summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/69101-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-25 00:51:47 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-25 00:51:47 -0800
commit328bc9bfdd361f67cf757bc6391168c505b44418 (patch)
tree8d1c11c952a1bce6f0c3946a8b9f2048a0775912 /old/69101-0.txt
parentb04ae6d340be8bbd9df17a15d3e777d2ba499b81 (diff)
NormalizeHEADmain
Diffstat (limited to 'old/69101-0.txt')
-rw-r--r--old/69101-0.txt3865
1 files changed, 0 insertions, 3865 deletions
diff --git a/old/69101-0.txt b/old/69101-0.txt
deleted file mode 100644
index f3c4af8..0000000
--- a/old/69101-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,3865 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Landesverein Sächsischer Heimatschutz
--- Mitteilungen Band XI, Heft 7-9, by Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XI,
- Heft 7-9
- Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-
-Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Release Date: October 6, 2022 [eBook #69101]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 7-9 ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Landesverein Sächsischer
- Heimatschutz
- Dresden
-
- Mitteilungen
- Heft
- 7 bis 9
-
- Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-
- Band XI
-
- _Inhalt_: Kriegerehrungen aus Porzellan – Schradenwanderung –
- Tierschutz – Hexenabend – Wolftitz – Werbekunst in Dorf und
- Stadt – Die Osterblume am Wachtelberg bei Wurzen – Ein altes
- Patrizierhaus – Gefährdete heimische Pflanzenwelt – Zur
- Geschichte des Bibers in Sachsen – Vom romantischen zum
- denkenden Wanderer – Das Abkochverbot – Antons –
- Die Pflege der Schönheit und Eigenart der Heimat als soziale
- Aufgabe gerade für unsere arme Zeit – Das Raubwild im Haushalte
- der Natur – Landheimbau – Heimatschutzbewegung und Hotel –
- Die Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba – Die Bekämpfung
- der Nonne – Johann Pezel und die Turmsonate – Schußpreise
- für Raubvögel – Schattenbäume für den Hof – Förderung des
- Anbaues von Nußbäumen – Die Postsäule von Aue
-
- Einzelpreis dieses Heftes M. 50.–, Bezugspreis für einen Band
- (aus 12 Nummern bestehend) M. 200.–, für Behörden und Büchereien
- M. 50.–. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos,
- _Mindest_jahresbeitrag M. 50.–, freiwillige Einschätzung
- erbeten
-
- Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
- Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
- Stadtgirokasse Dresden 610
-
- Dresden 1922
-
-
-
-
-Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten ...
-
-
-Im letzten Hefte unserer Mitteilungen erbaten wir freiwillige Beiträge
-zur Erhaltung der Zeitschrift. Wenn dieses stattliche Heft im alten
-Umfange noch erscheinen kann, so ist dies ein Erfolg obiger Bitte, eine
-Tat unserer Mitglieder. Und dabei hat noch nicht einmal ein Zehntel
-unserer 21000 Freunde unserm Aufruf entsprochen. Wir haben so viele
-und so begeisterte Zuschriften über den Wert unserer Mitteilungen,
-unserer grünen Hefte, empfangen, daß unser Wille »durchzuhalten« noch
-stärker geworden ist, selbst von einer Einschränkung des Umfanges der
-Zeitschrift wollen unsere Mitglieder nichts wissen. Unser herzlichster,
-aufrichtiger Dank sei denen gesagt, die uns halfen. An die, die uns ihr
-Scherflein noch nicht brachten, die vielleicht glaubten, es hat doch
-keinen Zweck, ein Durchhalten sei unmöglich, richten wir die Bitte,
-dem letzten Hefte die Zahlkarte zu entnehmen und uns einen Betrag
-freiwillig für weiteres Durchhalten zu spenden. Die Zeiten haben sich
-sehr, sehr geändert, mehrere Millionen Mark sind notwendig, damit die
-Sächsischen Heimatschutz-Mitteilungen weiter erscheinen können. Wenn
-uns alle unsere 21000 Mitglieder helfen, wird es möglich sein, und
-darum bitten wir.
-
- _Dresden_, im September 1922
-
- Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
- ~Dr. ing. e. h.~ _Karl Schmidt_, Geh. Baurat
- _O. Seyffert_, Hofrat Professor
-
-
-
-
- Band XI, Heft 7/9 1922
-
-[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Dresden]
-
-Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
-herausgegeben
-
-Abgeschlossen am 1. September 1922
-
-
-
-
-Kriegerehrungen aus Porzellan
-
-von der Staatlichen Porzellanmanufaktur, Meißen
-
-
-Ein neuer Kunstwillen hat sich in alle Zweigströme der schaffenden
-Künste ergossen, ist über mannigfache Klippen dahingebraust und oft auf
-Untiefen geraten und hat doch immer und unaufhaltsam die Schaffenden
-zu neuem Ausdruck mit fortgerissen. Es ist wohl ratsam, von Zeit zu
-Zeit im bunten Wirbel der neuen Erscheinungen Ausblick zu halten und
-bei solchen Erzeugnissen der werdenden Kunst, die ernster Kritik
-standhalten, prüfend haltzumachen.
-
-Noch vor Kriegsende und besonders nach der Niederlegung der Waffen
-empfand man es als sittliche Pflicht, dem Gedenken der Opfer des
-verlorenen Krieges würdige Erinnerungszeichen zu setzen und ging mit
-opferwilligen Händen und viel Liebe an diese Aufgabe heran. Wenn auch
-einer stattlichen Reihe dieser Denkmäler ein guter künstlerischer
-Erfolg beschieden war, so wurden doch andernorts diese gutgemeinten
-Ehrungen gar zu oft katalogmäßige Ware oder gar kunstwidrige Greuel
-schlimmster Art. Da ist es uns eine rechte Freude, an dieser Stelle
-von einer Reihe guter Leistungen auf einem Sondergebiet plastischen
-Schaffens berichten zu können, nämlich von den in der Staatlichen
-Porzellanmanufaktur Meißen entstandenen Kriegergedenktafeln. Man wird
-fragen, eignet sich Porzellan denn zu monumentalem Ausdruck, ist es
-denn nicht zu zart und zu flüssig für den Ausdruck des Herben, den
-man doch bei solchen Toten geweihten Denkzeichen fordern muß? Man sehe
-sich aber darauf die hier abgebildeten Erzeugnisse unserer Meißner
-Manufaktur an, und man wird zugeben müssen, daß ihnen durchaus jene
-ernste Würde innewohnt, zu der uns der Anblick oder die Erinnerung
-an liebe Tote zwingt. Und doch ist das nicht die einzige Empfindung,
-die uns bei Versenkung in die Tafeln beherrscht, ich finde bei aller
-Getragenheit spiegeln diese mannigfachen Gebilde sämtlich auch eine
-Erhobenheit wider: sie sind frei von Mutlosigkeit und wirken in dieser
-für unser Volk so entsetzlich hoffnungslosen Zeit wie ein feiner
-Sonnenstrahl, der sich zwischen schwarzen Winterwolken durchstiehlt,
-als wolle er sagen, es muß doch endlich Frühling werden.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Gedenkplatte in der Großdobritzer Kirche=]
-
-Gehen wir zunächst von den Kleinsten der hier vorgeführten, sämtlich
-vom Bildhauer Paul Börner stammenden Keramiken aus. Sie wurden für
-malerische Dorfkirchen geschaffen und in deren Innern an sorgfältig
-ausgewählter Stelle in die Architektur der Kirchenwände eingefügt.
-Während die für einen Gefallenen des Siebziger Krieges gewählte Tafel
-in der Großdobritzer Kirche (Abb. 1) wegen ihres strengen und trotz
-der geringen Größe monumentalen Ausdruckes hervorgehoben werden muß,
-erinnert das in der Liebschützer Kirche aufgehängte Ehrenzeichen
-(Abb. 2) mit seinen trauernden Engelköpfen an ältere Vorbilder
-volkstümlicher Kunst. Es ist ein rührender Zug schlichter Liebe in
-dieser Weihetafel; das ist eben das Beste an diesen Schöpfungen, daß
-sie weit entfernt vom Reindekorativen und der Ausdruck eines inneren
-Erlebnisses sind.
-
-Nicht ganz auf gleicher Höhe steht die in der Porzellanmanufaktur
-selbst aufgehängte Gedenktafel für die Gefallenen des Werkes.
-Inschrifttafel und ihre Umrahmung sind nicht in so innige Verbindung
-gebracht worden, als man hätte wünschen müssen, auch ist das Figürliche
-ohne genügenden inneren Zusammenhang. Aber im ganzen zeigt auch diese
-Arbeit, was aus dem Porzellan herausgeholt werden kann.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Gedenkplatte in der Liebschützer Kirche=]
-
-Nun aber zu der im ehrwürdigen Meißner Rathaus an bedeutungsvoller
-Stelle des Treppenhauses angebrachten Gedächtnistafel (Abb. 3) für die
-städtischen Beamten und Angestellten. Eine Schriftfläche von schöner
-Umrißlinie fügt sich formvollendet zwischen die Konturen der sie
-tragenden trauernden Frauengestalten. Ausdruck von Gesicht und Haltung,
-Faltenwurf und plastische Abtönung, alles klingt in prächtiger Harmonie
-zusammen. Trotz starker stilistischer Sonderart ist das Übertriebene,
-das wir oft an neueren Kunstwerken bedauern, vermieden. Komposition und
-Ausdruck, Ideeliches und Stoffliches halten sich die Wage.
-
-Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß uns solche
-Leistungen ein gut Stück weiter vorwärts bringen und vielleicht tragen
-unsere Abbildungen dazu bei, festeingewurzelte Vorurteile gegen das
-neue Kunstwollen zu mildern und zu beheben.
-
-Aber auch im braunen Böttcherporzellan, dessen Wiederbelebung die
-Porzellanmanufaktur tatkräftig und mit schönem Erfolg fördert, wurden
-verschiedene Versuche angestellt. So wurde den im Kriege gebliebenen
-Arbeitern und Angestellten der Meißner Jutespinnerei eine derartige
-Tafel geschaffen. Etwas nüchtern und vielleicht etwas fabrikmäßig wird
-manchem die hierfür gewählte, streng geometrische Zusammenreihung von
-Namenstafeln erscheinen, aber das erfordert eben gerade der Organismus
-eines großen Industriewerkes, wo das Gefühlsmäßige zurückgedrängt,
-intimere Bildungen ausgeschlossen werden.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Gedächtnistafel im Rathaus zu Meißen=]
-
-Welche reichen Entwickelungsmöglichkeiten sich darbieten, zeigen
-die beiden Schlußabbildungen (Abb. 4). Die obere, für die Kirche in
-Röhrsdorf bestimmte Platte beweist, verglichen mit der Großdobritzer
-Platte, auf wie einfachem Wege der kleinere Entwurf für eine größere
-Zahl von Gefallenen nutzbar gemacht werden kann, die untere Zeichnung,
-für eine studentische Verbindung berechnet, aber lehrt uns, wie durch
-Zusammenreihung kleiner Namenstafeln derartige Gedächtnisplatten
-je nach der Eigenart der Wandflächen und je nach der Gefallenenzahl
-entstehen und reizvoll gestaltet werden können.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Denkplatten für die Röhrsdorfer Kirche= (oben)
-=und für eine studentische Verbindung= (unten)]
-
-Es ist hier nicht möglich, auf die in Ausführung begriffene
-Umwandlung der mittelalterlichen Nikolaikirche in Meißen zu einer
-Kriegergedächtniskirche einzugehen. Auch dieses großzügige Unternehmen
-wurde der Staatlichen Porzellanmanufaktur anvertraut. Der Lösung
-dieser Aufgabe sehen wir mit Spannung entgegen, die nicht ganz frei
-von Sorge ist, daß der Eingriff in das mittelalterliche Gepräge des
-Kircheninneren zu stark werden könne, aber der Vorwurf, daß wir bei
-solchen Aufgaben die Gegenwart und ihre künstlerischen Tendenzen nicht
-zu Worte kommen lassen, soll nicht erhoben werden können, auch war
-die Erhaltung dieses vom Verfall bedrohten unbenützten Bauwerkes nur
-dadurch möglich, daß man ihm einen neuen Zweck gab.
-
- ~Dr.~ Paul Goldhardt.
-
-
-
-
-Schradenwanderung
-
-Von _Edgar Hahnewald_
-
-
-Drei Großenhainer Kasernenjahre lang lag der bewaldete Hügelzug
-nördlich der flachen Ebene vor meinen Augen. Dahinter lockte das
-Unbekannte, die Ferne, die Freiheit, das Unerreichbare. Diese blaue
-Mauer verstärkte das Gefühl des Gebundenseins: darüber hinaus konnte
-der Blick nicht schweifen. Felddienstritte drangen nie bis dahin vor,
-denn dicht vor diesen Hügeln lief die Zickzacklinie der Grenze; der
-blaue Wall schied Sachsen und Preußen.
-
-Die Karte zerlegte den Hügelzug in benannte Gruppen: das Pfeifholz,
-die Heidelberge, die Finkenberge, den Latschenberg. Aber das waren
-Namen, die vor der sinnlichen Wahrnehmung nichts besagten – da erhob
-sich die blaue Mauer, fern und unerreichbar. Dahinter lag eine andere
-Welt, von der Sehnsucht sich eine Vorstellung bildete, die sich nicht
-an die Karte band. Der kleine Hügelzug, an sich um nichts bedeutender
-als tausend andere Hügel in der weiten Welt, bekam eine Bedeutung: er
-begrenzte drei Jahre lang einen Lebensbereich.
-
- * * * * *
-
-Später, als man die Freiheit genoß, so weit zu wandern wie der
-Geldbeutel reichte, lockten andere Fernen. Die symbolische Hügelmauer
-nördlich von Großenhain geriet in Vergessenheit.
-
-Aber eines Tages fand ich in den Kursächsischen Streifzügen
-von Otto Eduard Schmidt die Schilderung einer Fahrt um die
-Meißnisch-Lausitzische Nordostgrenze. Und während ich las, trat jener
-blaue Grenzwall wieder deutlich vor mich hin. Und aus der Begrenztheit
-dreier Großenhainer Jahre rückte ihn das Buch in den weitgespannten
-Rahmen der Kulturgeschichte.
-
-Denn: dieser Hügelzug, der aus der Röderniederung südlich von
-Elsterwerda allmählich ansteigt und in einer ungefähr zwanzig Kilometer
-langen Schlangenlinie nach Osten streicht, um sich in der Gegend von
-Ortrand im Lausitzer Wald- und Hügelland fast unauffällig zu verlieren,
-war in der Zeit der germanischen Eroberung tatsächlich ein Grenzwall,
-der zwei Welten trennte. Diesseits, südlich der Hügelmauer, lag das von
-fränkischen und thüringischen Kolonisten durchsetzte meißnische Land,
-jenseits dämmerten die slawischen Gaue der Niederlausitz.
-
-Es war kein Zufall, daß die Deutschen nur bis zu jenen Hügeln und nicht
-weiter vordrangen, denn hinter diesem Wall bildete ein unzugänglicher
-Urwald ein natürliches Hindernis. Im Norden begrenzte ihn ein zweiter
-Hügelzug. Dazwischen fließen heute die Pulsnitz und die Schwarze Elster
-in einem sauberen, nahezu gradlinigen Spitzwinkel aufeinander zu, um
-sich bei Elsterwerda zu vereinigen. Damals aber versumpften sie im
-Urwald zwischen der nördlichen und südlichen Hügelkette. Berge, Urwald
-und Sumpf bildeten die natürliche, schützende Grenze, eine viele
-Stunden lange und mehrere Stunden breite Flächengrenze, wie sie damals
-die Deutschen liebten. Sie hatte schon die Semnonen und Hermunduren,
-die Lusizi und Dalaminzier voneinander geschieden. Sie schied nun die
-Mark Meißen von der slawischen Niederlausitz. Sie scheidet seit der
-Abtrennung der Provinz Sachsen sächsisches und preußisches Gebiet. Die
-fränkischen Kolonisten erstiegen gerade noch den Wall und schoben an
-seinem Nordhange entlang eine Reihe von Siedlungen gegen den Urwald
-vor, die alle heute noch daliegen: Wainsdorf, Merzdorf, Seiffertsmühl,
-Groeden, das schon die Dalaminzier als Deckung gegen die Liusitzen
-angelegt hatten, Hirschfeld, Großthiemig, Frauwalde, Großkmehlen
-(Kmehlen bedeutet Hopfendorf), Burkersdorf und Ortrand. Vermutlich
-waren diese Siedlungen durch Verhaue untereinander verbunden; sie
-bildeten eine Grenzwacht auf vorgeschobenem Posten.
-
-Unter den Dörfern erstreckte sich der düstere, sumpfige Urwald. Und
-»wenn sich nun im Herbste die weißen Nebelschleier aus dem Sumpfwald
-hoben und das Brüllen des Elchs und des Auerochsen aus der Tiefe
-herauftönte, da fürchteten sich nicht nur die Ahnfrau und die Kinder,
-sondern auch den Männern war es wie eine tröstende Verheißung der
-Nähe des Christengottes, wenn der Sakristan in der Dämmerstunde
-das Glöcklein läutete. Sie nannten den unheimlichen Wald, den sie
-vor sich sahen, den Schraden, das heißt den Wald der bösen Geister
-(althochdeutsch: ~scrato~ = böser Geist, neuhochdeutsch: Schratt.)«
-
- * * * * *
-
-Diese Kunde gab mir Schmidts Buch.
-
-Noch heute heißt jenes Gebiet zwischen den beiden Hügelketten der
-Schraden, und der Volksmund spricht von den Schradendörfern. Der
-Schradenwald ist längst verschwunden, das Oberbuschhäuser Forstrevier,
-das einen kleinen Teil der Ebene bedeckt, hat mit seinen schnurgeraden
-Gestellen gar keine Ähnlichkeit mit einem Urwald. Wo einst Elch
-und Auerochs durch unwirtliche Wildnis brachen, breiten sich heute
-künstlich entwässerte Wiesen und Felder. Aber immer noch hebt sich der
-Schraden schon auf der Karte als eine andere Welt von seiner Umgebung
-ab. Neben der dichter besiedelten Großenhainer Pflege und von ihr durch
-das dunkle Gestrichel der Hügel getrennt, liegt er als große leere
-Fläche ohne Dörfer, durchsetzt von dem feinen Raster, der auf der Karte
-sumpfige Wiesen kennzeichnet, durchzogen von geradlinigen Straßen und
-Wassergräben und den beiden feingezackten Bändern der Pulsnitz und der
-Schwarzen Elster. Vor allem diese beiden Flußkanäle geben dem Schraden
-das besondere Gepräge.
-
-Und man beschließt: da liegt eine andre Welt und da mußt du einmal hin.
-
- * * * * *
-
-Das stand als Vorhaben lange fest. Und nun, auf einer Osterwanderung
-von Radeburg nach Großenhain am Zickzacklauf der Röder entlang kam
-wieder dieser blaue Hügelwall in Sicht und lockte.
-
-Am nächsten Morgen fuhr ich in den Schraden.
-
- * * * * *
-
-In der Nacht setzte starker Regen ein, und am Morgen regnete es noch.
-Es regnete während der Bahnfahrt nach Ortrand, es regnete auf die
-samtbraunen Äcker, auf die malachitgrünen Saaten, auf fröstelnde Dörfer
-in der Ebene. Es regnete in Ortrand. Ein herbstlich kühler Wind trieb
-graue Wolken über die kleine Stadt, deren gefällige Bescheidenheit
-selbst noch bei solchem Wetter anheimelt. Man geht nur einige Minuten
-und steht schon am jenseitigen Rande des Städtchens. Die hohen Bäume
-einer sauberen Allee rahmen hübsche Kleinstadtbilder ein: halb
-übersponnen von sprossendem Gezweig gucken braune Dächer über die
-Obstgärtchen weg, eine alte Kirche ragt, umringt von Dächern, Narzissen
-betupfen regengrüne Graspläne, über andere Dächer weg spitzt ein keckes
-Kapellentürmchen, ein Wasserstrahl gulkert in einen Steintrog, eine
-Frau in verwaschenem blauem Rock und blauer Hausjacke kommt und setzt
-ihren Eimer unter den Strahl und macht sich gar nichts aus dem Regen,
-draußen liegen grüne Wiesen mit Baumreihen an Wassergräben. Das alles,
-vom Regen bespritzelt, von grauem Gewölk überflogen, sah recht hübsch
-aus. Dabei gab es keine großen Geschichten mit Lichteffekten. Dach,
-Wiese, Acker, Garten gaben sich dem Regen so naiv grün, braun, rotbraun
-hin, wie sie eben von Haus aus sind.
-
-Und als die Frist bis zum Abgange des Zuges nach Großenhain zurück bald
-verstrichen war, hörte der Regen auf. Fünf Minuten später lag Ortrand
-hinter uns und Kmehlen vor uns zu beiden Seiten der Allee mit den hohen
-Bäumen. Links stieg ein bewaldeter Hügelzug aus Feldern auf. Das war
-die blaue Mauer, und jetzt marschierten wir hinter ihr entlang.
-
- * * * * *
-
-Kmehlen, das alte Hopfendorf, hat zwei Sehenswürdigkeiten: einen
-reichgeschnitzten, reichvergoldeten niederländischen Flügelaltar
-des Brüsseler Bildschnitzers Jan Bormann, ein Werk, von dem die
-Kunsthistoriker heute noch nicht wissen, wie es in das weltferne
-Schradendorf geriet, und ein Wasserschloß. Schmucklos und dunkel
-steigen die Mauern aus dem tiefen Wassergraben auf, der das burgartige
-Schloß umzieht. Schwere, runde Ecktürme verstärken den Eindruck der
-Wehrhaftigkeit. Spätere Zeiten haben Blumen, gefällige Holzbrücken,
-verschnittene Hecken hinzugefügt, und wohl auch die Renaissancegiebel
-sind später hinzugekommen, die die Schwere des dunklen Daches
-auflockern und gleichsam das Schloß leichter gegen den Himmel
-aufstreben lassen. Aber man kann sich das Schloß wohl gut in die
-graue Schradenvergangenheit zurückdenken, wenn in Novembernächten
-die Nordstürme in den alten Kastanien zausen, wenn der Regen auf
-das Dach rauscht und um das feuchte Dunkel der Gräben Schatten aus
-Nordlands-Balladen ziehn: »Der Sturmwind brauste im Kamin, die Hunde
-heulten laut am Tor ...«
-
- * * * * *
-
-Freundlicher, gleichsam sommerlich auch unter Aprilwolken liegt das
-Wasserschloß Lindenau in der Pulsnitzaue. Von Kmehlen geht man auf
-lichten Wegen nur ein halbes Stündchen bis dahin, aber Schloß und
-Dorf Lindenau zählen schon zur Lausitz, weil sie jenseits des Flusses
-liegen. Diese Landschaft hat einen eigenartigen, frohstimmenden Reiz.
-Unter lichten Birken und breitästigen Eichen fließt die Pulsnitz heran.
-Zwischen hochbogigen Bäumen sieht man hinaus auf den weiten Schraden,
-auf die Vorpostenkette der Dörfer am Hügelhang. Linker Hand liegt ein
-lockerer Auwald. Muskulöse Eichen, riesenstarke Erlen, weißstämmige
-Birken mit dem feinsten Zweigregen um sich, tausend weiße Anemonen
-blühen zu ihren Füßen, Linden mit der feinen Kuppelarchitektur ihrer
-noch kahlen, eben erst sprossenden Äste, saftige Wiesen darunter, und
-Wasserläufe von allen Seiten – wie ein alter englischer Park liegt das
-da. Und dann wird es wirklich ein Park. Rhododendronbüsche breiten
-sich unter Bäumen aus, Edelkoniferen treten zu schönen Gruppierungen
-zusammen. Es ist kein Zaun da, der den Schloßpark abschließt – ein
-Graben mit samtbraunem Wasser ersetzt ihn. Und dann steht ein heiteres
-Schloß mitten drin, ein Schloß mit Renaissancegiebeln rechts und
-links und einem schlanken Turm in der Mitte. Gegenüber, in der Reihe
-der Wirtschaftsgebäude, steht ein Torhaus mit einem Türmchen. Und
-geht man durch das weitgewölbte Tor, so steht dahinter eine weiße,
-ländliche Kirche, und an einer geraden Straße mit hohen Bäumen reiht
-sich das Dorf auf. Parkweg und Wassergraben zwischen Schloß und Torhaus
-überspreiten uralte Linden mit ihrem Gezweig. Kastanien sprossen da
-und dort, Lärchen streben auf, von den grünen Funken der aufbrechenden
-Knospen umschwärmt, und hinter Gezweig und Gezweig steht das Schloß,
-der schlanke Turm vor der Baumfülle des Parks, von stillen Wässern
-umzogen, vom Bogen des Tores eingerahmt. Man ahnt, wie sonnig und
-schattig, wie licht und kühl an blühenden Junitagen das alles sein wird.
-
-Das ist Lindenau, Linden-Au an der Pulsnitz.
-
- * * * * *
-
-Und dann die Pulsnitz selber.
