alles bloß auf das +Resultat+ -an. - -Und es steht nicht das Leiseste entgegen, unter diese Wege auch die -Auslese des Passendsten im Daseinskampfe aufzunehmen. - -Wobei ich freilich den Anhängern jener anderen, wie ich es nenne: -groben Teleologie anheimstellen muß, ob sie das, was ich meine, -überhaupt noch Teleologie nennen wollen. - -Mir genügt es vollständig zur Rettung einer philosophischen -Weltauffassung, die zwar absieht von jedem Durcheinanderwerfen von -Teleologie und Kausalität, die aber dabei keineswegs auf ein wüstes -Welt-Kuddelmuddel hinauskommt, sondern sich sehr wohl auch etwas denken -kann bei einem +vernünftigen Sinn der gesamten Weltentwickelung+. - - * * * * * - -Eine Frage aber, die hinter diesen darwinistischen Problemen immer -wieder auftauchen muß, ist die +Zeit-Frage+. - -Haben wir Zeit genug in der Weltgeschichte, in der Erdgeschichte für -solche schrittweisen Entwickelungen? - -Es ist die Stelle, wo der starre Bibel-Glaube mit seiner -alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte zuerst gescheitert ist, -- bei -dieser Zeit-Frage. - -Noch immer aber herrscht über sie trotz dieses wahrlich schon nicht -gering zu achtenden Kampf-Wertes vielfältig eine Unklarheit, wie kaum -über einen zweiten Darwin-Punkt. Auch hier wird -- erst mißverstanden --- und dann losgeredet. - -Ich erinnere mich auch dazu einer kleinen Geschichte, die mir -symbolisch bedeutsam scheint. - -Am 27. August 1883 explodierte in der Sunda-Straße zwischen Sumatra und -Java der Vulkan Krakatau. - -Er explodierte buchstäblich, als das Meereswasser sich in seinen halb -geschmolzenen Krater ergoß. - -Das Wasser wurde an der glühenden Lava zu Dampf, und auf diesen -ungeheuerlichen Druck hin platzte die ganze Krakatau-Insel. - -Die Dampfsäule schoß dreißig Kilometer hoch empor. - -Eine Sturzwelle, wie die Phantasie sie für die Sintflut sich ausmalt, -bis zu sechsunddreißig Meter hoch, verwüstete die nahen Küsten von Java -und Sumatra und kostete vierzigtausend Menschen das Leben. - -Das Gebrüll der Katastrophe hörte man bis Ceylon, bis zu den -Philippinen, bis Perth in Australien, also so weit, wie es etwa von -Berlin bis Kairo ist. - -Zehn Stunden nach der Explosion fingen selbst in Berlin die automatisch -registrierenden Barometer an, unruhig zu werden: es war die Luftwelle, -die über Ostindien kam; sechzehn Stunden später folgte die zweite -auf dem längeren Wege über Amerika; so schlug der Stoß um die ganze -Erdkugel. Die aufgeschleuderten Aschenteilchen aber haben noch Jahre -lang als erhöhte Dämmerglut und leuchtende Nachtwolken auch in unseren -Landen die Forscher beschäftigt. - -In diesem Sommer wurden es zwanzig Jahre seit diesem Tage der -Schrecken für eine paradiesisch schöne Gegend. Das Paradies hat sich -wieder hergestellt, so gut es konnte, -- in der tropischen Üppigkeit -wurde es ja nicht allzu schwer. Nur auf der See schaukeln da und -dort noch treibende Bimssteinfelder. Und aus der blauen Sunda-Straße -ragt als düstere Ruine das letzte Stück Kesselwand, der bis ins Herz -zerborstene Vulkan. Aber auch auf diese Ruine hat die schaffende Natur -leise schon wieder ihre Hand gelegt mit neuem Leben. - -Die Insel Krakatau war bis zum Tage ihrer Explosion dreiunddreißig -Quadratkilometer groß. Diesen Raum bedeckte dichter Wald in -vollkommener Tropen-Üppigkeit. Als sich der furchtbare Qualm später -verzogen hatte, stand von der ganzen Insel nur noch die Südhälfte -des Vulkanpiks. Mehr als die Hälfte des Landes war verschwunden, und -es wäre noch mehr fort gewesen, hätten nicht die vulkanischen Massen -selbst sich wieder angelagert; hatte der Vulkan doch nachweisbar allein -mindestens 18 Kubikkilometer Asche und Bimsstein gespieen. Was stand, -war aber in diesem Moment ausnahmslos und bis aufs letzte Hälmchen -gründlich nackte Schlacke, ohne Pflanzenwuchs, ohne Tierwelt. Ein -soeben aus seiner Urglut erstarrter Planet konnte nicht radikaler vom -Leben frei, gleichsam kosmisch sterilisiert sein. - -In den zwanzig Jahren seither aber sind zweimal Botaniker auf den -Ruinenpik geklettert. Und ihnen ist vergönnt gewesen, etwas zu -beobachten, was in dieser Reinheit des Exempels wohl noch nie zeitlich -genau von kundigen Menschenaugen verfolgt worden ist: die stufenweise -Neueroberung einer einsamen irdischen Brandstätte im Ozean durch Flora -auf ihrer Wanderschaft. - -Drei Jahre nach der Katastrophe, im Juni 1886, besuchte der -hochverdiente Direktor des prachtvollen botanischen Gartens zu -Buitenzorg (Batavia), Melchior Treub (sprich: Tröb), die Insel. - -Er traf den Prozeß der Neubesiedelung durch Pflanzen bereits in vollem -Gange. Zunächst machte sich auf der vulkanischen Zerstörungsdecke aus -Asche, Lava und Bimsstein eine schwarzgrüne, gallertartige Schicht -„Leben“ bemerkbar: Genossenschaften von (einzeln mikroskopisch -winzigen) Algen. Sie waren zweifellos der Urstamm der Pioniere. Sechs -Arten ließen sich unterscheiden, alle aus der Gruppe der Cyanophyceen. -Die Cyanophyceen oder Schizophyceen, zu deutsch Blaualgen oder -Spaltalgen, gehören jener alleruntersten, allereinfachsten Reihe -pflanzenähnlicher Urwesen an, zu denen auch die vielbesagten Bakterien -oder Bazillen gerechnet werden. Im Engeren gehört dazu das wunderliche -Volk der sogenannten Nostoc-Algen, die es in ihrer gemeinsten Sorte -bei uns bis zu handgroßen, hirnartig verfalteten Gallertbrocken -bringen, wenn die nötige Feuchtigkeit sie trifft; gerät solcher -Nostocteller umgekehrt in eine ganz trockene Jahreszeit, so schmilzt -er fast zur Unsichtbarkeit ein, unbeschadet doch seiner fröhlichsten -Lebenszähigkeit. Auch jene allbekannte Erscheinung unserer Seen, die -„Wasserblüte“, ein plötzliches Trüb- und Grünwerden des Wassers, beruht -auf einer jähen grenzenlosen Vermehrung solcher Spaltalgen. - -All dieses niedrigste Pflanzenvolk weiß sich nun zum Zweck der -Ausbreitung aufs Wunderbarste zu „verflüchtigen“. Wir kennen das ja -von den Bakterien, den allgegenwärtigen, besser als uns lieb ist. -Als trockene Keime (Sporen) reisen sie mit jedem Luftzug dahin, über -Berg und Tal, Eis und Wasser, -- Herren der Erde, die keine räumliche -Schranke anerkennen. - -Ganz zweifellos sind auch jene Algen des Krakatau auf solchem Wege der -Luftpost angesegelt. Das Wunder der „Urzeugung“, von dem wir so wenig -wissen, brauchte sich auf der verbrannten Insel nicht neu einzustellen. - -Rings lag ja die weite Erde üppig nach wie vor unter ihrer grünen -Pflanzendecke. Mit dem Winde entsandte sie ihre mikroskopisch kleinen -Boten. Der Botaniker Kerner von Marilaun hat vor Jahren einmal in -einem Tiroler Gebirgstal eine Tafel mit feucht erhaltenem weißen -Filtrierpapier dem Südwinde ausgesetzt: kaum ein paar Stunden waren -herum und an der Tafel haftete schon ein buntes Stück solchen -windgeführten Wanderlebens: Pollenzellen und Sporen von allerhand -Pflanzen, aber immer dabei auch ausschwärmende Zellgruppen jener -Nostoc-Algen. - -Wie die künstliche Tafel, so diente aber auch der natürliche nackte -Fels, den der Tropenregen netzte: reisenden Algen bot auch er Quartier. - -Die Algen hatten dann mit ihrem Schleimüberzug wieder den Keimboden, -den ersten Humus gleichsam geschaffen für höhere, bereits etwas -anspruchsvollere Pflanzen. - -Auch von denen reisten Sporen durch die Luft: die Sporen von -Farnkräutern und Moosen. Sie landeten und gingen auf, wo die Algen -das Bett bereitet. Elf Arten tropischer Farnkräuter beobachtete Treub -bereits an den Abhängen der Vulkanruine. - -Solches Farnkraut steht aber selber immer noch wieder tief unter -den eigentlichen Samenpflanzen, den Phanerogamen, wie sie unsere -Wälder und Wiesen in der Masse zusammensetzen. Es war, als wiederhole -dieser kleine Fels im Südmeer noch einmal den uralten Heraufgang des -pflanzlichen Lebens auf der Gesamterde, in dem auch der Farnwald sich -an zweiter Stelle über den Algenteppich erhoben, um selber dann dem -echten Nadelholz- und Laubwald und der bunten Blumenmatte als der -endlichen Krone der Entwickelung zu weichen. Die Insel Krakatau stand -aber bereits auch an der Schwelle dieses höchsten Zeitalters, wie Treub -des weiteren feststellte. - -Auch diese obersten Pflanzengeschlechter haben ja noch gar manche -Möglichkeit zu Luftreisen. Bald ist der ganze befruchtete Samen auch -bei ihnen noch so staubhaft winzig, daß er mitgeht gleich Alge und -Farnspore. So glückt es besonders ohne Mühe den schönen farbenfrohen -Orchideen. Bald aber auch hat das Früchtlein allerhand Anhängsel, -wie Flügel, Ruder und Luftschrauben, ich erinnere bloß an die -allbekannten lustigen Luftschifflein des Ahorns. So sammelte unser -Botaniker im Innern des Inselchens zwei Grasarten und vier Arten jener -formenreichsten heutigen Pflanzenfamilie, die zusammengesetzte Blüten -trägt, der Kompositen. Auch für ihre leichten, flugfähigen Samen war -der Wind sicherlich noch Postillon gewesen. - -Endlich aber wuchsen am Strande auch noch neun unterschiedliche Sorten -Strandpflanzen, für die es am wahrscheinlichsten war, daß die Welle sie -heranverfrachtet. - -Das ist ja auch ein im oberen Pflanzenleben öfter benutzter -Transportweg. Es ist dazu nur nötig, daß die Frucht ihre Keimfähigkeit -im Salzwasser behält und daß sie schwimmen kann. Von manchen Samen -hat man sicher beobachtet, daß sie über ein Jahr im Meerwasser -liegen können, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Ein Muster von -Schwimmfähigkeit bietet beispielsweise die Kokosnuß, die durch ein -luftgefülltes Faserhemd und einen für Wasser unzugänglichen Fettpanzer -wie in einen Schwimmgürtel eingeschnallt ist; ohne Mühe reist sie -denn auch von Strand zu Strand und trägt ihr Paradies in den kahlsten -Tropenwinkel. Die ganze Strandflora des Krakatau war entsprechend in -den drei Jahren angeschwommen, von Meeresströmungen herangelotst und -von der Welle dann als Spülicht abgesetzt wie Muscheln und Tange. - -Nach dieser ersten Sondierung vergingen mehr als zehn Jahre. - -Erst im März 1897 machte sich abermals ein kleiner Botanikerkreis, -Treub an der Spitze, von Buitenzorg auf, um den Fortschritt vom nackten -Höllengrund zum Paradiese abermals zu messen. - -Diesmal war auch der bewährte deutsche Pflanzenkenner Professor O. -Penzig mit von der Partie, der ausführlich und anschaulich darüber -berichtet hat (in den Annalen des botanischen Gartens zu Buitenzorg 2. -III. S. 92-113). - -Die kleine Expedition, mit allem wohl ausgerüstet, verweilte auf -der Ruine einen halben Tag. Den Vulkanrest selber zu besteigen -- -er ist noch seine 800 Meter hoch wie der stehen gebliebene Zacken -eines abbröckelnden Zahns -- gelang nicht wegen der tiefen Klüfte, -die sich wohl durch Zusammenziehung der erkaltenden Lava wie Risse in -erstarrendem Pech gebildet haben und allenthalben den Weg versperren. -Um so wertvoller aber war die botanische Ausbeute. - -An der westlichen Hälfte der Nordseite der Insel zeigt sich die einzige -echte, zum Landen erträgliche Strandstelle. Bimssteinblöcke und -Korallenbruchstücke bauen sie hauptsächlich auf. - -Hier ist ein kleines Strandparadies im vollen Werden. - -Überall blüht es und treibt es, stellenweise ist das ganze Ufer -völlig pflanzengrün. Da wachsen ein Pandanus, eine Wolfsmilch -(~Euphorbia~), eine Scävola, unverkennbare Stammgäste sandiger und -kiesiger Tropenufer der Gegend. In Massen kriechen die langen Stengel -einer Trichterwinde dahin, dazwischen Vigna-Arten und die giftige, aber -weithin duftende Leguminose ~Canavalia obtusifolia~, die auch eine -typische Strandpflanze ist. Endlich fehlt es nicht an Gräsern (von der -berüchtigt stacheligen Sorte Spinifex) und Cypergräsern. - -Neben den schon regelrecht aufgeblühten Gewächsen aber fanden sich eine -Masse frisch angeschwemmter Früchte und Samen, zum Teil in munterem -Keimen begriffen, so daß man recht in die lebendige Werkstatt des -Fortschrittes sehen konnte. Hier lag vor allem die Kokosnuß selber, -dann der Same des Mangobaumes, dessen terpentinartig schmeckende -Goldfrucht jeder Indienfahrer kennt, zweier Eichen, zweier Cäsalpinien -(aus der Gruppe der berühmten Färbholzpflanzen), der Zuckerpalme, von -der der Palmzucker kommt, und vieler anderen mehr. - -Das Bild änderte sich, als die Besucher mehr ins Innere drangen. - -Sie betraten eine Grassteppe. - -Über mannshoch ragten die Grashalme, den Weg versperrend, und in -den Halmwald verspannen sich zu zähem Dschungel die Trichterwinden -und anderen Schlinggewächse. Wieder aus der Steppe aber erhebt sich -der Fels. Noch ist ihm treu, was der erste Besucher einst fand: die -blaugrünen oder schwärzlichen Schleimpolster der Algen und dann -in reichster Fülle die Farnkräuter. Aber schon mischen sich auch -hier oben in die Flora schöne echte Blütenpflanzen höherer Art. Da -leuchtet es von weißen und rosaroten Blumen: es ist eine Erd-Orchidee -(~Spathiglottis plicata~), deren feiner Samen also jetzt wirklich -glücklich auch den Weg über die blaue See gefunden hat. Daneben prangt -eine über meterhohe Composite, die „~Blumea balsamifera~“, die -alles mit ihrem Duft erfüllt. - -Den Schluß der Expedition bildete ein Besuch auf einem Inselchen -„Verlaten Eiland“, das ein paar Kilometer entfernt liegt. - -Als der Krakatau hier Weltuntergang spielte, mußte das nahe Eiland mit. -Auch auf ihm verbrannte jedes letzte Hälmchen und dicke Schichten von -Asche und Bimsstein begruben die Stätte. Grade hier aber hatte Floras -Hand das höchste Wunder aufgespart, die äußerste Leistung tropischer -Schnellproduktion. - -Denn an der Südspitze dieses Friedhofs von 1883 stand bereits wieder -ein ganzes Wäldchen von fünf bis sechs Meter hohen Bäumen. Casuarinen -waren es. „Casuarbäume“, aus jenem seltsamen Geschlecht, dessen -eigentliche Heimat das Wunderland Australien bildet. Wie gerupft, wie -abgefressen hängen die scheinbar ganz blattlosen, düsteren Zweige -herab, eher an Schachtelhalme als an Laubpflanzen erinnernd, eine -echte Staffagepflanze von urweltlichem Habitus zu dem Erdteil der -Schnabeltiere und Molchfische. - -Als die Besucher ihre Ausbeute musterten, hatten sie im ganzen -gesammelt: 22 niedere Kryptogamen (Algen und anderes), 12 Farne und 50 -höhere Pflanzen (Phanerogamen). Treub bei seiner ersten Fahrt hatte 8 -Kryptogamen, ein Farnkraut weniger und nur 15 Phanerogamen erbeutet. -So trat der Fortschritt ganz deutlich hervor, wenn er auch nicht eben -mit Siebenmeilenstiefeln gelaufen war, -- der Fortschritt in elf Jahren -genau gemessener Zeit. - -Interessant war dabei noch die weitere Einsicht in die Transportart der -neuen Ankömmlinge. - -Penzig verrechnet da alle Algen und Farne nach wie vor auf den Wind. -Von den Phanerogamen gibt er siebzehn Arten mit meist kleinen und -teilweise mit Flugapparaten ausgestatteten Samen den gleichen Weg: -es sind sämtlich Gräser, Compositen oder Orchideen. Zweiunddreißig -Arten dagegen fallen auf Wassertransport: es sind fast durchweg -Strandpflanzen, darunter die Casuarinen, Euphorbien, Canavalien und die -Kokospalme. - -Endlich für ein paar Arten (Melastoma und Ficus) kommt noch ein -ganz besonderes Luftschifflein in Betracht, an das man früher gar -nicht für solche Fälle zu denken gewagt hätte: nämlich Verschleppung -durch früchtefressende Tiere, -- Vögel oder Fledermäuse (Flughunde). -Diese Pflanzen haben wohlschmeckende Früchte, deren Samen den -Verdauungsprozeß überstehen. Der Weg ist also kein ungewöhnlicher. -Darwin hat, wie so vieles, auch diese Art der Pflanzenverbreitung -zuerst genau studiert und in unsere Rechnungen eingeführt. Er fand, daß -Körner lustig aufkeimten, nachdem sie Tage lang in einem Vogelinnern -zugebracht hatten; der Vogel konnte in dieser Zeit aber mehrere hundert -Meilen weit geflogen sein. - -So viel vom Krakatau, seiner Explosion und seinem neu erblühenden -Garten. - -Warum ich aber grade an diese Geschichte mich erinnert habe, damit hat -es diese Bewandtnis. Ein Zeit-Beispiel steht uns hier wirklich vor -Augen von außergewöhnlicher Art. Im Rahmen ganz fester Jahresziffern, -1883, 1886, 1897, erleben wir stufenweise mit einen Naturvorgang -typischer Sorte: die Neuumfassung eines vegetationslosen Landes im Meer -durch die „Biosphäre“, den großen Lebenskörper, der in Gestalt von -Pflanze, Tier und Mensch die Oberfläche unseres Erdplaneten überlagert. - -Hätten wir solche Zeitbeispiele, wo sich eine meßbare Zeit mit einem -konkreten „Werden“ für uns füllt und deckt, in größerer Zahl, so träte -jene Zeitfrage der Entwickelungslehre auf ein ganz anderes, ein exaktes -Feld für uns über. - -So wie hier, müßten wir dabei gewesen sein bei der Erdgeschichte, -sollten unsere Antworten ganz unmittelbare sein. - -Statt dessen sind wir angewiesen auf Indizienbeweise. Tatsächlich sind -aber auch sie wenigstens für die größten Linien von zwingender Gewalt. -Um ihnen zu folgen, ist aber wieder ein verwickelter Weg nötig, der -weit fort führt von allen Schlagworten. - -Ein Stück menschlicher Denkgeschichte ist dazu nötig. - --- -- -- - -Wen man von einem mittelhohen, aber kahlen Berggipfel in die Ebene -schaut -- etwa von der Schneekoppe -- so bekommt man ein gutes -Bild, wie die „Biosphäre“, die Gesamtmasse des „Lebendigen“, zu dem -ungeheuren Erdplaneten sich verhält. - -Dunkler Fichtenwald, lichter, grüner Busch, endlich Wiesen und -Kornfelder liegen da nicht mehr plastisch, sondern als Farbflecke. Nur -noch die Unterlage, Hügel, Täler, Erdwellen aller Art steigen auf oder -sinken ab. Die Farbfelder aber gehen mit, eben wie eine einfache Farbe, -an deren Dicke man nicht noch einmal besonders denkt. - -So liegt das Leben im ganzen um die Erde. - -Der Fels aus Urgestein hier oben hat noch einen Vergleich: an seiner -Flanke klebt die gelbe Flechte, auch sie fast nur ein Farbfleck ohne -Tiefe, aber doch ein „Etwas“, das nicht selber Fels ist, sondern das -man abschaben kann. - -Wie eine solche feine bunte Flechtenkruste überzieht das Leben -den rein mineralischen Block des Planeten in seinen kolossalen -Größenverhältnissen eines Kugelberges von mehr als 12000 Kilometer -Durchmesser. - -Wer aus dem Weltraum sich der eilig sausenden Kugel näherte, der -würde etwa die Urwälder des tropischen Südamerika sich andeuten sehen -wie einen grünen Schimmel. Näherte er sich von der Nachtseite und -schwebte über dem Ozean, so würde ein solcher Schimmel ihm vielleicht -phosphorisch auf der Fläche zu funkeln scheinen: in der Tat läge auch -hier in den oberen Wasserschichten eine riesige Schicht Leben winziger -Organismen, deren vereinte Kraft das „Meerleuchten“ erzeugt. - -Beim tieferen Eindringen merkte er dann die große Leistung, wie dieser -Planetenschimmel der Gliederung der Planetenoberfläche wunderbar folgt. - -Wo diese Oberfläche eine Meile tief zum Ozeansgrunde abstürzt, da senkt -sich auch der Teppich mit, tierisches Leben geht bis zur Sohle die -ganze Meile mit hinab. - -Aus dem schwarzen Abgrund hebt es sich dann wieder zum Licht: grüne -Tangstämme, wie die ~Macrocystis pyrifera~ der Südsee, recken -sich 200 Meter empor, ein Medusenschwarm dehnt sich über mehrere -Kilometer aus, eine rötliche Alge färbt ein halbes Meer. - -Auf der Feste wieder wächst ein einzelner Eukalyptusstamm anderthalb -hundert Meter vom Boden an aufwärts durch die Luft. Knieholz folgt -den viel höheren oberen Gebirgsterrassen. Zuletzt hängt die gelbe -Flechte selbst als äußerstes Faserwerk des Teppichs am Granit. Über -dem schneebedeckten Hochgebirgshorn aber schwebt noch der Geier. -Und vielleicht noch weit über der Meile Gestein, die die höchste -Gebirgserhebung über das Meeresniveau hinausgipfelt, ziehen mit dem -Winde Bakteriensporen. - -Dem Vertikalen dieser Doppelmeile wiederum entspricht die horizontale -Eroberung durch alle Zonen. In der Steppe durchmißt der Reisende -wochenlang immer neuen Blumenflor. Selbst über der nackten Wüste -zaubert die Fata Morgana Palmen herauf. Eisberge des Pols färbt die -Volvox-Alge der Karmoisinklippen mit zauberhaftem Rot. Unter 81 Grad 26 -Min. nördlicher Breite fand Nansen die Tümpel des schmelzenden Eises -noch mit Diatomeen und Bakterien erfüllt. - -Und dieser räumlichen Anschmiegung entspricht eine innerliche, -eine physiologische: die unendlich vielseitige Anpassung an alle -Bedingungen dieses Lebensraumes. Der Tiefseefisch leuchtet, der Käfer -~Leptoderus~ in der finsteren Adelsberger-Grotte ist blind, der -Eisbär ist behaart bis auf die Tatzensohle, und die Haut des Nilpferdes -ist ganz nackt; die Flechte am Fels verträgt das Austrocknen, das -Murmeltier unserer Alpen überschläft die kalte Jahreszeit und der -Tanrek-Igel Madagaskars die ausdörrend heiße, und der Zugvogel -überquert ganze Erdteile, um für sich den Unterschied der Zonen -aufzuheben. - -Aber es wird Nacht, und über dieser lebensfrohen Erde beginnen die -Sterne aufzufunkeln. - -Du sagst Dir, daß jedes dieser Lichtpünktchen des Fixsternhimmels -eine Welt für sich ist, so groß oder größer als unsere Sonne. Und -sie alle müssen, damit wir sie sehen können, leuchten, müssen eine -Hülle glühender Gase um einen Kern in Weißglut mit sich dahintragen. -Trotzdem sind die Stoffe dort die gleichen wie bei uns. Nur der -Wärmestand ist ein unvergleichlich viel höherer. Das Gewicht unserer -Erde verrät uns, daß sie im Herzen wohl nichts anderes ist, als eine -riesige Metallkugel, vielleicht hauptsächlich aus Eisen, dem gleichen -Element, das auch in dem Meteorblock steckt, der vom freien Raum her -zu uns stürzt und der vielleicht ein solches Herzstück eines anderen -Weltkörpers ist, und dem gleichen, ohne das hier an der Oberfläche in -der Sphäre des Lebendigen kein Pflanzenblatt sein wundervolles Grün -entwickeln könnte. Der Raum aber, aus dem dieses Meteoreisen fällt, -ist selber eiskalt, kälter als die tiefste Polarkälte. Wenn dieser -Meteorblock einst glühend gleich den Sonnen dort hinein geworfen worden -ist, so ist er längst darin bis ins Innerste so kalt geworden, daß -unsere Haut daran kleben bliebe, wollten wir ihn greifen; wohl erhitzt -er sich durch die Reibung unserer Atmosphäre flüchtig noch einmal, aber -im Innern ist noch mehrfach die ganze Kälte festgestellt worden, die -schaurige Weltraumkälte. Was aber dem Zentnerblock geschah, warum nicht -das Gleiche dem ganzen Erdplaneten? - -Auch er war einst im Lose derer da oben, sein Metallkern strahlte -Weißglut, und blutrote Wasserstoffdämpfe schossen als Protuberanz -darüber hinaus. Aber die Kälte kroch zäh heran und legte ihre Hand -darauf. Bis die Schlacke eine Rinde hatte. Bis das Eisen sich härtete -und Rost setzte. Und bis der Wasserstoff sich dem Sauerstoff vermählte -zu Wasser. Die großen Sonnen glühen noch fort, -- die kleine Erde ist -schon gestrichen im Chor der Glutatmenden. - -So ist der Gedanke schon dem René Descartes im siebzehnten Jahrhundert -aufgestiegen: die Erde ist nur eine verkrustete, eine erloschene Sonne. - -Athanasius Kircher in seinem Folianten von der „Unterirdischen Welt“ -(~Mundus subterraneus~) hat 1668 auf einer prächtigen Tafel die -ganze Kugel durchschnitten wie eine Apfelsine dargestellt; im Innern, -verborgen unter unermeßlichen Lasten starren Gesteins, zeigt sich nur -noch wie in einem Gefängnis der alte Stern, als Zentralfeuer, von dem -glühende Kanäle mit knotenartigen Feuerinseln durch die Feste sich -schlängeln bis zu den lavaspeienden Feuerbergen der Rinde. Es ist die -Anschauung, die sich bis an die Schwelle der neuesten Geologie fest -erhalten hat. - -Hat sie aber recht, so wäre diese gesamte Erdoberfläche, über die sich -heute die Lebenssphäre zieht, einst auch als Ganzes nur ein solcher -nackter Krakatau-Fels gewesen, -- einmal damals, als zum ersten Male -die Glut oben endgültig ausbrannte, die Urlava starr wurde. - -Ein Krakatau-Fels der ganze Planet, kahl aufstarrend gegen den öden -Weltenraum. Und dann erst hätte auf ihm irgendwie (worüber denn -Theorien zu bauen wären) das Leben eingesetzt, um allmählich seine -große Eroberung der zwei Meilen vertikalen Teppichspielraums und der -Horizontale von den beiden Polen zum Äquator zu beginnen. - -Wann aber war das? - -Heute ist die Erde grün und lebensbunt, wie der Krakatau in seinen -zwanzig Jahren noch lange nicht. - -Werden wir irgend einen Anhalt finden können, auch bei ihr diese -Besiedelung auf eine Jahresziffer festzulegen, ihre Krakatau-Periode zu -bestimmen, wie es auf der Ruine der Sundastraße Treub und Penzig gelang? - -In den achtziger Jahren hörte ich in Bonn ein Kolleg bei dem -trefflichen alten Historiker Arnold Schäfer, -- über Chronologie in -der alten Geschichte. Er ging bis zu den damals noch ältesten Daten -der Ägypter und Babylonier. Immerhin blieb’s ein kleiner Kreis von -Jahrtausenden. Dahinter aber, sagte er, wird’s ganz düster; dort, meine -Herren, beginnt nämlich der Naturforscher, und der hat’s ja sehr viel -leichter, wenn Sie ihn fragen wollen: der spielt mit Millionen; aber -mit Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun. - -Das hörte ich vormittags. Nachmittags las der Anthropologe -Schaaffhausen. Er legte uns den Neandertal-Schädel vor, den er damals -für einen uralten, noch ausgesprochen tierähnlichen Menschenrest -hielt; in der Folge ist das stark bestritten worden, heute aber glaubt -man nach Schwalbes Forschungen und nach anderen prähistorischen Funden -wieder entschieden daran. - -Nun denn: dieser Schädel und Verwandtes führte so weit vom alten -Babylonier und Ägypter fort, daß man in unfaßbare Zwischenräume zu -sehen glaubte. Und doch war er gewiß nicht älter, als nur erst das -Diluvium. Dahinter erst begannen die großen Epochen der organischen -Erdgeschichte, Tertiär, Kreide, Jura und so weiter. Erdteile -zerspalteten sich da vor dem Blick, Meere überbrückten sich, die großen -Gebirge von heute wurden zu Koralleninseln oder Seeboden und andere -kreuzten die völlig verwandelte Karte. Die klimatischen Grenzen von -heute paßten nicht mehr. Tier- und Pflanzenwelt bekamen einen fremden -Zug. Der Mensch fehlte vollkommen. Vor solchen Änderungen schien das -Wörtchen Million auf einmal ganz klein. Nicht wir waren die Könige, -die mit Millionen spielten. Da drunten wuchs, von uns nicht gewollt, -sondern einfach nur in Empfang genommen, eine Welt der zeitlichen -Riesendimensionen auf, der unsere Nullen hinter der Eins umgekehrt ein -Zwergenspiel wurden, Strohfäserchen, die eine Ameise schleppt, gegen -ein Weltmeer. - -Der ganze Kontrast war in den beiden Bildern: des Historikers in seiner -„Weltgeschichte“ alten Schlages, der schon ein Rechnen mit +einem+ -Jahrhunderttausend für einen schlechten Dilettantenscherz voll -leichtsinnigster Verwegenheit hält; -- und des modernen Naturforschers, -dem bei sorgfältigster Selbstkritik der eigene Leichtsinn immer wieder -darin steckt, daß er noch +zu kurze+ Zeitmaße ansetzt. - -Aber jener Vorwurf ist mir seitdem immer wieder aufgetaucht, er ist -noch jetzt zäh. - -Heute, da die Meinung Modefarbe bekommt, die ganze Entwickelungslehre -gehe wieder zurück, kann man auch ihn wieder lebhafter hören. Wenn der -ganze Ideengang Darwins erst wieder abgetan ist, heißt es, so werden -wohl auch diese tollen Ziffern, mit denen wir unsern armen Kopf quälen -sollten, endlich verschwinden. - -Und dabei ist der wahre Sachverhalt heute der ganz genau gleiche wie -früher. - -Höchstens ist er noch schärfer geworden, -- schärfer in der unbedingten -Forderung größtmöglichster Zeiträume für die Geologie. - -Es gibt eine Hauptquelle für diese Mißverständnisse. - -Sie sprudelt, solange wir eine echte Geologie haben. - -Immer haben wir von außerordentlich viel Zeit gehört, die dort nötig -sei, -- aber wir haben auch immer das größte Schwanken gesehen -innerhalb der Naturforschung über die eigentlichen Ziffern. Um diese -engeren Ziffern ist jedesmal der erbittertste Zwist geführt worden, -sobald eine genannt war, und so oft der Fernstehende einen solchen -Kampf mit dem Sturz einer Ziffer enden sah, machte er sich seinen Vers, -es sei nun aus dort mit der ganzen Zeitrechnung der Millionen. - -Wer aber tiefer in die Karten schaut, dem erscheint gerade als das -Entscheidende, daß jeder Sturz der Ziffer immer nur ein Sieg war des -noch ausgedehnteren Maßes überhaupt. Als zu klein ist noch jede echte -geologische Ziffer verworfen worden. - -Das spielt jetzt seit anderthalb hundert Jahren. - -Der erste geologische Rechner modernen Stils ist Buffon im achtzehnten -Jahrhundert. - -Man muß heute wieder öfter auf Buffon zurückkommen. Von seinen -Zeitgenossen vergöttert, ist er im neunzehnten Jahrhundert durchweg -schlecht behandelt worden. Man hat ihm nachgerechnet, was er im -Detailwerk der Forschung an neuen exakten Tatsachen gegeben habe, und -diese Wage schien immer leichter. Sein Kultureinfluß in seiner Zeit -war aber unberechenbar groß. Er gab diesem allenthalben geweckten, -nach neuen Weltfundamenten lechzenden Jahrhundert der Voltaire, -Rousseau, Lessing, Kant, Herder, Schiller zum ersten Mal das große -geschlossene Weltpanorama des Naturforschers als „Macht“ in den Besitz. -Es entscheidet nicht dabei, wie viel kühne Hypothese war. Die Lücken -füllte er mit glänzenden Hypothesen. Was tun wir heute anderes? Das -Wesentliche war das Einheitliche des Natur-Weltbildes. Er malte es so, -daß jeder gepackt wurde. Keiner bis auf ihn hatte es annähernd noch -gekonnt. Nach ihm sind Humboldt und alle die Kosmologieen gekommen. Er -war der erste. - -Man kann behaupten, daß keine große geistige Debatte bis ins Extremste -des Moralischen und Ästhetischen hinein im letzten Drittel des -achtzehnten Jahrhunderts geführt worden ist, ohne daß dieses Panorama -einer vom Naturforscher gefaßten Ganz-Welt, einer ganz gefaßten Welt -auf Naturgesetzen, dabei einen Hintergrund gebildet hätte, mit dem -jeder rechnete; es war aber Buffons Naturgemälde, an das man dachte. - -Man braucht allein auf Goethe zu sehen, wo dieses -naturwissenschaftliche Bild schon die ganze Anschauung der Dinge auch -im Ästhetischen beherrscht, um Buffons Einfluß in seiner Kraft zu -fühlen. Ich halte Buffon in allem Naturgeschichtlichen für gradezu -bestimmend bei Goethe. Die unmittelbare Berührung läßt sich durch viele -Stellen belegen. Die feine geistige Beziehung ist aber noch viel weiter -deutlich. Von Buffon hatte auch Goethe zu den überliefert religiösen, -den philosophisch-moralischen, den ästhetischen Weltbildern seiner Zeit -das große Kosmosbild des Naturforschers, das damals eine ganz neue -Kraft war, stählend zugleich, aber auch beängstigend; wie er sich damit -auseinander gesetzt hat, war ja dann sein eigenes Werk. - -Nun also: Buffon hatte jenen oben gestreiften Ideengang schon ganz klar. - -Die Erde war ein Stück Sonne, das in der Weltraumkälte eines Tages -erstarren mußte. An dem Tage begann auf ihm das Leben wie auf der -nackten Schlacke des Krakatau. Eher konnte es nicht beginnen, denn -es ist kein Salamander der Sage, der im Feuer leben kann. Immerhin -ist es auch nur möglich auf einer noch erwärmten Rinde. Wenn der -Block einst ganz erkaltet und eine ewige Eisperiode anhebt, wird es -wieder verschwunden sein. So stellt es eine Intervall-Erscheinung -des Planeten zwischen zwei Grenzen dar, gebunden an ein -Temperatur-Intervall. Sollten wir aber diese so scharf gegebene -Zeitspanne nicht wirklich ziffernmäßig berechnen können? - -Buffon machte ein ganz einfaches, aber zunächst verblüffendes -Experiment. - -Er stellte eine Anzahl kleiner Metall- und Steinkugeln auf, erhitzte -sie bis zur Weißglut und ließ sie sich dann bei einer mäßigen -Lufttemperatur allmählich wieder abkühlen. Die Grade dieser Abkühlung -legte er in festen Ziffern nieder, die vor allem zwei Zeitpunkte genau -fixierten: den Augenblick, da man die Kugel zuerst wieder berühren -konnte, ohne daß unsere lebendige Haut Schaden dabei nahm; und den -andern, da die gewöhnliche heutige Temperatur der Kugel bei dieser -bestimmten Luftwärme wieder erreicht war, also die Eisenkugel sich -wieder anfühlte wie jedes Eisen sonst. Diese einfachen Ziffern wurden -dann im Verhältnis umgerechnet für eine Kugel von der Größe der Erde -und sofort erschienen auch hier ganz feste Zahlen. - -Wenn der heutige Temperaturzustand dieser großen Erdkugel auch nur ein -Produkt der Abkühlung aus Weißglut war, so ergab das für die Dauer des -Abkühlungsprozesses bei den Größenverhältnissen des Erdballs (unter -Anrechnung einiger kleiner Begleitumstände) im ganzen bis heute genau -74832 Jahre. - -In diesen rund vierundsiebzigtausend Jahren bildete wie bei den kleinen -Versuchskugeln einen wichtigen Einschnitt die Jahresziffer, bei der -wir die Erdoberfläche zum ersten Mal hätten berühren können, ohne daß -unsere Haut Brandblasen bekam. - -Den entsprechend umgerechneten Experimentziffern nach mußte das vor -genau 40062 Jahren geschehen sein. - -Das bedeutete aber dann zugleich ein ungemein wichtiges -Geschichtsdatum. Denn wenn unsere Hand sich damals nicht mehr verbrannt -hätte, so heißt das: Leben war damals möglich geworden auf der Erde. -Vor rund vierzigtausend Jahren hatte das Pflanzen- und Tierleben -begonnen: es war die Krakatau-Ziffer des ganzen Erdfelsens! - -Buffon war in Hinsicht der Lebenserscheinungen ein eminent aufgeklärter -Kopf, seiner Zeit weit voraus. Wo die nötigen Temperaturbedingungen -gegeben waren, da nahm er Entstehung von Leben als notwendigen -Naturprozeß an. Wenn zwei Länder ähnliche Wärmeverhältnisse hatten, so -brachten sie auch ähnliche Tiere und Pflanzen ganz von selbst hervor, -ohne daß man an Wanderungen zu denken brauchte. „Die gleiche Temperatur -nährt, erzeugt überall die gleichen Wesen,“ sagt er wörtlich (Ausgabe -von Richard, Paris 1839, Bd. I., S. 463). - -Wenn also vor vierzigtausend Jahren die Lebenswärme erreicht war, -so war nicht einzusehen, warum wir nicht mit dieser Ziffer auch den -wirklichen Lebensanfang in Händen hatten. - -Buffon schloß aber noch weiter. - -Zunächst gab diese Rechnung auch einen scharfen Zukunfts-Grenzwert. - -Die Abkühlung der Erde ging weiter, auch über unsern heutigen -Zustand hinaus. In 93291 Jahren mußte die Erdkugel bis auf ein -Fünfundzwanzigstel der heutigen Temperatur abgekühlt sein. Das -bedeutete aber Vereisung, -- endgültigen Kältetod alles Lebens. Es war -die Schlußziffer, mit der die Lebensära nach einer ruhmreichen Dauer -von rund hundertdreiunddreißigtausend Jahren wieder abschnitt, Pflanze, -Tier und Mensch begrabend. - -Die zweite Folgerung ging auf die übrigen Planeten und Monde unseres -Systems. Überall dort rechnete Buffon nach der gleichen Methode. Die -kleineren waren früher in ihre Lebensperiode eingetreten, hatten sie -aber auch rascher schon durchlaufen, die größeren umgekehrt folgten -erst langsam nach. Der fünfte Trabant des Saturn war beispielsweise -die erste Welt in unserem System gewesen, die lebensfähig geworden -war, seit mehreren Jahrtausenden aber war sie auch schon wieder zu -Todesstarre vereist. Unser eigener Mond hatte höchstens sechzigtausend -Jahre lang geblüht und war seit über zweitausend Jahren auch im -Lebenssinne wieder erloschen. Auch der Mars war längst gestorben, -auf dem vierten Saturn-Trabanten lag alles in den letzten Zügen der -Verschmachtung, die Venus dagegen war noch etwas wärmer als wir, auf -dem Saturnring stand das Leben in erster Vollkraft und gar der Jupiter -war heute noch überhaupt zu heiß zur Bildung organischer Wesen. - -Auch alle diese Angaben kamen in Ziffern bis auf halbe Jahre genau. -Daß auch diese andern Weltkörper ihr Leben entwickelten zu ihrer -Zeit, stand ein für allemal fest. Man darf glauben, sagt Buffon, daß -alle diese gewaltigen Himmelskörper, deren Temperatur in der rechten -Periode ist, „gleich dem Erdball bedeckt seien mit Pflanzen und selbst -bevölkert mit empfindenden Wesen, die den Tieren der Erde ungefähr -ähnlich sind.“ - -Buffon erfuhr mit diesen kühnen Rechnungen das größte Leid seines -sonst so schönen Denkerlebens. Obwohl die Ziffern gar nicht so -außerordentlich groß waren, stimmten sie nämlich doch nicht mit den -hergebrachten Zahlen der Bibel. - -Selbst eine tief religiöse Natur mit innerlich fein geklärtem -Standpunkt, hatte Buffon friedlich losgerechnet, ohne sich etwas -Verfängliches zu denken. Aber man begreift, daß das für seine Zeit -eine starke Zumutung war: über 74000 Jahre Weltexistenz allein für -die Erde gefordert statt der üblichen paar tausend Jahre für das -Ganze, -- Mehrheit bewohnter Welten bis zu empfindenden Wesen von -Tierähnlichkeit, also wohl gar Menschen auf Venus und Saturn -- -endlich, wie wir heute sagen würden, unverfälschter Darwinismus, der -den Planeten Leben treiben ließ zu seiner Zeit und Pflanzen- wie -Tierarten sich entwickeln ließ wie ein Kristall unter bestimmten -Umständen naturgesetzlich anschießt ... das war für den Hof Ludwigs XV. -und XVI. denn doch des Guten an Ketzerei zu viel. - -Man machte dem harmlosen Gelehrten das Dasein sauer genug. Doch das ist -mit den Zeiten verschollen. Was uns als übrig allein interessiert, ist -die Wahrheitsgrundlage seiner Rechnungen und Ideen selbst. Und da ist -denn auch für uns manches zu sagen. - -Wer aus der schlichten Vorstellung der sieben Schöpfungstage kam, dem -mußte gewiß schon Buffons großer Erd-Roman wie etwas Überwältigendes an -Handlung und Verwickelung erscheinen. - -Der nächste Fund aber über Buffon hinaus war: er hatte die Dinge +zu -klein+ gesehen. - -Wohl schwebte er im Geiste wie ein Herrscher über der Glutkugel, -die sich abkühlte, bis Pflanze, Tier und Mensch auf ihrer Rinde -wohnen konnten. Doch bei dieser „Rinde“ hatte er immer nur an die -Schlackendecke aus Schmelzfluß gedacht, an etwas Einheitliches, wie es -auch seine Metallkugeln im Experiment wiesen. Die Forschung noch neben -ihm und unmittelbar nach ihm besah sich aber die wirkliche Erdrinde, -auf der wir Menschen hausten, etwas genauer und sie geriet auf ein -besonderes Bau-Geheimnis noch in ihr, zu dem Buffons einfaches Modell -des Erdenhauses nicht auslangen wollte. - -Gewiß war das, was wir von dieser „Rinde“ im Oberflächenbilde mit -seinem Wechsel von Berg und Tal, Ebene und Wasserbett oder auch im -Aufschnitt und angerissenen Innern zu sehen bekamen, nur ein kleines -Stückchen zu der ungeheuren Kugel, wirklich nur eine Art dünner Haut. -Noch heute, da wir ein paar für unsere Ameisen-Technik ganz kolossal -tiefe Bohrlöcher hineingetrieben haben, geht das längste dieser Löcher -(das von Paruschowitz in Oberschlesien) nur erst 2003 Meter in die -Erde hinab, zwei Kilometer von zwölftausend; die tiefsten natürlichen -Aushöhlungen im Ozeansgrunde reichen immer noch mehr als viermal -tiefer und selbst das wäre schließlich auch nur eine kleine Ziffer. -Nehmen wir den Gaurisankargipfel, den tatsächlich noch keiner wirklich -betreten hat, als oberste Ecke und jene Riesentiefen des Meeres, wie -sie die Challenger-Expedition und neuere gelotet haben (auch von hier -kennen wir nur einige oberflächlichste Schlammproben und die Druck- und -Temperaturziffern), so kommen rund kaum achtzehntausend Meter heraus, --- als das Äußerste, was wir annähernd von der Erdrinde als idealer -Kante überschauen. Achtzehn Kilometer gegen zwölftausend! Damals, zu -Goethes Manneszeiten, hatte man aber noch viel weniger. - -Und doch merkte man etwas. - -Dieses Stückchen Rindenerde machte durchaus nicht bloß den Eindruck von -Krakatau-Schlacke. Allenthalben, wo diese Rinde geborsten, aufgewühlt, -in ihre „Eingeweide“ hinein entblößt war, erschien sie wie durchsetzt -mit aller Art Brocken und Fetzenstücken eigentümlicher konzentrischer -Steinhäute, die aus der einfachen Rinde ein so unglaublich -kompliziertes Ding machten, wie wenn einer in eine Zwiebel schneidet -und statt einer einfachen Fruchtschale eine Zwiebelhaut über die andere -losschält. - -Und es bedurfte wirklich nur eines ziemlich geringen Durchdenkens der -Sache, so mußte klar werden, daß diese bald aufeinander gepackten, -bald wieder gelösten, zerrüttelten, zerstückelten Zwiebelhäute zum -teil jedenfalls ein Ergebnis von Wasserniederschlägen in einer Reihe -von einander folgenden Zeitabschnitten sein mußten. Nur das Wasser -konnte diese zwar oft nachträglich gestörte, aber immer wieder -durchschimmernde horizontale Butterbrot-Schichtung der Gesteine bewirkt -haben, und auf alten, erst nachher verhärteten Wasserschlamm deutete -allzu klärlich auch die sandige, schieferige, kalkige Natur dieses -Gesteins. - -Das war die grundlegende neue Weisheit unseres deutschen geologischen -Altmeisters Werner, der geboren wurde, als der erste Band von Buffons -Naturgeschichte eben heraus war, 1750. Werner saß Zeit seines Lebens -im Erzgebirge, er reiste nicht, er spekulierte wenig mit großen Werten -und er schrieb keinerlei packende Werke in vielen Bänden. Aber er ritt -auf einem Prinzip, und das war in der Tat unendlich wichtig: daß der -Hauptteil mindestens der Gesteine der Erdrinde, die wir heute sehen, -ein Produkt des Wassers sei, angesetzt auf einer Grundrinde, etwa -wie sich nachträglich Kesselstein auf das Metall eines Dampfkessels -auflagert, und, ursprünglich wenigstens, angesetzt in wirklichen -konzentrischen Lagen Schicht auf Schicht in einer Reihe einander -folgender Zeitperioden. - -Mochte es nun mit der anfänglichen Glutkugel sein, wie es wollte: -jedenfalls schob sich zwischen ihre erste eigene Erkaltungsrinde und -unsere schließliche, heute greifbare „Oberfläche“ noch ein gewichtiges -Zwischending: diese ungeheure, viele tausende von Metern dicke Lage -steinerner Butterbrote, die den darüber stehenden Meeren verdankt -wurden. Ihre ganze Masse war im Meer einmal einigermaßen aufgelöst, -lose verteilt gewesen und dann langsam abgelagert worden, wie heute -noch allerorten die Schlammteilchen im ruhigen Wasser allmählich -abwärts sinken und einen Bodensatz bilden. - -Zu diesem Akt des Wassers aber gehörte -- Zeit. - -Buffon hatte gerufen: Zeit für die Temperatur, 74000 Jahre für die -heutige Abkühlung der Ur-Rinde! Werner verlangte: Zeit für das Wasser; -Zeit für seine dicken Kesselsteinschichten auf dieser Rinde; wie viel, -mochte zunächst offen sein, und es brauchte vorläufig auch keine -Debatte zu sein, ob die Buffonsche Ziffer stimmte, auf alle Fälle -handelte es sich jetzt um ein Separatkonto. - -Und das ist für die ganze Folge das Entscheidende auch geblieben in -allem Wechsel: daß hier eine +zweite+, von der Wärmerechnung -ganz unabhängige Zeitforderung in die Geologie eintrat. Die ganze -Buffon-Forderung konnte leerer Traum sein: so blieb doch hier von einer -ganz anderen Ecke her eine neue Zeitforderung bestehen, die für sich -bewiesen werden konnte oder widerlegt werden wollte. Aber -- und das -ist das noch wieder Entscheidende -- auch diese Forderung verlangte -viel Zeit. - -Es ist nicht Werner selbst, der große alte „Thales der Geologie“, der -Wassergeologe, der diese Forderung des „viel Zeit“ am schärfsten zieht, -sondern ein zweiter Mann der gleichen Tage. - -Wer die Geschichte der Geologie in ihrer großen denkwürdigen Genesis -im 18. Jahrhundert knapp aus dem Leitfaden lernt, der pflegt sich -einzupauken: zwei Schulen des Anfangs, zwischen 1750 und 1800; -Neptunisten und Plutonisten; erstere leiteten alle Bildungen der -Erdrinde geschichtlich aus dem Wasser ab, letztere aus dem Feuer; -Haupt der ersten Schule ist Werner von Freiberg; Haupt der letzteren -Hutton in England. Wer das konfus ausdrückt, dem wird es zu einem -wirklichen Wiederaufleben des alten Philosophengegensatzes von Thales -und Heraklit: der eine baut die ganze Erde bloß aus Wasser, der andere -bloß aus Feuer auf. So kahl waren aber die Extreme in Wahrheit nicht. - -Hinter beiden Anschauungen stand Buffon mit seinem sich abkühlenden -Glutstern. Werner kam bloß in der Folge zum Ruf des Allverwässerers, -weil er einzelne Gesteine, die wir heute sicher zu den lavaartigen, -aus Glutfluß unmittelbar erstarrten, rechnen, auch noch für -Wasserniederschläge nahm, so den als Exempel und Kampfobjekt berühmt -gewordenen Basalt. Aber an der Basis aller Schichten blieb auch ihm -ein ursprünglicher „Grund der Hölle“ wie Goethe im Faust sagt, als er -seinen Helden mit Mephisto auf dem Granit des Hochgebirges Halt machen -läßt. - -Und umgekehrt war James Hutton kein einseitiger Feuermeister, sonst -hätte er nur für den Buffonschen und nicht für jenen anderen, zweiten -Zeit-Begriff in Betracht kommen können. - -Huttons umfassende Bedeutung ist erst in späteren, zum Teil erst in -neueren Tagen recht gewürdigt worden. Kürzlich hat Friedrich Ratzel -in einer auch sonst ausgezeichneten Studie (in Ostwalds „Annalen -der Naturphilosophie“) ihn trefflich grade in seiner Rolle auch als -nicht-plutonischer Zeit-Forderer charakterisiert. - -Obwohl Hutton die Erdwärme überall brauchte und sich ohne sie das -Stein-Werden alter Schlammschichten überhaupt nicht denken konnte, lag -ihm doch an Buffons Ur-Roman eigentlich noch weniger als Werner. Sein -Blick faßte die Erde viel lieber als etwas von Ewigkeit her Gegebenes, -an dem wir bloß gewisse harmonische, gleichsam rhythmische Kreisläufe -von Erscheinungen beobachten könnten. Zu solchen Erscheinungen gehörte -auch die Bildungsgeschichte jedes Stückes Kalk, jeder Platte Sandstein. -Das Bild, das wir uns von dem Vorgang der Entstehung nach schlichter -Gesetzmäßigkeit machen wollten, bestimmte die dabei verflossene Zeit. -Wo konnte uns aber bei der ewigen Ähnlichkeit dieses Erden-Rhythmus -etwas Besseres ausgesagt sein über jenes Bild als in den +heute+ -noch sichtbaren Vorgängen der Kalk-Bildung, der Sand-Anhäufung auf -Erden? - -Noch heute häufte der Fluß vor seiner Mündung eine Barre von Sand -auf, noch heute baute sich, erhöhte sich, wanderte, festigte sich -die Sand-Düne am Gestade des Ozeans. Heute auch noch häuften sich im -Seegrunde die Kalkschalen von Tieren, heute noch bauten die kleinen -Korallenwesen hohe Mauern aus solider Kalkmasse auf. Hier und nur hier -konnte der Schlüssel auch zum Verständnis des alten Werdens liegen. - -Grade diese Vorgänge von heute aber liefen nicht im -Siebenmeilenschritt: sie verlangten Zeit zuerst, Zeit zuzweit, Zeit -immer wieder. - -Sandkörnchen um Sandkörnchen wuchs die Düne. Jahr um Jahr prägte sich -das Stromdelta an der Mündung etwas schärfer aus, aber an der Spule -dieses „Etwas“ spann sich der Faden durch die Jahrtausende, bis ein -großes Bild wirklich da sein konnte. - -Die Ewigkeit der Vergangenheit hatte nun weite Arme für solche -Zeitforderung der Gegenwart. Genau so langsam mochten die Sandberge, -die Kalkquadern der Vorwelt sich gebildet haben. Zumal wenn wir uns -dachten, daß all dieses Material, das vom Wasser etwa als Schlamm -abgelagert werden konnte, vorher durch langsames Abnagen und Zerstören -wieder vom Urfels oder von noch älteren, schon landgewordenen -Ablagerungen gewonnen sein mußte. Und der Blick tauchte und tauchte in -geradezu endlose Zeiten allein für diese Wasserarbeit. Es hatte nicht -vom Kosmos her plötzlich vierzig Tage lang Sand geregnet oder der -Erdenschlund hatte nicht Sand gespieen, sondern Teilchen zu Teilchen -war atomhaft winzig in den Wassergrund gesunken wie heute -- und doch -waren jene Butterbrotschichten von vielen Kilometern Dicke geworden, -die heute bald in Brocken durch die zerborstene Rinde verstreut -liegen, bald sich Kilometer um Kilometer noch als einheitliche Fläche -horizontal unter unserem Schritt dahin ziehen. - -Zeit war die große Melodie, die aus all diesen grundlegenden Tatsachen -heraufklang. Unabsehbare Zeiträume, allein nötig für die Wasserleistung -und organische Kalkproduktion des Planeten. - -Die Veröffentlichung von Huttons Ideen fällt erst ganz in den Ausgang -des Jahrhunderts. - -Auch da war die unmittelbare Wirkung gerade seines Werkes geringer, als -wir heute denken sollten, wenn sein Name im Leitfaden als der eines -Kirchenvaters der Geologie, als des scheinbaren Gegenpapstes zu Werner, -erklingt. Als eigentliches Dokument ist es, wie gesagt, erst später -gewürdigt worden. Aber die Gedankengänge, die es ausspricht, müssen -wir in der ganzen Zeit damals als eine (wenn auch nicht so scharf -formulierte) Grundströmung suchen. - -Goethe ist das beste Beispiel bei uns. - -Goethes Geologie, wie wir sie jetzt in zwei Bänden der Weimarer Ausgabe -vollständig vor Augen haben, besteht nur aus einer scheinbar regellosen -Fragmentenreihe. Aber es geht wie bei allen naturwissenschaftlichen -Studien Goethes. Die Stücke sind alle nur Bruchstücke eines -einheitlichen Werkes, einer Morphologie der Erde. Man fühlt die große -Linie durch, die ihm vorschwebte, und man fühlt auf Schritt und Tritt -das Wehen des geologischen Zeitgeistes dabei von damals. - -Goethes Geologie schiebt sich zeitlich fast ziffernmäßig genau zwischen -Buffon und Lyell. Für die Ur-Anfänge seiner Erde schweben ihm Buffons -Bilder vor: die Erde als erkaltender Stern. Das reicht bis auf eine -Ur-Erkaltungsrinde, die er im Granit sucht. Auf ihr (und zeitlich nach -ihr) spielt sich aber dann der ganze Zwischenakt im Sinne Werners und -Huttons ab. Die Sedimentgesteine bilden sich. Langsam, schlicht, nach -Art, wie heute sich etwas ablagert. - -Goethe nahm in Plutonismus und Neptunismus anfangs eine sehr besonnene -Vermittlerstellung ein. Später, als die Katastrophen-Lehre sich geltend -machte, war er entschieden gegen das Gewaltsame, die wüste „Polterei“ -auf vulkanistischer Grundlage; es war aber nur eine Stellungnahme bei -ihm gegen ein Extrem, und im Untergrunde revoltierte in ihm gerade -das Festhalten an dem Prinzip des Langsamen, der reichen Zeit, des -harmonischen Kreislaufes kleiner, noch heute ebenso zu beobachtender -Wirkungen. - -Gerade an den Stellen, wo man von Goethe als Detailforscher reden -kann, äußert sich am durchsichtigsten, wie selbstständig und klar er -sich den Standpunkt auch errungen hatte, an dem man jetzt bei Huttons -Namen denkt. Das Geheimnis der erratischen Blöcke beispielsweise -hat ihn viele Jahre lang beschäftigt, jener Blöcke, die weitab von -der Stelle, da ihr Gestein als Fels ansteht, jäh, unerklärlich -zunächst, als loses Trümmerstück auftauchen, nicht abgerollt durch -Wassertransport, sondern hingeworfen, als habe eine Riesenhand sie -meilenfern vom Gebirge gesprengt und als scharfkantige Scherbe ins -Land gestreut. Goethe löste das Problem in dem Sinne, der heute fester -Besitz unserer Wissenschaft ist, -- es war aber just ein Sinn aus jenem -weiteren Gedankengang heraus. Er suchte nicht mit blühender Phantasie -wirkliche gespenstische Riesenursachen der Vorwelt, die mit hausgroßen -Granitblöcken spielten wie mit Kindermurmeln. Er sammelte Material -über die heute noch sichtbare Art, wie Urgestein fernweg von seiner -Gebirgsader verfrachtet wird. Wasser im gewöhnlichen Sinne, das Sand -verschleppt, paßte nicht. Aber Wasser trat heute auch auf als Eis. -Die Alpengletscher brachten Granitscherben langsam, aber sicher heute -noch vom Firngipfel bis an ihren schmelzenden Fuß im Tal. Eisschollen -trugen eingebackene Gesteinsbrocken als natürliches Schiff sogar -übers Meer. Mit unermüdlichem Eifer sammelte Goethe Material über den -Gletschertransport in den Schweizer Alpen. Eine Nachricht über große -Eisschollen, die mit Granitstücken beladen, durch den Sund geschwommen -seien, versetzte ihn in Entzücken, -- es war gerade, was er brauchen -konnte: eine heute beobachtete Tatsache, die das Vergangene jäh -erhellte. Wo heute erratische Blöcke lagen, da war einst ein Meer mit -solchem blockbeladenen Treibeis gewesen, oder ein Gletscher hatte seine -Moränen gehäuft. Zu all diesen Vorgängen aber war Zeit erforderlich. -Dem Auge des Reisenden war ein Gletscher ein starres Gebilde. Seine -Arbeit konnten erst Generationen gewahren. Gerade von dieser Arbeit -aber sahen wir aus alten Tagen nun die unvergänglichen Spuren, -unvergänglicher als selbst seine eigene Existenz. - -Das war nur möglich, wenn man „einer freiwirkenden Natur Jahrtausende -Zeit“ ließ (Worte Goethes, Weimarer Ausgabe Band IX S. 20 in dem -Aufsatze über die „Joseph Müllerische Sammlung“) und mit Thales im -„Faust“ sprach: - - „Nie war Natur und ihr lebend’ges Fließen - Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.“ - -Bedürfte es noch einer Probe für Goethes geologisch-chronologisches -Bekenntnis, so steckt sie, auch dem Skeptischsten offen, in seiner -Stellungnahme zu dem geologischen Werke des deutschen Karl Ernst Adolf -von Hoff in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Es war ihm „ein -Schatz“. Aber mehr als das. Es erging ihm dabei wie bei dem berühmten -vor-darwinistischen Streit Geoffroy St. Hilaires gegen Cuvier, wo -er seine eigenen vieljährigen Überzeugungen über die Entwickelung -des Organischen in einer jungen Generation unabhängig aufleben und -sich durchringen sah. Das Gleiche erlebte er mit Hoff für seine -geologischen Ideen: er fand sein Eigenstes, das Resultat unendlichen -stillen Nachdenkens, im strengsten wissenschaftlichen Gewande jetzt bei -einem Jüngeren vor, der aber nicht wirklich sein Jünger war, sondern -nur durch eigenen Blick vor den Dingen auf das Gleiche gekommen war. -Selbstlos freute er sich des immer erneuten logischen Durchbrechens der -Wahrheit. - -Was aber lehrte Hoff? - -Es gilt hier, die Linie ein Stück weiter geschichtlich heranzuleiten. - -Noch in Goethes größten Jahren folgte auf Werner und Hutton eine -Arabeskenkurve des geologischen Betrachtens. - -Es folgte die sogenannte Katastrophen-Lehre. - -Man hatte jetzt gelernt, eine sichere Reihe geologischer Epochen -diesseits des Buffonschen Rindenabkühlungsmoments wirklich zu -unterscheiden, die Epochen der verschiedenen Gesteinsbildungen durch -Meeresniederschläge. Innerhalb jeder einzelnen dieser Epochen ließ man -das langsame Werden im Sinne der Huttonschen, der Goetheschen Ideen -durchweg zu. Aber zwischen Epoche und Epoche schob man ein Interregnum -besonderer Erdtätigkeit, eine katastrophenhafte Unterbrechung. - -Man hatte gemerkt, daß die meisten Tiere mit den Epochen wechselten. -Neue Arten tauchten auf, alte verschwanden. Gerade an diesem -Wechsel der Tierformen in den versteinerten Resten hatte Smith die -ursprüngliche Reihenfolge und Sonderung der Butterbrotschnitten in der -Rinde unterscheiden gelehrt. - -Jetzt übertrieb man das, als habe keine Tierart von einer Epoche in die -nächste hinein ausgedauert. Und aus dem Untergang wieder schloß man auf -eine tötende Katastrophe. - -Die Voraussetzung war falsch, der Schluß war es entsprechend. Es -handelte sich nicht um gerade Fortschrittsbahn der geologischen -Auffassung, sondern um eine Arabeske. - -Immerhin war es, was den Begriff der langen geologischen Zeit anbetraf, -nicht unbedingt nötig, daß er von hier aus litt. Die Zwischenzeiten -zwischen je zwei Katastrophen, also die eigentlichen geologischen -Epochen, mochten als solche eine ungeheure Zeit nach wie vor füllen. -Cuvier dachte an Millionen von Jahren, die uns im ganzen etwa von den -Ichthyosauriern trennen könnten. - -Aber es war doch auch wahr, daß das Plötzlichkeits-Element ohne jede -Analogie zum heutigen Geschehen, das in den Katastrophen steckte, -auch innerhalb der ruhigen Epochen schließlich zu Gewalt-Phantasien -verführen mußte, die von den Ideen Huttons und Goethes fortlenkten. -Das jähe, aus keiner Analogie begreifbare Neu-Entstehen der Tiere und -Pflanzen auf der nackten Krakatau-Schlacke jeder neuen Katastrophe -war schon eine solche Verführung. Wenn das möglich gewesen war, dann -möchte die Urwelt auch Kolossalmittel des Moments gehabt haben, um in -einer Stunde eine ganze Sandbarre, groß wie die Sächsische Schweiz, -aufzuhäufen. - -Der Maßstab von heute fiel ab als Wahrscheinlichkeitsmaß. - -Wenn man also auch in der Katastrophenlehre gern mit Riesenziffern -herumwarf, so geschah das eigentlich nicht mehr auf dem Boden des -gesunden Huttonschen Prinzips. Es geschah vielmehr aus Liebe zum -überhaupt Kolossalischen, in die man die Geologie hineinerzogen. -Riesige Ichthyosaurier und riesige Mammute; riesige Explosionen, -Dämpfe, Lavastöße, Glut- und Wasserfluten; dazu paßten am besten auch -„riesige“ Zeiten. Aber man war aus der beobachtenden Forschung heraus -im Roman. - -Der Dichter Goethe, der ein so wundervolles Beobachterauge und so -viel schlichten Respekt vor der nicht zu übertreibenden Majestät des -Einfachen, der „Alltagsnatur“ hatte, sah das klar ein und tat danach: -er verschloß seine Tür vor dieser Polter-Geologie der analogiefreien -Erfindung. Die wissenschaftliche Herrschaft der Katastrophenlehre -dauerte aber offiziell bis zu seinem Ende. Dann brach sie merkwürdig -schnell wieder zusammen. - -Der erste Vorbote dieses Zusammenbruchs war aber eben jener deutsche -Geologe zu Gotha, von Hoff, im ersten Bande seiner „Geschichte der -durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der -Erdoberfläche“ 1822. Hoff lenkte durchaus wieder in Huttons besonnene -Bahnen zurück. Mit vollem Nachdruck lehrte er wieder die Gegenwart -mit ihrem alltäglichen geologischen Geschehen als Lehrmeisterin der -Urwelts-Geologie betrachten. Und beredt wußte er zu schildern, daß hier -die ungeheure Länge der geologischen Zeit eine echte Forderung der -strengen Kritik sei, nicht ein phantastisches Riesenspiel. Das war der -Hoff, den Goethe begrüßte. - -Anfang der dreißiger Jahre, in Goethes spätestem Abendrot, trat -dann der Engländer Lyell auf, mit dem die Katastrophenlehre wirklich -einstürzt. - -Lyell führte die Ansichten von Hutton, von Goethe und von Hoff -hinsichtlich der geologischen Arbeitsart zum vollständigen Siege. Das -heißt: er entwickelte sie für sich und erfocht den Sieg auf seinen -Namen. Hutton verscholl dabei mehr oder minder, Goethe war nie bekannt -geworden, Hoff trat bescheiden bei Seite und ist erst ganz spät gegen -den Wunsch der Lyellianer in seine Prioritätsrechte eingesetzt worden. - -Einerlei aber: die Ideen gewannen diesmal endgiltig die Oberhand. -Und damit triumphierte um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch jene -zweite Forderung langer geologischer Zeit endgiltig, die tief im 18. -unabhängig von Buffon eingesetzt hatte. - -Diesmal sollte sie aber gleich noch eine dritte Quelle auslösen, -- -eine auch schon früher geahnte. - -Als Darwin 1831 seine Weltreise antrat, war eines der wenigen Bücher, -die er mit in seine Kajüte nahm, der eben erschienene erste Band von -Lyells Geologie. - -Auf der Reise selbst wurde er zum Geologen und zum Schüler Lyells. Er -lernte, die Dinge alle im Sinne langsamen Werdens anzusehen. Langsam -hoben sich Küsten, langsam zermalmte der Gebirgsbach den harten -Stein, langsam baute die Koralle sich auf sinkendem Grunde immer -wieder zäh empor, langsam verschleppte der Eisberg Granitbrocken. -Allenthalben arbeitete heute noch die Erde geologisch weiter. Dieser -Arbeit Vergangenheit zugestanden und Zeit, unabsehbare Zeit -- und das -Antlitz der Erde faltete sich und glättete sich, das ganze ungeheure -Wandelpanorama zog und zog vorbei, von dem die Sedimentschichten -erzählten, ohne erdumwälzende Katastrophen. - -Wenn es aber keine Katastrophen gab, so mußte auch der Wechsel der -Tierwelt in der Geologie anders begriffen werden. Was verschwunden war, -wie die Mammute, die Ichthyosaurier, mußte allmählich ausgestorben -sein. Wir hatten das unter unsern Augen erlebt, wie Tierarten -sterben, am Vogel Dronte, an der Seekuh von Kamtschatka. Was aber neu -entstanden war, in späteren geologischen Schichten in versteinerten -Resten lag, während es in früheren fehlte, -- das hatte sich auf -natürliche Weise entwickelt. Diese Neu-Entwickelung von Arten hatten -wir allerdings noch nicht gesehen. Aber Darwin suchte und glaubte -zu finden eine erdrückende Fülle von Indizienbeweisen dafür. Es war -das nächstliegende, daß Art sich von Art abgespalten hatte, daß das -Vorhandene stets das Treibbeet des Neuentstehenden gewesen war. - -So hatten schon vor Darwin die gedacht, die den alten Buffonschen -Grundgedanken, daß Arten da entstehen, wo ihre Möglichkeit gegeben ist, -sich irgendwie auszudenken, in Bildern zu denken gewagt hatten. - -Warum aber erlebten wir diesen Prozeß heute nicht mehr? Darwin fand -jene einfache Antwort auch da, die aber unendlich schwerwiegend sein -mußte für das Zeit-Problem. Der Vorgang der Art-Entstehung war so -langsam, daß wir ihn mit unseren paar Beobachter-Jahrhunderten noch gar -nicht fassen konnten. Eine geologisch im Lyellschen Sinne zweifellos -so gewaltig lange Zeitperiode wie etwa die ganze Tertiär-Zeit mochte -dagegen etwa die höheren Säugetier-Arten alle hervorgebracht haben, sie -langte. - -Der alte Huttonsche, Goethesche, Hoffsche, jetzt Lyellsche geologische -Zeitbeweis trat hier in die Kette der biologischen Indizien ein. - -Aber dann zahlten Darwin und die Seinen auch zurück von ihrer Seite. - -Die älteren geologischen Zeiten verlangten noch ganz andere -Tierumformungen als nur die Zerspaltung des Säugetiers in so und so -viel Ordnungen, Familien, Gattungen, Arten. Das älteste Säugetier -sollte sich einmal vom Reptil, das Reptil vom Molch und Fisch -abgespalten, schließlich das Wirbeltier aus dem Wirbellosen geworden -sein. Das waren so riesige Umwandlungen, daß die Zeiträume selbst -im höchsten geologischen Maß, an das man bisher gedacht, +sich -strecken+ mußten. - -Die Biologie, von Darwin inspiriert, ging noch einmal für sich auf -chronologische Maximalziffern. - -Erst durch Darwin ist es geläufig geworden, von Jahrmillionen im -größten Stil zu reden, von zwei-, dreihundert Millionen Jahren, die -für das Leben allein auf der Erde nötig seien, -- bis an die tausend -Millionen, also die regelrechte Milliarde heran. - -Rechnete man doch jetzt nicht mit dem Krakataufels, zu dem Wind und -Welle und Vogel Geschlecht um Geschlecht schon anderswo vorhandenen -Lebens trägt: auf dem ursprünglichen Fels hatte man nur die primitivste -einzellige Alge etwa und aus der sollten je nach Ort und Gelegenheit -auf dieser Ecke der Erdeninsel diese, auf jener jene Abarten sich -entwickelt haben, die wiederum in Enkel- und Urenkelketten Wandel -erlitten, bis der Fels endlich von immer höherem Leben autochthon -grünte und so weiter bis zur höchsten Krone des Lebens. - -Überschauen wir auf dieser Ebene die zweite Hälfte des 19. -Jahrhunderts, so bleiben wir trotz allem, was heute wohl gesagt wird, -auf einheitlichem Boden. - -Bei allem Zweifel an den engeren Darwinschen Sätzen ist der -Grundgedanke einer langsamen natürlichen Entwickelung von Form zu Form -immer fester und fester geworden. - -Längst ist er nicht mehr bloß ein Anhängsel der rein geologischen -Anschauung, wenn schon er sich nach wie vor aufs beste mit der modernen -Geologie verträgt. Vor allem durch die vergleichende Anatomie, die -heute alle biologische Systematik von Grund aus trägt, ist er zu einer -völlig selbständigen Macht geworden, mit völlig eigenen Beweisketten, -die bestehen blieben, auch wenn es gar keine Geologie gäbe. - -Und so läßt sich der Zeitbegriff für die Spanne seit jener alten -Buffon-Grenze, „seit Möglichwerden organischen Lebens auf der Erde“, -heute tatsächlich rein biologisch begründen, ohne Rücksicht noch -wieder auf jene zweite geologische Chronologie, wie sie in der Linie -zwischen Werner und Lyell liegt. - -Und wir mögen die Dinge wenden und drehen, wie wir wollen: wir kommen -hier nach wie vor auf die denkbar größte Forderung. - -Alle irgendwie sinnvollen Versuche, die ursprünglichen Darwinschen -Erklärungsprinzipien für den Hergang der Entwickelung durch bessere -zu ersetzen, kommen ja doch, wie gesagt, über den einen Punkt nicht -hinaus: daß die Entwickelung langsam, Schritt für Schritt, sich -vollzogen habe. - -Immer, wenn man die Formreihen der Lebewesen entlang blickt, kommt -der alte Goethe-Spruch zur Geltung, das Goethesche Gesetz, wie man -es nennen könnte: daß in jeder anatomischen Einzelheit uns die -greifbaren Spuren eines großen geschlossenen harmonischen Kunstwerks -entgegentreten, eines Kunstwerks, in dem es keine abrupten Töne, -sondern nur wunderbar miteinander verknüpfte Tonfolgen, unendliche -Melodieen ohne Lücken gibt. Der Ort, wo der alte Goethe sich seine -Weisheit holte, ist noch immer der geeignetste dazu: ein Gang durch die -Skelettsammlung eines anatomischen Museums führt auch den Ungläubigsten -mitten in das ungeheure Notenblatt dieser biologischen Symphonie. Ein -einzelnes Organ, wie etwa das Handskelett der Wirbeltiere bis zum -Menschen herauf, läßt eine solche Melodie überwältigend erklingen, -zumal, wenn man noch etwas Paläontologie und Embryologie hinzunimmt, --- ich persönlich verlasse einen solchen Raum und seine Schau nie, -ohne den ganzen tiefen Genuß mitzunehmen wie aus einem Konzertsaal; -der fortreißende Zauber steckt aber in nichts anderem hier wie dort, -als in dem unendlichen harmonischen Hingang von Ton zu Ton ohne Riß -in immer weiter schreitender feinster Verschränkung und Steigerung. -Jeder grobe Stoß von Form jäh in gänzlich andere Form wäre ein Schlag -ins Gesicht dieser anatomischen Harmonie und zerstörte uns den Genuß -des Herrlichsten, was überhaupt die Biologie bietet, des wahrhaft -Erhabenen, in eine edle Weltenschau Entrückenden, das diese scheinbar -kahlste Wissenschaft des „Beinhauses“ unserm größten Dichter (der -allerdings auch ein großer Kenner war) einst so verklärt hat, daß er -vor ihr sein heiligstes Bekenntnis sprach: - - „Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, - Als daß sich Gottnatur ihm offenbare?“ - -Es ist entscheidend, daß auch alle neueren und neuesten wirklichen -Versuche, über Darwin hinaus die Artentstehung zu deuten, den „kurzen -Schritt“ nicht angreifen. Auch jene Mutationstheorie von Hugo de Vries -trägt doch an ihrer Spitze den Satz: die Natur macht keine Sprünge. -Auch in ihr ist die Umwandlung zwar stets ein fester, aber doch ein -kleiner Schritt. - -Und interessant auch ist, wenn man der gemeinsamen Arbeit heute -von Geologie und biologischer Entwickelungslehre folgt, wie beide -sich beständig in die Hände arbeiten zu gunsten noch immer größerer -Zeiträume. - -Einerseits dehnt die Geologie ihre Strecken noch beständig. - -Die Epochen der echten Sedimentgesteine werden länger und länger. - -Vor gar nicht so sehr langer Zeit konnte man noch hören, der Anfang -der Eiszeit sei uns vielleicht ganz nahe gewesen, sie habe sich -möglicherweise im Norden erst abgespielt, als im Orient schon die -alten Kulturreiche blühten, also ein paar Jahrtausende bloß vor -Christus. Heute scheinen den besten Kennern hunderttausend Jahre schon -eine viel zu kleine Ziffer für die Dauer auch nur der eigentlichen -Vergletscherung. Penck rechnet 23000 Jahre vom Ende der Eiszeit -bis heute, wobei er nicht etwa vage astronomische Ziffern, die auf -Ursachen-Hypothesen über die Eiszeit beruhen, zu Grunde legt, sondern -in der streng geologischen Schätzung bleibt. Die Quartärzeit, das -alte „Sündflut-Gebiet“ zwischen dem Ende der Tertiärzeit und unserer -Gegenwart, kommt bei diesen Rechnungen auf seine gute halbe Million -Jahre. - -Eine Idee von der Größe dann der Tertiärzeit mag rein geologisch die -jetzt ziemlich sichere Vorstellung geben, daß auf einen engeren -Abschnitt darin die Bildung unserer größten Gebirgserhebungen (Alpen, -Himalaya, Kordilleren) fällt, wohlverstanden im Sinne heutiger Annahmen -kein jäher Polter-Akt, sondern eine ganz allmähliche Bildung. - -Die ganze Tertiärzeit ist aber wieder winzig gegen die Kreide- oder -Jura-Zeit. Von der Jura-Zeit hat schon vor Jahren ein feiner Kenner wie -Neumayr gesagt, die ganze Quartärzeit gehe mindestens an die dreißig -Mal in ihre Länge hinein. - -Wie man auch mit solchen rein geologischen Maßstäben an die Milliarde -Jahre tatsächlich herankommen kann, mag jene schon einmal von mir -gestreifte Rechnung von Mellard Reade andeuten. Er geht davon aus, -daß zur Bildung einer Kalksteinschicht von einem Meter Dicke auf dem -Meeresgrund über drei Millionen Jahre nötig seien. Nun rechnet er, daß -sämtliche Kalksteine der Erde, die aus den geologischen Epochen übrig -sind, gleichmäßig ausgewalzt eine Schicht von mehr als 160 Metern Dicke -ergeben müßten. Und er schließt also, daß zu deren Entstehung annähernd -600 Millionen Jahre erforderlich seien. Bei der schwimmenden Grenze -solcher Ziffern wird der Weg gegen die tausendste Million, also die -Milliarde, offen! - -Auf der anderen Seite aber ist die Entwickelungslehre immer mehr -bestrebt, grade ihre größten, schwersten, also zweifellos längsten -Umformungen organischer Gruppen immer weiter rückwärts in diesen -geologischen Perioden zu schieben. - -Daß der Mensch bis hinter die Eiszeit geht, wird nachgerade nicht -mehr ernstlich bestritten werden, -- damit wären wir also einige -Hunderttausend Jahre vor den heute so viel genannten Babyloniern von -vier- oder dreitausend v. Chr. Man kann aber auch schon (von Klaatsch -zum Beispiel) die Meinung lesen, daß der Mensch im mittleren Tertiär, -in der Miocän-Zeit, bereits Steinwaffen hinterlassen habe, ja daß er -ein unmittelbarer Sprößling der urtümlichen eocänen Säugetierwelt sei -und also allen Ernstes selber bis in dieses Eocän, also die älteste -Epoche des Tertiär, zurückreiche. - -Diese in der Tat höchst merkwürdige eocäne Säugerfauna, in der -später so himmelweit getrennte Gruppen wie Raubtiere, Huftiere und -gar Halbaffen noch eng in eine Ordnung zusammenfallen, tritt aber -selber schon so im ersten Morgenrot dieser „Morgenrotsperiode“ des -Tertiär auf, daß man ihre eigene Entstehung trotz mangelhafter -paläontologischer Funde unbedingt bis in die Kreide-Zeit, also noch in -die Sekundär-Periode, zurückdenken muß. - -Noch wieder aus dieser Periode schieben sich die Säugetiere in ihren -allerfrühesten, noch reptil- oder amphibienhaften Anfängen über die -ältesten Trias-Funde hinaus bis an die Grenze der Primär-Periode zurück. - -Wenn aber schon diese Primär-, also die sogenannte Erstlings-Periode -der Geologie, es zu solchem Gipfel gebracht hatte, wie dem Säugetier, -wie lang sollen wir sie allein denken? - -Die Sache wird in Wirklichkeit hier noch viel chronologisch -großartiger. Diese Primär-Periode setzt an ihrer untersten -verschwimmenden Grenze, bei oder dicht unter dem sogenannten -Kambrium, ein mit Versteinerungen eines schon damals relativ ganz -hoch entwickelten Lebens, mit echten Vertretern fast aller großen -Tierstämme, und beispielsweise bei den Gliedertieren schon mit einer so -hohen, komplizierten Gruppe wie den Krebsen. Unterhalb dieser Schichten -hören dann, wie gesagt, die Versteinerungen jäh ganz auf. Geschichtetes -Gestein liegt ja da noch weiter in enormster Dicke. Die Geologie für -sich zankt sich aber seit Alters darüber, wie das jetzt entstanden -sei, ob plutonisch oder neptunisch. Einerseits sprechen gute Merkmale -für weitere ungeheure uralte Wasserablagerungen. Andererseits ist die -Struktur so, daß Wärme unbedingt eine Rolle dabei gespielt zu haben -scheint, sei es auch im Sinne nur einer nachträglichen Metamorphose. - -Mögen sich aber Pluto und Neptun geologisch in den Haaren liegen, so -lange sie wollen: die biologische Entwickelungslehre fordert hier für -ihr Teil einfach eine unabsehbare chronologische Rückausdehnung der -Lebensmöglichkeit auf Erden noch über das Kambrium hinaus. Denn wenn -auch alle versteinerten Reste zerstört sind: sie fordert Zeit für das -Werden der großen Tierstämme, fordert Zeit für den unendlichen Wandel -solcher Stämme etwa wie dort bis zu den Krebsen hinauf. Da ihr Gebäude -sonst fest steht, darf sie das verlangen. Hinter dem Kambrium kann sich -ihr die Lebenschronologie nicht schon schließen und etwa bereits die -Buffonsche Urerde, die Gluterde ohne Lebensmöglichkeit, geschichtlich -beginnen. - -Sieht man aber auf das, was da geleistet worden sein soll, denkt -man, daß alle Anfänge am schwersten sind und daß es ganz gewiß -unvergleichlich viel mehr Mühe gemacht hat und also Zeit gebraucht -hat, daß aus einem einzelligen Urtier ein Trilobiten-Krebs wurde, als -aus dem ein Hummer -- so wird man dieser hypothetischen vorkambrischen -Lebensperiode mit ihren Meeren und sonstigen Lebensbedingungen eine -Zeit ansetzen müssen, viel länger als alles noch, was seit dem Kambrium -und seinen Krebsen verflossen ist. - -Mit diesem Zuwachs langt die Milliarde schwerlich. - -Und so ist es wirklich wie ein Wettlauf zwischen Geologie und Biologie, --- wo die eine zögert, reißt die andere mit, und beide zusammen zerren -schließlich den Faden der Chronologie in die Unfaßbarkeit an Länge. - -Der Chronologie, wohl verstanden, zwischen dem alten Krakatau-Termin -der oberflächlich erkalteten Erdschlacke Buffons und der Gegenwart! - -Eine Milliarde Jahre als kleinste Annäherungsziffer dort, wo Buffon vor -seinen sich abkühlenden Metallkügelchen des Experiments die schlichte -Ziffer Vierzigtausend auf den Schild des Chronos geschrieben, zweifelnd -und verlästert ob des chronologischen Ketzermutes, der Vierzigtausend -gegen die Zahl Sechstausend der Theologie zu setzen wagte! - -Aber wir sind mit der einen Linie bis ans Ende des 19. Jahrhunderts -gestiegen. In dieser langen Zeit seit Buffon hatte auch der spezielle -Gedanke jener Buffonschen Rechnung seine Sonderbahn beschrieben und -war tatsächlich sein eigenes Stück auch weiter gekommen. - -Eine Weile ist es im 19. Jahrhundert allerdings gewesen, als sei -Buffons Ziffer rein fortgefegt, so stark wurden jene anderen -Zeit-Argumente. Sie war wie erdrückt, erlebte selber das Schicksal der -biblischen Ziffer. - -Aber grade in dieser Zeit fügen sich fortgesetzt Züge in das -geologische Bild, die doch merkwürdig gut wenigstens ihre -Voraussetzungen zu bestätigen scheinen. - -Die Kant-Laplacesche Theorie wird fast allgemein angenommen und gibt -eine ganz anders anschauliche Grundlage für die Vorstellung einer -Abstammung der Erde von der glühenden Sonne und eines ursprünglich -selber sonnenhaft glühenden Erdballs, als Buffon besessen hatte. - -Vulkane, heiße Quellen, die Hebekräfte bei der Gebirgsbildung und vor -allem eine ziffernmäßige Zunahme der Temperatur in den Bergwerken und -Bohrlöchern machen vereint die Meinung wirklich einmal ganz fest, ganz -„exakt“, daß das Innere der Erde noch jetzt glühendflüssig, ja im -Herzen gar gasförmig sei. - -Bloß über die Dicke der Erkaltungsrinde von heute bleibt noch Streit, -die Grundangabe dagegen kommt in jedes Schulbuch. - -Gelegentlich, schon recht tief im 19. Jahrhundert, wird sogar einmal -von einem Gelehrten auch wieder ein umfangreiches Schmelz-Experiment -gemacht: Bischof läßt große Kugeln geschmolzenen Basalts sich -abkühlen, bohrt Löcher hinein und senkt Thermometer nach, um die -Abkühlungsgesetze zu ergründen. - -Schließlich scheint das ganze Material so wundervoll neu da zu liegen -und doch ganz im Rahmen zugleich der alten Voraussetzungen, daß es nur -eines findigen Kopfs braucht, um auch ohne Rücksicht auf den alten -Buffon selbst eine reine Wärme-Rechnung von neuem in der Geologie -auferstehen zu lassen. - -Rund ein Jahrhundert nach Buffon nimmt denn auch William Thomson in -England die Sache richtig auf und sucht abermals eine feste Ziffer. - -Buffons Angabe ist natürlich in jedem Betracht zu klein. Eine -so ungeheure Differenz kann unmöglich herauskommen zwischen der -Temperatur-Rechnung und jenen Ziffern Lyells und Darwins. Aber Thomson -geht im Übrigen doch wieder seinen Eigenweg, genau wie einst Buffon -selbst. - -Er holt die neuen Temperatur-Materialien zusammen und sucht mit ihnen -durchzudringen, indem er sie aneinander reiht. Da merkt er denn -freilich etwas Störendes. - -Die Grundziffern sind doch nicht so bequem. Beispielsweise: wie -viel ursprüngliche Erkaltungswärme hat die Erde heute noch? Jene -Thermometer-Steigerung beim Eindringen in Bohrlöcher müßte es lehren. -Wie verläuft sie? Bei welcher Tiefe müssen wir uns denken, daß sie -so hoch wird, daß noch jetzt alle Gesteine im Schmelzfluß sind? -Die Angaben über die Steigerung differierten leider. Es gab eine -Maximalbehauptung und eine Minimalbehauptung, die sich widersprachen. - -Ferner: wie hoch war die Anfangstemperatur der Urerde? Und wie stand es -mit der Wärmeleitung der Gesteine? Auch da gab es schwankende Ziffern. - -Also beschied sich Thomson, zwei +Grenz+zahlen zu finden. - -Eine, wenn jene Grundziffern so hoch, wie es ihm noch zulässig -erschien, angenommen wurden, und eine, wenn sie so tief wie tunlich -gesetzt waren. - -Das Resultat war jedenfalls interessant. - -Thomson errechnete, daß seit Erstarrung der Erdkruste nicht weniger als -zwanzig Millionen Jahre verflossen sein könnten, -- aber auch nicht -mehr als vierhundert Millionen. - -Schlug die Minimalziffer immer noch gründlich Buffons Zahl tot, so war -die Maximalziffer doch immer noch nicht genügend für jene Forderungen -der modernen Geologie und der Entwickelungslehre der Biologie. Vollends -entsprach diesen nicht die von Thomson befürwortete Mittelzahl von -bloß etwas über hundert Millionen. Und später ist Thomson sogar noch -von der beträchtlich heruntergegangen. - -Es konnte scheinen, als bereite sich da noch einmal ein ernsthafter -Konflikt trotz allem zwischen der echten Nachfolge Buffons in -der Physik und der Nachfolge Lyells und Darwins vor. Wo man -besonders Darwin etwas am Zeuge flicken wollte, wurde denn auch die -Thomson-Ziffer gelegentlich ausgespielt als Dämpfer. - -Andererseits diente sie mit ihrem riesigen Spielraum von hunderten von -Millionen auch wohl wieder denen als Zielscheibe, die über das müßige -„Spiel mit Millionen“ in der Chronologie des Naturforschers wohlfeil zu -scherzen beliebten. - -Der wahre Sachverhalt ist, daß auch über diesen heutigen physikalischen -Rechnungen schließlich doch ein Unstern schwebt. - -Grade sie wollen uns wirkliche Zahlen „exakt“ geben und verwirren doch -nur das Bild, das Geologie und Biologie aufgerollt haben, dabei ins -ganz Unsichere hinein. Die Voraussetzungen, die Thomson vermeintlich so -sicher vorfand, schwankten nicht nur ihm im Laufe seiner Rechnung: sie -sind überhaupt heute wieder schwankendster Grund, -- so schwankend, daß -sich grade auf sie gar nichts bauen läßt. - -Der Widerspruch in den Angaben über die Zunahme der Wärme in den -Bergwerken und unsern (immer ja noch so winzigen) Bohrlöchern ist nicht -nur innerhalb der Thomsonschen Grenzen da: er ist zur Stunde derartig, -daß sich überhaupt keine Rechnung auf ihn begründen läßt. - -Sämtliche Angaben des weitern über einen im Erdinnern noch erhaltenen -Rest ursprünglicher Erdwärme sind gegenwärtig mit Glück angezweifelt. -Das ganze Schulbild der Erdkugel mit einer dünnen Erstarrungsrinde -bloß über einem ungeheuren Glutkern fängt unverkennbar an, in der -Geologie „mythisch“ zu werden. Weder zur Erklärung des Vulkanismus noch -vollends zu der der Gebirgsbildung ist das aufdrängende einheitliche -Innen-Glutmeer mehr nötig -- von dieser Seite hat die Hilfe so gut wie -ganz aufgehört. - -Wenn die Erde heute noch Wärme in ihrem Innern hegt, so gibt es -Gedankengänge, die selbst das erklären ohne Rücksicht auf Reste von -Urwärme; auch ein Körper, der sich zusammenzieht, erzeugt mechanisch -Wärme; Wärme entsteht bei allen Gesteinsverschiebungen, Wärme entsteht -aus örtlichen chemischen Prozessen. - -Ich will wenigstens mit einem Wort andeuten, daß selbst die -Kant-Laplacesche Theorie heute wieder schwächer in ihrer Beweiskraft -erscheint. - -Das soll nicht sagen, daß die Erde nie ein Sonnenstadium gehabt habe. -Aber es kann unendlich viel früher erloschen sein, als alle unsere -Rechnungen erreichen. Wenn die Erde überhaupt heute kein sicher -erweisbares Glutmeer als unmittelbares Erbe jener Sonnenzeit mehr in -sich birgt, erlahmt mit der Gesamtrechnung auch die Vermutung, wie -lange sie schon in diesem Zustande ist. Nichts hemmt dann, zu den -Zahlen der Geologie und Biologe zurückzukehren und sie umgekehrt als -einzigen Anhalt auszuspielen. Wenn das Leben zu seiner Entwickelung -eine Milliarde und mehr brauchte, so muß eben so lange die Erdrinde -schon so sein, daß Leben auf ihr existieren konnte. - -Sehr viel Zeit! - -Das bleibt das Resultat. - -Nicht feste Ziffern, -- grade die trügen am leichtesten. Aber -unendlicher Spielraum! - -Und wenn etwas je Ziffern geben könnte, so wären es ganz kleine, eng -umrissene Beobachtungsreihen inmitten des hellen Tages von heute. -Wie ein nackter Fels heute vom Leben erobert wird gleich jener -Krakatauschlacke; und wie dieses isolierte Leben dann lokalen Wandel -vielleicht erfährt in Jahrtausenden; das wäre so eine Reihe. Und wie -zugleich der Boden sich wandelt, wie Zuwachs, Abzug, Hebung oder -Senkung sich zeigt, das wäre echtes geologisch-chronologisches Material. - -Bescheiden sein gilt es da, bescheiden vorgehen von Schritt zu Schritt, -um als Krone der Bescheidenheit zu ernten -- die Milliarde. - - * * * * * - -Ich blättere wieder in den Büchern. Man merkt es noch an anderem, daß -der Darwinismus aus dem Schwabenalter kommt. - -Es lösen sich +persönliche+ Beziehungen. - -Die Taufpaten, die das Kind aus der Wiege hoben -- Darwin, Lyell, -Huxley -- sind fast alle schon hin. Die zweite große Generation aber -fängt an, ihr Testament zu schreiben. August Weismann gibt seine -„Vorträge über Deszendenztheorie“ heraus, in zwei dicken Bänden. -Haeckel hat seine „Gemeinverständlichen Vorträge und Abhandlungen aus -dem Gebiete der Entwickelungslehre“ ebenso in zwei Bände gesammelt. - -Gleich in der Vorrede lese ich da bei Weismann: „Wenn ein -arbeitsfreudiges Leben sich seinem Ende zuneigt, so regt sich wohl -der Wunsch, die Hauptergebnisse desselben zu einem abgerundeten und -in sich harmonischen Bild zusammenzufassen und gewissermaßen als ein -Vermächtnis den nach uns Kommenden zu hinterlassen. -- Das ist der -Hauptgrund, der mich zur Veröffentlichung dieser Vorträge veranlaßte.“ -Ein Werk, das solche Sätze an der Spitze trägt, legt eine neue -Verpflichtung auf. - -Es verlangt, daß man historisch auf eine Lebensarbeit zurückschaut. - -Denke ich allerdings wieder an die Leutchen, die dem ganzen Darwinismus -schon diese „Heiligsprechung des Historischwerdens“ zugestehen -möchten, mit dem behaglichen Gefühl dabei, daß so stillschweigend -auch die klassische Antiquierung mit Absetzung von der Tagesordnung -vollzogen sei, so ist das Weismannsche Buch eine der hübschesten -Widerlegungen dieses frommen Wunsches. Es fixiert, historisch wie -aktuell, eine +Schattierung innerhalb des Darwinismus+, die -spezifische Weismann-Lehre, die im Grunde ebensoviel Anrecht auf einen -Personennamen hat wie die Gesamtschule auf den des Charles Darwin oder -wie die Mutations-Theorie wieder auf den des Hugo De Vries. - -Eine Lehre aber ist nach meiner Auffassung in der Vollblüte ihrer -Leistungsfähigkeit als Geistesquelle, wenn sie noch Raum hat für so -verschiedene, jederseits für sich geistvoll-eigenartige Schattierungen. -Wobei es dem Spitzfindigen wirklich ruhig überlassen bleiben mag, ob -er bei dem Wettstreit dieser Schattierungen von Kämpfen im Darwinismus -oder um den Darwinismus reden will. Ich selbst erachte es als eine -Pflicht historischer Anständigkeit, der Gesamtbewegung zu einer -wissenschaftlichen Deszendenztheorie, wie sie eine ungeheure, fort und -fort wachsende Litteratur heute vertritt, den Namen „Darwinismus“ zu -lassen; im übrigen aber wünsche ich dem Kampf der Meinungen innerhalb -dieser Theorie Tür und Tor geöffnet, so weit es geht. - -Wir reden ja auch, und reden ganz gewiß mit Recht, von einem -kopernikanischen Weltsystem, obwohl Kopernikus noch keine Keplerschen -Gesetze und kein Newtonsches Gravitationsgesetz kannte, obwohl wir -heute genau wissen, daß auch die Sonne nicht still steht und dadurch -die ganze Figur des Systems beständig verschoben wird, und obwohl -Kopernikus noch an eine Drehung des Achsenwinkels der Erde bei jedem -Jahresumlauf dachte, die in dieser Form völliger Irrtum war. - -Wollen wir jeden Zwist um ein engeres Deszendenzgesetz als -Entscheidungskampf um Wohl und Wehe des Darwinismus fassen, so wird -nur eine Verwechslung in die Laienwelt getragen: als wenn nämlich der -Gedanke der Entwickelung im Gebiet der modernsten Biologie selbst -wieder bedroht oder gar wieder in den Hintergrund gedrängt sei, -- -eine Behauptung, der kein ehrlicher Mensch, der die Dinge verfolgt, -Verbreitung wünschen kann, da sie den nacktesten Tatsachen widerspricht. - -Auch Weismanns eigene Anschauungen haben aber innerhalb der -vierundvierzig Jahre Darwinismus schon ihre besondere Geschichte. - -Sie sind zu ihrer Zeit als unvollkommener Keim sichtbar geworden, sind -in vielfältigem Hader gewachsen und sind heute, soweit Weismann als -Person in Betracht kommt, ausgewachsen. Ganz ausgewachsen im ideellen -Sinne sind sie natürlich noch so wenig wie irgend ein menschlicher -Gedanke, der in die vorläufig unserem Blick einmal „ewige“ Menschheit -gesäet worden. Mit Bedauern lese ich, daß August Weismann durch ein -Augenleiden mehr und mehr im praktischen Forschen gehemmt wird, wobei -ich doch von seinem theoretischen Denken mir noch reiche Frucht -verspreche, trotz seines „Testaments“. Inzwischen stelle ich fest, -- -und ich denke, hier wird Freund wie Feind des Darwinismus und aller -seiner Schattierungen mir anstandslos recht geben --, daß im ganzen -Darwinismus nächst Darwin selbst kein zweiter so sittlich vornehm, so -liebenswürdig, ja, ich möchte sagen: so graziös zu hadern verstanden -hat wie er. Und das auf einem Gebiete, wo gelegentlich unverkennbar mit -Dreschflegeln und verwandten, nicht völlig einwandfreien Instrumenten -in Sachen der Weltanschauung operiert worden ist -- ~nomina sunt -odiosa~. - -Neben diesem Charakter ist zur Sache zu sagen, daß Weismann zwar -nicht im Sinne eines Kampfschlusses objektiv gesiegt hat, -- wer hat -denn in diesen vier Jahrzehnten irgendwo „gesiegt“ vor Problemen, die -mindestens der Beobachtungskontrolle von Jahrtausenden bedürften! Aber -er hat seine „Schattierung“ klar herausgearbeitet. In diesem Buche -feiert das seinen Triumph. - -Es ist ein Werk von solcher stilistischen Klarheit, wie der Darwinismus -höchstens noch zwei oder drei besitzt unter seinen allerbesten. Es -ist alles so abgeschliffen und ausgeklärt, jedes Beispiel genau -blankgewischt und an seinen Fleck gestellt, wie bei Schauobjekten einer -am Schnürchen laufenden Schuldemonstration. Sehen muß hier jeder, was -gemeint ist, -- mag er das Begriffene danach schelten. - -Von keiner Linie des Darwinismus wird heute mit mehr Eifer behauptet, -daß sie falsch sei, wie von der Zuchtwahl-Theorie. Nun denn: Weismann -ist zur Zeit der extremste Vertreter gerade dieser Zuchtwahl-Theorie. -Das bestimmt eben seine Eigenart. - -Man muß, um seine Stellung andeutend zu fixieren, auf den alten -Gegensatz zurückgehen zwischen Lamarck und Darwin, einen Gegensatz, -der überhaupt mit den Jahren wieder immer interessanter geworden ist. - -Als Darwin sich an den Entwickelungsgedanken wagte, schien es ihm vor -allem nötig, ihn aus dem Schutt herauszuarbeiten, in den er mit Lamarck -geraten war. Heute haben wir umgekehrt wieder eine feste Schule von -Neo-Lamarckisten, die ungefähr etwas Ähnliches von Darwin sagen. - -Umgekehrt ist aber auch aus dem immer noch vorsichtigen Darwinschen -Vorstoß ~contra~ Lamarck eine Lehre erwachsen, die dann erst mit Stumpf -und Stiel den letzten Lamarcksrest austreiben möchte. Und das ist die -Farbe Weismann im Bilde. - -Lamarck hatte eines deutlich erfaßt, und das ist übriggeblieben in -+allen+ späteren Meinungen. - -In der Entwickelung der Tier- und Pflanzenarten sind zwei Faktoren zu -beachten. - -Ein +äußerer+ und ein +innerer+. - -Außen wechseln die Bedingungen des Lebens auf Erden. Sie ziehen vorbei -wie ein großes Wandelpanorama. - -Innen, in den Lebewesen selbst, reagiert aber etwas darauf. Sie passen -sich diesen Bedingungen an. - -Wie aber ist nun das wahre Verhältnis von drüben und hier? Wir suchen -in der Natur Kausalzusammenhänge. Wo sind sie hier? - -Lamarck sagte: Außen wirkt auf innen. Die äußeren Bedingungen treten -nach innen auf als Forderungen. Und diese Forderungen finden Gehör bei -einer Eigenschaft des Innern. Sie rufen „Übung“ hervor. Der Arm, der -zum Schlagen gefordert wird, stählt sich, der Hals, der hoch reichen -soll, streckt sich. Das Resultat dieser Übung aber wird auf die -Nachkommen vererbt. Ihr Arm wächst sogleich muskelstärker, ihr Hals -gleich in der nötigen Länge. So fixiert sich die Übung hier bereits als -angeborene Anpassung. Und so fort. - -Nun Darwin. - -Das langt nicht. Durch Übung wird kein Laubfrosch grün, kein -Blattschmetterling seinem Blatte ähnlich. Und doch haben wir -auch solcher Anpassungen die Fülle. Es muß noch ein besonderes -Wechselverhältnis geben zwischen dem Außen und irgend einer andern -Eigenschaft des Innen, die auch hier entgegenkommt. Und Darwin findet -es in der Zuchtwahl, der Selektion. Neben der Übung gehört zu den -entgegenkommenden Möglichkeiten die Variation. Ein beständiges Spiel -waltet da von allerhand Hervorbringungen, die unabhängig von der Übung -herausgeworfen werden. Diese Variation macht z. B. einen Frosch, der -sonst braun war, auch einmal grün. Und jetzt darauf reagiert das -Äußere nicht erzieherisch, wie bei der Übung, sondern gewaltsam. -Der grüne Frosch wird als zweckmäßige Anpassung auf Grün erhalten, -weitergezüchtet, während alle nicht grünen Formen eingehen müssen. Das -ist die berühmte Auslese der Passendsten. - -Ein sinnvoller Gedanke, der zunächst durch seine Einfachheit fortriß. -Aber man sieht: er wirft Lamarck nicht um. Er ergänzt ihn nur für -die unzähligen Fälle, vor denen die Anpassung durch Übung als -Erklärungsgrund versagt. - -Aber nun wieder einen Spatenstich tiefer. - -Was steckte hinter dieser Variation? Was war ihr Geheimnis, ihr Gesetz? -Mit dieser Frage sind wir mitten in den Kämpfen der Schule Darwins. - -Eine Linie beschäftigte sich bloß mit der Schrittweite, dem Maß dieser -Variation. Ob schon winzige, gesetzmäßige Gleichgewichtsschwankungen -zur Artbildung führten oder bloß kräftige, das Innerste erschütternde -Stöße? Hier setzt heute de Vries ein, der experimentell festgestellt zu -haben glaubt, daß stets ein wirklicher Stoß, ein Ruck oder Sprung nötig -sei, eine Mutation. Doch der Darwinsche Grundgedanke bleibt in dieser -Linie unangetastet. - -Über Darwin mußte dagegen in irgend einer Weise hinausführen jede -Meinung über die tieferen +Ursachen+ der artbildenden Variation. - -Die eine Richtung grub ausschließlich nach innen, ins Innerste des -Innern hinein weiter. Gab es nicht doch ein festes inneres Hausgesetz -der Variation, das schon der ersten Urzelle eingeprägt war? - -Hier wurde Nägeli bedeutend. Er verknüpfte die Frage mit einem älteren, -vordarwinistischen Gedanken. Er suchte ein „Entwickelungsgesetz“ schon -in der Variation. Aber er ließ es teleologisch arbeiten. Es drängte -selber schon, in einem allerdings schwer definierbaren „Hellsehen“, -auf nützliche Anpassungsvarianten, wie sie außen gefordert wurden, -direkt hin. Damit wurde die Selektion überflüssig. Und so führte Nägeli -allerdings folgerichtig wieder aus Darwin heraus, ohne zu Lamarck -zurückzukehren, -- in ein Drittes hinein. - -Aber das hatte man ja gerade an Darwin geschätzt, daß er keine -teleologische Grundveranlagung brauchte, sondern das Zweckmäßige -erst vor unseren Augen entstehen ließ. Die ganze Hauptmasse der -Schule schwenkte also hier nicht mit. Aber wo lag denn das Gesetz der -Variation? - -Im „Zufall“? - -Das ist oft als Hilfs- und Notwort gesagt worden. Jeder wußte aber, daß -Zufall einen eigentlichen Sinn in einem Spiel von Kausalzusammenhängen, -wo alle Karten aufgedeckt sind, gar nicht besitzt. Und nach solchem -Spiel suchte man doch. - -So sah man sich unhemmbar wieder ins „Außen“ gedrängt. - -Steckten die Anstöße zur Variation nicht doch irgendwie im Druck der -Verhältnisse, im Milieu selbst, -- also außen? - -Hier lag eine unverkennbare Möglichkeit, in äußerster Schwenkung doch -noch wieder auf einen +vertieften Lamarck+ zu kommen. Darwin hat -in späteren Jahren selbst etwas paktiert mit dieser Richtung. Die -Neo-Lamarckisten haben sie offen proklamiert. - -Das jetzt ist aber die Stelle, wo Weismann vor Jahren zuerst in die -Debatte mit einem wahren Blitzschlage eingegriffen hat. - -Er versuchte, den ganzen Lamarckismus nachträglich in Grund und Boden -zu schlagen durch die Behauptung, daß die Ergebnisse dieser ganzen -direkten Einflüsse von außen auf innen, wie Übungsstärkung u. s. w., -also jene vom Individuum +erworbenen+ Eigenschaften, +nicht -vererbt werden könnten+. - -War das richtig, so konnte auf dem Lamarckswege niemals eine neue -Art entstanden sein, denn jeder Anlauf zu einer Anpassung blieb -individuell und starb mit dem Tode des Individuums wieder aus, ohne -in die Unsterblichkeit der Generationenfolge durch Kinder und Enkel -einzutreten. - -Mochte das nun bestritten werden -- und wie ist es bestritten worden -bis auf diesen Tag nicht bloß von Lamarckisten, sondern auch von -engeren Darwinisten und auch von ganz indifferenten Physiologen und -Vererbungstheoretikern --: für Weismann war damit seine weitere -Bahn endgültig gegeben. Ihm galt es, den Darwinismus vom letzten -Rest Lamarckismus reinzuputzen. Da er kein drittes Prinzip im Sinne -Nägelis hatte, blieb schlechterdings nichts übrig, als die natürliche -Zuchtwahl auch in allen Fällen, wo Darwin noch Lamarck Raum gelassen, -für die absolute Macht zu erklären. Es wurde die +Allmacht der -Naturzüchtung+ proklamiert. - -Das für sich vollzogen, wurde aber nun wieder etwas hochinteressant. - -Nämlich: wie endlich Weismann ohne Nägeli und auch ganz ohne Lamarck -den geheimen Mechanismus der Variation für sich deuten werde. - -Abermals wird hier eine neue, zunächst unabhängige Linie der -Darwinschen Schule wichtig: der Ideengang von Wilhelm Roux. - -Roux faßte den Gedanken -- einen der genialsten nach Darwin, -- daß es -nicht bloß eine äußerliche Zuchtwahl geben müsse, sondern auch eine im -Innern. Eine Zuchtwahl nicht bloß des Milieus gegenüber den Individuen, -sondern auch eine Zuchtwahl durch den Kampf ums Dasein der Teile im -Individuum selbst. - -Wir wissen ja, daß jedes Individuum, jedes echte Einzeltier, jede echte -Einzelpflanze, aus Teilen besteht, die mehr oder minder jeder für sich -etwas Selbständiges in ihm darstellen. Das einfachste Beispiel in allen -etwas entwickelteren Lebensformen sind die Organe. Goethe stand schon -tief bewegt vor diesem Geheimnis. In dem ersten seiner morphologischen -Hefte sagt er: „Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine -Mehrheit; selbst insofern es uns als Individuum erscheint, bleibt es -doch eine Versammlung von lebendigen, selbständigen Wesen, die der -Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder -ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können. Diese Wesen sind teils -ursprünglich schon verbunden, teils finden und vereinigen sie sich. Sie -entzweien sich und suchen sich wieder und bewirken so eine unendliche -Produktion auf alle Weise und nach allen Seiten.“ Einundzwanzig Jahre, -nachdem diese Stelle gedruckt, einunddreißig, nachdem sie geschrieben -war, wurde in der „Zelle“ ein noch viel fundamentaleres Bauelement der -Lebewesen entdeckt. Seit Schleiden, Schwann und vor allem seit Virchows -bahnbrechenden Arbeiten wissen wir, daß alle höheren Pflanzen wie Tiere -ungeheure Komplexe, Genossenschaften, Staaten solcher Zellen sind. -Erst tief an der Wurzel alles Lebendigen fällt Zelle und Individuum -zusammen. Aber selbst vor der Zelle macht die Auflösung noch nicht -Halt. Selbst sie noch erscheint als ein verwickeltes Sozialgebilde aus -einer ungeheuren Masse noch einfacherer Lebensträger. - -Nun denn: auch diese Teile und Teilchen bis ins Winzigste, Unsichtbare -hinein, sie müssen in einem unausgesetzten Konkurrenzkampfe stehen. -Besser gelagerte, besser genährte überwinden die minderwertigen. -Bestimmte Gruppen siegen und unterliegen; eine große Zuchtwahl waltet. - -So weit im Kern der Ideengang Roux’. Nun darüber hinaus wieder Weismann. - -Dieser Kampf der Teilchen mit seiner inneren Auslese findet auch in -dem Allergeheimnisvollsten statt, was die lebenden Wesen besitzen: in -ihrem körperlichen „Unsterblichkeitsteil“, nämlich dem sogenannten -Keimplasma, dem Kraftreservoir, das bei der Fortpflanzung mitgegeben -wird. Und sein Resultat ist die Variation der neu entstehenden -Gesamtindividuen, die natürlich erblich sein +muß+, da es sich -ja um Resultate sozusagen im Herzen aller Vererbung, im ewigen -Keimplasma, handelt. Bei den Ergebnissen dieser Variation mag dann die -Zuchtwahl höheren Grades, die Darwin zunächst nur gesehen hatte, sie, -die feste Arten mit zweckmäßigen Anpassungen bildet, einsetzen. - -Erst in diesem „Testament“ kommt Weismanns Gedankengebäude zum ersten -Mal völlig klar heraus. Erst jetzt wird deutlich, was der Satz von der -Allmacht der Zuchtwahl schließlich doch für Wahrscheinlichkeiten selbst -wieder öffnet. - -Wohl: außen ist jetzt Zuchtwahl, innen Zuchtwahl, Zuchtwahl überall. -Doch gerade dabei zeigt sich plötzlich erst recht eine feine, aber -sichere Brücke von „außen“ nach „innen“. - -Das Milieu, das außen die Individuen ausliest, wirkt doch auch in ihnen -als Ernährung mit. Wenn dieser Einfluß lange Zeit ein gleichartiger -ist, so muß er im inneren Kampf der Teile bis in das entscheidende -Keimplasma hinein schließlich auch schon eine ganz bestimmte Auslese, -einen bestimmten Sieg, eine bestimmte Richtung der Variation dort -bewirken. - -Und damit ist die endgültige „Möglichkeit“ wenigstens geschaffen, daß -der äußeren Zuchtwahl bestimmte nützliche Varianten schon +in die -Hände arbeiten+. Äußere und innere Zuchtwahl, im letzten Ende vom -Gleichen bewegt, können aufeinander losarbeiten wie in einem Ansatz -wenigstens zu einer „prästabilierten Harmonie“. - -Man sieht, was das bedeutet. - -Es ist der beste Kern des Nägelischen Gedankens gerettet, ohne daß doch -ein unklares teleologisches Entwickelungsgesetz nötig würde, und auch -ohne daß die Zuchtwahl überflüssig würde; die äußere Zuchtwahl wird nur -in etwas entlastet durch die innere. - -Zugleich aber ist trotz aller Allgewalt des Zuchtwahlprinzips doch -auch wiederhergestellt und anerkannt der wichtigste Kerngedanke des -Lamarckismus, daß nämlich zuletzt der Druck der äußeren Verhältnisse -die Anpassung schafft. - -In dieser Form umfaßt der Weismannismus alle kräftigen Triebe, die das -Deszedenzprinzip bisher hervorgebracht hat und genügt damit formal -zweifellos den Anforderungen an eine Schlußhypothese. Weismann selber -muß das genügen; er darf mit Befriedigung auf eine Bahn blicken, die -für sein Teil konsequent durchlaufen ist. Den Fortgang mögen andere -suchen, meinetwegen auch den Rückgang. Die Geschichte der Wissenschaft -hat etwas von Penelope, die in der Nacht trennt, was sie am Tage gewebt -hat. Darum kann einer doch den Ruhm eines guten Webers behalten. - -Was ich hier angedeutet habe, ist nur der größte Gerüstbalken -des Buches, roh wie die Tragbalken in der Goldelfenbeinmasse des -olympischen Zeus. Das Werk selbst wirkt so ungemein fesselnd, weil es -sich breiter und breiter vor dem Leser aufbaut. Man fühlt mit, wie -Weismann sich allmählich die ganze Deszendenzlehre neu aufzimmern, -mit ihrem gesamten Apparat neu ordnen mußte. Dann aber kam er -wirklich an die Grenze, wo es eine individuelle Biologie zu schaffen -galt und schließlich eine ganze Weltanschauung mit der spezifischen -Weismann-Farbe. Das letzte Kapitel verrät davon wenigstens noch -einiges. Ein Gedanke sehr allgemeiner Art taucht dabei noch auf, der -mir wert scheint, daß man ihn bespricht, vielleicht auch, daß man ihm -widerspricht. - -Weismann empfindet, was jeder vor jedem ganz tief gefaßten Problem -zuletzt empfinden muß: man kommt auf die +Urfragen+. - -Hinter außen und innen, Vererbung und Zuchtwahl erwachsen die großen -Türhüter des ganz Rätselhaften. Was ist Leben, was Materie, Geist, -Zweck, Zeit, Kausalität? - -Und er meint, wir müssen da ewig +resignieren+. - -Muß es nicht so sein? fragt er. - -Auch wir sind Anpassungsprodukte jener großen Lebensmühle, angepaßt an -ganz bestimmte Forderungen des Lebens. Zu diesen Forderungen gehört -aber nicht, daß unser Verstand etwas ergrübelt über jene letzten -Fragen. Lassen wir also den Versuch, über uns selbst hinausgreifen zu -wollen; bescheiden wir uns. - -Ich kann diesem Schluß Weismanns nicht zustimmen. - -Seit drei Jahrtausenden mindestens besteht eine ganz bestimmte -Beziehung zwischen dem Glück grade der edelsten, denkenden, -voranschreitenden Menschen und diesem innigen Ringen um die Grundfragen -der Philosophie, diesem immer erneuten Ringen um das „du segnest mich -denn“ an dieser Stelle. - -Das Glück der Menschheit verlangt +nicht mehr bloß+ nach Anpassung -an die äußeren Bedingungen der Welt im Sinne einer immer mehr -vervollkommneten Technik -- fester und fester verspinnt es sich mit -jenen Fragen nach Sinn und Wesen der Welt, mit der einfachen Frage der -+Philosophie+. - -Es gibt sich nicht mit der Resignation allein zufrieden. In ihr muß der -Mensch hungern, wie nur je ein schlecht angepaßtes Tier gehungert hat. - -Aber gerade in Weismanns Buch wird so hinreißend deutlich gemacht, wie -der Hunger, das Bedürfnis das Ideal, die vollkommnere Anpassung selbst -herausgezogen, heranentwickelt hat -- damals, bei den Pflanzen und -Tieren, so tief da unten. - -Und oben bei uns soll das nicht mehr so gehen? - -Bei unserem Geisteshunger ...? - - * * * * * - -Haeckel hat mit seiner Person zu lange im Brennpunkte des Darwinismus -gestanden, um +bloß+ eine Schattierung zu spiegeln. Bei ihm macht -man den ganzen Kampf der ersten vier Jahrzehnte auf den Vorposten mit. -Für mich hat es vor seinem Buche einen unwillkürlichen Reiz, eigensten -Erinnerungen nachzuhängen. Sie haben etwas Charakteristisches, ich -weiß, wie vielen in der Generation, die mit Darwin aufgewachsen ist, -ich ihre eigenen Erlebnisse erzähle. - -Meine frühesten Erinnerungen gehen zurück auf Darwins Porträt. Ich war -zu jung, um das Buch von der „Entstehung der Arten“ lesen zu können. -Aber der eigenartige Kopf mit der fast abnormen, tiefgefurchten Stirn -und dem weißen Patriarchenbart prägte sich ein. Es war ein Kopf, den -auch ein Knabe nicht vergaß. Als Schuljungen stritten wir uns, ob der -Name D=a=rwin oder Darw=i=n auszusprechen sei. - -Die neue Gedankenwelt kam mir zum ersten Mal äußerlich in gewissen -Schlagworten wie „Affenmensch“ nahe, als in meinem Elternhaus die -Falstaffgestalt Karl Vogts auftauchte. Er reiste schon in Darwinismus, -hielt zwischen einem Menschen- und einem Gorillageripp seine bekannten -geistsprühenden Vorträge und war nebenher nicht abgeneigt, sich die -brave volkstümliche und wissenschaftliche Arbeit durch reichliche -Festessen versüßen zu lassen, was er dann wieder seinerseits mit -den köstlichsten Bonmots vergalt. Das war noch der Darwinismus der -sechziger Jahre, für Vogt genau damit abgegrenzt, daß er nach 1870 -als öffentlicher Redner sich aus politischen Gründen nicht mehr in -Deutschland hat sehen lassen. - -In dieses erste Jahrzehnt weisen noch die vier ersten Vorträge des -ersten Haeckelschen Bandes. Mit dem frühesten, am 19. September 1863 -auf der Naturforscherversammlung in Stettin gehalten, setzte die -Entwickelungslehre in Deutschland ein. Die alten Schul-Zoologen und --Geologen schüttelten die Köpfe, als der hübsche junge Herr aus Jena -mit dem Blondkopf und den strahlenden Blauaugen in hohem Stimmton eine -neue Ära für eingeleitet erklärte. Das zähle in eine Sorte mit der -berüchtigten Od-Lehre und anderem spiritistischen Unfug, meinten sie, -daß Arten sich verändern könnten und wohl gar der Mensch vom Affen -abstammen solle! Unter den Kollegen aber saß damals Virchow und stimmte -mit Haeckel. Bloß für das menschliche Bewußtsein wollte er schon ein -Separatkonto gewahrt wissen, die natürliche Entwickelung gab er ruhig -zu. - -Drei Jahre darauf erschien Haeckels bestes biologisches Werk, die -„Generelle Morphologie“, so schwer für den Laien aus Fachgründen, -daß es dort niemand las, und so fremdartig für den Fachgelehrten -aus philosophischen Gründen, daß es dort nahezu niemand verstand. -In einer guten Stunde aber schmuggelte nochmals zwei Jahre später -Haeckel seine ketzerischsten und verwegensten Ideen in ganz schlicht -populärer Form an einem Orte ein, wo man sie am wenigsten vermutete: -in der Virchow-Holtzendorffschen „Sammlung gemeinverständlicher -wissenschaftlicher Vorträge“. Es sind die Nummern II und III des neuen -Buches: „Über die Entstehung des Menschengeschlechtes“ und „Über den -Stammbaum des Menschen“. - -Darwin hatte sich gerade über dieses heikelste Thema noch nicht -entscheidend geäußert. Auch jetzt war es aber noch Virchow selbst, -der ohne jeden Skrupel das bedenkliche Manuskript passieren ließ, ja -sogar Haeckel persönlich seine Freude darüber aussprach. Auf alle -Fälle war der Ort, wo die Bombe sich diesmal barg, in der allgemeinen -Geltung der denkbar harmloseste. Diese Hefte waren ob ihres friedlichen -Deckschildes tatsächlich das erste von Haeckel, was ich als Junge in -die Hand bekam und wirklich las. - -Inzwischen war die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ rasch nachgefolgt, -in der ersten, noch kalenderhaft primitiv illustrierten Ausgabe. Zu -ihrer Lektüre bildeten wir als Gymnasiasten einen Geheimbund mit den -rigorosesten Satzungen wie Vehme oder Freimaurer. In der verborgenen -Hinterstube einer ziemlich anrüchigen Kölner Bierwirtschaft hielten -wir Sitzungen ab, deren Mittelpunkt „das Buch“ bildete, mit seinen -Embryo- und Monerenbildern, seinen Kühnheiten gegen Himmel und Kirche -(wir wurden zwischendurch konfirmiert!), nebenbei tranken wir das erste -verbotene Glas Wirtshausbier, was den Reiz der Situation erhöhte. -In den Debatten aber steckte eine jugendlich-frische Inbrunst der -Anteilnahme an einem jäh eröffneten unendlichen Gedankenreich, daß ich -mich heute noch an der Erinnerung wärme und mit Dank auf diesen kleinen -Kreis echter „Leser“, wie man sie Büchern wünscht, zurückschaue. - -Das waren die siebziger Jahre des Darwinismus. - -Die Vorträge Haeckels über „Zellseelen und Seelenzellen“, „Perigenesis -der Plastidule“, „Urkunden der Stammesgeschichte“ und „Ursprung und -Entwickelung der Sinneswerkzeuge“ in der Sammlung gehören alle -hierher. Den letzteren Vortrag hielt Haeckel auch einmal in Köln. - -Der Kulturkampf hatte in der Stadt der Kirchenglocken eine mächtige -darwinfreundliche Strömung geschaffen; nicht nur Schüler, sondern -auch eisgraue Oberlehrer fingen an, der neuen Ketzerei zu folgen. -Unser Religionslehrer an einem Kölner Gymnasium, ein trefflicher, -hochgebildeter Mann, gab sein Amt auf, da er sich zum Darwinismus -bekehrt hatte, und wesentlich durch Anteilnahme tüchtiger Gymnasial- -und Realschullehrer entstand der naturwissenschaftliche Verein, der -Haeckel zu einem Vortrag einlud. Hier habe ich ihn zum erstenmal -gesehen. Wir wunderten uns, daß der „junge“ Darwinianer schon einen -Anflug von grauen Haaren hatte, er hatte schon ein ernsteres Stück -schwerer Lebenspilgerschaft hinter sich, als wir ahnten. Aber er machte -doch auch ein paar gute Witze, wie es immer seine Art gewesen ist, -bis in die „Welträtsel“ hinein, wo es ihm als besonders frivole Sünde -angekreidet worden ist. Glücklich, wer auf solcher Vorpostenstellung in -vier Jahrzehnten wildesten Kampfes gegen alle Sorten roher und feiner -Geschosse die Naturgabe hat, daß ihm der gutmütige Gelegenheitswitz -nicht ausgeht! Damals warf er mitten im tiefernsten Vortrag die Frage -hin, ob die Wagnersche Musik uns wohl neue Gehörwerkzeuge anzüchten -werde. Der dicke Komponist Ferdinand Hiller, der schon die Wassersucht -hatte und nur mühsam, aber tapfer im Saale aushielt, lachte sich -zu Tränen darüber. Es ist lange her heute, man fühlt es in jeder -Kleinigkeit. - -Am Ende dieses Jahrzehnts steht dann der große Zwist mit Virchow -auf der Naturforscherversammlung in München. Auch zu ihm liegen die -Dokumente jetzt für Haeckels Seite vollzählig in dem zweiten Bande der -Sammlung: zuerst der Vortrag „Über die heutige Entwickelungslehre im -Verhältnis zur Gesamtwissenschaft“, dann die ganze Streitschrift „Freie -Wissenschaft und freie Lehre“ mit ihren sieben Kapiteln und ihrem -Anhang. - -Die Dinge hatten auf dieser Zeithöhe wieder ein etwas anderes Gesicht. -Die Kirchenangst war allgemein für eine Weile auch bei den zartesten -Gemütern zurückgetreten. Dafür begann jetzt die Sozialistenangst zu -herrschen. Die Frage kam, ob nicht jeder Darwinianer schließlich „gar -ein Sozialdemokrat“ werden müsse. Virchow warf das in seiner Münchener -Rede so hin, wie den gelegentlichen Einfall einer schlaflosen Nacht. Er -wußte aber gut genug als alter Praktiker, wie sehr er damit ein Signal -gebe: das Signal für eine ganz neue Sorte Reaktion dem Darwinismus -gegenüber. Der Darwinismus staatsgefährlich, gesellschaftsgefährlich! -Das wurde plötzlich Parole, und es wird immer fatal in der Geschichte -der modernen Naturforschung bleiben, daß ein Naturforscher grade die -Stirn gefunden hatte, diese Parole auszusprechen zu einer Stunde, da -selbst die reaktionärsten Kreise außerhalb der Naturforschung sich -+so weit+ noch nicht getraut hatten. - -Für mich selbst setzte es einige Jahre später wie eine Offenbarung -ein: welche wunderbare Anteilnahme sich bei der Arbeiterschaft -für darwinistische Probleme zeigte. Ich lernte das kennen bei den -Vorträgen über Entwickelungslehre, die ich Jahre hindurch in Berliner -Arbeitervereinen selbst gehalten habe, vor ungezählten Massen immer -neuer Zuhörer und immer vor einem gleich dankbaren und aufmerksamen -Publikum. - -Dem eigentlichen politischen Wirken stets fern, verzeichne ich diese -Tatsache gerade erst recht als eine der erfreulichsten Erfahrungen -meines Lebens. Sie bewies natürlich nicht, daß Darwinismus und -Sozialdemokratie identisch seien, aber sie war ein Beweis für -das unaufhaltsam machtvolle Aufblühen eigener Geisteskeime und -Geistesbedürfnisse in der Arbeiterschaft in diesen Jahren. Eine -neue Schicht Menschen begann nachzudenken über die Welt, über sich -selbst, über Bedingungen wie Möglichkeiten ihres Daseins. In solcher -Stimmung und Stunde führt jedes beliebige Material, das aus der freien -Geisteswerkstatt kommt, zu freieren Ausblicken und hilft schließlich -mit zu aktiven Freiheitsbewegungen, mag auch der stille Denker im -Kämmerlein noch so wenig daran gedacht haben. Wie sollte die große -Lehre es nicht tun, die von einem unaufhaltsamen Flusse aller Dinge -sprach, eine Entwickelung predigte, die Sonnen und Planeten und den -Menschen selbst gebaut hatte? - -Diese Erlebnisse geben mir in der Rückschau heute ein so lebhaft -jungfrisches Bild, daß es mir Mühe macht, mich in die Greisenhaftigkeit -jener Virchow-Aussprüche gerade für diese Jahre auch nur noch -historisch hineinzufinden. Was Haeckel damals geantwortet hat und was -für Polemik sich an seine Definition des Verhältnisses von Darwinismus -und Sozialdemokratie wieder anknüpfte, braucht heute nicht wiederholt -zu werden. Er hat es nach vierundzwanzig Jahren wörtlich wieder so -abdrucken lassen, und im Grunde mit Recht. Es hat heute auch den Wert -eines historischen Aktenstücks. Und der schärfste Gegner findet ja auch -den Satz wieder mit abgedruckt: „Ich bin nichts weniger als Politiker.“ - -Ich blättere noch ein paar Seiten in dem zweiten Bande weiter und -zugleich ein paar in meiner Erinnerung. - -Das achtziger Jahrzehnt ist in der Sammlung nur vertreten durch den -Vortrag auf der Eisenacher Naturforscher-Versammlung von 1882 über „Die -Naturanschauung von Darwin, Goethe und Lamarck“. Fünf Monate vorher -war der alte Darwin gestorben. Der Darwinismus stand im Zeichen seiner -Siegessonne. In diesem Augenblick interessierte nur noch als Sensation, -wie weit Darwin selber in den äußersten Konsequenzen mitgegangen sei. -Das Zugstück dieser Rede war also eine Briefstelle, in der der Alte -von Down den Begriff der „Offenbarung“ mit kühler Gelassenheit über -Bord warf und die Unsterblichkeit der Seele unter die „widersprechenden -unbestimmten Wahrscheinlichkeiten“ verwies. - -In diesen achtziger Jahren brannte aber an einer ganz anderen Ecke des -geistigen Lebens ein Leuchtfeuer für sich auf: die naturalistische -Bewegung in der Kunst. Am Schlusse des Jahrzehnts führte sie zu -stürmischen Theaterszenen, -- bei der armseligen Rolle, die das Theater -heute bei uns leider spielt, an und für sich Stürme im Glase Wasser. -Aber auch hier brach das Politische, die soziale Färbung der Zeit, sich -Bahn. Über die Bühne rauschten die „Weber“, aus der naturalistischen -Bühne für neue Kunst entwickelte sich für eine Weile die Zeitschrift -„Freie Bühne“, die wenigstens für ein paar Jahre den Versuch machte, -weit über das Litterarische hinauszugreifen. Hier, bei der Leitung -dieser „Freien Bühne“, die ein unruhiges, aber doch an Anregungen -reiches Kapitel für mein eigenes Leben bedeutet, bin ich wieder stark -mit Haeckel in Berührung gekommen. - -Diesmal hatten sich persönliche Beziehungen angesponnen, die ungetrübt -dauern sollten, mir zu reichem Gewinn, denn jenseits all seiner -Leistungen, wie sie die Bücher geben, und jenseits alles Streites -um diese Meinungen steckt in Haeckel ein Persönlichkeitszauber, den -alle empfunden haben, denen er je einmal die Hand gedrückt hat. -Viele Dinge haben in ihm zusammengewirkt: das kleine Jena und die -ungeheure Tropenferne, die seine Reisen ihm erschlossen, die Linie -strenger Gelehrtenarbeit und die Arabeske des Künstlertemperamentes, -das Schlichte eines halben Menschenlebens vor dem Mikroskop und die -Romantik einer solchen Geistesrevolution, wie sie der Darwinismus -in die Zeit warf, der Ernst eines einsamen Vorkämpfers für ein -selbstgestelltes Programm über die höchsten Dinge des Himmels und der -Erden und die burschikose Studentenheiterkeit bis unters weiße Haar. - -Von den beiden Aufsätzen, die Haeckel damals für die „Freie Bühne für -den Entwickelungskampf der Zeit“ geschrieben hat, hat besonders der -erste: „Die Weltanschauung des neuen Kurses“ starkes Aufsehen gemacht. -Wieder einmal hatte die Front sich etwas verschoben: die Kirche wurde -von oben begünstigt. So sind die Dinge hin- und hergependelt in den -vierundzwanzig Jahren, immer wieder mit anderen Gesichtern gegen den -Darwinismus, aber im Grunde immer die gleichen Feinde. - -Es hatte wenig Aussicht, zum Frieden läuten, während die Parteiwellen -gegeneinander brandeten. In jenen „Freie Bühne“-Jahren wurde in -Berlin die Gesellschaft für „Ethische Kultur“ gegründet, von ethisch -und intellektuell hochstehenden Männern, deren Liebe nicht bloß eine -klingende Schelle war, aber mit einem praktischen Unstern, der bis -heute darüber geblieben ist und auch aus gewissen innersten Gründen -meiner Ansicht nach bleiben mußte. - -Die Kunde davon ging aber damals weit herum. Auch Haeckel kam von Jena -herüber und hoffte. Doch schon die Anfangsverhandlungen stießen ihn -ab. Man konnte sich über seine Weltanschauung schließlich streiten --- aber was sollte er in einem Kreise, wo es von der Weltanschauung -überhaupt hieß, daß man von ihr in der Praxis absehen könne und daß es -eine „absolute Ethik“ zu finden gälte, die auf alle verschiedensten -Weltanschauungen passe, -- auf den Jesuitismus schließlich wie auf das -Glaubensbekenntnis Goethes oder die Toleranzlehre Lessings? Es war -nicht Haeckel allein, der die Existenzmöglichkeit dieses ethischen -Universalzugtiers bestritt. - -Aber eine gewisse Sehnsucht nach Vertragen, nach Frieden kennzeichnet -doch auch bei ihm den Eintritt in das vierte Jahrzehnt des Darwinismus, -die neunziger Jahre. - -Aus ihr heraus ist, unabhängig von der „Ethischen Kultur“-Bewegung, -das „Glaubensbekenntnis eines Naturforschers“ entstanden, das zuerst -in der „Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes“ zu Altenburg -1892 abgelegt wurde und das mit den Worten schloß: „Das walte Gott, -der Geist des Guten, des Schönen und der Wahrheit“. Für Haeckel war -es das Maximum, was er an Versöhnlichkeit von seinem Naturell und -Standpunkt aus geben konnte. Zum Lohne der guten Absicht und zur Kritik -der unabhängigen Ethik ist es mehr und gröber befehdet worden als -frühere Schriften weit polemischeren Inhalts. Und die Gegenstimmung -von dieser Ecke hat dann wieder viel mitgewirkt bei dem herben Ton des -nachfolgenden Buches „Die Welträtsel“. - -Dieses Werk bildet den Abschluß gewiß nicht des Darwinismus, aber in -mancher Hinsicht doch wirklich seiner ersten Vierzigjahresepoche in -ihrer entscheidendsten philosophischen Färbung. Ich beurteile es hier -absichtlich nicht, die großen Fragen mögen für sich selbst sprechen, -so und so. Aber ich meine, daß es +einen+ Zug hat, den ihm -Freund +wie+ Feind in der Folge danken werden. Die konsequente -Klarheit meine ich, mit der eine ganz bestimmte Weltanschauung darin -bis auf das letzte Tipfelchen herausgearbeitet ist. In einer Reinheit -der Linienführung, die ich so bei keinem zweiten Naturforscher und -Naturphilosophen unserer Zeit kenne, gibt sich Haeckel als das, was er -sein will. - -Es erscheint sein Zug zum Materialismus, der doch vom gewöhnlichen -Schulmaterialismus sich wieder eigenartig abhebt durch seine Schwenkung -in der Seelenfrage zum Panpsychismus, zur Urbeseelung der Materie. -Es erscheint seine unbedingte Verwerfung dessen, was sich heute für -„christliche“ Philosophie ausgibt, und seine individuelle Abneigung -wenigstens gegen alle kühneren Feldzüge der rein spekulativen -Erkenntnistheorie auch außerhalb der christlichen Dogmatik. Mögen heute -die Leute sagen, Haeckel sei gar kein Philosoph. In der Dauergeschichte -der menschlichen Geistesarbeit haben sich von jeher nicht die Werke an -hellster Stelle gehalten, die am meisten reine Wahrheit enthielten. Wer -wollte das auch schon nach so kurzen Fristen, wie sie unsere Geschichte -gibt, abwägen. Und die alte Pilatusfrage lebt immer noch: Was ist -Wahrheit? ... - -Aber immer sind es +die+ Werke gewesen, die irgend ein System der -Welterklärung ganz klar +dargestellt+ haben, es herausgearbeitet -haben zum blanken Kristall, daß fortan jeder darnach greifen konnte -wie nach einem Hausgerät, so oft er darnach greifen +wollte+. Und -das hat Haeckel gemacht, es gibt seinen Werken den monumentalen Bezug -zum Geschichtlichen, es erhebt sie zu Quellen, die dermaleinst Freund -+und+ Feind als solche schätzen werden. - - * * * * * - -Was wollt Ihr an die Stelle der darwinistischen Grundideen setzen? -Immer kann es doch nur eine Vertiefung sein, die das Große, was da -geleistet worden ist, voraussetzt und anerkennt, um +dann+ -weiterzukommen, -- und nicht eine wirkliche Umkehr. - -Umkehr, -- ja wohin? - -Unter meinen Papieren finde ich ein altes Blatt, das ich mir selber als -Mene Tekel gelegentlich aufgezeichnet habe. - -Heute habe ich Lust, es noch einmal ganz zu veröffentlichen, -- als -ein Kapitelchen, klein aber mein, zu diesem großen Schlagwort Umkehr. -Inhaltlich ist es entschieden noch nicht vergilbt. - -Es ist das Protokoll einer eigenen Sitzung mit dem Medium Valeska -Töpfer aus den achtziger Jahren, wie ich es mir selber zu späterer -Kontrolle und Beruhigung damals sofort niedergeschrieben. - -Sachliches Interesse für alles, was mit Weltanschauungsfragen -zusammenhängt, und der Wunsch zugleich, für eine bestimmte dichterische -Arbeit Stoff zu sammeln, veranlaßten mich damals zu Studien über den -Spiritismus. Was ich sonst da an Materialien erlangt, ist in meinem -Roman „Die Mittagsgöttin“ (Zweite Auflage, 1902, im Verlage von Eugen -Diederichs in Leipzig) enthalten und kritisch verarbeitet. Diese -Töpfer-Sitzung aber blieb als solche dort unbenutzt. - -Sie ist auch kein „großer Fall“. - -Trotzdem glaube ich, daß sie gerade mit ihren ganz +schlichten+ -Angaben einen gewissen Beitrag zur Klärung bieten kann. - -Sie führt in die Anfangsgründe dieser Dinge ein -- wenn aber irgendwo, -so gilt vom Spiritismus dieser groben Art der Satz: Es ist nur der -erste Schritt, der etwas kostet. - -Ich lasse den Wortlaut genau so, wie er damals niedergeschrieben wurde. - --- -- -- - -Unsere spiritistischen Wortführer behaupten zwar mit besonderer -Energie, jedem Zweifler werde täglich an allen möglichen Orten -ausreichend Gelegenheit gegeben, Augenzeuge der seltsamsten und -überzeugendsten Geistermanifestationen zu werden, man brauche nach dem -Worte Richard Wagners „nur zu wollen“ und man werde schon die neue -Kunst sehen. In Wahrheit ist es nicht ganz so leicht, als irrende Seele -im Chaos einer Weltstadt wie Berlin die Pforte einer Gespensterkammer -aufzuspüren; Vereine für diese Sachen sind ja vorhanden und lassen -sich auch finden, aber man ist dort unter Gläubigen und entbehrt der -wichtigsten Freiheit: in bekannten Räumen und im Verein mit Freunden, -auf die man vollkommen rechnen darf, Experimente anzustellen. - -Der Zufall ist in solchem Falle der Glücksgott. - -Er ließ mich und ein paar gleichgesinnte Freunde einen Mann finden, -der, selbst begeisterter Jünger der neuen Lehre, uns trotz unsrer -zugestandenen Skepsis mit vollendeter Liebenswürdigkeit seine geräumige -Wohnung zur Verfügung stellte, viele Nachmittage seiner kostbaren Zeit --- er war ausübender Künstler von Beruf -- widmete und schließlich die -Bekanntschaft eines weiblichen Mediums verschaffte, von dem ich nach -späteren Erfahrungen nicht annehmen darf, daß es von uns allein ohne -eine Verstellungskunst, die wir kaum besessen haben dürften, hätte -gewonnen werden können. - -Unser freundlicher Gastgeber, den ich O. nennen will -- der Name tut -ja nichts zur Sache -- war noch nicht lange Spiritist, aber er war mit -desto glühenderem Eifer bei der Sache. Seine Bibliothek umfaßte die -spiritistische Literatur in einer Vollzähligkeit, wie ich sie noch -nicht in Privatbesitz gefunden, und seine Kenntnis der „Theorie“ war -eine entsprechend erschöpfende. - -Dazu kam der praktische Stolz, selbst ein werdendes Medium zu sein. - -Es war ihm das von einem alten Manne, der die Rolle eines Taxators in -mediumistischen Kräften zu spielen schien und die Stärke eines jeden -für solche Leistungen in Ziffern anzugeben wußte, ausdrücklich zugesagt -worden. Und Ereignisse seines früheren Lebens schienen diese Diagnose -zu bestätigen. - -Er berichtete, daß seine Hände nicht nur den Pinsel zu führen -verständen, sondern nicht selten auch eine übernatürliche „Führung“ -hätten, bei der sein Wille aufhöre und die Finger Bewegungen, Griffe -und Stöße ausübten, die vollkommen „unbewußt“ seien. - -Uns war es, nachdem die Bekanntschaft einmal gemacht war, -selbstverständlich vor allem um Vorführung eines ausgereiften, -einwandfreien Mediums selbst zu tun, und er versprach auch diese zu -bewerkstelligen, da er ein starkes weibliches Medium, das bereits -Hellenbach und Zöllner ins nachhaltigste Erstaunen versetzt, kenne und -besuche. Vorher aber müßten wir eine Reihe einleitender Sitzungen mit -ihm allein abhalten, da erst ein „magnetischer Austausch“ stattfinden, -ein harmonischer Kreis geschaffen werden müsse. - -Da er selbst schon das Medium in sich wachsen fühlte und möglicherweise -auch in uns unerwartete Keime zu einem solchen stecken konnten, so -war die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß auch in diesen vorläufigen -Studiensitzungen bereits seltsame Sachen aus dem Gebiete jener „Mehr -Dinge“ sich ereignen würden. - -Vor Beginn des ersten Experiments wurden große weiße Bogen mit -Geisterschrift vorgezeigt, die aus Sitzungen bei jenem weiblichen -Medium (eben der heute noch vielgenannten und bekannten Frau Valeska -Töpfer) stammten, denen O. beigewohnt hatte. - -Die Wahrheit der Sache zugestanden, eröffnete sich hier anscheinend -ein neues Forschungsgebiet für die Goethe-Philologie, nämlich -die transcendentale Goetheforschung. Die Blätter waren mit der -Unterschrift des Altmeisters versehen, eine gewisse Verwandtschaft -mit echten Autographen ließ sich nicht leugnen, nur fand sich die -Schreibweise des Namens mit ö statt mit oe, die bekanntlich Goethe -selbst nicht anwandte. Der Inhalt der Offenbarung selbst war leider der -allertieftraurigste Blödsinn; Goethe mußte zur Strafe seiner Sünden -wohl im spiritistischen Jenseits vollkommen versimpelt sein oder sich -der Flasche ergeben haben. - -Das zweite, was uns vorgelegt wurde, war ein viereckiges, sehr dünnes -und gebrechliches Holzkästchen ohne Boden. - -Solche Kästchen und Pappschachteln sind der Theorie nach gewissermaßen -die Tür des Geisterlandes. Sobald Menschen mit hinreichender -mediumistischer Veranlagung ihre Hand lose darauflegen, öffnet sich -diese Tür, die bereitstehenden Geister fahren in das Kästchen, lassen -es nach Belieben auf einer größeren Tischplatte herumkriechen und -beantworten Fragen vermittelst hörbarer Klopflaute im Holz oder -regelmäßigen Auftickens der einen Seite des Kästchens bei schwebender -Stellung an der Tischkante. - -Der Dinge harrend, die da kommen wollten, nahmen mein Freund Bruno -Wille, unser freundlicher Gastgeber O. und ich zunächst jetzt am Tische -Platz und legten unsre sechs Hände lose auf das Deckbrett der Schachtel. - -Lange Zeit ereignete sich absolut nichts. - -Die bunte Ausstattung des Ateliers um uns her mit ihren fertigen und -halbfertigen Studienköpfen, Staffeleien und Paletten versank allmählich -in Dämmerung. - -Die Spannung bei uns war trotz aller Vorurteile immerhin eine ziemlich -bedeutende. - -Zuweilen, wenn einer von uns sich etwas bewegte, krachte das Kästchen. - -O. geriet dann in lebhafte Erregung, beschrieb wilde Kreise mit den -Händen in der Luft, um den magnetischen Strom überzuleiten, und begann -schließlich in einer Weise mit der Holzschachtel zu reden, als handle -es sich allen Ernstes um ein lebendiges Wesen. „Liebes Kästchen, willst -Du uns etwas sagen? Bitte, bitte, liebes Kästchen, sei so gut, antworte -uns, bewege Dich, rücke auf einen von uns zu, den Du auszeichnen -willst“ etc. - -Dann, und, nachdem inzwischen auch noch die Gebrüder Heinrich und -Julius Hart erschienen waren und damit unser Beobachterkreis vollzählig -geworden, begannen denn allerdings die ersten seltsamen Vorgänge, alle -für heute lokalisiert auf das bewußte Kästchen. - -Ich will sie zunächst bloß dem Tatsächlichen gemäß beschreiben und die -aufklärenden Bemerkungen, die ich machen kann, zusammenhängend folgen -lassen. - -Die Schachtel fängt also an, sich unter unseren Händen zu bewegen, nach -rechts, nach links, bald rascher, bald langsamer, bald auf Momente -wie angenagelt verharrend, um dann in kurzen krachenden Stößen wieder -weiter zu rücken -- endlich kommt es zu einer tollen Wirbelbewegung, -der die einzelnen kaum folgen können. - -Nachdem diese Sache so glänzend gelungen, versucht die vergrößerte -Kette den ganzen Tisch zu bewegen, was aber mißlingt. - -Freund O. pocht wiederholt kräftig auf den Deckel des Kästchens und -wenn dann alles hinhorcht, um antwortende Klopflaute zu vernehmen, so -hört man mehrfach ein unendlich feines Knistern im Holz. - -Nun wird mit dem Kästchen experimentiert, um zu ergründen, ob es unter -den Händen auf einen in der Kette (etwa ein besonderes starkes Medium) -über den Tisch wegkriechen könne. - -Es rutscht in der Tat auf mehrere zu, zuletzt besonders nachdrücklich -auf mich, und klappt mehrfach an der Tischkante auf. Nach O.s -Interpretation bedeutet das einen „Geistergruß“. - -Nunmehr soll ein Anwesender, der nicht in der direkten Kette ist, also -die Hände nicht auf dem Kästchen liegen hat, sich einen in der Kette -Befindlichen denken, zu dem die Geisterschachtel hinrücken soll. - -Neben mehreren mißlungenen Versuchen tritt ein eklatantes Gelingen ein -in einem Falle, wo Heinrich Hart in Gedanken seinen Bruder Julius als -den Betreffenden bezeichnet hat und das Kästchen tatsächlich und mit -förmlicher Leidenschaft auf Julius zusteuert. - -Der Höhepunkt der Sitzung wird schließlich erstiegen, als die -Holzschachtel sich hartnäckig an der Tischkante in schräg schwebender -Lage festsetzt. O. stellt in gesellschaftshöflicher Form die laute -Anfrage an den Geist, ob er uns jetzt bestimmte Fragen durch Aufticken -beantworten wolle. Das Kästchen schwankt gegen die Tischplatte herunter -und tickt sehr vernehmbar dreimal auf. Drei Schläge bedeuten im -spiritistischen Geistervolapük „Ja“! - -Die Frage wird also gestellt: „Wovon wirst Du bewegt?“ - -Einer zählt das Alphabet, immer von neuem anhebend, laut her, und -jedesmal tickt bei irgend einem Buchstaben das Kästchen dreimal mehr -oder minder stark auf, so daß der Satz zustande kommt: „Von Geist -Heochios.“ - -Die Anwesenden ergehen sich mit ganzem Aufgebot ihrer philologischen -Kenntnisse in den kühnsten Hypothesen über den Ursprung dieses Namens. - -Auf die neue Frage „Woher?“ antwortet der Geist in der Schachtel: „Aus -Südosten.“ Bei dem Wunsche, den genaueren Namen des Landes zu hören, -kommt noch ein M., dann scheint die Leitung gestört, und es erfolgt -nichts mehr. - -Man versucht also neue Experimente. - -Ich selbst stelle im Nebenzimmer den großen Zeiger meiner Uhr auf -die Ziffer drei, und das Aufticken des Kästchens ergibt für die -Experimentierenden im andern Raume richtig „drei“. - -Ein zweiter analoger Versuch, bei dem O. seine Uhr nebenan auf zehn -stellt, mißlingt allerdings, indem der Kasten auch diesmal nur drei -Schläge tut. - -Gegen 9 Uhr abends wird die Sitzung infolge äußerster Erschöpfung aller -Anwesenden abgebrochen. - -So das Protokoll, das von O. in ähnlicher Fassung festgestellt und -auf seinen Wunsch von sämtlichen Zeugen als richtig anerkannt und -unterschrieben worden ist. - -Nun einige kritische Bemerkungen dazu. - -Die Beschaffenheit der äußeren Umstände brachte es mit sich, daß es -sich für mich bei dieser ersten Probesitzung in keiner Weise um eine -„Entlarvung“ handeln konnte. Bei den bedenklichen Dingen, die mir O. -von den Experimenten seiner Frau Töpfer erzählte, mußte ich allerdings -an bewußte Täuschung seitens des Mediums denken, wenn gewöhnliche -Erklärungen zulässig sein sollten. Bei unsrem Freunde selbst aber -konnte lediglich unbewußte Selbsttäuschung ins Spiel kommen. Diese galt -es zu beobachten und das erforderte ein sehr vorsichtiges Prüfen. - -Während jener ersten halben Stunde, in der, wie erzählt, durchaus -nichts sich ereignete, das Kästchen vielmehr regungslos unter den sechs -Händen von Wille, O. und mir lag, hatte ich hinlänglich Zeit, mir über -einen gewissen Feldzugsplan klar zu werden. - -Wenn das Kästchen sich ohne mein Zutun bewegte, so war dreierlei -möglich; entweder es mischte sich wirklich eine fremde Kraft, sagen wir -also einmal, ein „Geist“, in die Sache; oder winzige, mit Bewußtsein -nicht kontrollierbare Zuckungen und Druckdifferenzen aller Beteiligten -brachten in der Weise, wie längst von Physikern (Faraday z. B.) das -Tischrücken erklärt worden ist, allmählich eine Bewegung zustande; oder -Freund O. arbeitete im leidenschaftlichen Drange, Bewegungen bestimmter -Art zu sehen, ohne eigenes Wollen mit und dirigierte den Kasten. - -Von Wille durfte ich annehmen, daß er vollkommen passiv blieb und bloß -vermöge der größeren Schwere seiner Hände den zweiten Fall beeinflussen -konnte. - -Nun zeigte sich lange Zeit überhaupt nichts. Geister schienen nicht -da zu sein, jene unwillkürliche Muskelbewegung (die ich bei späteren -Gelegenheiten, wo Wille und ich allein experimentierten, in voller -Wirkung gesehen habe) ließ sich wenigstens für diesen Anfang noch nicht -verspüren. - -Nunmehr stellte sich bei mir folgender Gedankengang ein. - -Es war psychologisch unwahrscheinlich, daß die Selbsttäuschung bei -O. so weit gehen würde, daß er selbständig das Kästchen zu schieben -begann. Dagegen sprach alles dafür, daß er, wenn einmal die geringste -Bewegung sich gezeigt, die Herrschaft über seine Hände so weit -verlieren würde, daß er jetzt auch aktiv eingriff. - -Ich beschloß also, einen Anstoß zu geben, gleichsam als psychologische -Falle, und ich hatte dabei zugleich ein lebhaftes Interesse an -Feststellung der größeren oder geringeren Leichtigkeit, mit der man -absichtlich eine Bewegung hervorbringen könne. - -Die Leichtigkeit, so zeigte sich sofort, war die denkbar größte. - -Ich brauchte nur den minimalsten Seitendruck mit der Fläche irgend -eines Fingers auszuüben, so rückte der Kasten. Mir selbst war -es vollständig unmöglich, an der Oberseite meiner fest auf dem -Deckel schwebenden Hände irgend welche Bewegung bei diesem Drücken -wahrzunehmen. Drückte ich mit dem kleinen Finger der linken Hand, so -rutschte das Kästchen nach rechts, und umgekehrt. - -Für O. aber hatte ich absolut richtig gerechnet. Sobald einmal die -Bewegung da war, fühlte ich das lebhafteste Mitarbeiten von seiner -Seite her. - -Ich konnte nun die eigenen Hände ganz aufheben, das Kästchen lief doch, -und bei der Leidenschaft, die unsern Freund ergriffen, sah man sogar -deutlich jetzt das Arbeiten seiner Hand darauf. - -Je schneller der Kasten lief, desto mehr fühlte ich selbst, wie die -Entscheidung, ob ich drückte oder bloß folgte, immer schwerer wurde, -und da es den übrigen Teilnehmern ebenso ging, so hat von einem -bestimmten Punkte ab, wo die Kette größer war, zweifellos jeder bald -mitgeschoben, bald im Wunsche, nicht zu schieben, sondern bloß zu -folgen, unbewußt gehemmt oder dem Gange eine neue Richtung gegeben. -Vollends beim Kreisen der Schachtel kreisten alle Arme und Hände -unwillkürlich derartig mit, daß man die Schachtel getrost hätte -wegnehmen können und doch noch einen Augenblick unsre leeren Hände wie -toll hätte durch die Luft herumwirbeln sehen. - -So viel zur Erläuterung des „Ur-Phänomens“, wie es Goethe genannt haben -würde. - -Nun zu Einzelheiten. - -„Geklopft“ hat es in dem Kasten niemals. Das kam in klassischer -Vollendung erst bei der später zu schildernden Sitzung mit jenem -echten Medium vor, und hier ist es uns zweifellos geworden, daß -bewußter Betrug im Spiele war. - -Ein Knistern und Krachen im Holze ließ sich dagegen wiederholt -vernehmen, ich konnte es ebenso wie die Bewegung in jedem beliebigen -Moment durch bewußte Konzentrierung des Druckes erzeugen, und von den -andern ist es unbewußt mehrfach auf die gleiche Weise hervorgebracht -worden. - -Wenn Freund O. mit ziemlich bedeutender Kraft seines Zeigefingergelenks -auf den ohnehin an einer Stelle brüchigen Kasten schlug, so war es -durchaus kein Wunder, wenn beim folgenden Hinhorchen ein schwaches -Knistern in den sich wieder aufrichtenden Fasern des dünnen Deckels dem -Ohre bemerkbar wurde. - -Das Hinrutschen der Schachtel zu irgend einem der Anwesenden ist -mehrmals von mir selbst bewußt beeinflußt worden. - -In andern Fällen hat jedenfalls unbewußtes Ziehen einzelner -stattgefunden, da bei noch soviel Skepsis doch der eine oder der andere -im entscheidenden Moment, wo es sich darum handelte, wen der Geist -für das größte anwesende Medium erklären werde, im Zwange der kleinen -harmlosen Eitelkeit stand, er selbst möchte der Erwählte sein. - -Den eklatanten Treffer, daß Julius Hart, den der außerhalb des -Kreises stehende Heinrich sich in Gedanken ausgewählt hatte, vom -Kästchen begrüßt wurde, verdankte man lediglich mir; bei so wenigen -Möglichkeiten war das zufällige Treffen leicht genug gemacht, und ich -hatte auf das Nächstliegende, den Bruder, geraten. - -Nachdem ich nun in der genannten Weise genügend auf eigene Faust in die -Phänomene hineinexperimentiert, beschloß ich, für den Rest der Sitzung -bloß noch zu beobachten, und nahm der schärferen Kontrolle wegen an den -nächsten Experimenten überhaupt nicht mehr aktiv teil. Ich schützte -Ermattung vor und trat aus der Kette aus. - -Es folgten die Kunststücke an der Tischkante. Wie vorhin das Schieben, -so war jetzt das Überkippen- und Aufschlagenlassen der Schachtel ein -Kinderspiel für jeden Beteiligten, ja es war noch leichter gemacht, -da das Kästchen in der äußersten Schwebe hing und sich niederbog, wenn -einer auch nur den Gedanken hatte, es solle es tun, -- und dabei war -die Nervosität in sämtlichen beteiligten Fingern jetzt eine derartige -geworden, daß die Kontrolle durch das Bewußtsein fast nicht mehr -möglich war. - -Folgendes ist im einzelnen zu der seltsamen Antwort „Von Geist -Heochios“ zu sagen. - -Das -- den andern ziemlich unerwartete -- „von Geist“ hatte sich -Heinrich Hart, dessen Hände an der kritischen Stelle lagen, -eingestandenermaßen als mögliche Antwort gedacht und nahezu mit -Bewußtsein erzeugt. - -Bleibt noch das famose „Heochios“. - -Dieses Wort ist nach unserm (d. h. der Beobachter) einstimmigem Urteile -ein Produkt der verschiedensten Einflüsse. - -Heinrich Hart gibt an, er habe „Hart“ herausbringen wollen, das „a“ -jedoch verpaßt und den Rest dann dem Zufall und den andern überlassen. - -Ein Erklärung aus „reinem Zufall“, in dem doch ein gewisser logischer -Zwang steckte, ließe gerade die Entstehung des H., wie ich nebenbei und -für analoge Fälle erwähnen will, auch zu. Man bedenke, daß acht Hände -auf dem lose schwankenden Kasten liegen. Einer zählt laut das Alphabet -her. Jeder erwartet, daß bei irgend einem Buchstaben die Schachtel -sich beugen werde. Anfangs wartet jeder. Die ersten Buchstaben -gehen vorüber, die Spannung wächst. Es liegt eine psychologische -Wahrscheinlichkeit darin, daß gerade in der Gegend vom H., also am Ende -ungefähr des ersten Drittels vom Alphabet, ein Höhepunkt eintritt, bei -dem einem in der Kette die Hände entweder ganz lose oder ganz schwer -werden; sobald das aber erfolgt, klappt das Kästchen auf, und daß es -dreimal klappt, ist unvermeidlich, teils weil jeder erwartet, es müsse -dreimal klappen, und teils schon, weil überhaupt durch den Rückstoß ein -Geschaukel entsteht, das wiederholt sogar zu vier oder fünf Schlägen -führte. Ein oder zwei Schläge mehr gelten aber nur als besondere -Bestätigung seitens des Geistes. - -Beim Suchen nach dem zweiten Buchstaben durch erneutes Hersagen des -Alphabetes ist dann mit höchster Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß -ein Vokal und nicht ein Konsonant kommen wird. Jeder hat, er mag wollen -oder nicht, im Kopfe sich irgend eine oder auch mehrere Fortsetzungen -zu dem H gebildet, bei denen allen aber natürlich ein Vokal folgt. Daß -gerade E, der zweite Vokal, kommt, liegt auch wieder nahe, bei A will -jeder noch abwarten, bei E ist die Spannung schon genügend gesteigert, -bei I würde die Wahrscheinlichkeit vollends ganz groß sein, da die -meisten sich kaum noch weiter werden bezwingen können, die Erwartung -„Jetzt muß es kommen“ wird zu stark. - -O und C mögen mehr durch Zufall entstanden sein, obwohl die Vermutung, -es komme ein ans Griechische anklingender Name, jetzt bereits -ausgesprochen war und einer laut auf „Henoch“ geraten hatte, womit O in -den Ohren klang. - -H nach C ist einfach selbstverständlich, die griechische Endung -erschien unter dem Zwange des laut eingestandenen „Das muß kommen, da -es unbedingt ein griechischer Name ist!