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diff --git a/old/69287-0.txt b/old/69287-0.txt deleted file mode 100644 index d0b63b1..0000000 --- a/old/69287-0.txt +++ /dev/null @@ -1,11668 +0,0 @@ -The Project Gutenberg eBook of Aus dem Leben der Antike, by Theodor -Birt - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Aus dem Leben der Antike - -Author: Theodor Birt - -Release Date: November 3, 2022 [eBook #69287] - -Language: German - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM LEBEN DER -ANTIKE *** - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1919 so weit - wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler - wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr - verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; - fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert. - - Die in den Kopfzeilen der gedruckten Fassung dargestellten kurzen - Zusammenfassungen wurden als Randnotizen beibehalten. Diese wurden an - den Anfang des betreffenden Abschnitts gestellt. - - Die Anmerkung Nr. 38 auf S. 238 (Nr. 16 in der gedruckten Ausgabe) - zum Kapitel ‚Antike Gastmähler‘ wurde im Original fälschlicherweise - doppelt aufgenommen, wodurch sich die Nummerierung der nachfolgenden - Endnoten verschiebt. In der vorliegenden Ausgabe wurde die - überzählige Endnote aber entfernt, wodurch die korrekte Zuordnung der - Anmerkungen wiederhergestellt wurde. - - Die gedruckte Ausgabe ist in Frakturschrift gesetzt. Besondere - Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kursiv: _Unterstriche_ - fett: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - Das Caret-Zeichen (^) steht vor einer hochgestellten Zahl. - - #################################################################### - - - - - Theodor Birt - - Aus dem Leben der Antike - - - - - THEODOR BIRT - - Aus dem Leben - der Antike - - 2. Auflage - - [Illustration] - - 1 • 9 • 1 • 9 - - QUELLE & MEYER-LEIPZIG - - - - - Alle Rechte vorbehalten - Copyright 1919 by Quelle & Meyer in Leipzig - Einbandzeichnung von Paul Hartmann - - - Ohlenrothsche Buchdruckerei - Georg Richters - Erfurt - - - - - Meinen Jugendfreunden - - Rudolf Ballheimer - in Hamburg - - Ludwig Martens - in Berlin - - Richard Gaede - in Danzig - - die im Leben nun bald fünfzig Jahre - mit mir Schritt gehalten, - in treuer Gesinnung - zugeeignet. - - - - -Vorwort. - - -Antikes Leben! ein unerschöpflicher Gegenstand! Bisher habe -ich ihm drei größere literarische Versuche erzählenden und -kulturgeschichtlichen Inhaltes gewidmet, Bücher, die wie langgezogene -Bilderfriese in sich Einheiten bilden und darum vielleicht -wie Bilderfriese ermüden. Daneben tritt dies vierte Buch, das -zusammenhangslos und in Auswahl sein Schlaglicht nur auf dies und -jenes, auf antikes Reiseleben, Frauenleben, Kinderliebe, Verkehr -auf dem Büchermarkt u. a. wirft: Einzelbilder in engem Rahmen, von -denen ich hoffe, daß sie das Nähegefühl steigern und das Leben der -Vergangenheit mit noch größerer Deutlichkeit vor das Auge stellen. - -Zum Teil sind diese Aufsätze schon vor dem gegenwärtigen Weltkrieg, -zum Teil aber erst während des Krieges entstanden, und man wird -sich also nicht wundern, daß den letzteren der Einfluß der großen -Zeitereignisse, in denen wir heute stehen, deutlich anzumerken ist. -Denn kein Schriftsteller kann sich diesem Einfluß entziehen, und die -Antike mit dem Leben der gegenwärtigsten Gegenwart zu vergleichen, war -mein ständiges Augenmerk. Daher habe ich auch von der „Laus“ gehandelt; -denn auch sie ward für uns Ereignis. - -Eben darum könnte man mir vielleicht verargen, daß ich in dieser Zeit -des Entbehrens und der Ernährungsnöte, wo fast nur noch der Gauner -einen vollbesetzten Tisch hat, auch über „antike Gastmähler“ rede. Ich -hab’s gewagt. Die Erinnerung an frühere gesegnetere Stunden darf uns -nicht kränken; denn auch der Erblindete zehrt gern von der Erinnerung -an das, was er einstmals mit gesunden Augen gesehen und genossen hat. - -Als Leser dieser Blätter denke ich mir gern jeden Gebildeten, der sich -darüber klar ist, daß es nicht nur unterhaltsam, sondern daß es auch -immer noch heilsam ist, die Kulturhöhe des sogenannten klassischen -Altertums zu kennen und in das eigenartig bunte Treiben im alten Rom -der Cäsaren sich zu vertiefen, um daran, was wir heute sind und haben, -zu messen. Um diesem Leser zu dienen, ist jeder gelehrte Apparat -vermieden und von mir streng in den Anhang verbannt worden, wo die -„Anmerkungen“ Nachweise, aber auch allerlei Zusätze und Exkurse im -Verborgenen bringen. Vielleicht findet der Anhang gleichwohl das Auge -des Fachmanns, des Schulmanns und Gelehrten: dann hat auch er seinen -Zweck erreicht. - - +Marburg a. L.+, 24. Januar 1918. - - Der Verfasser. - - - - -Vorwort zur zweiten Auflage. - - -Das Buch, das freundliche Aufnahme gefunden hat, lege ich jetzt -durchgebessert, doch im Wesentlichen unverändert nochmals dem Publikum -vor. Einige Zusätze haben die „Anmerkungen“ erfahren. Zu Dank bin ich -Herrn O. Roßbach verpflichtet, der mir durch seine Besprechung in der -Berliner philologischen Wochenschrift 1918 Sp. 1206 ff. zu mehreren -Berichtigungen den Anlaß gab. Anderes habe ich ändern müssen, da es der -politischen Lage des Vaterlandes nicht mehr entsprach. Denn all unsere -stolzen patriotischen Hoffnungen, denen ich Worte verlieh, sind nun -zerschlagen. Nicht der Feind, unser unselig verhetztes Volk selbst und -der törichte Wilsonglaube unserer Pseudopolitiker hat sie zerstört. - - +Marburg a. L.+, 20. Mai 1919. - - Der Verfasser. - - - - -Inhaltsübersicht. - - - Die Römerin 1 - - Rom und der Genius Roms. Heldinnen. Stellung der Mutter - zum Sohne. Keuschheit. Lose Eheverhältnisse. Energie der - Römerin. Mangelnde Tierliebe. Ehebruch. Organisation der - Bürgerinnen. Hetärenwesen. Messalina. Schönheitsideal. Frisur. - Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren. Gelehrte Frauen. - Juvenal. Grabschriften. Frauengestalten der Kaiserzeit. - Cornelia bei Properz. - - - Antike Gastmähler 20 - - Ästhetische und wirtschaftliche Gesichtspunkte. Beginn des - Luxus in Rom. Übertreibende Schilderungen. Kochbücher. Zahl und - Auswahl der Gäste. Tischordnung. Schatten. Klienten. Damen. - Tageseinteilung. Eßsäle. Gesellschaftskleidung. Tische und - Klinen. Beginn des Essens. Zahl der Gänge. Nachtisch. Braten. - Pikantes Vorgericht. Brechmittel. Beleuchtung. Parfümerien. - Getränke. Unterhaltung bei Tisch. Gastgeschenke. Bezug der - Eßwaren. Import. Bereicherung der Fauna und Flora Italiens. - Nachwirkung auf unsere moderne Ernährung. Der Koch und seine - Hilfsmittel; seine Wunderleistungen. Der ~scissor~. Essen mit - den Fingern. Mundtücher. Brot. ~Analecta.~ Zwei Bibelstellen - erläutert. Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß. - - - Auf der römischen Heerstraße 48 - - Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens. Griechen, Perser, - Karthager. Späte Entwicklung Roms. Stadtklatsch in Rom. - Maueranschläge. Brieftafel. Archive. Die ersten Straßen. - Telegraphie. Meldedienst. Gesandtschaften. Eilmärsche. - Ausbildung des Straßenwesens. Gallisches Fuhrwesen. Das - Heer auf dem Marsch. Train. Kauffahrer. Welthandelsverkehr. - Römerstraßen der Kaiserzeit. Das Reisen. Reiseziele. Gattungen - des Wagens. Prunkwagen. Handelshafen; Handelsschiffe. - Erholungsreisen der großen Herren. Fußwandern und Pilgern. Die - Meile. Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz. - Gasthöfe. Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb. - Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit Hadrians. Der Brief - und seine Beförderung; Siegelung usf. Publizierte Briefe. - Tageszeitung. Senatsprotokolle. Vergleich der modernen - Zeiten. Mangel an Kompaß. Winterstille; im Winter der - Nachrichtendienst und die Zufuhren behindert. - - - Die Laus im Altertum 83 - - Modernes; russische Mönche. Byzantiner. Die Laus in Hellas bei - Bauern und Fischern; sie fehlt bei Aristophanes und sonst. - Reinlichkeit der Städter. Bad, Gymnastik, Rasieren. Die - griechischen Frauen. Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in - der römischen Literatur; bei den Spottdichtern. Anders in der - älteren Zeit Roms: Komödie, Lucilius. Die Fabel Sullas. Petron. - Kaiser Julian. Phtheiriasis. „Läusefresser“ bei den Barbaren - damals und heute. - - - Der Mensch mit dem Buch 99 - - Der blinde Homer ohne Buch. Schreibmaterial der ältesten - Zeit. Weitere Dichter ohne „Buch“. Import der Papyrusrolle. - Entstehung der Buchliteratur bei den Griechen. Herstellung des - Papiers. Seine Haltbarkeit. Umfang der Rollen. Buchteilungen. - Ausstattung. Bibliothek. Bildliche Darstellung von Schreibenden - und Lesenden. Langsam lesen; in Abschnitten lesen. Anfangs - beschränkter Leserkreis; Steigerung in der Spätzeit. Der - Gestorbene mit der Rolle dargestellt. Grabessymbolik. Die Rolle - als Spruchband im Mittelalter. Michelangelos Delphica. Der - Himmel als Buch. - - - Verlagswesen im Altertum 122 - - Vervielfältigung der Bücher nach Diktat. Bücherpreise. Erhielt - der Autor Honorar? Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag - der reichen Autoren. Der Verleger Atticus. Witzliteratur. - Vertrieb der erhabenen Dichtwerke. Horaz. Widmung ist - Eigentumsübertragung. Die Gönner besorgen den Verlag. Fürsorge - der römischen Kaiser. Soziale Stellung des unbemittelten Autors. - - - Woher stammen die Amoretten? 134 - - Amoretten heute und in der Renaissancekunst; im Altertum. - Geflügelte Götter. Eros und Eroten in der älteren Kunst. - Interesse am Kinde. Kinderscharen in den Häusern der - Reichen seit der Alexandrinerzeit. ~Deliciae.~ Die stoische - Lehre begünstigt ihren Gebrauch. Belege. ~Deliciae~ sind - „Spielkinder“. Ihre Schwatzlust. Camerius bei Catull. - Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten in der Kunst. - Pausias. Aufkommen der Amoretten als geflügelte Spielkinder; - erfunden in Alexandria. Vogelnatur. Kindernest. Die - Bedeutung der Liebe ausgeschaltet. Geflügelte ~deliciae~. - Kinderspiele der Flügelkinder. Dieselben als Handwerker. - Putten mit Falterflügeln. Psyche als Schmetterling. „Wer kauft - Liebesgötter?“ Kinderhandel. Auch lebende Spielkinder mit - Flügeln ausgestattet. Rückblick. Verwendung als Füllfiguren, - als Engel, als Gräberschmuck. - - - Seneca 165 - - Senecas Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm. - Einheit seines Wesens. Stoische Religion. Der Ethiker für den - lateinischen Okzident. Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in - seinen Dramen. Lesedramen; Vergleich mit Shakespeare. Herkules - Oetaeus. Biographisches: Verbannung. Erzieher Neros. Schrift - an Polybius. Schrift gegen den Zorn. Agrippina zurückgedrängt; - Senecas Reichsverwaltung. Lehrschriften über Gnade und Wohltun, - über Reichtum u. a. Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt - und Ende. Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein - Vorbild. Schrift gegen den Aberglauben. - - - Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi 189 - - Christi Verhöhnung. Die Sakäen. Der Arme als König. - Saturnalienkönig als Tölpel. Der Tölpel als König im Mimus. - Sardi venales. Vitellius’ Ende. Brutalität des Militärs. Das - Königtum des Cynikers. - - - Witzliteratur und Gesellschaft in Rom 203 - - Simplizissimus und Fliegende Blätter. Die Zote. Tendenzlose - Späße und Belustigungen. Die Invektive. Die Satire. - Togatkomödie. Pasquille: Catull gegen Caesar, Vergil gegen - Noctuin und Sabinus. Horaz’ Epoden und Lydia-Ode. Domitius - Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät entwickelt. Proben - aus Martial. Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester - geschont. Toleranz im Religiösen. Kein Rassenhaß. Anders die - Satire. Religiöse Aufklärung: Persius, Seneca, Juvenal. Juvenal - gegen den Fanatismus. Satire der Kirchenväter. Völkerhaß in der - Gegenwart. - - - Anmerkungen 235 - - - - -[Illustration: - - Tafel 1 - -Bildnis einer Römerin. - -(Neapel, Museum nationale.)] - - - - -Die Römerin. - - -Weltgeschichte ist Kampf der Völker. Die Frau arbeitet und nährt, -aber sie kämpft nicht in Waffen oder hat doch den Kampf verlernt. -Daher ist die Weltgeschichte eine Geschichte des +Mannes+. Der Mann -ist Kauffahrer, und er führt zugleich das Schwert, um den Erwerb -zu schützen und zu erweitern. So ist auch die römische Geschichte -Männergeschichte. Römerkastelle, Römerstraßen, Schlachtfelder, -Triumphbögen, Arenen zeigen uns immer dieselben Gestalten. Die römische -+Tugend+ selbst ist männlich; denn sie heißt ~virtus~ (französisch -~vertu~), leitet sich also von ~vir~ her. So wie ~iuventus~ die -Eigenschaft des Jünglingsalters (~iuvenis~), ~senectus~ die Eigenschaft -des Greisenhaften (~senex~), so war ~virtus~ zunächst nichts weiter als -die Eigenschaft, ein reifer Mann, ~vir~, zu sein. Dieser Eigenschaft -zu gleichen, erschien aber als das Ideal für alle. Und als reifer Mann -steht in der Tat auch das Römervolk selbst fechtend und knechtend, -triumphierend und Ordnung schaffend unter den Völkern. Ja, das Nämliche -gilt sogar von der Tiberstadt selbst. Die Stadt heißt freilich ~Roma~, -als wäre sie ein Feminin[1]; allein wenn Rom statuarisch als weibliche -Göttin gebildet und in Tempeln aufgestellt wurde, so war das gleichwohl -unrömisch, und es geschah durch Griechen nach dem Vorbild griechischer -Stadtgöttinnen wie der Athene. Römisch und echt ist dagegen, daß Rom, -wie jeder Mann, einen +Genius+ hat, den man göttlich verehrte. Der -„Genius Roms“ bedeutet das Lebensprinzip des Staates, und aller Genius -ist männlich[2]. - -Wer sich nun aber mit dem Wirken dieses Genius, mit römischer Kultur -andauernd beschäftigt und durch Bauwesen, Rechtsleben, Verwaltung und -Krieg, Kunst und Religion forschend hindurchgeht, in dem regt sich bald -laut und lauter die unausbleibliche und dringliche Frage: wo ist die -+Frau+? und warum wird von ihr geschwiegen? Sei es auch nur der schönen -Abwechslung wegen: wir haben ein Verlangen, ihr zu begegnen. Im Ernst: -was wäre heute und seit Ewigkeit alle Tatkraft des Mannes ohne sie? -Was ist unsere heutige Kultur ohne die Frauen? und was war ohne sie Rom? - -Wir wollen nicht schön färben. Wir wollen nur kennen lernen. Ein -flüchtiger Aufriß! Sei denn der Versuch gemacht, den Zeitgenossinnen -des Scipio, Caesar und Trajan, der Römerin des großen Altertums einmal -etwas näher zu treten. - -[Randnotiz: Heldinnen. Stellung der Mutter.] - -Wer die stolzen Römerinnen von heute in der Geselligkeit, im Korso -oder auch im Negligé des Alltags gesehen hat, mag sich von +jener+ -ein Bild machen: oft sinnfällig schön, aber früh alternd; dazu -sprühend energisch, beredt, leichtgläubig und ihren starken Trieben -ganz ergeben, träge und wild wie Panther. Die alte Sage hat aus den -Römerinnen Heldinnen gemacht. Aber das galt vornehmlich nur für die -große alte Zeit: Clölia, die sich aus Feindeshand befreit; jene Frauen, -die sich das Haupt scheren und aus ihren schönen Haaren Stricke -flechten, damit die Verteidiger der Stadt ihren Bogen mit Sehnen -bespannen können (daher der Tempel der ~Venus calva~). Als Camillus -gegen Brennus und die Gallier ficht, opfern die Römerinnen sogar ihren -Goldschmuck, damit der Staat Geld hat (ein Vorbild für alle Zeiten), -und dies wurde ihnen ewig gedankt; denn in der Stadt, wo sonst niemand -mit Wagen fuhr, erhielten die Frauen seitdem das Vorrecht, zu den -Gottesdiensten fahren zu dürfen[3]. Im Grunde aber war dem Römer das -Mannweib doch unbehaglich; schrecklich wie ein Gespenst erschien die -Fulvia, die Gattin des Mark Anton, die Urheberin des Perusinischen -Krieges; denn diese Fulvia ging selbst in Waffen und hetzte die -Legionen gegen Octavian auf. Sympathischer immerhin Agrippina, die mit -ihrem Gatten Germanicus bei den Legionen am Rhein steht und dort im -gefährlichen Augenblick den Feldherrn selbst vertritt, persönlich zur -Rheinbrücke eilt und durch energisches Kommando den verhängnisvollen -Abbruch der Brücke verhindert, damit die Truppen sich vor den Germanen -des Arminius noch über den Strom retten können; eine echte Soldatenfrau -und in allem gewaltig (~ingens animi~); dem Kaiser Tiberius ist aber -diese Agrippina eben deshalb verhaßt gewesen. - -Vor allem nun aber die Römerin als +Mutter+! Sie ist es, die die -Knaben, und wenn der Vater früh starb, auch noch die Jünglinge im -Hause hütet und ihr zukünftiges Schicksal auf dem Herzen trägt[4]. -In Gedichten ist die Mutter zwar nie verherrlicht worden, und es -verrät eine Engheit der Ausdrucksfähigkeit, daß der Naturlaut -verwandtschaftlicher Zärtlichkeit im Altertum so selten zum Ausdruck -kommt. Wohl aber kennen wir +Cornelia+, die greise Mutter der -Gracchen. Es ist die Niobe Roms, die all ihre Söhne bis auf zwei -durch frühen Tod verlor; nun erheben sich diese beiden Söhne zu -Führern im gräßlichen Ständekampf, und die Mutter fleht zu ihrem Gajus -umsonst, daß er warte, eine kurze Frist warte, bis sie tot sei. Sie -muß beide, sie muß auch Gajus, den herrlichen, in den Straßen Roms -verbluten sehen. Großartiger noch die Sagengestalt der +Veturia+, wie -Plutarch sie schildert. Ihr einziger Sohn Coriolan, der starke Held, -wird vom Volk beneidet, geschmäht, gekränkt, entweicht aus der Stadt -zum Landesfeind, den Volskern, und bedrängt Rom nun grollend und -siegreich mit Heeresmacht. Alle Hilfe versagt. Da tun in der Not sich -alle Frauen Roms zusammen und dringen in Veturia, und Veturia, die -Mutter, zieht selbst ins Feldlager des Feindes hinaus, eine seltsame -Gesandtschaft, und überrascht den Sohn. Sie hat seine Frau und seine -Kinder mitgebracht. Aber der Sohn sieht nur sie, hört nur sie, die -Mutter; sein verfinstertes Herz erschrickt vor dem eigenen Haß, und in -langer stummer Umarmung und in Tränen hinschmelzend löst sich ihm auf -einmal alle Qual der Erbitterung. Wie tief, wie wahr diese Allmacht der -Mutter! Aber sein Schicksal ist entschieden. Veturia selbst entscheidet -es, da sie ausruft: „Kind, wie kann ich noch fürder für dich beten, -wenn dein Heil den Untergang Roms bedeutet?“ Er gibt den Kampf auf. Die -Volsker töten ihn. Sie hat das Vaterland vor ihrem Sohn gerettet. Sonst -stünde heute Rom nicht. So die Dichtung. - -[Randnotiz: Keuschheit. Lose Eheverhältnisse.] - -Nur die Gelegenheit erzeugt das Außerordentliche, und die Tapferkeit -gedeiht nicht im Frieden. Aber auch für das Ideal der Keuschheit, die -die eigentliche ~virtus~ des Weibes ist[5], suchte man die Belege in -alter Vorzeit: es ist Lucretia, die durch Selbstmord, es ist Virginia, -die durch ihren Vater vor Schande gerettet wird. Gleichwohl war es -Sitte gerade der alten Zeit, daß der Mann, der vom Lande heimkommt, -zuvor durch einen Boten bei seiner Frau sich melden läßt. Die -augusteische Zeit weiß das Jahr -- 154 v. Chr. -- anzugeben, wann aus -Rom die alte Keuschheit entwichen sei[6]. - -Es ist dasselbe bei allen Völkern, und auch bei uns Germanen. Das -Wunschbild geschlechtlich lauteren Lebens (im Sinne der Monogamie) -wird in die fernste deutsche Urzeit projiziert. Unsere Gegenwart, -die Großstädte voran, belehren uns jedoch eines ganz anderen, und -so bedenklich wie heute stand es damit schon dereinst im deutschen -Mittelalter, im Bauernstand wie im Adel und selbst am deutschen -Kaiserhof. In der Dichtung aber ist das Ideal, das der Volksseele -lieb und heilig ist, zu allen Zeiten unverrückbar lebendig und findet -in gewissen mittleren Kreisen der Gesellschaft, die durch Erziehung, -Einsicht und maßvolles Temperament sich dazu eignen, eine segensreiche -Verwirklichung. - -Nicht anders stand es in Rom. Eigenartig ist hier nur, daß auch die -Bande der +Ehe+ selbst sich lockerten. - -Die rohe altrömische Rechtsauffassung der Ehe, wonach der Vater die -Tochter wie eine Ware an den Schwiegersohn weggibt, war unter dem -humanen griechischen Kultureinfluß bald zurückgetreten. Daraus, daß die -Frau ursprünglich in Rom Eigentum des Mannes war, mag sich die später -noch herrschende Sitte erklären, daß Mann und Frau trotz so mancher -Feste, an denen man sich sonst gegenseitig beschenkte, sich nichts -schenken durften. In der Folgezeit kann nun aber eine Verlobung nicht -mehr ohne die persönliche Einwilligung der Braut geschlossen werden; -auch nimmt die Frau nicht mehr wie früher den Namen des Mannes an. -Das war die +Emanzipation+ der +Frau+. Auch der priesterliche Segen -(~confarreatio~) tritt mehr und mehr bei der Hochzeit zurück, und die -Ehe ist nur Zivilehe (Form der ~coemptio~). Dabei ist es allerdings -nur der Bräutigam, der der Braut den eisernen Verlobungsring gibt, -nicht auch umgekehrt. Und diese Ehe war +Schriftehe+; das Dokument -des Ehevertrags erschien so wichtig, daß es auf keiner Abbildung von -Hochzeitspaaren so leicht in der Hand des jungen Ehemanns fehlte. -Das Wichtigste an diesem Vertrag ist, daß die Frau das Recht auf ihr -Vermögen behält. Ihr Geschäftsträger verwaltet es abgesondert. - -Bedeutsamer aber erscheint noch, wie leicht der Vertrag lösbar war. -Flüchtiges Mißfallen, schon die üble Laune genügte, die Lösung der -Ehe herbeizuführen. In den vornehmen Kreisen wurde schon im ersten -Jahrhundert v. Chr. die +Ehescheidung+ gang und gäbe, und die Laxheit -steigerte sich noch in der Kaiserzeit. So war Ovid dreimal vermählt, -Pompejus fünfmal, und so in hundert Fällen. Auch Ciceros Tochter -Tullia heiratete dreimal. Und nicht etwa nur der Gatte war es, der der -Frau den Abschied gab[7]: von Paula Valeria meldet Cicero in einem -Brief, soeben werde ihr Mann aus der Provinz zurückerwartet, sie aber -vollziehe vorher rasch und ohne Grund zur Klage die Ehescheidung; ihr -genügte als Grund, daß sie den Didius Brutus heiraten wollte. Die -strenge Forderung der Gesellschaft ging freilich dahin, daß die einmal -geschiedene Frau ganz ebenso wie die Witwe sich nie wieder verheiraten -dürfe; nicht etwa erst die christlichen Kirchenväter haben das -gepredigt, und ~univira~, d. h. „die im Leben nur einen Mann hatte“, -blieb ein Schmuckwort und Ehrenwort auf den Grabsteinen der Römerinnen. -An den geschiedenen Mann dagegen wurde die gleiche Anforderung -keineswegs gestellt. - -[Randnotiz: Energie. Mangelnde Tierliebe. Emanzipation.] - -Aber wir brauchen uns nicht zu besorgen. Die Römerin wußte sich -schadlos zu halten; denn sie besaß die urwüchsige Energie ihrer Rasse. -Die griechische Ehefrau lebte still eingezogen[8]; die römische bewegte -sich, von Dienern gefolgt, frei auf der Straße; sie erscheint bei den -Gastmählern sicher und stolz unter den Männern, und sie herrscht im -Haus. „Der Römer herrscht über die Welt, die Frau herrscht über den -Römer,“ so sagte Cato. In den römischen Lustspielen, dem Volksstück der -Togatkomödie, kam das, wie wir noch erkennen, besonders lebendig zum -Ausdruck, und wir können nicht genug beklagen, daß sie für uns verloren -ist. Die handfeste Jungfrau, die ihren Mann steht; die Frau scheltend -und wetternd im Haus; schallende Ohrfeigen: wehe dem Gatten, der zu -spät nach Hause kommt! Derb und frisch war das alles gezeichnet. „Das -Weib liebt oder haßt, ein drittes gibt es nicht,“ lautet eine Sentenz, -die übrigens ebensogut auch modern sein könnte. Es gibt zu denken, -wenn uns von zwei Schwägerinnen, die in einem Haus zusammenwohnen, -rühmend hervorgehoben wird, daß es ihnen gelang, friedlich miteinander -auszukommen: es ist die Gattin und die Schwester Trajans. Denn auch die -Schwestern sind auf die Liebe neidisch, die ihr Bruder vergibt. Aber -nicht nur die Liebe, auch der +Ehrgeiz+ ist allmächtig, vor allem in -den Müttern. Für den Sohn wird alles gewagt, und eine Agrippina geht -durch Ränke, Blut und Verbrechen, bis sie den jungen Sohn zum Kaiser -gemacht hat. Es war Nero, der Knabe! Vespasia, die Kleinstädterin in -dem dörflichen Gebirgsnest Reate, hat zwei Söhne; auch sie will hoch -hinaus mit ihnen, und der eine, Sabinus, wird wirklich Stadtpräfekt -Roms, der andere gar wiederum Kaiser der Welt: es ist Vespasian, der -sich nach seiner armen Mutter Vespasia so nennt und in seinem Namen den -ihren verewigt hat. - -Die Kinderliebe der Frauen ist nun freilich eine selbstverständliche -Sache, und es wäre lächerlich, dafür noch nach weiteren Belegen zu -suchen. Aber auch solche gab es, die nicht gebären wollen und mit -Geheimmitteln sich die Frucht abtreiben. Um Kinder zu haben, kaufen -sie sie lieber armen Leuten ab, was nicht viel besser ist, als wenn -man sich ein Haustier anschafft. Was ich dagegen vermisse, ist die -Tierliebe, und das ist immerhin auffallend. In der ganzen römischen -Literatur der Blütezeit kommt meines Wissens keine liebe Dame mit dem -Schoßhündchen vor, wie man sie bei uns nahezu in jedem besseren Hause -antrifft[9]. Die Geliebte des Ovid hält sich freilich einen Papagei, -die Lesbia des Catull ihren bissigen Sperling, den sie, wenn sie -verliebt ist, neckt und reizt; aber die Hundeliebe steht höher, und daß -sie so sehr zurücktritt, mutet uns an wie ein Symptom der Herzlosigkeit. - -Ehrgeizig, das waren die Römerinnen, wie wir sahen, und so stehen sie -denn in der Gesellschaft auch mächtig als +Kapitalistinnen+ da, ob -vermählt, unvermählt, geschieden oder verwitwet. Durch ihren Prokurator -kaufen sie Güter oder Fabriken auf, spekulieren sie, schenken sie. -Schon ein Städtchen wie Pompeji zeigt uns das, wo von der Priesterin -Eumachia eine der größten gemeinnützigen Bauanlagen, die dort dem -Geschäftsverkehr diente, mit fast 40 Meter breiter Front, in zentraler -Lage am Forum selbst, herstammt, wie die Inschrift am Frontispiz -rühmend aussagt und ihr am Ort gefundenes Standbild bestätigt. Eine -zweite Frau, Mamia, die gleichfalls ein Priestertum verwaltete, war -es, die dortselbst mutmaßlich den Augustus-Tempel am Forum gestiftet -hat. Der Senat der Stadt votierte dieser Mamia dann einen schönen -Begräbnisplatz an der so stimmungsvollen Gräberstraße Pompejis. Und -auch an den +Wahlschlachten+ beteiligten sich diese Pompejanerinnen. -Unter den Wandinschriften, die auf städtische Wahlen Bezug haben, -lesen wir nicht nur: „Agna bittet“, „Caprasia bittet (zu wählen)“, -sondern auch: „Caprasia wählt“, „Iphigenie wählt“. Stimmberechtigte -Grundbesitzerinnen! Es fehlte bei dieser Emanzipation nur noch, daß sie -sich auch selbst wählen ließen, und in der Tat: in den Vorstand der -großen Begräbnisgilden waren auch Frauen wählbar. - -Und nun die Liebe. Es ist schmerzlich zu sehen, wie wenig liebenswürdig -die antike Literatur gegen die Frauen ist. Das heißt: einzelne Frauen -werden gelobt, wie Marcia und Helvia bei Seneca, Priscilla bei -Statius, Serena bei Claudian, aber immer so, als seien sie wundervolle -Ausnahmen. Das weibliche Geschlecht als Ganzes wird durchgängig -beschuldigt, aber dabei wenig Fleiß auf seine besondere Erziehung -oder Läuterung verwandt; und der +Ehebruch+ ist die ständige Anklage. -Der Vermögensverwalter der Frau ist ihr Cicisbeo. Einen Liebhaber zu -haben ist Sache des Ehrgeizes für jede Weltdame. Nur die Reizlosen -können sich ihrer Treue rühmen, und die Frauen halten +den+ für einen -Mägdejäger, der nicht mit einer verheirateten Frau (~uxor~) ein -Verhältnis hat und ihr ein Jährliches zahlt[10]. So tönt es von allen -Seiten. Wir wollen die Namen der Cäcilia Metella, der Clodia und der -sonstigen großzügigen Vorgängerinnen der Messalina nicht aufzählen. Die -Ausschweifung war grotesk. An Sentimentalität, vergebliches Sehnen und -Schmachten wird nicht gedacht. Verliebt sich die vornehme Frau in einen -Kutscher oder Fechter, so weiß sie seiner auch habhaft zu werden. Vor -allem aber umgibt sie sich mit einem Hof vornehmer junger Männer, und -es herrscht die +Polyandrie+ in dreistester Weise. Die Badeorte, wie -Bajä, waren ihre beliebtesten Stationen. - -[Illustration: - - Tafel 2 - -Bildnis einer jungen Dame. - -(Rom, Reale Museo nazionale Romano.)] - -Das Altertum liebt in allem die Deutlichkeit. Es kennt kein -Versteckenspielen. Charakteristisch ist folgende Geschichte über die -Neugier der Matronen der alten Zeit. Damals mußten die unerwachsenen -Söhne der Senatoren noch in den Senatssitzungen zuhörend mit -anwesend sein, um zu lernen. Der kleine Papirius wird nun nach einer -Senatssitzung von seiner Mutter ausgefragt: „Was ist da losgewesen?“ -Der Knabe zuckt die Achseln: „Die Sache war wichtig und ich soll -schweigen.“ Da wird die Mutter unendlich neugierig und dringt so sehr -in den Jungen, daß er in seiner Not sie belügt. Er sagt, es wurde -darüber beraten, ob es besser sei, wenn ein Mann zwei Frauen hat oder -eine Frau zwei Männer. Nun gerät die Mutter in höchste Aufregung und -bringt die Sache gleich bei allen Matronen herum, und bei der nächsten -Senatssitzung erscheint eine Prozession von Frauen, die da flehen, -man solle durchsetzen, daß eine Frau zwei Männer haben dürfe, nicht -umgekehrt[11]; ein Aufzug, der Suffragettes würdig, die in London das -Parlament zu bestürmen pflegten. Das Gelächter der hohen Herren vom -Senat kann man sich denken. Das Auskultieren der jungen Leute in den -Sitzungen aber wurde seitdem abgeschafft. - -[Randnotiz: Ehebruch. Politisches Zusammenhalten. Hetärenwesen.] - -Man sieht an dieser Erzählung übrigens, wie die Frauen zusammenhielten, -sich organisierten, sich als eine feste Gruppe im Staate betrachtet -und als solche zur Geltung gebracht haben. Dafür gibt es der Belege -noch mehr. Bringt der gestrenge Cato ein Gesetz gegen den übertriebenen -Luxus der Frauen ein, gleich rotten sich alle Matronen zusammen, -agitieren und bringen es so zu Fall. In der Kaiserzeit ging das so -weit, daß sie geradezu einen Frauensenat bildeten, der also wohl auch -regelmäßig Sitzungen hielt[12]. - -Bei den Griechen im Osten der damaligen Welt hatte sich das -+Hetärentum+ ausgebildet, d. h. während die griechische Hausfrau an die -Enge der Häuslichkeit gebunden blieb, waren es freigeborene Mädchen, -oft hoher Intelligenz und feinster gesellschaftlicher Bildung, die dem -Verlangen nach freier Liebe genügten, aber zugleich den geistigen und -künstlerischen Interessen der Männerwelt blendend und klug nachgingen. -Sie erhoben sich zu Trägerinnen des Zeitgeistes. Dies berufsmäßige -Mätressenwesen war aus der griechischen Welt natürlich längst auch in -Rom eingedrungen. Aber die stolzen Ehefrauen Roms ließ das nicht ruhen. -Sie waren diesen Personen durchaus gewachsen, und so fällt es uns oft -schwer, wenn wir die römischen Liebesdichter lesen, die angebetete Frau -von der Mätresse zu unterscheiden[13]; ~puella~ ist unterschiedslos ein -Wort für beide. Das ist freilich das Recht der Poesie: im Weib, das -man vergöttert, schwinden alle Unterschiede. Für den aber, der nach -den gesellschaftlichen Verhältnissen fragt, ist diese Tatsache sehr -anmerkenswert. Ist es nicht betrübend, erschreckend, zu sehen, wenn dem -Dichter Properz von einem Freunde zugemutet wird, ihm die Liebe seiner -hochgefeierten Cynthia zu verschaffen, und Properz dies Ansinnen nicht -etwa empört zurückweist, sondern den Freund nur warnt: er werde mit der -Launischen ebenso schmerzliche Erfahrungen haben wie er selber? Die -Polyandrie der Frau galt als selbstverständlich, und die Eheflucht in -der Männerwelt war ihr Komplement und ihre Voraussetzung. - -[Randnotiz: Messalina. Schönheitsideal. Frisur.] - -Zur Tragödie steigert sich das in den Orgien +Messalinas+, der Gattin -des Kaisers Claudius, deren Herrscherbild auf Münzen stand und die -gar in den Kreis der frommen Vestalinnen aufgenommen war. Sie ist zum -Typus weiblicher Unersättlichkeit geworden. Schließlich wagte sie es, -als Gattin des Kaisers, als Mutter des kaiserlichen Thronfolgers, sich -vor Zeugen und in festlichem Kreise mit dem schönen Silius trauen zu -lassen. Der Kaiser, dieser „Kürbis“, war seit langem abgestumpft; er -wollte auch das nicht bemerken. Die Hofbeamten, freigelassene Sklaven, -waren es, die die scheinbar allmächtige Frau vornehmsten Geblüts aus -dem Taumel schrankenlosen Genusses in den Tod zerrten. Sie wurde in -den lukullischen Gärten von einem Tribun erdrosselt. Was aber war -Messalinas Schuld? Ihre Schuld war nur, daß sie aus der Freiheit der -Sitten der Zeit ohne Scham und Scheu die letzten Folgerungen zog[14]. -Einst war Rom in Angst gewesen, daß Kleopatra aus Ägypten siegreich -in Rom einziehen könnte. Kleopatra ging zugrunde, aber ihr blendendes -königliches Laster zog mit fliegenden Fahnen dennoch ein, und es gelang -den Römerinnen bald, die Königin zu überbieten. Denn das Überbieten war -römische Eigenart. Der Römer blieb nie bei seinem Vorbild stehen. - -Doch wir haben hier nicht den Sittenrichter zu spielen. Auch läßt -sich vielleicht bei alledem noch nicht einmal behaupten, daß das -Geschlechtsleben jener Zeiten gesetzloser war als etwa das heutige -in Paris, Marseille, Neapel oder Rom. Die heutige Zeit versteht sich -besser auf die Heimlichkeit und das Vertuschen, und das beweist -zunächst nur einen Defekt an Ehrlichkeit. - -Werfen wir also lieber auf die +römische Frau+ selbst das Auge: so -gilt in der Tat Schönheit als ihre erste Tugend. Und zwar war Venus -das Ideal der Griechin, Juno dagegen das der Römerin. Junonisch, -hochgewachsen, großäugig, reif, in sich gefestigt, streitbar, dazu -grenzenlos temperamentvoll, so schildern uns die Dichter ihre Schönen. -Der +Putz+ aber ist ihr Hauptaugenmerk, und im Toilettenzimmer werden -viele Stunden verbracht. Die Mütter halten darauf, daß ihre jungen -Töchter als ~virgines~ schmächtig niedrige Schultern haben sowie -durch starke Schnürung schlank erscheinen. Anders die Erwachsenen, -und sie waren Virtuosinnen in der Kleidung. Ich rede dabei nicht vom -Zahnpulver, nicht vom Schminken, Schönheitspflästerchen (~splenia~) und -den künstlich verlängerten Augenbrauen -- denn die zusammengewachsenen -Augenbrauen galten als Schönheit --, auch nicht von den Masken aus -weichem Brot, die dem Teint Zartheit geben sollten; denn von diesen -Hilfsmitteln durften die Männer nichts wissen. Wohl aber ein lobendes -Wort zur +Frisur+: denn die armselige Schablone der modernen Haartracht -kannten damals die Frauen nicht, sondern jede Dame formte sich ihr -Haar individuell, jede verschieden. Ein selbständiger Schönheitssinn -waltete. Das breite Gesicht braucht über der Stirn den Haarknoten -oder ein hohes Toupet, das schmale braucht den flachen Scheitel usf. -Dabei war aber wieder künstliche Nachhilfe beliebt, und wie der dunkle -Italiener noch heute für das deutsche Blond schwärmt, so kauften sich -auch damals die Römerinnen das Blondhaar der Germanen. An Haarnadeln -mit echten Perlen fehlte es nicht. Später wurde der Haaraufbau immer -höher, turmartig, barock, und der Ungeschmack siegte. Wir sehen das -u. a. an den Marmorbüsten der Kaiserinnen; bei manchen läßt sich das -Haar wie eine marmorne Perücke abnehmen; denn die Büste sollte wie -die Kaiserin selbst nach Belieben die Frisur wechseln können. Am -feinsten urteilt Ovid, der nichts reizender findet als eine gewisse -Nachlässigkeit der Frisur; wir sollen meinen, sie stamme noch von -gestern und das Haar wäre nur leicht übergekämmt. - -[Randnotiz: Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren.] - -Und die +Kleidung+? Da ist vor allem dem Wahn zu begegnen, als ob -die antiken Frauen sich in Weiß gekleidet hätten. Man glaubt heute -eine Muse darstellen zu können, wenn man sich ein kalkweißes Bettuch -malerisch umhängt. Für eine Iphigenie ist das annähernd richtig, aber -nur sofern sie Priesterin war. Sonst spielen vielmehr alle Farben im -frohen Wechsel, wofür uns die reizenden bemalten Terrakotten, vor allem -aber die Wandgemälde Pompejis Zeugen sind. Das Kleid, die Tunika, wurde -nur von gewissen Damen fußfrei, von den Hausfrauen dagegen wie ein -Talar lang wallend getragen (~stola~). Unten war eine Falbel aufgesetzt -(~institum~). Dabei waltet Rot und Gelb vor; das Blau tritt zurück; -dann ist Grün beliebt, weil in ihm Gelb enthalten, sowie Violett, -weil es am Rot Anteil hat. Vor allem griff man gern nach schillernden -Stoffen. Nicht grelle, sondern mild gedämpfte, nicht schwere, sondern -flimmernd spielende und gehauchte Farbentöne entzückten das Auge. Dazu -kam dann der Umhang, der gern zwei Farben zeigt, z. B. rot an der -Oberseite, gelblich das Futter; und immer hat das Kleid darunter andere -Farbe als der Umhang. Nimmt man dann endlich noch die bunten Decken -und Kissen hinzu, die bei Geselligkeiten auf den Sesseln liegen, so -müssen wir über diese Farbenfreudigkeit staunen; aber sie ist durch das -feinste Studium geregelt und symphonisch abgewogen. Übrigens wußten die -blassen Damen, daß ihnen Schwarz, die negerhaft dunklen, daß ihnen Weiß -am besten stand[15]. - -Die altmodischen Wollstoffe wurden allmählich durch feines Leinen -(~byssus~) und Baumwolle (~carbasus~) verdrängt. Dann aber kam die -kostbare chinesische +Seide+ und schlug auch diese aus dem Felde. Die -ebenso dreiste wie unkünstlerische Dekolletierung der Modernen, durch -die Nacken und Büste unorganisch in der Mitte quer durchschnitten -wird, kannte das ganze Altertum nicht, aber es entschädigte sich -anderweitig. Netzartig durchscheinende Seidenstoffe wurden auf der -Insel Kos gewebt, und in diesen koischen Gewändern in der Farbe des -Porphyr bewegten sich wie in einer transparenten Wolke die Schönen -der ersten Kaiserzeit. Die Seide war damals übrigens meist Halbseide. -Kostbarer noch das goldgestickte Schleppkleid (~cyclas~), das, rings -mit Akanthus bestickt, anscheinend wie eine Glocke stand und jedenfalls -so schwer war, daß es beim Gehen Streifen im Sande zog. Die Damen des -Hofes wie der Halbwelt trugen es. Und so trat also auch die +Cynthia -des Properz+ aus ihren Gemächern hervor in den Kreis ihrer Bewunderer, -von exotischen Parfüms umwogt, in der Halskette schimmernde Edelsteine, -zum Glück ohne Handschuhe, aber die Füße in feinen roten Lederschuhen, -in denen ihr Gang sich lässig und weich bewegte. - -Was ist +Frauenbildung+? Sie besteht nicht im Bücherlesen; sie besteht -schon im Anstand allein, in der Kunst, sich selbst darzustellen, durch -die heute eine schlichte Italienerin alter Rasse so manche deutsche -Studentin schlägt. Diese Italienerin ist eben die Erbin antiker Kultur, -und die Kultur ist in ihr Natur geworden. Wir hören, daß der Jüngling, -der seiner Dame gefallen will, sein Haar mit Hilfe duftender Salben -frisiert und vor allem sich eine sanfte und wie zögernde Gangart -anerziehen muß. Man tritt eben nicht wie ein Briefträger in das -Wohnzimmer. So gab es nun auch Vorschriften für die Frauen. Die Mädchen -lernten es, schön zu lachen, sie lernten es, schön zu weinen. Keine -Verzerrung der Züge, auch bei der heftigsten Aufwallung! Des Properz’ -Geliebte ist „auch im Rasen noch schön“. Lange Nägel sind gefährlich; -daher ist es Vorschrift, sie kurz zu schneiden. Und nur die schmale -Hand ist schön. Hast du rundlich fleischige Finger, so gestikuliere -nicht. Man zeige stets nur das Vorteilhafte. - -Dem Properz aber schien alle äußere Eleganz an seiner Cynthia nur Tand -und Flitter. Er weiß anderes an ihr zu rühmen. Zwar mit Handstickerei -beschäftigte sie sich nicht; denn die wundervollen Stickereien -des Altertums auf Teppichen und auf Gewändern in Kreuzstich oder -Plattstich waren fast ganz oder ganz ausschließlich Sache der Männer; -die Berufssticker hießen ~phrygiones~. Nur spinnend und webend weilt -Cynthia unter ihren Mägden und klagt ihnen dabei offenherzig ihr -Liebesleid. Dann aber greift sie einsam zur Leyer und spielt und singt. -Sie musiziert künstlerisch. - -Das war damals (40-20 v. Chr.) etwas Ungeheures. Denn nur die Griechen -waren die Musikanten des Altertums. Kein Römer singt öffentlich. -Keiner der römischen Dichter, und selbst nicht Horaz, hat, soviel -wir wissen, Musik zu schreiben verstanden. In Cynthia steht also die -fortschrittliche Frauenbildung der Zeit vor uns. Die Römerin hat sich -nunmehr der Griechin ganz gleichgestellt. Der Gesanglehrer sang vor und -unterrichtete dabei mehrere Damen zugleich, die auf Lehnsesseln um ihn -herumsaßen[16]. Später war es Kaiser Nero, der als Dichter, Sänger und -Kutscher sich produzierte. Für den echten Römer war das ein Grauen, -eine moralische Unmöglichkeit. - -[Randnotiz: Tanz. Verhältnis zur Dichtkunst. „~Domina~“.] - -Aber Cynthia +tanzt+ auch, und auch das war wieder etwas Neues. Horaz -meldet mit Entsetzen, daß damals die Römerinnen Tanzstunden nahmen, -und zwar im regelmäßigen Walzertakt (~Ionicus~). Properz hingegen -bewundert es. So platzen die Ansichten aufeinander. Der Tanz des -Altertums war eben kein Rundtanz, den wir heute auch im Halbschlaf -tanzen. Er war Solotanz! er war ein Wagnis. Beim Gelage erhebt sich -Cynthia und gibt vor den berauschten Blicken der Männer ein Schauspiel -im bacchischen Stil, wie eine im Wirbel bewegte Mänadenstatue oder wie -jene schwebenden Frauen Pompejis, die selbst noch als verblaßte Gemälde -eine Wonne für unser Auge sind. Natürlich geschah derartiges nur im -geschlossenen Raum, nur im Privatkreise. - -Aber noch mehr. Cynthia +dichtet+: sie war Dichterin! und es gab noch -mehr dichtende Frauen. Einige Versschnitzel weiblicher Herkunft sind -uns sogar erhalten. Aber wir legen keinen besonderen Wert darauf. -Denn wie sehr auch Properz, um den Horaz zu ärgern, die lyrischen -Strophen rühmt, die Cynthia dichtete, sie sind doch vor den Oden des -Horaz sofort verblaßt. Jedenfalls aber wird damit bewiesen, daß das -Unternehmen des letzteren nicht ganz originell war[17]. Das Wichtigste -aber ist, daß wir sehen, wie sehr sich allmählich der Interessenkreis -jener Frauenwelt erweitert hat. Der Antonia schickt Krinagoras die -Werke des Anakreon. Auch der Octavia, der Schwester des Augustus, -wurden Bücher gewidmet, und sie war sogar die Gründerin einer großen -öffentlichen Bibliothek. Auch auf Bildern sehen wir jetzt häufiger -einsame Frauen als Leserinnen mit dem Buch. Ovid schreibt vor, daß, -wer um das Herz der Mädchen wirbt, sich hübsch in Versen an sie wenden -soll. Derselbe zählt uns die Liebesdichter auf, die die Mädchen -besonders gern lasen. Für Properz aber ist es die Geliebte einzig und -allein, deren „reines Ohr“ und heller Sinn über den Wert und Unwert -seiner Poesie zu entscheiden hat. - -Was wollen wir mehr? Wir fragen nicht, wie weit das Leben der -großzügigen Frauen jener Zeiten gesetzlos war. Sie gehorchten -ihrer Zeit. Aber sie haben viel getan. Denn an ihnen hat sich die -grandioseste +Liebespoesie+ entzündet, die die Weltliteratur kennt. Ich -rede vor allem von Properz und Catull, jenen ungestümen Troubadouren, -die da jede Zeile mit ihrem Herzblut schreiben, als rängen sie im -Aufschrei und Sehnsuchtsruf um Leben und Tod. Die +Frauen+ waren das -Genie dieser Dichter; so wird uns gesagt. Mehr als das: die Frauen -waren für sie auch das richtende, maßgebende Publikum. Was wäre der -Troubadour ohne die Königin seiner Seele, die da den Preis der Liebe -gibt, die also urteilt, die also an Intelligenz über ihrem Verehrer -steht? Und die Minnedichtung des Mittelalters, die eigentliche Poesie -der Troubadoure selbst, hat sich eben, wie wir wissen, an jene -Augusteische Liebeselegie, von der ich rede, angelehnt und ist von ihr -eine Fortsetzung und Weiterbildung gewesen[18]. Die Zeit des Augustus -war monarchisch geworden, und ein einziger Herr, ein ~dominus~, -herrschte über die Welt. So kam eben damals der Sprachgebrauch +zuerst+ -auf, nun auch die Geliebte ~domina~, Herrin, zu nennen. Daher die -Donna, die Madonna der späteren Zeit. „Wie bist du meine Königin,“ so -singt auch noch Brahms! Eine schwärmerische Huldigung des unterjochten -Ichs! Die Frau rückt auf. Sie wird zur erklärten Herrscherin in der -Welt des Dichters. - -[Randnotiz: Gelehrte Frauen. Juvenal. Grabschriften.] - -Eins aber fehlt damals noch fast ganz, die +gelehrte+ Frau. Denn jene -Frauen, so kunstgebildet sie waren, sie liebten den Aberglauben, und -sie brauchten also das Wissen nicht. Eine Ausnahme macht hierzu, wenn -ich mich nicht täusche, nur die fünfte Frau des Pompejus (sie hatte -den Namen Cornelia, der uns so häufig begegnet); diese junge Frau, die -geradezu den Typus der Studentin trägt, spielt in der Kulturgeschichte -Roms eine bemerkenswerte Rolle, denn sie ist als diejenige Römerin zu -merken, die tatsächlich zuerst fleißig Musik getrieben hat; aber sie -war obendarein auch hochgelehrt, hörte bei griechischen Philosophen -und trieb vor allem sogar Mathematik; das war mißliebig und in des -Pompejus Bekanntenkreis nicht gerne gesehen. Dann taucht erst 150 Jahre -später die gelehrte Frau von neuem bei Juvenal auf; und zwar stellt sie -Juvenal mit der turnenden und fechtenden Frau zusammen. Vielleicht hat -er damit so unrecht nicht. Nach Seneca ging die Emanzipation so weit, -daß die Frauen auch mit um die Wette trinken; dann verlieren sie die -Haare und bekommen Podagra[19]! - -Der hämische Frauenspiegel, den Juvenal geschrieben, wirkt auf uns -erschreckend, ein grausig verzerrtes Spiegelbild. Sein Weiberhaß hat -alle naive Grazie des Lebens erdrosselt. Er argumentiert z. B. so: Die -Rachsucht ist verwerflich, warum? weil alle Frauen rachsüchtig sind. -Erhänge dich lieber, als daß du heiratest, ist daher sein Rat. Mit -ihrem ~hoc volo, sic iubeo~ knebelt die Frau den Mann. Wie soll man -noch eine erträgliche Person finden? Sie ist ein so seltener Vogel -(~rara avis~). So wie Juvenal[20] denkt aber auch Publilius Syrus, der -von der Bühne herunter ins Publikum ruft: „Ein Weib ist nur dann gut, -wenn sie offen schlecht ist!“ - -So ist zu meinem Bedauern das laute Schelten wieder an unser Ohr -gedrungen, das Schelten der griesgrämigen Moralisten und der nüchternen -Sozialpolitiker, die sich in ihrem Tadel einig sind. Es erweckt -schließlich unseren Überdruß. Haben wir nach anderen Tönen Verlangen -und wollen die Frauen auch einmal inbrünstig loben hören, so müssen -wir ihre Grabsteine aufsuchen. Denn die Vergangenheit ist wie ein -Friedhof, und abertausende von solchen Steinen sind uns aus dem -Altertum erhalten. Der trauernde Witwer ist es, der in der verstorbenen -Gattin allerdings eitel Tugend sieht; das sagen uns die Inschriften -auf den Steinen. Nach ihrem Tod erschallt ihr Lob. Daß sie treu, daß -sie häuslich und fleißig war, das ist da allemal ihre Tugend[21]. -Daß sie treu? Wir lesen es gern, aber wir wundern uns doch. Denn -welcher deutsche Mann würde es heute seiner Frau wohl über dem Grab -ausdrücklich nachrühmen mögen, daß sie die Ehe nicht gebrochen habe[22]? - -Dann aber wenden wir uns zu Plinius, dem Zeitgenossen des Trajan und -der Plotina, der kaiserlichen Philosophin. Wie viel liebenswürdiger als -Juvenal urteilte damals Plinius, der uns in seinen Briefen so manches -Stadtgeschwätz mitteilt! Rufin, erzählt er, ist so alt und dekrepid, -daß er sich die Zähne von anderen putzen lassen muß; trotzdem hat -eine junge, vornehme Witwe ihn geheiratet; man hat das beiden schwer -verdacht; aber die junge Frau pflegt den Mann nun auf das rührendste, -und er belohnt sie eben jetzt durch ein reiches Vermächtnis. - -[Randnotiz: Frauengestalten der Kaiserzeit. Cornelia bei Properz.] - -Die Ehre der Wittib schien damit hergestellt. Dem sei wie ihm sei, wir -wissen aus eben jener Zeit von edlen Frauen genug, die einer solchen -Nachsicht nicht bedurften, auch solchen, die mit ihren Männern wie -Heroinen in der Verfolgung litten und starben. Berühmt ist die ältere -Arria, berühmt das „~Paete, non dolet~“[23] in ihrem Munde. Vor allem -an Willenskraft und Haltung hat es auch noch jenen Römerfrauen nicht -gefehlt. - -Ich fuhr über den Comer See, berichtet derselbe Plinius. Da wies mich -ein älterer Reisegenosse auf eine Villa am Ufer hin. Ein Zimmer des -Hauses ragte weit über den See. „Dort hat sich vor Zeiten,“ erzählte -er mir, „eine unserer Mitbürgerinnen herabgestürzt.“ Warum? „Ihr Gatte -war krank, mit Schwären behaftet; ärztliche Hilfe fehlte; sein Leiden -schien schmerzhaft und unheilbar. Da beschloß sie ihn vor weiteren -Qualen zu bewahren, band ihn an ihren eigenen Körper fest und stürzte -sich von oben mit ihm in die Flut.“ -- Wir zucken zusammen. Die Energie -einer Barbarin! Plinius indes fragt nur: Ist dieses Weibes Opfermut -etwa geringer als der Opfermut Arrias? Aber der Ruhm wird ungleich -verteilt im Leben; denn die eine Frau war von Adel, die andere war -namenlos. - -In Rom ist eine Vestalin erkrankt und wird aus dem ~Atrium Vestae~, -dem Vestalinnenkloster auf dem Forum, entlassen und zur Pflege der -vornehmen Fannia übergeben. Fannia war die Enkelin eben jener Arria, -von der ich sprach. Die Krankheit war aber ansteckend; Fannia wird von -ihr ergriffen und verfällt rasch dem Tode. An ihrem Sterbelager rühmt -sie der nämliche Plinius: Welcher Verlust für unsere Gesellschaft, -daß sie dahingeht! Zweimal hatte sie schon mit ihrem Gatten das Exil -geteilt; da erscheint aus der Feder ihres Mannes ein Werk, das den -Helvidius, den Vater Fannias, verherrlichte. Dieser Helvidius war ein -Vorkämpfer der Sittlichkeitsbestrebungen jener Zeit und der großen -stoischen Gemeinde Roms, war ein Widersacher erst Neros, dann auch -Vespasians gewesen. Fannia selbst aber wird darauf vor Gericht gezogen -und nimmt alle Schuld auf sich allein: +sie+ hat den Gatten das Werk -zu schreiben veranlaßt; +sie+ hat ihm dazu das Material gegeben. Sie -allein wird verbannt, ihr Vermögen kassiert. - -Eine vornehme Vestalin wird unter Domitian verdächtigt, in -Liebesverkehr mit etlichen Männern gestanden zu haben. Sie leugnet. -Das Publikum glaubt an ihre Schuld. Der Kaiser selbst entzieht ihr -jede Gelegenheit, sich zu verteidigen, greift kurzerhand auf die alten -Satzungen Roms zurück und läßt die für schuldig gehaltenen Männer -öffentlich zu Tode peitschen, die Vestalin selbst lebendig begraben; -eine Tragödie im Stil der Antigone. Mit der stolzen Miene verkannter -Unschuld ging die Frau in den Tod. Als sie in die offene Grube -hinabstieg und ihre lange Schleppe am Grabesrand hängen blieb, wandte -sie sich noch einmal um und nahm das Kleid sorglich zusammen. Der -gemeine Henkersknecht wollte sie anfassen; da schnellte sie zurück und -kehrte sich ab, als könnte seine Berührung ihre gottgeweihte Reinheit -entehren. Alle Zeugen des Auftritts waren ergriffen. Wer konnte noch an -ein „schuldig“ glauben? Das Publikum hatte den Eindruck des Erhabenen. - -Wir aber wollen zum Schluß die Gedanken einer Kernrömerin aus -friedlicheren Zeiten vernehmen. Es ist +Cornelia+, nicht die Frau des -Pompejus, nicht die Mutter der Gracchen, sondern eine jung gestorbene -Frau der augusteischen Zeit gleichen Namens, und es sind Gedanken, die -diese Frau auf ihrem Sterbebette hegt. Da hören wir, wie sie stolz ist -auf die Vornehmheit ihres Blutes, stolz auf das Ansehen ihres Bruders, -stolz auf ihren eigenen, fleckenlosen Namen. Gleichwohl wendet sie sich -voll Zartsinn an den Gatten Paulus: „Du sollst nun auch, da ich zu den -Toten zähle, Mutterstelle bei unseren Söhnen und Töchtern vertreten und -sie zärtlich auf den Arm nehmen. Küssest du sie, so füge auch jeden -Morgen die Küsse der Mutter hinzu. Härmst du dich um mich, so laß doch -die Kleinen deine Tränen nicht sehen. Die Nacht magst du mit Trauer um -mich ermüden, und ich will kommen und will im Traum bei dir sein. Ihr -aber, meine Kinder, sollt, wenn der Vater sich neu vermählt und eine -Stiefmutter mein Lager besteigt, es ertragen, sollt es loben, was der -Vater tut, und euch so verhalten, daß ihr das Herz der Stiefmutter -besiegt. Lobt mich vor ihr nicht zu offen; es könnte sie kränken, wenn -sie sich mit mir vergleicht. Bleibt aber der Vater ehelos und hängt nur -mir an, auch wenn ich Asche bin, so bemüht euch, dem Verwitweten sein -kommendes Alter zu lindern, und laßt ihn keine Sorgfalt vermissen. So -viele Lebensjahre mir geraubt sind, um so viel länger möget ihr unter -der Sonne wandeln, und wenn er auf +euch+ blickt, soll Paulus Freude -daran haben, alt zu werden!“ - -Wie natürlich, wie kernhaft, wie schlicht diese Frauenworte! Mit -solchen Gedanken sterben edle Frauen und werden sterben zu allen -Zeiten. In der „Königin seiner Elegien“ hat Properz diese Worte -zusammengestellt. - - - - -Antike Gastmähler. - - Motto: ~Ingeniosa gula est~ (~Martial~ 13, 62). - - -Indem ich von Gastmählern zu handeln beginne, muß ich befürchten, die -Erwartungen des Lesers auf das schwerste zu enttäuschen. Wer sich -zu Roms Blütezeit, wer sich zu den sogenannten klassischen Völkern -zurückwendet, pflegt dies aus idealistischem Bedürfnis zu tun; die -Kunst der Alten ist in ihrer Vollkommenheit wie keine andere geeignet, -uns zu läutern und zu erbauen, die Wissenschaft und Philosophie der -Alten in ihrer naiven Klarheit wie keine andere, uns auf dem Wege zur -Wahrheit zurechtzuweisen. Hier soll nun gleichwohl die Wahrheit auf -sich beruhen bleiben und unser Kunstsinn soll darben. Wir greifen ins -Alltägliche und fragen: Was haben jene klassischen Alten zu Mittag -gegessen? und wie haben sie es getan? Das menschliche Leben ist wie -ein Haus mit mehreren Stockwerken. Im Erdgeschoß wohnt die Moral; eine -Treppe darüber die Wissenschaft; im obersten Stock, dem Himmel am -nächsten, wohnt die Kunst; wir begeben uns heut ins Kellergeschoß, wo -der Materialismus seine Küche und seine Weinschränke hat. - -[Randnotiz: Ästhetische und volkswirtschaftliche Gesichtspunkte.] - -Eine Betrachtung über die Mahlzeiten der Alten ließe sich freilich -sowohl in ästhetischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht ausbeuten -und vertiefen. Ästhetisch: denn wie wir schon aus unserem Schiller -wissen, nicht nur Poesie, Plastik, Musik und der Tanz fallen unter den -Begriff +Kunst+, sondern auch die Formen des Verkehrs selbst und der -menschlichen Geselligkeit; ein Gastmahl gehört aber zur Geselligkeit -und beansprucht und hat in jedem Falle schönheitliche Wirkung. Somit -würde sich fragen lassen, inwiefern in dieser Beziehung die Alten -hinter uns zurückstanden und inwiefern wir doch auch andererseits von -ihnen lernen und unseren Kanon des Schönen erweitern könnten. - -Aber auch in das Licht eines größeren wissenschaftlichen Interesses -ließen sich die mehr oder minder merkwürdigen Einzelheiten rücken, -die wir zusammenstellen wollen: in das Licht nationalökonomischer -Betrachtung. Von der Art, wie sich der Einzelmensch und wie sich -ein Volk ernährt, ist seine Gesundheit abhängig, zunächst seine -körperliche, dann aber auch seine geistige Gesundheit. Freilich paradox -übertrieben und darum grundfalsch wäre es zu sagen, daß, wer nicht gut -+lebt+, darum auch nicht +gut+ lebt[24]! Jedenfalls aber muß ein Volk, -das nicht Wert auf seine Speisen und auf eine gewisse Mannigfaltigkeit -in der Ernährung legt, notwendig auch in seiner sonstigen Kultur auf -niederer Stufe stehen. Die Früchte der geistigen Kultur brauchen, um -zu gedeihen, einen materiell gut genährten Boden. Der Luxus kann so -heilsam wirken wie der Wohlstand, der seine Ursache ist. - -[Randnotiz: Beginn des Luxus. Übertreibende Schilderungen.] - -Wilhelm Roscher unterschied dereinst einleuchtend und mit Grund zwei -Arten des Luxus, die sich zeitlich ablösen: den Luxus der roheren -Zeiten, wie des Mittelalters, wo es zwar Prunk einzelner Großen, -aber noch keine Gepflegtheit des Lebens gibt, welche größeren Teilen -des Volkes gemeinsam wäre, und den Luxus entwickelter Kulturepochen, -in denen jener Prunk zurücktritt und die Wohlgepflegtheit das -Leben der Nation wirklich behaglich erfüllt. Derartig entwickelte -Epochen sind einerseits unsere Gegenwart, etwa vom Zeitalter -Ludwigs XIV. ab gerechnet[25], andererseits die römische Kaiserzeit. -Die Aufgabe liegt nahe, beide Perioden aus volkswirtschaftlichen -Gesichtspunkten zu vergleichen, die ähnlichen Erscheinungen auf -ähnliche Ursachen zurückzuführen, hier und dort das Verhältnis des -Luxus zum Nationalwohlstand nachzuweisen und danach die Frage nach der -Dienlichkeit des Luxus, insbesondere des Tafelluxus zu erörtern. - -An keine der beiden angedeuteten Aufgaben können wir indes hier -herantreten. Denn es erfordert schon Zeit genug, von den Tatsachen -selbst Kenntnis zu nehmen, auf die ich mich darum vorsätzlich -beschränke. Die Vergleichungsresultate für das Einzelne wie für das -Ganze werden sich dabei manchem stillschweigend von selbst ergeben. -Sollte aber der ernste Ton, der mir Pflicht ist, im Verfolg hie und -da in das Heitere umschlagen, so wolle man gelinde sein und Nachsicht -üben: über gewisse Dinge kann eben auch der Ernsthafte nur mit Lächeln -reden. - -Die Periode des größten Luxus in Rom war die Zeit von Augustus bis -zu Neros Tod, wie Tacitus ausdrücklich sagt. Hernach, seit Vespasian -und Trajan, erfuhr er, so scheint es, erhebliche Einschränkung. Schon -Cicero aß gut, und die Zeit des strammen Altrömertums, wo man sich -bäurisch mit Bohnen, Rüben und steifem Gerstenbrei den Bauch füllte -und alle Leute nach Knoblauch und Zwiebeln aus dem Munde rochen, -war damals längst vorüber. Was billig ist, schmeckt nicht: dieser -Grundsatz der Protzen kam schon in den letzten Jahren der Republik in -Aufnahme, und der Staat sah sich damals veranlaßt, wiederholt Gesetze -wider den Tafelluxus zu erlassen. Aber erst seit Caesar und +Lucull+ -beginnt dieser Luxus wirklich zu herrschen; damals beginnt die Einfuhr -außeritalienischer Viktualien nach Italien und Rom im großen Stil. Wir -beschränken uns im folgenden vorzüglich auf die Zeit von Caesar bis -etwa Domitian. - -Die Alten sind selbst schuld, daß wir uns um ihre Ernährung bekümmern. -Warum reden sie so viel davon? Wenn ich die Quellen angeben wollte, -aus denen die folgende Darstellung gewonnen ist, würde ich die meisten -zeitgenössischen Autornamen zu nennen haben. Diese Schriftsteller -zerfallen in zwei Klassen: die einen, wie z. B. Plinius, sind Stoiker -von Gesinnung und berichten über alles nur mit bedeutendem Stirnrunzeln -und in unverständig asketischer Tendenz; die anderen, geringer an -Zahl, tragen den Epikur, der in ihnen steckt, ehrlich zur Schau. -Epikur selbst war freilich nicht schuld, daß sich diese Feinschmecker -der römischen Kaiserzeit gerade nach +ihm+ benannten. Ihm war alle -Übertreibung ein Laster, und auch seine Gegner bezeugen, daß dieser -griechische Lebenskünstler von Wasser und Brot lebte und bestenfalls -dazu etwas Käse nahm (griechischen Inselkäse von Kythnos). - -Am ausführlichsten ist +Petronius+, der uns das Gastmahl des Trimalchio -mit unvergleichlicher Komik geschildert hat. Allein wir können leider -nur gelegentlich von ihm Gebrauch machen; denn die Absicht des -Erzählers ist dabei lediglich, durch abenteuerliche Übertreibungen -die Wirklichkeit zu überbieten; sein Held Trimalchio ist Libertin, -Emporkömmling und Geldprotze, der noch gestern nichts war, der einen -Lumpenhändler Echion, einen Steinmetz Habinnas und ähnliche dunkle -Existenzen zu Gästen hat und sich von ihnen in albernster Weise -huldigen läßt. Dabei sagt er ihnen ins Gesicht: „Gestern gab ich -geringeren Wein und hatte doch viel bessere Leute zu Tisch, als ihr -seid,“ und alles geht dabei möglichst verrückt und möglichst unfein zu. - -Ebensowenig aber wie dieser Trimalchio dürfen auch gewisse andere -Nachrichten, die man in früheren Zeiten besonders gern heranzog, über -wüsten Luxus und Tollheiten einzelner, insbesondere einiger römischer -Kaiser, für unsere Auffassung maßgebend sein. Im Ruf eines Vielfraßes -stand so der Kaiser +Vitellius+; er nahm vier Mahlzeiten am Tag; sein -Bruder gab ihm einen Ehrenschmaus, wobei 2000 Stück Fische, von den -besten Sorten, und 7000 Stück Vögel die Tische belasteten. Vitellius -ist in der Vertilgungskunst nur von dem halbbarbarischen König -Mithridat übertroffen worden. Derselbe Vitellius stellte einmal ein -Gericht zusammen, das in Rom lange unvergessen blieb, bestehend aus -Leber von Makrelen, Pfauenhirn, Flamingozungen und ähnlichem. Caligula -opferte täglich entweder Flamingos oder Trappen und Pfauen; das Beste -von seinem Opfer verzehrte natürlich der Opfernde selbst. Elagabal aß -Straußenhirne. Aesop, der große tragische Schauspieler, trank einmal -eine köstliche Perle, im Wein aufgelöst, die Metella im Ohr getragen; -derselbe ließ 6000 Singvögel, insbesondere Nachtigallen, auf einmal -braten; das kostete ihn an die 20000 Mark. Solche Verrücktheiten -und Barbareien bezeugen gerade dadurch, daß sie uns mit Entsetzen -berichtet werden, daß sie vollkommen aus der +Gewohnheit+ der damaligen -Zeit herausfielen. - -Noch sei hier aber an etwas Wertvolleres erinnert. Die Vorfahren -von Davidis’ Kochbuch reichen weit ins Altertum zurück; das älteste -Kochbuch war wohl das des Simos[26] um das Jahr 400 v. Chr. (natürlich -in Versen). Diese ersten Lehrschriften betrafen zunächst die -Zubereitung der Fische. Ein Epos derart fing mit der Zeile an, die -den Anfang der Odyssee parodiert: Δεῖπνα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροφα -καὶ μάλα πολλά. Leider ist dieser Vers in seiner parodischen Feinheit -unübersetzbar[27]. Diese tiefsinnige Literatur wurde hernach immer -häufiger, und unter des großen Schlemmers +Apicius+ Namen liegt uns nun -ein solches Kochbuch noch wirklich vor. Ein ähnliches Buch schrieb der -Römer +Matius+. Ja, auch Frauen haben sich an dieser gastronomischen -Schriftstellerei beteiligt; eine Charlotte Birchpfeiffer kann sich für -ihre Taten auf Sappho berufen, eine Davidis auf jene Gnathaina, die -gewiß nicht ohne Humor eine „Gesetzgebung für Gesellschaftsessen“, -einen ~Nómos syssitikós~ verfaßt hatte, wovon man auf der -großen alexandrinischen Bibliothek ein Exemplar wirklich -aufbewahrte. - -[Illustration: - - Tafel 3 - -Trinkgelage. - -(Neapel, Museo nazionale.)] - -Das Altertum war sehr gastfrei, um so gastfreier, da das Gasthofswesen -so wenig entwickelt war und man eleganter Speisewirtschaften -entbehrte[28]. Um ein größeres Essen zu geben, mußte man sich nun vor -allem klarmachen, wen man und +wie viele+ man einladen wollte. Nur -ja nicht zu viele, dies predigt uns Plutarch. Die Gäste dürfen ja -nicht zu eng sitzen. „Lieber Mangel an Wein, als Mangel an Platz!“ -Meistens, besonders in älterer Zeit, lud man nicht mehr als neun -Personen (die Zahl der Musen). Die Zimmer faßten nicht mehr, und solche -„Triklinien“ für neun Gäste sind aus Pompeji bekannt genug. Dies -blieb also Regel, obwohl man in der Kaiserzeit sich auch besondere -Eßsäle baute, die es möglich machten, in einem Privathause auch 27-36 -Personen bequem zu vereinigen; die größte Zahl, von der wir hören, -sind einmal 270 Personen an 30 Tischen. Plutarch sagt: „Wer selten -einlädt, muß mehr Personen bitten, daher sei lieber öfter gastfrei.“ -Und man war das in der Tat. Kam ein Auswärtiger nach Rom und hatte -persönliche Beziehungen, so sah er sich sogleich zu Tisch gebeten. Die -verhältnismäßig geringe Anzahl der Gäste aber ist bei der Würdigung des -Tafelluxus der Römer immer gegenwärtig zu halten. - -[Randnotiz: Kochbücher. Zahl und Auswahl der Gäste. Tischordnung.] - -Sodann aber: wen laden wir ein? Plutarchs Weisheit hilft uns auch -hier. Die Gesellschaft muß zueinander passen; bitte nur die zusammen, -die sich miteinander gut stehen. Wer Großwürdenträger bittet, eine -Zelebrität der Börse oder des öffentlichen Lebens, der sorge, daß auch -die übrigen Gäste damit harmonieren. -- Die Einladungsbilletts müssen -rechtzeitig geschrieben werden. Man lernte sie künstlerisch abzufassen, -und Beispiele davon zieren die antike Literatur. -- Wichtig ist dabei -auch, ob man Plätze belegen soll. Wir fragen denselben Plutarch um Rat; -er urteilt hier wiederum mit Kennerblick. Man unterscheide Mahlzeiten -mit guten Bekannten und steife Festessen; nur bei den letzteren sind -Plätze zu belegen. Freilich dürfen wir nicht glauben, daß man etwa -Zettel, daß man Tischkarten legte, wie wir es tun. Ein besonderer -Sklave (~nomenclator~) war dazu da, jedem Gast seinen Platz anzuweisen. - -[Randnotiz: Schatten. Klienten. Damen. Tageseinteilung.] - -Durch dreierlei aber unterscheidet sich eine antike Tischgesellschaft -doch wesentlich von der unsrigen. Erstens konnte jeder Geladene stets -auch noch sonst Freunde mitbringen, die nicht geladen waren; diese -Ungeladenen nannte man Schatten, ~umbrae~; sie waren höchst willkommen. -Der Wirt mußte also seinen Küchenvorrat und seine Tischordnung immer -auf solchen Zuwachs einrichten. War es doch alte Hausregel in Rom, daß -stets auf dem Tisch noch etwas Eßbares übriggeblieben sein mußte, wenn -er fortgetragen wurde. - -Zweitens sind hier die sogenannten +Klienten+ zu nennen. Unter Klienten -versteht die Kaiserzeit die Unmasse derjenigen freien Einwohner Roms, -die, ohne Beschäftigung, ohne Einkommen und Lebensstellung, sich -von der Gunst und Freigebigkeit vornehmer Gönner und Schutzherren -ernährten. Die Anzahl solcher schmarotzerhaften Existenzen, die sich -an ein vornehmes Haus hängten und unter denen sich oft auch gerade -die geistreichsten Leute, wie der Dichter +Martial+, befanden, konnte -bis hundert, ja zu mehreren Hunderten anwachsen. Diesen Klienten nun -lieferte der Patron ihr Mittagbrot, und zwar entweder ins Haus (es -wird dann geschätzt auf etwa 13 Groschen pro Tag; dies Geld hieß -„Sportel“), oder aber er zog auch einzelne von ihnen zu seiner Tafel. -Die Klienten erhielten dann aber oft abseits einen besonderen Tisch -angewiesen und bekamen geringere Speisen vorgesetzt. Darüber lesen -wir manches bittere Klagelied: die Speisen schmeckten nach schlechtem -Öl; es gab Tiberfisch, der in der Nähe der Kloaken gefangen war, zum -Schluß nur einen schäbigen Apfel. Dazu dann noch der hochfahrende Ton -der Bedienung! Aber auch abgesehen von diesen Nebenumständen erhält -die antike Tischgesellschaft durch die Anwesenheit der Klienten eine -wesentlich andere Physiognomie als die unsrige. - -Drittens aber -- und dies stelle ich nicht ohne einige Bestürzung -fest -- waren die Festessen zumeist nur Herrenessen. Daß auch Damen -teilnahmen, wird selten erwähnt. Nur die Hausfrau mit den Kindern war -öfter gegenwärtig, ja sie bekümmerte sich sogar bisweilen auch um die -Bewirtung. Daß die Gäste ihre Frauen mitbrachten, war nicht häufig -der Fall. Waren aber solche da, wie z. B. bei dem Priesterfestessen -des Lentulus, an dem neun Männer und sechs Frauen teilnahmen, dann -erhielten die letzteren ein besonderes Sofa für sich. Von einer „bunten -Reihe“ wußte man also gar nichts[29]. Kein alter Schriftsteller schwärmt -daher auch je von seiner Tischnachbarin. Dies ist es, was wir, wie -gesagt, nicht ohne Enttäuschung wahrnehmen. - -Verfügen wir uns ins Haus des Gastgebers. Wir setzen als Jahreszeit -etwa den Herbst an. Denn Aristoteles sagt, ich weiß nicht, ob mit -Recht: im Herbst ißt der Mensch am meisten. Schon tags vorher hat -der Hausherr -- denn die Frau des Hauses bekümmert sich in der Regel -um diese Dinge wenig -- die nötigen Anweisungen an seine Diener, -insbesondere an den Aufseher der Tischbedienung gegeben, und schon früh -am Morgen stellen die Hausdiener alles zurecht und decken den Tisch, -d. h. aber ohne Tischdecke. Tischdecken, mit dem Zweck, die schöne -Tischplatte zu schonen, wie wir sie im „Abendmahl“ Lionardos sehen, -kamen etwa erst im zweiten Jahrhundert auf[30]. - -Der Hausherr selbst ist, nach der Gewohnheit, morgens etwa gegen 6 Uhr -ausgestanden (nur Tagediebe wie Horaz standen erst um 10 Uhr auf); -und schon so früh, um 6 Uhr, ist die Visitenstunde für die Klienten, -die der Patron im Atrium empfängt. Erst gegen 9 Uhr nimmt der Herr -das erste Frühstück (~ientaculum~), nichts weiter als Brot, -Wein, Honig und etwas Käse. Dann folgt die Geschäftszeit bis 12 Uhr; -wer gerade nichts Besseres vor hatte, der konnte die Geschäftszeit -bis 4 Uhr nachmittags ausdehnen[31]. Gegen 12 Uhr aber regt sich der -Hunger doch schon mit Macht; das zweite Frühstück (~prandium~), -um 12 Uhr, war darum schon ziemlich nahrhaft; man nahm dazu, wie uns -Plautus belehrt, auch aufgewärmte Sachen vom gestrigen Mittag. Dann, -nach gestilltem Hunger, war man glücklich für ein Mittagsschläfchen -(~meridiatio!~) reif; ganz Rom lag zwischen 1 und 2 Uhr tief im -Schlafe; dies war eben die Stunde, in der Alarich Rom eroberte. Sodann -aus der Schlummerecke ins Bad! Das Bad, zwischen 2 und 4 Uhr, schien -keinem, dem Vornehmsten wie dem Geringsten, entbehrlich. Wenn man dann -dem Kaltwasserbassin oder der warmen Dusche entstieg und noch etwas -Ball gespielt hatte, brachte man zur Tafel die leckerste Genußsucht und -einen herrlichen Hunger mit. Es ist inzwischen gut 5 Uhr geworden. Das -Gastmahl kann beginnen. - -[Randnotiz: Eßsäle. Gesellschaftskleidung. Tische und Klinen.] - -Der Hausherr harrt natürlich seiner Gäste. Zeichen des ungebildeten -Protzentums ist es, wenn Trimalchio sich erst dann in den Saal tragen -läßt, wenn seine Gäste schon alle bei Tisch sind. Auch Kaiser Tiberius -machte es übrigens nicht anders. Auch die aufwartenden Kellner, für -jeden Gast mindestens einer, stehen bereit: schöne alexandrinische -Pagen, dazwischen zur Abwechslung ein Mohr und ein gelber Indier. Das -Haus hat zwei Eßsäle; der eine, für den Winter, liegt der wärmenden -Sonne zugekehrt; der andere ist laubenhaft kühl und tief verschattet; -ihn benutzt man in der warmen Jahreszeit. Denn Heizung fehlte. Die -Wände im Saale sind mit köstlichen Vorhängen drapiert; es waren ohne -Zweifel Gobelins mit bildlichen Darstellungen; sonst hätte man die -Wandmalereien des Saales gewiß nicht mit ihnen zugedeckt[32]. Unter der -getäfelten Decke hängen wohl auch frische Girlanden. In den Saalecken -stehen die Kandelaber, mit Lämpchen reichlich behängt. Der Fußboden ist -blanker Marmor oder festes, buntstrahlendes Mosaik. Fußteppiche gibt es -nicht. Ein prächtiger Nebentisch (~abacus~) aus Bronze oder Marmor tut -etwa die Dienste unseres Büfetts und trägt das silberne Trinkgeschirr, -den Ruhm des Hauses. - -Es fällt den Gästen nicht schwer, rechtzeitig zu erscheinen, wenn man -nicht etwa vormittags ins Theater gegangen war, wodurch sich leicht -alles verschob. Plutarch tadelt einmal seine Söhne, daß sie aus dem -Theater zu spät zu Tisch gekommen sind, ganz außer Atem (τρεχέδειπνοι), -was doch nicht einmal gesund ist. Sonst sorgt schon der Diener, der im -Haus die Stunden ausruft und die Taschenuhr ersetzt, für Pünktlichkeit. -Man kommt in Gesellschaftstracht; Toga und Schuhe oder Stiefel trägt -man nämlich nur auf der Straße, und nicht einmal das; denn die Toga kam -überhaupt ab. Zu Tisch geht man dagegen auf leichten Sandalen und in -einem +Tischrock+ (~synthesis~) aus grünem oder lila Kattun oder Seide; -d. h. man +geht+ eben nicht, sondern läßt sich in der Sänfte tragen. -Man begrüßt sich endlich; man legt sich an seinen Platz. Jeder hat auch -noch seinen eigenen Diener mitgebracht[33]. - -Man +legt+ sich an seinen Platz? Ganz richtig. Es klingt zwar -äußerst sybaritisch und scheint vor allem die unvernünftigste -Raumverschwendung. Die Alten sitzen nicht, sie liegen beim Essen. - -Vergegenwärtigen wir uns die Verhältnisse genauer. - -Ausziehtische kannte man nicht. Es ist ein Unding, wenn wir heute 20-30 -Personen um ein solches Rechteck herumsetzen, das zehnmal so lang wie -breit ist. Wir reden wohl vom „Cercle“, vom „Gesellschaftskreis“ und -von „Tafelrunden“, aber wir wissen diese Runde nicht zu verwirklichen. -Die Alten hielten streng auf zentrale Anordnung, so daß bei der Tafel -möglichst jeder jedem ins Gesicht sah, und sie hatten also entweder -geradezu Rundtische, die tragbar waren und um die im Hemizyklium -nicht mehr als etwa 8 Personen radial liegend Platz fanden auf einem -Rundsofa, dessen Lehne nach der Tischseite zu hochgepolstert war -(dies ist aus den ältesten Abendmahldarstellungen bekannt; man nannte -dies Rundsofa auch Sigma, weil der Buchstabe Sigma die Halbkreisform -hat); oder aber jeder Tisch hatte genau quadratische Form. Dies -war die Regel, und er war alsdann an drei Seiten von Ruhebetten, -Longchaisen, umgeben. Diese Lager hießen griechisch +Klinen+ und danach -der Speiseraum Triklinium, der Raum für die drei Klinen. Die vierte -Seite eines solchen quadratischen Tisches blieb dagegen unbesetzt; an -diese leere Seite trat von der Tür aus der Bediente, um die Gerichte -aufzusetzen und wegzunehmen. Auf jedem der drei Speiselager können -immer je drei Personen liegen; die Ehrenplätze sind auf dem mittelsten. -An jedem Tisch liegen somit höchstens neun Personen, und es war -also auch hier erreicht, daß jeder mit jedem sprechen konnte. Waren -außerordentlicherweise mehr als neun Mitesser, so wurde an mehreren -Tischen gegessen, also mehrere Zentren geschaffen. Kam noch ein -unerwarteter Gast dazu, so mußte er im Notfall mit einem Stuhl vorlieb -nehmen. Die Frauen saßen nur und lagen nicht, zum wenigsten in den -Häusern, wo bessere Sitten herrschten. - -Das Speiselager war nicht flach, sondern nach der Tischseite zu -erhöht; man bestieg es von der Außenseite und lag nicht etwa der -Tischkante parallel, sondern radial ansteigend auf das Zentrum des -Tisches gerichtet, die Füße nach außen; man stützte dabei den linken -Ellbogen auf ein loses Kissen, so daß der Abstand des Mundes vom Tisch -recht groß war und es erhebliche Schwierigkeit gemacht haben muß, die -Tischplatte zu küssen; denn auch dies kam vor[34]. Man hatte endlich -zum Essen immer nur die rechte Hand frei. Dies ist vielleicht das -bemerkenswerteste: die Römer waren Eßkünstler, wie es heut keinen gibt; -sie mußten mit einer Hand essen. - -[Randnotiz: Beginn des Essens. Zahl der Gänge. Nachtisch. Braten.] - -Kaum liegen wir, wirklich ungemein behaglich, auf den purpurnen -Pfühlen, die mit deutschen Gänsefedern gestopft sind (die Klinen selbst -sind, wenn auch nicht massiv aus Silber und Gold, so doch kostbar mit -Edelmetall oder Elfenbein inkrustiert), so kommen die Tafeldiener und -waschen uns die Hände und wohl gar auch die Füße. Die Sohlen werden -abgelegt. Dann folgt das Tischgebet (~deos invocare~), das nie fehlt, -sodann vor allem erst ein Gläschen Glühwein (~calda~), möglichst heiß! -Denn das Bad bekommt eben nicht, wenn man nicht solch heißen Schluck -daraufsetzt. Und nun -- nun kommt hoffentlich eine gute Fleischbrühe? -eine kräftige Julienne? O nein, wir verrechnen uns. Hier stellt sich -gleich ein bedeutendes Defizit der antiken Speisekarte heraus. Suppe -gab es weder zu Anfang noch nachher (die berüchtigte spartanische -Blutsuppe war nur ein Ragout, nach Art unseres Schwarzsauer, und auf -das alte Sparta beschränkt). Ein römisches Essen fing eben ~ab ovo~ an; -d. h. man verspeiste ein paar pflaumenweiche Eier zu Anfang. - -Studieren wir etwas die Speisekarte. Eigentlich ist dies freilich -unerlaubt. Die Speisekarte liegt immer nur in +einem+ Exemplar auf dem -Tisch, und zwar beim Hausherrn, der danach still und geheimnisvoll -seine Befehle an die Dienerschaft gibt. Drei, vier oder auch fünf -Gänge stehen uns bevor, jeder Gang aber zu sehr vielen Schüsseln. Der -Gang heißt ~missus~. Jede reichere Mahlzeit teilt sich vor allem in -drei deutlich abgesonderte Teile: erstlich das Entree; zweitens die -mittleren Gänge (oder Gang) mit den ~morceaux de résistance~ (man -verzeihe die vielen Fremdwörter; ich winde mich, aber kann sie nicht -vermeiden); drittens der Nachtisch. Nur der mittlere dieser drei Teile -heißt eigentlich Mahlzeit, ~cena~. - -Die Speisefolge auszuwählen, haben Geschmack und diätetische Rücksicht -zusammengewirkt. Denn die Ärzte des Altertums wandten der Diätetik und -so auch den Tafelspeisen die allerhöchste Achtsamkeit zu. Beginnen -wir mit dem letzten, so war der Nachtisch äußerst leicht: Nußtorte, -Schokoladencreme, Schlagsahne (ἀφρόγαλα) fehlen gänzlich; man nimmt -nur leichtestes trockenes Backwerk, wohl auch etwas Alpenkäse, den -man schon damals besonders schätzte (~caseus Vatusicus~), griechische -Mandeln, persische Wallnuß, rohes oder auch eingemachtes Kernobst, -letzteres so „phäakisch“ schön, wie es der Süden damals gewiß, aber -schwerlich noch heute erzeugt; dabei schloß man jedoch als zu schwer -Pfirsich und Aprikosen aus. Daher heißt der Nachtisch ~bellaria~, -„nette Kleinigkeiten“. - -In dem mittleren Teil der Mahlzeit, der eigentlichen ~cena~, fanden -sich die schweren Gerichte zusammen. Sonst hatte der Süden, auch schon -in jenen Zeiten, starke Neigung zum Vegetarianismus; hier dagegen -erscheint der Mensch als eifriger Carnivore; und zwar herrscht hier in -ganz auffallender Weise das Schweinefleisch vor, das doch das fetteste -und widerstehendste ist. Das Altertum nährte sich aber überhaupt -vornehmlich vom Schwein. Das Rind, als Pflugtier, schlachtete man schon -aus Pietät weniger; vielleicht galt aber sein Fleisch auch als minder -lecker. Rindfleisch, „~bubula~“, erscheint mehr als Hausmannskost[35]. -Daraus, daß man das Rindfleisch nicht kochte, erklärt sich auch, -daß man keine Suppe hatte[36]. Von zahmen Tieren lösten übrigens -gelegentlich Kalb, Lamm und Esel den Schweinsbraten ab; denn auch das -Eselfleisch hatte seine Verehrer. Besonders beliebt war Schweinseuter -und sodann der Eber, das Wildschwein. Beim Gastmahl des Nasidienus -erscheinen außerdem noch Kranichbraten, Gänseleberpastete mit Feigen, -vom Hasen nur die Vorderläufe (Keule und Rücken des Hasen schätzte -man weniger) und Taubenbrüste; beim Prunkessen des Lentulus kommt ein -Fischragout hinzu, Entenbrüste (man aß nur Hals und Brust der Ente), -daneben Entenfrikassee, Hasen, gebratene Hühner, endlich eine Creme -mit Stärkemehl. Beim Trimalchio erscheinen außer Schwein und Kalb -Krammetsvögel mit Datteln und gebackenem Teig, überdies eine Pastete -von Krammetsvögeln mit Rosinen, endlich gar für jeden Gast ein Masthuhn -mit Gänseei[37], eine Zusammenstellung, die augenscheinlich mit -Entsetzen von den Gästen aufgenommen wird. - -Den Hasen erklärt Martial für seinen Lieblingsbraten[38], und darin -folgte er offenbar dem Volksmunde; denn das Volk glaubte, wer Hasen -gegessen hat, wird in sieben Tagen schön[39]. Woher dieser Glaube? -Lateinisch ~lepus~ „der Hase“ und ~lepos~ „die Anmut“ sind ja fast -dasselbe Wort; wer also den ~lepus~ aß, aß gleichsam die Schönheit -selber[40]. - -[Randnotiz: Pikantes Vorgericht. Brechmittel. Beleuchtung.] - -Ganz besondere Sorgfalt verwendete man endlich aber auf den ersten Teil -der Mahlzeit, die Vorspeisen. Dieser erste Gang (~gustus~, ~promulsis~) -wird planvoll aus leichten und vornehmlich aus kalten Speisen -zusammengesetzt, und wir nehmen wahr, daß, je feiner das Essen ist, -desto mehr Ausdehnung diesen leichten Einleitungsspeisen gegeben wird, -so daß sie gelegentlich die eigentliche Mahlzeit an Zahl der Nummern -weit überbieten. - -Die Alten haben uns neben so vielen anderen Erkenntnissen auch die -vorweggenommen, daß saure und scharfe Speisen Appetit machen. So wie -wir also heute unsere Suppe pfeffern oder gar +vor+ der Suppe Austern -oder Kaviar mit Zitrone oder eine schwedische Schüssel, eine russische -Sakuska geben, so bestand jedes Entree -- deutsch „Voressen“ -- in Rom -regelmäßig aus solchen Gerichten wie Melone in Essig und Pfeffer, Latuk -(besonders bekömmlich), sauren Gurken (das Ideal des Kaisers Tiber), -ferner Oliven, Artischocken, Champignons, Sardinen, Salzfisch; aber -auch Austern und anderen Muscheltieren. Der Austernpark des Lucriner -Sees war berühmt durch Jahrhunderte. Dazu kamen dann bei glänzenderen -Festen noch leichtere Fleischspeisen, dampfende Würste, ein warmer -Fischgang wie Muränen, Weindrosseln, Feigenschnepfen, Hühnerpasteten. -Froschkeulen dagegen fehlen noch, wie man sieht; ebenso fehlt noch die -Schildkröte. - -[Randnotiz: Parfümerien. Getränke. Unterhaltung bei Tisch. -Gastgeschenke.] - -Soviel von der Speisenfolge, die an Umfang und an erlesener -Mannigfaltigkeit es wohl mit unseren besten aufnehmen konnte. Ja, für -den edlen Römer war es oft eingestandenermaßen eine heiße Arbeit, sich -hindurchzuessen, und er verschmähte nicht, auf ausdrücklichen Rat -der griechischen Ärzte hin, während[41] oder doch nach der Tischzeit -sich durch Medikamente zu erleichtern, deren vulkanische Wirkung uns -allerdings durchaus nicht ästhetisch erscheint. Man hatte eben damals -weder Kaffee noch Liköre, womit wir heute dem überlasteten Magen zu -Hilfe kommen. Hämisch sagt daher Seneca: ~vomunt ut edant, edunt ut -vomant~[42]. Übrigens fehlt es bei uns nicht an Leuten, die, um im -Schlemmen fortfahren zu können, rasch etwas Natron nehmen. Bei den -Römern dauerte ein großes Gesellschaftsessen nun aber sehr lange, -bis 7, ja 8 Uhr; während des Essens wurden die Kandelaber mit Licht -versehen. Der Genuß verteilte sich also auf gut drei Stunden; auch das -war ein Umstand, der dem Magen seine Arbeit erleichterte. Nur steigerte -sich leider die Hitze bei den qualmenden Lampen schließlich bis ins -Unerträgliche. Ein vorsichtiger Herr wechselt daher während der ~cena~ -neunmal das leichte Speisekleid zur ständigen Abkühlung; so gerät er -nicht in Schweiß und braucht sich hernach auf dem Heimweg nicht zu -erkälten[43]. Daher auch die vielen Salben und Parfüms, mit denen der -Gastgeber die Tafelrunde zu erquicken für seine Pflicht hielt. Sie -sollten offenbar vornehmlich dem üblen Geruch der offenen Öllampen -entgegenwirken. Es gab aber auch sonderbare Käuze, bei denen man nicht -satt wurde und die sich begnügten, ihre Gäste in solche Wohlgerüche -einzuhüllen. Martial singt einmal: - - O Fabull, du hast uns wohl zum besten. - Salben gibst du und Parfüms den Gästen, - Aber nichts, den hagren Leib zu mästen? - Hungrig balsamiert, so soll’n wir liegen - Und bei Tische nichts zu beißen kriegen? - Lieber will ich gleich ein Toter heißen. - Leichen balsamiert man, die nichts beißen. - -Wir haben uns aber schwer gegen Geist und Geschmack des römischen -Gastgebers versündigt, indem wir so lang und breit über seine -Speisen reden. Zur Ehre jener sogenannten römischen Schlemmer sei -es hervorgehoben, daß man in guter Gesellschaft über das Essen -grundsätzlich nicht sprach. Wer dies tut, wie Nasidienus bei Horaz, -macht sich damit nur lächerlich. Mäcenas geht wegen solcher Gespräche -entrüstet vom Tisch. Man wußte jene Raffinaden stillschweigend zu -schätzen und sich auch sonst vortrefflich zu unterhalten. Ja, die lange -Dauer der Mahlzeit erklärt sich vor allem aus den langen Pausen, die -das Essen unterbrochen und in denen man ausschließlich des Weines und -der Unterhaltung pflog. - -Denn in diesen Pausen entsprach der treffliche Wein seinem Zweck, -Geist und Herz zu beleben, auf das beste, wenn schon man ihn natürlich -stets nur mit Wasser gemischt trank; denn der südländische Wein war -schwer wie heut der spanische. An die Bedienung wurden die größten -Anforderungen gestellt; der Sklave mußte jedem durstigen Gast beim -Mischen helfen. Dazu kühlte man den Trunk mit Eis oder Schnee. Eis -und Schnee wurden in Gruben für den Sommer aufbewahrt. Sechsjährige -griechische, fünfzehnjährige kampanische Weine pflegten um den Preis zu -konkurrieren. Denn man bot meist mehrere Sorten zugleich an und griff -dabei gleich anfangs, wo man noch am sachtesten trank, zu dem feinsten -(Cäcuber, Chier, Falerner, Mareotiker, Massiker). Besonders eifrig -trank man hinter dem Fisch; denn schon Trimalchio sagt: „Fische wollen -schwimmen“ (~pisces natare oportet~). Ein guter Dessertwein wuchs bei -Verona: es war der Lieblingstropfen des Tiber. - -Eine Hauptpause trat vor dem Nachtisch ein. Sie war ernster Natur. -Man spendete den Hausgöttern, indem man Salzkörner knisternd in die -Flamme warf, libierte auf das Wohl des Kaisers und wünschte sich -untereinander munteren Geist und dauerndes Wohlsein. In den übrigen -Pausen war die Unterhaltung so lebhaft, wie es eben von Südländern zu -erwarten ist. Hier besonders wurde der Stadtklatsch Roms ausgeschüttet, -über Gladiatorenspiele und Zirkuskutscher mit Leidenschaft gestritten, -mit großem Eifer aber auch das sogenannte gebildete Gespräch -betrieben und geradezu systematisch ausgebildet. Gute Proben solcher -Tischgespräche liegen uns noch vor. Man redet, fragt und rätselt über -Götterlehre, Tierkunde, Grammatik, Medizin usw. Es bildet sich geradezu -der Begriff des Tischgelehrten aus, und es war beliebt, einen Literaten -mit zum Speisen zu laden, sei er auch nur Klient; der mußte sein Bestes -geben[44]. - -Aber das meiste hat doch der Gastgeber zur Unterhaltung beizutragen; -er sorgt für Tafelmusik (bald Chor, bald Orchester), er sorgt für -deklamatorische Vorträge (so gab man die schmachtenden Frauenbriefe -Ovids zum besten), er läßt gar ein Ballett aufführen (wir dürfen hier -an die entzückenden Tänzerinnen Pompejis denken[45]), in einer anderen -Pause Akrobaten auftreten, in einer dritten Leute, die einen Gesang aus -der Ilias deklamieren; wieder in einer anderen öffnet sich oben die -Saaldecke, und ein Regen von Blumen fällt auf die staunenden Gäste. -Welche Ablenkung! welch anmutiger Zeitverbrauch, diese überraschenden -Intermezzi! Und wie mundete danach wieder der nächste Gang! Schlimm -war es nur, wenn der Wirt sein Manuskript holte und seine eigenen -Verse vorlas. Würde doch lieber der Fisch darin eingewickelt[46]! Eine -Überraschung, auf die sich alle vorauf freuten, fiel in die zweite -Hälfte des Essens; hier wurden an sämtliche Gäste Geschenke mit Devisen -verteilt; allerdings meist nur Kleinigkeiten, wie Pantoffeln, Eßsachen, -Fliegenwedel, woran sich aber doch immer Heiterkeit und ungezwungene -Scherze knüpfen mußten. Diese verschiedenen Tischunterhaltungen -erzeugten für den Gastgeber natürlich nicht unerhebliche Extrakosten. -Doch an solche unsinnige Verschwendung dachte man sonst nie, wie -sie der Kaiser +Verus+ beging, der die köstlichsten Gefäße, -Maultiergespanne und ähnliches bei Tische verschenkte, so daß ihn sein -Gelage, wie die märchenhafte Nachricht besagt, im ganzen an die 1200000 -Mark in modernem Gelde kostete. Dies ist dieselbe Tyrannenmanie wie -bei Nero, der bei einem für Freunde veranstalteten Gastmahl, wie man -fabelte, für die Rosen allein über 900000 Mark vergeudet hat[47]. - -Erst jetzt, nachdem wir uns vergewissert haben, daß sich unsere Gäste -gut unterhalten und daß sie dabei auch nicht zu platt und geistlos -sind, jetzt können wir die Tischgesellschaft wohl einmal sich selbst -überlassen. Unsere Neugier lockt uns aus dem Speisesaal; wir wollen -unserem Wirt noch ein bißchen hinter die Kulissen sehen. Drei Fragen -stellen sich von selbst ein. Erstlich: wie und von wo bezog man die -Zutaten für die Mahlzeiten? zweitens: wie war die Zubereitung? und -drittens: wie wurde das Essen aufgetragen? - -Die Antworten müssen sich, da ich mich der Kürze befleißige, auch hier -auf Andeutungen beschränken. - -Einkäufe zur Mahlzeit mußten natürlich morgens gemacht werden. -Während der ersten Hälfte des Tages herrschte auf den Märkten Roms -(Fischmarkt, Gemüsemarkt, Schweinemarkt) und um die Verkaufsbuden -der Geschäftsquartiere lautestes, buntestes Leben; vor allem aber am -Tiberkai, dem Emporium. Hier führten Treppen aus gewaltigen Quadern -zum Fluß hinunter, und da legten die Tiberkähne an, die aus Ostia, dem -nahen, von Kaiser Claudius großartig hergestellten Handelshafen, die -Waren des Auslandes in Massen flußaufwärts der Welthauptstadt zuführten. - -[Randnotiz: Bezug der Eßwaren. Import. Hebung der Fauna und Flora -Italiens.] - -Der Stand und der Betrieb der Kauffahrer, der ~mercatores~, deren -Frachtschiffe in Ostia löschten, hatte seit Caesars und Augustus’ -Zeiten in ganz ungewöhnlichem Grade an Bedeutung und Rentabilität -gewonnen. Die früher doch minder rege Nachfrage nach ausländischer Ware -hatte in dem Grad in Rom zugenommen, daß man schon kaum noch etwas auf -den Tisch nahm, das sich nicht nach einer fernen Meeresküste benennen -ließ. So bezog man ja das Korn selbst von außen. Nach Alexandrien -konnte der Kauffahrer in neun bis zehn Tagen, nach Spanien in sieben -Tagen fahren, und er brachte aus Spanien Wein, Öl, Honig, Salzfische, -Quittenmarmeladen, aus Gallien das beste Schweinefleisch (besonders -gallischen Schinken), aus Afrika Perlhühner, Artischocken. Nach einem -Kaufmann Mattius hießen die importierten Mattianischen Äpfel. Ägypten -lieferte die besten Datteln, es lieferte den Majoran, es lieferte die -Flamingos. Aus Indien brachten alexandrinische Schiffe Pfeffer, Zimmet, -Kardamom und den Ingwer, der besonders zu Würsten gebraucht wurde. -Die besten Mandeln kamen aus Naxos, Damaszener Pflaumen aus Damaskus. -Ebenso aber waren Fische von den fernsten Küsten erwünscht; „die -Gurgeln Roms fischen alle Meere leer,“ ruft +Juvenal+; der Fischmarkt -war unter allen Märkten der belebteste und interessanteste, wie noch -heute in den Küstenstädten des Mittelmeeres. - -Für die Kultur Italiens in Flora und Fauna sind die Folgen der so -wachsenden Tafelbedürfnisse äußerst günstig gewesen. Erst damals -wurde eine Reihe von Obstsorten, wie die Kirsche und die Bergamotte, -in Italien gepflanzt, erst damals die Flora daselbst mit einer Reihe -von Kräutern, wie die Petersilie (~petroselinum~) bereichert. Die -Zitronen- und Orangegärten hat freilich erst das Mittelalter gebracht. -Die römischen Großgrundbesitzer suchten ihren Küchenbedarf nach -Möglichkeit selbst zu befriedigen. Darum führten sie z. B. auch damals -die +Fasanenzucht+ in Italien ein (vom Fluß Phasis in Südrußland, -~phasiani~); damals kam der Pfau dorthin; man zog und mästete die -Pfauen und anderes Geflügel im größten Stil. Eine merkwürdige -Manie besaßen die Römer für Tauben und großartige +Taubenhäuser+ -(~columbaria~), die bis zu 5000 Vögel und mehr enthielten[48]. Zur -Zucht des Wildschweines dienten die endlosen Eichen- und Buchenwälder -der Latifundien. Dazu die Schneckenzucht! Am bekanntesten aber sind -vielleicht die ~piscinae~, die Fischteiche, der römischen Villen am -Meer, die mit Seewasser gefüllt und in denen die seltensten Sorten -zu finden waren. Der Name einer vornehmen Familie stammte daher: die -Lucinier nannten sich ~Murenae~; die Zucht der Muräne war ihr Ruhm[49]. - -Wir Deutschen sind uns meist nicht bewußt, wie viele Ausdrücke der -Küche und der Speisezutaten und Würzen unsere Sprache dem römischen -Altertum verdankt; in dieser sprachlichen Entlehnung spricht sich aus, -daß Nordeuropa und Germanien diese Dinge eben von der antiken Kultur -unmittelbar empfangen hat. Um von den Kapaunen (~capones~) und Fasanen -(~phasiani~) nicht zu reden, so haben wir von den Römern, wie der -Wortlaut selbst zeigt, Spargel (~asparagus~) und Lattich (~lattuca~), -Kohl (~caulis~), Kappes (~caputium~), Linse (~lens~) und Wicke -(~vicia~), Kürbis (~cucurbita~), Rettich (~radix~), Zwiebel (~cepula~, -~cepulla~), Bete (~beta~) und Kümmel (~cuminum~), Petersilie, -Lavendel, Melisse, Polei, Anis (~anisum~) und Fenchel (~feniculum~), -Kapern, Koriander und Kerbel (~caerefolium~) erhalten; und so geben -uns diese deutschen Wörter, indem wir sie nennen, einen Einblick in -den reichen Küchengarten des Altertums selber. Dazu kommen dann noch -Senf (~sinapis~), Pfeffer (~piper~), Zimmet (~cinnamomum~) und andere -importierte Zutaten. Die Römer haben uns gleichsam vorgekostet, und -der moderne Genußmensch ist -- auch wider Willen -- ein Erbe des -klassischen Altertums, selbst im Alltäglichsten. - -Für Eßvorrat ist gesorgt; es fehlt die Bereitung. Wollen wir uns -getrauen, auch noch in die Küche einzudringen? „Küchendunst“ ist ein -Wort, das Plautus als Schimpfwort verwendet, um einen unangenehmen -Menschen zu bezeichnen. In der Küche aber werden wir genug Küchendunst -finden! Vielleicht genügt es uns hier, nur einmal durch die Türritze -geschaut zu haben. Nicht etwa, daß uns die Köchin vertriebe. Denn die -Köchin, der Augapfel unserer deutschen Hausfrauen, war damals noch -eine gänzlich unerfundene Größe (wie überhaupt weibliche Bedienung). -In der Küche herrscht der Koch mit seinen Küchenjungen. Er ist -der Liebling seines Herrn, er ist in seinem Tagewerk ein wahrer -Tausendkünstler, und nichts wurde darum dankbarer begrüßt, als wenn -man an den Saturnalien, d. h. zum großen Geschenkfest im Dezember, -unserem Weihnachten, einen guten Koch geschenkt bekam. Ein guter Koch -kostet im Sklavenhandel halb soviel wie ein guter Schauspieler. Sein -Reich, die Küche, ist ein Raum von den größten Dimensionen; Plinius -sagt übertreibend, zwei Morgen Landes genügten kaum für eine Küche! -Küchengeräte aber hat uns in Mengen Pompeji erhalten: Eimer und -Kessel und Kannen, Schnellwagen, Schöpflöffel, Schaumlöffel, Löffel -zum Bratenbegießen, Kasserolen, Pfannen zu Spiegeleiern, Durchschläge -u. a. m. Wer im Neapeler Museum war, wird dies in anmutiger Erinnerung -haben. - -[Randnotiz: Nachwirkung auf die mod. Ernährung. Der Koch u. seine -Hilfsmittel.] - -Um nun die Leistungen des Kochs einigermaßen zu würdigen, müssen wir -uns wenigstens dies gegenwärtig halten, daß er erstlich keinen Zucker -hatte; Zucker wurde durchweg mit Honig ersetzt; zweitens, daß er -auch keine Butter verwenden konnte (die „Butter“ des Altertums war -augenscheinlich noch erheblich von der unsrigen verschieden), daß -er vielmehr, wie noch heute in Italien geschieht, feines Öl an ihre -Stelle treten ließ. Das Fleisch wurde übrigens meistens nur in seinem -eigenen Fett gebraten, und dies ist der Grund, weshalb man die Mästung -aller Tiere mit so grausamer Energie betrieb. Ferner fehlt in seinem -Küchenapparat auch die Zitrone[50]. Sehr verschwenderisch ist er -dagegen mit der Zwiebel; nicht nur Hasen brät er in Zwiebeln, sondern -kocht sogar auch die Spargeln damit. - -[Randnotiz: Der Koch und seine Wunderleistungen. Der ~scissor~.] - -Ein Hauptprinzip des römischen Kochs, dessen Durchführung uns wirklich -mit Bewunderung erfüllen muß, war ferner: jedes Tier kommt womöglich -ganz und unzerlegt aufs Feuer. Vorschriften hierfür erhalten wir -schon aus der Zeit des Aristoteles. Aber dies war ein kostspieliges -Verfahren[51]. Der Kaiser +Domitian+ beruft bei Juvenal ~c.~ IV seinen -Reichsrat eigens wegen eines enormen Steinbutts, der bei Ancona -gefangen ist; er kostet so viel, daß man auch den Fischer selbst dafür -hätte kaufen können, und der Reichsrat beschließt: „Er wird nicht -zerschnitten, er darf nicht zerschnitten werden: es muß ein Extratopf -gebaut werden.“ Aber auch die Eber wurden so +ganz+ gebraten; der -Bratspieß glüht, mit dem der Koch das Schwein durchstößt: so dringt die -Glut in alle Teile des Fleisches[52], und so gebraten wurde es dann in -einer Riesenwanne in den Speisesaal getragen. Solche Schüssel konnte -allein 64 Kilogramm wiegen[53]. - -Genie und Findigkeit konnte der Koch dagegen erst entfalten, wenn er -seine so vortrefflichen Brühen, Farcierungen nach Art unserer Würste -und gar die verschleierten Gerichte bereiten durfte, die, fein gehackt -oder doch in Sauce gelegt, die Neugier erregen und durch scharfe -Würzung überraschen, beispielsweise Schweinenetz mit Trüffeln oder -Hachés von Champignons und anderen Pilzen; die Spanferkel mit Datteln -gestopft; Geflügel mit Oliven gefüllt. Beim Anrichten entfernte er -aber die Füllung wieder, und nur der feine Geschmack blieb davon -zurück. Allein für Hasenbraten und Hasenragout bringt uns Apicius -nicht weniger als dreizehn verschiedene Rezepte; für Schweinefleisch -hatte man fünfzig verschiedene Bereitungsformen. Ein Koch konnte mit -einem Kürbis, den er siebenmal verschieden vorsetzte, ein Daueressen -bereiten, und keiner erkannte, daß es derselbe Kürbis war. Daher prahlt -Trimalchio von dem seinen: „Er macht auf Verlangen aus Schweinseuter -einen Fisch, aus Pökelfleisch eine Taube, aus einem Hüftknochen eine -Henne! Es gibt keinen kostbareren Menschen!“ - -Soll ich fortfahren und etwa noch die leckeren Bratwürste rühmen, -mit Piniolen gestopft? die vielerlei Kompotts? das Mandelbrot oder -~Marci-pan~? Begleiten wir die fertigen Speisen vielmehr in den -Speisesaal. Alle Schüsseln eines Ganges werden vom Diener jedesmal auf -einer großen Platte oder Repositorium, ursprünglich auch ~ferculum~ -genannt, auf den Eßtisch gesetzt; hat man zugelangt, so nimmt er -Repositorium und Schüsseln zugleich wieder fort. Diese gewaltige -Setzplatte war aus Silber, so wie alle Schüsseln. In den vornehmen -Häusern, von denen wir reden, wurde nur Silber gesehen; Glas -mißfiel[54]. Der bekannte Hildesheimer Silberfund gibt uns Anschauung -von solchen Schüsseln[55], und das Service (lat. ~ministerium~) war -somit etwa das Kostspieligste bei einer römischen Mahlzeit. Die Braten -sind auf das geschmackvollste angerichtet und aufgeziert. Bei Fasanen -und Reihern bleibt der Kopf in den Federn. Einige Speisen, wie die -Bratwürste, kommen auf einem zierlichen Feuerbecken noch quillend und -brodelnd auf die Tafel. Auch Statuen aus gebackenem Teig überraschen -das Auge. Pasteten zeigen Muschelform; solche Pastetenformen sind uns -in Pompeji erhalten. - -Am Nebentisch aber entfaltet eine der bedeutendsten Persönlichkeiten -beim Gastmahl seine Tätigkeit; dies ist der ~scissor~, der -Vorschneider. Es wird uns einmal sehr schwungvoll geschildert, wie das -Messer in seiner Rechten saust, er selbst aber die allergraziösesten -Posen einzunehmen weiß und tänzelnd seine höchst verantwortliche -Aufgabe löst: denn er muß jeden Knorpel vermeiden und ausschalten und -darf dabei doch nur ganz winzige Stückchen schneiden, nur Häppchen, so -groß wie ein Mund voll (~offa~). Daher hieß ein solcher Mann ~Carpus~, -weil er das Fleisch „zerpflückt“. Der berühmteste Vorschneider Roms -aber war Trypherus; er machte Schule, und man übte sich im Zerlegen an -Holzmodellen. Warum aber, fragen wir befremdet und mit Recht, warum -darf Trypherus vom Braten keine großen Scheiben schneiden, nach denen -doch der Ehrgeiz jedes modernen Zerlegers steht? Warum diese das Auge -enttäuschende Zerstückelung des kostbaren Materials in lauter kleine -„Bissen“? - -[Randnotiz: Essen mit den Fingern. Mundtücher.] - -Auf diese Frage lautet die unerbittliche Antwort: weil man mit den -Fingern ißt. Man hatte zum Essen weder Teller noch Gabel, noch Messer. -Man hatte ja auch beim Liegen nur die +eine+ rechte Hand frei! Also an -Zerschneiden des Fleisches war für den Speisenden selbst gar nicht zu -denken. Einen Zahnstocher hatte man freilich; der aber wurde nur in den -Pausen benutzt. - -Irre ich nicht, so hat, wer dies liest, über unseren alten -Tischgenossen sofort den Stab und vielleicht schon mehr als einen -Stab gebrochen. Aber versuchen wir etwas gerecht zu sein, damit wir -den Gegenstand unseres bisherigen Interesses nicht gar mit einem -unbegründeten Unwillen und üblem Nachgeschmack verlassen. - -Wir bedienen uns jetzt sogar für das Spargelessen eines Instrumentes; -wir essen sogar den Fisch nicht mehr mit Hilfe des Brotes. Und ein -so feiner Weltmann wie Kaiser Otho hätte wirklich mit der Hand ins -Frikassee gelangt? Mit der Hand hätte ein Augustus die Rehkotelette -aus der Schüssel geholt? eine Agrippina die Endivien mit den Fingern -zum Munde geführt? Freilich, so ist es. An Kaiser Justinian, der -immer nur wenig aß, fiel auf, daß er das Essen nur mit den äußersten -Fingerspitzen faßte; das heißt eben, die anderen machten es anders. Und -man mußte sich vorsehen; man durfte nicht zu gierig zugreifen, sonst -verbrannte man sich[56]. Denn das Messer war freilich sehr bekannt, -und wie schön der ~scissor~ seine Klinge zu führen verstand, sahen -wir vorhin. Aber man scheint nur gelegentlich darauf verfallen zu -sein, auch einmal jeden der Gäste damit zu bewaffnen; dies sollte eben -späteren, erleuchteteren Zeiten vorbehalten bleiben. Die Eßgabel sodann -war damals überhaupt noch nicht erfunden; es existiert auch gar kein -lateinisches Wort dafür. Denn ~furca~ (Forke) ist die Mistgabel. Und -endlich Löffel hatte man zwar; die üblichsten Löffel waren klein; sie -hießen ~cochlearia~; allein sie dienten, wie schon ihr Name angibt, -lediglich für Muscheltiere, daneben auch noch zum Eieressen. Größere -Löffel, ~ligulae~, waren allerdings auch vorhanden; sie werden aber -selten erwähnt und dienten wohl nur zu gewissen Mehlspeisen[57]. -Vergessen wir nicht, daß das ganze Mittelalter, ja daß auch noch die so -hochgebildete Renaissancezeit nicht viel besser daran war; auch beim -Abendmahl Lionardos und sonstigen Darstellungen gedeckter Tafeln aus -jener Zeit fehlen noch die Eßinstrumente ganz oder fast ganz, und nur -das Salzfaß steht da, das auch auf keinem antiken Eßtisch fehlte. - -Nun wohl, Fleisch und Gemüse ließen sich schließlich auch mit der -Hand anfassen. Wie aber aß man die Speisen mit Aufguß, die köstlichen -Fischtunken? Man tunkte eben direkt den Finger hinein, und zwar alle -in dasselbe Gefäß; oder aber, wenn man umständlicher sein wollte, so -tunkte man die Brühe mit +Brot+ auf. Die Folgen, die solcher Gebrauch -der Hand nach sich ziehen mußte, habe ich wohl nicht nötig auszumalen. -Bezeichnend genug, daß einmal +Ovid+ in seiner ~Ars amandi~ den -Mädchen, welche gefallen wollen, unter anderem auch den Rat gibt, sie -sollen sich bemühen, hübsch +sauber+ zu essen und sich vor allem nicht -mit der fettigen Hand ihr liebliches Angesicht beschmieren. - -Dies sind schlimme Tatsachen; allein es wäre, wie gesagt, ungerecht, -wollten wir nicht zugleich auch zur Entschuldigung folgendes mit in -Erwägung ziehen. - -Der Reinlichkeitstrieb, durch den sich die klassischen Völker doch -sonst so ganz besonders auszeichnen, hat das Altertum auch in diesem -Falle nicht verlassen können. Man genügte diesem Triebe, so gut es eben -anging, durch eine Reihe von Hilfsmitteln. - -Hinter jedem Gericht wusch man sich allemal aufs neue mit Hilfe des -Pagen die Hände. Was Mund und Angesicht betrifft, so hatte man zu ihrer -Säuberung ganz so wie wir Mundtücher oder Tellertücher, ~mappae~; sie -waren natürlich schon gleich nach +einer+ Mahlzeit durchfeuchtet und -fettgetränkt und mußten in die Wäsche oder wurden weggeworfen. Auf -dem Armpolster hatte der Schmausende diese Tücher neben sich liegen, -nachdem er sie entweder selbst mitgebracht oder nachdem der Wirt sie -an seine Gäste als Geschenk ausgeteilt hatte. Servietten waren eines -der billigsten und häufigsten Festgeschenke in jener Zeit. Denn jeder -brauchte sie eben täglich neu. Daher auch die Serviettendiebe, eine -ganz besondere, elegante Abart von Gelegenheitsdieben im Altertum, die -auch gerade in der besseren Gesellschaft sich vorfanden. Offenbar -waren die Tücher noch nicht „gezeichnet“ wie bei uns und luden dazu -ein, den Eigentümer zu wechseln. Eine Verhöhnung des Gastes aber war -es, wie Horaz bemerkt, begreiflicherweise, wenn der Wirt ihm ein -schon einmal gebrauchtes Mundtuch anbot. Dies also der Zweck der -Reinlichkeit. Aber dieselben Tücher ließen sich auch sonst verwenden; -man pflegte beim Nachtisch Näschereien und Konfekt darin einzuwickeln -und für die Kinder mit nach Hause zu nehmen -- ganz so, wie es ja auch -noch unsere sorglichen Hausmütter und Hausväter bisweilen tun. Denn -sogar auch der Sklave zu Hause erwartete zum mindesten ein paar Äpfel; -sonst empfing er seinen armen Herrn mit Brummen[58]. - -[Randnotiz: Brot. ~Analecta.~ Zwei Bibelstellen erläutert.] - -Aber damit noch nicht genug; zur sofortigen Säuberung der doch stets -benetzten Finger standen drittens noch große Massen weichen Brotes -in silbernen Brotkörbchen jedem zur Hand. Oder die Pagen liefen mit -solchen Körben herum und boten an. Unausgesetzt trocknete man sich die -Finger im Brote. Dabei konnte freilich ein anderer Übelstand nicht -wohl ausbleiben: daß die so benutzten Krumen vielfach nieder zur Erde -und auf den Mosaikboden fielen. Aber auch für diesen Mißstand war bis -zu einem gewissen Grade gesorgt. Denn waren nicht etwa Hunde im Saal, -was häufig vorkam, die sich den Fraß nicht entgehen ließen[59], so -fegte ein Sklave das Nebenhergefallene zwischen jedem Gang mit schönen -Besen aus Myrten oder mit Palmblättern hinaus, oder es kam auch vor, -daß dieser Sklave die ganze Tischzeit aufsammelnd unter dem Tische -zu sitzen hatte! Man nannte das Aufgesammelte die ~analecta~. Aber -vieles blieb auch ruhig liegen. Ein herrlicher mosaizierter Fußboden, -der aus einem antiken Eßsaal in Rom selbst stammt, ist erhalten und -in Rom im Lateran aufgestellt[60]; in diesem Mosaikwerk sind auf das -naturgetreueste und ergötzlichste die ~analecta~ selbst dargestellt, -wie sie bei einem antiken Gastgelage tatsächlich auf dem Boden -herumlagen: Fischgräten, Krebsbeine, abgenagte Weintrauben, Muscheln -und Nußschalen, Salatblätter, ein Hahnenfuß, sogar ein regelrechtes -„Ziehbein“. Ein klassischer Realismus! Wir möchten uns bücken, um es -aufzulesen, und haben den Eindruck, als hätte das Essen erst gestern -stattgefunden. - -Ich will hier nicht unerwähnt lassen, daß auch zwei allen sehr -wohlbekannte Stellen unseres biblischen Textes durch das zum Schluß -Vorgetragene erst ihre nähere Erläuterung erhalten. Die Brosamen, -die von des Herrn Tische fallen, von denen das Gespräch mit dem -kananäischen Weibe redet, sie sind eben jene Brosamen, welche wir -soeben die Hunde oder den Sklaven unter dem Tisch auflesen sahen; -es sind die Analekta der antiken Gastgelage. Und wenn Jesus beim -Ostermahle eigentümlicherweise den Judas Ischarioth als seinen -Verräter mit den Worten bezeichnet: „Der mit mir die Hand in die -Schüssel taucht, der wird mich verraten,“ so wird dies gemeinsame -In-die-Schüssel-tauchen der Hände eben nur durch das Fehlen des Löffels -bei den Mahlzeiten der alten Völker verständlich, über das wir geredet -haben. - -[Randnotiz: Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß.] - -Wir haben nunmehr hinlänglich gesehen, sowohl was die Alten bei -ihren Gastmählern aßen als auch wie sie es aßen. Was die ästhetische -Beurteilung betrifft, so muß ich befürchten, daß alle sonstigen -Vorzüge die zuletzt festgestellten Mängel in unserer Vorstellung nicht -auszulöschen vermögen, weder Rosenflor noch Silbergeschirr, noch -Tafelmusik, noch die geistreichste und gebildetste Tischunterhaltung. -Fassen wir sodann aber den römischen Tafelluxus als solchen ins Auge, -so hat er, so reich und so fein durchgebildet er auch war, doch den -Tafelluxus unserer Neuzeit, wie er in den großen Hauptstädten und -Kulturzentren Europas oder Amerikas im Schwange ist, gewiß in keiner -Beziehung übertroffen, und wir werden anstehen, eine Meinung zu teilen, -die aus ungenügender Kenntnisnahme der Tatsachen sich herleitet, als -zählten für den Untergang der römischen Kultur die Schmausereien und -Schlemmereien der Vornehmen mit zu den wesentlichen Ursachen. Daß der -Koch in Rom sein Geschäft verstand oder daß durch den lebhaften Handel -die schöneren auswärtigen Erzeugnisse auf die Tafel kamen, kann doch, -wie sehr auch darüber die zeitgenössischen Stoiker, ein Plinius oder -Seneca, sich ereifern, bei unbefangener Betrachtung nur als Vorteil -gelten. Wer macht es einer Familie des deutschen Mittelstandes zum -Vorwurf, daß sie zu einem gewöhnlichen Frühstück ostindischen Tee -nimmt, westindischen Zucker und englischen Käse, vielleicht sogar ein -Gläschen spanischen Wein und ein Brötchen mit russischem Kaviar? Nur -wenn Deutschland wie eine Festung vom Feinde zerniert ist, müssen wir -uns all dies grollend versagen. Roms Herrlichkeit ist an ganz anderen -sittlichen und sozialen Schäden zugrunde gegangen. Wenn je die frugalen -Ostasiaten es dahin bringen sollten, unsere moderne europäische Kultur -zu überwinden, so wird man doch auch hoffentlich dafür nicht die -gute Küche als wesentliche Ursache betrachten, durch die gerade das -tüchtigste Bürgertum bei uns (man denke an Hamburg) sich hervortut. - -Es ist inzwischen 8 Uhr geworden. Das Gastmahl, von dem ich geredet -habe, ist zu Ende, und die Zecherei, die ~comissatio~, das Symposion, -hat schon begonnen, das sich unmittelbar anschließt. Die Herren haben -Kränze aufgesetzt, und es ist schon so lustig, so ausgelassen an der -Tafel, daß die Frau des Hauses, die den Nachtisch noch mitgenoß, -sich taktvoll entfernt hat. Es dürfte für uns geraten sein, es -ihr nachzutun. Freilich werden wir dann in den so mannigfaltigen -griechischen Trinkkomment mit all seinen lustigen Kniffen und -Pflichtleistungen nicht eingeweiht -- denn ein Präside oder Thaliarch -fehlt nicht --, und es entgeht uns die so wünschenswerte gründliche -Kenntnisnahme der griechisch-römischen Weine und der Bowlen! Denn auch -diese verstand man für die Symposien zu brauen: Bowlen von Pfirsich, -Bowlen von Aloe, Ysop, Salbei, Bowlen von Narde, von ätherischen Ölen, -unter denen aber wohl doch die Veilchenbowle die denkwürdigste sein -dürfte. Ihr Rezept steht bei Apicius. Die Veilchen mußten sieben Tage -im Wein ziehen; dann kam der Honig hinzu, und sie war trinkbar. - -Die Mehrzahl unserer Trinklustigen wird übrigens gewiß schon vor -Mitternacht sich im Bette befinden. Denn sie sollen ja schon vor 6 Uhr -wieder aufstehen[61]. Auch die schlechten Leuchtkörper trugen dazu bei, -daß man früh Schluß machte[62]. Möge ihnen denn das Gastmahl allseitig -gut bekommen sein, möge auch das Räuschchen, das doch nicht leicht -ausbleibt, schon um das erste Morgengrauen wie ein Traum verfliegen, -und möge insbesondere der Wirt und Gastgeber, der für seine Gäste so -viel getan hat, nach seinem Fest am anderen Morgen sich selbst so -aufgeräumt wiederfinden wie seinen Speisesaal, in dem die Hausdiener -in der Frühe sogleich mit Besen, Schwämmen und Tüchern jede Spur des -Vorgefallenen zu vertilgen wissen.[63] - -[Illustration] - - - - -Auf der römischen Heerstraße. - - -Je größer die Welt, je mehr wächst das Bedürfnis nach Annäherung, -je erfinderischer sinnt der Geist auf Mittel, die den Menschen zum -Menschen führen. Heute hat der Verkehr mit seinen Spinnenbeinen den -ganzen runden Erdball wie eine eingefangene Fliege umfaßt. Die Erde -schrumpft unter ihm zusammen. Jeden Tag hat man -- in Friedenszeiten -- -in Berlin die Kursnotierungen der New Yorker Börse: Das Kabel tut’s. -Die englischen Stahlwaren wollen von Liverpool rasch nach Japan; der -Panamakanal muß sie hindurchlassen. Die Kohlenindustrie ist es, die -das alles bewirkte; sie hat durch ihre Gaben die Welt verkleinert: -Schnelldampfer, Eilzüge, Autos, drahtlose Telegraphie, Fernsprecher --- welche Fülle der Bewegung, der Mitteilungsmöglichkeiten; dazu -die Radler, die Flieger. Wer als altmodischer Fußgänger über die -Landstraße trollt, begegnet kaum noch ab und an einem Bauernwagen -mit trabenden Gäulen und nickender Peitsche; auch der zweispännige -Doktorwagen fehlt. Auf dem Rad fliegt der Arzt in die Dörfer hinaus, -fliegt sogar der Pfarrer mit wehendem Rock auf seine Filiale. Dieselbe -Straße führt mich am Bahnkörper entlang; plötzlich tönen Signale, tönt -gleichzeitig das Huphup. Ein Automobil jagt ratternd hinter mir auf, -in Wettfahrt mit dem donnernden Expreßzug zur Rechten; überrascht -schaue ich nach oben; denn auch über mir lärmt es. Ein Luftschiff -ist’s; es schießt in gleicher Richtung um die Wette. Da sind schon alle -drei verschwunden. Wer von ihnen ist zuerst am Ziel? Der Mensch sitzt -still, die Maschine rennt sich außer Atem. Ganze Bevölkerungsmassen -hebt sie so über Ströme und Gebirge dahin, von Ozean zu Ozean. Der -Wandersmann hemmt seinen Schritt, versonnen, an seinen Stecken gelehnt; -auch er beginnt plötzlich zu fliegen, aber nur sein Gedanke ist es, -der fliegt; die Gegenwart versinkt, der Gedanke trägt ihn im Nu in -die fernsten Vergangenheiten. So mich, und den Leser mit mir. Denn -nichts ist reizvoller als das Vergleichen. Dereinst hat die Kultur -der Griechen und Römer ohne alle Kohlenindustrie ihre vielbewunderte -Höhe erklommen, und schon das römische Kaiserreich hat die ganze -damalige gebildete Menschheit und eine Fülle von Nationen zu einer -großen Verkehrseinheit zusammengefaßt. Die antike Heerstraße taucht -vor uns auf, der Falernerwein und sein Versand, die Depeschenboten -des Senats, der Vergnügungsreisende, der es in Rom nicht aushält, der -Apostel Paulus, dessen Wirken ohne angemessene Beförderungsmittel -nicht denkbar war. Wenn Paulus Briefe schrieb, so mußten sie auch -befördert werden; wenn er von Jerusalem nach Korinth und Rom wollte, so -mußte ein Passagierschiff ihn mitnehmen. Hat das antike Verkehrswesen -seinen Aufgaben genügt? und läßt es sich mit dem heutigen annähernd -vergleichen[64]? - -[Illustration: - - Tafel 4 - -Weintransport, Wandbild aus Pompeii. - -(Neapel, Museo nazionale.)] - -[Randnotiz: Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens.] - -Wir betreten die sonnigen Länder des Mittelländischen Meeres. Da fehlt -jede Hast; alles atmet die Ruhe des Südens, der Antike. Die Affekte -der Menschen sind lebhaft und heiß, der Arbeitstrieb dagegen ist -gemächlich und liebt das Ausruhen. Die Straße belebt das Maultier, -das Ochsengespann, und am Lastkarren kreischen die Räder, die schwere -Radscheiben sind, wie man sie jetzt noch in der Türkei hat. Dies unser -erster Eindruck. Daß wir heute die Lokomotive lateinisch benennen, -ist ein närrischer Umstand; ebenso ist Veloziped lateinisch. Aber -modernes Latein; der Römer kannte diese Wörter nicht. Wohl aber -ist das „~cito~“, das wir früher auf unsere Eilbriefe setzten, -römisches Erbe; lateinisch auch der „Kurs“ unserer Kursbücher und die -„Stationen“. Sobald aber die physikalische Wissenschaft eingreift und -ihre Erfindungen bringt, stellt sich das Griechisch ein. Mit „Auto“ -bezeichnen wir, was immer sich automatisch bewegt. Auch „elektrisch“ -ist griechisch, griechisch „Telephon“ und „Telegraph“; die Doppelsilbe -„Tele“ bedeutet uns alle Fernwirkung ins Endliche und Unendliche, und -es ist darum zu verwundern, daß wir unser Geschütz Mörser und Kanone -und nicht lieber „Telemach“ nennen. Denn Telemach, des erfinderischen -Odysseus Sohn, ist eben der aus der Entfernung Kämpfende. - -Das alte Griechenland war freilich viel zu winzig, um selbst praktisch -vorzugehen. Denn in zwei Tagen lief ein Läufer von Hauptstadt zu -Hauptstadt, von Athen nach Sparta[65]. Was wollte man mehr? Wozu erst -durch das wilde arkadische Gebirge Straßen schlagen? Auf der felsigen -Insel Rhodos fuhr überhaupt nie ein Wagen[66]. Der Schnelläufer (der -Hemerodrom) war Griechenlands Ruhm, und er genügte. Wohl aber hat uns -Griechenland die Ideale geliefert: es ersann den Botengott Merkur, der -mit dem Stab und auf dem Flügelschuh durch die Luft springt. Darum -schmückt Merkurs Gestalt noch heute bei uns tausend Bahnhöfe. Er ist -der intelligente Bote, und alle Meldung richtet er nur mündlich aus. -Anders die Göttin Iris, die die Briefpost vertritt. Wie der Regenbogen -schnellt Iris durch den Äther, aber der Gottvater Zeus traut ihrem -Gedächtnis nicht und gibt ihr seinen Auftrag oft schriftlich in die -Hand: Himmelsbriefe, die jedem Sterblichen sein Schicksal, Freudiges -und Trauriges, bringen[67]. So ist es mit den Briefen auch noch heute. - -[Randnotiz: Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms.] - -Nicht Hellas, sondern das große Perserreich des Darius hat dereinst -vorbildlich das Straßenwesen und Nachrichtenwesen entwickelt. Im -Buch Esther lesen wir vom bösen König Ahasver, der dort von Indien -bis zum Mohrenland herrscht. Der König erhebt sich im Grimm und -schickt an einem Tage an alle seine „hundertsiebenundzwanzig Länder“ -Boten mit dem schriftlichen Erlaß der Judenverfolgung; jeder Erlaß -in anderer Landessprache. Da sehen wir, so kurz die Worte sind, die -große staatliche Organisation des Meldewesens, das damals über Persien -und die ganze Türkei ausgriff, vor Augen. Daher auch die persischen -„Parasangen“, die Meilenmessung der Straßen, und die „Angaren“ -(berittene Eilboten), von denen der alte Herodot uns redet. Die -Karthager waren die Schüler der Perser und haben dann alles dies in -ihrem nordafrikanischen Landbesitz früh nachgeahmt. Die raschen Züge -und Ritte Hannibals und anderer punischen Führer setzten unbedingt -einen hochentwickelten Straßenbau voraus. Das straßenlose Meer dagegen -haben die Griechen, diese echtesten Seeleute, im Wettbewerb mit den -Phöniziern, erschlossen, das Meer, das für den Schwimmer selbst Straße -ist. Wundervoll schön und reich entwickelt war die schlanke Triëre, das -griechische Kampfschiff, das wie ein Tausendfüßler auf seinen Rudern -daherschoß; nützlicher das Frachtschiff, das in der Größe unserer -Briggs und Schoner mit hohen Segeln und starken Masten sich in die -Wogen legte und in langen Karawanen durch die Wasserwüste Poseidons -zog, um Gefäße und Metallwaren, Korn und Wein, Baumaterial und tausend -Rohstoffe und Industriewaren im Austausch von den Mutterstädten in die -fernen Kolonien zu tragen. - -Wie anders das Römervolk! Ein wasserscheues Bauernvolk war es von -Haus aus, träge und bis zum Stumpfsinn unbeweglich, und hat erst -spät, erst als das Bedürfnis dringend wurde, all jene Dinge dem -regsamen Ausland abgelernt. Die Zeit der lokalen Kleinkriege war -vorüber; die Verhältnisse zwangen plötzlich zu großen Leistungen, und -sogleich half den Römern die griechische Intelligenz. Die griechischen -Techniker machten alsdann alles. Der herrische Römer ließ andere für -sich arbeiten, aber er wußte treffsicher mit politischem Weitblick -und Scharfblick die Ziele zu setzen. Charakteristisch ist, daß der -Eigenname „Cursor“, der „Läufer“, nur an einer römischen Familie, der -Papirier, haftete. Vom Papirius Cursor redet uns der Historiker Livius. -Der haltungsvolle Römer lief sonst nicht gern; der alte Papirius fiel -durch seine Schnellfüßigkeit auf[68]. - -[Randnotiz: Stadtklatsch. Ausrufer. Maueranschläge. Brieftafel.] - -Die Hügelstadt Rom selbst besaß in ihrem Inneren nur wenige fahrbare -Straßen wie die „~via lata~“, auf denen die Transporte in die Stadt -per Achse kamen (die „~sacra via~“ war Prozessionsstraße). Man schritt -und kletterte sonst nur durch schmale Gassen (~clivi~ und ~vici~), die -man darum zusammenfassend „Gänge“, ~itinera~ (von ~ire~), nannte. Aus -Gängenvierteln und einigen Marktplätzen bestand die Stadt. Die müßige -Menge sammelte sich, wie es noch heute im Süden ist, an gewissen -Standorten, und sie war nun auch ihr eigener Bote und Berichterstatter; -geschah etwas Neues, so rauschte es in der Stadt gleich von Mund zu -Mund. Wenn die Senatoren beraten, staut vor der Sitzungshalle sich die -Menge und lärmt so lange, bis jemand notgedrungen heraustritt und die -Neugier vorläufig befriedigt. Heulender Protest erhebt sich, wenn ein -mißliebiges Edikt herauskommt[69]. Ein Gesetz gegen den Frauenluxus -soll es geben; der strenge Cato ist am Werk: da rotten sich die -Weiber, die davon hören, an allen Kreuzpunkten, umstellen geradezu das -Forum, so daß ihnen kein Mannsbild entgeht, und bearbeiten sämtliche -Stimmfähigen, damit der böse Antrag zu Fall kommt[70]. Agitation und -Klatsch: das ist römisches Straßenleben. Es verlautet, daß ein gewisser -Rutilus gestern ein glänzendes Essen gegeben hat, und Rutilus ist doch -so arm! Gleich wissen das alle Müßigen, und das Räsonnieren geht los, -in den Tempelvorhallen, in den Thermen und Friseurbuden[71]. - -Aber auch das Ausrufen ersetzte die Meldung. Das Kalenderwesen war -schwierig; das Publikum mußte wissen, wie in jedem Monat gewisse -Termine lagen; an jedem Ersten erschien auf dem Kapitol ein Priester -(~pontifex~) und rief den Eintritt der „Nonen“ aus[72]. Dazu nun die -Ausrufer von Beruf, die die Stadt bezahlte, jene altmodischen Figuren, -die wir auch in unseren deutschen Kleinstädten noch vor etwa 50 Jahren -an den Straßenecken regelmäßig tätig sahen, als Ersatz für Tageblatt -und Lokalanzeiger. In Rom fehlte ihnen die Schelle; sie hatten nur -ihr dröhnendes Organ und verkündeten nicht allein lautschallend die -Angebote bei den Auktionen, sondern auch Wichtigeres: „Morgen, ihr -Bürger, die feierliche Beisetzung des großen Aemilius Paulus, der den -König von Mazedonien besiegte; als Leichenspiel wird eine Fabel des -Terenz gespielt;“ oder: „Die Gladiatoren aus Capua sind da; morgen wird -das Forum für sie mit Sand bestreut.“ Auf demselben Forum Roms, diesem -Zentrum der Weltgeschichte, finden die Herren Senatoren sich natürlich -täglich zusammen; Cicero steht da plaudernd mit Pompejus und Lukull, -macht seine Witze und freut sich, wenn Lukull ihn freundlich zu Tisch -einladet: da fährt der Ausrufer dazwischen und schreit: „Die Sitzung -geht an!“ und die Herren schieben sich in die Kurie, um über die -Eroberung Galliens oder über die Schulden des jungen Königs von Ägypten -zu beraten. - -Aber auch das schriftliche Verfahren bestand. Durch Anschrift an den -Mauerwänden wurden die neuen amtlichen Verfügungen bekanntgegeben. So, -wie heute der Landrat im „Blättchen“ seinen Kreis zur Feststellung -der Menge des vorhandenen Schlachtviehes auffordert oder mitteilt, -daß die Blutlaus den Obstbau schädigt und daß von ihrem Auftreten der -Behörde sofort Anzeige zu machen ist, so las das Publikum damals im -Maueranschlag das neue Korngesetz oder den Wehrbeitrag, den der Bürger -fortan zu zahlen hatte. Am Schluß des Jahres gab es in gleicher Form -ein Verzeichnis aller wichtigen Jahresereignisse, von den Schlachten -an, die der Römer wieder einmal gewonnen hatte, bis zum fünfbeinigen -Kalb, das irgendwo auf dem Lande geboren war, und jeder konnte sich -Abschrift nehmen von dem, was ihn anging. Proskriptionen hießen solche -öffentlichen Maueranschläge. Als Sulla seine Menschenhetze eröffnete, -gab er in derselben Weise die Namen seiner Opfer vorher in allen -Straßen Roms bekannt, am ersten Tage 80 Namen; an den folgenden ging es -in die Hunderte. Dadurch sind die unschuldigen Proskriptionen zu einem -Wort des Schreckens geworden; es waren „Anschläge“, die der Tyrann auf -das Leben seiner Mitbürger machte. - -[Randnotiz: Archive. Die ersten Straßen. Telegraphie. Meldedienst.] - -So gab es im städtischen Verkehr viel zu lesen. Aber man las und -schrieb natürlich noch viel mehr. Persönliche Grüße und Wünsche -kreidete man den Freunden und Freundinnen an ihre Tür oder auf -den Türpfosten, oder auch der Sklave kam mit einer schriftlichen -Ausrichtung ins Haus und ersuchte, die Antwort gleich wieder mitnehmen -zu dürfen. Die Wachstafel war eine hochwichtige Sache, und man hatte -sie immer zur Hand; der Diener, ohne den niemand ausging, hielt sie -bereit. Alles das Schreibwerk war rasch vergänglich, unendlich viel -bedeutsamer dagegen die Gotteshäuser, ich meine die Außenwände der -Tempel. Da waren in monumentalen Bronzetafeln wie für die Ewigkeit alle -wichtigsten Dokumente, die Staatsgesetze, die Bündnisverträge Roms mit -auswärtigen Völkern befestigt und aufgehängt. Solche Tafeln sah man zu -Tausenden. Bei dem Tempelbrand auf dem Kapitol des Jahres 69 n. Chr. -gingen allein 3000 zugrunde[73]. - -Soweit die enge Hauptstadt selbst. Sobald aber die treibenden -Lebensinteressen über die Stadtmauern hinausreichen, da wird die -Landstraße nötig und der Überlandbote oder Kurier. In dem Bauernland -Italien gab es zunächst nur ungepflegte Kommunalstraßen und Feldwege -oder Vicinalwege, die durch das Ackerland von Dorf zu Dorf führten -und die der Anwohner in Ordnung hielt[74], und damit hat sich das -siegreiche Rom 400 Jahre lang begnügt. Erst nachdem es das Umland -Neapels, das schöne Kampanien, erobert hatte, führt Rom im Jahre 312 -v. Chr. die erste festgedämmte Chaussee, die unter staatlicher Aufsicht -stand, die berühmte Via Appia, südwärts bis nach Capua. Erst in den -Jahren 241 und 220 kommen dann die Via Aurelia und Flaminia hinzu, -die beide nordwärts nur bis Pisa und Rimini reichen. Hannibal, der im -Jahre 218 in Italien einrückte, konnte diese Straßen schon benutzen. -Sonst blieb der Römer auch noch im Hannibalkriege mit seinen zahllosen -Marschanforderungen ganz auf die dörflichen Fahrwege alten Stils -angewiesen. - -Ebenso unausgebildet aber, bis zum Stumpfsinn, war damals auch noch das -Nachrichtenwesen, der militärische Meldedienst. Meldungen mit Fanalen, -mit Leuchtfeuern sind völlig oder fast völlig unbekannt; auch die -Taubenpost hat der Römer nie ausgebildet, obwohl doch die Tauben schon -damals, wie heute in Venedig, Heuschreckenschwärmen gleich, um alle -Dächer flogen. Im 2. Jahrhundert v. Chr. erfand der geniale griechische -Historiker Polybius im Dienste des ersten Feldherrn der Zeit, des -jüngeren Scipio Africanus, die eigentliche Telegraphie im heutigen -Wortsinn. Wir kennen das telegraphische System des Polyb genau; es war -eine wirkliche Vorwegnahme unserer Morsetelegraphie; aber es blieb auf -dem Papier stehen und ist nie zur Anwendung gekommen, und 2000 Jahre -haben vergehen müssen, bis es in neuer Form wieder auferstand. Der -genannte große Feldherr winkte einfach ab. Solche Sache war für den -grobsinnigen Römergeist zu fein und kompliziert; man wäre dadurch, wo -es sich oft um Geheimmeldungen handelte, zu sehr in Abhängigkeit vom -dienenden griechischen Personal geraten; denn die Griechen hätten den -technischen Apparat auf alle Fälle bedienen müssen. - -Wie tropfenweise und spät die politischen Nachrichten damals noch in -der Hauptstadt eingingen, zeigt uns des Livius Geschichtserzählung[75]. -Wir sehen dabei, wie aus dem Luftschiff, von oben in die Stadt Rom -hinein. Hannibal hat soeben am Trasimenischen See gesiegt. Ein -einzelner Bote taucht in Rom auf mit der vagen Nachricht, und der -Schreck, der entsteht, ist grenzenlos. Das Volk staut sich auf -dem Markt; die Matronen irren in Scharen durch die Gassen. Ein -endloses Fragen den ganzen Tag. Niemand weiß etwas. Man ruft nach -den Magistraten, die sich verstecken. So ist es ja immer, daß die -Regierungen Unglücksnachrichten unterdrücken wollen. Endlich, als es -Abend wird, tritt wirklich der Praetor Pomponius heraus und bekennt -wortkarg: „Wir sind in einer großen Schlacht besiegt.“ Bestimmtes -weiß auch er noch nicht; aber das Gerücht geht um: „ein Konsul ist -tot; zahllos die Gefallenen.“ Jeder bangt um seine Söhne. Indes -vergehen noch mehrere Tage; die Weiber postieren sich in Haufen an den -Stadttoren auf, um den ersten Flüchtling, den ersten Boten abzufangen. -Es hat also tagelang, trotz der Nähe des Schlachtfeldes, an Eilboten, -die der Staatsbehörde die offizielle Meldung brachten, gefehlt: bis -endlich wirklich die Erwarteten kommen, und das endlose Ausfragen -beginnt. Natürlich fehlen dann auch Ohnmachten und Schlaganfälle nicht. -In den Armen ihres Sohnes verscheidet eine Römerin; eine andere rührt -der Schlag infolge einer Falschmeldung. - -[Randnotiz: Gesandtschaften. Eilmärsche. Ausbildung des Straßenwesens.] - -Nicht besser die Beweglichkeit der damaligen Diplomatie im Ausland. -Hannibal belagert Sagunt in Spanien; eine römische Gesandtschaft -sucht ihn dort auf, um dagegen Protest zu erheben. Hannibal läßt sie -gar nicht vor. Da machen sich die römischen Herren nach Karthago -selbst auf, um dort gegen ihn zu wühlen, denn Hannibal hat in seiner -Vaterstadt zahlreiche Feinde. Aber Hannibal selbst schickt gleich -seine Eilboten, die viel schneller sind, dorthin, und als die Römer -in Karthago glücklich anlangen, ist Rat und Bürgerschaft schon völlig -in Hannibals Sinn bearbeitet[76]. Bald danach setzt Hannibal über den -Ebro und will, um Rom anzugreifen, durch Südfrankreich, durch das -gallische Land. Da kommen, um das zu verhindern, römische Gesandte zu -den Galliern und fordern: die Gallier sollen das punische Heer nicht -durchlassen. Schallendes Gelächter empfängt sie. „Ihr kommt zu spät,“ -heißt es, „Hannibals Gesandte waren schon längst hier; der Vertrag ist -mit ihm längst geschlossen, der Durchzug gewährt[77].“ Protzig und -träge, das war das altrömische Wesen. Die Barbaren lachten mit Recht. - -Aber so blieb es nicht. Eben jetzt lernte der Römer in der höchsten -Not vom Feinde. Hamilkar hieß der „Blitz“, er hieß Hamilkar „Barkas“; -Hannibal, sein Sohn, war so blitzschnell wie er. In Scipio Africanus, -dem älteren, aber erstand dem Hannibal ein großer Nachahmer, und durch -ihn veränderte sich alles. Auch dieser Scipio hieß „der Blitz“[78]. -Von da an beginnen die oft erstaunlichen römischen Rapidmärsche im -Felde. Für den normalen Tagesmarsch setzt Vegetius in seiner Schrift -über das Heerwesen 30 ~km~ an[79]. Scipio aber zog damals vom Ebro -nach Cartagena in Spanien in 7 Tagen, also täglich 60 ~km~[80]. Darf -man auch solche Angaben nicht allzu genau nehmen, auf alle Fälle ist -die erstaunliche Schnelligkeit der Bewegung fortan ein Vorzug vieler -römischer Feldherren; ich nenne Lukull, Caesar, Trajan, wobei der -Zweck ist, den unfertigen Gegner zu überraschen, wie es Hannibal -tat. Gewiß hat dies Caesar von Lukull gelernt. Wichtig war auch das -Pferdematerial. Erst seit Spanien erobert war, hatte man auch gute -Pferde, und das schnelle Reiten begann, die berittenen Eilboten oder -Staffetten (~equites citati~)[81]. - -Seit jener Zeit gestaltete sich nun alles anders. Bald war ganz -Italien mit musterhaften, chaussierten Heerstraßen versehen, und in -ihrem Dienst entwickelte sich der Brückenbau, der Tunnelbau. Unter -den Kaisern aber durchschnitten sie zielbewußt weitausholend und -verhundertfacht die ganze damalige Welt, und es gab für den Reisenden -direkte, durchgehende Verbindung von Rom nach Marseille, Lyon, Paris; -von Marseille nach Toledo; von Rom nach Wien; großartig vor allem die -Straße, die von Lyon über Straßburg, Ulm, Regensburg, Wien, immer die -Donau entlang, direkt bis zur Donaumündung, bis zur Dobrudscha lief. -Sie verband den Abend mit dem Morgen, Spanien mit dem Schwarzen Meer, -und das gab Anschluß bis zum Euphrat. Es gemahnt an unsere Bagdadbahn. -Noch in Napoleons Ära hat das moderne Europa diesem Straßenwesen nichts -annähernd Gleichwertiges zur Seite zu stellen gehabt; ich meine jene -harmlosen Zeiten der Stellwagen und Kutschen, in denen unsere Vorväter, -Chodowieckis Zeitgenossen, mit Brezeln und Koteletts und anderen -Lebensmitteln für volle acht Tage sich verproviantierten, um von Berlin -nach Wien zu kommen, und dabei auf den tiefen Sandwegen im fliegenden -Staub erstickten oder im Morast versanken, der bis zum Kutschbock -hochspritzte. - -[Randnotiz: Gallisches Fuhrwesen. Das Heer a. d. Marsch. Train. -Kauffahrer.] - -Aber, merkwürdig genug, das Fuhrwesen hat wiederum der Römer nicht -selbst ausgebildet. Das Schiffahrtswesen nahm er von den Griechen, -die Straßenbautechnik von den Puniern und Griechen, das Fuhrwesen -von den gallischen Barbaren. Der Römer hat zur Bezeichnung des -Wagens selbst nur wenige Worte zur Verfügung. Die Gallier saßen in -der norditalienischen Ebene um Mailand, und von ihnen übernahm man -die verschiedensten und brauchbarsten Wagenformen, vor allem den -Reisewagen (~raeda~) und das Kabriolett (~cisium~). Sogar in Smyrna, in -Kleinasien, fuhr man damit[82]. Auch die gallischen Maultiere (~mulae -Gallicae~) hatten als Bespannung den Vorzug[83]. Im Jahre 222 v. Chr. -wurde Nord-Italien endgültig römischer Besitz; aber das gallische Fuhr- -und Spediteurwesen bleibt dort seßhaft noch in Caesars Zeiten. Damals -verhöhnte Vergil den Spediteur Sabinus in Cremona. Vor allem aber -ist jener Ventidius Bassus berühmt, der das ganze Transportwesen für -Caesars große Kriege in der Hand hatte: ein Emporkömmling bäurischer -Herkunft aus der Gegend zwischen Venedig und Ancona, der sich schon -als junger Kerl betriebsam auf den Dörfern Maultiere und Wagen -zusammengekauft hatte. Bald wurde sein Speditionsgeschäft bekannt; -die römischen Herren mieteten seine Wagen, und so kam er schließlich -auch zu Caesar in Beziehung. Da ging der Betrieb gleich ins Kolossale; -Ventidius wurde der größte Kutscher der Weltgeschichte; er wurde kraft -seiner Leistungen sogar Senator, Konsul, wenn schon er wohl immer noch -nach dem Stalle roch. Man begreift das Entsetzen der gebildeten Welt. - - Herbei, ihr Vogel- und Eingeweideschauer Roms: - hier ist ein neu Mirakel, wie ihr noch keins geschaut. - Der Maultierstriegler von Beruf ist Konsul jetzt! - -Diese Verse las man damals an den Straßenmauern Roms[84]. - -Die berühmten römischen Fahrstraßen hießen „~viae~“, und „~viae~“ kommt -von „~vehere~“, „fahren“, her. Wegen des Fahrens die feste Dämmung. -Kein Wagen konnte da einsinken. Gleichwohl sind sie Militärstraßen -gewesen und im Dienst des Krieges entstanden; aber die Truppen wurden -natürlich nie per Achse befördert[85]. Sie marschierten nur, und auf -dem harten Basaltpflaster der Militärstraßen marschierte es sich gewiß -nicht gut. Sogar die Offiziere, sogar die Höchstkommandierenden hielten -oft mit Schritt. Sie fuhren nicht, aber sie ritten auch nicht. So, zu -Fuß, ist Marius von Rom aus gegen die Teutonen ausgezogen, hat Caesar -z. T. Frankreich durchmessen. Es war ein Ruhm des Feldherrn, wenn er -dasselbe leistete wie der geringste Mann. Nicht anders Trajan in -Dacien[86]. Mark Aurel war freilich dazu zu schwächlich, als er durch -Siebenbürgen bis nach Böhmen vordrang; daher sein Reiterstandbild. -Er mußte reiten. Nicht also für die Truppen selbst, sondern vielmehr -für den Wagentroß, der dem Heere folgte, waren jene Militärstraßen -chaussiert. Ließen die Soldaten den Train hinter sich, so hießen sie -~expediti~, „die da fußfrei einhergehen“; so konnten sie wesentlich -rascher und auch auf schlechten Wegen vorankommen; und davon hat -die „Expedition“ ihren Namen, die ursprünglich die kurzfristige -Unternehmung ohne hemmenden Troß bedeutet hat[87]. Gleichwohl war ein -Feldzug ohne Train (~commeatus~), ohne Beigabe von Proviantmassen, von -Gerät und Geschützen, wie ein Flug ohne Flügel, wie eine Lokomotive, -die kein Wasser hat. Wir wissen das auch heute. - -Nun aber der Kaufmann! Auch er strebt hinaus über die Landesgrenzen. -Wer aber wird glauben, daß die Kaufmannswelt sich an jene Musterstraßen -gebunden fühlte? daß sie nicht schon vor ihrem Vorhandensein weit -ausgriff und rege war? Nicht der Krieg erschließt die Welt; der -Handel schafft sich selber Wege, auch unter Menschenfressern und -Kannibalen, und ob er über den schwindelnden Saumpfad klettern, durch -endlose Wälder und grundlose Sümpfe sich drängen muß, ob er mit -der Wüstenkarawane der Fata Morgana nachrennt und von Stürmen über -fremde Meere sich tragen läßt. Ostindien, Westindien, das Goldland am -Niger, die Bernsteinküste der Ostsee, der Kaufmann war es, der sie -entdeckte. Um neue Absatzgebiete, um neue Produkte für die Einfuhr -zu entdecken und in seine Hand zu bekommen, stürzt er sich in alle -Gefahren. Italiens Hauptexportartikel war sein wundervoller Wein, -der in mannigfaltigsten Sorten und in Fülle gedieh. Viele Marken -waren schwer berauschend, und der Barbar kaufte sie mit Gier, wie der -Chinese das Opium. So kam der Wein Italiens schon früh zu den Galliern, -Spaniern und Germanen. Schwer belastet trugen die Flußschiffe die -gefüllten Fässer die Rhone und Saône hinauf und den Rhein hinab, -und wo Flüsse fehlten, kamen die Lastkarren mit kreischendem Rad. -An allen Küstenplätzen, Cartagena, Toulouse, ja auch im Inneren -der eroberten Gebiete setzten sich die römischen Händler fest, -bildeten Gesellschaften und vertrieben als solche die Landesprodukte, -verarbeiteten, verluden sie und schafften sie nach Rom, dem großen -Konsumenten und Magen, der alles verschlang. Freilich betrieben das -die römischen Herren zumeist nicht in Person, sondern durch ihre -Freigelassenen, denen ihr Kapital und Kredit zur Verfügung stand und -die hernach selbst unter die reichen Bürger mit aufrückten. - -[Randnotiz: Welthandelsverkehr. Römerstraßen der Kaiserzeit. Das -Reisen.] - -Aber nicht nur in den Nordländern: in dicken Massen, wie Schmeißfliegen -auf der Wunde, saßen die römischen Händler und Wucherer im unterjochten -Kleinasien. Man staunt, zu hören, daß der letzte große Rächer des -Griechentums, Mithridates, dort an einem Tag bis zu hunderttausend -Römer aufgreifen und töten ließ, indem er die Wut der Griechen auf -sie hetzte. Karthago, Korinth mußten fallen, Rhodus, Athen, auch -Marseille völlig geschwächt werden, damit der „~mercator~“ Roms alles -in seine Hand bekam, und er warf nun aus allen fruchtbaren Gegenden das -Getreide nach Rom, lieferte indische Gewürze und Edelsteine, Bauholz -vom Schwarzen Meer, feines Holz für die Möbelschreiner aus Marokko, -Sklavenmassen aus Syrien und was sonst die Welt hergab, vom gallischen -Schinken bis zu den erhabenen griechischen Götterfiguren, mit denen -man Promenade und Park verzierte. Silbergruben, Bleigruben erwarben -sich die Konsortien in den Provinzen, produzierten selbst Fischbrühe -in Spanien für den Massenversand, der in mächtigen Krügen mit der -Aufschrift „Fischbrühe der Kompagnie“ (~garum sociorum~) geschah, -ernteten das Pfriemengras (~spartum~), das in Spanien wild wuchs und -aus dem man Matten und Seile machte, brachten gar die altägyptischen -Papyrusfabriken in ihre Hände usf. Der Import in Italien übertraf den -Export wohl vielhundertfach; aber Rom hatte Geld und konnte alles -zahlen. Das Großkapital saß in Rom und nährte sich und schwoll durch -ungeheuren Zinswucher. Es sollte freilich die Zeit kommen, wo die -römische Kultur in den Provinzen das Mutterland Italien gewaltig -überholte. Da versank Italien und Rom endlich in zunehmende Verarmung. -Es war wie Rache und Vergeltung. - -Wie nun dieser Warenaustausch durch den Bau der römischen Heerstraßen, -der sich in die fernsten Fernen erstreckte, befördert worden ist, -begreift sich leicht. Unaufhaltsam Menschen suchend, dringt die Straße -von Siedelung zu Siedelung und bietet ihre Gaben an, sättigt überall -tausend alte Bedürfnisse und erweckt tausend neue, wie heute die -Eisenbahn, und knüpft so die Völker zur Menschheit zusammen. Bequemer -freilich und billiger war damals wie heute der Wassertransport, und das -Mittelmeer stand allen offen und trug gutwillig alle Lasten, wofern -nur ein günstiger Wind die Segel schwellte. Das Mittelmeer war die -Hauptverkehrsstraße der alten Welt. - -Wir aber verweilen zunächst noch auf dem Lande. Die Lastfuhren drängten -sich. Aber nicht nur der Kaufmann füllte die Landstraßen, sondern -auch der Reisende. Allein schon die hohen Herren Verwaltungsbeamten, -die mit großem Personal in die Provinzen eilten und oft jährlich -wechselten. Aber auch die Gesundheits- und Vergnügungsreise gedieh; -auch die Neugier trieb hinaus in die Ferne; die Straße ermöglichte das. -Straßenräuber und Piraten gab es kaum noch, und man streute sein Geld, -indem man durch die Länder bummelte, und erzählte Wunderdinge, wenn -man nach Hause kam. In manchen Tempeln geschahen Wunderheilungen, und -ganze Wallfahrten zogen dahin. Übrigens ging der Schwindsüchtige wie -heute gern nach Ägypten oder an die Riviera. Auch die Heilquellen von -Teplitz, Baden bei Zürich und Bath in England haben die alten Römer -schon benutzt. Aber auch diese Gesundheitsreisen dienten zugleich oft -genug dem flotten Luxusleben und dem unersättlichen Verlangen nach -Zerstreuung. Man hatte Zeit, und es galt sie totzuschlagen. Die Straße -stand dem Händler, sie stand auch dem Müßigen offen. - -[Randnotiz: Reiseziele. Gattungen des Wagens. Prunk.] - -Ständig strömten die Provinzleute nach Rom; das begreift sich; man -mußte einmal im Leben in Rom gewesen sein, oder man wollte einmal -den Kaiser gesehen haben oder auch andere berühmte Männer, wie den -Vergil oder Livius. Der Römer selbst dagegen weidete, wenn er reiste, -alle Sehenswürdigkeiten der Griechenstädte ab; denn er war nun einmal -Griechenschwärmer von Erziehung. Parthenon und Olympia, die Diana von -Ephesus, der Koloß von Rhodos, die Venus von Knidos, der Eichbaum, -unter dem Alexander der Große während der Schlacht von Chäronea sein -Zelt gehabt hatte, alles wurde mit Hilfe der Reiseführer umständlich -besichtigt; natürlich auch die Pyramiden und Sphinxe und heiligen -Ibisvögel am Nil. Daher das Horazgedicht: Andere mögen Rhodos loben -und Mitylene; ich liebe mein Tivoli am rauschenden Aniofluß. Wozu -nach Smyrna reisen? so fragt derselbe Horaz: Ob du hier in Rom oder -in dem verwunschensten Nest sitzt: wer gesunden Sinn hat, ist überall -glücklich; wo immer du bist, lebe in Anmut! - -An den Straßen gibt es in gewissen Abständen Stationen für -Pferdewechsel, und da ächzen nun all die schweren Last- und Möbelwagen -(~plaustra~) über Land und die Karren mit Bauholz (~carri~). Sie halten -an; denn da kommt im Trab eine gedeckte Kutsche mit vier Pferden daher -(~raeda~), eine ganze Familie darin, das Reisegepäck hinten auf. -Elegante Leute fahren sausend im vergoldeten oder silberbeschlagenen -Wagen (~essedum~) mit Beduinen als Vorreitern; für Damen ist wieder -eine besondere Wagengattung (das ~carpentum~) bestimmt, auch diese -schön und kostbar: darin fahren die Frauen zum Gottesdienst; so -kutschiert Cynthia, des Properz Geliebte, selbst rosselenkend zur -Fütterung der heiligen Schlange nach Lanuvium; zwei Ponys mit -gestutzter Mähne hat sie vorgespannt. Alle diese Fahrzeuge aber -überholte das auch noch heute in Italien so beliebte zweiräderige Gig -oder Kabriolett (~cisium~) mit dem Schnelltraber, oft nur ein simpler, -offener Kasten auf zwei Rädern, der vor allem dem Geschäftsreisenden -diente. Die Gäule und Mäuler tragen Hufeisen, das jedoch die Form -eines vollständigen Schuhes hat; sie werden auch nicht wie heute an -Stränge oder in die Deichselgabel eingespannt, sondern vorn an der -Deichselstange ist ein Joch, an dem sie ziehen. - -Einmal begegnen wir auch dem Philosophen Seneca auf der Landstraße. -Der reiche Mann ist der Verfechter stoischer Gesinnungen. Er fährt da -mit einem Freund und ein paar Dienern, durch irgendwelchen Umstand -veranlaßt, ohne Gepäck, auf einem gemeinen Bauernwagen. Aber die Scham -befällt ihn, als ihm immerfort die eleganten Reisenden aus Rom, die ihn -z. T. gewiß persönlich kannten, auf der Straße begegnen, und er ärgert -sich über seine Scham. Da kommen sie gefahren mit fetten Paradehengsten -oder spanischen Rennern und Zeltern; um im Wagen zu speisen, haben -sie goldenes Tafelgerät mit, und ungeheurer Staub wirbelt auf, denn -Schnelläufer oder afrikanische Vorreiter eilen vor ihnen her, um mit -Gewalt Platz zu schaffen, weil die Straße mit Wagen gestopft ist. Als -Bedienung werden außerdem noch junge schöne Pagen hinterhergefahren, -deren Gesicht mit Schminke belegt ist, damit ihre zarte Hautfarbe nicht -durch die Sonne leide. „Wohin,“ ruft da Seneca, „ist die Zeit eines -Cato, der sich noch dereinst mit einem einzigen Klepper begnügte?“ -Cato ritt durchs Land und brauchte das Tier nicht einmal ganz; denn -einen Teil nahm der Reisesack ein, der rechts und links vom Sattel -herunterhing[88]. - -[Randnotiz: Handelshafen; Handelsschiffe. Erholungsreisen der großen -Herren.] - -Da sehen wir einmal, flüchtig angedeutet, den Betrieb auf der Via -Appia, die Überfüllung der italienischen Landstraßen. Überfüllter aber -war noch das Mittelmeer, und uns öffnet sich endlich auch der Blick -auf die See. Die Landstraße führt den Seneca nach Puzzuoli (Puteoli), -den großen italienischen Welthafen jener Zeiten, die Reiseherberge der -ganzen Welt[89]. An die zwanzig Molen streckten sich da, festgemauert, -ins Meer, zwischen denen die Schiffe Anker warfen. Seneca erlebt, wie -die Schiffe aus Alexandria dort in Sicht kommen; es sind Kurierschiffe, -die melden, daß die große Flotte mit den Warentransporten aus Ägypten -bald eintreffen wird. Auf allen Molen stehen da die Menschen in -dicken Haufen, die sich drängen und hinausspähen: der alexandrinische -Schiffstypus wird von ihnen festgestellt; an der Art der Segel erkennt -man ihn; denn keine anderen Schiffe setzen sonst auf der Strecke -zwischen Kapri und Puzzuoli das Toppsegel (~supparum~) auf. Seneca -selbst hält sich indes fern; er erwartet zwar wichtige Postsachen aus -Ägypten, aber er bezähmt seine Ungeduld[90]. - -Einen anderen Ton schlägt der Satiriker Juvenal an. In dem grimmigen -Ton, der ihm eigen ist, belebt er uns das Meer, indem er den Kauffahrer -mit dem Seiltänzer, der für Geld sein Leben wagt, vergleicht. Von Kreta -kommt die Brigg mit Flaschen voll Rosinenwein und Säcken, die schon -von weitem nach Gewürzen riechen, daher. Millionär will der Kauffahrer -werden. Das wollen sie alle. Ja, sieh nur die See, wie sie voll ist -von Gebälken! Der größte Teil der Menschen lebt heut auf dem Wasser. -Daher ist uns auch das Mittelmeer zu eng geworden; man fährt jetzt, -an Gibraltar vorüber, auch dreist in den offenen Atlantischen Ozean, -wo die Welle aufzischt, wenn die heiße Sonne in ihm untergeht. Unter -Kuratel sollte man den Wahnsinnigen stellen, der seinen Zweimaster -bis zum Rand mit Waren überfrachtet, so daß die Welle fast über Bord -schlägt. Getreide und Pfeffer hat der Mann zusammengekauft. Ein -Gewitter kommt. „Löst das Ankertau,“ ruft er trotzdem; „das bißchen -Wolken hat nichts zu sagen.“ Morgen aber ist er vielleicht schon als -Schiffbrüchiger ins Meer gestürzt und möchte sich retten; aber er -schwimmt nur mit der linken Hand, weil er mit der rechten und mit den -Zähnen die Geldkatze festhält[91]. Die Zahl der Schiffbrüchigen war im -Mittelmeer zur Zeit des Altertums in der Tat unendlich viel größer als -heute -- als ob dort deutsche Unterseeboote am Werk wären. - -Lassen wir indes den Zorn Juvenals verrauschen, der sich gegen die -Geldgier des Kaufmanns richtet. Sein Zorn ist selbst wie Sturm. -Eine wirkliche Erholung war das Reisen gelegentlich für die großen -Staatsmänner und Feldherren. Mark Anton hatte nach dem großen Sieg -bei Philippi endlich sich zum Herrn des Orients durchgerungen; -schlachtenmüde erholte er sich danach einige Monate lang in Hellas und -Kleinasien (warum sollte er es nicht so gut haben wie andere?), sah -sich leutselig die berühmten Wettspiele an, ließ sich über griechische -Altertumskunde vortragen und war dabei aufgeräumt und überlustig. Als -auch die Winkelstadt Megara ihn um seinen Besuch bat und ihm ehrgeizig -ihr altertümliches Rathaus zeigte, sagte er nichts als: „Klein, aber -verwahrlost.“ Es war schwer, dem großen Herrn zu imponieren. Genaueres -teilt uns Tacitus über des Antonius Enkel, den liebenswürdigen -kaiserlichen Prinzen Germanicus, mit. Es ist der Germanenbekämpfer der -Jahre 14 bis 16 n. Chr. Drei Jahre hatte Germanicus im rauhen Norden -gestanden, durch die tiefen Wälder und Sümpfe des wilden Germaniens -seine Legionen zum Kampf getrieben, auf der tosenden Nordsee persönlich -schwersten Schiffbruch gelitten, als Tiberius ihn nach Syrien -entsandte; er sollte nunmehr sogleich den Osten verwalten. Aber er nahm -sich Zeit; er brauchte sichtlich Ruhe und Ausspannung, und so suchte -er erst Actium auf, den denkwürdigen Küstenplatz, wo vor 50 Jahren -die Seeschlacht bei Actium geschlagen wurde. Er fand da noch wirklich -die Reste des Heerlagers des Antonius selbst, Anlaß genug, allerlei -trüben und frohen Erinnerungen nachzuhängen. So fuhr er auch nach -Lesbos, deshalb, weil ihm dort seine Tochter Julia geboren war, fuhr -zum alten Troja, das jeder Römer wie seine Urheimat verehrte, sättigte -seinen Schönheitssinn, indem er weiter alle wundervollen Küstenstädte -des griechischen Meeres und so auch Konstantinopel (Byzanz) besuchte, -überall natürlich wie ein Fürst empfangen. Bei Kolophon gab es eine -berühmte Orakelstätte; in einer heiligen Grotte trank da der Seher, -ehe er seine Weissagungen vorbrachte, aus einer geheimnisvollen -Wunderquelle; so auch diesmal, und da soll dem Germanicus sein -frühes tragisches Ende geweissagt worden sein. Doch war es ihm im -folgenden Jahre (19 n. Chr.) noch beschieden, nach dem Wunderland -Ägypten zu gehen, den märchenhaft berühmten Koloß der Memnonsäule bei -Sonnenaufgang klingen zu hören, und er ging dann noch weiter stromauf -bis nach Assuan, wo die Stromschnellen des Nil sind, deren Wirbel nicht -zuließen, daß man mit dem Senkblei die Wassertiefe maß[92]. Am Bein -der Memnonsäule, dieses zertrümmerten Sitzbildes, finden sich noch -heute eine Menge Inschriften eingekratzt erhalten, Worte von römischen -Reisenden, die froh bezeugen, daß sie den Koloß klingen hörten. -Jahrhundertelang reiste man wundersüchtig dorthin, um das zu hören. - -[Randnotiz: Fußwandern und Pilgern. Die Meile.] - -Wieviel die hohen Herren auf solchen Reisen zu Fuß abmachten, läßt sich -nicht genauer feststellen. Wohl aber gilt es zu wissen, daß im Altertum -trotz allem, was ich bisher mitgeteilt, die Fußreise vorherrschte, -daß für den Durchschnittsmenschen das Reisen zu Land ein Wandern, ein -Pilgern war. Die Wenigsten konnten sich Wagen mieten, und dadurch, -durch die Züge der Fußgänger und Pilger, belebt und ergänzt sich uns -das Bild der Landstraße nun noch weiter. Die Reise heißt „~iter~“; -„~iter~“ aber ist „der Gang“ auf deutsch und setzt zunächst durchaus -das Gehen voraus; ebenso das Wort „pilgern“, ~peregrinari~; wo nicht -ein Fahrzeug besonders genannt wird, wird auch beim Pilgern nie an -Fahren gedacht. Und so sagt uns ja auch Horaz, daß, wer bei Regenwetter -von Capua auf der Appischen Straße nach Rom eilt, von Kot überspritzt -ankommt[93]; die Wagen sind es, durch die der Fußgänger so bespritzt -wird. Ausonius schildert in seinem berühmten Reisegedicht „Mosella“ -seine Fahrt auf der Mosel. Er steigt aber nicht etwa einfach bei -Trier oder bei Neumagen ins Schiff, sondern von Bingen a. Rh. geht er -aus und wandert zunächst zu Fuß einsam, und also nicht etwa auf der -Poststraße[94], durch die Wälder des Hunsrück[95]. So hat denn der -junge Dichter Persius, wie man glaublich vermutet, eine Gedichtsammlung -„Wegwandergedichte“ (ὁδοιπορικά) geschrieben[96], und ein solches -Wegwandergedicht besitzen wir noch; Catull gibt es uns, ~carmen~ 46: -es ist Frühling; aus dem Inneren Kleinasiens, aus Bithynien, wo der -Dichter mit jungen Altersgenossen amtlich beschäftigt war, strebt er an -die Küste, um von da weiter nach Rom heimzufahren, und singt: - - Schon bringt der Lenz die linden Lüfte wieder, - Schon schwingt in Anmut Zephyr sein Gefieder. - Des Äquinoktiums Himmelsstürme ruhn. - Zeit ist’s, Catull, vom üppigen, aber heißen - Bithynerland dich endlich loszureißen. - Zu Asiens Küstenplätzen fliege nun. - - Schon klopft das Herz, voll Hast, hinauszuschweifen; - Der Fuß ist stark und fröhlich auszugreifen. - Ade! Schön war der Bund mit euch Kollegen, - Die ihr mit mir gereist. Auf andren Wegen - Zieht ihr, als ich, dem Heimatland entgegen. - -Da haben wir den Fuß, der ausgreift! Vergessen wir nicht, daß ja auch, -wie wir sahen, die höchsten Heerführer ihren Legionen oft zu Fuß -voranschritten. Wer es eilig hat, von dem sagt Catull: er verschluckt -seinen Weg vor Gier[97]. Und was bedeutete die Meile für den Römer? -Sie war nichts als ein Schrittmaß und bedeutete 1000 Doppelschritte -des Marschierenden, die also nicht in Luftlinie, sondern nur am Lauf -der Straße abgemessen werden (man rechnete nach ~milia passuum~); die -Meilenpfeiler gaben dem Fußgänger von Stelle zu Stelle an, wieviel -Schritte er hinter sich, wie viele er vor sich hatte. Die Straße war -Wanderstraße. - -[Randnotiz: Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz. -Gasthöfe.] - -So belebt sich uns die Landstraße mehr und mehr mit den -mannigfaltigsten Gestalten. Denn wir erinnern uns nunmehr auch der -ambulanten oder wandernden Berufsarten. Die Sendboten des Christentums -tauchen vor uns auf, und ihr Fuß trägt sie dahin von Land zu Land, zu -allen Völkern. Aber nicht nur sie. Weil es in unzähligen Landstädten -Theater oder Amphitheater gab, ziehen nun auch die Schauspielerbanden, -ziehen die Mimen, die Jongleure von Ort zu Ort; ebenso auch die -Gladiatoren, die zu je hundert oder mehr vermietet werden und auf -Bestellung hier und dort ihre Fechterspiele geben. Da sind aber auch -die Ärzte, die, um ihre Kundschaft auszudehnen, gern und oft ihren -Standort wechselten und dabei Heildiener und Apotheke mitbrachten; -da sind auch noch die Kunstredner des Altertums, halb Prediger, halb -Professoren: Kanzel und Katheder in eins. Unsere Sonntagsgottesdienste -mit Predigt gab es noch nicht; sie ersetzten diese Wanderredner mit -ihren schwungvollen Moralvorträgen, die kunstvoll ausgebaut waren. -Aber sie glichen zugleich auch unseren gefeierten Berufshistorikern, -die heut herumreisen, um ihren Bismarck-Vortrag überall zum besten -zu geben; und der Zulauf, der Lernhunger, der Trieb zur Andacht war -grenzenlos. Gewisse volkstümliche Philosophen, Volksbeglücker und -Wahrheitsverkünder kamen überhaupt gar nicht weg von der Straße: dafür -ist das berühmteste Beispiel der Wundermann Apollonius von Tyana um die -Zeit der Zerstörung Jerusalems; sein langes Leben, das früh zum Roman -ausgedichtet wurde, stellt sich als eine unausgesetzte Pilgerschaft -dar, die ihn von Syrien nach Persien, nach Ägypten, Athen und Italien -führte. Und dadurch wird uns weiter das rastlose Reiseleben Kaiser -Hadrians verständlich[98]; aber auch der Apostel Paulus. - -Die Apostelgeschichte, die von Paulus erzählt, ist wie ein Reisebuch. -Wie Apollonius von Tyana, so reist auch Paulus, wenn er nicht zu Schiff -fährt, stets nur als Fußgänger[99]. Viele Städte hatte er schon so -besucht, in Saloniki, Philippi, Korinth Gemeinden gegründet, als ihm -der Prozeß gemacht wird, und er tritt, um sich in Rom dem kaiserlichen -Urteilsspruch zu stellen, zu Schiff als Staatsgefangener seine letzte -und längste Reise von Caesarea nach Rom an. Vorschrift war, daß, wer -zum gerichtlichen Termin nach Rom bestellt wird, auf der Reise täglich -20 römische Meilen oder 30 ~km~ machen soll[100]. Aber das ließ sich für -Paulus nicht innehalten; denn es war schon Spätherbst; das stampfende -Schiff lief bei hoher See, der Sturm verschlug ihn bis nach Malta, -und da hielt der Winter ihn drei ganze Monate fest. Dann brachte ihn -und seine Fahrgenossen ein alexandrinisches Schiff im ersten Frühling -glücklich nach Puzzuoli, jenem großen Weltemporium, auf dessen Molen -auch Senecas Augen geruht haben, und von da wandelte der Verkünder -Christi auf der nämlichen Appischen Straße, auf der wir auch Seneca -fahren sahen, nach Rom. Ob die Augen beider Männer und Verkünder der -Menschenliebe je ineinander geruht haben? Wir wissen es nicht. - -Das Schiff, auf dem Paulus landete, war nun aber mit dem Gallionbild -der heidnischen Götter Castor und Pollux geschmückt. Es ist auffallend, -daß die Apostelgeschichte dies ausdrücklich erwähnt[101]. Unter dem -Schutz dieser Götter der guten Schiffahrt kam der Apostel Christi -sicher ans Ziel. Viele Schiffe zeigten so irgendein Gottesbild, wie -das der Isis. Denn der antike Reisende war gefährdet und brauchte -die Fürsorge seiner Götter; vor allem auf See. Gebete und Gelübde -vor der Abreise geschahen ständig. Daher die schönen Geleitsgedichte -(~Propemptica~) für die Abreisenden, die wir noch besitzen. Und mit -der Landreise stand es nicht anders; am Weg standen darum vielfach die -Altäre der Straßen-Laren (~Lares viales~ und ~semitales~[102]), denen -man Opfer gab. Bei Landtransporten, die glücklich verliefen, gab man -auch dem Herkules den Zehnten des Gewinns[103]. Es war dies die einzige -Form des Versicherungswesens, die dem Altertum zur Verfügung stand. - -Und nun endlich die Gasthöfe. Wer in Eile war und die Nacht durchfuhr, -konnte sie freilich entbehren; aber das kam wohl selten vor[104]. -Sonst aber mußte man bei Dauerreisen nachts irgendwo einkehren. -Glücklich der, dem ein Gastfreund alsdann sein Privathaus öffnete. -Der Apostel Paulus ist auf seiner Fußwanderung nach Rom in der -Station ~Tres Tabernae~ eingekehrt, die wir auch aus Ciceros Briefen -kennen. So hatten sich bei dem gewaltigen Anwachsen des Verkehrs an -allen Straßen feste Stationen gebildet und überall das Gasthauswesen -entwickelt: „~mansiones~“ hießen solche Herbergen, vom „Verweilen“ -(~manere~), und daher kommt das französische „~maison~“. Aber es waren -meistens nur Tabernen, budenartige Gebäude und der Aufenthalt gewiß -nicht sehr verlockend. Wer möchte wohl heute in den Gasthöfen für -Geschäftsreisende, im ~Hotel Terminus~ oder ~Rebecchino~ oder wie sie -heißen, dauernd leben? Ganz dieselbe Frage stellt auch schon Horaz[105]. -+Eine+ Nacht genügt. Und ein Hotel Terminus ist gewiß noch golden gegen -jene Tabernen des Altertums, die zudem oft von Schlafgästen überfüllt -waren[106]. Einmal ist uns das Gespräch eines Reisenden mit der -Wirtin aus einer dörflichen Herberge noch erhalten. „Wirtin, laß uns -abrechnen.“ „Geliefert ein Schoppen Wein, dazu Brot: macht 1 As; warme -Speise: macht 2 As.“ „Das stimmt.“ „Dazu ein Mädchen: macht 8 As.“ -„Auch das stimmt.“ „Heu fürs Maultier: 2 As[107].“ Das ist die ganze -Rechnung[108]. Die Ernährung des Tieres kam also fast ebenso teuer (oder -billig), wie die des Menschen. Es wird wohl nicht überall so gewesen -sein. - -[Randnotiz: Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb.] - -Nun aber der Staat! die Reichsverwaltung! Sollte sich nicht auch der -Staat selbst die wunderbare Entwicklung des Straßenwesens zu Nutzen -machen? Von der einen Tiberstadt aus sollte er die Türkei, Ägypten, -Tunis, Frankreich, Spanien, Südengland, die Schweiz, Tirol verwalten: -für die zahllosen jährlichen Einläufe, Meldungen, Rechenschaftsablagen, -Erlasse, Edikte setzt dies ein rasch und regelmäßig funktionierendes -und dabei unendlich verzweigtes Nachrichtenwesen, einen grenzenlosen -Depeschenbetrieb voraus. Der Senat beschickte von sich aus die ihm -unterstellten senatorischen Provinzländer; im übrigen war das Reich -kaiserlich und der Kaiserpalast auf dem Palatinhügel der zentrale -Wirbelpunkt der Dinge, wo sich die Büros der Hausministerien, die -kaiserlichen Sekretariate (ein griechisches, ein lateinisches) mit -unendlichem Personal für Abfassung und Versand der allerhöchsten -Verfügungen (~ab epistulis~), für Bittschriften und ihre Erledigung -(~a libellis~) befanden. Wer den täglichen, hastenden Betrieb auf -sämtlichen preußischen Ministerien, Finanz, Handel, Unterrichtswesen, -Justiz usf. zusammennimmt, mag sich davon annähernd ein Bild -machen. In die Hauptstädte der Provinzen, Lyon, Lambese, Antiochia, -Salonae, Tarragona, Corduba, Tanger, wo die kaiserlichen Legaten und -Prokuratoren saßen, mußten, ungehindert durch Zeit und Raum, die Arme -der kaiserlichen Verwaltung hinüberreichen, um Kontrolle zu üben, -tausend Entscheidungen zu übermitteln. Die Akten, die Papiere flogen -hin und her. Daher hat auch schon Augustus, der erste große Weltordner -vor Kaiser Hadrian, die Reichspost eingeführt, die man den „Staatskurs“ -(~cursus publicus~) nannte und die durch alle Länder lief. Auf dem -Meere dienten hierfür die leichten Kurierschiffe des Staates[109], -Schnellsegler, zumeist Liburnen, für deren Schiffstypus man das Muster -von den Dalmatiern, den besten Seeleuten an der illyrischen Küste der -Adria, nahm, wo auch heute noch die kühnsten Seeleute zu finden sind -(eben darum möchte sich Italien heute gern dies Dalmatien einverleiben, -wenn es könnte)[110]. Die Wagenpost über Land aber hatte Relaissystem; -d. h. an allen Stationen wurde immer wieder umgespannt[111], und die -Pferde und Mäuler standen dafür also in den Stallungen immer bereit -(~mutationes~). Der Postgaul heißt „~veredus~“, das Extrapferd -„~paraveredus~“, ein halbwegs gallisches Wort, wovon letzten Endes -unser deutsches Wort „Pferd“ sich herleitet. Jedoch fuhr die Post nicht -an bestimmten Tagen und Stunden, und feste Fahrpläne, Reichskursbücher, -gab es nicht. Die Post hielt sich immer nur an den Ausgangsstationen -bereit, und wo Passagiere sich meldeten, wurde gefahren. - -Es waren dies aber ausschließlich nur offizielle Personen der -Reichsverwaltung und ihre Beauftragten; für den Privatverkehr diente -die Reichspost nicht. Schon ohne ihn war die Inanspruchnahme enorm. -Wollte sie ausnahmsweise ein Privatmann benutzen, so mußte er von der -Regierung und an höchster Stelle sich dazu eine Bescheinigung, Permeß -(Diplom) erwirken. In dringenden Fällen gab es Eilpost in Extrawagen -(~cursus velox~)[112]. Der Postbetrieb selbst aber erforderte nun -wieder ein starkes Beamtenpersonal an Postdirektoren, Stallmeistern, -Wegaufsehern usf., ein Personal, das, wie heute unsere Briefträger -und Eisenbahnschaffner, militärischen Charakter trug und sich an -allen größeren Plätzen zu Innungen oder Collegia zusammentat[113]. Die -Kosten des Ganzen aber mußten die Provinzländer, die von der Sache den -Vorteil hatten, tragen, indem sie die Transportmittel lieferten: eine -Belastung, die erst Kaiser Hadrian, der große Neuordner des Reichs, -wesentlich erleichtert hat. Hadrian war der berühmte Reisekaiser, der -persönlich unausgesetzt durch alle Länder eilte, und er zentralisierte -darum auch die Weltpost, ungefähr so, wie wenn man heute das -Eisenbahnsystem ganz Europas mit allem Betriebsmaterial unter die -einheitliche Leitung Berlins oder Wiens stellen wollte. - -[Randnotiz: Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit. Hadrian.] - -Es versteht sich, daß zur kaiserlichen Post auch noch das amtliche -Meldewesen gehörte, ein Botenverkehr über Land mit Ablösung in der -Weise, daß z. B. zwischen Lyon und Rom 40 Boten sich ablösen und die -Schriftsachen weitergeben, so daß in 8 Tagen die Botschaft am Ziel -ist[114]. Es waren Schnelläufer, die, wo es anging, Richtwege benutzten. - -Ein vom Kaiser für Privatleute ausgestellter Reiseschein war aber nur -so lange gültig, als der Kaiser lebte. Bei Regierungswechsel mußte man -sich daher vorsehen. Einem gewissen Coenus ging es damit übel. Es war -dies ein Grieche, einer der gerissenen und schwerreichen Leute des -Freigelassenenstandes, zur Zeit der Thronwirren des Jahres 69 n. Chr. -Kaiser Otho war eben in der Schlacht besiegt und hatte sich selbst -getötet; sein Gegner und Nachfolger Vitellius funktionierte aber noch -nicht als Kaiser. Coenus will gern die Eilpost nach Rom benutzen; dazu -hat er von Kaiser Otho einen Permeß in Händen, der nun eben seine -Gültigkeit verloren hat. Nun lügt er den Senatoren, die noch schwanken, -wen sie jetzt als Kaiser Roms anzuerkennen haben, vor, Otho lebe -noch, habe soeben noch einmal einen Sieg gewonnen, sein Reiseschein -sei also noch gültig; und so kam Coenus damit auch wirklich nach Rom. -Aber er büßte den Kniff mit dem Tode. Vitellius ließ sich hernach das -Vergnügen nicht entgehen, ihn hinzurichten[115]. - -Aus derselben Zeit haben wir die Nachricht von der schnellsten Reise, -die unseres Wissens das römische Postwesen möglich gemacht hat. In -unseren Augen ist sie freilich nicht allzu erstaunlich. Die Sache -spielt ein Jahr früher als die vorige, im Jahre 68, und wieder ist -einer der Griechen dabei die Hauptperson; er heißt Ikelus. Der alte, -über 70jährige Kriegsmann Galba steht in Spanien und ist dort von -den Regimentern zum Kaiser ausgerufen worden. Nero hört das in Rom -und tötet sich vor Entsetzen selbst. Der Senat ist bereit, Galba als -Kaiser anzuerkennen. Ikelus freut sich des; er ist des Galba Kreatur; -Galba hat diesen Griechen, der einst Sklave war, zum römischen Ritter -gemacht. In Wirklichkeit aber war Kaiser Galba vielmehr die Kreatur des -Ikelus; um seinerseits zu herrschen, sucht dieser Mensch das Kaisertum -Galbas auf alle Weise durchzusetzen. So wirft er sich in Ostia auf -einen Schnellsegler, schifft kühn und in gerader Linie nach Tarragona -durch das offene Meer, wirft sich dort in die Eilpost und ist schon -in sieben Tagen in dem Nest Clunia, um Galba die Anerkennung des -Senats zu überbringen. Eile tat Not. Unglaublich fand Plutarch diese -Leistung[116]. Um so träger und schwerfälliger vollzog dann freilich -der alte Herr seinen Einzug in Rom. Aber er war doch Kaiser geworden, -setzte sich in Neros Palast fest, und Ikelus konnte nun in Galbas Namen -sich bereichern, konfiszieren und rauben. - -Denkwürdiger ist noch Kaiser Hadrian, und wir wüßten gern über ihn -Genaueres. Auch Hadrians Eilfahrten wurden angestaunt, und daß er -über Land den Postwagen benutzt hat, scheint selbstverständlich, -zumal er die Kaiserin Sabina zumeist mit sich führte. Auch der ganze -Regierungsapparat, die Minister, die Bureaus zogen mit ihm, vom -Tajo bis zum Euphrat. Es mag Zufall sein, daß der Wagen uns in den -Berichten kaum je ausdrücklich erwähnt wird. Jedenfalls aber hat der -großartige Mann -- er selbst ein Schnelläufer -- auch weite Strecken -zu Fuß hinter sich gebracht[117]. Er reiste stets ohne Hut, auch bei -dem schlimmsten Unwetter, bei Regen und Kälte, und aus diesem Umstand -wird ausdrücklich seine schwere Erkrankung, die ihm den Tod brachte, -hergeleitet[118]. Wer aber im Wagen sitzt und darin den Hut abnimmt, wie -wir es heute in der Eisenbahn tun, dem kann das Unwetter nichts anhaben. - -Soweit das Postwesen des Altertums; gewiß eine großartige Organisation, -die die Regierung schuf. Hiernach gilt es noch eine geringfügige -Sache zu erwähnen, die man gleichfalls ihr verdankte. Ich meine die -+Zeitung+, und die Frage regt sich, ob das alte Rom nicht auch schon -den Zeitungsschreiber, den Journalisten, kannte. Indem wir uns aber -diesem Gegenstand zuwenden, ist zugleich auch vom +Brief+ zu handeln. -Denn aus dem Brief ist die Zeitung des Altertums hervorgegangen. - -[Randnotiz: Der Brief und seine Beförderung; Siegelung usf.] - -Zunächst also der Privatbrief. Wir denken an die Briefe des Apostels -Paulus, des Cicero -- eine tägliche Riesenkorrespondenz aus Millionen -Häusern von Menschen, von Bürgern, die sich lieben, sich hassen, -die Geld fordern, Grüße senden, schelten, trösten und beraten, ein -tägliches Durcheinanderreden aus allen Weltwinkeln: Geschäftsbriefe, -Liebesbriefe, Plauderbriefe, Kondolenzbriefe, Einladungsbilletts, -Lehrbriefe. Wie mannigfaltig der Inhalt! Der reisende Brief war noch -zahlreicher als der reisende Mensch. Schnell war er hingeschrieben; er -wollte auch schnell ans Ziel; denn er mußte den Römern Telegraph und -Telephon ersetzen. Aber die Staatspost beförderte ihn nicht. Der Brief -mußte selbst sehen, wie er ans Ziel kam. - -Dazu hatte jeder Bürger seine Dienerschaft. Irgendeiner der Diener war -als Briefträger immer ganz wohl abkömmlich; andernfalls taten auch -Freigelassene, die überhaupt oft als Geschäftsreisende fungierten, -den Dienst sehr gern. Denn sie bekamen dabei die weite Welt zu -sehen, bekamen gutes Zehrgeld mit und wurden überall wie die Engel -aufgenommen; denn auch das Wort „Engel“ heißt ja der Bote auf -deutsch. Übrigens halfen sich auch die Bekanntenkreise aus. Expediert -heut Freund Markus Briefe nach Patras, nach Brindisi, dann kann der -und jener seinem Boten die eigene Post gegen angemessene Vergütung -mitgeben. Derartige Gelegenheiten gab es immer unendlich viele. Für -uns ist der Postbote heute eine Maschine, die regelmäßig geht wie -der Zeiger an der Uhr, und wir sind ihm zwar im Prinzip wohlgesinnt, -geben aber auf seine Person oft kaum noch acht. Im Altertum war schon, -wenn er sich von weitem zeigte, freudige Erregung; er wurde im Haus -festgehalten, gespeist, beschenkt, in gute Stimmung versetzt, denn -man wollte ihm neue Post mitgeben, und dabei wurde zugleich sein -Charakter, seine Zuverlässigkeit erprobt. In den dicken Bündeln, die er -trug, steckten oftmals Briefe +von+ vielen Händen, die man paketweise -zusammengetan hatte, ja, auch Briefe +an+ viele, die es jetzt zu -verteilen galt. So stand z. B. Cicero in Massenkorrespondenz mit dem -Heerlager Caesars in Gallien und Britannien und seinen Offizieren. -Der Betrieb war geradezu organisiert[119]. Wenn Cicero auf seiner -pompejanischen Villa saß, erhielt er dorthin binnen drei Tagen die -Briefe des Atticus aus Rom[120]. Alle Briefe wurden immer genau datiert. -Das war nicht nur Pedanterie; am Datum konnte man feststellen, wie -schnell der Bote gelaufen, ob er nicht säumig gewesen war. Jener -Atticus, Ciceros Gewissensrat, einer der reichsten Herren mit zahlloser -Dienerschaft, außerdem der Hauptbuchverleger Roms und daher auch mit -Schreiberpersonal reich versehen, hatte für postalische Zwecke stets -einen Läufer bereit, und Cicero ist darum auch in der Lage, oft täglich -mit ihm Briefe zu wechseln. Oft schreibt er nur rasch einen Gruß hin, -um doch etwas geschrieben zu haben, so wie wir heut völlig inhaltlose -Ansichtspostkarten schicken. Ein Gruß genügt. Es ist doch immer ein -Lebenszeichen[121]! - -Sorglich wurde jeder Brief versiegelt; mit Siegel sicherte man außerdem -auch noch das geschnürte Briefbündel. Denn die Zuverlässigkeit -der Läufer war doch nicht immer gesichert. Schon die bloße Neugier -verlockte zum Lesen, es geschah aber auch oft im Auftrag. Denn in -politisch erregten Zeiten war das Spionieren gang und gäbe; die Leute -wurden bestochen, das Briefgeheimnis war gefährdet. In der Zeit der -römischen Bürgerkriege wurden die Postsäcke so geplündert, wie England -es im verwichenen Kriege machte, indem es sogar die Schiffe der -neutralen Mächte bestahl[122]. In wichtigen Fällen sicherte man sich -deshalb durch Geheimschrift, brauchte sogar auch sympathetische Tinte, -die sich unsichtbar machen läßt[123]. Am schlimmsten stand es damit in -den Schreckensjahren unter Nero; im Jahre 67 n. Chr. hatte in Rom alle -Privatkorrespondenz völlig aufgehört. Die Angst vor der Zensur von oben -war zu groß. Die Briefträger (Grammatophoren) brachten damals nur noch -die Meldungen von den letzten Hinrichtungen in die Häuser. Es war die -Zeit des Grauens, und das Publikum wehrlos, denn die Garde sicherte den -Tyrannen[124]. Zum Glück lebte damals Seneca nicht mehr, und niemand -konnte seinen Briefen noch etwas anhaben. - -Dieselben Schreckensmeldungen von den Justizmorden in Rom hat man -damals gewiß auch in der Zeitung lesen können. Denn auch eine Zeitung, -ein stadtrömisches Tageblatt, gab es damals, das man über alle -Provinzen verschickte. Es fehlte den alten Römern nur an Kaffee und -Zigarren, sonst hätten sie mit ihrer Zeitung just so dagesessen wie wir. - -[Randnotiz: Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle.] - -In Ciceros Zeit war sie entstanden. Es war natürlich, daß in jenen -Zeiten des erregtesten politischen Lebens, wo es in der Hauptstadt -täglich Weltentscheidungen gab, die Römer, die im Ausland standen, -mit gewisser Regelmäßigkeit erfahren wollten und mußten, was los -war, was da vor sich ging. So schrieben berufene Männer zunächst -nur private Berichte in Briefform über das Neueste an ihre Freunde. -Muster solcher Berichte besitzen wir von Ciceros Hand[125]. Indem sie -sich wiederholten und häuften, entstanden Serien in Zeitfolge, und -auch der Privatcharakter blieb nicht gewahrt. Der Empfänger las -die Briefe seinen Freunden im Club vor; ja man verbreitete sie in -Abschriften: Abschrift aber ist immer Veröffentlichung. So wurden ja -auch des Apostels Paulus Lehrbriefe publiziert; Paulus schickte seine -Sendschreiben an die Korinther-, die Römergemeinde, die Gemeinde aber -sorgte durch Kopie für geziemende Verbreitung, und so erhielt sich der -Text und wuchs an Bedeutung mit dem Wachsen des Christentums. - -Den erzählenden Brief, in dem feuilletonistisch Wichtiges und -Unwichtiges planlos durcheinanderstand, hat man den Zeitungsbrief -genannt; aus diesen Zeitungsbriefen ist durch Veröffentlichung -damals die Tageszeitung hervorgegangen. Man gedenke zum Vergleich -an die Feldpostbriefe aus dem vergangenen großen Krieg; auch aus -ihnen, die damals in der Tat so vielfach abgedruckt wurden, hätte -man leicht eine vollständige Kriegszeitung zusammenstellen können, -und Versuche der Art wurden ja auch gemacht. Julius Caesar war es, -der in Rom im Jahre 59 v. Chr. die amtliche Herausgabe täglicher -Berichte, der ~acta diurna~, wie man sie nannte[126], die unter den -späteren Kaisern die Hofkanzlei beaufsichtigte, veranlaßte, also eine -Staatszeitung, deren Ruhm allerdings nur darin besteht, daß sie 400 -Jahre ununterbrochen bestanden hat. Welches moderne Blatt kann auf -solches Alter zurückblicken? Journalistische Talente aber, die es einem -Cicero gleich täten, übten sich nicht daran. Die Zeitung war jedenfalls -völlig anonym. Keine Verfasser werden uns genannt; kein erheblicher -Schriftsteller scheint sich beteiligt zu haben. Wer schreiben konnte, -schrieb lieber im großen Zusammenhang Geschichtsbücher oder Memoiren, -und der Inhalt der „~acta~“ mag also ledern genug gewesen sein. -Übrigens aber kamen daneben als wichtige Ergänzung zeitweilig auch -die Parlamentsberichte heraus. Sie betrafen den Senat. Stenographisch -wurden die Reden der Senatoren während der Sitzung nachgeschrieben -und gingen in Buchform unter der Bezeichnung „Senatsakten“ (~acta -senatus~) ins Publikum aus. Ohne diese ist der Historiker Tacitus nicht -denkbar[127]. Die geistvollsten und besten Männer, die der römische -Staat besaß, kamen darin zu Worte; die wichtigsten Entscheidungen -konnte man da in ihrer Entstehung verfolgen. Wer bei Tacitus die -wundervollen Schilderungen der Senatsverhandlungen unter Kaiser -Tiberius und Claudius liest, erinnere sich dabei an jene offizielle -Quelle, aus der sie stammen. Ganz anders das Tageblatt der ~acta -diurna~; es ist damals von den Historikern als Geschichtsquelle nie -gebührend ausgebeutet worden; ja auch das großartige Bibliothekswesen -Roms scheint die Zeitung, in die wir so gern einmal einen Blick -würfen, einer sorglichen Aufbewahrung kaum wert gefunden zu haben[128]. -Auf alle Fälle aber war durch sie für das wißbegierige Volk und den -Nachrichtenhunger des Publikums ausreichend gesorgt; wer die neuesten -Nachrichten haben wollte, konnte sie haben. - -[Randnotiz: Vergleich der neueren Zeiten. Mangel des Kompaß. -Winterstille.] - -Blicken wir zurück, so scheint der Eindruck unabweislich, daß in -den wichtigsten der Dinge, die ich besprochen, im Straßenbau und -Reichspostwesen das Europa der Zeit Kaiser Hadrians das Europa der Zeit -Friedrichs des Großen und Napoleons ganz erheblich übertroffen hat. -Denken wir nur, wie lange ein Reisender im 18. Jahrhundert brauchte, -um von Madrid nach Wien, wie lange ein Warentransport, um von Cöln -nach Konstantinopel zu kommen! und wie hätte man es damals wohl fertig -gebracht, ein Heer von Paris bis an den Euphrat zu werfen? Diese -Fragen sind voll berechtigt. Und doch -- den Hauptnachteil des antiken -Verkehrslebens habe ich noch gar nicht berührt, und damit ändert sich -das Bild sofort. Das ist das Aussetzen der antiken Schiffahrt bei -Sturm; ich meine das Altertum im Winter. Das Mittelmeer war die große -Hauptverkehrsstraße der Antike. Sie war im Winter völlig unbenützbar. -Das ganze Leben war durch den Winter blockiert. - -Den Mangel der Kohlenindustrie teilte das 18. mit dem 2. Jahrhundert; -aber die Neuzeit hatte den Kompaß, das Altertum hatte den Kompaß -nicht. Dieser scheinbar so geringfügige Mißstand war es, der das -ganze Altertum, das sonst so tatkräftig, entdeckungsfreudig war, -lahm setzte. Wie sollte man auf offener See Weg und Richtung nicht -verlieren? Man mußte sich immer ängstlich in Sicht des Landes halten, -eine beklagenswerte Gebundenheit, und nur der Tollkühne wich bei -allerhöchster Not hiervon ab, so wie jener Ikelus, als er dem Galba -die wichtige Kaiserbotschaft brachte. Es ging für ihn auf Leben und -Sterben. Eben darum vermied man auch nachts auf offener See zu fahren -und ging abends in den ersten besten Hafen. Selten, daß einmal zur -Nachtfahrt ein Schiff wirklich Lichter aufsetzt[129]. Die kühnen -Entdecker unter den Seefahrern, die durch die Straße von Gibraltar -stießen, ein Hanno, ein Pytheas, sie sind allerdings bis England und -Jütland gefahren, den Nordstürmen Trotz bietend, haben sogar auf der -Straße Vasco de Gamas Afrika bis in die Nähe des Äquators zu umschiffen -begonnen, denn das war auch bei kompaßloser Küstenfahrt möglich; den -Vorstoß nach Amerika hat man dagegen im Altertum nur vorausgesagt, aber -nicht ausführen können. - -Nun aber der Winter. Im ganzen Winter war kein Schiff mehr auf dem -weiten Mittelmeer zu sehen; alles wie weggeblasen; wie eine leere -Tenne; wie der Tanzboden, wenn der Wirt Schluß macht und alle Lichter -auslöscht. Der Gott Poseidon blieb vier volle Monate in seiner -schäumenden Wasserwüste mit seinen Delphinen und Haifischen allein: -alle Schiffe und Boote an Land gezogen und auf den Staden aufgelegt. -Kapitän und Bootsmann strecken die Glieder aus und ruhen. So hörten wir -ja schon vom Apostel Paulus: monatelang blieb er, als er zu Schiff nach -Rom wollte, im Winter auf der Insel Malta liegen. Wenn die Sturmwolken -gingen, konnte man in der dicken Luft und in der Lichtlosigkeit -die Küsten nicht sehen: dies war nach Vegetius der Grund[130], den -wir vollauf begreifen. Ganz so wie Paulus wird auch ein gewisser -Kephalion, der dem Atticus Briefe überbringen soll, „viele Monate“ -zurückgehalten[131]. Mindestens 40 Tage brauchte im Winter ein Brief von -Rom nach Spanien, weil er da eben über Land laufen mußte[132]. Cynthia, -des Properz Geliebte, will mit einem hohen Beamten nach Epirus reisen, -aber Gottlob ist es noch Winter; sie kann noch nicht auf See. „Wenn -der Frühling kommt,“ so droht ihr der Dichter, „werde ich am Strand -stehen, um dir, wenn du abfährst, nachzuschauen, und dir schlechte -Fahrt wünschen.