-
-Es regnete wieder. Während wir im Dorfgasthaus einen Kaffee tranken
-(die Wirtin plättete in der Gaststube und draußen bauschte der Wind
-eine Karussellplane) hatte es begonnen. Vor uns lagen einige Stunden
-Weg durch den Schraden, ohne Haus, ohne Dach – noch konnten wir
-umkehren, nach Ortrand zurückgehen.
-
-Aber vor uns zog die Pulsnitz hinaus in die Weite, ein schmales
-Silberband zwischen glatten Grasdämmen, in der nebligen Ferne
-verschwindend. Das lockte uns hinaus.
-
-Und nun lag der Schraden vor uns, um uns.
-
- * * * * *
-
-Man tritt in diese Landschaft, wie man einen Raum betritt – mit einem
-Schritt. Da liegt die Parkaue mit ihren Bäumen, mit dem Schloß, mit dem
-Reiz einer gewissen Verfeinerung – und da breitet sich der Schraden,
-die einsame Ebene im Regengrau, mit Wasserspiegeln und Sümpfen und
-Torfstichen, mit Birkenalleen und verstreuten Bäumen im Grenzenlosen.
-
-Grenzenlos – so lag der Schraden vor uns. Der Horizont verschwand im
-Grau. Alle Formen lösten sich auf und wurden weich im Gesprühe, das
-uns der Wind entgegentrieb. Es regnete nicht entschieden, es war mehr
-ein nässendes Wehen, als ob fortwährend die Kohlensäurebläschen eines
-Selterwassers ins Gesicht spritzelten. Und nach einer halben Stunde
-war man naß. Dabei sickerte durch die übereinander hintreibenden
-Wolkenschleier ein milchiger Lichtschimmer, der das Grau ringsum
-durchscheinend machte und keine Trostlosigkeit aufkommen ließ. Die
-Landschaft überließ sich einer Melancholie, die ihr selber wohltat.
-
-In den flachen Wässern spiegelte sich der geronnene Himmel. Durch das
-Wasser sproßte spitzes Gras. Regenperlen bedeckten das junge Grün mit
-einem ganz zarten Silberreif. Sumpfdotterblumen tupften die Wiesen
-mit ihrem selbstzufriedenen Gelb. Es war ein Vergnügen, die fetten,
-fleischig knapsenden Stengel zu brechen und den leuchtenden Strauß wie
-einen Klumpen Sonne durch den silbergrauen Tag zu tragen.
-
- * * * * *
-
-Geradefort, kilometerweit, wie mit dem Lineal gezogen, durchschneidet
-die Pulsnitz den Schraden. Der Moorgrund schimmert durch die Flut –
-klarflüssiges, samtbraunes Glas scheint zwischen grünen Uferrändern
-dahinzufließen. Im Dialekt der Gegend heißt das Flüßchen »die
-Pulse« – das Wort gibt das gleichmäßig ruhige Wallen dieses Wassers
-lautmalerisch wieder. Blickt man aber geradeaus, so liegt die Pulsnitz
-als gestrecktes Silberband in die grüne Ebene eingelassen. Hohe Dämme,
-ebenso geradlinig gezogen wie der Fluß selbst, fassen die Ufer ein.
-Manchmal steht ein Baum dicht dabei, ein Gebüsch wächst halb auf den
-Damm herauf, eine helle Birkenallee kommt von weither, steigt über die
-Dämme und zieht weiter, eine Brücke spiegelt sich im Fluß, vereinzelte
-Bäume stehen nah und fern in den Sumpfwiesen, und weit drüben, halb
-verloren im Grau, dämmert der Hügelzug mit den Schradendörfern.
-
- * * * * *
-
-Stundenlang schritten wir auf dem »Pulsdamm« dahin. Weit und breit
-war kein Mensch. Einmal ging ein Bauernwagen über eine ferne Brücke
-– Karren, Pferdchen, Brücke und ein Baum dabei trafen sich für ein
-Weilchen als feingeschnittenes Schattenbild grau in grau über dem
-Silberfluß, dann verschwand das lautlose Gefährt hinter flockigem
-Gebüsch und wir waren wieder allein in der weiten Landschaft, unter dem
-verschleierten Himmel, der als graue Riesenwand von der flachen Erde
-aufstieg und unter dem Fluß und Damm, Baum und Wiese groß und einsam
-ihre stillen Reize ausbreiteten.
-
-Über den naßgrünen Wiesen flatterten schwarzweiße Kiebitze im
-Taumelflug. Unaufhörlich erfüllten sie die Luft mit ihren besorgten
-Rufen. Manchmal klingt es schnalzend: knuiuiui knuii, manchmal erregt,
-durch die Luft fallend: kiwitt – kiwitt. Kiebitzrufe im Nebel – in der
-Erinnerung steigt die Einsamkeit russischer Landschaften auf. Sand und
-Sumpf und Nebel im Frühlingslicht und Kiebitzschreie im litauischen
-Moor: kiwitt – kie-witt ...
-
- * * * * *
-
-Das Sprühen hatte aufgehört – man empfand es kaum noch, so gut stimmte
-es zu dieser Landschaft. Die grauen Wolken flogen höher. Von den Hügeln
-in der Ferne hoben sich die Schleier. Die Dörfer grüßten.
-
-Und nun standen wir an einem Kreuzweg. Geradeaus blinkte die Pulse.
-Und quer zu ihrem Lauf zog eine Straße durch das weite Land, eine vom
-Regen reinlich gewaschene Straße, von weißstämmigen Birken gesäumt. Das
-zarte Gezweig flutete wie gelöstes Frauenhaar über der hohen Wölbung
-zusammen. Unter den Birken hin liefen Gräben mit klarem Wasser, in dem
-grüne Gewächse wie von Glas umschlossen sproßten.
-
-Die Pulsnitz lockte und die Straße lockte. Wir schlugen die Straße ein
-und marschierten unter den Birken hin. Draußen hinter der Säulenreihe
-der weißen Stämme lag die weite Ebene. Fichtenwald mit schnurgeraden
-Schneisen. Verträumte Kanäle. Und wieder die Ebene.
-
-Und wieder ein samtbrauner Fluß zwischen hohen Dämmen: die Schwarze
-Elster. Der Fluß ist breiter und die Dämme sind höher, aber reizvoller
-ist die Landschaft an der Pulsnitz.
-
-Wir gingen von Plessa nach Elsterwerda immer auf dem Elsterdamme hin.
-Rechts begrenzten Hügel die kargere Landschaft: der nördliche Grenzwall
-des Schradens. Links, leicht verschleiert im kühlen Grau weitete sich
-die eigentliche Schradenlandschaft mit Gräben und Wässern und Dämmen
-und Sümpfen und dem lockeren Geflock der Bäume in der Wiesenaue und mit
-dem graublauen Hügelsaum in der Ferne. Als dunklerer Streifen und ganz
-allmählich an den Elsterlauf heranbiegend zog drüben der Pulsnitzdamm
-durch die Ebene, an den man an der Elster zurückdenkt und den man
-noch einmal gehen wird, im Hochsommer, wenn die Mittagsglut über dem
-duftenden Heu der Schradenwiesen zittert.
-
-
-
-
-Tierschutz
-
-
-Als ich vor vielen Jahren mal in Ziegenrück übernachtete, lag im Zimmer
-meines Gasthofes ein altes Schwarzburg-Rudolstädter Gesangbuch von
-1856, das ich aufschlug und folgendes schöne Lied darin fand:
-
- Der weise Schöpfer, dessen Ruf
- Einst mächtig scholl: Es werde!
- Und aller Welt Bewohner schuf,
- Bestimmte diese Erde
- Nicht für den Menschen nur allein,
- Auch Tiere schuf er groß und klein,
- Des Lebens sich zu freuen.
-
- Sein Wille war, daß ihre Zahl
- Sich allenthalben mehre.
- Sie füllen Wälder, Berg und Tal
- Und Seen, Flüß’ und Meere,
- Beleben hier die hohe Luft
- Und dort der Erde tiefste Kluft
- Und freuen sich des Lebens.
-
- Nie kann des klügsten Menschen Sinn
- Der Arten Anzahl wissen,
- Doch sänk auch nur die kleinste hin,
- So wär’ das Band zerrissen,
- Das auf der weiten Gotteswelt
- Die Wesen aneinanderhält
- Zu einem großen Ganzen.
-
- Das kleinste Tier betritt die Welt
- Mit mir auf gleiche Weise,
- Es fühlt sein Dasein und erhält
- Sich auch mit Trank und Speise,
- Hat ebenso, wie ich ein Herz,
- Hat Sinneskraft, fühlt Lust und Schmerz,
- Und liebt wie ich, das Leben.
-
- Dem, der für alles Sorge trägt,
- Dem Schöpfer aller Dinge,
- Ist nichts, was auf der Welt sich regt,
- Zu klein und zu geringe.
- Er, dessen Huld kein Engel mißt,
- Er, der des Menschen Vater ist,
- Ist auch des Wurmes Schöpfer.
-
- Und er, der alle Wesen liebt,
- Er sollte mir erlauben
- Dem Tiere, dem er Leben gibt,
- Mutwillig es zu rauben?
- Was gäbe mir wohl den Beruf,
- Ein Leben, das die Allmacht schuf,
- Aus Leichtsinn zu zerstören?
-
- Nein, kein Geschöpf, das mit mir lebt,
- Darf ich aus Frevel quälen;
- Mag, was mich übers Tier erhebt,
- Mag auch Vernunft ihm fehlen.
- Sie macht mich zu der Gottheit Bild,
- Doch lehrt sie mich auch, göttlich mild,
- Glück um mich her verbreiten.
-
- Vernunft, du sollst mich immer mehr
- Die wahre Weisheit lehren,
- In der Geschöpfe großem Heer
- Will ich den Schöpfer ehren.
- Wer stolz ein Mitgeschöpf verschmäht,
- Das unter Gottes Aufsicht steht,
- Entehrt auch seinen Schöpfer.
-
- Wen eines Tieres Qual erfreut,
- Der sieht mit kaltem Herzen
- Gar bald auch seiner Brüder Leid
- Und spottet ihrer Schmerzen.
- Wer frech sein Mitgeschöpf betrübt
- Und Härt’ und Grausamkeit verübt,
- Der kann auch Gott nicht lieben.
-
-Warum ich das alte Lied ganz hersetzte? Weil es eine berechtigte Klage
-der Tierschützer ist, daß die christliche Kirche sich wenig um die
-Tiere kümmert. Beweis: Die gähnende Leere der Gesangbücher, soweit der
-Tierschutz in Frage kommt. Es gab aber eine Zeit, wo es hierin besser
-war. So z. B. enthielt das _alte_ Magdeburger Gesangbuch von 1837 eben
-dieses und auch ein anderes gutes Tierschutzlied.
-
-_Heimatschutz umfaßt unbedingt auch Tierschutz._ Ich glaube, der Satz
-bedarf keiner besonderen Begründung. Pflanze und Tier beleben erst die
-an sich tote Rinde. Es ist daher nicht zu verteidigen, wenn selbst
-zu wissenschaftlichen Zwecken Vögel, die zu Zeiten (nur zu gewissen
-Zeiten!) schädlich sind, in maßloser Weise in Unzahl abgeschossen
-werden, um ihren Mageninhalt zu untersuchen. Dadurch muß die Natur
-notwendig verarmen und kein Geringerer als ein Brehm hat schon auf
-die bedauerliche Tierarmut Westeuropas hingewiesen. Im allgemeinen
-vollzieht die Natur selber den notwendigen Ausgleich und tritt einer
-übermäßigen Vermehrung einer Art entgegen. Wir können also Herrn Prof.
-~Dr.~ Hoffmann nur recht geben, wenn er Einspruch erhebt gegen den
-Abschuß zahlloser Elstern, und was noch weit schlimmer ist, von so
-seltenen Vögeln wie Wasseramseln, die man nur noch an Gebirgswässern
-trifft, ferner von insektenfressenden Singvögeln. Und beistimmen
-muß ihm jeder, wenn er sagt, daß der durch die Magenuntersuchung
-unter der Vogelwelt angerichtete Schaden _viel größer_ ist als der
-Nutzen, den diese Untersuchungen uns und den überlebenden Artgenossen
-gebracht haben. ~Nisi utile est quod agimus, _vana_ est gloria nostra~
-(Hufeland).
-
- ~Dr.~ Pause.
-
-
-
-
-»Hexenabend«
-
-Von ~Dr. phil.~ _Gerhard Stephan_
-
-
-In der Nacht des 30. April zum 1. Mai reiten die Hexen zum Brocken,
-um dort mit dem Teufel ihre alljährliche Versammlung abzuhalten. Auf
-ihrer Fahrt nach dem Harz verwünschen und verzaubern sie Haus und Hof,
-Felder und Gärten. Doch vor offenem Feuer scheuen sie zurück, deshalb
-werden im Kamin und auf Bergeshöhen mächtige Brände unterhalten. Die
-Grundstücke werden durch Kreuze, die mit Kreide an die Türpfosten
-gemalt werden, geschützt, auch die Anfangsbuchstaben der heiligen
-drei Könige, C(aspar), M(elchior) und B(althasar), werden gern
-dazugeschrieben.
-
-So geschah es im Mittelalter. In unserer Zeit glaubt kein Mensch mehr
-an diesen tollen Unfug, aber die Sitte des Feuerbrennens und der
-Kreidebemalung hat sich vielerorts, besonders auch in katholischen
-Gegenden, erhalten. So auch bei uns im Kamenz-Bautzner Bezirke, und
-zwar besonders in den wendischen Gegenden, während die deutschen
-Gebiete nur in ihren Grenzstreifen sich am »Hexenabend« beteiligen.
-
-Die Jugend ist es natürlich, die diese Sitte hochhält. Tagelang vorher
-sieht man die Jungens von Haus zu Haus laufen, um sich einen alten
-Besen zu erbetteln. Und auch gar mancher, der noch nicht ausgedient
-hat, muß dran glauben nach dem bekannten Motto: »Geh weg, oder ich
-find’ch«. Die Besen werden schön mit Holzwolle und ähnlichen brennbaren
-Stoffen ausgestattet, besonders Teer und Petroleum werden gern
-verwendet, und nun ruhen sie im Schuppen – den Abend erwartend.
-
-Doch damit man nicht selbst den teuflischen Geistern verfällt, wird man
-von einer liebevollen Hand »bekreuzelt« oder, in schlichtes Deutsch
-übersetzt, einem der Rücken mit Kreide vollgeschmiert. Da kann man
-oft recht erboste und anderseits wirklich »teuflisch« sich freuende
-Menschenkinder beobachten. Aber merkwürdig: Es scheint, als ob nur der
-Choleriker eines solchen »Schutzes« vor dem Reich des Satans bedürfe!
-
-Es beginnt kaum zu dunkeln, da brennen schon die Feuer auf den Höhen.
-Wir steigen den Kamenzer Hutberg hinan. Vor uns und hinter uns ein
-unendlicher Schwarm. Denn der »Hexenabend« ist ein Ereignis. Das weiß
-auch der geschäftstüchtige Hutbergwirt – im alten Gasthaus hat er –
-zeitgemäß – eine »Ef-Zet-Likörstube« eingerichtet. Nun, wir nehmen sie
-nicht in Anspruch, sondern wenden uns lieber der »Mark« zu, wo auf
-der Höhe ein gewaltiges Feuer brennt. Und daherum die »Hexen«, das
-heißt eigentlich sollten es ja gerade deren Vertreiber sein, aber im
-Volke, wo sich die »historischen« Zusammenhänge etwas verwischt haben,
-sind es eben die »Hexen«. Sie schwingen ihre Besen im Kreise. Einem
-feurigen Rade gleicht es von fernen. »Auch die brave Polizei ist wie
-gewöhnlich schnell dabei«, – um den unvergleichlichen Busch in etwas
-abgeänderter Form zu zitieren – ihr Zweck wird ersichtlich aus dem
-immer wiederkehrenden Mahnwort: »Daßerr mirr ni de Felderr zerrtrretet«.
-
-Wir blicken in die Ferne. Soweit das Auge nach Osten und Südosten
-schaut – Feuer und Feuerräder. Die wendische Gegend. Über fünfzig kann
-man zählen, die vorderen noch groß und mächtig, dazwischen öfters der
-Schatten vorbeihuschender Gestalten – es sieht ganz unheimlich aus.
-Nach dem Horizont zu wird es immer kleiner und die fernsten Feuer –
-in der Wittichenauer, Königswarthaer und Bautzner Gegend grüßen nur
-als kleine Punkte. Anders ist das Bild gegen Westen. Hier hemmen
-allerdings die letzten Ausläufer der Kamenzer Berge einen weiten Blick,
-aber soviel ist doch ersichtlich: außer in den nächsten Orten, wie
-Lückersdorf und Gelenau, gibt es nur vereinzelte Brände. Das Gelände
-liegt im Schatten der Nacht. Die Deutschen Kolonistendörfer. So zeigt
-sich auch hier der Unterschied zwischen zwei Volksstämmen, aber wie
-überall mit der »Übergangszone«.
-
- * * * * *
-
-Unsre hiesigen »Pfadfinder«, unter ihrem tätigen Feldmeister Mai,
-feierten ihren »Hexenabend« besonders schön. Sie waren schon am
-Nachmittag ausgerückt – zum Galgenberg, in einen alten Steinbruch,
-der sich schluchtartig nach hinten zog. Hier begann bald ein rühriges
-Treiben. Nachdem jede Gruppe um ihren Wimpel ihre mitgebrachten Sachen
-(was mochten die wohl alles enthalten?) verstaut hatte und die große
-Fahne auf der Höhe eingerammt war, um Gönnern und Freunden den Weg zu
-zeigen, gings an die Arbeit. Da mußte zunächst Holz herbeigeschafft
-werden – also zog ein Holzholerkommando mit einem Wagen los in den
-nahen Busch. Die andern aber scharten sich um Satanas, den Oberteufel,
-und probten für die »Wolfsschluchtszene« des »Freischütz«. Und als sie
-dann im Abenddunkel beim Schein des Holzfeuers gespielt wurde – »frei«
-nach Carl Maria von Weber oder besser Friedrich Kind, mit Hexen und
-Teufeln, mit Irrlichtern und Schrecken, da wirkte sie in ihrer Umgebung
-recht hübsch. Dann kam ein fröhlicherer Teil: Man sprang über das Feuer
-unter allerlei Heil- und Weherufen, die Besen wurden entzündet und der
-Schwarm der Hexen und »Hexriche« machte einen feierlichen Umzug um
-den Steinbruch. Einem vorbeifahrenden Zuge, aus dem die Klänge einer
-Gitarre ertönten, wurde eine besondere Ehrung durch das Schwenken der
-Besen zu teil – der Anblick für die Zuschauer war prächtig. Volkslieder
-am verglimmenden Feuer und ein fröhlicher Heimmarsch bildete den
-Abschluß für diesen Tag, während der folgende, der 1. Mai, der ja
-bekanntlich dieses Jahr schulfrei war, unsere Pfadfinder – ~carpe
-diem~ – draußen am Deutschbaselitzer Teiche in einem Waldlager bei
-selbstgekochtem Essen wiedersah.
-
-
-
-
-Wolftitz
-
-Von ~Dr.~ Ing. _Hubert Ermisch_, Leipzig
-
-Bilder von _J. Mühler_, Leipzig
-
-
-Dort, wo sich im Süden der weiten Leipziger Ebene die ersten Höhenzüge
-zeigen, liegt freundlich eingebettet die alte Töpferstadt Frohburg.
-
-An einem prächtigen Vorfrühlingstage wanderte ich durch die stillen
-Straßen des Städtchens. Wer ahnt, daß hier der Sitz einer Kunsttöpferei
-ist, die – besonders durch die Ausstellungen auf der Leipziger Messe –
-einen Weltruf hat?
-
-Auf der Höhe hinter der Stadt, wo die alte Chemnitzer Straße die
-stattlichen Rittergutsbauten und das Schloß hinter sich läßt, bietet
-sich dem Auge ein überraschend schönes Landschaftsbild. Der Horizont
-wird gerahmt von den weitgedehnten Waldungen, hinter denen das
-berühmte Schloß Gnandstein liegt. Links ragen über die Hügel die zwei
-nadelspitzen Türme der Kirche von Greifenhain. Vor uns an den Wald
-geschmiegt, zum Teil von drei Seiten vom Wald umgeben, liegen die
-beiden fast zu einem verschmolzenen Dörfer Streitwald und Wolftitz,
-zwei als Sommerfrischen und Ausflugsorte allen Leipzigern wohlbekannte
-Stätten. Weiter nach rechts an der alten Chemnitzer Straße, umgeben von
-prächtigem alten Baumbestand, liegt das Rittergut Wolftitz. Der erste
-Anblick erweckt den Eindruck eines alten umwehrten Ritterschlosses. Ein
-spitzgedeckter Turm ragt zwischen den hohen Giebeln und breitgelagerten
-Dächern hervor. Die ganze Gruppe der Gebäude und Bäume bildet ein
-so einheitliches Ganzes, daß es in kunstliebenden Augen nur helle
-Freude wecken kann. Und noch eine weiter rechts vor dem Walde auf
-einem vorgelagerten Hügel sichtbare schöne, alte Baumgruppe zieht
-das Auge unwillkürlich an. Man denkt an alte heidnische Opferstätten
-oder an die Hünengräber der Lüneburger Heide. Diese Vermutung barg
-etwas Wahres in sich: Es ist die Totengruft, die Begräbnisstätte der
-Herren von Einsiedel, die seit 1455 Besitzer von Schloß und Rittergut
-Wolftitz sind. Ein selten schöner, weihevoller Platz, würdig des alten
-Herrengeschlechtes.
-
-Ich wandere von der Höhe hinter dem Frohburger Schloß talwärts auf
-Wolftitz, meinem Ziele zu.
-
-Kunstgeschichtliche Streifzüge soll man nicht unvorbereitet
-unternehmen. Das hat bei Schloß Wolftitz einige Schwierigkeiten. Die
-»Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler«, die
-sich zur Zeit der Bearbeitung dieses Gebietes im Wesentlichen mit
-kirchlichen Bauten beschäftigt, sagt über das Schloß nur wenig. Die
-geschichtlichen Nachrichten stammen aus dem bekannten Schumannschen
-Ortslexikon von Sachsen. Aus diesen beiden Quellen kann man entnehmen,
-daß der Bau des heutigen Schlosses Wolftitz aus dem fünfzehnten
-Jahrhundert stammt und 1625 bis 1626 restauriert wurde. Beides wird
-bestätigt durch die Architekturreste, die sich am Bau befinden. Die
-schlichten Fasenfenster, die spitzen Giebel sind noch gotischen
-Ursprunges, die Balkendecken und die meisten anderen künstlerischen
-Schmuckteile stammen aus dem zweiten Viertel des siebzehnten
-Jahrhunderts. Der Bau scheint im dreißigjährigen Kriege, der in dieser
-Gegend erst in den dreißiger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts
-wütete, wenig gelitten zu haben.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Schloß Wolftitz=, Blick vom Pächterhof aus]
-
-Die Landstraße führt zwischen dem Schloß und der ehemaligen Schmiede
-hindurch. Neben der Schmiede sieht man ein schönes barockes Tor und
-seitlich zwei gleichfalls barocke Figuren. Das Tor führt nach dem
-sogenannten Lustgarten, der jetzt der Obstgarten des Schlosses ist.
-Der Name in Verbindung mit den Architekturresten weist auf die Zeit,
-da man an die Herrensitze kleine nach französischer Art zugestutzte
-Architekturgärten anfügte. Was der prachtliebende August der Starke
-in und um Dresden in großem Stile ausführte, das fand in etwas
-bescheidenerem Umfang wohl auch hier Aufnahme.
-
-Gegenüber diesem Portal zum Lustgarten lag der jetzt leider
-verstümmelte Eingang zum Schloßhof. Wie er gestaltet war, das läßt sich
-nur mutmaßen aus dem im Torpfeiler vermauerten Schlußstein mit der
-immer wiederkehrenden Jahreszahl 1625. Der Blick in den Hof ist überaus
-erfreulich. Breitästig steht ein schöner alter Nußbaum in seiner
-Mitte. Links, das Wirtschaftsgebäude mit seinen großen Toren barg wohl
-dereinst Rosse und Wagen, darüber zieht sich eine reizvoll ausgebildete
-Holzgalerie. Der Hof wird beherrscht von dem Treppenturm, der sich an
-den einen Flügel des Schlosses – wohl ursprünglich dem eigentlichen
-Wohnflügel – anlehnt. Nach der äußeren und inneren Gestaltung des
-Treppenturmes möchte ich auch ihn dem Umbau der Jahre 1625 bis 1626
-zuschreiben. Wo dereinst die alte Uhr die Stunden kündete, hat nun ein
-Wasserbehälter zu Nutz und Frommen der Schloßbewohner seinen Platz
-gefunden.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Wolftitz=, Schloßhof]
-
-Leider stört in der schönen Harmonie des Schloßhofes das neben dem
-Hofeingang gelegene Försterhaus, dessen Architektur sich so gar
-nicht den anderen Bauten – besonders durch das recht flache Dach –
-anschmiegt. Wie leicht hätte man mit nahezu gleichen Mitteln diesen
-Mißton vermeiden können.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Schloß Wolftitz=, Tor zum Lustgarten]
-
-Das Schloß, das sich mir gastlich öffnete, betrat ich zunächst in dem
-dem Hoftor gegenüberliegenden Flügel, den ein Spätrenaissancedachaufbau
-über dem Portal ziert. Vermutlich war dies der Saalbau. Die neuerdings
-erfreulicher Weise freigelegten alten gekehlten Balkendecken gehen
-durch die ganze Geschoßtiefe hindurch, das Erdgeschoß ist überwölbt.