“ - -Dem „Südosten“ ging die Vermutung voraus: es braucht nicht direkt -Griechenland zu kommen, es kann auch Kleinasien oder sonst so etwas -werden. - -Bei M mag einer an Makedonien oder Medien gedacht haben, doch -entstanden bei diesem allzu bestätigenden Fortgang jetzt offenbar -selbst bei O. Zweifel, ob unsre Gedanken nicht beeinflussend wirkten, -jeder beeiferte sich, einmal ganz und gar nichts zu tun, und -- sofort -stand die Maschine wirklich still. - -Das Experiment mit der Uhr endlich ist ohne alle Beweiskraft, da -in beiden Fällen lediglich der gewohnte Rhythmus der drei Schläge -wiederkehrte; als der Zeiger zufällig auf drei wies, ergab sich eine -Übereinstimmung, bei zehn blieb sie ebenso naturgemäß aus. - -Der Leser wird den Kopf schütteln über diese Haarspaltereien. - -Und doch ist diese Zergliederung grade der allereinfachsten -spiritistischen Kunststücke das unbedingt Nötige als Vorschule zur -Auflösung der schwierigeren Probleme. - -Der Fundamentalfehler, der immer wieder begangen wird und dem dann -selbst gute geschulte Beobachter erliegen, ist, daß man gleich ein -Medium der hohen Schule prüfen will, ein ungeheures Raffinement in -verwickeltsten Kunststücken überwinden zu müssen glaubt und dann -grade durch die ganz einfachen, haarsträubend simplen Sachen, die man -als zu einfach gar nicht in Rechnung zieht, überlistet und gefangen -wird. Fritz Schultze, der ein an Material ziemlich reichhaltiges, -dafür im Raisonnement allerdings schwaches und stellenweise ziemlich -ungeschicktes Buch gegen den Spiritismus geschrieben hat (Die -Grundgedanken des Spiritismus. Leipzig, Günthers Verlag, 1883), hat bei -Gelegenheit dieses Punktes nicht mit Unrecht an eine Kriminalnovelle -Edgar Poes erinnert, in der ein wichtiger Brief gerade deswegen von der -Polizei, die doch jeden Winkel des Hauses durchstöbert, nicht gefunden -wird, weil er gar nicht versteckt ist, sondern offen vor jedermann auf -dem Tische liegt. - --- -- -- - -Nachdem die Ergebnisse der ersten Sitzung bei O. im engeren Kreise der -unbefangenen Beobachter genügend durchgesprochen waren, kam es acht -Tage später zu einem zweiten Experiment. - -Bruno Wille und ich hatten diesmal ein Stichwort „Merkwürdig“ -verabredet, das zur Kontrolle für den andern dienen sollte, wenn der -eine mit Bewußtsein und zum Zwecke irgend einer Probe oder Falle in die -Handlung eingriff. - -Zunächst wurden noch einmal die meisten Phänomene der vorigen Sitzung -der genaueren Bestätigung wegen wiederholt, wobei zur Abwechslung -an Stelle des Uhren-Experiments das Kästchen heute angeben sollte, -wieviel Kleingeld sich in meinem und in einem zweiten Falle in Willes -Portemonnaie befinde. - -In beiden Fällen wußte ich die Zahl nicht genau, habe aber doch durch -leichte Drucknachhilfe einmal genau und einmal beinah das richtige -Resultat hervorgebracht, zum guten Beweise dafür, wie leicht auf -Grund auch nur annähernd richtiger Kombination einiger bekannter -Anhaltspunkte das genau richtige Erraten der Wahrheit gemacht wird und -wie gutmütig der Zufall in solchen Fällen auszuhelfen pflegt, wenn man -nur den Mut hat, überhaupt zu raten. - -Der wesentlichste Fortschritt in dieser zweiten Sitzung war aber in -einem Experiment mit dem „spiritistischen Schreibapparat“ gegeben. - -Dieser Apparat besteht in einem runden Holzplättchen, das eben gerade -Raum für zwei aufgelegte Handflächen bietet, und an dessen unterer -Seite drei Stützen (gewissermaßen drei Stuhlfüßchen) angeleimt sind; -eine dieser Stützen ist ein Bleistift. Man setzt das Ganze auf einen -großen Bogen weißen Schreibpapiers. Einer legt die Hände auf die -Platte und eventuell noch ein zweiter seine auf die des andern, -und dann erwartet man regungslos das Eintreten einer Bewegung des -Holzapparats, die den Bleistift aufkratzen läßt und so, bei korrekter -„Geisterführung“, eine Schrift hervorbringt, -- eine „Geisterschrift“ -mit individueller „Geisterhandschrift“ und einem vom „Geiste“ gewollten -Inhalt. - -Freund O. hatte seine Hände kaum auf die Holzplatte gelegt, als der -Apparat auch bereits mächtig zu wirbeln begann. - -Der Bleistift beschrieb eine große Spirale und raste dann förmlich -über das Papier dahin, den Bogen mit kindlich ungeschickten, aber doch -lesbaren Buchstaben bedeckend. - -Aber O. klagte dabei selbst, er fürchte unbewußte Selbsttäuschung, er -„schreibe nur, was er denke“. Ein andrer möge an seine Stelle treten, -vielleicht hätten wir ein noch unerkanntes gutes „Schreibmedium“ unter -uns. - -So legte ich denn meine Hände auf, er wollte seine eigenen nur lose -darüber legen, „um die Kraft zu verstärken“. Ohne daß ich im geringsten -bewußt mithalf, kamen auch jetzt mehrmals lange Schriften zu stande. - -„Gott zum Gruß“, begann jede der Offenbarungen, dann folgten ein paar -allgemeine Redensarten und zum Schluß, Wunder über Wunder, kam zweimal -mit gewaltigen Lettern die famose Unterschrift „Heochios“! - -O. war entzückt, da er diese Fälle, wo seiner Ansicht nach unbedingt -nicht er geschrieben hatte, ich aber bestimmt versichern konnte, auch -nicht absichtlich hineingearbeitet zu haben, für beweisend hielt sowohl -für die Existenz eines uns umschwebenden Geistes Heochios, als auch für -meine Befähigung zum Schreibmedium. - -So weit auch hier wieder der rein äußerliche Sachverhalt und Folgendes -zur Aufklärung. - -Von den drei oben erwähnten Erklärungsmöglichkeiten: Geist, -unwillkürliche Muskelbewegung, Selbsttäuschung, die äußerlich zum -entscheidenden Mitwirken wird, fällt die mittelste hier von vornherein -fort. Wenn ich -- ich habe es in einer der nächsten Sitzungen bis zur -Dauer von 20 Minuten fortgesetzt -- meine Hände ohne O. auf den Apparat -legte, so ergaben sich nachher die Spuren dieser Muskelzuckungen auf -dem Papier als eine ganz kleine, blitzartig zackige Linie, die aus -einzelnen Punkten gebildet schien und aus der, wie ich annehmen muß, -bei einem gesunden Menschen niemals auch nur ein einzelner Buchstabe -hervorgehen könnte, geschweige denn eine fortlaufende Schrift, die am -Zeilenende von selbst absetzt und eine neue Reihe anfängt. - -Mit vollkommenster Deutlichkeit dagegen fühlte ich, sobald O. seine -Hände auf meine legte, wie er drückte, über meine sehr kleine Hand -mit seiner weit größeren weggriff und wie er nach allen Regeln der -irdischen Physik so die Schrift selbst zustande brachte. - -Das scheint mir ein Maximum von Selbsttäuschung, das im höchsten Grade -interessant ist. - -Freund O., so muß ich mir den Fall erklären, hat bei Frau Töpfer, die -bewußt täuschte, oftmals gläubig dem Schreiben zugesehen. Er hat sich -die traditionellen Formeln des Geisterschreibens (das Beginnen mit der -Spirale etc.) gradezu in Fleisch und Blut übergehen lassen, er hat -jene Beigaben auswendig gelernt, wie das „Gott zum Gruß“, das der wohl -hauptsächlich amerikanischen Verquickung des spiritistischen Versuchs -mit frömmelndem Sektiererwesen seinen Ursprung verdankt. Er hat dann in -Mußestunden mit Bewußtsein Proben angestellt, wie man mit dem Apparat -schreiben muß, -- ohne diese Schulung wäre es nicht möglich, daß er es -überhaupt so glatt fertig brächte. - -Das alles hat er getan mit dem sehnsüchtigen Wunsche, eines Tags möchte -nicht seine Hand den Apparat, sondern der Apparat wirklich seine -Hand führen. Als er nun meine Hände statt des Holzdeckels unter sich -fühlte, vollzog sich in der Leidenschaft der psychologische Prozeß -der Selbsttäuschung, er glaubte nicht mehr aktiv zu sein, und dennoch -schrieb er in Wahrheit selbst, er schrieb mechanisch dasselbe nieder, -was er so oft in letzter Zeit zur Probe mit Bewußtsein geschrieben, und -er schrieb den Namen Heochios unter das Ganze, weil ihm dieser seit -acht Tagen beständig auf der Zunge schwebte und weil er fest erwartete, -ein Geist Heochios führe den Apparat. - -Unsere kühle Erklärung der Entstehungsgeschichte jenes unglücklichen -Spruchs „Von Geist Heochios“ existierte ja nicht für ihn, ihm war -Heochios ein wirklich erschienener Geist. - -Ich habe so viel Worte gebraucht, um für den Fall unseres Freundes, bei -dem ich nicht den geringsten Grund habe, ~mala fides~ vorauszusetzen, -die Selbsttäuschung wahrscheinlich zu machen. Jetzt bedenke man -aber die Chancen, die bewußte Täuschung in analogen Fällen mit -einer zweifelhafteren Persönlichkeit notwendig gerade bei diesem -„Geisterschreiben“ hat. Die Möglichkeiten sind gar nicht auszudenken. - -Nur kurz erwähnen will ich die Ergebnisse einer dritten Sitzung, bei -der ich mehrere Stunden lang mit O. allein experimentierte, ohne -nennenswerte Erfolge zu erzielen. - -Wir berührten Grenzgebiete des eigentlichen Spiritismus: Gedankenlesen -und Telepathie. - -Jene wissenschaftliche, leicht erklärliche Art des groben -Gedankenlesens -- Auffinden eines von A. versteckten Gegenstands durch -B. dadurch ermöglicht, daß B. den A. bei der Hand nimmt und beim -Durchwandern des Zimmers am Zucken dieser Hand und ihrem unbewußten -Ziehen oder Widerstreben den Ort ermittelt, wo der Gegenstand liegt -- -gelang auffallend gut, wenn ich der Suchende war und O. der unbewußt -Führende. - -Doch hier lag, wie gesagt, absolut nichts Mystisches vor, da diese -Dinge überzeugend auch von Nicht-Spiritisten öffentlich vorgeführt -worden sind. - -Eine heiklere Sache ist aber schon die echte sogenannte „Telepathie“ -(Fern-Empfindung). Hier denkt einer der Beteiligten sich möglichst -lebhaft eine Figur, eine Zahl oder Ähnliches, und der andre rät -angeblich ohne Handberührung das Gedachte, d. h. es findet der Theorie -nach eine „mystische Fernwirkung von Seele zu Seele“ statt, bei der -das Vorstellungsbild sich ohne Hilfe der physikalischen Wege und der -Sinnesorgane von Gehirn zu Gehirn überträgt, ohne Luft- und Lichtwellen -also und ohne Auge und Ohr. - -Für unsern Fall kann ich nur feststellen, daß die Experimente -dieser Art bei O. ebenso mißlungen sind, wie sie vorher und nachher -ausnahmslos mißlangen, als ich mit Wille allein und mit andern Versuche -anstellte. - -Zufällige Annäherungen beim Raten sind vorgekommen, beweisen mir aber -gar nichts. Wenn ich mir eine 8 dachte und O. einen ganzen Bogen mit -allerlei Kreisen, Spiralen und sonstigen Krackelfüßen bedeckte und -unter denen in der Tat auch einmal eine brezelartige Verschlingung, die -an eine 8 gemahnte, auftauchte, so wird man nicht verlangen, daß ich -dem irgendwelche Beweiskraft beimesse. - -Etwas Besseres aber habe ich nicht gesehen, und die schönen -Figurentafeln in der spiritistischen Zeitschrift Sphinx, die von dem -fabelhaften Glück anderer, spiritistisch gläubiger Beobachter Zeugnis -ablegen sollen, treffen bei mir also vorläufig auf eine unerschütterte -Skepsis. - -Doch zurück zur Hauptsache, zu den eigentlichen Medien und ihren -Gespenstern. Eine besondere Einladung von seiten unseres Freundes -versammelte uns an einem Montag in O.s Wohnung, um endlich denn auch -das große Orakel, das altbewährte Medium, Frau Valeska Töpfer, selber -in Augenschein zu nehmen und auf seine Wunderkraft zu prüfen. - -Etwa eine Stunde lang hatten wir Zeit, uns auf einen würdigen Empfang -vorzubereiten, da O. sich erst, nachdem wir bereits vollzählig -erschienen waren, auf den Weg machte, um die ehrwürdige Dame zu uns zu -geleiten. - -Wir verabredeten uns inzwischen von neuem auf das Stichwort -„Merkwürdig“, und wir schwärzten einen genau bezeichneten Papierbogen -über der Lampe, damit die Geister materialisierte Hände oder Füße in -der Weise, wie es bei Zöllner geschehen, darauf abdrücken könnten. - -Der Gedanke ergötzte uns im voraus, es möchte auch heute wieder jener -treffliche „Heochios“ auftreten, was denn wohl dem Faß sofort den Boden -ausschlagen müßte. - -Im ganzen aber schuf doch auch heute die zu erwartende Nähe -einer fremden Persönlichkeit eine beklommenere Stimmung, die bei -einigen durch etwas überraschendere Leistungen leicht in höchste -Empfänglichkeit für Mystik hätte gesteigert werden können. - -Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit erschien die Seherin, und -zwar nicht bloß von O., sondern merkwürdigerweise auch von ihrem Mann -begleitet. - -Sie selbst eine mittelgroße, ziemlich beleibte Dame mit spitzer -Nase, kleinen Augen, das Gesicht gepudert, die ergrauenden Haare -glatt emporgeknotet, -- der Herr Gemahl ein kleiner Berliner -Grünkrambesitzer, dessen erste Äußerung darin bestand, daß er sich ein -Glas Bier erbat. - -Wir nahmen in langer Kette um den Tisch, auf dem die Lampe stand, -Platz, leider, wie Frau Töpfer sogleich bemerkte, auf tiefen Sesseln, -die für solche Sitzungen höchst ungeeignet seien. - -Die Luft, so wurde im übrigen zugestanden, sei bereits stark -„mediumisiert“, es müßten „kräftige Naturen“ unter uns sein. - -In der Tat begann es denn auch, da wir kaum einen Augenblick unsere -Hände auf den Tisch gelegt, sehr vernehmlich irgendwo zu pochen, bald -dumpf, bald lauter, und die Täuschung, der das Gehör in Bezug auf die -Richtung des Schalls unterlag, war eine vollkommene. Der eine riet auf -die Wand hinter dem Rücken der Frau Töpfer, ein andrer auf den Ofen, -bisweilen schienen die ganz dumpfen Laute sogar aus dem Nebenzimmer zu -kommen. - -Man muß dieses Klopfen im eigenen Zimmer mit Muße durchprobiert haben, -um die Erkenntnis zu erlangen, daß das falsche Lokalisieren die Regel -ist, und daß verschieden starke Pochlaute, die unmittelbar vor uns -unter dem Tisch erzeugt werden, in Wahrheit aus den verschiedensten -Richtungen und Entfernungen zu kommen scheinen. - -Ich glaube, jeder empfand im Moment, daß Frau Töpfer die Sache äußerst -geschickt mache, aber nichts sprach dagegen, daß sie die einzige -- -allerdings bewußt täuschende -- Quelle dieser Geisterstimmen sei. -Ihre eigenen Füße wie die ihres Mannes waren unsichtbar unter der -Tischplatte verborgen, dank dem festen Kettebilden aller, und ob sie -sonst noch besondere Apparate unter den Kleidern verborgen trug, war -selbstverständlich erst recht nicht zu ermitteln. - -Unsre Mienen mochten das denn auch ziemlich deutlich erkennen lassen, -denn nach dem günstigen Anfang trat eine Stockung ein, die Pochlaute -blieben dumpf und undeutlich, die Frau erklärte: „So kann ich’s nicht -leiden! Dabei wird mir’s unheimlich!“ - -Der Tisch machte plötzlich zur Abwechslung einen Ruck auf Wille -zu (Frau Töpfer schob zweifellos kräftig mit dem Fuße), aber auch -hier schien der rechte Mut zu mangeln, vor allem hob sich der Tisch -keineswegs empor, wie es sonst in Sitzungen bei dem Medium nach O.s -Aussage überraschend zu gelingen pflegte. - -Nunmehr ergriff aber der Gemahl das Wort, er schalt auf die Geister -energisch ein und rief endlich im derbsten Tone: „Na, wollt Ihr jetzt -oder nicht? Ich verlange, daß Ihr Euch jetzt anständig betragt und was -tut, sonst warten wir nicht mehr.“ Er wurde so grob, daß die Frau ihn -beschwichtigen mußte. „Laß doch, sie werden sonst ganz böse.“ - -Wozu diese ganze Posse diente, weiß ich nicht. Jedenfalls wirkte sie -auf uns unsäglich lächerlich und als das beste Mittel, jede ernsthafte -Stimmung dauernd zu zerstören. - -Die Scherze aus unserm Kreise mehrten sich auch so, daß die -Hexenmeisterin sich wohl bewogen fühlen mochte, rasch etwas -vorzuführen, um wieder Spannung zu wecken. - -Sie meinte plötzlich, der große Tisch sei den Geistern (ihren Füßen!) -zu schwer, es wurde also ein kleiner sogenannter stummer Diener -herangeholt, der unter der oberen Platte zwischen den vier Füßen noch -eine zweite Platte zum Tragen von Büchern oder Nippessachen hatte. - -Dieser Tisch war denn nun ein wahres Ideal, wenn es sich darum -handelte, durch geschickt verdeckte Bewegungen ruckweises Wandern oder -sogar scheinbares Emporfliegen zu bewerkstelligen. - -Der Bodenteppich wurde entfernt, um kein Hemmnis beim Rutschen zu -geben, auf das Tischchen wurden ein Bogen Papier und ein Bleistift -gelegt und unter den Tisch gleiches Material. An dem letzteren geschah -nichts, da wir zu gut kontrollierten. Man sah wohl den Schuh der -Frau T. danach langen, auch erklärte sie einmal, einen Lichtschein -unten zu sehen (wohl um unsere Aufmerksamkeit von irgendetwas anderm -abzulenken), gleichwohl erfolgte nichts. - -Theoretisch wäre es ja nicht gerade allzu schwer gewesen, trotz unsres -Aufpassens im guten Moment mit einem schon vorher präparierten und in -die Stiefelsohle geklemmten Bleistiftspitzchen auch diesen Bogen mit -einer lesbaren Schrift zu bedecken. - -Über dem oberen, offen aufliegenden Blatt bekam die Hand der Frau -natürlich sofort „Führung“, es entstanden wieder folgerichtig jene -berühmte Spirale, das „Gott zum Gruß“ und ein paar ähnliche alberne -Phrasen, wie sie O. stets geliefert hatte. Die Unterschrift lautete -„Werner“. - -Das letztere war offenbar eine Art von Probepfeil. Es wurde -rundgefragt, ob keiner einen Bekannten dieses Namens besitze, was -zufällig einmal nicht der Fall war. Der Name „Müller“ dürfte für dieses -„Experiment ins Blaue“ allerdings noch empfehlenswerter sein. - -Wille erhielt im weiteren auf eine Frage nach seinem Bruder durch -Klopflaute den Namen „Gustav“, und die Geisterschrift auf dem Blatte -meldete, Gustav sei auf dem Schlachtfelde gestorben. Beides, Name wie -Tatsache, war unrichtig, der einzige Bruder lebte und hieß anders. - -Wille ging indessen mit scheinbarer Erregung auf die Sache ein, und -von da ab verstärkte sich der Mut der Töpfer -- und mit dem Mut kamen -verstärkte Wunder. - -Der „Zimmermann“ begann jetzt im Tische zu rumoren. - -Um zu verstehen, um was es sich hier handelte, muß man Kenntnis -nehmen von der unsäglichen Einförmigkeit und Enge der Phantasie, die -in diesen spiritistischen Zirkeln herrscht. Wie das berühmte Kölner -Hänneschen-Theater, so hat jedes Medium seine paar stereotypen Rollen, -die immer wiederkehren, seine drei oder vier Spezialregister, auf -die es eingedrillt ist. So bei Frau Töpfer die kleine „Abila“, der -Schutzgeist „Zwibos“ und der „Zimmermann“. - -Das Nahen des letzteren betätigte sich durch sägende und hobelnde -Geräusche im Tisch, endlich auf Verlangen durch ein gewaltiges -Gepoche, wie wenn jemand einen Nagel einschlüge, -- übrigens keine -einzige Leistung in allem, die nicht Wille und ich später zu Hause -hätten annähernd ebenso täuschend durch unmerkliches Nagelkratzen und -Bewegungen der Füße hervorbringen können. - -Schließlich fuhr der Poltergeist noch in die Hand des Mediums und -schrieb mit eckigen Zügen und schlechter Orthographie ein paar Sätze -auf ein Blatt, unterzeichnet: „Hunger, Chemnitz, Neue Gasse“. - -Von neuem begann nach diesem der Tisch zu schwanken. - -Meine laut ausgesprochene Befürchtung, die Petroleumlampe möchte dabei -zu Schaden kommen, wurde zuerst mit der Versicherung abgewiesen: -„Und wenn der Tisch sich auf den Kopf stellt, die Lampe fällt bei -Geistermanifestationen niemals.“ - -Gleich darauf, als Wille mit dem Rufe „merkwürdig“ den gegen -ihn anrückenden Tisch selbsttätig etwas herabdrückte, wurde die -Versicherung aber eilfertig eingeschränkt durch Zugeben von -„unberechenbaren Ausnahmen“, und der Mann setzte die Lampe jetzt selbst -vorsorglich auf das Klavier. - -Der leichter gewordene Tisch spazierte nunmehr durch das halbe Gemach, -es kam aber auch jetzt nicht zum Fliegen. - -Ein sehr gelungenes Kunststück bei dieser Gelegenheit bestand darin, -daß Frau Töpfer, wie mehrere von uns deutlich sahen, mit weit -zurückgerecktem Fuße einen etwas entfernt stehenden Schaukelstuhl -heranriß und gleich darauf höchst verwundert ausrief: „Sehen Sie bloß, -der Stuhl ist uns allein nachgekommen!“ - -Damit schloß der erste Akt der Sitzung. - -Eine Pause wurde benutzt, jenes oben erwähnte geschwärzte Papier unter -das Sofa zu legen und vermittelst eines vorgeschobenen Teppichs gegen -jedes auffallende Licht abzuschließen. - -Ich will gleich vorausschicken, daß es dort unversehrt noch gegen -Schluß des Ganzen gelegen hat. Während dieser Zeit hat zwar Herr Töpfer -hartnäckig als unbeteiligter Zuschauer, zeitweise anscheinend sogar -schlafend, seinen Platz auf diesem Sofa behauptet. Ferner ist das immer -längere Zeit hindurch verdunkelt worden und alle Beobachter haben -ihre Aufmerksamkeit andern Dingen zuwenden müssen, die sich entfernt -vom Sofa abspielten. Anfangs hatte ich wohl beschlossen, nicht aus -der gerade über dem Papier liegenden Sofaecke zu weichen, aber das -konsequente Wegrücken des Tisches, auf dem doch meine Hände aufliegen -sollten, hinderte mich an der Durchführung. - -So muß ich auch hier konstatieren, daß wohl die infolge andrer, gleich -zu erzählender Umstände wieder wachsende Ängstlichkeit des Ehepaars -es nicht zu einem Versuche dieser Art hat kommen lassen, daß aber -die +Gelegenheit+ zu einem solchen auch diesmal so günstig war -(der Mann konnte beispielsweise im Dunkeln sehr leicht an das Papier -heranlangen und seine Hand oder auch ein im Rock verborgenes Wachsglied -darauf drücken), daß ein wirklicher „Geisterabdruck“ uns kaum hätte -überraschen dürfen. - -Die wichtigste wirkliche Episode im zweiten Teil unsrer Sitzung bildete -eine „Dunkelsitzung“. - -Mit Ausnahme des Herrn Töpfer saßen wir alle in fester Kette, die Hände -auf der Platte, um den kleinen Tisch. Die Vermutung war ausgestreut, in -der Finsternis würden bei einzelnen in der Kette „Berührungen“ durch -materialisierte Geister-Hände oder -Füße stattfinden, und zum Schluß -werde der Tisch nun endlich emporfliegen. - -Es dauerte auch nicht lange, so hörte man Willes Stimme: „Es klopft -dreimal an meinen Stiefel!“ und gleich darauf: „Es hat wieder geklopft, --- sehr merkwürdig!“ - -Was sich da, den andern unsichtbar, abgespielt, schildere ich so, wie -es mir Wille unmittelbar nach der Sitzung berichtet hat. - -Er, der zur Rechten der Frau saß, ging von dem Gedanken aus, Frau -Töpfer werde versuchen, mit ihren Füßen von unten her den Tisch zu -heben. In aller Stille versuchte er also das dunkle Gebiet unter der -zweiten (unteren) Tischplatte zu kontrollieren, indem er seinen rechten -Fuß bis etwa in die Mitte vorschob. Der linke Fuß blieb lange nahe am -Stuhl -- wie man nicht vergesse: auf der Seite der Frau Töpfer. - -An der Spitze dieses linken Fußes nun verspürte er plötzlich eine -Berührung: es klopfte dreimal hörbar auf das Leder. Allem Anschein nach -ging die Berührung aus von dem Fuße der Frau Töpfer. Nicht lange und -das Klopfen kam wieder, diesmal am Absatz von Willes linkem Fuß. - -Schnell entschlossen folgte er aber jetzt mit seinem Stiefel dem sich -zurückziehenden Klopfer, er stieß richtig auf einen echten andern -Stiefel, und während er ihm einen leichten Tritt versetzte, fühlte er -mit zweifelloser Deutlichkeit, wie der fremde Fuß unter die hörbar -knitternden Röcke der guten Frau Töpfer zurückfuhr. - -Von diesem Moment an, der eine offenkundige Entlarvung wenigstens für -einen der Beobachter umschloß, war Frau Töpfer vollkommen verstört, -unruhig, traurig, jedermann merkte, daß etwas vorgefallen war, obwohl -wir andern erst später erfuhren, was. - -Ein zweites Abenteuer bestand, nachdem die Frau jetzt in der ganzen -Dunkelsitzung absolut nichts mehr zu unternehmen wagte, darin, daß der -vorgeschobene rechte Fuß Willes mit einem plötzlich vorrückenden Fuße -unsres Freundes O. dort zusammentraf. - -Hier war nun wiederum charakteristisch, den Grad der unbewußten -Selbsttäuschung bei O. zu beobachten. - -O. bebte vor Ungeduld nach einer Geisterberührung. Wahrscheinlich -ohne jede Spur von Willen, bloß im Drange, den Geistern sich als -Objekt darzubieten, schob er seinen Fuß langsam bis in die Mitte des -Raums unter dem Tische vor. Als er dabei auf Willes Stiefel stieß, -durchzuckte es ihn übermächtig: „Jetzt muß es dreimal klopfen!“ Es -klopfte in der Tat, aber sein eigener Stiefel war der Urheber, wie -Wille, der vollkommen passiv blieb, genau feststellte. - -So hatten wir auch hier wieder Betrug und Selbstbetrug in schönster -Blüte nebeneinander. - -Da aber schlechterdings nichts weiter kommen wollte, gesellte sich der -Scherz hinzu -- der Tisch flog plötzlich empor, so schön, daß jetzt -selbst Frau T. hätte an echte „Geister“ glauben dürfen. - -In Wahrheit war der Urheber unser humorvoll veranlagter Freund Heinrich -Hart, dem das Spiel längst zum Ekel geworden und der uns wenigstens den -Gefallen tun wollte, zu zeigen, wie leicht die Sache sei. - -Der dritte Akt war der jämmerlichste von allen. - -Frau Töpfer, die ihren Boden schwanken sah, wagte ein letztes -Radikalmittel. - -Vor eine Ecke des Ateliers wurde ein weißes Leinentuch gespannt, hinter -ihm nahm das Medium Platz. Sie sollte in „Verzückungsschlaf“ verfallen -und Geisterstimmen sollten durch den Vorhang zu uns reden. - -Die Zuhörer setzten sich im Halbkreise vor das mystische Theater, -Herr Töpfer hielt sich im Hintergrunde, anscheinend bereit, jeden -Störenfried, der etwa an der Hülle zerren würde, zurückzuhalten; es -bedurfte dessen nicht; was wir hörten, genügte vollauf.... - -Zuerst ertönte ein zartes Kinderstimmchen: der Geist Abila. - -Die Stimme hatte sich Frau Töpfer offenbar bis zu vollkommener -Meisterschaft eingeübt. - -„Gott zum Gruß, Brüder!“ begann auch diese Offenbarung. Das Geistchen -redete mit jedem einzeln, bei jedem sah es „unsichtbare Brüder“ -(Verstorbene) stehen, die es beschrieb und bei denen es, wenn man -fragte, Antwort holte. Aber die Weisheit Schön-Abilas hatte einen -traurigen Fehler: ihre geistige Urheberin, Frau Töpfer, mußte blind -raten, und sie riet entsetzlich schlecht. - -Bei Julius Hart sah Abila den Vater der Gebrüder stehen, er sollte -Adolf heißen und ein leiblich sehr großer Mann sein. Der treffliche -Vater Hart lebte aber, wie die meisten von uns wußten, in Wahrheit noch -fröhlich unter dieser Sonne, er hieß weder Adolf, noch hatte jemals von -ihm, einem kleinen beleibten Herrn, behauptet werden können, daß er ein -Herkules sei. - -Bei mir stand meine Großmutter Lottchen und ließ mich an das letzte -Gespräch erinnern, das wir beide miteinander geführt. Und auch hier -paßte der Name nicht und vollends nicht die Tatsache, denn meine beiden -Großmütter sind viele Jahre vor dem Tage gestorben, an dem ich das -Licht der Welt erblickt. - -Am meisten von allen interessierte sich Abila für den „dicken Bruder -mit der Brille und den roten Backen“, nämlich Bruno Wille. - -Dieser Bruder lohnte nun freilich solche Liebe schlecht, denn -anknüpfend an den famosen Bruder Gustav von vorhin, entlockte er durch -geschickt zugespitzte Fragen der Frau Töpfer einen Kriminalroman voll -grausigster Tatsachen. Ich erwähne nur, daß ein Onkel darin vorkam, der -an „Galle, die ins Blut ging“, gestorben sein sollte. „Das ist in der -Tat merkwürdig“, sagte Wille halblaut, „ein Onkel von mir ist am gelben -Fieber gestorben.“ - -Von einer Seite her wurde im Zuhörerraum ebenso halblaut, aber auch der -Frau T. vernehmbar, angedeutet, das gelbe Fieber hänge wirklich mit der -Galle zusammen. - -Zum Schluß gab sich der „Geist“ dann noch die böseste Blöße, die -möglich war: er ermahnte den Bruder, doch nur ja nicht zu glauben, -in der Dunkelsitzung vorhin habe der Schuh der Schwester Töpfer an -seinen Stiefel geklopft: es sei ein echter materialisierter Geisterfuß -gewesen. Überhaupt sollten wir alle nicht so viel zweifeln, sondern -lesen und dann glauben lernen. - -Die alte Wahrheit: „Wer sich entschuldigt, ist’s gewesen!“ - -Nach Abilas Verschwinden redete noch eine grobe Männerstimme, der Geist -eines „Schusters aus Plauen“, durch den Vorhang. - -Hier verließen aber Frau Töpfer selbst ihre deklamatorischen -Fähigkeiten, man hörte den Dialektklang ihrer eigenen Stimme störend -deutlich durch. - -Ohnehin waren alle des dummen Spiels müde, man weckte das Medium, das -nun zum Schlusse noch einmal in besonderer Weise, durch Ablesen von -einem geschriebenen Alphabet mit Hilfe eines auftickenden Bleistiftes, -einen Geist „Zwibos“ reden ließ. Er bestätigte unter ziemlich -unverhohlener Heiterkeit der Hörer, jener Onkel Willes sei in der Tat -am gelben Fieber gestorben. - -Wir hatten genug und gingen nach Hause. - -So weit meine alten Aufzeichnungen. - -Ich mag sie nicht durch Theorie abschwächen. - -Aber ich sage heute wie damals: mir graut vor einer „Weltanschauung“, -die das höchste, heiligste Urteil eines wahrheitsuchenden Menschen -über sich und alle Dinge um ihn her darstellen soll, -- und die -sich aufbauen sollte auf einer solchen Valeska Töpfer und ihren -Möglichkeiten ... - - * * * * * - -Was wir zur Verständigung im Kampfe moderner Weltanschauungen brauchen, -das sind wirklich gar nicht in diesem Sinne neue Tatsachen. Es sind -neue Deutungen, neue Wertungen, es ist Tiefenschau im schon Vorhandenen. - -Das ist der schwere Schaden ja in solchen Versuchen wie dem -Spiritismus: daß er auf ein paar, noch dazu angebliche, neue Tatsachen -sofort die unerhörtesten Schlüsse mit einem methodologischen Leichtsinn -ohne gleichen baut, Geisterhypothesen in einer materialistisch groben -Form, und das alsbald wieder mit starrem Dogmatismus, der nicht zugeben -will, daß diese „Tatsachen“, selbst wenn sie richtig wären, die -verschiedensten Deutungen zulassen würden. - -Aber wichtig ist auch, daß er grade diesen methodologischen Schaden -teilt mit Arabesken der modernen Naturphilosophie, die ihm sonst in -allem entgegen sind und nicht einmal seine „Tatsachen“ anerkennen. -Sie steifen sich dafür auf ihre und, geben wir zu, an sich richtige -Tatsachen, -- in der Methode verderben sie es aber ebenso durch starre -Einseitigkeit und Fanatismus für „Eindeutigkeit“. - -Umgekehrt aber werden an dieser Ecke Denker für uns wichtig, die -den Tatsachenbau unserer einheitlichen Forschung und den exakten -Beobachterweg als solchen niemals angefochten, sondern sogar als -+Palladium+ verteidigt haben -- und die doch, +mit+ dem und -+trotz+ dem, eine eigene Tiefenschau versucht haben, die ohne -jeden Dogmatismus ihren individuellen Weg ging -- und die uns so das -Tor überhaupt weit aufgetan haben für die Masse der „Möglichkeiten“, -die noch in die Tiefe aller Tatsachen hinein denkbar sind. - -Ein solcher Mann war Fechner. - -Fechner grade hat aber noch eine besondere Farbe dabei in die Dinge -gebracht, die wieder mein Grundthema berührt. - -Man muß sich heute mit Fechner auseinandersetzen. Er wird eine -+Macht+, -- trotz aller oberflächlichen Urteile, die auch mit ihm -„fertig“ zu sein glaubten. - -Vor kurzem ist sein naturphilosophisches Hauptwerk, „Zend-Avesta“, neu -herausgekommen. In einem halben Jahrhundert war das Buch nicht wieder -aufgelegt worden, -- überhaupt nicht nach der ersten Ausgabe. - -Ich sehe die ursprünglichen Bändchen noch vor mir in dem alten, -schmutzigen, zerfetzten Exemplar der Berliner Universitäts-Bibliothek, -das Jahrzehnte hindurch immer einmal wieder zu erlangen ein Ereignis -war. - -Jetzt sind es zwei schöne Bände in Lexikonformat geworden, mit -besonders hellem, freundlichem Druck, man kennt den alten Sonderling -kaum wieder. Kurd Laßwitz, der ausgezeichnete Gothaer Physiker und -Dichter, hat die Vorrede dazu geschrieben, in der er erklärt, daß -dieses Buch zu seiner Neuauflage keiner erklärenden Vorrede bedarf, -sondern daß es einfach wiederkommt, weil es heute wiederkommen -+muß+. - -Als der alte Gellert in Audienz beim alten Fritz ist, sprechen sie über -ein Buch, und der alte Fritz sagt: „Das haben sie mir gebracht, aber -das hab’ ich fortgeworfen.“ So hat es das neunzehnte Jahrhundert mit -Zend-Avesta gemacht. - -Ich weiß noch heute eine ganze Anzahl trefflicher, kenntnisreicher, -ethisch hochstehender Männer, die es genau so machen. Man braucht -dem Gespräch nur eine bestimmte Wendung zu geben und dann plötzlich -einen Fechnerschen Zend-Avesta-Gedanken mitten aus dem Zusammenhang -dazwischen zu werfen, -- etwa: man spricht über die Spektral-Analyse -der Gestirne im Anschluß an das treffliche Buch unseres Potsdamer -Astrophysikers Scheiner und wirft hinein, daß Fechner noch im Jahre -1851 die Gestirne für „beseelt“ gehalten habe; auch über das Antlitz -eines sehr milden, sehr sachlichen Zuhörers wird ein Lächeln fliegen, -das so viel besagt, wie: werfen wir den Mann fort aus jeder ernsthaften -Debatte. - -Vielleicht gibt es in der ganzen Tragödie menschlicher Irrungen nichts -Bittereres als eben dieses Lächeln des Mißverständnisses bei Besten, --- dieses Lächeln, das doch im Grund der Dinge nur ein Lachen der -tatsächlichen nackten Unkenntnis ist. - -Denn nicht um einen solchen einzelnen, aus dem Text gerissenen Satz -geht die wahre Frage, nicht er bildet den echten Hintergrund, vor dem -die den Fechner heute wieder suchen, -- nun die ihn eben suchen. - -Das Fortwerfen eines Jahrhunderts ist selber kein End-Urteil. - -Dieses gleiche Jahrhundert hatte auch Schopenhauer schon einmal -fortgeworfen, gründlich, bis zum Makulaturwerden eines Hauptbuchs. Es -gab eine Zeit in diesem Jahrhundert, da es ebenso ein Hohn war, wenn -ein paar tüchtige Köpfe beisammen waren und über Physik redeten, etwa -über das eben begründete große Gesetz von der Erhaltung der Energie --- und wenn da einer dazwischen warf, es habe der Naturphilosoph -Schopenhauer alle Kraftäußerungen der Natur auf den „Willen“ -zurückgeführt. Mit diesem Willen im Energiegesetz wäre Schopenhauer nie -über das Achselzucken der Leute hinausgestiegen. Eines Tages aber trat -das Jahrhundert in seine eigentümliche graue Epoche, die Welt erschien -ihm nichtig, der Pessimismus die Lösung. In dieser Stimmung hat es -plötzlich die Ansatzstelle zu Schopenhauer gefunden, die Ansatzstelle, -von der aus es dann auch überhaupt begriffen hat, daß dieser Mann einer -der schärfsten und ehrlichsten Denkerköpfe der Menschheit gewesen ist, -ganz einerlei, wie viel von seiner Willenstheorie oder selbst von -seinem Pessimismus ewige Wahrheit bleiben soll, -- ein Denkerkopf, den -„wegzuwerfen“ eine himmelschreiende Versündigung an dem wahrlich nicht -zum Vergeuden reichen Denkschatze dieser Menschheit gewesen wäre. - -Was heute nun wieder zu Fechner zurückdrängt und auch da eine ganz neue -Ansatzstelle öffnet, das ist in gewissem Sinne ja genau das Umgekehrte -an Stimmung von dem, was damals zu Schopenhauer führte. - -Aber es ist genau ebenso eine +Gesamtstimmung+. - -Das neunzehnte Jahrhundert zwar kann sich in ihr nicht mehr -rektifizieren, denn es ist um. Aber Jahrhundert hebt Jahrhunderturteil -auf, wie es in dem Spruche heißt: „~Nemo contra Deum, nisi Deus -ipse.~“ Es sind nicht ein paar Antiquare und antiquarische Gemüter, -die den fortgeworfenen Schriften Fechners heute wieder nachspüren. - -+Optimismus+ sucht unsere Zeit. - -Das ist wahrlich ein größeres Wort als Gestirnseele oder als der -antiquarische Buchname Fechner, -- wie Pessimismus ein ander Ding war -als der mystische Wille und Schopenhauer. - -Um ihres Strebens, ihrer lang verhaltenen, überall aber elementar -durchbrechenden philosophischen Sehnsucht nach konsequentem Optimismus -willen klammert sich unsere Stimmung an Goethe, der zwar nie -fortgeworfen, aber auch gründlich mißverstanden worden war. Und darum -auch kommt sie auf Fechner zurück. - -Sein Name ist ein Zeichen heute, das kein Lächeln und Lachen über -Pflanzenseelen und Gestirnseelen mehr fortschaffen kann. Er ist ein -Symptom einer äußerst charakteristischen Wende, und das muß ernst -genommen werden. - -Was Fechner wollte? - -Wie der Faden eines großen Kunstwerks läßt sich der Kerngedanke auch -seiner ganzen Philosophie auf eine Nußschale schreiben. - -Der Angelpunkt liegt in dem schlichtesten Wort, über das auch im -exaktesten Kreise doch unmöglich als solches gelacht werden kann: in -dem Wörtchen +Natur+. - -In diesem Wörtchen steckt eben noch mehr als bloß etwas -Spektral-Analyse oder Energiegesetz. Unsere größte Lebens- und -Herzensfrage steckt allmählich darin. In vierhundert Jahren ist das -langsam über uns gekommen, und es hilft keine Phrase mehr darüber fort. -Das ganze achtzehnte und das ganze neunzehnte Jahrhundert ist eine -einzige fortgesetzte Krisis vor diesem Begriff. - -Rekapitulieren wir noch einmal. - -Zuerst kam die große Zeit von Kopernikus bis auf Newton mit ihren -überwältigenden äußeren Bildern der Natur. Die ungeheure negative Rolle -des Neuen setzte ein. Vor den Sternen in Galileis Fernrohr verblaßte -ein ganzer alter Lichthimmel. Vor dem Naturgesetz Newtons versank der -Wunderbegriff. Wo einst Überwelt und kleine Erdenwelt eng aufeinander -geprallt waren, da schob sich jetzt das Riesending dazwischen, das wir -eben im neueren Sinne „Natur“ nennen: Myriaden Sonnen im Raum, Äonen -der Vergangenheit, natürliche Entwickelung in der eisernen Hand des -Naturgesetzes -- und diese Welt dem Forscher zugänglich, das leise -Ticken ihres Lebens sich wiederspiegelnd auf seiner Uhr, ihr in allen -Äonen gleichmäßig geregelter Schritt sich aufprägend auf seiner Wage. - -Auf einmal ist das da, gigantisch groß, zermalmend für unzählige -altvertraute Vorstellungen, mit nichts mehr fortzudisputieren. Wir -lieben es, das neunzehnte Jahrhundert im engeren hervorzuheben als die -Epoche der Naturforschung, der Naturerkenntnis. In Wahrheit bezeichnet -es nur den Wellenkamm, wo das Bewußtsein des Erreichten einsetzt. Ein -Werk wie Humboldts „Kosmos“ ist charakteristisch für dieses Jahrhundert -als eine Zusammenfassung, ein erster, ganz großer Rechnungsabschluß. - -Lange ehe es dazu kommt, setzt aber bereits eine ganz andere Linie ein, --- eine, die ebenso folgerichtig einsetzen mußte. - -Der Begriff Natur hat die ganze sichtbare Welt erobert. Streng genommen -sogar die unsichtbare. Wo der alte Glaube Himmel und Hölle jenseits der -Schranke unseres Sehens träumte, träumt er immer noch wieder Sterne. In -die Ewigkeit reicht sein Naturgesetz. - -Aber ob nun da oben durch die Fugen der Aetherglocke der Schimmer des -Paradieses blitzt oder ob Sterne kreisen im leeren Raum, getragen vom -Gravitationsgesetz: auf der Erde sitzt der gleiche Mensch, stützt den -Kopf auf die Hand und fragt sich, wie er sich in ein Verhältnis setze -zur Welt. - -Ist die Welt „Natur“ geworden, -- wie also zu dieser Natur? - -Einen Augenblick, unter dem Krachen der alten Säulen, kann er -vielleicht meinen, mit diesen Säulen sei jenes Anschlußbedürfnis selber -zerstört. Aber das ist nur ein negativ übertäubter Moment. Mensch -bleibt Mensch. In dem alten Tempelbau ließ sich leben. Wie ist’s nun in -der Natur? - -Wenn die Flut eine halbe Insel wegreißt und die Leute auf ein Viertel -des alten Raumes drängt; wenn ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch eine -ganze Stadt wegtilgen: die verschüchterten Menschen meinen auch zuerst, -jetzt würden sie ewig im Chaos bleiben; in ein paar Jahren haben -sie sich doch wieder eingerichtet, so gut es geht, und die nächste -Generation weiß es schon nicht anders. - -Die Naturerkenntnis verhieß nun umgekehrt sogar unendlichen Zuwachs. -Für den engen Tempel eine Sternenwelt. Immerhin lag das alte Haus für -den Moment unter der Lava und es wollte ein neues Dach gebaut sein, -unter dem der Mensch die Sterne ruhig ertragen konnte. - -Die Linie, die von hier heraufkommt, darf man gar nicht in der Weise, -wie jene erste, grundlegende, zunächst bei den Naturforschern suchen, -ja nicht einmal bei den Naturphilosophen vom abstrakten Feld. - -Die Frage, wie man praktisch, als ganzer Mensch mit allen echten, -unzerstörbaren Menschenbedürfnissen, mit der „Natur“ leben solle, ist -in ihrer eigentlichen Intensität auch von den intensivsten Ganzmenschen -zuerst brennend gestellt worden: den +künstlerischen+ und -+ethischen+ Köpfen. - -Ihre größte erste Entladung in der Tiefe des achtzehnten Jahrhunderts -liegt nicht bei irgend einem exakten Naturforscher (nicht einmal bei -Newton), sondern bei Rousseau. - -Rousseau kämpfte im Kleinen noch einmal den ganzen Kampf des Alten und -Neuen bei sich aus. - -Als eine durch und durch ethische Natur lief er zunächst mit dem -harten Kopf gegen moralische Widersprüche in seiner Zeit. An der -Unmöglichkeit, sie mit dem alten Glauben noch zu lösen, erkannte er die -Krisis des neuen Menschen. Der Mensch mußte sich mit irgend etwas neu -einrichten, um diesen Dampf zu durchdringen. - -In dieser Stimmung bot sich ihm das Wort „Natur“. - -Die Natur erschien ihm als die Erlösung. Heim ans Herz der Natur! - -Rousseau zuerst suchte in der Natur mit der ganzen Inbrunst des -Erlösungsringers nicht die Ziffern irgend einer Naturforscherrechnung, -ja nicht einmal philosophische Spekulation: er suchte in ihr einen -neuen ethischen Grundwert und Urwert, den Fels, an den der neue Mensch -sich klammern könnte, den ruhenden Punkt des Gemütes, das Herz, an das -dieses Gemüt heim wollte. - -Es ist die Tragik in Rousseaus Leben, daß der Begriff Natur bei alle -dem ihm selber ein schwankender, halber, phantastisch-unklarer blieb. -Er mußte eine sentimentale Natur erfinden, die in dieser Form für -die nächste Folge dem Fortschritt der echten Naturerkenntnis schroff -entgegenstand. Und selbst darin blieb er halb. - -Hätte Rousseau die Kraft des Wissens und der Phantasie gehabt, seinen -Naturbegriff wirklich groß und suggestiv zu machen, so wäre er mit -seiner ethischen Wucht ein Religionsstifter geworden, wozu er in -vielen Zügen das Zeug hatte. So blieb er in der Natur-Krisis stecken, -allerdings mit einer ungeheuren Wirkung innerhalb dieser Krisis. Ein -Gewaltigerer löste ihn ab: Goethe. - -Auch Goethes Leben ist ein unausgesetzter Kampf um den Natur-Begriff. - -Goethe ist eine unendlich viel positivere Gestalt als Rousseau, schon -weil er viel stärker Künstlernatur ist. - -Er geht für sich niemals so herb von dem Riß zwischen Alt und Neu -aus. Viel mehr Naturforscher auch als Rousseau, steht er von Anfang an -fester auf dem Natur-Boden. Von Spinoza her ist er zugleich auf den -Einheitsbegriff gedrillt. Ihm kann der Schnitzer nicht passieren, daß -er nun doch noch wieder den Riß in die Welt hineinprojiziert und einen -Schnitt macht zwischen Natur und Kultur, die Kultur als Abfall ansieht -von einer künstlich konstruierten „Natur“. - -Goethe ist es, der, nicht abstrakt wie Spinoza, sondern künstlerisch -schauend, das Wort einführt: „Gott-Natur“. - -Wenn ein Wort die Probleme hier wie irgendwo endgiltig lösen könnte, so -wäre die Schlacht für diese ganze Linie damit gewonnen gewesen. - -Aber Goethe selbst hat in unablässigem Ringen, Tasten, Versuchen -deutlich genug gezeigt, wie sehr er sich bewußt war, daß das Wort erst -eine Direktive sei, keine Erfüllung. Vielleicht das Größte, was er uns -im Kampfe um den Naturbegriff geleistet hat, war aber der Mut, mit dem -er dem Ding ins Auge schaute, ohne jede Sorge, es könne ihn fressen, -statt ihn zu erlösen. - -Es lag schon in der Luft damals, dieses Gefressenwerden durch den -Natur-Begriff. Ganz langsam hatte sich in die große Linie der -Naturforschung der seltsame Faden hineinversponnen, von dem ich schon -gesprochen habe. - -Da stand der große neue Lichtbau der Welt, aufgemauert mit cyklopischen -Quadern der Forschung. Aber nun der Mensch sich darin einrichten -wollte, hing über der Tür plötzlich etwas wie ein Gorgonenschild. - -Die Natur ist das Absolute; aber dieses Absolute ist ein sinnloser -Blödsinn! - -Eine närrische Ausgeburt des Chaos, diesem Chaos wieder verschrieben -mit Leib und Seele! - -In herrlichem Siegeszuge hatte die Naturforschung in der Rechnung ein -Mittel erkannt, dem Geheimgewebe der Natur in die Maschen zu rücken; -jetzt hieß es: die Natur selber ist nichts anderes, als eine dürre -Ziffernfolge. Wir selbst sind auch nur gleichgültige Ziffern darin. -Ein wahnsinniger Totentanz rast die Wirklichkeit an uns vorüber. An -uns, -- an ein paar Spiegelplättchen für Momente. Morgen ist alles -aus. Was war im Grunde die ganze Erkenntnisjagd? Ein tappender Gang im -Labyrinth, Kammer um Kammer durch, von Treppe zu Treppe. Bis endlich, -unentrinnbar, in der tiefsten Zelle, der schwarze Minotaurus saß, der -uns alle fraß. Warum? Danach durfte man nicht mehr fragen. - -Goethe kannte diese Auffassung ganz genau. - -Er hat sein Leben lang Aug in Auge mit ihr gestanden. - -Er wußte, daß hier die Stelle war, wo der Natur-Begriff seinen -wildesten Versucher in sich selbst hatte, wo er, mit einem Schritt nur -über die Kante, hoffnungslos abstürzte in den Pessimismus. - -Wenn der Natur-Begriff über diese innerlichste Krisis nicht gerettet -wurde, so war seine ganze Zukunftsrolle verspielt. Denn im Pessimismus -dieser absolut hoffnungslosen Art würde die Menschheit sich nicht -dauernd zufrieden geben. Durch irgend eine Spalte würde die alte, -überwundene Weltanschauung, die vor Copernikus und Galilei zersplittert -war, wieder zurückkriechen und von dieser verrannten Ecke aus den -ganzen wundervollen Lichtbau der Naturforschung überhaupt wieder -auseinandersprengen. - -Was Goethe sich bei dem Begriffe Gott-Natur dachte, war in allen -Phasen seines Lebens immer der schärfste Protest gegen diese -+Nachtansicht+ der Natur. - -Aber obwohl er ein unendliches Stück darin weiter als Rousseau kam, -lag es doch gerade in seiner Art, den ganz festen Formulierungen aus -dem Wege zu gehen. In einzelnen glücklichen Momenten glaubte er an -optimistische Grundfäden der Natur auch als Forscher zu rühren, -- so -wenn er dem Begriff der Steigerung in der Naturentwickelung nachsann. -Am sichersten aber hat er sich immer nur in der Dichtung, als Künstler, -ausgesprochen. Da war er sich völlig klar und goß seine lichte Klarheit -auch über andere aus, ein Apostel eines Natur-Begriffs, der den -Menschen wirklich mit ganzer Erlöserglut wieder emporzog, anstatt ihn -in die Minotaurus-Höhle zu stoßen. - -Nur so konnte er, der Naturforscher, der in jeder Faser das echteste -Kind des Natur-Zeitalters nach Copernikus und Galilei war, die -Erlösungsdichtung des Faust schreiben: die Dichtung vom Menschen, der -nicht vom Minotaurus gefressen wird, sondern am Bande eines ehernen -optimistischen Naturgesetzes durch alle Sphären der Welt strebend -emporwandelt, selber ein aktives Stück Welt, nicht ein sinnloses -Spiegelplättchen. - -Sehr bezeichnend für die Auffassungen des Natur-Begriffs ist im Engeren -im Faust die Szene mit dem Erdgeist. - -In ihrer veredeltsten, abgeklärtesten Form erscheint in des Erdgeists -Worten jene Natur-Definition, die für das einsame Ringen des Menschen -keinen Anschluß hat. Nicht in der Minotaurus-Gestalt, sondern so groß, -daß das Wort auch für sie fallen darf von der Gottheit lebendigem -Kleid. Und doch als absolut fremde, in sich geschlossene Welt, die -auf und ab webt in Lebensfluten und Tatensturm als völlig in sich -stimmende Rechnung, in der nur unsere Qual, unsere Sehnsucht, unser -Erlösungsbedürfnis nicht mitverrechnet sind. Ein kosmisches Schauspiel, -das uns im Grunde gar nicht berührt, das sich abrollt vollkommen ohne -uns. - -Mag das eherne Antlitz dieses Erdgeistes ein Ziel sogar für sich haben, -auf das es starrt, -- unser Ziel ist es jedenfalls nicht, nie werden -wir es begreifen; wir werden blutend auf dem Opferstein liegen und -nicht einmal wissen, warum wir geopfert werden. Ein furchtbares Phantom -in all seiner Größe steigt der Erdgeist auf, singt sein Lied und -versinkt; Faust, der ringende Mensch, bleibt auf den Knieen liegen und -ist im Grunde so klug wie zuvor. Schließlich ergibt er sich lieber dem -Teufel, dem Pessimismus, bloß um wenigstens irgend eine Tat zu tun und -damit aktiv in der Welt zu bleiben, -- anstatt sich dort dauernd zum -hilflosen Zuschauer verdammt zu sehen vor dem Tatensturm einer Natur, -die ihn innerlich nichts angeht. - -Es liegt nahe, von Goethes Erdgeist auf Fechner zu kommen. - -Doch nicht so um des äußeren Wortes willen und weil es gerade auch bei -ihm eine Rolle spielt; sondern wegen jenes tieferen Zusammenhangs in -der Natur-Idee. - -Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Anstieg der Naturforschung -zum Triumph, zum wohlberechtigten. Aber auch die Verwickelung des -Natur-Begriffs wurde trotz Goethe eine immer größere. - -Erst in diesem Jahrhundert, in der Epoche Darwins, geriet der Mensch -endgiltig in den Naturzusammenhang hinein, in einer prachtvollen -logischen Verknüpfung. Und doch, seltsam genug: je fester, je -energischer man den Menschen körperlich und seelisch, geschichtlich -und individuell in die Natur verknotete, in sie ein-, in ihr aufgehen -ließ, desto größer schien die Lust, eben diese Natur so unwirtlich -und unwohnlich für alle praktischen Bedürfnisse des Ganz-Menschen zu -definieren, wie nur irgend denkbar. - -Weil ihr Verlauf ein gesetzmäßiger ist, sollte er ein sinnloser sein. - -Weil wir eine tiefe Logik der Dinge gewahren, die auch aus einer -scheinbar chaotischen Zertrümmerung aller kosmischen Gebilde dennoch -immer wieder eine der Harmonie sich annähernde Welt heraufentwickeln -würde, sollte der Kosmos in Wahrheit ein Chaos sein. - -Weil es die Natur war, die im Menschengeiste sich zu grenzenlosen -Herrlichkeiten der Erkenntnis, der Kunst, der Ethik emporgearbeitet -hatte, sollten alle diese Errungenschaften plötzlich gleichgültige -Seifenblasen eines törichten Spieles sein. - -Immerfort hat dieses Jahrhundert dem Menschen einschärfen wollen, daß -er in der Natur als seiner umfassenden Idee aufgehe, -- aufgehen müsse, -weil diese Natur im monistischen Sinne Goethes das wahre All sei, in -dem es nicht ein Außen und Innen gebe. Und immer hat dieses gleiche -Jahrhundert dem Menschen tatsächlich an den Kopf geworfen, daß er in -der Natur unterzugehen habe, unterzugehen wie ein armer Schwimmer, der -sich sträubt und sträubt und den der tückische Strudel endlich doch in -seinen schwarzen Abgrund saugt. - -Und der Erfolg ist Pessimismus gewesen, Pessimismus bis über die -Ohren, während draußen alle bunten Triumphraketen der grandiosesten -Naturerschließung prasselten. - -Ein Mann aber, der sich gewehrt hat gegen diese Definitionen mit aller -Kraft seines unsagbar reichen und logischen Geistes, war Fechner. - -Es ist äußerst bezeichnend für Fechner, daß er gerade das war, was -Goethe Zeit seines Lebens am wenigsten der Anlage nach gewesen ist: -exakter Physiker. - -Er kam gleichsam aus der engsten Geheimzelle der modernen -Naturforschung, vom feinsten Räderwerk des ganzen Getriebes. Bei ihm -ist kein Zweifel über richtige Handhabung der Forschungsmethode, kein -Zweifel über die Beherrschung der Forschungsresultate seiner Zeit. Wo -er als reiner Sachforscher im Detail aufgetreten ist, da hat er sich -ausnahmslos den Ruf eines geradezu klassischen Arbeiters erworben. -Wer sich die Mühe gibt, auf Eleganz der Methode bei ihm nachzuprüfen, -der wird den Verfasser der Elemente der Psychophysik unbefangen neben -Gauß, Weber, Faraday und Helmholtz in der Geschichte der modernen -Naturforschung stellen können. - -Und doch lag Fechners Denker-Ehrgeiz tatsächlich auf einem anderen -Gebiete, weit darüber hinaus. Auch er wollte den Naturbegriff selbst -reformieren, ihn endlich, angesichts so erdrückenden Naturmaterials der -Forschung, zu einem wirklichen Hause umschaffen, in dem sich für den -ganzen Menschen wieder +wohnen+ ließ. - -Und dieser Fechner ist es, der uns heute, nachdem die Krisis des -Begriffs nachgerade wieder einmal fünfzig Jahre gedauert hat, auch erst -recht wieder interessiert. - -In drei Werken hat er seine Allgemein-Anschauungen niedergelegt, in -der Mitte seines Schaffens in „Nanna“ und „Zend-Avesta“, im Alter in -der „Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht“. Es sind keine leichten -Bücher, die man in einer müßigen Stunde wie einen Roman lesen kann. -Ich denke aber, die Frage, ob es eine Versöhnung von Optimismus und -moderner Naturanschauung geben könne, ist auch nicht die Frage einer -müßigen Stunde. - -Was Fechner im ganzen versucht hat, das ist eine +ungeheure -Hilfskonstruktion+ zu dem Satze: was könnte die „Natur“ doch noch -in einem optimistischen, unser Sehnen beruhigenden Sinne sein unter -Achtung aller festen oder fest geglaubten Tatsachen und Lehrsätze der -exakten Naturforschung von heute? - -Es ist bei dieser Stellung der Frage von vornherein klar, daß kein -Rückfall mit ihr möglich ist in eine Weltauffassung, die mit diesen -Tatsachen und Lehrsätzen noch nicht gerechnet hatte, als sie entstand, -und die in der Folge sich nur in erklärtem Widerspruch zu ihnen -erhalten hat. - -Das unzerstörbare Walten der Logik im Naturgesetz, das jedes „Wunder“ -ausschließt; die Einheit aller Dinge Himmels und der Erden im -monistischen Sinne ohne jedes „Hinter der Natur“, die den ganzen -alten Dualismus und die ganze alte, schlechte Sorte der Metaphysik -fortstreicht; das ewige Gebundensein alles Seelischen an einen -materiellen Untergrund, mit dem alle Gespensterei und Theorie der -stofflich unabhängigen Seelen aufhört: -- solche und ähnliche Sätze der -Naturforschung sind für Fechner eherne Säulen, die fertig dastehen, ehe -er seine ganze Konstruktion anfängt, und bei denen eben jene Achtung in -Kraft tritt. - -Was er aber behauptet, das ist: daß jenes pessimistische -Minotaurusbild, ja auch schon jenes ganz indifferente Bild einer kalten -Weltenrechnung ohne inneren Anschlußpunkt für uns, eben selber auch nur -eine Hilfskonstruktion innerhalb dieser Säulen sei -- und zwar weder -die einzige, noch auch die logisch beste. - -Im Gegenteil. - -Es läßt sich eine optimistische Hilfskonstruktion denken, die dem -Harmonie- und Erlösungsbedürfnis des Menschen vollkommen gerecht wird -und den Menschen aktiv an die Natur angliedert als den umfassenderen -Organismus, ohne daß dabei ein Titelchen verrückt zu werden braucht -an jenen Grundsäulen der Forschung. Und es läßt sich gerade diese -Hilfskonstruktion innerlich sogar mit einer konsequenteren Logik -zwischen diese Säulen einbauen, als es für jene andern denkbar ist. Das -ist Fechners wesentlichstes Denkbekenntnis. - -Das „Wie“ seiner Konstruktion steht in den drei Büchern. Es läßt sich -darüber streiten, und Fechner verlangte, daß man darüber stritt, -eventuell ihn widerlegte. - -Der Schmerz seines Lebens war, daß man ihn statt dessen totschwieg. - -Nie hat er das vollauf berechtigte Gefühl überwunden, daß es sich -um Fragen von solcher Heiligkeit, Fragen auf Leben und Tod wie des -modernen Menschen, so der modernen Naturforschung, hier handle, daß -diese Antwort absolut unwürdig sei. - -Heute würde er es als einen neuen Beweis seines optimistischen -Naturprinzips selbst hinnehmen, daß die Geistesentwickelung uns ganz -von selber darauf führt, die alte Sünde wett zu machen. - -Im Moment, da wir nach so viel abgeflossenen schwarzen Wassern des -Pessimismus wieder Optimismus suchen, sind wir mit drei Schritten -wie bei dem Sänger der Gott-Natur, so auch wieder bei dem stillen -Philosophen im Leipziger Rosental. - -Denn so viel Stationen der modernen Geisteswallfahrt nach dieser Seite -haben wir nicht, daß wir im Gedränge fehl gehen könnten. - - * * * * * - -In dem großen Kampfe um den Natur-Begriff steckt aber noch ein tieferer -Kampf. - -Der Kampf überhaupt um die +Wirklichkeit+. - -Um Begriff und Sinn und Kraft der Wirklichkeit. - -Auch um sie hat das neunzehnte Jahrhundert unablässig gerungen, mit -und ohne Wissen, mit und ohne Segen, aber rastlos, unermüdlich. - -Es ist seltsam: ganz andere Erinnerungsfäden spinnen sich mir an, ganz -andere Assoziationen, wie ich an dieses Wort „Wirklichkeit“ denke. - -Kampfbilder tauchen mir zunächst auf aus dem ästhetischen Gebiet. Wie -ist in den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts gestritten worden -über den Begriff des Realismus in der Kunst, -- über Wirklichkeitskunst! - -Auch von dieser ästhetischen Fehde ist im Persönlichen heute viel -antiquiert. - -Da hängt Zola’s Bild an meiner Wand. Zola ist tot. - -Dort stehen die grünen Hefte der „Freien Bühne“, der deutschen -Zeitschrift, in der die Rede vom Naturalismus und Realismus der Kunst -so lautes Leitwort war. Das trotzige Frühlingsgrün ihrer Umschläge ist -zum sanften Grau abgeblaßt. Ach ja! Moderne Umschlagsfarben halten kein -Jahrzehnt! Es ist mir aber auch schon wie ein Omen zur Sache. - -Und doch war dieser engere ästhetische Zwist eine so notwendige Farbe -in jenem größeren Streit, -- dem eigentlichen Geisteskampfe um die -+Wirklichkeit+. - -Durch ihn mußte durchgehen, wer hier auftauchen wollte, auftauchen in -eine freiere Luft. - -So lange ich rückschauend mich selbst ernst nehme als Arbeiter, hat das -Problem mich bewegt des Verhältnisses zwischen Naturforschung oder von -ihr getragener Naturphilosophie -- und Kunst. Erste Lösungen, die ich -versucht habe und an denen ich eine Weile einmal Freude hatte wie an -einem braven Funde, sind mir heute bloß Lehrgeld. Erst ganz allmählich -aber ist mir dabei wenigstens +ein+ echter Wert aufgegangen: -nämlich Respekt vor der ungeheuren Wucht und Macht jeder Einmischung -überhaupt des Ästhetischen ins allgemein Philosophische. - -Wenn die Kunst sich aufrafft und spricht, so tritt allemale eine Riesin -aufs Schlachtfeld. - -Eine Tiefe des Menschen ist aufgewühlt, an die kein Instrument der -Forschung heran konnte. Dieser Quell wird nicht planmäßig erbohrt -und fließt in bequemen Röhren ab: er gährt auf, bringt mit oder -verschlingt, je nachdem. Immer aber ist die Sachlage völlig verändert, -wenn die Kunst darüber gerauscht ist. - -Erst von hier aus glaube ich heute auch zu ahnen, was +hinter+ -jenem Kunstkampfe um den Realismus stand. - --- -- -- - -Wie oft ist versucht worden, das neunzehnte Jahrhundert gegen das -achtzehnte durch irgend ein scharfes Ereignis abzugrenzen. Durch die -französische Revolution. Oder durch Goethes Tod. Man gab hier, dort ein -Jahrzehnt, ein paar Jahrzehnte zu. Immer vergebens. - -Mit eigentlichen Ereignissen im gewöhnlichen Sinne glücken wahre -weltgeschichtliche Trennungen überhaupt nie. Die Antike schließt so -wenig mit der Absetzung des Romulus Augustulus, wie das Mittelalter -wirklich endet mit der Entdeckung Amerikas. - -Man muß den Begriff „Ereignis“ in einer tieferen, einer verfeinert -geistigen Bedeutung fassen. - -Ein tiefstes innerliches Erleben, eine langsame Geistesströmung der -Menschheit, lange im Unzulänglichen gehalten, wird endlich „Ereignis“ -im Faustischen Sinne. An solchem Ereigniswerden gehen dann in der Tat -Weltalter auseinander, an ihm gliedert sich die Geschichte zu Epochen -voneinander wie ein grandioses Kunstwerk. - -Aber diesen Vollzug bezeichnet kein Name einer Person, keine -Staatsaktion, keine Explosion und kein Landruf aus dem Mastkorbe eines -Entdeckerschiffs. - -Wir finden dafür immer nur eines jener begrifflichen Worte, ein -ideelles Leitwort aus dem begrifflichen Denken heraus, das uns -allerdings in solchem Moment daran mahnen mag, wie dieses begriffliche -Denken des Menschenhirnes selber eine Art geheimnisvollen Sinnesorgans -sei, das gerade da in den innersten Säulenbau der Weltendinge und -Geschichtsdinge schaut, Zusammenhänge, Umfassungen, Trennungen sieht, -wo das gewöhnliche Auge versagt. - -Auch das neunzehnte Jahrhundert hat sein begriffliches Leitwort. - -Es lautet: Wirklichkeit. - -Das Ereigniswerden dieses Wortes in der Menschheitsseele bildet den -eigentlichen Leib, das eigentliche Individuum dieses Jahrhunderts, --- die Kristallisationsform der Menschheit, die immerhin der äußeren -Ziffer von achtzehnhundert Jahren seit Christi dunkler Geburt am -nächsten steht. - -In diesem Wörtchen Wirklichkeit liegt auch alles, was das neunzehnte -Jahrhundert vom achtzehnten trennt. Um dieses Leitwortes willen -erscheint es dem raschen Blick so stark als „Tat“ zu dessen „Gedanken“. - -Es lag dieser Tat aber doch in Wahrheit ein anderer, ein eigener -Gedanke zugrunde. - -Das achtzehnte Jahrhundert (in diesem Sinne immer jetzt nur als eine -lose Annäherung gefaßt an die Jahresziffer) philosophierte abstrakt, -träumte, dichtete, phantasierte, lebte und schwelgte in Gefühlswelten. - -Alle seine Maßstäbe waren ästhetische. - -Seine Naturgeschichte war Naturphilosophie. - -Seine soziale Besserungssehnsucht wandelte in Utopien, versenkte sich -in mystische Gründe, konstruierte sich eine romantische Geschichte, -die nie existiert hat, und baute darauf in die Wolken hinein eine -märchenhafte Zukunft. - -Immer hat dieses Jahrhundert einen Stich ins Ungemessene, ein -Überfliegen der Dinge durch den Gedanken, eine naive Befreiung von der -Schwere. - -Das neunzehnte Jahrhundert kennt nur einen Maßstab: den technischen. - -Sein Blick ist auf einmal kurz, aber auf diese kurze Spanne -mikroskopisch scharf. - -Sein Boden, seine eigentliche Erdwissenschaft, aus der Antäus Kraft -schöpft, ist die Naturgeschichte, aber sie ist jetzt im echten Sinne -Naturwissenschaft und nur solche. - -Auf ethischem, auf sozialem Gebiete ist es das Jahrhundert der -kurzen Programme, die nicht die Welt neuschöpfen wollen, sondern -einen einzigen nächsten besseren Schritt eisern ins Auge fassen, -ganz nüchtern, -- für diese Menschheit, für dieses Leben, für diese -Prozentziffer Schlechtigkeit weniger und für diesen konkreten Laib Brot -mehr. - -Hinter allen Taten dieses Jahrhunderts scheint obenan der Gedanke zu -stehen: beschränken wir uns. - -Beschränkung ist aber keine Beschränktheit. Man nimmt dem Worte die -Spitze, wenn man sich das Wesen jenes Beschränkens aus seinem Kern -heraus klar macht. - -Das neunzehnte Jahrhundert hat alle seine Siege erfochten im Zeichen -der Wirklichkeit. - -Dieser Begriff gerade in dem Sinne, wie ihn das Jahrhundert am meisten -im Munde geführt hat, kommt aber selbst nur zustande durch eine -Beschränkung. - -Das muß erfaßt werden, wenn man den Dingen gerecht werden will. - -Wir gebrauchen das Wörtchen „wirklich“ gewöhnlich in einer Auffassung, -über die ein Zweifel nicht möglich scheint. - -Wirklich ist das Blatt, ist der Tisch, auf denen ich diesen Satz -schreibe. Wirklich ist die Tapete meines Zimmers, der Ahornbaum vor -meinem Fenster, der Schornstein der Fabrik, der darüber vorlugt, der -Blitzableiter auf diesem Schornstein, und der Vogel, der eben darüber -hin fliegt. Wirklich ist der Atlantische Ozean, ist Amerika, ist die -Stadt New-York. Wirklich war einmal im neunzehnten Jahrhundert, einige -siebzig Jahre lang, der Darwin, dessen Bild dort an der Wand hängt. - -Nicht wirklich ist dagegen die Hallucination des Fieberkranken, die -sich als Gestalt im Zimmer dort bewegt, einen bestimmten Teil der -Tapete dort ihm verdeckt, menschliche Worte zu ihm spricht. Nicht -wirklich sind die Sirenen und Cyklopen der homerischen Gesänge. Niemals -wirklich war die Traumlandschaft, in der ich heute Nacht im Schlafe -unwirkliche Abenteuer ausgefochten habe. Niemals wirklich waren Faust -und Gretchen. - -Es ist diese Wirklichkeit ~sans phrase~, auf deren Ergründung, -deren Wiedergabe die ganze Forschung, die ganze Naturforschung beruht. - -Und es ist jene Unwirklichkeit, deren Ausmerzung bis in den heikelsten -Schlupfwinkel hinein ebenso sehr Ziel und Bedingung dieser Forschung -ist. - -Gleich diese erstbesten Beispiele zeigen aber auch aufs klarste, daß -und was für eine Voraussetzung hierbei stillschweigend gemacht ist. - -Eine Voraussetzung, die eine Beschränkung ist. - -In einem umfassenderen Sinne sind auch die Sirene und das Fieberphantom -„Wirklichkeiten“. Die Sirene hat vor zweieinhalb Jahrtausenden in -der Phantasie von kleinasiatischen Schiffern gelebt. Der redende, -raumfüllende, schattenwerfende Unhold des Fiebernden lebt mindestens -einen Augenblick lang in dieses Einzelnen Phantasie. Die Landschaft -meines Traumes war für mich Realität, solange ich träumte. - -Es ist aber zur Klärung gut, das Wort hier zu ändern. - -Beides, das sogenannte Wirkliche und das sogenannte Unwirkliche, lösen -sich tatsächlich auf vor einem höheren Begriff. - -Vor dem Begriff des +Erlebnisses+. - -Ganz zweifellos: der Ahornbaum da draußen, der Tisch hier vor mir, die -Tapete neben mir, der atlantische Ozean, Amerika und die Sirene, der -Cyklop, der Fieberkobold und Fausts edle Denkerstirn: sie sind alle -gleichermaßen Erlebnisse. Ich habe meinen Wald im Traume heute Nacht -erlebt; und der Kleinasiate von so und so viel hundert vor Christo hat -seine Sirene erlebt; und Goethe hat Faust und Gretchen erlebt -- ganz -genau so, wie Kolumbus Amerika erlebt hat, als er den Schaft seiner -spanischen Fahne in den Ufersand von San Salvador stieß, oder wie ich -jetzt und wachend den Ahornbaum mit seinen gelben Herbstblättern dort -draußen erlebe. Erlebnis ist einfach alles. - -Aber nun in diesem Erlebnisse die Unterscheidung, die Einschränkung. - -Die Hallucination sehe ich als Fieberkranker +allein+. - -Wenn ich andern beweisen will, daß dort vor der Wand jetzt eine -schreckhafte Gestalt stehe, so lachen sie mich aus und erklären mich -für krank. Wenn ich erzähle, daß ich heute Nacht in einem bunten -Märchenwalde spazieren gegangen bin, so halten mir andere entgegen, daß -sie mich zu dieser Zeit haben im Bette liegen und schlafen gesehen. - -Umgekehrt, den Ahornbaum und den Schornstein da draußen sehen alle -Menschen mit normalen Augen genau so gut wie ich. - -Wenn wir zu mehreren sprechen, so rechnen wir mit ihm als etwas -Gemeinsamem. Es liegt eine Identität unseres Erlebens vor. Mag sie auch -keine absolute sein, da jeder schließlich doch den Ahornbaum etwas -subjektiv anders sieht als der zweite und dritte. Aber diese Differenz -ist zu gering, um ein ernstes Hemmnis abzugeben. - -Kein Zweifel: es ist in diesem zweiten Falle ein +soziales+ Moment -berührt. - -Die „Wirklichkeit“ des Ahornbaumes wird bestimmt durch das -identische Urteil vieler, sie fußt auf einem Kollektiverlebnisse, -sie kommt zustande, man möchte sagen, durch eine Abstimmung, einen -Majoritätsbeschluß. Bei der Hallucination fehlt dieser Beschluß -vollständig. - -Das soziale Moment beginnt ja schon in mir selbst. - -Jeder einzelne von uns ist doch in sich schon eine Art sozialen Wesens -hinsichtlich seiner Erlebnisse. Bloß kein räumliches, sondern ein -zeitliches. - -Ich löse mich zeitlich rückwärts in Tausende und Tausende von Personen -auf, die etwas erlebt haben. Diese Tausende verknüpft allerdings -ein Gemeinsames, Identisches. Schon das Gedächtnis ist ja ein -solches Identisches. Aber hinsichtlich der Erlebnisse stellt sich -gleichwohl eine Kette von Personen dar. Auch diese Personen legen nun -schon ihre Erlebnisse zusammen und erzielen in mir selbst ähnliche -Majoritätsbeschlüsse. Ich selbst werde schon zu einer Unterscheidung -genötigt zwischen dem Ahornbaum und dem Traumwald. Die tausendfache -Prozentziffer des immer erneuten Ahornbaum-Erlebnisses mit allem, was -darum und daran hängt, erhebt sich mit einer schweren Majorität gegen -das einmalige Traum- oder Fiebererlebnis. - -So arbeitet aus mir bereits etwas jenem Sozialbeschlusse der vielen -Menschen entgegen. - -Aber die innere Unterscheidung des Einzelnen würde in unzähligen Fällen -doch nicht ausreichen. - -Man denke an den Zustand eines Irrsinnigen, der subjektive fixe Ideen, -hallucinatorische Erlebnisse viele Jahre lang ebenso regelmäßig haben -kann wie den Anblick des Ahornbaumes. Die eigentliche Entscheidung -fällt erst die soziale Gemeinschaft mehrerer, schließlich, als -Idealziel, +aller+ Menschen. - -Die schrankenlose Flut der Erlebnisse wird durchgesiebt auf das -Identische, das Gemeinsame hin. Und so erst entsteht das, was wir -konventionell Wirklichkeit oder Wahrheit nennen. - -Durch ein Filtrieren, ein Ausschließen. - -Durch einen Akt der Beschränkung! - -Je mehr Gleichartigkeit, je mehr Stäte für möglichst viele Menschen -in den Erlebnissen, desto stärker anwachsend der Schatz an -„Wirklichkeiten“, der Wahrheitsschatz der Menschheit in ganz bestimmtem -Sinne. - -Es liegt wahrlich nichts in dieser Herkunft, was den -Wirklichkeitsbegriff herabsetzen könnte. - -Jene schlichte Tatsache, daß ein gewisser Kreis von Erlebnissen sich -bei mehreren oder gar allen Menschen deckt, ist eine Grundtatsache -überhaupt zum Zustandekommen jedes sozialen Zusammenschlusses der -Menschen gewesen von Anfang an. Auf Grund nur davon haben sie sich -verständigen können. Diese „Wirklichkeit“ ist das eigentliche Band -der Zersplitterten geworden, die größte Identität, in der sie sich -zusammenfanden. Zusammenfanden zu gemeinsamer Arbeit. - -Dieses Herausheben einer gewissen Reihe von Erlebnissen aus dem -regellosen Andrange als „Wirklichkeit“ war der erste große Schritt zu -einer +Ordnung+ der Dinge, die dem Menschen eine neue Stellung in -der Welt verhieß. - -Denn an diese Ordnung schloß sich die Beherrschung, die Herrschaft über -die Natur, über die „Wirklichkeit“. - -In diesem Begriffe, der sozial gedacht war, konnte die Menschheit ihre -Einzelarbeit summieren, vor ihm konnte sie gemeinsam vorgehen, wo der -einzelne ohnmächtig versagte. - -Das ganze Wort Kultur hat eine Wurzel hier. - -Vielleicht gibt es kein schärferes Trennungszeichen zwischen einem -Naturvolke und einem Kulturvolke, als das Steigen im Wertmesser einer -für alle im Volke gemeinsamen „Wirklichkeit“. - -Wo der Begriff mit Bewußtsein erfaßt wird in der Gesamtgeschichte, -da ist es, als überschreite die Kultur eine Wasserscheide ihrer -Entwickelung. - -Die Vorstellung einer ganz „objektiven Wahrheit“ wird in dem -Augenblicke geboren und damit eigentlich das Fundament gelegt für alle -höhere Wissenschaft und Forschung. - -Ungeheuer freilich ist die Arbeit, die fort und fort getan werden -will, um die rechte Auswahl zu treffen und zu wahren zum Zwecke dieser -objektiven Wahrheit. - -Je mehr Völker in den Kulturkreis hineinwachsen, je mehr diese Kultur -sich inhaltlich erweitert, desto strenger die Auslese des Gemeinsamen. - -Es gilt nicht mehr bloß das Objektive, das Gemeinsame fort und fort zu -fixieren gegenüber dem bloß Subjektiven, dem Traum, der Hallucination, -kurz alledem, was das Individuum einsam erlebt ohne Übereinstimmung mit -seinen Genossen in der Kultur. - -Es müssen auch, wenn das Wort erlaubt ist, ganze -Hallucinations-Genossenschaften immer wieder ausgemerzt werden. - -Ein Volk, ein Kreis, eine Zeit einigen sich, daß dieses oder jenes für -sie Wirklichkeit sei. Aber dieser Glaube hält vor einer umfassenderen -Einheit, einer vorgeschrittenen Zeit nicht Stand, sinkt ins Subjektive, -muß wieder ausgesiebt werden aus dem wahren Bestand. - -Wo immer ein Ding auf Majoritätsbeschlüssen ruht, da zeigt sich ja -dieser Verlauf als natürliche Folge fortschreitender Entwickelung: die -Majorität wird gelegentlich abgelöst durch eine höhere Majorität. - -Aber soviel schwere Arbeit, soviel Erfolg. - -Von Jahrhundert zu Jahrhundert wächst den Menschen ihr gemeinsamer -Erfahrungsbestand -- ein eiserner Bestand, in dem sie eine immer -solidere Einheit über alles Schwankende des Individuums hinaus bilden. - -Unablässig fallen Millionen von Individuen ab. Aber das Gemeinsame -scheint unsterblich, diese ideale Einheit paralleler Erlebnisse in -soviel Köpfen in soviel Jahrhunderten. - -Immer mehr streckt sich ihr Gigantenleib, der Einzelne scheint nur noch -wie ein Punkt in ihr zu schwimmen, -- in der „Wirklichkeit“, diesem -kolossalen Komplex aller gemeinsamen Erlebnisse der Kulturmenschen von -sieben oder acht Jahrtausenden. - -Diese Wirklichkeit ist es, von der das neunzehnte Jahrhundert -beherrscht wird. - -Und zwar stärker beherrscht als irgendein Jahrhundert zuvor, -- als -sei ein durch die Jahrtausende rollender Schneeball endlich zur Lawine -geworden. - --- -- -- - -Zwei Linien der Entwickelung arbeiteten sich dazu in die Hände. - -Seit rund nun vier Jahrhunderten war die eine in ein verstärktes Tempo -geraten. - -Man muß über das achtzehnte Jahrhundert noch weit zurück, um sie in -ihrem Urstamm zu fassen. - -Es ist wieder in den Tagen des Columbus, und von denen zunächst -heraufwachsend bis auf die Zeit etwa, da Galilei beobachtet. In dieser -Epoche vollzieht sich für die Menschheit ein grundlegend Neues. - -In der Gruppe der Menschheit, die sich als europäische Kultur -zusammenfassen läßt, erfolgt ein großer Ruck hinsichtlich des -Werkzeuges. Die Buchdruckerkunst ersetzt die Schrift. Das Schiff wird -zu einem Werkzeug, das nicht mehr bloß die menschenbewohnten Küsten -eines Flusses, eines Binnenmeeres verknüpft, sondern Weltmeere zur -Brücke nach fernsten Erdteilen macht und eine halbe Erdkugel neu -erschließt. Das Fernrohr schiebt sich zwischen Mensch und Mond, -zwischen Padua und den Jupitertrabanten steht es plötzlich wie -eine wahre Himmelsleiter. Das Mikroskop löst den Schleier über dem -Infusorium und über den Winzigkeiten unseres eigenen Leibes, den -Blutkörperchen und Samenzellen, -- also über einer Welt, die bisher -eingeschachtelt lag wie in einer uns unerreichbaren Dimension. - -Ein Ruck hinsichtlich der Werkzeugtechnik bedeutet aber nichts anderes -als einen unmittelbaren Fortschritt gewisser menschlicher Körperorgane. - -Es ist der Körper des Menschen mit seinen Organen und Sinnen, der sich -eine Stufe weiter entwickelt. - -Seit prähistorischen Zeiten, seit das erste, roheste Werkzeug von -einem Menschen hergestellt wurde, hatte dieses gerade Verhältnis -bestanden. Die Keule war nur eine Fortsetzung des schlagenden Armes. -Das Kleid ein höheres Fell. Der Einbaum, aus dem das Schiff geworden -ist, ein künstlicher Wasserleib mit Anpassung hinsichtlich der Schwere -an das Wasser. Das Neue war bloß, daß diese Werkzeuggestaltung des -Urmenschen nicht mehr am lebendigen Zellenleibe herumformte, sondern -zweckmäßige Projektionen schuf in fremdes, totes, bloß angeeignetes -Material hinein. Der Mensch entwickelte sich keinen zermalmenden -Elefantenfuß, festgewachsen an seinem Leibe. Er behielt die kleine, -einfache, gelenkige Hand mit dem großen Daumen bei, wie er sie von -seinen frühtertiären Säugetier-Ahnen überkommen hatte. Doch mit dieser -Hand faßte er Keule und Streitaxt und zermalmte damit den Schädel des -Gegners. Mit dieser Hand hat er in den späteren Tagen, von denen wir -sprechen, gelernt, ein Fünkchen an das Pulver einer Kanone zu bringen, -und diese Kanonenkugel fällte den stärksten Elefanten. Die Schiffe des -Columbus, Vasco da Gama und Magelhaens waren nichts anderes als solche -projizierten Schwimmorgane, mit denen der Mensch jetzt endlich sogar -den Walfisch überbot und Weltmeere durchquerte. Das Fernrohr Galileis -und das Mikroskop des Leeuwenhoek waren verschärfte Augen, gebaut nach -dem gleichen Linsenprinzip unseres leiblichen Auges, wie wir es als -Säugetier mitbekommen haben -- bloß soviel besser, daß wir jetzt in -die Krater des Mondes und jenes Spiel der Samentierchen und der roten -Blutkügelchen schauten. - -Aber damals schon lag und immer liegt in dieser Art des -Organfortschrittes, den wir Werkzeug nennen, etwas Besonderes unlösbar -mit enthalten. - -Was hatte die Menschheit, oder sagen wir die Tierheit in ihr, -gezwungen, überhaupt diesen Schritt zum Werkzeug über das angewachsene -Körperorgan hinaus zu tun? - -Zwei entscheidende Faktoren der Nützlichkeit hatten dazu gedrängt. - -Wenn ich bloß mit der Faust zuschlage und der Gegenstand, nach dem -ich schlage, ist zu hart: so bricht mir der Knochen im Fleische. Ich -empfinde einen ungeheuren Schmerz, weil Fleisch und Knochen unmittelbar -im Bereiche meines subjektiven Nervensystems liegen. Und mehr: die -Faust ist mindestens für lange Zeit, vielleicht für immer, gelähmt, -- -ich bin mit einem Schlage in einen Zustand der Wehrlosigkeit gestürzt. - -Umgekehrt: die Keule zersplittert. Ich empfinde den Bruch des toten -Werkzeuges nicht als Nervenruck in mir. Ich werfe die Trümmer einfach -fort und greife eine andere auf. Holz wächst ja genug. Ich habe schon -welche auf Reserve geschnitzt. Oder kann sie doch jederzeit schnell -beschaffen. - -Und dazu jetzt und gleich hier anknüpfend ein zweiter, unsagbar großer -Vorteil. - -Ich verteidige als Mensch der Steinzeit meine Höhle gegen einen grimmen -Bären. Meine Keule zerspällt auf seinem harten Schädel. Jetzt stürzt er -zu. Aber ehe er mich wehrlos findet, hat mir ein Genosse, ein zweiter -Mensch, der hinter mir steht, seine unversehrte Keule gereicht. In -meiner Hand ist sie sogleich meine jetzt, ein vollkommener Ersatz der -früheren. Doch der Kampf dehnt sich. Mein Arm, der die Keule schwingt, -erlahmt. Ich lasse den Freund vor mich treten, gebe ihm meine Keule. -Nun schwingt er sie mit frischer Kraft wieder als seine. Und diesmal -erliegt der Feind. - -Das Werkzeug ist einfach ein +soziales Organ+. - -Eine Fortentwickelung des Organs mit einem sozialen Zug. - -Ich mag ein Menschenleben damit verbringen, eine besonders gute, -eine schier unverwüstliche Keule herzustellen. Aber wenn ich sie nun -geschaffen, so mag meine ganze Familie, mag mein ganzer Stamm damit -wirken. Ich kann zu Hause auf der Bärenhaut liegen, während andere mit -der Keule einen lebendigen Bären fern im Forst bezwingen. Ich kann -sterben und die Keule bleibt. Meine Kinder und Enkel werden sie führen. -Ich bin längst vergessen -- und diese künstliche Faust, die ich mir -geschnitzt, lebt, schützt immer wieder lebendige Menschen, ist eine -soziale Faust geworden, die Generationen überdauert. - -Ein solches Sozialorgan ist aber ebenso das Schiff des Columbus: trägt -es doch charakteristischerweise schon ein ganzes Häuflein tapferer -Menschen als gemeinsames Schwimmorgan. Ein solches soziales Sinnesorgan -ist das Fernrohr Galileis. Man wird dem Meister die Sternwarte -verbieten. Er wird erblinden. Aber auf seinen Turm steigen andere -und ihr Auge kriecht in dasselbe Glas, mit dem er die Sichelgestalt -der Venus und die Monde des Jupiter entdeckt hat. Und wenn diese -vergrößernden Linsen hier ihm zerbrechen, so wird Spinoza in Holland -andere schleifen. Das Werkzeug übertrumpft die Vereinsamung und die -Vergänglichkeit des Individuums, -- es ist ein Organ am sozialen Leibe -des Kollektivwesens „Mensch“, erhaben über den Zusammensturz des -Einzelnen in der Zeit, erhaben über die zerspaltende Schranke unserer -Zellenleiber. - -Ist nun die „Wirklichkeit“ nur ein grober Ausdruck für das Gemeinsame -in den Erlebnissen der Menschen, so gehört das Werkzeug, dieses ins -Gemeinsame verlegte Organ, zweifellos aufs engste zu ihr. - -Jeder Fortschritt im Werkzeug war ein Siebenmeilenschritt zu ihr, in -ihr. - -Als die Holländer zuerst durchs Mikroskop schauten, die Italiener -durchs Fernrohr, da stutzten sie einen Moment: sollten die Dinge da -drinnen nicht bloß Hallucinationen sein? Teufelsspuk nannte man das -damals. Aber es war gerade umgekehrt. - -Diese neuen Augen waren um einen ganzen Schritt weiter +gesichert+ -vor individueller Hallucination: das Sinnesorgan selbst gehörte ja -jetzt schon der Allgemeinheit an. - -Tausende konnten die gleiche Linse benützen. - -Ein Mittel der Forschung wurden diese Gläser sofort -- der objektiven -Forschung, die sich grundsätzlich nur noch zu den gemeinsamen -Menschheitswerten, also zu der sogenannten Wirklichkeit, bekannte. - -So mußte von hierher eine Welle steigen und steigen. Mußte steigen mit -der neuen Epoche der Technik. Eine Welle, die auf die Wirklichkeit, auf -ein ungeheures Übergewicht dieser Wirklichkeit loseilte. - -Denn die Werkzeugtechnik begann mit jenen Tagen einen Siegeslauf, der -schlechterdings nicht mehr zu hemmen war. - -Das ganze achtzehnte Jahrhundert ist nur eine leichte Kurve in ihm. - -Im neunzehnten bricht ein Triumph aus, so überwältigend, daß die -Geschichte der Technik von so und so viel Jahrtausenden sich -auseinander zu spalten scheint in zwei Perioden: alles bis dahin -- und -dieses neunzehnte Jahrhundert. - -Technische Fortschritte wie die Verwertung der Dampfkraft und der -Elektrizität lassen sich in der gesamten Kulturgeschichte an Größe -nur noch vergleichen mit den uralten gigantischen Türhütern der -Werkzeugerfindung überhaupt: mit dem ersten Steinmesser, dem ersten -selbst gegossenen Stück Bronze, oder mit jener Tat aller Taten, mit der -künstlichen Erzeugung der roten Herdflamme. - -Im eigentlichsten Sinne durchsponnen erscheint dieses ganze letzte -Jahrhundert mit Fäden, mit Netzen der Technik. Ein Geräusch kommt von -ihm herauf wie ein großes Summen, Klirren, Sausen -- ungezählte Räder, -wirbelnde Schwungriemen, stöhnende Metallwände, hinter denen eine -Kraft eingekerkert ist. Eine weiße Dampfwolke liegt darüber, in die -blaue Lichtbänder fließen. - -Was aber da rasselt und rauscht und glüht, das sind neue Nerven, -neue Muskeln des Menschen, soziale Muskeln, die als Dampfhammer -niederdröhnen, als Dynamit den Granitberg sprengen, soziale Nerven, -die als Kabel von Kontinent zu Kontinent durch schwarze Meeresschlünde -leiten, das sind Leuchtorgane des millionenköpfigen Kollektivwesens -Mensch, Blitzorgane, ins Erdumwälzende vergrößert aus jener schwachen -Kraft, die den Zitteraal Venezuelas seine elektrischen Schläge -austeilen läßt. Im Zeichen des Sozialorgans wehen bis in jeden Winkel -die Fahnen dieses Jahrhunderts, und alles, was in ihm lebt, von der -steilsten Schneehöhe des reinen Denkens bis in den tiefsten Meeresazur -der Kunst: es fühlt das Fächeln dieser Fahnen über sich. - -Und dazu nun eine zweite Welle, auch sie sich rapid steigernd auf das -neunzehnte Jahrhundert zu. Der anderen parallel, oft zum Verschmelzen -eng. - -Der soziale Zusammenschluß der Menschheit als solcher. - -Auch das rauscht durch die Jahrtausende. - -Zuerst die einfacheren Hilfszusammenschlüsse bis zum Volke. Dann der -Begriff des auserwählten Volkes: des Kulturvolkes, der Kultur überhaupt. - -Im Orient zuerst, dann bei den Griechen, dann das Mittelmeer umfassend, -endlich im Lichtfelde ganz Europas, als liege hier allein fortan das -Aufmerksamkeitsfeld des Menschenbewußtseins im großen. Eine bevorzugte -Menscheninsel, die Kulturinsel. Unabsehbar um sie, die Erdscheibe -überflutend, der rohe Ozean des Halbmenschentums, des Barbarentums. - -Aber kaum, daß sich das konstituiert hat, so gebiert auch diese -Kultureinheit schon mit innerer Notwendigkeit das Ideal einer noch -höheren Umfassung: die Idee einer wirklichen „Menschheit“. Jener ganze -Ozean saugt die Kultur wie eine Farbe, die von einem Fleck ausgeht, in -sich ein, durchfärbt sich damit. - -„Menschheit“ fällt zusammen mit „Kultur“. - -Das letzte ist nun schon ein Begriff, den wir selbst erst werden, -erst wachsen sehen, blaue Berge vor uns, halb im Nebel noch. Aber in -die große Linie ordnet sich die Arbeit von Jahrtausenden auch hier -stufenweise ein. - -Im Grunde ist dieser soziale Gesamtzug die umfassendere Leistung -gegenüber der Technik, der Ausbildung bloß des sozialen Organs. - -Dieser allgemeine Sozialverband der Menschen zum Zweck gemeinsamen -Wirkens, gemeinsamer Behauptung, gegenseitigen Schutzes, gegenseitig -gewährten Glückes umspannt viel mehr als bloß den Sozialanteil an -technischen Erfindungen -- viel mehr Säulen des Menschengeistes. - -Das sagt ja das Gesamtwort Kultur schon, das zugleich das Gemeinsame -und das Tiefe ausspricht. - -Aber in bestimmter Betrachtung ist doch auch wieder jede große -technische Fortschrittsepoche ein Ausgangspunkt dieser allgemeinen -Sozialfortschritte. - -In den Tagen zwischen Columbus und Galilei ist es, als lege sich eine -ganze neue Quader unter den Begriff Kultur. Der Kulturmensch ist -fortan der, der gedruckte Bücher besitzt, mit Fernrohr und Mikroskop -beobachtet. Noch ist das im wesentlichen damals der europäische -Mensch. Man denkt an den Spanier, den Portugiesen, der über Meer -fährt und zu nackten Wilden kommt. Aber eben solche Fahrt, ermöglicht -durch technische Hilfen, wie Schiff und Kompaß, ist zugleich eine -Geburtshelferin jenes erweiterten Kulturbegriffes, der an keinem -einzelnen Erdteil mehr haftet. Indem die Kultur Europas nach Amerika -überfließt, geht in jenem Bilde ein Farbstreifen quer durch den -Ozean. Eine halbe neue Erdkugel wird die Kultur einsaugen. Auf den -Schiffen der Columbus und Magelhaens steuert der Idealbegriff einer -Kulturmenschheit, in der es überhaupt keine Wilden, keine Barbaren mehr -gibt, als blinder Passagier mit. - -Mit seinem Triumph der Technik war dem neunzehnten Jahrhundert schon -ganz von selbst vorgezeichnet, daß es auch ein soziales Jahrhundert -ersten Ranges werden mußte. - -Immer bewußter, hell wie die blauen elektrischen Lichtbänder dieses -Jahrhunderts, tritt die Kultureinheit hervor. - -Schon seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mindestens geschieht kein -größeres Werk mehr, ohne daß wir uns direkt mit Worten dieser Einheit -dabei erinnerten. - -In einer Welt, die noch unter Kriegsschrecken bebt und in tausend -Ketten knirscht, klingt das Wort wohl oft wie eine Phrase. Aber in -solcher Phrasenform sind alle großen Ideale auf Erden millionenmal und -siebenmillionenmal aufgetaucht -- bis sie endlich doch ein Lebenswort -wurden. - -Es ist aber eben jenes achtzehnte Jahrhundert gewesen, das dem -neunzehnten noch ein weiteres soziales Ferment übermittelt hat. - -Jenes Bild der älteren Kultur, die auf einer Insel sitzt, weithin um -sich das finstere Meer der Barbarei, des kultursozial noch nicht -angeschlossenen menschlichen Rohstoffes, hat noch eine andere Bedeutung -als bloß eine geographische, bei der Europa die Insel ist. - -Es findet sich zum zweiten Mal wieder innerhalb unserer Kulturvölker -selbst. - -Da ist ein enger Stand zunächst, der die Bildung, das soziale Werkzeug, -all das andere, Tiefere, Vergeistigte, was die Kultur sonst noch -ausmacht, besitzt und die Glückssonne dieser Errungenschaften über sich -leuchten läßt. - -Um diesen Sonnenstand aber nach unten wogt abermals ein ungeheures Meer -nackter, hilfloser, isolierter Feuerländer und Australneger unseres -eigenen Volkes. - -Auch nach hier hinab hebt nun eine Mischströmung an, auch in diesen -Ozean stößt Schiff um Schiff allmählich ab, um Farbströme hinter sich -herzuziehen, bis eines Tages auch diese ganze Barbarensee die Kultur -aufgesaugt haben wird und ihrer Vorteile teilhaftig ist. - -Wir haben uns gewöhnt, die Arbeit nach dieser Richtung im engeren Sinne -als das soziale Problem zu bezeichnen. Und es braucht nicht mehr -gesagt zu werden, mit welcher wachsenden, orkanartigen Intensität das -neunzehnte Jahrhundert das Jahrhundert dieses sozialen Problems gewesen -ist. Und es braucht auch nicht das Allbekannte erzählt zu werden: -wie gerade das soziale Organ, die Maschine, auch hier die Felsblöcke -in krachenden Sturz gebracht hat, allerdings in besonderer Weise. -Nicht die Geschichte dieser Dinge berührt mich ja hier, sondern das -Gesamtantlitz, das sie dem Jahrhundert geben. - -Auf das Soziale deutet dieses Antlitz im neunzehnten, wo immer es uns -anstarrt. - -Es sieht nicht den Menschen, sondern die Menschen. - -Und wo sich ein einzähliges Wort ihm dennoch auf die Lippe drängt, da -ist es ein Idealwort, geschmiedet aus fünfzehnhundert Millionen Köpfen: --- +Menschheit+. - -Wo dieses bis in jede Faser sozial durchfärbte Jahrhundert Weltenwerte, -Erlebniswerte wog und für seine Bedürfnisse aussonderte: da war es, da -mußte es sein jene Auslese der Erlebnisse, die sozial gemacht werden, --- also der „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen. - -Das Blut, von dem es trinken mußte, um zu leben, um nicht ein leerer -Schatten zu sein, rann ihm hier zu. - -Wirklichkeit! Wirklichkeit! - -Aus den Myriaden individueller Sondererlebnisse durchgesiebt die -übereinstimmenden, die sozial brauchbaren, die, bei denen man Mensch -mit Mensch packen konnte. - -Und als brächte der Ruf, das Verlangen danach selber das Blut zum -Strömen, so strömte und strömte dieses rote, nahrhafte, verbindende -Blut der Wirklichkeit nun auch diesem Jahrhundert tatsächlich wie aus -unerschöpflicher Ader zu. - --- -- -- - -Dem neunzehnten Jahrhundert glückt es, Dinge in den Bereich der -Wirklichkeitswerte ganz oder doch nahezu hineinzuziehen, an deren -Wirklichkeitsmöglichkeit selbst die aufgewecktesten Kulturepochen in -sieben Jahrtausenden nicht in kühnster Hoffnung gedacht hatten. - -Ein prachtvoller Eroberungszug bemächtigt sich des Menschen -+selbst+. - -Zum erstenmal entsteht eine eigentliche +Naturgeschichte des -Menschen+. Und im Rahmen dieser Naturgeschichte eine erste auf -Tatsachen, auf Wirklichkeiten gestützte „wahre“ Geschichte. - -Über den Ursprung der Menschheit enthüllen sich schlechterdings -neue Dinge, die jeder fortan greifen kann. Es ist das Problem aller -Probleme, die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, die mit diesem Punkte -berührt ist. Das Centralgeheimnis aller Erlebnisse, der Blick ins -eigene Sein. - -Seltsam genug: gerade die Geschichte, der Ursprung des Menschen hatte -bis in dieses Jahrhundert hinein mit einer zähen Hartnäckigkeit -außerhalb der sozial kontrollierbaren „Wirklichkeiten“ gelegen. - -Der biblische Mensch, der Mensch der uralten babylonisch-jüdischen -Schöpfungslegende herrschte für diesen Punkt, und er beherrschte von -hier aus das Bild des Menschen überhaupt. - -Dieser biblische Mensch reichte seiner eigenen Schöpfung im -Menschengeist nach aber in Zeiten zurück, die an Wirklichkeitswerten -und an Sehnsucht nach solchen noch unendlich viel ärmer gewesen waren -als auch nur etwa das Jahrhundert des Columbus. - -Einzelne objektive, von vielen erlebte Tatsachen mögen ja immerhin -bei seinem Uranfang mitgewirkt haben. Der Glaube an die Sintflut hat -zweifellos an die versteinerten Muscheln auf Berghöhen angeknüpft, -die man anders nicht zu erklären wußte. Die Entstehung des Menschen -aus einem Lehmkloß schloß sich an die angebliche Beobachtung, daß -kleine Tiere, Flöhe, Maden und Mäuse, unmittelbar aus toter Substanz -hervorzukommen schienen. - -Aber diese Erfahrungen traten später so gut wie ganz in den -Hintergrund. Der biblische Schöpfungsmythus lebte fort einfach als -Überlieferung. Irgend einem, etwa Moses, sollte das so offenbart worden -sein. Dieses innere Erlebnis wurde aber sozial gemacht, zu einem -Erlebnis für alle, also zu einer „Wirklichkeit“ gemacht nur durch eine -Art Machtgebot, eine künstliche +Sanktion+. - -Glaube wurde verlangt, Beweise nicht mehr für nötig erachtet. - -Und anderthalb Jahrtausende hielt sich das wirklich so in einer -notdürftigen Balance. - -Aber jene innere Logik der Dinge, die alle Sozialwerte, auch die -scheinbar fest errungenen, immer wieder durchsiebt, mußte langsam -endlich durchsickern lassen, wie sehr in diesem überlieferten -Glaubenswerte die Gefahr eben doch einer +bloß+ subjektiven -Annahme, sagen wir: einer Hallucination, steckte. Mochte es die -Hallucination einer ganzen Kulturepoche sein. Auch solche werden, wie -gesagt, schließlich ausgemerzt, wenn die Kultur weiter steigt. - -Um den Sozialwert der biblischen Menschengeschichte und -Menschenauffassung dauernd und in immer wirklichkeits-energischere -Zeiten hineinzuretten, mußte man ihn schließlich doch mit gewöhnlichen -Wirklichkeitswerten wieder zu stützen versuchen. - -Der Glaube suchte endlich doch einen Halt bei der Forschung. - -Es ist aber im ganzen achtzehnten Jahrhundert schon ein öffentliches -Geheimnis der besten Köpfe, daß dieser Rettungsversuch scheitern müsse. - -Es war unmöglich, wirkliche Tatsachengründe, die jeder greifen konnte, -für die Bibeltradition zu finden. - -Der biblische Gott in seiner Gestalt eines bloß vergrößerten -Übermenschen, Adam und Eva, das Paradies, der Sündenfall, Noahs Arche -in der Flut, sie verschwebten im Blau, unfaßbar, ohne Akten und Siegel -im Sinne sonstiger greifbarer Tatsachengeschichte, im Sinne von -„Wirklichkeit“. - -Dieses Ergebnis war ja zunächst ein rein negatives. - -Und im Zeichen dieses Negativen steht das ganze achtzehnte Jahrhundert. - -Die Bibel sinkt in die Rolle eines subjektiven Erlebnisses ohne -Sozialwert, ohne Gebrauchswert für viele, hinab. Die wahre Geschichte -des Menschenursprunges ist jetzt ein nacktes weißes Blatt. - -Das Jahrhundert geht ins nächste mit Stimmen, die jede Möglichkeit -anzweifeln, daß je noch Schrift der Wirklichkeit auf dieses Blatt -kommen werde. Ist all das bunte Märchenspiel seiner biblischen Wiege -dem Menschen ins Blaue verdampft -- so scheint sein Ursprung, scheint -er selbst in seiner zeitlichen Dehnung rückwärts erst recht jetzt im -Nebelblau des absolut Unbekannten. - -Das hier einsetzende neue Jahrhundert aber bringt gerade das -Unerwartete: den Bruch grade dieses Geheimschlosses nun doch durch die -Wirklichkeit. - -Die Technik wieder ist es, die den Spaten gibt. - -Der Spaten wird eingesetzt -- und jetzt kommen Erlebnisse realster Art -zustande, Erlebnisse für alle, die der Kultur angehören. - -Ein solcher Spaten ist das künstliche Auge des Fernrohres, das in die -Nebelflecke schaut. Das Thermometer, das die Wärmeverhältnisse des Alls -mißt, eine verfeinerte Haut gleichsam des Menschen. Das Spektroskop, -ein nochmals neues, chemisches Auge, das Sternenlicht in seine Elemente -zerspaltet. - -Jedes dieser erweiterten Sinnesorgane eröffnet erweiterte -Wirklichkeitswerte. - -Im unendlichen Raume erscheint die Urmaterie nebelhaft zerstreut. Sie -glüht auf als Fixsterninsel. Als Sonne. Diese Sonne entläßt feurige -Reifen, die sich zu Planetenkugeln aufrollen. Eine solche Kugel -saust Trillionen Jahre lang im eiskalten Raume und sie erstarrt. Ein -metallischer Eisblock, läßt sie sich nur noch von der Sonne erwärmen. -Aber ihre Rinde wird das Spiel unzähliger chemischer Prozesse. Im -milden Sonnenatem erhält sich der Sauerstoff, gemischt mit andern -Gasen, als Luftschicht, verbunden mit Wasserstoff dauert er als -flüssiges Meer. Dieses Meer umwogt Länder. Und so baut sich, schon -eine Folge von Aeonen, die Urerde auf, noch einmal herausgesehen -aus der heutigen Wirklichkeitswelt mit Hilfe jener gesteigerten -Wirklichkeitsorgane der Technik. - -Diese Technik wandelt aber wieder einen anderen Weg. - -Zu den Gemeinsamkeitserfahrungen der Menschheit gehören gewisse -Gesteinsmassen der Erde. In diese Gesteinsmassen dringen technische -Organe vor, sie bohren Tunnels hinein für einen künstlichen Muskel- -und Nervenstrang des Kolossalwesens Mensch, sie bauen die Steinkohle -heraus, damit sie selber ein Leuchtorgan, ein Wärmeorgan dieses -Menschen werde, sie tragen Schiefer Platte um Platte davon ab, -um eine Form ihres sozialen Gedächtnisses, die Bilderschrift des -lithographischen Druckes, damit herzustellen. - -Dabei aber kommen neue Erfahrungen zustande: versteinerte Baumstämme, -Abdrücke und Knochen seltsamer Tiere. Handgreiflich gemeinsame -Erfahrungen, die, in öffentlichen Museen aufbewahrt, durch -photographische Platten jenseits aller Hallucinationsmöglichkeit -fixiert, von allen fünfzehnhundert Millionen Menschen der Erde gesehen -werden können und den nachgeborenen Generationen ebenso unverändert -erhalten bleiben. - -In die Jahrmillion der Urwelt auf dem erkalteten Planeten zeichnen -sich damit neue Bilder ein. Am Ufersande entlegenster Zeit regt sich -gallertiges Gewürm. Durch die blaue Flut ziehen Schwärme bunter -Medusen. Der Wind knattert durch die Schachtelhalmwälder sumpfiger -Inseln. In diesem Sumpfe kriechen gepanzerte Molche auf dem feuchten -Moosboden. Der Farrnwald wird zum Nadelgehölz. Gigantische Saurier, -turmhoch auf den Hinterbeinen, watscheln hindurch. Der erste Vogel, -noch mit einem langen Eidechsenschwanz hinter sich, flattert darüber. -Dann ein Palmenwald in Sachsen, mit Affen und Antilopen. Urwaldfichten, -deren Harztränen zu Bernstein werden. Groteske Dinotherien mit -Walroßhauern bei Mainz. Ein Menschenaffe auf der schwäbischen Alb. -Endlich Eisgletscher über ganz Norddeutschland, auf denen schwedischer -Granit, als Moräne verfrachtet, bis nach Berlin rutscht. - -Und jetzt in diese nie geahnten Wirklichkeitspanoramen eingehend -- der -Mensch. - -Eines jener neuen gemeinschaftlichen Werkzeugaugen, das Mikroskop, löst -ihn in winzige Urelemente des Lebens, die Zellen, auf. Aus solchen -Zellen baut sich auch jedes Tier, baut ich jede Pflanze. Aus einer -einzigen Zelle, der Eizelle, entsteht geschichtlich als einzelner jeder -Mensch. Auf Wesen, nur aus einer Zelle bestehend, läßt sich auch die -ganze Fülle des Tier- und Pflanzenlebens auf Erden zurückführen, wenn -man zu ihren geschichtlichen Wurzeln zurückgreift. - -Die Fülle der Gesichte, über jene ganze Urwelt ausgebreitet, ordnet -sich dann hintereinander. - -Aus dem Niederen das Höhere. - -Einzellige Urwesen am ersten Strand. Niedrige Pflanzen, später niedrige -Tiere. Doch der Stammbaum wachsend, Ast um Ast, bis zur Rose, bis zum -Säugetier. Und dieses Säugetier wird an einer letzten Stelle Mensch. -Mensch nach oben -- nachdem es nach unten Eidechse, Molch, Fisch, Wurm -wie Häute seiner Entwickelung durchgemacht und abgestreift hat. Noch im -Säugetier steigt eine ganze Skala an, Schnabeltier, Beuteltier, zuletzt -gibt es eine Gabelung, die hier den Affen entläßt, dort unaufhaltsam -in den Menschen empor sich steigert. Nicht in einen Paradieses-Adam, -sondern einen harten Kämpfer. Unter Eis stöhnt die Erde, als er noch -jung ist. Der Höhlenlöwe brüllt vor seinem Versteck. Aber in diesem -Versteck entzündet er sich die Herdflamme und bei ihrem Schein schlägt -er sich den Stein immer vollkommener zur Waffe. - -Hier hebt das andere, höhere Epos an: die Kultur. - -Immer aber, in jedem Zuge, ist diese neue Schöpfungsgeschichte getragen -von gemeinsamem Erfahrungsmaterial: von „Wirklichkeiten“. - -Noch jetzt leben Tierformen vor jedermanns Blick, die bis zu jenen -Einzellern hinunter seinen Ahnen gleichen. - -Sein Embryo im Mutterleibe, der heute noch die Kiemenbogen des -Fisches, das Wollkleid, die spitzen Ohren und den Schwanz des niederen -Säugetieres wiederholt, steht im Museum. - -Greifbar zieht ein Forscher gar aus einem Flußbett Javas die Hirnschale -und den Schenkelknochen des Pithekanthropus, der halb Gibbonaffe und -halb Mensch vor mehr als einer halben Million Jahren gewesen ist. -An der Stätte, wo Goethe gewandelt ist, dicht bei Weimar, in den -Kalktuffen der Ilm, speit der Boden Steinwerkzeuge aus, gemischt -mit den von Menschenhand bearbeiteten Knochen des Elefanten und des -Rhinoceros. Auf dem Felsen von Rüdersdorf folgt die Hand der Glättung -und Ritzung des Gesteines, die dem alten Riesengletscher jener Eiszeit -verdankt werden. - -Nicht eine Hand bloß, von der dann die Tradition allein bleiben müßte -wie einst von den Gesichten des mosaischen Schöpfungsdichters. - -Hundert, Millionen Hände, immer wieder, wenn sie sich bloß die Mühe -machen wollen. - -Von „Wirklichkeiten“ ist diese neue Schöpfungsgeschichte umspannt, -umklammert wie von einer Eisenhand. - -Von Wirklichkeiten in eine ganz bestimmte, nicht mehr erschütterbare -Gestalt gepreßt, schreitet der Mensch aus dem neunzehnten Jahrhundert. - -Eine Kette klirrt hinter ihm her aus diesen Wirklichkeiten, eine eherne -Nabelschnur, die ihn, wohin er auch schreite und was er nun sei, fortan -rückwärts angeschmiedet hält an einem ungeheueren weltallsschweren -Granitblock übereinstimmender Erlebnisse der Menschheit selbst über -ihren Ursprung. - -+Ein Jahrhundert, das einen solchen Triumph mit der Wirklichkeit -erlebt hatte -- ist es ein Wunder, wenn es allmählich wie in Ekstase -geriet vor diesem Begriffe?+ - --- -- -- - -Es läßt sich sehr gut verfolgen, wie das Jahrhundert zwei Phasen in -sich durchläuft, was diesen Punkt anbelangt. - -Grob kann man es genau auf seine Mitte, auf den Umschwung zu den -Fünfzigerjahren, durchschneiden, um sie zu erhalten. - -In der ersten Hälfte ist es, als seien Zwerge schweigend bei einer -Nachtarbeit. - -Blöcke werden noch geräuschlos aufgetürmt. Die Technik wächst langsam -empor. Die erste Lokomotive dampft. Der erste Telegraphendraht -spannt sich. Das zusammengesetzte Mikroskop beginnt zu arbeiten. -Neue Wissenschaften blühen auf, alle mit der Färbung nach der -naturwissenschaftlichen Seite. Das allgemein Soziale reckt sich und -zeigt mehr und mehr Fühlung mit der Technik. Der alte Goethe stirbt -schon mit dem Gefühle, daß eine neue Zeit dabei sei, sich zu erfüllen, -eine Zeit der sieghaften Realwerte. - -Aber bei alledem haben diese ersten fünf Jahrzehnte im ganzen doch noch -etwas Intuitives, etwas dumpf im Mutterleibe Wachsendes, etwas bloß im -dunklen Drange geradeaus Gehendes ohne Nachdenken. - -Das eigentliche Bewußtsein all der Dinge blitzt erst mit der Wende zur -zweiten Hälfte auf. Die Nebel fallen über dem Zwergenschlosse und es -steht auf einmal da, vor aller Welt Augen, und es zwingt diese Augen zu -sich. - -Nach fünfzig Jahren stillen aber steten Ringens um die „Wirklichkeit“ -kommt in den ersten beiden Jahrzehnten der zweiten Phase mit Übergewalt -gerade jetzt auch jener stolzeste Eroberungszug wie eine reife -Frucht: die neue Lehre vom Menschen, das neue Weltbild, aufgebaut auf -Wirklichkeit. Lange schon hat diese Frucht ungesehen im dichten Laube -gehangen, jetzt fällt sie, und ihr Poltern zieht die ganze bewußte -Aufmerksamkeit auf sich. So und so viel noch fest Schlafenden fällt -sie auf den Kopf -- und sie +müssen+ aufwachen, +müssen+ -begreifen. - -Um das Ende der Fünfziger und den Anfang der Sechziger erfolgt nach -dieser Seite ein Hauptschlag um den anderen. - -Die Spektralanalyse, die die Gestirne enträtselt. - -Darwin. - -Das Gesetz von der Erhaltung der Energie fest begründet. - -Boucher de Perthes’ prähistorische Funde bestätigt. - -Zum ersten Mal läßt sich der Faden einer Kosmogonie auf Grund von -lauter Wirklichkeiten spinnen, wie es Haeckel in ewig unvergeßlicher -Weise versucht hat. - -Der Kampf gegen die Bibel, durch Strauß angebahnt, nimmt unter -dem Druck dieses positiven Ersatzmaterials den Charakter eines -Vernichtungskampfes an. Alles, was mit dogmatischer Religion -zusammenhängt, kommt ins Bröckeln. Die Autorität der Tradition wankt in -ihr im Verhältnisse, wie die Autorität der Wirklichkeit, das Vertrauen -zur Wirklichkeit überall wächst. - -Andererseits ist dieser gleiche Zug gegen die alte Autorität bloßer -Überlieferungen im allgemein Sozialen wie ein Frühlingssturm merkbar. - -Wie in der Philosophie, so in der Politik. Abkehr vom Phantastischen -zugleich und minderer Glaube an alte Bücher, alte Titel, alte Verträge, -zweifelhafte Dokumente von lediglich traditioneller Heiligkeit. Die -wachsende soziale Bewegung sucht sich auf greifbare Realwerte hin neu, -solider, weltgerechter zu ordnen. - -Scheinbar fliegt eine ungeheuere Masse Pietät über Bord. - -Aber in Wahrheit nur, weil eine einzige ganz bestimmte Pietät -überwiegend, erdrückend, alles verschlingend geworden ist: die Pietät -vor den „Tatsachen“, vor der „Wirklichkeit“. - -Der darwinistische Mensch und der sozialistische Mensch reichen sich in -diesem Pietätsgefühl brüderlich die Hand. - -Und all diese Dinge, dieser ganze Zug der Zeit haben einen so -greifbaren +Glücksinhalt+! - -Es liegt wie ein großes Aufatmen in der Entlastung von soviel -schweren Berglasten der Illusionen, Glaubenssätze, Vertröstungen, -Subjektivitäten mit Autoritätsmacht. Das Feld für neue Entwickelungen -scheint endlich wieder frei, und das Bewußtsein davon gießt junge Kraft -in alle Adern. - -Wo immer die Wirklichkeit resolut erfaßt wird, philosophisch, -technisch, sozial -- es fließt und fließt ein überwältigender Strom von -Glück zu. - -All sein körperliches Glücksbedürfnis eines ungeheuer sinnlich -kräftigen Organismus wirft das Jahrhundert nach dieser Seite, all seine -brennende Seelensehnsucht. - -Die Kirche sank, der Himmel schloß sich mit seinen Belohnungen, -seiner außerweltlichen Bestimmung des Menschen, seiner unmittelbaren -Gotteshilfe. Das ganze alte Gefüge der Autoritäten, Traditionen, -Moraltafeln, privilegierten Stammbäume krachte. - -Aber die Wissenschaft schenkte einen neuen Himmel mit Millionen -Sternen. Sie schenkte einen neuen Menschen, der in ganz neuer, solider -Weise auf der Erde stand. Und die Technik, Schöpferin zugleich und -Kind dieser Erkenntnis, würde Brot und Muße für alle aus diesem Boden -zaubern, hier auf dieser Erde -- eines Tages. - -Noch verwirrten ja ihre Maschinen eher, als daß sie halfen. Aber das -war nur der letzte Nebel vor Sonnenaufgang. Die soziale Neuordnung und -Gesamtkonstituierung der Menschheit würde ein irdisches Reich der Liebe -und Gerechtigkeit gründen, aufgebaut auf Arbeit im richtigen Maße. -Keine Herrschenden und Unterdrückten mehr, nur der freiwillige Arbeiter -triumphierend. - -Und das alles schließlich verdankt dem großen Umschwung in der -Wertschätzung der Wirklichkeit. Sie war der Fels endlich im Meer, wo -die Arche landen konnte .... - -Man kann die Dinge bis hierher ruhig in ihrem ganzen Königsmantel -rauschen lassen, ohne auch nur ein Wort einschränkender Kritik -hinzuzusetzen. - -Die vollkommene Größe des neunzehnten Jahrhunderts erscheint wirklich -so, die ihm nie wieder irgend eine Zukunft entreißen wird. - -Das Jahrhundert der Dampfmaschine und des Telegraphendrahtes, Darwins -und der beginnenden Umwandlung des alten Christuswortes von der -Nächstenliebe in reale soziale Tat -- es hat mit seiner „Wirklichkeit“ -in Wahrheit Berge versetzt, Berge, an denen sich der Strom der -Menschheitsentwickelung gestaut hätte, wenn nicht eine Hand sie endlich -wegriß und die Wasser schäumen ließ. - --- -- -- - -.... Aber es wird kein Kind geboren, auch kein Heiligenkind, ohne daß -edles Mutterblut dabei verströmte. - -Jede große Entwickelungserweiterung der Menschheit, bei der ein neues -Flußbett sich gräbt, hat seine gewissen Züge auch des Dammbruches, der -Überschwemmung, der entfesselten Gewalt, die Fruchtbäume bricht und -Ackerboden verschüttet. - -Auch in der größten Tat des Genius erscheint unabänderlich der -Erdenrest bestimmter Unterdrückungen, Vergewaltigungen, Übertreibungen. - -Im Grunde, wenn man tiefer blickt, ist dieser scheinbare dunkle -Fleck eigentlich nichts anderes als der schwarze Schnittpunkt der -Entwickelung selbst, die auch in der erhabensten Leistung nicht ganz -erfüllt, nicht ganz zum Stillstand gebracht sein darf, sondern ihre -Ecke behalten muß, wo sie auch diese Leistung wieder zersetzen, wieder -überwinden wird -- zum Nutzen des unablässigen Weiterganges. - -Auch das neunzehnte Jahrhundert hat diesen Schnittpunkt. Und es hat -ihn genau mitten in dem, was seine Größe ausmacht: in dem Begriffe der -„Wirklichkeit“. Dieser Begriff ist seine Sonne -- aber es ist auch sein -größter Sonnenfleck darin. - -In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts treten mit dem wachsenden -Bewußtsein von jener großen Fügung auch ganz allgemach die Spuren einer -gewissen Verschiebung auf. - -Der Begriff Wirklichkeit nimmt in einer Menge von Köpfen eine -eigentümliche Schwere an. - -Er bekommt etwas von einem Block, der sich nicht mehr recht bewegen -lassen will, der selber wieder lastet, drückt. - -Die Wirklichkeit hatte zu solchem Triumph geführt, eröffnete solche -Glücksbilder. Wie nahe lag es, sie für das +einzige+ zu erklären, -was für den Menschen überhaupt in Betracht kam, was +Wert+ für ihn -besaß! - -Wir erinnern uns jener Grunddefinition: daß „Wirklichkeit“ eine Auslese -der für viele, eventuell alle Menschen gemeinsamen Erlebnisse darstelle. - -In dieser Definition ist noch kein Werturteil enthalten, was besser -sei: diese sozialen Erlebnisse in ihrer Ganzheit oder der Rest des -tausendfältig Subjektiven, der daneben schwimmt, ohne aufgelöst zu -werden, all der individuellen Erlebnisse, die jeder zunächst für sich -hat ohne Parallelen bei andern. - -Höchstens konnte man sagen: die Wirklichkeit wurde jedenfalls etwas -zweiten Grades, -- eben als Auslese. - -Jetzt aber wird der Spieß umgekehrt. - -Die Frage taucht auf, ob das Subjektive nicht bloß ein wertloser Rest, -etwas Überzähliges ohne Sinn sei? - -Die Wirklichkeit allein das echte Erlebnis, das erlebenswerte! - -Das Subjektive dagegen, das mit ihr nicht zusammenfällt, bloß ein -gleichgültiges Schaumgekräusel -- Schnitzelwerk des Erlebens, das -nebenherlaufend nicht immer zu vermeiden ist, aber jedenfalls eine -Luxusproduktion darstellt! - -Ja, war es bloß die? - -Der Schritt in der Logik ist äußerst klein vom Wertlosen zum -Widerwärtigen, zum Schändlichen. - -Man hatte so deutliche Beweise, wo das Subjektive geschadet hatte, -indem es das Wirkliche fälschte, zum Beispiel in religiösen Dogmen. - -Der eigentliche Schaden hatte zwar strenggenommen in solchen Fällen -immer in der blinden Tradition bestanden, in der Nachlässigkeit, die -Subjektives für allgemeine Wahrheitswerte einfach leichtfertig hinnahm, -und in der Autorität, die solche Verwirrungen heiligte und gewaltsam -durchdrückte. - -Aber war es nicht doch die nackte Existenz des Subjektiven in der -großen Menschheitsrechnung gewesen, die den Anlaß gab, daß dergleichen -überhaupt in Szene treten konnte?! - -Jede Zeit hat ihren Versucher, der als kleines Schlänglein hinter dem -Apfelbaume hervorkriecht. Für das neunzehnte Jahrhundert steckte er in -dieser harmlosen Frage. Es kroch eigentümliche Wege, das Schlängelchen, -aber mit der ganzen schwarzen Teufelslogik. - -Alles Subjektive, das nicht in das Gemeinsame paßte, war also tauber -Schuß, Rankenwerk, das besser abgeschnitten wurde. - -Man vergaß, daß das Subjektive tatsächlich der große Nährboden war, -aus dem alles zunächst einmal wuchs und gewachsen war, auch das -„Wirkliche“. - -Man vergaß, daß dieses Wirkliche in keinem Moment etwas Absolutes -war, sondern unablässig nur ein schwankendes Lichtfeld innerhalb -der subjektiven Erlebnisse bildete, in das beständig Neues aus der -subjektiven Masse einwuchs und aus dem schon Aufgenommenes beständig -wieder austrat. - -Man vergaß, daß man im Subjektiven den wahren seelischen Boden -berührte, der dem Antäus die Mutterkraft gab -- während das „Wirkliche“ -sich immerzu einem rein objektiven Werte näherte, für den man in dem -Denken wenigstens, das das neunzehnte Jahrhundert nach seiner großen -Religionskrisis beherrschte, keinerlei höhere seelische Einheit zur -Verfügung hatte. - -In der ganzen zweiten Hälfte des Jahrhunderts sinkt in der allgemeinen -Auffassung des Menschen überall das Individuum. - -Die „Wirklichkeit“, dieses Gemeinsame der Individuen, gewinnt einen -Zug, bei dem das Einzelne als das sozusagen Überflüssige erscheint. - -Sie +umfaßt es+. - -Eine Null ist es schließlich vor ihr. Seit man seine Geschichte mit -Werten in ihr belegen kann, scheint sie von allen Seiten ganz um ihn -herumgewachsen zu sein. - -Philosophisch kräuselte sich das zu dem Gedanken aus: sie +ist+ -überhaupt bloß. - -Der einzelne Mensch ist lediglich eine Welle in ihr. Sie dauert, er -vergeht. Allerdings ist sie bloß eine ungeheuere Maschine, gleich den -Sozialorganen des Menschen. Aber diese Maschine eben ist das eigentlich -Seiende. Die Menschen sind nur in ihr geborene und wieder zerstörte -Spiegelplättchen. - -Allmählich sinkt das ganze Aktive der Welt mehr und mehr in diese -gemeinsame Wirklichkeit. - -Der Mensch ist nur noch Passives. - -Er liegt in einer ungeheueren Maschine. - -Sie treibt heute ihren Dampf in ihn und läßt ihn laufen. Morgen wirft -sie ihn auf den Schwungriemen und wirbelt ihn gegen die Decke. - -In diesem Jahrhundert grandioser technischer Werkstätten nimmt auch -dieses Bild grandiose, monumentale Formen an. - -Aber in seiner philosophischen Konsequenz muß es zu einem Pessimismus -der schärfsten Färbung führen: dem Pessimismus, der in allen -Kulturjahrtausenden immer wieder die Reaktion des Individuums gewesen -ist, das von einer Weltanschauung wie eine Schnecke im Weinberg -zertreten wird. - -Und dieser Pessimismus wird tatsächlich doch nur verdankt einem -falschen erkenntnistheoretischen Schachzuge. - -Das Jahrhundert beginnt sich seinen schönsten Zauberstab, die -„Wirklichkeit“ in Anführungszeichen, zu versteinern, zu entwerten, zu -einer Geißel gegen sich selbst umzuübertreiben. - -Das aber einmal in voller Gährung, fließen die Wellen jetzt -unaufhaltsam auf der schiefen Ebene ab, den Rest des Jahrhunderts mit -ihrem Rauschen durchhallend. - -Aus dem wundervollen neuen Menschen, den uns das Jahrhundert aus -Nebelflecken und Urzellen gezogen hatte, diesem Menschen, der einen -Kosmos um ein Paradiesgärtlein eingetauscht hatte, der auch in -der schlichtesten Arbeiterbluse fortan ein Sonnensohn war, dessen -Adelsbaum bis in die Milchstraßen ragte: aus diesem unsagbar prächtig -vergrößerten Menschen ging in der Logik der falschen Doktrin auf einmal -der „Normalmensch“ hervor, ein kleines spaßhaftes Philisterlein mit -einer Nummer vor der Stirn, der nicht zu mucken, sondern nur zu folgen -hatte. - -Dieses Menschen-Maschinlein war der Mensch, ausgemünzt bloß noch auf -die bestehenden Allgemeinwerte hin, unter absolutem Niedersäbeln jedes -subjektiven Lebens als einer „Schädlichkeit“. - -Von einer blinden Vergottung der heute gerade errungenen -Wirklichkeitswerte aus wurde dieses Menschlein zurückgezahlt als -erstarrte Schablone, die jetzt in die Praxis allenthalben hineingepreßt -werden sollte. - -Es war die Entwickelung, die sich selber den Ast absägte, die Quelle -verstopfte, den ewigen Jungbrunnen zuschüttete. - -Denn mit der Nichtigkeitserklärung den ganzen rein subjektiven Werten -gegenüber erstickten alle die Keimkristalle des Fortschrittes in der -Erweiterung des Wirklichkeitsbildes, die unablässig in dieser großen -Mutterlauge des Subjektiven anschossen. - -Jede große Allgemeinwahrheit war einmal in einem einzelnen Kopf -als heterogene, als ketzerische Subjektivität geboren, jede -Allgemeinnützlichkeit an einem subjektiven Leibe zuerst erprobt worden. -Aber was sollte das, wenn man alles Aktive in diesem nachgeborenen -Produkt, in der schon bestehenden „Wirklichkeit“ selbst suchte, anstatt -in den Individuen mit ihren Subjektivitäten, die unablässig neues -Material aus ihrer Aktivität heraus zur Auslese des sozial Passenden -ins Feld warfen? - -Der Normalmensch wuchs wirklich für die Theorie sieghaft auf, so -und so viel tausend und tausend Spiegelplättchen, alle auf dieselbe -omnipotente „Wirklichkeit“ eingestellt und nur gemessen auf die -Korrektheit dieser Einstellung. - -Wer im genauesten Winkelmaß ziffernmäßig eingerenkt stand, -- der war -„gesund“. - -Jede subjektive Abweichung aber war -- Krankheit. - -Obwohl alle letzten Gedankengänge, die schließlich bis hierher geführt -hatten, falsch oder wenigstens übertrieben waren, so tritt doch auch -darin noch die Größe des Jahrhunderts hervor, daß die Verfolgung -dieser Dinge jenseits des schlechten Punktes eine so gewaltige Logik -entwickelte, daß schon das allerstärkste Bollwerk nötig wurde, um sie -endlich doch zum Falle zu bringen. - -Es liegt aber ein solches Bollwerk tatsächlich inmitten des unendlich -schwankenden Halbdunkelgebietes des „Subjektiven“ -- und zwar sind -seine Zinnen von alters in ihrer ganzen Cyklopenkraft bekannt. - -+Es ist die Kunst.+ - --- -- -- - -Auf einem Höhepunkte der Verwickelung mußte die Kunst das Ilion werden, -vor dessen Mauern der große Kampf zum Stillstande der Entscheidung kam. - -Der Kampf zwischen der versteinerten, vergötzten „Wirklichkeit“ -- und -dem Aktiven in der Subjektivität, das neue Werte schuf und den ewigen -Fluß, die ewige Relativität, die ewige Entwickelung vertrat jenes -Ausschnittes aus dem grundlegenden Gesamtergebnisse der Menschheit, den -wir „Wirklichkeit“ nennen. - -Die Kunst nimmt in dem Gegensatze zwischen Subjektivem und Sozialem, -zwischen der großen Erlebniswirklichkeit und der engeren, gemeinsamen -„Wirklichkeit“ in Anführungszeichen eine so schlechterdings besondere -Stellung ein, eine so raffiniert verwickelte Grenzstellung, daß jede -Übertreibung hier ein Zwist auf Tod und Leben werden muß. - -Nichts ist seltsamer, ist von gewissem Boden aus unwahrscheinlicher und -ist doch tatsächlich wahrer als der Satz, daß in der Kulturgeschichte -noch +jede+ Welle, die +vergewaltigend+ gegen die +Kunst+ anbrandete, -schließlich +zerbrochen und verschäumt ist+, -- als sei hier der -feinste Kern- und Schutzwert der Menschheit berührt, dessen Antastung -jäh alle Alarmsignale auslöst und zum generalen Widerstande bläst. - -Auch in der Auffassung des Ästhetischen läßt sich das neunzehnte -Jahrhundert ziemlich gut auf seine zwei Hälften trennen. - -Die erste Hälfte steigt herauf geradezu aus einer ästhetischen -Hochblüte. Ästhetisch ist also förmlich aufdringlich zuerst noch ihre -Grundstimmung. - -Während die Naturforschung, die Technik, der Realitätssinn in der -Stille schon die ganze Unterströmung beherrschen, liegt das Bewußtsein -doch noch hell im ästhetischen Felde. An den ästhetischen Begriffen -wird zunächst noch gemessen, was aus jener engeren Wirklichkeitswelt -zufließt. Noch kann man von einer ästhetischen Weltanschauung reden, -die selbst Naturforscher ersten Ranges beherrscht. - -Aber in dieser Vorherrschaft ist sie allerdings schon in einer -absteigenden Linie. Und der Umschwung wird in der zweiten Hälfte -vollständig sichtbar. - -Aus einem ästhetischen Wellenkamm ist nunmehr ein Tal geworden. - -Jene Wirklichkeitsstimmung hat die Lichtgrenze des Bewußtseins -allenthalben erobert. An ihr, an Wirklichkeitswerten, wird das -Ästhetische des Tagesgebrauches jetzt umgekehrt gemessen. Und da -alsbald noch mehr als das. - -Indem die „Wirklichkeit“ in den Brennpunkt der Übertreibung tritt, -erfolgt etwas, wovor am Ende des achtzehnten Jahrhunderts allen guten -Köpfen gegraut hätte wie vor der Sünde wider den heiligen Geist. - -+Die Existenzfrage der Kunst+ wird gestellt. - -Die Berechtigungsfrage aus jenen Gedankengängen heraus. - -Die Welle auf der schiefen Ebene hat die Mauer erreicht und platzt. - -Von der einen Seite kommt eine Strömung, die sich wissenschaftlich -nennt. - -Sie wird eingeleitet durch eine gewisse allgemeine Stimmung. - -Man weiß in bestimmten Kreisen mit dem Ästhetischen plötzlich nichts -Rechtes mehr anzufangen. - -Naturforscher einer ganz bestimmten Färbung, Techniker, Realpolitiker -aller Art, echteste, auf beiden Beinen, wie sie glauben, -unerschütterlich fest stehende Jahrhundertkinder, rufen nach Tatsachen, -immer nur wieder Tatsachen. Tatsachen helfen, Tatsachen machen frei, -gut, glücklich. Künstler aber geben keine Tatsachen in diesem Sinne. -Ob die Kunst also nicht etwas ist, was sich auslebt, wie die Religion? -Etwas Sanfteres, Ungefährlicheres, aber doch auch etwas Epigonenhaftes, -Abblassendes, eine Kinderei und Jugendeselei der Menschheit? - -Man konnte ab und zu sagen hören, daß der Mensch wirklich jetzt endlich -und glücklicherweise aus den losen Kinderspieltagen und Phantasiezeiten -heraus und in der Schule sei, wo es lesen, schreiben, rechnen und vor -allem stille sitzen gelte. Wer auf die nützliche Schiefertafel dort, -statt Rechenexempel zu schreiben, Männchen mit humoristischen Nasen -malte, bekam Arrest. - -So grob ist das allerdings nur vereinzelt ausgesprochen worden. Aber in -der Zeitstimmung lag es. - -Man las es zwischen den Zeilen, wohin man sah. - -Und man wird die ganze Realperiode des neunzehnten Jahrhunderts nie -verstehen, wenn man es da nicht mitliest. - -Aus der Stimmung erwuchs dann ein +Angriff+. - -Ein altes Aperçu Diderots sagte, die Narren, Lumpen und Genies kämen -aus demselben Topf. Das wird eines Tages „naturwissenschaftliche“ -Kunsttheorie. Es wird zum Urteil (im juristischen Sinne) über die Kunst. - -Man hatte ja jetzt das Gesetzbuch dazu. - -Jener famose Normalmensch gab die Grundlage. - -Alle subjektiven Werte, die über ihn hinausfielen, waren -Hallucinationen. Hallucination war aber etwas Delirisches, etwas -Pathologisches. - -Das ästhetische Schauen und Schaffen etwas Krankhaftes! Genie im -ganzen, also auch Künstlergenie, eine Krankheit! Eine Spezialform des -Wahnsinns! - -Man behielt die Wahl, ob man den ästhetischen Menschen bloß als eine -Spezies des Epileptikers auffassen wollte, oder ob man wenigstens eine -besondere Irrsinnsgattung ihm zugestand. - -Lombroso bevorzugte den Epileptiker, doch blieb das noch Problem. - -Es war auch möglich, daß das Genie bloß eine Vererbungserscheinung im -Alkoholismus war. Eine Erbsünde also vom Vater Noah. Der Zwist der -„Forscher“ hierüber ist im neunzehnten Jahrhundert nicht beigelegt -worden. - -Einer dieser Irrenhaus-Ästhetiker betonte auch einmal, daß das Singen -und besonders das Denken und Reden in Reimen ein spezifisches Symptom -cerebraler Störungen sei; ich habe dabei immer an den armen Rückert -denken müssen und wie gemeingefährlich dieser Patient ohne Zwangsjacke -eigentlich gewesen ist, ohne daß seine leichtsinnige Umgebung es ahnte! - -Gestützt wurde die Debatte mit einem Anekdotenkram ungefähr vom -geistigen Niveau jenes treuen Schulpedanten, der auf die Frage, ob -unter seinen Zöglingen auch einmal ein Dichter gewesen sei, antwortete: -er habe wohl einmal ein solches Monstrum dabei gehabt, es sei aber -wegen Faulheit zum Glück bald wieder aus der Klasse geflogen. - -Dabei waren es äußerst ehrenwerte Männer, die diesen Weg gingen, -ehrliche Sucher, die eine Versöhnung zwischen der Idee des Jahrhunderts -und diesem widerspenstigen Dinge, Kunst genannt, ernstlich anzubahnen -glaubten. Eine Versöhnung bloß durch die Guillotine. - -Alles in allem war dieser theoretische Kreuzzug aber doch eine kleine -Sache. So klein, daß man ihn eine Mode nennen könnte, obwohl auch er -schon das ganze Jahrhundert in seiner Art in der Sackgasse hatte. - -Ein Windstoß der echten, souveränen Kunst, und die Splitter stoben. - -Diese Lombrosos waren keine Graalsritter. Sie waren nicht einmal -edle Don Quixotes. Sie waren Hampelmännchen, Liliputchen, die den -schlafenden Riesen zu fesseln meinten, indem sie an jedes Haar ein -spinnwebedünnes Seil banden. - -Nicht ihre Handlung gab den Ausschlag, sondern die des Riesen selbst. - -Es war nämlich ein ungeheuerlich viel größeres Schauspiel, als eines -Tages +die Kunst selber+ sich ergriffen zu zeigen schien von den -neuen Schätzungen, den neuen Werten. - -Sie paktierte nicht mit den Lombrosos der Theorie -- aber sie paktierte -mit der Zeit, mit der Praxis, die auch diese Lombrosos trug. - -Der Riese, dessen Befreiung von den lächerlichen Haarseilchen nur ein -Ruck war, ein ärgerliches Kopfschütteln -- er öffnete auf einmal selbst -seine Jacke und bot sein Herz. - -Die Kunst selber stellte sich Auge in Auge mit der „Wirklichkeit“ und -allem, was daran hing. - -Und das jetzt wurde ein wirklich entscheidender Moment in der -Entwickelung dieses Jahrhunderts selbst. - -Die ausübende Kunst stand praktisch damals am Ende einer Krisis. - -Es ist gar kein Zweifel, und ich finde, daß es auf alle Kulturländer -im großen trifft: jenes langsame allgemeine Absinken der ästhetischen -Epoche im neunzehnten Jahrhundert war Hand in Hand gegangen mit einem -Wellental auch der unmittelbaren künstlerischen Kraft selbst. - -So etwas ist schwer in Bausch und Bogen zu beweisen. Im Detail lassen -sich hundert kräftige Sachen aus allen Kunstgebieten dagegen stellen. -Aber es ist doch etwas daran wahr, das jeder sehen muß, der Höhenschau -hat. - -Vor der Kunstepoche, die überall, in der Malerei so gut wie in der -Dichtung, die Epoche des Naturalismus heißt, liegt eine Einbiegung -der Kurve, eine Epoche der Lähmung, des Tastens, des Zweifels, des -bewußten teils und teils des unbewußten Epigonentums. Die Kraft versagt -natürlich nicht ohne weiteres. Aber sie erscheint verzettelt, es fehlt -die Frische des Entwickelungsbewußtseins, es fehlen all die lieben, -grünen, aber triebkräftigen Symptome der Jugend. - -In unserer deutschen Dichtung war es die Zeit, die, wie sie sagte, -sich gedrückt fühlte durch Goethes Riesengestalt, die sich um Goethes -Größe willen als Epigonenzeit fühlte -- und die doch ebendadurch -charakterisiert war, daß sie Goethe am wenigsten kannte und seine wahre -„Nachfolge“ immer mehr zu vergessen schien. - -Es war in vieler Hinsicht eine kunstvergeudete Zeit, und es bedeutete -ein Aufatmen, als sie, dank einer neue Generation, aufhörte. - -Aber nun grade kam das ganz Sonderbare. - -Diese neue Generation, geschwellt von frischer Tatkraft, war gesäet und -aufgesproßt schon mitten im neunzehnten Jahrhundert. Dieses Jahrhundert -in seiner ganzen Glorie wuchs über ihr. Es +hatte+ sie und es ließ -sie nicht. - -Und im Moment, da sie die nackten Prachtarme recken wollte, -schmetterte es sie nieder mit seinem Generalworte: Wirklichkeit! - -In ihrem ganzen Königsmantel stand die Zeit da. - -Eine neue Zeit, mit Erfolgen, von denen der ganze uralte Palmbaum der -Menschheit bis in seine Wurzel bebte. - -Und das vor einer Kunst, die nach Neuem sich mit der Inbrunst -erwachenden Frühlings, schleierloser Liebe sehnte. - -Was tun? - -Die Kunst hat Somnambulenaugen. - -Sie sah nicht bloß schwirrende Räder, sie sah den Dingen ins Herz. - -Sie sah die neue +Weltanschauung+. - -In dieser Weltanschauung raste ein furchtbares seelenloses Grundwesen -dahin, eine menschenfressende Maschine: die „Wirklichkeit“. Die -einzelnen Menschen waren bloß noch Glasplättchen, die diese Maschinerie -spiegelten, nichts weiter. Heute herausgestellt, daß sie blitzten; -morgen zersplittert. Was war in diesem Schauspiele die Kunst? - -In dieser jungen Künstlerschaft voll gährender Kraft war von Anfang -an gewiß keine Stätte für Lombroserei. Man glaubte hier an die Größe -der Kunst, wenn je. Groß war sie, wie der Mensch selbst. An der Spitze -der Menschheit ging der schaffende Künstler, mit dem Banner dieser -Menschheit in der Faust. - -Aber wenn nun der Mensch, wenn die ganze Menschheit nichts andres -war als ein bloßes Spiegelplättchen eines objektiven Mechanismus, -ein Spiegelchen vor einer ungeheuren kollernden, keuchenden Maschine -... mochte die Kunst triumphieren im Menschen von Pol zu Pol seiner -Existenz: +mehr als der Mensch+ konnte sie doch nicht sein! - -Und so sank auch der Genius der Kunst in dem Augenblicke, da er seine -Flügel ganz herumwarf um diesen Menschen, ihn umfing, ihn durchdrang -wie eine Geliebte im äußersten Besitz: so sank auch er herab zur Rolle -bloß noch eines Spiegelchens vor diesem Allmechanismus. - -In dieser Stunde und vor diesem Gedanken ist nicht die Lombroserei, -sondern die wirkliche künstlerische Idee in echten Künstlerköpfen -geboren worden, daß die Kunst sich zu +erschöpfen+ habe in der -einfachen +Wiedergabe+ der Wirklichkeit. - -Die Kunst ist degradiert worden zu einer Kopistin dieser „Wirklichkeit“. - -Aus einem Schöpfer, einem Entwickelungsfaktor der Welt zu einem Spiegel. - -Nicht liliputische Männlein wie Lombroso standen, wie gesagt, an -der Wiege dieser Idee. Stolze Hochgeister der Kunst beugten sich -in der brennenden Liebe zu ihrem Jahrhundert einem versteinernden -Gorgonengedanken dieses Jahrhunderts. - -In der tiefsinnigen griechischen Sage schwingt sich der Pegasus aus dem -Blute der Gorgo. Diesmal versank er darin. - -Es macht die Betrachtung dieser Dinge schwer, daß sich eben jene beiden -Fäden ineinander verspannen: eine neu ansteigende, praktisch wieder -junge und lebensstarke Kunst überhaupt -- und eine falsche Kunstidee. - -Jedesmal nämlich, wenn der Kunstgenius der Menschheit sich überhaupt -besinnt, sich aufrafft, seine Kräfte zusammen nimmt -- jedesmal dann -erscheint das ganz von selber wie eine Rückkehr zur Wahrheit. - -Die innere Logik des Kunstwerkes scheint verstärkt, die Suggestion wird -unvergleichlich gewaltiger, ein Gefühl der objektiven Reinheit des -Schaffenden als eines innerlich Gebundenen, auf die innere Wahrheit -Verpflichteten strömt wie von einer reifen Blüte aus. - -Schleier des Nachgeahmten fallen, äußere Motive, mit denen jede -Epigonenzeit die Kunst überwuchert, dorren plötzlich als Unkraut ab. -Und ein Gefühl der Kraft, des Kraftstrotzens gibt unter allen Umständen -einen realistischen Zug, die Kunst tritt wieder jung als Eroberer auf -und wagt sich mit dem kecken Mute dessen, dem die Welt verheißen, in -neue Provinzen dieser Welt. So ist einst Goethe selber gekommen -- als -Wahrheitskünstler. - -Auch diese Symptome werden nun immer merkbarer in der Kunst des letzten -Viertels des neunzehnten Jahrhunderts. - -Von hier aus blühte ein „Naturalismus“ in ihr auf, der aber tatsächlich -nichts anderes war als ein Zurückbesinnen der Kunst einfach auf -sich selbst, auf ihre echtesten, urältesten Rechte, auf ihren -inneren Wahrheitsgeist im Gegensatze zur Pseudokunst, die bildet um -äußerlicher, kunstfremder Zwecke willen. - -Einen Triumph der Kunstnatur möchte man in diesem Sinne hinter das Wort -deuten. - -Die gesamte Kunstgeschichte seit grauen Tagen wandelt empor auf solchen -Triumphen, die immer und immer wieder den Erdenstaub durchbrechen und -das unsterbliche Leben der Kunst neu proklamieren auf dem dürren Acker -einer Epigonenzeit. - -Aber das alles hatte ganz und gar nichts zu tun mit jener spezifischen -Wirklichkeitstheorie des Jahrhunderts, die eben nur dieses Jahrhundert -so aus sich gebären konnte. - -Wohl läßt sich sagen, daß so heroische Irrtümer, wie diese -Wirklichkeitslehre, selbst als Irrtum einer kraftlosen Epigonenzeit -nicht gelungen wäre. - -Es bedurfte selbst zur Grundlage dieses großen Irrtums einer großen -Kunst. - -Nur eine Kunst, die den Weg ins Herz großer Weltanschauungsfragen -überhaupt wiederfand -- und das ist immer Zeichen echter, ansteigender -Kunst -- konnte sich so tief verwickeln in eine Übertreibung, einen -Irrgarten eben der modernen Weltanschauung hinein. - -Aber darum bleibt Irrweg Irrweg. - -..... Ich glaube nun aber, daß die Kunst auch hier grade die tiefste -Mission erfüllt hat. - -Gerade, indem die Kunst die brausende Welle dieser Wirklichkeitsidee -eine Weile tief und scheinbar bis ins Herz hinein aufnahm, meine -ich, daß sie uns die Augen hat öffnen helfen für die +kolossale -Übertreibung+, die +überhaupt in die ursprünglich so fruchtbare -Idee der Wirklichkeit verheerend hineingeraten war+. - -Und so hat sie sich doch als die alte stärkste Schutzmauer bewährt. - -Hat sie --? - -Ich weiß es nicht, inwiefern das schon hinter uns liegt. - -Wir stehen, was diese höchsten Gesichtspunkte anbetrifft, ja noch -mitten im Kampfe, und streng genommen kann man doch nur von Anzeichen -reden. - -Aber eine Anzahl Menschen fangen doch entschieden schon an, darüber -nachzudenken, ob man nicht über eine Kunsttheorie, deren Schwächen -man nur zu deutlich empfindet, eine Schicht +tiefer+ zurückgehen -müsse auf eine +Revision+ gewisser +Voraussetzungen in der -Weltanschauung+, die uns das neunzehnte Jahrhundert überliefert hat. - -Eine Revision, die natürlich nicht wieder zu den Torheiten zurückführt, -die dieses prachtvolle Jahrhundert glücklich antiquiert hat. - -Sondern, die uns noch einmal wieder um ein Stück freier macht und dabei -allerdings auch noch mit einigen Spezialgespenstern aufräumt, die -dieses Jahrhundert selbst hinzugebracht hatte. - -Befreien wir den Menschen wieder von diesem Wirklichkeits-Gespenst, -das sein Herzblut saugt wie ein Vampyr -- -- und wir haben die Kunst -mitbefreit. - -Lernen wir aus den Kunst-Konsequenzen. - -Und wir begreifen, daß in der Philosophie etwas falsch war. - - - - - (Friedrichshagen. Fest des Geistes.) - - -Der Wald schimmert im blassen Sonnenglast nach einem Regenschauer. - -Wie eine braune Schlange liegt der Bahndamm quer hindurch, vom Geleise -glänzt es wie silberne Schuppen. - -Die Telegraphendrähte vor den roten Kiefernstangen und schwarzen -Kronsilhouetten wie glimmerndes goldrötliches Spinngewebe. Einmal ist -es, als spinne dieses feine Netz sich an eine riesige Blume, eine -Rispe weißer Maiglöckchen an, die auf hohem, trockenem Stengel lose -schwebt: das Viereck mit den Porzellanhütchen. - -Weißblau liegt der Himmel im Ausschnitt der Bäume. - -In der Linie der Bahn aber, wie das Auge ihr folgt, ein wunderbares -Aufflammen von Grün, junge Birken, Flamme um Flamme goldgrün lodernd -vom spiegelnd weißen Schaft. - -Ein goldener Vogel huscht scheu hinzu: der Pirol. - -Und dieses jungfrische jubelnde Pfingstgrün fließt dem Blick überall -weiter, in die grüngelbe Wolfsmilch und den Fleck grellgelber -Potentillablüten am Bahndamm, in die Akazienbüsche, denen das erste -Laub vor der Sonne wie ein goldiger Heiligenschein um die schwarze -Dornenkrone der Zweige steht, in den tiefen Waldgrund unter den roten -Stämmen, wo der hartgrüne starre Farnteppich sich verliert. - -Naturstille. - -Nur ein ganz leises Rollen noch, wie aus der feuchten Erde herauf von -dem letzten enteilenden Zug. Hinten im Waldgeheimnis verschwehlt noch -ein letzter bläulicher Nebel seiner Rauchwolke. - -Ein fernes helles Läuten von der Wärterstelle, als klängen die -Maiglöckchen da oben im Spinnennetz aneinander. - -Und wieder ganz still. - -Finken zirpen leise, einförmig aus dem Unbekannten der Kiefernkronen. - -Und nun auf einmal, ganz unvermittelt, ein hartes, rohes Geräusch, -mitten aus der Landschaft, als stürze ihr etwas ins Herz. - -Ein Ratschen, Knacken, ein Ruck und Fall. - -Vor dem Glast hat sich etwas bewegt wie ein Schattenfinger. An dem -plumpen, rot-weiß getünchten Bahnsignal dort ist automatisch der -Galgenbalken heruntergefallen. Eine geheime Zeichensprache eines -automatischen Hampelmanns, an dem ein Schicksal hängt. - -Pfingstwehen. - -Wie ich auf die grünen Flammen dort schaue, die jetzt wieder in der -großen Stille ein ganz verlorener Lufthauch geräuschlos wiegt, denke -ich an das große alte Symbol der Pfingstgeschichte. - -Aus der Urtiefe des Geheimnisses auf einmal der +Geist+ -vorbrechend, wild wie ein Feuer, das da ist, niemand weiß, woher, und -uns verzehrt, ehe wir es fest erkennen. - -Und in diesem Geist verjüngt sich eine Zeit, eine neue Menschheit wird -mit ihm geboren. - -Woher? - -Aus dem Unbekannten in uns, aus dem „Werde“ des Entwickelungsrätsels, -aus der ~Natura naturans~, die weltengründend auch in uns weiterlebt, -wie sie in Milchstraßen und Sonnen gewesen ist. - -Und der größte Gegensatz taucht mir auf, der durch unsere Zeit geht: -der Gegensatz des +Automatischen+ und des +Elementaren+. - -Das Automatische war die Stärke des neunzehnten Jahrhunderts. - -Es ist sein Erbe in uns, sein Herrenerbe. - -Wie diese Signalstange hier im einsamen Walde automatisch sich senkt, -so sollte ein neuer automatischer Menschheitsleib als Technik den -ganzen Planeten umspinnen. Schon geht der Zeigerdruck durch die Ozeane. -In seinen realistischen Träumen sah das Jahrhundert auch solchen -Metallarm sich bereits heben und senken auf den Eispolen, in den -Erdtiefen, an den Grenzen des Luftmeeres. - -Von der Technik kam das aber dann als Bild und Maß aller Dinge. - -Ein Kind drückt auf den Knopf einer elektrischen Leitung, und ein Berg -spaltet sich. - -Aber, was ist das Kind selbst? - -Nicht Ebenbild Gottes, sondern auch nur dieser Technik. Eine höhere -Macht, das Milieu, hat auf einen Knopf gedrückt, und automatisch -entstand dieses Kind. Es wird den Faust dichten und die sixtinische -Madonna malen: automatischer Fall eines Balkens im Gehirn aus -bestimmter Konstellation der Außendinge wie bei jenem Bahnsignal, -nüchtern zu überschauender Außendinge, die wir wohl auch einmal -rechnend beherrschen werden, -- dann, wenn wir jenen Zeiger auf dem -Nordpol haben ... - -Schon sehen wir einen ungeheuren Regulator dieser Dinge: die Masse. - -Ihr Werkzeug ist der Einzelne. Wo er nicht automatisch reagiert, da -wird er als schlechter Apparat für funktionsunfähig erklärt; er ist -krank. - -Diese Masse aber ist selbst wieder Automat, fallender Balken einer -umfassenderen automatischen Welt. Und so fort bis zum letzten -Doppelstern des Alls. - -Dieses All ist ein sich selbst tragendes automatisches System, -unveränderlich, absolut tot, ohne Sinn für sich selbst. - -In dieser einsamen starren Größe endet das Denken des neunzehnten -Jahrhunderts. - -Alles hier um mich her ist ein Automat. - -Nicht jener häßlich ratschende Signalbalken bloß, der mich eben -erschreckt hat. - -Die grünen Pfingstflammen der jungen Birken dort ebenso. - -Und die Sonne. - -Und ich selbst. - -Und all meine Träume von einer Pfingstlegende. - -Aber das neunzehnte Jahrhundert hat uns nicht nur dieses Herrenerbe -hinterlassen, das Erbe seines Herrengedankens. - -Auch ein Sklavenerbe haben wir von ihm, das Aufbäumen des unterjochten -+Gedankens vom Elementaren in der Welt+. - -Ihm ist der Fortgang der Dinge ein immer neues Fest der Ausgießung des -Geistes. - -Pfingsten ist im Erwachen jeder Persönlichkeit, Pfingsten ist in jeder -Geburt. - -Und das nicht nur, wenn ein Mensch geboren wird. Auch wenn im -Menschengeiste geboren wird. Wenn jenes tiefere Liebesleben sich -abspielt, aus dem die Fauste und die Sixtinen steigen. - -Ohne die Flämmchen dieses Pfingstwunders entsteht kein Kunstwerk, -entsteht kein tiefster Gedanke der Philosophie, entsteht keine -Erfindung der Wissenschaft, erwächst keine geniale Tat des brandenden -Lebens um uns her. - -Dieser Pfingstgeist ist es, der die „Wirklichkeiten“ erst baut und der -sie ebenso auch wieder zerschlägt, um höherer Wirklichkeit willen. - -Er hängt einsam am Kreuz und er zwingt doch die Masse, daß sich -dreitausend taufen lassen. - -Er wandelt ein Zerschlagener durch eine Welt von Disharmonien und durch -diese Welt rauscht fortan die neunte Symphonie. - -Beide Anschauungen haben ihren Punkt, wo sie in ihr Gegenteil -umschlagen könnten und beide Male in eine unvollkommene, schlechte Form -dieses Gegenteils. - -Das neunzehnte Jahrhundert war so stolz, daß es mit seinem -Automatenideal alle groben Wunder unmöglich gemacht. - -Und doch: wenn alles nun Automat ist, die ganze Welt nur eine Kette -elektrischer Klingelanschlüsse ist, wenn es kein Elementarisches mehr -in irgend einer menschlichen Person, in keinem Dichter, keinem Genius -auf Erden mehr gibt -- wird nicht doch am Ende der allerletzten Kette -der eine letzte Finger nötig, der aus dem Urelementarischen auf den -ersten Klingelknopf drückt -- die eine einzige Urperson, der Alldichter? - -Je automatischer alles sonst, desto greller dieses letzte Wunder. - -Hinter der toten Welt ein einziges Lebendiges im elementaren Sinn. - -Und um das doch schließlich zu erkaufen, -- dafür dieses schaurige -Ertöten der ganzen sichtbaren Welt in den fallenden Balken eines -fühllosen Automaten hinein! - -Umgekehrt hat der Pfingstglaube selbst aber seine Stelle, wo auch er -erbarmungslos ins Automatische schlagen kann. - -Wenn er nämlich das Wunder des Intuitiven, des Elementaren roh faßt, -wie das „Wunder“ so lange gefaßt worden ist: dualistisch als Eingriff -eines Fremden. - -Die Natur, die Entwickelung erzeugt dann auch nur, was eine +fremde+ -Macht in sie wirft. Der Dichter ist nur armer Stenograph des -überirdischen Diktats, die Person nur Werkzeug eines außerweltlichen -Milieus. - -Da hast du nun Wunder auf Schritt und Tritt, es fingert allerorten und -drückt mit Geisterhänden auf die elektrischen Knöpfe dieser Welt -- und -doch bist du nur selber eine armselige Klingel und seist du Goethe und -Beethoven und Rafael. - -War dort eine unendliche Automatenkette, so hier lauter -Augenblicksautomaten. - -Aber um das automatische Sklaventum kommst du nicht herum. - -Es liegen aber zum Glück noch andere Möglichkeiten vor und auch welche, -die nicht ins Alte zurückführen. - -Wie stolz ist die automatische Vorstellung auf ihren -Entwickelungsbegriff gewesen! - -Er stand unberührt von jeder Möglichkeit, ins Veraltete umzulenken. Und -wahrlich, so steht er auch. - -Aber geheimnisvoller Traum, einer Pfingststunde angemessen: wie will -der Entwickelungsbegriff, daß aus Einem etwas Anderes wird, daß -ein Niedrigeres zu einem Höheren steigt, eigentlich logisch leben, -+ohne+ daß sein Königshaupt immer wieder gesalbt sei mit einem -Tropfen elementarischen Oels? - -In jedem dieser Uebergänge liegt ja ein elementarischer Geheimniszug! - -Ich selbst fasse ihn gewiß nicht als den Finger der Mystik, der -von außen stößt, aber das Wunder in den Dingen bleibt er auch mir -unabänderlich, das Wunder, das auf eine Pfingsttiefe weist zwischen -allem Automatischen -- eben weil dieses Automatische zugleich eine -+Entwickelung+ in sich zeigt. - -Durch die goldgrünen Flammenbüsche der Birkenkronen spielt und spielt -leise der Wind, wie eine Hand durch schönes Frauenhaar fährt. - -Auch um mich, wie ich hier sinne, zieht sich jenes Ödfeld des -Automatischen her. Dort das Signal ist ganz darin. Aber auch diese -grüne Birke und dieser goldene Vogel sind mehr darin als ich selbst, -viel mehr. Wie gering ist der Geistesspielraum in dieser Pflanze, -diesem Tier, den ich sehe! - -Und die Sonne dort, die starr in ihren Himmelsgesetzen Jahrbillionen -hängt! - -Ist es nicht, als sei die Ausgießung des Geistes über diesen allen -schon äonenlang vorbei? - -Ihr Pfingsten lag, als das Gesetz sich in sie schrieb, das sie nun -in unendliche Folge, sei es selbst oder zerspalten in Generationen, -automatisch wiederholen ... - -In mir aber wogt der große Kampf mit seinem wunderbaren Gemisch von -reflektierendem Bewußtsein und intuitiv aufsprühenden Geniusflämmchen -des Elementaren fort und fort. - -In mir -- dem Menschen! - -Ist der Mensch +das Genie der Natur+, -- die große -Aufmerksamkeitsstelle im unendlichen Felde des Elementaren, auf -der seit Jahrtausenden jetzt das ganze Licht liegt, während -um dessentwillen rings die ganze übrige Natur in den halben -Dornröschenschlaf des Automatischen verfallen ist? - -Es kann der Mensch dieser Erde nicht allein sein, die Menschenstufe des -ganzen Alls wird dazu gehören, wie immer es mit ihr sei. Bilden doch -schließlich Sterne keine größeren Trennungen als in dieser irdischen -Menschheit die parallelen Individuen. - -Pfingstwunder! - -So wäre es nichts anderes, als das wandernde Auge der Natur. - -Pfingsten wäre Leben, der Automat aber zeitweise weise Kraftersparnis. - -Die Welt ein Gewebe aus segensreichem, kraftspeicherndem Schlaf und -konzentrierter, kraftverstürmender Lichtschau! - -Ein Gespenst nur wäre der große Weltautomat, auf dessen letzten Knopf -der Finger von außen drückte. Wertlos aber wäre ebenso der Glaube an -das Wunder noch einmal hinter dem Wunder. - -Die Natur hätte keine anderen Augen als unsere Menschenaugen -- aber -mit denen sähe sie auch wirklich, sähe nicht bloß durch sie durch. -Und zu diesen Augen gehörte auch der Geist Goethes und Rafaels und -Beethovens, der Geist der großen Religionsstifter und Weltdeuter, der -Geist der Forscher, die unsere Technik geschaffen, und der Geist derer, -die das Evangelium von der Liebe gepredigt haben und gelehrt haben, daß -alle Technik nur einen Sinn habe, wenn sie in der Hand der Liebe und -des Ideals sei, Liebe und die Sehnsucht nach dem Ideal zu säen, so weit -der willige Automat des elektrischen Funkens für uns fliegt. - -Wieder schnarrte das Signal da oben. - -Ich aber dachte jetzt, wie dieser Metallstab wohl auch kein -Ausgestoßener der Welt sei, sondern ein unveräußerliches Stück Natur. - -War er heute auch nicht das Pfingstauge, in dem das elementare -Lichtfeld zu den Sternen und zu der Weltliebe sah -- wer weiß, wozu -seine Metallmoleküle heute schliefen. - -Vielleicht, wenn diese Gehirnmoleküle der Menschheit ausgerungen in -Leid und Liebe, in dem großen, aber auch so furchtbar schweren Kampfe -um +das+ Ideal, wenn sie trüb geworden als Auge der Natur -- -wer wußte, wohin diese elementare Natur dann wandern würde mit ihrem -Lichtfeld, ihrem Sehnsuchtsfeld, wo sie diesen Metallstab und die -jubelnde grüne Flamme dieses Birkenbusches auferstehen lassen würde aus -dem Automatischen ins Geisthelle hinein, damit sie in den Sternen läsen -und um Liebe kämpften, wie einst wir -- die wir dann vielleicht auf -Äonen in irgendeiner stillen Versorgung des Automatischen ruhten, einem -abermals neuen Rufe ins Aufmerksamkeitsfeld des Bewußtseins bereit. - -Ob unsere Zeit den Frieden einer solchen Weltanschauung finden wird, -den Frieden ihres Doppelerbes? - -Aus den Kiefern tönte das leise Zirpen der Finken. - -Diese Naturstille war vielleicht die Antwort. - -Frieden ist nur im Automatischen. - -Wir sollen kämpfen. - -Und doch steht in den hellsten Idealen dieses Lichtfeldes der Natur, -das wir Mensch nennen, auch schon die Menschenliebe. - -Geht auch das Elementarische auf eine höhere Lösung? - -Die Pfingstflammen glühen. Gehen wir. Wir werden sehen. - - * * * * * - -Das eben macht die Geschichte des Menschen so großartig und so -tief, daß sie eigentlich immer Pfingstgeschichte ist, konzentrierte -Pfingstgeschichte. - -Der Zeitraum ist auch mit allen Ziffern des Naturforschers für sie so -kurz, und gleichzeitig ist so unglaublich viel Neues in ihr getan, daß -gar kein Spielraum für das Erstarrende, das schon wieder Automatische -zu bleiben scheint. Von einem Pfingstwunder scheint es zum andern zu -gehen. Die Natur schaltet mit einer Kraft plötzlich, daß sie uns wie -ein ganz anderes Wesen vorkommt. - -Daher so lange der zähe Glaube: es hebe mit dem Menschen ein ganz -anderes Buch an, das Buch Gottes im Gegensatz zum Buche der Natur. - -Aber das ist ja jetzt für uns grade das ganz Große, daß wir das -Göttliche auch in Ichthyosauriern und Planeten und Sonnen sehen und -dafür das Natürliche auch im Menschen. - -Nirgendwo empfinde ich das deutlicher, als wenn ich von neuen -Fortschritten der „Urgeschichte“ lese, jenes Grenzgebiets, wo -die sogenannte „Geschichte“ sich gegen die Naturgeschichte, die -Erdgeschichte hin auflöst. - -Früher herrschte auf diesen Rand zu immer ein leises Gruseln. Der Atem -Gottes stockte auf einmal und drüben in der Finsternis lauerten die -Fratzen der entgeistigten Natur. Heute ist eine Wanderung dort hinab -wie ein Schritt in eine heiße Sommernacht, es duftet von verborgenen -Blumen und durch das Dunkel ziehen leuchtende Punkte wie Johanniskäfer. -Aber es sind heilige Flämmchen: lauter Pfingstflämmchen; es wird einmal -wieder Pfingsten, +denn der Mensch kommt+. - -Eben grade ist ein solches Flämmchen wieder besonders hell -aufgeglüht. Aus tiefem Schacht glimmt es zu uns. Es meldete von einer -Pfingststunde, selbst noch wieder fast ohne gleichen in der Reihe der -Pfingstwunder des Menschengeistes, -- vom +Pfingsten der Kunst+. -Da die Kunst niederstieg auf diesen rollenden Planeten, niederstieg -nicht als das Wunder einer unfaßbaren Überwelt, das als Sternschnuppe -in den Sumpf der Natur fiel; sondern als eine Tat der Natur, die ihr -gelang, weil ihr endlich der Mensch gelungen war. - --- -- -- - -Auf dem kleinen Delikateßteller vor mir liegt eine Trüffel, zierlich -und rund. Sie duftet nach allen guten Sachen und dem Feinschmecker geht -das Herz auf. - -Wenn Du aber nicht bloß ein Esser, sondern auch ein Kenner bist, so -weißt Du, daß dieser schwarze Diamant unter den Edelsteinen der Tafel -einen kleinen Roman hinter sich hat. - -In fernem Lande grünte ein Eichenhain. Mit dem feinsten Wurzelgeflecht -einer solchen Eiche verspann sich tief im Erdboden ein Schimmelpilz -zu geheimnisvoller Gütergemeinschaft, von der heute noch nicht völlig -klar ist, ob sie mehr auf gegenseitiger Liebe oder auf einseitigem -Schmarotzertum beruht. Aus dem wohlgespeisten Pilzaderwerk aber erwuchs -ein großer fleischiger Fruchtkörper, mit Sporen gefüllt. Sein Duft -schwoll durch die Erde, daß die Schweine, die ihn verehrten, danach -scharrten. Da die Sporen solcher Pilze durchweg nicht bei der Verdauung -leiden, ist das Gefressenwerden für sie kein Schaden, es hilft nur zur -Weiterverbreitung. Vielleicht ist der Duft, der das Schwein froh macht, -ein wirkliches Lockmittel, wie die rote Kirsche mit ihrer leuchtenden -Farbe zum Naschen und Weitertragen ihrer Kerne lockt. Der Mensch aber, -der unleugbar in Gebiß und Geschmack mehrere Ähnlichkeiten mit dem -Tierlein des heiligen Antonius verrät, nahm dem ehrlichen Finder seinen -Fund ab, und versandte ihn für die Tafeln seiner schlemmenden Mitbrüder -in aller Herren Ländern. - -Das Land, wo der Erdenschoß solche Schätze einer Schweineschnauze -beut, ist die alte Grafschaft Périgord im heutigen Departement Dordogne -im südwestlichen Frankreich. - -Gering wäre ihr Ruhm in der Welt, wäre die Trüffel nicht. Mit der -Périgord-Trüffel geht er um die Erde, wie der Klang des Namens Teltow -mit seinen Rübchen oder Frankfurt mit seinen Würstchen. Gegen solchen -Ruhm aus dem Kochbuch ist schwer mit anderen Werten anzukämpfen, wie -denn ganz gewiß schon manche naive Seele von Frankfurter Würstchen -gehört hat, nicht aber von dem Frankfurter Goethe. - -Der Trüffel-Kenner aber soll doch als wirklich feiner Kenner, der auch -seinen Goethe zu schätzen weiß, über seine Tafelfreude hinweg heute -sich erinnern an die wahrhaftig wunderbaren Schätze, die diese gute -Landschaft Périgord in ihrem Boden birgt, -- Schätze, die zum oberen -Geistesstockwerk der Menschheit gehören, dort, wo eben dieser Goethe -auch hingehört, und die an Geisteswert für unser edelstes Menschentum -doch noch etwas wertvoller sind als die dreißig Millionen, die unsere -welschen Nachbarn alljährlich am Trüffel-Handel verdienen. - -Zum Fluß Dordogne geht als Seitenader die Vezère, selbst wieder -gespeist von kleineren Wässerlein. - -Dieses Vezère-Netz bildet liebliche Täler im Kalkfels. In diesem -Fels seiner Talwände aber liegen Höhlen. In diesen Höhlen haben -in entlegenen Tagen, jenseits aller unmittelbaren geschichtlichen -Überlieferung, Menschen gehaust. - -Ob diese Menschen schon Trüffeln gesucht, wissen wir nicht. Was wir -aber wissen, ist, daß sie die höchste und freieste Tätigkeit werdenden -Edel-Menschentums schon gesucht und gefunden haben: Kunst. - -Kunst -- in Tagen, da noch das Mammut ein Charaktertier der -französischen wie der deutschen Landschaft war! - -Lange schon ist von den Tierbildern die Rede gewesen, die, eingeritzt -in Rentierhorn und Mammutelfenbein, in diesen Périgord-Höhlen entdeckt -sein sollten. Heute kommt die fest bestätigte Kunde von Funden, die -alles Kühnste in Schatten stellen. - -Höhlen sind erschlossen, eng wie ein Flaschenhals, aber auf ihren -Wänden bedeckt mit einer ganzen Gemäldegallerie der wundervollsten -Tierbilder, zum teil in Meter- bis Zweimeter-Größe, zum teil in Farben, --- prähistorischen Tierbildern von prähistorischer Künstlerhand. - -Das Mammut ist dabei. - -Was keine Denkmalstradition der großen alten Kulturen, mit denen unsere -„Geschichte“ anhebt, mehr erreichte, das haben wir nun endlich ganz -sicher, mit einer Fülle der Details, die niemand je erwarten konnte. - -Es ist ja eine Kenntnis, in die sich das 19. Jahrhundert erst ganz -langsam überhaupt eingewöhnt hat: daß uns Tiere noch innerhalb der Zeit -des Menschen verloren gegangen seien; und daß dieser Mensch selber uns -gelegentlich durch Kunstmittel noch etwas davon gerettet haben könnte. - -Als es allmählich eine Tatsache von betrüblicher Unwiderleglichkeit -wurde, daß der große seltsame taubenähnliche Vogel Dronte, den die -Expedition des Vasco da Gama 1497 auf der Insel Mauritius in ungeheuren -Scharen entdeckt hatte, in der Zwischenzeit bis auf den letzten Kopf -wieder ausgerottet sei, ohne daß man auch nur ein Museumsexemplar für -die Naturgeschichte übrig habe, -- da fing man an, alte Gemälde zu -durchsuchen, auf denen die holländischen Zeitgenossen allerlei Getier -abkonterfeit. Und richtig: auf alten „Paradiesen“ des 17. Jahrhunderts -stand bei anderm Geflügel auch die Dronte noch, in jedem Federchen treu -kopiert mit dem ganzen Realismus der Niederländer und ihrer Liebe grade -für groteske Gesellen. - -Als es desgleichen offenbar wurde, daß wir den Auerochsen falsch -getauft hatten und daß auf diesen Namen in Wahrheit ein gewaltiges -deutsches Tier, der echte Ur, stillschweigend irgendwo um das -sechzehnte Jahrhundert herum verschollen sein müsse, -- da kam abermals -hier ein alter Holzschnitt, dort ein mit „Tur“ gezeichnetes altes -Ölgemälde zu Ehren, die den Verlorenen wenigstens noch mit seinem -schwarzen Fell und seinen flach ausgezogenen Riesenhörnern für unsere -Phantasie retteten. - -Das Tierbuch des trefflichen Gesner hat uns den deutschen schwarzen -Mauer-Ibis bewahrt, den Waldrapp, der einst unsere Ruinen umflog. - -Für unsere Enkel wird es not tun, daß wir unsere Bilder des -südafrikanischen Quagga-Pferdes, unsere Photographien der letzten -Bisons und der letzten Riesenschildkröten an einem recht sicheren -Ort niederlegen, denn lebend werden sie diese ~Morituri~, diese -Zusammenbrechenden, auch nicht mehr zu sehen bekommen. - -Die Frage war nur, wie weit man mit solchen zoologisch-historischen -Streifzügen auch in die ältere und älteste Kunst zurückgehen könne. - -Sachlich wurde ja der Boden dort immer interessanter. Je weiter in die -graue Vergangenheit, desto mehr Wahrscheinlichkeit, daß der Künstler -von damals noch von zoologischen Pracht- und Schaustücken wußte, die -uns längst nicht mehr zu Gebote standen. - -Und an wunderlichen, höchst fremdartigen Tierformen war in der Tat -in der älteren Kunst immer weniger Mangel, -- nur fingen sie alsbald -an, etwas +zu+ wunderlich zu werden. Da kamen die Sphinxe und -Greife und Chimären, die Einhörner und Basiliske, die Drachen und -Midgardschlangen. Sollte man zu alledem wirkliche Urbilder suchen? - -Wir haben aus ganz neuester Zeit wohl ein hübsches Beispiel, wie -vorsichtig man im Ablehnen auch hier sein muß. In Afrika wurde da das -merkwürdigste neue Säugetier der letzten Jahrzehnte entdeckt: das -Okapi, ein großes Huftier, äußerlich einer Antilope ähnlich, an den -Beinen schön schwarzweiß gestreift wie ein Zebra, im Knochenbau aber -das Allerunerwartetste: nämlich ein Verwandter zu der bisher völlig -im System vereinsamten Giraffe und zwar ein noch lebender Sproß eines -giraffen-ähnlichen Geschlechts, das in der Tertiär-Zeit bei uns in -Griechenland existiert hatte und aus Knochenfunden von dort längst -bekannt war. Nun denn: dieses Okapi, das uns nächstens hoffentlich -unsere zoologischen Gärten vorführen werden (ich gönnte unserm so -verdienstvollen Berliner Direktor Heck wohl die Priorität dabei!), -haben die alten Ägypter schon auf ihren Denkmälern völlig kenntlich -dargestellt, -- natürlich wußte bis vor kurzem kein Forscher diese -„Hieroglyphe“ zu deuten, da wir ja selber das Tier nicht hatten. - -Aber in der großen Masse der Fälle haben wir es gleichwohl mit dem -„Phantasie-Tier“ zu tun. - -Im Drachen steckt nicht der Ichthyosaurus, mit dem der Mensch nie -zusammen gelebt hat, nie hat ein Reptil Feuer gespieen oder ein Pferd -Flügel gehabt. - -Auch in das Tierbild hat jene tiefe Kraft des Menschen -hineingearbeitet, die im Grunde so rätselvoll ist und doch so urwüchsig -aus ihm hervorbricht, als stecke seine halbe Seele darin: die Kraft, -die Dinge nicht nur zu sehen und wiederzugeben, sondern sie sofort auch -zu stilisieren, umzudenken, in eigener Andersform neu zu schaffen. - -Er ist ein Schöpfer, der Mensch, nicht bloß ein Spiegel. Er hat das -Tier gesehen, dieser Mensch. Es hat ihn gelockt, es wiederzugeben. Aber -wenn er es auf der Tafel hatte, hat ihn jene andere Seite seiner Seele -nicht ruhen lassen: er hat schöpferisch daran herumzuarbeiten versucht. - -Wenn der Stier nun Flügel hätte wie der Adler? Wenn er so noch hübscher -aussähe? - -Und wenn die Federn dieser Flügel, die schon beim Vogel einen so -guten Anlauf zum Rhythmischen nehmen (ist doch die Natur allerorten -schon voll solcher Anläufe, als habe jene Menschengeisteskraft längst -irgendwo in einem unteren Stockwerk geheimnisvoll in ihr gewaltet!) -- -wenn diese Federn nun ganz zu Ornamenten würden, in Spiralen ausliefen, -vollkommen sich in stilisiert „Schönes“ als Kunstform verwandelten? - -Eine ungeheure Linie setzt hier ein, die vom ältesten Babylon, von -China und von Mexiko, aus allen noch so getrennten Kulturen und -Kunstanfängen heraufsteigt bis auf den ersten Holzschnitt des -Rhinozeros von Albrecht Dürer, auf dem das ganze Dickhäuterfell dieses -Tierriesen mit all’ seinen Wülsten, Falten und Höckern in lauter -elegante Ornamente hinein stilisiert ist, daß es eine wahre Freude -ist -- oder bis auf die köstlichen Schweine und Maikäfer unseres -lieben Wilhelm Busch, in denen ebenso der ganze Kodex der Zoologie -und Anatomie Fühler für Fühler und Schwänzchen für Schwänzchen in die -Kunstform des humoristischen Ornaments umgedichtet ist. - -In dem schönen Buche, das Schliemann über Mykenä herausgegeben hat, -kann man diese Umstilisierung des Zoologischen in recht alten Tagen -aufs Prächtigste noch bei der Arbeit sehen. - -Da findet sich auf einem der runden Goldblätter aus dem dritten jener -mykenischen Königsgräber wunderhübsch herausgearbeitet ein Oktopus, ein -Tintenfisch. - -Wir wissen aus Homers unsterblicher Schilderung vom schiffbrüchigen -Dulder Odysseus, den die Welle gleich dem zäh angeklammerten -Meerpolypen von dem rettenden Fels reißt, wie genau die alten Griechen -dieses sonderbare Tier mit dem sackförmigen Leib und den Klammerbeinen -oben am Kopf beobachtet hatten. Kannte doch Aristoteles sogar schon die -märchenhaften Liebesspiele und Liebesmethoden der Tintenfische, die -erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt worden sind. - -Nun ist unverkennbar in solchem Polypen mit seinen acht Greifern -eine gewisse rhythmische Kunstgestalt roh gegeben, eine dicke -Wurzel gleichsam und acht gekrümmte Ranken. Aber unser alter -Griechengoldschmied, Agamemnons Hoflieferant, um Schliemanns Redeweise -nachzusprechen, -- er hatte darin erst den Naturansatz zu dem, was -seine Phantasie nun hineinharmonisierte. Ihm wird die Rübe das Herz -eines wunderschönen Ornaments, von dem aus sich in rhythmisch reinster -Steigerung acht eleganteste Spiralen in die Goldplatte hineinrollen, -jede oben stolz eingekrümmt wie ein Bischofsstab. Der Tintenfisch, im -Typus noch auf den ersten Blick erkennbar, ist doch ein Kunst-Mollusk, -ein Mischwesen aus nachahmender Zoologie und selbstherrlich -schaffender Schönheitsschau geworden. - -Ganz das Gleiche ist auf einem zweiten Blatt einem Schmetterling -widerfahren, der mit Kopf und Augen und Fühlern, mit der Zeichnung und -dem Geäder seiner Flügel und selbst den Schnitten seines Kerbtierleibes -ein ganzes Gewebe stilvoller Arabesken geworden ist. - -Dabei befindet man sich an und für sich grade in diesem Buche noch -auf einem Boden, wo zoologisch Wichtiges direkt in jenem andern Sinne -auch zu lernen ist: in dramatisch belebten Bildern sehen wir diese -Mykenä-Helden im Kampfe mit dem Löwen und wir erinnern uns plötzlich, -daß wir ja hier in der Zeit sind, wo der Löwe wirklich noch in Europa, -in Griechenland, vorkam, was heute wie ein verschollenes Märchen klingt. - -Aber dieser Löwe selbst floß bereits gelegentlich ins Ornament, sein -Schwanz bekommt Stil auf den Bildern wie ein Schweinequästlein Buschs. -Und dann faßte die Kunst herrisch und herrischer zu. - -Aus dem Polypen, an dessen Armen die beißenden Schröpfköpfe sitzen, -aus dem Polypen, der unter Umständen als Koloß auftrat und dann ein -furchtbarer Gegner wurde, hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst -zeichnerisch und dann rednerisch, in Sage und Epos, die lernäische -Hydra mit den vielen Köpfen und ihre mythische Verwandte, die Scylla, -entwickelt. - -Bis in unsere bekanntesten antiken Statuen hinein läßt sich -gelegentlich die Überwindung der Zoologie durch die Ästhetik verfolgen. -Unvergeßlich ist mir der Ausspruch eines Zoologen vor dem vatikanischen -Laokoon in Rom: „Das sind ja keine echten Schlangen, sondern -fett gefütterte Regenwürmer!