“ Der Frühling kommt, da bleibt Cynthia in Rom, sie -reist nicht, und der Liebende ist glücklich. - -[Randnotiz: Im Winter der Nachrichtendienst u. die Zufuhren behindert.] - -Um so bewunderungswürdiger war die geniale Kühnheit Caesars[133], der -im Bürgerkrieg gegen Pompejus alles riskierte und sein Heer zu solcher -Jahreszeit über die Adria und hernach nochmals von Sizilien nach -Tunis warf[134]. Erst wer die Dinge, die ich hier vortrage, beachtet, -kann solche Leistungen voll würdigen. Es waren ganz vereinzelte, -heroische Ausnahmen. Und nun werden uns auch auffallende Erscheinungen -im politischen Leben des Altertums verständlich. Markus Antonius, -der Triumvir, verbringt den Winter des Jahres 41 auf 40 v. Chr. mit -Kleopatra untätig in Alexandria; während dessen macht seine ehrgeizige -Gattin Fulvia, die selber in Waffen einherging, in Italien Krieg gegen -den Machthaber Oktavian; auch des Antonius Bruder Lucius ist dabei -und führt das Heer; der Winterkrieg um Perusia entbrennt. Perusia, -die Stadt, fällt; Lucius kommt um; Fulvia selbst muß aus Italien -fliehen. Von all dem ahnt Mark Anton in Ägypten gar nichts, bis das -Frühlingsäquinoktium vorüber ist und das erste Kurierschiff von Puteoli -nach Alexandria läuft. Da sieht der Herr des Orients plötzlich die -kolossal veränderte politische Lage und muß rasch seine Entschlüsse -fassen[135]. Es war, als wäre das Kabel gerissen, und es erinnert uns -unwillkürlich an das, was wir während des Weltkriegs Ende April 1916 -erlebt haben. In Dublin erhebt sich plötzlich der Aufstand Irlands -gegen die Engländer; das Postgebäude, die Bahnhöfe werden dort von -den Iren besetzt; in London aber weiß man davon nichts, bleibt ganz -ohne offizielle Nachrichten, bis zufällig ein paar Reisende die -Sache in London erzählten; „eine vollständige Überraschung“. Die -Iren hatten diese Isolierung dadurch bewirkt, daß sie das Kabel nach -England und außerdem in ihrem Lande selbst alle Telegraphendrähte -durchschnitten[136]. Ganz ähnlich begründet war die Überraschung, war -die Nachrichtenlosigkeit des Mark Anton. - -Nun denke man sich das antike Rom oder Neapel im Winter. Italien konnte -sich nicht selbst ernähren. Jedes Jahr mußte es sich bis zum Herbst und -zum Schluß der Schiffahrt von außen vollständig verproviantieren; die -Handelsflotten mußten ausreichende Wintervorräte an Korn und an anderen -Eßwaren, auch an Schreibpapier, von den Provinzen herangeschafft haben. -In mächtigen Speichern lagen die Vorräte aufgehäuft. Dann kam die tiefe -Winterstille über Stadt und Land, die große Siesta. Die Kaufherren -hatten nichts zu tun, der Export und Import regte sich nicht. All die -Tausende von Werkleuten waren unbeschäftigt. Eine Industrie gab es -kaum im Lande, wenn wir die großen Ziegeleien und Topffabriken nicht -rechnen. Auch die ungedeckten Theater und Amphitheater waren beim -Winterregen schlecht zu benutzen. Was sollte man weiter tun, als zu -Haus Feste feiern, schmausen und schlafen? Man saß also in seinen -kalten vier Wänden, vertrieb sich im Kleinleben die Tage, so gut es -ging, vertrank den ganzen Monat Dezember[137], rechnete sein Soll und -Haben nach; auch für Senatsdebatten war vollste Muße, für Redeturniere -und Dichterdeklamationen. Dazu aber kam noch eins: man stand spät -auf und ging früh zu Bett, mit der Wintersonne. Man hatte damals -noch die natürliche Zeit, die sich nach dem Tageslicht richtet; der -Wintertag war kürzer als der Sommertag. Man konnte sich ausschlafen --- bis endlich der Frühlingsanfang kam: der beglückende 5. März, die -Eröffnung der Schiffahrt! Die Wintervorräte waren aufgebraucht. Zur -Feier des Tages wurde aus allen Häfen am 5. März ein menschenleeres -Schiff ins Meer hinausgestoßen. Mochte es in den Wellen untergehen; -es war ein Opfer, das man den Göttern darbrachte, und zwar der Göttin -Isis. Denn nach Ägypten, dem Lande der Isis, ging doch immer fast aller -Seehandel, auch der Transit. Das Schiff war als Spende für die Göttin -prächtig geschmückt und mit Spezereien angefüllt. So trieb es hinaus, -indes froh andächtig das Volk im Festschmuck am Ufer stand und ihm -nachspähte. Die Winterblockade war aufgehoben. - -Eine Blockade! Soll ich mit dem Wort enden? Uns Deutsche muß das Wort -heute nachdenklich stimmen. Muß es uns nicht in der schicksalsschweren -Gegenwart, in der wir leben, unwillkürlich an unser Deutschland -erinnern? Auch wir sind ja bis heute blockiert, und es ist uns ein -Wort der Qual geworden. Wann kommt der Tag, wo wir, endlich wieder -ein freies Handelsvolk wie jene Alten, ein Schiff festlich schmücken -können, um es hinaus ins Meer zu treiben? Wir glauben an keine Isis -mehr. Aber wir glauben an den guten Geist in uns und über uns, der uns -zur rechten Stunde endlich doch das Gelingen geben wird. - - - - -Die Laus im Altertum. - - -Das Altertum nannte einen Grabbau von gewisser Großartigkeit -ein Mausoleum. Der Name rührt von dem berühmten Grabmal des -kleinasiatischen Königs Mausolos her. Im letzten Krieg ist daraus -der Scherzname Lausoleum entstanden; der Name war Scherz, die Sache -selbst aber bitterer, ja erbitterter Ernst. Es waren damit die -trefflich organisierten Entlausungsstätten für unsere wackeren, schwer -geplagten Krieger, aber auch für die feindlichen Gefangenen gemeint, -die aus dem Feindesland, vor allem aus dem östlichen, der Heimat aller -Unsauberkeit, nach Deutschland kamen und vor dem Überschreiten der -Grenze einer gründlichen Reinigung unterzogen wurden. Sie erlitten es -gern, denn das Schrecklichste fiel von ihnen ab. Auch das Lausoleum -war somit eine Grabstätte, wenn wir den Scherz, der in dem Namen -liegt, ausschöpfen wollen. Es war die Grabstätte des ärgsten deutschen -Landesfeindes geworden; aber nicht die Laus, sondern der Körper, der -sie trug, feierte aus diesem Grab die Auferstehung, den Übergang in ein -besseres Dasein, und er fühlte sich selig, wie im Himmel. - -[Randnotiz: Russische Mönche, Byzantiner. Die Laus bei Bauern und -Fischern.] - -Da das Wort Lausoleum eine gelehrte und klassische Reminiszenz ist -und an das Griechische und Antike anklingt, so möchte man fragen, ob -denn das so oft und gern gepriesene klassische Altertum die Läuseplage -etwa auch schon kannte, und wie es sich ihrer erwehrt hat. Hat -jener König Mausolos, den ich nannte, mit Verlaub, sich nicht auch -gelegentlich gegen einen peinlichen Hautreiz wehren müssen? In den -Museen stehen all die griechischen Götter und Heroen, Apoll und Hermes -und Meleager, die griechischen jungen Speerträger und Ringer (um von -den Göttinnen ganz zu schweigen) in Gips und Marmor so appetitlich -und sauber da. Hat wirklich das trivialste und zudringlichste aller -Insekten ihre Haut nie berührt? Im Jahrgang 1915 der Hygienischen -Rundschau Nr. 24 befindet sich ein anregender Aufsatz über „Die Laus -in der Kulturgeschichte“[138]. Da werden ungefähr alle Zeiten und -Völker in bezug auf diesen Schmarotzer des menschlichen Körpers in -Betracht gezogen, und wir hören insbesondere von den östlichen Völkern -manches Erstaunliche; so auch von der Toleranz und Schonung, die die -orthodoxen Christen des byzantinischen und des russischen Reichs, vor -allem die dortigen Mönche in ihrem Klosterleben, die aber auch die -frommen Buddhisten in Indien gegen diese widerwärtigen Blutsauger, die -auf ihnen zur Weide gingen, ausgeübt haben. Man tötete sie nicht! Der -Satz „Liebet eure Feinde“ wird da in unerhörter Weise verwirklicht: -eine erschreckende Verirrung der Tierliebe und der Gottesfurcht. Ja, -auch unser alter deutscher Dichter Fischart, auch Rabelais dient in -jenem Aufsatz als Zeuge für diese und ähnliche Dinge, und so bringt -er endlich auch einige aufklärende Angaben, die die alten Griechen -und Römer betreffen. Doch lohnt es sich, bei diesen beiden Völkern -uns etwas ausführlicher umzusehen, da wir damit in eine Kulturperiode -der Menschheit Einblick erhalten, die unserer modernen in so manchen -Punkten ebenbürtig, in manchen sogar auch überlegen war[139]. - -Es sei vorangestellt, daß das Tier, das uns jetzt beschäftigen soll, -auf griechisch ~phtheir~[140], auf lateinisch ~pediculus~ heißt. - -Wer an den großen, wundervollen Homeros denkt, wird die -Reinlichkeitsfrage gar nicht erst erheben. Wer möchte in solchem -Zusammenhang den Namen Achills oder der Helena aussprechen? Odysseus -kehrt zu seiner Penelope heim. Der Haushund lebt noch, der einst jung -war, als Odysseus Ithaka verließ; jetzt liegt das Tier im Verscheiden -und ist räudig geworden. Aber Homer schildert uns das Ungeziefer nicht, -das auf ihm nistet. - -Aber dem Homer, dessen Person unter der modernen Kritik zum Schatten -geworden ist -- denn wer kann ihn sich noch deutlich als Menschen -denken? --, ihm ist im Altertum eine ausführliche Biographie -angedichtet worden, und da lesen wir: der Dichter der Iliade, der -weithin Griechenland durchwandert, findet irgendwo am Meeresstrand -Fischersleute und läßt sich in ihrer Gesellschaft nieder; da kommen die -Söhne der Fischer vom Meer, steigen aus den Booten, aber ohne Beute, -und geben nun das berühmte Rätsel auf: - - Was wir nicht fingen, ist bei uns; nicht bei uns ist, was wir fingen. - -Selbst ein Geist wie Homer löst dies Rätsel nicht; denn er ist zu -erhaben für solche Dinge. Die Läuse sind’s, um die es sich handelt; -erst wenn sie gefangen sind, hören sie auf, bei uns zu sein; die -+nicht+ gefangen sind, die eben haben wir! - -Diese Stelle steht fast einsam da in der griechischen Literatur. Die -Zoologie der Griechen, Aristoteles und seine Nachfolger, haben die Laus -natürlich beachtet und in ihr System aufgenommen. Aber ihr eigenartiges -Leben und Weben, ihr Kribbeln und Krabbeln, ihre Tücke und blutgierige -Menschenliebe uns lebendig zu schildern, dazu lassen sich solche -Autoren nicht herbei. Schon das Homer-Erlebnis aber verrät uns: nur -bei Fischern und anderen Leuten rein dörflichen Lebens, oder doch nur -da, wo vollkommene Armut herrscht, sind diese leidigen Parasiten zu -finden; nur da sind sie von uns vorauszusetzen; die schönheitssüchtige -Literatur der Griechen blickt selten in diese dörfliche Volksschicht -hinab und nimmt auch dann, wenn sie es tut, solcher Armseligkeiten -nicht wahr. Bei dem derben Lustspielschreiber Aristophanes tritt -einmal die „Armut“ als Person auf die Bühne, und von ihr heißt es da -in der Tat: sie bewirkt, daß um das Haupt des Armen Läuse, Wanzen -und Flöhe sich tummeln, so daß er aus dem Bett springt: „auf, an die -Arbeit!“[141] Für den, der solche Plage mit sich herumtrug, gab es auch -ein besonderes Wort, der „Läuseheger“ und „Läuseträger“. Wir reimen -darauf noch: der Läusejäger. Aber das Wort steht nur in den Lexika[142]; -wir finden nicht, daß es bei den Schriftstellern selbst in Gebrauch war. - -Es gab außer den Dorfleuten in der älteren Zeit noch eine andere -Sorte von Menschen, auf die der Ausdruck paßte. Das waren gewisse -Anhänger des alten Pythagoras, die Pythagoristen, die so fromm sind, -daß Hades, der Gott der Unterwelt sie, wenn sie sterben, zum Lohn -mit an seinen Tisch zieht, obschon sie im Schmutz starren. Sie tun -das aus philosophischer Überzeugung. Wir hören, wie man in Athen -diese Sonderlinge, die nur Kräuter essen, nur Wasser trinken, sich -aber nie waschen und den Rock voll Läuse haben, verhöhnt hat[143]. -Aber sie standen außerhalb der Gesellschaft; das war kein wirkliches -griechisches Leben. - -[Randnotiz: Die Laus fehlt bei Aristophanes u. sonst. Reinlichkeit der -Städter.] - -Höchst auffällig, daß sonst die ganze Literatur von solcherlei Menschen -nichts zu wissen scheint, und zwar nicht nur die griechische, sondern -nahezu ebenso auch die der Römer! Die antike Literatur ist immun und -von früh an insektenfrei. Aristophanes, derselbe Dichter, den ich schon -nannte, er war keineswegs nur der anmutige Possenreißer, im Gegenteil: -ein Unflat war er, der sonst wahrlich kein Blatt vor den Mund nimmt, -um in derbsten Tönen alle sexuellen Realitäten wie auch die Dinge der -Leibesnotdurft vorzuführen. Aber die Insektenplage? - -Den geflügelten Mistkäfer führt er zwar vor, in Riesengröße; der Held -des Stückes fliegt auf dem Mistkäfer gen Himmel unter Gestank. Den -Philosophen Sokrates läßt er ferner mit Flöhen umgehen; der Floh ist -der Aristokrat unter diesen Tieren, und Sokrates nützt ihn gleich zu -wissenschaftlich-experimentellen Zwecken aus; er will wissen, wie weit -Flöhe springen können. Ein Floh hopste vom Kopfe des Chairephon auf -den Kopf des Sokrates; nun werden die Flohfüße in Wachs abgegossen -und dann irgendwie die Sprungweite gemessen[144]. So heißt es noch -anderswo bei demselben Dichter, daß die jungen Mädchen tanzen wie die -Flöhe in den wollenen Bettdecken[145]. Ja, auch Schaben und Wanzen -fehlen da nicht und sitzen im Haus am Mauerwerk fest[146]. Insonderheit -der Reisende fürchtet sich vor den Wanzen in den Nachtherbergen[147]. -Aber Läuse? Nein! Die Weiber ziehen sich in naturwüchsigstem Gebaren -bei Aristophanes aus und an und reden dabei die natürlichsten Dinge. -Läuse fehlen. Auch eine Rasierszene ist da, wo alles voll Ulk und sehr -umständlich hergeht; Anlaß genug, solche Gäste in den Barthaaren zu -finden; sie finden sich nicht[148]. Der bäuerische Volksmann Dikäopel -sitzt frühmorgens einsam in der leeren Volksversammlung, wartet, daß -die anderen Bürger kommen, und gähnt und rekelt sich derweilen, zupft -sich die Haare und tut sonst noch, was wenig anständig ist; aber er -laust sich nicht. - -Nur Andeutungen gestattet sich der Dichter; sein Stück „die Wolken“ -fängt bei Nacht an; ein alter Athener liegt da zur Nachtruhe und -kann nicht schlafen; „will es noch nicht Tag werden? mich beißen -die Sorgen,“ seufzt er, und nochmals: „mich beißt die Sorge vor dem -Exekutor aus dem Bett heraus!“ Da haben wir die beißende Sorge als -Ersatz. - -Aber wie bei Aristophanes, so steht es auch sonst. Die Hirtenpoesie des -Theokrit, die sich unter Ziegen und Kuhherden bewegt, wahrt auch sonst -gern allerlei realistische Züge; erst recht tut dies die Tierfabel -des Aesop (Phädrus, Babrius). Aber nur Mücken und Ameisen erscheinen -da; vom Biß der Ameise wird da gehandelt. Weiter greift auch die -Fabeldichtung nicht hinab. - -Wohl aber verrät uns Aristophanes an einer Stelle, daß es in der groben -Bühnendichtung früherer Zeiten doch anders hergegangen war. Da, wo -er stolz vor sein athenisches Publikum tritt und darlegt, wodurch er -all seine Vorgänger übertreffe und wie er es sei, der das Lustspiel -zu etwas Neuem, Großem und Herrlichem gemacht, da lesen wir, daß die -früheren rohen Volksdichter Athens sich begnügten, Leute aus dem Volk, -die in Lumpen gehen, vorzuführen, und solche, die da „mit Läusen -fechten“[149]. - -Da taucht also die Laus auf, nach der wir mit der Lupe suchten, und -sogar ein Gefecht, eine Phtheiromachie; aber nur, um wieder fast -völlig für uns zu verschwinden. Aristophanes hat an der angegebenen -bedeutsamen Stelle das Programm der ganzen klassischen Literatur -aufgestellt: das Programm der Läuselosigkeit. - -[Randnotiz: Bad; Gymnastik; Rasieren. Die griechischen Frauen.] - -Woran liegt das? Die Antwort kann nur sein: an der außerordentlichen -Reinlichkeit der Städter, die selbst für die kleineren Stadtgemeinden -(„Poleis“) Altgriechenlands bezeugt oder doch vorauszusetzen ist. Das -leidet keinen Zweifel. Denn nicht nur in den Gymnasien allerorts war -Wasch- und Badegelegenheit; es gab auch noch besondere Badeanstalten -mit Wannen[150], und auch selbst in den Häusern der kleinen Bürger gab -es regelmäßig Badetröge, Badewannen, Badestuben. Man lese dafür solche -Stellen wie in des Aristophanes Wespen (v. 141) und Thesmophoriazusen -(v. 559). Ein unzurechnungsfähiger, unruhiger Alter will aus seinem -Haus; er wird aber nicht herausgelassen; die Tür ist abgeschlossen. Da -fürchtet man, er könne von seiner Badestube aus durch den Wasserablauf -schlüpfen und so den Ausgang finden. Ein andermal hat sogar angeblich -ein Mord in der Familie stattgefunden, und unter der Badewanne im -Haus hat man den Ermordeten eingescharrt. Das gibt uns Einblick in -die bescheidenen bürgerlichen Wohnhäuser Alt-Athens im 5. Jahrhundert -v. Chr., in denen sonst die Hühner und Schweine mit herumliefen. Ein -vielgescholtener Demagog Athens war damals Kleon; von ihm wird uns -berichtet, wie er den „Demos“ auf das schlaueste gängelt und verzieht; -er läßt ihn morgens Gericht halten, schickt ihn dann ins Bad, dann -zum Essen und zahlt ihm dazu Tagegelder aus der Staatskasse. Der -„Demos“ aber ist das Gesamtvolk der Stadt; ganz Athen badete, wenn der -geschäftige Vormittag vorüber[151]! - -Was die Männerwelt betraf, so kommt nun die Nackt-Turnerei in den -geschlossenen Räumen der Gymnasien dazu; und dazu diente das Öl. Ein -Turner ohne Einölung der gesamten Körperhaut war für die Griechen nicht -denkbar; ständig wurde deshalb auch nach dem Abschluß der Sportübungen -mit dem Striegel Öl und Schweiß vom ganzen Körper abgeschabt. Wo war -da noch Raum, ein geruhsamer Wirkungskreis für Insekten? Man denke an -den marmornen „Schaber“ des Lysipp im Vatikan. Wie können an solchem -Jüngling Parasiten haften? - -Eine gleichsam absolute Reinlichkeit, die sich noch steigerte, als nun -gar auch das Rasieren Pflicht wurde. Durch 500 Jahre geht das ganze -Altertum, und zwar auch die alten Herren, mit so ausrasiertem Gesicht -wie Napoleon, Goethe und Schiller. Man denke an den Alexanderkopf, -an Julius Caesar, Augustus, Menander. Im Bartwuchs aber findet sonst -das lausige Getier gern Unterschlupf, wie das Wild im Walde[152]. -Der Unterschlupf war damit niedergelegt. Nur gewisse Fanatiker des -Naturwüchsigen, Philosophen und dergleichen, fügten sich der neuen Mode -nicht. - -Etwas anders steht es mit den Frauen. Sie badeten zwar fleißig, aber -sie turnten nicht und ölten sich nicht ein[153], und insbesondere ihre -Frisur konnte leicht zur Heimstätte des Gefürchteten werden. Es bestand -die Redensart, wenn eine Frau in Trauer war und darum ihr Haupthaar -sich glatt wegscheren ließ, sie werde bis auf die Laus geschoren[154]. -Das läßt freilich tief blicken. - -So begegnet uns denn in der Tat ein einziges Mal eine Dame der feinen -Welt, die auch wirklich an diesem Übel litt. Die bessere griechische -Gesellschaft und ihr Geistesleben war nicht denkbar ohne die schöne -Halbwelt; die Hetären waren, wie allbekannt, Vertreterinnen der besten -Bildung, des guten Tons und des Geschmacks, und Künstler, Dichter, -Politiker und Philosophen wurden von ihrer Lebenskunst gefesselt. Daher -besitzen wir ganze Kataloge von Namen dieser anziehenden Schönheiten. -Eine einzige unter ihnen, die Phanostrate, führte den Spitznamen -„die am Läusetor“ (Phtheiropyle, gebildet wie Thermopyle), warum? -Weil sie die Gewohnheit hatte, vor ihre Haustür zu treten und sich -dort die Läuse abzusuchen. Es war gewiß gut, daß sie dies Geschäft -nicht in ihrem Hause besorgte. Demosthenes hat in seinen Reden diese -Person erwähnt; aber er gibt uns den garstigen Spitznamen nicht; ein -Demosthenes nimmt den nicht in den Mund. Nur das Volk Athens hat die -Dame so gerufen[155]! - -[Randnotiz: Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in der röm. Literatur.] - -Nichts ist auffallender als Sokrates, den uns Plato in unzähligen -Schriften schildert und hinstellt, als ob er vor uns lebte. Plato weiß -ganz wohl, daß es Läuse gibt, und da, wo er über verschiedene Künste -handelt, stellt er einmal auch mit der Kunst der Strategie und der Jagd -die Kunst des Läusefangs zusammen; neben der Strategie und Thereutik -steht also die +Phtheiristik+[156]. Man sollte sich diesen Ausdruck -merken, da wir für alle guten Künste so gern griechische Fremdwörter -brauchen! Von Sokrates nun aber versichert uns Plato, daß er sich, mit -wenigen glorreichen Ausnahmen, nie wusch und badete und daß er immer -barfuß ging. Trotzdem kann der Verdacht, eine Laus an Sokrates zu -finden, nicht aufkommen. Plato selbst läßt solchen Verdacht nicht zu. -Ist es nur Pietät? sollte von ihm nur deshalb, weil er der erhabene -Träger aller edelsten Gedanken ist, das gemein Triviale ferngehalten -werden? Vielmehr ist Sokrates in Wirklichkeit sauberer als sein Ruf -gewesen. Er war durchaus hoffähig, so schlicht er auftrat. Die eklen -Standesunterschiede, die heute leider dem Adligen und Landbaron mit -dem Fabrikarbeiter, dem Professor mit seinem Flickschuster einen -täglichen Verkehr nicht gestatten, gab es in jenem glücklichen Athen -noch nicht. Ob reich ob arm, der Männerverkehr stand ausschließlich auf -Du und Du: selbst den Kaiser Roms hat jeder armseligste Eckensteher -geduzt; und Sokrates, der dürftige, zieht also auch, ohne Anstoß zu -geben, die ersten Größen der Stadt, wo er will und so oft er will, in -seine Gespräche und tritt, wie er ist, als gern gesehener Gast in die -vornehmsten Häuser Athens ein. Er hat durch das, wonach wir suchen, -sicherlich keinen Anstoß gegeben; er war immun. - -Und was von ihm galt, gilt nun auch von den eigentlichen -Straßenphilosophen, die sich deshalb die Hundsphilosophen, die Kyniker -nannten, weil sie bedürfnislos wie die Tiere leben wollten. In der Tat -sind die Kyniker für die Bettelmönche des Mittelalters, insbesondere -für das Mönchtum der griechisch-orthodoxen Kirche, die eigentlichen -Vorgänger gewesen. Aber wenn diese christlichen Mönche die Läuse, mit -denen Gott der Herr sie plagt, als eine Zuwendung des Höchsten sorglich -hüten, die wahren Läuseheger und Läuseträger, so läßt sich das von -einem Diogenes und seinesgleichen keineswegs behaupten. Es ist jener -Diogenes, der in Athen in einem tönernen Faß auf dem Tempelgrundstück -des Metroons seine Wohnung aufschlug. Sehen wir näher zu, so erfahren -wir, daß der Mann badete wie jeder andere, ja daß er sich auch einölte, -wie ein rechter Grieche. Er war eben Städter und kein Dorfbewohner. -Überdies stellte er sich gelegentlich nackt in den Winterregen, so daß -alle über seine Abhärtung staunten. Als er in eine Badeanstalt kommt, -die nicht sauber genug gehalten ist, fragt er: „Wo reinigen sich die, -die hier baden[157]?“ Ein beredteres Zeugnis für die Bedeutung des Bades -bei den Griechen, als dieses, kann es nicht geben. - -Mit dem Römervolk steht es nun aber nicht anders als mit den Griechen. -Wer kann es wagen, einen Cicero, Vergil, Seneca und Tacitus in -Zusammenhang mit diesen Dingen zu bringen? Der Stich der Wassermücke -war unangenehm; der wird in einem kleinen Epos von Vergil oder -einem Vergilnachtreter einmal wirklich gefühlvoll besungen[158]: ein -schlafender Hirte wird durch den Stich der Wassermücke geweckt, als -gerade eine Schlange im Gras auf ihn lauert, und das Tierchen hat -so dem Menschen das Leben gerettet; aber eine Laus naht sich dem -Hirten nicht. O nein! Begreiflich genug. Denn die römische Kultur war -eben im Geistigen und Technischen, in allem Nützlichen und Schönen -griechisch. Ja, gerade für das Badewesen hat der Römer nicht nur in -der Tiberhauptstadt, sondern auch in den kleinsten Nestern Italiens -und allen Provinzialstädten wie Trier, auch in den Soldatenlagern wie -im Kastell der Saalburg noch viel mehr getan als der Grieche. Es war -ein Schlemmen in wohliger Nässe in den öffentlichen römischen Thermen, -die gerade nur für das niedere Volk bestimmt gewesen sind und, um -große Volksmassen aufzunehmen, die Größe unserer größten Kirchenbauten -durch ihren Umfang weit übertrafen. Kleine Badeanstalten von -Privatunternehmen gingen noch nebenher; der Reiche hatte seine eigenen -Marmorbäder in seinen Villen und Palästen und protzte damit, so daß die -Ärzte warnen: es wird zuviel gebadet, das Volk wird verweichlicht! Die -weit über Land geführten römischen Wasserleitungen waren womöglich noch -großartiger als ihre berühmten Militärstraßen. In all dem Wasser mußte -das Fußvolk der Läuse zu Grunde gehen. - -[Randnotiz: Fehlen bei d. Spottdichtern, anders in d. älteren Zeit Roms.] - -Spottdichter, die auch das Widerwärtigste heranziehen, hat Rom genug -gehabt; alte Vetteln, die bei lebendigem Leibe verfaulen[159], mit -grünen Zähnen und krankem Zahnfleisch; Grind und Aussatz am Kopfe -und übler Mundgeruch; Bocksgeruch der Männer; Triefäugige; einer, -der sich mit Urin die Zähne putzt; vergoldete Nachtstühle und ihre -Benutzung[160], und noch Ärgeres sind ihre Themen. Nicht nur Catull und -Horaz, vor allem hat uns Martial zwölf ganze Bücher voll schlimmster -Anzüglichkeiten hinterlassen. Daß aber vor Unsauberkeit sich jemand -einmal jucken muß, wird von ihnen niemals irgend jemandem aufgemutzt. -Die Laus fehlt[161]. Jemand sitzt einsam; es wird gefragt: „Ist jemand -bei ihm?“ Antwort: „Nicht einmal eine Fliege!“ Über die Fliege geht die -Phantasie nicht hinaus[162]. - -Einmal taucht allerdings auch die Wanze auf. Im Haus des Furius, -sagt Catull, herrscht ein solches Hungersystem, daß sogar die Wanze -auswandert, weil sie da ihr Dasein nicht fristen kann[163]. Diese Plage -fand sich also allerdings in vielen Häusern; aber sie gehört nicht zu -unserem Gegenstand. - -Hieran reiht sich die Beobachtung, daß ja auch die Tiere Läuse haben. -Auch das entzog sich natürlicherweise der Kenntnis der Alten nicht; -vielmehr gingen sie so weit, wo es nötig schien, auch an den Tieren -die Läuse sorglich zu entfernen. Hoch entwickelt war die Pferdezucht, -Fischzucht, Geflügelzucht, und betreffs der Hühner galt nun die -Vorschrift, daß man den Kücken in der Zeit, wo die Federn sich bilden, -die Läuse „häufig“ absuchen soll; so schreibt es der gelehrte Landwirt -Varro in seinen landwirtschaftlichen Gesprächen vor (~De re rustica~ -III, 9, 14). Das förderte die gesunde Entwicklung der Tiere. - -So viel von der Sauberkeit des Römers. Aber so war es nun doch nicht -immer in Rom. Ganz anders steht es auffälligerweise in der altrömischen -Poesie, als sie noch in ihren Anfängen steckte. Da regte sich wirklich -das Tierleben noch auf der Menschenhaut. In den alten Bühnenstücken, -da regt es sich. Woher kommt das? Das Bäderwesen fehlte nachweislich -zu jenen Zeiten in Rom noch, oder es war noch ganz unentwickelt; ich -meine die Zeiten der Scipionen und Gracchen, das 3. und 2. Jahrhundert -v. Chr., und damit wird es um so klarer, daß am Bäderwesen alles liegt. - -„Du hast ja eine einsame Laus von ungeheurer Größe auf deiner Nase -sitzen!“ so wird in jenen Theaterstücken gerufen[164]. Es war natürlich -sehr auffallend, daß es nur +eine+ war, denn man traf sonst immer -viele gesellig beisammen. „Der Lausbedeckte“ ist eine altlateinische -Wendung, die an Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrig läßt[165], und -ein solcher Mensch kam damals in den Volksstücken des Titinius auch -wirklich auf die Bühne, wo es hieß: solcher Dreckmensch gehört aufs -Land[166]. In den Liebeshändeln, die Plautus uns vorführt, sind die -bösen Kuppler, die schöne Mädchen anpreisen und von den Jünglingen -Geld erpressen, ständige Figuren. Plautus nennt diese Kuppler, diese -Aussauger, die Läuse, Wanzen und Flöhe der Großstadt[167]. - -Noch älter als er ist der Dichter Livius Andronicus, der ein -Soldatenlustspiel „Das Schwertlein“ (Gladiolus) schrieb; wir besitzen -es nicht; aber eine Stelle ist uns daraus erhalten, die uns so -viel erkennen läßt. Der Kriegsmann prahlt immer in hohen Tönen und -wird deshalb immer zum Narren gehalten. Hier prahlte er in einem -Schlachtbericht, den er gab, ungefähr so: - - An fünfhundert, nein, an tausend schlug ich tot an einem Tag! - -Prompt folgt darauf die höhnische Frage: - - Meinst du Flöhe, meinst du Wanzen, meinst die Läuse? sag’ mir doch! - -[Randnotiz: Komödie. Lucilius. Die Fabel Sullas. Julian.] - -Da haben wir also sogar den Kampf mit den Läusen, die Phtheiromachie, -die sich unseren Augen bisher völlig entzog; es wird die Möglichkeit -vorausgesetzt, daß damals ein Kriegsmann in offenbar höherer Charge -einen solchen furchtbaren Kampf wirklich zu bestehen hatte. Schlimmer -aber noch eine Szene in den Satiren des Lucilius; leider sind uns auch -diese Satiren nur in dürftigen Fetzen erhalten. Auf alle Fälle erkennen -wir, daß sich da irgend jemand bei dem Dichter einschmeicheln will, und -was tut er? Es heißt: „Als der Kerl mich sieht, strahlt er mich an, -dann tätschelt er mich mit der Hand, fängt an, mir den Kopf zu krauen -und sammelt die Läuse[168].“ Da haben wir Alt-Rom. Da haben wir noch -echtes, ungebadetes Leben. Auch in der Plautus-Komödie „Vidularia“ -wurde etwas Ähnliches erzählt[169]. Und in solcher Hilfe zeigte sich -also die Liebenswürdigkeit der Menschen. Einer hilft dem andern. Nicht -anders machen es ja die Affen; nicht anders machen es aber auch die -Leute noch heute im sonnigen Neapel, auf offener Straße, in Neapel, das -seine antiken Volksbäder leider seit langem verloren hat. - -Ich bemerke noch, daß jene altrömischen Lustspieldichter, die ich -erwähnte, zwar ihren Stoff vielfach von den griechischen Dichtern -entlehnt haben; aber solche Einzelzüge trugen sie nach freiem Ermessen -hinein. In den griechischen Vorlagen stand sicher davon nichts; daher -bietet uns auch der feinste der römischen Komiker, Terenz, nichts -derart; er folgte am treuesten den griechischen Originalen. - -Mit den Ackerknechten zu Sullas Zeit stand es begreiflicherweise noch -nicht besser als in den Verkehrskreisen des Lucilius. Sulla ist es, -der den Stadtrömern drohend von dem Bauer erzählt, den bei der Arbeit -die Läuse bissen. Zweimal ließ der Mann geduldig den Pflug stehen und -suchte seinen Kittel sorgsam nach ihnen ab; als sie ihn dann aber noch -weiter bissen, schmiß er den Rock ins Feuer. Sulla will sagen: so ist -Rom der Rock, den ich trage, ihr Römer seid die schmarotzenden Kerfe -mit dem Saugrüssel, die ihn bevölkern; verbrennen werde ich Rom, wenn -ihr nicht aufhört mich zu plagen[170]. - -In der Umgegend Neapels, da spielt nun aber auch der satirische Roman -des Petron, und damit stehen wir in der Zeit der Hochkultur, in der -Zeit des Kaisers Nero. Beim Gastmahl des höchst ordinären Geldmannes -Trimalchio sind auch ein paar Leute aus dem niedrigsten Volke zu Gast, -die unendlich plebejische Reden führen. Da steht auch ein Satz, der -uns an den bekannten biblischen Satz vom Splitter und Balken im Auge -erinnert; es werden dabei die gemeine Laus und die große Schaflaus -unterschieden, und der Kerl sagt also: „Am andern siehst du die Laus; -die Schafslaus, die du selber hast, siehst du nicht!“ (~in alio -peduclum vides, in te ricinum non vides.~ Petron. ~c.~ 57). So etwas -war also damals in Süditalien möglich, wo auch gerade die Schafzucht -besonders blühte. Wohlgemerkt aber steht dort diese Wendung nur als -Sprichwort und bildlicher Ausdruck, ganz so wie wir den Splitter und -Balken im Auge nicht wörtlich nehmen, und es wird bei Petron nicht etwa -vorausgesetzt, daß Trimalchio’s Gäste auch von jenen Tieren behaftet -waren. - -Es bleibt noch Kaiser Julian, der im 4. Jahrhundert n. Chr. lebte, und -damit nähern wir uns der geheiligten Majestät selbst auf dem Thron der -Welt. In seiner Satire über das Barttragen tut dieser Kaiser so, als -hätte er wirklich höchstselbst Läuse im Bart. Um sich den weichlich -verwöhnten Großstädtern in Antiochia, die ihn ohnedies hassen, noch -grauenhafter zu machen, sagt er das. Das ist bizarr; der Mann ist -greller Ironiker, und wir brauchen seine Versicherung ganz gewiß -ebensowenig ernst zu nehmen wie das, was wir im Petron lasen[171]. - -Ordinäres Volksleben geben uns endlich vielfach auch die -spätlateinischen „Glossare“, lexikalische Sammlungen, die heute im -Abdruck reichlich vier Bände füllen. Da sehen wir endlich auch noch -gelegentlich den ~pediculus~ und den ~pediculosus~ mit verzeichnet. -Das gehörte zu Vollständigkeit solcher Wörtersammlungen. Aber ein -Schimpfwort, das unserem „Lausbub“ oder „Lausekerl“ entspräche, hat -der Römer nie gebildet; auch der Grieche nicht. Es muß an Anschauung -gefehlt haben; sonst hätte die reiche und unverblümte Sprache des -Altertums sich solches Kraftmittel, die Verachtung auszudrücken, gewiß -nicht entgehen lassen. - -[Randnotiz: Die Läusekrankheit. Läuse bei den Barbaren.] - -Habe ich meinen Gegenstand hiermit erschöpft? Man wird mich an den Tod -Sullas erinnern. Sulla, der Tyrann Roms, den ich schon einmal erwähnte, -starb an der entsetzlichen Krankheit der Phtheiriasis. Es tat den -alten Völkern wohl, wenn böse Menschen gerade durch sie, durch diese -„Läusekrankheit“ zu Grunde gingen, so wie auch den Herodes, den König -der Juden, die Würmer zerfraßen[172]. Am öftesten werden die „Läuse“ von -den Griechen und Römern gerade nur in Anlaß dieser Krankheit erwähnt, -aber gerade da täuschten sie sich vollständig. An Geschwüren ging -Sulla zugrunde; auf den ausbrechenden Geschwüren bildete sich Gewürm; -daß man dies Gewürm für Läuse hielt, die gar durch Urzeugung da erst -ihre Entstehung fanden, war ein naiver Irrtum; darüber ist sich die -heutige medizinische Wissenschaft wohl einig, und es verrät sich uns -auch darin, wie wenig genau jene alten Kulturvölker die Laus im Grunde -gekannt haben. Charakteristisch ist auch, was wir beim Aelian „Über die -Tiere“ IX, 19 lesen: wenn das Tier Galeotes (anscheinend eine Eidechse) -in Wein fällt und darin stirbt, so schadet das nichts; ertrinkt es -dagegen in Öl, so stinkt das Öl und, wer davon trinkt, dem wachsen die -Läuse aus der Haut hervor! Wir können diese Unkenntnis der klugen Leute -nur mit Neid betrachten. - -Lassen wir also jene abenteuerlichen Krankheitsberichte ganz beiseite. -Aus alledem aber erklärt es sich nun endlich auch, daß die Griechen die -ihnen so fremd gewordene Insektenplage gelegentlich an auswärtigen, -barbarischen Völkern als Merkwürdigkeit hervorhoben; es geschieht -wiederum offenbar mit Erstaunen und Entsetzen. - -Als der edle Grieche Phalanthos aus seiner schönen Heimat auswandern -muß, überfällt ihn in der Fremde, im „Elend“, diese Plage; seine Frau -aber ist mit ihm, nimmt ihn auf den Schoß und säubert ihm das Haupt. -So erzählte die Sage[173]. Dann aber meldet sich der alte Ethnograph -Herodot (im 5. Jahrhundert v. Chr.) zum Wort. Die ägyptischen Priester, -so erzählt er, sind reinlicher als die sonstigen Ägypter und treiben -es darin bis zum äußersten; sie bescheren sich den ganzen Körper, -jeden dritten Tag, damit keine Laus noch anderes Ungeziefer sich -einfinde; auch die leinenen Kleider, die sie tragen, sind immer frisch -gewaschen[174]; und von einem anderen, unkultivierteren afrikanischen -Volksstamm erzählt Herodot: ihre Weiber waschen sich die Haare, und -wenn eine von ihnen von einer Laus gebissen wird und sie erwischt, -so beißt sie sie zunächst aus Rache wieder und beißt sie tot, bevor -sie sie wegwirft[175]. Die griechischen Geographen aber, Strabo voran, -die die Gegend nördlich der Krim und des Asowschen Meeres (Maeotis) -beschreiben, verzeichnen da ein Volk, das von den Griechen kurzweg die -„+Läusefresser+“, die Phtheirophagen, genannt wurde[176]. Wegen ihrer -Ruppigkeit und ihres Schmutzes hießen sie so, wie Strabo uns sagt. - -Und damit sind wir glücklich in +Südrußland+ angelangt. Die -„Phtheirophagen“, so könnten auch jetzt noch die Südrussen heißen! -Schon um die Zeit vor Christi Geburt war es im Don- und Wolga- -und Dnjeprgebiet nicht anders, als es jetzt ist. Ja, wir dürfen -voraussetzen, daß diese Spezialität auch damals schon bedeutend weiter -nach Norden und bis in die Gegend von Warschau, von Pinsk und Minsk -reichte. Auch unsere Feldgrauen in Polen und Littauen redeten ja mit -Hohn und Ingrimm von den „Läusefressern“, als hätten sie den Ausdruck -aus Strabo genommen. Die Läuse, die dort in den Kriegsjahren unter -unsäglicher Pein und Beschwerde von unseren braven deutschen Kriegern -gefangen wurden, sind ein zähes Geschlecht, von uraltem Adel, dessen -Ahnen schon in den alten Geschichtsbüchern der Griechen verzeichnet -stehen. Es erben sich Gesetz und Rechte, es erben sich auch der Läuse -Geschlechter wie eine ewige Krankheit fort. - -Und dazu kommen noch die Serben. Ich sehe eben ein prächtiges Bild in -der „Jugend“, 1916, Nr. 5; es ist von A. Schmidhammer gezeichnet. Die -flüchtigen Serben sind auf Korfu gelandet; im Garten des kaiserlichen -Achilleions steht dort die Statue des herrlichen jungen Achill; ein -alter, müde gehetzter Serbe schläft zu Füßen der Statue ein, und die -Läuse krabbeln nun von dem ungewaschenen Kerl aus gierig am Bein des -hohen Griechenhelden hinan, der sich ganz befremdet an den glatten -Schenkel faßt und seine erhabene Gestalt zu der niedrigsten aller -Untersuchungen herunterbückt. Modernes Slawentum und klassisches -Altgriechentum! Da haben wir den Gegensatz im Bilde! - -Wohl uns Deutschen, daß wir uns sagen können: unser deutscher Soldat -ist der saubere Erbe jener alt-hellenischen Kultur, die das Leben erst -lebenswert machte[177]. Krieg allen Phtheirophagen! Es lebe im Deutschen -das Griechentum! Mit keinem besseren Schlachtruf könnte ich diese meine -Betrachtung schließen. - - - - -Der Mensch mit dem Buch. - - -Oft haben im Leben der Völker handwerksmäßig mechanische Erfindungen -von der größten Unscheinbarkeit die größte Tragweite für den Aufstieg -der Kultur gehabt. Prometheus, der das Feuer vom Himmel holte, ich -meine: der Mann, der den ersten Funken aus dem Stein schlug, er stellte -die Menschheit auf einen anderen Boden; dasselbe tat der Mann, der das -erste Schiffssteuer erfand und die erste Meerfahrt wagte -- oder der -andere, der zuerst aus dem Bergwerk das Eisen holte und es schmieden -lehrte: sie änderten das Wesen der Menschheit. Nicht minder denkwürdig -ist aber auch der namenlose Erfinder des ersten Buches, des Buches, -das -- wie das Schiff -- Transportmittel, und zwar das wertvollste -Transportmittel ist, da es das kostbarste aller Güter, das Geistes- und -Gedankenleben der Völker, das menschliche Erinnern von Land zu Land und -von Jahrhundert zu Jahrhundert trägt. Auch das Buch gehört im Hochtrieb -der Welt zu den wichtigsten Hilfen und ist als solche noch lange nicht -genug gefeiert worden. - -Ich meine das Buch, das sich +vervielfältigen+ läßt. Das gilt nicht von -den Backsteinbibliotheken der alten Babylonier; es gilt vom Buch der -Ägypter und der Griechen. - -Die erste Offenbarung des Griechentums war +Homer+; aber Homer war für -die Griechen nicht der Erfinder des Buches. Er hatte es noch nicht. Es -ist wichtig, dies klarzustellen, und damit muß ich beginnen[178]. - -Der Naive denkt sich den alten Homer, wie er dasitzt und die 48 Bücher -der Ilias und Odyssee dichtend niederschreibt. Auch neuerdings machen -sich solche naive Vorstellungen wieder geltend, aber sie widersprechen -auf alle Fälle den offen liegenden Tatsachen. Homer kannte die Schrift, -allerdings. Einen Brief auf der Schreibtafel erwähnt er selbst einmal -bei Gelegenheit des Abenteuers des Bellerophon. Es ist der Geheimbrief, -der den Tod des Überbringers fordert. Aber die Tafel ist kein Buch, von -dem ich rede. Wer dem Homer das Buch in die Hand gibt, kann ihm auch -die Brille aufsetzen; das eine war seinerzeit noch ebenso fremd wie das -andere. Andernfalls hätte er ja auch in Prosa schreiben können und die -Sache viel leichter gehabt; denn sobald das „Buch“ bei den Griechen -wirklich auftaucht, wird Sage und Geschichte sogleich planvoll in Prosa -niedergeschrieben. - -Alle Poesie der Urzeiten geht im Vers einher, und der Zweck des Verses -ist da überall Gedächtnishilfe, die deshalb nötig ist, weil das Buch -fehlt. Eben dazu, zur Hilfe des Gedächtnisses dient aber obendarein -auch das auffallend Typische in der epischen Sprache, nicht nur in dem -„~tondapameibomenos~“ und tausend anderen ständigen Einführungsformeln, -die später zur Parodie einluden, nicht nur in den ewig gleichen und -festklebenden Schmuckwörtern wie dem „im Donnergewölk Zeus“, sondern -auch in der Repetition ganzer Abschnitte, die so weit geht, daß man -meint, Homer plündert sich selbst aus. - -[Randnotiz: Der blinde Homer ohne Buch.] - -Der gute Dichter kommt uns sogar selbst zur Hilfe; denn er läßt in -seiner Odyssee selbst den Sänger Demodokos auftreten, der da ganz in -homerischer Weise von Heldendingen erzählt; aber Demodokos ist blind -und ist ohne Buch, er kann also nicht lesen und muß lediglich seinem -eigenen Geist und Gedächtnis vertrauen[179]. In Demodokos zeichnet -sich uns Homer, und nun bedeutet gar der Name „Homeros“ selbst den -„Blinden“, nichts anderes. Das sollte Zufall sein? Ilias und Odyssee, -die langen Epen sind Blindenpoesie. - -Wir besitzen eine alte Biographie des Homer; darin steht: der Dichter -hieß ursprünglich Melesigenes; er wurde blind und deshalb, als er -in Kyme war, Homer genannt; denn in Kyme nennt man die Blinden -„Homere“[180]. - -So ist der Dichter denn auch in der griechischen Plastik, die sein -Porträt formte, von Anfang an deutlich als Blinder dargestellt worden. -Das entsprach schon seinem Namen; es war nicht anders möglich. - -In primitiven Zuständen sind die blinden Leute auch sonst häufig -die Träger der Poesie und des Volks- und Heldengesangs; sie sind die -Vortragenden auf den Märkten und Gottesfesten. Schon das deutsche -Mittelalter ist Zeuge; denn da heißt es: „so singent uns die blinden“. -Ebenso erscheinen sie auch bei den Serben; die lebendigste Anschauung -aber gibt, was ich über die Balladendichtung in Palermo lese. Da -bestand noch in neuester Zeit und besteht vielleicht noch jetzt eine -Kongregation der Blinden, 30 Mitglieder stark, von denen die einen -nur vortragen, die anderen aber Neues erfinden; heiliger Ernst ist es -ihnen dabei. Von Kindern lassen sie sich führen, wenn sie auftreten. -Schon im Jahre 1661 ist diese Blindengilde dort gegründet worden. Was -sie aber singen, sind Banditengeschichten von Testalonga, Fradiavolo, -Tabbuso und Zuppa. Das sind die Achill und Odysseus, die Helden dieser -sizilianischen „Homere“[181]. - -Daß es nun auch bei den Griechen jener alten Zeiten mehr als einen -„Homer“, d. h. mehr als einen blinden Sänger gab, ist zweifellos. Es -war offenbar auch bei ihnen ebenso wie bei den Deutschen, den Serben -und den Leuten in Palermo der allgemeine Beruf des Blinden, der sonst -keine Beschäftigung hat, zu singen und Geschichten zu ersinnen. Man -braucht nur den blinden Demodokos neben den Dichter des homerischen -Apollohymnus, der sich sogar selbst den „blinden Mann“ nennt, zu -halten, um das einzusehen. - -Wollen wir nun gleichwohl ansetzen[182], daß die blinden Berufsdichter, -auf die Ilias und Odyssee zurückgehen, doch auch schon -Schreibergehilfen hatten, die die neuen Gesänge entweder sogleich oder -bald hernach schriftlich sicherstellten, so waren, wenn wir genau -zusehen, gegen 500 Schreibtafeln nötig, um die etwa 28000 Zeilen der -beiden Epen aufzunehmen[183]. An eine Wahrung der Texteinheit war dann -also schlechterdings nicht zu denken; sie war vollständig zertrümmert -und eine chaotische Verwirrung der vielen hundert Holztäfelchen die -fast unausbleibliche Folge. - -Homer ist sonach in jedem Fall der Mensch ohne Buch. Im Verfolg soll -dagegen vom Menschen mit dem Buch, wie ihn das Leben zeigte und die -Kunst der Alten ihn dargestellt hat, die Rede sein. - -Woher das Buch nehmen? Der Boden Griechenlands selbst war an -vegetabilischen Erzeugnissen zu arm oder das praktische Genie der -Griechen war nicht entwickelt genug, um das „Papier“ zu erzeugen, durch -das allein ein Buch ermöglicht wird, das sich für literarische Zwecke -eignet. - -Die Schrift war allerdings längst da. Man zeichnete sich ein Bild an -die Wand und verstand sich. Nichts war natürlicher. Dann kürzte man -das Bild zu andeutenden Linien ab, und der Buchstabe war fertig. Einen -großen Fortschritt bedeutete es, als der Grieche die Silbenschrift des -Orients, die den Vokal nicht ausdrückt, zur Buchstabenschrift, die -jedem Einzellaut im Wort gerecht wird, verfeinerte. Das war die erste -große grammatische Leistung des Griechentums im Dienste der Phonetik. -Aber worauf schreiben? - -[Randnotiz: Schreibmaterial der ältesten Zeit. Weitere Dichter ohne -„Buch“.] - -An Schreibflächen fehlte es nicht[184]. Man ritzte die Grüße oder -Anweisungen, die man auf dem Herzen hatte, in die Haustüren oder in -den Baum am Weg oder in die nächste Felsenwand. An den Grenzen der -Feldfluren standen oft Ölbäume: in ihre Rinde grub der Eigentümer -regelmäßig den Grenzvermerk (~arbores notatae~). So bekamen auch -Sklaven und Vieh Zeichen eingebrannt, damit man wußte, wem sie gehören; -man tätowierte gelegentlich den ganzen Menschen, schon damals. -Staatsgesetze aber grub man schon früh in die glatten Außenwände -der Tempel oder unmittelbar in die hohe Einfassungsmauer, die den -Richtplatz umgab. Gräber wurden mit beschriebenen Steinplatten -versehen. Sollte aber der Text transportabel sein, so griff man zum -Fell, zur Kuhhaut, lieber noch zur rollbaren Bleiplatte und zur -Holztafel. Die handliche kleine Holztafel hat sich der Grieche endlich -früh mit Wachs überzogen, und er begann im Wachs zu schreiben, ein -Merkmal der Vergänglichkeit: denn aus dem Wachs ließ sich die Schrift -gleich immer wieder hinwegglätten. - -Was nützte das aber den Dichtern, die unmittelbar auf Homer folgten -und in ihren Versen nun auch -- anders als er -- mit ihrem eigenen Ich -kräftig hervorzutreten begannen? Die erste Elegie entstand, das erste -Streitgedicht des +Archilochos+, das erste Chorlied, das +Alkman+ -kunstvoll gestaltete. Wie sollten diese Männer ihren Text sichern? -Was sie dichteten, hatte immer nur geringen Umfang; sie legten davon -eine einmalige Niederschrift im Tempel nieder; das war die einzige -Sicherung: das Werk sollte nicht untergehen. Die Tempel sind im -7. Jahrhundert v. Chr. die alleinigen Archive für solche Poesien -gewesen[185]. Vervielfältigung durch Abschrift aber gab es noch kaum, -und die Veröffentlichung geschah lediglich durch mündlichen Vortrag. -Auch diese Männer harrten immer noch auf das „Buch“. - -Das gilt auch vom +Hesiod+. Von Hesiod besitzen wir die „Theogonie“ und -die „Werke und Tage“. Wer aber diese beiden Werke liest, der staunt -über den Mangel an Ordnung und Plan, die häufige Zusammenhangslosigkeit -des Inhalts. Dabei ist jedes derselben doch nur etwa 1000 Zeilen stark. -Der Schaden kann sich nur daraus erklären, daß der Text, wie das vorhin -Gesagte ergibt, ursprünglich auf etliche kleinere Schreibflächen -verteilt war. Erst nachträglich können die Teile in einem „Buch“ -zusammengestellt worden sein. Daher die Uneinheitlichkeit. Wir hören -von einem uralten Exemplar des Hesiod auf Blei, das sich auf dem Berg -Helikon anscheinend gegen Witterung ungeschützt bei der berühmten -Quelle, der Hippokrene, befand. In diesem Blei haben wir eine wertvolle -Probe des Urzustandes des griechischen Schreibwesens. Daß aber der -Text der „Werke und Tage“ auf dem Blei vollständig stand, ist kaum zu -glauben. Denn unzählige antike Bleirollen sind gefunden worden, und sie -enthalten immer nur ganz geringe Textumfänge und wohl kaum mehr als 50 -Zeilen[186]. - -Wie sollte nun gar in der Folgezeit des großen Thukydides Prosawerk -vom Peloponnesischen Krieg, wie sollte Platos Staat möglich sein? Das -„Papier“ war schreiendes Bedürfnis, und es fand sich nicht. - -[Randnotiz: Import der Papyrusrolle. Entstehung der Buchliteratur.] - -Da kam das Große. Ägypten eröffnete endlich seinen Außenhandel. Ägypten -hatte längst das ersehnte Papier, es hatte längst das Buch der Zukunft. -Im 7. Jahrhundert geschah es; damals hat der griechische Handel mit -Ägypten eingesetzt. Der Name König Psammetichs I., der um 670 bis -616 regierte und sein Land erschloß, ist darum unvergeßlich. Um 630 -v. Chr., da mag die erste Papierrolle wirklich vom Nil nach Athen oder -Milet oder Sizilien gekommen sein. Und die eigentliche griechische -Buchliteratur konnte beginnen. Sie entwickelte sich plötzlich und rasch. - -Es handelt sich nicht um Lumpen- oder Hadernpapier, erst recht nicht -um unser modernes Holzpapier. Vielmehr aus dem Mark des Nilschilfs -wurde das Material, das man +Charta+ nannte, in langen Fahnen kunstvoll -hergestellt, und zwar geschah das dort schon seit Jahrtausenden. -Die ganze schreibselige Kultur der Ägypter beruht eben hierauf, auf -der Charta. In dichten Schichten liegen in Ägypten noch jetzt die -beschriebenen Papyrusmassen unter dem sandigen Erdboden und werden -heute ausgegraben, fast so, wie man bei uns die Steinkohlen gräbt; oder -die stummen Mumien sind darin eingewickelt, und ganze Kisten voll gehen -davon alljährlich nach Europa (vorausgesetzt, daß kein Weltkrieg ist), -um in den Bibliotheken und Museen von Oxford, London, Berlin, Wien, -Paris, Florenz, Genf, Straßburg aufgerollt, entziffert, studiert zu -werden. - -Neidisch hatte das enge Pharaonenland dies herrliche Papier der Welt -so lange vorenthalten. Das Schreiben darauf war des Ägypters besondere -Wollust. Millionenmal haben jene Leute sich, vielfach auch gerade -die vornehmsten Würdenträger des Nillandes, in schreibender Stellung -hockend, statuarisch oder im Relief abbilden lassen, oft ganze Gruppen, -die nach +Diktat+ schreiben, also im Begriff sind, einen Text zu -+vervielfältigen+[187]. - -[Illustration: - - Tafel 5 - -Lesender Mann. - -Von einem Marmorrelief. - -(Paris, Münzkabinette.)] - -Jetzt endlich hatten die Griechen also ein Buch gewonnen, das sich in -der Tat leicht hundertfach vervielfältigen ließ. Der Großbetrieb -konnte einsetzen: Abschriften der besseren Werke in beliebiger Anzahl, -Buchverkauf, Buchhandel. - -Und so beginnt eben jetzt, im 6. Jahrhundert, wirklich die griechische -Prosaschriftstellerei, die schlechthin das Buch voraussetzt, da -Prosa sich nicht nach Art eines epischen Gedichtes auswendig lernen -läßt. Aber auch die griechische Dichtkunst veränderte nun sogleich -ihr Wesen und bereicherte sich wunderbar; denn auf einmal entsteht -jetzt die große Lyrik, und es entsteht die Tragödie, Oratorium und -Oper; d. h. auch die Musik kann sich jetzt plötzlich auf das reichste -entwickeln. Das Wesen der griechischen Musik erkennen wir an den -Versmaßen. Kunstvolle Versmaße werden jetzt möglich, eine Rhythmik mit -mannigfachem Wechsel der Taktarten, die ohne sorgliche Niederschrift -des Textes und auch der Musiknoten nicht denkbar war. Ich nenne nur -den großen +Stesichoros+, der jetzt -- um das Jahr 600 beginnend[188] --- auf Sizilien seine gewaltigen, ausgedehnten, halbdramatischen, -oratorienartigen Chordichtungen schreibt, und +Äschylus+, der in -Athen bald danach die Tragödie schafft. Auch diese Offenbarung des -griechischen Kunstgenies, die Tragödie, war erst jetzt möglich. Weiter -aber: auch der +Homertext+ wurde nunmehr in der Form, wie wir ihn -haben, endlich zum erstenmal in Buchform redigiert und gesichert, und -auch dies ist, wie jetzt unbedingt feststeht, in Athen geschehen[189]. -Es ist dies das erste unvergängliche Verdienst, das sich Athen um die -Weltliteratur erworben hat. - -Und nun taucht auch +Herodot+, der Vater der Geschichte, vor uns -auf. Herodot und andere seinesgleichen schreiben jetzt in Prosa die -Sagengeschichte und Staatengeschichte ihres Landes, +Anaxagoras+ und -andere Philosophen vor ihm ihre kühnen und ewig denkwürdigen Entwürfe -über Sein und Werden und die Natur und Entstehung des Alls. Der -wundervoll treibende Griechengeist hatte jetzt einen Boden gewonnen, -auf dem er blühen und wuchern konnte, so wie, wo sich frische Erdkrume -bildet, sogleich eine Vegetation entsteht. Plato, Demokrit, Aristoteles -erhoben ihre breiten Wipfel. Das Buch erzeugte die Literatur. - -Und wie geschmeidig war dies Buch! Federleicht lag es in der Hand. -Fliegende Blätter hatte man, und wer deren viele zusammenklebte, -erhielt eine Fläche von beliebiger Länge, die er beschrieb und leicht -zusammenrollte. Denn das Buch war nur Rolle. Heftung kannte man nicht. - -[Randnotiz: Buchhandel der Griechen. Herstellung des Papyrus.] - -Und wie fest und klar stand die tief dunkle Schrift auf dem hellen -Grunde! Das Papier war weiß, aber nicht blank und warf keine Reflexe: -eine Wohltat für das Auge. Das Schreiben war jetzt auch kein Gravieren -und Ritzen mehr; es war Farbenauftrag. Mit der weichen Feder malte -man die Buchstaben. Und das ging rasch. Massenkopien gab es gleich. -Buchunternehmer hielten sich ein Sklavenpersonal, das die Kopien -nach Diktat schnell genug lieferte; denn leicht konnten so nach -Diktat 50 Exemplare auf einmal, 1000 in einer Woche hergestellt -werden. Und man kaufte sich jetzt also die Platodialoge oder die -Euripidesstücke, nahm sie auf die Seereise mit und las sie auf dem -Schiffsdeck. Der Buchhandel und Versand ging von Athen überall hin, -nach Sparta, Kleinasien, zu den Städten des Schwarzen Meeres. Dabei -verwahrte man die Rollen in hübschen Kapseln aus Holz. Auch in der -Schule hatte jetzt schon jeder Knabe sein Lernbuch, und der Gebildete -konnte sich darin nicht genug tun; er kaufte sich schon lesehungrig -alle möglichen Autoren, Homer, Epicharm, Tragödien, Schriften über -Baukunst, Kochbücher u. a. zusammen, und vereinzelt entstehen schon -wohlgeordnete kleine Büchereien. Sie sind vorläufig nur Privatbesitz. -Mit der ersten Bibliothek aber war auch der erste Überblick über den -Bestand der griechischen Literatur gegeben; das Griechentum wurde sich -seines geistigen Besitzes bewußt; eine Literaturgeschichte konnte -entstehen[190]. - -So ging die Entwicklung zunächst durch drei Jahrhunderte, vom 6. bis -zum 4. Jahrhundert v. Chr. - -Im Nildelta, und zwar in den breiten und schlammigen Seitenarmen -des Nil, da wuchs und gedieh das Papyrusschilf in ganzen Wäldern. -Inselartig standen diese Wälder in den seichten Wasserflächen. Sie -wuchsen jedoch nicht etwa wild; vielmehr wurde das Schilf sorglich -gepflanzt, gehegt und jeder Ausfall ersetzt; ein Riesenvermögen -steckte für die Besitzer in diesen Wasserpflanzungen. Es waren hohe -Schäfte mit graziös gefiederten Wipfeln und Blätterbüscheln, die im -Seewind rauschen und leicht sich wiegen; der Schaft mehr als armstark. -Fußpfade, die so schmal waren, daß nur ein Mann hindurch konnte, und -auf denen der Heger sich bewegen und die Ernte eingebracht werden -konnte, führten durch die Dickichte hindurch[191]. - -Jahrtausendelang hat dort im Altertum diese wichtige Kultur bestanden. -Wie anders jetzt! Seitdem die Pflege fehlt, ist der Papyrus dort im Nil -völlig verschwunden. - -Für die Fabrikation war die Stadt Saïs, die Residenz des Königs -Psammetich, der Hauptsitz, und eine ganze Reihe von Sorten der -Charta wurden hergestellt, die sich nach der Qualität, nach Größe, -Färbung, Feinheit und Dauerhaftigkeit unterschieden. Denn für wichtige -Aktenstücke der Staatsverwaltung und für schöne Gedichtbücher brauchte -man bessere Qualitäten, als der Kaufmann sie in seinem Laden zum -Rechnungschreiben nötig hatte. - -Anschauung von dieser „Charta“ kann heute jeder haben, der einmal -unsere größeren Museen und Universitätsbibliotheken besucht, wo Proben -davon in Glas und Rahmen ausgestellt werden. Die Fabrikation aber war -schwierig und erforderte viel Zeit und ein beträchtliches Personal. -Denn das feste Mark des Schilfs wurde auf das mühsamste in möglichst -lange und möglichst dünne Streifen zerlegt und diese Streifen dann -glatt zusammengeklebt, indem man sie netzförmig übereinanderlegte. -Leicht lösten sich aber die Fasern wieder, und wiederholte Pressung -und erneutes Kleben, endlich ein sorgliches Trocknen der Ware war -immer nötig. Damit war aber zunächst nur ein Einzelblatt von etwa -34 × 20 ~cm~ Größe gewonnen, und aufs neue mußten die Kleber mit ihrem -feinen Leim daher, um aus je 20 Blättern die Buchfahnen, die in den -Handel kamen, zusammenzufügen. Auf die Fahne setzte man die Schrift -in Spalten nach Art der Spalten unserer Zeitungen. Reichten für das -beabsichtigte Buch 20 Blätter nicht aus, so klebte man wieder etliche -Fahnen aneinander, je nach Bedürfnis. - -[Randnotiz: Papierpreise. Umfang und Ausstattung der Rollen. -Buchteilung.] - -Schon aus dieser Art der Herstellung erklärt sich, daß das Papier im -Altertum sehr teuer gewesen ist[192]; und je mehr die Nachfrage zunahm, -je teurer mußte es werden. Denn bald sollte für die ganze damalige -gebildete Welt, für Griechenland, Syrien, Mazedonien, Italien, Spanien, -Südfrankreich das kleine Nildelta allein das Papier liefern. Ja, die -Fabrikanten im Delta bildeten einen Trust und trieben obendarein die -Preise gemeinsam künstlich höher, wie Strabo uns meldet. Ungeheure -Werte steckten also in den großen Büchereien des Altertums, wie sie die -römische Kaiserzeit besaß. Die Literatur war auch im Hinblick auf das -Papier, auf dem sie stand, eine Kostbarkeit. - -In Großstädten wie Rom lagerte das Papier, die unbeschriebenen Rollen, -auf Vorrat in großen Speichern, die der Staat beaufsichtigte. War die -Papyrusernte am Nil schlecht ausgefallen, so trat in der Welt Papiernot -ein, die fast so schlimm war wie die Hungersnot, die drohte, wenn das -Korn nicht aus Ägypten kam, und die Behörde mußte alsdann eingreifen -und den Verkauf regulieren. Auf dem Lande war oft gar kein Papier -zu haben. Auch wir wissen seit dem jüngst erlebten Kriege davon zu -erzählen, wie die Regierung alle Vorräte der Waren an sich nimmt, um -der größten Not zu steuern. - -In Rollen zu lesen, denken wir uns heute sehr unbequem, und anfangs -herrschten auch wirklich noch große Mißstände im Bücherwesen der -Griechen. Erträglich war die Sache, wenn es sich um Rollen von etwa 20 -Seiten handelt. Herodot aber wird heute auf 600 Seiten abgedruckt, und -für solch umfangreiche Werke ergaben sich damals Rollen von 50, 70 oder -100 Meter Länge. Als solche endlose Konvolute haben wir uns die ersten -Ausgaben des Herodot, des Thukydides zu denken; so hatte noch Alexander -der Große Ilias und Odyssee in Händen. Eine einschneidende Reform war -darum nötig. Kallimachos war es, der den berühmten Ausspruch tat: „ein -großes Buch ein großes Übel.“ Seitdem, d. i. seit dem 3. Jahrhundert -v. Chr., wurde es Sitte, die größeren Bücher zu zerschneiden (davon -kommt der Ausdruck ~Tomus~, „der Schnitt“), d. h. die Buchteilung in -der Schriftstellerei wurde Sitte; sie wurde erzwungen[193]. In 12 Rollen -ließ darum Vergil seine Äneide, in 3 Rollen ließ Cicero sein Werk „vom -Redner“ erscheinen; und die Kunst des Disponierens steigerte sich dabei -wunderbar. Man lernte fortan seinen Stoff jedesmal so einzuteilen, -daß womöglich in jeder kleineren Rolle ein in sich abgeschlossener -„Abschnitt“ des Werkes stand, der für sich allein gelesen, genossen -werden konnte. - -Aus diesem sehr äußerlichen Grunde erklärt sich die sonst so -befremdliche Durchführung der Buchteilungen in den alten Autoren. - -[Randnotiz: Bibliothek. Bildliche Darstellung: Schreibende.] - -Besonders die Dichter las man in möglichst dünnen Rollen; ein Odenbuch -des Horaz stand auf einer Papierfahne von nur 20 Seiten, kaum mehr. Das -ist auch heute noch so; man denke an Mirza-Schaffy und Frauen-Liebe -und Leben; auch wir wollen für unsere zärtlichen Dichter keine großen -Formate. Wollte man überdies noch Effekt machen, so stattete man das -Röllchen hübsch prunkvoll aus, schob es in einen farbigen Mantel (so -wie wir unsere Tischservietten) und steckte noch ein vergoldetes -Stäbchen mitten hinein. Besonders reizvoll und glanzvoll müssen die -Bilderbücher gewesen sein; wer die Rolle auseinandernahm, sah eine -Folge farbiger Bilder, Porträts, Kampfszenen aus den Römerkriegen -u. a. Vor allem hing nun noch aus den Rollen immer ein festes, -pergamentenes Zettelchen heraus, das man gern purpurn färbte und auf -dem der Titel zu finden war. Dieser Zettel selbst hieß der „Titel“. -Im Bibliothekszimmer standen Schränke oder an den Zimmerwänden zogen -sich „Nester“ hin; darin lagen die Rollen wie die Vögelchen beisammen, -bereit auszufliegen, allemal hübsch mit dem Kopf nach vorn, an dem der -Titel hing. Es war gewiß allerliebst, in solchem Bücherzimmer sich -aufzuhalten; alles, Bücher und Borte und Wände, bunt bemalt und in -Farben strahlend; dazu edler Statuenschmuck; auch gemalte Porträts der -Lieblingsdichter. Die Nester waren nur in bequemer Höhe angebracht, -auch die Schränke nur niedrig, zu 3 Borten. Man brauchte nicht auf -Leitern zu steigen, um seinen Plato oder Livius zu finden[194]. - -Wie nun der lesende Mensch mit dem Buch umging? Dem modernen Menschen -fehlt dafür jede Anschauung; aber die reiche antike Kunst kann sie -uns geben[195]. Hier ist der Ort, die Plastik und Malerei der Alten -heranzuziehen. Selten ist uns Gelegenheit gegeben, die Zweckmäßigkeit -und Sinngemäßheit der künstlerischen Motive, insbesondere in bezug auf -die Haltung der Hände, so festzustellen wie in diesem Falle. - -Auch unsere modernen Künstler kommen bisweilen in die Notlage, einen -Menschen mit dem Buch darstellen zu müssen. Aber ihnen fehlt dafür -eine Tradition oder die Achtsamkeit, und sie irren sich oft seltsam. -Wer z. B. die schöne Goethe-Statue Schwanthalers in Frankfurt a. M. -betrachtet, wird mutmaßlich wenig darauf achtgeben, daß der Dichter -den Kranz in der Linken, das Buch aber in der Rechten hält. Warum sind -die Gegenstände auf die Hände nicht anders, nicht umgekehrt verteilt? -Eine müßige Frage! Wer hat Zeit, sich damit aufzuhalten? Der Künstler -macht das eben, wie es am besten aussieht. So machte man es aber im -Altertum nicht, und die moderne Kunst der Porträtstatue ist doch ein -Erbe aus dem griechischen Altertum. Wer das Buch in der Rechten hat, -will vorlesen; wer es in der Linken hält, hat vorgelesen. Goethe aber -kann seinen Kranz erst erworben haben, nachdem er sein Werk vortrug. -Die griechische Kunst hätte Kranz und Buch somit anders verteilt, und -so ist es tatsächlich geschehen auf einem Pompejanischen Wandgemälde -(Helbig, Campanische Wandgemälde, Nr. 1454). - -Viele lieben es heute, sich mit dem Buch photographieren zu lassen, die -strebsame höhere Tochter, der Schulmann, Gelehrte und Diplomat „in -seinem Heim“, schließlich aber auch die Metzgersfrau und der Sergeant -und Ladenjüngling. Warum auch nicht? Wir alle haben heute Schulbildung, -und das Buch ist unser! Meistens wirkt dabei freilich die Verlegenheit -mit: die Hände müssen irgendwie beschäftigt sein, wenn sie nicht gerade -in Handschuhen stecken. So kann die Laune des Photographen den Kellner -zum Gelehrten machen und die Putzmacherin zur Dichterin. - -In der antiken Porträtkunst war das anders, und zwar schon in der -ägyptischen. Da ist alles sinngemäß und zweckmäßig. Im alten Ägypten -unterschieden sich die Stände darnach, wer schreiben und wer nicht -schreiben kann. Das Buch adelt. Wer nicht lesen kann, ist der Esel, -wer lesen kann, der Eseltreiber: so dachte man. Man gestatte, daß ich -hier von „Buchhaltern“ rede, ich meine die Personen, die sich mit dem -Buch zeigen. Die „Buchhalter“ auf den ägyptischen Bildwerken sind da -die höheren Beamten. Mit eigensinniger Konsequenz und massenhaft sieht -man daher die Buchrolle oder das Schreibgerät in der festgeballten -Hand gerade nur der Vornehmen auf den Reliefs der großen Tempelwände, -der Gräber und Pylonen des Pharaonenlandes. Berühmt und wundervoll -realistisch auch so manche Schreiberstatue, wie die im Louvre: wohl nie -ist ein hoher Bureaubeamter und vortragender Rat so verherrlicht worden -wie da; sie zeigt ihn angespannt in seiner Tätigkeit. Freilich ist er -sehr dürftig bekleidet. Ein Schurz genügt. - -Der freie Grieche dachte anders. Er hatte kein Königtum, ebensowenig -eine Bureaukratie, die in Staffeln bis zum Monarchen hinaufging und -sich auf das Buch gründete. Bei den Griechen wurden Buchabschriften -zumeist nur von der unfreien Dienerschaft angefertigt. Sah sich der -Freie gezwungen, selbst einen Text zu kopieren, so schämte er sich -dessen und hat sich nicht schreibend abbilden lassen. Die ganze -überreiche griechisch-römische Kunst vermeidet es, einen Menschen -darzustellen, der ein Buch schreibt. Denn das Schreiben in Rollen -war mühsam und erzeugte eine unedle Haltung. Die Hilfe des Tisches -wurde beim Lesen und Schreiben stets vermieden. Man schrieb auf -der Hand. Dazu kam, daß man mit dem flüssigen Farbstoff die Finger -sich beschmutzt hätte. Der Vornehmere schrieb daher auf Wachstafeln -(~codices~, ~codicilli~), in deren eingerahmte Wachsfläche er mit dem -dolchartig spitzen Metallstift die Buchstaben nur zu ritzen brauchte. -Das war saubere Arbeit; sie „fleckte“, aber sie befleckte nicht. Auf -Wachstafeln schrieb der Bankier seine Kontos und Quittungen, schrieb -der Liebhaber sein Billett an die Dame, die gleich in dieselbe Tafel -auch die Antwort ritzte, schrieb endlich der Dichter seine Entwürfe, -die dann sein Amanuensis kopieren durfte. - -[Randnotiz: Bildliche Darstellung: Lesende.] - -Also keine Schreiber, wohl aber Leser zeigt uns die alte klassische -bildende Kunst. Man las aber allemal nur in Rollen; denn nicht nur -in Ägypten beherrschte die Rolle das Bücherwesen durch Jahrtausende; -auch bei den Griechen und Römern ist sie von etwa 600 v. Chr. bis 400 -n. Chr. so gut wie der alleinige Träger aller Lesebücher und wohl auch -Bilderbücher gewesen. Das ergibt wiederum ein Jahrtausend. Das Prinzip -des Heftens der Bücher ist zwar schon im Altertum, aber doch erst -merkwürdig spät aufgetaucht, und es fand alsdann im wesentlichen nur -für Pergamenthandschriften Anwendung, die den ärmeren Volksschichten -dienten[196]. In gehefteten Handschriften liest kein einziger Mensch auf -den unzähligen Bildwerken der Alten, die hierfür in Betracht kommen. -Die jüdische Synagoge hat die Rolle bekanntlich bis auf den heutigen -Tag beibehalten. Dabei dienen Stäbe dazu, die Rolle anzufassen; denn -die heiligen Schriften dürfen nicht mit der Hand berührt werden. Die -Griechen im Profanleben wußten von solcher Scheu natürlich nichts; die -Hände sind es, die mit dem Buch umgehen. - -[Illustration: - - Tafel 6 - -Ägyptischer Schreiber. (Paris, Louvre.)] - -Man muß den Akt des Lesens selber kennen, um die Motive zu verstehen, -die die antike Kunst hierfür verwendet. Wer zu lesen beginnen will, -hält die geschlossene Rolle zunächst in der rechten Hand. Die Linke -öffnet dann das Konvolut, löst das Band und Siegel, falls ein -solches vorhanden (man denke an das Buch mit sieben Siegeln der -Apokalypse) und zieht die erste offene Seite zu sich nach links. Eine -Textspalte nach der anderen zieht also die linke Hand zu sich herüber, -indem sie das Gelesene zugleich wieder zusammenrollt. Am Schluß der -Lektüre ruht die Rolle somit allemal, aufs neue geschlossen, in der -linken Hand. Daraus ergibt sich die Auffassung, die wir an alle -Bildwerke herantragen: die Gestalt, die das Buch in der Rechten hält, -will erst lesen, abgesehen von den Fällen, wo sie es einem anderen -Menschen überreichen will (denn man überreicht stets mit der rechten -Hand); die Gestalt, die es in der Linken hält, ist mit dem Lesen -jedenfalls fertig; sie hat nicht die Absicht zu lesen. Und das letztere -finden wir nun ganz überwiegend dargestellt. Es handelt sich eben fast -immer um Repräsentationsfiguren. Das Buch soll da nur andeuten; es ist -für den Moment gleichgültig; nur die Würde der Person drückt sich in -dem Schriftstück aus. Nicht sinnend oder in sich gekehrt steht solch -ein römischer Konsular mit dem Buch vor uns; er wendet sich mit offener -Seele an das Publikum, das ihn betrachtet. - -Und das Lesen selber? Es sah graziös genug aus, und es schmückte -gleichsam den Menschen. Nichts ist reizender als solch eine lesende -griechische Frau, die mit dem weit offen hängenden Rollenband zwischen -den Händen einherwandelt (Neapel, National-Museum), oder als die -Muse, die als Konzertsängerin auf das Zeichen zum Einsetzen wartet, -das der Saitenspieler, der die Begleitung spielt, ihr geben soll, und -die dabei das Blatt tief gesenkt zwischen den Händen hält wie unsere -Sängerinnen, wenn sie warten, daß das unleidlich lange Vorspiel zu -Ende gehe (Vase in Athen). Nichts ist schöner als der vorlesende Homer -der Bilderchronik (Antiquarium in Berlin), nichts lebendiger als der -die Lektüre unterbrechende, in Nachrechnen versunkene Mathematiker -des ~Codex Arcerianus~ in Wolfenbüttel; nichts ergreifender als der -Christus mit der gleichsam himmelweit aufgerissenen Rolle zwischen -den Händen, von Jüngern umgeben, wie ihn die Lipsanothek von Brescia -zeigt[197]. - -Aber dies Lesen war zugleich unbequem und anstrengend; es war eine -Fesselung des Lesers im eigentlichsten Sinne, und ein Bedauern erfüllt -uns, wenn wir uns klar machen, daß man das durch Jahrtausende hat -ertragen müssen. Man denke, daß jede Nebenhandlung unmöglich war. -Denn nicht nur die rechte Hand war beschäftigt; die linke durfte -zudem die abgerollte Papiermasse nie fahren lassen, und es wurde auf -das strengste vermieden, daß die Charta sich auflöste und zum Boden -niederfloß; denn ihre Fasern waren zart und splitterten leicht, und die -Gefahr, daß ein Blatt und damit das ganze Buch zerriß, war ständig. -Wir trinken beim Zeitungslesen oder schlürfen Eis im Café, wenn wir -durstig sind. Der Grieche hatte keine Hand frei. Er konnte das nicht. -Ein Glück, daß man damals noch nicht rauchte! Cicero hätte während -des Lesens auf die Zigarre verzichten müssen; denn er hätte sie nicht -halten können. Wer einen Hautreiz empfindet, der kratzt sich, das -ist sein Recht; und wem eine Fliege sich auf den Kahlkopf setzt, der -will sie verjagen. Las der antike Mensch, so waren beide Hände gleich -gefesselt, und alles das war für ihn eine Unmöglichkeit. - -[Randnotiz: Langsam lesen: in Abschnitten lesen. Enges Lesepublikum.] - -Und nun der Inhalt des Buches! Das Aufwickeln muß für den Leser, der -vor Neugier brannte, eine wahre Folter gewesen sein. Kein moderner -Mensch würde das ertragen. Wir naschen heut im Buch, wir blättern hin -und her, durchfliegen die Kapitelüberschriften, lesen am liebsten den -Schluß zuerst. Brechen wir ab, so legen wir ein Lesezeichen hinein oder -machen gar ein Eselsohr. Alles das war damals gänzlich ausgeschlossen. -Vor allem der Schluß des Buches blieb immer ein tiefes Geheimnis; er -war durch die Rollung selbst fest zugedeckt. Der Inhalt „entwickelte -sich“ eben beim Lesen mit den Seiten in unerbittlicher Allmählichkeit. -Das Frühere deckte das Spätere undurchdringlich zu. Das Buch glich dem -Leben. Dieser Satz gilt schon hier. Wer kann wissen, was folgt? Wer -kann wissen, was das Ende ist? - -So gelangen wir dazu, den antiken Leser zu bemitleiden oder, was noch -besser, zu bewundern. Er schlang nicht, er naschte nicht. Sein Geist -nahm die Speise ruhevoll und ergeben in der Folge, die der Dichter -wollte, der die Speise bereitet hatte. Um so tiefer ließ er den Inhalt -auf sich wirken. Er erlebte ihn. Dazu kam, daß man von einem Werk am -Tag kaum mehr als 1000 Zeilen oder 30 Seiten las. Das dankte man den -scheinbar so zwecklosen Buchteilungen der antiken Werke. Zum wenigsten -von den größeren Unterhaltungsschriften, den Epen und Romanen, waren -die Einzelrollen nie umfangreicher. Die zwölf Bücher der Äneis Vergils -wollten an zwölf Tagen gelesen sein (das gilt übrigens auch noch von -Ariost): der Grieche und Römer stand seiner Literatur anders, er stand -ihr hingebender und gebundener gegenüber als wir der unseren. - -Dabei gilt es nun aber die Zeiten zu unterscheiden. Wer die Fülle der -griechisch-römischen Schildereien auf Vasen, Grabsteinen, Münzbildern -oder Gemälden durchgeht, bemerkt, daß auf den älteren von ihnen der -Mensch mit dem Buch noch recht spärlich anzutreffen ist; in den -späteren Jahrhunderten sind die Beispiele dagegen massenhaft. Das -ist symptomatisch. In der Zeit des Sophokles und der großen Tragödie -diente das Buch vornehmlich zum Fixieren und Aufbewahren des Textes und -noch verhältnismäßig wenig zum Lesen. Die große Masse las damals noch -nicht allzu viel in Büchern. Ihr genügten vor allem die öffentlichen -Volksvorlesungen der Rhapsoden und das Theater, das heißt das Hören, -und nur wenige Bevorzugte hielten sich Bibliotheken, so wie man -seine Stuben auch noch nicht mit Wandmalereien schmückte. Daß sich -das Laienpublikum mit bildender Kunst und mit Literatur wirklich -eingehend beschäftigte, ein Studium daraus machte, seine Erzeugnisse -sich käuflich erwarb und gar eigene Kunsturteile entwickelte, geschah -erst, als die große Kunst selbst dahin war, seit der Alexandrinerzeit, -besonders zur Zeit der Herrschaft Roms. Das kluge Urteil ist das -Merkmal des Epigonen, und Giganten in der Literatur sind unmöglich, wo -die Bildung der Laien und der Volksmassen, die mit Hilfe des Buches -erworben ist, den Geschmack beherrscht. - -Damit hing die Ausbreitung des Schulunterrichts zusammen, eine -Verbreitung der Bildung, die keineswegs zugleich eine Vertiefung zu -sein pflegt, auch heute nicht. Vor allem seit dem 2. Jahrhundert -n. Chr. haben die römischen Kaiser das Volksschulwesen der damaligen -Welt organisiert und ausgedehnt, verstaatlicht, seine Wirksamkeit -gesteigert. Seitdem las und schriftstellerte, was da Odem hatte, nicht -nur in den Hauptstädten, nein, auch in allen Provinzen des Römerreichs, -und zwischen Fachmann und Laie verwischte sich die Grenze mehr und -mehr. Das war es aber zugleich, was der christlichen Religion zum -Sieg verhalf; denn das Christentum war die Religion des Buches. Der -Zeusdienst oder Apollodienst wirkte nur durch den Kultus und nicht -durch Schriften. Anders der Christusdienst. Durch planvollen Vertrieb -der heiligen Texte und Massenschriftstellerei hat sich dieser im -zweiten bis fünften Jahrhundert das lesende Publikum, das heißt die -Welt, erobert. - -[Randnotiz: Steigerung in der Spätzeit. Der Gestorbene mit der Rolle.] - -So ist es nun gekommen, daß auch die Bildwerke des zweiten bis fünften -Jahrhunderts n. Chr., die unsere Altertumsmuseen anfüllen, plötzlich -übersät sind mit Darstellungen der Buchrolle; vor allem die Sarkophage -und unter diesen vor allem die christlichen. Es ist erstaunlich, das zu -sehen. - -Der Kaiser selbst wandelt jetzt wie pflichtgemäß mit solchem Buch -einher (zum Beispiel auf dem Relief der Trajanssäule); das Buch -ist in diesem Falle Symbol, ein Attribut, das die rechtsprechende, -gesetzgebende Macht des Herrschers andeutet. Danach erhält auch -Christus ständig das Buch; denn auch er ist König; nicht aber Maria; -das heißt Maria war damals noch nicht Himmelskönigin, worauf der -Dogmatiker achten möge. Aber auch der Beamte, der Advokat, auch -der Schiffsbauer und der Handelsmann werden jetzt oft und gern mit -dem gleichen Attribut versehen. Alles das erklärt sich aus der -Berufseigenschaft der Personen zumeist mit Leichtigkeit; denn der -Schiffbauer trägt seine Bauzeichnungen in der Hand, der Kaufmann sein -Geschäftsbuch. Wenn aber auf den Marmorsarkophagen dieser Spätzeit -der +Verstorbene+ die Rolle trägt, was bedeutet sie da? Wie oft sieht -man da den Verstorbenen so, im Muschelmedaillon, als Schmuck seiner -eigenen Totenlade! Unzählig sind die Beispiele. Sind das lauter Beamte, -Advokaten oder gar lauter Literaten oder Gönner der Literatur, die uns -da erscheinen? Das wäre ungeheuerlich oder doch schwer zu glauben. Die -gestellte Frage ist gewiß nur teilweise zu bejahen. Denn das Buch hatte -noch eine +tiefere Bedeutung+. - -[Randnotiz: Grabessymbolik. Die Rolle als Spruchband im Mittelalter.] - -Auch das +Schicksal schreibt+. Auch Götter haben ihre Bibliotheken. So -wie wir in der Johannes-Apokalypse sehen, daß im Himmel die guten und -schlechten Handlungen aller Lebenden und Toten, die da auferstehen, in -Büchern verzeichnet sind, die von Dienern des Allmächtigen vor seinem -Thron aufgerollt und verlesen werden -- ein unendliches biographisches -Archiv im Himmel --, ganz ebenso besitzen auch die römischen Parzen -oder Schicksalsfrauen im unterweltlichen Raum ein großes Archiv: -darin sind von ihnen die Lebensläufe aller derer, die geboren werden -sollen, im voraus in Büchern aufgeschrieben und festgelegt. Dies -schildert uns Ovid. Ein Buch ist da also ein Mensch: ein Buchinhalt -ist ein Menschenleben! Daher nun also auch jene Verstorbenen auf ihren -Marmorsärgen im Lateran und überall: das Buch, das sie halten, ist -vielfach nichts anderes als Symbol ihres eigenen Lebens. Das Buch -ist zu Ende abgerollt, d. h. das Leben ist zu Ende gelebt, das die -Parze schrieb und das vom Schicksal im voraus gebucht ist. In der Tat -halten jene Figuren die wieder zusammengefaltete Rolle regelmäßig in -der Linken, wobei sie obendrein die Finger der rechten Hand oftmals -noch still auf den Kopf der Rolle legen, als sprächen sie: „Nun bin -ich fertig; mit meinem Lebensbuch bin ich nun am Schluß, und ich -kann ruhen.“ Diese stille Grabessymbolik wirkt ergreifend, und sie -scheint spezifisch römisch, nicht griechisch zu sein, so wie auch die -schreibende Parze nicht griechisch, sondern römisch-etruskisch war[198]. - -Im fünften Jahrhundert hatte das Christentum endgültig gesiegt. -Zugleich aber war die kostbare Buchrolle aus Charta durch den -gehefteten Pergament-Kodex, der billiger, unendlich viel haltbarer -und daher in jeder Beziehung praktischer war, allmählich verdrängt -worden. Seitdem haftete an der Buchrolle, die man in Bildwerken doch -oft noch beibehielt, ein Schimmer des Heiligen und Sakrosankten. Denn -die kirchliche Kunst liebt das Archaisieren. Evangelisten, Propheten -und Heilige halten sie jetzt gern. So erklettern diese gestreckten -biblischen Figuren die hohen Kirchenwände und füllen in Reihen, auf -Goldgrund strahlend, die Apsiden und Triumphbögen der Basiliken; -jeder, der in Italien gereist ist, hat ganze Völker von ihnen gesehen; -ich erinnere nur an S. Paolo (fuori l. m.) in Rom und an Ravenna. -Buchhalter! jawohl, dies sind jetzt wahre „Buchhalter“ des Himmels; -das heißt, sie halten das Buch, das auf das Heil Bezug hat, wie ein -Heiligtum ostentativ vorzeigend, im Dienst der Christenheit, damit die -Gemeinde es gewahr werde, und nicht mehr sie selbst sind Benutzer des -Buches, sie lesen nicht und wollen nicht lesen, sondern sie tragen -es wie ein Plakat, damit die schauende Menge den frommen Spruch im -Auge habe, der weithin sichtbar auf den offen hängenden Blattfahnen -steht. Das war phantastisch, unwirklich und unantik, und der Gebrauch -veräußerlichte sich im Mittelalter dann immer mehr. Aus der offen -hängenden Rolle entsteht endlich das in eckigen Falten flatternde -+Spruchband+, das die Engel in Glorien durch die Lüfte tragen. - -Woher stammt unser Wort „Rolle“? Es ist gar kein Deutsch; von ~rotulus~ -kommt es und stammt aus dem mittelalterlichen Latein her. - -Im Mittelalter, wo es keinen Papyrus mehr gab, sind gleichwohl, nach -dem Vorbild der Thorarollen der Juden, noch häufig Rollen aus Pergament -hergestellt worden, und diese erreichen aufgerollt bisweilen die -ungeheuerliche Länge von 100 bis 200 Fuß: Exultetrollen, Wappenrollen, -Nekrologien, die noch vielfach erhalten sind. Sie zu benutzen, ist -freilich für den heutigen Historiker eine Pönitenz. Aber auch im -wirklichen Leben, im geistlichen Theaterspiel, fanden die ~rotuli~ -damals noch Anwendung; ich meine das „Prophetenspiel“, in welchem die -Propheten und Sibyllen selbst auftraten und ihren frommen Spruch vor -der Gemeinde aufsagten, indem sie dabei ein offenes Spruchband in -der Hand hielten, auf dem für das Publikum zu lesen stand, was sie, -die Personen, bedeuteten oder welche „Rolle“ sie spielten[199]. Daher -stammt es, wenn wir auch noch heute sagen, daß der Schauspieler eine -„Rolle“ spielt. Die wenigsten unserer heutigen Bühnengrößen wissen -wohl, was diese Redensart bedeutet. Aber auch in dieser Anwendung war -die Rolle, wie man sieht, zu einem bloßen Merkzeichen und toten Emblem -herabgesunken, ganz so wie auf den Wandschildereien, von denen vorhin -die Rede war. - -Der natürliche Verkehr des Buchträgers mit dem Buch war in der -kirchlichen Kunst des Mittelalters aufgehoben. Aber +Michelangelo+ -hat ihn, als sie zu Ende ging, wiederhergestellt, und hier dürfen -wir also einen der größten Namen nennen. Es war eine der Großtaten -Michelangelos, daß er in der Sistina seine Sibyllen und Propheten -endlich wieder in eine natürliche Beziehung zum Buch brachte. Diese -Männer und Frauen der Weissagung, sie lesen, sie studieren wirklich -- -wie ausdrucksvoll ist das gegeben! -- sie suchen, um zu weissagen, im -geschriebenen Wort forschend das Zukünftige, oder sie schauen auch über -das Buch weg. - -[Randnotiz: Michelangelos Delphica. Der Himmel als Buch.] - -Aber das Buch behält dabei seinen praktischen Wert. Das gilt zumal -von der Delphischen Sibylle. Diese ergreifendste und ergriffenste -Figur des Meisters, die ~Delphica~, ist, wie ich überzeugt bin, bisher -nicht richtig verstanden worden. Das sage ich nicht nur im Hinblick -auf Justis „Michelangelo“, sondern auch auf Steinmanns Werk „Die -Sixtinische Kapelle“. Nicht „der Mensch mit dem Buch“, der Übermensch -mit dem Buch erscheint in der Delphischen Sibylle, und zwar in ganz -neuer Konzeption. Die Seherin späht mit den Augen in die Zukunft -wie in die Ferne, die Lippen leise geöffnet. Ihr Mantel bläht sich -im Winde, und auch ihr Haar ist vom Wind bewegt. Mit der linken Hand -aber hält sie eine unbeschriebene offenhängende Rolle gewaltsam weit -nach rechts hinüber, so daß der Windhauch, der sichtlich durch das -Bild fährt, auch diese Rolle selbst ergreift und aufbläht. Danach ist -der Sinn klar und nicht zu verkennen: der Geist Gottes ist hier der -Handelnde; denn der Geist Gottes ist Hauch, ist Wind! Er schwellt -Mantel und Buch zugleich. So wird die bisher leere und unbeschriebene -Rolle voll des heiligen Geistes, und der Geist tut das Mirakel, das ihm -zukommt, und füllt sie mystisch unsichtbar mit Worten der Verkündigung -des Heils. Es ist derselbe Geist, der auch die Evangelien geschrieben. - -Das ist die höchste Vergeistigung des Buches in der Kunst. Eines blieb -freilich noch übrig. In Heinrich Heines Nordseebildern lesen wir: -„Und mit starker Hand aus Norwegs Wäldern reiß’ ich die höchste Tanne -und tauche sie ein in des Ätna glühenden Schlund, und mit solcher -feuergetränkten Riesenfeder schreib’ ich an die dunkle Himmelsdecke: -Agnes, ich liebe dich!“ Hier wird das Buch in anderer Weise sublimiert; -hier beginnt es die Welt zu umfassen. Der Himmel selbst ist Buch; der -Dichter schreibt darauf wie auf einem Bogen. - -[Illustration: - - Tafel 7 - -Männer mit Buchrollen. - -Relief eines römisch-christlichen Sarges. - -(Leyden, Rijks-Museum.)] - -Heine ist ein superlativischer Dichter. Aber er hat seine -hochgegriffene Erfindung in diesem Falle der Antike entlehnt und hat -sich selbst dabei beiläufig mit den Göttern des Altertums verwechselt. -Die Göttin Ceres ist es, die bei dem römischen Dichter Claudian im -„Raub der Proserpina“ die höchste, Wälder überragende Zypresse aus dem -Boden reißt und in den Schlund des Ätna taucht, um sie als flammende -Fackel zu brauchen; denn sie sucht nach ihrer verlorenen Tochter. Daß -der Himmel aber ein entrolltes Buch ist, das steht schon im Jesaias -und in der Johannes-Offenbarung zu lesen, und Euripides (~fr.~ 506 -~N.~) setzt den Fall, daß gar Gott Zeus selbst weithin in die Fläche -des Himmels die Sünden der Sterblichen schriebe[200]. Gott Zeus, -der sich reckt und in das Gewölbe der unendlichen Sphären wie in eine -aufgerollte Rolle die Sünden schreibt! Erhaben ist der Gedanke, und er -ist alt. Welcher Künstler aber vermöchte das darzustellen? Michelangelo -hat es versäumt. Kein Apelles und kein Genie des Altertums, ein -Michelangelo wäre dazu imstande gewesen. - - - - -Verlagswesen im Altertum. - - -Es gibt Laien und auch Gelehrte, die meinen, daß unser Buchhandel und -Verlagswesen etwas wesentlich Modernes ist, das etwa erst in den Zeiten -Gutenbergs oder Luthers und Huttens sich ausgebildet habe; und in der -Tat weiß das Mittelalter mit seinen schwerfälligen Pergamentkodizes vom -Verlagswesen nichts, und den Buchhandel hat es nur spärlich entwickelt. -Aber nicht aus dem Mittelalter, aus dem klassischen Altertum stammt -unsere Kultur. Die Griechen und Römer, die uns so viel anderes vorweg -nahmen, Theater und Konzerte und Volksbäder, dazu das höhere Schulwesen -bis zur Universität mit ihren Studentenverbindungen und Kneipkomment, -auch den ganzen Sport bis zum Fußballspiel, dieselben Griechen und -Römer haben auch schon den Buchhändler und Sortimenter gekannt, der das -Publikum mit dem modernsten Lesestoff versorgte und den Verfassern ihre -Manuskripte abnahm, um sie herauszugeben. - -[Randnotiz: Diktat. Bücherpreise. Erhielt der Autor Honorar?] - -Schriftsetzer und Druckmaschine waren allerdings den Alten unbekannt. -Es wurde alles mit der Hand geschrieben. Aber wenn Caesar sein ~Bellum -Gallicum~, Horaz seine Satiren oder Ovid seine „Kunst zu lieben“ -herausgab, so wurden doch gleich 500 Exemplare, ja vielleicht das -Doppelte, das Dreifache in den Handel gegeben. Das pikante Ovidgedicht -wurde von der flotten Damenwelt, das Caesarwerk von den Politikern, -die Horazsachen von den Ästheten und Witzbolden verschlungen. Wie aber -stellte man so viele Exemplare her? Durch Diktat. Ein „Diktator“ mag -sonst etwas Übles sein; in der Literatur war er unentbehrlich. Der -Diktierende sprach lautstimmig den Text; etwa hundert Schreiber -- -rühriges, kluges Arbeiterpersonal -- hockten in Reihen an der Erde -und schrieben nach. Die Hände flogen; die Feder kratzte nie; denn das -Schreiben war ein Malen. Hübsch ausgestattet kamen die Buchrollen dann -in den Verkaufsladen. Der Buchhändler hatte alle Borte und Kisten voll -davon. An die Außenpfosten seiner Budike nagelte er das Neueste, um -die Straßenbummler anzulocken, und er nahm gewaltig hohe Preise. Die -Literatur war damals ein gewaltiger Luxus. Eine Rolle von 40 Seiten -stellte sich nach modernem Geldwert auf etwa 16 Mark. Wer also den -ganzen Livius kaufen wollte, hatte über 1500 Mark zu zahlen. Das Geld -kassierte der Verleger oder zunächst der Sortimenter ein; denn die -Verlagsartikel wurden aus Rom oder Alexandria in alle anderen Städte -verschickt und dort von Sortimentern vertrieben. - -Und was bekam der Autor selbst? Wurde etwa wirklich, wie man geglaubt -hat, kein Honorar gezahlt? Lebten die Schriftsteller von der Luft? -Begnügte sich der Poet im Geist mit den Musen auf dem Helikon zu -schwärmen, indes der Buchhändler mit seinen oft epochemachenden Versen -einen gedeihlichen Handel trieb? Und vor allem die anderen Literaten --- soll Sallust, der doch sonst auf seinen Vorteil bedacht war, seinen -herrlichen „Jugurthinischen Krieg“ ruhig und selbstlos den Händlern -in die Hand gedrückt haben, daß sie damit ihr Geschäft machten? Die -Sache wäre zu töricht; im Märchen wäre so etwas möglich, nicht unter -ausgewachsenen Menschen der Wirklichkeit. Der Römer bestand doch sonst -auf Recht und Eigentum, und der Grieche auch. - -In der Tat: so spärlich auch unsere Nachrichten über diese Dinge sind -und sein müssen, so läßt sich doch das Gegenteil leicht erweisen[201]. -Die Sache wird schon deutlich, wenn uns Seneca sagt: „Wir sprechen -von Büchern Ciceros; der Buchhändler Dorus aber nennt sie trotzdem -sein Eigentum, und beides ist richtig; dem einen gehören sie, sofern -er sie schrieb, dem anderen, sofern er sie sich käuflich erwarb.“ Der -Buchhändler zahlte also auf alle Fälle, in diesem Fall mutmaßlich an -Ciceros Erben; er kaufte; ohne das verfügte er über die Werke nicht, -konnte sie also auch nicht verkaufen. - -[Randnotiz: Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag der reichen -Autoren.] - -Und der Autor oder seine Erben hatten demnach wirklich Vorteil und -Gewinn. Achten wir zuerst auf die Theaterstücke. In Rom tanzt der -allbeliebte Solotänzer Paris; er stellt im Tanz mythologische Szenen -dar, wie den König Pentheus, der von seiner Mutter Agaue in der Raserei -umgebracht wird. Der Tänzer braucht dazu Musik, auch einen begleitenden -Chorgesang, und dazu ist wieder ein Textbuch nötig; dies Textbuch -lieferte ihm Statius, und Paris bezahlte dem Statius seine Textbücher -so glänzend, daß Statius damit groß dastand und nebenher auch noch -Epen schreiben konnte, die ihm nichts einbrachten. Vom alten Dichter -Plautus gingen an die hundert Lustspiele um; manche davon rührten gar -nicht einmal von ihm selbst her. Man sagte aber, Plautus habe so viel -geschrieben, um reich zu werden; denn er verkaufte seine Stücke und war -auf die Einnahme versessen; ob die Stücke nachher auch gefielen oder -nicht, war ihm ziemlich gleichgültig. An den Götterfesten wurde Theater -gespielt; der Staatsbeamte, der Aedil, der das Fest ausstattete, -brauchte dazu jedesmal ein neugeschriebenes Stück, und er kaufte es vom -Dichter. In anderen Fällen war auch der Chef der Schauspieltruppe der -Käufer. Gewaltig hohe Summen, die die Dichter Terenz und Varius für -ihre Dramen einkassierten, werden uns wirklich genannt. Tantiemen bei -Wiederaufführungen gab es nicht[202]; das erklärt sich aus dem Gesagten. -Um so berechtigter war die Höhe der Summen. - -Denn das so verkaufte Lustspiel gehörte alsdann eben dem Dichter nicht -mehr. Sollte ein Stück wie der ~Miles gloriosus~ oder die Adelphen nach -seinen Bühnenerfolgen nun aber auch als Lesedrama und in Buchausgabe -in den Handel kommen, so mußte der Buchhändler -- sagen wir sachgemäß -der Verleger -- das Manuskript vom Aedilen oder vom Schauspieldirektor, -der es jetzt rechtlich besaß, nicht aber vom Dichter kaufen, der sein -Eigentumsrecht abgegeben hatte. - -Es ist auch heute so: Theatersachen bringen am meisten ein. Man denke -an „Alt-Heidelberg“ und ähnliches. War auch nur +eine+ Operette ein -Schlager, so können Komponist und Dichter gleich ihre Dachstube -verlassen und sich in bester Gegend eine Villa bauen. Wer dagegen etwa -Moltkes oder Mörikes Briefe herausgibt, wer ein Buch über das antike -Buchwesen schreibt oder gar mit seinen ersten lyrischen Versuchen -hervorkommt, ist bei uns in seinen Erwartungen und Ansprüchen sehr -bescheiden. Und so war es auch im Altertum. Trotzdem hat ein Mann -wie Cicero ganz gute Schriftstellereinnahmen gehabt, zwar nicht mit -seinen philosophischen Versuchen, den Tusculanen u. a., wohl aber mit -seinen berühmten Reden, die tatsächlich jedesmal ein Ereignis für Rom -waren und wie Pamphlete wirkten. Man bedenke, daß es damals noch keine -Zeitungen gab, die heutzutage die Parlamentsreden in jedes Haus tragen. - -Um sich die Sache klar zu machen, sei Apollinaris Sidonius benutzt. -Dies war einer der reichsten, vornehmsten Herren in der Römerwelt -des 5. Jahrhunderts n. Chr., der zeitweilig sogar mit dem Kaiserhof -in nächster Verbindung stand. In seiner vielköpfigen Dienerschaft -oder Klientel hat der Mann auch einen eigenen Buchhändler, und dieser -Buchhändler muß nun helfen, als Sidonius seine eleganten Schriften -herausgeben will; aber er überläßt diesem nun nicht etwa das Geschäft -selbst mit den anfänglichen Geschäftsunkosten und dem hernach erzielten -Gewinn, sondern er zahlt ihm nur jährlich ein Fixum, und dafür muß der -Angestellte den Vertrieb besorgen, was eben voraussetzt, daß er den -Gewinn an den Herrn selbst abzuliefern hat; denn anderenfalls hätte -das Fixum keinen Sinn. Dieser Angestellte heißt deshalb „besoldeter -Buchverkäufer“ (~mercennarius bibliopola~). Vielleicht hatte dieser -Mann in verschiedenen Städten eigene Verkaufsbuden, wo er die Sachen -vertrieb; er konnte sie auch gegen Zahlung an verschiedene andere -seinesgleichen, d. i. also an Sortimenter, verschicken und weitergeben. - -[Randnotiz: Der Verleger Atticus. Witzliteratur. Vertrieb d. erhab. -Dichtwerke.] - -Dies Verfahren ist Selbstverlag, und es ist das Verfahren, das alle -großen und wohlmögenden Herren, die sich mit Schriftstellerei abgaben, -eingehalten haben müssen, z. B. der große Rechtsgelehrte Ulpian, der -in Rom Gardepräfekt und der mächtigste Mann neben dem Kaiser war. Die -Fülle seiner juristischen Schriften, die nur in Fachkreisen Verständnis -fanden, kann Ulpian nur in dieser Weise selbst vertrieben haben; nicht -anders aber auch Cicero. Jedoch wurde die Sache dem Cicero, der für -einen viel größeren Leserkreis arbeitete, bald unbequem, und sein -ausgezeichnet geschäftskundiger Freund Atticus kam ihm zum Glück zur -Hilfe. Der vornehme Geldmann Atticus ist der großartigste Verleger des -Altertums, den wir kennen. Er hielt sich ein besonders zahlreiches -Abschreiberpersonal und gab mit dessen Hilfe in trefflicher Ausstattung -berufsmäßig griechische und römische Autoren in Fülle heraus. Da sehen -wir nun, wie Cicero ihm seine neuen Arbeiten, die gleichsam noch -warm und kaum gar vom Ofen kommen, zuschickt, und wie dann in den -Abschriften, die Atticus herstellt, doch gelegentlich ein Fehler sich -einstellt und rasch etliche Schreiber heran müssen, um, ehe es zu spät -ist, den Schaden aus allen Exemplaren zu beseitigen; denn in dem Werk, -wenn es einmal heraus ist, läßt sich nichts mehr korrigieren: ~nescit -vox missa reverti~. Als Atticus im Jahre 46 v. Chr. auch Ciceros Rede -pro Ligario vertrieben hat -- offenbar riß sich sogleich alles darum ---, da ruft der Verfasser voll Entzücken: „Du hast meine Rede mit -so großartigem Erfolge verkauft: hinfort sollst du von allem, was -ich schreibe, den Vertrieb haben,“ woraus folgt, daß Atticus vor dem -genannten Jahre keineswegs alle Sachen Ciceros verlegte. Vor allem aber -sehen wir, daß Cicero sich an dem Verkauf freut; er hatte persönlich -Gewinn davon. - -Aber wir hören mehr. Nichts wird so gern gekauft wie die Witzliteratur, -die sich bei den Alten vor allem in der „Satire“ auslebte. Die Satire -war das humoristische Feuilleton der Alten. Vom Satiriker Menipp -hören wir nun zufällig einmal ausdrücklich, daß er seine prickelnden -Schriften mit großem Geldgewinn abgesetzt hat. Wie? wird nicht gesagt. -Uns genügt zu wissen, daß auch er als Verfasser eine Einnahme, und dazu -eine gute, erzielt hat. - -Aber auch von den Spottdichtern, die nur kurze Gedichte und Epigramme -zum besten gaben und dabei wie die „Wespen“ stachen, erfahren wir -dasselbe. Über einen solchen wird einmal, weil er zu viel Geld -verdient, mit Entrüstung hergefallen, und da heißt es von ihm: „Du -verkaufst deine Witzverse (Jamben) wie der Kaufmann sein Öl; was hast -du für Verdienste um unser Gemeinwohl, daß du mit deinem Schimpfen so -viel Geld machst?“ Es ist also auch hier so: der Schriftsteller hat -seinen guten Vorteil. - -Eine angesehene Verlagsanstalt in der Zeit des Kaisers Augustus waren -die „Gebrüder Sosii“; sie waren die Verleger der Oden des Horaz, und -damit erhebt sich die wichtige Frage, die noch übrig bleibt: konnten -auch solche Dichter, die nicht für die Bühne, sondern nur für das -lesende Publikum schrieben, und die dabei sich auf den erhabenen Stil -beschränkten, auf das gleiche rechnen? konnten sie von ihrer Kunst -leben? Hier liegt die Sache in der Tat anders, und wer dem sorglich -nachgeht, erhält einen interessanten Einblick in die eigenartigen -gesellschaftlichen Verhältnisse der Antike; es wäre verfehlt, diese -Verhältnisse nach den unsrigen zu beurteilen. - -Der Betrieb der Gebrüder Sosii war genau so, wie wir es nach allem, was -ich vorausschickte, erwarten müssen; denn über sie wird uns wörtlich -mitgeteilt: „Sie erwarben sich gute Werke durch Kauf und hatten dann -beim Verkauf großen Gewinn, indem sie Vorräte von ihnen herstellten.“ - -Also auch sie „kauften“ die Manuskripte, ehe sie verkauften. Das -versteht sich von selbst. Gleichwohl war die Sachlage für die Dichter -doch höchst ungünstig, und insofern können wir unsere Gegenwart -zunächst noch ganz wohl zum Vergleich heranziehen. Denn auch heute -kann, wer ein Epos oder gar lyrische Gedichte macht, froh sein, wenn -er sein Werk überhaupt gedruckt sieht; er zahlt womöglich noch etwas -zu und jauchzt auch dann noch, wenn er das erste fertige Exemplar in -die Hand bekommt. So sagt denn auch Seneca von den Dichtern erhabenen -Stils: „Sie dichten nicht um Gewinn, sondern sind zufrieden, wenn sie -nur Dank ernten.“ Sie sind also von vornherein bescheiden; es fragt -sich aber immerhin, worin der „Dank“ bestand, auf den sie rechnen. - -[Randnotiz: Horaz. Widmung ist Eigentumsübertragung.] - -Horaz hat in seinem ganzen Leben nicht mehr als zehn kleine Bücher -fertig gebracht, die heute zusammen nur ein einziges schmächtiges -Bändchen von etwa 250 Druckseiten ergeben. Wie hätte er davon dreißig -Jahre lang (in den Jahren 40-8 v. Chr.) leben können, wenn die Gebrüder -Sosii ihm auch wirklich für jedes der zehn Büchlein ein gewisses -Sümmchen ausgezahlt hätten? An den ersten fünf seiner Bücher schrieb -der Dichter zehn volle Jahre lang, von 41-31 v. Chr.; für jedes -derselben hätte er vom Verleger also eine Einnahme, die für volle zwei -Jahre reichte, ausgezahlt erhalten müssen: was undenkbar ist. - -So steht es denn auch sonst. Die Dichter sind die Sorgenkinder der -Muse; denn das Talent pflegt arm zu sein. „Ihr lest meine hübschen -Produkte,“ scherzt der arme Martial, „aber mein Geldsack weiß nichts -davon“ (~nescit sacculus ista meus~). Ein reicher Nabob und Konsular -wie Silius Italicus, der mochte immerhin sein langweiliges Epos über -Scipio aus eigenem Vermögen mit Hilfe des Selbstverlags ins Publikum -bringen; der arme Dichter dagegen geht so vor, daß er sein Werk einem -vornehmen Manne +widmet+. Der Vornehme legte auf solche Widmung den -höchsten Wert; denn von Dichtern rühmend genannt zu werden, galt für -mehr als alle Verewigung durch Inschriften[203]; und er setzt also, um -sich erkenntlich zu zeigen, seinen Ehrgeiz darein, den Dichter, an -dessen Talent er glaubt, nun auch materiell sicher zu stellen; er -schafft ihm sorgenfreie Muße; denn nur in solcher freien Muße läßt sich -Bedeutendes schaffen. Er geht dann gelegentlich auch weiter und stellt -dem Dichter selbst seine großen Aufgaben, wie sie dem Zeitbedürfnis -entsprechen[204]. So hat sich Mäcenas durch seinen Klienten Horaz, wie -jeder weiß, seinen unvergänglichen Namen erworben. - -Wie aber war alsdann das Verfahren der Herausgabe der Gedichte? wie -stand Horaz geschäftlich zu seinem Verleger? Die Antwort lautet: er -hatte gar keine Beziehung zu ihm; sein reicher Gönner trat ganz für ihn -ein. - -Hier gilt es vom Wesen der „Widmung“ zu handeln. Heutzutage ist das -Widmen nichts als ein Ausdruck „hochachtungsvollster Verehrung“; der -Jüngling schreibt vor seine Liebesverse „meiner angebeteten Klotilde“, -der Doktorand bringt seine lateinisch geschriebene Doktorschrift -seinen Eltern dar, die gar kein Latein verstehen. Was hatte Anton -Springer davon, wenn er sein Buch über mittelalterliche Baukunst dem -Herrn Boisserée, was Mommsen, wenn er seine Römische Geschichte seinem -Kollegen Moritz Haupt widmete? Er erntete dafür ganz gewiß nichts -weiter als ein Wort wärmsten Dankes, der Jüngling von seiner Geliebten -vielleicht überdies einige Zärtlichkeiten. Das ist alles. - -Dies Dedizieren haben wir zwar von den Alten gelernt; im Altertum hatte -es aber einen ganz anderen Zweck, eine andere und höchst praktische -Bedeutung. Es gab zwei Arten von Widmungen. Der alte Cato richtete -seine Lehrschriften an seinen Sohn; derartiges geschah oft, und da -liegt der bloße Lehrzweck zutage. Cato war Senator, Konsul, war -Zensor in Rom und brauchte sich durch seine Schriften keine Gönner zu -erwerben. Wer aber zu den wirtschaftlich Schwachen zählt, wendet sich -mit seiner Gabe an die Größen der Börse, an fürstliche Personen, an -die Könige und Kaiser selbst, und das „Dedizieren“ (~dedicare~) ist -alsdann ein Schenken (~donare~) in eigentlichstem Wortsinn gewesen; als -Schenkung wird es uns ausdrücklich bezeichnet; d. h. es war völlige -Eigentumsübertragung, ganz ebenso wie das Verkaufen, und der Empfänger -der Widmung ist fortan Eigentümer des Originalmanuskriptes mit allen -Folgen, die das in sich schließt, ganz so, wie wenn heute ein Student -dem anderen einen Spazierstock oder ein schönes Bierglas „dediziert“; -er hat alsdann an der Sache gar kein Recht mehr, und der Empfänger kann -hinfort damit machen, was er will. - -[Randnotiz: Die Gönner besorgen den Verlag. Fürsorge der röm. Kaiser.] - -Der Dichter hat also an seiner Dichtung alle Rechte preisgegeben, und -wollte nun ein Buchhändler das Werk vertreiben und in Verlag nehmen, -so mußte er es zwar selbstverständlicherweise käuflich erwerben, aber -nicht vom Dichter, sondern von dem vornehmen Manne, dem es jetzt -gehörte. Die Sache liegt just so wie bei den Lustspielen des Plautus. -Damit war der Poet allen Verlagssorgen enthoben; sein Werk war ihm -entzogen; aber er rechnete auf den „Dank“ seines Gönners, der ihn -fortan wirtschaftlich sicherstellte und für ihn sorgte durch jährliche -Unterstützung. Das nannte man ~salarium~. Er wurde gefüttert wie eine -gezähmte und eingefangene Nachtigall. So erklärt sich die eigentümliche -Erscheinung, daß es der Empfänger der Widmung ist, der entscheidet, -ob das Werk überhaupt in den Handel kommen soll oder im Kasten -bleibt (wohl viele Werke sind uns so entgangen); ja, er ist es, der -Verbesserungen im Text anordnet und endlich auch für eine anständige -oder pomphafte Ausstattung sorgt. Der Dichter aber hat sich damit eine -Sinekure verschafft. So sitzt Horaz bei Tivoli auf dem Land, verpachtet -den größeren Teil seines Gütchens, speist als echt frugaler Epikureer -seine „Oliven, Cichorien und Malven“ und meißelt dabei aus dem spröden, -dunklen Marmor der lateinischen Sprache seine Oden, nur etwa jeden -Monat eine. - -In dieser Weise hat die Poesie fast hundert Jahre lang in Rom geblüht. -Daher sagt Martial: So lange es Mäcene gibt, gibt es auch Vergile! Dann -aber gingen die Protektoren ein. Das Angebot an Versen wurde zu groß, -und man hatte allmählich von Orest und Thyest genug gehört. Seitdem -die hohen Herren den Hunger nach Dichtkunst verloren, verhungerte -schließlich die Dichtkunst selbst. Juvenal singt in seiner siebenten -Satire ihr krächzendes Grablied. Die Poeten darbten jetzt bei ihrer -Öllampe unterm Dach im fünften Stock, und erst etwa zwei Jahrhunderte -später ist die Poesie in der lieben „Mosella“ des Ausonius an unserer -Mosel zu einer bescheidenen Nachblüte neu entstanden. - -Die Verdienste der römischen Kaiser um die Wissenschaft sind noch -gar nicht genug gewürdigt worden. Ich rede hier nicht von den vielen -Schulbüchern, die hübsch gemeinverständlich abgefaßt wurden; die -brauchten zu ihrer Verbreitung keiner höheren Fürsorge; denn sie -konnten von vornherein auf reichen Absatz rechnen. Die Lehrer trieben -mit ihren Lehrschriften regelmäßigen Handel; die Schüler mußten -sie kaufen, und so sieht sich denn auch gelegentlich der Verfasser -eines solchen Buches gedrängt zu versichern, daß er es „nicht um -des Gewinnes willen“ schreibe. Solche Bücher waren also „lukrativ“. -Dagegen hatten es die Gelehrten mit ihren streng wissenschaftlichen -Arbeiten, die dazu meistens noch sehr umfangreich waren, oft schwer, -ans Tageslicht zu treten. Heute ehrt es unsere Verleger, wenn sie -Werke so schweren Kalibers wirklich drucken und auflegen; sie bringen -damit oft ein rühmliches Opfer. In jenen Zeiten aber haben nicht -selten die Kaiser selbst geholfen; dafür war das Hofamt „für gelehrte -Dinge“ (~a studiis~) da. Ich erinnere nur an Kaiser Mark Aurel, dessen -Zeitgenosse, der Philologe Herodian, ein epochemachendes Werk über -die Betonung der Silben im Griechischen und über die Akzentschreibung -schrieb, das ganze 21 Buchrollen füllte. Dem Mark Aurel widmete er die -Rollen, und wir wissen jetzt, was das bedeutete; der Kaiser, der die -Widmung annahm, veranlaßte ihre „Edition“, ihre Vervielfältigung und -Verbreitung, so wie bald danach auch der Sohn Mark Aurels, der Kaiser -Commodus, für das gelehrte Lexikon des Pollux die Fürsorge übernahm. Es -nützte freilich in beiden Fällen wenig; die Werke waren mit Stoff allzu -überladen; das gelehrte Dickicht schien zu undurchdringlich; man machte -Auszüge daraus, und nur diese Auszüge liegen uns heute noch vor, aber -sie sind uns immer noch eine reichliche Quelle der Belehrung. - -Die Kaiser waren die eigentlichen Besitzer der öffentlichen -Bibliotheken Roms, die Bibliothekare waren ihre Angestellten, und -man konnte sicher sein, daß sie in den Schränken dieser großen -kaiserlichen Büchereien selbst, die jedem zur Benutzung offen standen, -gute Abschriften niederlegen ließen, und das war das wichtigste. -Vespasian und Titus eroberten Jerusalem; der Jude Josephus erlebte -als Freiheitskämpfer die Katastrophe mit; er wurde aber von den -Römern gefangen und huldigte jetzt den Kaisern, die ihn für seine -Gesinnungslosigkeit ehrten, ihm die Freiheit schenkten, Gehalt zahlten, -ja, in Rom im kaiserlichen Palast wohnen ließen. Es ist begreiflich, -daß Josephus, als er nun seine jüdische Geschichte schrieb, damit das -Interesse dieser beiden Kaiser gewann, das sich auch auf das beste -bewährt hat. Wir sind glücklich, die Bücher des Josephus noch heute zu -lesen. - -[Randnotiz: Soziale Stellung des unbemittelten Autors.] - -Auf die sozialen Verhältnisse aber fällt aus dem, was ich hier -besprochen habe, ein grelles Schlaglicht. Es handelt sich um das Genie -ohne Geld. Der unbemittelte Schriftsteller, wie anders als heute -stand er damals in der Gesellschaft! Es war die Zeit der Mäcene. Der -Dichter lebte allerdings im Grunde ein höchst bequemes Leben; er -brauchte durchaus nicht sehr produktiv zu sein; niemand zwang, niemand -hetzte ihn. Aber er war zeitlebens abhängig von der Gunst und Laune -der Großen. Heute wissen wir zum Glück von Patronen und Klienten -nichts mehr; unsere Schriftstellerei ist frei, und jeder Autor wählt -sich selbst seinen Verlag. Gewiß. Aber man wird vielleicht bemerken, -daß sich unsere buchhändlerischen Verhältnisse doch neuerdings den -antiken mehr und mehr analog entwickeln. Unsere großen modernen -Verlagsanstalten wachsen an Macht und stehen im Literaturleben der -Gegenwart vielfach schon wie die Patrone da; sie kreieren Autoren, -begünstigen sie und stellen ihnen ihre Aufgaben und haben vor allem -auch wie die Patrone des Altertums die Entscheidung in der Hand, die -gegebenenfalls die Veröffentlichung eines Werkes für lange Zeit oder -für immer verhindert. Dazu kommt der Geldpunkt. Gemurrt wird wohl heute -genug; es wäre nicht erwünscht, wenn es dazu käme, daß wir uns nach den -Verhältnissen der Zeiten des Augustus und Nero zurücksehnen müßten. - -Im Altertum sind die Verleger indes schwerlich zu großen Reichtümern -gelangt. Jener Atticus mit seinem Riesenverlag, von dem ich berichtete, -war augenscheinlich ein Idealist, aber er war zugleich Großkapitalist -und konnte das Risiko tragen. Warum war der Beruf der Verleger wenig -ergiebig? Kaum hatten sie ein Werk herausgebracht, so fiel das -Publikum rücksichtslos darüber her. Rechtsschutz gab es nicht; wer -nicht kaufen wollte, machte sich eigenhändig eine Abschrift, und dem -Bücherverkauf wurde dadurch die empfindlichste, ja eine ganz unerhörte -Konkurrenz gemacht. Es war eine Ausplünderung, viel ärger als der -Nachdruck, der noch in unserem 18. Jahrhundert die Verleger so gröblich -schädigte. Von dem ersten besten guten Bekannten borgte man sich ein -Buchhändlerexemplar und kopierte es nach Belieben. Das war billig; es -kostete nur etwas Zeit und Papier; aber man nahm meistens schlechtes -Papier dazu, die Rückseite von alten Aktenbogen und ähnlichen; wir -haben davon noch viele Proben erhalten. Tausendfach und ständig ist -das geschehen, und diese „Privatabschrift“ hat -- besonders in der -christlich gewordenen Welt -- den Verlag und Buchhandel des Altertums -schließlich geradezu ertötet. Vollends kam sie in den Schreibstuben -der Klöster zum Sieg. Die Mönche kauften grundsätzlich nicht vom -Buchhändler. Daß im Altertum ein Buch, es mochte noch so vortrefflich -sein, viele „Auflagen“ erlebte, war daher ausgeschlossen. - - - - -Woher stammen die Amoretten? - - -[Randnotiz: Modernes. Renaissance. Altertum.] - -Von Amoretten soll im Nachstehenden die Rede sein, von jenen -geflügelten Putten, die, dem modernen Auge so geläufig, auf Gemälden -und Standbildersockeln wie an Häuserfassaden, auf Geschäftsreklamen -und Waschtisch-Stickereien von unseren Künstlern, Kunsthandwerkern -und Damen oft auf das gedankenloseste wiederholt werden, als ein -bequemer Hausrat für die erfindungsmüde Phantasie der Gegenwart, ein -immer erwünschtes Füllsel für alle leeren Ecken und Winkel; und, -wo immer wir sie sehen, erscheinen sie allezeit gefällig oder doch -niemals störend; denn es läßt sich leicht über sie hinwegsehen. Von -gewisser Originalität waren jene Greenaway-Bilderchen, mit denen uns -vor längerer Zeit die Erfindungsgabe englischer Frauenseelen beglückt -hat; sie waren gleichsam auf dem Boden und Plan des englischen -„Kindergartens“ erwachsen. Sie sind natürlich stets hübsch bekleidet. -Anders die Putten, und schon ihre Nacktheit kann dem Nichtwissenden -verraten, daß sie ein Anlehen aus freieren Zeiten sind. Wir verdanken -sie der lebensfrohen italienischen Renaissance, und schon zu den Füßen -der Sixtinischen Madonna, in den Glanzhimmeln des Correggio führen -sie ja ihr göttlich schönstes Kinderleben. Die kleine Flügelrasse war -seitdem nicht zu verderben; selbst das Klima des Rokoko bekam ihnen -leidlich; sie wurden sichtlich fetter, trugen jeden Thronhimmel, den -sie sollten, und überstanden jede Verrenkung. Ihre Ahnen indes, jene -Flügelknaben der großen italienischen Kunst, hatten gleichsam reineres -Venusblut, sie hatten voraus den Adel der Wahrheit und Schönheit, in -Süßigkeit und Zauber des Leibes und der Gebärde. Sie dienten jenen -Künstlern bald als +Engel+, bald als +Amorinen+, bald als +Genien+ zu -durchsichtiger Symbolik. Es ist jene Zeit, wo man auch den Sohn Gottes -im Schoße Marias für immer der stumpfen Bekleidung entledigte, die ihn -in der Kirchenbilderei des gotischen Mittelalters wie die Wolke die -Morgensonne zudeckte, um alle Virtuosität Raphaelischen Könnens an -diesem heiligsten Kinderleibe zu üben. - -Also die Renaissance. Aber sie war nur Renaissance, sie war nur -wiedererstandenes Altertum. Jene köstlichen Putten haben als Ahnen noch -echtere griechische Venuskinder; die Renaissance ließ sie auferstehen -aus den Gräbern des Altertums, aus jenen antiken Marmorsärgen, die so -massenhaft mit dem Volk der Amoren geschmückt sind. - -Wollen wir die Frage stellen nach der ersten Entstehung der Amoretten, -so gilt es bis in das griechische Altertum selbst zurückzugehen. Wie -konnten diesen Kindern die Flügel wachsen? und was bedeuteten sie dem -antiken Publikum? Hat, was man heute ziemlich gedankenlos als Gemeingut -hinnimmt, dereinst einen eigentümlichen Sinn gehabt? und wie weit hatte -das Cinquecento Recht, die griechischen Putten in dreifacher Verwendung -als +Amoren+, als +Engel+, als +Genien+ nachzubilden? - -Was ich im Vorliegenden darbiete, ist von mir mit umständlicheren -Belegen und in leider der Ungnade verfallener Sprache anderen Orts -ausgeführt[205]; für den, der nachprüfen will, sei im Anhang mit -Seitennennung auf jene Ausführungen kurz verwiesen. Da auch in den -neuesten Arbeiten über diesen Gegenstand die richtige Auffassung noch -fehlt, lohnt es sich, sie noch einmal vorzutragen[206]. - -Der Leib des Menschen sehnt sich wohl nach dem Fliegenkönnen so, wie -die Seele des Menschen sich sehnt nach der Unsterblichkeit. Es ist -beides der Trieb nach Unendlichkeit, dort in das Räumliche hinaus, -hier hinaus in die Länge der Zeiten. Wie schön, das Ersehnte leibhaft -vorzustellen! Der Kinderkörper ist der leichteste; sein Bau kommt dem -des beneideten Vogels noch am nächsten, wenn wir achtgeben auf das -Verhältnis der Höhe zur Breite; ein Kind läßt sich schon am ehesten -harmlos schwebend denken. So erregt es ein seliges Gefühl wie erfüllte -Sehnsucht, der Anblick der schwebenden Eroten. - -[Randnotiz: Geflügelte Götter. Eros in der älteren Kunst.] - -Für den alten Ägypter war der Vogel gelegentlich selbst göttlich, -selbst Gottheit gewesen; er schuf den Gott Horos mit dem Sperberkopf; -der Fittich war ihm allgemein Abzeichen des Göttlichen. Anders der -Grieche. Der Grieche schuf Gott nach seinem Bilde und verschmähte jenes -Abzeichen durchaus, außer wo er phönizischen Einflüssen Raum gab[207]. -Die olympischen Götter schreiten vorgeneigt durch den Luftraum, -durchmessen die Himmelsstrecken mit leichtestem Sprung, aber sie -bedürfen des Flugapparates nicht; auch beim Hermes ist er lose Zutat -und mehr Merkmal als Werkzeug der Eile dieses Berufsboten. Die Flügel -sparte jene Kunst für ihre Windgottheiten, für ihre Siegesgöttin, die -Nike, auf, um an ihnen die stürmende Hast vorzüglich auszudrücken. Amor -aber -- griechisch Eros -- ist die Liebe. Die Liebe (Sappho bezeugt es) -ist dem Winde, dem Sturme gleich; man weiß nicht, von wannen sie kommt -und geht; sie ist überraschend beglückend, göttlich, aber ephemer, eine -Unsterblichkeit des Augenblicks, wie Nike, der geflügelte Sieg[208]. -So ist Eros -- nach einigen ein Sohn des Zephyr -- stets geflügelt -gebildet worden. - -Aber auch in anderem Sinne ist die Liebe flugbegabt. Jene Sehnsucht des -Sterblichen nach dem Unendlichen, nach dem Fliegenkönnen, in der Liebe -ist sie gleichsam erfüllt; denn sie ist ein Schweben des Liebenden -außer sich, d. h. im Unbegrenzten. Der Menschenseele selbst, die da -liebt, wachsen somit Schwingen; oder aber -- in anderer Auffassung -- -die Liebe selbst in ihr ist ein Flügelwesen. Als man bei den Griechen -begann, über die Beflügelung Betrachtungen anzustellen, beim Plato im -Phädrus, wird uns eben dies gesagt. Nicht wesentlich weicht hiervon -ab, wenn es in einem Spruche aus der Komödie heißt: „Schnell wächst -Gefieder dem Eros, wenn er hofft, und schnell entfiedert ist er, wenn -ihm die Hoffnung schwand“[209]. - -Nicht also die Befiederung der Amoretten bedarf einer weiteren -Erörterung, wohl aber ihr kindliches Alter und ihre Vielheit, -desgleichen die Art ihrer Verwendung oder Beschäftigung. - -Es gilt zum Verständnis die verschiedenen Zeitalter des Griechentums -zu sondern, die Wandelungen des Zeitgeistes in ihm zu beobachten. Das -Griechentum gleicht der Natur und dem warmen blühenden Jahre; nicht -jeder Monat brachte die gleiche Flora. Die Amoretten waren Spätlinge -des Jahres und entstanden, als der Geist und die Kunst schon herbstete. - -[Randnotiz: Eroten in der älteren Kunst. Interesse am Kinde.] - -Die eigentlich klassischen Zeiten eines Perikles und Plato wußten im -wesentlichen nur von einem Eros. Die Vorstellungen über ihn waren -erst allmählich innerhalb der Literatur und Kunst selbst ausgebildet -worden. Er war von den Einen im Interesse der Schöpfungsgeschichte -als Schöpfungsgeist oder Lebensprinzip des Weltalls, von anderen -minder abstrakt als Entzünder der Liebe innerhalb des Menschenlebens -aufgefaßt. In dem letzteren Sinne, der je mehr überwog, je breiteren -Raum die Liebespoesie gewann, festigte sich erst nach und nach die -Vorstellung vom Eros als dem Sohne der Aphrodite. Die Kunst aber gab -diesem einen Eros ganz vorwiegend die Gestalt des Halbjünglings oder -reiferen Knaben, in einem Alter zwischen 9 oder 10 bis zu 16 Jahren. -Und wir sehen diesen „jüngsten“ und „schönsten“ der Götter zunächst -nicht sich beschäftigen; er steht oder er fliegt daher, hält Symbole, -die auf Lenz und Liebe deuten, bis er endlich zum Bogenspanner -ausgebildet ist, der die Herzen verwundet mit dem Pfeil der Venus. - -Es konnte nicht ferne liegen, von diesem Venussohn zu einer Mehrheit -gleichartiger Gestalten zu gelangen. Eros ist die Personifikation -eines Triebes. Man konnte der Liebe die Begierde „Himeros“ zum Bruder -geben, als dritten dazu die Sehnsucht, den „Pothos“, gesellen. So tat -es in der großen Kunst nur Skopas in der ersten Hälfte des vierten -Jahrhunderts v. Chr. Die Vasenmalerei und kleinere Kunst aber schlug -entweder dasselbe Verfahren ein (die Beischriften bezeugen es), -oder sie zeigte „Liebe“ und „Gegenliebe“ (Eros und Anteros), oder -sie verfiel endlich auch geradezu auf eine Anzahl von gleichartigen -ununterschiedenen Eroten, bis etwa zu sechsen an der Zahl auf einem -Stück. Es scheint dies zunächst ein ähnlicher Hergang, wie wenn man -den einen Gott Pan, den ziegengestaltigen, vermehrte und aus ihm einen -ganzen Tragödienchor seinesgleichen schuf[210]. Und doch liegt die Sache -anders[211]. - -Da Liebe immer nur als die Liebe +eines+ Menschenherzens zu verstehen -ist, so waren gewiß so viele Eroten denkbar, als da Herzen lieben. So -sprach auch die Euripideische Tragödie, die die Liebe zuerst zum großen -Gegenstande der Bühne machte, mehr als einmal im Plural von „Eroten“. -Sogar ein Pindar war vereinzelt darin vorgegangen. Allein jene -Vasenbilder geben uns diese Eroten noch allzu deutlich als abstrakt -symbolische Figuren; sie ordnen sie schematisch und nach äußerlicher -Entsprechung (besonders ist die Zweizahl bevorzugt), so daß oftmals der -Eindruck entsteht, das bloße Bedürfnis nach Symmetrie sei hier auf die -Erfindung von Einfluß oder entscheidend gewesen; und was wichtiger, sie -vereinigen diese Eroten noch nicht unter sich zu einer Handlung. Es -waren noch keine Amoretten. - -Auch fehlte noch immer das eigentliche Kindesalter. Zwar konnte -es nicht fern liegen, sich Amor klein vorzustellen, und auf diese -Anschauung konnte hinleiten, was Sophokles von ihm sang: „Der du auf -weichen Wangen des Mägdleins lauernd gelagert bist.“ Es ist dies -nichts als der Person gewordene „Glanz der Liebe auf Purpurwangen“ -(Phrynichus). Wo aber war damals der Künstler, der dies auch -nur annähernd in Stein oder Farbe wiederzugeben wagte und wagen -konnte? Auch weiß z. B. der Komiker Alexis in seiner eingehenden -Charakterzeichnung des Gottes noch nichts von seiner Kindlichkeit[212]. - -Die Erfindung der Amoretten wurde erst möglich, nachdem bei den -Künstlern das Interesse an +Darstellung von Kindern+ wach geworden, die -Fähigkeit, Kinder darzustellen, ausgebildet worden war, und wir stellen -schon hier den Satz auf: das Interesse am Kinde war die Erzeugerin; -nicht Aphrodite, sondern die Kinderliebe ist in Wirklichkeit die -Mutter der Amoretten gewesen. Als Kennzeichen für sie stellen wir -fest: erstlich das Kindesalter, zweitens ihre Vielheit, die zur -vorherrschenden Regel wird, endlich ihre Beschäftigung, die nur zum -Teil sich noch nach außen hin auf Götter- und Menschenherzen richtet, -sondern zumeist nur ein Spiel miteinander und ein Untersichsein ist. -Um dieser Beschäftigung willen war eben die Vielheit zweckmäßig und -Vorbedingung. - -Die größte Zeit starken männlichen Zuges mußte erst vorüber sein. -Erst mußten die Phidias und Polyklet, Praxiteles und Lysipp, naiv -erhaben, ihrem Volke seine großen Stadtgötter hingestellt haben, das -Ideal steigernd und verwirklichend, eine steinerne Theologie; erst -mußte die Kunst die Behandlung des männlichen und des weiblichen -Körpers, des gewandeten und des ungewandeten, an den Göttern wie -an der Bildung sieggekrönter Sterblicher zu Ende geübt und bis zur -höchsten Vollkommenheit gebracht, mußte in ihr den letzten Reiz des -Neuen und Schönen erschöpft haben, bis sie sich endlich auch des -Kindes erinnerte, über das sie gleichsam hinweggesehen, und hier eine -Aufgabe übrig fand, um Anmut in Fülle auszuschütten, wo die Stärke und -Erhabenheit verbraucht war. - -Es beginnt seit Alexander dem Großen die Ära der großen griechischen -Königreiche, die Greisenzeit des Griechentums, der Hellenismus. Das -Publikum überließ die Politik den Königen; es verlor den politischen -Ehrgeiz; es wurde weltbürgerlich, es wurde sentimental. Die Interessen -und Aufgaben gingen in das Kleine und Menschliche; man sah gern und -man schilderte gern Landschaft und Natur, die liebe Alltäglichkeit -und die alltägliche Liebe, schwärmte für Hirten und Fischersleute -und sehnte sich in Übersättigung und Empfindsamkeit zurück in die -unverderbte Einfalt des Lebens[213]. Man wurde groß im Kleinen; es war -wie die Nachlese desjenigen, der das Leben ausgeschöpft hat. Damals hub -auch die sentimentalische gerührte Freude am Kinde an. Erst aus der -sentimentalischen Liebe zu Kindern ist die Idee der Amoretten, erst -aus der Darstellung von Kindern ist die Darstellung von Amoretten -hervorgegangen. In jener Zeit, als Christus, vom Berge predigend, -das Wort sprach: „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ und sie herzte -und küßte, war jene Kinderliebe allerorts in vollster Blüte, und das -Evangelium hat dafür einen edelsten, reinsten Ausdruck gefunden. - -Wie nun der griechische Geist diese Kinder bildete? Er war alt -geworden, dieser Geist, aber von gereiftestem Schönheitssinn, und hat -tändelnd eine Fülle ewiger Grazie über diese Gebilde ergossen. Es sind -Kinder der Liebe, und sie sind mit dem Auge der Liebe gesehen. - -Sei es noch einmal wiederholt: es ist für die Amoretten wesentlich, -außer dem Kindesalter, daß sie gern viele sind und daß sie auch bloß -unter sich ihr Spiel treiben, also selbst eine Szene bilden. Dieses -beides wird sich uns eben aus dem ersten und grundlegenden, der -kindlichen Natur selbst erklären. Wenn aber im Verfolg von Kindern -die Rede ist, so ist dabei ausschließlich an das Alter gedacht bis -höchstens zum sechsten Lebensjahr, an das Alter der Putten. - -[Randnotiz: Kinderscharen in den Häusern seit der Alexanderzeit. -~Deliciae.~] - -Der alexandrinische Zeitgeist, den wir nach der geistigen Hauptstadt -des griechischen Ostens so benennen, der Umbildner der menschlichen -Gesellschaft, hat sich zunächst in den drei letzten Jahrhunderten vor -Christi Geburt dargestellt. Doch sind die vielen Bücher, die damals -geschrieben wurden, leider bis auf einen ärmlichen Rest gründlich -vernichtet. Vornehmlich nur aus seinen Nachwirkungen erkennen wir -den alexandrinischen Geist; er tritt erst bei den Römern seit der -Zeit Ciceros in das helle Licht der Geschichte. Denn römisches Leben -ist fortan hellenistisches Leben. Wir sind befugt und gehalten, -aus der wundersamen Kinderliebe der augusteischen Zeiten auf die -gleich ausgebildete Liebhaberei in den Modellen der nächsten Vorzeit -zurückzuschließen. - -Die Kinderliebe konnte so auf eigene, wie auf fremde Kinder gerichtet -sein. Auch blasierte Mütter gibt es und gab es genug, die ihre -Kleinen an andere zur Erziehung geben und sie sich nur als Spielzeug -in leeren Augenblicken auf den Arm reichen lassen aus flüchtiger -Lachlust und halber Neugierde; dies tadelt der ehrenfeste Plutarch. -Den gefallsüchtigen Hausfreund sehen wir schon beim Theophrast, wie -er den Gastgeber nach seinen Kleinen fragt, sie fabelhaft ähnlich -findet, sie küßt, mit ihnen betulich ist, ihr Ruf- und Laufspiel eifrig -mitspielt und sie auf seinem Schoß schlafen läßt. Von hier aus ist -bis zum Kindersport noch ein guter Schritt; aber er wurde eben damals -getan[214]. - -Zunächst ist ohne Frage schon folgende Gepflogenheit von großem -Einfluß gewesen. Es war die Sitte reicher Familien, für den kleinen -Sohn des Hauses eine Schar von Sklavenkindern gleichen Alters als -+Gespielen+ zu halten, die zum Apparat der ersten Erziehung ebenso -gehören wie die „Amme“. Dies sind die öfters zu nennenden „Gespielen“ -oder ~conlusores~. Der kleine Sohn speist dann natürlich mit bei Tisch, -die Gespielen umlungern die Tafel, gern geduldet, und lassen sich -Naschsachen zustecken. Wir sehen solche Szene im Garten des Septimius -Severus, als er noch nicht Kaiser war[215]. Schon dies kann uns das Bild -der spielenden Puttenschwärme geben, wie wir sie in der Kunst zusehen -gewohnt sind. - -Aber nicht dies ist, was ich als Sport bezeichnete. Man +hielt -sich+ überhaupt +Kinder zur Ergötzung+, womöglich viele. Ohne diese -großmächtige und uns Modernen so völlig fremdartige Art des Kinderluxus -scheint das Leben der Vornehmen Roms kaum zu denken. Ganz dasselbe -soll heute noch bei den reichen Türken im Gebrauch sein. Vorzüglich -Frauen, heißt es, waren die Liebhaber dieses Menschenspielzeugs, doch -auch zärtlich besaitete Männerseelen. Wir begegnen solchen lebendigen -Putten nicht nur im Kaiserhause, sondern auch bei vielen wohlhabenden -Privatleuten, endlich sogar zu öffentlichen Zwecken verwendet. Ihr -lateinischer Name ist ~deliciae~. Sie sind es vorzüglich, die die Kunst -als Amoretten nachahmend in ihrem Spiegel auffing, als Spielkinder der -Venus in ihre Sprache übersetzte[216]. - -Kaiser Augustus ist uns zunächst ein klassisches Beispiel. Ein -einsamer Mann auf dem Thron, war er kinderlieb wie wenige. Seine zarten -Enkel Gajus und Lucius kaufte er dem Agrippa ab und wollte nie ohne -sie sein, hatte sie bei Tisch auf seinem Lager, ließ sie auf Reisen -vor sich auffahren. Ein allerliebstes Kind der Verwandtschaft stellte -er, als es starb, als Amorette in seinem Zimmer auf und küßte das -Bild, so oft er es erblickte. Derselbe Augustus pflegte aber auch in -seinem Palast mit kleinen Kindern zu spielen, die er „von allen Seiten -sich kaufte“; er spielte mit ihnen Astragalen oder das Knöchelspiel, -Nüssewerfen u. a. Sein Lieblingsputto hieß Sarmentus; Sarmentus war -um ihn bei den Gastgelagen und bekam vom schweren besten Falerner zu -trinken. - -Und schon bei der Hochzeit des Kaisers im Jahre 38 v. Chr. hatten -diese Kinder eine Rolle gespielt. Sie fand im Hause des Claudius Nero -statt, der hier selbst seine Gattin Livia an Octavian verheiratete. -Die Sache war anstößig. Beim Festmahl lag nun Octavian mit Livia auf -dem Speiselager vereint, jener Claudius alleine. Die ~deliciae~ aber -waren im Saal, und eines davon stellte sich tadelnd vor Livia und sagte -vorlaut die peinlichen Worte: „Herrin, was tust du dort? Dein Mann -liegt ja drüben,“ und wies auf ihn. - -[Randnotiz: Die stoische Lehre begünstigt ihren Gebrauch. Belege.] - -Auch war Octavian in seiner Liebhaberei nicht ohne Anleitung. Sein -Jugendlehrer war der stoische Philosoph Athenodorus von Tarsus -gewesen, der ihn auch weiterhin in Rom beeinflußte. Derselbe soll auch -des Tiberius Erzieher gewesen sein. Er verfaßte eine Schrift „über -ernsthafte und heitere Lebensführung“ und empfahl darin den Gebrauch -der Delicien durch Beibringung von Belegen aus früherer Zeit. War es -doch beliebt bei den Stoikern, vom Sokrates zu erzählen, wie es ihm -Freude war, mit solchen Kleinen zu spielen; denn es zieme sich, in -schuldlosem Scherz sich zu erholen[217]. Selbst Herkules, im Drama des -Euripides, so führte man an, habe ein Kindlein auf dem Arm geherzt und -die Worte gesprochen: - - Ich tändle. Wechsel nach der Arbeit ist mir lieb[218]. - -Athenodorus aber berief sich vor allem noch auf Archytas von Tarent, -den Philosophen und Staatsmann der Platonischen Zeit, der bei aller -Größe des Geistes doch an den kleinen Kindern seiner zahlreichen -Sklavenschaft im Spiel hingebend sich erfreute; am meisten Spaß aber -hatte er an ihnen beim Trinkgelage. Man denke hier an den Sarmentus -des Augustus. Und endlich erzählte man in gleichem Zusammenhang von -Massinissa, dem Numidierkönig aus der Zeit des Hannibalkrieges, der -unter anderem die sämtlichen Kinder seiner Söhne (und es waren viele -Söhne!) und seiner Töchter bei sich aufzog; wenn sie aber drei Jahre -alt waren, ersetzte er sie durch neue. So berichtete von ihm Ptolemäus -Euergetes, der König Ägyptens[219]. Hierbei denke man an die Enkel Gajus -und Lucius, die Augustus zu sich nahm. - -So hatte die stoische Weltlehre, die da gleiche Menschenwürde und -Menschenliebe predigte, auch die +Kinderliebe+ in ihr Programm -aufgenommen. Sie näherte sich darin dem Sinne der Bergpredigt. Die -häßlichen Auswüchse der so entstehenden Sitte konnte sie freilich -nicht mit verantworten. Ein einsamerer Kaiser noch war Tiberius. Auch -sein düster märchenhaftes Asyl auf Capri bevölkerten jene unschuldigen -Scharen; die Phantasie seiner Verleumder aber umgab die Kunde hiervon -mit Gerüchten von allerlei Schändlichkeit. - -Im Hause Domitians treffen wir sie wieder. Die Unschuld wurde hier -Ursache an dem Tode des Schuldigen. Domitian schlief und hatte ein -Verzeichnis derer, die er dem Tode bestimmte, unter dem Kopfkissen; die -Kleinen waren im Zimmer. Eines zog neugierig die Schreibtafel hervor -und hielt sie nichtsahnend in seinen Händchen, als Domitia herzukam, -die Namen las und die Ermordung des Kaisers beschloß und einleitete. - -Eine sehr ähnliche Szene kehrt unter Kaiser Commodus wieder; vor -allem sind die Verhältnisse immer die gleichen. Ein Kind pflegt -das bevorzugte, das dreisteste, der Favorit zu sein und wird durch -Eigennamen ausgezeichnet, den nun die Weltgeschichte überliefert. - -Das Kaiserhaus machte aber durchaus nur die Mode der Zeiten mit. -Zahlreich sind sonstige Belege, wie sie der Zufall bietet. Grabsteine -solcher deliciae sind ausgegraben. Die Schriftsteller selbst, -vornehmlich die Vertreter der epigrammatischen Dichtung, ließen -sich herbei, sie in zärtlichem Scherz zu schildern oder rührsame -Grabesaufschriften zu geben für solch einen kleinen Verstorbenen: -„Kalläschros ist gestorben, der kleine Fant, um nun ein Spielzeug -zu sein im Haushalt der Proserpina.“ Ein Zweijähriges fiel von der -Leiter; der Herr lief herzu; „da streckte es nur noch einmal die -zarten Händchen und verschied.“ Oder der Dichter an seine verstorbenen -Eltern: „Mein kleines Erotion, das so zum Küssen ist, kaum sechs -Jahre alt, kommt schon zu euch in den Orkus; sorgt doch, daß es vor -dem Höllenhund sich nicht erschrecke; und so spiele es denn nun mit -euch alten Herrschaften und schwatze von mir. Die Erde aber möge ihm -leicht sein; denn es ist selber ihr nie schwer gewesen“ (Martial). Zu -diesen Spielzeugen gehörte auch der Camerius des Catull (~carm.~ 55) -in Ciceros Zeit, zu ihnen auch die Bissula des späten Ausonius, jene -Bissula, der die moderne Romanliteratur zu einer kurzen Auferstehung -hat verhelfen wollen. Auch Bissula war Putte (~pupa~), im deutschen -Kriege erbeutet; sie war in einer Schar derselben die kleine Favoritin -(~dominatur in deliciis~). - -[Randnotiz: Deliciae „Spielkinder“. Ihre Schwatzlust. Camerius.] - -In diesem Zusammenhang erklärt sich auch Folgendes. Wie Abraham den -Lot befreite, da heißt es im Bibeltext einfach: „und schlug sie (die -Feinde) und jagte sie .. und brachte alle Habe wieder, dazu auch Lot, -seinen Bruder, mit seiner Habe, auch die Weiber und das Volk.“ Der -Dichter Prudentius, um das Jahr 400 n. Chr., hält sich verpflichtet, -dies auszumalen und zählt nun als Bestandteil jener „Beute“ neben -Gefäßen, Pferden und Halsschmuck auch „die Kleinen“ auf, in deutlichem -Hinblick auf die ~deliciae~, die eben in der Habe des Reichen damals -nicht fehlen[220]. - -[Illustration: - - Tafel 8 - -Trinkgelage von Satyrn und Nymphen mit spielenden Kindern. Relief auf -einem römischen Sarge. (Rom, Villa Pamfili.)] - -Es ist nicht zu verwundern, daß man in der großartig brutalen -Phantastik römischer öffentlicher Feste auch den Zauber des Anblicks -dieser Kinder gelegentlich zu verwerten wußte. Man ließ sie wirken -durch den Kontrast. In der Arena sollten Löwen auftreten; die Kinder -erschienen zuvor, für die Bestien frischen Sand zu streuen und mit -dem Rechen zu ebnen. Ein gräßlicher Anblick folgte; ein Löwe ergriff -und zerriß etliche. Martial beweint dies und preist die Wölfin, die -einst den Romulus und Remus verschonte. So sehr war das Leben der Zeit -an diese Niedlichkeiten gewöhnt, daß sie das Volk als Verzierung der -Tierhetze in der Arena zu sehen begehrte[221]. - -Mit Teilnahme und nicht ohne Lächeln sehen wir jene Vornehmen Roms, -geschmackvolle Müßiggänger, übersättigt, lebensklug und immer noch -Leute großen Stils, sich verlieren in das kindische Getriebe, an seiner -jungen, Funken sprühenden Wärme die kühl gewordene Seele beleben. -Man schaute zu, wie possierlich sie sich tollten, ließ sie auf sich -herumklettern (es sei erinnert an die Statue des Nil), ließ sich von -ihnen den Kopf krauen, spielte das Nüssespiel mit ihnen, ließ sie -sich verstecken und haschte sie, voller Zärtlichkeit und Wohlgefallen -an der Hübschheit des kleinen Körpers, vor allem an dem unablässigen -süßen Geschwätz. Es gefiel vornehmlich das zwitschernde Plaudern, das -dummkluge Fragen, die drolligen Wahrheiten aus Kindermund[222] und die -kleinen ahnungslosen Unanständigkeiten. Tadelnd sagt Seneca: „Man kauft -die Kinder um ihrer kecken Reden willen und sucht sie darin noch zu -steigern.“ Anschauung kann vor allem das folgende Gedicht des großen -Liebesdichters Catull gewähren[223], auf das kleine Bübchen Camerius, -der entwischt ist, unter Rosen im Korbe der Blumenmädchen sich -versteckt und nicht reden und nicht zu seinem Herrn zurück will: - - Wenn es dir nicht ungenehm ist, - Zeig’ mir, bitte, doch dein Schlupfloch. - Suchte dich auf unsrem Spielplatz, - Dich im Zirkus, Bücherläden, - In dem heil’gen Jovistempel - Und Pompejus’ Promenade; - Griff, mein Freund, nach allen Weiblein, - Die ich ungern frohgelaunt fand: - „Gebt mir, Mädchen,“ so verlangt’ ich, - „Den Camerius, schlechte Mädchen!“ - Eine sprach: „Nimm nur den nackten. - Hier in Rosenknospen steckt er. - Doch um ihn mit dir zu tragen, - Mußt du sein ein Herkules!“ -- - Dich so spröd’, Freund, zu versagen! - Sprich, bei wem du sein willst? rede - Dreist, teil’ mit, vertrau’s dem Taglicht: - Von den weißen Mädchen bist du, - Von den lieblichen, gefangen! - Rührst du nicht im Mund die Zunge, - Wird der Liebe Frucht verschleudert. - Venus liebt das viele Schwatzen. - Oder aber, riegle gerne - Deinen Gaumen zu, wofern ich - Eure Liebe teilen darf. - -Die Kleinheit des Kindes ist hier scherzhaft übertrieben. Es ist die -Komik der Liliputgeschichten, die bei den Alten aus diesem Anlaß -typisch war[224]. - -[Randnotiz: Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten in der Kunst.] - -Eines aber fällt noch besonders auf: Camerius heißt „nackt“. Zum Wesen -des Putto gehörte das Unbekleidetsein; so urteilte nicht nur die Kunst, -deren Zweck es war, den Kinderkörper selbst naturwahr zu behandeln, -sondern auch das Leben. Wir erfahren durch ausdrückliches Zeugnis: -jene Delicien liefen in den Häusern stets nackt herum; es war dies so -sehr bezeichnend für sie, daß sie von den Schriftstellern technisch -einfach als „die Nackten“ eingeführt werden[225]. Der Anblick verletzte -kein Schamgefühl; die Schuldlosigkeit der unverhüllten Natur im Kinde -ist paradiesisch und hat etwas Heiliges. Darum haben eben die großen -Meister das Christuskind nur nackt bilden wollen, und auch heute ist -der sonst so wenig klassische Zeitgeschmack dem zugeneigt: wie gerne -lassen unsere zärtlichen Mütter ihr liebes Jüngstes in süßer Blöße im -Körbchen hockend photographieren! - -So hat denn auch die antike Plastik diese +flügellosen+ Putten nach dem -Leben wiederholt dargestellt. Unsere Gelehrten sollten nur aufhören, -diese Figuren „flügellose Eroten“ zu nennen, da es einfacher und -das Zutreffende ist, vielmehr die Eroten als geflügelte Kinder zu -bezeichnen. Vielfach sind es Einzelstatuetten[226], wo das Kind bald nur -dasteht, bald Nüsse oder Astragalen spielt (so auch ein Bildwerk des -Berliner Museums), bald in die Fußfessel geschlagen trauert; zweie, die -sich balgen und in sich verbeißen, in entzückender Wahrheit (Statuette -in Vienne). Ein Relief im Garten der Villa Pamfili zeigt bei einem -Trinkgelage sechs nackte Kinderchen als Spielzeug der Zechgenossen. -So liebte sie Archytas von Tarent. Dazu die hübschen Kinder als -Brunnenfiguren, ein häufiger Schmuck antiker Atrien (in Rom), einen -Vogel oder Delphinkopf haltend[227]. - -Auch das pompejanische „Bad eines Knaben“, an dem nur Frauen beteiligt, -ist es wohl müßig als mythische Szene aufzufassen[228]. - -Die Kinderkörper sind hier wie sonst mit vollkommener Kenntnis -behandelt: die Gliedmaßen kurz, das Fleisch weich gedunsen, die -mondrunden Köpfchen mit echtesten Pausbacken und vollem Kinn, die -Nase noch schüchtern klein und charakterlos, so auch das Mündchen. -Über der Stirn meist der kokette Haarknoten, ein putziger kleiner -Verwandter des Haarknotens Apolls. Berühmt ist vor allem des +Boethos -Knabe mit der Gans+, eine Kampfszene und Parodie auf den siegreich -ringenden Herkules: der kleine Held kaum höher als das Tier; Energie -und Vergnügen im hellen Gesicht; die weichen Glieder in mannhafter -Anspannung, ein allerliebster Kontrast; der Oberkörper heftig -zurückgebeugt, das kleine Beinwerk wie Säulen fest aufgestemmt. Mit den -Pätschchen umschlingt er, ihn an sich drückend, den Hals des zischenden -Vogels[229]. - -Dies Meisterwerk führt uns hinauf bis mindestens in das zweite -Jahrhundert v. Chr. Das dritte Jahrhundert aber scheint die Zeit der -Erfindung der Amoretten gewesen zu sein[230]. - -[Randnotiz: Pausias. Aufkommen der Amoretten als geflügelte Spielkinder.] - -Wir sahen: von Phidias bis zu Lysipp hinab bildete man Amor noch nicht -als Putte. Zuvor mußte die Kunst sich am Kinde selbst versucht haben, -und die Hochgewachsene, nach oben Schauende bückte sich gleichsam -mühsam danach. Polyklets nackte spielende Knaben sind auffallend -früh; der Künstler der Niobiden vermied noch, ein wirkliches Kind -einzuführen. Der kleine Bacchus im Arm des olympischen Hermes beweist, -wie wenig Auffassung und Übung für solchen Gegenstand vorhanden war, -und so erregt der Plutos des Kephisodot im Arm des „Friedens“ auch -in seiner neu aufgefundenen Gestalt[231] unerwünschte stilistische -Bedenken. Die Grabstelen Athens zeigen dann Fortschritte, die -Beispiele mehren sich langsam; zur Zeit Alexanders des Großen, -an der Schwelle der sentimentalischen Zeiten, war es der +Maler -Pausias+, der auf das Genre, und zwar unter anderem das massenhafte -Malen von Knaben (~pueri~) in kleinen Formaten sich beschränkte; daß -hierunter vorwiegend eigentliche Putten zu verstehen sind, wird nicht -gezweifelt[232]. Aber an Beflügelung dachte er so wenig wie Boethos bei -seinem Gänsebuben. - -Treten wir von hier über das Jahr 300 in das Idyll der alexandrinischen -Zeiten ein, so sehen wir zuerst und auf einmal die Eroten, jetzt winzig -und in Scharen, durch Baumkronen flattern, in Zweigen sich wiegen -„wie Nachtigallen“, „mit rosigen Äpfeln vergleichbar“; so Theokrit. -Die wirklichen Amoretten sind plötzlich da[233], dieselbigen, die die -Wandgemälde Pompejis bevölkern, die über die steinernen Sarkophage -Jahrhunderte lang ihr munteres Leben ergießen, die aber auch im -kleinen und kleinsten den Metallrand des Handspiegels zierten oder als -Ohrgehänge das schöne Oval antiker Frauen einfaßten. - -[Illustration: - - Tafel 9 - -Römisches Kind. - -(Statue in Rom, Vatikanische Museen.)] - -Eroten, Amoren, so benannte sie fast einstimmig die alte Literatur. Wie -war dies gedacht? Wir finden oft 7, 10, 12 oder 15 vereint. Sollte Frau -Venus so fleißig geboren haben, trotz unvergänglichster Jugendschöne? -Aber diese Kinder sind überall deutlich +gleichaltrig+. Sollte dies -ein einziges wunderbares Wochenbett der Himmlischen gewesen sein? -Schwerlich plagte sich die Phantasie sogleich mit derlei dogmatischen -Fragen. Spätere aber geben uns Auskunft: es sind Söhnlein vieler -Mütter; nur einer heißt Sohn der Schaumgeborenen selber; die übrigen -sind Nymphenkinder und sind bloß seine +Gespielen+[234]. Jeder erkennt: -hier ist das Institut der Gespielen, der ~conlusores~, die der Reiche -für sein Söhnchen sich hält, ganz einfach in die Fabel übertragen; und -so wie beispielsweise Severus seinen Fünfjährigen mit einem Schwarm von -Gleichaltrigen umgab; so will auch Venus ihren Amor nicht allein wissen -im Eden von Paphos; von den dienenden Nymphen nimmt sie die Kinder als -~conlusores~. Die Kunst in ihrem schimmernden Bilde illustriert uns -auch hier das tägliche Leben. - -Noch mehr aber muß der Gebrauch der ~deliciae~ oder der kleinen -Spielkinder diese Erfindung beeinflußt haben. Die bildende Kunst der -Alten idealisiert gern; sie liebt es, das wirkliche Leben in göttlicher -Verkleidung vorzuführen. So wie sie nicht Gastgelage von Griechen -oder Römern, sondern von Satyrn, Panisken und Nymphen zu schildern -pflegt, in denen dann aber doch das Herkommen der Wirklichkeit waltet, -so beruhigte sie sich nicht bei den Kindern des Pausias und schuf -ein überwirkliches Kinderleben nach dem Bilde der Wirklichkeit. Wir -werden gleich hören, wie die ~deliciae~ auch im wirklichen Leben zu -theatralischer Wirkung als Liebesgötter aufgeputzt worden sind. Dies -wird uns nur wie zufällig mitgeteilt; es kann weit öfter geschehen sein. - -[Randnotiz: Erfunden in Alexandria. Vogelnatur. Kindernest.] - -Wir fragen zunächst, wo der Typus der uns geläufigen Liebesgötter -ausgebildet worden ist. Alexandria war die große Lehrstätte des -hellenistischen Luxus. Die pompejanischen Wandmalereien sind in -überzeugender Weise zu großen Teilen auf alexandrinische Vorlagen -zurückgeführt worden. Schon hierdurch sind wir hauptsächlich an -Alexandrias Dichter und Künstler gewiesen. Daß dabei diese Künstler von -anderer Seite schon Anregung empfingen, braucht nicht ausgeschlossen zu -sein; die Amoretten von Tanagra weisen auf Einfluß attischer Kunst. -Daß eine eigentümliche Plastik in Alexandria bestand, ist insbesondere -von Th. Schreiber dargetan worden. Dazu stimmt nun aber auf das -trefflichste, daß eben diese Stadt auch im Leben als ein Hauptplatz -für den Gebrauch der ~deliciae~ sich erweisen läßt. Denn schlechthin -„alexandrinisch“ nennt Quintilian jene nackten Kinder. Vom Nil, sagte -auch Statius, pflegte man sich die kleinen Plauderer zu kaufen[235]; -dazu kommt als leibhaftiger Zeuge die letzte alexandrinische Königin -Kleopatra, die mit einem Schwarm von ihnen sich umgab, als sie auf -goldenem Schiffe märchenhaft blendend dem Antonius entgegenfuhr, sie -selbst als Venus, die Kleinen als Amoretten angetan. Und wenn sie -von ihnen sich „fächeln“ ließ, so fallen uns Wandbilder Pompejis -ein, wo die Amorette an eine sitzende schöne Frau sich lehnt, einen -blattförmigen Fächer in der Rechten. Ohne Frage alexandrinisch ist -auch die herrliche Statue des Nil zu Rom; der Flußgott mit mächtigem -Leibe, gemächlich aufgestützt daliegend; 16 Putten, +ungeflügelt+, -hocken und klettern ohne Scheu um ihn und über ihn; sie können nur -für den Nil erdacht, nur am Nil geboren sein. Eine eigenste Erfindung -ägyptisch-griechischen Geistes aber endlich ist die Figur des -Gottkindes +Harpokrates+, eine Erscheinungsform des Horos, auch dies -ein nackter Putto mit dem Haarknoten (Zeuge ist schon Catull, ~carm.~ -72); die Hand hält er als Zeichen des Schweigens zum Munde; eben diese -Gebärde selbst gewiß eine alexandrinische Erfindung, erdacht, um den -Gott auszuscheiden aus der Alltäglichkeit; den ägyptischen Kindern -wurde ja, wie gezeigt, nichts so nachgesagt wie die Schwatzhaftigkeit. -Daher heißt nunmehr auch Amor „der immer schwatzende“; auch er ist -jetzt als Alexandriner naturalisiert[236]. - -Der starke Fittich des älteren, stürmischen Amor ist abgeschafft und -vergessen. Die Kinder schaukeln sich auf dem stumpfen und gleichsam -unentwickelten Flügel des jungen Vogels, des Singvogels. Auch diese Art -der Beflügelung zu ersinnen, lag nicht fern. Der Gedanke scheint zwar -künstlich; aber schon die Proportion empfahl ihn, und er beruhte zudem -auf durchaus volkstümlicher Denkweise. - -Kinder sind „Küchlein“; schon Äschylus hatte sie einst liebkosend so -genannt; dies blieb seitdem beliebt in der griechischen Dichtung[237]. -Wie man heute sein Nesthäkchen hat oder eine schlimme Mutter -Rabenmutter schilt, so dachten die Alten noch ständiger die +Kinder -als junge Vogelbrut+. Folgerichtigkeit ist die Tugend der antiken -Phantasien. Vom „Kindernest“ redete darum schlechtweg die Komödie; -im Nest hat Horaz sich als kleiner Junge dereinst die Flügel wachsen -lassen; Tauben haben ihn, den Säugling, gehegt. Singen oder Zwitschern -(~pipiare~) nannte man das Plappern der kleinen Bälge. Der Glücksmensch -gilt sprichwörtlich als Sohn der weißen Henne, die Mehrzahl von uns -aber sind gemeine Küchlein, aus Unglückseiern gebrütet. So konnte -denn das uns so fremdartige Märchen entstehen von der Geburt der -Kastoren aus dem Ei der Leda; wie in der Theogonie Eros selbst, der -Weltgeist, aus dem Weltenei sollte geboren sein[238]. Auch wir nennen -wohl heute ein niedliches blankes Kind wie aus dem Ei gepellt (Fr. -Reuter). Und hiernach sehe man nun jenen, von manchen so seltsam -gefundenen Marmorbaum im Museum des Vatikan mit den Nestern darauf, -voll von ungeflügelten Kinderchen; man sieht, es war dies ein durchaus -volkstümliches Genremotiv, und das Monument ist von höchstem Werte für -uns als bezeichnendster Beleg dieser Denkweise. Genial aber war es, an -dies Volkstümliche anzuknüpfen und die Kinder, die man im Leben wie die -Küchlein um sich sammelte, nun selbst als junge Flieger, als Tummler -in den Lüften darzustellen[239]. Zu der Erfindung der Amoretten hat -sicherlich diese Anschauungsweise in erster Linie die Anregung gegeben. -+Die beschwingte Putte, das Kind als Vogel, kaum erdacht, fiel dann -von selbst mit dem altgewohnten Eros zusammen.+ Auch blieb man sich -seiner Vogelnatur bewußt; vom Vogel Amor reden wiederholt die Dichter. -„Nachtigallen gleich“ nannte die Eroten Theokrit. Gleichwohl -- und -dies scheint sehr beachtenswert -- sind diejenigen Darstellungen bei -weitem die häufigsten, wo die Amoretten von ihrer Vogelnatur keinen -wirklichen Gebrauch machen, sondern wie rechte Kinder nur laufen, -stehen, dasitzen und mit aufgesetzter Sohle der Erdenschwere gehorchen. - -Aus der kindlichen Natur erklärt sich aber nun weiter auch die Vielheit -der Amoretten und die Art ihrer Beschäftigung. Spielen ist des Kindes -Beruf, und ohne Beruf kein Leben. Es kann ihm ganz für sich allein -obliegen, so stundenlang; da summt es und schwätzt es vor sich hin und -personifiziert jeden Gegenstand, den es anfaßt. Dramatisch aber wird -die Sache sogleich, wo etliche Kleine zusammenspielen. Allein schon, -wie sie schön tun und sich lieb haben. Und das Spielgenie steigert sich -hier. Was die noch tief träumenden Seelen beschäftigt, tritt jetzt aus -ihnen als Handlung heraus; das Innenleben wird Außenleben. Dies Leben, -dies Drama war, was der Darsteller brauchte. Daher griff er so gern zur -Vielheit von Amoretten, daher ließ er die vielen so gern unter sich -beschäftigt sein. - -[Randnotiz: Die Bedeutung der Liebe ausgeschaltet. Geflügelte -~deliciae~.] - -Wir werden uns also nicht mehr verwundern, daß die sogenannten -Liebesgötter so +oft von den Dingen der Liebe absehen+. Auf den -pompejanischen Wandbildern des älteren („dritten“) Stils ist dies noch -seltener der Fall; hier nehmen sie dem Herkules bei der Omphale die -Waffen weg und ähnliches; in der großen Masse der Bilder indes und auf -den Sarkophagen sind sie in Handlungen begriffen, die sie scheinbar -nichts angehen; sie ahmen sogar Berufshandlungen Erwachsener nach, -halten Olivenernte usf. Ist hier die Bedeutung der „Liebesgötter“ -verblaßt? oder sollen wir sie vielmehr für Genien nehmen, für -Kindergenien, die jene Berufshandlungen in den Bereich göttlicher -Heiterkeit hinaufziehen und also sie weihen und verherrlichen? Den -Begriff „Genius“ indes kannte ja das Altertum selbst gut genug; aber -es hat keinen Genius je als Kind gebildet. Wohl aber hat es den -Alten freigestanden, die Flügelknaben, die die Kunst bildete, auch -einmal +nicht+ für Eroten anzusehen; zwei derselben umgeben Venus -auf Julischen Münzen; Horaz spricht den einen in seinen Liedern als -Cupido, den anderen aber als Jocus an, und Lucian braucht einmal für -sie sogar den Namen Epainoi, d. h. Personifikationen des Lobes, welche -die Göttin der Redekunst umflattern[240]. Er sagt ausdrücklich, sie -ähneln den Eroten, aber es sind keine. Auch der antike Ausdruck Genius -paßt hier nicht. Wir nennen sie „Personifikationen“, und als solche -waren also die Flügelkinder beliebig verwendbar[241]. Bezeichnend aber -ist noch, daß Lucian zugleich auch noch auf die sechzehn flügellosen -Putten vergleichend hinweist, die die Statue des Nil umspielen. Dies -sind deutlich ~deliciae~, aber sie sind auch hier zur Personifikation -verwendet; sie bedeuten die 16 „Ellen“, um die der Nil bei seinen -Überschwemmungen zu steigen pflegt. - -[Illustration: - - Tafel 10 - -Amoretten als Weinhändler, beim Rennen und als Goldschmiede. - -(Bilder im Hause der Vettier in Pompeii.)] - -Die Amoretten an den Wänden der vornehmen Häuser waren nichts als -das verklärte Spiegelbild jener ~deliciae~ und ~conlusores~, die -in den Atrien und Marmorsälen sich umtrieben. Nur so sind sie -entstanden; daher denn der Künstler gelegentlich, wo es ihm bequem war, -unbedenklich ungeflügelte Putten unter die geflügelten reihte[242]. -Sie sind, wo sie unter sich sind, nur gelegentlich in den Dienst der -Liebessymbolik gestellt worden[243]. Nur aus der Kenntnis der ~deliciae~ -erklärt sich das behandelte Problem, und man hüte sich, in jenen -Schildereien weiteren tieferen Sinn zu suchen, es sei denn, soweit er -überhaupt oft im kindischen Spiele liegt. Die Amorettendarstellungen -erschließen uns eben jene Kinderwelt. Kinder spielen das Menschenleben; -sie ahmen traumhaft im Kleinen nach, was sie im Großen um sich sehen -und noch nicht begreifen. Gewiß waren darin jene nackten Delicien -besonders erfindungsreich oder wurden besonders dazu angehalten. -Der affenartige Nachahmungstrieb des Kindes gab Anlaß zu jenen -allerliebsten Erfindungen, worin das Flügelkind lachend verrichtet, was -dem Menschen in Sorge und Arbeit und im Kampf um das Dasein auferlegt -ist. Es sind idealisierte Spielkinder mit idealisierten Kinderspielen. - -[Randnotiz: Kinderspiele der Flügelkinder. Dieselben als Handwerker.] - -Die Kunst selbst ist aber nichts als eine Offenbarung des Spieltriebes; -und die Spiele der Kinder selbst sind schon Kunst oder spielende -Nachahmung des Lebens. Dies ist der tiefbestrickende doppelte Reiz all -solcher Puttendarstellungen: die Phantasie des Malers spielt hier mit -dem Spiel des Kindes; die Nachahmung ahmt die Nachahmung nach; die -bewußte Kunst übt sich an der unbewußten mit Entzücken und Wohlgefallen. - -Zunächst Einfacheres. Wer wird zweifeln, daß die sich den -Dorn ausziehende Amorette bloße Nachbildung ist des berühmten -Dornausziehers? daß die Einzel-Amoren, die mit der Gans oder -dem Schwane kämpfen oder sich schleppen, des Boethos Knaben mit -der Gans voraussetzen? Tanagräische Terrakotten, schon etwa des -dritten Jahrhunderts v. Chr., schwebende Eroten, halten einfaches -Kinderspielzeug. Kinder, kleine Vögel zärtlich haltend, sind häufig; -man gab ihnen beiläufig vielmals Flügel. Auch erscheinen oftmals in -Terrakotten die nämlichen Figuren bald geflügelt, bald nicht[244]. -Delphine lieben Kinder schwärmerisch[245]; wie einladend war es, -Amoretten an ihre Stelle zu setzen! Der Delphin war ja selbst der -Liebling der Venus des Meeres! Ein unartiges Spielkind, das etwa ein -Gefäß zerbrach, wird zur Strafe in Fußfesseln geschlagen und weint[246]; -wie verwendbar auch dies für den bösen Buben Amor, der so viele Herzen -zerbricht! So ist es ferner nach dem Leben, wenn der kleine Gott Amor -durchgeht und mit Sorge gesucht und mit Not gefunden wird; man denke an -Catulls Camerius. Nach dem Leben ist es, wenn er mit Ganymed, der jetzt -auch Putte geworden[247], Astragalen spielt; nach dem Leben, wenn Eroten -auf der Schaukel sich vergnügen, ihrer Flügel uneingedenk. Und so fort. - -Nicht anders aber das sinnvollere Kindergetriebe, die eigentlichen -Imitationsspiele der Kinderwelt. Wir lesen: die Söhnchen des Vornehmen -in der Rüstkammer ihres Vaters kriechen einher zwischen Schilden und -Harnisch[248]; können sie dann laufen, so spielen sie Soldat[249]; -nichts ist daher beliebter als Eroten unter Waffenstücken oder die -Siegestrophäe tragend. Und weiter: Kinder spielen Pferd und Wagen; -so auch die Eroten. Kinder spielen „Königsein“, Gerichtsszenen, -Athletenkampf; nach dieser Analogie sehen wir Eroten auf der Palästra -im Faust- und Ringkampfe[250]. Kinder spielen Trinkgelage und imitieren -die Trunkenheit; eben dies tun typisch die Eroten. Zur Erklärung -erinnere man sich noch, wie man zu den Symposien Erwachsener die -Delicien zuzog, sie vom Falerner trinken ließ und sich gewiß auch nur -zu oft an ihrem Rausche ergötzte. Wohl manch geistig angeregterer Junge -spielt heute Gottesdienst und hält Predigt vom Stuhl herunter (wie dies -Schiller getan); von Ambrosius, von Athanasius wissen wir, daß sie -schon als Kinder den Bischof nachäfften[251]; so imitieren die antiken -Kinder auch heidnische Opferhandlungen; ebenso tun dies die Eroten. - -Es ist nun selbstverständlich, daß die Putten in jenen Bildern die -Imitation der Vorgänge des Lebens viel vollkommener ausführen, als dies -meist Kinder in Wirklichkeit vermögen. Dies ist das Recht der echten -Kunst; je getreuer der erwachsene Beschauer sich in der Kinderseele -wiederfindet, je tiefer faßt ihn die Bezauberung, je inniger ist -sein Lächeln, je gelungener ist die Kunstwirkung. Ebenso aber war es -ihr Recht, die Idee, daß das Kinderspiel das Leben nachahmt, frei -fortzusetzen und durchzuführen und auch auf Handlungen auszudehnen, die -dem Kinde in Wirklichkeit überhaupt nicht möglich sind. - -Da sind zwei Flügelkinder als Landleute geschäftsmäßig beim -Ziegenmelken; wieder zwei beim Traubenpflücken, mit angesetzter Leiter. -Hier angeln sie. Hier liegt ein großes Brett über Holzblöcken; zwei -kleine Heinzelmännchen durchsägen es mit großer Säge; ein Hammer liegt -daneben. - -Die Weinpresse ist aufgestellt: Amoretten stehen als Arbeiter am Werk -und steigern den Druck der Maschine mit Hammerschlag; der rote Most -fließt ab, und ein beschwingter Kollege rührt ihn im Kessel um, den er -auf einen kleinen Ofen gestellt hat. -- Ein Schusterladen: fertige Ware -auf Börtern im offenen Schrank und sonst frei aufgestellt, den Käufer -zu locken; die Inhaber sitzen am Kindertischchen, zwei Amoretten, -der eine das Händchen wie prüfend im Schuh, der andere daran mit dem -Leisten tätig. -- Oder die Ölbereitung: ein Flügelkind sammelt unter -dem Ölbaum von der Erde die Früchte im Korb; ein anderes steht bis -ans Knie im Kasten voll Oliven und tritt den Saft aus; ein weiteres -schleppt neue Last herzu; wieder eines dreht die Ölmühle. -- Und das -Kränzewinden: viere sitzen so recht seelenvergnügt um den Tisch auf -Bänken verteilt; man sieht, wie sie plaudern. Die Tischplatte ist voll -geschnittener Blumen; ein Gestell wie ein Laubgitterdach darüber; von -ihm hangen über den Tisch herab bald ein Dutzend Girlanden, unfertige; -die fleißigen Putten halten das Ende, um sie zu verlängern. Links -holt ein Flügelkind aus dem Korb neue Blumen; rechts wird ein anderes -abgeschickt, die fertigen Gewinde zum Verkauf zu tragen. - -Vor allem berühmt geworden sind neuerdings die Bilder des Vettierhauses -in Pompeji. Da fanden sich in einer Stube ganze Wandstreifen mit -solchen Szenen, die in Photographien, in Farbendrucken alsbald in -alle deutschen Häuser kamen, und auch da sehen wir acht oder neun -solcher kleinen Persönchen eifrig am Werk: farbige Stoffe werden -gewalkt, Feingold geschmiedet usf., ein süßer Kinderzauber. Die bunten -Flügelchen stehen wie große Achselklappen auf den nackten Schultern; -sie sind Dekoration; sie dienen zu nichts. - -[Illustration: - - Tafel 11 - -Amorettenkauf. - -Bild aus der Casa dei Capitelli colorati in Pompeii. - -(Neapel, Museo nazionale.)] - -[Randnotiz: Putten mit Falterflügeln. Psyche als Schmetterling.] - -So weit das Kinderspiel in seiner Idealisierung. Wer fühlte, diese -Bilder vorurteilslos betrachtend, den Antrieb zu ihrer Erfindung -nicht heraus, den Spaß an puppenstubenmäßiger Verkleinerung der allzu -ernsthaften Wirklichkeit? Es fällt aber noch auf, daß bisweilen einige -dieser Putten nicht Vogel-, sondern +Falterflügel+ haben. Hiermit -kann weibliches Geschlecht angedeutet sein, und sie sollten also wohl -den Delicien weiblichen Geschlechts entsprechen. Übrigens kann hier -jedoch auf die Psychefrage von mir nicht eingegangen werden, und es -mag unerörtert bleiben, in wie weit man ungeflügelte Mädchengestalten -kindlichen Alters mit Recht für Psychen in Anspruch genommen hat; -man denke an die zärtlich in Umschlingung sich küssende kapitolinische -Kindergruppe. - -Nur dies eine. Das Wort „Psyche“, die Seele, bedeutete zugleich auch -den Falter. Etwa seit dem Anbeginn der hellenistischen Zeit stellte -man die Seele selbst einfach als Falter bildlich dar. Schmetterlinge -zu fangen, zu quälen, am Faden fliegen zu lassen, ist aber eine der -jauchzendsten Kinderfreuden. Wie bequem ist hier wieder die Handhabe -zu symbolischer Behandlung gewesen, und wie treffend und entzückend -wahr ist das Symbol! Auch die Amorette spielt also fortan mit dem -Schmetterling, zerrt ihn am Faden usf.: es ist die Liebe, die die Seele -hascht und peinigt! -- Doch finden wir z. B. auf einem griechischen, -gewiß nicht späten Marmorsarge[252] festfeiernde +flügellose+ Kinder -geschildert, deren zwei (als Pendants) je einen Schmetterling sorgsam -schonend am Flügel emporhalten in jauchzender Gebärde! Der Falter ist -hier die Seele des Verstorbenen. Die hat hier aber im Tode gewiß nichts -mehr mit erotischen Dingen zu tun. Man fasse die Kinder schlechtweg -als das jenseitige Leben, in das „die Seele“ nun eingegangen oder -eingefangen ist. - -Die „Liebesgötter“ sind Delicien in idealischer Verwandlung. Dieser -Satz kann uns nun auch noch zur richtigen Auslegung von Szenen -verhelfen, die von jeher, seit sie bekannt sind, die sinnige -Betrachtung an sich zogen. Goethe gab von ihnen eine dichterische -Inhaltsangabe (Ekphrasis) unter dem Titel „Wer kauft Liebesgötter?“ Das -Gedichtchen ist anspruchslos und soll hier nicht bekrittelt werden; -aber daß es den Sinn trifft, ist zu bestreiten. - -[Randnotiz: „Wer kauft Liebesgötter?“ Kinderhandel.] - -Zwei der pompejanischen Wandbilder (älteren Stiles) kommen in Betracht. -Uns genüge das eine, das einer genaueren Analyse bedarf[253]. Eine halb -offene Halle, säulengestützt, zeigt Fernsicht auf das Gebirge; das -Haus ist vornehm. Ein Mann in Handwerkertracht, mit nackten Füßen, hat -einen Vogelkasten voll Putten hereingetragen und übergibt sie, Stück -für Stück, einer jungen schönen Frau, die sinnend weich aufgestützt -dasteht; die edle Gewandung, das Diadem im vollgelockten Haar verrät -uns die Herrin des Hauses. Eine Amorette, mit Kränzchen als Spielzeug -in den Händen, schwebt schon flügge hoch oben zwischen den Säulen; der -gedankenvolle Blick der Frau schaut aber in die Weite an ihr vorüber. -Ein zweites Flügelkind steht sodann hinter der Herrin, als versteckte -es sich vor dem groben bärtigen Manne: dieses Kind ist von ihr schon -soeben in Besitz genommen, wie der Augenschein lehrt. Aber sie will -sich an dem einen nicht genügen lassen. Der Alte hat den Deckel schon -wieder vom Käfig genommen, und ein süßes Bürschchen zieht er am Fittich -heraus, das altklug kokett die Beinchen wirft und die Arme spreitet, -wie um möglichst vorteilhaft den allerliebsten Leib zu zeigen. Zwei -weitere endlich warten noch im Gitterkasten; sie sitzen darin bequem -genug ausgebreitet; das eine lugt neugierig hervor. Diese zwei aber, -wohl gemerkt, haben keine Flügel, obschon Raum genug da war, sie -zu zeichnen. Wenn die schöne Dame ihr Nachdenken beendet, hat sie -vielleicht alle fünf gekauft. - -Welche Grazie in dem Ganzen, welch schelmischer Zauber in der -Verteilung und in den Verhältnissen! Auf großem Tafelbild die große -Halle; links zur Seite weggerückt ein hochragendes Weib, rechts ebenso -die grobgegliederte gebückte Gestalt des Mannes; als Mittelpunkt -aber im Vordergrunde das eine so winzige Kind, am Flügel gefaßt, von -breitem, freigelassenem Raum umgeben, mit der wichtigen Miene, als -riefe es in die Welt: Seht den Wicht; da bin ich! und um mich handelt -es sich hier! - -So wie die Frau nachsinnend im Bilde steht, so stehen wir nachsinnend -davor. Wohl hat es Reiz, die Szene rein symbolisch zu fassen; möge der -Reiz uns nicht verführen. Die Beflügelung ist nicht durchgeführt; und -wäre es wahr, daß, wer die Amorette kauft, sich damit im Symbol den -Geliebten erwirbt oder einem bestimmten Liebeserlebnis hingibt, so wäre -es höchst bedenklich, daß die Schöne sich so sichtlich nicht mit der -einen begnügt! Wir würden ihr raten, doch lieber wenigstens für das -nächste Halbjahr das zweite Amörchen sich aufzusparen. So lange hält -die Flamme denn doch auch in einem südlichen Herzen vor. - -Wir haben inzwischen von der Zutat des Flügels abzusehen gelernt. Die -Möglichkeit, hier das Alltagsleben selber in poetischer Umgestaltung -zu erkennen, steht uns auf alle Fälle offen, und so erklärt sich alles -ohne Künstelei und ohne das Suchen und Versteckenspielen tiefsinniger -Gedanken. Wir tun hier einen Einblick in den antiken +Kinderhandel+. -Von ihm und seiner Anschauung kam dem ersten Erfinder die Anregung, von -ihm gewiß ganz allein. Auf den großen Sklavenmärkten jener Zeiten muß -der +Kleinkindermarkt+ eine ganz regelmäßige Abteilung gebildet haben. -Wie oft wurde das Motiv von verkauften Kindern schon in der Komödie des -vierten Jahrhunderts verwandt! Seit die ~deliciae~ Modeartikel wurden, -war die Nachfrage um so größer. Die Kunst verschmähte es, diesen Handel -selbst in seiner rohen Form zu vergegenwärtigen; sie fügte zunächst -auch hier nur die Flügel hinzu und entrückte das Anstößige in den -phantastisch lieblichen Bereich des Märchens. An Seeplätzen waren -vorzüglich jene Märkte; daher heißt es in dem Gedichte des Meleager, -das vom Verkauf des Eroskindes handelt: „Wenn ein Kaufmann, der gerade -in See gehen will, es zu kaufen Lust hat, so trete er heran“[254]. So -über See und durch solchen Kaufmann müssen damals notwendigerweise die -alexandrinischen lebenden Putten nach Rom und an die sonstigen Plätze -gekommen sein. - -[Randnotiz: Lebende Spielkinder mit Flügeln ausgestattet. Rückblick.] - -Ein alter Hausdiener hat hier nun etliche von ihnen auf dem Markt -eingekauft -- ihn zeigt uns das Gemälde -- und bringt sie wie die -Hühner oder Tauben im käfigartigen Behälter in das Haus seiner Herrin, -einer vornehmen, solchem Luxus ergebenen Dame. Ein alter Zeuge sagt -ausdrücklich, Frauen waren es besonders, die sich die nackten Delicien -hielten[255]. Und es sind nun nicht einer, sondern gleich mehrere, denn -an ihrer „Vielheit“ freuten sich die Frauen, nach demselben Zeugen. Den -Vogelkäfig hat der Künstler sinnig verwandt, weil man ja die Kinder -allgemein mit jungen Vögeln verglich; gröber freilich war es in der -Komödie des Aristophanes zugegangen, wo der Einwohner Megaras sein -Töchterlein nicht im Käfig, sondern als Schweinchen im Sack auf den -athenischen Markt bringt, um sie an den „Liebhaber“ loszuschlagen. Weil -aber endlich der Künstler die Kinder in Eroten verkleidete, so war es -dichterisch folgerichtig und künstlerische Pflicht, wenigstens einen -derselben auch schwebend zu zeigen: Flügelkinder, die sämtlich nicht -fliegen, scheinen zwecklos erdacht, d. h. unkünstlerisch. - -Der Dichter dieser Bilder übertrug also auch hier nur die Wirklichkeit -in das Märchen. Er glaubt an sein Märchen, wie jeder gute Erzähler es -muß, und wird die Figürchen auf Anfrage in der üblichen Weise einfach -Eroten genannt haben, die Frau aber kann nichts anderes sein als eine -Figur des wirklichen Lebens, weil ja auch der bärtige Diener dies ist. -Sie ist eine Dame der großen Welt. Denn der Künstler wußte, daß die -Schönen des eleganten Stils es liebten, sich selbst als Göttinnen und -ebenso die Spielkinder in Amoretten zu verkleiden. Für diese Tatsache -haben wir vier sprechende Belege: die Königin Kleopatra, von der im -Vorausgehenden (S. 150) die Rede war, weiter die ~parvuli~, die bei -Apulejus (~met.