-Eine für die Zeit der Erbauung immerhin breite gradläufige Treppe führt
-zu diesem großräumigen Obergeschoß hinauf. Heute ist das ganze Geschoß
-durch eine Anzahl eingefügter Trennwände und durch eine liebevolle
-Behandlung der Wände, Decken und vor allem der Fensternischen zu
-einer sehr behaglichen und sonnigen Wohnung umgewandelt worden. Die
-freigelegten Balkendecken fügen sich trefflich ein. Jede Zeit hat dem
-Schlosse ihre Spuren hinterlassen und ich glaube, daß dieser Ausbau der
-ehemaligen Festsäle des Schlosses ein Musterbeispiel genannt werden
-kann für unsere Zeit. Wir sind arm geworden in der großen Welt. Unsere
-Heimat, unser deutsches Heim wird aber die Quelle werden für einen
-neuen Reichtum.
-
-Im Gegensatz zu diesem ausgebauten Saalbau trägt der an den Turm sich
-anschließende Flügel noch ganz den Charakter des alten Herrenschlosses.
-Über dem architektonisch ausgeschmückten Rundbogentor sind die
-Wappen derer von Einsiedel und von Haugwitz angebracht. Eine weite
-überwölbte Halle empfängt uns. Die Schlußsteine dieser Gewölbe zeigen
-übereinstimmend das Wappen der Einsiedel. Von der Halle aus ist die
-sogenannte Kapelle zugänglich, ein rechteckiges geräumiges Zimmer mit
-einer schönen gegliederten Holzdecke, die die Inventarisation auf die
-Jahre um 1530 datiert. Hier haben nach alten Verträgen die Pfarrer
-von Frohburg aller vierzehn Tagen zu predigen. Schumann erzählt, daß
-das Rittergut nach Eschefeld eingepfarrt sei, während eigentümlicher
-Weise das Dorf zu Greifenhain gehöre. Die Kapelle enthält ein schönes
-Taufbecken, Nürnberger Arbeit aus der ersten Hälfte des sechzehnten
-Jahrhunderts, auf dem der Sündenfall dargestellt ist. Außerdem sind
-eine Anzahl Bilder beachtlich, unter denen zwei echte Chranachsche
-Gemälde: Georg den Bärtigen und eine Judith darstellend, sowie die
-beiden von Luther und Melanchthon aus der Chranachschen Schule wohl
-die bedeutendsten sind. Die Farbstimmung des ganzen Raumes ist
-überaus wohltuend. Möchte doch die beabsichtigte Neubemalung – wenn
-sie wirklich nicht zu umgehen ist – nur einem Künstler ersten Ranges
-übertragen werden. Denn bei der nahezu gänzlichen Architekturlosigkeit
-des Raumes bedeutet die Farbstimmung alles.
-
-Die eigentlichen Wohnräume des Schlosses liegen im Obergeschoß. Sie
-gruppieren sich um den schönen bildergeschmückten Vorsaal. Auch
-hier oben scheinen noch unter den Putzflächen der Decken, an denen
-vereinzelt Stuckverzierungen zu sehen sind, die alten Balken der
-Renaissance der Wiedererweckung zu harren. Schöne eingebaute Schränke,
-der Schmuck der noch alten Renaissancetüren und vor allem auch eine
-Anzahl Öfen aus der Zeit um 1800 lenken den Blick auf sich.
-
-Sehenswert sind auch die Holzkonstruktionen der riesenhaften Dächer. Da
-ist noch nichts zu spüren von Holzmangel. Die Holzstärken wirken wie
-ein Spott auf unsere »Normen«.
-
-An das Herrenhaus schließt sich der große Pachthof an. Besonders
-die Blicke von dort auf die hochgiebligen Flügel des Schlosses sind
-malerisch.
-
-Prächtig schön ist der Wald, der zu dem Rittergut gehört. Der
-verstorbene Förster August Schmidt und der jetzige Förster Böttrich,
-der nunmehr dreißig Jahre diesen Wald und seinen guten Wildbestand
-behütet, haben sich damit ein lebendiges Denkmal gesetzt. Möchte jeder,
-der dort Stunden der Erholung genießt, wie vor allem allsommerlich
-die vielen Sommerfrischler von Wolftitz und Streitwald mithelfen die
-Schönheit dieses Waldes zu behüten.
-
-Dort wo die Dorfstraße auf die Hauptstraße stößt, steht der von den
-Schloßherren gestiftete Kriegergedächtnisstein von Wolftitz. Schlicht
-und ernst, ein Zeichen der schweren Zeit, aber auch ein Zeichen dafür,
-daß man heute wie dereinst vor dreihundert Jahren Sinn für edle schöne
-Kunst in Wolftitz hat.
-
-
-
-
-Werbekunst in Dorf und Stadt
-
-
-Der Kampf der Heimatfreunde gegen die Auswüchse des Reklamewesens hat
-in der Regel seinen tiefsten Anlaß in der geringen künstlerischen
-Qualität der Reklamemittel, die allein der Zweck, zu wirken, heiligte.
-
-In der schönen Gottesnatur draußen zwar richtet sich die Kampfansage
-wohl an das Auftreten geschäftsmäßiger Anpreisungen überhaupt: denn
-in der Stille des Waldes, an grünen Hängen und zwischen blumigen
-Auen kränkt den Wanderfrohen schon der Versuch, ihn mehr oder
-minder gewaltsam in seiner reinen Freude an der ewigen Schöpfung
-durch Hinweise auf Erzeugnisse der Industrie oder auch besonders
-bemerkenswerte Ereignisse des Geschäftslebens stören zu wollen. In
-den Straßen der großen und kleinen Städte des Landes, im heimatlichen
-Dorfbilde aber ist es nicht das Vorhandensein der Reklame schlechthin,
-was das Auge auf Schritt und Tritt beleidigt, es ist viel mehr noch die
-mangelnde Fähigkeit, die Anforderungen der Werbekunst mit den Gesetzen
-der Baukunst, des Städtebaues, in Einklang zu bringen.
-
-Sieh, wie ungeschickt sitzt dort das grasgrüne lackierte Schild am
-ehrwürdig grauen Giebel des schönen alten Hauses, an dem eine schlichte
-deutliche Schrift in zurückhaltender Farbgebung dem Fremden dasselbe
-künden könnte, wie das häßliche Schild, nur in viel edlerer Sprache!
-Oder wie schrecklich plump hängt das himmelblaue Blechbanner mit
-den gußeisernen Quasten an der freundlichen Schauseite der behäbig
-gelagerten Herberge, der ein Wirtshauszeichen, nach alter guter
-deutscher Art an langer Eisenstange befestigt, der schönste Schmuck
-sein würde. Und dann die vielen schwarzglänzenden Glasfirmenschilder
-mit den steifen gelben Buchstaben! Überhaupt – fort mit dem Glas in
-der Außenreklame, wo es fast stets alsbald in einen unüberbrückbaren
-Widerspruch zu Holz und Stein des Straßenbildes tritt. Eins der
-schönsten Städtebilder in sächsischen Landen können wir seit einiger
-Zeit nicht mehr betrachten, ohne zugleich den Ärger über eine riesige,
-buntfleckige Glastafel hinunterschlucken zu müssen, auf der eine
-Unmenge verschiedener Firmen in allen Farben des Regenbogens einander
-überschreien, um ihre Erzeugnisse anzupreisen. Das wäre nicht nötig
-gewesen, denn erst kürzlich ist es der umsichtigen Verwaltung einer
-kleinen Stadt unser engeren Heimat gelungen, sich mit Erfolg der
-Entstellung des wohlerhaltenen Stadtbildes durch solcherlei Reklame zu
-widersetzen: Fürwahr ein schöner Beweis praktischen Heimatschutzes, der
-Nachahmung verdient.
-
-Alles in allem nochmals: Nicht die Tatsache, _daß_ Reklame gemacht
-wird, ist es, was uns grämt, sondern _wie_ sie gemacht wird, wie
-häßlich, wie wenig überlegt, wie kunstlos. Und doch ist gegenwärtig
-gerade die Werbekunst derjenige Zweig der angewandten Kunst, dem Not
-und ungeheuerliche Teuerung im Gegensatz zu anderen Gebieten noch am
-wenigsten schwere Fesseln anlegten. Wir sehen ja allenthalben auch
-recht erfreuliche Anzeichen dafür, daß sich hier eine zielbewußte
-Fortentwicklung fühlbar macht. »Daß wir die Reklame als Kunst ernst
-nehmen, ist ein Zeichen unserer Zeit.« Man sucht und findet neue Wege.
-Mit Wohlgefallen ruht das Auge da und dort auf einer schönen alten
-Schauseite, die in neuem, kräftig farbigem Gewand erstrahlt, mit einer
-klaren ruhigen Schrift das verkündend, was noch vor kurzem viele grelle
-Schilder und Tafeln durcheinanderbrüllten. Trefflich ausgeführte
-Plakate finden wir allerorten. In der eindrucksvollen Dresdner
-Werbeschau konnten wir viel finden von dem, was wir suchen und in
-weitester Verbreitung wünschten: wie, von den besten Künstlern geführt,
-eine neuartige Werbekunst neue Bahnen sucht und zu schönen Hoffnungen
-wohl berechtigt. Weite Gebiete stehen dieser Kunstart offen, große
-Entwicklungsmöglichkeiten liegen auf ihrem Wege: auch in der Gegenwart,
-denn die Reklame birgt, wenn sie gut ist, schon in sich die Deckung
-der für sie aufgewendeten Kosten. Umsomehr gilt es jetzt, diejenigen
-Kreise, die die praktische Ausübung des Reklamewesens betreiben, auf
-die hohe Bedeutung der ihnen anvertrauten Kulturaufgabe hinzuweisen.
-
-Die Werbekunst im heutigen Sinne ist eine durchaus neuzeitliche
-Kunstart, die Überlieferung fehlt ihr. Darum ist sie bisher so
-fremd gewesen im Stadtbild, darum wird es ihr noch immer so schwer,
-sich mit ihrer Sprache hineinzuleben und hineinzufühlen in die
-Formensprache der Baukunst. Das wird ihr um so rascher gelingen,
-je gründlicher und sicherer der junge Nachwuchs der Ausübenden die
-Grundbegriffe von Formen- und Farbenschönheit, Schriftwirkung, Stil
-und Materialgerechtheit beherrscht. Daran muß vor allem an Lehr- und
-Studienanstalten des Kunstgewerbes gearbeitet werden, wenn Handwerk
-und Industrie das Reklamewesen zu künstlerischer Höhe führen wollen.
-Trefflich hat kürzlich in Dresden der Reichskunstwart ~Dr.~ Redslob
-den Weg zur Erreichung dieses Zieles vorgezeichnet: »Unser Streben
-muß dahin gehen, die Kunst aus ihrer vereinzelten Stellung als Fach
-zu befreien, und wieder alles mit Kunst zu erfüllen, wie es einst
-selbstverständlich war. Der Wunsch nach Formengebung muß wieder etwas
-ganz Notwendiges sein. Höchst wichtig ist dabei, die enge Verbindung
-zwischen Kaufmann und Künstler zu schaffen, ohne die unser ganzes
-Wirtschaftsleben leiden muß.«
-
-Aber auch du, der du deine Heimatstadt, dein Heimatdorf lieb hast,
-sollst an dem Ziel, die Reklame zu veredeln, mitarbeiten, kannst
-mitarbeiten. Denn dein Auge ist mehr, als du denkst, geübt, wohl
-zu entscheiden, was dem vertrauten Straßenbild, dem schönen alten
-Marktplatz mit dem Brunnen, den schlichten Bürgerhäusern oder dem guten
-Gasthof schadet mit zu Vielem und zu Häßlichem an Reklame, was ihnen
-frommt an schönem guten Beiwerk dieser Art. Betrachte aufmerksam,
-was da und dort an Trefflichem neu entstand und versuche, das auch
-in deinem Heimatort heimisch werden zu lassen. Ein gutes Wort, ein
-wohlmeinender Rat tun schon viel. Und sei gewiß: allmählich wird es
-gelingen, jene schlichtbescheidene Straßen-Werbekunst zurückzugewinnen,
-die vordem das Straßenbild schmückte, die nur vorübergehend von
-einer traditionslosen, überlauten Unkunst verdrängt worden war. Dann
-aber könnte etwas Unerwartetes geschehen: Reklame und Heimatschutz,
-bisher zwei leider so oft feindliche Brüder, würden sich verbünden zu
-gemeinsamem Werke, das dem schönen alten Heimatbilde wieder zu einer
-würdigen, bescheidenen und dabei doch wirkungsvollen Belebung durch
-gute Reklame verhilft.
-
- Nicolaus
-
-
-
-
-Die Osterblume am Wachtelberg bei Wurzen
-
-Von Professor ~Dr.~ _Arno Naumann_
-
-Mit Aufnahmen von ~Dr. med.~ _Hoffmann_, Wurzen
-
-
-Nach einem im Leipziger Zentral-Theater am Karfreitag gehaltenen
-Vortrag beschloß ich, in Wurzen zu übernachten, um am Ostersonnabend
-früh ein Naturdenkmal aufzusuchen, das mir als Mensch wie als Botaniker
-gleich beachtenswert erschien: »die Osterblume am Wachtelberg«.
-
-Als _Mensch_ reizte mich die _Schönheit dieser heimischen Pflanze_,
-die mich vordem ein einziges Mal als vereinzelter Herbstblüher am
-Staffelstein in Franken entzückt hatte, als _Botaniker_ trieb es mich,
-diesen interessanten _sächsischen Standort einer pflanzengeographisch
-bedeutsamen Pflanze_ zu besuchen.
-
-Früh schon begab ich mich zu meinem pflanzenkundigen Vereinsbruder,
-Herrn Konrektor Oberstudienrat ~Dr.~ Hoffmann, Wurzen, und wanderte mit
-ihm bei herrlichstem Frühjahrssonnenschein zu dem eine halbe Stunde
-südlich von Wurzen gelegenen, Bismarckturm-gekrönten Porphyrhügel des
-Wachtelberges. Seine vereinzelten Birken zeigten schon den lichtgrünen
-Schleier sprossenden Laubes, und östlich des Gipfels breitete ein
-Kiefernwald seine dunklen Kronen (Abb. 1). Der Wachtelberg bietet einen
-erfreuenden Blick auf den Muldenlauf, dessen tote Arme der Landschaft
-einen besonderen Charakter verleihen. Unsere Blicke schweifen über den
-Wald des Rehberges, umfassen den Planitzwald und ruhen schließlich auf
-den fernen Auenwäldern, die sich längs eines diluvialen Flußbettes bis
-gegen Leipzig ziehen. Aus ihnen hebt sich die Ruine von Machern.
-
-Wir waren zur rechten Zeit gekommen, denn überall am Südhang und an
-den trockenen Böschungen des Kiefernwaldes erblühte im herrlichsten
-Blauviolett dieses lenzholde Florenwunder, dem Linné den Namen ~Anemone
-Pulsatilla~ verlieh. Besser erscheint mir hierfür der selbständige
-Gattungsbegriff ~Pulsatilla~ mit ~vulgaris~ als Artnamen. Als deutsche
-Bezeichnung für diese Pflanze findet man in den Floren vielfach den
-Namen »Küchenschelle«, einen Namen, der in den meisten Pflanzenbüchern
-gedankenlos nachgedruckt worden ist. Er müßte, da er sich von der
-Ähnlichkeit der Blüte mit einer Kuhglocke abzuleiten scheint, besser
-in »Kühchenschelle« abgeändert werden. Deshalb ist der von Hallier in
-seiner Flora von Deutschland gewählte Name _Kuhschelle_ annehmenswert.
-Wir aber wollen in unserer Arbeit den um Wurzen gebräuchlichen, so
-treffenden Namen »Osterblume« beibehalten und uns dieser volkstümlichen
-Bezeichnung freuen. Die fünf deutsche Arten zählende Gattung
-~Pulsatilla~ ist besonders blütenschön und wird daher in mehreren Arten
-auch als lenzverkündender Gartenschmuck gepflegt, selten freilich mit
-glücklichem Erfolg.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Der Wachtelberg mit der Osterblume=]
-
-Zwei _weißblühende Arten_ besitzen wir in der hochgebirgischen
-_~Pulsatilla alpina~_, die auch im Harz und den Sudeten wächst und in
-der oft _rosa überhauchten_ heidegewohnten _~Pulsatilla vernalis~_,
-die besonders häufig in Westpreußen trockene Hügel im ersten Frühling
-schmückt, aber auch im sächsischen Heidegebiet vorkommt (Lausa,
-Pulsnitz, Großenhain).
-
-In der _hellvioletten Blütenfarbe_ gleicht unserer süd- und
-westeuropäischen Osterblume die osteuropäische Schwester _~Pulsatilla
-patens~_, deren Grundblätter aber nicht eine doppelte Fiederung,
-sondern eine reizende Fingerung zeigen. Mit Entzücken denke ich
-noch der herrlichen Ostertage, an denen ich mit meinem lieben Vater
-in Nordböhmen am Kahleberg bei Kundratitz diese herrliche Pflanze
-zu Tausenden erblühen sah, die dunklen Basaltrücken in leuchtendes
-Blau hüllend. Einen ganz anderen Eindruck macht die _nickende_
-~Pulsatilla pratensis~, deren glockig zusammengeneigte Perigonblätter
-braunrot bis dunkelviolett schimmern. Im nordböhmischen Elbtal ist
-dieselbe, ebenfalls zur Osterzeit, auf allen trockenen Höhen und
-rasigen Wegrändern zu finden und führt dort den ansprechenden Namen:
-»Osterglocke«. In Deutschland besitzt sie besonders nördliche und
-östliche Verbreitung. In Sachsen besiedelt sie sonnige Stellen des
-Elbtalgebietes, fand in unseren Heimatschutzheften bereits in meinem
-Aufsatz über das Ketzerbachtal Erwähnung und ist dort auch nach
-Aufnahmen »unseres Ostermaier« bildlich dargestellt[1].
-
-Die Osterblume findet sich am Wachtelberg auf trockner Grastrift mit
-vorherrschendem Feinrasen des Schafschwingels (~Festuca ovina~).
-Das nackte Gestein von Pyroxen-Quarzporphyr wird oft überzogen
-von den fingerblättrigen Polstern des Frühlingsfingerkrautes
-(~Potentilla verna~), welches zur Zeit unseres Besuches seine
-niedlichen goldgelben Blüten erschloß. Duftende Polster des Quendels
-(~Thymus Serpyllum~) schoben sich dazwischen, und der Besenginster
-hatte an seinen immergrünen Ruten bereits Blütenknospen angesetzt,
-während dunkle Heidekrautbüsche noch in winterlicher Zerzaustheit
-wie leblos dazwischenstarrten. Von anderen Pflanzen konnte ich
-teils aus winterlichen Resten, teils frisch sprießend erkennen:
-Pechnelke, Hornkraut (~Cerastium arvense~), Johanniskraut (~Hypericum
-perforatum~), Fetthenne (~Sedum maximum~), Mauerpfeffer (~Sedum acre~),
-Färbeginster (~Genista tinctoria~), Silberfingerkraut (~Potentilla
-argentea~), Feldbeifuß (~Artemisia campestris~), Habichtkraut
-(~Hieracium Pilosella~), Rispenflockenblume (~Centaurea paniculata~)
-und Golddistel (~Carlina vulgaris~); alles Pflanzen, welche sich mit
-dem Verwitterungsgrus von Silikatgesteinen begnügen.
-
-In einem Briefe an den Landesverein Heimatschutz vom Mai 1920 sagt mein
-Freund, Herr Universitätsoberbibliothekar ~Dr.~ R. Schmidt, Leipzig:
-»Von der sonstigen Flora des Wachtelberges erfreuten mich besonders ein
-paar in schönster Blüte stehender Holzbirnensträucher (~Pirus Achras~)
-mit den charakteristischen Zweigdornen und große Trupps der ~Teesdalea
-nudicaulis~. Pflanzen, die als Seltenheiten zu bezeichnen wären, habe
-ich außer Kuhschelle nicht bemerkt.«
-
-[Illustration: Abb. 2 =Die Osterblume=]
-
-Die Seltenheit dieser Blume bewog schon im Jahre 1910 den einsichtigen
-Stadtrat von Wurzen, sich an die Amtshauptmannschaft Grimma _mit der
-Klage zu wenden, »daß die Gefahr besteht, daß sie, wenn weiterhin
-das Abpflücken der Osterblume durch Spaziergänger erfolgt, völlig
-verschwinde«_. Die Amtshauptmannschaft riet dem Stadtrat, sich
-zunächst an den Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« zu wenden.
-Dieser beauftragte den leider so früh heimgegangenen Kustos des
-Sächsischen Herbariums, Herrn Professor ~Dr.~ B. Schorler, mit der
-Bearbeitung der Angelegenheit. Schorler erkundete, daß für die von
-der Osterblume besiedelten Triften als Besitzer der Gemeindevorstand
-Schmidt, Dehnitz, und der dortige Gutsbesitzer Robert Rasch in Frage
-kämen. Dabei betont Schorler in seinem Gutachten, »daß unsere Pflanze
-eine west- beziehungsweise südwesteuropäische Art ist, welche im
-Osten Deutschlands völlig fehlt.« In Mitteldeutschland sind die zwei
-sächsischen Standorte _Bienitz_ und _Wachtelberg_ die am weitesten
-nach Osten vorgeschobenen Posten und werden in fast allen Floren von
-Deutschland erwähnt. Die Osterblume wird am Wachtelberge sicherlich
-einen weit ausgedehnteren Standort besessen haben, ist aber durch
-Steinbruchsbetrieb und Feldwirtschaft schon recht eingeschränkt worden.
-Nimmt man nun hinzu, daß der Bismarckturm als Aussichtspunkt viele
-Besucher heranzieht, so ist die Gefahr des Verschwindens nahegerückt,
-zumal sie als erster Frühlingsblüher besonders lockt und in manchem
-Gartenbesitzer den Wunsch rege macht, dieselbe auszugraben und in
-seinen Garten zu verpflanzen, um sich im eigenen Heim alljährlich
-dieser Blütenschönheit zu freuen. Herrlich ist ja auch der in der
-Sonne weitgeöffnete, violette, sechszählige Blütenstern, aus dessen
-Mitte sich die zahlreichen goldgelben Staubgefäße wirkungsvoll abheben
-(Abb. 2). Die doppelt gefiederten Grundblätter der Pflanze erscheinen
-erst später, nur ein dicht unter der Blüte befindliches, gleich dem
-Stengel weißlich behaartes Hochblatt ist zur Blütezeit erkennbar.
-Das freiblättrige Perigon, die vielen Staubblätter und zahlreichen
-Pistille, welche beide auf dem Blütenboden stehen, erweisen die
-Zugehörigkeit der ~Pulsatilla~ zur _Familie der Hahnenfußgewächse_,
-die so manches Giftgewächs umfaßt, darunter auch unsere Osterblume,
-welche früher infolge eines kampferartigen Stoffes als Arzneipflanze
-geschätzt wurde.
-
-Nach dem Abblühen verlängert sich der Blütenstengel bis zu fast
-einem halben Meter Höhe und trägt die nunmehr herangereiften, mit
-Federschwanz versehenen Einzelfrüchte, ganz ähnlich wie die nahe
-verwandte Clematis. Der fedrige Fruchtschopf erinnert auch an den
-bekannten »Teufelsbart« ihrer Hochgebirgsschwester ~Pulsatilla alpina~.
-Es ist ein köstlicher Anblick, wenn die Sonne durch die hochstengeligen
-Federköpfe scheint und sie wie Silberfiligran aufleuchten läßt.
-Schmidt, welcher an einem Osterblumenstock des Wachtelberges
-dreiundvierzig Blüten in verschiedenen Entwicklungsstadien zählte,
-bemerkt hierzu:
-
- Nicht weniger angenehm wie der Anblick dieser Blütenpracht war
- mir die große Menge der Fruchtstände mit ihren heranwachsenden
- Federschweifen; ich schätze sie an die Tausend. Es steht somit
- fest, daß eine recht stattliche Zahl Blüten pflückenden Händen
- entronnen ist und Gelegenheit findet, ihre Samenanlagen zu
- reifen und sich zu verbreiten. Ich konnte beobachten, daß die
- ~Pulsatilla~ von ihrem ursprünglichen Gelände aus mit einigen
- Stöcken in die Sohle des ehemaligen Steinbruches vorgedrungen
- war. _Dagegen fand ich an den anderen Seiten des Berges,
- zwischen Bismarckturm und Windmühle, nur ein einziges Exemplar._
-
-Dies letzte beweist augenfällig, wie an den Orten regen Begängnisses
-dieser Pflanze von den Bergbesuchern nachgestellt wird. Es wäre
-aber _nicht nur eine ästhetische Einbuße_, wenn dieser herrliche
-Frühlingsbote vom Wachtelberg verschwände, sondern auch _ein
-unersetzlicher floristischer Verlust_, da uns dieses Vorkommen der
-Pflanze auf einen von Südwesteuropa zu uns herstrahlenden Wanderweg
-dieser Pflanzen hinweist, den sie mit so manchem andern Gewächs
-genommen. Es ist in Wahrheit eine Urkunde, welche eindringlich vom
-Entstehen unseres heimischen Florenbildes aus nach der Eiszeit zu uns
-hergewanderten Bürgern entlegener Pflanzengebiete zu uns spricht.