“ Seit wir die Schlangenmenschen des -herrlichen Pergamenischen Altars in Berlin haben, wissen wir, was für -realistisch treue, zoologisch geradezu packend echte Schlangenleiber -und Schlangenköpfe die griechische Kunst hat liefern können, wenn sie -wollte. Aber gerade diese Laokoon-Gruppe, die in jedem Zuge sich schon -als raffiniertere, abgeglättetere, im abstrakten Sinne vergeistigtere -Kunstarbeit darstellt, hat auch ihre Schlangen schon sehr viel weiter -ins abstrakt Ornamentale hinein verzaubert: es sind zwar keineswegs -Regenwürmer, denn das wäre ja nur wieder ein anderer zoologischer -Schachzug, aber sie sind aus echten Schlangen vom Reptilstamm gleichsam -zu nackten Symbolen bloß der schreckhaften Schnürkraft, zu elastischen -Strangulierungs-Ornamenten geworden. - -Erst in den neunziger Jahren des Jahrhunderts haben wir durch das -Verdienst eines deutschen Reisenden und Ethnographen eine wahre -Ur-Schmiede solcher Tier-Verästhetisierung kennen gelernt, die diesmal -nicht aus altem Ruinenschutt gegraben zu werden brauchte, sondern heute -noch bunt und lustig uns vor Augen steht, -- allerdings in einem so -versteckten Winkel der Erde, daß man wohl von einer Art lebendigen -Fossils der Menschheitsentwickelung dabei reden darf. - -Karl von den Steinen hat uns unübertrefflich in Wort und Bild das Leben -der südamerikanischen Indianer am Schingû-Flusse geschildert. - -Nackte Wilde, die noch keine Metallwaffen kannten, als die Europäer -sie in ihrer Weltverlorenheit auffanden, also in gewissem Sinne heute -noch lebende, echte Steinzeit-Menschen, -- und dabei doch ein Kunstvolk -ersten Ranges, das keinen leeren Fleck um sich leiden mochte, es habe -denn ein Ornament darauf gesetzt. - -Das Kanu-Boot und sein Ruder, die Trinkschale und die Kalabasse aus -Kürbis, der Spinnwirtel aus Schildkrötenpanzer und der tönerne Topf, -die Hauswand und der eigene Leib -- alles muß in Kunstformen hinein, -muß strotzen von Mustern, über die das Auge mit Wohlgefälligkeit läuft. - -Fröhliche Völker sind es, mit behaglichen Sitten, ohne groteske und -schaurige Formen der Barbarei, in einem gemäßigten Lebenskampfe, der -Zeit läßt, an die Lustigkeit des Daseins und seine Verzierung zu denken. - -Bei diesen Bakairi und Verwandten nun fand ihr Erforscher einen -tiefbezeichnenden Zug, wert in jede Kunstgeschichte an hervorragender -Stelle fortan aufgenommen zu werden gleichsam als eine Stimme aus dem -„Paradiese“. - -Die Leute waren zunächst ganz nette Realkünstler, was Wiedergabe von -Wirklichkeitsobjekten anbetraf, und zwar waren es in allererster Linie -Tiere, die sie abbildeten. - -Ganz reinlich zeichneten sie einen Fisch im Umriß in den Sand. Saß der -fremde Gast mit ihnen abends beim Mondschein am Boden, so malten sie -ihm mit unverwüstlichem Eifer Jagdtiere und Jagdszenen aus dem Stegreif -im Sande vor. Sie begnügten sich nicht, „die Umrisse zu zeichnen, -sondern sie schaufelten mit der Hand den Sand aus dem Umriß des -darzustellenden Tieres der Fläche nach weg und füllten diese Vertiefung -von der Gestalt z. B. eines Jaguars oder Tapirs mit grauweißlicher -Asche aus: so erhielten sie den Körper mit seinen Extremitäten als -ein weißlich schimmerndes Gemälde. Mit dunklem Sande wurden das -Auge und die Fleckenzeichnung der Haut eingetragen. Da die Figuren -mindestens Lebensgröße hatten, machten sie in dem Zwielicht der Nacht -einen überraschend lebendigen Eindruck; es sah aus, als wenn riesige, -schimmernde und flimmernde Felle über den Boden ausgebreitet wären“. - -Mit dem fremden Kulturbleistift zeichneten sie dem deutschen Professor -sein und seiner Leute eigenes Porträt in sein Notizbuch, spaßig, wie -der kleine Moritz bei Oberländer in Strichmanier karikiert, aber doch -auch packend charakterisiert. - -Ganz auf der Höhe aber war ihre Kunst im plastischen Modellieren. -Wie sie einen Topf formten in Gestalt einer vom Bauche her gehöhlten -Schildkröte, Eidechse oder Kröte, das war bewundernswert selbst vom -verfeinerten Kulturboden aus. Es war ausschließlich Frauenarbeit, -diese Topfkunst. Wie zierlich zugleich und echt hatte aber solche Frau -das Köpfchen, das Schwänzchen und die eingebogenen Vorderpätschchen -der Schildkröte herausgebracht, wie humoristisch treu die breite -Schnauze der Kröte, wie elegant hatte sie auf die Rückenwölbung -des Schildkrötentopfs die Panzerplatten mit ihrer natürlichen -Schildpattzeichnung eingeritzt! - -Schon an diesen Töpfen nun nötigte die Anpassung an die Gebrauchsform -zu einem Anfang von Stilisierung, der denn auch wohl zu merken ist: -geht die Schildkröte, geht das Gürteltier noch fast rein mit seiner -Naturform in der Topfgestalt auf -- man könnte ja aus ihren gewölbten -Hohlschalen unmittelbar einen Topf machen, wenn’s not täte -- so muß -das Waldhuhn, muß die Eule und Fledermaus doch schon abgerundet, muß -topfhaft stilisiert werden. - -Prächtig, wie auch das gemacht wird, wie die Flügel der Fledermaus zu -einfachen Ornamentlamellen am Topfrande, abgerundeten Griffen umgedacht -werden, bis das Ganze die Tierform überhaupt fast verläßt und aus -dem Fledermaus-Topf ein einfacher Kunstnapf mit einem rhythmischen -Ornamentenflügel-Kränzlein wird. - -Und da denn gibt sich die Brücke zu etwas, was in der Malerei und -Schnitzerei dieser Naturvölker am verblüffendsten wirkt, aber zugleich -am lehrreichsten ist. - -Als Fries über die Wand oder sonst über jeden verfügbaren Fleck werden -Ornamente hingezogen, die zunächst rein ästhetisch-mathematisch -ausschauen: dunkle Würfel mit weißen wechselnd, rhombische Felder in -graziöser Folge, Dreiecke sich aneinander schließend, ganz wie auf -unsern Teppichmustern, Parkettböden, Mosaiken und so weiter. - -Befragt aber, hat der Schingû-Indianer auch für diese echtesten -Ornamente noch realistische Namen. - -Dieses Rautenfeld ist dem Namen nach ein Zug ganz bestimmter -eckiger Fische, der Fischname bezeichnet auch das Ornament. Diese -Doppeldreiecke sind dem Worte nach eigentlich Fledermäuse, jetzt -fliegende, in anderer Stellung hängende. Diese dunklen Quadrate im -weißen Grund sind junge Bienen. Diese einfachen Dreiecke schwarz auf -weiß sind zierliche dreieckige Schamschürzchen der Frauen, das einzige, -winzige Bekleidungsstück dieser glücklichen Naturkinder jenseits von -Korsett, Hose und Schuh. - -Das heißt: sie sind es noch im Namen, in der Tradition. Es ist genau -so, wie wenn wir ein bestimmtes Wellenornament als Schlangenlinie -bezeichnen. Die Leute haben ursprünglich Fische, Fledermäuse zu -allerlei Gebrauch, als Jagdzeichen, als eine Art Bildersprache zur -Verständigung, in einfachem Nachahmungstrieb, Reproduktionstrieb -dessen, wovon die Seele voll war, aufgezeichnet, -- notabene sie -konnten es, worin eben schon die eine ganze Wurzel ihrer künstlerischen -Menschheitsgabe steckte! Dann haben sie aber an diesen Bildern -+stilisiert+. - -Der zweite Sinn, der Sinn für rhythmisch bequeme, glatte Formen mischte -sich ein, mischte sich schon in die erste Wiedergabe zweifellos mit: -das mathematisch Einfachste, über das der Blick am widerstandslosesten, -mit kleinstem Kraftmaß, lief, wurde bevorzugt, das Rhombische des -Fischs, das Dreieckige der Fledermaus. Das wurde dann selbstschaffend -ausgestaltet, in Wiederholungen aneinandergereiht, die Wiederholungen -gaben wieder neue Wohlgefälligkeiten, ästhetische Bequemlichkeiten und -das Ornament war fertig. - -Schließlich ging das Tier als Grundform unter bis zur Unkenntlichkeit -und nur der Name bezeichnete noch, daß es historisch einmal im Ornament -gewesen war. - -Unendlich weit lassen sich die rein ästhetischen Gedanken ausspinnen -vor dieser Bakairi-Kunst. - -Schauen wir doch vor diesem Doppelspiel von wirklicher Tierwiedergabe -und ornamentaler Stilisierung nicht bloß in das Wurzelwerk eines -kleinen Kunstsprößlings: wir blicken in die Wiege überhaupt der Kunst -und aus dieser Wiege schon sehen uns zwei verschiedene Augen an. - -Das eine ist das +ur-realistische+ Auge, das Wirklichkeit zu fassen -und nachzuahmen sucht, -- das andere das +ur-idealistische+, das diese -Wirklichkeit umzuschauen, umzuregeln sucht in harmonische Folgen, in -einen wohlgefälligen Rhythmus hinein. - -Und beide Arten künstlerischen Wollens sehen wir bereits bei diesen -nackten Wilden mit ihrer Steinzeit-Kultur in Kraft, -- bloß, daß die -erstere, die realistische, insofern eine gewisse Priorität wahrt, als -sie dem zweiten, dem idealistisch stilisierenden Sinne, das Material -geliefert hat, an dem er seine idealistischen Besserungen erproben -konnte. - -Wie eine uralte Weisheitsstimme, der keine grüne Klügellogik gewachsen -ist, klingt diese Bakairi-Ästhetik bis in unsern hellsten ästhetischen -Kampfestag hinein. - -Wer denkt nicht an unsern heftigen Hader um den Realismus in der Kunst, -in der dichtenden wie der malenden und steinbildenden! - -Wie naiv ist der Gegensatz von nackter Wahrheitswiedergabe und -idealistischem Stilisieren, Rhythmisieren da als ein „Entweder -- Oder“ -auf Biegen und Brechen ausgespielt worden, als gelte fortan nur noch -ein unbedingtes Gefressenwerden des einen Prinzips durch das andere, --- während die kleinste und unscheinbarste dieser Fledermäuse oder das -schlichteste Frauenschürzchen dieser Bakairi-Kunst uns doch schon die -ewige Lehre in Fleisch und Blut pauken kann, daß nur beide Richtungen -vereint die wahre Kunst ergeben. - -Jene Kunst, die des Menschen würdig ist, der seine ganze Höhenkraft -als König eines Planeten unabänderlich ebenso auch sonst nur der -Doppelfähigkeit verdankt: einmal die gegebenen Wirklichkeiten dieses -Planeten zu erkennen und zu beherrschen bis ins kleinste Kraftwellchen -hinein -- und dann sie zu wandeln nach seinem Idealbilde, sie zu -vergeistigen, wie ein Denkender sein Antlitz vergeistigt, sie zu etwas -emporzuführen, was in der äußeren Wirklichkeit um ihn her noch gar -nicht sein kann, also von dort auch nicht abgelesen werden kann, weil -ja eben der höchste zeitlich gegebene Entwickelungssproß der Natur -nichts anderes ist, als sein „Inneres“ selbst, sein idealbildender, -neuen und umfassenderen Harmonieen zustrebender Menschengeist selbst.... - -Erst aus dem unendlich verwickelten und doch stets logisch notwendigen -Hin- und Wiederweben ihres roten realistischen und ihres blauen -idealistischen Fadens entsteht das wunderbare Gewebe der Geschichte der -Kunst, wie wir es in den Kulturjahrtausenden hinter uns sich breiten -sehen. - -Der Verlauf wird aber noch versponnener und feiner dadurch, daß die -Wirklichkeitsteile des Ästhetischen unablässig auch gebraucht werden in -jenem riesigen Gesamtgewebe zunehmender menschlicher Weltbeherrschung. - -So reklamiert auf einer gewissen Höhe die strenge Wissenschaft als -realistischer Teil der technischen Welteroberung und Weltverbesserung -gerade das Tierbild wieder in seiner möglichst reinen Urform als -Reproduktion der Wirklichkeit für ihre streng zoologischen Zwecke. Wir -erleben die Mützel und Specht und Leutemann, wie sie wissenschaftliche -„Tierleben“ illustrieren, und zuletzt muß gar die Momentphotographie -heran, um ganz unverfälschte Wirklichkeitsbilder (vorläufig gelingt es -ja durchaus noch nicht „ganz“!) zu ermöglichen. - -Das führt aber von dem Streifblick in die theoretisch-ästhetische Seite -wieder genau auf unser eigentliches Problem selbst zurück. - -Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen: gesehen hat dieser -Mensch, in dem also nach der einen Seite schon als nacktem -Steinzeit-Wilden eine realistische Kraft der reinen Naturwiedergabe -steckte, noch eine ganz andere Sorte verschollener Tierwelt als jene -immer doch relativ junge der Dronten und mykenischen Löwen. - -Denn das wissen wir jetzt endlich mit voller Sicherheit: der Mensch in -einem Kulturzustand, der sich immer noch mit dem jener Bakairi-Indianer -oder auch der heutigen Eskimo vergleichen läßt, ist alt, uralt, -märchenhaft alt. - -Der Polarpunkt unseres Nordhimmels, in dem heute der Stern des kleinen -Bären leuchtet, ist so und so oft infolge der Achsenverschiebung der -Erde auf die Wanderschaft gegangen, hat sich die Wega und andere -schöne Sterne als Richtlampe erkoren und ist endlich wieder beim alten -Fleck angelangt, -- und immer war der Mensch schon da. Zeiträume aber, -in denen himmlische Achsenpunkte derartige Sternexkursionen machen -können, müssen auch ganz gewaltige Wandlungen und Verschiebungen der -Tierwelt bedingen, in die wir denn also auch mit diesem Menschen -hineingeraten, sobald wir uns bloß resolut sagen, daß die paar -tausend Jahre unmittelbarer Schriftüberlieferung, die wir haben, -völlig zurücktreten gegen das Gesamtdasein eines mehr oder minder -schon überhaupt „etwas“ kultivierten Menschen auf dem Erdplaneten. -Fallen doch selbst die ältesten jener babylonischen oder ägyptischen -Unmittelbar-Überlieferungen nur in einen kleinen Bruchteil einer -einzigen letzten astronomischen Revolution jener Art! - -Noch vor zehn Jahren konnte man sagen, daß mindestens Streit darüber -bestehe, ob Mensch und Mammut sich lebendig begegnet seien. - -Autoritäten wie Virchow und Steenstrup waren dagegen. Eine Fundstelle -wie die von Predmost in Mähren, wo die von Menschenhand unzweideutig -bearbeiteten, um die Reste menschlicher Kohlenfeuer gelagerte -Mammutknochen nach tausenden zählten, wurde als Eisfleisch-Station -gedeutet, auf der prähistorische Hungerleider vieltausendjährige -gefrorene Eiskadaver von Mammuten herausgehackt und mit dem Appetit -der heutigen Tungusen-Hunde in Sibirien, die jetzt noch tapfer so auf -Eis-Mammut gehen, verspeist haben sollten. - -Diese Skepsis ist heute antiquiert. - -Zur Stunde tauchen ganz andere Gemeinschaften als Problem auf, -unendlich viel ältere. - -Jene wundervolle Fundstätte vorgeschichtlicher Menschheitskultur in -Taubach bei Weimar, von der nachgerade wohl die Meisten gehört haben, -zeigt uns den Menschen als gewohnheitsmäßigen, offenbar durch lange -Zeiten und Generationen fest eingeübten Jäger schon nicht mehr des -eigentlichen Mammut-Elefanten, sondern des sogenannten Alt-Elefanten -(~Elephas antiquus~), einer riesenhaften Elefanten-Form, die -mindestens in ihrer Blütezeit dem Mammut voraufging. - -Kein einziger Mammut-Rest ist auf diesem klassischen Boden gefunden -worden, und gewisse Konfusionen sind bloß vorübergehend durch böse -neuzeitliche Nachhilfe in die wissenschaftliche Beschreibung hinein -geraten. - -Es ist nämlich unglaublich schier, aber leider doch wahr, was findige -Geldbeutelbedürfnisse selbst bei solchen Dingen für Unheil anrichten -können. Als die Taubacher Knochen und Menschenreste anfingen, Aufsehen -zu machen, stellten sich Käufer ein, Laien, die bloß allgemein etwas -von den Dingen hatten läuten hören. Sie verlangten von den Leuten -in den Taubacher Brüchen vor allem „Mammut“. So kamen schlaue -Industrie-Genies auf den unglücklichen Plan, besagtes „Mammut“ heimlich -irgendwoher zu beziehen und als Taubacher Material mit Profit am Fleck -zu verkaufen. Nahe, eine Stunde rund von Taubach entfernte Kieslager, -in denen auch Elefantenknochen lagen, wurden geplündert und die Zähne -körbeweise nach Taubach gebracht, der Korb im Zwischenhandel zum -Engrospreise von zehn Mark. Die Interessenten erhielten dann beliebig -„Mammut“ aus diesen Körben zu tüchtigen Detailsätzen. - -Um die Verwirrung zunächst auf den Gipfel zu treiben, handelte es sich -auch bei diesen Schmuggel-Elefanten aber erst recht nicht um Mammut, -sondern um eine noch ältere Art als der Alt-Elefant war, nämlich um -einen nahen Verwandten des sogenannten Süd-Elefanten (~Elephas -meridionalis~), der nicht gleich dem Mammut jünger, sondern nochmals -zweifellos ein ganzes Teil älter ist, als der Alt-Elefant. Die -Elefanten- und Nashorn-Jagden der Ur-Taubacher hatten sich, wie die -erhaltenen schönen Reste klärlich zeigen, in einem Walde abgespielt, -in dem Birken- und Haselnußbüsche standen. Das deutet nun zwar auf ein -gemäßigtes Klima, ähnlich dem heutigen am gleichen Ort. Da die Zeit -zweifellos bis in die Grenzen der großen Eiszeit zurückgeht, nimmt man -mit ziemlicher Sicherheit an, daß es sich um eine etwas wärmere Pause -innerhalb dieser wechselreichen, im Wort wenig erschöpften „Eiszeit“ -handelte. Der Süd-Elefant aber hat noch vor der ganzen Eisperiode -gelebt und aus voreiszeitlichen Schichten stammte denn auch das -eingeschmuggelte Material. - -Die Taubacher Industrie konnte zum Glück noch rechtzeitig aufgedeckt -und wissenschaftlich unschädlich gemacht werden. - -Der letzte Trumpf der ganzen Geschichte aber bleibt, daß dieser -Süd-Elefant an und für sich und in seiner eigenen Schicht ganz wohl -+auch noch+ mit menschlichen Kulturresten hätte zusammenliegen -können -- auch ohne Schwindelei. Denn auch ihn hat der Mensch noch -erlebt, oder besser von unten nach oben gesagt: schon erlebt. - -Nie werde ich den Eindruck vergessen, den in den achtziger Jahren ein -kleiner Raum des altberühmten Jardin des Plantes zu Paris, der Stätte -Buffons und Cuviers, auf mich machte. - -In einer provisorischen rohen Bretterbude hatte man die größten -paläontologischen Schaustücke, meist vollständige Gerippe urweltlicher -Riesentiere, in Erwartung eines (heute längst vollendeten) würdigeren -Museums-Neubaues vereinigt. Nur Auserwählte mit Karten drangen bis -in dieses Heiligtum vor. Ihnen aber ward ein im buchstäblichen Sinne -ungeheurer Anblick zu teil. - -Da stand das Skelett des Riesenfaultiers, des Megatherium, da wölbten -sich wie mächtige Tonnen empor die Panzerdecken der Riesengürteltiere, --- beide aus Tiergeschlechtern, von denen wir heute wissen, daß der -Mensch sie auch noch gejagt und verspeist hat. - -Um einen Koloß wie das Megatherium zu überbieten, dessen Oberschenkel -fast dreimal so breit sind wie die des lebenden Elefanten, war in -dieser Versammlung schon ein ganz besonderer Elefant nötig, und den -hatte denn auch eine Ausgrabung in Südfrankreich in Gestalt eines -prachtvoll erhaltenen Riesenexemplars jenes Süd-Elefanten geliefert. - -Aufrecht hatte der Koloß im Boden gestanden, als man ihn fand, ein -Beweis, daß er an Ort und Stelle einst im Sumpf versunken sein mußte. -Die Stoßzähne, vollkommen erhalten wie sie sind, zeigen doch nichts von -der abenteuerlichen Krümmung, wie sie den Mammutstößern zukommt. - -Dieser Süd-Elefant lebte, wie gesagt, vor der Eiszeit, in das letzte -Drittel der voraufgehenden Tertiärzeit, die sogenannte Pliocänzeit, -hinein. - -Wer noch heute auf dem Standpunkt steht, der vor zehn Jahren Mode in -der Anthropologie war: vor jeder Möglichkeit eines Fundes tertiärer -Menschenspuren zunächst ein skeptisches Lächeln wie über eine Art -Dummejungenbehauptung aufzusetzen, der muß diese Altersbestimmung -bestreiten. - -Denn es läßt sich nicht mehr fortleugnen, daß mit Knochen des -Süd-Elefanten in ungestörter Schicht zusammen in Frankreich schon -Feuersteinwerkzeuge, bearbeitet von Menschenhand, gefunden worden -sind, -- wenn auch bearbeitet in einer noch etwas roheren Weise, als -es in der Folge geschah. Wiederum aber zweifelt von der Menschenfrage -unabhängig kein unbefangener geologischer Beurteiler heute, daß wir -mit dem Süd-Elefanten wirklich in der echten +tertiären+ Tierwelt -sind, und so wird auch hier nachgerade der allzu skeptischen Skepsis -ihr Stündlein geschlagen haben. - -Die eigentliche Kühnheit im Zurückdatieren setzt erst noch wieder eine -ganze Station auch dahinter heute ein, -- und ich kann offen gestanden -auch noch in ihr nichts zu kühnes sehen. - -In der Auvergne, dem alten Vulkangebiet Frankreichs, wo noch in jener -Pliocänzeit des Süd-Elefanten eine Unmasse feuerspeiender Berge große -Lavaströme entsandten, sind tief unter solcher alter Lava Feuersteine -mit Bearbeitungsspuren gefunden worden, die der Lage nach in das -mittlere Drittel der Tertiärzeit, die +Miocänzeit+, gehören würden. - -Angesehene französische Forscher sowohl, wie unser trefflicher -Heidelberger Anatom und Prähistoriker Hermann Klaatsch, halten die -eigentümlichen Schartungen auch dieser Splitter für Menschenwerk. - -Triftige Sachgründe gegen diese Deutung sehe ich nach Klaatschs -scharfsinniger Darlegung nicht mehr. Wenn man dem Teufel einmal den -kleinen Finger gibt und überhaupt auf Grund gewisser feiner Merkmale -sich den Indizienbeweis menschlicher Arbeit auch an den älteren, -roheren Steinsachen gefallen läßt -- und für nachtertiäre Fundstellen -tut das einstimmig die ganze Fachmannschaft, -- so muß man, meine ich, -auch hier die Hand nachschicken. - -Dieser Miocän-Mensch also von Aurillac, wie die Fundstätte heißt, --- er, den wir ohne besondere chronologische Skrupel um anderthalb -Millionen Jahre rückwärts vom heutigen Bewohner der rauhen Auvergne -trennen mögen, muß aber eine Tierwelt noch gesehen haben, die alles -bisher erwähnte an Fremdartigkeit weit hinter sich ließ. - -Je tiefer wir in die Tertiärzeit hineingehen, desto mehr nähern wir uns -ja jener merkwürdigen Epoche, da das Klima in Europa, statt eiszeitlich -härter, umgekehrt südländisch wärmer war als heute. - -Bis gegen die Mitte der Tertiär-Zeit haben Frankreich wie Deutschland -ein Palmenklima gehabt. In Südfrankreich wuchsen große Fächer- und -Sabal-Palmen, Pisangs, Drachenbäume und Kampferbäume. - -Noch der Süd-Elefant hat in seiner Pliocän-Zeit sich durch immergrüne -Wälder von Lorbeern und Magnolien in der Umgegend von Paris -ästeknickend durchgedrängt. - -In jenem miocänen Urwald von tropischer Üppigkeit aber hauste auch die -entsprechende Tierwelt. - -In ihm muß der Mensch noch leibhaftig mit Augen das Tier gesehen haben, -das anderthalb Millionen Jahre später mit am allermeisten Zwist und -Kopfzerbrechen erzeugen sollte, als seine Gebeine noch einmal aus ihrem -uralten Grabe zum Vorschein kamen. - -Im Morgenrot der Versteinerungskunde hatte einst Cuvier ein paar -einzeln gefundene große Backenzähne als dem Tapir angehörig -beschrieben. Uns würde es heute schon seltsam genug anmuten, den Tapir -aus Südamerika oder Indien lebend in die Auvergne versetzt zu sehen. -In den älteren Tertiärtagen war aber grade an tapirähnlichen Tieren -in ganz Europa kein Mangel. 1835 kam dann in der Pfalz der ganze Kopf -des vermeintlichen Tapirs ans Licht. Mehr als ein Meter lang, trug -er im Unterkiefer zwei abwärts gekrümmte, an das Walroß gemahnende, -stoßzahnartige Hauer. Da der Rest des Körpers fehlte, blühten um dieses -groteske Haupt die buntesten Theorien auf. - -„Ich möchte,“ ließ sich 1856 der große Anatom und famose -Fossiliendeuter Burmeister vernehmen, „dem Tiere einen kurzen, dicken -Hals, einen kräftigen, spindelförmigen Rumpf nebst breiten, selbst -zum Kriechen wie beim Walroß tauglichen Flossenfüßen zuschreiben und -dasselbe für ein pflanzenfressendes Seeungeheuer erklären, welches -nach Art der Sirenen gern in die großen Flußmündungen sich begab -und selbst bis in die höheren Teile der Flüsse hinaufstieg. Seiner -vorderen Hakenzähne bediente es sich gleich dem Walrosse wohl mehr -zum Unterstützen seiner Bewegungen am Ufer, wenn es ruhen wollte, als -zur Verteidigung; oder es riß seine vegetabilische Nahrung, dicke -fleischige Wurzeln, damit aus der Tiefe empor.“ - -In der Tat erschien das Tier in dieser Robbengestalt lange Jahre -hindurch in den populären Geologien. - -Dinotherium, das „Schreckenstier“, hatte man es einstweilen getauft. - -Welch bitterböses Lachen aber würde der miocäne Auvergnate, der diesem -Waldschratt selber noch gewohnheitsmäßig auf seinen Streifereien -begegnete, vor unserm Naturforscherbilde aufgeschlagen haben! - -Denn das Dinotherium war, wie wir heute aus besseren Funden nun auch -glücklich wissen, in Wahrheit ein über vier Meter hoher Elefant mit dem -Rüssel und den Säulenbeinen eines solchen, der bloß diese allerdings -ganz charakteristische Besonderheit bei sich ausgebildet hatte, daß -nicht der Ober-, sondern der Unterkiefer die Stoßzähne lieferte und daß -sie sich nach unten krümmten, statt nach oben. - -Bei einem zweiten Elefanten, den jener Miocän-Mensch ebenfalls gesehen -haben muß, dem Mastodon, wuchsen sogar im ganzen vier Stößer, zwei aus -dem Ober- und zwei aus dem Unterkiefer. - -Seltsamer Reiz dieser Bilder: der Mensch bei Mastodon und Dinotherium! - -Was mag es für ein Mensch gewesen sein? - -Wir wissen heute wieder mit voller Sicherheit, daß jene Menschenschädel -vom Neandertal und von Spy, die von der Schule Virchows einmal -so gründlich „totgeschlagen“ schienen und doch so munter wieder -wissenschaftlich „lebendig“ geworden sind, als sei nichts passiert, -- -wir wissen aus ihrem Bau mit den vorspringenden Augenbrauen-Wülsten -und anderen Merkmalen, daß es sogar noch nach der Tertiär-Zeit eine -wirklich urtümliche, vom heutigen Menschen charakteristisch abweichende -altdiluviale Menschenrasse in Europa gegeben hat. - -Und wenn jener Miocän-Mensch von Aurillac unter die Drachenbäume und -Pisanas und Kampferbäume seines Urwaldes trat, in die natürlichen -Pfade hinein, die, wie heute in Indien, von den schweren Rüsseltieren -ausgetreten waren: dann begegnete ihm, unbeholfen in schwankendem Gang -wohl ein Stück weit auf die Hände gestützt, der große Menschenaffe -Dryopithekus oder durch das Geäst über ihm schwang sich akrobatenhaft -von Zweig zu Zweig der Gibbon-Affe Pliopithekus. - -Lag in solcher Begegnung -- für unser Denken heute -- etwas wie ein -Hauch geheimnisvoller Vergangenheit, so rührte ein anderes Bild -umgekehrt an die eigene Zukunft. - -Wo der Wald sich auftat und der grüne Plan sich entrollte, da -galoppierten Herden schlanker Huftiere dahin vor dem Blick dieses -Ur-Auvergnaten. Hätte dieser Blick die Jahrhunderttausende der Folge -sich aufrollen sehen, wie diese grüne Steppe sich vor ihm entrollte, -so hätte er eine der denkwürdigsten Metamorphosen der Tierwelt ahnend -geschaut, die sich grade in seiner Nähe und mit unmittelbarster -Beziehung auf ihn ereignen sollte. - -Diese schnellen Hufträger waren Hipparions, -- Ur-Pferde. - -Heute noch geschieht es ab und zu einmal, daß als „Mißgeburt“ ein -Pferd bei uns geboren wird, das statt des einen einzigen Hufs, mit -dem normaler Weise dieser König unter den Läufern nur mehr den -Boden schlägt, an allen vier Beinen noch drei Hufe trägt, von denen -allerdings die zwei ungewöhnlichen die Erde nicht mehr erreichen. -In Jahrmarktsbuden wird solch ein Dreihufer-Pferd gezeigt. Aus der -Antike kommt die Kunde, daß Alexander des Großen berühmter Bukephalos -diese scheinbar widersinnige Zier besessen habe. Es liegt aber Sinn in -Wahrheit doch in der Zier. - -Denn diese Dreihufer sind vereinzelte späte Rückschläge eben auf die -uralte Stammform unseres einhufigen Pferdes, die regulär noch solche -beiden Nebenhufe trug -- auf jenes Hipparion der Miocän-Zeit. Freies -Wildpferd war es zugleich noch, ohne engere Beziehung zum Menschen, -ohne jene Rolle des „Kulturtiers“, die dem Pferde dermaleinst eine so -besondere Stellung auf seinem Planeten geben sollte. - -Ich habe das Bild absichtlich so weit aufgetan, wie noch in steilster -Theorie möglich ist. Bis zum Dinotherium und Hipparion könnten im -äußersten Falle menschliche Tierzeichnungen gehen, wenn nichts weiter -dazu nötig wäre als überhaupt ein Mensch mit den frühesten Anfängen -der Werkzeugtechnik. Den Plesiosaurus oder Pterodaktylus, die in die -Tertiärzeit selber nicht mehr hineinreichen aus der großen Saurierzeit, -kann auch die regste Phantasie im Konterfei von zeitgenössischer -Menschenhand nicht mehr erwarten. Aber wie unabsehbar groß ist auch so -noch der Spielraum, -- wie viel könnte unsere wißbegierige Zoologie -noch vom kleinsten Kritzelbildchen auf einer Wand, einem Knochen ernten! - -Und das jetzt ist die Stimmung, mit der wir in den finsteren Schlund -jener Höhlen im Vezère-Tale kriechen, spähend beim schwachen -Kerzenlicht, was diese Wände uns offenbaren wollen. - -Es war in der ersten Hochblüte der Begeisterung für prähistorische -Kulturfunde. - -Gebrochen war der Bann grundsätzlicher Zweifel, mit denen der -treffliche Boucher de Perthes noch gekämpft hatte. Man gab eine -diluviale Urkultur unumwunden zu, achtete die Reste als neue -Quelle, redete zum ersten Mal mit Sicherheit von einer neuen, der -prähistorischen Wissenschaft. - -In dieser Zeit wurden die ersten Spuren einer „prähistorischen Kunst“ -in Gestalt erkennbarer Tierbilder bekannt. - -Zuerst aus Frankreich selbst, woher die frische Weisheit überhaupt -diesmal gekommen. Dann aber auch aus einem der strengen deutschen -Forschung näheren, leichter zu prüfenden Ort: von Thayingen, zwischen -Konstanz und Schaffhausen, aus dem sogenannten Keßler Loch. - -Es waren zunächst Gravierungen auf Rentierhorn und ähnlichem alten -Material, und Schnitzereien aus solchem Stoff. - -Der rasch berühmteste der französischen Funde war die Zeichnung oder -besser Ritzung eines Mammut-Elefanten auf Mammut-Elfenbein. Man sah -die charakteristische Kopfform, den Rüssel, die Stoßzähne, den aus den -sibirischen Eiskadavern bereits bekannten dicken Wollpelz; selbst die -richtige Gangart war angedeutet. - -Auf diese Epoche der enthusiastischen Anerkennung folgte unmittelbar -aber das Wellental jäh absinkender Skepsis. - -War jenes Mammutbild immerhin eine eskimohaft rohe Skizze trotz seiner -Naturtreue, so hatten sich im Keßler Loch humoristisch stilisierte -Zeichnungen gefunden, die jeden Unterschied zwischen alt und neu in der -Kunst zu verwischen schienen. Sie muteten an, wie aus einem neuesten -Tierbilderbuch für unsere Kinder. - -Und der sachkundige Konservator des Mainzer Altertums-Museums, -Lindenschmidt, bestätigte diese verblüffende Ähnlichkeit eines Tages in -der Tat dergestalt, daß er die -- Originale einiger „prähistorischer“ -Tierzeichnungen aus jener Bodensee-Nachbarschaft in einem kürzlich -erschienenen Weihnachtsbuche des Spamerschen Verlages nachwies. Was -Leutemann hier für die reifere Jugend gezeichnet, das war in jenem -famosen Keßler Loch einfach auf altes Rentierhorn kopiert worden. -Und zwar, wie allsogleich erkennbar wurde, nicht in spiritistischer -Umkehrung aller Zeitverhältnisse schon von unsern prähistorischen -Ur-Schwaben, sondern von neuzeitlichen Genossen jener Taubacher -Mammut-Schmuggler: nämlich Arbeitern bei den Ausgrabungen, die sich ein -Stück Geld bei diesem Fischzug der Wissenschaft verdienen wollten. - -Der Betrug war so offenkundig, daß das Gericht einschreiten und die -Sünder bestrafen konnte. In der ganzen Frage prähistorischer Kunst aber -bedeutete dieses mißliche Einzelereignis einen allgemeinen Kurssturz. - -Jetzt kamen auf einmal die Stimmen derer obenauf, die solche -vorweltliche Zeichnerei überhaupt für unmöglich hielten. Die Faust, -die eben die ersten Steinbeile ordentlich zurecht geschlagen, habe noch -nichts von Zeichnen und Kunst ahnen können! Eitel Schwindel seien eben -alle diese angeblichen Ritz- und Schnitzarbeiten, moderne Fälschung -plumpster Art. Wenn solches Schwindelwerk am grünen Holze, bei uns, -gelungen, -- wie sollte man nicht der Leichtfertigkeit französischer -Halb-Forscher das Bedenklichste unbedenklich zutrauen! - -Jenes Mammut-Bild, das Lartet im Vezère-Tal des Trüffel-Landes -entdeckt, sollte gar bloß in der Phantasie dieses Herrn Lartet -und seiner Freunde entstanden sein durch willkürliche Auslese und -Allein-Wiedergabe einiger Krackelstriche in einem wüsten Netz -vielfältiger und regelloser Ritzungen eines stark verschrammten -Elfenbeinstücks. - -Die mildesten Kritiker bestritten doch wenigstens alle irgendwie -„besseren“ Bilder. So trat Johannes Ranke den Beweis für Unechtheit -eines Rentiers aus dem Keßler Loch, das sonst nicht in jene -unzweideutige Fälschungsgeschichte verwickelt war, mit der Begründung -an, daß bei diesem Tierbilde die Füße, ja sogar die Afterklauen daran, -genau dargestellt seien; gleich den heutigen zeichnenden Buschmännern -Afrikas hätten aber die prähistorischen Menschen auf „echten“ Bildern -niemals die Füße der Tiere mitgezeichnet. - -Je nun, -- diese jungen Wissenschaften haben ihre Umläufe, es wechselt, -um mit dem Prolog im Himmel zu reden: „Paradieseshelle mit tiefer -schauervoller Nacht“, und die Weisheit, die zweimal umgelernt hat, darf -sich nicht scheuen, es auch zum dritten Mal zu tun. - -Auch jene skeptische Phase ist heute wieder um, und vor den neuen -Funden der Trüffel-Erde, die wir jetzt besitzen, hebt abermals ein -neues Kapitel dieses tiefsinnigen Lehrbuchs vom Menschen und seiner -Ur-Gabe der Kunst an, ein helles und positives nun doch. - -Jenes Vezère-Tal in der Landschaft Périgord, wo Lartet schon in den -sechziger Jahren sein angebliches Mammut auf Mammutbein aus dem Schutt -prähistorischer Zeiten gezogen, ist eine äußerst liebliche Gegend. - -Als Lubbock, heute der Alt-Meister vorgeschichtlicher Forschung, -einst die Vezère hinabfuhr, pries er die Schönheit des Ortes, daß -sie jeden packen müsse, auch abgesehen vom wissenschaftlichen -Interesse. „Da der Fluß bald die eine, bald die andere Seite des Tales -aufsuchte, so hatten wir in einem Augenblick zu beiden Seiten reiche -Wiesenländereien, und in dem nächsten befanden wir uns dicht an dem -senkrechten, fast überhängenden Felsen. Hier und dort kamen wir zu -einigen wallonischen alten Burgen, und obgleich die Bäume noch nicht im -vollen Laubschmuck standen, so waren doch die Felsen an manchen Stellen -völlig grün durch Buchsbaum, Efeu und immergrüne Eichen, und das -harmonierte überaus gut mit der satten gelbbraunen Farbe des Gesteins.“ - -Hermann Klaatsch, dem wir die neueste anschauliche Ortsschilderung -auf Grund eines Besuches im letzten September verdanken, findet, daß -das Tal „einen intimen Reiz des süßesten Friedens“ besitzt „und einer -Nervenberuhigung, welche die Sorge aufkommen ließe -- es möchte hier -einmal eine Nervenheilanstalt entstehen, wozu die Gefahr nahe läge, -wenn das Terrain in Deutschland sich befände“. - -Ohne besondere Spitzfindigkeiten läßt sich ein Bild gewinnen, wie -dieses Haupttal und seine mäandrischen Verzweigungen geologisch -ausgestaltet worden sind. - -Das ganze Quellnetz zum Dordogne-Flusse deutet rückwärts auf das hohe -Zentral-Plateau von Frankreich, das alte Vulkanland der Auvergne. - -Nachdem diese Krater, mehrere hundert an der Zahl, in der späteren -Tertiärzeit ihre Lavaströme genügend ergossen hatten und mit -erschöpfter Kraft in den Ruhestand der wenigstens auf absehbare Zeit -erloschenen Vulkanruine eingetreten waren, setzte die beginnende -Periode der Eiszeiten die Durchschnittstemperatur lange Reihen von -Jahrtausenden hindurch um so viel herunter, daß diese Gipfel sich durch -Herabsinken der Schneegrenze mit „ewigem Schnee“ und mächtigen, zu Tal -drängenden Gletschern bedecken mußten. - -Als diese Gletscher aber zeitweise wieder schmolzen, mußten die -Schmelzwasser sich mit ungeheurer Gewalt zu Tal ergießen. Sie erfüllten -die vorhandenen Flußtäler hoch herauf und wühlten in das weiche -Kreidegestein ihrer Wände tiefe Furchen und Löcher ein, die später, -als die Hochflut verströmt war und die Talsohle wieder als solche -auftauchte, als Nischen und Grotten der Talwände frei wurden. - -Erst nach dieser Zeit, nach Ausgang einer ersten -Vergletscherungsperiode und wohl noch während einer zweiten, hat -dann der vorgeschichtliche Mensch sich im Vezère-Tal und seinen -Seitenzweigen angesiedelt. - -Er hat die Grotten als willkommene Zufluchtsstätten genau so benutzt, -wie sie spät noch in der geschichtlichen Zeit, ja bis in die neuesten -Tage hinein vorkommenden Falles immer wieder besucht und gebraucht -worden sind. - -Einem ausgesprochenen Jägervolk, aber von kleinen Mitteln, bot ja grade -ein Tal von dieser Art die sinnfälligsten Vorteile. - -In senkrechten Steilstürzen bricht das Plateau oben vielfach gegen -die Taltiefe ab. Gelang es den steinzeitlichen Jägern, eine Tierherde -dieses Plateaus durch irgendwelche Schreckmittel, etwa künstliche -Feuerbrände in der Nacht, gegen die unheimliche Kante zu hetzen und zum -Absturz zu bringen, so war ein großer Sieg mit verhältnismäßig wenig -Mühe gegeben, und die Opfer lagen gleich vor dem Hause. - -Vor Jahren schon hat Boyd Dawkins in England solche Rand-Jagd in -vorgeschichtlicher Zeit als Erklärung aufgestellt für die erstaunlichen -Anhäufungen zerbrochener und zernagter Tierknochen in englischen -Steil-Schluchten. Als die Jäger, die hier den Riesenhirsch und das -Mammut, das Rhinozeros und den Wisent ins Verderben gehetzt, nahm er -zwar, und für seine Oertlichkeiten wohl sicher mit Recht, die Hyänen -an, die damals in Scharen das Land bevölkert haben müssen. Heute noch -jagen ihre lebenden Vertreter so, daß sie starke Beutetiere, die sie -sonst nicht überwältigen könnten, durch Massenangriff erschrecken und -auf einen äußersten Fleck drängen, wo der Absturz unvermeidlich wird. - -Doch vom Tier hat der Mensch jagen gelernt: was Wunder, wenn auch er -die grausigbequeme Methode der schwachen, aber klugen Hyäne nachahmte. - -Längst kennt man auch eine französische Fundstätte, von Solutré bei -Lyon, wo unter einem hohen Fels mit schauerlichem Steilfall eine an -hundert Meter lange und drei Meter dicke Knochenschicht aufgedeckt -worden ist, die so gut wie ganz aus Knochen diluvialer Wildpferde -besteht. Ueber 20000 Individuen müssen hier immer genau am gleichen -Fleck umgekommen sein! Und in diesem Falle verrät sich der wilde Jäger -sofort: sehr gute Steinmesser, von Menschenarbeit, wahrscheinlich hier -als Lanzenspitzen bei der Verfolgung benutzt, liegen noch zur Hand, und -jeder Pferdeschädel ist künstlich aufgebrochen, um den Leckerbissen des -wilden Menschen, das Gehirn, herzugeben. - -In solchen Jagdszenen, bei denen unter rohem Hallo und bei -geschwungenen Fackeln die großen Säugetiere der Diluvialzeit zum -Todessturz genötigt wurden, liegt zweifellos auch das Geheimnis der -Liebe jener Vorgeschichtler für die schroffen Tälchen im Lande Périgord. - -Einmal am Fleck zäh eingebürgert, hinterließen diese Steinzeitler aber -nun im Schutt und Kalksinter der Talhöhlen ein wahres Pompeji ihrer -primitiven Kultur. - -Geräte und Waffen, Nahrungsreste und Herdfeuerspuren, alles was nur -irgend dauerfähig war aus ihrem äußeren Leben, -- und in diesen harten -Tagen des behauenen Steins und bearbeiteten Rentierknochens war ja -fast alles von einer Solidität für rauschende Jahrtausende. Bloß ein -Teil fehlt, dem es an und für sich sonst nie an weltgeschichtlicher -Solidität gemangelt hat: Topfscherben; die Erfindung des irdenen Topfes -scheint noch nicht in dieser Zeit zu liegen. - -Jeder Winkel dieser Flüßchen bewährt sich dem Suchenden als ein Haus -dieses großen Pompeji. Da folgen sich die Stätten, deren Namen durch -alle Lehrbücher und Museen schallen: Le Moustier, La Madelaine, -Laugerie-Haute und -Basse, Cro Magnon -- jede berühmt durch irgend -einen großen Fund. - -Bei La Madelaine, einer unerschöpflichen Katakombe dicht am -Vezère-Flüßchen, die von einer Burgruine hoch auf dem überhängenden, -eine Halbgrotte bildenden Fels ihren Namen trägt, hatte Lartet seiner -Zeit das vielberühmte und vielverspottete Elfenbeinplättchen mit dem -angeblichen Mammut-Bilde geborgen. - -Auch die es mit Hohn zurückwiesen, sie mußten doch zugeben, daß an -dieser und anderen Stellen Spuren auftauchten von etwas, was irgend -einen ästhetischen Zusammenhang schlechterdings nicht verleugnen -konnte. Da lagen Fußknochen des Rentiers, die unzweideutig zu Pfeifen -gehöhlt und gelocht waren. Röhrenknochen von Vögeln wiesen gar mehrere -Löcher genau so, als sollten es Flöten gewesen sein. Was ferner sollten -die massenhaften Anhäufungen bunter Erden in diesen prähistorischen -Müllhaufen, insbesondere eines lebhaften Färbe-Rotes? Heute bemalen -sich wilde, nackte Menschen mit so etwas den Leib! Was sollten die -durchbohrten Schneckenhäuser, die Amethyst- und Bergkristall-Stücke? -Heute hängt sich der wilde Mensch dergleichen als Schmuck an den -Leib, -- ist doch auch der zahme noch nicht abgeneigt, diese Sorte -ästhetischer Aufbesserung seiner gegebenen Persönlichkeit zu betätigen. - -Es war nun für den eingefleischten Zweifler vielleicht ein unbefugt -kühner, für den naiven Besucher aber wirklich nur ein recht nahe -liegender Schritt, wenn einer nicht bloß die Sohle dieser Höhlen nach -prähistorischem Material durchwühlte, sondern auch einmal einen etwas -sorgsamen Blick auf die Wände warf. - -Vom Vater Kieselack her besteht im Menschen bekanntlich ein Ur-Zug, -seinen lieben Namen und etwa noch dieses oder jenes erfreuliche -oder nichtsnutzige Umrißprofil auf die Wand einer besuchten Stätte -zu setzen. Wenn diese alten Herrn des Trüffellandes wirklich schon -irgend eine Fähigkeit besessen haben sollten, ähnlich wenigstens -irgend ein Symbol ihres Daseins mit Kunstmitteln zu hinterlassen, so -lag ernstlich nichts näher, als daß sie die Wände ihrer jedenfalls -vielhundertjährigen, vielleicht mehrtausendjährigen Winterquartiere, -der Höhlen, mit verwandten Scherzen bedacht hätten. - -Und der „Echtheit“ mußte dabei zu statten kommen, daß die langsame -Arbeit tropfenden Wassers in der Folge diese Wände vielfältig nach -gewohnter Höhlenart wieder mit einer schützenden Decke derben -steinharten Kalksinters überzogen und alles auf ihnen Befindliche also -profanem Blicke gänzlich entzogen hatte bis zum Tage, da der „Rechte“ -kam. - -Die erste Kunde, daß es auf den Höhlenwänden des Vezère-Gebietes -tatsächlich etwas zu sehen gebe, kam denn auch schon vor Jahren, -verscholl aber wieder in der allgemeinen Mißstimmung gegenüber -prähistorischen „Bildern“. - -Das erste Jahr fester wissenschaftlicher Publikation ist 1895. -Professor Rivière beschrieb eine „bemalte Höhle“. - -Weiter in Fluß kamen die Dinge seit 1901 dann besonders durch Capitan, -ebenfalls Professor in Paris. - -Den neuesten und in jeder Hinsicht instruktiven Bericht über die -vollendeten Fakten verdanken wir Klaatsch, der zugleich seine solide -deutsche Autorität als Augenzeuge am Ort für das Ganze eingesetzt hat, -so daß die großen, verallgemeinernden Zweifel jetzt endgültig abgetan -sind. - -In das Haupttal der Vezère mündet bei dem Orte Les Eyzies eine kleine -Seitenader, das Tälchen der Beune. - -In einem feinsten Nebenzweiglein wieder dieses Wässerchens liegt die -sogenannte Grotte von Combarelles. - -Man darf bei dem Wort nicht an eine der allbekannten Tropfsteinhöhlen -von imposanter Domhöhe denken. Es ist im viel eigentlicheren Sinne -ein Loch. Vor die Öffnung dieses Loches ist denn auch heute noch ein -Bauernhaus quer gelagert, als solle es sich bloß um einen privaten -Kellerschacht handeln. Ein praktischer Mann, hat der Bauer den Anfang -des Schachts sich als Hühnerstall eingerichtet, die „Höhle“ ist also in -gewissem Sinne bewohnt bis auf den heutigen Tag. - -Der Hühnerstall ist aber noch der geräumigste Teil. Gleich dahinter -wird jenseits einer Tür der Kellerhals so eng, daß der Besucher auf -allen Vieren kriechen muß. - -Freilich erkennt er: so niedrig ist’s hier nicht immer gewesen. -Mindestens ein Meter hoch hat sich auf die alte Sohle eine sogenannte -Stalagmitenschicht, also Kalksintermasse, die das tropfende Wasser -allmählich abgelagert hat, gelegt, den Gang auf die Hälfte des -Ehemaligen verengend. In Mammuttagen konnte ein Mensch hier zweifellos -erhobenen Hauptes noch durchschreiten. - -Etwa die halbe Länge hindurch, hundert und einige Meter weit, entdeckt -man allerdings von solchem Ur-Dasein des Menschen gar nichts. - -Hat er Knochen oder Steingerät hinterlassen, so muß es tief unter -dieser harten Kalkhülle des Bodens begraben liegen. - -Das Licht der Kerze leuchtet an der Wand entlang: auch da zunächst -nichts. - -Die ersten hundert Meter sind überschritten. Noch immer nur leere Wand. - -Doch das Auge gewöhnt sich. Und endlich findet es jetzt wirklich etwas, --- etwas höchst Überraschendes. - -Der Höhlenhals läuft bis zu seinem Abschluß noch ungefähr 115 Meter -weiter. Fällt auf dieser Strecke der Kerzenschein von links her ein, so -erscheinen in der Höhlenwand eine große Menge flacher Ritzlinien, die -schärfsten bis zu einem halben Zentimeter tief, die schwächeren fast -nur als Oberflächenzeichnung. - -Die Kalksintermassen, die auch hier sich unregelmäßig wie -Kesselsteinbrocken angesetzt haben, gehen vielfach, Stücke verdeckend, -über die Ritzungen hin, ein deutliches Zeichen, daß es sich keinenfalls -um etwas ganz neuerdings Eingegrabenes handeln kann. - -Einmal erfaßt, schließen sich diese Linien dann dem Auge leicht zu -Gestalten zusammen. Zuerst erkennt man durchweg Beine, endlich ganze -Umrisse von Leibern. - -Es sind Tierbilder. - -Die meisten nur mittelgroß, kaum viel über ein Meter im selten -äußersten Fall. - -Nun aber was für Tiere! - -Zunächst ein allbekanntes, das aber doch mit einem Schlage in die -Eiszeit für diese Gegenden versetzt: das Rentier. - -Dann Pferde, -- Wildpferde! - -Wir haben erst in jüngster Zeit das noch lebende, heute nur in der -asiatischen Steppe noch lebende echte Ur-Wildpferd von Angesicht zu -Angesicht wieder begrüßen können auf europäischer Kulturerde: in dem -Pärchen unseres Berliner zoologischen Gartens. Unverkennbar finden wir -auf diesen alten Bildern seinen unförmlich dicken und großen Kopf, -seine charakteristische hochgesträubte Mähne wieder. Schon hatten es -uns einige jener bestrittenen älteren Gravierungen auf Rentierknochen -aus den Vezèrehöhlen so gezeigt, aber die waren eben bestritten worden, -trotzdem man sich fragte, welcher moderne Fälscher wohl diese äußersten -Feinheiten zoologischer Charakteristik beherrscht und bewährt haben -sollte; war doch die Kenntnis der Wildpferde bis vor kurzem noch einer -der dunkelsten, unsichersten Punkte moderner Fachforschung -- und da -sollte irgend ein pfuschender Dilettant derartig das allein Richtige -getroffen haben? - -Die Pferdebilder von Combarelles machen alle weiteren Skrupel dieser -Art überflüssig. Hochinteressant aber ist, daß auf ihnen neben dem -Dickkopf, dem typischen Ur-Wildpferde, schon eine zweite Pferderasse -erscheint, die wesentlich zierlicher gebaut ist. Das wird unserer -Rassenforschung zu denken geben! - -Weiter: es treten aus der Wand Steinböcke. - -Heute sind das Hochgebirgstiere, die sich da oben ins „Kalte“ -zurückgezogen haben, nachdem unten die Eiszeit mit ihren letzten -Kältewehen schwand, eine vertikale Rettung als Seitenstück zu der -horizontalen, die das Rentier nach Lappland verscheucht hat. - -Und nun endlich nahen die ganz Fremden, die gänzlich Verschollenen. - -Eine einzige Antilopenart haben wir heute noch in Europa, auch sie nur -in einer gleichsam abnormen Lage als Alpentier gerettet: die Gemse. -Hier sind noch sehr verschiedenartige Antilopen, eine mit ganz steil -ragenden Hörnern, eine dem Gnu ähnlich; es könnte sich freilich im -letzteren Falle auch um etwas ähnliches wie die seltsame Gnu-Ziege -(~Budorcas~) von Tibet handeln, deren Gehörn völlig dem des -Weißschwanzgnus entspricht. - -Die Hauptmasse der „Verschollenen“ aber bilden -- die Mammute. - -Vierzehn an der Zahl! - -Grade sie konnte auch Klaatsch aufs entschiedenste feststellen. - -Die von Capitan mitgeteilten Bilder sind in der Tat von -durchschlagender Wirkung. - -Da steht das Tier, mit seinem hohen Elefantenrücken und den -Säulenbeinen. Der gewaltige Rüssel, mit Doppelzipfel unten statt des -einfachen Fingers, ist in belebter Auffassung nach hinten eingerollt, -die riesigen krummen Stößer streben darüber ins Weite. Selbst das Auge -sitzt sehr gut. Und in wilden Strähnen wallt von Bauch und Kopf die -schwere Mammut-Mähne und Verpelzung, die kein lebender Elefant kennt. - -Dieses Tierbild ist keine Klein-Moritz-Karikatur. Es ist der rohe, -aber durch und durch charakteristische Entwurf einer Künstlerhand, -- -wie ein echter Tiermaler rasch, um mit einer Umrißskizze das Nötigste -zu füllen, einen Elefanten eben hinsetzt, doch so, daß jeder sofort -weiß: das ist einer; kein Strich zu viel, aber jeder Strich auch eine -feste Charakterlinie. Und das mit einem Stück Feuerstein in eine -Höhlenwand geritzt, bei Fackelschein, in engstem Raum, -- von einem -vorgeschichtlichen Jäger der Eiszeit! - -Es war kein Dinotherium- oder Hipparion-Jäger mehr, das zeigen, -abgesehen von den mangelnden Bildern, klärlich die Eiszeit-Tiere Mammut -und Rentier selbst. Und doch noch der Mensch einer anderen, einer -fremden Welt. Aber in diese Welt sahen schon Künstleraugen. Wie nah -uns das nicht nur äußerlich, im Bilde, sondern grade im tiefsten Innern -doch wieder diesen Tag der Mammute bringt! - -In einem zweiten jener Beune-Tälchen liegt die Grotte von Font-de-Gaume. - -Der Eingang öffnet sich rund 20 Meter über dem Talgrund. Ein großer -Felsblock liegt davor wie ein Tisch. - -Zuerst ist es hier, als solle es wirklich in eine hohe Höhle mit dem -bekannten Stalaktiten-Schleier an der Decke gehen. Aber dann folgt -doch noch der unvermeidliche enge Flaschenhals, eine Geheimpforte des -Allerheiligsten von nur 70 Zentimeter Höhe und bedrohlicher Enge. - -Als Klaatsch diesen Spalt passierte, mußte er des französischen -Forschers Elie Massénat gedenken, der ihm kurz vorher alle diese -bemalten Grotten als eitel Schwindel und Fälschung bezeichnet hatte. -Da dieser alte Gelehrte sich eines bedeutenden Körperumfanges erfreut, -erschien es Klaatsch schier unbegreiflich, daß der dicke Herr diese -enge Pforte je sollte überwunden haben; und so konnte denn auch alsbald -durch Zeugen festgestellt werden, daß Herr Massénat niemals am Orte -gewesen war und sein Absprechen aus billiger „allgemeiner“ Skepsis -geschöpft hatte -- ein recht lehrreiches Exempel! - -Immerhin ist wahr, daß ein eiliger Besucher, der nichts sucht, ein- und -wieder ausgehen könnte, ohne das Entscheidende, nämlich die auch hier -vorhandenen prähistorischen Bilder überhaupt zu entdecken. - -Moderne Kieselacks sind ahnungslos gelegentlich dagewesen, haben ihren -Namen auf die Wand gekritzelt, quer über ein Tiergemälde -- und haben -nichts gemerkt. - -Ja, über ein „Tiergemälde“! Denn auch hier gibt’s Tiere und sogar -gemalte. - -Wahrscheinlich ist es vor allem diesmal ihre Riesengröße gewesen, die -sie versteckt hat, sie erschienen bloß als weite zufällige Felder -unbestimmten Brauns. Durchweg ist nämlich hier jedes Tier ein bis -zwei Meter groß, und das auf drei bis fünf Meter hohen Wänden eines -höchstens zwei Meter breiten Schachts. - -Die Technik ist eine raffiniert dauerhafte: die Umrisse und ein Teil -der Einzelheiten sehr tief eingeritzt und der so markierte Tierkörper -dann noch bemalt, der Umriß noch einmal mit Manganschwarz, der Inhalt -mit braunroter Okererde. - -Gerade diese letztere Farbe paßt ausgezeichnet, da die Hauptmasse -der dargestellten Tierarten diesmal Wisentstiere (jene sogenannten -„Auerochsen“ unserer zoologischen Gärten) sind, deren Wolle dieses -Braun entspricht. - -49 solcher Wisents sind bisher festgestellt, dazu 4 Rentiere, 4 Pferde, -3 Antilopen und (hier nur) 2 Mammute. - -Es ist sehr wahrscheinlich, auch aus Gründen verfeinerter Technik, daß -man in dieser Grotte ein etwas jüngeres Kunsterzeugnis vor sich hat, -von der andern durch eine längere Kette der Generationen getrennt; das -Mammut war inzwischen vielleicht seltener geworden, der Wisent-Stier -dagegen jetzt Haupt-Jagdtier. - -Erstaunlich über alle Maßen ist, wie die Unebenheiten der Wand in die -Bilder aufgenommen, gleichsam mit verarbeitet sind. Der untere Rand -einer nischenartigen Vertiefung bildet im Bilde einen Rasenhorizont -der weidenden Herde. Das Gras ist mit Strichen markiert, die Tiere der -Herde zum Teil perspektivisch hintereinander geordnet. - -Der buckelige, durch die Mähne nach vorne verbreiterte Umriß der -Wildochsen ist geradezu genial erfaßt. Ausgesprochen genau die Füße, -die nach Johannes Ranke kein prähistorischer Zeichner je beachtet haben -sollte (!), sind zoologisch wie künstlerisch bis in jede Einzelheit der -Hufe am korrektesten wiedergegeben. - -Zwei Rentiere aber, die mit einander zugekehrten Köpfen -freundnachbarlich weiden, sind nicht nur einzeln realistisch treu, -sondern als belebte Gruppe wirklich „lebendig“ herausgebracht; lebendig -im höchsten Kunstsinne, der mehr gibt, als bloß den Leib: der ein Stück -Seele mitfaßt. Kein modernes „Tierleben“ brauchte sich dieser Köpfe zu -schämen! - -Menschenbilder sind nicht dabei. Doch erscheinen sehr deutlich kleine -Zelte, wohl die Sommer-Wigwams des Jägerstammes. - -Ich klappe das Bilderbuch wieder zu. Schon hört man aus anderen -Gegenden Frankreichs von ähnlichen „illustrierten Höhlen“. Aus Spanien -ist bereits eine bekannt. Wer ahnt, wie viele wir jetzt noch finden -werden, da der Blick dafür geschärft ist, auf die Suche geht! - -Wir stehen jedenfalls erst im Anfang der Veröffentlichungen, -wahrscheinlich erst auch in dem der Entdeckungen. - -Wieder einmal erwächst vor uns das Unwahrscheinlichste als das Wahre: -die Mammut-Zeit in Bildern aus der Zeit. - -Und wieder einmal erscheint der Mensch schließlich als das Größte in -allem. Ich frage mich: wo ist diese Größe auf ihrem Gipfel: bei ihm, -der schon als Mammut-Jäger diese Bilderchronik in die Wände enger -Höhlen grub -- oder bei ihm, der mit wissenschaftlicher Kenntnis von -diesem Mammut heute, nach vielen Jahrtausenden, in diese Höhlen dringt -und vor dem Bilde ruft: Das ist es! - -Schließlich wird die Höhe doch bei +ihr+ liegen, der -Ewig-Proteischen, die in ihm damals war und heute ist, die in der Kunst -und im Menschen und im Mammut war. - -Und wie ich mich in diese stille Höhle träume, wo das Licht der -Kerze auf den unberührten Bildern dieser unsagbar fern verschollenen -Kunststunde glänzt, ist es mir, als streife mich durch die heiße -Pfingstnacht der glühende Atem ihrer rastlosen Liebe, die unablässig -zeugt und zeugt durch die Äonen, -- die Goethe spürte, als er sang: - - „In der Liebesnächte Kühlung, - Die dich zeugte, wo du zeugtest, - Überfällt dich fremde Fühlung, - Wenn die stille Kerze leuchtet.“ - - * * * * * - -Stimmungen vor der Natur! An ihnen wird man einmal die Charakterköpfe -des neunzehnten Jahrhunderts messen. An ihrer Stellung zum Naturbegriff. - -Ich habe Virchow eben mit meinen Gedanken gestreift. Das ist „auch -einer“. - -„Indeß war ....“, so sagt einmal Goethe von irgend jemand, „bei all -seinen Verdiensten doch nur einer von den .... Köpfen, die +sich -mit der Natur gewissermaßen im Widerspruch fühlen+ und deßwegen -das komplizierte Paradoxe mehr als das einfache Wahre lieben und sich -am Irrtum freuen, weil er ihnen Gelegenheit gibt, ihren Scharfsinn zu -zeigen, da derjenige, der das Wahre anerkennt, nur Gott und die Natur, -nicht aber sich selbst zu ehren scheint.“ (Geschichte der Farbenlehre, -in der fünften Abteilung.) - -Virchow war Naturforscher in jeder Faser. Aber er hatte +keine Freude -am Anschluß+. - -Wie ist das möglich? - -Das Wort ist neulich, bei seinem Tode, gefallen von einem „Zeitalter -Virchows“ in der Naturwissenschaft. - -Solche Schlagworte sind immer schief, und sie werden schiefer, je näher -man der Arbeit unserer Zeit auf irgend einem Gebiete kommt. - -Wenn man von einer Epoche Newtons oder Linnés spricht, so enthält das -schon eine große Ungerechtigkeit gegen gewaltige andere Geistestriebe, -die jene Zeiten im ganzen umfassen, die aber gerade von Newton oder -Linné selber keineswegs umfaßt wurden. - -In der Naturforschung unserer Tage ist für die Linie, in der Virchows -Größe liegt, bestimmend, daß sie überhaupt nicht mehr bestimmt werden -kann durch einen einzelnen. Das Band der Methode, das alle Disziplinen -dort umgreift, ist längst gegeben und ist längst unpersönlich. Darüber -hinaus aber steckt die Kraft im Wirken unzähliger Persönlichkeiten, die -in einem weiten Spielraum so heterogen denken mögen wie nur möglich. - -Trotzdem ist es interessant, sich einmal für einen Augenblick der -Fiktion hinzugeben, Virchow sei wirklich der einzige Naturforscher in -seiner Zeit gewesen. Wie würde diese Naturforschung der letzten sechzig -Jahre aussehen, angeschaut bloß in ihm? - -Man kann die Fiktion ohnehin wagen für eine ganze Menge gebildeter -Leute, die tatsächlich in ihrem Leben keinen anderen Naturforscher -kennen gelernt haben als Virchow. Als Parlamentarier war er „der“ -Naturforscher. Parlamentsberichte werden aber von einer Masse gelesen, -die sonst heute noch gar keine Fühlung mit der Naturforschung -besitzt. Und er hatte so noch etwa ein Dutzend anderer öffentlicher -Berufszweige, wo er redete, -- als Naturforscher, der er doch einmal -war, redete, und wieder von soundsovielen gehört werden mußte, auch als -Naturforscher gehört werden mußte, die sonst im weiten Bogen um alle -Naturwissenschaft herumgingen. - -In einer Virchowschen Naturforschung würde zunächst hervortreten -der ungeheure Fleiß, die beispiellose Arbeitskraft in der rein -quantitativen Leistung. - -Es liegt in dieser Arbeitskraft allgemein heute ein Dank von Seiten der -Methode: ohne die Stütze dieser fest überkommenen und, einmal erlernt, -ewig sich gleichbleibenden Methode wäre diese Ausnützung der Kraft in -der Naturforschung gar nicht möglich. - -Aber Virchow war wirklich die Maximalgrenze. - -Er arbeitete bis an die letzten Jahre heran (81 ist er geworden!) -wie eines jener prachtvollen astronomischen Instrumente der Neuzeit, -auf denen nie ein Stäubchen, ein Rostfleckchen denkbar ist, deren -Präzision auf Generationen gebaut scheint, blank, leuchtend über die -Köpfe von so und so viel einander ablösenden Sterblichen hinweg. Ein -solches Instrument kennt kein Zittern. Ein einziger Willensakt, der -die Richtung bestimmt: und es steht, es ist eingestellt, absolut -scharf, so weit sein Bau reicht, ohne jeden Zeitverlust des Suchens. -Genau so schoß Virchow auf die Dinge los. Ohne jede Nervosität, alle -vorhandenen Kräfte stets im Brennpunkt beisammen. Darum erschien seine -Leistungsfähigkeit oft noch viel imposanter, ja über die Grenze des -Menschlichen gedehnt, weil sie das Geheimnis besaß, keine Zeitverluste -mit verrechnen zu müssen. - -Der zweite Punkt ist die Vielseitigkeit, die qualitative Ausdehnung. - -Die gangbare Annahme ist, daß der Heraufgang der Naturforschung vom -Polyhistor zum Spezialisten führt. Eine Naturforschung Virchows hätte -dann die Stufe des Spezialistentums bereits wieder verlassen. - -Er fing als Spezialist an, als Mediziner. Aber er brachte schon damals -zwei Gaben mit, die darüber hinauswiesen. - -Er gründete eine Zeitschrift und wußte sie hochzubringen, natürlich -zunächst eine Fachzeitschrift. - -Und er schrieb einen vornehm-wundervollen Stil. In Zeiten, da man -seine „Cellular-Pathologie“, in wenigen Jahren ein halbes Jahrhundert -alt, des veralteten Stoffes wegen nicht mehr als Lehrbuch benutzen -wird, wird man sie als klassisches Beispiel nehmen, wie ein Mediziner -schreiben soll, der außer dem menschlichen Körper die deutsche Sprache -kennt. - -Daß ihn das tolle Jahr mitriß, will ich nicht unter besondere -Vielseitigkeit verrechnen, denn es hat überall bis in die -verknöchertsten Spezialistenkreise tatsächlich hineingeblasen. -Aber wie er in den sechziger Jahren sich dann in den preußischen -Parlamentarismus, in die politische Parteibildung mit all ihrem -Kleinwerk zäh hineinarbeitet, das ist im alten Spezialistensinne -entschieden nicht „naturwissenschaftlich“. Es ist mindestens eine -neue Auffassung von den Rechten, Pflichten und Möglichkeiten des -Naturforschers. Er hatte in der Pathologie das staatsbildende -Sozialleben der Zelle im menschlichen Gewebe als Spezialist zugrunde -gelegt, einen sensationellen Momentfortschritt damit anbahnend. -Aber daß er sich jetzt auch berufen fühlte, als Naturforscher in -den wirklichen Menschenstaat einzugreifen, das erschien den meisten -Kollegen als höchst überraschende Ablenkung vom gewohnten Pfad. Auch -ich wäge hier nicht Virchows politische Erfolge oder Mißerfolge; das -Wort mag die Partei sich wählen, die der Leser hochhält. Ich betone -nur, daß er in der Linie „seiner“ Naturforschung auch das Parlament -sah, wo die Naturgeschichte des Staates praktisch betrieben wurde. - -Daß er in den Kriegsjahren im Sanitätswesen tatkräftig mithalf, wird -der gangbare Zünftler auch zugeben: war er doch eben von Haus aus Arzt. - -Aber unerwarteter war wieder, daß er den Berliner Handwerkern -volkstümliche Vorträge hielt, daß er sich an der Herausgabe einer -gedruckten Sammlung solcher populärer wissenschaftlicher Vorlesungen -beteiligte, die wenigstens in ihren älteren Jahrgängen viel Gutes getan -und gebracht hat; daß er über Goethe als Naturforscher ein treffliches -Büchlein schrieb und über die Frauenfrage mitredete. - -Und doch trat auch das alles zurück gegen seine größte Aufgabe, die er -sich freiwillig wählte und die er mit Energie so weit trieb, daß sie -fast wieder als ein Spezialismus erscheinen konnte, bloß einer, den -bisher niemand in der Naturforschung gesucht hatte. - -Die Großstadt entstand bei uns. - -Entstand um ihn her, der, obwohl Pommer von Geburt, aus Neigung und -Beruf eigentlich seit seiner Studienzeit und als Hochschullehrer dann -seit den Fünfzigerjahren in Berlin festwurzelte. Ein politisches -und wirtschaftliches Produkt war sie, diese neue Großstadt an der -Spree. Die meisten sahen sie mit einem Gemisch von Grauen und dunklen -Hoffnungen aufwachsen, doch zunächst jedenfalls als ein Phänomen, das -man hinnehmen und von dem man abwarten mußte, was es wollte. - -Virchow sah vom ersten Tage die Großstadt an als ein -naturwissenschaftliches Problem! - -In der Hand der Naturwissenschaft lag ihm, ob dieser werdende Koloß -eine Kloake werden sollte, vor der der Kleinstädter sich bekreuzte, -- -oder eine sanitäre Musteranstalt. - -In rastloser Arbeit hat Virchow seit den Sechzigerjahren diesen -Riesenorganismus studiert, hat seine leitenden „Nervenzellen“ beraten -zu Gunsten der Hygiene. Man muß sich an die Schwerfälligkeit eines -solchen Großstadtapparates mit all seinen Instanzen, zumal eines -unreifen, erinnern, um die Leistung zu verstehen. Man muß sich -erinnern, daß dieser junge Riese wieder eingezwängt lag in einem -noch größeren, viel älteren Organismus, dem Staat, und daß dieser -Staat geschichtlich sich aufgebaut hatte ohne Rücksicht auf eine -Naturforschung, ja ohne Kenntnis eines Naturforschers als Berater --- in Zeiten, da der Naturforscher bei Hof oder in der Polizeistube -noch etwas vom Tropf, von der lächerlichen Lustspielfigur mit der -Botanisiertrommel hatte. - -Man kann Virchows gesamte politische Erfolge von bestimmtem Parteiboden -aus als solche für ephemere Dinge ohne höheren Einsatz halten und -wird doch zugeben müssen, daß sie einen ganz durchschlagenden Gewinn -ergeben haben, wenn man Virchows politische Anteilnahme als nötige -Vorschule faßt für jene Kulturarbeit zum Wohle der Großstadt. Bei der -verwickelten Lage staatlicher Dinge von heute wäre er an die gar nicht -herangekommen, hätte er nicht dort sich Kenntnis über die Mittel und -Wege erworben. - -Wer die Großstadt wirklich kennt, der verlangt keine kostspieligen -Denkmäler in ihr, dafür ist das Elend hinter den Coulissen zu -namenlos groß. Sonst würde ich sagen, Virchow verdiene ein Denkmal im -eigentlichsten Sinne von der „Großstadt“. - -Es bedarf aber des Stückchens Marmor nicht: wer heute durch die -Berliner Straßen geht und an die Rinnsteine von ehemals, an die -Kanalisationen und Rieselfelder und Wasserleitungen von heute denkt, -ich meine, er riecht ordentlich den Geist Virchows und seiner -Mithelfer, und das ist ein feineres, vergeistigteres Monument des -„Naturforschers der Großstadt“. - -Von der Zelle zur Großstadt! Dazwischen liegen zwei weite Strecken. - -Nach alter Einteilung gehört die eine ganz der Naturforschung, die -andere ganz einem himmelweit verschiedenen Gebiet, nämlich der -Geschichte. Durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts herauf kommt -ein ganz eigenartiger Versuch: die Geschichte, wo nicht zu erobern, -doch zu erweitern durch die Naturwissenschaft. - -An die heikle Stelle des Überganges jener beiden Streckenteile, -zwischen „Erdgeschichte“ und „Geschichte“, schob sich die -„prähistorische Wissenschaft“ in jedem Zuge von ihrer Begründung her -ein Kind der Naturwissenschaft, das diese zur Welt brachte zunächst -unter dem heftigsten Protest des offiziellen Geschichtsprofessors. - -Und wieder ist es Virchow, der sich hier festsetzt, der, mag man -in hundert Einzelzügen mit ihm rechten, doch im Ganzen diese -prähistorische Zettelsammlung wirklich in eine „Wissenschaft“ -verwandelt hat. - -Die Stärkste seiner persönlichen Position dabei war, daß er das Wissen -besaß, um auf beiden Gebieten wirklich zu arbeiten, als Naturforscher -und als Historiker. In den rein naturwissenschaftlichen Teilen des -Gebietes suchte er immer einen Zweig zu bessern durch Verknüpfung mit -einem zweiten. - -Er drang darauf, die Anthropologie aufzufrischen durch die Anatomie. -In der Rassenfrage drang er auf das Experiment, wozu wieder Statistik -nötig wurde, für die der Staat, die Schule heranmußten: der rein -philologisch gebildete Gymnasialdirektor sah sich plötzlich in diese -ganz neuen Forschungszweige mit hineingerissen, indem man ihm von -oben eine Tabelle über die Haarfarben und Augenfarben seiner Zöglinge -abverlangte; hinter dem „von oben“ stand aber Virchow. - -Das prähistorische Material begutachtete er nicht bloß im Museum. Er -nahm die Schaufel zur Hand und grub selber aus. - -So erschien er, immer pfeilschnell aufs klar vorbedachte Ziel -losstoßend, im Kaukasus, in Ägypten, auf dem Scherbenhügel von -Hissarlik in der Ebene von Troja. Er fühlte, bewährte, predigte -unaufhörlich, wo auf diesem vagen neuen Terrain der Fachmann zunächst -hingehöre: nicht in die Studierstube zum Grübeln über neue Theorien -vor ein paar von anderen hereingebrachten Fundstücken; sondern an die -Fundstelle selbst, damit der Fund selber im Moment seines Auftauchens -zunächst kritisch fixiert werde. Kaum, daß diese junge Wissenschaft da -war, so bewegte sich ihr schon nur zu gewaltsam ja das Terrain. - -Eine Eisenbahnstrecke wurde gebaut: sie schnitt eine uralte Stätte -auf, wie etwa den Burgberg im Spreewald. In fliegender Hast galt es an -solchen Stellen einheimsen, die Zettel zu den Dingen schreiben. Für die -Theorien mochten Jahrhunderte folgen, Zeit genug. Aber all ihr Wert -hing unabänderlich ab von dem kleinen Zettel, den wir heute zu dem -Fundobjekt legen. Dieser Zettel mußte ein Meisterstück fachmännischer -Exaktheit sein -- und dann durfte er doch auch noch in gutem Deutsch -geschrieben sein; auf beides hielt Virchow. - -Nun, es ist gesorgt, daß die Bäume in diesem defekten Leben nicht in -den Himmel wachsen. - -Wenn man bloß auf diese Linien sieht, die sich noch um eine Menge -kleinerer Arabesken bereichern ließen, so erscheint es bedauerlich, daß -Virchow nicht wirklich seine Zeit in der Naturforschung ganz nach sich -bestimmte. In Wahrheit war er in den besten Zügen dieser Zeit voraus, -war der Pionier einer Naturforschung, wie sie allgemein erst kommen -soll. - -Die Medaille hat aber auch ihre Kehrseite. - -Eine Naturforschung Virchows würde dauernd und herrschend Züge -aufgewiesen haben, die ich wenigstens nicht im Antlitz der -„Naturforschung“ wünschte. - -Jetzt, da er selbst fort ist, hat man allgemein auch in den Kreisen, -die ihm nicht als Partei gegenüberstanden, sondern seine Größe -einwandlos ehrten, eine Art Gefühl, als sei doch auch etwas wie ein -Hemmnis hingenommen. Es waren nicht allein die allgemeinen Spuren, wie -sie jede alternde Autorität zeigt, -- nach deren Scheiden die Jüngeren -immer von etwas Druck aufatmen, auch wenn der Mann dahinter noch so -bedeutend gewesen ist. Man empfindet, daß in der ganzen Methode hier -doch bei allem Vorbildlichen auch eine dauernde Fehlerquelle war. -Vielleicht ein kleiner Fehler nur in dem Ganzen des Mannes. Aber in -einer großen Gestalt, die stark auf ihre Zeit wirkt, pflegen kleine -Fehler grade in der Wirkung riesengroß zu werden. - -Es war die Kehrseite von Virchows staunenswerter Vielseitigkeit, daß er -für gewisse Dinge so gut wie blind war, die doch überall ihm vor den -Füßen blühten. - -Er achtete nicht auf gewisse Imponderabilien, die in der Naturforschung -so gut ihre Rolle spielen wie in jedem anderen großen menschlichen -Denkgebiet. - -Was er errungen, dankte er einer eisernen Treue zu einer gewissen -Methode, einem unermüdlichen Fleiß, einer ewigen klaren Beherrschung -seiner selbst, einer fort und fort genährten „Klarheit“. - -Die große Intuition, der Lichtblitz des Gedankens, der jäh über Weiten -zuckt, der Geist, der über den Wassern schwebt -- sie waren ihm fremd -und er haßte sie. - -Er übersah, daß die größten Leistungen auch der Naturforschung hierher -stammen. - -Er übersah, daß die Begeisterung aus dieser Quelle schöpft. - -Er übersah, daß an dieser geheimnisvollen Stelle das unendliche Feld -naturwissenschaftlicher Tatsachen beständig strebt und streben muß, -sich zu einer einzigen Knospe zusammenzuschließen: aus dieser Knospe -aber bricht, was allein zuletzt die ganze unendliche Gärtnerarbeit -lohnt -- die Lotosblume einer +Weltanschauung+. - -Seine Leistungen kamen nicht von hier. Die Begeisterung war ihm eine -lästige Trübung des kalten Forscherauges. Vor der Weltanschauung zuckte -er die Achseln. Er hatte ein unnachahmliches Gesicht zu solchen Worten. - -Diese Skepsis sollte ihm selbst teuer zu stehen kommen. - -Er, der sein Leben lang gegen Engen, Schranken, Abgrenzungen der -Geistesgebiete gegeneinander, partikularistischen Fachdünkel, -Autoritätsgelüste und reaktionäre Anwandlungen aller Art sachlich wie -ein Held angekämpft hatte mit einem völlig blanken Schilde --, er kam -in bestimmter Beleuchtung in eine ganz gegenteilige Position. - -Es mischte sich da noch ein Zweites ein, das ebenfalls zur Kehrseite -der Medaille gehört. - -Er war der Ansicht, daß die Naturforschung bald schon in ihre Epoche -trete, da sie die wahre Weltmacht im Denken der Menschheit wirklich -werde. Sie eroberte der Reihe nach alle Gebiete, wie sie die Großstadt -auf dem Wege einer verbesserten Kanalisation erobert hatte. Das war -sein Ideal, dem das Minimum von Begeisterung diente, dessen er fähig -war. - -Aber dieses Ideal sah er nur erreichbar eben auf sehr nüchtern -praktischen Wegen, und er glaubte, seit er im politischen Getriebe -stand, etwas von diesen Wegen gelernt zu haben. - -Sie forderten, daß man ein Geringes gab, um viel zu gewinnen. - -Um ihre Mission zu erfüllen, mußte die Naturforschung sich in erster -Linie mit dem modernen Staat vertragen. Und eventuell dann auch mit -Mächten, die dieser Staat nicht von sich lösen wollte oder konnte -- -wie der Kirche. - -Das ging aber nicht ohne Konzessionen. - -Gab man also als Ring des Polykrates etwas möglichst Entbehrliches! - -Virchow zögerte keinen Augenblick mit dem Geständnis, wo das zu finden -sei: im Gebiet jener Imponderabilien! - -Um der „Duldung“ der Naturwissenschaft willen gab er mit leichtester -Hand grade die Stellen preis, wo die moderne Naturforschung sich zur -Weltanschauung krystallisieren wollte. - -Aus dieser Stimmung hat er gelegentlich gesagt, daß die „Tatsachen des -Bewußtseins“ vom Naturforscher ruhig preisgegeben werden dürften zum -beliebigen Gebrauch der „herrschenden Kirchen“. - -Aus dieser Stimmung hat er die modernen Ideen über den natürlichen -Ursprung des Menschen, die unsere Weltanschauung so bis ins Innerste -aufrütteln müssen, mit einer Leichtigkeit durchstrichen und unter den -Tisch geworfen wie ein Papier, das jetzt nicht hierher gehört, daß -seine besten Mitstreiter sich verdutzt fragen mußten, ob der Mann denn -überhaupt noch für die Wahrheitsideale der Wissenschaft mitfechte. - -Es war in der Tat derselbe Mann, der sich für die Wahrheit irgend einer -winzigen Bagatelle-Tatsache, einer Scherbe in einem Grabhügel etwa, -ganz unbedingt hätte verbrennen lassen wie Giordano Bruno -- und der -doch kaum glaublicherweise vor dem ganzen Begriff Weltanschauung eine -so wegwerfende Meinung zeigte, daß er dessen kostbarstes Material als -die einzige Scherbe nahm, die so wertlos sei, daß man sie dem Gegner -ganz ruhig hingeben könne, um nicht verbrannt zu werden. - -Das Verhängnis -- man kann aber hier auch sagen: die Nemesis wollte, -daß in den späteren Zeiten seines langen Lebens gerade diese -ketzerischen, zu Weltanschauungsdingen durchaus +drängenden+ -Menschheitsfragen sich ihm immer energischer gerade auf dem Gebiet -entgegenwarfen, wo er von allen Sachkundigen mit Recht als Meister, -ja als Altmeister und Bahnbrecher verehrt wurde, -- auf dem -prähistorischen Felde, bei Tertiär-Mensch und Mammut-Mensch. Es war das -fatalste Schauspiel gerade für solche, die jedes Wort aus seinem Munde -auf diesem seinem eigensten Ruf- und Ruhmgebiet durchaus gebührend -aufs Höchste zu achten gewohnt waren, wie er auch hier mit immer -gesteigerter Hartnäckigkeit seinen allgemeinen Ablehnungs-Standpunkt -in allen Detailfragen durchzuführen suchte, -- und wie er schließlich -Verwirrung in solche Fragen trug, bei denen schon viel mittelmäßigere -Köpfe doch die klare Linie gar nicht verfehlen +konnten+, -- -er, der Meister der Klarheit und umsichtigen Kritik! Ich weiß wohl, -daß der Glaube noch weit verbreitet ist, Virchow habe in seinem -Kampf gegen den Neandertal-Menschen, den Tertiär-Menschen, den -Menschen als Mammutzeitgenossen und verwandte Fragen bis zu der -Allgemeinfrage der Verwandtschaft des Menschen mit den anatomisch -nächsten Säugetiergruppen, stets den Standpunkt der nüchtern-besonnenen -Kritik gegenüber der waghalsig schweifenden Hypothese vertreten. -Die Dinge lagen in Wahrheit aber bei +diesen+ Spezialfragen -genau umgekehrt. Virchow war es, der schließlich die verwickeltsten, -unwahrscheinlichsten Hypothesen aufeinandertürmte, um Dinge umzudeuten, -die vor der schlicht nüchternen Anschauung nur eine einzige gerade -und einfache Deutung zuließen. Seine Kritik des Neandertal-Schädels, -die heute als endgültig zurückgewiesen gelten kann, ist das -schlagendste Beispiel. Er hatte eben in diesen Dingen den schlichten -Standpunkt vollständig verloren. Er ließ sich an autoritativer -Stelle zu Aussprüchen hinreißen, die allen Elementarergebnissen der -vergleichenden Anatomie ins Gesicht schlugen, -- ein Anfänger, ein -Student, konnte ihn schließlich bei einzelnen Sätzen korrigieren. -Geister, die ihn intensiv liebten, mit ihm gern durch Dick und -Dünn gegangen wären, hat er zur Verzweiflung gebracht mit solchen -unberechenbaren Schachzügen. - -Ich will hier ausdrücklich nicht in den Fehler verfallen, daß ich -Virchow deshalb wirklich eine reaktionäre Natur nenne. Das mögen andere -machen, denen es im Parteitreiben selber nicht um ein Wort zuviel zu -tun ist. Er war in einem einzigen Punkte -- nicht ein Reaktionär, aber -ein Diplomat. - -Die große Wissenschaft jedoch kennt keine Diplomatie. - -Ob die Naturforschung je in unserem Gesamtleben die führende -Rolle übernehmen wird, wie Virchow felsenfest geglaubt hat, sei -dahingestellt. Sicherlich wird sie es nur, wenn sie es je tut, in der -Form einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Aber ebenso sicher -ist, daß sie jetzt und jederzeit sich ihr eigenes Todesurteil fällt im -Moment, da sie Konzessionen macht an irgend eine Macht des Himmels und -der Erden außer ihr. - -Virchow war groß genug, daß man ihm +das+ nachrufen kann. Er -hat genug geschaffen, was dauern wird. Gerade vor seinem Gesamtbilde -läßt sich ohne Bitterkeit aussprechen: daß ein Gedanke seines Lebens, -von anderen erfüllt, die Axt gelegt hätte an seine eigene große und -lichtbringende Arbeit, -- weil er nämlich die Axt gelegt hätte an den -Grundpfeiler unbeirrter Wahrheitsforschung. - -... Nein, aus diesen entscheidenden Gründen wird man kein Zeitalter der -Naturwissenschaft benennen nach Virchow. - -Er ist einer der stärksten Träger der Naturforschung in seiner Zeit -gewesen, sowohl was Arbeit wie was Ansehen betrifft. Aber er ist -+kein Förderer gewesen für uns im Naturbegriff+. - -Und das gibt zuletzt reinlich den Ausschlag. - -Man mag noch so eifrig versuchen, die Naturforschung bloß aufzubauen -auf den einsamen, voraussetzungslosen Imperativ des: Du sollst bloß -forschen über einzelne Kausalzusammenhänge der Erscheinungen in der -Natur, nichts weiter, -- es ist Deine Pflicht, -- weiter frage nicht, -.... es hilft schließlich alles nichts, wenn hinter diesem Imperativ -nicht auch der Sinn steht einer Weltanschauung, einer Auffassung von -dieser Natur, aus der alle freudige Arbeit ausfließt und in die alle -fruchtbare Arbeit wieder einfließt. - -Auch hier, wenn je, gilt das alte Wort des Paulus: „... und hätte der -Liebe nicht, so wär ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.“ - -Diese Liebe +kann+ immer nur aus einer großen, umfassenden -Anschauung der Dinge kommen, aus einer Ecke, wo den Menschen der -heilige Sturm anrauscht, der ihn über sich hinausführt in ein unendlich -Umfassenderes hinein, der ihm seine ganze kleine Person und ihre -Augenblicksinteressen und alle Mittelchen winziger Diplomatie zugleich -wegfegt wie dürre Spreu ... - -Virchow selber war ja noch in sich getragen gleichsam von einem -Zehr-Kapital solcher Liebe aus einer älteren großen Epoche der -Naturauffassung, so wenig er es Wort haben wollte, -- in seiner -eigentlichen Forschung, zumal in den besten Jahren, atmete alles an ihm -unbewußt doch noch solche Kern-Liebe; ohne das hätte er überhaupt nie -schaffen können, was er positiv geschaffen hat. Aber eine Generation, -von ihm in seinen Grundsätze, wie er sie +bewußt+ verfocht, -erzogen, würde nichts mehr sein als eine Generation der „klingenden -Schelle“ in der Naturforschung. - -Wenn ich auf die ganze philosophische Stimmung der Zeit sehe, in -der Virchow emporgestiegen ist, so meine ich ein tiefstes, von ihm -unabhängiges, aber ihn zwingendes Motiv zu gewahren, das in sein -Widerstreben gegen jede Weltanschauung, jede größere Naturauffassung -zweifellos mit hineingespielt hat und das durch persönliche -Fähigkeitsschranken bei ihm wohl nur unterstützt wurde. - -Virchow gehörte der gleichen Denkgeneration an, wie Karl Vogt, wie so -viele andere bedeutende Naturforscher seiner Zeit, die +alle+ in -gewissen Zügen das gleiche Los gehabt haben. - -Söhne und Enkel einer durch und durch idealistischen Generation, -Idealisten in jedem Zuge selbst, sahen sie sich in die Naturforschung -versetzt durch stärksten inneren Beruf -- und nun aber in dieser -Naturforschung sahen sie sich in eine Zeitströmung mechanistischer -Denkweise und Forschungsmethode hineingerissen, die jeden Anschluß zu -einer idealistischen Auffassung der Dinge verloren zu haben schien. - -Es war das an und für sich ein philosophischer Irrweg, denn es gibt, -wie ich wenigstens fest glaube, eine Art des „Mechanismus“, die sich -durchaus mit einer idealistischen Weltanschauung verträgt. Aber -die Zeitmeinung war damals jedenfalls die genau entgegengesetzte. -Einerseits wurde die mechanistische Methode seltsamer Weise überhaupt -nicht mehr für „Philosophie“ gehalten, sondern sollte einfach identisch -sein mit exakter Naturforschung. Andererseits wurde diese von ihr -durchdrungene Naturforschung eben als „mechanistische“ doch ausgespielt -gegen jeden Idealismus der Welt- und Naturauffassung. - -Eine ganze Reihe bester Köpfe dieser Virchowschen Generation ging, ich -möchte wohl sagen, philosophisch von Anfang an +unter+ in diesem -künstlichen Konflikt. - -Ihr innerer intuitiver Idealismus, der als eine Art kategorischen -Imperativs in ihnen stand, fand keinen andern Rettungsausweg als den -Ruf: Nieder mit allem Nachdenken über den Naturbegriff! Fort mit aller -Weltanschauung! Nicht denken an das Verhältnis zwischen mechanistischer -Forschungsmethode mit lauter mechanistischen Ergebnissen und dem -Idealismus als Ur-Ansporn aller Wahrheitsforschung! Nicht rühren an -Philosophie, damit wir uns nicht den Widerspruch selber eingestehen -müssen! - -Daher das unflätige Schimpfen auf jede Philosophie bei einem so feinen, -so liebenswürdigen, in jedem Betracht so geistreichen, so geistig -feinschmeckerischen Kopf wie Karl Vogt. Und daher das wunderliche -Diplomatenspiel in seiner einen Wurzel, seiner tiefsten am Ende doch, -auch bei Virchow. - -Mit klaren Karten hätte sein Bekenntnis etwa gelautet: um in der -Naturforschung etwas zu leisten, brauchen wir mechanistische Methode, -aus dieser Methode resultiert als Weltanschauung ein toter Mechanismus -als Weltbild; mit dieser Weltanschauung verträgt sich unser Idealismus, -das eigentliche treibende Grundmotiv all’ unseres Arbeitens, also auch -des Naturforschens, nicht, also halten wir den Mund, sobald jemand von -Weltanschauung reden will; überlassen wir dieses ganze Feld lieber -offen solchen Mächten, wie der Kirche, -- ein Frieden, für den uns noch -obendrein der Staat lobt und durch seinen Schutz lohnt; mag +sie+ -sich damit blamieren oder was sonst: -- besser immer, als wir sägen uns -selber den Ast ab, auf dem wir sitzen. - -Was Virchow +nicht+ fand -- und worin auch er in all’ seiner -Größe eben klein geblieben ist und nicht ein bahnbrechender König und -Meister im Gedankenleben seiner Zeit geworden ist: -- das war eine -wahre philosophische Versöhnung von Mechanismus und Idealismus, eine -wahre Brücke von den Resultaten objektiver Forschung zu den subjektiven -idealistischen Wurzeln und Motiven jeglicher Forschung eben auf Grund -einer noch umfassenderen, beides umfassenden philosophischen +Klärung -und Vertiefung des Naturbegriffs+. - -Ein einzelner kann in sich Verstecken spielen ein Menschenleben lang. -Ganze Generationen vermögen das auf die Dauer nicht. - -Jener innere Widerspruch, den Virchow mit einer verzwickten Stellung -hinter sich verdeckte, wird unserer Zeit jetzt schon allenthalben im -Ganzen +doch+ sichtbar. - -Und je deutlicher sie ihn sieht, desto deutlicher wird ihr auch die -Forderung einer resoluten Lösung in jenem positiven Sinne, in ein Neues -hinein. - -Dabei kann ihr eine Übergangsgestalt wie Virchow selbst natürlich -nichts mehr sagen. - -Wir haben ganz und gar keine Lust, lieber in den wichtigsten Weltfragen -pro forma zum Kirchendogma zurückzukehren, bloß damit nicht offenbar -werde, daß unsere Forschung ein schwarzes Scheusal heimlich geboren -habe, das unserm Idealismus die Leber ausfrißt. - -Wir wollen weder diesen Idealismus einbüßen, noch die Naturforschung -und ihre Ergebnisse. - -Das +Wie+ ist eine +Forderung+. - -Aber noch keine strebend sich bemühende Zeit ist daran gestorben, -daß sie eine große geistige Forderung hatte. Im Gegenteil. An faulen -Kompromissen und der lähmenden Behauptung des Dogmas, dem alle Fragen -Himmels und der Erden gelöst gelten, sind Zeiten versumpft und -versandet, -- noch nie an der steilen Größe ihrer Ideale. - - * * * * * - -Man kann nicht an Virchow denken, ohne daß dem Blick auch die andere -Gestalt aus der „Hochburg der Naturforschung Berlin“ vom letzten -Drittel des Jahrhunderts auftaucht: der alte Dubois. - -So grundverschiedene Persönlichkeiten Emil Dubois-Reymond und -Rudolf Virchow waren -- der eine so ganz und gar „ohne Sinn für -Feierlichkeit“, wie Fontane sagte, in seinen Schwächen wie in seiner -Größe, der andere der geborene Feier-Redner, immer mit Pomp und auf -einem schweren Piedestal, schon als Lebender der eigenen Absicht nach -wie der Humboldt des Standbilds mit einem riesigen Marmorfolianten, -dem Welt-Gesetzbuch des Naturforschers, auf den Knieen --: in ihrer -Stellung zu der großen Herz-Frage der „Natur“ besaßen sie eine packende -Ähnlichkeit. - -Beide waren Naturforscher ersten Ranges, was exakte Arbeit anbelangt: -Dubois in der Gesamtleistung wohl nicht annähernd so vielseitig, so -praktisch nachhaltig und so bahnbrechend wie Virchow, aber doch -intensiv immerhin genug für eine ganz hervorragende Stellung in der -Arbeit seines Jahrhunderts. - -Beide waren zweifellos hingebende Idealisten in ihrem innersten Wesen. - -Beide haben notwendig nach den größten Gesichtspunkten suchen müssen, -da sie beide den Naturforscher für den berufenen Führer der Zeit -hielten, in der aufsteigenden Naturforschung den Brennpunkt unserer -Kulturentwickelung sahen und beide dabei ein ungewöhnlich starkes -Gefühl für die +Breite+ dieser Kultur über die verschiedensten -Geistesgebiete fort besaßen. - -Beide aber sind grade vor dem äußersten, dem höchsten Problem einem -seltsamen Schicksal verfallen. - -Die Reaktion, die um jeden Preis von der ganzen Naturforschung -fortwollte, hat sich beider auf gewisser Höhe bemächtigt, um grade sie -als schärfsten Trumpf auszuspielen. - -Und so wenig sie selber deshalb Reaktionäre waren, so logisch war doch -diese ungewollte Nachfolge. - -Denn Dubois genau wie Virchow ist in der Formulierung und Deutung des -Naturbegriffs hoffnungslos stecken geblieben. Und je gebieterischer -die Zeit, die ja wirklich eine „Zeit der Naturforschung“ war, nach -einem Fortschritt, einer Hülfe, einer Klärung an dieser grundlegenden -Stelle verlangte, desto notwendiger mußte sie durch eine schiefe, -unbrauchbare, irre führende Definition und Auffassung gehemmt und ins -Ungewisse verstoßen werden. Das haben die reaktionären Verächter des -Wortes „Natur“ aber sofort klar herausgefunden. - -In der Art, +wie+ beide ihre Stellung bewußt suchten und -zeigten, waren sie ja wieder grundverschieden. Sie waren da -temperamentsverschieden. - -Virchow sprach sich eben zu den Grundfragen überhaupt nicht aus. Er -offenbarte seine Anschauung nur in einem konsequenten Verhalten. Es -steckte in dieser Art etwas Zähes, das Mundhalten, aber Handeln eines -verschlossenen, aber innerlich eisig klaren Diplomatenkopfs, das ihn -eben in seiner Art als Charaktertypus eines „Staatsmanns“ bestimmter -Schule (etwa im Ideal Rankes) erscheinen läßt, wenn man von der Sache -absieht und rein die Charaktersilhouette zu fassen sucht. - -Dubois im Gegensatz dazu war eine viel naivere Natur. Er hatte einen -ganz bestimmten Form-Ehrgeiz, auch eine Art Form-Eitelkeit, kann -man sagen. In gewissem Reifestand spitzte sich ihm alles zu einem -großen Bonmot zu. Das mußte dann heraus, mußte in einer bengalischen -Beleuchtung heraus; bei sich behalten konnte er es nicht mehr, und wenn -es in die Welt sollte, so setzte bei ihm der Sporn ein, daß es nun auch -in einer verblüffend individuellen Fassung als „von ihm“ kam. - -Dubois ging zeitlich genau parallel zu Virchow, und es ist also -kein Wunder, daß seine Denker-Bahn vor dem Naturbegriff in ihren -Voraussetzungen so gut wie genau gleich bei ihm eingestellt war. - -Auch bei ihm erfolgt in den besten Jahren ein glattes Einlenken in rein -mechanistische Erklärungsversuche, -- ein Einlenken, das zunächst den -höchsten praktischen Erfolg hat, dem der Zeitgeist zujubelt und vor -dem es gar keinen Bruch, keine Haltstelle zu geben scheint. Trotzdem -aber kommt der innere Ruck, innere Chok, -- eines Tages, -- bei beiden. -Der Moment, da ihnen bei ihrer mechanistischen Naturähnlichkeit bange -wird. Und der Konflikt erwächst gerade aus der ehrlichsten eigenen -Hauptarbeit selbst. - -Virchow hat auf der ersten Höhe seiner Bahn den glücklichen -Gedanken, auch im lebenden Organismus des Menschen den Begriff des -„Zellenstaates“ durchzuführen. Wie der tote menschliche Körper -sich anatomisch noch aus den im Mikroskop nachweisbaren einzelnen -Form-Elementen, den „Zellen“, zusammensetzt, so muß auch der -physiologische, der lebendige Mensch ein Produkt, ein Additionsexempel -der Funktionen dieser Millionen von einzelnen Zell-Leistungen sein. Der -Mensch ist ein „Zellenstaat“, sein Handeln die Summe der Leistungen der -einzelnen Staatsbürger, der Zellen. - -Bis hierher war die Sache glatt. Man hatte im objektiven Bilde nur die -Zusammenarbeit all’ dieser Millionen subjektiver Zentren, der Zellen. - -Aber nun ein Haken im Vergleich. Der aus so und so viel Bürgern -zusammengesetzte Staat hatte doch, gangbarer Auffassung nach, -deshalb noch nicht wieder ein Gesamt-Ich, ein Gesamt-Bewußtsein. -Der Zellenstaat „Mensch“ hatte das dagegen zu seinen Lebzeiten -unanzweifelbar. Gerade von diesem Gesamt-Ich gingen wir ja naiv -beständig aus, von seiner Einheit. Mein -- also etwa Virchows -- -Bewußtsein, war dieses Gesamtbewußtsein über einer Pyramide von -Millionen Zellen. - -Hier lag etwas Verzwicktes. Steckte doch etwas Falsches in den -Grunddefinitionen? Aber mit denen waren wir ja doch gerade praktisch so -weit gekommen, -- zu dieser Lehre vom Zellenstaat, die eine ganz neue -Pathologie verhieß! - -Und Virchow machte seinen Salto mortale. Wir gehen ruhig in der -Bahn weiter. Die „Tatsachen des Bewußtseins“ aber lassen wir für -sich stehen, als existierten sie nicht. Damit sie möglichst aus dem -Versuchungsbereich des Naturforschers verschwinden, liefern wir sie -sogar gelegentlich, bei vorteilhaften Konzessionsmöglichkeiten, -willig ganz anderen, dem Naturforscher an sich gar nicht diskutabeln -„Geistesgebieten“ aus: der Theologie, der „herrschenden Kirche“, der -je nachdem kirchenfreundlichen „Staatsraison“. Je fester sie dort -einregistriert werden, desto sicherer sind wir sie nämlich los. Will -uns Einer in der Naturwissenschaft fortan von „Bewußtsein“ reden, so -rufen wir ihn einfach zur Ordnung wegen Grenzschmuggel, -- er bringe -uns Religion, Theologie, Kirche, Staat hinein; eine Diskussion über die -heikeln Punkte selbst schneiden wir so geschickt vorher ab. - -Dem guten Glauben nach war dieser Kompromiß eine Rettung der Reinheit -des Forschungsfeldes für den Naturforscher. In Wahrheit war er der -endgültige Verzicht auf einen echten umfassenden Naturbegriff. - -Ein Naturbegriff, bei dessen Definition das Bewußtsein über Bord flog, -als Dublette gewissermaßen verschachert wurde, war ja ein Hohn seiner -selbst. Mit vollem Recht mußte der Theologe alten Stils mit Lachen auf -ihn herabsehen, der er die Grunddinge unserer eigenen Persönlichkeit -aus seiner Anthropologie einfach fortließ. - -Aber Virchow blieb ein Menschenalter lang zäh. Er hatte im Eigensten -seine Wegwende gehabt, wo es ihm geheißen hatte: jetzt mußt Du -weitergehen ohne Dich umzusehen; siehst Du Dich um, so versteinerst Du -zur Salzsäule wie Loths Weib; und die Handlung dünkte ihm fortan eine -Lebensaufgabe, die andern auch über diesen kritischen Punkt zu bringen. - -Genau auf diesen Punkt aber geriet auf seiner Bahn parallel auch Dubois. - -Seine Lösung war die vielberühmte ~Ignorabismus~-Rede. - -Keine Handlung bei ihm, sondern eben eine Rede. Er wurde daran nicht -zum schweigenden Schulmeister, der die Zähne aufeinander biß und -handelte, ohrfeigte, lobte, alles aus dem Prinzip, das aber selbst -nicht gelehrt wurde. Er wurde zum Bekenner, der sein Glaubensbekenntnis -offen abgab, mit rednerisch betontem „Ich“. - -Die Wirkung war aber ungefähr die gleiche. Denn der Inhalt hatte im -Innersten eine ganz frappante Ähnlichkeit. - -Auch hier gab es, und zwar diesmal scharf ausgesprochen, eine -Bankerotterklärung. - -Der Naturbegriff müßte, um ein Weltprinzip, die wahre Basis einer -Weltanschauung für uns zu werden, die Frage lösen: +wie Materie -denkt+? - -Diese Frage aber, so bekennt Dubois, ist für uns +ewig unlösbar+! -Wir werden das nie begreifen. ~Ignorabimus!~ - -Die Gegner jubelten. - -Also war es nichts mit dem Naturbegriff, mit der ganzen „Natur“! Der -Naturforscher verzichtete auf Weltanschauung. Denn eine Weltanschauung -muß, wenn sie nicht schon eine Lösung irgendwie besitzt, mindestens -doch die Möglichkeit einer solchen Lösung als Arbeitsprogramm -enthalten. Sie muß einem „immer strebenden Sichbemühen“ das Tor frei -lassen. Auf ~Ignoramus~ kann man noch eine Philosophie aufbauen. -Auf ~Ignorabimus~ nicht mehr. Vor ihm hebt sich jeder Wert des -Erkenntnissuchens selbst auf. Wo aber die Werte fortfallen, fällt nach -unerbittlichem praktischem Gesetz, in dem wir so sicher hängen wie im -Gravitationsgesetz, die Sache selbst dahin. - -Und das sollte also Ergebnis des grandiosen Höhenfluges der -Naturforschung sein? - -Dubois selbst hatte mit der Kirche gar keine Berührungspunkte. Er besaß -auch nicht die äußeren Konzessions-Neigungen des Politikers Virchow. Er -war Zeit seines Lebens nach dieser Seite ein unabhängiger Mann, trotzig -und mutig wie Tyndall, Huxley, Vogt. Sein Naturforscherstolz war so -hoch entwickelt, daß er ein Ding wie einen Theologen gar nicht mehr -unter sich sah, geschweige denn als Rivalen neben sich empfand. Auch -im Moment seines Bekenntnisses sah er sich ganz allein, oder höchstens -im engen Kreise einer Anzahl erster Naturforscher unter sich. Er, oder -wir, waren die Titanen, die den Kopf auf die Hand stützten, in das -schwarze Loch jenes bodenlosen Dilemma starrten und aus tiefster Brust -mit dem Donnerton unserer Stimme bekannten: „Es ist halt nichts. Wir -haben uns verrannt auf ewig.“ - -Aber wenn die Riesen sich klein machen -- das ist nun so -- dann -werden die Zwerge Riesen. Im Moment, da er sein Bekenntnis preisgab, -als Redner, der auch noch zu einem Bekenntnis der eigenen Ohnmacht den -Beifall für eine prächtige rednerische Wendung brauchte, -- in dem -Moment ragten die verachteten Theologen plötzlich wie die Pilze über -einen gestürzten Baumriesen hinweg, -- sie waren groß im Verhältnis zu -ihm und die Menge sah es und schloß danach. - -Dubois kochte vor Wut, als ihm einmal einer vorwarf, er habe dem -Ultramontanismus in die Hände gearbeitet. Nein, es konnte keiner -dem Ultramontanismus innerlich ferner stehen als diese trotzigen -Naturforscher-Gestalten des 19. Jahrhunderts, zu denen Dubois in jeder -Faser gehörte. - -Aber ich denke an Fechners schönes Bild von den Taten des Menschen, -die über seine leibliche Person hinaus selber einen neuen Leib bilden. - -Der Tatenleib dieses Duboisschen Bekenntnisses war nicht mehr er -selbst, der stolze Physiker und Physiologe auf der Höhe seiner -Wissenschaft, führende Gestalt seiner Zeit im eigenen Glauben; er war -ein kleines gebrochenes Männchen mit den Zügen des Famulus Wagner, -der sich in seine Apotheke verschloß, wo man seine Kleinarbeit eben -duldete; die Faust-Fragen hatte er abgeschworen. - -Der Naturforscher war in diesem Männlein wieder zum armen Handlanger -herabgesunken. - -Man schickte zu ihm um ein Pülverchen, wenn man keinen Stuhlgang hatte. -Wer Auge in Auge mit den großen Weltfragen stand, der dachte nicht an -ihn, denn er wußte, daß seine Weisheit nicht über die Aufschrift auf -ein paar Dutzend Porzellankruken mit kleinen Hausmittelchen reichte. Er -mußte sich anderswo helfen. - -Und wer schon die Natur aufgegeben hat, dem bleiben nicht +viele+ -Wege. Die Klingel zum Pfarrer ist gleich nebenan. Und was der nun in -seinen Kruken hege: ~Ignorabimus~ steht gewiß nicht darauf. - -.... Und dabei: -- was für ein schwacher Trugschluß bloß steckte auch -hinter diesem Abfall! - -Ich kenne in der ganzen Geschichte der neueren Philosophie keine -so grobe Denkfalle, wie die, in die der große Beobachter und -Experimentator Dubois naiv hineingegangen ist. - -Blättern wir, um dem Problem ins Herz zu schauen, noch um eine Gestalt -zeitlich zurück. - --- -- -- - -Was ist das Leben? - -Vor der Glasveranda, in der ich sitze, fluten die goldgrünen Wiesen -weit hinaus. Sie branden endlich mit einem krausen, wulstigen Waldsaum -vor einer ungeheuren, tiefblauen Mauer der Kammwand des Riesengebirges. - -Mitten im Wiesengrunde hebt sich winzig, aber blendend weiß, eine -ländliche Kirche mit spitzem Turm herauf. - -Und ganz vorn, in der ersten Wiese, steht eine alte Frau und mäht mit -sehnigem Armstoß die hohen blauen Glockenblumen um, Stoß um Stoß. - -Ich sage mir, daß dieses ganze schöne Bild, diese Farben, diese -wundervolle Gebirgslinie in diesem Moment in einem tiefen, rätselvollen -Zauberbrunnen der Natur schwimmen: meinem lebenden Auge. - -Was lebt da? - -Und ich sage mir, daß der kleine weiße Spitzturm dort drüben eigentlich -nur das Fragezeichen, das uralte Fragezeichen der Jahrtausende hinter -jenem Satze markiert. - -Es ist gewiß einer der wenigen abstrakten Sätze, die in irgend einem -Sinne auch jene schlichte Bauernalte hier vor ihrer Sichel über den -Glockenblumen begreifen würde -- nicht physiologisch, aber aus einer -eisernen Erfahrung von sechzig Lebensjahren voll unzähliger verworrener -Dinge ohne Antwort. - -Nur den Titel des Buches verstände sie eben nicht, in dem ich gerade -geblättert habe. Und wie viele verstehen ihn nicht in unserer Zeit, die -mit Bildung prunkt. - -Es ist hundert Jahre rund her, daß der Mann geboren worden ist, der auf -dem alten schlechten Löschpapier des Titelblattes aus den Dreißigen des -neunzehnten Jahrhunderts steht: der „Dr. Johannes Müller, ordentlicher -öffentlicher Professor der Anatomie und Physiologie an der Königl. -Friedrich-Wilhelms-Universität und an der Königl. medizin.-chirurg. -Militär-Akademie in Berlin“. Es ist sein „Handbuch der Physiologie des -Menschen für Vorlesungen“. Gedruckt in seiner Vaterstadt Koblenz. Mir -sind zufällig zwei Auflagen zur Hand: auf der vierten von 1844 ist er -schon Geheimer Medizinal-Rat, vierzehn Jahre später war er schon tot, -hingemäht von einer Krisis des allzu intensiven Lebens. - -Auch der Mann hat an dem Problem gerüttelt, ist mit dem Kopf gegen das -Fragezeichen gerannt. - -An Johannes Müller muß man sich zuerst einen Augenblick klar erinnern, -wenn man die Absturzstelle finden will, von der Dubois in sein -„~Ignorabimus~“ +fiel+. Es schadet aber heute überhaupt -nichts, einen Moment bei ihm stehen zu bleiben. - -Wenn man aus der Perspektive jetzt von hundert Jahren auf Johannes -Müller schaut, so meint man wohl, man könne ihn gar nicht mehr allein -sehen. Er erscheint in einem Gedränge, nur einen Kopf hoch vorragend, -wie die großen Männer auf offiziellen Treppenhaus-Dekorationen, die -gerade so weit vorkommen, daß man noch den Orden ~Pour le mérite~ -unter der Halsbinde sieht. Er war das Haupt einer Schule, und das -Charakteristische dieser Schule war, daß die Besten darin doch so auf -eigene Façon selig und berühmt wurden, daß man sie nicht als Schüler -zu verrechnen pflegt. Neben Dubois gehörte Haeckel dazu. Ein dritter, -Schwann, entdeckte in seinen Arbeitsräumen die tierische Zelle, eine -Leistung, nach der man die ganze Physiologie des 19. Jahrhunderts -allein benennen könnte, wenn eine einzelne Entdeckertat den Ausschlag -geben soll. - -In unsagbar armseligen Räumen, bei einem Assistentengehalt zum -Verhungern. - -Aber es war noch die große Zeit, wo die Leistungen wirklich genau im -umgekehrten Verhältnis zu Größe und Prunk der Institute standen, wie -Haeckel es gelegentlich ausgedrückt hat. Bei Claude Bernard in Paris -sah es noch schlimmer aus. - -Nimmt man hinzu, daß Müllers dauerndstes Werk ein zusammenfassendes, -rückschauendes Kompendium seiner Wissenschaft war, so könnte man -versucht sein, ihn bloß für eine Übergangsgestalt zu halten, wie sie -in der offiziellen Geschichte der Wissenschaften imponierende Namen -bewahren, als Vermittler wirklich viel getan haben, aber für die -eigentlich geistige Innenlinie doch zurücktreten. Das trifft aber hier -gerade den Kern nicht. - -Johannes Müller war seiner echtesten Art nach ein durchaus einsamer -Mensch. Ein einsamer Kämpfer, Auge in Auge bloß für sich mit dem großen -Rätsel. Seine Wissenschaft, die Wissenschaft vom Leben, war ihm nicht -ein Paragraph, den man elegant weiter gab, sondern dieses Rätsel. - -Es ist merkwürdig, wie einstimmig seine großen Schüler ihn alle gelobt -haben, von den verschiedensten Richtungen aus. Das gibt immer eine -starke Wahrscheinlichkeit dafür, daß, streng genommen, keiner mit ihm -intim geworden ist; dauernde Bewunderer finden nur Menschen, deren -Größe etwas Einsames, einen Grund von Undurchdringlichem besessen hat, -der der Auflösung, der Gewöhnung, dem Banalwerden trotzt. Inmitten der -unbegrenzten Achtung wird von seinem dämonischen Blick erzählt, den -niemand ertrug, vor dem die jungen Studenten sich fürchteten. Es war -der Blick des Adepten, des Gezeichneten für die Einsamkeit. - -Solche intensiven, vom Rätselhaften der Welt faszinierten -Einsamkeitsdenker sind allemal Weltanschauungsfiguren ihres -Jahrhunderts -- viel mehr als Lehrer oder auch als Spezialforscher. - -Das Wissen vom Leben war und ist eine Weltanschauungsfrage. Um die -Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war Johannes Müller der unbestritten -gründlichste Denker über das Leben. Er war nicht ein Physiologe, -sondern der Physiologe seiner Zeit. Ganz scharf kennzeichnet sich die -Epoche, die sein Name beherrscht, in der Geschichte des menschlichen -Denkens, scharf wie wenige. - -Mit „Natur“ als Losungswort hatte das Jahrhundert schon eingesetzt. -Aber es kam zuerst in der Zusammensetzung „Natur-Philosophie“. Das -Abendrot der großen idealistischen, ästhetisierenden Denkperiode, die -tief ins achtzehnte Jahrhundert zurückreicht, flammte darin um das neue -Wort. - -Dann wenden sich die Dinge. Es beginnt die umgekehrt scharf -realistische Periode. Zunächst mit einem bleiernen, kreidigen -Morgenvorschein. In ihm prägt sich das Wort um in „Natur-Wissenschaft“. - -Auf der Wende dieser beiden Perioden aber steht vor dem Begriffe -„Leben“ Johannes Müller. - -Das Typische in ihm ist, daß er seiner Liebe nach noch ganz -Naturphilosoph der Hegel-Schelling-Fichte-Schillerschen Epoche war. Er -wollte dieser Naturphilosophie in der Physiologie bloß einen besseren, -einen dauerhafteren Untergrund bauen. Als der Neubau aber dastand, war -er für die ganze junge Generation, die sich plötzlich unter ihm sah, -ganz etwas anderes als bloß ein neues Fundament. - -Das ganze Abendrot schien hinter ihm untergegangen: gerade sein -Schatten selbst aber erzeugte nach vorne in voller Kraft jenes neue -kreidige, unbestimmte Dämmerlicht eines kühlen Frühmorgens. - -Müller war seinem innerlichen Ausgangspunkte, seinem Temperamentspunkte -nach noch eine durch und durch religiöse Natur. - -Er glaubte an Zwecke, Ziele in der Welt, an einen Sinn der Welt. Die -Teleologie steckte seinem Denken im Blut ohne Hehl. - -Aber ebenso konsequent neigte er von Anfang an dazu, diese Zwecke, -Ziele, diesen ganzen „Sinn“ für eine wissenschaftliche Betrachtung -+innerhalb+ des +naturgesetzlichen+ Zusammenhanges der Welt -zu suchen, oder eigentlich noch besser gesagt: identisch damit. Alles -war kausal verknüpft. Aber diese Reihe der Kausalität war von Anfang an -so gelegt, daß ein Ziel, ein Sinn schließlich herauskamen. Teleologie -und Kausalität lagen sich nicht in den Haaren, sondern standen vor -genau der gleichen Sachfolge. Die kausale Betrachtung sah bloß auf die -Art der Verknüpfung, die teleologische auf das Endergebnis. Mochte -man nun im praktischen Bedarf die Teleologie mehr der Philosophie -überantworten und die exakte Naturforschung enger auf die rein kausale -Schau einstellen: das war eine Bequemlichkeitsfrage menschlicher -Arbeitsteilung -- für Müller selbst bedeutete es jedenfalls keinen -ernsthaften Riß. - -So weit seine verwickelte Persönlichkeit überhaupt durchsichtig ist, -ist auch diese idealistische Stellung zu den Dingen bei ihm klar. - -Und mit solchen Gesinnungen betrat er nun sein Spezialgebiet, -- das -Leben. - -Herrschend auf diesem Boden fand er den Begriff der „Lebenskraft“. Der -ganze Johannes Müller als Physiologe taucht auf, wenn man dieses Wort -ausspricht. - -Das ungefähr war das Dogma der Physiologie, wie er es erhielt: zwischen -dem Lebendigen und Toten gähnt eine unüberbrückbare Kluft; im Bereich -des Leblosen herrschen die Kräfte der Chemie und Physik; im Lebendigen -gelten diese zwar auch, aber über ihnen steht noch ein Geheimprinzip, -das sie meistert, ein Genius, dem sie untertan sind; und diesem -Prinzip wird das eigentlich Merkwürdige des „Lebens“ verdankt; geben -wir ihm also danach seinen Namen: -- die „Lebenskraft“. Im Büchlein -vom „Rhodischen Genius“ hat der junge Alexander von Humboldt (noch -in Schillers „Horen“!) die Lebenskraft geradezu so als persönlichen -„Genius“ geschildert, der die chemisch-physikalischen Kräfte in -Sklavenfesseln hält, so lange der Organismus „lebt“. Stirbt der Genius, -so fallen die entfesselten rohen Kräfte über den toten Leib her. - -Im Grunde war diese Lebenskraft, wie sie Müller erhielt, ein Knäuel -teils sich klärender, teils aber auch noch hochgradig unklarer -Definitionen und Auffassungen. Subjektive und objektive Anschauung, -Seelisches und Mechanisches, Innen und Außen, Zweck und Folge, freier -Wille und kausal gebundene Kraft, alles Mögliche und Unmögliche war in -den Winkel dieses Wortes zusammengekehrt. Es schien fast eine Forderung -über Menschenkraft, aus diesem Wirrwarr praktisch aufzutauchen, das nur -geschichtlich zu begreifen war. - -Nun, Müller acceptierte zunächst ruhig das Wort. Was an ihm -naturphilosophisch etwa im Sinne der Schellingschen Epoche war, -schreckte ihn, den Naturphilosophen aus Neigung, ganz und gar nicht. -Kaum einer hat in dieser Hinsicht die Lebenskraft „mystischer“ gefaßt, -als grade er. Als ein unbewußt zweckmäßig schaffendes, dämonisches -Grundprinzip der lebendigen Natur erschien sie ihm, mit dem wir -bei dem absolut Geheimnisvollen standen, das selber überhaupt keine -Diskussion vom exakten Boden aus zuließ. Den leibhaftigen Finger Gottes -glaubt man manchmal aus seinen Definitionen herauslangen zu sehen. - -Und doch machte er eine einzige, eine scheinbar ganz kleine Konzession, -eine kleine Bedingung, die aber eigentlich die ganze Schlachtlinie -veränderte. - -Lebens-+Kraft+ lautete das Wort. Das Leben sollte etwas sein, was -über den gewöhnlichen Kräften der Chemie und Physik stand. Aber indem -man den Lebensgenius auch selber grade „Lebens+kraft+“ taufte, -hatte man ganz in der Stille dabei ihm doch schon ein eigentümliches -Röcklein angetan. Man hatte dem Leben eben doch auch schon mitten in -allen mystischen Definitionen selber einen gewissen Charakter einer -„Kraft“ beigelegt. Mochte es eine „besondere“ Kraft sein. Eine Kraft, -die stärker war als alle anderen, eine wahrhafte Meisterkraft. Es blieb -die Definition als irgend eine Sorte doch auch von „Kraft“, also im -Sinne bloß eines Gradunterschiedes. - -Mochten die Erfinder des Wortes über die Kraftdefinition hinweg -noch so viel Apartes an geistigen Werten hineingebraut haben: das -Wort bewies, daß sie doch nach einer Seite im Innersten schon mit -dem Zuge der Zeit gegangen waren, -- einer Zeit, die dem einfachen -mechanischen Kraftbegriff täglich mehr technische Triumphe und logische -Vereinfachungen auf allen Wissensgebieten verdankte. - -Ganz still steckte, halb unbewußt, der Wunsch schon in dem Worte, mit -dem einfachen objektiven mechanischen Kraftbegriff halt doch auch -ins Leben selber hineinzuarbeiten, -- gewisse Vorgänge dieses Lebens -aufzulösen in eine letzte, oberste „Kraft“, die zwar scheinbar über -allen gewöhnlichen Physikkräften stand, aber in Wahrheit die Teufel -doch nur austrieb durch Beelzebub, der Teufel Obersten, -- eben als -Lebenskraft. - -Und ohne nun in das Gewebe der Grunddefinitionen selber von hier -weiter einzudringen, zog doch Müller eine wirklich sehr einfache -Wort-Konsequenz. - -Die sichtbaren Äußerungen der Lebenskraft, meint er, treten uns -wissenschaftlich exakt doch immer nur wieder in echten mechanischen -Wirkungen vor Augen, bei deren Beschreibung wir keinen Moment die -Sphäre der anderen exakten Wissenschaften zu verlassen brauchen. Und -die einfachste, zweckmäßigste Methode der Forschung bleibt also auch -in der Physiologie die, daß man als das Wahrscheinliche zunächst -stets einen rein mechanischen Sachverhalt im gleichen Sinne wie bei -den Gesetzen der Chemie und Physik annimmt und alle Experimente, alle -Hypothesen auf ihn allein einstellt. - -Wo es galt, Schüler nicht für allgemeine Naturphilosophie, sondern im -Laboratorium für die schlichte praktische Arbeit zu erziehen, da hat -Müller stets für diese Konsequenz erzogen. - -Einer der „hellsten“ dieser Schüler war aber Emil Dubois-Reymond. - -Und seine erste große, an biologische Probleme höherer Ordnung rührende -Tat war, daß dieser Dubois als so erzogener Müller-Schüler noch einen -Schritt in der Konsequenz weiter tat. - -Er unterfing sich zu sagen: für diese exakte Arbeit, die nur einfache -mechanische Reihen sucht, ist die Hypothese einer besonderen -Lebenskraft sogar als solche auch noch entbehrlich. Es genügen als -Voraussetzung zunächst die bereits bekannten Naturkräfte der Physik. - -Dubois versuchte in einem Einzelfall mit großem Glück den Nachweis, -wie man selbst in der Lehre vom lebendigen Nerv -- die Dinge rein -mechanisch immer angesehen -- glatt so durchkomme. - -Und Müller lebte noch, als man schon hören konnte: der junge Dubois -habe die ganze berüchtigte Lebenskraft endgültig ausgeschaltet. - -Ja, als „Kraft“ neben der „Kraft“! Im Grunde hatte Dubois nur eine -letzte Unklarheit aufgehoben. Die Physik war die Lehre von der -„Kraft“. Was im Leben als Kraftwirkung definierbar war, das gehörte -also folgerichtig zu ihr von Anfang an. Die Physiologie, soweit sie -Lehre von Kräften war, mechanischen Kräften, konnte ~eo ipso~ -nur ein Zweig der Physik sein. Die „Lebenskraft“ war nichts anderes, -als der Komplex physikalischer Bedingungen, die Physik des Lebens. -Und damit war sie allerdings in ihrer alten Sonderrolle gleichzeitig -mediatisiert, war, streng genommen, beseitigt eben dadurch, daß die -Silbe „Kraft“ in ihrem Namen endgültig +ernst+ genommen wurde. - -Bis hierher ist in der Linie von Müller zu Dubois alles logisch -reinlich. - -Nun kam aber bei Dubois eine weitere Linie ins Gewebe, die nicht über -Müller lief. - -Mit seiner ganzen jüngeren Generation segelte er naiv in ein -Fahrwasser, wohin sich Müller niemals gewagt hätte. Es hieß -plötzlich: Kraft ist das Generalwort der ganzen „Natur“. Es ist ihre -Grunddefinition. Natur ist gleich Kraft. Alle Naturforschung ist bloß -Feststellung von Kraftwirkungen. Es gibt in der Natur nichts als Kraft. -„Kraft und Stoff“ sagte man gewöhnlich, oder auch einfach Materie; -das floß zusammen in kleinen Definitionsschwankungen ohne Belang. -Jedenfalls war für diese Behauptungen Dubois’ Tat noch eine ganz -andere, mußte eine ganz andere sein. Er hatte ihr auch noch das Stück -Natur, das wir „Leben“ nannten, für die Allmacht der Kraft, der rein -kraftbewegten Materie erobert. Man pries ihn, daß er geradezu den Ring -geschlossen habe. - -Und er ging zuerst im vollen Eifer mit. Es gab nichts im Felde des -Naturforschers als Kraft und Stoff, in schärfster Definition bloß Kraft -schlechthin, -- wie sollte er das nicht anerkennen, den man als den -Ritter Georg des mystischen Prinzips in der Lebenskraft ehrte, der der -Physik endgültig das Tor auch des Lebens aufgetan! - -Und doch. Auch dieser Mann griff sich eines Tages an die Stirn. Alte -Reminiszenzen erwachten. - -Die „Lebenskraft“, wie sie Müller lehrte, hatte ja doch noch etwas -+mehr+ umfaßt. - -Auch die Tatsachen der Empfindung, des Bewußtseins! - -Nicht bloß das: „Es schwingt etwas mechanisch rechts oder links“; -sondern auch „Ich rieche Rosenduft; ich sehe Rosenrot; ich denke Rose.“ - -Wo war das jetzt? - -Die ganze „Natur“ war bloß Materie. Die Definition dieser Materie -sprach bloß von Kräften, Schwingungen, mechanischen Ketten. Auch die -lebenden Wesen steckten als Natur in dieser Definition. Von Empfinden, -von Denken aber war schlechterdings nichts in der Definition gegeben. -Keine Brücke führte von „Es schwingt so oder so“ zu: „Ich denke.“ Dort -war ~A~ = ~A~. Hier ~B~ = ~B~. Aber niemals wurde ~A~ = ~B~. Und nun -diese grenzenlose Kalamität: wir +dachten doch+ ....! „Und dennoch -spukt’s in Tegel,“ heißt es im Faust. - -An dieser Stelle kommt Dubois’ Saltomortale. Die Natur ist nur Materie. -Wir sind Natur. Folglich nur Materie. Materie denkt nicht. Wir denken. -Folglich ist hier ~A~ nicht gleich ~A~. ~A~ = ~A~ ist aber der -Grundsatz aller Logik, alles Erkennens. Er liegt hier „unter den Hufen -der Pferde“. Das kann kein Menschenverstand mehr lösen. ~Ignorabimus!~ -Unsere Weltdefinition führt auf Ignorabimus. Folglich sind wir große -tragische Nichtweiterkönner, die sich mit Stoizismus, grandios -deklamierend wie Shakespearesche Helden in ihren Gedanken-Dolch stürzen -müssen. - -Oder, sagt der Herr Pfarrer, Euer ganzes Naturforschen ist Dunst, mit -Eurer „Natur“ ist es trotz aller Worte nichts, werft die Natur über -Bord, mit der Euch nur der Teufel narrt, und kommt zu -- Mir. - -Es gibt eine +noch viel einfachere+ Antwort. - -Eure Natur-Definition ist falsch. Natur ist nicht Materie ohne Denken --- und, weil doch in ihr gedacht wird, ist nicht ~A~ gleich nicht -~A~ und damit der Unsinn Weltregent. - -Ihr definiert erst und vergeßt dabei. Alles ist Kraft und Stoff. -Das Empfinden ist vergessen worden. Und nun fällt euch ein. Es gibt -doch Empfinden! Aber von Kraft zu Empfinden ist keine Brücke. Und -nun korrigiert ihr nicht die Ur-Definition, sondern ihr verkündet: -~Ignorabimus~. Was ist das für eine Manier! - -Ich sehe einen Vogel und erkenne, er hat einen Kopf und einen Schwanz. -Ich sage: ein Vogel ist ein Ding, das aus Kopf und Schwanz besteht. Nun -schaue ich durchs Fernrohr und sehe, er hat auch noch Beine. Wie ist -das möglich, sage ich? Ein Vogel hat nur Kopf und Schwanz. Ein Ding, -das bloß Kopf und Schwanz hat, kann nicht Beine haben. Und doch ist -es dasselbe Ding. Hier ist dasselbe also nicht dasselbe. Das ist der -Bankerott der Logik. Das werden wir nie begreifen. ~Ignorabimus.~ - -Gewiß werden wir nie begreifen, wie eine nicht als subjektiv -empfindend, sondern bloß als objektive Kraftwelle definierte Materie -empfinden und denken kann! Wir werden es so wenig begreifen, wie wir je -begreifen werden, daß blau rot ist oder zweimal zwei fünf. - -Wenn ich die Tatsachen des Bewußtseins ausschließe aus meiner -Generaldefinition der Natur, kann ich natürlich nicht nachher -verlangen, sie darin wiederzufinden, außer durch ein Wunder, das die -Logik durchbricht. Und wenn ich unsere ganze Naturforschung (mit -Recht) auf der Logik aufbaue, so kann ich +dann+ allerdings nicht -verlangen, daß sie je an dieses Problem außerhalb der Logik heranreiche. - -Damit sind aber die ganzen Tatsachen des Subjektiven, des Empfindens -und Bewußtwerdens, dieser Naturforschung entrückt. - -Wir stehen im Grunde an der gleichen Stelle wie bei Virchow. - -Auf der einen Seite fragt sich, wem dieses ungeheure, uns selber -allenthalben zunächst angehende „außernaturwissenschaftliche“ Feld denn -in der geistigen Arbeitsteilung ausgeliefert werden soll. - -Auf der andern Seite ist fest damit ausgemacht, daß die Naturerkenntnis -uns +niemals+ zu einer +Welt+anschauung führen kann, denn mit -einer solchen Lücke umfaßt und deutet man keine „Welt“. - -Virchow für sein Teil entschied die erste Frage durch Auslieferung -des ganzen Bewußtseinsgebiets an „herrschende“ Mächte wie Kirche und -Staat zu beliebigem Gebrauch; die zweite durch eine tatsächliche -Achterklärung über jedes Reden von Weltanschauung innerhalb der -Naturforschung. Dubois ließ es bei der heroischen Bekennerstellung, -dem an sich vollkommen ehrlichen „Hier stehe ich, ich kann nicht -anders“ bewenden, konnte aber nicht hindern, daß die Gegner jedes -Versuchs eines naturwissenschaftlichen Weltbildes an Stelle des -alten kirchlichen sein Bekenntnis nur noch energischer und extremer -ausnutzten und ausnutzen in jenem +reaktionären+ Sinne einer -Umkehr zum Kirchendogma und einer Bankerotterklärung jeder echten -Weltanschauung auf dem Wege der Naturforschung und Naturerkenntnis. - --- -- -- - -So stehen diese beiden großen Gestalten im Ausgang des 19. Jahrhunderts -vor uns als Exempel schließlich des gleichen Irrweges. - -Beide sind gescheitert im Experiment einer idealistischen -Natur-Definition, mit der der +ganze+ Mensch mit all seinem -Können und Sehnen wieder leben könnte, und beide haben letzten -Endes nur fortgelenkt von dem großen Ziel einer wirklich positiven -Natur-Anschauung als der neuen, uns alle wieder erfüllenden und -befriedigenden Welt-Anschauung. - -Lassen wir es uns noch einmal fest gesagt sein: es +ist nichts+ -mit einer solchen Weltanschauung, solange wir beständig uns etwas -+abziehen+ sollen. - -Nie und nimmer kommen wir mit der „Natur“ zu einer Weltanschauung, wenn -wir die Menschen erst gewöhnen wollen, etwas +aufzugeben+, sich an -etwas Halbes, Lückenhaftes, Fragmentarisches anzupassen. - -Eine neue Weltanschauung kann immer nur siegen, indem sie +etwas -mehr+ gibt, als alle früheren, indem sie sie alle umgreift und -überbietet. - -Das ist der verhängnisvolle Irrtum, der uns aus den negativen Kämpfen -gegen das Alte heute noch nachschleift: daß wir fortan in einer -kahleren, einer kälteren, einer selber vom Negativen allenthalben -eroberten Weltanschauung hausen sollten. - -Gewiß: wenn wir in ihren Mittelpunkt ein +Stück+ Natur bloß -setzen, ein abgezehrtes Gerippstück, gewonnen durch lauter Abzüge, -anstatt des Ganzen, was das Wort geben kann und geben soll, dann ist -davor kein Ausweg. Der Begriff Natur muß aber für alles Wohnungen -haben, was uns bewegt. - -Denn unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse sind nicht verändert, nicht -plötzlich tot. - -Einerlei woher wir stammen: wir +sind+ Menschen. Kunst, Sitte, -Liebe, Ideale -- das alles +ist+, so gut wie Logik ist. - -Und wem Du die Welt deuten willst, seine Welt, -- dem darfst Du -nicht beliebig bald das, bald jenes herauswerfen auf Grund eines -Prokrusteswortes „Natur“. - -Dieses Wort, wenn es ganz decken soll, mußt Du auch dem Ganzen wirklich -anpassen. - -Das Subjektive und das Objektive muß hinein, das konventionelle -„Wirkliche“ und die ständige Möglichkeit des Elementaren, das Jetzt und -das Empor, das Unvollkommene und der ewige Harmonien-Weg, die Stufe und -das Ideal, die Folge und der Sinn, der Mensch, der aus glühenden Sonnen -des Alls sich entwickelt hat und der sich fortentwickelt auf Sonnen des -Denkens, des höheren Zwecksetzens, des Weltordnens und Weltgenießens, -des künstlerischen Harmonienschaffens zu. - -Wirf das alles über Bord, stelle Dich auf einen großen Sandhaufen, -sage: in diesem Sande liegen pulverisiert alle Säulen und Statuen -Griechenlands, und predige dann von diesem neuen Offenbarungshügel -unter den kalten Sternen als Deine Bergpredigt: ~Ignorabimus~. - -Du wirst weit kommen. - -Der ärmste Mensch, der auch nur eine einzige tiefe Stunde des -Innenlebens gehabt hat, da das Elementarische der Dinge auch durch ihn -gegangen ist -- in irgend einer Form, als Liebe oder Kunstintuition -oder Idealschau oder dämonisches Schicksal: -- er wird lachen über Dich -mit all Deinen Sonnen. - -Wenn Du es aber fertig bekommst, ihm in diese Stunde +auch+ noch -die Sonnen des Firmaments hineinglühen zu lassen, ihm die goldenen -Fäden der Entwickelung zu zeigen, die sich von denen spinnen bis -zu ihm, ihn selber erhöhend bis zu Sternenweiten über alle alten -Verheißungen seines dunklen Lebens hinaus, -- +dann+ darfst Du ihm -die Hand auf die Schulter legen und ihn fragen: ob er Dir nicht einmal -vertrauen will und mit Dir einen neuen Weltengang versuchen will in der -Hut eines neuen Begriffs, -- ob er es einmal versuchen will mit der - - Natur. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER SCHNEEGRUBE *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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Typographische -Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute -nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original -unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift -gesetzt. Passagen in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier -kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten -Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p> - -<p class="p0 nohtml">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. -Ein Urheberrecht wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von -jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p> - -</div> - -<p class="s3 center padtop5 break-before">Aus der Schneegrube</p> - -<p class="center padtop3 break-before">Die Neuauflage des vorliegenden Buches stellt<br> -das erste Werk einer neuen Bücherreihe dar, die<br> -der Verlag unter dem Gesamttitel „Religion und<br> -Weltanschauung“ herausgibt.</p> - -<p class="s2 center padtop1 mtop3 break-before">Wilhelm Bölsche</p> - -<h1>Aus der Schneegrube</h1> - -<p class="center mtop2">14. bis 18. Tausend</p> - -<p class="center padtop5">Dresden 1923<br> -Carl Reißner</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. VII]</span></p> - -<h2 class="padtop3" id="Vorrede">Vorrede.</h2> - -</div> - -<p>Ist das Herz der modernen Naturforschung eine Schneegrube? Draußen -lachender Frühling — und im Innern ein kalter Krater, in dem auch dann -nur ein Stück Eiszeit dauert?</p> - -<p>Ich habe in diesem Buche einmal von einem Besuch in den Schneegruben -des Riesengebirges gesprochen: wie da im Näherkommen die vermeintliche -Schneefläche sich als ein Teppich duftender weißer Blüten erwies.</p> - -<p>Wird unsere Zeit diese weißen Blüten wiederfinden ...?</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Je nachdem, denke ich, wie sich ihr Natur-Begriff allmählich feststellt -und klärt.</p> - -<p>Eine Anzahl Tagebuch-Blätter vereinige ich hier, die wenigstens aus dem -Ringen um diese Frage geboren sind. Sie sind durchaus subjektiv, aber -ich tröste mich mit den schönen Worten, die Goethe einst als „Vorschlag -zur Güte“ in seinen morphologischen Heften gesprochen hat.</p> - -<p>„Die Natur gehört sich selbst an, Wesen dem Wesen; der Mensch gehört -ihr, sie dem Menschen. Wer mit gesunden, offenen, freien Sinnen sich -hineinfühlt, übt sein Recht aus, ebenso das frische Kind als der -ernsteste Betrachter ... Erfahren, schauen, beobachten, betrachten, -verknüpfen, entdecken, erfinden sind Geistestätigkeiten, welche -tausendfältig, einzeln und zusammengenommen, von mehr oder weniger -begabten Menschen ausgeübt werden. Bemerken, sondern, zählen, messen, -wägen sind gleichfalls große Hülfsmittel, durch welche der Mensch -die Natur umfaßt und über sie Herr zu werden sucht, damit er zuletzt -alles zu seinem Nutzen verwende. Von diesen genannten sämtlichen -Wirksamkeiten und vielen anderen verschwisterten hat die gütige -Mutter niemanden<span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. VIII]</span> ausgeschlossen. Ein Kind, ein Idiot macht wohl eine -Bemerkung, die dem Gewandtesten entgeht und eignet sich von dem großen -Gemeingut heiter, unbewußt, sein beschieden Teil zu.“</p> - -<p>Während ich diese alten Sätze wieder einmal lese, lächelt mich der -blühende Apfelbaum mit seinem weiß und roten Mädchenantlitz schalkhaft -um die Giebelecke des kleinen Bauernhäusels an, in dem ich meine -Sommermonate im Gebirge verbringe. Die Rotschwänzchen, die unter dem -Dach ihr Nest haben, fliegen aus und ein. Im Talgrund liegt ein blaues -Gewitter; die absteigende Bergwiese steht mit hartem Smaragdgrün -dagegen, unzählige goldene und weiße Blumenpunkte funkeln naß darin; wo -das Weiß der Dolden wie ein Schlänglein zusammenfließt, geht der kleine -Quell leise summend und plätschernd hindurch.</p> - -<p>Ob es sich nicht lohnt, um diese Natur zu ringen, bis sie uns segnet -....?</p> - -<p class="s5">Haus Bölsche in Schreiberhau, Juni 1903</p> - -<p class="s4 right mright2">Wilhelm Bölsche.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. IX]</span></p> - -<h2 class="padtop3" id="Inhalts-UEbersicht">Inhalts-Übersicht.</h2> - -</div> - -<div class="toc"> - -<p>Weihnachtsstimmung. — Kennt die moderne Weltanschauung noch ein -Weihnachten? — Die Menschenliebe als Entwickelungsstufe des Alls. -— Sternenfriede. — Die Erfüllung unserer Ideale <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Weihnachten">S. 1–6</a></span></p> - -<p>Zusammensturz einer Welt — und Schönheit. — Die Entstehung des -Schmerzes. — Ist Liebe ein Hemmnis? — Die Kraft der Ideal-Schau <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Jahreswende_zu_1903">S. 7–15</a></span></p> - -<p>Sturmtag am See. — „Wir sind umgeben von Geheimnissen.“ — Der -unergründliche Ratschluß. — Christi Stellung in der Natur. — Der -Triumph der Dichtung <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Vor_Ostern">S. 15–23</a></span></p> - -<p>Herber Frühling. — Auferstehung in der Geschichte. — Auferstehung -durch Dichterkraft <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Am_Auferstehungstag">S. 23–29</a></span></p> - -<p>In der Schneegrube. — Der Drache. — Gott-Natur. — Die Natur -als Minotaurus. — Ein Versöhnter. — Vom Geiste des Pessimismus -in unserer Zeit. — Was „Kraft und Stoff“ angerichtet haben. — -Der wahre Sinn des Wortes Entwickelung. — Die Stufen des Gesetzes -und der Liebe. — „Auge um Auge,“ <span class="antiqua">A.</span> = <span class="antiqua">A.</span> — Die Herrschaft -über die Naturgesetze baut das Liebesreich. — Naturwende. -— Das optimistische Weltprinzip <span class="rechts"><a href="#Reisetagebuch_Schreiberhau">S. 29–57</a></span></p> - -<p>Die Rede vom „Zusammenbruch des Darwinismus“. — Was Darwin -wollte. — Eine Kosmogonie Goethes. — Der Entwickelungsbegriff -stammt nicht aus dem Darwinismus. — Darwin und die Geologie. -— Die Steinkohlenwälder. — Die Archäopteryx. — Pithekanthropus. -— Was heißt „Wechsel der Verhältnisse“? — Darwin und die Teleologie. -— Die Idee eines „Kosmos“. — Darwin berührt nur den -„Weg“, nicht das „Ziel“. — Die natürliche Zuchtwahl in unserm -Ideenleben. — Was wirklich not tut <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Abendstunde_daheim">S. 57–92</a></span></p> - -<p>Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze. — Die Pflanzen als Eroberer. -— Der Acker von Hilversum. — Hugo de Vries. — Variation -und Mutation. — Ein Botaniker erlebt die Entstehung neuer -Arten. — Das Ergebnis aus 50000 Nachtkerzen. — Auf der Suche -nach einem Entwickelungsgesetz. — Die Geschichte des Axolotl. — -Sprung oder Entwickelung? — De Vries führt zu Darwins Idee -über den Zweck zurück. — Die Teleologie in der Ontogenie. — -Möglichkeit einer Weltteleologie <span class="rechts"><a href="#Geheimnis_der_Nachtkerze">S. 92–132</a></span></p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_x"><span class="s4">[S. X]</span></span> -Die Zeit-Frage. — Die Krakatau-Explosion und ein botanisches Ergebnis. -— Treubs Entdeckung. — Wie das Leben die Erde erobert hat. — -Im Erdinnern. — Die Angst vor den Millionen. — Ein Experiment -Buffons. — Werners Wasserweisheit. — Hutton als Zeit-Forderer. -— Goethe als Geologe. — Lyell und Hoff. — Die Biologie mischt -sich ein. — Die Rechnung erreicht die Milliarde. — Thomsons exakte -Rechnung mißlingt. — Sehr viel Zeit als Resultat <span class="rechts"><a href="#Die_Zeit_Frage">S. 132–172</a></span></p> - -<p>Die erste Epoche des Darwinismus wird historisch. — Weismann schreibt -sein Testament. — Äußere und innere Zuchtwahl. — Von Nägeli -bis zu Roux. — Wo Weismann resigniert <span class="rechts"><a href="#Die_erste_Epoche_des_Darwinismus">S. 173–183</a></span></p> - -<p>Rückblick auf Haeckel. — Persönliche Erinnerungen. — Vogt. — Ein -Schülerbund, der die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ liest. — Darwinismus -und Sozialdemokratie. — Vorträge über Darwinismus bei -Arbeitern. — Die „Freie Bühne“. — Die Gründung der Gesellschaft -für „Ethische Kultur“. — Was ist Wahrheit? <span class="rechts"><a href="#Rueckblick_auf_Haeckel">S. 183–191</a></span></p> - -<p>Was wollt ihr gegen Darwin setzen? — Vielleicht den Spiritismus? -— Eine eigene Sitzung mit Valeska Töpfer. — Das redende Kästchen. -— Entlarvung des Schwindels. — Der Geist Abila. — Grauen vor -einer Weltanschauung aus solcher „Möglichkeit“ <span class="rechts"><a href="#gegen_Darwin">S. 191–217</a></span></p> - -<p>Was wir dagegen wirklich brauchen. — Ein Mann wie Fechner. — -Fechners Hypothesen zum Naturbegriff. — Die echten offenen Möglichkeiten <span class="rechts"><a href="#was_wir_brauchen">S. 217–230</a></span></p> - -<p>Der Kampf um den Begriff „Wirklichkeit“. — Das 19. Jahrhundert in -seiner Stärke. — Das soziale Moment in unserer „Wirklichkeit“. — -Geschichtlicher Rückblick. — Der Triumph des Werkzeugs. — Die -Idee der „Kultur“. — Der Mensch erobert sich selbst. — Der Himmel -auf Erden. — Aber die Kehrseite. — Die Sklavenkette der „Wirklichkeit“. -— Der Mensch als Spiegelplättchen. — Die tote Maschine -als das Absolute. — Das Individuum als Nichts. — Der „Normalmensch“. -— Anprall gegen die Kunst. — Man weiß mit dem Ästhetischen -nichts mehr anzufangen. — Das Künstlergenie als angebliche -Störung des Normalen. — Triumph der Lombrosos. — Die Kunst -zeigt sich selbst ergriffen. — Experimente des Naturalismus. — Höhepunkt -und Sturz des falschen Prinzips. — Die Kunst als Retterin <span class="rechts"><a href="#Wirklichkeit">S. 230–270</a></span></p> - -<p>Waldeinsamkeit. — Der Automat am Bahndamm und das Pfingstwunder. -— Der Gegensatz des Automatischen und Elementaren. — Vom -ewigen Pfingsten des Geschehens. — Pfingsten in der Entwickelung. -— Der Mensch als das Genie der Natur. — Er steht im Aufmerksamkeitsfelde. -— Entlastungen im Automatischen <span class="rechts"><a href="#Friedrichshagen_Fest_des_Geistes">S. 270–278</a></span></p> - -<p>Die Geschichte der Menschheit ist Pfingstgeschichte. — Vom Pfingsten der -Kunst. — Im Trüffel-Lande. — Die Höhlen des Vezère-Tals. — -<span class="pagenum" id="Seite_xi"><span class="s4">[S. XI]</span></span> -Was der Mensch noch gesehen hat. — Verschollene Tiere. — Phantasie-Tiere. -— Wie der Mensch stilisiert. — Der Tintenfisch von -Mykenä. — Der Altar von Pergamon. — Bakairi-Kunst. — Urwurzeln -von Realismus und Idealismus. — Wie weit der Mensch -zurückgeht. — Als Zeitgenosse des Mammut. — Als Zeitgenosse des -Alt-Elefanten und des Süd-Elefanten. — Der Mensch in der Auvergne -bei Dinotherium und Hipparion. — Die gefälschten Tierbilder. — -Das erste Mammut-Bild. — Zweifel — Jetzt die neuen Höhlen — -Wandgemälde. — Echte Darstellungen des Mammut <span class="rechts"><a href="#Pfingstgeschichte">S. 278–312</a></span></p> - -<p>Woran man die Charaktergestalten unserer Naturforscher messen wird. — -Virchows Stellung zum Naturbegriff. — Ein Zeitalter Virchows? — -Seine Größe. — Virchows Denkmal, das er sich selbst geschaffen. — -Die Kehrseite der Medaille. — Imponderabilien der Naturforschung. — -Virchows Widerstreben gegen Weltanschauung. — Der Salto mortale -des Idealisten. — Individuelle Tragik. — Verhängnisvolle -Folgen <span class="rechts"><a href="#Charaktergestalten">S. 313–327</a></span></p> - -<p>Dubois-Reymond als Parallelgestalt. — Voraussetzungen und Folgen -des „<span class="antiqua">Ignorabimus</span>“. — Der Standpunkt Johannes Müllers. — Sturz -der Lebenskraft. — Der entscheidende Irrtum bei Dubois. — Zusammenbruch -des Naturbegriffs bei Virchow und Dubois-Reymond. — -Das wahre Ziel <span class="rechts"><a href="#Dubois_Reymond">S. 327–346</a></span></p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Weihnachten">(Friedrichshagen. -Weihnachten.)</h2> - -</div> - -<p><span class="initial">D</span>er Orion schwimmt mit seinen weißen und rötlichen Sternenblüten über -dem schwarzen Kiefernforst herauf.</p> - -<p>Still und starr steht dieser wetterharte Wald da mit seinen kalten -Stämmen, das Geheimnis seines rastlosen Eigenlebens tief verschlossen -im unsichtbaren Innern.</p> - -<p>Und diese ungeheuren Sternbilder folgen dem Umschwung der Erde mit -ihrer mathematischen Strenge, heute wie sonst, all ihre Rätsel bergend -in den paar bunten Lichtpünktchen, die aus der Weltraumsnacht funkeln -wie die Augen im Dunkel umgehender Raubtiere. Ist Deine Weltanschauung -stark genug, Weihnachten noch zu ertragen ...?</p> - -<p>Was sind diesen Sternen des Naturforschers unsere kleinen -Menschenfeste! Als das Geschlecht der Nadelhölzer jung war, räuberte -der Ichthyosaurus im deutschen Korallenmeer, und die alte Erde mußte -noch öfter als zwölfmillionenmal um die Sonne laufen, ehe das kleine -Menschlein aus seiner Höhle kroch. Als der rote Stern Beteigeuze dort -im Orion weiß war, bestand diese ganze Erde wohl noch nicht, und die -Sonne war ein verwaschener Nebel. Wenn er dermaleinst herabgebrannt -ist zu schwankender Nachtglut wie Mira, der Wunderstern im Walfisch, -der nur noch periodisch aufglimmt und wieder erlischt — dann wird -diese Sonne vielleicht längst wieder verschwunden sein und das letzte -Teilchen eines irdischen Nadelholzstammes wird ein Kohlenstäubchen in -einem eiskalten Meteorblock sein, der irgendwo in einem anderen System -als heimatloser Fremdling landet.</p> - -<p>Was will vor solcher Perspektive bestehen!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span></p> - -<p>Auf solchen Urweltsbaum kleben wir unsere lieben lustigen -Weihnachtskerzen. Aus Flittergold pflanzen wir ein Bildchen darauf, -geformt nach der Zickzackarabeske eines solchen Weltraumsterns, dessen -Lichtpunkt in unserer Atmosphäre zittert — wir Eintagsfliegen zwischen -Äonen der Zeit und Siriusweiten.</p> - -<p>Und wir träumen, daß unter diesen Kerzen und diesem Stern das ewige -Menschenkind in seiner Krippe liege — und daß die ewige Liebe von -hier als unhemmbares warmes Lichtband durch die Welten ströme. Durch -den kalten Raum, wo die Eisenmeteore sausen und die Kometen zur Sonne -stürzen und alle paar Billionen Meilen ein einsamer Weltkörper sich -dreht, immer dreht und dreht durch die Jahresfolge der Billionen ...</p> - -<p>Es ist die große Anschlußfrage unserer Zeit, die hier erklingt.</p> - -<p>Das Alte sollen wir retten. Und das Neue soll doch hinzu. Wo ist die -Brücke?</p> - -<p>Mein Auge, mein kleines Menschenauge in dieser Weihnachtsnacht der -Menschenliebe, bohrt sich ein in den roten Stern des Orion mit seinem -inbrünstigen Sehnen. Wie seltsam, daß ich diesen Stern doch sehen kann, -mit diesem schwachen Menschenauge!