~ 10, 32) als Amoretten im Theater auftreten; sodann die -Cynthia des Dichters Properz, die diese geschwätzigen Bübchen ebenso -ausgestattet über die Straße schickt, um den säumigen Geliebten zu -sich zu holen[256], und endlich die Lesbia bei Catull. Catull findet -sich in stummer Nacht mit seiner Lesbia zusammen; um beide Liebenden -aber läuft derweil, wie er es schildert, ein kleiner Kupido hin -und her im krokusgelben Hemdchen, durch das der weiße Kinderkörper -hindurchleuchtet[257]. Der Bub läuft auch hier, er fliegt nicht. Seine -Lesbia nennt da der Dichter „Göttin“[258], den Buben nennt er „Kupido“; -der Knabe aber war so wenig Kupido selbst, wie Lesbia wirklich Göttin -war[259]. So kauft sich also auch auf dem Gemälde die schöne Frau, -die das Diadem einer Göttin trägt, die Kinder, die sie hinfort als -Amoretten umschwirren sollen, damit sie selbst der Venus selber -gleiche[260]. - -Auf wie viele andere Bilder und Motive dieselbe Weise der Auslegung -noch anzuwenden, in wie vielen Fällen die Annahme einer besonderen -Liebessymbolik noch abzuweisen ist? Es ist unmöglich, dem nachzugehen -und auf den weiten üppigen Beeten dieser Phantasien jede Blume zu -bestimmen. Denn wie veredelte Gartenblumen verwildern und zur ersten -Natur zurückkehren, je weiter sie wuchern, so ist es, als ob hier -anfangs wenigere und noch deutlicher symbolische Motive angepflanzt -worden seien, die dann, je massenhafter sie variiert wurden, je mehr -und mehr ihre symbolisierende Füllung verloren und zur prototypen -Einfachheit zurückkehrten. Doch sei in Kürze erinnert, daß die -Amorette, die mit einsamen Frauen plaudert[261], deutlich Wiedergabe des -Spielkindes ist, mit dem sich die Frauen zerstreuten; ebenso, wenn sie -beim Putz behilflich ist[262], ebenso endlich sogar bei Liebesszenen -selbst. Man denke nur an das Catullgedicht Nr. 56, wo Catull und Lesbia -mit dem ~pupulus~ zu dreien sich vergnügen[263]. - -Wir haben zu zeigen versucht, wie die Vorstellung und Darstellung der -Amoretten zustande kam. Ihre Verwertung als wirkliche Liebesgötter -haben wir auf einen verhältnismäßig nicht allzu weiten Kreis -eingeschränkt gefunden; dies blieb da zumeist ihre Rolle, wo sie mit -Göttern und Heroen, mit erwachsenen Menschen und ihrem Schicksal und -Leben in Verbindung gebracht sind. Und so gehören diese „Liebesgötter“ -zum Inventar der Kunst bis heute. - -[Randnotiz: Verwendung als Füllfiguren, als Engel, als Gräberschmuck.] - -Die breite Masse der Darstellungen der unter sich spielenden Amoren -bedurfte dagegen einer besonderen Würdigung. Aus ihnen ist bei Späteren -die Vorstellung der Kindergenien oder der Putten als symbolische -Figuren abgeleitet. Rafael gibt sie, um an ein Beispiel zu erinnern, in -den Stanzen des Vatikan seiner Figur der Poesie zu dienenden Begleitern -und läßt sie die erklärende Aufschrift halten: „~numine afflatur~“. -Dies gemahnt auffallend an die Gestalt der Redekunst mit den „Epainoi“ -beim Lucian. Die sinnreiche Gegenwart steckt ihnen beliebige Embleme in -die Hand, oder sie verwendet sie nicht einmal symbolisch, sondern nach -Schablone als gefügige Lückenbüßer und Eckensteher, an Postgebäuden, -an Öfen, auf Guldenscheinen, wo eben ein leerer Fleck nach winzigem -Zierrat zu verlangen scheint. Aber schon das Altertum selbst ist -in seiner Verfallszeit auch hierin vorangegangen. Auf schlechteren -Sarkophagen, die in Masse erhalten sind, sehen wir ganz ebenso die -Putten außerhalb der szenischen Komposition, die den Flächenschmuck -ausmacht, Fruchtgirlanden haltend, Medaillon tragend, oder bloß -hockend, stehend, an den Ecken, auf den Deckelkanten, das Mittelfeld -durchschneidend, angebracht: ein abgegriffenes Motiv, halb sinnlos und -zur Schablone geworden. Nicht einmal in der Entwertung der Flügelkinder -zu Statisten der Kunst hat die Gegenwart also etwas Neues gebracht. -Doch muß über die Putten als Gräberschmuck endlich noch ein weiteres -Wort hinzugefügt werden. - -Blicken wir zur Renaissance noch einmal hinüber. - -Auch als +Engel+ erfüllten die Geschwader jener Amoretten den -katholischen Himmel der Renaissancekunst; sie musizieren dort -vor der Madonna des Vivarini; sie schwimmen im Gewölke zu Füßen -der himmelerhobenen Maria (Ferrari); umgeben die heilige Familie -Morettos (zu Berlin) und ungezählter anderer Meister. Täuschend -ist die Erinnerung an die in Bäumen flatternden Eroten in Tizians -Martyrium Petri oder späterhin in Trevisonis Ruhe auf der Flucht. -Nicht selten genügen Köpfchen und Flügelchen und der Körper fehlt: so -auf den glasierten Terrakotten Luca della Robbias. Auch diese Putten -christlicher Seligkeit, diese „Gespielen“ des Jesusknaben, stammen -nicht aus dem Alten und Neuen Bunde, sie stammen von den Marmorsärgen -des Heidentums[264]. - -Diesem sogenannten Heidentum wohnte seit dem Untergang seiner Freiheit -und Jugend, seitdem es hellenistisch, seitdem es sentimental, seitdem -es modern geworden war, die weltflüchtige Sehnsucht inne nach Jenseits -und nach Seligkeit. Die drei Jahrhunderte vor und die drei nach Christi -Geburt zeigen das in großem Zug immer heftiger werdende Wettwerben der -Weltreligionen in der Zusicherung eines beglückten ewigen Lebens. -Seligkeit ist Unschuld; im Diesseits war beides nur im +Kinde+ zu -finden. Jene ~deliciae~ waren doch nicht nur eine phantastisch üppige -Verzierung des Lebens; wer sie kaufte, tat es doch nicht immer in -herzloser Verachtung des ewigen Wertes des Individuums. Lasterhafter -Mißbrauch der Einfalt kam vor; wer bezweifelt es? Aber es kann doch -hier nicht in Betracht kommen. Schon alles Voraufgehende gibt Zeugnis -und redet laut: der Zug der Zeit zum innigen Verweilen beim Kinde und -zur liebreichen Idealisierung seines Treibens, er war zu groß, er ging -zu sehr ins Breite, als daß er nicht auch Tiefe gehabt hätte. Der -sittlich Verdorbene fand hier Unschuld, der Unwahrhaftige fand hier -Wahrheit; er sah mit Staunen, wie ein Kind seine Affekte noch nicht -verbergen, noch nicht fälschen kann. Wer ein Kind auflachen sieht in -hellem goldigem Entzücken, der darf wohl heilig ergriffen sein von der -Echtheit dieses Tones; hier ist nicht Metall und Schlacke; die ganze -Seele ist ein flüssiges Gold, sie schwimmt noch in sich strahlend in -ungeteiltem großem Gefühl; sie ist eine Glocke mit immer nur einem Ton; -der aber ist tief und voll und rein und muß ihr Glockenmetall ganz -durchbeben. - -Wer wundert sich hiernach, daß Augustus den kleinen Urenkel, den er -zärtlich liebte und sterben sah, als Amorette bei sich behielt und -in seinem Gemach als Bild aufstellte? Das Kind war apotheosiert, -verklärt, war nach christlicher Märchensprache zum Engel geworden. Auf -dem Pariser Tiberius-Cameo ist das Flügelkind in der Apotheose ähnlich -gedeutet worden. So verwendete man nun aber auch auf den Gräbern seiner -Verstorbenen gern +Putten+ als +Gräberschmuck+, und ihre Gestalten -häufen und drängen sich hier je mehr und mehr. - -Besonders oft begegnet da zunächst die Einzelfigur des Flügelknäbleins, -das müde hingesunken friedlich auf der Grabstätte schlummert, und -zwar durchgängig mit Löwenfell und Keule, den Abzeichen des Herkules. -Wie seltsam und doch wie fein erdacht ist auch diese Erfindung! Das -Leben des Verstorbenen war wohl ein Herkulesleben, voll Dienst und -Arbeit gewesen; jetzt schlummert er so in Frieden wie dieses Kind, -und die Waffe darf rasten neben ihm. Aber Herkules errang sich mit -ihr einst das himmlische unvergängliche Leben; darum sind hier diesem -Herkuleskinde die Flügel gewachsen! Die Stoa redet hier wieder zu uns: -die Freude am Kinde hatte sie empfohlen, und derselben Stoa Ideal war -Herkules. - -Zahllos endlich auf Sarkophagen, und nicht etwa nur auf -Kindersarkophagen, im Relief die vielfigurigen Kinderszenen. Sie -sind im Voraufgehenden schon vielfach von mir benutzt und zugrunde -gelegt. Was sollten denn, fragen wir, auf der Marmorlade, die den -Leichnam barg, jene Kinder, die da bald in sinnigen Spielen, das -Leben nachbildend, sich ergehen, bald im Festrausch einherziehen oder -Opferhandlungen verrichten, aber immer sorglos tändelnd und immer -fröhlich sind? Sie umgaben den Toten mit dem, was man als das seligste -Leben im Diesseits kannte und für das Jenseits erhoffte, und verhüllten -dem Leidtragenden mit der unschuldigen Wonne dieser Seligkeit den -herben Anblick des grabstummen Sarges. Es war Hoffnung, Verkündigung. -Und zwar genügten hierzu oft die ungeflügelten Kinder; öfter aber -brechen die Vogelschwingen hervor, und das Überirdische ihres Glückes, -das doch erst jenseits des Todes zum zweiten Male volle Wirklichkeit -werden kann, hat hiermit in ihnen Gestalt gewonnen. Die christliche -Phantasie könnte diese Gebilde wohl fast mit gleichem Recht Engel -nennen wie jene auf Rafaelischen und Tizianischen Entwürfen; im Wesen -aber waren sie von den antiken Amoretten nicht verschieden gedacht. - -Und so ergibt sich zwischen scheinbar Getrenntestem die schöne Ahnung -eines Zusammenhanges. Die Kinder, die den Himmel des klassischen -Altertums als Eroten bevölkerten, sind im Grunde wie eine Illustrierung -des Satzes gewesen: „denn ihrer ist das Himmelreich,“ die in eben jenen -Zeitläuften geschah, als dieser Satz von kundigstem Munde gesprochen -wurde[265]. - - - - -Seneca. - - -Jedes Ich ist ein Problem, und unsere Mitmenschen zu verstehen -die wertvollste Aufgabe, die uns das Leben stellt. Daß wir dies -lernen, darum ist unsere moderne Dichtkunst, die die Probleme sucht, -unablässig bemüht. Aber auch der Mensch der Vergangenheit ist unser -Mitmensch, und er ist erst recht Problem. Man versteht die Gegenwart, -man versteht vor allem die Vergangenheit nicht, deren Geschenk die -Gegenwart ist, wenn man die Persönlichkeiten, die großen Menschen -selbst nicht begreift, deren Namen uns die Weltgeschichte zuwirft. -Auch hat sich unsere fleißige Menschheitsforschung ihrer Pflicht -stets erinnert, ihr hellstes Licht um die epochemachenden Geister der -Vorzeit zu verbreiten. Aber einen Mann hat sie nahezu vergessen, und -seine angemessene Würdigung vermisse ich da, wo ich sie suche; dies -ist der „Philosoph“ Seneca, der Lehrer Kaiser Neros, der einzige große -Vertreter der stoischen Religion in lateinischer Sprache. Einer der -neuesten Darsteller der römischen Kaisergeschichte hat ihn einfach mit -dem Ausdruck „der glatte Schwätzer Seneca“ abgetan. Wir werden sehen, -wie durchdacht dieses Urteil ist. - -Wer uns heute die Geschichte der schicksalsvollen römischen Kaiserzeit -erzählt, steht immer noch zu sehr auf dem Standpunkt Suetons und gibt -uns aufgereiht die Biographien der großmächtigen Kaiser selbst und -ihrer Frauen. Wir hören da immer nur von den Titelhelden, von den -Protagonisten im Drama. Seneca war nur Deuteragonist; er spielte keine -Titelrolle; er wollte es nicht. Seneca hat keine Kriege geführt, er hat -keine Justizmorde verübt, und wer prickelnde Personalien braucht, tut -gut, über ihn zu schweigen. Und doch ist jeder kleinste Lebenszug, den -wir von ihm erspähen, wie Goldglanz und tausendmal bedeutsamer als die -rastlosen Albernheiten und hirnlosen Schandtaten eines Nero, mit denen -man die Seiten füllt. - -Darum habe ich in meinem Buch „Römische Charakterköpfe“ Seneca als eine -Haupt- und Eckfigur der römischen Kaisergeschichte hochgestellt, noch -stärker vielleicht die grundlegende Bedeutung seines Wirkens in dem -Büchlein über römische Kulturgeschichte betont. Um so mehr drängt es -mich zu dem Versuch, von ihm, wenn auch nur skizzenhaft, ein Sonderbild -zu zeichnen. - -Seneca, sofern er Philosoph war, wird in den Geschichten der -Philosophie abgehandelt, und wir erfahren da, wieviel er in seiner -Lehre seinen Vorgängern verdankt. Seneca, sofern er Schriftsteller -war, wird wieder in anderen Büchern, in den Literaturgeschichten, -abgehandelt, und er erhält da beiläufig eine ungünstige Note, weil -er nicht klassisch, d. h. kein für unsere Primaner brauchbares, -ciceronisches Latein schreibt. Auch als Staatsmann hat Seneca kürzlich -eine Separatbehandlung erfahren[266]. Aber zum Verständnis des Menschen -führt dies nicht. Ein vielseitiger Mann verlangt eine vielseitige -Betrachtung[267]. Was nützt es, den Adam in seine Rippen zu zerlegen? -Wer ihn nicht ganz läßt, sieht nicht, wie ihn Gott geschaffen. Wer -will einen Lionardo in einen Physiker, Mechaniker und Künstler, wer -will einen Wilhelm von Humboldt in einen Staatsmann und Sprachforscher -zerschneiden? Es wäre ein sonderbares Unternehmen. - -Wer Senecas wundervollen literarischen Nachlaß liest -- über -Seelenruhe, über die Muße, über Wohltätigkeit usf. --, der glaubt -zunächst einen Asketen, einen Prediger im härenen Rock und -Philosophenbart, den Mann der Weltflucht und Entsagung vor sich zu -sehen, dessen unermüdliche Sittenpredigt in Heiligung gipfelt und -endigt, in einem Gottesdienst der Tugend, in Freiheit des Ichs, das -heißt: in Niederkämpfung und Besiegung der Leidenschaften. - -[Randnotiz: Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm.] - -Lesen wir dieselben Schriften genauer, so merken wir, daß er nicht nur -ein Verächter aller Luxusdinge der Großstadt, sondern auch ihr Kenner -gewesen ist. Musik, Architektur, Kunstgärtnerei, Prunk des Hausrats, -die ganze Kulturblüte der ersten Kaiserzeit hat er gesehen, durchlebt; -sie lebt in ihm. Aber nicht nur das: er ist auch eine politische Größe, -und die Historiker, Tacitus, Cassius Dio, halten es für ihre Pflicht, -über ihn zu berichten: der erste Finanzmann Roms, voll weltlicher -Geschäftskenntnis, Großgrundbesitzer[268], von vielhundertköpfigem -Personal umgeben, Großkapitalist, der mit mächtigem Gefolge über die -Straßen zieht, beiläufig auch nicht bärtig, sondern das Gesicht glatt -ausrasiert, endlich Hofmann und Staatsmann, so erscheint er uns hier, -und der Verdacht erhebt sich, daß da Lehre und Leben in seltsamem -Widerspruch stehen, als zeigte Seneca zwei Gesichter, ein anderes der -realen Welt, ein anderes seinen Lesern, ein anderes seiner Gegenwart, -ein anderes der Zukunft. Der idealste, bravste, treu sorgfältigste -Sittenlehrer der römischen Literatur ein bloßer Wortdrechsler der -Tugend? - -Und das Rätselhafte ist damit noch nicht erschöpft. Denn Seneca war, -wie man glaubt, auch Theaterdichter, und die einzigen römischen -Tragödien, die wir besitzen (es sind neun), stammen von ihm. Wozu die -Leidenschaften Medeas oder Phädras vorführen, wenn es doch gilt, die -Leidenschaften zu unterdrücken? Plato war konsequent und verbannte den -tragischen Dichter aus seinem Staat; der Dichter Seneca läßt das Laster -spielen, das er verurteilt? Hat der eitle Mann auch nach dem Lorbeer -geschielt? und war ihm der läppische Beifall des Theaterpublikums ein -Bedürfnis? - -Wenn diese Widersprüche uns stören oder gar beleidigen, so bleibt -Seneca in seiner genialen Natur doch auch so eine erste Größe in der -Geschichte der Menschheit. - -Der Staatsmann Seneca steht als Mann des Fortschritts und des sozialen -Friedens ehrwürdig und wie eine Lichtfigur auf dem dunklen Grunde der -Neronischen Zeit. - -Der Dichter Seneca hat mit seinem vibrierenden Pathos auf das -pathetische Schauspiel der Neuzeit seit der Renaissance und seit Marlow -und Shakespeare tiefgehende, bleibende Einflüsse gehabt, die, je mehr -man dem nachgeht, um so deutlicher hervortreten[269]. - -Unendlich aber ist der Segen, den Seneca als Moralist geübt, und -schon darum müßte man ihm in unserem Zeitalter der ethischen Kultur -Denkfeiern begehen und Denkmäler errichten. Zum mindesten, man müßte -ihn lesen! - -Die Widersprüche aber, von denen ich sprach, sind nicht einmal -vorhanden. Der Mann ist eine Einheit, eine große und ehrliche Gestalt -aus einem Guß. Auch als Dichter war Seneca Ethiker, auch als Staatsmann -ist er es gewesen. - -Es ist nur zu natürlich, daß man schon im Altertum gegen den Mann einen -hämischen Ton anschlug und über ihn die Nase rümpfte. Warum lebte er -im großen Weltgetriebe und warf die Reichtümer nicht hinter sich, er, -der Wortführer der Bedürfnislosigkeit? Das waren die stumpfsinnigen -Winkelmoralisten, die so redeten. Seneca war großzügig und tapfer und -machte die Riesenkapitalien, die ihm zufielen, seinen guten Zwecken -dienstbar. Denn Geld ist Macht. Es war besser, daß die Macht in seiner -Hand war, als in der Hand der kaiserlichen Buhlerinnen und Libertinen. - -Es ist, wenn man gut sein will, nichts bequemer, als sich aus den -großen Händeln zurückzuziehen[270]. Der bessere Mann ist der, der die -schnöden Mittel dieser Welt festhält, ihre Benutzung organisiert und -dem Fortschritt der Gesellschaft dienstbar macht. Der beste ist der, -der mit solchen Zwecken sogar den Thron gewinnt. Seneca stellte sich -hart neben den Thron Neros. - -[Randnotiz: Einheit seines Wesens. Stoische Religion.] - -Wir verkennen seine Schwächen durchaus nicht. Denn nur durch ein -gewisses Nachgeben war in dieser Welt der rohen Gewalten ein solches -Ziel zu erreichen. Die Einheit seiner Natur aber ist schon hiernach -klar. Den Aposteln und Heiligen der christlichen Kirche kommt es -zugute, daß wir ihre Biographie meist nicht kennen, und wir können -sie also unbedenklich für heilig halten und tun es gerne. Die -Lebensauffassung Senecas leugnet dagegen, daß es heilige Menschen gibt. -Für ihn sind auch die Besten sittlich immer unvollkommen. So stellt -er auch sich selbst vor uns hin. Aber daß man sich bestreben soll, -vollkommen zu werden, das ist seine kategorische Forderung. - -Seneca ist vielleicht in demselben Jahr wie Christus geboren, und -unsere Zeitrechnung und Jahreszählung beginnt ungefähr mit seinem -Geburtsjahr. Der Trieb zur religiös sittlichen Wiedergeburt der -Menschheit ging damals durch Orient und Okzident; denn Orient und -Okzident bildeten ein Reich, das Römerreich. Das Römerreich war die -Menschheit. So wurde damals auch Seneca wie der Apostel Paulus zu einem -Verkünder einer neuen ethischen Religion. - -Es handelt sich um die stoische Philosophie. Sie war in der Hauptstadt -Rom vor gut hundert Jahren durch Panaetius und den großen Posidonius -eingebürgert worden. In dieser stoischen Propaganda, die weitherzig -auch aus Platos, aus Epikurs Lehre das Beste mit aufnahm, wuchs der -junge Seneca auf, und er übernahm von den Genannten die Milde der -Gesichtspunkte. - -Philosophie war damals das griechische Wort für Religion; und sie -gab nicht nur Moralgesetze; sie verlor sich eingehend auch in -Erforschung der Natur, in Betrachtung des Alls[271]. Seneca selbst -hat die Wirkungen des Vulkanismus des Vesuv, der sich im Jahre 63 -n. Chr. zum ersten Male regte, sogleich studiert[272], er hat eine -Afrika-Expedition nach den Nilquellen angeregt[273], noch mehr, er hat -die Entdeckung Amerikas schon damals prophezeit und gefordert[274]. -Aber diese Naturforschung (die ~quaestio naturalis~) führte unmittelbar -auf die große Grundursache und Einheit des Alls, auf Gott. Die Himmel -rühmen des Ewigen Ehre -- das ist der Grundgedanke bei Seneca. Seine -Naturbetrachtung ist Andacht. Wer das liest, möchte in die Kniee sinken. - -Da aber das All in Gott ist, ja, da das All Gott ist, müssen wir -Sterbliche auch in Gott sein und gottgleich werden, da wir es nicht -sind. Daher die Lichtsehnsucht Senecas. „Wir gehen im Dunkeln und -im Halblicht. Wir wollen ins volle Licht, in den Himmel zurück, aus -dem wir stammen“[275]. Daher der Drang nach innerer Läuterung. Diese -Läuterung geschieht durch Übung, durch Ausübung. Lerne deine Pflichten -gegen dich selbst, gegen den Nebenmenschen! Das ist der rechte -Gottesdienst. - -So entstand die umfassendste und feinste Pflichtenlehre, die die -römische und vielleicht auch die nachrömische Welt gesehen: Ratschläge -für alle Konflikte des Lebens, aus der Fülle der Erfahrung geschöpft. -Selbstbeherrschung, Selbstzucht ist die Vorstufe. Nächstenliebe, -die Sorge für die Mitmenschen, ist die Hauptsache. Es ist jene -Menschlichkeit, die in dem Satz gipfelt: Liebet eure Feinde, d. h. seid -um ihr Heil bemüht. - -[Randnotiz: Der Ethiker für den lateinischen Okzident.] - -Diese Lehre gehört dem Seneca ganz persönlich; sie ist ganz individuell -gefärbt[276]. Gleichwohl waren die Grundgedanken nicht neu. Man predigte -sie schon seit 300 Jahren von allen Dächern. Aber alle außer Seneca -sprachen griechisch. Das taten hernach ja auch die Verkünder Christi. -Seneca war der einzige, der diese Gedankenwelt lateinisch faßte, und -schon das war eine Großtat, ein Ereignis für Westeuropa. Denn alle -anderen wandten sich an die niedrigen Volksschichten, die in weitester -Ausdehnung auch in Italien, in Südfrankreich und anderen Provinzen -griechisch durchsetzt waren; das Volk hatte also längst seine Lehrer -und religiösen Erzieher. Seneca dagegen wollte die entscheidenden -Instanzen der großen Welt, die römischen Herrenmenschen, die Söhne -seiner Senatoren und Ritter, die künftigen Provinzialverwalter des -Weltreichs, er wollte den Kaiser selbst eingewöhnen in die Denkweise -der Menschlichkeit. - -Und daher auch die glänzende Art seines Vortrags. Sie war bestimmt -durch die Adresse. Sollte Seneca etwa im breiten Wortschwall Ciceros -sich ergehen? Er wollte keine Wassersuppe geben. Oder hätte er -versuchen sollen den naiven Volkston anzuschlagen, wie ihn später das -christliche Evangelium braucht? Die Leute, an die er sich wandte, -hätten ein Buch im Bibellatein damals nicht angesehen. Seneca mußte -dem hochgeschraubten Kunstgefühl der vornehmen Welt Roms genügen, -und es ist ihm gelungen. Durch seine Schreibweise selbst hat er sie -herbeigelockt. Die Aufgabe war groß und neu, und er hat sie mit Geist -und Würde und Feingefühl gelöst. - -Der deutsche Gelehrte stellt sich[277], wenn er Senecas Stil beurteilt, -planvoll auf den Standpunkt des geistig Armen, wenn er nicht überhaupt -diesen Standpunkt inne hat, und schüttelt den Kopf voll Bedenken, -weil der Mann, der da von Tugend redet, auch Geist hat. Die Franzosen -wissen besser zu urteilen; denn ihnen ist jener Standpunkt fremd und -sie wissen, daß Geist und Herz sich nicht ausschließen und daß auch -ein wahrhaftiges und ein heißes Gefühl sich in scharfgeschliffenen -Deduktionen und blitzenden Antithesen bewegen kann. - -Gleichwohl wirken ethische Schriften leicht eintönig, auch wenn sie -ein Seneca geschrieben. Und wer mag heute überhaupt über Tugend lesen? -Heute interessiert nur die Literatur des Lasters und der Schwäche. -Damals aber waren Senecas Sittlichkeitsstudien aktuell, kühn und -ergreifend. - -[Randnotiz: Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in seinen Dramen.] - -Denn nie stank die Sünde so zum Himmel wie damals in der -Millionenstadt, in dem „Babel“ Rom. Wir reden wohlgemerkt nicht von -der antiken Welt überhaupt, sondern nur von ihrer Hauptstadt[278]. -Das zügellose Sichausleben war nie so zum Prinzip erhoben, das -Laster nie so gesellschaftsfähig, so hoffähig, wie dort unter -dem ersten Kaisertum. Die schauerliche Dekadenz des städtischen -Adels: Vermögensunterschlagung, Völlerei, Feigheit, Blutschande, -Verwandtenmord, Erpressung, Verworfenheit; die Bordellwirtschaft -Messalinas im Kaiserpalast, Agrippinas gieriger Ämterschacher --- das war der freche Ruhm der Großen dieser Welt. Dazu auf dem -Richtplatz die Leichenhaufen der Verurteilten; dazu gar die grotesken -Volksbelustigungen, die Blutbäder der Gladiatoren in der Arena. Was war -da noch der Mensch? Was war da noch Menschenwert? - -Da läßt Seneca in die Paläste seine Schriften ausgehen, die den Wert -der Einzelseele, des Individuums verkünden. Mit Verachtung wendet sich -der reichste und mächtigste Mann Roms von den großen Sensationen der -Arena ab[279]; aber er schilt nicht; er ermahnt und überredet. - -Das Laster, sagt er, beherrscht uns alle; es ist eine ansteckende -Krankheit. Aber wir wollen genesen. Woher die Heilung nehmen? Verachte -alles Vergängliche; das gibt die Heilung; habe Ekel vor den Begierden; -kämpfe mit deinem Fleisch. Aber stehe aufrecht und fürchte dich -nicht[280]. - -Und freue dich des Leidens. Der gute Mensch wird nur stark durch -Erschütterung (~marcet sine adversario virtus~). Der Steuermann bewährt -sich erst im Sturm. Wir sollen den Sturm suchen[281]; wir sollen die -Wunden suchen, wie ein Athlet[282]. Und wir sind zur Liebe da, nicht zum -Hassen. Was soll der Zorn? Der dich beleidigte, der irrte nur. Also -vergib ihm. Hilf deinem Nächsten und warte nicht auf Dank; denn auch -die Gottheit fragt nicht nach Dank, wenn sie dir wohltut. Nur der lebt, -der vielen nützt; wer träge zu Haus sitzt, sitzt in seinem eigenen -Grabmal, und man müßte ihm auf seine Marmorschwelle schreiben: „Er ist -vor seinem Tode gestorben“[283]. - -Weiter: sei menschlich und dankbar auch gegen den Sklaven; denn alle -Menschen sind gleich vor Gott. - -Der Körper aber ist nur eine Last, ein Gefängnis. Der Tod ist der -Geburtstag des Ewigen (der ~natalis aeterni~). Sterben ist Gewinn. -Halte dich reisefertig (~anima in expedito est habenda~). Wir fliegen -zu unserem Ursprung zurück[284]. Aber der Tod genügt nicht; wir sollen -auch unseren Tod noch wertvoll machen. Wir sollen haben, wofür wir -sterben[285]. - -Solche Gedanken nehmen, wie in der christlichen Lehre, den breitesten -Raum ein. „Ich liebe das Leben, weil ich sterben darf“[286]: das gibt -den Grundton. Aber auch der freiwillige Tod Catos wird als Rettung -aus der Not der Zeit, den Greueln der Tyrannei, gebilligt. Und so ist -Seneca endlich auch ein Seelsorger und Tröster der Trauernden. Auch wer -untröstlich am Grabe seines Kindes steht, findet bei ihm ein helfendes -Wort: „Kein Leben ist zu kurz, wenn es gut war“[287]. Von den sinnlichen -Freuden des Paradieses aber weiß er nichts. Im Jenseits sind alle -Herzen offen und durchsichtig: das ist das Schönste, was Seneca vom -seligen Leben zu verkünden weiß[288]. - -So überschwenglich reich diese Diatriben Senecas sind -- reich auch an -frischen, echt volkstümlichen Wendungen im Stile Bions und unmittelbar -anschaulichen Bildern aus dem Leben, -- so sehr enttäuschen seine -Tragödien. Aber auch bei ihnen muß ich verweilen. Denn an solchem Manne -ist nichts unbedeutend. Wo ist der Staatsmann, der Richelieu oder -Bismarck, der neben seinem großen politischen Wirken noch eine neue -Ethik und noch Tragödien bleibenden Wertes schrieb? - -Der Stimmungsbereich ist in Senecas Dichtungen freilich eng. Er greift -immer nur nach dem Gräßlichen, Entsetzlichen. Eine Iphigenie, Antigone, -ein Philoktet liegt ihm nicht. Und der Grund dafür ist durchsichtig. -Die blutrünstigen Laster seiner eigenen Zeit sind es, die Seneca in -ihren tragischen Konsequenzen zeigen will: ~frenare nescit iras~[289]! -Brudermord, Familienschande, kannibalische Rachsucht bis zum Äußersten. -Es sind Abschreckungsbilder, die er gibt, und sie dienen der Moral. -Mitten in die furchtbaren Tiraden seiner Helden aber drängt sich das -Chorlied, das da die Armut der kleinen Leute, den ländlichen Frieden, -das Hirtenleben sehnsüchtig preist[290]. Niemand scheint bemerkt zu -haben, daß Seneca selbst uns in der Schrift ~De ira~ (II, 5) den -deutlichen Hinweis gibt, was die Tragödie für ihn bedeutet. Denn als -Beispiel für die üble Wirkung des Zornes führt er dort den „Aiax“ des -Sophokles an. Ganz ebenso sind seine eigenen Tragödien groß angelegte -Belegstücke für seine Theorie von der Verderblichkeit der Leidenschaft. -Die Überspannung bis zum äußersten, die uns in ihrem Ton belästigt, da -sie sich nirgends genug tun kann, lag im Zweck des Dichters. - -[Randnotiz: Lesedramen; Vergleich mit Shakespeare.] - -Es gilt dabei zu wissen, obgleich dies meistens verkannt wird, daß -diese Stücke nur Lesedramen, daß sie nie zur Aufführung bestimmt -gewesen sind. Daher eben sind sie uns allein erhalten. Sie verdrängten -alle Spieldramen der Früheren, eines Pomponius und Accius, durch ihre -Lesbarkeit. Es war bequeme Buchlektüre. - -Woraus läßt sich das entnehmen? Aus ihrer Unaufführbarkeit. Ich rede -hier nicht vom Ortswechsel, den der Dichter zuläßt, nicht von den -eingelegten, oft schier meilenlangen Gesängen, die kein Chor wirklich -absingen konnte; auch nicht von den Helden selbst, die sich nicht -entwickeln, sich nicht wechselweise beeinflussen, sondern zumeist nur -Abhandlungen oder Sinnsprüche reden über Liebe und Haß, Wut und Neid, -an denen jeder Schauspieler hätte verzweifeln müssen. Es sei vor allem -auf eines hingewiesen: - -Shakespeare läßt seinen Julius Caesar auf offener Bühne erstechen, und -das ist sein Haupteffekt. Bei Sophokles dagegen wird der böse Aegisth -sorglich hinter die Kulisse geschafft, um da durch des Orest Schwert zu -fallen. Das ist der tiefstgreifende Unterschied zwischen antiker und -moderner Tragödie. Die antike vermeidet solche sinnfälligen Effekte -ganz. Das ist, was sie so vornehm erscheinen läßt: keine Tötung, kein -Handgemenge. Seneca aber steht auf dem Boden des Shakespeare, nicht des -Sophokles: das ist das kunstgeschichtlich Merkwürdige; er bricht mit -der antiken Tradition und nimmt vollkommen das Moderne vorweg. - -Es ist klar, daß die Gepflogenheit des Altertums durch das Kostüm -bedingt war. Der Schauspieler der Kaiserzeit ging auf dem Kothurn; er -balancierte auf einer hohen hölzernen Stelze. Bei jeder lebhafteren -Bewegung fiel er um, das lange Schleppkleid schlug in die Höhe, die -Stelzen starrten in die Luft, und das Publikum brach in furchtbares -Gelächter aus[291]. Nicht einmal ein Trinken und Essen konnte vorgeführt -werden; denn die mächtige Gesichtsmaske hinderte. - -Seneca nahm auf diese Schwierigkeiten gar keine Rücksicht. Vor unseren -Augen erschießt Herkules mit dem Bogen seine fliehenden Kinder, und -die Leichen werden vor unseren Augen untersucht; sie haben den Pfeil -im Nacken. Vor unseren Augen steigt Medea aufs Dach und ersticht -da höhnend ihren kleinen Sohn, während Jason von unten zusieht und -jammert. Hippolyts Leiche ist zerstückelt; vor unseren Augen werden -Kopf, rechte und linke Hand und andere Gliedmaßen herbeigebracht und -der Körper mühsam wieder zusammengelegt, damit Theseus seinen Sohn -erkennt. Grauenvoller noch der Thyest, und dies ist vielleicht der -Gipfel der Dichtkunst Senecas. - -Atreus haßt seinen Bruder Thyest. Ein tödlicher Haß. Er lockt des -Thyest drei Söhne an sich, schlachtet sie und setzt sie dem Bruder -als Speise vor. Die Türen zu einem Innenraum werden geöffnet: drinnen -liegt Thyest kauend und schon satt am Tisch auf dem Polster und zecht -und singt berauscht noch ein Lied. Plötzlich erfaßt ihn Schwermut; -er muß weinen; er ruft in Sehnsucht nach seinen Kindern. Da tritt -triumphierend Atreus herzu und sagt ihm in zweideutigen Worten: daß er -sie schon hat, daß er sie schon umfängt. Er selbst ist seiner Kinder -Grab. Inzwischen hat die Sonne, hat das Weltall sich vor Entsetzen -verdunkelt. Das letzte Drittel des Stückes spielt in völliger Nacht; -nur der Eßsaal ist künstlich erleuchtet. Kein antikes Theater konnte -das vorführen[292]. - -Die Schrecknisse der Shakespeareschen Kunst, die Erdrosselung -Desdemonas im Othello, die Blendung des Gloster im Lear, sind also in -den Lesedramen Senecas vorweggenommen. Es ist sicher, daß Shakespeare -in dieser seiner nervenerschütternden Praxis nicht etwa durch unseren -Seneca selbst beeinflußt war; denn auch die Passionsspiele und -Moralitäten des Mittelalters hatten es ja nicht anders gemacht; man -denke an Christi Geißelung und Kreuzigung, die man in allen Kirchen -leibhaftig vorführte. Aus Gideons Kampf mit den Philistern wurde damals -im „Prophetenspiel“ wirklich eine Schlacht, so daß die Zuschauer selbst -die Angst ergriff[293]. Gleichwohl haben Senecas Dramen, seitdem sie -wieder bekannt wurden[294], für dies grob drastische Verfahren eine -nachträgliche klassische Sanktion gegeben. - -[Randnotiz: Herkules Oetaeus. Biographisches: Verbannung.] - -Am denkwürdigsten aber ist Senecas Herkules Oetaeus[295], und jeder -Theologe und Evangelienforscher sollte dies Stück, den Herkules auf -dem Oeta, einmal lesen, so peinigend auch das enorme Pathos ist, das -ihn erfüllt. Denn da erhebt sich die stoische Religion dazu, einen -Gottessohn darzustellen, der auf Erden erschienen ist, um zum Gottvater -erhöht zu werden: eine Konkurrenzdarstellung zu den Evangelien, aber -schon um das Jahr 55, vor dem Ur-Matthäus und Marcus geschrieben. -Herkules wird nicht gekreuzigt, aber unter Höllenqualen vergiftet und -durch den Feuertod erlöst. Die Mutter aber, die ihn vom höchsten Gott -empfangen und geboren, Alkmene, steht vor ihrem sterbenden Sohn und -erlebt die Passion mit durchbohrtem Herzen und ringt nach Fassung, um -der Welt zu zeigen, wie eine Mutter um ihren Sohn trauern muß[296]. - -Dieser Herkules, mit seinem Flammentode, war ein altes Ideal der -Stoa[297], und er hat dem Christusdienst auch sonst Konkurrenz gemacht; -dies dürfen wir folgern aus jener Erzählung vom Peregrinus Proteus -(bei Lucian), der erst Christ ist, dann aber sich zur Herkulesreligion -bekehrt, vor dem Volke einen Scheiterhaufen errichtet und den Tod des -Gottessohnes Herakles auf sich nimmt. - -Alles dies beweist genug. Es ist unglaublich, daß einsichtige -Philologen verkannt haben, wie eng verknüpft Senecas Tragödien mit -seinem Gesamtwirken gewesen sind. - -Nun aber sein Leben selbst. Es fragt sich: was hat der Mann mit seinen -Lehrschriften gewollt? Wann und zu welchem Zweck hat er sie geschrieben? - -Seneca war Spanier von Herkunft, ein Sohn Cordobas, ein Kind des -Sonnenlandes Andalusien. Der Spanier galt als brav und bedürfnislos; -er galt als heroisch, wenn man ihn marterte[298]. So ist uns Senecas -Vater als ehrenfester Mann bekannt. Der Sohn dachte gar nicht -daran, Berufsphilosoph, Kathederphilosoph, wie er es selbst nennt: -~philosophus cathedrarius~[299] zu werden. Er nahm die stoische -Lehre nur früh in seine Gesinnung auf; sie stärkte ihn bei schweren -Krankheitsfällen[300]. Der griechische Weise Demetrius, der als Bettler -(~seminudus~) in Rom einherging, war ihm ein lieber Verkehr, er -verehrte ihn zeitlebens schwärmerisch und hielt ihm die Treue. Seneca -aber wollte von vornherein etwas ganz anderes als dieser: er wollte -ein tätiger Staatsbürger, ein Mann der Tat und nicht der Betrachtung, -ein Mann der ~actio~, nicht der ~contemplatio~ sein. Das sagt er uns -ausdrücklich: sein Leben war ein Geschäftsleben ohne Ferien[301]. Als -junger Mann schon wurde er Senator[302] und zugleich der erfolgreichste -Sachwalter in den gewaltigen Prozessen jener Zeit, die vor Kaiser -und Senat geführt wurden. Das Leben des Senators aber war das -angespannteste: das müßige Volk lief in die Bäder; die Senatssitzungen -währten vom Morgen bis in die Nacht. - -Der Kaiser Caligula aber war über die Erfolge dieses ernsthaften -Menschen wütend und zwang ihn, die Sachwaltertätigkeit aufzugeben. Da -beschränkte sich Seneca auf das, was er nennt: ~tacita advocatione -cives iuvare~, „mit stummer Advokatur den Mitbürgern zu helfen“[303]; er -stellte sich als Ratgeber zur Verfügung, ohne als Redner zu wirken[304]. -Und in dieser Stellung und nicht durch seine Schriften gewann er schon -damals große Kreise von dankbaren Anhängern; denn als die Kaiserin -Messalina ihn im Jahre 41 nach Corsica verbannt -- Seneca war den -nichtsnutzigen herrschenden Hofkreisen unbequem --, da wird bemerkt, -daß das ein Schlag gegen die öffentliche Meinung der Hauptstadt war. - -Man brachte gegen ihn das Unbewiesene vor, daß er Liebhaber der -verführerischen Prinzessin Julia Livilla, der Schwester Agrippinas, -war. Beide Schwestern, Livilla und Agrippina, waren der Messalina -verhaßt. Diese wilden weiblichen Katzen verbissen sich ineinander, bis -Livilla sich verblutete. - -Sicher ist, daß Seneca mit Livilla und Agrippina irgendwie liiert -war[305] und daß Messalina in ihrem schamlosen Treiben sich vor Seneca -fürchtete oder durch ihn behindert fühlte. Denn so lange sie lebte, -duldete sie seine Rückkunft aus Corsica nicht. Kaum aber ist sie tot, -da wird er von Agrippina nach Rom berufen und beherrscht auf einmal die -Lage der Dinge, den Senat, den Hof. - -[Randnotiz: Erzieher Neros. Schrift an Polybius. Schrift gegen den Zorn.] - -Seneca wurde der Lehrer Neros. Ob Nero oder nicht vielmehr der junge -Prinz Britannicus Kaiser werden würde, war noch unentschieden, und so -ist es von Interesse zu erinnern, daß auch dieser Britannicus damals -seinen Erzieher hatte, den Sosibios, der vom Kaiser Claudius einmal -eine Million geschenkt erhielt, weil er sich auch als Berater des Hofes -bewährte[306]. Auf diesem Wege ist auch Seneca ein +Berater+ des Hofes -geworden. Sein Lehrauftrag betraf nur die Redekunst; wir wissen aber, -daß solche Rhetoriklehrer in den vornehmen Familien den ersten Zweck -hatten, für die sittliche Haltung ihres Zöglings zu sorgen[307]. Dadurch -gewannen sie oft genug maßgebenden Einfluß im Hause. - -Aber er war noch immer kein „Philosoph“. Die einzige bemerkenswerte -ethische Lehrschrift, die Seneca bisher verfaßt, war die gegen den -Zorn[308]. In den acht Jahren auf Corsica hatte er Muße genug, hat aber -allem Anschein nach nicht daran gedacht, diese Schriftstellerei da -fortzusetzen. Er war zeitlebens Mann des Geschäftsfleißes, der ~actio~, -ein Organisator großen Stils. Daher war ihm das Exil so unerträglich. -Er war lahmgesetzt[309]. In der Zurückgezogenheit wird solche Natur -unproduktiv und versinkt in pflanzenhafte Stille. Nur im Getriebe des -großen Lebens, durch tägliche Reibung, entzünden sich ihre Fähigkeiten, -steigert sich ihr Können und Wollen, und sie wächst mit ihren Zwecken -ins Große. - -Wie mit dem Cyniker Demetrius, so war Seneca mit dem griechischen -Gelehrten Polybius befreundet. Dieser augenscheinlich vortreffliche -Mann war Freigelassener des Kaisers und hatte als solcher das Hofamt -für Bittschriften zu verwalten. Als Polybius seinen Bruder verlor und -schwer um ihn trauerte[310], richtete Seneca im ersten Jahre seiner -Verbannung an ihn ein Trostschreiben; da war es naheliegend, ja -selbstverständlich, daß er die Gelegenheit benutzte, um in derselben -Schrift nun auch sein dringendes Verlangen nach Rückberufung aus dem -Exil zu äußern; Polybius sollte dafür wirken. Diese Schrift war aber -nicht etwa als Privatbrief abgefaßt; vielmehr veröffentlichte sie -Seneca, legte sie also selbst dem großen Publikum der Hauptstadt vor; -die Sache war für dies Publikum somit von Interesse, und sie war völlig -ohne Anstoß; sonst hätte er dies nicht tun können, und es ist also ganz -müßig, sie ihm heute als Fehlgriff oder gar als Selbstentwürdigung -anzurechnen[311]. Zugleich preist er in dieser Schrift die guten -Eigenschaften des Claudius in vollen Tönen -- solches Lob war damals -nichts als eine andere Form der Ermahnung[312] --, während zum Lobe der -Kaiserin Messalina kein Wort darin steht. Es folgt daraus aber, daß -Seneca auf Claudius, der ohne Frage manche guten Eigenschaften besaß -und der damals, im Jahre 43 auf 44, eben erst die Herrschaft begonnen -hatte, tatsächlich noch große Hoffnungen gesetzt hat. Dieser Kaiser -mit der schwachen Willenskraft bedurfte nur der Leitung, und dem -moralischen Einfluß Senecas hatte er sich überdies schon zugänglich -gezeigt; denn als in Rom Senecas Verdammungsschrift gegen den Zorn -bekannt wurde, erließ Claudius sogleich naiv gutherzig ein Edikt, in -dem er versprach, seine Neigung zum Jähzorn hinfort bemeistern zu -wollen. Konnte Seneca zunächst mehr verlangen? Er durfte damals also -erwarten, daß er den Kaiser auch weiterhin günstig würde beeinflussen -können, falls er aus Corsica fort und wieder in Rom war. - -Allein die Kaiserin stand dem Plan gehässig im Wege, und erst als -Messalina starb, wurde sein Wunsch erfüllt. - -In jener Mahnschrift über den Zorn hatte Seneca unter anderem auch über -Knabenerziehung gehandelt, und diesen Ausführungen dankte er es ohne -Zweifel, daß ihn Agrippina gleich nach seiner Rückkehr zum Erzieher -ihres Sohnes Nero berief[313]. Überhaupt aber veröffentlichte er in der -nämlichen Schrift sein Lebensprogramm und gleichsam seine Methode. -Kein revolutionärer Sturm und Drang steckte in ihm, keine Gracchus-, -keine Brutusnatur. Seine Tapferkeit war defensiv, nicht offensiv[314]. -Inmitten der furchtbaren Brutalitäten will er nur andauernd und -grundsätzlich die Milde und Ruhe wahren und die stoische Lehre, daß -man nie Böses mit Bösem vergelten soll[315], wirklich wahrmachen. Mit -Verachtung blickt er auf die Germanen; denn die Germanen sind ein Volk -des Jähzorns, ein Volk der Rache. Bessern, nicht strafen soll man den -Gegner -- auch das öffentliche Strafrecht wird von ihm auf diesen Satz -gegründet[316] --, und ist der Kaiser selbst der Beleidiger, so soll man -es mit Lächeln tragen[317]. Das mag uns fremd berühren und in seiner -Durchführung als Schwäche erscheinen; wir dürfen aber nicht vergessen, -daß es ein kranker Mann ist, der so denkt und schreibt. Hager und -abgezehrt, ein Opfer der Neuralgie, vor allem zeitlebens von schwerem -Herzleiden gepeinigt[318], war Seneca auf die frugalste Ernährung, auf -die Verhütung aller jähen Erregungen angewiesen. Er kannte die Nähe des -Todes und bewahrte eben darum eine gleichmäßige Heiterkeit[319]. - -[Randnotiz: Agrippina zurückgedrängt. Senecas Reichsverwaltung.] - -Kaum tritt nun dieser schwächliche Mann in das Zentrum der Ereignisse, -so muß er erleben, wie das Regiment gleich in seinen Fugen -zusammenkracht. Es war das Jahr 54 n. Chr. Agrippina, die Kaiserin, -vergiftet den Kaiser Claudius, ihren Gatten; sie läßt auch den Narciß -umbringen, den gefürchteten Hausminister des Kaisers. - -Agrippinas Sohn Nero ist unmündig; Agrippina will jetzt selbst Kaiser -Roms sein; die starrsinnig übermütige Frau will ihr schmähliches -Raubsystem, ihre Mißhandlung des Senats fortsetzen. Da erhebt sich -Seneca. Mit zwei meisterhaften Schachzügen wirft er sie um, vernichtet -er die Autorität der Kaiserin, indem er ihr gleich bei einer der ersten -großen kaiserlichen Audienzen geschickt den Vorsitz entzieht[320] und -durch seine geistsprühende Satire, die man Apokolokyntosis nennt, ihr -politisches Ansehen vollständig zertrümmert[321], und regiert jetzt auf -einmal selbst, gestützt auf Burrus, den Präfekten der Garnison, das -Weltreich, die Welt von Armenien bis Spanien und England. Denn der -junge Kaiser Nero, dieser Ästhet, diese schillernde Molluske, dieser -knochenlose Polyp, war für ernste Dinge nicht zu haben. Seneca mußte -sich mit dem Versuch begnügen, seine gefährlichen Triebe zu mäßigen, -seinen Allmachtsrausch zu dämpfen. Nero war nur der Zeiger, nur das -Schlagwerk an der Uhr, Seneca fortan die stille Feder im Uhrwerk, die -niemand sah und deren stählerne Kraft alles bewegte. Als Schützer des -Vaterlandes betrachtet er jetzt sich selbst[322]. Es waren nur etwa 7-8 -Jahre: die vielbesungene goldene Zeit Roms. - -Der junge Kaiser mußte Senecas ausführliches Regierungsprogramm im -Senat wörtlich vorlesen. Und dies Programm wurde wirklich durchgeführt: -Seneca kehrte zu den Grundsätzen des Idealkaisers Augustus zurück, -desselben Augustus, dem er auch in seiner Claudiussatire voll Verehrung -das entscheidende Wort erteilt[323]; der Senat ist nun wirklich wieder -die selbständige gesetzgebende Körperschaft, der Kaiser nur der erste -Bürger der Stadt, und kein Justizmord geschieht mehr[324], keine -Staatsämter sind mehr käuflich; das scheußliche Denunziantentum, die -Gesinnungsriecherei hört auf; das Gerichtsverfahren ist wieder das -alte[325]. Man spricht wieder von der alten Freiheit; denn die Monarchie -ist zur Freiheit kein Gegensatz[326]. - -Dazu kamen aber auch Reformen[327], eine Reform des Steuerwesens[328], -vor allem die Zentralisierung der Reichsfinanz in der Hand des -Kaisers, indem das Ärarium des Senats in den kaiserlichen Fiskus -aufging. Das war Senecas nützlichstes Werk. Aber auch dem Gedeihen der -Reichsprovinzen galt seine Fürsorge; er hält darauf, daß die Provinzen -gegen die Statthalter in Rom unbehindert Klage erheben können[329]. - -Wie sehr Senecas Reformen ins Einzelne gingen, lernen wir jetzt aus -den ägyptischen Papyri. Seneca hat gleich im Jahre 55 für Ägyptens -Hauptstadt eine neue Gemeindeordnung[330] sowie für militärische -Aushebungszwecke eine Neuordnung der Namenlisten der Dienstfähigen in -Ägypten eingeführt[331]. Er war selber früher in Ägypten gewesen; daher -das Interesse[332]. - -Im übrigen rufe ich den Apostel Paulus zum Zeugen. In Paulus’ -Römerbriefe, der im Jahre 54 oder bald danach geschrieben ist, wird im -Kapitel 13 die Reichsverwaltung Senecas anerkannt mit der Bezeichnung, -daß sie Gottes Dienerin zum Guten sei[333], vor der sich die Bösen, aber -nicht die Guten zu fürchten haben. Diese Worte schrieb Paulus damals in -Korinth, fern von Rom. Der Segen wurde überall empfunden[334]. - -Und eben erst damals begann nun auch die große Schriftstellerei -Senecas. Das ist das Erstaunlichste. Sie war also aktuell im höchsten -Grade. Diese Schriften sind Erzeugnisse der ~actio~, nicht der -~contemplatio~. - -Zunächst allerdings Neros persönlichste Wünsche! Nero wünschte -Gedichte zu sehen. Wer weiß, was für Arientexte der junge Sänger von -seinem Lehrer erwartete? Seneca aber schrieb ihm damals zu seiner -Warnung jene schreckhaften Tragödien, von denen ich sprach, mit den -berühmten Schlagwörtern gegen die Tyrannen und der Mahnung: „~rex velit -honesta~“[335]. - -[Randnotiz: Lehrschriften über Gnade und Wohltun, über Reichtum u. a.] - -Doch das ist belanglos. Jetzt schreibt er vor allem die große -Hauptschrift über die Wohltätigkeit[336] und die andere über die Gnade -des Herrschers. Er rafft seine Kräfte; er will jetzt sein Bestes tun. -Die zweite ist eine Erziehungsschrift, dem jungen Kaiser überreicht, -der vor Tyrannei, Blutvergießen und jeder herrischen Wallung dringend -verwarnt wird und Milde lernen soll, wie der große Kaiser Augustus -sie übte. Es ist bedeutsam, daß Seneca diese Mahnschrift nicht nur -dem jungen Kaiser in die Hand legte, sondern zugleich kühn ins -Publikum warf. Damit band er sich selbst vor der Öffentlichkeit. Der -Öffentlichkeit vertraute der Minister an, was er von seinem Monarchen -forderte. Nur sein Sturz konnte sein Programm aufheben. Wichtiger noch -das Werk über das Wohltun[337]. Es ist in der Tat das Vollkommenste, was -die Antike über Menschenliebe, d. h. über die Pflicht sozialer Hilfe -gebracht hat[338]. Keiner vor Seneca hat etwas Ähnliches, praktisch -Brauchbares geschrieben. Die Sophismen der griechischen Philosophen -schiebt er in überlegener Weise beiseite, alles Schulmäßige streift er -nach Möglichkeit ab[339]. Und diese Sachen kamen von der höchsten Stelle -im Reich; das ist das ganz Eigenartige: die Regierung selbst predigt -eine neue Ethik. - -So hatten es einst auch Lykurg und Solon bei den Griechen gemacht; so -Moses bei den Juden. So macht es jetzt der römische Staatsmann. - -Und so ist denn auch die Tragweite, die Einwirkung seiner Ethik die -tiefstgehende gewesen; sie reicht deutlich erkennbar durch die nächsten -Jahrhunderte, ja, sie reicht bis heute. Wenn Paulus in dem genannten -Kapitel, nachdem er Senecas Regierung als weltliche Autorität anerkannt -hat, hinzufügt: „Du sollst deinen Nächsten lieben (ἀγαπᾶν) wie dich -selbst[340]“, so war das eben der Gedanke, den Seneca damals von oben -her in die Welt warf und den Paulus billigte. Die spätere christliche -Kirche konnte in der Tat nichts tun, als diese Lehre festzuhalten, und -es läßt sich schwerlich sagen, daß sie sie wesentlich weiter gefördert -hat[341]. Ich erwähne das Sklaventum. Noch Thomas von Aquino, der Fürst -der katholischen Dogmatik im 13. Jahrhundert, hält an der Sklaverei als -einer staatlichen Einrichtung fest und ist betreffs der menschlichen -Behandlung der Unfreien nicht über das hinausgekommen, was Seneca -lehrt[342]. - -Eine persönlichere Note haben andere Schriften Senecas, wie ~De vita -beata~, d. h. „über reiche Lebensführung“ oder über das Wesen des -Reichtums, und die Schrift über die Seelenruhe, ~De tranquillitate -animi~. Man hatte ihm vorgeworfen, daß sich durch Neros launenhafte -Güte ein übergewaltiges Vermögen[343] in seinen Händen ansammelte. -Seneca legt nun erstlich dar, daß das Arbeiten für Staat und Vaterland -die höchste Pflicht des Lebens ist[344], sodann aber, daß nur der -Reichtum einen wirksamen Gebrauch der Tugend möglich macht, d. h. nur -die Geldkraft ermöglicht die soziale Hilfe[345]. Das Kapital muß nur in -den rechten Händen sein[346]. - -So dachte er. Nirgends aber finden wir dabei den Ton des Stolzes oder -protzenhafter Selbstüberhebung; vielmehr geht eine gutherzige und -liebenswürdige Bescheidenheit durch all seine Schriften, die echt ist -und sich gleich bleibt[347]. - -[Randnotiz: Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt und Ende.] - -Senecas großes Bankinstitut -- so können wir es nennen; es war -gleichsam eine Reichsvorschußzentrale -- gab Darlehen durch alle -Länder, über ganz Europa und Afrika. Wir hören einmal, wie die -jungen Gemeinden in England, welches Land damals eben erst römische -Provinz geworden war, eine Anleihe von 10 Millionen Sesterz bei ihm -gemacht haben und wie er das Geld kündigen muß, weil die Zinsen nicht -einlaufen[348]. Es ist kindisch zu sagen, daß er keine Zinsen hätte -fordern sollen[349]. Seneca wußte, daß eine von der Regierung selbst -geleitete Bank für den Staat ein Segen, daß sie aber ohne Sicherungen -nicht operieren kann. Staatsbanken kannte das Altertum noch nicht. -Das Privatinstitut Senecas kam dem am nächsten. Man erinnere sich, -um die Sache richtig zu verstehen, daß auch der kaiserliche Fiskus -das Privatvermögen des Kaisers war, das aber in den Dienst des Reichs -gestellt wurde. Just ebenso machte es Seneca mit seinem Fiskus. - -Ganz abzusondern von dieser gewaltigen geldwirtschaftlichen Arbeit -ist Senecas eigene Lebensführung, seine persönliche großartige -Mildtätigkeit, die, wie wir lesen, auch noch den Nachlebenden als -leuchtendes Vorbild galt[350]. Er selbst äußert sich maßvoll: er gab -nur mit Wahl. „Ich habe einen Geldsack, der leicht aufgeht, aber -nicht durchlöchert ist, aus dem viel genommen wird, aber nichts -herausfällt“[351]. Doch hatte eben alles bei ihm großen Stil. Ja, -Tacitus erzählt, daß viele Kinderlose damals dem Seneca ihr Vermögen -vermachten; man wußte das Geld nirgends besser aufgehoben als bei ihm. - -In Nero aber war längst die Bestie erwacht. Das Gräßlichste geschieht. -Nero läßt seine Mutter Agrippina ermorden. Es hieß: Agrippina hätte -auch ihrem Sohne nachgestellt. Das war auch für Seneca die Katastrophe. -Was sollte er tun? Er suchte trotz allem Nero zu halten. Ja, er mußte -Neros Schandtat bemänteln. Er mußte es; denn er brauchte ihn. Er konnte -ohne des Kaisers Zustimmung nicht wirken[352]. Wenn nur dieser Nero ihm -ferner gefügig blieb! - -Hier müssen wir uns der antiken Denkweise erinnern. Dem Seneca erschien -der jedesmal regierende Kaiser, er sei gut oder schlecht, unantastbar -und durch sein Amt geheiligt, ein Stellvertreter Gottes[353], ungefähr -wie der Papst dem römisch-katholischen Christen. Suchen wir eine -Analogie aus unserer Zeit, so läßt sich in der Tat nichts anderes -sagen: der Kaiser Roms war Oberpontifex; er war der Papst des -Heidentums. Er ist wie das Wetter, das wir, ob es uns auch vernichtet, -willenlos hinnehmen und nicht ändern können[354]. - -Hätte Seneca damals rasch entschlossen Nero, den Muttermörder, selbst -aus der Welt geschafft, er hätte es mutmaßlich gekonnt; das Volk hätte -ihm zugejauchzt, und er wäre selbst Kaiser geworden. Es gab in der Tat -Leute, die das von ihm erwarteten. Aber Seneca war kein Sejan; ihm -fehlte der Wille[355]. Nur ein Soldat konnte Imperator sein, und das war -er nicht. - -Nun wurde er bald genug Neros Opfer. Im Jahre 65 starb er. Nero hatte, -von dem nichtswürdigen Tigellinus beherrscht, Seneca schon aus den -Geschäften verdrängt, auch die Riesenkapitalien ihm abgenommen, um -das Geld für seine goldenen Palastbauten zu verschwenden, und stand -fortan sprungbereit, seinen Lehrer umzubringen. Aber er wagte es -nicht. Seneca war zu angesehen. Nero war zu feige. Das zog sich hin -durch drei Jahre namenloser Erregung[356]. Aber Senecas Philosophie, -sagen wir besser seine Natur, bewährte sich. Seine Seelenruhe ist -bewundernswert. Denn obschon er jetzt, beständig bedroht, wie auf einem -Vulkan lebte, fand der Rastlose in dieser Zeit trotzdem die Ruhe, nicht -nur ein vollständiges System der Moralphilosophie, das uns verloren -ist, sondern daneben sein großes naturforschendes Werk (wir könnten -es den „Kosmos“ der römischen Literatur nennen), eine Arbeit wirklich -wissenschaftlicher Haltung, vor allem aber seine 124 Moralbriefe zu -schreiben, die uns sein Innerstes erschließen und der gedankenreichste, -unvergänglichste Nachlaß seiner Feder sind. Er wußte, was ihm -bevorstand. In seinem 26. Briefe steht: „Ob ich tapfer bin, werde ich -in meiner Todesstunde zeigen.“ Er hat das durch den qualvollsten Tod -bewahrheitet. Sein gräßliches Martyrium war vernichtend für Nero, für -ihn selbst war es Verklärung. Die antiken Martyrologien erzählten -davon[357]; seine „letzten Worte“ wurden lange Zeit aufbewahrt[358]. - -[Randnotiz: Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild.] - -Sein Werk aber blieb unverloren. Schon Nero nannte es mit seinem -unreinen Munde ein Werk für die Ewigkeit, ~munera aeterna~[359]. Der -beste aller Kaiser Roms war Trajan, auch er ein Spanier wie Seneca; -Trajan aber hat ausdrücklich an Seneca angeknüpft mit der Äußerung, -die Leistungen aller anderen Kaiser stünden hinter Senecas Verwaltung -zurück[360]. Gleichzeitig tönt uns aus Juvenal die Stimme des Volkes -entgegen: „Hätte das Volk damals zu wählen gehabt, es hätte Seneca -zum Kaiser gewählt“[361]. So führt die Höhenlinie der großen römischen -Kaisergeschichte von Augustus über Seneca zu Trajan und zu Mark Aurel. - -Auch der Kaiser Mark Aurel war Spanier, und in Mark Aurel hat sich nun -das Ideal ganz verwirklicht: der Philosoph und Menschenfreund hatte -endlich den Thron selbst bestiegen. Schon vorher aber war Kaiser Titus, -„die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts“, wie wir mit Zuversicht -ansetzen, durch mittelbare oder unmittelbare Beeinflussung Senecas zu -dem Musterkaiser geworden, wie Sueton ihn schildert[362]. - -Dann zerfiel das römische Reich. Aber das Erbe der Humanität Senecas -lebte unverloren weiter. Denn eben diese Humanität ist es, die dem -klassischen römischen Rechte der späteren Kaiserzeit zugrunde liegt -und in ihm praktisch wurde; sie fand aber zum Teil auch Eingang in die -Pflichtenlehre der christlichen Kirchenväter und hat so hineingewirkt -bis in unsere neueste Zeit. Die Kirchenväter hielten seit dem 5. -Jahrhundert Seneca sogar fälschlich für einen Christen; hätten sie es -nicht getan, seine Schriften wären uns mutmaßlich gar nicht erhalten -worden. - -Jetzt ist jeder, der das Liebesevangelium des Christentums würdigen -will, verpflichtet, Senecas Schriften zu kennen. - -Wir aber halten daran fest, daß Seneca ein Mensch aus einem Guß -war, kein Heros, aber doch ein Mann der Aktion großen Stils[363] -und ein seltener Mann: der im Ewigen zu leben versucht, aber sich -weltbestimmend mitten in die Endlichkeit stellt. Wir halten ebenso -daran fest, daß seine wichtigsten Schriften keine Schulabhandlungen -oder gar müßige Stilübungen, wie viele zu glauben scheinen, sondern -daß sie von hervorragend praktischer Bedeutung und das wichtigste -Hilfsmittel des Staatsmannes waren, der da einsah, daß ohne sittliche -Hebung, ohne Brechung des Egoismus, ohne Erweckung der sozialen -Impulse, ohne eine neue Ära des Menschentums die Gesellschaft nicht zu -retten war. - -Auch darin aber stand er ganz auf dem Standpunkt seines Vorbildes, des -Kaisers Augustus. - -Augustus gab seine berühmte Ehegesetzgebung; in gleichem Interesse -schrieb Seneca seine inhaltreiche Schrift „über die Ehe“. Wer will -hier noch den Zusammenhang verkennen[364]? Aber auch sonst hatte -Augustus das Volk, insbesondere die höheren Stände, durch Verbreitung -moralischer Schriften sanieren wollen. Da der Kaiser sie aber nicht -selbst verfassen konnte, so hob er, wie Sueton erzählt, aus der besten -Literatur der Vergangenheit persönlich viele wertvolle Stellen aus und -verbreitete sie durch Vorlesung und durch Abschriften mit Hochdruck. -Es war ihm bitter ernst damit[365]. Erst durch diese Parallele wird -Senecas Schriftstellerei ganz verständlich. Auch sie war in ihren -wichtigsten Teilen ein Produkt der ~actio~, nicht der ~contemplatio~. -Seine Schriften sind Regierungshandlungen, Erzeugnisse der -Staatsfürsorge, die aber aus einem warmen, ja, weichen Herzen kommen, -mit dem apostolischen Aufruf an jeden Einzelnen: Laß dich überzeugen! -Der Guten sind zu wenige[366]. Werde gut, lerne Menschenliebe, lebe dem -Staat und stütze das Ganze. Denn die menschliche Gesellschaft ist wie -ein schwebendes Tonnengewölbe. Ein Stein muß dem anderen Halt geben, -ein gegenseitiges Tragen: sonst bricht das Ganze zusammen[367]. - -An die Spitze aber stellte er das alte Gebot, das ~vetus praeceptum~, -das jeder Frömmste auch heute von ihm annehmen kann: Folge Gott! ~deum -sequere~[368]. - -Nur in einem ist Seneca bewußt und geradezu umstürzlerisch über -sein Vorbild Augustus hinausgegangen: in seiner Polemik gegen den -Aberglauben -- ~de superstitione~ --, in der er weitausholend und -in schneidendem Tone die Äußerlichkeiten im Ritus der herkömmlichen -Gottesdienste sowohl der römischen Staatsreligion wie beiläufig -auch der jüdischen bekämpft hat[369] von dem Grundsatz aus, daß -der Mensch mit Gott überhaupt nur innerlich verkehren kann und der -Ritus der äußerlichen Gebärden eine Torheit ist[370]. Auch über das -Begräbniswesen hat er sich auf das freieste geäußert[371]. Hier steht -Seneca als fortschrittlicher Theologe vor uns, der, wo immer er den -Volksvorstellungen nicht nachgeben zu müssen glaubte, aus Trieb mehr -noch als aus dogmatischen Gründen im Monotheismus lebte. „Gott hat so -viele Namen wie Gaben,“ sagt er[372], d. h. der Polytheismus ist nur -eine Vielnamigkeit Gottes. Es ist klar, daß er mit jenen Ausführungen -damals in vielen Herzen dem Christentum freie Bahn geschafft haben -muß; jedenfalls hat er dem Christentum gegen die heidnischen Kulte -die schärfste Waffe geliefert, bis die Kirche selbst dem Ritus der -äußerlichen Gebärden verfiel. - -Man möchte wissen, ob er auch diese destruktive Schrift in der Zeit -seiner Reichsverwaltung geschrieben hat[373]? - - - - -Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi. - - -Im Lager der römischen Truppen sitzt Pilatus, der Landpfleger, im -Gebäude des Prätorium zu Gericht über Christus, der sich den König -der Juden genannt hat. Christus ist zum Tode verurteilt. Während er -hinausgeführt wird und durch das Lager schreitet, fallen die Soldaten -über ihn her und treiben grausame Späße mit ihm: sie krönen ihn, geben -ihm Krönungsmantel und Zepter; die Krone machen sie aus Dorngestrüpp; -der Mantel ist wirklicher Purpur (πορφυρᾶ), das Zepter ein Rohr -(κάλαμος). Dies tun sie, wie wir betonen, weil Christus sich selbst -König genannt hat. - -Wir nehmen an, daß dies tatsächlich so vorgefallen. Denn der Vorgang -hat nichts innerlich Unglaubwürdiges. Es ist aber die Frage, ob die -Legionäre ganz aus freien Stücken auf diese grausam theatralische -Art der Verhöhnung, die der Hinrichtung voraufging, verfielen oder -ob gewisse verbreitete Anschauungen ihnen dazu die Anregung gaben. -Waren sie nun aus Gallien, Spanien, Germanien oder einem anderen Teil -des Reichs dorthin versetzt, ohne Zweifel standen sie doch unter dem -Einfluß griechisch-römischer Tradition und Lebensweise. Es ist in -diesem Sinne von verschiedenen Gelehrten verschiedenes kombiniert -worden, Glaubliches und Unglaubliches[374]. Das vollkommen Zutreffende -scheint mir noch nicht gesagt zu sein. - -Mancher wird wohl mit Scheu Teile der Passionsgeschichte, die der -Gegenstand seiner andächtigen Versenkung sind, in Beziehung gebracht -sehen zu sehr trivialen Verhältnissen des damaligen Lebens. Aber -Christi Leidensgeschichte ist doch in die Gesamtgeschichte der -Menschheit fest eingewebt, und so ist es ein begreifliches Verlangen, -wenn wir die unscheinbaren Fäden zu verfolgen suchen, durch die sie -mit ihrer nächsten Umgebung, mit dem Leben der profanen Wirklichkeit -zusammenhängt. Sie selbst wird dadurch an Glaublichkeit nur gewinnen. - -[Randnotiz: Die Sakäen. Der Arme als König. Saturnalien.] - -Auf der Suche nach Analogien ist man freilich bis zu den Skythen -gelangt. Die Saker (Σάκαι) waren ein Skythenvolk nördlich von Persien. -In Babylonien und bei den Persern feierte man ein nach ihnen benanntes -Fest, die Sakäen (Σάκαια), von dem die Griechen wiederholt berichten. -Der Redner Dio von Prusa weiß darüber mehr als andere und gibt seinem -Publikum den sensationellen Bericht zum besten: Um das Fest dem Ritus -gemäß zu begehen, hatte man einen zum Tode verurteilten Verbrecher -nötig. Der Verbrecher wird auf den Thron des Königs gesetzt, wird -mit dem Königsornat bekleidet und man läßt ihn üppig leben, auch den -Kebsweibern des Königs beiwohnen; dann aber wird er entkleidet, wird -gepeitscht und verbrannt. Es ist das Prinzip der Henkersmahlzeit vor -der Exekution. Wer kann darin aber im Ernste eine Übereinstimmung mit -der evangelischen Erzählung finden? Und was haben die Gewohnheiten der -Römer und Griechen mit den Sakäen zu tun? Vor allem aber besteht der -unabweisliche Verdacht, daß der Redner Dio hier phantasiert oder nur -eine Fabelei anderer zum besten gibt. Dies haben schon andere[375] mit -Recht gesagt. Denn die ältesten, zuverlässigsten Nachrichten über die -Sakäen wissen von Menschenopfern an diesem bacchantischen Feste nichts. - -Im Altertum war das Königwerden die Traumsehnsucht des Armen. Das ist -Märchenton. „Ich werde König heißen,“ so träumt der darbende Fischer -Gripus beim Plautus, als er einen Goldfund in seinem Netz hat; „ich -will Bürger Athens, nein, ich will Archont, nein, ich will König -werden!“ so träumt auch der gedrückte Sklave bei dem Popularphilosophen -Teles[376]. Mit Rührung wird uns darum erzählt, wie Alexander der Große -einmal einen Veteranen seines Heeres im Schnee liegen und verschmachten -sieht und wie er ihn großmütig auf seinen Thron setzt, um ihn zu -retten[377]. Noch beweglicher die Geschichte von dem Kyprier Alynomos, -der vornehm, doch ganz verarmt, einsam in einem Garten lebt. Da wird -das Königtum in Paphos erledigt. Alexander der Große läßt nach Alynomos -suchen. Das Männlein begoß eben ein Beet mit Wasser und erschrak -heftig, als des Königs Gesandte ihn fanden. Im schlichten Kittel wird -er vor Alexander geführt. Der kleidete ihn allsogleich in Purpur und -machte ihn zum König von Paphos. „So macht das Glück Könige,“ ruft -Plutarch aus, der uns dies erzählt; „nur der Anzug wird gewechselt, und -man hofft und gewärtigt es selber nicht.“ - -Nur der Anzug wird gewechselt! Verkleidung! Maskerade! Es wäre -begreiflich, wenn auch das Volkstheater damals gelegentlich derartige -Traumkönige auf die Bühne gebracht hätte. - -Lassen wir uns darum zunächst an die Saturnalien Roms erinnern, denen -ein griechisches Kronosfest (Κρόνια) entsprach; es ist ein Umweg, den -wir gehen, aber er wird sich als nicht zwecklos erweisen. In diesem -glückseligen Karneval der alten Saturnalien, dem großen Schenkfest des -Dezember, an dem alljährlich sieben Tage lang die Sklaven als Freie und -die Armen als Reiche galten, gab es auch einen Narrenkönig, der durchs -Los gewählt wurde[378]. - -Lucian ist uns dafür Hauptzeuge, und er redet von einem zweifachen -Königtum. Erstlich war es der Gott Saturn (Kronos), der beim Fest -selbst auftrat und von jemandem aus der Gesellschaft dargestellt wurde, -und zwar nicht etwa als grämlicher Greis, sondern munter und kräftig, -und, was das wichtigste, im Königsornat[379]. Es ist ja auch kein -Zweifel, daß der Kronos-Saturn, mit dem der geistreiche Lucian in dem -Schriftenkomplex Nr. 70 sich und seine Leser unterhält, nicht der Gott -selbst, sondern des Gottes Maske ist, d. h. der von einem Menschen im -Mummenschanz dargestellte Festkönig Kronos, der, wenn er den Traurigen -fröhlich machen will, ihm nicht etwa, wie sonst die Götter, im Traum -erscheint, sondern ihn leibhaftig von hinten am Ohr faßt und ihn -gehörig schüttelt, mit dem sich also auch bequem die allerlustigsten -Gespräche führen lassen und der da auch Briefe erhält und schreibt (der -erste dieser Briefe ist von „Ich“ an den Kronos gerichtet). Was Lucian -da gibt, ist nichts anderes als eine Karnevalszeitung, in der Prinz -Karneval-Kronos die Hauptperson ausmacht. Desselben Majestät erläßt -denn daselbst auch Gesetze für das Fest, die die Reichen sich in ihren -Atrien auf einer Säule aufstellen sollen; dazu die arge Drohung: Wer -die Gesetze übertritt, den wird dieser König zum Kybelepriester und -Eunuchen machen[380]. - -In allen Städten, ob groß ob klein, auch in den Feldlagern und Kasernen -war so alljährlich König Kronos zu sehen. Zu seinen Aufgaben aber -gehörte nicht nur, daß er selbst allen voran sich betrank, würfelte -und liebte, sodann auch dies, daß er wieder Festkönige schuf, die -ihm irgendwie unterstellt waren (ἄρχοντας καθιστάναι 70 1, 2). Beim -Wettrinken und Würfeln, heißt es, verleiht er den Sieg und macht, daß -der, der ihn darum recht bittet, König wird[381], so daß der so zum -Herrscher Erhobene allen alles befehlen kann, dem einen, daß er einen -satyresken Tanz zum besten gibt, dem anderen, daß er selbst sich als -niederträchtig und gemein beschimpfe, dem dritten, daß er mit der -Musikantin auf dem Arm dreimal ums Haus renne u. a. m. Leider, sagt -Kronos, ist dies Königtum, das ich verleihe, nur kurz; aber das meine -währt ja nicht länger[382]. - -[Randnotiz: Der Saturnalienkönig als Tölpel.] - -Man kann indes annehmen, daß die von Kronos, d. h. die durch das Los -kreierten Festkönige und der König Kronos selbst gewiß häufig in einer -Person zusammenfielen[383]. Wie dem auch sei, jedenfalls sah sich auf -diese Weise so mancher arme Schelm aus der Masse des Volkes oftmals -in lustiger Verkleidung zum König erhoben, bis dann mit dem Fest auch -sein Glanz erlosch. Das war also gleichsam ein Theaterspiel, in dem -das schmausende und zechende Publikum selbst die Rollen übernahm, -ein Mummenschanz, in dem der erste beste, er sei noch so kläglich, -als König und Hauptperson Gegenstand parodischer Huldigungen und -durchgängig sehr harmloser Späße wurde[384]. - -Endlich aber beachte man nun noch, daß von Seneca, wie es scheint, mit -solcher Narrenkönigsrolle die Regierung des Kaisers Claudius verglichen -worden ist. Seneca sagt, daß dieser Claudius sich Zeit seines Lebens -wie ein „~Saturnalicius princeps~“ benahm[385]. Damit kann freilich -auch nur gesagt sein, daß Claudius ein Kaiser (~princeps~) war, der -die Saturnalien liebte. Aber es ist gewiß echter, weil pointierter, -wenn wir verstehen: er benahm sich stets wie ein Saturnalienkönig[386]. -Das will besagen: seine Diener und Freigelassenen spielten dem Kaiser -auf der Nase herum, und über der unermeßlichen Vergnügtheit vergaß er -alle Pflichten. Ist dies aber zutreffend, so ist auch der Charakter der -Rolle des Saturnalienkönigs noch weiter klargestellt: wir stellen fest, -daß für ihn der Charakter des Tölpels oder des „Stupidus“ -- denn dies -war Claudius -- wesentlich war. - -Allein diese gutmütigen und platten Späße nützen uns anscheinend in -unserer Sache nichts. Jede Analogie zur Verhöhnung Christi fehlt. Es -fehlt auch jede körperliche Mißhandlung. Es handelte sich ja bei dem -Fest auch nicht um einen zum Tode verurteilten Verbrecher; und der -Saturnalienkönig nannte sich denn doch mit Recht Saturnalienkönig, -Christus nannte sich nach Ansicht seiner Peiniger mit Unrecht König der -Juden. - -Jedenfalls aber ist als unglaubwürdig und schwindelhaft beiseite -zu lassen[387], was uns um das Jahr 300 n. Chr. einmal in den Akten -des Hl. Dasius zur Sache gesagt wird. Um nämlich das Heidentum in -Verruf zu bringen, ersannen die christlichen Martyrienerzähler damals -Schreckensmären von Menschenopfern: wenn die Soldaten im Heerlager das -Fest begingen, habe sich der Saturnalienkönig, nachdem er an allen -Freuden des Lebens einige Tage lang sich gütlich getan, den Göttern -schlachten lassen müssen. So wird der Hergang auf einmal ähnlich -dem am Sakäenfest, von dem Dio fabelt. Davon weiß aber das Altertum -tatsächlich nichts. Es ist tendenziöse Erfindung. - -Gehen wir weiter. Jener Mummenschanz, mit dem das Volk Roms und -Griechenlands sein Verbrüderungsfest verschönte und der oft auch den -Armen und Geringen für wenige Tage zum König machte, ließ sich nun -auch wirklich auf das Theater bringen. Dafür haben wir einen Nachweis. -Philos Schrift gegen Flaccus ~cp.~ 5 f. ist Zeuge. In Alexandrien in -Ägypten trug sich Folgendes zu. - -Der Judenhaß war in Alexandria eine Macht. Gleichwohl und obgleich er -gewarnt war, begab sich der König der Juden, Agrippa I., von Rom aus -in die erregbare Stadt. Alsbald aber fiel die Spottlust des Janhagels -über ihn her, so oft er sich auf der Straße sehen ließ, und der -römische Präfekt Flaccus rührte sich nicht; er ließ die Straßenpolizei -nicht einschreiten. Als sich Agrippa im Gymnasion zeigte, da griffen -die jungen Leute sich einen nackten, d. h. dürftig gekleideten und -blödsinnigen Menschen (μεμηνώς τις) mit Namen Karabas, der das Gespött -der Straßenjungen war, von der Gasse auf, stellten ihn auf ein Podium, -krönten ihn, indem sie eine offene Buchrolle auf seinem Kopf zum -Diadem zusammenlegten, hingen ihm einen Fußteppich als Krönungsmantel -um und gaben ihm endlich statt des Zepters ein Stück von einem Schaft -des Papyrusschilfs, das weggeworfen auf dem Pflaster lag. Das geschah -aber, sagt Philo, in Nachahmung der Mimen im Theater (ὡς ἐν θεατρικοῖς -μίμοις). Denn diese Leute hatten keine feinere Bildung (βραδεῖς τὰ καλὰ -παιδεύεσθαι), sondern bei den Dichtern der gemeinsten Volksschwänke -gingen sie in die Lehre (ποιηταις μίμων καὶ γελοίων διδασκάλοις -χρώμενοι)[388]. - -[Randnotiz: Der Tölpel als König im Mimus.] - -Ein Papyrusschaft als Zepter! eine Buchrolle als Krone! Derartige -Verkleidungen sah man damals also wirklich auch auf der Bühne. Aber -auch von dem, was Philo noch weiter hinzufügt, werden wir annehmen -dürfen, daß darin dieselben Theaterstücke nachgeahmt sind, wenn schon -Philo dies nicht ausdrücklich sagt. Denn der Bericht geht weiter. So -stand also Karabas als König da. Junge Leute stellten sich (jedenfalls -auf demselben Podium) als Gefolgschaft um ihn herum und spielten -eine Szene; sie huldigten ihm (ἀσπάζεσθαι) und gingen ihn dann um -Rechtsentscheidungen und um Entscheidungen in Verwaltungssachen -an. Die Menge aber bildete um die Gruppe einen Kreis, wie um den -Pulzinellkasten, und auf einmal scholl aus dem Publikum der Ruf: -„Maris!“ Maris hieß nämlich, sagt Philo, auf syrisch „der Herr“. -Agrippa selbst aber war Syrer. - -Wir dürfen voraussetzen, daß solche Szenen wie die geschilderte -im Volksschwank oder Mimus damals beliebt waren. Daraus hat ein -Gelehrter[389] den zunächst wirklich naheliegenden Schluß gezogen, daß -auch die Kriegsknechte im Evangelium diesen nämlichen Volksschwank -gekannt haben und daß in der Verhöhnung Christi dieser Schwank von -ihnen nachgebildet, gespielt worden ist. Das Leiden des Herrn eine -Theaterszene! Christus ein Opfer der Parodie und des Mimus! - -In der Tat liebte der Schwank die Parodie; er liebte auch das -Improvisieren, und um den königlichen Prunk nachzuahmen, konnte er -sich damit begnügen, Krone, Mantel und Zepter mit geringwertigen -Gegenständen, wie sie sich eben darboten, zu ersetzen; das wirkte -drollig und rührsam zugleich. Dementsprechend erhält also auch Christus -von den Soldaten das Rohr statt des Zepters, zur Krone aber werden -Dornen verwandt, von denen wir annehmen können, daß sie am nächsten zur -Hand waren. Die Übereinstimmung ist augenfällig. - -Aber wir dürfen auch die Unterschiede nicht übersehen, und der irrt, -wer da glaubt, die biblische Erzählung aus Philo wirklich hinlänglich -erklären zu können. - -Der Pseudokönig Karabas, von dem Philo redet, wird auch aufgefordert, -Recht zu sprechen. Es bleibt aber zweifelhaft, ob das wirklich zu -seiner eigenen Verhöhnung geschah. Wie die Handlung in solchem -Königsmimus verlief, wissen wir gar nicht. Auch Philo sagt es uns -nicht[390]. Es ist aber denkbar und vorläufig die nächstliegende -Annahme, daß darin einfach der Glückstraum des Armen, von dem ich -sprach, verwirklicht wurde und also die Verlegenheit eines Menschen wie -Alynomos zur Darstellung kam, der, aus der Armut aufgelesen, plötzlich -im Purpur Recht sprechen und regieren soll. Da der Mimus vielfach -ein Spiel aus dem Stegreif war, wurde dabei, wie gesagt, auch das -Königsornat improvisiert und der erste beste Gegenstand dazu verwendet. - -Jedenfalls ist bei Philo nicht Karabas selbst das Ziel des Hohnes, -sondern Agrippa. Nur angesichts des anwesenden Königs Agrippa erhielt -die Karabasszene die Pointe beißender Satire und diente dem Zwecke der -Verhöhnung. Das ist klar. Agrippa sollte sich in dem armseligen Tropf -wiedererkennen. „Auch Agrippa ist nichts als solch ein kümmerlicher -Regent von Glückes Gnaden, der da vom Herrschen und Richten nichts -versteht!“ das war der Sinn, das war der Witz der Sache. - -Suchen wir uns das Theaterstück, von dem die Karabasszene nur eine -Nachahmung war, selbst vorzustellen, so hatte dasselbe sicher keine -Spitze gegen die Juden Alexandriens[391]. Denn nirgends steht hiervon -irgend etwas angedeutet. Aber auch sonst war das Stück gewiß tendenzlos -und viel mehr rührsam als roh[392]: sein Gegenstand ein armer Schlucker, -der, wie er sich vielleicht heimlich gewünscht, oder auch ganz gegen -seinen Willen, plötzlich König wird, der sich aber als Stupidus -ausweist und schließlich erleichtert wieder in sein Nichts zurücksinkt. - -Dieser Mimus braucht also von den Königsmaskeraden des -Saturnalienfaschings gar nicht wesentlich verschieden gewesen zu -sein. Im Gegenteil! Kein Zweifel, daß auch die Saturnalienkönige -in schlichteren Verkehrskreisen und in den Kleinstädten nicht etwa -immer in Gold und kostbare Stoffe gekleidet wurden, sondern daß man -sich dabei gerade so, wie wir es beim Karabas sehen, um den Spaß zu -steigern, in echt karnevalistischer Sorglosigkeit mit geringwertigen -und parodistischen Hilfsmitteln begnügte. Vor allem aber beachte man, -daß nach Philo jener Karabas, der den König darstellt, ein Blödsinniger -oder Schwachsinniger ist. Der dämlichste Mensch wird ausgesucht; er -war für diese Rolle just der geeignetste. Ganz ebenso haben wir aber -vorhin auch für den Saturnalienkönig den Charakter des Tölpels und -Stupidus festgestellt, genauer den Charakter des „~fatuus~“ oder -Blödsinnigen, der auch im Sprichwort ausdrücklich mit dem „König“ -zusammengebracht wurde; ich meine das Sprichwort, von dem Seneca in -seiner Claudiussatire ausgeht: ~aut fatuum aut regem nasci oportere~: -„ein wahrer König oder ein wahrer Stumpfbold kann man nur von Geburt -sein!“ Kaiser Claudius aber, der Saturnalienkönig, war sogar beides in -eins, ~fatuus~ und ~rex~[393]. - -Aber die Ähnlichkeit zwischen Karabas und dem Kaiser Claudius geht -noch weiter. Die wirklichen Verdienste dieses Regenten kommen hier -natürlich nicht in Betracht, sondern nur die Anschauung, die über -ihn in seiner eigenen Familie, in der vornehmen Welt Roms und, als -Claudius starb, auch bei Seneca herrschte. Danach war Claudius -„~fatuus~“, schwachsinnig und unzurechnungsfähig von Geburt an[394], -wie Karabas. Aber er hatte gar keine Aussichten, König zu werden, und -lebte die längste Zeit seines Lebens ganz verborgen und verachtet[395], -wie Karabas. Wider den eigenen Willen wird er dann zum Monarchen -erhoben, wie Karabas. Aber er benimmt sich dabei wie ein alberner -Saturnalienkönig, so wie sich ohne Frage auch Karabas in der Mimusszene -seiner Natur gemäß verhalten haben muß. Nach dem Ausdruck Senecas[396] -dehnte Claudius die Saturnalien als Saturnalienkönig über das ganze -Jahr aus; d. h. sein Narrenregiment kam nie zu Verstande. Wer will -leugnen, daß zwischen der Vorstellung vom Saturnalienkönig und dem -einfältigen König im Mimus bei Philo kein wesentlicher Unterschied, -sondern vielmehr ein naher Zusammenhang besteht? - -Blicken wir endlich zurück und vergleichen nochmals den -Evangelienbericht, so ergibt sich nun mehr als ein Unterschied. Denn -in der Bibel will Christus selbst König sein, und das ist es, weshalb -er verhöhnt wird. Bei Philo will Karabas selbst durchaus nicht König -sein, und darum richtet sich der Hohn der Mitspieler auch nicht gegen -ihn, sondern nur gegen den König Agrippa, der zuschaut. Der Unterschied -liegt auf der Hand. Er macht aber die vorhin bemerkte Übereinstimmung -zwischen der Karabasszene und dem Evangelienbericht vollkommen -illusorisch. - -Dazu kommt der zweite und bedeutendere Unterschied, daß dem Mimus -nämlich augenscheinlich jede rohere Handlung abging. In den Evangelien -gipfelt ja die grausame Komödie darin, daß die Soldaten, die eben noch -vor Jesus knieten und ihn begrüßten: „Sei gegrüßt, König der Juden!“ -ihn plötzlich anspeien und ihm mit dem gewiß sehr festen Rohr, das -als Zepter dient, aufs Haupt schlagen. In der Szene, die Philo gibt, -denkt niemand daran, Karabas zu vergewaltigen. Wir müssen also den -griechischen Mimus mit Nachdruck von aller Schuld lossprechen: zu der -Christuspassion hat sein Vorbild ganz gewiß keinen Anlaß gegeben. - -Es fehlt demnach immer noch der Nachweis, woher es kommt, daß dieselbe -Person, der man den königlichen Schmuck anlegt, auch Gegenstand der -Verhöhnung, ja, auch der Züchtigung und Peinigung wird. - -Man wird ein weiteres Suchen wertlos und zwecklos finden. Die -Geschichte der Schrift, kurz und ergreifend wie sie ist, erklärt sich -aus sich selber. Die Handlung entstand aus der Situation. Ganz ohne -Zweifel! Wozu also noch weitere Analogien? Und doch wird, was wir -lesen, begreiflicher, es verliert gleichsam das Zusammenhanglose und -stellt sich auf den Boden der Zeitgeschichte, wenn wir uns noch an -anderes erinnern und bei den Römern selbst weitere Belehrung suchen. -Wir fragen nicht den Mimus, sondern die Geschichte. - -[Randnotiz: „~Sardi venales~“. Vitellius’ Ende.] - -Ich denke zunächst und vor allem an die „~Sardi venales~“ Roms, so -seltsam sie klingen und so verschüttet auch ihr Andenken bei den -Historikern ist. Als die Etrusker niedergeworfen, als Veji, die -mächtigste Feindin in Roms Nähe, erobert war, wurde in Rom an den -kapitolinischen Spielen[397], die nie staatlich, sondern von einer -Privatgenossenschaft im Oktober ausgerichtet wurden, eine symbolische -Handlung üblich, die seitdem jährlich sich wiederholte; es war eine -Auktionsszene. Aus der Schar der verkäuflichen Sklaven wurde ein -möglichst kümmerlicher Greis (~senex deterrimus~) ausgewählt, in -das königliche Prachtornat der Etrusker nebst goldner „~bulla~“ -eingekleidet und so fürstlich angetan zum Verkauf vom Forum auf das -Kapitol über die ~Sacra via~ geführt. Es war dies also der König Vejis -selbst, in tragikomischer Travestie, an dem sich das übermütige Volk -der Sieger „voll Hohn“[398] immer wieder belustigt hat. Wie leicht hätte -da auch schon der Spott die Formel finden können: „Sei gegrüßt, König -der Etrusker!“ In Wirklichkeit wird uns auch hier wieder (wie bei -Karabas und Kaiser Claudius) die Dummheit dieses Königs betont[399]; -sonst hören wir nur, daß ein Marktschreier (~praeco~) den Spottkönig -nebst Gefolge mit dem Ausruf „~Sardi venales~“, d. h. „hier sind Sarder -zu kaufen!“ begleitete. Die Etrusker leiteten sich nämlich von Sardes -in Kleinasien her. - -Zu körperlichen Mißhandlungen kam es jedoch hierbei nicht. Denn -man hatte den König Vejis nicht selbst vor sich, sondern nur sein -mimisches Abbild. Sowohl Einkleidung aber wie Verhöhnung liegt hier, -wie man sieht, tatsächlich vor; nach Plutarchs Zeugnis sah man diesen -Spottkönig in Rom wirklich alljährlich bis in seine Zeit, d. h. bis -zum Jahre 100 n. Chr. und später[400], also eben in der Zeit, als -die Evangelien geschrieben wurden, und wir beginnen schon jetzt zu -begreifen, wie es gekommen, daß auch die Einkleidung des „Königs der -Juden“ Jesus Christus und seine Verhöhnung von den Kriegsleuten eben -desselben Volkes geschah, bei dem solcher brutaler Mummenschanz zum -alljährlichen Festprogramm gehörte. - -Ein paar Jahrzehnte aber nach Christi Leiden spielt sich in Rom der -Tod des Kaisers Vitellius ab. Da hören wir[401]: Vespasians Truppen -rücken gegen Roms Mauern. Vitellius ist besiegt. Er hat seinen Purpur -abgeworfen und verbirgt sich auf dem Palatin, in Lumpen gekleidet, um -nachts nach Terracina zu entweichen. Die feindlichen Soldaten aber, -die sein Kaisertum nicht anerkennen und bekämpfen, suchen nach ihm, -finden ihn beschmutzt und mit Blut besudelt. Sie zerreißen ihm das -Kleid am Leibe, binden ihm wie einem verurteilten Verbrecher die Hände -auf den Rücken, führen ihn über die ~Sacra via~, wo er noch gestern im -königlichen Wagen fuhr, auf das Forum, wo er sonst als Herrscher Recht -gesprochen. Und die einen schlagen ihn nun, die anderen zupfen ihn am -Kinn, alle verspotten ihn voll Übermut, indem sie ihm sein wollüstiges -Leben vorwerfen. Er senkt den Kopf vor Scham. Da stechen sie ihn von -unten mit den Dolchen ins Kinn, so daß er das Haupt aufrichten muß. -Ein keltischer Soldat hat Mitleid und versucht Vitellius zu töten, -um ihm weitere Grausamkeiten zu ersparen. Aber der Versuch mißlingt, -und mit Gelächter geht es weiter bis zum Gefängnis. Endlich wird er -niedergehauen. - -[Randnotiz: Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers.] - -Christus und Kaiser Vitellius! welch eine Zusammenstellung! Und doch -haben wir in jener wüsten Greuelszene endlich ein wirkliches Pendant zu -dem gefunden, was die Soldaten dem Heiland vor seiner letzten Stunde -angetan. Hier haben wir das, was im Mimus bei Philo vollständig fehlt: -der Mann, der da leidet, ist Prätendent; Vitellius prätendiert Kaiser -zu sein; Christus prätendiert König zu sein. Darum und durch diesen -Anspruch lenken beide den Hohn auf sich, und darum werden sie auch -gepeinigt, damit sie nämlich an ihrem Leibe ihre Wehrlosigkeit merken -und wie wenig sie in Wirklichkeit König sind. In beiden Fällen handelt -es sich außerdem um die Hinrichtung des Prätendenten; in beiden Fällen -aber kann die Soldateska Roms sich nicht entschließen, sie sofort zu -vollstrecken, sondern treibt zuvor, wie das Raubtier mit seiner Beute -ein grausames Spiel, wobei zu den Spottreden die Stockschläge kommen -(ῥαπίζειν Cassius Dio; διδόναι ῥαπίσπατα Evangel. Johann. 19, 3). - -Es ist gut, den römischen Soldaten zu kennen, wenn man sein Verhalten -verstehen will. Was ich aber behaupte, ist zweierlei, und dies muß -scharf unterschieden werden. - -Wenn die Soldaten auf den für sie ergötzlichen Einfall kamen, -Christus als König zu verkleiden und zu krönen, so ist ihnen das -gewiß eingegeben durch die Erinnerung an einen Mummenschanz, der, -wie gezeigt, damals auch sonst im Schwang und weit verbreitet, der -gelegentlich im Volkstheater des Mimus zu sehen, der vor allem in -Rom alljährlich im Oktober beim kapitolinischen Fest der ~Sardi -venales~ und gleich danach im Dezember beim Saturnalienfest gang und -gäbe war. Das Wichtigste an dem Hergang im Evangelium erklärt sich -jedoch vielmehr aus dem historischen Moment selbst, aus unmittelbarer -Eingebung und aus der brutal kaltherzigen Grausamkeit des gemeinen -Mannes im Heer, jenes römischen Söldlings, der die Könige Mazedoniens -und Numidiens dereinst gefangen nach Rom geschleppt und für den jetzt -eben die Zeit herankam, wo er frevelhaft übermütig die Kaiser Roms -selbst machte und wieder vernichtete. So sehen wir, wie er sich daran -weidet, als Henkersknecht seine Übermacht an dem Wehrlosen auszulassen, -der den Purpur beansprucht, ohne ihn behaupten zu können. Diese -unheimlich gärende Macht, die sich zuerst beim Tode des Vitellius vor -uns so grausig und erschreckend enthüllt, dieselbe ist es auch, die -sich im gleichen Triebe, aber voll Mißverstand an dem „König“ Christus -vergriffen hat. - -Wir haben bisher nur die roheren Volksschichten des antiken Lebens, die -einer höheren Schulbildung und dem veredelnden Einfluß der griechischen -praktischen Philosophie nicht ausgesetzt waren, ins Auge gefaßt. Das -ist aber ungerecht. Versuchen wir daher schließlich auch noch, uns -vorzustellen -- und das ist wertvoller als alles bisher Gesagte --, -welchen Eindruck die evangelische Erzählung, von der wir gehandelt, -zur Zeit, als sie erschien, auf die wirklich gebildete griechische -Welt machte, d. i. vor allem auf solche Männer -- und sie zählten -allerorts zu Tausenden --, denen Religiosität und Trieb zur sittlichen -Läuterung damals die wichtigsten Werte und Kraftquellen der Kultur und -aller menschlichen Existenz schienen. Ich meine die Anhänger der Stoa -und des Cynismus, die da Reichtum und Ehre und Luxus und selbst die -Liebesfreuden verachten lehrten, sich allen sog. Glücksgütern entzogen -und die Selbstzucht bis zur Bedürfnislosigkeit trieben. So sehr sie -auf den Kaiser Roms herabsahen: der Königsbegriff stand als Gipfel des -Wünschenswerten doch auch bei diesen Männern obenan. Diogenes braucht -einen Alexander den Großen, um sich sagen zu können: ich bin mehr als -er. König sein! das ist auch hier das Schlagwort. Mit lang hallendem -Echo geht das Wort durch die Jahrhunderte hindurch: „Wer entsagt, ist -König!“ ~Rex eris!~ Wozu Belege häufen? Ich zitiere für hundert Stellen -nur die eine, wo Epiktet in seinen herben Diatriben von dem, der sich, -rasch entschlossen, dem mönchischen Leben des Cynikers zuwendet, sagt, -daß er nach Zepter und Königtum greift und daß Zeus selbst es ist, der -ihn mit Zepter und Diadem bekleidet[402]. - -Zepter und Krone! Gott gibt sie dem, der sich selbst überwindet! In -diesem Sinne und als geläufiges Symbol für den moralischen Sieg der -Vollkommenheit im Guten muß damals die Krönung Christi auch auf den -stoisch-cynisch erzogenen Griechen tief gewirkt haben. Die Krieger -hatten an Christus wider Willen das Rechte getan. - - - - -Witzliteratur und Gesellschaft in Rom. - - -Die erhabene Muse, die Begeisterung und Andacht wirkt, greift nur in -den Himmel zu den Göttern oder in die Vergangenheit, wo die sagenhaften -Helden wachsen, auf die kein Staub des platt Alltäglichen und der -trivialen Wirklichkeit fällt. Wer die Ideale eines Volkes kennen lernen -will, lausche ihrer erhabenen Dichtkunst; wer ihre natürlichen Triebe -und Instinkte, der suche seine Scherz- und Spottpoesie auf. Auch sie -hat ihre Muse, hat Kunst und Grazie; aber diese Muse schaut nach unten. -Indem +ein+ Volksgenosse mit Witzen oder Sticheleien über den anderen -herfällt, lernen wir seine Opfer, lernen wir auch ihn selbst, der da -redet, nahezu persönlich kennen, und das Menschentum selbst steht -lebendig vor uns. - -Die alte römische Literatur ist an Invektiven reich; der Römer war in -allem stark und wuchtig, so auch im Schimpfen; er verstand sich aber -auch auf die Kurzrede, auf den scharfen Schliff des Worts. - -Dabei ist es wichtig, zu beachten, welche Angriffsobjekte gewählt -werden und welche man vermeidet. Denken wir an unsere heutigen -Witzblätter. Der „Simplizissimus“, dessen künstlerische Leistungen -so hoch stehen, kannte keine Rücksicht und Vorsicht und übergoß, -weit ausgreifend, auch den Offiziersstand, auch hohe Chargen und -Würdenträger, auch Geistliche mit seinem ätzenden Hohn. Gutherzig -zurückhaltend sind dagegen die „Fliegenden Blätter“, auch „Meggendorf“. -Unser Wilhelm Busch hat sich wohl gelegentlich am Hlg. Antonius -vergriffen, den Militärstand hat er geschont. Bauern in ihrer -tollpatschigen Naivität führen uns die „Fliegenden Blätter“ vor, -Gauner vor Gericht, Geldprotzen, die gern adelig wären oder sonst dick -tun, verstiegene Dichterlinge, Hausfrauen, die nicht kochen können, -oder solche Schönen, die, um zu glänzen, ins Bad reisen wollen und -ihrem ächzenden Gatten das Geld aus der Tasche locken, um der Mode -zu frönen; dazu auch junge Leutnants mit dem Monokel und palmenhaft -schlanker Taille. Man lacht über all die Albernheit, aber man lernt -trotzdem das Volk, insonderheit den süddeutschen Menschenschlag, dabei -lieben; man muß ihm gut sein. - -So führen uns nun auch die römischen Spottdichter in das Stadtvolk, -allerdings leider nur in das römische Stadtvolk ein. Auch Rom hatte -seine fliegenden Blätter; aber sie fliegen nicht mehr, sondern vieles -ist davon verloren und verflogen; der Rest ist festgeheftet im Buch -der strengen Literaturgeschichte, und wir müssen sie erst wieder -herauslösen und sie wieder in Flug bringen, damit sie leben und lachen. - -Wenn wir hier auch von der großen Komödie des Plautus und Terenz ganz -absehen, so bleiben noch Dichter genug, an die wir uns halten können: -die Reste der Togatendichtung, des Lucilius und der Atellane, sodann -Catull, Horaz, die sonstigen Satiriker, vor allem Martial. Gröbster -Schimpf, harmlose Scherze klingen da durcheinander. Sehen wir einmal -nach, was sie uns bringen und sagen können. - -[Randnotiz: Die Zote. Tendenzlos Lustiges. Die Invektive.] - -Ein beträchtlicher Teil fällt da freilich gleich für uns weg: das -Gebiet der Unanständigkeiten. Die Zote gehörte damals als etwas -Selbstverständliches zum Witz, bei Griechen und Römern, ein Merkmal -primitiver Urwüchsigkeit, und war nahezu die ergiebigste Quelle für -die Satire. Um jemanden gesellschaftlich tot zu schlagen, war dies die -bequemste Waffe: man warf ihm sexuelle Gemeinheiten vor. Ob wahr oder -unwahr, es blieb immer etwas haften. Auch Julius Caesar ist dem nicht -entgangen. - -Aber das war nicht nur im Altertum so. Das Christentum hat darin -keinen Wandel geschaffen. Das Obszöne gehörte zum Witz durch das ganze -Mittelalter (man denke nur an die Fastnachtspiele); es machte sich auch -im 16. Jahrhundert erschrecklich breit, ja es reicht noch weiter bis -in unsere nächste Nähe. Erst das 19. Jahrhundert hat sich gründlicher -davon gesäubert. Diese Dinge bilden ein Stoffgebiet für sich, das wir -nicht übersehen dürfen. Wir stellen sein Vorhandensein fest, aber wir -wollen nach Möglichkeit vermeiden, es zu betreten. - -Drei Arten derjenigen Dichtkunst, die sich nicht in rein ernsthaftem -Ton hält, lassen sich, wenn schon die Grenzlinien oft nicht scharf -verlaufen, unterscheiden. Oft hat sie nur den Zweck der tendenzlosen -Belustigung, was die Griechen u. a. Hilarodia (ἱλαρῳδία) nannten. -Man soll nur sorglos lachen. Dahin gehören solche Sachen im Stil -der Jobsiade wie der Margites der Griechen oder die Geschichte, wie -Odysseus den Zyklopen übertölpelt; dann aber auch das ganze Gebiet -der Travestie, die dabei leicht in das Schlüpfrige geht; man denke -an Offenbachs Schöne Helena; und diese Spaßmacherei und Ulk wird -schließlich kraß realistisch in der Gartendichtkunst der Priapeen. - -Anders liegt die Sache beim persönlichen Angriff, wo sich die Bosheit -regt. Das Lachen, das da entsteht, ist Schadenfreude, moralische -Vernichtung der Zweck. Hier regt sich der Schimpf und greift zu -allen Mitteln der Übertreibung und des Grotesken. So fiel schon -Nävius über den großen Scipio her, Catull und Calvus über Caesar, -Cicero über Antonius, Claudian über Eutrop, den allmächtigen Eunuchen -am christlichen Kaiserhof. Tapfer ist es, wenn die Dichter sich -dabei offen mit Namen nennen, und Nävius erntete für seine Angriffe -Kerkerhaft, Antonius ließ Cicero köpfen. Am häufigsten waren dagegen -anonyme Pasquille, die man an die Türen heftete und die das Volk durch -die Gassen schrie, so die Verse über den Kaiser Tiberius: - - Unhold bist du und hart. Um dir kurz, was ich meine, zu sagen: - Köpfen laß ich mich gleich, wenn eine Mutter dich liebt[403]. - -Oktavian, der Triumvir, war ein schlechter Feldherr. Die Militärs in -Rom hatten ihren Spaß daran, wie kläglich es ihm im Seekrieg mit Sextus -Pompejus bei Sizilien erging. Da ging der Vers um: - - Beide Seeschlachten verloren! - Beide Flotten! Wie von Sinnen - Würfelt er jetzt täglich: „Lernt’ ich - Doch beim Knobeln das Gewinnen!“ - -Auch aus dem Kleinleben des verschütteten Pompeji sind uns solche -Anwürfe bekannt. Man kreidete sie an die Wände, um den Mitbürger zu -ärgern, und da stehen sie z. T. noch heute. Zum Beispiel „Samius -wünscht seinem Kollegen, er möge sich erhängen!“ oder „Der Restitutus -hat oft viele Mädchen betrogen,“ oder in der Schenke an der Wand: - - Kneipwirt, möchten solche Lügen - Auch einmal dich selbst betrügen. - Selber trinkst du reinen Wein, - Andern schenkst du Wasser ein[404]. - -[Randnotiz: Satire. Togatkomödie.] - -Während diese Sachen meist kurz sind, je kürzer, je wirksamer, wie -gespitzte schlanke Pfeile, liebt die dritte Dichtungsform, von der ich -zu reden habe, vielmehr den breiten Aufbau; sie schreitet im breiten -Faltenwurf daher. Es ist die römische +Satire+. Der römischen Satire -genügt das Spotten nicht; sie will erziehen. Griechische Humoristen, -die zwar bitter ernst in das Leben sahen, aber das Laster nur für eine -Torheit der Seele, die Tugend nur für Klugheit hielten, haben die -satirische Predigt erfunden. Sie lag dem Römer vortrefflich, er ergoß -sein ganzes eigenartiges Wesen hinein und hat sich in ihr ausgelebt -von dem großen Lucilius an bis Juvenal und weiter. Die Spottgedichte -Martials sind nur kleine lachende Kobolde; die Satire schreitet -hochgewachsen, matronenhaft als weise Frau und Gouvernante von Beruf -mit strengem Blick und greller Stimme durch die Jahrhunderte Roms, -unermüdlich und mit spitzer Zunge scheltend, polternd und ermahnend; -denn sie will Rechtschaffenheit, anständige Gesinnung, Wahrheitssinn, -bisweilen auch Güte des Herzens lehren und den kleinsinnigen, -abgefeimten Praktikern des Lebens die edleren Werte vorhalten, sie an -das Sittliche gewöhnen. Da greift sie sich dann den und jenen aus dem -Publikum, legt ihn übers Knie und schwingt die Rute, daß er es fühlt -und die Zuschauer lachen, aber durch das statuierte Beispiel klug -werden. Dann ruht sie aus, schlägt die Hände zusammen und schüttelt -sich vor Lachen. Römische Satire und Kapuzinerpredigt: da ist kaum -ein Unterschied. Wir wissen, wie der Kapuziner zu den Wallensteinern -spricht. Abraham a Santa Clara ist der nächste Verwandte Juvenals. - -Die Satire hat in der Tat einen hohen Beruf erfüllt und will ernst -genommen werden. Die winzigen Spottepigramme dagegen, im Distichon, -Jambus oder Phaläceus, sind Späße des Augenblicks, und der Leser huscht -rasch von einem zum anderen. Wozu sie behalten? Es lohnt nicht. - -Für den Spätgeborenen aber lohnt das Verweilen doch; ich meine für -den, der den Augenblicksmenschen der Gegenwart in der Vergangenheit -wiederzufinden sucht. Im Epigramm ist das Leben lebendig: natürliches -Leben; Augenblicksleben; römisches Volksleben! Das ist es, was uns -jetzt kurz beschäftigen soll. - -Einen Vorklang dessen, wonach wir suchen, bringt schon das alte -Volkslustspiel der sogenannten Togatkomödie. Nävius, Titinius, Atta -und Afranius waren ihre Vertreter. Nur kurze Späßchen sind uns leider -daraus erhalten; aber sie wirken mitunter wie Epigramme und werfen ein -kurzes Schlaglicht auf die Personen, die da auftraten und die für uns -sonst ganz im Dunkeln stehen. „Armselig die Eheherren, die bei ihren -Frauen die Magd spielen! Nur die große Mitgift macht’s[405].“ Und diese -Weiber sind dem Wein nicht abhold: „Gebt ihr zu trinken,“ heißt es; -„denn sie ist eben in Wut[406].“ Ein Modefatzke tritt auf, und man fährt -ihn an: „Du trägst ja gedrehte Stirnlöckchen wie ein Hermaphrodit[407].“ -„Deine Frau ist zu protzig,“ rät ein Freund dem anderen; „schaff’ Wagen -und Maultiere ab und laß sie zu Fuß trollen[408].“ Das Straßenleben -tut sich auf, und wir hören den Vorwurf: „Du schreist so auf offener -Straße? Schämst du dich nicht vor dem Publikum[409]?“ Endlich der weise -Satz: „Es lohnt sich für das Kind nicht, daß seine Eltern leben, wenn -sie lieber Furcht als Ehrfurcht erregen wollen[410].“ - -[Randnotiz: Pasquille. Catull gegen Caesar.] - -Die Stücke, aus denen dies genommen ist, waren noch altrömisch; sie -fallen noch früher als Ciceros Zeit. In der Zeit Ciceros, da blühte in -Rom nun auch schon das +Pasquill+, und da hören wir auch Namen. Das -kühne Wort herrscht. Ein Versteckenspielen gibt es nicht. Ein gewisser -Caninius war Konsul in Rom geworden; aber schon folgenden Tages -mußte er wieder aus dem Amt; er hat also in seiner hohen Würde nur -allzu wenig Schlaf gefunden. Cicero selbst war es, der ihn darum dem -Gelächter preisgab: - - Caninius ist wach; das ist er in der Tat. - Er schlief nur +eine+ Nacht in seinem Konsulat! - -Allerliebst ist das, aber immerhin noch harmlos. Das Gegenteil des -Harmlosen aber war +Catull+, Ciceros jüngerer Zeitgenosse. Lieb und -treuherzig, warm und herzgewinnend in seinen anderen Gedichten, die -von Liebe und Freundschaft singen, ist Catull Gift und Galle, wo er -angreift, und das unsauberste Wort ist dem Schonungslosen da gerade -recht. Abwischpapier nennt er das neue Epos des Volusius. So warf er -sich auch auf Julius Caesar. Caesar wurde eben damals groß. Er wurde es -durch die Unterstützung des großen Pompejus. Gleichzeitig gab Caesar -dem Pompejus seine junge Tochter Julia in die Ehe; Pompejus war also -Caesars Schwiegersohn. Den gallischen Krieg hatte er durchgefochten; -Mamurra hieß da der Hallunke und Durchgänger, der im gallischen -Krieg Caesars rechte Hand war, nicht nur als Genieoffizier, der beim -Brückenbau und allem Kriegstechnischen half, sondern auch als Räuber -und Ausplünderer des neu unterjochten Landes. Nicht nur mit der -rechten, mit beiden Händen griff damals Caesar und seine Kreaturen nach -Galliens Reichtümern. Wie ein Wutschrei der Entrüstung sind die Verse, -mit denen Catull sofort über Caesar und Mamurra herfällt. Für den -Augenblick hastig hingeworfen, sind sie doch ewige Geschichtsdenkmäler, -diese Verse. Das Hauptstück sei, damit jenes erregte Leben vor uns -aufgehe, hierhergesetzt, indem ich jedoch nicht versäume, einige -unerhört krasse Ausdrücke zu mildern[411]: - - Wer kann dies nur mit ansehn, wer es dulden nur, - Der nicht ein Hurer, Schlemmer und ein Spieler ist, - Daß nun Mamurra sein nennt, was an Üppigkeit - Großgallien und das ferne Britenland besaß? - Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu? - Und übermütig, übertriefend soll er jetzt - Durchwandeln dürfen jedes beste Bettgemach, - Ein zärtlich weißer Täuber und Adonis? Wie? - Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu? - Du Hurer, Schlemmer und du Spieler, der du bist! - Das war’s, warum du einzig großer General - Auf der gen Westen allerfernsten Insel warst, - Damit hier euer Wüstling, der verbuhlteste, - Zwei Millionen oder drei verspeisen kann? - Was füttert ihn die alberne Freigebigkeit? - Hat er genug verjuxt nicht? nicht verpraßt genug? - Sein väterliches Erbe bracht’ er durch zuerst; - Zu zweit die Pontusbeute, dann die spanische - Als dritte, die der goldesreiche Tajo kennt. - Und Gallien und Britannien kennt die letzte gar. - Was hegt ihr diesen Schurken? Was versteht er denn, - Als Güter bloß zu schlucken, die die fettsten sind? - Das war’s, warum ihr, Schwiegervater, Schwiegersohn, - Die Welt zertrümmert, ihr beschmiertesten der Stadt? - -Lärm und Orkan der großen, der größten Weltgeschichte: davon spüren wir -etwas in diesem Probestück. Caesar suchte seinen Frieden mit diesem -jungen, sprühenden Genie zu machen; aber Catull beruhigte sich nicht, -und wir hören, wie er noch weiter droht: „Abermals sollst du dich -über meine Jamben erbosen, du einziger Feldherr[412].“ Dann starb der -heißblütige Dichter. Er starb früh; Caesar überlebte ihn. - -[Randnotiz: Vergil gegen Noctuin und gegen Sabinus.] - -Der Lärm verstummte. In weit engere Verhältnisse führt uns zu jener -Zeit der große Dichter Vergil. Er war der Dichter des edlen Brusttons -und des sentimentalen Pathos; sentimental sind nicht nur seine Helden: -auch seine Hirten. Aber so war Vergil nicht immer; seine großen Werke -schrieb er erst als reiferer Mann und abgekühlten Blutes. Auch er war -einst jung und fuhr übermütig derb um sich, wie die anderen, wenn ihn -die Torheit der Glücksritter reizte, zu der Zeit, als er noch in seiner -norditalienischen Heimat, in Mantua und Cremona lebte, wo er geboren -war. - -In Cremona lebte der Inhaber einer Töpferei, mit Namen Atilius. Der -„stolze Noctuinus“ kommt und heiratet dessen Tochter. Aber Noctuin ist, -so scheint es, Trinker, und heiratet auch noch gleich den Weinkrug, den -der Schwiegervater fabriziert. Nach volkstümlicher Redeweise wird der -Krug als Tochter des Töpfermeisters gedacht, der ihn geschaffen hat. -Nun kommt Vergil dem Noctuin mit einem kleinen boshaften Hochzeitspoem, -das für den heutigen Gelehrten unendlich wertvoll ist; denn es ist -für uns die einzige erhaltene Probe der sog. „Fescenninen“, des -Hochzeitsulks der alten Römer. Der Dichter steht auf der Gasse und ruft -das Volk zusammen: - - Da kommt er, der Ekel, im Zug heran, - Der Noctuin, der stolze Mann. - Das Weibchen, das dir erwünscht erschien, - Du hast sie nun, hast sie nun, Noctuin. - Doch sieh: der Besitzer der Töpferei - Atilius hat der Töchter zwei - Und gibt dir -- stolzer, freu’ dich doch -- - Auch die selbstgebackene zweite noch. - Die zweite Tochter ist der Krug. - Du leerst die Tochter in einem Zug. - Ja, auch solch ein „Zug“ ist ein Hochzeitszug. - Herbei, ihr Leute, und stimmet an: - Ein Hoch dem strebsamen Tochtermann! - -Ob sich Noctuinus nicht an dem Dichter gerächt hat? Denn im -Schreibtisch blieb das Gedicht sicher nicht liegen. Anschaulicher -noch das andere Stück auf den Sabinus, den Parvenü, der früher -bloß Quintio hieß, der in Cremona einst Pferdeknecht gewesen, -dann sich zum Spediteur heraufgearbeitet hat. Es war die Zeit von -Caesars Gallierkriegen, von denen schon vorhin die Rede war. Große -Militärtransporte gingen damals für das Heer über Norditalien nach -Frankreich. Allein aus dem nachfolgenden Vergilgedicht lernen wir -drei dort ansässige Transportfirmen kennen; berühmter noch war der -Großbetrieb des Spediteurs Ventidius Bassus, den Caesar um seiner -Verdienste willen hernach zu den höchsten Staatsämtern beförderte. -Der Sabinus aber gab, als er glücklich reich geworden, in Cremona -sein Geschäft auf, wurde Duumvir oder der höchste Magistrat am Ort und -ließ nun in der Vorhalle des Tempels des Castor und Pollux -- oder der -„Castoren“ -- sein Sitzbild aufstellen, das jeder mit Hohn und Ingrimm -sah, der ihn einst als Knecht gekannt hatte. Auch den jungen Vergil -packt der Grimm, und wir hören: - - Ihr Leute, seht: das ist das Abbild des Sabin. - Was sagt er? daß er einst der schnellste Spediteur. - Nie hat im Flug das leichtste Gig ihn überholt - Von andern Unternehmern, ob nach Mantua - Die schnelle Fahrt ging oder bis nach Brescia. - Das leugnet auch kein Konkurrent, der Trypho nicht - Noch Cerulus, die protzten mit dem Großbetrieb, - Bei denen der Sabinus (damals hieß er bloß - Der Quintio) den Gäulen und dem Zugvieh einst - Als Knecht die Mähnen kappte, weil das harte Joch - Aus Buchs dem Tier den Hals sonst wund und blutig rieb. - Cremona weiß das und das ganze Pogebiet, - Das Land der Sümpfe und der kühlen Alpenluft, - So sagt Sabinus: denn geboren ward er hier; - Als Bürschlein stand er hier im bodenlosen Dreck - Und lud im Nassen täglich alle Lasten ab, - Und dann als Maultiertreiber macht’ er meilenweit - Die Fahrten mit der Fuhre; ja, er selber trug - Die Last flink auf der Stange, wenn die Tiere faul - Sich sträubten (beide oder eins, rechts oder links) - Und bockig nicht mehr weiter wollten im Galopp. - Nie hatt’ er nötig, Göttern, die dem Reisenden - Sonst helfen, Gaben zu geloben. Nur zum Schluß - Hängt’ er im Tempel Roßkamm dann und Zügel auf. - Das ist vorbei! Jetzt sitzt Sabin im Tempel selbst - Als großer Herr und Stadtrat auf kurul’schem Stuhl - Und weiht sich den Castoren so als Statue! - -Dies Gedicht ist in seiner lateinischen Fassung ein Meisterwerk ersten -Grades; die Übersetzung kann davon kaum eine Vorstellung geben[413]. -Und was das Erfreulichste: sonst bewegt sich alle römische Poesie nur -in Rom selbst; hier haben wir einmal echten Lokalton, muntere, kecke -italienische Kleinstadtpoesie, wie wir sie sonst nirgends finden. - -Übrigens hätte Vergil sein Gedicht so oder ähnlich auch noch heute -schreiben können. Ich denke an den Maultiertreiber Mr. Kerkens in -Kansas in Nordamerika. Im Januar 1910 ging durch unsere Zeitungen -folgende Notiz: „Der amerikanische Millionär Richard C. Kerkens in -St. Louis, der für die Vereinigten Staaten als Botschafter nach -Wien geht, hat einen etwas ungewöhnlichen Lebenslauf hinter sich. -Er ist in Irland geboren und in seiner Jugend in Fort Leavenworth -(Kansas) als Mauleseltreiber beschäftigt gewesen. Später rückte er -zum Hilfswarenaufseher auf. Von Leavenworth siedelte er nach Arkansas -über und von dort nach St. Louis, wo er in Eisenbahnspekulationen den -Grundstein zu seinem heutigen Vermögen legte.“ - -Alles wiederholt sich nur im Leben; ewig neu ist nur die Poesie. - -[Randnotiz: Horaz’ Epoden und Lydia-Ode.] - -Satiriker von Beruf war +Horaz+; er war überdies auch Spottdichter -in seinen Jamben (oder Epoden), und es lockt von Vergil zu ihm -hinüberzublicken. Denn gleich jenes Sabinusgedicht hat Horaz -nachzuahmen versucht[414]; auch bei ihm handelt es sich um einen -Emporkömmling, der jetzt stolz mit dreiellenlang-schleppender Toga -über die Heilige Straße fegt. Die Sache ist nach Rom verlegt. Aber -Horaz duckt sich; er wagt keinen Namen zu nennen. Der Schlag ist ein -Schlag ins Wasser. Die Invektive entwaffnet sich und wird zum bloßen -Sittenbild. - -Gleichwohl gibt uns auch Horaz ein Meisterwerk. Ich meine das berühmte: -„~Beatus ille qui procul negotiis~.“ Mit diesen Worten hebt das Gedicht -an[415]. Irgendeine Stimme ist es, die da redet und das schlichte -Landleben preist: „Glückselig, wer heute keinen Wucher treibt, sondern -wie einst unsere Voreltern sein Feld bestellt! Die Rebe rankt er -bräutlich um die Pappel, pfropft Obst und sammelt Honig, liegt zur -Sommerzeit im Gras und lauscht dem rieselnden Bach und dem Vogelsang, -fängt im Winter Vögel im Garn und jagt den Eber. Da vergißt man alle -grauen Geschäftssorgen; Frau und Kinder sind um dich; das Vieh brüllt -dir im Pferch und wird gemolken, und man lebt vegetarisch von Oliven, -Malven und Sauerampfer, der auf den Wiesen wächst, und nur zum Festtag -schmaust man das Opferlamm.“ Wer spricht da? Ist es der Dichter? -O nein. Zum Schluß erhalten wir plötzlich die geschäftlich kurze -Mitteilung: ein rechter Pflastertreter der Großstadt, ein Wucherer ist -es, der sich in diese Phrasen hüllt: - - So sprach der Wuch’rer Alfius, als sehnt’ er sich - Nach Erdgeruch, trieb dann sogleich - Am 15. des Monats alle Gelder ein - Und legt sie neu auf Zinsen an. - -Sonst sind es leider zumeist nur alte Weiber und Megären, die Horaz -verhöhnt. Wenn er liebt, liebt er im Grunde nur die Körperlichkeit der -Schönen; wenn er höhnt, verhöhnt er nur den Schönheitsverfall und redet -von ihren grünen Zähnen und ähnlichem. Man möge das im Horaz selber -nachlesen; zum Übersetzen lockt es nicht. Auch noch, als er seine Oden -dichtet, laufen dem Horaz solche Motive mit unter; aber er redet jetzt -maßvoller. Ein Beispiel ist die Ode I, 25 auf die Lydia; es ist das -einzige Liebesgedicht, das ich hier einreihe: - - Seltener schon treffen mit dichten Würfen - Kecke Burschen deine geschloss’nen Fenster, - Rauben keinen Schlaf dir, und ihre Schwelle - Liebt, ach, die Türe, - Die vorher die Angeln gar sehr gefällig - Drehte. Wen’ger hörst du und wen’ger rufen: - „Schläferin, mich läßt du die langen Nächte, - Lydia, verschmachten?“ - Bald ist all dies Werben verstummt. Da weinst du - Wertlos, alt, im einsamen Winkelgäßchen, - Wenn dir mehr als thrakischer Wind, der wütet - Während des Neumonds, - Heiß entflammte Liebe und die Begierde, - Wie sie Mutterpferde wohl pflegt zu hetzen, - Rasen wird im schwärmenden Eingeweide, - Und du zergrämst dich, - Weil die heitre Jugend des frischen Epheus - Froh ist und berauscht ist in dunkler Myrte, - Dürres Laubwerk aber dem Hebrus weiht[416], dem - Bruder des Winters. - -Aufregend war das nicht. Wer frug danach, wer diese Lydia war? Sicher -ein Geschöpf der niederen Frauenwelt, deren es tausende gab. Anders -+Ovid+, der eine vornehme Römerin, Furia, verspottete und sagte: „Da du -Furia heißt, warum soll ich dich nicht eine Furie nennen?“ - -Das scheußlichste der Art hat damals übrigens Kaiser Augustus -gedichtet. Es sind Schimpfverse auf die Fulvia, die stolze Gattin des -Mark Anton, aus der Zeit, als der große Mann und künftige Weltbeglücker -noch um die Herrschaft rang. Wir wollen das Epigramm mit Nacht -bedecken. Es ist ein Jammer, daß es sich bis auf uns erhalten hat. - -Sehen wir uns nach anderem um. Da ist Bavius mit seinem Bruder: ein -neues Motiv von der zärtlichen Bruderliebe. Die beiden sind vielleicht -sogar Zwillingsbrüder und einander, wie wir hören, so treu, daß sie -zeitlebens alles, Landsitz, Stadthaus und Geldwirtschaft miteinander -teilen; es war ein Odem und eine Seele in zwei Körpern. Wie rührend! -Aber Bavius heiratet; auch die Frau soll gemeinsamer Besitz werden: -da kracht die Freundschaft auseinander; das macht der Zorn, und zwei -Königreiche mit zwei Gebietern sind entstanden, die sich fürchterlich -mit Krieg bedrohen. - -[Randnotiz: Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät -entwickelt.] - -Dies kleine Genrebild führt uns nun endlich auf +Martial+ hin. Denn -es ist von +Domitius Marsus+ verfaßt, und Martial war der große -Nachahmer und Fortsetzer des Catull und des Domitius Marsus. Martial, -der unerschöpflich reiche Epigrammatiker aus der Zeit des Kaisers -Domitian: ein Spanier von Herkunft, unverheiratet, fest eingelebt in -das System der kaiserlichen Despotie, pflichtenlos und gedankenvoll, -ein poetischer Bummler, den seine immer gute Laune ernährt: eine -Schmeichelkatze ohne viel Ehrgefühl, eine Klientennatur mit dem Talent, -auf das anmutigste zu necken, zu loben und zu betteln, der sich als -Tischgenosse und Badegenosse der Vornehmen, als Witzemacher und -Verseschmied erster Güte Eingang in alle ersten Häuser der Weltstadt -verschaffte. Auch als er in den Ritterstand erhoben ist, lungert -und katzbuckelt er weiter. Aber seine göttliche Munterkeit, seine -Menschenkenntnis und Darstellungskunst steigert sich noch, und wir -müssen sie bewundern. - -Wie war ein solcher Dichter damals möglich? und warum entfaltete sich -die epigrammatische Dichtung in Rom erst so spät? Denn zur wirklichen -Entfaltung, zum vollen Sichausleben kam sie tatsächlich erst durch -Martial. Die Antwort gibt Vergil. Es gab zu Vergils Zeit in Rom noch -keine große Kunst, die sich sehen lassen konnte; wozu sollte man -also die kleine pflegen? Ein schreiender Literaturhunger bestand, -und mit den winzigen Brocken Catulls ließ er sich nicht stillen. Wer -einen Festsaal schmücken will, kann dazu nicht Miniaturen brauchen; -große Tafeln muß er aufhängen, großmächtige Schildereien erst einmal -entwerfen lassen. Daher warf Vergil seine kleinen Jugendversuche hinter -sich und schuf das große Epos, die Äneide. Horaz gab Muster der Satire -und erhabenen Lyrik, Properz seine großen Elegienkränze, Ovid den -Decamerone seiner Metamorphosen. Das war die Augusteische Literatur; -aber sie war noch keineswegs überreich an guten Werken, und daher hat -die zweite Blütezeit unter Nero 50 Jahre später mit gutem Grund noch an -denselben Aufgaben festgehalten und demselben großen Stil gehuldigt. -Der junge Nero selbst dichtete; auch Seneca, sein großer Ratgeber, -tat es; und da gab es also neue Hirtengedichte, neue Oden, das Epos -des Lucan und des Nero, die Satiren des Persius; ja, sogar auch -Tragödien gab es, die einzigen römischen Tragödien, die uns erhalten -sind, in denen Cassandra, Phädra, Medea auf hohem Kothurn schreiten -und wunderbar fließend Latein sprechen. Nur die Griechen sind es, die -damals in Rom das kleine witzige Sinngedicht, das uns angeht, gepflegt -haben. - -Die Römer selbst aber? Der Großbetrieb war einmal im Gange, und er -ging immer noch rastlos weiter; er kulminierte unter Kaiser Domitian, -in den fünfzehn Jahren 81-96. Dieser herrische Kaiser war der eifrige -Patron aller redenden und singenden Künste; aber er war ein Tyrann und -Feind der Freiheit. Da man unter ihm nicht frei denken, also auch nicht -philosophieren, nicht einmal Geschichte schreiben durfte, so flüchtete -nun alles zur Dichterei; ein angstvolles Gedränge auf dem Parnaß. Der -Mensch braucht Geistesgymnastik; aber nur der Turnboden der Verskunst -stand damals für diese Gymnastik noch offen. Ein Genie wie Statius -tummelte sich da, aber auch Dilettanten in Fülle. Von Jason und von -Phineus, von Achill, Diomed und anderen abgestorbenen Helden hallte Rom -täglich wieder: diese alten Geschichten konnten freilich den Tyrannen -nicht kränken. Aber der Reiz der Neuheit fehlte; das Auge hatte sich -an den großgezerrten Heldenbildern längst müde gesehen. Wir kennen das -auch heute: wer stundenlang Rubens bewundert hat, atmet glückselig -auf, wenn er vor Metsu und Teniers und Netscher, den kleinen munteren -Holländern, steht. Auch da, in den Holländern, zeigt sich unendliche -Kunst! - -[Randnotiz: Martial.] - -Solch ein Holländer ist Martial gewesen. Unter Domitian tat er sein -Atelier plötzlich auf, und er brachte Neues. Aus den verstaubten -Büchergestellen zog er den fast verschollenen Catull und Domitius -Marsus wieder hervor, um sie zu modernisieren; aber er knüpfte zugleich -an die feinen Sinngedichte der Griechen an. Und es war gleich wie ein -Wunder, eine Offenbarung. Alles riß sich gleich um Martials kleine -Bücher. Da war plötzlich ein Meister der Miniaturkunst, ein Dichter, -der es wagte, groß im Kleinen zu sein, indem er dreist ins ganz -alltägliche Leben griff. Dem Martial ging es im Vergleich zu dem großen -Epiker Statius so, wie es Lessing neben Klopstock erging: „Wer wird -nicht einen Statius loben? doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen -weniger erhoben, doch fleißiger gelesen sein.“ Etwa jedes Jahr warf -Martial ein Buch heraus, in jedem Buch nur etwa hundert Nummern. Die -Sachen gefielen so, daß sie, obschon für den Moment gedichtet, doch -alle Zukunft beherrscht haben. Sie haben das Verdienst, daß sie uns -auch erhalten sind. - -Versenken wir uns denn in diese Bücher, und ob es auf Kosten unserer -Geduld geschieht, indem wir die etwa 1200 Gedichte sortieren. Römisches -Großstadtleben wollen wir kennen lernen: dieser Poet zeigt es uns wie -kein anderer. Eine Unmasse von Eigennamen wirbelt uns entgegen. Es ist, -als ob wir mit dem Stock in einen Ameisenhaufen stießen. - -Da ist der Kaiser selber, der sich „Gott und Herr“, man könnte auch -übersetzen „Herrgott“[417], nennen läßt; aber er ist unkenntlich hinter -einem dicken Vorhang von Weihrauchdunst und Schmeicheleien. Ob er -höchstselbst des Dichters Gedichtbücher lesen wird? Die Hofleute müssen -sie ihm, wenn er gnädiger Laune ist, in die Hände spielen. Da ist am -Hof der Kämmerer Parthenius, der Mann für Bittschriften Entellus usf. -Insbesondere Domitians junger Mundschenk, der „Frühlingsknabe“ Earinus -wird als der Ganymed des Allmächtigen von Martial besungen. Dazu kommen -die großen Paläste der Reichen, des zukünftigen Kaisers Nerva, des -Dichters Silius Italicus, der Witwe des Dichters Lucan, des dichtenden -Konsularen Stella, des großen Sachwalters Regulus. Da speist unser -Dichter gern, läßt sich obendarein beschenken und lobt alle diese -hochmögenden Personen mit Namennennung. Sie sind durch ihn verewigt bis -heute. Witz und Spott reicht an sie natürlich nicht heran, es sei denn, -daß der Dichter Geld braucht. Da wendet er sich einmal an den Regulus -(VII, 16): - - Regulus, mir fehlt Geld. Wie helf’ ich mir? Deine Geschenke - Muß ich verkaufen. Wie wär’s? willst du der Käufer nicht sein? - -Der große Herr wird sich wohl amüsiert und hoffentlich auch seine Hand -aufgetan haben. - -Wo Martial dagegen wirklich spottet und hänselt, da nennt er die -wahren Namen nicht. Er sichert sich durch das Pseudonym. Er ist kein -geharnischter Catull. Ein Catull war damals nicht mehr möglich. Gerade -durch das Pseudonym hat sich Martial den Erfolg in allen Häusern glatt -gesichert. Um so offener konnte er reden, und so sind die Personen, die -er uns vorgaukelt, Typen, aber echte Typen, wie die Personen unserer -Fliegenden Blätter Typen sind. Wenn er die Menschen grob oder giftig -anfährt oder mit schallendem Hohn, da handelt es sich fast immer -um verliebte Sünden; das sind die altüberkommenen Schändlichkeiten -gewisser Kreise; und es bleibt oft zweifelhaft, ob dem Dichter mehr -Entrüstung oder Behagen dabei die Feder führt. Im übrigen aber welche -Gutmütigkeit! welch friedliches Geplätscher! Diese Fülle menschlicher -Schwächen, wie scharf werden sie beobachtet, aber wie milde beurteilt! -Kein Zorn packt den Leser an; nur ein malitiöses Lachen, ein -wohlgefälliges Lächeln braucht er aufzuwenden. Im Halbtraum nach dem -warmen Bade, wo man keine Aufregung, sondern nur leichteste Zerstreuung -will, da ist es Zeit für den Römer, in seinem Martial zu blättern. - -Zunächst der Dichter selbst. Er wird in der Gesellschaft leider nicht -immer gut behandelt, und er unterläßt nicht, sich zu beschweren. Vor -allem das liebe Essen. Er geht zu Gast; man legt sich hungrig auf -die Speiselager; aber der Wirt läßt nichts auftragen und begnügt -sich, einige Parfümerien zu verteilen (III, 12). Schlimmer noch, -wenn ein genialer Koch sich darauf versteht, aus bloßem Kürbis ein -solennes Essen von vier Gängen zu bestreiten; Linsen und Bohnen, -auch Pilze, auch Datteln, auch der Kuchen zum Nachtisch wird aus dem -einen kleingehackten Kürbis hergestellt. Das soll was extra Feines -sein, und es kostet nichts! Welche Enttäuschung! (XI, 31). Bei einem -Vornehmen wohnt der Dichter auf dem Land. Der Mann zieht sein seltenes, -exotisches Obst hinter großen Glasscheiben in weiten sonnigen Räumen. -„Mir, dem alten Hausfreund, gibt er eine lichtlose Klause, die nur -eine handgroße Luke statt des Fensters hat; nicht einmal ein Eiszapfen -möchte darin wohnen. Wäre ich doch dein Obst,“ ruft der Dichter. „Da -ginge mir’s besser!“ (VIII, 14.) Und überhaupt die öden Pflichten, wenn -man Klient ist; man sollte sie einem Dichter doch erleichtern. Martial -wendet sich an den Labull. - - XI, 24: Labull, nun ward ich dein Gefolgsmann. Das ist schlimm. - Du stellst mich, Freund, auf eine harte Probe. - Indes ich mich dir widme voller Grimm - Und täglich, was du tust und redest, lobe, - Ein unerhörtes Zeitverschwenden, - Wie viele Verse konnt’ ich da vollenden! - Scheint dir’s nicht ein Verlust, daß so im Keim erstickt, - Was Rom und alle Fremden sonst erquickt, - Was alle großen Herrn und Senatoren - Sonst gern genössen mit gespitzten Ohren, - Was jeder Kluge lobt und nur die andern Dichter, - Die Konkurrenten, tadeln, dies Gelichter! - Ich soll im feinen Rock an deiner Seite gehn - Und meine Werke sollen nicht entstehn? - Ein voller Monat ist’s: mein Blatt ist leer geblieben, - Und all die Zeiten hab’ ich nichts geschrieben. - Und das nur deshalb, daß ich dann und wann - Hübsch fürstlich bei dir speisen kann? - -In diesem Gedicht hören wir auch schon gleich von Martials -literarischen Gegnern. Gegen die ist er natürlich unverlegen. Schlagend -ist seine Abfertigung: - - III, 9: Marull schreibt Verse gegen mich? Er halt’ es nach Belieben. - Der, dessen Verse man nicht liest, der hat sie nicht - geschrieben. - -Einem anderen, der sich selbst vorträgt, dient er folgendermaßen: - - IV, 41: Du Zarter trägst ein Tuch um den Hals, - Um deine Gedichte aufzusagen? - Wir Hörer sollten lieber fest - Das Tuch um unsre Ohren tragen. - -Schwieriger als die Konkurrenten ist oft das Publikum selbst. Es gibt -so viele, die nur das, was alt ist, bewundern und meinen: was neu ist, -kann nicht klassisch sein. Aber Martial ist guten Mutes: - - VIII, 69: Du lobst, Vacerra, nur die alten Weisen, - Und nur die toten Dichter magst du preisen? - Verzeih! um deinen Beifall zu erwerben, - Beeil’ ich mich noch lange nicht zu sterben. - -Nun aber die weitere Umwelt. Wie gutherzig menschenfreundlich ist -dieser muntere Geist da oft! Man merkt, er ist der Sohn einer reiferen, -menschlicheren Kulturperiode. Von einem Trinker heißt es, gnädig genug: - - I, 28: „Ihm ist elend! Der Rausch von gestern macht’s.“ - Gefehlt, ihr guten Leute! - Er kneipt ja immer die Nächte durch; - Sein Elend stammt von heute. - -Von einem unweltlichen Menschen: - - XII, 51: Der gute Fabulinus, - Nie schützt er sich vor Betrug - Und ward doch so oft betrogen! - Wer gut, wird niemals klug[418]. - -Und gar, wie rührend der Vers von dem Blinden: - - III, 15: Kein Mensch gibt mehr Kredit in Rom, - Als unser Cordus gibt. - „Er ist doch arm. Wie macht er das?“ - Ein Blinder ist’s, der liebt. - -Alles das könnte auch ebenso noch heute gelten. Aber weiter. Soll ich -aus der Fülle noch ein paar Themen auf gut Glück, wie die Zettel aus -der Urne, herausgreifen? Über Standesunterschiede im Liebesverkehr -(III, 33); von unfähigen Advokaten (VIII, 7); von Emporkömmlingen, -die groß tun, bald ist es ein Schuster, bald ein Schneidermeister -(IX, 73; III, 18); vom Schulmeister, der mit der Rute fuchtelt (IX, -68) und dem Glück der sommerlichen Schulferien (X, 62); von Bauwut -(IX, 46) und sonstiger lächerlicher Verschwendung (VIII, 5; VII, 98); -den Toilettenmitteln der Römerinnen (IX, 37). Dazu der sonderbare -Mamurra, der in allen Läden stundenlang herumsteht, um mit Kennermiene -die Kostbarkeiten zu betrachten, aber gar nichts kauft (IX, 59); -Hermogenes, offenbar ein Mensch aus guter Familie, der die Manie hat, -überall die Tischservietten zu stehlen (XII, 29). Dazu ein gewisser -Klytus, der an Habgier leidet und es verstanden hat, im letzten Jahr -achtmal seinen Geburtstag zu feiern, weil es da Geschenke regnet; -Martial sagt mit Recht: Auf diese Weise, junger Mensch, wirst du -früh zum Greise; denn so wirst du jedes Jahr gleich 8 Jahre älter, -ein Neunjähriger kann so schon gleich zweiundsiebzig werden. Auch der -Barbier gibt endlich ein nettes Thema. Die Barbiere hatten im Altertum -noch keine Seife und mußten sich abmühen, um alle Haare gründlich -wegzunehmen. Da kommt der Rasierjunge; er hat ein so glattes Gesicht; -aber während der endlos langen Arbeit, die er verrichtet, wächst ihm -selbst ein Bart (XI, 84 und VIII, 52). - -Doch des Aufzählens genug. Hören wir lieber den Dichter selber. Cinna -ist unleidlich, weil er in den Gesellschaften immer so leise spricht: - - I, 89: Alles schwatzt du heimlich uns ins Ohr, - Cinna, was jeder hören darf im Kreise, - Lachst mir ins Ohr, weinst, schimpfst mir ins Ohr, du Tor, - Deklamierst mir Gedichte in dieser Weise. - Krankhaft! Nächstens flüsterst du gar, du Leiser, - Mir noch ein Hoch ins Ohr auf unsren Kaiser! - -Es folgt Phileros mit den sieben Frauen, die er beerbt: - - X, 43: Es ist fast übertrieben: - Der reichen Frauen sieben - Hat Phileros bis jetzt - Im Erdreich beigesetzt. - Gewiß ein harter Schlag. - Allein der Ärmste kann sich sagen: - Das Erdreich bringt Ertrag. - Die Saat wird siebenfältig Früchte tragen. - -Und der frostige Redner Aulus: - - III, 25: Ist wirklich dir, Faustin, das Thermenbad zu heiß, - Das freilich auch Julian nicht zu ertragen weiß, - Den Redner Aulus ruf’ ins Bad; da schmilzt die Hitze. - So frostig ist der Mann, so froschkalt seine Witze. - -Da ist auch Fabulla, die sich für schön hält: - - VIII, 79: Nur alte Schachteln sind dein Umgang immer, - Fabulla. Stets nur garstige Frauenzimmer - Sind deine Freundschaft, und du schleppst ohn Gnade - Sie ins Theater mit, zur Promenade - Und zum Diner. So ist es, sollt’ ich meinen, - Nicht schwer, Fabulla, schön und jung zu scheinen. - -Dann aber tauchen die Zähne der alten Frauen vor uns auf, aber in -milderer Beleuchtung als einst bei Horaz: - - I, 19: Vier Zähne hattest du, Aelia, wie ich glaube. - Der Husten kam; ihm fielen sie zum Raube. - Zwei warf der erste Anfall hinaus; beim zweiten - Sahn’ wir die letzten deinem Mund entgleiten. - Jetzt brauchst du dich nicht weiter zu bezähmen. - Ein dritter Husten kann dir nichts mehr nehmen. - -Gern wurden die Hausärzte beschimpft, die Handlanger der Unterwelt. -Davon habe ich schon anderenorts eine blendende Probe gegeben[419]. Hier -eine zweite: - - X, 77: Nichts Schlimmres im Leben hat Carus gemacht, - Als daß ihn das schwere Fieber umgebracht. - Wär’s doch ein leichtes gewesen! Ich muß ihm grollen. - Er hätte sich seinem Arzt erhalten sollen. - -Man sieht: der Mensch ist verpflichtet, nicht an Krankheit, sondern -an seinem Arzt zu sterben! Rom war eigentlich keine gesunde Stadt; -leichtes Fieber stellte sich sehr häufig ein; aber man lief sorglos -damit herum. Auch das schildert uns einmal unser Dichter: - - XII, 17: Woher kommt es (so fragst du mit Seufzen mich oft), daß das - Fieber - Dich nicht verläßt nun schon Wochen und Monate lang? - Mit dir fährt’s in der Sänfte, es badet mit dir in den - Thermen. - Schmaust Lampreten mit dir, Austern und Pilze sogar, - Zecht mit dir oft bis zum Rausch Setiner und schweren - Falerner, - Ja, und den Cäcuber-Wein stets nur gekühlt und auf Eis, - Bettet mit dir sich in Rosen zu Tisch und in würz’gem - Amomum, - Teilt auch nachts dein Bett, Daunen auf purpurnem Pfühl. - Da’s ihm so schlemmerhaft gut bei dir geht, da soll dich das - Fieber - Fliehn und zum Dama gehn, der auf das dürftigste lebt? - -Schlimmer ist, wenn Martial einmal den Verdacht des Verbrechens -erhebt. Es handelt sich um Brandstiftung. Tongilianus wird von ihm -angeredet: - - III, 52: Für 20000 hatt’st du das Haus erhandelt. - Da hat es sich gleich in Asche verwandelt, - Tongilian. Das Haus ging auf in Flammen. - Doch deine Freunde traten rasch zusammen, - Ersetzten dir’s zehnfach. Nun gib acht. - Du stehst, Verehrter, im Verdacht: - Damit man dir so den Schaden deckt, - Hast du den Kasten selbst in Brand gesteckt. - -Da sieht man, wie unsere moderne Feuerversicherung im alten Rom ersetzt -wurde. Geschäftsfreunde bildeten ein Konsortium, und dem Betroffenen -wurde geholfen. Es lag aber auch damals schon nahe, diese Hilfe zu -mißbrauchen. - -Aber nun endlich Issa, und genug der Alltagsmenschen. Auch zu Issa, dem -Hündchen, beugt sich unser Dichter herab. Bei seinem Freund Publius hat -er das Tier gesehen. Dies sei das letzte Stück meiner Auslese. - - I, 109: Die Issa will ich heute singen. - Von Issa soll mein Lied erklingen. - Sie ist drolliger, als der Sperling war, - Den einst Catull geliebet, - Ist wonniger als das Taubenpaar, - Das sich im Schnäbeln übet, - Einschmeichelnder als die liebste Maid, - Kostbarer als Indiens Perlengeschmeid. - Das ist Issa, des Publius Hündchen. - Betrachten wir es ein Stündchen. - Da winselt es sanft schon, als spräch’s zu dir: - „So Lust wie Leid, das teilen wir,“ - Und streckt dann das Hälschen, weil’s schlummern will. - Keinen Atem hörst du. Es liegt so still. - Und kommt ein Bedürfnis, auch keinen Flecken, - Kein Tröpfchen macht es auf die Decken, - Kratzt nur mit der Pfote flehentlich: - „Hebt mich vom Pfühl! denn es ängstet mich!“ - Auch keusch ist die kleine Hündin sehr, - Flieht alle Liebeleien. - Wo ist auch der Hund, der würdig wär’, - Um unsre Issa zu freien? - Doch ach! doch ach! auch dieses Hündchen - Hat dermaleinst sein Sterbestündchen. - Drum hat ihr Herr, der sie so liebt, - Ihr Bild, das sie prächtig wiedergibt, - Mit eigner Hand gemalt: so treu! - Man weiß nicht, welches die Issa sei, - Das Tier selbst? oder das Konterfei? - -Das ist römisches Leben, bis herab zum Stubenhündchen; wie intim -berührt das alles! Aber ich lasse nunmehr den Vorhang fallen. Alle -dürftig und ungenügend ist, was ich hier geboten, und wer es kann, -sollte den Martial selber lesen. Denn alle Übersetzungen sind doch -nur bestenfalls Talmigold oder Simili-Brillanten[420]; in den meisten -seiner Miniaturen aber bringt der lebhafte Dichter nebenher noch eine -solche Fülle von Anspielungen, daß zum Verständnis eine einfache -Übersetzung gar nicht ausreichen würde. Auf alle Fälle aber wird mein -Leser begreifen, daß Martial alsbald und durch viele Jahrhunderte immer -wieder eifrige Nachahmer gefunden hat. - -[Randnotiz: Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont.] - -Aus der Spätantike erwähne ich die Dichter der sog. ~Anthologia -latina~, sowie den Ausonius und Luxorius. Die beiden zuletzt -genannten sind Christen; gleichwohl steigert sich noch bei ihnen -das geflissentliche Aufsuchen des Unanständigen bis zum Monströsen. -Wertvoller ist Claudian, der Dichter des christlich gewordenen -Kaiserhofes um das Jahr 400; denn in ihm ersteht endlich wieder ein -Kämpfer, der es wagt, mit offenem Visier zu beleidigen[421]. Offenbar -war es der kaiserliche Hof selbst, der ihn dabei deckte. Neues, was -uns fesseln könnte, bringen diese Spätlinge nicht. Nur freilich den -Flieger. Der Flieger taucht bei Luxorius auf. Man staune indes nicht -allzu sehr; denn in Wirklichkeit war es nur ein Equilibrist. Luxorius -lebte im Anfang des 6. Jahrhunderts im afrikanischen Vandalenreich, -wo immer noch die altrömische Kultur blühte und es immer noch -römische Amphitheater gab. In solchem Raum geschah das Wunder: einen -Riesenweitsprung, der dem Flug gleichkam[422], vollführte da ein -junger Zirkuskünstler durch die ganze Länge der Arena, wenn wir es -glauben wollen, 40 Meter weit. „Es ist kein Mensch,“ sagt der Dichter; -„nur Vögeln ist das möglich, und ich wundere mich nicht mehr, daß -ein Dädalus einst auf Flügeln über das Meer flog. Guten griechischen -Wein hab’ ich dem jungen Menschen kredenzt. Er ist so leicht wie eine -Schwalbe, aber der Wein soll ihn schwer machen.“ - -Wir wollten lernen. Haben wir hiermit endlich genug gelernt? und sind -wir in der Lage, ein Endurteil zu fällen? Keineswegs! sondern das -Wertvollste bleibt noch übrig. Wer urteilen will, hat nicht nur auf -das Vielerlei, das in den Dichtern steht, er hat auch auf das, was -diese Dichter verschweigen, achtzugeben. Denn lehrreicher ist oft, was -das Altertum +nicht+ sagt, als was es sagt. Und die Beobachtung, die -sich da ergibt, ist rasch erledigt; ich meine nur dies, daß bei allen -diesen Dichtern nahezu jeder Ausdruck des Rassenhasses fehlt, ferner -jeder religiöse Gegensatz, jeder konfessionelle Hader völlig unberührt -bleibt und sich nirgends ein Wort gegen die Priester findet, ja, daß -endlich auch der Soldatenstand von keinem je verunglimpft wird. Nichts -merkwürdiger, nichts charakteristischer, nichts bewunderungswürdiger -als das! - -Plautus hatte einst den ~Miles gloriosus~ geschrieben. Da wurde der -dumme griechische Offizier, der sich für den schönsten aller Männer -hält und mit den unglaublichsten Großtaten renommiert, unendlichem -Gelächter preisgegeben. Das spätere Rom weiß davon nichts mehr. Das -römische Militär war unantastbar. Auch die römischen Feldwebel und -Rekruten, auch der Legionär und der ~Tribunus militum~ werden gewiß -ihre Schwächen gehabt haben, und nichts war frecher im Auftreten als -die kaiserliche Garde in der Hauptstadt selbst. Aber unsäglicher -Respekt umgab sie. Kein Wort des Spottes hören wir je. Nur einmal -bringt Martial das zahme Distichon: - - II, 80: Hört! auf der Flucht vor dem Feind hat Fannius selbst sich - getötet. - Ist es denn Wahnsinn nicht, sterben, damit man nicht stirbt? - -[Randnotiz: Toleranz im Religiösen; kein Rassenhaß.] - -Die gleiche Schonung gilt prinzipiell auch den Trägern der -Gottesdienste. Nur Afranius hat in alter Zeit einmal ein Stück -„Der Augur“ auf die Bühne gebracht, wo solch ein Priester, dem die -Vogelschau oblag, ein Augur, die gefürchtete Hauptperson war: der -einflußreiche Mann schreit und rast so, daß der Himmel darüber -einzustürzen droht; aber sein Gesichtsausdruck ist falsch und -widerwärtig wie eine angemalte Wand[423]. Das war Afranius, und das ist -alles. Späterhin ist es nur einmal noch der Christ Luxorius, der über -einen trunksüchtigen Priester seiner Kirche herfällt[424]. - -Die Sacerdotes waren eben schon durch ihr Amt geschützt. Überdies -aber waren es in der vorchristlichen Zeit den besten Kreisen, ja, dem -Hochadel angehörende Männer und Frauen, die, zumeist verheiratet, von -der sonstigen vornehmen Welt sich im täglichen Leben durch nichts -abhoben, da sie in ihren Privathäusern lebten und nur während der -heiligen Handlung des Opfers und Gebetes das Priestergewand anlegten. -So hielt es ja auch der Kaiser selbst, der als Oberpriester, ~Pontifex -maximus~, persönlich die Staatsopfer vollführte. Eine anspruchsvolle -Isolierung und Weihe des geistlichen Standes, die den Spott oder -Widerwillen des Unfrommen hätte herausfordern können, gab es noch nicht. - -Nur die asiatischen Cybelepriester hat Martial in der Tat mit -seinem Hohn verfolgt[425], deshalb, weil sie mit ihrer schändlichen -Menschenjagd, die sie in den Städten Italiens betrieben, auch amtlich -verfehmt waren, und so trifft denn einmal auch die Göttin Cybele -selbst, die die Entmannung ihrer Anbeter forderte, ein entrüstetes -Wort[426]. - -Das steht für sich. Sonst aber wird von den fast unzähligen Religionen, -die damals in den Mittelmeerländern durcheinander wogten, kaum eine -einzige von diesen Dichtern angetastet oder der Kritik ausgesetzt. -Isis, Serapis, Mithras, Anubis, Jehova, das Christentum -- um von den -überkommenen römischen Nationalgöttern ganz zu schweigen --, alle diese -Gottheiten und Bekenntnisse fanden damals ihre Verehrer. Wer aber -mag sie in ihrem Glauben stören? Religion ist Privatsache; der Witz -biegt vor diesen Dingen aus. Vor allem ist von diesen Dichtern, soweit -ihre Werke uns vorliegen und eine Kontrolle möglich ist, nie Christus -verhöhnt worden. Das scheint mir ewig denkwürdig. - -Und was von den Religionen gilt, gilt endlich annähernd auch von den -Rassenunterschieden. Massenhaft dienten z. B. die Syrer in Rom als -elegante Sklaven und Sänftenträger, so unbeliebt sie auch wegen ihres -durchtriebenen Charakters waren; aber nur einmal trifft sie bei Martial -eine angreifende Wendung[427]. Auch gegen die sonst so gerne verfolgten -Juden ist er nur an einer Stelle ausfällig[428]. Wo er auf der Gasse -jüdische Bettler sieht, findet er durchaus kein bösartiges Wort[429], -wohl aber muß er sich seinerseits gegen einen jüdischen Widersacher, -der ihn angegriffen hat, verteidigen[430]. Ärgerlich war es, daß die -römischen Mädchen, wenn Germanen, Juden oder Perser nach Rom kamen, -sich gleich in diese Fremden verliebten und die römischen jungen Herren -alsdann als Luft behandelten. Den Ärger darüber kann uns der Dichter -nicht verschweigen[431]. - -So begegnen wir nun einmal wirklich auch einem Germanen in Roms Gassen, -und das muß unsere besondere Neugier erwecken. Ein Unfreier ist’s, -vielleicht ein von der städtischen Verwaltung zur Straßenreinigung -angestellter Sklave. Aber der Mensch benimmt sich sehr rücksichtslos, -als wäre er der Herr Roms. Aus einem Wasserbehälter der Fernleitung, -der mit köstlichem Gebirgswasser gespeist wird, will ein Knabe, ein -römischer Bürgerssohn, trinken; der Germane kommt und stößt ihn -herrisch fort, weil er zuerst trinken will. So geschehen zu Rom im -Jahre 96 n. Chr. Daß Martial den Menschen grob anfährt, das können wir -ihm wohl nicht verargen[432]. Erheiternder aber ist es noch zu lesen, -wie einmal ein Gallier, auch dies ein Kraftmensch, von ihm eingeführt -wird; da erhalten wir wieder einmal ein Straßenbild, und zwar bei Nacht: - - VIII, 75: Zur Miete wohnt in Rom ein Mensch von keltischer Race. - Es ist spät Nachts. Von der Flaminischen Straße - Will er nach Haus. Da stolpert er im Lauf. - Das Schienbein ist verrenkt; er stürzt und kommt nicht auf. - Was soll der Riese tun, um hochzukommen? - Des Galliers Diener sieht’s und steht beklommen. - Er ist so schwach, so klein. Er hülfe gerne. - Doch seine Kraft reicht kaum, zu halten die Laterne. - Da war’s, als ob man Hilfe brächte: - Eine Leiche schleppten zwei Schinderknechte, - Wie man die Verbrecher ohne Weh und Ach - In die Gruben hinausschafft tausendfach. - Der Diener fleht: „Faßt an, ihr Leut’! herbei. - Was aus der Leiche wird, ist einerlei.“ - Da tauschen richtig sie die Last schon aus. Nach oben - Wird schon der Riese hochgehoben, - Liegt da schon schwer in seinem Fett - Auf der gemeinen Bahre, auf dem Schinderbrett. - Vom Totengräber sah er sich zuletzt - Auf seiner eignen Wohnung lebend beigesetzt[433]. - -[Randnotiz: Anders die Satire. Religiöse Aufklärung.] - -So weit die Spottdichtung und das Sinngedicht, so weit die fliegenden -Blätter Roms. Welche Zurückhaltung sich diese leichtlebige Kunst im -Altertum auferlegte, haben wir gesehen. Ganz anders die große römische -+Satire+, zu der wir uns jetzt noch wenden. Indem wir auch sie noch -zu Wort kommen lassen, hört alsogleich das Behagen auf; die Lehre -beginnt, und sie reißt uns aus all der Heiterkeit, die uns bisher -umgab, in den Ernst hinüber, der bis zum Ingrimm geht, und in die -Sorgen um die schweren Grundfragen des Lebens. Denken wir nur an die -religiöse Frage. Die Satire ist es, mit deren Hilfe wir einem der -größten menschheitlichen Ereignisse, dem Übergang aus dem Polytheismus -in das Christentum, der großen religiösen Umwälzung der Antike, die -eben zu jenen Zeiten langsam vor sich ging, nähertreten können. Es sind -die etwa fünf Jahrhunderte von 200 v. Chr. bis 300 n. Chr. In diese -Entwicklung hat auch die große römische Satire mit eingegriffen; denn -ihre Aufgabe war eben die Erziehung des Volkes. Aber das Aufstellen von -tugendhaften Lehrsätzen genügte ihr nicht; sie rief auch dabei wieder -den Spott zu Hilfe. Alle falschen Werte riß sie mit Hohn herunter; -alles, was hohl und vermorscht, schlug sie in Trümmer. - -Ich sehe hier von der wichtigen Aufklärungsarbeit der griechischen -Philosophen ab und halte nur auf Rom, das Zentrum der Welt, das -Auge gerichtet. Da hatte dereinst schon der Dichter Ennius im 2. -Jahrhundert v. Chr. kaltsinnig an dem alten Götterglauben gerührt -und für die Entstehung der Vorstellungen von Jupiter und den anderen -Nationalgöttern trivial-euhemeristische Erklärungen vorgetragen, die -sich wie ein amüsanter Roman für die Halbbildung lesen. Das übermütig -freche Volkstheater, der sog. Mimus, wirkte überdies schon lange ganz -im gleichen Sinne. In den Schwänken, die es da gab, wurde Jupiter, -der höchste Gott, wie ein alter Onkel hübsch begraben, die Göttin -Diana machte ihr Testament, und ähnliche Scherze mehr, wobei immer das -Sündhafteste dem Publikum gerade das liebste war. Dann kam Varro, der -Philologe, mit schwerstem Geschütz, der in einem dicken Sammelwerk -den ganzen bunten Götterglauben des Altertums mit seinen tausend -Namen redlich buchte, aber diesen Glauben dabei als nichtig nachwies -und nur die Naturkräfte im All noch als göttliche und heilige Mächte -gelten ließ. Derselbe Varro schrieb aber auch Satiren, z. B. einen -„gefälschten Apoll“, in denen er von den Göttern handelte und die -Volksvorstellungen nur deshalb bestehen ließ, um possierlich mit ihnen -zu spielen[434]. Gleichzeitig mit Varro wirkte dann auch Cicero, und er -machte diese freien Ansichten populär; Ciceros berühmte Schrift „Über -die Natur der Götter“ ist das erste große Aufklärungswerk gewesen, -das durchschlug. Der Staatskultus mit seinem reichen Tempeldienst -bestand freilich ungeschmälert weiter, aber jeder Gebildete dachte -dabei hinfort, was er wollte. In Wirklichkeit haben sich damals alle, -die nachdachten, auf die stoische Religion zurückgezogen, die von -den Philosophen ausging und deren Lehre sich mehr und mehr und immer -deutlicher zum geistigen Monotheismus hindurchrang. Die Frage war nur, -was aus den herkömmlichen Göttern schließlich werden sollte. - -[Randnotiz: Persius. Seneca. Juvenal.] - -Wundervoll geläutert sind schon die Vorstellungen, die Persius zu -Kaiser Neros Zeit in seinen Satiren vortrug. Es handelt sich um das -Gebet; albern und gottlos, sagt Persius, sind die Menschen, die sich -Bargeld und sonstige angenehme Dinge wünschen und mit solchen Bitten -die hohen Götter behelligen. Gott ist gütig, und er weiß selbst am -besten, was uns not tut. Und neben Persius stand nun auch schon Seneca, -der endlich die Axt an die Wurzel legte, indem er sich gegen den -herrschenden Gottesdienst selbst, gegen den Ritus mit seinen Opfern und -Zeremonien wandte. Gott ist ein Geist; er bedarf dieser menschlichen -Armseligkeiten nicht. „Über den Aberglauben“, ~de superstitione~, -betitelte Seneca sein umstürzendes Buch, von dem wir gewisse Abschnitte -unbedingt zur Satirenliteratur rechnen; denn die beißendste Satire -war darin seine Waffe. So wie die Satire immer das Extreme aufsucht, -so hat hier Seneca gerade die lächerlichsten Auswüchse der sog. -Frömmigkeit, die ihm als Aberglaube gilt, geschildert, und wir lesen -seine Schilderung mit Staunen. Es handelt sich an der einen Stelle, die -uns vorliegt, um das vornehmste Gotteshaus der altrömischen Trinität -Jupiter, Juno und Minerva: „Ich kam auf das Kapitol. Man muß sich -schämen über die Tollheit, die sich da öffentlich zeigt, und wozu -sich eine sinnlose Schwärmerei verpflichtet hält. Einer legt da dem -Gott das Hauptbuch (über die Verwaltung des Tempelvermögens) vor, ein -anderer meldet dem Jupiter, wieviel Uhr es ist; einer steht als Lictor -oder Platzmacher herum; wieder einer ist des Gottes Einsalber und tut -mit einer zwecklosen Armbewegung so, als salbte er ihn wirklich ein. -Auch an Personen, die der Juno und Minerva das Haar machen, fehlt es -nicht; aber sie stehen von den Götterbildern, ja sogar vom Tempel -selbst weit ab und bewegen nur so die Finger, als frisierten sie sie. -Andere halten den Spiegel dazu. Dann kommen welche, die (in eigener -Prozeßsache) die drei Götter zu einer Bürgschaftsleistung einladen, -ihnen ihre Anklageschrift bringen und ihren Fall vortragen. Auch -einen Schauspieldirektor von guter Schule, aber schon alt und verlebt, -sah ich da, der täglich auf dem Kapitol sein Rollenfach mimte, als -könnten die Götter an ihm, den kein Mensch sich mehr ansehen mochte, -noch Vergnügen haben. Und so sind da alle Sorten von Künstlern oder -Kunststückmachern vertreten, die ihre Zeit damit vergeuden, die -unsterblichen Götter zu ehren. Alle diese Leute tun nun gewiß, was -überflüssig ist, allein sie entehren sich doch nicht selber; aber auch -Weiber, die meinen, sie könnten mit Jupiter in Liebesverkehr treten, -hocken auf dem Kapitol, und nicht einmal der Anblick Junos schreckt -sie ab, die ja doch, wenn die Dichter recht haben, sehr leicht in Zorn -gerät.“ - -Jetzt wissen wir, wie es da zuging. Diese Schilderung Senecas gibt -uns endlich das, was Martial verschweigt: eine köstliche Ergänzung -zur Kenntnis des römischen Stadtvolks, besonders in seinen unteren -Schichten. Leider ist uns aus Senecas Schrift sonst fast nichts -erhalten; der Kirchenvater Augustin hat nur eben dies daraus -ausgezogen, weil es seiner christlichen Tendenz besonders zu Hilfe kam. -Wir würden gerne auch das Weitere und Gewichtigere lesen. - -[Randnotiz: Juvenal gegen den Fanatismus. Satire der Kirchenväter.] - -Auf Seneca aber endlich folgt +Juvenal+, der letzte und wuchtigste der -Satiriker. In machtvoller Breite rollen seine Predigten daher. Die -Gesellschaft sittlich zu heben, die Herzen zu reinigen, das war auch -Juvenals Zweck; was aber Seneca schon geschrieben hatte, brauchte er -nicht zu wiederholen. So wandte er denn seinen Zorn gegen ein anderes -drohendes Gespenst, den religiösen Fanatismus, der im Orient seit -langem sich regte. Nach Ägypten kehrte er seine Augen; da war unlängst -Ungeheuerliches geschehen, und er beschloß dies erschreckende Beispiel -in grausiger Schilderung aller Zukunft zur Warnung hinzustellen. Es ist -Juvenals 15. Gedicht. - -Zwei ägyptische Nachbarstädte, Omboi und Tentyra, waren es. Beide haben -andere Götter, und sie hassen sich deshalb bis zur Raserei. Bei den -Ombiten ist gerade Festtag, und sie begehen ihn mit rauschendem und -berauschendem Gottesdienst. Da werden sie von den Leuten aus Tentyra -überfallen, eine Rauferei beginnt; sie zerschlagen sich erst nur die -Gesichter. Dann wird schon mit Steinen geworfen; dann greift man zum -Messer, bis die Angreifer fliehen; einer der Fliehenden aber wird -ergriffen und von der siegreichen Menge zerrissen und in unerhörtem -Kannibalismus verspeist. Alle sättigen sich an der Mahlzeit. Der -letzte, der nichts abbekam, leckt gierig noch das Blut von den Fingern -des Opfers. Gott, der Weltenschöpfer, sagt Juvenal, erhob den Menschen -über das Tier, indem er uns die Menschenliebe und den Trieb gab, daß -einer dem anderen helfe. Wo aber ist die Bestie, die ihresgleichen -frißt? Die religiöse Wut, der Haß gegen die Götter des Nachbarn bringt -das fertig. - -Ob hier Juvenal übertrieben hat? Jedenfalls ist klar, welchen -Standpunkt er im Hader der Religionen einnahm, und um so wohltuender -berührt es uns, daß er in all seinen Dichtungen kein hämisches, -wegwerfendes Wort gegen das Christentum findet. Um das Jahr 130 konnten -dem Juvenal die stark angewachsenen Christengemeinden nicht unbemerkt -bleiben; denn das Evangelium scholl schon vernehmlich über die Gasse -in den Griechenquartieren Roms. Juvenal, dieser energische Ethiker -und Volkserzieher, lebte ganz in der stoischen Sittenlehre, die der -christlichen tatsächlich so nahe stand. Vielleicht dürfen wir annehmen, -daß er eben darum zu satirischen Angriffen gegen die neue Völkerlehre -keinen Trieb und keinen Anlaß fand. - -Anders das Christentum selbst. Kaum war Juvenal verstummt, so erhob -das Christentum selbst seine Stimme zur Polemik, und die große -Satire der christlichen +Kirchenväter+ im Kampf mit den heidnischen -Göttern hob an. Denn auch dies war Satire. Den Ton bittersten Spottes -und grenzenloser Entrüstung entlehnten die Kirchenautoren dabei -von Juvenal, aber von vornherein sind sie viel siegesgewisser als -er. Denn ihre Aufgabe war leicht; sie konnten ja ihre Argumente -von den aufgeklärten Heiden selbst entnehmen, und sie nahmen sie -wirklich getreu aus Varro, Cicero und Seneca. Aber auch im römischen -Volkstheater waren die Götter ja, wie wir sahen, längst entheiligt -und zu lustigen Figuren gemacht. Auch dies bot den Christen die -willkommenste Hilfe. „Erröten müßt ihr über eure Götter,“ so hebt -einmal Tertullian an[435]. „Ich weiß nicht, soll ich lachen über eure -Torheit oder auf eure Blindheit schelten.“ Da haben wir also das -Lachen; es ist das Lachen des Satirikers. Und dann geht es weiter: Der -alte Gott Saturn soll Sohn des Himmels sein; Himmel heißt ~caelum~ auf -Latein; ~caelum~ aber ist ein Neutrum. Wie kann ein Neutrum Kinder -erzeugen? Saturn soll ferner schon eine Sichel besessen haben; eine -Sichel setzt das Schmieden voraus, aber der Schmiedegott Vulkan, der -das Schmieden erfand, war doch erst Saturns Enkel! Wie konnte also -Saturn schon eine Sichel haben? Weiter hat man den Herkules zum Gott -gemacht, weil er so viele wilde Tiere erschlug; warum aber nicht lieber -den Pompejus, der all die Piraten beseitigte? Denn die unzähligen -Piraten waren viel schlimmer als die paar wilden Tiere. Besonders -lachhaft sind die unzähligen kleinen Stadtgötter im Land; denn jedes -kleine Nest hat einen anderen; „ich lache über diese göttlichen -Magistrate, deren Ansehen nicht weiter als bis zu ihrer Stadtmauer -reicht. Und was soll man weiter zu Romulus sagen, der Rom gründete und -dabei seinen Bruder totschlug? Wenn alle Stadtgründer gleich Götter -werden sollen, dann kann es freilich viele geben!“[436] - -Und so rollt die Polemik weiter. Nicht anders wie Tertullian redeten -hernach auch noch die Späteren, Arnobius, Lactanz, Augustin; und -wer sollte ihnen da widersprechen? Gepriesen sei die Zeit, wo das -Christentum nur mit solchen Waffen, mit den Waffen der klugen Rede, -focht und siegte! Es sollte die Zeit kommen, wo es zu anderen griff. -Juvenal hatte umsonst gewarnt. Die Zeit kam, wo der Fanatismus aufs -neue zum Schwert griff und das Blut floß. Es war der Fanatismus des -Christentums und seiner erstarkten Kirche. - -Wozu daran erinnern? Die Religionskriege liegen ja gottlob weit hinter -uns. Der schöne Gedanke des Altertums, daß der Polytheismus nur eine -Vielnamigkeit Gottes, daß die vielen Götter der Erdenvölker also nur -viele Versuche sind, den Einen zu nennen, und die religiöse Duldung, -die in diesem freundlichen Gedanken wurzelt, hat allmählich auch unsere -Gegenwart erobert, und wir hoffen, daß sie einmal voll und ganz siegen -wird. Schlimmer steht es heut mit dem Rassenhaß, dem Völkerhaß, der -Entzweiung der Völker Europas. In dem Weltkrieg, der in den letzten -Schreckensjahren unseren Weltteil zerfleischte, schlugen nicht nur -die Waffen, die Vulkan geschmiedet, aufeinander; auch das Wort -kämpfte wieder, aber völlig entartet, und die gemeinste Schmähsucht -war losgelassen. Mit den niedrigsten, verlogensten Beschimpfungen -fielen die Völker, die unsere Vernichtung beschlossen hatten, über uns -Deutsche her, weil unser Volk den unerhörten Mut hatte, sich innerhalb -seiner Grenzen selbständig und kraftvoll auszuleben. Aller Witz der -Rede, aller Feinsinn, alle Grazie erstickte dabei in geschmacklosester -Karikatur und häßlich kreischender Verleumdung. Das verrät einen -sittlich kulturellen Tiefstand der Gegenwart, der Europa weit, weit -hinter das Zeitalter des Horaz und Juvenal zurückwirft und uns mit -völlig hoffnungsloser Trauer erfüllt. Denn die Völker, von denen ich -sprach, lebten ja schon damals; sie alle sind die gemeinsamen Erben -der Zivilisation von Rom und Hellas. Damals zwang die Römerherrschaft -die hochbegabten Nationen, die sie umfaßte, zur Eintracht, zum Fleiß -und dauernd glücklichem Dasein. Wird jetzt der geplante „Völkerbund“ -wirklich alle Nationen friedlich umfassen? oder müssen wir wünschen, -daß wieder wie einst ein Zwingherr ersteht, der die Welt in seine -starke Hand und sichere Verwaltung nimmt? Beklagenswert die Welt, die -zu ihrem Glück, zur Wahrung ihrer Würde, gezwungen sein will. Denn -Glück ist nur in der Freiheit, und der wahre Beruf der Völker ist, in -freier Einigung die reine Menschheit in sich darzustellen. - - - - -Anmerkungen. - - -Die Römerin. - -[1] Vielleicht ist das Wort ~roma~, ~ruma~ ursprünglich etruskisch und -hernach latinisiert worden; man hat es neuerdings als „Brust“ gedeutet; -alsdann war ~Roma~ aber vielleicht ursprünglich die Benennung für -einen Mann gewesen, also wirklich als Maskulinum gedacht und nur der -Form nach weiblich, sowie auch die Feminina ~Ahala~, ~Sura~, ~Pansa~, -~Bucca~ Körperteile bezeichnen und zugleich römische Männernamen sind, -und ~Romulus~ war, dies vorausgesetzt, von dem männlichen ~Roma~ nur -die Verkleinerung. Vgl. G. Herbig in der Berliner philol. Wochenschrift -1916, S. 1477. - -[2] D. h. der ~genius urbis~ war eben der ~genius populi~, und -~populus~ ist maskulin. Die Aufschrift, die sich auf dem Kapitol -befand: ~genio urbis Romae sive mas sive femina~ (Servius zu Aen. 2, -351) kann nicht alt gewesen sein, da die ursprünglichere Bezeichnung -~genius populi Romani~ gewesen sein muß. Denn ~genius~ bedeutete -eigentlich den männlichen Zeugungstrieb (vgl. meinen Artikel „Genius“ -in Roschers Mythologischem Lexikon). Jene Inschrift verrät das -Befremden, das Spätere dem ~genius~ eines weiblichen Wesens gegenüber -empfanden. - -[3] Marquardt-Mau, Privatleben, S. 728, 8. - -[4] Über die „Hut der Mutter“, ~matris tutela~, ~matris custodia~, vgl. -Rheinisches Museum 70, S. 269. So sehen wir den jungen Properz unter -der ~custodia matris~ stehen, aber auch den jungen Dichter Persius. -Horaz hat dagegen seine Mutter früh verloren; denn er erwähnt nur den -Einfluß des Vaters auf seine Kindheit. Vielleicht mag sich aus diesem -Umstand des Horaz eigentümliche Stellung zu den Frauen erklären; denn -er huldigt, anders als Properz, keiner Frau der vornehmen Gesellschaft, -er hat ihren Umgang augenscheinlich nicht gesucht. Nur an Männer sind -seine Briefe gerichtet. Die edle Frauenverehrung aber pflegt mit der -Verehrung der Mutter anzuheben. - -[5] Die ~virtus~ gehört den ~viri~, die ~pudicitia~ den ~matronae~: -Livius 10, 23. - -[6] Properz 2, 6, 25 und Plinius ~nat. hist.~ 17, 244. - -[7] Domitius warf dem Crassus vor: „Hast du nicht geweint, als dir die -Muräne starb, die du im Fischbehälter aufzogst?“ Crassus antwortete: -„Hast du nicht etwa +nicht+ geweint, als du dich von deiner Frau -trenntest?“ - -[8] Das griechische Ideal der Ehe gibt uns Plutarch, ~Praecepta -coniug.~ 9: Der Mond strahlt nur dann, wenn er der Sonne nicht zu nahe -steht. Umgekehrt die Frau: sie strahlt am schönsten, wenn sie zusammen -mit ihrem Manne erscheint; ist er nicht da, so gleicht sie dem Neumond! -Diese Lehre gipfelt in dem Satz: die Frau soll der +Spiegel+ ihres -Mannes sein. - -[9] Erst im 2. Jahrhundert n. Chr. tauchen Römerinnen, die in eine -Hündin verliebt sind, auf, bei Juvenal VI, 654 und Lucian ~de merc. -conductis~ 34 (letztere Stelle wurde mir von ~Dr.~ Hasenclever, -Würzburg, nachgewiesen), früher findet sich nichts dergleichen. Es war -dies also eine Mode der Spätzeit. Wohl treffen wir dagegen Männer, auch -junge Männer an als zärtliche Liebhaber ihrer Hunde; ich erinnere an -das Hündchen Issa bei Martial (s. S. 223). Das reizende Grabgedicht auf -die Hündin Myia (~Carmina epigraphica~ 1512) stammt freilich von einer -Frau, aber aus Gallien, nicht aus Rom. Aus Rom stammt die marmorne -Grabschrift auf die Jagdhündin Margerita (ebenda 1175), von der dort -ausgesagt wird, daß sie oft im Schoß ihres Herrn oder ihrer Herrin -von der Jagd ausruhte. Hier ist die Herrin also einmal mit erwähnt. -Die Katze fehlte in den Häusern; sie wurde vom mäusefangenden Wiesel -(~mustela~) vertreten; aber auch zum Wiesel sehen wir die Römerinnen -nie in einem näheren Verhältnis. - -[10] Seneca ~de benef.~ 1, 9. Die Frau, die außer ihrem Ehemann -nur einen Liebhaber hat, steht noch gut da; man sagt von ihr, daß -sie in Doppelehe lebt, und dies eine ~adulterium~ wird als ein -zweites ~matrimonium~ gerechnet; s. Martial VI, 10 und „Römische -Charakterköpfe“ 3. Aufl., S. 235. - -[11] Gellius 1, 23. - -[12] ~mulierum conventus, senatus matronalis, Script. hist. Augustae -Heliogab.~ 4, 3. - -[13] Cicero nennt die Clodia geradezu ~meretrix~. - -[14] Helvius Cinna hatte schon unter des großen Julius Caesar -Begünstigung geradezu die Einführung der Polygamie vorgeschlagen -(Sueton, Caes. 52); die Kaiserin Messalina führte dies durch; weiter -nichts. - -[15] ~Ovid ars~ 3, 189. - -[16] Horaz ~sat.~ 1, 10, 91. - -[17] s. Rheinisches Museum 70, S. 270. - -[18] Vgl. W. Schrötter, Ovid und die Troubadours. - -[19] Seneca ~epist.~ 95, 21. - -[20] Zur Frauensatire Juvenals vgl. Rhein. Museum 70, S. 527 ff. - -[21] ~Domum servavit, lanam fecit~ (~Carmina epigraph.~ 52) ist -typisch. Charakteristische Monumente sind die Grabschrift auf Turia -(Dessau n. 8393) und das neuerdings gefundene der Potestas (Kroll im -Philologus 73, S. 274 f.); sie geben eine ausführliche Schilderung. -Ich nehme hier die Gelegenheit wahr, eine schwierige Stelle in dem -Lobgedicht auf Potestas (das um das Jahr 300 n. Chr. entstanden ist) zu -erklären. Die Körperschönheit, Brust und Beinwerk der Frau, werden da -sehr drastisch gelobt; dann heißt es im v. 22, daß die Frau eine glatte -Haut hatte, ja, daß sie sich alle Haare zu entfernen pflegte: - - ~anxia non mansit, sed corpore pulchra benigno - levia membra tulit; pilus illi quaesitus ubique.~ - -Hier hat das ~anxia~ die sonderbarsten und künstlichsten Erklärungen -hervorgerufen; der Zusammenhang der Sätze zeigt aber unzweifelhaft, -daß dies Wort „behaart“ bedeuten muß. Es kann nichts anderes sein -als ein Vulgarismus des Spätlateins und ein barbarisch entstelltes -griechisches Lehnwort; nämlich ἄξοος, das von ξέω gebildet worden ist -(nach der Analogie von ἄπνοος, εὔρροος) im Sinne von ἄξεστος, „der -ungeschorene“ (vgl. Callimachus Frgm. 105), und hier ebenso auf die -Rauheit der Haare Bezug hat, wie das ξεστός bei Oppian von den Haaren -des Elephanten steht. Sie ist ~non anxia~, heißt also soviel wie: -sie ist ~toto corpore expolita~, wie wir in der Vita des Heliogabal -5,5 lesen. Der Vulgarismus aber zeigt sich in dem Wort ~anxia~ statt -~axoa~ dreifältig, im Eintreten des ~i~, im Eindringen des Nasals, -in der Bildung einer Femininform vom komponierten griechischen -Adjektiv. Das ἄξοος wurde offenbar mit dem geläufigen Adjektiv ἄξιος -zusammengeworfen. Dann ist das Wort weiter an das echt lateinische Wort -~anxius~ völlig angeglichen, und eben der Anklang an dies geläufige -lateinische Wort hat die Nasalierung begünstigt. Das Eindringen des -unechten Nasals aber ist dasselbe wie in ~thensaurus~, ~coniunx~, und -die Gegenbildungen dazu sind Schreibungen wie ~Quictilis~, ~provicia~ -u. a., die man auf Inschriften findet. Insbesondere ist ~bronchus~ -als Nebenform von ~brocchus~, ~brochus~ zu vergleichen; auch καχάζω, -καγχάζω, ~Pimplêus~ und ~Piplêus~ (Catull 105, 1). Nicht glücklich ist -die Stelle von Mesk in der Berliner Phil. Wochenschrift 1915, S. 62 -behandelt worden. - -[22] Auch an der Priscilla weiß Statius (Silven V 1, 57) im Grunde nur -dies zu rühmen und daß sie Tag und Nacht für das Wohl des Gatten zu den -Göttern gebetet hat (v. 72). - -[23] Arrias Wort an den Gatten: „o Pätus, der Tod schmerzt nicht.“ - - -Antike Gastmähler. - -[24] Schiller sagte doch bekanntlich nur: „Satt zu essen muß der -Mensch haben, wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.“ Vgl. -Säkularausgabe Bd. XIII, S. XXXII. - -[25] Über Tafelfreuden, Kochbücher u. a. des 16.-18. Jahrhunderts findet -man einen hübschen Aufsatz in Reclams Universum, Jahrgang 34, Heft 12 -(1917). - -[26] S. Das antike Buchwesen, S. 434. - -[27] Etwa: „Singe mir, Muse, Diners mit vielerlei Gängen und viele!“ -Aber der Anklang an den homerischen Vers ist damit nur teilweise -wiedergegeben. - -[28] Ich sehe von solchen Tabernen ab, die üblen Zwecken dienten. - -[29] Außer in gewissen leichtlebigen Geselligkeiten, von denen hier -nicht die Rede ist. - -[30] Vom Kaiser Elagabal hören wir, daß er für jeden Gang ein neues -Tischtuch (~mantele~) auflegen ließ, und zwar waren auf dem Tuch die -Speisen abgebildet (~picta~), die es gab (~Script. historiae Augustae -c.~ 27). - -[31] In dem Gedicht Anthol. Pal. 10, 43 heißt es: „Sechs Stunden -am Tag sind für die Arbeit, die siebente bis zur zehnten sind für -das Sichausleben“; in feiner Witzform wird das vorgetragen. Die -griechischen Buchstaben für die Zahlen 7, 8, 9, 10 sind nämlich ΖΗΘΙ, -und ζῆθι bedeutet: „genieße das Leben.“ - -[32] Wir erfahren, daß diese Vorhänge wirklich Gegenstände der -Betrachtung waren; s. Valerius Maximus 9, 1, 5. - -[33] Martial 12, 87 und sonst. - -[34] Die Gäste küssen den Tisch, um Gespenster oder ein böses Omen -abzuwehren; Petron, ~c.~ 64. - -[35] Deshalb war ein Fisch teurer als ein Rind; Plutarch, Sympos. 663 -~B~. - -[36] Unser Wort „Suppe“, italienisch ~zuppa~, heißt eigentlich das -Eintauchen von Brot in eine Flüssigkeit; vgl. R. Kleinpaul in der -Kölnischen Zeitung 1911, Nr. 453, drittes Blatt: „Das Alter der Suppe.“ - -[37] Friedländer erklärt die Stelle des Petron, ~c.~ 65: ~gallinae -altiles circumlatae sunt et ova anserina pilleata quae ut comessemus, -ambitiosissime (a) nobis Trimalchio petiit dicens exossatas esse -gallinas~ nicht richtig; ~quae~ weist nicht nur auf ~ova~, sondern -zugleich auf ~gallinae~ zurück: „Trimalchio drängte uns, daß wir von -beiden essen sollten, indem er anmerkte, die Masthühner seien übrigens -ohne Knochen.“ - -[38] Vgl. Martial 13, 92. - -[39] Plinius, ~Nat. hist.~ 28, 260; Martial 5, 29; Lampridius Alex. -~c.~ 38. - -[40] Es lag allerdings für die Volksetymologie nahe, ~lepus~ und -~lepos~ in ähnliche Beziehung zu setzen wie ~decus~ und ~decor~, -~(h)onus~ und ~honos~. - -[41] Vgl. Martial 3, 82, 8. - -[42] Seneca ~ad Helviam~ 10. - -[43] Vgl. Martial 5, 79. - -[44] Vgl. Martial 9, 35. - -[45] Vgl. Martial 5, 78, 26. - -[46] Vgl. Martial 3, 50. - -[47] Diese Umrechnungen sind nicht genau zu nehmen, da der Wert des -Geldes starken Schwankungen unterworfen war. Bei Derus werden 6 -Millionen, bei Nero 4 Millionen Sesterz angegeben. - -[48] Varro, ~De re rust.~ 3, 7. - -[49] Man vergleiche dazu Sergius Orata; ~orata~ ist der Goldfisch. - -[50] Hierfür wie für manches andere sei auf Victor Hehn, Kulturpflanzen -und Haustiere (6. Auflage, S. 433 ff.) verwiesen. - -[51] Dies führt Martial 7, 27 aus. - -[52] Plutarch, ~De esu carnium~, ~p.~ 997 ~A~. - -[53] Friedländer, Petron S. 282. Auf einem Relief von St. Germain sieht -man eine Tischrunde, ein Sigma dargestellt; in der Mitte steht ein -ganzer Eberkopf serviert: s. Robert, Sarkophagreliefs Bd. III, Tfl. 88, -N. 272. - -[54] Wohl aber war das Trinkgeschirr oft aus Glas und die -Glasfabrikation hoch entwickelt. - -[55] Ein Feldherr, der im Jahr 58 n. Chr. in Germanien Krieg führte, -hatte 12000 Pfund Silbergeschirr in seinem Hauptquartier (Plinius ~nat. -hist.~ 33, 143). - -[56] ~Digitis ustis~, Martial 5, 78, 6. - -[57] In der Casa del Centauro zu Pompeji wurden dreizehn silberne -Löffel ausgegraben, sechs kleinere und sieben größere. Eine Abbildung -der kleineren findet man bei Overbeck-Mau, Pompeji, 4. Auflage, S. 444. - -[58] Petron ~c.~ 66. - -[59] Martial 7, 22, 17. - -[60] Vgl. W. Helbig, Führer durch die Sammlungen der klassischen -Altertümer in Rom, Nr. 715. - -[61] Die Gelage enden der Regel nach nie spät; nur der Berufssäufer -trinkt bis zum Morgen; es schien schon ungeheuerlich, daß Nero ~epulas~ -bis ~noctem protrahebat~ (~Suet. Nero~ 27). - -[62] Hierüber meine Kulturgeschichte, 3. Aufl., S. 49 f. - - -Auf der römischen Heerstraße. - -[63] Für die nachfolgende Studie kam mir das Buch von Wolfgang Riepl zur -Hilfe: „Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht -auf die Römer“ (Leipzig 1913); es ist von mir besprochen in der -Historischen Zeitschrift, Bd. 113, S. 571 ff. - -[64] Vgl. Herodot V, 105. - -[65] Philostrat II, S. 378, 12 ~ed.~ Kayser. - -[66] Über Iris vgl. Neue Jahrbücher XIX (1907), S. 707 f. - -[67] Plinius handelt in seiner Naturgeschichte VII, 84 über namhafte -Schnelläufer und ihre Leistungen; aber er weiß da als Beispiele nur -Griechen zu nennen, und indem er schließlich auch nach einem römischen -Namen sucht, findet er keinen einzigen außer Tiberius, der Tag und -Nacht zu seinem erkrankten Bruder Drusus nach Germanien eilte, aber im -Wagen! Das ist bezeichnend. - -[68] Livius 26, 35. - -[69] Livius 34, 1, 5 und 2, 12. - -[70] Juvenal 11, 2. - -[71] Varro ~de lingua lat.~ 6, 27. - -[72] Sueton, Vespasian ~c.~ 8. - -[73] Von den ~viae vicinales~ sind die Kommunalstraßen, ~viae -communes~, und von diesen wieder die ~viae publicae~ verschieden; an -den Vicinalwegen steht angeschrieben, wer den Weg in Ordnung zu halten -hat; s. Agrimensoren ~ed.~ Thulin I, S. 110. - -[74] Livius 22, 7. - -[75] Livius 21, 9. - -[76] Livius 21, 20. - -[77] Cicero ~pro Balbo~ 34; Lucrez 3, 1032. - -[78] d. h. 20 Millien; Vegetius ~de re mil.~ 1, 9. - -[79] Riepl, S. 129. Ich entnehme dem Buch Riepls einige weitere -Angaben. Caesar soll einmal am Tag 75 ~km~ zurückgelegt haben (S. -132); der mazedonische König Philipp III. gar 90 ~km~ (S. 134). Mit -welcher Vorsicht solche Angaben aufzunehmen sind, habe ich im Rhein. -Museum Bd. 70, S. 253 f. gezeigt: Hannibal sollte nach der Schlacht bei -Cannä in fünf Tagen mit seiner Reiterei in Rom sein und Rom einnehmen -können; Riepl bemüht sich ernstlich, dafür die tägliche Kilometerzahl -auszurechnen. Ich habe aber nachgewiesen, daß die Fünfzahl im Altertum -nur eine ungefähre Summe ist, die nichts weiter als „in kurzer Zeit“ -bedeutet. Die Beispiele, die ich für diesen Sprachgebrauch dort -beibrachte, könnte ich jetzt noch vermehren, und so wird es dann -auch wohl mit der Angabe nicht besser stehen, daß Ämilius Paulus in -5 Tagen von Delphi zu seinem Heer nach Mazedonien eilte (Riepl, S. -151). Zur Vergleichung seien noch einige Marschleistungen der neueren -Zeit hierhergesetzt, deren Kenntnis ich der Güte des Generalleutnants -August Beß, Exzellenz, verdanke. Man rechnet heute als +höchste+ -Marschleistung in 24 Stunden für Kavallerie und reitende Artillerie -80 ~km~, für Kavalleriepatrouillen 120 ~km~, für Infanterie 50 ~km~. -Die Leistungen werden aber oft beeinträchtigt durch den Einfluß der -Jahreszeit und Witterung, der Wege und der Größe des Truppenverbandes -selbst. Friedrich der Große und Prinz Heinrich haben nicht selten 30 -bis 40 ~km~ an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen von ihren Truppen -verlangt, obwohl sie damals noch in steter Schlachtbereitschaft -marschierten. Einzelleistungen: auf der Verfolgung nach Jena im Jahre -1806 hat die Avantgarde des Korps Lannes auf tiefsandigen Wegen -100 ~km~ in 50 Stunden zurückgelegt, also 48 ~km~ in 24 Stunden. -Unter Diebitsch wurde 1831 von Wysoko nach Pyski an einem Tag 7 -Meilen, 50 ~km~ marschiert. 1864 zog das dritte preußische Korps von -Christiansfeld bis Warnitz-Apenrade in 12 Stunden 6½ Meilen (bis 45 -~km~); 1870 am 16. und 17. Dezember das neunte Korps bei starkem Regen -und sehr schlechtem Wetter von Blois nach Orleans, etwa 70 ~km~ in 33 -bis 36 Stunden (einschließlich Nachtruhe). - -[80] Riepl, S. 149. - -[81] Philostrat II, ~p.~ 43, 27 ~ed.~ Kayser. - -[82] Noch Claudian schrieb ein Gedicht ~De mulabus Gallicis~. - -[83] Gellius 15, 4. - -[84] Anders als im letzten Weltkriege. Ich möchte die Worte hierher -setzen, die Exzellenz Gröner Anfang März 1917 in Düsseldorf im Verein -der Eisenhüttenleute gesprochen hat: „Heute müssen die Heere auf Räder -von Eisen gestellt werden, und so rollen sie dem Feinde entgegen, von -einem Kriegsschauplatz zum anderen, und die Eisenindustrie liefert dem -Heere nicht nur die Beine, sondern vor allem auch die stahlgepanzerte -Faust.“ - -[85] Die Sache scheint befremdlich (vgl. H. Delbrück, Preußische -Jahrbücher Bd. 167, S. 211 Anmerkung); für Trajan aber haben wir -das Zeugnis der Trajanssäule und Plinius Panegyr. 14; für Alexander -Severus die Vita 48, 4; für Caesar Sueton Caes. 57; für Marius Plutarch -Mar. 13. Weniger beweisend ist das περιϊών bei Plutarch im Leben des -Antonius c. 47 und Lukull als πεζός Plut. Lukull 28. Dagegen sehen -wir den Agricola zu Pferde (Tacitus Agr. 35), ebenso Sulla (Plut. -Sulla 21), ebenso Maximin (~Script. historiae Aug. Maximin~ 12); vgl. -auch Livius 22, 3, 11 u. 49, 3. Genauer schreibt Claudian ~De IV. -consul. Honorii~ 349 dem Imperator vor: ~nunc eques in medias equitum -te consere turmas, nunc pedes assistas pediti~; d. h. schließt der -Oberfeldherr sich der Infanterie an, so soll er zu Fuß gehen, mit der -Kavallerie reiten. - -[86] ~Expedire~ heißt eigentlich den Fuß befreien, wie ~impedire~ -den Fuß hemmen, ~compedire~ die Füße mit Fesseln zusammen schließen. -Jenes bestand darin, daß man das schleppende Kleid hoch gürtete; der -Kriegsmann geht ~cinctus~, d. h. er gürtet das Kleid. Wichtig zum -Verständnis ist, daß der alte Plautus Amph. 308 schreibt: ~cingitur: -expedit se~: „er gürtet sich, er will freien Fußes losfahren.