-Die mit Federanhang versehenen Früchte können, vom Winde entführt,
-sicherlich eine weite Luftreise unternehmen. Es ist daher sehr
-wahrscheinlich, daß der Wachtelberg dereinst seinen Osterblumenbestand
-von dem etwa zwanzig Kilometer westlich gelegenen Bienitz bei Leipzig
-empfangen hat. Der Bienitz selbst verdankt diesen Schmuck indirekt
-einem präglazialen Saalelauf, der diesen pflanzenberühmten Hügel
-mit herangeführtem Muschelkalk versorgt und die an den Saaleufern
-verbreitete Pflanze darauf angesiedelt hat.
-
-Nach alledem kann es jedermann nur dankbarst begrüßen, daß auf
-Anregung der Amtshauptmannschaft Grimma schon im Frühjahr 1912 auf dem
-Wachtelberggelände Verbotstafeln angebracht worden sind mit folgendem
-Wortlaut:
-
- Heimatschutz!
-
- »Das unbefugte Betreten dieses Grundstücks, sowie das
- Abpflücken, Abzupfen und Abschneiden von Feld- und Wiesenblumen
- ist bei Strafe bis zu 30 Mark oder entsprechender Haft
-
- _verboten_.
-
- §§ 19 und 14 des Forst- und Feldstrafgesetzes.
-
- _Grimma_, den 27. März 1911. Die Amtshauptmannschaft.«
-
- »Der Wachtelberg trägt inmitten der fruchtbaren Getreidefelder
- noch heute seine ursprüngliche Pflanzenwelt und zeigt uns,
- wie die Flora der sonnigen Hügel östlich von den Leipziger
- Auenwäldern zusammengesetzt war, bevor der Mensch mit seinen
- Kulturflächen sie zerstörte. Er ist also als Naturdenkmal
- anzusehen, das uns wie eine wertvolle Urkunde von alten Zeiten
- berichtet. Dieses auch für unsere Nachkommen zu erhalten,
- ist unsere Pflicht. Leider sind die seltenen Pflanzen des
- Berges durch Abrupfen und Ausgraben schon so vermindert, daß
- die Gefahr ihrer völligen Vernichtung vorhanden ist. Um dies
- zu verhindern, hat die Amtshauptmannschaft auf die Bitte des
- Sächsischen Heimatschutzes das obige Verbot erlassen.«
-
-Diese Art, Pflanzenschutz zu treiben, erscheint mir vorbildlich! Der
-Wortlaut eines _Verbotes_, das bei unerzogenen Menschen meist auf
-Widerstand stößt, muß eben in seiner polizeimäßigen Schärfe _gemildert_
-werden _durch eine belehrende und fesselnde Angabe der Verbotsursache_.
-Letzteres ist unbedingt angebracht, denn der Einsichtige wird sich
-dieser Betonung einer unabweisbaren heimatlichen Pflicht nicht
-verschließen. Ein in solcher Form begründetes Verbot wird selbst in
-unserer verbotsfeindlichen Zeit wirksam sein. Wo es _noch_ versagt,
-werden auch alle anderen Mittel, welche zum Schutze von Naturdenkmälern
-vorgeschlagen und erdacht sind, hinfällig, _denn ein gefühlsroher
-Mensch ist mit Nichts zu packen; er bleibt eben ein Schandfleck auf dem
-Kulturgewand seines Volkes_!
-
-
-Fußnoten:
-
- [1] Vergleiche auch ~Dr.~ Naumann: »Praktische Wege des
- Heimatschutzes«, Heft 12, Bd. I, S. 417.
-
-
-
-
-Ein altes Patrizierhaus
-
-Aufnahme von _Konrad Richter_, Auerbach i. V.
-
-
-Auch in Sachsen stößt der Wanderlustige gar nicht so selten auf
-wenig bekannte Bauten, die einer näheren Betrachtung wert sind. Alte
-Herrensitze und Baumgehöfte, Dorfkirchen, Rathäuser und Kleinhausbauten
-sind oft geschildert und dargestellt worden. Ein Patrizierhaus, wie das
-in der Abbildung gezeigte, findet man in Sachsen und vor allem auf dem
-Lande oder im Gebirge selten. Die reicheren Bürger, die in der Lage
-waren, sich vornehme Häuser zu bauen, suchten den Schutz der Stadt und
-das Zusammenleben in ihr; Patrizierhäuser auf dem Lande oder in kleinen
-Orten kannte man nicht.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Altes Patrizierhaus in Stützengrün= (Ansicht von
-Südwesten)]
-
-[Illustration: Abb. 2 =Altes Patrizierhaus in Stützengrün= (Ansicht von
-Südosten)]
-
-Um so überraschter ist man, in der kleinen Gemeinde Stützengrün i. V.
-ein so behäbiges, auf Wohlstand und Geschmack hinweisendes Haus zu
-finden. Der Bauherr hat zweifellos nicht irgendeine zufällige Planung
-durch einen Unternehmer zur Ausführung bringen lassen, er hat bewußt
-Form und Anlage seines Hauses geprüft und sich seinen Baumeister
-gesucht. Die sicherlich nicht in jeder Einzelheit fein durchgebildeten
-Formen des Hauses, die fast auf süddeutschen Einfluß hinweisen, lassen
-die Gesamtanlage doch außerordentlich wirkungsvoll erscheinen. Die
-horizontale Gliederung, die gleichmäßige Verteilung der Fenster und
-die Betonung ihrer Achsen durch gleich große Dachgeschoßfenster, die
-Durchführung der Achsenbeziehungen, die Hervorhebung des Einganges
-durch einen kleinen Giebelvorbau, die schmucken Fensterläden, die
-Putzgliederung und die starke Schattenwirkung des weit vorspringenden
-Gesimses sind die Bestandteile dieses ausgezeichneten Werkes. Dazu
-betont die Besonderheit des Hauses noch das in dieser Gegend sonst
-nicht heimische Mansardendach, das aber zu diesem breitgelagerten Hause
-mit seiner süddeutschen barocken Form gehört.
-
-Möge die Veröffentlichung die Freude am Finden heimischer Kunstwerke
-fördern.
-
- ~Dr.~ Conert.
-
-
-
-
-Gefährdete heimische Pflanzenwelt
-
-Von _Paul Apitzsch_, Ölsnitz i. Vogtl.
-
-
-Ein sonnengoldner Sommertag blauet über den weiten Wäldern des
-südwestlichen Vogtlandes. Ich wandre in der Herrgottsfrühe
-mutterseelenallein von _Bad Elster_ das Kesselbachtal aufwärts und
-erreiche bei der Theresienruh die sächsisch-tschechoslowakische
-Grenze. Zwischen Hochwald und mooriger Wiese zieht der mit granitnen
-Marksteinen besetzte Grenzweg dahin. Dort, wo vom Grenzpfad schmale
-Waldsteige nach den böhmischen Dörfern Krugsreuth und Thonbrunn
-abzweigen, liegen die Quellen des Kesselbaches. Lind fächeln im
-Frühwind auf geschwellten Moospolstern die weißen Fähnchen des
-Wollgrases (~Eriophorum vaginatum~). Dazwischen leuchten zwei
-Bergorchideen: die roten Blütenstände des gefleckten Knabenkrautes
-(~Orchis maculata~) und die gelblichweißen, stark duftenden Armleuchter
-der zweiblättrigen Platanthere (~Platanthera bifolia~). Zwischen
-Schachtelhalm und Farnkraut stehen vereinzelt, aus smaragdgrünen
-Blattrosetten emporragend, die veilchenblauen Blüten des Fettkrautes
-(~Pinguicula vulgaris~) und zu kleinen Genossenschaften vereinigt die
-mit roten Drüsenhärchen versehenen Blattsterne des rundblättrigen
-Sonntaues (~Drosera rotundifolia~), zwei immer seltner werdende
-insektenfressende Sumpfgewächse. An dem Höhenwege von der Theresienruh
-nach der Agnesruh und der Alberthöhe wächst im Preiselbeergestrüpp eine
-weitere botanische Seltenheit, die, außer im Vogtlande, nirgends in
-Sachsen vorkommt: die Buchsbaum-Ramsel (~Polygala Chamaebuxus~). Ihre
-starren, dunklen Blätter unterscheiden sich kaum vom Preiselbeerlaub,
-während die gelblichen Blüten denen des Waldwachtelweizens ähneln.
-
-Wenn im Spätsommer die Waldblößen im purpurnen Glanze der Weidenröschen
-(~Epilobium angustifolium~) glühen, dann erscheinen überall an sonnigen
-Hängen die giftigen Blüten des blaßgelben Fingerhutes (~Digitalis
-ambigua~). Während dieser noch allerwärts im Vogtland und in andern
-Gebirgswäldern häufig vorkommt, ist sein gleichfalls giftiger Bruder,
-der rotblühende ~Digitalis purpurea~, bereits dem Aussterben nahe.
-Vor zwanzig Jahren waren die purpurnen Fingerhüte im Steinicht
-zwischen Plauen und Elsterberg, im Triebtal und Kemnitzbachtale
-keine Seltenheit. Heute sucht man sie dort vergebens. Sie sind
-verdorben, gestorben. Ebenso gefährdet ist das Dasein der wenigen noch
-wildwachsenden Türkenbuntlilien (~Lilium Martagon~) im Burgsteingebiet
-und am Kandelhof bei Gutenfürst. Großstädtische Sommerfrischler und
-botanisierende Schüler werden dafür Sorge tragen, daß dieser Schmuck
-des Bergwaldes demnächst verschwindet. Im Frühherbst erscheinen dann
-die Heerscharen der Heidekräuter oder ~Ericaceen~. Die gewöhnliche
-Besenheide (~Erica vulgaris L.~ oder ~Calluna vulgaris Salisb.~) ist ja
-durchaus nicht gefährdet, wenn auch während der Kriegszeit hektargroße
-Flächen in Ackerland umgewandelt und ebenso große Gebiete des oberen
-Vogtlandes entheidet wurden und ihr Pflanzenwuchs als Stallstreu
-Verwendung fand. Aber sehr selten geworden ist die großblütige Sumpf-
-oder Moorheide (~Erica Tetralix~), die meines Wissens nur noch an einer
-einzigen Stelle des Vogtlandes vorkommt. Aus leicht begreiflichen
-Gründen werde ich diesen einzigen und letzten Standort nicht verraten.
-Ich würde sonst vielleicht das Gegenteil von dem erreichen, was ich
-beabsichtige.
-
-Eine spezifisch vogtländische ~Ericacee~, die in Otto Wünsches
-»Exkursionsflora für Sachsen« als »sehr selten« bezeichnet wird, ist
-die fleischfarbene _~Erica carnea~_ oder _Schneeheide_. Im Gegensatz
-zu ihren Schwestern, die sämtlich an der Schwelle zwischen Spätsommer
-und Frühherbst in Blüte stehen, ist die Schneeheide ein Kind des
-Vorfrühlings, und ihre roten Polster sind ein hervorragender Schmuck
-der sächsisch-böhmischen Bergwälder bei Brambach, Schönberg, Wildstein.
-Ihr Vorkommen beschränkt sich im allgemeinen auf die südvogtländische
-Granitinsel rund um den Kapellenberg, wenn auch hier und da in den
-Kontaktgebieten, so im Muskowitschiefer bei Hennebach und Dürrngrün
-in Böhmen, Schneeheide vorkommt. Als im Jahre 1885 der Eisenbahndamm
-zwischen Ölsnitz und Adorf mit Brambacher Granitschutt beschottert
-wurde, gedieh auch dort Schneeheide; sie kränkelte aber bald und
-ging schließlich ein. Im Jahre 1906 versuchte ich, an der Südseite
-des Hasenpöhles bei Ölsnitz Schneeheide zu akklimatisieren. Kräftige
-Pflanzen aus den der Fürstenschule St. Afra in Meißen gehörigen
-Brambacher Rittergutswaldungen wurden eingesetzt. Jedem Steckling
-war ein großer Ballen heimatlicher Erde und reichlich Granitsand in
-die Fremde mitgegeben worden, um die Lebensbedingungen möglichst
-günstig zu gestalten. Vier Jahre später habe ich Schneeheidesamen
-aus Mieders und Fulpmes im unteren Stubaital in Tirol ebenfalls am
-Ölsnitzer Hasenpöhl unter Zuhilfenahme von vogtländischem Granitsand
-ausgesät. Und der Erfolg beider Versuche? Die gepflanzte ~Erica
-carnea~ gedieh zunächst ganz prächtig, ging aber dann stockweise
-ein, und die letzten spärlichen Exemplare starben 1919 am Heimweh.
-Der ausgesäte Same mag von vornherein die Aussichtslosigkeit der
-Entstehung fortpflanzungsfähiger Schneeheideexemplare geahnt haben und
-– ging gar nicht erst auf. Granitner Grund scheint eine Mitbedingung
-des Fortkommens der Schneeheide zu sein. Wesentlicher jedoch als
-die Kausalität zwischen Granit und Schneeheide scheint mir die
-hochinteressante Beziehung zwischen dem Vorkommen der Schneeheide und
-dem Vorhandensein radioaktiver Wässer zu sein. Es fällt unwillkürlich
-auf, daß die Schneeheide ausgerechnet im Bereich der sächsischen
-und böhmischen Bäder: Bad Elster, Brambach, Franzensbad, Karlsbad,
-Königswart und Marienbad vorkommt. Alle diese Bäder besitzen, wie schon
-Felix Heller in Band X, Heft 4–6, Jahrgang 1921 der »Mitteilungen des
-Landesvereins Sächsischer Heimatschutz« ausführt, Quellen mit mehr
-oder weniger starkem Radiumgehalt. Brambach, mit der weitaus größten
-Zahl Macheeinheiten (2200), hat auch die stärkste Bodenbedeckung
-mit Schneeheide. »Es liegt da nahe, die Radioaktivität des Wassers
-als Ursache des Gedeihens der Pflanze anzusehen oder eine durch
-Radium-Emanation bedingte höhere Bodenwärme.« Wissenschaftlich
-ausgeführte pflanzenbiologische Untersuchungen könnten hier Klarheit
-schaffen.
-
-Die Schneeheide ist stark gefährdet, da sie in den blütenarmen Monaten
-März und April Verkaufsobjekt, Handelsware, Erwerbsgegenstand geworden
-ist. Trotz strenger Verbote der Amtshauptmannschaft Ölsnitz und der
-Bezirkshauptmannschaft Eger setzt bei beginnender Schneeschmelze
-alljährlich ein förmlicher Vernichtungskampf ein; und so ist das
-Fortbestehen der obervogtländischen Schneeheide genau so gefährdet wie
-das in den Alpenländern von einer rücksichtslosen Fremdenindustrie
-bedrohte Edelweiß.
-
-Zu den aussterbenden Gewächsen der heimischen Wälder gehört noch ein
-anderes Vorfrühlingskind: der Kellerhals oder Seidelbast (~Daphne
-Mezereum~). In Wildrosenhecken und im Schlehdorngesträuch leuchten
-an kahlen, holzigen Stengeln scharlachrote Blüten und hellgrüne
-Blattspitzen. Ein starker Geruch, wie von bitteren Mandeln, entströmt
-den Giftblüten. Auch das prächtige Pfaffenhütchen (~Evonymus europaea~)
-unsrer Wälder wird seltener. Je charakteristischer und auffallender
-eine Pflanzenerscheinung ist, desto mehr fällt sie der Beachtung und –
-Vernichtung anheim.
-
-Unsre Heimat hat in ihrem großen Lebeweseninventarium nicht nur
-aussterbende Tiere zu verzeichnen, sondern auch untergehende Pflanzen.
-Insoweit dieses völlige Verschwinden mit unbedingt notwendigen
-Kulturfortschritten ursächlich in Zusammenhang steht – ich denke
-an das Zurückgehen der Sumpf- und Moorflora infolge Urbarmachung
-bisher brachliegender Hochmoore –, ist dies wohl bedauerlich,
-kann aber im Interesse gesunder kultureller Weiterentwicklung des
-Menschengeschlechts nie und nimmer aufgehalten werden. Die Menschheit
-kann nicht hungern, um etwa eine seltene Torfmoosart der Nachwelt
-zu erhalten. Aber die gefährlichsten Feinde der seltnen Flora sind
-nicht die Pioniere der Kultur, sondern sogenannte »Naturfreunde«. Ihr
-deutschen Jungen, gefährdet nicht die letzten Reste einer sterbenden
-Pflanzenwelt, indem ihr die wehrlosen Leiber derselben zusammenpreßt
-und euerm furchtbaren Herbarium einverleibt! Diese Totenkammern,
-diese Leichenhäuser, diese Mumiensammlungen tragen die Schuld, wenn
-die eigenartigsten und charaktervollsten Vertreter unsrer heimischen
-Pflanzenwelt dem Tode geweiht sind. Andachtsvoll stehe ich vor der
-einzigen und letzten ~Erica Tetralix~ meiner Heimat. Ich rühre sie
-nicht an. So gehe hin und tue desgleichen!
-
-
-
-
-Zur Geschichte des Bibers in Sachsen
-
-Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
-
-
-Zu den Mitteilungen über das Vorkommen des Bibers in Sachsen von ~Dr.~
-Koepert in Band X, Heft 1–3, Seite 56–58 der Heimatschutz-Mitteilungen
-seien mir einige ergänzende Angaben gestattet.
-
-Der Biber, dessen einst viel weiter ausgedehntes Verbreitungsgebiet
-in Deutschland heute zu dem letzten, räumlich kleinen Vorkommen
-im Gebiet der Mulde und der Elbe zwischen den Städten Dessau und
-Magdeburg zusammengeschrumpft ist, hat sich in unserem Vaterlande
-Sachsen ziemlich lange gehalten; sein letztes Vorkommen an der
-Mulde bei Wurzen ist erst in den vierziger Jahren des verflossenen
-Jahrhunderts erloschen. Allerdings hat er es bei uns nie zu einer
-besonders großen Verbreitung gebracht; die ganze Natur des Landes, das
-nur in seinen nördlichen Teilen dem Tiere zusagende Aufenthaltsorte
-bieten konnte, ist einer weiteren Ausdehnung seines Vorkommens von
-vornherein hinderlich gewesen. Bereits in vorgeschichtlicher Zeit
-stoßen wir auf seine ersten Spuren im heutigen Sachsenlande: Funde
-eines Unterkieferastes einmal in einer neolithischen Erdgrube bei
-Zauschwitz nahe bei Pegau (unweit der Elster) und zum anderen in der
-Heidenschanze bei Coschütz südwestlich von Dresden, sei er aus der
-slawischen oder der vorslawischen Zeit, denen sich spätere weitere
-sechs Kieferreste von Leckwitz unweit der Elbe aus slawischer Zeit
-angeschlossen haben, sind die ersten sicheren Belege vom Vorkommen des
-Tieres in nachdiluvialer Zeit und geben uns gleichzeitig Kunde von
-der Verwendung seines Fleisches in der »Küche« der vorgeschichtlichen
-Bewohner unseres Landes. In geschichtlicher Zeit nennt den Biber
-Lehmann in seinem »Historischen Schauplatz derer natürlichen
-Merckwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Erzgebirge«, 1699. Er
-schreibt: »Biber sind nicht so gemein als die Fischotter, welche aber
-von den dazu bestellten Otternfängern aufgesucht und ausgegraben
-werden.« Jedoch dürfte er sich dabei, da der Biber seinem ganzen Wesen
-und seiner Lebensweise nach aber wohl kaum jemals im Erzgebirge, auf
-das sich ja die Lehmannsche Darstellung bezieht, vorgekommen sein
-dürfte, schwerlich auf eigene Erfahrungen und Kenntnisse gestützt,
-sondern lediglich unverbürgtes Gerede wiedergegeben haben. Wie Lehmann,
-so erwähnen auch andere spätere Schriftsteller den Biber nur dem Namen
-nach, geben aber niemals einen Fundort an oder sprechen sich über
-solche so allgemein aus, daß wir uns daraus kaum ein genaueres Bild
-von der ehemaligen Verbreitung des Tieres im heutigen Sachsen machen
-können. v. Fleming in seinem »Vollkommenen deutschen Jäger«, 1719, und
-ebenso Döbel in seiner »Jäger-Practica«, 1746, gedenken des Tieres nur
-kurz; v. Fleming sagt, daß »dieses Tier hier zu Lande sehr rar ist, und
-man nur wenige oder keinen antreffen wird,« während Döbel genauer ein
-Vorkommen nur aus dem Dessauischen, also überhaupt nicht aus Sachsen,
-anführt. Erst Dietrich aus dem Winckell erwähnt ihn 1805 in seinem
-»Handbuch für Jäger« »von der Mulde«, fügt dem aber leider auch wieder
-keine genauere Ortsbezeichnung bei, so daß sich nicht entscheiden
-läßt, ob er dabei auch die Mulde heute sächsischen Anteiles im Auge
-gehabt hat. Ebenso sagt Pölitz in seiner »Geschichte, Statistik und
-Erdbeschreibung des Königreichs Sachsen«, 1808–1810 (das damals aber
-ja noch die jetzt preußische Provinz Sachsen mit umfaßte), »daß man
-Biber allgemein in der Elbe und Neiße findet«, bis dann schließlich
-1822 Schumann im achten Bande seines »Lexikons von Sachsen« sich als
-erster Schriftsteller genauer über das Vorkommen des Tieres ausläßt und
-uns mitteilt, daß »Biber nur an der Mulde bei Wurzen und an der Elbe
-bei Strehla vorkommen.« Ein uns erhalten gebliebenes Verzeichnis des
-während der Regierungszeit des Kurfürsten Johann Georg I. (1611–1656)
-auf Jagden entweder von diesem selbst oder in seinem Beisein erlegten
-Wildes führt 37 erbeutete Biber auf, und ein weiteres aus der
-Regierungszeit seines Nachfolgers Johann Georg II. (1656–1680) gibt gar
-597 Biber als erlegt an (die Angabe im neuen Brehm, Säugetiere, zweiter
-Band, Seite 443, von 347 Stück – nach Genthe – muß dementsprechend
-berichtigt werden) von denen neun vom Kurfürsten selbst erbeutet worden
-sind. Doch darf man dabei nicht vergessen, daß damals das Land eben
-auch noch die Provinz Sachsen mit umfaßte, die ja wohl ohne allen
-Zweifel den Löwenanteil an den erlegten Bibern geliefert haben wird.
-
-Der Fang der Biber, die man lange Zeit hindurch fälschlicherweise als
-arge Fischräuber ansprach – erst Döbel in seiner »Jäger-Practica« läßt
-sie als solche nicht mehr gelten – lag im ehemaligen Kursachsen den
-Fischotter- und Biberfängern ob, die im Frühjahr und Herbst in ihren
-Bezirken von einem Amt zum anderen zu reisen und neben den Fischottern
-und dem übrigen kleinen Raubzeug auch dem Biber nachzustellen hatten.
-Sie erhielten, solange sie unterwegs waren, für sich, ihre Gehilfen
-und ihre Hunde eine tägliche Auslösung, und gegen Aushändigung der
-erlegten Tiere oder ihrer Felle noch einen besonderen Fanglohn. Der
-Biber scheint sich auch einer gewissen Schonzeit, allerdings weniger
-aus rein weidmännischen Gründen, sondern, wie es scheint, mehr einer
-bestimmten Verwendung seines Wildbretes wegen (als Fastenspeise),
-erfreut zu haben, wie aus einer Verordnung des Oberhofjägermeisters
-von Wolffersdorf vom 28. Februar 1750 an den Otter- und Biberfänger
-Kluge in Dittersbach bei Chemnitz hervorgeht. In dieser Verordnung
-wird dem Genannten vorgehalten, daß er »die Biber ohne Unterschied
-der Zeit gefangen und eingeliefert, da doch laut bereits erteilter
-Verordnung solches nicht eher als zur jetzigen Fastenzeit, da es
-hergegen daran mangelt, geschehen sollen,« und ihm von neuem anbefohlen
-wird, »künftig keinen Biber eher als zur Fastenzeit zu fangen und in
-der Haut ins Dresdener Provianthaus einzuschicken.« »Dafern ein Biber
-von ungefähr eingeht, so ist solcher jedoch jedesmal in der Haut
-zum Dresdener Provianthaus einzuschicken.« Von den Fischotter- und
-Biberfängern waren außer dem bereits von ~Dr.~ Koepert erwähnten, der
-in Hintergersdorf seinen Sitz hatte, noch drei weitere angestellt,
-je einer in Elbenau an der Elbe (Regierungsbezirk Magdeburg) und in
-Liebenwerda an der Schwarzen Elster, also in der heutigen Provinz
-Sachsen, der dritte in Dittersbach bei Chemnitz, dessen Bezirk gleich
-dem Hintergersdorfer nur auch heute noch sächsisches Gebiet umfaßte,
-nämlich die Ämter Augustusburg, Wolkenstein, Grünhain, Schwarzenberg,
-Stollberg, Chemnitz, Rochlitz, Colditz, Grimma, Wurzen, Leisnig und
-Sachsenburg. Im Jahre 1764 wurde durch eine Verordnung des damaligen
-Landesverwesers, des Prinzen Xaver, die Einrichtung der Fischotter-
-und Biberfänger, die mindestens bis ins siebzehnte Jahrhundert
-zurückreicht, aufgehoben. Es scheint, als ob neben diesen, von der
-Landesregierung bestellten Biber- und Otterfängern aber auch noch
-einzelne Ämter eigene Fänger verpflichteten. Pfau wenigstens berichtet
-uns, daß das Rochlitzer Amt 1651 einen solchen anstellte, der 1656 vier
-Biber an der Zschopau bei Waldheim fing.