</p> - -<p>Es muß doch ein Verwandtes sein zwischen dem Stern und mir. Ich weiß: -wenn ich dort wäre und ganz scharfe Augen hätte — als ganz kleines -Lichtpünktchen dieser Art erschiene unsere Sonnenwelt auch dort. Die -gleiche Lichtpost geht her wie hin. In diesem Licht steckt unsere -Einheit.</p> - -<p>Aber Licht, nur Licht! Wie weit ist das von der Menschenliebe.</p> - -<p>Und doch: dieses Licht ist ein Zauber ohnegleichen. Es kündet mir, daß -alle diese Sterne aus den gleichen Elementen aufgebaut sind wie die -Erde, wie der Kieferbaum, wie ich selbst. Aus den winzigen Regungen -dieses Lichtpünktchens lese ich in der untrüglichen Sicherheit eines -ewigen Dokuments, daß dieser Stern und alle dort nach denselben -Gesetzen der Schwere sich bewegen, nach denselben Gesetzen des Lichtes -Wellenzüge entsenden durch den Äther, kraft deren auch mein<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> Christbaum -hier leise rauschend über meinem festlichen Tische schwebt, kraft deren -meine dreißig Kerzen hier leise knisternd ihr Weihelicht ergießen.</p> - -<p>Und ich fühle den starken Weltenarm auf einmal, den uralten, -urgewaltigen, in dem wir beide ruhen, mein roter Stern dort und -ich, mein Weihnachtsbaum im engen Erdenhause und der grenzenlose -Sternenweihnachtsbaum am schwarzblauen Firmament der Winternacht.</p> - -<p>Wie wunderbar ist der schlichte Gedanke, daß auch die Menschenliebe, -daß die schlichte Forderung, wie sie das Evangelium ausspricht, in der -ewigen Gesetzmäßigkeit des Alls steht!</p> - -<p>Ein urgesetztes Werden kommt herauf aus dem Grau des Unbekannten. Es -formt sich als Sonne, erzeugt Planeten. Auf einem solchen Planeten -blaut ein Meer, aus dem Wasser heben sich Inseln. In der kristallenen -Tiefe, dann am feuchten Rand der Klippe entfaltet sich Leben. Tieraugen -öffnen sich zum Licht, Pflanzengrün atmet in der Sonne. Unter einem -solchen grünen Baum schlägt zuletzt der Mensch seine herrlichen -Lichtaugen auf. Wie ein Tier ringt dieser Mensch anfangs noch -blutig-wild um seine Existenz. Aber im Banne seiner höheren, vertieften -Lichtsehnsucht steigen Marmortempel auf mit Gebilden der Kunst. Und -auf einer höchsten Stufe, noch umbrandet von tausendfachem Sturm, aber -sieghaft wie das einsame Lämpchen der Krippe in der Wüste, gibt der -Mensch auf seinem rastlos rollenden Planeten sich selbst ein neues -Gesetz. Es soll nicht mehr gelten: Auge um Auge, Zahn um Zahn — die -alte, einfache, mathematisch strenge Gleichungsformel des Naturkampfes. -Siebenmal siebenmal soll jetzt die Schuld vergeben werden. Im Nächsten -sollst Du Dich selbst erkennen und heiligen. Das bist Du, lehrt -Dich der Inder schon zu allem sagen. Erkenne Dich selbst, predigt -der Grieche — Dich selbst in allem, was um Dich ist. Nun heißt es: -Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Stunde, da diese Weisheit -endlich Wort wurde und in einer Menschenwiege lag, feiern wir als -Weihnachtsfest.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span></p> - -<p>Das alles aber mußte kommen nach ganz fester Naturgesetzlichkeit.</p> - -<p>Es lag in den Urelementen dieser unserer Sonnenwelt schon, daß es so -werden mußte.</p> - -<p>Was siehst Du aber brennen in den tausend und tausend Sternen dort? -Tausend- und tausendmal die gleichen Urelemente, bewegt von der -gleichen Gesetzlichkeit. Jede dieser Welten, wenn ihre Stunde erfüllt -ist, muß durch ihre gleichen Hauptstufen wandern. Jede muß ihre Station -erklimmen der Intelligenz, des Lichthungers im Geist. Mögen die äußeren -Formen tausend- und tausendfach verschiedene sein: die Grundlinien -werden sich nie verleugnen können.</p> - -<p>Es ist ein altes Wort, daß in aller Intelligenz, auf so verschiedenen -Welten unseres Alls sie nun erblühe, immer gewisse mathematische -Grundanschauungen gemeinsam sein müßten. Ein Mensch der Erde und -ein Intelligenzwesen des Orion würden sich in einer Sprache sofort -verstehen: nämlich, daß die Summe der Winkel im Dreieck gleich zwei -rechten sei, oder daß der pythagoreische Lehrsatz gelte. In diesem -Worte liegt ein tiefes Heil. Denn zu diesem ewigen Gemeingut muß auf -einer bestimmten Stufe zweifellos auch der schlichte, der wirklich -mathematisch schlichte Kerngedanke der Menschenliebe gehören: der -ganz einfache Schluß, daß wir alle weiter kommen, wenn wir uns -nicht totschlagen und auffressen; daß wir das Schlechte besser -ausrotten durch tätige Gegenliebe als durch Haß; daß wir groß sind, -menschheitsgroß, weltengroß, wenn wir in allen uns selbst sehen, -winzig, ein Stäubchen im Sturm, wenn wir uns trotzig isolieren.</p> - -<p>Wenn die Wesen von Milliarden Sternen sich nie begegnen werden (was -wir ja auch nicht wissen, schließlich!) — milliardenmal müssen -sie doch in jedem System, auf jeder rollenden Kugel für sich diese -schlichte Gesetzmäßigkeit des Evangeliums finden, so gut wie sie den -pythagoreischen Lehrsatz in irgend einer Form, und mögen sie ihn -nennen, wie sie wollen, finden werden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> - -<p>Und wenn Jahrtausende ihnen dann wandern über den Tag, da zum ersten -Mal diese obere Mathematik der Liebe ihnen klar wurde: sie alle werden -auch ein Symbol dann suchen und besitzen für die Gnade dieses Tags -— sie werden ihre „Krippe“ haben und ihren „Weihnachtsbaum“, in den -Bildern eben und Gedankengängen ihres Sterns.</p> - -<p>Ein symbolischer Christbaum in diesem Sinne muß ragen durch den ganzen, -ganzen Weltraum, so weit die Schwere wandert und das Licht wandert, -kurz, so weit die Gesetzmäßigkeit wandert, die aus gleichen Ursachen -gleiche Wirkungen schafft.</p> - -<p>Jedes Lichtpünktchen, das von einer Sonne bis zu uns hernieder Kunde -gibt, das im Prisma sich zum Spektrum unserer irdischen Elemente bricht -und damit auf die gleiche Grundlage weist, — es hat eine tiefste -Beziehung zu diesem unaufhaltsamen Weihnachtsprozeß aller kosmischen -Entwickelungen. Mit eigener Symbolik gesprochen: es ist eine Kerze am -Weihnachtsbaum.</p> - -<p>Stille Nacht, heilige Nacht.</p> - -<p>Es geht mehr durch dieses schwarzblaue Firmament da oben als bloß -Meteorsplitter und Kometen. Auch von Weltkörper zu Weltkörper rauscht -auf den Flügeln der Gesetzmäßigkeit das ewige „Das bist Du“ und -„Erkenne Dich selbst“. Und wieder auf der Flugbahn dieses ewigen -Imperativs geht der Glaube mit an die Erlösung durch das höhere Gesetz, -das Gesetz des oberen Geistesstockwerks — der Glaube an den endlichen -„Sternenfrieden“ in dieser ganzen unermeßlichen Zersplitterung der -Schöpfung, in der die Welten durch den uferlosen Raum wirbeln wie -silberner Staub.</p> - -<p>Friede auf Erden!</p> - -<p>Hat dieser Glaube wirklich schon Weltenflügel?</p> - -<p>Wenn die Sterne über Dir brennen, schleierlos, mit der ganzen Majestät -des grenzenlos Wirklichen ... und Du sagst Dir, daß diese kleine Erde -mit ihren paar Millionen intelligenter Wesen noch bebt unter dem -Getümmel unausgesetzten Kampfes ...!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span></p> - -<p>Wird auch nur auf Erden dieser rohe Kampf je enden, wird eingehen in -einen reinen, freudigen Waffengang der Intelligenz unter Herrschaft der -Menschenliebe? Oder ist nicht schon dieses Ideal zu groß — zu groß -über alle Kraft der Naturgesetzlichkeit hinaus ...</p> - -<p>Der Nachtwind rauscht leise über mir durch die Kiefernzweige. Ich -aber denke, daß auch diese Kiefer einst einmal ein Ideal bloß war im -Weltenschoße. Und doch hat das ewige Werden sie zustande gebracht, mit -dem Wunderbau ihres Zellenleibes, mit all den unsagbaren Feinheiten, -die da keimen, atmen, wachsen, zu hohen Säulen aufsteigen lassen.</p> - -<p>Und auch die Sterne dort waren einmal Ideal, leise vorgeträumte -Fern-Realien. Nichts von ihnen war einmal da als dieses schwebende -Zukunftsbild im Schoße des Urgeheimnisses. Und doch sind sie geworden, -geworden, was sie sind, dieses unbeschreiblich erhabene Himmelsspiel -kreisender Kugeln, die sich in harmonischen Abständen eingestellt -haben, um sich auf Jahrbillionen nicht zu stören, auf daß auf ihren -Planeten die zarte Blüte des Lebens sich entfalte.</p> - -<p>Willst Du der Macht, die <em class="gesperrt">diese</em> Ideale sich erfüllen konnte, -Schranken setzen?</p> - -<p>In feierlicher Ruhe brennen die Sterne fort über dem schwarzen Walde, -dem vereisten See.</p> - -<p>Der Blick des Einzelnen auf seinem Planeten aber kehrt zuletzt -friedevoll von aller versöhnten Himmelsschau zurück. Er haftet auf dem -lieben eigenen Weihnachtsbaum. Und er liest in seinen kleinen, trauten -Flämmchen das alte Weltenwort, das vor nun bald zweitausend Jahren -gesagt ist: „Wer mich hat, der hat alles andere auch.“ Jeder in seinem -Kreise erlebt das All. Und in seinen kleinen Weihnachtskerzen brennt -der tiefste Sinn all aller Sterne mit.</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Jahreswende_zu_1903">(Friedrichshagen. -Jahreswende zu 1903.)</h2> - -</div> - -<p>Im Kieferngrunde wollte es schon dunkeln. Aber aus der Richtung des -Sees kriecht noch einmal etwas hinein wie eine braune Dämmerung, -nachträglich, verspätet.</p> - -<p>Diese nackten graden Kiefernstämme treiben ihrem Himmel gegenüber eine -drollige Mimikry. Wenn die Sonne verblutet, werden sie rot wie glühende -Metallpfeiler; wenn das Regenwasser sie genetzt hat und aus dem grauen -Wolkenfenster dann wieder ein blaues Himmelsauge bricht, spiegeln sie -blau; wenn der Himmel in düsterer Nebelbank untergeht, stehen sie -schwarz wie die Masten einer Totenflotte.</p> - -<p>Ich klettere den kurzen Sandhang des Uferwalles empor, hinter dem der -See liegt.</p> - -<p>Auf den Säulen ist hier wirkliche Lichtglut, es ist noch einmal so hell -geworden, daß sie Schatten hinter sich werfen.</p> - -<p>Und jäh bin ich selber im strömenden Quell dieses Lichts.</p> - -<p>Zart violett der leicht beschneite Eisteller unter mir. Drüben -die Berge und das schmale Ufer ein verwischter Rauchstreifen von -intensivem Grün, — grün bloß durch Lichtzauber, denn es stehen dort -perspektivisch klein nur die gleichen winterdunklen Kiefern wie hier, -in denen selber kein Spangrün ist. Darauf als zweite Farbschicht, -fächerhaft von Westen herauffließend wie das Delta eines ungeheuren -Lichtstromes das brennendste Karminrot. Hoch, hoch empor, bis es -endlich jäh, fast ohne Übergang, als klappe ein Rand um eines -Purpurmantels, umschlägt in ebenso grelles Schwefelgelb. Das stößt zum -Zenith endlich an ein ganz süßes, ganz feines, abendliches und doch -auch noch ungewöhnlich erhelltes Himmelsblau. Rechts und links, wo das -Gelb in das absteigende Blau einfließt, leuchtet noch einmal wie Reflex -auf einer schönen Feder ein magisch zartes und doch auch lichtstarkes -Grün.</p> - -<p>Ich wende mich, und hinter mir über den dunklen Kiefernkronen schwimmt -im blassen Blau der große silberne Mond. Vom Kirchlein in der grau -verträumten sonnenfernsten Seeecke,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> wo die Spree einmündet, hallen -kurze, harte Klänge über die schalltragende Eisdecke daher.</p> - -<p>Diese wunderbaren Dämmerfarben, die den Heimgang des Jahres seit -Abenden jetzt hier begleiten und zu einem Schauspiel machen, als sei es -irgend ein besonderes Weihejahr, das da in nordlichthafter Glut noch -scheidend gefeiert wird: sie sind schwerlich gewöhnlicher, wie man zu -sagen gelernt hat, normaler Art.</p> - -<p>Wieder einmal mag es Vulkan-Asche sein, die da oben vom Sonnenkuß -brennt gleich den roten Kiefern hier unten und ihr Licht dann noch -einmal zu denen zurückwirft.</p> - -<p>Asche von jenen grauenvollen Schlachtfeldern Mittelamerikas, wo die -Sphinx, die Chimära sich plötzlich auf die armen Menschen geworfen hat, -sie zu Tausenden zu fressen wie im Griechenmärchen.</p> - -<p>Eine Glutwolke verschlingt eine blühende Stadt, brennt den hilflosen -Opfern die Lungen aus. Dann wirft sie ihre Mähne empor, hoch, immer -höher. Bis sie wie ein Ring um die Erde fliegt. Und auf der andern -Seite des Planetenkolosses steigen dem stillen Beschauer über seinem -See und seinem Kiefernfrieden liebliche Farbenwunder auf, ein buntes -Zauberspiel der Luft. Ihn entzückt, was dort verheert hat. Eine -Katastrophe, ein Weltuntergang — und Schönheit. So war es 1883, als an -der Sunda-Straße der Vulkan Krakatau explodiert war und vierzigtausend -Menschen verschlungen hatte. So jetzt, obwohl nur in kleinem Maße, noch -Martinique.</p> - -<p>Uns aber fangen solche Kontraste an, vertraut zu werden.</p> - -<p>Ein ganzes Sonnensystem platzt, verdampft; und uns ist das ein -blinkendes Sternchen; ein Kind hebt die Händchen danach auf: „Wie -schön! Schenk mir das Silberfünkchen dort zum Spielen!“ Wir gewöhnen -uns, daß jede Entwickelung, jeder Fortschritt, jedes Hübsche, -Interessante, Erlebenswerte der Weltgeschichte erkauft wird durch eine -Folterkammer der ausgesuchtesten Scheußlichkeiten.</p> - -<p>Damit wir zum Sylvesterpunsch von 1903 ein philosophisches Bonmot -sprechen können, sind seit dreitausend Jahren Menschen<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> ersten Ranges -verbrannt, gefoltert, gekreuzigt, von wilden Tieren gefressen worden.</p> - -<p>Daß wir überhaupt sind, daß wir so sind, so weit sind, verdanken wir -einem erbarmungslosen Daseinskampfe, von dessen Blutbad die Geschichte -rot ist wie dieser Abendhimmel.</p> - -<p>Und aus diesem Blutbade zerschmetterter Existenzen steigt nicht bloß -die Schädelpyramide Tamerlans: auch die Sixtinische Madonna und die -Neunte Symphonie steigen heraus, und Iphigenie und der Lehrsatz des -Pythagoras.</p> - -<p>Über Kampf, Tod, Schmerz, Verzweiflung, Folter läuft die Entwickelung.</p> - -<p>Wir haben zuviel gelernt, zu klar sehen gelernt, wir von nunmehr schon -1903, um uns gegen dieses „Weltgesetz“ die Augen zuhalten zu können.</p> - -<p>Ist dieses Gesetz aber nicht doch der Tod aller <em class="gesperrt">Freude</em> an der -Entwickelung?</p> - -<p>Der Zweck heiligt das Mittel. Wir begrüßen es als grandiosen -Kulturfortschritt, daß wir diese Jesuitenmoral nicht mehr anerkennen. -Und doch soll das Weltgesetzbuch auf dieser Moral stehen? Dazu all -unser Erkenntnisfortschritt?!</p> - -<p>Wir drehen unsere neue Jahresziffer um ein Jahrhundert rückwärts, auf -1803.</p> - -<p>Es ist das Datum, da Herder uns verließ, der Mann, der zuerst in -der Geschichte der Menschheit nur ein Kapitel gesehen der großen -Sternengeschichte und der zu der Frau von Stein sagte, daß „wir -erst Pflanzen und Tiere gewesen seien“. Es waren die ersten reifen -Gedankenfrüchte, Weltgedanken, Menschheitsgedanken, vom erstarkten Baum -der Forschung.</p> - -<p>Hundert Jahre nochmals zurück hatte Newton über seiner Optik gesessen.</p> - -<p>Noch vor hundert war das Fernrohr erfunden worden.</p> - -<p>Und noch vor hundert fuhr Columbus auf seiner vierten Reise durch das -westindische Meer und erwarb Kopernikus sich die Doktorwürde.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p> - -<p>Dafür aber all diese Erkenntnis, um zu erkennen, daß auch der Mensch -der Natur nur abgepreßt worden ist auf der Folter ....</p> - -<p>Die rote Dämmerungswelle dort hat ihren Höhepunkt erreicht. Rasch -beginnt sie jetzt zurückzuebben. Es ist, als sinke die blaue -Himmelsglocke, selber dabei noch funkelnd, langsam über sie herab, -tiefer und tiefer.</p> - -<p>Ein Schauspiel von wunderbarer Feierlichkeit, dieser stille Kampf der -Lichter an einem Abendhimmel.</p> - -<p>Es ist nicht wahr, daß die Entwickelung immer durch Folterschmerzen -gegangen sei.</p> - -<p>Äonen vor uns ist sie durch immerwährende Verwandlungen vorgeschritten, -in denen noch gar kein Schmerz bestand. Durch unendliche Raumweiten -neben uns arbeitet sie noch immer so. Da ballen sich Welten, entfalten -sich zu harmonischen Systemen. Und werden wieder eingeschmolzen in -noch größere Massenansammlungen. Aus denen arbeitet dann wie eine -tickende Uhr das große Weltgesetz abermals Harmonien und entsprechend -noch umfassendere heraus. Nie erfolgt ein wirklicher Zusammensturz -in der Idee. Denn es muß immer ein Größeres sein, das das Kleine an -sich reißt, in sich auflöst. Größerer Stoff aber: größerer Weg, höhere -Harmonie. Die dann bleibt, bis ein noch größeres System auch dieses -wieder umarmt, zu einer Neuzeugung zwingt.</p> - -<p>In diesen ganzen Naturprozessen außerhalb des Organischen waltet -nicht das, was wir „Schmerz“ nennen. Bausteine fügen sich zu immer -höheren Bauten aneinander, nichts weiter. Wir denken gar nicht an -Schmerzmöglichkeiten. Sollen die Metallteilchen klagen, daß sie ihre -frühere Gravitationslage verlassen, um in ein neues Formgebilde -eingeschmolzen zu werden, in einer neuen Lage in ihm aufzuerstehen? -Mögen aber auf dieser Linie auch ganze Milchstraßen verbrennen wie eine -Wolke Kohlenstaub — in diesem Wandel waltet immer noch kein Schmerz. -Es waltet der unendliche Gesetzesfrieden wie in dem stillen Wechsel der -Dämmerfarben dort. Niemals<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> wahrer Tod, denn das Gesetz stirbt nie; -immer nur Wandel; und Wandel in Höheres hinein.</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Da flammt ein blitzendes Verheeren</div> - <div class="verse indent0">Dem Pfade vor des Donnerschlags,</div> - <div class="verse indent0">Doch Deine Boten, Herr, verehren</div> - <div class="verse indent0">Das sanfte Wandeln Deines Tags.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Doch inmitten jetzt dieses grenzenlosen Kosmos-Friedens, in dem ein -Weltuntergang nicht mehr ist als eine in herrlicher Farbenglorie -verblutende Abendsonne: — das Lebendige. Wenn die Kälte dieses -Winterabends den kleinen Vogel, der dort zwitschert, bis ins Mark faßt, -so bebt er vor Schmerz. Und das begann mit dem ersten zellenartigen -Gallertpünktchen an einer Uferklippe vor vielen Millionen von Jahren. -Und sein Triumph ist der Mensch. Der Triumph der Feinfühligkeit in -Schmerzempfindung. Ein seltsamer — Triumph.</p> - -<p>Dennoch: welche ungeheure Fortschrittskette im reinen Sinn von -Entwickelung in diesem Stück organischen Lebens. Welcher Umschwung mit -diesem grünen Schimmelhäutchen einer Urweltklippe!</p> - -<p>Auf diesem Häutchen wuchsen schließlich Augen, die das Licht, die -Farben, die Formen der Dinge sahen, das blaue Meer, die Sonne, das -Abendrot und den Sternenhimmel. Und hinter diesen Lichtaugen begann das -Klümpchen grauer Nervensubstanz zu denken, zu schließen, zu folgern. -Die Natur unten hatte immer nur gestreut, Samen der Dinge gestreut und -hatte das Harmoniegesetz grob gewaltsam sieben und sichten lassen. -Jetzt ging aus denkenden Gehirnen und schauenden Augen die höhere Stufe -hervor: die bewußte Zwecksetzung, dieses fabelhafte Spar-Prinzip der -Entwickelung, dieser einzigartige Fortschritt im kleinsten Kraftmaß. -Es durfte dann diese befreite, hier überschüssige Kraft sein, die eine -Kunst, eine Wissenschaft, eine Philosophie, eine Kultur schuf. Und der -Mensch ist es, der diese Krone sich aufs Haupt setzt, der Mensch als -Triumph des sehenden, denkenden, zwecksetzenden Lebens.</p> - -<p>Ein Triumph also doch. Aber erkauft um jenen andern ....?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p> - -<p>Das Glöcklein da drüben ist plötzlich verstummt, wie erstarrt von -der rasch wachsenden Abendkälte. Aber das Eis selber singt und summt -leise fort. Und ich höre eine Stimme der Naturgeister zu den schwarz -ersterbenden Kiefern und dem mondduftigen Himmelsrund herauf.</p> - -<p>Deine Rechnung ist falsch. Du hast ja noch gar nicht erfaßt, was der -Mensch zwischen Lebensschmerz und Sternenfrieden wirklich soll.</p> - -<p>Dieser Mensch ist nicht bloß der einfache Triumph der -Entwickelungslinie, die über das Leben ging.</p> - -<p>Er ist auch ihre Korrektur.</p> - -<p>Er ist die Versöhnung zwischen dem großen Zweck im Leben: dem -Bewußtwerden der Welt, — und dem furchtbaren Mittel: dem Schmerz. Er -ist der Protest des Weltgesetzes gegen dieses Mittel.</p> - -<p>Zwei Gaben ohnegleichen sind für diese Arbeit in ihn gelegt.</p> - -<p>Die erste ist das Prinzip der Liebe.</p> - -<p>Im Moment, da er als Triumph der Entwickelung die Hand ausstreckt -nach der Naturherrschaft, bricht auch dieses Prinzip mit einer -fortreißenden Elementargewalt aus ihm hervor. Prometheus, der das Feuer -des Himmels, die Naturkraft der Weltallssonnen in einem hohlen Stabe, -einem Menschenwerkzeug, trägt, wird Christus, der seinen Fluch hängt -an jeden, der Schmerz sät. Er predigt die Köstlichkeit, die Heiligkeit -alles Lebendigen. Er lehrt, daß Du selbst in allem bist, in der Lilie, -die Du brichst, und im Wurm, den Dein Fuß zertritt. Aus dem Staube -sollst Du die Opfer ziehen und ihre Wunden verbinden, Du, der sehende -Mensch.</p> - -<p>Natur bist Du und bleibst Du, nichts ist in Dir als Natur. So muß auch -diese Stimme aus der Natur selber kommen, die Stimme einer Einkehr, -einer Umkehr, die ein furchtbares Mittel wieder mildern, wieder -versöhnen will.</p> - -<p>Das Leben zeugte Bewußtsein und damit ein unendliches Entwickelungsfeld -von höherer Art. Aber es zeugte auch den namenlosen Schmerz, der -plötzlich in diese Entwickelung von<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> der Stufe des Lebens an versponnen -schien. Nun glänzt in den Lichtaugen dieses Bewußtseins auf einmal die -Liebe. Die große Entwickelungskorrektur ist im Spiel! Mag Prometheus -jetzt wirklich wachsen, bis er aus der Kraft seines Stabes voll -Sonnen-Energie Planeten bewegt und zu den Sternen fliegt, — immer wird -der Christus in ihm mit ihm wachsen. Er wird mit dem Leben wandern und -die Schmerzen wieder aufheben, die das Leben schlägt.</p> - -<p>Doch der Mensch hat noch eine zweite Gabe.</p> - -<p>Immer, wenn der Gedanke diese Bahn der Entwickelung quer durch den -Schmerz gehen sah — und dann die Liebe sah, wie sie den Schmerz wieder -lindern wollte, ist auch das dritte gedacht worden: ob die Liebe nicht -die Entwickelung lähmen müsse?</p> - -<p>Wenn der Fortschritt immer wieder zu einer Bruchstelle führt, die als -Schmerz empfunden wird: muß nicht die Liebe ein Gegner des Fortschritts -sein?</p> - -<p>In hundert Stimmen klingt das schon heute in unsere Zeit hinein. Es -sind die Stimmen der Tolstois, die alle Herrlichkeiten der Kunst und -der Forschung und der Geistes- und Körperfreiheit für nichts achten -um der Liebe willen, — weil sie doch alle nur wieder Schmerzquellen -öffneten. Und es sind die Stimmen der Nietzsches, die rufen: werde -hart, wenn Du aufwärts willst, — wer um der weichen Seele willen -zurückschaut, der erstarrt wie das Weib des Lot in der Bibel.</p> - -<p>Wäre die Liebe, die nachträgliche mitleidige Liebe allein gegen die -arbeitende Entwickelung gestellt: kein Zweifel, daß sie allein wirklich -zu einem hemmenden, retardierenden Element werden müßte. Sie würde das -Höhere in seinem Werden hemmen um der Wehen dieses Werdens willen. -Starr würde in ihrer Hand allein die Welt wie dieser vereiste See hier, -starr, stagnierend, konservativ, losgeschaltet vom Frühlingssturm der -Entwickelung.</p> - -<p>Aber im erwachten Menschengeiste lebt noch eine zweite Kraft, die auch -das wieder aufhebt in ein noch höheres<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> hinein. Eine Kraft, die den -Schmerz überwindet in der Entwickelung selbst ohne den Schritt dieser -Entwickelung zu hemmen.</p> - -<p>Es ist die Kraft der Ideal-Schau.</p> - -<p>Es ist die Kraft, die über Linien, über Stufen der Entwickelung selber -hinwegschaut. Die von einer Stufe aus, von einer errungenen Harmonie -aus schon die nächste als „Ideal“ aufsteigen sieht, sonnenhell, -frühlingshaft, im Jugendschein und Lichtschein des Ideals. Und die -sieht, daß der Weg von unserer schon errungenen Wirklichkeit zu diesem -Höheren darüber, zu diesem Ideal, nur führen kann durch eine Lösung, -ein Sinken unseres augenblicklichen Besitzes, — durch eine kurze -Disharmonie. Die aber diese Disharmonie mit ihrem Schmerz freiwillig -auf sich nimmt, den Blick fest auf der winkenden Goldzinne des Ideals. -„Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ Innerlich ist der -Schmerz vernichtet im Moment, da er aufgenommen ist in die Linie -zum Ideal. Von hier die Freudigkeit, die bis in den Tod reicht, die -Freudigkeit, die den Weisen den Giftbecher trinken und den Heiligen -sein Kreuz tragen läßt, die aus den Augen des Idealschauers leuchtet, -um den schon die Flamme des Scheiterhaufens züngelt. Das Kreuz wird -genommen, weil Du morgen im Paradiese bist.</p> - -<p>Erst mit dieser Ideal-Schau ist der ganze Anschluß wieder da des -sehenden Menschen an die arbeitende Fortschrittslinie der Natur in -seiner Brust.</p> - -<p>Der freiwillige Anschluß.</p> - -<p>Es war der Preis des Sehens: die Forderung dieser Freiwilligkeit. -Mit dem Sehen, mit dem Bewußtsein kam der Schmerz. Er ist erlöst wie -der Fliegende Holländer der Sage, da er freiwillig gewählt wird vom -höchsten Sehen, von der Ideal-Schau, die durch sein Dunkel schon durch -und durch schaut bis auf den brennend roten Streifen der höheren Sonne -hinter ihm ....</p> - -<p>Langsam schritt ich durch den dunklen Wald meinem Hause zu.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p> - -<p>Über den schwarzen Wipfeln brannten die großen Sterne der Winternacht. -Ich dachte an Menschen dieser kleinen Erde, die auf ihrer Sternwarte -ein Menschenleben daran setzten, ein paar winzige Änderungen in den -Bewegungen dieser Gestirne festzustellen, ein winziges Fünkchen nur zum -Geistesfortschritt dieser Menschheit, vielleicht erst in Jahrtausenden -mit tausend andern zu einem kleinen Flämmchen zusammenwachsend. Und -doch Ideal-Schau.</p> - -<p>Und ich dachte an die kleinen frierenden, hungernden Vögelchen in -diesem Walde, — und daß diese Menschen auf ihre Fensterschwelle -Brodkrumen streuen würden, um sie zu sättigen. So weit waltete auch die -Liebe schon.</p> - -<p>Es lohnte sich doch noch, ein neues Jahr anzufangen ...</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Vor_Ostern">(Friedrichshagen. -Vor-Ostern.)</h2> - -</div> - -<p>Über die Wasserfläche geht ein schwerer, kalter Wind.</p> - -<p>Alles liegt in schwarz und braun, der Frühling scheint noch einmal -erstorben.</p> - -<p>Langsam, wie zähe erdfarbige Schollen, treiben die braunen Wellen -vorbei. Bisweilen ist mir, als schaute ich nicht auf einen See, sondern -auf tief zerpflügtes Ackerland. Und durch die Scholle schimmert es -auf Momente wie Bernstein durch. Dann meint das Auge den verlorensten -Grund zu fassen: gelbe Sandbänke der Tiefe, auf denen die Muscheln -und die Kiesel unablässig mitrollen, oder gespenstische schwarze -Streifen Moor. Die Wassersäule scheint plötzlich anzusteigen, sich zu -heben von unten, bis sie platzt und einen Fächer weißer Gischt wirft. -Doch der Blick folgt wieder der Fläche und nun ist es doch bloß das -endlose einförmige Spiel, der flache Zug vor dem Winde, Scholle um -Scholle, eine unabsehbare vorbeirollende halbstarre und doch bewegte -Masse, vorne am Lande tiefbraun, je mehr nach draußen desto mehr ganz -starr und schiefergrau, bis die Berge drüben darauf liegen wie eine -nasse graugrüne Nebelwolke. Ein paar Krähen schweben geisterhaft -kohlschwarz<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> zwischen Himmel und Erde, spähend über den Wassern wie -Raubvögel, unbekümmert um den leise heulenden, schneidend eisigen Wind. -Am Ufer knistern die Erlen, wenn die Welle in das Stelzwerk ihrer -ausgewaschenen Wurzeln schlägt.</p> - -<p>An solchem Tage kommt der Frühling selbst wie ein düsteres Geheimnis. -Der schwärzeste Moorgrund der Dinge ist bewegt. Was wird er ans Ufer -spülen?</p> - -<p>„Wir sind umgeben von Geheimnissen.“</p> - -<p>Sagt Goethe.</p> - -<p>Feste haben für mich längst aufgehört, etwas anderes zu sein als Tage -des stillen Gedenkens an das Geheimnisvolle aller Menschheits- und -Naturdinge.</p> - -<p>Ich unterscheide rückblickend bei mir drei Stimmungen vor einem solchen -Feste wie Ostern.</p> - -<p>Eine alte, früh überkommene und auch früh verlorene Stimmung der -Gewißheit, wo der Tag in einem festen, bald zweitausend Jahre alten -Weltbild bekräftigte, wo er ein Erinnerungstag an Tatsachen sein sollte.</p> - -<p>Dann eine lange Stimmung des Zweifels, des Unbehagens, die einen -Schatten gerade auf diesen Tag warf, ihn aus einem weichen Feiertag zu -einem harten kämpfenden Alltagstage des Gedankens machen wollte. Bis -dann endlich ein Drittes, ohne daß ich es rief, auch das ablöste.</p> - -<p>An solchem Tage, der vom Reiß in der Winternacht oder von den blauen -Auferstehungsglöckchen der Welt-Frühlingswiese singt oder von den -Geistesflämmchen über Menschenstirnen an einem Tag der Erfüllung, — -an einem solchen Tage suche ich heute weder einzelne Tatsachen, noch -Tatsachen-Kritik. Ich suche eine Stimmung, die ab und zu ihren Feiertag -verlangt: die Stimmung des Geheimnisses.</p> - -<p>Ich fühle das Bedürfnis, mich still an meinen einsamen See hier zu -setzen und mir zu sagen: Nun tu was Du willst, — darin steckst Du; -über Deinen eigenen Schatten springst Du nicht; das Geheimnis hat Dich, -heraus kannst Du nicht; also werde fertig, wie Du kannst.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> - -<p>Im Grunde steckt dieser Begriff des Geheimnisses ja doch auch hinter -all den anderen Standpunkten. Er ist sozusagen jene blaue Tinktur der -Ideenwelt, die der Alchimist für die Metalle suchte, die Ur-Essenz, die -bleibt, wenn man überall die Mischung ablöst.</p> - -<p>Hinter allen dogmatischen Glaubenslehren steht als letzte Instanz das -Schicksal, der „unergründliche Ratschluß“. Wenn ich eine Todesanzeige -im hergebrachten Stil lese, so empfinde ich, wo Halt gemacht wird und -wo das anfängt, worin wir alle einig sind: die <span class="antiqua">tinctura aurea</span> des -Denkens.</p> - -<p>Die Götter Homers haben viel Macht, sie gehen auf Wolken und essen -Ambrosia; aber wenn die Sache ganz aufs größte kommt, wenn sich -entscheiden soll, ob Hektor oder Achill der Sieger ist, woran die ganze -Komposition der Ilias hängt, — dann losen sie. Schicksal!</p> - -<p>Es ist aber die gleiche Losurne des unsterblichen Dichters, in der -Demokrit nachher seine Atome tanzen ließ. Aus diesem schwarzen -Erlenzweig hier mit seinen üppigen feuchten violetten Blattknospen, in -denen eine so verlangende Frühlingsbrunst nackt aufdrängt, kann ich -die ganze Naturforscherwelt entwickeln, über Pflanzen und Planeten bis -zur Urfrühlingskraft brennender Weltallssonnen; ich glaube persönlich, -daß sie sich wirklich ganz entwickeln läßt, ohne Dualismus und ohne -Eingriffe; aber ich weiß, daß auch zuletzt die Atome in der Urne -schwingen und daß aus fernsten Nebelflecken und Milchstraßen eine -höchst wunderbare mathematische Figur auftaucht, die, ohne Sinus und -Cosinus schlicht in Goethe-Deutsch ausgedrückt, bedeutet: Weltgeheimnis.</p> - -<p>Schließlich meine ich, daß es sogar recht gut so ist.</p> - -<p>Wieviel Ansichten, Theorien, Glaubenssätze, Weltanschauungen ergießen -sich über uns! Und mit wie mancher möchte man als wahrhaft fatal -rechnen, wenn sie nun ganz wahr wäre, der Welt wirklich ins geheimste -Uhrwerk schaute.</p> - -<p>Mit dem Geheimnis kann man leben.</p> - -<p>Man wird ja von selbst davor bewahrt, übermütig zu werden. Aber von der -Unendlichkeit des Unbekannten läßt<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> sich doch immer etwas erwarten. -Wieviel Frühling, dieses liebste Geheimnis, mag noch darin stecken!</p> - -<p>Das Geheimnis dieses Festfriedens ist nur, daß man das Geheimnis -überall richtig zu finden weiß.</p> - -<p>Ostergeheimnis! Ist es wirklich bloß das Geheimnis, daß ein Mann Wunder -tun konnte, wie Wasser in Wein verwandeln, oder auf <span class="antiqua">H<sub>2</sub>O</span> -gehen, oder von den Toten leibhaftig auferstehen ....?</p> - -<p>Ich schaue in die braunen Wellen vor mir mit ihrem unablässigen -Ansturm, ihrem Heben und Senken, und mir ist, ich blicke in das Gehirn -der Menschheit, in das der arbeitende Gedanke tiefe Furchen gräbt. Und -in eine solche Furche arbeitet sich ein, keimt und sproßt, daß das -Naturgesetz etwas Heiliges sei, das nicht verletzt werden dürfe. Daß -Himmel und Erde nicht dabei erlöst werden könnten, sondern im gleichen -Moment zusammenbrechen müßten in das ewige Chaos hinein, da ein -winzigstes Ringlein nur aus der Sternenkette dieses Gesetzes glitte.</p> - -<p>Hängen doch an jedem Ringlein ganze Welten! Was ist im Kosmos klein, -was groß? Wenn dieses Ringlein hier unten auf der winzigen Erde brechen -sollte, so stürzte der ungeheure Sirius mit herab, die Milchstraße -löste sich auf, Surturs Weltbrand verschlänge das All.</p> - -<p>Ein Atom verschoben aus seiner heiligen Lage, in die es die -Entwickelung der Jahrmillionen gebracht — und alle Harmonien dieses -Kosmos splitterten auseinander.</p> - -<p>Und das sollte geschehen sein gerade damals, als der Grundstein gesetzt -wurde zu der herrlichsten Harmonie dieser ganzen Erde: zu der Idee der -großen friedlichen Menscheneinheit durch die Menschenliebe?</p> - -<p>Und der Gedanke keimt und sproßt weiter.</p> - -<p>Sollte nicht hinter der größten Tat der Menschheit auch nur ein -<em class="gesperrt">Mensch</em> gestanden haben? Sollten nicht hinter jenen wunderbaren -Berichten nur tiefste Symbole stecken? Sollte nicht das große Auge -einer tiefsinnigsten <em class="gesperrt">Dichtung</em> uns daraus anschauen, die in -Gleichnissen formte, was nachher für reale<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Wahrheiten gehalten worden -ist — die größte Dichtung des größten Dichters aller Zeiten, — aber -doch nur eine Dichtung ....?</p> - -<p>Oder sollte die Menschheitsseele in ihrem Ringen nach einer ethisch -und sozial befreienden Tat, die alles bisher Geschehene umwarf und die -Weltgeschichte durch das scheinbar Unmöglichste — die Liebe — aus den -Angeln zu heben sich vermaß, — sollte sie ein Zeichen dort sich nur -geschaffen haben, ein Bild ihrer eigenen inbrünstigen Sehnsucht, das -die unvollkommene Legende nachher als Personenschicksal vergröberte und -mißverstand?</p> - -<p>Ostergeheimnis, wirst Du scheitern an solchen Gedanken?</p> - -<p>Die Handlung der Evangelien nur ein Symbol, ein Gleichnis, eine -Dichtung, ein Vorgang im der Menschheitsseele! Ich weiß, wie viele -heute ihr Geheimnis hier wirklich noch hoffnungslos im Sande sähen. Um -die Menschenliebe geht es auch ihnen. Von des Menschen Erlösung spielt -das große Mysterium. Aber der Mensch ist ihnen doch zu klein dazu. In -tausend melancholischen Stimmen klagt es durch unsere Zeit, daß der -Baum, der aus dieser Gedankenfurche erwachsen sei, wohl wild und stark -heute stehe. Aber das Geheimnis rausche nicht mehr durch seine Zweige. -Er sei kein heiliger Baum. Nur kalte Sterne äugten durch seine kahlen -Äste. Kein Weihnachtsstern und kein Osterschein und keine Pfingstflamme.</p> - -<p>Ich aber frage: Was kann denn überhaupt abgrundtiefer im Geheimnis -sein, als eben — ein <em class="gesperrt">Mensch</em>?</p> - -<p>Du verlangst den, der noch einmal leiblich auferstanden ist, nachdem er -gegangen war. Was aber ist geheimnisvoller, als das Alltägliche, das so -unsäglich Schlichte scheinbar: daß überhaupt ein Mensch geboren wird, -daß er aufersteht aus dem Unbekannten in dieses Leben hinein?</p> - -<p>Wenn Du alle Pfade des Liebeslebens mit der Wissenschaft, die Dir -beschieden ist, durchpilgert hast: Du kehrst heim mit dem Geständnis, -daß hier immer wieder das ungeheuerste Mysterium sich vollzieht — -allein wert, daß Du still Einkehr<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> bei Dir selber hältst und Dir -Feiertage setzest des Geheimnisses, das Dich vom Tage Deiner Zeugung -und Geburt an umschließt.</p> - -<p>Und <em class="gesperrt">Dichtung</em>?</p> - -<p>Bist Du so schnell fertig mit dem Geheimnis, wenn ein Mann nicht -wirklich auf Wassern geht, sondern wenn diese Geschichte nur das tiefe -Gleichnis einer größten Dichtung sein soll? Ist nicht gerade die -Existenz einer großen Dichtung etwas noch viel Geheimnisvolleres als -irgend eine Tatsache der „Wirklichkeit“? Ist nicht die Dichterkraft des -Genius das größte aller „Wunder“, unsagbar viel größer und wunderbarer -als ein realer Krug Wein, der aus einem realen Kruge <span class="antiqua">H<sub>2</sub>O</span> -verwandelt ist?</p> - -<p>Ich denke an alle die Riesen, die seit Jahrtausenden auf den Wellen -der Dichtung zu uns wandeln, Gestalten, viel größer als ein Mensch, -zusammenfassende Gestalten, die ganze Zeiten, ganze Ideen verkörpern. -Sie überdauern Generationen, sie leben Jahrtausende, sie haben ewige -Jugend und Kraft. Wo steht, wohin projiziert sich in der „Realität“ -eine Figur wie Faust? Sie schwebt im Raum- und Zeitlosen, und doch -ist sie greifbarer, ist sie unvergleichlich viel lebendiger und viel -wertvoller als Millionen und Abermillionen wirklicher Menschen, die auf -der Erde sich nach den Ziffern des Gravitationsgesetzes bewegt haben, -<span class="antiqua">H<sub>2</sub>O</span> getrunken haben und verweht sind, man findet ihre Spuren -nicht mehr.</p> - -<p>Auch diese Dichtergestalten sind aus dem Geheimnis geboren. Sie leben -im Geheimnis. Im Dichtergeiste hat „es gezeugt“, hat „es geschaffen“, -das dunkle „es“ der <span class="antiqua">tinctura aurea</span> alles Naturgeschehens.</p> - -<p>Ich richte in diesem Augenblick nicht im einzelnen über jene Theorien. -Ich lasse sie vorbeiziehen an mir, wie diese braunen Wellen hier -vorübergehen im Zug des Windes. Vorhanden sind sie als Theorien, das -schafft keiner mehr aus der Welt. Und nach ihnen werden noch mehr -kommen, wie der Wellen hier noch mehr kommen. Wir sind erst in den<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> -Anfängen der Spekulation über den wahren Lauf der Geschichte, überall, -also auch hier.</p> - -<p>Aber ich sage: wenn es so wäre, wenn den Evangelien eine tiefe, -unsagbar rührende symbolische Dichtung zu Grunde läge — die Dichtung -vom neuen Menschen, der sich zur Menschenliebe durchgerungen und der -auf Erden, wie alle Idealträger, zunächst sein Kreuz tragen muß, bis -über Leid und Tod des einzelnen das Ideal unbesiegbar aufersteht und -weiterlebt und die zähe alte Erde aus den Angeln reißt: — ich sage, -wenn das als eine Wahrheit jemals erwiesen werden könnte, was würde das -ändern an der welterschütternden Größe dieser Tat und an ihrer tiefen -Verankerung im Geheimnisvollen?</p> - -<p>Achill, der nur durch die winzige Dunkelzelle eines Dichtergehirnes -phantomhaft gewandelt ist, ist mehr wert für uns als alle Griechen -zusammengenommen, die damals die schwarze Erde getreten haben.</p> - -<p>Jene Dichtertat behielte den ganzen riesenhaften Zug in vollem Maße, -der auch so den Dingen zukommt. Im Geheimnisvollen aber wurzelte sie -nur um so sicherer eben als Dichtertat. Ja gerade so bliebe sie in -einem Größeren, als ein wirkliches einzelnes Menschenschicksal geben -kann.</p> - -<p>Der Rationalist bekäme <em class="gesperrt">Unrecht</em>, der hinter den ungeheuren -Menschheitsmoment bloß ein Stückchen Menschenleben eines Einzelnen auf -dem winzigen Raum zwischen Betlehem und Golgatha deuten wollte.</p> - -<p>In den Geheimzellen eines Dichtergehirns ist unendlich viel mehr Raum -und es ist mehr darin als bloß eine Person. In Goethes Gehirn haben -Faust und Egmont, Tasso und Werther, Iphigenie und Gretchen eine ganze -Lebensbahn erfüllt. Im Dichtergeiste jenes Giganten an der Schwelle -unserer Zeitrechnung hätte die ganze Menschheit mit all ihren ethischen -Errungenschaften bis dahin gelebt, sie hätte sich zusammengefunden -darin zu einer einzigen Tat — und gelebt hätte darin die ganze -Zukunfts-Menschheit von Jahrtausenden<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> nach ihm, geeint durch das Ideal -der Menschenliebe. Der Dichter der Bergpredigt! Was willst Du mehr?</p> - -<p>Der Wind heult hohl über die Wellen, die braunen Gedankenfurchen.</p> - -<p>Offenbarung! ruft es. Wo bleibt die Offenbarung? Offenbarung brauchen -wir.</p> - -<p>Nun, alle Dichtung ist Offenbarung. Vom Geheimnis kommt es, zum -Geheimnis geht es, unmeßbar, unwägbar, und doch von Welten kündend, -Welten der Urtiefe, der Idealerweckung, der innersten Fortentwickelung, -und Welten verwandelnd, Welten aufbauend, Welten zeugend: — das ist -die Offenbarung; aber was ist es anders, als auch die Dichtung, die -Kunst; es gibt keine bessere, schärfere Definition für sie.</p> - -<p>Ja man muß das Geheimnis nur am rechten Fleck begreifen.</p> - -<p>Manchmal scheint mir, als sei der ganze Hader und Fortschritt -menschlicher Ideen bloß ein Kampf um die Perspektive. Wie die Dinge -projiziert werden, hintereinander gelegt werden, darum ringen wir. Und -wo das Blau des Geheimnisvollen beginnt. Darum aber auch diese ewige -Auferstehung der Gedanken. Nichts fällt wirklich ins Grab, es wechselt -nur seinen Projektionsort.</p> - -<p>Diese Erkenntnis gibt Frieden, heute wenigstens für eine -Feiertagsstunde, vielleicht später auch einmal für den Alltag. Die -braunen Wellen zogen an mir vorbei, immer vorbei und der Wind blies, -eine unablässige, fleißige Naturarbeit. Die Natur machte da keinen -Feiertag, sie arbeitete. Jede dieser Wellen mochte ein klein wenig an -diesem Ufer umschaffen, trug sie auch nur ein Hölzchen darauf, ein -Sandkörnchen davon.</p> - -<p>Ich dachte an die Rede der Leute: der See behält nichts, er gibt alles -wieder, wenn’s auch eine Weile dauert.</p> - -<p>Im Grunde macht es das Naturgeheimnis auch so.</p> - -<p>Es ist kein Minotaurus, der verschlingt, um zu verderben. Es läßt -die Welten, Menschen, Ideen in seinem Blau verschwinden und zahlt -sie in Höherem wieder aus. In dieser<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> <span class="antiqua">tinctura aurea</span> steckt -wirklich wie in der der Alchimisten auch der Stein der Weisen, der alle -Gebrechen, alle Unvollkommenheiten heilt, der ewige Jungbrunnen, der -den Fluch der Zeitlichkeit aufhebt.</p> - -<p>Diese ewige Wiedergeburt als Auferstehung des Geistes im allen Dingen -erkennen, — das wäre der wahre neue Osterglaube.</p> - -<p>Aber dazu bedarf es noch gar mancher Auferstehung erst im eigenen -Innenleben der Idee.</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Am_Auferstehungstag">(Friedrichshagen. -Am Auferstehungstag.)</h2> - -</div> - -<p>Heute wandere ich tief in der dürren Kiefernheide und suche den -Frühling.</p> - -<p>Die Luft ist hart, der Himmel weiß: es könnte auch Oktober sein. Ich -denke an deutsche Länder, wo der Frühling wie ein Rausch kommt, in -hinreißenden Farben. In der lieben Mark geht es wie in einem mageren -Prozeß: es gibt da nur ganz feine Indizienbeweise.</p> - -<p>Da liegt ein gelblicher Würfel Schlagholz. Wie mein Auge aber die -graue Walddämmerung darüber durchsucht, stößt es da, dort auf kleinste -Silberpünktchen, die pfeilschnell die Luft durchqueren, jedesmal einen -schwachen Blitz in der Grundfarbe weckend, wenn sie eine hellere Stelle -passieren.</p> - -<p>Der Fremde weiß nicht, was hier stäubt in den noch so herben Tag -hinein. Aber ich kenne sie als alter Käfersammler: die winzigen -Borkenkäfer des Kiefernholzes, die jetzt schwärmen. Wenig später, und -sie sind wieder völlig verschwunden, tief vergraben in ihrem krausen -Bergwerk im Holz.</p> - -<p>Auf den Schlagstämmen klettert auch schon eilfertig ihr wilder Gegner, -der schwarz-weiß-rote Clerus, der Ameisenkäfer, der selber zum Schutz -in prächtiger Mimicry die Ameisen-Wespe Mutilla in Farbe wie Gestalt -täuschend nachahmt.</p> - -<p>Während ich aber seinem trippelnden Wesen zuschaue, fällt in mein -Ohr jäh ein überlautes Gegacker. Glüüh, glüh, glü,<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> glück, glück, -glückglücklücklick ... Die Silben folgen sich immer rascher wie bei -einer heransausenden pfeifenden Lokomotive.</p> - -<p>Das ist der Grünspecht.</p> - -<p>Umsonst sucht der Blick ihn heute in seiner vertrauten, pfeilschnell -gewechselten Horcherstellung senkrecht am Ast. Nur wenn ich draußen, -jenseits der Schonung, stände, sähe ich ihn. Über den gleichmäßigen -jungen Nachwuchs ragt dort einsam eine ältere, pinienhaft entfaltete -Kiefer zum blinkenden weißen Himmel auf. Auf einem ihrer höchsten -Äste sitzt der Specht, nah der Spitze, exponiert wie eine Krähe, und -er reckt den Hals senkrecht zum Zenit empor und schmettert seinen -Glückjuchzer. Völlig verwandelt ist er — er ist verliebt. Ja, es ist -Frühling. Die Indizien stimmen zueinander.</p> - -<p>Ich träumte in den stillen Aprilmorgen hinein.</p> - -<p>Auferstehungstag. Ich dachte an die ungeheuren Kräfte, die dieser -Frühling im Schwachen auferstehen läßt.</p> - -<p>Ich dachte an den Saftstrom, der unter seinem Bann von allen -Pflanzenwurzeln aufwärts drang, dieses geheimnisvolle Pumpwerk der -Holzgefäße, das bei der amerikanischen Rebe mit einem Druck von fast -2½ Atmosphären arbeitet und einer Quecksilbersäule von 180 <span class="antiqua">cm</span> -Länge die Wage hält!</p> - -<p>Und ich dachte an die lieblichen Blaukehlchen, die winzigen -Singvögelchen Skandinaviens, die nach des trefflichen Gätke Rechnung -auf ihrer Frühlingsheimkehr in einer einzigen Nacht die Strecke vom -Sudan jenseits der Sahara bis Helgoland durchfliegen. 45 Meilen nehmen -sie in der Stunde, dreimal mehr als der schnellste Schnellzug. Mehrere -tausend Meter hoch geht <em class="gesperrt">es</em> dahin, damit die kolossale Sperrmauer -der Alpen keine Störung giebt. Und nach diesem Sturm über ein Meer -und anderthalb Erdteile sind sie noch so leistungsfähig, daß sie nach -kurzer Rast auf Helgoland sogleich weiterfliegen. Das ist der Frühling! -Ein ganzer Planet erscheint auf einmal eng gegenüber seiner Kraft, die -eine arme Pflanze, ein schwaches Vögelchen durchseelt.</p> - -<p>Er muß ja auch selber heran dazu, der ganze Planet.</p> - -<p>Ich träumte mich über den weißen Himmel dort über<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> den -Wachholderbüschen hinaus in den eisigen Weltraum, wo die Erde mit -ihrer schiefen Achse dahinrollte, sehr viel schneller noch als die -Blaukehlchen auf ihr flogen. Jetzt begann der schiefe Planet wieder -sein Nordantlitz der Sonne zuzuwenden, obwohl er sich gleichzeitig -rückwärts von dieser Sonne entfernte. Und die Gnade lag auf dem -zugewandten Scheitel, die Eiszapfen seines Bartes schmolzen, es wurde -Lenz.</p> - -<p>Achsenschiefe. Ein undurchdringliches Planetengeheimnis schläft in -dieser kosmischen Frühlingsursache. Alles hängt daran, bis in das -Jauchzen dieses Spechts, das Schwärmen dieser Borkenkäfer — und -doch wissen wir nicht, was hinter ihr steht. Alles sonst in diesem -himmlischen Billardspiel der Sonnenkinder ist so wunderbar regelmäßig, -deutet so ganz auf einen harmonisch-einheitlichen Ursprung: die -Kugelgestalt, die Bahnebenen, die Umlaufszeiten. Nur die Achsen gehen -ihren anscheinend irregulären Weg. Jupiter ragt fast gerade, Uranus ist -fast ganz entgleist; die Erde steht nachdrücklich schief. Kein Schimmer -eines Warum ist uns gegeben.</p> - -<p>Wie wenig wir wissen! Eine ganz dunkle, unergründbare Tatsache — und -an der hängt aller Frühling, all diese Konzentrierung der Liebe auf -eine Jahreszeit, alle Poesie, die wieder auf dieser Liebe ruht. Eine -schiefe Planetenachse ragt hindurch — und schiefe Menschenweisheit.</p> - -<p>Und doch haben wir schon ein Gesetz wenigstens entdeckt auch in dieser -Achse. Ohne ihre Schiefe selbst zu ändern, wandert sie in großen -Zeiträumen kreiselnd einmal herum. Sie sucht sich andere Sterne, auf -die sie deutet, bis sie endlich zum gleichen wiederkehrt. In einem -Zyklus von über zwanzigtausend Jahren geschieht das.</p> - -<p>Mehr als zwanzigtausendmal Frühling! Vor meinem Geiste, den auch die -große Lenzkraft anhauchte, erschien ein solcher Zyklus als Einzeljahr, -nur in unermeßlichen, höheren Verbänden. Da war die ganze Eiszeit mit -ihren fünfhunderttausend Jahren, die ihr Penck zuschreibt, nur ein -einziger Winter und ihr Ende nur ein großer Frühling. Vielleicht war -es der erste Frühling, den der ganz klar sehende, ganz begreifende<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> -Mensch erlebte! Vielleicht hatte noch lange vor dem, in der Kreidezeit, -der Frühling überhaupt erst begonnen. War die Erdachse einst gerade -gewesen wie die des Jupiter und hatte sich erst gesenkt in jenen -Urtagen der großen Saurier? Träume, wenn der Saft steigt mit seinem -Atmosphärendruck und die Wanderschwinge hunderte von Meilen wie ein -Spiel nimmt!</p> - -<p>Aber der Gedanke wanderte zurück auf den letzten dieser -Zwanzigtausendzyklen.</p> - -<p>Ich dachte, wie der große Hipparch um 150 v. Chr. schon dieses Kreiseln -der Erdachse, das den Polarstern verschiebt, wissenschaftlich erfaßte.</p> - -<p>Und wie es ein paar Jahrtausende weiter zurück schon hineingespielt -in die geheimnisvolle astronomische Mythologie der Ur-Babylonier, der -Sumerer, in die Tierkreis-Rechnungen und Tierkreis-Mythen dort. Es -ist das geheimnisvolle Volk, an das wir heute so oft und so lebhaft -denken, das immer gesuchte, endlich sicher gefundene Volk im Morgenrot -der Kultur, dessen Tempel eine Sternwarte und dessen Astronomie ein -Gottesdienst war.</p> - -<p>Und über diesem Volke, im Morgenhimmel all unserer Weisheit, ragen -schon die Zyklus-Rätsel der schiefen Erdachse, schimmern die großen -Zeichen der Über-Frühlings-Periode!</p> - -<p>Mir aber ist, als schimmere noch etwas anderes, etwas noch viel -Weihevolleres darin.</p> - -<p>„Aus den Gruben hier im Graben hör ich des Propheten Sang.“</p> - -<p>In welchem wunderbaren Auferstehungs-Frühling leben wir Menschen von -Tag zu Tag! Immer neue Welten der Vergangenheit tun sich uns kund, -leben auf in uns. Um 3000 v. Chr. begann diese „moralische Astronomie“ -der Sumerer schon zu verblassen, sich einzusargen zum Winterschlaf. -1900 n. Chr. rollt sie wie eine Frühlingsoffenbarung wieder über die -Erde, weil ein paar alte Tonzylinder mit Schriftzeichen sich gespiegelt -haben in der Kristallflut einer wunderbaren<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> kosmischen Höhenmacht: der -rückschauenden, die Geschichte wieder erweckenden Menschheitsseele.</p> - -<p>Ein alter astronomischer Traum kündet: wenn Du viel schneller noch -reisen könntest als der Lichtstrahl, der doch in jeder Sekunde -zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt, wenn Du die Lichtpost der Erde -von Jahrhundert zu Jahrhundert noch einmal überholen könntest: — das -Weltgeschehen würde sich Deinem Anblick umkehren, noch einmal sähest -Du Cäsar auftauchen unter den Dolchen der Brutus und Cassius, sähest -Sokrates mit seinem Giftbecher und die Sumerer auf ihrer Sternwarte, -die Gletscher der Eiszeit, die auf Norddeutschland lagen, und die -immergrünen Haine der Tertiär-Zeit, die Ur-Säugetiere von Neu-Mexiko -und den letzten Ichthyosaurus am Ausgang der Sekundär-Periode ...</p> - -<p>Wie ein Märchen klingt das.</p> - -<p>Der Mensch, dieser winzige Planetensohn, der durch die Schwere an -seiner harten, widerwilligen Scholle klebt, kann nicht fliegen. Fliegen -nicht einmal wie die Blaukehlchen. Geschweige denn mit dem Lichtstrahl.</p> - -<p>Und doch, — wie ich hier stehe und an die Sumerer denke und den -Tierkreis verschiebe — ich, hier an meinem Schlagholz-Stoß im -märkischen Kiefernwalde, ich bin mit allen in meiner Zeit auf solchem -Fluge.</p> - -<p>Unser Gehirn, das <em class="gesperrt">Geschichte enträtselt</em>, ist der Apparat, der -das Weltgeschehen sich aufstauen läßt, wie die Wasser sich vor dem -biblischen Helden stauten, der die Sonne rückwärts wandern heißt, der -die Dinge umkehrt und noch einmal auferstehen macht.</p> - -<p>Es war das <em class="gesperrt">raum</em>überwindende Meisterstück der Natur: diese -unendlich fein reflektierende Platte Menschenhirn, Menschengeist. Aber -es war auch die <em class="gesperrt">Zeit</em> damit überwunden im gleichen Moment, da -diese Platte auf die Vergangenheit eingestellt wurde, da sie rückwärts -gewandt wurde.</p> - -<p>Der Menschengeist, der Geschichte sinnt, — das ist die Auferstehung.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> - -<p>Er ist das große Ostergeschenk der Natur, der Ostertag der -Jahrmillionen.</p> - -<p>Sie haben ihn gemacht, diese Jahrmillionen. Nun zahlt er heim, indem er -sie erweckt.</p> - -<p>Und was hat er für Gaben dazu! Geht doch dieses Geschichtsschauen nicht -bloß durch Tabellen und Zahlen, durch winzige Mosaikstiftchen der -grabenden, wieder äußerlich sammelnden wissenschaftlichen Forschung. -Hinter diesen Stiftchen und Steinchen erhebt sich erst das ganz -Große des Menschen: seine <em class="gesperrt">Dichterkraft</em>, die Zeugekraft seiner -<em class="gesperrt">Phantasie</em>, die das Getrennte, das gräberhaft Zerfallene kraft -des inneren „Werde“ wieder zusammenschließt, bis die schlotternden -Gerippe wieder auferstandene Seelen sind, die mit uns leben.</p> - -<p>So verklärt sich die Geschichte als Forschung zur Geschichte als -Dichtung in dem höchsten Sinne, der in der Dichtung erst wieder die -ganze lebendige Wahrheit sieht. So wird das Schauen zur Tat. Und das -erst ist die ganze Auferstehung.</p> - -<p>Noch ist unsere Kraft jung.</p> - -<p>Noch ahnen wir kaum erst den ungeheuren Schöpferberuf, den -Erlöserberuf, der in uns gelegt ist: die Überwindung des zeitlichen -durch den ewigen Geist, in dem es keinen Tod, kein Alter, keinen Winter -gibt.</p> - -<p>Wenn unsere Wissenschaft aus Keilschrift enträtselt, was vor -fünftausend Jahren durch die Seele der Menschheit flutete und ebbte, -ahnen wir die eine Seite. Wenn durch die Dichterkraft Shakespeares -Julius Cäsar leibhaftig vor uns zu wandeln beginnt, dämmert die andere -auf. Aber eines stellt sich uns heute schon ganz dar: Nichts ist -verloren in der Natur, das nicht geweckt werden könnte.</p> - -<p>Das ist unserer Weisheit sicherster Schluß: keine Wirkung kann und -konnte je verloren gehen.</p> - -<p>Wenn ich meine Hand auf diesen Holzstoß hier lege, so zittert die -Kraftwelle durch alle Ewigkeit, ewig individualisiert, ewig zu finden, -im Brennspiegel der Kräfte wieder zu konzentrieren, zu fangen für den, -der — einen Brennspiegel besitzt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> - -<p>Das ist das Grundgesetz alles Geschehens, aller „Natur“ — aller -Gott-Natur.</p> - -<p>Der Urgrund der Dinge, der dieses Gesetz gesetzt hat, hat die -Unsterblichkeit zugleich mit gesetzt. Der Spiegel aber — und hier -liegt die zweite, die eigentlich krönende Tat — ist in unserer -Hand. Nun ist nur noch eines nötig: unendliche Zukunft. Und in diese -Unendlichkeit vor uns hinein wird die ganze Unendlichkeit hinter uns -wieder auferstehen.</p> - -<p>Der Specht oben rief wieder sein Glück, Glück, Glück.</p> - -<p>Wie der Ton verschwebte, verschwebte mein Träumen durch den herben -Frühlingstag.</p> - -<p>Er ist noch herb, unser Frühling. Eine junge Menschheit sind wir, -in den Anfängen erst. Halb schwankt der Zauberspiegel noch in einer -Kinderhand.</p> - -<p>Aber wie sonnig ist, daß alle unsere Wege zum gleichen Ziele aufwärts -lenken.</p> - -<p>Religiöses Schauen wirft den Auferstehungsgedanken uns wie einen -Blitz zu, der im Moment für alles andere zu blenden scheint. Aber die -Wissenschaft taucht auf, ohne Glanz, keuchend in schwerer Arbeit. Doch -die Idee umgoldet sie, und nun wird offenbar: sie ist auf dem gleichen -Wege. Und die Dichtung, ihr oft so fremd, erscheint nur als ihre eigene -Krönung, ihre Vollendung in das Lebendige hinein, das die zeugende Tat -ewig hat, während die Zerstückelung es nie erreicht.</p> - -<p>Indizienbeweis! Er genügt mir auch für die große Weltenfrühlingswelt, -wie Specht und Borkenkäfer für die kleine im märkischen Kiefernwald.</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Reisetagebuch_Schreiberhau">(Reisetagebuch. -Schreiberhau.)</h2> - -</div> - -<p>Über mir ragt es wie schwarze Zinnen einer gewaltigen alten -Schloßruine. Durch eine Lücke im zerfallenen Gemäuer hängt ein schräger -grauer Sonnenstreifen in den Schatten hinein wie ein jahrtausendalter -Wust Spinngewebe. Er deutet in den Schloßhof, der roh verwildert liegt. -Grünes Kraut<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> steht fast mannshoch in der ganzen Breite. Irgendwo -tropft Wasser, tickend wie eine gespenstische Uhr, aus dem Spalt eines -geborstenen Marmorbrunnens.</p> - -<p>Es ist Naturwerk, dieses Schloß.</p> - -<p>Seine Zinnen sind grotesk zerspaltene Granitzacken des Riesengebirges, -und der Schloßhof ist der innerste Kessel der großen Schneegrube.</p> - -<p>In uralten Tagen lag in dieser kraterartigen Höhlung unter der -Kammmauer ein Ungetüm, das mit bleichen Augen ins Tal hinunterglotzte: -der Gletscher.</p> - -<p>Mit seinen ungeschlachten Tatzen hat es die Blöcke dort herausgeschoben -und cyklopisch wie eine Brustwehr getürmt, mit seinem schwerlastenden -Leibe hat es den Grund ausgetieft zum gähnenden Kessel. Aber es ist -ihm im Laufe der Zeiten ergangen wie dem fetten Lollus im Keller in -Bechsteins Märchen: immer dünner und dünner ist es hingeschmolzen, -immer magerer lag es zum Schluß in seinem viel zu weiten Felsennest. -Heute weht nur noch ein leiser Schatten von ihm durch die Grube, ein -unsichtbar körperloses Etwas, das als kellerhaft kalter Hauch am leeren -Fleck noch einen letzten Kampf kämpft mit seiner furchtbarsten Feindin, -der Sommersonne.</p> - -<p>Wenn die Ebene weithin in allen Farben des Frühlings prangt und selbst -auf dem hohen Kamm die blauweißen Anemonen blühen, dann liegt in dem -alten Drachenkrater noch der Winterschnee zu zähen Lasten gehäuft. Aber -zuletzt muß er doch weichen. Die Wendestunde, in der einst der Drache -für immer der Sonne unterlag, wiederholt sich: die Sonne bezwingt auch -den letzten Schneestreifen der Grube. Einmal, am Ende der Eiszeit, -ist das entscheidend geschehen: einmal hat die Sommerwärme den ganzen -Schnee weggetaut, während früher immer ein Rest überdauerte als Zutat -zum nächsten Winter; damals ist das Ungeheuer des Gletschers ins Herz -getroffen worden durch Baldurs Schwert.</p> - -<p>Heute, da ich hier sitze, liegt die weite Landschaft am Kammesfuße -eingesponnen im heißen Juli-Glast.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> - -<p>Hier in der Schneegrube hat gerade endlich der erste Frühling gesiegt.</p> - -<p>Noch stecken in den tiefsten Granitschründen auch jetzt ein paar -letzte Schneeflecken, aber schon grau vom tauenden Zermürben. Lustige -Quickwässerlein rinnen leise davon herab. An der Grenze aber vollzieht -sich jenes liebliche Schauspiel des Frühlingssieges, das auf tauenden -Alpenpässen so oft meine Freude war: noch farblos weißliche oder gelbe -Pflanzenspitzen, spargelhaft eingerollte Blätterknospen, durchbrechen -mit eigener Kraft und Wärme die morsche Schneedecke, noch ehe sie -sich selber gelüftet hat. So ringt sich an der Furka die zierliche -violettblaue Soldanella (<span class="antiqua">Soldanella pusilla</span> und <span class="antiqua">alpina</span>) -sogar als geöffnetes Blütenglöckchen aus selbstgewärmten Schmelzlöchern -des Lawinenschnees zum Staunen des Naturfreundes heraus.</p> - -<p>Wo aber der Kesselgrund schon völlig frei ist, da erfüllt ihn ein -wahrer lebendiger Schnee: halbmeterhoch ragen in weitem, schneeweißen -Blumenteppich die wundervollen Dolden der seltenen narzissenblütigen -Anemone (<span class="antiqua">Anemone narcissiflora</span>), des „Berghähnleins“ der -Gebirgsleute. Auf jedem lichtgrünen Hauptstengel stehen etwa ein halbes -Dutzend großer Einzelblüten ganz nach Narzissenart. Ein berauschender -Honigduft liegt über der Wiese. Man kann über den ganzen Kamm wandern, -ohne dieser köstlichen Blume zu begegnen, hier aber tritt sie plötzlich -als Herrscherin auf, — das schönste Sinnbild des Sonnensieges im alten -Drachenbett.</p> - -<p>Auf der Gletschermoräne selbst aber stehen niedrige, noch völlig -blattlose Weidenbüsche im ersten goldenen Kätzchenschmuck, ein seltsam -später Anblick für den, der aus dem Tal kommt, wo längst alle Blätter -in schwerer grüner Sommerfülle rauschen.</p> - -<p>Einsam und still ist es hier.</p> - -<p>Oben an den Zinnen erscheint ab und zu ein punkthaft kleines Zwerglein -scharf vor dem Himmelsblau: einer aus dem endlos dort vorbeihastenden -Fremdenstrom, der sich etwas näher an den schwindelnden Abhang gewagt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> - -<p>Hier herunter kommt in Tagen keiner, denn selbst der kaum sichtbare -Pfad von unten her ist heute noch ein wahrer Steg ins Drachennest, -wie man ihn sich im Märchen träumt: Block um Block, wie ihn der -Riese abgerollt und liegen gelassen, will übersprungen sein und -dazwischen schiebt sich in jede Lücke noch viel unwegsameres Knieholz, -schwarzgrüne Büschel wie struppige Gnomenköpfe, aber zäh, als sollte -ein Schwimmer sich durch halbflüssiges Pech durchkämpfen.</p> - -<p>Eisdrache und Sonnenkampf, weiße Blütensterne — und Mensch. Das alles -ist <em class="gesperrt">Natur</em>.</p> - -<p>Immer vor solchem reinen Bilde bewegt mich der tiefe Widerspruch, der -in unserer Zeit durch dieses Wort geht.</p> - -<p>Ich denke an seinen wechselnden Klang in den Jahrhunderten.</p> - -<p>Da ist das Buch des Lukretius nahe der Wende vor Christus, im Abendrot -der echten Antike, — von der „Natur der Dinge“. Natur ist hier das -Offenbarungswort, das Himmel und Erde öffnet, das magische Wort, das -die „Dinge“ bewegt.</p> - -<p>Dann kommt eine Zeit, da heißt Natur soviel wie Teufelsspuk. Auf -einsamem Kreuzweg wird sie gesucht, wenn die Eulen schreien; mit -Bluthandschrift muß seine Seele verschreiben, wer sie sehen will.</p> - -<p>Aber aus dem Munde eines Mannes, der gelebt und geliebt, gelacht und -gegrübelt hat und der zuletzt auf dem Scheiterhaufen steht, um ein -Märtyrer seines naiven Menschentums zu werden, — aus dem Munde des -Nolaners Bruno ringt sich das Wort: Gott-Natur.</p> - -<p>Dann kommen Rousseaus Tage, und ein Klang romantischer Wehmut, die -Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese, zittert aus dem Wort.</p> - -<p>Der größte Dichter vom deutschen Stamme steht in seinem Garten vor -dem Wunder eines grünen Blattes und wiederholt abermals das große: -Gott-Natur.</p> - -<p>Und nun ist das Wort schon mit hineingerissen in die wilden Wogen -des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Getöse ist plötzlich darin wie von -einer ungeheuren stampfenden Maschine.<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Ein tausendstimmiger Jubelruf -erschallt, Kränze wehen, — heisa, der Mensch sitzt hoch auf dieser -Maschine, sie trägt ihn, er regiert sie. Seine Natur! Der Mensch Herr -der Naturkräfte, Herr der Welt. Diese Hoffnung reißt empor wie ein -Schwindel.</p> - -<p>Aber die Vision wechselt jäh.</p> - -<p>Der weiße Dampf der Lokomotive teilt sich und auf einmal liegt der -Mensch unter der Maschine, ein zuckendes Haupt auf blutiger Schiene. -Fühllos geht die Maschine über ihn fort. Und die sterbende Lippe -stammelt „Gott-Natur“, — es klingt aber wie eine Blasphemie.</p> - -<p>Kein Wort in unserer Zeit wiegt so schwer wie dieses Wort Natur.</p> - -<p>Alles drängt darauf, ringt und lechzt darnach. Dieser Begriff Natur -hat die Sterne erobert, die Billionen von Meilen von uns abstehen, -er hat den Menschen selber erobert, hat die Geschichte erobert, die -Milchstraße ist ihm nur ein Zeichen, der Mensch eine Station, die -Zukunft eine mathematische Gleichung.</p> - -<p>Und doch ist vielleicht kein zweites Alltagswort unserer Tage so wenig -geklärt, so verschleiert, so mißverstanden wie „Natur“.</p> - -<p>Auf ungezählten denkenden Menschen liegt es wie ein Tyrann.</p> - -<p>Sie wissen nicht, wie sie ihm entrinnen sollen, aber sie fluchen ihm. -Jeder Fortschritt der Naturforschung erscheint ihnen wie ein Schritt -mehr zum Minotaurus hin, der sie in seiner Höhle zu Asche verbrennt.</p> - -<p>Was tut’s, wen tröstet’s, ob in diesem Minotaurus ganze Sonnensysteme -mit uns sinnlos verpulvert werden. Je größer das Ungeheuer wird, es -steigert sich nur seine Ungeheuerlichkeit. Du magst diesen Leuten von -Doppelsternen und Marskanälen, von Urweltmeeren und dem Werdegang des -Menschen zwischen tollem Getier erzählen: das Gemüt hat immer nur das -Gefühl, daß es selber dabei gefressen wird. Nun hat dieser Drache auch -schon die Geschichte des Menschen. Wo wird er Halt machen? Alles packt -er. Gibt es denn gar keine Grenzen dieses Verheerungszuges?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> - -<p>In mein einsames Sinnen mischt sich wieder ein altes Bild.</p> - -<p>In einem verwitterten Büchlein fand ich unlängst Dokumente aus dem -Leben des Naturforschers Konrad Gesner, des Meisters der Tierkunde im -sechzehnten Jahrhundert. Ich suche seit Jahren Stoff zusammen über sein -Leben. Daheim habe ich die alten Pracht-Folianten seiner Werke, ein -Monumentalwerk deutschen Fleißes.</p> - -<p>Zeit seines Lebens war er ein armes dürres Männlein, dieser Gesner, -unsagbar fleißig, mit den großen Augen des Genies, aber vom Leben -unerbittlich gedrückt. Und doch: eins drückte diese Seele nicht: -Skrupel über den Natur-Begriff. Sie war nicht gerade besonders -liebenswürdig gegen ihn im gewöhnlichen Sinne, diese Natur. Um ihn, -den pflichttreuen Arzt, wütete die Pest. Mit 49 Jahren schon ist er -selber ihr erlegen. Als sie, die er mannhaft bei anderen bekämpft, ihn -endlich selber „hatte“, da hat er sein Testament niedergeschrieben, das -uns heute noch erhalten ist. Er hatte nicht über allzuviel Glücksgüter -zu verfügen. Nur eine Rente von hundert Gulden kann er stiften, daraus -sollen jährlich zwei ärmste Kinder gekleidet werden. Aber seinem -Geschlecht läßt er eine andere Aufgabe vergeistigterer Art. Je einmal -im Jahr soll die Familie sich in allen ihren Gliedern zu einem frohen -Liebesmahl vereinigen. Ein goldener Becher soll dabei kreisen, den er -mit dem Testament übergibt. „Sonderlich“ sollen daraus die trinken, -„welche etwas Zwytrachts miteinander gehebt.“ Nach dem Mahl soll -einer ein paar Sprüche aus dem Evangelium vorlesen, „welche dienind, -Fried, Liebe und Einigkeit zu förderen.“ „Demnach,“ aber heißt es zum -Schluß, „soll er ihnen fürhin bringen (vorzeigen) meine Figurenbücher -der Tieren, daß sy sich die zu besächen belustigend, und durch myn -Gedächtniß, auch ihre Kind, welche tugendlich, zu der Lehr oder sonst -zu guten und ehrlichen Künste und Uebungen erzüchten.“ Dieser Mann -hatte kein Gefühl dafür, daß sein „Tierbuch“ die Weihe jener Sprüche -stören könne. Es ist ein friedevoller Optimismus, der aus den Worten -dieses besten Kenners der „Natur“ in seiner ganzen Zeit spricht ....</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> - -<p>Das Ergebnis der unheilvollen Trübung, die für unsere Tage das Wort -„Natur“ bedeckt, ist der immer tiefer fressende Pessimismus.</p> - -<p>Es ist die Weltanschauung des knirschenden Sklaven.</p> - -<p>Man fühlt, daß man gegen die überwältigenden Resultate der -Naturforschung dauernd nichts machen kann. Dieser Sieg kommt ja nicht -allein durch den Gedanken. Man darf Darwin in den Boden verfluchen -und steigt doch in eine Eisenbahn, spricht durch ein Telephon. Von -dieser Ecke her gibt’s kein Entrinnen, und wer einmal in der realen -Bahn sitzt, hält schließlich doch auch bei der Station Darwin, ganz -unversehens. Aber man glaubt zugleich zu fühlen, daß man damit etwas in -Kauf nehmen soll, was das ganze innerste Leben lahmlegt. Man bekommt -einen Toten ins Haus für immer. Zuerst heißt die Folgerung Resignation. -Und dann heißt sie Pessimismus.</p> - -<p>Täuschen wir uns nicht: der Pessimismus als theoretisch ausgesprochene -lehrhafte Philosophie ist immer nur eine gelegentliche Erscheinung; -der Pessimismus der Stimmung aber nagt und nagt bei uns fortgesetzt -wachsend in allen Kreisen, wo man unter jener Sonnenfinsternis des -Naturbegriffs wandelt und diese Sonnenfinsternis für ein Ergebnis der -Astronomie hält.</p> - -<p>Für mich liegt hier mehr und mehr eine Sache auf Biegen oder Brechen.</p> - -<p>Ich bin mir nicht einen Moment mehr unschlüssig, daß in der Frage -„Optimismus und Naturforschung“ die Schicksalsfrage der ganzen -künftigen Naturforschung liegt.</p> - -<p>Wenn die Naturforschung ihren Naturbegriff nicht aus dem Pessimismus -herausbekommt, so geht sie im ganzen doch wieder herunter und muß -heruntergehen.</p> - -<p>Gewiß: wir steigen in die Eisenbahn. Aber täuschen wir uns doch auch -darüber nicht, daß technische Erfindungen wohl eine Weile so fortreißen -können, daß alles andere darüber in den Hintergrund kommt, — aber auf -die Dauer hält das allein nicht stand. Wenn die Idee all dieser Dinge -endlich überall in den Pessimismus führt, so erlischt schließlich doch -das Interesse auch an diesen Erfindungen, es stirbt eben an dieser<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> -Idee. Wenn ich ideell doch immer auf der Schiene liege mit einem Knebel -im Mund und einem Strick um Arme und Beine, so wird schließlich auch -die Freude an der Eisenbahnfahrt immer dünner, die Fahrt weckt nur -fatale Assoziationen. Und endlich steige ich lieber wieder in die alte -rappelnde Postkutsche.</p> - -<p>Ich persönlich gestehe gern, daß ich ohne eine optimistische -Grundlinie in meinem Naturbegriff selber die eigene Beschäftigung -mit naturwissenschaftlichen Dingen längst eingestellt hätte. Nichts -wäre mir mehr zuwider, als das Paktieren, das ewige Versuchen, um die -Allgewalt dieser Dinge herumzukommen.</p> - -<p>Ich sehe ja, wie es anderen geht. Sie suchen auch aus der schwarzen -Flut des Pessimismus sich herauszuhalten. Aber im Grunde ist ihnen alle -Naturforschung doch nur die ewige Gleitbahn in diesen Pessimismus. So -suchen sie „Grenzen des Naturerkennens“, Mauern, wo der Naturforscher -angeblich nicht weiter kann. Da soll endlich das Reich der Trübsal -aufhören, der blaue optimistische Sonnenhimmel doch noch beginnen.</p> - -<p>Täuschen wir uns aber wieder nicht.</p> - -<p>Es gibt diese Grenzen nicht.</p> - -<p>Die Naturforschung ist nicht abzugraben etwa vom Seelischen, wie -ein Maulwurf durch einen Wasserkanal. Ihr Naturbegriff muß auch das -umspannen, wenn er nicht eine Narretei sein will, — es fragt sich bloß -wie. Das bequeme „Ignorabimus“ eines Naturforschers, der im Grunde -seines Herzens nie etwas anderes als Stockmaterialist war, hilft -nicht fort von der viel größeren, tieferen, schwereren Aufgabe: den -Naturbegriff selber vor der pessimistischen Vernachtung zu retten. Hier -gilt das alte Wort: Davonlaufen nützt auf keinen Fall.</p> - -<p>Auch mit dem Zweifel an dieser oder jener naturwissenschaftlichen -Einzelhypothese ist nichts getan. Mit ein bißchen Zweifel an der -Zuchtwahl oder sonst einem Stück Darwinismus oder mit einem allgemeinen -schnodderigen Satz eines Kritikers, dem der ganze Darwinismus noch -nicht mechanistisch <em class="gesperrt">genug</em> ist, kommst Du nicht durch, so -fröhlich das auch heute wieder dieser und jener träumen mag.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p> - -<p>Das alles sind kleine Mittelchen, die einen Moment den Laien froh -machen können, aber dauernd doch an die Sache nicht rühren.</p> - -<p>Denn die großen Linien im Sachmaterial der heutigen Naturforschung -lassen sich nicht mehr umwerfen. Es bleibt die allgemeine -Naturgesetzlichkeit, es bleibt die Grundtatsache allgemeiner -Entwickelung, es bleibt der Mensch als Glied in der großen Kette der -Natur. Um diese Dinge kommen wir schlechterdings nicht mehr herum, -und was an der Anerkennung dieser Hauptlinie schon stirbt von älteren -Anschauungen, das muß eben sterben.</p> - -<p>Was ich aber behaupte, ist, daß es einem <em class="gesperrt">tieferen religiösen</em> -Empfinden gar nicht einfällt, hier zu sterben, wofern nur eine Klärung -über den Naturbegriff und eine Loslösung vom Pessimismus damit Hand in -Hand geht.</p> - -<p>Die erste Aufgabe ist allerdings, daß man den Menschen nicht wieder -gewaltsam <em class="gesperrt">losreißt</em> von der Natur aus lauter Eifer für „Natur“. -Das ist bisher mit wahrer Hartnäckigkeit geschehen.</p> - -<p>Der Begriff „Kraft und Stoff“ hat dabei eine merkwürdige Rolle gespielt.</p> - -<p>Seltsam genug ja: unsere Zeit ist die erste, die wirklich Ernst damit -gemacht hat, den Menschen restlos einzubeziehen in die Natur. Aber -diese unsere gleiche Zeit hat sich auch alle Mühe gegeben, ihn durch -unglückliche Begriffsworte in seinem ganzen Fühlen weiter wieder von -der Natur fortzugraulen als irgend eine.</p> - -<p>Kraft und Stoff sind in der exakten Forschungssprache vortreffliche -und durchaus nötige Abstraktionen. Man kann sie auch philosophisch -anstandslos benutzen, um eine bestimmte Linie einheitlichen -Zusammenhanges der Dinge in der Welt zu begründen. Lege ich dieses -Formelwort aber didaktisch als Generaldefinition der „Natur“ <span class="antiqua">sans -phrase</span> zu Grunde, so werfe ich grade den Menschen vor dieser Natur -in eine unfaßbare Öde.</p> - -<p>Ich werfe ihn nämlich nicht, wie die Schwärmer für das<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Wort gemeint -haben, in die höchste Realität, sondern in die äußerste Abstraktion.</p> - -<p>Um den Menschen in die Natur zu bringen, ziehe ich von ihm ab und ab, -bis nur das ausgezehrteste, mit nichts mehr greifbare Gespenst übrig -ist. Dann ziehe ich die ganze übrige Natur ebenso fasernackt aus und -nun endlich bringe ich die Ähnlichkeiten zusammen. In dieser Eiseskälte -erfriert aber dem Beschauer die Natur, und sein eignes Eingehen in -diese Natur bedeutet ihm nichts anderes als auch nur ein Miterfrieren.</p> - -<p>Im Grunde bleibt ihm trotz alles Redens seine eigene Kraft-Stoffheit -etwas ebenso absolut Fremdes wie die der Natur. Und auf diesem Wege -kommt er von sich als lebendig warmem Menschen nie und nimmer zu der -sonst bekannten Natur, — das <span class="antiqua">tertium comparationis</span> ist ein -Gespenst, das er an beiden nicht kennt. Schließlich wird er es ja der -Natur noch eher andichten mögen als sich. Dann ist er aber erst recht -von ihr fort, weiter als je. Ich begehe eine Handlung, die im Sinne der -Menschenliebe ist, wie sie am schlichtesten nach wie vor die Sprüche -des Evangeliums aussprechen: — Kraft und Stoff. Ich begehe die aufs -äußerste entgegengesetzte Niederträchtigkeit: Kraft und Stoff. Ich lebe -oder bin tot, glücklich oder unglücklich, arbeitsam oder faul, bin ein -Mensch oder bin der Sirius: Kraft und Stoff. Dieser Begriff gehört zu -denen, die, weil sie überall passen, nirgendwo passen.</p> - -<p>Die Folge dieser künstlichen Trennung des Menschen von der Natur ist -aber der erste Teufelsfinger für den Pessimismus.</p> - -<p>Der arme Hörer denkt, es muß nun einmal dieser Kraft-Stoff-Natur sich -ausliefern, er empfindet es aber innerlich als einen Absturz wie vom -prangenden Leibe eines schönen Mädchens zum schlotternden Skelett. Alle -wahre Entwickelung hört ihm zugleich auf, denn alles ist ja eins. Eine -uferlose graue Weltöde frißt ihn in sich hinein: der Minotaurus Natur.</p> - -<p>Und dabei bedeutet doch diese ganze Idee von „Kraft und Stoff“ -tatsächlich gar nichts anderes als die naturwissenschaftlich<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> exakte -Formel für etwas, was die Gottes-Vorstellung auf ihrer höchsten Stufe -genau so suchte: die Existenz nämlich von Zusammenhängen in der -Gesamtwelt, von einem durchgehenden Grundprinzip. Es ist das gleiche -Prinzip, das in der Absolutgültigkeit der Logik und der mathematischen -Verhältnisse vor uns auftaucht. Auf diese eine Karte aber nun die ganze -Definition der Natur setzen wollen, wäre genau so, wie wenn einer -etwa als einzige Eigenschaft seines Gottes hinstellen wollte: er ist -unendlich, und nun verlangte, daß wir auf Grund dessen schon in ein -religiöses Gemütsverhältnis mit diesem Gotte einträten.</p> - -<p>Gerade die strengste Naturforschung zwingt uns, in diesen Begriff Natur -noch ganz andere Dinge als entscheidend aufzunehmen vom Moment an, -da wir Ernst damit machen, den Menschen vollständig in die Natur zu -übernehmen.</p> - -<p>Wir Menschen überschauen ein gewisses Stück Weltbegebenheiten. Räumlich -ein Stück nebeneinander, bis in die fernsten Nebelflecke. Durch die -Verzögerung des Lichtstrahls aus der großen Ferne ordnen sich schon die -entfernteren Raumdinge zum Teil direkt in Zeitdinge um. Andere nähere, -greifbare Merkmale vergangener Tage um uns her kommen hinzu und so -sehen wir schließlich auch einen Zeitausschnitt, ein Hintereinander -von so und so viel Millionen Jahren mehr oder minder deutlich. Etwas -anderes zu Aussagen über die „Natur“ haben wir nicht als den Inhalt -dieses für uns begrenzten Raum- und Zeitausschnitts.</p> - -<p>In diesem doppelten Ausschnitt aber sehen wir nun keineswegs bloß ein -belangloses Auf- und Abplätschern eines Stoff- und Kraftmeers.</p> - -<p>Wir sehen vielmehr eine höchst eigenartige <em class="gesperrt">Entwickelungslinie</em>. -In dieser Linie stehen aber wiederum nicht bloß aufglänzende und wieder -verglühende Sterne, Wechsel von warm und kalt, Auftauchen irgend eines -Sauriers und Wiederabsterben seiner Art.</p> - -<p>Vielmehr vollziehen sich darin die allereigentümlichsten Sachen und -zwar werden uns diese aufdringlich deutlich vom<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> Moment an, da wir den -Menschen restlos aufgenommen haben in diese Linie der Entwickelung.</p> - -<p>Der Laie hört heute: der Mensch stammt vom Affen ab. In der Form, wie -er das zu hören bekommt, liegt vielfach das gleiche Unglück, wie bei -jener Kraft-Stoff-Antwort. Du stammst vom Affen ab, folglich bist -du eigentlich nur ein Affe; zähme deinen Ehrgeiz, steige eine Stufe -herunter, laß dich von einem Niedrigeren, von der tierischen Natur -fressen: — Minotaurus. Auch hier liegt die pessimistische Folgerung -auf der Hand: was nützt Dein Arbeiten, Du bleibst, was Du warst, -Kraft, Stoff, Tier, Affe — in Summa: ewig gleichförmig plätschernde -„Natur“, dieses scheußliche, allesverschlingende graue Abstraktum. In -Wahrheit ist die entscheidende Folgerung: der Affe ist also nur ein -Übergang gewesen zu unvergleichlich viel Höherem, es gab etwas in der -organischen Entwickelung, das den Affenzustand wie eine Puppenhülle -abwarf und zum Lichte flog.</p> - -<p>Von solcher Betrachtungsweise kommt man auf ganz andere Schlüsse auch -im Menschen selbst vor der Natur und in der Natur. Der schlichte -Übergang der Lebensstufe unterhalb des Menschen in den Menschen hinein -nach einfachem Naturgesetz bleibt nicht nur bestehen, er wird sogar zu -einer Säule des wahren Baues. Nur durch ihn gewinnen wir ja ein Recht, -zu sagen: der Mensch ist auch ein Stück Natur, eine Stufe der sich -entwickelnden Natur. Wenn der Mensch das aber ist, so gewinnt die Natur -ganz unzweideutig das folgende höchst eigenartige Antlitz.</p> - -<p>In dem Stück Entwickelung, das wir überschauen können, zeigen sich dann -zwei ganz überwältigend große Entwickelungsstufen. Die erste will ich -als die Stufe des <em class="gesperrt">Gesetzes</em> bezeichnen, die zweite als die Stufe -der <em class="gesperrt">Liebe</em>.</p> - -<p>Die erste Stufe ist für uns eine gegebene im Moment, da der Vorhang uns -über dem Kosmos zeitlich aufgeht.</p> - -<p>Sogleich und für uns vom ersten Tage an sehen wir hier die Welt -ausgeliefert einer unerschütterlichen Gesetzmäßigkeit. Bestimmte Bahnen -sind den Stoffen fest eingepaukt. Ein Körper,<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> der unter bestimmten -Schwereverhältnissen fällt, fällt nach einem ganz bestimmten Gesetz -immer so. Und der Sinn gleichsam aller Dinge scheint erschöpft in -diesem Naturgesetz.</p> - -<p>Es hat etwas Großartiges in seiner ruhigen Majestät, dieses Gesetz, -aber auch etwas Unerbittliches. Welten fallen aus seiner Hand: -Milchstraßen, Fixsternsysteme, Sonnen. Es gibt keinen Zufall vor ihm: -alles muß so sein, wie es ist. Aber alles Werden, alle Welten, die -entstehen, scheinen zunächst in ihrem Sinn auch erschöpft in diesem Muß.</p> - -<p>Dieses Ur-Naturprinzip wird mit derselben Ruhe, womit es eine Welt -schafft, diese Welt auch wieder zertrümmern, wenn sie eine Fehlerquelle -in sich hat. Es ist die Inkarnation einer unerbittlichen Gerechtigkeit -einfacher Art: was wird, muß seine Folge tragen. Wird es schlecht, -so stürzt seine Strafe über es herein, wird es gut, so erntet es -unendlichen Lohn.</p> - -<p>Wir brauchen nicht von Gravitation und anderen naturgeschichtlichen -Werten zu reden, — dieses unerbittliche Gesetz ist uns aus einer -anderen Quelle mindestens ebenso geläufig: in dem alten Bibelworte -nämlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Es ist der moralische Triumph der -Formel <span class="antiqua">A</span> = <span class="antiqua">A</span>.</p> - -<p>Ich sage, dieses Gesetz ist für uns da mit dem Anfang der Welt. -Das ist an sich freilich noch kein Beweis, daß es ewig da war. Es -könnte sich selber in unbekannten Vor-Äonen erst entwickelt haben, -als eine Überwindung des regellosen Zufalles im Geschehen, als das -erste ungeheure Ordnungsprinzip, das sich herauskristallisierte in -unendlichen Vorkämpfen der Welt. Diese „Mythologie der Logik“ braucht -uns hier jedenfalls nicht zu beschäftigen.</p> - -<p>Sicher ist, daß das Gesetz da ist, wo unsere Erkenntnis beginnt. -Das geringste Ballungsstäubchen Nebelmaterie, mit dem unsere ganze -Entwickelung eingesetzt haben könnte, können wir uns nur vorstellen -schon im Banne dieser Gesetzmäßigkeit.</p> - -<p>Aber ebenso sicher wieder sehen wir weiterhin, innerhalb jenes uns -sichtbaren Stückes Naturentwickelung, eine Fortentwickelung über dieses -Prinzip hinaus.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p> - -<p>Auch wir Menschen auf dieser Erde, Natur wie wir sind, hängen in -jener großen Gesetzmäßigkeit. Wenn wir fallen, fallen wir nach der -mathematischen Weltregel des Gravitationsgesetzes. Wieviel wir der -Natur außer uns hinlegen, soviel erhalten wir zurück, Kraft um Kraft. -Messen wir das an einem wüsten Zufallsgeschehen, so müssen wir uns -ehrlich dessen freuen.</p> - -<p>Nur diese Gesetzmäßigkeit aller, aber auch absolut aller Vorgänge der -Welt hat uns, wenn noch in beschränktem Maße, so doch anwachsend mit -jedem Tage, zum Herrn so vieler Naturprozesse werden lassen. Dieser -ungeheuren schlechterdings untrüglichen Ehrlichkeit der Natur verdanken -wir alle Erfolge unserer Technik. Kein Zündhölzchen zünden wir an, kein -Haus steht, kein Schiff fährt ohne diese Verläßlichkeit der Natur.</p> - -<p>Und doch!</p> - -<p>In uns Menschen arbeitet sinnfällig noch etwas über diesem Prinzip.</p> - -<p>Ein geliebter Mensch beugt sich zu weit über das Fensterbrett und -stürzt ab. Er muß stürzen nach dem Naturgesetz der Schwere. Er stürzt, -weil Logik gilt; er stürzt, weil <span class="antiqua">A</span> = <span class="antiqua">A</span> ist. Sein Einsatz, -seine Schuld war das Hinauslehnen. Die Naturgesetzlichkeit vollzieht -das absolute „Muß“, den Lohn: er stürzt und liegt zerschmettert da. -Unerbittlich.</p> - -<p>Wir aber fragen: konnte diese Schuld nicht vergeben werden?</p> - -<p>Unser Herz ringt gegen dieses „Muß“, es ist uns auf einmal etwas -Furchtbares, scheint uns entsetzlich vor solchem Falle.</p> - -<p>Wenn wir zu entscheiden gehabt hätten: unser ganzes bestes Inneres -hätte sich aufgelehnt gegen diese furchtbare Konsequenz, tausend -Stimmen des Mitleides, der Solidarität von Mensch und Mensch hätten -sich erhoben in uns, unser ganzes höchstes sittliches Empfinden hätte -gerufen „Nein!“</p> - -<p>Und doch sind auch wir Natur.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p> - -<p>Aber das macht: in uns Menschen ist schon ein zweites Prinzip.</p> - -<p>Die Liebe.</p> - -<p>Das Mitleid, die Toleranz, das Eingehen auf jede Sehnsucht des -einzelnen, das Vergeben der Schuld, die höhere Gerechtigkeit.</p> - -<p>Überschauen wir auf dieses Prinzip hin jenes allein bekannte Stück -Weltengang, so müssen wir sagen: der ganze aktive Inhalt dieses Stückes -ist wesentlich die allmähliche Entwickelung dieses zweiten Prinzips.</p> - -<p>Da entsteht die Erde und durch diese Erde, auf dieser Erde entsteht -als ihre höchste Äußerung der Mensch. Im Menschen aber zeigen sich die -Keime endlich ganz offen. Auf einer bestimmten Stufe seiner natürlichen -Kulturentwickelung hören wir aus seinem Munde frei als Ideal -aussprechen: fortan soll nicht mehr gelten Auge um Auge, Zahn um Zahn, -sondern siebenmal siebenmal sollst Du eine Schuld vergeben um der Liebe -willen. Der Fortgang der Menschheit seitdem ist ein langsamer, aber -zäher Versuch, das nicht bloß zu sagen, sondern durchzuführen. Über den -Ausgang besteht für mich kein Zweifel. Wir arbeiten an der Realisierung -dieses Ideals, und all unser sittlicher Fortschritt geht hierher.</p> - -<p>Vergleicht man nun die beiden Naturprinzipien miteinander, so erscheint -das erste wie das alte Testament der Welt, und das zweite wie das -neue. Das erste reicht von dem uns erschaubaren „Anfang der Welt“ bis -in den Menschen hinein; das zweite läßt sich, als auf seinen ersten -ganz hellen irdischen Lichtpunkt hin, mit einem Namen lokalisieren bei -Christus, mit dem jenes Ideal zweifellos den ersten festen Schritt -zur Tat getan hat, einerlei wie sich nun der Schleier über der -Persönlichkeit einmal löse.</p> - -<p>Auch diese beiden Naturprinzipien haben das Eigenartige, daß das zweite -nicht kommt, um das erste aufzuheben, sondern nur um es in ein Höheres -hinein zu erfüllen.</p> - -<p>Die Liebe wirft die Welt keineswegs wieder zurück in den wüsten -Zufall. Sie umfaßt das rein Gesetzmäßige, —<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> wie ja ihr Träger für -unsere Kenntnis, der Mensch, sich rein natürlich auch im Banne dieses -Gesetzmäßigen entwickelt hat, ohne Riß, ohne Magie. Aber sie bringt in -dieses Gesetzmäßige einen neuen Sinn.</p> - -<p>Dem Zufall gegenüber war schon ein großer Sinn das einfache „Muß“. -Die Liebe aber sagt jetzt: das Muß tut es noch nicht. Das Muß -schafft Glück, aber auch mit der gleichen Folgerichtigkeit bis ins -siebente Glied heilloses Unglück. Die Liebe aber will nur Glück, -nur Beglückendes. Sie wird das Muß nicht als solches aufheben, aber -sie wird versuchen, es in ihren Dienst zu stellen: das folgerichtig -Schlechte wird sie auszurotten suchen und nur das folgerichtig Gute -erhalten.</p> - -<p>Die Frage wird sich nur hier vorwagen, ob sie das kann.</p> - -<p>Betrachten wir aber wieder das Stückchen uns bekannter Tatsachen.</p> - -<p>Wäre die Liebe etwas dualistisch der Natur Entgegengesetztes, so möchte -die Antwort heikel sein. Aber sie ist ja selber in unserer Linie nur -die sich entwickelnde Natur. Und da ist eins wieder über alle Maßen -überraschend.</p> - -<p>Diese Liebe leuchtet genau erst da auf, wo wir im Kulturmenschen ein -Wesen sehen, das zugleich mit Siebenmeilenstiefeln auf die Herrschaft -über das ganze „Muß“ losschreitet, — auf die <em class="gesperrt">Herrschaft über alle -Naturgesetzlichkeit</em> wenigstens seines engeren Bereichs. Der Mensch -in diesem Sinne, „Herr der Erde“ als Techniker, als Naturforscher — -und dieser Mensch durchdrungen von der Liebe: — diese Erde wäre ein -Reich der Liebe innerhalb ihrer Naturgesetzlichkeit und durch sie.</p> - -<p>Nun mag man ja sagen, dieser Mensch mit seiner ganzen Erde sei nur ein -Pünktlein in der Natur. Ein Sternlein sei diese Erde unter Milliarden. -Was will das eine Sternlein der Liebe selbst dann gegen Milliarden -Sterne der fortgesetzten reinen Naturgesetzlichkeit bloß im alten Sinne.</p> - -<p>Aber gerade weil ich das Auftauchen des Menschen und der Liebe in -ihm nicht als eine Magie auffasse, sondern als ein naturnotwendiges -Werden auf dieser Erde, halte ich solche Notwendigkeit auch auf anderen -Weltkörpern für möglich.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> - -<p>Ja, ich halte sie aus strengen Verstandesgründen sogar für sicher. -Ich sehe in der Menschwerdung eine kosmische Stufe, die genau so -milliardenmal eintritt zu ihrer Zeit, wie Milliarden Sterne leuchten -gleich unserer Sonne zu ihrer Zeit.</p> - -<p>Aus der Naturstufe Mensch wird sich aber immer auch das Naturprinzip -Liebe neu offenbaren, milliardenmal, durch die ganze Natur hindurch, — -wenn es eben ein Naturprinzip, eine höhere sich entfaltende Form dieser -Natur ist.</p> - -<p>Auf jedem belebten Weltkörper werden Menschen erwachen und in -diesen Menschen ein Funken Liebe und zugleich ein Wegstückchen -Naturbeherrschung, — ein Stückchen Bändigung der Natur zu Zwecken der -Liebe.</p> - -<p>Und in diesem ihrem Werk müssen die Funken wohl schließlich sogar -zusammenfließen. Ist doch die Verbindung zuletzt eine reine Frage -der Technik. Was sollen wir aber einer Technik für Schranken setzen, -die sich Millionen von Jahre über das hinaus entfaltet, was wir -heute besitzen. Zusammenhänge werden sich herausstellen zwischen den -unzähligen kleinen Ecken und Winkeln der Naturbeherrschung.</p> - -<p>Im Moment, da alles Geschehen der Welt in den Händen, im Willen -intelligenter Wesen liegt, alle Naturgesetzlichkeit nur in der Linie -arbeitet, die dieser Wille will, — in dem Moment würde die zweite -Stufe erfüllt sein. Naturgesetz und Liebe fielen zusammen im Sinne, daß -das Naturgesetz nur mehr wirkte in der Richtung der Wünsche der Liebe. -Seine unendlichen Möglichkeiten wären sozusagen polarisiert auf die -eine Ebene — der Liebe.</p> - -<p>Für unsern Blick, in der Linie, die wir allein auf unserer Stufe -denken können, bedeutete das die Stufe der vollkommenen Seligkeit: den -Himmel. Wobei immerhin offen bleiben mag, wie auch diese Stufe von noch -weiterer Entwickelung überwunden, überboten werden könnte.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Solange die Menschheit jetzt über sich nachdenkt und Ideen darüber -schriftlich niedergelegt hat, ist sie immer auf diesen fernen -Zielgedanken hinausgekommen einer gesetzmäßigen Welt,<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> aber mit -einer obersten Leiterin in dieser Gesetzmäßigkeit: der Liebe. Die -Gesetzmäßigkeit sorgend für die ewig Fortwirkung jeder Ursache. Aber -die Liebe das erste „Daß“ setzend, von dem alle diese Fortwirkungen -ausstrahlen.</p> - -<p>Unsagbar aber hat sich der Gedanke abgequält mit der Tatsache, daß -offenbar dieses Ideal heute noch nicht erfüllt sei.</p> - -<p>Ungeheure Ketten solcher naturgesetzlichen Folgerichtigkeit liefen auf -höchste Unlust, auf das Gegenteil aller Liebesforderung hinaus.</p> - -<p>Man stieß eben gegen den Sachverhalt, daß wir erst im <em class="gesperrt">Werden</em> der -zweiten Stufe stehen, daß hinter uns nicht die Liebe, sondern die Stufe -des wahllosen Muß steht, während erst vor uns, in der Ferne und durch -uns in endlosester Projektion, die wahre Aufhebung dieses Muß in die -Liebe steht.</p> - -<p>Schließlich hat aber auch an den verschiedensten Stellen das unentwegte -Grübeln auf die Zukunftshoffnung geführt: auf die Idee einer Seligkeit -in einer Ferne der Zeit, am „Ende der Dinge“, am „jüngsten Tag“, im -„Nirwana“, und wie die Worte lauten mochten.</p> - -<p>Auch das ist der grübelnden Menschheit immer und immer wieder klar -geworden: ihre seltsame Zwitterstellung halb scheinbar mit der „Natur“, -halb gegen die „Natur“.</p> - -<p>Es waren die zwei Stufen der Natur, die in ihr rangen: die Raupe, die -unter quälendem Schmerz sich selber als Puppe gebären soll.</p> - -<p>Abwechselnd fühlte der Mensch sich Herr der Natur und gefressen von -der Natur. Heute liebend, geliebt, die Wunden heilend, die Beladenen -aufrichtend, die Dinge regierend nach seiner Seligkeitssehnsucht, die -alle gleich beglücken, verklären sollte. Morgen in Krankheit, die jäh -aus seinem Innern fraß, vom Dämon besessen, unter Leichen hinstürzend, -tausendfach im Bann völlig unverständlicher, unbeherrschbarer, -unberechenbarer „Notwendigkeiten“, die einfach blind, gefühllos ihre -Bahn abklapperten.</p> - -<p>Und der Bedrängte, Ratlose konstruierte in der Not einen ewigen -Gegensatz der Dinge: hier das „Ich“, Liebe setzend,<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> einiges -vollbringend, aber dann wieder ohnmächtig, — dort „die Natur“, die -weltengroße kalte Muß-Maschine, die um der Konsequenz der heiligen -Logik willen alle Gefühle und Sehnsuchten zermalmte.</p> - -<p>Auch hier war das Symptom erfaßt, — bloß der Sinn hinkte.</p> - -<p>Es kam die Antwort Hiobs, daß wir den Sinn der Welt nicht verstehen -könnten, weil wir zu klein sind.</p> - -<p>Oder die furchtbare Antwort des Harfners bei Goethe:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Ihr führt ins Leben ihn hinein,</div> - <div class="verse indent0">Ihr laßt den Armen schuldig werden,</div> - <div class="verse indent0">Dann übergebt ihr ihn der Pein,</div> - <div class="verse indent0">Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Dieser Vers malt unvergleichlich das reine „Muß“. War das das -Weltprinzip nach wie vor? Der einzige Sinn der „himmlischen Mächte?“</p> - -<p>Was Wunder, wenn Prometheus sich dagegen auflehnte, das trotzige Ich, -das, an den Felsen des „Muß“ geschmiedet, doch noch höhnt:</p> - -<p>„Ich kenne nichts Ärmeres als Euch Götter.“</p> - -<p>Prometheus hat eben tatsächlich etwas mehr als das Muß. Er hat die -Forderung der Liebe.</p> - -<p>Aber der Kontrast ist nur der von älter und neuer.</p> - -<p>Das Alte ist eine unermeßlich große Masse, — das Neue ein paar -Lichtpünktchen. Man denke an die paar Menschen, die um Liebe nach den -Sternen blicken — und diesen Erdball unter ihnen, der kein Gesetz hat -als das des „Muß“, wonach er jährlich 365 Mal um sich und einmal um -die Sonne fällt. Aber gib dem Neuen die ganze Zukunft mit in Kauf und -die Folge der Milliarden Generationen nach ihm, — und Prometheus wird -Christus, er wird Newton, der den Mond schon fallen sieht wie einen -Apfel, er wird der Erfinder, der mit elektrischen Wellen über Meere -spricht und endlich: nicht er hängt mehr am Kaukasus, sondern dieser -ganze Kaukasus wächst und zerfällt, je nachdem er es zu Zwecken seiner -Liebe will, er, der Herr der Naturgesetze.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> - -<p>Wie bisher über die Einzelheiten dieser Dinge gestritten worden ist, so -wird auch noch weiter darüber gestritten werden müssen. Was ich aber -meine, ist, daß diese Gedankengänge sich <em class="gesperrt">völlig vertragen</em> mit -den Dingen, die der moderne Naturforscher lehrt.</p> - -<p>Nirgendwo steckt auch nur die geringste Konzession darin, die vom -<em class="gesperrt">Naturforscher</em> verlangt würde.</p> - -<p>Es wird bloß darin Ernst gemacht mit dem, was gerade dieser Forscher -verlangt und verlangen muß: daß nämlich der Mensch in seinem ganzen -Umfange in die Natur aufgenommen werde. Dieser Mensch muß dabei -bleiben, was er ist. Er wird nicht plötzlich <em class="gesperrt">bloß</em> Kraft und -Stoff, oder <em class="gesperrt">nur</em> eine Mischung aus <span class="antiqua">H<sub>2</sub>O</span> und einigen -anderen Elementen. Er bleibt Hiob und Prometheus und Christus und -Faust, bleibt in der uralten brennenden Sehnsucht seiner Ideale, bleibt -in seiner Weltverzweiflung und Welthoffnung und Weltüberwindung, bleibt -in seiner Liebe.</p> - -<p>Von all diesen Dingen wird man doch wohl nicht glauben, daß der -Naturforscher plötzlich daran rüttle?</p> - -<p>Er gerade ist doch der allerletzte, als Beobachter, der Phänomene -scharf auseinander zu halten gelernt hat, — der einen Unterschied -leugnen sollte zwischen einem Stein, der einfach nach dem -Gravitationsgesetz fällt, oder einer insektenfressenden Pflanze, die -unerbittlich ihr Opfer aussaugt, — und dann einem Menschen, in dem das -schlichte christliche Gebot auferstanden ist, daß man mit den Armen das -Brod teilen und seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst?</p> - -<p>Was der Naturforscher in erster Linie verlangt, ist, daß diese -Unterschiede nicht durch Magie erklärt werden, sondern als natürliche -Entwickelungen.</p> - -<p>Gerade das aber wollen ja jene Ideengänge, denen <em class="gesperrt">alle</em> jene -Vorgänge nur Entwickelungsstufen einer und derselben Natur sind.</p> - -<p>Gerade der Naturforscher wird doch auch der letzte sein, -der unabsehbare Zukunftsfernen dieser einmal angeschlagenen -Entwickelungswellen leugnet. Von ihm stammt ja die erste<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> exakte -Fassung des alten Glaubens, daß alles Geschehene für die Ewigkeit -geschehen, in die Ewigkeit hinein geschrieben sei: er lehrt uns, daß -die Kraft nie erlischt und daß der geringste Schlag im Äthermeer -fortzittert durch alle Äonen hindurch in immer weiter sich zerteilenden -Kreisen, — diesen wunderbaren Gedanken von der Unsterblichkeit -der Wirkungen, auf dem Fechner seine ganze tiefsinnige Philosophie -aufgebaut hat.</p> - -<p>Aus der Astronomie und nicht aus der Märchendichtung stammt unseren -Tagen die Idee, daß gleiche Ursachen auch auf anderen Sternen zu -gleichen Wirkungen, nämlich organischer Lebensentfaltung bis zu -intelligenten Wesen hinauf, führen müssen.</p> - -<p>Aus unserer Technik, die in allen Zügen angewandte Naturwissenschaft -ist, stammt die schlichte Folgerung, daß unserer Beherrschung des -mechanischen Geschehens keine Grenze gesteckt sei. Dieses Mechanische -hat in sich keinen Riß und das macht es zum kontinuierlichen Bande, -das wir fort und fort weiter aufrollen, nachdem wir einmal fest Hand -angelegt haben. Der größte Unsinn, den der Wilde sich ausdenken konnte, -ist von unserer Technik schon erfüllt: daß wir durch Wände sehen -könnten, daß wir den Blitz zu einem zahmen Haustier machen könnten, das -uns die Stube erhellt, daß wir mit einer Wolke Stoff, die leichter als -Luft ist, durch die Luft fliegen könnten, daß wir das Licht zwingen -könnten, uns Rede zu stehen, wie es in der Glutatmosphäre der Sonne -oder im Nebelfleck der Andromeda aussieht.</p> - -<p>Wie anders aber nimmt sich der Naturbegriff aus, wenn wir ihn von -solchen Linien her fassen!</p> - -<p>Wie groß erscheint der Mensch darin: der Träger der Naturwende auf -unserem Stern!</p> - -<p>Ausgelöscht ist das Minotaurusbild.</p> - -<p>Jener Kampf des Herzens gegen die eiserne Logik ist der große -Höhenkampf der Natur selbst, der in uns ringt, — der zweite -Schöpfungstag, der mit dem ersten streitet.</p> - -<p>Über das graue Nebelfeld zuckt ein optimistischer Strahl.</p> - -<p>— — —</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> - -<p>In der Edda kommt ein furchtbares Schlußbild alles Weltgeschehens -vor, zu furchtbar doch, als daß es selbst dort, wo Götter und Welten -sterben, als endgültiger Abschluß gedacht würde. Himmel und Erde sind -verbrannt und über die Stätte hat sich ein uferloses schwarzes Meer -ergossen. Nichts mehr lebt darin. Nur ein gespenstischer Spielmann -zieht darüber und nach dem einförmigen Takt seiner Melodie heben sich -die Wellen unablässig herauf, um wieder zu sinken, — auf und ab, ein -zweckloses Einerlei — und das in alle Ewigkeit.</p> - -<p>Auf ein solches grauenvolles Phantasiebild lenkt aber als -Wirklichkeitsschluß der falsch angewendete Materiebegriff.</p> - -<p>Das Meer ist der abstrakte Stoff, der Spielmann mit seiner unendlichen -Melodie ohne Wechsel die abstrakte Kraft. Und es ist hier nicht bloß -ein Endbild, es ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alles in -einem. Den Menschen mit seinen Hoffnungen und Idealen in dieses Meer -hinabziehen, heißt ihn schon jetzt vernichten.</p> - -<p>Und doch ist nichts nötig, als die Natur-Definition nur auf eine etwas -größere Fülle der Phänomene zu bauen statt auf eine solche einzige -skeletthafte Abstraktion, — und dieses Meer des gespenstischen -Spielmannes wird zu der blauen Welle, aus der in einer Lotosblume das -Gotteskind Mensch erblüht, das Kind, in dem die Gott-Natur sich selber -fortschreitend neu zur Welt bringt.</p> - -<p>Nur etwas mehr Mut braucht es in der Definition des gleichen Dings.</p> - -<p>Hat man diese große Linie aber einmal resolut erfaßt, so ist es leicht, -in sie noch eine Menge einzelner Züge hineinzuzeichnen, die jetzt alle -nach der optimistischen Seite weisen.</p> - -<p>Die Stufe der Liebe ersteht rein „natürlich“ aus der Urstufe des -Gesetzes, sagte ich. Sie entwickelt sich in dem uns bekannten -Weltausschnitt in der Phase, die allmählich zum Menschen hinleitet und -endlich in diesem selbst gipfelt. Hier aber wird die Frage wichtig, ob -dann nicht in der Stufe des reinen Gesetzes doch <em class="gesperrt">auch schon</em> ein -optimistisches Prinzip erkennbar gewaltet haben müsse.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> - -<p>Diese Frage berührt allerdings zunächst das unendlich schwierige -teleologische Gebiet.</p> - -<p>Auch auf diesem Gebiete haben wir uns vorweg vor einem Irrtum zu -hüten, der ebenso gefährlich werden kann wie der falsch verstandene -Materie-Begriff.</p> - -<p>Wenn ich Ernst mache mit der Behauptung, es sei der ganze Mensch ein -Stück Natur, so darf ich nicht sagen: es gibt in der Natur keine -Zwecke. Der Mensch handelt nach Zwecken, und also handelt die Natur auf -der Stufe Mensch nach Zwecken. In einer Generaldefinition der Natur -muß der Satz stehen, daß sie jedenfalls unter bestimmten Verhältnissen -bewußt zwecksetzend, also im ausgesprochensten Sinne teleologisch -arbeitet. Der Sieg der Liebe, von intelligenten Wesen durchgefochten, -wird auf alle Fälle erreicht werden mit den Mitteln solcher Teleologie.</p> - -<p>Andererseits bleibt aber ebenso wahr, daß lange Zeit hindurch nichts -verhängnisvoller gewirkt hat, als das Hineindeuten von Zwecken in die -reine Stufe des Muß.</p> - -<p>Es war wie ein Aufatmen für die Naturforschung, als aus diesem -Teil der Natur das teleologische Prinzip zunächst einmal nach -Möglichkeit herausgedrängt wurde zu Gunsten einer Betrachtung reiner -Kausalzusammenhänge.</p> - -<p>Wenn ich mich überhaupt mit dem „Muß“ beschäftige, so muß dieses auch -<em class="gesperrt">herrschen</em>.</p> - -<p>Jede Einmischung irgend welcher Art wäre Magie, und die zerstört das -Fundament unserer anderen größten Errungenschaft: des Vertrauens in -die absolute Naturlogik, in das ewige: „Gleiche Ursachen, gleiche -Wirkungen.“</p> - -<p>Gleichwohl gibt es noch eine dritte Betrachtungsweise, die eben möglich -wird, weil beide Gebiete doch <em class="gesperrt">natürlich</em> zusammenhängen.</p> - -<p>Das „Muß“, das „Gesetz“, hat den Menschen und die Liebe schließlich -in der von ihm allein beherrschten Welt doch auch hervorgehen lassen. -Es hat eine ungeheure Entwickelungskette erzeugt, die zu diesen -Höhenphänomenen hinführte. Unter diesen Umständen fragen wir uns, ob -nicht mit der ersten<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> Setzung dieses Muß wenigstens doch auch schon -ein optimistisches Grundprinzip mit gesetzt war, das solche Blüten -ermöglichte.</p> - -<p>Wohlverstanden: ich will auch jetzt keineswegs die geschlossene Kette -des Naturgesetzlichen durchbrechen mit einer hineingeschmuggelten -Zweckkreuzung, einem Finger aus Numero <span class="antiqua">x</span>, der die Kette beugt.</p> - -<p>Ich teile konsequent den Standpunkt Fechners, der immer und immer -wieder seinen Hörern eingepaukt hat: alle Welt-Teleologie muß im -Naturgesetz umschlossen sein, muß gesetzt sein, wenn sie besteht, -<em class="gesperrt">durch</em> die Naturgesetze, nicht noch einmal neben oder hinter ihnen; -wenn es einen Zweck im Fall des Steines gibt, so kann er einzig und -allein erfüllt werden durch diesen in der mathematisch genauen Formel -der Gravitation gegebenen Fall und nicht noch einmal extra; in diesem -genauen Wortsinne gibt es keine Meta-Physik, das heißt: nichts noch -einmal <em class="gesperrt">hinter</em> der Physik.</p> - -<p>Aber wenn das Weltmuß an einer Stelle des uns sichtbaren Bildes in -eine optimistische Linie im Sinne eines Anlaufens auf wachsende -Glückseligkeit einmündet, — werden wir nicht erwarten dürfen, daß -in der ersten Setzung dieses Muß bereits als ein optimistisches Ziel -irgendwie gegeben war? Mit andern Worten: steckt nicht schon ein -optimistisch zu deutender Faden in der Stufe des Gesetzes?</p> - -<p>Ich glaube, daß wir ihn erkennen können. Er offenbart sich in dem -eigentümlichen Zwange der Weltlogik, der <em class="gesperrt">das Harmonischere über das -Disharmonische</em> rein mechanisch triumphieren läßt.</p> - -<p>Diese Logik hat noch gar nichts direkt zu tun mit Lust oder Schmerz. -Sie trifft Sterne und Steine und Staubteilchen, man kann sie -durchführen durch eine <em class="gesperrt">absolut mechanisch</em> gedachte Natur.</p> - -<p>Aber innerhalb dieses Mechanismus waltet sie als ganz bestimmtes -Ordnungsprinzip. Sie siebt unablässig das regellose Auftauchen der -Formen durch auf eine ganz bestimmte, fort und fort gesteigerte -Ordnung, eine harmonische „Anpassung“ der Teile aneinander.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> - -<p>Ihr Werk ist, daß die rein gesetzmäßige Natur nicht als ein unendlich -buntes Phantasiestück, sondern bereits als ein „Kosmos“ erscheint.</p> - -<p>Es ist die Logik, die Empedokles als Weltordner pries und die in unsern -Tagen Darwin als sein Prinzip der natürlichen Auslese der Passendsten -im Organischen auf den Schild erhoben hat.</p> - -<p>Diesem Weltprinzip allein verdanken wir die Möglichkeit eines -mindestens auf Jahrmilliarden stabilen Fixstern- und Planetensystems, -die Grundbedingung also der uns bekannten organischen Entwickelung. Und -diesem Prinzip verdanken wir zweifellos den Menschen selbst, der das -Ideal geradezu einer prachtvollen Anpassungs-Auslese darstellt.</p> - -<p>Die gewöhnliche Antwort lautet allerdings, daß dieses Gesetz der -Erhaltung des Passenderen doch ganz selbstverständlich sei.</p> - -<p>Ja, warum aber ist es selbstverständlich?</p> - -<p>Es ist selbstverständlich, erstens weil eine Logik, eine -Gesetzmäßigkeit überhaupt in der Welt ist. In einer reinen -Kuddelmuddelwelt wäre es gar nicht selbstverständlich. Es ist aber -selbstverständlich zweitens noch, weil in dieser Weltlogik mit ihrer -<em class="gesperrt">ersten Setzung</em> eine <em class="gesperrt">optimistische</em> Tendenz steckt, etwas -was zu harmonischen, stabilen und immer harmonischeren, stabileren -Verhältnissen in der Welt drängt.</p> - -<p>Auch dieser Gedankengang ist ein sehr schwieriger im Ausbau, den ein -paar Sätze gewiß nicht erschöpfen können. Er berührt unter anderem -ja die tiefste philosophische Kernfrage der ganzen Darwinschen Idee. -Aber so viel, meine ich, leuchtet doch schon durch, daß auch er nur -einen optimistischen Zug in das Gesamtbild fügen kann. Gleichzeitig -umfaßt er aber wieder nur ein streng naturwissenschaftliches Gebiet. -Läßt er sich doch sogar die extremste mechanistische Ausnutzung des -Zuchtwahlprinzips im Gebiet des Lebendigen gefallen, die nur möglich -ist, — ohne ein Titelchen seiner optimistischen Färbung dabei -preiszugeben.</p> - -<p>Von den einzelnen Phänomenen der Anpassung aus läßt<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> sich dann wieder -ein sehr klarer optimistischer Faden finden in der „Entwickelung“ der -Dinge, wie sie uns unser Naturausschnitt geschichtlich weist.</p> - -<p>Immer, solange man in Linien dieser Geschichte etwas hineinschaut durch -Astronomie, Geologie, Paläontologie, Anthropologie, hat ja der Gedanke -frappiert, daß es da doch eigentlich im ganzen ständig emporgehe: — -vom chaotischen Nebelfleck zum Sonnensystem, von der Glutkugel zur -bewohnbaren Erde, vom einzelligen Urtier zum Menschen. Und im Menschen -vom Mammutjäger zu Plato und Kopernikus und Goethe.</p> - -<p>Aber es gibt doch auch gegenteilige Meinungen, anknüpfend an die -Kuddelmuddel-Definition einer völlig sinnlosen Natur.</p> - -<p>Da erscheint diese ganze angebliche Entwickelung der Erde bloß als -der Degenerationsprozeß eines erkaltenden, verfallenden Planeten. Das -ganze Leben ist bloß eine Verfallsanpassung, die mit fortschreitender -Erkaltung auch des benachbarten Gestirns wieder verschwinden -wird. Der physikalische Satz aus der Lehre von der Entropie wird -herangezogen, wonach in einer endlich begrenzten Welt schließlich die -Temperaturdifferenzen sich völlig ausgleichen müßten und damit jedwedes -Weltgeschehen endgültig zum Stillstand käme. Die Anpassung wird gefaßt -als etwas völlig zielloses, ein ganz beliebiges Jenachdem, in dem alles -gleichwertig ist, was überhaupt da ist: heute der Bacillus, morgen der -Wurm oder der blinde Olm oder der Mensch.</p> - -<p>Und doch steckt auch hier wieder gerade in der skeptischen Auffassung -das eigentlich Gewaltsame, das Vergewaltigende den schlichten -naturgeschichtlichen Tatsachen gegenüber.</p> - -<p>Die Skala der Entwickelung in dem uns gegebenen zeitlichen Weltstück -einfach bloß auf das Thermometer hin zu definieren, ist genau so -abstrakt einseitig wie jene Skelettierung des Naturbegriffes auf „Kraft -und Stoff“.</p> - -<p>Ich lasse den Entropie-Satz dabei von vorne herein aus<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> dem Spiel, da -er mit einer <em class="gesperrt">endlichen</em> Welt rechnet, für die natürlich alle -Ideen von unendlicher Entwickelungsfolge fortfallen, die aber selber -dafür auch völlig aus jedem Beweis fällt. Ich beschränke mich auf -die engeren Tatsachen-Linien. Im Moment, da der Planet seine eigene -Sonnenglut verliert, erwacht nach gangbarer naturwissenschaftlicher -Annahme auf ihm die wunderbare Stufe des uns bekannten organischen -Lebens, wahrscheinlich zuerst in jener Bakterienform, die mit ihrer -gewaltigen Fähigkeit, hohe Temperaturen zu ertragen wie schaurig tiefe, -noch das Kennzeichen einer weiteren, umfassenderen kosmischen Anpassung -verrät. Für die engeren Erdverhältnisse richtet sich dann dieses -Leben mehr und mehr ein, aber keineswegs im Sinne einer bloß passiven -Anpassung.</p> - -<p>Immer deutlicher heben sich die Versuche heraus, durch sinnvolle -Ausbildung herrschend zu werden auf der Erde.</p> - -<p>Zuerst erscheint das zerteilt über ganze Gruppen von Pflanzen und -Tieren, die mit Hilfe hier dieser, dort jener Leibesorgane bestimmte -Gebiete erobern: das Wasser, die Erde, die Luft, andere Wesen, Licht -und Finsternis, Hochgebirge und Tiefsee, Wärme und Kälte. Wir sehen -solche zersplitterten Anpassungskreise, doch schon von gemeinsamem -Stamm, bei den Insekten; dann wieder den Reptilien; die wieder werden -vom Typus des Säugetiers überboten. Gleichzeitig aber vollzieht sich -ein wunderbares Zweites. Neben die zersplitterten Anpassungsversuche -ganzer Gruppen, in denen jede eine Möglichkeit starr vertritt, stellt -sich ein Bestreben, zahlreichste Möglichkeiten auf eine Form, eine -Art zu vereinigen, eine Art zu konstruieren, die auf jede Bedingung -der Erde zweckmäßig reagiert. Diese Art in ihrer Vollendung muß -Erdherrscher im absoluten Sinne werden. Wir wissen, welche es ist: der -Mensch.</p> - -<p>Dieser Mensch ist nicht wieder eine Anpassung neben vielen wie der -Käfer, wie der Olm, wie der Vogel. Er ist die absolute, die erfüllende, -sämtliche Einzelversuche zusammenfassende Anpassung der Erde. Es wird -ihm ermöglicht durch sein Gehirn, das im Werkzeug eine höhere, neue, -überbietende Stufe des Organs schafft. Mit diesem Gehirn und Werkzeug<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> -wird der Mensch <em class="gesperrt">Erdbeherrscher</em>. Die Erde geht auf in ihn. Seine -Erde ist sie fortan. Ein Stück seiner Maschinen, ein Knochengerüst -seines Werkzeugkörpers.</p> - -<p>An jener einseitigen Thermometer-Skala gemessen fällt das -Aufwachsen des Kultur-Menschen in eine Zeit schon vorgeschrittener -Erkaltungssymptome der Erde, — mag er auch noch so früh in der -Tertiär-Zeit <em class="gesperrt">entstanden</em> sein, so fällt doch sein erster -<em class="gesperrt">höherer</em> Kulturanstieg, den wir kennen, zusammen gradezu mit der -nachtertiären Eiszeit, — also auf alle Fälle einem gewaltigen Symptom -jener angeblichen Planetendegeneration. Man sollte meinen, diese -Erdperiode müßte auch die ersten sichtbaren Verfallszeichen des Lebens -einleiten. Statt dessen erfindet jetzt gerade der Mensch die künstliche -Feuererzeugung: der erste Schritt zu der Enträtselung und Beherrschung -der Wärme überhaupt als Naturkraft.</p> - -<p>Und nun dieser Mensch (um in den Gedankengang von oben wieder -einzulenken) — dieser Mensch ist es, der sich zu der Stufe der -Liebe erhebt, dieser Mensch wird Christus! Mindestens scheint das -Intellektuelle ein ganz anderes Tempo seiner Bahn einzuhalten als die -Thermometer-Skala als Absolutwert erwarten läßt.</p> - -<p>Wir haben, um es immer wieder zu sagen, nur die eine einzige Naturlinie -bis hierher zur Schau, nur dieses eine Paradigma und Beispiel der uns -bekannten Erdentwickelung.</p> - -<p>Aber wer will vor diesem einen Beispiel wirklich leugnen, daß es -in allen seinen Zügen geradezu schreit nach einer optimistischen -Deutung, die diese Liebe als das sichtbare Ziel faßt und die -Naturbeherrschung und alles, was zu ihr führte, samt allen Anpassungen, -Planetenwandlungen und so weiter, als das Mittel?</p> - -<p>Wenn sich irgendwo ein reiner Kausalzusammenhang, aufgedeckt von -nüchternen Naturforschern, die jede teleologische Betrachtungsweise -sorgsam vermieden wie den bösen Feind, im Ganzen gedeckt hat mit -diesem Endsinn, so ist es diese Entwickelung vom Nebelfleck bis auf -den Menschen, der die Naturkräfte eine nach der andern in seine Hand -bringt, um auf<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> ihren Schultern ein Reich der verfeinerten Kultur, der -idealen Menschlichkeit, der Liebe zu gründen.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>So wanderten meine Gedanken in der stillen Stunde in dem alten -blumenweißen Gletscherbett, während die Tropfen in den schattenkühlen -Felsschrunden leise von dem letzten schmelzenden Schnee fielen.</p> - -<p>Ich dachte an die Folgen der Jahrtausende, da Tropfen, klein wie -diese, das ganze Gebirge abtragen würden. Und das hatte die Menschheit -vor sich, — Zeiten, in denen Gebirge schwanden und neu wurden durch -Tropfen, die ein Sandteilchen herabschwemmen und anderswo wieder -antragen....</p> - -<p>Ich dachte an die lieblichen Blütensterne dieser Anemonen — und wie -viel sonst noch in eine echte Natur-Definition einginge.</p> - -<p>Auch ein rhythmisches Kunstprinzip muß in dieser Natur stecken, das -unten diese Blume gebaut hat und oben im Menschen als Raffael und -Goethe und Beethoven herausgeblüht ist.</p> - -<p>Und aus dieser Natur sollte sich nicht doch ein beglückendes, -erlösendes Evangelium herauslesen lassen, — nun wir doch einmal jetzt -endgültig ihr angehören durch Forschungsresultate, die keiner mehr -umwerfen kann?</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Abendstunde_daheim">(Friedrichshagen. -Abendstunde daheim.)</h2> - -</div> - -<p>Die stille Lampe leuchtet über allerlei bunte Farben. Ein blasses Grün, -ein grelles Orangegelb.</p> - -<p>Buchumschläge sind’s. Bücher haben sich angehäuft, während ich im -Gebirge war, neue Bücher, eine ganze Schicht. Unheimlich schnell mahlt -sie, diese große Geistesmühle der Menschheit. Ein paar Monate will man -allein sein, mit Felsen, Bäumen, Tieren. Man schaut auf vom Traum und -das Zimmer ist voll gemahlen von der Rastlosen, — wie<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Max und Moritz -steckt man halb im frischen Korn. Alles riecht nach Korn.</p> - -<p>Ich blättere. Darwinistisches, Antidarwinistisches. Das letztere -kommt jetzt immer in einer gewissen Prozentziffer. Geht der Strom -wirklich von hier fort? Sind wir so rasch fertig mit dem neunzehnten -Jahrhundert? Mit der Idee schon, die es für seine größte hielt?</p> - -<p>Ich muß an ein Gespräch denken, droben in den Bergen, während Rübezahl -seine Wolken warf.</p> - -<p>Wir unterhielten uns von den großen Problemen unserer Zeit. Mein Freund -war ein geistvoller, außergewöhnlich kenntnisreicher, echt moderner -Mensch. In allen Hauptpunkten waren wir einig über den Fortschritt, -über den Kampf gegen das Veraltete, Absterbende, über den notwendigen -Sieg der Aufklärung und das Wachstum freiheitlicher Ideen überall.</p> - -<p>„Aber die Haupt-Störenfriede, die alles hemmen,“ sagte er schließlich, -„sind doch der Marx und der Darwin.“</p> - -<p>Ich wußte, was er an Marx auszusetzen hatte. Wissenschaftliche Details, -wissenschaftlich diskutierbar, jedenfalls auf ernsten Fachstudien -bei ihm beruhend. Ziemlich ebenso war es bei Darwin. Er war auch da -Fachmann und seine eigentliche Kritik setzte wenigstens bei diskutabeln -zoologischen und botanischen Einzelheiten ein.</p> - -<p>Aber seit langem polemisierte er so auch allgemein gegen die beiden. -In seinem Kopfe hatten sich die Dinge allmählich so zurecht gestellt, -daß er an diese Namen wie an Symbole dachte für das Äußerste, was -ihm überhaupt befehdenswert schien. Er brachte sie auch jetzt vor, -daß ein unbefangener Zuhörer, der beider Werk nicht genauer kannte, -sie als Trumpf auf unser vorhergehendes Gespräch auffassen mußte, -— als verkörpere sich in Marx heute etwa alle Unterdrückung, -soziale Unfreiheit, starre Reaktion gegenüber jedem Versuch sozialen -Fortschritts; und als sei Darwin der Typus des Obskurantentums, der -geistigen Vergewaltigung und Rückschrittlerei auf dem Gebiete der -Weltanschauung.</p> - -<p>Lassen wir Marx hier auf sich beruhen und bleiben bei<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Darwin. Leute, -die, vor die Wahl gestellt, unbedingt für freie Ideen etwa gegenüber -dem Kirchendogma eintreten würden, hauen in einer Weise neuerdings auf -den Darwinismus los, als sei er plötzlich der böse Dämon.</p> - -<p>Aus der Fachliteratur läuft das dann in die Menge. Bei halben und -flachen Geistern wird der Ton „Mode“, weil er wenigstens Abwechslung -bietet. Die wirklich finstern Kreise aber freuen sich, daß ein -gefährlicher Name plötzlich preisgegeben ist und sie ziehen, selber mit -unverkennbarer Logik, ihren Vorteil davon.</p> - -<p>Ich bin in den letzten Jahren auch in guten, aber nicht -naturwissenschaftlichen Schriften mehr und mehr einer Stimmung des -Zweifels, der Unsicherheit gegenüber den Darwinschen Ideen begegnet. -Man weiß nicht recht, wo selber angreifen, aber es kommt wie ein vages -Echo: im Fache selbst sieht man ja schon wieder über die Sache hinaus. -Der eine oder andere „Professor“ wird genannt, der bereits offen den -„Zusammenbruch des Darwinismus“ lehre. Schwerwiegende neue „Tatsachen“ -werden natürlich dahinter vom Laien vorausgesetzt, — Tatsachen, die -Darwins Behauptungen widerlegt oder die sie doch nicht gestützt hätten.</p> - -<p>Dabei ist es merkwürdig: der Verdacht scheint sich meist auf das -eigentliche Wort „Darwinismus“ zu konzentrieren, das Wort in -Anführungszeichen.</p> - -<p>Der große Entwickelungsgedanke lebt, auch ohne Schlagwort, als das -Lebendigste der ganzen Zeit in uns allen, beherrscht unser ganzes -Denken und Handeln.</p> - -<p>Jener Mann, der in Darwin den Hemmschuh sah, war praktisch ein wahrer -Entwickelungsfanatiker.</p> - -<p>So scheint es fast, als löse sich nachträglich bloß ein Wort, das -Jahrzehnte hindurch die Bewegung gekennzeichnet, wieder von ihr -ab. Das Wort ist aber gleichzeitig so mit ihr verquickt, daß der -Mißverständnisse kein Ende werden will.</p> - -<p>Ist es wirklich möglich, heute „Darwin“ wieder aus der großen -Entwickelungs-Richtung in unserem Geistesleben herauszuwerfen,<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> — -wegen irgend welcher subjektiven Begleitumstände, irgend welcher -naturwissenschaftlichen Fach-Einwürfe?</p> - -<p>Oder äußert sich unter der Hülle des Kampfes gegen den „Darwinismus“ -am Ende doch eine beginnende Abschwenkung von dieser ganzen -Entwickelungs-Richtung, über die sich bloß manche neueren -Darwin-Angreifer selber in der Tragweite noch nicht klar sind?</p> - -<p>Ich gestehe, daß ich in dem ganzen Auftauchen und Weiterverbreiten -solcher Zweifelfragen schon etwas Mißverständliches sehe.</p> - -<p>Es ist richtig, daß im engeren Fachgebäude des sogenannten Darwinismus -gegenwärtig wieder einmal besonders lebhafte Kämpfe stattfinden. Diese -Kämpfe sind überaus fruchtbar und segensreich, soweit sie gewisse -allgemeine Gesichtspunkte nicht ganz verlieren und soweit persönliche -Gehässigkeiten herausbleiben. Aber gerade diese echten Kämpfe sind -in jeder Faser etwas total anderes, als der Laie, Freund wie Feind, -dahinter zu suchen beginnt.</p> - -<p>Der Darwinismus mit diesem seinem Namen ist heute genau 44 Jahre alt, -datiert vom Erscheinen des „<span class="antiqua">Origin of species</span>“ von Charles -Darwin im November 1859.</p> - -<p>Wenn Darwin noch lebend unter uns weilte, so würde er ganz zweifellos -der <em class="gesperrt">erste</em> sein, der jenen heute fortbrennenden Fach-Zwist -mit Freuden, ja mit Genugtuung begrüßte. Er würde in ihm nichts -anderes finden als sein eigenes Entwickelungsprinzip, das unablässig -weiterwaltet, — das sich jetzt auf einen Fels rettet als die endlich -erreichte Feste, — und das morgen diesen Fels selber anbohrt, um -abermals weiter zu kommen.</p> - -<p>Darwin hatte in eigner Bahn die volle Wucht gefühlt, was es hieß, -einen Ideengang umwerfen. Er hatte sich zuerst von der Theologie -freigemacht, immerhin das noch ohne allzuviel Nöte. Dann war er in die -strenge Wissenschaft gekommen, als halber Dilettant zunächst. Seine -ganze Sorge war, sich nur überhaupt als berechtigt zur Fachforschung -zu erweisen. Inmitten dieses Strebens aber geht ihm auf, daß<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> ein -allgemein angenommener Lehrsatz dieser Wissenschaft, der Satz von der -Unveränderlichkeit der Tier- und Pflanzenarten, <em class="gesperrt">falsch</em> sei.</p> - -<p>Immer ist es ihm als etwas Ungeheures erschienen, daß er gerade berufen -sein sollte, so verwegen den Revolutionär zu spielen.</p> - -<p>Sein endloses Zögern, das seinen Ruhm bedroht hat, vielleicht zum teil -selbst seine physische Krankheit hingen damit zusammen.</p> - -<p>Doch er wagt es, muß es als ehrlicher Mann wagen, und er bricht -durch. Er erlebt mit einem gewissen Grauen, daß ein einzelner den -Kampf aufnehmen kann mit einer ganzen, über lange Jahrhunderte -heraufkommenden Wissenschaft und daß er <em class="gesperrt">siegen</em> kann.</p> - -<p>Nie hat er das vergessen. In allem Triumph seiner Lehre, wo mancher -vom Weihrauch erstickt wäre, schaut er beständig sich nach dem Manne -um, der nun <em class="gesperrt">ihn</em> wieder umwerfen wird. Er rechnete mit der -Wissenschaft, die er an einer Stauungsstelle entfesselt hatte, und die -ihn dafür verschlang, indem sie auch über seinen Fleck strömte.</p> - -<p>Buchstäblich hat er die ganzen Jahre seines rauschenden Erfolges -gegrübelt, wo er sich <em class="gesperrt">geirrt</em> haben könnte. Hinter den späteren -Auflagen der „Entstehung der Arten“ glaubt man einen Menschen zu sehen, -der beständig aus dem Schlaf aufschreckt mit dem Gedanken: „Ich habe -etwas vergessen.“</p> - -<p>Wenn ich mir heute den Alten von Down denken soll, wie er in irgend -eine zoologische Sektion tritt, zwischen einen Kreis junger, -leidenschaftlich schimpfender Entwickelungs-Mechaniker, er könnte nur -mit den Worten kommen: „Na endlich, Kinder, seid ihr endlich drauf, wo -die Sache hapert!“</p> - -<p>Ob er freilich grade diese Einwürfe anerkennen würde, wäre ja eine -andere Frage. Sicherlich aber würde er eins vorweg betonen.</p> - -<p>Wenn ich in den Kampf der Meinungen heute offen hinaustrete — hinaus -aus der Studierstube in die große ringende Welt — so finde ich zwei -Dinge im Streit, im unversöhnlichen<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Streit. Zwei Weltanschauungen -mögen wir sie nennen. Man könnte ziemlich ebenso gut auch sagen: zwei -Geschichtsepochen, die heute beide nebeneinander (noch und schon) -Vertreter haben.</p> - -<p>Nach der einen Ansicht ist die Welt ein Ding unter einer Käseglocke. -Jenseits der Glocke schaltet und waltet etwas absolut anderes. Es -holt heraus, stellt hinein, macht was es will. Drunten rechnen sie, -inventarisieren sie. Droben wird nicht gerechnet und aus dem Droben -kommt, in das Droben geht ein unbegrenzter loser Inventarbestand. -Wenn das „Droben“ will, so rauscht von der Glocke der Wind, rinnt -der Regen. Und jeder Windstoß, jeder Regentropfen kommt eigentlich -als „Wunder“. Das Droben setzt Tiere herunter, heute Trilobiten, -morgen Ichthyosaurier, übermorgen Menschen. Und zu den Menschen -übermenschliche Wesen noch wieder von jenseits der Glocke. Alles als -unberechenbares Wunder. In der Existenz der Glocke steckt ein ewiger -Riß, eine immer erneute Unfaßbarkeit, ein Hin und Her, das uns Menschen -keine andere Rolle finden läßt, als die Hände in den Schoß legen und -resigniert abwarten, was kommt.</p> - -<p>Dem gegenüber steht ebenso schlicht die Anschauung, daß es keine -Käseglocke gibt. Daß alles eins ist im Sinne des Ur-Zusammenhangs. Das -Drüben, das die Schäfchen und die Bäumchen setzt, sind diese Schäfchen -und Bäumchen selbst, es ist nicht noch einmal besonders da. Wir selbst -sind wir selbst. Alle Dinge der Natur, der Welt, sind da bloß als -Ausfluß von Eigenschaften dieser Natur.</p> - -<p>Nun blicken diese beiden Ansichten in die Geschichte zurück.</p> - -<p>Die eine sieht da dieselbe Willkür. Eingriffe von jenseits der Glocke. -Unberechenbare. Was ist ihr überhaupt die Gewähr des Geschichtlichen? -Jene Übermacht ohne Raum und Zeit könnte auch rückwärts ja noch einmal -hineingreifen.</p> - -<p>Die andere aber gerät unabänderlich auf den Begriff natürlicher -Entwickelung. Weil es überhaupt eine Geschichte, eine Zeitenfolge -gibt, die eins an Stelle des andern zeigt; und weil es ihr nichts -gibt als die Dinge selbst; so folgt ihr<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> einfach Wandel dieser -Dinge: Entwickelung. Hier steht etwas. Morgen etwas anderes. Aus der -Versenkung ist nichts gekommen. Folglich hat das eine sich entwickelt -zum andern. Zu den Eigenschaften der Natur gehört auch Werden, -Verwandlung, Entwickelung. Und die Geschichte ist das Reich dieser -Eigenschaft.</p> - -<p>Nun denn: in den Kampf dieser beiden Grund-Meinungs-Verschiedenheiten -greift auch nicht <em class="gesperrt">eine einzige</em> jener „neuen“ Tatsachen oder -Ideen ein, die heute den Mittelpunkt der <em class="gesperrt">Fachkämpfe um den -Darwinismus</em> bilden.</p> - -<p>Ob die Zuchtwahl-Theorie richtig ist. Ob ältere Lamarcksche Ansichten -besser sind als die neueren Darwinschen. Ob es eine Vererbung -erworbener Eigenschaften gibt. Was Vererbung ist. Wie die ersten -Varianten entstehen, aus denen der Kampf ums Dasein nach Darwin -ausliest. Ob neue Arten entstehen aus den einfachen Variationen oder -(im Sinne von de Vries) aus plötzlichen Mutationen. Ob die bisher -aufgestellten Entwickelungsgesetze der organischen Welt sämtlich -falsch sind. Ob alle bisher entworfenen Stammbäume verkehrt sind. Ob -der Haeckelsche Zusammenhang von Ontogenie und Phylogenie stimmt oder -nicht. Ob selbst die Methoden, mit denen man bisher solche Gesetze, -solche Stammbäume gesucht, alle grundirrig sind. Ob es ganz neuer -experimenteller Wege bedarf, um nur erst einmal das Anfangsmaterial -dazu notdürftig zu erlangen. Ob wir seit und mit Darwin in einem -Überschwang von geistreichen Konstruktionen geschwelgt oder ob wir, wie -andere meinen, in dürrer Heide uns im Kreise herumgetrieben und das -Nächstnötige noch gar nicht gesehen haben. Ob es in der einheitlichen -Natur als Grundeigenschaften dieser Natur noch zweitausend verschiedene -Entwickelungsgründe, Entwickelungsgesetze, direkte oder indirekte Wege -der Umwandlung gibt, von denen die ganze Darwinsche Richtung keine -Ahnung besessen hat. Und so weiter. Das alles und noch ungezähltes -mehr, das jüngere, besonders höfliche Kritiker heute gelegentlich -veranlaßt hat, Darwin einen Tropf zu nennen und alle seine Schüler -in Haeckel’s Richtung<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> samt diesem unwissenschaftliche Stümper, -<em class="gesperrt">hinter</em> die die ganze Entwickelungsforschung erst wieder -zurückgehen müsse, wenn je etwas aus ihr werden solle, — — das alles -miteinander hat nämlich <em class="gesperrt">auch nicht</em> die <em class="gesperrt">leiseste</em> Beziehung -zu jenem General-Zwist der beiden <em class="gesperrt">Weltanschauungen</em>.</p> - -<p>Es kann sie nicht haben, denn dieser Zwist ist viel älter als Darwin, -er ist weder entfacht noch beendet durch Darwin, er ist viel größer, -viel umfassender, viel tiefer als Darwin.</p> - -<p>Und in ihm haben noch ganz andere Leute mitzureden als bloß -naturwissenschaftliche Spezial-Forscher.</p> - -<p>Im neunten Bande der großen Weimarer Goethe-Ausgabe (S. 268–79) steht -ein loser Entwurf, ein „Schema“, von Goethes Hand, mutmaßlich von 1806.</p> - -<p>Er gibt die Grundzüge einer Kosmogonie auf Grund natürlicher -Entwickelung, oder wenigstens des ersten Kapitels einer solchen. -Die Erde erscheint zuerst als Stern. „Als ein Wandelstern. Die -neuen Erfahrungen zeigen das Universum selbst nicht als fertig. Die -Nebelsterne sieht man als Massen werdender Welten an. Ja den Jupiter -als nicht erstarrt. Die Kometen, die man ehemals als Weltenzerstörer -ansah, betrachtet man als werdende Erdkörper.“ So geht das weiter. Die -Erde erstarrt. Die Urwasser schlagen sich nieder. „Sinken des Wassers. -Hervortreten des Soliden. Gebirge im Kreuz.“ Der Granit erscheint -als das frühste Gebirge. Überall ist „eine genetische Betrachtung -wünschenswert.“ „Alles was wir entstanden sehen und eine Succession -dabei gewahr werden, davon verlangen wir dieses successive Werden -einzusehen. So wie die wahre Geschichte überhaupt nicht das Geschehene -aufzählt; sondern <em class="gesperrt">wie sich das Geschehene auseinander entwickelt und -darstellt</em>.“</p> - -<p>Goethe verwarf die Katastrophen in der Erdgeschichte, weil sie ihm -nicht genug Entwickelung enthielten. Er predigte die Lehren Lyells -lange vor Lyell; er begrüßte Lyells großen deutschen Vorgänger, Hoff, -als einen, der endlich in seine (Goethes) Bahn einlenke.</p> - -<p>Man fragt sich, wie jener Entwurf, der leider beim Gestein<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> abbricht, -ohne je ausgeführt zu werden, ins Organische hinein hätte weiter gehen -können. Und es ist nur selbstverständlich, daß er auch da Entwickelung -annahm. Goethe hat ja an anderen Orten seine Ansichten auch darüber -klar genug ans Licht gestellt. Inwiefern seine engeren Ideen über -den Weg dieser Entwickelung von der späteren Darwins abwichen, ist -dabei sehr belanglos. Er dachte sich wohl, daß gewisse Grundtypen -des Lebendigen naturgesetzlich bestimmt zu ihrer Zeit auf der Erde -anschießen wie Krystalle. Die äußeren Umstände, das Milieu, die -Lebensweise modelten dann im Einzelnen während des Werdens an der -Reinheit dieser Krystallformen, bis das unendlich wechselvolle Spiel -der heutigen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten entstand. Man kann -sich bei dieser Auffassung über die Gesetze streiten, nach denen der -Typus sich bildet. Aber man kann sich ja auch in der Mineralogie über -die Gesetze streiten, die dort die anorganischen Krystalle bilden, und -heute noch weiß keiner da Rat.</p> - -<p>Das Wesentliche bleibt, daß beides innerhalb der Natur gedacht wird. -Jenes ganze Weltbild, zu dem Darwin nur ein letztes Stiftchen hinzutun -konnte, war unzweifelhaft in Goethes Tagen schon vollkräftig da.</p> - -<p>Wie sollte es nicht.</p> - -<p>Wenn man das übernatürliche Eingreifen von jenseits der Käseglocke auch -nur auf einen Moment vergißt, so werden Entwickelungstatsachen auch dem -schlichtesten Sinn sofort übermächtig.</p> - -<p>Unser eigenes Leben unterliegt der Entwickelung; zwischen Kind und -Mann, Mann und Greis liegt nicht ein göttlicher Wunderakt, sondern eine -kontinuierliche Folge.</p> - -<p>Wie unsagbar einfach ist die Lehre der Geschichte. Ist der heutige -Franzose aus dem alten Gallier entstanden durch glatte Entwickelung -oder trennt die beiden ein mystisches Wunder? Sind die romanischen -Sprachen, ist das heutige Schriftdeutsch nicht kontrollierbar -„natürlich“ durch Entwickelung herauf gekommen? Zu solchen -Gedankengängen ist kein Darwin erst nötig gewesen. Man kann die ganze -Ideenunterlage zum<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> „Darwinismus“ in diesem Sinne aus Goethes „Wahrheit -und Dichtung“ oder aus Schlossers Weltgeschichte lernen, ohne den -„<span class="antiqua">Origin of species</span>“ je gesehen zu haben.</p> - -<p>Aber Bücher sind überhaupt nicht dazu nötig.</p> - -<p>Wie oft bin ich gefragt worden, ob mich nicht manchmal ein Bangen -anwandle, wenn ich mir sagen müßte, auf was für verwickeltem, -spitzfindigem, haarspalterischem biologischen Material meine -„darwinistische“ Weltanschauung im Grunde beruhe. Wenn nun ein Stäbchen -wankt, hieß es, eins von den ganz zerbrechlich dünnen der biologischen -Fachforschung, irgend so ein Sätzchen aus der Zellenlehre, ein -statistisches Zifferchen über Variieren der Arten, ein Müschelchen -oder Zähnchen der Paläontologie? Und das immer als Stoß in der -Weltanschauung zu fühlen, im Heiligsten, das man für sich selbst, -über sich selbst hat! Jeden Morgen zittern, wenn der Briefbote kommt -und eine grüne oder blaue Broschüre bringt: ob da nicht der ganze -„Darwinismus“ doch jetzt den Gnadenstoß hat durch ein Knöchelchen in -einer verkehrten Erdschicht, oder eine neueste Superklugheit über den -Zellkern, oder einen Froschembryo, der zwischen zwei quetschenden -Glasplatten aufgezogen ist, — zittern um den Zusammenbruch der ganzen -Weltauffassung!</p> - -<p>Und wie oft habe ich diesem wohlmeinenden Bedauern lachend entgegnen -müssen, daß meine Welt- und Lebensanschauung über Entwickelung im -Gegensatz zum Wundereingriff gar nicht aus dem „Darwinismus“ in diesem -Sinne stamme, also auch nicht mit ihm fallen könne, — zugestanden -selbst einmal (wozu nicht der geringste Anlaß ist), der ganze -Darwinismus fiele heute oder morgen durch eine solche Einzelheit.</p> - -<p>Der Entwickelungsbegriff, auf dem ich nicht meine biologischen -Spezialüberzeugungen, sondern meine Weltanschauung aufbaue, fließt mir -aus der persönlichen Erfahrung meines ganzen Lebens zu, <em class="gesperrt">nicht aus -Büchern</em>.</p> - -<p>Als ich ein Kind war, habe ich gelernt, daß die weiße Blüte, die über -Nacht an den Birnbaum im Garten gekommen war, nicht durch ein Wunder -vom Himmel gefallen war, sondern sich aus der Knospe entfaltet hatte. -Ich habe gelernt,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> daß die Suppe nicht per Wunder aus einer mystischen -Versenkung kam, sondern aus dem Kochtopf, wo sie sich aus bestimmten -Substanzen unter bestimmten Bedingungen vor meinen Augen entwickelte.</p> - -<p>Als ich älter wurde, bildete das ganze Leben nur eine einzige -fortgesetzte Weitererziehung nach dieser Seite.</p> - -<p>Ich saß im Hörsaal und hörte griechische Geschichte vortragen. -Ich hätte die Gesichter der Studenten sehen mögen, wenn unser -scharfsinniger Dozent bei der Darstellung des „Peloponnesischen -Krieges aus den Quellen“ plötzlich hätte den klaren Verlauf der Dinge -durchbrechen wollen mit dem Satz: die Armeen in dieser Schlacht, die -Verteidigungsmauern dieser Stadt, die Kasse, die diese Mittel lieferte, -stammten nicht aus den und den gegebenen Verhältnissen, sondern -sie waren plötzlich per Wunder da. Gegen diesen Dozenten wäre eine -Disziplinaruntersuchung eingesetzt worden, die ihn schleunigst seines -Amtes enthoben hätte.</p> - -<p>Ich wohnte einer Gerichtsverhandlung bei und hörte die Rede des -Staatsanwalts. Gibt es eine blasseste Möglichkeit auch nur, sich -auszudenken, daß ein Staatsanwalt in der logischen Entwickelungskette -eines Indizienbeweises vor einer Mordtat irgendwo das „Wunder“ -einführen sollte anstatt einer ursächlichen Begründung aus den -Verhältnissen und dem Zusammenhang?</p> - -<p>Es ist einfach jede Minute und jede Regung meines Lebens, es ist mein -ganzes Ich als objektive Erfahrung aus so und so viel Jahren, was ich -in die Wagschale lege, wenn ich mich für eine natürlich-einheitliche -Weltanschauung und einen natürlichen Entwickelungsbegriff entscheide, -— nicht ein Paragraph oder eine Figur aus einem modernen biologischen -Lehrbuch.</p> - -<p>Gewiß, auch mein ganzes Wissen steckt darin und dabei -selbstverständlich auch mein ganzes Naturwissen. Aber es ist nicht das -Erste, sondern erst das Sekundäre jenseits der unmittelbar eingepaukten -Lebenserfahrung.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p> - -<p>Und es ist wieder in diesem Naturwissen zunächst noch lange nicht -Darwin oder irgend etwas mit seinem Gebiet auch nur Zusammenhängendes -der engere Fels, auf den ich das <em class="gesperrt">Stück</em> meiner Weltanschauung -baue, das speziell zur Naturforschung gehört. (Ein armer Kopf, der -seine Weltanschauung <em class="gesperrt">bloß</em> auf „Naturwissenschaft“ im Fachsinne -bauen wollte!) Lange vor Darwin, Jahrhunderte vor Darwin, hat aber auch -die Naturforschung den Begriff geschaffen, der allerdings ein Pfeiler -jeder einheitlichen Weltanschauung ohne Wunderbegriff sein muß: den -Begriff der <em class="gesperrt">Naturgesetzlichkeit</em>.</p> - -<p>Das simpelste Experiment gelingt nicht ohne ihn, die alltäglichste -wissenschaftliche Rechnung bis in ein so banales Ding wie das Benutzen -einer Uhr hinein ist ein Kinderspott ohne ihn.</p> - -<p>Er ist gewissermaßen die exakte naturwissenschaftliche Formel für jenes -große Massenbild unserer Lebenserfahrungen.</p> - -<p>Die stärksten Geister der neueren Zeit haben gerungen, diesen Begriff -zu klären, zu festigen als Formel, und sie haben damit allerdings jener -zunächst intuitiv erlebten Weltanschauung einen Bewußtseinsausdruck -gegeben, der heute leicht als ihre festeste Säule erscheinen kann.</p> - -<p>Diese Naturgesetzlichkeit ist es, auf der sich Goethes Idee von der -Gott-Natur erhebt, und von der Fechner gesagt hat, daß sie der einzige -strenge Beweis vom Dasein Gottes sei; auch er meinte natürlich Gott -im Sinne der einheitlichen Gott-Natur, und seinem klaren Denkerkopf -mußte folgerichtig das „Wunder“ umgekehrt als Beweis erscheinen, daß es -keinen Gott, d. h. keine Einheit in der Welt gebe.</p> - -<p>Das alles steht vor Darwin, wie Newton und Galilei vor Darwin stehen -und so viele, die für diesen Begriff der Naturgesetzlichkeit gelebt, -gefochten, geblutet haben.</p> - -<p>Erst auf einem <em class="gesperrt">weiten</em> Wege von da komme ich zu Darwin und ich -komme zu ihm mit einer im Prinzip bereits vollkommen <em class="gesperrt">fertigen</em> -Weltanschauung, an der er im Ganzen nichts mehr ab-, noch zutun kann.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> - -<p>Zweifeln wir doch nicht: er selber ist an seine eigenen Spezialgedanken -über Entwickelung der Tiere und Pflanzen auch schon seiner Zeit ebenso -damit herangekommen als echt moderner Mensch.</p> - -<p>Seine Idee war, einen Gedanken, den das Leben und all sein Wissen -ihm sonst genugsam eingepaukt hatten, auch in eine Spezialecke zu -treiben, wo man sich ihm durch eine sonderbare Konstellation der Dinge -bisher hartnäckig verschlossen hatte: nämlich in die Entstehung der -wechselnden Tier- und Pflanzenarten auf Erden bis zur Tierart Mensch -herauf.</p> - -<p>Zweierlei hat er dann versucht, und im Prinzip also jedenfalls -versucht im Sinne und zu Gunsten einer monistischen -Entwickelungs-Weltanschauung, wenn auch keineswegs als erstes Fundament -einer solchen im Menschheitsdenken.</p> - -<p>Zunächst hat er versucht, die natürliche Entstehung -der Tier- und Pflanzenarten nicht bloß als allgemeine -Weltanschauungs-<em class="gesperrt">Folgerung</em> zu behaupten, sondern sie in -sich so reinlich herauszuarbeiten, daß sie schließlich selber als -<em class="gesperrt">Exempel</em> für die ganze Allgemeinidee gelten und wirken könnte.</p> - -<p>Dann hat er im notgedrungenen Zusammenhang damit einen höheren -naturgesetzlichen Zusammenhalt gesucht, der als „Gesetz“ diese -biologische Entwickelungslinie beherrscht und gelenkt haben könnte; das -war für sein Vermuten die natürliche Selektion oder Zuchtwahl.</p> - -<p>Fragt sich, ob er in beidem das Rechte getroffen hat.</p> - -<p>Das erste könnte ihm mangels ausreichenden Materials mißlungen sein.</p> - -<p>Im zweiten könnte er sich über das spezielle Naturgesetz getäuscht -haben, wie es so und so viel Forschern auf andern Gebieten gründlich -und häufig auch passiert ist, ohne daß deshalb jemand Lärm gemacht -hätte, die naturgesetzlichen Prinzipien der Forschung seien überhaupt -erschüttert und die (unter anderm auch hier verankerte) natürliche -Weltanschauung sei bankerott.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> - -<p>Immerhin läßt sich nach 44 Jahren mit kühlem Kopfe diese Doppelfrage -stellen.</p> - -<p>Vor diesen beiden Möglichkeiten setzt der heutige Kampf um Darwin ein, -— <em class="gesperrt">kein</em> Weltanschauungs-Kampf mit hie Entwickelung, hie Wunder. -Sondern eine höchst interessante Debatte mit zwei schlichten Fragen: -erstens ob sich von der Entwickelung auch an dieser (über ein paar -hundert Jahrmillionen verzettelten) Ecke heute schon oder noch ein -Bild gewinnen läßt; — und zweitens, ob in diesem Bilde die natürliche -Zuchtwahl eine Rolle spielt.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Als Darwin, gedrängt von der ganzen Geistesrichtung seiner Zeit, -sich mit dem Entwickelungsgedanken in die Geschichte der Tier- und -Pflanzenwelt wagte, stieß er dort, wie gesagt, auf eine in jeder -Hinsicht außergewöhnliche Situation.</p> - -<p>Zwei Dinge waren in unvereinbaren Widerspruch miteinander geraten.</p> - -<p>Auf der einen Seite stand das Dogma, daß die Arten in der Geologie und -Botanik unveränderlich, konstant seien.</p> - -<p>Auf der andern wies die neuaufgeblühte Geologie nach, daß beim -Zurückgehen in frühere Epochen der Erdgeschichte das Bild der Tier- und -Pflanzenwelt tatsächlich ein anderes wird, daß andere Arten erscheinen -wie heute, während die heutigen durchweg noch fehlen.</p> - -<p>In der Not hatte hier, unwissenschaftlich genug, eine Weile wirklich -das „Wunder“ herhalten müssen. Die Art war in sich konstant. Aber -ab und zu im Laufe der Jahrmillionen kam eine Hand von jenseits der -Glocke, brach allem Vorhandenen den Hals und setzte neue Arten herunter.</p> - -<p>Darwin trat dem entgegen, nicht eigentlich als Revolutionär, wenn -man die Dinge ganz streng mißt, sondern einfach als Vertreter der -schlichten wissenschaftlichen Methode, wie sie für alle anderen Zweige -der Forschung längst fest eingeführt war.</p> - -<p>Vom Boden einer Naturgesetzlichkeit, erklärte er, ist der Ausweg -des Wunders unzulässig. Zulässig ist dagegen, anzunehmen, daß ein -wissenschaftliches Dogma falsch sein könne,<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> — in diesem Falle das -Dogma von der Konstanz der Arten. Es kann eine natürliche Entwickelung -von Arten zu anderen Arten stattgefunden haben, — und das würde in -Einklang mit der Geologie sein.</p> - -<p>Die Geologie wurde damit von einer Art Ketzerrolle befreit, zugleich -wurde ihr aber auch eine große, neue, positive Aufgabe zugewiesen. Gab -man ihr zu, daß Arten sich entwickelt haben könnten, so schien nun ihr -der Beweis obzuliegen, daß es tatsächlich der Fall gewesen sei.</p> - -<p>Mit Forderungen an die Geologie aber ist es eine seltsame Sache.