“ Das -wird hernach im übertragenen Sinn gebraucht, und Livius schreibt 38, -21: ~expedire se ad pugnam~, d. i.: „alles Gepäck beiseite werfen, -um kämpfen zu können.“ Deshalb heißt „Expedition“ in der alten -Heeressprache dasjenige militärische Unternehmen, bei dem ein Wagentroß -nicht mitgeführt wird; so wiederum bei Livius: ~cum promptissimis -iuvenum praedatum atque in expeditiones ire~. Wer ~promptus~ ist, ist -~expeditus~. Vgl. auch Hirtius, ~Bellum Gallicum VIII~, 34, wo es die -~expediti~ sind, die nächtliche „Expeditionen“ unternehmen. - -[87] Seneca, Epistel 87 und 123, 7. Gute Abbildungen bespannter Wagen -sind selten; um so wertvoller das neugefundene griechische Marmorrelief -aus älterer Zeit: Archäol. Jahrbuch 1918, Anzeiger S. 15, Abb. 13. - -[88] Statius Silven 3, 5, 75. - -[89] Seneca Ep. 77. - -[90] Juvenal 14, 265 ff. - -[91] Tacitus Ann. 2, 53 und 61. - -[92] Horaz, Ep. 1, 11, 11. - -[93] ~iter solum per avia nemorosa~, Mosella Vers 5. - -[94] Auf „Gehen“ weisen alle Wörter, die da Ausonius braucht: -~transieram~ V. 1, ~ingrediens~ V. 5, ~per avia~ V. 5, ~praetereo~ V. -7. Ich verstehe nicht, wie Hosius S. 26 seiner Ausgabe ansetzen kann, -Ausonius sei dort auf der Römerstraße mit der Reichspost gereist. - -[95] ὁδοιπόρος ist der Reisende nur, sofern er zu Fuß geht (vgl. z. B. -Plutarch Antonius c. 62). Nach der Überlieferung lautet der Titel des -Gedichtbuches des Persius freilich nur „~opericon librum unum~“ (Sueton -~p. 75 R.~). Äußerlich näher läge es, dies in „ὀπωρικῶν ~librum unum~“ -zu verbessern. Dies wären Lieder zur Obsternte. Indes ist ὀπωρικός ein -Wort, das sich kaum belegen läßt, und ich halte deshalb an dem im Text -Gegebenen fest. Vgl. übrigens ~hodoeporium genus (?) cantilenae~; G. -Esau, ~Glossae ad rem librariam pertinentes~, Marburg 1914, S. 109. - -[96] ~viam vorare~, Catull 35, 7. Man hat hierfür an den modernen -„Kilometerfresser“ erinnert. - -[97] Rhein. Museum Bd. 69, S. 390. - -[98] Apostelgeschichte 20, 13: πεζεύειν. - -[99] Digesten II, 11, 1; Riepl, S. 145. - -[100] Apostelgesch. 28, 11, vgl. übrigens E. Aßmann in Baumeisters -Denkmälern, S. 1623. - -[101] Vgl. Rhein. Mus. 65, S. 474; meine Katalekton-Ausgabe, S. 123. - -[102] G. Wissowa, Religion und Kultus der Römer, 2. Aufl. S. 277. - -[103] Vgl. Cicero ~pro Roscio Amerino~ 18. - -[104] Horaz, Ep. I, 11, 11. - -[105] Cicero ~pro Cluentio~ 163: ~Ambivius homo multorum hospes, copo de -via Latina.~ - -[106] Marquardt-Mau, Privatleben, S. 472. Ein As sind etwa 4 Pfennige. - -[107] Das Bett ist offenbar bei dem Posten „Mädchen“ mit eingerechnet. - -[108] ~naves tabellariae, naves cursoriae.~ - -[109] Ein anderer herrlicher Schiffstyp waren die ~myoparones~ der -kleinasiatischen Piraten, deren sich z. B. Mithridates bediente, um an -Sertorius in Spanien rasche Nachricht zu bringen: vgl. Cicero Verrinen -1, 86 f. - -[110] Sueton, Octavian 49. - -[111] Riepl, S. 221. - -[112] Riepl, S. 263. - -[113] S. 181. - -[114] Tacitus Historien 2, 54. - -[115] Plutarch Galba 7. - -[116] Vgl. das ~ambulare per Britannos~, Vita Kap. 16. Einmal hören wir, -daß Hadrians Wagen zerbricht; er reist dann zu Fuß und überholt den -gleichzeitig laufenden Militärboten: Vita 2, 6. - -[117] Vita Kap. 23. - -[118] Ein gewisser Oppius hatte das damals zeitweilig in Händen. - -[119] Riepl, S. 142. - -[120] Den regen Betrieb veranschaulicht uns auch Cicero ~ad Atticum~ 2, -12: Cicero reist eben über Land und hat auf der uns bekannten Station -Tres Tabernae schon frühmorgens einen Brief an Atticus abgehen lassen. -Als er nach Forum Appi kommt, ist es immer noch Vormittag; da schreibt -er abermals an ihn und erzählt nun: „eben war ich in Tres Tabernae -angelangt, da läuft Curio (ein guter Bekannter), der aus Rom kommt, mir -entgegen, und gleich kommt da auch dein Diener mit den Briefen von dir -an. Erst höre ich den Curio erzählen; politische Neuigkeiten: „weißt -du’s noch nicht? Publius will Tribun werden.“ „Und was macht Caesar?“ -und so fort. Ich umarme ihn, entlasse ihn und reiße sofort deine Briefe -auf; sie melden dasselbe.“ Diesen Brief kann Cicero nun aber nicht -gleich an Atticus abgehen lassen; ein Bote fehlt, und er wird erst am -folgenden Tag abgeschickt (Riepl, S. 259). - -[121] Riepl, S. 280 f. - -[122] Riepl, S. 309. - -[123] Cassius Dio 63, 114. - -[124] Cicero ~ad fam. VIII~, 1. - -[125] Die ~acta diurna~ hießen auch ~acta urbana~, weil nämlich nur -Dinge der Hauptstadt darin standen, sie hießen auch ~acta publica~, -sofern sie unter Aufsicht des Staates redigiert wurden. - -[126] In des Tacitus Zeit wurden die Senatsakten freilich nicht mehr -vollständig, sondern nur in Auswahl publiziert, aber ihm, als Senator, -standen die vollständigen Verhandlungsberichte ohne Frage zur Verfügung. - -[127] Auffällig ist auch, daß diese Akta nie mit Buchzählung zitiert -werden, welche doch, falls eine Unzahl von Buchrollen, die die -Jahrgänge enthielten, sich ansammelte, unerläßlich war. Daß wir sie -nie als Jahrgänge, d. h. nach dem Jahr ihres Erscheinens zitiert -finden, erklärt sich schon daraus, daß das Altertum eine Jahreszählung -überhaupt nicht hatte. - -[128] Philostrat, Apollonius von Tyana VII, 16. - -[129] Vegetius ~de re militari V~, 9. - -[130] Cicero ~ad Att. XI~, 16, 4. - -[131] Cicero ~ad fam. X~, 31 u. 33. - -[132] Bei Plutarch (Caesar 37) wird es dem Caesar zum Vorwurf gemacht, -daß er beim Wintersturm über das Meer setzt, was selbst ein Gott nicht -könne; vgl. auch Plut. Antonius 7; Lucan V, 504 ff. - -[133] Im Winter bringen auch dem Vespasian, der in Alexandrien ist, -seine Verehrer aus Rom persönlich die Nachricht, daß Vitellius tot ist: -Tacitus ~hist. III~, 48: dies ist ein Merkmal dafür, wie wichtig es -damals war, sich des neuen Kaisers Gunst sofort zu sichern. - -[134] Bei Cassius Dio 51, 45 wird noch ein ähnlicher Fall erzählt, wo -Antonius im Winter über das, was Oktavian treibt, völlig ohne Nachricht -bleibt. Übrigens stand es um das Jahr 400 n. Chr. ähnlich zwischen -den getrennten Reichen des Arkadius und Honorius; von Constantinopel -kommen nur verspätete und unzuverlässige Nachrichten nach Rom. Vgl. -den Historiker Eunapius ~fr.~ 74 (meine Claudian-Ausgabe S. XXXIV, -Anmerkung). - -[135] Unter „London“ 28. April berichteten unsere deutschen Zeitungen -folgende Mitteilungen. Daily Telegraph meldet: Die Nachricht von dem -Aufruhr in Dublin wurde gestern früh hier durch Reisende aus Irland -herübergebracht. Sie sprach sich vormittags in der Stadt herum. -Daily Chronicle: Die Mitteilungen des Staatssekretärs für Irland im -Parlament waren für das Haus eine vollständige Überraschung. Basel, 28. -April: Der Überfahrtsverkehr von England nach Irland ist eingestellt. -London, 27. April: Im Unterhaus sagte Birrell, er wisse nicht, ob -die Postverbindung mit Irland funktioniere; zwei Dampferlinien seien -unterbrochen. London, 28. April: Im englischen Oberhaus fällt die -Äußerung, die Aufständischen haben das Kabel durchschnitten. Dann wird -noch gemeldet, daß sie in Dublin das Hauptpostamt und zwei Bahnhöfe -besetzten und alle Drähte durchschnitten. - -[136] Juvenal 7, 97. - - -Die Laus im Altertum. - -[137] Der Verfasser ist ~Dr.~ Ernst Schultze. - -[138] In den umfassenden Werken über griechische und römische Altertümer -und Sittengeschichte der Alten, die wir besitzen, von C. F. Hermann und -seinen Fortsetzern, von Marquardt-Mau, von Blümner und Friedländer habe -ich mich umsonst nach Auskunft über diesen Gegenstand umgesehen. Diese -Werke notieren leider immer nur das, was die Alten besaßen, nicht, was -ihnen fehlte; und oftmals ist das letztere noch charakteristischer -für die Kultur als das erstere. Gleichwohl hoffe ich, daß mir in der -nachfolgenden Zusammenstellung an Nachweisen über die Laus nichts -Wesentliches entgangen ist. - -[139] Diese vielen ~phth~ in der Transkription griechischer Wörter, wie -~phtheir~, ~Phthiriasis~, ~Naphtha~, ~Diphthong~, ~Diphtheritis~, -~Ophthalmologie~ u. a., sind überaus lästig für jeden Leser; seit -der Renaissancezeit sind diese Schreibungen leider eingebürgert und -schwerlich zu beseitigen. Die richtige lateinische Umschrift ist -vielmehr ~ptheir~, ~Naptha~, ~Dipthong~ usf. - -[140] Plutos 537. - -[141] φθειροκομίδης bei Hesych. - -[142] Beim Komiker Aristophon ~fr.~ 12 und 13 (Kock). Chr. Jensen machte -mich auf diese Stelle aufmerksam. Wenn es dort im ~fr.~ 13 heißt: -φθεῖρας δὲ καὶ τρίβωνα τήν τ’ ἀλουσίαν οὐδεὶς ἄν ὑπομείνειε τῶν -νεωτέρων, so ist es verfehlt, an dem τῶν νεωτέρων zu rühren. Das ergibt -sich schon aus dem, was ich dargelegt. Für die jüngere Generation waren -solche Leute damals unerträglich geworden. Auch darf das ~fr.~ 12 mit -~fr.~ 13 nicht zu einer Texteinheit zusammengefaßt werden. - -[143] Wolken 145. - -[144] Thesmoph. 1180. - -[145] Wespen 372. - -[146] Frösche 115. - -[147] Thesmoph. 218 ff. - -[148] Friede 740. - -[149] Vgl. z. B. Arist. Ritter 1060. - -[150] Ritter 51. - -[151] Ich erinnere an Kaiser Julian, der in seiner humoristischen -Schrift „Misopogon“ wirklich von den Läusen in seinem Barte redet. - -[152] Arist. Ekklesiaz. 63. - -[153] Der Komiker Eubulos, ~fr.~ 32 K. Man vergleiche dazu Celsus VI, 6, -15 von der Läusekrankheit (worüber unten): wer an ihr leidet, dem muß -der Kopf bis auf die Haut geschoren werden (~caput ad cutem tondendum~). - -[154] Athenaeus ~p.~ 586 ~A.~ - -[155] Plato im Sophisten, ~p.~ 227 ~B~. - -[156] Diog. Laert. VI, 39-47. - -[157] Im „Culex“. - -[158] Vgl. dazu auch die σαπρά bei Aristophanes Thesmoph. 1025. - -[169] Martial I, 37. - -[160] Auch in dem üblen Martialgedicht XII, 59 steht nichts von ihr. -Erst barbarische „Textverbesserer“ der Neuzeit haben in dies Gedicht -die Läuse gebracht. Vgl. Rheinisches Museum 71, S. 274. - -[161] Sueton Domit. 3. - -[162] Catull ~c.~ 23; danach Martial XI, 32. - -[163] Novius 107. - -[164] Festus, ~pag.~ 210: ~pedibus obsitum~. - -[165] Titinius 177. - -[166] Plautus Curc. 500. - -[167] Lucilius ~v.~ 882 ~ed. Marx~; Marx hat die Stelle nicht richtig -verstanden. - -[168] Vidularia, ~fr.~ XIX: ~ubi quamque pedem viderat, subfurabatur -omnis~: „wo immer er eine Laus sah, pflegte er sie gleich alle zu -entfernen.“ - -[169] Appian, ~Bell. civil. I~, 101. - -[170] Hinzugefügt sei endlich noch Plutarch, ~Quomodo adulator eqs. -pg.~ 49 ~C~, der sagt: wie die Läuse den toten Menschen, so verlassen -die Schmarotzer den reichen Mann, der verarmt. Vielleicht aber hat -auch noch das Rätsel in der ~Anthologia Palatina XIV~, 19 auf die Laus -Bezug; s. Ohlert, Rätsel und Gesellschaftsspiele (1886), S. 143. - -[171] Auch Pheretime, die Königin, stirbt so; vgl. Herodot IV, 205. - -[172] Pausanias X, 10, 6 ff. - -[173] Herodot II, 37. - -[174] Von den Adyrmachiden: Herodot IV, 168. - -[175] Strabo IX, ~p.~ 492, 497 u. 499; auch bei Ptolemäus. In des -Plinius Zeit hieß dies Volk Salae oder Saltiae; vgl. Plinius, ~nat. -hist. VI~, 14. - -[176] Das Waschen oder Baden bei den alten Germanen hebt schon Tacitus -~Germ.~ 22 hervor; vgl. Plutarch ~Mar.~ 19. - - -Der Mensch mit dem Buch. - -[177] Die Homerfrage ist von mir genauer erörtert in meinem Buch „Kritik -und Hermeneutik nebst Abriß des antiken Buchwesens“, München 1913, S. -89 f. und 247 f. - -[178] Man hat den Umstand, daß Homer kein Buch erwähnt, gedankenlos -genug, damit wegzudeuten versucht, daß Homer archaisiere und es -deshalb, weil es den alten Helden nicht anstehe, unterdrückt habe. -Warum erwähnt Homer denn doch die Schreibtafel? Es ist, wie auf der -Hand liegt, zweierlei zu unterscheiden. Gewisse Dinge, wie vor allem -die von Aristophanes so begünstigten ~turpia naturalia~, verschweigt -Homer, weil sie dem Heldenstil nicht anstehen, andere Dinge deshalb, -weil er sie +noch nicht kennt+. Er redet noch nicht von Münzen, von -Götterbildern, noch nicht von der Jahreszeit des Herbstes und so -manchem anderen, was erst die spätere Kultur und Gedankenentwicklung -brachte. Auch Hühner kennt Homer noch nicht, die erst später aus Asien -zu den Griechen kamen. Mit Überzeugung stellen wir hierzu auch das -Buch, das, sobald es aufkam, ein Stolz des Griechen war; denn, wie -die Bildwerke uns zeigen, traten die Dichter und Sänger stets mit der -Buchrolle in der Hand vor ihr Publikum. Es war nicht nur Hilfsmittel, -es war Abzeichen ihres Berufs. -- Die Schrift auf der Schreibtafel -des Bellerophon war übrigens gewiß nicht die phönizisch-griechische, -sondern die ältere Zeichenschrift, also die „ägäische“, worüber Evans, -~Cretan pictographs~, London 1895. Vgl. Petersdorff, Germanen und -Griechen (1902), S. 49 f. - -[179] Eine andere Überlieferung besagt, daß Homer blind geboren war und -daß ὅμηροι bei den Doriern die Blinden hießen; vgl. die Scholien zu -Lucian, ~ed.~ Jacobitz IV, S. 191. - -[180] Vgl. hierüber Gregorovius, Wanderjahre in Italien Bd. 3, -(1881), S. 299. Auch in Bosnien treten übrigens Blinde noch heut als -Volkssänger auf, wennschon sie keine Gilde bilden; s. Sitzungsber. d. -Wiener Akad. Bd. 173 (1914), 3. Abh., S. 16. - -[181] Diese Möglichkeit hielt mir Rudolph Wagner im Korrespondenzblatt -für die höheren Schulen Württembergs 21 (1914), S. 456 entgegen. - -[182] Es sind 27803 Hexameter, die auf 466 Tafeln stehen konnten, wenn -jede Tafel 60 Verse aufnahm. - -[183] Zum folgenden vergleiche Kritik und Hermeneutik S. 249 ff. - -[184] Vgl. a. a. O. S. 277. - -[185] Über die Hesiodfrage a. a. O. S. 220 ff. - -[186] Vgl. hierzu: „Die Buchrolle in der Kunst“, Leipzig 1907, S. 10 ff. - -[187] Man setzt das Leben des Stesichoros schätzungsweise in die Jahre -640-555; früher als das Jahr 600 aber braucht keins seiner Werke -entstanden zu sein. - -[188] Hierüber vergleiche Rud. Herzog: „Die Umschrift der älteren -griechischen Literatur in das jonische Alphabet,“ Leipzig 1912; Kritik -und Hermeneutik S. 133 und 379. Weitere Bestätigung brachten J. -Wackernagels Sprachliche Untersuchungen zu Homer, Göttingen 1916. - -[189] Vgl. zum Vorstehenden Kritik und Hermeneutik S. 307; Das antike -Buchwesen (Berlin 1882) S. 433 ff., Die Buchrolle in der Kunst S. 212 f. - -[190] Die Schilderung ist nach Achilles Tatios ~p.~ 121 ~ed.~ Hercher -gegeben. Vergleiche übrigens Kritik und Hermeneutik S. 203 ff.; Die -Buchrolle in der Kunst S. 6 f. - -[191] Vgl. Kritik und Hermeneutik S. 278 f. und 351 f. - -[192] a. a. O. S. 295. - -[193] Vgl. über die Ausstattung der Bücher a. a. O. S. 327 ff.; über die -Bilderbücher S. 305; über die Einrichtung der Bibliotheken S. 335 ff. -Genaueres, Die Buchrolle in der Kunst S. 282 ff., 228 ff. - -[194] Was ich hier vortrage, ist in dem Buch „Die Buchrolle in der -Kunst“ ausführlich dargelegt. - -[195] Das erste geheftete Literaturbuch ist nachweislich im Jahre 84 -oder 85 n. Chr. hergestellt worden; auch in den nächsten 100 Jahren -blieb es eine Seltenheit; s. Kritik und Hermeneutik S. 345 ff. - -[196] Vgl. die Abbildungen „Die Buchrolle in der Kunst“ S. 142-168 und -195. - -[197] Vgl. hierzu Neue Jahrbücher Bd. 19 (1907), S. 714 ff. - -[198] Vgl. „Buchrolle“ S. 325. - -[199] Vgl. auch Claudian Stilicho II, 476; bei Prudentius ~Peristeph. I -init.~ schreibt so Christus. - - -Verlagswesen im Altertum. - -[200] Nachweise für das Folgende findet man großenteils in dem Buch -„Kritik und Hermeneutik“ S. 315-327; Ergänzendes im Rheinischen Museum -72, S. 311 ff. - -[201] Der Eunuch des Terenz macht eine Ausnahme; s. Donat. I, S. 266 -~ed.~ W.: ~ut rursus esset vendita et ageretur iterum pro nova~. - -[202] Dies betont Horaz mit Nachdruck in der Ode IV, 8. - -[203] Durch solche Aufgabenstellung sind Vergils Georgica und Aeneis -entstanden. - - -Woher stammen die Amoretten? - -[204] ~De Amorum in arte antiqua simulacris et de pueris minutis apud -antiquos in deliciis habitis commentariolus Catullianus alter.~ -~Marpurgi~ 1892 (Elwertscher Verlag). Ich verweise im nachfolgenden -kurz auf diese Schrift mit lateinischen Seitenzahlen. Nochmals habe -ich den Gegenstand in der Deutschen Rundschau, Bd. 74, S. 370 ff. -behandelt, ein Aufsatz, der im Vorliegenden wiederholt wird. - -[205] Der Verfasser des Artikels „Eros“ in Pauly-Wissowas -Realenzyklopädie scheint meine einschlägigen Arbeiten nicht gekannt zu -haben. - -[206] Vgl. E. Knoll, Über das Attribut der Beflügelung, München 1888; -vorher J. Langbehn, Flügelgestalten, 1880. Paradox hierüber Victor -Hehn, Reisebilder aus Italien und Frankreich (1894), S. 72, in -Anknüpfung an Rafaels Vision des Ezechiel; mit diesem Gemälde Rafaels -kann vielmehr das pompejanische Bild des fliegenden Zephyros mit -Chloris (in Neapel) verglichen werden. - -[207] Die Nikeflügel wurden mit den Erosflügeln identifiziert von -Aristophon im Pythagoristen ~(fragm. comic. II~, ~p.~ 280, Kock). - -[208] Vgl. ~De Am.~ ~p.~ XLII. Bei Alexis (Kock a. a. O., S. 305) steht -als Ansicht der „Sophisten“: nicht der Eros selbst könne fliegen, -sondern die Liebenden; aus Irrtum malten die Maler ihn selbst mit -Flügeln. - -[209] Vgl. Roscher, Mytholog. Lexikon III, S. 1410 und 1462. - -[210] Die Analogien, die Usener „Götternamen“ S. 298, heranzog, sind -nicht zutreffend. Er verkannte, daß die Amoretten gar keine Götter, -kein Gegenstand der Religion waren; denn sie hatten keinen Kultus. -Sie sind lediglich ein Spiel der dichtenden Phantasie, und solchem -Phantasie-Spiel kann man nicht auf gleichsam grammatischem Wege mit -Analogien, wie Usener sie bringt, beikommen. Wer Poesie erklären will, -muß in das volle Menschenleben greifen; denn alle Dichtung ist Reflex -des Lebens, und das Leben ist kompliziert. Ein paar Zeilen genügen -nicht, um die Sache zu erledigen. - -[211] Alexis im Phaidros bei Kock, Bd. II, 386. - -[212] Man vergleiche den Ausspruch des Ptolemäus bei Athenäus S. 536 -~E~. - -[213] Vgl. ~De Am.~ ~p.~ X. - -[214] Vgl. ~p.~ XXXVII. - -[215] Vgl. zum Folgenden ~p.~ X ff. - -[216] Vgl. Seneca ~de tranquill. animi~ 17, 4. - -[217] ~Eurip. fr.~ 856 Nauck, aus Aelian ~var. hist.~ 12, 15. Schon die -Anführung des Herkules verrät, daß dies stoisch-zynische Ausführungen -waren. - -[218] Vgl. hierzu Aelian a. a. O.; Athenäus B. XII, S. 518 f., die auf -gleiche Quelle (Favorinus?) zurückgehen. - -[219] Prudentius in der ~Psychomachia, praef. v.~ 30. - -[220] Ähnlich Kinder in der Rennbahn bei Cassius Dio 72, 13. - -[221] Vgl. ~p.~ XXXV ff. „Wein und Kinder reden die Wahrheit“ war ein -griechisches Sprichwort (Philol. Suppl. Bd. VI, 1891, S. 249). - -[222] Catull ~c.~ 55; zur richtigen Lesung des Textes dieses vielfach -mißverstandenen Gedichts vgl. Philologus LXIII, S. 447 f. - -[223] Vgl. ~p.~ XIII ff. - -[224] Vgl. ~p.~ XVIII. - -[225] Vgl. zum Folgenden ~p.~ XIX ff.; nackte Putten, Terrakotten von -Zypern, s. Mitteilungen des Deutschen archäologischen Instituts in -Athen, Bd. VI, S. 249. - -[226] Vgl. auch das alte Werk ~Delle Antichità di Ercolano~, ~tom.~ VI -(1771), ~p.~ 183-195. - -[227] Helbig, Campan. Wandgemälde, Nr. 1390; vgl. auch daselbst in den -Friesbildern unter Nr. 1401 ~b~ die Szene mit liegendem nacktem Kind -und den zwei nachdenklichen Frauen. Delicien auf Vasenbildern z. B. bei -Benndorf, Griechisch-sicilische Vasenbilder (1869), Tafel 36, Nr. 1 und -5; Kinderköpfe auf wertvollen Steinen z. B. bei Arneth, Monumente des -Wiener Münz- und Antikenkabinetts (Kameen), Tafel 21, Nr. 3 und 9. Wozu -hier von Amoren reden? Man sage nicht mehr aus, als man sieht. - -[228] Man vergleiche auch den Knaben mit der Fuchsgans, in den -Jahresheften des österreich. archäol. Instituts VI (1903), S. 226 ff. - -[229] Im Hera-Heiligtum zu Olympia, wo auch der Hermes des Praxiteles -stand, war unter vielen Einzelstatuen die bronzene Aphrodite des Kleon -von Sikyon aufgestellt, „vor ihr“ aber die Statuette eines „nackten, -kleinen Kindes vergoldet“, ein Werk des genannten Boethos. Es war dies -klärlich kein Eros, sonst hätte ihn Pausanias, der die Nachricht gibt -(V, 17, 4), Eros benannt; sondern ein Kind ohne Flügel; es war ferner -klärlich ein Werk ohne Erfindungszusammenhang mit der Venus, vor der es -aufgestellt war. Boethos hat, soweit wir wissen, nur flügellose Kinder -gearbeitet. Dies sei erinnert im Hinblick auf Dümmler (Mitteilungen des -archäologischen Instituts in Athen, Bd. X, S. 27 ff.). - -[230] Vgl. Mitteilungen des Deutschen Instituts in Athen, Bd. VI, Tafel -13. - -[231] Vgl. ~p.~ XXX. - -[232] Beispiele des dritten Jahrhunderts in Terrakotten, dazu die -Marmorstatue von Beirut, s. Dümmler a. a. O. - -[233] So Claudian; vgl. meinen Index zu diesem Dichter unter ~Amor~; -so schon vor Claudian und zuerst Philostrat, der raffinierte Ausleger -von Gemälden, die nicht einmal wirklich vorhanden waren, sondern nach -vorhandenen Motiven so fingiert sind, daß die Beschreibung vollstes -Leben gewinne; unten Anmerkung 242. - -[234] Vgl. ~p.~ XXXI und XXXVII. - -[235] Vgl. ~p.~ XXXVIII. - -[236] Vgl. zum weiteren ~p.~ XXXVIII ff. - -[237] Auch das Kind Enorches war aus dem Ei zur Welt gekommen (siehe -das Scholion zu Lykophron v. 212). Ein höchst merkwürdiges Vasenbild -zeigt uns auf einem Altar ein großes Ei liegend, darin ein munteres -kleines Kind, ohne Flügel, das lebendig ans Tageslicht verlangt: eine -Frau steht davor und betrachtet es neugierig oder erwartungsvoll. Es -scheint mir nach allem Gesagten nicht nötig, mit E. Braun (in ~Annali -dell’ Istituto~ 1850, ~p.~ 214 ff.) die Erfindung dieses Bildes aus -einem bestimmten Mythus herzunehmen. Weiteres über das Ei der Leda bei -R. Kekulé, Bonner Festschrift für das römische Institut 1879. - -[238] Die Beflügelung war hier nicht kühner als bei jenen -großgeflügelten Mädchengestalten bei Helbig a. a. O. Nr. 926-937, die -als „freie Produkte der Phantasie ohne Anspruch auf mythologische -Benamung lediglich künstlerische Motive zur Darstellung bringen.“ - -[239] Vgl. ~p.~ XXI f. - -[240] Auch Phosphorus erscheint als „Amorette“ fliegend; vgl. -Wörmann, Landschaft in der alten Kunst, S. 241; auch S. 264. Auch -die Jahreszeiten sind so dargestellt: ebenda S. 258; auch Zephyr bei -Philostrat, Gemälde I, 9. - -[241] Vgl. ~p.~ XXII; so auch Archäologische Zeitung 1848, Tafel XXIII, -Nr. 1; vgl. auch Tafel XXII, Nr. 4. - -[242] Ein Muster allegorischer Auslegung gibt der antike Sophist -und kunstreiche Gemäldebeschreiber Philostrat in seiner berühmten -Schilderung des Erotenbildes; daß ganz vorzüglich diese -Philostratstelle auf die Amorettenerfindungen Rafaels, Dürers, Tizians -Einfluß geübt, suchte H. Grimm darzutun: Fünfzehn Essays, neue Folge -(1875), S. 102 ff. Jenes Bild mit seiner überfüllten Komposition, -das Philostrat beschreibt, hat sichtlich nur in seiner Einbildung -bestanden; er hat darin eine Fülle von Amorettenmotiven, die in -Wirklichkeit verstreut vorkamen, zusammengehäuft, und in dieser -Kombination zu einem Ganzen lag der Witz, lag der Reiz für den antiken -Leser. Hier bei Philostrat finden wir es zuerst ersonnen, daß die -Amoren (außer dem einen) nur Kinder von Nymphen sind; und sie sind so -viele, „weil die Begierden der Menschen so mannigfaltigem nachstreben“. -Zusammen von diesen Nymphen und diesen Eroten wird ein Götterbild der -Aphrodite verehrt; die Kleinen halten Apfelernte, um der Göttin Äpfel, -die Frucht, die ihr symbolisch eignet, darzubringen. Sie jagen einen -Hasen, um ihn ihr lebendig als Opfertier zu weihen; es ist das Tier der -Venus und der Fruchtbarkeit. Weiter aber: „Vier der allerschönsten! -Das eine Paar wirft sich Äpfel zu, das andere schießt mit dem Bogen -aufeinander; .... sie bieten die Brust den Pfeilen dar. Da will uns -der Maler etwas zu raten aufgeben. Ob wir es wohl herausbringen? Das -soll Liebe und Sehnsucht bedeuten. In denen dort, die mit den Äpfeln -spielen, regt sich das erste Verlangen. Der eine küßt einen Apfel -und wirft ihn dem anderen zu, und der ... wird ihn wieder küssen und -zurückwerfen. Die beiden Bogenschützen aber treiben mit den Pfeilen -die schon erwachte Liebe tief in ... die Herzen hinein. Und so sage -ich: jene dort spielen mit der Liebe zum Beginn, diese hier geben -ihr ewige Dauer.“ Man sieht, Philostrat hat mit Sorgfalt vor allem -solche Szenen in sein Gemälde gesammelt, die allegorisch deutbar -waren, wo die Eroten als Eroten „Sinn“ hatten. Bei anderem, wie bei -ihrem Ringkampf, verzichtet er hübsch auf solches Auslegen, und bei -den unten von mir zu besprechenden Genreszenen würde er erst recht -darauf verzichtet haben. Überhaupt war es augenscheinlich schon eine -Leistung, zu der ein Philostrat seine sophistischen Künste benötigte, -auch nur jenen erotischen Bezug des Apfelküssens, Bogenschießens und -Hasenjagens herauszugreifen und festzulegen. Es sind dies einige von -den wenigen Fällen, wo die geflügelten Spielkinder noch wirklich ihrem -Namen zu entsprechen schienen. Und man fragt schließlich verwundert: -wozu hießen sie eigentlich noch Eroten? was hatten Kinder von Nymphen -im Grunde noch mit Venus, mit der Liebe +wirkenden+ Macht zu tun? Man -sieht, die ganze Konstruktion Philostrats von den Nymphenkindern und -ihrem Kultus des Venusbildes ist nachträglich und willkürlich ersonnen. -Auch beachte man, daß diese Kinder bei ihm die Liebe der Menschen gar -nicht entzünden; sie lieben nur untereinander. Das konnten schließlich -auch die wirklichen ~Deliciae~ tun, und das Erotenspiel ist auch -hier beim Philostrat nur eine +Nachahmung+ des Menschenlebens, keine -+Beeinflussung+ desselben. - -[243] Furtwängler bei Roscher, Mythol. Lex. I, S. 1368. - -[244] Vgl. ~p.~ XXII, Anm. 3. - -[245] Vgl. ~p.~ XXII und die Statuette daselbst Abbildung VI; Helbig, -Führer, 3. Aufl. Nr. 1556. - -[246] Daß auch Ganymed zum kleinen Kinde verjüngt wurde, scheint von -den Gelehrten nicht genügend beobachtet zu sein; dies ist notwendig -überall der Fall, wo er als ~collusor~ mit Eros Astragalen spielt; -ebenso denkt ihn sich Lucian, vgl. ~p.~ XXXVII. Es ist also kein Anlaß, -die Marmorgruppe in der ~Galleria dei candelabri~ im Vatikan, die den -Ganymed als Kind vom Adler rauben läßt, um dieses Umstandes willen für -unantik zu halten; vgl. Helbig in ~Annali dell’ Istit.~ 1867, S. 351; -Overbeck, Griechische Kunstmythologie, Bd. I, S. 539, Anm. 217. - -[247] Claudian, ~de III cons. Honor.~ ~v.~ 22. - -[248] Vgl. ~p.~ XXVI über Clodius Albinus. - -[249] Vgl. ~p.~ XXV ff. - -[250] Für Athanasius vgl. Sozomenos II, 17; Sokrates I, 15. Wie in der -katholischen Schweiz Kinder im Ernst und doch scherzend die Messe -nachmachen, schildert H. Federer, Das Mätteli-Seppi, S. 501 ff. - -[251] Bei Baumeister, Denkmäler, Nr. 1617. - -[252] Z. B. bei Baumeister, Nr. 545. - -[253] Vgl. ~p.~ XXXII f. - -[254] Cassius Dio, Buch 48, Kap. 44. - -[255] Properz II, 29; vgl. Kritik und Hermeneutik S. 123. - -[256] Catull 68, 133 f. Auch im Acmegedicht des Catull, Nr. 45, läuft -das Spielkind als Amor um das Liebespaar herum und niest: vgl. Berl. -philol. Wochenschr. 1919, S. 575. - -[257] Catull 68, 70. - -[258] Nie nennt sonst ein Dichter seine Geliebte ~diva~. Vgl. Philologus -LXIII, S. 451 f. - -[259] Wie wenig evident die bisher übliche Auslegung ist, bekennt -auch O. Jahn. Wie kam gerade ein gemeiner Handwerksmann dazu, einer -solchen Frau wirkliche Liebesgötter, also Liebe oder Liebreiz, zu -verkaufen? Insbesondere machte der hinter der Frau sich versteckende -Erot unlösbare Schwierigkeiten; der treffliche Gelehrte tröstete sich -damit, „daß einst auch pompejanische Beschauer bei diesen Vorstellungen -verschiedene Gedanken und Empfindungen gehabt haben werden“. Es -blieb dies also eine Rechnung mit mindestens einer Unbekannten. Eben -diese Schwierigkeiten räumt die oben gegebene Auslegung hinweg. O. -Roßbach erhebt in der Berl. philol. Wochenschr. 1918, S. 1208 gegen -meine Erklärung immer noch das Bedenken, daß die Frau als Göttin -charakterisiert sei. Aber wie oft haben sich Herrscher als Götter, hohe -Frauen als Göttinnen darstellen lassen! Auch erinnere ich nochmals an -die Lesbia als Diva bei Catull und an Kleopatra, die die sie umgebenden -Kinder als Eroten zurechtmachte, während sie gleichzeitig selbst die -Venus spielte; sie muß da doch auch die Stephane der Göttin getragen -haben. Man nenne also die Frau auf dem Bilde meinetwegen Kleopatra. -Aber es wird wohl mehr solche phantastische hochgestellte Frauen -gegeben haben. Jedenfalls ist sie eine Sterbliche, da es der Diener -ist, der ihr die Putten bringt. - -[260] Man sehe z. B. bei Helbig die Nummern 1413, 1429-1431. Eros unter -Frauen auch Nr. 312. - -[261] Vgl. z. B. Helbig, Nr. 1439; auch 303, 305? beim Hermaphroditen -1369. - -[262] So erklärt sich z. B. der scheinbar zwecklose Eros in der Paris- -und Helenaszene Pompejis (bei Helbig Nr. 1310). Noch beiläufig zwei -lehrreiche Beispiele, Helbig Nr. 1140: Eros hebt neugierig das Gewand -des Priap empor und erstaunt über den Anblick; es sind hierfür sonst -flügellose Putten üblich; vgl. ~De Am.~ ~p.~ XXIV. +Tellus+ erscheint -mit zwei Flügelkindern bei Benndorf, Griechisch-sicilische Vasenbilder, -Tafel 57, Nr. 9; +diese Kinder+ sind aber ursprünglich +flügellos+, -vgl. ~De Am.~ ~p.~ XXIV und das Relief, Archäologische Zeitung X, Tafel -CXIX, Nr. 2, sowie Baumeister, Nr. 1449. Auch das Element Erde wird als -Matrone mit zwei Kindern dargestellt auf einem Florentinischen Relief -und sonst; s. Wörmann S. 257. - -[263] Man vgl. hierzu den oben angeführten Aufsatz H. Grimms. - -[264] Einige weitere Nachweise, die sich mir für den besprochenen -Gegenstand nachträglich darbieten, stelle ich noch an den Schluß des -Ganzen. Daß die ältere griechische Kunst noch nicht Kinder darstellte, -weiß auch Pausanias V, 11, 3. -- Schon in der jüngeren griechischen -Komödie, an die die alexandrinischen Dichter unmittelbar anschlossen, -kommen die frechen Spielkinder in den Häusern vor; s. besonders -Plautus Persa v. 204 ff.; 229; 807; 849; auch Pseudolus 767, 783. -Kinderkauf in der Komödie: Captivi 8, Rudens 39, Poenulus 86. -- -Auch Tertullian erwähnt ~contra Marc. IV~, 23 den Kinderliebhaber, -~parvulorum dilector~. Über das Wort ~parvuli~ vgl. Archiv f. Lex. -VII, S. 79 und 95. -- Kinder, die man sich als ~conlusores~ hält, -zeigt uns auch Plautus, Capt. 19 f., 982 f., 1013. -- Daß Kinder den -Gladiatorenkampf im Spiel nachahmen, sagt uns Epiktet, Man. 29, 3; auch -findet man solche dargestellt bei A. Bougot, ~Une galérie antique~ -(Paris 1891), S. 499, der sie aber sinnlos für Amoren erklärt. -- Ein -Haufe Spielkinder begegnet uns in Alexandria selbst im Tempeldienst -beschäftigt bei Dio von Prusa Or. 32, 13. -- Daß man die Kinder im -Amphitheater mit Hilfe von Maschinen in die Höhe fliegen ließ, deutet -vielleicht Juvenal IV, 122 an. -- Auch Plautus weiß, Trucul. 908, daß -Säuglinge wie Vögel groß gezogen werden. Vom schwatzenden Kindernest -spricht auch Juvenal V, 143; in den Sokratikerbriefen Nr. 21 lesen -wir von den νεοττοί des Sokrates; vgl. übrigens Theophrast Char. 2. -Ein Relief zeigt Romulus und Remus; in einer Grotte nährt da der -Picus Martius zwei Junge im Nest: Berl. philol. Wochenschr. 1918, S. -1066, aus dem Anzeiger für Schweiz. Altertumskunde XX, Heft 2, S. 99. --- Von dem süßen Schwatzen der kleinen Kinder gibt endlich Minucius -Felix Oct. 2 eine entzückte Beschreibung; dazu auch Artemidor in der -Traumdeutekunst 4, 19. - - -Seneca. - -[265] René Waltz, ~Vie de Sénéque~, Paris 1909; vgl. Historische -Zeitschrift, herausgegeben von Meinecke, Bd. 104, S. 605. - -[266] Diese hat Friedländer einmal zu geben versucht, Historische -Zeitschrift, Bd. 85, S. 193 ff.; aber er läßt die Hauptsache vermissen, -eine zusammenhängende Würdigung der Ethik Senecas, sowie den Nachweis -des Zusammenhangs seiner Schriftstellerei mit seinem Leben und -Lebenszielen. - -[267] Er hatte auch außerhalb Italiens, in Ägypten, Grundbesitz: ~trans -mare possides~, ~De vita beata~ 17, 2. Über dort gefundene Quittungen -mit γῆ Σενέκα s. Gercke, Seneca-Studien, S. 302. - -[268] S. J. Cunliffe, ~The influence of Seneca on Elizabethan tragedy~. -Vgl. auch Brandl in d. Sitzungsber. der Berl. Akademie, 14. Dez. 1917. -Übrigens ist hier auch Chaucer zu nennen; wenn es bei Chaucer heißt: - - Wahr ist das Wort: Herrschaft und Freierschaft - Vertragen nimmermehr Genossenschaft, - -so stammt dies aus Senecas Agamemnon. V. 260: - - ~nec regna socium ferre nec taedae sciunt~. - -Vgl. R. Peiper in Fleckeisens Jahrbb. 97 (1868), S. 65. - -[269] Seneca weiß sehr wohl, daß der Mensch, der sich isoliert, leichter -der Verfehlung entgeht: ~meliores erimus singuli~ (~De otio~ 1, 1); -aber die Bürgerpflicht und Menschenpflicht zwingt ihn, die Isolierung -zu vermeiden. - -[270] Was Gegenstand der Philosophie sein soll, zählt Seneca ~De brev. -vitae~ 19 auf; da wird auch die ganze Physik mit einbegriffen, der sich -Seneca auch auf Korsika widmete; s. ~ad Helviam~ 20. - -[271] Auf Grund der Aussagen von Augenzeugen; s. ~Natur. quaest. VI~, -31, 3 und sonst. Der Ätna soll ihm zu Ehren bestiegen werden: Epist. -79, 2. - -[272] Ich betrachte es als selbstverständlich, daß zu dieser Expedition, -die Nero unternehmen ließ und die, wie es scheint, die Form eines -kriegerischen Vorstoßes annahm, die Anregung von Seneca kam, der der -Hauptvertreter der geographisch-physikalischen Interessen jener Zeit -war, selbst in Ägypten gelebt, ein Buch über Ägypten geschrieben hatte -(vgl. dazu ~Nat. quaest. VI~, 26) und dauernde Beziehungen zu dem -Nilland bewahrte; worüber unten. - -[273] S. Medea 375. Andere wissenschaftliche Voraussagungen „~veniet -tempus“ eqs.~ s. ~Nat. quaest. VII~, 25, 4 f. u. 30, 5. - -[274] Epist. 79, 11 f. - -[275] Dies hebt E. Zeller mit Recht hervor. - -[276] Dies tut leider auch Friedländer a. a. O. Daß Senecas -schriftstellerischer Erfolg weit mehr durch die Form als den Inhalt -bedingt war (derselbe S. 226), ist allerdings richtig; denn ausgedehnte -Sittlichkeitsvermahnungen pflegen die Menge durch ihren herben Inhalt -stets abzuschrecken, und nur die Art des Vortrags macht sie wirksam. - -[277] Vgl. Zur römischen Kulturgeschichte, 3. Aufl., S. 146 f. - -[278] Gegen die Tierhetzen u. ä. redet Seneca z. B. ausdrücklich ~De -brev. vitae~ 13, 6 f.; ~De clementia~ 1, 25, 1. Gleichwohl kannte er -natürlich die Kampfarten der Gladiatoren genau: ~De constantia~ 16, 2; -~De ira~ III, 43, 2. - -[279] „Für Gott ist es der schönste Anblick, im Unglück Cato aufrecht -stehen zu sehen,“ ~De provid.~ 4. - -[280] ~De provid.~ 4. - -[281] Epist. 78, 16. - -[282] Epist. 60, 4. - -[283] ~Ad Marciam~ 23. - -[284] ~De otio~ 1, 4: selbst unser Tod soll noch nützlich sein. - -[285] ~Ad Marciam~ 20, 3. - -[286] Epist. 77, 4: ~vita non est imperfecta, si honesta est~. - -[287] ~Ad Marciam~ 26, 4. In Senecas Tragödie „~Troades~“ V. 392 ff. -leugnet der Chor eine Fortexistenz der Seele, die nach dem Tode wie -der Rauch verfliegt -- ~post mortem nihil est ipsaque mors nihil~ usf. -Dies erklärt sich jedoch aus dichterischen Rücksichten. Dem gestorbenen -Achill zu Ehren soll dort die Jungfrau Polyxena geschlachtet werden; -der Chor der Frauen will dagegen beweisen, daß dies Opfer sinnlos -ist; denn der Tote, Achill, hat davon keine Wahrnehmung. Daher also -die pessimistischen Ausführungen; Andeutungen der Hoffnung auf Glück -im Jenseits waren eben hier in diesem Zusammenhang unbrauchbar. -Zum Schluß aber hat doch derselbe Chor, v. 407, auf die Frage, wo -bleibt denn die Seele des Gestorbenen? die genaue Antwort: da, wo die -noch Ungeborenen sind. Damit ist, was Seneca persönlich glaubt, zum -wenigsten angedeutet, und das genügte. Denn dasselbe lehrt Seneca auch -in seiner Trostschrift an Marcia: Der Zustand der Ruhe nach unserem -Tode ist derselbe wie vor unserer Geburt (19, 5), d. h. die Seele war -präexistent und wird im Tode wieder, was sie war. So kann denn dort -auf Grund dieser Voraussetzung im ~c.~ 23 weiter ausgeführt werden, -daß, wer stirbt, ~ad superos~ geht (die Existenz der ~inferi~, einer -Unterwelt, wird, wie jenes Chorlied zeigt, geleugnet), und daß er damit -zu seinem Ursprung zurückkehrt, und im ~c.~ 24 u. 25 die Ausmalung der -jenseitigen Existenz noch weitergeführt werden. - -[288] ~Medea~ 866. - -[289] Vgl. ~Herc. fur.~ 139 f. u. 191 f.; auch ~Agam.~ 102 f. Der Arme -ist nur unglücklich, weil es Reiche gibt, mit denen er sich vergleicht: -~Troad.~ 1018 ff. Über das Unglück und die Arglist der Könige ~Agam.~ -57 f. - -[290] Dies schildert uns Lucian im ~Somnium~ ~cp.~ 26. - -[291] Dieser Satz ist von mir eingehender in den Neuen Jahrbüchern -XXXVII (1911), S. 336 ff. begründet worden. - -[292] In Riga, i. J. 1204; J. W. Creizenach, Geschichte des neueren -Dramas I, S. 70. Daselbst S. 94, auch 315 und sonst über Christi -Passion. Um die schwer gemarterten Heiligen darzustellen wurden -freilich Puppen verwendet: S. 265. In einem der Marienmirakel (S. 145) -wird auf der Bühne von einer Äbtissin ein Kind geboren, wobei die hlg. -Maria selbst bei den Wehen Beistand leistet. Das Kind ist da. Dann -untersucht die Hebamme auf der Bühne den Leib der Äbtissin und stellt -fest, daß sie nicht geboren hat. - -[293] Um das Jahr 1300 tauchten sie aus der Vergessenheit auf. Der -englische Mönch Nikolaus Treveth schrieb sogleich zu ihnen einen -Kommentar, und die italienischen Dichter des 14. Jahrhunderts Lovato -und Mussato sind schon von ihnen beeinflußt: Creizenach, S. 436 f. Vgl. -auch P. Stachel: Seneca und das deutsche Renaissancedrama, Berlin 1907. - -[294] Die Zweifel an der Echtheit des ~Hercules Oetaeus~ habe ich längst -fallen lassen. E. Ackermann ~De Senecae Hercule Oetaeo~ (Philologus -Suppl. Bd. X und Rheinisches Museum, Bd. LXVII) hat die Echtheit -dargetan und wird gegen Einwendungen anderer Recht behalten. Seneca -selbst referiert den Inhalt dieses Dramas ~De benefic.~ I, 13, 2 f., wo -das ~caelum tenuit~ voransteht. - -[295] ~Herc. Oet.~ v. 1852. Daß so wie Maria eine Himmelfahrt hat, auch -Alkmene nach Elysium entrückt und ihr Grab leer gefunden wird, zeigt -Fr. Pfister, Wochenschrift f. klass. Phil. 1911, Nr. 3, S. 83. - -[296] Kleanthes, der Stoiker, hieß der zweite Herakles (~Diog. La.~ -7, 170); Zeno aber übertraf den Herakles sogar (~ib.~ 7, 30). -Eine stoisch-zynische Tragödie „Herakles“ gab es schon unter dem -Verfassernamen des Diogenes von Sinope. - -[297] Das heutige Südspanien schildert uns M. Andersen Nexö, -„Sonnentage, Reisebilder aus Andalusien“, 1909. Die Schilderung ergibt, -daß im Altertum dort Bevölkerung und städtische Kultur einen anderen -Charakter trug und daß sie sich heute keineswegs günstiger zeigt als -damals. - -[298] ~De brev. vitae~ 10, 1. Wenn seine Gegner ihm höhnend eine -~professoria lingua~ vorwerfen (Tacit. Ann. 13, 17), so wäre es -primitiv, daraus zu folgern, daß Seneca jemals wie Epiktet als -~professor~ oder Lehrer wirklich auftrat. Weil Seneca eben damals als -Moralschriftsteller weiter ausholte, warf man den Staatsmann höhnend -mit den ~Graeculi~ zusammen. - -[299] ~Epist.~ 78, 3. - -[300] Autobiographisches über seine Jugendzeit s. ~Epist.~ 108, 15. ~De -otio~ 7 steht die Unterscheidung der drei Lebensführungen, ~genera -vitae~: ~unum voluptati~, ~alterum contemplationi~, ~tertium actioni~ -(~deditum~). Seine eigene Entwicklung als Mann der ~actio~ deutet er -~De tranquill. animi~ 4 an; auf seine gegenwärtige Stellung weist -er 10, 6 hin: ~multi quidem sunt quibus necessario haerendum sit in -fastigio suo~ usf. Weiteres ~De vita beata~ 17 f. Diesen Ausführungen -widerspricht die Schrift ~De brevitate vitae~, die gleich nach der -Rückkehr aus Corsica, aber noch, bevor Seneca Neros Lehrer wurde, -in Rom abgefaßt ist, keineswegs. Sie predigt in sehr schulmäßiger -Ausführung das philosophische ~otium~, weil Seneca selbst eben damals -noch ohne Stellung und Pflichten war. Das sollte sich bald ändern. -Übrigens ist er da noch ganz rezeptiv im Betrieb des stoischen -Studiums; er ist noch unselbständig und befragt nur die Weisen (15, 2 -f.). - -[301] Vgl. ~ad Helviam~ 5, 4: er gewann früh ~pecuniam~, ~honores~, -~gratiam~. - -[302] ~De tranquill.~ 44, 3. - -[303] Hierauf blickt er ~Epist.~ 49, 2 mit den Worten zurück: ~causas -agere coepi ... desii velle agere ... desii posse~. - -[304] Da der sonderbare Claudius, ein Mensch ohne alle Willenskraft, -sich ganz und gar und bis zur Schwachsinnigkeit von Messalina gängeln -ließ, kann man es den Nichten des Claudius, Livilla und Agrippina, -nicht verdenken, daß sie gegen Messalina Front machten, ihr ihren -Einfluß nicht gönnten; und wenn in diesen Hader am Hof Seneca -verwickelt war, so stand er jedenfalls auf der Seite der Frauen, von -denen sich damals für den Staat noch irgend etwas hoffen ließ. - -[305] ~Sestertium decies, Tacit. Ann.~ XI, 4. - -[306] ~Plin. epist.~ III, 3, 7. - -[307] Aber auch diese Schrift ~De ira~ hatte offenbar nicht -systematischen, sondern persönlichen und praktischen, programmatischen -Zweck. Die kleine Abhandlung ~De constantia~ betrachte ich als einen -Ableger von ~De ira~ Buch III; der sachliche Zusammenhang ist der -engste. Das Delatorenwesen ist damals mächtig (~De const.~ 9, 2); -alle Vornehmen und die hohen Beamten gelten als ~male sani~ (13, 2); -die verächtlichen Äußerungen über die Sklaven (13, 4) verraten einen -Standpunkt, den Seneca später überwunden hat. So ist auch noch ~De -brevitate vitae~ eine Vorstudie Senecas. Diesen Sachen hängt daher in -ihrer Abfassungsart noch der pedantisch schulmäßige Charakter an, der -später bei dem souveränen Staatsmann Seneca so viel mehr zurücktritt. -Was endlich die ~Consolatio ad Marciam~ betrifft, so wäre es -Verkennung, sie für eine philosophische Schulschrift oder auch nur für -eine Trostschrift zu halten, die nichts weiter will, als die Trauernde -aufzurichten. Wäre sie dies, so wäre ihre Veröffentlichung überflüssig -gewesen. Sie war vielmehr eine politische Gelegenheitsschrift in -der Form der ~Consolatio~, die auf Sejans Mißherrschaft tadelnd -zurückblickt, pietätvollen Sinn für die Caesars bekennen will (~c.~ -15), besonders Augustus und Livia verherrlicht, welcher Kaiser Augustus -des Seneca staatsmännisches Ideal dauernd geblieben ist, und vor allem -das echte Römertum preist und damit eine tüchtige staatsbürgerliche -Gesinnung fordert: ~scire quid sit vir Romanus~ (auch im ~cap.~ 13 -kommt er darauf zurück). Die politischen Zustände sind schlimm, ~iniqua -tempora~ (22, 8); ~sunt istic hostes cruenti, cives superbi~ usf.; -daher ist der Tod nützlich; er befreit aus dem Elend eines schlechten -Staatslebens (20, 2 f.): ein Manifest, aus dem damals jeder sollte -ersehen können, was von Seneca, wenn er entscheidenden Einfluß gewann, -zu erhoffen war. - -[308] Schon ~Ad Marciam~ 20, 2 sagt er, daß jeder ~exul~ stets sein Auge -auf die ~patria~ gerichtet hält. Die Schriften ~ad Helviam~ und ~Ad -Polybium~ entstanden gleich in den Anfangsjahren der Verbannung, und -daß dies keine Lehrschriften sind, liegt auf der Hand. Mit Unrecht habe -ich als möglich zugestanden (Histor. Zeitschr. 104, S. 608), daß Seneca -auf Corsica ~De providentia~ und ~De constantia~ schrieb. ~Ad Helv.~ 20 -schildert er selbst seine Beschäftigung im Exil: von Schriftstellerei -sagt er dort nichts, sondern redet nur von literarischen Studien, d. h. -Lektüre, besonders auf dem Gebiet der Physik. Auch daß er Tragödien auf -Corsica schrieb, ist schlechterdings unerwiesen (vgl. Neue Jahrbücher -XXVII, S. 353 ff.) Die Epigramme aber aus dem Exil sind unecht; -dies ergibt die Verstechnik, und der neuerdings mit vielem Fleiß -unternommene Versuch, aus phraseologischen Anklängen ihre Echtheit zu -erweisen, ist ein Schlag ins Wasser, da ein solches Beweismittel nichts -beweist. Es handelt sich darum, daß Seneca (wie Calpurnius) in seinen -Hexametern nie eine Verschleifung zuließ; das ist, so geringfügig -die Sache scheint, ein deutliches Erkennungszeichen, und es ist -interessant, in solchem Punkt einmal den Einfluß des Lehrers auf den -Schüler zu beobachten; denn auch in Kaiser Neros erhaltenen Hexametern -fehlt ganz ebenso jede Elision. Das sollte Zufall sein? Natürlich sind -auch Calpurnius und der Lobdichter auf Piso von dieser Theorie abhängig -gewesen. Die Epigramme aus Corsica zeigen dagegen die Elision (vgl. -Kritik und Hermeneutik, S. 235 f.) - -[309] Wie leidenschaftlich die Geschwisterliebe bei den Alten und wie -tief gerade der Schmerz um den Verlust eines Bruders ging, habe ich -Kritik und Hermeneutik, S. 108 f. in Anlaß der Antigone und ihrer -vielbesprochenen Worte dargelegt. - -[310] Dies habe ich in den Neuen Jahrbüchern XXVII, S. 596 ff. näher -ausgeführt. - -[311] Man muß sich klar machen, daß sich an den Kaiser -- wie heute -etwa an den Papst -- direkte Ermahnungen nicht richten ließen; das -einzig mögliche Erziehungsverfahren war, dem Allmächtigen die guten -Eigenschaften zuzuschreiben, die man von ihm forderte; daher sagt -Seneca selbst ~Epist.~ 94, 39, daß die ~laudatio~ eine Gattung der -~monitio~ sei; eben dasselbe sagt uns auch schon Cicero ~ad fam. XV~, -21, 4; später Julian ~p.~ 254 ~B~ u. ~C~; Apollinaris Sidonius Epist. -VIII, 10; vgl. auch ~Cic. ad Quintum fratrem I~, 1, 7 und 18. - -[312] Vgl. Neue Jahrbücher XXVII, S. 348. - -[313] Man kann gut sein, auch ohne physisch tapfer zu sein; dies sagt -Seneca nicht, aber es liegt dem Satz: ~L. Bibulus melior quam fortior -vir~ (~Ad Marciam~ 4, 2) zu Grunde. - -[314] ~De ira~ II, 32. - -[315] ~De constantia~ 12, 3; ~De ira~ I, 16. - -[316] ~De ira~ II, 33; den Freimut gegen einen Sejan preist Seneca (~ad -Marciam~ 22, 4 f.), der gegen den Kaiser scheint ihm unmöglich. - -[317] Das ~aeger nervis~ steht bei Tacitus 15, 45. Über sein Herzleiden -redet Seneca Epist. 26, 54, 58. Aber schon in der Schrift ~De -constantia~ (16, 4), also etwa 45jährig, schildert er sich selbst als -kahlköpfig, schwachsichtig, mit dünnen Hüften und auffälliger Statur; -denn man wird diese Schilderung doch wirklich auf ihn beziehen müssen. -Eine Büste Senecas (in Berlin) zeigt ihn uns kurzhalsig und kahlköpfig. - -[318] ~Mens serena: De clementia~ 2, 5, 4. - -[319] Nero hatte armenische Gesandte empfangen; Agrippina kam, als sie -das hörte, herbei und wollte den kaiserlichen ~Haut-pas~ ersteigen. -Ehe sie dies konnte, ging ihr Nero auf Senecas Wink entgegen und hielt -sie mit einer Begrüßung auf, und die Audienz wurde abgebrochen und -verschoben. Agrippina kam nicht wieder: Tacit. Ann. XIII, 5; Waltz S. -204. - -[320] Agrippina hatte eigenmächtig, als wäre sie jetzt Kaiser, den -verstorbenen Kaiser Claudius zum Gott erhoben. Senecas Satire legt -die Sinnlosigkeit dieser Apotheose dar, indem sie nicht nur mit -gröblichem, aber siegreichem Witz über die geistige Impotenz des -Claudius herfällt, sondern vor allem dem Groll und der Empörung über -seine Schandtaten und Justizmorde Worte leiht. Agrippina selbst wird -in der Schrift totgeschwiegen; jeder Leser merkte, daß ihr Verfahren -das Ziel des Angriffs war. -- Der überlieferte Titel Apotheosis -ist natürlich richtig. Die Bezeichnung ~Apocolocyntosis~ beruht -auf falscher Kombination, die auch heute noch gilt, weil gefeierte -Gelehrte sie hingenommen haben. ~Apocolocyntosis~ heißt „Verwandlung -in einen Kürbis“. Daß der Mensch, wenn er gestorben ist, in Tiere oder -Pflanzen verwandelt wird, ist jedoch eine ausschließlich pythagoräische -Vorstellung, von der die vorliegende Satire nichts weiß und die -zu der unterweltlichen Szene, die sich an ihrem Schluß abspielt, -durchaus nicht paßt. Es ist also gedankenlos, anzusetzen, eine solche -„Verkürbsung“ sei an ihrem Schluß glatt weggefallen. Die Satire ist -vollständig. - -[321] ~Patriae +tutor+~ und ~amicorum propugnator~, ~De vita beata~ 15, -4. Der Ausdruck ~tutor~ stammt hier aus Ciceros Schrift ~De republica~ -II, 51. Seneca kannte diese Schrift genau. - -[322] Schon ~ad Marciam~ äußert er diese Augustusverehrung -programmatisch; oben Anmerkung 307. - -[323] Seneca sagt mit Genugtuung von sich selbst, daß keinem Bürger -durch ihn, trotz seiner Machtstellung, die Rechte verkümmert seien; -~nullius per me libertas deminuta (est)~, ~De vita beata~ 20, 5. - -[324] Auf die ~accusandi rabies~, die unter Tiberius herrschte, blickt -Seneca jetzt, ~Benef.~ 3, 26, 1, als auf etwas Fernstehendes zurück. - -[325] Schon ~ad Marciam~ 16, 2 steht: ~Bruto libertatem debemus~, d. h. -die alte durch Brutus erworbene Freiheit besteht noch; so besteht denn -auch die ~libera civitas~ unter Senecas eigener Staatsverwaltung, ~De -benef.~ 2, 12, 2; ~optimus civitatis status sub rege iusto~, ~ib.~ 2, -20, 2. - -[326] Freilich keine Aufhebung der Kornverteilungen in Rom (~De benef.~ -4, 28, 2), an die überhaupt nicht zu denken war. - -[327] ~Admodum aequa~, ~Tacit.~ 13, 51. Daher war auch noch im Jahre 62 -der Stand der Finanzen befriedigend, Tacit. 15, 18; Waltz S. 411. - -[328] Diesen Sinn hat es, wenn der Kaiser, d. h. Seneca, im Jahre 55 den -Provinzialverwaltern verbietet, in den Provinzen Spiele zu geben, mit -denen sie das Publikum für sich günstig zu stimmen pflegten: Tacit. 13, -31. - -[329] Vgl. Rhein. Mus. 65, S. 317 „Zur Phylenordnung Alexandrias“. - -[330] Von dem Gros der ägyptischen Bevölkerung, den sogenannten -λαογραφούμενοι wurden die zahlreichen Anwohner griechischer und -römischer Abstammung, von denen besonders Alexandria erfüllt war, -gesondert. Daß die Namen der letzteren, der ἐπικεκριμένοι, in -besonderen Listen, τόμοι ἐπικρίσεων, geführt wurden, beginnt aber -wiederum im Jahr 54 auf 55; s. Paul M. Meyer, Das Heerwesen der -Ptolemäer und Römer in Ägypten, Leipzig 1900, S. 116-122. - -[331] Er besuchte als jüngerer Mann in Ägypten seinen Oheim, C. -Galerius, der dort 16 Jahre lang an der Spitze der kaiserlichen -Verwaltung stand (Genaueres hierüber ~Revue de philol.~ 1909, S. -173-177); weiteres oben Anm. 267 und über Senecas Beziehungen zu -Ägypten und zu Claudius Balbillus im Jahre 55 Nipperdey zu Tacit. 13, -22. Auch noch in seinen letzten Lebensjahren hatte Seneca persönlich -geschäftliche Interessen in Alexandria: ~quis illic esset rerum -mearum status~, überlegt er, als er Handelsschiffe von dort einlaufen -sieht, Epist. 77, 3, wo ~res meae~ nicht auf Geldgeschäfte, sondern -auf Grundbesitz sich bezieht; denn Seneca hatte dort tatsächlich -Grundbesitz (s. oben); ~status~ aber heißt „Wohlstand“. - -[332] θεοῦ διάκονος εἰς τὸ ἀγαθόν. - -[333] Vgl. hierzu Rhein. Museum 69, S. 383. - -[334] ~Thyest.~ 213. Aussprüche über Tyrannei finden sich ~Oed.~ 699 -ff., 520 ff.; ~Phoen.~ 654 f.; ~Med.~ 195 f.; ~Phaedr.~ 490 f.; ~Agam.~ -995 usf. Vgl. Neue Jahrbücher XXVII, S. 350 f. - -[335] Es scheint, daß das vierte Buch ~De beneficiis~ von Agrippinas -Ermordung noch nichts weiß, also früher fällt; denn die Stelle IV, 31, -2 blickt auf die Bluttaten Caligulas in einer Weise zurück, als biete -die Gegenwart nichts Ähnliches. - -[336] Daß sich Seneca in ~De beneficiis~ an ein großes Publikum richtet, -zeigen solche Wendungen wie ~si quis existimat~ (I, 15, 1); ~nemo -haec ita interpretetur~ (I, 14, 2); die Anrede ~vos, vobis~ (IV, 13, -1). Er selbst ist ~praeceptor~, ~praecipit~, er gibt ~monitiones~ -(I, 15); aber er redet dabei zu dem Durchschnittsmenschen, nicht zum -vollkommenen Weisen (II, 18, 4). In bezug auf die Sklavenfrage will -er den Übermut der menschlichen Gesellschaft zerstoßen, ~contundere -insolentiam hominum~ (III, 29, 1). - -[337] Seneca sagt von sich, daß er die ~societas generis humani sancit~, -d. h. das soziale Wirken zum unverbrüchlichen Gesetz erhebt, ~De -benef.~ 1, 15, 2; über die ~societas~ auch 4, 18, 2 f. - -[338] Gegen die griechische Behandlungsweise der Wohltätigkeitslehre, -z. B. die des Chrysipp, die mehr spitzfindig als praktisch, wendet -er sich ~Benef.~ I, 3 und 4. Chrysipp ist ~magnus vir, sed Graecus~. -Damit ist er für den Praktiker schon verworfen. Was sollen z. B., heißt -es, die albernen Redereien über die drei Grazien? Damit ist nichts -gewonnen. So weicht denn auch Ton und Ausführung in ~De beneficiis~ -I-IV von Senecas älteren Schriften ~De ira~ und ~De constantia~, die -noch mehr den griechisch-sophistischen Geist zeigen, wesentlich ab. In -den Büchern V-VII ~De beneficiis~ gibt Seneca nur einen Anhang, und in -ihnen herrscht gelegentlich wieder mehr der sophistisch schulmäßige Ton. - -[339] Römerbrief 13, 9: ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς ἑαυτόν, ἡ ἀγάπη τοῦ -πλησίον κακὸν οὐκ ἐργάζεται. - -[340] Vgl. Zur römischen Kulturgeschichte S. 152 f. und betreffs der -Haltung der Sklaven S. 66. - -[341] Josef Vilmain, Die Staatslehre des Thomas von Aquino, Leipzig -1910, S. 80 u. 97 ff. - -[342] Nicht das größte; es gab Freigelassene, die noch reicher waren: -Tacit. 14, 55. - -[343] Über den ~animus ad civilia erectus agendique cupidus~ s. ~De -tranquill.~ 2, 9. Wer keine führende Stellung einnehmen kann, soll -wenigstens durch Akklamation helfen, ~si a prima te reipublicae parte -fortuna submoverit, stes tamen et clamore iuves~, ebenda 4, 5, wo ~stes -tamen et clamore iuves~ offenbar aus einem Hexameter stammt, also Zitat -ist. Auch ~De otio~ beschäftigt er sich aufs neue mit diesen Fragen: -~imperfectum bonum est virtus sine actu~ usf. (6, 3). Daselbst 6, 4 das -~posteris prodesse~; und 6, 5: Chrysippus lebte im ~otium~; er hatte -nicht den Reichtum und die Machtstellung (ergänze: wie ich, um dasselbe -wie ich zu versuchen). - -[344] Das ist das ~maiorem virtuti materiem subministrare~ (~De vita -beata~ 21, 4). - -[345] Das Geld, das einem Natalis zufällt, ist wie in die Kloake -geworfen: Epist. 87, 16. „Der Reichtum ist mein Diener; andere sind -Knechte des Reichtums,“ ~De vita beata~ 22, 5. - -[346] Gegen die ~nimia aestimatio sui~ redet Seneca ~De v. beata~ 8, 3. - -[347] Cassius Dio 62, 2, wo das Wort ἄκουσιν darauf geht, daß -die britische Bevölkerung zum Teil der römischen Geldwirtschaft -widerstrebte; s. 62, 3: πενία ἀδέσποτος πλούτου δουλεύοντος προφέρει. -Schon die Regierung des Kaisers Claudius hatte große Geldsummen in -diese neue Provinz geworfen, aber sie gleichfalls wieder zurückgenommen -(ebenda). Das ist nicht „Geldwucher im Großen“, was Kaiser Claudius -trieb; dasselbe gilt von Seneca. - -[348] Nicht der strengste Stoiker hätte das von Seneca verlangt; auch -Zeno hatte Geld auf Zinsen geliehen (~De benef.~ 4, 24, 1). Daß Seneca -etwa Wucher trieb, ist durch nichts angezeigt. An verächtlichen -Äußerungen gegen die ~feneratores~ fehlt es bei ihm nicht: ~De ira~ -3, 33; ~De const.~ 6, 7; ~Benef.~ III, 15; so aber auch gegen die -Reichen, ~De provid.~ 6: die Reichen sind innerlich schmutzig; wie ihre -Stubenwände sind sie nur äußerlich dekoriert; der glänzende Stuck ist -dünn und fällt ab. - -[349] ~Martial~ 12, 36; ~Juvenal~ 5, 109. - -[350] ~De vita beata~ 23, 5. Auch Epist. 120, 8 tadelt er: ~multi -sunt qui non donant, sed proiciunt~. Genaueres über die Art seiner -Wohltätigkeit ~De v. beata~ 24. - -[351] Seneca brachte also der Staatsraison zuliebe ein Gewissensopfer. -Wer das beurteilen will, muß seinen Grundsatz kennen, den er wie für -diesen Konfliktsfall vortrefflich so formuliert hat: ~facit~ (lies -~faciet~) ~sapiens etiam quae non probabit, +ut etiam ad maiora -transitum inveniat+, nec relinquet bonos mores, sed tempori aptabit -et quibus alii utuntur in gloriam aut voluptatem, utetur +agendae rei -causa+~. Dies stand in seinen ~Exhortationes~ (Lactanz ~Inst.~ III, 15, -14), die gewiß auch in Senecas Spätzeit fallen. - -[352] Ja, nach weit verbreiteter Anschauung ist der Kaiser selber -Gott; der Kaiser Augustus ist der, ~qui dis genitus et deos geniturus -dicatur~, Seneca ~ad Marciam~ 15, 1. - -[353] Kaiser Claudius war, nach Seneca, wie die Fortuna, die leicht -zur ~mala fortuna~ wird (~benef.~ 1, 15; 6). Straft der Kaiser einen -Unschuldigen, so muß man es hinnehmen: ~rex ... si innocentem (punit), -cede fortunae~ (~De ira~ 2, 30). Man kann sich nicht einmal gegen -die Geschenke eines tyrannischen Herrschers wehren: diesen Satz -veröffentlicht Seneca, ~benefic.~ 2, 18, 6, nachdem er selbst von Nero -wider seinen Willen mit Reichtümern überschüttet war. - -[354] Es ist nicht wahr, daß Seneca ~De benef.~ 7, 20, 3 die Möglichkeit -der Ermordung Neros zugesteht; Seneca sagt dort nur: den wahnsinnig -gewordenen Tyrannen soll man beseitigen, und denkt dabei nicht an Nero, -der trotz seiner Exzesse durchaus nicht als geisteskrank galt, sondern -nur an Caligula zurück, der als wirklicher ~furiosus~, d. h. im Irrsinn -endete; dessen Beseitigung wird auch ~De brev. vitae~ 18, 6 gebilligt, -und beide angezogenen Stellen erklären sich gegenseitig. - -[355] Wo Seneca in diesen Jahren den Nero erwähnt (in den Briefen tut er -es nie), zeigt er sich sehr zurückhaltend; s. ~Nat. quaest. VI~, 17 und -21. Eine Höflichkeit liegt darin, daß er einmal einen geschickten Vers -Neros mit Anerkennung zitiert (~ib.~ I, 5, 6). Wenn sich endlich ~ib.~ -VI, 8, 3 eine lobende Äußerung, insbesondere über Neros ~veritatis -amor~, findet, so handelt es sich dort um die von Nero veranstaltete -Expedition nach den Nilquellen; Seneca quittiert für diese Unternehmung -mit Dank; denn es kann kein Zweifel sein, daß Nero mit ihr einer -Anregung Senecas selbst entsprochen hatte. So teilt Seneca denn auch -ihr Ergebnis mit. Vgl. oben Anm. 272. - -[356] Nämlich zunächst bei Tacitus. Mutmaßlich ist aber schon in dem -Werk des C. Fannius über die ~exitus occisorum~ unter Nero, das -unfertig blieb, aber bis zu drei Büchern gedieh (~Plin. epist.~ 5, -5), auch Senecas Tod erzählt worden. Vielleicht ist die Schilderung -des Tacitus davon abhängig. Wir haben keineswegs nötig, nur an Fabius -Rusticus als Quelle zu denken. Vgl. W. Schmidt, ~De ultimis morientium -verbis~, Marburg 1914, S. 12. - -[357] Noch 50 Jahre später waren sie so bekannt, daß Tacitus sie zu -zitieren für unnötig hält (Ann. 15, 63 u. 67). Hätte er es doch -trotzdem getan! - -[358] Tacit. Ann. 14, 55. - -[359] Es ist das goldene ~quinquennium~ Neros: Aurelius Victor 5, 2; -Epit. 5, 3; Waltz S. 243. - -[360] Juvenal 8, 212. - -[361] Vgl. Römische Charakterköpfe, 3. Aufl., S. 262 f. u. 267. - -[362] Das „planvoll“, ~certus consilii~, das er fordert ~De brev. vitae~ -3, 3, gilt wirklich von ihm. Vgl. Epist. 23 über die Freude: die Freude -kommt ins Herz durch ein gutes Gewissen, durch richtig Handeln, durch -ein planvolles Leben. - -[363] Vielmehr bezog sich Seneca nachweislich auf die Ehegesetze des -Augustus; s. ~Fragm. 87 ed. Haase~. Auch die historischen Rückblicke -auf die ~pudicitia~ Altroms und die ehelichen Exzesse, die Seneca dort -gab, entsprachen ganz dem Begründungsverfahren des Augustus. - -[364] Vgl. Römische Kulturgeschichte S. 141. - -[365] ~Bonorum egestas: De tranquill.~ 7, 6. - -[366] ~De benef.~ 7, 1, 7. - -[367] ~De vita beata~ 15, 5. - -[368] Einige Proben hat uns der Kirchenvater Augustin aus dieser -Schrift erhalten; einen Absatz daraus habe ich oben S. 231 f. -wiedergegeben. - -[369] ~Religio deos colit, superstitio violat~, sagt Seneca ~De clem.~ -2, 5, 1. - -[370] Seneca ~De remediis~ 5, 4 lehrt: Kümmere dich nicht um dein -Begräbnis. Denn das Begräbniswesen ist gar nicht um der Toten willen, -sondern nur im Interesse der Lebenden eingeführt: ~non defunctorum -causa, sed vivorum inventa est sepultura~. - -[371] ~De benef.~ 4, 7, 2. - -[372] Man könnte ansetzen, daß sie etwas früher fällt und ungefähr aus -der Zeit der Apotheosissatire stammt, in der die gleiche sarkastische -Nichtachtung der Götter herrscht und gerade auch wie in der Schrift ~De -superstitione~ altrömische Götterschemen wie die ~Vica Pota~ vorgeführt -werden. Aber auch ~De tranquill.~ 26, 8 berührt Seneca noch dasselbe -Thema, besonders aber Epist. 95, 47, wo auch das ~speculum teneri -Iunoni~ und die Sätze stehen: ~deum colit qui novit; primus est deorum -cultus deos credere~. - - -Römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi. - -[373] Eine vorsichtige und vernünftige Behandlung der Frage gab J. -Geffken im Hermes, Bd. 41, S. 220 ff. - -[374] Hermes 41, S. 223. - -[375] Hierzu und zum Folgenden siehe meine Schrift „Elpides“ S. 61-65. - -[376] Valerius Maximus 5, 1 ~ext.~ 1; Curtius Rufus 8, 4, 15. - -[377] Epiktet, Dissertat. I, 25, 8. - -[378] βασιλικῶς ἐνεσκεύαστο Lucian 70, 2, 10; vgl. in den ~Acta S. -Dasii~ bei ~Cumont~, ~analecta Bollandiana XVI~, S. 11 das βασιλικὸν -ἔνδυμα und κατὰ τὴν αὐτοῦ Κρόνου ὁμοιότητα. Bei keinem Gott war die -Bezeichnung, daß er „König“ ist, so ständig wie bei Saturnus-Kronos; -~Varro de re rustica III~, 1, 5: ~Saturnus rex~; mehr gibt Maximilian -Mauer bei Roscher, Mythol. Lexikon II, S. 1458. - -[379] 70, 2, 12. - -[380] βασιλέα μόνον ἐφ’ ἁπάντων γενέσθαι 70, 1, 4. - -[381] Ebenda. - -[382] So in den ~Acta S. Dasii~. - -[383] Diese Harmlosigkeit betont Lucian 70, 2, 13. - -[384] Siehe Bücheler zu Seneca ~Apotheosis~ ~c.~ 8. - -[385] Ich sehe, daß auch G. Wissowa, Religion und Kultus der Römer, S. -207, diese Auffassung teilt. - -[386] Siehe Geffken a. a. O. S. 222 f. - -[387] H. Reich, Neue Jahrbücher 1904, S. 726, 1 versteht diesen Wortlaut -nicht richtig, da er γελοίων διδάσκαλοι grammatisch verbindet; γελοίων -hängt aber ohne Frage von ποιηταί ab: „Mimen- und Ulkdichter dienen als -Lehrer der Leute.“ - -[388] Reich a. a. O. - -[389] Auch der Mimusrest des Oxyrhynchospapyrus ergibt dafür nichts. - -[390] So Reich S. 279. - -[391] Der Mimus ahmte realistisch, oft auch mit Humor und Ironie Typen -des Lebens nach, aber er höhnte nicht und stand dadurch im Gegensatz -zur alten Komödie eines Aristophanes: so Reich selbst, Der Mimus I, S. -327, nach Jacob Bernays. - -[392] S. Seneca a. a. O. c. 1. Auch Kaiser Augustus betrachtete sein -Leben als einen Mimus; er fragte auf dem Sterbebett, ob er ihn gut -durchgeführt habe; „wenn das Stück gut war, klatschet Beifall,“ war -sein letztes Wort. Aber er denkt dabei nicht an den Königsmimus, -sondern allgemeiner an den ~mimus vitae~ (Sueton Aug. 99), von dem in -der Popularphilosophie jener Zeit oft die Rede ist. - -[393] ~nec cor nec caput habet~, Seneca ~c.~ 8; ~dis iratis natus; -tria verba cito dicat et servum me ducat~ ~c.~ 11. Das Urteil, das -Seneca fällt, gilt nicht bloß von der Regierungszeit, sondern ebenso -vom früheren Leben des Claudius; mit gleichem Hohn hatte Tiberius auf -seine Bewerbung ums Konsulat weiter nichts geantwortet als: „anbei -40 Louisd’or für die Saturnalien und Sigillarien“ (Bücheler). Daher -endlich ließ Seneca den Claudius in einen Kürbis verwandelt werden; in -welchem Sinne, habe ich in der Schrift ~De Senecae apocolocyntosi et -apotheosi~ Marburg 1888/1889 ausgeführt. - -[394] Diesen Umstand beachtete Mommsen nicht, als er bei Seneca a. a. O. -~c.~ 1, wo überliefert ist: ~obiit ille qui verum proverbium fecerat -aut regem aut fatuum nasci oportere~, zu lesen vorschlug: ~qui bis -verum proverbium fecerat~. Das Sprichwort gibt ein Entweder oder: -„entweder ein König oder ein Narr muß man von Geburt sein.“ Diesen Satz -hat Claudius wahr gemacht, da er nur eine der beiden Eventualitäten -erfüllte, da er Narr von Geburt, aber nicht auch König von Geburt -war. Er war kein Porphyrogennetos oder ~in purpura natus~. Daß er das -Sprichwort doppelt (~bis~) wahr gemacht, trifft also nicht zu. - -[395] a. a. O. c. 8: ~si mehercules a Saturno petisset hoc beneficium, -cuius mensem toto anno celebravit Saturnalicius princeps~. - -[396] S. ~Festus~ ~p.~ 322 ~M.~; Plutarch Romulus 25 und Aitia Romana -~c.~ 53. - -[397] μετὰ χλευασμῷ sagt Plutarch. - -[398] Plutarch: ἑπισκώπτων αὐτοῦ τὴν ἠλιθιότητα καὶ ἀβελτερίαν. - -[399] Plutarch an beiden Stellen; dem widerspricht das Zeugnis des -Festus nicht. - -[400] Auszüge des Cassius Dio 65, 20 f. - -[401] Epiktet IV, 8, 30 u. 34. Die betreffenden Worte sind: εὐδὺς ἐπὶ -τὸ σκᾶπτρον, ἐπὶ τὰν βασιλείαν, sowie ὁ Κυνικὸς τοῦ σκήπτρου καὶ -διαδήματος ἠξιωμένος παρὰ τοῦ Διός. - - -Witzliteratur und Gesellschaft in Rom. - -[402] Dies bezieht sich nicht nur auf des Tiberius Zerwürfnis mit seiner -eigenen Mutter (Sueton Tiberius 50 f.); Tiberius ist zugleich allen -Müttern in Rom verhaßt, deren Söhne er umbringen ließ. - -[403] Nach v. Duhn, Pompeji (1906), S. 102 ff. - -[404] Titinius v. 70 Ribb. - -[405] Titinius v. 78. - -[406] Titinius v. 112. - -[407] Titinius v. 140. - -[408] Atta v. 7 Ribb. - -[409] Afranius v. 33 Ribb. - -[410] Vgl. Philologus Bd. 63, S. 459. - -[411] Catull C. 54; vgl. Das antike Buchwesen S. 404. - -[412] Doppelt erstaunlich ist die Kunst dieses Vergilgedichtes, da -das Ganze fast Wort für Wort eine Travestie und die Umdichtung eines -Catullgedichtes von ganz anderem Inhalt ist. - -[413] Epode 4. - -[414] Epode 2. - -[415] Das heißt: In den Strom wirft. Der Hebrus ist ein Strom im -winterlichen Thrazien, die heutige Maritza. - -[416] ~Dominus deus~; vgl. Römische Charakterköpfe ^3 S. 282. - -[417] Vgl. zu diesem Gedicht Donats Bemerkung zu Terenz Adelph. 540. - -[418] Römische Kulturgeschichte S. 52. Man wolle indes darum nicht -glauben, daß die Medizin im Altertum auf einer niedrigen Stufe -stand. Im Gegenteil: bis zu welcher bewundernswerten Höhe die -wissenschaftliche Medizin sich damals entwickelt hat, ist weltbekannt. -Ich habe in meinem Roman „Menedem der Ungläubige“ davon beiläufig ein -Bild zu zeichnen versucht. - -[419] Einige weitere Übersetzungen habe ich in meine Gedichte, die den -Titel „Artiges und Unartiges“ tragen, eingeschaltet. - -[420] In ~Curetium~; in ~Hadrianum~. - -[421] Man vergleiche hierzu die Erklärung des ~petaurista~ bei Festus -~p.~ 206 ~M.~ - -[422] Afranius v. 8 Ribb. - -[423] ~Anthologia latina~ Nr. 303. - -[424] Martial VI 62, vgl. VII, 95, 15. - -[425] Martial X, 2, 13. - -[426] Martial X 76. Die Sänftenträger werden z. B. VII, 53, 10; IX, 2, -11 und 22, 9 erwähnt. - -[427] VII, 55, 7. - -[428] XII, 57, 13. - -[429] XI, 94. - -[430] VII, 30. - -[431] XI, 96; vgl. hierzu meine Schrift „Die Germanen“ (München 1917), -S. 107. - -[432] In der Übersetzung dieses Gedichtes habe ich ausnahmsweise mir -erlaubt, die Schlußwendung etwas abzuändern, da sie sonst weniger -verständlich wäre. - -[433] Vgl. Rhein. Museum Bd. 69, S. 387. - -[434] ~ad nationes II~, 12 f. - -[435] Ebenda 11, 8 f. - - - - -Namen- und Ortsverzeichnis. - - - Abraham a S. Clara 207. - - Actium 65. - - Ägypten 37. 66. 97. 104. 111. 135 f. 181. 231. - - Aelian 96. - - Aemilius Paulus 52. - - Aesop 23. - - Äschylus 105. 151. - - Afranius 207. 226. - - Afrika 37. 97. - - Agrippa 142. - - -- König 194. - - Agrippina I: 2. - - Agrippina II: 6. 177. 179 f. 184. 259. - - Alexis 138. - - Alarich 27. - - Alexander d. Große 62. 108. 190. 202. - - Alexandria 37. 123. 149. 194. 253, [265]. - - Alkman 103. - - Alkmene 256, [296]. - - Amerika 169. - - Amor 136. - - Amoretten 134 ff. - - Anaxagoras 105. - - Antiochia 71. 95. - - Apicius 24. 40. 46. - - Apollinaris Sidonius 215. - - Apollohymnus 101. - - Apollonius v. Tyana 68. - - Apostelgeschichte 69. - - Archilochos 103. - - Archytas 143. - - Ariost 115. - - Aristophanes 85 ff. 159. - - Aristophon 245, [143]. - - Aristoteles 85. 105. - - Arria 17 f. - - Athanasius 252, [251] - - Athen 60. 105. 106. - - Athenodorus 142. - - Atta 207. - - Atticus 75. 126. 132. - - Augustus (Octavian) 71. 80. 142. 163. 181. 182. 187. 205. 214. - 265, [393]. - - Ausonius 66. 130. 144. 224. - - - Babrius 87. - - Baden bei Zürich 61. - - Bath 61. - - Bavius 214. - - Bion 173. - - Bissula 144. - - Boëthos 147. 249, [230]. - - Britannicus 177. - - D. Brutus 5. - - Burrus 180. - - W. Busch 203. - - Byzanz 65. - - - Cäcilia Metella 8. - - Caesar 56. 58. 77. 80. 122. 204. 208 f. - - Caligula 23. 177. - - Calpurnius 258, [309]. - - Calvus 205. - - Camerius 145. - - Campanien 54. - - Capri 64. 143. - - Capua 52. 54. - - Cassius Dio 166. - - Castor u. Pollux 69. 211. - - Cato 6. 9. 52. 63. 129. - - Catull 7. 15. 67. 92. 144. 145. 160. 161. 205. 208 f. 214. 216. - 252, [257]. - - Chaucer 254, [269]. - - Christen, Christentum 67. 232 ff. - - Cicero 69. 74. 75. 76. 109. 123. 125 ff. 205. 208. 229. 233. - - Cinna 236, [14]. - - Chrysipp 261. 74. - - Claudian 7. 205. 224. 240, [82]. 241, [86]. - - Claudius 10. 36. 179 f. 192 f. 196. - - Clodia 8. 236, [13]. - - Coenus 72. - - Commodus 131. 143. - - Corduba 71. 176. - - Coriolan 3. - - Correggio 134. - - Corsica 177. 178. - - Crassus 235, [7]. - - Cremona 209 f. - - Cybele 226. - - - Daedalus 225. - - Dalmatien 71. - - Dasius 193. - - Damaskus 37. - - Demetrius 176. - - Demodokos 100. - - Demosthenes 89. 105. - - Diana 229. - - Diogenes von Sinope 91. 201. 256, [297]. - - Domitian 143. 216 f. - - Domitius Marsus 214. 216. - - Dornauszieher 154. - - - Earinus 217. - - Elagabal 25. 238, [30]. - - Elegie 103. - - Engel 75. 134. 162. - - Ennius 229. - - Entellus 217. - - Enorches 250, [238]. - - Epainoi 153. 161. - - Ephesus 62. - - Epicharm 106. - - Epiktet 202. - - Epikur 22. 169. - - Eros 136. 137. 151. - - Esther (das Buch) 50. - - Etrusker 117. 198. - - Euripides 106. 138. 142. - - Eutropius 205. - - - Fannia 18. - - Fannius 263, [357]. - - Ferrari 162. - - Flaccus 194. - - Fulvia 2. - - - Galba 73. - - Galerius 260, [332]. - - Gallien 37. 57. 227 f. - - Ganymed 251, [247]. - - Genien 134. 152. - - Genius 1. 235, [2]. - - Germanen 11. 59. 179. 227. - - Germanicus 65. - - Gnathaina 24. - - Goethe 157. - - Gracchen 3. - - Griechen 50. 111. 136. - - - Hadrian 71. 72. 73 ff. 78. - - Hamilkar Barkas 56. - - Hannibal 50. 54. 55 f. 240, [80]. - - Hanno 79. - - Harpokrates 150. - - Helikon 103. - - Helvidius Priscus 18. - - Hercules 69. 142. 163. 175. 233. - - Hermes (Merkur) 50. 136. 148. - - Herodes 96. - - Herodian 131. - - Herodot 97. 105. 108. - - Hesiod 103. - - Hippokrene 103. - - Homer 84 f. 99 f. 105. 108. 246, [179]. - - Horaz 14. 27. 34. 62. 92. 109. 122. 127 f. 130. 151. 153. 212 ff. - 235, [4]. - - Horos 136. - - Himeros 137. - - Humboldt, W. von 166. - - - Ikelus 73. 79. - - Indien 37. - - Iphigenie 11. - - Iris 50. - - Italien 57, 59, 91. - - - Jesus Christus 45. 113. 140. 146. 162. 189 ff. - - Jocus 153. - - Johannesapokalypse 113. - - Josephus 131. - - Juden 112. 118. 227. - - Julia Livilla 177. - - Julian 95. - - Juno 230. - - Jupiter 229. 230. - - Juvenal 16. 64. 130. 186. 231 f. 253, [265]. - - - Kallimachos 109. - - Karabas 194. - - Karthager, Karthago 50. 60. - - Kephisodot 148. - - Kleanthes 256, [297]. - - Kleon 88. - - Kleon von Sikyon 249, [230]. - - Kleopatra 10. 80. 150. 160. - - Kleinasien 60. - - Kolophon 65. - - Konstantinopel s. Byzanz. - - Korinth 60. - - Kronos 191 f. - - Kyniker 90. 201. - - - Lambese 71. - - Laren 69. - - Leda 151. 250, [238]. - - Lesbos 65. - - Lionardo da Vinci 27. 42. 166. - - Livia 142. - - Livius 55. 62. 123. - - Livius Andronicus 93. - - Lovato 256, [294]. - - Lucan 215. 217. - - Lucian 153. 176. - - Lucilius 94. 204. 206. - - Lucriner See 32. - - Lucull 22. 56. - - Luxorius 224. 226. - - Lykurg 182. - - Lyon 71. - - Lysipp 89. 139. 148. - - - Mäcenas 34. 128. - - Malta 68. - - Mamurra 208. - - Mantua 209. - - Margites 205. - - Maria 116. - - Marius 58. 241, [86]. - - Mark Anton 65. 80. 205. - - Mark Aurel 59. 131. 186. - - Marlow 167. - - Marseille 60. - - Martial 26. 32. 33. 92. 128. 144. 145. 214. 216 ff. 225 f. 245, [161]. - - Massinissa 143. - - Matius 24. - - Mattius 37. - - Mausolos 83. - - Megara 65. - - Meleagros 159. - - Memnonsäule 66. - - Menippos 126. - - Merkur s. Hermes. - - Messalina 8. 10. 171. 177. 179. - - Minerva 230. - - Mithridates 23. 60. - - Moretto 162. - - Moses 182. - - Murenae 38. - - Muse 113 (Musik 16. 124). - - Mussato 256, [294]. - - - Naevius 205. 207. - - Nasidienus 31. 34. - - Naxos 37. - - Neapel 81. 94. - - Nero 6. 14. 36. 76. 177 ff. 215. 239, [62]. 258, [309]. 263, [356]. - - Nerva 217. - - Neumagen 66. - - Nike 136. - - Nil 66. 106. 145. 150. 153. 169. - - Niobiden 148. - - Nymphen 149. - - - Odysseus 205. - - Offenbach 205. - - Olympia 62. 249, [230]. - - Omboi 231 f. - - Oppius 243, [119]. - - Orata 239, [50]. - - Ostia 36. - - Otho 72. - - Ovid 5. 7. 11. 15. 43. 117. 122. 214. 215. - - - Pan 138. - - Panätius 169. - - Paphos 190. - - Papirius Cursor 51. - - Paris 123. - - Parthenius 217. - - Parzen 117. - - Paula Valeria 5. - - Paulus 49. 68. 74. 77. 79. 181. - - Pausias 148. - - Perser 50. - - Persius 66. 215. 235, [4]. - - Perusia 80. - - Petron 23. 95. - - Phädrus 87. - - Phalanthos 97. - - Phanostrate 89. - - Phidias 139. 148. - - Philo 193 f. - - Philostrat 249 [234]. 250, [243]. - - Phosphoros 250, [241]. - - Phrynichus 138. - - Phtheirophagen 97. - - Pindar 138. - - Plato 90. 105. 106. 136. 167. - - Plautus 93. 124. 130. 225. - - Plinius I: 22. 45. - - Plinius II: 17. - - Plutarch 24 f. 141. 199. - - Pollux 131. - - Polybius I: 54. - - Polybius II: 178. - - Polyklet 139. 148. - - Pompeji 7. 12. 14. 24. 35. 39. 41. 110. 148 ff. 156. 157 ff. 206. - - Pompejus 16. 208. - - S. Pompejus 205. - - Posidonius 169. - - Pothos 137. - - Potestas 236, [21]. - - Praxiteles 139. - - Priap 253, [263]. - - Properz 9. 13 ff. 15. 62. 79. 160. 215. 235, [4]. - - Prudentius 144. - - Psammetich 104. - - Psyche 157. - - Publilius Syrus 16. - - Puteoli (Puzzuoli) 63. 69. - - Pythagoristen 86. - - Pytheas 79. - - - Rafael 135. 161. 248, [207]. - - Ravenna 118. - - Regulus 217. - - Reuter, Fritz 151. - - Rhodos 50. 60. 62. - - Robbia, della 162. - - Rom 1. 51 f. 60. 81. 123. 171. 235, [1]. - - Romulus 233, 235, [1]. - - Rutilus 52. - - - Sabinus 58. - - Saïs 107. - - Sallust 123. - - Salonae 71. - - Sappho 136. - - ~Sardi venales~ 198. - - Saturn 191. 233. - - Saturnalien 39. 191 f. - - Schiller 155. 237, [24]. - - Schmidhammer 98. - - Schwanthaler 110. - - Scipio I: 56. - - Scipio II: 54. - - Senat 8. 70. 77. - - Seneca 7. 45. 63 f. 69. 165 ff. 192. 215. 230. 233. - - Septimius Severus 141. - - Shakespeare 167. 174 f. - - Sibyllen 119. - - Silius Italicus 128. 217. - - Simos 24. - - Smyrna 58. - - Skopas 137. - - Solon 182. - - Sophokles 138. 173 f. - - Sosii 127. - - Sosibios 177. - - Sokrates 86. 90. 142. - - Spanien 37. 57. 59 f. 176. - - Statius 7. 124. 216. - - Stella 217. - - Stesichoros 105. - - Sueton 186. 242, [96]. - - Sulla 53. 94. 96. - - Syrer 227. - - - Tacitus 65. 67 f. 166. - - Tanagra 149. - - Tanger 71. - - Tarragona 71. - - Telemach 49. - - Teles 190. - - Tellus 252, [263]. - - Tentyra 231 f. - - Teplitz 61. - - Terenz 52. 94. 124. 248, [202]. - - Tertullian 233. - - Theokrit 148. - - Theophrast 141. - - Thomas v. Aquino 183. - - Thukydides 103. 108. - - Tiberius 28. 142. 143. 163. 205. 265, [394]. - - Tigellinus 185. - - Titinius 93. 207. - - Titus 131. - - Tizian 162. - - Togatkomödie 6. - - Tragödie 105. - - Trajan 6. 56. 59. 241, [86]. - - Tres tabernae 69. 243. - - Treveth 256, [294]. - - Trevisoni 162. - - Trimalchio 32. 34. 40. 95. - - Troja 65. - - Troubadours 15. - - Trypherus 41. - - Turia 236, [21]. - - - Ulpian 125. - - - Varius 124. - - Varro 93. 229. 233. - - Vegetius 56. - - Veji 198. - - Ventidius Bassus 58. 210. - - Venus 148; Venus calva 2. - - Vergil 58. 62. 109. 115. 209 ff. 215. - - Verus 35. - - Vesuv 169. - - Vespasian 6. 131. 243, [134]. - - Vitellius 23. 72. 199 f. - - Vivarini 162. - - Vulcanus 233. - - - Zeno 256, [297]. - - Zeus 120. 202. - - - - -~Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig~ - - -~Theodor Birt~ - -Römische Charakterköpfe - -Ein Weltbild in Biographien - -3. Auflage. 320 Seiten. Gebunden M. 9.60 - -„Das ist ein +geradezu wundervolles+ Buch! Ohne eigentlich die -Absicht zu haben, mich gleich eingehend mit ihm zu beschäftigen, -fing ich an zu lesen und ward +so gefesselt+, daß ich jede freie -Minute zum Weiterlesen benutzte. Nie vordem sind mir die Träger -der römischen Geschichte von Scipionen und Gracchen an bis hin zu -Hadrian und Marc Aurel so lebendig entgegengetreten, nie sind mir die -Motive ihres Handelns so deutlich geworden; von manchen -- Pompejus, -Cäsar, Marc Anton, Lucull -- habe ich auch ein nicht unwesentlich -anderes Bild erhalten, als es mir vom Geschichtsunterricht her in -der Erinnerung stand. Was diese Lebensbilder +so überaus reizvoll+ -macht, ist die +psychologische Kunst+, mit der der Verfasser es -versteht, die Gestalten zu beseelen; was er bietet, ist nicht trockene -Geschichtsschreibung, sondern künstlerische Formgebung.“ - - Die Deutsche Schule. - - -Charakterbilder Spätroms - -und die Entstehung des modernen Europa - -ca. 400 Seiten mit 6 Tafeln. Gebunden M. 12.-- - -War in den „Charakterköpfen“ die Entstehung und Entwicklung der -römischen Universalmonarchie bis zu ihrem Höhepunkt vorgeführt -d. h. bis zur Zeit der Antonine, die für die Reichsländer die Zeit -des größten Erdenglücks bedeutet hat, so handelt es sich jetzt um -den Prozeß der allmählichen Auflösung des römischen Weltreichs, -den unermüdlichen Kampf der Kaiser gegen die drohende Zerrüttung, -das gleichzeitige Erstarken, Werden und Wachsen der christlichen -Kirche, endlich um Völkerwanderung und den Sieg der Germanenrasse. -Auch diesmal gibt der Verfasser ein Weltbild, und wieder in der Form -von aneinandergereihten Biographien. Auch diesmal hat der Verfasser -versucht, überall das Menschliche zu betonen und die Personen durch -Belebung dem Gefühl der Gegenwart nahezubringen, zugleich aber auf -die Kultur und das Geistesleben jener Zeiten scharfe Streiflichter -geworfen, damit man auch den Hintergrund sieht, vor dem all jene -Gestalten sich bewegen. - - -Ausführliche Prospekte und Kataloge unentgeltlich und postfrei - - - - -~Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig~ - - -~Theodor Birt~ - -Aus dem Leben der Antike - -2. Aufl. 282 Seiten mit 11 Tafeln. Gebunden M. 10.-- - -„Das Buch enthält +eine Fülle+ von ansprechenden, in engstem Rahmen -gefaßten Bildern, die in ihrer Kleinmalerei +farbenprächtige -Darstellungen+ aus dem bunten Treiben im alten Rom der Kaiserzeit -bieten. Dabei versteht es der Verfasser in +geistreicher Weise+, aus -dem Altertum Brücken zur unmittelbaren Gegenwart zu schlagen und -uns zu zeigen, daß wir keinen Grund haben, auf unsere Fortschritte -dem Altertum gegenüber besonders stolz zu sein. Das Buch, das sich -ebensosehr an den Fachmann wendet als an jeden Freund klassischen -Altertums, sei hiermit weitesten Kreisen +bestens empfohlen+.“ - - Konservative Monatsschau. - - -Novellen und Legenden - -aus verklungenen Zeiten - -2. Auflage. 313 Seiten mit 6 Tafeln. Gebunden M. 8.-- - -„Einer unserer +besten Kenner+ des Altertums gibt in diesem -ansprechenden Werk ‚Novellen und Legenden‘ aus der griechischen -Literatur. Ein zarter Reiz jenes lyrisch gestimmten Geistes strömt -aus den einzelnen Motiven heraus ... Die Geschichten sind in ihrer -schlichten und doch +klassischen+ Schönheit voller eigentümlicher -Werte, die es verständlich erscheinen lassen, daß gerade in jetziger -Zeit die versonnene, freie Art des Altertums wieder wachgerufen wird.“ - - Die Post. - - -Von Haß und Liebe - -=Fünf Erzählungen aus verklungenen Zeiten.= 296 Seiten. Geb. M. -8.-- - -Flucht aus der Gegenwart: wer brauchte sie nicht heute? Nur die -Phantasie kann uns helfen; durch sie sind wir „Zeitgenossen aller -Zeiten“. Wie lange atmet schon Held Odysseus nicht mehr! Ihn und den -alten Rechner Archimedes, Roms Cäsaren, vor allem ein paar holde -Griechinnen aus der gottseligen Heidenzeit beleben diese Novellen; dem -grauen Hades sind sie entrissen, auf daß sie noch einmal hassen und -lieben, lachen und grollen wie einst, dahinwandelnd in Roms Gassen oder -auf den wonnigen Inseln des Mittelmeers. - - -Zur Kulturgeschichte Roms - -3. verbesserte und vermehrte Auflage. 159 Seiten. Gebunden M. 1.50 - -„Birt ist nicht nur ein gründlicher Kenner der Antike, sondern auch ein -glänzender Schriftsteller. +Farbenprächtige, lebensdurchpulste Bilder -zaubert er vor unser geistiges Auge.+ Wir durchwandern mit ihm die -Straßen des alten Roms, bewundern die privaten und öffentlichen Bauten -und beobachten im Gewühl die vorbeiflutende Menge.“ - - Vossische Zeitung. - - - - -_Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig_ - - -Geschichte der römischen Kaiser - -Von Geheimrat Professor ~Dr.~ =A. von Domaszewski= - -2. Auflage 4. u. 5. Tausend. Zwei Bände zu je 336 Seiten mit 12 -Bildnissen auf Tafeln und 8 Karten - -In zwei Geschenkbänden zusammen M. 18.-- - -„Domaszewskis Werk tritt also in die Lücke ein, die in Mommsens -römischer Geschichte klafft: die Persönlichkeiten der Kaiser und -der Charakter des Reichsregiments, die im 5. Bande nicht zur -Anschaulichkeit gebracht wurden, stehen in dieser Darstellung im -Vordergrund ... Die +glänzende Herausarbeitung+ des Gegensatzes der -Persönlichkeiten des Trajan und Hadrian, die in diesem eintretende -Peripetie in der Entwicklung, die unter Septimius Severus zur -Vernichtung des Römertums und der antiken Zivilisation führt, weil -Barbaren die Herrschaft gewinnen und die bisher in Knechtschaft -gehaltenen Schichten sich gegen die Kulturträger erheben, die -Verbindung illyrischer Roheit und aramäischer Verderbtheit in -Caracalla, das Ringen der Illyrier und Orientalen miteinander und die -endliche Herrschaft der Illyrier in der Armee und im Reiche -- diese -wesentlichen, einer verwirrenden Menge von schlecht überlieferten -Einzelheiten zugrunde liegenden Tatsachen sind bisher +noch nie so -anschaulich und überzeugend herausgehoben worden+.“ - - Berliner Philologische Wissenschaft. - -„Denn in der Tat, zu den +besten Büchern der schönen und -wissenschaftlichen Literatur+ pflegen solche zu gehören, die -geschrieben sind, um den Autor zu befreien. Wärme der Empfindung -jedenfalls erwarten wir in solchem Buch zu finden, und sie zeigt -sich fast auf jeder Seite dieser Kaisergeschichte. Bewunderung und -Verurteilung tragen hier den Charakter einer gegenüber Mitlebenden -geübten Kritik. Was aber zu dieser Wärme hinzukommt, +gibt dem Werk -einen Wert, der weit hinaus ragt über das, was man von einem Buch -erwartet+, welches durch die Widmung die polarisierende Tendenz -kundgibt.“ - - Das humanistische Gymnasium. - - - - -~Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig~ - - -=Griechische Kultur im Bilde.= Von Professor ~Dr.~ +H. Lamer+. 2. Aufl. -96 Tafeln u. 64 S. Text. Geb. M. 1.50 - -„+Ein ganz prächtiges kleines Buch+ ... Man blättert die Abbildungen -schmunzelnd durch, man liest Lamers +erstaunlich reichen+ und doch -+knappen Text+ mit steigendem Interesse, man legt das Buch aus der -Hand mit dem Gefühl, eine Sache, die man genau zu kennen glaubte, in -einem ganz neuen Lichte gesehen zu haben. Wir stehen nicht an, das -Lamersche Buch als eine +wahre Musterleistung+ populärer Darstellung zu -bezeichnen.“ - - Wissenschaftliche Rundschau - - -=Römische Kultur im Bilde.= Herausgegeben u. mit Erläuterungen versehen -von Professor ~Dr.~ +H. Lamer+. 3. Aufl. 175 Abb. auf 96 Tafeln u. 64 -Seiten Text. Geb. M. 1.50 - -„Dermaßen +glücklich+ hat der Autor den ungeheuren Stoff +gemeistert+, -hat ihn immer wieder gesiebt und gesiebt, bis zum Schluß das -Wesentlichste übrig blieb, das jedem Leser, auch dem nicht humanistisch -vorgebildeten, +einen klaren Begriff von der römischen Kultur gibt+.“ - - Neues Wiener Tageblatt - - -=Das alte Rom.= Sein Werden, Blühen und Vergehen. Von Professor ~Dr.~ -+E. Diehl+. 2. Aufl. 126 S. mit zahlr. Abb. Gebunden M. 1.50 - -„Rom, sein Werden, Blühen und Vergehen von den ersten Anfängen bis zum -Ende des weströmischen Reiches lernen wir hier kennen an Hand einer -klaren Darstellung, unterstützt von Bildern und Karten ... +Nicht -nur dem Italienreisenden+, sondern +jedem+, der sich mit römischer -Geschichte befaßt oder kunstgeschichtliche Studien treiben will, wird -das Büchlein von Wert sein.“ - - Der Architekt - - -=Zur Kulturgeschichte Roms.= Von Professor ~Dr.~ +Th. Birt+. 3. -verbesserte u. vermehrte Aufl. 159 S. Geb. M. 1.50 - -„Birt ist nicht nur ein gründlicher Kenner der Antike, sondern auch ein -glänzender Schriftsteller. +Farbenprächtige, lebensdurchpulste Bilder -zaubert er vor unser geistiges Auge.+ Wir durchwandern mit ihm die -Straßen des alten Roms, bewundern die privaten und öffentlichen Bauten -und beobachten im Gewühl die vorbeiflutende Menge.“ - - Vossische Zeitung - - -=Cäsar.= Von Hauptmann Gg. +Veith+. 190 Seiten. Mit einem Porträt und -Kartenskizzen. Gebunden M. 1.50 - -„Der Verfasser gibt auf Grund langjähriger Beschäftigung mit seinem -Helden eine +lebendige+ und +anziehende+ Schilderung der Entwicklung -und Tätigkeit Cäsars auf den verschiedensten Gebieten. Es ist ein -mit +Begeisterung geschriebenes+ und +Begeisterung+ bei dem Leser -+erweckendes+ Lebensbild.“ - - Wochenschrift für klass. Philologie - - - - -~QUELLE & MEYER, VERLAG IN LEIPZIG~ - -~Karl Gjellerup~ - - -Der goldene Zweig - -Dichtung u. Novellenkranz aus der Zeit des Kais. Tiberius. 9.-13. Taus. -339 S. Geh. M. 5.--. Geb. M. 7.-- - -„Es sind Bilder von überwältigender Schönheit. Mit der Gestaltungskraft -und der Kennerschaft des historischen Forschers und philosophischen -Denkers läßt er äußeres und inneres Leben erstehen und malt in -+bezaubernden Farben+ die südliche Landschaft und den Prunk römischer -Kunst und Verschwendung. Über seinem Buche liegt die +Weihe eines -Bekenntnisses+ zur sieghaften Kraft der christlichen Heilslehre und des -germanischen Wesens.“ - - Hamburgischer Correspondent. - - -Die Gottesfreundin - -Roman. 397 S. Geh. M. 5.--. Geb. M. 7.-- - -„Eine Reihe +farbenprächtiger, tiefgründiger+ Bilder, die sich auf -dem düstern Hintergrund des 14. Jahrhunderts mit seinem Aberglauben -und seinen Hexenprozessen abspielen. Wie die Herrin der Burg -Langenstein den Führer der „Ketzer“ schützt, und wie der zelotische -Bischof Ottmar, der die Ketzer verfolgt, vom Saulus zum Paulus wird, -und mit der Burgherrin, die er in fröhlicher Jugend heiß geliebt -hatte, als sieghafter Besiegter in den Tod geht, das wird uns in -+hochdramatischer+, von +dichterischem Schwung+ beseelter Darstellung -berichtet.“ - - Berliner Morgenzeitung. - - -Seit ich zuerst sie sah - -Roman. 430 S. Geh. M. 5.--. Geb. M. 7.-- - -„Dieses schöne Idyll mit seinem tragischen Ausgang ist eins der -+wundervollsten+ Werke Gjellerups. Ein ganzer Liebesfrühling ist hier -in die Stimmungsbilder aus Dresden und aus der sächsischen Schweiz -hineingezaubert; tiefe Wehmut, tragischer Schmerz verleihen dem Roman -sein wunderbares, unvergeßliches Aroma ... Der Verfasser fesselt, -mag er nun die Natur, die Kunst oder die Menschen schildern. Immer -+vertieft+ er sich in seinen Stoff.“ - - Aarhus Stiftstidende. - - -Das heiligste Tier - -Ein elysisches Fabelbuch. ca. 400 Seiten. Geheftet ca. M. 7.--. -Gebunden ca. M. 10. -- - -Nur ein Dichter von Gjellerups Gestaltungskraft, seinem sonnigen Humor, -seiner tiefen, auf reichem philosophisch-historischen Wissen beruhender -Weltanschauung konnte sich an einen solchen Stoff heranwagen. Im -Elysium erwacht unter den in ewiger Heiterkeit auf der Asphodeluswiese -wandelnden Tieren der Wunsch, ein Tier möge heilig gesprochen und von -allen anderen verehrt werden. Dies entfacht sofort den Ehrgeiz, die -Parteibildung, den Wettkampf. Die einst im Leben berühmten Männern -angehörenden Tiere übernehmen die Führerrolle und werden zu Trägern der -Ideen ihrer Herren. Erhabene und groteske Szenen wechseln sich so ab, -und in unterhaltendster Form rauschen die großen weltgeschichtlichen -Vorgänge an uns vorüber. Eine einzigartige Dichtung. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM LEBEN DER ANTIKE *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Aus dem Leben der Antike</span></p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Theodor Birt</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: November 3, 2022 [eBook #69287]</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> - <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p> -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>AUS DEM LEBEN DER ANTIKE</span> ***</div> - -<div class="transnote mbot3"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von -1919 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische -Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute -nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original -unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p> - -<p class="p0">Die in den Kopfzeilen der gedruckten Fassung -dargestellten kurzen Zusammenfassungen wurden als Randnotizen -beibehalten. Diese wurden an den Anfang des betreffenden Abschnitts -gestellt.</p> - -<p class="p0">Die <a href="#Fussnote_38">Anmerkung Nr. 38</a> auf S. -238 (Nr. 16 in der gedruckten Ausgabe) zum Kapitel ‚Antike Gastmähler‘ -wurde im Original fälschlicherweise doppelt aufgenommen, wodurch -sich die Nummerierung der nachfolgenden Endnoten verschiebt. In der -vorliegenden Ausgabe wurde die überzählige Endnote aber entfernt, -wodurch die korrekte Zuordnung der Anmerkungen wiederhergestellt -wurde.</p> - -<p class="p0">Die gedruckte Ausgabe ist in Frakturschrift gesetzt. -Passagen in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier -kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<p class="s4 center mtop3 break-before">Theodor Birt</p> - -<p class="s3 center">Aus dem Leben der Antike</p> - -<p class="s2 center mtop3 break-before">THEODOR BIRT</p> - -<h1>Aus dem Leben<br> -der Antike</h1> - -<p class="center">2. Auflage</p> - -<div class="figcenter illowe12" id="signet"> - <img class="w100" src="images/signet.png" alt=""> -</div> - -<p class="center s3 mtop2">1 • 9 • 1 • 9</p> -<p class="center s3"><span class="bbd">QUELLE & MEYER-LEIPZIG</span></p> - -<div class="figcenter illowe30 break-before" id="titelseite"> - <img class="w100 mtop2" src="images/titelseite.jpg" alt=""> - <div class="caption mbot3"><span class="u">Original-Titelseite</span></div> -</div> - -<p class="center break-before">Alle Rechte vorbehalten<br> -Copyright 1919 by Quelle & Meyer in Leipzig<br> -Einbandzeichnung von Paul Hartmann</p> - -<p class="center padtop5 mbot3">Ohlenrothsche Buchdruckerei<br> -Georg Richters<br> -Erfurt</p> - -<p class="center padtop3 break-before"><em class="gesperrt">Meinen Jugendfreunden</em></p> - -<p class="center"><span class="s4">Rudolf Ballheimer</span><br> -in Hamburg</p> - -<p class="center"><span class="s4">Ludwig Martens</span><br> -in Berlin</p> - -<p class="center"><span class="s4">Richard Gaede</span><br> -in Danzig</p> - -<p class="center">die im Leben nun bald fünfzig Jahre<br> -mit mir Schritt gehalten,<br> -in treuer Gesinnung<br> -zugeeignet.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2> - -</div> - -<p>Antikes Leben! ein unerschöpflicher Gegenstand! Bisher habe -ich ihm drei größere literarische Versuche erzählenden und -kulturgeschichtlichen Inhaltes gewidmet, Bücher, die wie langgezogene -Bilderfriese in sich Einheiten bilden und darum vielleicht -wie Bilderfriese ermüden. Daneben tritt dies vierte Buch, das -zusammenhangslos und in Auswahl sein Schlaglicht nur auf dies und -jenes, auf antikes Reiseleben, Frauenleben, Kinderliebe, Verkehr -auf dem Büchermarkt u. a. wirft: Einzelbilder in engem Rahmen, von -denen ich hoffe, daß sie das Nähegefühl steigern und das Leben der -Vergangenheit mit noch größerer Deutlichkeit vor das Auge stellen.</p> - -<p>Zum Teil sind diese Aufsätze schon vor dem gegenwärtigen Weltkrieg, -zum Teil aber erst während des Krieges entstanden, und man wird -sich also nicht wundern, daß den letzteren der Einfluß der großen -Zeitereignisse, in denen wir heute stehen, deutlich anzumerken ist. -Denn kein Schriftsteller kann sich diesem Einfluß entziehen, und die -Antike mit dem Leben der gegenwärtigsten Gegenwart zu vergleichen, war -mein ständiges Augenmerk. Daher habe ich auch von der „Laus“ gehandelt; -denn auch sie ward für uns Ereignis.</p> - -<p>Eben darum könnte man mir vielleicht verargen, daß ich in dieser Zeit -des Entbehrens und der Ernährungsnöte, wo fast nur noch der Gauner -einen vollbesetzten Tisch hat, auch über „antike Gastmähler“ rede. Ich -hab’s gewagt. Die Erinnerung an frühere gesegnetere Stunden darf uns -nicht kränken; denn auch der Erblindete zehrt gern von der Erinnerung -an das, was er einstmals mit gesunden Augen gesehen und genossen hat.</p> - -<p>Als Leser dieser Blätter denke ich mir gern jeden Gebildeten, der sich -darüber klar ist, daß es nicht nur unterhaltsam, sondern daß es auch -immer noch heilsam ist, die Kulturhöhe des sogenannten klassischen -Altertums zu kennen und in das eigenartig bunte Treiben im alten Rom -der Cäsaren sich zu<span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span> vertiefen, um daran, was wir heute sind und haben, -zu messen. Um diesem Leser zu dienen, ist jeder gelehrte Apparat -vermieden und von mir streng in den Anhang verbannt worden, wo die -„Anmerkungen“ Nachweise, aber auch allerlei Zusätze und Exkurse im -Verborgenen bringen. Vielleicht findet der Anhang gleichwohl das Auge -des Fachmanns, des Schulmanns und Gelehrten: dann hat auch er seinen -Zweck erreicht.</p> - -<p><em class="gesperrt">Marburg a. L.</em>, 24. Januar 1918.</p> - -<p class="right mright2">Der Verfasser.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort_zur_zweiten_Auflage">Vorwort zur zweiten Auflage.</h2> - -</div> - -<p>Das Buch, das freundliche Aufnahme gefunden hat, lege ich jetzt -durchgebessert, doch im Wesentlichen unverändert nochmals dem Publikum -vor. Einige Zusätze haben die „Anmerkungen“ erfahren. Zu Dank bin ich -Herrn O. Roßbach verpflichtet, der mir durch seine Besprechung in der -Berliner philologischen Wochenschrift 1918 Sp. 1206 ff. zu mehreren -Berichtigungen den Anlaß gab. Anderes habe ich ändern müssen, da es der -politischen Lage des Vaterlandes nicht mehr entsprach. Denn all unsere -stolzen patriotischen Hoffnungen, denen ich Worte verlieh, sind nun -zerschlagen. Nicht der Feind, unser unselig verhetztes Volk selbst und -der törichte Wilsonglaube unserer Pseudopolitiker hat sie zerstört.</p> - -<p><em class="gesperrt">Marburg a. L.</em>, 20. Mai 1919.</p> - -<p class="right mright2">Der Verfasser.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. ix]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsuebersicht">Inhaltsübersicht.</h2> - -</div> - -<table class="toc"> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Die Römerin</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Die_Roemerin">1</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="synopsis"> - <div class="just">Rom und der Genius Roms. Heldinnen. Stellung der Mutter zum Sohne. Keuschheit. - Lose Eheverhältnisse. Energie der Römerin. Mangelnde Tierliebe. Ehebruch. - Organisation der Bürgerinnen. Hetärenwesen. Messalina. Schönheitsideal. - Frisur. Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren. Gelehrte Frauen. Juvenal. - Grabschriften. Frauengestalten der Kaiserzeit. Cornelia bei Properz.</div> - </td> - <td> -   - </td> - </tr> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Antike Gastmähler</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Antike_Gastmaehler">20</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="synopsis"> - <div class="just">Ästhetische und wirtschaftliche Gesichtspunkte. Beginn des - Luxus in Rom. Übertreibende Schilderungen. Kochbücher. Zahl und Auswahl der - Gäste. Tischordnung. Schatten. Klienten. Damen. Tageseinteilung. Eßsäle. - Gesellschaftskleidung. Tische und Klinen. Beginn des Essens. Zahl der Gänge. - Nachtisch. Braten. Pikantes Vorgericht. Brechmittel. Beleuchtung. Parfümerien. - Getränke. Unterhaltung bei Tisch. Gastgeschenke. Bezug der Eßwaren. Import. - Bereicherung der Fauna und Flora Italiens. Nachwirkung auf unsere moderne - Ernährung. Der Koch und seine Hilfsmittel; seine Wunderleistungen. Der - <span class="antiqua">scissor</span>. Essen mit den Fingern. Mundtücher. Brot. - <span class="antiqua">Analecta.</span> Zwei Bibelstellen erläutert. Würdigung - des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß.</div> - </td> - <td> -   - </td> - </tr> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Auf der römischen Heerstraße</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Auf_der_roemischen_Heerstrasse">48</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="synopsis"> - <div class="just">Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens. Griechen, Perser, - Karthager. Späte Entwicklung Roms. Stadtklatsch in Rom. Maueranschläge. - Brieftafel. Archive. Die ersten Straßen. Telegraphie. Meldedienst. - Gesandtschaften. Eilmärsche. Ausbildung des Straßenwesens. Gallisches - Fuhrwesen. Das Heer auf dem Marsch. Train. Kauffahrer. Welthandelsverkehr. - Römerstraßen der Kaiserzeit. Das Reisen. Reiseziele. Gattungen des Wagens. - Prunkwagen. Handelshafen; Handelsschiffe. Erholungsreisen der großen Herren. - Fußwandern und Pilgern. Die Meile. Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. - Götterschutz. Gasthöfe. Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb. - Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit Hadrians. Der Brief und seine - Beförderung; Siegelung usf. Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle. - Vergleich der modernen Zeiten. Mangel an Kompaß. Winterstille; - <span class="pagenum" id="Seite_x">[S. x]</span> - im Winter der Nachrichtendienst und die Zufuhren behindert.</div> - </td> - <td> -   - </td> - </tr> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Die Laus im Altertum</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Die_Laus_im_Altertum">83</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="synopsis"> - <div class="just">Modernes; russische Mönche. Byzantiner. Die Laus in Hellas - bei Bauern und Fischern; sie fehlt bei Aristophanes und sonst. Reinlichkeit - der Städter. Bad, Gymnastik, Rasieren. Die griechischen Frauen. Sokrates. - Kyniker. Läuse fehlen auch in der römischen Literatur; bei den Spottdichtern. - Anders in der älteren Zeit Roms: Komödie, Lucilius. Die Fabel Sullas. Petron. - Kaiser Julian. Phtheiriasis. „Läusefresser“ bei den Barbaren damals und heute.</div> - </td> - <td> -   - </td> - </tr> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Der Mensch mit dem Buch</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Der_Mensch_mit_dem_Buch">99</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="synopsis"> - <div class="just">Der blinde Homer ohne Buch. Schreibmaterial der ältesten - Zeit. Weitere Dichter ohne „Buch“. Import der Papyrusrolle. Entstehung der - Buchliteratur bei den Griechen. Herstellung des Papiers. Seine Haltbarkeit. - Umfang der Rollen. Buchteilungen. Ausstattung. Bibliothek. Bildliche - Darstellung von Schreibenden und Lesenden. Langsam lesen; in Abschnitten - lesen. Anfangs beschränkter Leserkreis; Steigerung in der Spätzeit. Der - Gestorbene mit der Rolle dargestellt. Grabessymbolik. Die Rolle als Spruchband - im Mittelalter. Michelangelos Delphica. Der Himmel als Buch.</div> - </td> - <td> -   - </td> - </tr> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Verlagswesen im Altertum</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Verlagswesen_im_Altertum">122</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="synopsis"> - <div class="just">Vervielfältigung der Bücher nach Diktat. Bücherpreise. - Erhielt der Autor Honorar? Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag der - reichen Autoren. Der Verleger Atticus. Witzliteratur. Vertrieb der erhabenen - Dichtwerke. Horaz. Widmung ist Eigentumsübertragung. Die Gönner besorgen den - Verlag. Fürsorge der römischen Kaiser. Soziale Stellung des unbemittelten - Autors.</div> - </td> - <td> -   - </td> - </tr> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Woher stammen die Amoretten?</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Woher_stammen_die_Amoretten">134</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="synopsis"> - <div class="just">Amoretten heute und in der Renaissancekunst; im Altertum. - Geflügelte Götter. Eros und Eroten in der älteren Kunst. Interesse am Kinde. - Kinderscharen in den Häusern der Reichen seit der Alexandrinerzeit. - <span class="antiqua">Deliciae.</span> Die stoische Lehre begünstigt ihren - Gebrauch. Belege. <span class="antiqua">Deliciae</span> sind „Spielkinder“. - Ihre Schwatzlust. Camerius bei Catull. Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten - in der Kunst. Pausias. Aufkommen der Amoretten als geflügelte Spielkinder; - erfunden in Alexandria. Vogelnatur.<span class="pagenum" id="Seite_xi">[S. xi]</span> - Kindernest. Die Bedeutung der Liebe ausgeschaltet. Geflügelte - <span class="antiqua">deliciae</span>. Kinderspiele der Flügelkinder. - Dieselben als Handwerker. Putten mit Falterflügeln. Psyche als Schmetterling. - „Wer kauft Liebesgötter?“ Kinderhandel. Auch lebende Spielkinder mit Flügeln - ausgestattet. Rückblick. Verwendung als Füllfiguren, als Engel, als - Gräberschmuck.</div> - </td> - <td> -   - </td> - </tr> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Seneca</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Seneca">165</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="synopsis"> - <div class="just">Senecas Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm. - Einheit seines Wesens. Stoische Religion. Der Ethiker für den lateinischen - Okzident. Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in seinen Dramen. Lesedramen; - Vergleich mit Shakespeare. Herkules Oetaeus. Biographisches: Verbannung. - Erzieher Neros. Schrift an Polybius. Schrift gegen den Zorn. Agrippina - zurückgedrängt; Senecas Reichsverwaltung. Lehrschriften über Gnade und - Wohltun, über Reichtum u. a. Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt - und Ende. Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild. Schrift gegen - den Aberglauben.</div> - </td> - <td> -   - </td> - </tr> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung - Christi</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Griechisch-roemischer_Mummenschanz_und_die_Verhoehnung_Christi">189</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="synopsis"> - <div class="just">Christi Verhöhnung. Die Sakäen. Der Arme als König. - Saturnalienkönig als Tölpel. Der Tölpel als König im Mimus. Sardi venales. - Vitellius’ Ende. Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers.</div> - </td> - <td> -   - </td> - </tr> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Witzliteratur und Gesellschaft in Rom</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Witzliteratur_und_Gesellschaft_in_Rom">203</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="synopsis"> - <div class="just">Simplizissimus und Fliegende Blätter. Die Zote. Tendenzlose - Späße und Belustigungen. Die Invektive. Die Satire. Togatkomödie. Pasquille: - Catull gegen Caesar, Vergil gegen Noctuin und Sabinus. Horaz’ Epoden und - Lydia-Ode. Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät entwickelt. - Proben aus Martial. Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont. - Toleranz im Religiösen. Kein Rassenhaß. Anders die Satire. Religiöse - Aufklärung: Persius, Seneca, Juvenal. Juvenal gegen den Fanatismus. Satire der - Kirchenväter. Völkerhaß in der Gegenwart.</div> - </td> - <td> -   - </td> - </tr> - <tr> - <td class="kapitel vat"> - <div class="left">Anmerkungen</div> - </td> - <td class="kapitel vam"> - <div class="right nowrap"><a href="#Anmerkungen">235</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<div class="figcenter illowe37" id="tafel1"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 1</div> - <img class="w100" src="images/tafel1.jpg" alt=""> - <div class="caption">Bildnis einer Römerin.<br> - <span class="s5">(Neapel, Museum nationale.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel1_gross.jpg" - id="tafel1_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span> - -<h2 class="nopad" id="Die_Roemerin">Die Römerin.</h2> - -</div> - -<p>Weltgeschichte ist Kampf der Völker. Die Frau arbeitet und nährt, -aber sie kämpft nicht in Waffen oder hat doch den Kampf verlernt. -Daher ist die Weltgeschichte eine Geschichte des <em class="gesperrt">Mannes</em>. Der -Mann ist Kauffahrer, und er führt zugleich das Schwert, um den Erwerb -zu schützen und zu erweitern. So ist auch die römische Geschichte -Männergeschichte. Römerkastelle, Römerstraßen, Schlachtfelder, -Triumphbögen, Arenen zeigen uns immer dieselben Gestalten. Die römische -<em class="gesperrt">Tugend</em> selbst ist männlich; denn sie heißt <span class="antiqua">virtus</span> -(französisch <span class="antiqua">vertu</span>), leitet sich also von <span class="antiqua">vir</span> her. So wie -<span class="antiqua">iuventus</span> die Eigenschaft des Jünglingsalters (<span class="antiqua">iuvenis</span>), -<span class="antiqua">senectus</span> die Eigenschaft des Greisenhaften (<span class="antiqua">senex</span>), so -war <span class="antiqua">virtus</span> zunächst nichts weiter als die Eigenschaft, ein -reifer Mann, <span class="antiqua">vir</span>, zu sein. Dieser Eigenschaft zu gleichen, -erschien aber als das Ideal für alle. Und als reifer Mann steht in der -Tat auch das Römervolk selbst fechtend und knechtend, triumphierend -und Ordnung schaffend unter den Völkern. Ja, das Nämliche gilt sogar -von der Tiberstadt selbst. Die Stadt heißt freilich <span class="antiqua">Roma</span>, als -wäre sie ein Feminin<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>; allein wenn Rom statuarisch als weibliche -Göttin gebildet und in Tempeln aufgestellt wurde, so war das gleichwohl -unrömisch, und es geschah durch Griechen nach dem Vorbild griechischer -Stadtgöttinnen wie der Athene. Römisch und echt ist dagegen, daß Rom, -wie jeder Mann, einen <em class="gesperrt">Genius</em> hat, den man göttlich verehrte. Der -„Genius Roms“ bedeutet das Lebensprinzip des Staates, und aller Genius -ist männlich<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>.</p> - -<p>Wer sich nun aber mit dem Wirken dieses Genius, mit römischer Kultur -andauernd beschäftigt und durch Bauwesen, Rechtsleben, Verwaltung und -Krieg, Kunst und Religion forschend hindurchgeht, in dem regt sich bald -laut und lauter die unausbleibliche und dringliche Frage: wo ist die -<em class="gesperrt">Frau</em>? und warum wird von ihr geschwiegen? Sei es auch nur der -schönen Abwechslung wegen: wir haben ein Verlangen, ihr zu begegnen. Im -Ernst: was wäre heute und seit Ewigkeit alle Tatkraft des<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> Mannes ohne -sie? Was ist unsere heutige Kultur ohne die Frauen? und was war ohne -sie Rom?</p> - -<p>Wir wollen nicht schön färben. Wir wollen nur kennen lernen. Ein -flüchtiger Aufriß! Sei denn der Versuch gemacht, den Zeitgenossinnen -des Scipio, Caesar und Trajan, der Römerin des großen Altertums einmal -etwas näher zu treten.</p> - -<div class="sidenote">Heldinnen. Stellung der Mutter.</div> - -<p>Wer die stolzen Römerinnen von heute in der Geselligkeit, im Korso oder -auch im Negligé des Alltags gesehen hat, mag sich von <em class="gesperrt">jener</em> -ein Bild machen: oft sinnfällig schön, aber früh alternd; dazu -sprühend energisch, beredt, leichtgläubig und ihren starken Trieben -ganz ergeben, träge und wild wie Panther. Die alte Sage hat aus den -Römerinnen Heldinnen gemacht. Aber das galt vornehmlich nur für die -große alte Zeit: Clölia, die sich aus Feindeshand befreit; jene -Frauen, die sich das Haupt scheren und aus ihren schönen Haaren -Stricke flechten, damit die Verteidiger der Stadt ihren Bogen mit -Sehnen bespannen können (daher der Tempel der <span class="antiqua">Venus calva</span>). Als -Camillus gegen Brennus und die Gallier ficht, opfern die Römerinnen -sogar ihren Goldschmuck, damit der Staat Geld hat (ein Vorbild für alle -Zeiten), und dies wurde ihnen ewig gedankt; denn in der Stadt, wo sonst -niemand mit Wagen fuhr, erhielten die Frauen seitdem das Vorrecht, zu -den Gottesdiensten fahren zu dürfen<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>. Im Grunde aber war dem Römer -das Mannweib doch unbehaglich; schrecklich wie ein Gespenst erschien -die Fulvia, die Gattin des Mark Anton, die Urheberin des Perusinischen -Krieges; denn diese Fulvia ging selbst in Waffen und hetzte die -Legionen gegen Octavian auf. Sympathischer immerhin Agrippina, die mit -ihrem Gatten Germanicus bei den Legionen am Rhein steht und dort im -gefährlichen Augenblick den Feldherrn selbst vertritt, persönlich zur -Rheinbrücke eilt und durch energisches Kommando den verhängnisvollen -Abbruch der Brücke verhindert, damit die Truppen sich vor den Germanen -des Arminius noch über den Strom retten können; eine echte Soldatenfrau -und in allem<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> gewaltig (<span class="antiqua">ingens animi</span>); dem Kaiser Tiberius ist -aber diese Agrippina eben deshalb verhaßt gewesen.</p> - -<p>Vor allem nun aber die Römerin als <em class="gesperrt">Mutter</em>! Sie ist es, die die -Knaben, und wenn der Vater früh starb, auch noch die Jünglinge im -Hause hütet und ihr zukünftiges Schicksal auf dem Herzen trägt<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>. -In Gedichten ist die Mutter zwar nie verherrlicht worden, und es -verrät eine Engheit der Ausdrucksfähigkeit, daß der Naturlaut -verwandtschaftlicher Zärtlichkeit im Altertum so selten zum Ausdruck -kommt. Wohl aber kennen wir <em class="gesperrt">Cornelia</em>, die greise Mutter der -Gracchen. Es ist die Niobe Roms, die all ihre Söhne bis auf zwei durch -frühen Tod verlor; nun erheben sich diese beiden Söhne zu Führern im -gräßlichen Ständekampf, und die Mutter fleht zu ihrem Gajus umsonst, -daß er warte, eine kurze Frist warte, bis sie tot sei. Sie muß beide, -sie muß auch Gajus, den herrlichen, in den Straßen Roms verbluten -sehen. Großartiger noch die Sagengestalt der <em class="gesperrt">Veturia</em>, wie -Plutarch sie schildert. Ihr einziger Sohn Coriolan, der starke Held, -wird vom Volk beneidet, geschmäht, gekränkt, entweicht aus der Stadt -zum Landesfeind, den Volskern, und bedrängt Rom nun grollend und -siegreich mit Heeresmacht. Alle Hilfe versagt. Da tun in der Not sich -alle Frauen Roms zusammen und dringen in Veturia, und Veturia, die -Mutter, zieht selbst ins Feldlager des Feindes hinaus, eine seltsame -Gesandtschaft, und überrascht den Sohn. Sie hat seine Frau und seine -Kinder mitgebracht. Aber der Sohn sieht nur sie, hört nur sie, die -Mutter; sein verfinstertes Herz erschrickt vor dem eigenen Haß, und in -langer stummer Umarmung und in Tränen hinschmelzend löst sich ihm auf -einmal alle Qual der Erbitterung. Wie tief, wie wahr diese Allmacht der -Mutter! Aber sein Schicksal ist entschieden. Veturia selbst entscheidet -es, da sie ausruft: „Kind, wie kann ich noch fürder für dich beten, -wenn dein Heil den Untergang Roms bedeutet?“ Er gibt den Kampf auf. Die -Volsker töten ihn. Sie hat das Vaterland vor ihrem Sohn gerettet. Sonst -stünde heute Rom nicht. So die Dichtung.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span></p> - -<div class="sidenote">Keuschheit. Lose Eheverhältnisse.</div> - -<p>Nur die Gelegenheit erzeugt das Außerordentliche, und die Tapferkeit -gedeiht nicht im Frieden. Aber auch für das Ideal der Keuschheit, -die die eigentliche <span class="antiqua">virtus</span> des Weibes ist<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a>, suchte man die -Belege in alter Vorzeit: es ist Lucretia, die durch Selbstmord, es ist -Virginia, die durch ihren Vater vor Schande gerettet wird. Gleichwohl -war es Sitte gerade der alten Zeit, daß der Mann, der vom Lande -heimkommt, zuvor durch einen Boten bei seiner Frau sich melden läßt. -Die augusteische Zeit weiß das Jahr — 154 v. Chr. — anzugeben, wann -aus Rom die alte Keuschheit entwichen sei<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p> - -<p>Es ist dasselbe bei allen Völkern, und auch bei uns Germanen. Das -Wunschbild geschlechtlich lauteren Lebens (im Sinne der Monogamie) -wird in die fernste deutsche Urzeit projiziert. Unsere Gegenwart, -die Großstädte voran, belehren uns jedoch eines ganz anderen, und -so bedenklich wie heute stand es damit schon dereinst im deutschen -Mittelalter, im Bauernstand wie im Adel und selbst am deutschen -Kaiserhof. In der Dichtung aber ist das Ideal, das der Volksseele -lieb und heilig ist, zu allen Zeiten unverrückbar lebendig und findet -in gewissen mittleren Kreisen der Gesellschaft, die durch Erziehung, -Einsicht und maßvolles Temperament sich dazu eignen, eine segensreiche -Verwirklichung.</p> - -<p>Nicht anders stand es in Rom. Eigenartig ist hier nur, daß auch die -Bande der <em class="gesperrt">Ehe</em> selbst sich lockerten.</p> - -<p>Die rohe altrömische Rechtsauffassung der Ehe, wonach der Vater die -Tochter wie eine Ware an den Schwiegersohn weggibt, war unter dem -humanen griechischen Kultureinfluß bald zurückgetreten. Daraus, daß die -Frau ursprünglich in Rom Eigentum des Mannes war, mag sich die später -noch herrschende Sitte erklären, daß Mann und Frau trotz so mancher -Feste, an denen man sich sonst gegenseitig beschenkte, sich nichts -schenken durften. In der Folgezeit kann nun aber eine Verlobung nicht -mehr ohne die persönliche Einwilligung der Braut geschlossen werden; -auch nimmt die Frau nicht mehr wie früher den Namen des Mannes an. Das -war die <em class="gesperrt">Emanzipation</em><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> der <em class="gesperrt">Frau</em>. Auch der priesterliche -Segen (<span class="antiqua">confarreatio</span>) tritt mehr und mehr bei der Hochzeit -zurück, und die Ehe ist nur Zivilehe (Form der <span class="antiqua">coemptio</span>). -Dabei ist es allerdings nur der Bräutigam, der der Braut den eisernen -Verlobungsring gibt, nicht auch umgekehrt. Und diese Ehe war -<em class="gesperrt">Schriftehe</em>; das Dokument des Ehevertrags erschien so wichtig, -daß es auf keiner Abbildung von Hochzeitspaaren so leicht in der Hand -des jungen Ehemanns fehlte. Das Wichtigste an diesem Vertrag ist, -daß die Frau das Recht auf ihr Vermögen behält. Ihr Geschäftsträger -verwaltet es abgesondert.</p> - -<p>Bedeutsamer aber erscheint noch, wie leicht der Vertrag lösbar war. -Flüchtiges Mißfallen, schon die üble Laune genügte, die Lösung der -Ehe herbeizuführen. In den vornehmen Kreisen wurde schon im ersten -Jahrhundert v. Chr. die <em class="gesperrt">Ehescheidung</em> gang und gäbe, und die -Laxheit steigerte sich noch in der Kaiserzeit. So war Ovid dreimal -vermählt, Pompejus fünfmal, und so in hundert Fällen. Auch Ciceros -Tochter Tullia heiratete dreimal. Und nicht etwa nur der Gatte war es, -der der Frau den Abschied gab<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a>: von Paula Valeria meldet Cicero in -einem Brief, soeben werde ihr Mann aus der Provinz zurückerwartet, sie -aber vollziehe vorher rasch und ohne Grund zur Klage die Ehescheidung; -ihr genügte als Grund, daß sie den Didius Brutus heiraten wollte. -Die strenge Forderung der Gesellschaft ging freilich dahin, daß die -einmal geschiedene Frau ganz ebenso wie die Witwe sich nie wieder -verheiraten dürfe; nicht etwa erst die christlichen Kirchenväter haben -das gepredigt, und <span class="antiqua">univira</span>, d. h. „die im Leben nur einen -Mann hatte“, blieb ein Schmuckwort und Ehrenwort auf den Grabsteinen -der Römerinnen. An den geschiedenen Mann dagegen wurde die gleiche -Anforderung keineswegs gestellt.</p> - -<div class="sidenote">Energie. Mangelnde Tierliebe. Emanzipation.</div> - -<p>Aber wir brauchen uns nicht zu besorgen. Die Römerin wußte sich -schadlos zu halten; denn sie besaß die urwüchsige Energie ihrer Rasse. -Die griechische Ehefrau lebte still eingezogen<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a>; die römische bewegte -sich, von Dienern gefolgt, frei auf der Straße; sie erscheint bei den -Gastmählern sicher und<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> stolz unter den Männern, und sie herrscht im -Haus. „Der Römer herrscht über die Welt, die Frau herrscht über den -Römer,“ so sagte Cato. In den römischen Lustspielen, dem Volksstück der -Togatkomödie, kam das, wie wir noch erkennen, besonders lebendig zum -Ausdruck, und wir können nicht genug beklagen, daß sie für uns verloren -ist. Die handfeste Jungfrau, die ihren Mann steht; die Frau scheltend -und wetternd im Haus; schallende Ohrfeigen: wehe dem Gatten, der zu -spät nach Hause kommt! Derb und frisch war das alles gezeichnet. „Das -Weib liebt oder haßt, ein drittes gibt es nicht,“ lautet eine Sentenz, -die übrigens ebensogut auch modern sein könnte. Es gibt zu denken, -wenn uns von zwei Schwägerinnen, die in einem Haus zusammenwohnen, -rühmend hervorgehoben wird, daß es ihnen gelang, friedlich miteinander -auszukommen: es ist die Gattin und die Schwester Trajans. Denn auch die -Schwestern sind auf die Liebe neidisch, die ihr Bruder vergibt. Aber -nicht nur die Liebe, auch der <em class="gesperrt">Ehrgeiz</em> ist allmächtig, vor allem -in den Müttern. Für den Sohn wird alles gewagt, und eine Agrippina geht -durch Ränke, Blut und Verbrechen, bis sie den jungen Sohn zum Kaiser -gemacht hat. Es war Nero, der Knabe! Vespasia, die Kleinstädterin in -dem dörflichen Gebirgsnest Reate, hat zwei Söhne; auch sie will hoch -hinaus mit ihnen, und der eine, Sabinus, wird wirklich Stadtpräfekt -Roms, der andere gar wiederum Kaiser der Welt: es ist Vespasian, der -sich nach seiner armen Mutter Vespasia so nennt und in seinem Namen den -ihren verewigt hat.</p> - -<p>Die Kinderliebe der Frauen ist nun freilich eine selbstverständliche -Sache, und es wäre lächerlich, dafür noch nach weiteren Belegen zu -suchen. Aber auch solche gab es, die nicht gebären wollen und mit -Geheimmitteln sich die Frucht abtreiben. Um Kinder zu haben, kaufen -sie sie lieber armen Leuten ab, was nicht viel besser ist, als wenn -man sich ein Haustier anschafft. Was ich dagegen vermisse, ist die -Tierliebe, und das ist immerhin auffallend. In der ganzen römischen -Literatur der Blütezeit kommt meines Wissens keine liebe Dame mit<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> dem -Schoßhündchen vor, wie man sie bei uns nahezu in jedem besseren Hause -antrifft<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>. Die Geliebte des Ovid hält sich freilich einen Papagei, -die Lesbia des Catull ihren bissigen Sperling, den sie, wenn sie -verliebt ist, neckt und reizt; aber die Hundeliebe steht höher, und daß -sie so sehr zurücktritt, mutet uns an wie ein Symptom der Herzlosigkeit.</p> - -<p>Ehrgeizig, das waren die Römerinnen, wie wir sahen, und so stehen -sie denn in der Gesellschaft auch mächtig als <em class="gesperrt">Kapitalistinnen</em> -da, ob vermählt, unvermählt, geschieden oder verwitwet. Durch ihren -Prokurator kaufen sie Güter oder Fabriken auf, spekulieren sie, -schenken sie. Schon ein Städtchen wie Pompeji zeigt uns das, wo von -der Priesterin Eumachia eine der größten gemeinnützigen Bauanlagen, -die dort dem Geschäftsverkehr diente, mit fast 40 Meter breiter Front, -in zentraler Lage am Forum selbst, herstammt, wie die Inschrift -am Frontispiz rühmend aussagt und ihr am Ort gefundenes Standbild -bestätigt. Eine zweite Frau, Mamia, die gleichfalls ein Priestertum -verwaltete, war es, die dortselbst mutmaßlich den Augustus-Tempel am -Forum gestiftet hat. Der Senat der Stadt votierte dieser Mamia dann -einen schönen Begräbnisplatz an der so stimmungsvollen Gräberstraße -Pompejis. Und auch an den <em class="gesperrt">Wahlschlachten</em> beteiligten sich diese -Pompejanerinnen. Unter den Wandinschriften, die auf städtische Wahlen -Bezug haben, lesen wir nicht nur: „Agna bittet“, „Caprasia bittet -(zu wählen)“, sondern auch: „Caprasia wählt“, „Iphigenie wählt“. -Stimmberechtigte Grundbesitzerinnen! Es fehlte bei dieser Emanzipation -nur noch, daß sie sich auch selbst wählen ließen, und in der Tat: in -den Vorstand der großen Begräbnisgilden waren auch Frauen wählbar.</p> - -<p>Und nun die Liebe. Es ist schmerzlich zu sehen, wie wenig liebenswürdig -die antike Literatur gegen die Frauen ist. Das heißt: einzelne Frauen -werden gelobt, wie Marcia und Helvia bei Seneca, Priscilla bei -Statius, Serena bei Claudian, aber immer so, als seien sie wundervolle -Ausnahmen. Das weibliche Geschlecht als Ganzes wird durchgängig -beschuldigt, aber dabei<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> wenig Fleiß auf seine besondere Erziehung oder -Läuterung verwandt; und der <em class="gesperrt">Ehebruch</em> ist die ständige Anklage. -Der Vermögensverwalter der Frau ist ihr Cicisbeo. Einen Liebhaber zu -haben ist Sache des Ehrgeizes für jede Weltdame. Nur die Reizlosen -können sich ihrer Treue rühmen, und die Frauen halten <em class="gesperrt">den</em> für -einen Mägdejäger, der nicht mit einer verheirateten Frau (<span class="antiqua">uxor</span>) -ein Verhältnis hat und ihr ein Jährliches zahlt<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>. So tönt es von -allen Seiten. Wir wollen die Namen der Cäcilia Metella, der Clodia und -der sonstigen großzügigen Vorgängerinnen der Messalina nicht aufzählen. -Die Ausschweifung war grotesk. An Sentimentalität, vergebliches Sehnen -und Schmachten wird nicht gedacht. Verliebt sich die vornehme Frau -in einen Kutscher oder Fechter, so weiß sie seiner auch habhaft zu -werden. Vor allem aber umgibt sie sich mit einem Hof vornehmer junger -Männer, und es herrscht die <em class="gesperrt">Polyandrie</em> in dreistester Weise. Die -Badeorte, wie Bajä, waren ihre beliebtesten Stationen.</p> - -<div class="figcenter illowe36" id="tafel2"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 2</div> - <img class="w100" src="images/tafel2.jpg" alt=""> - <div class="caption">Bildnis einer jungen Dame.<br> - <span class="s5">(Rom, Reale Museo nazionale Romano.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel2_gross.jpg" - id="tafel2_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<p>Das Altertum liebt in allem die Deutlichkeit. Es kennt kein -Versteckenspielen. Charakteristisch ist folgende Geschichte über die -Neugier der Matronen der alten Zeit. Damals mußten die unerwachsenen -Söhne der Senatoren noch in den Senatssitzungen zuhörend mit -anwesend sein, um zu lernen. Der kleine Papirius wird nun nach einer -Senatssitzung von seiner Mutter ausgefragt: „Was ist da losgewesen?“ -Der Knabe zuckt die Achseln: „Die Sache war wichtig und ich soll -schweigen.“ Da wird die Mutter unendlich neugierig und dringt so sehr -in den Jungen, daß er in seiner Not sie belügt. Er sagt, es wurde -darüber beraten, ob es besser sei, wenn ein Mann zwei Frauen hat oder -eine Frau zwei Männer. Nun gerät die Mutter in höchste Aufregung und -bringt die Sache gleich bei allen Matronen herum, und bei der nächsten -Senatssitzung erscheint eine Prozession von Frauen, die da flehen, -man solle durchsetzen, daß eine Frau zwei Männer haben dürfe, nicht -umgekehrt<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>; ein Aufzug, der Suffragettes würdig, die in London das -Parlament zu bestürmen pflegten. Das Gelächter der hohen Herren vom -Senat<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> kann man sich denken. Das Auskultieren der jungen Leute in den -Sitzungen aber wurde seitdem abgeschafft.</p> - -<div class="sidenote">Ehebruch. Politisches Zusammenhalten. Hetärenwesen.</div> - -<p>Man sieht an dieser Erzählung übrigens, wie die Frauen zusammenhielten, -sich organisierten, sich als eine feste Gruppe im Staate betrachtet -und als solche zur Geltung gebracht haben. Dafür gibt es der Belege -noch mehr. Bringt der gestrenge Cato ein Gesetz gegen den übertriebenen -Luxus der Frauen ein, gleich rotten sich alle Matronen zusammen, -agitieren und bringen es so zu Fall. In der Kaiserzeit ging das so -weit, daß sie geradezu einen Frauensenat bildeten, der also wohl auch -regelmäßig Sitzungen hielt<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>.</p> - -<p>Bei den Griechen im Osten der damaligen Welt hatte sich das -<em class="gesperrt">Hetärentum</em> ausgebildet, d. h. während die griechische Hausfrau -an die Enge der Häuslichkeit gebunden blieb, waren es freigeborene -Mädchen, oft hoher Intelligenz und feinster gesellschaftlicher Bildung, -die dem Verlangen nach freier Liebe genügten, aber zugleich den -geistigen und künstlerischen Interessen der Männerwelt blendend und -klug nachgingen. Sie erhoben sich zu Trägerinnen des Zeitgeistes. Dies -berufsmäßige Mätressenwesen war aus der griechischen Welt natürlich -längst auch in Rom eingedrungen. Aber die stolzen Ehefrauen Roms -ließ das nicht ruhen. Sie waren diesen Personen durchaus gewachsen, -und so fällt es uns oft schwer, wenn wir die römischen Liebesdichter -lesen, die angebetete Frau von der Mätresse zu unterscheiden<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>; -<span class="antiqua">puella</span> ist unterschiedslos ein Wort für beide. Das ist -freilich das Recht der Poesie: im Weib, das man vergöttert, schwinden -alle Unterschiede. Für den aber, der nach den gesellschaftlichen -Verhältnissen fragt, ist diese Tatsache sehr anmerkenswert. Ist es -nicht betrübend, erschreckend, zu sehen, wenn dem Dichter Properz von -einem Freunde zugemutet wird, ihm die Liebe seiner hochgefeierten -Cynthia zu verschaffen, und Properz dies Ansinnen nicht etwa empört -zurückweist, sondern den Freund nur warnt: er werde mit der Launischen -ebenso schmerzliche Erfahrungen haben wie er selber? Die Polyandrie der -Frau galt als selbstverständlich, und die Eheflucht in<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> der Männerwelt -war ihr Komplement und ihre Voraussetzung.</p> - -<div class="sidenote">Messalina. Schönheitsideal. Frisur.</div> - -<p>Zur Tragödie steigert sich das in den Orgien <em class="gesperrt">Messalinas</em>, der -Gattin des Kaisers Claudius, deren Herrscherbild auf Münzen stand und -die gar in den Kreis der frommen Vestalinnen aufgenommen war. Sie ist -zum Typus weiblicher Unersättlichkeit geworden. Schließlich wagte sie -es, als Gattin des Kaisers, als Mutter des kaiserlichen Thronfolgers, -sich vor Zeugen und in festlichem Kreise mit dem schönen Silius trauen -zu lassen. Der Kaiser, dieser „Kürbis“, war seit langem abgestumpft; er -wollte auch das nicht bemerken. Die Hofbeamten, freigelassene Sklaven, -waren es, die die scheinbar allmächtige Frau vornehmsten Geblüts aus -dem Taumel schrankenlosen Genusses in den Tod zerrten. Sie wurde in -den lukullischen Gärten von einem Tribun erdrosselt. Was aber war -Messalinas Schuld? Ihre Schuld war nur, daß sie aus der Freiheit der -Sitten der Zeit ohne Scham und Scheu die letzten Folgerungen zog<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>. -Einst war Rom in Angst gewesen, daß Kleopatra aus Ägypten siegreich -in Rom einziehen könnte. Kleopatra ging zugrunde, aber ihr blendendes -königliches Laster zog mit fliegenden Fahnen dennoch ein, und es gelang -den Römerinnen bald, die Königin zu überbieten. Denn das Überbieten war -römische Eigenart. Der Römer blieb nie bei seinem Vorbild stehen.</p> - -<p>Doch wir haben hier nicht den Sittenrichter zu spielen. Auch läßt -sich vielleicht bei alledem noch nicht einmal behaupten, daß das -Geschlechtsleben jener Zeiten gesetzloser war als etwa das heutige -in Paris, Marseille, Neapel oder Rom. Die heutige Zeit versteht sich -besser auf die Heimlichkeit und das Vertuschen, und das beweist -zunächst nur einen Defekt an Ehrlichkeit.</p> - -<p>Werfen wir also lieber auf die <em class="gesperrt">römische Frau</em> selbst das Auge: -so gilt in der Tat Schönheit als ihre erste Tugend. Und zwar war Venus -das Ideal der Griechin, Juno dagegen das der Römerin. Junonisch, -hochgewachsen, großäugig, reif, in sich gefestigt, streitbar, dazu -grenzenlos temperamentvoll, so schildern uns die Dichter ihre Schönen. -Der <em class="gesperrt">Putz</em> aber ist ihr<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Hauptaugenmerk, und im Toilettenzimmer -werden viele Stunden verbracht. Die Mütter halten darauf, daß ihre -jungen Töchter als <span class="antiqua">virgines</span> schmächtig niedrige Schultern -haben sowie durch starke Schnürung schlank erscheinen. Anders die -Erwachsenen, und sie waren Virtuosinnen in der Kleidung. Ich rede dabei -nicht vom Zahnpulver, nicht vom Schminken, Schönheitspflästerchen -(<span class="antiqua">splenia</span>) und den künstlich verlängerten Augenbrauen — denn die -zusammengewachsenen Augenbrauen galten als Schönheit —, auch nicht von -den Masken aus weichem Brot, die dem Teint Zartheit geben sollten; denn -von diesen Hilfsmitteln durften die Männer nichts wissen. Wohl aber -ein lobendes Wort zur <em class="gesperrt">Frisur</em>: denn die armselige Schablone der -modernen Haartracht kannten damals die Frauen nicht, sondern jede Dame -formte sich ihr Haar individuell, jede verschieden. Ein selbständiger -Schönheitssinn waltete. Das breite Gesicht braucht über der Stirn den -Haarknoten oder ein hohes Toupet, das schmale braucht den flachen -Scheitel usf. Dabei war aber wieder künstliche Nachhilfe beliebt, und -wie der dunkle Italiener noch heute für das deutsche Blond schwärmt, -so kauften sich auch damals die Römerinnen das Blondhaar der Germanen. -An Haarnadeln mit echten Perlen fehlte es nicht. Später wurde der -Haaraufbau immer höher, turmartig, barock, und der Ungeschmack siegte. -Wir sehen das u. a. an den Marmorbüsten der Kaiserinnen; bei manchen -läßt sich das Haar wie eine marmorne Perücke abnehmen; denn die Büste -sollte wie die Kaiserin selbst nach Belieben die Frisur wechseln -können. Am feinsten urteilt Ovid, der nichts reizender findet als eine -gewisse Nachlässigkeit der Frisur; wir sollen meinen, sie stamme noch -von gestern und das Haar wäre nur leicht übergekämmt.</p> - -<div class="sidenote">Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren.</div> - -<p>Und die <em class="gesperrt">Kleidung</em>? Da ist vor allem dem Wahn zu begegnen, als -ob die antiken Frauen sich in Weiß gekleidet hätten. Man glaubt heute -eine Muse darstellen zu können, wenn man sich ein kalkweißes Bettuch -malerisch umhängt. Für eine Iphigenie ist das annähernd richtig, aber -nur sofern sie Priesterin<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> war. Sonst spielen vielmehr alle Farben -im frohen Wechsel, wofür uns die reizenden bemalten Terrakotten, vor -allem aber die Wandgemälde Pompejis Zeugen sind. Das Kleid, die Tunika, -wurde nur von gewissen Damen fußfrei, von den Hausfrauen dagegen wie -ein Talar lang wallend getragen (<span class="antiqua">stola</span>). Unten war eine Falbel -aufgesetzt (<span class="antiqua">institum</span>). Dabei waltet Rot und Gelb vor; das Blau -tritt zurück; dann ist Grün beliebt, weil in ihm Gelb enthalten, -sowie Violett, weil es am Rot Anteil hat. Vor allem griff man gern -nach schillernden Stoffen. Nicht grelle, sondern mild gedämpfte, -nicht schwere, sondern flimmernd spielende und gehauchte Farbentöne -entzückten das Auge. Dazu kam dann der Umhang, der gern zwei Farben -zeigt, z. B. rot an der Oberseite, gelblich das Futter; und immer hat -das Kleid darunter andere Farbe als der Umhang. Nimmt man dann endlich -noch die bunten Decken und Kissen hinzu, die bei Geselligkeiten auf den -Sesseln liegen, so müssen wir über diese Farbenfreudigkeit staunen; -aber sie ist durch das feinste Studium geregelt und symphonisch -abgewogen. Übrigens wußten die blassen Damen, daß ihnen Schwarz, die -negerhaft dunklen, daß ihnen Weiß am besten stand<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a>.</p> - -<p>Die altmodischen Wollstoffe wurden allmählich durch feines Leinen -(<span class="antiqua">byssus</span>) und Baumwolle (<span class="antiqua">carbasus</span>) verdrängt. Dann aber -kam die kostbare chinesische <em class="gesperrt">Seide</em> und schlug auch diese aus -dem Felde. Die ebenso dreiste wie unkünstlerische Dekolletierung -der Modernen, durch die Nacken und Büste unorganisch in der Mitte -quer durchschnitten wird, kannte das ganze Altertum nicht, aber es -entschädigte sich anderweitig. Netzartig durchscheinende Seidenstoffe -wurden auf der Insel Kos gewebt, und in diesen koischen Gewändern in -der Farbe des Porphyr bewegten sich wie in einer transparenten Wolke -die Schönen der ersten Kaiserzeit. Die Seide war damals übrigens -meist Halbseide. Kostbarer noch das goldgestickte Schleppkleid -(<span class="antiqua">cyclas</span>), das, rings mit Akanthus bestickt, anscheinend wie eine -Glocke stand und jedenfalls so schwer war, daß es beim Gehen Streifen -im Sande zog. Die Damen des Hofes wie der Halbwelt<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> trugen es. Und -so trat also auch die <em class="gesperrt">Cynthia des Properz</em> aus ihren Gemächern -hervor in den Kreis ihrer Bewunderer, von exotischen Parfüms umwogt, in -der Halskette schimmernde Edelsteine, zum Glück ohne Handschuhe, aber -die Füße in feinen roten Lederschuhen, in denen ihr Gang sich lässig -und weich bewegte.</p> - -<p>Was ist <em class="gesperrt">Frauenbildung</em>? Sie besteht nicht im Bücherlesen; -sie besteht schon im Anstand allein, in der Kunst, sich selbst -darzustellen, durch die heute eine schlichte Italienerin alter Rasse -so manche deutsche Studentin schlägt. Diese Italienerin ist eben die -Erbin antiker Kultur, und die Kultur ist in ihr Natur geworden. Wir -hören, daß der Jüngling, der seiner Dame gefallen will, sein Haar mit -Hilfe duftender Salben frisiert und vor allem sich eine sanfte und -wie zögernde Gangart anerziehen muß. Man tritt eben nicht wie ein -Briefträger in das Wohnzimmer. So gab es nun auch Vorschriften für -die Frauen. Die Mädchen lernten es, schön zu lachen, sie lernten es, -schön zu weinen. Keine Verzerrung der Züge, auch bei der heftigsten -Aufwallung! Des Properz’ Geliebte ist „auch im Rasen noch schön“. Lange -Nägel sind gefährlich; daher ist es Vorschrift, sie kurz zu schneiden. -Und nur die schmale Hand ist schön. Hast du rundlich fleischige Finger, -so gestikuliere nicht. Man zeige stets nur das Vorteilhafte.</p> - -<p>Dem Properz aber schien alle äußere Eleganz an seiner Cynthia nur Tand -und Flitter. Er weiß anderes an ihr zu rühmen. Zwar mit Handstickerei -beschäftigte sie sich nicht; denn die wundervollen Stickereien -des Altertums auf Teppichen und auf Gewändern in Kreuzstich oder -Plattstich waren fast ganz oder ganz ausschließlich Sache der Männer; -die Berufssticker hießen <span class="antiqua">phrygiones</span>. Nur spinnend und webend -weilt Cynthia unter ihren Mägden und klagt ihnen dabei offenherzig ihr -Liebesleid. Dann aber greift sie einsam zur Leyer und spielt und singt. -Sie musiziert künstlerisch.</p> - -<p>Das war damals (40–20 v. Chr.) etwas Ungeheures. Denn nur die Griechen -waren die Musikanten des Altertums. Kein<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Römer singt öffentlich. -Keiner der römischen Dichter, und selbst nicht Horaz, hat, soviel -wir wissen, Musik zu schreiben verstanden. In Cynthia steht also die -fortschrittliche Frauenbildung der Zeit vor uns. Die Römerin hat sich -nunmehr der Griechin ganz gleichgestellt. Der Gesanglehrer sang vor und -unterrichtete dabei mehrere Damen zugleich, die auf Lehnsesseln um ihn -herumsaßen<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a>. Später war es Kaiser Nero, der als Dichter, Sänger und -Kutscher sich produzierte. Für den echten Römer war das ein Grauen, -eine moralische Unmöglichkeit.</p> - -<div class="sidenote">Tanz. Verhältnis zur Dichtkunst. „<span class="antiqua">Domina</span>“.</div> - -<p>Aber Cynthia <em class="gesperrt">tanzt</em> auch, und auch das war wieder etwas Neues. -Horaz meldet mit Entsetzen, daß damals die Römerinnen Tanzstunden -nahmen, und zwar im regelmäßigen Walzertakt (<span class="antiqua">Ionicus</span>). Properz -hingegen bewundert es. So platzen die Ansichten aufeinander. Der Tanz -des Altertums war eben kein Rundtanz, den wir heute auch im Halbschlaf -tanzen. Er war Solotanz! er war ein Wagnis. Beim Gelage erhebt sich -Cynthia und gibt vor den berauschten Blicken der Männer ein Schauspiel -im bacchischen Stil, wie eine im Wirbel bewegte Mänadenstatue oder wie -jene schwebenden Frauen Pompejis, die selbst noch als verblaßte Gemälde -eine Wonne für unser Auge sind. Natürlich geschah derartiges nur im -geschlossenen Raum, nur im Privatkreise.</p> - -<p>Aber noch mehr. Cynthia <em class="gesperrt">dichtet</em>: sie war Dichterin! und es gab -noch mehr dichtende Frauen. Einige Versschnitzel weiblicher Herkunft -sind uns sogar erhalten. Aber wir legen keinen besonderen Wert darauf. -Denn wie sehr auch Properz, um den Horaz zu ärgern, die lyrischen -Strophen rühmt, die Cynthia dichtete, sie sind doch vor den Oden des -Horaz sofort verblaßt. Jedenfalls aber wird damit bewiesen, daß das -Unternehmen des letzteren nicht ganz originell war<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>. Das Wichtigste -aber ist, daß wir sehen, wie sehr sich allmählich der Interessenkreis -jener Frauenwelt erweitert hat. Der Antonia schickt Krinagoras die -Werke des Anakreon. Auch der Octavia, der Schwester des Augustus, -wurden Bücher gewidmet, und sie<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> war sogar die Gründerin einer großen -öffentlichen Bibliothek. Auch auf Bildern sehen wir jetzt häufiger -einsame Frauen als Leserinnen mit dem Buch. Ovid schreibt vor, daß, -wer um das Herz der Mädchen wirbt, sich hübsch in Versen an sie wenden -soll. Derselbe zählt uns die Liebesdichter auf, die die Mädchen -besonders gern lasen. Für Properz aber ist es die Geliebte einzig und -allein, deren „reines Ohr“ und heller Sinn über den Wert und Unwert -seiner Poesie zu entscheiden hat.</p> - -<p>Was wollen wir mehr? Wir fragen nicht, wie weit das Leben der -großzügigen Frauen jener Zeiten gesetzlos war. Sie gehorchten -ihrer Zeit. Aber sie haben viel getan. Denn an ihnen hat sich die -grandioseste <em class="gesperrt">Liebespoesie</em> entzündet, die die Weltliteratur -kennt. Ich rede vor allem von Properz und Catull, jenen ungestümen -Troubadouren, die da jede Zeile mit ihrem Herzblut schreiben, als -rängen sie im Aufschrei und Sehnsuchtsruf um Leben und Tod. Die -<em class="gesperrt">Frauen</em> waren das Genie dieser Dichter; so wird uns gesagt. -Mehr als das: die Frauen waren für sie auch das richtende, maßgebende -Publikum. Was wäre der Troubadour ohne die Königin seiner Seele, die -da den Preis der Liebe gibt, die also urteilt, die also an Intelligenz -über ihrem Verehrer steht? Und die Minnedichtung des Mittelalters, -die eigentliche Poesie der Troubadoure selbst, hat sich eben, wie wir -wissen, an jene Augusteische Liebeselegie, von der ich rede, angelehnt -und ist von ihr eine Fortsetzung und Weiterbildung gewesen<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>. Die -Zeit des Augustus war monarchisch geworden, und ein einziger Herr, -ein <span class="antiqua">dominus</span>, herrschte über die Welt. So kam eben damals der -Sprachgebrauch <em class="gesperrt">zuerst</em> auf, nun auch die Geliebte <span class="antiqua">domina</span>, -Herrin, zu nennen. Daher die Donna, die Madonna der späteren Zeit. „Wie -bist du meine Königin,“ so singt auch noch Brahms! Eine schwärmerische -Huldigung des unterjochten Ichs! Die Frau rückt auf. Sie wird zur -erklärten Herrscherin in der Welt des Dichters.</p> - -<div class="sidenote">Gelehrte Frauen. Juvenal. Grabschriften.</div> - -<p>Eins aber fehlt damals noch fast ganz, die <em class="gesperrt">gelehrte</em> Frau.<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Denn -jene Frauen, so kunstgebildet sie waren, sie liebten den Aberglauben, -und sie brauchten also das Wissen nicht. Eine Ausnahme macht hierzu, -wenn ich mich nicht täusche, nur die fünfte Frau des Pompejus (sie -hatte den Namen Cornelia, der uns so häufig begegnet); diese junge -Frau, die geradezu den Typus der Studentin trägt, spielt in der -Kulturgeschichte Roms eine bemerkenswerte Rolle, denn sie ist als -diejenige Römerin zu merken, die tatsächlich zuerst fleißig Musik -getrieben hat; aber sie war obendarein auch hochgelehrt, hörte bei -griechischen Philosophen und trieb vor allem sogar Mathematik; das war -mißliebig und in des Pompejus Bekanntenkreis nicht gerne gesehen. Dann -taucht erst 150 Jahre später die gelehrte Frau von neuem bei Juvenal -auf; und zwar stellt sie Juvenal mit der turnenden und fechtenden Frau -zusammen. Vielleicht hat er damit so unrecht nicht. Nach Seneca ging -die Emanzipation so weit, daß die Frauen auch mit um die Wette trinken; -dann verlieren sie die Haare und bekommen Podagra<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>!</p> - -<p>Der hämische Frauenspiegel, den Juvenal geschrieben, wirkt auf uns -erschreckend, ein grausig verzerrtes Spiegelbild. Sein Weiberhaß hat -alle naive Grazie des Lebens erdrosselt. Er argumentiert z. B. so: Die -Rachsucht ist verwerflich, warum? weil alle Frauen rachsüchtig sind. -Erhänge dich lieber, als daß du heiratest, ist daher sein Rat. Mit -ihrem <span class="antiqua">hoc volo, sic iubeo</span> knebelt die Frau den Mann. Wie soll -man noch eine erträgliche Person finden? Sie ist ein so seltener Vogel -(<span class="antiqua">rara avis</span>). So wie Juvenal<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> denkt aber auch Publilius Syrus, -der von der Bühne herunter ins Publikum ruft: „Ein Weib ist nur dann -gut, wenn sie offen schlecht ist!“</p> - -<p>So ist zu meinem Bedauern das laute Schelten wieder an unser Ohr -gedrungen, das Schelten der griesgrämigen Moralisten und der nüchternen -Sozialpolitiker, die sich in ihrem Tadel einig sind. Es erweckt -schließlich unseren Überdruß. Haben wir nach anderen Tönen Verlangen -und wollen die Frauen auch einmal inbrünstig loben hören, so müssen -wir ihre Grabsteine aufsuchen.<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Denn die Vergangenheit ist wie ein -Friedhof, und abertausende von solchen Steinen sind uns aus dem -Altertum erhalten. Der trauernde Witwer ist es, der in der verstorbenen -Gattin allerdings eitel Tugend sieht; das sagen uns die Inschriften -auf den Steinen. Nach ihrem Tod erschallt ihr Lob. Daß sie treu, daß -sie häuslich und fleißig war, das ist da allemal ihre Tugend<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>. -Daß sie treu? Wir lesen es gern, aber wir wundern uns doch. Denn -welcher deutsche Mann würde es heute seiner Frau wohl über dem Grab -ausdrücklich nachrühmen mögen, daß sie die Ehe nicht gebrochen habe<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a>?</p> - -<p>Dann aber wenden wir uns zu Plinius, dem Zeitgenossen des Trajan und -der Plotina, der kaiserlichen Philosophin. Wie viel liebenswürdiger als -Juvenal urteilte damals Plinius, der uns in seinen Briefen so manches -Stadtgeschwätz mitteilt! Rufin, erzählt er, ist so alt und dekrepid, -daß er sich die Zähne von anderen putzen lassen muß; trotzdem hat -eine junge, vornehme Witwe ihn geheiratet; man hat das beiden schwer -verdacht; aber die junge Frau pflegt den Mann nun auf das rührendste, -und er belohnt sie eben jetzt durch ein reiches Vermächtnis.</p> - -<div class="sidenote">Frauengestalten der Kaiserzeit. Cornelia bei Properz.</div> - -<p>Die Ehre der Wittib schien damit hergestellt. Dem sei wie ihm sei, wir -wissen aus eben jener Zeit von edlen Frauen genug, die einer solchen -Nachsicht nicht bedurften, auch solchen, die mit ihren Männern wie -Heroinen in der Verfolgung litten und starben. Berühmt ist die ältere -Arria, berühmt das „<span class="antiqua">Paete, non dolet</span>“<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a> in ihrem Munde. Vor -allem an Willenskraft und Haltung hat es auch noch jenen Römerfrauen -nicht gefehlt.</p> - -<p>Ich fuhr über den Comer See, berichtet derselbe Plinius. Da wies mich -ein älterer Reisegenosse auf eine Villa am Ufer hin. Ein Zimmer des -Hauses ragte weit über den See. „Dort hat sich vor Zeiten,“ erzählte -er mir, „eine unserer Mitbürgerinnen herabgestürzt.“ Warum? „Ihr Gatte -war krank, mit Schwären behaftet; ärztliche Hilfe fehlte; sein Leiden -schien schmerzhaft und unheilbar. Da beschloß sie ihn vor weiteren<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> -Qualen zu bewahren, band ihn an ihren eigenen Körper fest und stürzte -sich von oben mit ihm in die Flut.“ — Wir zucken zusammen. Die Energie -einer Barbarin! Plinius indes fragt nur: Ist dieses Weibes Opfermut -etwa geringer als der Opfermut Arrias? Aber der Ruhm wird ungleich -verteilt im Leben; denn die eine Frau war von Adel, die andere war -namenlos.</p> - -<p>In Rom ist eine Vestalin erkrankt und wird aus dem <span class="antiqua">Atrium -Vestae</span>, dem Vestalinnenkloster auf dem Forum, entlassen und zur -Pflege der vornehmen Fannia übergeben. Fannia war die Enkelin eben -jener Arria, von der ich sprach. Die Krankheit war aber ansteckend; -Fannia wird von ihr ergriffen und verfällt rasch dem Tode. An ihrem -Sterbelager rühmt sie der nämliche Plinius: Welcher Verlust für unsere -Gesellschaft, daß sie dahingeht! Zweimal hatte sie schon mit ihrem -Gatten das Exil geteilt; da erscheint aus der Feder ihres Mannes ein -Werk, das den Helvidius, den Vater Fannias, verherrlichte. Dieser -Helvidius war ein Vorkämpfer der Sittlichkeitsbestrebungen jener Zeit -und der großen stoischen Gemeinde Roms, war ein Widersacher erst Neros, -dann auch Vespasians gewesen. Fannia selbst aber wird darauf vor -Gericht gezogen und nimmt alle Schuld auf sich allein: <em class="gesperrt">sie</em> hat -den Gatten das Werk zu schreiben veranlaßt; <em class="gesperrt">sie</em> hat ihm dazu das -Material gegeben. Sie allein wird verbannt, ihr Vermögen kassiert.</p> - -<p>Eine vornehme Vestalin wird unter Domitian verdächtigt, in -Liebesverkehr mit etlichen Männern gestanden zu haben. Sie leugnet. -Das Publikum glaubt an ihre Schuld. Der Kaiser selbst entzieht ihr -jede Gelegenheit, sich zu verteidigen, greift kurzerhand auf die alten -Satzungen Roms zurück und läßt die für schuldig gehaltenen Männer -öffentlich zu Tode peitschen, die Vestalin selbst lebendig begraben; -eine Tragödie im Stil der Antigone. Mit der stolzen Miene verkannter -Unschuld ging die Frau in den Tod. Als sie in die offene Grube -hinabstieg und ihre lange Schleppe am Grabesrand hängen blieb, wandte -sie sich noch einmal um und nahm das Kleid sorglich zusammen. Der -gemeine Henkersknecht wollte sie anfassen; da schnellte sie zurück<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> und -kehrte sich ab, als könnte seine Berührung ihre gottgeweihte Reinheit -entehren. Alle Zeugen des Auftritts waren ergriffen. Wer konnte noch an -ein „schuldig“ glauben? Das Publikum hatte den Eindruck des Erhabenen.</p> - -<p>Wir aber wollen zum Schluß die Gedanken einer Kernrömerin aus -friedlicheren Zeiten vernehmen. Es ist <em class="gesperrt">Cornelia</em>, nicht die -Frau des Pompejus, nicht die Mutter der Gracchen, sondern eine jung -gestorbene Frau der augusteischen Zeit gleichen Namens, und es sind -Gedanken, die diese Frau auf ihrem Sterbebette hegt. Da hören wir, wie -sie stolz ist auf die Vornehmheit ihres Blutes, stolz auf das Ansehen -ihres Bruders, stolz auf ihren eigenen, fleckenlosen Namen. Gleichwohl -wendet sie sich voll Zartsinn an den Gatten Paulus: „Du sollst nun -auch, da ich zu den Toten zähle, Mutterstelle bei unseren Söhnen und -Töchtern vertreten und sie zärtlich auf den Arm nehmen. Küssest du sie, -so füge auch jeden Morgen die Küsse der Mutter hinzu. Härmst du dich um -mich, so laß doch die Kleinen deine Tränen nicht sehen. Die Nacht magst -du mit Trauer um mich ermüden, und ich will kommen und will im Traum -bei dir sein. Ihr aber, meine Kinder, sollt, wenn der Vater sich neu -vermählt und eine Stiefmutter mein Lager besteigt, es ertragen, sollt -es loben, was der Vater tut, und euch so verhalten, daß ihr das Herz -der Stiefmutter besiegt. Lobt mich vor ihr nicht zu offen; es könnte -sie kränken, wenn sie sich mit mir vergleicht. Bleibt aber der Vater -ehelos und hängt nur mir an, auch wenn ich Asche bin, so bemüht euch, -dem Verwitweten sein kommendes Alter zu lindern, und laßt ihn keine -Sorgfalt vermissen. So viele Lebensjahre mir geraubt sind, um so viel -länger möget ihr unter der Sonne wandeln, und wenn er auf <em class="gesperrt">euch</em> -blickt, soll Paulus Freude daran haben, alt zu werden!“</p> - -<p>Wie natürlich, wie kernhaft, wie schlicht diese Frauenworte! Mit -solchen Gedanken sterben edle Frauen und werden sterben zu allen -Zeiten. In der „Königin seiner Elegien“ hat Properz diese Worte -zusammengestellt.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Antike_Gastmaehler">Antike Gastmähler.</h2> - -</div> - -<p class="s5 right mbot2">Motto: <span class="antiqua">Ingeniosa gula est</span> -(<span class="antiqua">Martial</span> 13, 62).</p> - -<p>Indem ich von Gastmählern zu handeln beginne, muß ich befürchten, die -Erwartungen des Lesers auf das schwerste zu enttäuschen. Wer sich -zu Roms Blütezeit, wer sich zu den sogenannten klassischen Völkern -zurückwendet, pflegt dies aus idealistischem Bedürfnis zu tun; die -Kunst der Alten ist in ihrer Vollkommenheit wie keine andere geeignet, -uns zu läutern und zu erbauen, die Wissenschaft und Philosophie der -Alten in ihrer naiven Klarheit wie keine andere, uns auf dem Wege zur -Wahrheit zurechtzuweisen. Hier soll nun gleichwohl die Wahrheit auf -sich beruhen bleiben und unser Kunstsinn soll darben. Wir greifen ins -Alltägliche und fragen: Was haben jene klassischen Alten zu Mittag -gegessen? und wie haben sie es getan? Das menschliche Leben ist wie -ein Haus mit mehreren Stockwerken. Im Erdgeschoß wohnt die Moral; eine -Treppe darüber die Wissenschaft; im obersten Stock, dem Himmel am -nächsten, wohnt die Kunst; wir begeben uns heut ins Kellergeschoß, wo -der Materialismus seine Küche und seine Weinschränke hat.</p> - -<div class="sidenote">Ästhetische und volkswirtschaftliche Gesichtspunkte.</div> - -<p>Eine Betrachtung über die Mahlzeiten der Alten ließe sich freilich -sowohl in ästhetischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht ausbeuten und -vertiefen. Ästhetisch: denn wie wir schon aus unserem Schiller wissen, -nicht nur Poesie, Plastik, Musik und der Tanz fallen unter den Begriff -<em class="gesperrt">Kunst</em>, sondern auch die Formen des Verkehrs selbst und der -menschlichen Geselligkeit; ein Gastmahl gehört aber zur Geselligkeit -und beansprucht und hat in jedem Falle schönheitliche Wirkung. Somit -würde sich fragen lassen, inwiefern in dieser Beziehung die Alten -hinter uns zurückstanden und inwiefern wir doch auch andererseits von -ihnen lernen und unseren Kanon des Schönen erweitern könnten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p> - -<p>Aber auch in das Licht eines größeren wissenschaftlichen Interesses -ließen sich die mehr oder minder merkwürdigen Einzelheiten rücken, -die wir zusammenstellen wollen: in das Licht nationalökonomischer -Betrachtung. Von der Art, wie sich der Einzelmensch und wie sich -ein Volk ernährt, ist seine Gesundheit abhängig, zunächst seine -körperliche, dann aber auch seine geistige Gesundheit. Freilich paradox -übertrieben und darum grundfalsch wäre es zu sagen, daß, wer nicht -gut <em class="gesperrt">lebt</em>, darum auch nicht <em class="gesperrt">gut</em> lebt<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a>! Jedenfalls aber -muß ein Volk, das nicht Wert auf seine Speisen und auf eine gewisse -Mannigfaltigkeit in der Ernährung legt, notwendig auch in seiner -sonstigen Kultur auf niederer Stufe stehen. Die Früchte der geistigen -Kultur brauchen, um zu gedeihen, einen materiell gut genährten Boden. -Der Luxus kann so heilsam wirken wie der Wohlstand, der seine Ursache -ist.</p> - -<div class="sidenote">Beginn des Luxus. Übertreibende Schilderungen.</div> - -<p>Wilhelm Roscher unterschied dereinst einleuchtend und mit Grund zwei -Arten des Luxus, die sich zeitlich ablösen: den Luxus der roheren -Zeiten, wie des Mittelalters, wo es zwar Prunk einzelner Großen, -aber noch keine Gepflegtheit des Lebens gibt, welche größeren Teilen -des Volkes gemeinsam wäre, und den Luxus entwickelter Kulturepochen, -in denen jener Prunk zurücktritt und die Wohlgepflegtheit das -Leben der Nation wirklich behaglich erfüllt. Derartig entwickelte -Epochen sind einerseits unsere Gegenwart, etwa vom Zeitalter -Ludwigs XIV. ab gerechnet<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>, andererseits die römische Kaiserzeit. -Die Aufgabe liegt nahe, beide Perioden aus volkswirtschaftlichen -Gesichtspunkten zu vergleichen, die ähnlichen Erscheinungen auf -ähnliche Ursachen zurückzuführen, hier und dort das Verhältnis des -Luxus zum Nationalwohlstand nachzuweisen und danach die Frage nach der -Dienlichkeit des Luxus, insbesondere des Tafelluxus zu erörtern.</p> - -<p>An keine der beiden angedeuteten Aufgaben können wir indes hier -herantreten. Denn es erfordert schon Zeit genug, von den Tatsachen -selbst Kenntnis zu nehmen, auf die ich mich darum vorsätzlich -beschränke. Die Vergleichungsresultate für<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> das Einzelne wie für das -Ganze werden sich dabei manchem stillschweigend von selbst ergeben. -Sollte aber der ernste Ton, der mir Pflicht ist, im Verfolg hie und -da in das Heitere umschlagen, so wolle man gelinde sein und Nachsicht -üben: über gewisse Dinge kann eben auch der Ernsthafte nur mit Lächeln -reden.</p> - -<p>Die Periode des größten Luxus in Rom war die Zeit von Augustus bis -zu Neros Tod, wie Tacitus ausdrücklich sagt. Hernach, seit Vespasian -und Trajan, erfuhr er, so scheint es, erhebliche Einschränkung. Schon -Cicero aß gut, und die Zeit des strammen Altrömertums, wo man sich -bäurisch mit Bohnen, Rüben und steifem Gerstenbrei den Bauch füllte -und alle Leute nach Knoblauch und Zwiebeln aus dem Munde rochen, war -damals längst vorüber. Was billig ist, schmeckt nicht: dieser Grundsatz -der Protzen kam schon in den letzten Jahren der Republik in Aufnahme, -und der Staat sah sich damals veranlaßt, wiederholt Gesetze wider -den Tafelluxus zu erlassen. Aber erst seit Caesar und <em class="gesperrt">Lucull</em> -beginnt dieser Luxus wirklich zu herrschen; damals beginnt die Einfuhr -außeritalienischer Viktualien nach Italien und Rom im großen Stil. Wir -beschränken uns im folgenden vorzüglich auf die Zeit von Caesar bis -etwa Domitian.</p> - -<p>Die Alten sind selbst schuld, daß wir uns um ihre Ernährung bekümmern. -Warum reden sie so viel davon? Wenn ich die Quellen angeben wollte, -aus denen die folgende Darstellung gewonnen ist, würde ich die meisten -zeitgenössischen Autornamen zu nennen haben. Diese Schriftsteller -zerfallen in zwei Klassen: die einen, wie z. B. Plinius, sind Stoiker -von Gesinnung und berichten über alles nur mit bedeutendem Stirnrunzeln -und in unverständig asketischer Tendenz; die anderen, geringer an Zahl, -tragen den Epikur, der in ihnen steckt, ehrlich zur Schau. Epikur -selbst war freilich nicht schuld, daß sich diese Feinschmecker der -römischen Kaiserzeit gerade nach <em class="gesperrt">ihm</em> benannten. Ihm war alle -Übertreibung ein Laster, und auch seine Gegner bezeugen, daß dieser -griechische Lebenskünstler<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> von Wasser und Brot lebte und bestenfalls -dazu etwas Käse nahm (griechischen Inselkäse von Kythnos).</p> - -<p>Am ausführlichsten ist <em class="gesperrt">Petronius</em>, der uns das Gastmahl des -Trimalchio mit unvergleichlicher Komik geschildert hat. Allein wir -können leider nur gelegentlich von ihm Gebrauch machen; denn die -Absicht des Erzählers ist dabei lediglich, durch abenteuerliche -Übertreibungen die Wirklichkeit zu überbieten; sein Held Trimalchio ist -Libertin, Emporkömmling und Geldprotze, der noch gestern nichts war, -der einen Lumpenhändler Echion, einen Steinmetz Habinnas und ähnliche -dunkle Existenzen zu Gästen hat und sich von ihnen in albernster Weise -huldigen läßt. Dabei sagt er ihnen ins Gesicht: „Gestern gab ich -geringeren Wein und hatte doch viel bessere Leute zu Tisch, als ihr -seid,“ und alles geht dabei möglichst verrückt und möglichst unfein zu.</p> - -<p>Ebensowenig aber wie dieser Trimalchio dürfen auch gewisse andere -Nachrichten, die man in früheren Zeiten besonders gern heranzog, über -wüsten Luxus und Tollheiten einzelner, insbesondere einiger römischer -Kaiser, für unsere Auffassung maßgebend sein. Im Ruf eines Vielfraßes -stand so der Kaiser <em class="gesperrt">Vitellius</em>; er nahm vier Mahlzeiten am Tag; -sein Bruder gab ihm einen Ehrenschmaus, wobei 2000 Stück Fische, -von den besten Sorten, und 7000 Stück Vögel die Tische belasteten. -Vitellius ist in der Vertilgungskunst nur von dem halbbarbarischen -König Mithridat übertroffen worden. Derselbe Vitellius stellte einmal -ein Gericht zusammen, das in Rom lange unvergessen blieb, bestehend aus -Leber von Makrelen, Pfauenhirn, Flamingozungen und ähnlichem. Caligula -opferte täglich entweder Flamingos oder Trappen und Pfauen; das Beste -von seinem Opfer verzehrte natürlich der Opfernde selbst. Elagabal aß -Straußenhirne. Aesop, der große tragische Schauspieler, trank einmal -eine köstliche Perle, im Wein aufgelöst, die Metella im Ohr getragen; -derselbe ließ 6000 Singvögel, insbesondere Nachtigallen, auf einmal -braten; das kostete ihn an die 20000 Mark. Solche Verrücktheiten -und Barbareien bezeugen<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> gerade dadurch, daß sie uns mit Entsetzen -berichtet werden, daß sie vollkommen aus der <em class="gesperrt">Gewohnheit</em> der -damaligen Zeit herausfielen.</p> - -<p>Noch sei hier aber an etwas Wertvolleres erinnert. Die Vorfahren -von Davidis’ Kochbuch reichen weit ins Altertum zurück; das älteste -Kochbuch war wohl das des Simos<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a> um das Jahr 400 v. Chr. (natürlich -in Versen). Diese ersten Lehrschriften betrafen zunächst die -Zubereitung der Fische. Ein Epos derart fing mit der Zeile an, die -den Anfang der Odyssee parodiert: Δεῖπνα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροφα -καὶ μάλα πολλά. Leider ist dieser Vers in seiner parodischen Feinheit -unübersetzbar<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a>. Diese tiefsinnige Literatur wurde hernach immer -häufiger, und unter des großen Schlemmers <em class="gesperrt">Apicius</em> Namen -liegt uns nun ein solches Kochbuch noch wirklich vor. Ein ähnliches -Buch schrieb der Römer <em class="gesperrt">Matius</em>. Ja, auch Frauen haben sich an -dieser gastronomischen Schriftstellerei beteiligt; eine Charlotte -Birchpfeiffer kann sich für ihre Taten auf Sappho berufen, eine Davidis -auf jene Gnathaina, die gewiß nicht ohne Humor eine „Gesetzgebung für -Gesellschaftsessen“, einen <span class="antiqua">Nómos syssitikós</span> verfaßt hatte, wovon -man auf der großen alexandrinischen Bibliothek ein Exemplar wirklich -aufbewahrte.</p> - -<div class="figcenter illowe40" id="tafel3"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 3</div> - <img class="w100" src="images/tafel3.jpg" alt=""> - <div class="caption">Trinkgelage.<br> - <span class="s5">(Neapel, Museo nazionale.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel3_gross.jpg" - id="tafel3_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<p>Das Altertum war sehr gastfrei, um so gastfreier, da das Gasthofswesen -so wenig entwickelt war und man eleganter Speisewirtschaften -entbehrte<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a>. Um ein größeres Essen zu geben, mußte man sich nun vor -allem klarmachen, wen man und <em class="gesperrt">wie viele</em> man einladen wollte. -Nur ja nicht zu viele, dies predigt uns Plutarch. Die Gäste dürfen ja -nicht zu eng sitzen. „Lieber Mangel an Wein, als Mangel an Platz!“ -Meistens, besonders in älterer Zeit, lud man nicht mehr als neun -Personen (die Zahl der Musen). Die Zimmer faßten nicht mehr, und solche -„Triklinien“ für neun Gäste sind aus Pompeji bekannt genug. Dies -blieb also Regel, obwohl man in der Kaiserzeit sich auch besondere -Eßsäle baute, die es möglich machten, in einem Privathause auch 27–36 -Personen bequem<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> zu vereinigen; die größte Zahl, von der wir hören, -sind einmal 270 Personen an 30 Tischen. Plutarch sagt: „Wer selten -einlädt, muß mehr Personen bitten, daher sei lieber öfter gastfrei.“ -Und man war das in der Tat. Kam ein Auswärtiger nach Rom und hatte -persönliche Beziehungen, so sah er sich sogleich zu Tisch gebeten. Die -verhältnismäßig geringe Anzahl der Gäste aber ist bei der Würdigung des -Tafelluxus der Römer immer gegenwärtig zu halten.</p> - -<div class="sidenote">Kochbücher. Zahl und Auswahl der Gäste. Tischordnung.</div> - -<p>Sodann aber: wen laden wir ein? Plutarchs Weisheit hilft uns auch -hier. Die Gesellschaft muß zueinander passen; bitte nur die zusammen, -die sich miteinander gut stehen. Wer Großwürdenträger bittet, eine -Zelebrität der Börse oder des öffentlichen Lebens, der sorge, daß auch -die übrigen Gäste damit harmonieren. — Die Einladungsbilletts müssen -rechtzeitig geschrieben werden. Man lernte sie künstlerisch abzufassen, -und Beispiele davon zieren die antike Literatur. — Wichtig ist dabei -auch, ob man Plätze belegen soll. Wir fragen denselben Plutarch um Rat; -er urteilt hier wiederum mit Kennerblick. Man unterscheide Mahlzeiten -mit guten Bekannten und steife Festessen; nur bei den letzteren sind -Plätze zu belegen. Freilich dürfen wir nicht glauben, daß man etwa -Zettel, daß man Tischkarten legte, wie wir es tun. Ein besonderer -Sklave (<span class="antiqua">nomenclator</span>) war dazu da, jedem Gast seinen Platz -anzuweisen.</p> - -<div class="sidenote">Schatten. Klienten. Damen. Tageseinteilung.</div> - -<p>Durch dreierlei aber unterscheidet sich eine antike Tischgesellschaft -doch wesentlich von der unsrigen. Erstens konnte jeder Geladene -stets auch noch sonst Freunde mitbringen, die nicht geladen waren; -diese Ungeladenen nannte man Schatten, <span class="antiqua">umbrae</span>; sie waren -höchst willkommen. Der Wirt mußte also seinen Küchenvorrat und seine -Tischordnung immer auf solchen Zuwachs einrichten. War es doch -alte Hausregel in Rom, daß stets auf dem Tisch noch etwas Eßbares -übriggeblieben sein mußte, wenn er fortgetragen wurde.</p> - -<p>Zweitens sind hier die sogenannten <em class="gesperrt">Klienten</em> zu nennen. -Unter Klienten versteht die Kaiserzeit die Unmasse derjenigen<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> -freien Einwohner Roms, die, ohne Beschäftigung, ohne Einkommen und -Lebensstellung, sich von der Gunst und Freigebigkeit vornehmer Gönner -und Schutzherren ernährten. Die Anzahl solcher schmarotzerhaften -Existenzen, die sich an ein vornehmes Haus hängten und unter denen -sich oft auch gerade die geistreichsten Leute, wie der Dichter -<em class="gesperrt">Martial</em>, befanden, konnte bis hundert, ja zu mehreren Hunderten -anwachsen. Diesen Klienten nun lieferte der Patron ihr Mittagbrot, und -zwar entweder ins Haus (es wird dann geschätzt auf etwa 13 Groschen -pro Tag; dies Geld hieß „Sportel“), oder aber er zog auch einzelne von -ihnen zu seiner Tafel. Die Klienten erhielten dann aber oft abseits -einen besonderen Tisch angewiesen und bekamen geringere Speisen -vorgesetzt. Darüber lesen wir manches bittere Klagelied: die Speisen -schmeckten nach schlechtem Öl; es gab Tiberfisch, der in der Nähe -der Kloaken gefangen war, zum Schluß nur einen schäbigen Apfel. Dazu -dann noch der hochfahrende Ton der Bedienung! Aber auch abgesehen von -diesen Nebenumständen erhält die antike Tischgesellschaft durch die -Anwesenheit der Klienten eine wesentlich andere Physiognomie als die -unsrige.</p> - -<p>Drittens aber — und dies stelle ich nicht ohne einige Bestürzung -fest — waren die Festessen zumeist nur Herrenessen. Daß auch Damen -teilnahmen, wird selten erwähnt. Nur die Hausfrau mit den Kindern war -öfter gegenwärtig, ja sie bekümmerte sich sogar bisweilen auch um die -Bewirtung. Daß die Gäste ihre Frauen mitbrachten, war nicht häufig -der Fall. Waren aber solche da, wie z. B. bei dem Priesterfestessen -des Lentulus, an dem neun Männer und sechs Frauen teilnahmen, dann -erhielten die letzteren ein besonderes Sofa für sich. Von einer „bunten -Reihe“ wußte man also gar nichts<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a>. Kein alter Schriftsteller schwärmt -daher auch je von seiner Tischnachbarin. Dies ist es, was wir, wie -gesagt, nicht ohne Enttäuschung wahrnehmen.</p> - -<p>Verfügen wir uns ins Haus des Gastgebers. Wir setzen als Jahreszeit -etwa den Herbst an. Denn Aristoteles sagt, ich weiß<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> nicht, ob mit -Recht: im Herbst ißt der Mensch am meisten. Schon tags vorher hat -der Hausherr — denn die Frau des Hauses bekümmert sich in der Regel -um diese Dinge wenig — die nötigen Anweisungen an seine Diener, -insbesondere an den Aufseher der Tischbedienung gegeben, und schon früh -am Morgen stellen die Hausdiener alles zurecht und decken den Tisch, -d. h. aber ohne Tischdecke. Tischdecken, mit dem Zweck, die schöne -Tischplatte zu schonen, wie wir sie im „Abendmahl“ Lionardos sehen, -kamen etwa erst im zweiten Jahrhundert auf<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a>.</p> - -<p>Der Hausherr selbst ist, nach der Gewohnheit, morgens etwa gegen 6 Uhr -ausgestanden (nur Tagediebe wie Horaz standen erst um 10 Uhr auf); -und schon so früh, um 6 Uhr, ist die Visitenstunde für die Klienten, -die der Patron im Atrium empfängt. Erst gegen 9 Uhr nimmt der Herr -das erste Frühstück (<span class="antiqua">ientaculum</span>), nichts weiter als Brot, -Wein, Honig und etwas Käse. Dann folgt die Geschäftszeit bis 12 Uhr; -wer gerade nichts Besseres vor hatte, der konnte die Geschäftszeit -bis 4 Uhr nachmittags ausdehnen<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a>. Gegen 12 Uhr aber regt sich der -Hunger doch schon mit Macht; das zweite Frühstück (<span class="antiqua">prandium</span>), -um 12 Uhr, war darum schon ziemlich nahrhaft; man nahm dazu, wie uns -Plautus belehrt, auch aufgewärmte Sachen vom gestrigen Mittag. Dann, -nach gestilltem Hunger, war man glücklich für ein Mittagsschläfchen -(<span class="antiqua">meridiatio!</span>) reif; ganz Rom lag zwischen 1 und 2 Uhr tief im -Schlafe; dies war eben die Stunde, in der Alarich Rom eroberte. Sodann -aus der Schlummerecke ins Bad! Das Bad, zwischen 2 und 4 Uhr, schien -keinem, dem Vornehmsten wie dem Geringsten, entbehrlich. Wenn man dann -dem Kaltwasserbassin oder der warmen Dusche entstieg und noch etwas -Ball gespielt hatte, brachte man zur Tafel die leckerste Genußsucht und -einen herrlichen Hunger mit. Es ist inzwischen gut 5 Uhr geworden. Das -Gastmahl kann beginnen.</p> - -<div class="sidenote">Eßsäle. Gesellschaftskleidung. Tische und Klinen.</div> - -<p>Der Hausherr harrt natürlich seiner Gäste. Zeichen des ungebildeten -Protzentums ist es, wenn Trimalchio sich erst dann<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> in den Saal tragen -läßt, wenn seine Gäste schon alle bei Tisch sind. Auch Kaiser Tiberius -machte es übrigens nicht anders. Auch die aufwartenden Kellner, für -jeden Gast mindestens einer, stehen bereit: schöne alexandrinische -Pagen, dazwischen zur Abwechslung ein Mohr und ein gelber Indier. Das -Haus hat zwei Eßsäle; der eine, für den Winter, liegt der wärmenden -Sonne zugekehrt; der andere ist laubenhaft kühl und tief verschattet; -ihn benutzt man in der warmen Jahreszeit. Denn Heizung fehlte. Die -Wände im Saale sind mit köstlichen Vorhängen drapiert; es waren ohne -Zweifel Gobelins mit bildlichen Darstellungen; sonst hätte man die -Wandmalereien des Saales gewiß nicht mit ihnen zugedeckt<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a>. Unter der -getäfelten Decke hängen wohl auch frische Girlanden. In den Saalecken -stehen die Kandelaber, mit Lämpchen reichlich behängt. Der Fußboden -ist blanker Marmor oder festes, buntstrahlendes Mosaik. Fußteppiche -gibt es nicht. Ein prächtiger Nebentisch (<span class="antiqua">abacus</span>) aus Bronze -oder Marmor tut etwa die Dienste unseres Büfetts und trägt das silberne -Trinkgeschirr, den Ruhm des Hauses.</p> - -<p>Es fällt den Gästen nicht schwer, rechtzeitig zu erscheinen, wenn man -nicht etwa vormittags ins Theater gegangen war, wodurch sich leicht -alles verschob. Plutarch tadelt einmal seine Söhne, daß sie aus dem -Theater zu spät zu Tisch gekommen sind, ganz außer Atem (τρεχέδειπνοι), -was doch nicht einmal gesund ist. Sonst sorgt schon der Diener, der im -Haus die Stunden ausruft und die Taschenuhr ersetzt, für Pünktlichkeit. -Man kommt in Gesellschaftstracht; Toga und Schuhe oder Stiefel trägt -man nämlich nur auf der Straße, und nicht einmal das; denn die Toga kam -überhaupt ab. Zu Tisch geht man dagegen auf leichten Sandalen und in -einem <em class="gesperrt">Tischrock</em> (<span class="antiqua">synthesis</span>) aus grünem oder lila Kattun -oder Seide; d. h. man <em class="gesperrt">geht</em> eben nicht, sondern läßt sich in der -Sänfte tragen. Man begrüßt sich endlich; man legt sich an seinen Platz. -Jeder hat auch noch seinen eigenen Diener mitgebracht<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a>.