-
-Leider aber sind uns weder über die Mengen der von den Fängern
-erbeuteten Biber – und noch weniger über die Orte der Erbeutung
-sichere Angaben überliefert, es müßte dann sein, daß die
-fünfhundertsiebenundneunzig Biber aus der Zeit Johann Georgs II. zum
-großen Teil den Fängern zum Opfer gefallen sind. Aus den Verordnungen
-an den Dittersbacher und den Hintergersdorfer Fänger aber wissen wir
-jedenfalls mit voller Sicherheit, daß auch im Gebiete des heutigen
-Sachsens Biber erbeutet worden sind, und wir werden dabei wohl kaum
-fehlgehen, wenn wir annehmen, daß sie ausschließlich im nordsächsischen
-Flachland teils an der Mulde, teils an der Elbe und wahrscheinlich auch
-in der Oberlausitzer Niederung, die wohl zum Bezirk des Liebenwerdaer
-Fängers gehört hat, gefangen worden sind.
-
-Für die Oberlausitz erwähnt den Biber die Zittauer Forstordnung
-vom Jahre 1730. Jedoch ist nach Tobias hier der letzte bereits
-1785 oder 1787 bei Leschwitz oder Deutsch-Ossig in der heutigen
-preußischen Oberlausitz gefangen worden, so daß die oben angeführte
-Angabe von Pölitz vom Vorkommen in der Neiße schon für ihre Zeit
-nicht mehr richtig gewesen ist. Immerhin wurden um die Mitte des
-achtzehnten Jahrhunderts in Bautzen noch Biberhüte angefertigt und
-weithin verschickt. Wann der Nager an der Elbe sächsischen Anteiles
-ausgerottet worden ist, ist leider nicht mehr festzustellen; außer der
-Mitteilung Schumanns vom Jahre 1822 besitzen wir von hier keinerlei
-Nachrichten mehr über ihn. Wohl aber liegen über sein Vorkommen
-und sein Verschwinden an der Mulde bei Wurzen einige verläßlichere
-Unterlagen vor. Das fürstliche Museum zu Waldenburg besitzt einen
-1846 bei Wurzen erlegten Biber und außerdem befinden sich noch, wie
-1909 ~Dr.~ Hesse mitteilt, im Leipziger Zoologischen Museum zwei
-Stücke gleichfalls von der Mulde. Das eine, ein altes Tier, trägt
-als Datum den 30. Januar 1809, das andere aber ist leider ohne Datum
-und nur mit der Fundortsangabe »Nischwitz bei Wurzen« ausgezeichnet.
-Hesse vermutet auf Grund der Abfassung und der Schrift des Zettels,
-daß es etwa gleichzeitig mit dem Waldenburger Stück, vielleicht aber
-auch noch bedeutend früher als dieses erbeutet sein könnte. Ein
-1869 zuerst in der Gartenlaube erschienener Aufsatz Guido Hammers,
-der dann auch in dessen 1891 herausgekommene »Wild-, Wald- und
-Weidmannsbilder« übergegangen ist, berichtet von einem wildernden
-Schäfer in einem Dorfe bei Wurzen, der einen Biber an der Mulde in
-einem Eisen fing, das Wildbret mit seinen Vertrauten verzehrte,
-Fell und Geil aber nach Leipzig schaffte, wo es Hehler heimlich
-verwerteten. Nach einer Auskunft Hammers an Fickel ist der Zeit
-dieses Vorganges aber nicht mehr sicher nachzukommen, doch dürfte der
-letzte Biber auf Püchauer Flur, nördlich von Wurzen erbeutet worden
-sein. In dem Waldenburger Biber besitzen wir demnach das nachweisbar
-späteste Belegstück für das Vorkommen des Bibers in Sachsen. – Für
-ein Vorkommen des Tieres weiter flußaufwärts an der Mulde wie auch
-an der Elbe besitzen wir mit Ausnahme jener schon erwähnten Angabe
-von Waldheim aus historischer Zeit keinerlei Anhalt – für die Elbe
-allerdings läßt der schon eingangs erwähnte Coschützer Fund auf ein
-Vorkommen stromaufwärts bis in die Dresdener Gegend wenigstens in
-vorgeschichtlicher Zeit schließen – und auch des Tieres Wesen und
-Lebensweise sprechen, wie eingangs ebenfalls bereits angedeutet, gegen
-eine größere Verbreitung landeinwärts. Aus dem Gebiete der Vereinigten
-Mulde dürfte unser Tier in das der Zwickauer Mulde kaum weiter als
-über die Strecke Colditz–Rochlitz–Wechselburg vorgedrungen sein –
-ein von Pfau als Stütze für ein häufigeres Vorkommen bei Rochlitz
-angeführter Flurnamen bezieht sich auf eine Stelle, deren ganzer
-Charakter gegen ein dauerndes Vorkommen des Nagers spricht – und für
-das Gebiet der Freiberger Mulde, deren Unterlauf für ein Vorkommen
-des Tieres viel geeigneter erscheint, als der der Zwickauer Mulde,
-wird sein Vorkommen aus dem Charakter des Tales bis über die Gegend
-Roßwein–Nossen hinaus wahrscheinlich. Einzeln mag er dann, wie der
-schon erwähnte Fund in der Zschopau bei Waldheim beweist, in den
-Unterlauf der Nebenflüsse aufgestiegen sein. Ein 1636 beim Fischen in
-der Mulde in Zwickau gefangener Biber, und ein anderer, 1748 auf einem
-Elbheger bei Niedermuschitz bei Meißen erbeuteter, dürften lediglich
-einzelne versprengte Tiere gewesen sein. Darauf deutet ja auch schon
-der Umstand hin, daß die zeitgenössischen Chronisten sie besonders
-erwähnen, demnach ihre Erbeutung als ein ungewöhnliches Ereignis
-aufgefaßt haben. – Aus der Einrichtung der Biber- und Otterfänger auf
-ein häufigeres Vorkommen und eine weitere Verbreitung zu schließen,
-ist meines Erachtens falsch; die Fänger waren zur Vertilgung von
-Raubzeug überhaupt angestellt und hatten dabei eben auch, soweit er in
-ihren Bezirken überhaupt vorkam, dem als Fischräuber angesprochenen
-Biber mit nachzustellen, und daß sie diesen dabei nie in großen Mengen
-fingen, geht deutlich auch aus der oben wiedergegebenen Vermahnung des
-Dittersbacher Fängers hervor, in der es heißt: »da es dann hergegen
-daran mangelt«, was aber bei einem häufigeren Vorkommen des Tieres
-nicht der Fall hätte sein können. Wenn daher Berge annimmt, daß man den
-Biber schon damals bei uns nicht mehr in größeren Kolonien, sondern
-immer nur einzeln oder familienweise antraf, so wird man ihm darin nur
-beistimmen können.
-
-Ob schließlich das durch den Zauschwitzer Fund wenigstens für die
-vorgeschichtliche Zeit gesicherte Vorkommen des Nagers auch in der
-Weißen Elster noch in die geschichtliche Zeit hinein angedauert hat,
-läßt sich heute kaum entscheiden, doch spricht meines Erachtens nichts
-gegen die Annahme, daß der Biber dort wenigstens noch bis ins frühe
-Mittelalter hinein vorkam, und dort erst später seinem Schicksal
-erlegen ist.
-
- _Anmerkung_: Eine Zusammenstellung des Schrifttums und der
- Quellen zu vorliegender Arbeit findet sich am Schlusse meiner
- Untersuchung »Zur Geschichte des Bibers im Gebiete des
- ehemaligen Königreichs Sachsen« im »Naturwissenschaftlichen
- Beobachter« 62, Frankfurt a. M. 1921, S. 97 bis 104.
-
-
-
-
-Vom romantischen zum denkenden Wanderer
-
-Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_
-
-
-Es dürfte eine reizvolle Aufgabe sein, einmal eine Geschichte _des
-Wanderns und des Wanderers_ zu schreiben, von den Tagen an, da Abraham
-auf Geheiß des in jenen Zeiten noch sehr menschlich mit seinen
-Geschöpfen verkehrenden lieben Gottes fortzog »aus seinem Vaterlande,
-aus seiner Freundschaft und aus seines Vaters Hause« ins Gelobte Land
-Kanaan bis ins Zeitalter des Wandervogels, der Feriensonderzüge und der
-Mount-Everest-Besteigung. Was würde da nicht alles an unseren Augen
-vorüberziehen, selbst wenn man von den großen Massenwanderungen in
-den Zeiten des Krieges, der religiösen Begeisterung oder des Hungers
-absähe: der wandernde Prophet, der Minnesänger, der fahrende Schüler
-und der Handwerksbursche, der Bettelmönch und der Pilger, Goethe und
-Rousseau, Seume und Scheffel. Jede Zeit hat ihre Wanderer gehabt,
-Wanderer, die den Weg ebenso schätzten wie das Ziel, die um des
-Wanderns willen die warme Ofenecke mit der Landstraße vertauschten.
-Trotzdem kann man wohl behaupten, daß erst das vergangene Jahrhundert
-den Wanderer als Allgemeinerscheinung hervorgebracht hat. Mit Rousseau,
-dem ersten Wandervogel, fing es an, dann kamen die Romantiker, die uns
-die großen Volksliedersammlungen erwanderten, dann der »Spaziergänger
-nach Syrakus«, dann Eichendorff, dessen Wanderlieder heute noch in
-jedem Wald erklingen, Wilhelm Müller, der Sänger der durch Schuberts
-Vertonung überall bekannt gewordenen »Müllerlieder«, und Heinrich
-Heine, dessen Lieder aus der Harzreise die herrlichen Verse einleiten:
-
- »Auf die Berge will ich steigen,
- Wo die frommen Hütten stehen,
- Wo die Brust sich frei erschließet,
- Wo die freien Lüfte wehen,
- Wo die dunklen Tannen ragen,
- Bäche rauschen, Vögel singen
- Und die stolzen Wolken jagen.«
-
-Im unberührtesten deutschen Waldgebiet aber steht das Denkmal Adalbert
-Stifters, des Dichters des »Hochwald«, am Blöckensteinsee. – Ein
-Hinweis auf die »Kulturstudien« Riehls, Rudolf Baumbachs »Lieder
-eines fahrenden Gesellen« und Fontanes »Wanderungen durch die Mark
-Brandenburg« möge diesen literarhistorischen Überblick schließen; denn
-es ist Zeit, auf eine ganz andere Kategorie von Wanderern aufmerksam zu
-machen, die Wandertrieb und Wanderstil ebenso stark beeinflußt haben,
-wie unsre wandernden Dichter.
-
-Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nahm mit den glänzenden
-Erstersteigungen Whympers der Alpinismus einen verheißungsvollen
-Aufschwung. Die großen Alpenklubs bildeten sich und in ihrem Gefolge
-die verschiedenen Mittelgebirgsvereine, auf deren Tätigkeit und das
-gewaltige Wachsen der Großstädte der außerordentliche Aufschwung des
-Wanderns im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts zurückzuführen
-ist. Der Wandertyp dieser und bis zu einem gewissen Grade auch
-noch unsrer Zeit ist der »Tourist«. Er hat die Fehler und Vorzüge
-der Periode, die ihn wachsen sah, der Periode des wirtschaftlichen
-Aufschwungs. Er schafft sich eine praktische Kleidung, baut Wege und
-Hütten, sorgt für gute Karten, gründet allenthalben Sektionen, die Geld
-für seine Zwecke in reichem Maße zusammenbringen, macht stramme Touren,
-die Körper und Geist allerhand zumuten, nur eines tritt bei ihm in den
-Hintergrund, was die romantische Periode vor ihm in überreichem Maße
-besaß, die Poesie des Wanderns, das tiefe Erleben und Verstehen der
-Landschaft. Oder wäre es sonst möglich gewesen, daß dreißig Jahre lang
-vor den Augen von hunderttausend Touristen unsre Heimat in einer Weise
-verschandelt wurde, daß die nächsten zehn Generationen es nicht wieder
-gut machen können?
-
-Da kam die notwendige Ergänzung von einer Seite, die mit dem
-Wandern zunächst gar nichts zu tun hatte, die nichts war als eine
-Protestbewegung gegen die »Alten«, gegen den Materialismus der Zeit,
-gegen die Unterdrückung einer Altersstufe: die Jugendbewegung, deren
-erste Verkörperung der Wandervogel war. Er stellte sich nicht etwa
-in Gegensatz zur Touristik, denn die kannte er kaum. Er entstand und
-gedieh am besten ja auch da, wo die Touristik nicht zu Hause war, im
-Flachland und in den aller Großartigkeit und aller Gebirgsvereine
-baren unbeachteten Mittelgebirgen Hessens und Frankens, an den Seen
-der Mark und in den Einöden der Heide. Er lief ohne Karte »ins Blaue«,
-verschmähte Wege und Unterkunftshäuser, kroch zu den Bauern ins Stroh,
-pfiff auf Bergschuhe, Spirituskocher und Thermosflasche, Lodenmantel
-und Wanderstock, »tippelte« eine Stunde und lag drei Stunden im Grase,
-versunken in die Schönheit eines Kiefernwaldes, eines Sonnenunterganges
-oder eines alten Bauerngehöftes, nährte sich von »Heuschrecken und
-wildem Honig« und sang dazu Lieder, die so alt waren, daß sie Arnim
-und Brentano hundert Jahre früher nicht entdeckt hatten. Eher vergaß
-er den Brotbeutel als die Laute. Das war soviel Romantik auf einmal,
-daß sie den älteren Zeitgenossen und ihren Vertretern auf dem Gebiete
-des Wanderns nur ein Lächeln entlockte. Glücklicherweise blieb es nicht
-dabei, und das ist das Verdienst _der_ Alten, die innerlich jung genug
-geblieben waren und ähnlich fühlten wie diese Jungen, im Gegensatz zu
-ihnen aber deren unausgegorenes Gefühl in Willen und Tat umsetzten. Und
-diese Taten hießen: _Dürerbund_ und _Heimatschutz_.
-
-Die Rede von Ferdinand Avenarius vor der freideutschen Jugend auf
-dem Hohen Meißner im Oktober 1913 besiegelte den Bund zwischen dem
-Heimatgefühl der Jungen und dem Heimatwollen der Alten. Diese große
-Bewegung konnte nicht ohne Einfluß auf Art und Stil aller Wanderer
-bleiben, zumal auch die dem Wandervogel verwandten Jugendbünde diesen
-von ihm übernahmen. Eine der erfreulichsten Erscheinungen unsres
-sonst bisher so wenig erfreulichen Jahrhunderts ist die Tatsache, daß
-sich alle diese Bewegungen: Touristik, Jugendbünde und Heimatschutz
-gegenseitig befruchten und ergänzen. Und eines der angenehmsten
-Produkte dieser Wechselbeziehungen ist der _Wanderer unsrer Tage_.
-Das zeigt sich schon rein äußerlich. Er legt ebensowenig Wert auf die
-komfortable Korrektheit des Touristen wie auf die Formlosigkeit des
-Wandervogels. Er wandert barhäuptig und halsfrei, aber wenn die Sonne
-brennt oder wenn es stundenlang regnet, dann hindert ihn kein Prinzip,
-den Hut aus dem Rucksacke zu holen oder den Kragen zuzuknöpfen. Seine
-Unterkunftshäuser sind keine Hotels mit Speisekarte und Himmelbett,
-aber sie bestehen auch nicht nur aus einem Dach, einem Tisch und einem
-Heuhaufen. Dagegen legt er großen Wert darauf, daß sie sich in die
-Landschaft einfügen, in der sie stehen, und daß ihre Ausstattung so
-beschaffen ist, daß der eben geschilderte Wanderer hineinpaßt. Nichts
-dokumentiert besser die gekennzeichnete Entwicklung des Wanderers von
-1900 bis 1920 als seine Unterkunftshütten. Welchen hervorragenden
-Anteil der _Heimatschutz_ gerade auf diesem Gebiete hat, brauche ich
-hier nicht darzulegen.
-
-Auch die Wahl der _Wandergebiete_ zeigt den neuen Menschen. Er zieht
-nicht nur in Heide und Moor, aber er schätzt ihre feineren Reize
-neben den großartigen der Alpen und des Schwarzwaldes, durchwandert
-Gebirge, die bisher die Touristik nicht gewürdigt hatte und findet
-in Vogelsberg und Rhön, Jura und Erzgebirge, Weserbergland und Eifel
-Schönheiten, von denen die Touristenweisheit sich nichts hatte träumen
-lassen. Er würdigt von Kulturstätten im Gegensatz zum Wandervogel
-nicht nur Burgruinen und mittelalterliche Nester; der Hafen von Emden
-und die Parks der Barockschlösser, der Leipziger Hauptbahnhof und die
-Münchner Galerien haben ihm nicht weniger zu sagen als die malerischen
-Gäßchen von Rothenburg und Kronach oder die zerfallenen Mauern von
-Hanstein und Hirsau. Wichtiger noch als der Gegenstand ist die Art
-seiner Betrachtung. Hier handelt es sich nicht nur um Mischung von
-Touristen- und Wandervogeleigenschaften, wenngleich ihm auch die mehr
-beobachtende Einstellung des einen ebenso vertraut ist, wie die mehr
-gefühlsmäßige des anderen. Hier setzt eine ganz neue Betrachtungs- und
-Erfassungsweise ein, die ich kurz bezeichnen möchte als das _denkende
-Erleben_ der Landschaft. Man muß schon bis auf Goethe zurückgehen, um
-einen Wanderer zu finden, wie er sich jetzt als Gattung auszubilden
-beginnt. Es ist unmöglich, an dieser Stelle alle die Wurzeln, die
-zu dieser Entwicklung führen, aufzudecken (Ratzels Deutschland; die
-amerikanischen Einflüsse in der geographischen Wissenschaft; die
-Wanderfreude der jungen Geographengeneration; die Erweiterung des
-erdkundlichen Unterrichts auf der Mittelschule; die zentrale Stellung
-der Heimatkunde im Gesamtunterricht der Grundschule usw.). Nur auf
-eine Institution muß ich hinweisen, die diese Entwicklung unter den
-alten Wanderern mächtig gefördert hat, die _Volkshochschule_ mit ihren
-verschiedenen Ausstrahlungen. Schließlich möchte ich noch versuchen,
-diesen neuesten Wanderertyp, den ich den _denkenden_ nennen will,
-mit wenigen Worten zu charakterisieren. Der Hauptzug seines Wesens
-ist, daß er Zusammenhänge sucht und findet, wo seine Vorgänger nur
-Einzeltatsachen sahen. Für ihn ist ein Dorf nicht eben ein Dorf, ein
-Berg ein Berg, ein Tal ein Tal, ein Wald ein Wald. Die Rundlinge der
-Elbaue und des Niederlands haben für ihn ein anderes Gesicht als die
-Waldhufendörfer des mittleren Erzgebirges und die Streusiedelungen
-auf dem Kamme, denn er kennt ihre Geschichte und den Zusammenhang
-mit der Landschaft, in der sie liegen. Wenn er in den Tharandter
-Wald geht, genießt er _vier_ Wälder, wo der Normaltourist nur
-_einen_ sieht; denn einen ganz anderen Charakter hat der Buchenwald
-auf dem Basalt des Landberges als der Fichtenwald auf den weiten
-Porphyrdecken um Grillenburg, der Kiefernforst auf den Sandsteinhöhen
-des Markgrafensteins als der Mischwald an den Gneishängen des
-Weißeritztales. Jedes Tal, in dem junge und greisenhafte Formen
-wechseln, in dem auf die vom Sturzbach durcheilte Schlucht die
-weiche Mulde folgt, in der derselbe Bach in großen Windungen in
-selbstgeschaffener Aue müde dahinschleicht, läßt vor seinem Auge nicht
-nur die Geschichte des Tales, sondern diejenige der ganzen Landschaft
-aufsteigen, in die es eingebettet ist.
-
-Für ihn bekommen die _Namen_ der Berge, Straßen, Siedlungen, die
-unsre Vorfahren ihnen mit feinem Gefühl gaben, weil sie ihr Vaterland
-_kannten_ und nicht nur im Munde führten, neues Leben. Die groteske
-Welt des Elbsandsteins klingt ihm entgegen aus den mit Stein, Horn,
-Hörnel, Turm, Tor, Wand, Schlucht, Schlüchtel, Klamm und Gründel
-zusammengesetzten Namen. Nur eine bedeutende Erhebung in der
-Sächsischen Schweiz führt den Namen: Berg, und diese besteht nicht
-aus Sandstein, sondern aus Basalt: der Winterberg. Er trägt auch
-nicht wie alle andern den dürren Kiefernwald auf seinem Rücken,
-sondern Buchenwald. Ähnliche Gegensätze spiegeln sich in Namen wie:
-Sandschlucht – Steingrund, Verlorenes Wasser – Nasse Aue. Die Geologie
-des Vaterlandes wird lebendig, wenn sie uns entgegentritt in Namen
-wie: Grauberg (Gneis), Blauberg (Schiefer), Roter Berg, Rotes Vorwerk,
-Purpurberg (Porphyr, roter Quarz), Rotes Wasser (Zinnwäschen),
-Weißenstein, Weißenfels, Weißwasser (Kalk, Quarz, Granit), Eisenborn
-und Kupferberg. – Eschenhau, Eschdorf, Eichwald, Eichberg, Eichleite,
-Buchholz, Buchberg, Erlenschlucht, Lindhardt, Lindigt, Tanndorf,
-Tännigt, Kiefernhöhe, Fichtelberg und unzählige ähnliche Namen spiegeln
-den ursprünglichen Baumbestand wider, der leider bis auf die Flecke,
-wo der Untergrund es verbot, der nivellierenden Forstwirtschaft zum
-Opfer gefallen ist oder vom Kulturlande verdrängt wurde. Von den
-fränkischen und thüringischen Auswanderern, die in unsre Gebirge
-mit Axt und Pflug eindrangen, oder den Agenten (Locatores), die sie
-dahin führten und dann als Schulzen (Erbgerichte) betreuten, künden
-uns folgende Dorfnamen: Ullersdorf (Ullrich), Cunnersdorf (Konrad),
-Dittersdorf (Dietrich), Hartmannsdorf, Waltersdorf, Rathmannsdorf,
-Ottendorf, Leupoldishain, Nikolsdorf, Erkmannsdorf, Nenntmannsdorf,
-Hennersbach und Reinholdshain. Fürstennamen tragen einerseits die neben
-deren Schlössern gebildeten Ortschaften: Moritzburg, Augustusburg,
-Karlsruhe, Ludwigsburg, anderseits die Exulantensiedelungen, die unter
-ihrem Schutz entstanden: Georgenfeld (Gottgetreu), Johanngeorgenstadt,
-Carlshafen. Endlich noch ein paar Namen, die Leben und Wirtschaft
-unsrer Vorfahren widerspiegeln: Hammergut, Schäferei, Butterstraße,
-Salzstraße, Kirchweg, Mühlweg, Leichenweg, Rabenhügel und Galgenberg.
-
-Ich glaube, diese Namenübersicht, die selbstverständlich zu einem
-dicken, höchst interessanten Buch ausgebaut werden könnte, zeigt
-schon, wie weit und wie tief das Gebiet des »denkenden« Wanderers
-ist. Sie zeigt aber auch, daß man nicht von heute auf morgen in
-diese Wandererkategorie übergehen kann. Schule, Volkshochschule,
-Heimatschutzvorträge und eine reiche Literatur bieten aber dem
-Wollenden und Ausdauernden die Mittel, um diese Ziele zu erreichen.
-Vielleicht ist ein andermal Gelegenheit, die sämtlichen Hilfswerke des
-denkenden Wanderers wohlgeordnet aufmarschieren zu lassen; an dieser
-Stelle will ich nur auf die Bücher hinweisen, die _ausgearbeitete
-Touren_ bieten. Es sind dies in erster Linie die Dresdner, Chemnitzer,
-Lausitzer[2] und Leipziger[3] Wanderbücher, herausgegeben von
-Erdkundelehrern der betreffenden Orte. Dem vorwiegend historisch
-eingestellten Wanderer werden Schmidts Kursächsische Streifzüge,
-dem geologisch interessierten die Führer von Beck, Nessig (Dresdens
-Umgebung), Krenkel (Nordwestsachsen), Beger (Lausitz) und Credner
-(Granulitgebirge) reiche Anregung geben[4].