</p> - -<p>Es ist das hübsche Los aller Wissenschaften, die auf den Zufall -historischer Dokumente angewiesen sind, daß „Fordern“ in ihnen einen -komischen Beigeschmack hat. Ich suche Daten über Wallensteins Leben -und finde die vollständigen Akten über Herrn Müller oder Schulze, die -<em class="gesperrt">dessen</em> Leben bis in jeden Punkt aufhellen. Ich suche schmerzlich -Angaben über das mir größte Ereignis des Altertums, die Taten Christi; -der Vesuv liefert mir eine ganze römische Stadt mit Haut und Haaren aus -und in dieser ganzen Stadt hat man von Christus keine Notiz genommen.</p> - -<p>Der Laie sieht ein prachtvolles Museum aufgebaut: geologische -Fundstücke aus dem Leben der Vorwelt. Er kommt mit der Idee Darwins -zwischen die Megatherien und Ichthyosaurier und verlangt, daß ihm die -gesamten Darwinschen Übergangsketten, die in der Entwickelung jede -Tierart mit der nächsten verknüpfen, vorgezeigt werden. Man zuckt die -Achseln, und nun fängt er an zu schmollen. 44 Jahre nach Darwin und -noch immer dieses Material nicht zur Stelle? Da ist es doch wohl mit -dem ganzen Darwin nichts.</p> - -<p>In Wahrheit ist unsere gesamte Versteinerungskunde heute wenig über 100 -Jahre alt. In den letzten 50 dieser Jahre, also auch in der Ära Darwin, -hat sich trotz alles Aufblühens an gewissen Dingen für sie gar nichts -geändert und es wird sich noch lange nichts, zum teil nie etwas daran -ändern.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p> - -<p>In den 50 ersten so wenig, wie in den 50 letzten Jahren des -Jahrhunderts haben ihr, die mit vielen Millionen von Jahren rechnet, -auch entsprechende Millionen von Mark zur Verfügung gestanden.</p> - -<p>So ist ihre Materialsuche Stückwerk ohne jedes systematische -Vorgehen geblieben. Ihr Stoff, die ganze Masse dessen, was an alten -Tier- und Pflanzenresten überhaupt erhalten ist, durchsetzt, oft -in homöopathischer Verdünnung, alle jüngeren Schichtgesteine der -Erde. Dieses Musterbuch ganz zugänglich machen, hieße nichts viel -anderes, als die ganze Erdrinde abblättern, aufrollen von den höchsten -Alpengipfeln bis unter die Sohle unserer heutigen tiefsten Bohrlöcher, -— nicht zu vergessen den Boden aller Ozeane und den Sockel der polaren -Eiskappen.</p> - -<p>Erst wenn die Millionen, die Arbeitskräfte, die technischen Erfindungen -da vorhanden und die Sache geleistet wäre, könnten wir von einer ersten -Inventaraufnahme sprechen, die dann auf Darwin zu prüfen wäre.</p> - -<p>So, wie die Dinge liegen, sind wir bisher trotz der 100 Jahre auf ein -paar Stichproben angewiesen. Ein Schieferblock etwa wie der Solnhofener -lithographische Stein, der eine prachtvolle ganze Schriftseite der -Jura-Zeit liefert, ist zu technischen Zwecken wirklich im Abbau und -steuert langsam sein Teil zu. Hier, dort hat ein Privatmann sein Geld -und seine Energie ähnlich auf einen einzelnen Punkt konzentriert. -Punkte gegen eine Erde!</p> - -<p>Schon diese Stichproben haben aber genügt, um etwas noch viel -Fundamentaleres, selbst mit allen Milliarden aller Staatskassen der -Welt Unverrückbares zu offenbaren.</p> - -<p>Das in der ganzen Erdrinde versteinert Erhaltene ist überhaupt -<em class="gesperrt">nur</em> wieder eine Stichprobe dessen, was lebendig <em class="gesperrt">da war</em>.</p> - -<p>Sicherste Anzeichen lehren das. An sich ist es ja ein wahres -Wunder anstatt einer dicken Wahrscheinlichkeit, daß überhaupt -etwas so erhalten ist. Der Laie hat da gut fordern. Wenn ich -ein paläontologisches Museum besuche, so ist mir immer wieder -das staunenswerteste Rätsel, daß das alles die<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> ungezählten -Zerstörungsmöglichkeiten in Jahrmillionen überdauert hat. Um so -selbstverständlicher, daß schließlich Grenzen kommen. Es ist im ganzen -doch nur ein kleiner Bruchteil, eben eine Stichprobe, da.</p> - -<p>Das Wort Stichprobe paßt aber wieder in anderem Sinne schlecht dabei. -In so und so viel Fällen geht es wie oben in dem Beispiel: ich steche -auf Wallenstein und dringe in die Käserechnungen des Herrn Schulze. -Wenn die Stichproben mich nun aber gar unzweideutig lehren, daß -Wallenstein überhaupt nicht mehr dabei ist? Diese Sachlage steht fest -für das ganze Altbuch der Paläontologie.</p> - -<p>Da liegen ungeheure Schichtgesteine, die sogenannten krystallinischen -Schiefer. Jede Spur von Versteinerungen ist nachträglich darin -gelöscht, — durch irgend einen seltsamen Prozeß, der das Gestein -durcheinander gearbeitet hat, vielleicht die Wärme, die bei der -nachträglichen Zusammenziehung des Erdballs entstand, es gibt da nur -Vermutungen. Was wir auch wollen: wir müssen bei allen geologischen -Streifzügen abwarten, bis diese verwunschene Schichtenfolge aufhört, -erst dann setzt die Möglichkeit von Versteinerungsfunden ein. Das Leben -der Urzeit selber aber hat offenbar keineswegs die Freundlichkeit -gehabt, für uns so lange mit zu warten. Als der Vorhang für uns -endlich, mit der kambrischen Epoche, aufgeht, ist es schon im vollen -Spiel. Ja, fast hat es den Anschein, als schneiten wir mindestens in -den vierten Akt. Von Entwickelungsanfängen kann keine Rede mehr sein. -Schon treten Muscheln, Stachelhäuter, hoch organisierte Krebse, ja -gar bald bereits Fische auf. Aus den Steinabdrücken werden wir nie -erfahren, durch welche Formreihen hindurch sie sich entwickelt haben -könnten, denn tiefer geht unser irdisches Dokument überhaupt nicht.</p> - -<p>Was heißt hier „fordern“?</p> - -<p>Fordern wir vom Astronomen, daß er uns die Rückseite des Mondes zeige -und machen wir davon den Wert der Astronomie abhängig! So ist es genau -mit dem Darwinismus<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> in der Geologie jenseits der ersten Muscheln und -Trilobitenkrebse.</p> - -<p>Auf solche Löcher im Material hat schon Darwin selbst hinweisen müssen. -Geändert hat sich aber in den 44 Jahren seither nicht das Mindeste -daran, — so wenig wie unsere Astronomie in den Jahren hinter den Mond -gekrochen ist.</p> - -<p>Es gibt aber noch mehr Lücken.</p> - -<p>Als man zuerst Tier- und Pflanzenabdrücke fand und noch in biblischer -Treue dabei nur an die Sintflut dachte, bürgerte die Idee sich ein, -alles Versteinerte sei das Resultat irgend einer jähen Katastrophe, -einer großen Wandlung im Erdenleben: verschüttete Wälder, in Hekatomben -verunglückte Tiere. Einzeln ist es auch wohl so gewesen, in der Regel -nicht. Die Regel zum Zustandekommen von Versteinerungen war gerade -das Gegenteil: lange Epochen größter Ruhe und Regelmäßigkeit. Wälder -von kryptogamischen Gewächsen grünen Jahrhunderttausende am gleichen -Fleck und bilden eine ungeheure Torfschicht; die bleibt als Steinkohle -erhalten. In eine seichte Bucht (wie die von Solnhofen) rinnen -kalkhaltige Bäche, häufen in endlosen Zeiten immer neue ungestörte -Häutchen feinsten Schlicks übereinander; an diesem Ort muß ein wahres -Paradies an Ruhe gewesen sein und sein Ergebnis ist das wunderbare -Bilderbuch im Schiefer abkonterfeiter Quallen, Libellen, Krebse, -Fische und Urvögel. Gesellige Korallentiere bauen in ungestörter Ruhe -berghohe Riffe; sie tauchen bei Faltungen der Erde in die Tiefe und -liegen unzerstörbar. In den Abgründen der Tiefsee, tausende von Metern -tief, lagern sich die mikroskopischen Schälchen einzelliger Wesen -ab zwischen Seelilien, deren schwanken Stiel hier unten kein Sturm -bedroht, — auch ein Reich des Friedens, stationär bis zu dem Maße, daß -es seit Jahrmillionen bis heute fast das gleiche Gesicht, immer die -gleichen Anpassungen und Formen, zeigt; aus solchem Tiefseeschlamm ist -die weiße Kreide geworden, die selbst dem Laien durch die Masse ihrer -Versteinerungen auffällt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> - -<p>Gerade diese Zeiten der Ruhe, des unendlichen gleichartigen Fortzeugens -bestimmter Arten sind es aber <em class="gesperrt">nicht</em>, die der Darwinismus -<em class="gesperrt">sucht</em>!</p> - -<p>Er möchte die Reste sehen der unruhigen Zeiten, die auch äußerlich, -im Bilde der Erdverhältnisse, sei es lokal oder im ganzen, bewegt, im -Fluß und beeinflussend erscheinen. In solchen Zeiten gab es nach ihm -Wandel der Formen, Zwang zu neuer Entwickelung, veränderte Anpassungen, -Degenerationen und Aufschwung. Aber grade <em class="gesperrt">die</em> Spur ist verwischt -— <em class="gesperrt">wegen</em> der Unruhe. Erst nach langer Zeit, wenn alles sich so -in Gleichtakt gesetzt hat, daß wieder viele Jahrtausende lang immer die -gleichen Gewächse ihre Stämme im Torf begraben, dieselben Müschelchen -in Millionen Generationen sich im Teichschlamm ablagern, geht von neuem -in solcher Dauerschicht der Ruhe der Vorhang wieder für uns auf. Wir -sehen dann wohl, daß alles ein Stück anders, ein Stück weiter ist. Aber -grade der Zwischenakt fehlt uns in Spuren, auf die wir die Hände legen -könnten.</p> - -<p>Es ist eine bitterernste Wahrheit, daß das, was man hat, hier nichts -beweist und daß man das, was beweisen könnte, nicht hat.</p> - -<p>Nicht Darwin, sondern das Dilemma in unserm geologischen Material hat -diese Ironie geschaffen.</p> - -<p>Denken wir uns, in der Geschichte fehlte uns die Völkerwanderung. Wir -hätten Pompeji und dann wieder unvermittelt das Reich Karls des Großen. -Oder die Mumie eines römischen Cäsars und unmittelbar darauf das Grab -eines Papstes, ohne Kenntnis des Christentums. Es gibt ja Orte, wo -auch die Geschichtsdokumente ganz ähnlich abrupt aufeinanderliegen: -im Lehmboden von Höhlen geraten einsinkend die Scherben von -Porzellantassen moderner Kulturnomaden, vielleicht von Bahnarbeitern, -die dort einmal bei Regenwetter ihren Kaffee gekocht haben, unmittelbar -zwischen Knochen des Höhlenbären und Steinbeile der Mammutzeit. An -Wunder glaubt aber <em class="gesperrt">hier</em> niemand, bloß an <em class="gesperrt">Lücken</em> der -<em class="gesperrt">Überlieferung</em>.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p> - -<p>Grade bei solchem Sachverhalt ist es aber doppelt merkwürdig, -doppelt lehrreich, daß sich nun <em class="gesperrt">dennoch</em> — in Umkehrung des -eigentlich Selbstverständlichen — darwinistische Züge in der Geologie -<em class="gesperrt">haben</em> aufweisen lassen.</p> - -<p>Das erste, was immer wieder auffallen mußte und muß, ist eben die -nachträgliche Existenz immer wieder so vieler <em class="gesperrt">neuer</em> Tier- und -Pflanzenformen von Epoche zu Epoche.</p> - -<p>Haben wir auch durchweg nur Dauerbilder, so sind eben doch diese -Dauerbilder stufenweise immer wieder verschieden.</p> - -<p>Und dabei sehen wir klar, daß nicht etwa ein <em class="gesperrt">absolutes</em> Muß -der Verwandlung vorlag. Einzelne Tierformen sind tatsächlich viele -Jahrmillionen bis heute unverändert stehen geblieben: die Gattung -<span class="antiqua">Ceratodus</span> (Molchfisch) seit der Triaszeit; die Gattung -<span class="antiqua">Lingula</span> (ein wurmartiges Tier in muschelähnlichen Schalen) -gar seit jener kambrischen Epoche, mit der all unser Wissen beginnt. -Warum ist nicht alles in dieser Weise seit Beginn seiner Existenz beim -gleichen Leisten geblieben? Woher neben wenigen solcher Überlebenden -mit jeder Epoche die Unmasse neuer, andersartiger Typen?</p> - -<p>Und dabei ein weiterer, jetzt der eigentlich durchschlagende Zug.</p> - -<p>Es zeigt sich, hält man Dauerbild zu Dauerbild von Epoche zu Epoche, -ein Ansteigen von Unvollkommenerem zum Vollkommeneren.</p> - -<p>Wir können da freilich nicht eigentlich von unten beginnen, da uns ja -der ganze Anfang fehlt. Die kambrische Epoche setzt, wie gesagt, mit -bereits relativ hohen Typen ein. Aber von da erleben wir doch noch ein -Stück wenigstens mit.</p> - -<p>Bis gegen die Sekundärperiode sehen wir ungeheure Gebiete der Erde -bedeckt mit Wäldern farrnähnlicher kryptogamischer Pflanzen, also einer -niedrigen Flora. Ganz allmählich erst treten dazu die systematisch -niedrigsten Phanerogamen: Nadelhölzer und Palmfarrne. Erst in der -Kreidezeit kommen auf einmal die höheren Blütenpflanzen.</p> - -<p>Ganz ähnlich steigt der höchste Stamm der Tiere stufenweise von Bild -zu Bild an, der der Wirbeltiere. Er erscheint<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> mit Fischen, nur -Fischen. Dann werden höher hinauf amphibische, reptilische Wesen -sichtbar, erst urtümliche, dann vollkommenere. Vögel wie Säuger -treten erst in der Sekundärzeit, viele Millionen von Jahren nach dem -kambrischen Anfang, hervor. Der Vogel ist zuerst Archäopteryx, mit -ausgesprochenen Eidechsenrückständen am Leibe. Das Säugetier ist -Ursäuger und Beuteltier. Erst um die Wende zur Tertiärzeit erscheint -eine Mischgruppe, die nicht mehr Beuteltier ist, aber die Merkmale -von Raubtieren, Huftieren und selbst Halbaffen in sich vereinigt. Die -Krone des Säugerstammes, der Mensch, endlich erscheint mindestens erst -tief in dieser Tertiärzeit, selbst wenn wir ihn mit Klaatsch so weit -zurückdatieren wollen, wie nur irgend zulässig. Er erscheint noch -in der Eiszeit als Rasse mit primitiverem Schädel und erst nach der -Eiszeit setzt seine höhere Kultur ein.</p> - -<p>Gleiche Anpassungskreise werden dabei mehrfach in folgenden Epochen -neu ausgefüllt, aber dann von einer im <em class="gesperrt">ganzen höheren</em> -Organisationsstufe: so ersetzen die Säuger der Tertiärzeit im gesamten -Anpassungsumfang genau die Reptile der Sekundärzeit und wieder der -Mensch mit seinem Werkzeug umgreift die ganze ältere Säugeranpassung.</p> - -<p>An diesen großen Linien hat alle Kritik der Jahre seit Darwin aber auch -rein nirgendwo rütteln können.</p> - -<p>Versucht worden ist ja jeder Ausweg.</p> - -<p>In den Steinkohlen sollten uns bloß die kryptogamischen Moore der -älteren Zeit erhalten sein, wie wir deren aus Moosen heute noch -genug haben, — die Nadel- und Laubwälder jener Tage aber sollten -bloß zufällig keine Reste hinterlassen haben. Aber diese Farrn-, -Bärlapp- und Schachtelhalmwälder von damals waren kein Moorwinkel -irgendwo, sondern sie überzogen die Erde vom Nordpol bis zum Südpol in -himmelragenden Stämmen. Ein Blick auf die räumliche Größe auch nur der -heute bereits bekannten Kohlendistrikte genügt, um zu beweisen, daß es -sich dabei um die Charaktervegetation der Erde in einer Weise handelt, -wie es von keiner<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> einzigen heutigen Pflanzengruppe behauptet werden -kann. Und das eben ist das Bezeichnende.</p> - -<p>Andere nahmen sich die Archäopteryx vor. Man hatte sie (die erst -nach Darwins Auftreten gefunden worden war) als Mittelglied zwischen -Eidechse und Vogel bezeichnet. Nun kommt ein feiner Kenner und zeigt, -daß in der Mischung auf feinster Wagschale die Vogelmerkmale des -Zwitterwesens die Eidechsenmerkmale um etwas überragen. Das wird -ausgemünzt, als seien die Eidechsenzüge damit überhaupt gestrichen. -Man bedenke: bei einem Tier mit Zähnen im Maul, Krallenfingern an den -Flügeln, einem langen Eidechsenschwanz, primitiv geformten Wirbeln, -einer Fülle noch anderer reptilischer Merkmale. Aber es ist nicht -mathematisch genau die Mitte, und so wird geredet, bis der Laie betrübt -abzieht und den Posten überhaupt verloren gibt.</p> - -<p>Das Beispiel ist typisch, wie der Stoff von Gegnern behandelt worden -ist und wie wertlos diese Sorte Gegnerschaft ist, die in so unendlich -schwieriger, verwickelter Lage Wortspielereien treibt: ob man -Mittelform, Übergangsform noch nennen dürfe, was nicht mathematisch -genau den Mittelpunkt bezeichnet. Das alte Sophistenspiel, wann ein -Häufchen zum Haufen wird. In dieser Welt der Annäherungswerte, wo es -im abstrakt mathematischen Sinne weder Arten, noch Gattungen, noch -überhaupt irgend etwas gibt!</p> - -<p>Am verzweifeltsten ist natürlich um das kleine Endchen Paläontologie -gefochten worden, das auf die Entwickelung des Menschen hinweist.</p> - -<p>Ein Dogma häufte sich hier aufs andere. Es gibt keinen fossilen -Menschen. Aber er kam, es half nichts. Zur Reserve, damit die beiden -sich ja nicht begegneten, sollte es auch einmal keine fossilen Affen -geben. In ganzen Reihen stehen sie heute in unseren Museen. Dann blieb: -es gebe wenigstens keinen fossilen Affenmenschen. Ein in Zoologie -dilettierender Theologe schrieb einmal als probates Rezept aus, man -solle jede Erwähnung Darwins niederschmettern mit dem Satz: „Ist er -gefunden, ja oder nein?“ Nämlich der<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> Affenmensch. Jetzt ist er zum -Schluß wirklich noch gefunden worden, ehe das Jahrhundert ausging, der -Pithecanthropus von Java, mit dem Schädelinhalt haarscharf zwischen -Gorilla und Mensch.</p> - -<p>Bei manchem der wilden Kämpen in diesem Zwist tritt hier wirklich durch -ihre eigene Schuld der früher erwähnte Fall ein: der Kampf wird um ein -Schädelbruchstück mit der verzweifelten Überzeugung geführt, es hänge -an dem Knöchelchen der Sieg oder Tod einer Weltanschauung.</p> - -<p>Der Sieg einer einheitlichen Naturanschauung mit Entwickelungsideen ist -nicht um ein so billiges zu erkaufen!</p> - -<p>Aber feststellen darf diese Weltanschauung immerhin mit einiger -Befriedigung, daß bisher auch nicht eine einzige Tatsache der -Paläontologie, auch heute nach 44 Jahren nicht, existiert, die gegen -eine natürliche Entstehung der höheren Tier- und Pflanzenformen aus den -niederen, älteren spräche.</p> - -<p>Etwas anderes aber ist heute nach 44 Jahren allerdings zu betonen.</p> - -<p>Die Geologie dieser Stunde ist in vielen Zügen nicht mehr die Geologie, -mit der Darwin rechnete. Komplizierter und, wenn man es nur nicht im -alten Wunder-Sinne verstehen will: mysteriöser ist sie geworden.</p> - -<p>Darwin sagte: die Tier- und Pflanzenarten haben sich im Laufe der -geologischen Epochen langsam umgewandelt. Wodurch? Durch den Druck der -äußerlichen Umwandlung der Verhältnisse, in denen das Lebendige auf -Erden hing. Sei das einmal genug Erklärung. Jedenfalls dachte Darwin an -Lyells Sätze dabei.</p> - -<p>Lyell betonte, wie langsam, successive alles in der äußeren -Geologie sich vollzogen habe: Wandel der Erdteile und Gewässer, -Gesteinsbildungen, Klima, kurz der „Wechsel der Verhältnisse“.</p> - -<p>Das war gut und paßte trefflich zu Darwins Selektions-Idee.</p> - -<p>Lyell betonte, daß dieselben Kräfte wie heute ausgereicht hätten. Seine -Verhältnisse der Vergangenheit behalten immer<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> in ihrem stillen Strom -eine größte Wesens-Ähnlichkeit mit den heutigen.</p> - -<p>Auch das gab damals viel Hülfe. Man studierte die eigene Epoche und -konstruierte danach die verflossenen, wie Mommsen aus der modernen -Politik die Geschichte Cäsars ausgelegt hat.</p> - -<p>Aber in der Weise hat sich das doch nur sehr bedingt als dauerndes -Prinzip wahren lassen. Ehrlich gesagt, versagt das Prinzip heute an -ganz auffälligen Stellen auch wieder. Die große Eiszeit hat da zuerst -Bresche gelegt. Hier war ein Vorgang, der aus dem allzu korrekten -Schema grob heraussprang. Die einfache Parole: zunehmende Abkühlung -der einstmals heißen Erde in den geologischen Epochen, langte nicht -aus. Warum lag diese Eiszeit schon wieder hinter uns? Vor ihr war in -Europa Tropenklima. Warum? Heute ist die ganze Klima-Frage in der -Geologie ein Labyrinth ungelöster Probleme. Schon dämmert die Idee -auf, daß es mehrfach auch in früheren Epochen Eiszeiten gegeben habe. -Periodische Erscheinungen der Erdkugel tauchen dahinter auf. Hängen -sie mit periodischen Akten der Erdkugel zusammen? Hängen sie ab von -Periodizitäten unseres Sonnensystems? Fragen.</p> - -<p>Die ganze Abkühlungstheorie der Erde ist heute schwankend, wenigstens -in der hergebracht einfachen Form.</p> - -<p>Die Klimafrage ist aber nur ein krasses Beispiel. Wie hier sind erste, -scheinbar sichere Schemata überall in der modernen Geologie in die -Brüche gegangen. Ein ungeheurer Zuwachs von Tatsachen hat einen Berg -ganz neuer Fragen aufgetürmt. Wenn wir sagen, die „Verhältnisse“ haben -die Arten geschaffen, so muß uns beständig heute der Zweifel ins Ohr -raunen, <em class="gesperrt">was wir denn von diesen Verhältnissen geologisch eigentlich -wissen</em>?</p> - -<p>Wie viel Möglichkeiten umschließt das Wort noch, und wie wenig Klarheit!</p> - -<p>In der Tier- und Pflanzengeschichte sehen wir einzelne besonders -merkbare große Einschnitte. Wir träumen da besonders starke -Umwandlungen. So vor der Trias-Periode<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> und wieder in der Mitte der -Kreide-Periode. Was ist da äußerlich auf Erden vorgefallen? „Wechsel -der Verhältnisse“ ist an solchen Stellen ein Kryptogramm für uns, ein -Deckwort für ein Bündel dunkler Dinge, deren Füße wir bloß gespenstisch -hinter dem Vorhang arbeiten sehen.</p> - -<p>Kaum eine einzige große Hypothese der älteren Geologie schließlich, die -im Moment nicht wackelte. Sie ist ein unendlich viel merkwürdigeres -Ungeheuer, diese alte Erde, als wir dachten. Man braucht bloß an -die magnetischen Erscheinungen, die Polschwankungen und anderen -Achsengeheimnisse, den Wechsel des Meeresniveaus, die immer wieder -verwirrten vulkanischen Phänomene, die Geheimnisse der Innenwärme zu -denken, um den Stich zu fühlen, wie wenig wir von diesem Ungeheuer -wissen. Jene unerklärten krystallinischen Schiefer rufen es uns aus der -Mineralogie zu. Von den rätselhaften Periodizitäten der Sonne, deren -Fleckenperiode mit unsern magnetischen Mysterien über 20 Millionen -Meilen hinweg in Kontakt steht, kommt es auf kosmischen Umwegen zu uns -zurück.</p> - -<p>Kein geologisch geschulter Mensch denkt daran, die Fäden dieses -dunkelsten Gewebes <em class="gesperrt">außerhalb</em> der Naturgesetzlichkeit zu suchen. -Der Wechsel, das Andersartige grade der Bilder predigt aufdringlich -genug Entwickelung.</p> - -<p>Nichts also entfernt sich in dieser Geologie der unendlich höher -gespannten Möglichkeiten im Prinzip von Darwin.</p> - -<p>Aber wir dürfen uns grade in seinem Sinne nicht dagegen verschließen, -daß nun der Entwicklungsprozeß des Lebendigen in diesem ungeheuren, -kaum erst in seinem Umfang hier und da <em class="gesperrt">geahnten</em> Spiel -der geologischen Gesamtdinge, dem gigantischen Gesamtprozeß der -Entwickelung des Erdplaneten, mit allen Fasern <em class="gesperrt">auch</em> hängt, — in -seinen <em class="gesperrt">Rätseln</em> hängt.</p> - -<p>Phasen dieser Gesamtentwickelung können in ihn eingreifen, von denen -der Anblick der heutigen Verhältnisse wahrscheinlich ebenso wenig -ein Bild gibt wie das enge, einer Uhrfeder gleich sich abrollende -Leben eines kleinen Philisters in einer<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> erstarrten Umgebung ein -psychologisches und kulturgeschichtliches Bild geben würde von der -ideellen Siedehitze eines Kopfes in einer sozialen Revolution oder in -der ungeheuren Stunde einer Religionsgeburt.</p> - -<p>Ich glaube zuversichtlich, daß die Geologie in diesem Sinne noch einmal -reden wird, viel reden wird zu Darwin, — nicht in dem kleinlichen -Sinne, daß sie die paar paläontologischen Daten, die jetzt schon -allgemein eine Entwickelung befürworten, wieder umwerfen sollte, wohl -aber so, daß sie Darwins Programm von den „Verhältnissen“ uns erst -eigentlich <em class="gesperrt">erfüllte</em>.</p> - -<p>Unvermerkt wird dabei freilich auch der <em class="gesperrt">Begriff</em> „Verhältnisse“ -selbst eine leise, aber schließlich doch wichtige Umwandlung erfahren: -— eine Erweiterung.</p> - -<p>Der Prozeß wird wahrscheinlich ein ganz ähnlicher werden, wie heute -in der von der Nationalökonomie in bestimmtem Sinne beeinflußten -Geschichtsauffassung. Auch da spielt das Wort „Verhältnisse“ eine -überwältigende Rolle. Je mehr die Forschung sich aber vertieft, desto -mehr geht in sie alles, was man früher „Ideen“ nannte, doch auch -wieder als Faktoren ein, man spricht von einem „Milieu der Ideen“ in -bestimmter Zeit, und schließlich zeigt sich hier wie überall als Parole -des Fortschritts, daß es nicht gilt, irgend etwas herauszuwerfen aus -der Betrachtung, sondern nur immer mehr hinzu zu umgreifen.</p> - -<p>Ich berühre damit schon etwas, was ich oben als zweite Stufe in Darwins -Werk bezeichnet habe: seine Idee über das eigentliche Gesetz der -Entwickelung im Tier- und Pflanzenreich.</p> - -<p>Ein Naturgesetz in der biologischen Entwickelungslinie suchte Darwin — -und er geriet auf die Selektion.</p> - -<p>Seit 44 Jahren geht der Streit, ob er in diesem Punkte recht gesehen. -Aber neben diesem Fachstreit gibt es noch einen anderen, der auch -anknüpft an das Wort Selektion.</p> - -<p>In ihm wird behauptet, daß Darwin gerade mit diesem seinem -individuellsten Gedanken doch die ganze Entwickelungsidee entscheidend -beeinflußt und <em class="gesperrt">umgestaltet</em> habe.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> - -<p>Zerstört, sagen die einen.</p> - -<p>Erst vollendet, die andern.</p> - -<p>Ein Teil von Darwins Ruhm stammt aus dieser Ecke, weil er hier -scheinbar Leuten entgegen gekommen ist. Ein Teil auch von dem Haß, den -er erlitten, von der Reaktion einer aufgestörten Stimmung. Und immer -wieder hat dieser große Hall auch in die engeren Fachkämpfe hinein -nachgezittert.</p> - -<p>Ist die Sache wahr?</p> - -<p>Darwins Tat traf äußerlich mitten hinein in den erbitterten Zwist noch -zweier anderer Weltanschauungen als bloß „Hie Wunder, Hie Naturgesetz.“</p> - -<p>Ich kann das Wunder verwerfen und an eine natürliche Entwickelung, an -eine einheitlich gebaute Natur glauben. So sind mir doch in dieser -Überzeugung noch zwei Anschauungen möglich.</p> - -<p>Ich kann in der Natur ein sinnloses Spiel sehen, ein Auf und Ab ohne -inneren roten Faden, ein Welt-Kuddelmuddel.</p> - -<p>Ich kann aber auch in dieser Natur ein allgemeines ungeheures -Aufwärtsringen gewahren, ein Aufwärtsringen allerdings bloß mit -natürlichen Mitteln, innerhalb und vermittelst der Naturgesetze, -— aber doch ein <em class="gesperrt">Empor</em>, in dem sich schließlich das Höchste -erfüllt, — das erfüllt, was die ältere Betrachtungsweise noch einmal -extra und außerhalb der Natur als Göttliches gesucht hatte.</p> - -<p>Jene erste Ansicht ist eine unbedingt pessimistische, die zweite -eine wenigstens bedingt optimistische. Goethe mit seinem Begriff -„Gott-Natur“ stand stets der letzteren näher. Die erstere aber -durchfärbte den Pessimismus des ganzen 19. Jahrhunderts mehr oder -minder stark und gab dem Jahrhundert auch da, wo sie bloß halb und -unklar auftrat, merkwürdig scharf seine Physiognomie; zumal gegen sein -Ende hin.</p> - -<p>Wahr ist nun, daß die Selektions-Idee, die Darwin in den -Entwickelungsgedanken gebracht hat, <em class="gesperrt">zunächst nur auf die -erstere</em>, die Kuddelmuddel-Anschauung, energisch bezogen worden ist.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p> - -<p>Darwin brachte als ganz, oder doch nahezu ganz neu den folgenden -Gedanken.</p> - -<p>Hier stehen zweckmäßige Gebilde in der Natur. Hat irgend eine -Intelligenz sie sofort so zweckmäßig hergestellt?</p> - -<p>Nein, sagt Darwin, sondern die Natur produzierte zunächst ohne Wahl -ungezählte Varianten, zweckmäßige und unzweckmäßige durcheinander. In -der logischen Notwendigkeit dieser gleichen Natur aber war enthalten, -daß bei gleicher Konkurrenz nur die zweckmäßigen Gebilde sich -erhielten, die unzweckmäßigen dagegen untergingen.</p> - -<p>Alles Kosmische, Geordnete, Stabile der Welt, so kann man Darwins Idee -verallgemeinern, ist ein Produkt bereits solcher logischen Auslese.</p> - -<p>Der Kuddelmuddel-Pessimismus zog daraus den Schluß, daß also auch -dieses Kosmische, Geordnete, Zweckmäßige bloß ein Produkt des -Kuddelmuddels sei. Die Würfe der Natur, schloß er, erfolgten also nicht -auf ein optimistisches Prinzip hin. Und erst die Auslese täusche eine -Ordnung, eine immer zweckmäßigere Entwickelungswelt, vor.</p> - -<p>Diese pessimistische Folgerung aus Darwin ist aber im tiefsten Kern -nichts anderes als ein grober Trugschluß.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Resultat</em>, das ist vorweg zu betonen, bleibt auch bei Darwin -genau als das <em class="gesperrt">gleiche</em> stehen. Es treten uns zweckmäßige, -harmonische, kosmische Dinge (Kosmos gleich Ordnung!) als Resultate -von Entwickelungen konkret in der Welt entgegen. Davon gehen wir aus, -— also von einem Schluß-Phänomen, das für uns aber zugleich eine Art -Ur-Phänomen bildet.</p> - -<p>Das Neue, das Darwin hinzutut, steckt nun nicht in der Anfechtung -dieses Resultats, sondern lediglich in einer neuen Analyse des Weges, -der in der Natur <em class="gesperrt">dahin führt</em>.</p> - -<p>Über diesen Weg sagte aber auch jene optimistische -Gott-Natur-Auffassung zunächst gar nichts aus, — er ist in ihr offenes -Problem. Auch sie muß ja zu ihrer Welt über die Naturgesetze. Da nicht -alles bereits Harmonie in der Welt ist, wird ein allzu bequemer Weg -von vorne herein hier nicht<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> wahrscheinlich sein, — die Existenz des -Harmonischen scheint viel eher überall ein langes, umständliches Ringen -vorauszusetzen, einen Kampf, wo jeder Schritt schwer bezahlt werden muß.</p> - -<p>Jene andere, ältere Anschauung freilich, die eine überweltliche -Intelligenz von jenseits der Glocke in die Natur eingreifen ließ: sie -schrieb im Gegensatz dazu auch ihren Weg tatsächlich vor und sie konnte -vom ersten Satz an sich also mit der Selektion Darwins <em class="gesperrt">nicht</em> -befreunden. Ihr eingreifender Schöpfer ist einfach ein aktiver Mensch, -dessen Handlungen nur im Bilde eines solchen zu denken sind, bloß noch -viel direkter, da er allmächtig ist.</p> - -<p>In der Gott-Natur Goethes dagegen sind viele Wohnungen.</p> - -<p>Sehen wir ruhig an, welchen Weg Darwin von ihr verlangt und ob er ihrem -Bilde überhaupt widersprechen kann.</p> - -<p>Darwins Selektionslehre, im weitesten Sinne als kosmosbauendes -Naturprinzip gefaßt, rechnet mit der Existenz einer ganzen Reihe fester -Naturveranlagungen.</p> - -<p>Es ist eine solche Veranlagung, Potenz, Eigenschaft der Natur, daß sie -überhaupt Varianten erzeugt, aus denen eine Auslese stattfinden kann.</p> - -<p>Es ist eine weitere Veranlagung, daß sie auch als zweckmäßig -verwertbare Varianten dabei wirft; daß sie es tut, zeigt das -Schlußphänomen.</p> - -<p>Ferner eine, daß eine Auslese in Frage kommt; sie findet in ihr statt, -ist also als ganzes ihre Eigenschaft.</p> - -<p>Ferner, daß eine Logik bei dieser Auslese die passenden Varianten -bestehen läßt, ihnen ein Plus gibt vor den andern und damit der ganzen -Weltentwickelung ein Übergewicht gegen harmonische Verhältnisse hin -verleiht. Auch diese Logik steckt doch gegeben in der Natur. Es ist -ja vielfach ein billiges polemisches Kunststück, derartige Logik als -solche gleichsam noch einmal wieder abzuziehen vom Begriffe „Natur“, -womit dieser dann allerdings leicht dem Kuddelmuddel ausgeliefert ist. -Warum aber überleben die Passenden die Unpassenden?<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> Aus einfacher -Logik, sagt jeder. Nun grade an dieser Naturlogik als einer Eigenschaft -der Natur hängt aber nach Darwin das Schlußentstehen eines geordneten -Kosmos. Nicht auf regellosen Zufällen, sondern auf klar gegebenen -Eigenschaften der Natur, die für sie ein absolutes Muß bilden, -beruht auch in der extremsten Selektionstheorie die Entwickelung -zu harmonischen, stabilen, zweckmäßigen Gebilden. Eine nur dieser -Eigenschaften fehlend — und kein Zufall brächte je das geringfügigste -„kosmische“ Verhältnis hervor!</p> - -<p>Kein Mensch kann mir demnach logisch verbieten, den Sachverhalt -im ganzen so zusammenzufassen, daß ich sage: die Natur hat die -Eigenschaft, sich in der Richtung auf kosmische, geordnete, in ihrem -Zusammenhang zweckmäßige Verhältnisse zu entwickeln; und die Selektion -ist bloß der verwickelte Weg im Spiel dieser Eigenschaft.</p> - -<p>Mit der kosmischen Tendenz als Eigenschaft der Natur (Tendenz -fällt hier vollkommen zusammen mit Finalität!) bin ich aber -vollständig heraus aus jeglicher Kuddelmuddel-Theorie und noch in -dem alten optimistischen Entwickelungsgedanken samt und trotz der -Selektions-Theorie.</p> - -<p>Zugestanden: Darwins Weg ist ein umständlicher.</p> - -<p>Es ist richtig, wie man gesagt hat: die Natur Darwins durchsetzt, um -einen Hasen zu schießen, die Luft mit Millionen Kugeln nach allen -Richtungen, anstatt eine Kugel senkrecht auf ihn los zu feuern.</p> - -<p>Aber die Hauptsache bleibt, daß der Hase auch so geschossen wird, — -geschossen werden muß nach unerbittlicher Logik.</p> - -<p>Und was wissen wir im Grunde über Länge oder Kürze der Wege in der -zum Kosmos sich entwickelnden Natur? Wir sehen über hunderttausende -von Jahrmillionen der Geschichte allein unserer Erde im Sonnensystem -zurück. Wer will da das Tempo, will Methoden kritisieren?</p> - -<p>Es ist sogar wirklich höchst lehrreich, sich einen Augenblick zu -vergegenwärtigen, wie in jenem Bilde vom Hasen das<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> <em class="gesperrt">sicherste</em> -Ziel, — das Erlegen des Hasen um <em class="gesperrt">jeden</em> Preis — überhaupt zu -erreichen war.</p> - -<p>Ganz streng ging es tatsächlich nur auf zwei Wegen an: entweder mit -einem absolut treffsicheren Einzelschützen — oder mit jenem alles -abrasierenden Kreuzfeuer.</p> - -<p>Nun läßt sich aber immerhin ganz plausibel behaupten, wenigstens in der -uns sichtbaren Naturlinie sei der annähernd treffsichere Einzelschütze -erst eine ganz späte Errungenschaft: nämlich der Mensch selbst.</p> - -<p>Es ist durchaus denkbar, daß, so lange die Natur den Menschen als -graden Zweck-Weg noch nicht im Spiel hatte, sie den andern Weg wählen -mußte in der einfachen Alternative der <em class="gesperrt">beiden einzigen absolut -sicheren</em> Möglichkeiten.</p> - -<p>Es gibt einzelne gute Beispiele in der Welt des Lebendigen, wo man -einen ganz ähnlichen Faden wirklich <span class="antiqua">ad oculos</span> demonstriert bekommt, -z. B. bei den Zeugungsverhältnissen. Die Auster schwängert das ganze -Wasser um sich her mit Samen, in Voraussetzung, daß bei diesem -Kreuzfeuer ein einziges Samentierchen die Eizelle der Nachbarauster -finden und befruchten werde. Bei den Schnecken und Tintenfischen schon -und überhaupt bei den höchsten Vertretern der Tierstämme finden wir -im Gegensatz dazu das Prinzip der Einzelflinte (wenn auch noch nicht -der Einzelkugel): bestimmte Organe, die das befruchtende Element -unmittelbar an seine Stelle im weiblichen Organismus einführen.</p> - -<p>Fragt natürlich jemand: <em class="gesperrt">warum</em> macht die Natur überhaupt erst -Austern und warum übte sie nach Darwin zuerst blinde Selektion statt -treffsicheren Schießens mit Menschenflinten, — so kann ich das nicht -lösen. Es fällt zusammen mit der Frage: warum überhaupt Entwickelung? -Ich meine aber, daß die einfache Existenz dieser ungelösten Frage an -sich noch nichts für den Welt-Pessimismus und die Kuddelmddel-Theorie -beweist.</p> - -<p>Jeder Begriff der allmählichen Entwickelung vom Unvollkommenen zum -Vollkommeneren schließt ja gewisse Faktoren<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> des Mißlichen, des -Schmerzes ein. Denn das Niedrigere, indem es vom Höheren überboten, -besiegt wird, ist allemal in irgend einem Sinne ein Absterbendes, das -unter die Füße getreten wird, und da die Natur nun einmal Empfindung -mit sich gebracht hat, wird das schmerzlich empfunden werden.</p> - -<p>Reicht es doch bis in unser höchstes Geistesleben. Jeder Irrtum, der -abgetan wird, ist ein Stich, jeder vom besseren verdrängte Gedanke, -der doch einmal in uns lebte, ein Tod mit Sterbeschmerz. Aber die -Idee der aufsteigenden Entwickelung als optimistischer Generalfaktor -überbietet das immer wieder, grade wenn man auf das Ganze sieht. -Und von Kuddelmuddel ist keine Rede, so lange überhaupt nur ein -kontinuierlicher Entwickelungsfaden mit Überbietung eines Minderguten -durch ein Besseres sichtbar bleibt.</p> - -<p>Wer da meinte, die Weltgeschichte sei mit Darwin nicht bloß einer -gewissen Wegblindheit in älteren Tagen, sondern dem wahren absolut -sinnlosen und blödsinnigen „Zufall“ ausgeliefert, der hatte übrigens -noch ein drastischeres altes Bild gelegentlich zur Hand, als jene -famose Hasenjagd. Ein Schwein wühlt in einem ungeheuren Haufen -Buchstaben. Es wühlt ihn zu immer neuen zufälligen Kombinationen -durcheinander. Als eine solche Kombination entsteht eines Tages die -Ilias. So soll es mit den harmonischen, den kosmischen Gebilden -in der Welt überhaupt sein, und zwar beweise das eben Darwins -Selektions-Theorie.</p> - -<p>Das Beispiel ist in der Tat aber höchst prägnant grade für das oben -Entwickelte.</p> - -<p>Auch hier ist das Resultat zunächst nur eines: nämlich eben die Ilias. -Damit sie aber werde, sind eine ganze Reihe fester Voraussetzungen -nötig, deren Summe der Kraft nach eben auch schon die ganze Ilias -enthält.</p> - -<p>Zunächst jener Buchstabenhaufe, in dessen Buchstabenkombinationen auch -schon die Ilias einmal ganz steckt. Dann die unendliche Wühltätigkeit -des Schweins, die nicht rastet, bis endlich auch die Kombination Ilias -da ist. Das Gleichnis enthält eins nicht, das hier bei Darwin sehr -wesentlich ist:<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> das Harmonischere ist das Erhaltungsfähigere. Man -müßte das Gleichnis ergänzen, indem man etwa sagte: im Moment, da das -Schwein ein Stück Ilias herausgerüsselt hat, kleben jedesmal grade -diese Buchstaben plötzlich so fest aneinander, daß der Rüssel sie -nicht wieder zerstören und nicht wieder weiterverwühlen kann. Doch das -nebenbei.</p> - -<p>Die Hauptsache ist auch hier: der Buchstabenhaufe und das wühlende -Schwein bezeichnen bloß einen <em class="gesperrt">Weg</em> zum Auslösen des gleichen -Ziels. Die Intelligenz des Schweines erzeugt allerdings nicht -die Ilias, — das entspricht genau dem Gedanken Darwins, daß der -auslesende Kampf ums Dasein selber durchaus nicht als zweckschauende -Macht im Menschensinne zu deuten sei. Aber der Gesamterfolg wird -gleichwohl einem Komplex von Gesamteigenschaften in dem umfassenden -Organismus „Buchstaben — Logik — Zeit — Schwein — Wühleifer -und Ausdauer dieses Schweins“ verdankt: — niemand wird bestreiten -können, daß dieser so begabte Organismus die Tendenz hat, eine Ilias -hervorzubringen.</p> - -<p>Und mehr brauchen wir ja nicht für die Natur.</p> - -<p>Die Dinge lagen hier bloß noch etwas verwickelter.</p> - -<p>Die Selektion hat zunächst das Menschengehirn herausgewühlt. Dieses -Menschengehirn dann erzeugte die wirkliche Ilias. Schließlich könnte -man aber auch im Menschen noch einmal mit etwas Phantasie das -Urbeispiel innerlich weitertreiben. Aus einer riesigen Auslese bleiben -die griechischen Schriftzeichen, Sprachformen, Begriffe übrig. Aus -einer unendlichen Auslese erhebt sich der (oder erheben sich die) -Verfasser der Ilias grade mit dieser Wortkombination. Eine unendliche -Auslese, Wahl, Verwerfung von Bildern, Ideen, Erfindungen ging ihr im -Dichtergehirn vorauf. Es ließe sich wenigstens als Aufgabe stellen, in -alledem die Selektion aufzuspüren.</p> - -<p>Wahr ist ja, daß unsere feinste Gedankenarbeit bis ins tiefste -dichterische Empfinden Züge zeigt, die sich immer noch auffallend gut -mit Selektion vergleichen lassen.</p> - -<p>Wir suchen ein Bild, einen Schluß. Eine ganze Kette von<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Vorschlägen -gleichsam taucht aus der Tiefe, ohne daß wir den Prozeß irgendwie -bewußt beherrschten. Sie treten in Konkurrenz, blitzschnell oft, oft -auch sehr langsam. Es ist, als passierten sie Stück für Stück Revue -vor einem logischen Prinzip, einem Messen an bestimmten Forderungen. -Das fällt, jenes, noch eins, — da: endlich sitzt die dunkel in uns -arbeitende Maschine. Das hier und kein anderes ist das erlösende Bild, -die treffende Idee, — heureka, wir haben es.</p> - -<p>Auch diese subtilsten Dinge beherrscht unsere bewußte Intelligenz -keineswegs in ihren einzelnen Bedingungen. Wohl haben wir das Gefühl, -daß etwas in uns sei, das auch das Ganze wieder umgreift, und in dem -diese Bedingungen Eigenschaften sind. Und wohl hat das schließliche -Resultat den klarsten Sinn für unsere Intelligenz. Aber auf dem Wege -spielen sich eine Masse Prozesse ab, die uns vom Intelligenzboden aus -da genau so fremdartig und so unnötig umständlich erscheinen könnten, -wie in der Welt Darwins der Weg über die Selektion.</p> - -<p>Warum gehorcht dem Wunsche nach einem Bild, einer Idee nicht sofort die -höchste uns gegebene, zielsichere Intuition, — der Flintenschuß, der -den Hasen mit einer einzigen Kugel fällt? Warum dieses Aufdrängen von -Massen Varianten, von denen doch nur eine sich der Forderung wirklich -verbinden kann, während alle andern ergebnislos wieder verpuffen wie -die Million übriger Kugeln jenes Kreuzfeuers?</p> - -<p>Ich glaube, daß wirklich nichts lehrreicher ist zum Begriffe -„Verschwendung“ und „Umständlichkeit“ in der Natur, als ein wenig -Beobachtung in unserem eigenen Denkapparat.</p> - -<p>Es gibt bekanntlich eine philosophische Auffassung, die alles Reale -der Welt eigentlich als ein Seelisches faßt und in der ganzen -Weltentwickelung also einen ungeheuren Denkprozeß des Naturgeistes -sieht.</p> - -<p>Auf den ersten Blick hat es gewiß den Anschein, als werde eine -derartige Weltanschauung nun wenigstens mit der Selektion nichts -anfangen können. Und im Kampfe des Tages ist in der Tat sogar von dort -gelegentlich recht demonstrativ<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> die ganze Darwinsche Selektionstheorie -der Kuddelmuddel-Theorie zugeworfen worden, — natürlich zur Freude der -letzteren.</p> - -<p>Aber was hätte solche Weltgedanken-Philosophie anderes an Analogie zur -Hand, als eben unsere eigenen Denkprozesse — und wenn nun gerade in -denen selektionsartige Dinge auftauchen, — weshalb sollte die große -Naturseele beim Bauen ihrer kosmischen Gebilde nicht ähnlich ihre Ideen -auf dem Selektionswege zustande gebracht haben?</p> - -<p>Kuddelmuddel jedenfalls kommt damit so wenig in den Weltprozeß, -wie unser eigener feinster Gedankenprozeß etwa beim Dichten oder -dem Verfolgen einer wissenschaftlichen Idee trotz aller wieder -ausgestrichenen Gedankenvarianten und zerrissenen Zettel irgend eine -Ähnlichkeit mit Kuddelmuddel-Wirtschaft hat — was, wie ich hoffe, doch -wohl jedermann zugeben wird.</p> - -<p>So viel zur philosophischen Klärung.</p> - -<p>Die letzten Sätze haben ja streng genommen schon in ein ganz anderes -Gebiet eingelenkt: nämlich in das Gebiet der Frage, ob die Selektion -<em class="gesperrt">wahr</em> sei?</p> - -<p>Diese Frage fällt nun selbstverständlich nicht mit der zusammen, ob sie -gegebenen Falles jene Folgen für den großen Entwickelungsgedanken mit -sich zöge.</p> - -<p>Ich meine aber, daß wir, ich möchte wohl sagen: gemütlicher an die -Dinge herangehen, wenn wir der Entscheidung über diese Eventualität -<em class="gesperrt">vorweg sicher</em> sind und damit erst vor die Wert-Frage im -Wahrheitssinne selber treten.</p> - -<p>Mir persönlich ist es so ergangen, wenn ich zurückblicke. Ob mit, ob -ohne Selektion, habe ich mir eines Tages gesagt: in den Weltblödsinn -hinein geht es auf alle Fälle nicht. Niemals kommen wir auch mit der -Selektion auf ein wirkliches Chaos als Ausgangspunkt der sichtbaren -Welt, — immer bleibt eine Ur-Logik des Naturganzen, die auf kosmische, -harmonische, höhere Gebilde führen <em class="gesperrt">mußte</em>.</p> - -<p>Darwin hat <em class="gesperrt">seine</em> Selektionsfrage auf ein ganz bestimmtes Gebiet -beschränkt. Er fragte nach der Entstehung der Tier-<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> und Pflanzenarten -— allerdings ein Feld, wo seit Alters das gesteigert Harmonische, die -innere höhere allgemeine Zweckmäßigkeit doch grade ganz besonders stark -in die Augen gefallen war.</p> - -<p>Ist ihm der Beweis zu Gunsten der Selektion in seinem Spezialfalle -gelungen, so hat er ein famoses Exempel geschaffen.</p> - -<p>Ist er nicht geglückt, so muß eine <em class="gesperrt">andere</em> Deutung des -<em class="gesperrt">Weges</em> gesucht werden, den die Entwickelung hier genommen hat. -Niemals aber ist diese Entwickelung selbst als Grundauffassung bedroht!</p> - -<p>Es ist möglich, daß der antidarwinistische Stürmer und Dränger -vom Modeschlage, wenn man ihn bis hierher geführt hat, die Sache -<em class="gesperrt">überhaupt nicht mehr interessant</em> findet.</p> - -<p>Um den Preis bloß dieser kleinen Schwankungen mache ihm der ganze -Feldzug gegen Darwin keinen Spaß mehr! Wenn nicht mehr herauskomme ....</p> - -<p>Da kann ich ihm nun nicht helfen. Ich für mein Teil finde, daß -der Fortgang der Debatte <em class="gesperrt">jetzt erst wirklich</em> interessant -<em class="gesperrt">wird</em>. Freilich wird er’s nicht mehr zu gunsten von -Modeschlagworten. Denn hier gilt das alte Wort: die Moral aus der -Geschichte ist keine Rede, sondern eine Handlung. An dieser Ecke -kann schlechterdings kein theoretisches Gerede den Darwinismus -über sich selbst hinausführen, sondern nur noch ernste, strenge, -wissenschaftliche Tat, — Tat in fachwissenschaftlicher Spezialarbeit.</p> - -<p>Ich denke an eine solche Tat, — wie fruchtbar sie gleich ist! Die -Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze.</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 id="Geheimnis_der_Nachtkerze" title="Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze"> </h2> - -</div> - -<p>Die Geschichte, an die ich mich erinnere, fängt streng genommen an mit -der Entdeckung Amerikas, — mit der ja so vieles Merkwürdige für unsere -Kenntnis wie Schätzung des Himmels und der Erden angefangen hat.</p> - -<p>In der hübschen Morgenstunde des 12. Oktober 1492, als die Kanonen -der „Santa Maria“ den großen Tag verkündeten,<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> stellte sich das -Zünglein der Wage auch schon auf die Entscheidung ein: wer nun Herr -werden sollte, die alte Welt über die neue oder die neue über die -alte. Es sollte noch gar manche Sprünge vor und zurück machen, dieses -Zeigerlein. Was Kolumbus damals aber wohl am wenigsten geahnt hat, -das war die rasche und endgültige Lösung der Frage durch einige der -sanftesten Landeskinder der neuen Erdhälfte, wenigstens für ihr Gebiet: -nämlich Pflanzen.</p> - -<p>Im Laufe der jetzt verflossenen vier Jahrhunderte haben eine Anzahl -amerikanischer Pflanzen unzweideutig die alte Welt erobert.</p> - -<p>An jenem Entdeckungsmorgen berührte des Altweltlers Kolumbus Fuß auch -den Erdteil der Nachtkerzen.</p> - -<p>In bald hundert Arten wuchs das Geschlecht dieser lieblichen -Blumen auf dem neuweltlichen Kontinent. Ein schwefelgelber Strauß -Nachtkerzenblüten, in unsere sandige Mark gebracht, wäre damals ein -eigenartig exotischer Genuß von jenseits des großen Wassers mit allem -Zauber jungfräulicher Neuheit gewesen.</p> - -<p>Uns nachkolumbisches Geschlecht nimmt das schon Wunder. Denn wir -pilgern aus der Stadt in die märkische Heide und am Bahndamm zwischen -den Kiefern stehen die Nachtkerzen Kopf an Kopf wie die gelben -Flämmchen, ein echtes und rechtes Unkraut, das uns weder in Liebe -noch Haß für gewöhnlich imponieren kann. Denn es gehört zwar zum -altvertrauten Vaterlandsbilde, aber der schlichte Sinn achtet es doch -durchweg eben als ein Unkraut sehr niederen Grades.</p> - -<p>Nun denn: die erste <span class="antiqua">Oenothera</span>, wie die Nachtkerze als botanische -Gattung heißt, kam um 1614 aus Virginien in Nordamerika zu uns herüber. -Es war die sogenannte <span class="antiqua">Oenothera biennis</span>. Im Jahre 1778 führte -John Fothergill eine zweite Art (<span class="antiqua">muricata</span>), 1789 John Hunnemann -die dritte (<span class="antiqua">suaveolens</span>) aus Kanada ein. Europas Luft und Erde -sagten den Gästen aber alsbald so zu, daß sie sich heimlich aus den -Gärten, wo man sie als fremde Rarität gehegt, fortmachten und bald -da, bald dort als freie Kolonisten auf eigene Faust<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> ansiedelten. -Seitdem besitzen sie Sandgrube und Düne und Waldrain bei uns, als hätte -Thusnelda schon ihre Kränze aus ihren Gelblingen geflochten.</p> - -<p>Das ist die ursprünglichste Voraussetzung der wunderbaren Historie, die -es zu berichten gilt: die erste Station der Nachtkerze von Amerika bis -zum märkischen Bahndamm.</p> - -<p>Die nächste Wegstrecke ist freilich etwas länger. Sie führt nämlich von -da bis ins Herz menschlicher Philosophie und Weltauffassung.</p> - -<p>Am Ende des 18. Jahrhunderts lebte in Paris Lamarck, Botaniker und -Zoologe, ein ebenso großer Mann wie Pechvogel der Weltironie. Er -predigte die natürliche Entwickelung der Tiere und Pflanzen und die -Wandelbarkeit der Arten zu einer Zeit, da nur ein halbes Dutzend -Auserlesener (die sich meist untereinander nicht kannten) etwas davon -wissen wollte, der nicht unbeträchtliche Rest dagegen solche Ideen als -Kontrebande aus dem Heiligtum der Forschung hinausprügelte.</p> - -<p>Dieser Lamarck fand wieder in einem Augenblick, da ihm alle Spekulation -ganz fern lag, im Herbarium des Pariser Pflanzengartens einige -getrocknete Exemplare auch so einer amerikanischen Nachtkerzen-Art, die -er als erster wissenschaftlich beschrieb. Sie war von den genannten -anderen verschieden und der Zufall wollte, daß sie in der Folge den -Namen <span class="antiqua">Oenothera Lamarckiana</span> bekommen hat.</p> - -<p>Heute, da jedermann den alten Lamarck als Vorläufer Darwins kennt, -klingt das förmlich herausfordernd darwinistisch. Gedacht hat sich aber -damals und noch lange später niemand etwas derart dabei. Es war wie ein -prophetischer Donnerschlag der Olympischen, den zunächst jeder für ein -ganz simples Gewitter hält.</p> - -<p>Auch diese Lamarcksche Nachtkerze ging übrigens den Weg ihrer -Schwestern. Sie wanderte zunächst in unsere Gärten hier und da ein, -und wenn die Gartenpforte offen stand, rückte auch sie ein Schrittchen -weiter, fühlte sich wieder als freie Farmerin mit dem Pioniermut des -Westens und verwilderte. Das aber sollte grade ihr großes Schicksal -bedingen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> - -<p>Im Jahre 1886 war es.</p> - -<p>Und in Holland war es, Nord-Holland, zwischen Hilversum und s’Graveland.</p> - -<p><span class="antiqua">Dr. jur.</span> J. Six hieß ein Mann dort und der Mann hatte einen -Kartoffelacker. Er gehörte zu seinem Gute, Jagtlust mit Namen. Durch -Kanalanlagen war das Feld von drei Seiten her unzugänglich geworden und -infolgedessen hatte der Eigentümer es seit einer Reihe von Jahren nicht -mehr verpachtet. Es lag da, in die Hand der Natur zurückgegeben, was -sie mit ihm machen wollte. Und sie schenkte ihm, was sie für solchen -Acker hat, von dem der Mensch seine Hand zieht: Unkraut unter dem -Himmel.</p> - -<p>Ich erzähle die Umstände so genau, denn der Leser wird die Behauptung -zu hören bekommen, es habe sich auf diesem Kartoffelacker, der brach -lag wie in einem Gleichnis des Evangeliums, nichts Geringeres vollzogen -als eine Art Akt der Weltschöpfung. Den Lehm, aus dem eine Welt -geschaffen wird, möchte man doch aber genau kennen.</p> - -<p>Noch wieder in nicht allzuweiter Entfernung von diesem Acker hatte Herr -Six Gartenanlagen und darin ein kleines Zierbeet. Als Gartenpflanze -war dort neben anderem bunten Volk auch die gelbe Nachtkerze Lamarcks -gelegentlich angepflanzt worden. Ihr aber war, treu dem alten -Nachtkerzen-Gelüst, das Beet bald zu klein geworden. Da lag ja, gerade -von dieser Seite zugänglich, der leere Acker, eine Fläche von 5000 -Quadratmetern. Also dehnte sie sich allgemach dort hinüber, setzte ihre -Kinder und Kindeskinder ins freie Feld und trieb zwischen den Kanälen -des Herrn Six im Kleinen, was ihre Schwestern im großen Stil einst mit -ganz Europa gemacht hatten.</p> - -<p>So lagen die Dinge im Sommer 1886.</p> - -<p>Das Kulturbeet war selber eingegangen, kaum daß man seinen Fleck noch -erkannte. Ringsum aber in das Feld hinein und da und dort schon tief in -diesem drängte es sich in zierlichen Blattrosetten und hohen Stauden -von verwildertem Oenotherenvolk. Im Juli und August flammten mit ihrem<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> -verwegenen Leuchtgelb zahllose Blüten auf. Und da geschah’s.</p> - -<p>Just auf diesen Goldacker geriet nicht ein harmloser Spaziergänger, -den bloß die gelben Blumen freuten, sondern ein Mann, der seit Jahren -auf der Lauer lag, ja dessen Geist so zu sagen ein großes Klappnetz -darstellte, bereit, beim geringsten Einschlag mit energischstem Ruck -zusammenzuschlagen.</p> - -<p>Wenige Minuten davon hatte sich für drei Sommer der Professor der -Botanik zu Amsterdam, Hugo de Vries, einquartiert.</p> - -<p>1886, — das waren nicht mehr die Zeiten Lamarcks.</p> - -<p>Dazwischen lag jenes Kolumbus-Jahr der neueren Biologie: 1859, da -Darwin auftrat. Was bei Lamarck ein Traum eines einzelnen gewesen war, -das hatte Darwin den Zeitgenossen als höchstes wissenschaftliches -Arbeitsziel beigebracht: die Suche nach dem Werden der Tier- -und Pflanzenarten, das Studium der Wandlungen, Umgestaltungen, -Entwickelungen im Bereich des Lebendigen. Inzwischen waren indessen -wiederum fast dreißig Jahre hingezogen. Die Generation nach Darwin -hielt den Meister hoch in Ehren, aber sie grübelte selber schon wieder -ein Stück weiter, wie das ihr gutes Recht war. „Was du ererbt von -Deinem Darwin hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ De Vries war in den -wesentlichsten Punkten Darwinianer, wie sich das beinahe von selbst -verstand. Er zweifelte keinen Augenblick mehr an einer Entwickelung des -Lebendigen nach natürlichen Gesetzen und an einer Wandelbarkeit der -Arten. Aber der alte Darwin hatte auch jene Sätze über das „Wie“ dieser -Entwickelung und Wandlung gelehrt: — von Vererbung, Anpassung, Kampf -ums Dasein, Variieren, Zuchtwahl und Verwandtem. Dieser alte Darwin -hatte dabei nie verfehlt, diese seine engeren Ansichten als alles eher, -denn ein Dogma hinzustellen. Er verstand unter dem „Darwinismus“ nichts -mehr und nichts minder als ein schweres Arbeitsprogramm für die Zukunft.</p> - -<p>Die Generation, zu der de Vries (geboren 1848) gehörte, fing an, das -mehr und mehr wirklich als Ernst zu fühlen.<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Man hatte im ersten Feuer -doch etwas viel nur für die äußerliche Ausmünzung der Ideen Darwins -gewirkt. Jetzt besann man sich auf des Meisters innerste esoterische -Kernlehre: daß ja die Hauptsache erst noch zu leisten sei durch -unermüdliche harte Beobachterarbeit. Auch de Vries hatte sich sein -Programm gemacht, wo er arbeiten wollte.</p> - -<p>De Vries war Botaniker.</p> - -<p>Darwin hatte gelehrt, daß auch bei den Pflanzen die „Art“ -<em class="gesperrt">veränderlich</em> sei. Neue Arten entwickelten sich aus schon -vorhandenen, und so fort. Ungeheure Linien dieser Entwickelungen -lagen zweifellos in der Vorwelt, der Geschichte. Sie konnten in ihrem -eigentlichen Verlauf, als Vorgang, von uns nicht mehr beobachtet -werden. Aber Darwin neigte dazu, daß die Naturgesetze der Vergangenheit -keine anderen seien als die unserer sichtbaren Gegenwart, — ein Punkt, -in dem er wohl sicher recht hatte. Dann aber wurde im höchsten Grade -wahrscheinlich, daß die Entstehung neuer Arten <em class="gesperrt">noch weitergehen</em> -und auch bis zu uns heranreichen müsse.</p> - -<p>Darwin zog denn auch, um die Sache aufzuhellen, ganz folgerichtig -die Experimente unserer heutigen Gärtner und Tierzüchter heran, die, -wenn nicht Arten, so doch mindestens Abarten herangezüchtet zu haben -glaubten durch planmäßiges Ausnutzen kleiner natürlicher Veränderungen.</p> - -<p>Dieser Weg führte ihn auf gewisse <em class="gesperrt">mögliche</em> Gesetze der -wirklichen Artentstehung in der Natur. Aber grade er schien ihm -auch zu beweisen, daß der wahre Naturweg in diesen Dingen ein ganz -unglaublich <em class="gesperrt">langsamer</em> sei. Die winzige Zeitspanne, in der wir -beobachten, schien viel zu kurz, um eine wahre Artentstehung, die -Entwickelung einer neuen Pflanzenart aus einer andern ohne menschliche -Nachhilfe, darin schon erleben zu können. Das war denn nun eine -mißliche Zwickmühle. Die eine Beweisinstanz geriet in die unfaßbare -Vergangenheit, die andere in die nebelblaue Zukunft. Dort waren wir -nicht mehr dabei, und hier noch nicht.</p> - -<p>Es gab hitzige Köpfe, die da behaupteten, an diesen Dingen hinge ein -großes Stück Weltanschauung. Es war<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> nicht gerade angenehm, von dem -entscheidendsten Ding dann sagen zu müssen, es schwebe wie Mohammeds -Sarg einstweilen zwischen Himmel und Erde.</p> - -<p>Leute der jüngeren Generation, wie de Vries, begannen zu fragen, -ob Darwin hier unbedingt Recht behalten solle, — nicht mit seiner -Entwickelungsidee, sondern mit seiner Skepsis. Wenn es nun bei -sorgsamster Tatsachenprüfung doch einmal glückte, die Natur bei der -Arbeit zu belauschen, wie ihr das Meisterstück gelang, heute noch unter -unsern kritischen Augen eine neue Art zu schaffen?</p> - -<p>Gelang es, so mußte ja im „Wie“ der Artbildung einiges <em class="gesperrt">anders</em> -sein, als Darwin sich gedacht hatte. Aber darauf kam ja grade gar -nichts an. Man arbeitete nicht an einem toten Monument für Darwins -Einzelmeinungen, sondern man arbeitete an einem lebendigen Werk der -Wahrheit, das sein Name als der eines vorbildlichen Wahrheitssuchers -bloß eingeweiht.</p> - -<p>In solchen Gedanken schweifte seit Jahren jetzt de Vries Auge über -jeden Fleck Erde, wo Pflanzen bei einander standen.</p> - -<p>Wie einst Goethe in Palermo den Blick wandern ließ, ob er nicht in -irgend einem bunten Beet doch die „Urpflanze“ entdecken möchte, die das -reine Urbild des Pflanzenwesens heute noch verkörpere, so suchte de -Vries die Wandelpflanze, die Pflanze, die ihr Artbild durchbricht einem -Neuwerden zu Liebe. Gab es sie, — gab es sie nicht, mochte er die -Blüten fragen wie Gretchen ihr Blumenorakel nach Fausts Liebe befragt.</p> - -<p>Er besuchte auch den Kartoffelacker von Hilversum.</p> - -<p>Ein Botaniker bringt seinen sichern Blick in solches Unkraut-Paradies -mit. Er sah den Zusammenhang, wie diese Nachtkerzen-Gesellschaft sich -seit etwa zehn Jahren hier auf die Eroberung begeben. Solcher freie -Einfall in unbenutztes gutes Terrain ist für eine Pflanzenart aber -stets ein Ereignis. Unerhört war ihre Üppigkeit, ihre Individuen-Zahl -in den wenigen Generationen gesteigert worden. Was eine Art konnte, -mußte hier geleistet sein.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p> - -<p>Nun weiß man seit Alters, in besonderem Maße aber seit Darwin, daß jede -Pflanzenart, die man in vielen Individuen vergleichen kann, ein solches -Können hat: das sogenannte Variieren.</p> - -<p>Die Individuen zeigen in den feinen Einzelheiten ihres Baues kleine -Schwankungen, kleine individuelle Abweichungen von einander. Man lege -beispielsweise eine Anzahl Blätter der gleichen Art nebeneinander und -man findet nicht zwei absolut gleiche. Bei genauerem Zusehen findet -man sogar bestimmte Reihen, in die diese Variationen des vorgesetzten -Grundschemas sich einordnen lassen. Man kann sie unter gewisse -Schwankungsgesetze einordnen, wie das (unabhängig von Darwin) durch -Quetelet geschehen ist.</p> - -<p>Darwin selbst war der Ansicht, daß diese kleinen Varianten jeder Art -von großer Bedeutung für die Entstehungsgeschichte ganz neuer Arten -seien, grade darauf aber baute er auch seine Theorie auf, daß diese -Entstehung unendlich langsam in weiten Zeiträumen, also uns unfaßbar, -herankrieche.</p> - -<p>Einerlei: wer immer nach Verwandlungsspuren suchte, mußte das Variieren -als interessant beachten. Und diese Nachtkerzen-Kolonie in der Kraft -ihres Könnens wies dem Besucher sogleich solche individuellen Varianten -in verschwenderischer Pracht. Notwendig mußte es ihn fesseln. Er blieb -eine Weile beim Studium der Kolonie. Schade nur, dreifach schade, daß -mit allem Studieren dieses Variierens grade in Darwins Sinn so wenig -für die Grundfrage herauskam! Ging die Artbildung diesen Weg, so war es -eine ewige Zukunftsvertröstung für uns, keine sichere Erkenntnis. Wir -sahen von der Artentstehung nicht mehr als ein Astronom in seinem Leben -von der Wiederkehr eines Kometen sieht, der tausend Jahre braucht, um -wieder in unsere Erdsicht zu kommen. Der Astronom konnte wenigstens -die Ziffern fest errechnen. Wir hatten bloß schwache Vermutungen ohne -festen Halt!</p> - -<p>Indessen schon bald geschah etwas Wunderliches, etwas Unerwartetes.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p> - -<p>Die Nachtkerzen-Art, die den gelben Blütenteppich des Ackers bildete, -war von dem Botaniker zunächst ohne Skrupel und Mühe im Ganzen als die -Lamarckiana bestimmt worden. Die kleinen Abweichungen der einzelnen -Individuen galten ihm als selbstverständliche Varianten dieser einen -guten Art. Aber in den Sommern 1886 und 1887 stellte er etwas fest, was -hierzu nicht stimmte.</p> - -<p>Beim sorgfältigen Durchprüfen aller vorhandenen Einzelnachtkerzen -entdeckte er zwei andere Arten mitten dazwischen, beide scharf -geschieden von der Nachtkerze Lamarcks.</p> - -<p>Schon am 20. August 1886 fand er zwei Individuen, eines im dichtesten -Wald der Lamarckskerzen, eines etwas davon entfernt, beide aber -ausgezeichnet durch sehr viel kürzeren Griffel und kleinere Früchte, -auch sonst in Einzelheiten durchaus absonderlich.</p> - -<p>Im nächsten Sommer zeigten sich ihm an einer Stelle tief im Felde als -pionierhaft vorgedrungene Nachtkerzen-Kolonie zehn Individuen einer -zweiten Sonderart, die durch sehr viel schönere Belaubung, nämlich -glattere Blätter und durch anders gestaltete schmälere, oben nicht -herzförmig ausgebuchtete Blumenblätter abermals von der Lamarckskerze -grundverschieden war.</p> - -<p>Die Sachlage war auffällig über alle Maßen.</p> - -<p>Die Individuen der beiden fremden Arten steckten so eingekeilt in der -Kolonistenlinie der Lamarckier, daß schlechterdings nicht zu begreifen -war, wie sie als „fremd“ hier hineingeraten sein sollten. Trotz -ihrer Verschiedenheit saßen sie genau so da, als seien sie schlichte -Abkömmlinge der Lamarcks-Gesellschaft selbst gleich allen andern des -Feldes. Waren sie es nicht wirklich? Und waren sie dann nicht doch bloß -gewöhnliche, nur etwas extreme Varianten der Lamarckskerzen?</p> - -<p>De Vries trat dem gegenüber zwei feste Beweise an, beide in sich völlig -gelungen.</p> - -<p>Er brachte beide Sonderlinge im botanischen Garten zu Amsterdam zur -Fortpflanzung und stellte fest, daß sie in weiteren Generationen -vollständig konstant bleiben: die kurzgriffelige<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Form erzeugt weiter -immer nur Kurzgriffler, die glattblätterige nur Glattblättler. Das gilt -im allgemeinen botanisch als Merkmal einer festen Art. Also doch zwei -Arten! Keine Varianten von Lamarckskerzen!</p> - -<p>Gleichzeitig aber stellte de Vries aus der Literatur und den -Musterherbarien von Leiden, Paris und Kew fest, daß bisher <em class="gesperrt">weder in -Europa noch in Amerika irgend ein Botaniker diese beiden Arten gesehen -hatte</em>.</p> - -<p>Es waren beides neue Arten!</p> - -<p>Zwei bisher unbekannte Nachtkerzen-Arten!</p> - -<p>Die eine mußte <span class="antiqua">Oenothera brevistylis</span>, die kurzgriffelige, -getauft werden, die andere <span class="antiqua">Oenothera laevifolia</span>, die -glattblätterige.</p> - -<p>Was war das?</p> - -<p>Hatte jemand in aller Stille in einem undurchforschten Winkel Amerikas -diese beiden Arten gefunden, hatte ihre Samen heimlich nach Holland -gebracht und zwischen die Lamarckier geschmuggelt?</p> - -<p>Aber diese ganze Pflanzenkolonie hier war ja grade ein -Verwilderungsprodukt, das Ergebnis einer von Menschenhand unberührten -Auswanderung sich selbst überlassener Pflanzen von einem unbeachteten -Beet auf einen unbenutzten Acker!</p> - -<p>Oder welcher unglaubliche Wind sollte diese Samen über den Ozean hinweg -hierher geweht haben, — da doch vor dem siebzehnten Jahrhundert -niemals offenbar ein einziger Nachtkerzensamen selbst der häufigsten -amerikanischen Art auf solchem freien Naturwege zu uns gekommen war?</p> - -<p>Je unwahrscheinlicher, unmöglicher alle diese Erklärungen wurden, desto -deutlicher arbeitete sich aus dem Ganzen eine <em class="gesperrt">Möglichkeit</em> heraus.</p> - -<p>Auf dem ursprünglichen Beet war nur die Lamarckiana gewesen. Diese -allein war auf den Acker ausgewandert. Dort hatte sie sich üppig -vermehrt. Und bei der Gelegenheit hatte sie plötzlich zwei vollkommen -neue Nachtkerzen-Arten <em class="gesperrt">aus sich erzeugt</em>.</p> - -<p>Plötzlich, — das heißt immerhin in der kurzen, übersehbaren<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Spanne -der paar Jahre, seit denen nachweislich die Invasion auf den Acker erst -statt haben konnte.</p> - -<p>So wäre denn hier das ungeheure Wunder einer Art-Entstehung nicht von -uns getrennt durch Jahrmillionen der Vergangenheit oder Äonen der -Zukunft, — ganz dicht wäre es nur hinter uns gewesen, zu messen noch -an ein paar Nachtkerzen-Generationen in ein paar Menschenjahren.</p> - -<p>Eine winzige Spanne zurück — und der Botaniker wäre gradezu drauf -gestoßen, — gestoßen auf den Schöpfungsakt zweier neuer Pflanzenarten -auf einem Kartoffelacker zu Hilversum ....</p> - -<p>De Vries aber sagte sich folgendes. Wenn diese gelbe Kerzenkolonie erst -vor zwei Jahren dieses „Wunder“ hier vollbracht hat, so besteht eine -höchste Wahrscheinlichkeit, daß sie es auch <em class="gesperrt">jetzt noch</em> kann. -Und wenn sie es vollbracht hat in der abgeschiedenen Stille dieses -Kartoffelwinkels zwischen zwei Hilversumer Kanälen, so wird sie es auch -vollbringen in der wissenschaftlichen Helle eines botanischen Gartens.</p> - -<p>De Vries sah plötzlich eine Lebensaufgabe vor sich. Er entnahm dem -geheimnisvollen Acker Zuchtpflanzen und Samen der echten Lamarckiana -und der beiden neuen Arten und brachte sie in den botanischen Garten -zu Amsterdam. Wenn diese Abkömmlinge der Schöpfungsstätte unter -genauester Kontrolle aufblühten, wenn sie unter den denkbar günstigsten -Verhältnissen tausende und tausende von Individuen entfalteten, — ob -dann in diesem goldenen Blütenfelde noch einmal und sichtbar jetzt vor -Menschenaugen das große Mysterium sich vollziehen würde: die Entstehung -einer neuen Pflanzenart?</p> - -<p>Es war das eigenartigste Experiment, das der ganze Darwinismus bisher -erlebt hatte. Würde es glücken?</p> - -<p>Wir sind im Herbst 1886. Zu dieser Zeit also entnahm de Vries dem -rätselhaften Acker von Hilversum neun besonders schöne, große Rosetten -der echten Lamarckskerze und pflanzte sie in den botanischen Garten zu -Amsterdam.</p> - -<p>Das bedeutsame Experiment begann.</p> - -<p>Zweijährig, wie diese Pflänzchen waren, kamen sie im<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> nächsten Sommer, -also 1887, in üppige Blüte und lieferten reichlich Samen. Dieser -Samen kam zu neuer Aussaat und lieferte für die Sommer 88 und 89 eine -ungeheure Nachkommenschaft, von der rund fünfzehntausend Individuen -genau geprüft, gleichsam steckbrieflich aufgenommen wurden.</p> - -<p>Wenn die Nachtkerze auch im Garten unter Kontrolle eine neue Art zu -erzeugen beliebte, so war jetzt erste Gelegenheit.</p> - -<p>Und der Fall ließ in der Tat nicht auf sich warten.</p> - -<p>Unter den fünfzehntausend Kerzchen von 88/89 waren genau zehn Stück, -die nicht auf den Steckbrief der Lamarckskerze hören wollten.</p> - -<p>Da standen zunächst fünf Individuen, die sich als „Zwerge“ gaben.</p> - -<p>Trieb die echte Lamarckiana durchweg erst bei Meterhöhe Blüten, -so sproßten sie diesen Zwergen schon bei zehn Zentimetern ihres -Höhenwachstums. Dabei handelte es sich aber keineswegs um reine -Miniaturausgaben im Sinne einfach schwacher Individuen, etwa wie auf -so und so viel Menschen auch einmal ein Schwächling weit unter dem -Normalmaß kommt. Gleich das erste Blättlein, mit dem die zierliche -Rosette einsetzte, erschien schon anders als die Lamarcksblätter, -breiter in der Basis, kürzer gestielt, kurz art-verschieden. Wiederum -die Blüte, wenn sie kam, war selber gar nicht verkrüppelt, sondern im -Verhältnis der Blätter ganz auffällig groß. Kurz: der Botaniker stand -vor einer neuen Art. Und, wohlverstanden, vor einer Art, die diesmal -nachweislich von echten Lamarcks-Eltern herstammte!</p> - -<p>De Vries taufte sie ob ihrer Zwergenhaftigkeit die <span class="antiqua">nanella</span>.</p> - -<p>Es erübrigte, sie auf ihre Artbeständigkeit in eigenen, weiteren -Generationen zu prüfen, und auch das gelang. Samen der fünf Zwerge -ergaben zwanzig neue Exemplare, die mit der höchsten Sorgfalt vor -Vermischung mit echten Lamarckiern geschützt wurden. Es ist zur -Abwehr solcher Vermischung ein besonderes Verfahren nötig, das erst -einen rechten Begriff gibt,<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> welche Arbeit überhaupt in solchen -Versuchen steckt. Bekanntlich wird die Befruchtung bei den höheren -Pflanzengruppen durchweg so vollzogen, daß männlicher Blütenstaub der -einen Blüte auf den weiblichen Griffel einer anderen gebracht wird. -Die Vermittler dieser Uebertragung sind bei den höchsten Gruppen (zu -denen auch die Nachtkerze gehört) die ab- und zufliegenden Insekten, -Bienen, Fliegen, Schmetterlinge, die auf ihrer Honigsuche ohne Willen -hier den Staub einer Blüte sich aufpulvern lassen und dort, bei Einkehr -in einer anderen, am rechten Fleck zurücklassen. Bei solcher Post wäre -nun in unserm Falle nur zu leicht möglich, daß ein Insekt mit echtem -Lamarckianastaub bepulvert in eine Nanellablüte kröche. Der Erfolg aber -wäre eine Kreuzung der beiden Formen, die die Einsicht hemmte, ob die -Nanella, allein gelassen, als echter Artanfang wieder reine Nanellae -erzeugte anstatt Lamarckskindern. So mußte denn die Insektenpost hier -vorsätzlich ausgeschaltet werden. Jedes Pflänzchen wurde, wenn es -Blüten setzte, durch transparente Papierhütchen gegen anfliegende Gäste -abgeschlossen, die nötige Befruchtung aber besorgte an Insektenstatt -der Professor selbst und zwar stets so, daß er nur den Staub einer -echten Nanella wieder auf eine Nanella brachte. Resultat war, daß aus -den bewußten zwanzig Nanellae 2463 neue Keimpflanzen hervorgingen, die -ausnahmslos Nanella-Zwerge waren. Das entschied.</p> - -<p>Inzwischen waren aber die Wunder in den fünfzehntausend ursprünglichen -Lamarcks-Abkömmlingen noch nicht zu Ende.</p> - -<p>Dabei wuchsen nämlich nochmals genau fünf andere Exemplare, die auch -ihren Sonderweg gingen.</p> - -<p>Auch sie waren bereits im zweiten oder mindestens dritten Blättchen, -das sie trieben, von den Lamarckiern streng unterscheidbar an der -wunderbaren Breite und oberen Abrundung ihrer Blätter. Kamen sie ganz -herauf, so erwies sich alles an ihnen entsprechend dick und geweitet.</p> - -<p>„Dickköpfe“ wurden es, die jeder Laie schon auf den ersten Blick -herauskannte. <span class="antiqua">Lata</span>, die Breite, taufte man also diese<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> zweite -Nachtkerzen-Art, die unter den Augen des unbestechlichen Beobachters -sich aus der echten Lamarckskerze „entwickelt“ hatte.</p> - -<p>Von allen bisher erkannten Neu-Arten wich sie am meisten von der -Urform ab. Und schade nur, daß diesmal die Dauerhaftigkeit in weiteren -Generationen nicht festzustellen war aus einem rein äußerlichen Grunde: -diese (und alle später noch beobachteten) Individuen der Lata waren nur -in ihren weiblichen Blütenteilen voll entwickelt, in den männlichen -dagegen so verkümmert, daß eine Befruchtung mit echtem Lata-Staub -unmöglich blieb.</p> - -<p>Das Wirtschaften mit solchen Pflanzenkolonieen, die in die vielen -Tausende hinein gehen, ist kein Kinderspiel. Trotzdem folgte de Vries -zunächst unentwegt noch wieder einer Generation weiter. Er erzielte aus -echtem Lamarckssamen der Fünfzehntausend von 88/89 eine Generation für -1890 und 91, die zehntausend gezählte und geprüfte Pflänzchen enthielt.</p> - -<p>Unter diesen Zehntausend waren abermals drei Lata-Kerzen und drei -Nanella-Kerzen!</p> - -<p>Die Kraft, die zu erzeugen, bestand also bei den Lamarckiern auch jetzt -noch fort.</p> - -<p>Aber außerdem war diesmal ausgespart ein einziges Individuum dabei, das -eine dritte Neu-Art darstellte!!</p> - -<p>Diese Art war von hervorragender Schönheit. Sie wies rote Blattnerven -und breite rote Streifen auf Kelch und Frucht. Die Blüte war größer -und dunkler gelb. Ganz besonders auffällig aber war ihre Sprödigkeit. -Stengel und Blätter zerbrachen bei jedem derberen Stoß. Schlug man -von oben auf die blühende Pflanze, so zersprang „der Stengel förmlich -in mehrere Stücke mit glatten Bruchflächen“. Den Grund bildete die -sehr schwache Ausbildung der mikroskopischen Bastfasern, — ein -interessanter Umstand als Beweis, wie tief bis in ihre feinste Struktur -hinein diese Art von der echten Lamarckiana verschieden ist. Im übrigen -war grade sie über allen Verdacht hinaus kräftig und fruchtbar.</p> - -<p><span class="antiqua">Rubrinervis</span>, die Rotnervige, nannte sie ihr Entdecker, und diese -Rotnerven-Kerze gab in der Folge, als sie noch einmal<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> und zahlreicher -in einer Lamarckszucht „entstand“, aus acht Individuen Samen für -tausend Nachkommen, von denen 999 echte Rotnerver waren, und nur ein -einziges Exemplar die alte Lamarckierin.</p> - -<p>Selbst dieser eine Rückschlag war höchstwahrscheinlich gar kein -echter, sondern Ergebnis einer zufälligen Einschleppung in das -Beobachtungsbeet. Denn eine weitere Samengeneration lieferte 1114 -Pflanzen, die samt und sonders rote Blattnerven besaßen.</p> - -<p>Leider wurden die Schwierigkeiten der Kultur jetzt so groß, daß für -eine Weile das großartige Experiment ruhen mußte. Drei Jahre ruhten die -Samen der Sommergeneration von 1891 unbenutzt und mit ihnen ruhte so -lange das Schöpfungswunder von Amsterdam.</p> - -<p>Endlich 1895 kam es zu neuer Aussaat.</p> - -<p>Reichlicher als früher wurde diesmal der Boden gedüngt. In größerem -Stil als je wurde alles aufgenommen. Alle Befruchtungen wurden mit -raffiniertester Gewissenhaftigkeit künstlich unter Dütenschutz -vollzogen, die Statistiken mit polizeilicher Sorgfalt geführt.</p> - -<p>Und abermals wuchs eine Generation auf, eine einjährige diesmal, -abermals vierzehntausend Individuen. Und staunenswertes Resultat: die -Artbildung warf abermals Wellen, stärker als je zuvor.</p> - -<p>Da standen unter den Vierzehntausend zunächst sechzig Nanella-Zwerge.</p> - -<p>Dann dreiundsiebzig Lata-Dickköpfe.</p> - -<p>Und endlich acht Rotnervchen.</p> - -<p>Wie aber diese Rubrinervis das vorige Mal als einzige ihrer Art -plötzlich aufgetaucht war, so erhob sich diesmal aus seiner Rosette ein -Einzelindividuum je von zwei nochmals völlig neuen Arten.</p> - -<p>Der eine dieser Revolutionäre auf eigene Faust war im Gegensatz zu den -Zwergen ein Riese, kräftig, breitblätterig, mit gewaltigen Blüten bei -kurzer Frucht.</p> - -<p>Augenblicks, da das gelbe Feld der Vierzehntausend von<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> 1895 in -Flor trat, stachen diese Prachtblüten aus der Menge vor. Nie vorher -konnte ein Exemplar solcher Größe dabei gewesen sein, — es war -schlechterdings eine Neuheit wieder. Und doch eine Neuheit vom alten -Stamm, — vom einen Stamm, der jetzt in der vierten Generation streng -nachweislich reine Lamarckiana-Zucht war!</p> - -<p><span class="antiqua">Gigas</span> wurde der Riese mit Recht benannt.</p> - -<p>Er erwies sich in 450 weiteren Sprößlingen aus Selbstbefruchtung -konstant insofern, als er keine einzige Lamarckiana wieder -hervorbrachte; dagegen erlaubte er sich schon in der nächsten -Generation eine eigene neue Art in einem einzigen Exemplar zu -zeugen: einen Riesen im Einzelwuchs, der doch in der Gesamthöhe nur -das Zwergenmaß der Nanella erreichte. Weitere Generationen blieben -dagegen unverändert beim Riesentypus, wahrten ihm also sein Art-Recht -ungeschmälert fort.</p> - -<p>Der andere Individualist der Vierzehntausend hatte schmale, -langgestielte Blätter von eigenartig glänzender Oberfläche ohne Buckeln -und von einer ganz besonderen dunkelgrünen Färbung, durch die sich die -Nerven weißlich dehnten. Die Blüten waren diesmal klein wie bei der -kleinblütigen Biennis-Nachtkerze, die sich grade in diesem Punkt so von -der Lamarckierin schied.</p> - -<p><span class="antiqua">Scintillans</span>, die Glänzende, wurde diese Neu-Art getauft.</p> - -<p>Ihre Dauerhaftigkeit unterlag in der Folge Zweifeln, doch ist die Sache -noch nicht klar aufgehellt, weder positiv noch negativ.</p> - -<p>Interessierte in diesen beiden Fällen das pionierhaft Vereinzelte der -Neuschöpfung, so wirkte grade umgekehrt, daß eine dritte „Art“ diesmal -sofort in ganzen hundertsechsundsiebzig Exemplaren aufmarschierte.</p> - -<p>Schmal waren auch ihre Blätter und langgestielt, aber auffälliger noch -als bei allen andern, und kenntlich dabei durch die breiten, blassen, -oft rötlichen Nerven. Die Größe blieb hinter der Lamarckskerze zurück, -ohne sie doch zum Zwerg zu degradieren. Und auch sonst fehlte es nicht -an Sondermerkmalen.<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> Die Dauerhaftigkeit erhellte sicher aus allen -weiteren Kulturversuchen.</p> - -<p><span class="antiqua">Oblonga</span> wurde Taufname.</p> - -<p>Endlich erwiesen sich noch fünfzehn Exemplare der Masse diesmal -sicher als Neukerze, obwohl man ihnen Ähnliches schon in den früheren -Generationen gewahrt, aber nicht als Neu-Art angesprochen hatte. -Es handelte sich um schöne, aber stets sehr hinfällige Kerzen von -weißlichgrauer Blattfarbe, viel kleiner als die Lamarckierin in Wuchs -wie Blüte. Früher erschienen sie nur als Krankheits-Varianten. Jetzt -erkannte de Vries auch in ihnen eine feste Art, deren Dauerhaftigkeit -sich denn auch anstandslos bewährte.</p> - -<p><span class="antiqua">Albida</span>, die Weißliche, hieß sie fortan.</p> - -<p>Auf vierzehntausend Kerzen aus Lamarckssaat also im ganzen -dreihundertundvierunddreißig abweichende Exemplare in nicht weniger als -sieben von der Lamarckskerze verschiedenen Arten!</p> - -<p>Die Versuche in dieser Reihe wurden bis 1899 fortgesetzt, jedes -Jahr mit einer neuen Folge-Generation. Mit der achten Folge war die -ungeheuerliche Ziffer von fünfzigtausend genau untersuchten Individuen -erreicht. Über achthundert hatten eigene Wege in die genannten sieben -Arten eingeschlagen. Eine weitere Art über die sieben hinaus kam in -dieser Reihe nicht mehr hinzu.</p> - -<p>Inzwischen waren aber gleichzeitige Kulturen aus andern Samen des -Hilversumer Ackers in Amsterdam durchgeführt worden, zum Beispiel von -jener ursprünglich schon wild in Hilversum entdeckten glattblättrigen -Art, und auch dort waren in langen Generationsketten neue Arten -aufgetaucht, teils die gleichen, schon genannten, teils noch andere.</p> - -<p>Endlich war das Hilversumer Wunderfeld selbst fort und fort unter -Aufsicht geblieben und es hatte sich herausgestellt, daß fünf der -Amsterdamer Neu-Arten auch dort im wilden Zustand in den Jahren -erschienen waren, so die Breite und der Zwerg.</p> - -<p>Das sind die Tatsachen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p> - -<p>Wie die ganze Fülle der Beobachtungen und Experimente in dem de -Vriesschen Prachtwerke „Die Mutationstheorie“ (erster Band, Leipzig, -Veits Verlag) ausführlich und mit schönen Farbentafeln in Wort und -Bild dargelegt ist, macht sie nicht den Eindruck, als wenn an dem -grundlegenden Material noch viel wesentliche Kritik geübt werden könnte.</p> - -<p>Was de Vries gesehen hat, scheint fortan zu unserm wissenschaftlichen -Stammstoff zu gehören und jede Theorie muß damit rechnen.</p> - -<p>De Vries selber aber hat jedenfalls das erste Recht, auch zu einer -solchen Theorie gehört zu werden.</p> - -<p>Nachdem er seine Tatsachen einigermaßen beisammen hatte, verwertete er -sie für folgende verallgemeinernde Sätze.</p> - -<p>Diese hier beschriebenen neuen Nachtkerzen-Arten sind <em class="gesperrt">nicht</em> -gewöhnliche <em class="gesperrt">Varietäten</em>.</p> - -<p>Kleine, individuelle Variantenbildung lief während der ganzen Studie -immer und überall nebenher, ohne die Sache irgendwie zu berühren. -Die ersten Hilversumer Lamarckskerzen variierten so im kleinen, es -variierten ihre fünfzigtausend Nachkommen in Amsterdam, es variierten -innerhalb ihres typischen Bildes wieder die entstandenen Neuarten -selbst in all ihren Reinkulturen, kurz, diese kleinen Schwankungen -gingen immer und überall nebenher, änderten oder taten zur Sache, -um die es sich handelt, aber gar nichts. Es war eben, wie wenn -fünfzigtausend Menschen verschiedene Nasen haben: sie bleiben darum -doch alle Mensch und es wird keiner zu einer außermenschlichen Art.</p> - -<p>Solches Werden im letzteren Sinn aber entspräche nach de Vries -tatsächlich dem, was bei Entstehung jener sieben und mehr Neuformen aus -der Lamarckskerze vorliegt. Hier hat irgend ein Innenakt der Pflanze -aus einer Art eine ganze Kolonie neuer Arten plötzlich, von Generation -zu Generation, hervorbrechen lassen, — echte <em class="gesperrt">Arten</em> mit <em class="gesperrt">allen -Merkmalen</em> von solchen.</p> - -<p>So lautet denn de Vries’ erster Lehrsatz: eine Pflanzenart hat unter -Umständen die Kraft, eine ihr verwandte, aber doch<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> grundlegend -verschiedene neue Art plötzlich, ruckweise aus sich bei der -Fortpflanzung entstehen zu lassen. Im Gegensatz zur gewöhnlichen -Variation bezeichnet er diesen Akt als eine „<em class="gesperrt">Mutation</em>“, von -<span class="antiqua">mutare</span>, verwandeln.</p> - -<p>Es handelt sich dabei nicht um eine kleine individuelle Abweichung -in irgend welchen Merkmalen, sondern um einen Ruck, bei dem die -Tochterpflanze in ihrem tiefsten Wesen als Ganzes aufgerüttelt, -umgerüttelt, neu fundiert, verwandelt erscheint.</p> - -<p>De Vries gebraucht zur Klarlegung des Unterschiedes zwischen Variation -und Mutation gelegentlich ein sehr hübsches Bild, das von F. Galton -herrührt. Man denke sich ein sogenanntes Polyeder, einen Körper mit -vielen verschiedenen Flächen nach allen Seiten. Als Bild kann gut einer -jener schönen kristallenen Briefbeschwerer mit vielen Schliff-Flächen -dienen, die man öfter sieht. Ein solcher Kristallblock gerate auf eine -schiefe Ebene. Er liegt zunächst fest auf einer seiner Schliffflächen. -Aber die Ebene senkt sich unter ihm und er beginnt zu rutschen, — -zunächst auf dieser seiner Fläche. Die Rutschpartie geht schneller: -er beginnt zu kippen. Er schwankt, balanziert auf der unteren Kante -seiner Grundfläche, neigt sich etwas vor und zurück. Aber noch zwingt -ihn die Schwere in die alte Lage zurück, er fällt wieder in die alte -Basis, entfernt sich nicht dauernd von ihr, sondern oszilliert nun -gleichsam um sie herum. Das wäre die Variation einer Art auf der -schiefen Ebene ihrer Fortpflanzung! Indessen plötzlich jetzt ein -Ruck: unser Kristallblock hat auf einer stärksten Neigungsstelle das -Übergewicht bekommen, ist gekippt — und liegt jäh auf seiner nächsten -Schlifffläche. Er hat seine Basis verändert. Um die mag er jetzt wieder -schwanken, oszillieren, — jedenfalls ist es ein Oszillieren um einen -ganz neuen, veränderten Schwerpunkt. Dieser Ruck, dieser Sturz, diese -plötzliche Basisänderung — ist eine Mutation. Die Art oszilliert, -variiert bei ihr nicht um ihre gegebene Basis, — sie fällt in sich um -auf eine neue Basis: sie erzeugt eine neue Art.</p> - -<p>Die Entdeckung dieser Mutation als einer experimentell<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> gesicherten -Sache hielt de Vries für seine wichtigste Leistung. Aber er blieb dabei -nicht stehen.</p> - -<p>Er folgerte weiter, daß die Mutation nicht wie die Variation eine -beständige Begleiterscheinung im Leben der Pflanzenarten sei, sondern -wahrscheinlich <em class="gesperrt">in gewissen Perioden</em> sich einstelle.</p> - -<p>Eine Art kann lange auf ihrer Fortpflanzungsbahn bloß oszillieren. Dann -plötzlich macht sie Sprünge, bei denen die Basis jäh wechselt: sie -tritt in eine Mutationsperiode.</p> - -<p>Für diesen Sachverhalt spricht die Ruhe so vieler Pflanzenarten, -die, lange beobachtet, keinerlei Mutationen zeigen, und umgekehrt -dieser Nachtkerzenfall, wo in kürzester Frist die Neubildungen sich -jagen und überall, oft in verhältnismäßig kolossaler Individuenzahl, -hervorbrechen.</p> - -<p>Hier lag ja nun die Frage nahe genug, welches Gesetz denn diesen -Wechsel von Ruhezeit und Mutationszeit bestimme, — oder mit anderen -Worten: was für ein Grund die Pflanze überhaupt zur Mutation zwinge? -Diese Frage mit irgend einer Theorie zu beantworten, vermaß sich -indessen de Vries vorläufig nicht.</p> - -<p>Seine Experimente gaben keinen Anhalt dafür. Seine Nachtkerze war -offenbar schon im wildesten Trubel einer Mutationsperiode, als er sie -fand. Den Anfang der Dinge sah er nicht. Vermuten ließ sich höchstens -ein Zusammenhang zwischen der äußerst üppigen und raschen Vermehrung -durch Eroberung des Hilversumer Ackers und dem Eintritt dieser Periode. -Doch warf das de Vries nur so als Denkbarkeit hin.</p> - -<p>Im wesentlichen resignierte er: die äußeren Ursachen der Mutabilität -seien uns noch völlig unbekannt. Um so energischer aber erörterte und -entschied er einen verwandten Punkt.</p> - -<p>Die Mutation arbeitet — <em class="gesperrt">richtungslos</em>!</p> - -<p>Die Lamarckskerze, wie sie gegeben war, erscheint als eine gute -Anpassung an den Daseinskampf. Wir sehen sie in Amerika sich halten, in -Europa fortblühen, sehen sie als Pionier, der sich wieder wild macht, -den Hilversumer Acker erobern, kurz, sie steht ihren Mann.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> - -<p>Wie geht es nun mit den Neuarten? Sind sie noch besser? Sind sie -schlechter? Ist etwas Besonderes in bestimmter Richtung an ihnen -„verändert“? Etwas pro oder kontra?</p> - -<p>Der Sachverhalt der vorhandenen Neuarten gibt eine feste Antwort.</p> - -<p>Die Abänderungen umfassen alle Organe gradezu und gehen überall in -fast jeder Richtung. Die Pflanzen werden stärker, sagt de Vries, oder -schwächer, mit breiteren und schmäleren Blättern. Die Blumen werden -größer und dunkler gelb, oder kleiner und blasser. Die Früchte werden -länger oder kürzer. Die Oberhaut wird unebener oder glätter; die -Buckeln auf den Blättern nehmen zu oder ab. Die Produktion der Pollen -nimmt zu oder ab; die Samen werden größer oder kleiner, reichlicher -oder spärlicher. Die Pflanze wird weiblich oder fast männlich; manche -hier noch nicht beschriebene Formen waren völlig steril, einige -nahezu ohne Blüten. Einige neigten mehr zur Zweijährigkeit, andere -weniger, eine war fast rein einjährig. Das entscheidet jene Frage. -Diese Abänderungen sind in kunterbunter Reihe teils nützlich, — -teils indifferent — teils ausgesprochen schädlich. Die Riesenform -<span class="antiqua">Gigas</span> ist der Lamarckiana anscheinend in jedem Betracht über. -Die Zwergform <span class="antiqua">Nanella</span> und die zerbrechliche <span class="antiqua">Rubrinervis</span> -sind wehrloser als die Lamarckskerze. Eine Neuart, die unfruchtbar -ist, ist selbstverständlich ein unrettbarer Todeskandidat. Also: der -Mutationsprozeß, was er nun auch für eine Triebfeder habe, arbeitet -hinsichtlich der Anpassung, der Kampfstärke im Leben richtungslos, — -bald pro, bald kontra. Er probt blind „Möglichkeiten“ durch, indem er -bessere, schlechtere, gleiche Würfel regellos ausstreut.</p> - -<p>Daraus aber mußte sich für de Vries folgerichtig noch ein weiterer Satz -ergeben.</p> - -<p>Über die Fortexistenz der regellos geschaffenen Mutationsarten -entschied der Daseinskampf!</p> - -<p>Er merzte die schlechteren Neuschöpfungen aus. Bei Gleichheit -im Lebenswert ließ er je nachdem Mutterart und<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Mutationsarten -nebeneinander bestehen. War dagegen ein Mutationsprodukt <em class="gesperrt">besser</em> -angepaßt, brauchbarer als alle Mitmutationen und als die Mutterart -selbst, so ließ er diese <em class="gesperrt">beste</em> Form <em class="gesperrt">allein</em> bestehen und -merzte alle anderen aus.</p> - -<p>Die Rolle des Daseinskampfes war in diesem Sinne zwar eine gewaltige, -— aber sie war rein — negativ. Er machte nicht die Mutation.</p> - -<p>Er konnte an sie als gegebenes „Absolutes“ direkt in keiner Weise heran.</p> - -<p>Aber er warf unablässig alle schlechten Mutationen wieder aus dem -Spiel, einschließlich aller überbotenen Stammformen, und reichte einer -besten oder einigen gleichberechtigt besten die Palme der Herrschaft.</p> - -<p>Indem er ungeheure Ketten von Mißmutationen und wertlos gewordenen -Stammformen wie welke Zweige beständig abschnitt, trennte er die -überlebenden Sieg-Mutationen durch weite Räume voneinander.</p> - -<p>Darum erscheinen uns im Dauerbilde die „Arten“ meist so getrennt, -obwohl die Mutationen sich zunächst immer noch so verhältnismäßig -nahe gestanden hatten, wie die Lamarckiana und ihre Zwergenkinder, -Riesenkinder, Kurzgriffler, Rotnervchen und Glanzblättler.</p> - -<p>Ganz scharf tritt in dieser „Mutationstheorie“ die Beziehung wie der -Gegensatz hervor zu der engeren Darwinschen Lehre von den Bedingungen -der Entwickelung.</p> - -<p>De Vries nimmt den ganzen <em class="gesperrt">äußeren</em> Besitz des Darwinismus -<em class="gesperrt">vollzählig</em> in sich auf, er umspannt ihn, wie jede gute neue -Theorie alles Gute der älteren umspannen soll, anstatt künstliche -Unterschiede zu schaffen.</p> - -<p>Dem lauten Getriebe, das heute alle darwinistischen Grundtatsachen -wieder aus der Welt reden möchte, steht ein so besonnener Kopf, der -grade beim alten Darwin arbeiten gelernt hat, vollkommen fern.</p> - -<p>Die fördernde oder hemmende Macht der äußeren Existenzbedingungen, in -die die lebenden Wesen jedes für sich eintreten — der „Daseinskampf“, -wie es Darwin nannte, ohne selbst<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> in die Mißverständnisse -überzulenken, die das vieldeutige Wort im Alltagsleben seitdem erfahren -hat — sie bleibt in voller Wucht bestehen.</p> - -<p>Wie sollte sie nicht?</p> - -<p>Fällt doch jedes neue Pflänzchen auf dieser alten Erde nicht vom -Blauen ins Blaue, sondern es tritt vom Tage seiner Entstehung an -in ein ungeheures Netz bereits bestehender Verhältnisse, vor denen -es sich ausweisen muß, ob es „lebensfähig“ ist. Wenn ein Fischlein -im Wasser aus dem Ei kriecht und das Wasser rauscht um es her — -und es hat plötzlich durch irgend eine individuelle Veranlagung -keine Kiemen, so muß es augenblicks sterben, es ist untauglich zum -Lebenskampf. Je besser dagegen seine Kiemen sind, desto flotter kann -es das „Leben“, sein Leben in den gegebenen Bedingungen des Fischs im -Wasser, aufnehmen. Die Logik dieses Gedankens ist eine immer wieder -so schlichte, so schlechterdings zwingende, daß einer sich wirklich -schon künstlich in den blinden Zweifel hineinreden muß, um das nicht -mehr zu fassen. Wo immer in einer Tier- oder Pflanzenart individuelle -Veränderungen auftreten, da <em class="gesperrt">muß</em> diese logische Mühle weiter -mahlen, da <em class="gesperrt">muß</em> eine Selektion, eine Auslese des Besseren, vor -den äußeren gegebenen Bedingungen Zweckmäßigeren, und eine Ausmerzung -des Schlechteren stattfinden. Und das Resultat muß eine beständige -Annäherung sein an eine immer bessere, eine beste „Anpassung“ -der Gesamtmenge an diese Bedingungen, — also genau das, was wir -in so ungezählten Beispielen wirklicher famosester Anpassung und -Zweckdienlichkeit der Lebewesen allerorten auf Erden vor Augen sehen.</p> - -<p>Damit ist der Kerngedanke aber der Darwinschen Zuchtwahltheorie immer -und immer wieder gerettet als ein schlicht logisches Grundprinzip, -um das wir außen und oben, auf der Kampffläche der Dinge, nicht -herumkommen.</p> - -<p>Was sich aber fragt und von Anfang an schon für alle ernsten Denker, -vor allem Darwin selbst, gefragt hat, das ist: wie es sich mit jenen -„individuellen Veränderungen“ selbst verhalte, also mit dem Korn, das -die Daseinskampfmühle oder<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> das Daseinskampfsieb, wie das Bild besser -lautet, zu verarbeiten bekommt?</p> - -<p>Die Darwinsche Schule, so will ich einmal etwas allgemeiner hier -sagen, hat durchweg angenommen, daß für die große Entwickelungslinie -wesentlich jene kleinen individuellen Varianten in Betracht kämen, -die, wie erwähnt, ungefähr unter jene statistischen Schwankungsgesetze -Quetelets fallen, — also im groben Bilde etwa, was bei uns Menschen -sich als Unterschiede in der Nasenlänge oder so etwas Ähnlichem äußert.</p> - -<p>Eine solche kleine Variante sollte gelegentlich schon ein kleines Plus -im Daseinskampfe geben. Durch bessere Erhaltung auf Grund dieses Plus -sollte dieser Daseinskampf sie so zu sagen mehr und mehr in Reinkultur -herausarbeiten und allmählich so steigern, daß sie endlich unter die -Dauermerkmale der ganzen Art geriet. Ein Komplex solcher endlich -fest herangezüchteten Plus-Varianten mochte schließlich das ganze -frühere Art-Bild so verwandeln, daß wir Systematiker die ausgelesene -Varianten-Elite der Ur-Ur-Enkel gradezu für eine neue Art ansprachen. -Und ein Hauptstützmittel dieser Auffassung waren eben die Erfahrungen -unserer Gärtner und Tierzüchter, die mit großer Sicherheit behaupteten, -genau in dieser Weise, durch stete Auslese der passenderen Varianten, -völlig neue Dauerformen „erzeugt“ zu haben.</p> - -<p>So die darwinistische offizielle Lehrmeinung.</p> - -<p>Nun ist aber in hohem Grade bemerkenswert, daß Darwin selbst mindestens -ursprünglich in diesem heikelsten Punkte gar kein extrem waschechter -„Darwinianer“ war.</p> - -<p>Er betonte, daß sich in der „Variation“ <em class="gesperrt">zwei</em> Dinge zu verstecken -schienen, zwei nicht ohne weiteres gleiche Dinge.</p> - -<p>Erstens nämlich ein stetiges individuelles Wechselspiel von Plus -und Minus im Sinne eben jenes Nasenbeispiels. Zweitens aber gewisse -plötzliche, unvermittelte Abweichungen vom Grundschema der Art, -Varianten, die nicht in die Linie Plus und Minus ausbogen, sondern so -zu sagen in eine neue Dimension hinein, in etwas ganz abrupt Neues.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> - -<p>In der ersten hellsichtigen Genieschau durch das ganze neue Lichtfeld -der Dinge sah das Darwin sehr gut.</p> - -<p>Als er sich aber dann mehr in die praktischen Gärtner- und -Tierzüchter-Versuche hineinarbeitete, vermischte sich ihm die Zweiheit.</p> - -<p>Dort fielen die beiden Arten der Variation anscheinend für die Praxis -so durcheinander und in eins, daß es unwichtig schien, die Trennung -noch zu betonen.</p> - -<p>Es folgte die Hochflut der Darwinschen Schule. Insbesondere Wallace -trieb den Zuchtwahl-Gedanken aufs gedanklich Äußerste hinauf. Hier war -von irgend einer Beachtung des feinen Unterschiedes gar keine Rede -mehr. Die Variation war Eines nur und in diesem Einen war entscheidend -ausgesprochen bloß die Plus- und Minusschwankung. Aus ihr wuchsen die -neuen Arten.</p> - -<p>Ist das doch selbstverständlich, meinte Wallace, wenn wir nur etwa ein -so einfaches Beispiel anschauen wie unsere tausend Kulturspielarten -aus der einzigen Ur-Art des wilden Apfelbaums. Dieser Apfelbaum hat -nach Plus und Minus variiert und diese Varianten haben die Gärtner -benutzt, um alle die prächtigen süßen Apfelsorten unserer Obstgärten -allmählich herauszufixieren. Dabei sind die Äpfel aber keineswegs -bloß süß geworden. Es sind so und so viel echte Apfelspielarten von -recht verschiedenem Bau dabei herausgekommen, — ein Beweis, daß die -ursprüngliche einfache Plus-Variante auch den Keim solcher Artbildung -bot.</p> - -<p>Und das schien wirklich schlagend. Eine ganze Generation beugte sich. -Wer da oder dort zweifelte, der geriet in das Dilemma, ob er etwa mit -dem ganzen Darwinismus brechen wollte ob seiner Ketzergedanken. So -unzertrennbar fest schien diese Masche im großen Netz der Theorie zu -stecken, daß man gradezu glaubte, sie trüge das Ganze und der große -Entwickelungsgedanke müsse unten durchfallen, wenn man sie löse.</p> - -<p>Nun, meint de Vries, die Entwickelungslehre als solche steht heute -auf so breiten Füßen, daß man diese Skrupel wahrlich abtun kann. -Eine neue Prüfung des Variationsproblems<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> ändert da auch nicht ein -Titelchen. Zumal wir eigentlich nur auf Darwins eigene erste Ideenlinie -zurücklenken. Und so steht denn hier die Lamarcksche Nachtkerze mit -ihren „Mutationen“ und wirft eine ganz neue Farbe ins Bild.</p> - -<p>Sie besagt mit ihrer proteisch vielseitigen Person zunächst klipp -und klar, daß es jene Doppelgestalt hinter dem einfachen Wörtchen -„Variation“ wirklich gibt. Es gibt neben dem Variieren im Sinne von -Hin- und Herpendeln der Plus- und Minus-Varianten auf der Art-Kante -noch ein regelrechtes Umkippen in neue Art-Merkmale hinein, eine -Sorte Variation, die eben mit besserem Wort als „Mutation“ von der -gewöhnlichen geschieden wird.</p> - -<p>Das aber geklärt, kommt nunmehr ein Vorstoß allerdings über Darwin -hinaus und sogar gegen ihn.</p> - -<p>Über diese Mutations-Varianten und nicht über die einfachen -Schwankungs-Varianten läuft nach de Vries und ist immer gelaufen die -wahre Neubildung von Arten. Alle Behauptungen und angeblichen Resultate -der Gärtner und Tierzüchter, alle noch so sicheren Schlüsse und Thesen -der hyperdarwinistischen Theoretiker sind falsch, so weit sie die -Entstehung irgend einer neuen Art durch künstliche oder natürliche -Weiterzüchtung einfacher Plus-Minus-Varianten behaupten.</p> - -<p>Wo ein Ergebnis dieser Sorte durch Zuchtwahl mit „Varianten überhaupt“ -zustande gekommen ist, da steckten eben Mutationen mit darunter, sie -haben nachgeholfen ganz in der Stille und ein Gewinnlos in die an sich -falsch gestellte Nietenlotterie eingeschmuggelt. Beispiel: eben die -Wallacesche Geschichte der Gartenäpfel.</p> - -<p>Die künstliche Gärtnerzuchtwahl konnte wohl aus sauren Wildäpfeln süße -Kulturäpfel durch einfache Ausnutzung der kleinen Schwankungs-Varianten -machen. Hier handelte es sich bloß um Steigerung einer Plus-Variante im -Zuckergehalt bis auf ein extremes Maximum. Das ist genau der gleiche -Erfolg wie bei dem allbekannten Beispiel der Zuckerrüben, über das die -einwandfreieste Statistik vorliegt. Niemals wird so<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> ein eigentlich -konstanter Wert geschaffen. Läßt man die künstliche Auslese ruhen, -läßt die süße Kulturform wieder verwildern, so sinkt sie binnen kurzem -wieder auf den zuckerärmeren Urstand zurück, der Kulturapfel wird -wieder Holzapfel, die Zuckerrübe in unserm Zuchtsinne verschwindet -wieder von der Erde. Vollends aber niemals entsteht bei einfachem -Zuchtprozeß auf diesem Wege der Variantennutzung eine feste neue -Spielart, die sich nicht bloß in einem einseitigen Plusmerkmal von -der Stammart unterschiede und darin in alle Nachkommenschaft hinein -konstant bliebe. Nie ist es bei den Zuckerrüben passiert.</p> - -<p>Aber doch bei den Äpfeln? Keineswegs auch da, sagt de Vries. Die wahre -Tatsache ist in diesem Falle, daß schon der wilde Holzapfel eine -gewaltig <em class="gesperrt">mutierende</em> Pflanze war, die sich bereits wild in so und -so viel Unterarten zerspalten hatte, in echte Mutations-Varianten also, -die natürlich als solche konstant waren und das schönste Ur-Material -bereits lieferten. Die Gärtner haben sie durch Ausnutzung ihrer -jedesmal „auch“ vorhandenen Plus-Varianten des Zuckergehalts einzeln -zu Kulturäpfeln umgeformt. Dabei sind die Spielarten als solche eben -geblieben, — niemals aber sind <em class="gesperrt">sie</em> erst bei dem Gärtnerprozeß -der Versüßung, den alle parallel erlebten, selber „erzeugt“ worden.</p> - -<p>Dieser Fall gibt nach de Vries gradezu den Schlüssel für alle jene -Irrtumsquellen, wo Arten durch Steigerung der einfachen Variation -gewonnen worden sein sollten. Immer war Mutation im Spiel, ungewollte, -unberechenbare, einfach in den Schoß fallende Mutation als Akt des -tiefsten Eigenlebens der Pflanze, — wenn die Sache gelang! Fehlte -sie als Kräutchen Nießmitlust, so mochte die Pastete hundert Jahre -schmoren, es gab keinen Erfolg.</p> - -<p>Daher die Klagen der Gärtner, daß sie mit aller Variations-Nutzung -keine blauen Georginen, großen weißen Kannablüten, hochgelben -Hyazinthen „erzeugen“ konnten. Die stille Helferin Mutation warf eben -diese Nummern bisher nicht ins Spiel. Daher der alte tiefsinnige -Praktikersatz: „Die erste Bedingung,<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> um eine Neuheit hervorzubringen, -ist, sie bereits zu besitzen.“ Zu besitzen: das heißt, vom Glück so -begünstigt zu werden, daß die Mutation, selber unbeherrschbar wie sie -ist, sie einem grade ins Spiel setzt. Sonst hilft alle Zuchtwahl und -alles Rübenglück nichts.</p> - -<p>Wenn es aber mit der künstlichen, uns zugänglichen Züchtung so steht, -dann wird es wohl mit der natürlichen, auf die wir ja nur von hierher -schließen, ebenso sein.</p> - -<p>Auch der freie Daseinskampf wird nur echte Neuheiten mit Dauerwert -durch die Arbeit der Mutation seit alters zur Verfügung gehabt haben, -von denen er dann die einen bestehen lassen, die andern, unpraktischen -ausroden konnte.</p> - -<p>Mit den Varianten der einfachen Sorte aber wird auch er nichts weiter -haben anfangen können, als daß er diese oder jene eine Weile ins Extrem -trieb; zog er die Hand von solchem Schützling, weil sich in seinen -eigenen Bedingungen lokal etwas änderte, so fiel das sofort wieder ab, -ohne daß je eine wirkliche innere Erneuerung damit angeregt gewesen -wäre.</p> - -<p>Es ist sehr wichtig, daß im Augenblick, da man bis hierher mitgeht, -ein tatsächliches Sachverhältnis in der Tier- und Pflanzenwelt sich -plötzlich ganz von selbst aufhellt.</p> - -<p>So lange die Zuchtwahl-Theorie mit ihrer Anpassungs-Idee jetzt in der -Welt ist, so lange ist auch von Freund, wie Gegner (am schärfsten -wieder von Darwin selbst) erkannt und betont worden, daß ihr ein -Zug im Bilde der Arten, wenn nicht direkt widerspricht, so doch zäh -widerstrebt.</p> - -<p>Die charakteristischen Eigenschaften der einzelnen Tier- und -Pflanzenarten lassen sich in ungezählten Fällen in zwei scharfe Gruppen -sondern.</p> - -<p>Die einen fallen unter den Anpassungsbegriff.</p> - -<p>Sie sind dem lebenden Geschöpf im Lebenskampfe ausgesprochen nützlich, -z. B. wenn ein Laubfrosch, der auf grünen Blättern lebt, grün ist. Zur -Verteidigung der Zuchtwahl-Theorie im ganzen sind diese Fälle stets -sehr hell beleuchtet worden und kein Mensch mit gesunden Sinnen kann -auch<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> wirklich leugnen, daß sie Legion sind und für ihr Teil alles -beweisen, was die kühnste Theorie hier verlangen kann.</p> - -<p>Die zweite Gruppe bilden auch daneben nicht etwa umgekehrt -Nichtanpassungen im Sinne von offenbaren Schädlichkeiten, groben -Unzweckmäßigkeiten. Wo solche auffällig beständen, da könnte man ja -sagen, die ganze Anpassungs-Idee sei unmöglich — aber man könnte wohl -ebenso sicher sagen, das Tier oder die Pflanze mit solchem Selbstgift -der angeborenen Unzweckmäßigkeit sei unmöglich.</p> - -<p>Was aber nicht unmöglich ist, vielmehr ebenso tausendfältig wie die -Schutzanpassungen uns vor Augen steht, das ist die Existenz von -völlig indifferenten Merkmalen, bei allen Tier- und Pflanzenarten, — -Merkmalen, die schlechterdings mit Schutz im Lebenskampfe nichts zu tun -haben — und die doch da sind.</p> - -<p>Eine Tiersorte, die auf grünen Blättern lebt, sei im ganzen grün. Gut, -das ist die Schutzseite. Aber jetzt spaltet diese grüne Tiersorte sich -noch wieder in eine Portion Einzelarten, die sich durch allerhand -kleine, meist von fern so gut wie garnicht sichtbare Merkmale -voneinander unterscheiden, — Merkmale, die mit Anpassung auch im -weitesten Sinne unbedingt nichts zu tun haben, sondern in Hinsicht auf -sie reinweg wie Spielereien der Natur, wie ein unabhängiges Durchproben -von hundert indifferenten Möglichkeiten jenseits von Schutz und -Nichtschutz sich ausnehmen. Bei unserer systematischen Trennung der -einzelnen Arten spielen diese Merkmale vielfältig die Hauptrolle. Und -doch finden wir keinen „Zweck“ in ihnen vom Boden der Anpassungstheorie.</p> - -<p>Wie ist es nun gekommen, daß sie sich überhaupt erhalten konnten, -fixieren konnten, wenn <em class="gesperrt">alle</em> Eigenschaften der Tiere und Pflanzen -erst durch die Anpassungsmaschine des Daseinskampfes aus kleinen Plus- -und Minus-Varianten langsam heraufgezüchtet worden sind?</p> - -<p>Diese Maschine hatte ja nicht das leiseste Interesse an irgend einem -vom Schutzzweck aus indifferenten Plus oder Minus. Wie konnte es -dennoch dahin kommen, daß solche<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> Merkmale konstant wurden, ja sich -schließlich dem Systematiker gradezu strenger aufdrängten als die -Anpassungssachen?</p> - -<p>Darwin suchte vor dieser Frage in allen Jahren seines Hauptschaffens -nach Auswegen, kühn und ehrlich mit dem Blick auf den Tatsachen.</p> - -<p>Einen Teil jener Merkmale, gewisse rhythmische Gebilde besonders -in Farben und Formen, schob er bei den höheren Tieren auf den -Schönheitssinn bei der Liebeswahl, er führte seine sogenannte -„geschlechtliche Zuchtwahl“ ins Spiel. Er wußte selbst, daß er damit -nur einen ganz bestimmten Ausschnitt packte, niemals die Hauptsache, um -die es ging.</p> - -<p>Dann betonte er scharfsinnig ein Gesetz, daß, wenn ein Merkmal bei -einer Tierart so und so durch Züchtung werde, so und so viel andere -Merkmale sich auf Grund eines geheimen Zusammenhangs, der aber nicht -im Schutzzweck lag, mit veränderten, — das sogenannte „Gesetz der -Korrelation“. Wurde ein Tier aus Schutzzwecken grün, so konnte das eine -Portion anderer Merkmale an ihm erwecken, die an sich nichts mit Grün -und Schutz zu tun hatten, aber so lange der Art verbleiben mußten, wie -sie grün blieb.</p> - -<p>Aber auch das traf nur gewisse Einzelfälle, in der Masse aber versagte -es, — ganz abgesehen noch davon, daß es ein „Gesetz“ mit ganz dunklen -Faktoren in sich war. Unzählige Arten waren sämtlich aus Schutzzwecken -grün und hatten dabei erst recht nicht alle übrigen Artmerkmale -gemeinsam und gleich bekommen, sondern sie waren grade sonst so -verschieden, daß man sie als selbständige Arten zählte.</p> - -<p>Diese ganze Schwierigkeit aber hebt sich im gleichen Augenblick, da wir -von der Mutationstheorie ausgehen.</p> - -<p>Bei ihr züchtet der Lebenskampf nicht erst die Artmerkmale aus kleinen -Schwankungsvariationen allmählich heran. Sondern er merzt bloß aus -dem anmarschierenden Heer ewig neuer Mutations-Arten, die alle -Sortenmerkmale zur Probe mitbringen, alle die aus, die aufdringlich -unzweckmäßige Merkmale zeigen. Alle Mutationen mit nützlichen <em class="gesperrt">oder -mit indifferenten</em> Merkmalen läßt er dagegen durchpassieren. Diese<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> -sind sofort als „Art“ da, pflanzen sich konstant fort und bilden das -Material unserer Systeme. Naturgemäß müssen ihre Merkmale sich fort -und fort zusammensetzen aus den beiden Urgruppen: nützlichen — und -indifferenten, — genau wie es wirklich im Tatbestande der Fall ist.</p> - -<p>In der schönsten Weise ordnet sich der ungeheure Formenreichtum der -lebendigen Natur hier in die Theorie ein, ohne daß alles durch das -Prokrustesbett der reinen „Nützlichkeit“ durch muß. So und so viel -fällt auf die, — aber es braucht durchaus nicht alles hierher zu -fallen, was da ist. Denn bei freiem Durchmutieren in alle Möglichkeiten -hinein muß mindestens ebenso viel Indifferentes sich einstellen, wie -ausgespart Nützliches, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr.</p> - -<p>Grade an dieser Stelle aber lenkt die gesamte Frage doch auch wieder -zurück zu jener schon einmal gestreiften Grundfrage: wie es sich mit -den <em class="gesperrt">Ursachen</em> der Mutation selbst verhalte und ob es nicht doch -möglich sei, in sie hinein noch ein letztes formbildendes Gesetz zu -verfolgen.</p> - -<p>Es ist keine Frage: in der Darwinschen Linie sieht man zunächst mehr -von den treibenden Ursachen des ganzen Hergangs, als bei de Vries.</p> - -<p>Die Hauptursache liegt dort im hellen Lichte der Naturzüchtung und -nur ein kleines Sätzchen bleibt als Unbekanntes, als „Sprung“: die -schlichte Plus- und Minus-Schwankung, mit der die Mühle zu mahlen -anfängt. Bei de Vries springt die Mutation allsogleich auf den Plan wie -ein fertiger Ritter — und alles, was wir sehen, ist bloß der Ausweis, -ob es ein sieghafter Held oder ein armer Don Quixote vor der Praxis sei.</p> - -<p>De Vries verwahrt sich zwar gegen den „Sprung“. Es bleibe zu recht, -daß die Natur <span class="antiqua">non facit saltus</span>, keine Saltomortales mache. Ein -Ruck sei die Mutation, kein Sprung. Aber auch der Ruck ist doch ein -herzhafter, auf alle Fälle. Und das gibt mit größerer Dunkelheit auch -erhöhte Grübellust.</p> - -<p>Der rein theoretische Gedanke, daß die Entwickelung sich stoßweise -vollziehe, — von Art zu Neu-Art ohne die Vermittelung<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> einer langen, -langsam gesteigerten Varietätenkette, — dieser Gedanke brauchte nicht -erst als solcher von de Vries eingeführt zu werden.</p> - -<p>Er ist dagewesen, so lange wir überhaupt wissenschaftliche Formen der -Entwickelungslehre haben. So lange wir den Darwin hatten, hatten wir -auch den Kölliker, den trefflichen Anatomen, der die „sprungweise -Entwickelung“, wie er es ruhig nannte, als sein Evangelium lehrte. -Beweise gab es freilich nicht. Aber man hatte die Idee. Und da -man bestritt, daß Darwin scharf beweisbar sei, hielt man sich die -Möglichkeit offen. Bisweilen schien es sogar, als melde sich eine wahre -Tatsache dazu.</p> - -<p>Da war ein absonderlicher Molch im See von Mexiko, das „Axolotl“. Die -alten Azteken zu Cortez des Eroberers Zeiten hatten ihn schon als -Leckerbissen in einer Pfefferbrühe verspeist. Heute kennt ihn jeder -Junge, der ein Aquarium hat.</p> - -<p>Als man ihn wissenschaftlich beschrieb (Humboldt hatte ihn -mitgebracht), lebte er als sogenannter „Kiemenmolch“ in seinem See, -mit Kiemen zur Wasseratmung wie ein Fisch, und so fortpflanzungsfähig, -— im übrigen aber doch schon ein Molch aus der Verwandtschaft unserer -lungenatmenden echten „Salamander und Molche“. Im Pflanzengarten -zu Paris nun geschah eines Tages das große Wunder: besagtes -Axolotl kletterte, als man ihm Raum gab, aus dem Wasser aufs Land -und verwandelte sich selber regelrecht in einen echten Land- und -Lungenmolch gleich unserm Feuersalamander. Die Kunde lief also, es habe -sich durch einen (immerhin gradezu riesenhaften) Sprung schon hier -einmal vor Forschers Augen eine völlig neue, höhere Tierform gebildet.</p> - -<p>Aber die Freude hat beim Axolotl nicht lange gedauert. Kritische -Köpfe stellten nämlich die triftige Gegentheorie auf, das fischhaft -kiemenatmende Axolotl des Sees von Mexiko sei trotz seiner -selbständigen Fortpflanzung gar kein fertiges Tier, sondern eine noch -unvollkommene Larve. Bekanntlich leben so gut wie alle Amphibien in -ihrer frühen Jugend als Larve<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> ebenso fischhaft kiemenatmend im Wasser, -Molche wie Frösche und Kröten.</p> - -<p>Für gewöhnlich entwickelt sich eine solche Amphibienlarve allerdings -schon vor der Geschlechtsreife zum Lungenatmer. Aber es kommen doch -auch Hemmungen vor, wo die Tiere sich so wohl bei ihrer Fischstufe -fühlen, daß sie schon auf dieser in die Liebeszeit eintreten. So -machen es unsere kleinen Teichmolche bereits ab und zu. Das Axolotl -aber hatte, scheint es, das auf eine gewisse Zeit dauernd ins Große -getrieben. Es hatte nämlich seine Gründe dafür.</p> - -<p>Ehemals stieß der See von Mexiko an feuchten Urwald, ein Eldorado -für Luft-Molche. Später schwand der Wald, der See schmolz weithin -ein und es bildete sich um sein verkleinertes Wasserfeld ein Kranz -dürrster Salzsteppe. Da zogen es die Axolotl vor, Generation für -Generation fischhaft im Wasser zu verbleiben als „ewige Larven“. -Und erst als man ihnen in Paris wieder die alte Gelegenheit eines -grünen Pflanzenufers bot, besannen sie sich (bildlich gesprochen) -auf ihr altes Schlußkapitel im Lebensroman, krochen ans Land und -wurden zum ersten Mal wieder „fertig“. Das war denn nun durchaus kein -Köllikerscher „Sprung“: — die angeblich „neue“ Art war in Wahrheit -bloß die Wiederherstellung grade der „alten“, die eine Weile etwas in -Unordnung geraten war.</p> - -<p>Solche Fälle mußten erst recht vorsichtig machen, anstatt den kühnen -Sprung-Theoretikern Türen zu öffnen.</p> - -<p>Kein Zweifel aber, daß des de Vries Beobachtungen, wenn sie stand -halten, jetzt aus dem allgemeinen Behauptungsheer der Sprung-Theorie -einen gewissen engeren Teil als wirklich brauchbar herauslösen.</p> - -<p>Sie geben aber sofort als Gegengift auch die richtige Einschränkung -dazu.</p> - -<p>In dem Nachtkerzen-Beispiel von Hilversum ist kein leisester Anhalt für -einen so groben Mutationsstoß wie etwa bei dem Axolotl.</p> - -<p>Durchaus nicht etwa hat die Lamarcksche Kerze jählings die Wunderkraft -gezeigt, eine Winde oder Rose zu produzieren.<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Sie hat zunächst nur -Nachtkerzen, allerdings andere Arten, gebildet. In einer ungeheuren -Kette solcher Mutationen möchte man ja auch vermuten (vermuten!), -daß die Gattung schließlich überschritten, ja endlich der Kreis der -Familie und so weiter von der Mutation Stufe für Stufe gesprengt werde. -Aber immer bliebe eine ungeheure Kette, — wenn schon keine so ganz -ungeheuerlich lange, wie sie im streng darwinistischen Sinne durch -die jedesmal einzuschiebende Varietäten-Unterkette zwischen je zwei -Hauptkettengliedern gefordert wird.</p> - -<p>Mit großem Nachdruck weist de Vries darauf hin, daß eine seiner -„Mutationen“ unter Umständen als eine <em class="gesperrt">geringere</em> Abweichung -gradezu vom Urtypus erscheinen könnte als eine extreme Varietät jener -bewußten belanglosen Sorte, — oder daß sie wenigstens nicht notwendig -abweichender sein „müßte“. Ihre entscheidende Sache bleibt eben allemal -die Dauerhaftigkeit bei der Fortpflanzung und eine gewisse innere -Harmonie ihrer Neuerungen, die uns in jenem guten Bilde sagen läßt: -hier hat der Kristallblock nicht nur im Rollen gezittert, geschwankt, -sondern er ist regelrecht auf eine neue Fläche gefallen, er ist -übergekippt bis zur Basis-Änderung.</p> - -<p>Etwas Verschiedenheit ist natürlich immer nötig. Aber es braucht -keineswegs rein summarisch viel zu sein. Damit aber schwindet ein gar -gewaltiges Stück des eigentlich Trennenden für den Anblick zwischen der -also reformierten „Sprung-Theorie“ und der offiziellen darwinistischen -Lehrmeinung.</p> - -<p>Auch so bleibt ein Stammbaum der Lebewesen mit relativ ganz kleinen -Ruckstellen des Wachstums, kleinen Schußstellen von Knoten zu Knoten.</p> - -<p>Ein ganzes Bisserl „Schuß“ oder „Ruck“ oder „Sprung“ oder wie man -es nun nennen will, war ja wohlverstanden auch jede einfachste -darwinistische Varietätenbildung schon.</p> - -<p>Wenn ein Mensch mit einer kurzen Nase plötzlich einen Sohn hat mit -einer langen: ein Sprünglein liegt auch darin.</p> - -<p>Fragt sich bloß, wie groß es im äußersten Falle sein darf, — und das -wieder führt auf die Tiefenfrage: welche mechanische<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Ursache wir -hinter ihm zu suchen haben und wie viel Kraft wir der schon für das -Ganze beimessen sollen.</p> - -<p>Schon aus jenem Kristallflächen-Beispiel erhellt aber sehr nett, wie -schlicht mechanisch de Vries da denkt.</p> - -<p>Es ist nicht zu leugnen: in der alten Sprung-Theorie war, besonders -je größer sie ihre Sprünge sich gedehnt dachte, immer ein Zug auf -eine mystische Ausbeutung merkbar. Ob nicht ein „Wunder“ hier lag, so -riesig, daß es ewig über unseren Verstand ging?</p> - -<p>In dem Bilde des de Vries wird mindestens bildlich absolut klar, was -er von der Sache hält. Der Kristallblock kommt ins Rollen. Das ist -nichts Mystisch-wunderhaftes, sondern das Bild arbeitet mit einfachsten -mechanischen Voraussetzungen. Der Rollblock fängt an zu kippen, zu -zittern, zu balanzieren, — abermals nur ein rein natürlicher, im -richtig verstandenen Sinne „mechanischer“ Prozeß. Endlich kommt der -Block gar zum völligen Kippen, aber doch offenbar wiederum nur durch -ein Plus der ursprünglichen naturgesetzlich arbeitenden Kraft, die -schon das Rollen und Balanzieren beherrschte.</p> - -<p>Was aber im Bilde gilt, faßt hier zugleich die Sache: auch -Fortpflanzung, Variation und Mutation erscheinen durchaus nur im festen -Banne einer und derselben natürlichen Gesetzlichkeit. Wenn auch unsere -Kenntnis die Einzelheiten noch nicht erfassen kann: das natürliche -Glaubensbekenntnis des Naturforschers, der Glaube an unzerstörbare -Gesetzmäßigkeit ohne Ignorabimus-Lücke, bleibt im Prinzip vollkommen -gewahrt.</p> - -<p>Das ist aber für den Fortschritt all unserer Sachweisheit doch -eigentlich wieder die Hauptsache, — viel wichtiger als etwas -Lehrmeinungs-Sieg oder Nicht-Sieg in darwinistischen Einzelheiten.</p> - -<p>Die alte Sprung-Theorie, wie sie vor de Vries schon bestand, hatte -ja stets da noch eine besondere Liebhaberei gehabt. Sie liebäugelte -nämlich mit einem Gedanken, der als solcher wieder noch viel älter als -Darwin ist.</p> - -<p>Könnte es nicht doch ein besonderes „Entwickelungsgesetz“<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> geben in -diesen Sprüngen — und zwar eines, das der Anpassung schon entgegenkäme?</p> - -<p>Nehmen wir wieder das einfachste Beispiel.</p> - -<p>Auf einem braunen Boden leben braune Tiere, hübsch als solche durch -ihre gut angepaßte Farbe geschützt. Nun wird durch Wechsel der -Verhältnisse, etwa durch Schnee, der Boden weiß. Braun ist jetzt nicht -mehr Trumpf. Die Tiere müßten weiß sein, wenn ihre Feinde sie nicht -sehen sollen. Tritt nun nicht am Ende doch grade in solchem Moment -prompt der „Sprung“, die Mutation <em class="gesperrt">so</em> ein, daß <em class="gesperrt">alle</em> nach -„Weiß“ springen und mutieren, also daß die nächste Generation genau dem -neuen Zweck entsprechend schon eine weiße wäre?</p> - -<p>Wie schon erwähnt, ist de Vries selbst <em class="gesperrt">radikaler Gegner</em> dieser -Meinung.</p> - -<p>Seine Nachtkerzen mutierten zwar, aber sie taten es keineswegs nach -<em class="gesperrt">einer</em> Seite, wie um irgend einem neuen Anpassungsbedürfnis -entgegen zu kommen, etwa irgend einem Vorteil, den das neu eroberte -Kartoffelfeld bestimmt umgeformten Neuerern gewährt hätte.</p> - -<p>Ihr Mutieren verriet nicht das Genie eines Erfinders vor einer äußeren -Forderung.</p> - -<p>Es glich einem blinden Darauflos-Phantasieren mit dutzenden von neuen -Motiven, die unmöglich alle zum Zweck passen konnten.</p> - -<p>Das ist also genau, was Darwin auch meinte, bloß daß hier die Mutation -trifft, was dort von der angeblich artbildenden Variation galt.</p> - -<p>Und wie sollte es denn auch anders sein, meint de Vries. Jedes -entgegenarbeitende Entwickelungsgesetz jener Art wäre „Mystik“. „Die -Annahme,“ sagt er wörtlich, „einer bestimmten Variierungstendenz, -welche das Auftreten zweckmäßiger Änderungen bedingen oder doch nur -begünstigen sollte, liegt außerhalb des Rahmens unserer heutigen -Naturwissenschaft. Darin liegt ja der große Vorzug der Darwinschen -Selektionstheorie, daß sie die ganze Entwickelung des Tier- und -Pflanzenreiches ohne die Hülfe außernatürlicher Voraussetzungen -zu erklären<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> strebt.“ Eine solche Stelle wird alle beruhigen, -die fürchteten, de Vries führe aus dem Darwinismus heraus zu den -<em class="gesperrt">alten</em> Zweckursachen zurück. Oder, vorsichtiger und weiter noch -gesagt: sie wird auch denen die Hoffnung abschneiden, die da wünschten -und erwarteten, daß der Ketzer an einigen darwinistischen Grundpunkten, -de Vries, mit seinen Nachtkerzen den ganzen Darwinismus an dieser -teleologischen Stelle umrennen werde. Im Gegenteil.</p> - -<p>Hier grade lockt es mich aber wieder, dazu selber noch ein Wörtchen zu -sagen.</p> - -<p>Ich möchte nämlich betonen, daß wir mit dem einfachen Sprüchlein von -der „Mystik“ an solcher Stelle allein noch nicht auskommen, soll die -Sache ganz reinlich werden.</p> - -<p>Angenommen doch einmal, die Nachtkerzen hätten wirklich das Umgekehrte -bewiesen.</p> - -<p>Unumstößlich, so weit ein Einzelbeispiel unumstößlich ist, hätten sie -dargetan, daß die Mutation jedesmal genau auf die äußere Forderung -reagiert, — also in jenem Exempel von vorhin so, daß etwa der -Forderung „Weiß“ ohne jedes Schwanken nun sofort Weiß als Mutation -überall antwortete.</p> - -<p>Ich frage, was dann?</p> - -<p>Sollten wir im gleichen Moment auch schon die ganze Naturforscher-Bude -zuschließen müssen und sagen: hier ist ein teleologisches Verhalten, -folglich Mystik, folglich Aufhören der Naturwissenschaft, folglich -legen wir die Hände in den Schoß?</p> - -<p>Ich meine, es würde das ganz andere gelten: daß wir nämlich schlicht -auch mit dieser Tatsache naturwissenschaftlich zunächst fertig zu -werden suchten.</p> - -<p>Wir haben ja den bekanntesten Fall wirklich und viel näher bei uns -selbst.</p> - -<p>Wir Menschen handeln „zweckmäßig“, wir suchen vor einer neuen äußeren -Forderung bewußt nach der zweckmäßigsten Reaktion, — also in jenem -Bilde, wenn „Weiß“ gefordert wird, so machen wir uns einfach selber -„weiß“. Trotzdem geht unser ganzes neueres Denken dahin, den Menschen -nicht<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> mystisch und unwissenschaftlich, sondern grade erst recht als -Gegenstand innerhalb der besonnenen Naturforschung zu nehmen. Wir -suchen den Menschen einzuordnen in die Natur, suchen ihn mitsamt -seinem Bewußtsein, das dieses teleologische Verhalten ermöglicht, in -einer Natur unterzubringen, die denn allerdings vernünftiger Maßen so -definiert werden muß, daß er auch wirklich mit hinein paßt.</p> - -<p>Je nun, die Nachtkerze wäre kein Mensch, also fiele das dort -Heranzuziehende hier fort. Aber wenn nun auch die Nachtkerze bei ihrer -Mutation gewisse anscheinend zweckmäßige Reaktionen zeigte, so müßten -wir wenigstens nach der Analogie doch zunächst auch hier versuchen, -natürlich durchzukommen.</p> - -<p>Nun ist interessant, daß wir in der Welt der Tiere wie Pflanzen noch -eine ganze Reihe Vorgänge haben, wo (tief unterhalb schon des Menschen) -eine Art prästabilierter Harmonie zwischen äußerer Forderung und -innerer Entwickelungsreaktion wirklich besteht, — nämlich in der -Ontogenie, in der Bildung der Tiere und Pflanzen aus Ei und Keim.</p> - -<p>Das Hühnchen im Ei entwickelt aus sich heraus Augen, mit denen es -im Moment, da es die Eierschale bricht, sehen kann. Jenes Axolotl -entwickelt nach innerem Gesetz sich zu bestimmter Zeit, wo es aufs -Land soll, die zum Landleben nötigen Lungen. Es ist genau, als sei -im werdenden Wesen, in Eizelle, Embryo, Larve, eine Uhrfeder so -eingestellt, daß zur rechten Zeit grade das zur äußeren Forderung -Zweckmäßigste ausgelöst wird. Im Moment, da das kleine Menschlein das -Licht der Welt erblickt, sind seine Augen da, wirklich zu sehen, sind -seine Lungen da, wirklich zu atmen. Der Schmetterling bildet sich in -der Puppe schon zum Fliegen vor, was die Raupe nicht konnte. Und so ist -der Beispiele Legion.</p> - -<p>In all diesen Fällen aber fällt es keinem Naturforscher ein, diese -ausgesprochen teleologischen Vorgänge als „Mystik außerhalb des -naturwissenschaftlichen Denkens“ zu bezeichnen.</p> - -<p>Man fühlt bloß das Bedürfnis, zur natürlichen General-Erklärung dieser -wunderbaren „prästabilierten Harmonie“ hier<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> noch eine <em class="gesperrt">besondere</em> -Hülfskette <em class="gesperrt">natürlicher</em> Erklärungen hinzunehmen.</p> - -<p>Den Schmetterling in der Puppe bildet individuell weder die zu -durchfliegende Luft draußen, noch bildet ihn eine unfaßbare mystische -Flugsehnsucht ohne Kausalzusammenhang. Sondern es waltet die Vererbung. -Die Eltern haben schon die Flugfähigkeit erworben, einerlei jetzt wie, -das ist Frage für sich. Dem neu werdenden jungen Schmetterling, ihrem -Kinde, haben sie aber durch Vererbung das Uhrwerk so zu sagen schon in -den Leib gesetzt, daß es auf die Flügelentwickelung genau losarbeite -und rechtzeitig wie eine automatische Weckuhr vor dem „Zweck“ -abschnurre.</p> - -<p>So wunderbar fein die Sache also auch funktioniert: ein wahres „Wunder“ -ist sie keineswegs. Kein vernünftiger Naturforscher bezweifelt, daß -bei der „Vererbung“, so verwickelt sie auch sei, alles mit natürlichen -Ursachen zugehe.</p> - -<p>Jetzt setzen wir den Fall, solche Anzeichen prästabilierter Harmonie -von Zweckforderung und Reaktion zeigten sich aber nicht bloß in der -Ontogenie, sondern auch in dem bereits, was Haeckel die Phylogenie -genannt hat, nämlich eben in der geschichtlichen Entwickelung der -ganzen Tier- und Pflanzenarten.</p> - -<p>Jede Mutation wäre stets eine zweckmäßige, und das arbeitete genau so -wie das kleine teleologische Uhrwerk in der Schmetterlingspuppe. Es -hätte für sein Teil die ersten Flügel der Schmetterlingsahnen schon -ebenso für den „Zweck“ gebaut, wie heute die Vererbung in der Puppe sie -wiederholt.</p> - -<p>Der einfache Schluß müßte sein, daß auch das nicht „Mystik“ sei, -sondern bloß auf etwas <em class="gesperrt">noch Früheres</em> hinweise.</p> - -<p>Auch hier schon waltete irgend eine Art Vererbung. Die ganze Phylogenie -wäre selber schon etwas wie eine versteckte Ontogenie. Der Stammbaum -mit all seinen Arten wäre eigentlich nur die große Auswickelung eines -einzigen Individuums, das von dieser Ur-Vererbung als Zweckuhrwerk -innerlich beherrscht würde, wie den Schmetterling in seiner<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Puppe -seine Vererbung zweiten Grades beherrscht. Das Leben in den vielen -Millionen Jahren seiner Erdgeschichte wäre bereits das Produkt einer -ungeheuren Vorgeschichte, die in der ersten Urzelle als „Eizelle“ schon -die ganze Zweckmäßigkeits-Uhr für alle folgenden Reaktionen aufgezogen -hätte. Und in jeder Mutation sähen wir diese Uhr bloß laufen.</p> - -<p>Die „Erwerbung“ der jetzt automatisch bestimmten Dinge aber läge in uns -unfaßbaren Aeonen einer unbekannten Vorgeschichte.</p> - -<p>So würde ich, wenn es eben <em class="gesperrt">not</em> täte, jenes seltsame „innere -Entwickelungsgesetz“ zu deuten suchen, nach Analogie des Gegebenen und -ganz ohne Mystik.</p> - -<p>Gewiß: es läge in der Sache in gewissem Sinne etwas Mißliches.</p> - -<p>Wir hätten die Ontogenie zurückgeführt auf die Phylogenie. Aber die -Phylogenie wäre selber wieder abhängig von einer hypothetischen -Vor-Phylogenie. Immer nur aufgezogene Uhren zweiter Hand. Das -Ursprüngliche schöbe sich historisch ganz über unser Gesichtsfeld -hinaus. Mißlich! Aber noch nicht mystisch. Solcher Mißlichkeiten -haben wir mehr. Auch das Gravitationsgesetz ist für uns „gegeben“ -von jenseits unserer Zeit-Weisheit her. Wo hat es sich „entwickelt“ -als Eigenschaft der Stoffe? Fragen! Aber doch nur Fragen unserer -Beschränkung im geschichtlichen Blick. Nicht das ewige absolute „Tür -zu!“ der Mystik!</p> - -<p>Je nun, die Sache steht trotz mancher gegenteiligen Behauptung -vorläufig tatsächlich <em class="gesperrt">nicht</em> so, daß wir auf derartig verwickelte -Straßen müßten, — mit de Vries weniger als je.</p> - -<p>Aber philosophisch sollte man sich darüber klar bleiben, — das ist -immer ein unendlich wichtiges prophylaktisches Mittel!</p> - -<p>Wie man sich, um es noch einmal zum Schluß zu betonen, darüber klar -bleiben muß, daß selbst die strengste Zuchtwahl-Theorie noch nicht -jede Fassung von Teleologie ausschließt. Sie schließt eben bloß eine -ganz bestimmte herkömmlich <em class="gesperrt">grobe</em> Form aus, die den Zweck -als spiritistisches Gespensterpferdchen neben den einfachen völlig -ausreichenden<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> braven Gaul des Kausalzusammenhangs einspannen möchte. -<em class="gesperrt">Nicht</em> dagegen schließt sie eine <em class="gesperrt">feinere</em> Teleologie aus, -die eben bloß auf das faktische Schlußergebnis schaut und aus dem -tatsächlichen schließlichen Herauskommen einer zweckmäßigen Welt, -eines „harmonischen“ Verhältnisses der Dinge die Vermutung entnimmt, -es müsse schon in der Uranlage der Welt eine Anlage mitgegeben gewesen -sein, die das bedingte, — das Ideal einer zweckmäßigen Welt, das sich -aber dann realisierte auf dem rein natürlichen Wege undurchbrechbarer -Kausalzusammenhänge.</p> - -<p>In dieser Betrachtung ist es völlig offen gelassen, welche <em class="gesperrt">Wege</em> -diese Weltteleologie nahm, es kommt alles bloß auf das <em class="gesperrt">Resultat</em> -an.</p> - -<p>Und es steht nicht das Leiseste entgegen, unter diese Wege auch die -Auslese des Passendsten im Daseinskampfe aufzunehmen.</p> - -<p>Wobei ich freilich den Anhängern jener anderen, wie ich es nenne: -groben Teleologie anheimstellen muß, ob sie das, was ich meine, -überhaupt noch Teleologie nennen wollen.</p> - -<p>Mir genügt es vollständig zur Rettung einer philosophischen -Weltauffassung, die zwar absieht von jedem Durcheinanderwerfen von -Teleologie und Kausalität, die aber dabei keineswegs auf ein wüstes -Welt-Kuddelmuddel hinauskommt, sondern sich sehr wohl auch etwas denken -kann bei einem <em class="gesperrt">vernünftigen Sinn der gesamten Weltentwickelung</em>.</p> - -<p class="center mtop2">*<br> -* <span class="mleft7">*</span></p> - -<div class="chapter"> - -<h2 id="Die_Zeit_Frage" title="Die Zeit-Frage"> </h2> - -</div> - -<p>Eine Frage aber, die hinter diesen darwinistischen Problemen immer -wieder auftauchen muß, ist die <em class="gesperrt">Zeit-Frage</em>.</p> - -<p>Haben wir Zeit genug in der Weltgeschichte, in der Erdgeschichte für -solche schrittweisen Entwickelungen?</p> - -<p>Es ist die Stelle, wo der starre Bibel-Glaube mit seiner -alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte zuerst gescheitert ist, — bei -dieser Zeit-Frage.</p> - -<p>Noch immer aber herrscht über sie trotz dieses wahrlich<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> schon nicht -gering zu achtenden Kampf-Wertes vielfältig eine Unklarheit, wie kaum -über einen zweiten Darwin-Punkt. Auch hier wird — erst mißverstanden -— und dann losgeredet.</p> - -<p>Ich erinnere mich auch dazu einer kleinen Geschichte, die mir -symbolisch bedeutsam scheint.</p> - -<p>Am 27. August 1883 explodierte in der Sunda-Straße zwischen Sumatra und -Java der Vulkan Krakatau.</p> - -<p>Er explodierte buchstäblich, als das Meereswasser sich in seinen halb -geschmolzenen Krater ergoß.</p> - -<p>Das Wasser wurde an der glühenden Lava zu Dampf, und auf diesen -ungeheuerlichen Druck hin platzte die ganze Krakatau-Insel.</p> - -<p>Die Dampfsäule schoß dreißig Kilometer hoch empor.</p> - -<p>Eine Sturzwelle, wie die Phantasie sie für die Sintflut sich ausmalt, -bis zu sechsunddreißig Meter hoch, verwüstete die nahen Küsten von Java -und Sumatra und kostete vierzigtausend Menschen das Leben.</p> - -<p>Das Gebrüll der Katastrophe hörte man bis Ceylon, bis zu den -Philippinen, bis Perth in Australien, also so weit, wie es etwa von -Berlin bis Kairo ist.</p> - -<p>Zehn Stunden nach der Explosion fingen selbst in Berlin die automatisch -registrierenden Barometer an, unruhig zu werden: es war die Luftwelle, -die über Ostindien kam; sechzehn Stunden später folgte die zweite -auf dem längeren Wege über Amerika; so schlug der Stoß um die ganze -Erdkugel. Die aufgeschleuderten Aschenteilchen aber haben noch Jahre -lang als erhöhte Dämmerglut und leuchtende Nachtwolken auch in unseren -Landen die Forscher beschäftigt.</p> - -<p>In diesem Sommer wurden es zwanzig Jahre seit diesem Tage der -Schrecken für eine paradiesisch schöne Gegend. Das Paradies hat sich -wieder hergestellt, so gut es konnte, — in der tropischen Üppigkeit -wurde es ja nicht allzu schwer. Nur auf der See schaukeln da und -dort noch treibende Bimssteinfelder. Und aus der blauen Sunda-Straße -ragt als düstere Ruine das letzte Stück Kesselwand, der bis ins Herz -zerborstene<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Vulkan. Aber auch auf diese Ruine hat die schaffende Natur -leise schon wieder ihre Hand gelegt mit neuem Leben.</p> - -<p>Die Insel Krakatau war bis zum Tage ihrer Explosion dreiunddreißig -Quadratkilometer groß. Diesen Raum bedeckte dichter Wald in -vollkommener Tropen-Üppigkeit. Als sich der furchtbare Qualm später -verzogen hatte, stand von der ganzen Insel nur noch die Südhälfte -des Vulkanpiks. Mehr als die Hälfte des Landes war verschwunden, und -es wäre noch mehr fort gewesen, hätten nicht die vulkanischen Massen -selbst sich wieder angelagert; hatte der Vulkan doch nachweisbar allein -mindestens 18 Kubikkilometer Asche und Bimsstein gespieen. Was stand, -war aber in diesem Moment ausnahmslos und bis aufs letzte Hälmchen -gründlich nackte Schlacke, ohne Pflanzenwuchs, ohne Tierwelt. Ein -soeben aus seiner Urglut erstarrter Planet konnte nicht radikaler vom -Leben frei, gleichsam kosmisch sterilisiert sein.</p> - -<p>In den zwanzig Jahren seither aber sind zweimal Botaniker auf den -Ruinenpik geklettert. Und ihnen ist vergönnt gewesen, etwas zu -beobachten, was in dieser Reinheit des Exempels wohl noch nie zeitlich -genau von kundigen Menschenaugen verfolgt worden ist: die stufenweise -Neueroberung einer einsamen irdischen Brandstätte im Ozean durch Flora -auf ihrer Wanderschaft.</p> - -<p>Drei Jahre nach der Katastrophe, im Juni 1886, besuchte der -hochverdiente Direktor des prachtvollen botanischen Gartens zu -Buitenzorg (Batavia), Melchior Treub (sprich: Tröb), die Insel.</p> - -<p>Er traf den Prozeß der Neubesiedelung durch Pflanzen bereits in vollem -Gange. Zunächst machte sich auf der vulkanischen Zerstörungsdecke aus -Asche, Lava und Bimsstein eine schwarzgrüne, gallertartige Schicht -„Leben“ bemerkbar: Genossenschaften von (einzeln mikroskopisch -winzigen) Algen. Sie waren zweifellos der Urstamm der Pioniere. Sechs -Arten ließen sich unterscheiden, alle aus der Gruppe der Cyanophyceen. -Die Cyanophyceen oder Schizophyceen, zu deutsch Blaualgen oder -Spaltalgen, gehören jener alleruntersten, allereinfachsten<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> Reihe -pflanzenähnlicher Urwesen an, zu denen auch die vielbesagten Bakterien -oder Bazillen gerechnet werden. Im Engeren gehört dazu das wunderliche -Volk der sogenannten Nostoc-Algen, die es in ihrer gemeinsten Sorte -bei uns bis zu handgroßen, hirnartig verfalteten Gallertbrocken -bringen, wenn die nötige Feuchtigkeit sie trifft; gerät solcher -Nostocteller umgekehrt in eine ganz trockene Jahreszeit, so schmilzt -er fast zur Unsichtbarkeit ein, unbeschadet doch seiner fröhlichsten -Lebenszähigkeit. Auch jene allbekannte Erscheinung unserer Seen, die -„Wasserblüte“, ein plötzliches Trüb- und Grünwerden des Wassers, beruht -auf einer jähen grenzenlosen Vermehrung solcher Spaltalgen.</p> - -<p>All dieses niedrigste Pflanzenvolk weiß sich nun zum Zweck der -Ausbreitung aufs Wunderbarste zu „verflüchtigen“. Wir kennen das ja -von den Bakterien, den allgegenwärtigen, besser als uns lieb ist. -Als trockene Keime (Sporen) reisen sie mit jedem Luftzug dahin, über -Berg und Tal, Eis und Wasser, — Herren der Erde, die keine räumliche -Schranke anerkennen.</p> - -<p>Ganz zweifellos sind auch jene Algen des Krakatau auf solchem Wege der -Luftpost angesegelt. Das Wunder der „Urzeugung“, von dem wir so wenig -wissen, brauchte sich auf der verbrannten Insel nicht neu einzustellen.</p> - -<p>Rings lag ja die weite Erde üppig nach wie vor unter ihrer grünen -Pflanzendecke. Mit dem Winde entsandte sie ihre mikroskopisch kleinen -Boten. Der Botaniker Kerner von Marilaun hat vor Jahren einmal in -einem Tiroler Gebirgstal eine Tafel mit feucht erhaltenem weißen -Filtrierpapier dem Südwinde ausgesetzt: kaum ein paar Stunden waren -herum und an der Tafel haftete schon ein buntes Stück solchen -windgeführten Wanderlebens: Pollenzellen und Sporen von allerhand -Pflanzen, aber immer dabei auch ausschwärmende Zellgruppen jener -Nostoc-Algen.</p> - -<p>Wie die künstliche Tafel, so diente aber auch der natürliche nackte -Fels, den der Tropenregen netzte: reisenden Algen bot auch er Quartier.</p> - -<p>Die Algen hatten dann mit ihrem Schleimüberzug wieder<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> den Keimboden, -den ersten Humus gleichsam geschaffen für höhere, bereits etwas -anspruchsvollere Pflanzen.</p> - -<p>Auch von denen reisten Sporen durch die Luft: die Sporen von -Farnkräutern und Moosen. Sie landeten und gingen auf, wo die Algen -das Bett bereitet. Elf Arten tropischer Farnkräuter beobachtete Treub -bereits an den Abhängen der Vulkanruine.</p> - -<p>Solches Farnkraut steht aber selber immer noch wieder tief unter -den eigentlichen Samenpflanzen, den Phanerogamen, wie sie unsere -Wälder und Wiesen in der Masse zusammensetzen. Es war, als wiederhole -dieser kleine Fels im Südmeer noch einmal den uralten Heraufgang des -pflanzlichen Lebens auf der Gesamterde, in dem auch der Farnwald sich -an zweiter Stelle über den Algenteppich erhoben, um selber dann dem -echten Nadelholz- und Laubwald und der bunten Blumenmatte als der -endlichen Krone der Entwickelung zu weichen. Die Insel Krakatau stand -aber bereits auch an der Schwelle dieses höchsten Zeitalters, wie Treub -des weiteren feststellte.</p> - -<p>Auch diese obersten Pflanzengeschlechter haben ja noch gar manche -Möglichkeit zu Luftreisen. Bald ist der ganze befruchtete Samen auch -bei ihnen noch so staubhaft winzig, daß er mitgeht gleich Alge und -Farnspore. So glückt es besonders ohne Mühe den schönen farbenfrohen -Orchideen. Bald aber auch hat das Früchtlein allerhand Anhängsel, -wie Flügel, Ruder und Luftschrauben, ich erinnere bloß an die -allbekannten lustigen Luftschifflein des Ahorns. So sammelte unser -Botaniker im Innern des Inselchens zwei Grasarten und vier Arten jener -formenreichsten heutigen Pflanzenfamilie, die zusammengesetzte Blüten -trägt, der Kompositen. Auch für ihre leichten, flugfähigen Samen war -der Wind sicherlich noch Postillon gewesen.</p> - -<p>Endlich aber wuchsen am Strande auch noch neun unterschiedliche Sorten -Strandpflanzen, für die es am wahrscheinlichsten war, daß die Welle sie -heranverfrachtet.</p> - -<p>Das ist ja auch ein im oberen Pflanzenleben öfter benutzter<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> -Transportweg. Es ist dazu nur nötig, daß die Frucht ihre Keimfähigkeit -im Salzwasser behält und daß sie schwimmen kann. Von manchen Samen -hat man sicher beobachtet, daß sie über ein Jahr im Meerwasser -liegen können, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Ein Muster von -Schwimmfähigkeit bietet beispielsweise die Kokosnuß, die durch ein -luftgefülltes Faserhemd und einen für Wasser unzugänglichen Fettpanzer -wie in einen Schwimmgürtel eingeschnallt ist; ohne Mühe reist sie -denn auch von Strand zu Strand und trägt ihr Paradies in den kahlsten -Tropenwinkel. Die ganze Strandflora des Krakatau war entsprechend in -den drei Jahren angeschwommen, von Meeresströmungen herangelotst und -von der Welle dann als Spülicht abgesetzt wie Muscheln und Tange.</p> - -<p>Nach dieser ersten Sondierung vergingen mehr als zehn Jahre.</p> - -<p>Erst im März 1897 machte sich abermals ein kleiner Botanikerkreis, -Treub an der Spitze, von Buitenzorg auf, um den Fortschritt vom nackten -Höllengrund zum Paradiese abermals zu messen.</p> - -<p>Diesmal war auch der bewährte deutsche Pflanzenkenner Professor O. -Penzig mit von der Partie, der ausführlich und anschaulich darüber -berichtet hat (in den Annalen des botanischen Gartens zu Buitenzorg 2. -III. S. 92–113).</p> - -<p>Die kleine Expedition, mit allem wohl ausgerüstet, verweilte auf -der Ruine einen halben Tag. Den Vulkanrest selber zu besteigen — -er ist noch seine 800 Meter hoch wie der stehen gebliebene Zacken -eines abbröckelnden Zahns — gelang nicht wegen der tiefen Klüfte, -die sich wohl durch Zusammenziehung der erkaltenden Lava wie Risse in -erstarrendem Pech gebildet haben und allenthalben den Weg versperren. -Um so wertvoller aber war die botanische Ausbeute.</p> - -<p>An der westlichen Hälfte der Nordseite der Insel zeigt sich die einzige -echte, zum Landen erträgliche Strandstelle. Bimssteinblöcke und -Korallenbruchstücke bauen sie hauptsächlich auf.</p> - -<p>Hier ist ein kleines Strandparadies im vollen Werden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> - -<p>Überall blüht es und treibt es, stellenweise ist das ganze Ufer -völlig pflanzengrün. Da wachsen ein Pandanus, eine Wolfsmilch -(<span class="antiqua">Euphorbia</span>), eine Scävola, unverkennbare Stammgäste sandiger und -kiesiger Tropenufer der Gegend. In Massen kriechen die langen Stengel -einer Trichterwinde dahin, dazwischen Vigna-Arten und die giftige, aber -weithin duftende Leguminose <span class="antiqua">Canavalia obtusifolia</span>, die auch eine -typische Strandpflanze ist. Endlich fehlt es nicht an Gräsern (von der -berüchtigt stacheligen Sorte Spinifex) und Cypergräsern.</p> - -<p>Neben den schon regelrecht aufgeblühten Gewächsen aber fanden sich eine -Masse frisch angeschwemmter Früchte und Samen, zum Teil in munterem -Keimen begriffen, so daß man recht in die lebendige Werkstatt des -Fortschrittes sehen konnte. Hier lag vor allem die Kokosnuß selber, -dann der Same des Mangobaumes, dessen terpentinartig schmeckende -Goldfrucht jeder Indienfahrer kennt, zweier Eichen, zweier Cäsalpinien -(aus der Gruppe der berühmten Färbholzpflanzen), der Zuckerpalme, von -der der Palmzucker kommt, und vieler anderen mehr.</p> - -<p>Das Bild änderte sich, als die Besucher mehr ins Innere drangen.</p> - -<p>Sie betraten eine Grassteppe.</p> - -<p>Über mannshoch ragten die Grashalme, den Weg versperrend, und in -den Halmwald verspannen sich zu zähem Dschungel die Trichterwinden -und anderen Schlinggewächse. Wieder aus der Steppe aber erhebt sich -der Fels. Noch ist ihm treu, was der erste Besucher einst fand: die -blaugrünen oder schwärzlichen Schleimpolster der Algen und dann -in reichster Fülle die Farnkräuter. Aber schon mischen sich auch -hier oben in die Flora schöne echte Blütenpflanzen höherer Art. Da -leuchtet es von weißen und rosaroten Blumen: es ist eine Erd-Orchidee -(<span class="antiqua">Spathiglottis plicata</span>), deren feiner Samen also jetzt wirklich -glücklich auch den Weg über die blaue See gefunden hat. Daneben prangt -eine über meterhohe Composite, die „<span class="antiqua">Blumea balsamifera</span>“, die -alles mit ihrem Duft erfüllt.</p> - -<p>Den Schluß der Expedition bildete ein Besuch auf einem<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Inselchen -„Verlaten Eiland“, das ein paar Kilometer entfernt liegt.</p> - -<p>Als der Krakatau hier Weltuntergang spielte, mußte das nahe Eiland mit. -Auch auf ihm verbrannte jedes letzte Hälmchen und dicke Schichten von -Asche und Bimsstein begruben die Stätte. Grade hier aber hatte Floras -Hand das höchste Wunder aufgespart, die äußerste Leistung tropischer -Schnellproduktion.