</p> - -<p>Man <em class="gesperrt">legt</em> sich an seinen Platz? Ganz richtig. Es klingt zwar -äußerst sybaritisch und scheint vor allem die unvernünftigste<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> -Raumverschwendung. Die Alten sitzen nicht, sie liegen beim Essen.</p> - -<p>Vergegenwärtigen wir uns die Verhältnisse genauer.</p> - -<p>Ausziehtische kannte man nicht. Es ist ein Unding, wenn wir heute 20–30 -Personen um ein solches Rechteck herumsetzen, das zehnmal so lang wie -breit ist. Wir reden wohl vom „Cercle“, vom „Gesellschaftskreis“ und -von „Tafelrunden“, aber wir wissen diese Runde nicht zu verwirklichen. -Die Alten hielten streng auf zentrale Anordnung, so daß bei der Tafel -möglichst jeder jedem ins Gesicht sah, und sie hatten also entweder -geradezu Rundtische, die tragbar waren und um die im Hemizyklium -nicht mehr als etwa 8 Personen radial liegend Platz fanden auf einem -Rundsofa, dessen Lehne nach der Tischseite zu hochgepolstert war (dies -ist aus den ältesten Abendmahldarstellungen bekannt; man nannte dies -Rundsofa auch Sigma, weil der Buchstabe Sigma die Halbkreisform hat); -oder aber jeder Tisch hatte genau quadratische Form. Dies war die -Regel, und er war alsdann an drei Seiten von Ruhebetten, Longchaisen, -umgeben. Diese Lager hießen griechisch <em class="gesperrt">Klinen</em> und danach der -Speiseraum Triklinium, der Raum für die drei Klinen. Die vierte Seite -eines solchen quadratischen Tisches blieb dagegen unbesetzt; an -diese leere Seite trat von der Tür aus der Bediente, um die Gerichte -aufzusetzen und wegzunehmen. Auf jedem der drei Speiselager können -immer je drei Personen liegen; die Ehrenplätze sind auf dem mittelsten. -An jedem Tisch liegen somit höchstens neun Personen, und es war -also auch hier erreicht, daß jeder mit jedem sprechen konnte. Waren -außerordentlicherweise mehr als neun Mitesser, so wurde an mehreren -Tischen gegessen, also mehrere Zentren geschaffen. Kam noch ein -unerwarteter Gast dazu, so mußte er im Notfall mit einem Stuhl vorlieb -nehmen. Die Frauen saßen nur und lagen nicht, zum wenigsten in den -Häusern, wo bessere Sitten herrschten.</p> - -<p>Das Speiselager war nicht flach, sondern nach der Tischseite zu -erhöht; man bestieg es von der Außenseite und lag<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> nicht etwa der -Tischkante parallel, sondern radial ansteigend auf das Zentrum des -Tisches gerichtet, die Füße nach außen; man stützte dabei den linken -Ellbogen auf ein loses Kissen, so daß der Abstand des Mundes vom Tisch -recht groß war und es erhebliche Schwierigkeit gemacht haben muß, die -Tischplatte zu küssen; denn auch dies kam vor<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a>. Man hatte endlich -zum Essen immer nur die rechte Hand frei. Dies ist vielleicht das -bemerkenswerteste: die Römer waren Eßkünstler, wie es heut keinen gibt; -sie mußten mit einer Hand essen.</p> - -<div class="sidenote">Beginn des Essens. Zahl der Gänge. Nachtisch. Braten.</div> - -<p>Kaum liegen wir, wirklich ungemein behaglich, auf den purpurnen -Pfühlen, die mit deutschen Gänsefedern gestopft sind (die Klinen selbst -sind, wenn auch nicht massiv aus Silber und Gold, so doch kostbar mit -Edelmetall oder Elfenbein inkrustiert), so kommen die Tafeldiener und -waschen uns die Hände und wohl gar auch die Füße. Die Sohlen werden -abgelegt. Dann folgt das Tischgebet (<span class="antiqua">deos invocare</span>), das nie -fehlt, sodann vor allem erst ein Gläschen Glühwein (<span class="antiqua">calda</span>), -möglichst heiß! Denn das Bad bekommt eben nicht, wenn man nicht solch -heißen Schluck daraufsetzt. Und nun — nun kommt hoffentlich eine -gute Fleischbrühe? eine kräftige Julienne? O nein, wir verrechnen -uns. Hier stellt sich gleich ein bedeutendes Defizit der antiken -Speisekarte heraus. Suppe gab es weder zu Anfang noch nachher (die -berüchtigte spartanische Blutsuppe war nur ein Ragout, nach Art unseres -Schwarzsauer, und auf das alte Sparta beschränkt). Ein römisches -Essen fing eben <span class="antiqua">ab ovo</span> an; d. h. man verspeiste ein paar -pflaumenweiche Eier zu Anfang.</p> - -<p>Studieren wir etwas die Speisekarte. Eigentlich ist dies freilich -unerlaubt. Die Speisekarte liegt immer nur in <em class="gesperrt">einem</em> Exemplar auf -dem Tisch, und zwar beim Hausherrn, der danach still und geheimnisvoll -seine Befehle an die Dienerschaft gibt. Drei, vier oder auch fünf Gänge -stehen uns bevor, jeder Gang aber zu sehr vielen Schüsseln. Der Gang -heißt <span class="antiqua">missus</span>. Jede reichere Mahlzeit teilt sich vor allem in -drei deutlich abgesonderte Teile: erstlich das Entree; zweitens die -mittleren<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> Gänge (oder Gang) mit den <span class="antiqua">morceaux de résistance</span> (man -verzeihe die vielen Fremdwörter; ich winde mich, aber kann sie nicht -vermeiden); drittens der Nachtisch. Nur der mittlere dieser drei Teile -heißt eigentlich Mahlzeit, <span class="antiqua">cena</span>.</p> - -<p>Die Speisefolge auszuwählen, haben Geschmack und diätetische Rücksicht -zusammengewirkt. Denn die Ärzte des Altertums wandten der Diätetik und -so auch den Tafelspeisen die allerhöchste Achtsamkeit zu. Beginnen -wir mit dem letzten, so war der Nachtisch äußerst leicht: Nußtorte, -Schokoladencreme, Schlagsahne (ἀφρόγαλα) fehlen gänzlich; man nimmt -nur leichtestes trockenes Backwerk, wohl auch etwas Alpenkäse, den man -schon damals besonders schätzte (<span class="antiqua">caseus Vatusicus</span>), griechische -Mandeln, persische Wallnuß, rohes oder auch eingemachtes Kernobst, -letzteres so „phäakisch“ schön, wie es der Süden damals gewiß, aber -schwerlich noch heute erzeugt; dabei schloß man jedoch als zu schwer -Pfirsich und Aprikosen aus. Daher heißt der Nachtisch <span class="antiqua">bellaria</span>, -„nette Kleinigkeiten“.</p> - -<p>In dem mittleren Teil der Mahlzeit, der eigentlichen <span class="antiqua">cena</span>, -fanden sich die schweren Gerichte zusammen. Sonst hatte der Süden, -auch schon in jenen Zeiten, starke Neigung zum Vegetarianismus; hier -dagegen erscheint der Mensch als eifriger Carnivore; und zwar herrscht -hier in ganz auffallender Weise das Schweinefleisch vor, das doch -das fetteste und widerstehendste ist. Das Altertum nährte sich aber -überhaupt vornehmlich vom Schwein. Das Rind, als Pflugtier, schlachtete -man schon aus Pietät weniger; vielleicht galt aber sein Fleisch auch -als minder lecker. Rindfleisch, „<span class="antiqua">bubula</span>“, erscheint mehr als -Hausmannskost<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a>. Daraus, daß man das Rindfleisch nicht kochte, -erklärt sich auch, daß man keine Suppe hatte<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a>. Von zahmen Tieren -lösten übrigens gelegentlich Kalb, Lamm und Esel den Schweinsbraten ab; -denn auch das Eselfleisch hatte seine Verehrer. Besonders beliebt war -Schweinseuter und sodann der Eber, das Wildschwein. Beim Gastmahl des -Nasidienus erscheinen außerdem noch Kranichbraten, Gänseleberpastete -mit Feigen, vom Hasen nur die Vorderläufe (Keule<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> und Rücken des Hasen -schätzte man weniger) und Taubenbrüste; beim Prunkessen des Lentulus -kommt ein Fischragout hinzu, Entenbrüste (man aß nur Hals und Brust -der Ente), daneben Entenfrikassee, Hasen, gebratene Hühner, endlich -eine Creme mit Stärkemehl. Beim Trimalchio erscheinen außer Schwein -und Kalb Krammetsvögel mit Datteln und gebackenem Teig, überdies eine -Pastete von Krammetsvögeln mit Rosinen, endlich gar für jeden Gast ein -Masthuhn mit Gänseei<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a>, eine Zusammenstellung, die augenscheinlich -mit Entsetzen von den Gästen aufgenommen wird.</p> - -<p>Den Hasen erklärt Martial für seinen Lieblingsbraten<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a>, und darin -folgte er offenbar dem Volksmunde; denn das Volk glaubte, wer Hasen -gegessen hat, wird in sieben Tagen schön<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a>. Woher dieser Glaube? -Lateinisch <span class="antiqua">lepus</span> „der Hase“ und <span class="antiqua">lepos</span> „die Anmut“ sind -ja fast dasselbe Wort; wer also den <span class="antiqua">lepus</span> aß, aß gleichsam die -Schönheit selber<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a>.</p> - -<div class="sidenote">Pikantes Vorgericht. Brechmittel. Beleuchtung.</div> - -<p>Ganz besondere Sorgfalt verwendete man endlich aber auf den ersten -Teil der Mahlzeit, die Vorspeisen. Dieser erste Gang (<span class="antiqua">gustus</span>, -<span class="antiqua">promulsis</span>) wird planvoll aus leichten und vornehmlich aus kalten -Speisen zusammengesetzt, und wir nehmen wahr, daß, je feiner das Essen -ist, desto mehr Ausdehnung diesen leichten Einleitungsspeisen gegeben -wird, so daß sie gelegentlich die eigentliche Mahlzeit an Zahl der -Nummern weit überbieten.</p> - -<p>Die Alten haben uns neben so vielen anderen Erkenntnissen auch die -vorweggenommen, daß saure und scharfe Speisen Appetit machen. So wie -wir also heute unsere Suppe pfeffern oder gar <em class="gesperrt">vor</em> der Suppe -Austern oder Kaviar mit Zitrone oder eine schwedische Schüssel, eine -russische Sakuska geben, so bestand jedes Entree — deutsch „Voressen“ -— in Rom regelmäßig aus solchen Gerichten wie Melone in Essig und -Pfeffer, Latuk (besonders bekömmlich), sauren Gurken (das Ideal des -Kaisers Tiber), ferner Oliven, Artischocken, Champignons, Sardinen, -Salzfisch; aber auch Austern und anderen Muscheltieren. Der Austernpark -des Lucriner Sees war berühmt durch Jahrhunderte. Dazu kamen dann bei -glänzenderen<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Festen noch leichtere Fleischspeisen, dampfende Würste, -ein warmer Fischgang wie Muränen, Weindrosseln, Feigenschnepfen, -Hühnerpasteten. Froschkeulen dagegen fehlen noch, wie man sieht; ebenso -fehlt noch die Schildkröte.</p> - -<div class="sidenote">Parfümerien. Getränke. Unterhaltung bei Tisch. -Gastgeschenke.</div> - -<p>Soviel von der Speisenfolge, die an Umfang und an erlesener -Mannigfaltigkeit es wohl mit unseren besten aufnehmen konnte. Ja, für -den edlen Römer war es oft eingestandenermaßen eine heiße Arbeit, sich -hindurchzuessen, und er verschmähte nicht, auf ausdrücklichen Rat -der griechischen Ärzte hin, während<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a> oder doch nach der Tischzeit -sich durch Medikamente zu erleichtern, deren vulkanische Wirkung uns -allerdings durchaus nicht ästhetisch erscheint. Man hatte eben damals -weder Kaffee noch Liköre, womit wir heute dem überlasteten Magen zu -Hilfe kommen. Hämisch sagt daher Seneca: <span class="antiqua">vomunt ut edant, edunt -ut vomant</span><a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a>. Übrigens fehlt es bei uns nicht an Leuten, die, -um im Schlemmen fortfahren zu können, rasch etwas Natron nehmen. Bei -den Römern dauerte ein großes Gesellschaftsessen nun aber sehr lange, -bis 7, ja 8 Uhr; während des Essens wurden die Kandelaber mit Licht -versehen. Der Genuß verteilte sich also auf gut drei Stunden; auch -das war ein Umstand, der dem Magen seine Arbeit erleichterte. Nur -steigerte sich leider die Hitze bei den qualmenden Lampen schließlich -bis ins Unerträgliche. Ein vorsichtiger Herr wechselt daher während der -<span class="antiqua">cena</span> neunmal das leichte Speisekleid zur ständigen Abkühlung; -so gerät er nicht in Schweiß und braucht sich hernach auf dem Heimweg -nicht zu erkälten<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a>. Daher auch die vielen Salben und Parfüms, mit -denen der Gastgeber die Tafelrunde zu erquicken für seine Pflicht -hielt. Sie sollten offenbar vornehmlich dem üblen Geruch der offenen -Öllampen entgegenwirken. Es gab aber auch sonderbare Käuze, bei denen -man nicht satt wurde und die sich begnügten, ihre Gäste in solche -Wohlgerüche einzuhüllen. Martial singt einmal:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">O Fabull, du hast uns wohl zum besten.</div> - <div class="verse indent0">Salben gibst du und Parfüms den Gästen,</div><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> - <div class="verse indent0">Aber nichts, den hagren Leib zu mästen?</div> - <div class="verse indent0">Hungrig balsamiert, so soll’n wir liegen</div> - <div class="verse indent0">Und bei Tische nichts zu beißen kriegen?</div> - <div class="verse indent0">Lieber will ich gleich ein Toter heißen.</div> - <div class="verse indent0">Leichen balsamiert man, die nichts beißen.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wir haben uns aber schwer gegen Geist und Geschmack des römischen -Gastgebers versündigt, indem wir so lang und breit über seine -Speisen reden. Zur Ehre jener sogenannten römischen Schlemmer sei -es hervorgehoben, daß man in guter Gesellschaft über das Essen -grundsätzlich nicht sprach. Wer dies tut, wie Nasidienus bei Horaz, -macht sich damit nur lächerlich. Mäcenas geht wegen solcher Gespräche -entrüstet vom Tisch. Man wußte jene Raffinaden stillschweigend zu -schätzen und sich auch sonst vortrefflich zu unterhalten. Ja, die lange -Dauer der Mahlzeit erklärt sich vor allem aus den langen Pausen, die -das Essen unterbrochen und in denen man ausschließlich des Weines und -der Unterhaltung pflog.</p> - -<p>Denn in diesen Pausen entsprach der treffliche Wein seinem Zweck, -Geist und Herz zu beleben, auf das beste, wenn schon man ihn natürlich -stets nur mit Wasser gemischt trank; denn der südländische Wein war -schwer wie heut der spanische. An die Bedienung wurden die größten -Anforderungen gestellt; der Sklave mußte jedem durstigen Gast beim -Mischen helfen. Dazu kühlte man den Trunk mit Eis oder Schnee. Eis -und Schnee wurden in Gruben für den Sommer aufbewahrt. Sechsjährige -griechische, fünfzehnjährige kampanische Weine pflegten um den Preis zu -konkurrieren. Denn man bot meist mehrere Sorten zugleich an und griff -dabei gleich anfangs, wo man noch am sachtesten trank, zu dem feinsten -(Cäcuber, Chier, Falerner, Mareotiker, Massiker). Besonders eifrig -trank man hinter dem Fisch; denn schon Trimalchio sagt: „Fische wollen -schwimmen“ (<span class="antiqua">pisces natare oportet</span>). Ein guter Dessertwein wuchs -bei Verona: es war der Lieblingstropfen des Tiber.</p> - -<p>Eine Hauptpause trat vor dem Nachtisch ein. Sie war ernster Natur. -Man spendete den Hausgöttern, indem man Salzkörner knisternd in die -Flamme warf, libierte auf das<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Wohl des Kaisers und wünschte sich -untereinander munteren Geist und dauerndes Wohlsein. In den übrigen -Pausen war die Unterhaltung so lebhaft, wie es eben von Südländern zu -erwarten ist. Hier besonders wurde der Stadtklatsch Roms ausgeschüttet, -über Gladiatorenspiele und Zirkuskutscher mit Leidenschaft gestritten, -mit großem Eifer aber auch das sogenannte gebildete Gespräch -betrieben und geradezu systematisch ausgebildet. Gute Proben solcher -Tischgespräche liegen uns noch vor. Man redet, fragt und rätselt über -Götterlehre, Tierkunde, Grammatik, Medizin usw. Es bildet sich geradezu -der Begriff des Tischgelehrten aus, und es war beliebt, einen Literaten -mit zum Speisen zu laden, sei er auch nur Klient; der mußte sein Bestes -geben<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a>.</p> - -<p>Aber das meiste hat doch der Gastgeber zur Unterhaltung beizutragen; -er sorgt für Tafelmusik (bald Chor, bald Orchester), er sorgt für -deklamatorische Vorträge (so gab man die schmachtenden Frauenbriefe -Ovids zum besten), er läßt gar ein Ballett aufführen (wir dürfen hier -an die entzückenden Tänzerinnen Pompejis denken<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a>), in einer anderen -Pause Akrobaten auftreten, in einer dritten Leute, die einen Gesang aus -der Ilias deklamieren; wieder in einer anderen öffnet sich oben die -Saaldecke, und ein Regen von Blumen fällt auf die staunenden Gäste. -Welche Ablenkung! welch anmutiger Zeitverbrauch, diese überraschenden -Intermezzi! Und wie mundete danach wieder der nächste Gang! Schlimm -war es nur, wenn der Wirt sein Manuskript holte und seine eigenen -Verse vorlas. Würde doch lieber der Fisch darin eingewickelt<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a>! Eine -Überraschung, auf die sich alle vorauf freuten, fiel in die zweite -Hälfte des Essens; hier wurden an sämtliche Gäste Geschenke mit Devisen -verteilt; allerdings meist nur Kleinigkeiten, wie Pantoffeln, Eßsachen, -Fliegenwedel, woran sich aber doch immer Heiterkeit und ungezwungene -Scherze knüpfen mußten. Diese verschiedenen Tischunterhaltungen -erzeugten für den Gastgeber natürlich nicht unerhebliche Extrakosten. -Doch an solche unsinnige Verschwendung dachte man sonst nie, wie -sie der Kaiser <em class="gesperrt">Verus</em> beging,<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> der die köstlichsten Gefäße, -Maultiergespanne und ähnliches bei Tische verschenkte, so daß ihn sein -Gelage, wie die märchenhafte Nachricht besagt, im ganzen an die 1200000 -Mark in modernem Gelde kostete. Dies ist dieselbe Tyrannenmanie wie -bei Nero, der bei einem für Freunde veranstalteten Gastmahl, wie man -fabelte, für die Rosen allein über 900000 Mark vergeudet hat<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a>.</p> - -<p>Erst jetzt, nachdem wir uns vergewissert haben, daß sich unsere Gäste -gut unterhalten und daß sie dabei auch nicht zu platt und geistlos -sind, jetzt können wir die Tischgesellschaft wohl einmal sich selbst -überlassen. Unsere Neugier lockt uns aus dem Speisesaal; wir wollen -unserem Wirt noch ein bißchen hinter die Kulissen sehen. Drei Fragen -stellen sich von selbst ein. Erstlich: wie und von wo bezog man die -Zutaten für die Mahlzeiten? zweitens: wie war die Zubereitung? und -drittens: wie wurde das Essen aufgetragen?</p> - -<p>Die Antworten müssen sich, da ich mich der Kürze befleißige, auch hier -auf Andeutungen beschränken.</p> - -<p>Einkäufe zur Mahlzeit mußten natürlich morgens gemacht werden. -Während der ersten Hälfte des Tages herrschte auf den Märkten Roms -(Fischmarkt, Gemüsemarkt, Schweinemarkt) und um die Verkaufsbuden -der Geschäftsquartiere lautestes, buntestes Leben; vor allem aber am -Tiberkai, dem Emporium. Hier führten Treppen aus gewaltigen Quadern -zum Fluß hinunter, und da legten die Tiberkähne an, die aus Ostia, dem -nahen, von Kaiser Claudius großartig hergestellten Handelshafen, die -Waren des Auslandes in Massen flußaufwärts der Welthauptstadt zuführten.</p> - -<div class="sidenote">Bezug der Eßwaren. Import. Hebung der Fauna und Flora -Italiens.</div> - -<p>Der Stand und der Betrieb der Kauffahrer, der <span class="antiqua">mercatores</span>, deren -Frachtschiffe in Ostia löschten, hatte seit Caesars und Augustus’ -Zeiten in ganz ungewöhnlichem Grade an Bedeutung und Rentabilität -gewonnen. Die früher doch minder rege Nachfrage nach ausländischer Ware -hatte in dem Grad in Rom zugenommen, daß man schon kaum noch etwas auf -den Tisch nahm, das sich nicht nach einer fernen Meeresküste<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> benennen -ließ. So bezog man ja das Korn selbst von außen. Nach Alexandrien -konnte der Kauffahrer in neun bis zehn Tagen, nach Spanien in sieben -Tagen fahren, und er brachte aus Spanien Wein, Öl, Honig, Salzfische, -Quittenmarmeladen, aus Gallien das beste Schweinefleisch (besonders -gallischen Schinken), aus Afrika Perlhühner, Artischocken. Nach einem -Kaufmann Mattius hießen die importierten Mattianischen Äpfel. Ägypten -lieferte die besten Datteln, es lieferte den Majoran, es lieferte -die Flamingos. Aus Indien brachten alexandrinische Schiffe Pfeffer, -Zimmet, Kardamom und den Ingwer, der besonders zu Würsten gebraucht -wurde. Die besten Mandeln kamen aus Naxos, Damaszener Pflaumen aus -Damaskus. Ebenso aber waren Fische von den fernsten Küsten erwünscht; -„die Gurgeln Roms fischen alle Meere leer,“ ruft <em class="gesperrt">Juvenal</em>; der -Fischmarkt war unter allen Märkten der belebteste und interessanteste, -wie noch heute in den Küstenstädten des Mittelmeeres.</p> - -<p>Für die Kultur Italiens in Flora und Fauna sind die Folgen der so -wachsenden Tafelbedürfnisse äußerst günstig gewesen. Erst damals wurde -eine Reihe von Obstsorten, wie die Kirsche und die Bergamotte, in -Italien gepflanzt, erst damals die Flora daselbst mit einer Reihe von -Kräutern, wie die Petersilie (<span class="antiqua">petroselinum</span>) bereichert. Die -Zitronen- und Orangegärten hat freilich erst das Mittelalter gebracht. -Die römischen Großgrundbesitzer suchten ihren Küchenbedarf nach -Möglichkeit selbst zu befriedigen. Darum führten sie z. B. auch damals -die <em class="gesperrt">Fasanenzucht</em> in Italien ein (vom Fluß Phasis in Südrußland, -<span class="antiqua">phasiani</span>); damals kam der Pfau dorthin; man zog und mästete -die Pfauen und anderes Geflügel im größten Stil. Eine merkwürdige -Manie besaßen die Römer für Tauben und großartige <em class="gesperrt">Taubenhäuser</em> -(<span class="antiqua">columbaria</span>), die bis zu 5000 Vögel und mehr enthielten<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a>. Zur -Zucht des Wildschweines dienten die endlosen Eichen- und Buchenwälder -der Latifundien. Dazu die Schneckenzucht! Am bekanntesten aber sind -vielleicht die <span class="antiqua">piscinae</span>, die Fischteiche, der römischen Villen -am<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Meer, die mit Seewasser gefüllt und in denen die seltensten Sorten -zu finden waren. Der Name einer vornehmen Familie stammte daher: die -Lucinier nannten sich <span class="antiqua">Murenae</span>; die Zucht der Muräne war ihr -Ruhm<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a>.</p> - -<p>Wir Deutschen sind uns meist nicht bewußt, wie viele Ausdrücke der -Küche und der Speisezutaten und Würzen unsere Sprache dem römischen -Altertum verdankt; in dieser sprachlichen Entlehnung spricht sich aus, -daß Nordeuropa und Germanien diese Dinge eben von der antiken Kultur -unmittelbar empfangen hat. Um von den Kapaunen (<span class="antiqua">capones</span>) und -Fasanen (<span class="antiqua">phasiani</span>) nicht zu reden, so haben wir von den Römern, -wie der Wortlaut selbst zeigt, Spargel (<span class="antiqua">asparagus</span>) und Lattich -(<span class="antiqua">lattuca</span>), Kohl (<span class="antiqua">caulis</span>), Kappes (<span class="antiqua">caputium</span>), Linse -(<span class="antiqua">lens</span>) und Wicke (<span class="antiqua">vicia</span>), Kürbis (<span class="antiqua">cucurbita</span>), -Rettich (<span class="antiqua">radix</span>), Zwiebel (<span class="antiqua">cepula</span>, <span class="antiqua">cepulla</span>), Bete -(<span class="antiqua">beta</span>) und Kümmel (<span class="antiqua">cuminum</span>), Petersilie, Lavendel, -Melisse, Polei, Anis (<span class="antiqua">anisum</span>) und Fenchel (<span class="antiqua">feniculum</span>), -Kapern, Koriander und Kerbel (<span class="antiqua">caerefolium</span>) erhalten; und -so geben uns diese deutschen Wörter, indem wir sie nennen, einen -Einblick in den reichen Küchengarten des Altertums selber. Dazu kommen -dann noch Senf (<span class="antiqua">sinapis</span>), Pfeffer (<span class="antiqua">piper</span>), Zimmet -(<span class="antiqua">cinnamomum</span>) und andere importierte Zutaten. Die Römer haben uns -gleichsam vorgekostet, und der moderne Genußmensch ist — auch wider -Willen — ein Erbe des klassischen Altertums, selbst im Alltäglichsten.</p> - -<p>Für Eßvorrat ist gesorgt; es fehlt die Bereitung. Wollen wir uns -getrauen, auch noch in die Küche einzudringen? „Küchendunst“ ist ein -Wort, das Plautus als Schimpfwort verwendet, um einen unangenehmen -Menschen zu bezeichnen. In der Küche aber werden wir genug Küchendunst -finden! Vielleicht genügt es uns hier, nur einmal durch die Türritze -geschaut zu haben. Nicht etwa, daß uns die Köchin vertriebe. Denn die -Köchin, der Augapfel unserer deutschen Hausfrauen, war damals noch -eine gänzlich unerfundene Größe (wie überhaupt weibliche Bedienung). -In der Küche herrscht der Koch mit seinen Küchenjungen. Er ist -der Liebling seines Herrn,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> er ist in seinem Tagewerk ein wahrer -Tausendkünstler, und nichts wurde darum dankbarer begrüßt, als wenn -man an den Saturnalien, d. h. zum großen Geschenkfest im Dezember, -unserem Weihnachten, einen guten Koch geschenkt bekam. Ein guter Koch -kostet im Sklavenhandel halb soviel wie ein guter Schauspieler. Sein -Reich, die Küche, ist ein Raum von den größten Dimensionen; Plinius -sagt übertreibend, zwei Morgen Landes genügten kaum für eine Küche! -Küchengeräte aber hat uns in Mengen Pompeji erhalten: Eimer und -Kessel und Kannen, Schnellwagen, Schöpflöffel, Schaumlöffel, Löffel -zum Bratenbegießen, Kasserolen, Pfannen zu Spiegeleiern, Durchschläge -u. a. m. Wer im Neapeler Museum war, wird dies in anmutiger Erinnerung -haben.</p> - -<div class="sidenote">Nachwirkung auf die mod. Ernährung. Der Koch u. seine -Hilfsmittel.</div> - -<p>Um nun die Leistungen des Kochs einigermaßen zu würdigen, müssen wir -uns wenigstens dies gegenwärtig halten, daß er erstlich keinen Zucker -hatte; Zucker wurde durchweg mit Honig ersetzt; zweitens, daß er -auch keine Butter verwenden konnte (die „Butter“ des Altertums war -augenscheinlich noch erheblich von der unsrigen verschieden), daß -er vielmehr, wie noch heute in Italien geschieht, feines Öl an ihre -Stelle treten ließ. Das Fleisch wurde übrigens meistens nur in seinem -eigenen Fett gebraten, und dies ist der Grund, weshalb man die Mästung -aller Tiere mit so grausamer Energie betrieb. Ferner fehlt in seinem -Küchenapparat auch die Zitrone<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a>. Sehr verschwenderisch ist er -dagegen mit der Zwiebel; nicht nur Hasen brät er in Zwiebeln, sondern -kocht sogar auch die Spargeln damit.</p> - -<div class="sidenote">Der Koch und seine Wunderleistungen. Der <span class="antiqua">scissor</span>.</div> - -<p>Ein Hauptprinzip des römischen Kochs, dessen Durchführung uns wirklich -mit Bewunderung erfüllen muß, war ferner: jedes Tier kommt womöglich -ganz und unzerlegt aufs Feuer. Vorschriften hierfür erhalten wir -schon aus der Zeit des Aristoteles. Aber dies war ein kostspieliges -Verfahren<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a>. Der Kaiser <em class="gesperrt">Domitian</em> beruft bei Juvenal <span class="antiqua">c.</span> -IV seinen Reichsrat eigens wegen eines enormen Steinbutts, der bei -Ancona gefangen ist; er kostet so viel, daß man auch den Fischer -selbst dafür<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> hätte kaufen können, und der Reichsrat beschließt: „Er -wird nicht zerschnitten, er darf nicht zerschnitten werden: es muß ein -Extratopf gebaut werden.“ Aber auch die Eber wurden so <em class="gesperrt">ganz</em> -gebraten; der Bratspieß glüht, mit dem der Koch das Schwein durchstößt: -so dringt die Glut in alle Teile des Fleisches<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[52]</a>, und so gebraten -wurde es dann in einer Riesenwanne in den Speisesaal getragen. Solche -Schüssel konnte allein 64 Kilogramm wiegen<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a>.</p> - -<p>Genie und Findigkeit konnte der Koch dagegen erst entfalten, wenn er -seine so vortrefflichen Brühen, Farcierungen nach Art unserer Würste -und gar die verschleierten Gerichte bereiten durfte, die, fein gehackt -oder doch in Sauce gelegt, die Neugier erregen und durch scharfe -Würzung überraschen, beispielsweise Schweinenetz mit Trüffeln oder -Hachés von Champignons und anderen Pilzen; die Spanferkel mit Datteln -gestopft; Geflügel mit Oliven gefüllt. Beim Anrichten entfernte er -aber die Füllung wieder, und nur der feine Geschmack blieb davon -zurück. Allein für Hasenbraten und Hasenragout bringt uns Apicius -nicht weniger als dreizehn verschiedene Rezepte; für Schweinefleisch -hatte man fünfzig verschiedene Bereitungsformen. Ein Koch konnte mit -einem Kürbis, den er siebenmal verschieden vorsetzte, ein Daueressen -bereiten, und keiner erkannte, daß es derselbe Kürbis war. Daher prahlt -Trimalchio von dem seinen: „Er macht auf Verlangen aus Schweinseuter -einen Fisch, aus Pökelfleisch eine Taube, aus einem Hüftknochen eine -Henne! Es gibt keinen kostbareren Menschen!“</p> - -<p>Soll ich fortfahren und etwa noch die leckeren Bratwürste rühmen, -mit Piniolen gestopft? die vielerlei Kompotts? das Mandelbrot oder -<span class="antiqua">Marci-pan</span>? Begleiten wir die fertigen Speisen vielmehr in -den Speisesaal. Alle Schüsseln eines Ganges werden vom Diener -jedesmal auf einer großen Platte oder Repositorium, ursprünglich auch -<span class="antiqua">ferculum</span> genannt, auf den Eßtisch gesetzt; hat man zugelangt, -so nimmt er Repositorium und Schüsseln zugleich wieder fort. Diese -gewaltige Setzplatte war aus Silber, so wie alle Schüsseln. In den -vornehmen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Häusern, von denen wir reden, wurde nur Silber gesehen; Glas -mißfiel<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a>. Der bekannte Hildesheimer Silberfund gibt uns Anschauung -von solchen Schüsseln<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a>, und das Service (lat. <span class="antiqua">ministerium</span>) -war somit etwa das Kostspieligste bei einer römischen Mahlzeit. Die -Braten sind auf das geschmackvollste angerichtet und aufgeziert. Bei -Fasanen und Reihern bleibt der Kopf in den Federn. Einige Speisen, -wie die Bratwürste, kommen auf einem zierlichen Feuerbecken noch -quillend und brodelnd auf die Tafel. Auch Statuen aus gebackenem -Teig überraschen das Auge. Pasteten zeigen Muschelform; solche -Pastetenformen sind uns in Pompeji erhalten.</p> - -<p>Am Nebentisch aber entfaltet eine der bedeutendsten Persönlichkeiten -beim Gastmahl seine Tätigkeit; dies ist der <span class="antiqua">scissor</span>, der -Vorschneider. Es wird uns einmal sehr schwungvoll geschildert, wie das -Messer in seiner Rechten saust, er selbst aber die allergraziösesten -Posen einzunehmen weiß und tänzelnd seine höchst verantwortliche -Aufgabe löst: denn er muß jeden Knorpel vermeiden und ausschalten und -darf dabei doch nur ganz winzige Stückchen schneiden, nur Häppchen, -so groß wie ein Mund voll (<span class="antiqua">offa</span>). Daher hieß ein solcher Mann -<span class="antiqua">Carpus</span>, weil er das Fleisch „zerpflückt“. Der berühmteste -Vorschneider Roms aber war Trypherus; er machte Schule, und man übte -sich im Zerlegen an Holzmodellen. Warum aber, fragen wir befremdet -und mit Recht, warum darf Trypherus vom Braten keine großen Scheiben -schneiden, nach denen doch der Ehrgeiz jedes modernen Zerlegers -steht? Warum diese das Auge enttäuschende Zerstückelung des kostbaren -Materials in lauter kleine „Bissen“?</p> - -<div class="sidenote">Essen mit den Fingern. Mundtücher.</div> - -<p>Auf diese Frage lautet die unerbittliche Antwort: weil man mit den -Fingern ißt. Man hatte zum Essen weder Teller noch Gabel, noch Messer. -Man hatte ja auch beim Liegen nur die <em class="gesperrt">eine</em> rechte Hand frei! -Also an Zerschneiden des Fleisches war für den Speisenden selbst gar -nicht zu denken. Einen Zahnstocher hatte man freilich; der aber wurde -nur in den Pausen benutzt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p> - -<p>Irre ich nicht, so hat, wer dies liest, über unseren alten -Tischgenossen sofort den Stab und vielleicht schon mehr als einen -Stab gebrochen. Aber versuchen wir etwas gerecht zu sein, damit wir -den Gegenstand unseres bisherigen Interesses nicht gar mit einem -unbegründeten Unwillen und üblem Nachgeschmack verlassen.</p> - -<p>Wir bedienen uns jetzt sogar für das Spargelessen eines Instrumentes; -wir essen sogar den Fisch nicht mehr mit Hilfe des Brotes. Und ein -so feiner Weltmann wie Kaiser Otho hätte wirklich mit der Hand ins -Frikassee gelangt? Mit der Hand hätte ein Augustus die Rehkotelette -aus der Schüssel geholt? eine Agrippina die Endivien mit den Fingern -zum Munde geführt? Freilich, so ist es. An Kaiser Justinian, der -immer nur wenig aß, fiel auf, daß er das Essen nur mit den äußersten -Fingerspitzen faßte; das heißt eben, die anderen machten es anders. Und -man mußte sich vorsehen; man durfte nicht zu gierig zugreifen, sonst -verbrannte man sich<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a>. Denn das Messer war freilich sehr bekannt, und -wie schön der <span class="antiqua">scissor</span> seine Klinge zu führen verstand, sahen -wir vorhin. Aber man scheint nur gelegentlich darauf verfallen zu -sein, auch einmal jeden der Gäste damit zu bewaffnen; dies sollte eben -späteren, erleuchteteren Zeiten vorbehalten bleiben. Die Eßgabel sodann -war damals überhaupt noch nicht erfunden; es existiert auch gar kein -lateinisches Wort dafür. Denn <span class="antiqua">furca</span> (Forke) ist die Mistgabel. -Und endlich Löffel hatte man zwar; die üblichsten Löffel waren klein; -sie hießen <span class="antiqua">cochlearia</span>; allein sie dienten, wie schon ihr Name -angibt, lediglich für Muscheltiere, daneben auch noch zum Eieressen. -Größere Löffel, <span class="antiqua">ligulae</span>, waren allerdings auch vorhanden; -sie werden aber selten erwähnt und dienten wohl nur zu gewissen -Mehlspeisen<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a>. Vergessen wir nicht, daß das ganze Mittelalter, ja -daß auch noch die so hochgebildete Renaissancezeit nicht viel besser -daran war; auch beim Abendmahl Lionardos und sonstigen Darstellungen -gedeckter Tafeln aus jener Zeit fehlen noch die Eßinstrumente ganz oder -fast<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> ganz, und nur das Salzfaß steht da, das auch auf keinem antiken -Eßtisch fehlte.</p> - -<p>Nun wohl, Fleisch und Gemüse ließen sich schließlich auch mit der -Hand anfassen. Wie aber aß man die Speisen mit Aufguß, die köstlichen -Fischtunken? Man tunkte eben direkt den Finger hinein, und zwar alle -in dasselbe Gefäß; oder aber, wenn man umständlicher sein wollte, so -tunkte man die Brühe mit <em class="gesperrt">Brot</em> auf. Die Folgen, die solcher -Gebrauch der Hand nach sich ziehen mußte, habe ich wohl nicht nötig -auszumalen. Bezeichnend genug, daß einmal <em class="gesperrt">Ovid</em> in seiner <span class="antiqua">Ars -amandi</span> den Mädchen, welche gefallen wollen, unter anderem auch den -Rat gibt, sie sollen sich bemühen, hübsch <em class="gesperrt">sauber</em> zu essen und -sich vor allem nicht mit der fettigen Hand ihr liebliches Angesicht -beschmieren.</p> - -<p>Dies sind schlimme Tatsachen; allein es wäre, wie gesagt, ungerecht, -wollten wir nicht zugleich auch zur Entschuldigung folgendes mit in -Erwägung ziehen.</p> - -<p>Der Reinlichkeitstrieb, durch den sich die klassischen Völker doch -sonst so ganz besonders auszeichnen, hat das Altertum auch in diesem -Falle nicht verlassen können. Man genügte diesem Triebe, so gut es eben -anging, durch eine Reihe von Hilfsmitteln.</p> - -<p>Hinter jedem Gericht wusch man sich allemal aufs neue mit Hilfe -des Pagen die Hände. Was Mund und Angesicht betrifft, so hatte man -zu ihrer Säuberung ganz so wie wir Mundtücher oder Tellertücher, -<span class="antiqua">mappae</span>; sie waren natürlich schon gleich nach <em class="gesperrt">einer</em> -Mahlzeit durchfeuchtet und fettgetränkt und mußten in die Wäsche -oder wurden weggeworfen. Auf dem Armpolster hatte der Schmausende -diese Tücher neben sich liegen, nachdem er sie entweder selbst -mitgebracht oder nachdem der Wirt sie an seine Gäste als Geschenk -ausgeteilt hatte. Servietten waren eines der billigsten und häufigsten -Festgeschenke in jener Zeit. Denn jeder brauchte sie eben täglich -neu. Daher auch die Serviettendiebe, eine ganz besondere, elegante -Abart von Gelegenheitsdieben im Altertum, die auch gerade in der -besseren Gesellschaft sich vorfanden. Offenbar<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> waren die Tücher noch -nicht „gezeichnet“ wie bei uns und luden dazu ein, den Eigentümer zu -wechseln. Eine Verhöhnung des Gastes aber war es, wie Horaz bemerkt, -begreiflicherweise, wenn der Wirt ihm ein schon einmal gebrauchtes -Mundtuch anbot. Dies also der Zweck der Reinlichkeit. Aber dieselben -Tücher ließen sich auch sonst verwenden; man pflegte beim Nachtisch -Näschereien und Konfekt darin einzuwickeln und für die Kinder mit nach -Hause zu nehmen — ganz so, wie es ja auch noch unsere sorglichen -Hausmütter und Hausväter bisweilen tun. Denn sogar auch der Sklave zu -Hause erwartete zum mindesten ein paar Äpfel; sonst empfing er seinen -armen Herrn mit Brummen<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[58]</a>.</p> - -<div class="sidenote">Brot. <span class="antiqua">Analecta.</span> Zwei Bibelstellen erläutert.</div> - -<p>Aber damit noch nicht genug; zur sofortigen Säuberung der doch stets -benetzten Finger standen drittens noch große Massen weichen Brotes -in silbernen Brotkörbchen jedem zur Hand. Oder die Pagen liefen mit -solchen Körben herum und boten an. Unausgesetzt trocknete man sich die -Finger im Brote. Dabei konnte freilich ein anderer Übelstand nicht -wohl ausbleiben: daß die so benutzten Krumen vielfach nieder zur Erde -und auf den Mosaikboden fielen. Aber auch für diesen Mißstand war bis -zu einem gewissen Grade gesorgt. Denn waren nicht etwa Hunde im Saal, -was häufig vorkam, die sich den Fraß nicht entgehen ließen<a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[59]</a>, so -fegte ein Sklave das Nebenhergefallene zwischen jedem Gang mit schönen -Besen aus Myrten oder mit Palmblättern hinaus, oder es kam auch vor, -daß dieser Sklave die ganze Tischzeit aufsammelnd unter dem Tische zu -sitzen hatte! Man nannte das Aufgesammelte die <span class="antiqua">analecta</span>. Aber -vieles blieb auch ruhig liegen. Ein herrlicher mosaizierter Fußboden, -der aus einem antiken Eßsaal in Rom selbst stammt, ist erhalten und -in Rom im Lateran aufgestellt<a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[60]</a>; in diesem Mosaikwerk sind auf -das naturgetreueste und ergötzlichste die <span class="antiqua">analecta</span> selbst -dargestellt, wie sie bei einem antiken Gastgelage tatsächlich auf dem -Boden herumlagen: Fischgräten, Krebsbeine, abgenagte Weintrauben, -Muscheln und Nußschalen, Salatblätter, ein Hahnenfuß, sogar ein -regelrechtes<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> „Ziehbein“. Ein klassischer Realismus! Wir möchten uns -bücken, um es aufzulesen, und haben den Eindruck, als hätte das Essen -erst gestern stattgefunden.</p> - -<p>Ich will hier nicht unerwähnt lassen, daß auch zwei allen sehr -wohlbekannte Stellen unseres biblischen Textes durch das zum Schluß -Vorgetragene erst ihre nähere Erläuterung erhalten. Die Brosamen, -die von des Herrn Tische fallen, von denen das Gespräch mit dem -kananäischen Weibe redet, sie sind eben jene Brosamen, welche wir -soeben die Hunde oder den Sklaven unter dem Tisch auflesen sahen; -es sind die Analekta der antiken Gastgelage. Und wenn Jesus beim -Ostermahle eigentümlicherweise den Judas Ischarioth als seinen -Verräter mit den Worten bezeichnet: „Der mit mir die Hand in die -Schüssel taucht, der wird mich verraten,“ so wird dies gemeinsame -In-die-Schüssel-tauchen der Hände eben nur durch das Fehlen des Löffels -bei den Mahlzeiten der alten Völker verständlich, über das wir geredet -haben.</p> - -<div class="sidenote">Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß.</div> - -<p>Wir haben nunmehr hinlänglich gesehen, sowohl was die Alten bei -ihren Gastmählern aßen als auch wie sie es aßen. Was die ästhetische -Beurteilung betrifft, so muß ich befürchten, daß alle sonstigen -Vorzüge die zuletzt festgestellten Mängel in unserer Vorstellung nicht -auszulöschen vermögen, weder Rosenflor noch Silbergeschirr, noch -Tafelmusik, noch die geistreichste und gebildetste Tischunterhaltung. -Fassen wir sodann aber den römischen Tafelluxus als solchen ins Auge, -so hat er, so reich und so fein durchgebildet er auch war, doch den -Tafelluxus unserer Neuzeit, wie er in den großen Hauptstädten und -Kulturzentren Europas oder Amerikas im Schwange ist, gewiß in keiner -Beziehung übertroffen, und wir werden anstehen, eine Meinung zu teilen, -die aus ungenügender Kenntnisnahme der Tatsachen sich herleitet, als -zählten für den Untergang der römischen Kultur die Schmausereien und -Schlemmereien der Vornehmen mit zu den wesentlichen Ursachen. Daß der -Koch in Rom sein Geschäft verstand oder daß durch den lebhaften Handel -die schöneren auswärtigen Erzeugnisse auf die<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Tafel kamen, kann doch, -wie sehr auch darüber die zeitgenössischen Stoiker, ein Plinius oder -Seneca, sich ereifern, bei unbefangener Betrachtung nur als Vorteil -gelten. Wer macht es einer Familie des deutschen Mittelstandes zum -Vorwurf, daß sie zu einem gewöhnlichen Frühstück ostindischen Tee -nimmt, westindischen Zucker und englischen Käse, vielleicht sogar ein -Gläschen spanischen Wein und ein Brötchen mit russischem Kaviar? Nur -wenn Deutschland wie eine Festung vom Feinde zerniert ist, müssen wir -uns all dies grollend versagen. Roms Herrlichkeit ist an ganz anderen -sittlichen und sozialen Schäden zugrunde gegangen. Wenn je die frugalen -Ostasiaten es dahin bringen sollten, unsere moderne europäische Kultur -zu überwinden, so wird man doch auch hoffentlich dafür nicht die -gute Küche als wesentliche Ursache betrachten, durch die gerade das -tüchtigste Bürgertum bei uns (man denke an Hamburg) sich hervortut.</p> - -<p>Es ist inzwischen 8 Uhr geworden. Das Gastmahl, von dem ich geredet -habe, ist zu Ende, und die Zecherei, die <span class="antiqua">comissatio</span>, das -Symposion, hat schon begonnen, das sich unmittelbar anschließt. -Die Herren haben Kränze aufgesetzt, und es ist schon so lustig, -so ausgelassen an der Tafel, daß die Frau des Hauses, die den -Nachtisch noch mitgenoß, sich taktvoll entfernt hat. Es dürfte für -uns geraten sein, es ihr nachzutun. Freilich werden wir dann in den -so mannigfaltigen griechischen Trinkkomment mit all seinen lustigen -Kniffen und Pflichtleistungen nicht eingeweiht — denn ein Präside oder -Thaliarch fehlt nicht —, und es entgeht uns die so wünschenswerte -gründliche Kenntnisnahme der griechisch-römischen Weine und der Bowlen! -Denn auch diese verstand man für die Symposien zu brauen: Bowlen -von Pfirsich, Bowlen von Aloe, Ysop, Salbei, Bowlen von Narde, von -ätherischen Ölen, unter denen aber wohl doch die Veilchenbowle die -denkwürdigste sein dürfte. Ihr Rezept steht bei Apicius. Die Veilchen -mußten sieben Tage im Wein ziehen; dann kam der Honig hinzu, und sie -war trinkbar.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p> - -<p>Die Mehrzahl unserer Trinklustigen wird übrigens gewiß schon vor -Mitternacht sich im Bette befinden. Denn sie sollen ja schon vor 6 Uhr -wieder aufstehen<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[61]</a>. Auch die schlechten Leuchtkörper trugen dazu bei, -daß man früh Schluß machte<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[62]</a>. Möge ihnen denn das Gastmahl allseitig -gut bekommen sein, möge auch das Räuschchen, das doch nicht leicht -ausbleibt, schon um das erste Morgengrauen wie ein Traum verfliegen, -und möge insbesondere der Wirt und Gastgeber, der für seine Gäste so -viel getan hat, nach seinem Fest am anderen Morgen sich selbst so -aufgeräumt wiederfinden wie seinen Speisesaal, in dem die Hausdiener -in der Frühe sogleich mit Besen, Schwämmen und Tüchern jede Spur des -Vorgefallenen zu vertilgen wissen.</p> - -<div class="figcenter illowe3" id="sternchen"> - <img class="w100" src="images/sternchen.png" alt="3 Sternchen"> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Auf_der_roemischen_Heerstrasse">Auf der römischen Heerstraße.</h2> - -</div> - -<p>Je größer die Welt, je mehr wächst das Bedürfnis nach Annäherung, -je erfinderischer sinnt der Geist auf Mittel, die den Menschen zum -Menschen führen. Heute hat der Verkehr mit seinen Spinnenbeinen den -ganzen runden Erdball wie eine eingefangene Fliege umfaßt. Die Erde -schrumpft unter ihm zusammen. Jeden Tag hat man — in Friedenszeiten — -in Berlin die Kursnotierungen der New Yorker Börse: Das Kabel tut’s. -Die englischen Stahlwaren wollen von Liverpool rasch nach Japan; der -Panamakanal muß sie hindurchlassen. Die Kohlenindustrie ist es, die -das alles bewirkte; sie hat durch ihre Gaben die Welt verkleinert: -Schnelldampfer, Eilzüge, Autos, drahtlose Telegraphie, Fernsprecher -— welche Fülle der Bewegung, der Mitteilungsmöglichkeiten; dazu -die Radler, die Flieger. Wer als altmodischer Fußgänger über die -Landstraße trollt, begegnet kaum noch ab und an einem Bauernwagen -mit trabenden Gäulen und nickender Peitsche; auch der zweispännige -Doktorwagen fehlt. Auf dem Rad fliegt der Arzt in die Dörfer hinaus, -fliegt sogar der Pfarrer mit wehendem Rock auf seine Filiale. Dieselbe -Straße führt mich am Bahnkörper entlang; plötzlich tönen Signale, tönt -gleichzeitig das Huphup. Ein Automobil jagt ratternd hinter mir auf, -in Wettfahrt mit dem donnernden Expreßzug zur Rechten; überrascht -schaue ich nach oben; denn auch über mir lärmt es. Ein Luftschiff -ist’s; es schießt in gleicher Richtung um die Wette. Da sind schon alle -drei verschwunden. Wer von ihnen ist zuerst am Ziel? Der Mensch sitzt -still, die Maschine rennt sich außer Atem. Ganze Bevölkerungsmassen -hebt sie so über Ströme und Gebirge dahin, von Ozean zu Ozean. Der -Wandersmann hemmt seinen Schritt, versonnen, an seinen Stecken gelehnt; -auch er beginnt plötzlich zu fliegen, aber nur sein Gedanke ist es, -der fliegt; die Gegenwart versinkt, der Gedanke trägt ihn im Nu in -die fernsten Vergangenheiten. So mich, und den Leser mit mir. Denn -nichts ist reizvoller als das Vergleichen. Dereinst hat die Kultur<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> -der Griechen und Römer ohne alle Kohlenindustrie ihre vielbewunderte -Höhe erklommen, und schon das römische Kaiserreich hat die ganze -damalige gebildete Menschheit und eine Fülle von Nationen zu einer -großen Verkehrseinheit zusammengefaßt. Die antike Heerstraße taucht -vor uns auf, der Falernerwein und sein Versand, die Depeschenboten -des Senats, der Vergnügungsreisende, der es in Rom nicht aushält, der -Apostel Paulus, dessen Wirken ohne angemessene Beförderungsmittel -nicht denkbar war. Wenn Paulus Briefe schrieb, so mußten sie auch -befördert werden; wenn er von Jerusalem nach Korinth und Rom wollte, so -mußte ein Passagierschiff ihn mitnehmen. Hat das antike Verkehrswesen -seinen Aufgaben genügt? und läßt es sich mit dem heutigen annähernd -vergleichen<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[63]</a>?</p> - -<div class="figcenter illowe50" id="tafel4"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 4</div> - <img class="w100" src="images/tafel4.jpg" alt=""> - <div class="caption">Weintransport, Wandbild aus Pompeii.<br> - <span class="s5">(Neapel, Museo nazionale.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel4_gross.jpg" - id="tafel4_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<div class="sidenote">Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens.</div> - -<p>Wir betreten die sonnigen Länder des Mittelländischen Meeres. Da fehlt -jede Hast; alles atmet die Ruhe des Südens, der Antike. Die Affekte -der Menschen sind lebhaft und heiß, der Arbeitstrieb dagegen ist -gemächlich und liebt das Ausruhen. Die Straße belebt das Maultier, -das Ochsengespann, und am Lastkarren kreischen die Räder, die schwere -Radscheiben sind, wie man sie jetzt noch in der Türkei hat. Dies unser -erster Eindruck. Daß wir heute die Lokomotive lateinisch benennen, -ist ein närrischer Umstand; ebenso ist Veloziped lateinisch. Aber -modernes Latein; der Römer kannte diese Wörter nicht. Wohl aber ist -das „<span class="antiqua">cito</span>“, das wir früher auf unsere Eilbriefe setzten, -römisches Erbe; lateinisch auch der „Kurs“ unserer Kursbücher und die -„Stationen“. Sobald aber die physikalische Wissenschaft eingreift und -ihre Erfindungen bringt, stellt sich das Griechisch ein. Mit „Auto“ -bezeichnen wir, was immer sich automatisch bewegt. Auch „elektrisch“ -ist griechisch, griechisch „Telephon“ und „Telegraph“; die Doppelsilbe -„Tele“ bedeutet uns alle Fernwirkung ins Endliche und Unendliche, und -es ist darum zu verwundern, daß wir unser Geschütz Mörser und Kanone -und nicht lieber „Telemach“ nennen. Denn Telemach, des erfinderischen -Odysseus Sohn, ist eben der aus der Entfernung Kämpfende.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> - -<p>Das alte Griechenland war freilich viel zu winzig, um selbst praktisch -vorzugehen. Denn in zwei Tagen lief ein Läufer von Hauptstadt zu -Hauptstadt, von Athen nach Sparta<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[64]</a>. Was wollte man mehr? Wozu erst -durch das wilde arkadische Gebirge Straßen schlagen? Auf der felsigen -Insel Rhodos fuhr überhaupt nie ein Wagen<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[65]</a>. Der Schnelläufer (der -Hemerodrom) war Griechenlands Ruhm, und er genügte. Wohl aber hat uns -Griechenland die Ideale geliefert: es ersann den Botengott Merkur, der -mit dem Stab und auf dem Flügelschuh durch die Luft springt. Darum -schmückt Merkurs Gestalt noch heute bei uns tausend Bahnhöfe. Er ist -der intelligente Bote, und alle Meldung richtet er nur mündlich aus. -Anders die Göttin Iris, die die Briefpost vertritt. Wie der Regenbogen -schnellt Iris durch den Äther, aber der Gottvater Zeus traut ihrem -Gedächtnis nicht und gibt ihr seinen Auftrag oft schriftlich in die -Hand: Himmelsbriefe, die jedem Sterblichen sein Schicksal, Freudiges -und Trauriges, bringen<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[66]</a>. So ist es mit den Briefen auch noch heute.</p> - -<div class="sidenote">Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms.</div> - -<p>Nicht Hellas, sondern das große Perserreich des Darius hat dereinst -vorbildlich das Straßenwesen und Nachrichtenwesen entwickelt. Im -Buch Esther lesen wir vom bösen König Ahasver, der dort von Indien -bis zum Mohrenland herrscht. Der König erhebt sich im Grimm und -schickt an einem Tage an alle seine „hundertsiebenundzwanzig Länder“ -Boten mit dem schriftlichen Erlaß der Judenverfolgung; jeder Erlaß -in anderer Landessprache. Da sehen wir, so kurz die Worte sind, die -große staatliche Organisation des Meldewesens, das damals über Persien -und die ganze Türkei ausgriff, vor Augen. Daher auch die persischen -„Parasangen“, die Meilenmessung der Straßen, und die „Angaren“ -(berittene Eilboten), von denen der alte Herodot uns redet. Die -Karthager waren die Schüler der Perser und haben dann alles dies in -ihrem nordafrikanischen Landbesitz früh nachgeahmt. Die raschen Züge -und Ritte Hannibals und anderer punischen Führer setzten unbedingt -einen hochentwickelten Straßenbau voraus. Das straßenlose<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Meer dagegen -haben die Griechen, diese echtesten Seeleute, im Wettbewerb mit den -Phöniziern, erschlossen, das Meer, das für den Schwimmer selbst Straße -ist. Wundervoll schön und reich entwickelt war die schlanke Triëre, das -griechische Kampfschiff, das wie ein Tausendfüßler auf seinen Rudern -daherschoß; nützlicher das Frachtschiff, das in der Größe unserer -Briggs und Schoner mit hohen Segeln und starken Masten sich in die -Wogen legte und in langen Karawanen durch die Wasserwüste Poseidons -zog, um Gefäße und Metallwaren, Korn und Wein, Baumaterial und tausend -Rohstoffe und Industriewaren im Austausch von den Mutterstädten in die -fernen Kolonien zu tragen.</p> - -<p>Wie anders das Römervolk! Ein wasserscheues Bauernvolk war es von -Haus aus, träge und bis zum Stumpfsinn unbeweglich, und hat erst -spät, erst als das Bedürfnis dringend wurde, all jene Dinge dem -regsamen Ausland abgelernt. Die Zeit der lokalen Kleinkriege war -vorüber; die Verhältnisse zwangen plötzlich zu großen Leistungen, und -sogleich half den Römern die griechische Intelligenz. Die griechischen -Techniker machten alsdann alles. Der herrische Römer ließ andere für -sich arbeiten, aber er wußte treffsicher mit politischem Weitblick -und Scharfblick die Ziele zu setzen. Charakteristisch ist, daß der -Eigenname „Cursor“, der „Läufer“, nur an einer römischen Familie, der -Papirier, haftete. Vom Papirius Cursor redet uns der Historiker Livius. -Der haltungsvolle Römer lief sonst nicht gern; der alte Papirius fiel -durch seine Schnellfüßigkeit auf<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[67]</a>.</p> - -<div class="sidenote">Stadtklatsch. Ausrufer. Maueranschläge. Brieftafel.</div> - -<p>Die Hügelstadt Rom selbst besaß in ihrem Inneren nur wenige fahrbare -Straßen wie die „<span class="antiqua">via lata</span>“, auf denen die Transporte in die -Stadt per Achse kamen (die „<span class="antiqua">sacra via</span>“ war Prozessionsstraße). -Man schritt und kletterte sonst nur durch schmale Gassen (<span class="antiqua">clivi</span> -und <span class="antiqua">vici</span>), die man darum zusammenfassend „Gänge“, <span class="antiqua">itinera</span> -(von <span class="antiqua">ire</span>), nannte. Aus Gängenvierteln und einigen Marktplätzen -bestand die Stadt. Die müßige Menge sammelte sich, wie es noch -heute im Süden<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> ist, an gewissen Standorten, und sie war nun auch -ihr eigener Bote und Berichterstatter; geschah etwas Neues, so -rauschte es in der Stadt gleich von Mund zu Mund. Wenn die Senatoren -beraten, staut vor der Sitzungshalle sich die Menge und lärmt so -lange, bis jemand notgedrungen heraustritt und die Neugier vorläufig -befriedigt. Heulender Protest erhebt sich, wenn ein mißliebiges Edikt -herauskommt<a id="FNAnker_68" href="#Fussnote_68" class="fnanchor">[68]</a>. Ein Gesetz gegen den Frauenluxus soll es geben; -der strenge Cato ist am Werk: da rotten sich die Weiber, die davon -hören, an allen Kreuzpunkten, umstellen geradezu das Forum, so daß -ihnen kein Mannsbild entgeht, und bearbeiten sämtliche Stimmfähigen, -damit der böse Antrag zu Fall kommt<a id="FNAnker_69" href="#Fussnote_69" class="fnanchor">[69]</a>. Agitation und Klatsch: das -ist römisches Straßenleben. Es verlautet, daß ein gewisser Rutilus -gestern ein glänzendes Essen gegeben hat, und Rutilus ist doch so arm! -Gleich wissen das alle Müßigen, und das Räsonnieren geht los, in den -Tempelvorhallen, in den Thermen und Friseurbuden<a id="FNAnker_70" href="#Fussnote_70" class="fnanchor">[70]</a>.</p> - -<p>Aber auch das Ausrufen ersetzte die Meldung. Das Kalenderwesen war -schwierig; das Publikum mußte wissen, wie in jedem Monat gewisse -Termine lagen; an jedem Ersten erschien auf dem Kapitol ein Priester -(<span class="antiqua">pontifex</span>) und rief den Eintritt der „Nonen“ aus<a id="FNAnker_71" href="#Fussnote_71" class="fnanchor">[71]</a>. Dazu nun -die Ausrufer von Beruf, die die Stadt bezahlte, jene altmodischen -Figuren, die wir auch in unseren deutschen Kleinstädten noch vor etwa -50 Jahren an den Straßenecken regelmäßig tätig sahen, als Ersatz -für Tageblatt und Lokalanzeiger. In Rom fehlte ihnen die Schelle; -sie hatten nur ihr dröhnendes Organ und verkündeten nicht allein -lautschallend die Angebote bei den Auktionen, sondern auch Wichtigeres: -„Morgen, ihr Bürger, die feierliche Beisetzung des großen Aemilius -Paulus, der den König von Mazedonien besiegte; als Leichenspiel wird -eine Fabel des Terenz gespielt;“ oder: „Die Gladiatoren aus Capua sind -da; morgen wird das Forum für sie mit Sand bestreut.“ Auf demselben -Forum Roms, diesem Zentrum der Weltgeschichte, finden die Herren -Senatoren sich natürlich täglich zusammen;<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Cicero steht da plaudernd -mit Pompejus und Lukull, macht seine Witze und freut sich, wenn Lukull -ihn freundlich zu Tisch einladet: da fährt der Ausrufer dazwischen und -schreit: „Die Sitzung geht an!“ und die Herren schieben sich in die -Kurie, um über die Eroberung Galliens oder über die Schulden des jungen -Königs von Ägypten zu beraten.</p> - -<p>Aber auch das schriftliche Verfahren bestand. Durch Anschrift an den -Mauerwänden wurden die neuen amtlichen Verfügungen bekanntgegeben. So, -wie heute der Landrat im „Blättchen“ seinen Kreis zur Feststellung -der Menge des vorhandenen Schlachtviehes auffordert oder mitteilt, -daß die Blutlaus den Obstbau schädigt und daß von ihrem Auftreten der -Behörde sofort Anzeige zu machen ist, so las das Publikum damals im -Maueranschlag das neue Korngesetz oder den Wehrbeitrag, den der Bürger -fortan zu zahlen hatte. Am Schluß des Jahres gab es in gleicher Form -ein Verzeichnis aller wichtigen Jahresereignisse, von den Schlachten -an, die der Römer wieder einmal gewonnen hatte, bis zum fünfbeinigen -Kalb, das irgendwo auf dem Lande geboren war, und jeder konnte sich -Abschrift nehmen von dem, was ihn anging. Proskriptionen hießen solche -öffentlichen Maueranschläge. Als Sulla seine Menschenhetze eröffnete, -gab er in derselben Weise die Namen seiner Opfer vorher in allen -Straßen Roms bekannt, am ersten Tage 80 Namen; an den folgenden ging es -in die Hunderte. Dadurch sind die unschuldigen Proskriptionen zu einem -Wort des Schreckens geworden; es waren „Anschläge“, die der Tyrann auf -das Leben seiner Mitbürger machte.</p> - -<div class="sidenote">Archive. Die ersten Straßen. Telegraphie. Meldedienst.</div> - -<p>So gab es im städtischen Verkehr viel zu lesen. Aber man las und -schrieb natürlich noch viel mehr. Persönliche Grüße und Wünsche -kreidete man den Freunden und Freundinnen an ihre Tür oder auf -den Türpfosten, oder auch der Sklave kam mit einer schriftlichen -Ausrichtung ins Haus und ersuchte, die Antwort gleich wieder mitnehmen -zu dürfen. Die Wachstafel war eine hochwichtige Sache, und man hatte -sie immer zur<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Hand; der Diener, ohne den niemand ausging, hielt sie -bereit. Alles das Schreibwerk war rasch vergänglich, unendlich viel -bedeutsamer dagegen die Gotteshäuser, ich meine die Außenwände der -Tempel. Da waren in monumentalen Bronzetafeln wie für die Ewigkeit alle -wichtigsten Dokumente, die Staatsgesetze, die Bündnisverträge Roms mit -auswärtigen Völkern befestigt und aufgehängt. Solche Tafeln sah man zu -Tausenden. Bei dem Tempelbrand auf dem Kapitol des Jahres 69 n. Chr. -gingen allein 3000 zugrunde<a id="FNAnker_72" href="#Fussnote_72" class="fnanchor">[72]</a>.</p> - -<p>Soweit die enge Hauptstadt selbst. Sobald aber die treibenden -Lebensinteressen über die Stadtmauern hinausreichen, da wird die -Landstraße nötig und der Überlandbote oder Kurier. In dem Bauernland -Italien gab es zunächst nur ungepflegte Kommunalstraßen und Feldwege -oder Vicinalwege, die durch das Ackerland von Dorf zu Dorf führten -und die der Anwohner in Ordnung hielt<a id="FNAnker_73" href="#Fussnote_73" class="fnanchor">[73]</a>, und damit hat sich das -siegreiche Rom 400 Jahre lang begnügt. Erst nachdem es das Umland -Neapels, das schöne Kampanien, erobert hatte, führt Rom im Jahre 312 -v. Chr. die erste festgedämmte Chaussee, die unter staatlicher Aufsicht -stand, die berühmte Via Appia, südwärts bis nach Capua. Erst in den -Jahren 241 und 220 kommen dann die Via Aurelia und Flaminia hinzu, -die beide nordwärts nur bis Pisa und Rimini reichen. Hannibal, der im -Jahre 218 in Italien einrückte, konnte diese Straßen schon benutzen. -Sonst blieb der Römer auch noch im Hannibalkriege mit seinen zahllosen -Marschanforderungen ganz auf die dörflichen Fahrwege alten Stils -angewiesen.</p> - -<p>Ebenso unausgebildet aber, bis zum Stumpfsinn, war damals auch noch das -Nachrichtenwesen, der militärische Meldedienst. Meldungen mit Fanalen, -mit Leuchtfeuern sind völlig oder fast völlig unbekannt; auch die -Taubenpost hat der Römer nie ausgebildet, obwohl doch die Tauben schon -damals, wie heute in Venedig, Heuschreckenschwärmen gleich, um alle -Dächer flogen. Im 2. Jahrhundert v. Chr. erfand der geniale griechische -Historiker Polybius im Dienste des ersten Feldherrn der<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Zeit, des -jüngeren Scipio Africanus, die eigentliche Telegraphie im heutigen -Wortsinn. Wir kennen das telegraphische System des Polyb genau; es war -eine wirkliche Vorwegnahme unserer Morsetelegraphie; aber es blieb auf -dem Papier stehen und ist nie zur Anwendung gekommen, und 2000 Jahre -haben vergehen müssen, bis es in neuer Form wieder auferstand. Der -genannte große Feldherr winkte einfach ab. Solche Sache war für den -grobsinnigen Römergeist zu fein und kompliziert; man wäre dadurch, wo -es sich oft um Geheimmeldungen handelte, zu sehr in Abhängigkeit vom -dienenden griechischen Personal geraten; denn die Griechen hätten den -technischen Apparat auf alle Fälle bedienen müssen.</p> - -<p>Wie tropfenweise und spät die politischen Nachrichten damals noch in -der Hauptstadt eingingen, zeigt uns des Livius Geschichtserzählung<a id="FNAnker_74" href="#Fussnote_74" class="fnanchor">[74]</a>. -Wir sehen dabei, wie aus dem Luftschiff, von oben in die Stadt Rom -hinein. Hannibal hat soeben am Trasimenischen See gesiegt. Ein -einzelner Bote taucht in Rom auf mit der vagen Nachricht, und der -Schreck, der entsteht, ist grenzenlos. Das Volk staut sich auf -dem Markt; die Matronen irren in Scharen durch die Gassen. Ein -endloses Fragen den ganzen Tag. Niemand weiß etwas. Man ruft nach -den Magistraten, die sich verstecken. So ist es ja immer, daß die -Regierungen Unglücksnachrichten unterdrücken wollen. Endlich, als es -Abend wird, tritt wirklich der Praetor Pomponius heraus und bekennt -wortkarg: „Wir sind in einer großen Schlacht besiegt.“ Bestimmtes -weiß auch er noch nicht; aber das Gerücht geht um: „ein Konsul ist -tot; zahllos die Gefallenen.“ Jeder bangt um seine Söhne. Indes -vergehen noch mehrere Tage; die Weiber postieren sich in Haufen an den -Stadttoren auf, um den ersten Flüchtling, den ersten Boten abzufangen. -Es hat also tagelang, trotz der Nähe des Schlachtfeldes, an Eilboten, -die der Staatsbehörde die offizielle Meldung brachten, gefehlt: bis -endlich wirklich die Erwarteten kommen, und das endlose Ausfragen -beginnt. Natürlich fehlen dann auch Ohnmachten und Schlaganfälle nicht. -In den Armen ihres<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Sohnes verscheidet eine Römerin; eine andere rührt -der Schlag infolge einer Falschmeldung.</p> - -<div class="sidenote">Gesandtschaften. Eilmärsche. Ausbildung des Straßenwesens.</div> - -<p>Nicht besser die Beweglichkeit der damaligen Diplomatie im Ausland. -Hannibal belagert Sagunt in Spanien; eine römische Gesandtschaft -sucht ihn dort auf, um dagegen Protest zu erheben. Hannibal läßt sie -gar nicht vor. Da machen sich die römischen Herren nach Karthago -selbst auf, um dort gegen ihn zu wühlen, denn Hannibal hat in seiner -Vaterstadt zahlreiche Feinde. Aber Hannibal selbst schickt gleich -seine Eilboten, die viel schneller sind, dorthin, und als die Römer -in Karthago glücklich anlangen, ist Rat und Bürgerschaft schon völlig -in Hannibals Sinn bearbeitet<a id="FNAnker_75" href="#Fussnote_75" class="fnanchor">[75]</a>. Bald danach setzt Hannibal über den -Ebro und will, um Rom anzugreifen, durch Südfrankreich, durch das -gallische Land. Da kommen, um das zu verhindern, römische Gesandte zu -den Galliern und fordern: die Gallier sollen das punische Heer nicht -durchlassen. Schallendes Gelächter empfängt sie. „Ihr kommt zu spät,“ -heißt es, „Hannibals Gesandte waren schon längst hier; der Vertrag ist -mit ihm längst geschlossen, der Durchzug gewährt<a id="FNAnker_76" href="#Fussnote_76" class="fnanchor">[76]</a>.“ Protzig und -träge, das war das altrömische Wesen. Die Barbaren lachten mit Recht.</p> - -<p>Aber so blieb es nicht. Eben jetzt lernte der Römer in der höchsten -Not vom Feinde. Hamilkar hieß der „Blitz“, er hieß Hamilkar „Barkas“; -Hannibal, sein Sohn, war so blitzschnell wie er. In Scipio Africanus, -dem älteren, aber erstand dem Hannibal ein großer Nachahmer, und durch -ihn veränderte sich alles. Auch dieser Scipio hieß „der Blitz“<a id="FNAnker_77" href="#Fussnote_77" class="fnanchor">[77]</a>. -Von da an beginnen die oft erstaunlichen römischen Rapidmärsche im -Felde. Für den normalen Tagesmarsch setzt Vegetius in seiner Schrift -über das Heerwesen 30 <span class="antiqua">km</span> an<a id="FNAnker_78" href="#Fussnote_78" class="fnanchor">[78]</a>. Scipio aber zog damals vom Ebro -nach Cartagena in Spanien in 7 Tagen, also täglich 60 <span class="antiqua">km</span><a id="FNAnker_79" href="#Fussnote_79" class="fnanchor">[79]</a>. -Darf man auch solche Angaben nicht allzu genau nehmen, auf alle Fälle -ist die erstaunliche Schnelligkeit der Bewegung fortan ein Vorzug -vieler römischer Feldherren; ich nenne Lukull, Caesar, Trajan, wobei -der Zweck ist, den unfertigen<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Gegner zu überraschen, wie es Hannibal -tat. Gewiß hat dies Caesar von Lukull gelernt. Wichtig war auch das -Pferdematerial. Erst seit Spanien erobert war, hatte man auch gute -Pferde, und das schnelle Reiten begann, die berittenen Eilboten oder -Staffetten (<span class="antiqua">equites citati</span>)<a id="FNAnker_80" href="#Fussnote_80" class="fnanchor">[80]</a>.</p> - -<p>Seit jener Zeit gestaltete sich nun alles anders. Bald war ganz -Italien mit musterhaften, chaussierten Heerstraßen versehen, und in -ihrem Dienst entwickelte sich der Brückenbau, der Tunnelbau. Unter -den Kaisern aber durchschnitten sie zielbewußt weitausholend und -verhundertfacht die ganze damalige Welt, und es gab für den Reisenden -direkte, durchgehende Verbindung von Rom nach Marseille, Lyon, Paris; -von Marseille nach Toledo; von Rom nach Wien; großartig vor allem die -Straße, die von Lyon über Straßburg, Ulm, Regensburg, Wien, immer die -Donau entlang, direkt bis zur Donaumündung, bis zur Dobrudscha lief. -Sie verband den Abend mit dem Morgen, Spanien mit dem Schwarzen Meer, -und das gab Anschluß bis zum Euphrat. Es gemahnt an unsere Bagdadbahn. -Noch in Napoleons Ära hat das moderne Europa diesem Straßenwesen nichts -annähernd Gleichwertiges zur Seite zu stellen gehabt; ich meine jene -harmlosen Zeiten der Stellwagen und Kutschen, in denen unsere Vorväter, -Chodowieckis Zeitgenossen, mit Brezeln und Koteletts und anderen -Lebensmitteln für volle acht Tage sich verproviantierten, um von Berlin -nach Wien zu kommen, und dabei auf den tiefen Sandwegen im fliegenden -Staub erstickten oder im Morast versanken, der bis zum Kutschbock -hochspritzte.</p> - -<div class="sidenote">Gallisches Fuhrwesen. Das Heer a. d. Marsch. Train. -Kauffahrer.</div> - -<p>Aber, merkwürdig genug, das Fuhrwesen hat wiederum der Römer nicht -selbst ausgebildet. Das Schiffahrtswesen nahm er von den Griechen, -die Straßenbautechnik von den Puniern und Griechen, das Fuhrwesen -von den gallischen Barbaren. Der Römer hat zur Bezeichnung des -Wagens selbst nur wenige Worte zur Verfügung. Die Gallier saßen in -der norditalienischen Ebene um Mailand, und von ihnen übernahm man -die verschiedensten und brauchbarsten Wagenformen, vor allem den<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> -Reisewagen (<span class="antiqua">raeda</span>) und das Kabriolett (<span class="antiqua">cisium</span>). Sogar -in Smyrna, in Kleinasien, fuhr man damit<a id="FNAnker_81" href="#Fussnote_81" class="fnanchor">[81]</a>. Auch die gallischen -Maultiere (<span class="antiqua">mulae Gallicae</span>) hatten als Bespannung den Vorzug<a id="FNAnker_82" href="#Fussnote_82" class="fnanchor">[82]</a>. -Im Jahre 222 v. Chr. wurde Nord-Italien endgültig römischer Besitz; -aber das gallische Fuhr- und Spediteurwesen bleibt dort seßhaft noch -in Caesars Zeiten. Damals verhöhnte Vergil den Spediteur Sabinus in -Cremona. Vor allem aber ist jener Ventidius Bassus berühmt, der das -ganze Transportwesen für Caesars große Kriege in der Hand hatte: ein -Emporkömmling bäurischer Herkunft aus der Gegend zwischen Venedig -und Ancona, der sich schon als junger Kerl betriebsam auf den -Dörfern Maultiere und Wagen zusammengekauft hatte. Bald wurde sein -Speditionsgeschäft bekannt; die römischen Herren mieteten seine Wagen, -und so kam er schließlich auch zu Caesar in Beziehung. Da ging der -Betrieb gleich ins Kolossale; Ventidius wurde der größte Kutscher der -Weltgeschichte; er wurde kraft seiner Leistungen sogar Senator, Konsul, -wenn schon er wohl immer noch nach dem Stalle roch. Man begreift das -Entsetzen der gebildeten Welt.</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Herbei, ihr Vogel- und Eingeweideschauer Roms:</div> - <div class="verse indent0">hier ist ein neu Mirakel, wie ihr noch keins geschaut.</div> - <div class="verse indent0">Der Maultierstriegler von Beruf ist Konsul jetzt!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="p0">Diese Verse las man damals an den Straßenmauern Roms<a id="FNAnker_83" href="#Fussnote_83" class="fnanchor">[83]</a>.</p> - -<p>Die berühmten römischen Fahrstraßen hießen „<span class="antiqua">viae</span>“, und -„<span class="antiqua">viae</span>“ kommt von „<span class="antiqua">vehere</span>“, „fahren“, her. Wegen des -Fahrens die feste Dämmung. Kein Wagen konnte da einsinken. Gleichwohl -sind sie Militärstraßen gewesen und im Dienst des Krieges entstanden; -aber die Truppen wurden natürlich nie per Achse befördert<a id="FNAnker_84" href="#Fussnote_84" class="fnanchor">[84]</a>. Sie -marschierten nur, und auf dem harten Basaltpflaster der Militärstraßen -marschierte es sich gewiß nicht gut. Sogar die Offiziere, sogar die -Höchstkommandierenden hielten oft mit Schritt. Sie fuhren nicht, aber -sie ritten auch nicht. So, zu Fuß, ist Marius von Rom aus gegen die -Teutonen ausgezogen, hat Caesar z. T. Frankreich durchmessen. Es war -ein Ruhm des Feldherrn, wenn er dasselbe<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> leistete wie der geringste -Mann. Nicht anders Trajan in Dacien<a id="FNAnker_85" href="#Fussnote_85" class="fnanchor">[85]</a>. Mark Aurel war freilich dazu -zu schwächlich, als er durch Siebenbürgen bis nach Böhmen vordrang; -daher sein Reiterstandbild. Er mußte reiten. Nicht also für die -Truppen selbst, sondern vielmehr für den Wagentroß, der dem Heere -folgte, waren jene Militärstraßen chaussiert. Ließen die Soldaten den -Train hinter sich, so hießen sie <span class="antiqua">expediti</span>, „die da fußfrei -einhergehen“; so konnten sie wesentlich rascher und auch auf schlechten -Wegen vorankommen; und davon hat die „Expedition“ ihren Namen, die -ursprünglich die kurzfristige Unternehmung ohne hemmenden Troß bedeutet -hat<a id="FNAnker_86" href="#Fussnote_86" class="fnanchor">[86]</a>. Gleichwohl war ein Feldzug ohne Train (<span class="antiqua">commeatus</span>), ohne -Beigabe von Proviantmassen, von Gerät und Geschützen, wie ein Flug ohne -Flügel, wie eine Lokomotive, die kein Wasser hat. Wir wissen das auch -heute.</p> - -<p>Nun aber der Kaufmann! Auch er strebt hinaus über die Landesgrenzen. -Wer aber wird glauben, daß die Kaufmannswelt sich an jene Musterstraßen -gebunden fühlte? daß sie nicht schon vor ihrem Vorhandensein weit -ausgriff und rege war? Nicht der Krieg erschließt die Welt; der -Handel schafft sich selber Wege, auch unter Menschenfressern und -Kannibalen, und ob er über den schwindelnden Saumpfad klettern, durch -endlose Wälder und grundlose Sümpfe sich drängen muß, ob er mit -der Wüstenkarawane der Fata Morgana nachrennt und von Stürmen über -fremde Meere sich tragen läßt. Ostindien, Westindien, das Goldland am -Niger, die Bernsteinküste der Ostsee, der Kaufmann war es, der sie -entdeckte. Um neue Absatzgebiete, um neue Produkte für die Einfuhr -zu entdecken und in seine Hand zu bekommen, stürzt er sich in alle -Gefahren. Italiens Hauptexportartikel war sein wundervoller Wein, -der in mannigfaltigsten Sorten und in Fülle gedieh. Viele Marken -waren schwer berauschend, und der Barbar kaufte sie mit Gier, wie der -Chinese das Opium. So kam der Wein Italiens schon früh zu den Galliern, -Spaniern und Germanen. Schwer belastet trugen die Flußschiffe die -gefüllten Fässer die Rhone<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> und Saône hinauf und den Rhein hinab, -und wo Flüsse fehlten, kamen die Lastkarren mit kreischendem Rad. -An allen Küstenplätzen, Cartagena, Toulouse, ja auch im Inneren -der eroberten Gebiete setzten sich die römischen Händler fest, -bildeten Gesellschaften und vertrieben als solche die Landesprodukte, -verarbeiteten, verluden sie und schafften sie nach Rom, dem großen -Konsumenten und Magen, der alles verschlang. Freilich betrieben das -die römischen Herren zumeist nicht in Person, sondern durch ihre -Freigelassenen, denen ihr Kapital und Kredit zur Verfügung stand und -die hernach selbst unter die reichen Bürger mit aufrückten.</p> - -<div class="sidenote">Welthandelsverkehr. Römerstraßen der Kaiserzeit. Das Reisen.</div> - -<p>Aber nicht nur in den Nordländern: in dicken Massen, wie Schmeißfliegen -auf der Wunde, saßen die römischen Händler und Wucherer im unterjochten -Kleinasien. Man staunt, zu hören, daß der letzte große Rächer des -Griechentums, Mithridates, dort an einem Tag bis zu hunderttausend -Römer aufgreifen und töten ließ, indem er die Wut der Griechen auf sie -hetzte. Karthago, Korinth mußten fallen, Rhodus, Athen, auch Marseille -völlig geschwächt werden, damit der „<span class="antiqua">mercator</span>“ Roms alles in -seine Hand bekam, und er warf nun aus allen fruchtbaren Gegenden -das Getreide nach Rom, lieferte indische Gewürze und Edelsteine, -Bauholz vom Schwarzen Meer, feines Holz für die Möbelschreiner aus -Marokko, Sklavenmassen aus Syrien und was sonst die Welt hergab, vom -gallischen Schinken bis zu den erhabenen griechischen Götterfiguren, -mit denen man Promenade und Park verzierte. Silbergruben, Bleigruben -erwarben sich die Konsortien in den Provinzen, produzierten selbst -Fischbrühe in Spanien für den Massenversand, der in mächtigen Krügen -mit der Aufschrift „Fischbrühe der Kompagnie“ (<span class="antiqua">garum sociorum</span>) -geschah, ernteten das Pfriemengras (<span class="antiqua">spartum</span>), das in Spanien -wild wuchs und aus dem man Matten und Seile machte, brachten gar -die altägyptischen Papyrusfabriken in ihre Hände usf. Der Import in -Italien übertraf den Export wohl vielhundertfach; aber Rom hatte Geld -und konnte alles zahlen. Das Großkapital saß in Rom<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> und nährte sich -und schwoll durch ungeheuren Zinswucher. Es sollte freilich die Zeit -kommen, wo die römische Kultur in den Provinzen das Mutterland Italien -gewaltig überholte. Da versank Italien und Rom endlich in zunehmende -Verarmung. Es war wie Rache und Vergeltung.</p> - -<p>Wie nun dieser Warenaustausch durch den Bau der römischen Heerstraßen, -der sich in die fernsten Fernen erstreckte, befördert worden ist, -begreift sich leicht. Unaufhaltsam Menschen suchend, dringt die Straße -von Siedelung zu Siedelung und bietet ihre Gaben an, sättigt überall -tausend alte Bedürfnisse und erweckt tausend neue, wie heute die -Eisenbahn, und knüpft so die Völker zur Menschheit zusammen. Bequemer -freilich und billiger war damals wie heute der Wassertransport, und das -Mittelmeer stand allen offen und trug gutwillig alle Lasten, wofern -nur ein günstiger Wind die Segel schwellte. Das Mittelmeer war die -Hauptverkehrsstraße der alten Welt.</p> - -<p>Wir aber verweilen zunächst noch auf dem Lande. Die Lastfuhren drängten -sich. Aber nicht nur der Kaufmann füllte die Landstraßen, sondern -auch der Reisende. Allein schon die hohen Herren Verwaltungsbeamten, -die mit großem Personal in die Provinzen eilten und oft jährlich -wechselten. Aber auch die Gesundheits- und Vergnügungsreise gedieh; -auch die Neugier trieb hinaus in die Ferne; die Straße ermöglichte das. -Straßenräuber und Piraten gab es kaum noch, und man streute sein Geld, -indem man durch die Länder bummelte, und erzählte Wunderdinge, wenn -man nach Hause kam. In manchen Tempeln geschahen Wunderheilungen, und -ganze Wallfahrten zogen dahin. Übrigens ging der Schwindsüchtige wie -heute gern nach Ägypten oder an die Riviera. Auch die Heilquellen von -Teplitz, Baden bei Zürich und Bath in England haben die alten Römer -schon benutzt. Aber auch diese Gesundheitsreisen dienten zugleich oft -genug dem flotten Luxusleben und dem unersättlichen Verlangen nach -Zerstreuung. Man hatte<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Zeit, und es galt sie totzuschlagen. Die Straße -stand dem Händler, sie stand auch dem Müßigen offen.</p> - -<div class="sidenote">Reiseziele. Gattungen des Wagens. Prunk.</div> - -<p>Ständig strömten die Provinzleute nach Rom; das begreift sich; man -mußte einmal im Leben in Rom gewesen sein, oder man wollte einmal -den Kaiser gesehen haben oder auch andere berühmte Männer, wie den -Vergil oder Livius. Der Römer selbst dagegen weidete, wenn er reiste, -alle Sehenswürdigkeiten der Griechenstädte ab; denn er war nun einmal -Griechenschwärmer von Erziehung. Parthenon und Olympia, die Diana von -Ephesus, der Koloß von Rhodos, die Venus von Knidos, der Eichbaum, -unter dem Alexander der Große während der Schlacht von Chäronea sein -Zelt gehabt hatte, alles wurde mit Hilfe der Reiseführer umständlich -besichtigt; natürlich auch die Pyramiden und Sphinxe und heiligen -Ibisvögel am Nil. Daher das Horazgedicht: Andere mögen Rhodos loben -und Mitylene; ich liebe mein Tivoli am rauschenden Aniofluß. Wozu -nach Smyrna reisen? so fragt derselbe Horaz: Ob du hier in Rom oder -in dem verwunschensten Nest sitzt: wer gesunden Sinn hat, ist überall -glücklich; wo immer du bist, lebe in Anmut!</p> - -<p>An den Straßen gibt es in gewissen Abständen Stationen für -Pferdewechsel, und da ächzen nun all die schweren Last- und Möbelwagen -(<span class="antiqua">plaustra</span>) über Land und die Karren mit Bauholz (<span class="antiqua">carri</span>). -Sie halten an; denn da kommt im Trab eine gedeckte Kutsche mit vier -Pferden daher (<span class="antiqua">raeda</span>), eine ganze Familie darin, das Reisegepäck -hinten auf. Elegante Leute fahren sausend im vergoldeten oder -silberbeschlagenen Wagen (<span class="antiqua">essedum</span>) mit Beduinen als Vorreitern; -für Damen ist wieder eine besondere Wagengattung (das <span class="antiqua">carpentum</span>) -bestimmt, auch diese schön und kostbar: darin fahren die Frauen zum -Gottesdienst; so kutschiert Cynthia, des Properz Geliebte, selbst -rosselenkend zur Fütterung der heiligen Schlange nach Lanuvium; zwei -Ponys mit gestutzter Mähne hat sie vorgespannt. Alle diese Fahrzeuge -aber überholte das auch noch heute in Italien so beliebte zweiräderige -Gig oder Kabriolett (<span class="antiqua">cisium</span>) mit dem<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Schnelltraber, oft -nur ein simpler, offener Kasten auf zwei Rädern, der vor allem dem -Geschäftsreisenden diente. Die Gäule und Mäuler tragen Hufeisen, das -jedoch die Form eines vollständigen Schuhes hat; sie werden auch nicht -wie heute an Stränge oder in die Deichselgabel eingespannt, sondern -vorn an der Deichselstange ist ein Joch, an dem sie ziehen.</p> - -<p>Einmal begegnen wir auch dem Philosophen Seneca auf der Landstraße. -Der reiche Mann ist der Verfechter stoischer Gesinnungen. Er fährt da -mit einem Freund und ein paar Dienern, durch irgendwelchen Umstand -veranlaßt, ohne Gepäck, auf einem gemeinen Bauernwagen. Aber die Scham -befällt ihn, als ihm immerfort die eleganten Reisenden aus Rom, die ihn -z. T. gewiß persönlich kannten, auf der Straße begegnen, und er ärgert -sich über seine Scham. Da kommen sie gefahren mit fetten Paradehengsten -oder spanischen Rennern und Zeltern; um im Wagen zu speisen, haben -sie goldenes Tafelgerät mit, und ungeheurer Staub wirbelt auf, denn -Schnelläufer oder afrikanische Vorreiter eilen vor ihnen her, um mit -Gewalt Platz zu schaffen, weil die Straße mit Wagen gestopft ist. Als -Bedienung werden außerdem noch junge schöne Pagen hinterhergefahren, -deren Gesicht mit Schminke belegt ist, damit ihre zarte Hautfarbe nicht -durch die Sonne leide. „Wohin,“ ruft da Seneca, „ist die Zeit eines -Cato, der sich noch dereinst mit einem einzigen Klepper begnügte?“ -Cato ritt durchs Land und brauchte das Tier nicht einmal ganz; denn -einen Teil nahm der Reisesack ein, der rechts und links vom Sattel -herunterhing<a id="FNAnker_87" href="#Fussnote_87" class="fnanchor">[87]</a>.</p> - -<div class="sidenote">Handelshafen; Handelsschiffe. Erholungsreisen der großen -Herren.</div> - -<p>Da sehen wir einmal, flüchtig angedeutet, den Betrieb auf der Via -Appia, die Überfüllung der italienischen Landstraßen. Überfüllter aber -war noch das Mittelmeer, und uns öffnet sich endlich auch der Blick -auf die See. Die Landstraße führt den Seneca nach Puzzuoli (Puteoli), -den großen italienischen Welthafen jener Zeiten, die Reiseherberge der -ganzen Welt<a id="FNAnker_88" href="#Fussnote_88" class="fnanchor">[88]</a>. An die zwanzig Molen streckten sich da, festgemauert, -ins Meer, zwischen denen die Schiffe Anker warfen. Seneca erlebt, wie<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> -die Schiffe aus Alexandria dort in Sicht kommen; es sind Kurierschiffe, -die melden, daß die große Flotte mit den Warentransporten aus Ägypten -bald eintreffen wird. Auf allen Molen stehen da die Menschen in -dicken Haufen, die sich drängen und hinausspähen: der alexandrinische -Schiffstypus wird von ihnen festgestellt; an der Art der Segel erkennt -man ihn; denn keine anderen Schiffe setzen sonst auf der Strecke -zwischen Kapri und Puzzuoli das Toppsegel (<span class="antiqua">supparum</span>) auf. Seneca -selbst hält sich indes fern; er erwartet zwar wichtige Postsachen aus -Ägypten, aber er bezähmt seine Ungeduld<a id="FNAnker_89" href="#Fussnote_89" class="fnanchor">[89]</a>.</p> - -<p>Einen anderen Ton schlägt der Satiriker Juvenal an. In dem grimmigen -Ton, der ihm eigen ist, belebt er uns das Meer, indem er den Kauffahrer -mit dem Seiltänzer, der für Geld sein Leben wagt, vergleicht. Von Kreta -kommt die Brigg mit Flaschen voll Rosinenwein und Säcken, die schon -von weitem nach Gewürzen riechen, daher. Millionär will der Kauffahrer -werden. Das wollen sie alle. Ja, sieh nur die See, wie sie voll ist -von Gebälken! Der größte Teil der Menschen lebt heut auf dem Wasser. -Daher ist uns auch das Mittelmeer zu eng geworden; man fährt jetzt, -an Gibraltar vorüber, auch dreist in den offenen Atlantischen Ozean, -wo die Welle aufzischt, wenn die heiße Sonne in ihm untergeht. Unter -Kuratel sollte man den Wahnsinnigen stellen, der seinen Zweimaster -bis zum Rand mit Waren überfrachtet, so daß die Welle fast über Bord -schlägt. Getreide und Pfeffer hat der Mann zusammengekauft. Ein -Gewitter kommt. „Löst das Ankertau,“ ruft er trotzdem; „das bißchen -Wolken hat nichts zu sagen.“ Morgen aber ist er vielleicht schon als -Schiffbrüchiger ins Meer gestürzt und möchte sich retten; aber er -schwimmt nur mit der linken Hand, weil er mit der rechten und mit den -Zähnen die Geldkatze festhält<a id="FNAnker_90" href="#Fussnote_90" class="fnanchor">[90]</a>. Die Zahl der Schiffbrüchigen war im -Mittelmeer zur Zeit des Altertums in der Tat unendlich viel größer als -heute — als ob dort deutsche Unterseeboote am Werk wären.</p> - -<p>Lassen wir indes den Zorn Juvenals verrauschen, der sich gegen die -Geldgier des Kaufmanns richtet. Sein Zorn ist selbst<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> wie Sturm. -Eine wirkliche Erholung war das Reisen gelegentlich für die großen -Staatsmänner und Feldherren. Mark Anton hatte nach dem großen Sieg -bei Philippi endlich sich zum Herrn des Orients durchgerungen; -schlachtenmüde erholte er sich danach einige Monate lang in Hellas und -Kleinasien (warum sollte er es nicht so gut haben wie andere?), sah -sich leutselig die berühmten Wettspiele an, ließ sich über griechische -Altertumskunde vortragen und war dabei aufgeräumt und überlustig. Als -auch die Winkelstadt Megara ihn um seinen Besuch bat und ihm ehrgeizig -ihr altertümliches Rathaus zeigte, sagte er nichts als: „Klein, aber -verwahrlost.“ Es war schwer, dem großen Herrn zu imponieren. Genaueres -teilt uns Tacitus über des Antonius Enkel, den liebenswürdigen -kaiserlichen Prinzen Germanicus, mit. Es ist der Germanenbekämpfer der -Jahre 14 bis 16 n. Chr. Drei Jahre hatte Germanicus im rauhen Norden -gestanden, durch die tiefen Wälder und Sümpfe des wilden Germaniens -seine Legionen zum Kampf getrieben, auf der tosenden Nordsee persönlich -schwersten Schiffbruch gelitten, als Tiberius ihn nach Syrien -entsandte; er sollte nunmehr sogleich den Osten verwalten. Aber er nahm -sich Zeit; er brauchte sichtlich Ruhe und Ausspannung, und so suchte -er erst Actium auf, den denkwürdigen Küstenplatz, wo vor 50 Jahren -die Seeschlacht bei Actium geschlagen wurde. Er fand da noch wirklich -die Reste des Heerlagers des Antonius selbst, Anlaß genug, allerlei -trüben und frohen Erinnerungen nachzuhängen. So fuhr er auch nach -Lesbos, deshalb, weil ihm dort seine Tochter Julia geboren war, fuhr -zum alten Troja, das jeder Römer wie seine Urheimat verehrte, sättigte -seinen Schönheitssinn, indem er weiter alle wundervollen Küstenstädte -des griechischen Meeres und so auch Konstantinopel (Byzanz) besuchte, -überall natürlich wie ein Fürst empfangen. Bei Kolophon gab es eine -berühmte Orakelstätte; in einer heiligen Grotte trank da der Seher, -ehe er seine Weissagungen vorbrachte, aus einer geheimnisvollen -Wunderquelle; so auch diesmal, und da soll dem Germanicus sein -frühes tragisches Ende geweissagt worden<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> sein. Doch war es ihm im -folgenden Jahre (19 n. Chr.) noch beschieden, nach dem Wunderland -Ägypten zu gehen, den märchenhaft berühmten Koloß der Memnonsäule bei -Sonnenaufgang klingen zu hören, und er ging dann noch weiter stromauf -bis nach Assuan, wo die Stromschnellen des Nil sind, deren Wirbel nicht -zuließen, daß man mit dem Senkblei die Wassertiefe maß<a id="FNAnker_91" href="#Fussnote_91" class="fnanchor">[91]</a>. Am Bein -der Memnonsäule, dieses zertrümmerten Sitzbildes, finden sich noch -heute eine Menge Inschriften eingekratzt erhalten, Worte von römischen -Reisenden, die froh bezeugen, daß sie den Koloß klingen hörten. -Jahrhundertelang reiste man wundersüchtig dorthin, um das zu hören.</p> - -<div class="sidenote">Fußwandern und Pilgern. Die Meile.</div> - -<p>Wieviel die hohen Herren auf solchen Reisen zu Fuß abmachten, läßt -sich nicht genauer feststellen. Wohl aber gilt es zu wissen, daß -im Altertum trotz allem, was ich bisher mitgeteilt, die Fußreise -vorherrschte, daß für den Durchschnittsmenschen das Reisen zu Land ein -Wandern, ein Pilgern war. Die Wenigsten konnten sich Wagen mieten, -und dadurch, durch die Züge der Fußgänger und Pilger, belebt und -ergänzt sich uns das Bild der Landstraße nun noch weiter. Die Reise -heißt „<span class="antiqua">iter</span>“; „<span class="antiqua">iter</span>“ aber ist „der Gang“ auf deutsch und -setzt zunächst durchaus das Gehen voraus; ebenso das Wort „pilgern“, -<span class="antiqua">peregrinari</span>; wo nicht ein Fahrzeug besonders genannt wird, wird -auch beim Pilgern nie an Fahren gedacht. Und so sagt uns ja auch Horaz, -daß, wer bei Regenwetter von Capua auf der Appischen Straße nach Rom -eilt, von Kot überspritzt ankommt<a id="FNAnker_92" href="#Fussnote_92" class="fnanchor">[92]</a>; die Wagen sind es, durch die der -Fußgänger so bespritzt wird. Ausonius schildert in seinem berühmten -Reisegedicht „Mosella“ seine Fahrt auf der Mosel. Er steigt aber nicht -etwa einfach bei Trier oder bei Neumagen ins Schiff, sondern von Bingen -a. Rh. geht er aus und wandert zunächst zu Fuß einsam, und also nicht -etwa auf der Poststraße<a id="FNAnker_93" href="#Fussnote_93" class="fnanchor">[93]</a>, -durch die Wälder des Hunsrück<a id="FNAnker_94" href="#Fussnote_94" class="fnanchor">[94]</a>. So -hat denn der junge Dichter Persius, wie man glaublich vermutet, eine -Gedichtsammlung „Wegwandergedichte“ (ὁδοιπορικά) geschrieben<a id="FNAnker_95" href="#Fussnote_95" class="fnanchor">[95]</a>, und -ein solches<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> Wegwandergedicht besitzen wir noch; Catull gibt es uns, -<span class="antiqua">carmen</span> 46: es ist Frühling; aus dem Inneren Kleinasiens, aus -Bithynien, wo der Dichter mit jungen Altersgenossen amtlich beschäftigt -war, strebt er an die Küste, um von da weiter nach Rom heimzufahren, -und singt:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Schon bringt der Lenz die linden Lüfte wieder,</div> - <div class="verse indent0">Schon schwingt in Anmut Zephyr sein Gefieder.</div> - <div class="verse indent0">Des Äquinoktiums Himmelsstürme ruhn.</div> - <div class="verse indent0">Zeit ist’s, Catull, vom üppigen, aber heißen</div> - <div class="verse indent0">Bithynerland dich endlich loszureißen.</div> - <div class="verse indent0">Zu Asiens Küstenplätzen fliege nun.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Schon klopft das Herz, voll Hast, hinauszuschweifen;</div> - <div class="verse indent0">Der Fuß ist stark und fröhlich auszugreifen.</div> - <div class="verse indent0">Ade! Schön war der Bund mit euch Kollegen,</div> - <div class="verse indent0">Die ihr mit mir gereist. Auf andren Wegen</div> - <div class="verse indent0">Zieht ihr, als ich, dem Heimatland entgegen.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="p0">Da haben wir den Fuß, der ausgreift! Vergessen wir nicht, daß ja auch, -wie wir sahen, die höchsten Heerführer ihren Legionen oft zu Fuß -voranschritten. Wer es eilig hat, von dem sagt Catull: er verschluckt -seinen Weg vor Gier<a id="FNAnker_96" href="#Fussnote_96" class="fnanchor">[96]</a>. Und was bedeutete die Meile für den Römer? -Sie war nichts als ein Schrittmaß und bedeutete 1000 Doppelschritte -des Marschierenden, die also nicht in Luftlinie, sondern nur am Lauf -der Straße abgemessen werden (man rechnete nach <span class="antiqua">milia passuum</span>); -die Meilenpfeiler gaben dem Fußgänger von Stelle zu Stelle an, wieviel -Schritte er hinter sich, wie viele er vor sich hatte. Die Straße war -Wanderstraße.</p> - -<div class="sidenote">Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz. -Gasthöfe.</div> - -<p>So belebt sich uns die Landstraße mehr und mehr mit den -mannigfaltigsten Gestalten. Denn wir erinnern uns nunmehr auch der -ambulanten oder wandernden Berufsarten. Die Sendboten des Christentums -tauchen vor uns auf, und ihr Fuß trägt sie dahin von Land zu Land, zu -allen Völkern. Aber nicht nur sie. Weil es in unzähligen Landstädten -Theater oder Amphitheater gab, ziehen nun auch die Schauspielerbanden, -ziehen die Mimen, die Jongleure von Ort zu Ort; ebenso auch die<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> -Gladiatoren, die zu je hundert oder mehr vermietet werden und auf -Bestellung hier und dort ihre Fechterspiele geben. Da sind aber auch -die Ärzte, die, um ihre Kundschaft auszudehnen, gern und oft ihren -Standort wechselten und dabei Heildiener und Apotheke mitbrachten; -da sind auch noch die Kunstredner des Altertums, halb Prediger, halb -Professoren: Kanzel und Katheder in eins. Unsere Sonntagsgottesdienste -mit Predigt gab es noch nicht; sie ersetzten diese Wanderredner mit -ihren schwungvollen Moralvorträgen, die kunstvoll ausgebaut waren. -Aber sie glichen zugleich auch unseren gefeierten Berufshistorikern, -die heut herumreisen, um ihren Bismarck-Vortrag überall zum besten -zu geben; und der Zulauf, der Lernhunger, der Trieb zur Andacht war -grenzenlos. Gewisse volkstümliche Philosophen, Volksbeglücker und -Wahrheitsverkünder kamen überhaupt gar nicht weg von der Straße: dafür -ist das berühmteste Beispiel der Wundermann Apollonius von Tyana um die -Zeit der Zerstörung Jerusalems; sein langes Leben, das früh zum Roman -ausgedichtet wurde, stellt sich als eine unausgesetzte Pilgerschaft -dar, die ihn von Syrien nach Persien, nach Ägypten, Athen und Italien -führte. Und dadurch wird uns weiter das rastlose Reiseleben Kaiser -Hadrians verständlich<a id="FNAnker_97" href="#Fussnote_97" class="fnanchor">[97]</a>; aber auch der Apostel Paulus.</p> - -<p>Die Apostelgeschichte, die von Paulus erzählt, ist wie ein Reisebuch. -Wie Apollonius von Tyana, so reist auch Paulus, wenn er nicht zu Schiff -fährt, stets nur als Fußgänger<a id="FNAnker_98" href="#Fussnote_98" class="fnanchor">[98]</a>. Viele Städte hatte er schon so -besucht, in Saloniki, Philippi, Korinth Gemeinden gegründet, als ihm -der Prozeß gemacht wird, und er tritt, um sich in Rom dem kaiserlichen -Urteilsspruch zu stellen, zu Schiff als Staatsgefangener seine letzte -und längste Reise von Caesarea nach Rom an. Vorschrift war, daß, wer -zum gerichtlichen Termin nach Rom bestellt wird, auf der Reise täglich -20 römische Meilen oder 30 <span class="antiqua">km</span> machen soll<a id="FNAnker_99" href="#Fussnote_99" class="fnanchor">[99]</a>. Aber das ließ -sich für Paulus nicht innehalten; denn es war schon Spätherbst; das -stampfende Schiff lief bei hoher See, der Sturm verschlug ihn bis -nach Malta, und da hielt der<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> Winter ihn drei ganze Monate fest. Dann -brachte ihn und seine Fahrgenossen ein alexandrinisches Schiff im -ersten Frühling glücklich nach Puzzuoli, jenem großen Weltemporium, auf -dessen Molen auch Senecas Augen geruht haben, und von da wandelte der -Verkünder Christi auf der nämlichen Appischen Straße, auf der wir auch -Seneca fahren sahen, nach Rom. Ob die Augen beider Männer und Verkünder -der Menschenliebe je ineinander geruht haben? Wir wissen es nicht.</p> - -<p>Das Schiff, auf dem Paulus landete, war nun aber mit dem Gallionbild -der heidnischen Götter Castor und Pollux geschmückt. Es ist auffallend, -daß die Apostelgeschichte dies ausdrücklich erwähnt<a id="FNAnker_100" href="#Fussnote_100" class="fnanchor">[100]</a>. Unter dem -Schutz dieser Götter der guten Schiffahrt kam der Apostel Christi -sicher ans Ziel. Viele Schiffe zeigten so irgendein Gottesbild, wie -das der Isis. Denn der antike Reisende war gefährdet und brauchte -die Fürsorge seiner Götter; vor allem auf See. Gebete und Gelübde -vor der Abreise geschahen ständig. Daher die schönen Geleitsgedichte -(<span class="antiqua">Propemptica</span>) für die Abreisenden, die wir noch besitzen. -Und mit der Landreise stand es nicht anders; am Weg standen darum -vielfach die Altäre der Straßen-Laren (<span class="antiqua">Lares viales</span> und -<span class="antiqua">semitales</span><a id="FNAnker_101" href="#Fussnote_101" class="fnanchor">[101]</a>), denen man Opfer gab. Bei Landtransporten, -die glücklich verliefen, gab man auch dem Herkules den Zehnten des -Gewinns<a id="FNAnker_102" href="#Fussnote_102" class="fnanchor">[102]</a>. Es war dies die einzige Form des Versicherungswesens, die -dem Altertum zur Verfügung stand.</p> - -<p>Und nun endlich die Gasthöfe. Wer in Eile war und die Nacht durchfuhr, -konnte sie freilich entbehren; aber das kam wohl selten vor<a id="FNAnker_103" href="#Fussnote_103" class="fnanchor">[103]</a>. -Sonst aber mußte man bei Dauerreisen nachts irgendwo einkehren. -Glücklich der, dem ein Gastfreund alsdann sein Privathaus öffnete. Der -Apostel Paulus ist auf seiner Fußwanderung nach Rom in der Station -<span class="antiqua">Tres Tabernae</span> eingekehrt, die wir auch aus Ciceros Briefen -kennen. So hatten sich bei dem gewaltigen Anwachsen des Verkehrs an -allen Straßen feste Stationen gebildet und überall das Gasthauswesen -entwickelt: „<span class="antiqua">mansiones</span>“ hießen solche Herbergen, vom „Verweilen“ -(<span class="antiqua">manere</span>), und daher kommt das französische<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> „<span class="antiqua">maison</span>“. -Aber es waren meistens nur Tabernen, budenartige Gebäude und der -Aufenthalt gewiß nicht sehr verlockend. Wer möchte wohl heute in -den Gasthöfen für Geschäftsreisende, im <span class="antiqua">Hotel Terminus</span> oder -<span class="antiqua">Rebecchino</span> oder wie sie heißen, dauernd leben? Ganz dieselbe -Frage stellt auch schon Horaz<a id="FNAnker_104" href="#Fussnote_104" class="fnanchor">[104]</a>. <em class="gesperrt">Eine</em> Nacht genügt. Und ein -Hotel Terminus ist gewiß noch golden gegen jene Tabernen des Altertums, -die zudem oft von Schlafgästen überfüllt waren<a id="FNAnker_105" href="#Fussnote_105" class="fnanchor">[105]</a>. Einmal ist uns das -Gespräch eines Reisenden mit der Wirtin aus einer dörflichen Herberge -noch erhalten. „Wirtin, laß uns abrechnen.“ „Geliefert ein Schoppen -Wein, dazu Brot: macht 1 As; warme Speise: macht 2 As.“ „Das stimmt.“ -„Dazu ein Mädchen: macht 8 As.“ „Auch das stimmt.“ „Heu fürs Maultier: -2 As<a id="FNAnker_106" href="#Fussnote_106" class="fnanchor">[106]</a>.“ -Das ist die ganze Rechnung<a id="FNAnker_107" href="#Fussnote_107" class="fnanchor">[107]</a>. Die Ernährung des Tieres kam -also fast ebenso teuer (oder billig), wie die des Menschen. Es wird -wohl nicht überall so gewesen sein.</p> - -<div class="sidenote">Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb.</div> - -<p>Nun aber der Staat! die Reichsverwaltung! Sollte sich nicht auch der -Staat selbst die wunderbare Entwicklung des Straßenwesens zu Nutzen -machen? Von der einen Tiberstadt aus sollte er die Türkei, Ägypten, -Tunis, Frankreich, Spanien, Südengland, die Schweiz, Tirol verwalten: -für die zahllosen jährlichen Einläufe, Meldungen, Rechenschaftsablagen, -Erlasse, Edikte setzt dies ein rasch und regelmäßig funktionierendes -und dabei unendlich verzweigtes Nachrichtenwesen, einen grenzenlosen -Depeschenbetrieb voraus. Der Senat beschickte von sich aus die ihm -unterstellten senatorischen Provinzländer; im übrigen war das Reich -kaiserlich und der Kaiserpalast auf dem Palatinhügel der zentrale -Wirbelpunkt der Dinge, wo sich die Büros der Hausministerien, die -kaiserlichen Sekretariate (ein griechisches, ein lateinisches) mit -unendlichem Personal für Abfassung und Versand der allerhöchsten -Verfügungen (<span class="antiqua">ab epistulis</span>), für Bittschriften und ihre -Erledigung (<span class="antiqua">a libellis</span>) befanden. Wer den täglichen, hastenden -Betrieb auf sämtlichen preußischen Ministerien, Finanz, Handel, -Unterrichtswesen, Justiz usf. zusammennimmt, mag sich davon annähernd -ein<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Bild machen. In die Hauptstädte der Provinzen, Lyon, Lambese, -Antiochia, Salonae, Tarragona, Corduba, Tanger, wo die kaiserlichen -Legaten und Prokuratoren saßen, mußten, ungehindert durch Zeit und -Raum, die Arme der kaiserlichen Verwaltung hinüberreichen, um Kontrolle -zu üben, tausend Entscheidungen zu übermitteln. Die Akten, die Papiere -flogen hin und her. Daher hat auch schon Augustus, der erste große -Weltordner vor Kaiser Hadrian, die Reichspost eingeführt, die man den -„Staatskurs“ (<span class="antiqua">cursus publicus</span>) nannte und die durch alle Länder -lief. Auf dem Meere dienten hierfür die leichten Kurierschiffe des -Staates<a id="FNAnker_108" href="#Fussnote_108" class="fnanchor">[108]</a>, Schnellsegler, zumeist Liburnen, für deren Schiffstypus -man das Muster von den Dalmatiern, den besten Seeleuten an der -illyrischen Küste der Adria, nahm, wo auch heute noch die kühnsten -Seeleute zu finden sind (eben darum möchte sich Italien heute gern -dies Dalmatien einverleiben, wenn es könnte)<a id="FNAnker_109" href="#Fussnote_109" class="fnanchor">[109]</a>. Die Wagenpost über -Land aber hatte Relaissystem; d. h. an allen Stationen wurde immer -wieder umgespannt<a id="FNAnker_110" href="#Fussnote_110" class="fnanchor">[110]</a>, und die Pferde und Mäuler standen dafür also in -den Stallungen immer bereit (<span class="antiqua">mutationes</span>). Der Postgaul heißt -„<span class="antiqua">veredus</span>“, das Extrapferd „<span class="antiqua">paraveredus</span>“, ein halbwegs -gallisches Wort, wovon letzten Endes unser deutsches Wort „Pferd“ sich -herleitet. Jedoch fuhr die Post nicht an bestimmten Tagen und Stunden, -und feste Fahrpläne, Reichskursbücher, gab es nicht. Die Post hielt -sich immer nur an den Ausgangsstationen bereit, und wo Passagiere sich -meldeten, wurde gefahren.</p> - -<p>Es waren dies aber ausschließlich nur offizielle Personen der -Reichsverwaltung und ihre Beauftragten; für den Privatverkehr diente -die Reichspost nicht. Schon ohne ihn war die Inanspruchnahme enorm. -Wollte sie ausnahmsweise ein Privatmann benutzen, so mußte er von der -Regierung und an höchster Stelle sich dazu eine Bescheinigung, Permeß -(Diplom) erwirken. In dringenden Fällen gab es Eilpost in Extrawagen -(<span class="antiqua">cursus velox</span>)<a id="FNAnker_111" href="#Fussnote_111" class="fnanchor">[111]</a>. Der Postbetrieb selbst aber erforderte nun -wieder ein starkes Beamtenpersonal an Postdirektoren, Stallmeistern,<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> -Wegaufsehern usf., ein Personal, das, wie heute unsere Briefträger -und Eisenbahnschaffner, militärischen Charakter trug und sich an -allen größeren Plätzen zu Innungen oder Collegia zusammentat<a id="FNAnker_112" href="#Fussnote_112" class="fnanchor">[112]</a>. Die -Kosten des Ganzen aber mußten die Provinzländer, die von der Sache den -Vorteil hatten, tragen, indem sie die Transportmittel lieferten: eine -Belastung, die erst Kaiser Hadrian, der große Neuordner des Reichs, -wesentlich erleichtert hat. Hadrian war der berühmte Reisekaiser, der -persönlich unausgesetzt durch alle Länder eilte, und er zentralisierte -darum auch die Weltpost, ungefähr so, wie wenn man heute das -Eisenbahnsystem ganz Europas mit allem Betriebsmaterial unter die -einheitliche Leitung Berlins oder Wiens stellen wollte.</p> - -<div class="sidenote">Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit. Hadrian.</div> - -<p>Es versteht sich, daß zur kaiserlichen Post auch noch das amtliche -Meldewesen gehörte, ein Botenverkehr über Land mit Ablösung in der -Weise, daß z. B. zwischen Lyon und Rom 40 Boten sich ablösen und die -Schriftsachen weitergeben, so daß in 8 Tagen die Botschaft am Ziel -ist<a id="FNAnker_113" href="#Fussnote_113" class="fnanchor">[113]</a>. Es waren Schnelläufer, die, wo es anging, Richtwege benutzten.</p> - -<p>Ein vom Kaiser für Privatleute ausgestellter Reiseschein war aber nur -so lange gültig, als der Kaiser lebte. Bei Regierungswechsel mußte man -sich daher vorsehen. Einem gewissen Coenus ging es damit übel. Es war -dies ein Grieche, einer der gerissenen und schwerreichen Leute des -Freigelassenenstandes, zur Zeit der Thronwirren des Jahres 69 n. Chr. -Kaiser Otho war eben in der Schlacht besiegt und hatte sich selbst -getötet; sein Gegner und Nachfolger Vitellius funktionierte aber noch -nicht als Kaiser. Coenus will gern die Eilpost nach Rom benutzen; dazu -hat er von Kaiser Otho einen Permeß in Händen, der nun eben seine -Gültigkeit verloren hat. Nun lügt er den Senatoren, die noch schwanken, -wen sie jetzt als Kaiser Roms anzuerkennen haben, vor, Otho lebe -noch, habe soeben noch einmal einen Sieg gewonnen, sein Reiseschein -sei also noch gültig; und so kam Coenus damit auch wirklich nach Rom. -Aber er büßte den Kniff mit dem Tode. Vitellius<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> ließ sich hernach das -Vergnügen nicht entgehen, ihn hinzurichten<a id="FNAnker_114" href="#Fussnote_114" class="fnanchor">[114]</a>.</p> - -<p>Aus derselben Zeit haben wir die Nachricht von der schnellsten Reise, -die unseres Wissens das römische Postwesen möglich gemacht hat. In -unseren Augen ist sie freilich nicht allzu erstaunlich. Die Sache -spielt ein Jahr früher als die vorige, im Jahre 68, und wieder ist -einer der Griechen dabei die Hauptperson; er heißt Ikelus. Der alte, -über 70jährige Kriegsmann Galba steht in Spanien und ist dort von -den Regimentern zum Kaiser ausgerufen worden. Nero hört das in Rom -und tötet sich vor Entsetzen selbst. Der Senat ist bereit, Galba als -Kaiser anzuerkennen. Ikelus freut sich des; er ist des Galba Kreatur; -Galba hat diesen Griechen, der einst Sklave war, zum römischen Ritter -gemacht. In Wirklichkeit aber war Kaiser Galba vielmehr die Kreatur des -Ikelus; um seinerseits zu herrschen, sucht dieser Mensch das Kaisertum -Galbas auf alle Weise durchzusetzen. So wirft er sich in Ostia auf -einen Schnellsegler, schifft kühn und in gerader Linie nach Tarragona -durch das offene Meer, wirft sich dort in die Eilpost und ist schon -in sieben Tagen in dem Nest Clunia, um Galba die Anerkennung des -Senats zu überbringen. Eile tat Not. Unglaublich fand Plutarch diese -Leistung<a id="FNAnker_115" href="#Fussnote_115" class="fnanchor">[115]</a>. Um so träger und schwerfälliger vollzog dann freilich -der alte Herr seinen Einzug in Rom. Aber er war doch Kaiser geworden, -setzte sich in Neros Palast fest, und Ikelus konnte nun in Galbas Namen -sich bereichern, konfiszieren und rauben.</p> - -<p>Denkwürdiger ist noch Kaiser Hadrian, und wir wüßten gern über ihn -Genaueres. Auch Hadrians Eilfahrten wurden angestaunt, und daß er -über Land den Postwagen benutzt hat, scheint selbstverständlich, -zumal er die Kaiserin Sabina zumeist mit sich führte. Auch der ganze -Regierungsapparat, die Minister, die Bureaus zogen mit ihm, vom -Tajo bis zum Euphrat. Es mag Zufall sein, daß der Wagen uns in den -Berichten kaum je ausdrücklich erwähnt wird. Jedenfalls aber hat der -großartige Mann — er selbst ein Schnelläufer — auch<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> weite Strecken -zu Fuß hinter sich gebracht<a id="FNAnker_116" href="#Fussnote_116" class="fnanchor">[116]</a>. Er reiste stets ohne Hut, auch bei -dem schlimmsten Unwetter, bei Regen und Kälte, und aus diesem Umstand -wird ausdrücklich seine schwere Erkrankung, die ihm den Tod brachte, -hergeleitet<a id="FNAnker_117" href="#Fussnote_117" class="fnanchor">[117]</a>. Wer aber im Wagen sitzt und darin den Hut abnimmt, wie -wir es heute in der Eisenbahn tun, dem kann das Unwetter nichts anhaben.</p> - -<p>Soweit das Postwesen des Altertums; gewiß eine großartige Organisation, -die die Regierung schuf. Hiernach gilt es noch eine geringfügige -Sache zu erwähnen, die man gleichfalls ihr verdankte. Ich meine die -<em class="gesperrt">Zeitung</em>, und die Frage regt sich, ob das alte Rom nicht auch -schon den Zeitungsschreiber, den Journalisten, kannte. Indem wir uns -aber diesem Gegenstand zuwenden, ist zugleich auch vom <em class="gesperrt">Brief</em> -zu handeln. Denn aus dem Brief ist die Zeitung des Altertums -hervorgegangen.</p> - -<div class="sidenote">Der Brief und seine Beförderung; Siegelung usf.</div> - -<p>Zunächst also der Privatbrief. Wir denken an die Briefe des Apostels -Paulus, des Cicero — eine tägliche Riesenkorrespondenz aus Millionen -Häusern von Menschen, von Bürgern, die sich lieben, sich hassen, -die Geld fordern, Grüße senden, schelten, trösten und beraten, ein -tägliches Durcheinanderreden aus allen Weltwinkeln: Geschäftsbriefe, -Liebesbriefe, Plauderbriefe, Kondolenzbriefe, Einladungsbilletts, -Lehrbriefe. Wie mannigfaltig der Inhalt! Der reisende Brief war noch -zahlreicher als der reisende Mensch. Schnell war er hingeschrieben; er -wollte auch schnell ans Ziel; denn er mußte den Römern Telegraph und -Telephon ersetzen. Aber die Staatspost beförderte ihn nicht. Der Brief -mußte selbst sehen, wie er ans Ziel kam.</p> - -<p>Dazu hatte jeder Bürger seine Dienerschaft. Irgendeiner der Diener war -als Briefträger immer ganz wohl abkömmlich; andernfalls taten auch -Freigelassene, die überhaupt oft als Geschäftsreisende fungierten, -den Dienst sehr gern. Denn sie bekamen dabei die weite Welt zu -sehen, bekamen gutes Zehrgeld mit und wurden überall wie die Engel -aufgenommen;<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> denn auch das Wort „Engel“ heißt ja der Bote auf -deutsch. Übrigens halfen sich auch die Bekanntenkreise aus. Expediert -heut Freund Markus Briefe nach Patras, nach Brindisi, dann kann der -und jener seinem Boten die eigene Post gegen angemessene Vergütung -mitgeben. Derartige Gelegenheiten gab es immer unendlich viele. Für -uns ist der Postbote heute eine Maschine, die regelmäßig geht wie -der Zeiger an der Uhr, und wir sind ihm zwar im Prinzip wohlgesinnt, -geben aber auf seine Person oft kaum noch acht. Im Altertum war schon, -wenn er sich von weitem zeigte, freudige Erregung; er wurde im Haus -festgehalten, gespeist, beschenkt, in gute Stimmung versetzt, denn man -wollte ihm neue Post mitgeben, und dabei wurde zugleich sein Charakter, -seine Zuverlässigkeit erprobt. In den dicken Bündeln, die er trug, -steckten oftmals Briefe <em class="gesperrt">von</em> vielen Händen, die man paketweise -zusammengetan hatte, ja, auch Briefe <em class="gesperrt">an</em> viele, die es jetzt zu -verteilen galt. So stand z. B. Cicero in Massenkorrespondenz mit dem -Heerlager Caesars in Gallien und Britannien und seinen Offizieren. -Der Betrieb war geradezu organisiert<a id="FNAnker_118" href="#Fussnote_118" class="fnanchor">[118]</a>. Wenn Cicero auf seiner -pompejanischen Villa saß, erhielt er dorthin binnen drei Tagen die -Briefe des Atticus aus Rom<a id="FNAnker_119" href="#Fussnote_119" class="fnanchor">[119]</a>. Alle Briefe wurden immer genau datiert. -Das war nicht nur Pedanterie; am Datum konnte man feststellen, wie -schnell der Bote gelaufen, ob er nicht säumig gewesen war. Jener -Atticus, Ciceros Gewissensrat, einer der reichsten Herren mit zahlloser -Dienerschaft, außerdem der Hauptbuchverleger Roms und daher auch mit -Schreiberpersonal reich versehen, hatte für postalische Zwecke stets -einen Läufer bereit, und Cicero ist darum auch in der Lage, oft täglich -mit ihm Briefe zu wechseln. Oft schreibt er nur rasch einen Gruß hin, -um doch etwas geschrieben zu haben, so wie wir heut völlig inhaltlose -Ansichtspostkarten schicken. Ein Gruß genügt. Es ist doch immer ein -Lebenszeichen<a id="FNAnker_120" href="#Fussnote_120" class="fnanchor">[120]</a>!</p> - -<p>Sorglich wurde jeder Brief versiegelt; mit Siegel sicherte man außerdem -auch noch das geschnürte Briefbündel. Denn<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> die Zuverlässigkeit -der Läufer war doch nicht immer gesichert. Schon die bloße Neugier -verlockte zum Lesen, es geschah aber auch oft im Auftrag. Denn in -politisch erregten Zeiten war das Spionieren gang und gäbe; die Leute -wurden bestochen, das Briefgeheimnis war gefährdet. In der Zeit der -römischen Bürgerkriege wurden die Postsäcke so geplündert, wie England -es im verwichenen Kriege machte, indem es sogar die Schiffe der -neutralen Mächte bestahl<a id="FNAnker_121" href="#Fussnote_121" class="fnanchor">[121]</a>. In wichtigen Fällen sicherte man sich -deshalb durch Geheimschrift, brauchte sogar auch sympathetische Tinte, -die sich unsichtbar machen läßt<a id="FNAnker_122" href="#Fussnote_122" class="fnanchor">[122]</a>. Am schlimmsten stand es damit in -den Schreckensjahren unter Nero; im Jahre 67 n. Chr. hatte in Rom alle -Privatkorrespondenz völlig aufgehört. Die Angst vor der Zensur von oben -war zu groß. Die Briefträger (Grammatophoren) brachten damals nur noch -die Meldungen von den letzten Hinrichtungen in die Häuser. Es war die -Zeit des Grauens, und das Publikum wehrlos, denn die Garde sicherte den -Tyrannen<a id="FNAnker_123" href="#Fussnote_123" class="fnanchor">[123]</a>. Zum Glück lebte damals Seneca nicht mehr, und niemand -konnte seinen Briefen noch etwas anhaben.</p> - -<p>Dieselben Schreckensmeldungen von den Justizmorden in Rom hat man -damals gewiß auch in der Zeitung lesen können. Denn auch eine Zeitung, -ein stadtrömisches Tageblatt, gab es damals, das man über alle -Provinzen verschickte. Es fehlte den alten Römern nur an Kaffee und -Zigarren, sonst hätten sie mit ihrer Zeitung just so dagesessen wie wir.</p> - -<div class="sidenote">Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle.</div> - -<p>In Ciceros Zeit war sie entstanden. Es war natürlich, daß in jenen -Zeiten des erregtesten politischen Lebens, wo es in der Hauptstadt -täglich Weltentscheidungen gab, die Römer, die im Ausland standen, -mit gewisser Regelmäßigkeit erfahren wollten und mußten, was los -war, was da vor sich ging. So schrieben berufene Männer zunächst -nur private Berichte in Briefform über das Neueste an ihre Freunde. -Muster solcher Berichte besitzen wir von Ciceros Hand<a id="FNAnker_124" href="#Fussnote_124" class="fnanchor">[124]</a>. Indem sie -sich wiederholten und häuften, entstanden Serien in Zeitfolge, und -auch der Privatcharakter blieb nicht gewahrt. Der Empfänger<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> las -die Briefe seinen Freunden im Club vor; ja man verbreitete sie in -Abschriften: Abschrift aber ist immer Veröffentlichung. So wurden ja -auch des Apostels Paulus Lehrbriefe publiziert; Paulus schickte seine -Sendschreiben an die Korinther-, die Römergemeinde, die Gemeinde aber -sorgte durch Kopie für geziemende Verbreitung, und so erhielt sich der -Text und wuchs an Bedeutung mit dem Wachsen des Christentums.</p> - -<p>Den erzählenden Brief, in dem feuilletonistisch Wichtiges und -Unwichtiges planlos durcheinanderstand, hat man den Zeitungsbrief -genannt; aus diesen Zeitungsbriefen ist durch Veröffentlichung -damals die Tageszeitung hervorgegangen. Man gedenke zum Vergleich -an die Feldpostbriefe aus dem vergangenen großen Krieg; auch aus -ihnen, die damals in der Tat so vielfach abgedruckt wurden, hätte -man leicht eine vollständige Kriegszeitung zusammenstellen können, -und Versuche der Art wurden ja auch gemacht. Julius Caesar war es, -der in Rom im Jahre 59 v. Chr. die amtliche Herausgabe täglicher -Berichte, der <span class="antiqua">acta diurna</span>, wie man sie nannte<a id="FNAnker_125" href="#Fussnote_125" class="fnanchor">[125]</a>, die unter -den späteren Kaisern die Hofkanzlei beaufsichtigte, veranlaßte, -also eine Staatszeitung, deren Ruhm allerdings nur darin besteht, -daß sie 400 Jahre ununterbrochen bestanden hat. Welches moderne -Blatt kann auf solches Alter zurückblicken? Journalistische Talente -aber, die es einem Cicero gleich täten, übten sich nicht daran. Die -Zeitung war jedenfalls völlig anonym. Keine Verfasser werden uns -genannt; kein erheblicher Schriftsteller scheint sich beteiligt zu -haben. Wer schreiben konnte, schrieb lieber im großen Zusammenhang -Geschichtsbücher oder Memoiren, und der Inhalt der „<span class="antiqua">acta</span>“ -mag also ledern genug gewesen sein. Übrigens aber kamen daneben als -wichtige Ergänzung zeitweilig auch die Parlamentsberichte heraus. Sie -betrafen den Senat. Stenographisch wurden die Reden der Senatoren -während der Sitzung nachgeschrieben und gingen in Buchform unter der -Bezeichnung „Senatsakten“ (<span class="antiqua">acta senatus</span>) ins Publikum aus. Ohne -diese ist der Historiker Tacitus nicht denkbar<a id="FNAnker_126" href="#Fussnote_126" class="fnanchor">[126]</a>. Die geistvollsten -und besten Männer, die der<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> römische Staat besaß, kamen darin zu Worte; -die wichtigsten Entscheidungen konnte man da in ihrer Entstehung -verfolgen. Wer bei Tacitus die wundervollen Schilderungen der -Senatsverhandlungen unter Kaiser Tiberius und Claudius liest, erinnere -sich dabei an jene offizielle Quelle, aus der sie stammen. Ganz anders -das Tageblatt der <span class="antiqua">acta diurna</span>; es ist damals von den Historikern -als Geschichtsquelle nie gebührend ausgebeutet worden; ja auch das -großartige Bibliothekswesen Roms scheint die Zeitung, in die wir so -gern einmal einen Blick würfen, einer sorglichen Aufbewahrung kaum -wert gefunden zu haben<a id="FNAnker_127" href="#Fussnote_127" class="fnanchor">[127]</a>. Auf alle Fälle aber war durch sie für das -wißbegierige Volk und den Nachrichtenhunger des Publikums ausreichend -gesorgt; wer die neuesten Nachrichten haben wollte, konnte sie haben.</p> - -<div class="sidenote">Vergleich der neueren Zeiten. Mangel des Kompaß. -Winterstille.</div> - -<p>Blicken wir zurück, so scheint der Eindruck unabweislich, daß in -den wichtigsten der Dinge, die ich besprochen, im Straßenbau und -Reichspostwesen das Europa der Zeit Kaiser Hadrians das Europa der Zeit -Friedrichs des Großen und Napoleons ganz erheblich übertroffen hat. -Denken wir nur, wie lange ein Reisender im 18. Jahrhundert brauchte, -um von Madrid nach Wien, wie lange ein Warentransport, um von Cöln -nach Konstantinopel zu kommen! und wie hätte man es damals wohl fertig -gebracht, ein Heer von Paris bis an den Euphrat zu werfen? Diese -Fragen sind voll berechtigt. Und doch — den Hauptnachteil des antiken -Verkehrslebens habe ich noch gar nicht berührt, und damit ändert sich -das Bild sofort. Das ist das Aussetzen der antiken Schiffahrt bei -Sturm; ich meine das Altertum im Winter. Das Mittelmeer war die große -Hauptverkehrsstraße der Antike. Sie war im Winter völlig unbenützbar. -Das ganze Leben war durch den Winter blockiert.</p> - -<p>Den Mangel der Kohlenindustrie teilte das 18. mit dem 2. Jahrhundert; -aber die Neuzeit hatte den Kompaß, das Altertum hatte den Kompaß -nicht. Dieser scheinbar so geringfügige Mißstand war es, der das -ganze Altertum, das sonst so tatkräftig, entdeckungsfreudig war, -lahm setzte. Wie sollte man auf offener See Weg und Richtung nicht -verlieren? Man<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> mußte sich immer ängstlich in Sicht des Landes halten, -eine beklagenswerte Gebundenheit, und nur der Tollkühne wich bei -allerhöchster Not hiervon ab, so wie jener Ikelus, als er dem Galba -die wichtige Kaiserbotschaft brachte. Es ging für ihn auf Leben und -Sterben. Eben darum vermied man auch nachts auf offener See zu fahren -und ging abends in den ersten besten Hafen. Selten, daß einmal zur -Nachtfahrt ein Schiff wirklich Lichter aufsetzt<a id="FNAnker_128" href="#Fussnote_128" class="fnanchor">[128]</a>. Die kühnen -Entdecker unter den Seefahrern, die durch die Straße von Gibraltar -stießen, ein Hanno, ein Pytheas, sie sind allerdings bis England und -Jütland gefahren, den Nordstürmen Trotz bietend, haben sogar auf der -Straße Vasco de Gamas Afrika bis in die Nähe des Äquators zu umschiffen -begonnen, denn das war auch bei kompaßloser Küstenfahrt möglich; den -Vorstoß nach Amerika hat man dagegen im Altertum nur vorausgesagt, aber -nicht ausführen können.</p> - -<p>Nun aber der Winter. Im ganzen Winter war kein Schiff mehr auf dem -weiten Mittelmeer zu sehen; alles wie weggeblasen; wie eine leere -Tenne; wie der Tanzboden, wenn der Wirt Schluß macht und alle Lichter -auslöscht. Der Gott Poseidon blieb vier volle Monate in seiner -schäumenden Wasserwüste mit seinen Delphinen und Haifischen allein: -alle Schiffe und Boote an Land gezogen und auf den Staden aufgelegt. -Kapitän und Bootsmann strecken die Glieder aus und ruhen. So hörten wir -ja schon vom Apostel Paulus: monatelang blieb er, als er zu Schiff nach -Rom wollte, im Winter auf der Insel Malta liegen. Wenn die Sturmwolken -gingen, konnte man in der dicken Luft und in der Lichtlosigkeit -die Küsten nicht sehen: dies war nach Vegetius der Grund<a id="FNAnker_129" href="#Fussnote_129" class="fnanchor">[129]</a>, den -wir vollauf begreifen. Ganz so wie Paulus wird auch ein gewisser -Kephalion, der dem Atticus Briefe überbringen soll, „viele Monate“ -zurückgehalten<a id="FNAnker_130" href="#Fussnote_130" class="fnanchor">[130]</a>. Mindestens 40 Tage brauchte im Winter ein Brief von -Rom nach Spanien, weil er da eben über Land laufen mußte<a id="FNAnker_131" href="#Fussnote_131" class="fnanchor">[131]</a>. Cynthia, -des Properz Geliebte, will mit einem hohen Beamten nach Epirus reisen, -aber Gottlob<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> ist es noch Winter; sie kann noch nicht auf See. „Wenn -der Frühling kommt,“ so droht ihr der Dichter, „werde ich am Strand -stehen, um dir, wenn du abfährst, nachzuschauen, und dir schlechte -Fahrt wünschen.“ Der Frühling kommt, da bleibt Cynthia in Rom, sie -reist nicht, und der Liebende ist glücklich.</p> - -<div class="sidenote">Im Winter der Nachrichtendienst u. die Zufuhren behindert.</div> - -<p>Um so bewunderungswürdiger war die geniale Kühnheit Caesars<a id="FNAnker_132" href="#Fussnote_132" class="fnanchor">[132]</a>, der -im Bürgerkrieg gegen Pompejus alles riskierte und sein Heer zu solcher -Jahreszeit über die Adria und hernach nochmals von Sizilien nach -Tunis warf<a id="FNAnker_133" href="#Fussnote_133" class="fnanchor">[133]</a>. Erst wer die Dinge, die ich hier vortrage, beachtet, -kann solche Leistungen voll würdigen. Es waren ganz vereinzelte, -heroische Ausnahmen. Und nun werden uns auch auffallende Erscheinungen -im politischen Leben des Altertums verständlich. Markus Antonius, -der Triumvir, verbringt den Winter des Jahres 41 auf 40 v. Chr. mit -Kleopatra untätig in Alexandria; während dessen macht seine ehrgeizige -Gattin Fulvia, die selber in Waffen einherging, in Italien Krieg gegen -den Machthaber Oktavian; auch des Antonius Bruder Lucius ist dabei -und führt das Heer; der Winterkrieg um Perusia entbrennt. Perusia, -die Stadt, fällt; Lucius kommt um; Fulvia selbst muß aus Italien -fliehen. Von all dem ahnt Mark Anton in Ägypten gar nichts, bis das -Frühlingsäquinoktium vorüber ist und das erste Kurierschiff von Puteoli -nach Alexandria läuft. Da sieht der Herr des Orients plötzlich die -kolossal veränderte politische Lage und muß rasch seine Entschlüsse -fassen<a id="FNAnker_134" href="#Fussnote_134" class="fnanchor">[134]</a>. Es war, als wäre das Kabel gerissen, und es erinnert uns -unwillkürlich an das, was wir während des Weltkriegs Ende April 1916 -erlebt haben. In Dublin erhebt sich plötzlich der Aufstand Irlands -gegen die Engländer; das Postgebäude, die Bahnhöfe werden dort von -den Iren besetzt; in London aber weiß man davon nichts, bleibt ganz -ohne offizielle Nachrichten, bis zufällig ein paar Reisende die -Sache in London erzählten; „eine vollständige Überraschung“. Die -Iren hatten diese Isolierung dadurch bewirkt, daß sie das Kabel nach -England und außerdem in ihrem Lande selbst alle Telegraphendrähte -durchschnitten<a id="FNAnker_135" href="#Fussnote_135" class="fnanchor">[135]</a>.<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Ganz ähnlich begründet war die Überraschung, war -die Nachrichtenlosigkeit des Mark Anton.</p> - -<p>Nun denke man sich das antike Rom oder Neapel im Winter. Italien konnte -sich nicht selbst ernähren. Jedes Jahr mußte es sich bis zum Herbst und -zum Schluß der Schiffahrt von außen vollständig verproviantieren; die -Handelsflotten mußten ausreichende Wintervorräte an Korn und an anderen -Eßwaren, auch an Schreibpapier, von den Provinzen herangeschafft haben. -In mächtigen Speichern lagen die Vorräte aufgehäuft. Dann kam die tiefe -Winterstille über Stadt und Land, die große Siesta. Die Kaufherren -hatten nichts zu tun, der Export und Import regte sich nicht. All die -Tausende von Werkleuten waren unbeschäftigt. Eine Industrie gab es -kaum im Lande, wenn wir die großen Ziegeleien und Topffabriken nicht -rechnen. Auch die ungedeckten Theater und Amphitheater waren beim -Winterregen schlecht zu benutzen. Was sollte man weiter tun, als zu -Haus Feste feiern, schmausen und schlafen? Man saß also in seinen -kalten vier Wänden, vertrieb sich im Kleinleben die Tage, so gut es -ging, vertrank den ganzen Monat Dezember<a id="FNAnker_136" href="#Fussnote_136" class="fnanchor">[136]</a>, rechnete sein Soll und -Haben nach; auch für Senatsdebatten war vollste Muße, für Redeturniere -und Dichterdeklamationen. Dazu aber kam noch eins: man stand spät -auf und ging früh zu Bett, mit der Wintersonne. Man hatte damals -noch die natürliche Zeit, die sich nach dem Tageslicht richtet; der -Wintertag war kürzer als der Sommertag. Man konnte sich ausschlafen -— bis endlich der Frühlingsanfang kam: der beglückende 5. März, die -Eröffnung der Schiffahrt! Die Wintervorräte waren aufgebraucht. Zur -Feier des Tages wurde aus allen Häfen am 5. März ein menschenleeres -Schiff ins Meer hinausgestoßen. Mochte es in den Wellen untergehen; -es war ein Opfer, das man den Göttern darbrachte, und zwar der Göttin -Isis. Denn nach Ägypten, dem Lande der Isis, ging doch immer fast aller -Seehandel, auch der Transit. Das Schiff war als Spende für die Göttin -prächtig geschmückt und mit Spezereien<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> angefüllt. So trieb es hinaus, -indes froh andächtig das Volk im Festschmuck am Ufer stand und ihm -nachspähte. Die Winterblockade war aufgehoben.</p> - -<p>Eine Blockade! Soll ich mit dem Wort enden? Uns Deutsche muß das Wort -heute nachdenklich stimmen. Muß es uns nicht in der schicksalsschweren -Gegenwart, in der wir leben, unwillkürlich an unser Deutschland -erinnern? Auch wir sind ja bis heute blockiert, und es ist uns ein -Wort der Qual geworden. Wann kommt der Tag, wo wir, endlich wieder -ein freies Handelsvolk wie jene Alten, ein Schiff festlich schmücken -können, um es hinaus ins Meer zu treiben? Wir glauben an keine Isis -mehr. Aber wir glauben an den guten Geist in uns und über uns, der uns -zur rechten Stunde endlich doch das Gelingen geben wird.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Laus_im_Altertum">Die Laus im Altertum.</h2> - -</div> - -<p>Das Altertum nannte einen Grabbau von gewisser Großartigkeit -ein Mausoleum. Der Name rührt von dem berühmten Grabmal des -kleinasiatischen Königs Mausolos her. Im letzten Krieg ist daraus -der Scherzname Lausoleum entstanden; der Name war Scherz, die Sache -selbst aber bitterer, ja erbitterter Ernst. Es waren damit die -trefflich organisierten Entlausungsstätten für unsere wackeren, schwer -geplagten Krieger, aber auch für die feindlichen Gefangenen gemeint, -die aus dem Feindesland, vor allem aus dem östlichen, der Heimat aller -Unsauberkeit, nach Deutschland kamen und vor dem Überschreiten der -Grenze einer gründlichen Reinigung unterzogen wurden. Sie erlitten es -gern, denn das Schrecklichste fiel von ihnen ab. Auch das Lausoleum -war somit eine Grabstätte, wenn wir den Scherz, der in dem Namen -liegt, ausschöpfen wollen. Es war die Grabstätte des ärgsten deutschen -Landesfeindes geworden; aber nicht die Laus, sondern der Körper, der -sie trug, feierte aus diesem Grab die Auferstehung, den Übergang in ein -besseres Dasein, und er fühlte sich selig, wie im Himmel.</p> - -<div class="sidenote">Russische Mönche, Byzantiner. Die Laus bei Bauern und -Fischern.</div> - -<p>Da das Wort Lausoleum eine gelehrte und klassische Reminiszenz ist -und an das Griechische und Antike anklingt, so möchte man fragen, ob -denn das so oft und gern gepriesene klassische Altertum die Läuseplage -etwa auch schon kannte, und wie es sich ihrer erwehrt hat. Hat -jener König Mausolos, den ich nannte, mit Verlaub, sich nicht auch -gelegentlich gegen einen peinlichen Hautreiz wehren müssen? In den -Museen stehen all die griechischen Götter und Heroen, Apoll und Hermes -und Meleager, die griechischen jungen Speerträger und Ringer (um von -den Göttinnen ganz zu schweigen) in Gips und Marmor so appetitlich -und sauber da. Hat wirklich das trivialste und zudringlichste aller -Insekten ihre Haut nie berührt? Im Jahrgang 1915 der Hygienischen -Rundschau Nr. 24 befindet sich ein anregender Aufsatz über „Die Laus -in der Kulturgeschichte“<a id="FNAnker_137" href="#Fussnote_137" class="fnanchor">[137]</a>.<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> Da werden ungefähr alle Zeiten und -Völker in bezug auf diesen Schmarotzer des menschlichen Körpers in -Betracht gezogen, und wir hören insbesondere von den östlichen Völkern -manches Erstaunliche; so auch von der Toleranz und Schonung, die die -orthodoxen Christen des byzantinischen und des russischen Reichs, vor -allem die dortigen Mönche in ihrem Klosterleben, die aber auch die -frommen Buddhisten in Indien gegen diese widerwärtigen Blutsauger, die -auf ihnen zur Weide gingen, ausgeübt haben. Man tötete sie nicht! Der -Satz „Liebet eure Feinde“ wird da in unerhörter Weise verwirklicht: -eine erschreckende Verirrung der Tierliebe und der Gottesfurcht. Ja, -auch unser alter deutscher Dichter Fischart, auch Rabelais dient in -jenem Aufsatz als Zeuge für diese und ähnliche Dinge, und so bringt -er endlich auch einige aufklärende Angaben, die die alten Griechen -und Römer betreffen. Doch lohnt es sich, bei diesen beiden Völkern -uns etwas ausführlicher umzusehen, da wir damit in eine Kulturperiode -der Menschheit Einblick erhalten, die unserer modernen in so manchen -Punkten ebenbürtig, in manchen sogar auch überlegen war<a id="FNAnker_138" href="#Fussnote_138" class="fnanchor">[138]</a>.</p> - -<p>Es sei vorangestellt, daß das Tier, das uns jetzt beschäftigen soll, -auf griechisch <span class="antiqua">phtheir</span><a id="FNAnker_139" href="#Fussnote_139" class="fnanchor">[139]</a>, auf lateinisch <span class="antiqua">pediculus</span> heißt.</p> - -<p>Wer an den großen, wundervollen Homeros denkt, wird die -Reinlichkeitsfrage gar nicht erst erheben. Wer möchte in solchem -Zusammenhang den Namen Achills oder der Helena aussprechen? Odysseus -kehrt zu seiner Penelope heim. Der Haushund lebt noch, der einst jung -war, als Odysseus Ithaka verließ; jetzt liegt das Tier im Verscheiden -und ist räudig geworden. Aber Homer schildert uns das Ungeziefer nicht, -das auf ihm nistet.</p> - -<p>Aber dem Homer, dessen Person unter der modernen Kritik zum Schatten -geworden ist — denn wer kann ihn sich noch deutlich als Menschen -denken? —, ihm ist im Altertum eine ausführliche Biographie -angedichtet worden, und da lesen wir:<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> der Dichter der Iliade, der -weithin Griechenland durchwandert, findet irgendwo am Meeresstrand -Fischersleute und läßt sich in ihrer Gesellschaft nieder; da kommen die -Söhne der Fischer vom Meer, steigen aus den Booten, aber ohne Beute, -und geben nun das berühmte Rätsel auf:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Was wir nicht fingen, ist bei uns; nicht bei uns ist, was wir fingen.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="p0">Selbst ein Geist wie Homer löst dies Rätsel nicht; denn er ist zu -erhaben für solche Dinge. Die Läuse sind’s, um die es sich handelt; -erst wenn sie gefangen sind, hören sie auf, bei uns zu sein; die -<em class="gesperrt">nicht</em> gefangen sind, die eben haben wir!</p> - -<p>Diese Stelle steht fast einsam da in der griechischen Literatur. Die -Zoologie der Griechen, Aristoteles und seine Nachfolger, haben die Laus -natürlich beachtet und in ihr System aufgenommen. Aber ihr eigenartiges -Leben und Weben, ihr Kribbeln und Krabbeln, ihre Tücke und blutgierige -Menschenliebe uns lebendig zu schildern, dazu lassen sich solche -Autoren nicht herbei. Schon das Homer-Erlebnis aber verrät uns: nur -bei Fischern und anderen Leuten rein dörflichen Lebens, oder doch nur -da, wo vollkommene Armut herrscht, sind diese leidigen Parasiten zu -finden; nur da sind sie von uns vorauszusetzen; die schönheitssüchtige -Literatur der Griechen blickt selten in diese dörfliche Volksschicht -hinab und nimmt auch dann, wenn sie es tut, solcher Armseligkeiten -nicht wahr. Bei dem derben Lustspielschreiber Aristophanes tritt -einmal die „Armut“ als Person auf die Bühne, und von ihr heißt es da -in der Tat: sie bewirkt, daß um das Haupt des Armen Läuse, Wanzen -und Flöhe sich tummeln, so daß er aus dem Bett springt: „auf, an die -Arbeit!“<a id="FNAnker_140" href="#Fussnote_140" class="fnanchor">[140]</a> Für den, der solche Plage mit sich herumtrug, gab es auch -ein besonderes Wort, der „Läuseheger“ und „Läuseträger“. Wir reimen -darauf noch: der Läusejäger. Aber das Wort steht nur in den Lexika<a id="FNAnker_141" href="#Fussnote_141" class="fnanchor">[141]</a>; -wir finden nicht, daß es bei den Schriftstellern selbst in Gebrauch war.</p> - -<p>Es gab außer den Dorfleuten in der älteren Zeit noch eine<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> andere -Sorte von Menschen, auf die der Ausdruck paßte. Das waren gewisse -Anhänger des alten Pythagoras, die Pythagoristen, die so fromm sind, -daß Hades, der Gott der Unterwelt sie, wenn sie sterben, zum Lohn -mit an seinen Tisch zieht, obschon sie im Schmutz starren. Sie tun -das aus philosophischer Überzeugung. Wir hören, wie man in Athen -diese Sonderlinge, die nur Kräuter essen, nur Wasser trinken, sich -aber nie waschen und den Rock voll Läuse haben, verhöhnt hat<a id="FNAnker_142" href="#Fussnote_142" class="fnanchor">[142]</a>. -Aber sie standen außerhalb der Gesellschaft; das war kein wirkliches -griechisches Leben.</p> - -<div class="sidenote">Die Laus fehlt bei Aristophanes u. sonst. Reinlichkeit der -Städter.</div> - -<p>Höchst auffällig, daß sonst die ganze Literatur von solcherlei Menschen -nichts zu wissen scheint, und zwar nicht nur die griechische, sondern -nahezu ebenso auch die der Römer! Die antike Literatur ist immun und -von früh an insektenfrei. Aristophanes, derselbe Dichter, den ich schon -nannte, er war keineswegs nur der anmutige Possenreißer, im Gegenteil: -ein Unflat war er, der sonst wahrlich kein Blatt vor den Mund nimmt, -um in derbsten Tönen alle sexuellen Realitäten wie auch die Dinge der -Leibesnotdurft vorzuführen. Aber die Insektenplage?</p> - -<p>Den geflügelten Mistkäfer führt er zwar vor, in Riesengröße; der Held -des Stückes fliegt auf dem Mistkäfer gen Himmel unter Gestank. Den -Philosophen Sokrates läßt er ferner mit Flöhen umgehen; der Floh ist -der Aristokrat unter diesen Tieren, und Sokrates nützt ihn gleich zu -wissenschaftlich-experimentellen Zwecken aus; er will wissen, wie weit -Flöhe springen können. Ein Floh hopste vom Kopfe des Chairephon auf den -Kopf des Sokrates; nun werden die Flohfüße in Wachs abgegossen und dann -irgendwie die Sprungweite gemessen<a id="FNAnker_143" href="#Fussnote_143" class="fnanchor">[143]</a>. So heißt es noch anderswo bei -demselben Dichter, daß die jungen Mädchen tanzen wie die Flöhe in den -wollenen Bettdecken<a id="FNAnker_144" href="#Fussnote_144" class="fnanchor">[144]</a>. Ja, auch Schaben und Wanzen fehlen da nicht und -sitzen im Haus am Mauerwerk fest<a id="FNAnker_145" href="#Fussnote_145" class="fnanchor">[145]</a>. Insonderheit der Reisende fürchtet -sich vor den Wanzen in den Nachtherbergen<a id="FNAnker_146" href="#Fussnote_146" class="fnanchor">[146]</a>. Aber Läuse? Nein! Die -Weiber ziehen sich in naturwüchsigstem<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> Gebaren bei Aristophanes aus -und an und reden dabei die natürlichsten Dinge. Läuse fehlen. Auch eine -Rasierszene ist da, wo alles voll Ulk und sehr umständlich hergeht; -Anlaß genug, solche Gäste in den Barthaaren zu finden; sie finden sich -nicht<a id="FNAnker_147" href="#Fussnote_147" class="fnanchor">[147]</a>. Der bäuerische Volksmann Dikäopel sitzt frühmorgens einsam -in der leeren Volksversammlung, wartet, daß die anderen Bürger kommen, -und gähnt und rekelt sich derweilen, zupft sich die Haare und tut sonst -noch, was wenig anständig ist; aber er laust sich nicht.</p> - -<p>Nur Andeutungen gestattet sich der Dichter; sein Stück „die Wolken“ -fängt bei Nacht an; ein alter Athener liegt da zur Nachtruhe und -kann nicht schlafen; „will es noch nicht Tag werden? mich beißen -die Sorgen,“ seufzt er, und nochmals: „mich beißt die Sorge vor dem -Exekutor aus dem Bett heraus!“ Da haben wir die beißende Sorge als -Ersatz.</p> - -<p>Aber wie bei Aristophanes, so steht es auch sonst. Die Hirtenpoesie des -Theokrit, die sich unter Ziegen und Kuhherden bewegt, wahrt auch sonst -gern allerlei realistische Züge; erst recht tut dies die Tierfabel -des Aesop (Phädrus, Babrius). Aber nur Mücken und Ameisen erscheinen -da; vom Biß der Ameise wird da gehandelt. Weiter greift auch die -Fabeldichtung nicht hinab.</p> - -<p>Wohl aber verrät uns Aristophanes an einer Stelle, daß es in der groben -Bühnendichtung früherer Zeiten doch anders hergegangen war. Da, wo -er stolz vor sein athenisches Publikum tritt und darlegt, wodurch er -all seine Vorgänger übertreffe und wie er es sei, der das Lustspiel -zu etwas Neuem, Großem und Herrlichem gemacht, da lesen wir, daß die -früheren rohen Volksdichter Athens sich begnügten, Leute aus dem Volk, -die in Lumpen gehen, vorzuführen, und solche, die da „mit Läusen -fechten“<a id="FNAnker_148" href="#Fussnote_148" class="fnanchor">[148]</a>.</p> - -<p>Da taucht also die Laus auf, nach der wir mit der Lupe suchten, und -sogar ein Gefecht, eine Phtheiromachie; aber nur, um wieder fast -völlig für uns zu verschwinden. Aristophanes hat an der angegebenen -bedeutsamen Stelle das Programm<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> der ganzen klassischen Literatur -aufgestellt: das Programm der Läuselosigkeit.</p> - -<div class="sidenote">Bad; Gymnastik; Rasieren. Die griechischen Frauen.</div> - -<p>Woran liegt das? Die Antwort kann nur sein: an der außerordentlichen -Reinlichkeit der Städter, die selbst für die kleineren Stadtgemeinden -(„Poleis“) Altgriechenlands bezeugt oder doch vorauszusetzen ist. Das -leidet keinen Zweifel. Denn nicht nur in den Gymnasien allerorts war -Wasch- und Badegelegenheit; es gab auch noch besondere Badeanstalten -mit Wannen<a id="FNAnker_149" href="#Fussnote_149" class="fnanchor">[149]</a>, und auch selbst in den Häusern der kleinen Bürger gab -es regelmäßig Badetröge, Badewannen, Badestuben. Man lese dafür solche -Stellen wie in des Aristophanes Wespen (v. 141) und Thesmophoriazusen -(v. 559). Ein unzurechnungsfähiger, unruhiger Alter will aus seinem -Haus; er wird aber nicht herausgelassen; die Tür ist abgeschlossen. Da -fürchtet man, er könne von seiner Badestube aus durch den Wasserablauf -schlüpfen und so den Ausgang finden. Ein andermal hat sogar angeblich -ein Mord in der Familie stattgefunden, und unter der Badewanne im -Haus hat man den Ermordeten eingescharrt. Das gibt uns Einblick in -die bescheidenen bürgerlichen Wohnhäuser Alt-Athens im 5. Jahrhundert -v. Chr., in denen sonst die Hühner und Schweine mit herumliefen. Ein -vielgescholtener Demagog Athens war damals Kleon; von ihm wird uns -berichtet, wie er den „Demos“ auf das schlaueste gängelt und verzieht; -er läßt ihn morgens Gericht halten, schickt ihn dann ins Bad, dann -zum Essen und zahlt ihm dazu Tagegelder aus der Staatskasse. Der -„Demos“ aber ist das Gesamtvolk der Stadt; ganz Athen badete, wenn der -geschäftige Vormittag vorüber<a id="FNAnker_150" href="#Fussnote_150" class="fnanchor">[150]</a>!</p> - -<p>Was die Männerwelt betraf, so kommt nun die Nackt-Turnerei in den -geschlossenen Räumen der Gymnasien dazu; und dazu diente das Öl. Ein -Turner ohne Einölung der gesamten Körperhaut war für die Griechen nicht -denkbar; ständig wurde deshalb auch nach dem Abschluß der Sportübungen -mit dem Striegel Öl und Schweiß vom ganzen Körper abgeschabt. Wo war -da noch Raum, ein geruhsamer Wirkungskreis<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> für Insekten? Man denke an -den marmornen „Schaber“ des Lysipp im Vatikan. Wie können an solchem -Jüngling Parasiten haften?</p> - -<p>Eine gleichsam absolute Reinlichkeit, die sich noch steigerte, als nun -gar auch das Rasieren Pflicht wurde. Durch 500 Jahre geht das ganze -Altertum, und zwar auch die alten Herren, mit so ausrasiertem Gesicht -wie Napoleon, Goethe und Schiller. Man denke an den Alexanderkopf, -an Julius Caesar, Augustus, Menander. Im Bartwuchs aber findet sonst -das lausige Getier gern Unterschlupf, wie das Wild im Walde<a id="FNAnker_151" href="#Fussnote_151" class="fnanchor">[151]</a>. -Der Unterschlupf war damit niedergelegt. Nur gewisse Fanatiker des -Naturwüchsigen, Philosophen und dergleichen, fügten sich der neuen Mode -nicht.</p> - -<p>Etwas anders steht es mit den Frauen. Sie badeten zwar fleißig, aber -sie turnten nicht und ölten sich nicht ein<a id="FNAnker_152" href="#Fussnote_152" class="fnanchor">[152]</a>, und insbesondere ihre -Frisur konnte leicht zur Heimstätte des Gefürchteten werden. Es bestand -die Redensart, wenn eine Frau in Trauer war und darum ihr Haupthaar -sich glatt wegscheren ließ, sie werde bis auf die Laus geschoren<a id="FNAnker_153" href="#Fussnote_153" class="fnanchor">[153]</a>. -Das läßt freilich tief blicken.</p> - -<p>So begegnet uns denn in der Tat ein einziges Mal eine Dame der feinen -Welt, die auch wirklich an diesem Übel litt. Die bessere griechische -Gesellschaft und ihr Geistesleben war nicht denkbar ohne die schöne -Halbwelt; die Hetären waren, wie allbekannt, Vertreterinnen der besten -Bildung, des guten Tons und des Geschmacks, und Künstler, Dichter, -Politiker und Philosophen wurden von ihrer Lebenskunst gefesselt. Daher -besitzen wir ganze Kataloge von Namen dieser anziehenden Schönheiten. -Eine einzige unter ihnen, die Phanostrate, führte den Spitznamen -„die am Läusetor“ (Phtheiropyle, gebildet wie Thermopyle), warum? -Weil sie die Gewohnheit hatte, vor ihre Haustür zu treten und sich -dort die Läuse abzusuchen. Es war gewiß gut, daß sie dies Geschäft -nicht in ihrem Hause besorgte. Demosthenes hat in seinen Reden diese -Person erwähnt; aber er gibt uns den garstigen Spitznamen nicht; ein<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> -Demosthenes nimmt den nicht in den Mund. Nur das Volk Athens hat die -Dame so gerufen<a id="FNAnker_154" href="#Fussnote_154" class="fnanchor">[154]</a>!</p> - -<div class="sidenote">Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in der röm. Literatur.</div> - -<p>Nichts ist auffallender als Sokrates, den uns Plato in unzähligen -Schriften schildert und hinstellt, als ob er vor uns lebte. Plato weiß -ganz wohl, daß es Läuse gibt, und da, wo er über verschiedene Künste -handelt, stellt er einmal auch mit der Kunst der Strategie und der Jagd -die Kunst des Läusefangs zusammen; neben der Strategie und Thereutik -steht also die <em class="gesperrt">Phtheiristik</em><a id="FNAnker_155" href="#Fussnote_155" class="fnanchor">[155]</a>. Man sollte sich diesen Ausdruck -merken, da wir für alle guten Künste so gern griechische Fremdwörter -brauchen! Von Sokrates nun aber versichert uns Plato, daß er sich, mit -wenigen glorreichen Ausnahmen, nie wusch und badete und daß er immer -barfuß ging. Trotzdem kann der Verdacht, eine Laus an Sokrates zu -finden, nicht aufkommen. Plato selbst läßt solchen Verdacht nicht zu. -Ist es nur Pietät? sollte von ihm nur deshalb, weil er der erhabene -Träger aller edelsten Gedanken ist, das gemein Triviale ferngehalten -werden? Vielmehr ist Sokrates in Wirklichkeit sauberer als sein Ruf -gewesen. Er war durchaus hoffähig, so schlicht er auftrat. Die eklen -Standesunterschiede, die heute leider dem Adligen und Landbaron mit -dem Fabrikarbeiter, dem Professor mit seinem Flickschuster einen -täglichen Verkehr nicht gestatten, gab es in jenem glücklichen Athen -noch nicht. Ob reich ob arm, der Männerverkehr stand ausschließlich auf -Du und Du: selbst den Kaiser Roms hat jeder armseligste Eckensteher -geduzt; und Sokrates, der dürftige, zieht also auch, ohne Anstoß zu -geben, die ersten Größen der Stadt, wo er will und so oft er will, in -seine Gespräche und tritt, wie er ist, als gern gesehener Gast in die -vornehmsten Häuser Athens ein. Er hat durch das, wonach wir suchen, -sicherlich keinen Anstoß gegeben; er war immun.</p> - -<p>Und was von ihm galt, gilt nun auch von den eigentlichen -Straßenphilosophen, die sich deshalb die Hundsphilosophen, die Kyniker -nannten, weil sie bedürfnislos wie die Tiere leben wollten. In der Tat -sind die Kyniker für die Bettelmönche des<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Mittelalters, insbesondere -für das Mönchtum der griechisch-orthodoxen Kirche, die eigentlichen -Vorgänger gewesen. Aber wenn diese christlichen Mönche die Läuse, mit -denen Gott der Herr sie plagt, als eine Zuwendung des Höchsten sorglich -hüten, die wahren Läuseheger und Läuseträger, so läßt sich das von -einem Diogenes und seinesgleichen keineswegs behaupten. Es ist jener -Diogenes, der in Athen in einem tönernen Faß auf dem Tempelgrundstück -des Metroons seine Wohnung aufschlug. Sehen wir näher zu, so erfahren -wir, daß der Mann badete wie jeder andere, ja daß er sich auch einölte, -wie ein rechter Grieche. Er war eben Städter und kein Dorfbewohner. -Überdies stellte er sich gelegentlich nackt in den Winterregen, so daß -alle über seine Abhärtung staunten. Als er in eine Badeanstalt kommt, -die nicht sauber genug gehalten ist, fragt er: „Wo reinigen sich die, -die hier baden<a id="FNAnker_156" href="#Fussnote_156" class="fnanchor">[156]</a>?“ Ein beredteres Zeugnis für die Bedeutung des Bades -bei den Griechen, als dieses, kann es nicht geben.</p> - -<p>Mit dem Römervolk steht es nun aber nicht anders als mit den Griechen. -Wer kann es wagen, einen Cicero, Vergil, Seneca und Tacitus in -Zusammenhang mit diesen Dingen zu bringen? Der Stich der Wassermücke -war unangenehm; der wird in einem kleinen Epos von Vergil oder -einem Vergilnachtreter einmal wirklich gefühlvoll besungen<a id="FNAnker_157" href="#Fussnote_157" class="fnanchor">[157]</a>: ein -schlafender Hirte wird durch den Stich der Wassermücke geweckt, als -gerade eine Schlange im Gras auf ihn lauert, und das Tierchen hat -so dem Menschen das Leben gerettet; aber eine Laus naht sich dem -Hirten nicht. O nein! Begreiflich genug. Denn die römische Kultur war -eben im Geistigen und Technischen, in allem Nützlichen und Schönen -griechisch. Ja, gerade für das Badewesen hat der Römer nicht nur in -der Tiberhauptstadt, sondern auch in den kleinsten Nestern Italiens -und allen Provinzialstädten wie Trier, auch in den Soldatenlagern wie -im Kastell der Saalburg noch viel mehr getan als der Grieche. Es war -ein Schlemmen in wohliger Nässe in den öffentlichen römischen Thermen, -die gerade nur für das niedere Volk bestimmt<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> gewesen sind und, um -große Volksmassen aufzunehmen, die Größe unserer größten Kirchenbauten -durch ihren Umfang weit übertrafen. Kleine Badeanstalten von -Privatunternehmen gingen noch nebenher; der Reiche hatte seine eigenen -Marmorbäder in seinen Villen und Palästen und protzte damit, so daß die -Ärzte warnen: es wird zuviel gebadet, das Volk wird verweichlicht! Die -weit über Land geführten römischen Wasserleitungen waren womöglich noch -großartiger als ihre berühmten Militärstraßen. In all dem Wasser mußte -das Fußvolk der Läuse zu Grunde gehen.</p> - -<div class="sidenote">Fehlen bei d. Spottdichtern, anders in d. älteren Zeit Roms.</div> - -<p>Spottdichter, die auch das Widerwärtigste heranziehen, hat Rom genug -gehabt; alte Vetteln, die bei lebendigem Leibe verfaulen<a id="FNAnker_158" href="#Fussnote_158" class="fnanchor">[158]</a>, mit -grünen Zähnen und krankem Zahnfleisch; Grind und Aussatz am Kopfe -und übler Mundgeruch; Bocksgeruch der Männer; Triefäugige; einer, -der sich mit Urin die Zähne putzt; vergoldete Nachtstühle und ihre -Benutzung<a id="FNAnker_159" href="#Fussnote_159" class="fnanchor">[159]</a>, und noch Ärgeres sind ihre Themen. Nicht nur Catull und -Horaz, vor allem hat uns Martial zwölf ganze Bücher voll schlimmster -Anzüglichkeiten hinterlassen. Daß aber vor Unsauberkeit sich jemand -einmal jucken muß, wird von ihnen niemals irgend jemandem aufgemutzt. -Die Laus fehlt<a id="FNAnker_160" href="#Fussnote_160" class="fnanchor">[160]</a>. Jemand sitzt einsam; es wird gefragt: „Ist jemand -bei ihm?“ Antwort: „Nicht einmal eine Fliege!“ Über die Fliege geht die -Phantasie nicht hinaus<a id="FNAnker_161" href="#Fussnote_161" class="fnanchor">[161]</a>.</p> - -<p>Einmal taucht allerdings auch die Wanze auf. Im Haus des Furius, -sagt Catull, herrscht ein solches Hungersystem, daß sogar die Wanze -auswandert, weil sie da ihr Dasein nicht fristen kann<a id="FNAnker_162" href="#Fussnote_162" class="fnanchor">[162]</a>. Diese Plage -fand sich also allerdings in vielen Häusern; aber sie gehört nicht zu -unserem Gegenstand.</p> - -<p>Hieran reiht sich die Beobachtung, daß ja auch die Tiere Läuse haben. -Auch das entzog sich natürlicherweise der Kenntnis der Alten nicht; -vielmehr gingen sie so weit, wo es nötig schien, auch an den Tieren -die Läuse sorglich zu entfernen. Hoch entwickelt war die Pferdezucht, -Fischzucht, Geflügelzucht, und betreffs der Hühner galt nun die -Vorschrift, daß<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> man den Kücken in der Zeit, wo die Federn sich -bilden, die Läuse „häufig“ absuchen soll; so schreibt es der gelehrte -Landwirt Varro in seinen landwirtschaftlichen Gesprächen vor (<span class="antiqua">De re -rustica</span> III, 9, 14). Das förderte die gesunde Entwicklung der Tiere.</p> - -<p>So viel von der Sauberkeit des Römers. Aber so war es nun doch nicht -immer in Rom. Ganz anders steht es auffälligerweise in der altrömischen -Poesie, als sie noch in ihren Anfängen steckte. Da regte sich wirklich -das Tierleben noch auf der Menschenhaut. In den alten Bühnenstücken, -da regt es sich. Woher kommt das? Das Bäderwesen fehlte nachweislich -zu jenen Zeiten in Rom noch, oder es war noch ganz unentwickelt; ich -meine die Zeiten der Scipionen und Gracchen, das 3. und 2. Jahrhundert -v. Chr., und damit wird es um so klarer, daß am Bäderwesen alles liegt.</p> - -<p>„Du hast ja eine einsame Laus von ungeheurer Größe auf deiner Nase -sitzen!“ so wird in jenen Theaterstücken gerufen<a id="FNAnker_163" href="#Fussnote_163" class="fnanchor">[163]</a>. Es war natürlich -sehr auffallend, daß es nur <em class="gesperrt">eine</em> war, denn man traf sonst immer -viele gesellig beisammen. „Der Lausbedeckte“ ist eine altlateinische -Wendung, die an Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrig läßt<a id="FNAnker_164" href="#Fussnote_164" class="fnanchor">[164]</a>, und -ein solcher Mensch kam damals in den Volksstücken des Titinius auch -wirklich auf die Bühne, wo es hieß: solcher Dreckmensch gehört aufs -Land<a id="FNAnker_165" href="#Fussnote_165" class="fnanchor">[165]</a>. In den Liebeshändeln, die Plautus uns vorführt, sind die -bösen Kuppler, die schöne Mädchen anpreisen und von den Jünglingen -Geld erpressen, ständige Figuren. Plautus nennt diese Kuppler, diese -Aussauger, die Läuse, Wanzen und Flöhe der Großstadt<a id="FNAnker_166" href="#Fussnote_166" class="fnanchor">[166]</a>.</p> - -<p>Noch älter als er ist der Dichter Livius Andronicus, der ein -Soldatenlustspiel „Das Schwertlein“ (Gladiolus) schrieb; wir besitzen -es nicht; aber eine Stelle ist uns daraus erhalten, die uns so -viel erkennen läßt. Der Kriegsmann prahlt immer in hohen Tönen und -wird deshalb immer zum Narren gehalten. Hier prahlte er in einem -Schlachtbericht, den er gab, ungefähr so:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">An fünfhundert, nein, an tausend schlug ich tot an einem Tag!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="p0">Prompt folgt darauf die höhnische Frage:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Meinst du Flöhe, meinst du Wanzen, meinst die Läuse? sag’ mir doch!</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="sidenote">Komödie. Lucilius. Die Fabel Sullas. Julian.</div> - -<p class="p0">Da haben wir also sogar den Kampf mit den Läusen, die Phtheiromachie, -die sich unseren Augen bisher völlig entzog; es wird die Möglichkeit -vorausgesetzt, daß damals ein Kriegsmann in offenbar höherer Charge -einen solchen furchtbaren Kampf wirklich zu bestehen hatte. Schlimmer -aber noch eine Szene in den Satiren des Lucilius; leider sind uns auch -diese Satiren nur in dürftigen Fetzen erhalten. Auf alle Fälle erkennen -wir, daß sich da irgend jemand bei dem Dichter einschmeicheln will, und -was tut er? Es heißt: „Als der Kerl mich sieht, strahlt er mich an, -dann tätschelt er mich mit der Hand, fängt an, mir den Kopf zu krauen -und sammelt die Läuse<a id="FNAnker_167" href="#Fussnote_167" class="fnanchor">[167]</a>.“ Da haben wir Alt-Rom. Da haben wir noch -echtes, ungebadetes Leben. Auch in der Plautus-Komödie „Vidularia“ -wurde etwas Ähnliches erzählt<a id="FNAnker_168" href="#Fussnote_168" class="fnanchor">[168]</a>. Und in solcher Hilfe zeigte sich -also die Liebenswürdigkeit der Menschen. Einer hilft dem andern. Nicht -anders machen es ja die Affen; nicht anders machen es aber auch die -Leute noch heute im sonnigen Neapel, auf offener Straße, in Neapel, das -seine antiken Volksbäder leider seit langem verloren hat.</p> - -<p>Ich bemerke noch, daß jene altrömischen Lustspieldichter, die ich -erwähnte, zwar ihren Stoff vielfach von den griechischen Dichtern -entlehnt haben; aber solche Einzelzüge trugen sie nach freiem Ermessen -hinein. In den griechischen Vorlagen stand sicher davon nichts; daher -bietet uns auch der feinste der römischen Komiker, Terenz, nichts -derart; er folgte am treuesten den griechischen Originalen.</p> - -<p>Mit den Ackerknechten zu Sullas Zeit stand es begreiflicherweise noch -nicht besser als in den Verkehrskreisen des Lucilius. Sulla ist es, -der den Stadtrömern drohend von dem Bauer erzählt, den bei der Arbeit -die Läuse bissen. Zweimal ließ der Mann geduldig den Pflug stehen und -suchte seinen Kittel<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> sorgsam nach ihnen ab; als sie ihn dann aber noch -weiter bissen, schmiß er den Rock ins Feuer. Sulla will sagen: so ist -Rom der Rock, den ich trage, ihr Römer seid die schmarotzenden Kerfe -mit dem Saugrüssel, die ihn bevölkern; verbrennen werde ich Rom, wenn -ihr nicht aufhört mich zu plagen<a id="FNAnker_169" href="#Fussnote_169" class="fnanchor">[169]</a>.</p> - -<p>In der Umgegend Neapels, da spielt nun aber auch der satirische Roman -des Petron, und damit stehen wir in der Zeit der Hochkultur, in der -Zeit des Kaisers Nero. Beim Gastmahl des höchst ordinären Geldmannes -Trimalchio sind auch ein paar Leute aus dem niedrigsten Volke zu Gast, -die unendlich plebejische Reden führen. Da steht auch ein Satz, der -uns an den bekannten biblischen Satz vom Splitter und Balken im Auge -erinnert; es werden dabei die gemeine Laus und die große Schaflaus -unterschieden, und der Kerl sagt also: „Am andern siehst du die -Laus; die Schafslaus, die du selber hast, siehst du nicht!“ (<span class="antiqua">in -alio peduclum vides, in te ricinum non vides.</span> Petron. <span class="antiqua">c.</span> -57). So etwas war also damals in Süditalien möglich, wo auch gerade -die Schafzucht besonders blühte. Wohlgemerkt aber steht dort diese -Wendung nur als Sprichwort und bildlicher Ausdruck, ganz so wie wir -den Splitter und Balken im Auge nicht wörtlich nehmen, und es wird bei -Petron nicht etwa vorausgesetzt, daß Trimalchio’s Gäste auch von jenen -Tieren behaftet waren.</p> - -<p>Es bleibt noch Kaiser Julian, der im 4. Jahrhundert n. Chr. lebte, und -damit nähern wir uns der geheiligten Majestät selbst auf dem Thron der -Welt. In seiner Satire über das Barttragen tut dieser Kaiser so, als -hätte er wirklich höchstselbst Läuse im Bart. Um sich den weichlich -verwöhnten Großstädtern in Antiochia, die ihn ohnedies hassen, noch -grauenhafter zu machen, sagt er das. Das ist bizarr; der Mann ist -greller Ironiker, und wir brauchen seine Versicherung ganz gewiß -ebensowenig ernst zu nehmen wie das, was wir im Petron lasen<a id="FNAnker_170" href="#Fussnote_170" class="fnanchor">[170]</a>.</p> - -<p>Ordinäres Volksleben geben uns endlich vielfach auch die -spätlateinischen „Glossare“, lexikalische Sammlungen, die heute<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> im -Abdruck reichlich vier Bände füllen. Da sehen wir endlich auch noch -gelegentlich den <span class="antiqua">pediculus</span> und den <span class="antiqua">pediculosus</span> mit -verzeichnet. Das gehörte zu Vollständigkeit solcher Wörtersammlungen. -Aber ein Schimpfwort, das unserem „Lausbub“ oder „Lausekerl“ -entspräche, hat der Römer nie gebildet; auch der Grieche nicht. Es muß -an Anschauung gefehlt haben; sonst hätte die reiche und unverblümte -Sprache des Altertums sich solches Kraftmittel, die Verachtung -auszudrücken, gewiß nicht entgehen lassen.</p> - -<div class="sidenote">Die Läusekrankheit. Läuse bei den Barbaren.</div> - -<p>Habe ich meinen Gegenstand hiermit erschöpft? Man wird mich an den Tod -Sullas erinnern. Sulla, der Tyrann Roms, den ich schon einmal erwähnte, -starb an der entsetzlichen Krankheit der Phtheiriasis. Es tat den -alten Völkern wohl, wenn böse Menschen gerade durch sie, durch diese -„Läusekrankheit“ zu Grunde gingen, so wie auch den Herodes, den König -der Juden, die Würmer zerfraßen<a id="FNAnker_171" href="#Fussnote_171" class="fnanchor">[171]</a>. Am öftesten werden die „Läuse“ von -den Griechen und Römern gerade nur in Anlaß dieser Krankheit erwähnt, -aber gerade da täuschten sie sich vollständig. An Geschwüren ging -Sulla zugrunde; auf den ausbrechenden Geschwüren bildete sich Gewürm; -daß man dies Gewürm für Läuse hielt, die gar durch Urzeugung da erst -ihre Entstehung fanden, war ein naiver Irrtum; darüber ist sich die -heutige medizinische Wissenschaft wohl einig, und es verrät sich uns -auch darin, wie wenig genau jene alten Kulturvölker die Laus im Grunde -gekannt haben. Charakteristisch ist auch, was wir beim Aelian „Über die -Tiere“ IX, 19 lesen: wenn das Tier Galeotes (anscheinend eine Eidechse) -in Wein fällt und darin stirbt, so schadet das nichts; ertrinkt es -dagegen in Öl, so stinkt das Öl und, wer davon trinkt, dem wachsen die -Läuse aus der Haut hervor! Wir können diese Unkenntnis der klugen Leute -nur mit Neid betrachten.</p> - -<p>Lassen wir also jene abenteuerlichen Krankheitsberichte ganz beiseite. -Aus alledem aber erklärt es sich nun endlich auch, daß die Griechen die -ihnen so fremd gewordene Insektenplage<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> gelegentlich an auswärtigen, -barbarischen Völkern als Merkwürdigkeit hervorhoben; es geschieht -wiederum offenbar mit Erstaunen und Entsetzen.</p> - -<p>Als der edle Grieche Phalanthos aus seiner schönen Heimat auswandern -muß, überfällt ihn in der Fremde, im „Elend“, diese Plage; seine Frau -aber ist mit ihm, nimmt ihn auf den Schoß und säubert ihm das Haupt. -So erzählte die Sage<a id="FNAnker_172" href="#Fussnote_172" class="fnanchor">[172]</a>. Dann aber meldet sich der alte Ethnograph -Herodot (im 5. Jahrhundert v. Chr.) zum Wort. Die ägyptischen Priester, -so erzählt er, sind reinlicher als die sonstigen Ägypter und treiben -es darin bis zum äußersten; sie bescheren sich den ganzen Körper, -jeden dritten Tag, damit keine Laus noch anderes Ungeziefer sich -einfinde; auch die leinenen Kleider, die sie tragen, sind immer frisch -gewaschen<a id="FNAnker_173" href="#Fussnote_173" class="fnanchor">[173]</a>; und von einem anderen, unkultivierteren afrikanischen -Volksstamm erzählt Herodot: ihre Weiber waschen sich die Haare, und -wenn eine von ihnen von einer Laus gebissen wird und sie erwischt, -so beißt sie sie zunächst aus Rache wieder und beißt sie tot, bevor -sie sie wegwirft<a id="FNAnker_174" href="#Fussnote_174" class="fnanchor">[174]</a>. Die griechischen Geographen aber, Strabo voran, -die die Gegend nördlich der Krim und des Asowschen Meeres (Maeotis) -beschreiben, verzeichnen da ein Volk, das von den Griechen kurzweg die -„<em class="gesperrt">Läusefresser</em>“, die Phtheirophagen, genannt wurde<a id="FNAnker_175" href="#Fussnote_175" class="fnanchor">[175]</a>. Wegen -ihrer Ruppigkeit und ihres Schmutzes hießen sie so, wie Strabo uns sagt.</p> - -<p>Und damit sind wir glücklich in <em class="gesperrt">Südrußland</em> angelangt. Die -„Phtheirophagen“, so könnten auch jetzt noch die Südrussen heißen! -Schon um die Zeit vor Christi Geburt war es im Don- und Wolga- -und Dnjeprgebiet nicht anders, als es jetzt ist. Ja, wir dürfen -voraussetzen, daß diese Spezialität auch damals schon bedeutend weiter -nach Norden und bis in die Gegend von Warschau, von Pinsk und Minsk -reichte. Auch unsere Feldgrauen in Polen und Littauen redeten ja mit -Hohn und Ingrimm von den „Läusefressern“, als hätten sie den Ausdruck -aus Strabo genommen. Die Läuse, die dort in den<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> Kriegsjahren unter -unsäglicher Pein und Beschwerde von unseren braven deutschen Kriegern -gefangen wurden, sind ein zähes Geschlecht, von uraltem Adel, dessen -Ahnen schon in den alten Geschichtsbüchern der Griechen verzeichnet -stehen. Es erben sich Gesetz und Rechte, es erben sich auch der Läuse -Geschlechter wie eine ewige Krankheit fort.</p> - -<p>Und dazu kommen noch die Serben. Ich sehe eben ein prächtiges Bild in -der „Jugend“, 1916, Nr. 5; es ist von A. Schmidhammer gezeichnet. Die -flüchtigen Serben sind auf Korfu gelandet; im Garten des kaiserlichen -Achilleions steht dort die Statue des herrlichen jungen Achill; ein -alter, müde gehetzter Serbe schläft zu Füßen der Statue ein, und die -Läuse krabbeln nun von dem ungewaschenen Kerl aus gierig am Bein des -hohen Griechenhelden hinan, der sich ganz befremdet an den glatten -Schenkel faßt und seine erhabene Gestalt zu der niedrigsten aller -Untersuchungen herunterbückt. Modernes Slawentum und klassisches -Altgriechentum! Da haben wir den Gegensatz im Bilde!</p> - -<p>Wohl uns Deutschen, daß wir uns sagen können: unser deutscher Soldat -ist der saubere Erbe jener alt-hellenischen Kultur, die das Leben erst -lebenswert machte<a id="FNAnker_176" href="#Fussnote_176" class="fnanchor">[176]</a>. Krieg allen Phtheirophagen! Es lebe im Deutschen -das Griechentum! Mit keinem besseren Schlachtruf könnte ich diese meine -Betrachtung schließen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Mensch_mit_dem_Buch">Der Mensch mit dem Buch.</h2> - -</div> - -<p>Oft haben im Leben der Völker handwerksmäßig mechanische Erfindungen -von der größten Unscheinbarkeit die größte Tragweite für den Aufstieg -der Kultur gehabt. Prometheus, der das Feuer vom Himmel holte, ich -meine: der Mann, der den ersten Funken aus dem Stein schlug, er stellte -die Menschheit auf einen anderen Boden; dasselbe tat der Mann, der das -erste Schiffssteuer erfand und die erste Meerfahrt wagte — oder der -andere, der zuerst aus dem Bergwerk das Eisen holte und es schmieden -lehrte: sie änderten das Wesen der Menschheit. Nicht minder denkwürdig -ist aber auch der namenlose Erfinder des ersten Buches, des Buches, -das — wie das Schiff — Transportmittel, und zwar das wertvollste -Transportmittel ist, da es das kostbarste aller Güter, das Geistes- und -Gedankenleben der Völker, das menschliche Erinnern von Land zu Land und -von Jahrhundert zu Jahrhundert trägt. Auch das Buch gehört im Hochtrieb -der Welt zu den wichtigsten Hilfen und ist als solche noch lange nicht -genug gefeiert worden.</p> - -<p>Ich meine das Buch, das sich <em class="gesperrt">vervielfältigen</em> läßt. Das gilt -nicht von den Backsteinbibliotheken der alten Babylonier; es gilt vom -Buch der Ägypter und der Griechen.</p> - -<p>Die erste Offenbarung des Griechentums war <em class="gesperrt">Homer</em>; aber Homer war -für die Griechen nicht der Erfinder des Buches. Er hatte es noch nicht. -Es ist wichtig, dies klarzustellen, und damit muß ich beginnen<a id="FNAnker_177" href="#Fussnote_177" class="fnanchor">[177]</a>.</p> - -<p>Der Naive denkt sich den alten Homer, wie er dasitzt und die 48 Bücher -der Ilias und Odyssee dichtend niederschreibt. Auch neuerdings machen -sich solche naive Vorstellungen wieder geltend, aber sie widersprechen -auf alle Fälle den offen liegenden Tatsachen. Homer kannte die Schrift, -allerdings. Einen Brief auf der Schreibtafel erwähnt er selbst einmal -bei Gelegenheit des Abenteuers des Bellerophon. Es ist der Geheimbrief, -der den Tod des Überbringers fordert. Aber die Tafel ist kein Buch, von -dem ich rede. Wer dem Homer das Buch<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> in die Hand gibt, kann ihm auch -die Brille aufsetzen; das eine war seinerzeit noch ebenso fremd wie das -andere. Andernfalls hätte er ja auch in Prosa schreiben können und die -Sache viel leichter gehabt; denn sobald das „Buch“ bei den Griechen -wirklich auftaucht, wird Sage und Geschichte sogleich planvoll in Prosa -niedergeschrieben.</p> - -<p>Alle Poesie der Urzeiten geht im Vers einher, und der Zweck des -Verses ist da überall Gedächtnishilfe, die deshalb nötig ist, weil -das Buch fehlt. Eben dazu, zur Hilfe des Gedächtnisses dient aber -obendarein auch das auffallend Typische in der epischen Sprache, nicht -nur in dem „<span class="antiqua">tondapameibomenos</span>“ und tausend anderen ständigen -Einführungsformeln, die später zur Parodie einluden, nicht nur in den -ewig gleichen und festklebenden Schmuckwörtern wie dem „im Donnergewölk -Zeus“, sondern auch in der Repetition ganzer Abschnitte, die so weit -geht, daß man meint, Homer plündert sich selbst aus.</p> - -<div class="sidenote">Der blinde Homer ohne Buch.</div> - -<p>Der gute Dichter kommt uns sogar selbst zur Hilfe; denn er läßt in -seiner Odyssee selbst den Sänger Demodokos auftreten, der da ganz in -homerischer Weise von Heldendingen erzählt; aber Demodokos ist blind -und ist ohne Buch, er kann also nicht lesen und muß lediglich seinem -eigenen Geist und Gedächtnis vertrauen<a id="FNAnker_178" href="#Fussnote_178" class="fnanchor">[178]</a>. In Demodokos zeichnet -sich uns Homer, und nun bedeutet gar der Name „Homeros“ selbst den -„Blinden“, nichts anderes. Das sollte Zufall sein? Ilias und Odyssee, -die langen Epen sind Blindenpoesie.</p> - -<p>Wir besitzen eine alte Biographie des Homer; darin steht: der Dichter -hieß ursprünglich Melesigenes; er wurde blind und deshalb, als er in -Kyme war, Homer genannt; denn in Kyme nennt man die Blinden „Homere“<a id="FNAnker_179" href="#Fussnote_179" class="fnanchor">[179]</a>.</p> - -<p>So ist der Dichter denn auch in der griechischen Plastik, die sein -Porträt formte, von Anfang an deutlich als Blinder dargestellt worden. -Das entsprach schon seinem Namen; es war nicht anders möglich.</p> - -<p>In primitiven Zuständen sind die blinden Leute auch sonst<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> häufig -die Träger der Poesie und des Volks- und Heldengesangs; sie sind die -Vortragenden auf den Märkten und Gottesfesten. Schon das deutsche -Mittelalter ist Zeuge; denn da heißt es: „so singent uns die blinden“. -Ebenso erscheinen sie auch bei den Serben; die lebendigste Anschauung -aber gibt, was ich über die Balladendichtung in Palermo lese. Da -bestand noch in neuester Zeit und besteht vielleicht noch jetzt eine -Kongregation der Blinden, 30 Mitglieder stark, von denen die einen -nur vortragen, die anderen aber Neues erfinden; heiliger Ernst ist es -ihnen dabei. Von Kindern lassen sie sich führen, wenn sie auftreten. -Schon im Jahre 1661 ist diese Blindengilde dort gegründet worden. Was -sie aber singen, sind Banditengeschichten von Testalonga, Fradiavolo, -Tabbuso und Zuppa. Das sind die Achill und Odysseus, die Helden dieser -sizilianischen „Homere“<a id="FNAnker_180" href="#Fussnote_180" class="fnanchor">[180]</a>.</p> - -<p>Daß es nun auch bei den Griechen jener alten Zeiten mehr als einen -„Homer“, d. h. mehr als einen blinden Sänger gab, ist zweifellos. Es -war offenbar auch bei ihnen ebenso wie bei den Deutschen, den Serben -und den Leuten in Palermo der allgemeine Beruf des Blinden, der sonst -keine Beschäftigung hat, zu singen und Geschichten zu ersinnen. Man -braucht nur den blinden Demodokos neben den Dichter des homerischen -Apollohymnus, der sich sogar selbst den „blinden Mann“ nennt, zu -halten, um das einzusehen.</p> - -<p>Wollen wir nun gleichwohl ansetzen<a id="FNAnker_181" href="#Fussnote_181" class="fnanchor">[181]</a>, daß die blinden Berufsdichter, -auf die Ilias und Odyssee zurückgehen, doch auch schon -Schreibergehilfen hatten, die die neuen Gesänge entweder sogleich oder -bald hernach schriftlich sicherstellten, so waren, wenn wir genau -zusehen, gegen 500 Schreibtafeln nötig, um die etwa 28000 Zeilen der -beiden Epen aufzunehmen<a id="FNAnker_182" href="#Fussnote_182" class="fnanchor">[182]</a>. An eine Wahrung der Texteinheit war dann -also schlechterdings nicht zu denken; sie war vollständig zertrümmert -und eine chaotische Verwirrung der vielen hundert Holztäfelchen die -fast unausbleibliche Folge.</p> - -<p>Homer ist sonach in jedem Fall der Mensch ohne Buch. Im<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Verfolg soll -dagegen vom Menschen mit dem Buch, wie ihn das Leben zeigte und die -Kunst der Alten ihn dargestellt hat, die Rede sein.