-
-Der unselige Krieg hat uns siebzigtausend Quadratkilometer deutschen
-Landes geraubt. Wie viele von uns haben sie gekannt? Wer kennt von
-den uns verbleibenden vierhundertsiebzigtausend Quadratkilometern nur
-den hundertsten Teil so, wie es eines Volkes der Denker und Dichter,
-Goethes und Humboldts, würdig ist? – Schöne Anfänge auf diesem Gebiete
-lassen schöneren Fortgang erhoffen. Die Volkshochschulkurse, die
-sich dieser Aufgabe widmen, sind überlaufen, und die geographischen
-Wanderbücher, die ebenfalls denkende Wanderer erziehen wollen,
-»gehen« beinahe wie Courts-Mahlersche Romane. Erfreulicherweise
-zeigt sich dabei auch wieder die Wahrheit des Karl Brögerschen
-Kriegsliederrefrains: »daß Deutschlands ärmster Sohn auch sein
-getreuester war.« Möchten diese Pioniere auf dem behandelten Gebiete
-recht bald viele Kameraden aus _allen_ Schichten finden, die mit
-ihnen ein neues gemeinsames Glück sich erkämpfen in der _schauenden_,
-_fühlenden_ und _denkenden_ Eroberung der Heimat.
-
-
-Fußnoten:
-
- [2] Erschienen bei Wittig und Schobloch, Dresden-Wachwitz
- 1921/22.
-
- [3] Verlag von Bressendorf, Leipzig 1920.
-
- [4] Vergleiche auch die weniger geographisch als literarisch
- bedeutungsvollen Schilderungen in Johanna M. Lankaus
- _Dresdner Spaziergängen_ und Edgar Hahnewalds _Grünen
- Film_. Weitere Wanderaufsätze von letzterem (Oschatz,
- Leisnig, Mühlberg, Strehla, Pulsnitz, die Röder, der
- Valtenberg, der Triebenberg, Stolpen, Bischofswerda, der
- Schraden usw.) erschienen in der Dresdner Volkszeitung. –
- An gleicher Stelle finden sich des Verfassers erdkundliche
- Wanderungen: 2. November 1921: Moritzburg, 23. November:
- Gottleuba-Nollendorf, 4. März 1922: die Heide, 1. April:
- Auf den Spuren der Eiszeit, 15. April: Durchs Meißner Land,
- 26. April, 13. Mai: Auf der Wetterwarte, 24. Juni: Auf der
- Zille.
-
-
-
-
-Das Abkochverbot.
-
-
-Das vom Finanzministerium im Sommer 1921 erlassene Verbot des
-Mitführens von Geräten zum Abkochen in den fiskalischen Waldungen
-außerhalb der öffentlichen Wege hat manche Verstimmung in der
-Bevölkerung erregt und ist mehrfach als unbegründete Beschränkung der
-persönlichen Freiheit bezeichnet und deshalb auch in der Sitzung des
-Vorstandes Abteilung Naturschutz des Sächsischen Heimatschutzes zur
-Erörterung gestellt worden.
-
-Über die Gründe, die zu dieser Maßnahme geführt haben, gab
-Oberforstmeister Feucht als Vorstand des Forstbezirks Schandau, der in
-erster Linie von zahlreichen und umfänglichen Brandschäden im Jahre
-1921 betroffen worden war, folgende Aufklärung:
-
-Bei dem anhaltend schönen, trocknen und heißen Wetter, das im Frühjahr
-1921, Sommer und Herbst mit ganz kurzen Unterbrechungen geherrscht
-hatte, ergossen sich in die Sächsische Schweiz Ströme von Wanderern,
-von wilden und zahmen Wandervögeln, Pfadfindern und Bergsteigern, die
-zum großen Teile Geräte zum Abkochen mit sich führten.
-
-Durch das Abkochen und vielfach grobe Fahrlässigkeit beim Rauchen sind
-in den Waldungen der Sächsischen Schweiz mit ihren dürren Sandböden
-und flachgründigen Felsbestockungen zahllose Brände von zum Teil
-erheblichem Umfange verursacht worden, deren Verhütung die Forstbeamten
-fast machtlos gegenüberstanden, da alle Warnungen und Verbote nichts
-fruchteten.
-
-Das Abkochen ist, wie man hier vielfach beobachten konnte, in eine
-bloße Spielerei und einen groben Unfug ausgeartet, denn wenn jemand
-einen eintägigen Ausflug von Dresden in die Sächsische Schweiz macht,
-liegt wirklich keine Notwendigkeit vor, deshalb sich mit großen
-Kesseln zum Abkochen abzuschleppen, um so weniger, als gerade in der
-Sächsischen Schweiz an allen Ecken und Enden Wirtshäuser und sonstige
-Erfrischungsgelegenheiten in reichlichem Maße vorhanden sind.
-
-Das kurze Vergnügen des Abkochens, das namentlich für jugendliche
-Gemüter mit einem gewissen romantischen Schimmer umgeben ist, kommt
-schließlich dem Lande und der Allgemeinheit der Steuerzahler sehr
-teuer zu stehen. Beträgt doch die Summe der Waldbrandschäden und
-Löschungskosten allein in den Staatsforsten im Jahre 1921 über
-dreiviertel Million Mark.
-
-Besonders gefährlich ist dieses Abkochen neuerdings noch dadurch
-geworden, daß leider jetzt vielfach auch die Kletterer begonnen
-haben, auf für gewöhnliche Sterbliche unzugänglichen Felsen und
-Hörnern abzukochen, wo für die Forstbeamten das Löschen bei der
-schwierigen Zugänglichkeit der Brandherde und bei der Unmöglichkeit,
-das Bodenfeuer auf solchen Felsen durch Überwerfen mit Erde und Sand
-zu löschen, eine ebenso undankbare wie lebensgefährliche Arbeit
-ist, weil genügend Erde auf diesen nur mit einer Rohhumusschicht
-bedeckten Felsen fehlt. Wenn sich bei solchen Löschungsarbeiten
-plötzlich der Wind dreht, wie dies bei Waldbränden häufig der Fall
-ist, so können die Arbeiter kaum schnell genug ausweichen und geraten
-selbst in Lebensgefahr. Wurden doch mehrfach an solchen Brandstellen
-die Kochgeräte aufgefunden, welche die Wanderer, die vielfach keine
-Ahnung von der Gefahr und dem raschen Umsichgreifen eines Waldbrandes,
-namentlich bei heftigem Winde, haben, bei ihrer raschen Flucht vor dem
-Feuer im Stiche lassen mußten.
-
-Solche Brände auf kaum zugänglichen Felskegeln und Hörnern dauern
-oft wochenlang und verursachen durch die ständige Bewachung der
-bedrohten Bestände unterhalb dieser Felsen gewaltige Kosten, da
-Tag und Nacht Arbeiter zur Stelle sein müssen, um die immer wieder
-herabstürzenden glimmenden Humusmengen und die schließlich an den
-Wurzeln durchgebrannten abstürzenden alten Kiefern der Felsbestockung
-zu löschen, um neue Brände in den Beständen am Fuße der Felsen zu
-verhüten.
-
-So währte z. B. der am Sonntag, den 26. Juni, ausgebrochene, mehrfach
-in den Tageszeitungen geschilderte Brand auf dem kleinen Lorenzstein
-wochenlang. Immer wieder flammte das Feuer, das nach dem leider zu
-kurzen Regen am 3. Juli bereits erloschen schien, bei stürmischem Winde
-wieder auf und eine der uralten Kiefern nach der anderen stürzte,
-nachdem sie an den Wurzeln durchgebrannt war, brennend ab, wie
-namentlich in der Nacht weithin beobachtet werden konnte. Auch zwei
-weitere Gewitterregen am 20. und 26. Juli löschten den glimmenden Humus
-nicht völlig, denn an den heißen schwülen Tagen des 30. und 31. Juli
-brach das Feuer infolge stürmischen Windes nochmals aus und erlosch
-erst, nachdem aller Humus an den ergriffenen Stellen verbrannt war.
-
-Schweren Schaden hat auch der gewaltige Brand an dem Hangstein,
-Lamm und Lokomotive verursacht, woselbst am Sonntag, den 24. Juni,
-bei stürmischem Südostwind gegen 6 Hektar mit der ganzen schönen
-Felsbestockung dieser weit und breit bekannten malerischen Felsgruppe
-am Amselgrund vernichtet worden ist. Die Löschungskosten haben allein
-gegen vierzehntausend Mark betragen, der Schaden gegen vierzigtausend
-Mark.
-
-Der ebenfalls an einem Sonntag, den 31. Juli, ausgebrochene Brand
-der Felsbestockung im Schrammsteingebiete brannte bis zum 11.
-August und erforderte eine ununterbrochene Bekämpfung und Bewachung
-der Bestände am Fuße der Wände, wofür ein Kostenaufwand von
-dreitausenddreihundertneunundsechzig Mark entstanden ist. Kleinere
-Brände auf unzugänglichen Felsen brachen noch mehrfach aus, z. B.
-auf dem Goldstein, den Thorwalder Wänden und noch am 2. Oktober,
-ebenfalls einen Sonntag, auf einem Felsenhorn zwischen Rauschen- und
-Falkeniergrund. Dieser Brand schwelte ebenfalls über eine Woche und
-verursachte gleichfalls umfängliche Löschungs- und Bewachungskosten von
-über dreitausend Mark.
-
-In der Sächsischen Schweiz ist aber fast noch mehr als der materielle
-Verlust durch solche Brände vom Standpunkte des Heimatschutzes aus die
-unersetzliche Vernichtung der malerischen Felsbestockung der alten
-Kiefern mit ihren abenteuerlichen Formen zu beklagen, die vielfach
-jahrhundertelang den Stürmen und der Dürre in fast unbegreiflicher
-Weise getrotzt haben und nunmehr vielleicht niemals wieder auf diesen
-Höhen wachsen werden.
-
-Ein künstlicher Anbau ist auf solchen Standorten ganz ausgeschlossen,
-nur die Natur selbst kann durch das eine oder andere Samenkorn, das von
-vielen Tausenden der Wind auf eine geeignete Stelle weht, allmählich
-wieder einen spärlichen Nachwuchs erzeugen. Aber auch diese Hoffnung
-ist nur schwach begründet, denn durch das von unverständigen Menschen
-an diese sonst unzugänglichen Orte gebrachte Feuer ist auch die gesamte
-Humusschicht, die im Laufe von Jahrhunderten sich auf diesen Höhen
-langsam angesammelt hatte und die einer kümmerlichen, aber zähen und
-ausdauernden Baumvegetation die spärlichen Nährstoffe lieferte, mit
-verbrannt. Die Aschenreste werden vom Regen abgespült oder vom Winde
-verweht und schließlich bleiben nur die nackten Felsen übrig, auf denen
-vielleicht nie wieder ein Samenkorn wird Fuß fassen können.
-
-Die Versammlung hielt nach diesen Ausführungen weitere Schritte von
-seiten des Heimatschutzes nicht für angezeigt.
-
-
-
-
-»Antons«
-
-Von Denkmalpfleger ~Dr.~ _Bachmann_
-
-(Aufnahmen von _J. Ostermaier_, Blasewitz)
-
-
-Jedem Dresdner ist das kleine Landhaus wohl bekannt, das schräg
-gegenüber, flußabwärts der Waldschlößchenbrauerei auf dem Johannstädter
-Ufer gelegen ist. Fast das ganze Jahr hindurch lag bisher das Anwesen
-mit seinen schönen Baumgruppen trotz nächster Nähe der Großstadt in
-idyllischer Ruhe da, die nur von Spaziergängern oder Sporttreibenden
-belebt wurde. Einmal aber, im Sommer, zur Zeit der großen Vogelwiese,
-bildet »Antons«, wie die Dresdner es nennen, eine Insel in den
-hochgehenden Wogen der Volksfeststimmung.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Antons im Jahre 1754=
-
-(aus Dresdner Geschichtsblätter 1918)]
-
-Antons ist nicht immer, wie bis zum Jahre 1921, Sommersitz einer
-Dresdner Familie gewesen. Carl Hollstein gibt uns darüber in Nr. 4 der
-Dresdner Geschichtsblätter von 1918 genauen Aufschluß. Danach wurde
-das Schlößchen mit dem Garten, ersteres aber noch ohne den Dachreiter
-und die Veranda (siehe Abb. 1), von dem Oberfloßinspektor der Elster-
-und Erzgebirgischen Flößerei, Christian Gottlob Anton, unter Kurfürst
-Friedrich August II. im Jahre 1754 angelegt und mit Gerechtigkeiten
-versehen: »sowohl der Gastier und Ausspannung, als auch des
-Branntweinbrennens, diesen und einheimische und fremde Biere und Weine
-einzulegen, zu verzapfen und verschänken usw.« Auch eine Kegelbahn
-wurde in einem der langen Wirtschaftsflügel untergebracht.
-
-Antons war demnach auch Ausflugsort für die Dresdner und Kneipe
-zugleich und ist solches bis weit in das neunzehnte Jahrhundert
-geblieben. So wird es also auch der exzentrische E. Th. A. Hoffmann
-gekannt haben, als er einige Jahre in Dresden verlebte, und so finden
-wir ja auch Antons in seinen Novellen genannt.
-
-[Illustration: Abb. 2 =»Antons«.= Schauseite an der Elbe]
-
-Auch Kriegsstürme sind oft darüber hinweggebraust, merkwürdigerweise
-ohne besondere Spuren hinterlassen zu haben. Truppen Friedrichs des
-Großen lagen hier während des Angriffs und der Beschießung auf Dresden
-und besonders heftig tobten im August 1813 um Antons, das benachbarte
-»Stückgießers« und das »Lämmchen« die Kämpfe zwischen Napoleons Garden
-und den angreifenden Russen, wie das der Freund Dresdner Geschichte in
-A. Brabants Buch »In und um Dresden 1813« nachlesen mag.
-
-[Illustration: Abb. 3 =»Antons«.= Blick auf die Gartenrückseite des
-Hauptgebäudes mit dem Rondell]
-
-Antons hat verschiedentlich den Besitzer gewechselt. Nach dem Erbauer
-war lange Jahre das Anwesen Eigentum des Geh. Kriegsrates von Broizem,
-der eine Baumallee von dem Fürstenwege (heute Blumenstraße) bis
-zum rückwärtigen Eingang anlegte, die aber vermutlich schon 1813
-fortifikatorischen Maßnahmen zum Opfer fiel. Bis 1832 gehörte dann
-Antons einem Herrn von Limburger, der es an die bekannte alte Dresdner
-Bankiersfamilie von Kaskel verkaufte, in deren Händen es bis zur
-Übernahme durch die Stadt, 1921, verblieb.
-
-[Illustration: Abb. 4 =»Antons«.= Die Kegelbahn mit dem Hauptgebäude im
-Hintergrund]
-
-Wie die Zeichnung (Abb. 2) erkennen läßt, ist das Schlößchen selbst ein
-durchaus anspruchsloser, aber feingegliederter Bau, typisch für den
-Landhausstil seiner Entstehungszeit (1754). Was dem Ganzen aber die
-charakteristische Note gibt, ist die gutempfundene Eingliederung ins
-Landschaftsbild, geschaffen aus jenem untrüglich sicheren Geschmacks-
-und Stilempfinden heraus, das die Bauherren und Baumeister jener Tage
-auszeichnete und das wiederzugewinnen ja das Bemühen und die Sehnsucht
-unserer Tage ist.
-
-[Illustration: Abb. 5 =»Antons«.= Die Aussichtsterrasse im Gartenwinkel]
-
-Im staatlichen Inventarisationswerk (Bd. Dresden 3, Seite 738)
-gibt Cornelius Gurlitt uns eine kurze Baubeschreibung, desgleichen
-Mackowsky in »Erhaltenswerte bürgerliche Baudenkmäler in Dresden«.
-Die in den Abmessungen durchweg bescheidenen Räume gliedern sich zu
-seiten einer Mitteltreppe. Im Erdgeschoß ist unter anderem ein Salon
-untergebracht, der sich mit einer breiten gedeckten Holzveranda
-nach dem Garteninnern öffnet, gleichzeitig aber auch durch das hier
-in der Gartenmauer angebrachte Lattengitter den Blick auf die Elbe
-gestattet. Im Obergeschoß ist nach der Loschwitzer Seite ein zweiter
-Salon gelegen, mit zierlicher Blumentapete und Rokokostuckdecke
-in einfachen Mustern. Auch die fein profilierten Türen tragen
-bescheidenes Rokokoschnitzdekor. Freilich die schönen Stilmöbel und die
-Kristallüster sind mit dem Auszuge der letzten Bewohnerin verschwunden
-und das ehemals so feinsinnig zusammengestimmte Milieu von Antons
-ist damit leider für immer dahin. Das Aussichtstürmchen mit der Uhr,
-das »Belvedere«, und der von einfach profilierten Pfeilern getragene
-Balkonvorbau über dem Haupteingang an der Elbseite sind, wie schon
-erwähnt, spätere Zutat des neunzehnten Jahrhunderts, gliedern sich
-aber dem Gesamtbild in trefflicher Weise ein, wie ein Vergleich der
-Abbildungen 1 und 2 eindrucksvoll lehrt.
-
-[Illustration: Abb. 6 =»Antons«.= Durchblick im Park mit der alten
-Platane.]
-
-Antons schönster Schmuck jedoch ist der dicht an das Haus anschließende
-Garten, den man trotz seiner verhältnismäßig kleinen Abmessungen von
-etwa 150 zu 100 Meter Länge und Tiefe gern als Park bezeichnen möchte.
-
-Riesige Kastanien und Linden umrahmen ein dicht am Hauptgebäude
-gelegenes Rasenrondell (siehe Abb. 3) und verdecken es nach dieser
-Seite fast gänzlich. Flußabwärts birgt sich die malerische alte
-Kegelbahn, von Efeu umsponnen, dicht unter alten Baumriesen, kaum daß
-die Sommersonne Platz hat, ein paar goldene Lichter auf Holzwerk und
-Weg zu legen (Abb. 4). Verschlungene Wege, nach englischem Geschmack
-angelegt und von Efeuhecken umrahmt, führen zu immer neuen, malerisch
-schönen Durchblicken. In der südlichen Gartenecke, im Mauerwinkel
-liegend, wird ein niedriger Aussichtsaltan sichtbar (siehe Abb. 5), von
-herrlichen Kastanien und Linden beschattet, und unweit davon strebt aus
-dunklen Efeubeeten eine mächtige Platane hell heraus (siehe Abb. 6).
-So klein die Anlage ist, so wirkungsvoll erscheint sie hier durch
-gärtnerische Kunst gestaltet.
-
-Lange hat so Antons mit einer Parkanlage im tiefen Frieden geruht,
-ein Denkmal feinsinniger Kultur aus vergangenen Tagen. Heute nun
-herrscht lebhaftes Bade- und Sportsleben in und um das alte Landhaus
-herum und der stimmungsvolle Reiz des Ganzen ist damit wohl für immer
-dahin. Der Freund der Heimat und sächsischer Kultur muß sich aber
-fragen, ob zu dieser gewaltsamen Änderung wirklich ein zwingendes
-Bedürfnis vorlag, ob es wirklich nötig war, ein Stück bester Dresdner
-Tradition zu zerstören, um ein Luftbad mehr entstehen zu lassen in
-einer Zeit, in der die den Elbufern benachbarte Bevölkerung sich mehr
-und mehr gewöhnt, in der freien Elbe und an ihren Ufern ein möglichst
-uneingeschränktes Freibadeleben zu genießen. Uns will es scheinen,
-als hätten die für die »Modernisierung« von Antons von der Stadt
-ausgegebenen Millionen an anderem Platze besser und zweckdienlicher
-Verwendung finden können, denn auch die Erhaltung der Denkmäler alter
-Kultur ist eine Ehrenpflicht des freien Volkes, und der Ertüchtigung
-unserer Jugend dient in erster Linie auch der, der es unternimmt, sie
-vom Werte der Tradition und von den Grundlagen unserer heutigen Kultur
-zu überzeugen.
-
-
-
-
-Die Pflege der Schönheit und Eigenart der Heimat als soziale Aufgabe
-gerade für unsre arme Zeit
-
-Von _Fritz Koch_, Weimar
-
-
-Wenn man für eine Notwendigkeit eintritt, die Schönheit und Eigenart
-unsrer Heimat zu pflegen, so hört man nicht selten die Meinung, unsre
-Zeit sei zu hart und zu arm, als daß sie sich mit solchen idealen
-Dingen beschäftigen dürfte. Und doch hat unsre arme Zeit dazu erst
-recht die Verpflichtung.
-
-Wer sich darüber klar werden will, muß freilich etwas weiter ausholen.
-Denn mit einer nur äußerlichen Betrachtung kann man den Zielen und den
-Notwendigkeiten des Heimatschutzes nicht beikommen. (Mit diesem Wort,
-das auch den Schutz der Bau- und Naturdenkmäler einschließen will,
-faßt man bekanntlich die Bestrebungen zur Pflege unsrer schönen Heimat
-zusammen.) Es handelt sich beileibe nicht um eine Liebhaberei. Der
-Heimatschutz ist vielmehr ein Teil einer großen Kulturbewegung. Der
-materiell so günstige Aufschwung unsres Vaterlandes seit dem Kriege
-von 1870 war unstreitig in mancher Beziehung nicht gleichbedeutend
-mit Kultur. Man vergaß vielfach, daß materielles Wohlergehen nicht
-Selbstzweck sein kann, sondern nur ein Mittel zu einer höheren
-Entwicklung, die möglichst weiten Volksschichten Vervollkommnung
-und Glück ermöglicht. Diese Überschätzung des Materialismus und
-Kapitalismus ließ unter anderm auch die Rücksichten außer acht, die
-man auf die Erhaltung der Schönheit und Eigenart des Bildes der Heimat
-nehmen muß; denn die Heimat mit allen ihren Schönheiten ist schließlich
-doch Gemeingut aller, ist etwas mehr als nur ein Objekt der Ausbeutung,
-als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Die ärgsten Verunstaltungen
-unsrer früher überall so schönen Orts- und Landschaftsbilder waren
-die Folge. Andre wurden obendrein angerichtet bloß durch den Mangel
-an Verständnis und an Fähigkeit, ein Haus, eine Wegeanlage usw.
-vernünftig zu gestalten. Soweit man z. B. etwas Besonderes »für die
-Kunst« tun zu müssen glaubte, wie beim Hausbau oder bei der Errichtung
-von Denkmälern, machte sich ein übler Parvenügeschmack, ein hohles
-Protzentum breit.
-
-Gegen diese Schädigungen der Heimat wandte sich die
-Heimatschutzbewegung, als ein Teil jener Gegenströmung gegen den
-Materialismus, die etwa seit der Wende des Jahrhunderts eine Erneuerung
-unsrer gesamten Kultur erstrebt. Der Heimatschutz begann den Kampf
-zum Schutze von idealen Gütern, die seines Erachtens das Leben in
-der Heimat erst lebenswert machen. Von Anfang an hat er jedoch dabei
-betont, daß er durchaus nicht überspannt und weltfremd vorgehen
-wolle, und hat darauf hingewiesen, daß, von einer höheren Warte
-aus betrachtet, seine Forderungen, die auf allgemeine kulturelle
-und speziell vielfach auf schönheitliche Gründe gestützt werden,
-schließlich doch auch das für die volkswirtschaftliche Entwicklung auf
-die Dauer allein Segensreiche und Notwendige sind. »Es ist das, was wir
-anstreben, keineswegs rückschrittlich, reaktionär oder romantisch, wie
-man es vielleicht schelten wird; wir denken nicht daran, dem Rade der
-Entwicklung, auch der wirtschaftlichen, in die Speichen zu fallen, um
-es aufzuhalten oder gar zurückzudrehen, was wir doch nicht vermöchten,
-– aber wir können und wollen es lenken, daß es nicht unnötig die
-Schönheiten unsrer Heimat zermalmt und uns nicht hinabführt in den
-Abgrund, sondern hinauf auf die Höhen wahrer Kultur. Daß diese Höhen,
-die früher nur von einer privilegierten Minderheit beschritten werden
-konnten, jetzt allen zugänglich gemacht werden, – das ist der einzige
-wahre Sinn des modernen technischen Fortschritts!« (Fuchs, Professor
-der Nationalökonomie an der Universität Tübingen, in »Heimatschutz und
-Volkswirtschaft«, 1905.) Der Heimatschutz will, indem er für den Schutz
-der Heimat wirkt, weitesten Kreisen den Blick öffnen für die Schönheit
-und Eigenart unsrer Heimat. Er will mit seiner Arbeit allen Menschen
-Möglichkeiten des Glücks und von Freuden erhalten, die doch gewiß zu
-den besten gehören.
-
-Das ist die hohe soziale Aufgabe, die er übernommen hat, und das
-macht auch seine besondere Bedeutung für unsre arme Gegenwart aus!