</p> - -<p>Denn an der Südspitze dieses Friedhofs von 1883 stand bereits wieder -ein ganzes Wäldchen von fünf bis sechs Meter hohen Bäumen. Casuarinen -waren es. „Casuarbäume“, aus jenem seltsamen Geschlecht, dessen -eigentliche Heimat das Wunderland Australien bildet. Wie gerupft, wie -abgefressen hängen die scheinbar ganz blattlosen, düsteren Zweige -herab, eher an Schachtelhalme als an Laubpflanzen erinnernd, eine -echte Staffagepflanze von urweltlichem Habitus zu dem Erdteil der -Schnabeltiere und Molchfische.</p> - -<p>Als die Besucher ihre Ausbeute musterten, hatten sie im ganzen -gesammelt: 22 niedere Kryptogamen (Algen und anderes), 12 Farne und 50 -höhere Pflanzen (Phanerogamen). Treub bei seiner ersten Fahrt hatte 8 -Kryptogamen, ein Farnkraut weniger und nur 15 Phanerogamen erbeutet. -So trat der Fortschritt ganz deutlich hervor, wenn er auch nicht eben -mit Siebenmeilenstiefeln gelaufen war, — der Fortschritt in elf Jahren -genau gemessener Zeit.</p> - -<p>Interessant war dabei noch die weitere Einsicht in die Transportart der -neuen Ankömmlinge.</p> - -<p>Penzig verrechnet da alle Algen und Farne nach wie vor auf den Wind. -Von den Phanerogamen gibt er siebzehn Arten mit meist kleinen und -teilweise mit Flugapparaten ausgestatteten Samen den gleichen Weg: -es sind sämtlich Gräser, Compositen oder Orchideen. Zweiunddreißig -Arten dagegen fallen auf Wassertransport: es sind fast durchweg -Strandpflanzen, darunter die Casuarinen, Euphorbien, Canavalien und die -Kokospalme.</p> - -<p>Endlich für ein paar Arten (Melastoma und Ficus) kommt<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> noch ein -ganz besonderes Luftschifflein in Betracht, an das man früher gar -nicht für solche Fälle zu denken gewagt hätte: nämlich Verschleppung -durch früchtefressende Tiere, — Vögel oder Fledermäuse (Flughunde). -Diese Pflanzen haben wohlschmeckende Früchte, deren Samen den -Verdauungsprozeß überstehen. Der Weg ist also kein ungewöhnlicher. -Darwin hat, wie so vieles, auch diese Art der Pflanzenverbreitung -zuerst genau studiert und in unsere Rechnungen eingeführt. Er fand, daß -Körner lustig aufkeimten, nachdem sie Tage lang in einem Vogelinnern -zugebracht hatten; der Vogel konnte in dieser Zeit aber mehrere hundert -Meilen weit geflogen sein.</p> - -<p>So viel vom Krakatau, seiner Explosion und seinem neu erblühenden -Garten.</p> - -<p>Warum ich aber grade an diese Geschichte mich erinnert habe, damit hat -es diese Bewandtnis. Ein Zeit-Beispiel steht uns hier wirklich vor -Augen von außergewöhnlicher Art. Im Rahmen ganz fester Jahresziffern, -1883, 1886, 1897, erleben wir stufenweise mit einen Naturvorgang -typischer Sorte: die Neuumfassung eines vegetationslosen Landes im Meer -durch die „Biosphäre“, den großen Lebenskörper, der in Gestalt von -Pflanze, Tier und Mensch die Oberfläche unseres Erdplaneten überlagert.</p> - -<p>Hätten wir solche Zeitbeispiele, wo sich eine meßbare Zeit mit einem -konkreten „Werden“ für uns füllt und deckt, in größerer Zahl, so träte -jene Zeitfrage der Entwickelungslehre auf ein ganz anderes, ein exaktes -Feld für uns über.</p> - -<p>So wie hier, müßten wir dabei gewesen sein bei der Erdgeschichte, -sollten unsere Antworten ganz unmittelbare sein.</p> - -<p>Statt dessen sind wir angewiesen auf Indizienbeweise. Tatsächlich sind -aber auch sie wenigstens für die größten Linien von zwingender Gewalt. -Um ihnen zu folgen, ist aber wieder ein verwickelter Weg nötig, der -weit fort führt von allen Schlagworten.</p> - -<p>Ein Stück menschlicher Denkgeschichte ist dazu nötig.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Wen man von einem mittelhohen, aber kahlen Berggipfel<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> in die Ebene -schaut — etwa von der Schneekoppe — so bekommt man ein gutes -Bild, wie die „Biosphäre“, die Gesamtmasse des „Lebendigen“, zu dem -ungeheuren Erdplaneten sich verhält.</p> - -<p>Dunkler Fichtenwald, lichter, grüner Busch, endlich Wiesen und -Kornfelder liegen da nicht mehr plastisch, sondern als Farbflecke. Nur -noch die Unterlage, Hügel, Täler, Erdwellen aller Art steigen auf oder -sinken ab. Die Farbfelder aber gehen mit, eben wie eine einfache Farbe, -an deren Dicke man nicht noch einmal besonders denkt.</p> - -<p>So liegt das Leben im ganzen um die Erde.</p> - -<p>Der Fels aus Urgestein hier oben hat noch einen Vergleich: an seiner -Flanke klebt die gelbe Flechte, auch sie fast nur ein Farbfleck ohne -Tiefe, aber doch ein „Etwas“, das nicht selber Fels ist, sondern das -man abschaben kann.</p> - -<p>Wie eine solche feine bunte Flechtenkruste überzieht das Leben -den rein mineralischen Block des Planeten in seinen kolossalen -Größenverhältnissen eines Kugelberges von mehr als 12000 Kilometer -Durchmesser.</p> - -<p>Wer aus dem Weltraum sich der eilig sausenden Kugel näherte, der -würde etwa die Urwälder des tropischen Südamerika sich andeuten sehen -wie einen grünen Schimmel. Näherte er sich von der Nachtseite und -schwebte über dem Ozean, so würde ein solcher Schimmel ihm vielleicht -phosphorisch auf der Fläche zu funkeln scheinen: in der Tat läge auch -hier in den oberen Wasserschichten eine riesige Schicht Leben winziger -Organismen, deren vereinte Kraft das „Meerleuchten“ erzeugt.</p> - -<p>Beim tieferen Eindringen merkte er dann die große Leistung, wie dieser -Planetenschimmel der Gliederung der Planetenoberfläche wunderbar folgt.</p> - -<p>Wo diese Oberfläche eine Meile tief zum Ozeansgrunde abstürzt, da senkt -sich auch der Teppich mit, tierisches Leben geht bis zur Sohle die -ganze Meile mit hinab.</p> - -<p>Aus dem schwarzen Abgrund hebt es sich dann wieder zum Licht: grüne -Tangstämme, wie die <span class="antiqua">Macrocystis pyrifera</span> der<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Südsee, recken -sich 200 Meter empor, ein Medusenschwarm dehnt sich über mehrere -Kilometer aus, eine rötliche Alge färbt ein halbes Meer.</p> - -<p>Auf der Feste wieder wächst ein einzelner Eukalyptusstamm anderthalb -hundert Meter vom Boden an aufwärts durch die Luft. Knieholz folgt -den viel höheren oberen Gebirgsterrassen. Zuletzt hängt die gelbe -Flechte selbst als äußerstes Faserwerk des Teppichs am Granit. Über -dem schneebedeckten Hochgebirgshorn aber schwebt noch der Geier. -Und vielleicht noch weit über der Meile Gestein, die die höchste -Gebirgserhebung über das Meeresniveau hinausgipfelt, ziehen mit dem -Winde Bakteriensporen.</p> - -<p>Dem Vertikalen dieser Doppelmeile wiederum entspricht die horizontale -Eroberung durch alle Zonen. In der Steppe durchmißt der Reisende -wochenlang immer neuen Blumenflor. Selbst über der nackten Wüste -zaubert die Fata Morgana Palmen herauf. Eisberge des Pols färbt die -Volvox-Alge der Karmoisinklippen mit zauberhaftem Rot. Unter 81 Grad 26 -Min. nördlicher Breite fand Nansen die Tümpel des schmelzenden Eises -noch mit Diatomeen und Bakterien erfüllt.</p> - -<p>Und dieser räumlichen Anschmiegung entspricht eine innerliche, -eine physiologische: die unendlich vielseitige Anpassung an alle -Bedingungen dieses Lebensraumes. Der Tiefseefisch leuchtet, der Käfer -<span class="antiqua">Leptoderus</span> in der finsteren Adelsberger-Grotte ist blind, der -Eisbär ist behaart bis auf die Tatzensohle, und die Haut des Nilpferdes -ist ganz nackt; die Flechte am Fels verträgt das Austrocknen, das -Murmeltier unserer Alpen überschläft die kalte Jahreszeit und der -Tanrek-Igel Madagaskars die ausdörrend heiße, und der Zugvogel -überquert ganze Erdteile, um für sich den Unterschied der Zonen -aufzuheben.</p> - -<p>Aber es wird Nacht, und über dieser lebensfrohen Erde beginnen die -Sterne aufzufunkeln.</p> - -<p>Du sagst Dir, daß jedes dieser Lichtpünktchen des Fixsternhimmels -eine Welt für sich ist, so groß oder größer als unsere Sonne. Und -sie alle müssen, damit wir sie sehen<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> können, leuchten, müssen eine -Hülle glühender Gase um einen Kern in Weißglut mit sich dahintragen. -Trotzdem sind die Stoffe dort die gleichen wie bei uns. Nur der -Wärmestand ist ein unvergleichlich viel höherer. Das Gewicht unserer -Erde verrät uns, daß sie im Herzen wohl nichts anderes ist, als eine -riesige Metallkugel, vielleicht hauptsächlich aus Eisen, dem gleichen -Element, das auch in dem Meteorblock steckt, der vom freien Raum her -zu uns stürzt und der vielleicht ein solches Herzstück eines anderen -Weltkörpers ist, und dem gleichen, ohne das hier an der Oberfläche in -der Sphäre des Lebendigen kein Pflanzenblatt sein wundervolles Grün -entwickeln könnte. Der Raum aber, aus dem dieses Meteoreisen fällt, -ist selber eiskalt, kälter als die tiefste Polarkälte. Wenn dieser -Meteorblock einst glühend gleich den Sonnen dort hinein geworfen worden -ist, so ist er längst darin bis ins Innerste so kalt geworden, daß -unsere Haut daran kleben bliebe, wollten wir ihn greifen; wohl erhitzt -er sich durch die Reibung unserer Atmosphäre flüchtig noch einmal, aber -im Innern ist noch mehrfach die ganze Kälte festgestellt worden, die -schaurige Weltraumkälte. Was aber dem Zentnerblock geschah, warum nicht -das Gleiche dem ganzen Erdplaneten?</p> - -<p>Auch er war einst im Lose derer da oben, sein Metallkern strahlte -Weißglut, und blutrote Wasserstoffdämpfe schossen als Protuberanz -darüber hinaus. Aber die Kälte kroch zäh heran und legte ihre Hand -darauf. Bis die Schlacke eine Rinde hatte. Bis das Eisen sich härtete -und Rost setzte. Und bis der Wasserstoff sich dem Sauerstoff vermählte -zu Wasser. Die großen Sonnen glühen noch fort, — die kleine Erde ist -schon gestrichen im Chor der Glutatmenden.</p> - -<p>So ist der Gedanke schon dem René Descartes im siebzehnten Jahrhundert -aufgestiegen: die Erde ist nur eine verkrustete, eine erloschene Sonne.</p> - -<p>Athanasius Kircher in seinem Folianten von der „Unterirdischen Welt“ -(<span class="antiqua">Mundus subterraneus</span>) hat 1668 auf einer prächtigen Tafel die -ganze Kugel durchschnitten wie eine Apfelsine dargestellt; im Innern, -verborgen unter unermeßlichen<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> Lasten starren Gesteins, zeigt sich nur -noch wie in einem Gefängnis der alte Stern, als Zentralfeuer, von dem -glühende Kanäle mit knotenartigen Feuerinseln durch die Feste sich -schlängeln bis zu den lavaspeienden Feuerbergen der Rinde. Es ist die -Anschauung, die sich bis an die Schwelle der neuesten Geologie fest -erhalten hat.</p> - -<p>Hat sie aber recht, so wäre diese gesamte Erdoberfläche, über die sich -heute die Lebenssphäre zieht, einst auch als Ganzes nur ein solcher -nackter Krakatau-Fels gewesen, — einmal damals, als zum ersten Male -die Glut oben endgültig ausbrannte, die Urlava starr wurde.</p> - -<p>Ein Krakatau-Fels der ganze Planet, kahl aufstarrend gegen den öden -Weltenraum. Und dann erst hätte auf ihm irgendwie (worüber denn -Theorien zu bauen wären) das Leben eingesetzt, um allmählich seine -große Eroberung der zwei Meilen vertikalen Teppichspielraums und der -Horizontale von den beiden Polen zum Äquator zu beginnen.</p> - -<p>Wann aber war das?</p> - -<p>Heute ist die Erde grün und lebensbunt, wie der Krakatau in seinen -zwanzig Jahren noch lange nicht.</p> - -<p>Werden wir irgend einen Anhalt finden können, auch bei ihr diese -Besiedelung auf eine Jahresziffer festzulegen, ihre Krakatau-Periode zu -bestimmen, wie es auf der Ruine der Sundastraße Treub und Penzig gelang?</p> - -<p>In den achtziger Jahren hörte ich in Bonn ein Kolleg bei dem -trefflichen alten Historiker Arnold Schäfer, — über Chronologie in -der alten Geschichte. Er ging bis zu den damals noch ältesten Daten -der Ägypter und Babylonier. Immerhin blieb’s ein kleiner Kreis von -Jahrtausenden. Dahinter aber, sagte er, wird’s ganz düster; dort, meine -Herren, beginnt nämlich der Naturforscher, und der hat’s ja sehr viel -leichter, wenn Sie ihn fragen wollen: der spielt mit Millionen; aber -mit Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun.</p> - -<p>Das hörte ich vormittags. Nachmittags las der Anthropologe -Schaaffhausen. Er legte uns den Neandertal-Schädel vor, den er damals -für einen uralten, noch ausgesprochen<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> tierähnlichen Menschenrest -hielt; in der Folge ist das stark bestritten worden, heute aber glaubt -man nach Schwalbes Forschungen und nach anderen prähistorischen Funden -wieder entschieden daran.</p> - -<p>Nun denn: dieser Schädel und Verwandtes führte so weit vom alten -Babylonier und Ägypter fort, daß man in unfaßbare Zwischenräume zu -sehen glaubte. Und doch war er gewiß nicht älter, als nur erst das -Diluvium. Dahinter erst begannen die großen Epochen der organischen -Erdgeschichte, Tertiär, Kreide, Jura und so weiter. Erdteile -zerspalteten sich da vor dem Blick, Meere überbrückten sich, die großen -Gebirge von heute wurden zu Koralleninseln oder Seeboden und andere -kreuzten die völlig verwandelte Karte. Die klimatischen Grenzen von -heute paßten nicht mehr. Tier- und Pflanzenwelt bekamen einen fremden -Zug. Der Mensch fehlte vollkommen. Vor solchen Änderungen schien das -Wörtchen Million auf einmal ganz klein. Nicht wir waren die Könige, -die mit Millionen spielten. Da drunten wuchs, von uns nicht gewollt, -sondern einfach nur in Empfang genommen, eine Welt der zeitlichen -Riesendimensionen auf, der unsere Nullen hinter der Eins umgekehrt ein -Zwergenspiel wurden, Strohfäserchen, die eine Ameise schleppt, gegen -ein Weltmeer.</p> - -<p>Der ganze Kontrast war in den beiden Bildern: des Historikers in seiner -„Weltgeschichte“ alten Schlages, der schon ein Rechnen mit <em class="gesperrt">einem</em> -Jahrhunderttausend für einen schlechten Dilettantenscherz voll -leichtsinnigster Verwegenheit hält; — und des modernen Naturforschers, -dem bei sorgfältigster Selbstkritik der eigene Leichtsinn immer wieder -darin steckt, daß er noch <em class="gesperrt">zu kurze</em> Zeitmaße ansetzt.</p> - -<p>Aber jener Vorwurf ist mir seitdem immer wieder aufgetaucht, er ist -noch jetzt zäh.</p> - -<p>Heute, da die Meinung Modefarbe bekommt, die ganze Entwickelungslehre -gehe wieder zurück, kann man auch ihn wieder lebhafter hören. Wenn der -ganze Ideengang Darwins erst wieder abgetan ist, heißt es, so werden -wohl auch diese<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> tollen Ziffern, mit denen wir unsern armen Kopf quälen -sollten, endlich verschwinden.</p> - -<p>Und dabei ist der wahre Sachverhalt heute der ganz genau gleiche wie -früher.</p> - -<p>Höchstens ist er noch schärfer geworden, — schärfer in der unbedingten -Forderung größtmöglichster Zeiträume für die Geologie.</p> - -<p>Es gibt eine Hauptquelle für diese Mißverständnisse.</p> - -<p>Sie sprudelt, solange wir eine echte Geologie haben.</p> - -<p>Immer haben wir von außerordentlich viel Zeit gehört, die dort nötig -sei, — aber wir haben auch immer das größte Schwanken gesehen -innerhalb der Naturforschung über die eigentlichen Ziffern. Um diese -engeren Ziffern ist jedesmal der erbittertste Zwist geführt worden, -sobald eine genannt war, und so oft der Fernstehende einen solchen -Kampf mit dem Sturz einer Ziffer enden sah, machte er sich seinen Vers, -es sei nun aus dort mit der ganzen Zeitrechnung der Millionen.</p> - -<p>Wer aber tiefer in die Karten schaut, dem erscheint gerade als das -Entscheidende, daß jeder Sturz der Ziffer immer nur ein Sieg war des -noch ausgedehnteren Maßes überhaupt. Als zu klein ist noch jede echte -geologische Ziffer verworfen worden.</p> - -<p>Das spielt jetzt seit anderthalb hundert Jahren.</p> - -<p>Der erste geologische Rechner modernen Stils ist Buffon im achtzehnten -Jahrhundert.</p> - -<p>Man muß heute wieder öfter auf Buffon zurückkommen. Von seinen -Zeitgenossen vergöttert, ist er im neunzehnten Jahrhundert durchweg -schlecht behandelt worden. Man hat ihm nachgerechnet, was er im -Detailwerk der Forschung an neuen exakten Tatsachen gegeben habe, und -diese Wage schien immer leichter. Sein Kultureinfluß in seiner Zeit -war aber unberechenbar groß. Er gab diesem allenthalben geweckten, -nach neuen Weltfundamenten lechzenden Jahrhundert der Voltaire, -Rousseau, Lessing, Kant, Herder, Schiller zum ersten Mal das große -geschlossene Weltpanorama des Naturforschers als „Macht“ in den Besitz. -Es entscheidet nicht dabei, wie viel<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> kühne Hypothese war. Die Lücken -füllte er mit glänzenden Hypothesen. Was tun wir heute anderes? Das -Wesentliche war das Einheitliche des Natur-Weltbildes. Er malte es so, -daß jeder gepackt wurde. Keiner bis auf ihn hatte es annähernd noch -gekonnt. Nach ihm sind Humboldt und alle die Kosmologieen gekommen. Er -war der erste.</p> - -<p>Man kann behaupten, daß keine große geistige Debatte bis ins Extremste -des Moralischen und Ästhetischen hinein im letzten Drittel des -achtzehnten Jahrhunderts geführt worden ist, ohne daß dieses Panorama -einer vom Naturforscher gefaßten Ganz-Welt, einer ganz gefaßten Welt -auf Naturgesetzen, dabei einen Hintergrund gebildet hätte, mit dem -jeder rechnete; es war aber Buffons Naturgemälde, an das man dachte.</p> - -<p>Man braucht allein auf Goethe zu sehen, wo dieses -naturwissenschaftliche Bild schon die ganze Anschauung der Dinge auch -im Ästhetischen beherrscht, um Buffons Einfluß in seiner Kraft zu -fühlen. Ich halte Buffon in allem Naturgeschichtlichen für gradezu -bestimmend bei Goethe. Die unmittelbare Berührung läßt sich durch viele -Stellen belegen. Die feine geistige Beziehung ist aber noch viel weiter -deutlich. Von Buffon hatte auch Goethe zu den überliefert religiösen, -den philosophisch-moralischen, den ästhetischen Weltbildern seiner Zeit -das große Kosmosbild des Naturforschers, das damals eine ganz neue -Kraft war, stählend zugleich, aber auch beängstigend; wie er sich damit -auseinander gesetzt hat, war ja dann sein eigenes Werk.</p> - -<p>Nun also: Buffon hatte jenen oben gestreiften Ideengang schon ganz klar.</p> - -<p>Die Erde war ein Stück Sonne, das in der Weltraumkälte eines Tages -erstarren mußte. An dem Tage begann auf ihm das Leben wie auf der -nackten Schlacke des Krakatau. Eher konnte es nicht beginnen, denn -es ist kein Salamander der Sage, der im Feuer leben kann. Immerhin -ist es auch nur möglich auf einer noch erwärmten Rinde. Wenn der -Block einst ganz erkaltet und eine ewige Eisperiode anhebt, wird es -wieder verschwunden sein. So stellt es eine Intervall-Erscheinung<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> -des Planeten zwischen zwei Grenzen dar, gebunden an ein -Temperatur-Intervall. Sollten wir aber diese so scharf gegebene -Zeitspanne nicht wirklich ziffernmäßig berechnen können?</p> - -<p>Buffon machte ein ganz einfaches, aber zunächst verblüffendes -Experiment.</p> - -<p>Er stellte eine Anzahl kleiner Metall- und Steinkugeln auf, erhitzte -sie bis zur Weißglut und ließ sie sich dann bei einer mäßigen -Lufttemperatur allmählich wieder abkühlen. Die Grade dieser Abkühlung -legte er in festen Ziffern nieder, die vor allem zwei Zeitpunkte genau -fixierten: den Augenblick, da man die Kugel zuerst wieder berühren -konnte, ohne daß unsere lebendige Haut Schaden dabei nahm; und den -andern, da die gewöhnliche heutige Temperatur der Kugel bei dieser -bestimmten Luftwärme wieder erreicht war, also die Eisenkugel sich -wieder anfühlte wie jedes Eisen sonst. Diese einfachen Ziffern wurden -dann im Verhältnis umgerechnet für eine Kugel von der Größe der Erde -und sofort erschienen auch hier ganz feste Zahlen.</p> - -<p>Wenn der heutige Temperaturzustand dieser großen Erdkugel auch nur ein -Produkt der Abkühlung aus Weißglut war, so ergab das für die Dauer des -Abkühlungsprozesses bei den Größenverhältnissen des Erdballs (unter -Anrechnung einiger kleiner Begleitumstände) im ganzen bis heute genau -74832 Jahre.</p> - -<p>In diesen rund vierundsiebzigtausend Jahren bildete wie bei den kleinen -Versuchskugeln einen wichtigen Einschnitt die Jahresziffer, bei der -wir die Erdoberfläche zum ersten Mal hätten berühren können, ohne daß -unsere Haut Brandblasen bekam.</p> - -<p>Den entsprechend umgerechneten Experimentziffern nach mußte das vor -genau 40062 Jahren geschehen sein.</p> - -<p>Das bedeutete aber dann zugleich ein ungemein wichtiges -Geschichtsdatum. Denn wenn unsere Hand sich damals nicht mehr verbrannt -hätte, so heißt das: Leben war damals möglich geworden auf der Erde. -Vor rund vierzigtausend Jahren<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> hatte das Pflanzen- und Tierleben -begonnen: es war die Krakatau-Ziffer des ganzen Erdfelsens!</p> - -<p>Buffon war in Hinsicht der Lebenserscheinungen ein eminent aufgeklärter -Kopf, seiner Zeit weit voraus. Wo die nötigen Temperaturbedingungen -gegeben waren, da nahm er Entstehung von Leben als notwendigen -Naturprozeß an. Wenn zwei Länder ähnliche Wärmeverhältnisse hatten, so -brachten sie auch ähnliche Tiere und Pflanzen ganz von selbst hervor, -ohne daß man an Wanderungen zu denken brauchte. „Die gleiche Temperatur -nährt, erzeugt überall die gleichen Wesen,“ sagt er wörtlich (Ausgabe -von Richard, Paris 1839, Bd. I., S. 463).</p> - -<p>Wenn also vor vierzigtausend Jahren die Lebenswärme erreicht war, -so war nicht einzusehen, warum wir nicht mit dieser Ziffer auch den -wirklichen Lebensanfang in Händen hatten.</p> - -<p>Buffon schloß aber noch weiter.</p> - -<p>Zunächst gab diese Rechnung auch einen scharfen Zukunfts-Grenzwert.</p> - -<p>Die Abkühlung der Erde ging weiter, auch über unsern heutigen -Zustand hinaus. In 93291 Jahren mußte die Erdkugel bis auf ein -Fünfundzwanzigstel der heutigen Temperatur abgekühlt sein. Das -bedeutete aber Vereisung, — endgültigen Kältetod alles Lebens. Es war -die Schlußziffer, mit der die Lebensära nach einer ruhmreichen Dauer -von rund hundertdreiunddreißigtausend Jahren wieder abschnitt, Pflanze, -Tier und Mensch begrabend.</p> - -<p>Die zweite Folgerung ging auf die übrigen Planeten und Monde unseres -Systems. Überall dort rechnete Buffon nach der gleichen Methode. Die -kleineren waren früher in ihre Lebensperiode eingetreten, hatten sie -aber auch rascher schon durchlaufen, die größeren umgekehrt folgten -erst langsam nach. Der fünfte Trabant des Saturn war beispielsweise -die erste Welt in unserem System gewesen, die lebensfähig geworden -war, seit mehreren Jahrtausenden aber war sie auch schon wieder zu -Todesstarre vereist. Unser eigener Mond hatte höchstens sechzigtausend -Jahre lang geblüht und war seit über<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> zweitausend Jahren auch im -Lebenssinne wieder erloschen. Auch der Mars war längst gestorben, -auf dem vierten Saturn-Trabanten lag alles in den letzten Zügen der -Verschmachtung, die Venus dagegen war noch etwas wärmer als wir, auf -dem Saturnring stand das Leben in erster Vollkraft und gar der Jupiter -war heute noch überhaupt zu heiß zur Bildung organischer Wesen.</p> - -<p>Auch alle diese Angaben kamen in Ziffern bis auf halbe Jahre genau. -Daß auch diese andern Weltkörper ihr Leben entwickelten zu ihrer -Zeit, stand ein für allemal fest. Man darf glauben, sagt Buffon, daß -alle diese gewaltigen Himmelskörper, deren Temperatur in der rechten -Periode ist, „gleich dem Erdball bedeckt seien mit Pflanzen und selbst -bevölkert mit empfindenden Wesen, die den Tieren der Erde ungefähr -ähnlich sind.“</p> - -<p>Buffon erfuhr mit diesen kühnen Rechnungen das größte Leid seines -sonst so schönen Denkerlebens. Obwohl die Ziffern gar nicht so -außerordentlich groß waren, stimmten sie nämlich doch nicht mit den -hergebrachten Zahlen der Bibel.</p> - -<p>Selbst eine tief religiöse Natur mit innerlich fein geklärtem -Standpunkt, hatte Buffon friedlich losgerechnet, ohne sich etwas -Verfängliches zu denken. Aber man begreift, daß das für seine Zeit -eine starke Zumutung war: über 74000 Jahre Weltexistenz allein für -die Erde gefordert statt der üblichen paar tausend Jahre für das -Ganze, — Mehrheit bewohnter Welten bis zu empfindenden Wesen von -Tierähnlichkeit, also wohl gar Menschen auf Venus und Saturn — -endlich, wie wir heute sagen würden, unverfälschter Darwinismus, der -den Planeten Leben treiben ließ zu seiner Zeit und Pflanzen- wie -Tierarten sich entwickeln ließ wie ein Kristall unter bestimmten -Umständen naturgesetzlich anschießt ... das war für den Hof Ludwigs XV. -und XVI. denn doch des Guten an Ketzerei zu viel.</p> - -<p>Man machte dem harmlosen Gelehrten das Dasein sauer genug. Doch das ist -mit den Zeiten verschollen. Was uns als übrig allein interessiert, ist -die Wahrheitsgrundlage seiner<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> Rechnungen und Ideen selbst. Und da ist -denn auch für uns manches zu sagen.</p> - -<p>Wer aus der schlichten Vorstellung der sieben Schöpfungstage kam, dem -mußte gewiß schon Buffons großer Erd-Roman wie etwas Überwältigendes an -Handlung und Verwickelung erscheinen.</p> - -<p>Der nächste Fund aber über Buffon hinaus war: er hatte die Dinge <em class="gesperrt">zu -klein</em> gesehen.</p> - -<p>Wohl schwebte er im Geiste wie ein Herrscher über der Glutkugel, -die sich abkühlte, bis Pflanze, Tier und Mensch auf ihrer Rinde -wohnen konnten. Doch bei dieser „Rinde“ hatte er immer nur an die -Schlackendecke aus Schmelzfluß gedacht, an etwas Einheitliches, wie es -auch seine Metallkugeln im Experiment wiesen. Die Forschung noch neben -ihm und unmittelbar nach ihm besah sich aber die wirkliche Erdrinde, -auf der wir Menschen hausten, etwas genauer und sie geriet auf ein -besonderes Bau-Geheimnis noch in ihr, zu dem Buffons einfaches Modell -des Erdenhauses nicht auslangen wollte.</p> - -<p>Gewiß war das, was wir von dieser „Rinde“ im Oberflächenbilde mit -seinem Wechsel von Berg und Tal, Ebene und Wasserbett oder auch im -Aufschnitt und angerissenen Innern zu sehen bekamen, nur ein kleines -Stückchen zu der ungeheuren Kugel, wirklich nur eine Art dünner Haut. -Noch heute, da wir ein paar für unsere Ameisen-Technik ganz kolossal -tiefe Bohrlöcher hineingetrieben haben, geht das längste dieser Löcher -(das von Paruschowitz in Oberschlesien) nur erst 2003 Meter in die -Erde hinab, zwei Kilometer von zwölftausend; die tiefsten natürlichen -Aushöhlungen im Ozeansgrunde reichen immer noch mehr als viermal -tiefer und selbst das wäre schließlich auch nur eine kleine Ziffer. -Nehmen wir den Gaurisankargipfel, den tatsächlich noch keiner wirklich -betreten hat, als oberste Ecke und jene Riesentiefen des Meeres, wie -sie die Challenger-Expedition und neuere gelotet haben (auch von hier -kennen wir nur einige oberflächlichste Schlammproben und die Druck- und -Temperaturziffern), so kommen rund kaum<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> achtzehntausend Meter heraus, -— als das Äußerste, was wir annähernd von der Erdrinde als idealer -Kante überschauen. Achtzehn Kilometer gegen zwölftausend! Damals, zu -Goethes Manneszeiten, hatte man aber noch viel weniger.</p> - -<p>Und doch merkte man etwas.</p> - -<p>Dieses Stückchen Rindenerde machte durchaus nicht bloß den Eindruck von -Krakatau-Schlacke. Allenthalben, wo diese Rinde geborsten, aufgewühlt, -in ihre „Eingeweide“ hinein entblößt war, erschien sie wie durchsetzt -mit aller Art Brocken und Fetzenstücken eigentümlicher konzentrischer -Steinhäute, die aus der einfachen Rinde ein so unglaublich -kompliziertes Ding machten, wie wenn einer in eine Zwiebel schneidet -und statt einer einfachen Fruchtschale eine Zwiebelhaut über die andere -losschält.</p> - -<p>Und es bedurfte wirklich nur eines ziemlich geringen Durchdenkens der -Sache, so mußte klar werden, daß diese bald aufeinander gepackten, -bald wieder gelösten, zerrüttelten, zerstückelten Zwiebelhäute zum -teil jedenfalls ein Ergebnis von Wasserniederschlägen in einer Reihe -von einander folgenden Zeitabschnitten sein mußten. Nur das Wasser -konnte diese zwar oft nachträglich gestörte, aber immer wieder -durchschimmernde horizontale Butterbrot-Schichtung der Gesteine bewirkt -haben, und auf alten, erst nachher verhärteten Wasserschlamm deutete -allzu klärlich auch die sandige, schieferige, kalkige Natur dieses -Gesteins.</p> - -<p>Das war die grundlegende neue Weisheit unseres deutschen geologischen -Altmeisters Werner, der geboren wurde, als der erste Band von Buffons -Naturgeschichte eben heraus war, 1750. Werner saß Zeit seines Lebens -im Erzgebirge, er reiste nicht, er spekulierte wenig mit großen Werten -und er schrieb keinerlei packende Werke in vielen Bänden. Aber er ritt -auf einem Prinzip, und das war in der Tat unendlich wichtig: daß der -Hauptteil mindestens der Gesteine der Erdrinde, die wir heute sehen, -ein Produkt des Wassers sei, angesetzt auf einer Grundrinde, etwa -wie sich nachträglich Kesselstein auf das Metall eines Dampfkessels -auflagert, und, ursprünglich wenigstens, angesetzt<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> in wirklichen -konzentrischen Lagen Schicht auf Schicht in einer Reihe einander -folgender Zeitperioden.</p> - -<p>Mochte es nun mit der anfänglichen Glutkugel sein, wie es wollte: -jedenfalls schob sich zwischen ihre erste eigene Erkaltungsrinde und -unsere schließliche, heute greifbare „Oberfläche“ noch ein gewichtiges -Zwischending: diese ungeheure, viele tausende von Metern dicke Lage -steinerner Butterbrote, die den darüber stehenden Meeren verdankt -wurden. Ihre ganze Masse war im Meer einmal einigermaßen aufgelöst, -lose verteilt gewesen und dann langsam abgelagert worden, wie heute -noch allerorten die Schlammteilchen im ruhigen Wasser allmählich -abwärts sinken und einen Bodensatz bilden.</p> - -<p>Zu diesem Akt des Wassers aber gehörte — Zeit.</p> - -<p>Buffon hatte gerufen: Zeit für die Temperatur, 74000 Jahre für die -heutige Abkühlung der Ur-Rinde! Werner verlangte: Zeit für das Wasser; -Zeit für seine dicken Kesselsteinschichten auf dieser Rinde; wie viel, -mochte zunächst offen sein, und es brauchte vorläufig auch keine -Debatte zu sein, ob die Buffonsche Ziffer stimmte, auf alle Fälle -handelte es sich jetzt um ein Separatkonto.</p> - -<p>Und das ist für die ganze Folge das Entscheidende auch geblieben in -allem Wechsel: daß hier eine <em class="gesperrt">zweite</em>, von der Wärmerechnung -ganz unabhängige Zeitforderung in die Geologie eintrat. Die ganze -Buffon-Forderung konnte leerer Traum sein: so blieb doch hier von einer -ganz anderen Ecke her eine neue Zeitforderung bestehen, die für sich -bewiesen werden konnte oder widerlegt werden wollte. Aber — und das -ist das noch wieder Entscheidende — auch diese Forderung verlangte -viel Zeit.</p> - -<p>Es ist nicht Werner selbst, der große alte „Thales der Geologie“, der -Wassergeologe, der diese Forderung des „viel Zeit“ am schärfsten zieht, -sondern ein zweiter Mann der gleichen Tage.</p> - -<p>Wer die Geschichte der Geologie in ihrer großen denkwürdigen Genesis -im 18. Jahrhundert knapp aus dem Leitfaden lernt, der pflegt sich -einzupauken: zwei Schulen des<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Anfangs, zwischen 1750 und 1800; -Neptunisten und Plutonisten; erstere leiteten alle Bildungen der -Erdrinde geschichtlich aus dem Wasser ab, letztere aus dem Feuer; -Haupt der ersten Schule ist Werner von Freiberg; Haupt der letzteren -Hutton in England. Wer das konfus ausdrückt, dem wird es zu einem -wirklichen Wiederaufleben des alten Philosophengegensatzes von Thales -und Heraklit: der eine baut die ganze Erde bloß aus Wasser, der andere -bloß aus Feuer auf. So kahl waren aber die Extreme in Wahrheit nicht.</p> - -<p>Hinter beiden Anschauungen stand Buffon mit seinem sich abkühlenden -Glutstern. Werner kam bloß in der Folge zum Ruf des Allverwässerers, -weil er einzelne Gesteine, die wir heute sicher zu den lavaartigen, -aus Glutfluß unmittelbar erstarrten, rechnen, auch noch für -Wasserniederschläge nahm, so den als Exempel und Kampfobjekt berühmt -gewordenen Basalt. Aber an der Basis aller Schichten blieb auch ihm -ein ursprünglicher „Grund der Hölle“ wie Goethe im Faust sagt, als er -seinen Helden mit Mephisto auf dem Granit des Hochgebirges Halt machen -läßt.</p> - -<p>Und umgekehrt war James Hutton kein einseitiger Feuermeister, sonst -hätte er nur für den Buffonschen und nicht für jenen anderen, zweiten -Zeit-Begriff in Betracht kommen können.</p> - -<p>Huttons umfassende Bedeutung ist erst in späteren, zum Teil erst in -neueren Tagen recht gewürdigt worden. Kürzlich hat Friedrich Ratzel -in einer auch sonst ausgezeichneten Studie (in Ostwalds „Annalen -der Naturphilosophie“) ihn trefflich grade in seiner Rolle auch als -nicht-plutonischer Zeit-Forderer charakterisiert.</p> - -<p>Obwohl Hutton die Erdwärme überall brauchte und sich ohne sie das -Stein-Werden alter Schlammschichten überhaupt nicht denken konnte, lag -ihm doch an Buffons Ur-Roman eigentlich noch weniger als Werner. Sein -Blick faßte die Erde viel lieber als etwas von Ewigkeit her Gegebenes, -an dem wir bloß gewisse harmonische, gleichsam rhythmische Kreisläufe -von Erscheinungen beobachten könnten. Zu solchen Erscheinungen<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> gehörte -auch die Bildungsgeschichte jedes Stückes Kalk, jeder Platte Sandstein. -Das Bild, das wir uns von dem Vorgang der Entstehung nach schlichter -Gesetzmäßigkeit machen wollten, bestimmte die dabei verflossene Zeit. -Wo konnte uns aber bei der ewigen Ähnlichkeit dieses Erden-Rhythmus -etwas Besseres ausgesagt sein über jenes Bild als in den <em class="gesperrt">heute</em> -noch sichtbaren Vorgängen der Kalk-Bildung, der Sand-Anhäufung auf -Erden?</p> - -<p>Noch heute häufte der Fluß vor seiner Mündung eine Barre von Sand -auf, noch heute baute sich, erhöhte sich, wanderte, festigte sich -die Sand-Düne am Gestade des Ozeans. Heute auch noch häuften sich im -Seegrunde die Kalkschalen von Tieren, heute noch bauten die kleinen -Korallenwesen hohe Mauern aus solider Kalkmasse auf. Hier und nur hier -konnte der Schlüssel auch zum Verständnis des alten Werdens liegen.</p> - -<p>Grade diese Vorgänge von heute aber liefen nicht im -Siebenmeilenschritt: sie verlangten Zeit zuerst, Zeit zuzweit, Zeit -immer wieder.</p> - -<p>Sandkörnchen um Sandkörnchen wuchs die Düne. Jahr um Jahr prägte sich -das Stromdelta an der Mündung etwas schärfer aus, aber an der Spule -dieses „Etwas“ spann sich der Faden durch die Jahrtausende, bis ein -großes Bild wirklich da sein konnte.</p> - -<p>Die Ewigkeit der Vergangenheit hatte nun weite Arme für solche -Zeitforderung der Gegenwart. Genau so langsam mochten die Sandberge, -die Kalkquadern der Vorwelt sich gebildet haben. Zumal wenn wir uns -dachten, daß all dieses Material, das vom Wasser etwa als Schlamm -abgelagert werden konnte, vorher durch langsames Abnagen und Zerstören -wieder vom Urfels oder von noch älteren, schon landgewordenen -Ablagerungen gewonnen sein mußte. Und der Blick tauchte und tauchte in -geradezu endlose Zeiten allein für diese Wasserarbeit. Es hatte nicht -vom Kosmos her plötzlich vierzig Tage lang Sand geregnet oder der -Erdenschlund hatte nicht Sand gespieen, sondern Teilchen zu Teilchen -war atomhaft winzig in den Wassergrund gesunken wie heute —<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> und doch -waren jene Butterbrotschichten von vielen Kilometern Dicke geworden, -die heute bald in Brocken durch die zerborstene Rinde verstreut -liegen, bald sich Kilometer um Kilometer noch als einheitliche Fläche -horizontal unter unserem Schritt dahin ziehen.</p> - -<p>Zeit war die große Melodie, die aus all diesen grundlegenden Tatsachen -heraufklang. Unabsehbare Zeiträume, allein nötig für die Wasserleistung -und organische Kalkproduktion des Planeten.</p> - -<p>Die Veröffentlichung von Huttons Ideen fällt erst ganz in den Ausgang -des Jahrhunderts.</p> - -<p>Auch da war die unmittelbare Wirkung gerade seines Werkes geringer, als -wir heute denken sollten, wenn sein Name im Leitfaden als der eines -Kirchenvaters der Geologie, als des scheinbaren Gegenpapstes zu Werner, -erklingt. Als eigentliches Dokument ist es, wie gesagt, erst später -gewürdigt worden. Aber die Gedankengänge, die es ausspricht, müssen -wir in der ganzen Zeit damals als eine (wenn auch nicht so scharf -formulierte) Grundströmung suchen.</p> - -<p>Goethe ist das beste Beispiel bei uns.</p> - -<p>Goethes Geologie, wie wir sie jetzt in zwei Bänden der Weimarer Ausgabe -vollständig vor Augen haben, besteht nur aus einer scheinbar regellosen -Fragmentenreihe. Aber es geht wie bei allen naturwissenschaftlichen -Studien Goethes. Die Stücke sind alle nur Bruchstücke eines -einheitlichen Werkes, einer Morphologie der Erde. Man fühlt die große -Linie durch, die ihm vorschwebte, und man fühlt auf Schritt und Tritt -das Wehen des geologischen Zeitgeistes dabei von damals.</p> - -<p>Goethes Geologie schiebt sich zeitlich fast ziffernmäßig genau zwischen -Buffon und Lyell. Für die Ur-Anfänge seiner Erde schweben ihm Buffons -Bilder vor: die Erde als erkaltender Stern. Das reicht bis auf eine -Ur-Erkaltungsrinde, die er im Granit sucht. Auf ihr (und zeitlich nach -ihr) spielt sich aber dann der ganze Zwischenakt im Sinne Werners und<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> -Huttons ab. Die Sedimentgesteine bilden sich. Langsam, schlicht, nach -Art, wie heute sich etwas ablagert.</p> - -<p>Goethe nahm in Plutonismus und Neptunismus anfangs eine sehr besonnene -Vermittlerstellung ein. Später, als die Katastrophen-Lehre sich geltend -machte, war er entschieden gegen das Gewaltsame, die wüste „Polterei“ -auf vulkanistischer Grundlage; es war aber nur eine Stellungnahme bei -ihm gegen ein Extrem, und im Untergrunde revoltierte in ihm gerade -das Festhalten an dem Prinzip des Langsamen, der reichen Zeit, des -harmonischen Kreislaufes kleiner, noch heute ebenso zu beobachtender -Wirkungen.</p> - -<p>Gerade an den Stellen, wo man von Goethe als Detailforscher reden -kann, äußert sich am durchsichtigsten, wie selbstständig und klar er -sich den Standpunkt auch errungen hatte, an dem man jetzt bei Huttons -Namen denkt. Das Geheimnis der erratischen Blöcke beispielsweise -hat ihn viele Jahre lang beschäftigt, jener Blöcke, die weitab von -der Stelle, da ihr Gestein als Fels ansteht, jäh, unerklärlich -zunächst, als loses Trümmerstück auftauchen, nicht abgerollt durch -Wassertransport, sondern hingeworfen, als habe eine Riesenhand sie -meilenfern vom Gebirge gesprengt und als scharfkantige Scherbe ins -Land gestreut. Goethe löste das Problem in dem Sinne, der heute fester -Besitz unserer Wissenschaft ist, — es war aber just ein Sinn aus jenem -weiteren Gedankengang heraus. Er suchte nicht mit blühender Phantasie -wirkliche gespenstische Riesenursachen der Vorwelt, die mit hausgroßen -Granitblöcken spielten wie mit Kindermurmeln. Er sammelte Material -über die heute noch sichtbare Art, wie Urgestein fernweg von seiner -Gebirgsader verfrachtet wird. Wasser im gewöhnlichen Sinne, das Sand -verschleppt, paßte nicht. Aber Wasser trat heute auch auf als Eis. -Die Alpengletscher brachten Granitscherben langsam, aber sicher heute -noch vom Firngipfel bis an ihren schmelzenden Fuß im Tal. Eisschollen -trugen eingebackene Gesteinsbrocken als natürliches Schiff sogar -übers Meer. Mit unermüdlichem Eifer sammelte Goethe Material über den -Gletschertransport in den Schweizer Alpen. Eine Nachricht über große -Eisschollen,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> die mit Granitstücken beladen, durch den Sund geschwommen -seien, versetzte ihn in Entzücken, — es war gerade, was er brauchen -konnte: eine heute beobachtete Tatsache, die das Vergangene jäh -erhellte. Wo heute erratische Blöcke lagen, da war einst ein Meer mit -solchem blockbeladenen Treibeis gewesen, oder ein Gletscher hatte seine -Moränen gehäuft. Zu all diesen Vorgängen aber war Zeit erforderlich. -Dem Auge des Reisenden war ein Gletscher ein starres Gebilde. Seine -Arbeit konnten erst Generationen gewahren. Gerade von dieser Arbeit -aber sahen wir aus alten Tagen nun die unvergänglichen Spuren, -unvergänglicher als selbst seine eigene Existenz.</p> - -<p>Das war nur möglich, wenn man „einer freiwirkenden Natur Jahrtausende -Zeit“ ließ (Worte Goethes, Weimarer Ausgabe Band IX S. 20 in dem -Aufsatze über die „Joseph Müllerische Sammlung“) und mit Thales im -„Faust“ sprach:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Nie war Natur und ihr lebend’ges Fließen</div> - <div class="verse indent0">Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Bedürfte es noch einer Probe für Goethes geologisch-chronologisches -Bekenntnis, so steckt sie, auch dem Skeptischsten offen, in seiner -Stellungnahme zu dem geologischen Werke des deutschen Karl Ernst Adolf -von Hoff in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Es war ihm „ein -Schatz“. Aber mehr als das. Es erging ihm dabei wie bei dem berühmten -vor-darwinistischen Streit Geoffroy St. Hilaires gegen Cuvier, wo -er seine eigenen vieljährigen Überzeugungen über die Entwickelung -des Organischen in einer jungen Generation unabhängig aufleben und -sich durchringen sah. Das Gleiche erlebte er mit Hoff für seine -geologischen Ideen: er fand sein Eigenstes, das Resultat unendlichen -stillen Nachdenkens, im strengsten wissenschaftlichen Gewande jetzt bei -einem Jüngeren vor, der aber nicht wirklich sein Jünger war, sondern -nur durch eigenen Blick vor den Dingen auf das Gleiche gekommen war. -Selbstlos freute er sich des immer erneuten logischen Durchbrechens der -Wahrheit.</p> - -<p>Was aber lehrte Hoff?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p> - -<p>Es gilt hier, die Linie ein Stück weiter geschichtlich heranzuleiten.</p> - -<p>Noch in Goethes größten Jahren folgte auf Werner und Hutton eine -Arabeskenkurve des geologischen Betrachtens.</p> - -<p>Es folgte die sogenannte Katastrophen-Lehre.</p> - -<p>Man hatte jetzt gelernt, eine sichere Reihe geologischer Epochen -diesseits des Buffonschen Rindenabkühlungsmoments wirklich zu -unterscheiden, die Epochen der verschiedenen Gesteinsbildungen durch -Meeresniederschläge. Innerhalb jeder einzelnen dieser Epochen ließ man -das langsame Werden im Sinne der Huttonschen, der Goetheschen Ideen -durchweg zu. Aber zwischen Epoche und Epoche schob man ein Interregnum -besonderer Erdtätigkeit, eine katastrophenhafte Unterbrechung.</p> - -<p>Man hatte gemerkt, daß die meisten Tiere mit den Epochen wechselten. -Neue Arten tauchten auf, alte verschwanden. Gerade an diesem -Wechsel der Tierformen in den versteinerten Resten hatte Smith die -ursprüngliche Reihenfolge und Sonderung der Butterbrotschnitten in der -Rinde unterscheiden gelehrt.</p> - -<p>Jetzt übertrieb man das, als habe keine Tierart von einer Epoche in die -nächste hinein ausgedauert. Und aus dem Untergang wieder schloß man auf -eine tötende Katastrophe.</p> - -<p>Die Voraussetzung war falsch, der Schluß war es entsprechend. Es -handelte sich nicht um gerade Fortschrittsbahn der geologischen -Auffassung, sondern um eine Arabeske.</p> - -<p>Immerhin war es, was den Begriff der langen geologischen Zeit anbetraf, -nicht unbedingt nötig, daß er von hier aus litt. Die Zwischenzeiten -zwischen je zwei Katastrophen, also die eigentlichen geologischen -Epochen, mochten als solche eine ungeheure Zeit nach wie vor füllen. -Cuvier dachte an Millionen von Jahren, die uns im ganzen etwa von den -Ichthyosauriern trennen könnten.</p> - -<p>Aber es war doch auch wahr, daß das Plötzlichkeits-Element ohne jede -Analogie zum heutigen Geschehen, das in den Katastrophen steckte, -auch innerhalb der ruhigen Epochen schließlich zu Gewalt-Phantasien -verführen mußte, die von den Ideen Huttons und Goethes fortlenkten. -Das jähe, aus keiner<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Analogie begreifbare Neu-Entstehen der Tiere und -Pflanzen auf der nackten Krakatau-Schlacke jeder neuen Katastrophe -war schon eine solche Verführung. Wenn das möglich gewesen war, dann -möchte die Urwelt auch Kolossalmittel des Moments gehabt haben, um in -einer Stunde eine ganze Sandbarre, groß wie die Sächsische Schweiz, -aufzuhäufen.</p> - -<p>Der Maßstab von heute fiel ab als Wahrscheinlichkeitsmaß.</p> - -<p>Wenn man also auch in der Katastrophenlehre gern mit Riesenziffern -herumwarf, so geschah das eigentlich nicht mehr auf dem Boden des -gesunden Huttonschen Prinzips. Es geschah vielmehr aus Liebe zum -überhaupt Kolossalischen, in die man die Geologie hineinerzogen. -Riesige Ichthyosaurier und riesige Mammute; riesige Explosionen, -Dämpfe, Lavastöße, Glut- und Wasserfluten; dazu paßten am besten auch -„riesige“ Zeiten. Aber man war aus der beobachtenden Forschung heraus -im Roman.</p> - -<p>Der Dichter Goethe, der ein so wundervolles Beobachterauge und so -viel schlichten Respekt vor der nicht zu übertreibenden Majestät des -Einfachen, der „Alltagsnatur“ hatte, sah das klar ein und tat danach: -er verschloß seine Tür vor dieser Polter-Geologie der analogiefreien -Erfindung. Die wissenschaftliche Herrschaft der Katastrophenlehre -dauerte aber offiziell bis zu seinem Ende. Dann brach sie merkwürdig -schnell wieder zusammen.</p> - -<p>Der erste Vorbote dieses Zusammenbruchs war aber eben jener deutsche -Geologe zu Gotha, von Hoff, im ersten Bande seiner „Geschichte der -durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der -Erdoberfläche“ 1822. Hoff lenkte durchaus wieder in Huttons besonnene -Bahnen zurück. Mit vollem Nachdruck lehrte er wieder die Gegenwart -mit ihrem alltäglichen geologischen Geschehen als Lehrmeisterin der -Urwelts-Geologie betrachten. Und beredt wußte er zu schildern, daß hier -die ungeheure Länge der geologischen Zeit eine echte Forderung der -strengen Kritik sei, nicht ein phantastisches Riesenspiel. Das war der -Hoff, den Goethe begrüßte.</p> - -<p>Anfang der dreißiger Jahre, in Goethes spätestem<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Abendrot, trat -dann der Engländer Lyell auf, mit dem die Katastrophenlehre wirklich -einstürzt.</p> - -<p>Lyell führte die Ansichten von Hutton, von Goethe und von Hoff -hinsichtlich der geologischen Arbeitsart zum vollständigen Siege. Das -heißt: er entwickelte sie für sich und erfocht den Sieg auf seinen -Namen. Hutton verscholl dabei mehr oder minder, Goethe war nie bekannt -geworden, Hoff trat bescheiden bei Seite und ist erst ganz spät gegen -den Wunsch der Lyellianer in seine Prioritätsrechte eingesetzt worden.</p> - -<p>Einerlei aber: die Ideen gewannen diesmal endgiltig die Oberhand. -Und damit triumphierte um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch jene -zweite Forderung langer geologischer Zeit endgiltig, die tief im 18. -unabhängig von Buffon eingesetzt hatte.</p> - -<p>Diesmal sollte sie aber gleich noch eine dritte Quelle auslösen, — -eine auch schon früher geahnte.</p> - -<p>Als Darwin 1831 seine Weltreise antrat, war eines der wenigen Bücher, -die er mit in seine Kajüte nahm, der eben erschienene erste Band von -Lyells Geologie.</p> - -<p>Auf der Reise selbst wurde er zum Geologen und zum Schüler Lyells. Er -lernte, die Dinge alle im Sinne langsamen Werdens anzusehen. Langsam -hoben sich Küsten, langsam zermalmte der Gebirgsbach den harten -Stein, langsam baute die Koralle sich auf sinkendem Grunde immer -wieder zäh empor, langsam verschleppte der Eisberg Granitbrocken. -Allenthalben arbeitete heute noch die Erde geologisch weiter. Dieser -Arbeit Vergangenheit zugestanden und Zeit, unabsehbare Zeit — und das -Antlitz der Erde faltete sich und glättete sich, das ganze ungeheure -Wandelpanorama zog und zog vorbei, von dem die Sedimentschichten -erzählten, ohne erdumwälzende Katastrophen.</p> - -<p>Wenn es aber keine Katastrophen gab, so mußte auch der Wechsel der -Tierwelt in der Geologie anders begriffen werden. Was verschwunden war, -wie die Mammute, die Ichthyosaurier, mußte allmählich ausgestorben -sein. Wir hatten<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> das unter unsern Augen erlebt, wie Tierarten -sterben, am Vogel Dronte, an der Seekuh von Kamtschatka. Was aber neu -entstanden war, in späteren geologischen Schichten in versteinerten -Resten lag, während es in früheren fehlte, — das hatte sich auf -natürliche Weise entwickelt. Diese Neu-Entwickelung von Arten hatten -wir allerdings noch nicht gesehen. Aber Darwin suchte und glaubte -zu finden eine erdrückende Fülle von Indizienbeweisen dafür. Es war -das nächstliegende, daß Art sich von Art abgespalten hatte, daß das -Vorhandene stets das Treibbeet des Neuentstehenden gewesen war.</p> - -<p>So hatten schon vor Darwin die gedacht, die den alten Buffonschen -Grundgedanken, daß Arten da entstehen, wo ihre Möglichkeit gegeben ist, -sich irgendwie auszudenken, in Bildern zu denken gewagt hatten.</p> - -<p>Warum aber erlebten wir diesen Prozeß heute nicht mehr? Darwin fand -jene einfache Antwort auch da, die aber unendlich schwerwiegend sein -mußte für das Zeit-Problem. Der Vorgang der Art-Entstehung war so -langsam, daß wir ihn mit unseren paar Beobachter-Jahrhunderten noch gar -nicht fassen konnten. Eine geologisch im Lyellschen Sinne zweifellos -so gewaltig lange Zeitperiode wie etwa die ganze Tertiär-Zeit mochte -dagegen etwa die höheren Säugetier-Arten alle hervorgebracht haben, sie -langte.</p> - -<p>Der alte Huttonsche, Goethesche, Hoffsche, jetzt Lyellsche geologische -Zeitbeweis trat hier in die Kette der biologischen Indizien ein.</p> - -<p>Aber dann zahlten Darwin und die Seinen auch zurück von ihrer Seite.</p> - -<p>Die älteren geologischen Zeiten verlangten noch ganz andere -Tierumformungen als nur die Zerspaltung des Säugetiers in so und so -viel Ordnungen, Familien, Gattungen, Arten. Das älteste Säugetier -sollte sich einmal vom Reptil, das Reptil vom Molch und Fisch -abgespalten, schließlich das Wirbeltier aus dem Wirbellosen geworden -sein. Das waren so riesige Umwandlungen, daß die Zeiträume selbst -im höchsten<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> geologischen Maß, an das man bisher gedacht, <em class="gesperrt">sich -strecken</em> mußten.</p> - -<p>Die Biologie, von Darwin inspiriert, ging noch einmal für sich auf -chronologische Maximalziffern.</p> - -<p>Erst durch Darwin ist es geläufig geworden, von Jahrmillionen im -größten Stil zu reden, von zwei-, dreihundert Millionen Jahren, die -für das Leben allein auf der Erde nötig seien, — bis an die tausend -Millionen, also die regelrechte Milliarde heran.</p> - -<p>Rechnete man doch jetzt nicht mit dem Krakataufels, zu dem Wind und -Welle und Vogel Geschlecht um Geschlecht schon anderswo vorhandenen -Lebens trägt: auf dem ursprünglichen Fels hatte man nur die primitivste -einzellige Alge etwa und aus der sollten je nach Ort und Gelegenheit -auf dieser Ecke der Erdeninsel diese, auf jener jene Abarten sich -entwickelt haben, die wiederum in Enkel- und Urenkelketten Wandel -erlitten, bis der Fels endlich von immer höherem Leben autochthon -grünte und so weiter bis zur höchsten Krone des Lebens.</p> - -<p>Überschauen wir auf dieser Ebene die zweite Hälfte des 19. -Jahrhunderts, so bleiben wir trotz allem, was heute wohl gesagt wird, -auf einheitlichem Boden.</p> - -<p>Bei allem Zweifel an den engeren Darwinschen Sätzen ist der -Grundgedanke einer langsamen natürlichen Entwickelung von Form zu Form -immer fester und fester geworden.</p> - -<p>Längst ist er nicht mehr bloß ein Anhängsel der rein geologischen -Anschauung, wenn schon er sich nach wie vor aufs beste mit der modernen -Geologie verträgt. Vor allem durch die vergleichende Anatomie, die -heute alle biologische Systematik von Grund aus trägt, ist er zu einer -völlig selbständigen Macht geworden, mit völlig eigenen Beweisketten, -die bestehen blieben, auch wenn es gar keine Geologie gäbe.</p> - -<p>Und so läßt sich der Zeitbegriff für die Spanne seit jener alten -Buffon-Grenze, „seit Möglichwerden organischen Lebens auf der Erde“, -heute tatsächlich rein biologisch begründen, ohne<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Rücksicht noch -wieder auf jene zweite geologische Chronologie, wie sie in der Linie -zwischen Werner und Lyell liegt.</p> - -<p>Und wir mögen die Dinge wenden und drehen, wie wir wollen: wir kommen -hier nach wie vor auf die denkbar größte Forderung.</p> - -<p>Alle irgendwie sinnvollen Versuche, die ursprünglichen Darwinschen -Erklärungsprinzipien für den Hergang der Entwickelung durch bessere -zu ersetzen, kommen ja doch, wie gesagt, über den einen Punkt nicht -hinaus: daß die Entwickelung langsam, Schritt für Schritt, sich -vollzogen habe.</p> - -<p>Immer, wenn man die Formreihen der Lebewesen entlang blickt, kommt -der alte Goethe-Spruch zur Geltung, das Goethesche Gesetz, wie man -es nennen könnte: daß in jeder anatomischen Einzelheit uns die -greifbaren Spuren eines großen geschlossenen harmonischen Kunstwerks -entgegentreten, eines Kunstwerks, in dem es keine abrupten Töne, -sondern nur wunderbar miteinander verknüpfte Tonfolgen, unendliche -Melodieen ohne Lücken gibt. Der Ort, wo der alte Goethe sich seine -Weisheit holte, ist noch immer der geeignetste dazu: ein Gang durch die -Skelettsammlung eines anatomischen Museums führt auch den Ungläubigsten -mitten in das ungeheure Notenblatt dieser biologischen Symphonie. Ein -einzelnes Organ, wie etwa das Handskelett der Wirbeltiere bis zum -Menschen herauf, läßt eine solche Melodie überwältigend erklingen, -zumal, wenn man noch etwas Paläontologie und Embryologie hinzunimmt, -— ich persönlich verlasse einen solchen Raum und seine Schau nie, -ohne den ganzen tiefen Genuß mitzunehmen wie aus einem Konzertsaal; -der fortreißende Zauber steckt aber in nichts anderem hier wie dort, -als in dem unendlichen harmonischen Hingang von Ton zu Ton ohne Riß -in immer weiter schreitender feinster Verschränkung und Steigerung. -Jeder grobe Stoß von Form jäh in gänzlich andere Form wäre ein Schlag -ins Gesicht dieser anatomischen Harmonie und zerstörte uns den Genuß -des Herrlichsten, was überhaupt die Biologie bietet, des wahrhaft -Erhabenen, in eine edle Weltenschau Entrückenden, das diese<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> scheinbar -kahlste Wissenschaft des „Beinhauses“ unserm größten Dichter (der -allerdings auch ein großer Kenner war) einst so verklärt hat, daß er -vor ihr sein heiligstes Bekenntnis sprach:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,</div> - <div class="verse indent0">Als daß sich Gottnatur ihm offenbare?“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Es ist entscheidend, daß auch alle neueren und neuesten wirklichen -Versuche, über Darwin hinaus die Artentstehung zu deuten, den „kurzen -Schritt“ nicht angreifen. Auch jene Mutationstheorie von Hugo de Vries -trägt doch an ihrer Spitze den Satz: die Natur macht keine Sprünge. -Auch in ihr ist die Umwandlung zwar stets ein fester, aber doch ein -kleiner Schritt.</p> - -<p>Und interessant auch ist, wenn man der gemeinsamen Arbeit heute -von Geologie und biologischer Entwickelungslehre folgt, wie beide -sich beständig in die Hände arbeiten zu gunsten noch immer größerer -Zeiträume.</p> - -<p>Einerseits dehnt die Geologie ihre Strecken noch beständig.</p> - -<p>Die Epochen der echten Sedimentgesteine werden länger und länger.</p> - -<p>Vor gar nicht so sehr langer Zeit konnte man noch hören, der Anfang -der Eiszeit sei uns vielleicht ganz nahe gewesen, sie habe sich -möglicherweise im Norden erst abgespielt, als im Orient schon die -alten Kulturreiche blühten, also ein paar Jahrtausende bloß vor -Christus. Heute scheinen den besten Kennern hunderttausend Jahre schon -eine viel zu kleine Ziffer für die Dauer auch nur der eigentlichen -Vergletscherung. Penck rechnet 23000 Jahre vom Ende der Eiszeit -bis heute, wobei er nicht etwa vage astronomische Ziffern, die auf -Ursachen-Hypothesen über die Eiszeit beruhen, zu Grunde legt, sondern -in der streng geologischen Schätzung bleibt. Die Quartärzeit, das -alte „Sündflut-Gebiet“ zwischen dem Ende der Tertiärzeit und unserer -Gegenwart, kommt bei diesen Rechnungen auf seine gute halbe Million -Jahre.</p> - -<p>Eine Idee von der Größe dann der Tertiärzeit mag rein geologisch die -jetzt ziemlich sichere Vorstellung geben, daß auf<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> einen engeren -Abschnitt darin die Bildung unserer größten Gebirgserhebungen (Alpen, -Himalaya, Kordilleren) fällt, wohlverstanden im Sinne heutiger Annahmen -kein jäher Polter-Akt, sondern eine ganz allmähliche Bildung.</p> - -<p>Die ganze Tertiärzeit ist aber wieder winzig gegen die Kreide- oder -Jura-Zeit. Von der Jura-Zeit hat schon vor Jahren ein feiner Kenner wie -Neumayr gesagt, die ganze Quartärzeit gehe mindestens an die dreißig -Mal in ihre Länge hinein.</p> - -<p>Wie man auch mit solchen rein geologischen Maßstäben an die Milliarde -Jahre tatsächlich herankommen kann, mag jene schon einmal von mir -gestreifte Rechnung von Mellard Reade andeuten. Er geht davon aus, -daß zur Bildung einer Kalksteinschicht von einem Meter Dicke auf dem -Meeresgrund über drei Millionen Jahre nötig seien. Nun rechnet er, daß -sämtliche Kalksteine der Erde, die aus den geologischen Epochen übrig -sind, gleichmäßig ausgewalzt eine Schicht von mehr als 160 Metern Dicke -ergeben müßten. Und er schließt also, daß zu deren Entstehung annähernd -600 Millionen Jahre erforderlich seien. Bei der schwimmenden Grenze -solcher Ziffern wird der Weg gegen die tausendste Million, also die -Milliarde, offen!</p> - -<p>Auf der anderen Seite aber ist die Entwickelungslehre immer mehr -bestrebt, grade ihre größten, schwersten, also zweifellos längsten -Umformungen organischer Gruppen immer weiter rückwärts in diesen -geologischen Perioden zu schieben.</p> - -<p>Daß der Mensch bis hinter die Eiszeit geht, wird nachgerade nicht -mehr ernstlich bestritten werden, — damit wären wir also einige -Hunderttausend Jahre vor den heute so viel genannten Babyloniern von -vier- oder dreitausend v. Chr. Man kann aber auch schon (von Klaatsch -zum Beispiel) die Meinung lesen, daß der Mensch im mittleren Tertiär, -in der Miocän-Zeit, bereits Steinwaffen hinterlassen habe, ja daß er -ein unmittelbarer Sprößling der urtümlichen eocänen Säugetierwelt sei -und also allen Ernstes selber bis in dieses Eocän, also die älteste -Epoche des Tertiär, zurückreiche.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p> - -<p>Diese in der Tat höchst merkwürdige eocäne Säugerfauna, in der -später so himmelweit getrennte Gruppen wie Raubtiere, Huftiere und -gar Halbaffen noch eng in eine Ordnung zusammenfallen, tritt aber -selber schon so im ersten Morgenrot dieser „Morgenrotsperiode“ des -Tertiär auf, daß man ihre eigene Entstehung trotz mangelhafter -paläontologischer Funde unbedingt bis in die Kreide-Zeit, also noch in -die Sekundär-Periode, zurückdenken muß.</p> - -<p>Noch wieder aus dieser Periode schieben sich die Säugetiere in ihren -allerfrühesten, noch reptil- oder amphibienhaften Anfängen über die -ältesten Trias-Funde hinaus bis an die Grenze der Primär-Periode zurück.</p> - -<p>Wenn aber schon diese Primär-, also die sogenannte Erstlings-Periode -der Geologie, es zu solchem Gipfel gebracht hatte, wie dem Säugetier, -wie lang sollen wir sie allein denken?</p> - -<p>Die Sache wird in Wirklichkeit hier noch viel chronologisch -großartiger. Diese Primär-Periode setzt an ihrer untersten -verschwimmenden Grenze, bei oder dicht unter dem sogenannten -Kambrium, ein mit Versteinerungen eines schon damals relativ ganz -hoch entwickelten Lebens, mit echten Vertretern fast aller großen -Tierstämme, und beispielsweise bei den Gliedertieren schon mit einer so -hohen, komplizierten Gruppe wie den Krebsen. Unterhalb dieser Schichten -hören dann, wie gesagt, die Versteinerungen jäh ganz auf. Geschichtetes -Gestein liegt ja da noch weiter in enormster Dicke. Die Geologie für -sich zankt sich aber seit Alters darüber, wie das jetzt entstanden -sei, ob plutonisch oder neptunisch. Einerseits sprechen gute Merkmale -für weitere ungeheure uralte Wasserablagerungen. Andererseits ist die -Struktur so, daß Wärme unbedingt eine Rolle dabei gespielt zu haben -scheint, sei es auch im Sinne nur einer nachträglichen Metamorphose.</p> - -<p>Mögen sich aber Pluto und Neptun geologisch in den Haaren liegen, so -lange sie wollen: die biologische Entwickelungslehre fordert hier für -ihr Teil einfach eine unabsehbare chronologische Rückausdehnung der -Lebensmöglichkeit auf Erden noch<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> über das Kambrium hinaus. Denn wenn -auch alle versteinerten Reste zerstört sind: sie fordert Zeit für das -Werden der großen Tierstämme, fordert Zeit für den unendlichen Wandel -solcher Stämme etwa wie dort bis zu den Krebsen hinauf. Da ihr Gebäude -sonst fest steht, darf sie das verlangen. Hinter dem Kambrium kann sich -ihr die Lebenschronologie nicht schon schließen und etwa bereits die -Buffonsche Urerde, die Gluterde ohne Lebensmöglichkeit, geschichtlich -beginnen.</p> - -<p>Sieht man aber auf das, was da geleistet worden sein soll, denkt -man, daß alle Anfänge am schwersten sind und daß es ganz gewiß -unvergleichlich viel mehr Mühe gemacht hat und also Zeit gebraucht -hat, daß aus einem einzelligen Urtier ein Trilobiten-Krebs wurde, als -aus dem ein Hummer — so wird man dieser hypothetischen vorkambrischen -Lebensperiode mit ihren Meeren und sonstigen Lebensbedingungen eine -Zeit ansetzen müssen, viel länger als alles noch, was seit dem Kambrium -und seinen Krebsen verflossen ist.</p> - -<p>Mit diesem Zuwachs langt die Milliarde schwerlich.</p> - -<p>Und so ist es wirklich wie ein Wettlauf zwischen Geologie und Biologie, -— wo die eine zögert, reißt die andere mit, und beide zusammen zerren -schließlich den Faden der Chronologie in die Unfaßbarkeit an Länge.</p> - -<p>Der Chronologie, wohl verstanden, zwischen dem alten Krakatau-Termin -der oberflächlich erkalteten Erdschlacke Buffons und der Gegenwart!</p> - -<p>Eine Milliarde Jahre als kleinste Annäherungsziffer dort, wo Buffon vor -seinen sich abkühlenden Metallkügelchen des Experiments die schlichte -Ziffer Vierzigtausend auf den Schild des Chronos geschrieben, zweifelnd -und verlästert ob des chronologischen Ketzermutes, der Vierzigtausend -gegen die Zahl Sechstausend der Theologie zu setzen wagte!</p> - -<p>Aber wir sind mit der einen Linie bis ans Ende des 19. Jahrhunderts -gestiegen. In dieser langen Zeit seit Buffon hatte auch der spezielle -Gedanke jener Buffonschen Rechnung<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> seine Sonderbahn beschrieben und -war tatsächlich sein eigenes Stück auch weiter gekommen.</p> - -<p>Eine Weile ist es im 19. Jahrhundert allerdings gewesen, als sei -Buffons Ziffer rein fortgefegt, so stark wurden jene anderen -Zeit-Argumente. Sie war wie erdrückt, erlebte selber das Schicksal der -biblischen Ziffer.</p> - -<p>Aber grade in dieser Zeit fügen sich fortgesetzt Züge in das -geologische Bild, die doch merkwürdig gut wenigstens ihre -Voraussetzungen zu bestätigen scheinen.</p> - -<p>Die Kant-Laplacesche Theorie wird fast allgemein angenommen und gibt -eine ganz anders anschauliche Grundlage für die Vorstellung einer -Abstammung der Erde von der glühenden Sonne und eines ursprünglich -selber sonnenhaft glühenden Erdballs, als Buffon besessen hatte.</p> - -<p>Vulkane, heiße Quellen, die Hebekräfte bei der Gebirgsbildung und vor -allem eine ziffernmäßige Zunahme der Temperatur in den Bergwerken und -Bohrlöchern machen vereint die Meinung wirklich einmal ganz fest, ganz -„exakt“, daß das Innere der Erde noch jetzt glühendflüssig, ja im -Herzen gar gasförmig sei.</p> - -<p>Bloß über die Dicke der Erkaltungsrinde von heute bleibt noch Streit, -die Grundangabe dagegen kommt in jedes Schulbuch.</p> - -<p>Gelegentlich, schon recht tief im 19. Jahrhundert, wird sogar einmal -von einem Gelehrten auch wieder ein umfangreiches Schmelz-Experiment -gemacht: Bischof läßt große Kugeln geschmolzenen Basalts sich -abkühlen, bohrt Löcher hinein und senkt Thermometer nach, um die -Abkühlungsgesetze zu ergründen.</p> - -<p>Schließlich scheint das ganze Material so wundervoll neu da zu liegen -und doch ganz im Rahmen zugleich der alten Voraussetzungen, daß es nur -eines findigen Kopfs braucht, um auch ohne Rücksicht auf den alten -Buffon selbst eine reine Wärme-Rechnung von neuem in der Geologie -auferstehen zu lassen.</p> - -<p>Rund ein Jahrhundert nach Buffon nimmt denn auch<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> William Thomson in -England die Sache richtig auf und sucht abermals eine feste Ziffer.</p> - -<p>Buffons Angabe ist natürlich in jedem Betracht zu klein. Eine -so ungeheure Differenz kann unmöglich herauskommen zwischen der -Temperatur-Rechnung und jenen Ziffern Lyells und Darwins. Aber Thomson -geht im Übrigen doch wieder seinen Eigenweg, genau wie einst Buffon -selbst.</p> - -<p>Er holt die neuen Temperatur-Materialien zusammen und sucht mit ihnen -durchzudringen, indem er sie aneinander reiht. Da merkt er denn -freilich etwas Störendes.</p> - -<p>Die Grundziffern sind doch nicht so bequem. Beispielsweise: wie -viel ursprüngliche Erkaltungswärme hat die Erde heute noch? Jene -Thermometer-Steigerung beim Eindringen in Bohrlöcher müßte es lehren. -Wie verläuft sie? Bei welcher Tiefe müssen wir uns denken, daß sie -so hoch wird, daß noch jetzt alle Gesteine im Schmelzfluß sind? -Die Angaben über die Steigerung differierten leider. Es gab eine -Maximalbehauptung und eine Minimalbehauptung, die sich widersprachen.</p> - -<p>Ferner: wie hoch war die Anfangstemperatur der Urerde? Und wie stand es -mit der Wärmeleitung der Gesteine? Auch da gab es schwankende Ziffern.</p> - -<p>Also beschied sich Thomson, zwei <em class="gesperrt">Grenz</em>zahlen zu finden.</p> - -<p>Eine, wenn jene Grundziffern so hoch, wie es ihm noch zulässig -erschien, angenommen wurden, und eine, wenn sie so tief wie tunlich -gesetzt waren.</p> - -<p>Das Resultat war jedenfalls interessant.</p> - -<p>Thomson errechnete, daß seit Erstarrung der Erdkruste nicht weniger als -zwanzig Millionen Jahre verflossen sein könnten, — aber auch nicht -mehr als vierhundert Millionen.</p> - -<p>Schlug die Minimalziffer immer noch gründlich Buffons Zahl tot, so war -die Maximalziffer doch immer noch nicht genügend für jene Forderungen -der modernen Geologie und der Entwickelungslehre der Biologie. Vollends -entsprach diesen nicht die von Thomson befürwortete Mittelzahl von -bloß<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> etwas über hundert Millionen. Und später ist Thomson sogar noch -von der beträchtlich heruntergegangen.</p> - -<p>Es konnte scheinen, als bereite sich da noch einmal ein ernsthafter -Konflikt trotz allem zwischen der echten Nachfolge Buffons in -der Physik und der Nachfolge Lyells und Darwins vor. Wo man -besonders Darwin etwas am Zeuge flicken wollte, wurde denn auch die -Thomson-Ziffer gelegentlich ausgespielt als Dämpfer.</p> - -<p>Andererseits diente sie mit ihrem riesigen Spielraum von hunderten von -Millionen auch wohl wieder denen als Zielscheibe, die über das müßige -„Spiel mit Millionen“ in der Chronologie des Naturforschers wohlfeil zu -scherzen beliebten.</p> - -<p>Der wahre Sachverhalt ist, daß auch über diesen heutigen physikalischen -Rechnungen schließlich doch ein Unstern schwebt.</p> - -<p>Grade sie wollen uns wirkliche Zahlen „exakt“ geben und verwirren doch -nur das Bild, das Geologie und Biologie aufgerollt haben, dabei ins -ganz Unsichere hinein. Die Voraussetzungen, die Thomson vermeintlich so -sicher vorfand, schwankten nicht nur ihm im Laufe seiner Rechnung: sie -sind überhaupt heute wieder schwankendster Grund, — so schwankend, daß -sich grade auf sie gar nichts bauen läßt.</p> - -<p>Der Widerspruch in den Angaben über die Zunahme der Wärme in den -Bergwerken und unsern (immer ja noch so winzigen) Bohrlöchern ist nicht -nur innerhalb der Thomsonschen Grenzen da: er ist zur Stunde derartig, -daß sich überhaupt keine Rechnung auf ihn begründen läßt.</p> - -<p>Sämtliche Angaben des weitern über einen im Erdinnern noch erhaltenen -Rest ursprünglicher Erdwärme sind gegenwärtig mit Glück angezweifelt. -Das ganze Schulbild der Erdkugel mit einer dünnen Erstarrungsrinde -bloß über einem ungeheuren Glutkern fängt unverkennbar an, in der -Geologie „mythisch“ zu werden. Weder zur Erklärung des Vulkanismus noch -vollends zu der der Gebirgsbildung ist das aufdrängende einheitliche -Innen-Glutmeer mehr nötig — von dieser Seite hat die Hilfe so gut wie -ganz aufgehört.</p> - -<p>Wenn die Erde heute noch Wärme in ihrem Innern<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> hegt, so gibt es -Gedankengänge, die selbst das erklären ohne Rücksicht auf Reste von -Urwärme; auch ein Körper, der sich zusammenzieht, erzeugt mechanisch -Wärme; Wärme entsteht bei allen Gesteinsverschiebungen, Wärme entsteht -aus örtlichen chemischen Prozessen.</p> - -<p>Ich will wenigstens mit einem Wort andeuten, daß selbst die -Kant-Laplacesche Theorie heute wieder schwächer in ihrer Beweiskraft -erscheint.</p> - -<p>Das soll nicht sagen, daß die Erde nie ein Sonnenstadium gehabt habe. -Aber es kann unendlich viel früher erloschen sein, als alle unsere -Rechnungen erreichen. Wenn die Erde überhaupt heute kein sicher -erweisbares Glutmeer als unmittelbares Erbe jener Sonnenzeit mehr in -sich birgt, erlahmt mit der Gesamtrechnung auch die Vermutung, wie -lange sie schon in diesem Zustande ist. Nichts hemmt dann, zu den -Zahlen der Geologie und Biologe zurückzukehren und sie umgekehrt als -einzigen Anhalt auszuspielen. Wenn das Leben zu seiner Entwickelung -eine Milliarde und mehr brauchte, so muß eben so lange die Erdrinde -schon so sein, daß Leben auf ihr existieren konnte.</p> - -<p>Sehr viel Zeit!</p> - -<p>Das bleibt das Resultat.</p> - -<p>Nicht feste Ziffern, — grade die trügen am leichtesten. Aber -unendlicher Spielraum!</p> - -<p>Und wenn etwas je Ziffern geben könnte, so wären es ganz kleine, eng -umrissene Beobachtungsreihen inmitten des hellen Tages von heute. -Wie ein nackter Fels heute vom Leben erobert wird gleich jener -Krakatauschlacke; und wie dieses isolierte Leben dann lokalen Wandel -vielleicht erfährt in Jahrtausenden; das wäre so eine Reihe. Und wie -zugleich der Boden sich wandelt, wie Zuwachs, Abzug, Hebung oder -Senkung sich zeigt, das wäre echtes geologisch-chronologisches Material.</p> - -<p>Bescheiden sein gilt es da, bescheiden vorgehen von Schritt zu Schritt, -um als Krone der Bescheidenheit zu ernten — die Milliarde.</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> - -<h2 id="Die_erste_Epoche_des_Darwinismus" title="Die erste Epoche des Darwinismus -wird historisch"> </h2> - -</div> - -<p>Ich blättere wieder in den Büchern. Man merkt es noch an anderem, daß -der Darwinismus aus dem Schwabenalter kommt.</p> - -<p>Es lösen sich <em class="gesperrt">persönliche</em> Beziehungen.</p> - -<p>Die Taufpaten, die das Kind aus der Wiege hoben — Darwin, Lyell, -Huxley — sind fast alle schon hin. Die zweite große Generation aber -fängt an, ihr Testament zu schreiben. August Weismann gibt seine -„Vorträge über Deszendenztheorie“ heraus, in zwei dicken Bänden. -Haeckel hat seine „Gemeinverständlichen Vorträge und Abhandlungen aus -dem Gebiete der Entwickelungslehre“ ebenso in zwei Bände gesammelt.</p> - -<p>Gleich in der Vorrede lese ich da bei Weismann: „Wenn ein -arbeitsfreudiges Leben sich seinem Ende zuneigt, so regt sich wohl -der Wunsch, die Hauptergebnisse desselben zu einem abgerundeten und -in sich harmonischen Bild zusammenzufassen und gewissermaßen als ein -Vermächtnis den nach uns Kommenden zu hinterlassen. — Das ist der -Hauptgrund, der mich zur Veröffentlichung dieser Vorträge veranlaßte.“ -Ein Werk, das solche Sätze an der Spitze trägt, legt eine neue -Verpflichtung auf.</p> - -<p>Es verlangt, daß man historisch auf eine Lebensarbeit zurückschaut.</p> - -<p>Denke ich allerdings wieder an die Leutchen, die dem ganzen Darwinismus -schon diese „Heiligsprechung des Historischwerdens“ zugestehen -möchten, mit dem behaglichen Gefühl dabei, daß so stillschweigend -auch die klassische Antiquierung mit Absetzung von der Tagesordnung -vollzogen sei, so ist das Weismannsche Buch eine der hübschesten -Widerlegungen dieses frommen Wunsches. Es fixiert, historisch wie -aktuell, eine <em class="gesperrt">Schattierung innerhalb des Darwinismus</em>, die -spezifische Weismann-Lehre, die im Grunde ebensoviel Anrecht auf einen -Personennamen hat wie die Gesamtschule auf den des Charles Darwin oder -wie die Mutations-Theorie wieder auf den des Hugo De Vries.</p> - -<p>Eine Lehre aber ist nach meiner Auffassung in der Vollblüte ihrer -Leistungsfähigkeit als Geistesquelle, wenn sie noch<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Raum hat für so -verschiedene, jederseits für sich geistvoll-eigenartige Schattierungen. -Wobei es dem Spitzfindigen wirklich ruhig überlassen bleiben mag, ob -er bei dem Wettstreit dieser Schattierungen von Kämpfen im Darwinismus -oder um den Darwinismus reden will. Ich selbst erachte es als eine -Pflicht historischer Anständigkeit, der Gesamtbewegung zu einer -wissenschaftlichen Deszendenztheorie, wie sie eine ungeheure, fort und -fort wachsende Litteratur heute vertritt, den Namen „Darwinismus“ zu -lassen; im übrigen aber wünsche ich dem Kampf der Meinungen innerhalb -dieser Theorie Tür und Tor geöffnet, so weit es geht.</p> - -<p>Wir reden ja auch, und reden ganz gewiß mit Recht, von einem -kopernikanischen Weltsystem, obwohl Kopernikus noch keine Keplerschen -Gesetze und kein Newtonsches Gravitationsgesetz kannte, obwohl wir -heute genau wissen, daß auch die Sonne nicht still steht und dadurch -die ganze Figur des Systems beständig verschoben wird, und obwohl -Kopernikus noch an eine Drehung des Achsenwinkels der Erde bei jedem -Jahresumlauf dachte, die in dieser Form völliger Irrtum war.</p> - -<p>Wollen wir jeden Zwist um ein engeres Deszendenzgesetz als -Entscheidungskampf um Wohl und Wehe des Darwinismus fassen, so wird -nur eine Verwechslung in die Laienwelt getragen: als wenn nämlich der -Gedanke der Entwickelung im Gebiet der modernsten Biologie selbst -wieder bedroht oder gar wieder in den Hintergrund gedrängt sei, — -eine Behauptung, der kein ehrlicher Mensch, der die Dinge verfolgt, -Verbreitung wünschen kann, da sie den nacktesten Tatsachen widerspricht.</p> - -<p>Auch Weismanns eigene Anschauungen haben aber innerhalb der -vierundvierzig Jahre Darwinismus schon ihre besondere Geschichte.</p> - -<p>Sie sind zu ihrer Zeit als unvollkommener Keim sichtbar geworden, sind -in vielfältigem Hader gewachsen und sind heute, soweit Weismann als -Person in Betracht kommt, ausgewachsen. Ganz ausgewachsen im ideellen -Sinne sind sie natürlich noch so wenig wie irgend ein menschlicher -Gedanke,<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> der in die vorläufig unserem Blick einmal „ewige“ Menschheit -gesäet worden. Mit Bedauern lese ich, daß August Weismann durch ein -Augenleiden mehr und mehr im praktischen Forschen gehemmt wird, wobei -ich doch von seinem theoretischen Denken mir noch reiche Frucht -verspreche, trotz seines „Testaments“. Inzwischen stelle ich fest, — -und ich denke, hier wird Freund wie Feind des Darwinismus und aller -seiner Schattierungen mir anstandslos recht geben —, daß im ganzen -Darwinismus nächst Darwin selbst kein zweiter so sittlich vornehm, so -liebenswürdig, ja, ich möchte sagen: so graziös zu hadern verstanden -hat wie er. Und das auf einem Gebiete, wo gelegentlich unverkennbar mit -Dreschflegeln und verwandten, nicht völlig einwandfreien Instrumenten -in Sachen der Weltanschauung operiert worden ist — <span class="antiqua">nomina sunt -odiosa</span>.</p> - -<p>Neben diesem Charakter ist zur Sache zu sagen, daß Weismann zwar -nicht im Sinne eines Kampfschlusses objektiv gesiegt hat, — wer hat -denn in diesen vier Jahrzehnten irgendwo „gesiegt“ vor Problemen, die -mindestens der Beobachtungskontrolle von Jahrtausenden bedürften! Aber -er hat seine „Schattierung“ klar herausgearbeitet. In diesem Buche -feiert das seinen Triumph.</p> - -<p>Es ist ein Werk von solcher stilistischen Klarheit, wie der Darwinismus -höchstens noch zwei oder drei besitzt unter seinen allerbesten. Es -ist alles so abgeschliffen und ausgeklärt, jedes Beispiel genau -blankgewischt und an seinen Fleck gestellt, wie bei Schauobjekten einer -am Schnürchen laufenden Schuldemonstration. Sehen muß hier jeder, was -gemeint ist, — mag er das Begriffene danach schelten.</p> - -<p>Von keiner Linie des Darwinismus wird heute mit mehr Eifer behauptet, -daß sie falsch sei, wie von der Zuchtwahl-Theorie. Nun denn: Weismann -ist zur Zeit der extremste Vertreter gerade dieser Zuchtwahl-Theorie. -Das bestimmt eben seine Eigenart.</p> - -<p>Man muß, um seine Stellung andeutend zu fixieren, auf den alten -Gegensatz zurückgehen zwischen Lamarck und Darwin,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> einen Gegensatz, -der überhaupt mit den Jahren wieder immer interessanter geworden ist.</p> - -<p>Als Darwin sich an den Entwickelungsgedanken wagte, schien es ihm vor -allem nötig, ihn aus dem Schutt herauszuarbeiten, in den er mit Lamarck -geraten war. Heute haben wir umgekehrt wieder eine feste Schule von -Neo-Lamarckisten, die ungefähr etwas Ähnliches von Darwin sagen.</p> - -<p>Umgekehrt ist aber auch aus dem immer noch vorsichtigen Darwinschen -Vorstoß <span class="antiqua">contra</span> Lamarck eine Lehre erwachsen, die dann erst mit Stumpf -und Stiel den letzten Lamarcksrest austreiben möchte. Und das ist die -Farbe Weismann im Bilde.</p> - -<p>Lamarck hatte eines deutlich erfaßt, und das ist übriggeblieben in -<em class="gesperrt">allen</em> späteren Meinungen.</p> - -<p>In der Entwickelung der Tier- und Pflanzenarten sind zwei Faktoren zu -beachten.</p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">äußerer</em> und ein <em class="gesperrt">innerer</em>.</p> - -<p>Außen wechseln die Bedingungen des Lebens auf Erden. Sie ziehen vorbei -wie ein großes Wandelpanorama.</p> - -<p>Innen, in den Lebewesen selbst, reagiert aber etwas darauf. Sie passen -sich diesen Bedingungen an.</p> - -<p>Wie aber ist nun das wahre Verhältnis von drüben und hier? Wir suchen -in der Natur Kausalzusammenhänge. Wo sind sie hier?</p> - -<p>Lamarck sagte: Außen wirkt auf innen. Die äußeren Bedingungen treten -nach innen auf als Forderungen. Und diese Forderungen finden Gehör bei -einer Eigenschaft des Innern. Sie rufen „Übung“ hervor. Der Arm, der -zum Schlagen gefordert wird, stählt sich, der Hals, der hoch reichen -soll, streckt sich. Das Resultat dieser Übung aber wird auf die -Nachkommen vererbt. Ihr Arm wächst sogleich muskelstärker, ihr Hals -gleich in der nötigen Länge. So fixiert sich die Übung hier bereits als -angeborene Anpassung. Und so fort.</p> - -<p>Nun Darwin.</p> - -<p>Das langt nicht. Durch Übung wird kein Laubfrosch grün, kein -Blattschmetterling seinem Blatte ähnlich. Und doch<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> haben wir -auch solcher Anpassungen die Fülle. Es muß noch ein besonderes -Wechselverhältnis geben zwischen dem Außen und irgend einer andern -Eigenschaft des Innen, die auch hier entgegenkommt. Und Darwin findet -es in der Zuchtwahl, der Selektion. Neben der Übung gehört zu den -entgegenkommenden Möglichkeiten die Variation. Ein beständiges Spiel -waltet da von allerhand Hervorbringungen, die unabhängig von der Übung -herausgeworfen werden. Diese Variation macht z. B. einen Frosch, der -sonst braun war, auch einmal grün. Und jetzt darauf reagiert das -Äußere nicht erzieherisch, wie bei der Übung, sondern gewaltsam. -Der grüne Frosch wird als zweckmäßige Anpassung auf Grün erhalten, -weitergezüchtet, während alle nicht grünen Formen eingehen müssen. Das -ist die berühmte Auslese der Passendsten.</p> - -<p>Ein sinnvoller Gedanke, der zunächst durch seine Einfachheit fortriß. -Aber man sieht: er wirft Lamarck nicht um. Er ergänzt ihn nur für -die unzähligen Fälle, vor denen die Anpassung durch Übung als -Erklärungsgrund versagt.</p> - -<p>Aber nun wieder einen Spatenstich tiefer.</p> - -<p>Was steckte hinter dieser Variation? Was war ihr Geheimnis, ihr Gesetz? -Mit dieser Frage sind wir mitten in den Kämpfen der Schule Darwins.</p> - -<p>Eine Linie beschäftigte sich bloß mit der Schrittweite, dem Maß dieser -Variation. Ob schon winzige, gesetzmäßige Gleichgewichtsschwankungen -zur Artbildung führten oder bloß kräftige, das Innerste erschütternde -Stöße? Hier setzt heute de Vries ein, der experimentell festgestellt zu -haben glaubt, daß stets ein wirklicher Stoß, ein Ruck oder Sprung nötig -sei, eine Mutation. Doch der Darwinsche Grundgedanke bleibt in dieser -Linie unangetastet.</p> - -<p>Über Darwin mußte dagegen in irgend einer Weise hinausführen jede -Meinung über die tieferen <em class="gesperrt">Ursachen</em> der artbildenden Variation.</p> - -<p>Die eine Richtung grub ausschließlich nach innen, ins Innerste des -Innern hinein weiter. Gab es nicht doch ein<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> festes inneres Hausgesetz -der Variation, das schon der ersten Urzelle eingeprägt war?</p> - -<p>Hier wurde Nägeli bedeutend. Er verknüpfte die Frage mit einem älteren, -vordarwinistischen Gedanken. Er suchte ein „Entwickelungsgesetz“ schon -in der Variation. Aber er ließ es teleologisch arbeiten. Es drängte -selber schon, in einem allerdings schwer definierbaren „Hellsehen“, -auf nützliche Anpassungsvarianten, wie sie außen gefordert wurden, -direkt hin. Damit wurde die Selektion überflüssig. Und so führte Nägeli -allerdings folgerichtig wieder aus Darwin heraus, ohne zu Lamarck -zurückzukehren, — in ein Drittes hinein.</p> - -<p>Aber das hatte man ja gerade an Darwin geschätzt, daß er keine -teleologische Grundveranlagung brauchte, sondern das Zweckmäßige -erst vor unseren Augen entstehen ließ. Die ganze Hauptmasse der -Schule schwenkte also hier nicht mit. Aber wo lag denn das Gesetz der -Variation?</p> - -<p>Im „Zufall“?</p> - -<p>Das ist oft als Hilfs- und Notwort gesagt worden. Jeder wußte aber, daß -Zufall einen eigentlichen Sinn in einem Spiel von Kausalzusammenhängen, -wo alle Karten aufgedeckt sind, gar nicht besitzt. Und nach solchem -Spiel suchte man doch.</p> - -<p>So sah man sich unhemmbar wieder ins „Außen“ gedrängt.</p> - -<p>Steckten die Anstöße zur Variation nicht doch irgendwie im Druck der -Verhältnisse, im Milieu selbst, — also außen?</p> - -<p>Hier lag eine unverkennbare Möglichkeit, in äußerster Schwenkung doch -noch wieder auf einen <em class="gesperrt">vertieften Lamarck</em> zu kommen. Darwin hat -in späteren Jahren selbst etwas paktiert mit dieser Richtung. Die -Neo-Lamarckisten haben sie offen proklamiert.</p> - -<p>Das jetzt ist aber die Stelle, wo Weismann vor Jahren zuerst in die -Debatte mit einem wahren Blitzschlage eingegriffen hat.</p> - -<p>Er versuchte, den ganzen Lamarckismus nachträglich in Grund und Boden -zu schlagen durch die Behauptung, daß die Ergebnisse dieser ganzen -direkten Einflüsse von außen auf<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> innen, wie Übungsstärkung u. s. w., -also jene vom Individuum <em class="gesperrt">erworbenen</em> Eigenschaften, <em class="gesperrt">nicht -vererbt werden könnten</em>.</p> - -<p>War das richtig, so konnte auf dem Lamarckswege niemals eine neue -Art entstanden sein, denn jeder Anlauf zu einer Anpassung blieb -individuell und starb mit dem Tode des Individuums wieder aus, ohne -in die Unsterblichkeit der Generationenfolge durch Kinder und Enkel -einzutreten.</p> - -<p>Mochte das nun bestritten werden — und wie ist es bestritten worden -bis auf diesen Tag nicht bloß von Lamarckisten, sondern auch von -engeren Darwinisten und auch von ganz indifferenten Physiologen und -Vererbungstheoretikern —: für Weismann war damit seine weitere -Bahn endgültig gegeben. Ihm galt es, den Darwinismus vom letzten -Rest Lamarckismus reinzuputzen. Da er kein drittes Prinzip im Sinne -Nägelis hatte, blieb schlechterdings nichts übrig, als die natürliche -Zuchtwahl auch in allen Fällen, wo Darwin noch Lamarck Raum gelassen, -für die absolute Macht zu erklären. Es wurde die <em class="gesperrt">Allmacht der -Naturzüchtung</em> proklamiert.</p> - -<p>Das für sich vollzogen, wurde aber nun wieder etwas hochinteressant.</p> - -<p>Nämlich: wie endlich Weismann ohne Nägeli und auch ganz ohne Lamarck -den geheimen Mechanismus der Variation für sich deuten werde.</p> - -<p>Abermals wird hier eine neue, zunächst unabhängige Linie der -Darwinschen Schule wichtig: der Ideengang von Wilhelm Roux.</p> - -<p>Roux faßte den Gedanken — einen der genialsten nach Darwin, — daß es -nicht bloß eine äußerliche Zuchtwahl geben müsse, sondern auch eine im -Innern. Eine Zuchtwahl nicht bloß des Milieus gegenüber den Individuen, -sondern auch eine Zuchtwahl durch den Kampf ums Dasein der Teile im -Individuum selbst.</p> - -<p>Wir wissen ja, daß jedes Individuum, jedes echte Einzeltier, jede echte -Einzelpflanze, aus Teilen besteht, die mehr oder minder jeder für sich -etwas Selbständiges in ihm darstellen. Das einfachste Beispiel in allen -etwas entwickelteren Lebensformen<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> sind die Organe. Goethe stand schon -tief bewegt vor diesem Geheimnis. In dem ersten seiner morphologischen -Hefte sagt er: „Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine -Mehrheit; selbst insofern es uns als Individuum erscheint, bleibt es -doch eine Versammlung von lebendigen, selbständigen Wesen, die der -Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder -ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können. Diese Wesen sind teils -ursprünglich schon verbunden, teils finden und vereinigen sie sich. Sie -entzweien sich und suchen sich wieder und bewirken so eine unendliche -Produktion auf alle Weise und nach allen Seiten.“ Einundzwanzig Jahre, -nachdem diese Stelle gedruckt, einunddreißig, nachdem sie geschrieben -war, wurde in der „Zelle“ ein noch viel fundamentaleres Bauelement der -Lebewesen entdeckt. Seit Schleiden, Schwann und vor allem seit Virchows -bahnbrechenden Arbeiten wissen wir, daß alle höheren Pflanzen wie Tiere -ungeheure Komplexe, Genossenschaften, Staaten solcher Zellen sind. -Erst tief an der Wurzel alles Lebendigen fällt Zelle und Individuum -zusammen. Aber selbst vor der Zelle macht die Auflösung noch nicht -Halt. Selbst sie noch erscheint als ein verwickeltes Sozialgebilde aus -einer ungeheuren Masse noch einfacherer Lebensträger.</p> - -<p>Nun denn: auch diese Teile und Teilchen bis ins Winzigste, Unsichtbare -hinein, sie müssen in einem unausgesetzten Konkurrenzkampfe stehen. -Besser gelagerte, besser genährte überwinden die minderwertigen. -Bestimmte Gruppen siegen und unterliegen; eine große Zuchtwahl waltet.</p> - -<p>So weit im Kern der Ideengang Roux’. Nun darüber hinaus wieder Weismann.</p> - -<p>Dieser Kampf der Teilchen mit seiner inneren Auslese findet auch in -dem Allergeheimnisvollsten statt, was die lebenden Wesen besitzen: in -ihrem körperlichen „Unsterblichkeitsteil“, nämlich dem sogenannten -Keimplasma, dem Kraftreservoir, das bei der Fortpflanzung mitgegeben -wird. Und sein Resultat ist die Variation der neu entstehenden -Gesamtindividuen, die natürlich erblich sein <em class="gesperrt">muß</em>, da es sich -ja um Resultate sozusagen<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> im Herzen aller Vererbung, im ewigen -Keimplasma, handelt. Bei den Ergebnissen dieser Variation mag dann die -Zuchtwahl höheren Grades, die Darwin zunächst nur gesehen hatte, sie, -die feste Arten mit zweckmäßigen Anpassungen bildet, einsetzen.</p> - -<p>Erst in diesem „Testament“ kommt Weismanns Gedankengebäude zum ersten -Mal völlig klar heraus. Erst jetzt wird deutlich, was der Satz von der -Allmacht der Zuchtwahl schließlich doch für Wahrscheinlichkeiten selbst -wieder öffnet.</p> - -<p>Wohl: außen ist jetzt Zuchtwahl, innen Zuchtwahl, Zuchtwahl überall. -Doch gerade dabei zeigt sich plötzlich erst recht eine feine, aber -sichere Brücke von „außen“ nach „innen“.</p> - -<p>Das Milieu, das außen die Individuen ausliest, wirkt doch auch in ihnen -als Ernährung mit. Wenn dieser Einfluß lange Zeit ein gleichartiger -ist, so muß er im inneren Kampf der Teile bis in das entscheidende -Keimplasma hinein schließlich auch schon eine ganz bestimmte Auslese, -einen bestimmten Sieg, eine bestimmte Richtung der Variation dort -bewirken.</p> - -<p>Und damit ist die endgültige „Möglichkeit“ wenigstens geschaffen, daß -der äußeren Zuchtwahl bestimmte nützliche Varianten schon <em class="gesperrt">in die -Hände arbeiten</em>. Äußere und innere Zuchtwahl, im letzten Ende vom -Gleichen bewegt, können aufeinander losarbeiten wie in einem Ansatz -wenigstens zu einer „prästabilierten Harmonie“.</p> - -<p>Man sieht, was das bedeutet.</p> - -<p>Es ist der beste Kern des Nägelischen Gedankens gerettet, ohne daß doch -ein unklares teleologisches Entwickelungsgesetz nötig würde, und auch -ohne daß die Zuchtwahl überflüssig würde; die äußere Zuchtwahl wird nur -in etwas entlastet durch die innere.</p> - -<p>Zugleich aber ist trotz aller Allgewalt des Zuchtwahlprinzips doch -auch wiederhergestellt und anerkannt der wichtigste Kerngedanke des -Lamarckismus, daß nämlich zuletzt der Druck der äußeren Verhältnisse -die Anpassung schafft.</p> - -<p>In dieser Form umfaßt der Weismannismus alle kräftigen Triebe, die das -Deszedenzprinzip bisher hervorgebracht hat<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> und genügt damit formal -zweifellos den Anforderungen an eine Schlußhypothese. Weismann selber -muß das genügen; er darf mit Befriedigung auf eine Bahn blicken, die -für sein Teil konsequent durchlaufen ist. Den Fortgang mögen andere -suchen, meinetwegen auch den Rückgang. Die Geschichte der Wissenschaft -hat etwas von Penelope, die in der Nacht trennt, was sie am Tage gewebt -hat. Darum kann einer doch den Ruhm eines guten Webers behalten.</p> - -<p>Was ich hier angedeutet habe, ist nur der größte Gerüstbalken -des Buches, roh wie die Tragbalken in der Goldelfenbeinmasse des -olympischen Zeus. Das Werk selbst wirkt so ungemein fesselnd, weil es -sich breiter und breiter vor dem Leser aufbaut. Man fühlt mit, wie -Weismann sich allmählich die ganze Deszendenzlehre neu aufzimmern, -mit ihrem gesamten Apparat neu ordnen mußte. Dann aber kam er -wirklich an die Grenze, wo es eine individuelle Biologie zu schaffen -galt und schließlich eine ganze Weltanschauung mit der spezifischen -Weismann-Farbe. Das letzte Kapitel verrät davon wenigstens noch -einiges. Ein Gedanke sehr allgemeiner Art taucht dabei noch auf, der -mir wert scheint, daß man ihn bespricht, vielleicht auch, daß man ihm -widerspricht.</p> - -<p>Weismann empfindet, was jeder vor jedem ganz tief gefaßten Problem -zuletzt empfinden muß: man kommt auf die <em class="gesperrt">Urfragen</em>.</p> - -<p>Hinter außen und innen, Vererbung und Zuchtwahl erwachsen die großen -Türhüter des ganz Rätselhaften. Was ist Leben, was Materie, Geist, -Zweck, Zeit, Kausalität?</p> - -<p>Und er meint, wir müssen da ewig <em class="gesperrt">resignieren</em>.</p> - -<p>Muß es nicht so sein? fragt er.</p> - -<p>Auch wir sind Anpassungsprodukte jener großen Lebensmühle, angepaßt an -ganz bestimmte Forderungen des Lebens. Zu diesen Forderungen gehört -aber nicht, daß unser Verstand etwas ergrübelt über jene letzten -Fragen. Lassen wir also den Versuch, über uns selbst hinausgreifen zu -wollen; bescheiden wir uns.</p> - -<p>Ich kann diesem Schluß Weismanns nicht zustimmen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p> - -<p>Seit drei Jahrtausenden mindestens besteht eine ganz bestimmte -Beziehung zwischen dem Glück grade der edelsten, denkenden, -voranschreitenden Menschen und diesem innigen Ringen um die Grundfragen -der Philosophie, diesem immer erneuten Ringen um das „du segnest mich -denn“ an dieser Stelle.</p> - -<p>Das Glück der Menschheit verlangt <em class="gesperrt">nicht mehr bloß</em> nach Anpassung -an die äußeren Bedingungen der Welt im Sinne einer immer mehr -vervollkommneten Technik — fester und fester verspinnt es sich mit -jenen Fragen nach Sinn und Wesen der Welt, mit der einfachen Frage der -<em class="gesperrt">Philosophie</em>.</p> - -<p>Es gibt sich nicht mit der Resignation allein zufrieden. In ihr muß der -Mensch hungern, wie nur je ein schlecht angepaßtes Tier gehungert hat.</p> - -<p>Aber gerade in Weismanns Buch wird so hinreißend deutlich gemacht, wie -der Hunger, das Bedürfnis das Ideal, die vollkommnere Anpassung selbst -herausgezogen, heranentwickelt hat — damals, bei den Pflanzen und -Tieren, so tief da unten.</p> - -<p>Und oben bei uns soll das nicht mehr so gehen?</p> - -<p>Bei unserem Geisteshunger ...?</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 id="Rueckblick_auf_Haeckel" title="Rückblick auf Haeckel"> </h2> - -</div> - -<p>Haeckel hat mit seiner Person zu lange im Brennpunkte des Darwinismus -gestanden, um <em class="gesperrt">bloß</em> eine Schattierung zu spiegeln. Bei ihm macht -man den ganzen Kampf der ersten vier Jahrzehnte auf den Vorposten mit. -Für mich hat es vor seinem Buche einen unwillkürlichen Reiz, eigensten -Erinnerungen nachzuhängen. Sie haben etwas Charakteristisches, ich -weiß, wie vielen in der Generation, die mit Darwin aufgewachsen ist, -ich ihre eigenen Erlebnisse erzähle.</p> - -<p>Meine frühesten Erinnerungen gehen zurück auf Darwins Porträt. Ich war -zu jung, um das Buch von der „Entstehung der Arten“ lesen zu können. -Aber der eigenartige Kopf mit der fast abnormen, tiefgefurchten Stirn -und dem<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> weißen Patriarchenbart prägte sich ein. Es war ein Kopf, den -auch ein Knabe nicht vergaß. Als Schuljungen stritten wir uns, ob der -Name D<b>a</b>rwin oder Darw<b>i</b>n auszusprechen sei.</p> - -<p>Die neue Gedankenwelt kam mir zum ersten Mal äußerlich in gewissen -Schlagworten wie „Affenmensch“ nahe, als in meinem Elternhaus die -Falstaffgestalt Karl Vogts auftauchte. Er reiste schon in Darwinismus, -hielt zwischen einem Menschen- und einem Gorillageripp seine bekannten -geistsprühenden Vorträge und war nebenher nicht abgeneigt, sich die -brave volkstümliche und wissenschaftliche Arbeit durch reichliche -Festessen versüßen zu lassen, was er dann wieder seinerseits mit -den köstlichsten Bonmots vergalt. Das war noch der Darwinismus der -sechziger Jahre, für Vogt genau damit abgegrenzt, daß er nach 1870 -als öffentlicher Redner sich aus politischen Gründen nicht mehr in -Deutschland hat sehen lassen.</p> - -<p>In dieses erste Jahrzehnt weisen noch die vier ersten Vorträge des -ersten Haeckelschen Bandes. Mit dem frühesten, am 19. September 1863 -auf der Naturforscherversammlung in Stettin gehalten, setzte die -Entwickelungslehre in Deutschland ein. Die alten Schul-Zoologen und --Geologen schüttelten die Köpfe, als der hübsche junge Herr aus Jena -mit dem Blondkopf und den strahlenden Blauaugen in hohem Stimmton eine -neue Ära für eingeleitet erklärte. Das zähle in eine Sorte mit der -berüchtigten Od-Lehre und anderem spiritistischen Unfug, meinten sie, -daß Arten sich verändern könnten und wohl gar der Mensch vom Affen -abstammen solle! Unter den Kollegen aber saß damals Virchow und stimmte -mit Haeckel. Bloß für das menschliche Bewußtsein wollte er schon ein -Separatkonto gewahrt wissen, die natürliche Entwickelung gab er ruhig -zu.</p> - -<p>Drei Jahre darauf erschien Haeckels bestes biologisches Werk, die -„Generelle Morphologie“, so schwer für den Laien aus Fachgründen, -daß es dort niemand las, und so fremdartig für den Fachgelehrten -aus philosophischen Gründen, daß es dort nahezu niemand verstand. -In einer guten Stunde aber schmuggelte nochmals zwei Jahre später -Haeckel seine<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> ketzerischsten und verwegensten Ideen in ganz schlicht -populärer Form an einem Orte ein, wo man sie am wenigsten vermutete: -in der Virchow-Holtzendorffschen „Sammlung gemeinverständlicher -wissenschaftlicher Vorträge“. Es sind die Nummern II und III des neuen -Buches: „Über die Entstehung des Menschengeschlechtes“ und „Über den -Stammbaum des Menschen“.</p> - -<p>Darwin hatte sich gerade über dieses heikelste Thema noch nicht -entscheidend geäußert. Auch jetzt war es aber noch Virchow selbst, -der ohne jeden Skrupel das bedenkliche Manuskript passieren ließ, ja -sogar Haeckel persönlich seine Freude darüber aussprach. Auf alle -Fälle war der Ort, wo die Bombe sich diesmal barg, in der allgemeinen -Geltung der denkbar harmloseste. Diese Hefte waren ob ihres friedlichen -Deckschildes tatsächlich das erste von Haeckel, was ich als Junge in -die Hand bekam und wirklich las.</p> - -<p>Inzwischen war die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ rasch nachgefolgt, -in der ersten, noch kalenderhaft primitiv illustrierten Ausgabe. Zu -ihrer Lektüre bildeten wir als Gymnasiasten einen Geheimbund mit den -rigorosesten Satzungen wie Vehme oder Freimaurer. In der verborgenen -Hinterstube einer ziemlich anrüchigen Kölner Bierwirtschaft hielten -wir Sitzungen ab, deren Mittelpunkt „das Buch“ bildete, mit seinen -Embryo- und Monerenbildern, seinen Kühnheiten gegen Himmel und Kirche -(wir wurden zwischendurch konfirmiert!), nebenbei tranken wir das erste -verbotene Glas Wirtshausbier, was den Reiz der Situation erhöhte. -In den Debatten aber steckte eine jugendlich-frische Inbrunst der -Anteilnahme an einem jäh eröffneten unendlichen Gedankenreich, daß ich -mich heute noch an der Erinnerung wärme und mit Dank auf diesen kleinen -Kreis echter „Leser“, wie man sie Büchern wünscht, zurückschaue.</p> - -<p>Das waren die siebziger Jahre des Darwinismus.</p> - -<p>Die Vorträge Haeckels über „Zellseelen und Seelenzellen“, „Perigenesis -der Plastidule“, „Urkunden der Stammesgeschichte“ und „Ursprung und -Entwickelung der Sinneswerkzeuge“ in der<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Sammlung gehören alle -hierher. Den letzteren Vortrag hielt Haeckel auch einmal in Köln.</p> - -<p>Der Kulturkampf hatte in der Stadt der Kirchenglocken eine mächtige -darwinfreundliche Strömung geschaffen; nicht nur Schüler, sondern -auch eisgraue Oberlehrer fingen an, der neuen Ketzerei zu folgen. -Unser Religionslehrer an einem Kölner Gymnasium, ein trefflicher, -hochgebildeter Mann, gab sein Amt auf, da er sich zum Darwinismus -bekehrt hatte, und wesentlich durch Anteilnahme tüchtiger Gymnasial- -und Realschullehrer entstand der naturwissenschaftliche Verein, der -Haeckel zu einem Vortrag einlud. Hier habe ich ihn zum erstenmal -gesehen. Wir wunderten uns, daß der „junge“ Darwinianer schon einen -Anflug von grauen Haaren hatte, er hatte schon ein ernsteres Stück -schwerer Lebenspilgerschaft hinter sich, als wir ahnten. Aber er machte -doch auch ein paar gute Witze, wie es immer seine Art gewesen ist, -bis in die „Welträtsel“ hinein, wo es ihm als besonders frivole Sünde -angekreidet worden ist. Glücklich, wer auf solcher Vorpostenstellung in -vier Jahrzehnten wildesten Kampfes gegen alle Sorten roher und feiner -Geschosse die Naturgabe hat, daß ihm der gutmütige Gelegenheitswitz -nicht ausgeht! Damals warf er mitten im tiefernsten Vortrag die Frage -hin, ob die Wagnersche Musik uns wohl neue Gehörwerkzeuge anzüchten -werde. Der dicke Komponist Ferdinand Hiller, der schon die Wassersucht -hatte und nur mühsam, aber tapfer im Saale aushielt, lachte sich -zu Tränen darüber. Es ist lange her heute, man fühlt es in jeder -Kleinigkeit.</p> - -<p>Am Ende dieses Jahrzehnts steht dann der große Zwist mit Virchow -auf der Naturforscherversammlung in München. Auch zu ihm liegen die -Dokumente jetzt für Haeckels Seite vollzählig in dem zweiten Bande der -Sammlung: zuerst der Vortrag „Über die heutige Entwickelungslehre im -Verhältnis zur Gesamtwissenschaft“, dann die ganze Streitschrift „Freie -Wissenschaft und freie Lehre“ mit ihren sieben Kapiteln und ihrem -Anhang.</p> - -<p>Die Dinge hatten auf dieser Zeithöhe wieder ein etwas anderes Gesicht. -Die Kirchenangst war allgemein für eine<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Weile auch bei den zartesten -Gemütern zurückgetreten. Dafür begann jetzt die Sozialistenangst zu -herrschen. Die Frage kam, ob nicht jeder Darwinianer schließlich „gar -ein Sozialdemokrat“ werden müsse. Virchow warf das in seiner Münchener -Rede so hin, wie den gelegentlichen Einfall einer schlaflosen Nacht. Er -wußte aber gut genug als alter Praktiker, wie sehr er damit ein Signal -gebe: das Signal für eine ganz neue Sorte Reaktion dem Darwinismus -gegenüber. Der Darwinismus staatsgefährlich, gesellschaftsgefährlich! -Das wurde plötzlich Parole, und es wird immer fatal in der Geschichte -der modernen Naturforschung bleiben, daß ein Naturforscher grade die -Stirn gefunden hatte, diese Parole auszusprechen zu einer Stunde, da -selbst die reaktionärsten Kreise außerhalb der Naturforschung sich -<em class="gesperrt">so weit</em> noch nicht getraut hatten.</p> - -<p>Für mich selbst setzte es einige Jahre später wie eine Offenbarung -ein: welche wunderbare Anteilnahme sich bei der Arbeiterschaft -für darwinistische Probleme zeigte. Ich lernte das kennen bei den -Vorträgen über Entwickelungslehre, die ich Jahre hindurch in Berliner -Arbeitervereinen selbst gehalten habe, vor ungezählten Massen immer -neuer Zuhörer und immer vor einem gleich dankbaren und aufmerksamen -Publikum.</p> - -<p>Dem eigentlichen politischen Wirken stets fern, verzeichne ich diese -Tatsache gerade erst recht als eine der erfreulichsten Erfahrungen -meines Lebens. Sie bewies natürlich nicht, daß Darwinismus und -Sozialdemokratie identisch seien, aber sie war ein Beweis für -das unaufhaltsam machtvolle Aufblühen eigener Geisteskeime und -Geistesbedürfnisse in der Arbeiterschaft in diesen Jahren. Eine -neue Schicht Menschen begann nachzudenken über die Welt, über sich -selbst, über Bedingungen wie Möglichkeiten ihres Daseins. In solcher -Stimmung und Stunde führt jedes beliebige Material, das aus der freien -Geisteswerkstatt kommt, zu freieren Ausblicken und hilft schließlich -mit zu aktiven Freiheitsbewegungen, mag auch der stille Denker im -Kämmerlein noch so wenig daran gedacht haben. Wie sollte die große -Lehre es nicht tun, die von einem unaufhaltsamen Flusse aller Dinge -sprach, eine Entwickelung predigte,<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> die Sonnen und Planeten und den -Menschen selbst gebaut hatte?</p> - -<p>Diese Erlebnisse geben mir in der Rückschau heute ein so lebhaft -jungfrisches Bild, daß es mir Mühe macht, mich in die Greisenhaftigkeit -jener Virchow-Aussprüche gerade für diese Jahre auch nur noch -historisch hineinzufinden. Was Haeckel damals geantwortet hat und was -für Polemik sich an seine Definition des Verhältnisses von Darwinismus -und Sozialdemokratie wieder anknüpfte, braucht heute nicht wiederholt -zu werden. Er hat es nach vierundzwanzig Jahren wörtlich wieder so -abdrucken lassen, und im Grunde mit Recht. Es hat heute auch den Wert -eines historischen Aktenstücks. Und der schärfste Gegner findet ja auch -den Satz wieder mit abgedruckt: „Ich bin nichts weniger als Politiker.“</p> - -<p>Ich blättere noch ein paar Seiten in dem zweiten Bande weiter und -zugleich ein paar in meiner Erinnerung.</p> - -<p>Das achtziger Jahrzehnt ist in der Sammlung nur vertreten durch den -Vortrag auf der Eisenacher Naturforscher-Versammlung von 1882 über „Die -Naturanschauung von Darwin, Goethe und Lamarck“. Fünf Monate vorher -war der alte Darwin gestorben. Der Darwinismus stand im Zeichen seiner -Siegessonne. In diesem Augenblick interessierte nur noch als Sensation, -wie weit Darwin selber in den äußersten Konsequenzen mitgegangen sei. -Das Zugstück dieser Rede war also eine Briefstelle, in der der Alte -von Down den Begriff der „Offenbarung“ mit kühler Gelassenheit über -Bord warf und die Unsterblichkeit der Seele unter die „widersprechenden -unbestimmten Wahrscheinlichkeiten“ verwies.</p> - -<p>In diesen achtziger Jahren brannte aber an einer ganz anderen Ecke des -geistigen Lebens ein Leuchtfeuer für sich auf: die naturalistische -Bewegung in der Kunst. Am Schlusse des Jahrzehnts führte sie zu -stürmischen Theaterszenen, — bei der armseligen Rolle, die das Theater -heute bei uns leider spielt, an und für sich Stürme im Glase Wasser. -Aber auch hier brach das Politische, die soziale Färbung der Zeit, sich -Bahn. Über die Bühne rauschten die „Weber“, aus der naturalistischen<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> -Bühne für neue Kunst entwickelte sich für eine Weile die Zeitschrift -„Freie Bühne“, die wenigstens für ein paar Jahre den Versuch machte, -weit über das Litterarische hinauszugreifen. Hier, bei der Leitung -dieser „Freien Bühne“, die ein unruhiges, aber doch an Anregungen -reiches Kapitel für mein eigenes Leben bedeutet, bin ich wieder stark -mit Haeckel in Berührung gekommen.</p> - -<p>Diesmal hatten sich persönliche Beziehungen angesponnen, die ungetrübt -dauern sollten, mir zu reichem Gewinn, denn jenseits all seiner -Leistungen, wie sie die Bücher geben, und jenseits alles Streites -um diese Meinungen steckt in Haeckel ein Persönlichkeitszauber, den -alle empfunden haben, denen er je einmal die Hand gedrückt hat. -Viele Dinge haben in ihm zusammengewirkt: das kleine Jena und die -ungeheure Tropenferne, die seine Reisen ihm erschlossen, die Linie -strenger Gelehrtenarbeit und die Arabeske des Künstlertemperamentes, -das Schlichte eines halben Menschenlebens vor dem Mikroskop und die -Romantik einer solchen Geistesrevolution, wie sie der Darwinismus -in die Zeit warf, der Ernst eines einsamen Vorkämpfers für ein -selbstgestelltes Programm über die höchsten Dinge des Himmels und der -Erden und die burschikose Studentenheiterkeit bis unters weiße Haar.</p> - -<p>Von den beiden Aufsätzen, die Haeckel damals für die „Freie Bühne für -den Entwickelungskampf der Zeit“ geschrieben hat, hat besonders der -erste: „Die Weltanschauung des neuen Kurses“ starkes Aufsehen gemacht. -Wieder einmal hatte die Front sich etwas verschoben: die Kirche wurde -von oben begünstigt. So sind die Dinge hin- und hergependelt in den -vierundzwanzig Jahren, immer wieder mit anderen Gesichtern gegen den -Darwinismus, aber im Grunde immer die gleichen Feinde.</p> - -<p>Es hatte wenig Aussicht, zum Frieden läuten, während die Parteiwellen -gegeneinander brandeten. In jenen „Freie Bühne“-Jahren wurde in -Berlin die Gesellschaft für „Ethische Kultur“ gegründet, von ethisch -und intellektuell hochstehenden Männern, deren Liebe nicht bloß eine -klingende Schelle war,<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> aber mit einem praktischen Unstern, der bis -heute darüber geblieben ist und auch aus gewissen innersten Gründen -meiner Ansicht nach bleiben mußte.</p> - -<p>Die Kunde davon ging aber damals weit herum. Auch Haeckel kam von Jena -herüber und hoffte. Doch schon die Anfangsverhandlungen stießen ihn -ab. Man konnte sich über seine Weltanschauung schließlich streiten -— aber was sollte er in einem Kreise, wo es von der Weltanschauung -überhaupt hieß, daß man von ihr in der Praxis absehen könne und daß es -eine „absolute Ethik“ zu finden gälte, die auf alle verschiedensten -Weltanschauungen passe, — auf den Jesuitismus schließlich wie auf das -Glaubensbekenntnis Goethes oder die Toleranzlehre Lessings? Es war -nicht Haeckel allein, der die Existenzmöglichkeit dieses ethischen -Universalzugtiers bestritt.</p> - -<p>Aber eine gewisse Sehnsucht nach Vertragen, nach Frieden kennzeichnet -doch auch bei ihm den Eintritt in das vierte Jahrzehnt des Darwinismus, -die neunziger Jahre.</p> - -<p>Aus ihr heraus ist, unabhängig von der „Ethischen Kultur“-Bewegung, -das „Glaubensbekenntnis eines Naturforschers“ entstanden, das zuerst -in der „Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes“ zu Altenburg -1892 abgelegt wurde und das mit den Worten schloß: „Das walte Gott, -der Geist des Guten, des Schönen und der Wahrheit“. Für Haeckel war -es das Maximum, was er an Versöhnlichkeit von seinem Naturell und -Standpunkt aus geben konnte. Zum Lohne der guten Absicht und zur Kritik -der unabhängigen Ethik ist es mehr und gröber befehdet worden als -frühere Schriften weit polemischeren Inhalts. Und die Gegenstimmung -von dieser Ecke hat dann wieder viel mitgewirkt bei dem herben Ton des -nachfolgenden Buches „Die Welträtsel“.</p> - -<p>Dieses Werk bildet den Abschluß gewiß nicht des Darwinismus, aber in -mancher Hinsicht doch wirklich seiner ersten Vierzigjahresepoche in -ihrer entscheidendsten philosophischen Färbung. Ich beurteile es hier -absichtlich nicht, die großen Fragen mögen für sich selbst sprechen, -so und so. Aber ich<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> meine, daß es <em class="gesperrt">einen</em> Zug hat, den ihm -Freund <em class="gesperrt">wie</em> Feind in der Folge danken werden. Die konsequente -Klarheit meine ich, mit der eine ganz bestimmte Weltanschauung darin -bis auf das letzte Tipfelchen herausgearbeitet ist. In einer Reinheit -der Linienführung, die ich so bei keinem zweiten Naturforscher und -Naturphilosophen unserer Zeit kenne, gibt sich Haeckel als das, was er -sein will.</p> - -<p>Es erscheint sein Zug zum Materialismus, der doch vom gewöhnlichen -Schulmaterialismus sich wieder eigenartig abhebt durch seine Schwenkung -in der Seelenfrage zum Panpsychismus, zur Urbeseelung der Materie. -Es erscheint seine unbedingte Verwerfung dessen, was sich heute für -„christliche“ Philosophie ausgibt, und seine individuelle Abneigung -wenigstens gegen alle kühneren Feldzüge der rein spekulativen -Erkenntnistheorie auch außerhalb der christlichen Dogmatik. Mögen heute -die Leute sagen, Haeckel sei gar kein Philosoph. In der Dauergeschichte -der menschlichen Geistesarbeit haben sich von jeher nicht die Werke an -hellster Stelle gehalten, die am meisten reine Wahrheit enthielten. Wer -wollte das auch schon nach so kurzen Fristen, wie sie unsere Geschichte -gibt, abwägen. Und die alte Pilatusfrage lebt immer noch: Was ist -Wahrheit? ...</p> - -<p>Aber immer sind es <em class="gesperrt">die</em> Werke gewesen, die irgend ein System der -Welterklärung ganz klar <em class="gesperrt">dargestellt</em> haben, es herausgearbeitet -haben zum blanken Kristall, daß fortan jeder darnach greifen konnte -wie nach einem Hausgerät, so oft er darnach greifen <em class="gesperrt">wollte</em>. Und -das hat Haeckel gemacht, es gibt seinen Werken den monumentalen Bezug -zum Geschichtlichen, es erhebt sie zu Quellen, die dermaleinst Freund -<em class="gesperrt">und</em> Feind als solche schätzen werden.</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 id="gegen_Darwin" title="Was wollt ihr gegen Darwin setzen?"> </h2> - -</div> - -<p>Was wollt Ihr an die Stelle der darwinistischen Grundideen setzen? -Immer kann es doch nur eine Vertiefung sein, die das Große, was da -geleistet worden ist, voraussetzt und<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> anerkennt, um <em class="gesperrt">dann</em> -weiterzukommen, — und nicht eine wirkliche Umkehr.</p> - -<p>Umkehr, — ja wohin?</p> - -<p>Unter meinen Papieren finde ich ein altes Blatt, das ich mir selber als -Mene Tekel gelegentlich aufgezeichnet habe.</p> - -<p>Heute habe ich Lust, es noch einmal ganz zu veröffentlichen, — als -ein Kapitelchen, klein aber mein, zu diesem großen Schlagwort Umkehr. -Inhaltlich ist es entschieden noch nicht vergilbt.</p> - -<p>Es ist das Protokoll einer eigenen Sitzung mit dem Medium Valeska -Töpfer aus den achtziger Jahren, wie ich es mir selber zu späterer -Kontrolle und Beruhigung damals sofort niedergeschrieben.</p> - -<p>Sachliches Interesse für alles, was mit Weltanschauungsfragen -zusammenhängt, und der Wunsch zugleich, für eine bestimmte dichterische -Arbeit Stoff zu sammeln, veranlaßten mich damals zu Studien über den -Spiritismus. Was ich sonst da an Materialien erlangt, ist in meinem -Roman „Die Mittagsgöttin“ (Zweite Auflage, 1902, im Verlage von Eugen -Diederichs in Leipzig) enthalten und kritisch verarbeitet. Diese -Töpfer-Sitzung aber blieb als solche dort unbenutzt.</p> - -<p>Sie ist auch kein „großer Fall“.</p> - -<p>Trotzdem glaube ich, daß sie gerade mit ihren ganz <em class="gesperrt">schlichten</em> -Angaben einen gewissen Beitrag zur Klärung bieten kann.</p> - -<p>Sie führt in die Anfangsgründe dieser Dinge ein — wenn aber irgendwo, -so gilt vom Spiritismus dieser groben Art der Satz: Es ist nur der -erste Schritt, der etwas kostet.</p> - -<p>Ich lasse den Wortlaut genau so, wie er damals niedergeschrieben wurde.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Unsere spiritistischen Wortführer behaupten zwar mit besonderer -Energie, jedem Zweifler werde täglich an allen möglichen Orten -ausreichend Gelegenheit gegeben, Augenzeuge der seltsamsten und -überzeugendsten Geistermanifestationen zu werden, man brauche nach dem -Worte Richard Wagners „nur<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> zu wollen“ und man werde schon die neue -Kunst sehen. In Wahrheit ist es nicht ganz so leicht, als irrende Seele -im Chaos einer Weltstadt wie Berlin die Pforte einer Gespensterkammer -aufzuspüren; Vereine für diese Sachen sind ja vorhanden und lassen -sich auch finden, aber man ist dort unter Gläubigen und entbehrt der -wichtigsten Freiheit: in bekannten Räumen und im Verein mit Freunden, -auf die man vollkommen rechnen darf, Experimente anzustellen.</p> - -<p>Der Zufall ist in solchem Falle der Glücksgott.</p> - -<p>Er ließ mich und ein paar gleichgesinnte Freunde einen Mann finden, -der, selbst begeisterter Jünger der neuen Lehre, uns trotz unsrer -zugestandenen Skepsis mit vollendeter Liebenswürdigkeit seine geräumige -Wohnung zur Verfügung stellte, viele Nachmittage seiner kostbaren Zeit -— er war ausübender Künstler von Beruf — widmete und schließlich die -Bekanntschaft eines weiblichen Mediums verschaffte, von dem ich nach -späteren Erfahrungen nicht annehmen darf, daß es von uns allein ohne -eine Verstellungskunst, die wir kaum besessen haben dürften, hätte -gewonnen werden können.</p> - -<p>Unser freundlicher Gastgeber, den ich O. nennen will — der Name tut -ja nichts zur Sache — war noch nicht lange Spiritist, aber er war mit -desto glühenderem Eifer bei der Sache. Seine Bibliothek umfaßte die -spiritistische Literatur in einer Vollzähligkeit, wie ich sie noch -nicht in Privatbesitz gefunden, und seine Kenntnis der „Theorie“ war -eine entsprechend erschöpfende.</p> - -<p>Dazu kam der praktische Stolz, selbst ein werdendes Medium zu sein.</p> - -<p>Es war ihm das von einem alten Manne, der die Rolle eines Taxators in -mediumistischen Kräften zu spielen schien und die Stärke eines jeden -für solche Leistungen in Ziffern anzugeben wußte, ausdrücklich zugesagt -worden. Und Ereignisse seines früheren Lebens schienen diese Diagnose -zu bestätigen.</p> - -<p>Er berichtete, daß seine Hände nicht nur den Pinsel zu führen -verständen, sondern nicht selten auch eine<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> übernatürliche „Führung“ -hätten, bei der sein Wille aufhöre und die Finger Bewegungen, Griffe -und Stöße ausübten, die vollkommen „unbewußt“ seien.</p> - -<p>Uns war es, nachdem die Bekanntschaft einmal gemacht war, -selbstverständlich vor allem um Vorführung eines ausgereiften, -einwandfreien Mediums selbst zu tun, und er versprach auch diese zu -bewerkstelligen, da er ein starkes weibliches Medium, das bereits -Hellenbach und Zöllner ins nachhaltigste Erstaunen versetzt, kenne und -besuche. Vorher aber müßten wir eine Reihe einleitender Sitzungen mit -ihm allein abhalten, da erst ein „magnetischer Austausch“ stattfinden, -ein harmonischer Kreis geschaffen werden müsse.</p> - -<p>Da er selbst schon das Medium in sich wachsen fühlte und möglicherweise -auch in uns unerwartete Keime zu einem solchen stecken konnten, so -war die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß auch in diesen vorläufigen -Studiensitzungen bereits seltsame Sachen aus dem Gebiete jener „Mehr -Dinge“ sich ereignen würden.</p> - -<p>Vor Beginn des ersten Experiments wurden große weiße Bogen mit -Geisterschrift vorgezeigt, die aus Sitzungen bei jenem weiblichen -Medium (eben der heute noch vielgenannten und bekannten Frau Valeska -Töpfer) stammten, denen O. beigewohnt hatte.</p> - -<p>Die Wahrheit der Sache zugestanden, eröffnete sich hier anscheinend -ein neues Forschungsgebiet für die Goethe-Philologie, nämlich -die transcendentale Goetheforschung. Die Blätter waren mit der -Unterschrift des Altmeisters versehen, eine gewisse Verwandtschaft -mit echten Autographen ließ sich nicht leugnen, nur fand sich die -Schreibweise des Namens mit ö statt mit oe, die bekanntlich Goethe -selbst nicht anwandte. Der Inhalt der Offenbarung selbst war leider der -allertieftraurigste Blödsinn; Goethe mußte zur Strafe seiner Sünden -wohl im spiritistischen Jenseits vollkommen versimpelt sein oder sich -der Flasche ergeben haben.</p> - -<p>Das zweite, was uns vorgelegt wurde, war ein viereckiges, sehr dünnes -und gebrechliches Holzkästchen ohne Boden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span></p> - -<p>Solche Kästchen und Pappschachteln sind der Theorie nach gewissermaßen -die Tür des Geisterlandes. Sobald Menschen mit hinreichender -mediumistischer Veranlagung ihre Hand lose darauflegen, öffnet sich -diese Tür, die bereitstehenden Geister fahren in das Kästchen, lassen -es nach Belieben auf einer größeren Tischplatte herumkriechen und -beantworten Fragen vermittelst hörbarer Klopflaute im Holz oder -regelmäßigen Auftickens der einen Seite des Kästchens bei schwebender -Stellung an der Tischkante.</p> - -<p>Der Dinge harrend, die da kommen wollten, nahmen mein Freund Bruno -Wille, unser freundlicher Gastgeber O. und ich zunächst jetzt am Tische -Platz und legten unsre sechs Hände lose auf das Deckbrett der Schachtel.</p> - -<p>Lange Zeit ereignete sich absolut nichts.</p> - -<p>Die bunte Ausstattung des Ateliers um uns her mit ihren fertigen und -halbfertigen Studienköpfen, Staffeleien und Paletten versank allmählich -in Dämmerung.</p> - -<p>Die Spannung bei uns war trotz aller Vorurteile immerhin eine ziemlich -bedeutende.</p> - -<p>Zuweilen, wenn einer von uns sich etwas bewegte, krachte das Kästchen.</p> - -<p>O. geriet dann in lebhafte Erregung, beschrieb wilde Kreise mit den -Händen in der Luft, um den magnetischen Strom überzuleiten, und begann -schließlich in einer Weise mit der Holzschachtel zu reden, als handle -es sich allen Ernstes um ein lebendiges Wesen. „Liebes Kästchen, willst -Du uns etwas sagen? Bitte, bitte, liebes Kästchen, sei so gut, antworte -uns, bewege Dich, rücke auf einen von uns zu, den Du auszeichnen -willst“ etc.</p> - -<p>Dann, und, nachdem inzwischen auch noch die Gebrüder Heinrich und -Julius Hart erschienen waren und damit unser Beobachterkreis vollzählig -geworden, begannen denn allerdings die ersten seltsamen Vorgänge, alle -für heute lokalisiert auf das bewußte Kästchen.</p> - -<p>Ich will sie zunächst bloß dem Tatsächlichen gemäß beschreiben<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> und die -aufklärenden Bemerkungen, die ich machen kann, zusammenhängend folgen -lassen.</p> - -<p>Die Schachtel fängt also an, sich unter unseren Händen zu bewegen, nach -rechts, nach links, bald rascher, bald langsamer, bald auf Momente -wie angenagelt verharrend, um dann in kurzen krachenden Stößen wieder -weiter zu rücken — endlich kommt es zu einer tollen Wirbelbewegung, -der die einzelnen kaum folgen können.</p> - -<p>Nachdem diese Sache so glänzend gelungen, versucht die vergrößerte -Kette den ganzen Tisch zu bewegen, was aber mißlingt.</p> - -<p>Freund O. pocht wiederholt kräftig auf den Deckel des Kästchens und -wenn dann alles hinhorcht, um antwortende Klopflaute zu vernehmen, so -hört man mehrfach ein unendlich feines Knistern im Holz.</p> - -<p>Nun wird mit dem Kästchen experimentiert, um zu ergründen, ob es unter -den Händen auf einen in der Kette (etwa ein besonderes starkes Medium) -über den Tisch wegkriechen könne.</p> - -<p>Es rutscht in der Tat auf mehrere zu, zuletzt besonders nachdrücklich -auf mich, und klappt mehrfach an der Tischkante auf. Nach O.s -Interpretation bedeutet das einen „Geistergruß“.</p> - -<p>Nunmehr soll ein Anwesender, der nicht in der direkten Kette ist, also -die Hände nicht auf dem Kästchen liegen hat, sich einen in der Kette -Befindlichen denken, zu dem die Geisterschachtel hinrücken soll.</p> - -<p>Neben mehreren mißlungenen Versuchen tritt ein eklatantes Gelingen ein -in einem Falle, wo Heinrich Hart in Gedanken seinen Bruder Julius als -den Betreffenden bezeichnet hat und das Kästchen tatsächlich und mit -förmlicher Leidenschaft auf Julius zusteuert.</p> - -<p>Der Höhepunkt der Sitzung wird schließlich erstiegen, als die -Holzschachtel sich hartnäckig an der Tischkante in schräg schwebender -Lage festsetzt. O. stellt in gesellschaftshöflicher Form die laute -Anfrage an den Geist, ob er uns jetzt bestimmte<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> Fragen durch Aufticken -beantworten wolle. Das Kästchen schwankt gegen die Tischplatte herunter -und tickt sehr vernehmbar dreimal auf. Drei Schläge bedeuten im -spiritistischen Geistervolapük „Ja“!</p> - -<p>Die Frage wird also gestellt: „Wovon wirst Du bewegt?“</p> - -<p>Einer zählt das Alphabet, immer von neuem anhebend, laut her, und -jedesmal tickt bei irgend einem Buchstaben das Kästchen dreimal mehr -oder minder stark auf, so daß der Satz zustande kommt: „Von Geist -Heochios.“</p> - -<p>Die Anwesenden ergehen sich mit ganzem Aufgebot ihrer philologischen -Kenntnisse in den kühnsten Hypothesen über den Ursprung dieses Namens.</p> - -<p>Auf die neue Frage „Woher?“ antwortet der Geist in der Schachtel: „Aus -Südosten.“ Bei dem Wunsche, den genaueren Namen des Landes zu hören, -kommt noch ein M., dann scheint die Leitung gestört, und es erfolgt -nichts mehr.</p> - -<p>Man versucht also neue Experimente.</p> - -<p>Ich selbst stelle im Nebenzimmer den großen Zeiger meiner Uhr auf -die Ziffer drei, und das Aufticken des Kästchens ergibt für die -Experimentierenden im andern Raume richtig „drei“.</p> - -<p>Ein zweiter analoger Versuch, bei dem O. seine Uhr nebenan auf zehn -stellt, mißlingt allerdings, indem der Kasten auch diesmal nur drei -Schläge tut.</p> - -<p>Gegen 9 Uhr abends wird die Sitzung infolge äußerster Erschöpfung aller -Anwesenden abgebrochen.</p> - -<p>So das Protokoll, das von O. in ähnlicher Fassung festgestellt und -auf seinen Wunsch von sämtlichen Zeugen als richtig anerkannt und -unterschrieben worden ist.</p> - -<p>Nun einige kritische Bemerkungen dazu.</p> - -<p>Die Beschaffenheit der äußeren Umstände brachte es mit sich, daß es -sich für mich bei dieser ersten Probesitzung in keiner Weise um eine -„Entlarvung“ handeln konnte. Bei den bedenklichen Dingen, die mir O. -von den Experimenten seiner Frau Töpfer erzählte, mußte ich allerdings -an bewußte Täuschung seitens des Mediums denken, wenn gewöhnliche<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> -Erklärungen zulässig sein sollten. Bei unsrem Freunde selbst aber -konnte lediglich unbewußte Selbsttäuschung ins Spiel kommen. Diese galt -es zu beobachten und das erforderte ein sehr vorsichtiges Prüfen.</p> - -<p>Während jener ersten halben Stunde, in der, wie erzählt, durchaus -nichts sich ereignete, das Kästchen vielmehr regungslos unter den sechs -Händen von Wille, O. und mir lag, hatte ich hinlänglich Zeit, mir über -einen gewissen Feldzugsplan klar zu werden.</p> - -<p>Wenn das Kästchen sich ohne mein Zutun bewegte, so war dreierlei -möglich; entweder es mischte sich wirklich eine fremde Kraft, sagen wir -also einmal, ein „Geist“, in die Sache; oder winzige, mit Bewußtsein -nicht kontrollierbare Zuckungen und Druckdifferenzen aller Beteiligten -brachten in der Weise, wie längst von Physikern (Faraday z. B.) das -Tischrücken erklärt worden ist, allmählich eine Bewegung zustande; oder -Freund O. arbeitete im leidenschaftlichen Drange, Bewegungen bestimmter -Art zu sehen, ohne eigenes Wollen mit und dirigierte den Kasten.</p> - -<p>Von Wille durfte ich annehmen, daß er vollkommen passiv blieb und bloß -vermöge der größeren Schwere seiner Hände den zweiten Fall beeinflussen -konnte.</p> - -<p>Nun zeigte sich lange Zeit überhaupt nichts. Geister schienen nicht -da zu sein, jene unwillkürliche Muskelbewegung (die ich bei späteren -Gelegenheiten, wo Wille und ich allein experimentierten, in voller -Wirkung gesehen habe) ließ sich wenigstens für diesen Anfang noch nicht -verspüren.</p> - -<p>Nunmehr stellte sich bei mir folgender Gedankengang ein.</p> - -<p>Es war psychologisch unwahrscheinlich, daß die Selbsttäuschung bei -O. so weit gehen würde, daß er selbständig das Kästchen zu schieben -begann. Dagegen sprach alles dafür, daß er, wenn einmal die geringste -Bewegung sich gezeigt, die Herrschaft über seine Hände so weit -verlieren würde, daß er jetzt auch aktiv eingriff.</p> - -<p>Ich beschloß also, einen Anstoß zu geben, gleichsam als psychologische -Falle, und ich hatte dabei zugleich ein lebhaftes<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> Interesse an -Feststellung der größeren oder geringeren Leichtigkeit, mit der man -absichtlich eine Bewegung hervorbringen könne.</p> - -<p>Die Leichtigkeit, so zeigte sich sofort, war die denkbar größte.</p> - -<p>Ich brauchte nur den minimalsten Seitendruck mit der Fläche irgend -eines Fingers auszuüben, so rückte der Kasten. Mir selbst war -es vollständig unmöglich, an der Oberseite meiner fest auf dem -Deckel schwebenden Hände irgend welche Bewegung bei diesem Drücken -wahrzunehmen. Drückte ich mit dem kleinen Finger der linken Hand, so -rutschte das Kästchen nach rechts, und umgekehrt.</p> - -<p>Für O. aber hatte ich absolut richtig gerechnet. Sobald einmal die -Bewegung da war, fühlte ich das lebhafteste Mitarbeiten von seiner -Seite her.</p> - -<p>Ich konnte nun die eigenen Hände ganz aufheben, das Kästchen lief doch, -und bei der Leidenschaft, die unsern Freund ergriffen, sah man sogar -deutlich jetzt das Arbeiten seiner Hand darauf.</p> - -<p>Je schneller der Kasten lief, desto mehr fühlte ich selbst, wie die -Entscheidung, ob ich drückte oder bloß folgte, immer schwerer wurde, -und da es den übrigen Teilnehmern ebenso ging, so hat von einem -bestimmten Punkte ab, wo die Kette größer war, zweifellos jeder bald -mitgeschoben, bald im Wunsche, nicht zu schieben, sondern bloß zu -folgen, unbewußt gehemmt oder dem Gange eine neue Richtung gegeben. -Vollends beim Kreisen der Schachtel kreisten alle Arme und Hände -unwillkürlich derartig mit, daß man die Schachtel getrost hätte -wegnehmen können und doch noch einen Augenblick unsre leeren Hände wie -toll hätte durch die Luft herumwirbeln sehen.</p> - -<p>So viel zur Erläuterung des „Ur-Phänomens“, wie es Goethe genannt haben -würde.</p> - -<p>Nun zu Einzelheiten.</p> - -<p>„Geklopft“ hat es in dem Kasten niemals. Das kam in klassischer -Vollendung erst bei der später zu schildernden Sitzung<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> mit jenem -echten Medium vor, und hier ist es uns zweifellos geworden, daß -bewußter Betrug im Spiele war.</p> - -<p>Ein Knistern und Krachen im Holze ließ sich dagegen wiederholt -vernehmen, ich konnte es ebenso wie die Bewegung in jedem beliebigen -Moment durch bewußte Konzentrierung des Druckes erzeugen, und von den -andern ist es unbewußt mehrfach auf die gleiche Weise hervorgebracht -worden.</p> - -<p>Wenn Freund O. mit ziemlich bedeutender Kraft seines Zeigefingergelenks -auf den ohnehin an einer Stelle brüchigen Kasten schlug, so war es -durchaus kein Wunder, wenn beim folgenden Hinhorchen ein schwaches -Knistern in den sich wieder aufrichtenden Fasern des dünnen Deckels dem -Ohre bemerkbar wurde.</p> - -<p>Das Hinrutschen der Schachtel zu irgend einem der Anwesenden ist -mehrmals von mir selbst bewußt beeinflußt worden.</p> - -<p>In andern Fällen hat jedenfalls unbewußtes Ziehen einzelner -stattgefunden, da bei noch soviel Skepsis doch der eine oder der andere -im entscheidenden Moment, wo es sich darum handelte, wen der Geist -für das größte anwesende Medium erklären werde, im Zwange der kleinen -harmlosen Eitelkeit stand, er selbst möchte der Erwählte sein.</p> - -<p>Den eklatanten Treffer, daß Julius Hart, den der außerhalb des -Kreises stehende Heinrich sich in Gedanken ausgewählt hatte, vom -Kästchen begrüßt wurde, verdankte man lediglich mir; bei so wenigen -Möglichkeiten war das zufällige Treffen leicht genug gemacht, und ich -hatte auf das Nächstliegende, den Bruder, geraten.</p> - -<p>Nachdem ich nun in der genannten Weise genügend auf eigene Faust in die -Phänomene hineinexperimentiert, beschloß ich, für den Rest der Sitzung -bloß noch zu beobachten, und nahm der schärferen Kontrolle wegen an den -nächsten Experimenten überhaupt nicht mehr aktiv teil. Ich schützte -Ermattung vor und trat aus der Kette aus.</p> - -<p>Es folgten die Kunststücke an der Tischkante. Wie vorhin das Schieben, -so war jetzt das Überkippen- und Aufschlagenlassen der Schachtel ein -Kinderspiel für jeden Beteiligten, ja<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> es war noch leichter gemacht, -da das Kästchen in der äußersten Schwebe hing und sich niederbog, wenn -einer auch nur den Gedanken hatte, es solle es tun, — und dabei war -die Nervosität in sämtlichen beteiligten Fingern jetzt eine derartige -geworden, daß die Kontrolle durch das Bewußtsein fast nicht mehr -möglich war.</p> - -<p>Folgendes ist im einzelnen zu der seltsamen Antwort „Von Geist -Heochios“ zu sagen.</p> - -<p>Das — den andern ziemlich unerwartete — „von Geist“ hatte sich -Heinrich Hart, dessen Hände an der kritischen Stelle lagen, -eingestandenermaßen als mögliche Antwort gedacht und nahezu mit -Bewußtsein erzeugt.</p> - -<p>Bleibt noch das famose „Heochios“.</p> - -<p>Dieses Wort ist nach unserm (d. h. der Beobachter) einstimmigem Urteile -ein Produkt der verschiedensten Einflüsse.</p> - -<p>Heinrich Hart gibt an, er habe „Hart“ herausbringen wollen, das „a“ -jedoch verpaßt und den Rest dann dem Zufall und den andern überlassen.</p> - -<p>Ein Erklärung aus „reinem Zufall“, in dem doch ein gewisser logischer -Zwang steckte, ließe gerade die Entstehung des H., wie ich nebenbei und -für analoge Fälle erwähnen will, auch zu. Man bedenke, daß acht Hände -auf dem lose schwankenden Kasten liegen. Einer zählt laut das Alphabet -her. Jeder erwartet, daß bei irgend einem Buchstaben die Schachtel -sich beugen werde. Anfangs wartet jeder. Die ersten Buchstaben -gehen vorüber, die Spannung wächst. Es liegt eine psychologische -Wahrscheinlichkeit darin, daß gerade in der Gegend vom H., also am Ende -ungefähr des ersten Drittels vom Alphabet, ein Höhepunkt eintritt, bei -dem einem in der Kette die Hände entweder ganz lose oder ganz schwer -werden; sobald das aber erfolgt, klappt das Kästchen auf, und daß es -dreimal klappt, ist unvermeidlich, teils weil jeder erwartet, es müsse -dreimal klappen, und teils schon, weil überhaupt durch den Rückstoß ein -Geschaukel entsteht, das wiederholt sogar zu vier oder fünf Schlägen -führte. Ein oder zwei<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> Schläge mehr gelten aber nur als besondere -Bestätigung seitens des Geistes.</p> - -<p>Beim Suchen nach dem zweiten Buchstaben durch erneutes Hersagen des -Alphabetes ist dann mit höchster Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß -ein Vokal und nicht ein Konsonant kommen wird. Jeder hat, er mag wollen -oder nicht, im Kopfe sich irgend eine oder auch mehrere Fortsetzungen -zu dem H gebildet, bei denen allen aber natürlich ein Vokal folgt. Daß -gerade E, der zweite Vokal, kommt, liegt auch wieder nahe, bei A will -jeder noch abwarten, bei E ist die Spannung schon genügend gesteigert, -bei I würde die Wahrscheinlichkeit vollends ganz groß sein, da die -meisten sich kaum noch weiter werden bezwingen können, die Erwartung -„Jetzt muß es kommen“ wird zu stark.</p> - -<p>O und C mögen mehr durch Zufall entstanden sein, obwohl die Vermutung, -es komme ein ans Griechische anklingender Name, jetzt bereits -ausgesprochen war und einer laut auf „Henoch“ geraten hatte, womit O in -den Ohren klang.</p> - -<p>H nach C ist einfach selbstverständlich, die griechische Endung -erschien unter dem Zwange des laut eingestandenen „Das muß kommen, da -es unbedingt ein griechischer Name ist!“</p> - -<p>Dem „Südosten“ ging die Vermutung voraus: es braucht nicht direkt -Griechenland zu kommen, es kann auch Kleinasien oder sonst so etwas -werden.</p> - -<p>Bei M mag einer an Makedonien oder Medien gedacht haben, doch -entstanden bei diesem allzu bestätigenden Fortgang jetzt offenbar -selbst bei O. Zweifel, ob unsre Gedanken nicht beeinflussend wirkten, -jeder beeiferte sich, einmal ganz und gar nichts zu tun, und — sofort -stand die Maschine wirklich still.</p> - -<p>Das Experiment mit der Uhr endlich ist ohne alle Beweiskraft, da -in beiden Fällen lediglich der gewohnte Rhythmus der drei Schläge -wiederkehrte; als der Zeiger zufällig auf drei wies, ergab sich eine -Übereinstimmung, bei zehn blieb sie ebenso naturgemäß aus.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p> - -<p>Der Leser wird den Kopf schütteln über diese Haarspaltereien.</p> - -<p>Und doch ist diese Zergliederung grade der allereinfachsten -spiritistischen Kunststücke das unbedingt Nötige als Vorschule zur -Auflösung der schwierigeren Probleme.</p> - -<p>Der Fundamentalfehler, der immer wieder begangen wird und dem dann -selbst gute geschulte Beobachter erliegen, ist, daß man gleich ein -Medium der hohen Schule prüfen will, ein ungeheures Raffinement in -verwickeltsten Kunststücken überwinden zu müssen glaubt und dann -grade durch die ganz einfachen, haarsträubend simplen Sachen, die man -als zu einfach gar nicht in Rechnung zieht, überlistet und gefangen -wird. Fritz Schultze, der ein an Material ziemlich reichhaltiges, -dafür im Raisonnement allerdings schwaches und stellenweise ziemlich -ungeschicktes Buch gegen den Spiritismus geschrieben hat (Die -Grundgedanken des Spiritismus. Leipzig, Günthers Verlag, 1883), hat bei -Gelegenheit dieses Punktes nicht mit Unrecht an eine Kriminalnovelle -Edgar Poes erinnert, in der ein wichtiger Brief gerade deswegen von der -Polizei, die doch jeden Winkel des Hauses durchstöbert, nicht gefunden -wird, weil er gar nicht versteckt ist, sondern offen vor jedermann auf -dem Tische liegt.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Nachdem die Ergebnisse der ersten Sitzung bei O. im engeren Kreise der -unbefangenen Beobachter genügend durchgesprochen waren, kam es acht -Tage später zu einem zweiten Experiment.</p> - -<p>Bruno Wille und ich hatten diesmal ein Stichwort „Merkwürdig“ -verabredet, das zur Kontrolle für den andern dienen sollte, wenn der -eine mit Bewußtsein und zum Zwecke irgend einer Probe oder Falle in die -Handlung eingriff.</p> - -<p>Zunächst wurden noch einmal die meisten Phänomene der vorigen Sitzung -der genaueren Bestätigung wegen wiederholt, wobei zur Abwechslung -an Stelle des Uhren-Experiments das Kästchen heute angeben sollte, -wieviel Kleingeld sich in meinem und in einem zweiten Falle in Willes -Portemonnaie befinde.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p> - -<p>In beiden Fällen wußte ich die Zahl nicht genau, habe aber doch durch -leichte Drucknachhilfe einmal genau und einmal beinah das richtige -Resultat hervorgebracht, zum guten Beweise dafür, wie leicht auf -Grund auch nur annähernd richtiger Kombination einiger bekannter -Anhaltspunkte das genau richtige Erraten der Wahrheit gemacht wird und -wie gutmütig der Zufall in solchen Fällen auszuhelfen pflegt, wenn man -nur den Mut hat, überhaupt zu raten.</p> - -<p>Der wesentlichste Fortschritt in dieser zweiten Sitzung war aber in -einem Experiment mit dem „spiritistischen Schreibapparat“ gegeben.</p> - -<p>Dieser Apparat besteht in einem runden Holzplättchen, das eben gerade -Raum für zwei aufgelegte Handflächen bietet, und an dessen unterer -Seite drei Stützen (gewissermaßen drei Stuhlfüßchen) angeleimt sind; -eine dieser Stützen ist ein Bleistift. Man setzt das Ganze auf einen -großen Bogen weißen Schreibpapiers. Einer legt die Hände auf die -Platte und eventuell noch ein zweiter seine auf die des andern, -und dann erwartet man regungslos das Eintreten einer Bewegung des -Holzapparats, die den Bleistift aufkratzen läßt und so, bei korrekter -„Geisterführung“, eine Schrift hervorbringt, — eine „Geisterschrift“ -mit individueller „Geisterhandschrift“ und einem vom „Geiste“ gewollten -Inhalt.</p> - -<p>Freund O. hatte seine Hände kaum auf die Holzplatte gelegt, als der -Apparat auch bereits mächtig zu wirbeln begann.</p> - -<p>Der Bleistift beschrieb eine große Spirale und raste dann förmlich -über das Papier dahin, den Bogen mit kindlich ungeschickten, aber doch -lesbaren Buchstaben bedeckend.</p> - -<p>Aber O. klagte dabei selbst, er fürchte unbewußte Selbsttäuschung, er -„schreibe nur, was er denke“. Ein andrer möge an seine Stelle treten, -vielleicht hätten wir ein noch unerkanntes gutes „Schreibmedium“ unter -uns.</p> - -<p>So legte ich denn meine Hände auf, er wollte seine eigenen nur lose -darüber legen, „um die Kraft zu verstärken“. Ohne daß ich im geringsten -bewußt mithalf, kamen auch jetzt mehrmals lange Schriften zu stande.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p> - -<p>„Gott zum Gruß“, begann jede der Offenbarungen, dann folgten ein paar -allgemeine Redensarten und zum Schluß, Wunder über Wunder, kam zweimal -mit gewaltigen Lettern die famose Unterschrift „Heochios“!</p> - -<p>O. war entzückt, da er diese Fälle, wo seiner Ansicht nach unbedingt -nicht er geschrieben hatte, ich aber bestimmt versichern konnte, auch -nicht absichtlich hineingearbeitet zu haben, für beweisend hielt sowohl -für die Existenz eines uns umschwebenden Geistes Heochios, als auch für -meine Befähigung zum Schreibmedium.</p> - -<p>So weit auch hier wieder der rein äußerliche Sachverhalt und Folgendes -zur Aufklärung.</p> - -<p>Von den drei oben erwähnten Erklärungsmöglichkeiten: Geist, -unwillkürliche Muskelbewegung, Selbsttäuschung, die äußerlich zum -entscheidenden Mitwirken wird, fällt die mittelste hier von vornherein -fort. Wenn ich — ich habe es in einer der nächsten Sitzungen bis zur -Dauer von 20 Minuten fortgesetzt — meine Hände ohne O. auf den Apparat -legte, so ergaben sich nachher die Spuren dieser Muskelzuckungen auf -dem Papier als eine ganz kleine, blitzartig zackige Linie, die aus -einzelnen Punkten gebildet schien und aus der, wie ich annehmen muß, -bei einem gesunden Menschen niemals auch nur ein einzelner Buchstabe -hervorgehen könnte, geschweige denn eine fortlaufende Schrift, die am -Zeilenende von selbst absetzt und eine neue Reihe anfängt.</p> - -<p>Mit vollkommenster Deutlichkeit dagegen fühlte ich, sobald O. seine -Hände auf meine legte, wie er drückte, über meine sehr kleine Hand -mit seiner weit größeren weggriff und wie er nach allen Regeln der -irdischen Physik so die Schrift selbst zustande brachte.</p> - -<p>Das scheint mir ein Maximum von Selbsttäuschung, das im höchsten Grade -interessant ist.</p> - -<p>Freund O., so muß ich mir den Fall erklären, hat bei Frau Töpfer, die -bewußt täuschte, oftmals gläubig dem Schreiben zugesehen. Er hat sich -die traditionellen Formeln des Geisterschreibens (das Beginnen mit der -Spirale etc.)<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> gradezu in Fleisch und Blut übergehen lassen, er hat -jene Beigaben auswendig gelernt, wie das „Gott zum Gruß“, das der wohl -hauptsächlich amerikanischen Verquickung des spiritistischen Versuchs -mit frömmelndem Sektiererwesen seinen Ursprung verdankt. Er hat dann in -Mußestunden mit Bewußtsein Proben angestellt, wie man mit dem Apparat -schreiben muß, — ohne diese Schulung wäre es nicht möglich, daß er es -überhaupt so glatt fertig brächte.</p> - -<p>Das alles hat er getan mit dem sehnsüchtigen Wunsche, eines Tags möchte -nicht seine Hand den Apparat, sondern der Apparat wirklich seine -Hand führen. Als er nun meine Hände statt des Holzdeckels unter sich -fühlte, vollzog sich in der Leidenschaft der psychologische Prozeß -der Selbsttäuschung, er glaubte nicht mehr aktiv zu sein, und dennoch -schrieb er in Wahrheit selbst, er schrieb mechanisch dasselbe nieder, -was er so oft in letzter Zeit zur Probe mit Bewußtsein geschrieben, und -er schrieb den Namen Heochios unter das Ganze, weil ihm dieser seit -acht Tagen beständig auf der Zunge schwebte und weil er fest erwartete, -ein Geist Heochios führe den Apparat.</p> - -<p>Unsere kühle Erklärung der Entstehungsgeschichte jenes unglücklichen -Spruchs „Von Geist Heochios“ existierte ja nicht für ihn, ihm war -Heochios ein wirklich erschienener Geist.</p> - -<p>Ich habe so viel Worte gebraucht, um für den Fall unseres Freundes, bei -dem ich nicht den geringsten Grund habe, <span class="antiqua">mala fides</span> vorauszusetzen, -die Selbsttäuschung wahrscheinlich zu machen. Jetzt bedenke man -aber die Chancen, die bewußte Täuschung in analogen Fällen mit -einer zweifelhafteren Persönlichkeit notwendig gerade bei diesem -„Geisterschreiben“ hat. Die Möglichkeiten sind gar nicht auszudenken.</p> - -<p>Nur kurz erwähnen will ich die Ergebnisse einer dritten Sitzung, bei -der ich mehrere Stunden lang mit O. allein experimentierte, ohne -nennenswerte Erfolge zu erzielen.</p> - -<p>Wir berührten Grenzgebiete des eigentlichen Spiritismus: Gedankenlesen -und Telepathie.</p> - -<p>Jene wissenschaftliche, leicht erklärliche Art des groben<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> -Gedankenlesens — Auffinden eines von A. versteckten Gegenstands durch -B. dadurch ermöglicht, daß B. den A. bei der Hand nimmt und beim -Durchwandern des Zimmers am Zucken dieser Hand und ihrem unbewußten -Ziehen oder Widerstreben den Ort ermittelt, wo der Gegenstand liegt — -gelang auffallend gut, wenn ich der Suchende war und O. der unbewußt -Führende.</p> - -<p>Doch hier lag, wie gesagt, absolut nichts Mystisches vor, da diese -Dinge überzeugend auch von Nicht-Spiritisten öffentlich vorgeführt -worden sind.</p> - -<p>Eine heiklere Sache ist aber schon die echte sogenannte „Telepathie“ -(Fern-Empfindung). Hier denkt einer der Beteiligten sich möglichst -lebhaft eine Figur, eine Zahl oder Ähnliches, und der andre rät -angeblich ohne Handberührung das Gedachte, d. h. es findet der Theorie -nach eine „mystische Fernwirkung von Seele zu Seele“ statt, bei der -das Vorstellungsbild sich ohne Hilfe der physikalischen Wege und der -Sinnesorgane von Gehirn zu Gehirn überträgt, ohne Luft- und Lichtwellen -also und ohne Auge und Ohr.</p> - -<p>Für unsern Fall kann ich nur feststellen, daß die Experimente -dieser Art bei O. ebenso mißlungen sind, wie sie vorher und nachher -ausnahmslos mißlangen, als ich mit Wille allein und mit andern Versuche -anstellte.</p> - -<p>Zufällige Annäherungen beim Raten sind vorgekommen, beweisen mir aber -gar nichts. Wenn ich mir eine 8 dachte und O. einen ganzen Bogen mit -allerlei Kreisen, Spiralen und sonstigen Krackelfüßen bedeckte und -unter denen in der Tat auch einmal eine brezelartige Verschlingung, die -an eine 8 gemahnte, auftauchte, so wird man nicht verlangen, daß ich -dem irgendwelche Beweiskraft beimesse.