</p> - -<p>Woher das Buch nehmen? Der Boden Griechenlands selbst war an -vegetabilischen Erzeugnissen zu arm oder das praktische Genie der -Griechen war nicht entwickelt genug, um das „Papier“ zu erzeugen, durch -das allein ein Buch ermöglicht wird, das sich für literarische Zwecke -eignet.</p> - -<p>Die Schrift war allerdings längst da. Man zeichnete sich ein Bild an -die Wand und verstand sich. Nichts war natürlicher. Dann kürzte man -das Bild zu andeutenden Linien ab, und der Buchstabe war fertig. Einen -großen Fortschritt bedeutete es, als der Grieche die Silbenschrift des -Orients, die den Vokal nicht ausdrückt, zur Buchstabenschrift, die -jedem Einzellaut im Wort gerecht wird, verfeinerte. Das war die erste -große grammatische Leistung des Griechentums im Dienste der Phonetik. -Aber worauf schreiben?</p> - -<div class="sidenote">Schreibmaterial der ältesten Zeit. Weitere Dichter ohne -„Buch“.</div> - -<p>An Schreibflächen fehlte es nicht<a id="FNAnker_183" href="#Fussnote_183" class="fnanchor">[183]</a>. Man ritzte die Grüße oder -Anweisungen, die man auf dem Herzen hatte, in die Haustüren oder in -den Baum am Weg oder in die nächste Felsenwand. An den Grenzen der -Feldfluren standen oft Ölbäume: in ihre Rinde grub der Eigentümer -regelmäßig den Grenzvermerk (<span class="antiqua">arbores notatae</span>). So bekamen -auch Sklaven und Vieh Zeichen eingebrannt, damit man wußte, wem sie -gehören; man tätowierte gelegentlich den ganzen Menschen, schon damals. -Staatsgesetze aber grub man schon früh in die glatten Außenwände -der Tempel oder unmittelbar in die hohe Einfassungsmauer, die den -Richtplatz umgab. Gräber wurden mit beschriebenen Steinplatten -versehen. Sollte aber der Text transportabel sein, so griff man zum -Fell, zur Kuhhaut, lieber noch zur rollbaren Bleiplatte und zur -Holztafel. Die handliche kleine Holztafel hat sich der Grieche endlich -früh mit Wachs überzogen, und er begann im Wachs zu schreiben, ein -Merkmal der Vergänglichkeit: denn aus dem Wachs ließ sich die Schrift -gleich immer wieder hinwegglätten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p> - -<p>Was nützte das aber den Dichtern, die unmittelbar auf Homer folgten -und in ihren Versen nun auch — anders als er — mit ihrem eigenen -Ich kräftig hervorzutreten begannen? Die erste Elegie entstand, das -erste Streitgedicht des <em class="gesperrt">Archilochos</em>, das erste Chorlied, das -<em class="gesperrt">Alkman</em> kunstvoll gestaltete. Wie sollten diese Männer ihren -Text sichern? Was sie dichteten, hatte immer nur geringen Umfang; sie -legten davon eine einmalige Niederschrift im Tempel nieder; das war die -einzige Sicherung: das Werk sollte nicht untergehen. Die Tempel sind -im 7. Jahrhundert v. Chr. die alleinigen Archive für solche Poesien -gewesen<a id="FNAnker_184" href="#Fussnote_184" class="fnanchor">[184]</a>. Vervielfältigung durch Abschrift aber gab es noch kaum, und -die Veröffentlichung geschah lediglich durch mündlichen Vortrag. Auch -diese Männer harrten immer noch auf das „Buch“.</p> - -<p>Das gilt auch vom <em class="gesperrt">Hesiod</em>. Von Hesiod besitzen wir die -„Theogonie“ und die „Werke und Tage“. Wer aber diese beiden Werke -liest, der staunt über den Mangel an Ordnung und Plan, die häufige -Zusammenhangslosigkeit des Inhalts. Dabei ist jedes derselben doch nur -etwa 1000 Zeilen stark. Der Schaden kann sich nur daraus erklären, -daß der Text, wie das vorhin Gesagte ergibt, ursprünglich auf etliche -kleinere Schreibflächen verteilt war. Erst nachträglich können -die Teile in einem „Buch“ zusammengestellt worden sein. Daher die -Uneinheitlichkeit. Wir hören von einem uralten Exemplar des Hesiod -auf Blei, das sich auf dem Berg Helikon anscheinend gegen Witterung -ungeschützt bei der berühmten Quelle, der Hippokrene, befand. In -diesem Blei haben wir eine wertvolle Probe des Urzustandes des -griechischen Schreibwesens. Daß aber der Text der „Werke und Tage“ auf -dem Blei vollständig stand, ist kaum zu glauben. Denn unzählige antike -Bleirollen sind gefunden worden, und sie enthalten immer nur ganz -geringe Textumfänge und wohl kaum mehr als 50 Zeilen<a id="FNAnker_185" href="#Fussnote_185" class="fnanchor">[185]</a>.</p> - -<p>Wie sollte nun gar in der Folgezeit des großen Thukydides Prosawerk -vom Peloponnesischen Krieg, wie sollte Platos Staat möglich sein? Das -„Papier“ war schreiendes Bedürfnis, und es fand sich nicht.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p> - -<div class="sidenote">Import der Papyrusrolle. Entstehung der Buchliteratur.</div> - -<p>Da kam das Große. Ägypten eröffnete endlich seinen Außenhandel. Ägypten -hatte längst das ersehnte Papier, es hatte längst das Buch der Zukunft. -Im 7. Jahrhundert geschah es; damals hat der griechische Handel mit -Ägypten eingesetzt. Der Name König Psammetichs I., der um 670 bis -616 regierte und sein Land erschloß, ist darum unvergeßlich. Um 630 -v. Chr., da mag die erste Papierrolle wirklich vom Nil nach Athen oder -Milet oder Sizilien gekommen sein. Und die eigentliche griechische -Buchliteratur konnte beginnen. Sie entwickelte sich plötzlich und rasch.</p> - -<p>Es handelt sich nicht um Lumpen- oder Hadernpapier, erst recht nicht um -unser modernes Holzpapier. Vielmehr aus dem Mark des Nilschilfs wurde -das Material, das man <em class="gesperrt">Charta</em> nannte, in langen Fahnen kunstvoll -hergestellt, und zwar geschah das dort schon seit Jahrtausenden. -Die ganze schreibselige Kultur der Ägypter beruht eben hierauf, auf -der Charta. In dichten Schichten liegen in Ägypten noch jetzt die -beschriebenen Papyrusmassen unter dem sandigen Erdboden und werden -heute ausgegraben, fast so, wie man bei uns die Steinkohlen gräbt; oder -die stummen Mumien sind darin eingewickelt, und ganze Kisten voll gehen -davon alljährlich nach Europa (vorausgesetzt, daß kein Weltkrieg ist), -um in den Bibliotheken und Museen von Oxford, London, Berlin, Wien, -Paris, Florenz, Genf, Straßburg aufgerollt, entziffert, studiert zu -werden.</p> - -<p>Neidisch hatte das enge Pharaonenland dies herrliche Papier der Welt -so lange vorenthalten. Das Schreiben darauf war des Ägypters besondere -Wollust. Millionenmal haben jene Leute sich, vielfach auch gerade -die vornehmsten Würdenträger des Nillandes, in schreibender Stellung -hockend, statuarisch oder im Relief abbilden lassen, oft ganze Gruppen, -die nach <em class="gesperrt">Diktat</em> schreiben, also im Begriff sind, einen Text zu -<em class="gesperrt">vervielfältigen</em><a id="FNAnker_186" href="#Fussnote_186" class="fnanchor">[186]</a>.</p> - -<div class="figcenter illowe33" id="tafel5"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 5</div> - <img class="w100" src="images/tafel5.jpg" alt=""> - <div class="caption">Lesender Mann.<br> - Von einem Marmorrelief.<br> - <span class="s5">(Paris, Münzkabinette.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel5_gross.jpg" - id="tafel5_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<p>Jetzt endlich hatten die Griechen also ein Buch gewonnen, das sich in -der Tat leicht hundertfach vervielfältigen ließ.<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Der Großbetrieb -konnte einsetzen: Abschriften der besseren Werke in beliebiger Anzahl, -Buchverkauf, Buchhandel.</p> - -<p>Und so beginnt eben jetzt, im 6. Jahrhundert, wirklich die griechische -Prosaschriftstellerei, die schlechthin das Buch voraussetzt, da -Prosa sich nicht nach Art eines epischen Gedichtes auswendig lernen -läßt. Aber auch die griechische Dichtkunst veränderte nun sogleich -ihr Wesen und bereicherte sich wunderbar; denn auf einmal entsteht -jetzt die große Lyrik, und es entsteht die Tragödie, Oratorium und -Oper; d. h. auch die Musik kann sich jetzt plötzlich auf das reichste -entwickeln. Das Wesen der griechischen Musik erkennen wir an den -Versmaßen. Kunstvolle Versmaße werden jetzt möglich, eine Rhythmik mit -mannigfachem Wechsel der Taktarten, die ohne sorgliche Niederschrift -des Textes und auch der Musiknoten nicht denkbar war. Ich nenne nur den -großen <em class="gesperrt">Stesichoros</em>, der jetzt — um das Jahr 600 beginnend<a id="FNAnker_187" href="#Fussnote_187" class="fnanchor">[187]</a> -— auf Sizilien seine gewaltigen, ausgedehnten, halbdramatischen, -oratorienartigen Chordichtungen schreibt, und <em class="gesperrt">Äschylus</em>, der in -Athen bald danach die Tragödie schafft. Auch diese Offenbarung des -griechischen Kunstgenies, die Tragödie, war erst jetzt möglich. Weiter -aber: auch der <em class="gesperrt">Homertext</em> wurde nunmehr in der Form, wie wir ihn -haben, endlich zum erstenmal in Buchform redigiert und gesichert, und -auch dies ist, wie jetzt unbedingt feststeht, in Athen geschehen<a id="FNAnker_188" href="#Fussnote_188" class="fnanchor">[188]</a>. -Es ist dies das erste unvergängliche Verdienst, das sich Athen um die -Weltliteratur erworben hat.</p> - -<p>Und nun taucht auch <em class="gesperrt">Herodot</em>, der Vater der Geschichte, vor uns -auf. Herodot und andere seinesgleichen schreiben jetzt in Prosa die -Sagengeschichte und Staatengeschichte ihres Landes, <em class="gesperrt">Anaxagoras</em> -und andere Philosophen vor ihm ihre kühnen und ewig denkwürdigen -Entwürfe über Sein und Werden und die Natur und Entstehung des Alls. -Der wundervoll treibende Griechengeist hatte jetzt einen Boden -gewonnen, auf dem er blühen und wuchern konnte, so wie, wo sich frische -Erdkrume bildet, sogleich eine Vegetation entsteht. Plato, Demokrit, -Aristoteles erhoben ihre breiten Wipfel. Das Buch erzeugte die -Literatur.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p> - -<p>Und wie geschmeidig war dies Buch! Federleicht lag es in der Hand. -Fliegende Blätter hatte man, und wer deren viele zusammenklebte, -erhielt eine Fläche von beliebiger Länge, die er beschrieb und leicht -zusammenrollte. Denn das Buch war nur Rolle. Heftung kannte man nicht.</p> - -<div class="sidenote">Buchhandel der Griechen. Herstellung des Papyrus.</div> - -<p>Und wie fest und klar stand die tief dunkle Schrift auf dem hellen -Grunde! Das Papier war weiß, aber nicht blank und warf keine Reflexe: -eine Wohltat für das Auge. Das Schreiben war jetzt auch kein Gravieren -und Ritzen mehr; es war Farbenauftrag. Mit der weichen Feder malte -man die Buchstaben. Und das ging rasch. Massenkopien gab es gleich. -Buchunternehmer hielten sich ein Sklavenpersonal, das die Kopien -nach Diktat schnell genug lieferte; denn leicht konnten so nach -Diktat 50 Exemplare auf einmal, 1000 in einer Woche hergestellt -werden. Und man kaufte sich jetzt also die Platodialoge oder die -Euripidesstücke, nahm sie auf die Seereise mit und las sie auf dem -Schiffsdeck. Der Buchhandel und Versand ging von Athen überall hin, -nach Sparta, Kleinasien, zu den Städten des Schwarzen Meeres. Dabei -verwahrte man die Rollen in hübschen Kapseln aus Holz. Auch in der -Schule hatte jetzt schon jeder Knabe sein Lernbuch, und der Gebildete -konnte sich darin nicht genug tun; er kaufte sich schon lesehungrig -alle möglichen Autoren, Homer, Epicharm, Tragödien, Schriften über -Baukunst, Kochbücher u. a. zusammen, und vereinzelt entstehen schon -wohlgeordnete kleine Büchereien. Sie sind vorläufig nur Privatbesitz. -Mit der ersten Bibliothek aber war auch der erste Überblick über den -Bestand der griechischen Literatur gegeben; das Griechentum wurde sich -seines geistigen Besitzes bewußt; eine Literaturgeschichte konnte -entstehen<a id="FNAnker_189" href="#Fussnote_189" class="fnanchor">[189]</a>.</p> - -<p>So ging die Entwicklung zunächst durch drei Jahrhunderte, vom 6. bis -zum 4. Jahrhundert v. Chr.</p> - -<p>Im Nildelta, und zwar in den breiten und schlammigen Seitenarmen -des Nil, da wuchs und gedieh das Papyrusschilf in ganzen Wäldern. -Inselartig standen diese Wälder in den<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> seichten Wasserflächen. Sie -wuchsen jedoch nicht etwa wild; vielmehr wurde das Schilf sorglich -gepflanzt, gehegt und jeder Ausfall ersetzt; ein Riesenvermögen -steckte für die Besitzer in diesen Wasserpflanzungen. Es waren hohe -Schäfte mit graziös gefiederten Wipfeln und Blätterbüscheln, die im -Seewind rauschen und leicht sich wiegen; der Schaft mehr als armstark. -Fußpfade, die so schmal waren, daß nur ein Mann hindurch konnte, und -auf denen der Heger sich bewegen und die Ernte eingebracht werden -konnte, führten durch die Dickichte hindurch<a id="FNAnker_190" href="#Fussnote_190" class="fnanchor">[190]</a>.</p> - -<p>Jahrtausendelang hat dort im Altertum diese wichtige Kultur bestanden. -Wie anders jetzt! Seitdem die Pflege fehlt, ist der Papyrus dort im Nil -völlig verschwunden.</p> - -<p>Für die Fabrikation war die Stadt Saïs, die Residenz des Königs -Psammetich, der Hauptsitz, und eine ganze Reihe von Sorten der -Charta wurden hergestellt, die sich nach der Qualität, nach Größe, -Färbung, Feinheit und Dauerhaftigkeit unterschieden. Denn für wichtige -Aktenstücke der Staatsverwaltung und für schöne Gedichtbücher brauchte -man bessere Qualitäten, als der Kaufmann sie in seinem Laden zum -Rechnungschreiben nötig hatte.</p> - -<p>Anschauung von dieser „Charta“ kann heute jeder haben, der einmal -unsere größeren Museen und Universitätsbibliotheken besucht, wo Proben -davon in Glas und Rahmen ausgestellt werden. Die Fabrikation aber war -schwierig und erforderte viel Zeit und ein beträchtliches Personal. -Denn das feste Mark des Schilfs wurde auf das mühsamste in möglichst -lange und möglichst dünne Streifen zerlegt und diese Streifen dann -glatt zusammengeklebt, indem man sie netzförmig übereinanderlegte. -Leicht lösten sich aber die Fasern wieder, und wiederholte Pressung und -erneutes Kleben, endlich ein sorgliches Trocknen der Ware war immer -nötig. Damit war aber zunächst nur ein Einzelblatt von etwa 34 × 20 -<span class="antiqua">cm</span> Größe gewonnen, und aufs neue mußten die Kleber mit ihrem -feinen Leim daher, um aus je 20 Blättern die Buchfahnen,<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> die in den -Handel kamen, zusammenzufügen. Auf die Fahne setzte man die Schrift -in Spalten nach Art der Spalten unserer Zeitungen. Reichten für das -beabsichtigte Buch 20 Blätter nicht aus, so klebte man wieder etliche -Fahnen aneinander, je nach Bedürfnis.</p> - -<div class="sidenote">Papierpreise. Umfang und Ausstattung der Rollen. -Buchteilung.</div> - -<p>Schon aus dieser Art der Herstellung erklärt sich, daß das Papier im -Altertum sehr teuer gewesen ist<a id="FNAnker_191" href="#Fussnote_191" class="fnanchor">[191]</a>; und je mehr die Nachfrage zunahm, -je teurer mußte es werden. Denn bald sollte für die ganze damalige -gebildete Welt, für Griechenland, Syrien, Mazedonien, Italien, Spanien, -Südfrankreich das kleine Nildelta allein das Papier liefern. Ja, die -Fabrikanten im Delta bildeten einen Trust und trieben obendarein die -Preise gemeinsam künstlich höher, wie Strabo uns meldet. Ungeheure -Werte steckten also in den großen Büchereien des Altertums, wie sie die -römische Kaiserzeit besaß. Die Literatur war auch im Hinblick auf das -Papier, auf dem sie stand, eine Kostbarkeit.</p> - -<p>In Großstädten wie Rom lagerte das Papier, die unbeschriebenen Rollen, -auf Vorrat in großen Speichern, die der Staat beaufsichtigte. War die -Papyrusernte am Nil schlecht ausgefallen, so trat in der Welt Papiernot -ein, die fast so schlimm war wie die Hungersnot, die drohte, wenn das -Korn nicht aus Ägypten kam, und die Behörde mußte alsdann eingreifen -und den Verkauf regulieren. Auf dem Lande war oft gar kein Papier -zu haben. Auch wir wissen seit dem jüngst erlebten Kriege davon zu -erzählen, wie die Regierung alle Vorräte der Waren an sich nimmt, um -der größten Not zu steuern.</p> - -<p>In Rollen zu lesen, denken wir uns heute sehr unbequem, und anfangs -herrschten auch wirklich noch große Mißstände im Bücherwesen der -Griechen. Erträglich war die Sache, wenn es sich um Rollen von etwa 20 -Seiten handelt. Herodot aber wird heute auf 600 Seiten abgedruckt, und -für solch umfangreiche Werke ergaben sich damals Rollen von 50, 70 oder -100 Meter Länge. Als solche endlose Konvolute haben wir uns die ersten -Ausgaben des Herodot, des Thukydides zu denken; so hatte noch Alexander -der Große Ilias und Odyssee in Händen. Eine einschneidende<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Reform war -darum nötig. Kallimachos war es, der den berühmten Ausspruch tat: „ein -großes Buch ein großes Übel.“ Seitdem, d. i. seit dem 3. Jahrhundert -v. Chr., wurde es Sitte, die größeren Bücher zu zerschneiden (davon -kommt der Ausdruck <span class="antiqua">Tomus</span>, „der Schnitt“), d. h. die Buchteilung -in der Schriftstellerei wurde Sitte; sie wurde erzwungen<a id="FNAnker_192" href="#Fussnote_192" class="fnanchor">[192]</a>. In 12 -Rollen ließ darum Vergil seine Äneide, in 3 Rollen ließ Cicero sein -Werk „vom Redner“ erscheinen; und die Kunst des Disponierens steigerte -sich dabei wunderbar. Man lernte fortan seinen Stoff jedesmal so -einzuteilen, daß womöglich in jeder kleineren Rolle ein in sich -abgeschlossener „Abschnitt“ des Werkes stand, der für sich allein -gelesen, genossen werden konnte.</p> - -<p>Aus diesem sehr äußerlichen Grunde erklärt sich die sonst so -befremdliche Durchführung der Buchteilungen in den alten Autoren.</p> - -<div class="sidenote">Bibliothek. Bildliche Darstellung: Schreibende.</div> - -<p>Besonders die Dichter las man in möglichst dünnen Rollen; ein Odenbuch -des Horaz stand auf einer Papierfahne von nur 20 Seiten, kaum mehr. Das -ist auch heute noch so; man denke an Mirza-Schaffy und Frauen-Liebe -und Leben; auch wir wollen für unsere zärtlichen Dichter keine großen -Formate. Wollte man überdies noch Effekt machen, so stattete man das -Röllchen hübsch prunkvoll aus, schob es in einen farbigen Mantel (so -wie wir unsere Tischservietten) und steckte noch ein vergoldetes -Stäbchen mitten hinein. Besonders reizvoll und glanzvoll müssen die -Bilderbücher gewesen sein; wer die Rolle auseinandernahm, sah eine -Folge farbiger Bilder, Porträts, Kampfszenen aus den Römerkriegen -u. a. Vor allem hing nun noch aus den Rollen immer ein festes, -pergamentenes Zettelchen heraus, das man gern purpurn färbte und auf -dem der Titel zu finden war. Dieser Zettel selbst hieß der „Titel“. -Im Bibliothekszimmer standen Schränke oder an den Zimmerwänden zogen -sich „Nester“ hin; darin lagen die Rollen wie die Vögelchen beisammen, -bereit auszufliegen, allemal hübsch mit dem Kopf nach vorn, an dem der -Titel hing. Es war gewiß<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> allerliebst, in solchem Bücherzimmer sich -aufzuhalten; alles, Bücher und Borte und Wände, bunt bemalt und in -Farben strahlend; dazu edler Statuenschmuck; auch gemalte Porträts der -Lieblingsdichter. Die Nester waren nur in bequemer Höhe angebracht, -auch die Schränke nur niedrig, zu 3 Borten. Man brauchte nicht auf -Leitern zu steigen, um seinen Plato oder Livius zu finden<a id="FNAnker_193" href="#Fussnote_193" class="fnanchor">[193]</a>.</p> - -<p>Wie nun der lesende Mensch mit dem Buch umging? Dem modernen Menschen -fehlt dafür jede Anschauung; aber die reiche antike Kunst kann sie -uns geben<a id="FNAnker_194" href="#Fussnote_194" class="fnanchor">[194]</a>. Hier ist der Ort, die Plastik und Malerei der Alten -heranzuziehen. Selten ist uns Gelegenheit gegeben, die Zweckmäßigkeit -und Sinngemäßheit der künstlerischen Motive, insbesondere in bezug auf -die Haltung der Hände, so festzustellen wie in diesem Falle.</p> - -<p>Auch unsere modernen Künstler kommen bisweilen in die Notlage, einen -Menschen mit dem Buch darstellen zu müssen. Aber ihnen fehlt dafür -eine Tradition oder die Achtsamkeit, und sie irren sich oft seltsam. -Wer z. B. die schöne Goethe-Statue Schwanthalers in Frankfurt a. M. -betrachtet, wird mutmaßlich wenig darauf achtgeben, daß der Dichter -den Kranz in der Linken, das Buch aber in der Rechten hält. Warum sind -die Gegenstände auf die Hände nicht anders, nicht umgekehrt verteilt? -Eine müßige Frage! Wer hat Zeit, sich damit aufzuhalten? Der Künstler -macht das eben, wie es am besten aussieht. So machte man es aber im -Altertum nicht, und die moderne Kunst der Porträtstatue ist doch ein -Erbe aus dem griechischen Altertum. Wer das Buch in der Rechten hat, -will vorlesen; wer es in der Linken hält, hat vorgelesen. Goethe aber -kann seinen Kranz erst erworben haben, nachdem er sein Werk vortrug. -Die griechische Kunst hätte Kranz und Buch somit anders verteilt, und -so ist es tatsächlich geschehen auf einem Pompejanischen Wandgemälde -(Helbig, Campanische Wandgemälde, Nr. 1454).</p> - -<p>Viele lieben es heute, sich mit dem Buch photographieren zu lassen, die -strebsame höhere Tochter, der Schulmann, Gelehrte<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> und Diplomat „in -seinem Heim“, schließlich aber auch die Metzgersfrau und der Sergeant -und Ladenjüngling. Warum auch nicht? Wir alle haben heute Schulbildung, -und das Buch ist unser! Meistens wirkt dabei freilich die Verlegenheit -mit: die Hände müssen irgendwie beschäftigt sein, wenn sie nicht gerade -in Handschuhen stecken. So kann die Laune des Photographen den Kellner -zum Gelehrten machen und die Putzmacherin zur Dichterin.</p> - -<p>In der antiken Porträtkunst war das anders, und zwar schon in der -ägyptischen. Da ist alles sinngemäß und zweckmäßig. Im alten Ägypten -unterschieden sich die Stände darnach, wer schreiben und wer nicht -schreiben kann. Das Buch adelt. Wer nicht lesen kann, ist der Esel, -wer lesen kann, der Eseltreiber: so dachte man. Man gestatte, daß ich -hier von „Buchhaltern“ rede, ich meine die Personen, die sich mit dem -Buch zeigen. Die „Buchhalter“ auf den ägyptischen Bildwerken sind da -die höheren Beamten. Mit eigensinniger Konsequenz und massenhaft sieht -man daher die Buchrolle oder das Schreibgerät in der festgeballten -Hand gerade nur der Vornehmen auf den Reliefs der großen Tempelwände, -der Gräber und Pylonen des Pharaonenlandes. Berühmt und wundervoll -realistisch auch so manche Schreiberstatue, wie die im Louvre: wohl nie -ist ein hoher Bureaubeamter und vortragender Rat so verherrlicht worden -wie da; sie zeigt ihn angespannt in seiner Tätigkeit. Freilich ist er -sehr dürftig bekleidet. Ein Schurz genügt.</p> - -<p>Der freie Grieche dachte anders. Er hatte kein Königtum, ebensowenig -eine Bureaukratie, die in Staffeln bis zum Monarchen hinaufging und -sich auf das Buch gründete. Bei den Griechen wurden Buchabschriften -zumeist nur von der unfreien Dienerschaft angefertigt. Sah sich der -Freie gezwungen, selbst einen Text zu kopieren, so schämte er sich -dessen und hat sich nicht schreibend abbilden lassen. Die ganze -überreiche griechisch-römische Kunst vermeidet es, einen Menschen -darzustellen, der ein Buch schreibt. Denn das Schreiben in Rollen -war mühsam<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> und erzeugte eine unedle Haltung. Die Hilfe des Tisches -wurde beim Lesen und Schreiben stets vermieden. Man schrieb auf -der Hand. Dazu kam, daß man mit dem flüssigen Farbstoff die Finger -sich beschmutzt hätte. Der Vornehmere schrieb daher auf Wachstafeln -(<span class="antiqua">codices</span>, <span class="antiqua">codicilli</span>), in deren eingerahmte Wachsfläche -er mit dem dolchartig spitzen Metallstift die Buchstaben nur zu ritzen -brauchte. Das war saubere Arbeit; sie „fleckte“, aber sie befleckte -nicht. Auf Wachstafeln schrieb der Bankier seine Kontos und Quittungen, -schrieb der Liebhaber sein Billett an die Dame, die gleich in dieselbe -Tafel auch die Antwort ritzte, schrieb endlich der Dichter seine -Entwürfe, die dann sein Amanuensis kopieren durfte.</p> - -<div class="sidenote">Bildliche Darstellung: Lesende.</div> - -<p>Also keine Schreiber, wohl aber Leser zeigt uns die alte klassische -bildende Kunst. Man las aber allemal nur in Rollen; denn nicht nur -in Ägypten beherrschte die Rolle das Bücherwesen durch Jahrtausende; -auch bei den Griechen und Römern ist sie von etwa 600 v. Chr. bis 400 -n. Chr. so gut wie der alleinige Träger aller Lesebücher und wohl auch -Bilderbücher gewesen. Das ergibt wiederum ein Jahrtausend. Das Prinzip -des Heftens der Bücher ist zwar schon im Altertum, aber doch erst -merkwürdig spät aufgetaucht, und es fand alsdann im wesentlichen nur -für Pergamenthandschriften Anwendung, die den ärmeren Volksschichten -dienten<a id="FNAnker_195" href="#Fussnote_195" class="fnanchor">[195]</a>. In gehefteten Handschriften liest kein einziger Mensch auf -den unzähligen Bildwerken der Alten, die hierfür in Betracht kommen. -Die jüdische Synagoge hat die Rolle bekanntlich bis auf den heutigen -Tag beibehalten. Dabei dienen Stäbe dazu, die Rolle anzufassen; denn -die heiligen Schriften dürfen nicht mit der Hand berührt werden. Die -Griechen im Profanleben wußten von solcher Scheu natürlich nichts; die -Hände sind es, die mit dem Buch umgehen.</p> - -<div class="figcenter illowe50" id="tafel6"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 6</div> - <img class="w100" src="images/tafel6.jpg" alt=""> - <div class="caption">Ägyptischer Schreiber. - <span class="s5">(Paris, Louvre.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel6_gross.jpg" - id="tafel6_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<p>Man muß den Akt des Lesens selber kennen, um die Motive zu verstehen, -die die antike Kunst hierfür verwendet. Wer zu lesen beginnen will, -hält die geschlossene Rolle zunächst in der rechten Hand. Die Linke -öffnet dann das Konvolut, löst das<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Band und Siegel, falls ein -solches vorhanden (man denke an das Buch mit sieben Siegeln der -Apokalypse) und zieht die erste offene Seite zu sich nach links. Eine -Textspalte nach der anderen zieht also die linke Hand zu sich herüber, -indem sie das Gelesene zugleich wieder zusammenrollt. Am Schluß der -Lektüre ruht die Rolle somit allemal, aufs neue geschlossen, in der -linken Hand. Daraus ergibt sich die Auffassung, die wir an alle -Bildwerke herantragen: die Gestalt, die das Buch in der Rechten hält, -will erst lesen, abgesehen von den Fällen, wo sie es einem anderen -Menschen überreichen will (denn man überreicht stets mit der rechten -Hand); die Gestalt, die es in der Linken hält, ist mit dem Lesen -jedenfalls fertig; sie hat nicht die Absicht zu lesen. Und das letztere -finden wir nun ganz überwiegend dargestellt. Es handelt sich eben fast -immer um Repräsentationsfiguren. Das Buch soll da nur andeuten; es ist -für den Moment gleichgültig; nur die Würde der Person drückt sich in -dem Schriftstück aus. Nicht sinnend oder in sich gekehrt steht solch -ein römischer Konsular mit dem Buch vor uns; er wendet sich mit offener -Seele an das Publikum, das ihn betrachtet.</p> - -<p>Und das Lesen selber? Es sah graziös genug aus, und es schmückte -gleichsam den Menschen. Nichts ist reizender als solch eine lesende -griechische Frau, die mit dem weit offen hängenden Rollenband zwischen -den Händen einherwandelt (Neapel, National-Museum), oder als die -Muse, die als Konzertsängerin auf das Zeichen zum Einsetzen wartet, -das der Saitenspieler, der die Begleitung spielt, ihr geben soll, und -die dabei das Blatt tief gesenkt zwischen den Händen hält wie unsere -Sängerinnen, wenn sie warten, daß das unleidlich lange Vorspiel zu -Ende gehe (Vase in Athen). Nichts ist schöner als der vorlesende Homer -der Bilderchronik (Antiquarium in Berlin), nichts lebendiger als der -die Lektüre unterbrechende, in Nachrechnen versunkene Mathematiker des -<span class="antiqua">Codex Arcerianus</span> in Wolfenbüttel; nichts ergreifender als der -Christus mit der gleichsam himmelweit aufgerissenen Rolle zwischen -den Händen, von Jüngern umgeben, wie ihn die Lipsanothek von Brescia -zeigt<a id="FNAnker_196" href="#Fussnote_196" class="fnanchor">[196]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> - -<p>Aber dies Lesen war zugleich unbequem und anstrengend; es war eine -Fesselung des Lesers im eigentlichsten Sinne, und ein Bedauern erfüllt -uns, wenn wir uns klar machen, daß man das durch Jahrtausende hat -ertragen müssen. Man denke, daß jede Nebenhandlung unmöglich war. -Denn nicht nur die rechte Hand war beschäftigt; die linke durfte -zudem die abgerollte Papiermasse nie fahren lassen, und es wurde auf -das strengste vermieden, daß die Charta sich auflöste und zum Boden -niederfloß; denn ihre Fasern waren zart und splitterten leicht, und die -Gefahr, daß ein Blatt und damit das ganze Buch zerriß, war ständig. -Wir trinken beim Zeitungslesen oder schlürfen Eis im Café, wenn wir -durstig sind. Der Grieche hatte keine Hand frei. Er konnte das nicht. -Ein Glück, daß man damals noch nicht rauchte! Cicero hätte während -des Lesens auf die Zigarre verzichten müssen; denn er hätte sie nicht -halten können. Wer einen Hautreiz empfindet, der kratzt sich, das -ist sein Recht; und wem eine Fliege sich auf den Kahlkopf setzt, der -will sie verjagen. Las der antike Mensch, so waren beide Hände gleich -gefesselt, und alles das war für ihn eine Unmöglichkeit.</p> - -<div class="sidenote">Langsam lesen: in Abschnitten lesen. Enges Lesepublikum.</div> - -<p>Und nun der Inhalt des Buches! Das Aufwickeln muß für den Leser, der -vor Neugier brannte, eine wahre Folter gewesen sein. Kein moderner -Mensch würde das ertragen. Wir naschen heut im Buch, wir blättern hin -und her, durchfliegen die Kapitelüberschriften, lesen am liebsten den -Schluß zuerst. Brechen wir ab, so legen wir ein Lesezeichen hinein oder -machen gar ein Eselsohr. Alles das war damals gänzlich ausgeschlossen. -Vor allem der Schluß des Buches blieb immer ein tiefes Geheimnis; er -war durch die Rollung selbst fest zugedeckt. Der Inhalt „entwickelte -sich“ eben beim Lesen mit den Seiten in unerbittlicher Allmählichkeit. -Das Frühere deckte das Spätere undurchdringlich zu. Das Buch glich dem -Leben. Dieser Satz gilt schon hier. Wer kann wissen, was folgt? Wer -kann wissen, was das Ende ist?</p> - -<p>So gelangen wir dazu, den antiken Leser zu bemitleiden<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> oder, was noch -besser, zu bewundern. Er schlang nicht, er naschte nicht. Sein Geist -nahm die Speise ruhevoll und ergeben in der Folge, die der Dichter -wollte, der die Speise bereitet hatte. Um so tiefer ließ er den Inhalt -auf sich wirken. Er erlebte ihn. Dazu kam, daß man von einem Werk am -Tag kaum mehr als 1000 Zeilen oder 30 Seiten las. Das dankte man den -scheinbar so zwecklosen Buchteilungen der antiken Werke. Zum wenigsten -von den größeren Unterhaltungsschriften, den Epen und Romanen, waren -die Einzelrollen nie umfangreicher. Die zwölf Bücher der Äneis Vergils -wollten an zwölf Tagen gelesen sein (das gilt übrigens auch noch von -Ariost): der Grieche und Römer stand seiner Literatur anders, er stand -ihr hingebender und gebundener gegenüber als wir der unseren.</p> - -<p>Dabei gilt es nun aber die Zeiten zu unterscheiden. Wer die Fülle der -griechisch-römischen Schildereien auf Vasen, Grabsteinen, Münzbildern -oder Gemälden durchgeht, bemerkt, daß auf den älteren von ihnen der -Mensch mit dem Buch noch recht spärlich anzutreffen ist; in den -späteren Jahrhunderten sind die Beispiele dagegen massenhaft. Das -ist symptomatisch. In der Zeit des Sophokles und der großen Tragödie -diente das Buch vornehmlich zum Fixieren und Aufbewahren des Textes und -noch verhältnismäßig wenig zum Lesen. Die große Masse las damals noch -nicht allzu viel in Büchern. Ihr genügten vor allem die öffentlichen -Volksvorlesungen der Rhapsoden und das Theater, das heißt das Hören, -und nur wenige Bevorzugte hielten sich Bibliotheken, so wie man -seine Stuben auch noch nicht mit Wandmalereien schmückte. Daß sich -das Laienpublikum mit bildender Kunst und mit Literatur wirklich -eingehend beschäftigte, ein Studium daraus machte, seine Erzeugnisse -sich käuflich erwarb und gar eigene Kunsturteile entwickelte, geschah -erst, als die große Kunst selbst dahin war, seit der Alexandrinerzeit, -besonders zur Zeit der Herrschaft Roms. Das kluge Urteil ist das -Merkmal des Epigonen, und Giganten in der Literatur sind unmöglich, wo -die Bildung der Laien und<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> der Volksmassen, die mit Hilfe des Buches -erworben ist, den Geschmack beherrscht.</p> - -<p>Damit hing die Ausbreitung des Schulunterrichts zusammen, eine -Verbreitung der Bildung, die keineswegs zugleich eine Vertiefung zu -sein pflegt, auch heute nicht. Vor allem seit dem 2. Jahrhundert -n. Chr. haben die römischen Kaiser das Volksschulwesen der damaligen -Welt organisiert und ausgedehnt, verstaatlicht, seine Wirksamkeit -gesteigert. Seitdem las und schriftstellerte, was da Odem hatte, nicht -nur in den Hauptstädten, nein, auch in allen Provinzen des Römerreichs, -und zwischen Fachmann und Laie verwischte sich die Grenze mehr und -mehr. Das war es aber zugleich, was der christlichen Religion zum -Sieg verhalf; denn das Christentum war die Religion des Buches. Der -Zeusdienst oder Apollodienst wirkte nur durch den Kultus und nicht -durch Schriften. Anders der Christusdienst. Durch planvollen Vertrieb -der heiligen Texte und Massenschriftstellerei hat sich dieser im -zweiten bis fünften Jahrhundert das lesende Publikum, das heißt die -Welt, erobert.</p> - -<div class="sidenote">Steigerung in der Spätzeit. Der Gestorbene mit der Rolle.</div> - -<p>So ist es nun gekommen, daß auch die Bildwerke des zweiten bis fünften -Jahrhunderts n. Chr., die unsere Altertumsmuseen anfüllen, plötzlich -übersät sind mit Darstellungen der Buchrolle; vor allem die Sarkophage -und unter diesen vor allem die christlichen. Es ist erstaunlich, das zu -sehen.</p> - -<p>Der Kaiser selbst wandelt jetzt wie pflichtgemäß mit solchem Buch -einher (zum Beispiel auf dem Relief der Trajanssäule); das Buch -ist in diesem Falle Symbol, ein Attribut, das die rechtsprechende, -gesetzgebende Macht des Herrschers andeutet. Danach erhält auch -Christus ständig das Buch; denn auch er ist König; nicht aber Maria; -das heißt Maria war damals noch nicht Himmelskönigin, worauf der -Dogmatiker achten möge. Aber auch der Beamte, der Advokat, auch -der Schiffsbauer und der Handelsmann werden jetzt oft und gern mit -dem gleichen Attribut versehen. Alles das erklärt sich aus der -Berufseigenschaft der Personen zumeist mit Leichtigkeit; denn der -Schiffbauer trägt seine Bauzeichnungen in der Hand, der Kaufmann<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> sein -Geschäftsbuch. Wenn aber auf den Marmorsarkophagen dieser Spätzeit der -<em class="gesperrt">Verstorbene</em> die Rolle trägt, was bedeutet sie da? Wie oft sieht -man da den Verstorbenen so, im Muschelmedaillon, als Schmuck seiner -eigenen Totenlade! Unzählig sind die Beispiele. Sind das lauter Beamte, -Advokaten oder gar lauter Literaten oder Gönner der Literatur, die uns -da erscheinen? Das wäre ungeheuerlich oder doch schwer zu glauben. Die -gestellte Frage ist gewiß nur teilweise zu bejahen. Denn das Buch hatte -noch eine <em class="gesperrt">tiefere Bedeutung</em>.</p> - -<div class="sidenote">Grabessymbolik. Die Rolle als Spruchband im Mittelalter.</div> - -<p>Auch das <em class="gesperrt">Schicksal schreibt</em>. Auch Götter haben ihre -Bibliotheken. So wie wir in der Johannes-Apokalypse sehen, daß im -Himmel die guten und schlechten Handlungen aller Lebenden und Toten, -die da auferstehen, in Büchern verzeichnet sind, die von Dienern des -Allmächtigen vor seinem Thron aufgerollt und verlesen werden — ein -unendliches biographisches Archiv im Himmel —, ganz ebenso besitzen -auch die römischen Parzen oder Schicksalsfrauen im unterweltlichen -Raum ein großes Archiv: darin sind von ihnen die Lebensläufe aller -derer, die geboren werden sollen, im voraus in Büchern aufgeschrieben -und festgelegt. Dies schildert uns Ovid. Ein Buch ist da also ein -Mensch: ein Buchinhalt ist ein Menschenleben! Daher nun also auch jene -Verstorbenen auf ihren Marmorsärgen im Lateran und überall: das Buch, -das sie halten, ist vielfach nichts anderes als Symbol ihres eigenen -Lebens. Das Buch ist zu Ende abgerollt, d. h. das Leben ist zu Ende -gelebt, das die Parze schrieb und das vom Schicksal im voraus gebucht -ist. In der Tat halten jene Figuren die wieder zusammengefaltete Rolle -regelmäßig in der Linken, wobei sie obendrein die Finger der rechten -Hand oftmals noch still auf den Kopf der Rolle legen, als sprächen sie: -„Nun bin ich fertig; mit meinem Lebensbuch bin ich nun am Schluß, und -ich kann ruhen.“ Diese stille Grabessymbolik wirkt ergreifend, und sie -scheint spezifisch römisch, nicht griechisch zu sein, so wie auch die -schreibende Parze nicht griechisch, sondern römisch-etruskisch war<a id="FNAnker_197" href="#Fussnote_197" class="fnanchor">[197]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p> - -<p>Im fünften Jahrhundert hatte das Christentum endgültig gesiegt. -Zugleich aber war die kostbare Buchrolle aus Charta durch den -gehefteten Pergament-Kodex, der billiger, unendlich viel haltbarer -und daher in jeder Beziehung praktischer war, allmählich verdrängt -worden. Seitdem haftete an der Buchrolle, die man in Bildwerken doch -oft noch beibehielt, ein Schimmer des Heiligen und Sakrosankten. Denn -die kirchliche Kunst liebt das Archaisieren. Evangelisten, Propheten -und Heilige halten sie jetzt gern. So erklettern diese gestreckten -biblischen Figuren die hohen Kirchenwände und füllen in Reihen, auf -Goldgrund strahlend, die Apsiden und Triumphbögen der Basiliken; -jeder, der in Italien gereist ist, hat ganze Völker von ihnen gesehen; -ich erinnere nur an S. Paolo (fuori l. m.) in Rom und an Ravenna. -Buchhalter! jawohl, dies sind jetzt wahre „Buchhalter“ des Himmels; -das heißt, sie halten das Buch, das auf das Heil Bezug hat, wie ein -Heiligtum ostentativ vorzeigend, im Dienst der Christenheit, damit die -Gemeinde es gewahr werde, und nicht mehr sie selbst sind Benutzer des -Buches, sie lesen nicht und wollen nicht lesen, sondern sie tragen -es wie ein Plakat, damit die schauende Menge den frommen Spruch im -Auge habe, der weithin sichtbar auf den offen hängenden Blattfahnen -steht. Das war phantastisch, unwirklich und unantik, und der Gebrauch -veräußerlichte sich im Mittelalter dann immer mehr. Aus der offen -hängenden Rolle entsteht endlich das in eckigen Falten flatternde -<em class="gesperrt">Spruchband</em>, das die Engel in Glorien durch die Lüfte tragen.</p> - -<p>Woher stammt unser Wort „Rolle“? Es ist gar kein Deutsch; von -<span class="antiqua">rotulus</span> kommt es und stammt aus dem mittelalterlichen Latein her.</p> - -<p>Im Mittelalter, wo es keinen Papyrus mehr gab, sind gleichwohl, nach -dem Vorbild der Thorarollen der Juden, noch häufig Rollen aus Pergament -hergestellt worden, und diese erreichen aufgerollt bisweilen die -ungeheuerliche Länge von 100 bis 200 Fuß: Exultetrollen, Wappenrollen, -Nekrologien, die noch vielfach erhalten sind. Sie zu benutzen, ist<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> -freilich für den heutigen Historiker eine Pönitenz. Aber auch im -wirklichen Leben, im geistlichen Theaterspiel, fanden die <span class="antiqua">rotuli</span> -damals noch Anwendung; ich meine das „Prophetenspiel“, in welchem die -Propheten und Sibyllen selbst auftraten und ihren frommen Spruch vor -der Gemeinde aufsagten, indem sie dabei ein offenes Spruchband in -der Hand hielten, auf dem für das Publikum zu lesen stand, was sie, -die Personen, bedeuteten oder welche „Rolle“ sie spielten<a id="FNAnker_198" href="#Fussnote_198" class="fnanchor">[198]</a>. Daher -stammt es, wenn wir auch noch heute sagen, daß der Schauspieler eine -„Rolle“ spielt. Die wenigsten unserer heutigen Bühnengrößen wissen -wohl, was diese Redensart bedeutet. Aber auch in dieser Anwendung war -die Rolle, wie man sieht, zu einem bloßen Merkzeichen und toten Emblem -herabgesunken, ganz so wie auf den Wandschildereien, von denen vorhin -die Rede war.</p> - -<p>Der natürliche Verkehr des Buchträgers mit dem Buch war in der -kirchlichen Kunst des Mittelalters aufgehoben. Aber <em class="gesperrt">Michelangelo</em> -hat ihn, als sie zu Ende ging, wiederhergestellt, und hier dürfen -wir also einen der größten Namen nennen. Es war eine der Großtaten -Michelangelos, daß er in der Sistina seine Sibyllen und Propheten -endlich wieder in eine natürliche Beziehung zum Buch brachte. Diese -Männer und Frauen der Weissagung, sie lesen, sie studieren wirklich — -wie ausdrucksvoll ist das gegeben! — sie suchen, um zu weissagen, im -geschriebenen Wort forschend das Zukünftige, oder sie schauen auch über -das Buch weg.</p> - -<div class="sidenote">Michelangelos Delphica. Der Himmel als Buch.</div> - -<p>Aber das Buch behält dabei seinen praktischen Wert. Das gilt zumal von -der Delphischen Sibylle. Diese ergreifendste und ergriffenste Figur -des Meisters, die <span class="antiqua">Delphica</span>, ist, wie ich überzeugt bin, bisher -nicht richtig verstanden worden. Das sage ich nicht nur im Hinblick -auf Justis „Michelangelo“, sondern auch auf Steinmanns Werk „Die -Sixtinische Kapelle“. Nicht „der Mensch mit dem Buch“, der Übermensch -mit dem Buch erscheint in der Delphischen Sibylle, und zwar in ganz -neuer Konzeption. Die Seherin späht<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> mit den Augen in die Zukunft -wie in die Ferne, die Lippen leise geöffnet. Ihr Mantel bläht sich -im Winde, und auch ihr Haar ist vom Wind bewegt. Mit der linken Hand -aber hält sie eine unbeschriebene offenhängende Rolle gewaltsam weit -nach rechts hinüber, so daß der Windhauch, der sichtlich durch das -Bild fährt, auch diese Rolle selbst ergreift und aufbläht. Danach ist -der Sinn klar und nicht zu verkennen: der Geist Gottes ist hier der -Handelnde; denn der Geist Gottes ist Hauch, ist Wind! Er schwellt -Mantel und Buch zugleich. So wird die bisher leere und unbeschriebene -Rolle voll des heiligen Geistes, und der Geist tut das Mirakel, das ihm -zukommt, und füllt sie mystisch unsichtbar mit Worten der Verkündigung -des Heils. Es ist derselbe Geist, der auch die Evangelien geschrieben.</p> - -<p>Das ist die höchste Vergeistigung des Buches in der Kunst. Eines blieb -freilich noch übrig. In Heinrich Heines Nordseebildern lesen wir: -„Und mit starker Hand aus Norwegs Wäldern reiß’ ich die höchste Tanne -und tauche sie ein in des Ätna glühenden Schlund, und mit solcher -feuergetränkten Riesenfeder schreib’ ich an die dunkle Himmelsdecke: -Agnes, ich liebe dich!“ Hier wird das Buch in anderer Weise sublimiert; -hier beginnt es die Welt zu umfassen. Der Himmel selbst ist Buch; der -Dichter schreibt darauf wie auf einem Bogen.</p> - -<div class="figcenter illowe50" id="tafel7"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 7</div> - <img class="w100" src="images/tafel7.jpg" alt=""> - <div class="caption">Männer mit Buchrollen.<br> - Relief eines römisch-christlichen Sarges.<br> - <span class="s5">(Leyden, Rijks-Museum.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel7_gross.jpg" - id="tafel7_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<p>Heine ist ein superlativischer Dichter. Aber er hat seine -hochgegriffene Erfindung in diesem Falle der Antike entlehnt und hat -sich selbst dabei beiläufig mit den Göttern des Altertums verwechselt. -Die Göttin Ceres ist es, die bei dem römischen Dichter Claudian im -„Raub der Proserpina“ die höchste, Wälder überragende Zypresse aus dem -Boden reißt und in den Schlund des Ätna taucht, um sie als flammende -Fackel zu brauchen; denn sie sucht nach ihrer verlorenen Tochter. Daß -der Himmel aber ein entrolltes Buch ist, das steht schon im Jesaias -und in der Johannes-Offenbarung zu lesen, und Euripides (<span class="antiqua">fr.</span> -506 <span class="antiqua">N.</span>) setzt den Fall, daß gar Gott Zeus selbst weithin in -die Fläche des Himmels die Sünden der Sterblichen schriebe<a id="FNAnker_199" href="#Fussnote_199" class="fnanchor">[199]</a>. Gott -Zeus, der sich reckt und in das Gewölbe der unendlichen Sphären wie -in eine aufgerollte Rolle die Sünden schreibt! Erhaben ist der Gedanke, -und er ist alt. Welcher Künstler aber vermöchte das darzustellen? -Michelangelo hat es versäumt. Kein Apelles und kein Genie des -Altertums, ein Michelangelo wäre dazu imstande gewesen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Verlagswesen_im_Altertum">Verlagswesen im Altertum.</h2> - -</div> - -<p>Es gibt Laien und auch Gelehrte, die meinen, daß unser Buchhandel und -Verlagswesen etwas wesentlich Modernes ist, das etwa erst in den Zeiten -Gutenbergs oder Luthers und Huttens sich ausgebildet habe; und in der -Tat weiß das Mittelalter mit seinen schwerfälligen Pergamentkodizes vom -Verlagswesen nichts, und den Buchhandel hat es nur spärlich entwickelt. -Aber nicht aus dem Mittelalter, aus dem klassischen Altertum stammt -unsere Kultur. Die Griechen und Römer, die uns so viel anderes vorweg -nahmen, Theater und Konzerte und Volksbäder, dazu das höhere Schulwesen -bis zur Universität mit ihren Studentenverbindungen und Kneipkomment, -auch den ganzen Sport bis zum Fußballspiel, dieselben Griechen und -Römer haben auch schon den Buchhändler und Sortimenter gekannt, der das -Publikum mit dem modernsten Lesestoff versorgte und den Verfassern ihre -Manuskripte abnahm, um sie herauszugeben.</p> - -<div class="sidenote">Diktat. Bücherpreise. Erhielt der Autor Honorar?</div> - -<p>Schriftsetzer und Druckmaschine waren allerdings den Alten unbekannt. -Es wurde alles mit der Hand geschrieben. Aber wenn Caesar sein -<span class="antiqua">Bellum Gallicum</span>, Horaz seine Satiren oder Ovid seine „Kunst -zu lieben“ herausgab, so wurden doch gleich 500 Exemplare, ja -vielleicht das Doppelte, das Dreifache in den Handel gegeben. Das -pikante Ovidgedicht wurde von der flotten Damenwelt, das Caesarwerk -von den Politikern, die Horazsachen von den Ästheten und Witzbolden -verschlungen. Wie aber stellte man so viele Exemplare her? Durch -Diktat. Ein „Diktator“ mag sonst etwas Übles sein; in der Literatur -war er unentbehrlich. Der Diktierende sprach lautstimmig den Text; -etwa hundert Schreiber — rühriges, kluges Arbeiterpersonal — hockten -in Reihen an der Erde und schrieben nach. Die Hände flogen; die Feder -kratzte nie; denn das Schreiben war ein Malen. Hübsch ausgestattet -kamen die Buchrollen dann in den Verkaufsladen. Der Buchhändler hatte -alle Borte und Kisten voll davon. An die Außenpfosten seiner Budike<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> -nagelte er das Neueste, um die Straßenbummler anzulocken, und er nahm -gewaltig hohe Preise. Die Literatur war damals ein gewaltiger Luxus. -Eine Rolle von 40 Seiten stellte sich nach modernem Geldwert auf etwa -16 Mark. Wer also den ganzen Livius kaufen wollte, hatte über 1500 -Mark zu zahlen. Das Geld kassierte der Verleger oder zunächst der -Sortimenter ein; denn die Verlagsartikel wurden aus Rom oder Alexandria -in alle anderen Städte verschickt und dort von Sortimentern vertrieben.</p> - -<p>Und was bekam der Autor selbst? Wurde etwa wirklich, wie man geglaubt -hat, kein Honorar gezahlt? Lebten die Schriftsteller von der Luft? -Begnügte sich der Poet im Geist mit den Musen auf dem Helikon zu -schwärmen, indes der Buchhändler mit seinen oft epochemachenden Versen -einen gedeihlichen Handel trieb? Und vor allem die anderen Literaten -— soll Sallust, der doch sonst auf seinen Vorteil bedacht war, seinen -herrlichen „Jugurthinischen Krieg“ ruhig und selbstlos den Händlern -in die Hand gedrückt haben, daß sie damit ihr Geschäft machten? Die -Sache wäre zu töricht; im Märchen wäre so etwas möglich, nicht unter -ausgewachsenen Menschen der Wirklichkeit. Der Römer bestand doch sonst -auf Recht und Eigentum, und der Grieche auch.</p> - -<p>In der Tat: so spärlich auch unsere Nachrichten über diese Dinge sind -und sein müssen, so läßt sich doch das Gegenteil leicht erweisen<a id="FNAnker_200" href="#Fussnote_200" class="fnanchor">[200]</a>. -Die Sache wird schon deutlich, wenn uns Seneca sagt: „Wir sprechen -von Büchern Ciceros; der Buchhändler Dorus aber nennt sie trotzdem -sein Eigentum, und beides ist richtig; dem einen gehören sie, sofern -er sie schrieb, dem anderen, sofern er sie sich käuflich erwarb.“ Der -Buchhändler zahlte also auf alle Fälle, in diesem Fall mutmaßlich an -Ciceros Erben; er kaufte; ohne das verfügte er über die Werke nicht, -konnte sie also auch nicht verkaufen.</p> - -<div class="sidenote">Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag der reichen -Autoren.</div> - -<p>Und der Autor oder seine Erben hatten demnach wirklich Vorteil und -Gewinn. Achten wir zuerst auf die Theaterstücke. In Rom tanzt der -allbeliebte Solotänzer Paris; er stellt im<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Tanz mythologische Szenen -dar, wie den König Pentheus, der von seiner Mutter Agaue in der Raserei -umgebracht wird. Der Tänzer braucht dazu Musik, auch einen begleitenden -Chorgesang, und dazu ist wieder ein Textbuch nötig; dies Textbuch -lieferte ihm Statius, und Paris bezahlte dem Statius seine Textbücher -so glänzend, daß Statius damit groß dastand und nebenher auch noch -Epen schreiben konnte, die ihm nichts einbrachten. Vom alten Dichter -Plautus gingen an die hundert Lustspiele um; manche davon rührten gar -nicht einmal von ihm selbst her. Man sagte aber, Plautus habe so viel -geschrieben, um reich zu werden; denn er verkaufte seine Stücke und war -auf die Einnahme versessen; ob die Stücke nachher auch gefielen oder -nicht, war ihm ziemlich gleichgültig. An den Götterfesten wurde Theater -gespielt; der Staatsbeamte, der Aedil, der das Fest ausstattete, -brauchte dazu jedesmal ein neugeschriebenes Stück, und er kaufte es vom -Dichter. In anderen Fällen war auch der Chef der Schauspieltruppe der -Käufer. Gewaltig hohe Summen, die die Dichter Terenz und Varius für -ihre Dramen einkassierten, werden uns wirklich genannt. Tantiemen bei -Wiederaufführungen gab es nicht<a id="FNAnker_201" href="#Fussnote_201" class="fnanchor">[201]</a>; das erklärt sich aus dem Gesagten. -Um so berechtigter war die Höhe der Summen.</p> - -<p>Denn das so verkaufte Lustspiel gehörte alsdann eben dem Dichter -nicht mehr. Sollte ein Stück wie der <span class="antiqua">Miles gloriosus</span> oder die -Adelphen nach seinen Bühnenerfolgen nun aber auch als Lesedrama und -in Buchausgabe in den Handel kommen, so mußte der Buchhändler — -sagen wir sachgemäß der Verleger — das Manuskript vom Aedilen oder -vom Schauspieldirektor, der es jetzt rechtlich besaß, nicht aber vom -Dichter kaufen, der sein Eigentumsrecht abgegeben hatte.</p> - -<p>Es ist auch heute so: Theatersachen bringen am meisten ein. Man denke -an „Alt-Heidelberg“ und ähnliches. War auch nur <em class="gesperrt">eine</em> Operette -ein Schlager, so können Komponist und Dichter gleich ihre Dachstube -verlassen und sich in bester Gegend eine Villa bauen. Wer dagegen etwa -Moltkes oder Mörikes Briefe herausgibt, wer ein Buch über das antike -Buchwesen schreibt<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> oder gar mit seinen ersten lyrischen Versuchen -hervorkommt, ist bei uns in seinen Erwartungen und Ansprüchen sehr -bescheiden. Und so war es auch im Altertum. Trotzdem hat ein Mann -wie Cicero ganz gute Schriftstellereinnahmen gehabt, zwar nicht mit -seinen philosophischen Versuchen, den Tusculanen u. a., wohl aber mit -seinen berühmten Reden, die tatsächlich jedesmal ein Ereignis für Rom -waren und wie Pamphlete wirkten. Man bedenke, daß es damals noch keine -Zeitungen gab, die heutzutage die Parlamentsreden in jedes Haus tragen.</p> - -<p>Um sich die Sache klar zu machen, sei Apollinaris Sidonius benutzt. -Dies war einer der reichsten, vornehmsten Herren in der Römerwelt -des 5. Jahrhunderts n. Chr., der zeitweilig sogar mit dem Kaiserhof -in nächster Verbindung stand. In seiner vielköpfigen Dienerschaft -oder Klientel hat der Mann auch einen eigenen Buchhändler, und dieser -Buchhändler muß nun helfen, als Sidonius seine eleganten Schriften -herausgeben will; aber er überläßt diesem nun nicht etwa das Geschäft -selbst mit den anfänglichen Geschäftsunkosten und dem hernach erzielten -Gewinn, sondern er zahlt ihm nur jährlich ein Fixum, und dafür muß der -Angestellte den Vertrieb besorgen, was eben voraussetzt, daß er den -Gewinn an den Herrn selbst abzuliefern hat; denn anderenfalls hätte -das Fixum keinen Sinn. Dieser Angestellte heißt deshalb „besoldeter -Buchverkäufer“ (<span class="antiqua">mercennarius bibliopola</span>). Vielleicht hatte -dieser Mann in verschiedenen Städten eigene Verkaufsbuden, wo er die -Sachen vertrieb; er konnte sie auch gegen Zahlung an verschiedene -andere seinesgleichen, d. i. also an Sortimenter, verschicken und -weitergeben.</p> - -<div class="sidenote">Der Verleger Atticus. Witzliteratur. Vertrieb d. erhab. -Dichtwerke.</div> - -<p>Dies Verfahren ist Selbstverlag, und es ist das Verfahren, das alle -großen und wohlmögenden Herren, die sich mit Schriftstellerei abgaben, -eingehalten haben müssen, z. B. der große Rechtsgelehrte Ulpian, der -in Rom Gardepräfekt und der mächtigste Mann neben dem Kaiser war. Die -Fülle seiner juristischen Schriften, die nur in Fachkreisen Verständnis -fanden, kann Ulpian nur in dieser Weise selbst vertrieben haben; nicht -anders aber auch Cicero. Jedoch wurde die Sache dem Cicero,<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> der für -einen viel größeren Leserkreis arbeitete, bald unbequem, und sein -ausgezeichnet geschäftskundiger Freund Atticus kam ihm zum Glück zur -Hilfe. Der vornehme Geldmann Atticus ist der großartigste Verleger des -Altertums, den wir kennen. Er hielt sich ein besonders zahlreiches -Abschreiberpersonal und gab mit dessen Hilfe in trefflicher Ausstattung -berufsmäßig griechische und römische Autoren in Fülle heraus. Da sehen -wir nun, wie Cicero ihm seine neuen Arbeiten, die gleichsam noch -warm und kaum gar vom Ofen kommen, zuschickt, und wie dann in den -Abschriften, die Atticus herstellt, doch gelegentlich ein Fehler sich -einstellt und rasch etliche Schreiber heran müssen, um, ehe es zu spät -ist, den Schaden aus allen Exemplaren zu beseitigen; denn in dem Werk, -wenn es einmal heraus ist, läßt sich nichts mehr korrigieren: <span class="antiqua">nescit -vox missa reverti</span>. Als Atticus im Jahre 46 v. Chr. auch Ciceros -Rede pro Ligario vertrieben hat — offenbar riß sich sogleich alles -darum —, da ruft der Verfasser voll Entzücken: „Du hast meine Rede -mit so großartigem Erfolge verkauft: hinfort sollst du von allem, was -ich schreibe, den Vertrieb haben,“ woraus folgt, daß Atticus vor dem -genannten Jahre keineswegs alle Sachen Ciceros verlegte. Vor allem aber -sehen wir, daß Cicero sich an dem Verkauf freut; er hatte persönlich -Gewinn davon.</p> - -<p>Aber wir hören mehr. Nichts wird so gern gekauft wie die Witzliteratur, -die sich bei den Alten vor allem in der „Satire“ auslebte. Die Satire -war das humoristische Feuilleton der Alten. Vom Satiriker Menipp -hören wir nun zufällig einmal ausdrücklich, daß er seine prickelnden -Schriften mit großem Geldgewinn abgesetzt hat. Wie? wird nicht gesagt. -Uns genügt zu wissen, daß auch er als Verfasser eine Einnahme, und dazu -eine gute, erzielt hat.</p> - -<p>Aber auch von den Spottdichtern, die nur kurze Gedichte und Epigramme -zum besten gaben und dabei wie die „Wespen“ stachen, erfahren wir -dasselbe. Über einen solchen wird einmal, weil er zu viel Geld -verdient, mit Entrüstung hergefallen,<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> und da heißt es von ihm: „Du -verkaufst deine Witzverse (Jamben) wie der Kaufmann sein Öl; was hast -du für Verdienste um unser Gemeinwohl, daß du mit deinem Schimpfen so -viel Geld machst?“ Es ist also auch hier so: der Schriftsteller hat -seinen guten Vorteil.</p> - -<p>Eine angesehene Verlagsanstalt in der Zeit des Kaisers Augustus waren -die „Gebrüder Sosii“; sie waren die Verleger der Oden des Horaz, und -damit erhebt sich die wichtige Frage, die noch übrig bleibt: konnten -auch solche Dichter, die nicht für die Bühne, sondern nur für das -lesende Publikum schrieben, und die dabei sich auf den erhabenen Stil -beschränkten, auf das gleiche rechnen? konnten sie von ihrer Kunst -leben? Hier liegt die Sache in der Tat anders, und wer dem sorglich -nachgeht, erhält einen interessanten Einblick in die eigenartigen -gesellschaftlichen Verhältnisse der Antike; es wäre verfehlt, diese -Verhältnisse nach den unsrigen zu beurteilen.</p> - -<p>Der Betrieb der Gebrüder Sosii war genau so, wie wir es nach allem, was -ich vorausschickte, erwarten müssen; denn über sie wird uns wörtlich -mitgeteilt: „Sie erwarben sich gute Werke durch Kauf und hatten dann -beim Verkauf großen Gewinn, indem sie Vorräte von ihnen herstellten.“</p> - -<p>Also auch sie „kauften“ die Manuskripte, ehe sie verkauften. Das -versteht sich von selbst. Gleichwohl war die Sachlage für die Dichter -doch höchst ungünstig, und insofern können wir unsere Gegenwart -zunächst noch ganz wohl zum Vergleich heranziehen. Denn auch heute -kann, wer ein Epos oder gar lyrische Gedichte macht, froh sein, wenn -er sein Werk überhaupt gedruckt sieht; er zahlt womöglich noch etwas -zu und jauchzt auch dann noch, wenn er das erste fertige Exemplar in -die Hand bekommt. So sagt denn auch Seneca von den Dichtern erhabenen -Stils: „Sie dichten nicht um Gewinn, sondern sind zufrieden, wenn sie -nur Dank ernten.“ Sie sind also von vornherein bescheiden; es fragt -sich aber immerhin, worin der „Dank“ bestand, auf den sie rechnen.</p> - -<div class="sidenote">Horaz. Widmung ist Eigentumsübertragung.</div> - -<p>Horaz hat in seinem ganzen Leben nicht mehr als zehn kleine<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Bücher -fertig gebracht, die heute zusammen nur ein einziges schmächtiges -Bändchen von etwa 250 Druckseiten ergeben. Wie hätte er davon dreißig -Jahre lang (in den Jahren 40–8 v. Chr.) leben können, wenn die Gebrüder -Sosii ihm auch wirklich für jedes der zehn Büchlein ein gewisses -Sümmchen ausgezahlt hätten? An den ersten fünf seiner Bücher schrieb -der Dichter zehn volle Jahre lang, von 41–31 v. Chr.; für jedes -derselben hätte er vom Verleger also eine Einnahme, die für volle zwei -Jahre reichte, ausgezahlt erhalten müssen: was undenkbar ist.</p> - -<p>So steht es denn auch sonst. Die Dichter sind die Sorgenkinder der -Muse; denn das Talent pflegt arm zu sein. „Ihr lest meine hübschen -Produkte,“ scherzt der arme Martial, „aber mein Geldsack weiß nichts -davon“ (<span class="antiqua">nescit sacculus ista meus</span>). Ein reicher Nabob und -Konsular wie Silius Italicus, der mochte immerhin sein langweiliges -Epos über Scipio aus eigenem Vermögen mit Hilfe des Selbstverlags -ins Publikum bringen; der arme Dichter dagegen geht so vor, daß er -sein Werk einem vornehmen Manne <em class="gesperrt">widmet</em>. Der Vornehme legte auf -solche Widmung den höchsten Wert; denn von Dichtern rühmend genannt zu -werden, galt für mehr als alle Verewigung durch Inschriften<a id="FNAnker_202" href="#Fussnote_202" class="fnanchor">[202]</a>; und -er setzt also, um sich erkenntlich zu zeigen, seinen Ehrgeiz darein, -den Dichter, an dessen Talent er glaubt, nun auch materiell sicher zu -stellen; er schafft ihm sorgenfreie Muße; denn nur in solcher freien -Muße läßt sich Bedeutendes schaffen. Er geht dann gelegentlich auch -weiter und stellt dem Dichter selbst seine großen Aufgaben, wie sie dem -Zeitbedürfnis entsprechen<a id="FNAnker_203" href="#Fussnote_203" class="fnanchor">[203]</a>. So hat sich Mäcenas durch seinen Klienten -Horaz, wie jeder weiß, seinen unvergänglichen Namen erworben.</p> - -<p>Wie aber war alsdann das Verfahren der Herausgabe der Gedichte? wie -stand Horaz geschäftlich zu seinem Verleger? Die Antwort lautet: er -hatte gar keine Beziehung zu ihm; sein reicher Gönner trat ganz für ihn -ein.</p> - -<p>Hier gilt es vom Wesen der „Widmung“ zu handeln. Heutzutage ist das -Widmen nichts als ein Ausdruck „hochachtungsvollster<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> Verehrung“; der -Jüngling schreibt vor seine Liebesverse „meiner angebeteten Klotilde“, -der Doktorand bringt seine lateinisch geschriebene Doktorschrift -seinen Eltern dar, die gar kein Latein verstehen. Was hatte Anton -Springer davon, wenn er sein Buch über mittelalterliche Baukunst dem -Herrn Boisserée, was Mommsen, wenn er seine Römische Geschichte seinem -Kollegen Moritz Haupt widmete? Er erntete dafür ganz gewiß nichts -weiter als ein Wort wärmsten Dankes, der Jüngling von seiner Geliebten -vielleicht überdies einige Zärtlichkeiten. Das ist alles.</p> - -<p>Dies Dedizieren haben wir zwar von den Alten gelernt; im Altertum hatte -es aber einen ganz anderen Zweck, eine andere und höchst praktische -Bedeutung. Es gab zwei Arten von Widmungen. Der alte Cato richtete -seine Lehrschriften an seinen Sohn; derartiges geschah oft, und da -liegt der bloße Lehrzweck zutage. Cato war Senator, Konsul, war -Zensor in Rom und brauchte sich durch seine Schriften keine Gönner zu -erwerben. Wer aber zu den wirtschaftlich Schwachen zählt, wendet sich -mit seiner Gabe an die Größen der Börse, an fürstliche Personen, an -die Könige und Kaiser selbst, und das „Dedizieren“ (<span class="antiqua">dedicare</span>) -ist alsdann ein Schenken (<span class="antiqua">donare</span>) in eigentlichstem Wortsinn -gewesen; als Schenkung wird es uns ausdrücklich bezeichnet; -d. h. es war völlige Eigentumsübertragung, ganz ebenso wie das -Verkaufen, und der Empfänger der Widmung ist fortan Eigentümer des -Originalmanuskriptes mit allen Folgen, die das in sich schließt, ganz -so, wie wenn heute ein Student dem anderen einen Spazierstock oder ein -schönes Bierglas „dediziert“; er hat alsdann an der Sache gar kein -Recht mehr, und der Empfänger kann hinfort damit machen, was er will.</p> - -<div class="sidenote">Die Gönner besorgen den Verlag. Fürsorge der röm. Kaiser.</div> - -<p>Der Dichter hat also an seiner Dichtung alle Rechte preisgegeben, und -wollte nun ein Buchhändler das Werk vertreiben und in Verlag nehmen, -so mußte er es zwar selbstverständlicherweise käuflich erwerben, aber -nicht vom Dichter, sondern von dem vornehmen Manne, dem es jetzt -gehörte. Die Sache liegt<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> just so wie bei den Lustspielen des Plautus. -Damit war der Poet allen Verlagssorgen enthoben; sein Werk war ihm -entzogen; aber er rechnete auf den „Dank“ seines Gönners, der ihn -fortan wirtschaftlich sicherstellte und für ihn sorgte durch jährliche -Unterstützung. Das nannte man <span class="antiqua">salarium</span>. Er wurde gefüttert -wie eine gezähmte und eingefangene Nachtigall. So erklärt sich die -eigentümliche Erscheinung, daß es der Empfänger der Widmung ist, der -entscheidet, ob das Werk überhaupt in den Handel kommen soll oder im -Kasten bleibt (wohl viele Werke sind uns so entgangen); ja, er ist -es, der Verbesserungen im Text anordnet und endlich auch für eine -anständige oder pomphafte Ausstattung sorgt. Der Dichter aber hat sich -damit eine Sinekure verschafft. So sitzt Horaz bei Tivoli auf dem Land, -verpachtet den größeren Teil seines Gütchens, speist als echt frugaler -Epikureer seine „Oliven, Cichorien und Malven“ und meißelt dabei aus -dem spröden, dunklen Marmor der lateinischen Sprache seine Oden, nur -etwa jeden Monat eine.</p> - -<p>In dieser Weise hat die Poesie fast hundert Jahre lang in Rom geblüht. -Daher sagt Martial: So lange es Mäcene gibt, gibt es auch Vergile! Dann -aber gingen die Protektoren ein. Das Angebot an Versen wurde zu groß, -und man hatte allmählich von Orest und Thyest genug gehört. Seitdem -die hohen Herren den Hunger nach Dichtkunst verloren, verhungerte -schließlich die Dichtkunst selbst. Juvenal singt in seiner siebenten -Satire ihr krächzendes Grablied. Die Poeten darbten jetzt bei ihrer -Öllampe unterm Dach im fünften Stock, und erst etwa zwei Jahrhunderte -später ist die Poesie in der lieben „Mosella“ des Ausonius an unserer -Mosel zu einer bescheidenen Nachblüte neu entstanden.</p> - -<p>Die Verdienste der römischen Kaiser um die Wissenschaft sind noch -gar nicht genug gewürdigt worden. Ich rede hier nicht von den vielen -Schulbüchern, die hübsch gemeinverständlich abgefaßt wurden; die -brauchten zu ihrer Verbreitung keiner höheren Fürsorge; denn sie -konnten von vornherein auf reichen Absatz rechnen. Die Lehrer trieben -mit ihren Lehrschriften regelmäßigen<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Handel; die Schüler mußten -sie kaufen, und so sieht sich denn auch gelegentlich der Verfasser -eines solchen Buches gedrängt zu versichern, daß er es „nicht um -des Gewinnes willen“ schreibe. Solche Bücher waren also „lukrativ“. -Dagegen hatten es die Gelehrten mit ihren streng wissenschaftlichen -Arbeiten, die dazu meistens noch sehr umfangreich waren, oft schwer, -ans Tageslicht zu treten. Heute ehrt es unsere Verleger, wenn sie Werke -so schweren Kalibers wirklich drucken und auflegen; sie bringen damit -oft ein rühmliches Opfer. In jenen Zeiten aber haben nicht selten die -Kaiser selbst geholfen; dafür war das Hofamt „für gelehrte Dinge“ -(<span class="antiqua">a studiis</span>) da. Ich erinnere nur an Kaiser Mark Aurel, dessen -Zeitgenosse, der Philologe Herodian, ein epochemachendes Werk über -die Betonung der Silben im Griechischen und über die Akzentschreibung -schrieb, das ganze 21 Buchrollen füllte. Dem Mark Aurel widmete er die -Rollen, und wir wissen jetzt, was das bedeutete; der Kaiser, der die -Widmung annahm, veranlaßte ihre „Edition“, ihre Vervielfältigung und -Verbreitung, so wie bald danach auch der Sohn Mark Aurels, der Kaiser -Commodus, für das gelehrte Lexikon des Pollux die Fürsorge übernahm. Es -nützte freilich in beiden Fällen wenig; die Werke waren mit Stoff allzu -überladen; das gelehrte Dickicht schien zu undurchdringlich; man machte -Auszüge daraus, und nur diese Auszüge liegen uns heute noch vor, aber -sie sind uns immer noch eine reichliche Quelle der Belehrung.</p> - -<p>Die Kaiser waren die eigentlichen Besitzer der öffentlichen -Bibliotheken Roms, die Bibliothekare waren ihre Angestellten, und -man konnte sicher sein, daß sie in den Schränken dieser großen -kaiserlichen Büchereien selbst, die jedem zur Benutzung offen standen, -gute Abschriften niederlegen ließen, und das war das wichtigste. -Vespasian und Titus eroberten Jerusalem; der Jude Josephus erlebte -als Freiheitskämpfer die Katastrophe mit; er wurde aber von den -Römern gefangen und huldigte jetzt den Kaisern, die ihn für seine -Gesinnungslosigkeit ehrten, ihm die Freiheit schenkten, Gehalt zahlten, -ja, in Rom im kaiserlichen<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Palast wohnen ließen. Es ist begreiflich, -daß Josephus, als er nun seine jüdische Geschichte schrieb, damit das -Interesse dieser beiden Kaiser gewann, das sich auch auf das beste -bewährt hat. Wir sind glücklich, die Bücher des Josephus noch heute zu -lesen.</p> - -<div class="sidenote">Soziale Stellung des unbemittelten Autors.</div> - -<p>Auf die sozialen Verhältnisse aber fällt aus dem, was ich hier -besprochen habe, ein grelles Schlaglicht. Es handelt sich um das Genie -ohne Geld. Der unbemittelte Schriftsteller, wie anders als heute -stand er damals in der Gesellschaft! Es war die Zeit der Mäcene. Der -Dichter lebte allerdings im Grunde ein höchst bequemes Leben; er -brauchte durchaus nicht sehr produktiv zu sein; niemand zwang, niemand -hetzte ihn. Aber er war zeitlebens abhängig von der Gunst und Laune -der Großen. Heute wissen wir zum Glück von Patronen und Klienten -nichts mehr; unsere Schriftstellerei ist frei, und jeder Autor wählt -sich selbst seinen Verlag. Gewiß. Aber man wird vielleicht bemerken, -daß sich unsere buchhändlerischen Verhältnisse doch neuerdings den -antiken mehr und mehr analog entwickeln. Unsere großen modernen -Verlagsanstalten wachsen an Macht und stehen im Literaturleben der -Gegenwart vielfach schon wie die Patrone da; sie kreieren Autoren, -begünstigen sie und stellen ihnen ihre Aufgaben und haben vor allem -auch wie die Patrone des Altertums die Entscheidung in der Hand, die -gegebenenfalls die Veröffentlichung eines Werkes für lange Zeit oder -für immer verhindert. Dazu kommt der Geldpunkt. Gemurrt wird wohl heute -genug; es wäre nicht erwünscht, wenn es dazu käme, daß wir uns nach den -Verhältnissen der Zeiten des Augustus und Nero zurücksehnen müßten.</p> - -<p>Im Altertum sind die Verleger indes schwerlich zu großen Reichtümern -gelangt. Jener Atticus mit seinem Riesenverlag, von dem ich berichtete, -war augenscheinlich ein Idealist, aber er war zugleich Großkapitalist -und konnte das Risiko tragen. Warum war der Beruf der Verleger wenig -ergiebig? Kaum hatten sie ein Werk herausgebracht, so fiel das -Publikum rücksichtslos darüber her. Rechtsschutz gab es nicht; wer -nicht kaufen<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> wollte, machte sich eigenhändig eine Abschrift, und dem -Bücherverkauf wurde dadurch die empfindlichste, ja eine ganz unerhörte -Konkurrenz gemacht. Es war eine Ausplünderung, viel ärger als der -Nachdruck, der noch in unserem 18. Jahrhundert die Verleger so gröblich -schädigte. Von dem ersten besten guten Bekannten borgte man sich ein -Buchhändlerexemplar und kopierte es nach Belieben. Das war billig; es -kostete nur etwas Zeit und Papier; aber man nahm meistens schlechtes -Papier dazu, die Rückseite von alten Aktenbogen und ähnlichen; wir -haben davon noch viele Proben erhalten. Tausendfach und ständig ist -das geschehen, und diese „Privatabschrift“ hat — besonders in der -christlich gewordenen Welt — den Verlag und Buchhandel des Altertums -schließlich geradezu ertötet. Vollends kam sie in den Schreibstuben -der Klöster zum Sieg. Die Mönche kauften grundsätzlich nicht vom -Buchhändler. Daß im Altertum ein Buch, es mochte noch so vortrefflich -sein, viele „Auflagen“ erlebte, war daher ausgeschlossen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Woher_stammen_die_Amoretten">Woher stammen die Amoretten?</h2> - -</div> - -<div class="sidenote">Modernes. Renaissance. Altertum.</div> - -<p>Von Amoretten soll im Nachstehenden die Rede sein, von jenen -geflügelten Putten, die, dem modernen Auge so geläufig, auf Gemälden -und Standbildersockeln wie an Häuserfassaden, auf Geschäftsreklamen -und Waschtisch-Stickereien von unseren Künstlern, Kunsthandwerkern -und Damen oft auf das gedankenloseste wiederholt werden, als ein -bequemer Hausrat für die erfindungsmüde Phantasie der Gegenwart, ein -immer erwünschtes Füllsel für alle leeren Ecken und Winkel; und, -wo immer wir sie sehen, erscheinen sie allezeit gefällig oder doch -niemals störend; denn es läßt sich leicht über sie hinwegsehen. Von -gewisser Originalität waren jene Greenaway-Bilderchen, mit denen uns -vor längerer Zeit die Erfindungsgabe englischer Frauenseelen beglückt -hat; sie waren gleichsam auf dem Boden und Plan des englischen -„Kindergartens“ erwachsen. Sie sind natürlich stets hübsch bekleidet. -Anders die Putten, und schon ihre Nacktheit kann dem Nichtwissenden -verraten, daß sie ein Anlehen aus freieren Zeiten sind. Wir verdanken -sie der lebensfrohen italienischen Renaissance, und schon zu den Füßen -der Sixtinischen Madonna, in den Glanzhimmeln des Correggio führen -sie ja ihr göttlich schönstes Kinderleben. Die kleine Flügelrasse war -seitdem nicht zu verderben; selbst das Klima des Rokoko bekam ihnen -leidlich; sie wurden sichtlich fetter, trugen jeden Thronhimmel, den -sie sollten, und überstanden jede Verrenkung. Ihre Ahnen indes, jene -Flügelknaben der großen italienischen Kunst, hatten gleichsam reineres -Venusblut, sie hatten voraus den Adel der Wahrheit und Schönheit, in -Süßigkeit und Zauber des Leibes und der Gebärde. Sie dienten jenen -Künstlern bald als <em class="gesperrt">Engel</em>, bald als <em class="gesperrt">Amorinen</em>, bald als -<em class="gesperrt">Genien</em> zu durchsichtiger Symbolik. Es ist jene Zeit, wo man auch -den Sohn Gottes im Schoße Marias für immer der stumpfen Bekleidung -entledigte, die ihn in der Kirchenbilderei des gotischen Mittelalters -wie die Wolke die Morgensonne zudeckte, um alle Virtuosität<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> -Raphaelischen Könnens an diesem heiligsten Kinderleibe zu üben.</p> - -<p>Also die Renaissance. Aber sie war nur Renaissance, sie war nur -wiedererstandenes Altertum. Jene köstlichen Putten haben als Ahnen noch -echtere griechische Venuskinder; die Renaissance ließ sie auferstehen -aus den Gräbern des Altertums, aus jenen antiken Marmorsärgen, die so -massenhaft mit dem Volk der Amoren geschmückt sind.</p> - -<p>Wollen wir die Frage stellen nach der ersten Entstehung der Amoretten, -so gilt es bis in das griechische Altertum selbst zurückzugehen. Wie -konnten diesen Kindern die Flügel wachsen? und was bedeuteten sie dem -antiken Publikum? Hat, was man heute ziemlich gedankenlos als Gemeingut -hinnimmt, dereinst einen eigentümlichen Sinn gehabt? und wie weit hatte -das Cinquecento Recht, die griechischen Putten in dreifacher Verwendung -als <em class="gesperrt">Amoren</em>, als <em class="gesperrt">Engel</em>, als <em class="gesperrt">Genien</em> nachzubilden?</p> - -<p>Was ich im Vorliegenden darbiete, ist von mir mit umständlicheren -Belegen und in leider der Ungnade verfallener Sprache anderen Orts -ausgeführt<a id="FNAnker_204" href="#Fussnote_204" class="fnanchor">[204]</a>; für den, der nachprüfen will, sei im Anhang mit -Seitennennung auf jene Ausführungen kurz verwiesen. Da auch in den -neuesten Arbeiten über diesen Gegenstand die richtige Auffassung noch -fehlt, lohnt es sich, sie noch einmal vorzutragen<a id="FNAnker_205" href="#Fussnote_205" class="fnanchor">[205]</a>.</p> - -<p>Der Leib des Menschen sehnt sich wohl nach dem Fliegenkönnen so, wie -die Seele des Menschen sich sehnt nach der Unsterblichkeit. Es ist -beides der Trieb nach Unendlichkeit, dort in das Räumliche hinaus, -hier hinaus in die Länge der Zeiten. Wie schön, das Ersehnte leibhaft -vorzustellen! Der Kinderkörper ist der leichteste; sein Bau kommt dem -des beneideten Vogels noch am nächsten, wenn wir achtgeben auf das -Verhältnis der Höhe zur Breite; ein Kind läßt sich schon am ehesten -harmlos schwebend denken. So erregt es ein seliges Gefühl wie erfüllte -Sehnsucht, der Anblick der schwebenden Eroten.</p> - -<div class="sidenote">Geflügelte Götter. Eros in der älteren Kunst.</div> - -<p>Für den alten Ägypter war der Vogel gelegentlich selbst<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> göttlich, -selbst Gottheit gewesen; er schuf den Gott Horos mit dem Sperberkopf; -der Fittich war ihm allgemein Abzeichen des Göttlichen. Anders der -Grieche. Der Grieche schuf Gott nach seinem Bilde und verschmähte -jenes Abzeichen durchaus, außer wo er phönizischen Einflüssen Raum -gab<a id="FNAnker_206" href="#Fussnote_206" class="fnanchor">[206]</a>. Die olympischen Götter schreiten vorgeneigt durch den Luftraum, -durchmessen die Himmelsstrecken mit leichtestem Sprung, aber sie -bedürfen des Flugapparates nicht; auch beim Hermes ist er lose Zutat -und mehr Merkmal als Werkzeug der Eile dieses Berufsboten. Die Flügel -sparte jene Kunst für ihre Windgottheiten, für ihre Siegesgöttin, die -Nike, auf, um an ihnen die stürmende Hast vorzüglich auszudrücken. Amor -aber — griechisch Eros — ist die Liebe. Die Liebe (Sappho bezeugt es) -ist dem Winde, dem Sturme gleich; man weiß nicht, von wannen sie kommt -und geht; sie ist überraschend beglückend, göttlich, aber ephemer, eine -Unsterblichkeit des Augenblicks, wie Nike, der geflügelte Sieg<a id="FNAnker_207" href="#Fussnote_207" class="fnanchor">[207]</a>. -So ist Eros — nach einigen ein Sohn des Zephyr — stets geflügelt -gebildet worden.</p> - -<p>Aber auch in anderem Sinne ist die Liebe flugbegabt. Jene Sehnsucht des -Sterblichen nach dem Unendlichen, nach dem Fliegenkönnen, in der Liebe -ist sie gleichsam erfüllt; denn sie ist ein Schweben des Liebenden -außer sich, d. h. im Unbegrenzten. Der Menschenseele selbst, die da -liebt, wachsen somit Schwingen; oder aber — in anderer Auffassung — -die Liebe selbst in ihr ist ein Flügelwesen. Als man bei den Griechen -begann, über die Beflügelung Betrachtungen anzustellen, beim Plato im -Phädrus, wird uns eben dies gesagt. Nicht wesentlich weicht hiervon -ab, wenn es in einem Spruche aus der Komödie heißt: „Schnell wächst -Gefieder dem Eros, wenn er hofft, und schnell entfiedert ist er, wenn -ihm die Hoffnung schwand“<a id="FNAnker_208" href="#Fussnote_208" class="fnanchor">[208]</a>.</p> - -<p>Nicht also die Befiederung der Amoretten bedarf einer weiteren -Erörterung, wohl aber ihr kindliches Alter und ihre Vielheit, -desgleichen die Art ihrer Verwendung oder Beschäftigung.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p> - -<p>Es gilt zum Verständnis die verschiedenen Zeitalter des Griechentums -zu sondern, die Wandelungen des Zeitgeistes in ihm zu beobachten. Das -Griechentum gleicht der Natur und dem warmen blühenden Jahre; nicht -jeder Monat brachte die gleiche Flora. Die Amoretten waren Spätlinge -des Jahres und entstanden, als der Geist und die Kunst schon herbstete.</p> - -<div class="sidenote">Eroten in der älteren Kunst. Interesse am Kinde.</div> - -<p>Die eigentlich klassischen Zeiten eines Perikles und Plato wußten im -wesentlichen nur von einem Eros. Die Vorstellungen über ihn waren -erst allmählich innerhalb der Literatur und Kunst selbst ausgebildet -worden. Er war von den Einen im Interesse der Schöpfungsgeschichte -als Schöpfungsgeist oder Lebensprinzip des Weltalls, von anderen -minder abstrakt als Entzünder der Liebe innerhalb des Menschenlebens -aufgefaßt. In dem letzteren Sinne, der je mehr überwog, je breiteren -Raum die Liebespoesie gewann, festigte sich erst nach und nach die -Vorstellung vom Eros als dem Sohne der Aphrodite. Die Kunst aber gab -diesem einen Eros ganz vorwiegend die Gestalt des Halbjünglings oder -reiferen Knaben, in einem Alter zwischen 9 oder 10 bis zu 16 Jahren. -Und wir sehen diesen „jüngsten“ und „schönsten“ der Götter zunächst -nicht sich beschäftigen; er steht oder er fliegt daher, hält Symbole, -die auf Lenz und Liebe deuten, bis er endlich zum Bogenspanner -ausgebildet ist, der die Herzen verwundet mit dem Pfeil der Venus.</p> - -<p>Es konnte nicht ferne liegen, von diesem Venussohn zu einer Mehrheit -gleichartiger Gestalten zu gelangen. Eros ist die Personifikation -eines Triebes. Man konnte der Liebe die Begierde „Himeros“ zum Bruder -geben, als dritten dazu die Sehnsucht, den „Pothos“, gesellen. So tat -es in der großen Kunst nur Skopas in der ersten Hälfte des vierten -Jahrhunderts v. Chr. Die Vasenmalerei und kleinere Kunst aber schlug -entweder dasselbe Verfahren ein (die Beischriften bezeugen es), -oder sie zeigte „Liebe“ und „Gegenliebe“ (Eros und Anteros), oder -sie verfiel endlich auch geradezu auf eine Anzahl von gleichartigen -ununterschiedenen Eroten, bis etwa zu sechsen an der Zahl auf einem -Stück. Es scheint dies zunächst ein ähnlicher<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> Hergang, wie wenn man -den einen Gott Pan, den ziegengestaltigen, vermehrte und aus ihm einen -ganzen Tragödienchor seinesgleichen schuf<a id="FNAnker_209" href="#Fussnote_209" class="fnanchor">[209]</a>. Und doch liegt die Sache -anders<a id="FNAnker_210" href="#Fussnote_210" class="fnanchor">[210]</a>.</p> - -<p>Da Liebe immer nur als die Liebe <em class="gesperrt">eines</em> Menschenherzens zu -verstehen ist, so waren gewiß so viele Eroten denkbar, als da Herzen -lieben. So sprach auch die Euripideische Tragödie, die die Liebe zuerst -zum großen Gegenstande der Bühne machte, mehr als einmal im Plural -von „Eroten“. Sogar ein Pindar war vereinzelt darin vorgegangen. -Allein jene Vasenbilder geben uns diese Eroten noch allzu deutlich -als abstrakt symbolische Figuren; sie ordnen sie schematisch und nach -äußerlicher Entsprechung (besonders ist die Zweizahl bevorzugt), so daß -oftmals der Eindruck entsteht, das bloße Bedürfnis nach Symmetrie sei -hier auf die Erfindung von Einfluß oder entscheidend gewesen; und was -wichtiger, sie vereinigen diese Eroten noch nicht unter sich zu einer -Handlung. Es waren noch keine Amoretten.</p> - -<p>Auch fehlte noch immer das eigentliche Kindesalter. Zwar konnte -es nicht fern liegen, sich Amor klein vorzustellen, und auf diese -Anschauung konnte hinleiten, was Sophokles von ihm sang: „Der du auf -weichen Wangen des Mägdleins lauernd gelagert bist.“ Es ist dies -nichts als der Person gewordene „Glanz der Liebe auf Purpurwangen“ -(Phrynichus). Wo aber war damals der Künstler, der dies auch -nur annähernd in Stein oder Farbe wiederzugeben wagte und wagen -konnte? Auch weiß z. B. der Komiker Alexis in seiner eingehenden -Charakterzeichnung des Gottes noch nichts von seiner Kindlichkeit<a id="FNAnker_211" href="#Fussnote_211" class="fnanchor">[211]</a>.</p> - -<p>Die Erfindung der Amoretten wurde erst möglich, nachdem bei den -Künstlern das Interesse an <em class="gesperrt">Darstellung von Kindern</em> wach -geworden, die Fähigkeit, Kinder darzustellen, ausgebildet worden -war, und wir stellen schon hier den Satz auf: das Interesse am Kinde -war die Erzeugerin; nicht Aphrodite, sondern die Kinderliebe ist in -Wirklichkeit die Mutter der Amoretten gewesen. Als Kennzeichen für sie -stellen wir fest: erstlich<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> das Kindesalter, zweitens ihre Vielheit, -die zur vorherrschenden Regel wird, endlich ihre Beschäftigung, die -nur zum Teil sich noch nach außen hin auf Götter- und Menschenherzen -richtet, sondern zumeist nur ein Spiel miteinander und ein -Untersichsein ist. Um dieser Beschäftigung willen war eben die Vielheit -zweckmäßig und Vorbedingung.</p> - -<p>Die größte Zeit starken männlichen Zuges mußte erst vorüber sein. -Erst mußten die Phidias und Polyklet, Praxiteles und Lysipp, naiv -erhaben, ihrem Volke seine großen Stadtgötter hingestellt haben, das -Ideal steigernd und verwirklichend, eine steinerne Theologie; erst -mußte die Kunst die Behandlung des männlichen und des weiblichen -Körpers, des gewandeten und des ungewandeten, an den Göttern wie -an der Bildung sieggekrönter Sterblicher zu Ende geübt und bis zur -höchsten Vollkommenheit gebracht, mußte in ihr den letzten Reiz des -Neuen und Schönen erschöpft haben, bis sie sich endlich auch des -Kindes erinnerte, über das sie gleichsam hinweggesehen, und hier eine -Aufgabe übrig fand, um Anmut in Fülle auszuschütten, wo die Stärke und -Erhabenheit verbraucht war.</p> - -<p>Es beginnt seit Alexander dem Großen die Ära der großen griechischen -Königreiche, die Greisenzeit des Griechentums, der Hellenismus. Das -Publikum überließ die Politik den Königen; es verlor den politischen -Ehrgeiz; es wurde weltbürgerlich, es wurde sentimental. Die Interessen -und Aufgaben gingen in das Kleine und Menschliche; man sah gern und -man schilderte gern Landschaft und Natur, die liebe Alltäglichkeit -und die alltägliche Liebe, schwärmte für Hirten und Fischersleute -und sehnte sich in Übersättigung und Empfindsamkeit zurück in die -unverderbte Einfalt des Lebens<a id="FNAnker_212" href="#Fussnote_212" class="fnanchor">[212]</a>. Man wurde groß im Kleinen; es war -wie die Nachlese desjenigen, der das Leben ausgeschöpft hat. Damals hub -auch die sentimentalische gerührte Freude am Kinde an. Erst aus der -sentimentalischen Liebe zu Kindern ist die Idee der Amoretten, erst -aus der Darstellung von Kindern ist die Darstellung von Amoretten<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> -hervorgegangen. In jener Zeit, als Christus, vom Berge predigend, -das Wort sprach: „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ und sie herzte -und küßte, war jene Kinderliebe allerorts in vollster Blüte, und das -Evangelium hat dafür einen edelsten, reinsten Ausdruck gefunden.</p> - -<p>Wie nun der griechische Geist diese Kinder bildete? Er war alt -geworden, dieser Geist, aber von gereiftestem Schönheitssinn, und hat -tändelnd eine Fülle ewiger Grazie über diese Gebilde ergossen. Es sind -Kinder der Liebe, und sie sind mit dem Auge der Liebe gesehen.</p> - -<p>Sei es noch einmal wiederholt: es ist für die Amoretten wesentlich, -außer dem Kindesalter, daß sie gern viele sind und daß sie auch bloß -unter sich ihr Spiel treiben, also selbst eine Szene bilden. Dieses -beides wird sich uns eben aus dem ersten und grundlegenden, der -kindlichen Natur selbst erklären. Wenn aber im Verfolg von Kindern -die Rede ist, so ist dabei ausschließlich an das Alter gedacht bis -höchstens zum sechsten Lebensjahr, an das Alter der Putten.</p> - -<div class="sidenote">Kinderscharen in den Häusern seit der Alexanderzeit. -<span class="antiqua">Deliciae.</span></div> - -<p>Der alexandrinische Zeitgeist, den wir nach der geistigen Hauptstadt -des griechischen Ostens so benennen, der Umbildner der menschlichen -Gesellschaft, hat sich zunächst in den drei letzten Jahrhunderten vor -Christi Geburt dargestellt. Doch sind die vielen Bücher, die damals -geschrieben wurden, leider bis auf einen ärmlichen Rest gründlich -vernichtet. Vornehmlich nur aus seinen Nachwirkungen erkennen wir -den alexandrinischen Geist; er tritt erst bei den Römern seit der -Zeit Ciceros in das helle Licht der Geschichte. Denn römisches Leben -ist fortan hellenistisches Leben. Wir sind befugt und gehalten, -aus der wundersamen Kinderliebe der augusteischen Zeiten auf die -gleich ausgebildete Liebhaberei in den Modellen der nächsten Vorzeit -zurückzuschließen.</p> - -<p>Die Kinderliebe konnte so auf eigene, wie auf fremde Kinder gerichtet -sein. Auch blasierte Mütter gibt es und gab es genug, die ihre -Kleinen an andere zur Erziehung geben und sie sich nur als Spielzeug -in leeren Augenblicken auf den Arm<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> reichen lassen aus flüchtiger -Lachlust und halber Neugierde; dies tadelt der ehrenfeste Plutarch. Den -gefallsüchtigen Hausfreund sehen wir schon beim Theophrast, wie er den -Gastgeber nach seinen Kleinen fragt, sie fabelhaft ähnlich findet, sie -küßt, mit ihnen betulich ist, ihr Ruf- und Laufspiel eifrig mitspielt -und sie auf seinem Schoß schlafen läßt. Von hier aus ist bis zum -Kindersport noch ein guter Schritt; aber er wurde eben damals getan<a id="FNAnker_213" href="#Fussnote_213" class="fnanchor">[213]</a>.</p> - -<p>Zunächst ist ohne Frage schon folgende Gepflogenheit von großem -Einfluß gewesen. Es war die Sitte reicher Familien, für den kleinen -Sohn des Hauses eine Schar von Sklavenkindern gleichen Alters als -<em class="gesperrt">Gespielen</em> zu halten, die zum Apparat der ersten Erziehung ebenso -gehören wie die „Amme“. Dies sind die öfters zu nennenden „Gespielen“ -oder <span class="antiqua">conlusores</span>. Der kleine Sohn speist dann natürlich mit bei -Tisch, die Gespielen umlungern die Tafel, gern geduldet, und lassen -sich Naschsachen zustecken. Wir sehen solche Szene im Garten des -Septimius Severus, als er noch nicht Kaiser war<a id="FNAnker_214" href="#Fussnote_214" class="fnanchor">[214]</a>. Schon dies kann -uns das Bild der spielenden Puttenschwärme geben, wie wir sie in der -Kunst zusehen gewohnt sind.</p> - -<p>Aber nicht dies ist, was ich als Sport bezeichnete. Man <em class="gesperrt">hielt -sich</em> überhaupt <em class="gesperrt">Kinder zur Ergötzung</em>, womöglich viele. -Ohne diese großmächtige und uns Modernen so völlig fremdartige -Art des Kinderluxus scheint das Leben der Vornehmen Roms kaum zu -denken. Ganz dasselbe soll heute noch bei den reichen Türken im -Gebrauch sein. Vorzüglich Frauen, heißt es, waren die Liebhaber -dieses Menschenspielzeugs, doch auch zärtlich besaitete Männerseelen. -Wir begegnen solchen lebendigen Putten nicht nur im Kaiserhause, -sondern auch bei vielen wohlhabenden Privatleuten, endlich sogar -zu öffentlichen Zwecken verwendet. Ihr lateinischer Name ist -<span class="antiqua">deliciae</span>. Sie sind es vorzüglich, die die Kunst als Amoretten -nachahmend in ihrem Spiegel auffing, als Spielkinder der Venus in ihre -Sprache übersetzte<a id="FNAnker_215" href="#Fussnote_215" class="fnanchor">[215]</a>.</p> - -<p>Kaiser Augustus ist uns zunächst ein klassisches Beispiel.<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Ein -einsamer Mann auf dem Thron, war er kinderlieb wie wenige. Seine zarten -Enkel Gajus und Lucius kaufte er dem Agrippa ab und wollte nie ohne -sie sein, hatte sie bei Tisch auf seinem Lager, ließ sie auf Reisen -vor sich auffahren. Ein allerliebstes Kind der Verwandtschaft stellte -er, als es starb, als Amorette in seinem Zimmer auf und küßte das -Bild, so oft er es erblickte. Derselbe Augustus pflegte aber auch in -seinem Palast mit kleinen Kindern zu spielen, die er „von allen Seiten -sich kaufte“; er spielte mit ihnen Astragalen oder das Knöchelspiel, -Nüssewerfen u. a. Sein Lieblingsputto hieß Sarmentus; Sarmentus war -um ihn bei den Gastgelagen und bekam vom schweren besten Falerner zu -trinken.</p> - -<p>Und schon bei der Hochzeit des Kaisers im Jahre 38 v. Chr. hatten -diese Kinder eine Rolle gespielt. Sie fand im Hause des Claudius Nero -statt, der hier selbst seine Gattin Livia an Octavian verheiratete. Die -Sache war anstößig. Beim Festmahl lag nun Octavian mit Livia auf dem -Speiselager vereint, jener Claudius alleine. Die <span class="antiqua">deliciae</span> aber -waren im Saal, und eines davon stellte sich tadelnd vor Livia und sagte -vorlaut die peinlichen Worte: „Herrin, was tust du dort? Dein Mann -liegt ja drüben,“ und wies auf ihn.</p> - -<div class="sidenote">Die stoische Lehre begünstigt ihren Gebrauch. Belege.</div> - -<p>Auch war Octavian in seiner Liebhaberei nicht ohne Anleitung. Sein -Jugendlehrer war der stoische Philosoph Athenodorus von Tarsus -gewesen, der ihn auch weiterhin in Rom beeinflußte. Derselbe soll auch -des Tiberius Erzieher gewesen sein. Er verfaßte eine Schrift „über -ernsthafte und heitere Lebensführung“ und empfahl darin den Gebrauch -der Delicien durch Beibringung von Belegen aus früherer Zeit. War es -doch beliebt bei den Stoikern, vom Sokrates zu erzählen, wie es ihm -Freude war, mit solchen Kleinen zu spielen; denn es zieme sich, in -schuldlosem Scherz sich zu erholen<a id="FNAnker_216" href="#Fussnote_216" class="fnanchor">[216]</a>. Selbst Herkules, im Drama des -Euripides, so führte man an, habe ein Kindlein auf dem Arm geherzt und -die Worte gesprochen:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ich tändle. Wechsel nach der Arbeit ist mir lieb<a id="FNAnker_217" href="#Fussnote_217" class="fnanchor">[217]</a>.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Athenodorus aber berief sich vor allem noch auf Archytas von<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> Tarent, -den Philosophen und Staatsmann der Platonischen Zeit, der bei aller -Größe des Geistes doch an den kleinen Kindern seiner zahlreichen -Sklavenschaft im Spiel hingebend sich erfreute; am meisten Spaß aber -hatte er an ihnen beim Trinkgelage. Man denke hier an den Sarmentus -des Augustus. Und endlich erzählte man in gleichem Zusammenhang von -Massinissa, dem Numidierkönig aus der Zeit des Hannibalkrieges, der -unter anderem die sämtlichen Kinder seiner Söhne (und es waren viele -Söhne!) und seiner Töchter bei sich aufzog; wenn sie aber drei Jahre -alt waren, ersetzte er sie durch neue. So berichtete von ihm Ptolemäus -Euergetes, der König Ägyptens<a id="FNAnker_218" href="#Fussnote_218" class="fnanchor">[218]</a>. Hierbei denke man an die Enkel Gajus -und Lucius, die Augustus zu sich nahm.</p> - -<p>So hatte die stoische Weltlehre, die da gleiche Menschenwürde und -Menschenliebe predigte, auch die <em class="gesperrt">Kinderliebe</em> in ihr Programm -aufgenommen. Sie näherte sich darin dem Sinne der Bergpredigt. Die -häßlichen Auswüchse der so entstehenden Sitte konnte sie freilich -nicht mit verantworten. Ein einsamerer Kaiser noch war Tiberius. Auch -sein düster märchenhaftes Asyl auf Capri bevölkerten jene unschuldigen -Scharen; die Phantasie seiner Verleumder aber umgab die Kunde hiervon -mit Gerüchten von allerlei Schändlichkeit.</p> - -<p>Im Hause Domitians treffen wir sie wieder. Die Unschuld wurde hier -Ursache an dem Tode des Schuldigen. Domitian schlief und hatte ein -Verzeichnis derer, die er dem Tode bestimmte, unter dem Kopfkissen; die -Kleinen waren im Zimmer. Eines zog neugierig die Schreibtafel hervor -und hielt sie nichtsahnend in seinen Händchen, als Domitia herzukam, -die Namen las und die Ermordung des Kaisers beschloß und einleitete.</p> - -<p>Eine sehr ähnliche Szene kehrt unter Kaiser Commodus wieder; vor -allem sind die Verhältnisse immer die gleichen. Ein Kind pflegt -das bevorzugte, das dreisteste, der Favorit zu sein und wird durch -Eigennamen ausgezeichnet, den nun die Weltgeschichte überliefert.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p> - -<p>Das Kaiserhaus machte aber durchaus nur die Mode der Zeiten mit. -Zahlreich sind sonstige Belege, wie sie der Zufall bietet. Grabsteine -solcher <span class="antiqua">deliciae</span> sind ausgegraben. Die Schriftsteller selbst, -vornehmlich die Vertreter der epigrammatischen Dichtung, ließen -sich herbei, sie in zärtlichem Scherz zu schildern oder rührsame -Grabesaufschriften zu geben für solch einen kleinen Verstorbenen: -„Kalläschros ist gestorben, der kleine Fant, um nun ein Spielzeug -zu sein im Haushalt der Proserpina.“ Ein Zweijähriges fiel von der -Leiter; der Herr lief herzu; „da streckte es nur noch einmal die -zarten Händchen und verschied.“ Oder der Dichter an seine verstorbenen -Eltern: „Mein kleines Erotion, das so zum Küssen ist, kaum sechs Jahre -alt, kommt schon zu euch in den Orkus; sorgt doch, daß es vor dem -Höllenhund sich nicht erschrecke; und so spiele es denn nun mit euch -alten Herrschaften und schwatze von mir. Die Erde aber möge ihm leicht -sein; denn es ist selber ihr nie schwer gewesen“ (Martial). Zu diesen -Spielzeugen gehörte auch der Camerius des Catull (<span class="antiqua">carm.</span> 55) -in Ciceros Zeit, zu ihnen auch die Bissula des späten Ausonius, jene -Bissula, der die moderne Romanliteratur zu einer kurzen Auferstehung -hat verhelfen wollen. Auch Bissula war Putte (<span class="antiqua">pupa</span>), im -deutschen Kriege erbeutet; sie war in einer Schar derselben die kleine -Favoritin (<span class="antiqua">dominatur in deliciis</span>).</p> - -<div class="sidenote">Deliciae „Spielkinder“. Ihre Schwatzlust. Camerius.</div> - -<p>In diesem Zusammenhang erklärt sich auch Folgendes. Wie Abraham den -Lot befreite, da heißt es im Bibeltext einfach: „und schlug sie (die -Feinde) und jagte sie .. und brachte alle Habe wieder, dazu auch Lot, -seinen Bruder, mit seiner Habe, auch die Weiber und das Volk.“ Der -Dichter Prudentius, um das Jahr 400 n. Chr., hält sich verpflichtet, -dies auszumalen und zählt nun als Bestandteil jener „Beute“ neben -Gefäßen, Pferden und Halsschmuck auch „die Kleinen“ auf, in deutlichem -Hinblick auf die <span class="antiqua">deliciae</span>, die eben in der Habe des Reichen -damals nicht fehlen<a id="FNAnker_219" href="#Fussnote_219" class="fnanchor">[219]</a>.</p> - -<div class="figcenter illowe50" id="tafel8"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 8</div> - <img class="w100" src="images/tafel8.jpg" alt=""> - <div class="caption">Trinkgelage von Satyrn und Nymphen mit spielenden Kindern. - Relief auf einem römischen Sarge. - <span class="s5">(Rom, Villa Pamfili.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel8_gross.jpg" - id="tafel8_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<p>Es ist nicht zu verwundern, daß man in der großartig brutalen -Phantastik römischer öffentlicher Feste auch den Zauber<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> des Anblicks -dieser Kinder gelegentlich zu verwerten wußte. Man ließ sie wirken -durch den Kontrast. In der Arena sollten Löwen auftreten; die Kinder -erschienen zuvor, für die Bestien frischen Sand zu streuen und mit -dem Rechen zu ebnen. Ein gräßlicher Anblick folgte; ein Löwe ergriff -und zerriß etliche. Martial beweint dies und preist die Wölfin, die -einst den Romulus und Remus verschonte. So sehr war das Leben der Zeit -an diese Niedlichkeiten gewöhnt, daß sie das Volk als Verzierung der -Tierhetze in der Arena zu sehen begehrte<a id="FNAnker_220" href="#Fussnote_220" class="fnanchor">[220]</a>.</p> - -<p>Mit Teilnahme und nicht ohne Lächeln sehen wir jene Vornehmen Roms, -geschmackvolle Müßiggänger, übersättigt, lebensklug und immer noch -Leute großen Stils, sich verlieren in das kindische Getriebe, an seiner -jungen, Funken sprühenden Wärme die kühl gewordene Seele beleben. -Man schaute zu, wie possierlich sie sich tollten, ließ sie auf sich -herumklettern (es sei erinnert an die Statue des Nil), ließ sich von -ihnen den Kopf krauen, spielte das Nüssespiel mit ihnen, ließ sie -sich verstecken und haschte sie, voller Zärtlichkeit und Wohlgefallen -an der Hübschheit des kleinen Körpers, vor allem an dem unablässigen -süßen Geschwätz. Es gefiel vornehmlich das zwitschernde Plaudern, das -dummkluge Fragen, die drolligen Wahrheiten aus Kindermund<a id="FNAnker_221" href="#Fussnote_221" class="fnanchor">[221]</a> und die -kleinen ahnungslosen Unanständigkeiten. Tadelnd sagt Seneca: „Man kauft -die Kinder um ihrer kecken Reden willen und sucht sie darin noch zu -steigern.“ Anschauung kann vor allem das folgende Gedicht des großen -Liebesdichters Catull gewähren<a id="FNAnker_222" href="#Fussnote_222" class="fnanchor">[222]</a>, auf das kleine Bübchen Camerius, -der entwischt ist, unter Rosen im Korbe der Blumenmädchen sich -versteckt und nicht reden und nicht zu seinem Herrn zurück will:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wenn es dir nicht ungenehm ist,</div> - <div class="verse indent0">Zeig’ mir, bitte, doch dein Schlupfloch.</div> - <div class="verse indent0">Suchte dich auf unsrem Spielplatz,</div> - <div class="verse indent0">Dich im Zirkus, Bücherläden,</div> - <div class="verse indent0">In dem heil’gen Jovistempel</div><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> - <div class="verse indent0">Und Pompejus’ Promenade;</div> - <div class="verse indent0">Griff, mein Freund, nach allen Weiblein,</div> - <div class="verse indent0">Die ich ungern frohgelaunt fand:</div> - <div class="verse indent0">„Gebt mir, Mädchen,“ so verlangt’ ich,</div> - <div class="verse indent0">„Den Camerius, schlechte Mädchen!“</div> - <div class="verse indent0">Eine sprach: „Nimm nur den nackten.</div> - <div class="verse indent0">Hier in Rosenknospen steckt er.</div> - <div class="verse indent0">Doch um ihn mit dir zu tragen,</div> - <div class="verse indent0">Mußt du sein ein Herkules!“ —</div> - <div class="verse indent0">Dich so spröd’, Freund, zu versagen!</div> - <div class="verse indent0">Sprich, bei wem du sein willst? rede</div> - <div class="verse indent0">Dreist, teil’ mit, vertrau’s dem Taglicht:</div> - <div class="verse indent0">Von den weißen Mädchen bist du,</div> - <div class="verse indent0">Von den lieblichen, gefangen!</div> - <div class="verse indent0">Rührst du nicht im Mund die Zunge,</div> - <div class="verse indent0">Wird der Liebe Frucht verschleudert.</div> - <div class="verse indent0">Venus liebt das viele Schwatzen.</div> - <div class="verse indent0">Oder aber, riegle gerne</div> - <div class="verse indent0">Deinen Gaumen zu, wofern ich</div> - <div class="verse indent0">Eure Liebe teilen darf.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die Kleinheit des Kindes ist hier scherzhaft übertrieben. Es ist die -Komik der Liliputgeschichten, die bei den Alten aus diesem Anlaß -typisch war<a id="FNAnker_223" href="#Fussnote_223" class="fnanchor">[223]</a>.</p> - -<div class="sidenote">Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten in der Kunst.</div> - -<p>Eines aber fällt noch besonders auf: Camerius heißt „nackt“. Zum Wesen -des Putto gehörte das Unbekleidetsein; so urteilte nicht nur die Kunst, -deren Zweck es war, den Kinderkörper selbst naturwahr zu behandeln, -sondern auch das Leben. Wir erfahren durch ausdrückliches Zeugnis: -jene Delicien liefen in den Häusern stets nackt herum; es war dies so -sehr bezeichnend für sie, daß sie von den Schriftstellern technisch -einfach als „die Nackten“ eingeführt werden<a id="FNAnker_224" href="#Fussnote_224" class="fnanchor">[224]</a>. Der Anblick verletzte -kein Schamgefühl; die Schuldlosigkeit der unverhüllten Natur im Kinde -ist paradiesisch und hat etwas Heiliges. Darum haben eben die großen -Meister das Christuskind nur nackt bilden wollen, und auch heute ist -der sonst so wenig klassische Zeitgeschmack dem zugeneigt: wie gerne -lassen unsere zärtlichen Mütter ihr liebes Jüngstes in süßer Blöße im -Körbchen hockend photographieren!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> - -<p>So hat denn auch die antike Plastik diese <em class="gesperrt">flügellosen</em> Putten -nach dem Leben wiederholt dargestellt. Unsere Gelehrten sollten nur -aufhören, diese Figuren „flügellose Eroten“ zu nennen, da es einfacher -und das Zutreffende ist, vielmehr die Eroten als geflügelte Kinder zu -bezeichnen. Vielfach sind es Einzelstatuetten<a id="FNAnker_225" href="#Fussnote_225" class="fnanchor">[225]</a>, wo das Kind bald nur -dasteht, bald Nüsse oder Astragalen spielt (so auch ein Bildwerk des -Berliner Museums), bald in die Fußfessel geschlagen trauert; zweie, die -sich balgen und in sich verbeißen, in entzückender Wahrheit (Statuette -in Vienne). Ein Relief im Garten der Villa Pamfili zeigt bei einem -Trinkgelage sechs nackte Kinderchen als Spielzeug der Zechgenossen. -So liebte sie Archytas von Tarent. Dazu die hübschen Kinder als -Brunnenfiguren, ein häufiger Schmuck antiker Atrien (in Rom), einen -Vogel oder Delphinkopf haltend<a id="FNAnker_226" href="#Fussnote_226" class="fnanchor">[226]</a>.</p> - -<p>Auch das pompejanische „Bad eines Knaben“, an dem nur Frauen beteiligt, -ist es wohl müßig als mythische Szene aufzufassen<a id="FNAnker_227" href="#Fussnote_227" class="fnanchor">[227]</a>.</p> - -<p>Die Kinderkörper sind hier wie sonst mit vollkommener Kenntnis -behandelt: die Gliedmaßen kurz, das Fleisch weich gedunsen, die -mondrunden Köpfchen mit echtesten Pausbacken und vollem Kinn, die -Nase noch schüchtern klein und charakterlos, so auch das Mündchen. -Über der Stirn meist der kokette Haarknoten, ein putziger kleiner -Verwandter des Haarknotens Apolls. Berühmt ist vor allem des <em class="gesperrt">Boethos -Knabe mit der Gans</em>, eine Kampfszene und Parodie auf den siegreich -ringenden Herkules: der kleine Held kaum höher als das Tier; Energie -und Vergnügen im hellen Gesicht; die weichen Glieder in mannhafter -Anspannung, ein allerliebster Kontrast; der Oberkörper heftig -zurückgebeugt, das kleine Beinwerk wie Säulen fest aufgestemmt. Mit den -Pätschchen umschlingt er, ihn an sich drückend, den Hals des zischenden -Vogels<a id="FNAnker_228" href="#Fussnote_228" class="fnanchor">[228]</a>.</p> - -<p>Dies Meisterwerk führt uns hinauf bis mindestens in das zweite -Jahrhundert v. Chr. Das dritte Jahrhundert aber scheint die Zeit der -Erfindung der Amoretten gewesen zu sein<a id="FNAnker_229" href="#Fussnote_229" class="fnanchor">[229]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p> - -<div class="sidenote">Pausias. Aufkommen der Amoretten als geflügelte Spielkinder.</div> - -<p>Wir sahen: von Phidias bis zu Lysipp hinab bildete man Amor noch nicht -als Putte. Zuvor mußte die Kunst sich am Kinde selbst versucht haben, -und die Hochgewachsene, nach oben Schauende bückte sich gleichsam -mühsam danach. Polyklets nackte spielende Knaben sind auffallend -früh; der Künstler der Niobiden vermied noch, ein wirkliches Kind -einzuführen. Der kleine Bacchus im Arm des olympischen Hermes beweist, -wie wenig Auffassung und Übung für solchen Gegenstand vorhanden war, -und so erregt der Plutos des Kephisodot im Arm des „Friedens“ auch -in seiner neu aufgefundenen Gestalt<a id="FNAnker_230" href="#Fussnote_230" class="fnanchor">[230]</a> unerwünschte stilistische -Bedenken. Die Grabstelen Athens zeigen dann Fortschritte, die Beispiele -mehren sich langsam; zur Zeit Alexanders des Großen, an der Schwelle -der sentimentalischen Zeiten, war es der <em class="gesperrt">Maler Pausias</em>, der -auf das Genre, und zwar unter anderem das massenhafte Malen von -Knaben (<span class="antiqua">pueri</span>) in kleinen Formaten sich beschränkte; daß -hierunter vorwiegend eigentliche Putten zu verstehen sind, wird nicht -gezweifelt<a id="FNAnker_231" href="#Fussnote_231" class="fnanchor">[231]</a>. Aber an Beflügelung dachte er so wenig wie Boethos bei -seinem Gänsebuben.</p> - -<p>Treten wir von hier über das Jahr 300 in das Idyll der alexandrinischen -Zeiten ein, so sehen wir zuerst und auf einmal die Eroten, jetzt winzig -und in Scharen, durch Baumkronen flattern, in Zweigen sich wiegen -„wie Nachtigallen“, „mit rosigen Äpfeln vergleichbar“; so Theokrit. -Die wirklichen Amoretten sind plötzlich da<a id="FNAnker_232" href="#Fussnote_232" class="fnanchor">[232]</a>, dieselbigen, die die -Wandgemälde Pompejis bevölkern, die über die steinernen Sarkophage -Jahrhunderte lang ihr munteres Leben ergießen, die aber auch im -kleinen und kleinsten den Metallrand des Handspiegels zierten oder als -Ohrgehänge das schöne Oval antiker Frauen einfaßten.</p> - -<div class="figcenter illowe33" id="tafel9"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 9</div> - <img class="w100" src="images/tafel9.jpg" alt=""> - <div class="caption">Römisches Kind.<br> - <span class="s5">(Statue in Rom, Vatikanische Museen.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel9_gross.jpg" - id="tafel9_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<p>Eroten, Amoren, so benannte sie fast einstimmig die alte Literatur. Wie -war dies gedacht? Wir finden oft 7, 10, 12 oder 15 vereint. Sollte Frau -Venus so fleißig geboren haben, trotz unvergänglichster Jugendschöne? -Aber diese Kinder sind überall deutlich <em class="gesperrt">gleichaltrig</em>. Sollte -dies ein einziges wunderbares<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Wochenbett der Himmlischen gewesen -sein? Schwerlich plagte sich die Phantasie sogleich mit derlei -dogmatischen Fragen. Spätere aber geben uns Auskunft: es sind Söhnlein -vieler Mütter; nur einer heißt Sohn der Schaumgeborenen selber; die -übrigen sind Nymphenkinder und sind bloß seine <em class="gesperrt">Gespielen</em><a id="FNAnker_233" href="#Fussnote_233" class="fnanchor">[233]</a>. -Jeder erkennt: hier ist das Institut der Gespielen, der -<span class="antiqua">conlusores</span>, die der Reiche für sein Söhnchen sich hält, ganz -einfach in die Fabel übertragen; und so wie beispielsweise Severus -seinen Fünfjährigen mit einem Schwarm von Gleichaltrigen umgab; so will -auch Venus ihren Amor nicht allein wissen im Eden von Paphos; von den -dienenden Nymphen nimmt sie die Kinder als <span class="antiqua">conlusores</span>. Die Kunst -in ihrem schimmernden Bilde illustriert uns auch hier das tägliche -Leben.</p> - -<p>Noch mehr aber muß der Gebrauch der <span class="antiqua">deliciae</span> oder der kleinen -Spielkinder diese Erfindung beeinflußt haben. Die bildende Kunst der -Alten idealisiert gern; sie liebt es, das wirkliche Leben in göttlicher -Verkleidung vorzuführen. So wie sie nicht Gastgelage von Griechen oder -Römern, sondern von Satyrn, Panisken und Nymphen zu schildern pflegt, -in denen dann aber doch das Herkommen der Wirklichkeit waltet, so -beruhigte sie sich nicht bei den Kindern des Pausias und schuf ein -überwirkliches Kinderleben nach dem Bilde der Wirklichkeit. Wir werden -gleich hören, wie die <span class="antiqua">deliciae</span> auch im wirklichen Leben zu -theatralischer Wirkung als Liebesgötter aufgeputzt worden sind. Dies -wird uns nur wie zufällig mitgeteilt; es kann weit öfter geschehen sein.</p> - -<div class="sidenote">Erfunden in Alexandria. Vogelnatur. Kindernest.</div> - -<p>Wir fragen zunächst, wo der Typus der uns geläufigen Liebesgötter -ausgebildet worden ist. Alexandria war die große Lehrstätte des -hellenistischen Luxus. Die pompejanischen Wandmalereien sind in -überzeugender Weise zu großen Teilen auf alexandrinische Vorlagen -zurückgeführt worden. Schon hierdurch sind wir hauptsächlich an -Alexandrias Dichter und Künstler gewiesen. Daß dabei diese Künstler von -anderer Seite schon Anregung empfingen, braucht nicht ausgeschlossen -zu sein; die Amoretten von Tanagra weisen auf Einfluß attischer -Kunst.<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> Daß eine eigentümliche Plastik in Alexandria bestand, ist -insbesondere von Th. Schreiber dargetan worden. Dazu stimmt nun aber -auf das trefflichste, daß eben diese Stadt auch im Leben als ein -Hauptplatz für den Gebrauch der <span class="antiqua">deliciae</span> sich erweisen läßt. -Denn schlechthin „alexandrinisch“ nennt Quintilian jene nackten -Kinder. <a id="Kleopatra"></a>Vom Nil, sagte auch Statius, pflegte man sich die kleinen -Plauderer zu kaufen<a id="FNAnker_234" href="#Fussnote_234" class="fnanchor">[234]</a>; dazu kommt als leibhaftiger Zeuge die letzte -alexandrinische Königin Kleopatra, die mit einem Schwarm von ihnen -sich umgab, als sie auf goldenem Schiffe märchenhaft blendend dem -Antonius entgegenfuhr, sie selbst als Venus, die Kleinen als Amoretten -angetan. Und wenn sie von ihnen sich „fächeln“ ließ, so fallen uns -Wandbilder Pompejis ein, wo die Amorette an eine sitzende schöne Frau -sich lehnt, einen blattförmigen Fächer in der Rechten. Ohne Frage -alexandrinisch ist auch die herrliche Statue des Nil zu Rom; der -Flußgott mit mächtigem Leibe, gemächlich aufgestützt daliegend; 16 -Putten, <em class="gesperrt">ungeflügelt</em>, hocken und klettern ohne Scheu um ihn und -über ihn; sie können nur für den Nil erdacht, nur am Nil geboren sein. -Eine eigenste Erfindung ägyptisch-griechischen Geistes aber endlich ist -die Figur des Gottkindes <em class="gesperrt">Harpokrates</em>, eine Erscheinungsform des -Horos, auch dies ein nackter Putto mit dem Haarknoten (Zeuge ist schon -Catull, <span class="antiqua">carm.</span> 72); die Hand hält er als Zeichen des Schweigens -zum Munde; eben diese Gebärde selbst gewiß eine alexandrinische -Erfindung, erdacht, um den Gott auszuscheiden aus der Alltäglichkeit; -den ägyptischen Kindern wurde ja, wie gezeigt, nichts so nachgesagt -wie die Schwatzhaftigkeit. Daher heißt nunmehr auch Amor „der immer -schwatzende“; auch er ist jetzt als Alexandriner naturalisiert<a id="FNAnker_235" href="#Fussnote_235" class="fnanchor">[235]</a>.</p> - -<p>Der starke Fittich des älteren, stürmischen Amor ist abgeschafft und -vergessen. Die Kinder schaukeln sich auf dem stumpfen und gleichsam -unentwickelten Flügel des jungen Vogels, des Singvogels. Auch diese Art -der Beflügelung zu ersinnen, lag nicht fern. Der Gedanke scheint zwar -künstlich; aber schon<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> die Proportion empfahl ihn, und er beruhte zudem -auf durchaus volkstümlicher Denkweise.</p> - -<p>Kinder sind „Küchlein“; schon Äschylus hatte sie einst liebkosend -so genannt; dies blieb seitdem beliebt in der griechischen -Dichtung<a id="FNAnker_236" href="#Fussnote_236" class="fnanchor">[236]</a>. Wie man heute sein Nesthäkchen hat oder eine schlimme -Mutter Rabenmutter schilt, so dachten die Alten noch ständiger die -<em class="gesperrt">Kinder als junge Vogelbrut</em>. Folgerichtigkeit ist die Tugend -der antiken Phantasien. Vom „Kindernest“ redete darum schlechtweg -die Komödie; im Nest hat Horaz sich als kleiner Junge dereinst die -Flügel wachsen lassen; Tauben haben ihn, den Säugling, gehegt. Singen -oder Zwitschern (<span class="antiqua">pipiare</span>) nannte man das Plappern der kleinen -Bälge. Der Glücksmensch gilt sprichwörtlich als Sohn der weißen Henne, -die Mehrzahl von uns aber sind gemeine Küchlein, aus Unglückseiern -gebrütet. So konnte denn das uns so fremdartige Märchen entstehen von -der Geburt der Kastoren aus dem Ei der Leda; wie in der Theogonie -Eros selbst, der Weltgeist, aus dem Weltenei sollte geboren sein<a id="FNAnker_237" href="#Fussnote_237" class="fnanchor">[237]</a>. -Auch wir nennen wohl heute ein niedliches blankes Kind wie aus dem Ei -gepellt (Fr. Reuter). Und hiernach sehe man nun jenen, von manchen so -seltsam gefundenen Marmorbaum im Museum des Vatikan mit den Nestern -darauf, voll von ungeflügelten Kinderchen; man sieht, es war dies ein -durchaus volkstümliches Genremotiv, und das Monument ist von höchstem -Werte für uns als bezeichnendster Beleg dieser Denkweise. Genial aber -war es, an dies Volkstümliche anzuknüpfen und die Kinder, die man im -Leben wie die Küchlein um sich sammelte, nun selbst als junge Flieger, -als Tummler in den Lüften darzustellen<a id="FNAnker_238" href="#Fussnote_238" class="fnanchor">[238]</a>. Zu der Erfindung der -Amoretten hat sicherlich diese Anschauungsweise in erster Linie die -Anregung gegeben. <em class="gesperrt">Die beschwingte Putte, das Kind als Vogel, kaum -erdacht, fiel dann von selbst mit dem altgewohnten Eros zusammen.</em> -Auch blieb man sich seiner Vogelnatur bewußt; vom Vogel Amor reden -wiederholt die Dichter. „Nachtigallen gleich“ nannte die Eroten -Theokrit. Gleichwohl — und dies scheint sehr beachtenswert<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> — sind -diejenigen Darstellungen bei weitem die häufigsten, wo die Amoretten -von ihrer Vogelnatur keinen wirklichen Gebrauch machen, sondern wie -rechte Kinder nur laufen, stehen, dasitzen und mit aufgesetzter Sohle -der Erdenschwere gehorchen.</p> - -<p>Aus der kindlichen Natur erklärt sich aber nun weiter auch die Vielheit -der Amoretten und die Art ihrer Beschäftigung. Spielen ist des Kindes -Beruf, und ohne Beruf kein Leben. Es kann ihm ganz für sich allein -obliegen, so stundenlang; da summt es und schwätzt es vor sich hin und -personifiziert jeden Gegenstand, den es anfaßt. Dramatisch aber wird -die Sache sogleich, wo etliche Kleine zusammenspielen. Allein schon, -wie sie schön tun und sich lieb haben. Und das Spielgenie steigert sich -hier. Was die noch tief träumenden Seelen beschäftigt, tritt jetzt aus -ihnen als Handlung heraus; das Innenleben wird Außenleben. Dies Leben, -dies Drama war, was der Darsteller brauchte. Daher griff er so gern zur -Vielheit von Amoretten, daher ließ er die vielen so gern unter sich -beschäftigt sein.</p> - -<div class="sidenote">Die Bedeutung der Liebe ausgeschaltet. Geflügelte -<span class="antiqua">deliciae</span>.</div> - -<p>Wir werden uns also nicht mehr verwundern, daß die sogenannten -Liebesgötter so <em class="gesperrt">oft von den Dingen der Liebe absehen</em>. Auf den -pompejanischen Wandbildern des älteren („dritten“) Stils ist dies noch -seltener der Fall; hier nehmen sie dem Herkules bei der Omphale die -Waffen weg und ähnliches; in der großen Masse der Bilder indes und auf -den Sarkophagen sind sie in Handlungen begriffen, die sie scheinbar -nichts angehen; sie ahmen sogar Berufshandlungen Erwachsener nach, -halten Olivenernte usf. Ist hier die Bedeutung der „Liebesgötter“ -verblaßt? oder sollen wir sie vielmehr für Genien nehmen, für -Kindergenien, die jene Berufshandlungen in den Bereich göttlicher -Heiterkeit hinaufziehen und also sie weihen und verherrlichen? Den -Begriff „Genius“ indes kannte ja das Altertum selbst gut genug; aber -es hat keinen Genius je als Kind gebildet. Wohl aber hat es den Alten -freigestanden, die Flügelknaben, die die Kunst bildete, auch einmal -<em class="gesperrt">nicht</em> für Eroten anzusehen; zwei derselben umgeben Venus<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> auf -Julischen Münzen; Horaz spricht den einen in seinen Liedern als Cupido, -den anderen aber als Jocus an, und Lucian braucht einmal für sie sogar -den Namen Epainoi, d. h. Personifikationen des Lobes, welche die Göttin -der Redekunst umflattern<a id="FNAnker_239" href="#Fussnote_239" class="fnanchor">[239]</a>. Er sagt ausdrücklich, sie ähneln den -Eroten, aber es sind keine. Auch der antike Ausdruck Genius paßt hier -nicht. Wir nennen sie „Personifikationen“, und als solche waren also -die Flügelkinder beliebig verwendbar<a id="FNAnker_240" href="#Fussnote_240" class="fnanchor">[240]</a>. Bezeichnend aber ist noch, -daß Lucian zugleich auch noch auf die sechzehn flügellosen Putten -vergleichend hinweist, die die Statue des Nil umspielen. Dies sind -deutlich <span class="antiqua">deliciae</span>, aber sie sind auch hier zur Personifikation -verwendet; sie bedeuten die 16 „Ellen“, um die der Nil bei seinen -Überschwemmungen zu steigen pflegt.</p> - -<div class="figcenter illowe31" id="tafel10"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 10</div> - <img class="w100" src="images/tafel10.jpg" alt=""> - <div class="caption">Amoretten als Weinhändler, beim Rennen und als Goldschmiede.<br> - <span class="s5">(Bilder im Hause der Vettier in Pompeii.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel10_gross.jpg" - id="tafel10_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<p>Die Amoretten an den Wänden der vornehmen Häuser waren nichts als das -verklärte Spiegelbild jener <span class="antiqua">deliciae</span> und <span class="antiqua">conlusores</span>, -die in den Atrien und Marmorsälen sich umtrieben. Nur so sind sie -entstanden; daher denn der Künstler gelegentlich, wo es ihm bequem war, -unbedenklich ungeflügelte Putten unter die geflügelten reihte<a id="FNAnker_241" href="#Fussnote_241" class="fnanchor">[241]</a>. -Sie sind, wo sie unter sich sind, nur gelegentlich in den Dienst -der Liebessymbolik gestellt worden<a id="FNAnker_242" href="#Fussnote_242" class="fnanchor">[242]</a>. Nur aus der Kenntnis der -<span class="antiqua">deliciae</span> erklärt sich das behandelte Problem, und man hüte -sich, in jenen Schildereien weiteren tieferen Sinn zu suchen, es -sei denn, soweit er überhaupt oft im kindischen Spiele liegt. Die -Amorettendarstellungen erschließen uns eben jene Kinderwelt. Kinder -spielen das Menschenleben; sie ahmen traumhaft im Kleinen nach, was -sie im Großen um sich sehen und noch nicht begreifen. Gewiß waren -darin jene nackten Delicien besonders erfindungsreich oder wurden -besonders dazu angehalten. Der affenartige Nachahmungstrieb des Kindes -gab Anlaß zu jenen allerliebsten Erfindungen, worin das Flügelkind -lachend verrichtet, was dem Menschen in Sorge und Arbeit und im Kampf -um das Dasein auferlegt ist. Es sind idealisierte Spielkinder mit -idealisierten Kinderspielen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p> - -<div class="sidenote">Kinderspiele der Flügelkinder. Dieselben als Handwerker.</div> - -<p>Die Kunst selbst ist aber nichts als eine Offenbarung des Spieltriebes; -und die Spiele der Kinder selbst sind schon Kunst oder spielende -Nachahmung des Lebens. Dies ist der tiefbestrickende doppelte Reiz all -solcher Puttendarstellungen: die Phantasie des Malers spielt hier mit -dem Spiel des Kindes; die Nachahmung ahmt die Nachahmung nach; die -bewußte Kunst übt sich an der unbewußten mit Entzücken und Wohlgefallen.</p> - -<p>Zunächst Einfacheres. Wer wird zweifeln, daß die sich den -Dorn ausziehende Amorette bloße Nachbildung ist des berühmten -Dornausziehers? daß die Einzel-Amoren, die mit der Gans oder -dem Schwane kämpfen oder sich schleppen, des Boethos Knaben mit -der Gans voraussetzen? Tanagräische Terrakotten, schon etwa des -dritten Jahrhunderts v. Chr., schwebende Eroten, halten einfaches -Kinderspielzeug. Kinder, kleine Vögel zärtlich haltend, sind häufig; -man gab ihnen beiläufig vielmals Flügel. Auch erscheinen oftmals in -Terrakotten die nämlichen Figuren bald geflügelt, bald nicht<a id="FNAnker_243" href="#Fussnote_243" class="fnanchor">[243]</a>. -Delphine lieben Kinder schwärmerisch<a id="FNAnker_244" href="#Fussnote_244" class="fnanchor">[244]</a>; wie einladend war es, -Amoretten an ihre Stelle zu setzen! Der Delphin war ja selbst der -Liebling der Venus des Meeres! Ein unartiges Spielkind, das etwa ein -Gefäß zerbrach, wird zur Strafe in Fußfesseln geschlagen und weint<a id="FNAnker_245" href="#Fussnote_245" class="fnanchor">[245]</a>; -wie verwendbar auch dies für den bösen Buben Amor, der so viele Herzen -zerbricht! So ist es ferner nach dem Leben, wenn der kleine Gott Amor -durchgeht und mit Sorge gesucht und mit Not gefunden wird; man denke an -Catulls Camerius. Nach dem Leben ist es, wenn er mit Ganymed, der jetzt -auch Putte geworden<a id="FNAnker_246" href="#Fussnote_246" class="fnanchor">[246]</a>, Astragalen spielt; nach dem Leben, wenn Eroten -auf der Schaukel sich vergnügen, ihrer Flügel uneingedenk. Und so fort.</p> - -<p>Nicht anders aber das sinnvollere Kindergetriebe, die eigentlichen -Imitationsspiele der Kinderwelt. Wir lesen: die Söhnchen des Vornehmen -in der Rüstkammer ihres Vaters kriechen einher zwischen Schilden und -Harnisch<a id="FNAnker_247" href="#Fussnote_247" class="fnanchor">[247]</a>; können sie dann laufen, so spielen sie Soldat<a id="FNAnker_248" href="#Fussnote_248" class="fnanchor">[248]</a>; -nichts ist daher beliebter als Eroten unter Waffenstücken oder die -Siegestrophäe tragend.<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Und weiter: Kinder spielen Pferd und Wagen; -so auch die Eroten. Kinder spielen „Königsein“, Gerichtsszenen, -Athletenkampf; nach dieser Analogie sehen wir Eroten auf der Palästra -im Faust- und Ringkampfe<a id="FNAnker_249" href="#Fussnote_249" class="fnanchor">[249]</a>. Kinder spielen Trinkgelage und imitieren -die Trunkenheit; eben dies tun typisch die Eroten. Zur Erklärung -erinnere man sich noch, wie man zu den Symposien Erwachsener die -Delicien zuzog, sie vom Falerner trinken ließ und sich gewiß auch nur -zu oft an ihrem Rausche ergötzte. Wohl manch geistig angeregterer Junge -spielt heute Gottesdienst und hält Predigt vom Stuhl herunter (wie dies -Schiller getan); von Ambrosius, von Athanasius wissen wir, daß sie -schon als Kinder den Bischof nachäfften<a id="FNAnker_250" href="#Fussnote_250" class="fnanchor">[250]</a>; so imitieren die antiken -Kinder auch heidnische Opferhandlungen; ebenso tun dies die Eroten.</p> - -<p>Es ist nun selbstverständlich, daß die Putten in jenen Bildern die -Imitation der Vorgänge des Lebens viel vollkommener ausführen, als dies -meist Kinder in Wirklichkeit vermögen. Dies ist das Recht der echten -Kunst; je getreuer der erwachsene Beschauer sich in der Kinderseele -wiederfindet, je tiefer faßt ihn die Bezauberung, je inniger ist -sein Lächeln, je gelungener ist die Kunstwirkung. Ebenso aber war es -ihr Recht, die Idee, daß das Kinderspiel das Leben nachahmt, frei -fortzusetzen und durchzuführen und auch auf Handlungen auszudehnen, die -dem Kinde in Wirklichkeit überhaupt nicht möglich sind.</p> - -<p>Da sind zwei Flügelkinder als Landleute geschäftsmäßig beim -Ziegenmelken; wieder zwei beim Traubenpflücken, mit angesetzter Leiter. -Hier angeln sie. Hier liegt ein großes Brett über Holzblöcken; zwei -kleine Heinzelmännchen durchsägen es mit großer Säge; ein Hammer liegt -daneben.</p> - -<p>Die Weinpresse ist aufgestellt: Amoretten stehen als Arbeiter am Werk -und steigern den Druck der Maschine mit Hammerschlag; der rote Most -fließt ab, und ein beschwingter Kollege rührt ihn im Kessel um, den er -auf einen kleinen Ofen gestellt hat. — Ein Schusterladen: fertige Ware -auf Börtern im offenen Schrank und sonst frei aufgestellt, den Käufer -zu<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> locken; die Inhaber sitzen am Kindertischchen, zwei Amoretten, -der eine das Händchen wie prüfend im Schuh, der andere daran mit dem -Leisten tätig. — Oder die Ölbereitung: ein Flügelkind sammelt unter -dem Ölbaum von der Erde die Früchte im Korb; ein anderes steht bis -ans Knie im Kasten voll Oliven und tritt den Saft aus; ein weiteres -schleppt neue Last herzu; wieder eines dreht die Ölmühle. — Und das -Kränzewinden: viere sitzen so recht seelenvergnügt um den Tisch auf -Bänken verteilt; man sieht, wie sie plaudern. Die Tischplatte ist voll -geschnittener Blumen; ein Gestell wie ein Laubgitterdach darüber; von -ihm hangen über den Tisch herab bald ein Dutzend Girlanden, unfertige; -die fleißigen Putten halten das Ende, um sie zu verlängern. Links -holt ein Flügelkind aus dem Korb neue Blumen; rechts wird ein anderes -abgeschickt, die fertigen Gewinde zum Verkauf zu tragen.</p> - -<p>Vor allem berühmt geworden sind neuerdings die Bilder des Vettierhauses -in Pompeji. Da fanden sich in einer Stube ganze Wandstreifen mit -solchen Szenen, die in Photographien, in Farbendrucken alsbald in -alle deutschen Häuser kamen, und auch da sehen wir acht oder neun -solcher kleinen Persönchen eifrig am Werk: farbige Stoffe werden -gewalkt, Feingold geschmiedet usf., ein süßer Kinderzauber. Die bunten -Flügelchen stehen wie große Achselklappen auf den nackten Schultern; -sie sind Dekoration; sie dienen zu nichts.</p> - -<div class="figcenter illowe34" id="tafel11"> - <div class="caption_right mtop3">Tafel 11</div> - <img class="w100" src="images/tafel11.jpg" alt=""> - <div class="caption">Amorettenkauf.<br> - Bild aus der Casa dei Capitelli colorati in Pompeii.<br> - <span class="s5">(Neapel, Museo nazionale.)</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/tafel11_gross.jpg" - id="tafel11_gross" rel="nofollow">⇒<br> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<div class="sidenote">Putten mit Falterflügeln. Psyche als Schmetterling.</div> - -<p>So weit das Kinderspiel in seiner Idealisierung. Wer fühlte, diese -Bilder vorurteilslos betrachtend, den Antrieb zu ihrer Erfindung -nicht heraus, den Spaß an puppenstubenmäßiger Verkleinerung der allzu -ernsthaften Wirklichkeit? Es fällt aber noch auf, daß bisweilen einige -dieser Putten nicht Vogel-, sondern <em class="gesperrt">Falterflügel</em> haben. Hiermit -kann weibliches Geschlecht angedeutet sein, und sie sollten also wohl -den Delicien weiblichen Geschlechts entsprechen. Übrigens kann hier -jedoch auf die Psychefrage von mir nicht eingegangen werden, und es -mag unerörtert bleiben, in wie weit man ungeflügelte Mädchengestalten -kindlichen Alters mit Recht für Psychen in Anspruch<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> genommen hat; -man denke an die zärtlich in Umschlingung sich küssende kapitolinische -Kindergruppe.</p> - -<p>Nur dies eine. Das Wort „Psyche“, die Seele, bedeutete zugleich auch -den Falter. Etwa seit dem Anbeginn der hellenistischen Zeit stellte -man die Seele selbst einfach als Falter bildlich dar. Schmetterlinge -zu fangen, zu quälen, am Faden fliegen zu lassen, ist aber eine der -jauchzendsten Kinderfreuden. Wie bequem ist hier wieder die Handhabe -zu symbolischer Behandlung gewesen, und wie treffend und entzückend -wahr ist das Symbol! Auch die Amorette spielt also fortan mit dem -Schmetterling, zerrt ihn am Faden usf.: es ist die Liebe, die die Seele -hascht und peinigt! — Doch finden wir z. B. auf einem griechischen, -gewiß nicht späten Marmorsarge<a id="FNAnker_251" href="#Fussnote_251" class="fnanchor">[251]</a> festfeiernde <em class="gesperrt">flügellose</em> -Kinder geschildert, deren zwei (als Pendants) je einen Schmetterling -sorgsam schonend am Flügel emporhalten in jauchzender Gebärde! Der -Falter ist hier die Seele des Verstorbenen. Die hat hier aber im -Tode gewiß nichts mehr mit erotischen Dingen zu tun. Man fasse die -Kinder schlechtweg als das jenseitige Leben, in das „die Seele“ nun -eingegangen oder eingefangen ist.</p> - -<p>Die „Liebesgötter“ sind Delicien in idealischer Verwandlung. Dieser -Satz kann uns nun auch noch zur richtigen Auslegung von Szenen -verhelfen, die von jeher, seit sie bekannt sind, die sinnige -Betrachtung an sich zogen. Goethe gab von ihnen eine dichterische -Inhaltsangabe (Ekphrasis) unter dem Titel „Wer kauft Liebesgötter?“ Das -Gedichtchen ist anspruchslos und soll hier nicht bekrittelt werden; -aber daß es den Sinn trifft, ist zu bestreiten.</p> - -<div class="sidenote">„Wer kauft Liebesgötter?“ Kinderhandel.</div> - -<p>Zwei der pompejanischen Wandbilder (älteren Stiles) kommen in Betracht. -Uns genüge das eine, das einer genaueren Analyse bedarf<a id="FNAnker_252" href="#Fussnote_252" class="fnanchor">[252]</a>. Eine halb -offene Halle, säulengestützt, zeigt Fernsicht auf das Gebirge; das -Haus ist vornehm. Ein Mann in Handwerkertracht, mit nackten Füßen, hat -einen Vogelkasten voll Putten hereingetragen und übergibt sie, Stück -für Stück, einer jungen schönen Frau, die sinnend weich aufgestützt -dasteht;<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> die edle Gewandung, das Diadem im vollgelockten Haar verrät -uns die Herrin des Hauses. Eine Amorette, mit Kränzchen als Spielzeug -in den Händen, schwebt schon flügge hoch oben zwischen den Säulen; der -gedankenvolle Blick der Frau schaut aber in die Weite an ihr vorüber. -Ein zweites Flügelkind steht sodann hinter der Herrin, als versteckte -es sich vor dem groben bärtigen Manne: dieses Kind ist von ihr schon -soeben in Besitz genommen, wie der Augenschein lehrt. Aber sie will -sich an dem einen nicht genügen lassen. Der Alte hat den Deckel schon -wieder vom Käfig genommen, und ein süßes Bürschchen zieht er am Fittich -heraus, das altklug kokett die Beinchen wirft und die Arme spreitet, -wie um möglichst vorteilhaft den allerliebsten Leib zu zeigen. Zwei -weitere endlich warten noch im Gitterkasten; sie sitzen darin bequem -genug ausgebreitet; das eine lugt neugierig hervor. Diese zwei aber, -wohl gemerkt, haben keine Flügel, obschon Raum genug da war, sie -zu zeichnen. Wenn die schöne Dame ihr Nachdenken beendet, hat sie -vielleicht alle fünf gekauft.</p> - -<p>Welche Grazie in dem Ganzen, welch schelmischer Zauber in der -Verteilung und in den Verhältnissen! Auf großem Tafelbild die große -Halle; links zur Seite weggerückt ein hochragendes Weib, rechts ebenso -die grobgegliederte gebückte Gestalt des Mannes; als Mittelpunkt -aber im Vordergrunde das eine so winzige Kind, am Flügel gefaßt, von -breitem, freigelassenem Raum umgeben, mit der wichtigen Miene, als -riefe es in die Welt: Seht den Wicht; da bin ich! und um mich handelt -es sich hier!</p> - -<p>So wie die Frau nachsinnend im Bilde steht, so stehen wir nachsinnend -davor. Wohl hat es Reiz, die Szene rein symbolisch zu fassen; möge der -Reiz uns nicht verführen. Die Beflügelung ist nicht durchgeführt; und -wäre es wahr, daß, wer die Amorette kauft, sich damit im Symbol den -Geliebten erwirbt oder einem bestimmten Liebeserlebnis hingibt, so wäre -es höchst bedenklich, daß die Schöne sich so sichtlich nicht mit der -einen begnügt! Wir würden ihr raten, doch lieber wenigstens für das -nächste Halbjahr das zweite Amörchen sich aufzusparen.<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> So lange hält -die Flamme denn doch auch in einem südlichen Herzen vor.</p> - -<p>Wir haben inzwischen von der Zutat des Flügels abzusehen gelernt. Die -Möglichkeit, hier das Alltagsleben selber in poetischer Umgestaltung -zu erkennen, steht uns auf alle Fälle offen, und so erklärt sich -alles ohne Künstelei und ohne das Suchen und Versteckenspielen -tiefsinniger Gedanken. Wir tun hier einen Einblick in den antiken -<em class="gesperrt">Kinderhandel</em>. Von ihm und seiner Anschauung kam dem ersten -Erfinder die Anregung, von ihm gewiß ganz allein. Auf den großen -Sklavenmärkten jener Zeiten muß der <em class="gesperrt">Kleinkindermarkt</em> eine -ganz regelmäßige Abteilung gebildet haben. Wie oft wurde das Motiv -von verkauften Kindern schon in der Komödie des vierten Jahrhunderts -verwandt! Seit die <span class="antiqua">deliciae</span> Modeartikel wurden, war die -Nachfrage um so größer. Die Kunst verschmähte es, diesen Handel -selbst in seiner rohen Form zu vergegenwärtigen; sie fügte zunächst -auch hier nur die Flügel hinzu und entrückte das Anstößige in den -phantastisch lieblichen Bereich des Märchens. An Seeplätzen waren -vorzüglich jene Märkte; daher heißt es in dem Gedichte des Meleager, -das vom Verkauf des Eroskindes handelt: „Wenn ein Kaufmann, der gerade -in See gehen will, es zu kaufen Lust hat, so trete er heran“<a id="FNAnker_253" href="#Fussnote_253" class="fnanchor">[253]</a>. So -über See und durch solchen Kaufmann müssen damals notwendigerweise die -alexandrinischen lebenden Putten nach Rom und an die sonstigen Plätze -gekommen sein.</p> - -<div class="sidenote">Lebende Spielkinder mit Flügeln ausgestattet. Rückblick.</div> - -<p>Ein alter Hausdiener hat hier nun etliche von ihnen auf dem Markt -eingekauft — ihn zeigt uns das Gemälde — und bringt sie wie die -Hühner oder Tauben im käfigartigen Behälter in das Haus seiner Herrin, -einer vornehmen, solchem Luxus ergebenen Dame. Ein alter Zeuge sagt -ausdrücklich, Frauen waren es besonders, die sich die nackten Delicien -hielten<a id="FNAnker_254" href="#Fussnote_254" class="fnanchor">[254]</a>. Und es sind nun nicht einer, sondern gleich mehrere, denn -an ihrer „Vielheit“ freuten sich die Frauen, nach demselben Zeugen. Den -Vogelkäfig hat der Künstler sinnig verwandt, weil man ja die Kinder -allgemein mit jungen Vögeln verglich; gröber<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> freilich war es in der -Komödie des Aristophanes zugegangen, wo der Einwohner Megaras sein -Töchterlein nicht im Käfig, sondern als Schweinchen im Sack auf den -athenischen Markt bringt, um sie an den „Liebhaber“ loszuschlagen. Weil -aber endlich der Künstler die Kinder in Eroten verkleidete, so war es -dichterisch folgerichtig und künstlerische Pflicht, wenigstens einen -derselben auch schwebend zu zeigen: Flügelkinder, die sämtlich nicht -fliegen, scheinen zwecklos erdacht, d. h. unkünstlerisch.</p> - -<p>Der Dichter dieser Bilder übertrug also auch hier nur die Wirklichkeit -in das Märchen. Er glaubt an sein Märchen, wie jeder gute Erzähler es -muß, und wird die Figürchen auf Anfrage in der üblichen Weise einfach -Eroten genannt haben, die Frau aber kann nichts anderes sein als eine -Figur des wirklichen Lebens, weil ja auch der bärtige Diener dies ist. -Sie ist eine Dame der großen Welt. Denn der Künstler wußte, daß die -Schönen des eleganten Stils es liebten, sich selbst als Göttinnen und -ebenso die Spielkinder in Amoretten zu verkleiden. Für diese Tatsache -haben wir vier sprechende Belege: die Königin Kleopatra, von der im -Vorausgehenden (<a href="#Kleopatra">S. 150</a>) die Rede war, weiter die <span class="antiqua">parvuli</span>, die -bei Apulejus (<span class="antiqua">met.</span> 10, 32) als Amoretten im Theater auftreten; -sodann die Cynthia des Dichters Properz, die diese geschwätzigen -Bübchen ebenso ausgestattet über die Straße schickt, um den säumigen -Geliebten zu sich zu holen<a id="FNAnker_255" href="#Fussnote_255" class="fnanchor">[255]</a>, und endlich die Lesbia bei Catull. -Catull findet sich in stummer Nacht mit seiner Lesbia zusammen; um -beide Liebenden aber läuft derweil, wie er es schildert, ein kleiner -Kupido hin und her im krokusgelben Hemdchen, durch das der weiße -Kinderkörper hindurchleuchtet<a id="FNAnker_256" href="#Fussnote_256" class="fnanchor">[256]</a>. Der Bub läuft auch hier, er fliegt -nicht. Seine Lesbia nennt da der Dichter „Göttin“<a id="FNAnker_257" href="#Fussnote_257" class="fnanchor">[257]</a>, den Buben nennt -er „Kupido“; der Knabe aber war so wenig Kupido selbst, wie Lesbia -wirklich Göttin war<a id="FNAnker_258" href="#Fussnote_258" class="fnanchor">[258]</a>. So kauft sich also auch auf dem Gemälde die -schöne Frau, die das Diadem einer Göttin trägt, die Kinder, die sie -hinfort als Amoretten umschwirren sollen, damit sie selbst der Venus -selber gleiche<a id="FNAnker_259" href="#Fussnote_259" class="fnanchor">[259]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p> - -<p>Auf wie viele andere Bilder und Motive dieselbe Weise der Auslegung -noch anzuwenden, in wie vielen Fällen die Annahme einer besonderen -Liebessymbolik noch abzuweisen ist? Es ist unmöglich, dem nachzugehen -und auf den weiten üppigen Beeten dieser Phantasien jede Blume zu -bestimmen. Denn wie veredelte Gartenblumen verwildern und zur ersten -Natur zurückkehren, je weiter sie wuchern, so ist es, als ob hier -anfangs wenigere und noch deutlicher symbolische Motive angepflanzt -worden seien, die dann, je massenhafter sie variiert wurden, je mehr -und mehr ihre symbolisierende Füllung verloren und zur prototypen -Einfachheit zurückkehrten. Doch sei in Kürze erinnert, daß die -Amorette, die mit einsamen Frauen plaudert<a id="FNAnker_260" href="#Fussnote_260" class="fnanchor">[260]</a>, deutlich Wiedergabe des -Spielkindes ist, mit dem sich die Frauen zerstreuten; ebenso, wenn sie -beim Putz behilflich ist<a id="FNAnker_261" href="#Fussnote_261" class="fnanchor">[261]</a>, ebenso endlich sogar bei Liebesszenen -selbst. Man denke nur an das Catullgedicht Nr. 56, wo Catull und Lesbia -mit dem <span class="antiqua">pupulus</span> zu dreien sich vergnügen<a id="FNAnker_262" href="#Fussnote_262" class="fnanchor">[262]</a>.</p> - -<p>Wir haben zu zeigen versucht, wie die Vorstellung und Darstellung der -Amoretten zustande kam. Ihre Verwertung als wirkliche Liebesgötter -haben wir auf einen verhältnismäßig nicht allzu weiten Kreis -eingeschränkt gefunden; dies blieb da zumeist ihre Rolle, wo sie mit -Göttern und Heroen, mit erwachsenen Menschen und ihrem Schicksal und -Leben in Verbindung gebracht sind. Und so gehören diese „Liebesgötter“ -zum Inventar der Kunst bis heute.</p> - -<div class="sidenote">Verwendung als Füllfiguren, als Engel, als Gräberschmuck.</div> - -<p>Die breite Masse der Darstellungen der unter sich spielenden Amoren -bedurfte dagegen einer besonderen Würdigung. Aus ihnen ist bei Späteren -die Vorstellung der Kindergenien oder der Putten als symbolische -Figuren abgeleitet. Rafael gibt sie, um an ein Beispiel zu erinnern, -in den Stanzen des Vatikan seiner Figur der Poesie zu dienenden -Begleitern und läßt sie die erklärende Aufschrift halten: „<span class="antiqua">numine -afflatur</span>“. Dies gemahnt auffallend an die Gestalt der Redekunst -mit den „Epainoi“ beim Lucian. Die sinnreiche Gegenwart steckt ihnen -beliebige Embleme in die Hand, oder sie verwendet sie nicht einmal<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> -symbolisch, sondern nach Schablone als gefügige Lückenbüßer und -Eckensteher, an Postgebäuden, an Öfen, auf Guldenscheinen, wo eben ein -leerer Fleck nach winzigem Zierrat zu verlangen scheint. Aber schon das -Altertum selbst ist in seiner Verfallszeit auch hierin vorangegangen. -Auf schlechteren Sarkophagen, die in Masse erhalten sind, sehen wir -ganz ebenso die Putten außerhalb der szenischen Komposition, die den -Flächenschmuck ausmacht, Fruchtgirlanden haltend, Medaillon tragend, -oder bloß hockend, stehend, an den Ecken, auf den Deckelkanten, das -Mittelfeld durchschneidend, angebracht: ein abgegriffenes Motiv, halb -sinnlos und zur Schablone geworden. Nicht einmal in der Entwertung der -Flügelkinder zu Statisten der Kunst hat die Gegenwart also etwas Neues -gebracht. Doch muß über die Putten als Gräberschmuck endlich noch ein -weiteres Wort hinzugefügt werden.</p> - -<p>Blicken wir zur Renaissance noch einmal hinüber.</p> - -<p>Auch als <em class="gesperrt">Engel</em> erfüllten die Geschwader jener Amoretten -den katholischen Himmel der Renaissancekunst; sie musizieren dort -vor der Madonna des Vivarini; sie schwimmen im Gewölke zu Füßen -der himmelerhobenen Maria (Ferrari); umgeben die heilige Familie -Morettos (zu Berlin) und ungezählter anderer Meister. Täuschend -ist die Erinnerung an die in Bäumen flatternden Eroten in Tizians -Martyrium Petri oder späterhin in Trevisonis Ruhe auf der Flucht. -Nicht selten genügen Köpfchen und Flügelchen und der Körper fehlt: so -auf den glasierten Terrakotten Luca della Robbias. Auch diese Putten -christlicher Seligkeit, diese „Gespielen“ des Jesusknaben, stammen -nicht aus dem Alten und Neuen Bunde, sie stammen von den Marmorsärgen -des Heidentums<a id="FNAnker_263" href="#Fussnote_263" class="fnanchor">[263]</a>.</p> - -<p>Diesem sogenannten Heidentum wohnte seit dem Untergang seiner Freiheit -und Jugend, seitdem es hellenistisch, seitdem es sentimental, seitdem -es modern geworden war, die weltflüchtige Sehnsucht inne nach Jenseits -und nach Seligkeit. Die drei Jahrhunderte vor und die drei nach Christi -Geburt zeigen das in großem Zug immer heftiger werdende Wettwerben der -Weltreligionen<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> in der Zusicherung eines beglückten ewigen Lebens. -Seligkeit ist Unschuld; im Diesseits war beides nur im <em class="gesperrt">Kinde</em> zu -finden. Jene <span class="antiqua">deliciae</span> waren doch nicht nur eine phantastisch -üppige Verzierung des Lebens; wer sie kaufte, tat es doch nicht immer -in herzloser Verachtung des ewigen Wertes des Individuums. Lasterhafter -Mißbrauch der Einfalt kam vor; wer bezweifelt es? Aber es kann doch -hier nicht in Betracht kommen. Schon alles Voraufgehende gibt Zeugnis -und redet laut: der Zug der Zeit zum innigen Verweilen beim Kinde und -zur liebreichen Idealisierung seines Treibens, er war zu groß, er ging -zu sehr ins Breite, als daß er nicht auch Tiefe gehabt hätte. Der -sittlich Verdorbene fand hier Unschuld, der Unwahrhaftige fand hier -Wahrheit; er sah mit Staunen, wie ein Kind seine Affekte noch nicht -verbergen, noch nicht fälschen kann. Wer ein Kind auflachen sieht in -hellem goldigem Entzücken, der darf wohl heilig ergriffen sein von der -Echtheit dieses Tones; hier ist nicht Metall und Schlacke; die ganze -Seele ist ein flüssiges Gold, sie schwimmt noch in sich strahlend in -ungeteiltem großem Gefühl; sie ist eine Glocke mit immer nur einem Ton; -der aber ist tief und voll und rein und muß ihr Glockenmetall ganz -durchbeben.</p> - -<p>Wer wundert sich hiernach, daß Augustus den kleinen Urenkel, den er -zärtlich liebte und sterben sah, als Amorette bei sich behielt und -in seinem Gemach als Bild aufstellte? Das Kind war apotheosiert, -verklärt, war nach christlicher Märchensprache zum Engel geworden. Auf -dem Pariser Tiberius-Cameo ist das Flügelkind in der Apotheose ähnlich -gedeutet worden. So verwendete man nun aber auch auf den Gräbern seiner -Verstorbenen gern <em class="gesperrt">Putten</em> als <em class="gesperrt">Gräberschmuck</em>, und ihre -Gestalten häufen und drängen sich hier je mehr und mehr.</p> - -<p>Besonders oft begegnet da zunächst die Einzelfigur des Flügelknäbleins, -das müde hingesunken friedlich auf der Grabstätte schlummert, und -zwar durchgängig mit Löwenfell und Keule, den Abzeichen des Herkules. -Wie seltsam und doch wie fein erdacht ist auch diese Erfindung! Das -Leben des Verstorbenen<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> war wohl ein Herkulesleben, voll Dienst und -Arbeit gewesen; jetzt schlummert er so in Frieden wie dieses Kind, -und die Waffe darf rasten neben ihm. Aber Herkules errang sich mit -ihr einst das himmlische unvergängliche Leben; darum sind hier diesem -Herkuleskinde die Flügel gewachsen! Die Stoa redet hier wieder zu uns: -die Freude am Kinde hatte sie empfohlen, und derselben Stoa Ideal war -Herkules.</p> - -<p>Zahllos endlich auf Sarkophagen, und nicht etwa nur auf -Kindersarkophagen, im Relief die vielfigurigen Kinderszenen. Sie -sind im Voraufgehenden schon vielfach von mir benutzt und zugrunde -gelegt. Was sollten denn, fragen wir, auf der Marmorlade, die den -Leichnam barg, jene Kinder, die da bald in sinnigen Spielen, das -Leben nachbildend, sich ergehen, bald im Festrausch einherziehen oder -Opferhandlungen verrichten, aber immer sorglos tändelnd und immer -fröhlich sind? Sie umgaben den Toten mit dem, was man als das seligste -Leben im Diesseits kannte und für das Jenseits erhoffte, und verhüllten -dem Leidtragenden mit der unschuldigen Wonne dieser Seligkeit den -herben Anblick des grabstummen Sarges. Es war Hoffnung, Verkündigung. -Und zwar genügten hierzu oft die ungeflügelten Kinder; öfter aber -brechen die Vogelschwingen hervor, und das Überirdische ihres Glückes, -das doch erst jenseits des Todes zum zweiten Male volle Wirklichkeit -werden kann, hat hiermit in ihnen Gestalt gewonnen. Die christliche -Phantasie könnte diese Gebilde wohl fast mit gleichem Recht Engel -nennen wie jene auf Rafaelischen und Tizianischen Entwürfen; im Wesen -aber waren sie von den antiken Amoretten nicht verschieden gedacht.</p> - -<p>Und so ergibt sich zwischen scheinbar Getrenntestem die schöne Ahnung -eines Zusammenhanges. Die Kinder, die den Himmel des klassischen -Altertums als Eroten bevölkerten, sind im Grunde wie eine Illustrierung -des Satzes gewesen: „denn ihrer ist das Himmelreich,“ die in eben jenen -Zeitläuften geschah, als dieser Satz von kundigstem Munde gesprochen -wurde<a id="FNAnker_264" href="#Fussnote_264" class="fnanchor">[264]</a>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Seneca">Seneca.</h2> - -</div> - -<p>Jedes Ich ist ein Problem, und unsere Mitmenschen zu verstehen -die wertvollste Aufgabe, die uns das Leben stellt. Daß wir dies -lernen, darum ist unsere moderne Dichtkunst, die die Probleme sucht, -unablässig bemüht. Aber auch der Mensch der Vergangenheit ist unser -Mitmensch, und er ist erst recht Problem. Man versteht die Gegenwart, -man versteht vor allem die Vergangenheit nicht, deren Geschenk die -Gegenwart ist, wenn man die Persönlichkeiten, die großen Menschen -selbst nicht begreift, deren Namen uns die Weltgeschichte zuwirft. -Auch hat sich unsere fleißige Menschheitsforschung ihrer Pflicht -stets erinnert, ihr hellstes Licht um die epochemachenden Geister der -Vorzeit zu verbreiten. Aber einen Mann hat sie nahezu vergessen, und -seine angemessene Würdigung vermisse ich da, wo ich sie suche; dies -ist der „Philosoph“ Seneca, der Lehrer Kaiser Neros, der einzige große -Vertreter der stoischen Religion in lateinischer Sprache. Einer der -neuesten Darsteller der römischen Kaisergeschichte hat ihn einfach mit -dem Ausdruck „der glatte Schwätzer Seneca“ abgetan. Wir werden sehen, -wie durchdacht dieses Urteil ist.</p> - -<p>Wer uns heute die Geschichte der schicksalsvollen römischen Kaiserzeit -erzählt, steht immer noch zu sehr auf dem Standpunkt Suetons und gibt -uns aufgereiht die Biographien der großmächtigen Kaiser selbst und -ihrer Frauen. Wir hören da immer nur von den Titelhelden, von den -Protagonisten im Drama. Seneca war nur Deuteragonist; er spielte keine -Titelrolle; er wollte es nicht. Seneca hat keine Kriege geführt, er hat -keine Justizmorde verübt, und wer prickelnde Personalien braucht, tut -gut, über ihn zu schweigen. Und doch ist jeder kleinste Lebenszug, den -wir von ihm erspähen, wie Goldglanz und tausendmal bedeutsamer als die -rastlosen Albernheiten und hirnlosen Schandtaten eines Nero, mit denen -man die Seiten füllt.</p> - -<p>Darum habe ich in meinem Buch „Römische Charakterköpfe“ Seneca als eine -Haupt- und Eckfigur der römischen Kaisergeschichte<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> hochgestellt, noch -stärker vielleicht die grundlegende Bedeutung seines Wirkens in dem -Büchlein über römische Kulturgeschichte betont. Um so mehr drängt es -mich zu dem Versuch, von ihm, wenn auch nur skizzenhaft, ein Sonderbild -zu zeichnen.</p> - -<p>Seneca, sofern er Philosoph war, wird in den Geschichten der -Philosophie abgehandelt, und wir erfahren da, wieviel er in seiner -Lehre seinen Vorgängern verdankt. Seneca, sofern er Schriftsteller -war, wird wieder in anderen Büchern, in den Literaturgeschichten, -abgehandelt, und er erhält da beiläufig eine ungünstige Note, weil -er nicht klassisch, d. h. kein für unsere Primaner brauchbares, -ciceronisches Latein schreibt. Auch als Staatsmann hat Seneca kürzlich -eine Separatbehandlung erfahren<a id="FNAnker_265" href="#Fussnote_265" class="fnanchor">[265]</a>. Aber zum Verständnis des Menschen -führt dies nicht. Ein vielseitiger Mann verlangt eine vielseitige -Betrachtung<a id="FNAnker_266" href="#Fussnote_266" class="fnanchor">[266]</a>. Was nützt es, den Adam in seine Rippen zu zerlegen? -Wer ihn nicht ganz läßt, sieht nicht, wie ihn Gott geschaffen. Wer -will einen Lionardo in einen Physiker, Mechaniker und Künstler, wer -will einen Wilhelm von Humboldt in einen Staatsmann und Sprachforscher -zerschneiden? Es wäre ein sonderbares Unternehmen.</p> - -<p>Wer Senecas wundervollen literarischen Nachlaß liest — über -Seelenruhe, über die Muße, über Wohltätigkeit usf. —, der glaubt -zunächst einen Asketen, einen Prediger im härenen Rock und -Philosophenbart, den Mann der Weltflucht und Entsagung vor sich zu -sehen, dessen unermüdliche Sittenpredigt in Heiligung gipfelt und -endigt, in einem Gottesdienst der Tugend, in Freiheit des Ichs, das -heißt: in Niederkämpfung und Besiegung der Leidenschaften.</p> - -<div class="sidenote">Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm.</div> - -<p>Lesen wir dieselben Schriften genauer, so merken wir, daß er nicht nur -ein Verächter aller Luxusdinge der Großstadt, sondern auch ihr Kenner -gewesen ist. Musik, Architektur, Kunstgärtnerei, Prunk des Hausrats, -die ganze Kulturblüte der ersten Kaiserzeit hat er gesehen, durchlebt; -sie lebt in ihm. Aber nicht nur das: er ist auch eine politische Größe, -und die Historiker, Tacitus, Cassius Dio, halten es für ihre Pflicht, -über ihn zu<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> berichten: der erste Finanzmann Roms, voll weltlicher -Geschäftskenntnis, Großgrundbesitzer<a id="FNAnker_267" href="#Fussnote_267" class="fnanchor">[267]</a>, von vielhundertköpfigem -Personal umgeben, Großkapitalist, der mit mächtigem Gefolge über die -Straßen zieht, beiläufig auch nicht bärtig, sondern das Gesicht glatt -ausrasiert, endlich Hofmann und Staatsmann, so erscheint er uns hier, -und der Verdacht erhebt sich, daß da Lehre und Leben in seltsamem -Widerspruch stehen, als zeigte Seneca zwei Gesichter, ein anderes der -realen Welt, ein anderes seinen Lesern, ein anderes seiner Gegenwart, -ein anderes der Zukunft. Der idealste, bravste, treu sorgfältigste -Sittenlehrer der römischen Literatur ein bloßer Wortdrechsler der -Tugend?</p> - -<p>Und das Rätselhafte ist damit noch nicht erschöpft. Denn Seneca war, -wie man glaubt, auch Theaterdichter, und die einzigen römischen -Tragödien, die wir besitzen (es sind neun), stammen von ihm. Wozu die -Leidenschaften Medeas oder Phädras vorführen, wenn es doch gilt, die -Leidenschaften zu unterdrücken? Plato war konsequent und verbannte den -tragischen Dichter aus seinem Staat; der Dichter Seneca läßt das Laster -spielen, das er verurteilt? Hat der eitle Mann auch nach dem Lorbeer -geschielt? und war ihm der läppische Beifall des Theaterpublikums ein -Bedürfnis?</p> - -<p>Wenn diese Widersprüche uns stören oder gar beleidigen, so bleibt -Seneca in seiner genialen Natur doch auch so eine erste Größe in der -Geschichte der Menschheit.</p> - -<p>Der Staatsmann Seneca steht als Mann des Fortschritts und des sozialen -Friedens ehrwürdig und wie eine Lichtfigur auf dem dunklen Grunde der -Neronischen Zeit.</p> - -<p>Der Dichter Seneca hat mit seinem vibrierenden Pathos auf das -pathetische Schauspiel der Neuzeit seit der Renaissance und seit Marlow -und Shakespeare tiefgehende, bleibende Einflüsse gehabt, die, je mehr -man dem nachgeht, um so deutlicher hervortreten<a id="FNAnker_268" href="#Fussnote_268" class="fnanchor">[268]</a>.</p> - -<p>Unendlich aber ist der Segen, den Seneca als Moralist geübt, und -schon darum müßte man ihm in unserem Zeitalter der ethischen Kultur -Denkfeiern begehen und Denkmäler errichten. Zum mindesten, man müßte -ihn lesen!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> - -<p>Die Widersprüche aber, von denen ich sprach, sind nicht einmal -vorhanden. Der Mann ist eine Einheit, eine große und ehrliche Gestalt -aus einem Guß. Auch als Dichter war Seneca Ethiker, auch als Staatsmann -ist er es gewesen.</p> - -<p>Es ist nur zu natürlich, daß man schon im Altertum gegen den Mann einen -hämischen Ton anschlug und über ihn die Nase rümpfte. Warum lebte er -im großen Weltgetriebe und warf die Reichtümer nicht hinter sich, er, -der Wortführer der Bedürfnislosigkeit? Das waren die stumpfsinnigen -Winkelmoralisten, die so redeten. Seneca war großzügig und tapfer und -machte die Riesenkapitalien, die ihm zufielen, seinen guten Zwecken -dienstbar. Denn Geld ist Macht. Es war besser, daß die Macht in seiner -Hand war, als in der Hand der kaiserlichen Buhlerinnen und Libertinen.</p> - -<p>Es ist, wenn man gut sein will, nichts bequemer, als sich aus den -großen Händeln zurückzuziehen<a id="FNAnker_269" href="#Fussnote_269" class="fnanchor">[269]</a>. Der bessere Mann ist der, der die -schnöden Mittel dieser Welt festhält, ihre Benutzung organisiert und -dem Fortschritt der Gesellschaft dienstbar macht. Der beste ist der, -der mit solchen Zwecken sogar den Thron gewinnt. Seneca stellte sich -hart neben den Thron Neros.</p> - -<div class="sidenote">Einheit seines Wesens. Stoische Religion.</div> - -<p>Wir verkennen seine Schwächen durchaus nicht. Denn nur durch ein -gewisses Nachgeben war in dieser Welt der rohen Gewalten ein solches -Ziel zu erreichen. Die Einheit seiner Natur aber ist schon hiernach -klar. Den Aposteln und Heiligen der christlichen Kirche kommt es -zugute, daß wir ihre Biographie meist nicht kennen, und wir können -sie also unbedenklich für heilig halten und tun es gerne. Die -Lebensauffassung Senecas leugnet dagegen, daß es heilige Menschen gibt. -Für ihn sind auch die Besten sittlich immer unvollkommen. So stellt -er auch sich selbst vor uns hin. Aber daß man sich bestreben soll, -vollkommen zu werden, das ist seine kategorische Forderung.</p> - -<p>Seneca ist vielleicht in demselben Jahr wie Christus geboren, und -unsere Zeitrechnung und Jahreszählung beginnt ungefähr mit seinem -Geburtsjahr. Der Trieb zur religiös sittlichen Wiedergeburt<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> der -Menschheit ging damals durch Orient und Okzident; denn Orient und -Okzident bildeten ein Reich, das Römerreich. Das Römerreich war die -Menschheit. So wurde damals auch Seneca wie der Apostel Paulus zu einem -Verkünder einer neuen ethischen Religion.</p> - -<p>Es handelt sich um die stoische Philosophie. Sie war in der Hauptstadt -Rom vor gut hundert Jahren durch Panaetius und den großen Posidonius -eingebürgert worden. In dieser stoischen Propaganda, die weitherzig -auch aus Platos, aus Epikurs Lehre das Beste mit aufnahm, wuchs der -junge Seneca auf, und er übernahm von den Genannten die Milde der -Gesichtspunkte.</p> - -<p>Philosophie war damals das griechische Wort für Religion; und sie gab -nicht nur Moralgesetze; sie verlor sich eingehend auch in Erforschung -der Natur, in Betrachtung des Alls<a id="FNAnker_270" href="#Fussnote_270" class="fnanchor">[270]</a>. Seneca selbst hat die Wirkungen -des Vulkanismus des Vesuv, der sich im Jahre 63 n. Chr. zum ersten -Male regte, sogleich studiert<a id="FNAnker_271" href="#Fussnote_271" class="fnanchor">[271]</a>, er hat eine Afrika-Expedition -nach den Nilquellen angeregt<a id="FNAnker_272" href="#Fussnote_272" class="fnanchor">[272]</a>, noch mehr, er hat die Entdeckung -Amerikas schon damals prophezeit und gefordert<a id="FNAnker_273" href="#Fussnote_273" class="fnanchor">[273]</a>. Aber diese -Naturforschung (die <span class="antiqua">quaestio naturalis</span>) führte unmittelbar auf -die große Grundursache und Einheit des Alls, auf Gott. Die Himmel -rühmen des Ewigen Ehre — das ist der Grundgedanke bei Seneca. Seine -Naturbetrachtung ist Andacht. Wer das liest, möchte in die Kniee sinken.</p> - -<p>Da aber das All in Gott ist, ja, da das All Gott ist, müssen wir -Sterbliche auch in Gott sein und gottgleich werden, da wir es nicht -sind. Daher die Lichtsehnsucht Senecas. „Wir gehen im Dunkeln und -im Halblicht. Wir wollen ins volle Licht, in den Himmel zurück, aus -dem wir stammen“<a id="FNAnker_274" href="#Fussnote_274" class="fnanchor">[274]</a>. Daher der Drang nach innerer Läuterung. Diese -Läuterung geschieht durch Übung, durch Ausübung. Lerne deine Pflichten -gegen dich selbst, gegen den Nebenmenschen! Das ist der rechte -Gottesdienst.</p> - -<p>So entstand die umfassendste und feinste Pflichtenlehre, die<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> die -römische und vielleicht auch die nachrömische Welt gesehen: Ratschläge -für alle Konflikte des Lebens, aus der Fülle der Erfahrung geschöpft. -Selbstbeherrschung, Selbstzucht ist die Vorstufe. Nächstenliebe, -die Sorge für die Mitmenschen, ist die Hauptsache. Es ist jene -Menschlichkeit, die in dem Satz gipfelt: Liebet eure Feinde, d. h. seid -um ihr Heil bemüht.</p> - -<div class="sidenote">Der Ethiker für den lateinischen Okzident.</div> - -<p>Diese Lehre gehört dem Seneca ganz persönlich; sie ist ganz individuell -gefärbt<a id="FNAnker_275" href="#Fussnote_275" class="fnanchor">[275]</a>. Gleichwohl waren die Grundgedanken nicht neu. Man predigte -sie schon seit 300 Jahren von allen Dächern. Aber alle außer Seneca -sprachen griechisch. Das taten hernach ja auch die Verkünder Christi. -Seneca war der einzige, der diese Gedankenwelt lateinisch faßte, und -schon das war eine Großtat, ein Ereignis für Westeuropa. Denn alle -anderen wandten sich an die niedrigen Volksschichten, die in weitester -Ausdehnung auch in Italien, in Südfrankreich und anderen Provinzen -griechisch durchsetzt waren; das Volk hatte also längst seine Lehrer -und religiösen Erzieher. Seneca dagegen wollte die entscheidenden -Instanzen der großen Welt, die römischen Herrenmenschen, die Söhne -seiner Senatoren und Ritter, die künftigen Provinzialverwalter des -Weltreichs, er wollte den Kaiser selbst eingewöhnen in die Denkweise -der Menschlichkeit.</p> - -<p>Und daher auch die glänzende Art seines Vortrags. Sie war bestimmt -durch die Adresse. Sollte Seneca etwa im breiten Wortschwall Ciceros -sich ergehen? Er wollte keine Wassersuppe geben. Oder hätte er -versuchen sollen den naiven Volkston anzuschlagen, wie ihn später das -christliche Evangelium braucht? Die Leute, an die er sich wandte, -hätten ein Buch im Bibellatein damals nicht angesehen. Seneca mußte -dem hochgeschraubten Kunstgefühl der vornehmen Welt Roms genügen, -und es ist ihm gelungen. Durch seine Schreibweise selbst hat er sie -herbeigelockt. Die Aufgabe war groß und neu, und er hat sie mit Geist -und Würde und Feingefühl gelöst.</p> - -<p>Der deutsche Gelehrte stellt sich<a id="FNAnker_276" href="#Fussnote_276" class="fnanchor">[276]</a>, wenn er Senecas Stil beurteilt, -planvoll auf den Standpunkt des geistig Armen, wenn<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> er nicht überhaupt -diesen Standpunkt inne hat, und schüttelt den Kopf voll Bedenken, -weil der Mann, der da von Tugend redet, auch Geist hat. Die Franzosen -wissen besser zu urteilen; denn ihnen ist jener Standpunkt fremd und -sie wissen, daß Geist und Herz sich nicht ausschließen und daß auch -ein wahrhaftiges und ein heißes Gefühl sich in scharfgeschliffenen -Deduktionen und blitzenden Antithesen bewegen kann.</p> - -<p>Gleichwohl wirken ethische Schriften leicht eintönig, auch wenn sie -ein Seneca geschrieben. Und wer mag heute überhaupt über Tugend lesen? -Heute interessiert nur die Literatur des Lasters und der Schwäche. -Damals aber waren Senecas Sittlichkeitsstudien aktuell, kühn und -ergreifend.</p> - -<div class="sidenote">Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in seinen Dramen.</div> - -<p>Denn nie stank die Sünde so zum Himmel wie damals in der -Millionenstadt, in dem „Babel“ Rom. Wir reden wohlgemerkt nicht von -der antiken Welt überhaupt, sondern nur von ihrer Hauptstadt<a id="FNAnker_277" href="#Fussnote_277" class="fnanchor">[277]</a>. -Das zügellose Sichausleben war nie so zum Prinzip erhoben, das -Laster nie so gesellschaftsfähig, so hoffähig, wie dort unter -dem ersten Kaisertum. Die schauerliche Dekadenz des städtischen -Adels: Vermögensunterschlagung, Völlerei, Feigheit, Blutschande, -Verwandtenmord, Erpressung, Verworfenheit; die Bordellwirtschaft -Messalinas im Kaiserpalast, Agrippinas gieriger Ämterschacher -— das war der freche Ruhm der Großen dieser Welt. Dazu auf dem -Richtplatz die Leichenhaufen der Verurteilten; dazu gar die grotesken -Volksbelustigungen, die Blutbäder der Gladiatoren in der Arena. Was war -da noch der Mensch? Was war da noch Menschenwert?</p> - -<p>Da läßt Seneca in die Paläste seine Schriften ausgehen, die den Wert -der Einzelseele, des Individuums verkünden. Mit Verachtung wendet sich -der reichste und mächtigste Mann Roms von den großen Sensationen der -Arena ab<a id="FNAnker_278" href="#Fussnote_278" class="fnanchor">[278]</a>; aber er schilt nicht; er ermahnt und überredet.</p> - -<p>Das Laster, sagt er, beherrscht uns alle; es ist eine ansteckende -Krankheit. Aber wir wollen genesen. Woher die Heilung nehmen? Verachte -alles Vergängliche; das gibt die Heilung;<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> habe Ekel vor den Begierden; -kämpfe mit deinem Fleisch. Aber stehe aufrecht und fürchte dich -nicht<a id="FNAnker_279" href="#Fussnote_279" class="fnanchor">[279]</a>.</p> - -<p>Und freue dich des Leidens. Der gute Mensch wird nur stark durch -Erschütterung (<span class="antiqua">marcet sine adversario virtus</span>). Der Steuermann -bewährt sich erst im Sturm. Wir sollen den Sturm suchen<a id="FNAnker_280" href="#Fussnote_280" class="fnanchor">[280]</a>; wir sollen -die Wunden suchen, wie ein Athlet<a id="FNAnker_281" href="#Fussnote_281" class="fnanchor">[281]</a>. Und wir sind zur Liebe da, nicht -zum Hassen. Was soll der Zorn? Der dich beleidigte, der irrte nur. Also -vergib ihm. Hilf deinem Nächsten und warte nicht auf Dank; denn auch -die Gottheit fragt nicht nach Dank, wenn sie dir wohltut. Nur der lebt, -der vielen nützt; wer träge zu Haus sitzt, sitzt in seinem eigenen -Grabmal, und man müßte ihm auf seine Marmorschwelle schreiben: „Er ist -vor seinem Tode gestorben“<a id="FNAnker_282" href="#Fussnote_282" class="fnanchor">[282]</a>.</p> - -<p>Weiter: sei menschlich und dankbar auch gegen den Sklaven; denn alle -Menschen sind gleich vor Gott.</p> - -<p>Der Körper aber ist nur eine Last, ein Gefängnis. Der Tod ist der -Geburtstag des Ewigen (der <span class="antiqua">natalis aeterni</span>). Sterben ist Gewinn. -Halte dich reisefertig (<span class="antiqua">anima in expedito est habenda</span>). Wir -fliegen zu unserem Ursprung zurück<a id="FNAnker_283" href="#Fussnote_283" class="fnanchor">[283]</a>. Aber der Tod genügt nicht; wir -sollen auch unseren Tod noch wertvoll machen. Wir sollen haben, wofür -wir sterben<a id="FNAnker_284" href="#Fussnote_284" class="fnanchor">[284]</a>.</p> - -<p>Solche Gedanken nehmen, wie in der christlichen Lehre, den breitesten -Raum ein. „Ich liebe das Leben, weil ich sterben darf“<a id="FNAnker_285" href="#Fussnote_285" class="fnanchor">[285]</a>: das gibt -den Grundton. Aber auch der freiwillige Tod Catos wird als Rettung -aus der Not der Zeit, den Greueln der Tyrannei, gebilligt. Und so ist -Seneca endlich auch ein Seelsorger und Tröster der Trauernden. Auch wer -untröstlich am Grabe seines Kindes steht, findet bei ihm ein helfendes -Wort: „Kein Leben ist zu kurz, wenn es gut war“<a id="FNAnker_286" href="#Fussnote_286" class="fnanchor">[286]</a>. Von den sinnlichen -Freuden des Paradieses aber weiß er nichts. Im Jenseits sind alle -Herzen offen und durchsichtig: das ist das Schönste, was Seneca vom -seligen Leben zu verkünden weiß<a id="FNAnker_287" href="#Fussnote_287" class="fnanchor">[287]</a>.</p> - -<p>So überschwenglich reich diese Diatriben Senecas sind — reich auch an -frischen, echt volkstümlichen Wendungen im Stile<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> Bions und unmittelbar -anschaulichen Bildern aus dem Leben, — so sehr enttäuschen seine -Tragödien. Aber auch bei ihnen muß ich verweilen. Denn an solchem Manne -ist nichts unbedeutend. Wo ist der Staatsmann, der Richelieu oder -Bismarck, der neben seinem großen politischen Wirken noch eine neue -Ethik und noch Tragödien bleibenden Wertes schrieb?</p> - -<p>Der Stimmungsbereich ist in Senecas Dichtungen freilich eng. Er greift -immer nur nach dem Gräßlichen, Entsetzlichen. Eine Iphigenie, Antigone, -ein Philoktet liegt ihm nicht. Und der Grund dafür ist durchsichtig. -Die blutrünstigen Laster seiner eigenen Zeit sind es, die Seneca -in ihren tragischen Konsequenzen zeigen will: <span class="antiqua">frenare nescit -iras</span><a id="FNAnker_288" href="#Fussnote_288" class="fnanchor">[288]</a>! Brudermord, Familienschande, kannibalische Rachsucht bis -zum Äußersten. Es sind Abschreckungsbilder, die er gibt, und sie dienen -der Moral. Mitten in die furchtbaren Tiraden seiner Helden aber drängt -sich das Chorlied, das da die Armut der kleinen Leute, den ländlichen -Frieden, das Hirtenleben sehnsüchtig preist<a id="FNAnker_289" href="#Fussnote_289" class="fnanchor">[289]</a>. Niemand scheint -bemerkt zu haben, daß Seneca selbst uns in der Schrift <span class="antiqua">De ira</span> -(II, 5) den deutlichen Hinweis gibt, was die Tragödie für ihn bedeutet. -Denn als Beispiel für die üble Wirkung des Zornes führt er dort den -„Aiax“ des Sophokles an. Ganz ebenso sind seine eigenen Tragödien groß -angelegte Belegstücke für seine Theorie von der Verderblichkeit der -Leidenschaft. Die Überspannung bis zum äußersten, die uns in ihrem -Ton belästigt, da sie sich nirgends genug tun kann, lag im Zweck des -Dichters.</p> - -<div class="sidenote">Lesedramen; Vergleich mit Shakespeare.</div> - -<p>Es gilt dabei zu wissen, obgleich dies meistens verkannt wird, daß -diese Stücke nur Lesedramen, daß sie nie zur Aufführung bestimmt -gewesen sind. Daher eben sind sie uns allein erhalten. Sie verdrängten -alle Spieldramen der Früheren, eines Pomponius und Accius, durch ihre -Lesbarkeit. Es war bequeme Buchlektüre.</p> - -<p>Woraus läßt sich das entnehmen? Aus ihrer Unaufführbarkeit. Ich rede -hier nicht vom Ortswechsel, den der Dichter zuläßt, nicht von den -eingelegten, oft schier meilenlangen Gesängen,<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> die kein Chor wirklich -absingen konnte; auch nicht von den Helden selbst, die sich nicht -entwickeln, sich nicht wechselweise beeinflussen, sondern zumeist nur -Abhandlungen oder Sinnsprüche reden über Liebe und Haß, Wut und Neid, -an denen jeder Schauspieler hätte verzweifeln müssen. Es sei vor allem -auf eines hingewiesen:</p> - -<p>Shakespeare läßt seinen Julius Caesar auf offener Bühne erstechen, und -das ist sein Haupteffekt. Bei Sophokles dagegen wird der böse Aegisth -sorglich hinter die Kulisse geschafft, um da durch des Orest Schwert zu -fallen. Das ist der tiefstgreifende Unterschied zwischen antiker und -moderner Tragödie. Die antike vermeidet solche sinnfälligen Effekte -ganz. Das ist, was sie so vornehm erscheinen läßt: keine Tötung, kein -Handgemenge. Seneca aber steht auf dem Boden des Shakespeare, nicht des -Sophokles: das ist das kunstgeschichtlich Merkwürdige; er bricht mit -der antiken Tradition und nimmt vollkommen das Moderne vorweg.</p> - -<p>Es ist klar, daß die Gepflogenheit des Altertums durch das Kostüm -bedingt war. Der Schauspieler der Kaiserzeit ging auf dem Kothurn; er -balancierte auf einer hohen hölzernen Stelze. Bei jeder lebhafteren -Bewegung fiel er um, das lange Schleppkleid schlug in die Höhe, die -Stelzen starrten in die Luft, und das Publikum brach in furchtbares -Gelächter aus<a id="FNAnker_290" href="#Fussnote_290" class="fnanchor">[290]</a>. Nicht einmal ein Trinken und Essen konnte vorgeführt -werden; denn die mächtige Gesichtsmaske hinderte.</p> - -<p>Seneca nahm auf diese Schwierigkeiten gar keine Rücksicht. Vor unseren -Augen erschießt Herkules mit dem Bogen seine fliehenden Kinder, und -die Leichen werden vor unseren Augen untersucht; sie haben den Pfeil -im Nacken. Vor unseren Augen steigt Medea aufs Dach und ersticht -da höhnend ihren kleinen Sohn, während Jason von unten zusieht und -jammert. Hippolyts Leiche ist zerstückelt; vor unseren Augen werden -Kopf, rechte und linke Hand und andere Gliedmaßen herbeigebracht und -der Körper mühsam wieder zusammengelegt, damit Theseus seinen Sohn -erkennt. Grauenvoller noch der Thyest, und dies ist vielleicht der -Gipfel der Dichtkunst Senecas.