-Gewiß, erst muß der Mensch – in dieser schweren Zeit doppelt – bemüht
-sein, sein Brot zu verdienen und überhaupt zu leben. Aber so heißt es
-auf jede Kultur verzichten, wenn man sagt, er könne in dieser Zeit
-überhaupt für nichts andres mehr Sinn haben. Das ist aus äußeren
-Gründen falsch. Solange es zu Alkohol und Tabak reicht, muß es auch
-noch zu höheren, kulturellen Bedürfnissen reichen. Es ist aber auch aus
-inneren Gründen unrichtig. Der Mensch lebt nicht von Brot allein, und
-der Reichtum ist eine Sache, die nicht nur auf äußere Dinge gegründet
-ist, sondern die ebenso in uns selbst liegt. Das bekannte Beispiel:
-Ein Reicher, der sich das teuerste Klavier gekauft hat, kann allein
-deshalb noch nicht darauf spielen. Aber auch ein Armer kann mit den
-vielen geistigen Genüssen und Werten, die ihm trotz seiner Armut zu
-Gebote stehen, nichts anfangen, solange er es nicht gelernt hat. Hier
-liegt das Geheimnis. Noch heute gilt das Dichterwort: In deiner Brust
-sind deines Schicksals Sterne. Je ärmer wir werden, je schlechter
-es uns geht, um so mehr müssen wir lernen, unser Leben mit idealen
-Werten auszustatten. Vor allem mit den Werten, die uns nichts kosten,
-die jedem, auch dem Ärmsten im Volke, zu Gebote stehen, wenn er nur
-seine Augen für die Schönheit dieser Welt offen hält. Man behaupte nun
-etwa nicht, der »Mann aus dem Volke« habe dafür doch keinen Sinn! Das
-ist einfach nicht wahr! Dutzende von Beispielen könnten zum Beweise
-beigebracht werden. Und für den, der uns trotzdem nicht glaubt, ergibt
-sich doch schließlich nur die Forderung an den Staat, besser als bisher
-für die Erziehung der »breiten Massen« zu sorgen, damit sie auch an den
-Genüssen der »sozial Höherstehenden« teilnehmen können. Zweifellos wird
-die Volksbildung gar nicht genug tun können, die Kenntnis der Heimat
-und die Freude an ihr zu vertiefen. Die Volkshochschule hat hier eines
-ihrer besten Tätigkeitsfelder. Vor allem aber wird es natürlich Sache
-der Schule sein, dieses Ziel weit mehr als früher in den Vordergrund zu
-stellen. Es ist bekannt, daß sie sich dieser Aufgabe bewußt ist. Sie
-kann dabei des Dankes und der Mitarbeit weitester Kreise sicher sein.
-
-»Die Schönheit unsres Vaterlandes ist ein nationaler Reichtum.«
-Diesen Satz tragen die Veröffentlichungen des Heimatschutzvereins von
-Frankreich (das schon im Frieden Millionen für diese Bestrebungen
-aufwandte). Wir fügen hinzu: Sie ist ein Reichtum, den uns kein Feind
-rauben kann, nur wir selbst. Vor dem Kriege wollte man oft mit einem
-gewissen Schein des Rechtes geltend machen, es wäre nicht so schlimm,
-wenn auch viele Gegenden verunstaltet würden. Bei den billigen
-Verkehrsmöglichkeiten habe auch jeder Arbeiter, der in einer dumpfen
-freudlosen Vorstadt lebe, die Möglichkeit, am Sonntag in eine schöne
-Gegend zu fahren und sich dort zu erholen. Das ist bekanntlich jetzt
-anders. Jetzt müssen wir darauf dringen, daß jeder Wohnort und jede
-Landschaft nicht etwa nur gerade noch menschenwürdig, sondern so schön
-bleibt, daß man sich dort wohl fühlen kann.
-
-Damit ist schon übergeleitet zu der Tatsache, daß der Heimatschutz
-sich nicht nur auf ideale Forderungen gründet, sondern sich auch
-mit vielen schwerwiegenden materiellen Interessen deckt; hier mit
-der Pflege der Volksgesundheit. So ist er z. B. längst, bevor diese
-Forderungen durch die neue Wendung der Politik vertreten wurden, für
-Bodenreform eingetreten, für innere Kolonisation, vor allem dafür, daß
-jedermann auch sein Gärtchen und sein Stück Land bekäme, weiter für
-Verstaatlichung der Naturkräfte usw. Und wenn der Heimatschutz sich
-gegen die Begradigung aller Wasserläufe wendet (deren Übertreibung
-Hochwasserschäden, Austrocknung des Landes, Verminderung des
-Fischreichtums mit sich gebracht hat) und gegen die Verunreinigung
-der Gewässer, und wenn er sich für den Schutz der nützlichen Vögel
-einsetzt, wenn er – um einige weitere Beispiele zu nennen –, vor
-den schematischen Bebauungsplänen mit viel zu breiten kostspieligen
-Straßen ebenso wie vor der Errichtung vieler überflüssiger Denkmäler
-gewarnt hat, so vertritt er damit auch schwerwiegende Interessen rein
-volkswirtschaftlicher Art.
-
-Ganz besonders gilt dies für die Ziele des Heimatschutzes auf dem
-Gebiete des Bauwesens. Allenthalben ist von der Verbilligung des
-Bauens die Rede, und doch müssen die amtlichen Stellen fast in jedem
-Falle die Erfahrung machen, daß die Bauherren die Grundbedingung dazu
-außer acht lassen. Sie wollen nicht einsehen, daß man bei den jetzigen
-Verhältnissen (wenn man nicht zu den Reichen gehört) seinen Bau nur
-dann durchsetzen kann, wenn im Äußern wie im Innern so einfach und
-so sparsam wie möglich und auch wesentlich kleiner gebaut wird als
-früher. Fast alle Bauherren lassen sich Bauzeichnungen machen, wie man
-sie vor dem Kriege gewohnt war, möglichst im sogenannten »Villenstil«,
-sehr reichlich groß, mit Vor- und Anbauten, Verzierungen und sonstigem
-Aufwand. Und doch waren alle Einsichtigen schon vor dem Kriege längst
-darüber einig, daß nur ein irregeleiteter Geschmack und die Sucht nach
-dem Mehr-Scheinen-Wollen solche Bauten sich wünschen, und daß die
-schlichten Wohnhäuser viel schöner sind. Was aber in der Zeit früheren
-Reichtums in erster Linie Geschmacksfrage war, das ist heute zwingende
-Notwendigkeit. Wir können uns solchen verfehlten Luxus einfach nicht
-mehr leisten. Wir müssen heute schlicht bauen, praktisch, solid und
-dauerhaft natürlich (denn das Unsolide ist auf die Dauer das Teuerste)
-und bei aller Einfachheit trotzdem oder richtiger gerade deshalb
-schön. »Die erste Bedingung für die Verbilligung eines Baues ist also
-eine gute, der Armut unserer Zeit entsprechende Bauzeichnung. Fehlt
-sie, dann nützt alle Sparsamkeit bei der Bauausführung nichts, es ist
-dann unmöglich, daß der Bau billig wird.« (Aus einer Bekanntmachung
-des Stadtrats Rennert in Meiningen, betreffend Baukostenzuschüsse.)
-So sind die Forderungen, die der Heimatschutz auf dem Gebiete der
-Architektur aus Gründen der Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit seit Jahren
-erhoben hat, durch die wirtschaftlichen Zeitverhältnisse glänzend
-gerechtfertigt worden.
-
-Aber nicht nur am Bauwesen, sondern überhaupt ist heute die
-Notwendigkeit der Bestrebungen des Heimatschutzes in allen einsichtigen
-Kreisen des Publikums anerkannt und ebenso auch durch den Staat. Der
-Heimatschutz findet jetzt seine feste Stütze in der Reichsverfassung.
-Artikel 150 stellt fest: »Die Denkmäler der Kunst, der Geschichte und
-der Natur, sowie die Landschaft genießen den Schutz und die Pflege
-des Staates.« Damit ist ausdrücklich betont, daß der Staat seine
-Verpflichtungen gegen die Heimatschutzsache mit der Schaffung von
-Gesetzesvorschriften allein nicht erfüllt, sondern daß er auch sonst
-Maßnahmen zum Schutz und zur Pflege der Schönheit und Eigenart der
-Heimat treffen muß.
-
-Es sind Maßnahmen und Aufwendungen, die sich hundertfach lohnen.
-
-
-
-
-Das Raubwild im Haushalte der Natur
-
-Von _Hainz Alfred von Byern_
-
-
-»Wissen Sie,« sagte mir einmal ein Jagdherr, »das ist doch eigentlich
-sonderbar, auf meinem ganzen Revier gibt es kein einziges Stück
-Raubzeug, und trotzdem werden die Strecken von Jahr zu Jahr schlechter!«
-
-»Jawohl,« entgegnete ich, »eben _weil_ Sie alles Raubwild abschießen
-lassen!«
-
-Der gute Mann sah mich ungläubig lächelnd an, er meinte wohl, ich wolle
-einen Scherz machen. Aber dann klärte ich ihn auf:
-
-»Können Sie sich eine Großstadt, oder meinetwegen auch ein ganzes
-Reich, ohne Sanitätspolizei denken?«
-
-»N–ein, – nein, eigentlich nicht –«
-
-»So, na sehen Sie, und da wollen Sie klüger sein als die Natur,
-welche das Haarraubwild und die gefiederten Räuber einzig und allein
-aus dem Grunde erschaffen hat, um die Ausbreitung von Seuchen, die
-Fortpflanzung kranker und schwächlicher Stücke zu verhindern?! Denn
-jeder Fuchs, Marder und Iltis _wittert_ es, ob ein Stück Wild krank
-oder gesund ist, jeder Wanderfalke, Hühnerhabicht, Rauhfußbussard und
-Milan schlägt das _schwächste_, zur Nachzucht ungeeignetste Stück, weil
-er es am leichtesten erbeuten kann!«
-
-Mein Bekannter war recht nachdenklich geworden, und als ich ihn nach
-drei Jahren wieder besuchte – ei siehe da! – die Strecken hatten sich
-um fünfzig Prozent gehoben und Raubwild gab es gerade so viel, daß die
-gesunden und kräftigen Stücke von der »freiwilligen Sanitätspolizei«
-verschont blieben! –
-
-Bitte, meine Herren, fragen Sie mal jeden alten, erfahrenen
-_Praktiker_! Er wird Ihnen – ich wette tausend zu eins! – sagen:
-»Ein Revier, namentlich ein _Niederwildrevier_ ohne Raubwild _muß_
-herunterkommen, ist einfach ein Unding!« _Eine_ Ausnahme gibt es: die
-Fasanerie! _Da_ freilich soll es heißen: Krieg _allen_ Räubern! Und
-mit allen _weidgerechten_ Mitteln: Pulver und Blei, Knüppelfallen
-und Kastenfallen, Krähenhütte und Hasenquäke, _aber nicht mit
-dem aasjägerischen, hundsgemeinen Gift und diesen furchtbaren,
-tierquälerischen Marterwerkzeugen, den Eisen, in denen sich so ein
-armes Gottesgeschöpf eine lange, endlos lange Winternacht in stummen
-Schmerzen, in Todesangst quält und windet_!
-
-Zwei Arten Raubwild verdienen keine Schonung: wildernde Hunde und
-verwilderte Katzen. Die schieße ich ab wo und wann ich ihrer habhaft
-werde.
-
-Aber es gibt mir einen Stich, wenn ich lese, daß Herr X. das
-»Weidmannsheil« hatte, einen Adler zu erbeuten. Ja, meine Herren,
-muß denn _alles_ »verruiniert« werden?! Muß das _wirklich_ sein?!
-Ich meine, wir, unser heutiges Geschlecht, unsere »moderne« Zeit,
-sind so bettelarm an ethischen Werten, an Dingen, die sich nicht mit
-schmutzigen Markscheinen kaufen lassen! Soll uns denn die Freude an der
-Natur, die Liebe zum Mitgeschöpf _auch_ noch genommen werden?!
-
-Wie meinten Sie, Verehrtester? Ein Marderbalg kostet jetzt
-fünfzehnhundert Mark? Sehr richtig, und ein Hirsch ist ein brauner
-Lappen! Aber, lieber Herr Neureich, Sie haben doch Kinder – Enkel
-sogar? Na also, sehen Sie mal, sollen die vielleicht statt Füchse
-Ratten, statt Falken Sperlinge schießen?! Dann sind sie nicht Jäger,
-sondern »Kammerjäger«.
-
-»Jeder ist sich selbst der Nächste!«
-
-»Ach nein, Herr Neureich, jeder – Sie und ich, – sind ein Glied in
-einer Kette, ein einziges Rädchen der gigantischen Maschine, und wir
-haben die Pflicht – verstehen Sie mich recht: die _Pflicht!_ – das Erbe
-nicht zu verschleudern, sondern zu erhalten und zu mehren!
-
-Sehen Sie nur einmal einem Wanderfalkenpaar bei seinen Flugspielen
-zu, beobachten Sie eine Marderfamilie und – wenn Sie dann den rechten
-Finger nicht auch mal vom Abzug lassen können, tun Sie mir leid – Sie
-_Schießer_!!«
-
-Nun werden meine liebwerten Leser wohl bald aufsässig werden und sagen:
-»Nächstens verlangt der Kerl noch eine gesetzliche Schonzeit für das
-Raubzeug!« Ganz recht, meine Herren, das tue ich auch, wenigstens für
-einige seltene Arten: Fischreiher, Adler, Edelfalken, Baummarder,
-Uhu usw. _Warum soll denn bei uns etwas nicht gehen, das z. B. in
-Mecklenburg schon seit einiger Zeit Landesgesetz ist?!_
-
-Freilich – wie viele unsrer jetzigen Jäger können wohl einen
-Rauhfußbussard von einem Mäusebussard, Wespenbussard oder
-Hühnerhabichtweibchen unterscheiden? (Daß es – hm – »Jagdkarteninhaber«
-gibt, die jeden Kuckuck als Sperbermännchen ansprechen, sei nebenbei
-erwähnt.)
-
-Und – ich kenne Leute, die jedes Stück Raubwild grundsätzlich auf
-die unglaublichsten Entfernungen beschießen mit der drastischen
-Entschuldigung: »Ach was, das ist ja »_nur_« Raubzeug, hoffentlich
-kriegt es ein paar Schrote ab!«
-
-Diesen Schindern und Aasjägern soll ein dreifaches Donnerwetter in die
-Knochen fahren! Wie sagt Riesenthal?
-
- »Bewahr’s vor Mensch _und Tier zumal_,
- _Verkürze_ ihm die Todesqual!
- Sei außen rauh und innen mild,
- _Dann_ bleibet blank dein Ehrenschild!«
-
-Laufen solche – solche – solche – (ich finde keinen Ausdruck aber
-– platzen soll’n se! Bajonett’ soll’n se schwitzen! Ä Ephei soll’n
-se wär’n un wuchern soll’n se um nix!) herum, haben sich als Jäger
-kostümiert und sind doch nichts als schlecht verkleidete Henkersknechte!
-
-_Diese_ Sorte ist schuld, wenn das Weidwerk bei den breitesten
-Volksschichten in Mißkredit gekommen ist, wenn uns von der grünen
-Gilde (wie dies kürzlich eine der verbreitetsten Tageszeitungen tat)
-»Sadismus« vorgeworfen wird!
-
-Ihr Gesangbuchchristen und Pharisäer: _ehrt den Schöpfer in seinem
-Geschöpf_! Wer sagt euch denn, daß ihr mehr seid, ihr lieblichen
-Ebenbilder Gottes, als die stumme, leidende, wehrlose Kreatur?!
-Größenwahnsinnig seid ihr! – Vor Gott, dem Lenker aller Weltensysteme,
-dem Gestalter und Erhalter dieser Ungeheuerlichkeit, die wir mit unsern
-dumpfen, stumpfen Sinnen nicht begreifen können, seid ihr Mikroben,
-seid ihr Stäubchen im Weltenall!
-
-_Eines_ allein bleibt: die Liebe, die sich für uns ans Kreuz schlagen
-ließ, die Liebe, die auch im hilflosen Geschöpf ein gleichberechtigtes
-Wesen sieht!
-
-Oder – _wie wollt ihr Barmherzigkeit erlangen, wenn ihr selbst kein
-Erbarmen kennt_?!
-
-Und nicht nur ein Erbarmen aus Nützlichkeitsgründen, nein, _auch dem
-verfehmten verfolgten Raubwild gegenüber_!
-
-Wohl bekomm’ euch meine Philippika, ihr Herren!
-
-
-
-
-Landheimbau
-
-
-Unser altes Landheim, die Sorge am Habichtsberg bei Cranzahl, hatten
-wir verloren. Zu Pfingsten 1919 mußten wir sie verlassen, da das Haus
-zum Abbruch von der Gemeinde Cranzahl verkauft worden war. Aber die
-Amtshauptmannschaft Annaberg verbot den Abbruch, – und uns eröffnete
-sich die Aussicht, unser Heim, das uns in so vielen Jahren, seit 1913,
-lieb und traut geworden, wieder zu gewinnen, – als Ostern 1920 die
-Sorge abbrannte. »Durch Funkenflug der Lokomotive« stand’s in der
-Zeitung geschrieben. Aber wir wissen, daß das unmöglich ist.
-
-Wir suchten uns ein anderes Heim. In jetziger Zeit eine recht
-schwere Aufgabe. Dieses Jahr, noch war Winter, untersuchten zwei von
-unserer Ortsgruppe das Häusel im Schmalzgruber Hammerwerk auf seine
-Bewohnlichkeit. Es war bereits stark verfallen, Türen und Fenster
-fehlten, innen sah es schwarz und finster aus. Dem Verfall geweiht.
-
-»Das wird ein Heim für uns. Wir bauen es uns wohnlich aus!«
-
-Der Besitzer, Herr Fabrikbesitzer Paul Pilz in Niederschmiedeberg,
-zeigte sich uns außerordentlich entgegenkommend, und bald war der
-Vertrag abgeschlossen. Wir hatten ein Heim, das wir wieder unser nennen
-konnten. Und für den Jungen bedeutet es eine große stolze Freude, wenn
-er sagen kann, dies Haus ist unser. Er ist mit seinem Heimatboden näher
-nun verbunden.
-
-Aber eine gewaltige Arbeit stand uns nun bevor: das Häusel ausbauen.
-Kosten sollte, durfte und konnte es nicht viel. Arbeitslohn brauchten
-wir keinen, da wir selbst die Arbeiter stellten. Herr Pilz überließ uns
-viel Material für den Ausbau in der freundlichsten und freigebigsten
-Weise, so daß wir hier in ihm eine mächtige Stütze fanden. Sein
-Betriebsleiter, Herr Leichsenring, ging uns mit Rat und Tat zur Seite.
-
-So war es eine Lust zu schaffen. Und mancher, der vorüberging, hat sich
-gewundert, wie eine Handvoll Annaberger Jungens und Studenten »mitten
-im kalten Winter« schwer gearbeitet haben und dabei so lustig waren.
-
-Eins stand uns beim Ausbau von vornherein fest: das Häusel bleibt in
-seiner Eigenart voll gewahrt.
-
-An einem frühen Sonntagmorgen vor den Osterferien rückte eine Schar
-Jungen mit Handwagen, Hacken, Schaufeln, Eimern, Besen, Kellen, Hammer,
-Beilen und einem Handofen von Annaberg weg nach dem neuen Heim in
-Schmalzgrube.
-
-Kräftig ging der Angriff los. Das Wetter war prächtig, die Sonne lachte
-dazu, und bald stand das ganze Häusel im Nebel, so kehrten und fegten
-alle dienstbaren Geister darin herum und brachten den Dreck und Staub
-hinaus aus dem Haus. Nur die Hose auf dem Leib, so schranzte alles,
-daß es »nur so roochte«. Die zerfressenen Bretterdielen wurden auch
-gleich herausgenommen, es waren nur noch kleine Stücke, »Fragmente«. An
-diesem Tage war das Häusel sauber gekehrt, dahinter aber im Steinbruch
-hatte sich ein ganz beträchtlicher Schutt- und Kehrichthaufen gebildet.
-Schwarzgrau und verrußt sahen die aus, die aus dem Häusel herauskamen.
-Im nahen Bache wurde sich gründlich gewaschen, um am späten Nachmittage
-den Heimmarsch anzutreten. Nicht schlecht guckte unser lieber
-Leichsenring über die Arbeit, die in den paar Sonntagsstunden geschafft
-worden war. Ja, das war für die Buben ein ander Zugreifen und Schaffen,
-als auf der Schulbank zu sitzen.
-
-Die Osterferien kamen. Mit ihnen neuer unerwarteter Schnee und neue
-Kälte, dann wieder Tauwetter, kalter Wind und wieder Schnee. Das alles
-in recht bunter Abwechslung.
-
-Das hielt uns nun nicht ab, den Bau mit Wucht weiterzuführen. Ein
-Sachkundiger hatte uns einen Bauplan entworfen. Im übrigen half uns
-Vater Leichsenring, wo er nur konnte. Und Mutter Leichsenring hatte
-nichts weniger zu tun, als zweimal am Tage für durchschnittlich
-fünfzehn Mann – alles starke Esser und keine Kostverächter – warmes
-Essen zu kochen. Wir kochten diesmal nicht selbst, damit wir hiermit
-keine Zeit verloren. Unser Nachtquartier hatten wir in einem
-leerstehenden Zimmer des Nachbarhauses bezogen.
-
-Sofort begann die Arbeitsteilung. Die eine Hälfte der Mannschaft
-arbeitete im Heim, die andere ging »auf Transport«.
-
-Uns war die Arbeit nicht leicht gemacht durch das böse Wetter.
-Verdrießen aber konnte uns das nicht.
-
-In der unteren vorderen Stube arbeiteten immer drei bis vier Mann,
-hackten den schwarzen Boden, der steinfest gefroren war mühsam, oft
-nur splitterweise los. 25 Zentimeter tiefer wollten wir den Fußboden
-legen in einer Fläche von 27 Quadratmetern, weil wir ihn betonieren
-und darauf die Diele legen wollten. Acht Tage haben wir gebraucht,
-um den förmlich zu Stein gefrorenen Boden herauszuhacken. Die Hände
-wurden dabei steif und rissig. Die Hacke prellte ganz ekelhaft in den
-Händen. Dabei kam beim Tieferlegen des Bodens das Grundwasser hervor,
-so daß von Zeit zu Zeit ein Mann schöpfen mußte, was in der Kälte auch
-nicht gerade ein Vergnügen war. Außerdem pfiff der Wind durch die öden
-Fensterhöhlen.
-
-In der Hausflur und in der hinteren unteren Stube wurden Stützbalken
-eingezogen. Im Obergeschoß rissen wir die Dielen heraus, um den
-noch versteckt liegenden Unrat herauszuschaffen. Manch altes Schloß
-und anderes verrostetes Eisenwerk fanden wir, so daß wir bald eine
-»Raritätensammlung« anlegen wollten. Zwei wohlerhaltene Kinderkutschen
-waren auch vorhanden. Wir benutzten den Oberteil davon zum Sand holen.
-Der Sand wurde aus dem nahen Teiche von zwei Mann herausgeschaufelt,
-in die Kinderkutschen geworfen und dann auf einem Schlitten von zwei
-Mann über die abschüssige Wiese ans Haus herangefahren und dort
-ausgeschüttet, wo ihn ein Mann durchs Sieb warf. Das Obergeschoß blieb
-im übrigen unberührt, nur die gröbsten Löcher im Schindeldach wurden
-mit Holzbrettern ausgebessert.
-
-Die andere Abteilung, die ungefähr sieben Mann stark »auf Transport«
-rückte, hatte es nicht leichter. Da gab es Bretter, Balken, Schwarten,
-Lehm und anderes mehr heranzuschaffen. Früh um sechs Uhr wurde zu
-Herrn Pilz nach dem zweieinhalb Stunden entfernten Niederschmiedeberg
-mit einem Tafelwagen gefahren. Im oberen Preßnitztal lag Schnee,
-im unteren war er weggeschmolzen. Mit leeren Wagen abwärts zu Tale
-ließ sich gut fahren. Ganz anders aber wieder zurück: vierzig große
-schwere Bretter hatten wir aufgeladen. Wir mußten tüchtig schieben
-und zerren, um den Wagen durch den aufgeweichten Schmutz der Straße
-vorwärtszubringen. Toll aber wurde die Sache, als wir wieder in die
-Region des Schnees kamen. Da brach natürlich der schwer beladene Wagen
-erst recht ein. Wir griffen in die Speichen, um ihn vorwärtszubringen.