</p> - -<p>Etwas Besseres aber habe ich nicht gesehen, und die schönen -Figurentafeln in der spiritistischen Zeitschrift Sphinx, die von dem -fabelhaften Glück anderer, spiritistisch gläubiger Beobachter Zeugnis -ablegen sollen, treffen bei mir also vorläufig auf eine unerschütterte -Skepsis.</p> - -<p>Doch zurück zur Hauptsache, zu den eigentlichen Medien<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> und ihren -Gespenstern. Eine besondere Einladung von seiten unseres Freundes -versammelte uns an einem Montag in O.s Wohnung, um endlich denn auch -das große Orakel, das altbewährte Medium, Frau Valeska Töpfer, selber -in Augenschein zu nehmen und auf seine Wunderkraft zu prüfen.</p> - -<p>Etwa eine Stunde lang hatten wir Zeit, uns auf einen würdigen Empfang -vorzubereiten, da O. sich erst, nachdem wir bereits vollzählig -erschienen waren, auf den Weg machte, um die ehrwürdige Dame zu uns zu -geleiten.</p> - -<p>Wir verabredeten uns inzwischen von neuem auf das Stichwort -„Merkwürdig“, und wir schwärzten einen genau bezeichneten Papierbogen -über der Lampe, damit die Geister materialisierte Hände oder Füße in -der Weise, wie es bei Zöllner geschehen, darauf abdrücken könnten.</p> - -<p>Der Gedanke ergötzte uns im voraus, es möchte auch heute wieder jener -treffliche „Heochios“ auftreten, was denn wohl dem Faß sofort den Boden -ausschlagen müßte.</p> - -<p>Im ganzen aber schuf doch auch heute die zu erwartende Nähe -einer fremden Persönlichkeit eine beklommenere Stimmung, die bei -einigen durch etwas überraschendere Leistungen leicht in höchste -Empfänglichkeit für Mystik hätte gesteigert werden können.</p> - -<p>Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit erschien die Seherin, und -zwar nicht bloß von O., sondern merkwürdigerweise auch von ihrem Mann -begleitet.</p> - -<p>Sie selbst eine mittelgroße, ziemlich beleibte Dame mit spitzer -Nase, kleinen Augen, das Gesicht gepudert, die ergrauenden Haare -glatt emporgeknotet, — der Herr Gemahl ein kleiner Berliner -Grünkrambesitzer, dessen erste Äußerung darin bestand, daß er sich ein -Glas Bier erbat.</p> - -<p>Wir nahmen in langer Kette um den Tisch, auf dem die Lampe stand, -Platz, leider, wie Frau Töpfer sogleich bemerkte, auf tiefen Sesseln, -die für solche Sitzungen höchst ungeeignet seien.</p> - -<p>Die Luft, so wurde im übrigen zugestanden, sei bereits<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> stark -„mediumisiert“, es müßten „kräftige Naturen“ unter uns sein.</p> - -<p>In der Tat begann es denn auch, da wir kaum einen Augenblick unsere -Hände auf den Tisch gelegt, sehr vernehmlich irgendwo zu pochen, bald -dumpf, bald lauter, und die Täuschung, der das Gehör in Bezug auf die -Richtung des Schalls unterlag, war eine vollkommene. Der eine riet auf -die Wand hinter dem Rücken der Frau Töpfer, ein andrer auf den Ofen, -bisweilen schienen die ganz dumpfen Laute sogar aus dem Nebenzimmer zu -kommen.</p> - -<p>Man muß dieses Klopfen im eigenen Zimmer mit Muße durchprobiert haben, -um die Erkenntnis zu erlangen, daß das falsche Lokalisieren die Regel -ist, und daß verschieden starke Pochlaute, die unmittelbar vor uns -unter dem Tisch erzeugt werden, in Wahrheit aus den verschiedensten -Richtungen und Entfernungen zu kommen scheinen.</p> - -<p>Ich glaube, jeder empfand im Moment, daß Frau Töpfer die Sache äußerst -geschickt mache, aber nichts sprach dagegen, daß sie die einzige — -allerdings bewußt täuschende — Quelle dieser Geisterstimmen sei. -Ihre eigenen Füße wie die ihres Mannes waren unsichtbar unter der -Tischplatte verborgen, dank dem festen Kettebilden aller, und ob sie -sonst noch besondere Apparate unter den Kleidern verborgen trug, war -selbstverständlich erst recht nicht zu ermitteln.</p> - -<p>Unsre Mienen mochten das denn auch ziemlich deutlich erkennen lassen, -denn nach dem günstigen Anfang trat eine Stockung ein, die Pochlaute -blieben dumpf und undeutlich, die Frau erklärte: „So kann ich’s nicht -leiden! Dabei wird mir’s unheimlich!“</p> - -<p>Der Tisch machte plötzlich zur Abwechslung einen Ruck auf Wille -zu (Frau Töpfer schob zweifellos kräftig mit dem Fuße), aber auch -hier schien der rechte Mut zu mangeln, vor allem hob sich der Tisch -keineswegs empor, wie es sonst in Sitzungen bei dem Medium nach O.s -Aussage überraschend zu gelingen pflegte.</p> - -<p>Nunmehr ergriff aber der Gemahl das Wort, er schalt<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> auf die Geister -energisch ein und rief endlich im derbsten Tone: „Na, wollt Ihr jetzt -oder nicht? Ich verlange, daß Ihr Euch jetzt anständig betragt und was -tut, sonst warten wir nicht mehr.“ Er wurde so grob, daß die Frau ihn -beschwichtigen mußte. „Laß doch, sie werden sonst ganz böse.“</p> - -<p>Wozu diese ganze Posse diente, weiß ich nicht. Jedenfalls wirkte sie -auf uns unsäglich lächerlich und als das beste Mittel, jede ernsthafte -Stimmung dauernd zu zerstören.</p> - -<p>Die Scherze aus unserm Kreise mehrten sich auch so, daß die -Hexenmeisterin sich wohl bewogen fühlen mochte, rasch etwas -vorzuführen, um wieder Spannung zu wecken.</p> - -<p>Sie meinte plötzlich, der große Tisch sei den Geistern (ihren Füßen!) -zu schwer, es wurde also ein kleiner sogenannter stummer Diener -herangeholt, der unter der oberen Platte zwischen den vier Füßen noch -eine zweite Platte zum Tragen von Büchern oder Nippessachen hatte.</p> - -<p>Dieser Tisch war denn nun ein wahres Ideal, wenn es sich darum -handelte, durch geschickt verdeckte Bewegungen ruckweises Wandern oder -sogar scheinbares Emporfliegen zu bewerkstelligen.</p> - -<p>Der Bodenteppich wurde entfernt, um kein Hemmnis beim Rutschen zu -geben, auf das Tischchen wurden ein Bogen Papier und ein Bleistift -gelegt und unter den Tisch gleiches Material. An dem letzteren geschah -nichts, da wir zu gut kontrollierten. Man sah wohl den Schuh der -Frau T. danach langen, auch erklärte sie einmal, einen Lichtschein -unten zu sehen (wohl um unsere Aufmerksamkeit von irgendetwas anderm -abzulenken), gleichwohl erfolgte nichts.</p> - -<p>Theoretisch wäre es ja nicht gerade allzu schwer gewesen, trotz unsres -Aufpassens im guten Moment mit einem schon vorher präparierten und in -die Stiefelsohle geklemmten Bleistiftspitzchen auch diesen Bogen mit -einer lesbaren Schrift zu bedecken.</p> - -<p>Über dem oberen, offen aufliegenden Blatt bekam die Hand der Frau -natürlich sofort „Führung“, es entstanden wieder folgerichtig jene -berühmte Spirale, das „Gott zum<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Gruß“ und ein paar ähnliche alberne -Phrasen, wie sie O. stets geliefert hatte. Die Unterschrift lautete -„Werner“.</p> - -<p>Das letztere war offenbar eine Art von Probepfeil. Es wurde -rundgefragt, ob keiner einen Bekannten dieses Namens besitze, was -zufällig einmal nicht der Fall war. Der Name „Müller“ dürfte für dieses -„Experiment ins Blaue“ allerdings noch empfehlenswerter sein.</p> - -<p>Wille erhielt im weiteren auf eine Frage nach seinem Bruder durch -Klopflaute den Namen „Gustav“, und die Geisterschrift auf dem Blatte -meldete, Gustav sei auf dem Schlachtfelde gestorben. Beides, Name wie -Tatsache, war unrichtig, der einzige Bruder lebte und hieß anders.</p> - -<p>Wille ging indessen mit scheinbarer Erregung auf die Sache ein, und -von da ab verstärkte sich der Mut der Töpfer — und mit dem Mut kamen -verstärkte Wunder.</p> - -<p>Der „Zimmermann“ begann jetzt im Tische zu rumoren.</p> - -<p>Um zu verstehen, um was es sich hier handelte, muß man Kenntnis -nehmen von der unsäglichen Einförmigkeit und Enge der Phantasie, die -in diesen spiritistischen Zirkeln herrscht. Wie das berühmte Kölner -Hänneschen-Theater, so hat jedes Medium seine paar stereotypen Rollen, -die immer wiederkehren, seine drei oder vier Spezialregister, auf -die es eingedrillt ist. So bei Frau Töpfer die kleine „Abila“, der -Schutzgeist „Zwibos“ und der „Zimmermann“.</p> - -<p>Das Nahen des letzteren betätigte sich durch sägende und hobelnde -Geräusche im Tisch, endlich auf Verlangen durch ein gewaltiges -Gepoche, wie wenn jemand einen Nagel einschlüge, — übrigens keine -einzige Leistung in allem, die nicht Wille und ich später zu Hause -hätten annähernd ebenso täuschend durch unmerkliches Nagelkratzen und -Bewegungen der Füße hervorbringen können.</p> - -<p>Schließlich fuhr der Poltergeist noch in die Hand des Mediums und -schrieb mit eckigen Zügen und schlechter Orthographie ein paar Sätze -auf ein Blatt, unterzeichnet: „Hunger, Chemnitz, Neue Gasse“.</p> - -<p>Von neuem begann nach diesem der Tisch zu schwanken.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p> - -<p>Meine laut ausgesprochene Befürchtung, die Petroleumlampe möchte dabei -zu Schaden kommen, wurde zuerst mit der Versicherung abgewiesen: -„Und wenn der Tisch sich auf den Kopf stellt, die Lampe fällt bei -Geistermanifestationen niemals.“</p> - -<p>Gleich darauf, als Wille mit dem Rufe „merkwürdig“ den gegen -ihn anrückenden Tisch selbsttätig etwas herabdrückte, wurde die -Versicherung aber eilfertig eingeschränkt durch Zugeben von -„unberechenbaren Ausnahmen“, und der Mann setzte die Lampe jetzt selbst -vorsorglich auf das Klavier.</p> - -<p>Der leichter gewordene Tisch spazierte nunmehr durch das halbe Gemach, -es kam aber auch jetzt nicht zum Fliegen.</p> - -<p>Ein sehr gelungenes Kunststück bei dieser Gelegenheit bestand darin, -daß Frau Töpfer, wie mehrere von uns deutlich sahen, mit weit -zurückgerecktem Fuße einen etwas entfernt stehenden Schaukelstuhl -heranriß und gleich darauf höchst verwundert ausrief: „Sehen Sie bloß, -der Stuhl ist uns allein nachgekommen!“</p> - -<p>Damit schloß der erste Akt der Sitzung.</p> - -<p>Eine Pause wurde benutzt, jenes oben erwähnte geschwärzte Papier unter -das Sofa zu legen und vermittelst eines vorgeschobenen Teppichs gegen -jedes auffallende Licht abzuschließen.</p> - -<p>Ich will gleich vorausschicken, daß es dort unversehrt noch gegen -Schluß des Ganzen gelegen hat. Während dieser Zeit hat zwar Herr Töpfer -hartnäckig als unbeteiligter Zuschauer, zeitweise anscheinend sogar -schlafend, seinen Platz auf diesem Sofa behauptet. Ferner ist das immer -längere Zeit hindurch verdunkelt worden und alle Beobachter haben -ihre Aufmerksamkeit andern Dingen zuwenden müssen, die sich entfernt -vom Sofa abspielten. Anfangs hatte ich wohl beschlossen, nicht aus -der gerade über dem Papier liegenden Sofaecke zu weichen, aber das -konsequente Wegrücken des Tisches, auf dem doch meine Hände aufliegen -sollten, hinderte mich an der Durchführung.</p> - -<p>So muß ich auch hier konstatieren, daß wohl die infolge andrer, gleich -zu erzählender Umstände wieder wachsende<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Ängstlichkeit des Ehepaars -es nicht zu einem Versuche dieser Art hat kommen lassen, daß aber -die <em class="gesperrt">Gelegenheit</em> zu einem solchen auch diesmal so günstig war -(der Mann konnte beispielsweise im Dunkeln sehr leicht an das Papier -heranlangen und seine Hand oder auch ein im Rock verborgenes Wachsglied -darauf drücken), daß ein wirklicher „Geisterabdruck“ uns kaum hätte -überraschen dürfen.</p> - -<p>Die wichtigste wirkliche Episode im zweiten Teil unsrer Sitzung bildete -eine „Dunkelsitzung“.</p> - -<p>Mit Ausnahme des Herrn Töpfer saßen wir alle in fester Kette, die Hände -auf der Platte, um den kleinen Tisch. Die Vermutung war ausgestreut, in -der Finsternis würden bei einzelnen in der Kette „Berührungen“ durch -materialisierte Geister-Hände oder -Füße stattfinden, und zum Schluß -werde der Tisch nun endlich emporfliegen.</p> - -<p>Es dauerte auch nicht lange, so hörte man Willes Stimme: „Es klopft -dreimal an meinen Stiefel!“ und gleich darauf: „Es hat wieder geklopft, -— sehr merkwürdig!“</p> - -<p>Was sich da, den andern unsichtbar, abgespielt, schildere ich so, wie -es mir Wille unmittelbar nach der Sitzung berichtet hat.</p> - -<p>Er, der zur Rechten der Frau saß, ging von dem Gedanken aus, Frau -Töpfer werde versuchen, mit ihren Füßen von unten her den Tisch zu -heben. In aller Stille versuchte er also das dunkle Gebiet unter der -zweiten (unteren) Tischplatte zu kontrollieren, indem er seinen rechten -Fuß bis etwa in die Mitte vorschob. Der linke Fuß blieb lange nahe am -Stuhl — wie man nicht vergesse: auf der Seite der Frau Töpfer.</p> - -<p>An der Spitze dieses linken Fußes nun verspürte er plötzlich eine -Berührung: es klopfte dreimal hörbar auf das Leder. Allem Anschein nach -ging die Berührung aus von dem Fuße der Frau Töpfer. Nicht lange und -das Klopfen kam wieder, diesmal am Absatz von Willes linkem Fuß.</p> - -<p>Schnell entschlossen folgte er aber jetzt mit seinem Stiefel dem sich -zurückziehenden Klopfer, er stieß richtig auf einen<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> echten andern -Stiefel, und während er ihm einen leichten Tritt versetzte, fühlte er -mit zweifelloser Deutlichkeit, wie der fremde Fuß unter die hörbar -knitternden Röcke der guten Frau Töpfer zurückfuhr.</p> - -<p>Von diesem Moment an, der eine offenkundige Entlarvung wenigstens für -einen der Beobachter umschloß, war Frau Töpfer vollkommen verstört, -unruhig, traurig, jedermann merkte, daß etwas vorgefallen war, obwohl -wir andern erst später erfuhren, was.</p> - -<p>Ein zweites Abenteuer bestand, nachdem die Frau jetzt in der ganzen -Dunkelsitzung absolut nichts mehr zu unternehmen wagte, darin, daß der -vorgeschobene rechte Fuß Willes mit einem plötzlich vorrückenden Fuße -unsres Freundes O. dort zusammentraf.</p> - -<p>Hier war nun wiederum charakteristisch, den Grad der unbewußten -Selbsttäuschung bei O. zu beobachten.</p> - -<p>O. bebte vor Ungeduld nach einer Geisterberührung. Wahrscheinlich -ohne jede Spur von Willen, bloß im Drange, den Geistern sich als -Objekt darzubieten, schob er seinen Fuß langsam bis in die Mitte des -Raums unter dem Tische vor. Als er dabei auf Willes Stiefel stieß, -durchzuckte es ihn übermächtig: „Jetzt muß es dreimal klopfen!“ Es -klopfte in der Tat, aber sein eigener Stiefel war der Urheber, wie -Wille, der vollkommen passiv blieb, genau feststellte.</p> - -<p>So hatten wir auch hier wieder Betrug und Selbstbetrug in schönster -Blüte nebeneinander.</p> - -<p>Da aber schlechterdings nichts weiter kommen wollte, gesellte sich der -Scherz hinzu — der Tisch flog plötzlich empor, so schön, daß jetzt -selbst Frau T. hätte an echte „Geister“ glauben dürfen.</p> - -<p>In Wahrheit war der Urheber unser humorvoll veranlagter Freund Heinrich -Hart, dem das Spiel längst zum Ekel geworden und der uns wenigstens den -Gefallen tun wollte, zu zeigen, wie leicht die Sache sei.</p> - -<p>Der dritte Akt war der jämmerlichste von allen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p> - -<p>Frau Töpfer, die ihren Boden schwanken sah, wagte ein letztes -Radikalmittel.</p> - -<p>Vor eine Ecke des Ateliers wurde ein weißes Leinentuch gespannt, hinter -ihm nahm das Medium Platz. Sie sollte in „Verzückungsschlaf“ verfallen -und Geisterstimmen sollten durch den Vorhang zu uns reden.</p> - -<p>Die Zuhörer setzten sich im Halbkreise vor das mystische Theater, -Herr Töpfer hielt sich im Hintergrunde, anscheinend bereit, jeden -Störenfried, der etwa an der Hülle zerren würde, zurückzuhalten; es -bedurfte dessen nicht; was wir hörten, genügte vollauf....</p> - -<p>Zuerst ertönte ein zartes Kinderstimmchen: der Geist Abila.</p> - -<p>Die Stimme hatte sich Frau Töpfer offenbar bis zu vollkommener -Meisterschaft eingeübt.</p> - -<p>„Gott zum Gruß, Brüder!“ begann auch diese Offenbarung. Das Geistchen -redete mit jedem einzeln, bei jedem sah es „unsichtbare Brüder“ -(Verstorbene) stehen, die es beschrieb und bei denen es, wenn man -fragte, Antwort holte. Aber die Weisheit Schön-Abilas hatte einen -traurigen Fehler: ihre geistige Urheberin, Frau Töpfer, mußte blind -raten, und sie riet entsetzlich schlecht.</p> - -<p>Bei Julius Hart sah Abila den Vater der Gebrüder stehen, er sollte -Adolf heißen und ein leiblich sehr großer Mann sein. Der treffliche -Vater Hart lebte aber, wie die meisten von uns wußten, in Wahrheit noch -fröhlich unter dieser Sonne, er hieß weder Adolf, noch hatte jemals von -ihm, einem kleinen beleibten Herrn, behauptet werden können, daß er ein -Herkules sei.</p> - -<p>Bei mir stand meine Großmutter Lottchen und ließ mich an das letzte -Gespräch erinnern, das wir beide miteinander geführt. Und auch hier -paßte der Name nicht und vollends nicht die Tatsache, denn meine beiden -Großmütter sind viele Jahre vor dem Tage gestorben, an dem ich das -Licht der Welt erblickt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span></p> - -<p>Am meisten von allen interessierte sich Abila für den „dicken Bruder -mit der Brille und den roten Backen“, nämlich Bruno Wille.</p> - -<p>Dieser Bruder lohnte nun freilich solche Liebe schlecht, denn -anknüpfend an den famosen Bruder Gustav von vorhin, entlockte er durch -geschickt zugespitzte Fragen der Frau Töpfer einen Kriminalroman voll -grausigster Tatsachen. Ich erwähne nur, daß ein Onkel darin vorkam, der -an „Galle, die ins Blut ging“, gestorben sein sollte. „Das ist in der -Tat merkwürdig“, sagte Wille halblaut, „ein Onkel von mir ist am gelben -Fieber gestorben.“</p> - -<p>Von einer Seite her wurde im Zuhörerraum ebenso halblaut, aber auch der -Frau T. vernehmbar, angedeutet, das gelbe Fieber hänge wirklich mit der -Galle zusammen.</p> - -<p>Zum Schluß gab sich der „Geist“ dann noch die böseste Blöße, die -möglich war: er ermahnte den Bruder, doch nur ja nicht zu glauben, -in der Dunkelsitzung vorhin habe der Schuh der Schwester Töpfer an -seinen Stiefel geklopft: es sei ein echter materialisierter Geisterfuß -gewesen. Überhaupt sollten wir alle nicht so viel zweifeln, sondern -lesen und dann glauben lernen.</p> - -<p>Die alte Wahrheit: „Wer sich entschuldigt, ist’s gewesen!“</p> - -<p>Nach Abilas Verschwinden redete noch eine grobe Männerstimme, der Geist -eines „Schusters aus Plauen“, durch den Vorhang.</p> - -<p>Hier verließen aber Frau Töpfer selbst ihre deklamatorischen -Fähigkeiten, man hörte den Dialektklang ihrer eigenen Stimme störend -deutlich durch.</p> - -<p>Ohnehin waren alle des dummen Spiels müde, man weckte das Medium, das -nun zum Schlusse noch einmal in besonderer Weise, durch Ablesen von -einem geschriebenen Alphabet mit Hilfe eines auftickenden Bleistiftes, -einen Geist „Zwibos“ reden ließ. Er bestätigte unter ziemlich -unverhohlener Heiterkeit der Hörer, jener Onkel Willes sei in der Tat -am gelben Fieber gestorben.</p> - -<p>Wir hatten genug und gingen nach Hause.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p> - -<p>So weit meine alten Aufzeichnungen.</p> - -<p>Ich mag sie nicht durch Theorie abschwächen.</p> - -<p>Aber ich sage heute wie damals: mir graut vor einer „Weltanschauung“, -die das höchste, heiligste Urteil eines wahrheitsuchenden Menschen -über sich und alle Dinge um ihn her darstellen soll, — und die -sich aufbauen sollte auf einer solchen Valeska Töpfer und ihren -Möglichkeiten ...</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 id="was_wir_brauchen" title="Was wir dagegen wirklich brauchen"> </h2> - -</div> - -<p>Was wir zur Verständigung im Kampfe moderner Weltanschauungen brauchen, -das sind wirklich gar nicht in diesem Sinne neue Tatsachen. Es sind -neue Deutungen, neue Wertungen, es ist Tiefenschau im schon Vorhandenen.</p> - -<p>Das ist der schwere Schaden ja in solchen Versuchen wie dem -Spiritismus: daß er auf ein paar, noch dazu angebliche, neue Tatsachen -sofort die unerhörtesten Schlüsse mit einem methodologischen Leichtsinn -ohne gleichen baut, Geisterhypothesen in einer materialistisch groben -Form, und das alsbald wieder mit starrem Dogmatismus, der nicht zugeben -will, daß diese „Tatsachen“, selbst wenn sie richtig wären, die -verschiedensten Deutungen zulassen würden.</p> - -<p>Aber wichtig ist auch, daß er grade diesen methodologischen Schaden -teilt mit Arabesken der modernen Naturphilosophie, die ihm sonst in -allem entgegen sind und nicht einmal seine „Tatsachen“ anerkennen. -Sie steifen sich dafür auf ihre und, geben wir zu, an sich richtige -Tatsachen, — in der Methode verderben sie es aber ebenso durch starre -Einseitigkeit und Fanatismus für „Eindeutigkeit“.</p> - -<p>Umgekehrt aber werden an dieser Ecke Denker für uns wichtig, die -den Tatsachenbau unserer einheitlichen Forschung und den exakten -Beobachterweg als solchen niemals angefochten, sondern sogar als -<em class="gesperrt">Palladium</em> verteidigt haben — und die doch, <em class="gesperrt">mit</em> dem und -<em class="gesperrt">trotz</em> dem, eine eigene Tiefenschau versucht haben, die ohne -jeden Dogmatismus ihren individuellen Weg ging — und die uns so das -Tor überhaupt<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> weit aufgetan haben für die Masse der „Möglichkeiten“, -die noch in die Tiefe aller Tatsachen hinein denkbar sind.</p> - -<p>Ein solcher Mann war Fechner.</p> - -<p>Fechner grade hat aber noch eine besondere Farbe dabei in die Dinge -gebracht, die wieder mein Grundthema berührt.</p> - -<p>Man muß sich heute mit Fechner auseinandersetzen. Er wird eine -<em class="gesperrt">Macht</em>, — trotz aller oberflächlichen Urteile, die auch mit ihm -„fertig“ zu sein glaubten.</p> - -<p>Vor kurzem ist sein naturphilosophisches Hauptwerk, „Zend-Avesta“, neu -herausgekommen. In einem halben Jahrhundert war das Buch nicht wieder -aufgelegt worden, — überhaupt nicht nach der ersten Ausgabe.</p> - -<p>Ich sehe die ursprünglichen Bändchen noch vor mir in dem alten, -schmutzigen, zerfetzten Exemplar der Berliner Universitäts-Bibliothek, -das Jahrzehnte hindurch immer einmal wieder zu erlangen ein Ereignis -war.</p> - -<p>Jetzt sind es zwei schöne Bände in Lexikonformat geworden, mit -besonders hellem, freundlichem Druck, man kennt den alten Sonderling -kaum wieder. Kurd Laßwitz, der ausgezeichnete Gothaer Physiker und -Dichter, hat die Vorrede dazu geschrieben, in der er erklärt, daß -dieses Buch zu seiner Neuauflage keiner erklärenden Vorrede bedarf, -sondern daß es einfach wiederkommt, weil es heute wiederkommen -<em class="gesperrt">muß</em>.</p> - -<p>Als der alte Gellert in Audienz beim alten Fritz ist, sprechen sie über -ein Buch, und der alte Fritz sagt: „Das haben sie mir gebracht, aber -das hab’ ich fortgeworfen.“ So hat es das neunzehnte Jahrhundert mit -Zend-Avesta gemacht.</p> - -<p>Ich weiß noch heute eine ganze Anzahl trefflicher, kenntnisreicher, -ethisch hochstehender Männer, die es genau so machen. Man braucht -dem Gespräch nur eine bestimmte Wendung zu geben und dann plötzlich -einen Fechnerschen Zend-Avesta-Gedanken mitten aus dem Zusammenhang -dazwischen zu werfen, — etwa: man spricht über die Spektral-Analyse -der Gestirne im Anschluß an das treffliche Buch unseres Potsdamer<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> -Astrophysikers Scheiner und wirft hinein, daß Fechner noch im Jahre -1851 die Gestirne für „beseelt“ gehalten habe; auch über das Antlitz -eines sehr milden, sehr sachlichen Zuhörers wird ein Lächeln fliegen, -das so viel besagt, wie: werfen wir den Mann fort aus jeder ernsthaften -Debatte.</p> - -<p>Vielleicht gibt es in der ganzen Tragödie menschlicher Irrungen nichts -Bittereres als eben dieses Lächeln des Mißverständnisses bei Besten, -— dieses Lächeln, das doch im Grund der Dinge nur ein Lachen der -tatsächlichen nackten Unkenntnis ist.</p> - -<p>Denn nicht um einen solchen einzelnen, aus dem Text gerissenen Satz -geht die wahre Frage, nicht er bildet den echten Hintergrund, vor dem -die den Fechner heute wieder suchen, — nun die ihn eben suchen.</p> - -<p>Das Fortwerfen eines Jahrhunderts ist selber kein End-Urteil.</p> - -<p>Dieses gleiche Jahrhundert hatte auch Schopenhauer schon einmal -fortgeworfen, gründlich, bis zum Makulaturwerden eines Hauptbuchs. Es -gab eine Zeit in diesem Jahrhundert, da es ebenso ein Hohn war, wenn -ein paar tüchtige Köpfe beisammen waren und über Physik redeten, etwa -über das eben begründete große Gesetz von der Erhaltung der Energie -— und wenn da einer dazwischen warf, es habe der Naturphilosoph -Schopenhauer alle Kraftäußerungen der Natur auf den „Willen“ -zurückgeführt. Mit diesem Willen im Energiegesetz wäre Schopenhauer nie -über das Achselzucken der Leute hinausgestiegen. Eines Tages aber trat -das Jahrhundert in seine eigentümliche graue Epoche, die Welt erschien -ihm nichtig, der Pessimismus die Lösung. In dieser Stimmung hat es -plötzlich die Ansatzstelle zu Schopenhauer gefunden, die Ansatzstelle, -von der aus es dann auch überhaupt begriffen hat, daß dieser Mann einer -der schärfsten und ehrlichsten Denkerköpfe der Menschheit gewesen ist, -ganz einerlei, wie viel von seiner Willenstheorie oder selbst von -seinem Pessimismus ewige Wahrheit bleiben soll, — ein Denkerkopf, den -„wegzuwerfen“ eine himmelschreiende Versündigung an dem wahrlich nicht<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> -zum Vergeuden reichen Denkschatze dieser Menschheit gewesen wäre.</p> - -<p>Was heute nun wieder zu Fechner zurückdrängt und auch da eine ganz neue -Ansatzstelle öffnet, das ist in gewissem Sinne ja genau das Umgekehrte -an Stimmung von dem, was damals zu Schopenhauer führte.</p> - -<p>Aber es ist genau ebenso eine <em class="gesperrt">Gesamtstimmung</em>.</p> - -<p>Das neunzehnte Jahrhundert zwar kann sich in ihr nicht mehr -rektifizieren, denn es ist um. Aber Jahrhundert hebt Jahrhunderturteil -auf, wie es in dem Spruche heißt: „<span class="antiqua">Nemo contra Deum, nisi Deus -ipse.</span>“ Es sind nicht ein paar Antiquare und antiquarische Gemüter, -die den fortgeworfenen Schriften Fechners heute wieder nachspüren.</p> - -<p><em class="gesperrt">Optimismus</em> sucht unsere Zeit.</p> - -<p>Das ist wahrlich ein größeres Wort als Gestirnseele oder als der -antiquarische Buchname Fechner, — wie Pessimismus ein ander Ding war -als der mystische Wille und Schopenhauer.</p> - -<p>Um ihres Strebens, ihrer lang verhaltenen, überall aber elementar -durchbrechenden philosophischen Sehnsucht nach konsequentem Optimismus -willen klammert sich unsere Stimmung an Goethe, der zwar nie -fortgeworfen, aber auch gründlich mißverstanden worden war. Und darum -auch kommt sie auf Fechner zurück.</p> - -<p>Sein Name ist ein Zeichen heute, das kein Lächeln und Lachen über -Pflanzenseelen und Gestirnseelen mehr fortschaffen kann. Er ist ein -Symptom einer äußerst charakteristischen Wende, und das muß ernst -genommen werden.</p> - -<p>Was Fechner wollte?</p> - -<p>Wie der Faden eines großen Kunstwerks läßt sich der Kerngedanke auch -seiner ganzen Philosophie auf eine Nußschale schreiben.</p> - -<p>Der Angelpunkt liegt in dem schlichtesten Wort, über das auch im -exaktesten Kreise doch unmöglich als solches gelacht werden kann: in -dem Wörtchen <em class="gesperrt">Natur</em>.</p> - -<p>In diesem Wörtchen steckt eben noch mehr als bloß etwas -Spektral-Analyse oder Energiegesetz. Unsere größte Lebens-<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> und -Herzensfrage steckt allmählich darin. In vierhundert Jahren ist das -langsam über uns gekommen, und es hilft keine Phrase mehr darüber fort. -Das ganze achtzehnte und das ganze neunzehnte Jahrhundert ist eine -einzige fortgesetzte Krisis vor diesem Begriff.</p> - -<p>Rekapitulieren wir noch einmal.</p> - -<p>Zuerst kam die große Zeit von Kopernikus bis auf Newton mit ihren -überwältigenden äußeren Bildern der Natur. Die ungeheure negative Rolle -des Neuen setzte ein. Vor den Sternen in Galileis Fernrohr verblaßte -ein ganzer alter Lichthimmel. Vor dem Naturgesetz Newtons versank der -Wunderbegriff. Wo einst Überwelt und kleine Erdenwelt eng aufeinander -geprallt waren, da schob sich jetzt das Riesending dazwischen, das wir -eben im neueren Sinne „Natur“ nennen: Myriaden Sonnen im Raum, Äonen -der Vergangenheit, natürliche Entwickelung in der eisernen Hand des -Naturgesetzes — und diese Welt dem Forscher zugänglich, das leise -Ticken ihres Lebens sich wiederspiegelnd auf seiner Uhr, ihr in allen -Äonen gleichmäßig geregelter Schritt sich aufprägend auf seiner Wage.</p> - -<p>Auf einmal ist das da, gigantisch groß, zermalmend für unzählige -altvertraute Vorstellungen, mit nichts mehr fortzudisputieren. Wir -lieben es, das neunzehnte Jahrhundert im engeren hervorzuheben als die -Epoche der Naturforschung, der Naturerkenntnis. In Wahrheit bezeichnet -es nur den Wellenkamm, wo das Bewußtsein des Erreichten einsetzt. Ein -Werk wie Humboldts „Kosmos“ ist charakteristisch für dieses Jahrhundert -als eine Zusammenfassung, ein erster, ganz großer Rechnungsabschluß.</p> - -<p>Lange ehe es dazu kommt, setzt aber bereits eine ganz andere Linie ein, -— eine, die ebenso folgerichtig einsetzen mußte.</p> - -<p>Der Begriff Natur hat die ganze sichtbare Welt erobert. Streng genommen -sogar die unsichtbare. Wo der alte Glaube Himmel und Hölle jenseits der -Schranke unseres Sehens träumte, träumt er immer noch wieder Sterne. In -die Ewigkeit reicht sein Naturgesetz.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span></p> - -<p>Aber ob nun da oben durch die Fugen der Aetherglocke der Schimmer des -Paradieses blitzt oder ob Sterne kreisen im leeren Raum, getragen vom -Gravitationsgesetz: auf der Erde sitzt der gleiche Mensch, stützt den -Kopf auf die Hand und fragt sich, wie er sich in ein Verhältnis setze -zur Welt.</p> - -<p>Ist die Welt „Natur“ geworden, — wie also zu dieser Natur?</p> - -<p>Einen Augenblick, unter dem Krachen der alten Säulen, kann er -vielleicht meinen, mit diesen Säulen sei jenes Anschlußbedürfnis selber -zerstört. Aber das ist nur ein negativ übertäubter Moment. Mensch -bleibt Mensch. In dem alten Tempelbau ließ sich leben. Wie ist’s nun in -der Natur?</p> - -<p>Wenn die Flut eine halbe Insel wegreißt und die Leute auf ein Viertel -des alten Raumes drängt; wenn ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch eine -ganze Stadt wegtilgen: die verschüchterten Menschen meinen auch zuerst, -jetzt würden sie ewig im Chaos bleiben; in ein paar Jahren haben -sie sich doch wieder eingerichtet, so gut es geht, und die nächste -Generation weiß es schon nicht anders.</p> - -<p>Die Naturerkenntnis verhieß nun umgekehrt sogar unendlichen Zuwachs. -Für den engen Tempel eine Sternenwelt. Immerhin lag das alte Haus für -den Moment unter der Lava und es wollte ein neues Dach gebaut sein, -unter dem der Mensch die Sterne ruhig ertragen konnte.</p> - -<p>Die Linie, die von hier heraufkommt, darf man gar nicht in der Weise, -wie jene erste, grundlegende, zunächst bei den Naturforschern suchen, -ja nicht einmal bei den Naturphilosophen vom abstrakten Feld.</p> - -<p>Die Frage, wie man praktisch, als ganzer Mensch mit allen echten, -unzerstörbaren Menschenbedürfnissen, mit der „Natur“ leben solle, ist -in ihrer eigentlichen Intensität auch von den intensivsten Ganzmenschen -zuerst brennend gestellt worden: den <em class="gesperrt">künstlerischen</em> und -<em class="gesperrt">ethischen</em> Köpfen.</p> - -<p>Ihre größte erste Entladung in der Tiefe des achtzehnten Jahrhunderts -liegt nicht bei irgend einem exakten Naturforscher (nicht einmal bei -Newton), sondern bei Rousseau.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p> - -<p>Rousseau kämpfte im Kleinen noch einmal den ganzen Kampf des Alten und -Neuen bei sich aus.</p> - -<p>Als eine durch und durch ethische Natur lief er zunächst mit dem -harten Kopf gegen moralische Widersprüche in seiner Zeit. An der -Unmöglichkeit, sie mit dem alten Glauben noch zu lösen, erkannte er die -Krisis des neuen Menschen. Der Mensch mußte sich mit irgend etwas neu -einrichten, um diesen Dampf zu durchdringen.</p> - -<p>In dieser Stimmung bot sich ihm das Wort „Natur“.</p> - -<p>Die Natur erschien ihm als die Erlösung. Heim ans Herz der Natur!</p> - -<p>Rousseau zuerst suchte in der Natur mit der ganzen Inbrunst des -Erlösungsringers nicht die Ziffern irgend einer Naturforscherrechnung, -ja nicht einmal philosophische Spekulation: er suchte in ihr einen -neuen ethischen Grundwert und Urwert, den Fels, an den der neue Mensch -sich klammern könnte, den ruhenden Punkt des Gemütes, das Herz, an das -dieses Gemüt heim wollte.</p> - -<p>Es ist die Tragik in Rousseaus Leben, daß der Begriff Natur bei alle -dem ihm selber ein schwankender, halber, phantastisch-unklarer blieb. -Er mußte eine sentimentale Natur erfinden, die in dieser Form für -die nächste Folge dem Fortschritt der echten Naturerkenntnis schroff -entgegenstand. Und selbst darin blieb er halb.</p> - -<p>Hätte Rousseau die Kraft des Wissens und der Phantasie gehabt, seinen -Naturbegriff wirklich groß und suggestiv zu machen, so wäre er mit -seiner ethischen Wucht ein Religionsstifter geworden, wozu er in -vielen Zügen das Zeug hatte. So blieb er in der Natur-Krisis stecken, -allerdings mit einer ungeheuren Wirkung innerhalb dieser Krisis. Ein -Gewaltigerer löste ihn ab: Goethe.</p> - -<p>Auch Goethes Leben ist ein unausgesetzter Kampf um den Natur-Begriff.</p> - -<p>Goethe ist eine unendlich viel positivere Gestalt als Rousseau, schon -weil er viel stärker Künstlernatur ist.</p> - -<p>Er geht für sich niemals so herb von dem Riß zwischen<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Alt und Neu -aus. Viel mehr Naturforscher auch als Rousseau, steht er von Anfang an -fester auf dem Natur-Boden. Von Spinoza her ist er zugleich auf den -Einheitsbegriff gedrillt. Ihm kann der Schnitzer nicht passieren, daß -er nun doch noch wieder den Riß in die Welt hineinprojiziert und einen -Schnitt macht zwischen Natur und Kultur, die Kultur als Abfall ansieht -von einer künstlich konstruierten „Natur“.</p> - -<p>Goethe ist es, der, nicht abstrakt wie Spinoza, sondern künstlerisch -schauend, das Wort einführt: „Gott-Natur“.</p> - -<p>Wenn ein Wort die Probleme hier wie irgendwo endgiltig lösen könnte, so -wäre die Schlacht für diese ganze Linie damit gewonnen gewesen.</p> - -<p>Aber Goethe selbst hat in unablässigem Ringen, Tasten, Versuchen -deutlich genug gezeigt, wie sehr er sich bewußt war, daß das Wort erst -eine Direktive sei, keine Erfüllung. Vielleicht das Größte, was er uns -im Kampfe um den Naturbegriff geleistet hat, war aber der Mut, mit dem -er dem Ding ins Auge schaute, ohne jede Sorge, es könne ihn fressen, -statt ihn zu erlösen.</p> - -<p>Es lag schon in der Luft damals, dieses Gefressenwerden durch den -Natur-Begriff. Ganz langsam hatte sich in die große Linie der -Naturforschung der seltsame Faden hineinversponnen, von dem ich schon -gesprochen habe.</p> - -<p>Da stand der große neue Lichtbau der Welt, aufgemauert mit cyklopischen -Quadern der Forschung. Aber nun der Mensch sich darin einrichten -wollte, hing über der Tür plötzlich etwas wie ein Gorgonenschild.</p> - -<p>Die Natur ist das Absolute; aber dieses Absolute ist ein sinnloser -Blödsinn!</p> - -<p>Eine närrische Ausgeburt des Chaos, diesem Chaos wieder verschrieben -mit Leib und Seele!</p> - -<p>In herrlichem Siegeszuge hatte die Naturforschung in der Rechnung ein -Mittel erkannt, dem Geheimgewebe der Natur in die Maschen zu rücken; -jetzt hieß es: die Natur selber ist nichts anderes, als eine dürre -Ziffernfolge. Wir selbst sind auch nur gleichgültige Ziffern darin. -Ein wahnsinniger<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Totentanz rast die Wirklichkeit an uns vorüber. An -uns, — an ein paar Spiegelplättchen für Momente. Morgen ist alles -aus. Was war im Grunde die ganze Erkenntnisjagd? Ein tappender Gang im -Labyrinth, Kammer um Kammer durch, von Treppe zu Treppe. Bis endlich, -unentrinnbar, in der tiefsten Zelle, der schwarze Minotaurus saß, der -uns alle fraß. Warum? Danach durfte man nicht mehr fragen.</p> - -<p>Goethe kannte diese Auffassung ganz genau.</p> - -<p>Er hat sein Leben lang Aug in Auge mit ihr gestanden.</p> - -<p>Er wußte, daß hier die Stelle war, wo der Natur-Begriff seinen -wildesten Versucher in sich selbst hatte, wo er, mit einem Schritt nur -über die Kante, hoffnungslos abstürzte in den Pessimismus.</p> - -<p>Wenn der Natur-Begriff über diese innerlichste Krisis nicht gerettet -wurde, so war seine ganze Zukunftsrolle verspielt. Denn im Pessimismus -dieser absolut hoffnungslosen Art würde die Menschheit sich nicht -dauernd zufrieden geben. Durch irgend eine Spalte würde die alte, -überwundene Weltanschauung, die vor Copernikus und Galilei zersplittert -war, wieder zurückkriechen und von dieser verrannten Ecke aus den -ganzen wundervollen Lichtbau der Naturforschung überhaupt wieder -auseinandersprengen.</p> - -<p>Was Goethe sich bei dem Begriffe Gott-Natur dachte, war in allen -Phasen seines Lebens immer der schärfste Protest gegen diese -<em class="gesperrt">Nachtansicht</em> der Natur.</p> - -<p>Aber obwohl er ein unendliches Stück darin weiter als Rousseau kam, -lag es doch gerade in seiner Art, den ganz festen Formulierungen aus -dem Wege zu gehen. In einzelnen glücklichen Momenten glaubte er an -optimistische Grundfäden der Natur auch als Forscher zu rühren, — so -wenn er dem Begriff der Steigerung in der Naturentwickelung nachsann. -Am sichersten aber hat er sich immer nur in der Dichtung, als Künstler, -ausgesprochen. Da war er sich völlig klar und goß seine lichte Klarheit -auch über andere aus, ein Apostel eines Natur-Begriffs, der den -Menschen wirklich mit ganzer Erlöserglut<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> wieder emporzog, anstatt ihn -in die Minotaurus-Höhle zu stoßen.</p> - -<p>Nur so konnte er, der Naturforscher, der in jeder Faser das echteste -Kind des Natur-Zeitalters nach Copernikus und Galilei war, die -Erlösungsdichtung des Faust schreiben: die Dichtung vom Menschen, der -nicht vom Minotaurus gefressen wird, sondern am Bande eines ehernen -optimistischen Naturgesetzes durch alle Sphären der Welt strebend -emporwandelt, selber ein aktives Stück Welt, nicht ein sinnloses -Spiegelplättchen.</p> - -<p>Sehr bezeichnend für die Auffassungen des Natur-Begriffs ist im Engeren -im Faust die Szene mit dem Erdgeist.</p> - -<p>In ihrer veredeltsten, abgeklärtesten Form erscheint in des Erdgeists -Worten jene Natur-Definition, die für das einsame Ringen des Menschen -keinen Anschluß hat. Nicht in der Minotaurus-Gestalt, sondern so groß, -daß das Wort auch für sie fallen darf von der Gottheit lebendigem -Kleid. Und doch als absolut fremde, in sich geschlossene Welt, die -auf und ab webt in Lebensfluten und Tatensturm als völlig in sich -stimmende Rechnung, in der nur unsere Qual, unsere Sehnsucht, unser -Erlösungsbedürfnis nicht mitverrechnet sind. Ein kosmisches Schauspiel, -das uns im Grunde gar nicht berührt, das sich abrollt vollkommen ohne -uns.</p> - -<p>Mag das eherne Antlitz dieses Erdgeistes ein Ziel sogar für sich haben, -auf das es starrt, — unser Ziel ist es jedenfalls nicht, nie werden -wir es begreifen; wir werden blutend auf dem Opferstein liegen und -nicht einmal wissen, warum wir geopfert werden. Ein furchtbares Phantom -in all seiner Größe steigt der Erdgeist auf, singt sein Lied und -versinkt; Faust, der ringende Mensch, bleibt auf den Knieen liegen und -ist im Grunde so klug wie zuvor. Schließlich ergibt er sich lieber dem -Teufel, dem Pessimismus, bloß um wenigstens irgend eine Tat zu tun und -damit aktiv in der Welt zu bleiben, — anstatt sich dort dauernd zum -hilflosen Zuschauer verdammt zu sehen vor dem Tatensturm einer Natur, -die ihn innerlich nichts angeht.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> - -<p>Es liegt nahe, von Goethes Erdgeist auf Fechner zu kommen.</p> - -<p>Doch nicht so um des äußeren Wortes willen und weil es gerade auch bei -ihm eine Rolle spielt; sondern wegen jenes tieferen Zusammenhangs in -der Natur-Idee.</p> - -<p>Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Anstieg der Naturforschung -zum Triumph, zum wohlberechtigten. Aber auch die Verwickelung des -Natur-Begriffs wurde trotz Goethe eine immer größere.</p> - -<p>Erst in diesem Jahrhundert, in der Epoche Darwins, geriet der Mensch -endgiltig in den Naturzusammenhang hinein, in einer prachtvollen -logischen Verknüpfung. Und doch, seltsam genug: je fester, je -energischer man den Menschen körperlich und seelisch, geschichtlich -und individuell in die Natur verknotete, in sie ein-, in ihr aufgehen -ließ, desto größer schien die Lust, eben diese Natur so unwirtlich -und unwohnlich für alle praktischen Bedürfnisse des Ganz-Menschen zu -definieren, wie nur irgend denkbar.</p> - -<p>Weil ihr Verlauf ein gesetzmäßiger ist, sollte er ein sinnloser sein.</p> - -<p>Weil wir eine tiefe Logik der Dinge gewahren, die auch aus einer -scheinbar chaotischen Zertrümmerung aller kosmischen Gebilde dennoch -immer wieder eine der Harmonie sich annähernde Welt heraufentwickeln -würde, sollte der Kosmos in Wahrheit ein Chaos sein.</p> - -<p>Weil es die Natur war, die im Menschengeiste sich zu grenzenlosen -Herrlichkeiten der Erkenntnis, der Kunst, der Ethik emporgearbeitet -hatte, sollten alle diese Errungenschaften plötzlich gleichgültige -Seifenblasen eines törichten Spieles sein.</p> - -<p>Immerfort hat dieses Jahrhundert dem Menschen einschärfen wollen, daß -er in der Natur als seiner umfassenden Idee aufgehe, — aufgehen müsse, -weil diese Natur im monistischen Sinne Goethes das wahre All sei, in -dem es nicht ein Außen und Innen gebe. Und immer hat dieses gleiche -Jahrhundert dem Menschen tatsächlich an den Kopf geworfen, daß er in -der Natur unterzugehen habe, unterzugehen wie ein<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> armer Schwimmer, der -sich sträubt und sträubt und den der tückische Strudel endlich doch in -seinen schwarzen Abgrund saugt.</p> - -<p>Und der Erfolg ist Pessimismus gewesen, Pessimismus bis über die -Ohren, während draußen alle bunten Triumphraketen der grandiosesten -Naturerschließung prasselten.</p> - -<p>Ein Mann aber, der sich gewehrt hat gegen diese Definitionen mit aller -Kraft seines unsagbar reichen und logischen Geistes, war Fechner.</p> - -<p>Es ist äußerst bezeichnend für Fechner, daß er gerade das war, was -Goethe Zeit seines Lebens am wenigsten der Anlage nach gewesen ist: -exakter Physiker.</p> - -<p>Er kam gleichsam aus der engsten Geheimzelle der modernen -Naturforschung, vom feinsten Räderwerk des ganzen Getriebes. Bei ihm -ist kein Zweifel über richtige Handhabung der Forschungsmethode, kein -Zweifel über die Beherrschung der Forschungsresultate seiner Zeit. Wo -er als reiner Sachforscher im Detail aufgetreten ist, da hat er sich -ausnahmslos den Ruf eines geradezu klassischen Arbeiters erworben. -Wer sich die Mühe gibt, auf Eleganz der Methode bei ihm nachzuprüfen, -der wird den Verfasser der Elemente der Psychophysik unbefangen neben -Gauß, Weber, Faraday und Helmholtz in der Geschichte der modernen -Naturforschung stellen können.</p> - -<p>Und doch lag Fechners Denker-Ehrgeiz tatsächlich auf einem anderen -Gebiete, weit darüber hinaus. Auch er wollte den Naturbegriff selbst -reformieren, ihn endlich, angesichts so erdrückenden Naturmaterials der -Forschung, zu einem wirklichen Hause umschaffen, in dem sich für den -ganzen Menschen wieder <em class="gesperrt">wohnen</em> ließ.</p> - -<p>Und dieser Fechner ist es, der uns heute, nachdem die Krisis des -Begriffs nachgerade wieder einmal fünfzig Jahre gedauert hat, auch erst -recht wieder interessiert.</p> - -<p>In drei Werken hat er seine Allgemein-Anschauungen niedergelegt, in -der Mitte seines Schaffens in „Nanna“ und „Zend-Avesta“, im Alter in -der „Tagesansicht gegenüber der<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> Nachtansicht“. Es sind keine leichten -Bücher, die man in einer müßigen Stunde wie einen Roman lesen kann. -Ich denke aber, die Frage, ob es eine Versöhnung von Optimismus und -moderner Naturanschauung geben könne, ist auch nicht die Frage einer -müßigen Stunde.</p> - -<p>Was Fechner im ganzen versucht hat, das ist eine <em class="gesperrt">ungeheure -Hilfskonstruktion</em> zu dem Satze: was könnte die „Natur“ doch noch -in einem optimistischen, unser Sehnen beruhigenden Sinne sein unter -Achtung aller festen oder fest geglaubten Tatsachen und Lehrsätze der -exakten Naturforschung von heute?</p> - -<p>Es ist bei dieser Stellung der Frage von vornherein klar, daß kein -Rückfall mit ihr möglich ist in eine Weltauffassung, die mit diesen -Tatsachen und Lehrsätzen noch nicht gerechnet hatte, als sie entstand, -und die in der Folge sich nur in erklärtem Widerspruch zu ihnen -erhalten hat.</p> - -<p>Das unzerstörbare Walten der Logik im Naturgesetz, das jedes „Wunder“ -ausschließt; die Einheit aller Dinge Himmels und der Erden im -monistischen Sinne ohne jedes „Hinter der Natur“, die den ganzen -alten Dualismus und die ganze alte, schlechte Sorte der Metaphysik -fortstreicht; das ewige Gebundensein alles Seelischen an einen -materiellen Untergrund, mit dem alle Gespensterei und Theorie der -stofflich unabhängigen Seelen aufhört: — solche und ähnliche Sätze der -Naturforschung sind für Fechner eherne Säulen, die fertig dastehen, ehe -er seine ganze Konstruktion anfängt, und bei denen eben jene Achtung in -Kraft tritt.</p> - -<p>Was er aber behauptet, das ist: daß jenes pessimistische -Minotaurusbild, ja auch schon jenes ganz indifferente Bild einer kalten -Weltenrechnung ohne inneren Anschlußpunkt für uns, eben selber auch nur -eine Hilfskonstruktion innerhalb dieser Säulen sei — und zwar weder -die einzige, noch auch die logisch beste.</p> - -<p>Im Gegenteil.</p> - -<p>Es läßt sich eine optimistische Hilfskonstruktion denken, die dem -Harmonie- und Erlösungsbedürfnis des Menschen vollkommen<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> gerecht wird -und den Menschen aktiv an die Natur angliedert als den umfassenderen -Organismus, ohne daß dabei ein Titelchen verrückt zu werden braucht -an jenen Grundsäulen der Forschung. Und es läßt sich gerade diese -Hilfskonstruktion innerlich sogar mit einer konsequenteren Logik -zwischen diese Säulen einbauen, als es für jene andern denkbar ist. Das -ist Fechners wesentlichstes Denkbekenntnis.</p> - -<p>Das „Wie“ seiner Konstruktion steht in den drei Büchern. Es läßt sich -darüber streiten, und Fechner verlangte, daß man darüber stritt, -eventuell ihn widerlegte.</p> - -<p>Der Schmerz seines Lebens war, daß man ihn statt dessen totschwieg.</p> - -<p>Nie hat er das vollauf berechtigte Gefühl überwunden, daß es sich -um Fragen von solcher Heiligkeit, Fragen auf Leben und Tod wie des -modernen Menschen, so der modernen Naturforschung, hier handle, daß -diese Antwort absolut unwürdig sei.</p> - -<p>Heute würde er es als einen neuen Beweis seines optimistischen -Naturprinzips selbst hinnehmen, daß die Geistesentwickelung uns ganz -von selber darauf führt, die alte Sünde wett zu machen.</p> - -<p>Im Moment, da wir nach so viel abgeflossenen schwarzen Wassern des -Pessimismus wieder Optimismus suchen, sind wir mit drei Schritten -wie bei dem Sänger der Gott-Natur, so auch wieder bei dem stillen -Philosophen im Leipziger Rosental.</p> - -<p>Denn so viel Stationen der modernen Geisteswallfahrt nach dieser Seite -haben wir nicht, daß wir im Gedränge fehl gehen könnten.</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 id="Wirklichkeit" title="Der Kampf um den Begriff „Wirklichkeit“"> </h2> - -</div> - -<p>In dem großen Kampfe um den Natur-Begriff steckt aber noch ein tieferer -Kampf.</p> - -<p>Der Kampf überhaupt um die <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em>.</p> - -<p>Um Begriff und Sinn und Kraft der Wirklichkeit.</p> - -<p>Auch um sie hat das neunzehnte Jahrhundert unablässig<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> gerungen, mit -und ohne Wissen, mit und ohne Segen, aber rastlos, unermüdlich.</p> - -<p>Es ist seltsam: ganz andere Erinnerungsfäden spinnen sich mir an, ganz -andere Assoziationen, wie ich an dieses Wort „Wirklichkeit“ denke.</p> - -<p>Kampfbilder tauchen mir zunächst auf aus dem ästhetischen Gebiet. Wie -ist in den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts gestritten worden -über den Begriff des Realismus in der Kunst, — über Wirklichkeitskunst!</p> - -<p>Auch von dieser ästhetischen Fehde ist im Persönlichen heute viel -antiquiert.</p> - -<p>Da hängt Zola’s Bild an meiner Wand. Zola ist tot.</p> - -<p>Dort stehen die grünen Hefte der „Freien Bühne“, der deutschen -Zeitschrift, in der die Rede vom Naturalismus und Realismus der Kunst -so lautes Leitwort war. Das trotzige Frühlingsgrün ihrer Umschläge ist -zum sanften Grau abgeblaßt. Ach ja! Moderne Umschlagsfarben halten kein -Jahrzehnt! Es ist mir aber auch schon wie ein Omen zur Sache.</p> - -<p>Und doch war dieser engere ästhetische Zwist eine so notwendige Farbe -in jenem größeren Streit, — dem eigentlichen Geisteskampfe um die -<em class="gesperrt">Wirklichkeit</em>.</p> - -<p>Durch ihn mußte durchgehen, wer hier auftauchen wollte, auftauchen in -eine freiere Luft.</p> - -<p>So lange ich rückschauend mich selbst ernst nehme als Arbeiter, hat das -Problem mich bewegt des Verhältnisses zwischen Naturforschung oder von -ihr getragener Naturphilosophie — und Kunst. Erste Lösungen, die ich -versucht habe und an denen ich eine Weile einmal Freude hatte wie an -einem braven Funde, sind mir heute bloß Lehrgeld. Erst ganz allmählich -aber ist mir dabei wenigstens <em class="gesperrt">ein</em> echter Wert aufgegangen: -nämlich Respekt vor der ungeheuren Wucht und Macht jeder Einmischung -überhaupt des Ästhetischen ins allgemein Philosophische.</p> - -<p>Wenn die Kunst sich aufrafft und spricht, so tritt allemale eine Riesin -aufs Schlachtfeld.</p> - -<p>Eine Tiefe des Menschen ist aufgewühlt, an die kein<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> Instrument der -Forschung heran konnte. Dieser Quell wird nicht planmäßig erbohrt -und fließt in bequemen Röhren ab: er gährt auf, bringt mit oder -verschlingt, je nachdem. Immer aber ist die Sachlage völlig verändert, -wenn die Kunst darüber gerauscht ist.</p> - -<p>Erst von hier aus glaube ich heute auch zu ahnen, was <em class="gesperrt">hinter</em> -jenem Kunstkampfe um den Realismus stand.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Wie oft ist versucht worden, das neunzehnte Jahrhundert gegen das -achtzehnte durch irgend ein scharfes Ereignis abzugrenzen. Durch die -französische Revolution. Oder durch Goethes Tod. Man gab hier, dort ein -Jahrzehnt, ein paar Jahrzehnte zu. Immer vergebens.</p> - -<p>Mit eigentlichen Ereignissen im gewöhnlichen Sinne glücken wahre -weltgeschichtliche Trennungen überhaupt nie. Die Antike schließt so -wenig mit der Absetzung des Romulus Augustulus, wie das Mittelalter -wirklich endet mit der Entdeckung Amerikas.</p> - -<p>Man muß den Begriff „Ereignis“ in einer tieferen, einer verfeinert -geistigen Bedeutung fassen.</p> - -<p>Ein tiefstes innerliches Erleben, eine langsame Geistesströmung der -Menschheit, lange im Unzulänglichen gehalten, wird endlich „Ereignis“ -im Faustischen Sinne. An solchem Ereigniswerden gehen dann in der Tat -Weltalter auseinander, an ihm gliedert sich die Geschichte zu Epochen -voneinander wie ein grandioses Kunstwerk.</p> - -<p>Aber diesen Vollzug bezeichnet kein Name einer Person, keine -Staatsaktion, keine Explosion und kein Landruf aus dem Mastkorbe eines -Entdeckerschiffs.</p> - -<p>Wir finden dafür immer nur eines jener begrifflichen Worte, ein -ideelles Leitwort aus dem begrifflichen Denken heraus, das uns -allerdings in solchem Moment daran mahnen mag, wie dieses begriffliche -Denken des Menschenhirnes selber eine Art geheimnisvollen Sinnesorgans -sei, das gerade da in den innersten Säulenbau der Weltendinge und -Geschichtsdinge<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> schaut, Zusammenhänge, Umfassungen, Trennungen sieht, -wo das gewöhnliche Auge versagt.</p> - -<p>Auch das neunzehnte Jahrhundert hat sein begriffliches Leitwort.</p> - -<p>Es lautet: Wirklichkeit.</p> - -<p>Das Ereigniswerden dieses Wortes in der Menschheitsseele bildet den -eigentlichen Leib, das eigentliche Individuum dieses Jahrhunderts, -— die Kristallisationsform der Menschheit, die immerhin der äußeren -Ziffer von achtzehnhundert Jahren seit Christi dunkler Geburt am -nächsten steht.</p> - -<p>In diesem Wörtchen Wirklichkeit liegt auch alles, was das neunzehnte -Jahrhundert vom achtzehnten trennt. Um dieses Leitwortes willen -erscheint es dem raschen Blick so stark als „Tat“ zu dessen „Gedanken“.</p> - -<p>Es lag dieser Tat aber doch in Wahrheit ein anderer, ein eigener -Gedanke zugrunde.</p> - -<p>Das achtzehnte Jahrhundert (in diesem Sinne immer jetzt nur als eine -lose Annäherung gefaßt an die Jahresziffer) philosophierte abstrakt, -träumte, dichtete, phantasierte, lebte und schwelgte in Gefühlswelten.</p> - -<p>Alle seine Maßstäbe waren ästhetische.</p> - -<p>Seine Naturgeschichte war Naturphilosophie.</p> - -<p>Seine soziale Besserungssehnsucht wandelte in Utopien, versenkte sich -in mystische Gründe, konstruierte sich eine romantische Geschichte, -die nie existiert hat, und baute darauf in die Wolken hinein eine -märchenhafte Zukunft.</p> - -<p>Immer hat dieses Jahrhundert einen Stich ins Ungemessene, ein -Überfliegen der Dinge durch den Gedanken, eine naive Befreiung von der -Schwere.</p> - -<p>Das neunzehnte Jahrhundert kennt nur einen Maßstab: den technischen.</p> - -<p>Sein Blick ist auf einmal kurz, aber auf diese kurze Spanne -mikroskopisch scharf.</p> - -<p>Sein Boden, seine eigentliche Erdwissenschaft, aus der Antäus Kraft -schöpft, ist die Naturgeschichte, aber sie ist jetzt im echten Sinne -Naturwissenschaft und nur solche.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p> - -<p>Auf ethischem, auf sozialem Gebiete ist es das Jahrhundert der -kurzen Programme, die nicht die Welt neuschöpfen wollen, sondern -einen einzigen nächsten besseren Schritt eisern ins Auge fassen, -ganz nüchtern, — für diese Menschheit, für dieses Leben, für diese -Prozentziffer Schlechtigkeit weniger und für diesen konkreten Laib Brot -mehr.</p> - -<p>Hinter allen Taten dieses Jahrhunderts scheint obenan der Gedanke zu -stehen: beschränken wir uns.</p> - -<p>Beschränkung ist aber keine Beschränktheit. Man nimmt dem Worte die -Spitze, wenn man sich das Wesen jenes Beschränkens aus seinem Kern -heraus klar macht.</p> - -<p>Das neunzehnte Jahrhundert hat alle seine Siege erfochten im Zeichen -der Wirklichkeit.</p> - -<p>Dieser Begriff gerade in dem Sinne, wie ihn das Jahrhundert am meisten -im Munde geführt hat, kommt aber selbst nur zustande durch eine -Beschränkung.</p> - -<p>Das muß erfaßt werden, wenn man den Dingen gerecht werden will.</p> - -<p>Wir gebrauchen das Wörtchen „wirklich“ gewöhnlich in einer Auffassung, -über die ein Zweifel nicht möglich scheint.</p> - -<p>Wirklich ist das Blatt, ist der Tisch, auf denen ich diesen Satz -schreibe. Wirklich ist die Tapete meines Zimmers, der Ahornbaum vor -meinem Fenster, der Schornstein der Fabrik, der darüber vorlugt, der -Blitzableiter auf diesem Schornstein, und der Vogel, der eben darüber -hin fliegt. Wirklich ist der Atlantische Ozean, ist Amerika, ist die -Stadt New-York. Wirklich war einmal im neunzehnten Jahrhundert, einige -siebzig Jahre lang, der Darwin, dessen Bild dort an der Wand hängt.</p> - -<p>Nicht wirklich ist dagegen die Hallucination des Fieberkranken, die -sich als Gestalt im Zimmer dort bewegt, einen bestimmten Teil der -Tapete dort ihm verdeckt, menschliche Worte zu ihm spricht. Nicht -wirklich sind die Sirenen und Cyklopen der homerischen Gesänge. Niemals -wirklich war die Traumlandschaft, in der ich heute Nacht im Schlafe -unwirkliche Abenteuer ausgefochten habe. Niemals wirklich waren Faust -und Gretchen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p> - -<p>Es ist diese Wirklichkeit <span class="antiqua">sans phrase</span>, auf deren Ergründung, -deren Wiedergabe die ganze Forschung, die ganze Naturforschung beruht.</p> - -<p>Und es ist jene Unwirklichkeit, deren Ausmerzung bis in den heikelsten -Schlupfwinkel hinein ebenso sehr Ziel und Bedingung dieser Forschung -ist.</p> - -<p>Gleich diese erstbesten Beispiele zeigen aber auch aufs klarste, daß -und was für eine Voraussetzung hierbei stillschweigend gemacht ist.</p> - -<p>Eine Voraussetzung, die eine Beschränkung ist.</p> - -<p>In einem umfassenderen Sinne sind auch die Sirene und das Fieberphantom -„Wirklichkeiten“. Die Sirene hat vor zweieinhalb Jahrtausenden in -der Phantasie von kleinasiatischen Schiffern gelebt. Der redende, -raumfüllende, schattenwerfende Unhold des Fiebernden lebt mindestens -einen Augenblick lang in dieses Einzelnen Phantasie. Die Landschaft -meines Traumes war für mich Realität, solange ich träumte.</p> - -<p>Es ist aber zur Klärung gut, das Wort hier zu ändern.</p> - -<p>Beides, das sogenannte Wirkliche und das sogenannte Unwirkliche, lösen -sich tatsächlich auf vor einem höheren Begriff.</p> - -<p>Vor dem Begriff des <em class="gesperrt">Erlebnisses</em>.</p> - -<p>Ganz zweifellos: der Ahornbaum da draußen, der Tisch hier vor mir, die -Tapete neben mir, der atlantische Ozean, Amerika und die Sirene, der -Cyklop, der Fieberkobold und Fausts edle Denkerstirn: sie sind alle -gleichermaßen Erlebnisse. Ich habe meinen Wald im Traume heute Nacht -erlebt; und der Kleinasiate von so und so viel hundert vor Christo hat -seine Sirene erlebt; und Goethe hat Faust und Gretchen erlebt — ganz -genau so, wie Kolumbus Amerika erlebt hat, als er den Schaft seiner -spanischen Fahne in den Ufersand von San Salvador stieß, oder wie ich -jetzt und wachend den Ahornbaum mit seinen gelben Herbstblättern dort -draußen erlebe. Erlebnis ist einfach alles.</p> - -<p>Aber nun in diesem Erlebnisse die Unterscheidung, die Einschränkung.</p> - -<p>Die Hallucination sehe ich als Fieberkranker <em class="gesperrt">allein</em>.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p> - -<p>Wenn ich andern beweisen will, daß dort vor der Wand jetzt eine -schreckhafte Gestalt stehe, so lachen sie mich aus und erklären mich -für krank. Wenn ich erzähle, daß ich heute Nacht in einem bunten -Märchenwalde spazieren gegangen bin, so halten mir andere entgegen, daß -sie mich zu dieser Zeit haben im Bette liegen und schlafen gesehen.</p> - -<p>Umgekehrt, den Ahornbaum und den Schornstein da draußen sehen alle -Menschen mit normalen Augen genau so gut wie ich.</p> - -<p>Wenn wir zu mehreren sprechen, so rechnen wir mit ihm als etwas -Gemeinsamem. Es liegt eine Identität unseres Erlebens vor. Mag sie auch -keine absolute sein, da jeder schließlich doch den Ahornbaum etwas -subjektiv anders sieht als der zweite und dritte. Aber diese Differenz -ist zu gering, um ein ernstes Hemmnis abzugeben.</p> - -<p>Kein Zweifel: es ist in diesem zweiten Falle ein <em class="gesperrt">soziales</em> Moment -berührt.</p> - -<p>Die „Wirklichkeit“ des Ahornbaumes wird bestimmt durch das -identische Urteil vieler, sie fußt auf einem Kollektiverlebnisse, -sie kommt zustande, man möchte sagen, durch eine Abstimmung, einen -Majoritätsbeschluß. Bei der Hallucination fehlt dieser Beschluß -vollständig.</p> - -<p>Das soziale Moment beginnt ja schon in mir selbst.</p> - -<p>Jeder einzelne von uns ist doch in sich schon eine Art sozialen Wesens -hinsichtlich seiner Erlebnisse. Bloß kein räumliches, sondern ein -zeitliches.</p> - -<p>Ich löse mich zeitlich rückwärts in Tausende und Tausende von Personen -auf, die etwas erlebt haben. Diese Tausende verknüpft allerdings -ein Gemeinsames, Identisches. Schon das Gedächtnis ist ja ein -solches Identisches. Aber hinsichtlich der Erlebnisse stellt sich -gleichwohl eine Kette von Personen dar. Auch diese Personen legen nun -schon ihre Erlebnisse zusammen und erzielen in mir selbst ähnliche -Majoritätsbeschlüsse. Ich selbst werde schon zu einer Unterscheidung -genötigt zwischen dem Ahornbaum und dem Traumwald. Die tausendfache -Prozentziffer des immer erneuten Ahornbaum-Erlebnisses mit<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> allem, was -darum und daran hängt, erhebt sich mit einer schweren Majorität gegen -das einmalige Traum- oder Fiebererlebnis.</p> - -<p>So arbeitet aus mir bereits etwas jenem Sozialbeschlusse der vielen -Menschen entgegen.</p> - -<p>Aber die innere Unterscheidung des Einzelnen würde in unzähligen Fällen -doch nicht ausreichen.</p> - -<p>Man denke an den Zustand eines Irrsinnigen, der subjektive fixe Ideen, -hallucinatorische Erlebnisse viele Jahre lang ebenso regelmäßig haben -kann wie den Anblick des Ahornbaumes. Die eigentliche Entscheidung -fällt erst die soziale Gemeinschaft mehrerer, schließlich, als -Idealziel, <em class="gesperrt">aller</em> Menschen.</p> - -<p>Die schrankenlose Flut der Erlebnisse wird durchgesiebt auf das -Identische, das Gemeinsame hin. Und so erst entsteht das, was wir -konventionell Wirklichkeit oder Wahrheit nennen.</p> - -<p>Durch ein Filtrieren, ein Ausschließen.</p> - -<p>Durch einen Akt der Beschränkung!</p> - -<p>Je mehr Gleichartigkeit, je mehr Stäte für möglichst viele Menschen -in den Erlebnissen, desto stärker anwachsend der Schatz an -„Wirklichkeiten“, der Wahrheitsschatz der Menschheit in ganz bestimmtem -Sinne.</p> - -<p>Es liegt wahrlich nichts in dieser Herkunft, was den -Wirklichkeitsbegriff herabsetzen könnte.</p> - -<p>Jene schlichte Tatsache, daß ein gewisser Kreis von Erlebnissen sich -bei mehreren oder gar allen Menschen deckt, ist eine Grundtatsache -überhaupt zum Zustandekommen jedes sozialen Zusammenschlusses der -Menschen gewesen von Anfang an. Auf Grund nur davon haben sie sich -verständigen können. Diese „Wirklichkeit“ ist das eigentliche Band -der Zersplitterten geworden, die größte Identität, in der sie sich -zusammenfanden. Zusammenfanden zu gemeinsamer Arbeit.</p> - -<p>Dieses Herausheben einer gewissen Reihe von Erlebnissen aus dem -regellosen Andrange als „Wirklichkeit“ war der erste große Schritt zu -einer <em class="gesperrt">Ordnung</em> der Dinge, die dem Menschen eine neue Stellung in -der Welt verhieß.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p> - -<p>Denn an diese Ordnung schloß sich die Beherrschung, die Herrschaft über -die Natur, über die „Wirklichkeit“.</p> - -<p>In diesem Begriffe, der sozial gedacht war, konnte die Menschheit ihre -Einzelarbeit summieren, vor ihm konnte sie gemeinsam vorgehen, wo der -einzelne ohnmächtig versagte.</p> - -<p>Das ganze Wort Kultur hat eine Wurzel hier.</p> - -<p>Vielleicht gibt es kein schärferes Trennungszeichen zwischen einem -Naturvolke und einem Kulturvolke, als das Steigen im Wertmesser einer -für alle im Volke gemeinsamen „Wirklichkeit“.</p> - -<p>Wo der Begriff mit Bewußtsein erfaßt wird in der Gesamtgeschichte, -da ist es, als überschreite die Kultur eine Wasserscheide ihrer -Entwickelung.</p> - -<p>Die Vorstellung einer ganz „objektiven Wahrheit“ wird in dem -Augenblicke geboren und damit eigentlich das Fundament gelegt für alle -höhere Wissenschaft und Forschung.</p> - -<p>Ungeheuer freilich ist die Arbeit, die fort und fort getan werden -will, um die rechte Auswahl zu treffen und zu wahren zum Zwecke dieser -objektiven Wahrheit.</p> - -<p>Je mehr Völker in den Kulturkreis hineinwachsen, je mehr diese Kultur -sich inhaltlich erweitert, desto strenger die Auslese des Gemeinsamen.</p> - -<p>Es gilt nicht mehr bloß das Objektive, das Gemeinsame fort und fort zu -fixieren gegenüber dem bloß Subjektiven, dem Traum, der Hallucination, -kurz alledem, was das Individuum einsam erlebt ohne Übereinstimmung mit -seinen Genossen in der Kultur.</p> - -<p>Es müssen auch, wenn das Wort erlaubt ist, ganze -Hallucinations-Genossenschaften immer wieder ausgemerzt werden.</p> - -<p>Ein Volk, ein Kreis, eine Zeit einigen sich, daß dieses oder jenes für -sie Wirklichkeit sei. Aber dieser Glaube hält vor einer umfassenderen -Einheit, einer vorgeschrittenen Zeit nicht Stand, sinkt ins Subjektive, -muß wieder ausgesiebt werden aus dem wahren Bestand.</p> - -<p>Wo immer ein Ding auf Majoritätsbeschlüssen ruht, da zeigt sich ja -dieser Verlauf als natürliche Folge fortschreitender<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> Entwickelung: die -Majorität wird gelegentlich abgelöst durch eine höhere Majorität.</p> - -<p>Aber soviel schwere Arbeit, soviel Erfolg.</p> - -<p>Von Jahrhundert zu Jahrhundert wächst den Menschen ihr gemeinsamer -Erfahrungsbestand — ein eiserner Bestand, in dem sie eine immer -solidere Einheit über alles Schwankende des Individuums hinaus bilden.</p> - -<p>Unablässig fallen Millionen von Individuen ab. Aber das Gemeinsame -scheint unsterblich, diese ideale Einheit paralleler Erlebnisse in -soviel Köpfen in soviel Jahrhunderten.</p> - -<p>Immer mehr streckt sich ihr Gigantenleib, der Einzelne scheint nur noch -wie ein Punkt in ihr zu schwimmen, — in der „Wirklichkeit“, diesem -kolossalen Komplex aller gemeinsamen Erlebnisse der Kulturmenschen von -sieben oder acht Jahrtausenden.</p> - -<p>Diese Wirklichkeit ist es, von der das neunzehnte Jahrhundert -beherrscht wird.</p> - -<p>Und zwar stärker beherrscht als irgendein Jahrhundert zuvor, — als -sei ein durch die Jahrtausende rollender Schneeball endlich zur Lawine -geworden.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Zwei Linien der Entwickelung arbeiteten sich dazu in die Hände.</p> - -<p>Seit rund nun vier Jahrhunderten war die eine in ein verstärktes Tempo -geraten.</p> - -<p>Man muß über das achtzehnte Jahrhundert noch weit zurück, um sie in -ihrem Urstamm zu fassen.</p> - -<p>Es ist wieder in den Tagen des Columbus, und von denen zunächst -heraufwachsend bis auf die Zeit etwa, da Galilei beobachtet. In dieser -Epoche vollzieht sich für die Menschheit ein grundlegend Neues.</p> - -<p>In der Gruppe der Menschheit, die sich als europäische Kultur -zusammenfassen läßt, erfolgt ein großer Ruck hinsichtlich des -Werkzeuges. Die Buchdruckerkunst ersetzt die Schrift. Das Schiff wird -zu einem Werkzeug, das nicht mehr bloß die menschenbewohnten Küsten -eines Flusses, eines Binnenmeeres<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> verknüpft, sondern Weltmeere zur -Brücke nach fernsten Erdteilen macht und eine halbe Erdkugel neu -erschließt. Das Fernrohr schiebt sich zwischen Mensch und Mond, -zwischen Padua und den Jupitertrabanten steht es plötzlich wie -eine wahre Himmelsleiter. Das Mikroskop löst den Schleier über dem -Infusorium und über den Winzigkeiten unseres eigenen Leibes, den -Blutkörperchen und Samenzellen, — also über einer Welt, die bisher -eingeschachtelt lag wie in einer uns unerreichbaren Dimension.</p> - -<p>Ein Ruck hinsichtlich der Werkzeugtechnik bedeutet aber nichts anderes -als einen unmittelbaren Fortschritt gewisser menschlicher Körperorgane.</p> - -<p>Es ist der Körper des Menschen mit seinen Organen und Sinnen, der sich -eine Stufe weiter entwickelt.</p> - -<p>Seit prähistorischen Zeiten, seit das erste, roheste Werkzeug von -einem Menschen hergestellt wurde, hatte dieses gerade Verhältnis -bestanden. Die Keule war nur eine Fortsetzung des schlagenden Armes. -Das Kleid ein höheres Fell. Der Einbaum, aus dem das Schiff geworden -ist, ein künstlicher Wasserleib mit Anpassung hinsichtlich der Schwere -an das Wasser. Das Neue war bloß, daß diese Werkzeuggestaltung des -Urmenschen nicht mehr am lebendigen Zellenleibe herumformte, sondern -zweckmäßige Projektionen schuf in fremdes, totes, bloß angeeignetes -Material hinein. Der Mensch entwickelte sich keinen zermalmenden -Elefantenfuß, festgewachsen an seinem Leibe. Er behielt die kleine, -einfache, gelenkige Hand mit dem großen Daumen bei, wie er sie von -seinen frühtertiären Säugetier-Ahnen überkommen hatte. Doch mit dieser -Hand faßte er Keule und Streitaxt und zermalmte damit den Schädel des -Gegners. Mit dieser Hand hat er in den späteren Tagen, von denen wir -sprechen, gelernt, ein Fünkchen an das Pulver einer Kanone zu bringen, -und diese Kanonenkugel fällte den stärksten Elefanten. Die Schiffe des -Columbus, Vasco da Gama und Magelhaens waren nichts anderes als solche -projizierten Schwimmorgane, mit denen der Mensch jetzt endlich sogar -den Walfisch überbot und Weltmeere durchquerte. Das Fernrohr<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> Galileis -und das Mikroskop des Leeuwenhoek waren verschärfte Augen, gebaut nach -dem gleichen Linsenprinzip unseres leiblichen Auges, wie wir es als -Säugetier mitbekommen haben — bloß soviel besser, daß wir jetzt in -die Krater des Mondes und jenes Spiel der Samentierchen und der roten -Blutkügelchen schauten.</p> - -<p>Aber damals schon lag und immer liegt in dieser Art des -Organfortschrittes, den wir Werkzeug nennen, etwas Besonderes unlösbar -mit enthalten.</p> - -<p>Was hatte die Menschheit, oder sagen wir die Tierheit in ihr, -gezwungen, überhaupt diesen Schritt zum Werkzeug über das angewachsene -Körperorgan hinaus zu tun?</p> - -<p>Zwei entscheidende Faktoren der Nützlichkeit hatten dazu gedrängt.</p> - -<p>Wenn ich bloß mit der Faust zuschlage und der Gegenstand, nach dem -ich schlage, ist zu hart: so bricht mir der Knochen im Fleische. Ich -empfinde einen ungeheuren Schmerz, weil Fleisch und Knochen unmittelbar -im Bereiche meines subjektiven Nervensystems liegen. Und mehr: die -Faust ist mindestens für lange Zeit, vielleicht für immer, gelähmt, — -ich bin mit einem Schlage in einen Zustand der Wehrlosigkeit gestürzt.</p> - -<p>Umgekehrt: die Keule zersplittert. Ich empfinde den Bruch des toten -Werkzeuges nicht als Nervenruck in mir. Ich werfe die Trümmer einfach -fort und greife eine andere auf. Holz wächst ja genug. Ich habe schon -welche auf Reserve geschnitzt. Oder kann sie doch jederzeit schnell -beschaffen.</p> - -<p>Und dazu jetzt und gleich hier anknüpfend ein zweiter, unsagbar großer -Vorteil.</p> - -<p>Ich verteidige als Mensch der Steinzeit meine Höhle gegen einen grimmen -Bären. Meine Keule zerspällt auf seinem harten Schädel. Jetzt stürzt er -zu. Aber ehe er mich wehrlos findet, hat mir ein Genosse, ein zweiter -Mensch, der hinter mir steht, seine unversehrte Keule gereicht. In -meiner Hand ist sie sogleich meine jetzt, ein vollkommener Ersatz der -früheren. Doch der Kampf dehnt sich. Mein Arm, der die Keule schwingt,<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> -erlahmt. Ich lasse den Freund vor mich treten, gebe ihm meine Keule. -Nun schwingt er sie mit frischer Kraft wieder als seine. Und diesmal -erliegt der Feind.</p> - -<p>Das Werkzeug ist einfach ein <em class="gesperrt">soziales Organ</em>.</p> - -<p>Eine Fortentwickelung des Organs mit einem sozialen Zug.</p> - -<p>Ich mag ein Menschenleben damit verbringen, eine besonders gute, -eine schier unverwüstliche Keule herzustellen. Aber wenn ich sie nun -geschaffen, so mag meine ganze Familie, mag mein ganzer Stamm damit -wirken. Ich kann zu Hause auf der Bärenhaut liegen, während andere mit -der Keule einen lebendigen Bären fern im Forst bezwingen. Ich kann -sterben und die Keule bleibt. Meine Kinder und Enkel werden sie führen. -Ich bin längst vergessen — und diese künstliche Faust, die ich mir -geschnitzt, lebt, schützt immer wieder lebendige Menschen, ist eine -soziale Faust geworden, die Generationen überdauert.</p> - -<p>Ein solches Sozialorgan ist aber ebenso das Schiff des Columbus: trägt -es doch charakteristischerweise schon ein ganzes Häuflein tapferer -Menschen als gemeinsames Schwimmorgan. Ein solches soziales Sinnesorgan -ist das Fernrohr Galileis. Man wird dem Meister die Sternwarte -verbieten. Er wird erblinden. Aber auf seinen Turm steigen andere -und ihr Auge kriecht in dasselbe Glas, mit dem er die Sichelgestalt -der Venus und die Monde des Jupiter entdeckt hat. Und wenn diese -vergrößernden Linsen hier ihm zerbrechen, so wird Spinoza in Holland -andere schleifen. Das Werkzeug übertrumpft die Vereinsamung und die -Vergänglichkeit des Individuums, — es ist ein Organ am sozialen Leibe -des Kollektivwesens „Mensch“, erhaben über den Zusammensturz des -Einzelnen in der Zeit, erhaben über die zerspaltende Schranke unserer -Zellenleiber.</p> - -<p>Ist nun die „Wirklichkeit“ nur ein grober Ausdruck für das Gemeinsame -in den Erlebnissen der Menschen, so gehört das Werkzeug, dieses ins -Gemeinsame verlegte Organ, zweifellos aufs engste zu ihr.</p> - -<p>Jeder Fortschritt im Werkzeug war ein Siebenmeilenschritt zu ihr, in -ihr.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p> - -<p>Als die Holländer zuerst durchs Mikroskop schauten, die Italiener -durchs Fernrohr, da stutzten sie einen Moment: sollten die Dinge da -drinnen nicht bloß Hallucinationen sein? Teufelsspuk nannte man das -damals. Aber es war gerade umgekehrt.</p> - -<p>Diese neuen Augen waren um einen ganzen Schritt weiter <em class="gesperrt">gesichert</em> -vor individueller Hallucination: das Sinnesorgan selbst gehörte ja -jetzt schon der Allgemeinheit an.</p> - -<p>Tausende konnten die gleiche Linse benützen.</p> - -<p>Ein Mittel der Forschung wurden diese Gläser sofort — der objektiven -Forschung, die sich grundsätzlich nur noch zu den gemeinsamen -Menschheitswerten, also zu der sogenannten Wirklichkeit, bekannte.</p> - -<p>So mußte von hierher eine Welle steigen und steigen. Mußte steigen mit -der neuen Epoche der Technik. Eine Welle, die auf die Wirklichkeit, auf -ein ungeheures Übergewicht dieser Wirklichkeit loseilte.</p> - -<p>Denn die Werkzeugtechnik begann mit jenen Tagen einen Siegeslauf, der -schlechterdings nicht mehr zu hemmen war.</p> - -<p>Das ganze achtzehnte Jahrhundert ist nur eine leichte Kurve in ihm.</p> - -<p>Im neunzehnten bricht ein Triumph aus, so überwältigend, daß die -Geschichte der Technik von so und so viel Jahrtausenden sich -auseinander zu spalten scheint in zwei Perioden: alles bis dahin — und -dieses neunzehnte Jahrhundert.</p> - -<p>Technische Fortschritte wie die Verwertung der Dampfkraft und der -Elektrizität lassen sich in der gesamten Kulturgeschichte an Größe -nur noch vergleichen mit den uralten gigantischen Türhütern der -Werkzeugerfindung überhaupt: mit dem ersten Steinmesser, dem ersten -selbst gegossenen Stück Bronze, oder mit jener Tat aller Taten, mit der -künstlichen Erzeugung der roten Herdflamme.</p> - -<p>Im eigentlichsten Sinne durchsponnen erscheint dieses ganze letzte -Jahrhundert mit Fäden, mit Netzen der Technik. Ein Geräusch kommt von -ihm herauf wie ein großes Summen, Klirren, Sausen — ungezählte Räder, -wirbelnde Schwungriemen,<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> stöhnende Metallwände, hinter denen eine -Kraft eingekerkert ist. Eine weiße Dampfwolke liegt darüber, in die -blaue Lichtbänder fließen.</p> - -<p>Was aber da rasselt und rauscht und glüht, das sind neue Nerven, -neue Muskeln des Menschen, soziale Muskeln, die als Dampfhammer -niederdröhnen, als Dynamit den Granitberg sprengen, soziale Nerven, -die als Kabel von Kontinent zu Kontinent durch schwarze Meeresschlünde -leiten, das sind Leuchtorgane des millionenköpfigen Kollektivwesens -Mensch, Blitzorgane, ins Erdumwälzende vergrößert aus jener schwachen -Kraft, die den Zitteraal Venezuelas seine elektrischen Schläge -austeilen läßt. Im Zeichen des Sozialorgans wehen bis in jeden Winkel -die Fahnen dieses Jahrhunderts, und alles, was in ihm lebt, von der -steilsten Schneehöhe des reinen Denkens bis in den tiefsten Meeresazur -der Kunst: es fühlt das Fächeln dieser Fahnen über sich.</p> - -<p>Und dazu nun eine zweite Welle, auch sie sich rapid steigernd auf das -neunzehnte Jahrhundert zu. Der anderen parallel, oft zum Verschmelzen -eng.</p> - -<p>Der soziale Zusammenschluß der Menschheit als solcher.</p> - -<p>Auch das rauscht durch die Jahrtausende.</p> - -<p>Zuerst die einfacheren Hilfszusammenschlüsse bis zum Volke. Dann der -Begriff des auserwählten Volkes: des Kulturvolkes, der Kultur überhaupt.</p> - -<p>Im Orient zuerst, dann bei den Griechen, dann das Mittelmeer umfassend, -endlich im Lichtfelde ganz Europas, als liege hier allein fortan das -Aufmerksamkeitsfeld des Menschenbewußtseins im großen. Eine bevorzugte -Menscheninsel, die Kulturinsel. Unabsehbar um sie, die Erdscheibe -überflutend, der rohe Ozean des Halbmenschentums, des Barbarentums.</p> - -<p>Aber kaum, daß sich das konstituiert hat, so gebiert auch diese -Kultureinheit schon mit innerer Notwendigkeit das Ideal einer noch -höheren Umfassung: die Idee einer wirklichen „Menschheit“. Jener ganze -Ozean saugt die Kultur wie eine Farbe, die von einem Fleck ausgeht, in -sich ein, durchfärbt sich damit.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p> - -<p>„Menschheit“ fällt zusammen mit „Kultur“.</p> - -<p>Das letzte ist nun schon ein Begriff, den wir selbst erst werden, -erst wachsen sehen, blaue Berge vor uns, halb im Nebel noch. Aber in -die große Linie ordnet sich die Arbeit von Jahrtausenden auch hier -stufenweise ein.</p> - -<p>Im Grunde ist dieser soziale Gesamtzug die umfassendere Leistung -gegenüber der Technik, der Ausbildung bloß des sozialen Organs.</p> - -<p>Dieser allgemeine Sozialverband der Menschen zum Zweck gemeinsamen -Wirkens, gemeinsamer Behauptung, gegenseitigen Schutzes, gegenseitig -gewährten Glückes umspannt viel mehr als bloß den Sozialanteil an -technischen Erfindungen — viel mehr Säulen des Menschengeistes.</p> - -<p>Das sagt ja das Gesamtwort Kultur schon, das zugleich das Gemeinsame -und das Tiefe ausspricht.</p> - -<p>Aber in bestimmter Betrachtung ist doch auch wieder jede große -technische Fortschrittsepoche ein Ausgangspunkt dieser allgemeinen -Sozialfortschritte.</p> - -<p>In den Tagen zwischen Columbus und Galilei ist es, als lege sich eine -ganze neue Quader unter den Begriff Kultur. Der Kulturmensch ist -fortan der, der gedruckte Bücher besitzt, mit Fernrohr und Mikroskop -beobachtet. Noch ist das im wesentlichen damals der europäische -Mensch. Man denkt an den Spanier, den Portugiesen, der über Meer -fährt und zu nackten Wilden kommt. Aber eben solche Fahrt, ermöglicht -durch technische Hilfen, wie Schiff und Kompaß, ist zugleich eine -Geburtshelferin jenes erweiterten Kulturbegriffes, der an keinem -einzelnen Erdteil mehr haftet. Indem die Kultur Europas nach Amerika -überfließt, geht in jenem Bilde ein Farbstreifen quer durch den -Ozean. Eine halbe neue Erdkugel wird die Kultur einsaugen. Auf den -Schiffen der Columbus und Magelhaens steuert der Idealbegriff einer -Kulturmenschheit, in der es überhaupt keine Wilden, keine Barbaren mehr -gibt, als blinder Passagier mit.</p> - -<p>Mit seinem Triumph der Technik war dem neunzehnten<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> Jahrhundert schon -ganz von selbst vorgezeichnet, daß es auch ein soziales Jahrhundert -ersten Ranges werden mußte.</p> - -<p>Immer bewußter, hell wie die blauen elektrischen Lichtbänder dieses -Jahrhunderts, tritt die Kultureinheit hervor.</p> - -<p>Schon seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mindestens geschieht kein -größeres Werk mehr, ohne daß wir uns direkt mit Worten dieser Einheit -dabei erinnerten.</p> - -<p>In einer Welt, die noch unter Kriegsschrecken bebt und in tausend -Ketten knirscht, klingt das Wort wohl oft wie eine Phrase. Aber in -solcher Phrasenform sind alle großen Ideale auf Erden millionenmal und -siebenmillionenmal aufgetaucht — bis sie endlich doch ein Lebenswort -wurden.</p> - -<p>Es ist aber eben jenes achtzehnte Jahrhundert gewesen, das dem -neunzehnten noch ein weiteres soziales Ferment übermittelt hat.</p> - -<p>Jenes Bild der älteren Kultur, die auf einer Insel sitzt, weithin um -sich das finstere Meer der Barbarei, des kultursozial noch nicht -angeschlossenen menschlichen Rohstoffes, hat noch eine andere Bedeutung -als bloß eine geographische, bei der Europa die Insel ist.</p> - -<p>Es findet sich zum zweiten Mal wieder innerhalb unserer Kulturvölker -selbst.</p> - -<p>Da ist ein enger Stand zunächst, der die Bildung, das soziale Werkzeug, -all das andere, Tiefere, Vergeistigte, was die Kultur sonst noch -ausmacht, besitzt und die Glückssonne dieser Errungenschaften über sich -leuchten läßt.</p> - -<p>Um diesen Sonnenstand aber nach unten wogt abermals ein ungeheures Meer -nackter, hilfloser, isolierter Feuerländer und Australneger unseres -eigenen Volkes.</p> - -<p>Auch nach hier hinab hebt nun eine Mischströmung an, auch in diesen -Ozean stößt Schiff um Schiff allmählich ab, um Farbströme hinter sich -herzuziehen, bis eines Tages auch diese ganze Barbarensee die Kultur -aufgesaugt haben wird und ihrer Vorteile teilhaftig ist.</p> - -<p>Wir haben uns gewöhnt, die Arbeit nach dieser Richtung im engeren Sinne -als das soziale Problem zu bezeichnen. Und<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> es braucht nicht mehr -gesagt zu werden, mit welcher wachsenden, orkanartigen Intensität das -neunzehnte Jahrhundert das Jahrhundert dieses sozialen Problems gewesen -ist. Und es braucht auch nicht das Allbekannte erzählt zu werden: -wie gerade das soziale Organ, die Maschine, auch hier die Felsblöcke -in krachenden Sturz gebracht hat, allerdings in besonderer Weise. -Nicht die Geschichte dieser Dinge berührt mich ja hier, sondern das -Gesamtantlitz, das sie dem Jahrhundert geben.</p> - -<p>Auf das Soziale deutet dieses Antlitz im neunzehnten, wo immer es uns -anstarrt.</p> - -<p>Es sieht nicht den Menschen, sondern die Menschen.</p> - -<p>Und wo sich ein einzähliges Wort ihm dennoch auf die Lippe drängt, da -ist es ein Idealwort, geschmiedet aus fünfzehnhundert Millionen Köpfen: -— <em class="gesperrt">Menschheit</em>.</p> - -<p>Wo dieses bis in jede Faser sozial durchfärbte Jahrhundert Weltenwerte, -Erlebniswerte wog und für seine Bedürfnisse aussonderte: da war es, da -mußte es sein jene Auslese der Erlebnisse, die sozial gemacht werden, -— also der „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen.</p> - -<p>Das Blut, von dem es trinken mußte, um zu leben, um nicht ein leerer -Schatten zu sein, rann ihm hier zu.</p> - -<p>Wirklichkeit! Wirklichkeit!</p> - -<p>Aus den Myriaden individueller Sondererlebnisse durchgesiebt die -übereinstimmenden, die sozial brauchbaren, die, bei denen man Mensch -mit Mensch packen konnte.</p> - -<p>Und als brächte der Ruf, das Verlangen danach selber das Blut zum -Strömen, so strömte und strömte dieses rote, nahrhafte, verbindende -Blut der Wirklichkeit nun auch diesem Jahrhundert tatsächlich wie aus -unerschöpflicher Ader zu.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Dem neunzehnten Jahrhundert glückt es, Dinge in den Bereich der -Wirklichkeitswerte ganz oder doch nahezu hineinzuziehen, an deren -Wirklichkeitsmöglichkeit selbst die aufgewecktesten Kulturepochen in -sieben Jahrtausenden nicht in kühnster Hoffnung gedacht hatten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span></p> - -<p>Ein prachtvoller Eroberungszug bemächtigt sich des Menschen -<em class="gesperrt">selbst</em>.</p> - -<p>Zum erstenmal entsteht eine eigentliche <em class="gesperrt">Naturgeschichte des -Menschen</em>. Und im Rahmen dieser Naturgeschichte eine erste auf -Tatsachen, auf Wirklichkeiten gestützte „wahre“ Geschichte.</p> - -<p>Über den Ursprung der Menschheit enthüllen sich schlechterdings -neue Dinge, die jeder fortan greifen kann. Es ist das Problem aller -Probleme, die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, die mit diesem Punkte -berührt ist. Das Centralgeheimnis aller Erlebnisse, der Blick ins -eigene Sein.</p> - -<p>Seltsam genug: gerade die Geschichte, der Ursprung des Menschen hatte -bis in dieses Jahrhundert hinein mit einer zähen Hartnäckigkeit -außerhalb der sozial kontrollierbaren „Wirklichkeiten“ gelegen.</p> - -<p>Der biblische Mensch, der Mensch der uralten babylonisch-jüdischen -Schöpfungslegende herrschte für diesen Punkt, und er beherrschte von -hier aus das Bild des Menschen überhaupt.</p> - -<p>Dieser biblische Mensch reichte seiner eigenen Schöpfung im -Menschengeist nach aber in Zeiten zurück, die an Wirklichkeitswerten -und an Sehnsucht nach solchen noch unendlich viel ärmer gewesen waren -als auch nur etwa das Jahrhundert des Columbus.</p> - -<p>Einzelne objektive, von vielen erlebte Tatsachen mögen ja immerhin -bei seinem Uranfang mitgewirkt haben. Der Glaube an die Sintflut hat -zweifellos an die versteinerten Muscheln auf Berghöhen angeknüpft, -die man anders nicht zu erklären wußte. Die Entstehung des Menschen -aus einem Lehmkloß schloß sich an die angebliche Beobachtung, daß -kleine Tiere, Flöhe, Maden und Mäuse, unmittelbar aus toter Substanz -hervorzukommen schienen.</p> - -<p>Aber diese Erfahrungen traten später so gut wie ganz in den -Hintergrund. Der biblische Schöpfungsmythus lebte fort einfach als -Überlieferung. Irgend einem, etwa Moses, sollte das so offenbart worden -sein. Dieses innere Erlebnis wurde aber sozial gemacht, zu einem -Erlebnis für alle, also zu einer<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> „Wirklichkeit“ gemacht nur durch eine -Art Machtgebot, eine künstliche <em class="gesperrt">Sanktion</em>.</p> - -<p>Glaube wurde verlangt, Beweise nicht mehr für nötig erachtet.</p> - -<p>Und anderthalb Jahrtausende hielt sich das wirklich so in einer -notdürftigen Balance.</p> - -<p>Aber jene innere Logik der Dinge, die alle Sozialwerte, auch die -scheinbar fest errungenen, immer wieder durchsiebt, mußte langsam -endlich durchsickern lassen, wie sehr in diesem überlieferten -Glaubenswerte die Gefahr eben doch einer <em class="gesperrt">bloß</em> subjektiven -Annahme, sagen wir: einer Hallucination, steckte. Mochte es die -Hallucination einer ganzen Kulturepoche sein. Auch solche werden, wie -gesagt, schließlich ausgemerzt, wenn die Kultur weiter steigt.</p> - -<p>Um den Sozialwert der biblischen Menschengeschichte und -Menschenauffassung dauernd und in immer wirklichkeits-energischere -Zeiten hineinzuretten, mußte man ihn schließlich doch mit gewöhnlichen -Wirklichkeitswerten wieder zu stützen versuchen.</p> - -<p>Der Glaube suchte endlich doch einen Halt bei der Forschung.</p> - -<p>Es ist aber im ganzen achtzehnten Jahrhundert schon ein öffentliches -Geheimnis der besten Köpfe, daß dieser Rettungsversuch scheitern müsse.</p> - -<p>Es war unmöglich, wirkliche Tatsachengründe, die jeder greifen konnte, -für die Bibeltradition zu finden.</p> - -<p>Der biblische Gott in seiner Gestalt eines bloß vergrößerten -Übermenschen, Adam und Eva, das Paradies, der Sündenfall, Noahs Arche -in der Flut, sie verschwebten im Blau, unfaßbar, ohne Akten und Siegel -im Sinne sonstiger greifbarer Tatsachengeschichte, im Sinne von -„Wirklichkeit“.</p> - -<p>Dieses Ergebnis war ja zunächst ein rein negatives.</p> - -<p>Und im Zeichen dieses Negativen steht das ganze achtzehnte Jahrhundert.</p> - -<p>Die Bibel sinkt in die Rolle eines subjektiven Erlebnisses ohne -Sozialwert, ohne Gebrauchswert für viele, hinab. Die<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> wahre Geschichte -des Menschenursprunges ist jetzt ein nacktes weißes Blatt.</p> - -<p>Das Jahrhundert geht ins nächste mit Stimmen, die jede Möglichkeit -anzweifeln, daß je noch Schrift der Wirklichkeit auf dieses Blatt -kommen werde. Ist all das bunte Märchenspiel seiner biblischen Wiege -dem Menschen ins Blaue verdampft — so scheint sein Ursprung, scheint -er selbst in seiner zeitlichen Dehnung rückwärts erst recht jetzt im -Nebelblau des absolut Unbekannten.</p> - -<p>Das hier einsetzende neue Jahrhundert aber bringt gerade das -Unerwartete: den Bruch grade dieses Geheimschlosses nun doch durch die -Wirklichkeit.</p> - -<p>Die Technik wieder ist es, die den Spaten gibt.</p> - -<p>Der Spaten wird eingesetzt — und jetzt kommen Erlebnisse realster Art -zustande, Erlebnisse für alle, die der Kultur angehören.</p> - -<p>Ein solcher Spaten ist das künstliche Auge des Fernrohres, das in die -Nebelflecke schaut. Das Thermometer, das die Wärmeverhältnisse des Alls -mißt, eine verfeinerte Haut gleichsam des Menschen. Das Spektroskop, -ein nochmals neues, chemisches Auge, das Sternenlicht in seine Elemente -zerspaltet.</p> - -<p>Jedes dieser erweiterten Sinnesorgane eröffnet erweiterte -Wirklichkeitswerte.</p> - -<p>Im unendlichen Raume erscheint die Urmaterie nebelhaft zerstreut. Sie -glüht auf als Fixsterninsel. Als Sonne. Diese Sonne entläßt feurige -Reifen, die sich zu Planetenkugeln aufrollen. Eine solche Kugel -saust Trillionen Jahre lang im eiskalten Raume und sie erstarrt. Ein -metallischer Eisblock, läßt sie sich nur noch von der Sonne erwärmen. -Aber ihre Rinde wird das Spiel unzähliger chemischer Prozesse. Im -milden Sonnenatem erhält sich der Sauerstoff, gemischt mit andern -Gasen, als Luftschicht, verbunden mit Wasserstoff dauert er als -flüssiges Meer. Dieses Meer umwogt Länder. Und so baut sich, schon -eine Folge von Aeonen, die Urerde auf, noch einmal herausgesehen -aus der heutigen Wirklichkeitswelt mit Hilfe jener gesteigerten -Wirklichkeitsorgane der Technik.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p> - -<p>Diese Technik wandelt aber wieder einen anderen Weg.</p> - -<p>Zu den Gemeinsamkeitserfahrungen der Menschheit gehören gewisse -Gesteinsmassen der Erde. In diese Gesteinsmassen dringen technische -Organe vor, sie bohren Tunnels hinein für einen künstlichen Muskel- -und Nervenstrang des Kolossalwesens Mensch, sie bauen die Steinkohle -heraus, damit sie selber ein Leuchtorgan, ein Wärmeorgan dieses -Menschen werde, sie tragen Schiefer Platte um Platte davon ab, -um eine Form ihres sozialen Gedächtnisses, die Bilderschrift des -lithographischen Druckes, damit herzustellen.</p> - -<p>Dabei aber kommen neue Erfahrungen zustande: versteinerte Baumstämme, -Abdrücke und Knochen seltsamer Tiere. Handgreiflich gemeinsame -Erfahrungen, die, in öffentlichen Museen aufbewahrt, durch -photographische Platten jenseits aller Hallucinationsmöglichkeit -fixiert, von allen fünfzehnhundert Millionen Menschen der Erde gesehen -werden können und den nachgeborenen Generationen ebenso unverändert -erhalten bleiben.</p> - -<p>In die Jahrmillion der Urwelt auf dem erkalteten Planeten zeichnen -sich damit neue Bilder ein. Am Ufersande entlegenster Zeit regt sich -gallertiges Gewürm. Durch die blaue Flut ziehen Schwärme bunter -Medusen. Der Wind knattert durch die Schachtelhalmwälder sumpfiger -Inseln. In diesem Sumpfe kriechen gepanzerte Molche auf dem feuchten -Moosboden. Der Farrnwald wird zum Nadelgehölz. Gigantische Saurier, -turmhoch auf den Hinterbeinen, watscheln hindurch. Der erste Vogel, -noch mit einem langen Eidechsenschwanz hinter sich, flattert darüber. -Dann ein Palmenwald in Sachsen, mit Affen und Antilopen. Urwaldfichten, -deren Harztränen zu Bernstein werden. Groteske Dinotherien mit -Walroßhauern bei Mainz. Ein Menschenaffe auf der schwäbischen Alb. -Endlich Eisgletscher über ganz Norddeutschland, auf denen schwedischer -Granit, als Moräne verfrachtet, bis nach Berlin rutscht.</p> - -<p>Und jetzt in diese nie geahnten Wirklichkeitspanoramen eingehend — der -Mensch.</p> - -<p>Eines jener neuen gemeinschaftlichen Werkzeugaugen, das Mikroskop, löst -ihn in winzige Urelemente des Lebens, die<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> Zellen, auf. Aus solchen -Zellen baut sich auch jedes Tier, baut ich jede Pflanze. Aus einer -einzigen Zelle, der Eizelle, entsteht geschichtlich als einzelner jeder -Mensch. Auf Wesen, nur aus einer Zelle bestehend, läßt sich auch die -ganze Fülle des Tier- und Pflanzenlebens auf Erden zurückführen, wenn -man zu ihren geschichtlichen Wurzeln zurückgreift.</p> - -<p>Die Fülle der Gesichte, über jene ganze Urwelt ausgebreitet, ordnet -sich dann hintereinander.</p> - -<p>Aus dem Niederen das Höhere.</p> - -<p>Einzellige Urwesen am ersten Strand. Niedrige Pflanzen, später niedrige -Tiere. Doch der Stammbaum wachsend, Ast um Ast, bis zur Rose, bis zum -Säugetier. Und dieses Säugetier wird an einer letzten Stelle Mensch. -Mensch nach oben — nachdem es nach unten Eidechse, Molch, Fisch, Wurm -wie Häute seiner Entwickelung durchgemacht und abgestreift hat. Noch im -Säugetier steigt eine ganze Skala an, Schnabeltier, Beuteltier, zuletzt -gibt es eine Gabelung, die hier den Affen entläßt, dort unaufhaltsam -in den Menschen empor sich steigert. Nicht in einen Paradieses-Adam, -sondern einen harten Kämpfer. Unter Eis stöhnt die Erde, als er noch -jung ist. Der Höhlenlöwe brüllt vor seinem Versteck. Aber in diesem -Versteck entzündet er sich die Herdflamme und bei ihrem Schein schlägt -er sich den Stein immer vollkommener zur Waffe.</p> - -<p>Hier hebt das andere, höhere Epos an: die Kultur.</p> - -<p>Immer aber, in jedem Zuge, ist diese neue Schöpfungsgeschichte getragen -von gemeinsamem Erfahrungsmaterial: von „Wirklichkeiten“.</p> - -<p>Noch jetzt leben Tierformen vor jedermanns Blick, die bis zu jenen -Einzellern hinunter seinen Ahnen gleichen.</p> - -<p>Sein Embryo im Mutterleibe, der heute noch die Kiemenbogen des -Fisches, das Wollkleid, die spitzen Ohren und den Schwanz des niederen -Säugetieres wiederholt, steht im Museum.</p> - -<p>Greifbar zieht ein Forscher gar aus einem Flußbett Javas die Hirnschale -und den Schenkelknochen des Pithekanthropus, der halb Gibbonaffe und -halb Mensch vor mehr als einer halben Million Jahren gewesen ist. -An der Stätte, wo<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> Goethe gewandelt ist, dicht bei Weimar, in den -Kalktuffen der Ilm, speit der Boden Steinwerkzeuge aus, gemischt -mit den von Menschenhand bearbeiteten Knochen des Elefanten und des -Rhinoceros. Auf dem Felsen von Rüdersdorf folgt die Hand der Glättung -und Ritzung des Gesteines, die dem alten Riesengletscher jener Eiszeit -verdankt werden.</p> - -<p>Nicht eine Hand bloß, von der dann die Tradition allein bleiben müßte -wie einst von den Gesichten des mosaischen Schöpfungsdichters.</p> - -<p>Hundert, Millionen Hände, immer wieder, wenn sie sich bloß die Mühe -machen wollen.</p> - -<p>Von „Wirklichkeiten“ ist diese neue Schöpfungsgeschichte umspannt, -umklammert wie von einer Eisenhand.</p> - -<p>Von Wirklichkeiten in eine ganz bestimmte, nicht mehr erschütterbare -Gestalt gepreßt, schreitet der Mensch aus dem neunzehnten Jahrhundert.</p> - -<p>Eine Kette klirrt hinter ihm her aus diesen Wirklichkeiten, eine eherne -Nabelschnur, die ihn, wohin er auch schreite und was er nun sei, fortan -rückwärts angeschmiedet hält an einem ungeheueren weltallsschweren -Granitblock übereinstimmender Erlebnisse der Menschheit selbst über -ihren Ursprung.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ein Jahrhundert, das einen solchen Triumph mit der Wirklichkeit -erlebt hatte — ist es ein Wunder, wenn es allmählich wie in Ekstase -geriet vor diesem Begriffe?</em></p> - -<p>— — —</p> - -<p>Es läßt sich sehr gut verfolgen, wie das Jahrhundert zwei Phasen in -sich durchläuft, was diesen Punkt anbelangt.</p> - -<p>Grob kann man es genau auf seine Mitte, auf den Umschwung zu den -Fünfzigerjahren, durchschneiden, um sie zu erhalten.</p> - -<p>In der ersten Hälfte ist es, als seien Zwerge schweigend bei einer -Nachtarbeit.</p> - -<p>Blöcke werden noch geräuschlos aufgetürmt. Die Technik wächst langsam -empor. Die erste Lokomotive dampft. Der erste Telegraphendraht -spannt sich. Das zusammengesetzte<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> Mikroskop beginnt zu arbeiten. -Neue Wissenschaften blühen auf, alle mit der Färbung nach der -naturwissenschaftlichen Seite. Das allgemein Soziale reckt sich und -zeigt mehr und mehr Fühlung mit der Technik. Der alte Goethe stirbt -schon mit dem Gefühle, daß eine neue Zeit dabei sei, sich zu erfüllen, -eine Zeit der sieghaften Realwerte.</p> - -<p>Aber bei alledem haben diese ersten fünf Jahrzehnte im ganzen doch noch -etwas Intuitives, etwas dumpf im Mutterleibe Wachsendes, etwas bloß im -dunklen Drange geradeaus Gehendes ohne Nachdenken.</p> - -<p>Das eigentliche Bewußtsein all der Dinge blitzt erst mit der Wende zur -zweiten Hälfte auf. Die Nebel fallen über dem Zwergenschlosse und es -steht auf einmal da, vor aller Welt Augen, und es zwingt diese Augen zu -sich.</p> - -<p>Nach fünfzig Jahren stillen aber steten Ringens um die „Wirklichkeit“ -kommt in den ersten beiden Jahrzehnten der zweiten Phase mit Übergewalt -gerade jetzt auch jener stolzeste Eroberungszug wie eine reife -Frucht: die neue Lehre vom Menschen, das neue Weltbild, aufgebaut auf -Wirklichkeit. Lange schon hat diese Frucht ungesehen im dichten Laube -gehangen, jetzt fällt sie, und ihr Poltern zieht die ganze bewußte -Aufmerksamkeit auf sich. So und so viel noch fest Schlafenden fällt -sie auf den Kopf — und sie <em class="gesperrt">müssen</em> aufwachen, <em class="gesperrt">müssen</em> -begreifen.</p> - -<p>Um das Ende der Fünfziger und den Anfang der Sechziger erfolgt nach -dieser Seite ein Hauptschlag um den anderen.</p> - -<p>Die Spektralanalyse, die die Gestirne enträtselt.</p> - -<p>Darwin.</p> - -<p>Das Gesetz von der Erhaltung der Energie fest begründet.</p> - -<p>Boucher de Perthes’ prähistorische Funde bestätigt.</p> - -<p>Zum ersten Mal läßt sich der Faden einer Kosmogonie auf Grund von -lauter Wirklichkeiten spinnen, wie es Haeckel in ewig unvergeßlicher -Weise versucht hat.</p> - -<p>Der Kampf gegen die Bibel, durch Strauß angebahnt,<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> nimmt unter -dem Druck dieses positiven Ersatzmaterials den Charakter eines -Vernichtungskampfes an. Alles, was mit dogmatischer Religion -zusammenhängt, kommt ins Bröckeln. Die Autorität der Tradition wankt in -ihr im Verhältnisse, wie die Autorität der Wirklichkeit, das Vertrauen -zur Wirklichkeit überall wächst.</p> - -<p>Andererseits ist dieser gleiche Zug gegen die alte Autorität bloßer -Überlieferungen im allgemein Sozialen wie ein Frühlingssturm merkbar.</p> - -<p>Wie in der Philosophie, so in der Politik. Abkehr vom Phantastischen -zugleich und minderer Glaube an alte Bücher, alte Titel, alte Verträge, -zweifelhafte Dokumente von lediglich traditioneller Heiligkeit. Die -wachsende soziale Bewegung sucht sich auf greifbare Realwerte hin neu, -solider, weltgerechter zu ordnen.</p> - -<p>Scheinbar fliegt eine ungeheuere Masse Pietät über Bord.</p> - -<p>Aber in Wahrheit nur, weil eine einzige ganz bestimmte Pietät -überwiegend, erdrückend, alles verschlingend geworden ist: die Pietät -vor den „Tatsachen“, vor der „Wirklichkeit“.</p> - -<p>Der darwinistische Mensch und der sozialistische Mensch reichen sich in -diesem Pietätsgefühl brüderlich die Hand.</p> - -<p>Und all diese Dinge, dieser ganze Zug der Zeit haben einen so -greifbaren <em class="gesperrt">Glücksinhalt</em>!</p> - -<p>Es liegt wie ein großes Aufatmen in der Entlastung von soviel -schweren Berglasten der Illusionen, Glaubenssätze, Vertröstungen, -Subjektivitäten mit Autoritätsmacht. Das Feld für neue Entwickelungen -scheint endlich wieder frei, und das Bewußtsein davon gießt junge Kraft -in alle Adern.</p> - -<p>Wo immer die Wirklichkeit resolut erfaßt wird, philosophisch, -technisch, sozial — es fließt und fließt ein überwältigender Strom von -Glück zu.</p> - -<p>All sein körperliches Glücksbedürfnis eines ungeheuer sinnlich -kräftigen Organismus wirft das Jahrhundert nach dieser Seite, all seine -brennende Seelensehnsucht.</p> - -<p>Die Kirche sank, der Himmel schloß sich mit seinen Belohnungen, -seiner außerweltlichen Bestimmung des Menschen,<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> seiner unmittelbaren -Gotteshilfe. Das ganze alte Gefüge der Autoritäten, Traditionen, -Moraltafeln, privilegierten Stammbäume krachte.</p> - -<p>Aber die Wissenschaft schenkte einen neuen Himmel mit Millionen -Sternen. Sie schenkte einen neuen Menschen, der in ganz neuer, solider -Weise auf der Erde stand. Und die Technik, Schöpferin zugleich und -Kind dieser Erkenntnis, würde Brot und Muße für alle aus diesem Boden -zaubern, hier auf dieser Erde — eines Tages.</p> - -<p>Noch verwirrten ja ihre Maschinen eher, als daß sie halfen. Aber das -war nur der letzte Nebel vor Sonnenaufgang. Die soziale Neuordnung und -Gesamtkonstituierung der Menschheit würde ein irdisches Reich der Liebe -und Gerechtigkeit gründen, aufgebaut auf Arbeit im richtigen Maße. -Keine Herrschenden und Unterdrückten mehr, nur der freiwillige Arbeiter -triumphierend.</p> - -<p>Und das alles schließlich verdankt dem großen Umschwung in der -Wertschätzung der Wirklichkeit. Sie war der Fels endlich im Meer, wo -die Arche landen konnte ....</p> - -<p>Man kann die Dinge bis hierher ruhig in ihrem ganzen Königsmantel -rauschen lassen, ohne auch nur ein Wort einschränkender Kritik -hinzuzusetzen.</p> - -<p>Die vollkommene Größe des neunzehnten Jahrhunderts erscheint wirklich -so, die ihm nie wieder irgend eine Zukunft entreißen wird.</p> - -<p>Das Jahrhundert der Dampfmaschine und des Telegraphendrahtes, Darwins -und der beginnenden Umwandlung des alten Christuswortes von der -Nächstenliebe in reale soziale Tat — es hat mit seiner „Wirklichkeit“ -in Wahrheit Berge versetzt, Berge, an denen sich der Strom der -Menschheitsentwickelung gestaut hätte, wenn nicht eine Hand sie endlich -wegriß und die Wasser schäumen ließ.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>.... Aber es wird kein Kind geboren, auch kein Heiligenkind, ohne daß -edles Mutterblut dabei verströmte.</p> - -<p>Jede große Entwickelungserweiterung der Menschheit, bei<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> der ein neues -Flußbett sich gräbt, hat seine gewissen Züge auch des Dammbruches, der -Überschwemmung, der entfesselten Gewalt, die Fruchtbäume bricht und -Ackerboden verschüttet.</p> - -<p>Auch in der größten Tat des Genius erscheint unabänderlich der -Erdenrest bestimmter Unterdrückungen, Vergewaltigungen, Übertreibungen.</p> - -<p>Im Grunde, wenn man tiefer blickt, ist dieser scheinbare dunkle -Fleck eigentlich nichts anderes als der schwarze Schnittpunkt der -Entwickelung selbst, die auch in der erhabensten Leistung nicht ganz -erfüllt, nicht ganz zum Stillstand gebracht sein darf, sondern ihre -Ecke behalten muß, wo sie auch diese Leistung wieder zersetzen, wieder -überwinden wird — zum Nutzen des unablässigen Weiterganges.</p> - -<p>Auch das neunzehnte Jahrhundert hat diesen Schnittpunkt. Und es hat -ihn genau mitten in dem, was seine Größe ausmacht: in dem Begriffe der -„Wirklichkeit“. Dieser Begriff ist seine Sonne — aber es ist auch sein -größter Sonnenfleck darin.</p> - -<p>In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts treten mit dem wachsenden -Bewußtsein von jener großen Fügung auch ganz allgemach die Spuren einer -gewissen Verschiebung auf.</p> - -<p>Der Begriff Wirklichkeit nimmt in einer Menge von Köpfen eine -eigentümliche Schwere an.</p> - -<p>Er bekommt etwas von einem Block, der sich nicht mehr recht bewegen -lassen will, der selber wieder lastet, drückt.</p> - -<p>Die Wirklichkeit hatte zu solchem Triumph geführt, eröffnete solche -Glücksbilder. Wie nahe lag es, sie für das <em class="gesperrt">einzige</em> zu erklären, -was für den Menschen überhaupt in Betracht kam, was <em class="gesperrt">Wert</em> für ihn -besaß!</p> - -<p>Wir erinnern uns jener Grunddefinition: daß „Wirklichkeit“ eine Auslese -der für viele, eventuell alle Menschen gemeinsamen Erlebnisse darstelle.</p> - -<p>In dieser Definition ist noch kein Werturteil enthalten, was besser -sei: diese sozialen Erlebnisse in ihrer Ganzheit oder der Rest des -tausendfältig Subjektiven, der daneben schwimmt,<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> ohne aufgelöst zu -werden, all der individuellen Erlebnisse, die jeder zunächst für sich -hat ohne Parallelen bei andern.</p> - -<p>Höchstens konnte man sagen: die Wirklichkeit wurde jedenfalls etwas -zweiten Grades, — eben als Auslese.</p> - -<p>Jetzt aber wird der Spieß umgekehrt.</p> - -<p>Die Frage taucht auf, ob das Subjektive nicht bloß ein wertloser Rest, -etwas Überzähliges ohne Sinn sei?</p> - -<p>Die Wirklichkeit allein das echte Erlebnis, das erlebenswerte!</p> - -<p>Das Subjektive dagegen, das mit ihr nicht zusammenfällt, bloß ein -gleichgültiges Schaumgekräusel — Schnitzelwerk des Erlebens, das -nebenherlaufend nicht immer zu vermeiden ist, aber jedenfalls eine -Luxusproduktion darstellt!</p> - -<p>Ja, war es bloß die?</p> - -<p>Der Schritt in der Logik ist äußerst klein vom Wertlosen zum -Widerwärtigen, zum Schändlichen.</p> - -<p>Man hatte so deutliche Beweise, wo das Subjektive geschadet hatte, -indem es das Wirkliche fälschte, zum Beispiel in religiösen Dogmen.</p> - -<p>Der eigentliche Schaden hatte zwar strenggenommen in solchen Fällen -immer in der blinden Tradition bestanden, in der Nachlässigkeit, die -Subjektives für allgemeine Wahrheitswerte einfach leichtfertig hinnahm, -und in der Autorität, die solche Verwirrungen heiligte und gewaltsam -durchdrückte.</p> - -<p>Aber war es nicht doch die nackte Existenz des Subjektiven in der -großen Menschheitsrechnung gewesen, die den Anlaß gab, daß dergleichen -überhaupt in Szene treten konnte?!</p> - -<p>Jede Zeit hat ihren Versucher, der als kleines Schlänglein hinter dem -Apfelbaume hervorkriecht. Für das neunzehnte Jahrhundert steckte er in -dieser harmlosen Frage. Es kroch eigentümliche Wege, das Schlängelchen, -aber mit der ganzen schwarzen Teufelslogik.</p> - -<p>Alles Subjektive, das nicht in das Gemeinsame paßte, war also tauber -Schuß, Rankenwerk, das besser abgeschnitten wurde.</p> - -<p>Man vergaß, daß das Subjektive tatsächlich der große<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> Nährboden war, -aus dem alles zunächst einmal wuchs und gewachsen war, auch das -„Wirkliche“.</p> - -<p>Man vergaß, daß dieses Wirkliche in keinem Moment etwas Absolutes -war, sondern unablässig nur ein schwankendes Lichtfeld innerhalb -der subjektiven Erlebnisse bildete, in das beständig Neues aus der -subjektiven Masse einwuchs und aus dem schon Aufgenommenes beständig -wieder austrat.</p> - -<p>Man vergaß, daß man im Subjektiven den wahren seelischen Boden -berührte, der dem Antäus die Mutterkraft gab — während das „Wirkliche“ -sich immerzu einem rein objektiven Werte näherte, für den man in dem -Denken wenigstens, das das neunzehnte Jahrhundert nach seiner großen -Religionskrisis beherrschte, keinerlei höhere seelische Einheit zur -Verfügung hatte.</p> - -<p>In der ganzen zweiten Hälfte des Jahrhunderts sinkt in der allgemeinen -Auffassung des Menschen überall das Individuum.</p> - -<p>Die „Wirklichkeit“, dieses Gemeinsame der Individuen, gewinnt einen -Zug, bei dem das Einzelne als das sozusagen Überflüssige erscheint.</p> - -<p>Sie <em class="gesperrt">umfaßt es</em>.</p> - -<p>Eine Null ist es schließlich vor ihr. Seit man seine Geschichte mit -Werten in ihr belegen kann, scheint sie von allen Seiten ganz um ihn -herumgewachsen zu sein.</p> - -<p>Philosophisch kräuselte sich das zu dem Gedanken aus: sie <em class="gesperrt">ist</em> -überhaupt bloß.</p> - -<p>Der einzelne Mensch ist lediglich eine Welle in ihr. Sie dauert, er -vergeht. Allerdings ist sie bloß eine ungeheuere Maschine, gleich den -Sozialorganen des Menschen. Aber diese Maschine eben ist das eigentlich -Seiende. Die Menschen sind nur in ihr geborene und wieder zerstörte -Spiegelplättchen.</p> - -<p>Allmählich sinkt das ganze Aktive der Welt mehr und mehr in diese -gemeinsame Wirklichkeit.</p> - -<p>Der Mensch ist nur noch Passives.</p> - -<p>Er liegt in einer ungeheueren Maschine.</p> - -<p>Sie treibt heute ihren Dampf in ihn und läßt ihn laufen.<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Morgen wirft -sie ihn auf den Schwungriemen und wirbelt ihn gegen die Decke.</p> - -<p>In diesem Jahrhundert grandioser technischer Werkstätten nimmt auch -dieses Bild grandiose, monumentale Formen an.</p> - -<p>Aber in seiner philosophischen Konsequenz muß es zu einem Pessimismus -der schärfsten Färbung führen: dem Pessimismus, der in allen -Kulturjahrtausenden immer wieder die Reaktion des Individuums gewesen -ist, das von einer Weltanschauung wie eine Schnecke im Weinberg -zertreten wird.</p> - -<p>Und dieser Pessimismus wird tatsächlich doch nur verdankt einem -falschen erkenntnistheoretischen Schachzuge.</p> - -<p>Das Jahrhundert beginnt sich seinen schönsten Zauberstab, die -„Wirklichkeit“ in Anführungszeichen, zu versteinern, zu entwerten, zu -einer Geißel gegen sich selbst umzuübertreiben.</p> - -<p>Das aber einmal in voller Gährung, fließen die Wellen jetzt -unaufhaltsam auf der schiefen Ebene ab, den Rest des Jahrhunderts mit -ihrem Rauschen durchhallend.</p> - -<p>Aus dem wundervollen neuen Menschen, den uns das Jahrhundert aus -Nebelflecken und Urzellen gezogen hatte, diesem Menschen, der einen -Kosmos um ein Paradiesgärtlein eingetauscht hatte, der auch in -der schlichtesten Arbeiterbluse fortan ein Sonnensohn war, dessen -Adelsbaum bis in die Milchstraßen ragte: aus diesem unsagbar prächtig -vergrößerten Menschen ging in der Logik der falschen Doktrin auf einmal -der „Normalmensch“ hervor, ein kleines spaßhaftes Philisterlein mit -einer Nummer vor der Stirn, der nicht zu mucken, sondern nur zu folgen -hatte.</p> - -<p>Dieses Menschen-Maschinlein war der Mensch, ausgemünzt bloß noch auf -die bestehenden Allgemeinwerte hin, unter absolutem Niedersäbeln jedes -subjektiven Lebens als einer „Schädlichkeit“.</p> - -<p>Von einer blinden Vergottung der heute gerade errungenen -Wirklichkeitswerte aus wurde dieses Menschlein zurückgezahlt als -erstarrte Schablone, die jetzt in die Praxis allenthalben hineingepreßt -werden sollte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p> - -<p>Es war die Entwickelung, die sich selber den Ast absägte, die Quelle -verstopfte, den ewigen Jungbrunnen zuschüttete.</p> - -<p>Denn mit der Nichtigkeitserklärung den ganzen rein subjektiven Werten -gegenüber erstickten alle die Keimkristalle des Fortschrittes in der -Erweiterung des Wirklichkeitsbildes, die unablässig in dieser großen -Mutterlauge des Subjektiven anschossen.</p> - -<p>Jede große Allgemeinwahrheit war einmal in einem einzelnen Kopf -als heterogene, als ketzerische Subjektivität geboren, jede -Allgemeinnützlichkeit an einem subjektiven Leibe zuerst erprobt worden. -Aber was sollte das, wenn man alles Aktive in diesem nachgeborenen -Produkt, in der schon bestehenden „Wirklichkeit“ selbst suchte, anstatt -in den Individuen mit ihren Subjektivitäten, die unablässig neues -Material aus ihrer Aktivität heraus zur Auslese des sozial Passenden -ins Feld warfen?</p> - -<p>Der Normalmensch wuchs wirklich für die Theorie sieghaft auf, so -und so viel tausend und tausend Spiegelplättchen, alle auf dieselbe -omnipotente „Wirklichkeit“ eingestellt und nur gemessen auf die -Korrektheit dieser Einstellung.</p> - -<p>Wer im genauesten Winkelmaß ziffernmäßig eingerenkt stand, — der war -„gesund“.</p> - -<p>Jede subjektive Abweichung aber war — Krankheit.</p> - -<p>Obwohl alle letzten Gedankengänge, die schließlich bis hierher geführt -hatten, falsch oder wenigstens übertrieben waren, so tritt doch auch -darin noch die Größe des Jahrhunderts hervor, daß die Verfolgung -dieser Dinge jenseits des schlechten Punktes eine so gewaltige Logik -entwickelte, daß schon das allerstärkste Bollwerk nötig wurde, um sie -endlich doch zum Falle zu bringen.</p> - -<p>Es liegt aber ein solches Bollwerk tatsächlich inmitten des unendlich -schwankenden Halbdunkelgebietes des „Subjektiven“ — und zwar sind -seine Zinnen von alters in ihrer ganzen Cyklopenkraft bekannt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Es ist die Kunst.</em></p> - -<p>— — —</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p> - -<p>Auf einem Höhepunkte der Verwickelung mußte die Kunst das Ilion werden, -vor dessen Mauern der große Kampf zum Stillstande der Entscheidung kam.</p> - -<p>Der Kampf zwischen der versteinerten, vergötzten „Wirklichkeit“ — und -dem Aktiven in der Subjektivität, das neue Werte schuf und den ewigen -Fluß, die ewige Relativität, die ewige Entwickelung vertrat jenes -Ausschnittes aus dem grundlegenden Gesamtergebnisse der Menschheit, den -wir „Wirklichkeit“ nennen.</p> - -<p>Die Kunst nimmt in dem Gegensatze zwischen Subjektivem und Sozialem, -zwischen der großen Erlebniswirklichkeit und der engeren, gemeinsamen -„Wirklichkeit“ in Anführungszeichen eine so schlechterdings besondere -Stellung ein, eine so raffiniert verwickelte Grenzstellung, daß jede -Übertreibung hier ein Zwist auf Tod und Leben werden muß.</p> - -<p>Nichts ist seltsamer, ist von gewissem Boden aus unwahrscheinlicher und -ist doch tatsächlich wahrer als der Satz, daß in der Kulturgeschichte -noch <em class="gesperrt">jede</em> Welle, die <em class="gesperrt">vergewaltigend</em> gegen die -<em class="gesperrt">Kunst</em> anbrandete, schließlich <em class="gesperrt">zerbrochen und verschäumt -ist</em>, — als sei hier der feinste Kern- und Schutzwert der -Menschheit berührt, dessen Antastung jäh alle Alarmsignale auslöst und -zum generalen Widerstande bläst.</p> - -<p>Auch in der Auffassung des Ästhetischen läßt sich das neunzehnte -Jahrhundert ziemlich gut auf seine zwei Hälften trennen.</p> - -<p>Die erste Hälfte steigt herauf geradezu aus einer ästhetischen -Hochblüte. Ästhetisch ist also förmlich aufdringlich zuerst noch ihre -Grundstimmung.</p> - -<p>Während die Naturforschung, die Technik, der Realitätssinn in der -Stille schon die ganze Unterströmung beherrschen, liegt das Bewußtsein -doch noch hell im ästhetischen Felde. An den ästhetischen Begriffen -wird zunächst noch gemessen, was aus jener engeren Wirklichkeitswelt -zufließt. Noch kann man von einer ästhetischen Weltanschauung reden, -die selbst Naturforscher ersten Ranges beherrscht.</p> - -<p>Aber in dieser Vorherrschaft ist sie allerdings schon in<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> einer -absteigenden Linie. Und der Umschwung wird in der zweiten Hälfte -vollständig sichtbar.</p> - -<p>Aus einem ästhetischen Wellenkamm ist nunmehr ein Tal geworden.</p> - -<p>Jene Wirklichkeitsstimmung hat die Lichtgrenze des Bewußtseins -allenthalben erobert. An ihr, an Wirklichkeitswerten, wird das -Ästhetische des Tagesgebrauches jetzt umgekehrt gemessen. Und da -alsbald noch mehr als das.</p> - -<p>Indem die „Wirklichkeit“ in den Brennpunkt der Übertreibung tritt, -erfolgt etwas, wovor am Ende des achtzehnten Jahrhunderts allen guten -Köpfen gegraut hätte wie vor der Sünde wider den heiligen Geist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die Existenzfrage der Kunst</em> wird gestellt.</p> - -<p>Die Berechtigungsfrage aus jenen Gedankengängen heraus.</p> - -<p>Die Welle auf der schiefen Ebene hat die Mauer erreicht und platzt.</p> - -<p>Von der einen Seite kommt eine Strömung, die sich wissenschaftlich -nennt.</p> - -<p>Sie wird eingeleitet durch eine gewisse allgemeine Stimmung.</p> - -<p>Man weiß in bestimmten Kreisen mit dem Ästhetischen plötzlich nichts -Rechtes mehr anzufangen.</p> - -<p>Naturforscher einer ganz bestimmten Färbung, Techniker, Realpolitiker -aller Art, echteste, auf beiden Beinen, wie sie glauben, -unerschütterlich fest stehende Jahrhundertkinder, rufen nach Tatsachen, -immer nur wieder Tatsachen. Tatsachen helfen, Tatsachen machen frei, -gut, glücklich. Künstler aber geben keine Tatsachen in diesem Sinne. -Ob die Kunst also nicht etwas ist, was sich auslebt, wie die Religion? -Etwas Sanfteres, Ungefährlicheres, aber doch auch etwas Epigonenhaftes, -Abblassendes, eine Kinderei und Jugendeselei der Menschheit?</p> - -<p>Man konnte ab und zu sagen hören, daß der Mensch wirklich jetzt endlich -und glücklicherweise aus den losen Kinderspieltagen und Phantasiezeiten -heraus und in der Schule sei, wo es lesen, schreiben, rechnen und vor -allem stille sitzen gelte.<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> Wer auf die nützliche Schiefertafel dort, -statt Rechenexempel zu schreiben, Männchen mit humoristischen Nasen -malte, bekam Arrest.</p> - -<p>So grob ist das allerdings nur vereinzelt ausgesprochen worden. Aber in -der Zeitstimmung lag es.</p> - -<p>Man las es zwischen den Zeilen, wohin man sah.</p> - -<p>Und man wird die ganze Realperiode des neunzehnten Jahrhunderts nie -verstehen, wenn man es da nicht mitliest.</p> - -<p>Aus der Stimmung erwuchs dann ein <em class="gesperrt">Angriff</em>.</p> - -<p>Ein altes Aperçu Diderots sagte, die Narren, Lumpen und Genies kämen -aus demselben Topf. Das wird eines Tages „naturwissenschaftliche“ -Kunsttheorie. Es wird zum Urteil (im juristischen Sinne) über die Kunst.</p> - -<p>Man hatte ja jetzt das Gesetzbuch dazu.</p> - -<p>Jener famose Normalmensch gab die Grundlage.</p> - -<p>Alle subjektiven Werte, die über ihn hinausfielen, waren -Hallucinationen. Hallucination war aber etwas Delirisches, etwas -Pathologisches.</p> - -<p>Das ästhetische Schauen und Schaffen etwas Krankhaftes! Genie im -ganzen, also auch Künstlergenie, eine Krankheit! Eine Spezialform des -Wahnsinns!</p> - -<p>Man behielt die Wahl, ob man den ästhetischen Menschen bloß als eine -Spezies des Epileptikers auffassen wollte, oder ob man wenigstens eine -besondere Irrsinnsgattung ihm zugestand.</p> - -<p>Lombroso bevorzugte den Epileptiker, doch blieb das noch Problem.</p> - -<p>Es war auch möglich, daß das Genie bloß eine Vererbungserscheinung im -Alkoholismus war. Eine Erbsünde also vom Vater Noah. Der Zwist der -„Forscher“ hierüber ist im neunzehnten Jahrhundert nicht beigelegt -worden.</p> - -<p>Einer dieser Irrenhaus-Ästhetiker betonte auch einmal, daß das Singen -und besonders das Denken und Reden in Reimen ein spezifisches Symptom -cerebraler Störungen sei; ich habe dabei immer an den armen Rückert -denken müssen und wie gemeingefährlich dieser Patient ohne Zwangsjacke<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> -eigentlich gewesen ist, ohne daß seine leichtsinnige Umgebung es ahnte!</p> - -<p>Gestützt wurde die Debatte mit einem Anekdotenkram ungefähr vom -geistigen Niveau jenes treuen Schulpedanten, der auf die Frage, ob -unter seinen Zöglingen auch einmal ein Dichter gewesen sei, antwortete: -er habe wohl einmal ein solches Monstrum dabei gehabt, es sei aber -wegen Faulheit zum Glück bald wieder aus der Klasse geflogen.</p> - -<p>Dabei waren es äußerst ehrenwerte Männer, die diesen Weg gingen, -ehrliche Sucher, die eine Versöhnung zwischen der Idee des Jahrhunderts -und diesem widerspenstigen Dinge, Kunst genannt, ernstlich anzubahnen -glaubten. Eine Versöhnung bloß durch die Guillotine.</p> - -<p>Alles in allem war dieser theoretische Kreuzzug aber doch eine kleine -Sache. So klein, daß man ihn eine Mode nennen könnte, obwohl auch er -schon das ganze Jahrhundert in seiner Art in der Sackgasse hatte.</p> - -<p>Ein Windstoß der echten, souveränen Kunst, und die Splitter stoben.</p> - -<p>Diese Lombrosos waren keine Graalsritter. Sie waren nicht einmal -edle Don Quixotes. Sie waren Hampelmännchen, Liliputchen, die den -schlafenden Riesen zu fesseln meinten, indem sie an jedes Haar ein -spinnwebedünnes Seil banden.</p> - -<p>Nicht ihre Handlung gab den Ausschlag, sondern die des Riesen selbst.</p> - -<p>Es war nämlich ein ungeheuerlich viel größeres Schauspiel, als eines -Tages <em class="gesperrt">die Kunst selber</em> sich ergriffen zu zeigen schien von den -neuen Schätzungen, den neuen Werten.</p> - -<p>Sie paktierte nicht mit den Lombrosos der Theorie — aber sie paktierte -mit der Zeit, mit der Praxis, die auch diese Lombrosos trug.</p> - -<p>Der Riese, dessen Befreiung von den lächerlichen Haarseilchen nur ein -Ruck war, ein ärgerliches Kopfschütteln — er öffnete auf einmal selbst -seine Jacke und bot sein Herz.</p> - -<p>Die Kunst selber stellte sich Auge in Auge mit der „Wirklichkeit“ und -allem, was daran hing.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p> - -<p>Und das jetzt wurde ein wirklich entscheidender Moment in der -Entwickelung dieses Jahrhunderts selbst.</p> - -<p>Die ausübende Kunst stand praktisch damals am Ende einer Krisis.</p> - -<p>Es ist gar kein Zweifel, und ich finde, daß es auf alle Kulturländer -im großen trifft: jenes langsame allgemeine Absinken der ästhetischen -Epoche im neunzehnten Jahrhundert war Hand in Hand gegangen mit einem -Wellental auch der unmittelbaren künstlerischen Kraft selbst.</p> - -<p>So etwas ist schwer in Bausch und Bogen zu beweisen. Im Detail lassen -sich hundert kräftige Sachen aus allen Kunstgebieten dagegen stellen. -Aber es ist doch etwas daran wahr, das jeder sehen muß, der Höhenschau -hat.</p> - -<p>Vor der Kunstepoche, die überall, in der Malerei so gut wie in der -Dichtung, die Epoche des Naturalismus heißt, liegt eine Einbiegung -der Kurve, eine Epoche der Lähmung, des Tastens, des Zweifels, des -bewußten teils und teils des unbewußten Epigonentums. Die Kraft versagt -natürlich nicht ohne weiteres. Aber sie erscheint verzettelt, es fehlt -die Frische des Entwickelungsbewußtseins, es fehlen all die lieben, -grünen, aber triebkräftigen Symptome der Jugend.</p> - -<p>In unserer deutschen Dichtung war es die Zeit, die, wie sie sagte, -sich gedrückt fühlte durch Goethes Riesengestalt, die sich um Goethes -Größe willen als Epigonenzeit fühlte — und die doch ebendadurch -charakterisiert war, daß sie Goethe am wenigsten kannte und seine wahre -„Nachfolge“ immer mehr zu vergessen schien.</p> - -<p>Es war in vieler Hinsicht eine kunstvergeudete Zeit, und es bedeutete -ein Aufatmen, als sie, dank einer neue Generation, aufhörte.</p> - -<p>Aber nun grade kam das ganz Sonderbare.</p> - -<p>Diese neue Generation, geschwellt von frischer Tatkraft, war gesäet und -aufgesproßt schon mitten im neunzehnten Jahrhundert. Dieses Jahrhundert -in seiner ganzen Glorie wuchs über ihr. Es <em class="gesperrt">hatte</em> sie und es ließ -sie nicht.</p> - -<p>Und im Moment, da sie die nackten Prachtarme recken<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> wollte, -schmetterte es sie nieder mit seinem Generalworte: Wirklichkeit!</p> - -<p>In ihrem ganzen Königsmantel stand die Zeit da.</p> - -<p>Eine neue Zeit, mit Erfolgen, von denen der ganze uralte Palmbaum der -Menschheit bis in seine Wurzel bebte.</p> - -<p>Und das vor einer Kunst, die nach Neuem sich mit der Inbrunst -erwachenden Frühlings, schleierloser Liebe sehnte.</p> - -<p>Was tun?</p> - -<p>Die Kunst hat Somnambulenaugen.</p> - -<p>Sie sah nicht bloß schwirrende Räder, sie sah den Dingen ins Herz.</p> - -<p>Sie sah die neue <em class="gesperrt">Weltanschauung</em>.</p> - -<p>In dieser Weltanschauung raste ein furchtbares seelenloses Grundwesen -dahin, eine menschenfressende Maschine: die „Wirklichkeit“. Die -einzelnen Menschen waren bloß noch Glasplättchen, die diese Maschinerie -spiegelten, nichts weiter. Heute herausgestellt, daß sie blitzten; -morgen zersplittert. Was war in diesem Schauspiele die Kunst?</p> - -<p>In dieser jungen Künstlerschaft voll gährender Kraft war von Anfang -an gewiß keine Stätte für Lombroserei. Man glaubte hier an die Größe -der Kunst, wenn je. Groß war sie, wie der Mensch selbst. An der Spitze -der Menschheit ging der schaffende Künstler, mit dem Banner dieser -Menschheit in der Faust.</p> - -<p>Aber wenn nun der Mensch, wenn die ganze Menschheit nichts andres -war als ein bloßes Spiegelplättchen eines objektiven Mechanismus, -ein Spiegelchen vor einer ungeheuren kollernden, keuchenden Maschine -... mochte die Kunst triumphieren im Menschen von Pol zu Pol seiner -Existenz: <em class="gesperrt">mehr als der Mensch</em> konnte sie doch nicht sein!</p> - -<p>Und so sank auch der Genius der Kunst in dem Augenblicke, da er seine -Flügel ganz herumwarf um diesen Menschen, ihn umfing, ihn durchdrang -wie eine Geliebte im äußersten Besitz: so sank auch er herab zur Rolle -bloß noch eines Spiegelchens vor diesem Allmechanismus.</p> - -<p>In dieser Stunde und vor diesem Gedanken ist nicht die<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> Lombroserei, -sondern die wirkliche künstlerische Idee in echten Künstlerköpfen -geboren worden, daß die Kunst sich zu <em class="gesperrt">erschöpfen</em> habe in der -einfachen <em class="gesperrt">Wiedergabe</em> der Wirklichkeit.</p> - -<p>Die Kunst ist degradiert worden zu einer Kopistin dieser „Wirklichkeit“.</p> - -<p>Aus einem Schöpfer, einem Entwickelungsfaktor der Welt zu einem Spiegel.</p> - -<p>Nicht liliputische Männlein wie Lombroso standen, wie gesagt, an -der Wiege dieser Idee. Stolze Hochgeister der Kunst beugten sich -in der brennenden Liebe zu ihrem Jahrhundert einem versteinernden -Gorgonengedanken dieses Jahrhunderts.</p> - -<p>In der tiefsinnigen griechischen Sage schwingt sich der Pegasus aus dem -Blute der Gorgo. Diesmal versank er darin.</p> - -<p>Es macht die Betrachtung dieser Dinge schwer, daß sich eben jene beiden -Fäden ineinander verspannen: eine neu ansteigende, praktisch wieder -junge und lebensstarke Kunst überhaupt — und eine falsche Kunstidee.</p> - -<p>Jedesmal nämlich, wenn der Kunstgenius der Menschheit sich überhaupt -besinnt, sich aufrafft, seine Kräfte zusammen nimmt — jedesmal dann -erscheint das ganz von selber wie eine Rückkehr zur Wahrheit.</p> - -<p>Die innere Logik des Kunstwerkes scheint verstärkt, die Suggestion wird -unvergleichlich gewaltiger, ein Gefühl der objektiven Reinheit des -Schaffenden als eines innerlich Gebundenen, auf die innere Wahrheit -Verpflichteten strömt wie von einer reifen Blüte aus.</p> - -<p>Schleier des Nachgeahmten fallen, äußere Motive, mit denen jede -Epigonenzeit die Kunst überwuchert, dorren plötzlich als Unkraut ab. -Und ein Gefühl der Kraft, des Kraftstrotzens gibt unter allen Umständen -einen realistischen Zug, die Kunst tritt wieder jung als Eroberer auf -und wagt sich mit dem kecken Mute dessen, dem die Welt verheißen, in -neue Provinzen dieser Welt. So ist einst Goethe selber gekommen — als -Wahrheitskünstler.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p> - -<p>Auch diese Symptome werden nun immer merkbarer in der Kunst des letzten -Viertels des neunzehnten Jahrhunderts.</p> - -<p>Von hier aus blühte ein „Naturalismus“ in ihr auf, der aber tatsächlich -nichts anderes war als ein Zurückbesinnen der Kunst einfach auf -sich selbst, auf ihre echtesten, urältesten Rechte, auf ihren -inneren Wahrheitsgeist im Gegensatze zur Pseudokunst, die bildet um -äußerlicher, kunstfremder Zwecke willen.</p> - -<p>Einen Triumph der Kunstnatur möchte man in diesem Sinne hinter das Wort -deuten.</p> - -<p>Die gesamte Kunstgeschichte seit grauen Tagen wandelt empor auf solchen -Triumphen, die immer und immer wieder den Erdenstaub durchbrechen und -das unsterbliche Leben der Kunst neu proklamieren auf dem dürren Acker -einer Epigonenzeit.</p> - -<p>Aber das alles hatte ganz und gar nichts zu tun mit jener spezifischen -Wirklichkeitstheorie des Jahrhunderts, die eben nur dieses Jahrhundert -so aus sich gebären konnte.</p> - -<p>Wohl läßt sich sagen, daß so heroische Irrtümer, wie diese -Wirklichkeitslehre, selbst als Irrtum einer kraftlosen Epigonenzeit -nicht gelungen wäre.</p> - -<p>Es bedurfte selbst zur Grundlage dieses großen Irrtums einer großen -Kunst.</p> - -<p>Nur eine Kunst, die den Weg ins Herz großer Weltanschauungsfragen -überhaupt wiederfand — und das ist immer Zeichen echter, ansteigender -Kunst — konnte sich so tief verwickeln in eine Übertreibung, einen -Irrgarten eben der modernen Weltanschauung hinein.</p> - -<p>Aber darum bleibt Irrweg Irrweg.</p> - -<p>..... Ich glaube nun aber, daß die Kunst auch hier grade die tiefste -Mission erfüllt hat.</p> - -<p>Gerade, indem die Kunst die brausende Welle dieser Wirklichkeitsidee -eine Weile tief und scheinbar bis ins Herz hinein aufnahm, meine -ich, daß sie uns die Augen hat öffnen helfen für die <em class="gesperrt">kolossale -Übertreibung</em>, die <em class="gesperrt">überhaupt in die ursprünglich so fruchtbare -Idee der Wirklichkeit verheerend hineingeraten war</em>.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span></p> - -<p>Und so hat sie sich doch als die alte stärkste Schutzmauer bewährt.</p> - -<p>Hat sie —?</p> - -<p>Ich weiß es nicht, inwiefern das schon hinter uns liegt.</p> - -<p>Wir stehen, was diese höchsten Gesichtspunkte anbetrifft, ja noch -mitten im Kampfe, und streng genommen kann man doch nur von Anzeichen -reden.</p> - -<p>Aber eine Anzahl Menschen fangen doch entschieden schon an, darüber -nachzudenken, ob man nicht über eine Kunsttheorie, deren Schwächen -man nur zu deutlich empfindet, eine Schicht <em class="gesperrt">tiefer</em> zurückgehen -müsse auf eine <em class="gesperrt">Revision</em> gewisser <em class="gesperrt">Voraussetzungen in der -Weltanschauung</em>, die uns das neunzehnte Jahrhundert überliefert hat.</p> - -<p>Eine Revision, die natürlich nicht wieder zu den Torheiten zurückführt, -die dieses prachtvolle Jahrhundert glücklich antiquiert hat.</p> - -<p>Sondern, die uns noch einmal wieder um ein Stück freier macht und dabei -allerdings auch noch mit einigen Spezialgespenstern aufräumt, die -dieses Jahrhundert selbst hinzugebracht hatte.</p> - -<p>Befreien wir den Menschen wieder von diesem Wirklichkeits-Gespenst, -das sein Herzblut saugt wie ein Vampyr — — und wir haben die Kunst -mitbefreit.</p> - -<p>Lernen wir aus den Kunst-Konsequenzen.</p> - -<p>Und wir begreifen, daß in der Philosophie etwas falsch war.</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Friedrichshagen_Fest_des_Geistes">(Friedrichshagen. -Fest des Geistes.)</h2> - -</div> - -<p>Der Wald schimmert im blassen Sonnenglast nach einem Regenschauer.</p> - -<p>Wie eine braune Schlange liegt der Bahndamm quer hindurch, vom Geleise -glänzt es wie silberne Schuppen.</p> - -<p>Die Telegraphendrähte vor den roten Kiefernstangen und schwarzen -Kronsilhouetten wie glimmerndes goldrötliches Spinngewebe. Einmal ist -es, als spinne dieses feine Netz sich an eine<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> riesige Blume, eine -Rispe weißer Maiglöckchen an, die auf hohem, trockenem Stengel lose -schwebt: das Viereck mit den Porzellanhütchen.</p> - -<p>Weißblau liegt der Himmel im Ausschnitt der Bäume.</p> - -<p>In der Linie der Bahn aber, wie das Auge ihr folgt, ein wunderbares -Aufflammen von Grün, junge Birken, Flamme um Flamme goldgrün lodernd -vom spiegelnd weißen Schaft.</p> - -<p>Ein goldener Vogel huscht scheu hinzu: der Pirol.</p> - -<p>Und dieses jungfrische jubelnde Pfingstgrün fließt dem Blick überall -weiter, in die grüngelbe Wolfsmilch und den Fleck grellgelber -Potentillablüten am Bahndamm, in die Akazienbüsche, denen das erste -Laub vor der Sonne wie ein goldiger Heiligenschein um die schwarze -Dornenkrone der Zweige steht, in den tiefen Waldgrund unter den roten -Stämmen, wo der hartgrüne starre Farnteppich sich verliert.</p> - -<p>Naturstille.</p> - -<p>Nur ein ganz leises Rollen noch, wie aus der feuchten Erde herauf von -dem letzten enteilenden Zug. Hinten im Waldgeheimnis verschwehlt noch -ein letzter bläulicher Nebel seiner Rauchwolke.</p> - -<p>Ein fernes helles Läuten von der Wärterstelle, als klängen die -Maiglöckchen da oben im Spinnennetz aneinander.</p> - -<p>Und wieder ganz still.</p> - -<p>Finken zirpen leise, einförmig aus dem Unbekannten der Kiefernkronen.</p> - -<p>Und nun auf einmal, ganz unvermittelt, ein hartes, rohes Geräusch, -mitten aus der Landschaft, als stürze ihr etwas ins Herz.</p> - -<p>Ein Ratschen, Knacken, ein Ruck und Fall.</p> - -<p>Vor dem Glast hat sich etwas bewegt wie ein Schattenfinger. An dem -plumpen, rot-weiß getünchten Bahnsignal dort ist automatisch der -Galgenbalken heruntergefallen. Eine geheime Zeichensprache eines -automatischen Hampelmanns, an dem ein Schicksal hängt.</p> - -<p>Pfingstwehen.</p> - -<p>Wie ich auf die grünen Flammen dort schaue, die jetzt<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> wieder in der -großen Stille ein ganz verlorener Lufthauch geräuschlos wiegt, denke -ich an das große alte Symbol der Pfingstgeschichte.</p> - -<p>Aus der Urtiefe des Geheimnisses auf einmal der <em class="gesperrt">Geist</em> -vorbrechend, wild wie ein Feuer, das da ist, niemand weiß, woher, und -uns verzehrt, ehe wir es fest erkennen.</p> - -<p>Und in diesem Geist verjüngt sich eine Zeit, eine neue Menschheit wird -mit ihm geboren.</p> - -<p>Woher?</p> - -<p>Aus dem Unbekannten in uns, aus dem „Werde“ des Entwickelungsrätsels, -aus der <span class="antiqua">Natura naturans</span>, die weltengründend auch in uns weiterlebt, wie -sie in Milchstraßen und Sonnen gewesen ist.</p> - -<p>Und der größte Gegensatz taucht mir auf, der durch unsere Zeit geht: -der Gegensatz des <em class="gesperrt">Automatischen</em> und des <em class="gesperrt">Elementaren</em>.</p> - -<p>Das Automatische war die Stärke des neunzehnten Jahrhunderts.</p> - -<p>Es ist sein Erbe in uns, sein Herrenerbe.</p> - -<p>Wie diese Signalstange hier im einsamen Walde automatisch sich senkt, -so sollte ein neuer automatischer Menschheitsleib als Technik den -ganzen Planeten umspinnen. Schon geht der Zeigerdruck durch die Ozeane. -In seinen realistischen Träumen sah das Jahrhundert auch solchen -Metallarm sich bereits heben und senken auf den Eispolen, in den -Erdtiefen, an den Grenzen des Luftmeeres.</p> - -<p>Von der Technik kam das aber dann als Bild und Maß aller Dinge.</p> - -<p>Ein Kind drückt auf den Knopf einer elektrischen Leitung, und ein Berg -spaltet sich.</p> - -<p>Aber, was ist das Kind selbst?</p> - -<p>Nicht Ebenbild Gottes, sondern auch nur dieser Technik. Eine höhere -Macht, das Milieu, hat auf einen Knopf gedrückt, und automatisch -entstand dieses Kind. Es wird den Faust dichten und die sixtinische -Madonna malen: automatischer Fall eines Balkens im Gehirn aus -bestimmter Konstellation<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> der Außendinge wie bei jenem Bahnsignal, -nüchtern zu überschauender Außendinge, die wir wohl auch einmal -rechnend beherrschen werden, — dann, wenn wir jenen Zeiger auf dem -Nordpol haben ...</p> - -<p>Schon sehen wir einen ungeheuren Regulator dieser Dinge: die Masse.</p> - -<p>Ihr Werkzeug ist der Einzelne. Wo er nicht automatisch reagiert, da -wird er als schlechter Apparat für funktionsunfähig erklärt; er ist -krank.</p> - -<p>Diese Masse aber ist selbst wieder Automat, fallender Balken einer -umfassenderen automatischen Welt. Und so fort bis zum letzten -Doppelstern des Alls.</p> - -<p>Dieses All ist ein sich selbst tragendes automatisches System, -unveränderlich, absolut tot, ohne Sinn für sich selbst.</p> - -<p>In dieser einsamen starren Größe endet das Denken des neunzehnten -Jahrhunderts.</p> - -<p>Alles hier um mich her ist ein Automat.</p> - -<p>Nicht jener häßlich ratschende Signalbalken bloß, der mich eben -erschreckt hat.</p> - -<p>Die grünen Pfingstflammen der jungen Birken dort ebenso.</p> - -<p>Und die Sonne.</p> - -<p>Und ich selbst.</p> - -<p>Und all meine Träume von einer Pfingstlegende.</p> - -<p>Aber das neunzehnte Jahrhundert hat uns nicht nur dieses Herrenerbe -hinterlassen, das Erbe seines Herrengedankens.</p> - -<p>Auch ein Sklavenerbe haben wir von ihm, das Aufbäumen des unterjochten -<em class="gesperrt">Gedankens vom Elementaren in der Welt</em>.</p> - -<p>Ihm ist der Fortgang der Dinge ein immer neues Fest der Ausgießung des -Geistes.</p> - -<p>Pfingsten ist im Erwachen jeder Persönlichkeit, Pfingsten ist in jeder -Geburt.</p> - -<p>Und das nicht nur, wenn ein Mensch geboren wird. Auch wenn im -Menschengeiste geboren wird. Wenn jenes tiefere Liebesleben sich -abspielt, aus dem die Fauste und die Sixtinen steigen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span></p> - -<p>Ohne die Flämmchen dieses Pfingstwunders entsteht kein Kunstwerk, -entsteht kein tiefster Gedanke der Philosophie, entsteht keine -Erfindung der Wissenschaft, erwächst keine geniale Tat des brandenden -Lebens um uns her.</p> - -<p>Dieser Pfingstgeist ist es, der die „Wirklichkeiten“ erst baut und der -sie ebenso auch wieder zerschlägt, um höherer Wirklichkeit willen.</p> - -<p>Er hängt einsam am Kreuz und er zwingt doch die Masse, daß sich -dreitausend taufen lassen.</p> - -<p>Er wandelt ein Zerschlagener durch eine Welt von Disharmonien und durch -diese Welt rauscht fortan die neunte Symphonie.</p> - -<p>Beide Anschauungen haben ihren Punkt, wo sie in ihr Gegenteil -umschlagen könnten und beide Male in eine unvollkommene, schlechte Form -dieses Gegenteils.</p> - -<p>Das neunzehnte Jahrhundert war so stolz, daß es mit seinem -Automatenideal alle groben Wunder unmöglich gemacht.</p> - -<p>Und doch: wenn alles nun Automat ist, die ganze Welt nur eine Kette -elektrischer Klingelanschlüsse ist, wenn es kein Elementarisches mehr -in irgend einer menschlichen Person, in keinem Dichter, keinem Genius -auf Erden mehr gibt — wird nicht doch am Ende der allerletzten Kette -der eine letzte Finger nötig, der aus dem Urelementarischen auf den -ersten Klingelknopf drückt — die eine einzige Urperson, der Alldichter?</p> - -<p>Je automatischer alles sonst, desto greller dieses letzte Wunder.</p> - -<p>Hinter der toten Welt ein einziges Lebendiges im elementaren Sinn.</p> - -<p>Und um das doch schließlich zu erkaufen, — dafür dieses schaurige -Ertöten der ganzen sichtbaren Welt in den fallenden Balken eines -fühllosen Automaten hinein!</p> - -<p>Umgekehrt hat der Pfingstglaube selbst aber seine Stelle, wo auch er -erbarmungslos ins Automatische schlagen kann.</p> - -<p>Wenn er nämlich das Wunder des Intuitiven, des Elementaren roh faßt, -wie das „Wunder“ so lange gefaßt worden ist: dualistisch als Eingriff -eines Fremden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p> - -<p>Die Natur, die Entwickelung erzeugt dann auch nur, was eine -<em class="gesperrt">fremde</em> Macht in sie wirft. Der Dichter ist nur armer -Stenograph des überirdischen Diktats, die Person nur Werkzeug eines -außerweltlichen Milieus.</p> - -<p>Da hast du nun Wunder auf Schritt und Tritt, es fingert allerorten und -drückt mit Geisterhänden auf die elektrischen Knöpfe dieser Welt — und -doch bist du nur selber eine armselige Klingel und seist du Goethe und -Beethoven und Rafael.</p> - -<p>War dort eine unendliche Automatenkette, so hier lauter -Augenblicksautomaten.</p> - -<p>Aber um das automatische Sklaventum kommst du nicht herum.</p> - -<p>Es liegen aber zum Glück noch andere Möglichkeiten vor und auch welche, -die nicht ins Alte zurückführen.</p> - -<p>Wie stolz ist die automatische Vorstellung auf ihren -Entwickelungsbegriff gewesen!</p> - -<p>Er stand unberührt von jeder Möglichkeit, ins Veraltete umzulenken. Und -wahrlich, so steht er auch.</p> - -<p>Aber geheimnisvoller Traum, einer Pfingststunde angemessen: wie will -der Entwickelungsbegriff, daß aus Einem etwas Anderes wird, daß -ein Niedrigeres zu einem Höheren steigt, eigentlich logisch leben, -<em class="gesperrt">ohne</em> daß sein Königshaupt immer wieder gesalbt sei mit einem -Tropfen elementarischen Oels?</p> - -<p>In jedem dieser Uebergänge liegt ja ein elementarischer Geheimniszug!</p> - -<p>Ich selbst fasse ihn gewiß nicht als den Finger der Mystik, der -von außen stößt, aber das Wunder in den Dingen bleibt er auch mir -unabänderlich, das Wunder, das auf eine Pfingsttiefe weist zwischen -allem Automatischen — eben weil dieses Automatische zugleich eine -<em class="gesperrt">Entwickelung</em> in sich zeigt.</p> - -<p>Durch die goldgrünen Flammenbüsche der Birkenkronen spielt und spielt -leise der Wind, wie eine Hand durch schönes Frauenhaar fährt.</p> - -<p>Auch um mich, wie ich hier sinne, zieht sich jenes Ödfeld des -Automatischen her. Dort das Signal ist ganz darin.<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Aber auch diese -grüne Birke und dieser goldene Vogel sind mehr darin als ich selbst, -viel mehr. Wie gering ist der Geistesspielraum in dieser Pflanze, -diesem Tier, den ich sehe!</p> - -<p>Und die Sonne dort, die starr in ihren Himmelsgesetzen Jahrbillionen -hängt!</p> - -<p>Ist es nicht, als sei die Ausgießung des Geistes über diesen allen -schon äonenlang vorbei?</p> - -<p>Ihr Pfingsten lag, als das Gesetz sich in sie schrieb, das sie nun -in unendliche Folge, sei es selbst oder zerspalten in Generationen, -automatisch wiederholen ...</p> - -<p>In mir aber wogt der große Kampf mit seinem wunderbaren Gemisch von -reflektierendem Bewußtsein und intuitiv aufsprühenden Geniusflämmchen -des Elementaren fort und fort.</p> - -<p>In mir — dem Menschen!</p> - -<p>Ist der Mensch <em class="gesperrt">das Genie der Natur</em>, — die große -Aufmerksamkeitsstelle im unendlichen Felde des Elementaren, auf -der seit Jahrtausenden jetzt das ganze Licht liegt, während -um dessentwillen rings die ganze übrige Natur in den halben -Dornröschenschlaf des Automatischen verfallen ist?</p> - -<p>Es kann der Mensch dieser Erde nicht allein sein, die Menschenstufe des -ganzen Alls wird dazu gehören, wie immer es mit ihr sei. Bilden doch -schließlich Sterne keine größeren Trennungen als in dieser irdischen -Menschheit die parallelen Individuen.</p> - -<p>Pfingstwunder!</p> - -<p>So wäre es nichts anderes, als das wandernde Auge der Natur.</p> - -<p>Pfingsten wäre Leben, der Automat aber zeitweise weise Kraftersparnis.</p> - -<p>Die Welt ein Gewebe aus segensreichem, kraftspeicherndem Schlaf und -konzentrierter, kraftverstürmender Lichtschau!</p> - -<p>Ein Gespenst nur wäre der große Weltautomat, auf dessen letzten Knopf -der Finger von außen drückte. Wertlos aber wäre ebenso der Glaube an -das Wunder noch einmal hinter dem Wunder.</p> - -<p>Die Natur hätte keine anderen Augen als unsere Menschenaugen<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> — aber -mit denen sähe sie auch wirklich, sähe nicht bloß durch sie durch. -Und zu diesen Augen gehörte auch der Geist Goethes und Rafaels und -Beethovens, der Geist der großen Religionsstifter und Weltdeuter, der -Geist der Forscher, die unsere Technik geschaffen, und der Geist derer, -die das Evangelium von der Liebe gepredigt haben und gelehrt haben, daß -alle Technik nur einen Sinn habe, wenn sie in der Hand der Liebe und -des Ideals sei, Liebe und die Sehnsucht nach dem Ideal zu säen, so weit -der willige Automat des elektrischen Funkens für uns fliegt.</p> - -<p>Wieder schnarrte das Signal da oben.</p> - -<p>Ich aber dachte jetzt, wie dieser Metallstab wohl auch kein -Ausgestoßener der Welt sei, sondern ein unveräußerliches Stück Natur.</p> - -<p>War er heute auch nicht das Pfingstauge, in dem das elementare -Lichtfeld zu den Sternen und zu der Weltliebe sah — wer weiß, wozu -seine Metallmoleküle heute schliefen.</p> - -<p>Vielleicht, wenn diese Gehirnmoleküle der Menschheit ausgerungen in -Leid und Liebe, in dem großen, aber auch so furchtbar schweren Kampfe -um <em class="gesperrt">das</em> Ideal, wenn sie trüb geworden als Auge der Natur — -wer wußte, wohin diese elementare Natur dann wandern würde mit ihrem -Lichtfeld, ihrem Sehnsuchtsfeld, wo sie diesen Metallstab und die -jubelnde grüne Flamme dieses Birkenbusches auferstehen lassen würde aus -dem Automatischen ins Geisthelle hinein, damit sie in den Sternen läsen -und um Liebe kämpften, wie einst wir — die wir dann vielleicht auf -Äonen in irgendeiner stillen Versorgung des Automatischen ruhten, einem -abermals neuen Rufe ins Aufmerksamkeitsfeld des Bewußtseins bereit.</p> - -<p>Ob unsere Zeit den Frieden einer solchen Weltanschauung finden wird, -den Frieden ihres Doppelerbes?</p> - -<p>Aus den Kiefern tönte das leise Zirpen der Finken.</p> - -<p>Diese Naturstille war vielleicht die Antwort.</p> - -<p>Frieden ist nur im Automatischen.</p> - -<p>Wir sollen kämpfen.</p> - -<p>Und doch steht in den hellsten Idealen dieses Lichtfeldes<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> der Natur, -das wir Mensch nennen, auch schon die Menschenliebe.</p> - -<p>Geht auch das Elementarische auf eine höhere Lösung?</p> - -<p>Die Pfingstflammen glühen. Gehen wir. Wir werden sehen.