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p> - -<p>Atreus haßt seinen Bruder Thyest. Ein tödlicher Haß. Er lockt des -Thyest drei Söhne an sich, schlachtet sie und setzt sie dem Bruder -als Speise vor. Die Türen zu einem Innenraum werden geöffnet: drinnen -liegt Thyest kauend und schon satt am Tisch auf dem Polster und zecht -und singt berauscht noch ein Lied. Plötzlich erfaßt ihn Schwermut; -er muß weinen; er ruft in Sehnsucht nach seinen Kindern. Da tritt -triumphierend Atreus herzu und sagt ihm in zweideutigen Worten: daß er -sie schon hat, daß er sie schon umfängt. Er selbst ist seiner Kinder -Grab. Inzwischen hat die Sonne, hat das Weltall sich vor Entsetzen -verdunkelt. Das letzte Drittel des Stückes spielt in völliger Nacht; -nur der Eßsaal ist künstlich erleuchtet. Kein antikes Theater konnte -das vorführen<a id="FNAnker_291" href="#Fussnote_291" class="fnanchor">[291]</a>.</p> - -<p>Die Schrecknisse der Shakespeareschen Kunst, die Erdrosselung -Desdemonas im Othello, die Blendung des Gloster im Lear, sind also in -den Lesedramen Senecas vorweggenommen. Es ist sicher, daß Shakespeare -in dieser seiner nervenerschütternden Praxis nicht etwa durch unseren -Seneca selbst beeinflußt war; denn auch die Passionsspiele und -Moralitäten des Mittelalters hatten es ja nicht anders gemacht; man -denke an Christi Geißelung und Kreuzigung, die man in allen Kirchen -leibhaftig vorführte. Aus Gideons Kampf mit den Philistern wurde damals -im „Prophetenspiel“ wirklich eine Schlacht, so daß die Zuschauer selbst -die Angst ergriff<a id="FNAnker_292" href="#Fussnote_292" class="fnanchor">[292]</a>. Gleichwohl haben Senecas Dramen, seitdem sie -wieder bekannt wurden<a id="FNAnker_293" href="#Fussnote_293" class="fnanchor">[293]</a>, für dies grob drastische Verfahren eine -nachträgliche klassische Sanktion gegeben.</p> - -<div class="sidenote">Herkules Oetaeus. Biographisches: Verbannung.</div> - -<p>Am denkwürdigsten aber ist Senecas Herkules Oetaeus<a id="FNAnker_294" href="#Fussnote_294" class="fnanchor">[294]</a>, und jeder -Theologe und Evangelienforscher sollte dies Stück, den Herkules auf -dem Oeta, einmal lesen, so peinigend auch das enorme Pathos ist, das -ihn erfüllt. Denn da erhebt sich die stoische Religion dazu, einen -Gottessohn darzustellen, der auf Erden erschienen ist, um zum Gottvater -erhöht zu werden: eine Konkurrenzdarstellung zu den Evangelien, aber -schon um das Jahr 55, vor dem Ur-Matthäus und Marcus geschrieben.<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> -Herkules wird nicht gekreuzigt, aber unter Höllenqualen vergiftet und -durch den Feuertod erlöst. Die Mutter aber, die ihn vom höchsten Gott -empfangen und geboren, Alkmene, steht vor ihrem sterbenden Sohn und -erlebt die Passion mit durchbohrtem Herzen und ringt nach Fassung, um -der Welt zu zeigen, wie eine Mutter um ihren Sohn trauern muß<a id="FNAnker_295" href="#Fussnote_295" class="fnanchor">[295]</a>.</p> - -<p>Dieser Herkules, mit seinem Flammentode, war ein altes Ideal der -Stoa<a id="FNAnker_296" href="#Fussnote_296" class="fnanchor">[296]</a>, und er hat dem Christusdienst auch sonst Konkurrenz gemacht; -dies dürfen wir folgern aus jener Erzählung vom Peregrinus Proteus -(bei Lucian), der erst Christ ist, dann aber sich zur Herkulesreligion -bekehrt, vor dem Volke einen Scheiterhaufen errichtet und den Tod des -Gottessohnes Herakles auf sich nimmt.</p> - -<p>Alles dies beweist genug. Es ist unglaublich, daß einsichtige -Philologen verkannt haben, wie eng verknüpft Senecas Tragödien mit -seinem Gesamtwirken gewesen sind.</p> - -<p>Nun aber sein Leben selbst. Es fragt sich: was hat der Mann mit seinen -Lehrschriften gewollt? Wann und zu welchem Zweck hat er sie geschrieben?</p> - -<p>Seneca war Spanier von Herkunft, ein Sohn Cordobas, ein Kind des -Sonnenlandes Andalusien. Der Spanier galt als brav und bedürfnislos; -er galt als heroisch, wenn man ihn marterte<a id="FNAnker_297" href="#Fussnote_297" class="fnanchor">[297]</a>. So ist uns Senecas -Vater als ehrenfester Mann bekannt. Der Sohn dachte gar nicht -daran, Berufsphilosoph, Kathederphilosoph, wie er es selbst nennt: -<span class="antiqua">philosophus cathedrarius</span><a id="FNAnker_298" href="#Fussnote_298" class="fnanchor">[298]</a> zu werden. Er nahm die stoische -Lehre nur früh in seine Gesinnung auf; sie stärkte ihn bei schweren -Krankheitsfällen <a id="FNAnker_299" href="#Fussnote_299" class="fnanchor">[299]</a>. Der griechische Weise Demetrius, der als Bettler -(<span class="antiqua">seminudus</span>) in Rom einherging, war ihm ein lieber Verkehr, er -verehrte ihn zeitlebens schwärmerisch und hielt ihm die Treue. Seneca -aber wollte von vornherein etwas ganz anderes als dieser: er wollte -ein tätiger Staatsbürger, ein Mann der Tat und nicht der Betrachtung, -ein Mann der <span class="antiqua">actio</span>, nicht der <span class="antiqua">contemplatio</span> sein. Das -sagt er uns ausdrücklich: sein Leben war ein Geschäftsleben ohne -Ferien<a id="FNAnker_300" href="#Fussnote_300" class="fnanchor">[300]</a>. -Als junger Mann schon<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> wurde er Senator<a id="FNAnker_301" href="#Fussnote_301" class="fnanchor">[301]</a> und zugleich -der erfolgreichste Sachwalter in den gewaltigen Prozessen jener Zeit, -die vor Kaiser und Senat geführt wurden. Das Leben des Senators -aber war das angespannteste: das müßige Volk lief in die Bäder; die -Senatssitzungen währten vom Morgen bis in die Nacht.</p> - -<p>Der Kaiser Caligula aber war über die Erfolge dieses ernsthaften -Menschen wütend und zwang ihn, die Sachwaltertätigkeit aufzugeben. Da -beschränkte sich Seneca auf das, was er nennt: <span class="antiqua">tacita advocatione -cives iuvare</span>, „mit stummer Advokatur den Mitbürgern zu helfen“<a id="FNAnker_302" href="#Fussnote_302" class="fnanchor">[302]</a>; -er stellte sich als Ratgeber zur Verfügung, ohne als Redner zu -wirken<a id="FNAnker_303" href="#Fussnote_303" class="fnanchor">[303]</a>. Und in dieser Stellung und nicht durch seine Schriften -gewann er schon damals große Kreise von dankbaren Anhängern; denn -als die Kaiserin Messalina ihn im Jahre 41 nach Corsica verbannt — -Seneca war den nichtsnutzigen herrschenden Hofkreisen unbequem —, da -wird bemerkt, daß das ein Schlag gegen die öffentliche Meinung der -Hauptstadt war.</p> - -<p>Man brachte gegen ihn das Unbewiesene vor, daß er Liebhaber der -verführerischen Prinzessin Julia Livilla, der Schwester Agrippinas, -war. Beide Schwestern, Livilla und Agrippina, waren der Messalina -verhaßt. Diese wilden weiblichen Katzen verbissen sich ineinander, bis -Livilla sich verblutete.</p> - -<p>Sicher ist, daß Seneca mit Livilla und Agrippina irgendwie liiert -war<a id="FNAnker_304" href="#Fussnote_304" class="fnanchor">[304]</a> und daß Messalina in ihrem schamlosen Treiben sich vor Seneca -fürchtete oder durch ihn behindert fühlte. Denn so lange sie lebte, -duldete sie seine Rückkunft aus Corsica nicht. Kaum aber ist sie tot, -da wird er von Agrippina nach Rom berufen und beherrscht auf einmal die -Lage der Dinge, den Senat, den Hof.</p> - -<div class="sidenote">Erzieher Neros. Schrift an Polybius. Schrift gegen den Zorn.</div> - -<p>Seneca wurde der Lehrer Neros. Ob Nero oder nicht vielmehr der junge -Prinz Britannicus Kaiser werden würde, war noch unentschieden, und so -ist es von Interesse zu erinnern, daß auch dieser Britannicus damals -seinen Erzieher hatte, den Sosibios, der vom Kaiser Claudius einmal -eine Million geschenkt erhielt, weil er sich auch als Berater des Hofes -bewährte<a id="FNAnker_305" href="#Fussnote_305" class="fnanchor">[305]</a>.<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> Auf diesem Wege ist auch Seneca ein <em class="gesperrt">Berater</em> des -Hofes geworden. Sein Lehrauftrag betraf nur die Redekunst; wir wissen -aber, daß solche Rhetoriklehrer in den vornehmen Familien den ersten -Zweck hatten, für die sittliche Haltung ihres Zöglings zu sorgen<a id="FNAnker_306" href="#Fussnote_306" class="fnanchor">[306]</a>. -Dadurch gewannen sie oft genug maßgebenden Einfluß im Hause.</p> - -<p>Aber er war noch immer kein „Philosoph“. Die einzige bemerkenswerte -ethische Lehrschrift, die Seneca bisher verfaßt, war die gegen den -Zorn<a id="FNAnker_307" href="#Fussnote_307" class="fnanchor">[307]</a>. In den acht Jahren auf Corsica hatte er Muße genug, hat -aber allem Anschein nach nicht daran gedacht, diese Schriftstellerei -da fortzusetzen. Er war zeitlebens Mann des Geschäftsfleißes, der -<span class="antiqua">actio</span>, ein Organisator großen Stils. Daher war ihm das Exil so -unerträglich. Er war lahmgesetzt<a id="FNAnker_308" href="#Fussnote_308" class="fnanchor">[308]</a>. In der Zurückgezogenheit wird -solche Natur unproduktiv und versinkt in pflanzenhafte Stille. Nur im -Getriebe des großen Lebens, durch tägliche Reibung, entzünden sich ihre -Fähigkeiten, steigert sich ihr Können und Wollen, und sie wächst mit -ihren Zwecken ins Große.</p> - -<p>Wie mit dem Cyniker Demetrius, so war Seneca mit dem griechischen -Gelehrten Polybius befreundet. Dieser augenscheinlich vortreffliche -Mann war Freigelassener des Kaisers und hatte als solcher das Hofamt -für Bittschriften zu verwalten. Als Polybius seinen Bruder verlor und -schwer um ihn trauerte<a id="FNAnker_309" href="#Fussnote_309" class="fnanchor">[309]</a>, richtete Seneca im ersten Jahre seiner -Verbannung an ihn ein Trostschreiben; da war es naheliegend, ja -selbstverständlich, daß er die Gelegenheit benutzte, um in derselben -Schrift nun auch sein dringendes Verlangen nach Rückberufung aus dem -Exil zu äußern; Polybius sollte dafür wirken. Diese Schrift war aber -nicht etwa als Privatbrief abgefaßt; vielmehr veröffentlichte sie -Seneca, legte sie also selbst dem großen Publikum der Hauptstadt vor; -die Sache war für dies Publikum somit von Interesse, und sie war völlig -ohne Anstoß; sonst hätte er dies nicht tun können, und es ist also ganz -müßig, sie ihm heute als Fehlgriff oder gar als Selbstentwürdigung -anzurechnen<a id="FNAnker_310" href="#Fussnote_310" class="fnanchor">[310]</a>. Zugleich preist er in dieser Schrift die guten<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> -Eigenschaften des Claudius in vollen Tönen — solches Lob war damals -nichts als eine andere Form der Ermahnung<a id="FNAnker_311" href="#Fussnote_311" class="fnanchor">[311]</a> —, während zum Lobe der -Kaiserin Messalina kein Wort darin steht. Es folgt daraus aber, daß -Seneca auf Claudius, der ohne Frage manche guten Eigenschaften besaß -und der damals, im Jahre 43 auf 44, eben erst die Herrschaft begonnen -hatte, tatsächlich noch große Hoffnungen gesetzt hat. Dieser Kaiser -mit der schwachen Willenskraft bedurfte nur der Leitung, und dem -moralischen Einfluß Senecas hatte er sich überdies schon zugänglich -gezeigt; denn als in Rom Senecas Verdammungsschrift gegen den Zorn -bekannt wurde, erließ Claudius sogleich naiv gutherzig ein Edikt, in -dem er versprach, seine Neigung zum Jähzorn hinfort bemeistern zu -wollen. Konnte Seneca zunächst mehr verlangen? Er durfte damals also -erwarten, daß er den Kaiser auch weiterhin günstig würde beeinflussen -können, falls er aus Corsica fort und wieder in Rom war.</p> - -<p>Allein die Kaiserin stand dem Plan gehässig im Wege, und erst als -Messalina starb, wurde sein Wunsch erfüllt.</p> - -<p>In jener Mahnschrift über den Zorn hatte Seneca unter anderem auch über -Knabenerziehung gehandelt, und diesen Ausführungen dankte er es ohne -Zweifel, daß ihn Agrippina gleich nach seiner Rückkehr zum Erzieher -ihres Sohnes Nero berief<a id="FNAnker_312" href="#Fussnote_312" class="fnanchor">[312]</a>. Überhaupt aber veröffentlichte er in der -nämlichen Schrift sein Lebensprogramm und gleichsam seine Methode. -Kein revolutionärer Sturm und Drang steckte in ihm, keine Gracchus-, -keine Brutusnatur. Seine Tapferkeit war defensiv, nicht offensiv<a id="FNAnker_313" href="#Fussnote_313" class="fnanchor">[313]</a>. -Inmitten der furchtbaren Brutalitäten will er nur andauernd und -grundsätzlich die Milde und Ruhe wahren und die stoische Lehre, daß -man nie Böses mit Bösem vergelten soll<a id="FNAnker_314" href="#Fussnote_314" class="fnanchor">[314]</a>, wirklich wahrmachen. Mit -Verachtung blickt er auf die Germanen; denn die Germanen sind ein Volk -des Jähzorns, ein Volk der Rache. Bessern, nicht strafen soll man den -Gegner — auch das öffentliche Strafrecht wird von ihm auf diesen Satz -gegründet<a id="FNAnker_315" href="#Fussnote_315" class="fnanchor">[315]</a> —, und ist der Kaiser selbst der Beleidiger, so soll man -es mit Lächeln tragen<a id="FNAnker_316" href="#Fussnote_316" class="fnanchor">[316]</a>. Das mag uns<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> fremd berühren und in seiner -Durchführung als Schwäche erscheinen; wir dürfen aber nicht vergessen, -daß es ein kranker Mann ist, der so denkt und schreibt. Hager und -abgezehrt, ein Opfer der Neuralgie, vor allem zeitlebens von schwerem -Herzleiden gepeinigt<a id="FNAnker_317" href="#Fussnote_317" class="fnanchor">[317]</a>, war Seneca auf die frugalste Ernährung, auf -die Verhütung aller jähen Erregungen angewiesen. Er kannte die Nähe des -Todes und bewahrte eben darum eine gleichmäßige Heiterkeit<a id="FNAnker_318" href="#Fussnote_318" class="fnanchor">[318]</a>.</p> - -<div class="sidenote">Agrippina zurückgedrängt. Senecas Reichsverwaltung.</div> - -<p>Kaum tritt nun dieser schwächliche Mann in das Zentrum der Ereignisse, -so muß er erleben, wie das Regiment gleich in seinen Fugen -zusammenkracht. Es war das Jahr 54 n. Chr. Agrippina, die Kaiserin, -vergiftet den Kaiser Claudius, ihren Gatten; sie läßt auch den Narciß -umbringen, den gefürchteten Hausminister des Kaisers.</p> - -<p>Agrippinas Sohn Nero ist unmündig; Agrippina will jetzt selbst Kaiser -Roms sein; die starrsinnig übermütige Frau will ihr schmähliches -Raubsystem, ihre Mißhandlung des Senats fortsetzen. Da erhebt sich -Seneca. Mit zwei meisterhaften Schachzügen wirft er sie um, vernichtet -er die Autorität der Kaiserin, indem er ihr gleich bei einer der ersten -großen kaiserlichen Audienzen geschickt den Vorsitz entzieht<a id="FNAnker_319" href="#Fussnote_319" class="fnanchor">[319]</a> und -durch seine geistsprühende Satire, die man Apokolokyntosis nennt, ihr -politisches Ansehen vollständig zertrümmert<a id="FNAnker_320" href="#Fussnote_320" class="fnanchor">[320]</a>, und regiert jetzt auf -einmal selbst, gestützt auf Burrus, den Präfekten der Garnison, das -Weltreich, die Welt von Armenien bis Spanien und England. Denn der -junge Kaiser Nero, dieser Ästhet, diese schillernde Molluske, dieser -knochenlose Polyp, war für ernste Dinge nicht zu haben. Seneca mußte -sich mit dem Versuch begnügen, seine gefährlichen Triebe zu mäßigen, -seinen Allmachtsrausch zu dämpfen. Nero war nur der Zeiger, nur das -Schlagwerk an der Uhr, Seneca fortan die stille Feder im Uhrwerk, die -niemand sah und deren stählerne Kraft alles bewegte. Als Schützer des -Vaterlandes betrachtet er jetzt sich selbst<a id="FNAnker_321" href="#Fussnote_321" class="fnanchor">[321]</a>. Es waren nur etwa 7–8 -Jahre: die vielbesungene goldene Zeit Roms.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p> - -<p>Der junge Kaiser mußte Senecas ausführliches Regierungsprogramm im -Senat wörtlich vorlesen. Und dies Programm wurde wirklich durchgeführt: -Seneca kehrte zu den Grundsätzen des Idealkaisers Augustus zurück, -desselben Augustus, dem er auch in seiner Claudiussatire voll Verehrung -das entscheidende Wort erteilt<a id="FNAnker_322" href="#Fussnote_322" class="fnanchor">[322]</a>; der Senat ist nun wirklich wieder -die selbständige gesetzgebende Körperschaft, der Kaiser nur der erste -Bürger der Stadt, und kein Justizmord geschieht mehr<a id="FNAnker_323" href="#Fussnote_323" class="fnanchor">[323]</a>, keine -Staatsämter sind mehr käuflich; das scheußliche Denunziantentum, die -Gesinnungsriecherei hört auf; das Gerichtsverfahren ist wieder das -alte<a id="FNAnker_324" href="#Fussnote_324" class="fnanchor">[324]</a>. Man spricht wieder von der alten Freiheit; denn die Monarchie -ist zur Freiheit kein Gegensatz<a id="FNAnker_325" href="#Fussnote_325" class="fnanchor">[325]</a>.</p> - -<p>Dazu kamen aber auch Reformen<a id="FNAnker_326" href="#Fussnote_326" class="fnanchor">[326]</a>, eine Reform des Steuerwesens<a id="FNAnker_327" href="#Fussnote_327" class="fnanchor">[327]</a>, -vor allem die Zentralisierung der Reichsfinanz in der Hand des -Kaisers, indem das Ärarium des Senats in den kaiserlichen Fiskus -aufging. Das war Senecas nützlichstes Werk. Aber auch dem Gedeihen der -Reichsprovinzen galt seine Fürsorge; er hält darauf, daß die Provinzen -gegen die Statthalter in Rom unbehindert Klage erheben können<a id="FNAnker_328" href="#Fussnote_328" class="fnanchor">[328]</a>.</p> - -<p>Wie sehr Senecas Reformen ins Einzelne gingen, lernen wir jetzt aus -den ägyptischen Papyri. Seneca hat gleich im Jahre 55 für Ägyptens -Hauptstadt eine neue Gemeindeordnung<a id="FNAnker_329" href="#Fussnote_329" class="fnanchor">[329]</a> sowie für militärische -Aushebungszwecke eine Neuordnung der Namenlisten der Dienstfähigen in -Ägypten eingeführt<a id="FNAnker_330" href="#Fussnote_330" class="fnanchor">[330]</a>. Er war selber früher in Ägypten gewesen; daher -das Interesse<a id="FNAnker_331" href="#Fussnote_331" class="fnanchor">[331]</a>.</p> - -<p>Im übrigen rufe ich den Apostel Paulus zum Zeugen. In Paulus’ -Römerbriefe, der im Jahre 54 oder bald danach geschrieben ist, wird im -Kapitel 13 die Reichsverwaltung Senecas anerkannt mit der Bezeichnung, -daß sie Gottes Dienerin zum Guten sei<a id="FNAnker_332" href="#Fussnote_332" class="fnanchor">[332]</a>, vor der sich die Bösen, aber -nicht die Guten zu fürchten haben. Diese Worte schrieb Paulus damals in -Korinth, fern von Rom. Der Segen wurde überall empfunden<a id="FNAnker_333" href="#Fussnote_333" class="fnanchor">[333]</a>.</p> - -<p>Und eben erst damals begann nun auch die große Schriftstellerei<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> -Senecas. Das ist das Erstaunlichste. Sie war also aktuell im höchsten -Grade. Diese Schriften sind Erzeugnisse der <span class="antiqua">actio</span>, nicht der -<span class="antiqua">contemplatio</span>.</p> - -<p>Zunächst allerdings Neros persönlichste Wünsche! Nero wünschte Gedichte -zu sehen. Wer weiß, was für Arientexte der junge Sänger von seinem -Lehrer erwartete? Seneca aber schrieb ihm damals zu seiner Warnung -jene schreckhaften Tragödien, von denen ich sprach, mit den berühmten -Schlagwörtern gegen die Tyrannen und der Mahnung: „<span class="antiqua">rex velit -honesta</span>“<a id="FNAnker_334" href="#Fussnote_334" class="fnanchor">[334]</a>.</p> - -<div class="sidenote">Lehrschriften über Gnade und Wohltun, über Reichtum u. a.</div> - -<p>Doch das ist belanglos. Jetzt schreibt er vor allem die große -Hauptschrift über die Wohltätigkeit<a id="FNAnker_335" href="#Fussnote_335" class="fnanchor">[335]</a> und die andere über die Gnade -des Herrschers. Er rafft seine Kräfte; er will jetzt sein Bestes tun. -Die zweite ist eine Erziehungsschrift, dem jungen Kaiser überreicht, -der vor Tyrannei, Blutvergießen und jeder herrischen Wallung dringend -verwarnt wird und Milde lernen soll, wie der große Kaiser Augustus -sie übte. Es ist bedeutsam, daß Seneca diese Mahnschrift nicht nur -dem jungen Kaiser in die Hand legte, sondern zugleich kühn ins -Publikum warf. Damit band er sich selbst vor der Öffentlichkeit. Der -Öffentlichkeit vertraute der Minister an, was er von seinem Monarchen -forderte. Nur sein Sturz konnte sein Programm aufheben. Wichtiger noch -das Werk über das Wohltun<a id="FNAnker_336" href="#Fussnote_336" class="fnanchor">[336]</a>. Es ist in der Tat das Vollkommenste, was -die Antike über Menschenliebe, d. h. über die Pflicht sozialer Hilfe -gebracht hat<a id="FNAnker_337" href="#Fussnote_337" class="fnanchor">[337]</a>. Keiner vor Seneca hat etwas Ähnliches, praktisch -Brauchbares geschrieben. Die Sophismen der griechischen Philosophen -schiebt er in überlegener Weise beiseite, alles Schulmäßige streift er -nach Möglichkeit ab<a id="FNAnker_338" href="#Fussnote_338" class="fnanchor">[338]</a>. Und diese Sachen kamen von der höchsten Stelle -im Reich; das ist das ganz Eigenartige: die Regierung selbst predigt -eine neue Ethik.</p> - -<p>So hatten es einst auch Lykurg und Solon bei den Griechen gemacht; so -Moses bei den Juden. So macht es jetzt der römische Staatsmann.</p> - -<p>Und so ist denn auch die Tragweite, die Einwirkung seiner<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> Ethik die -tiefstgehende gewesen; sie reicht deutlich erkennbar durch die nächsten -Jahrhunderte, ja, sie reicht bis heute. Wenn Paulus in dem genannten -Kapitel, nachdem er Senecas Regierung als weltliche Autorität anerkannt -hat, hinzufügt: „Du sollst deinen Nächsten lieben (ἀγαπᾶν) wie dich -selbst<a id="FNAnker_339" href="#Fussnote_339" class="fnanchor">[339]</a>“, so war das eben der Gedanke, den Seneca damals von oben -her in die Welt warf und den Paulus billigte. Die spätere christliche -Kirche konnte in der Tat nichts tun, als diese Lehre festzuhalten, und -es läßt sich schwerlich sagen, daß sie sie wesentlich weiter gefördert -hat<a id="FNAnker_340" href="#Fussnote_340" class="fnanchor">[340]</a>. Ich erwähne das Sklaventum. Noch Thomas von Aquino, der Fürst -der katholischen Dogmatik im 13. Jahrhundert, hält an der Sklaverei als -einer staatlichen Einrichtung fest und ist betreffs der menschlichen -Behandlung der Unfreien nicht über das hinausgekommen, was Seneca -lehrt<a id="FNAnker_341" href="#Fussnote_341" class="fnanchor">[341]</a>.</p> - -<p>Eine persönlichere Note haben andere Schriften Senecas, wie <span class="antiqua">De vita -beata</span>, d. h. „über reiche Lebensführung“ oder über das Wesen des -Reichtums, und die Schrift über die Seelenruhe, <span class="antiqua">De tranquillitate -animi</span>. Man hatte ihm vorgeworfen, daß sich durch Neros launenhafte -Güte ein übergewaltiges Vermögen<a id="FNAnker_342" href="#Fussnote_342" class="fnanchor">[342]</a> in seinen Händen ansammelte. -Seneca legt nun erstlich dar, daß das Arbeiten für Staat und Vaterland -die höchste Pflicht des Lebens ist<a id="FNAnker_343" href="#Fussnote_343" class="fnanchor">[343]</a>, sodann aber, daß nur der -Reichtum einen wirksamen Gebrauch der Tugend möglich macht, d. h. nur -die Geldkraft ermöglicht die soziale Hilfe<a id="FNAnker_344" href="#Fussnote_344" class="fnanchor">[344]</a>. Das Kapital muß nur in -den rechten Händen sein<a id="FNAnker_345" href="#Fussnote_345" class="fnanchor">[345]</a>.</p> - -<p>So dachte er. Nirgends aber finden wir dabei den Ton des Stolzes oder -protzenhafter Selbstüberhebung; vielmehr geht eine gutherzige und -liebenswürdige Bescheidenheit durch all seine Schriften, die echt ist -und sich gleich bleibt<a id="FNAnker_346" href="#Fussnote_346" class="fnanchor">[346]</a>.</p> - -<div class="sidenote">Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt und Ende.</div> - -<p>Senecas großes Bankinstitut — so können wir es nennen; es war -gleichsam eine Reichsvorschußzentrale — gab Darlehen durch alle -Länder, über ganz Europa und Afrika. Wir hören einmal, wie die -jungen Gemeinden in England, welches Land damals eben erst römische -Provinz geworden war, eine Anleihe<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> von 10 Millionen Sesterz bei ihm -gemacht haben und wie er das Geld kündigen muß, weil die Zinsen nicht -einlaufen<a id="FNAnker_347" href="#Fussnote_347" class="fnanchor">[347]</a>. Es ist kindisch zu sagen, daß er keine Zinsen hätte -fordern sollen<a id="FNAnker_348" href="#Fussnote_348" class="fnanchor">[348]</a>. Seneca wußte, daß eine von der Regierung selbst -geleitete Bank für den Staat ein Segen, daß sie aber ohne Sicherungen -nicht operieren kann. Staatsbanken kannte das Altertum noch nicht. -Das Privatinstitut Senecas kam dem am nächsten. Man erinnere sich, -um die Sache richtig zu verstehen, daß auch der kaiserliche Fiskus -das Privatvermögen des Kaisers war, das aber in den Dienst des Reichs -gestellt wurde. Just ebenso machte es Seneca mit seinem Fiskus.</p> - -<p>Ganz abzusondern von dieser gewaltigen geldwirtschaftlichen Arbeit -ist Senecas eigene Lebensführung, seine persönliche großartige -Mildtätigkeit, die, wie wir lesen, auch noch den Nachlebenden als -leuchtendes Vorbild galt<a id="FNAnker_349" href="#Fussnote_349" class="fnanchor">[349]</a>. Er selbst äußert sich maßvoll: er gab -nur mit Wahl. „Ich habe einen Geldsack, der leicht aufgeht, aber -nicht durchlöchert ist, aus dem viel genommen wird, aber nichts -herausfällt“<a id="FNAnker_350" href="#Fussnote_350" class="fnanchor">[350]</a>. Doch hatte eben alles bei ihm großen Stil. Ja, -Tacitus erzählt, daß viele Kinderlose damals dem Seneca ihr Vermögen -vermachten; man wußte das Geld nirgends besser aufgehoben als bei ihm.</p> - -<p>In Nero aber war längst die Bestie erwacht. Das Gräßlichste geschieht. -Nero läßt seine Mutter Agrippina ermorden. Es hieß: Agrippina hätte -auch ihrem Sohne nachgestellt. Das war auch für Seneca die Katastrophe. -Was sollte er tun? Er suchte trotz allem Nero zu halten. Ja, er mußte -Neros Schandtat bemänteln. Er mußte es; denn er brauchte ihn. Er konnte -ohne des Kaisers Zustimmung nicht wirken<a id="FNAnker_351" href="#Fussnote_351" class="fnanchor">[351]</a>. Wenn nur dieser Nero ihm -ferner gefügig blieb!</p> - -<p>Hier müssen wir uns der antiken Denkweise erinnern. Dem Seneca erschien -der jedesmal regierende Kaiser, er sei gut oder schlecht, unantastbar -und durch sein Amt geheiligt, ein Stellvertreter Gottes<a id="FNAnker_352" href="#Fussnote_352" class="fnanchor">[352]</a>, ungefähr -wie der Papst dem römisch-katholischen Christen. Suchen wir eine -Analogie aus unserer Zeit, so läßt sich in der Tat nichts anderes -sagen: der Kaiser Roms war<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Oberpontifex; er war der Papst des -Heidentums. Er ist wie das Wetter, das wir, ob es uns auch vernichtet, -willenlos hinnehmen und nicht ändern können<a id="FNAnker_353" href="#Fussnote_353" class="fnanchor">[353]</a>.</p> - -<p>Hätte Seneca damals rasch entschlossen Nero, den Muttermörder, selbst -aus der Welt geschafft, er hätte es mutmaßlich gekonnt; das Volk hätte -ihm zugejauchzt, und er wäre selbst Kaiser geworden. Es gab in der Tat -Leute, die das von ihm erwarteten. Aber Seneca war kein Sejan; ihm -fehlte der Wille<a id="FNAnker_354" href="#Fussnote_354" class="fnanchor">[354]</a>. Nur ein Soldat konnte Imperator sein, und das war -er nicht.</p> - -<p>Nun wurde er bald genug Neros Opfer. Im Jahre 65 starb er. Nero hatte, -von dem nichtswürdigen Tigellinus beherrscht, Seneca schon aus den -Geschäften verdrängt, auch die Riesenkapitalien ihm abgenommen, um -das Geld für seine goldenen Palastbauten zu verschwenden, und stand -fortan sprungbereit, seinen Lehrer umzubringen. Aber er wagte es -nicht. Seneca war zu angesehen. Nero war zu feige. Das zog sich hin -durch drei Jahre namenloser Erregung<a id="FNAnker_355" href="#Fussnote_355" class="fnanchor">[355]</a>. Aber Senecas Philosophie, -sagen wir besser seine Natur, bewährte sich. Seine Seelenruhe ist -bewundernswert. Denn obschon er jetzt, beständig bedroht, wie auf einem -Vulkan lebte, fand der Rastlose in dieser Zeit trotzdem die Ruhe, nicht -nur ein vollständiges System der Moralphilosophie, das uns verloren -ist, sondern daneben sein großes naturforschendes Werk (wir könnten -es den „Kosmos“ der römischen Literatur nennen), eine Arbeit wirklich -wissenschaftlicher Haltung, vor allem aber seine 124 Moralbriefe zu -schreiben, die uns sein Innerstes erschließen und der gedankenreichste, -unvergänglichste Nachlaß seiner Feder sind. Er wußte, was ihm -bevorstand. In seinem 26. Briefe steht: „Ob ich tapfer bin, werde ich -in meiner Todesstunde zeigen.“ Er hat das durch den qualvollsten Tod -bewahrheitet. Sein gräßliches Martyrium war vernichtend für Nero, für -ihn selbst war es Verklärung. Die antiken Martyrologien erzählten -davon<a id="FNAnker_356" href="#Fussnote_356" class="fnanchor">[356]</a>; seine „letzten Worte“ wurden lange Zeit aufbewahrt<a id="FNAnker_357" href="#Fussnote_357" class="fnanchor">[357]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> - -<div class="sidenote">Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild.</div> - -<p>Sein Werk aber blieb unverloren. Schon Nero nannte es mit seinem -unreinen Munde ein Werk für die Ewigkeit, <span class="antiqua">munera aeterna</span><a id="FNAnker_358" href="#Fussnote_358" class="fnanchor">[358]</a>. -Der beste aller Kaiser Roms war Trajan, auch er ein Spanier wie Seneca; -Trajan aber hat ausdrücklich an Seneca angeknüpft mit der Äußerung, -die Leistungen aller anderen Kaiser stünden hinter Senecas Verwaltung -zurück<a id="FNAnker_359" href="#Fussnote_359" class="fnanchor">[359]</a>. Gleichzeitig tönt uns aus Juvenal die Stimme des Volkes -entgegen: „Hätte das Volk damals zu wählen gehabt, es hätte Seneca -zum Kaiser gewählt“<a id="FNAnker_360" href="#Fussnote_360" class="fnanchor">[360]</a>. So führt die Höhenlinie der großen römischen -Kaisergeschichte von Augustus über Seneca zu Trajan und zu Mark Aurel.</p> - -<p>Auch der Kaiser Mark Aurel war Spanier, und in Mark Aurel hat sich nun -das Ideal ganz verwirklicht: der Philosoph und Menschenfreund hatte -endlich den Thron selbst bestiegen. Schon vorher aber war Kaiser Titus, -„die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts“, wie wir mit Zuversicht -ansetzen, durch mittelbare oder unmittelbare Beeinflussung Senecas zu -dem Musterkaiser geworden, wie Sueton ihn schildert<a id="FNAnker_361" href="#Fussnote_361" class="fnanchor">[361]</a>.</p> - -<p>Dann zerfiel das römische Reich. Aber das Erbe der Humanität Senecas -lebte unverloren weiter. Denn eben diese Humanität ist es, die dem -klassischen römischen Rechte der späteren Kaiserzeit zugrunde liegt -und in ihm praktisch wurde; sie fand aber zum Teil auch Eingang in die -Pflichtenlehre der christlichen Kirchenväter und hat so hineingewirkt -bis in unsere neueste Zeit. Die Kirchenväter hielten seit dem 5. -Jahrhundert Seneca sogar fälschlich für einen Christen; hätten sie es -nicht getan, seine Schriften wären uns mutmaßlich gar nicht erhalten -worden.</p> - -<p>Jetzt ist jeder, der das Liebesevangelium des Christentums würdigen -will, verpflichtet, Senecas Schriften zu kennen.</p> - -<p>Wir aber halten daran fest, daß Seneca ein Mensch aus einem Guß -war, kein Heros, aber doch ein Mann der Aktion großen Stils<a id="FNAnker_362" href="#Fussnote_362" class="fnanchor">[362]</a> -und ein seltener Mann: der im Ewigen zu leben versucht, aber sich -weltbestimmend mitten in die Endlichkeit stellt. Wir halten ebenso -daran fest, daß seine wichtigsten<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Schriften keine Schulabhandlungen -oder gar müßige Stilübungen, wie viele zu glauben scheinen, sondern -daß sie von hervorragend praktischer Bedeutung und das wichtigste -Hilfsmittel des Staatsmannes waren, der da einsah, daß ohne sittliche -Hebung, ohne Brechung des Egoismus, ohne Erweckung der sozialen -Impulse, ohne eine neue Ära des Menschentums die Gesellschaft nicht zu -retten war.</p> - -<p>Auch darin aber stand er ganz auf dem Standpunkt seines Vorbildes, des -Kaisers Augustus.</p> - -<p>Augustus gab seine berühmte Ehegesetzgebung; in gleichem Interesse -schrieb Seneca seine inhaltreiche Schrift „über die Ehe“. Wer will -hier noch den Zusammenhang verkennen<a id="FNAnker_363" href="#Fussnote_363" class="fnanchor">[363]</a>? Aber auch sonst hatte -Augustus das Volk, insbesondere die höheren Stände, durch Verbreitung -moralischer Schriften sanieren wollen. Da der Kaiser sie aber nicht -selbst verfassen konnte, so hob er, wie Sueton erzählt, aus der -besten Literatur der Vergangenheit persönlich viele wertvolle Stellen -aus und verbreitete sie durch Vorlesung und durch Abschriften mit -Hochdruck. Es war ihm bitter ernst damit<a id="FNAnker_364" href="#Fussnote_364" class="fnanchor">[364]</a>. Erst durch diese -Parallele wird Senecas Schriftstellerei ganz verständlich. Auch sie -war in ihren wichtigsten Teilen ein Produkt der <span class="antiqua">actio</span>, nicht -der <span class="antiqua">contemplatio</span>. Seine Schriften sind Regierungshandlungen, -Erzeugnisse der Staatsfürsorge, die aber aus einem warmen, ja, weichen -Herzen kommen, mit dem apostolischen Aufruf an jeden Einzelnen: -Laß dich überzeugen! Der Guten sind zu wenige<a id="FNAnker_365" href="#Fussnote_365" class="fnanchor">[365]</a>. Werde gut, -lerne Menschenliebe, lebe dem Staat und stütze das Ganze. Denn die -menschliche Gesellschaft ist wie ein schwebendes Tonnengewölbe. Ein -Stein muß dem anderen Halt geben, ein gegenseitiges Tragen: sonst -bricht das Ganze zusammen<a id="FNAnker_366" href="#Fussnote_366" class="fnanchor">[366]</a>.</p> - -<p>An die Spitze aber stellte er das alte Gebot, das <span class="antiqua">vetus -praeceptum</span>, das jeder Frömmste auch heute von ihm annehmen kann: -Folge Gott! <span class="antiqua">deum sequere</span><a id="FNAnker_367" href="#Fussnote_367" class="fnanchor">[367]</a>.</p> - -<p>Nur in einem ist Seneca bewußt und geradezu umstürzlerisch über -sein Vorbild Augustus hinausgegangen: in seiner Polemik<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> gegen den -Aberglauben — <span class="antiqua">de superstitione</span> —, in der er weitausholend und -in schneidendem Tone die Äußerlichkeiten im Ritus der herkömmlichen -Gottesdienste sowohl der römischen Staatsreligion wie beiläufig -auch der jüdischen bekämpft hat<a id="FNAnker_368" href="#Fussnote_368" class="fnanchor">[368]</a> von dem Grundsatz aus, daß -der Mensch mit Gott überhaupt nur innerlich verkehren kann und der -Ritus der äußerlichen Gebärden eine Torheit ist<a id="FNAnker_369" href="#Fussnote_369" class="fnanchor">[369]</a>. Auch über das -Begräbniswesen hat er sich auf das freieste geäußert<a id="FNAnker_370" href="#Fussnote_370" class="fnanchor">[370]</a>. Hier steht -Seneca als fortschrittlicher Theologe vor uns, der, wo immer er den -Volksvorstellungen nicht nachgeben zu müssen glaubte, aus Trieb mehr -noch als aus dogmatischen Gründen im Monotheismus lebte. „Gott hat so -viele Namen wie Gaben,“ sagt er<a id="FNAnker_371" href="#Fussnote_371" class="fnanchor">[371]</a>, d. h. der Polytheismus ist nur -eine Vielnamigkeit Gottes. Es ist klar, daß er mit jenen Ausführungen -damals in vielen Herzen dem Christentum freie Bahn geschafft haben -muß; jedenfalls hat er dem Christentum gegen die heidnischen Kulte -die schärfste Waffe geliefert, bis die Kirche selbst dem Ritus der -äußerlichen Gebärden verfiel.</p> - -<p>Man möchte wissen, ob er auch diese destruktive Schrift in der Zeit -seiner Reichsverwaltung geschrieben hat<a id="FNAnker_372" href="#Fussnote_372" class="fnanchor">[372]</a>?</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Griechisch-roemischer_Mummenschanz_und_die_Verhoehnung_Christi">Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi.</h2> - -</div> - -<p>Im Lager der römischen Truppen sitzt Pilatus, der Landpfleger, im -Gebäude des Prätorium zu Gericht über Christus, der sich den König -der Juden genannt hat. Christus ist zum Tode verurteilt. Während er -hinausgeführt wird und durch das Lager schreitet, fallen die Soldaten -über ihn her und treiben grausame Späße mit ihm: sie krönen ihn, geben -ihm Krönungsmantel und Zepter; die Krone machen sie aus Dorngestrüpp; -der Mantel ist wirklicher Purpur (πορφυρᾶ), das Zepter ein Rohr -(κάλαμος). Dies tun sie, wie wir betonen, weil Christus sich selbst -König genannt hat.</p> - -<p>Wir nehmen an, daß dies tatsächlich so vorgefallen. Denn der Vorgang -hat nichts innerlich Unglaubwürdiges. Es ist aber die Frage, ob die -Legionäre ganz aus freien Stücken auf diese grausam theatralische -Art der Verhöhnung, die der Hinrichtung voraufging, verfielen oder -ob gewisse verbreitete Anschauungen ihnen dazu die Anregung gaben. -Waren sie nun aus Gallien, Spanien, Germanien oder einem anderen Teil -des Reichs dorthin versetzt, ohne Zweifel standen sie doch unter dem -Einfluß griechisch-römischer Tradition und Lebensweise. Es ist in -diesem Sinne von verschiedenen Gelehrten verschiedenes kombiniert -worden, Glaubliches und Unglaubliches<a id="FNAnker_373" href="#Fussnote_373" class="fnanchor">[373]</a>. Das vollkommen Zutreffende -scheint mir noch nicht gesagt zu sein.</p> - -<p>Mancher wird wohl mit Scheu Teile der Passionsgeschichte, die der -Gegenstand seiner andächtigen Versenkung sind, in Beziehung gebracht -sehen zu sehr trivialen Verhältnissen des damaligen Lebens. Aber -Christi Leidensgeschichte ist doch in die Gesamtgeschichte der -Menschheit fest eingewebt, und so ist es ein begreifliches Verlangen, -wenn wir die unscheinbaren Fäden zu verfolgen suchen, durch die sie -mit ihrer nächsten Umgebung, mit dem Leben der profanen Wirklichkeit -zusammenhängt. Sie selbst wird dadurch an Glaublichkeit nur gewinnen.</p> - -<div class="sidenote">Die Sakäen. Der Arme als König. Saturnalien.</div> - -<p>Auf der Suche nach Analogien ist man freilich bis zu den<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> Skythen -gelangt. Die Saker (Σάκαι) waren ein Skythenvolk nördlich von Persien. -In Babylonien und bei den Persern feierte man ein nach ihnen benanntes -Fest, die Sakäen (Σάκαια), von dem die Griechen wiederholt berichten. -Der Redner Dio von Prusa weiß darüber mehr als andere und gibt seinem -Publikum den sensationellen Bericht zum besten: Um das Fest dem Ritus -gemäß zu begehen, hatte man einen zum Tode verurteilten Verbrecher -nötig. Der Verbrecher wird auf den Thron des Königs gesetzt, wird -mit dem Königsornat bekleidet und man läßt ihn üppig leben, auch den -Kebsweibern des Königs beiwohnen; dann aber wird er entkleidet, wird -gepeitscht und verbrannt. Es ist das Prinzip der Henkersmahlzeit vor -der Exekution. Wer kann darin aber im Ernste eine Übereinstimmung mit -der evangelischen Erzählung finden? Und was haben die Gewohnheiten der -Römer und Griechen mit den Sakäen zu tun? Vor allem aber besteht der -unabweisliche Verdacht, daß der Redner Dio hier phantasiert oder nur -eine Fabelei anderer zum besten gibt. Dies haben schon andere<a id="FNAnker_374" href="#Fussnote_374" class="fnanchor">[374]</a> mit -Recht gesagt. Denn die ältesten, zuverlässigsten Nachrichten über die -Sakäen wissen von Menschenopfern an diesem bacchantischen Feste nichts.</p> - -<p>Im Altertum war das Königwerden die Traumsehnsucht des Armen. Das ist -Märchenton. „Ich werde König heißen,“ so träumt der darbende Fischer -Gripus beim Plautus, als er einen Goldfund in seinem Netz hat; „ich -will Bürger Athens, nein, ich will Archont, nein, ich will König -werden!“ so träumt auch der gedrückte Sklave bei dem Popularphilosophen -Teles<a id="FNAnker_375" href="#Fussnote_375" class="fnanchor">[375]</a>. Mit Rührung wird uns darum erzählt, wie Alexander der Große -einmal einen Veteranen seines Heeres im Schnee liegen und verschmachten -sieht und wie er ihn großmütig auf seinen Thron setzt, um ihn zu -retten<a id="FNAnker_376" href="#Fussnote_376" class="fnanchor">[376]</a>. Noch beweglicher die Geschichte von dem Kyprier Alynomos, -der vornehm, doch ganz verarmt, einsam in einem Garten lebt. Da wird -das Königtum in Paphos erledigt. Alexander der Große läßt nach Alynomos -suchen. Das Männlein begoß eben ein Beet mit Wasser und<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> erschrak -heftig, als des Königs Gesandte ihn fanden. Im schlichten Kittel wird -er vor Alexander geführt. Der kleidete ihn allsogleich in Purpur und -machte ihn zum König von Paphos. „So macht das Glück Könige,“ ruft -Plutarch aus, der uns dies erzählt; „nur der Anzug wird gewechselt, und -man hofft und gewärtigt es selber nicht.“</p> - -<p>Nur der Anzug wird gewechselt! Verkleidung! Maskerade! Es wäre -begreiflich, wenn auch das Volkstheater damals gelegentlich derartige -Traumkönige auf die Bühne gebracht hätte.</p> - -<p>Lassen wir uns darum zunächst an die Saturnalien Roms erinnern, denen -ein griechisches Kronosfest (Κρόνια) entsprach; es ist ein Umweg, den -wir gehen, aber er wird sich als nicht zwecklos erweisen. In diesem -glückseligen Karneval der alten Saturnalien, dem großen Schenkfest des -Dezember, an dem alljährlich sieben Tage lang die Sklaven als Freie und -die Armen als Reiche galten, gab es auch einen Narrenkönig, der durchs -Los gewählt wurde<a id="FNAnker_377" href="#Fussnote_377" class="fnanchor">[377]</a>.</p> - -<p>Lucian ist uns dafür Hauptzeuge, und er redet von einem zweifachen -Königtum. Erstlich war es der Gott Saturn (Kronos), der beim Fest -selbst auftrat und von jemandem aus der Gesellschaft dargestellt wurde, -und zwar nicht etwa als grämlicher Greis, sondern munter und kräftig, -und, was das wichtigste, im Königsornat<a id="FNAnker_378" href="#Fussnote_378" class="fnanchor">[378]</a>. Es ist ja auch kein -Zweifel, daß der Kronos-Saturn, mit dem der geistreiche Lucian in dem -Schriftenkomplex Nr. 70 sich und seine Leser unterhält, nicht der Gott -selbst, sondern des Gottes Maske ist, d. h. der von einem Menschen im -Mummenschanz dargestellte Festkönig Kronos, der, wenn er den Traurigen -fröhlich machen will, ihm nicht etwa, wie sonst die Götter, im Traum -erscheint, sondern ihn leibhaftig von hinten am Ohr faßt und ihn -gehörig schüttelt, mit dem sich also auch bequem die allerlustigsten -Gespräche führen lassen und der da auch Briefe erhält und schreibt (der -erste dieser Briefe ist von „Ich“ an den Kronos gerichtet). Was Lucian -da gibt, ist nichts anderes als eine Karnevalszeitung, in der Prinz -Karneval-Kronos die Hauptperson ausmacht. Desselben<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Majestät erläßt -denn daselbst auch Gesetze für das Fest, die die Reichen sich in ihren -Atrien auf einer Säule aufstellen sollen; dazu die arge Drohung: Wer -die Gesetze übertritt, den wird dieser König zum Kybelepriester und -Eunuchen machen<a id="FNAnker_379" href="#Fussnote_379" class="fnanchor">[379]</a>.</p> - -<p>In allen Städten, ob groß ob klein, auch in den Feldlagern und Kasernen -war so alljährlich König Kronos zu sehen. Zu seinen Aufgaben aber -gehörte nicht nur, daß er selbst allen voran sich betrank, würfelte -und liebte, sodann auch dies, daß er wieder Festkönige schuf, die -ihm irgendwie unterstellt waren (ἄρχοντας καθιστάναι 70 1, 2). Beim -Wettrinken und Würfeln, heißt es, verleiht er den Sieg und macht, daß -der, der ihn darum recht bittet, König wird<a id="FNAnker_380" href="#Fussnote_380" class="fnanchor">[380]</a>, so daß der so zum -Herrscher Erhobene allen alles befehlen kann, dem einen, daß er einen -satyresken Tanz zum besten gibt, dem anderen, daß er selbst sich als -niederträchtig und gemein beschimpfe, dem dritten, daß er mit der -Musikantin auf dem Arm dreimal ums Haus renne u. a. m. Leider, sagt -Kronos, ist dies Königtum, das ich verleihe, nur kurz; aber das meine -währt ja nicht länger<a id="FNAnker_381" href="#Fussnote_381" class="fnanchor">[381]</a>.</p> - -<div class="sidenote">Der Saturnalienkönig als Tölpel.</div> - -<p>Man kann indes annehmen, daß die von Kronos, d. h. die durch das Los -kreierten Festkönige und der König Kronos selbst gewiß häufig in einer -Person zusammenfielen<a id="FNAnker_382" href="#Fussnote_382" class="fnanchor">[382]</a>. Wie dem auch sei, jedenfalls sah sich auf -diese Weise so mancher arme Schelm aus der Masse des Volkes oftmals -in lustiger Verkleidung zum König erhoben, bis dann mit dem Fest auch -sein Glanz erlosch. Das war also gleichsam ein Theaterspiel, in dem -das schmausende und zechende Publikum selbst die Rollen übernahm, -ein Mummenschanz, in dem der erste beste, er sei noch so kläglich, -als König und Hauptperson Gegenstand parodischer Huldigungen und -durchgängig sehr harmloser Späße wurde<a id="FNAnker_383" href="#Fussnote_383" class="fnanchor">[383]</a>.</p> - -<p>Endlich aber beachte man nun noch, daß von Seneca, wie es scheint, mit -solcher Narrenkönigsrolle die Regierung des Kaisers Claudius verglichen -worden ist. Seneca sagt, daß dieser Claudius sich Zeit seines Lebens -wie ein „<span class="antiqua">Saturnalicius princeps</span>“ benahm<a id="FNAnker_384" href="#Fussnote_384" class="fnanchor">[384]</a>. Damit kann freilich -auch nur gesagt sein, daß Claudius ein Kaiser (<span class="antiqua">princeps</span>) -war, der die Saturnalien<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> liebte. Aber es ist gewiß echter, weil -pointierter, wenn wir verstehen: er benahm sich stets wie ein -Saturnalienkönig<a id="FNAnker_385" href="#Fussnote_385" class="fnanchor">[385]</a>. Das will besagen: seine Diener und Freigelassenen -spielten dem Kaiser auf der Nase herum, und über der unermeßlichen -Vergnügtheit vergaß er alle Pflichten. Ist dies aber zutreffend, so -ist auch der Charakter der Rolle des Saturnalienkönigs noch weiter -klargestellt: wir stellen fest, daß für ihn der Charakter des Tölpels -oder des „Stupidus“ — denn dies war Claudius — wesentlich war.</p> - -<p>Allein diese gutmütigen und platten Späße nützen uns anscheinend in -unserer Sache nichts. Jede Analogie zur Verhöhnung Christi fehlt. Es -fehlt auch jede körperliche Mißhandlung. Es handelte sich ja bei dem -Fest auch nicht um einen zum Tode verurteilten Verbrecher; und der -Saturnalienkönig nannte sich denn doch mit Recht Saturnalienkönig, -Christus nannte sich nach Ansicht seiner Peiniger mit Unrecht König der -Juden.</p> - -<p>Jedenfalls aber ist als unglaubwürdig und schwindelhaft beiseite -zu lassen<a id="FNAnker_386" href="#Fussnote_386" class="fnanchor">[386]</a>, was uns um das Jahr 300 n. Chr. einmal in den Akten -des Hl. Dasius zur Sache gesagt wird. Um nämlich das Heidentum in -Verruf zu bringen, ersannen die christlichen Martyrienerzähler damals -Schreckensmären von Menschenopfern: wenn die Soldaten im Heerlager das -Fest begingen, habe sich der Saturnalienkönig, nachdem er an allen -Freuden des Lebens einige Tage lang sich gütlich getan, den Göttern -schlachten lassen müssen. So wird der Hergang auf einmal ähnlich -dem am Sakäenfest, von dem Dio fabelt. Davon weiß aber das Altertum -tatsächlich nichts. Es ist tendenziöse Erfindung.</p> - -<p>Gehen wir weiter. Jener Mummenschanz, mit dem das Volk Roms und -Griechenlands sein Verbrüderungsfest verschönte und der oft auch den -Armen und Geringen für wenige Tage zum König machte, ließ sich nun -auch wirklich auf das Theater bringen. Dafür haben wir einen Nachweis. -Philos Schrift gegen Flaccus <span class="antiqua">cp.</span> 5 f. ist Zeuge. In Alexandrien -in Ägypten trug sich Folgendes zu.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p> - -<p>Der Judenhaß war in Alexandria eine Macht. Gleichwohl und obgleich er -gewarnt war, begab sich der König der Juden, Agrippa I., von Rom aus -in die erregbare Stadt. Alsbald aber fiel die Spottlust des Janhagels -über ihn her, so oft er sich auf der Straße sehen ließ, und der -römische Präfekt Flaccus rührte sich nicht; er ließ die Straßenpolizei -nicht einschreiten. Als sich Agrippa im Gymnasion zeigte, da griffen -die jungen Leute sich einen nackten, d. h. dürftig gekleideten und -blödsinnigen Menschen (μεμηνώς τις) mit Namen Karabas, der das Gespött -der Straßenjungen war, von der Gasse auf, stellten ihn auf ein Podium, -krönten ihn, indem sie eine offene Buchrolle auf seinem Kopf zum -Diadem zusammenlegten, hingen ihm einen Fußteppich als Krönungsmantel -um und gaben ihm endlich statt des Zepters ein Stück von einem Schaft -des Papyrusschilfs, das weggeworfen auf dem Pflaster lag. Das geschah -aber, sagt Philo, in Nachahmung der Mimen im Theater (ὡς ἐν θεατρικοῖς -μίμοις). Denn diese Leute hatten keine feinere Bildung (βραδεῖς τὰ καλὰ -παιδεύεσθαι), sondern bei den Dichtern der gemeinsten Volksschwänke -gingen sie in die Lehre (ποιηταις μίμων καὶ γελοίων διδασκάλοις -χρώμενοι)<a id="FNAnker_387" href="#Fussnote_387" class="fnanchor">[387]</a>.</p> - -<div class="sidenote">Der Tölpel als König im Mimus.</div> - -<p>Ein Papyrusschaft als Zepter! eine Buchrolle als Krone! Derartige -Verkleidungen sah man damals also wirklich auch auf der Bühne. Aber -auch von dem, was Philo noch weiter hinzufügt, werden wir annehmen -dürfen, daß darin dieselben Theaterstücke nachgeahmt sind, wenn schon -Philo dies nicht ausdrücklich sagt. Denn der Bericht geht weiter. So -stand also Karabas als König da. Junge Leute stellten sich (jedenfalls -auf demselben Podium) als Gefolgschaft um ihn herum und spielten -eine Szene; sie huldigten ihm (ἀσπάζεσθαι) und gingen ihn dann um -Rechtsentscheidungen und um Entscheidungen in Verwaltungssachen -an. Die Menge aber bildete um die Gruppe einen Kreis, wie um den -Pulzinellkasten, und auf einmal scholl aus dem Publikum der Ruf: -„Maris!“ Maris hieß nämlich, sagt Philo, auf syrisch „der Herr“. -Agrippa selbst aber war Syrer.</p> - -<p>Wir dürfen voraussetzen, daß solche Szenen wie die geschilderte<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> -im Volksschwank oder Mimus damals beliebt waren. Daraus hat ein -Gelehrter<a id="FNAnker_388" href="#Fussnote_388" class="fnanchor">[388]</a> den zunächst wirklich naheliegenden Schluß gezogen, daß -auch die Kriegsknechte im Evangelium diesen nämlichen Volksschwank -gekannt haben und daß in der Verhöhnung Christi dieser Schwank von -ihnen nachgebildet, gespielt worden ist. Das Leiden des Herrn eine -Theaterszene! Christus ein Opfer der Parodie und des Mimus!</p> - -<p>In der Tat liebte der Schwank die Parodie; er liebte auch das -Improvisieren, und um den königlichen Prunk nachzuahmen, konnte er -sich damit begnügen, Krone, Mantel und Zepter mit geringwertigen -Gegenständen, wie sie sich eben darboten, zu ersetzen; das wirkte -drollig und rührsam zugleich. Dementsprechend erhält also auch Christus -von den Soldaten das Rohr statt des Zepters, zur Krone aber werden -Dornen verwandt, von denen wir annehmen können, daß sie am nächsten zur -Hand waren. Die Übereinstimmung ist augenfällig.</p> - -<p>Aber wir dürfen auch die Unterschiede nicht übersehen, und der irrt, -wer da glaubt, die biblische Erzählung aus Philo wirklich hinlänglich -erklären zu können.</p> - -<p>Der Pseudokönig Karabas, von dem Philo redet, wird auch aufgefordert, -Recht zu sprechen. Es bleibt aber zweifelhaft, ob das wirklich zu -seiner eigenen Verhöhnung geschah. Wie die Handlung in solchem -Königsmimus verlief, wissen wir gar nicht. Auch Philo sagt es uns -nicht<a id="FNAnker_389" href="#Fussnote_389" class="fnanchor">[389]</a>. Es ist aber denkbar und vorläufig die nächstliegende -Annahme, daß darin einfach der Glückstraum des Armen, von dem ich -sprach, verwirklicht wurde und also die Verlegenheit eines Menschen wie -Alynomos zur Darstellung kam, der, aus der Armut aufgelesen, plötzlich -im Purpur Recht sprechen und regieren soll. Da der Mimus vielfach -ein Spiel aus dem Stegreif war, wurde dabei, wie gesagt, auch das -Königsornat improvisiert und der erste beste Gegenstand dazu verwendet.</p> - -<p>Jedenfalls ist bei Philo nicht Karabas selbst das Ziel des Hohnes, -sondern Agrippa. Nur angesichts des anwesenden Königs Agrippa erhielt -die Karabasszene die Pointe beißender<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> Satire und diente dem Zwecke der -Verhöhnung. Das ist klar. Agrippa sollte sich in dem armseligen Tropf -wiedererkennen. „Auch Agrippa ist nichts als solch ein kümmerlicher -Regent von Glückes Gnaden, der da vom Herrschen und Richten nichts -versteht!“ das war der Sinn, das war der Witz der Sache.</p> - -<p>Suchen wir uns das Theaterstück, von dem die Karabasszene nur eine -Nachahmung war, selbst vorzustellen, so hatte dasselbe sicher keine -Spitze gegen die Juden Alexandriens<a id="FNAnker_390" href="#Fussnote_390" class="fnanchor">[390]</a>. Denn nirgends steht hiervon -irgend etwas angedeutet. Aber auch sonst war das Stück gewiß tendenzlos -und viel mehr rührsam als roh<a id="FNAnker_391" href="#Fussnote_391" class="fnanchor">[391]</a>: sein Gegenstand ein armer Schlucker, -der, wie er sich vielleicht heimlich gewünscht, oder auch ganz gegen -seinen Willen, plötzlich König wird, der sich aber als Stupidus -ausweist und schließlich erleichtert wieder in sein Nichts zurücksinkt.</p> - -<p>Dieser Mimus braucht also von den Königsmaskeraden des -Saturnalienfaschings gar nicht wesentlich verschieden gewesen zu -sein. Im Gegenteil! Kein Zweifel, daß auch die Saturnalienkönige -in schlichteren Verkehrskreisen und in den Kleinstädten nicht etwa -immer in Gold und kostbare Stoffe gekleidet wurden, sondern daß man -sich dabei gerade so, wie wir es beim Karabas sehen, um den Spaß zu -steigern, in echt karnevalistischer Sorglosigkeit mit geringwertigen -und parodistischen Hilfsmitteln begnügte. Vor allem aber beachte man, -daß nach Philo jener Karabas, der den König darstellt, ein Blödsinniger -oder Schwachsinniger ist. Der dämlichste Mensch wird ausgesucht; er -war für diese Rolle just der geeignetste. Ganz ebenso haben wir aber -vorhin auch für den Saturnalienkönig den Charakter des Tölpels und -Stupidus festgestellt, genauer den Charakter des „<span class="antiqua">fatuus</span>“ oder -Blödsinnigen, der auch im Sprichwort ausdrücklich mit dem „König“ -zusammengebracht wurde; ich meine das Sprichwort, von dem Seneca -in seiner Claudiussatire ausgeht: <span class="antiqua">aut fatuum aut regem nasci -oportere</span>: „ein wahrer König oder ein wahrer Stumpfbold kann man -nur von Geburt sein!“ Kaiser Claudius aber,<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> der Saturnalienkönig, war -sogar beides in eins, <span class="antiqua">fatuus</span> und <span class="antiqua">rex</span><a id="FNAnker_392" href="#Fussnote_392" class="fnanchor">[392]</a>.</p> - -<p>Aber die Ähnlichkeit zwischen Karabas und dem Kaiser Claudius geht -noch weiter. Die wirklichen Verdienste dieses Regenten kommen hier -natürlich nicht in Betracht, sondern nur die Anschauung, die über -ihn in seiner eigenen Familie, in der vornehmen Welt Roms und, als -Claudius starb, auch bei Seneca herrschte. Danach war Claudius -„<span class="antiqua">fatuus</span>“, schwachsinnig und unzurechnungsfähig von Geburt -an<a id="FNAnker_393" href="#Fussnote_393" class="fnanchor">[393]</a>, wie Karabas. Aber er hatte gar keine Aussichten, König zu -werden, und lebte die längste Zeit seines Lebens ganz verborgen und -verachtet<a id="FNAnker_394" href="#Fussnote_394" class="fnanchor">[394]</a>, wie Karabas. Wider den eigenen Willen wird er dann zum -Monarchen erhoben, wie Karabas. Aber er benimmt sich dabei wie ein -alberner Saturnalienkönig, so wie sich ohne Frage auch Karabas in der -Mimusszene seiner Natur gemäß verhalten haben muß. Nach dem Ausdruck -Senecas<a id="FNAnker_395" href="#Fussnote_395" class="fnanchor">[395]</a> dehnte Claudius die Saturnalien als Saturnalienkönig über -das ganze Jahr aus; d. h. sein Narrenregiment kam nie zu Verstande. Wer -will leugnen, daß zwischen der Vorstellung vom Saturnalienkönig und dem -einfältigen König im Mimus bei Philo kein wesentlicher Unterschied, -sondern vielmehr ein naher Zusammenhang besteht?</p> - -<p>Blicken wir endlich zurück und vergleichen nochmals den -Evangelienbericht, so ergibt sich nun mehr als ein Unterschied. Denn -in der Bibel will Christus selbst König sein, und das ist es, weshalb -er verhöhnt wird. Bei Philo will Karabas selbst durchaus nicht König -sein, und darum richtet sich der Hohn der Mitspieler auch nicht gegen -ihn, sondern nur gegen den König Agrippa, der zuschaut. Der Unterschied -liegt auf der Hand. Er macht aber die vorhin bemerkte Übereinstimmung -zwischen der Karabasszene und dem Evangelienbericht vollkommen -illusorisch.</p> - -<p>Dazu kommt der zweite und bedeutendere Unterschied, daß dem Mimus -nämlich augenscheinlich jede rohere Handlung abging. In den Evangelien -gipfelt ja die grausame Komödie<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> darin, daß die Soldaten, die eben noch -vor Jesus knieten und ihn begrüßten: „Sei gegrüßt, König der Juden!“ -ihn plötzlich anspeien und ihm mit dem gewiß sehr festen Rohr, das -als Zepter dient, aufs Haupt schlagen. In der Szene, die Philo gibt, -denkt niemand daran, Karabas zu vergewaltigen. Wir müssen also den -griechischen Mimus mit Nachdruck von aller Schuld lossprechen: zu der -Christuspassion hat sein Vorbild ganz gewiß keinen Anlaß gegeben.</p> - -<p>Es fehlt demnach immer noch der Nachweis, woher es kommt, daß dieselbe -Person, der man den königlichen Schmuck anlegt, auch Gegenstand der -Verhöhnung, ja, auch der Züchtigung und Peinigung wird.</p> - -<p>Man wird ein weiteres Suchen wertlos und zwecklos finden. Die -Geschichte der Schrift, kurz und ergreifend wie sie ist, erklärt sich -aus sich selber. Die Handlung entstand aus der Situation. Ganz ohne -Zweifel! Wozu also noch weitere Analogien? Und doch wird, was wir -lesen, begreiflicher, es verliert gleichsam das Zusammenhanglose und -stellt sich auf den Boden der Zeitgeschichte, wenn wir uns noch an -anderes erinnern und bei den Römern selbst weitere Belehrung suchen. -Wir fragen nicht den Mimus, sondern die Geschichte.</p> - -<div class="sidenote">„<span class="antiqua">Sardi venales</span>“. Vitellius’ Ende.</div> - -<p>Ich denke zunächst und vor allem an die „<span class="antiqua">Sardi venales</span>“ Roms, -so seltsam sie klingen und so verschüttet auch ihr Andenken bei den -Historikern ist. Als die Etrusker niedergeworfen, als Veji, die -mächtigste Feindin in Roms Nähe, erobert war, wurde in Rom an den -kapitolinischen Spielen<a id="FNAnker_396" href="#Fussnote_396" class="fnanchor">[396]</a>, die nie staatlich, sondern von einer -Privatgenossenschaft im Oktober ausgerichtet wurden, eine symbolische -Handlung üblich, die seitdem jährlich sich wiederholte; es war eine -Auktionsszene. Aus der Schar der verkäuflichen Sklaven wurde ein -möglichst kümmerlicher Greis (<span class="antiqua">senex deterrimus</span>) ausgewählt, in -das königliche Prachtornat der Etrusker nebst goldner „<span class="antiqua">bulla</span>“ -eingekleidet und so fürstlich angetan zum Verkauf vom Forum auf das -Kapitol über die <span class="antiqua">Sacra via</span> geführt. Es war dies also der König -Vejis selbst, in tragikomischer Travestie, an dem sich<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> das übermütige -Volk der Sieger „voll Hohn“<a id="FNAnker_397" href="#Fussnote_397" class="fnanchor">[397]</a> immer wieder belustigt hat. Wie leicht -hätte da auch schon der Spott die Formel finden können: „Sei gegrüßt, -König der Etrusker!“ In Wirklichkeit wird uns auch hier wieder (wie bei -Karabas und Kaiser Claudius) die Dummheit dieses Königs betont<a id="FNAnker_398" href="#Fussnote_398" class="fnanchor">[398]</a>; -sonst hören wir nur, daß ein Marktschreier (<span class="antiqua">praeco</span>) den -Spottkönig nebst Gefolge mit dem Ausruf „<span class="antiqua">Sardi venales</span>“, d. h. -„hier sind Sarder zu kaufen!“ begleitete. Die Etrusker leiteten sich -nämlich von Sardes in Kleinasien her.</p> - -<p>Zu körperlichen Mißhandlungen kam es jedoch hierbei nicht. Denn -man hatte den König Vejis nicht selbst vor sich, sondern nur sein -mimisches Abbild. Sowohl Einkleidung aber wie Verhöhnung liegt hier, -wie man sieht, tatsächlich vor; nach Plutarchs Zeugnis sah man diesen -Spottkönig in Rom wirklich alljährlich bis in seine Zeit, d. h. bis -zum Jahre 100 n. Chr. und später<a id="FNAnker_399" href="#Fussnote_399" class="fnanchor">[399]</a>, also eben in der Zeit, als -die Evangelien geschrieben wurden, und wir beginnen schon jetzt zu -begreifen, wie es gekommen, daß auch die Einkleidung des „Königs der -Juden“ Jesus Christus und seine Verhöhnung von den Kriegsleuten eben -desselben Volkes geschah, bei dem solcher brutaler Mummenschanz zum -alljährlichen Festprogramm gehörte.</p> - -<p>Ein paar Jahrzehnte aber nach Christi Leiden spielt sich in Rom der -Tod des Kaisers Vitellius ab. Da hören wir<a id="FNAnker_400" href="#Fussnote_400" class="fnanchor">[400]</a>: Vespasians Truppen -rücken gegen Roms Mauern. Vitellius ist besiegt. Er hat seinen Purpur -abgeworfen und verbirgt sich auf dem Palatin, in Lumpen gekleidet, um -nachts nach Terracina zu entweichen. Die feindlichen Soldaten aber, die -sein Kaisertum nicht anerkennen und bekämpfen, suchen nach ihm, finden -ihn beschmutzt und mit Blut besudelt. Sie zerreißen ihm das Kleid am -Leibe, binden ihm wie einem verurteilten Verbrecher die Hände auf den -Rücken, führen ihn über die <span class="antiqua">Sacra via</span>, wo er noch gestern im -königlichen Wagen fuhr, auf das Forum, wo er sonst als Herrscher Recht -gesprochen. Und die einen schlagen ihn nun, die anderen zupfen ihn am<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> -Kinn, alle verspotten ihn voll Übermut, indem sie ihm sein wollüstiges -Leben vorwerfen. Er senkt den Kopf vor Scham. Da stechen sie ihn von -unten mit den Dolchen ins Kinn, so daß er das Haupt aufrichten muß. -Ein keltischer Soldat hat Mitleid und versucht Vitellius zu töten, -um ihm weitere Grausamkeiten zu ersparen. Aber der Versuch mißlingt, -und mit Gelächter geht es weiter bis zum Gefängnis. Endlich wird er -niedergehauen.</p> - -<div class="sidenote">Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers.</div> - -<p>Christus und Kaiser Vitellius! welch eine Zusammenstellung! Und doch -haben wir in jener wüsten Greuelszene endlich ein wirkliches Pendant zu -dem gefunden, was die Soldaten dem Heiland vor seiner letzten Stunde -angetan. Hier haben wir das, was im Mimus bei Philo vollständig fehlt: -der Mann, der da leidet, ist Prätendent; Vitellius prätendiert Kaiser -zu sein; Christus prätendiert König zu sein. Darum und durch diesen -Anspruch lenken beide den Hohn auf sich, und darum werden sie auch -gepeinigt, damit sie nämlich an ihrem Leibe ihre Wehrlosigkeit merken -und wie wenig sie in Wirklichkeit König sind. In beiden Fällen handelt -es sich außerdem um die Hinrichtung des Prätendenten; in beiden Fällen -aber kann die Soldateska Roms sich nicht entschließen, sie sofort zu -vollstrecken, sondern treibt zuvor, wie das Raubtier mit seiner Beute -ein grausames Spiel, wobei zu den Spottreden die Stockschläge kommen -(ῥαπίζειν Cassius Dio; διδόναι ῥαπίσπατα Evangel. Johann. 19, 3).</p> - -<p>Es ist gut, den römischen Soldaten zu kennen, wenn man sein Verhalten -verstehen will. Was ich aber behaupte, ist zweierlei, und dies muß -scharf unterschieden werden.</p> - -<p>Wenn die Soldaten auf den für sie ergötzlichen Einfall kamen, -Christus als König zu verkleiden und zu krönen, so ist ihnen das -gewiß eingegeben durch die Erinnerung an einen Mummenschanz, der, -wie gezeigt, damals auch sonst im Schwang und weit verbreitet, der -gelegentlich im Volkstheater des Mimus zu sehen, der vor allem in -Rom alljährlich im Oktober beim kapitolinischen Fest der <span class="antiqua">Sardi -venales</span> und gleich<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> danach im Dezember beim Saturnalienfest gang -und gäbe war. Das Wichtigste an dem Hergang im Evangelium erklärt sich -jedoch vielmehr aus dem historischen Moment selbst, aus unmittelbarer -Eingebung und aus der brutal kaltherzigen Grausamkeit des gemeinen -Mannes im Heer, jenes römischen Söldlings, der die Könige Mazedoniens -und Numidiens dereinst gefangen nach Rom geschleppt und für den jetzt -eben die Zeit herankam, wo er frevelhaft übermütig die Kaiser Roms -selbst machte und wieder vernichtete. So sehen wir, wie er sich daran -weidet, als Henkersknecht seine Übermacht an dem Wehrlosen auszulassen, -der den Purpur beansprucht, ohne ihn behaupten zu können. Diese -unheimlich gärende Macht, die sich zuerst beim Tode des Vitellius vor -uns so grausig und erschreckend enthüllt, dieselbe ist es auch, die -sich im gleichen Triebe, aber voll Mißverstand an dem „König“ Christus -vergriffen hat.</p> - -<p>Wir haben bisher nur die roheren Volksschichten des antiken Lebens, die -einer höheren Schulbildung und dem veredelnden Einfluß der griechischen -praktischen Philosophie nicht ausgesetzt waren, ins Auge gefaßt. Das -ist aber ungerecht. Versuchen wir daher schließlich auch noch, uns -vorzustellen — und das ist wertvoller als alles bisher Gesagte —, -welchen Eindruck die evangelische Erzählung, von der wir gehandelt, -zur Zeit, als sie erschien, auf die wirklich gebildete griechische -Welt machte, d. i. vor allem auf solche Männer — und sie zählten -allerorts zu Tausenden —, denen Religiosität und Trieb zur sittlichen -Läuterung damals die wichtigsten Werte und Kraftquellen der Kultur und -aller menschlichen Existenz schienen. Ich meine die Anhänger der Stoa -und des Cynismus, die da Reichtum und Ehre und Luxus und selbst die -Liebesfreuden verachten lehrten, sich allen sog. Glücksgütern entzogen -und die Selbstzucht bis zur Bedürfnislosigkeit trieben. So sehr sie -auf den Kaiser Roms herabsahen: der Königsbegriff stand als Gipfel des -Wünschenswerten doch auch bei diesen Männern obenan. Diogenes braucht -einen Alexander den Großen,<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> um sich sagen zu können: ich bin mehr als -er. König sein! das ist auch hier das Schlagwort. Mit lang hallendem -Echo geht das Wort durch die Jahrhunderte hindurch: „Wer entsagt, ist -König!“ <span class="antiqua">Rex eris!</span> Wozu Belege häufen? Ich zitiere für hundert -Stellen nur die eine, wo Epiktet in seinen herben Diatriben von dem, -der sich, rasch entschlossen, dem mönchischen Leben des Cynikers -zuwendet, sagt, daß er nach Zepter und Königtum greift und daß Zeus -selbst es ist, der ihn mit Zepter und Diadem bekleidet<a id="FNAnker_401" href="#Fussnote_401" class="fnanchor">[401]</a>.</p> - -<p>Zepter und Krone! Gott gibt sie dem, der sich selbst überwindet! In -diesem Sinne und als geläufiges Symbol für den moralischen Sieg der -Vollkommenheit im Guten muß damals die Krönung Christi auch auf den -stoisch-cynisch erzogenen Griechen tief gewirkt haben. Die Krieger -hatten an Christus wider Willen das Rechte getan.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Witzliteratur_und_Gesellschaft_in_Rom">Witzliteratur -und Gesellschaft in Rom.</h2> - -</div> - -<p>Die erhabene Muse, die Begeisterung und Andacht wirkt, greift nur in -den Himmel zu den Göttern oder in die Vergangenheit, wo die sagenhaften -Helden wachsen, auf die kein Staub des platt Alltäglichen und der -trivialen Wirklichkeit fällt. Wer die Ideale eines Volkes kennen lernen -will, lausche ihrer erhabenen Dichtkunst; wer ihre natürlichen Triebe -und Instinkte, der suche seine Scherz- und Spottpoesie auf. Auch sie -hat ihre Muse, hat Kunst und Grazie; aber diese Muse schaut nach unten. -Indem <em class="gesperrt">ein</em> Volksgenosse mit Witzen oder Sticheleien über den -anderen herfällt, lernen wir seine Opfer, lernen wir auch ihn selbst, -der da redet, nahezu persönlich kennen, und das Menschentum selbst -steht lebendig vor uns.</p> - -<p>Die alte römische Literatur ist an Invektiven reich; der Römer war in -allem stark und wuchtig, so auch im Schimpfen; er verstand sich aber -auch auf die Kurzrede, auf den scharfen Schliff des Worts.</p> - -<p>Dabei ist es wichtig, zu beachten, welche Angriffsobjekte gewählt -werden und welche man vermeidet. Denken wir an unsere heutigen -Witzblätter. Der „Simplizissimus“, dessen künstlerische Leistungen -so hoch stehen, kannte keine Rücksicht und Vorsicht und übergoß, -weit ausgreifend, auch den Offiziersstand, auch hohe Chargen und -Würdenträger, auch Geistliche mit seinem ätzenden Hohn. Gutherzig -zurückhaltend sind dagegen die „Fliegenden Blätter“, auch „Meggendorf“. -Unser Wilhelm Busch hat sich wohl gelegentlich am Hlg. Antonius -vergriffen, den Militärstand hat er geschont. Bauern in ihrer -tollpatschigen Naivität führen uns die „Fliegenden Blätter“ vor, -Gauner vor Gericht, Geldprotzen, die gern adelig wären oder sonst dick -tun, verstiegene Dichterlinge, Hausfrauen, die nicht kochen können, -oder solche Schönen, die, um zu glänzen, ins Bad reisen wollen und -ihrem ächzenden Gatten das Geld aus<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> der Tasche locken, um der Mode -zu frönen; dazu auch junge Leutnants mit dem Monokel und palmenhaft -schlanker Taille. Man lacht über all die Albernheit, aber man lernt -trotzdem das Volk, insonderheit den süddeutschen Menschenschlag, dabei -lieben; man muß ihm gut sein.</p> - -<p>So führen uns nun auch die römischen Spottdichter in das Stadtvolk, -allerdings leider nur in das römische Stadtvolk ein. Auch Rom hatte -seine fliegenden Blätter; aber sie fliegen nicht mehr, sondern vieles -ist davon verloren und verflogen; der Rest ist festgeheftet im Buch -der strengen Literaturgeschichte, und wir müssen sie erst wieder -herauslösen und sie wieder in Flug bringen, damit sie leben und lachen.</p> - -<p>Wenn wir hier auch von der großen Komödie des Plautus und Terenz ganz -absehen, so bleiben noch Dichter genug, an die wir uns halten können: -die Reste der Togatendichtung, des Lucilius und der Atellane, sodann -Catull, Horaz, die sonstigen Satiriker, vor allem Martial. Gröbster -Schimpf, harmlose Scherze klingen da durcheinander. Sehen wir einmal -nach, was sie uns bringen und sagen können.</p> - -<div class="sidenote">Die Zote. Tendenzlos Lustiges. Die Invektive.</div> - -<p>Ein beträchtlicher Teil fällt da freilich gleich für uns weg: das -Gebiet der Unanständigkeiten. Die Zote gehörte damals als etwas -Selbstverständliches zum Witz, bei Griechen und Römern, ein Merkmal -primitiver Urwüchsigkeit, und war nahezu die ergiebigste Quelle für -die Satire. Um jemanden gesellschaftlich tot zu schlagen, war dies die -bequemste Waffe: man warf ihm sexuelle Gemeinheiten vor. Ob wahr oder -unwahr, es blieb immer etwas haften. Auch Julius Caesar ist dem nicht -entgangen.</p> - -<p>Aber das war nicht nur im Altertum so. Das Christentum hat darin -keinen Wandel geschaffen. Das Obszöne gehörte zum Witz durch das ganze -Mittelalter (man denke nur an die Fastnachtspiele); es machte sich auch -im 16. Jahrhundert erschrecklich breit, ja es reicht noch weiter bis -in unsere nächste Nähe. Erst das 19. Jahrhundert hat sich gründlicher -davon gesäubert. Diese Dinge bilden ein Stoffgebiet für sich, das wir -nicht übersehen<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> dürfen. Wir stellen sein Vorhandensein fest, aber wir -wollen nach Möglichkeit vermeiden, es zu betreten.</p> - -<p>Drei Arten derjenigen Dichtkunst, die sich nicht in rein ernsthaftem -Ton hält, lassen sich, wenn schon die Grenzlinien oft nicht scharf -verlaufen, unterscheiden. Oft hat sie nur den Zweck der tendenzlosen -Belustigung, was die Griechen u. a. Hilarodia (ἱλαρῳδία) nannten. -Man soll nur sorglos lachen. Dahin gehören solche Sachen im Stil -der Jobsiade wie der Margites der Griechen oder die Geschichte, wie -Odysseus den Zyklopen übertölpelt; dann aber auch das ganze Gebiet -der Travestie, die dabei leicht in das Schlüpfrige geht; man denke -an Offenbachs Schöne Helena; und diese Spaßmacherei und Ulk wird -schließlich kraß realistisch in der Gartendichtkunst der Priapeen.</p> - -<p>Anders liegt die Sache beim persönlichen Angriff, wo sich die Bosheit -regt. Das Lachen, das da entsteht, ist Schadenfreude, moralische -Vernichtung der Zweck. Hier regt sich der Schimpf und greift zu -allen Mitteln der Übertreibung und des Grotesken. So fiel schon -Nävius über den großen Scipio her, Catull und Calvus über Caesar, -Cicero über Antonius, Claudian über Eutrop, den allmächtigen Eunuchen -am christlichen Kaiserhof. Tapfer ist es, wenn die Dichter sich -dabei offen mit Namen nennen, und Nävius erntete für seine Angriffe -Kerkerhaft, Antonius ließ Cicero köpfen. Am häufigsten waren dagegen -anonyme Pasquille, die man an die Türen heftete und die das Volk durch -die Gassen schrie, so die Verse über den Kaiser Tiberius:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Unhold bist du und hart. Um dir kurz, was ich meine, zu sagen:</div> - <div class="verse indent0">Köpfen laß ich mich gleich, wenn eine Mutter dich liebt<a id="FNAnker_402" href="#Fussnote_402" class="fnanchor">[402]</a>.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Oktavian, der Triumvir, war ein schlechter Feldherr. Die Militärs in -Rom hatten ihren Spaß daran, wie kläglich es ihm im Seekrieg mit Sextus -Pompejus bei Sizilien erging. Da ging der Vers um:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Beide Seeschlachten verloren!</div> - <div class="verse indent0">Beide Flotten! Wie von Sinnen</div> - <div class="verse indent0">Würfelt er jetzt täglich: „Lernt’ ich</div> - <div class="verse indent0">Doch beim Knobeln das Gewinnen!“</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> -<p>Auch aus dem Kleinleben des verschütteten Pompeji sind uns solche -Anwürfe bekannt. Man kreidete sie an die Wände, um den Mitbürger zu -ärgern, und da stehen sie z. T. noch heute. Zum Beispiel „Samius -wünscht seinem Kollegen, er möge sich erhängen!“ oder „Der Restitutus -hat oft viele Mädchen betrogen,“ oder in der Schenke an der Wand:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Kneipwirt, möchten solche Lügen</div> - <div class="verse indent0">Auch einmal dich selbst betrügen.</div> - <div class="verse indent0">Selber trinkst du reinen Wein,</div> - <div class="verse indent0">Andern schenkst du Wasser ein<a id="FNAnker_403" href="#Fussnote_403" class="fnanchor">[403]</a>.</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="sidenote">Satire. Togatkomödie.</div> - -<p>Während diese Sachen meist kurz sind, je kürzer, je wirksamer, wie -gespitzte schlanke Pfeile, liebt die dritte Dichtungsform, von -der ich zu reden habe, vielmehr den breiten Aufbau; sie schreitet -im breiten Faltenwurf daher. Es ist die römische <em class="gesperrt">Satire</em>. -Der römischen Satire genügt das Spotten nicht; sie will erziehen. -Griechische Humoristen, die zwar bitter ernst in das Leben sahen, -aber das Laster nur für eine Torheit der Seele, die Tugend nur für -Klugheit hielten, haben die satirische Predigt erfunden. Sie lag dem -Römer vortrefflich, er ergoß sein ganzes eigenartiges Wesen hinein und -hat sich in ihr ausgelebt von dem großen Lucilius an bis Juvenal und -weiter. Die Spottgedichte Martials sind nur kleine lachende Kobolde; -die Satire schreitet hochgewachsen, matronenhaft als weise Frau und -Gouvernante von Beruf mit strengem Blick und greller Stimme durch -die Jahrhunderte Roms, unermüdlich und mit spitzer Zunge scheltend, -polternd und ermahnend; denn sie will Rechtschaffenheit, anständige -Gesinnung, Wahrheitssinn, bisweilen auch Güte des Herzens lehren und -den kleinsinnigen, abgefeimten Praktikern des Lebens die edleren Werte -vorhalten, sie an das Sittliche gewöhnen. Da greift sie sich dann den -und jenen aus dem Publikum, legt ihn übers Knie und schwingt die Rute, -daß er es fühlt und die Zuschauer lachen, aber durch das statuierte -Beispiel klug werden. Dann ruht sie aus, schlägt die Hände zusammen -und schüttelt sich vor Lachen. Römische Satire und Kapuzinerpredigt: -da ist kaum ein Unterschied.<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Wir wissen, wie der Kapuziner zu den -Wallensteinern spricht. Abraham a Santa Clara ist der nächste Verwandte -Juvenals.</p> - -<p>Die Satire hat in der Tat einen hohen Beruf erfüllt und will ernst -genommen werden. Die winzigen Spottepigramme dagegen, im Distichon, -Jambus oder Phaläceus, sind Späße des Augenblicks, und der Leser huscht -rasch von einem zum anderen. Wozu sie behalten? Es lohnt nicht.</p> - -<p>Für den Spätgeborenen aber lohnt das Verweilen doch; ich meine für -den, der den Augenblicksmenschen der Gegenwart in der Vergangenheit -wiederzufinden sucht. Im Epigramm ist das Leben lebendig: natürliches -Leben; Augenblicksleben; römisches Volksleben! Das ist es, was uns -jetzt kurz beschäftigen soll.</p> - -<p>Einen Vorklang dessen, wonach wir suchen, bringt schon das alte -Volkslustspiel der sogenannten Togatkomödie. Nävius, Titinius, Atta -und Afranius waren ihre Vertreter. Nur kurze Späßchen sind uns leider -daraus erhalten; aber sie wirken mitunter wie Epigramme und werfen ein -kurzes Schlaglicht auf die Personen, die da auftraten und die für uns -sonst ganz im Dunkeln stehen. „Armselig die Eheherren, die bei ihren -Frauen die Magd spielen! Nur die große Mitgift macht’s<a id="FNAnker_404" href="#Fussnote_404" class="fnanchor">[404]</a>.“ Und diese -Weiber sind dem Wein nicht abhold: „Gebt ihr zu trinken,“ heißt es; -„denn sie ist eben in Wut<a id="FNAnker_405" href="#Fussnote_405" class="fnanchor">[405]</a>.“ Ein Modefatzke tritt auf, und man fährt -ihn an: „Du trägst ja gedrehte Stirnlöckchen wie ein Hermaphrodit<a id="FNAnker_406" href="#Fussnote_406" class="fnanchor">[406]</a>.“ -„Deine Frau ist zu protzig,“ rät ein Freund dem anderen; „schaff’ Wagen -und Maultiere ab und laß sie zu Fuß trollen<a id="FNAnker_407" href="#Fussnote_407" class="fnanchor">[407]</a>.“ Das Straßenleben -tut sich auf, und wir hören den Vorwurf: „Du schreist so auf offener -Straße? Schämst du dich nicht vor dem Publikum<a id="FNAnker_408" href="#Fussnote_408" class="fnanchor">[408]</a>?“ Endlich der weise -Satz: „Es lohnt sich für das Kind nicht, daß seine Eltern leben, wenn -sie lieber Furcht als Ehrfurcht erregen wollen<a id="FNAnker_409" href="#Fussnote_409" class="fnanchor">[409]</a>.“</p> - -<div class="sidenote">Pasquille. Catull gegen Caesar.</div> - -<p>Die Stücke, aus denen dies genommen ist, waren noch altrömisch; sie -fallen noch früher als Ciceros Zeit. In der Zeit Ciceros, da blühte -in Rom nun auch schon das <em class="gesperrt">Pasquill</em>,<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> und da hören wir auch -Namen. Das kühne Wort herrscht. Ein Versteckenspielen gibt es nicht. -Ein gewisser Caninius war Konsul in Rom geworden; aber schon folgenden -Tages mußte er wieder aus dem Amt; er hat also in seiner hohen Würde -nur allzu wenig Schlaf gefunden. Cicero selbst war es, der ihn darum -dem Gelächter preisgab:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Caninius ist wach; das ist er in der Tat.</div> - <div class="verse indent0">Er schlief nur <em class="gesperrt">eine</em> Nacht in seinem Konsulat!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Allerliebst ist das, aber immerhin noch harmlos. Das Gegenteil des -Harmlosen aber war <em class="gesperrt">Catull</em>, Ciceros jüngerer Zeitgenosse. Lieb -und treuherzig, warm und herzgewinnend in seinen anderen Gedichten, -die von Liebe und Freundschaft singen, ist Catull Gift und Galle, wo -er angreift, und das unsauberste Wort ist dem Schonungslosen da gerade -recht. Abwischpapier nennt er das neue Epos des Volusius. So warf er -sich auch auf Julius Caesar. Caesar wurde eben damals groß. Er wurde es -durch die Unterstützung des großen Pompejus. Gleichzeitig gab Caesar -dem Pompejus seine junge Tochter Julia in die Ehe; Pompejus war also -Caesars Schwiegersohn. Den gallischen Krieg hatte er durchgefochten; -Mamurra hieß da der Hallunke und Durchgänger, der im gallischen -Krieg Caesars rechte Hand war, nicht nur als Genieoffizier, der beim -Brückenbau und allem Kriegstechnischen half, sondern auch als Räuber -und Ausplünderer des neu unterjochten Landes. Nicht nur mit der -rechten, mit beiden Händen griff damals Caesar und seine Kreaturen nach -Galliens Reichtümern. Wie ein Wutschrei der Entrüstung sind die Verse, -mit denen Catull sofort über Caesar und Mamurra herfällt. Für den -Augenblick hastig hingeworfen, sind sie doch ewige Geschichtsdenkmäler, -diese Verse. Das Hauptstück sei, damit jenes erregte Leben vor uns -aufgehe, hierhergesetzt, indem ich jedoch nicht versäume, einige -unerhört krasse Ausdrücke zu mildern<a id="FNAnker_410" href="#Fussnote_410" class="fnanchor">[410]</a>:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Wer kann dies nur mit ansehn, wer es dulden nur,</div> - <div class="verse indent0">Der nicht ein Hurer, Schlemmer und ein Spieler ist,</div> - <div class="verse indent0">Daß nun Mamurra sein nennt, was an Üppigkeit</div><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> - <div class="verse indent0">Großgallien und das ferne Britenland besaß?</div> - <div class="verse indent0">Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?</div> - <div class="verse indent2">Und übermütig, übertriefend soll er jetzt</div> - <div class="verse indent0">Durchwandeln dürfen jedes beste Bettgemach,</div> - <div class="verse indent0">Ein zärtlich weißer Täuber und Adonis? Wie?</div> - <div class="verse indent0">Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?</div> - <div class="verse indent0">Du Hurer, Schlemmer und du Spieler, der du bist!</div> - <div class="verse indent2">Das war’s, warum du einzig großer General</div> - <div class="verse indent0">Auf der gen Westen allerfernsten Insel warst,</div> - <div class="verse indent0">Damit hier euer Wüstling, der verbuhlteste,</div> - <div class="verse indent0">Zwei Millionen oder drei verspeisen kann?</div> - <div class="verse indent0">Was füttert ihn die alberne Freigebigkeit?</div> - <div class="verse indent0">Hat er genug verjuxt nicht? nicht verpraßt genug?</div> - <div class="verse indent2">Sein väterliches Erbe bracht’ er durch zuerst;</div> - <div class="verse indent0">Zu zweit die Pontusbeute, dann die spanische</div> - <div class="verse indent0">Als dritte, die der goldesreiche Tajo kennt.</div> - <div class="verse indent0">Und Gallien und Britannien kennt die letzte gar.</div> - <div class="verse indent2">Was hegt ihr diesen Schurken? Was versteht er denn,</div> - <div class="verse indent0">Als Güter bloß zu schlucken, die die fettsten sind?</div> - <div class="verse indent0">Das war’s, warum ihr, Schwiegervater, Schwiegersohn,</div> - <div class="verse indent0">Die Welt zertrümmert, ihr beschmiertesten der Stadt?</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Lärm und Orkan der großen, der größten Weltgeschichte: davon spüren wir -etwas in diesem Probestück. Caesar suchte seinen Frieden mit diesem -jungen, sprühenden Genie zu machen; aber Catull beruhigte sich nicht, -und wir hören, wie er noch weiter droht: „Abermals sollst du dich -über meine Jamben erbosen, du einziger Feldherr<a id="FNAnker_411" href="#Fussnote_411" class="fnanchor">[411]</a>.“ Dann starb der -heißblütige Dichter. Er starb früh; Caesar überlebte ihn.</p> - -<div class="sidenote">Vergil gegen Noctuin und gegen Sabinus.</div> - -<p>Der Lärm verstummte. In weit engere Verhältnisse führt uns zu jener -Zeit der große Dichter Vergil. Er war der Dichter des edlen Brusttons -und des sentimentalen Pathos; sentimental sind nicht nur seine Helden: -auch seine Hirten. Aber so war Vergil nicht immer; seine großen Werke -schrieb er erst als reiferer Mann und abgekühlten Blutes. Auch er war -einst jung und fuhr übermütig derb um sich, wie die anderen, wenn ihn -die Torheit der Glücksritter reizte, zu der Zeit, als er noch in seiner -norditalienischen Heimat, in Mantua und Cremona lebte, wo er geboren -war.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p> - -<p>In Cremona lebte der Inhaber einer Töpferei, mit Namen Atilius. Der -„stolze Noctuinus“ kommt und heiratet dessen Tochter. Aber Noctuin ist, -so scheint es, Trinker, und heiratet auch noch gleich den Weinkrug, den -der Schwiegervater fabriziert. Nach volkstümlicher Redeweise wird der -Krug als Tochter des Töpfermeisters gedacht, der ihn geschaffen hat. -Nun kommt Vergil dem Noctuin mit einem kleinen boshaften Hochzeitspoem, -das für den heutigen Gelehrten unendlich wertvoll ist; denn es ist -für uns die einzige erhaltene Probe der sog. „Fescenninen“, des -Hochzeitsulks der alten Römer. Der Dichter steht auf der Gasse und ruft -das Volk zusammen:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Da kommt er, der Ekel, im Zug heran,</div> - <div class="verse indent0">Der Noctuin, der stolze Mann.</div> - <div class="verse indent0">Das Weibchen, das dir erwünscht erschien,</div> - <div class="verse indent0">Du hast sie nun, hast sie nun, Noctuin.</div> - <div class="verse indent0">Doch sieh: der Besitzer der Töpferei</div> - <div class="verse indent0">Atilius hat der Töchter zwei</div> - <div class="verse indent0">Und gibt dir — stolzer, freu’ dich doch —</div> - <div class="verse indent0">Auch die selbstgebackene zweite noch.</div> - <div class="verse indent0">Die zweite Tochter ist der Krug.</div> - <div class="verse indent0">Du leerst die Tochter in einem Zug.</div> - <div class="verse indent0">Ja, auch solch ein „Zug“ ist ein Hochzeitszug.</div> - <div class="verse indent0">Herbei, ihr Leute, und stimmet an:</div> - <div class="verse indent0">Ein Hoch dem strebsamen Tochtermann!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ob sich Noctuinus nicht an dem Dichter gerächt hat? Denn im -Schreibtisch blieb das Gedicht sicher nicht liegen. Anschaulicher -noch das andere Stück auf den Sabinus, den Parvenü, der früher -bloß Quintio hieß, der in Cremona einst Pferdeknecht gewesen, -dann sich zum Spediteur heraufgearbeitet hat. Es war die Zeit von -Caesars Gallierkriegen, von denen schon vorhin die Rede war. Große -Militärtransporte gingen damals für das Heer über Norditalien nach -Frankreich. Allein aus dem nachfolgenden Vergilgedicht lernen wir -drei dort ansässige Transportfirmen kennen; berühmter noch war der -Großbetrieb des Spediteurs Ventidius Bassus, den Caesar um seiner -Verdienste willen hernach zu den höchsten Staatsämtern beförderte. -Der Sabinus aber gab, als er glücklich reich geworden, in<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Cremona -sein Geschäft auf, wurde Duumvir oder der höchste Magistrat am Ort und -ließ nun in der Vorhalle des Tempels des Castor und Pollux — oder der -„Castoren“ — sein Sitzbild aufstellen, das jeder mit Hohn und Ingrimm -sah, der ihn einst als Knecht gekannt hatte. Auch den jungen Vergil -packt der Grimm, und wir hören:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ihr Leute, seht: das ist das Abbild des Sabin.</div> - <div class="verse indent0">Was sagt er? daß er einst der schnellste Spediteur.</div> - <div class="verse indent0">Nie hat im Flug das leichtste Gig ihn überholt</div> - <div class="verse indent0">Von andern Unternehmern, ob nach Mantua</div> - <div class="verse indent0">Die schnelle Fahrt ging oder bis nach Brescia.</div> - <div class="verse indent2">Das leugnet auch kein Konkurrent, der Trypho nicht</div> - <div class="verse indent0">Noch Cerulus, die protzten mit dem Großbetrieb,</div> - <div class="verse indent0">Bei denen der Sabinus (damals hieß er bloß</div> - <div class="verse indent0">Der Quintio) den Gäulen und dem Zugvieh einst</div> - <div class="verse indent0">Als Knecht die Mähnen kappte, weil das harte Joch</div> - <div class="verse indent0">Aus Buchs dem Tier den Hals sonst wund und blutig rieb.</div> - <div class="verse indent2">Cremona weiß das und das ganze Pogebiet,</div> - <div class="verse indent0">Das Land der Sümpfe und der kühlen Alpenluft,</div> - <div class="verse indent0">So sagt Sabinus: denn geboren ward er hier;</div> - <div class="verse indent0">Als Bürschlein stand er hier im bodenlosen Dreck</div> - <div class="verse indent0">Und lud im Nassen täglich alle Lasten ab,</div> - <div class="verse indent0">Und dann als Maultiertreiber macht’ er meilenweit</div> - <div class="verse indent0">Die Fahrten mit der Fuhre; ja, er selber trug</div> - <div class="verse indent0">Die Last flink auf der Stange, wenn die Tiere faul</div> - <div class="verse indent0">Sich sträubten (beide oder eins, rechts oder links)</div> - <div class="verse indent0">Und bockig nicht mehr weiter wollten im Galopp.</div> - <div class="verse indent0">Nie hatt’ er nötig, Göttern, die dem Reisenden</div> - <div class="verse indent0">Sonst helfen, Gaben zu geloben. Nur zum Schluß</div> - <div class="verse indent0">Hängt’ er im Tempel Roßkamm dann und Zügel auf.</div> - <div class="verse indent2">Das ist vorbei! Jetzt sitzt Sabin im Tempel selbst</div> - <div class="verse indent0">Als großer Herr und Stadtrat auf kurul’schem Stuhl</div> - <div class="verse indent0">Und weiht sich den Castoren so als Statue!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Dies Gedicht ist in seiner lateinischen Fassung ein Meisterwerk ersten -Grades; die Übersetzung kann davon kaum eine Vorstellung geben<a id="FNAnker_412" href="#Fussnote_412" class="fnanchor">[412]</a>. -Und was das Erfreulichste: sonst bewegt sich alle römische Poesie nur -in Rom selbst; hier haben wir einmal echten Lokalton, muntere, kecke -italienische Kleinstadtpoesie, wie wir sie sonst nirgends finden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p> - -<p>Übrigens hätte Vergil sein Gedicht so oder ähnlich auch noch heute -schreiben können. Ich denke an den Maultiertreiber Mr. Kerkens in -Kansas in Nordamerika. Im Januar 1910 ging durch unsere Zeitungen -folgende Notiz: „Der amerikanische Millionär Richard C. Kerkens in -St. Louis, der für die Vereinigten Staaten als Botschafter nach -Wien geht, hat einen etwas ungewöhnlichen Lebenslauf hinter sich. -Er ist in Irland geboren und in seiner Jugend in Fort Leavenworth -(Kansas) als Mauleseltreiber beschäftigt gewesen. Später rückte er -zum Hilfswarenaufseher auf. Von Leavenworth siedelte er nach Arkansas -über und von dort nach St. Louis, wo er in Eisenbahnspekulationen den -Grundstein zu seinem heutigen Vermögen legte.“</p> - -<p>Alles wiederholt sich nur im Leben; ewig neu ist nur die Poesie.</p> - -<div class="sidenote">Horaz’ Epoden und Lydia-Ode.</div> - -<p>Satiriker von Beruf war <em class="gesperrt">Horaz</em>; er war überdies auch -Spottdichter in seinen Jamben (oder Epoden), und es lockt von Vergil -zu ihm hinüberzublicken. Denn gleich jenes Sabinusgedicht hat Horaz -nachzuahmen versucht<a id="FNAnker_413" href="#Fussnote_413" class="fnanchor">[413]</a>; auch bei ihm handelt es sich um einen -Emporkömmling, der jetzt stolz mit dreiellenlang-schleppender Toga -über die Heilige Straße fegt. Die Sache ist nach Rom verlegt. Aber -Horaz duckt sich; er wagt keinen Namen zu nennen. Der Schlag ist ein -Schlag ins Wasser. Die Invektive entwaffnet sich und wird zum bloßen -Sittenbild.</p> - -<p>Gleichwohl gibt uns auch Horaz ein Meisterwerk. Ich meine das berühmte: -„<span class="antiqua">Beatus ille qui procul negotiis</span>.“ Mit diesen Worten hebt -das Gedicht an<a id="FNAnker_414" href="#Fussnote_414" class="fnanchor">[414]</a>. Irgendeine Stimme ist es, die da redet und das -schlichte Landleben preist: „Glückselig, wer heute keinen Wucher -treibt, sondern wie einst unsere Voreltern sein Feld bestellt! Die -Rebe rankt er bräutlich um die Pappel, pfropft Obst und sammelt Honig, -liegt zur Sommerzeit im Gras und lauscht dem rieselnden Bach und dem -Vogelsang, fängt im Winter Vögel im Garn und jagt den Eber. Da vergißt -man alle grauen Geschäftssorgen; Frau und Kinder<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> sind um dich; das -Vieh brüllt dir im Pferch und wird gemolken, und man lebt vegetarisch -von Oliven, Malven und Sauerampfer, der auf den Wiesen wächst, und nur -zum Festtag schmaust man das Opferlamm.“ Wer spricht da? Ist es der -Dichter? O nein. Zum Schluß erhalten wir plötzlich die geschäftlich -kurze Mitteilung: ein rechter Pflastertreter der Großstadt, ein -Wucherer ist es, der sich in diese Phrasen hüllt:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">So sprach der Wuch’rer Alfius, als sehnt’ er sich</div> - <div class="verse indent2">Nach Erdgeruch, trieb dann sogleich</div> - <div class="verse indent0">Am 15. des Monats alle Gelder ein</div> - <div class="verse indent4">Und legt sie neu auf Zinsen an.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Sonst sind es leider zumeist nur alte Weiber und Megären, die Horaz -verhöhnt. Wenn er liebt, liebt er im Grunde nur die Körperlichkeit der -Schönen; wenn er höhnt, verhöhnt er nur den Schönheitsverfall und redet -von ihren grünen Zähnen und ähnlichem. Man möge das im Horaz selber -nachlesen; zum Übersetzen lockt es nicht. Auch noch, als er seine Oden -dichtet, laufen dem Horaz solche Motive mit unter; aber er redet jetzt -maßvoller. Ein Beispiel ist die Ode I, 25 auf die Lydia; es ist das -einzige Liebesgedicht, das ich hier einreihe:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Seltener schon treffen mit dichten Würfen</div> - <div class="verse indent0">Kecke Burschen deine geschloss’nen Fenster,</div> - <div class="verse indent0">Rauben keinen Schlaf dir, und ihre Schwelle</div> - <div class="verse indent2">Liebt, ach, die Türe,</div> - <div class="verse indent0">Die vorher die Angeln gar sehr gefällig</div> - <div class="verse indent0">Drehte. Wen’ger hörst du und wen’ger rufen:</div> - <div class="verse indent0">„Schläferin, mich läßt du die langen Nächte,</div> - <div class="verse indent2">Lydia, verschmachten?“</div> - <div class="verse indent0">Bald ist all dies Werben verstummt. Da weinst du</div> - <div class="verse indent0">Wertlos, alt, im einsamen Winkelgäßchen,</div> - <div class="verse indent0">Wenn dir mehr als thrakischer Wind, der wütet</div> - <div class="verse indent2">Während des Neumonds,</div> - <div class="verse indent0">Heiß entflammte Liebe und die Begierde,</div> - <div class="verse indent0">Wie sie Mutterpferde wohl pflegt zu hetzen,</div> - <div class="verse indent0">Rasen wird im schwärmenden Eingeweide,</div> - <div class="verse indent2">Und du zergrämst dich,</div> - <div class="verse indent0">Weil die heitre Jugend des frischen Epheus</div><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> - <div class="verse indent0">Froh ist und berauscht ist in dunkler Myrte,</div> - <div class="verse indent0">Dürres Laubwerk aber dem Hebrus weiht<a id="FNAnker_415" href="#Fussnote_415" class="fnanchor">[415]</a>, dem</div> - <div class="verse indent2">Bruder des Winters.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Aufregend war das nicht. Wer frug danach, wer diese Lydia war? Sicher -ein Geschöpf der niederen Frauenwelt, deren es tausende gab. Anders -<em class="gesperrt">Ovid</em>, der eine vornehme Römerin, Furia, verspottete und sagte: -„Da du Furia heißt, warum soll ich dich nicht eine Furie nennen?“</p> - -<p>Das scheußlichste der Art hat damals übrigens Kaiser Augustus -gedichtet. Es sind Schimpfverse auf die Fulvia, die stolze Gattin des -Mark Anton, aus der Zeit, als der große Mann und künftige Weltbeglücker -noch um die Herrschaft rang. Wir wollen das Epigramm mit Nacht -bedecken. Es ist ein Jammer, daß es sich bis auf uns erhalten hat.</p> - -<p>Sehen wir uns nach anderem um. Da ist Bavius mit seinem Bruder: ein -neues Motiv von der zärtlichen Bruderliebe. Die beiden sind vielleicht -sogar Zwillingsbrüder und einander, wie wir hören, so treu, daß sie -zeitlebens alles, Landsitz, Stadthaus und Geldwirtschaft miteinander -teilen; es war ein Odem und eine Seele in zwei Körpern. Wie rührend! -Aber Bavius heiratet; auch die Frau soll gemeinsamer Besitz werden: -da kracht die Freundschaft auseinander; das macht der Zorn, und zwei -Königreiche mit zwei Gebietern sind entstanden, die sich fürchterlich -mit Krieg bedrohen.</p> - -<div class="sidenote">Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät -entwickelt.</div> - -<p>Dies kleine Genrebild führt uns nun endlich auf <em class="gesperrt">Martial</em> hin. -Denn es ist von <em class="gesperrt">Domitius Marsus</em> verfaßt, und Martial war der -große Nachahmer und Fortsetzer des Catull und des Domitius Marsus. -Martial, der unerschöpflich reiche Epigrammatiker aus der Zeit des -Kaisers Domitian: ein Spanier von Herkunft, unverheiratet, fest -eingelebt in das System der kaiserlichen Despotie, pflichtenlos und -gedankenvoll, ein poetischer Bummler, den seine immer gute Laune -ernährt: eine Schmeichelkatze ohne viel Ehrgefühl, eine Klientennatur -mit dem Talent, auf das anmutigste zu necken, zu loben und zu betteln, -der sich als Tischgenosse und Badegenosse der Vornehmen,<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> als -Witzemacher und Verseschmied erster Güte Eingang in alle ersten Häuser -der Weltstadt verschaffte. Auch als er in den Ritterstand erhoben ist, -lungert und katzbuckelt er weiter. Aber seine göttliche Munterkeit, -seine Menschenkenntnis und Darstellungskunst steigert sich noch, und -wir müssen sie bewundern.</p> - -<p>Wie war ein solcher Dichter damals möglich? und warum entfaltete sich -die epigrammatische Dichtung in Rom erst so spät? Denn zur wirklichen -Entfaltung, zum vollen Sichausleben kam sie tatsächlich erst durch -Martial. Die Antwort gibt Vergil. Es gab zu Vergils Zeit in Rom noch -keine große Kunst, die sich sehen lassen konnte; wozu sollte man -also die kleine pflegen? Ein schreiender Literaturhunger bestand, -und mit den winzigen Brocken Catulls ließ er sich nicht stillen. Wer -einen Festsaal schmücken will, kann dazu nicht Miniaturen brauchen; -große Tafeln muß er aufhängen, großmächtige Schildereien erst einmal -entwerfen lassen. Daher warf Vergil seine kleinen Jugendversuche hinter -sich und schuf das große Epos, die Äneide. Horaz gab Muster der Satire -und erhabenen Lyrik, Properz seine großen Elegienkränze, Ovid den -Decamerone seiner Metamorphosen. Das war die Augusteische Literatur; -aber sie war noch keineswegs überreich an guten Werken, und daher hat -die zweite Blütezeit unter Nero 50 Jahre später mit gutem Grund noch an -denselben Aufgaben festgehalten und demselben großen Stil gehuldigt. -Der junge Nero selbst dichtete; auch Seneca, sein großer Ratgeber, -tat es; und da gab es also neue Hirtengedichte, neue Oden, das Epos -des Lucan und des Nero, die Satiren des Persius; ja, sogar auch -Tragödien gab es, die einzigen römischen Tragödien, die uns erhalten -sind, in denen Cassandra, Phädra, Medea auf hohem Kothurn schreiten -und wunderbar fließend Latein sprechen. Nur die Griechen sind es, die -damals in Rom das kleine witzige Sinngedicht, das uns angeht, gepflegt -haben.</p> - -<p>Die Römer selbst aber? Der Großbetrieb war einmal im Gange, und er -ging immer noch rastlos weiter; er kulminierte<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> unter Kaiser Domitian, -in den fünfzehn Jahren 81–96. Dieser herrische Kaiser war der eifrige -Patron aller redenden und singenden Künste; aber er war ein Tyrann und -Feind der Freiheit. Da man unter ihm nicht frei denken, also auch nicht -philosophieren, nicht einmal Geschichte schreiben durfte, so flüchtete -nun alles zur Dichterei; ein angstvolles Gedränge auf dem Parnaß. Der -Mensch braucht Geistesgymnastik; aber nur der Turnboden der Verskunst -stand damals für diese Gymnastik noch offen. Ein Genie wie Statius -tummelte sich da, aber auch Dilettanten in Fülle. Von Jason und von -Phineus, von Achill, Diomed und anderen abgestorbenen Helden hallte Rom -täglich wieder: diese alten Geschichten konnten freilich den Tyrannen -nicht kränken. Aber der Reiz der Neuheit fehlte; das Auge hatte sich -an den großgezerrten Heldenbildern längst müde gesehen. Wir kennen das -auch heute: wer stundenlang Rubens bewundert hat, atmet glückselig -auf, wenn er vor Metsu und Teniers und Netscher, den kleinen munteren -Holländern, steht. Auch da, in den Holländern, zeigt sich unendliche -Kunst!</p> - -<div class="sidenote">Martial.</div> - -<p>Solch ein Holländer ist Martial gewesen. Unter Domitian tat er sein -Atelier plötzlich auf, und er brachte Neues. Aus den verstaubten -Büchergestellen zog er den fast verschollenen Catull und Domitius -Marsus wieder hervor, um sie zu modernisieren; aber er knüpfte zugleich -an die feinen Sinngedichte der Griechen an. Und es war gleich wie ein -Wunder, eine Offenbarung. Alles riß sich gleich um Martials kleine -Bücher. Da war plötzlich ein Meister der Miniaturkunst, ein Dichter, -der es wagte, groß im Kleinen zu sein, indem er dreist ins ganz -alltägliche Leben griff. Dem Martial ging es im Vergleich zu dem großen -Epiker Statius so, wie es Lessing neben Klopstock erging: „Wer wird -nicht einen Statius loben? doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen -weniger erhoben, doch fleißiger gelesen sein.“ Etwa jedes Jahr warf -Martial ein Buch heraus, in jedem Buch nur etwa hundert Nummern. Die -Sachen gefielen so, daß sie, obschon für den Moment<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> gedichtet, doch -alle Zukunft beherrscht haben. Sie haben das Verdienst, daß sie uns -auch erhalten sind.</p> - -<p>Versenken wir uns denn in diese Bücher, und ob es auf Kosten unserer -Geduld geschieht, indem wir die etwa 1200 Gedichte sortieren. Römisches -Großstadtleben wollen wir kennen lernen: dieser Poet zeigt es uns wie -kein anderer. Eine Unmasse von Eigennamen wirbelt uns entgegen. Es ist, -als ob wir mit dem Stock in einen Ameisenhaufen stießen.</p> - -<p>Da ist der Kaiser selber, der sich „Gott und Herr“, man könnte auch -übersetzen „Herrgott“<a id="FNAnker_416" href="#Fussnote_416" class="fnanchor">[416]</a>, nennen läßt; aber er ist unkenntlich hinter -einem dicken Vorhang von Weihrauchdunst und Schmeicheleien. Ob er -höchstselbst des Dichters Gedichtbücher lesen wird? Die Hofleute müssen -sie ihm, wenn er gnädiger Laune ist, in die Hände spielen. Da ist am -Hof der Kämmerer Parthenius, der Mann für Bittschriften Entellus usf. -Insbesondere Domitians junger Mundschenk, der „Frühlingsknabe“ Earinus -wird als der Ganymed des Allmächtigen von Martial besungen. Dazu kommen -die großen Paläste der Reichen, des zukünftigen Kaisers Nerva, des -Dichters Silius Italicus, der Witwe des Dichters Lucan, des dichtenden -Konsularen Stella, des großen Sachwalters Regulus. Da speist unser -Dichter gern, läßt sich obendarein beschenken und lobt alle diese -hochmögenden Personen mit Namennennung. Sie sind durch ihn verewigt bis -heute. Witz und Spott reicht an sie natürlich nicht heran, es sei denn, -daß der Dichter Geld braucht. Da wendet er sich einmal an den Regulus -(VII, 16):</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Regulus, mir fehlt Geld. Wie helf’ ich mir? Deine Geschenke</div> - <div class="verse indent0">Muß ich verkaufen. Wie wär’s? willst du der Käufer nicht sein?</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der große Herr wird sich wohl amüsiert und hoffentlich auch seine Hand -aufgetan haben.</p> - -<p>Wo Martial dagegen wirklich spottet und hänselt, da nennt er die -wahren Namen nicht. Er sichert sich durch das Pseudonym. Er ist kein -geharnischter Catull. Ein Catull war damals nicht mehr möglich. Gerade -durch das Pseudonym hat<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> sich Martial den Erfolg in allen Häusern glatt -gesichert. Um so offener konnte er reden, und so sind die Personen, die -er uns vorgaukelt, Typen, aber echte Typen, wie die Personen unserer -Fliegenden Blätter Typen sind. Wenn er die Menschen grob oder giftig -anfährt oder mit schallendem Hohn, da handelt es sich fast immer -um verliebte Sünden; das sind die altüberkommenen Schändlichkeiten -gewisser Kreise; und es bleibt oft zweifelhaft, ob dem Dichter mehr -Entrüstung oder Behagen dabei die Feder führt. Im übrigen aber welche -Gutmütigkeit! welch friedliches Geplätscher! Diese Fülle menschlicher -Schwächen, wie scharf werden sie beobachtet, aber wie milde beurteilt! -Kein Zorn packt den Leser an; nur ein malitiöses Lachen, ein -wohlgefälliges Lächeln braucht er aufzuwenden. Im Halbtraum nach dem -warmen Bade, wo man keine Aufregung, sondern nur leichteste Zerstreuung -will, da ist es Zeit für den Römer, in seinem Martial zu blättern.</p> - -<p>Zunächst der Dichter selbst. Er wird in der Gesellschaft leider nicht -immer gut behandelt, und er unterläßt nicht, sich zu beschweren. Vor -allem das liebe Essen. Er geht zu Gast; man legt sich hungrig auf -die Speiselager; aber der Wirt läßt nichts auftragen und begnügt -sich, einige Parfümerien zu verteilen (III, 12). Schlimmer noch, -wenn ein genialer Koch sich darauf versteht, aus bloßem Kürbis ein -solennes Essen von vier Gängen zu bestreiten; Linsen und Bohnen, -auch Pilze, auch Datteln, auch der Kuchen zum Nachtisch wird aus dem -einen kleingehackten Kürbis hergestellt. Das soll was extra Feines -sein, und es kostet nichts! Welche Enttäuschung! (XI, 31). Bei einem -Vornehmen wohnt der Dichter auf dem Land. Der Mann zieht sein seltenes, -exotisches Obst hinter großen Glasscheiben in weiten sonnigen Räumen. -„Mir, dem alten Hausfreund, gibt er eine lichtlose Klause, die nur -eine handgroße Luke statt des Fensters hat; nicht einmal ein Eiszapfen -möchte darin wohnen. Wäre ich doch dein Obst,“ ruft der Dichter. „Da -ginge mir’s besser!“ (VIII, 14.) Und überhaupt die öden Pflichten, wenn -man Klient ist; man sollte sie<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> einem Dichter doch erleichtern. Martial -wendet sich an den Labull.</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">XI, 24:</div> - <div class="csscell">Labull, nun ward ich dein Gefolgsmann. Das ist schlimm.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Du stellst mich, Freund, auf eine harte Probe.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Indes ich mich dir widme voller Grimm</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Und täglich, was du tust und redest, lobe,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Ein unerhörtes Zeitverschwenden,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Wie viele Verse konnt’ ich da vollenden!</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Scheint dir’s nicht ein Verlust, daß so im Keim erstickt,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Was Rom und alle Fremden sonst erquickt,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Was alle großen Herrn und Senatoren</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Sonst gern genössen mit gespitzten Ohren,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Was jeder Kluge lobt und nur die andern Dichter,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Die Konkurrenten, tadeln, dies Gelichter!</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Ich soll im feinen Rock an deiner Seite gehn</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Und meine Werke sollen nicht entstehn?</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Ein voller Monat ist’s: mein Blatt ist leer geblieben,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Und all die Zeiten hab’ ich nichts geschrieben.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Und das nur deshalb, daß ich dann und wann</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Hübsch fürstlich bei dir speisen kann?</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">In diesem Gedicht hören wir auch schon gleich von Martials -literarischen Gegnern. Gegen die ist er natürlich unverlegen. Schlagend -ist seine Abfertigung:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">III, 9:</div> - <div class="csscell">Marull schreibt Verse gegen mich? Er halt’ es nach Belieben.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Der, dessen Verse man nicht liest, der hat sie nicht geschrieben.</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Einem anderen, der sich selbst vorträgt, dient er folgendermaßen:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">IV, 41:</div> - <div class="csscell">Du Zarter trägst ein Tuch um den Hals,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Um deine Gedichte aufzusagen?</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Wir Hörer sollten lieber fest</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Das Tuch um unsre Ohren tragen.</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Schwieriger als die Konkurrenten ist oft das Publikum selbst. Es gibt -so viele, die nur das, was alt ist, bewundern und meinen: was neu ist, -kann nicht klassisch sein. Aber Martial ist guten Mutes:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">VIII, 69:</div> - <div class="csscell">Du lobst, Vacerra, nur die alten Weisen,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Und nur die toten Dichter magst du preisen?</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Verzeih! um deinen Beifall zu erwerben,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Beeil’ ich mich noch lange nicht zu sterben.</div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p> - -<p class="p0">Nun aber die weitere Umwelt. Wie gutherzig menschenfreundlich ist -dieser muntere Geist da oft! Man merkt, er ist der Sohn einer reiferen, -menschlicheren Kulturperiode. Von einem Trinker heißt es, gnädig genug:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">I, 28:</div> - <div class="csscell">„Ihm ist elend! Der Rausch von gestern macht’s.“</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Gefehlt, ihr guten Leute!</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Er kneipt ja immer die Nächte durch;</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Sein Elend stammt von heute.</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Von einem unweltlichen Menschen:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">XII, 51:</div> - <div class="csscell">Der gute Fabulinus,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Nie schützt er sich vor Betrug</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Und ward doch so oft betrogen!</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Wer gut, wird niemals klug<a id="FNAnker_417" href="#Fussnote_417" class="fnanchor">[417]</a>.</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Und gar, wie rührend der Vers von dem Blinden:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">III, 15:</div> - <div class="csscell">Kein Mensch gibt mehr Kredit in Rom,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell"> Als unser Cordus gibt.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">„Er ist doch arm. Wie macht er das?“</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell"> Ein Blinder ist’s, der liebt.</div> - </div> -</div> - -<p>Alles das könnte auch ebenso noch heute gelten. Aber weiter. Soll ich -aus der Fülle noch ein paar Themen auf gut Glück, wie die Zettel aus -der Urne, herausgreifen? Über Standesunterschiede im Liebesverkehr -(III, 33); von unfähigen Advokaten (VIII, 7); von Emporkömmlingen, -die groß tun, bald ist es ein Schuster, bald ein Schneidermeister -(IX, 73; III, 18); vom Schulmeister, der mit der Rute fuchtelt (IX, -68) und dem Glück der sommerlichen Schulferien (X, 62); von Bauwut -(IX, 46) und sonstiger lächerlicher Verschwendung (VIII, 5; VII, 98); -den Toilettenmitteln der Römerinnen (IX, 37). Dazu der sonderbare -Mamurra, der in allen Läden stundenlang herumsteht, um mit Kennermiene -die Kostbarkeiten zu betrachten, aber gar nichts kauft (IX, 59); -Hermogenes, offenbar ein Mensch aus guter Familie, der die Manie hat, -überall die Tischservietten zu stehlen (XII, 29). Dazu ein gewisser -Klytus, der an Habgier leidet und es verstanden hat, im letzten Jahr -achtmal seinen Geburtstag zu feiern, weil es da Geschenke regnet; -Martial sagt mit Recht: Auf diese Weise,<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> junger Mensch, wirst du -früh zum Greise; denn so wirst du jedes Jahr gleich 8 Jahre älter, -ein Neunjähriger kann so schon gleich zweiundsiebzig werden. Auch der -Barbier gibt endlich ein nettes Thema. Die Barbiere hatten im Altertum -noch keine Seife und mußten sich abmühen, um alle Haare gründlich -wegzunehmen. Da kommt der Rasierjunge; er hat ein so glattes Gesicht; -aber während der endlos langen Arbeit, die er verrichtet, wächst ihm -selbst ein Bart (XI, 84 und VIII, 52).</p> - -<p>Doch des Aufzählens genug. Hören wir lieber den Dichter selber. Cinna -ist unleidlich, weil er in den Gesellschaften immer so leise spricht:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">I, 89:</div> - <div class="csscell">Alles schwatzt du heimlich uns ins Ohr,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Cinna, was jeder hören darf im Kreise,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Lachst mir ins Ohr, weinst, schimpfst mir ins Ohr, du Tor,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Deklamierst mir Gedichte in dieser Weise.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Krankhaft! Nächstens flüsterst du gar, du Leiser,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Mir noch ein Hoch ins Ohr auf unsren Kaiser!</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Es folgt Phileros mit den sieben Frauen, die er beerbt:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">X, 43:</div> - <div class="csscell">Es ist fast übertrieben:</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Der reichen Frauen sieben</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Hat Phileros bis jetzt</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Im Erdreich beigesetzt.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Gewiß ein harter Schlag.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Allein der Ärmste kann sich sagen:</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Das Erdreich bringt Ertrag.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Die Saat wird siebenfältig Früchte tragen.</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Und der frostige Redner Aulus:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">III, 25:</div> - <div class="csscell">Ist wirklich dir, Faustin, das Thermenbad zu heiß,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Das freilich auch Julian nicht zu ertragen weiß,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Den Redner Aulus ruf’ ins Bad; da schmilzt die Hitze.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">So frostig ist der Mann, so froschkalt seine Witze.</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Da ist auch Fabulla, die sich für schön hält:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">VIII, 79:</div> - <div class="csscell">Nur alte Schachteln sind dein Umgang immer,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Fabulla. Stets nur garstige Frauenzimmer</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Sind deine Freundschaft, und du schleppst ohn Gnade</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Sie ins Theater mit, zur Promenade</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell"><span class="pagenum" id="Seite_222"><span class="s4">[S. 222]</span></span> - Und zum Diner. So ist es, sollt’ ich meinen,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Nicht schwer, Fabulla, schön und jung zu scheinen.</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Dann aber tauchen die Zähne der alten Frauen vor uns auf, aber in -milderer Beleuchtung als einst bei Horaz:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">I, 19:</div> - <div class="csscell">Vier Zähne hattest du, Aelia, wie ich glaube.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Der Husten kam; ihm fielen sie zum Raube.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Zwei warf der erste Anfall hinaus; beim zweiten</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Sahn’ wir die letzten deinem Mund entgleiten.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Jetzt brauchst du dich nicht weiter zu bezähmen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Ein dritter Husten kann dir nichts mehr nehmen.</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Gern wurden die Hausärzte beschimpft, die Handlanger der Unterwelt. -Davon habe ich schon anderenorts eine blendende Probe gegeben<a id="FNAnker_418" href="#Fussnote_418" class="fnanchor">[418]</a>. Hier -eine zweite:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">X, 77:</div> - <div class="csscell">Nichts Schlimmres im Leben hat Carus gemacht,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Als daß ihn das schwere Fieber umgebracht.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Wär’s doch ein leichtes gewesen! Ich muß ihm grollen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Er hätte sich seinem Arzt erhalten sollen.</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Man sieht: der Mensch ist verpflichtet, nicht an Krankheit, sondern -an seinem Arzt zu sterben! Rom war eigentlich keine gesunde Stadt; -leichtes Fieber stellte sich sehr häufig ein; aber man lief sorglos -damit herum. Auch das schildert uns einmal unser Dichter:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">XII, 17:</div> - <div class="csscell">Woher kommt es (so fragst du mit Seufzen mich oft), daß das Fieber</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell"><span class="mleft2">Dich nicht verläßt nun schon Wochen und Monate lang?</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Mit dir fährt’s in der Sänfte, es badet mit dir in den Thermen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell"><span class="mleft2">Schmaust Lampreten mit dir, Austern und Pilze sogar,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Zecht mit dir oft bis zum Rausch Setiner und schweren Falerner,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell"><span class="mleft2">Ja, und den Cäcuber-Wein stets nur gekühlt und auf Eis,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Bettet mit dir sich in Rosen zu Tisch und in würz’gem Amomum,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Teilt auch nachts dein Bett, Daunen auf purpurnem Pfühl.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Da’s ihm so schlemmerhaft gut bei dir geht, da soll dich das Fieber</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Fliehn und zum Dama gehn, der auf das dürftigste lebt?</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Schlimmer ist, wenn Martial einmal den Verdacht des Verbrechens<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> -erhebt. Es handelt sich um Brandstiftung. Tongilianus wird von ihm -angeredet:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">III, 52:</div> - <div class="csscell">Für 20000 hatt’st du das Haus erhandelt.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Da hat es sich gleich in Asche verwandelt,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Tongilian. Das Haus ging auf in Flammen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Doch deine Freunde traten rasch zusammen,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Ersetzten dir’s zehnfach. Nun gib acht.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Du stehst, Verehrter, im Verdacht:</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Damit man dir so den Schaden deckt,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Hast du den Kasten selbst in Brand gesteckt.</div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Da sieht man, wie unsere moderne Feuerversicherung im alten Rom ersetzt -wurde. Geschäftsfreunde bildeten ein Konsortium, und dem Betroffenen -wurde geholfen. Es lag aber auch damals schon nahe, diese Hilfe zu -mißbrauchen.</p> - -<p>Aber nun endlich Issa, und genug der Alltagsmenschen. Auch zu Issa, dem -Hündchen, beugt sich unser Dichter herab. Bei seinem Freund Publius hat -er das Tier gesehen. Dies sei das letzte Stück meiner Auslese.</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">I, 109:</div> - <div class="csscell">Die Issa will ich heute singen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Von Issa soll mein Lied erklingen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Sie ist drolliger, als der Sperling war,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Den einst Catull geliebet,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Ist wonniger als das Taubenpaar,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Das sich im Schnäbeln übet,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Einschmeichelnder als die liebste Maid,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Kostbarer als Indiens Perlengeschmeid.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Das ist Issa, des Publius Hündchen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Betrachten wir es ein Stündchen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell"><span class="mleft1">Da winselt es sanft schon, als spräch’s zu dir:</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">„So Lust wie Leid, das teilen wir,“</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Und streckt dann das Hälschen, weil’s schlummern will.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Keinen Atem hörst du. Es liegt so still.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Und kommt ein Bedürfnis, auch keinen Flecken,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Kein Tröpfchen macht es auf die Decken,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Kratzt nur mit der Pfote flehentlich:</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">„Hebt mich vom Pfühl! denn es ängstet mich!“</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell"><span class="mleft1">Auch keusch ist die kleine Hündin sehr,</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Flieht alle Liebeleien.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Wo ist auch der Hund, der würdig wär’,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell"><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> - Um unsre Issa zu freien?</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell"><span class="mleft1">Doch ach! doch ach! auch dieses Hündchen</span></div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Hat dermaleinst sein Sterbestündchen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Drum hat ihr Herr, der sie so liebt,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Ihr Bild, das sie prächtig wiedergibt,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Mit eigner Hand gemalt: so treu!</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Man weiß nicht, welches die Issa sei,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Das Tier selbst? oder das Konterfei?</div> - </div> -</div> - -<p>Das ist römisches Leben, bis herab zum Stubenhündchen; wie intim -berührt das alles! Aber ich lasse nunmehr den Vorhang fallen. Alle -dürftig und ungenügend ist, was ich hier geboten, und wer es kann, -sollte den Martial selber lesen. Denn alle Übersetzungen sind doch -nur bestenfalls Talmigold oder Simili-Brillanten<a id="FNAnker_419" href="#Fussnote_419" class="fnanchor">[419]</a>; in den meisten -seiner Miniaturen aber bringt der lebhafte Dichter nebenher noch eine -solche Fülle von Anspielungen, daß zum Verständnis eine einfache -Übersetzung gar nicht ausreichen würde. Auf alle Fälle aber wird mein -Leser begreifen, daß Martial alsbald und durch viele Jahrhunderte immer -wieder eifrige Nachahmer gefunden hat.</p> - -<div class="sidenote">Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont.</div> - -<p>Aus der Spätantike erwähne ich die Dichter der sog. <span class="antiqua">Anthologia -latina</span>, sowie den Ausonius und Luxorius. Die beiden zuletzt -genannten sind Christen; gleichwohl steigert sich noch bei ihnen -das geflissentliche Aufsuchen des Unanständigen bis zum Monströsen. -Wertvoller ist Claudian, der Dichter des christlich gewordenen -Kaiserhofes um das Jahr 400; denn in ihm ersteht endlich wieder ein -Kämpfer, der es wagt, mit offenem Visier zu beleidigen<a id="FNAnker_420" href="#Fussnote_420" class="fnanchor">[420]</a>. Offenbar -war es der kaiserliche Hof selbst, der ihn dabei deckte. Neues, was -uns fesseln könnte, bringen diese Spätlinge nicht. Nur freilich den -Flieger. Der Flieger taucht bei Luxorius auf. Man staune indes nicht -allzu sehr; denn in Wirklichkeit war es nur ein Equilibrist. Luxorius -lebte im Anfang des 6. Jahrhunderts im afrikanischen Vandalenreich, -wo immer noch die altrömische Kultur blühte und es immer noch -römische Amphitheater gab. In solchem Raum geschah das Wunder: einen -Riesenweitsprung, der dem<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Flug gleichkam<a id="FNAnker_421" href="#Fussnote_421" class="fnanchor">[421]</a>, vollführte da ein -junger Zirkuskünstler durch die ganze Länge der Arena, wenn wir es -glauben wollen, 40 Meter weit. „Es ist kein Mensch,“ sagt der Dichter; -„nur Vögeln ist das möglich, und ich wundere mich nicht mehr, daß -ein Dädalus einst auf Flügeln über das Meer flog. Guten griechischen -Wein hab’ ich dem jungen Menschen kredenzt. Er ist so leicht wie eine -Schwalbe, aber der Wein soll ihn schwer machen.“</p> - -<p>Wir wollten lernen. Haben wir hiermit endlich genug gelernt? und sind -wir in der Lage, ein Endurteil zu fällen? Keineswegs! sondern das -Wertvollste bleibt noch übrig. Wer urteilen will, hat nicht nur auf das -Vielerlei, das in den Dichtern steht, er hat auch auf das, was diese -Dichter verschweigen, achtzugeben. Denn lehrreicher ist oft, was das -Altertum <em class="gesperrt">nicht</em> sagt, als was es sagt. Und die Beobachtung, die -sich da ergibt, ist rasch erledigt; ich meine nur dies, daß bei allen -diesen Dichtern nahezu jeder Ausdruck des Rassenhasses fehlt, ferner -jeder religiöse Gegensatz, jeder konfessionelle Hader völlig unberührt -bleibt und sich nirgends ein Wort gegen die Priester findet, ja, daß -endlich auch der Soldatenstand von keinem je verunglimpft wird. Nichts -merkwürdiger, nichts charakteristischer, nichts bewunderungswürdiger -als das!</p> - -<p>Plautus hatte einst den <span class="antiqua">Miles gloriosus</span> geschrieben. Da wurde -der dumme griechische Offizier, der sich für den schönsten aller Männer -hält und mit den unglaublichsten Großtaten renommiert, unendlichem -Gelächter preisgegeben. Das spätere Rom weiß davon nichts mehr. Das -römische Militär war unantastbar. Auch die römischen Feldwebel und -Rekruten, auch der Legionär und der <span class="antiqua">Tribunus militum</span> werden -gewiß ihre Schwächen gehabt haben, und nichts war frecher im Auftreten -als die kaiserliche Garde in der Hauptstadt selbst. Aber unsäglicher -Respekt umgab sie. Kein Wort des Spottes hören wir je. Nur einmal -bringt Martial das zahme Distichon:</p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">II, 80:</div> - <div class="csscell">Hört! auf der Flucht vor dem Feind hat Fannius selbst sich getötet.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Ist es denn Wahnsinn nicht, sterben, damit man nicht stirbt?</div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p> - -<div class="sidenote">Toleranz im Religiösen; kein Rassenhaß.</div> - -<p>Die gleiche Schonung gilt prinzipiell auch den Trägern der -Gottesdienste. Nur Afranius hat in alter Zeit einmal ein Stück -„Der Augur“ auf die Bühne gebracht, wo solch ein Priester, dem die -Vogelschau oblag, ein Augur, die gefürchtete Hauptperson war: der -einflußreiche Mann schreit und rast so, daß der Himmel darüber -einzustürzen droht; aber sein Gesichtsausdruck ist falsch und -widerwärtig wie eine angemalte Wand<a id="FNAnker_422" href="#Fussnote_422" class="fnanchor">[422]</a>. Das war Afranius, und das ist -alles. Späterhin ist es nur einmal noch der Christ Luxorius, der über -einen trunksüchtigen Priester seiner Kirche herfällt<a id="FNAnker_423" href="#Fussnote_423" class="fnanchor">[423]</a>.</p> - -<p>Die Sacerdotes waren eben schon durch ihr Amt geschützt. Überdies -aber waren es in der vorchristlichen Zeit den besten Kreisen, ja, dem -Hochadel angehörende Männer und Frauen, die, zumeist verheiratet, -von der sonstigen vornehmen Welt sich im täglichen Leben durch -nichts abhoben, da sie in ihren Privathäusern lebten und nur während -der heiligen Handlung des Opfers und Gebetes das Priestergewand -anlegten. So hielt es ja auch der Kaiser selbst, der als Oberpriester, -<span class="antiqua">Pontifex maximus</span>, persönlich die Staatsopfer vollführte. Eine -anspruchsvolle Isolierung und Weihe des geistlichen Standes, die den -Spott oder Widerwillen des Unfrommen hätte herausfordern können, gab es -noch nicht.</p> - -<p>Nur die asiatischen Cybelepriester hat Martial in der Tat mit -seinem Hohn verfolgt<a id="FNAnker_424" href="#Fussnote_424" class="fnanchor">[424]</a>, deshalb, weil sie mit ihrer schändlichen -Menschenjagd, die sie in den Städten Italiens betrieben, auch amtlich -verfehmt waren, und so trifft denn einmal auch die Göttin Cybele -selbst, die die Entmannung ihrer Anbeter forderte, ein entrüstetes -Wort<a id="FNAnker_425" href="#Fussnote_425" class="fnanchor">[425]</a>.</p> - -<p>Das steht für sich. Sonst aber wird von den fast unzähligen Religionen, -die damals in den Mittelmeerländern durcheinander wogten, kaum eine -einzige von diesen Dichtern angetastet oder der Kritik ausgesetzt. -Isis, Serapis, Mithras, Anubis, Jehova, das Christentum — um von den -überkommenen römischen Nationalgöttern ganz zu schweigen —, alle diese -Gottheiten und Bekenntnisse fanden damals ihre Verehrer. Wer<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> aber -mag sie in ihrem Glauben stören? Religion ist Privatsache; der Witz -biegt vor diesen Dingen aus. Vor allem ist von diesen Dichtern, soweit -ihre Werke uns vorliegen und eine Kontrolle möglich ist, nie Christus -verhöhnt worden. Das scheint mir ewig denkwürdig.</p> - -<p>Und was von den Religionen gilt, gilt endlich annähernd auch von den -Rassenunterschieden. Massenhaft dienten z. B. die Syrer in Rom als -elegante Sklaven und Sänftenträger, so unbeliebt sie auch wegen ihres -durchtriebenen Charakters waren; aber nur einmal trifft sie bei Martial -eine angreifende Wendung<a id="FNAnker_426" href="#Fussnote_426" class="fnanchor">[426]</a>. Auch gegen die sonst so gerne verfolgten -Juden ist er nur an einer Stelle ausfällig<a id="FNAnker_427" href="#Fussnote_427" class="fnanchor">[427]</a>. Wo er auf der Gasse -jüdische Bettler sieht, findet er durchaus kein bösartiges Wort<a id="FNAnker_428" href="#Fussnote_428" class="fnanchor">[428]</a>, -wohl aber muß er sich seinerseits gegen einen jüdischen Widersacher, -der ihn angegriffen hat, verteidigen<a id="FNAnker_429" href="#Fussnote_429" class="fnanchor">[429]</a>. Ärgerlich war es, daß die -römischen Mädchen, wenn Germanen, Juden oder Perser nach Rom kamen, -sich gleich in diese Fremden verliebten und die römischen jungen Herren -alsdann als Luft behandelten. Den Ärger darüber kann uns der Dichter -nicht verschweigen<a id="FNAnker_430" href="#Fussnote_430" class="fnanchor">[430]</a>.</p> - -<p>So begegnen wir nun einmal wirklich auch einem Germanen in Roms Gassen, -und das muß unsere besondere Neugier erwecken. Ein Unfreier ist’s, -vielleicht ein von der städtischen Verwaltung zur Straßenreinigung -angestellter Sklave. Aber der Mensch benimmt sich sehr rücksichtslos, -als wäre er der Herr Roms. Aus einem Wasserbehälter der Fernleitung, -der mit köstlichem Gebirgswasser gespeist wird, will ein Knabe, ein -römischer Bürgerssohn, trinken; der Germane kommt und stößt ihn -herrisch fort, weil er zuerst trinken will. So geschehen zu Rom im -Jahre 96 n. Chr. Daß Martial den Menschen grob anfährt, das können wir -ihm wohl nicht verargen<a id="FNAnker_431" href="#Fussnote_431" class="fnanchor">[431]</a>. Erheiternder aber ist es noch zu lesen, -wie einmal ein Gallier, auch dies ein Kraftmensch, von ihm eingeführt -wird; da erhalten wir wieder einmal ein Straßenbild, und zwar bei -Nacht:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span></p> - -<div class="csstab s5"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">VIII, 75:</div> - <div class="csscell">Zur Miete wohnt in Rom ein Mensch von keltischer Race.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Es ist spät Nachts. Von der Flaminischen Straße</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Will er nach Haus. Da stolpert er im Lauf.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Das Schienbein ist verrenkt; er stürzt und kommt nicht auf.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Was soll der Riese tun, um hochzukommen?</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Des Galliers Diener sieht’s und steht beklommen.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Er ist so schwach, so klein. Er hülfe gerne.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Doch seine Kraft reicht kaum, zu halten die Laterne.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Da war’s, als ob man Hilfe brächte:</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Eine Leiche schleppten zwei Schinderknechte,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Wie man die Verbrecher ohne Weh und Ach</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">In die Gruben hinausschafft tausendfach.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Der Diener fleht: „Faßt an, ihr Leut’! herbei.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Was aus der Leiche wird, ist einerlei.“</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Da tauschen richtig sie die Last schon aus. Nach oben</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Wird schon der Riese hochgehoben,</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Liegt da schon schwer in seinem Fett</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Auf der gemeinen Bahre, auf dem Schinderbrett.</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Vom Totengräber sah er sich zuletzt</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">Auf seiner eignen Wohnung lebend beigesetzt<a id="FNAnker_432" href="#Fussnote_432" class="fnanchor">[432]</a>.</div> - </div> -</div> - -<div class="sidenote">Anders die Satire. Religiöse Aufklärung.</div> - -<p>So weit die Spottdichtung und das Sinngedicht, so weit die fliegenden -Blätter Roms. Welche Zurückhaltung sich diese leichtlebige Kunst -im Altertum auferlegte, haben wir gesehen. Ganz anders die große -römische <em class="gesperrt">Satire</em>, zu der wir uns jetzt noch wenden. Indem wir -auch sie noch zu Wort kommen lassen, hört alsogleich das Behagen auf; -die Lehre beginnt, und sie reißt uns aus all der Heiterkeit, die uns -bisher umgab, in den Ernst hinüber, der bis zum Ingrimm geht, und in -die Sorgen um die schweren Grundfragen des Lebens. Denken wir nur an -die religiöse Frage. Die Satire ist es, mit deren Hilfe wir einem der -größten menschheitlichen Ereignisse, dem Übergang aus dem Polytheismus -in das Christentum, der großen religiösen Umwälzung der Antike, die -eben zu jenen Zeiten langsam vor sich ging, nähertreten können. Es sind -die etwa fünf Jahrhunderte von 200 v. Chr. bis 300 n. Chr. In diese -Entwicklung hat auch die große römische Satire mit eingegriffen; denn -ihre Aufgabe war eben die Erziehung des Volkes. Aber das Aufstellen von -tugendhaften Lehrsätzen genügte<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> ihr nicht; sie rief auch dabei wieder -den Spott zu Hilfe. Alle falschen Werte riß sie mit Hohn herunter; -alles, was hohl und vermorscht, schlug sie in Trümmer.</p> - -<p>Ich sehe hier von der wichtigen Aufklärungsarbeit der griechischen -Philosophen ab und halte nur auf Rom, das Zentrum der Welt, das -Auge gerichtet. Da hatte dereinst schon der Dichter Ennius im 2. -Jahrhundert v. Chr. kaltsinnig an dem alten Götterglauben gerührt -und für die Entstehung der Vorstellungen von Jupiter und den anderen -Nationalgöttern trivial-euhemeristische Erklärungen vorgetragen, die -sich wie ein amüsanter Roman für die Halbbildung lesen. Das übermütig -freche Volkstheater, der sog. Mimus, wirkte überdies schon lange ganz -im gleichen Sinne. In den Schwänken, die es da gab, wurde Jupiter, -der höchste Gott, wie ein alter Onkel hübsch begraben, die Göttin -Diana machte ihr Testament, und ähnliche Scherze mehr, wobei immer das -Sündhafteste dem Publikum gerade das liebste war. Dann kam Varro, der -Philologe, mit schwerstem Geschütz, der in einem dicken Sammelwerk -den ganzen bunten Götterglauben des Altertums mit seinen tausend -Namen redlich buchte, aber diesen Glauben dabei als nichtig nachwies -und nur die Naturkräfte im All noch als göttliche und heilige Mächte -gelten ließ. Derselbe Varro schrieb aber auch Satiren, z. B. einen -„gefälschten Apoll“, in denen er von den Göttern handelte und die -Volksvorstellungen nur deshalb bestehen ließ, um possierlich mit ihnen -zu spielen<a id="FNAnker_433" href="#Fussnote_433" class="fnanchor">[433]</a>. Gleichzeitig mit Varro wirkte dann auch Cicero, und er -machte diese freien Ansichten populär; Ciceros berühmte Schrift „Über -die Natur der Götter“ ist das erste große Aufklärungswerk gewesen, -das durchschlug. Der Staatskultus mit seinem reichen Tempeldienst -bestand freilich ungeschmälert weiter, aber jeder Gebildete dachte -dabei hinfort, was er wollte. In Wirklichkeit haben sich damals alle, -die nachdachten, auf die stoische Religion zurückgezogen, die von -den Philosophen ausging und deren Lehre sich mehr und mehr und immer -deutlicher zum geistigen Monotheismus hindurchrang.<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> Die Frage war nur, -was aus den herkömmlichen Göttern schließlich werden sollte.</p> - -<div class="sidenote">Persius. Seneca. Juvenal.</div> - -<p>Wundervoll geläutert sind schon die Vorstellungen, die Persius zu -Kaiser Neros Zeit in seinen Satiren vortrug. Es handelt sich um das -Gebet; albern und gottlos, sagt Persius, sind die Menschen, die sich -Bargeld und sonstige angenehme Dinge wünschen und mit solchen Bitten -die hohen Götter behelligen. Gott ist gütig, und er weiß selbst am -besten, was uns not tut. Und neben Persius stand nun auch schon Seneca, -der endlich die Axt an die Wurzel legte, indem er sich gegen den -herrschenden Gottesdienst selbst, gegen den Ritus mit seinen Opfern und -Zeremonien wandte. Gott ist ein Geist; er bedarf dieser menschlichen -Armseligkeiten nicht. „Über den Aberglauben“, <span class="antiqua">de superstitione</span>, -betitelte Seneca sein umstürzendes Buch, von dem wir gewisse Abschnitte -unbedingt zur Satirenliteratur rechnen; denn die beißendste Satire -war darin seine Waffe. So wie die Satire immer das Extreme aufsucht, -so hat hier Seneca gerade die lächerlichsten Auswüchse der sog. -Frömmigkeit, die ihm als Aberglaube gilt, geschildert, und wir lesen -seine Schilderung mit Staunen. Es handelt sich an der einen Stelle, die -uns vorliegt, um das vornehmste Gotteshaus der altrömischen Trinität -Jupiter, Juno und Minerva: „Ich kam auf das Kapitol. Man muß sich -schämen über die Tollheit, die sich da öffentlich zeigt, und wozu -sich eine sinnlose Schwärmerei verpflichtet hält. Einer legt da dem -Gott das Hauptbuch (über die Verwaltung des Tempelvermögens) vor, ein -anderer meldet dem Jupiter, wieviel Uhr es ist; einer steht als Lictor -oder Platzmacher herum; wieder einer ist des Gottes Einsalber und tut -mit einer zwecklosen Armbewegung so, als salbte er ihn wirklich ein. -Auch an Personen, die der Juno und Minerva das Haar machen, fehlt es -nicht; aber sie stehen von den Götterbildern, ja sogar vom Tempel -selbst weit ab und bewegen nur so die Finger, als frisierten sie sie. -Andere halten den Spiegel dazu. Dann kommen welche, die (in eigener -Prozeßsache) die drei Götter zu einer Bürgschaftsleistung einladen, -ihnen ihre<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> Anklageschrift bringen und ihren Fall vortragen. Auch -einen Schauspieldirektor von guter Schule, aber schon alt und verlebt, -sah ich da, der täglich auf dem Kapitol sein Rollenfach mimte, als -könnten die Götter an ihm, den kein Mensch sich mehr ansehen mochte, -noch Vergnügen haben. Und so sind da alle Sorten von Künstlern oder -Kunststückmachern vertreten, die ihre Zeit damit vergeuden, die -unsterblichen Götter zu ehren. Alle diese Leute tun nun gewiß, was -überflüssig ist, allein sie entehren sich doch nicht selber; aber auch -Weiber, die meinen, sie könnten mit Jupiter in Liebesverkehr treten, -hocken auf dem Kapitol, und nicht einmal der Anblick Junos schreckt -sie ab, die ja doch, wenn die Dichter recht haben, sehr leicht in Zorn -gerät.“</p> - -<p id="Augustin">Jetzt wissen wir, wie es da zuging. Diese Schilderung Senecas gibt -uns endlich das, was Martial verschweigt: eine köstliche Ergänzung -zur Kenntnis des römischen Stadtvolks, besonders in seinen unteren -Schichten. Leider ist uns aus Senecas Schrift sonst fast nichts -erhalten; der Kirchenvater Augustin hat nur eben dies daraus -ausgezogen, weil es seiner christlichen Tendenz besonders zu Hilfe kam. -Wir würden gerne auch das Weitere und Gewichtigere lesen.</p> - -<div class="sidenote">Juvenal gegen den Fanatismus. Satire der Kirchenväter.</div> - -<p>Auf Seneca aber endlich folgt <em class="gesperrt">Juvenal</em>, der letzte und wuchtigste -der Satiriker. In machtvoller Breite rollen seine Predigten daher. Die -Gesellschaft sittlich zu heben, die Herzen zu reinigen, das war auch -Juvenals Zweck; was aber Seneca schon geschrieben hatte, brauchte er -nicht zu wiederholen. So wandte er denn seinen Zorn gegen ein anderes -drohendes Gespenst, den religiösen Fanatismus, der im Orient seit -langem sich regte. Nach Ägypten kehrte er seine Augen; da war unlängst -Ungeheuerliches geschehen, und er beschloß dies erschreckende Beispiel -in grausiger Schilderung aller Zukunft zur Warnung hinzustellen. Es ist -Juvenals 15. Gedicht.</p> - -<p>Zwei ägyptische Nachbarstädte, Omboi und Tentyra, waren es. Beide haben -andere Götter, und sie hassen sich deshalb bis zur Raserei. Bei den -Ombiten ist gerade Festtag, und<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> sie begehen ihn mit rauschendem und -berauschendem Gottesdienst. Da werden sie von den Leuten aus Tentyra -überfallen, eine Rauferei beginnt; sie zerschlagen sich erst nur die -Gesichter. Dann wird schon mit Steinen geworfen; dann greift man zum -Messer, bis die Angreifer fliehen; einer der Fliehenden aber wird -ergriffen und von der siegreichen Menge zerrissen und in unerhörtem -Kannibalismus verspeist. Alle sättigen sich an der Mahlzeit. Der -letzte, der nichts abbekam, leckt gierig noch das Blut von den Fingern -des Opfers. Gott, der Weltenschöpfer, sagt Juvenal, erhob den Menschen -über das Tier, indem er uns die Menschenliebe und den Trieb gab, daß -einer dem anderen helfe. Wo aber ist die Bestie, die ihresgleichen -frißt? Die religiöse Wut, der Haß gegen die Götter des Nachbarn bringt -das fertig.</p> - -<p>Ob hier Juvenal übertrieben hat? Jedenfalls ist klar, welchen -Standpunkt er im Hader der Religionen einnahm, und um so wohltuender -berührt es uns, daß er in all seinen Dichtungen kein hämisches, -wegwerfendes Wort gegen das Christentum findet. Um das Jahr 130 konnten -dem Juvenal die stark angewachsenen Christengemeinden nicht unbemerkt -bleiben; denn das Evangelium scholl schon vernehmlich über die Gasse -in den Griechenquartieren Roms. Juvenal, dieser energische Ethiker -und Volkserzieher, lebte ganz in der stoischen Sittenlehre, die der -christlichen tatsächlich so nahe stand. Vielleicht dürfen wir annehmen, -daß er eben darum zu satirischen Angriffen gegen die neue Völkerlehre -keinen Trieb und keinen Anlaß fand.</p> - -<p>Anders das Christentum selbst. Kaum war Juvenal verstummt, so erhob -das Christentum selbst seine Stimme zur Polemik, und die große Satire -der christlichen <em class="gesperrt">Kirchenväter</em> im Kampf mit den heidnischen -Göttern hob an. Denn auch dies war Satire. Den Ton bittersten Spottes -und grenzenloser Entrüstung entlehnten die Kirchenautoren dabei -von Juvenal, aber von vornherein sind sie viel siegesgewisser als -er. Denn ihre Aufgabe war leicht; sie konnten ja ihre Argumente -von den aufgeklärten Heiden selbst entnehmen, und sie nahmen sie -wirklich<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> getreu aus Varro, Cicero und Seneca. Aber auch im römischen -Volkstheater waren die Götter ja, wie wir sahen, längst entheiligt -und zu lustigen Figuren gemacht. Auch dies bot den Christen die -willkommenste Hilfe. „Erröten müßt ihr über eure Götter,“ so hebt -einmal Tertullian an<a id="FNAnker_434" href="#Fussnote_434" class="fnanchor">[434]</a>. „Ich weiß nicht, soll ich lachen über eure -Torheit oder auf eure Blindheit schelten.“ Da haben wir also das -Lachen; es ist das Lachen des Satirikers. Und dann geht es weiter: Der -alte Gott Saturn soll Sohn des Himmels sein; Himmel heißt <span class="antiqua">caelum</span> -auf Latein; <span class="antiqua">caelum</span> aber ist ein Neutrum. Wie kann ein Neutrum -Kinder erzeugen? Saturn soll ferner schon eine Sichel besessen haben; -eine Sichel setzt das Schmieden voraus, aber der Schmiedegott Vulkan, -der das Schmieden erfand, war doch erst Saturns Enkel! Wie konnte also -Saturn schon eine Sichel haben? Weiter hat man den Herkules zum Gott -gemacht, weil er so viele wilde Tiere erschlug; warum aber nicht lieber -den Pompejus, der all die Piraten beseitigte? Denn die unzähligen -Piraten waren viel schlimmer als die paar wilden Tiere. Besonders -lachhaft sind die unzähligen kleinen Stadtgötter im Land; denn jedes -kleine Nest hat einen anderen; „ich lache über diese göttlichen -Magistrate, deren Ansehen nicht weiter als bis zu ihrer Stadtmauer -reicht. Und was soll man weiter zu Romulus sagen, der Rom gründete und -dabei seinen Bruder totschlug? Wenn alle Stadtgründer gleich Götter -werden sollen, dann kann es freilich viele geben!“<a id="FNAnker_435" href="#Fussnote_435" class="fnanchor">[435]</a></p> - -<p>Und so rollt die Polemik weiter. Nicht anders wie Tertullian redeten -hernach auch noch die Späteren, Arnobius, Lactanz, Augustin; und -wer sollte ihnen da widersprechen? Gepriesen sei die Zeit, wo das -Christentum nur mit solchen Waffen, mit den Waffen der klugen Rede, -focht und siegte! Es sollte die Zeit kommen, wo es zu anderen griff. -Juvenal hatte umsonst gewarnt. Die Zeit kam, wo der Fanatismus aufs -neue zum Schwert griff und das Blut floß. Es war der Fanatismus des -Christentums und seiner erstarkten Kirche.</p> - -<p>Wozu daran erinnern? Die Religionskriege liegen ja gottlob<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> weit hinter -uns. Der schöne Gedanke des Altertums, daß der Polytheismus nur eine -Vielnamigkeit Gottes, daß die vielen Götter der Erdenvölker also nur -viele Versuche sind, den Einen zu nennen, und die religiöse Duldung, -die in diesem freundlichen Gedanken wurzelt, hat allmählich auch unsere -Gegenwart erobert, und wir hoffen, daß sie einmal voll und ganz siegen -wird. Schlimmer steht es heut mit dem Rassenhaß, dem Völkerhaß, der -Entzweiung der Völker Europas. In dem Weltkrieg, der in den letzten -Schreckensjahren unseren Weltteil zerfleischte, schlugen nicht nur -die Waffen, die Vulkan geschmiedet, aufeinander; auch das Wort -kämpfte wieder, aber völlig entartet, und die gemeinste Schmähsucht -war losgelassen. Mit den niedrigsten, verlogensten Beschimpfungen -fielen die Völker, die unsere Vernichtung beschlossen hatten, über uns -Deutsche her, weil unser Volk den unerhörten Mut hatte, sich innerhalb -seiner Grenzen selbständig und kraftvoll auszuleben. Aller Witz der -Rede, aller Feinsinn, alle Grazie erstickte dabei in geschmacklosester -Karikatur und häßlich kreischender Verleumdung. Das verrät einen -sittlich kulturellen Tiefstand der Gegenwart, der Europa weit, weit -hinter das Zeitalter des Horaz und Juvenal zurückwirft und uns mit -völlig hoffnungsloser Trauer erfüllt. Denn die Völker, von denen ich -sprach, lebten ja schon damals; sie alle sind die gemeinsamen Erben -der Zivilisation von Rom und Hellas. Damals zwang die Römerherrschaft -die hochbegabten Nationen, die sie umfaßte, zur Eintracht, zum Fleiß -und dauernd glücklichem Dasein. Wird jetzt der geplante „Völkerbund“ -wirklich alle Nationen friedlich umfassen? oder müssen wir wünschen, -daß wieder wie einst ein Zwingherr ersteht, der die Welt in seine -starke Hand und sichere Verwaltung nimmt? Beklagenswert die Welt, die -zu ihrem Glück, zur Wahrung ihrer Würde, gezwungen sein will. Denn -Glück ist nur in der Freiheit, und der wahre Beruf der Völker ist, in -freier Einigung die reine Menschheit in sich darzustellen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Anmerkungen">Anmerkungen.</h2> - -</div> - -<h3 class="s4"><b>Die Römerin.</b></h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Vielleicht ist das Wort <span class="antiqua">roma</span>, <span class="antiqua">ruma</span> -ursprünglich etruskisch und hernach latinisiert worden; man hat -es neuerdings als „Brust“ gedeutet; alsdann war <span class="antiqua">Roma</span> aber -vielleicht ursprünglich die Benennung für einen Mann gewesen, also -wirklich als Maskulinum gedacht und nur der Form nach weiblich, sowie -auch die Feminina <span class="antiqua">Ahala</span>, <span class="antiqua">Sura</span>, <span class="antiqua">Pansa</span>, <span class="antiqua">Bucca</span> -Körperteile bezeichnen und zugleich römische Männernamen sind, und -<span class="antiqua">Romulus</span> war, dies vorausgesetzt, von dem männlichen <span class="antiqua">Roma</span> -nur die Verkleinerung. Vgl. G. Herbig in der Berliner philol. -Wochenschrift 1916, S. 1477.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> D. h. der <span class="antiqua">genius urbis</span> war eben der <span class="antiqua">genius -populi</span>, und <span class="antiqua">populus</span> ist maskulin. Die Aufschrift, die -sich auf dem Kapitol befand: <span class="antiqua">genio urbis Romae sive mas sive -femina</span> (Servius zu Aen. 2, 351) kann nicht alt gewesen sein, da -die ursprünglichere Bezeichnung <span class="antiqua">genius populi Romani</span> gewesen -sein muß. Denn <span class="antiqua">genius</span> bedeutete eigentlich den männlichen -Zeugungstrieb (vgl. meinen Artikel „Genius“ in Roschers Mythologischem -Lexikon). Jene Inschrift verrät das Befremden, das Spätere dem -<span class="antiqua">genius</span> eines weiblichen Wesens gegenüber empfanden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Marquardt-Mau, Privatleben, S. 728, 8.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Über die „Hut der Mutter“, <span class="antiqua">matris tutela</span>, <span class="antiqua">matris -custodia</span>, vgl. Rheinisches Museum 70, S. 269. So sehen wir den -jungen Properz unter der <span class="antiqua">custodia matris</span> stehen, aber auch den -jungen Dichter Persius. Horaz hat dagegen seine Mutter früh verloren; -denn er erwähnt nur den Einfluß des Vaters auf seine Kindheit. -Vielleicht mag sich aus diesem Umstand des Horaz eigentümliche Stellung -zu den Frauen erklären; denn er huldigt, anders als Properz, keiner -Frau der vornehmen Gesellschaft, er hat ihren Umgang augenscheinlich -nicht gesucht. Nur an Männer sind seine Briefe gerichtet. Die edle -Frauenverehrung aber pflegt mit der Verehrung der Mutter anzuheben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Die <span class="antiqua">virtus</span> gehört den <span class="antiqua">viri</span>, die -<span class="antiqua">pudicitia</span> den <span class="antiqua">matronae</span>: Livius 10, 23.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Properz 2, 6, 25 und Plinius <span class="antiqua">nat. hist.</span> 17, 244.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Domitius warf dem Crassus vor: „Hast du nicht geweint, -als dir die Muräne starb, die du im Fischbehälter aufzogst?“ Crassus -antwortete: „Hast du nicht etwa <em class="gesperrt">nicht</em> geweint, als du dich von -deiner Frau trenntest?“</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Das griechische Ideal der Ehe gibt uns Plutarch, -<span class="antiqua">Praecepta coniug.</span> 9: Der Mond strahlt nur dann, wenn er -der Sonne nicht zu nahe steht. Umgekehrt die Frau: sie strahlt am -schönsten, wenn sie zusammen mit ihrem Manne erscheint; ist er nicht -da, so gleicht sie dem Neumond! Diese Lehre gipfelt in dem Satz: die -Frau soll der <em class="gesperrt">Spiegel</em> ihres Mannes sein.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Erst im 2. Jahrhundert n. Chr. tauchen Römerinnen, die -in eine Hündin verliebt sind, auf, bei Juvenal VI, 654 und Lucian -<span class="antiqua">de merc. conductis</span> 34 (letztere Stelle wurde mir von <span class="antiqua">Dr.</span> -Hasenclever, Würzburg, nachgewiesen), früher findet sich nichts -dergleichen. Es war dies also eine Mode der Spätzeit. Wohl treffen wir -dagegen Männer, auch junge Männer an als zärtliche Liebhaber ihrer -Hunde; ich erinnere an das Hündchen Issa bei Martial (s. S. 223). Das -reizende Grabgedicht auf die Hündin Myia (<span class="antiqua">Carmina epigraphica</span> -1512) stammt freilich von einer Frau, aber aus Gallien, nicht aus Rom. -Aus Rom stammt die marmorne Grabschrift auf die Jagdhündin Margerita -(ebenda 1175), von der dort ausgesagt wird, daß sie oft im Schoß ihres -Herrn oder ihrer Herrin von der Jagd ausruhte. Hier ist die Herrin also -einmal mit erwähnt. Die Katze fehlte in den Häusern; sie wurde vom -mäusefangenden Wiesel (<span class="antiqua">mustela</span>) vertreten; aber auch zum Wiesel -sehen wir die Römerinnen nie in einem näheren Verhältnis.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Seneca <span class="antiqua">de benef.</span> 1, 9. Die Frau, die außer ihrem -Ehemann nur einen Liebhaber hat, steht noch gut da; man sagt von ihr, -daß sie in Doppelehe lebt, und dies eine <span class="antiqua">adulterium</span> wird als ein -zweites <span class="antiqua">matrimonium</span> gerechnet; s. Martial VI, 10 und „Römische -Charakterköpfe“ 3. Aufl., S. 235.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Gellius 1, 23.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> <span class="antiqua">mulierum conventus, senatus matronalis, Script. hist. -Augustae Heliogab.</span> 4, 3.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Cicero nennt die Clodia geradezu <span class="antiqua">meretrix</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Helvius Cinna hatte schon unter des großen Julius Caesar -Begünstigung geradezu die Einführung der Polygamie vorgeschlagen -(Sueton, Caes. 52); die Kaiserin Messalina führte dies durch; weiter -nichts.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> <span class="antiqua">Ovid ars</span> 3, 189.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Horaz <span class="antiqua">sat.</span> 1, 10, 91.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> s. Rheinisches Museum 70, S. 270.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Vgl. W. Schrötter, Ovid und die Troubadours.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Seneca <span class="antiqua">epist.</span> 95, 21.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Zur Frauensatire Juvenals vgl. Rhein. Museum 70, S. 527 -ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> <span class="antiqua">Domum servavit, lanam fecit</span> (<span class="antiqua">Carmina -epigraph.</span> 52) ist typisch. Charakteristische Monumente sind die -Grabschrift auf Turia (Dessau n. 8393) und das neuerdings gefundene -der Potestas (Kroll im Philologus 73, S. 274 f.); sie geben eine -ausführliche Schilderung. Ich nehme hier die Gelegenheit wahr, eine -schwierige Stelle in dem Lobgedicht auf Potestas (das um das Jahr 300 -n. Chr. entstanden ist) zu erklären. Die Körperschönheit, Brust und -Beinwerk der Frau, werden da sehr<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> drastisch gelobt; dann heißt es im v. -22, daß die Frau eine glatte Haut hatte, ja, daß sie sich alle Haare zu -entfernen pflegte:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">anxia non mansit, sed corpore pulchra benigno</span></div> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">levia membra tulit; pilus illi quaesitus ubique.</span></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Hier hat das <span class="antiqua">anxia</span> die sonderbarsten und künstlichsten -Erklärungen hervorgerufen; der Zusammenhang der Sätze zeigt aber -unzweifelhaft, daß dies Wort „behaart“ bedeuten muß. Es kann nichts -anderes sein als ein Vulgarismus des Spätlateins und ein barbarisch -entstelltes griechisches Lehnwort; nämlich ἄξοος, das von ξέω -gebildet worden ist (nach der Analogie von ἄπνοος, εὔρροος) im Sinne -von ἄξεστος, „der ungeschorene“ (vgl. Callimachus Frgm. 105), und -hier ebenso auf die Rauheit der Haare Bezug hat, wie das ξεστός bei -Oppian von den Haaren des Elephanten steht. Sie ist <span class="antiqua">non anxia</span>, -heißt also soviel wie: sie ist <span class="antiqua">toto corpore expolita</span>, wie -wir in der Vita des Heliogabal 5,5 lesen. Der Vulgarismus aber -zeigt sich in dem Wort <span class="antiqua">anxia</span> statt <span class="antiqua">axoa</span> dreifältig, -im Eintreten des <span class="antiqua">i</span>, im Eindringen des Nasals, in der Bildung -einer Femininform vom komponierten griechischen Adjektiv. Das ἄξοος -wurde offenbar mit dem geläufigen Adjektiv ἄξιος zusammengeworfen. -Dann ist das Wort weiter an das echt lateinische Wort <span class="antiqua">anxius</span> -völlig angeglichen, und eben der Anklang an dies geläufige lateinische -Wort hat die Nasalierung begünstigt. Das Eindringen des unechten -Nasals aber ist dasselbe wie in <span class="antiqua">thensaurus</span>, <span class="antiqua">coniunx</span>, -und die Gegenbildungen dazu sind Schreibungen wie <span class="antiqua">Quictilis</span>, -<span class="antiqua">provicia</span> u. a., die man auf Inschriften findet. Insbesondere ist -<span class="antiqua">bronchus</span> als Nebenform von <span class="antiqua">brocchus</span>, <span class="antiqua">brochus</span> zu -vergleichen; auch καχάζω, καγχάζω, <span class="antiqua">Pimplêus</span> und <span class="antiqua">Piplêus</span> -(Catull 105, 1). Nicht glücklich ist die Stelle von Mesk in der -Berliner Phil. Wochenschrift 1915, S. 62 behandelt worden.</p> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Auch an der Priscilla weiß Statius (Silven V 1, 57) im -Grunde nur dies zu rühmen und daß sie Tag und Nacht für das Wohl des -Gatten zu den Göttern gebetet hat (v. 72).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Arrias Wort an den Gatten: „o Pätus, der Tod schmerzt -nicht.“</p> - -</div> - -<h3 class="s4"><b>Antike Gastmähler.</b></h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Schiller sagte doch bekanntlich nur: „Satt zu essen muß -der Mensch haben, wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.“ Vgl. -Säkularausgabe Bd. XIII, S. XXXII.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Über Tafelfreuden, Kochbücher u. a. des 16.-18. -Jahrhunderts findet man einen hübschen Aufsatz in Reclams Universum, -Jahrgang 34, Heft 12 (1917).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> S. Das antike Buchwesen, S. 434.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Etwa: „Singe mir, Muse, Diners mit vielerlei Gängen -und viele!“ Aber der Anklang an den homerischen Vers ist damit nur -teilweise wiedergegeben.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Ich sehe von solchen Tabernen ab, die üblen Zwecken -dienten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> Außer in gewissen leichtlebigen Geselligkeiten, von denen -hier nicht die Rede ist.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Vom Kaiser Elagabal hören wir, daß er für jeden Gang ein -neues Tischtuch (<span class="antiqua">mantele</span>) auflegen ließ, und zwar waren auf dem -Tuch die Speisen abgebildet (<span class="antiqua">picta</span>), die es gab (<span class="antiqua">Script. -historiae Augustae c.</span> 27).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> In dem Gedicht Anthol. Pal. 10, 43 heißt es: „Sechs -Stunden am Tag sind für die Arbeit, die siebente bis zur zehnten sind -für das Sichausleben“; in feiner Witzform wird das vorgetragen. Die -griechischen Buchstaben für die Zahlen 7, 8, 9, 10 sind nämlich ΖΗΘΙ, -und ζῆθι bedeutet: „genieße das Leben.“</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Wir erfahren, daß diese Vorhänge wirklich Gegenstände der -Betrachtung waren; s. Valerius Maximus 9, 1, 5.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Martial 12, 87 und sonst.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Die Gäste küssen den Tisch, um Gespenster oder ein böses -Omen abzuwehren; Petron, <span class="antiqua">c.</span> 64.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Deshalb war ein Fisch teurer als ein Rind; Plutarch, -Sympos. 663 <span class="antiqua">B</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Unser Wort „Suppe“, italienisch <span class="antiqua">zuppa</span>, heißt -eigentlich das Eintauchen von Brot in eine Flüssigkeit; vgl. R. -Kleinpaul in der Kölnischen Zeitung 1911, Nr. 453, drittes Blatt: „Das -Alter der Suppe.“</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Friedländer erklärt die Stelle des Petron, <span class="antiqua">c.</span> 65: -<span class="antiqua">gallinae altiles circumlatae sunt et ova anserina pilleata quae ut -comessemus, ambitiosissime (a) nobis Trimalchio petiit dicens exossatas -esse gallinas</span> nicht richtig; <span class="antiqua">quae</span> weist nicht nur auf -<span class="antiqua">ova</span>, sondern zugleich auf <span class="antiqua">gallinae</span> zurück: „Trimalchio -drängte uns, daß wir von beiden essen sollten, indem er anmerkte, die -Masthühner seien übrigens ohne Knochen.“</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Vgl. Martial 13, 92.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Plinius, <span class="antiqua">Nat. hist.</span> 28, 260; Martial 5, 29; -Lampridius Alex. <span class="antiqua">c.</span> 38.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Es lag allerdings für die Volksetymologie nahe, -<span class="antiqua">lepus</span> und <span class="antiqua">lepos</span> in ähnliche Beziehung zu setzen wie -<span class="antiqua">decus</span> und <span class="antiqua">decor</span>, <span class="antiqua">(h)onus</span> und <span class="antiqua">honos</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Vgl. Martial 3, 82, 8.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Seneca <span class="antiqua">ad Helviam</span> 10.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Vgl. Martial 5, 79.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Vgl. Martial 9, 35.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Vgl. Martial 5, 78, 26.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Vgl. Martial 3, 50.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Diese Umrechnungen sind nicht genau zu nehmen, da der -Wert des Geldes starken Schwankungen unterworfen war. Bei Derus werden -6 Millionen, bei Nero 4 Millionen Sesterz angegeben.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Varro, <span class="antiqua">De re rust.</span> 3, 7.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> Man vergleiche dazu Sergius Orata; <span class="antiqua">orata</span> ist der -Goldfisch.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> Hierfür wie für manches andere sei auf Victor Hehn, -Kulturpflanzen und Haustiere (6. Auflage, S. 433 ff.) verwiesen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> Dies führt Martial 7, 27 aus.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> Plutarch, <span class="antiqua">De esu carnium</span>, <span class="antiqua">p.</span> 997 <span class="antiqua">A</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> Friedländer, Petron S. 282. Auf einem Relief von St. -Germain sieht man eine Tischrunde, ein Sigma dargestellt; in der Mitte -steht ein ganzer Eberkopf serviert: s. Robert, Sarkophagreliefs Bd. -III, Tfl. 88, N. 272.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> Wohl aber war das Trinkgeschirr oft aus Glas und die -Glasfabrikation hoch entwickelt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> Ein Feldherr, der im Jahr 58 n. Chr. in Germanien Krieg -führte, hatte 12000 Pfund Silbergeschirr in seinem Hauptquartier -(Plinius <span class="antiqua">nat. hist.</span> 33, 143).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> <span class="antiqua">Digitis ustis</span>, Martial 5, 78, 6.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> In der Casa del Centauro zu Pompeji wurden dreizehn -silberne Löffel ausgegraben, sechs kleinere und sieben größere. Eine -Abbildung der kleineren findet man bei Overbeck-Mau, Pompeji, 4. -Auflage, S. 444.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[58]</a> Petron <span class="antiqua">c.</span> 66.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[59]</a> Martial 7, 22, 17.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[60]</a> Vgl. W. Helbig, Führer durch die Sammlungen der -klassischen Altertümer in Rom, Nr. 715.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[61]</a> Die Gelage enden der Regel nach nie spät; nur der -Berufssäufer trinkt bis zum Morgen; es schien schon ungeheuerlich, daß -Nero <span class="antiqua">epulas</span> bis <span class="antiqua">noctem protrahebat</span> (<span class="antiqua">Suet. Nero</span> -27).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[62]</a> Hierüber meine Kulturgeschichte, 3. Aufl., S. 49 f.</p> - -</div> - -<h3 class="s4"><b>Auf der römischen Heerstraße.</b></h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[63]</a> Für die nachfolgende Studie kam mir das Buch von Wolfgang -Riepl zur Hilfe: „Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer -Rücksicht auf die Römer“ (Leipzig 1913); es ist von mir besprochen in -der Historischen Zeitschrift, Bd. 113, S. 571 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[64]</a> Vgl. Herodot V, 105.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[65]</a> Philostrat II, S. 378, 12 <span class="antiqua">ed.</span> Kayser.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[66]</a> Über Iris vgl. Neue Jahrbücher XIX (1907), S. 707 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[67]</a> Plinius handelt in seiner Naturgeschichte VII, 84 über -namhafte Schnelläufer und ihre Leistungen; aber er weiß da als -Beispiele nur Griechen zu nennen, und indem er schließlich auch nach -einem römischen Namen sucht, findet er keinen einzigen außer Tiberius, -der Tag und Nacht zu seinem erkrankten Bruder Drusus nach Germanien -eilte, aber im Wagen! Das ist bezeichnend.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_68" href="#FNAnker_68" class="label">[68]</a> Livius 26, 35.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_69" href="#FNAnker_69" class="label">[69]</a> Livius 34, 1, 5 und 2, 12.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_70" href="#FNAnker_70" class="label">[70]</a> Juvenal 11, 2.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_71" href="#FNAnker_71" class="label">[71]</a> Varro <span class="antiqua">de lingua lat.</span> 6, 27.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_72" href="#FNAnker_72" class="label">[72]</a> Sueton, Vespasian <span class="antiqua">c.</span> 8.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_73" href="#FNAnker_73" class="label">[73]</a> Von den <span class="antiqua">viae vicinales</span> sind die Kommunalstraßen, -<span class="antiqua">viae communes</span>, und von diesen wieder die <span class="antiqua">viae publicae</span> -verschieden; an den Vicinalwegen steht angeschrieben, wer den Weg in -Ordnung zu halten hat; s. Agrimensoren <span class="antiqua">ed.</span> Thulin I, S. 110.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_74" href="#FNAnker_74" class="label">[74]</a> Livius 22, 7.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_75" href="#FNAnker_75" class="label">[75]</a> Livius 21, 9.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_76" href="#FNAnker_76" class="label">[76]</a> Livius 21, 20.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_77" href="#FNAnker_77" class="label">[77]</a> Cicero <span class="antiqua">pro Balbo</span> 34; Lucrez 3, 1032.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_78" href="#FNAnker_78" class="label">[78]</a> d. h. 20 Millien; Vegetius <span class="antiqua">de re mil.</span> 1, 9.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_79" href="#FNAnker_79" class="label">[79]</a> Riepl, S. 129. Ich entnehme dem Buch Riepls einige -weitere Angaben. Caesar soll einmal am Tag 75 <span class="antiqua">km</span> zurückgelegt -haben (S. 132); der mazedonische König Philipp III. gar 90 <span class="antiqua">km</span> -(S. 134). Mit welcher Vorsicht solche Angaben aufzunehmen sind, habe -ich im Rhein. Museum Bd. 70, S. 253 f. gezeigt: Hannibal sollte nach -der Schlacht bei Cannä in fünf Tagen mit seiner Reiterei in Rom sein -und Rom einnehmen können; Riepl bemüht sich ernstlich, dafür die -tägliche Kilometerzahl auszurechnen. Ich habe aber nachgewiesen, daß -die Fünfzahl im Altertum nur eine ungefähre Summe ist, die nichts -weiter als „in kurzer Zeit“ bedeutet. Die Beispiele, die ich für diesen -Sprachgebrauch dort beibrachte, könnte ich jetzt noch vermehren, und so -wird es dann auch wohl mit der Angabe nicht besser stehen, daß Ämilius -Paulus in 5 Tagen von Delphi zu seinem Heer nach Mazedonien eilte -(Riepl, S. 151). Zur Vergleichung seien noch einige Marschleistungen -der neueren Zeit hierhergesetzt, deren Kenntnis ich der Güte des -Generalleutnants August Beß, Exzellenz, verdanke. Man rechnet heute als -<em class="gesperrt">höchste</em> Marschleistung in 24 Stunden für Kavallerie und reitende -Artillerie 80 <span class="antiqua">km</span>, für Kavalleriepatrouillen 120 <span class="antiqua">km</span>, für -Infanterie 50 <span class="antiqua">km</span>. Die Leistungen werden aber oft beeinträchtigt -durch den Einfluß der Jahreszeit und Witterung, der Wege und der Größe -des Truppenverbandes selbst. Friedrich der Große und Prinz Heinrich -haben nicht selten 30 bis 40 <span class="antiqua">km</span> an mehreren aufeinanderfolgenden -Tagen von ihren Truppen verlangt, obwohl sie damals noch in steter -Schlachtbereitschaft marschierten. Einzelleistungen: auf der Verfolgung -nach Jena im Jahre 1806 hat die Avantgarde des Korps Lannes auf -tiefsandigen Wegen 100 <span class="antiqua">km</span> in 50 Stunden zurückgelegt, also 48 -<span class="antiqua">km</span> in 24 Stunden. Unter Diebitsch wurde 1831 von Wysoko nach -Pyski an einem Tag 7 Meilen, 50 <span class="antiqua">km</span> marschiert. 