</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 id="Pfingstgeschichte" title="Die Geschichte der Menschheit ist -Pfingstgeschichte"> </h2> - -</div> - -<p>Das eben macht die Geschichte des Menschen so großartig und so -tief, daß sie eigentlich immer Pfingstgeschichte ist, konzentrierte -Pfingstgeschichte.</p> - -<p>Der Zeitraum ist auch mit allen Ziffern des Naturforschers für sie so -kurz, und gleichzeitig ist so unglaublich viel Neues in ihr getan, daß -gar kein Spielraum für das Erstarrende, das schon wieder Automatische -zu bleiben scheint. Von einem Pfingstwunder scheint es zum andern zu -gehen. Die Natur schaltet mit einer Kraft plötzlich, daß sie uns wie -ein ganz anderes Wesen vorkommt.</p> - -<p>Daher so lange der zähe Glaube: es hebe mit dem Menschen ein ganz -anderes Buch an, das Buch Gottes im Gegensatz zum Buche der Natur.</p> - -<p>Aber das ist ja jetzt für uns grade das ganz Große, daß wir das -Göttliche auch in Ichthyosauriern und Planeten und Sonnen sehen und -dafür das Natürliche auch im Menschen.</p> - -<p>Nirgendwo empfinde ich das deutlicher, als wenn ich von neuen -Fortschritten der „Urgeschichte“ lese, jenes Grenzgebiets, wo -die sogenannte „Geschichte“ sich gegen die Naturgeschichte, die -Erdgeschichte hin auflöst.</p> - -<p>Früher herrschte auf diesen Rand zu immer ein leises Gruseln. Der Atem -Gottes stockte auf einmal und drüben in der Finsternis lauerten die -Fratzen der entgeistigten Natur. Heute ist eine Wanderung dort hinab -wie ein Schritt in eine heiße Sommernacht, es duftet von verborgenen -Blumen und durch das Dunkel ziehen leuchtende Punkte wie Johanniskäfer. -Aber es sind heilige Flämmchen: lauter Pfingstflämmchen; es wird einmal -wieder Pfingsten, <em class="gesperrt">denn der Mensch kommt</em>.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p> - -<p>Eben grade ist ein solches Flämmchen wieder besonders hell -aufgeglüht. Aus tiefem Schacht glimmt es zu uns. Es meldete von einer -Pfingststunde, selbst noch wieder fast ohne gleichen in der Reihe der -Pfingstwunder des Menschengeistes, — vom <em class="gesperrt">Pfingsten der Kunst</em>. -Da die Kunst niederstieg auf diesen rollenden Planeten, niederstieg -nicht als das Wunder einer unfaßbaren Überwelt, das als Sternschnuppe -in den Sumpf der Natur fiel; sondern als eine Tat der Natur, die ihr -gelang, weil ihr endlich der Mensch gelungen war.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Auf dem kleinen Delikateßteller vor mir liegt eine Trüffel, zierlich -und rund. Sie duftet nach allen guten Sachen und dem Feinschmecker geht -das Herz auf.</p> - -<p>Wenn Du aber nicht bloß ein Esser, sondern auch ein Kenner bist, so -weißt Du, daß dieser schwarze Diamant unter den Edelsteinen der Tafel -einen kleinen Roman hinter sich hat.</p> - -<p>In fernem Lande grünte ein Eichenhain. Mit dem feinsten Wurzelgeflecht -einer solchen Eiche verspann sich tief im Erdboden ein Schimmelpilz -zu geheimnisvoller Gütergemeinschaft, von der heute noch nicht völlig -klar ist, ob sie mehr auf gegenseitiger Liebe oder auf einseitigem -Schmarotzertum beruht. Aus dem wohlgespeisten Pilzaderwerk aber erwuchs -ein großer fleischiger Fruchtkörper, mit Sporen gefüllt. Sein Duft -schwoll durch die Erde, daß die Schweine, die ihn verehrten, danach -scharrten. Da die Sporen solcher Pilze durchweg nicht bei der Verdauung -leiden, ist das Gefressenwerden für sie kein Schaden, es hilft nur zur -Weiterverbreitung. Vielleicht ist der Duft, der das Schwein froh macht, -ein wirkliches Lockmittel, wie die rote Kirsche mit ihrer leuchtenden -Farbe zum Naschen und Weitertragen ihrer Kerne lockt. Der Mensch aber, -der unleugbar in Gebiß und Geschmack mehrere Ähnlichkeiten mit dem -Tierlein des heiligen Antonius verrät, nahm dem ehrlichen Finder seinen -Fund ab, und versandte ihn für die Tafeln seiner schlemmenden Mitbrüder -in aller Herren Ländern.</p> - -<p>Das Land, wo der Erdenschoß solche Schätze einer<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> Schweineschnauze -beut, ist die alte Grafschaft Périgord im heutigen Departement Dordogne -im südwestlichen Frankreich.</p> - -<p>Gering wäre ihr Ruhm in der Welt, wäre die Trüffel nicht. Mit der -Périgord-Trüffel geht er um die Erde, wie der Klang des Namens Teltow -mit seinen Rübchen oder Frankfurt mit seinen Würstchen. Gegen solchen -Ruhm aus dem Kochbuch ist schwer mit anderen Werten anzukämpfen, wie -denn ganz gewiß schon manche naive Seele von Frankfurter Würstchen -gehört hat, nicht aber von dem Frankfurter Goethe.</p> - -<p>Der Trüffel-Kenner aber soll doch als wirklich feiner Kenner, der auch -seinen Goethe zu schätzen weiß, über seine Tafelfreude hinweg heute -sich erinnern an die wahrhaftig wunderbaren Schätze, die diese gute -Landschaft Périgord in ihrem Boden birgt, — Schätze, die zum oberen -Geistesstockwerk der Menschheit gehören, dort, wo eben dieser Goethe -auch hingehört, und die an Geisteswert für unser edelstes Menschentum -doch noch etwas wertvoller sind als die dreißig Millionen, die unsere -welschen Nachbarn alljährlich am Trüffel-Handel verdienen.</p> - -<p>Zum Fluß Dordogne geht als Seitenader die Vezère, selbst wieder -gespeist von kleineren Wässerlein.</p> - -<p>Dieses Vezère-Netz bildet liebliche Täler im Kalkfels. In diesem -Fels seiner Talwände aber liegen Höhlen. In diesen Höhlen haben -in entlegenen Tagen, jenseits aller unmittelbaren geschichtlichen -Überlieferung, Menschen gehaust.</p> - -<p>Ob diese Menschen schon Trüffeln gesucht, wissen wir nicht. Was wir -aber wissen, ist, daß sie die höchste und freieste Tätigkeit werdenden -Edel-Menschentums schon gesucht und gefunden haben: Kunst.</p> - -<p>Kunst — in Tagen, da noch das Mammut ein Charaktertier der -französischen wie der deutschen Landschaft war!</p> - -<p>Lange schon ist von den Tierbildern die Rede gewesen, die, eingeritzt -in Rentierhorn und Mammutelfenbein, in diesen Périgord-Höhlen entdeckt -sein sollten. Heute kommt die fest bestätigte Kunde von Funden, die -alles Kühnste in Schatten stellen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p> - -<p>Höhlen sind erschlossen, eng wie ein Flaschenhals, aber auf ihren -Wänden bedeckt mit einer ganzen Gemäldegallerie der wundervollsten -Tierbilder, zum teil in Meter- bis Zweimeter-Größe, zum teil in Farben, -— prähistorischen Tierbildern von prähistorischer Künstlerhand.</p> - -<p>Das Mammut ist dabei.</p> - -<p>Was keine Denkmalstradition der großen alten Kulturen, mit denen unsere -„Geschichte“ anhebt, mehr erreichte, das haben wir nun endlich ganz -sicher, mit einer Fülle der Details, die niemand je erwarten konnte.</p> - -<p>Es ist ja eine Kenntnis, in die sich das 19. Jahrhundert erst ganz -langsam überhaupt eingewöhnt hat: daß uns Tiere noch innerhalb der Zeit -des Menschen verloren gegangen seien; und daß dieser Mensch selber uns -gelegentlich durch Kunstmittel noch etwas davon gerettet haben könnte.</p> - -<p>Als es allmählich eine Tatsache von betrüblicher Unwiderleglichkeit -wurde, daß der große seltsame taubenähnliche Vogel Dronte, den die -Expedition des Vasco da Gama 1497 auf der Insel Mauritius in ungeheuren -Scharen entdeckt hatte, in der Zwischenzeit bis auf den letzten Kopf -wieder ausgerottet sei, ohne daß man auch nur ein Museumsexemplar für -die Naturgeschichte übrig habe, — da fing man an, alte Gemälde zu -durchsuchen, auf denen die holländischen Zeitgenossen allerlei Getier -abkonterfeit. Und richtig: auf alten „Paradiesen“ des 17. Jahrhunderts -stand bei anderm Geflügel auch die Dronte noch, in jedem Federchen treu -kopiert mit dem ganzen Realismus der Niederländer und ihrer Liebe grade -für groteske Gesellen.</p> - -<p>Als es desgleichen offenbar wurde, daß wir den Auerochsen falsch -getauft hatten und daß auf diesen Namen in Wahrheit ein gewaltiges -deutsches Tier, der echte Ur, stillschweigend irgendwo um das -sechzehnte Jahrhundert herum verschollen sein müsse, — da kam abermals -hier ein alter Holzschnitt, dort ein mit „Tur“ gezeichnetes altes -Ölgemälde zu Ehren, die den Verlorenen wenigstens noch mit seinem<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> -schwarzen Fell und seinen flach ausgezogenen Riesenhörnern für unsere -Phantasie retteten.</p> - -<p>Das Tierbuch des trefflichen Gesner hat uns den deutschen schwarzen -Mauer-Ibis bewahrt, den Waldrapp, der einst unsere Ruinen umflog.</p> - -<p>Für unsere Enkel wird es not tun, daß wir unsere Bilder des -südafrikanischen Quagga-Pferdes, unsere Photographien der letzten -Bisons und der letzten Riesenschildkröten an einem recht sicheren -Ort niederlegen, denn lebend werden sie diese <span class="antiqua">Morituri</span>, diese -Zusammenbrechenden, auch nicht mehr zu sehen bekommen.</p> - -<p>Die Frage war nur, wie weit man mit solchen zoologisch-historischen -Streifzügen auch in die ältere und älteste Kunst zurückgehen könne.</p> - -<p>Sachlich wurde ja der Boden dort immer interessanter. Je weiter in die -graue Vergangenheit, desto mehr Wahrscheinlichkeit, daß der Künstler -von damals noch von zoologischen Pracht- und Schaustücken wußte, die -uns längst nicht mehr zu Gebote standen.</p> - -<p>Und an wunderlichen, höchst fremdartigen Tierformen war in der Tat -in der älteren Kunst immer weniger Mangel, — nur fingen sie alsbald -an, etwas <em class="gesperrt">zu</em> wunderlich zu werden. Da kamen die Sphinxe und -Greife und Chimären, die Einhörner und Basiliske, die Drachen und -Midgardschlangen. Sollte man zu alledem wirkliche Urbilder suchen?</p> - -<p>Wir haben aus ganz neuester Zeit wohl ein hübsches Beispiel, wie -vorsichtig man im Ablehnen auch hier sein muß. In Afrika wurde da das -merkwürdigste neue Säugetier der letzten Jahrzehnte entdeckt: das -Okapi, ein großes Huftier, äußerlich einer Antilope ähnlich, an den -Beinen schön schwarzweiß gestreift wie ein Zebra, im Knochenbau aber -das Allerunerwartetste: nämlich ein Verwandter zu der bisher völlig -im System vereinsamten Giraffe und zwar ein noch lebender Sproß eines -giraffen-ähnlichen Geschlechts, das in der Tertiär-Zeit bei uns in -Griechenland existiert hatte und aus Knochenfunden von dort längst -bekannt war. Nun denn: dieses<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> Okapi, das uns nächstens hoffentlich -unsere zoologischen Gärten vorführen werden (ich gönnte unserm so -verdienstvollen Berliner Direktor Heck wohl die Priorität dabei!), -haben die alten Ägypter schon auf ihren Denkmälern völlig kenntlich -dargestellt, — natürlich wußte bis vor kurzem kein Forscher diese -„Hieroglyphe“ zu deuten, da wir ja selber das Tier nicht hatten.</p> - -<p>Aber in der großen Masse der Fälle haben wir es gleichwohl mit dem -„Phantasie-Tier“ zu tun.</p> - -<p>Im Drachen steckt nicht der Ichthyosaurus, mit dem der Mensch nie -zusammen gelebt hat, nie hat ein Reptil Feuer gespieen oder ein Pferd -Flügel gehabt.</p> - -<p>Auch in das Tierbild hat jene tiefe Kraft des Menschen -hineingearbeitet, die im Grunde so rätselvoll ist und doch so urwüchsig -aus ihm hervorbricht, als stecke seine halbe Seele darin: die Kraft, -die Dinge nicht nur zu sehen und wiederzugeben, sondern sie sofort auch -zu stilisieren, umzudenken, in eigener Andersform neu zu schaffen.</p> - -<p>Er ist ein Schöpfer, der Mensch, nicht bloß ein Spiegel. Er hat das -Tier gesehen, dieser Mensch. Es hat ihn gelockt, es wiederzugeben. Aber -wenn er es auf der Tafel hatte, hat ihn jene andere Seite seiner Seele -nicht ruhen lassen: er hat schöpferisch daran herumzuarbeiten versucht.</p> - -<p>Wenn der Stier nun Flügel hätte wie der Adler? Wenn er so noch hübscher -aussähe?</p> - -<p>Und wenn die Federn dieser Flügel, die schon beim Vogel einen so -guten Anlauf zum Rhythmischen nehmen (ist doch die Natur allerorten -schon voll solcher Anläufe, als habe jene Menschengeisteskraft längst -irgendwo in einem unteren Stockwerk geheimnisvoll in ihr gewaltet!) — -wenn diese Federn nun ganz zu Ornamenten würden, in Spiralen ausliefen, -vollkommen sich in stilisiert „Schönes“ als Kunstform verwandelten?</p> - -<p>Eine ungeheure Linie setzt hier ein, die vom ältesten Babylon, von -China und von Mexiko, aus allen noch so getrennten Kulturen und -Kunstanfängen heraufsteigt bis auf den<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> ersten Holzschnitt des -Rhinozeros von Albrecht Dürer, auf dem das ganze Dickhäuterfell dieses -Tierriesen mit all’ seinen Wülsten, Falten und Höckern in lauter -elegante Ornamente hinein stilisiert ist, daß es eine wahre Freude -ist — oder bis auf die köstlichen Schweine und Maikäfer unseres -lieben Wilhelm Busch, in denen ebenso der ganze Kodex der Zoologie -und Anatomie Fühler für Fühler und Schwänzchen für Schwänzchen in die -Kunstform des humoristischen Ornaments umgedichtet ist.</p> - -<p>In dem schönen Buche, das Schliemann über Mykenä herausgegeben hat, -kann man diese Umstilisierung des Zoologischen in recht alten Tagen -aufs Prächtigste noch bei der Arbeit sehen.</p> - -<p>Da findet sich auf einem der runden Goldblätter aus dem dritten jener -mykenischen Königsgräber wunderhübsch herausgearbeitet ein Oktopus, ein -Tintenfisch.</p> - -<p>Wir wissen aus Homers unsterblicher Schilderung vom schiffbrüchigen -Dulder Odysseus, den die Welle gleich dem zäh angeklammerten -Meerpolypen von dem rettenden Fels reißt, wie genau die alten Griechen -dieses sonderbare Tier mit dem sackförmigen Leib und den Klammerbeinen -oben am Kopf beobachtet hatten. Kannte doch Aristoteles sogar schon die -märchenhaften Liebesspiele und Liebesmethoden der Tintenfische, die -erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt worden sind.</p> - -<p>Nun ist unverkennbar in solchem Polypen mit seinen acht Greifern -eine gewisse rhythmische Kunstgestalt roh gegeben, eine dicke -Wurzel gleichsam und acht gekrümmte Ranken. Aber unser alter -Griechengoldschmied, Agamemnons Hoflieferant, um Schliemanns Redeweise -nachzusprechen, — er hatte darin erst den Naturansatz zu dem, was -seine Phantasie nun hineinharmonisierte. Ihm wird die Rübe das Herz -eines wunderschönen Ornaments, von dem aus sich in rhythmisch reinster -Steigerung acht eleganteste Spiralen in die Goldplatte hineinrollen, -jede oben stolz eingekrümmt wie ein Bischofsstab. Der Tintenfisch, im -Typus noch auf den ersten Blick erkennbar, ist doch ein Kunst-Mollusk, -ein Mischwesen aus nachahmender<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> Zoologie und selbstherrlich -schaffender Schönheitsschau geworden.</p> - -<p>Ganz das Gleiche ist auf einem zweiten Blatt einem Schmetterling -widerfahren, der mit Kopf und Augen und Fühlern, mit der Zeichnung und -dem Geäder seiner Flügel und selbst den Schnitten seines Kerbtierleibes -ein ganzes Gewebe stilvoller Arabesken geworden ist.</p> - -<p>Dabei befindet man sich an und für sich grade in diesem Buche noch -auf einem Boden, wo zoologisch Wichtiges direkt in jenem andern Sinne -auch zu lernen ist: in dramatisch belebten Bildern sehen wir diese -Mykenä-Helden im Kampfe mit dem Löwen und wir erinnern uns plötzlich, -daß wir ja hier in der Zeit sind, wo der Löwe wirklich noch in Europa, -in Griechenland, vorkam, was heute wie ein verschollenes Märchen klingt.</p> - -<p>Aber dieser Löwe selbst floß bereits gelegentlich ins Ornament, sein -Schwanz bekommt Stil auf den Bildern wie ein Schweinequästlein Buschs. -Und dann faßte die Kunst herrisch und herrischer zu.</p> - -<p>Aus dem Polypen, an dessen Armen die beißenden Schröpfköpfe sitzen, -aus dem Polypen, der unter Umständen als Koloß auftrat und dann ein -furchtbarer Gegner wurde, hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst -zeichnerisch und dann rednerisch, in Sage und Epos, die lernäische -Hydra mit den vielen Köpfen und ihre mythische Verwandte, die Scylla, -entwickelt.</p> - -<p>Bis in unsere bekanntesten antiken Statuen hinein läßt sich -gelegentlich die Überwindung der Zoologie durch die Ästhetik verfolgen. -Unvergeßlich ist mir der Ausspruch eines Zoologen vor dem vatikanischen -Laokoon in Rom: „Das sind ja keine echten Schlangen, sondern -fett gefütterte Regenwürmer!“ Seit wir die Schlangenmenschen des -herrlichen Pergamenischen Altars in Berlin haben, wissen wir, was für -realistisch treue, zoologisch geradezu packend echte Schlangenleiber -und Schlangenköpfe die griechische Kunst hat liefern können, wenn sie -wollte. Aber gerade diese Laokoon-Gruppe, die in jedem Zuge sich schon -als raffiniertere, abgeglättetere, im abstrakten Sinne vergeistigtere -Kunstarbeit darstellt, hat auch<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> ihre Schlangen schon sehr viel weiter -ins abstrakt Ornamentale hinein verzaubert: es sind zwar keineswegs -Regenwürmer, denn das wäre ja nur wieder ein anderer zoologischer -Schachzug, aber sie sind aus echten Schlangen vom Reptilstamm gleichsam -zu nackten Symbolen bloß der schreckhaften Schnürkraft, zu elastischen -Strangulierungs-Ornamenten geworden.</p> - -<p>Erst in den neunziger Jahren des Jahrhunderts haben wir durch das -Verdienst eines deutschen Reisenden und Ethnographen eine wahre -Ur-Schmiede solcher Tier-Verästhetisierung kennen gelernt, die diesmal -nicht aus altem Ruinenschutt gegraben zu werden brauchte, sondern heute -noch bunt und lustig uns vor Augen steht, — allerdings in einem so -versteckten Winkel der Erde, daß man wohl von einer Art lebendigen -Fossils der Menschheitsentwickelung dabei reden darf.</p> - -<p>Karl von den Steinen hat uns unübertrefflich in Wort und Bild das Leben -der südamerikanischen Indianer am Schingû-Flusse geschildert.</p> - -<p>Nackte Wilde, die noch keine Metallwaffen kannten, als die Europäer -sie in ihrer Weltverlorenheit auffanden, also in gewissem Sinne heute -noch lebende, echte Steinzeit-Menschen, — und dabei doch ein Kunstvolk -ersten Ranges, das keinen leeren Fleck um sich leiden mochte, es habe -denn ein Ornament darauf gesetzt.</p> - -<p>Das Kanu-Boot und sein Ruder, die Trinkschale und die Kalabasse aus -Kürbis, der Spinnwirtel aus Schildkrötenpanzer und der tönerne Topf, -die Hauswand und der eigene Leib — alles muß in Kunstformen hinein, -muß strotzen von Mustern, über die das Auge mit Wohlgefälligkeit läuft.</p> - -<p>Fröhliche Völker sind es, mit behaglichen Sitten, ohne groteske und -schaurige Formen der Barbarei, in einem gemäßigten Lebenskampfe, der -Zeit läßt, an die Lustigkeit des Daseins und seine Verzierung zu denken.</p> - -<p>Bei diesen Bakairi und Verwandten nun fand ihr Erforscher einen -tiefbezeichnenden Zug, wert in jede Kunstgeschichte an hervorragender -Stelle fortan aufgenommen zu werden gleichsam als eine Stimme aus dem -„Paradiese“.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span></p> - -<p>Die Leute waren zunächst ganz nette Realkünstler, was Wiedergabe von -Wirklichkeitsobjekten anbetraf, und zwar waren es in allererster Linie -Tiere, die sie abbildeten.</p> - -<p>Ganz reinlich zeichneten sie einen Fisch im Umriß in den Sand. Saß der -fremde Gast mit ihnen abends beim Mondschein am Boden, so malten sie -ihm mit unverwüstlichem Eifer Jagdtiere und Jagdszenen aus dem Stegreif -im Sande vor. Sie begnügten sich nicht, „die Umrisse zu zeichnen, -sondern sie schaufelten mit der Hand den Sand aus dem Umriß des -darzustellenden Tieres der Fläche nach weg und füllten diese Vertiefung -von der Gestalt z. B. eines Jaguars oder Tapirs mit grauweißlicher -Asche aus: so erhielten sie den Körper mit seinen Extremitäten als -ein weißlich schimmerndes Gemälde. Mit dunklem Sande wurden das -Auge und die Fleckenzeichnung der Haut eingetragen. Da die Figuren -mindestens Lebensgröße hatten, machten sie in dem Zwielicht der Nacht -einen überraschend lebendigen Eindruck; es sah aus, als wenn riesige, -schimmernde und flimmernde Felle über den Boden ausgebreitet wären“.</p> - -<p>Mit dem fremden Kulturbleistift zeichneten sie dem deutschen Professor -sein und seiner Leute eigenes Porträt in sein Notizbuch, spaßig, wie -der kleine Moritz bei Oberländer in Strichmanier karikiert, aber doch -auch packend charakterisiert.</p> - -<p>Ganz auf der Höhe aber war ihre Kunst im plastischen Modellieren. -Wie sie einen Topf formten in Gestalt einer vom Bauche her gehöhlten -Schildkröte, Eidechse oder Kröte, das war bewundernswert selbst vom -verfeinerten Kulturboden aus. Es war ausschließlich Frauenarbeit, -diese Topfkunst. Wie zierlich zugleich und echt hatte aber solche Frau -das Köpfchen, das Schwänzchen und die eingebogenen Vorderpätschchen -der Schildkröte herausgebracht, wie humoristisch treu die breite -Schnauze der Kröte, wie elegant hatte sie auf die Rückenwölbung -des Schildkrötentopfs die Panzerplatten mit ihrer natürlichen -Schildpattzeichnung eingeritzt!</p> - -<p>Schon an diesen Töpfen nun nötigte die Anpassung an die Gebrauchsform -zu einem Anfang von Stilisierung, der<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> denn auch wohl zu merken ist: -geht die Schildkröte, geht das Gürteltier noch fast rein mit seiner -Naturform in der Topfgestalt auf — man könnte ja aus ihren gewölbten -Hohlschalen unmittelbar einen Topf machen, wenn’s not täte — so muß -das Waldhuhn, muß die Eule und Fledermaus doch schon abgerundet, muß -topfhaft stilisiert werden.</p> - -<p>Prächtig, wie auch das gemacht wird, wie die Flügel der Fledermaus zu -einfachen Ornamentlamellen am Topfrande, abgerundeten Griffen umgedacht -werden, bis das Ganze die Tierform überhaupt fast verläßt und aus -dem Fledermaus-Topf ein einfacher Kunstnapf mit einem rhythmischen -Ornamentenflügel-Kränzlein wird.</p> - -<p>Und da denn gibt sich die Brücke zu etwas, was in der Malerei und -Schnitzerei dieser Naturvölker am verblüffendsten wirkt, aber zugleich -am lehrreichsten ist.</p> - -<p>Als Fries über die Wand oder sonst über jeden verfügbaren Fleck werden -Ornamente hingezogen, die zunächst rein ästhetisch-mathematisch -ausschauen: dunkle Würfel mit weißen wechselnd, rhombische Felder in -graziöser Folge, Dreiecke sich aneinander schließend, ganz wie auf -unsern Teppichmustern, Parkettböden, Mosaiken und so weiter.</p> - -<p>Befragt aber, hat der Schingû-Indianer auch für diese echtesten -Ornamente noch realistische Namen.</p> - -<p>Dieses Rautenfeld ist dem Namen nach ein Zug ganz bestimmter -eckiger Fische, der Fischname bezeichnet auch das Ornament. Diese -Doppeldreiecke sind dem Worte nach eigentlich Fledermäuse, jetzt -fliegende, in anderer Stellung hängende. Diese dunklen Quadrate im -weißen Grund sind junge Bienen. Diese einfachen Dreiecke schwarz auf -weiß sind zierliche dreieckige Schamschürzchen der Frauen, das einzige, -winzige Bekleidungsstück dieser glücklichen Naturkinder jenseits von -Korsett, Hose und Schuh.</p> - -<p>Das heißt: sie sind es noch im Namen, in der Tradition. Es ist genau -so, wie wenn wir ein bestimmtes Wellenornament als Schlangenlinie -bezeichnen. Die Leute haben ursprünglich Fische, Fledermäuse zu -allerlei Gebrauch, als Jagdzeichen, als<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> eine Art Bildersprache zur -Verständigung, in einfachem Nachahmungstrieb, Reproduktionstrieb -dessen, wovon die Seele voll war, aufgezeichnet, — notabene sie -konnten es, worin eben schon die eine ganze Wurzel ihrer künstlerischen -Menschheitsgabe steckte! Dann haben sie aber an diesen Bildern -<em class="gesperrt">stilisiert</em>.</p> - -<p>Der zweite Sinn, der Sinn für rhythmisch bequeme, glatte Formen mischte -sich ein, mischte sich schon in die erste Wiedergabe zweifellos mit: -das mathematisch Einfachste, über das der Blick am widerstandslosesten, -mit kleinstem Kraftmaß, lief, wurde bevorzugt, das Rhombische des -Fischs, das Dreieckige der Fledermaus. Das wurde dann selbstschaffend -ausgestaltet, in Wiederholungen aneinandergereiht, die Wiederholungen -gaben wieder neue Wohlgefälligkeiten, ästhetische Bequemlichkeiten und -das Ornament war fertig.</p> - -<p>Schließlich ging das Tier als Grundform unter bis zur Unkenntlichkeit -und nur der Name bezeichnete noch, daß es historisch einmal im Ornament -gewesen war.</p> - -<p>Unendlich weit lassen sich die rein ästhetischen Gedanken ausspinnen -vor dieser Bakairi-Kunst.</p> - -<p>Schauen wir doch vor diesem Doppelspiel von wirklicher Tierwiedergabe -und ornamentaler Stilisierung nicht bloß in das Wurzelwerk eines -kleinen Kunstsprößlings: wir blicken in die Wiege überhaupt der Kunst -und aus dieser Wiege schon sehen uns zwei verschiedene Augen an.</p> - -<p>Das eine ist das <em class="gesperrt">ur-realistische</em> Auge, das Wirklichkeit -zu fassen und nachzuahmen sucht, — das andere das -<em class="gesperrt">ur-idealistische</em>, das diese Wirklichkeit umzuschauen, umzuregeln -sucht in harmonische Folgen, in einen wohlgefälligen Rhythmus hinein.</p> - -<p>Und beide Arten künstlerischen Wollens sehen wir bereits bei diesen -nackten Wilden mit ihrer Steinzeit-Kultur in Kraft, — bloß, daß die -erstere, die realistische, insofern eine gewisse Priorität wahrt, als -sie dem zweiten, dem idealistisch stilisierenden Sinne, das Material -geliefert hat, an dem er seine idealistischen Besserungen erproben -konnte.</p> - -<p>Wie eine uralte Weisheitsstimme, der keine grüne Klügellogik<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> gewachsen -ist, klingt diese Bakairi-Ästhetik bis in unsern hellsten ästhetischen -Kampfestag hinein.</p> - -<p>Wer denkt nicht an unsern heftigen Hader um den Realismus in der Kunst, -in der dichtenden wie der malenden und steinbildenden!</p> - -<p>Wie naiv ist der Gegensatz von nackter Wahrheitswiedergabe und -idealistischem Stilisieren, Rhythmisieren da als ein „Entweder — Oder“ -auf Biegen und Brechen ausgespielt worden, als gelte fortan nur noch -ein unbedingtes Gefressenwerden des einen Prinzips durch das andere, -— während die kleinste und unscheinbarste dieser Fledermäuse oder das -schlichteste Frauenschürzchen dieser Bakairi-Kunst uns doch schon die -ewige Lehre in Fleisch und Blut pauken kann, daß nur beide Richtungen -vereint die wahre Kunst ergeben.</p> - -<p>Jene Kunst, die des Menschen würdig ist, der seine ganze Höhenkraft -als König eines Planeten unabänderlich ebenso auch sonst nur der -Doppelfähigkeit verdankt: einmal die gegebenen Wirklichkeiten dieses -Planeten zu erkennen und zu beherrschen bis ins kleinste Kraftwellchen -hinein — und dann sie zu wandeln nach seinem Idealbilde, sie zu -vergeistigen, wie ein Denkender sein Antlitz vergeistigt, sie zu etwas -emporzuführen, was in der äußeren Wirklichkeit um ihn her noch gar -nicht sein kann, also von dort auch nicht abgelesen werden kann, weil -ja eben der höchste zeitlich gegebene Entwickelungssproß der Natur -nichts anderes ist, als sein „Inneres“ selbst, sein idealbildender, -neuen und umfassenderen Harmonieen zustrebender Menschengeist selbst....</p> - -<p>Erst aus dem unendlich verwickelten und doch stets logisch notwendigen -Hin- und Wiederweben ihres roten realistischen und ihres blauen -idealistischen Fadens entsteht das wunderbare Gewebe der Geschichte der -Kunst, wie wir es in den Kulturjahrtausenden hinter uns sich breiten -sehen.</p> - -<p>Der Verlauf wird aber noch versponnener und feiner dadurch, daß die -Wirklichkeitsteile des Ästhetischen unablässig auch gebraucht werden in -jenem riesigen Gesamtgewebe zunehmender menschlicher Weltbeherrschung.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p> - -<p>So reklamiert auf einer gewissen Höhe die strenge Wissenschaft als -realistischer Teil der technischen Welteroberung und Weltverbesserung -gerade das Tierbild wieder in seiner möglichst reinen Urform als -Reproduktion der Wirklichkeit für ihre streng zoologischen Zwecke. Wir -erleben die Mützel und Specht und Leutemann, wie sie wissenschaftliche -„Tierleben“ illustrieren, und zuletzt muß gar die Momentphotographie -heran, um ganz unverfälschte Wirklichkeitsbilder (vorläufig gelingt es -ja durchaus noch nicht „ganz“!) zu ermöglichen.</p> - -<p>Das führt aber von dem Streifblick in die theoretisch-ästhetische Seite -wieder genau auf unser eigentliches Problem selbst zurück.</p> - -<p>Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen: gesehen hat dieser -Mensch, in dem also nach der einen Seite schon als nacktem -Steinzeit-Wilden eine realistische Kraft der reinen Naturwiedergabe -steckte, noch eine ganz andere Sorte verschollener Tierwelt als jene -immer doch relativ junge der Dronten und mykenischen Löwen.</p> - -<p>Denn das wissen wir jetzt endlich mit voller Sicherheit: der Mensch in -einem Kulturzustand, der sich immer noch mit dem jener Bakairi-Indianer -oder auch der heutigen Eskimo vergleichen läßt, ist alt, uralt, -märchenhaft alt.</p> - -<p>Der Polarpunkt unseres Nordhimmels, in dem heute der Stern des kleinen -Bären leuchtet, ist so und so oft infolge der Achsenverschiebung der -Erde auf die Wanderschaft gegangen, hat sich die Wega und andere -schöne Sterne als Richtlampe erkoren und ist endlich wieder beim alten -Fleck angelangt, — und immer war der Mensch schon da. Zeiträume aber, -in denen himmlische Achsenpunkte derartige Sternexkursionen machen -können, müssen auch ganz gewaltige Wandlungen und Verschiebungen der -Tierwelt bedingen, in die wir denn also auch mit diesem Menschen -hineingeraten, sobald wir uns bloß resolut sagen, daß die paar -tausend Jahre unmittelbarer Schriftüberlieferung, die wir haben, -völlig zurücktreten gegen das Gesamtdasein eines mehr oder minder -schon überhaupt „etwas“ kultivierten Menschen auf dem Erdplaneten. -Fallen doch selbst<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> die ältesten jener babylonischen oder ägyptischen -Unmittelbar-Überlieferungen nur in einen kleinen Bruchteil einer -einzigen letzten astronomischen Revolution jener Art!</p> - -<p>Noch vor zehn Jahren konnte man sagen, daß mindestens Streit darüber -bestehe, ob Mensch und Mammut sich lebendig begegnet seien.</p> - -<p>Autoritäten wie Virchow und Steenstrup waren dagegen. Eine Fundstelle -wie die von Predmost in Mähren, wo die von Menschenhand unzweideutig -bearbeiteten, um die Reste menschlicher Kohlenfeuer gelagerte -Mammutknochen nach tausenden zählten, wurde als Eisfleisch-Station -gedeutet, auf der prähistorische Hungerleider vieltausendjährige -gefrorene Eiskadaver von Mammuten herausgehackt und mit dem Appetit -der heutigen Tungusen-Hunde in Sibirien, die jetzt noch tapfer so auf -Eis-Mammut gehen, verspeist haben sollten.</p> - -<p>Diese Skepsis ist heute antiquiert.</p> - -<p>Zur Stunde tauchen ganz andere Gemeinschaften als Problem auf, -unendlich viel ältere.</p> - -<p>Jene wundervolle Fundstätte vorgeschichtlicher Menschheitskultur in -Taubach bei Weimar, von der nachgerade wohl die Meisten gehört haben, -zeigt uns den Menschen als gewohnheitsmäßigen, offenbar durch lange -Zeiten und Generationen fest eingeübten Jäger schon nicht mehr des -eigentlichen Mammut-Elefanten, sondern des sogenannten Alt-Elefanten -(<span class="antiqua">Elephas antiquus</span>), einer riesenhaften Elefanten-Form, die -mindestens in ihrer Blütezeit dem Mammut voraufging.</p> - -<p>Kein einziger Mammut-Rest ist auf diesem klassischen Boden gefunden -worden, und gewisse Konfusionen sind bloß vorübergehend durch böse -neuzeitliche Nachhilfe in die wissenschaftliche Beschreibung hinein -geraten.</p> - -<p>Es ist nämlich unglaublich schier, aber leider doch wahr, was findige -Geldbeutelbedürfnisse selbst bei solchen Dingen für Unheil anrichten -können. Als die Taubacher Knochen und Menschenreste anfingen, Aufsehen -zu machen, stellten sich Käufer ein, Laien, die bloß allgemein etwas -von den Dingen hatten läuten hören. Sie verlangten von den Leuten -in den Taubacher<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> Brüchen vor allem „Mammut“. So kamen schlaue -Industrie-Genies auf den unglücklichen Plan, besagtes „Mammut“ heimlich -irgendwoher zu beziehen und als Taubacher Material mit Profit am Fleck -zu verkaufen. Nahe, eine Stunde rund von Taubach entfernte Kieslager, -in denen auch Elefantenknochen lagen, wurden geplündert und die Zähne -körbeweise nach Taubach gebracht, der Korb im Zwischenhandel zum -Engrospreise von zehn Mark. Die Interessenten erhielten dann beliebig -„Mammut“ aus diesen Körben zu tüchtigen Detailsätzen.</p> - -<p>Um die Verwirrung zunächst auf den Gipfel zu treiben, handelte es sich -auch bei diesen Schmuggel-Elefanten aber erst recht nicht um Mammut, -sondern um eine noch ältere Art als der Alt-Elefant war, nämlich um -einen nahen Verwandten des sogenannten Süd-Elefanten (<span class="antiqua">Elephas -meridionalis</span>), der nicht gleich dem Mammut jünger, sondern nochmals -zweifellos ein ganzes Teil älter ist, als der Alt-Elefant. Die -Elefanten- und Nashorn-Jagden der Ur-Taubacher hatten sich, wie die -erhaltenen schönen Reste klärlich zeigen, in einem Walde abgespielt, -in dem Birken- und Haselnußbüsche standen. Das deutet nun zwar auf ein -gemäßigtes Klima, ähnlich dem heutigen am gleichen Ort. Da die Zeit -zweifellos bis in die Grenzen der großen Eiszeit zurückgeht, nimmt man -mit ziemlicher Sicherheit an, daß es sich um eine etwas wärmere Pause -innerhalb dieser wechselreichen, im Wort wenig erschöpften „Eiszeit“ -handelte. Der Süd-Elefant aber hat noch vor der ganzen Eisperiode -gelebt und aus voreiszeitlichen Schichten stammte denn auch das -eingeschmuggelte Material.</p> - -<p>Die Taubacher Industrie konnte zum Glück noch rechtzeitig aufgedeckt -und wissenschaftlich unschädlich gemacht werden.</p> - -<p>Der letzte Trumpf der ganzen Geschichte aber bleibt, daß dieser -Süd-Elefant an und für sich und in seiner eigenen Schicht ganz wohl -<em class="gesperrt">auch noch</em> mit menschlichen Kulturresten hätte zusammenliegen -können — auch ohne Schwindelei. Denn auch ihn hat der Mensch noch -erlebt, oder besser von unten nach oben gesagt: schon erlebt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p> - -<p>Nie werde ich den Eindruck vergessen, den in den achtziger Jahren ein -kleiner Raum des altberühmten Jardin des Plantes zu Paris, der Stätte -Buffons und Cuviers, auf mich machte.</p> - -<p>In einer provisorischen rohen Bretterbude hatte man die größten -paläontologischen Schaustücke, meist vollständige Gerippe urweltlicher -Riesentiere, in Erwartung eines (heute längst vollendeten) würdigeren -Museums-Neubaues vereinigt. Nur Auserwählte mit Karten drangen bis -in dieses Heiligtum vor. Ihnen aber ward ein im buchstäblichen Sinne -ungeheurer Anblick zu teil.</p> - -<p>Da stand das Skelett des Riesenfaultiers, des Megatherium, da wölbten -sich wie mächtige Tonnen empor die Panzerdecken der Riesengürteltiere, -— beide aus Tiergeschlechtern, von denen wir heute wissen, daß der -Mensch sie auch noch gejagt und verspeist hat.</p> - -<p>Um einen Koloß wie das Megatherium zu überbieten, dessen Oberschenkel -fast dreimal so breit sind wie die des lebenden Elefanten, war in -dieser Versammlung schon ein ganz besonderer Elefant nötig, und den -hatte denn auch eine Ausgrabung in Südfrankreich in Gestalt eines -prachtvoll erhaltenen Riesenexemplars jenes Süd-Elefanten geliefert.</p> - -<p>Aufrecht hatte der Koloß im Boden gestanden, als man ihn fand, ein -Beweis, daß er an Ort und Stelle einst im Sumpf versunken sein mußte. -Die Stoßzähne, vollkommen erhalten wie sie sind, zeigen doch nichts von -der abenteuerlichen Krümmung, wie sie den Mammutstößern zukommt.</p> - -<p>Dieser Süd-Elefant lebte, wie gesagt, vor der Eiszeit, in das letzte -Drittel der voraufgehenden Tertiärzeit, die sogenannte Pliocänzeit, -hinein.</p> - -<p>Wer noch heute auf dem Standpunkt steht, der vor zehn Jahren Mode in -der Anthropologie war: vor jeder Möglichkeit eines Fundes tertiärer -Menschenspuren zunächst ein skeptisches Lächeln wie über eine Art -Dummejungenbehauptung aufzusetzen, der muß diese Altersbestimmung -bestreiten.</p> - -<p>Denn es läßt sich nicht mehr fortleugnen, daß mit Knochen<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> des -Süd-Elefanten in ungestörter Schicht zusammen in Frankreich schon -Feuersteinwerkzeuge, bearbeitet von Menschenhand, gefunden worden -sind, — wenn auch bearbeitet in einer noch etwas roheren Weise, als -es in der Folge geschah. Wiederum aber zweifelt von der Menschenfrage -unabhängig kein unbefangener geologischer Beurteiler heute, daß wir -mit dem Süd-Elefanten wirklich in der echten <em class="gesperrt">tertiären</em> Tierwelt -sind, und so wird auch hier nachgerade der allzu skeptischen Skepsis -ihr Stündlein geschlagen haben.</p> - -<p>Die eigentliche Kühnheit im Zurückdatieren setzt erst noch wieder eine -ganze Station auch dahinter heute ein, — und ich kann offen gestanden -auch noch in ihr nichts zu kühnes sehen.</p> - -<p>In der Auvergne, dem alten Vulkangebiet Frankreichs, wo noch in jener -Pliocänzeit des Süd-Elefanten eine Unmasse feuerspeiender Berge große -Lavaströme entsandten, sind tief unter solcher alter Lava Feuersteine -mit Bearbeitungsspuren gefunden worden, die der Lage nach in das -mittlere Drittel der Tertiärzeit, die <em class="gesperrt">Miocänzeit</em>, gehören würden.</p> - -<p>Angesehene französische Forscher sowohl, wie unser trefflicher -Heidelberger Anatom und Prähistoriker Hermann Klaatsch, halten die -eigentümlichen Schartungen auch dieser Splitter für Menschenwerk.</p> - -<p>Triftige Sachgründe gegen diese Deutung sehe ich nach Klaatschs -scharfsinniger Darlegung nicht mehr. Wenn man dem Teufel einmal den -kleinen Finger gibt und überhaupt auf Grund gewisser feiner Merkmale -sich den Indizienbeweis menschlicher Arbeit auch an den älteren, -roheren Steinsachen gefallen läßt — und für nachtertiäre Fundstellen -tut das einstimmig die ganze Fachmannschaft, — so muß man, meine ich, -auch hier die Hand nachschicken.</p> - -<p>Dieser Miocän-Mensch also von Aurillac, wie die Fundstätte heißt, -— er, den wir ohne besondere chronologische Skrupel um anderthalb -Millionen Jahre rückwärts vom heutigen Bewohner der rauhen Auvergne -trennen mögen, muß<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> aber eine Tierwelt noch gesehen haben, die alles -bisher erwähnte an Fremdartigkeit weit hinter sich ließ.</p> - -<p>Je tiefer wir in die Tertiärzeit hineingehen, desto mehr nähern wir uns -ja jener merkwürdigen Epoche, da das Klima in Europa, statt eiszeitlich -härter, umgekehrt südländisch wärmer war als heute.</p> - -<p>Bis gegen die Mitte der Tertiär-Zeit haben Frankreich wie Deutschland -ein Palmenklima gehabt. In Südfrankreich wuchsen große Fächer- und -Sabal-Palmen, Pisangs, Drachenbäume und Kampferbäume.</p> - -<p>Noch der Süd-Elefant hat in seiner Pliocän-Zeit sich durch immergrüne -Wälder von Lorbeern und Magnolien in der Umgegend von Paris -ästeknickend durchgedrängt.</p> - -<p>In jenem miocänen Urwald von tropischer Üppigkeit aber hauste auch die -entsprechende Tierwelt.</p> - -<p>In ihm muß der Mensch noch leibhaftig mit Augen das Tier gesehen haben, -das anderthalb Millionen Jahre später mit am allermeisten Zwist und -Kopfzerbrechen erzeugen sollte, als seine Gebeine noch einmal aus ihrem -uralten Grabe zum Vorschein kamen.</p> - -<p>Im Morgenrot der Versteinerungskunde hatte einst Cuvier ein paar -einzeln gefundene große Backenzähne als dem Tapir angehörig -beschrieben. Uns würde es heute schon seltsam genug anmuten, den Tapir -aus Südamerika oder Indien lebend in die Auvergne versetzt zu sehen. -In den älteren Tertiärtagen war aber grade an tapirähnlichen Tieren -in ganz Europa kein Mangel. 1835 kam dann in der Pfalz der ganze Kopf -des vermeintlichen Tapirs ans Licht. Mehr als ein Meter lang, trug -er im Unterkiefer zwei abwärts gekrümmte, an das Walroß gemahnende, -stoßzahnartige Hauer. Da der Rest des Körpers fehlte, blühten um dieses -groteske Haupt die buntesten Theorien auf.</p> - -<p>„Ich möchte,“ ließ sich 1856 der große Anatom und famose -Fossiliendeuter Burmeister vernehmen, „dem Tiere einen kurzen, dicken -Hals, einen kräftigen, spindelförmigen Rumpf nebst breiten, selbst -zum Kriechen wie beim Walroß tauglichen<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> Flossenfüßen zuschreiben und -dasselbe für ein pflanzenfressendes Seeungeheuer erklären, welches -nach Art der Sirenen gern in die großen Flußmündungen sich begab -und selbst bis in die höheren Teile der Flüsse hinaufstieg. Seiner -vorderen Hakenzähne bediente es sich gleich dem Walrosse wohl mehr -zum Unterstützen seiner Bewegungen am Ufer, wenn es ruhen wollte, als -zur Verteidigung; oder es riß seine vegetabilische Nahrung, dicke -fleischige Wurzeln, damit aus der Tiefe empor.“</p> - -<p>In der Tat erschien das Tier in dieser Robbengestalt lange Jahre -hindurch in den populären Geologien.</p> - -<p>Dinotherium, das „Schreckenstier“, hatte man es einstweilen getauft.</p> - -<p>Welch bitterböses Lachen aber würde der miocäne Auvergnate, der diesem -Waldschratt selber noch gewohnheitsmäßig auf seinen Streifereien -begegnete, vor unserm Naturforscherbilde aufgeschlagen haben!</p> - -<p>Denn das Dinotherium war, wie wir heute aus besseren Funden nun auch -glücklich wissen, in Wahrheit ein über vier Meter hoher Elefant mit dem -Rüssel und den Säulenbeinen eines solchen, der bloß diese allerdings -ganz charakteristische Besonderheit bei sich ausgebildet hatte, daß -nicht der Ober-, sondern der Unterkiefer die Stoßzähne lieferte und daß -sie sich nach unten krümmten, statt nach oben.</p> - -<p>Bei einem zweiten Elefanten, den jener Miocän-Mensch ebenfalls gesehen -haben muß, dem Mastodon, wuchsen sogar im ganzen vier Stößer, zwei aus -dem Ober- und zwei aus dem Unterkiefer.</p> - -<p>Seltsamer Reiz dieser Bilder: der Mensch bei Mastodon und Dinotherium!</p> - -<p>Was mag es für ein Mensch gewesen sein?</p> - -<p>Wir wissen heute wieder mit voller Sicherheit, daß jene Menschenschädel -vom Neandertal und von Spy, die von der Schule Virchows einmal -so gründlich „totgeschlagen“ schienen und doch so munter wieder -wissenschaftlich „lebendig“ geworden sind, als sei nichts passiert, — -wir wissen aus ihrem Bau mit den vorspringenden Augenbrauen-Wülsten -und anderen Merkmalen,<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> daß es sogar noch nach der Tertiär-Zeit eine -wirklich urtümliche, vom heutigen Menschen charakteristisch abweichende -altdiluviale Menschenrasse in Europa gegeben hat.</p> - -<p>Und wenn jener Miocän-Mensch von Aurillac unter die Drachenbäume und -Pisanas und Kampferbäume seines Urwaldes trat, in die natürlichen -Pfade hinein, die, wie heute in Indien, von den schweren Rüsseltieren -ausgetreten waren: dann begegnete ihm, unbeholfen in schwankendem Gang -wohl ein Stück weit auf die Hände gestützt, der große Menschenaffe -Dryopithekus oder durch das Geäst über ihm schwang sich akrobatenhaft -von Zweig zu Zweig der Gibbon-Affe Pliopithekus.</p> - -<p>Lag in solcher Begegnung — für unser Denken heute — etwas wie ein -Hauch geheimnisvoller Vergangenheit, so rührte ein anderes Bild -umgekehrt an die eigene Zukunft.</p> - -<p>Wo der Wald sich auftat und der grüne Plan sich entrollte, da -galoppierten Herden schlanker Huftiere dahin vor dem Blick dieses -Ur-Auvergnaten. Hätte dieser Blick die Jahrhunderttausende der Folge -sich aufrollen sehen, wie diese grüne Steppe sich vor ihm entrollte, -so hätte er eine der denkwürdigsten Metamorphosen der Tierwelt ahnend -geschaut, die sich grade in seiner Nähe und mit unmittelbarster -Beziehung auf ihn ereignen sollte.</p> - -<p>Diese schnellen Hufträger waren Hipparions, — Ur-Pferde.</p> - -<p>Heute noch geschieht es ab und zu einmal, daß als „Mißgeburt“ ein -Pferd bei uns geboren wird, das statt des einen einzigen Hufs, mit -dem normaler Weise dieser König unter den Läufern nur mehr den -Boden schlägt, an allen vier Beinen noch drei Hufe trägt, von denen -allerdings die zwei ungewöhnlichen die Erde nicht mehr erreichen. -In Jahrmarktsbuden wird solch ein Dreihufer-Pferd gezeigt. Aus der -Antike kommt die Kunde, daß Alexander des Großen berühmter Bukephalos -diese scheinbar widersinnige Zier besessen habe. Es liegt aber Sinn in -Wahrheit doch in der Zier.</p> - -<p>Denn diese Dreihufer sind vereinzelte späte Rückschläge eben auf die -uralte Stammform unseres einhufigen Pferdes,<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> die regulär noch solche -beiden Nebenhufe trug — auf jenes Hipparion der Miocän-Zeit. Freies -Wildpferd war es zugleich noch, ohne engere Beziehung zum Menschen, -ohne jene Rolle des „Kulturtiers“, die dem Pferde dermaleinst eine so -besondere Stellung auf seinem Planeten geben sollte.</p> - -<p>Ich habe das Bild absichtlich so weit aufgetan, wie noch in steilster -Theorie möglich ist. Bis zum Dinotherium und Hipparion könnten im -äußersten Falle menschliche Tierzeichnungen gehen, wenn nichts weiter -dazu nötig wäre als überhaupt ein Mensch mit den frühesten Anfängen -der Werkzeugtechnik. Den Plesiosaurus oder Pterodaktylus, die in die -Tertiärzeit selber nicht mehr hineinreichen aus der großen Saurierzeit, -kann auch die regste Phantasie im Konterfei von zeitgenössischer -Menschenhand nicht mehr erwarten. Aber wie unabsehbar groß ist auch so -noch der Spielraum, — wie viel könnte unsere wißbegierige Zoologie -noch vom kleinsten Kritzelbildchen auf einer Wand, einem Knochen ernten!</p> - -<p>Und das jetzt ist die Stimmung, mit der wir in den finsteren Schlund -jener Höhlen im Vezère-Tale kriechen, spähend beim schwachen -Kerzenlicht, was diese Wände uns offenbaren wollen.</p> - -<p>Es war in der ersten Hochblüte der Begeisterung für prähistorische -Kulturfunde.</p> - -<p>Gebrochen war der Bann grundsätzlicher Zweifel, mit denen der -treffliche Boucher de Perthes noch gekämpft hatte. Man gab eine -diluviale Urkultur unumwunden zu, achtete die Reste als neue -Quelle, redete zum ersten Mal mit Sicherheit von einer neuen, der -prähistorischen Wissenschaft.</p> - -<p>In dieser Zeit wurden die ersten Spuren einer „prähistorischen Kunst“ -in Gestalt erkennbarer Tierbilder bekannt.</p> - -<p>Zuerst aus Frankreich selbst, woher die frische Weisheit überhaupt -diesmal gekommen. Dann aber auch aus einem der strengen deutschen -Forschung näheren, leichter zu prüfenden Ort: von Thayingen, zwischen -Konstanz und Schaffhausen, aus dem sogenannten Keßler Loch.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span></p> - -<p>Es waren zunächst Gravierungen auf Rentierhorn und ähnlichem alten -Material, und Schnitzereien aus solchem Stoff.</p> - -<p>Der rasch berühmteste der französischen Funde war die Zeichnung oder -besser Ritzung eines Mammut-Elefanten auf Mammut-Elfenbein. Man sah -die charakteristische Kopfform, den Rüssel, die Stoßzähne, den aus den -sibirischen Eiskadavern bereits bekannten dicken Wollpelz; selbst die -richtige Gangart war angedeutet.</p> - -<p>Auf diese Epoche der enthusiastischen Anerkennung folgte unmittelbar -aber das Wellental jäh absinkender Skepsis.</p> - -<p>War jenes Mammutbild immerhin eine eskimohaft rohe Skizze trotz seiner -Naturtreue, so hatten sich im Keßler Loch humoristisch stilisierte -Zeichnungen gefunden, die jeden Unterschied zwischen alt und neu in der -Kunst zu verwischen schienen. Sie muteten an, wie aus einem neuesten -Tierbilderbuch für unsere Kinder.</p> - -<p>Und der sachkundige Konservator des Mainzer Altertums-Museums, -Lindenschmidt, bestätigte diese verblüffende Ähnlichkeit eines Tages in -der Tat dergestalt, daß er die — Originale einiger „prähistorischer“ -Tierzeichnungen aus jener Bodensee-Nachbarschaft in einem kürzlich -erschienenen Weihnachtsbuche des Spamerschen Verlages nachwies. Was -Leutemann hier für die reifere Jugend gezeichnet, das war in jenem -famosen Keßler Loch einfach auf altes Rentierhorn kopiert worden. -Und zwar, wie allsogleich erkennbar wurde, nicht in spiritistischer -Umkehrung aller Zeitverhältnisse schon von unsern prähistorischen -Ur-Schwaben, sondern von neuzeitlichen Genossen jener Taubacher -Mammut-Schmuggler: nämlich Arbeitern bei den Ausgrabungen, die sich ein -Stück Geld bei diesem Fischzug der Wissenschaft verdienen wollten.</p> - -<p>Der Betrug war so offenkundig, daß das Gericht einschreiten und die -Sünder bestrafen konnte. In der ganzen Frage prähistorischer Kunst aber -bedeutete dieses mißliche Einzelereignis einen allgemeinen Kurssturz.</p> - -<p>Jetzt kamen auf einmal die Stimmen derer obenauf, die solche -vorweltliche Zeichnerei überhaupt für unmöglich hielten.<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> Die Faust, -die eben die ersten Steinbeile ordentlich zurecht geschlagen, habe noch -nichts von Zeichnen und Kunst ahnen können! Eitel Schwindel seien eben -alle diese angeblichen Ritz- und Schnitzarbeiten, moderne Fälschung -plumpster Art. Wenn solches Schwindelwerk am grünen Holze, bei uns, -gelungen, — wie sollte man nicht der Leichtfertigkeit französischer -Halb-Forscher das Bedenklichste unbedenklich zutrauen!</p> - -<p>Jenes Mammut-Bild, das Lartet im Vezère-Tal des Trüffel-Landes -entdeckt, sollte gar bloß in der Phantasie dieses Herrn Lartet -und seiner Freunde entstanden sein durch willkürliche Auslese und -Allein-Wiedergabe einiger Krackelstriche in einem wüsten Netz -vielfältiger und regelloser Ritzungen eines stark verschrammten -Elfenbeinstücks.</p> - -<p>Die mildesten Kritiker bestritten doch wenigstens alle irgendwie -„besseren“ Bilder. So trat Johannes Ranke den Beweis für Unechtheit -eines Rentiers aus dem Keßler Loch, das sonst nicht in jene -unzweideutige Fälschungsgeschichte verwickelt war, mit der Begründung -an, daß bei diesem Tierbilde die Füße, ja sogar die Afterklauen daran, -genau dargestellt seien; gleich den heutigen zeichnenden Buschmännern -Afrikas hätten aber die prähistorischen Menschen auf „echten“ Bildern -niemals die Füße der Tiere mitgezeichnet.</p> - -<p>Je nun, — diese jungen Wissenschaften haben ihre Umläufe, es wechselt, -um mit dem Prolog im Himmel zu reden: „Paradieseshelle mit tiefer -schauervoller Nacht“, und die Weisheit, die zweimal umgelernt hat, darf -sich nicht scheuen, es auch zum dritten Mal zu tun.</p> - -<p>Auch jene skeptische Phase ist heute wieder um, und vor den neuen -Funden der Trüffel-Erde, die wir jetzt besitzen, hebt abermals ein -neues Kapitel dieses tiefsinnigen Lehrbuchs vom Menschen und seiner -Ur-Gabe der Kunst an, ein helles und positives nun doch.</p> - -<p>Jenes Vezère-Tal in der Landschaft Périgord, wo Lartet schon in den -sechziger Jahren sein angebliches Mammut auf Mammutbein aus dem Schutt -prähistorischer Zeiten gezogen, ist eine äußerst liebliche Gegend.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p> - -<p>Als Lubbock, heute der Alt-Meister vorgeschichtlicher Forschung, -einst die Vezère hinabfuhr, pries er die Schönheit des Ortes, daß -sie jeden packen müsse, auch abgesehen vom wissenschaftlichen -Interesse. „Da der Fluß bald die eine, bald die andere Seite des Tales -aufsuchte, so hatten wir in einem Augenblick zu beiden Seiten reiche -Wiesenländereien, und in dem nächsten befanden wir uns dicht an dem -senkrechten, fast überhängenden Felsen. Hier und dort kamen wir zu -einigen wallonischen alten Burgen, und obgleich die Bäume noch nicht im -vollen Laubschmuck standen, so waren doch die Felsen an manchen Stellen -völlig grün durch Buchsbaum, Efeu und immergrüne Eichen, und das -harmonierte überaus gut mit der satten gelbbraunen Farbe des Gesteins.“</p> - -<p>Hermann Klaatsch, dem wir die neueste anschauliche Ortsschilderung -auf Grund eines Besuches im letzten September verdanken, findet, daß -das Tal „einen intimen Reiz des süßesten Friedens“ besitzt „und einer -Nervenberuhigung, welche die Sorge aufkommen ließe — es möchte hier -einmal eine Nervenheilanstalt entstehen, wozu die Gefahr nahe läge, -wenn das Terrain in Deutschland sich befände“.</p> - -<p>Ohne besondere Spitzfindigkeiten läßt sich ein Bild gewinnen, wie -dieses Haupttal und seine mäandrischen Verzweigungen geologisch -ausgestaltet worden sind.</p> - -<p>Das ganze Quellnetz zum Dordogne-Flusse deutet rückwärts auf das hohe -Zentral-Plateau von Frankreich, das alte Vulkanland der Auvergne.</p> - -<p>Nachdem diese Krater, mehrere hundert an der Zahl, in der späteren -Tertiärzeit ihre Lavaströme genügend ergossen hatten und mit -erschöpfter Kraft in den Ruhestand der wenigstens auf absehbare Zeit -erloschenen Vulkanruine eingetreten waren, setzte die beginnende -Periode der Eiszeiten die Durchschnittstemperatur lange Reihen von -Jahrtausenden hindurch um so viel herunter, daß diese Gipfel sich durch -Herabsinken der Schneegrenze mit „ewigem Schnee“ und mächtigen, zu Tal -drängenden Gletschern bedecken mußten.</p> - -<p>Als diese Gletscher aber zeitweise wieder schmolzen,<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> mußten die -Schmelzwasser sich mit ungeheurer Gewalt zu Tal ergießen. Sie erfüllten -die vorhandenen Flußtäler hoch herauf und wühlten in das weiche -Kreidegestein ihrer Wände tiefe Furchen und Löcher ein, die später, -als die Hochflut verströmt war und die Talsohle wieder als solche -auftauchte, als Nischen und Grotten der Talwände frei wurden.</p> - -<p>Erst nach dieser Zeit, nach Ausgang einer ersten -Vergletscherungsperiode und wohl noch während einer zweiten, hat -dann der vorgeschichtliche Mensch sich im Vezère-Tal und seinen -Seitenzweigen angesiedelt.</p> - -<p>Er hat die Grotten als willkommene Zufluchtsstätten genau so benutzt, -wie sie spät noch in der geschichtlichen Zeit, ja bis in die neuesten -Tage hinein vorkommenden Falles immer wieder besucht und gebraucht -worden sind.</p> - -<p>Einem ausgesprochenen Jägervolk, aber von kleinen Mitteln, bot ja grade -ein Tal von dieser Art die sinnfälligsten Vorteile.</p> - -<p>In senkrechten Steilstürzen bricht das Plateau oben vielfach gegen -die Taltiefe ab. Gelang es den steinzeitlichen Jägern, eine Tierherde -dieses Plateaus durch irgendwelche Schreckmittel, etwa künstliche -Feuerbrände in der Nacht, gegen die unheimliche Kante zu hetzen und zum -Absturz zu bringen, so war ein großer Sieg mit verhältnismäßig wenig -Mühe gegeben, und die Opfer lagen gleich vor dem Hause.</p> - -<p>Vor Jahren schon hat Boyd Dawkins in England solche Rand-Jagd in -vorgeschichtlicher Zeit als Erklärung aufgestellt für die erstaunlichen -Anhäufungen zerbrochener und zernagter Tierknochen in englischen -Steil-Schluchten. Als die Jäger, die hier den Riesenhirsch und das -Mammut, das Rhinozeros und den Wisent ins Verderben gehetzt, nahm er -zwar, und für seine Oertlichkeiten wohl sicher mit Recht, die Hyänen -an, die damals in Scharen das Land bevölkert haben müssen. Heute noch -jagen ihre lebenden Vertreter so, daß sie starke Beutetiere, die sie -sonst nicht überwältigen könnten, durch Massenangriff erschrecken und -auf einen äußersten Fleck drängen, wo der Absturz unvermeidlich wird.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span></p> - -<p>Doch vom Tier hat der Mensch jagen gelernt: was Wunder, wenn auch er -die grausigbequeme Methode der schwachen, aber klugen Hyäne nachahmte.</p> - -<p>Längst kennt man auch eine französische Fundstätte, von Solutré bei -Lyon, wo unter einem hohen Fels mit schauerlichem Steilfall eine an -hundert Meter lange und drei Meter dicke Knochenschicht aufgedeckt -worden ist, die so gut wie ganz aus Knochen diluvialer Wildpferde -besteht. Ueber 20000 Individuen müssen hier immer genau am gleichen -Fleck umgekommen sein! Und in diesem Falle verrät sich der wilde Jäger -sofort: sehr gute Steinmesser, von Menschenarbeit, wahrscheinlich hier -als Lanzenspitzen bei der Verfolgung benutzt, liegen noch zur Hand, und -jeder Pferdeschädel ist künstlich aufgebrochen, um den Leckerbissen des -wilden Menschen, das Gehirn, herzugeben.</p> - -<p>In solchen Jagdszenen, bei denen unter rohem Hallo und bei -geschwungenen Fackeln die großen Säugetiere der Diluvialzeit zum -Todessturz genötigt wurden, liegt zweifellos auch das Geheimnis der -Liebe jener Vorgeschichtler für die schroffen Tälchen im Lande Périgord.</p> - -<p>Einmal am Fleck zäh eingebürgert, hinterließen diese Steinzeitler aber -nun im Schutt und Kalksinter der Talhöhlen ein wahres Pompeji ihrer -primitiven Kultur.</p> - -<p>Geräte und Waffen, Nahrungsreste und Herdfeuerspuren, alles was nur -irgend dauerfähig war aus ihrem äußeren Leben, — und in diesen harten -Tagen des behauenen Steins und bearbeiteten Rentierknochens war ja -fast alles von einer Solidität für rauschende Jahrtausende. Bloß ein -Teil fehlt, dem es an und für sich sonst nie an weltgeschichtlicher -Solidität gemangelt hat: Topfscherben; die Erfindung des irdenen Topfes -scheint noch nicht in dieser Zeit zu liegen.</p> - -<p>Jeder Winkel dieser Flüßchen bewährt sich dem Suchenden als ein Haus -dieses großen Pompeji. Da folgen sich die Stätten, deren Namen durch -alle Lehrbücher und Museen schallen: Le Moustier, La Madelaine, -Laugerie-Haute und<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> -Basse, Cro Magnon — jede berühmt durch irgend -einen großen Fund.</p> - -<p>Bei La Madelaine, einer unerschöpflichen Katakombe dicht am -Vezère-Flüßchen, die von einer Burgruine hoch auf dem überhängenden, -eine Halbgrotte bildenden Fels ihren Namen trägt, hatte Lartet seiner -Zeit das vielberühmte und vielverspottete Elfenbeinplättchen mit dem -angeblichen Mammut-Bilde geborgen.</p> - -<p>Auch die es mit Hohn zurückwiesen, sie mußten doch zugeben, daß an -dieser und anderen Stellen Spuren auftauchten von etwas, was irgend -einen ästhetischen Zusammenhang schlechterdings nicht verleugnen -konnte. Da lagen Fußknochen des Rentiers, die unzweideutig zu Pfeifen -gehöhlt und gelocht waren. Röhrenknochen von Vögeln wiesen gar mehrere -Löcher genau so, als sollten es Flöten gewesen sein. Was ferner sollten -die massenhaften Anhäufungen bunter Erden in diesen prähistorischen -Müllhaufen, insbesondere eines lebhaften Färbe-Rotes? Heute bemalen -sich wilde, nackte Menschen mit so etwas den Leib! Was sollten die -durchbohrten Schneckenhäuser, die Amethyst- und Bergkristall-Stücke? -Heute hängt sich der wilde Mensch dergleichen als Schmuck an den -Leib, — ist doch auch der zahme noch nicht abgeneigt, diese Sorte -ästhetischer Aufbesserung seiner gegebenen Persönlichkeit zu betätigen.</p> - -<p>Es war nun für den eingefleischten Zweifler vielleicht ein unbefugt -kühner, für den naiven Besucher aber wirklich nur ein recht nahe -liegender Schritt, wenn einer nicht bloß die Sohle dieser Höhlen nach -prähistorischem Material durchwühlte, sondern auch einmal einen etwas -sorgsamen Blick auf die Wände warf.</p> - -<p>Vom Vater Kieselack her besteht im Menschen bekanntlich ein Ur-Zug, -seinen lieben Namen und etwa noch dieses oder jenes erfreuliche -oder nichtsnutzige Umrißprofil auf die Wand einer besuchten Stätte -zu setzen. Wenn diese alten Herrn des Trüffellandes wirklich schon -irgend eine Fähigkeit besessen haben sollten, ähnlich wenigstens -irgend ein Symbol ihres Daseins<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> mit Kunstmitteln zu hinterlassen, so -lag ernstlich nichts näher, als daß sie die Wände ihrer jedenfalls -vielhundertjährigen, vielleicht mehrtausendjährigen Winterquartiere, -der Höhlen, mit verwandten Scherzen bedacht hätten.</p> - -<p>Und der „Echtheit“ mußte dabei zu statten kommen, daß die langsame -Arbeit tropfenden Wassers in der Folge diese Wände vielfältig nach -gewohnter Höhlenart wieder mit einer schützenden Decke derben -steinharten Kalksinters überzogen und alles auf ihnen Befindliche also -profanem Blicke gänzlich entzogen hatte bis zum Tage, da der „Rechte“ -kam.</p> - -<p>Die erste Kunde, daß es auf den Höhlenwänden des Vezère-Gebietes -tatsächlich etwas zu sehen gebe, kam denn auch schon vor Jahren, -verscholl aber wieder in der allgemeinen Mißstimmung gegenüber -prähistorischen „Bildern“.</p> - -<p>Das erste Jahr fester wissenschaftlicher Publikation ist 1895. -Professor Rivière beschrieb eine „bemalte Höhle“.</p> - -<p>Weiter in Fluß kamen die Dinge seit 1901 dann besonders durch Capitan, -ebenfalls Professor in Paris.</p> - -<p>Den neuesten und in jeder Hinsicht instruktiven Bericht über die -vollendeten Fakten verdanken wir Klaatsch, der zugleich seine solide -deutsche Autorität als Augenzeuge am Ort für das Ganze eingesetzt hat, -so daß die großen, verallgemeinernden Zweifel jetzt endgültig abgetan -sind.</p> - -<p>In das Haupttal der Vezère mündet bei dem Orte Les Eyzies eine kleine -Seitenader, das Tälchen der Beune.</p> - -<p>In einem feinsten Nebenzweiglein wieder dieses Wässerchens liegt die -sogenannte Grotte von Combarelles.</p> - -<p>Man darf bei dem Wort nicht an eine der allbekannten Tropfsteinhöhlen -von imposanter Domhöhe denken. Es ist im viel eigentlicheren Sinne -ein Loch. Vor die Öffnung dieses Loches ist denn auch heute noch ein -Bauernhaus quer gelagert, als solle es sich bloß um einen privaten -Kellerschacht handeln. Ein praktischer Mann, hat der Bauer den Anfang -des Schachts sich als Hühnerstall eingerichtet, die „Höhle“ ist also in -gewissem Sinne bewohnt bis auf den heutigen Tag.</p> - -<p>Der Hühnerstall ist aber noch der geräumigste Teil.<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> Gleich dahinter -wird jenseits einer Tür der Kellerhals so eng, daß der Besucher auf -allen Vieren kriechen muß.</p> - -<p>Freilich erkennt er: so niedrig ist’s hier nicht immer gewesen. -Mindestens ein Meter hoch hat sich auf die alte Sohle eine sogenannte -Stalagmitenschicht, also Kalksintermasse, die das tropfende Wasser -allmählich abgelagert hat, gelegt, den Gang auf die Hälfte des -Ehemaligen verengend. In Mammuttagen konnte ein Mensch hier zweifellos -erhobenen Hauptes noch durchschreiten.</p> - -<p>Etwa die halbe Länge hindurch, hundert und einige Meter weit, entdeckt -man allerdings von solchem Ur-Dasein des Menschen gar nichts.</p> - -<p>Hat er Knochen oder Steingerät hinterlassen, so muß es tief unter -dieser harten Kalkhülle des Bodens begraben liegen.</p> - -<p>Das Licht der Kerze leuchtet an der Wand entlang: auch da zunächst -nichts.</p> - -<p>Die ersten hundert Meter sind überschritten. Noch immer nur leere Wand.</p> - -<p>Doch das Auge gewöhnt sich. Und endlich findet es jetzt wirklich etwas, -— etwas höchst Überraschendes.</p> - -<p>Der Höhlenhals läuft bis zu seinem Abschluß noch ungefähr 115 Meter -weiter. Fällt auf dieser Strecke der Kerzenschein von links her ein, so -erscheinen in der Höhlenwand eine große Menge flacher Ritzlinien, die -schärfsten bis zu einem halben Zentimeter tief, die schwächeren fast -nur als Oberflächenzeichnung.</p> - -<p>Die Kalksintermassen, die auch hier sich unregelmäßig wie -Kesselsteinbrocken angesetzt haben, gehen vielfach, Stücke verdeckend, -über die Ritzungen hin, ein deutliches Zeichen, daß es sich keinenfalls -um etwas ganz neuerdings Eingegrabenes handeln kann.</p> - -<p>Einmal erfaßt, schließen sich diese Linien dann dem Auge leicht zu -Gestalten zusammen. Zuerst erkennt man durchweg Beine, endlich ganze -Umrisse von Leibern.</p> - -<p>Es sind Tierbilder.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p> - -<p>Die meisten nur mittelgroß, kaum viel über ein Meter im selten -äußersten Fall.</p> - -<p>Nun aber was für Tiere!</p> - -<p>Zunächst ein allbekanntes, das aber doch mit einem Schlage in die -Eiszeit für diese Gegenden versetzt: das Rentier.</p> - -<p>Dann Pferde, — Wildpferde!</p> - -<p>Wir haben erst in jüngster Zeit das noch lebende, heute nur in der -asiatischen Steppe noch lebende echte Ur-Wildpferd von Angesicht zu -Angesicht wieder begrüßen können auf europäischer Kulturerde: in dem -Pärchen unseres Berliner zoologischen Gartens. Unverkennbar finden wir -auf diesen alten Bildern seinen unförmlich dicken und großen Kopf, -seine charakteristische hochgesträubte Mähne wieder. Schon hatten es -uns einige jener bestrittenen älteren Gravierungen auf Rentierknochen -aus den Vezèrehöhlen so gezeigt, aber die waren eben bestritten worden, -trotzdem man sich fragte, welcher moderne Fälscher wohl diese äußersten -Feinheiten zoologischer Charakteristik beherrscht und bewährt haben -sollte; war doch die Kenntnis der Wildpferde bis vor kurzem noch einer -der dunkelsten, unsichersten Punkte moderner Fachforschung — und da -sollte irgend ein pfuschender Dilettant derartig das allein Richtige -getroffen haben?</p> - -<p>Die Pferdebilder von Combarelles machen alle weiteren Skrupel dieser -Art überflüssig. Hochinteressant aber ist, daß auf ihnen neben dem -Dickkopf, dem typischen Ur-Wildpferde, schon eine zweite Pferderasse -erscheint, die wesentlich zierlicher gebaut ist. Das wird unserer -Rassenforschung zu denken geben!</p> - -<p>Weiter: es treten aus der Wand Steinböcke.</p> - -<p>Heute sind das Hochgebirgstiere, die sich da oben ins „Kalte“ -zurückgezogen haben, nachdem unten die Eiszeit mit ihren letzten -Kältewehen schwand, eine vertikale Rettung als Seitenstück zu der -horizontalen, die das Rentier nach Lappland verscheucht hat.</p> - -<p>Und nun endlich nahen die ganz Fremden, die gänzlich Verschollenen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p> - -<p>Eine einzige Antilopenart haben wir heute noch in Europa, auch sie nur -in einer gleichsam abnormen Lage als Alpentier gerettet: die Gemse. -Hier sind noch sehr verschiedenartige Antilopen, eine mit ganz steil -ragenden Hörnern, eine dem Gnu ähnlich; es könnte sich freilich im -letzteren Falle auch um etwas ähnliches wie die seltsame Gnu-Ziege -(<span class="antiqua">Budorcas</span>) von Tibet handeln, deren Gehörn völlig dem des -Weißschwanzgnus entspricht.</p> - -<p>Die Hauptmasse der „Verschollenen“ aber bilden — die Mammute.</p> - -<p>Vierzehn an der Zahl!</p> - -<p>Grade sie konnte auch Klaatsch aufs entschiedenste feststellen.</p> - -<p>Die von Capitan mitgeteilten Bilder sind in der Tat von -durchschlagender Wirkung.</p> - -<p>Da steht das Tier, mit seinem hohen Elefantenrücken und den -Säulenbeinen. Der gewaltige Rüssel, mit Doppelzipfel unten statt des -einfachen Fingers, ist in belebter Auffassung nach hinten eingerollt, -die riesigen krummen Stößer streben darüber ins Weite. Selbst das Auge -sitzt sehr gut. Und in wilden Strähnen wallt von Bauch und Kopf die -schwere Mammut-Mähne und Verpelzung, die kein lebender Elefant kennt.</p> - -<p>Dieses Tierbild ist keine Klein-Moritz-Karikatur. Es ist der rohe, -aber durch und durch charakteristische Entwurf einer Künstlerhand, — -wie ein echter Tiermaler rasch, um mit einer Umrißskizze das Nötigste -zu füllen, einen Elefanten eben hinsetzt, doch so, daß jeder sofort -weiß: das ist einer; kein Strich zu viel, aber jeder Strich auch eine -feste Charakterlinie. Und das mit einem Stück Feuerstein in eine -Höhlenwand geritzt, bei Fackelschein, in engstem Raum, — von einem -vorgeschichtlichen Jäger der Eiszeit!</p> - -<p>Es war kein Dinotherium- oder Hipparion-Jäger mehr, das zeigen, -abgesehen von den mangelnden Bildern, klärlich die Eiszeit-Tiere Mammut -und Rentier selbst. Und doch noch der Mensch einer anderen, einer -fremden Welt. Aber in diese<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> Welt sahen schon Künstleraugen. Wie nah -uns das nicht nur äußerlich, im Bilde, sondern grade im tiefsten Innern -doch wieder diesen Tag der Mammute bringt!</p> - -<p>In einem zweiten jener Beune-Tälchen liegt die Grotte von Font-de-Gaume.</p> - -<p>Der Eingang öffnet sich rund 20 Meter über dem Talgrund. Ein großer -Felsblock liegt davor wie ein Tisch.</p> - -<p>Zuerst ist es hier, als solle es wirklich in eine hohe Höhle mit dem -bekannten Stalaktiten-Schleier an der Decke gehen. Aber dann folgt -doch noch der unvermeidliche enge Flaschenhals, eine Geheimpforte des -Allerheiligsten von nur 70 Zentimeter Höhe und bedrohlicher Enge.</p> - -<p>Als Klaatsch diesen Spalt passierte, mußte er des französischen -Forschers Elie Massénat gedenken, der ihm kurz vorher alle diese -bemalten Grotten als eitel Schwindel und Fälschung bezeichnet hatte. -Da dieser alte Gelehrte sich eines bedeutenden Körperumfanges erfreut, -erschien es Klaatsch schier unbegreiflich, daß der dicke Herr diese -enge Pforte je sollte überwunden haben; und so konnte denn auch alsbald -durch Zeugen festgestellt werden, daß Herr Massénat niemals am Orte -gewesen war und sein Absprechen aus billiger „allgemeiner“ Skepsis -geschöpft hatte — ein recht lehrreiches Exempel!</p> - -<p>Immerhin ist wahr, daß ein eiliger Besucher, der nichts sucht, ein- und -wieder ausgehen könnte, ohne das Entscheidende, nämlich die auch hier -vorhandenen prähistorischen Bilder überhaupt zu entdecken.</p> - -<p>Moderne Kieselacks sind ahnungslos gelegentlich dagewesen, haben ihren -Namen auf die Wand gekritzelt, quer über ein Tiergemälde — und haben -nichts gemerkt.</p> - -<p>Ja, über ein „Tiergemälde“! Denn auch hier gibt’s Tiere und sogar -gemalte.</p> - -<p>Wahrscheinlich ist es vor allem diesmal ihre Riesengröße gewesen, die -sie versteckt hat, sie erschienen bloß als weite zufällige Felder -unbestimmten Brauns. Durchweg ist nämlich hier jedes Tier ein bis -zwei Meter groß, und das auf drei<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> bis fünf Meter hohen Wänden eines -höchstens zwei Meter breiten Schachts.</p> - -<p>Die Technik ist eine raffiniert dauerhafte: die Umrisse und ein Teil -der Einzelheiten sehr tief eingeritzt und der so markierte Tierkörper -dann noch bemalt, der Umriß noch einmal mit Manganschwarz, der Inhalt -mit braunroter Okererde.</p> - -<p>Gerade diese letztere Farbe paßt ausgezeichnet, da die Hauptmasse -der dargestellten Tierarten diesmal Wisentstiere (jene sogenannten -„Auerochsen“ unserer zoologischen Gärten) sind, deren Wolle dieses -Braun entspricht.</p> - -<p>49 solcher Wisents sind bisher festgestellt, dazu 4 Rentiere, 4 Pferde, -3 Antilopen und (hier nur) 2 Mammute.</p> - -<p>Es ist sehr wahrscheinlich, auch aus Gründen verfeinerter Technik, daß -man in dieser Grotte ein etwas jüngeres Kunsterzeugnis vor sich hat, -von der andern durch eine längere Kette der Generationen getrennt; das -Mammut war inzwischen vielleicht seltener geworden, der Wisent-Stier -dagegen jetzt Haupt-Jagdtier.</p> - -<p>Erstaunlich über alle Maßen ist, wie die Unebenheiten der Wand in die -Bilder aufgenommen, gleichsam mit verarbeitet sind. Der untere Rand -einer nischenartigen Vertiefung bildet im Bilde einen Rasenhorizont -der weidenden Herde. Das Gras ist mit Strichen markiert, die Tiere der -Herde zum Teil perspektivisch hintereinander geordnet.</p> - -<p>Der buckelige, durch die Mähne nach vorne verbreiterte Umriß der -Wildochsen ist geradezu genial erfaßt. Ausgesprochen genau die Füße, -die nach Johannes Ranke kein prähistorischer Zeichner je beachtet haben -sollte (!), sind zoologisch wie künstlerisch bis in jede Einzelheit der -Hufe am korrektesten wiedergegeben.</p> - -<p>Zwei Rentiere aber, die mit einander zugekehrten Köpfen -freundnachbarlich weiden, sind nicht nur einzeln realistisch treu, -sondern als belebte Gruppe wirklich „lebendig“ herausgebracht; lebendig -im höchsten Kunstsinne, der mehr gibt, als bloß den Leib: der ein Stück -Seele mitfaßt. Kein modernes „Tierleben“ brauchte sich dieser Köpfe zu -schämen!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> - -<p>Menschenbilder sind nicht dabei. Doch erscheinen sehr deutlich kleine -Zelte, wohl die Sommer-Wigwams des Jägerstammes.</p> - -<p>Ich klappe das Bilderbuch wieder zu. Schon hört man aus anderen -Gegenden Frankreichs von ähnlichen „illustrierten Höhlen“. Aus Spanien -ist bereits eine bekannt. Wer ahnt, wie viele wir jetzt noch finden -werden, da der Blick dafür geschärft ist, auf die Suche geht!</p> - -<p>Wir stehen jedenfalls erst im Anfang der Veröffentlichungen, -wahrscheinlich erst auch in dem der Entdeckungen.</p> - -<p>Wieder einmal erwächst vor uns das Unwahrscheinlichste als das Wahre: -die Mammut-Zeit in Bildern aus der Zeit.</p> - -<p>Und wieder einmal erscheint der Mensch schließlich als das Größte in -allem. Ich frage mich: wo ist diese Größe auf ihrem Gipfel: bei ihm, -der schon als Mammut-Jäger diese Bilderchronik in die Wände enger -Höhlen grub — oder bei ihm, der mit wissenschaftlicher Kenntnis von -diesem Mammut heute, nach vielen Jahrtausenden, in diese Höhlen dringt -und vor dem Bilde ruft: Das ist es!</p> - -<p>Schließlich wird die Höhe doch bei <em class="gesperrt">ihr</em> liegen, der -Ewig-Proteischen, die in ihm damals war und heute ist, die in der Kunst -und im Menschen und im Mammut war.</p> - -<p>Und wie ich mich in diese stille Höhle träume, wo das Licht der -Kerze auf den unberührten Bildern dieser unsagbar fern verschollenen -Kunststunde glänzt, ist es mir, als streife mich durch die heiße -Pfingstnacht der glühende Atem ihrer rastlosen Liebe, die unablässig -zeugt und zeugt durch die Äonen, — die Goethe spürte, als er sang:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„In der Liebesnächte Kühlung,</div> - <div class="verse indent0">Die dich zeugte, wo du zeugtest,</div> - <div class="verse indent0">Überfällt dich fremde Fühlung,</div> - <div class="verse indent0">Wenn die stille Kerze leuchtet.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p> - -<h2 id="Charaktergestalten" title="Woran man die Charaktergestalten unserer -Naturforscher messen wird"> </h2> - -</div> - -<p>Stimmungen vor der Natur! An ihnen wird man einmal die Charakterköpfe -des neunzehnten Jahrhunderts messen. An ihrer Stellung zum Naturbegriff.</p> - -<p>Ich habe Virchow eben mit meinen Gedanken gestreift. Das ist „auch -einer“.</p> - -<p>„Indeß war ....“, so sagt einmal Goethe von irgend jemand, „bei all -seinen Verdiensten doch nur einer von den .... Köpfen, die <em class="gesperrt">sich -mit der Natur gewissermaßen im Widerspruch fühlen</em> und deßwegen -das komplizierte Paradoxe mehr als das einfache Wahre lieben und sich -am Irrtum freuen, weil er ihnen Gelegenheit gibt, ihren Scharfsinn zu -zeigen, da derjenige, der das Wahre anerkennt, nur Gott und die Natur, -nicht aber sich selbst zu ehren scheint.“ (Geschichte der Farbenlehre, -in der fünften Abteilung.)</p> - -<p>Virchow war Naturforscher in jeder Faser. Aber er hatte <em class="gesperrt">keine Freude -am Anschluß</em>.</p> - -<p>Wie ist das möglich?</p> - -<p>Das Wort ist neulich, bei seinem Tode, gefallen von einem „Zeitalter -Virchows“ in der Naturwissenschaft.</p> - -<p>Solche Schlagworte sind immer schief, und sie werden schiefer, je näher -man der Arbeit unserer Zeit auf irgend einem Gebiete kommt.</p> - -<p>Wenn man von einer Epoche Newtons oder Linnés spricht, so enthält das -schon eine große Ungerechtigkeit gegen gewaltige andere Geistestriebe, -die jene Zeiten im ganzen umfassen, die aber gerade von Newton oder -Linné selber keineswegs umfaßt wurden.</p> - -<p>In der Naturforschung unserer Tage ist für die Linie, in der Virchows -Größe liegt, bestimmend, daß sie überhaupt nicht mehr bestimmt werden -kann durch einen einzelnen. Das Band der Methode, das alle Disziplinen -dort umgreift, ist längst gegeben und ist längst unpersönlich. Darüber -hinaus aber steckt die Kraft im Wirken unzähliger Persönlichkeiten, die -in einem weiten Spielraum so heterogen denken mögen wie nur möglich.</p> - -<p>Trotzdem ist es interessant, sich einmal für einen Augenblick der -Fiktion hinzugeben, Virchow sei wirklich der einzige<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> Naturforscher in -seiner Zeit gewesen. Wie würde diese Naturforschung der letzten sechzig -Jahre aussehen, angeschaut bloß in ihm?</p> - -<p>Man kann die Fiktion ohnehin wagen für eine ganze Menge gebildeter -Leute, die tatsächlich in ihrem Leben keinen anderen Naturforscher -kennen gelernt haben als Virchow. Als Parlamentarier war er „der“ -Naturforscher. Parlamentsberichte werden aber von einer Masse gelesen, -die sonst heute noch gar keine Fühlung mit der Naturforschung -besitzt. Und er hatte so noch etwa ein Dutzend anderer öffentlicher -Berufszweige, wo er redete, — als Naturforscher, der er doch einmal -war, redete, und wieder von soundsovielen gehört werden mußte, auch als -Naturforscher gehört werden mußte, die sonst im weiten Bogen um alle -Naturwissenschaft herumgingen.</p> - -<p>In einer Virchowschen Naturforschung würde zunächst hervortreten -der ungeheure Fleiß, die beispiellose Arbeitskraft in der rein -quantitativen Leistung.</p> - -<p>Es liegt in dieser Arbeitskraft allgemein heute ein Dank von Seiten der -Methode: ohne die Stütze dieser fest überkommenen und, einmal erlernt, -ewig sich gleichbleibenden Methode wäre diese Ausnützung der Kraft in -der Naturforschung gar nicht möglich.</p> - -<p>Aber Virchow war wirklich die Maximalgrenze.</p> - -<p>Er arbeitete bis an die letzten Jahre heran (81 ist er geworden!) -wie eines jener prachtvollen astronomischen Instrumente der Neuzeit, -auf denen nie ein Stäubchen, ein Rostfleckchen denkbar ist, deren -Präzision auf Generationen gebaut scheint, blank, leuchtend über die -Köpfe von so und so viel einander ablösenden Sterblichen hinweg. Ein -solches Instrument kennt kein Zittern. Ein einziger Willensakt, der -die Richtung bestimmt: und es steht, es ist eingestellt, absolut -scharf, so weit sein Bau reicht, ohne jeden Zeitverlust des Suchens. -Genau so schoß Virchow auf die Dinge los. Ohne jede Nervosität, alle -vorhandenen Kräfte stets im Brennpunkt beisammen. Darum erschien seine -Leistungsfähigkeit oft noch viel imposanter, ja über die Grenze des -Menschlichen gedehnt,<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> weil sie das Geheimnis besaß, keine Zeitverluste -mit verrechnen zu müssen.</p> - -<p>Der zweite Punkt ist die Vielseitigkeit, die qualitative Ausdehnung.</p> - -<p>Die gangbare Annahme ist, daß der Heraufgang der Naturforschung vom -Polyhistor zum Spezialisten führt. Eine Naturforschung Virchows hätte -dann die Stufe des Spezialistentums bereits wieder verlassen.</p> - -<p>Er fing als Spezialist an, als Mediziner. Aber er brachte schon damals -zwei Gaben mit, die darüber hinauswiesen.</p> - -<p>Er gründete eine Zeitschrift und wußte sie hochzubringen, natürlich -zunächst eine Fachzeitschrift.</p> - -<p>Und er schrieb einen vornehm-wundervollen Stil. In Zeiten, da man -seine „Cellular-Pathologie“, in wenigen Jahren ein halbes Jahrhundert -alt, des veralteten Stoffes wegen nicht mehr als Lehrbuch benutzen -wird, wird man sie als klassisches Beispiel nehmen, wie ein Mediziner -schreiben soll, der außer dem menschlichen Körper die deutsche Sprache -kennt.</p> - -<p>Daß ihn das tolle Jahr mitriß, will ich nicht unter besondere -Vielseitigkeit verrechnen, denn es hat überall bis in die -verknöchertsten Spezialistenkreise tatsächlich hineingeblasen. -Aber wie er in den sechziger Jahren sich dann in den preußischen -Parlamentarismus, in die politische Parteibildung mit all ihrem -Kleinwerk zäh hineinarbeitet, das ist im alten Spezialistensinne -entschieden nicht „naturwissenschaftlich“. Es ist mindestens eine -neue Auffassung von den Rechten, Pflichten und Möglichkeiten des -Naturforschers. Er hatte in der Pathologie das staatsbildende -Sozialleben der Zelle im menschlichen Gewebe als Spezialist zugrunde -gelegt, einen sensationellen Momentfortschritt damit anbahnend. -Aber daß er sich jetzt auch berufen fühlte, als Naturforscher in -den wirklichen Menschenstaat einzugreifen, das erschien den meisten -Kollegen als höchst überraschende Ablenkung vom gewohnten Pfad. Auch -ich wäge hier nicht Virchows politische Erfolge oder Mißerfolge; das -Wort mag die Partei sich wählen, die der Leser hochhält. Ich betone -nur, daß er in der Linie „seiner“<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> Naturforschung auch das Parlament -sah, wo die Naturgeschichte des Staates praktisch betrieben wurde.</p> - -<p>Daß er in den Kriegsjahren im Sanitätswesen tatkräftig mithalf, wird -der gangbare Zünftler auch zugeben: war er doch eben von Haus aus Arzt.</p> - -<p>Aber unerwarteter war wieder, daß er den Berliner Handwerkern -volkstümliche Vorträge hielt, daß er sich an der Herausgabe einer -gedruckten Sammlung solcher populärer wissenschaftlicher Vorlesungen -beteiligte, die wenigstens in ihren älteren Jahrgängen viel Gutes getan -und gebracht hat; daß er über Goethe als Naturforscher ein treffliches -Büchlein schrieb und über die Frauenfrage mitredete.</p> - -<p>Und doch trat auch das alles zurück gegen seine größte Aufgabe, die er -sich freiwillig wählte und die er mit Energie so weit trieb, daß sie -fast wieder als ein Spezialismus erscheinen konnte, bloß einer, den -bisher niemand in der Naturforschung gesucht hatte.</p> - -<p>Die Großstadt entstand bei uns.</p> - -<p>Entstand um ihn her, der, obwohl Pommer von Geburt, aus Neigung und -Beruf eigentlich seit seiner Studienzeit und als Hochschullehrer dann -seit den Fünfzigerjahren in Berlin festwurzelte. Ein politisches -und wirtschaftliches Produkt war sie, diese neue Großstadt an der -Spree. Die meisten sahen sie mit einem Gemisch von Grauen und dunklen -Hoffnungen aufwachsen, doch zunächst jedenfalls als ein Phänomen, das -man hinnehmen und von dem man abwarten mußte, was es wollte.</p> - -<p>Virchow sah vom ersten Tage die Großstadt an als ein -naturwissenschaftliches Problem!</p> - -<p>In der Hand der Naturwissenschaft lag ihm, ob dieser werdende Koloß -eine Kloake werden sollte, vor der der Kleinstädter sich bekreuzte, — -oder eine sanitäre Musteranstalt.</p> - -<p>In rastloser Arbeit hat Virchow seit den Sechzigerjahren diesen -Riesenorganismus studiert, hat seine leitenden „Nervenzellen“ beraten -zu Gunsten der Hygiene. Man muß sich an die Schwerfälligkeit eines -solchen Großstadtapparates mit all seinen Instanzen, zumal eines -unreifen, erinnern, um die Leistung<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> zu verstehen. Man muß sich -erinnern, daß dieser junge Riese wieder eingezwängt lag in einem -noch größeren, viel älteren Organismus, dem Staat, und daß dieser -Staat geschichtlich sich aufgebaut hatte ohne Rücksicht auf eine -Naturforschung, ja ohne Kenntnis eines Naturforschers als Berater -— in Zeiten, da der Naturforscher bei Hof oder in der Polizeistube -noch etwas vom Tropf, von der lächerlichen Lustspielfigur mit der -Botanisiertrommel hatte.</p> - -<p>Man kann Virchows gesamte politische Erfolge von bestimmtem Parteiboden -aus als solche für ephemere Dinge ohne höheren Einsatz halten und -wird doch zugeben müssen, daß sie einen ganz durchschlagenden Gewinn -ergeben haben, wenn man Virchows politische Anteilnahme als nötige -Vorschule faßt für jene Kulturarbeit zum Wohle der Großstadt. Bei der -verwickelten Lage staatlicher Dinge von heute wäre er an die gar nicht -herangekommen, hätte er nicht dort sich Kenntnis über die Mittel und -Wege erworben.</p> - -<p>Wer die Großstadt wirklich kennt, der verlangt keine kostspieligen -Denkmäler in ihr, dafür ist das Elend hinter den Coulissen zu -namenlos groß. Sonst würde ich sagen, Virchow verdiene ein Denkmal im -eigentlichsten Sinne von der „Großstadt“.</p> - -<p>Es bedarf aber des Stückchens Marmor nicht: wer heute durch die -Berliner Straßen geht und an die Rinnsteine von ehemals, an die -Kanalisationen und Rieselfelder und Wasserleitungen von heute denkt, -ich meine, er riecht ordentlich den Geist Virchows und seiner -Mithelfer, und das ist ein feineres, vergeistigteres Monument des -„Naturforschers der Großstadt“.</p> - -<p>Von der Zelle zur Großstadt! Dazwischen liegen zwei weite Strecken.</p> - -<p>Nach alter Einteilung gehört die eine ganz der Naturforschung, die -andere ganz einem himmelweit verschiedenen Gebiet, nämlich der -Geschichte. Durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts herauf kommt -ein ganz eigenartiger Versuch: die Geschichte, wo nicht zu erobern, -doch zu erweitern durch die Naturwissenschaft.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p> - -<p>An die heikle Stelle des Überganges jener beiden Streckenteile, -zwischen „Erdgeschichte“ und „Geschichte“, schob sich die -„prähistorische Wissenschaft“ in jedem Zuge von ihrer Begründung her -ein Kind der Naturwissenschaft, das diese zur Welt brachte zunächst -unter dem heftigsten Protest des offiziellen Geschichtsprofessors.</p> - -<p>Und wieder ist es Virchow, der sich hier festsetzt, der, mag man -in hundert Einzelzügen mit ihm rechten, doch im Ganzen diese -prähistorische Zettelsammlung wirklich in eine „Wissenschaft“ -verwandelt hat.</p> - -<p>Die Stärkste seiner persönlichen Position dabei war, daß er das Wissen -besaß, um auf beiden Gebieten wirklich zu arbeiten, als Naturforscher -und als Historiker. In den rein naturwissenschaftlichen Teilen des -Gebietes suchte er immer einen Zweig zu bessern durch Verknüpfung mit -einem zweiten.</p> - -<p>Er drang darauf, die Anthropologie aufzufrischen durch die Anatomie. -In der Rassenfrage drang er auf das Experiment, wozu wieder Statistik -nötig wurde, für die der Staat, die Schule heranmußten: der rein -philologisch gebildete Gymnasialdirektor sah sich plötzlich in diese -ganz neuen Forschungszweige mit hineingerissen, indem man ihm von -oben eine Tabelle über die Haarfarben und Augenfarben seiner Zöglinge -abverlangte; hinter dem „von oben“ stand aber Virchow.</p> - -<p>Das prähistorische Material begutachtete er nicht bloß im Museum. Er -nahm die Schaufel zur Hand und grub selber aus.</p> - -<p>So erschien er, immer pfeilschnell aufs klar vorbedachte Ziel -losstoßend, im Kaukasus, in Ägypten, auf dem Scherbenhügel von -Hissarlik in der Ebene von Troja. Er fühlte, bewährte, predigte -unaufhörlich, wo auf diesem vagen neuen Terrain der Fachmann zunächst -hingehöre: nicht in die Studierstube zum Grübeln über neue Theorien -vor ein paar von anderen hereingebrachten Fundstücken; sondern an die -Fundstelle selbst, damit der Fund selber im Moment seines Auftauchens -zunächst kritisch fixiert werde. Kaum, daß diese junge Wissenschaft<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> da -war, so bewegte sich ihr schon nur zu gewaltsam ja das Terrain.</p> - -<p>Eine Eisenbahnstrecke wurde gebaut: sie schnitt eine uralte Stätte -auf, wie etwa den Burgberg im Spreewald. In fliegender Hast galt es an -solchen Stellen einheimsen, die Zettel zu den Dingen schreiben. Für die -Theorien mochten Jahrhunderte folgen, Zeit genug. Aber all ihr Wert -hing unabänderlich ab von dem kleinen Zettel, den wir heute zu dem -Fundobjekt legen. Dieser Zettel mußte ein Meisterstück fachmännischer -Exaktheit sein — und dann durfte er doch auch noch in gutem Deutsch -geschrieben sein; auf beides hielt Virchow.</p> - -<p>Nun, es ist gesorgt, daß die Bäume in diesem defekten Leben nicht in -den Himmel wachsen.</p> - -<p>Wenn man bloß auf diese Linien sieht, die sich noch um eine Menge -kleinerer Arabesken bereichern ließen, so erscheint es bedauerlich, daß -Virchow nicht wirklich seine Zeit in der Naturforschung ganz nach sich -bestimmte. In Wahrheit war er in den besten Zügen dieser Zeit voraus, -war der Pionier einer Naturforschung, wie sie allgemein erst kommen -soll.</p> - -<p>Die Medaille hat aber auch ihre Kehrseite.</p> - -<p>Eine Naturforschung Virchows würde dauernd und herrschend Züge -aufgewiesen haben, die ich wenigstens nicht im Antlitz der -„Naturforschung“ wünschte.</p> - -<p>Jetzt, da er selbst fort ist, hat man allgemein auch in den Kreisen, -die ihm nicht als Partei gegenüberstanden, sondern seine Größe -einwandlos ehrten, eine Art Gefühl, als sei doch auch etwas wie ein -Hemmnis hingenommen. Es waren nicht allein die allgemeinen Spuren, wie -sie jede alternde Autorität zeigt, — nach deren Scheiden die Jüngeren -immer von etwas Druck aufatmen, auch wenn der Mann dahinter noch so -bedeutend gewesen ist. Man empfindet, daß in der ganzen Methode hier -doch bei allem Vorbildlichen auch eine dauernde Fehlerquelle war. -Vielleicht ein kleiner Fehler nur in dem Ganzen des Mannes. Aber in -einer großen Gestalt, die stark auf ihre Zeit wirkt, pflegen kleine -Fehler grade in der Wirkung riesengroß zu werden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span></p> - -<p>Es war die Kehrseite von Virchows staunenswerter Vielseitigkeit, daß er -für gewisse Dinge so gut wie blind war, die doch überall ihm vor den -Füßen blühten.</p> - -<p>Er achtete nicht auf gewisse Imponderabilien, die in der Naturforschung -so gut ihre Rolle spielen wie in jedem anderen großen menschlichen -Denkgebiet.</p> - -<p>Was er errungen, dankte er einer eisernen Treue zu einer gewissen -Methode, einem unermüdlichen Fleiß, einer ewigen klaren Beherrschung -seiner selbst, einer fort und fort genährten „Klarheit“.</p> - -<p>Die große Intuition, der Lichtblitz des Gedankens, der jäh über Weiten -zuckt, der Geist, der über den Wassern schwebt — sie waren ihm fremd -und er haßte sie.</p> - -<p>Er übersah, daß die größten Leistungen auch der Naturforschung hierher -stammen.</p> - -<p>Er übersah, daß die Begeisterung aus dieser Quelle schöpft.</p> - -<p>Er übersah, daß an dieser geheimnisvollen Stelle das unendliche Feld -naturwissenschaftlicher Tatsachen beständig strebt und streben muß, -sich zu einer einzigen Knospe zusammenzuschließen: aus dieser Knospe -aber bricht, was allein zuletzt die ganze unendliche Gärtnerarbeit -lohnt — die Lotosblume einer <em class="gesperrt">Weltanschauung</em>.</p> - -<p>Seine Leistungen kamen nicht von hier. Die Begeisterung war ihm eine -lästige Trübung des kalten Forscherauges. Vor der Weltanschauung zuckte -er die Achseln. Er hatte ein unnachahmliches Gesicht zu solchen Worten.</p> - -<p>Diese Skepsis sollte ihm selbst teuer zu stehen kommen.</p> - -<p>Er, der sein Leben lang gegen Engen, Schranken, Abgrenzungen der -Geistesgebiete gegeneinander, partikularistischen Fachdünkel, -Autoritätsgelüste und reaktionäre Anwandlungen aller Art sachlich wie -ein Held angekämpft hatte mit einem völlig blanken Schilde —, er kam -in bestimmter Beleuchtung in eine ganz gegenteilige Position.</p> - -<p>Es mischte sich da noch ein Zweites ein, das ebenfalls zur Kehrseite -der Medaille gehört.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p> - -<p>Er war der Ansicht, daß die Naturforschung bald schon in ihre Epoche -trete, da sie die wahre Weltmacht im Denken der Menschheit wirklich -werde. Sie eroberte der Reihe nach alle Gebiete, wie sie die Großstadt -auf dem Wege einer verbesserten Kanalisation erobert hatte. Das war -sein Ideal, dem das Minimum von Begeisterung diente, dessen er fähig -war.</p> - -<p>Aber dieses Ideal sah er nur erreichbar eben auf sehr nüchtern -praktischen Wegen, und er glaubte, seit er im politischen Getriebe -stand, etwas von diesen Wegen gelernt zu haben.</p> - -<p>Sie forderten, daß man ein Geringes gab, um viel zu gewinnen.</p> - -<p>Um ihre Mission zu erfüllen, mußte die Naturforschung sich in erster -Linie mit dem modernen Staat vertragen. Und eventuell dann auch mit -Mächten, die dieser Staat nicht von sich lösen wollte oder konnte — -wie der Kirche.</p> - -<p>Das ging aber nicht ohne Konzessionen.</p> - -<p>Gab man also als Ring des Polykrates etwas möglichst Entbehrliches!</p> - -<p>Virchow zögerte keinen Augenblick mit dem Geständnis, wo das zu finden -sei: im Gebiet jener Imponderabilien!</p> - -<p>Um der „Duldung“ der Naturwissenschaft willen gab er mit leichtester -Hand grade die Stellen preis, wo die moderne Naturforschung sich zur -Weltanschauung krystallisieren wollte.</p> - -<p>Aus dieser Stimmung hat er gelegentlich gesagt, daß die „Tatsachen des -Bewußtseins“ vom Naturforscher ruhig preisgegeben werden dürften zum -beliebigen Gebrauch der „herrschenden Kirchen“.</p> - -<p>Aus dieser Stimmung hat er die modernen Ideen über den natürlichen -Ursprung des Menschen, die unsere Weltanschauung so bis ins Innerste -aufrütteln müssen, mit einer Leichtigkeit durchstrichen und unter den -Tisch geworfen wie ein Papier, das jetzt nicht hierher gehört, daß -seine besten Mitstreiter sich verdutzt fragen mußten, ob der Mann denn -überhaupt noch für die Wahrheitsideale der Wissenschaft mitfechte.</p> - -<p>Es war in der Tat derselbe Mann, der sich für die Wahrheit irgend einer -winzigen Bagatelle-Tatsache, einer Scherbe<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> in einem Grabhügel etwa, -ganz unbedingt hätte verbrennen lassen wie Giordano Bruno — und der -doch kaum glaublicherweise vor dem ganzen Begriff Weltanschauung eine -so wegwerfende Meinung zeigte, daß er dessen kostbarstes Material als -die einzige Scherbe nahm, die so wertlos sei, daß man sie dem Gegner -ganz ruhig hingeben könne, um nicht verbrannt zu werden.</p> - -<p>Das Verhängnis — man kann aber hier auch sagen: die Nemesis wollte, -daß in den späteren Zeiten seines langen Lebens gerade diese -ketzerischen, zu Weltanschauungsdingen durchaus <em class="gesperrt">drängenden</em> -Menschheitsfragen sich ihm immer energischer gerade auf dem Gebiet -entgegenwarfen, wo er von allen Sachkundigen mit Recht als Meister, -ja als Altmeister und Bahnbrecher verehrt wurde, — auf dem -prähistorischen Felde, bei Tertiär-Mensch und Mammut-Mensch. Es war das -fatalste Schauspiel gerade für solche, die jedes Wort aus seinem Munde -auf diesem seinem eigensten Ruf- und Ruhmgebiet durchaus gebührend -aufs Höchste zu achten gewohnt waren, wie er auch hier mit immer -gesteigerter Hartnäckigkeit seinen allgemeinen Ablehnungs-Standpunkt -in allen Detailfragen durchzuführen suchte, — und wie er schließlich -Verwirrung in solche Fragen trug, bei denen schon viel mittelmäßigere -Köpfe doch die klare Linie gar nicht verfehlen <em class="gesperrt">konnten</em>, — -er, der Meister der Klarheit und umsichtigen Kritik! Ich weiß wohl, -daß der Glaube noch weit verbreitet ist, Virchow habe in seinem -Kampf gegen den Neandertal-Menschen, den Tertiär-Menschen, den -Menschen als Mammutzeitgenossen und verwandte Fragen bis zu der -Allgemeinfrage der Verwandtschaft des Menschen mit den anatomisch -nächsten Säugetiergruppen, stets den Standpunkt der nüchtern-besonnenen -Kritik gegenüber der waghalsig schweifenden Hypothese vertreten. -Die Dinge lagen in Wahrheit aber bei <em class="gesperrt">diesen</em> Spezialfragen -genau umgekehrt. Virchow war es, der schließlich die verwickeltsten, -unwahrscheinlichsten Hypothesen aufeinandertürmte, um Dinge umzudeuten, -die vor der schlicht nüchternen Anschauung nur eine einzige gerade -und einfache<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> Deutung zuließen. Seine Kritik des Neandertal-Schädels, -die heute als endgültig zurückgewiesen gelten kann, ist das -schlagendste Beispiel. Er hatte eben in diesen Dingen den schlichten -Standpunkt vollständig verloren. Er ließ sich an autoritativer -Stelle zu Aussprüchen hinreißen, die allen Elementarergebnissen der -vergleichenden Anatomie ins Gesicht schlugen, — ein Anfänger, ein -Student, konnte ihn schließlich bei einzelnen Sätzen korrigieren. -Geister, die ihn intensiv liebten, mit ihm gern durch Dick und -Dünn gegangen wären, hat er zur Verzweiflung gebracht mit solchen -unberechenbaren Schachzügen.</p> - -<p>Ich will hier ausdrücklich nicht in den Fehler verfallen, daß ich -Virchow deshalb wirklich eine reaktionäre Natur nenne. Das mögen andere -machen, denen es im Parteitreiben selber nicht um ein Wort zuviel zu -tun ist. Er war in einem einzigen Punkte — nicht ein Reaktionär, aber -ein Diplomat.</p> - -<p>Die große Wissenschaft jedoch kennt keine Diplomatie.</p> - -<p>Ob die Naturforschung je in unserem Gesamtleben die führende -Rolle übernehmen wird, wie Virchow felsenfest geglaubt hat, sei -dahingestellt. Sicherlich wird sie es nur, wenn sie es je tut, in der -Form einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Aber ebenso sicher -ist, daß sie jetzt und jederzeit sich ihr eigenes Todesurteil fällt im -Moment, da sie Konzessionen macht an irgend eine Macht des Himmels und -der Erden außer ihr.</p> - -<p>Virchow war groß genug, daß man ihm <em class="gesperrt">das</em> nachrufen kann. Er -hat genug geschaffen, was dauern wird. Gerade vor seinem Gesamtbilde -läßt sich ohne Bitterkeit aussprechen: daß ein Gedanke seines Lebens, -von anderen erfüllt, die Axt gelegt hätte an seine eigene große und -lichtbringende Arbeit, — weil er nämlich die Axt gelegt hätte an den -Grundpfeiler unbeirrter Wahrheitsforschung.</p> - -<p>... Nein, aus diesen entscheidenden Gründen wird man kein Zeitalter der -Naturwissenschaft benennen nach Virchow.</p> - -<p>Er ist einer der stärksten Träger der Naturforschung in seiner Zeit -gewesen, sowohl was Arbeit wie was Ansehen<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> betrifft. Aber er ist -<em class="gesperrt">kein Förderer gewesen für uns im Naturbegriff</em>.</p> - -<p>Und das gibt zuletzt reinlich den Ausschlag.</p> - -<p>Man mag noch so eifrig versuchen, die Naturforschung bloß aufzubauen -auf den einsamen, voraussetzungslosen Imperativ des: Du sollst bloß -forschen über einzelne Kausalzusammenhänge der Erscheinungen in der -Natur, nichts weiter, — es ist Deine Pflicht, — weiter frage nicht, -.... es hilft schließlich alles nichts, wenn hinter diesem Imperativ -nicht auch der Sinn steht einer Weltanschauung, einer Auffassung von -dieser Natur, aus der alle freudige Arbeit ausfließt und in die alle -fruchtbare Arbeit wieder einfließt.</p> - -<p>Auch hier, wenn je, gilt das alte Wort des Paulus: „... und hätte der -Liebe nicht, so wär ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.“</p> - -<p>Diese Liebe <em class="gesperrt">kann</em> immer nur aus einer großen, umfassenden -Anschauung der Dinge kommen, aus einer Ecke, wo den Menschen der -heilige Sturm anrauscht, der ihn über sich hinausführt in ein unendlich -Umfassenderes hinein, der ihm seine ganze kleine Person und ihre -Augenblicksinteressen und alle Mittelchen winziger Diplomatie zugleich -wegfegt wie dürre Spreu ...</p> - -<p>Virchow selber war ja noch in sich getragen gleichsam von einem -Zehr-Kapital solcher Liebe aus einer älteren großen Epoche der -Naturauffassung, so wenig er es Wort haben wollte, — in seiner -eigentlichen Forschung, zumal in den besten Jahren, atmete alles an ihm -unbewußt doch noch solche Kern-Liebe; ohne das hätte er überhaupt nie -schaffen können, was er positiv geschaffen hat. Aber eine Generation, -von ihm in seinen Grundsätze, wie er sie <em class="gesperrt">bewußt</em> verfocht, -erzogen, würde nichts mehr sein als eine Generation der „klingenden -Schelle“ in der Naturforschung.</p> - -<p>Wenn ich auf die ganze philosophische Stimmung der Zeit sehe, in -der Virchow emporgestiegen ist, so meine ich ein tiefstes, von ihm -unabhängiges, aber ihn zwingendes Motiv zu gewahren, das in sein -Widerstreben gegen jede Weltanschauung, jede größere Naturauffassung -zweifellos mit hineingespielt hat und<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> das durch persönliche -Fähigkeitsschranken bei ihm wohl nur unterstützt wurde.</p> - -<p>Virchow gehörte der gleichen Denkgeneration an, wie Karl Vogt, wie so -viele andere bedeutende Naturforscher seiner Zeit, die <em class="gesperrt">alle</em> in -gewissen Zügen das gleiche Los gehabt haben.</p> - -<p>Söhne und Enkel einer durch und durch idealistischen Generation, -Idealisten in jedem Zuge selbst, sahen sie sich in die Naturforschung -versetzt durch stärksten inneren Beruf — und nun aber in dieser -Naturforschung sahen sie sich in eine Zeitströmung mechanistischer -Denkweise und Forschungsmethode hineingerissen, die jeden Anschluß zu -einer idealistischen Auffassung der Dinge verloren zu haben schien.</p> - -<p>Es war das an und für sich ein philosophischer Irrweg, denn es gibt, -wie ich wenigstens fest glaube, eine Art des „Mechanismus“, die sich -durchaus mit einer idealistischen Weltanschauung verträgt. Aber -die Zeitmeinung war damals jedenfalls die genau entgegengesetzte. -Einerseits wurde die mechanistische Methode seltsamer Weise überhaupt -nicht mehr für „Philosophie“ gehalten, sondern sollte einfach identisch -sein mit exakter Naturforschung. Andererseits wurde diese von ihr -durchdrungene Naturforschung eben als „mechanistische“ doch ausgespielt -gegen jeden Idealismus der Welt- und Naturauffassung.</p> - -<p>Eine ganze Reihe bester Köpfe dieser Virchowschen Generation ging, ich -möchte wohl sagen, philosophisch von Anfang an <em class="gesperrt">unter</em> in diesem -künstlichen Konflikt.</p> - -<p>Ihr innerer intuitiver Idealismus, der als eine Art kategorischen -Imperativs in ihnen stand, fand keinen andern Rettungsausweg als den -Ruf: Nieder mit allem Nachdenken über den Naturbegriff! Fort mit aller -Weltanschauung! Nicht denken an das Verhältnis zwischen mechanistischer -Forschungsmethode mit lauter mechanistischen Ergebnissen und dem -Idealismus als Ur-Ansporn aller Wahrheitsforschung! Nicht rühren an -Philosophie, damit wir uns nicht den Widerspruch selber eingestehen -müssen!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p> - -<p>Daher das unflätige Schimpfen auf jede Philosophie bei einem so feinen, -so liebenswürdigen, in jedem Betracht so geistreichen, so geistig -feinschmeckerischen Kopf wie Karl Vogt. Und daher das wunderliche -Diplomatenspiel in seiner einen Wurzel, seiner tiefsten am Ende doch, -auch bei Virchow.</p> - -<p>Mit klaren Karten hätte sein Bekenntnis etwa gelautet: um in der -Naturforschung etwas zu leisten, brauchen wir mechanistische Methode, -aus dieser Methode resultiert als Weltanschauung ein toter Mechanismus -als Weltbild; mit dieser Weltanschauung verträgt sich unser Idealismus, -das eigentliche treibende Grundmotiv all’ unseres Arbeitens, also auch -des Naturforschens, nicht, also halten wir den Mund, sobald jemand von -Weltanschauung reden will; überlassen wir dieses ganze Feld lieber -offen solchen Mächten, wie der Kirche, — ein Frieden, für den uns noch -obendrein der Staat lobt und durch seinen Schutz lohnt; mag <em class="gesperrt">sie</em> -sich damit blamieren oder was sonst: — besser immer, als wir sägen uns -selber den Ast ab, auf dem wir sitzen.</p> - -<p>Was Virchow <em class="gesperrt">nicht</em> fand — und worin auch er in all’ seiner -Größe eben klein geblieben ist und nicht ein bahnbrechender König und -Meister im Gedankenleben seiner Zeit geworden ist: — das war eine -wahre philosophische Versöhnung von Mechanismus und Idealismus, eine -wahre Brücke von den Resultaten objektiver Forschung zu den subjektiven -idealistischen Wurzeln und Motiven jeglicher Forschung eben auf Grund -einer noch umfassenderen, beides umfassenden philosophischen <em class="gesperrt">Klärung -und Vertiefung des Naturbegriffs</em>.</p> - -<p>Ein einzelner kann in sich Verstecken spielen ein Menschenleben lang. -Ganze Generationen vermögen das auf die Dauer nicht.</p> - -<p>Jener innere Widerspruch, den Virchow mit einer verzwickten Stellung -hinter sich verdeckte, wird unserer Zeit jetzt schon allenthalben im -Ganzen <em class="gesperrt">doch</em> sichtbar.</p> - -<p>Und je deutlicher sie ihn sieht, desto deutlicher wird ihr auch die -Forderung einer resoluten Lösung in jenem positiven Sinne, in ein Neues -hinein.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span></p> - -<p>Dabei kann ihr eine Übergangsgestalt wie Virchow selbst natürlich -nichts mehr sagen.</p> - -<p>Wir haben ganz und gar keine Lust, lieber in den wichtigsten Weltfragen -pro forma zum Kirchendogma zurückzukehren, bloß damit nicht offenbar -werde, daß unsere Forschung ein schwarzes Scheusal heimlich geboren -habe, das unserm Idealismus die Leber ausfrißt.</p> - -<p>Wir wollen weder diesen Idealismus einbüßen, noch die Naturforschung -und ihre Ergebnisse.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Wie</em> ist eine <em class="gesperrt">Forderung</em>.</p> - -<p>Aber noch keine strebend sich bemühende Zeit ist daran gestorben, -daß sie eine große geistige Forderung hatte. Im Gegenteil. An faulen -Kompromissen und der lähmenden Behauptung des Dogmas, dem alle Fragen -Himmels und der Erden gelöst gelten, sind Zeiten versumpft und -versandet, — noch nie an der steilen Größe ihrer Ideale.</p> - -<p class="center mtop2">* <span class="mleft7">*</span><br> -*</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 id="Dubois_Reymond" title="Dubois-Reymond als Parallelgestalt"> </h2> - -</div> - -<p>Man kann nicht an Virchow denken, ohne daß dem Blick auch die andere -Gestalt aus der „Hochburg der Naturforschung Berlin“ vom letzten -Drittel des Jahrhunderts auftaucht: der alte Dubois.</p> - -<p>So grundverschiedene Persönlichkeiten Emil Dubois-Reymond und -Rudolf Virchow waren — der eine so ganz und gar „ohne Sinn für -Feierlichkeit“, wie Fontane sagte, in seinen Schwächen wie in seiner -Größe, der andere der geborene Feier-Redner, immer mit Pomp und auf -einem schweren Piedestal, schon als Lebender der eigenen Absicht nach -wie der Humboldt des Standbilds mit einem riesigen Marmorfolianten, -dem Welt-Gesetzbuch des Naturforschers, auf den Knieen —: in ihrer -Stellung zu der großen Herz-Frage der „Natur“ besaßen sie eine packende -Ähnlichkeit.</p> - -<p>Beide waren Naturforscher ersten Ranges, was exakte Arbeit anbelangt: -Dubois in der Gesamtleistung wohl nicht annähernd so vielseitig, so -praktisch nachhaltig und so bahnbrechend<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> wie Virchow, aber doch -intensiv immerhin genug für eine ganz hervorragende Stellung in der -Arbeit seines Jahrhunderts.</p> - -<p>Beide waren zweifellos hingebende Idealisten in ihrem innersten Wesen.</p> - -<p>Beide haben notwendig nach den größten Gesichtspunkten suchen müssen, -da sie beide den Naturforscher für den berufenen Führer der Zeit -hielten, in der aufsteigenden Naturforschung den Brennpunkt unserer -Kulturentwickelung sahen und beide dabei ein ungewöhnlich starkes -Gefühl für die <em class="gesperrt">Breite</em> dieser Kultur über die verschiedensten -Geistesgebiete fort besaßen.</p> - -<p>Beide aber sind grade vor dem äußersten, dem höchsten Problem einem -seltsamen Schicksal verfallen.</p> - -<p>Die Reaktion, die um jeden Preis von der ganzen Naturforschung -fortwollte, hat sich beider auf gewisser Höhe bemächtigt, um grade sie -als schärfsten Trumpf auszuspielen.</p> - -<p>Und so wenig sie selber deshalb Reaktionäre waren, so logisch war doch -diese ungewollte Nachfolge.</p> - -<p>Denn Dubois genau wie Virchow ist in der Formulierung und Deutung des -Naturbegriffs hoffnungslos stecken geblieben. Und je gebieterischer -die Zeit, die ja wirklich eine „Zeit der Naturforschung“ war, nach -einem Fortschritt, einer Hülfe, einer Klärung an dieser grundlegenden -Stelle verlangte, desto notwendiger mußte sie durch eine schiefe, -unbrauchbare, irre führende Definition und Auffassung gehemmt und ins -Ungewisse verstoßen werden. Das haben die reaktionären Verächter des -Wortes „Natur“ aber sofort klar herausgefunden.</p> - -<p>In der Art, <em class="gesperrt">wie</em> beide ihre Stellung bewußt suchten und -zeigten, waren sie ja wieder grundverschieden. Sie waren da -temperamentsverschieden.</p> - -<p>Virchow sprach sich eben zu den Grundfragen überhaupt nicht aus. Er -offenbarte seine Anschauung nur in einem konsequenten Verhalten. Es -steckte in dieser Art etwas Zähes, das Mundhalten, aber Handeln eines -verschlossenen, aber innerlich eisig klaren Diplomatenkopfs, das ihn -eben in seiner Art als Charaktertypus eines „Staatsmanns“ bestimmter -Schule (etwa<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> im Ideal Rankes) erscheinen läßt, wenn man von der Sache -absieht und rein die Charaktersilhouette zu fassen sucht.</p> - -<p>Dubois im Gegensatz dazu war eine viel naivere Natur. Er hatte einen -ganz bestimmten Form-Ehrgeiz, auch eine Art Form-Eitelkeit, kann -man sagen. In gewissem Reifestand spitzte sich ihm alles zu einem -großen Bonmot zu. Das mußte dann heraus, mußte in einer bengalischen -Beleuchtung heraus; bei sich behalten konnte er es nicht mehr, und wenn -es in die Welt sollte, so setzte bei ihm der Sporn ein, daß es nun auch -in einer verblüffend individuellen Fassung als „von ihm“ kam.</p> - -<p>Dubois ging zeitlich genau parallel zu Virchow, und es ist also -kein Wunder, daß seine Denker-Bahn vor dem Naturbegriff in ihren -Voraussetzungen so gut wie genau gleich bei ihm eingestellt war.</p> - -<p>Auch bei ihm erfolgt in den besten Jahren ein glattes Einlenken in rein -mechanistische Erklärungsversuche, — ein Einlenken, das zunächst den -höchsten praktischen Erfolg hat, dem der Zeitgeist zujubelt und vor -dem es gar keinen Bruch, keine Haltstelle zu geben scheint. Trotzdem -aber kommt der innere Ruck, innere Chok, — eines Tages, — bei beiden. -Der Moment, da ihnen bei ihrer mechanistischen Naturähnlichkeit bange -wird. Und der Konflikt erwächst gerade aus der ehrlichsten eigenen -Hauptarbeit selbst.</p> - -<p>Virchow hat auf der ersten Höhe seiner Bahn den glücklichen -Gedanken, auch im lebenden Organismus des Menschen den Begriff des -„Zellenstaates“ durchzuführen. Wie der tote menschliche Körper -sich anatomisch noch aus den im Mikroskop nachweisbaren einzelnen -Form-Elementen, den „Zellen“, zusammensetzt, so muß auch der -physiologische, der lebendige Mensch ein Produkt, ein Additionsexempel -der Funktionen dieser Millionen von einzelnen Zell-Leistungen sein. Der -Mensch ist ein „Zellenstaat“, sein Handeln die Summe der Leistungen der -einzelnen Staatsbürger, der Zellen.</p> - -<p>Bis hierher war die Sache glatt. Man hatte im objektiven<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> Bilde nur die -Zusammenarbeit all’ dieser Millionen subjektiver Zentren, der Zellen.</p> - -<p>Aber nun ein Haken im Vergleich. Der aus so und so viel Bürgern -zusammengesetzte Staat hatte doch, gangbarer Auffassung nach, -deshalb noch nicht wieder ein Gesamt-Ich, ein Gesamt-Bewußtsein. -Der Zellenstaat „Mensch“ hatte das dagegen zu seinen Lebzeiten -unanzweifelbar. Gerade von diesem Gesamt-Ich gingen wir ja naiv -beständig aus, von seiner Einheit. Mein — also etwa Virchows — -Bewußtsein, war dieses Gesamtbewußtsein über einer Pyramide von -Millionen Zellen.</p> - -<p>Hier lag etwas Verzwicktes. Steckte doch etwas Falsches in den -Grunddefinitionen? Aber mit denen waren wir ja doch gerade praktisch so -weit gekommen, — zu dieser Lehre vom Zellenstaat, die eine ganz neue -Pathologie verhieß!</p> - -<p>Und Virchow machte seinen Salto mortale. Wir gehen ruhig in der -Bahn weiter. Die „Tatsachen des Bewußtseins“ aber lassen wir für -sich stehen, als existierten sie nicht. Damit sie möglichst aus dem -Versuchungsbereich des Naturforschers verschwinden, liefern wir sie -sogar gelegentlich, bei vorteilhaften Konzessionsmöglichkeiten, -willig ganz anderen, dem Naturforscher an sich gar nicht diskutabeln -„Geistesgebieten“ aus: der Theologie, der „herrschenden Kirche“, der -je nachdem kirchenfreundlichen „Staatsraison“. Je fester sie dort -einregistriert werden, desto sicherer sind wir sie nämlich los. Will -uns Einer in der Naturwissenschaft fortan von „Bewußtsein“ reden, so -rufen wir ihn einfach zur Ordnung wegen Grenzschmuggel, — er bringe -uns Religion, Theologie, Kirche, Staat hinein; eine Diskussion über die -heikeln Punkte selbst schneiden wir so geschickt vorher ab.</p> - -<p>Dem guten Glauben nach war dieser Kompromiß eine Rettung der Reinheit -des Forschungsfeldes für den Naturforscher. In Wahrheit war er der -endgültige Verzicht auf einen echten umfassenden Naturbegriff.</p> - -<p>Ein Naturbegriff, bei dessen Definition das Bewußtsein über Bord flog, -als Dublette gewissermaßen verschachert<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> wurde, war ja ein Hohn seiner -selbst. Mit vollem Recht mußte der Theologe alten Stils mit Lachen auf -ihn herabsehen, der er die Grunddinge unserer eigenen Persönlichkeit -aus seiner Anthropologie einfach fortließ.</p> - -<p>Aber Virchow blieb ein Menschenalter lang zäh. Er hatte im Eigensten -seine Wegwende gehabt, wo es ihm geheißen hatte: jetzt mußt Du -weitergehen ohne Dich umzusehen; siehst Du Dich um, so versteinerst Du -zur Salzsäule wie Loths Weib; und die Handlung dünkte ihm fortan eine -Lebensaufgabe, die andern auch über diesen kritischen Punkt zu bringen.</p> - -<p>Genau auf diesen Punkt aber geriet auf seiner Bahn parallel auch Dubois.</p> - -<p>Seine Lösung war die vielberühmte <span class="antiqua">Ignorabismus</span>-Rede.</p> - -<p>Keine Handlung bei ihm, sondern eben eine Rede. Er wurde daran nicht -zum schweigenden Schulmeister, der die Zähne aufeinander biß und -handelte, ohrfeigte, lobte, alles aus dem Prinzip, das aber selbst -nicht gelehrt wurde. Er wurde zum Bekenner, der sein Glaubensbekenntnis -offen abgab, mit rednerisch betontem „Ich“.</p> - -<p>Die Wirkung war aber ungefähr die gleiche. Denn der Inhalt hatte im -Innersten eine ganz frappante Ähnlichkeit.</p> - -<p>Auch hier gab es, und zwar diesmal scharf ausgesprochen, eine -Bankerotterklärung.</p> - -<p>Der Naturbegriff müßte, um ein Weltprinzip, die wahre Basis einer -Weltanschauung für uns zu werden, die Frage lösen: <em class="gesperrt">wie Materie -denkt</em>?</p> - -<p>Diese Frage aber, so bekennt Dubois, ist für uns <em class="gesperrt">ewig unlösbar</em>! -Wir werden das nie begreifen. <span class="antiqua">Ignorabimus!</span></p> - -<p>Die Gegner jubelten.</p> - -<p>Also war es nichts mit dem Naturbegriff, mit der ganzen „Natur“! Der -Naturforscher verzichtete auf Weltanschauung. Denn eine Weltanschauung -muß, wenn sie nicht schon eine Lösung irgendwie besitzt, mindestens -doch die Möglichkeit einer solchen Lösung als Arbeitsprogramm -enthalten. Sie muß einem „immer strebenden Sichbemühen“ das Tor frei -lassen. Auf<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> <span class="antiqua">Ignoramus</span> kann man noch eine Philosophie aufbauen. -Auf <span class="antiqua">Ignorabimus</span> nicht mehr. Vor ihm hebt sich jeder Wert des -Erkenntnissuchens selbst auf. Wo aber die Werte fortfallen, fällt nach -unerbittlichem praktischem Gesetz, in dem wir so sicher hängen wie im -Gravitationsgesetz, die Sache selbst dahin.</p> - -<p>Und das sollte also Ergebnis des grandiosen Höhenfluges der -Naturforschung sein?</p> - -<p>Dubois selbst hatte mit der Kirche gar keine Berührungspunkte. Er besaß -auch nicht die äußeren Konzessions-Neigungen des Politikers Virchow. Er -war Zeit seines Lebens nach dieser Seite ein unabhängiger Mann, trotzig -und mutig wie Tyndall, Huxley, Vogt. Sein Naturforscherstolz war so -hoch entwickelt, daß er ein Ding wie einen Theologen gar nicht mehr -unter sich sah, geschweige denn als Rivalen neben sich empfand. Auch -im Moment seines Bekenntnisses sah er sich ganz allein, oder höchstens -im engen Kreise einer Anzahl erster Naturforscher unter sich. Er, oder -wir, waren die Titanen, die den Kopf auf die Hand stützten, in das -schwarze Loch jenes bodenlosen Dilemma starrten und aus tiefster Brust -mit dem Donnerton unserer Stimme bekannten: „Es ist halt nichts. Wir -haben uns verrannt auf ewig.“</p> - -<p>Aber wenn die Riesen sich klein machen — das ist nun so — dann -werden die Zwerge Riesen. Im Moment, da er sein Bekenntnis preisgab, -als Redner, der auch noch zu einem Bekenntnis der eigenen Ohnmacht den -Beifall für eine prächtige rednerische Wendung brauchte, — in dem -Moment ragten die verachteten Theologen plötzlich wie die Pilze über -einen gestürzten Baumriesen hinweg, — sie waren groß im Verhältnis zu -ihm und die Menge sah es und schloß danach.</p> - -<p>Dubois kochte vor Wut, als ihm einmal einer vorwarf, er habe dem -Ultramontanismus in die Hände gearbeitet. Nein, es konnte keiner -dem Ultramontanismus innerlich ferner stehen als diese trotzigen -Naturforscher-Gestalten des 19. Jahrhunderts, zu denen Dubois in jeder -Faser gehörte.</p> - -<p>Aber ich denke an Fechners schönes Bild von den Taten<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> des Menschen, -die über seine leibliche Person hinaus selber einen neuen Leib bilden.</p> - -<p>Der Tatenleib dieses Duboisschen Bekenntnisses war nicht mehr er -selbst, der stolze Physiker und Physiologe auf der Höhe seiner -Wissenschaft, führende Gestalt seiner Zeit im eigenen Glauben; er war -ein kleines gebrochenes Männchen mit den Zügen des Famulus Wagner, -der sich in seine Apotheke verschloß, wo man seine Kleinarbeit eben -duldete; die Faust-Fragen hatte er abgeschworen.</p> - -<p>Der Naturforscher war in diesem Männlein wieder zum armen Handlanger -herabgesunken.</p> - -<p>Man schickte zu ihm um ein Pülverchen, wenn man keinen Stuhlgang hatte. -Wer Auge in Auge mit den großen Weltfragen stand, der dachte nicht an -ihn, denn er wußte, daß seine Weisheit nicht über die Aufschrift auf -ein paar Dutzend Porzellankruken mit kleinen Hausmittelchen reichte. Er -mußte sich anderswo helfen.</p> - -<p>Und wer schon die Natur aufgegeben hat, dem bleiben nicht <em class="gesperrt">viele</em> -Wege. Die Klingel zum Pfarrer ist gleich nebenan. Und was der nun in -seinen Kruken hege: <span class="antiqua">Ignorabimus</span> steht gewiß nicht darauf.</p> - -<p>.... Und dabei: — was für ein schwacher Trugschluß bloß steckte auch -hinter diesem Abfall!</p> - -<p>Ich kenne in der ganzen Geschichte der neueren Philosophie keine -so grobe Denkfalle, wie die, in die der große Beobachter und -Experimentator Dubois naiv hineingegangen ist.</p> - -<p>Blättern wir, um dem Problem ins Herz zu schauen, noch um eine Gestalt -zeitlich zurück.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>Was ist das Leben?</p> - -<p>Vor der Glasveranda, in der ich sitze, fluten die goldgrünen Wiesen -weit hinaus. Sie branden endlich mit einem krausen, wulstigen Waldsaum -vor einer ungeheuren, tiefblauen Mauer der Kammwand des Riesengebirges.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p> - -<p>Mitten im Wiesengrunde hebt sich winzig, aber blendend weiß, eine -ländliche Kirche mit spitzem Turm herauf.</p> - -<p>Und ganz vorn, in der ersten Wiese, steht eine alte Frau und mäht mit -sehnigem Armstoß die hohen blauen Glockenblumen um, Stoß um Stoß.</p> - -<p>Ich sage mir, daß dieses ganze schöne Bild, diese Farben, diese -wundervolle Gebirgslinie in diesem Moment in einem tiefen, rätselvollen -Zauberbrunnen der Natur schwimmen: meinem lebenden Auge.</p> - -<p>Was lebt da?</p> - -<p>Und ich sage mir, daß der kleine weiße Spitzturm dort drüben eigentlich -nur das Fragezeichen, das uralte Fragezeichen der Jahrtausende hinter -jenem Satze markiert.</p> - -<p>Es ist gewiß einer der wenigen abstrakten Sätze, die in irgend einem -Sinne auch jene schlichte Bauernalte hier vor ihrer Sichel über den -Glockenblumen begreifen würde — nicht physiologisch, aber aus einer -eisernen Erfahrung von sechzig Lebensjahren voll unzähliger verworrener -Dinge ohne Antwort.</p> - -<p>Nur den Titel des Buches verstände sie eben nicht, in dem ich gerade -geblättert habe. Und wie viele verstehen ihn nicht in unserer Zeit, die -mit Bildung prunkt.</p> - -<p>Es ist hundert Jahre rund her, daß der Mann geboren worden ist, der auf -dem alten schlechten Löschpapier des Titelblattes aus den Dreißigen des -neunzehnten Jahrhunderts steht: der „Dr. Johannes Müller, ordentlicher -öffentlicher Professor der Anatomie und Physiologie an der Königl. -Friedrich-Wilhelms-Universität und an der Königl. medizin.-chirurg. -Militär-Akademie in Berlin“. Es ist sein „Handbuch der Physiologie des -Menschen für Vorlesungen“. Gedruckt in seiner Vaterstadt Koblenz. Mir -sind zufällig zwei Auflagen zur Hand: auf der vierten von 1844 ist er -schon Geheimer Medizinal-Rat, vierzehn Jahre später war er schon tot, -hingemäht von einer Krisis des allzu intensiven Lebens.</p> - -<p>Auch der Mann hat an dem Problem gerüttelt, ist mit dem Kopf gegen das -Fragezeichen gerannt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p> - -<p>An Johannes Müller muß man sich zuerst einen Augenblick klar erinnern, -wenn man die Absturzstelle finden will, von der Dubois in sein -„<span class="antiqua">Ignorabimus</span>“ <em class="gesperrt">fiel</em>. Es schadet aber heute überhaupt -nichts, einen Moment bei ihm stehen zu bleiben.</p> - -<p>Wenn man aus der Perspektive jetzt von hundert Jahren auf Johannes -Müller schaut, so meint man wohl, man könne ihn gar nicht mehr allein -sehen. Er erscheint in einem Gedränge, nur einen Kopf hoch vorragend, -wie die großen Männer auf offiziellen Treppenhaus-Dekorationen, die -gerade so weit vorkommen, daß man noch den Orden <span class="antiqua">Pour le mérite</span> -unter der Halsbinde sieht. Er war das Haupt einer Schule, und das -Charakteristische dieser Schule war, daß die Besten darin doch so auf -eigene Façon selig und berühmt wurden, daß man sie nicht als Schüler -zu verrechnen pflegt. Neben Dubois gehörte Haeckel dazu. Ein dritter, -Schwann, entdeckte in seinen Arbeitsräumen die tierische Zelle, eine -Leistung, nach der man die ganze Physiologie des 19. Jahrhunderts -allein benennen könnte, wenn eine einzelne Entdeckertat den Ausschlag -geben soll.</p> - -<p>In unsagbar armseligen Räumen, bei einem Assistentengehalt zum -Verhungern.</p> - -<p>Aber es war noch die große Zeit, wo die Leistungen wirklich genau im -umgekehrten Verhältnis zu Größe und Prunk der Institute standen, wie -Haeckel es gelegentlich ausgedrückt hat. Bei Claude Bernard in Paris -sah es noch schlimmer aus.</p> - -<p>Nimmt man hinzu, daß Müllers dauerndstes Werk ein zusammenfassendes, -rückschauendes Kompendium seiner Wissenschaft war, so könnte man -versucht sein, ihn bloß für eine Übergangsgestalt zu halten, wie sie -in der offiziellen Geschichte der Wissenschaften imponierende Namen -bewahren, als Vermittler wirklich viel getan haben, aber für die -eigentlich geistige Innenlinie doch zurücktreten. Das trifft aber hier -gerade den Kern nicht.</p> - -<p>Johannes Müller war seiner echtesten Art nach ein durchaus einsamer -Mensch. Ein einsamer Kämpfer, Auge in Auge bloß für sich mit dem großen -Rätsel. Seine Wissenschaft, die<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Wissenschaft vom Leben, war ihm nicht -ein Paragraph, den man elegant weiter gab, sondern dieses Rätsel.</p> - -<p>Es ist merkwürdig, wie einstimmig seine großen Schüler ihn alle gelobt -haben, von den verschiedensten Richtungen aus. Das gibt immer eine -starke Wahrscheinlichkeit dafür, daß, streng genommen, keiner mit ihm -intim geworden ist; dauernde Bewunderer finden nur Menschen, deren -Größe etwas Einsames, einen Grund von Undurchdringlichem besessen hat, -der der Auflösung, der Gewöhnung, dem Banalwerden trotzt. Inmitten der -unbegrenzten Achtung wird von seinem dämonischen Blick erzählt, den -niemand ertrug, vor dem die jungen Studenten sich fürchteten. Es war -der Blick des Adepten, des Gezeichneten für die Einsamkeit.</p> - -<p>Solche intensiven, vom Rätselhaften der Welt faszinierten -Einsamkeitsdenker sind allemal Weltanschauungsfiguren ihres -Jahrhunderts — viel mehr als Lehrer oder auch als Spezialforscher.</p> - -<p>Das Wissen vom Leben war und ist eine Weltanschauungsfrage. Um die -Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war Johannes Müller der unbestritten -gründlichste Denker über das Leben. Er war nicht ein Physiologe, -sondern der Physiologe seiner Zeit. Ganz scharf kennzeichnet sich die -Epoche, die sein Name beherrscht, in der Geschichte des menschlichen -Denkens, scharf wie wenige.</p> - -<p>Mit „Natur“ als Losungswort hatte das Jahrhundert schon eingesetzt. -Aber es kam zuerst in der Zusammensetzung „Natur-Philosophie“. Das -Abendrot der großen idealistischen, ästhetisierenden Denkperiode, die -tief ins achtzehnte Jahrhundert zurückreicht, flammte darin um das neue -Wort.</p> - -<p>Dann wenden sich die Dinge. Es beginnt die umgekehrt scharf -realistische Periode. Zunächst mit einem bleiernen, kreidigen -Morgenvorschein. In ihm prägt sich das Wort um in „Natur-Wissenschaft“.</p> - -<p>Auf der Wende dieser beiden Perioden aber steht vor dem Begriffe -„Leben“ Johannes Müller.</p> - -<p>Das Typische in ihm ist, daß er seiner Liebe nach noch<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> ganz -Naturphilosoph der Hegel-Schelling-Fichte-Schillerschen Epoche war. Er -wollte dieser Naturphilosophie in der Physiologie bloß einen besseren, -einen dauerhafteren Untergrund bauen. Als der Neubau aber dastand, war -er für die ganze junge Generation, die sich plötzlich unter ihm sah, -ganz etwas anderes als bloß ein neues Fundament.</p> - -<p>Das ganze Abendrot schien hinter ihm untergegangen: gerade sein -Schatten selbst aber erzeugte nach vorne in voller Kraft jenes neue -kreidige, unbestimmte Dämmerlicht eines kühlen Frühmorgens.</p> - -<p>Müller war seinem innerlichen Ausgangspunkte, seinem Temperamentspunkte -nach noch eine durch und durch religiöse Natur.</p> - -<p>Er glaubte an Zwecke, Ziele in der Welt, an einen Sinn der Welt. Die -Teleologie steckte seinem Denken im Blut ohne Hehl.</p> - -<p>Aber ebenso konsequent neigte er von Anfang an dazu, diese Zwecke, -Ziele, diesen ganzen „Sinn“ für eine wissenschaftliche Betrachtung -<em class="gesperrt">innerhalb</em> des <em class="gesperrt">naturgesetzlichen</em> Zusammenhanges der Welt -zu suchen, oder eigentlich noch besser gesagt: identisch damit. Alles -war kausal verknüpft. Aber diese Reihe der Kausalität war von Anfang an -so gelegt, daß ein Ziel, ein Sinn schließlich herauskamen. Teleologie -und Kausalität lagen sich nicht in den Haaren, sondern standen vor -genau der gleichen Sachfolge. Die kausale Betrachtung sah bloß auf die -Art der Verknüpfung, die teleologische auf das Endergebnis. Mochte -man nun im praktischen Bedarf die Teleologie mehr der Philosophie -überantworten und die exakte Naturforschung enger auf die rein kausale -Schau einstellen: das war eine Bequemlichkeitsfrage menschlicher -Arbeitsteilung — für Müller selbst bedeutete es jedenfalls keinen -ernsthaften Riß.</p> - -<p>So weit seine verwickelte Persönlichkeit überhaupt durchsichtig ist, -ist auch diese idealistische Stellung zu den Dingen bei ihm klar.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p> - -<p>Und mit solchen Gesinnungen betrat er nun sein Spezialgebiet, — das -Leben.</p> - -<p>Herrschend auf diesem Boden fand er den Begriff der „Lebenskraft“. Der -ganze Johannes Müller als Physiologe taucht auf, wenn man dieses Wort -ausspricht.</p> - -<p>Das ungefähr war das Dogma der Physiologie, wie er es erhielt: zwischen -dem Lebendigen und Toten gähnt eine unüberbrückbare Kluft; im Bereich -des Leblosen herrschen die Kräfte der Chemie und Physik; im Lebendigen -gelten diese zwar auch, aber über ihnen steht noch ein Geheimprinzip, -das sie meistert, ein Genius, dem sie untertan sind; und diesem -Prinzip wird das eigentlich Merkwürdige des „Lebens“ verdankt; geben -wir ihm also danach seinen Namen: — die „Lebenskraft“. Im Büchlein -vom „Rhodischen Genius“ hat der junge Alexander von Humboldt (noch -in Schillers „Horen“!) die Lebenskraft geradezu so als persönlichen -„Genius“ geschildert, der die chemisch-physikalischen Kräfte in -Sklavenfesseln hält, so lange der Organismus „lebt“. Stirbt der Genius, -so fallen die entfesselten rohen Kräfte über den toten Leib her.</p> - -<p>Im Grunde war diese Lebenskraft, wie sie Müller erhielt, ein Knäuel -teils sich klärender, teils aber auch noch hochgradig unklarer -Definitionen und Auffassungen. Subjektive und objektive Anschauung, -Seelisches und Mechanisches, Innen und Außen, Zweck und Folge, freier -Wille und kausal gebundene Kraft, alles Mögliche und Unmögliche war in -den Winkel dieses Wortes zusammengekehrt. Es schien fast eine Forderung -über Menschenkraft, aus diesem Wirrwarr praktisch aufzutauchen, das nur -geschichtlich zu begreifen war.</p> - -<p>Nun, Müller acceptierte zunächst ruhig das Wort. Was an ihm -naturphilosophisch etwa im Sinne der Schellingschen Epoche war, -schreckte ihn, den Naturphilosophen aus Neigung, ganz und gar nicht. -Kaum einer hat in dieser Hinsicht die Lebenskraft „mystischer“ gefaßt, -als grade er. Als ein unbewußt zweckmäßig schaffendes, dämonisches -Grundprinzip der<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> lebendigen Natur erschien sie ihm, mit dem wir -bei dem absolut Geheimnisvollen standen, das selber überhaupt keine -Diskussion vom exakten Boden aus zuließ. Den leibhaftigen Finger Gottes -glaubt man manchmal aus seinen Definitionen herauslangen zu sehen.</p> - -<p>Und doch machte er eine einzige, eine scheinbar ganz kleine Konzession, -eine kleine Bedingung, die aber eigentlich die ganze Schlachtlinie -veränderte.</p> - -<p>Lebens-<em class="gesperrt">Kraft</em> lautete das Wort. Das Leben sollte etwas sein, was -über den gewöhnlichen Kräften der Chemie und Physik stand. Aber indem -man den Lebensgenius auch selber grade „Lebens<em class="gesperrt">kraft</em>“ taufte, -hatte man ganz in der Stille dabei ihm doch schon ein eigentümliches -Röcklein angetan. Man hatte dem Leben eben doch auch schon mitten in -allen mystischen Definitionen selber einen gewissen Charakter einer -„Kraft“ beigelegt. Mochte es eine „besondere“ Kraft sein. Eine Kraft, -die stärker war als alle anderen, eine wahrhafte Meisterkraft. Es blieb -die Definition als irgend eine Sorte doch auch von „Kraft“, also im -Sinne bloß eines Gradunterschiedes.</p> - -<p>Mochten die Erfinder des Wortes über die Kraftdefinition hinweg -noch so viel Apartes an geistigen Werten hineingebraut haben: das -Wort bewies, daß sie doch nach einer Seite im Innersten schon mit -dem Zuge der Zeit gegangen waren, — einer Zeit, die dem einfachen -mechanischen Kraftbegriff täglich mehr technische Triumphe und logische -Vereinfachungen auf allen Wissensgebieten verdankte.</p> - -<p>Ganz still steckte, halb unbewußt, der Wunsch schon in dem Worte, mit -dem einfachen objektiven mechanischen Kraftbegriff halt doch auch -ins Leben selber hineinzuarbeiten, — gewisse Vorgänge dieses Lebens -aufzulösen in eine letzte, oberste „Kraft“, die zwar scheinbar über -allen gewöhnlichen Physikkräften stand, aber in Wahrheit die Teufel -doch nur austrieb durch Beelzebub, der Teufel Obersten, — eben als -Lebenskraft.</p> - -<p>Und ohne nun in das Gewebe der Grunddefinitionen selber<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> von hier -weiter einzudringen, zog doch Müller eine wirklich sehr einfache -Wort-Konsequenz.</p> - -<p>Die sichtbaren Äußerungen der Lebenskraft, meint er, treten uns -wissenschaftlich exakt doch immer nur wieder in echten mechanischen -Wirkungen vor Augen, bei deren Beschreibung wir keinen Moment die -Sphäre der anderen exakten Wissenschaften zu verlassen brauchen. Und -die einfachste, zweckmäßigste Methode der Forschung bleibt also auch -in der Physiologie die, daß man als das Wahrscheinliche zunächst -stets einen rein mechanischen Sachverhalt im gleichen Sinne wie bei -den Gesetzen der Chemie und Physik annimmt und alle Experimente, alle -Hypothesen auf ihn allein einstellt.</p> - -<p>Wo es galt, Schüler nicht für allgemeine Naturphilosophie, sondern im -Laboratorium für die schlichte praktische Arbeit zu erziehen, da hat -Müller stets für diese Konsequenz erzogen.</p> - -<p>Einer der „hellsten“ dieser Schüler war aber Emil Dubois-Reymond.</p> - -<p>Und seine erste große, an biologische Probleme höherer Ordnung rührende -Tat war, daß dieser Dubois als so erzogener Müller-Schüler noch einen -Schritt in der Konsequenz weiter tat.</p> - -<p>Er unterfing sich zu sagen: für diese exakte Arbeit, die nur einfache -mechanische Reihen sucht, ist die Hypothese einer besonderen -Lebenskraft sogar als solche auch noch entbehrlich. Es genügen als -Voraussetzung zunächst die bereits bekannten Naturkräfte der Physik.</p> - -<p>Dubois versuchte in einem Einzelfall mit großem Glück den Nachweis, -wie man selbst in der Lehre vom lebendigen Nerv — die Dinge rein -mechanisch immer angesehen — glatt so durchkomme.</p> - -<p>Und Müller lebte noch, als man schon hören konnte: der junge Dubois -habe die ganze berüchtigte Lebenskraft endgültig ausgeschaltet.</p> - -<p>Ja, als „Kraft“ neben der „Kraft“! Im Grunde hatte Dubois nur eine -letzte Unklarheit aufgehoben. Die Physik war die Lehre von der -„Kraft“. Was im Leben als Kraftwirkung<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> definierbar war, das gehörte -also folgerichtig zu ihr von Anfang an. Die Physiologie, soweit sie -Lehre von Kräften war, mechanischen Kräften, konnte <span class="antiqua">eo ipso</span> -nur ein Zweig der Physik sein. Die „Lebenskraft“ war nichts anderes, -als der Komplex physikalischer Bedingungen, die Physik des Lebens. -Und damit war sie allerdings in ihrer alten Sonderrolle gleichzeitig -mediatisiert, war, streng genommen, beseitigt eben dadurch, daß die -Silbe „Kraft“ in ihrem Namen endgültig <em class="gesperrt">ernst</em> genommen wurde.</p> - -<p>Bis hierher ist in der Linie von Müller zu Dubois alles logisch -reinlich.</p> - -<p>Nun kam aber bei Dubois eine weitere Linie ins Gewebe, die nicht über -Müller lief.</p> - -<p>Mit seiner ganzen jüngeren Generation segelte er naiv in ein -Fahrwasser, wohin sich Müller niemals gewagt hätte. Es hieß -plötzlich: Kraft ist das Generalwort der ganzen „Natur“. Es ist ihre -Grunddefinition. Natur ist gleich Kraft. Alle Naturforschung ist bloß -Feststellung von Kraftwirkungen. Es gibt in der Natur nichts als Kraft. -„Kraft und Stoff“ sagte man gewöhnlich, oder auch einfach Materie; -das floß zusammen in kleinen Definitionsschwankungen ohne Belang. -Jedenfalls war für diese Behauptungen Dubois’ Tat noch eine ganz -andere, mußte eine ganz andere sein. Er hatte ihr auch noch das Stück -Natur, das wir „Leben“ nannten, für die Allmacht der Kraft, der rein -kraftbewegten Materie erobert. Man pries ihn, daß er geradezu den Ring -geschlossen habe.</p> - -<p>Und er ging zuerst im vollen Eifer mit. Es gab nichts im Felde des -Naturforschers als Kraft und Stoff, in schärfster Definition bloß Kraft -schlechthin, — wie sollte er das nicht anerkennen, den man als den -Ritter Georg des mystischen Prinzips in der Lebenskraft ehrte, der der -Physik endgültig das Tor auch des Lebens aufgetan!</p> - -<p>Und doch. Auch dieser Mann griff sich eines Tages an die Stirn. Alte -Reminiszenzen erwachten.</p> - -<p>Die „Lebenskraft“, wie sie Müller lehrte, hatte ja doch noch etwas -<em class="gesperrt">mehr</em> umfaßt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p> - -<p>Auch die Tatsachen der Empfindung, des Bewußtseins!</p> - -<p>Nicht bloß das: „Es schwingt etwas mechanisch rechts oder links“; -sondern auch „Ich rieche Rosenduft; ich sehe Rosenrot; ich denke Rose.“</p> - -<p>Wo war das jetzt?</p> - -<p>Die ganze „Natur“ war bloß Materie. Die Definition dieser Materie -sprach bloß von Kräften, Schwingungen, mechanischen Ketten. Auch die -lebenden Wesen steckten als Natur in dieser Definition. Von Empfinden, -von Denken aber war schlechterdings nichts in der Definition gegeben. -Keine Brücke führte von „Es schwingt so oder so“ zu: „Ich denke.“ -Dort war <span class="antiqua">A</span> = <span class="antiqua">A</span>. Hier <span class="antiqua">B</span> = <span class="antiqua">B</span>. Aber niemals -wurde <span class="antiqua">A</span> = <span class="antiqua">B</span>. Und nun diese grenzenlose Kalamität: wir -<em class="gesperrt">dachten doch</em> ....! „Und dennoch spukt’s in Tegel,“ heißt es im -Faust.</p> - -<p>An dieser Stelle kommt Dubois’ Saltomortale. Die Natur ist nur Materie. -Wir sind Natur. Folglich nur Materie. Materie denkt nicht. Wir denken. -Folglich ist hier <span class="antiqua">A</span> nicht gleich <span class="antiqua">A</span>. <span class="antiqua">A</span> = <span class="antiqua">A</span> -ist aber der Grundsatz aller Logik, alles Erkennens. Er liegt hier -„unter den Hufen der Pferde“. Das kann kein Menschenverstand mehr -lösen. <span class="antiqua">Ignorabimus!</span> Unsere Weltdefinition führt auf Ignorabimus. -Folglich sind wir große tragische Nichtweiterkönner, die sich mit -Stoizismus, grandios deklamierend wie Shakespearesche Helden in ihren -Gedanken-Dolch stürzen müssen.</p> - -<p>Oder, sagt der Herr Pfarrer, Euer ganzes Naturforschen ist Dunst, mit -Eurer „Natur“ ist es trotz aller Worte nichts, werft die Natur über -Bord, mit der Euch nur der Teufel narrt, und kommt zu — Mir.</p> - -<p>Es gibt eine <em class="gesperrt">noch viel einfachere</em> Antwort.</p> - -<p>Eure Natur-Definition ist falsch. Natur ist nicht Materie ohne Denken -— und, weil doch in ihr gedacht wird, ist nicht <span class="antiqua">A</span> gleich nicht -<span class="antiqua">A</span> und damit der Unsinn Weltregent.</p> - -<p>Ihr definiert erst und vergeßt dabei. Alles ist Kraft und Stoff. -Das Empfinden ist vergessen worden. Und nun fällt euch ein. Es gibt -doch Empfinden! Aber von Kraft zu Empfinden ist keine Brücke. Und -nun korrigiert ihr nicht die Ur-Definition,<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> sondern ihr verkündet: -<span class="antiqua">Ignorabimus</span>. Was ist das für eine Manier!</p> - -<p>Ich sehe einen Vogel und erkenne, er hat einen Kopf und einen Schwanz. -Ich sage: ein Vogel ist ein Ding, das aus Kopf und Schwanz besteht. Nun -schaue ich durchs Fernrohr und sehe, er hat auch noch Beine. Wie ist -das möglich, sage ich? Ein Vogel hat nur Kopf und Schwanz. Ein Ding, -das bloß Kopf und Schwanz hat, kann nicht Beine haben. Und doch ist -es dasselbe Ding. Hier ist dasselbe also nicht dasselbe. Das ist der -Bankerott der Logik. Das werden wir nie begreifen. <span class="antiqua">Ignorabimus.</span></p> - -<p>Gewiß werden wir nie begreifen, wie eine nicht als subjektiv -empfindend, sondern bloß als objektive Kraftwelle definierte Materie -empfinden und denken kann! Wir werden es so wenig begreifen, wie wir je -begreifen werden, daß blau rot ist oder zweimal zwei fünf.</p> - -<p>Wenn ich die Tatsachen des Bewußtseins ausschließe aus meiner -Generaldefinition der Natur, kann ich natürlich nicht nachher -verlangen, sie darin wiederzufinden, außer durch ein Wunder, das die -Logik durchbricht. Und wenn ich unsere ganze Naturforschung (mit -Recht) auf der Logik aufbaue, so kann ich <em class="gesperrt">dann</em> allerdings nicht -verlangen, daß sie je an dieses Problem außerhalb der Logik heranreiche.</p> - -<p>Damit sind aber die ganzen Tatsachen des Subjektiven, des Empfindens -und Bewußtwerdens, dieser Naturforschung entrückt.</p> - -<p>Wir stehen im Grunde an der gleichen Stelle wie bei Virchow.</p> - -<p>Auf der einen Seite fragt sich, wem dieses ungeheure, uns selber -allenthalben zunächst angehende „außernaturwissenschaftliche“ Feld denn -in der geistigen Arbeitsteilung ausgeliefert werden soll.</p> - -<p>Auf der andern Seite ist fest damit ausgemacht, daß die Naturerkenntnis -uns <em class="gesperrt">niemals</em> zu einer <em class="gesperrt">Welt</em>anschauung führen kann, denn mit -einer solchen Lücke umfaßt und deutet man keine „Welt“.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p> - -<p>Virchow für sein Teil entschied die erste Frage durch Auslieferung -des ganzen Bewußtseinsgebiets an „herrschende“ Mächte wie Kirche und -Staat zu beliebigem Gebrauch; die zweite durch eine tatsächliche -Achterklärung über jedes Reden von Weltanschauung innerhalb der -Naturforschung. Dubois ließ es bei der heroischen Bekennerstellung, -dem an sich vollkommen ehrlichen „Hier stehe ich, ich kann nicht -anders“ bewenden, konnte aber nicht hindern, daß die Gegner jedes -Versuchs eines naturwissenschaftlichen Weltbildes an Stelle des -alten kirchlichen sein Bekenntnis nur noch energischer und extremer -ausnutzten und ausnutzen in jenem <em class="gesperrt">reaktionären</em> Sinne einer -Umkehr zum Kirchendogma und einer Bankerotterklärung jeder echten -Weltanschauung auf dem Wege der Naturforschung und Naturerkenntnis.</p> - -<p>— — —</p> - -<p>So stehen diese beiden großen Gestalten im Ausgang des 19. Jahrhunderts -vor uns als Exempel schließlich des gleichen Irrweges.</p> - -<p>Beide sind gescheitert im Experiment einer idealistischen -Natur-Definition, mit der der <em class="gesperrt">ganze</em> Mensch mit all seinem -Können und Sehnen wieder leben könnte, und beide haben letzten -Endes nur fortgelenkt von dem großen Ziel einer wirklich positiven -Natur-Anschauung als der neuen, uns alle wieder erfüllenden und -befriedigenden Welt-Anschauung.</p> - -<p>Lassen wir es uns noch einmal fest gesagt sein: es <em class="gesperrt">ist nichts</em> -mit einer solchen Weltanschauung, solange wir beständig uns etwas -<em class="gesperrt">abziehen</em> sollen.</p> - -<p>Nie und nimmer kommen wir mit der „Natur“ zu einer Weltanschauung, wenn -wir die Menschen erst gewöhnen wollen, etwas <em class="gesperrt">aufzugeben</em>, sich an -etwas Halbes, Lückenhaftes, Fragmentarisches anzupassen.</p> - -<p>Eine neue Weltanschauung kann immer nur siegen, indem sie <em class="gesperrt">etwas -mehr</em> gibt, als alle früheren, indem sie sie alle umgreift und -überbietet.</p> - -<p>Das ist der verhängnisvolle Irrtum, der uns aus den negativen Kämpfen -gegen das Alte heute noch nachschleift:<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> daß wir fortan in einer -kahleren, einer kälteren, einer selber vom Negativen allenthalben -eroberten Weltanschauung hausen sollten.</p> - -<p>Gewiß: wenn wir in ihren Mittelpunkt ein <em class="gesperrt">Stück</em> Natur bloß -setzen, ein abgezehrtes Gerippstück, gewonnen durch lauter Abzüge, -anstatt des Ganzen, was das Wort geben kann und geben soll, dann ist -davor kein Ausweg. Der Begriff Natur muß aber für alles Wohnungen -haben, was uns bewegt.</p> - -<p>Denn unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse sind nicht verändert, nicht -plötzlich tot.</p> - -<p>Einerlei woher wir stammen: wir <em class="gesperrt">sind</em> Menschen. Kunst, Sitte, -Liebe, Ideale — das alles <em class="gesperrt">ist</em>, so gut wie Logik ist.</p> - -<p>Und wem Du die Welt deuten willst, seine Welt, — dem darfst Du -nicht beliebig bald das, bald jenes herauswerfen auf Grund eines -Prokrusteswortes „Natur“.</p> - -<p>Dieses Wort, wenn es ganz decken soll, mußt Du auch dem Ganzen wirklich -anpassen.</p> - -<p>Das Subjektive und das Objektive muß hinein, das konventionelle -„Wirkliche“ und die ständige Möglichkeit des Elementaren, das Jetzt und -das Empor, das Unvollkommene und der ewige Harmonien-Weg, die Stufe und -das Ideal, die Folge und der Sinn, der Mensch, der aus glühenden Sonnen -des Alls sich entwickelt hat und der sich fortentwickelt auf Sonnen des -Denkens, des höheren Zwecksetzens, des Weltordnens und Weltgenießens, -des künstlerischen Harmonienschaffens zu.</p> - -<p>Wirf das alles über Bord, stelle Dich auf einen großen Sandhaufen, -sage: in diesem Sande liegen pulverisiert alle Säulen und Statuen -Griechenlands, und predige dann von diesem neuen Offenbarungshügel -unter den kalten Sternen als Deine Bergpredigt: <span class="antiqua">Ignorabimus</span>.</p> - -<p>Du wirst weit kommen.</p> - -<p>Der ärmste Mensch, der auch nur eine einzige tiefe Stunde des -Innenlebens gehabt hat, da das Elementarische der Dinge auch durch ihn -gegangen ist — in irgend einer Form, als Liebe<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> oder Kunstintuition -oder Idealschau oder dämonisches Schicksal: — er wird lachen über Dich -mit all Deinen Sonnen.</p> - -<p>Wenn Du es aber fertig bekommst, ihm in diese Stunde <em class="gesperrt">auch</em> noch -die Sonnen des Firmaments hineinglühen zu lassen, ihm die goldenen -Fäden der Entwickelung zu zeigen, die sich von denen spinnen bis -zu ihm, ihn selber erhöhend bis zu Sternenweiten über alle alten -Verheißungen seines dunklen Lebens hinaus, — <em class="gesperrt">dann</em> darfst Du ihm -die Hand auf die Schulter legen und ihn fragen: ob er Dir nicht einmal -vertrauen will und mit Dir einen neuen Weltengang versuchen will in der -Hut eines neuen Begriffs, — ob er es einmal versuchen will mit der</p> - -<p class="center">Natur.</p> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>AUS DER SCHNEEGRUBE</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. 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