1864 zog das -dritte preußische Korps von Christiansfeld bis Warnitz-Apenrade in 12 -Stunden 6½ Meilen (bis 45 <span class="antiqua">km</span>); 1870 am 16. und 17. Dezember -das neunte Korps bei starkem Regen und sehr schlechtem Wetter von Blois -nach Orleans, etwa 70 <span class="antiqua">km</span> in 33 bis 36 Stunden (einschließlich -Nachtruhe).</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_80" href="#FNAnker_80" class="label">[80]</a> Riepl, S. 149.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_81" href="#FNAnker_81" class="label">[81]</a> Philostrat II, <span class="antiqua">p.</span> 43, 27 <span class="antiqua">ed.</span> Kayser.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_82" href="#FNAnker_82" class="label">[82]</a> Noch Claudian schrieb ein Gedicht <span class="antiqua">De mulabus -Gallicis</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_83" href="#FNAnker_83" class="label">[83]</a> Gellius 15, 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_84" href="#FNAnker_84" class="label">[84]</a> Anders als im letzten Weltkriege. Ich möchte die Worte -hierher setzen, die Exzellenz Gröner Anfang März 1917 in Düsseldorf im -Verein der Eisenhüttenleute gesprochen hat: „Heute müssen die Heere auf -Räder von Eisen gestellt werden, und so rollen sie dem Feinde entgegen, -von einem Kriegsschauplatz zum anderen, und die Eisenindustrie -liefert dem Heere nicht nur die Beine, sondern vor allem auch die -stahlgepanzerte Faust.“</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_85" href="#FNAnker_85" class="label">[85]</a> Die Sache scheint befremdlich (vgl. H. Delbrück, -Preußische Jahrbücher Bd. 167, S. 211 Anmerkung); für Trajan aber haben -wir das Zeugnis der Trajanssäule und Plinius Panegyr. 14; für Alexander -Severus die Vita 48, 4; für Caesar Sueton Caes. 57; für Marius Plutarch -Mar. 13. Weniger beweisend ist das περιϊών bei Plutarch im Leben des -Antonius c. 47 und Lukull als πεζός Plut. Lukull 28. Dagegen sehen wir -den Agricola zu Pferde (Tacitus Agr. 35), ebenso Sulla (Plut. Sulla -21), ebenso Maximin (<span class="antiqua">Script. historiae Aug. Maximin</span> 12); vgl. -auch Livius 22, 3, 11 u. 49, 3. Genauer schreibt Claudian <span class="antiqua">De IV. -consul. Honorii</span> 349 dem Imperator vor: <span class="antiqua">nunc eques in medias -equitum te consere turmas, nunc pedes assistas pediti</span>; d. h. -schließt der Oberfeldherr sich der Infanterie an, so soll er zu Fuß -gehen, mit der Kavallerie reiten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_86" href="#FNAnker_86" class="label">[86]</a> <span class="antiqua">Expedire</span> heißt eigentlich den Fuß befreien, wie -<span class="antiqua">impedire</span> den Fuß hemmen, <span class="antiqua">compedire</span> die Füße mit Fesseln -zusammen schließen. Jenes bestand darin, daß man das schleppende -Kleid hoch gürtete; der Kriegsmann geht <span class="antiqua">cinctus</span>, d. h. er -gürtet das Kleid. Wichtig zum Verständnis ist, daß der alte Plautus -Amph. 308 schreibt: <span class="antiqua">cingitur: expedit se</span>: „er gürtet sich, er -will freien Fußes losfahren.“ Das wird hernach im übertragenen Sinn -gebraucht, und Livius schreibt 38, 21: <span class="antiqua">expedire se ad pugnam</span>, -d. i.: „alles Gepäck beiseite werfen, um kämpfen zu können.“ Deshalb -heißt „Expedition“ in der alten Heeressprache dasjenige militärische -Unternehmen, bei dem ein Wagentroß nicht mitgeführt wird; so -wiederum bei Livius: <span class="antiqua">cum promptissimis iuvenum praedatum atque in -expeditiones ire</span>. Wer <span class="antiqua">promptus</span> ist, ist <span class="antiqua">expeditus</span>. -Vgl. auch Hirtius, <span class="antiqua">Bellum Gallicum VIII</span>, 34, wo es die -<span class="antiqua">expediti</span> sind, die nächtliche „Expeditionen“ unternehmen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_87" href="#FNAnker_87" class="label">[87]</a> Seneca, Epistel 87 und 123, 7. Gute Abbildungen -bespannter Wagen sind selten; um so wertvoller das neugefundene -griechische Marmorrelief aus älterer Zeit: Archäol. Jahrbuch 1918, -Anzeiger S. 15, Abb. 13.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_88" href="#FNAnker_88" class="label">[88]</a> Statius Silven 3, 5, 75.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_89" href="#FNAnker_89" class="label">[89]</a> Seneca Ep. 77.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_90" href="#FNAnker_90" class="label">[90]</a> Juvenal 14, 265 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_91" href="#FNAnker_91" class="label">[91]</a> Tacitus Ann. 2, 53 und 61.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_92" href="#FNAnker_92" class="label">[92]</a> Horaz, Ep. 1, 11, 11.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_93" href="#FNAnker_93" class="label">[93]</a> <span class="antiqua">iter solum per avia nemorosa</span>, Mosella Vers 5.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_94" href="#FNAnker_94" class="label">[94]</a> Auf „Gehen“ weisen alle Wörter, die da Ausonius braucht: -<span class="antiqua">transieram</span> V. 1, <span class="antiqua">ingrediens</span> V. 5, <span class="antiqua">per avia</span> V. 5, -<span class="antiqua">praetereo</span> V. 7. Ich verstehe nicht, wie Hosius S. 26 seiner -Ausgabe ansetzen kann, Ausonius sei dort auf der Römerstraße mit der -Reichspost gereist.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_95" href="#FNAnker_95" class="label">[95]</a> ὁδοιπόρος ist der Reisende nur, sofern er zu Fuß geht -(vgl. z. B. Plutarch Antonius c. 62). Nach der Überlieferung lautet der -Titel des Gedichtbuches des Persius freilich nur „<span class="antiqua">opericon librum -unum</span>“ (Sueton <span class="antiqua">p. 75 R.</span>). Äußerlich näher läge es, dies in -„ὀπωρικῶν <span class="antiqua">librum unum</span>“ zu verbessern. Dies wären Lieder zur -Obsternte. Indes ist ὀπωρικός ein Wort, das sich kaum belegen läßt, -und ich halte deshalb an dem im Text Gegebenen fest. Vgl. übrigens -<span class="antiqua">hodoeporium genus (?) cantilenae</span>; G. Esau, <span class="antiqua">Glossae ad rem -librariam pertinentes</span>, Marburg 1914, S. 109.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_96" href="#FNAnker_96" class="label">[96]</a> <span class="antiqua">viam vorare</span>, Catull 35, 7. Man hat hierfür an den -modernen „Kilometerfresser“ erinnert.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_97" href="#FNAnker_97" class="label">[97]</a> Rhein. Museum Bd. 69, S. 390.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_98" href="#FNAnker_98" class="label">[98]</a> Apostelgeschichte 20, 13: πεζεύειν.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_99" href="#FNAnker_99" class="label">[99]</a> Digesten II, 11, 1; Riepl, S. 145.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_100" href="#FNAnker_100" class="label">[100]</a> Apostelgesch. 28, 11, vgl. übrigens E. Aßmann in -Baumeisters Denkmälern, S. 1623.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_101" href="#FNAnker_101" class="label">[101]</a> Vgl. Rhein. Mus. 65, S. 474; meine Katalekton-Ausgabe, S. -123.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_102" href="#FNAnker_102" class="label">[102]</a> G. Wissowa, Religion und Kultus der Römer, 2. Aufl. S. -277.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_103" href="#FNAnker_103" class="label">[103]</a> Vgl. Cicero <span class="antiqua">pro Roscio Amerino</span> 18.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_104" href="#FNAnker_104" class="label">[104]</a> Horaz, Ep. I, 11, 11.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_105" href="#FNAnker_105" class="label">[105]</a> Cicero <span class="antiqua">pro Cluentio</span> 163: <span class="antiqua">Ambivius homo multorum -hospes, copo de via Latina.</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_106" href="#FNAnker_106" class="label">[106]</a> Marquardt-Mau, Privatleben, S. 472. Ein As sind etwa 4 -Pfennige.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_107" href="#FNAnker_107" class="label">[107]</a> Das Bett ist offenbar bei dem Posten „Mädchen“ mit -eingerechnet.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_108" href="#FNAnker_108" class="label">[108]</a> <span class="antiqua">naves tabellariae, naves cursoriae.</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_109" href="#FNAnker_109" class="label">[109]</a> Ein anderer herrlicher Schiffstyp waren die -<span class="antiqua">myoparones</span> der kleinasiatischen Piraten, deren sich z. B. -Mithridates bediente, um an Sertorius in Spanien rasche Nachricht zu -bringen: vgl. Cicero Verrinen 1, 86 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_110" href="#FNAnker_110" class="label">[110]</a> Sueton, Octavian 49.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_111" href="#FNAnker_111" class="label">[111]</a> Riepl, S. 221.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_112" href="#FNAnker_112" class="label">[112]</a> Riepl, S. 263.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_113" href="#FNAnker_113" class="label">[113]</a> S. 181.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_114" href="#FNAnker_114" class="label">[114]</a> Tacitus Historien 2, 54.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_115" href="#FNAnker_115" class="label">[115]</a> Plutarch Galba 7.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_116" href="#FNAnker_116" class="label">[116]</a> Vgl. das <span class="antiqua">ambulare per Britannos</span>, Vita Kap. 16. -Einmal hören wir, daß Hadrians Wagen zerbricht; er reist dann zu Fuß -und überholt den gleichzeitig laufenden Militärboten: Vita 2, 6.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_117" href="#FNAnker_117" class="label">[117]</a> Vita Kap. 23.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_118" href="#FNAnker_118" class="label">[118]</a> Ein gewisser Oppius hatte das damals zeitweilig in -Händen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_119" href="#FNAnker_119" class="label">[119]</a> Riepl, S. 142.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_120" href="#FNAnker_120" class="label">[120]</a> Den regen Betrieb veranschaulicht uns auch Cicero <span class="antiqua">ad -Atticum</span> 2, 12: Cicero reist eben über Land und hat auf der uns -bekannten Station Tres Tabernae schon frühmorgens einen Brief an -Atticus abgehen lassen. Als er nach Forum Appi kommt, ist es immer noch -Vormittag; da schreibt er abermals an ihn und erzählt nun: „eben war -ich in Tres Tabernae angelangt, da läuft Curio (ein guter Bekannter), -der aus Rom kommt, mir entgegen, und gleich kommt da auch dein -Diener mit den Briefen von dir an. Erst höre ich den Curio erzählen; -politische Neuigkeiten: „weißt du’s noch nicht? Publius will Tribun -werden.“ „Und was macht Caesar?“ und so fort. Ich umarme ihn, entlasse -ihn und reiße sofort deine Briefe auf; sie melden dasselbe.“ Diesen -Brief kann Cicero nun aber nicht gleich an Atticus abgehen lassen; ein -Bote fehlt, und er wird erst am folgenden Tag abgeschickt (Riepl, S. -259).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_121" href="#FNAnker_121" class="label">[121]</a> Riepl, S. 280 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_122" href="#FNAnker_122" class="label">[122]</a> Riepl, S. 309.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_123" href="#FNAnker_123" class="label">[123]</a> Cassius Dio 63, 114.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_124" href="#FNAnker_124" class="label">[124]</a> Cicero <span class="antiqua">ad fam. VIII</span>, 1.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_125" href="#FNAnker_125" class="label">[125]</a> Die <span class="antiqua">acta diurna</span> hießen auch <span class="antiqua">acta urbana</span>, -weil nämlich nur Dinge der Hauptstadt darin standen, sie hießen auch -<span class="antiqua">acta publica</span>, sofern sie unter Aufsicht des Staates redigiert -wurden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_126" href="#FNAnker_126" class="label">[126]</a> In des Tacitus Zeit wurden die Senatsakten freilich nicht -mehr vollständig, sondern nur in Auswahl publiziert, aber ihm, als -Senator, standen die vollständigen Verhandlungsberichte ohne Frage zur -Verfügung.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_127" href="#FNAnker_127" class="label">[127]</a> Auffällig ist auch, daß diese Akta nie mit Buchzählung -zitiert werden, welche doch, falls eine Unzahl von Buchrollen, die -die Jahrgänge enthielten, sich ansammelte, unerläßlich war. Daß wir -sie nie als Jahrgänge, d. h. nach dem Jahr ihres Erscheinens zitiert -finden, erklärt sich schon daraus, daß das Altertum eine Jahreszählung -überhaupt nicht hatte.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_128" href="#FNAnker_128" class="label">[128]</a> Philostrat, Apollonius von Tyana VII, 16.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_129" href="#FNAnker_129" class="label">[129]</a> Vegetius <span class="antiqua">de re militari V</span>, 9.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_130" href="#FNAnker_130" class="label">[130]</a> Cicero <span class="antiqua">ad Att. XI</span>, 16, 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_131" href="#FNAnker_131" class="label">[131]</a> Cicero <span class="antiqua">ad fam. X</span>, 31 u. 33.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_132" href="#FNAnker_132" class="label">[132]</a> Bei Plutarch (Caesar 37) wird es dem Caesar zum Vorwurf -gemacht, daß er beim Wintersturm über das Meer setzt, was selbst ein -Gott nicht könne; vgl. auch Plut. Antonius 7; Lucan V, 504 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_133" href="#FNAnker_133" class="label">[133]</a> Im Winter bringen auch dem Vespasian, der in Alexandrien -ist, seine Verehrer aus Rom persönlich die Nachricht, daß Vitellius -tot ist: Tacitus <span class="antiqua">hist. III</span>, 48: dies ist ein Merkmal dafür, wie -wichtig es damals war, sich des neuen Kaisers Gunst sofort zu sichern.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_134" href="#FNAnker_134" class="label">[134]</a> Bei Cassius Dio 51, 45 wird noch ein ähnlicher Fall -erzählt, wo Antonius im Winter über das, was Oktavian treibt, -völlig ohne Nachricht bleibt. Übrigens stand es um das Jahr 400 -n. Chr. ähnlich zwischen den getrennten Reichen des Arkadius und -Honorius; von Constantinopel kommen nur verspätete und unzuverlässige -Nachrichten nach Rom. Vgl. den Historiker Eunapius <span class="antiqua">fr.</span> 74 (meine -Claudian-Ausgabe S. XXXIV, Anmerkung).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_135" href="#FNAnker_135" class="label">[135]</a> Unter „London“ 28. April berichteten unsere deutschen -Zeitungen folgende Mitteilungen. Daily Telegraph meldet: Die Nachricht -von dem Aufruhr in Dublin wurde gestern früh hier durch Reisende aus -Irland herübergebracht. Sie sprach sich vormittags in der Stadt herum. -Daily Chronicle: Die Mitteilungen des Staatssekretärs für Irland im -Parlament waren für das Haus eine vollständige Überraschung. Basel, 28. -April: Der Überfahrtsverkehr von England nach Irland ist eingestellt. -London, 27. April: Im Unterhaus sagte Birrell, er wisse nicht, ob -die Postverbindung mit Irland funktioniere; zwei Dampferlinien seien -unterbrochen. London, 28. April: Im englischen Oberhaus fällt die -Äußerung, die Aufständischen haben das Kabel durchschnitten. Dann wird -noch gemeldet, daß sie in Dublin das Hauptpostamt und zwei Bahnhöfe -besetzten und alle Drähte durchschnitten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_136" href="#FNAnker_136" class="label">[136]</a> Juvenal 7, 97.</p> - -</div> - -<h3 class="s4"><b>Die Laus im Altertum.</b></h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_137" href="#FNAnker_137" class="label">[137]</a> Der Verfasser ist <span class="antiqua">Dr.</span> Ernst Schultze.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_138" href="#FNAnker_138" class="label">[138]</a> In den umfassenden Werken über griechische und römische -Altertümer und Sittengeschichte der Alten, die wir besitzen, von C. -F. Hermann und seinen Fortsetzern, von Marquardt-Mau, von Blümner und -Friedländer habe ich mich umsonst nach Auskunft über diesen Gegenstand -umgesehen. Diese Werke notieren leider immer nur das, was die Alten -besaßen, nicht, was ihnen fehlte; und oftmals ist das letztere noch -charakteristischer für die Kultur als das erstere. Gleichwohl hoffe -ich, daß mir in der nachfolgenden Zusammenstellung an Nachweisen über -die Laus nichts Wesentliches entgangen ist.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_139" href="#FNAnker_139" class="label">[139]</a> Diese vielen <span class="antiqua">phth</span> in der Transkription griechischer -Wörter, wie <span class="antiqua">phtheir</span>, <span class="antiqua">Phthiriasis</span>, <span class="antiqua">Naphtha</span>, -<span class="antiqua">Diphthong</span>, <span class="antiqua">Diphtheritis</span>, <span class="antiqua">Ophthalmologie</span> u. a., -sind überaus lästig für jeden Leser; seit der Renaissancezeit sind -diese Schreibungen leider eingebürgert und schwerlich zu beseitigen. -Die richtige lateinische Umschrift ist vielmehr <span class="antiqua">ptheir</span>, -<span class="antiqua">Naptha</span>, <span class="antiqua">Dipthong</span> usf.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_140" href="#FNAnker_140" class="label">[140]</a> Plutos 537.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_141" href="#FNAnker_141" class="label">[141]</a> φθειροκομίδης bei Hesych.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_142" href="#FNAnker_142" class="label">[142]</a> Beim Komiker Aristophon <span class="antiqua">fr.</span> 12 und 13 (Kock). -Chr. Jensen machte mich auf diese Stelle aufmerksam. Wenn es dort -im <span class="antiqua">fr.</span> 13 heißt: φθεῖρας δὲ καὶ τρίβωνα τήν τ’ ἀλουσίαν -οὐδεὶς ἄν ὑπομείνειε τῶν νεωτέρων, so ist es verfehlt, an dem τῶν -νεωτέρων zu rühren. Das ergibt sich schon aus dem, was ich dargelegt. -Für die jüngere Generation waren solche Leute damals unerträglich -geworden. Auch darf das <span class="antiqua">fr.</span> 12 mit <span class="antiqua">fr.</span> 13 nicht zu einer -Texteinheit zusammengefaßt werden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_143" href="#FNAnker_143" class="label">[143]</a> Wolken 145.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_144" href="#FNAnker_144" class="label">[144]</a> Thesmoph. 1180.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_145" href="#FNAnker_145" class="label">[145]</a> Wespen 372.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_146" href="#FNAnker_146" class="label">[146]</a> Frösche 115.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_147" href="#FNAnker_147" class="label">[147]</a> Thesmoph. 218 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_148" href="#FNAnker_148" class="label">[148]</a> Friede 740.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_149" href="#FNAnker_149" class="label">[149]</a> Vgl. z. B. Arist. Ritter 1060.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_150" href="#FNAnker_150" class="label">[150]</a> Ritter 51.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_151" href="#FNAnker_151" class="label">[151]</a> Ich erinnere an Kaiser Julian, der in seiner -humoristischen Schrift „Misopogon“ wirklich von den Läusen in seinem -Barte redet.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_152" href="#FNAnker_152" class="label">[152]</a> Arist. Ekklesiaz. 63.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_153" href="#FNAnker_153" class="label">[153]</a> Der Komiker Eubulos, <span class="antiqua">fr.</span> 32 K. Man vergleiche dazu -Celsus VI, 6, 15 von der Läusekrankheit (worüber unten): wer an ihr -leidet, dem muß der Kopf bis auf die Haut geschoren werden (<span class="antiqua">caput ad -cutem tondendum</span>).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_154" href="#FNAnker_154" class="label">[154]</a> Athenaeus <span class="antiqua">p.</span> 586 <span class="antiqua">A.</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_155" href="#FNAnker_155" class="label">[155]</a> Plato im Sophisten, <span class="antiqua">p.</span> 227 <span class="antiqua">B</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_156" href="#FNAnker_156" class="label">[156]</a> Diog. Laert. VI, 39–47.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_157" href="#FNAnker_157" class="label">[157]</a> Im „Culex“.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_158" href="#FNAnker_158" class="label">[158]</a> Vgl. dazu auch die σαπρά bei Aristophanes Thesmoph. 1025.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_159" href="#FNAnker_159" class="label">[159]</a> Martial I, 37.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_160" href="#FNAnker_160" class="label">[160]</a> Auch in dem üblen Martialgedicht XII, 59 steht nichts -von ihr. Erst barbarische „Textverbesserer“ der Neuzeit haben in dies -Gedicht die Läuse gebracht. Vgl. Rheinisches Museum 71, S. 274.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_161" href="#FNAnker_161" class="label">[161]</a> Sueton Domit. 3.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_162" href="#FNAnker_162" class="label">[162]</a> Catull <span class="antiqua">c.</span> 23; danach Martial XI, 32.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_163" href="#FNAnker_163" class="label">[163]</a> Novius 107.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_164" href="#FNAnker_164" class="label">[164]</a> Festus, <span class="antiqua">pag.</span> 210: <span class="antiqua">pedibus obsitum</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_165" href="#FNAnker_165" class="label">[165]</a> Titinius 177.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_166" href="#FNAnker_166" class="label">[166]</a> Plautus Curc. 500.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_167" href="#FNAnker_167" class="label">[167]</a> Lucilius <span class="antiqua">v.</span> 882 <span class="antiqua">ed. Marx</span>; Marx hat die -Stelle nicht richtig verstanden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_168" href="#FNAnker_168" class="label">[168]</a> Vidularia, <span class="antiqua">fr.</span> XIX: <span class="antiqua">ubi quamque pedem viderat, -subfurabatur omnis</span>: „wo immer er eine Laus sah, pflegte er sie -gleich alle zu entfernen.“</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_169" href="#FNAnker_169" class="label">[169]</a> Appian, <span class="antiqua">Bell. civil. I</span>, 101.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_170" href="#FNAnker_170" class="label">[170]</a> Hinzugefügt sei endlich noch Plutarch, <span class="antiqua">Quomodo -adulator eqs. pg.</span> 49 <span class="antiqua">C</span>, der sagt: wie die Läuse den -toten Menschen, so verlassen die Schmarotzer den reichen Mann, der -verarmt. Vielleicht aber hat auch noch das Rätsel in der <span class="antiqua">Anthologia -Palatina XIV</span>, 19 auf die Laus Bezug; s. Ohlert, Rätsel und -Gesellschaftsspiele (1886), S. 143.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_171" href="#FNAnker_171" class="label">[171]</a> Auch Pheretime, die Königin, stirbt so; vgl. Herodot IV, -205.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_172" href="#FNAnker_172" class="label">[172]</a> Pausanias X, 10, 6 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_173" href="#FNAnker_173" class="label">[173]</a> Herodot II, 37.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_174" href="#FNAnker_174" class="label">[174]</a> Von den Adyrmachiden: Herodot IV, 168.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_175" href="#FNAnker_175" class="label">[175]</a> Strabo IX, <span class="antiqua">p.</span> 492, 497 u. 499; auch bei Ptolemäus. -In des Plinius Zeit hieß dies Volk Salae oder Saltiae; vgl. Plinius, -<span class="antiqua">nat. hist. VI</span>, 14.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_176" href="#FNAnker_176" class="label">[176]</a> Das Waschen oder Baden bei den alten Germanen hebt schon -Tacitus <span class="antiqua">Germ.</span> 22 hervor; vgl. Plutarch <span class="antiqua">Mar.</span> 19.</p> - -</div> - -<h3 class="s4"><b>Der Mensch mit dem Buch.</b></h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_177" href="#FNAnker_177" class="label">[177]</a> Die Homerfrage ist von mir genauer erörtert in meinem Buch -„Kritik und Hermeneutik nebst Abriß des antiken Buchwesens“, München -1913, S. 89 f. und 247 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_178" href="#FNAnker_178" class="label">[178]</a> Man hat den Umstand, daß Homer kein Buch erwähnt, -gedankenlos genug, damit wegzudeuten versucht, daß Homer archaisiere -und es deshalb, weil es den alten Helden nicht anstehe, unterdrückt -habe. Warum erwähnt Homer denn doch die Schreibtafel? Es ist, wie auf -der Hand liegt, zweierlei zu unterscheiden. Gewisse Dinge, wie vor -allem die von Aristophanes so begünstigten <span class="antiqua">turpia naturalia</span>, -verschweigt Homer, weil sie dem Heldenstil nicht anstehen, andere -Dinge deshalb, weil er sie <em class="gesperrt">noch nicht kennt</em>. Er redet noch -nicht von Münzen, von Götterbildern, noch nicht von der Jahreszeit -des Herbstes und so manchem anderen, was erst die spätere Kultur und -Gedankenentwicklung brachte. Auch Hühner kennt Homer noch nicht, die -erst später aus Asien zu den Griechen kamen. Mit Überzeugung stellen -wir hierzu auch das Buch, das, sobald es aufkam, ein Stolz des Griechen -war; denn, wie die Bildwerke uns zeigen, traten die Dichter und -Sänger stets mit der Buchrolle in der Hand vor ihr Publikum. Es war -nicht nur Hilfsmittel, es war Abzeichen ihres Berufs. — Die Schrift -auf der Schreibtafel des Bellerophon war übrigens gewiß nicht die -phönizisch-griechische, sondern die ältere Zeichenschrift, also die -„ägäische“, worüber Evans, <span class="antiqua">Cretan pictographs</span>, London 1895. Vgl. -Petersdorff, Germanen und Griechen (1902), S. 49 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_179" href="#FNAnker_179" class="label">[179]</a> Eine andere Überlieferung besagt, daß Homer blind geboren -war und daß ὅμηροι bei den Doriern die Blinden hießen; vgl. die -Scholien zu Lucian, <span class="antiqua">ed.</span> Jacobitz IV, S. 191.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_180" href="#FNAnker_180" class="label">[180]</a> Vgl. hierüber Gregorovius, Wanderjahre in Italien Bd. 3, -(1881), S. 299. Auch in Bosnien treten übrigens Blinde noch heut als -Volkssänger auf, wennschon sie keine Gilde bilden; s. Sitzungsber. d. -Wiener Akad. Bd. 173 (1914), 3. Abh., S. 16.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_181" href="#FNAnker_181" class="label">[181]</a> Diese Möglichkeit hielt mir Rudolph Wagner im -Korrespondenzblatt für die höheren Schulen Württembergs 21 (1914), S. -456 entgegen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_182" href="#FNAnker_182" class="label">[182]</a> Es sind 27803 Hexameter, die auf 466 Tafeln stehen -konnten, wenn jede Tafel 60 Verse aufnahm.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_183" href="#FNAnker_183" class="label">[183]</a> Zum folgenden vergleiche Kritik und Hermeneutik S. 249 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_184" href="#FNAnker_184" class="label">[184]</a> Vgl. a. a. O. S. 277.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_185" href="#FNAnker_185" class="label">[185]</a> Über die Hesiodfrage a. a. O. S. 220 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_186" href="#FNAnker_186" class="label">[186]</a> Vgl. hierzu: „Die Buchrolle in der Kunst“, Leipzig 1907, -S. 10 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_187" href="#FNAnker_187" class="label">[187]</a> Man setzt das Leben des Stesichoros schätzungsweise in -die Jahre 640–555; früher als das Jahr 600 aber braucht keins seiner -Werke entstanden zu sein.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_188" href="#FNAnker_188" class="label">[188]</a> Hierüber vergleiche Rud. Herzog: „Die Umschrift der -älteren griechischen Literatur in das jonische Alphabet,“ Leipzig 1912; -Kritik und Hermeneutik S. 133 und 379. Weitere Bestätigung brachten J. -Wackernagels Sprachliche Untersuchungen zu Homer, Göttingen 1916.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_189" href="#FNAnker_189" class="label">[189]</a> Vgl. zum Vorstehenden Kritik und Hermeneutik S. 307; Das -antike Buchwesen (Berlin 1882) S. 433 ff., Die Buchrolle in der Kunst -S. 212 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_190" href="#FNAnker_190" class="label">[190]</a> Die Schilderung ist nach Achilles Tatios <span class="antiqua">p.</span> 121 -<span class="antiqua">ed.</span> Hercher gegeben. Vergleiche übrigens Kritik und Hermeneutik -S. 203 ff.; Die Buchrolle in der Kunst S. 6 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_191" href="#FNAnker_191" class="label">[191]</a> Vgl. Kritik und Hermeneutik S. 278 f. und 351 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_192" href="#FNAnker_192" class="label">[192]</a> a. a. O. S. 295.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_193" href="#FNAnker_193" class="label">[193]</a> Vgl. über die Ausstattung der Bücher a. a. O. S. 327 ff.; -über die Bilderbücher S. 305; über die Einrichtung der Bibliotheken S. -335 ff. Genaueres, Die Buchrolle in der Kunst S. 282 ff., 228 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_194" href="#FNAnker_194" class="label">[194]</a> Was ich hier vortrage, ist in dem Buch „Die Buchrolle in -der Kunst“ ausführlich dargelegt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_195" href="#FNAnker_195" class="label">[195]</a> Das erste geheftete Literaturbuch ist nachweislich im -Jahre 84 oder 85 n. Chr. hergestellt worden; auch in den nächsten 100 -Jahren blieb es eine Seltenheit; s. Kritik und Hermeneutik S. 345 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_196" href="#FNAnker_196" class="label">[196]</a> Vgl. die Abbildungen „Die Buchrolle in der Kunst“ S. -142–168 und 195.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_197" href="#FNAnker_197" class="label">[197]</a> Vgl. hierzu Neue Jahrbücher Bd. 19 (1907), S. 714 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_198" href="#FNAnker_198" class="label">[198]</a> Vgl. „Buchrolle“ S. 325.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_199" href="#FNAnker_199" class="label">[199]</a> Vgl. auch Claudian Stilicho II, 476; bei Prudentius -<span class="antiqua">Peristeph. I init.</span> schreibt so Christus.</p> - -</div> - -<h3 class="s4"><b>Verlagswesen im Altertum.</b></h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_200" href="#FNAnker_200" class="label">[200]</a> Nachweise für das Folgende findet man großenteils in dem -Buch „Kritik und Hermeneutik“ S. 315–327; Ergänzendes im Rheinischen -Museum 72, S. 311 ff.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_201" href="#FNAnker_201" class="label">[201]</a> Der Eunuch des Terenz macht eine Ausnahme; s. Donat. I, S. -266 <span class="antiqua">ed.</span> W.: <span class="antiqua">ut rursus esset vendita et ageretur iterum pro -nova</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_202" href="#FNAnker_202" class="label">[202]</a> Dies betont Horaz mit Nachdruck in der Ode IV, 8.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_203" href="#FNAnker_203" class="label">[203]</a> Durch solche Aufgabenstellung sind Vergils Georgica und -Aeneis entstanden.</p> - -</div> - -<h3 class="s4"><b>Woher stammen die Amoretten?</b></h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_204" href="#FNAnker_204" class="label">[204]</a> <span class="antiqua">De Amorum in arte antiqua simulacris et de pueris -minutis apud antiquos in deliciis habitis commentariolus Catullianus -alter.</span> <span class="antiqua">Marpurgi</span> 1892 (Elwertscher Verlag). Ich verweise im -nachfolgenden kurz auf diese Schrift mit lateinischen Seitenzahlen. -Nochmals habe ich den Gegenstand in der Deutschen Rundschau, Bd. 74, S. -370 ff. behandelt, ein Aufsatz, der im Vorliegenden wiederholt wird.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_205" href="#FNAnker_205" class="label">[205]</a> Der Verfasser des Artikels „Eros“ in Pauly-Wissowas -Realenzyklopädie scheint meine einschlägigen Arbeiten nicht gekannt zu -haben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_206" href="#FNAnker_206" class="label">[206]</a> Vgl. E. Knoll, Über das Attribut der Beflügelung, München -1888; vorher J. Langbehn, Flügelgestalten, 1880. Paradox hierüber -Victor Hehn, Reisebilder aus Italien und Frankreich (1894), S. 72, in -Anknüpfung an Rafaels Vision des Ezechiel; mit diesem Gemälde Rafaels -kann vielmehr das pompejanische Bild des fliegenden Zephyros mit -Chloris (in Neapel) verglichen werden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_207" href="#FNAnker_207" class="label">[207]</a> Die Nikeflügel wurden mit den Erosflügeln identifiziert -von Aristophon im Pythagoristen <span class="antiqua">(fragm. comic. II</span>, <span class="antiqua">p.</span> -280, Kock).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_208" href="#FNAnker_208" class="label">[208]</a> Vgl. <span class="antiqua">De Am.</span> <span class="antiqua">p.</span> XLII. Bei Alexis (Kock -a. a. O., S. 305) steht als Ansicht der „Sophisten“: nicht der Eros -selbst könne fliegen, sondern die Liebenden; aus Irrtum malten die -Maler ihn selbst mit Flügeln.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_209" href="#FNAnker_209" class="label">[209]</a> Vgl. Roscher, Mytholog. Lexikon III, S. 1410 und 1462.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_210" href="#FNAnker_210" class="label">[210]</a> Die Analogien, die Usener „Götternamen“ S. 298, heranzog, -sind nicht zutreffend. Er verkannte, daß die Amoretten gar keine -Götter, kein Gegenstand der Religion waren; denn sie hatten keinen -Kultus. Sie sind lediglich ein Spiel der dichtenden Phantasie, und -solchem Phantasie-Spiel kann man nicht auf gleichsam grammatischem Wege -mit Analogien, wie Usener sie bringt, beikommen. Wer Poesie erklären -will, muß in das volle Menschenleben greifen; denn alle Dichtung ist -Reflex des Lebens, und das Leben ist kompliziert. Ein paar Zeilen -genügen nicht, um die Sache zu erledigen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_211" href="#FNAnker_211" class="label">[211]</a> Alexis im Phaidros bei Kock, Bd. II, 386.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_212" href="#FNAnker_212" class="label">[212]</a> Man vergleiche den Ausspruch des Ptolemäus bei Athenäus S. -536 <span class="antiqua">E</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_213" href="#FNAnker_213" class="label">[213]</a> Vgl. <span class="antiqua">De Am.</span> <span class="antiqua">p.</span> X.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_214" href="#FNAnker_214" class="label">[214]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXXVII.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_215" href="#FNAnker_215" class="label">[215]</a> Vgl. zum Folgenden <span class="antiqua">p.</span> X ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_216" href="#FNAnker_216" class="label">[216]</a> Vgl. Seneca <span class="antiqua">de tranquill. animi</span> 17, 4.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_217" href="#FNAnker_217" class="label">[217]</a> <span class="antiqua">Eurip. fr.</span> 856 Nauck, aus Aelian <span class="antiqua">var. -hist.</span> 12, 15. Schon die Anführung des Herkules verrät, daß dies -stoisch-zynische Ausführungen waren.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_218" href="#FNAnker_218" class="label">[218]</a> Vgl. hierzu Aelian a. a. O.; Athenäus B. XII, S. 518 f., -die auf gleiche Quelle (Favorinus?) zurückgehen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_219" href="#FNAnker_219" class="label">[219]</a> Prudentius in der <span class="antiqua">Psychomachia, praef. v.</span> 30.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_220" href="#FNAnker_220" class="label">[220]</a> Ähnlich Kinder in der Rennbahn bei Cassius Dio 72, 13.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_221" href="#FNAnker_221" class="label">[221]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXXV ff. „Wein und Kinder reden die -Wahrheit“ war ein griechisches Sprichwort (Philol. Suppl. Bd. VI, 1891, -S. 249).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_222" href="#FNAnker_222" class="label">[222]</a> Catull <span class="antiqua">c.</span> 55; zur richtigen Lesung des Textes -dieses vielfach mißverstandenen Gedichts vgl. Philologus LXIII, S. 447 -f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_223" href="#FNAnker_223" class="label">[223]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XIII ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_224" href="#FNAnker_224" class="label">[224]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XVIII.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_225" href="#FNAnker_225" class="label">[225]</a> Vgl. zum Folgenden <span class="antiqua">p.</span> XIX ff.; nackte Putten, -Terrakotten von Zypern, s. Mitteilungen des Deutschen archäologischen -Instituts in Athen, Bd. VI, S. 249.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_226" href="#FNAnker_226" class="label">[226]</a> Vgl. auch das alte Werk <span class="antiqua">Delle Antichità di -Ercolano</span>, <span class="antiqua">tom.</span> VI (1771), <span class="antiqua">p.</span> 183–195.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_227" href="#FNAnker_227" class="label">[227]</a> Helbig, Campan. Wandgemälde, Nr. 1390; vgl. auch -daselbst in den Friesbildern unter Nr. 1401 <span class="antiqua">b</span> die Szene mit -liegendem nacktem Kind und den zwei nachdenklichen Frauen. Delicien -auf Vasenbildern z. B. bei Benndorf, Griechisch-sicilische Vasenbilder -(1869), Tafel 36, Nr. 1 und 5; Kinderköpfe auf wertvollen Steinen z. B. -bei Arneth, Monumente des Wiener Münz- und Antikenkabinetts (Kameen), -Tafel 21, Nr. 3 und 9. Wozu hier von Amoren reden? Man sage nicht mehr -aus, als man sieht.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_228" href="#FNAnker_228" class="label">[228]</a> Man vergleiche auch den Knaben mit der Fuchsgans, in den -Jahresheften des österreich. archäol. Instituts VI (1903), S. 226 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_229" href="#FNAnker_229" class="label">[229]</a> Im Hera-Heiligtum zu Olympia, wo auch der Hermes des -Praxiteles stand, war unter vielen Einzelstatuen die bronzene Aphrodite -des Kleon von Sikyon aufgestellt, „vor ihr“ aber die Statuette eines -„nackten, kleinen Kindes vergoldet“, ein Werk des genannten Boethos. -Es war dies klärlich kein Eros, sonst hätte ihn Pausanias, der die -Nachricht gibt (V, 17, 4), Eros benannt; sondern ein Kind ohne Flügel; -es war ferner klärlich ein Werk ohne Erfindungszusammenhang mit der -Venus, vor der es aufgestellt war. Boethos hat, soweit wir wissen, nur -flügellose Kinder gearbeitet. Dies sei erinnert im Hinblick auf Dümmler -(Mitteilungen des archäologischen Instituts in Athen, Bd. X, S. 27 -ff.).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_230" href="#FNAnker_230" class="label">[230]</a> Vgl. Mitteilungen des Deutschen Instituts in Athen, Bd. -VI, Tafel 13.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_231" href="#FNAnker_231" class="label">[231]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXX.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_232" href="#FNAnker_232" class="label">[232]</a> Beispiele des dritten Jahrhunderts in Terrakotten, dazu -die Marmorstatue von Beirut, s. Dümmler a. a. O.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_233" href="#FNAnker_233" class="label">[233]</a> So Claudian; vgl. meinen Index zu diesem Dichter -unter <span class="antiqua">Amor</span>; so schon vor Claudian und zuerst Philostrat, der -raffinierte Ausleger von Gemälden, die nicht einmal wirklich vorhanden -waren, sondern nach vorhandenen Motiven so fingiert sind, daß die -Beschreibung vollstes Leben gewinne; unten <a href="#Fussnote_242">Anmerkung 242</a>.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_234" href="#FNAnker_234" class="label">[234]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXXI und XXXVII.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_235" href="#FNAnker_235" class="label">[235]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXXVIII.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_236" href="#FNAnker_236" class="label">[236]</a> Vgl. zum weiteren <span class="antiqua">p.</span> XXXVIII ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_237" href="#FNAnker_237" class="label">[237]</a> Auch das Kind Enorches war aus dem Ei zur Welt gekommen -(siehe das Scholion zu Lykophron v. 212). Ein höchst merkwürdiges -Vasenbild zeigt uns auf einem Altar ein großes Ei liegend, darin -ein munteres kleines Kind, ohne Flügel, das lebendig ans Tageslicht -verlangt: eine Frau steht davor und betrachtet es neugierig oder -erwartungsvoll. Es scheint mir nach allem Gesagten nicht nötig, mit -E. Braun (in <span class="antiqua">Annali dell’ Istituto</span> 1850, <span class="antiqua">p.</span> 214 ff.) -die Erfindung dieses Bildes aus einem bestimmten Mythus herzunehmen. -Weiteres über das Ei der Leda bei R. Kekulé, Bonner Festschrift für das -römische Institut 1879.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_238" href="#FNAnker_238" class="label">[238]</a> Die Beflügelung war hier nicht kühner als bei jenen -großgeflügelten Mädchengestalten bei Helbig a. a. O. Nr. 926–937, die -als „freie Produkte der Phantasie ohne Anspruch auf mythologische -Benamung lediglich künstlerische Motive zur Darstellung bringen.“</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_239" href="#FNAnker_239" class="label">[239]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXI f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_240" href="#FNAnker_240" class="label">[240]</a> Auch Phosphorus erscheint als „Amorette“ fliegend; vgl. -Wörmann, Landschaft in der alten Kunst, S. 241; auch S. 264. Auch -die Jahreszeiten sind so dargestellt: ebenda S. 258; auch Zephyr bei -Philostrat, Gemälde I, 9.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_241" href="#FNAnker_241" class="label">[241]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXII; so auch Archäologische Zeitung 1848, -Tafel XXIII, Nr. 1; vgl. auch Tafel XXII, Nr. 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_242" href="#FNAnker_242" class="label">[242]</a> Ein Muster allegorischer Auslegung gibt der antike -Sophist und kunstreiche Gemäldebeschreiber Philostrat in seiner -berühmten Schilderung des Erotenbildes; daß ganz vorzüglich diese -Philostratstelle auf die Amorettenerfindungen Rafaels, Dürers, Tizians -Einfluß geübt, suchte H. Grimm darzutun: Fünfzehn Essays, neue Folge -(1875), S. 102 ff. Jenes Bild mit seiner überfüllten Komposition, -das Philostrat beschreibt, hat sichtlich nur in seiner Einbildung -bestanden; er hat darin eine Fülle von Amorettenmotiven, die in -Wirklichkeit verstreut vorkamen, zusammengehäuft, und in dieser -Kombination zu einem Ganzen lag der Witz, lag der Reiz für den antiken -Leser. Hier bei Philostrat finden wir es zuerst ersonnen, daß die -Amoren (außer dem einen) nur Kinder von Nymphen sind; und sie sind so -viele, „weil die Begierden der Menschen so mannigfaltigem nachstreben“. -Zusammen von diesen Nymphen und diesen Eroten wird ein Götterbild der -Aphrodite verehrt; die Kleinen halten Apfelernte, um der Göttin Äpfel, -die Frucht, die ihr symbolisch eignet, darzubringen. Sie jagen einen -Hasen, um ihn ihr lebendig als Opfertier zu weihen; es ist das Tier der -Venus und der Fruchtbarkeit. Weiter aber: „Vier der allerschönsten! -Das eine Paar wirft sich Äpfel zu, das andere schießt mit dem Bogen -aufeinander; .... sie bieten die Brust den Pfeilen dar. Da will uns -der Maler etwas zu raten aufgeben. Ob wir es wohl herausbringen? Das -soll Liebe und Sehnsucht bedeuten. In denen dort, die mit den Äpfeln -spielen, regt sich das erste Verlangen. Der eine küßt einen Apfel -und wirft ihn dem anderen zu, und der ... wird ihn wieder küssen und -zurückwerfen. Die beiden Bogenschützen aber treiben mit den Pfeilen -die schon erwachte Liebe tief in ... die Herzen hinein. Und so sage -ich: jene dort spielen mit der Liebe zum Beginn, diese hier geben ihr -ewige Dauer.“ Man sieht, Philostrat hat mit Sorgfalt vor allem solche -Szenen in sein Gemälde gesammelt, die allegorisch deutbar waren, wo die -Eroten als Eroten „Sinn“ hatten. Bei anderem, wie bei ihrem Ringkampf, -verzichtet er hübsch auf solches Auslegen, und bei den unten von mir -zu besprechenden Genreszenen würde er erst recht darauf verzichtet -haben. Überhaupt war es augenscheinlich schon eine Leistung, zu der -ein Philostrat seine sophistischen Künste benötigte, auch nur jenen -erotischen Bezug des Apfelküssens, Bogenschießens und Hasenjagens -herauszugreifen und festzulegen. Es sind dies einige von den wenigen -Fällen, wo die geflügelten Spielkinder noch wirklich ihrem Namen zu -entsprechen schienen. Und man fragt schließlich verwundert: wozu hießen -sie eigentlich noch Eroten? was hatten Kinder von Nymphen im Grunde -noch mit Venus, mit der Liebe <em class="gesperrt">wirkenden</em> Macht zu tun? Man sieht, -die ganze Konstruktion Philostrats von den Nymphenkindern und ihrem -Kultus des Venusbildes ist nachträglich und willkürlich ersonnen. Auch -beachte man, daß diese Kinder bei ihm die Liebe der Menschen gar nicht -entzünden; sie lieben nur untereinander. Das konnten schließlich auch -die wirklichen <span class="antiqua">Deliciae</span> tun, und das Erotenspiel ist auch hier -beim Philostrat nur eine <em class="gesperrt">Nachahmung</em> des Menschenlebens, keine -<em class="gesperrt">Beeinflussung</em> desselben.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_243" href="#FNAnker_243" class="label">[243]</a> Furtwängler bei Roscher, Mythol. Lex. I, S. 1368.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_244" href="#FNAnker_244" class="label">[244]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXII, Anm. 3.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_245" href="#FNAnker_245" class="label">[245]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXII und die Statuette daselbst Abbildung -VI; Helbig, Führer, 3. Aufl. Nr. 1556.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_246" href="#FNAnker_246" class="label">[246]</a> Daß auch Ganymed zum kleinen Kinde verjüngt wurde, -scheint von den Gelehrten nicht genügend beobachtet zu sein; dies -ist notwendig überall der Fall, wo er als <span class="antiqua">collusor</span> mit Eros -Astragalen spielt; ebenso denkt ihn sich Lucian, vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXXVII. -Es ist also kein Anlaß, die Marmorgruppe in der <span class="antiqua">Galleria dei -candelabri</span> im Vatikan, die den Ganymed als Kind vom Adler rauben -läßt, um dieses Umstandes willen für unantik zu halten; vgl. Helbig -in <span class="antiqua">Annali dell’ Istit.</span> 1867, S. 351; Overbeck, Griechische -Kunstmythologie, Bd. I, S. 539, Anm. 217.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_247" href="#FNAnker_247" class="label">[247]</a> Claudian, <span class="antiqua">de III cons. Honor.</span> <span class="antiqua">v.</span> 22.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_248" href="#FNAnker_248" class="label">[248]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXVI über Clodius Albinus.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_249" href="#FNAnker_249" class="label">[249]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXV ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_250" href="#FNAnker_250" class="label">[250]</a> Für Athanasius vgl. Sozomenos II, 17; Sokrates I, 15. -Wie in der katholischen Schweiz Kinder im Ernst und doch scherzend die -Messe nachmachen, schildert H. Federer, Das Mätteli-Seppi, S. 501 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_251" href="#FNAnker_251" class="label">[251]</a> Bei Baumeister, Denkmäler, Nr. 1617.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_252" href="#FNAnker_252" class="label">[252]</a> Z. B. bei Baumeister, Nr. 545.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_253" href="#FNAnker_253" class="label">[253]</a> Vgl. <span class="antiqua">p.</span> XXXII f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_254" href="#FNAnker_254" class="label">[254]</a> Cassius Dio, Buch 48, Kap. 44.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_255" href="#FNAnker_255" class="label">[255]</a> Properz II, 29; vgl. Kritik und Hermeneutik S. 123.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_256" href="#FNAnker_256" class="label">[256]</a> Catull 68, 133 f. Auch im Acmegedicht des Catull, Nr. 45, -läuft das Spielkind als Amor um das Liebespaar herum und niest: vgl. -Berl. philol. Wochenschr. 1919, S. 575.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_257" href="#FNAnker_257" class="label">[257]</a> Catull 68, 70.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_258" href="#FNAnker_258" class="label">[258]</a> Nie nennt sonst ein Dichter seine Geliebte <span class="antiqua">diva</span>. -Vgl. Philologus LXIII, S. 451 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_259" href="#FNAnker_259" class="label">[259]</a> Wie wenig evident die bisher übliche Auslegung ist, -bekennt auch O. Jahn. Wie kam gerade ein gemeiner Handwerksmann dazu, -einer solchen Frau wirkliche Liebesgötter, also Liebe oder Liebreiz, zu -verkaufen? Insbesondere machte der hinter der Frau sich versteckende -Erot unlösbare Schwierigkeiten; der treffliche Gelehrte tröstete sich -damit, „daß einst auch pompejanische Beschauer bei diesen Vorstellungen -verschiedene Gedanken und Empfindungen gehabt haben werden“. Es -blieb dies also eine Rechnung mit mindestens einer Unbekannten. Eben -diese Schwierigkeiten räumt die oben gegebene Auslegung hinweg. O. -Roßbach erhebt in der Berl. philol. Wochenschr. 1918, S. 1208 gegen -meine Erklärung immer noch das Bedenken, daß die Frau als Göttin -charakterisiert sei. Aber wie oft haben sich Herrscher als Götter, hohe -Frauen als Göttinnen darstellen lassen! Auch erinnere ich nochmals an -die Lesbia als Diva bei Catull und an Kleopatra, die die sie umgebenden -Kinder als Eroten zurechtmachte, während sie gleichzeitig selbst die -Venus spielte; sie muß da doch auch die Stephane der Göttin getragen -haben. Man nenne also die Frau auf dem Bilde meinetwegen Kleopatra. -Aber es wird wohl mehr solche phantastische hochgestellte Frauen -gegeben haben. Jedenfalls ist sie eine Sterbliche, da es der Diener -ist, der ihr die Putten bringt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_260" href="#FNAnker_260" class="label">[260]</a> Man sehe z. B. bei Helbig die Nummern 1413, 1429–1431. -Eros unter Frauen auch Nr. 312.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_261" href="#FNAnker_261" class="label">[261]</a> Vgl. z. B. Helbig, Nr. 1439; auch 303, 305? beim -Hermaphroditen 1369.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_262" href="#FNAnker_262" class="label">[262]</a> So erklärt sich z. B. der scheinbar zwecklose Eros in der -Paris- und Helenaszene Pompejis (bei Helbig Nr. 1310). Noch beiläufig -zwei lehrreiche Beispiele, Helbig Nr. 1140: Eros hebt neugierig -das Gewand des Priap empor und erstaunt über den Anblick; es sind -hierfür sonst flügellose Putten üblich; vgl. <span class="antiqua">De Am.</span> <span class="antiqua">p.</span> -XXIV. <em class="gesperrt">Tellus</em> erscheint mit zwei Flügelkindern bei Benndorf, -Griechisch-sicilische Vasenbilder, Tafel 57, Nr. 9; <em class="gesperrt">diese Kinder</em> -sind aber ursprünglich <em class="gesperrt">flügellos</em>, vgl. <span class="antiqua">De Am.</span> <span class="antiqua">p.</span> -XXIV und das Relief, Archäologische Zeitung X, Tafel CXIX, Nr. 2, sowie -Baumeister, Nr. 1449. Auch das Element Erde wird als Matrone mit zwei -Kindern dargestellt auf einem Florentinischen Relief und sonst; s. -Wörmann S. 257.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_263" href="#FNAnker_263" class="label">[263]</a> Man vgl. hierzu den oben angeführten Aufsatz H. Grimms.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_264" href="#FNAnker_264" class="label">[264]</a> Einige weitere Nachweise, die sich mir für den -besprochenen Gegenstand nachträglich darbieten, stelle ich noch an -den Schluß des Ganzen. Daß die ältere griechische Kunst noch nicht -Kinder darstellte, weiß auch Pausanias V, 11, 3. — Schon in der -jüngeren griechischen Komödie, an die die alexandrinischen Dichter -unmittelbar anschlossen, kommen die frechen Spielkinder in den -Häusern vor; s. besonders Plautus Persa v. 204 ff.; 229; 807; 849; -auch Pseudolus 767, 783. Kinderkauf in der Komödie: Captivi 8, Rudens -39, Poenulus 86. — Auch Tertullian erwähnt <span class="antiqua">contra Marc. IV</span>, -23 den Kinderliebhaber, <span class="antiqua">parvulorum dilector</span>. Über das Wort -<span class="antiqua">parvuli</span> vgl. Archiv f. Lex. VII, S. 79 und 95. — Kinder, die -man sich als <span class="antiqua">conlusores</span> hält, zeigt uns auch Plautus, Capt. -19 f., 982 f., 1013. — Daß Kinder den Gladiatorenkampf im Spiel -nachahmen, sagt uns Epiktet, Man. 29, 3; auch findet man solche -dargestellt bei A. Bougot, <span class="antiqua">Une galérie antique</span> (Paris 1891), S. -499, der sie aber sinnlos für Amoren erklärt. — Ein Haufe Spielkinder -begegnet uns in Alexandria selbst im Tempeldienst beschäftigt bei Dio -von Prusa Or. 32, 13. — Daß man die Kinder im Amphitheater mit Hilfe -von Maschinen in die Höhe fliegen ließ, deutet vielleicht Juvenal IV, -122 an. — Auch Plautus weiß, Trucul. 908, daß Säuglinge wie Vögel -groß gezogen werden. Vom schwatzenden Kindernest spricht auch Juvenal -V, 143; in den Sokratikerbriefen Nr. 21 lesen wir von den νεοττοί des -Sokrates; vgl. übrigens Theophrast Char. 2. Ein Relief zeigt Romulus -und Remus; in einer Grotte nährt da der Picus Martius zwei Junge im -Nest: Berl. philol. Wochenschr. 1918, S. 1066, aus dem Anzeiger für -Schweiz. Altertumskunde XX, Heft 2, S. 99. — Von dem süßen Schwatzen -der kleinen Kinder gibt endlich Minucius Felix Oct. 2 eine entzückte -Beschreibung; dazu auch Artemidor in der Traumdeutekunst 4, 19.</p> - -</div> - -<h3 class="s4"><b>Seneca.</b></h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_265" href="#FNAnker_265" class="label">[265]</a> René Waltz, <span class="antiqua">Vie de Sénéque</span>, Paris 1909; vgl. -Historische Zeitschrift, herausgegeben von Meinecke, Bd. 104, S. 605.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_266" href="#FNAnker_266" class="label">[266]</a> Diese hat Friedländer einmal zu geben versucht, -Historische Zeitschrift, Bd. 85, S. 193 ff.; aber er läßt die -Hauptsache vermissen, eine zusammenhängende Würdigung der Ethik -Senecas, sowie den Nachweis des Zusammenhangs seiner Schriftstellerei -mit seinem Leben und Lebenszielen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_267" href="#FNAnker_267" class="label">[267]</a> Er hatte auch außerhalb Italiens, in Ägypten, Grundbesitz: -<span class="antiqua">trans mare possides</span>, <span class="antiqua">De vita beata</span> 17, 2. Über dort -gefundene Quittungen mit γῆ Σενέκα s. Gercke, Seneca-Studien, S. 302.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_268" href="#FNAnker_268" class="label">[268]</a> S. J. Cunliffe, <span class="antiqua">The influence of Seneca on Elizabethan -tragedy</span>. Vgl. auch Brandl in d. Sitzungsber. der Berl. Akademie, -14. Dez. 1917. Übrigens ist hier auch Chaucer zu nennen; wenn es bei -Chaucer heißt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wahr ist das Wort: Herrschaft und Freierschaft</div> - <div class="verse indent0">Vertragen nimmermehr Genossenschaft,</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>so stammt dies aus Senecas Agamemnon. V. 260:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">nec regna socium ferre nec taedae sciunt</span>.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Vgl. R. Peiper in Fleckeisens Jahrbb. 97 (1868), S. 65.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_269" href="#FNAnker_269" class="label">[269]</a> Seneca weiß sehr wohl, daß der Mensch, der sich isoliert, -leichter der Verfehlung entgeht: <span class="antiqua">meliores erimus singuli</span> (<span class="antiqua">De -otio</span> 1, 1); aber die Bürgerpflicht und Menschenpflicht zwingt ihn, -die Isolierung zu vermeiden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_270" href="#FNAnker_270" class="label">[270]</a> Was Gegenstand der Philosophie sein soll, zählt Seneca -<span class="antiqua">De brev. vitae</span> 19 auf; da wird auch die ganze Physik mit -einbegriffen, der sich Seneca auch auf Korsika widmete; s. <span class="antiqua">ad -Helviam</span> 20.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_271" href="#FNAnker_271" class="label">[271]</a> Auf Grund der Aussagen von Augenzeugen; s. <span class="antiqua">Natur. -quaest. VI</span>, 31, 3 und sonst. Der Ätna soll ihm zu Ehren bestiegen -werden: Epist. 79, 2.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_272" href="#FNAnker_272" class="label">[272]</a> Ich betrachte es als selbstverständlich, daß zu dieser -Expedition, die Nero unternehmen ließ und die, wie es scheint, die Form -eines kriegerischen Vorstoßes annahm, die Anregung von Seneca kam, der -der Hauptvertreter der geographisch-physikalischen Interessen jener -Zeit war, selbst in Ägypten gelebt, ein Buch über Ägypten geschrieben -hatte (vgl. dazu <span class="antiqua">Nat. quaest. VI</span>, 26) und dauernde Beziehungen -zu dem Nilland bewahrte; worüber unten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_273" href="#FNAnker_273" class="label">[273]</a> S. Medea 375. Andere wissenschaftliche Voraussagungen -„<span class="antiqua">veniet tempus“ eqs.</span> s. <span class="antiqua">Nat. quaest. VII</span>, 25, 4 f. u. 30, -5.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_274" href="#FNAnker_274" class="label">[274]</a> Epist. 79, 11 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_275" href="#FNAnker_275" class="label">[275]</a> Dies hebt E. Zeller mit Recht hervor.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_276" href="#FNAnker_276" class="label">[276]</a> Dies tut leider auch Friedländer a. a. O. Daß Senecas -schriftstellerischer Erfolg weit mehr durch die Form als den Inhalt -bedingt war (derselbe S. 226), ist allerdings richtig; denn ausgedehnte -Sittlichkeitsvermahnungen pflegen die Menge durch ihren herben Inhalt -stets abzuschrecken, und nur die Art des Vortrags macht sie wirksam.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_277" href="#FNAnker_277" class="label">[277]</a> Vgl. Zur römischen Kulturgeschichte, 3. Aufl., S. 146 f.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_278" href="#FNAnker_278" class="label">[278]</a> Gegen die Tierhetzen u. ä. redet Seneca z. B. -ausdrücklich <span class="antiqua">De brev. vitae</span> 13, 6 f.; <span class="antiqua">De clementia</span> 1, 25, -1. Gleichwohl kannte er natürlich die Kampfarten der Gladiatoren genau: -<span class="antiqua">De constantia</span> 16, 2; <span class="antiqua">De ira</span> III, 43, 2.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_279" href="#FNAnker_279" class="label">[279]</a> „Für Gott ist es der schönste Anblick, im Unglück Cato -aufrecht stehen zu sehen,“ <span class="antiqua">De provid.</span> 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_280" href="#FNAnker_280" class="label">[280]</a> <span class="antiqua">De provid.</span> 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_281" href="#FNAnker_281" class="label">[281]</a> Epist. 78, 16.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_282" href="#FNAnker_282" class="label">[282]</a> Epist. 60, 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_283" href="#FNAnker_283" class="label">[283]</a> <span class="antiqua">Ad Marciam</span> 23.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_284" href="#FNAnker_284" class="label">[284]</a> <span class="antiqua">De otio</span> 1, 4: selbst unser Tod soll noch nützlich -sein.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_285" href="#FNAnker_285" class="label">[285]</a> <span class="antiqua">Ad Marciam</span> 20, 3.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_286" href="#FNAnker_286" class="label">[286]</a> Epist. 77, 4: <span class="antiqua">vita non est imperfecta, si honesta -est</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_287" href="#FNAnker_287" class="label">[287]</a> <span class="antiqua">Ad Marciam</span> 26, 4. In Senecas Tragödie -„<span class="antiqua">Troades</span>“ V. 392 ff. leugnet der Chor eine Fortexistenz der -Seele, die nach dem Tode wie der Rauch verfliegt — <span class="antiqua">post mortem -nihil est ipsaque mors nihil</span> usf. Dies erklärt sich jedoch aus -dichterischen Rücksichten. Dem gestorbenen Achill zu Ehren soll -dort die Jungfrau Polyxena geschlachtet werden; der Chor der Frauen -will dagegen beweisen, daß dies Opfer sinnlos ist; denn der Tote, -Achill, hat davon keine Wahrnehmung. Daher also die pessimistischen -Ausführungen; Andeutungen der Hoffnung auf Glück im Jenseits waren -eben hier in diesem Zusammenhang unbrauchbar. Zum Schluß aber hat doch -derselbe Chor, v. 407, auf die Frage, wo bleibt denn die Seele des -Gestorbenen? die genaue Antwort: da, wo die noch Ungeborenen sind. -Damit ist, was Seneca persönlich glaubt, zum wenigsten angedeutet, und -das genügte. Denn dasselbe lehrt Seneca auch in seiner Trostschrift -an Marcia: Der Zustand der Ruhe nach unserem Tode ist derselbe wie -vor unserer Geburt (19, 5), d. h. die Seele war präexistent und wird -im Tode wieder, was sie war. So kann denn dort auf Grund dieser -Voraussetzung im <span class="antiqua">c.</span> 23 weiter ausgeführt werden, daß, wer -stirbt, <span class="antiqua">ad superos</span> geht (die Existenz der <span class="antiqua">inferi</span>, einer -Unterwelt, wird, wie jenes Chorlied zeigt, geleugnet), und daß er damit -zu seinem Ursprung zurückkehrt, und im <span class="antiqua">c.</span> 24 u. 25 die Ausmalung -der jenseitigen Existenz noch weitergeführt werden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_288" href="#FNAnker_288" class="label">[288]</a> <span class="antiqua">Medea</span> 866.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_289" href="#FNAnker_289" class="label">[289]</a> Vgl. <span class="antiqua">Herc. fur.</span> 139 f. u. 191 f.; auch -<span class="antiqua">Agam.</span> 102 f. Der Arme ist nur unglücklich, weil es Reiche gibt, -mit denen er sich vergleicht: <span class="antiqua">Troad.</span> 1018 ff. Über das Unglück -und die Arglist der Könige <span class="antiqua">Agam.</span> 57 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_290" href="#FNAnker_290" class="label">[290]</a> Dies schildert uns Lucian im <span class="antiqua">Somnium</span> <span class="antiqua">cp.</span> -26.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_291" href="#FNAnker_291" class="label">[291]</a> Dieser Satz ist von mir eingehender in den Neuen -Jahrbüchern XXXVII (1911), S. 336 ff. begründet worden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_292" href="#FNAnker_292" class="label">[292]</a> In Riga, i. J. 1204; J. W. Creizenach, Geschichte des -neueren Dramas I, S. 70. Daselbst S. 94, auch 315 und sonst über -Christi Passion. Um die schwer gemarterten Heiligen darzustellen wurden -freilich Puppen verwendet: S. 265. In einem der Marienmirakel (S. 145) -wird auf der Bühne von einer Äbtissin ein Kind geboren, wobei die hlg. -Maria selbst bei den Wehen Beistand leistet. Das Kind ist da. Dann -untersucht die Hebamme auf der Bühne den Leib der Äbtissin und stellt -fest, daß sie nicht geboren hat.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_293" href="#FNAnker_293" class="label">[293]</a> Um das Jahr 1300 tauchten sie aus der Vergessenheit auf. -Der englische Mönch Nikolaus Treveth schrieb sogleich zu ihnen einen -Kommentar, und die italienischen Dichter des 14. Jahrhunderts Lovato -und Mussato sind schon von ihnen beeinflußt: Creizenach, S. 436 f. Vgl. -auch P. Stachel: Seneca und das deutsche Renaissancedrama, Berlin 1907.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_294" href="#FNAnker_294" class="label">[294]</a> Die Zweifel an der Echtheit des <span class="antiqua">Hercules Oetaeus</span> -habe ich längst fallen lassen. E. Ackermann <span class="antiqua">De Senecae Hercule -Oetaeo</span> (Philologus Suppl. Bd. X und Rheinisches Museum, Bd. LXVII) -hat die Echtheit dargetan und wird gegen Einwendungen anderer Recht -behalten. Seneca selbst referiert den Inhalt dieses Dramas <span class="antiqua">De -benefic.</span> I, 13, 2 f., wo das <span class="antiqua">caelum tenuit</span> voransteht.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_295" href="#FNAnker_295" class="label">[295]</a> <span class="antiqua">Herc. Oet.</span> v. 1852. Daß so wie Maria eine -Himmelfahrt hat, auch Alkmene nach Elysium entrückt und ihr Grab leer -gefunden wird, zeigt Fr. Pfister, Wochenschrift f. klass. Phil. 1911, -Nr. 3, S. 83.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_296" href="#FNAnker_296" class="label">[296]</a> Kleanthes, der Stoiker, hieß der zweite Herakles -(<span class="antiqua">Diog. La.</span> 7, 170); Zeno aber übertraf den Herakles sogar -(<span class="antiqua">ib.</span> 7, 30). Eine stoisch-zynische Tragödie „Herakles“ gab es -schon unter dem Verfassernamen des Diogenes von Sinope.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_297" href="#FNAnker_297" class="label">[297]</a> Das heutige Südspanien schildert uns M. Andersen Nexö, -„Sonnentage, Reisebilder aus Andalusien“, 1909. Die Schilderung ergibt, -daß im Altertum dort Bevölkerung und städtische Kultur einen anderen -Charakter trug und daß sie sich heute keineswegs günstiger zeigt als -damals.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_298" href="#FNAnker_298" class="label">[298]</a> <span class="antiqua">De brev. vitae</span> 10, 1. Wenn seine Gegner ihm -höhnend eine <span class="antiqua">professoria lingua</span> vorwerfen (Tacit. Ann. 13, 17), -so wäre es primitiv, daraus zu folgern, daß Seneca jemals wie Epiktet -als <span class="antiqua">professor</span> oder Lehrer wirklich auftrat. Weil Seneca eben -damals als Moralschriftsteller weiter ausholte, warf man den Staatsmann -höhnend mit den <span class="antiqua">Graeculi</span> zusammen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_299" href="#FNAnker_299" class="label">[299]</a> <span class="antiqua">Epist.</span> 78, 3.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_300" href="#FNAnker_300" class="label">[300]</a> Autobiographisches über seine Jugendzeit s. <span class="antiqua">Epist.</span> -108, 15. <span class="antiqua">De otio</span> 7 steht die Unterscheidung der drei -Lebensführungen, <span class="antiqua">genera vitae</span>: <span class="antiqua">unum voluptati</span>, <span class="antiqua">alterum -contemplationi</span>, <span class="antiqua">tertium actioni</span> (<span class="antiqua">deditum</span>). Seine -eigene Entwicklung als Mann der <span class="antiqua">actio</span> deutet er <span class="antiqua">De tranquill. -animi</span> 4 an; auf seine gegenwärtige Stellung weist er 10, 6 hin: -<span class="antiqua">multi quidem sunt quibus necessario haerendum sit in fastigio -suo</span> usf. Weiteres <span class="antiqua">De vita beata</span> 17 f. Diesen Ausführungen -widerspricht die Schrift <span class="antiqua">De brevitate vitae</span>, die gleich nach -der Rückkehr aus Corsica, aber noch, bevor Seneca Neros Lehrer wurde, -in Rom abgefaßt ist, keineswegs. Sie predigt in sehr schulmäßiger -Ausführung das philosophische <span class="antiqua">otium</span>, weil Seneca selbst eben -damals noch ohne Stellung und Pflichten war. Das sollte sich bald -ändern. Übrigens ist er da noch ganz rezeptiv im Betrieb des stoischen -Studiums; er ist noch unselbständig und befragt nur die Weisen (15, 2 -f.).</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_301" href="#FNAnker_301" class="label">[301]</a> Vgl. <span class="antiqua">ad Helviam</span> 5, 4: er gewann früh -<span class="antiqua">pecuniam</span>, <span class="antiqua">honores</span>, <span class="antiqua">gratiam</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_302" href="#FNAnker_302" class="label">[302]</a> <span class="antiqua">De tranquill.</span> 44, 3.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_303" href="#FNAnker_303" class="label">[303]</a> Hierauf blickt er <span class="antiqua">Epist.</span> 49, 2 mit den Worten -zurück: <span class="antiqua">causas agere coepi ... desii velle agere ... desii -posse</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_304" href="#FNAnker_304" class="label">[304]</a> Da der sonderbare Claudius, ein Mensch ohne alle -Willenskraft, sich ganz und gar und bis zur Schwachsinnigkeit von -Messalina gängeln ließ, kann man es den Nichten des Claudius, Livilla -und Agrippina, nicht verdenken, daß sie gegen Messalina Front machten, -ihr ihren Einfluß nicht gönnten; und wenn in diesen Hader am Hof Seneca -verwickelt war, so stand er jedenfalls auf der Seite der Frauen, von -denen sich damals für den Staat noch irgend etwas hoffen ließ.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_305" href="#FNAnker_305" class="label">[305]</a> <span class="antiqua">Sestertium decies, Tacit. Ann.</span> XI, 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_306" href="#FNAnker_306" class="label">[306]</a> <span class="antiqua">Plin. epist.</span> III, 3, 7.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_307" href="#FNAnker_307" class="label">[307]</a> Aber auch diese Schrift <span class="antiqua">De ira</span> hatte offenbar -nicht systematischen, sondern persönlichen und praktischen, -programmatischen Zweck. Die kleine Abhandlung <span class="antiqua">De constantia</span> -betrachte ich als einen Ableger von <span class="antiqua">De ira</span> Buch III; der -sachliche Zusammenhang ist der engste. Das Delatorenwesen ist damals -mächtig (<span class="antiqua">De const.</span> 9, 2); alle Vornehmen und die hohen Beamten -gelten als <span class="antiqua">male sani</span> (13, 2); die verächtlichen Äußerungen -über die Sklaven (13, 4) verraten einen Standpunkt, den Seneca später -überwunden hat. So ist auch noch <span class="antiqua">De brevitate vitae</span> eine -Vorstudie Senecas. Diesen Sachen hängt daher in ihrer Abfassungsart -noch der pedantisch schulmäßige Charakter an, der später bei dem -souveränen Staatsmann Seneca so viel mehr zurücktritt. Was endlich die -<span class="antiqua">Consolatio ad Marciam</span> betrifft, so wäre es Verkennung, sie für -eine philosophische Schulschrift oder auch nur für eine Trostschrift -zu halten, die nichts weiter will, als die Trauernde aufzurichten. -Wäre sie dies, so wäre ihre Veröffentlichung überflüssig gewesen. -Sie war vielmehr eine politische Gelegenheitsschrift in der Form der -<span class="antiqua">Consolatio</span>, die auf Sejans Mißherrschaft tadelnd zurückblickt, -pietätvollen Sinn für die Caesars bekennen will (<span class="antiqua">c.</span> 15), -besonders Augustus und Livia verherrlicht, welcher Kaiser Augustus des -Seneca staatsmännisches Ideal dauernd geblieben ist, und vor allem -das echte Römertum preist und damit eine tüchtige staatsbürgerliche -Gesinnung fordert: <span class="antiqua">scire quid sit vir Romanus</span> (auch im -<span class="antiqua">cap.</span> 13 kommt er darauf zurück). Die politischen Zustände sind -schlimm, <span class="antiqua">iniqua tempora</span> (22, 8); <span class="antiqua">sunt istic hostes cruenti, -cives superbi</span> usf.; daher ist der Tod nützlich; er befreit aus -dem Elend eines schlechten Staatslebens (20, 2 f.): ein Manifest, -aus dem damals jeder sollte ersehen können, was von Seneca, wenn er -entscheidenden Einfluß gewann, zu erhoffen war.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_308" href="#FNAnker_308" class="label">[308]</a> Schon <span class="antiqua">Ad Marciam</span> 20, 2 sagt er, daß jeder -<span class="antiqua">exul</span> stets sein Auge auf die <span class="antiqua">patria</span> gerichtet hält. Die -Schriften <span class="antiqua">ad Helviam</span> und <span class="antiqua">Ad Polybium</span> entstanden gleich -in den Anfangsjahren der Verbannung, und daß dies keine Lehrschriften -sind, liegt auf der Hand. Mit Unrecht habe ich als möglich zugestanden -(Histor. Zeitschr. 104, S. 608), daß Seneca auf Corsica <span class="antiqua">De -providentia</span> und <span class="antiqua">De constantia</span> schrieb. <span class="antiqua">Ad Helv.</span> 20 -schildert er selbst seine Beschäftigung im Exil: von Schriftstellerei -sagt er dort nichts, sondern redet nur von literarischen Studien, d. h. -Lektüre, besonders auf dem Gebiet der Physik. Auch daß er Tragödien auf -Corsica schrieb, ist schlechterdings unerwiesen (vgl. Neue Jahrbücher -XXVII, S. 353 ff.) Die Epigramme aber aus dem Exil sind unecht; -dies ergibt die Verstechnik, und der neuerdings mit vielem Fleiß -unternommene Versuch, aus phraseologischen Anklängen ihre Echtheit zu -erweisen, ist ein Schlag ins Wasser, da ein solches Beweismittel nichts -beweist. Es handelt sich darum, daß Seneca (wie Calpurnius) in seinen -Hexametern nie eine Verschleifung zuließ; das ist, so geringfügig -die Sache scheint, ein deutliches Erkennungszeichen, und es ist -interessant, in solchem Punkt einmal den Einfluß des Lehrers auf den -Schüler zu beobachten; denn auch in Kaiser Neros erhaltenen Hexametern -fehlt ganz ebenso jede Elision. Das sollte Zufall sein? Natürlich sind -auch Calpurnius und der Lobdichter auf Piso von dieser Theorie abhängig -gewesen. Die Epigramme aus Corsica zeigen dagegen die Elision (vgl. -Kritik und Hermeneutik, S. 235 f.)</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_309" href="#FNAnker_309" class="label">[309]</a> Wie leidenschaftlich die Geschwisterliebe bei den Alten -und wie tief gerade der Schmerz um den Verlust eines Bruders ging, habe -ich Kritik und Hermeneutik, S. 108 f. in Anlaß der Antigone und ihrer -vielbesprochenen Worte dargelegt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_310" href="#FNAnker_310" class="label">[310]</a> Dies habe ich in den Neuen Jahrbüchern XXVII, S. 596 ff. -näher ausgeführt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_311" href="#FNAnker_311" class="label">[311]</a> Man muß sich klar machen, daß sich an den Kaiser — wie -heute etwa an den Papst — direkte Ermahnungen nicht richten ließen; -das einzig mögliche Erziehungsverfahren war, dem Allmächtigen die -guten Eigenschaften zuzuschreiben, die man von ihm forderte; daher -sagt Seneca selbst <span class="antiqua">Epist.</span> 94, 39, daß die <span class="antiqua">laudatio</span> eine -Gattung der <span class="antiqua">monitio</span> sei; eben dasselbe sagt uns auch schon -Cicero <span class="antiqua">ad fam. XV</span>, 21, 4; später Julian <span class="antiqua">p.</span> 254 <span class="antiqua">B</span> -u. <span class="antiqua">C</span>; Apollinaris Sidonius Epist. VIII, 10; vgl. auch <span class="antiqua">Cic. ad -Quintum fratrem I</span>, 1, 7 und 18.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_312" href="#FNAnker_312" class="label">[312]</a> Vgl. Neue Jahrbücher XXVII, S. 348.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_313" href="#FNAnker_313" class="label">[313]</a> Man kann gut sein, auch ohne physisch tapfer zu sein; -dies sagt Seneca nicht, aber es liegt dem Satz: <span class="antiqua">L. Bibulus melior -quam fortior vir</span> (<span class="antiqua">Ad Marciam</span> 4, 2) zu Grunde.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_314" href="#FNAnker_314" class="label">[314]</a> <span class="antiqua">De ira</span> II, 32.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_315" href="#FNAnker_315" class="label">[315]</a> <span class="antiqua">De constantia</span> 12, 3; <span class="antiqua">De ira</span> I, 16.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_316" href="#FNAnker_316" class="label">[316]</a> <span class="antiqua">De ira</span> II, 33; den Freimut gegen einen Sejan -preist Seneca (<span class="antiqua">ad Marciam</span> 22, 4 f.), der gegen den Kaiser -scheint ihm unmöglich.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_317" href="#FNAnker_317" class="label">[317]</a> Das <span class="antiqua">aeger nervis</span> steht bei Tacitus 15, 45. Über -sein Herzleiden redet Seneca Epist. 26, 54, 58. Aber schon in der -Schrift <span class="antiqua">De constantia</span> (16, 4), also etwa 45jährig, schildert -er sich selbst als kahlköpfig, schwachsichtig, mit dünnen Hüften und -auffälliger Statur; denn man wird diese Schilderung doch wirklich auf -ihn beziehen müssen. Eine Büste Senecas (in Berlin) zeigt ihn uns -kurzhalsig und kahlköpfig.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_318" href="#FNAnker_318" class="label">[318]</a> <span class="antiqua">Mens serena: De clementia</span> 2, 5, 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_319" href="#FNAnker_319" class="label">[319]</a> Nero hatte armenische Gesandte empfangen; Agrippina kam, -als sie das hörte, herbei und wollte den kaiserlichen <span class="antiqua">Haut-pas</span> -ersteigen. Ehe sie dies konnte, ging ihr Nero auf Senecas Wink -entgegen und hielt sie mit einer Begrüßung auf, und die Audienz wurde -abgebrochen und verschoben. Agrippina kam nicht wieder: Tacit. Ann. -XIII, 5; Waltz S. 204.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_320" href="#FNAnker_320" class="label">[320]</a> Agrippina hatte eigenmächtig, als wäre sie jetzt Kaiser, -den verstorbenen Kaiser Claudius zum Gott erhoben. Senecas Satire -legt die Sinnlosigkeit dieser Apotheose dar, indem sie nicht nur mit -gröblichem, aber siegreichem Witz über die geistige Impotenz des -Claudius herfällt, sondern vor allem dem Groll und der Empörung über -seine Schandtaten und Justizmorde Worte leiht. Agrippina selbst wird -in der Schrift totgeschwiegen; jeder Leser merkte, daß ihr Verfahren -das Ziel des Angriffs war. — Der überlieferte Titel Apotheosis ist -natürlich richtig. Die Bezeichnung <span class="antiqua">Apocolocyntosis</span> beruht auf -falscher Kombination, die auch heute noch gilt, weil gefeierte Gelehrte -sie hingenommen haben. <span class="antiqua">Apocolocyntosis</span> heißt „Verwandlung in -einen Kürbis“. Daß der Mensch, wenn er gestorben ist, in Tiere oder -Pflanzen verwandelt wird, ist jedoch eine ausschließlich pythagoräische -Vorstellung, von der die vorliegende Satire nichts weiß und die -zu der unterweltlichen Szene, die sich an ihrem Schluß abspielt, -durchaus nicht paßt. Es ist also gedankenlos, anzusetzen, eine solche -„Verkürbsung“ sei an ihrem Schluß glatt weggefallen. Die Satire ist -vollständig.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_321" href="#FNAnker_321" class="label">[321]</a> <span class="antiqua">Patriae <em class="gesperrt">tutor</em></span> und <span class="antiqua">amicorum -propugnator</span>, <span class="antiqua">De vita beata</span> 15, 4. Der Ausdruck <span class="antiqua">tutor</span> -stammt hier aus Ciceros Schrift <span class="antiqua">De republica</span> II, 51. Seneca -kannte diese Schrift genau.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_322" href="#FNAnker_322" class="label">[322]</a> Schon <span class="antiqua">ad Marciam</span> äußert er diese Augustusverehrung -programmatisch; oben <a href="#Fussnote_307">Anmerkung 307</a>.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_323" href="#FNAnker_323" class="label">[323]</a> Seneca sagt mit Genugtuung von sich selbst, daß keinem -Bürger durch ihn, trotz seiner Machtstellung, die Rechte verkümmert -seien; <span class="antiqua">nullius per me libertas deminuta (est)</span>, <span class="antiqua">De vita -beata</span> 20, 5.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_324" href="#FNAnker_324" class="label">[324]</a> Auf die <span class="antiqua">accusandi rabies</span>, die unter Tiberius -herrschte, blickt Seneca jetzt, <span class="antiqua">Benef.</span> 3, 26, 1, als auf etwas -Fernstehendes zurück.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_325" href="#FNAnker_325" class="label">[325]</a> Schon <span class="antiqua">ad Marciam</span> 16, 2 steht: <span class="antiqua">Bruto libertatem -debemus</span>, d. h. die alte durch Brutus erworbene Freiheit besteht -noch; so besteht denn auch die <span class="antiqua">libera civitas</span> unter Senecas -eigener Staatsverwaltung, <span class="antiqua">De benef.</span> 2, 12, 2; <span class="antiqua">optimus -civitatis status sub rege iusto</span>, <span class="antiqua">ib.</span> 2, 20, 2.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_326" href="#FNAnker_326" class="label">[326]</a> Freilich keine Aufhebung der Kornverteilungen in Rom -(<span class="antiqua">De benef.</span> 4, 28, 2), an die überhaupt nicht zu denken war.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_327" href="#FNAnker_327" class="label">[327]</a> <span class="antiqua">Admodum aequa</span>, <span class="antiqua">Tacit.</span> 13, 51. Daher war -auch noch im Jahre 62 der Stand der Finanzen befriedigend, Tacit. 15, -18; Waltz S. 411.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_328" href="#FNAnker_328" class="label">[328]</a> Diesen Sinn hat es, wenn der Kaiser, d. h. Seneca, im -Jahre 55 den Provinzialverwaltern verbietet, in den Provinzen Spiele zu -geben, mit denen sie das Publikum für sich günstig zu stimmen pflegten: -Tacit. 13, 31.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_329" href="#FNAnker_329" class="label">[329]</a> Vgl. Rhein. Mus. 65, S. 317 „Zur Phylenordnung -Alexandrias“.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_330" href="#FNAnker_330" class="label">[330]</a> Von dem Gros der ägyptischen Bevölkerung, den sogenannten -λαογραφούμενοι wurden die zahlreichen Anwohner griechischer und -römischer Abstammung, von denen besonders Alexandria erfüllt war, -gesondert. Daß die Namen der letzteren, der ἐπικεκριμένοι, in -besonderen Listen, τόμοι ἐπικρίσεων, geführt wurden, beginnt aber -wiederum im Jahr 54 auf 55; s. Paul M. Meyer, Das Heerwesen der -Ptolemäer und Römer in Ägypten, Leipzig 1900, S. 116–122.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_331" href="#FNAnker_331" class="label">[331]</a> Er besuchte als jüngerer Mann in Ägypten seinen Oheim, -C. Galerius, der dort 16 Jahre lang an der Spitze der kaiserlichen -Verwaltung stand (Genaueres hierüber <span class="antiqua">Revue de philol.</span> 1909, -S. 173–177); weiteres oben <a href="#Fussnote_267">Anm. 267</a> und über Senecas Beziehungen zu -Ägypten und zu Claudius Balbillus im Jahre 55 Nipperdey zu Tacit. -13, 22. Auch noch in seinen letzten Lebensjahren hatte Seneca -persönlich geschäftliche Interessen in Alexandria: <span class="antiqua">quis illic -esset rerum mearum status</span>, überlegt er, als er Handelsschiffe -von dort einlaufen sieht, Epist. 77, 3, wo <span class="antiqua">res meae</span> nicht auf -Geldgeschäfte, sondern auf Grundbesitz sich bezieht; denn Seneca hatte -dort tatsächlich Grundbesitz (s. oben); <span class="antiqua">status</span> aber heißt -„Wohlstand“.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_332" href="#FNAnker_332" class="label">[332]</a> θεοῦ διάκονος εἰς τὸ ἀγαθόν.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_333" href="#FNAnker_333" class="label">[333]</a> Vgl. hierzu Rhein. Museum 69, S. 383.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_334" href="#FNAnker_334" class="label">[334]</a> <span class="antiqua">Thyest.</span> 213. Aussprüche über Tyrannei finden sich -<span class="antiqua">Oed.</span> 699 ff., 520 ff.; <span class="antiqua">Phoen.</span> 654 f.; <span class="antiqua">Med.</span> 195 -f.; <span class="antiqua">Phaedr.</span> 490 f.; <span class="antiqua">Agam.</span> 995 usf. Vgl. Neue Jahrbücher -XXVII, S. 350 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_335" href="#FNAnker_335" class="label">[335]</a> Es scheint, daß das vierte Buch <span class="antiqua">De beneficiis</span> von -Agrippinas Ermordung noch nichts weiß, also früher fällt; denn die -Stelle IV, 31, 2 blickt auf die Bluttaten Caligulas in einer Weise -zurück, als biete die Gegenwart nichts Ähnliches.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_336" href="#FNAnker_336" class="label">[336]</a> Daß sich Seneca in <span class="antiqua">De beneficiis</span> an ein großes -Publikum richtet, zeigen solche Wendungen wie <span class="antiqua">si quis existimat</span> -(I, 15, 1); <span class="antiqua">nemo haec ita interpretetur</span> (I, 14, 2); die Anrede -<span class="antiqua">vos, vobis</span> (IV, 13, 1). Er selbst ist <span class="antiqua">praeceptor</span>, -<span class="antiqua">praecipit</span>, er gibt <span class="antiqua">monitiones</span> (I, 15); aber er redet -dabei zu dem Durchschnittsmenschen, nicht zum vollkommenen Weisen -(II, 18, 4). In bezug auf die Sklavenfrage will er den Übermut der -menschlichen Gesellschaft zerstoßen, <span class="antiqua">contundere insolentiam -hominum</span> (III, 29, 1).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_337" href="#FNAnker_337" class="label">[337]</a> Seneca sagt von sich, daß er die <span class="antiqua">societas generis -humani sancit</span>, d. h. das soziale Wirken zum unverbrüchlichen Gesetz -erhebt, <span class="antiqua">De benef.</span> 1, 15, 2; über die <span class="antiqua">societas</span> auch 4, 18, -2 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_338" href="#FNAnker_338" class="label">[338]</a> Gegen die griechische Behandlungsweise der -Wohltätigkeitslehre, z. B. die des Chrysipp, die mehr spitzfindig -als praktisch, wendet er sich <span class="antiqua">Benef.</span> I, 3 und 4. Chrysipp ist -<span class="antiqua">magnus vir, sed Graecus</span>. Damit ist er für den Praktiker schon -verworfen. Was sollen z. B., heißt es, die albernen Redereien über -die drei Grazien? Damit ist nichts gewonnen. So weicht denn auch -Ton und Ausführung in <span class="antiqua">De beneficiis</span> I-IV von Senecas älteren -Schriften <span class="antiqua">De ira</span> und <span class="antiqua">De constantia</span>, die noch mehr den -griechisch-sophistischen Geist zeigen, wesentlich ab. In den Büchern -V-VII <span class="antiqua">De beneficiis</span> gibt Seneca nur einen Anhang, und in ihnen -herrscht gelegentlich wieder mehr der sophistisch schulmäßige Ton.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_339" href="#FNAnker_339" class="label">[339]</a> Römerbrief 13, 9: ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς ἑαυτόν, ἡ -ἀγάπη τοῦ πλησίον κακὸν οὐκ ἐργάζεται.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_340" href="#FNAnker_340" class="label">[340]</a> Vgl. Zur römischen Kulturgeschichte S. 152 f. und -betreffs der Haltung der Sklaven S. 66.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_341" href="#FNAnker_341" class="label">[341]</a> Josef Vilmain, Die Staatslehre des Thomas von Aquino, -Leipzig 1910, S. 80 u. 97 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_342" href="#FNAnker_342" class="label">[342]</a> Nicht das größte; es gab Freigelassene, die noch reicher -waren: Tacit. 14, 55.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_343" href="#FNAnker_343" class="label">[343]</a> Über den <span class="antiqua">animus ad civilia erectus agendique -cupidus</span> s. <span class="antiqua">De tranquill.</span> 2, 9. Wer keine führende Stellung -einnehmen kann, soll wenigstens durch Akklamation helfen, <span class="antiqua">si a -prima te reipublicae parte fortuna submoverit, stes tamen et clamore -iuves</span>, ebenda 4, 5, wo <span class="antiqua">stes tamen et clamore iuves</span> offenbar -aus einem Hexameter stammt, also Zitat ist. Auch <span class="antiqua">De otio</span> -beschäftigt er sich aufs neue mit diesen Fragen: <span class="antiqua">imperfectum bonum -est virtus sine actu</span> usf. (6, 3). Daselbst 6, 4 das <span class="antiqua">posteris -prodesse</span>; und 6, 5: Chrysippus lebte im <span class="antiqua">otium</span>; er hatte -nicht den Reichtum und die Machtstellung (ergänze: wie ich, um dasselbe -wie ich zu versuchen).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_344" href="#FNAnker_344" class="label">[344]</a> Das ist das <span class="antiqua">maiorem virtuti materiem subministrare</span> -(<span class="antiqua">De vita beata</span> 21, 4).</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_345" href="#FNAnker_345" class="label">[345]</a> Das Geld, das einem Natalis zufällt, ist wie in die -Kloake geworfen: Epist. 87, 16. „Der Reichtum ist mein Diener; andere -sind Knechte des Reichtums,“ <span class="antiqua">De vita beata</span> 22, 5.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_346" href="#FNAnker_346" class="label">[346]</a> Gegen die <span class="antiqua">nimia aestimatio sui</span> redet Seneca <span class="antiqua">De -v. beata</span> 8, 3.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_347" href="#FNAnker_347" class="label">[347]</a> Cassius Dio 62, 2, wo das Wort ἄκουσιν darauf geht, -daß die britische Bevölkerung zum Teil der römischen Geldwirtschaft -widerstrebte; s. 62, 3: πενία ἀδέσποτος πλούτου δουλεύοντος προφέρει. -Schon die Regierung des Kaisers Claudius hatte große Geldsummen in -diese neue Provinz geworfen, aber sie gleichfalls wieder zurückgenommen -(ebenda). Das ist nicht „Geldwucher im Großen“, was Kaiser Claudius -trieb; dasselbe gilt von Seneca.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_348" href="#FNAnker_348" class="label">[348]</a> Nicht der strengste Stoiker hätte das von Seneca -verlangt; auch Zeno hatte Geld auf Zinsen geliehen (<span class="antiqua">De benef.</span> 4, -24, 1). Daß Seneca etwa Wucher trieb, ist durch nichts angezeigt. An -verächtlichen Äußerungen gegen die <span class="antiqua">feneratores</span> fehlt es bei ihm -nicht: <span class="antiqua">De ira</span> 3, 33; <span class="antiqua">De const.</span> 6, 7; <span class="antiqua">Benef.</span> III, -15; so aber auch gegen die Reichen, <span class="antiqua">De provid.</span> 6: die Reichen -sind innerlich schmutzig; wie ihre Stubenwände sind sie nur äußerlich -dekoriert; der glänzende Stuck ist dünn und fällt ab.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_349" href="#FNAnker_349" class="label">[349]</a> <span class="antiqua">Martial</span> 12, 36; <span class="antiqua">Juvenal</span> 5, 109.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_350" href="#FNAnker_350" class="label">[350]</a> <span class="antiqua">De vita beata</span> 23, 5. Auch Epist. 120, 8 tadelt er: -<span class="antiqua">multi sunt qui non donant, sed proiciunt</span>. Genaueres über die Art -seiner Wohltätigkeit <span class="antiqua">De v. beata</span> 24.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_351" href="#FNAnker_351" class="label">[351]</a> Seneca brachte also der Staatsraison zuliebe ein -Gewissensopfer. Wer das beurteilen will, muß seinen Grundsatz kennen, -den er wie für diesen Konfliktsfall vortrefflich so formuliert hat: -<span class="antiqua">facit</span> (lies <span class="antiqua">faciet</span>) <span class="antiqua">sapiens etiam quae non probabit, -<em class="gesperrt">ut etiam ad maiora transitum inveniat</em>, nec relinquet bonos -mores, sed tempori aptabit et quibus alii utuntur in gloriam aut -voluptatem, utetur <em class="gesperrt">agendae rei causa</em></span>. Dies stand in seinen -<span class="antiqua">Exhortationes</span> (Lactanz <span class="antiqua">Inst.</span> III, 15, 14), die gewiß auch -in Senecas Spätzeit fallen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_352" href="#FNAnker_352" class="label">[352]</a> Ja, nach weit verbreiteter Anschauung ist der Kaiser -selber Gott; der Kaiser Augustus ist der, <span class="antiqua">qui dis genitus et deos -geniturus dicatur</span>, Seneca <span class="antiqua">ad Marciam</span> 15, 1.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_353" href="#FNAnker_353" class="label">[353]</a> Kaiser Claudius war, nach Seneca, wie die Fortuna, die -leicht zur <span class="antiqua">mala fortuna</span> wird (<span class="antiqua">benef.</span> 1, 15; 6). Straft -der Kaiser einen Unschuldigen, so muß man es hinnehmen: <span class="antiqua">rex ... si -innocentem (punit), cede fortunae</span> (<span class="antiqua">De ira</span> 2, 30). Man kann -sich nicht einmal gegen die Geschenke eines tyrannischen Herrschers -wehren: diesen Satz veröffentlicht Seneca, <span class="antiqua">benefic.</span> 2, 18, -6, nachdem er selbst von Nero wider seinen Willen mit Reichtümern -überschüttet war.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_354" href="#FNAnker_354" class="label">[354]</a> Es ist nicht wahr, daß Seneca <span class="antiqua">De benef.</span> 7, 20, 3 -die Möglichkeit der Ermordung Neros zugesteht; Seneca sagt dort nur: -den wahnsinnig gewordenen Tyrannen soll man beseitigen, und denkt -dabei nicht an Nero, der trotz seiner Exzesse durchaus nicht als -geisteskrank galt, sondern nur an Caligula zurück, der als wirklicher -<span class="antiqua">furiosus</span>, d. h. im Irrsinn endete; dessen Beseitigung wird auch -<span class="antiqua">De brev. vitae</span> 18, 6 gebilligt, und beide angezogenen Stellen -erklären sich gegenseitig.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_355" href="#FNAnker_355" class="label">[355]</a> Wo Seneca in diesen Jahren den Nero erwähnt (in den -Briefen tut er es nie), zeigt er sich sehr zurückhaltend; s. <span class="antiqua">Nat. -quaest. VI</span>, 17 und 21. Eine Höflichkeit liegt darin, daß er einmal -einen geschickten Vers Neros mit Anerkennung zitiert (<span class="antiqua">ib.</span> I, -5, 6). Wenn sich endlich <span class="antiqua">ib.</span> VI, 8, 3 eine lobende Äußerung, -insbesondere über Neros <span class="antiqua">veritatis amor</span>, findet, so handelt -es sich dort um die von Nero veranstaltete Expedition nach den -Nilquellen; Seneca quittiert für diese Unternehmung mit Dank; denn es -kann kein Zweifel sein, daß Nero mit ihr einer Anregung Senecas selbst -entsprochen hatte. So teilt Seneca denn auch ihr Ergebnis mit. Vgl. -oben <a href="#Fussnote_272">Anm. 272</a>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_356" href="#FNAnker_356" class="label">[356]</a> Nämlich zunächst bei Tacitus. Mutmaßlich ist aber schon -in dem Werk des C. Fannius über die <span class="antiqua">exitus occisorum</span> unter -Nero, das unfertig blieb, aber bis zu drei Büchern gedieh (<span class="antiqua">Plin. -epist.</span> 5, 5), auch Senecas Tod erzählt worden. Vielleicht ist die -Schilderung des Tacitus davon abhängig. Wir haben keineswegs nötig, nur -an Fabius Rusticus als Quelle zu denken. Vgl. W. Schmidt, <span class="antiqua">De ultimis -morientium verbis</span>, Marburg 1914, S. 12.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_357" href="#FNAnker_357" class="label">[357]</a> Noch 50 Jahre später waren sie so bekannt, daß Tacitus -sie zu zitieren für unnötig hält (Ann. 15, 63 u. 67). Hätte er es doch -trotzdem getan!</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_358" href="#FNAnker_358" class="label">[358]</a> Tacit. Ann. 14, 55.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_359" href="#FNAnker_359" class="label">[359]</a> Es ist das goldene <span class="antiqua">quinquennium</span> Neros: Aurelius -Victor 5, 2; Epit. 5, 3; Waltz S. 243.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_360" href="#FNAnker_360" class="label">[360]</a> Juvenal 8, 212.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_361" href="#FNAnker_361" class="label">[361]</a> Vgl. Römische Charakterköpfe, 3. Aufl., S. 262 f. u. 267.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_362" href="#FNAnker_362" class="label">[362]</a> Das „planvoll“, <span class="antiqua">certus consilii</span>, das er fordert -<span class="antiqua">De brev. vitae</span> 3, 3, gilt wirklich von ihm. Vgl. Epist. 23 über -die Freude: die Freude kommt ins Herz durch ein gutes Gewissen, durch -richtig Handeln, durch ein planvolles Leben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_363" href="#FNAnker_363" class="label">[363]</a> Vielmehr bezog sich Seneca nachweislich auf die -Ehegesetze des Augustus; s. <span class="antiqua">Fragm. 87 ed. Haase</span>. Auch die -historischen Rückblicke auf die <span class="antiqua">pudicitia</span> Altroms und die -ehelichen Exzesse, die Seneca dort gab, entsprachen ganz dem -Begründungsverfahren des Augustus.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_364" href="#FNAnker_364" class="label">[364]</a> Vgl. Römische Kulturgeschichte S. 141.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_365" href="#FNAnker_365" class="label">[365]</a> <span class="antiqua">Bonorum egestas: De tranquill.</span> 7, 6.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_366" href="#FNAnker_366" class="label">[366]</a> <span class="antiqua">De benef.</span> 7, 1, 7.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_367" href="#FNAnker_367" class="label">[367]</a> <span class="antiqua">De vita beata</span> 15, 5.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_368" href="#FNAnker_368" class="label">[368]</a> Einige Proben hat uns der Kirchenvater Augustin aus -dieser Schrift erhalten; einen Absatz daraus habe ich oben <a href="#Augustin">S. 231 f.</a> -wiedergegeben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_369" href="#FNAnker_369" class="label">[369]</a> <span class="antiqua">Religio deos colit, superstitio violat</span>, sagt -Seneca <span class="antiqua">De clem.</span> 2, 5, 1.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_370" href="#FNAnker_370" class="label">[370]</a> Seneca <span class="antiqua">De remediis</span> 5, 4 lehrt: Kümmere dich -nicht um dein Begräbnis. Denn das Begräbniswesen ist gar nicht um der -Toten willen, sondern nur im Interesse der Lebenden eingeführt: <span class="antiqua">non -defunctorum causa, sed vivorum inventa est sepultura</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_371" href="#FNAnker_371" class="label">[371]</a> <span class="antiqua">De benef.</span> 4, 7, 2.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_372" href="#FNAnker_372" class="label">[372]</a> Man könnte ansetzen, daß sie etwas früher fällt und -ungefähr aus der Zeit der Apotheosissatire stammt, in der die gleiche -sarkastische Nichtachtung der Götter herrscht und gerade auch wie in -der Schrift <span class="antiqua">De superstitione</span> altrömische Götterschemen wie die -<span class="antiqua">Vica Pota</span> vorgeführt werden. Aber auch <span class="antiqua">De tranquill.</span> 26, -8 berührt Seneca noch dasselbe Thema, besonders aber Epist. 95, 47, wo -auch das <span class="antiqua">speculum teneri Iunoni</span> und die Sätze stehen: <span class="antiqua">deum -colit qui novit; primus est deorum cultus deos credere</span>.</p> - -</div> - -<h3 class="s4"><b>Römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi.</b></h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_373" href="#FNAnker_373" class="label">[373]</a> Eine vorsichtige und vernünftige Behandlung der Frage gab -J. Geffken im Hermes, Bd. 41, S. 220 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_374" href="#FNAnker_374" class="label">[374]</a> Hermes 41, S. 223.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_375" href="#FNAnker_375" class="label">[375]</a> Hierzu und zum Folgenden siehe meine Schrift „Elpides“ S. -61–65.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_376" href="#FNAnker_376" class="label">[376]</a> Valerius Maximus 5, 1 <span class="antiqua">ext.</span> 1; Curtius Rufus 8, 4, -15.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_377" href="#FNAnker_377" class="label">[377]</a> Epiktet, Dissertat. I, 25, 8.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_378" href="#FNAnker_378" class="label">[378]</a> βασιλικῶς ἐνεσκεύαστο Lucian 70, 2, 10; vgl. in den -<span class="antiqua">Acta S. Dasii</span> bei <span class="antiqua">Cumont</span>, <span class="antiqua">analecta Bollandiana -XVI</span>, S. 11 das βασιλικὸν ἔνδυμα und κατὰ τὴν αὐτοῦ Κρόνου -ὁμοιότητα. Bei keinem Gott war die Bezeichnung, daß er „König“ ist, so -ständig wie bei Saturnus-Kronos; <span class="antiqua">Varro de re rustica III</span>, 1, 5: -<span class="antiqua">Saturnus rex</span>; mehr gibt Maximilian Mauer bei Roscher, Mythol. -Lexikon II, S. 1458.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_379" href="#FNAnker_379" class="label">[379]</a> 70, 2, 12.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_380" href="#FNAnker_380" class="label">[380]</a> βασιλέα μόνον ἐφ’ ἁπάντων γενέσθαι 70, 1, 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_381" href="#FNAnker_381" class="label">[381]</a> Ebenda.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_382" href="#FNAnker_382" class="label">[382]</a> So in den <span class="antiqua">Acta S. Dasii</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_383" href="#FNAnker_383" class="label">[383]</a> Diese Harmlosigkeit betont Lucian 70, 2, 13.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_384" href="#FNAnker_384" class="label">[384]</a> Siehe Bücheler zu Seneca <span class="antiqua">Apotheosis</span> <span class="antiqua">c.</span> 8.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_385" href="#FNAnker_385" class="label">[385]</a> Ich sehe, daß auch G. Wissowa, Religion und Kultus der -Römer, S. 207, diese Auffassung teilt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_386" href="#FNAnker_386" class="label">[386]</a> Siehe Geffken a. a. O. S. 222 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_387" href="#FNAnker_387" class="label">[387]</a> H. Reich, Neue Jahrbücher 1904, S. 726, 1 versteht diesen -Wortlaut nicht richtig, da er γελοίων διδάσκαλοι grammatisch verbindet; -γελοίων hängt aber ohne Frage von ποιηταί ab: „Mimen- und Ulkdichter -dienen als Lehrer der Leute.“</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_388" href="#FNAnker_388" class="label">[388]</a> Reich a. a. O.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_389" href="#FNAnker_389" class="label">[389]</a> Auch der Mimusrest des Oxyrhynchospapyrus ergibt dafür -nichts.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_390" href="#FNAnker_390" class="label">[390]</a> So Reich S. 279.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_391" href="#FNAnker_391" class="label">[391]</a> Der Mimus ahmte realistisch, oft auch mit Humor und -Ironie Typen des Lebens nach, aber er höhnte nicht und stand dadurch im -Gegensatz zur alten Komödie eines Aristophanes: so Reich selbst, Der -Mimus I, S. 327, nach Jacob Bernays.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_392" href="#FNAnker_392" class="label">[392]</a> S. Seneca a. a. O. c. 1. Auch Kaiser Augustus betrachtete -sein Leben als einen Mimus; er fragte auf dem Sterbebett, ob er ihn -gut durchgeführt habe; „wenn das Stück gut war, klatschet Beifall,“ -war sein letztes Wort. Aber er denkt dabei nicht an den Königsmimus, -sondern allgemeiner an den <span class="antiqua">mimus vitae</span> (Sueton Aug. 99), von dem -in der Popularphilosophie jener Zeit oft die Rede ist.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_393" href="#FNAnker_393" class="label">[393]</a> <span class="antiqua">nec cor nec caput habet</span>, Seneca <span class="antiqua">c.</span> 8; -<span class="antiqua">dis iratis natus; tria verba cito dicat et servum me ducat</span> -<span class="antiqua">c.</span> 11. Das Urteil, das Seneca fällt, gilt nicht bloß von der -Regierungszeit, sondern ebenso vom früheren Leben des Claudius; mit -gleichem Hohn hatte Tiberius auf seine Bewerbung ums Konsulat weiter -nichts geantwortet als: „anbei 40 Louisd’or für die Saturnalien und -Sigillarien“ (Bücheler). Daher endlich ließ Seneca den Claudius in -einen Kürbis verwandelt werden; in welchem Sinne, habe ich in der -Schrift <span class="antiqua">De Senecae apocolocyntosi et apotheosi</span> Marburg 1888/1889 -ausgeführt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_394" href="#FNAnker_394" class="label">[394]</a> Diesen Umstand beachtete Mommsen nicht, als er bei Seneca -a. a. O. <span class="antiqua">c.</span> 1, wo überliefert ist: <span class="antiqua">obiit ille qui verum -proverbium fecerat aut regem aut fatuum nasci oportere</span>, zu lesen -vorschlug: <span class="antiqua">qui bis verum proverbium fecerat</span>. Das Sprichwort -gibt ein Entweder oder: „entweder ein König oder ein Narr muß man von -Geburt sein.“ Diesen Satz hat Claudius wahr gemacht, da er nur eine der -beiden Eventualitäten erfüllte, da er Narr von Geburt, aber nicht auch -König von Geburt war. Er war kein Porphyrogennetos oder <span class="antiqua">in purpura -natus</span>. Daß er das Sprichwort doppelt (<span class="antiqua">bis</span>) wahr gemacht, -trifft also nicht zu.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_395" href="#FNAnker_395" class="label">[395]</a> a. a. O. c. 8: <span class="antiqua">si mehercules a Saturno petisset -hoc beneficium, cuius mensem toto anno celebravit Saturnalicius -princeps</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_396" href="#FNAnker_396" class="label">[396]</a> S. <span class="antiqua">Festus</span> <span class="antiqua">p.</span> 322 <span class="antiqua">M.</span>; Plutarch -Romulus 25 und Aitia Romana <span class="antiqua">c.</span> 53.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_397" href="#FNAnker_397" class="label">[397]</a> μετὰ χλευασμῷ sagt Plutarch.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_398" href="#FNAnker_398" class="label">[398]</a> Plutarch: ἑπισκώπτων αὐτοῦ τὴν ἠλιθιότητα καὶ ἀβελτερίαν.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_399" href="#FNAnker_399" class="label">[399]</a> Plutarch an beiden Stellen; dem widerspricht das Zeugnis -des Festus nicht.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_400" href="#FNAnker_400" class="label">[400]</a> Auszüge des Cassius Dio 65, 20 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_401" href="#FNAnker_401" class="label">[401]</a> Epiktet IV, 8, 30 u. 34. Die betreffenden Worte sind: -εὐδὺς ἐπὶ τὸ σκᾶπτρον, ἐπὶ τὰν βασιλείαν, sowie ὁ Κυνικὸς τοῦ σκήπτρου -καὶ διαδήματος ἠξιωμένος παρὰ τοῦ Διός.</p> - -</div> - -<h3 class="s4"><b>Witzliteratur und Gesellschaft in Rom.</b></h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_402" href="#FNAnker_402" class="label">[402]</a> Dies bezieht sich nicht nur auf des Tiberius Zerwürfnis -mit seiner eigenen Mutter (Sueton Tiberius 50 f.); Tiberius ist -zugleich allen Müttern in Rom verhaßt, deren Söhne er umbringen ließ.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_403" href="#FNAnker_403" class="label">[403]</a> Nach v. Duhn, Pompeji (1906), S. 102 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_404" href="#FNAnker_404" class="label">[404]</a> Titinius v. 70 Ribb.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_405" href="#FNAnker_405" class="label">[405]</a> Titinius v. 78.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_406" href="#FNAnker_406" class="label">[406]</a> Titinius v. 112.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_407" href="#FNAnker_407" class="label">[407]</a> Titinius v. 140.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_408" href="#FNAnker_408" class="label">[408]</a> Atta v. 7 Ribb.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_409" href="#FNAnker_409" class="label">[409]</a> Afranius v. 33 Ribb.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_410" href="#FNAnker_410" class="label">[410]</a> Vgl. Philologus Bd. 63, S. 459.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_411" href="#FNAnker_411" class="label">[411]</a> Catull C. 54; vgl. Das antike Buchwesen S. 404.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_412" href="#FNAnker_412" class="label">[412]</a> Doppelt erstaunlich ist die Kunst dieses Vergilgedichtes, -da das Ganze fast Wort für Wort eine Travestie und die Umdichtung eines -Catullgedichtes von ganz anderem Inhalt ist.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_413" href="#FNAnker_413" class="label">[413]</a> Epode 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_414" href="#FNAnker_414" class="label">[414]</a> Epode 2.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_415" href="#FNAnker_415" class="label">[415]</a> Das heißt: In den Strom wirft. Der Hebrus ist ein Strom -im winterlichen Thrazien, die heutige Maritza.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_416" href="#FNAnker_416" class="label">[416]</a> <span class="antiqua">Dominus deus</span>; vgl. Römische Charakterköpfe <sup class="s6 vat">3</sup> S. -282.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_417" href="#FNAnker_417" class="label">[417]</a> Vgl. zu diesem Gedicht Donats Bemerkung zu Terenz Adelph. -540.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_418" href="#FNAnker_418" class="label">[418]</a> Römische Kulturgeschichte S. 52. Man wolle indes darum -nicht glauben, daß die Medizin im Altertum auf einer niedrigen -Stufe stand. Im Gegenteil: bis zu welcher bewundernswerten Höhe die -wissenschaftliche Medizin sich damals entwickelt hat, ist weltbekannt. -Ich habe in meinem Roman „Menedem der Ungläubige“ davon beiläufig ein -Bild zu zeichnen versucht.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_419" href="#FNAnker_419" class="label">[419]</a> Einige weitere Übersetzungen habe ich in meine Gedichte, -die den Titel „Artiges und Unartiges“ tragen, eingeschaltet.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_420" href="#FNAnker_420" class="label">[420]</a> In <span class="antiqua">Curetium</span>; in <span class="antiqua">Hadrianum</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_421" href="#FNAnker_421" class="label">[421]</a> Man vergleiche hierzu die Erklärung des <span class="antiqua">petaurista</span> -bei Festus <span class="antiqua">p.</span> 206 <span class="antiqua">M.</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_422" href="#FNAnker_422" class="label">[422]</a> Afranius v. 8 Ribb.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_423" href="#FNAnker_423" class="label">[423]</a> <span class="antiqua">Anthologia latina</span> Nr. 303.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_424" href="#FNAnker_424" class="label">[424]</a> Martial VI 62, vgl. VII, 95, 15.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_425" href="#FNAnker_425" class="label">[425]</a> Martial X, 2, 13.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_426" href="#FNAnker_426" class="label">[426]</a> Martial X 76. Die Sänftenträger werden z. B. VII, 53, 10; -IX, 2, 11 und 22, 9 erwähnt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_427" href="#FNAnker_427" class="label">[427]</a> VII, 55, 7.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_428" href="#FNAnker_428" class="label">[428]</a> XII, 57, 13.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_429" href="#FNAnker_429" class="label">[429]</a> XI, 94.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_430" href="#FNAnker_430" class="label">[430]</a> VII, 30.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_431" href="#FNAnker_431" class="label">[431]</a> XI, 96; vgl. hierzu meine Schrift „Die Germanen“ (München -1917), S. 107.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_432" href="#FNAnker_432" class="label">[432]</a> In der Übersetzung dieses Gedichtes habe ich -ausnahmsweise mir erlaubt, die Schlußwendung etwas abzuändern, da sie -sonst weniger verständlich wäre.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_433" href="#FNAnker_433" class="label">[433]</a> Vgl. Rhein. Museum Bd. 69, S. 387.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_434" href="#FNAnker_434" class="label">[434]</a> <span class="antiqua">ad nationes II</span>, 12 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_435" href="#FNAnker_435" class="label">[435]</a> Ebenda 11, 8 f.</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Namen-_und_Ortsverzeichnis">Namen- und Ortsverzeichnis.</h2> - -</div> - -<ul class="index"> - -<li class="ifrst"> Abraham a S. Clara <a href="#Seite_207">207</a>.</li> - -<li class="indx"> Actium <a href="#Seite_65">65</a>.</li> - -<li class="indx"> Ägypten <a href="#Seite_37">37</a>. <a href="#Seite_66">66</a>. <a href="#Seite_97">97</a>. <a href="#Seite_104">104</a>. <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_135">135</a> f. <a href="#Seite_181">181</a>. <a href="#Seite_231">231</a>.</li> - -<li class="indx"> Aelian <a href="#Seite_96">96</a>.</li> - -<li class="indx"> Aemilius Paulus <a href="#Seite_52">52</a>.</li> - -<li class="indx"> Aesop <a href="#Seite_23">23</a>.</li> - -<li class="indx"> Äschylus <a href="#Seite_105">105</a>. <a href="#Seite_151">151</a>.</li> - -<li class="indx"> Afranius <a href="#Seite_207">207</a>. <a href="#Seite_226">226</a>.</li> - -<li class="indx"> Afrika <a href="#Seite_37">37</a>. <a href="#Seite_97">97</a>.</li> - -<li class="indx"> Agrippa <a href="#Seite_142">142</a>.</li> - -<li class="indx"> -- König <a href="#Seite_194">194</a>.</li> - -<li class="indx"> Agrippina I: <a href="#Seite_2">2</a>.</li> - -<li class="indx"> Agrippina II: <a href="#Seite_6">6</a>. <a href="#Seite_177">177</a>. <a href="#Seite_179">179</a> f. <a href="#Seite_184">184</a>. <a href="#Seite_259">259</a>.</li> - -<li class="indx"> Alexis <a href="#Seite_138">138</a>.</li> - -<li class="indx"> Alarich <a href="#Seite_27">27</a>.</li> - -<li class="indx"> Alexander d. Große <a href="#Seite_62">62</a>. <a href="#Seite_108">108</a>. <a href="#Seite_190">190</a>. <a href="#Seite_202">202</a>.</li> - -<li class="indx"> Alexandria <a href="#Seite_37">37</a>. <a href="#Seite_123">123</a>. <a href="#Seite_149">149</a>. <a href="#Seite_194">194</a>. - 253, <a href="#Fussnote_265" class="s5a">265</a>.</li> - -<li class="indx"> Alkman <a href="#Seite_103">103</a>.</li> - -<li class="indx"> Alkmene 256, <a href="#Fussnote_296" class="s5a">296</a>.</li> - -<li class="indx"> Amerika <a href="#Seite_169">169</a>.</li> - -<li class="indx"> Amor <a href="#Seite_136">136</a>.</li> - -<li class="indx"> Amoretten <a href="#Seite_134">134</a> ff.</li> - -<li class="indx"> Anaxagoras <a href="#Seite_105">105</a>.</li> - -<li class="indx"> Antiochia <a href="#Seite_71">71</a>. <a href="#Seite_95">95</a>.</li> - -<li class="indx"> Apicius <a href="#Seite_24">24</a>. <a href="#Seite_40">40</a>. <a href="#Seite_46">46</a>.</li> - -<li class="indx"> Apollinaris Sidonius <a href="#Seite_215">215</a>.</li> - -<li class="indx"> Apollohymnus <a href="#Seite_101">101</a>.</li> - -<li class="indx"> Apollonius v. Tyana <a href="#Seite_68">68</a>.</li> - -<li class="indx"> Apostelgeschichte <a href="#Seite_69">69</a>.</li> - -<li class="indx"> Archilochos <a href="#Seite_103">103</a>.</li> - -<li class="indx"> Archytas <a href="#Seite_143">143</a>.</li> - -<li class="indx"> Ariost <a href="#Seite_115">115</a>.</li> - -<li class="indx"> Aristophanes <a href="#Seite_85">85</a> ff. <a href="#Seite_159">159</a>.</li> - -<li class="indx"> Aristophon 245, <a href="#Fussnote_143" class="s5a">143</a>.</li> - -<li class="indx"> Aristoteles <a href="#Seite_85">85</a>. <a href="#Seite_105">105</a>.</li> - -<li class="indx"> Arria <a href="#Seite_17">17</a> f.</li> - -<li class="indx"> Athanasius 252, <a href="#Fussnote_251" class="s5a">251</a>.</li> - -<li class="indx"> Athen <a href="#Seite_60">60</a>. <a href="#Seite_105">105</a>. <a href="#Seite_106">106</a>.</li> - -<li class="indx"> Athenodorus <a href="#Seite_142">142</a>.</li> - -<li class="indx"> Atta <a href="#Seite_207">207</a>.</li> - -<li class="indx"> Atticus <a href="#Seite_75">75</a>. <a href="#Seite_126">126</a>. <a href="#Seite_132">132</a>.</li> - -<li class="indx"> Augustus (Octavian) <a href="#Seite_71">71</a>. <a href="#Seite_80">80</a>. <a href="#Seite_142">142</a>. <a href="#Seite_163">163</a>. <a href="#Seite_181">181</a>. <a href="#Seite_182">182</a>. <a href="#Seite_187">187</a>. <a href="#Seite_205">205</a>. <a href="#Seite_214">214</a>. -265, <a href="#Fussnote_393" class="s5a">393</a>.</li> - -<li class="indx"> Ausonius <a href="#Seite_66">66</a>. <a href="#Seite_130">130</a>. <a href="#Seite_144">144</a>. <a href="#Seite_224">224</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Babrius <a href="#Seite_87">87</a>.</li> - -<li class="indx"> Baden bei Zürich <a href="#Seite_61">61</a>.</li> - -<li class="indx"> Bath <a href="#Seite_61">61</a>.</li> - -<li class="indx"> Bavius <a href="#Seite_214">214</a>.</li> - -<li class="indx"> Bion <a href="#Seite_173">173</a>.</li> - -<li class="indx"> Bissula <a href="#Seite_144">144</a>.</li> - -<li class="indx"> Boëthos <a href="#Seite_147">147</a>. 249, <a href="#Fussnote_230" class="s5a">230</a>.</li> - -<li class="indx"> Britannicus <a href="#Seite_177">177</a>.</li> - -<li class="indx"> D. Brutus <a href="#Seite_5">5</a>.</li> - -<li class="indx"> Burrus <a href="#Seite_180">180</a>.</li> - -<li class="indx"> W. Busch <a href="#Seite_203">203</a>.</li> - -<li class="indx" id="Byzanz"> Byzanz <a href="#Seite_65">65</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Cäcilia Metella <a href="#Seite_8">8</a>.</li> - -<li class="indx"> Caesar <a href="#Seite_56">56</a>. <a href="#Seite_58">58</a>. <a href="#Seite_77">77</a>. <a href="#Seite_80">80</a>. <a href="#Seite_122">122</a>. <a href="#Seite_204">204</a>. <a href="#Seite_208">208</a> f.</li> - -<li class="indx"> Caligula <a href="#Seite_23">23</a>. <a href="#Seite_177">177</a>.</li> - -<li class="indx"> Calpurnius 258, <a href="#Fussnote_309" class="s5a">309</a>.</li> - -<li class="indx"> Calvus <a href="#Seite_205">205</a>.</li> - -<li class="indx"> Camerius <a href="#Seite_145">145</a>.</li> - -<li class="indx"> Campanien <a href="#Seite_54">54</a>.</li> - -<li class="indx"> Capri <a href="#Seite_64">64</a>. <a href="#Seite_143">143</a>.</li> - -<li class="indx"> Capua <a href="#Seite_52">52</a>. <a href="#Seite_54">54</a>.</li> - -<li class="indx"> Cassius Dio <a href="#Seite_166">166</a>.</li> - -<li class="indx"> Castor u. Pollux <a href="#Seite_69">69</a>. <a href="#Seite_211">211</a>.</li> - -<li class="indx"> Cato <a href="#Seite_6">6</a>. <a href="#Seite_9">9</a>. <a href="#Seite_52">52</a>. <a href="#Seite_63">63</a>. <a href="#Seite_129">129</a>.</li> - -<li class="indx"> Catull <a href="#Seite_7">7</a>. <a href="#Seite_15">15</a>. <a href="#Seite_67">67</a>. <a href="#Seite_92">92</a>. <a href="#Seite_144">144</a>. <a href="#Seite_145">145</a>. <a href="#Seite_160">160</a>. <a href="#Seite_161">161</a>. <a href="#Seite_205">205</a>. <a href="#Seite_208">208</a> f. <a href="#Seite_214">214</a>. <a href="#Seite_216">216</a>. -252, <a href="#Fussnote_257" class="s5a">257</a>.</li> - -<li class="indx"> Chaucer 254, <a href="#Fussnote_269" class="s5a">269</a>.</li> - -<li class="indx"> Christen, Christentum <a href="#Seite_67">67</a>. <a href="#Seite_232">232</a> ff.</li> - -<li class="indx"> Cicero <a href="#Seite_69">69</a>. <a href="#Seite_74">74</a>. <a href="#Seite_75">75</a>. <a href="#Seite_76">76</a>. <a href="#Seite_109">109</a>. <a href="#Seite_123">123</a>. <a href="#Seite_125">125</a> ff. <a href="#Seite_205">205</a>. <a href="#Seite_208">208</a>. <a href="#Seite_229">229</a>. <a href="#Seite_233">233</a>.</li> - -<li class="indx"> Cinna 236, <a href="#Fussnote_14" class="s5a">14</a>.</li> - -<li class="indx"> Chrysipp <a href="#Seite_261">261</a>. <a href="#Seite_74">74</a>.</li> - -<li class="indx"> Claudian <a href="#Seite_7">7</a>. <a href="#Seite_205">205</a>. <a href="#Seite_224">224</a>. 240, <a href="#Fussnote_82" class="s5a">82</a>. 241, <a href="#Fussnote_86" class="s5a">86</a>.</li> - -<li class="indx"> Claudius <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_36">36</a>. <a href="#Seite_179">179</a> f. <a href="#Seite_192">192</a> f. <a href="#Seite_196">196</a>.</li> - -<li class="indx"> Clodia <a href="#Seite_8">8</a>. 236, <a href="#Fussnote_13" class="s5a">13</a>.</li> - -<li class="indx"> Coenus <a href="#Seite_72">72</a>.</li> - -<li class="indx"> Commodus <a href="#Seite_131">131</a>. <a href="#Seite_143">143</a>.</li> - -<li class="indx"> Corduba <a href="#Seite_71">71</a>. <a href="#Seite_176">176</a>.</li> - -<li class="indx"> Coriolan <a href="#Seite_3">3</a>.</li> - -<li class="indx"> Correggio <a href="#Seite_134">134</a>.</li> - -<li class="indx"> Corsica <a href="#Seite_177">177</a>. <a href="#Seite_178">178</a>.</li> - -<li class="indx"> Crassus 235, <a href="#Fussnote_7" class="s5a">7</a>.</li> - -<li class="indx"> Cremona <a href="#Seite_209">209</a> f.</li> - -<li class="indx"> Cybele <a href="#Seite_226">226</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Daedalus <a href="#Seite_225">225</a>.</li> - -<li class="indx"> Dalmatien <a href="#Seite_71">71</a>.</li> - -<li class="indx"> Dasius <a href="#Seite_193">193</a>.</li> - -<li class="indx"> Damaskus <a href="#Seite_37">37</a>.</li> - -<li class="indx"> Demetrius <a href="#Seite_176">176</a>.</li> - -<li class="indx"> Demodokos <a href="#Seite_100">100</a>.</li> - -<li class="indx"> Demosthenes <a href="#Seite_89">89</a>. <a href="#Seite_105">105</a>.</li> - -<li class="indx"> Diana <a href="#Seite_229">229</a>.</li> - -<li class="indx"> Diogenes von Sinope <a href="#Seite_91">91</a>. <a href="#Seite_201">201</a>. 256, <a href="#Fussnote_297" class="s5a">297</a>.</li> - -<li class="indx"> Domitian <a href="#Seite_143">143</a>. <a href="#Seite_216">216</a> f.</li> - -<li class="indx"> Domitius Marsus <a href="#Seite_214">214</a>. <a href="#Seite_216">216</a>.</li> - -<li class="indx"> Dornauszieher <a href="#Seite_154">154</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Earinus <a href="#Seite_217">217</a>.</li> - -<li class="indx"> Elagabal <a href="#Seite_25">25</a>. 238, <a href="#Fussnote_30" class="s5a">30</a>.</li> - -<li class="indx"> Elegie <a href="#Seite_103">103</a>.</li> - -<li class="indx"> Engel <a href="#Seite_75">75</a>. <a href="#Seite_134">134</a>. <a href="#Seite_162">162</a>.</li> - -<li class="indx"> Ennius <a href="#Seite_229">229</a>.</li> - -<li class="indx"> Entellus <a href="#Seite_217">217</a>.</li> - -<li class="indx"> Enorches 250, <a href="#Fussnote_238" class="s5a">238</a>.</li> - -<li class="indx"> Epainoi <a href="#Seite_153">153</a>. <a href="#Seite_161">161</a>.</li> - -<li class="indx"> Ephesus <a href="#Seite_62">62</a>.</li> - -<li class="indx"> Epicharm <a href="#Seite_106">106</a>.</li> - -<li class="indx"> Epiktet <a href="#Seite_202">202</a>.</li> - -<li class="indx"> Epikur <a href="#Seite_22">22</a>. <a href="#Seite_169">169</a>.</li> - -<li class="indx"> Eros <a href="#Seite_136">136</a>. <a href="#Seite_137">137</a>. <a href="#Seite_151">151</a>.</li> - -<li class="indx"> Esther (das Buch) <a href="#Seite_50">50</a>.</li> - -<li class="indx"> Etrusker <a href="#Seite_117">117</a>. <a href="#Seite_198">198</a>.</li> - -<li class="indx"> Euripides <a href="#Seite_106">106</a>. <a href="#Seite_138">138</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.</li> - -<li class="indx"> Eutropius <a href="#Seite_205">205</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Fannia <a href="#Seite_18">18</a>.</li> - -<li class="indx"> Fannius 263, <a href="#Fussnote_357" class="s5a">357</a>.</li> - -<li class="indx"> Ferrari <a href="#Seite_162">162</a>.</li> - -<li class="indx"> Flaccus <a href="#Seite_194">194</a>.</li> - -<li class="indx"> Fulvia <a href="#Seite_2">2</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Galba <a href="#Seite_73">73</a>.</li> - -<li class="indx"> Galerius 260, <a href="#Fussnote_332" class="s5a">332</a>.</li> - -<li class="indx"> Gallien <a href="#Seite_37">37</a>. <a href="#Seite_57">57</a>. <a href="#Seite_227">227</a> f.</li> - -<li class="indx"> Ganymed 251, <a href="#Fussnote_247" class="s5a">247</a>.</li> - -<li class="indx"> Genien <a href="#Seite_134">134</a>. <a href="#Seite_152">152</a>.</li> - -<li class="indx"> Genius <a href="#Seite_1">1</a>. 235, <a href="#Fussnote_2" class="s5a">2</a>.</li> - -<li class="indx"> Germanen <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_59">59</a>. <a href="#Seite_179">179</a>. <a href="#Seite_227">227</a>.</li> - -<li class="indx"> Germanicus <a href="#Seite_65">65</a>.</li> - -<li class="indx"> Gnathaina <a href="#Seite_24">24</a>.</li> - -<li class="indx"> Goethe <a href="#Seite_157">157</a>.</li> - -<li class="indx"> Gracchen <a href="#Seite_3">3</a>.</li> - -<li class="indx"> Griechen <a href="#Seite_50">50</a>. <a href="#Seite_111">111</a>. <a href="#Seite_136">136</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Hadrian <a href="#Seite_71">71</a>. <a href="#Seite_72">72</a>. 73 ff. <a href="#Seite_78">78</a>.</li> - -<li class="indx"> Hamilkar Barkas <a href="#Seite_56">56</a>.</li> - -<li class="indx"> Hannibal <a href="#Seite_50">50</a>. <a href="#Seite_54">54</a>. <a href="#Seite_55">55</a> f. 240, <a href="#Fussnote_80" class="s5a">80</a>.</li> - -<li class="indx"> Hanno <a href="#Seite_79">79</a>.</li> - -<li class="indx"> Harpokrates <a href="#Seite_150">150</a>.</li> - -<li class="indx"> Helikon <a href="#Seite_103">103</a>.</li> - -<li class="indx"> Helvidius Priscus <a href="#Seite_18">18</a>.</li> - -<li class="indx"> Hercules <a href="#Seite_69">69</a>. <a href="#Seite_142">142</a>. <a href="#Seite_163">163</a>. <a href="#Seite_175">175</a>. <a href="#Seite_233">233</a>.</li> - -<li class="indx" id="Hermes"> Hermes (Merkur) <a href="#Seite_50">50</a>. <a href="#Seite_136">136</a>. <a href="#Seite_148">148</a>.</li> - -<li class="indx"> Herodes <a href="#Seite_96">96</a>.</li> - -<li class="indx"> Herodian <a href="#Seite_131">131</a>.</li> - -<li class="indx"> Herodot <a href="#Seite_97">97</a>. <a href="#Seite_105">105</a>. <a href="#Seite_108">108</a>.</li> - -<li class="indx"> Hesiod <a href="#Seite_103">103</a>.</li> - -<li class="indx"> Hippokrene <a href="#Seite_103">103</a>.</li> - -<li class="indx"> Homer <a href="#Seite_84">84</a> f. <a href="#Seite_99">99</a> f. <a href="#Seite_105">105</a>. <a href="#Seite_108">108</a>. 246, <a href="#Fussnote_179" class="s5a">179</a>.</li> - -<li class="indx"> Horaz <a href="#Seite_14">14</a>. <a href="#Seite_27">27</a>. <a href="#Seite_34">34</a>. <a href="#Seite_62">62</a>. <a href="#Seite_92">92</a>. <a href="#Seite_109">109</a>. <a href="#Seite_122">122</a>. <a href="#Seite_127">127</a> f. <a href="#Seite_130">130</a>. <a href="#Seite_151">151</a>. <a href="#Seite_153">153</a>. <a href="#Seite_212">212</a> ff. -235, <a href="#Fussnote_4" class="s5a">4</a>.</li> - -<li class="indx"> Horos <a href="#Seite_136">136</a>.</li> - -<li class="indx"> Himeros <a href="#Seite_137">137</a>.</li> - -<li class="indx"> Humboldt, W. von <a href="#Seite_166">166</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Ikelus <a href="#Seite_73">73</a>. <a href="#Seite_79">79</a>.</li> - -<li class="indx"> Indien <a href="#Seite_37">37</a>.</li> - -<li class="indx"> Iphigenie <a href="#Seite_11">11</a>.</li> - -<li class="indx"> Iris <a href="#Seite_50">50</a>.</li> - -<li class="indx"> Italien <a href="#Seite_57">57</a>, <a href="#Seite_59">59</a>, <a href="#Seite_91">91</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Jesus Christus <a href="#Seite_45">45</a>. <a href="#Seite_113">113</a>. <a href="#Seite_140">140</a>. <a href="#Seite_146">146</a>. <a href="#Seite_162">162</a>. <a href="#Seite_189">189</a> ff.</li> - -<li class="indx"> Jocus <a href="#Seite_153">153</a>.</li> - -<li class="indx"> Johannesapokalypse <a href="#Seite_113">113</a>.</li> - -<li class="indx"> Josephus <a href="#Seite_131">131</a>.</li> - -<li class="indx"> Juden <a href="#Seite_112">112</a>. <a href="#Seite_118">118</a>. <a href="#Seite_227">227</a>.</li> - -<li class="indx"> Julia Livilla <a href="#Seite_177">177</a>.</li> - -<li class="indx"> Julian <a href="#Seite_95">95</a>.</li> - -<li class="indx"> Juno <a href="#Seite_230">230</a>.</li> - -<li class="indx"> Jupiter <a href="#Seite_229">229</a>. <a href="#Seite_230">230</a>.</li> - -<li class="indx"> Juvenal <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_64">64</a>. <a href="#Seite_130">130</a>. <a href="#Seite_186">186</a>. <a href="#Seite_231">231</a> f. 253, <a href="#Fussnote_265" class="s5a">265</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Kallimachos <a href="#Seite_109">109</a>.</li> - -<li class="indx"> Karabas <a href="#Seite_194">194</a>.</li> - -<li class="indx"> Karthager, Karthago <a href="#Seite_50">50</a>. <a href="#Seite_60">60</a>.</li> - -<li class="indx"> Kephisodot <a href="#Seite_148">148</a>.</li> - -<li class="indx"> Kleanthes 256, <a href="#Fussnote_297" class="s5a">297</a>.</li> - -<li class="indx"> Kleon <a href="#Seite_88">88</a>.</li> - -<li class="indx"> Kleon von Sikyon 249, <a href="#Fussnote_230" class="s5a">230</a>.</li> - -<li class="indx"> Kleopatra <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_80">80</a>. <a href="#Seite_150">150</a>. <a href="#Seite_160">160</a>.</li> - -<li class="indx"> Kleinasien <a href="#Seite_60">60</a>.</li> - -<li class="indx"> Kolophon <a href="#Seite_65">65</a>.</li> - -<li class="indx"> Konstantinopel s. <a href="#Byzanz">Byzanz</a>.</li> - -<li class="indx"> Korinth <a href="#Seite_60">60</a>.</li> - -<li class="indx"> Kronos <a href="#Seite_191">191</a> f.</li> - -<li class="indx"> Kyniker <a href="#Seite_90">90</a>. <a href="#Seite_201">201</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Lambese <a href="#Seite_71">71</a>.</li> - -<li class="indx"> Laren <a href="#Seite_69">69</a>.</li> - -<li class="indx"> Leda <a href="#Seite_151">151</a>. 250, <a href="#Fussnote_238" class="s5a">238</a>.</li> - -<li class="indx"> Lesbos <a href="#Seite_65">65</a>.</li> - -<li class="indx"> Lionardo da Vinci <a href="#Seite_27">27</a>. <a href="#Seite_42">42</a>. <a href="#Seite_166">166</a>.</li> - -<li class="indx"> Livia <a href="#Seite_142">142</a>.</li> - -<li class="indx"> Livius <a href="#Seite_55">55</a>. <a href="#Seite_62">62</a>. <a href="#Seite_123">123</a>.</li> - -<li class="indx"> Livius Andronicus <a href="#Seite_93">93</a>.</li> - -<li class="indx"> Lovato 256, <a href="#Fussnote_294" class="s5a">294</a>.</li> - -<li class="indx"> Lucan <a href="#Seite_215">215</a>. <a href="#Seite_217">217</a>.</li> - -<li class="indx"> Lucian <a href="#Seite_153">153</a>. <a href="#Seite_176">176</a>.</li> - -<li class="indx"> Lucilius <a href="#Seite_94">94</a>. <a href="#Seite_204">204</a>. <a href="#Seite_206">206</a>.</li> - -<li class="indx"> Lucriner See <a href="#Seite_32">32</a>.</li> - -<li class="indx"> Lucull <a href="#Seite_22">22</a>. <a href="#Seite_56">56</a>.</li> - -<li class="indx"> Luxorius <a href="#Seite_224">224</a>. <a href="#Seite_226">226</a>.</li> - -<li class="indx"> Lykurg <a href="#Seite_182">182</a>.</li> - -<li class="indx"> Lyon <a href="#Seite_71">71</a>.</li> - -<li class="indx"> Lysipp <a href="#Seite_89">89</a>. <a href="#Seite_139">139</a>. <a href="#Seite_148">148</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Mäcenas <a href="#Seite_34">34</a>. <a href="#Seite_128">128</a>.</li> - -<li class="indx"> Malta <a href="#Seite_68">68</a>.</li> - -<li class="indx"> Mamurra <a href="#Seite_208">208</a>.</li> - -<li class="indx"> Mantua <a href="#Seite_209">209</a>.</li> - -<li class="indx"> Margites <a href="#Seite_205">205</a>.</li> - -<li class="indx"> Maria <a href="#Seite_116">116</a>.</li> - -<li class="indx"> Marius <a href="#Seite_58">58</a>. 241, <a href="#Fussnote_86" class="s5a">86</a>.</li> - -<li class="indx"> Mark Anton <a href="#Seite_65">65</a>. <a href="#Seite_80">80</a>. <a href="#Seite_205">205</a>.</li> - -<li class="indx"> Mark Aurel <a href="#Seite_59">59</a>. <a href="#Seite_131">131</a>. <a href="#Seite_186">186</a>.</li> - -<li class="indx"> Marlow <a href="#Seite_167">167</a>.</li> - -<li class="indx"> Marseille <a href="#Seite_60">60</a>.</li> - -<li class="indx"> Martial <a href="#Seite_26">26</a>. <a href="#Seite_32">32</a>. <a href="#Seite_33">33</a>. <a href="#Seite_92">92</a>. <a href="#Seite_128">128</a>. <a href="#Seite_144">144</a>. <a href="#Seite_145">145</a>. <a href="#Seite_214">214</a>. <a href="#Seite_216">216</a> ff. <a href="#Seite_225">225</a> f. 245, <a href="#Fussnote_161" class="s5a">161</a>.</li> - -<li class="indx"> Massinissa <a href="#Seite_143">143</a>.</li> - -<li class="indx"> Matius <a href="#Seite_24">24</a>.</li> - -<li class="indx"> Mattius <a href="#Seite_37">37</a>.</li> - -<li class="indx"> Mausolos <a href="#Seite_83">83</a>.</li> - -<li class="indx"> Megara <a href="#Seite_65">65</a>.</li> - -<li class="indx"> Meleagros <a href="#Seite_159">159</a>.</li> - -<li class="indx"> Memnonsäule <a href="#Seite_66">66</a>.</li> - -<li class="indx"> Menippos <a href="#Seite_126">126</a>.</li> - -<li class="indx"> Merkur s. <a href="#Hermes">Hermes</a>.</li> - -<li class="indx"> Messalina <a href="#Seite_8">8</a>. <a href="#Seite_10">10</a>. <a href="#Seite_171">171</a>. <a href="#Seite_177">177</a>. <a href="#Seite_179">179</a>.</li> - -<li class="indx"> Minerva <a href="#Seite_230">230</a>.</li> - -<li class="indx"> Mithridates <a href="#Seite_23">23</a>. <a href="#Seite_60">60</a>.</li> - -<li class="indx"> Moretto <a href="#Seite_162">162</a>.</li> - -<li class="indx"> Moses <a href="#Seite_182">182</a>.</li> - -<li class="indx"> Murenae <a href="#Seite_38">38</a>.</li> - -<li class="indx"> Muse <a href="#Seite_113">113</a> (Musik <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_124">124</a>).</li> - -<li class="indx"> Mussato 256, <a href="#Fussnote_294" class="s5a">294</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Naevius <a href="#Seite_205">205</a>. <a href="#Seite_207">207</a>.</li> - -<li class="indx"> Nasidienus <a href="#Seite_31">31</a>. <a href="#Seite_34">34</a>.</li> - -<li class="indx"> Naxos <a href="#Seite_37">37</a>.</li> - -<li class="indx"> Neapel <a href="#Seite_81">81</a>. <a href="#Seite_94">94</a>.</li> - -<li class="indx"> Nero <a href="#Seite_6">6</a>. <a href="#Seite_14">14</a>. <a href="#Seite_36">36</a>. <a href="#Seite_76">76</a>. <a href="#Seite_177">177</a> ff. <a href="#Seite_215">215</a>. 239, <a href="#Fussnote_62" class="s5a">62</a>. 258, <a href="#Fussnote_309" class="s5a">309</a>. 263, <a href="#Fussnote_356" class="s5a">356</a>.</li> - -<li class="indx"> Nerva <a href="#Seite_217">217</a>.</li> - -<li class="indx"> Neumagen <a href="#Seite_66">66</a>.</li> - -<li class="indx"> Nike <a href="#Seite_136">136</a>.</li> - -<li class="indx"> Nil <a href="#Seite_66">66</a>. <a href="#Seite_106">106</a>. <a href="#Seite_145">145</a>. <a href="#Seite_150">150</a>. <a href="#Seite_153">153</a>. <a href="#Seite_169">169</a>.</li> - -<li class="indx"> Niobiden <a href="#Seite_148">148</a>.</li> - -<li class="indx"> Nymphen <a href="#Seite_149">149</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Odysseus <a href="#Seite_205">205</a>.</li> - -<li class="indx"> Offenbach <a href="#Seite_205">205</a>.</li> - -<li class="indx"> Olympia <a href="#Seite_62">62</a>. 249, <a href="#Fussnote_230" class="s5a">230</a>.</li> - -<li class="indx"> Omboi <a href="#Seite_231">231</a> f.</li> - -<li class="indx"> Oppius 243, <a href="#Fussnote_119" class="s5a">119</a>.</li> - -<li class="indx"> Orata 239, <a href="#Fussnote_50" class="s5a">50</a>.</li> - -<li class="indx"> Ostia <a href="#Seite_36">36</a>.</li> - -<li class="indx"> Otho <a href="#Seite_72">72</a>.</li> - -<li class="indx"> Ovid <a href="#Seite_5">5</a>. <a href="#Seite_7">7</a>. <a href="#Seite_11">11</a>. <a href="#Seite_15">15</a>. <a href="#Seite_43">43</a>. <a href="#Seite_117">117</a>. <a href="#Seite_122">122</a>. <a href="#Seite_214">214</a>. <a href="#Seite_215">215</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Pan <a href="#Seite_138">138</a>.</li> - -<li class="indx"> Panätius <a href="#Seite_169">169</a>.</li> - -<li class="indx"> Paphos <a href="#Seite_190">190</a>.</li> - -<li class="indx"> Papirius Cursor <a href="#Seite_51">51</a>.</li> - -<li class="indx"> Paris <a href="#Seite_123">123</a>.</li> - -<li class="indx"> Parthenius <a href="#Seite_217">217</a>.</li> - -<li class="indx"> Parzen <a href="#Seite_117">117</a>.</li> - -<li class="indx"> Paula Valeria <a href="#Seite_5">5</a>.</li> - -<li class="indx"> Paulus <a href="#Seite_49">49</a>. <a href="#Seite_68">68</a>. <a href="#Seite_74">74</a>. <a href="#Seite_77">77</a>. <a href="#Seite_79">79</a>. <a href="#Seite_181">181</a>.</li> - -<li class="indx"> Pausias <a href="#Seite_148">148</a>.</li> - -<li class="indx"> Perser <a href="#Seite_50">50</a>.</li> - -<li class="indx"> Persius <a href="#Seite_66">66</a>. <a href="#Seite_215">215</a>. 235, <a href="#Fussnote_4" class="s5a">4</a>.</li> - -<li class="indx"> Perusia <a href="#Seite_80">80</a>.</li> - -<li class="indx"> Petron <a href="#Seite_23">23</a>. <a href="#Seite_95">95</a>.</li> - -<li class="indx"> Phädrus <a href="#Seite_87">87</a>.</li> - -<li class="indx"> Phalanthos <a href="#Seite_97">97</a>.</li> - -<li class="indx"> Phanostrate <a href="#Seite_89">89</a>.</li> - -<li class="indx"> Phidias <a href="#Seite_139">139</a>. <a href="#Seite_148">148</a>.</li> - -<li class="indx"> Philo <a href="#Seite_193">193</a> f.</li> - -<li class="indx"> Philostrat 249 <a href="#Fussnote_234" class="s5a">234</a>. 250, <a href="#Fussnote_243" class="s5a">243</a>.</li> - -<li class="indx"> Phosphoros 250, <a href="#Fussnote_241" class="s5a">241</a>.</li> - -<li class="indx"> Phrynichus <a href="#Seite_138">138</a>.</li> - -<li class="indx"> Phtheirophagen <a href="#Seite_97">97</a>.</li> - -<li class="indx"> Pindar <a href="#Seite_138">138</a>.</li> - -<li class="indx"> Plato <a href="#Seite_90">90</a>. <a href="#Seite_105">105</a>. <a href="#Seite_106">106</a>. <a href="#Seite_136">136</a>. <a href="#Seite_167">167</a>.</li> - -<li class="indx"> Plautus <a href="#Seite_93">93</a>. <a href="#Seite_124">124</a>. <a href="#Seite_130">130</a>. <a href="#Seite_225">225</a>.</li> - -<li class="indx"> Plinius I: <a href="#Seite_22">22</a>. <a href="#Seite_45">45</a>.</li> - -<li class="indx"> Plinius II: <a href="#Seite_17">17</a>.</li> - -<li class="indx"> Plutarch <a href="#Seite_24">24</a> f. <a href="#Seite_141">141</a>. <a href="#Seite_199">199</a>.</li> - -<li class="indx"> Pollux <a href="#Seite_131">131</a>.</li> - -<li class="indx"> Polybius I: <a href="#Seite_54">54</a>.</li> - -<li class="indx"> Polybius II: <a href="#Seite_178">178</a>.</li> - -<li class="indx"> Polyklet <a href="#Seite_139">139</a>. <a href="#Seite_148">148</a>.</li> - -<li class="indx"> Pompeji <a href="#Seite_7">7</a>. <a href="#Seite_12">12</a>. <a href="#Seite_14">14</a>. <a href="#Seite_24">24</a>. <a href="#Seite_35">35</a>. <a href="#Seite_39">39</a>. <a href="#Seite_41">41</a>. <a href="#Seite_110">110</a>. <a href="#Seite_148">148</a> ff. <a href="#Seite_156">156</a>. <a href="#Seite_157">157</a> ff. <a href="#Seite_206">206</a>.</li> - -<li class="indx"> Pompejus <a href="#Seite_16">16</a>. <a href="#Seite_208">208</a>.</li> - -<li class="indx"> S. Pompejus <a href="#Seite_205">205</a>.</li> - -<li class="indx"> Posidonius <a href="#Seite_169">169</a>.</li> - -<li class="indx"> Pothos <a href="#Seite_137">137</a>.</li> - -<li class="indx"> Potestas 236, <a href="#Fussnote_21" class="s5a">21</a>.</li> - -<li class="indx"> Praxiteles <a href="#Seite_139">139</a>.</li> - -<li class="indx"> Priap 253, <a href="#Fussnote_263" class="s5a">263</a>.</li> - -<li class="indx"> Properz <a href="#Seite_9">9</a>. <a href="#Seite_13">13</a> ff. <a href="#Seite_15">15</a>. <a href="#Seite_62">62</a>. <a href="#Seite_79">79</a>. <a href="#Seite_160">160</a>. <a href="#Seite_215">215</a>. 235, <a href="#Fussnote_4" class="s5a">4</a>.</li> - -<li class="indx"> Prudentius <a href="#Seite_144">144</a>.</li> - -<li class="indx"> Psammetich <a href="#Seite_104">104</a>.</li> - -<li class="indx"> Psyche <a href="#Seite_157">157</a>.</li> - -<li class="indx"> Publilius Syrus <a href="#Seite_16">16</a>.</li> - -<li class="indx"> Puteoli (Puzzuoli) <a href="#Seite_63">63</a>. <a href="#Seite_69">69</a>.</li> - -<li class="indx"> Pythagoristen <a href="#Seite_86">86</a>.</li> - -<li class="indx"> Pytheas <a href="#Seite_79">79</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Rafael <a href="#Seite_135">135</a>. <a href="#Seite_161">161</a>. 248, <a href="#Fussnote_207" class="s5a">207</a>.</li> - -<li class="indx"> Ravenna <a href="#Seite_118">118</a>.</li> - -<li class="indx"> Regulus <a href="#Seite_217">217</a>.</li> - -<li class="indx"> Reuter, Fritz <a href="#Seite_151">151</a>.</li> - -<li class="indx"> Rhodos <a href="#Seite_50">50</a>. <a href="#Seite_60">60</a>. <a href="#Seite_62">62</a>.</li> - -<li class="indx"> Robbia, della <a href="#Seite_162">162</a>.</li> - -<li class="indx"> Rom <a href="#Seite_1">1</a>. <a href="#Seite_51">51</a> f. <a href="#Seite_60">60</a>. <a href="#Seite_81">81</a>. <a href="#Seite_123">123</a>. <a href="#Seite_171">171</a>. 235, <a href="#Fussnote_1" class="s5a">1</a>.</li> - -<li class="indx"> Romulus <a href="#Seite_233">233</a>, <a href="#Seite_235">235</a>, <a href="#Fussnote_1" class="s5a">1</a>.</li> - -<li class="indx"> Rutilus <a href="#Seite_52">52</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Sabinus <a href="#Seite_58">58</a>.</li> - -<li class="indx"> Saïs <a href="#Seite_107">107</a>.</li> - -<li class="indx"> Sallust <a href="#Seite_123">123</a>.</li> - -<li class="indx"> Salonae <a href="#Seite_71">71</a>.</li> - -<li class="indx"> Sappho <a href="#Seite_136">136</a>.</li> - -<li class="indx"> <span class="antiqua">Sardi venales</span> <a href="#Seite_198">198</a>.</li> - -<li class="indx"> Saturn <a href="#Seite_191">191</a>. <a href="#Seite_233">233</a>.</li> - -<li class="indx"> Saturnalien <a href="#Seite_39">39</a>. <a href="#Seite_191">191</a> f.</li> - -<li class="indx"> Schiller <a href="#Seite_155">155</a>. 237, <a href="#Fussnote_24" class="s5a">24</a>.</li> - -<li class="indx"> Schmidhammer <a href="#Seite_98">98</a>.</li> - -<li class="indx"> Schwanthaler <a href="#Seite_110">110</a>.</li> - -<li class="indx"> Scipio I: <a href="#Seite_56">56</a>.</li> - -<li class="indx"> Scipio II: <a href="#Seite_54">54</a>.</li> - -<li class="indx"> Senat <a href="#Seite_8">8</a>. <a href="#Seite_70">70</a>. <a href="#Seite_77">77</a>.</li> - -<li class="indx"> Seneca <a href="#Seite_7">7</a>. <a href="#Seite_45">45</a>. <a href="#Seite_63">63</a> f. <a href="#Seite_69">69</a>. 165 ff. <a href="#Seite_192">192</a>. <a href="#Seite_215">215</a>. <a href="#Seite_230">230</a>. <a href="#Seite_233">233</a>.</li> - -<li class="indx"> Septimius Severus <a href="#Seite_141">141</a>.</li> - -<li class="indx"> Shakespeare <a href="#Seite_167">167</a>. <a href="#Seite_174">174</a> f.</li> - -<li class="indx"> Sibyllen <a href="#Seite_119">119</a>.</li> - -<li class="indx"> Silius Italicus <a href="#Seite_128">128</a>. <a href="#Seite_217">217</a>.</li> - -<li class="indx"> Simos <a href="#Seite_24">24</a>.</li> - -<li class="indx"> Smyrna <a href="#Seite_58">58</a>.</li> - -<li class="indx"> Skopas <a href="#Seite_137">137</a>.</li> - -<li class="indx"> Solon <a href="#Seite_182">182</a>.</li> - -<li class="indx"> Sophokles <a href="#Seite_138">138</a>. <a href="#Seite_173">173</a> f.</li> - -<li class="indx"> Sosii <a href="#Seite_127">127</a>.</li> - -<li class="indx"> Sosibios <a href="#Seite_177">177</a>.</li> - -<li class="indx"> Sokrates <a href="#Seite_86">86</a>. <a href="#Seite_90">90</a>. <a href="#Seite_142">142</a>.</li> - -<li class="indx"> Spanien <a href="#Seite_37">37</a>. <a href="#Seite_57">57</a>. <a href="#Seite_59">59</a> f. <a href="#Seite_176">176</a>.</li> - -<li class="indx"> Statius <a href="#Seite_7">7</a>. <a href="#Seite_124">124</a>. <a href="#Seite_216">216</a>.</li> - -<li class="indx"> Stella <a href="#Seite_217">217</a>.</li> - -<li class="indx"> Stesichoros <a href="#Seite_105">105</a>.</li> - -<li class="indx"> Sueton <a href="#Seite_186">186</a>. 242, <a href="#Fussnote_96" class="s5a">96</a>.</li> - -<li class="indx"> Sulla <a href="#Seite_53">53</a>. <a href="#Seite_94">94</a>. <a href="#Seite_96">96</a>.</li> - -<li class="indx"> Syrer <a href="#Seite_227">227</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Tacitus <a href="#Seite_65">65</a>. <a href="#Seite_67">67</a> f. <a href="#Seite_166">166</a>.</li> - -<li class="indx"> Tanagra <a href="#Seite_149">149</a>.</li> - -<li class="indx"> Tanger <a href="#Seite_71">71</a>.</li> - -<li class="indx"> Tarragona <a href="#Seite_71">71</a>.</li> - -<li class="indx"> Telemach <a href="#Seite_49">49</a>.</li> - -<li class="indx"> Teles <a href="#Seite_190">190</a>.</li> - -<li class="indx"> Tellus 252, <a href="#Fussnote_263" class="s5a">263</a>.</li> - -<li class="indx"> Tentyra <a href="#Seite_231">231</a> f.</li> - -<li class="indx"> Teplitz <a href="#Seite_61">61</a>.</li> - -<li class="indx"> Terenz <a href="#Seite_52">52</a>. <a href="#Seite_94">94</a>. <a href="#Seite_124">124</a>. 248, <a href="#Fussnote_202" class="s5a">202</a>.</li> - -<li class="indx"> Tertullian <a href="#Seite_233">233</a>.</li> - -<li class="indx"> Theokrit <a href="#Seite_148">148</a>.</li> - -<li class="indx"> Theophrast <a href="#Seite_141">141</a>.</li> - -<li class="indx"> Thomas v. Aquino <a href="#Seite_183">183</a>.</li> - -<li class="indx"> Thukydides <a href="#Seite_103">103</a>. <a href="#Seite_108">108</a>.</li> - -<li class="indx"> Tiberius <a href="#Seite_28">28</a>. <a href="#Seite_142">142</a>. <a href="#Seite_143">143</a>. <a href="#Seite_163">163</a>. <a href="#Seite_205">205</a>. 265, <a href="#Fussnote_394" class="s5a">394</a>.</li> - -<li class="indx"> Tigellinus <a href="#Seite_185">185</a>.</li> - -<li class="indx"> Titinius <a href="#Seite_93">93</a>. <a href="#Seite_207">207</a>.</li> - -<li class="indx"> Titus <a href="#Seite_131">131</a>.</li> - -<li class="indx"> Tizian <a href="#Seite_162">162</a>.</li> - -<li class="indx"> Togatkomödie <a href="#Seite_6">6</a>.</li> - -<li class="indx"> Tragödie <a href="#Seite_105">105</a>.</li> - -<li class="indx"> Trajan <a href="#Seite_6">6</a>. <a href="#Seite_56">56</a>. <a href="#Seite_59">59</a>. 241, <a href="#Fussnote_86" class="s5a">86</a>.</li> - -<li class="indx"> Tres tabernae <a href="#Seite_69">69</a>. <a href="#Seite_243">243</a>.</li> - -<li class="indx"> Treveth 256, <a href="#Fussnote_294" class="s5a">294</a>.</li> - -<li class="indx"> Trevisoni <a href="#Seite_162">162</a>.</li> - -<li class="indx"> Trimalchio <a href="#Seite_32">32</a>. <a href="#Seite_34">34</a>. <a href="#Seite_40">40</a>. <a href="#Seite_95">95</a>.</li> - -<li class="indx"> Troja <a href="#Seite_65">65</a>.</li> - -<li class="indx"> Troubadours <a href="#Seite_15">15</a>.</li> - -<li class="indx"> Trypherus <a href="#Seite_41">41</a>.</li> - -<li class="indx"> Turia 236, <a href="#Fussnote_21" class="s5a">21</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Ulpian <a href="#Seite_125">125</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Varius <a href="#Seite_124">124</a>.</li> - -<li class="indx"> Varro <a href="#Seite_93">93</a>. <a href="#Seite_229">229</a>. <a href="#Seite_233">233</a>.</li> - -<li class="indx"> Vegetius <a href="#Seite_56">56</a>.</li> - -<li class="indx"> Veji <a href="#Seite_198">198</a>.</li> - -<li class="indx"> Ventidius Bassus <a href="#Seite_58">58</a>. <a href="#Seite_210">210</a>.</li> - -<li class="indx"> Venus <a href="#Seite_148">148</a>; Venus calva <a href="#Seite_2">2</a>.</li> - -<li class="indx"> Vergil <a href="#Seite_58">58</a>. <a href="#Seite_62">62</a>. <a href="#Seite_109">109</a>. <a href="#Seite_115">115</a>. <a href="#Seite_209">209</a> ff. <a href="#Seite_215">215</a>.</li> - -<li class="indx"> Verus <a href="#Seite_35">35</a>.</li> - -<li class="indx"> Vesuv <a href="#Seite_169">169</a>.</li> - -<li class="indx"> Vespasian <a href="#Seite_6">6</a>. <a href="#Seite_131">131</a>. 243, <a href="#Fussnote_134" class="s5a">134</a>.</li> - -<li class="indx"> Vitellius <a href="#Seite_23">23</a>. <a href="#Seite_72">72</a>. <a href="#Seite_199">199</a> f.</li> - -<li class="indx"> Vivarini <a href="#Seite_162">162</a>.</li> - -<li class="indx"> Vulcanus <a href="#Seite_233">233</a>.</li> - -<li class="ifrst"> Zeno 256, <a href="#Fussnote_297" class="s5a">297</a>.</li> - -<li class="indx"> Zeus <a href="#Seite_120">120</a>. <a href="#Seite_202">202</a>.</li> -</ul> - -<hr class="full x-ebookmaker-drop"> - -<div class="schmal"> - -<div class="chapter"> - -<p class="s4 center mtop3"><span class="antiqua bb padbot0_5">Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig</span></p> - -</div> - -<p class="s4 center mtop2"><span class="antiqua"><b>Theodor Birt</b></span></p> - -<p class="s2 center">Römische Charakterköpfe</p> - -<p class="s4 center">Ein Weltbild in Biographien</p> - -<p class="s5 center mbot1">3. Auflage. 320 Seiten. Gebunden M. 9.60</p> - -<p class="p0 s5"><span class="drop-cap">D</span>as ist ein <em class="gesperrt">geradezu wundervolles</em> Buch! Ohne eigentlich die -Absicht zu haben, mich gleich eingehend mit ihm zu beschäftigen, fing -ich an zu lesen und ward <em class="gesperrt">so gefesselt</em>, daß ich jede freie -Minute zum Weiterlesen benutzte. Nie vordem sind mir die Träger -der römischen Geschichte von Scipionen und Gracchen an bis hin zu -Hadrian und Marc Aurel so lebendig entgegengetreten, nie sind mir die -Motive ihres Handelns so deutlich geworden; von manchen — Pompejus, -Cäsar, Marc Anton, Lucull — habe ich auch ein nicht unwesentlich -anderes Bild erhalten, als es mir vom Geschichtsunterricht her in der -Erinnerung stand. Was diese Lebensbilder <em class="gesperrt">so überaus reizvoll</em> -macht, ist die <em class="gesperrt">psychologische Kunst</em>, mit der der Verfasser es -versteht, die Gestalten zu beseelen; was er bietet, ist nicht trockene -Geschichtsschreibung, sondern künstlerische Formgebung.“</p> - -<p class="s5 right">Die Deutsche Schule.</p> - -<p class="s2 center mtop1">Charakterbilder Spätroms</p> - -<p class="s4 center">und die Entstehung des modernen Europa</p> - -<p class="s5 center mbot1">ca. 400 Seiten mit 6 Tafeln. Gebunden M. 12.—</p> - -<p class="p0 s5 mbot1"><span class="drop-cap">W</span>ar in den „Charakterköpfen“ die Entstehung und Entwicklung der -römischen Universalmonarchie bis zu ihrem Höhepunkt vorgeführt -d. h. bis zur Zeit der Antonine, die für die Reichsländer die Zeit -des größten Erdenglücks bedeutet hat, so handelt es sich jetzt um -den Prozeß der allmählichen Auflösung des römischen Weltreichs, -den unermüdlichen Kampf der Kaiser gegen die drohende Zerrüttung, -das gleichzeitige Erstarken, Werden und Wachsen der christlichen -Kirche, endlich um Völkerwanderung und den Sieg der Germanenrasse. -Auch diesmal gibt der Verfasser ein Weltbild, und wieder in der Form -von aneinandergereihten Biographien. Auch diesmal hat der Verfasser -versucht, überall das Menschliche zu betonen und die Personen durch -Belebung dem Gefühl der Gegenwart nahezubringen, zugleich aber auf -die Kultur und das Geistesleben jener Zeiten scharfe Streiflichter -geworfen, damit man auch den Hintergrund sieht, vor dem all jene -Gestalten sich bewegen.</p> - -<p class="center"><b class="bt">Ausführliche Prospekte und Kataloge unentgeltlich und postfrei</b></p> - -<p class="s4 center mtop3 break-before"><span class="antiqua bb padbot0_5">Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig</span></p> - -<p class="s4 center mtop2"><span class="antiqua"><b>Theodor Birt</b></span></p> - -<p class="s3 center"><b>Aus dem Leben der Antike</b></p> - -<p class="s5 center mbot1">2. Aufl. 282 Seiten mit 11 Tafeln. Gebunden M. 10.—</p> - -<p class="p0 s5">„Das Buch enthält <em class="gesperrt">eine Fülle</em> von ansprechenden, in engstem -Rahmen gefaßten Bildern, die in ihrer Kleinmalerei <em class="gesperrt">farbenprächtige -Darstellungen</em> aus dem bunten Treiben im alten Rom der Kaiserzeit -bieten. Dabei versteht es der Verfasser in <em class="gesperrt">geistreicher Weise</em>, -aus dem Altertum Brücken zur unmittelbaren Gegenwart zu schlagen und -uns zu zeigen, daß wir keinen Grund haben, auf unsere Fortschritte -dem Altertum gegenüber besonders stolz zu sein. Das Buch, das sich -ebensosehr an den Fachmann wendet als an jeden Freund klassischen -Altertums, sei hiermit weitesten Kreisen <em class="gesperrt">bestens empfohlen</em>.“</p> - -<p class="s5 right">Konservative Monatsschau.</p> - -<p class="s3 center mtop1"><b>Novellen und Legenden<br> -<span class="s5">aus verklungenen Zeiten</span></b></p> - -<p class="s5 center mbot1">2. Auflage. 313 Seiten mit 6 Tafeln. Gebunden M. 8.—</p> - -<p class="p0 s5">„Einer unserer <em class="gesperrt">besten Kenner</em> des Altertums gibt in diesem -ansprechenden Werk ‚Novellen und Legenden‘ aus der griechischen -Literatur. Ein zarter Reiz jenes lyrisch gestimmten Geistes strömt -aus den einzelnen Motiven heraus ... Die Geschichten sind in ihrer -schlichten und doch <em class="gesperrt">klassischen</em> Schönheit voller eigentümlicher -Werte, die es verständlich erscheinen lassen, daß gerade in jetziger -Zeit die versonnene, freie Art des Altertums wieder wachgerufen wird.“</p> - -<p class="s5 right">Die Post.</p> - -<p class="s3 center mtop1"><b>Von Haß und Liebe</b></p> - -<p class="s5 center mbot1"><b>Fünf Erzählungen aus verklungenen Zeiten.</b> -296 Seiten. Geb. M. 8.—</p> - -<p class="p0 s5">Flucht aus der Gegenwart: wer brauchte sie nicht heute? Nur die -Phantasie kann uns helfen; durch sie sind wir „Zeitgenossen aller -Zeiten“. Wie lange atmet schon Held Odysseus nicht mehr! Ihn und den -alten Rechner Archimedes, Roms Cäsaren, vor allem ein paar holde -Griechinnen aus der gottseligen Heidenzeit beleben diese Novellen; dem -grauen Hades sind sie entrissen, auf daß sie noch einmal hassen und -lieben, lachen und grollen wie einst, dahinwandelnd in Roms Gassen oder -auf den wonnigen Inseln des Mittelmeers.</p> - -<p class="s3 center mtop1"><b>Zur Kulturgeschichte Roms</b></p> - -<p class="s5 center mbot1">3. verbesserte und vermehrte Auflage. 159 Seiten. -Gebunden M. 1.50</p> - -<p class="p0 s5">„Birt ist nicht nur ein gründlicher Kenner der Antike, sondern auch ein -glänzender Schriftsteller. <em class="gesperrt">Farbenprächtige, lebensdurchpulste Bilder -zaubert er vor unser geistiges Auge.</em> Wir durchwandern mit ihm die -Straßen des alten Roms, bewundern die privaten und öffentlichen Bauten -und beobachten im Gewühl die vorbeiflutende Menge.“</p> - -<p class="s5 right">Vossische Zeitung.</p> - -<p class="s4 center mtop3 break-before"><span class="antiqua bbdt padbot0_5">Verlag von Quelle -& Meyer in Leipzig</span></p> - -<p class="s1 center"><b>Geschichte der römischen Kaiser</b></p> - -<p class="s4 center">Von Geheimrat Professor <span class="antiqua">Dr.</span> -<b>A. von Domaszewski</b></p> - -<p class="center">2. Auflage 4. u. 5. Tausend. Zwei Bände zu je 336 Seiten mit 12 -Bildnissen auf Tafeln und 8 Karten</p> - -<p class="center mbot1">In zwei Geschenkbänden zusammen M. 18.—</p> - -<p class="p0 s5">„Domaszewskis Werk tritt also in die Lücke ein, die in Mommsens -römischer Geschichte klafft: die Persönlichkeiten der Kaiser und -der Charakter des Reichsregiments, die im 5. Bande nicht zur -Anschaulichkeit gebracht wurden, stehen in dieser Darstellung im -Vordergrund ... Die <em class="gesperrt">glänzende Herausarbeitung</em> des Gegensatzes -der Persönlichkeiten des Trajan und Hadrian, die in diesem eintretende -Peripetie in der Entwicklung, die unter Septimius Severus zur -Vernichtung des Römertums und der antiken Zivilisation führt, weil -Barbaren die Herrschaft gewinnen und die bisher in Knechtschaft -gehaltenen Schichten sich gegen die Kulturträger erheben, die -Verbindung illyrischer Roheit und aramäischer Verderbtheit in -Caracalla, das Ringen der Illyrier und Orientalen miteinander und die -endliche Herrschaft der Illyrier in der Armee und im Reiche — diese -wesentlichen, einer verwirrenden Menge von schlecht überlieferten -Einzelheiten zugrunde liegenden Tatsachen sind bisher <em class="gesperrt">noch nie so -anschaulich und überzeugend herausgehoben worden</em>.“</p> - -<p class="s5 right"><b>Berliner Philologische Wissenschaft.</b></p> - -<p class="p0 s5 mtop2">„Denn in der Tat, zu den <em class="gesperrt">besten Büchern der schönen und -wissenschaftlichen Literatur</em> pflegen solche zu gehören, die -geschrieben sind, um den Autor zu befreien. Wärme der Empfindung -jedenfalls erwarten wir in solchem Buch zu finden, und sie zeigt -sich fast auf jeder Seite dieser Kaisergeschichte. Bewunderung und -Verurteilung tragen hier den Charakter einer gegenüber Mitlebenden -geübten Kritik. Was aber zu dieser Wärme hinzukommt, <em class="gesperrt">gibt dem Werk -einen Wert, der weit hinaus ragt über das, was man von einem Buch -erwartet</em>, welches durch die Widmung die polarisierende Tendenz -kundgibt.“</p> - -<p class="s5 right"><b>Das humanistische Gymnasium.</b></p> - -<p class="s4 center mtop3 break-before"><span class="antiqua bb padbot0_5">Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig</span></p> - -<p class="p0 mtop2"><b class="s3">Griechische Kultur im Bilde.</b> <span class="s4">Von -Professor <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">H. -Lamer</em>. 2. Aufl. 96 Tafeln u. 64 S. Text. Geb. M. 1.50</span></p> - -<p class="p0 s5">„<em class="gesperrt">Ein ganz prächtiges kleines Buch</em> ... Man blättert die -Abbildungen schmunzelnd durch, man liest Lamers <em class="gesperrt">erstaunlich -reichen</em> und doch <em class="gesperrt">knappen Text</em> mit steigendem Interesse, man -legt das Buch aus der Hand mit dem Gefühl, eine Sache, die man genau zu -kennen glaubte, in einem ganz neuen Lichte gesehen zu haben. Wir stehen -nicht an, das Lamersche Buch als eine <em class="gesperrt">wahre Musterleistung</em> -populärer Darstellung zu bezeichnen.“</p> - -<p class="s5 right">Wissenschaftliche Rundschau</p> - -<p class="p0 mtop1"><b class="s3">Römische Kultur im Bilde.</b> -<span class="s4">Herausgegeben u. mit Erläuterungen versehen von Professor -<span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">H. Lamer</em>. 3. Aufl. -175 Abb. auf 96 Tafeln u. 64 Seiten Text. Geb. M. 1.50</span></p> - -<p class="p0 s5">„Dermaßen <em class="gesperrt">glücklich</em> hat der Autor den ungeheuren Stoff -<em class="gesperrt">gemeistert</em>, hat ihn immer wieder gesiebt und gesiebt, bis zum -Schluß das Wesentlichste übrig blieb, das jedem Leser, auch dem nicht -humanistisch vorgebildeten, <em class="gesperrt">einen klaren Begriff von der römischen -Kultur gibt</em>.“</p> - -<p class="s5 right">Neues Wiener Tageblatt</p> - -<p class="p0 mtop1"><b class="s3">Das alte Rom.</b> <span class="s4">Sein Werden, -Blühen und Vergehen. Von Professor <span class="antiqua">Dr.</span> -<em class="gesperrt">E. Diehl</em>. 2. Aufl. 126 S. mit zahlr. Abb. Gebunden M. -1.50</span></p> - -<p class="p0 s5">„Rom, sein Werden, Blühen und Vergehen von den ersten Anfängen bis zum -Ende des weströmischen Reiches lernen wir hier kennen an Hand einer -klaren Darstellung, unterstützt von Bildern und Karten ... <em class="gesperrt">Nicht nur -dem Italienreisenden</em>, sondern <em class="gesperrt">jedem</em>, der sich mit römischer -Geschichte befaßt oder kunstgeschichtliche Studien treiben will, wird -das Büchlein von Wert sein.“</p> - -<p class="s5 right">Der Architekt</p> - -<p class="p0 mtop1"><b class="s3">Zur Kulturgeschichte Roms.</b> -<span class="s4">Von Professor <span class="antiqua">Dr.</span> -<em class="gesperrt">Th. Birt</em>. 3. verbesserte u. vermehrte Aufl. 159 S. -Geb. M. 1.50</span></p> - -<p class="p0 s5">„Birt ist nicht nur ein gründlicher Kenner der Antike, sondern auch ein -glänzender Schriftsteller. <em class="gesperrt">Farbenprächtige, lebensdurchpulste Bilder -zaubert er vor unser geistiges Auge.</em> Wir durchwandern mit ihm die -Straßen des alten Roms, bewundern die privaten und öffentlichen Bauten -und beobachten im Gewühl die vorbeiflutende Menge.“</p> - -<p class="s5 right">Vossische Zeitung</p> - -<p class="p0 mtop1"><b class="s3">Cäsar.</b> <span class="s4">Von Hauptmann Gg. -<em class="gesperrt">Veith</em>. 190 Seiten. Mit einem Porträt und Kartenskizzen. -Gebunden M. 1.50</span></p> - -<p class="p0 s5">„Der Verfasser gibt auf Grund langjähriger Beschäftigung mit seinem -Helden eine <em class="gesperrt">lebendige</em> und <em class="gesperrt">anziehende</em> Schilderung der -Entwicklung und Tätigkeit Cäsars auf den verschiedensten Gebieten. Es -ist ein mit <em class="gesperrt">Begeisterung geschriebenes</em> und <em class="gesperrt">Begeisterung</em> -bei dem Leser <em class="gesperrt">erweckendes</em> Lebensbild.“</p> - -<p class="s5 right">Wochenschrift für klass. Philologie</p> - -<p class="s4 center mtop3 break-before"><span class="antiqua bbm padbot0_5">QUELLE -& MEYER, VERLAG IN LEIPZIG</span></p> - -<p class="s4 center mtop2"><b class="antiqua">Karl Gjellerup</b></p> - -<p class="p0 mtop1"><b class="s2">Der goldene Zweig</b> -<span class="s4">Dichtung u. Novellenkranz aus der Zeit des Kais. Tiberius. 9.-13. -Taus. 339 S. Geh. M. 5.—. Geb. M. 7.—</span></p> - -<p class="p0 s5">„Es sind Bilder von überwältigender Schönheit. Mit der Gestaltungskraft -und der Kennerschaft des historischen Forschers und philosophischen -Denkers läßt er äußeres und inneres Leben erstehen und malt in -<em class="gesperrt">bezaubernden Farben</em> die südliche Landschaft und den Prunk -römischer Kunst und Verschwendung. Über seinem Buche liegt die -<em class="gesperrt">Weihe eines Bekenntnisses</em> zur sieghaften Kraft der christlichen -Heilslehre und des germanischen Wesens.“</p> - -<p class="s5 right">Hamburgischer Correspondent.</p> - -<p class="p0 mtop1"><b class="s2">Die Gottesfreundin</b> -<span class="s4">Roman. 397 S. Geh. M. 5.—. Geb. M. 7.—</span></p> - -<p class="p0 s5">„Eine Reihe <em class="gesperrt">farbenprächtiger, tiefgründiger</em> Bilder, die -sich auf dem düstern Hintergrund des 14. Jahrhunderts mit seinem -Aberglauben und seinen Hexenprozessen abspielen. Wie die Herrin -der Burg Langenstein den Führer der „Ketzer“ schützt, und wie der -zelotische Bischof Ottmar, der die Ketzer verfolgt, vom Saulus zum -Paulus wird, und mit der Burgherrin, die er in fröhlicher Jugend heiß -geliebt hatte, als sieghafter Besiegter in den Tod geht, das wird uns -in <em class="gesperrt">hochdramatischer</em>, von <em class="gesperrt">dichterischem Schwung</em> beseelter -Darstellung berichtet.“</p> - -<p class="s5 right">Berliner Morgenzeitung.</p> - -<p class="p0 mtop1"><b class="s2">Seit ich zuerst sie sah</b> -<span class="s4">Roman. 430 S. Geh. M. 5.—. Geb. M. 7.—</span></p> - -<p class="p0 s5">„Dieses schöne Idyll mit seinem tragischen Ausgang ist eins der -<em class="gesperrt">wundervollsten</em> Werke Gjellerups. Ein ganzer Liebesfrühling ist -hier in die Stimmungsbilder aus Dresden und aus der sächsischen Schweiz -hineingezaubert; tiefe Wehmut, tragischer Schmerz verleihen dem Roman -sein wunderbares, unvergeßliches Aroma ... Der Verfasser fesselt, -mag er nun die Natur, die Kunst oder die Menschen schildern. Immer -<em class="gesperrt">vertieft</em> er sich in seinen Stoff.“</p> - -<p class="s5 right">Aarhus Stiftstidende.</p> - -<p class="p0 mtop1"><b class="s2">Das heiligste Tier</b> -<span class="s4">Ein elysisches Fabelbuch. ca. 400 Seiten. Geheftet ca. M. 7.—. -Gebunden ca. M. 10. —</span></p> - -<p class="p0 s5">Nur ein Dichter von Gjellerups Gestaltungskraft, seinem sonnigen Humor, -seiner tiefen, auf reichem philosophisch-historischen Wissen beruhender -Weltanschauung konnte sich an einen solchen Stoff heranwagen. Im -Elysium erwacht unter den in ewiger Heiterkeit auf der Asphodeluswiese -wandelnden Tieren der Wunsch, ein Tier möge heilig gesprochen und von -allen anderen verehrt werden. Dies entfacht sofort den Ehrgeiz, die -Parteibildung, den Wettkampf. Die einst im Leben berühmten Männern -angehörenden Tiere übernehmen die Führerrolle und werden zu Trägern der -Ideen ihrer Herren. Erhabene und groteske Szenen wechseln sich so ab, -und in unterhaltendster Form rauschen die großen weltgeschichtlichen -Vorgänge an uns vorüber. Eine einzigartige Dichtung.</p> - -</div> - -<hr class="r65"> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>AUS DEM LEBEN DER ANTIKE</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. 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If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg™ mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg™ -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg™ name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg™ License when -you share it without charge with others. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. 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The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work -on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the -phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: -</div> - -<blockquote> - <div style='display:block; margin:1em 0'> - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most - other parts of the world at no cost and with almost no restrictions - whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms - of the Project Gutenberg License included with this eBook or online - at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg™ License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg™. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg™ License. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format -other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg™ website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain -Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg™ License as specified in paragraph 1.E.1. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg™ electronic works -provided that: -</div> - -<div style='margin-left:0.7em;'> - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation.” - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™ - works. - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg™ works. - </div> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™ -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the “Right -of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg™ electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/69287-h/images/cover.jpg b/old/69287-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 550f9ff..0000000 --- a/old/69287-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/69287-h/images/signet.png b/old/69287-h/images/signet.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 994aa52..0000000 --- a/old/69287-h/images/signet.png 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