-Nur stückweise. Wir schwitzten. Die Zeit verging rasend schnell. Ich
-schickte einen Läufer nach dem eine Stunde entfernten Heim, daß die
-Leute aus dem Heim uns mit Schlitten entgegenkämen. Indessen versuchten
-wir mit unserer Last weiterzukommen. – Ein Geschirr auf der einsamen
-Straße! – Ob wir anhängen dürften? – Ja, wenn wir mitschöben! –
-Natürlich! – Mit drei Seilen banden wir fest. Gleich beim ersten Anzug
-des Pferdes rissen alle drei Seile mitten durch. Also das nächste
-Mal vorsichtiger anfahren! Es ging. Noch drei-viermal rissen uns die
-Seile. Der Kutscher hatte eine bewundernswerte Geduld mit uns. Aber
-wir kamen doch vorwärts. Bis das Gefährt nach Grumbach die neue Straße
-abbog. Nun wieder allein. Nach einer Stunde kommt die Ablösung mit
-zwei Schlitten. Umgeladen. Mit nur wenig Brettern auf dem Wagen fährt
-die alte Transportmannschaft ins Heim, während die Ablösung mit dem
-Schlitten nachkommt. Es ist bereits fünf Uhr nachmittag. Wir haben seit
-diesen Morgen noch nichts als eine Schnitte Brot gegessen. Wir sind im
-Heim, als ein Bote ankommt: der eine Schlitten sei zerbrochen. Also
-alles noch einmal raus! Teils auf dem anderen Schlitten, teils auf den
-Schultern bringen wir das letzte, immerhin noch große Stück die Bretter
-ins Heim. Wir waren froh, diese Tagesarbeit hinter uns zu haben.
-
-Nicht besser war es anderntags mit der Lehmfuhre. Die war noch ein
-bissel schwieriger. In dem Moor, in dem Walde bei Grumbach gruben wir
-den Lehm, den wir zum Ofensetzen und Ausbessern der Holzverkleidung im
-Obergeschoß verwenden wollten. Den Waldweg bis zur Grumbacher Straße
-mußten wir erst ausschaufeln, so gut es ging. Und trotzdem wären wir
-kaum noch durchgekommen, wenn uns nicht der Förster zu Hilfe kam,
-Eisenketten mitbrachte und sich selbst gleich mit ins Zeug legte.
-Sein Dackel lugte nicht schlecht. Unter lautem »Hühott« zerrten wir
-die schwere Lehmfuhre durch den schneeigen Waldweg auf die offene
-Landstraße. Dort konnten wir fahren bis durch Grumbach durch. Aber am
-Ausgang des Dorfes lag wieder eine gewaltige Schneewehe, die wir nicht
-überwinden konnten. Wir holten uns kurz entschlossen einen Ochsen vom
-Bauern, spannten ihn vor den Wagen. Und nun vorwärts. Der Bauer hieb
-auf den Ochsen ein und wir brüllten und schrien und schoben mit, bis
-die kleine Anhöhe und die Schneestelle unter beängstigendem Gestöhne
-des Wagens überwunden war. Seit jenem Tage sind wir mit dem Bauer gut
-Freund. – Dann konnten wir die Straße wieder allein fahren; Schnee lag
-da keiner mehr.
-
-So galt es noch manchen Transport zu vollbringen. Und die
-Transportabteilung wurde darum nicht beneidet.
-
-Die Arbeit ging rüstig vorwärts. Der Boden der Stube war fünfundzwanzig
-Zentimeter tief herausgeholt. In der Mitte hatten wir ein Wasserloch
-gegraben, quer durch den Fußboden eine Schleuse und die Fensterwand an
-einer Stelle durchstoßen, um Abfluß zu schaffen. Außen am Hause bauten
-wir einen unterirdischen Flußlauf.
-
-Nun das Betonieren. Der Wassergraben im Fußboden wurde mit Steinen
-ausgesetzt und überdeckt, dann legten wir eine Packlagerschicht von
-Ziegelbrocken, die wir aus dem Herrenhaus herüber gehandlangert hatten,
-wobei es manchen Riß in der Haut gab. In diese Schicht bauten wir
-sieben Querbalken und zwei Längsbalken ein für die Dielung, nahmen sie
-sorgfältig in die Wage, was gar nicht so einfach war, als wir es uns
-vorgestellt hatten. Aus dem Herrenhaus schleppten wir nun die Säcke
-Zement herüber, mischten den Zement mit Sand. Ein alter Schachtmeister
-half uns dabei redlich mit. Es war das sein Palmsonntagsvergnügen,
-wie er uns sagte. Solche Leute gibt es doch heute selten. Bis abends
-neun Uhr betonierten wir. Da galt es tüchtig und sachkundig Zement
-mischen, die Mischung in die Stube zu schleppen und Wasser zum Gießen
-herbeitragen. Eine Zementschicht von fünf Zentimeter Dicke entstand.
-Die Balken ragten noch drei Zentimeter heraus, damit das Dielenholz
-nicht auf den Beton zu liegen kommt, sondern Luftzug möglich ist. In
-der rechten Stubenecke gossen wir einen zehn Zentimeter hohen, zwei
-Meter dreißig Zentimeter langen und ein Meter zehn Zentimeter tiefen
-Sockel für den Ofen mit Herd. Mit einem gelernten Ofensetzer zusammen
-setzten wir den Ziegelofen auf. Einen eisernen Ofen setzten wir nicht
-hinein, da die Größe des Zimmers und die geschwungenen Fensterbögen
-einen mächtigen Ofen mit Herd forderten. Für den Herd bestellten wir
-eine Platte von ganz gewichtiger Größe, die uns zweitausendzweihundert
-Mark kostete, eine ganz erkleckliche Summe für unsern Geldbeutel. Aber
-dafür haben wir ein stilgerechtes Zimmer, in dem wir, wenn es nun ganz
-fertig ist, uns wohlfühlen können.
-
-Unterdessen zimmert ein Junge mit einem gelernten Zimmermann, den
-wir für einen Tag zur Verfügung gestellt bekommen haben, für die
-Fenster die Mauerrahmen. Am ersten Tage wurden zwei Stück fertig, der
-dritte angefangen, die nächsten zimmert der Junge kunstgerecht allein
-mit Winkelmaß und allem Werkzeug. Zwei Mann mauern die Rahmen ein.
-Auch hier muß mit der Wasserwage gearbeitet werden. Dann werden die
-Fensterläden gebaut mit drei Querleisten in der ~Z~-Form und Angeln
-und Sturmhaken. Auch hier lernen wir, daß der untere Winkel der
-Querstreifen seinen Scheitelpunkt in der unteren Angel haben muß, damit
-sich der Fensterladen nicht senkt. Alles will bedacht sein. Und weißt
-du, wieviel Nägel man zu einem solchen Fensterladen von ungefähr einem
-Quadratmeter Größe braucht? oder zu einem Quadratmeter Diele?
-
-Auf die Dielenbalken legten wir vorläufig Bohlen und Bretter und
-besserten die Wände aus, putzten und verkalkten sie. Diese Arbeit war
-gar nicht so einfach. Besonders schwierig waren die Fensterbogen, die
-arg in Verfall geraten waren, auszubessern. Aber zwei von uns, die im
-sonstigen Beruf sich ~stud. iur.~ und ~stud. med. vet.~ nennen, hatten
-den Schwung, den Mörtel anzusetzen und zu verreiben, besonders gut weg.
-Und nun ging es ans Weißen. Nachdem der Zement abgebunden hatte und
-trocken war, wurden die gespundeten und feingehobelten Dielenbretter
-genagelt. Sie zu schonen und vor allem vor dem Kalk zu bewahren,
-streuten wir Sägespäne.
-
-Unsere Bauarbeit zog sich bis auf die Sonntage nach Ostern, bis in die
-Pfingstferien; zu den Großen Ferien hoffen wir leidlich fertig zu sein.
-Denn dann entfaltet der Wandervogel seine Schwingen und fliegt weit
-hinaus in die Welt, bis in fremde Länder. Und in seinem Heim wohnen
-geladene Gäste aus dem fernen Süden.
-
-Nach des Tages Last und Müh’ zogen wir uns in unser warm geheiztes
-Quartier zurück. Zum Singen, das wir so sehr lieben, brachten wir es
-in den Osterferien kaum, dazu waren durch das schlechte Wetter unsere
-Kehlen zu rauh und heiser geworden. Aber der oder jener spielte auf der
-Laute, oder wir lasen vor. Aus Selma Lagerlöfs »Gösta Berling«. Und
-denen, die voriges Jahr mit oben in Schweden waren, tauchten frohe,
-freudige Erinnerungen auf, wir sahen wieder die herrlichen Seen,
-umschlossen von ernsten, rauschenden Wäldern, dachten an die schönen
-Stunden, die wir auf stolzen Schlössern verlebten, wie weiland die
-Kavaliere auf Eckeby im frohen Vermland.
-
-Und so haltens wir Wandervögel. In der sonnigen Sommerszeit schweifen
-wir weit in die Ferne. Die Große Fahrt ist uns das Höchste, sie gibt
-uns das Meiste und Wertvollste. Aber gern kehren wir zurück in unsere
-Heimat, die unser ist.
-
-Annaberg im Erzgebirge.
-
- _Fritz Wollmann_, ~stud. rer. merc.~
-
-
-
-
-Heimatschutzbewegung und Hotel
-
-
-Aus dem Bewußtsein der Kürze des eigenen Lebens ergibt sich für den
-denkenden Mann, der seine Kraft an eine edle Aufgabe und ein hohes
-Ziel gesetzt hat, die Aufgabe, Motive und Ergebnisse seines Daseins an
-andere Männer weiterzugeben, daß, auch wenn sein Licht erlosch, sein
-Werk nicht stirbt. Aber damit in seinem Geist weiter gearbeitet werden
-kann, ist es nötig, Freunde und Schüler zu bilden. Es gibt keine große,
-geistige Gemeinschaft, die ihr Werk erhalten wissen will, die nicht
-ebenso verführe. Auch diejenigen, die ihre Heimat lieb haben, wirken
-in diesem Sinne. Es darf gefragt werden, ob durch unsere Bestrebungen
-schon alle erreichbaren Kreise berührt worden sind. An einen Stand
-zu erinnern mag erlaubt sein, an den Stand der Kellner. Niemand
-bezweifelt, daß seine Aufgabe nicht in der Sorge um gutes Essen und
-Trinken für die Gäste aufgeht; des tüchtigen Kellners Ziel ist es,
-dem Gast das Heim möglichst zu ersetzen. Er ist bemüht, dem Reisenden
-Unterhaltungsmöglichkeiten nachzuweisen; er wird oft zum Berater für
-Ausflüge, für Sehenswürdigkeiten. Um das tun zu können, wird er bemüht
-sein, aus den Reisehandbüchern sich selbst eine umfassende Kenntnis
-anzueignen. Aber sind diese Bücher ohne weiteres Hilfsmittel für den
-Heimatschutz? Niemand wird über die bekannten Reisehandbücher gering
-denken; sie bieten eine Fülle von Stoff. Aber es kann nicht von
-ihnen verlangt werden, daß sie die stillen Schönheiten, daß sie das
-Stimmungsvolle einer ganz schlichten Landschaft weitergeben, mitteilen
-können. Das ist nur persönlichem Erleben und, wenn ich so sagen darf,
-in der individuellen Mitteilung möglich. In dieser Art Mitteilung aber
-bewegt sich hauptsächlich die hierher gehörige Aufgabe der Kellner.
-Um sie zu erfüllen, bedürfen sie einer Einführung in das Wesen der
-Heimatschönheit, brauchen sie selber Mitteilung erlebter Schönheit
-und Stimmung. Für die Mitglieder des Heimatschutzes liegt hier eine
-Aufgabe. Wir werden – wenn es die Gelegenheit gibt – auch dem Kellner
-gegenüber es nicht an Mitteilung über die Schönheit seiner Stadt fehlen
-lassen dürfen, wir werden doch auch in den größeren Hotels nach den
-»Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz« fragen
-müssen. Jedermann weiß, daß man in Gasthöfen bisweilen Lektüre trifft,
-deren Wert man als fragwürdig bezeichnen darf. Warum sollen wir da
-nicht für wirklich Wertvolles freudig eintreten? So möchten diese
-Zeilen bitten, für die Heimatschutzbewegung in einem ganz besonderen
-Berufe Freunde und Förderer zu gewinnen.
-
- Pfarrer _Herzog_, Aue i. E.
-
-
-
-
-Die Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba
-
-
-Eine wichtige Aufgabe des Heimatschutzes ist von jeher die Erhaltung
-alter Bäume. Die erheblichen Mittel, welche bisher für diese Art
-Altershilfe Verwendung fanden, haben manchen ehr- und denkwürdigen Baum
-vor völliger Zerstörung und Zusammenbruch bewahrt.
-
-[Illustration: =Die Markersbacher Pfarrlinde= (Phot. R. Wiehl, Dresden)]
-
-Auch der alten Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba drohte
-dieses Schicksal. Es wäre ein besonders schwerer Verlust gewesen,
-stellt doch dieser Baum nicht nur ein durch Alter geweihtes
-Naturdenkmal dar, sondern er ist auch als getreuer Schicksalszeuge
-der Gemeinde kulturgeschichtlich von hohem Werte. Soll doch hier
-unter seinem grünen Blätterdache, der Überlieferung nach, der erste
-evangelisch-lutherische Gottesdienst abgehalten worden sein,
-und da Markersbach 1576 seinen ersten evangelisch-lutherischen
-Pfarrer erhielt, kann das Alter dieser Linde auf etwa vierhundert
-Jahre angenommen werden. Daß bei diesem hohen Alter auch alle
-lebensfeindlichen Einflüsse sich besonders geltend machten, ist
-trotz des gesunden Aussehens des eineinhalb Meter im Durchmesser
-habenden Stammes und der vollen Laubkrone nicht verwunderlich. Durch
-die Öffnungen zweier vor langer Zeit abgebrochenen Hauptäste hatten
-Regen und Schnee ungehindert Zutritt in das unzugängige, völlig hohle
-Stamminnere und förderten die Fäulnis in besorgniserregender Weise.
-Diese Gefahr für den Weiterbestand des Baumes ist jetzt beseitigt.
-Die nicht ungefährliche, auf hohen Leitern auszuführende Arbeit des
-Verschließens der Astöffnungen wurde in zweckentsprechender Weise von
-Herrn Baumeister Reppchen in Gottleuba ausgeführt. Die Mittel hierzu
-stiftete ein seit Jahren mit Markersbach und seinen Bewohnern innigst
-verbundener Freund aller Heimatschutzbestrebungen, Herr Geheimer
-Kommerzienrat Meinel-Tannenberg.
-
-Zum Danke dafür aber rauscht jetzt die alte ehrwürdige Pfarrlinde in
-Markersbach besonders freudig und aus ihrer mächtigen Krone klingt
-nicht nur in leisen Flüstern ein Lied aus längst vergangenen Tagen,
-sondern sie kündet auch laut und vernehmlich das hohe Lied ihrer
-Wohltäter. –
-
- _Georg Marschner._
-
-
-
-
-Die Bekämpfung der Nonne
-
-Von Oberforstmeister _Feucht_, Bad Schandau
-
-
-Während der letzten Kriegsjahre hat im südwestlichen Böhmen,
-zunächst in der Umgebung von Pilsen eine Massenentwicklung der Nonne
-stattgefunden, die wegen Mangel an Arbeitskräften wie an Leim, für
-den die Rohstoffe fehlten, überhaupt nicht bekämpft werden konnte und
-bereits zu gewaltigen Kahlfraßflächen geführt hatte, ehe im Jahre
-1919 überhaupt die erste Kunde davon zu uns nach Sachsen gekommen
-ist. Aus diesen Kahlfraßgebieten sind nun bei schwüler Wärme und
-starkem südöstlichen Winde gewaltige Schwärme meist weiblicher
-Nonnenfalter abgeflogen, die in der Nacht vom 17. zum 18. Juli 1920
-die Staatsforstreviere der Oberforstmeisterei Schandau von Sebnitz bis
-Gottleuba in einer Breite von fünfunddreißig Kilometer und etwa zehn
-Kilometer Tiefe überfluteten.
-
-Von der Staatsforstverwaltung wurde sofort der Kampf gegen diese
-unwillkommenen, gefürchteten Feinde unserer Fichtenwaldungen
-mit allen verfügbaren Arbeitskräften an Männern, Frauen und
-Schulkindern durch Sammeln und Töten namentlich der weiblichen
-Falter aufgenommen. Das Ergebnis waren hundertdreitausend männliche
-und zweihundertdreiundsechzigtausend weibliche Falter. Auch die
-Gemeindevorstände und Privatwaldbesitzer sind auf Anregung der
-Forstverwaltung zum sofortigen Sammeln veranlaßt worden. Leider konnte
-diese Sammeltätigkeit bei der gewaltigen Größe der mit einem Schlage
-befallenen Fläche von gegen dreihundertfünfzig Quadratkilometer nicht
-so gründlich und vollständig mit den vorhandenen Arbeitskräften
-durchgeführt werden, daß ein voller Erfolg der Sammeltätigkeit
-möglich gewesen wäre. Dies zeigte sich bei den im Herbst und Frühjahr
-vorgenommenen Eierzählungen, die in einzelnen Beständen schon Eiablagen
-von tausend bis dreitausend und mehr Eiern an manchen Stämmen ergaben.
-Es war also für das Jahr 1921 nichts Gutes zu erwarten.
-
-Der Falterflug des Jahres 1921 hat dies, zumal das Frühjahr und
-der Sommer mit seiner anhaltenden warmen, trockenen Witterung,
-die für die Entwicklung der Nonne äußerst günstig war, durchaus
-bestätigt. Die Sammelergebnisse bei der Vertilgung von Raupen und
-Puppen waren folgende: zweimillionenzweihundertvierzigtausend
-Raupen, zweimillionenfünfhundertvierzehntausend Puppen und
-fünfzehnmillionensiebenhundertzweiundfünfzigtausend Falter,
-darunter dreizehnmillionensiebenhundertsiebenunddreißigtausend
-weibliche Falter. Diese ungeheure Zunahme und das Ergebnis der
-Probeeierzählungen an gefällten Stämmen gaben der Forstverwaltung
-Veranlassung für das Jahr 1922 umfassende Volleimungen in Aussicht zu
-nehmen. Diese Leimungen umfaßten eine Fläche von nicht weniger als
-zweitausendachthundertdreißig Hektar.
-
-Leider war auch der Witterungsverlauf des Frühjahrs und des Sommers
-1922 für die Entwicklung der Nonne wieder außerordentlich günstig. Das
-Frühjahr trat zwar spät ein, es herrschte aber dann fast ununterbrochen
-trockenes, windstilles Wetter, so daß die Entwicklung der Raupen bis
-zur Verpuppung völlig ungestört vor sich ging.
-
-Die Folge war in vielen Beständen mehr oder weniger starker Lichtfraß,
-stellenweise in den besonders stark belegten Flächen auch Kahlfraß,
-jedenfalls war aber später festzustellen, daß viele Bestände, die
-sonst unfehlbar dem vollen Kahlfraß zum Opfer gefallen wären, durch
-den Leimring, der ungezählte Millionen von Spiegelräupchen vernichtete
-und später ebensoviel alte Raupen abfing, nur lichtgefressen und
-daher erhalten geblieben sind, so daß sich die Kosten für die Leimung
-reichlich bezahlt gemacht haben.
-
-Gewaltig war in diesem Jahre der Falterflug, zeitweise machte er den
-Eindruck eines starken Schneegestöbers.
-
-Ebenso wie 1920 uns aus Böhmen große Überflüge heimgesucht haben, sind
-nun in diesem Jahr aus den Hauptbefallsgebieten der Sächsischen Schweiz
-große Überflüge in nördlicher Richtung erfolgt und haben vermutlich die
-Gebiete des Fischbacher Waldes, der Dresdner und der Lausnitzer Heide,
-des Tharandter Waldes usw. heimgesucht und dort ihre Eier abgelegt, so
-daß nunmehr auch diese Gebiete und ebenso die dortigen Privatwaldungen
-für nächstes Jahr gefährdet erscheinen.
-
-Die ungeheuren Schäden, die man von den Bergen der Sächsischen Schweiz
-gegenwärtig bei einem Blick nach Böhmen hinüber, aber auch schon in
-den sächsischen Waldungen selbst, stellenweise zu Gesicht bekommt
-und die großen Überflüge dieses Sommers, die auch die bewohnten
-Ortschaften und offenen Fluren und Gärten überfluteten, haben nun
-die öffentliche Meinung und weite bisher gleichgültigere Kreise
-aufgerüttelt und auf die Größe der unseren Waldungen drohenden Gefahren
-aufmerksam gemacht und die vorher vielfach fehlende Geneigtheit bei der
-Bekämpfung der Nonne werktätig Hilfe zu leisten, geweckt. Dies zeigen
-auch die zahlreichen in der Presse von mehr oder weniger berufenen
-Verfassern gemachten, gutgemeinten Vorschläge, die Wahres und Falsches
-durcheinandermischen und längst versuchte und als unwirksam wieder
-aufgegebene Bekämpfungsmaßnahmen mit großer Begeisterung erneut
-empfehlen.
-
-Es seien daher zur Aufklärung die bisher bekannten und in der Praxis
-bewährten Bekämpfungsmaßnahmen in aller Kürze etwas näher beschrieben.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Weiblicher Nonnenfalter=
-
-(Phot. Emil Wünsche Nachf., Dresden)]
-
-Die erste und sinnfälligste Maßnahme ist der Fang der Falter,
-namentlich der weiblichen, um die Eiablage zu verhüten. (Abbildung 1
-zeigt einen weiblichen Falter an einen Fichtenstamm.) Diese Maßnahme
-ist bei einer _beginnenden_ Nonnenkalamität oder bei eben erfolgten
-Überflügen in bisher nicht befallene Waldgebiete die wirksamste
-Vertilgungsmaßnahme, wenn sie _sofort_ nach dem Auftreten der Falter
-mit möglichster Beschleunigung, also mit möglichst viel flinken und
-raschen Arbeitskräften, vorgenommen wird. Man kann also in diesem
-Falle, wenn man wirkliche Erfolge erzielen will, auf die Mitwirkung
-von Schulkindern nicht verzichten, um so weniger als das erfolgreiche
-Faltersammeln sich nur auf die _kurze_ Zeit vor und während der
-Eiablage erstreckt. Falter zu sammeln, die ihre Eier abgelegt haben,
-hat keinen Zweck, sie tun keinen Schaden mehr und sterben in Kürze ab.
-
-Sehr lebhaft sind zur Faltervertilgung neuerdings wieder Leuchtfeuer,
-Fackeln, Scheinwerfer oder irgendwelche andere starke Lichtquellen
-empfohlen worden, alle diese Mittel sind bereits bei früheren
-Nonnenplagen, so z. B. in den Jahren 1908 bis 1910 in Sachsen und
-1890/91 in Bayern in großem Maßstabe versucht worden, sämtlich
-ohne durchschlagenden Erfolg. Herrscht zufällig einmal bei einem
-Hochzeitsflug günstiges warmes Wetter, so fliegen wohl einige
-Zehntausende Falter in die Leuchtfeuer, meistens aber sind es Männchen,
-denn sowie die Weibchen mit der Eiablage beschäftigt sind, kümmern
-sie sich um Feuer und Fackeln nicht im geringsten mehr und bei rauhem
-kühlen Wetter tun dies auch die Männchen nicht.
-
-Weiter kommt in Frage das Sammeln von Eiern. Diese Maßnahme ist mühsam
-und schwierig, denn die Eier sind gut unter Rindenschuppen verborgen,
-die erst mit dem Messer abgeblättert werden müssen, um die Eier zu
-finden. Will man die Eier abkratzen, fallen viele zu Boden und bleiben
-entwicklungsfähig. Besser ist daher die Eier mit Teer zu überstreichen.
-Im ganzen ist dieser Maßnahme nur geringe Bedeutung beizumessen, da man
-nur den geringen Teil der Eier im untersten Stammabschnitt vernichten
-kann.
-
-Bei sehr starkem Befall kann auch das Eiersammeln lohnen, wie
-die Sammelergebnisse des Herbstes 1921 beweisen, die über
-einundzwanzigmillionen Eier im Forstbezirk ergeben haben.
-
-Das Sammeln von Raupen kommt zumeist in Kulturen, in denen man die
-Raupen ablesen kann, in Frage. In Althölzern kommen zeitweilig,
-namentlich bei großer Hitze und kurz vor der Häutung große Massen von
-Raupen aus den Kronen bis in den untersten Stammteil herab, so daß sie
-hier ebenfalls mit gutem Erfolg in größeren Mengen vernichtet werden
-können, wenn diese Erscheinung rechtzeitig bemerkt wird.
-
-Das Sammeln von Puppen ist nur neben dem gleichzeitigen Raupensammeln
-und bei starkem Befall von Wert; da die Puppen in borkigen Beständen
-ziemlich schwer zu finden sind, lohnt das Sammeln nicht sonderlich.
-
-Mehrfach ist auch das Bespritzen mit giftigen Flüssigkeiten
-versucht worden. Dies empfiehlt sich namentlich zur Vertilgung
-von Spiegelräupchen unter Verwendung der bekannten auch gegen
-die Kiefernschütte gebräuchlichen Platzschen Pflanzenspritze mit
-fünfprozentiger Lösung von Obstbaumkarbolineum. Unter Verwendung des
-Verlängerungsrohres dieser Spritze kann man die Stämme bis hoch hinauf
-mit dem Verstäuber erreichen.
-
-Auch mit giftigen Gasen, wie sie im Kriege Verwendung gefunden haben,
-sind in Böhmen umfassende Versuche gemacht worden. Leider zeitigte auch
-dieser Versuch keinen Erfolg. Es starben höchstens die Bäume ab, aber
-nicht die widerstandsfähigen Raupen.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Nonnenraupengespinste unter den Leimringen=
-
-(Phot. Oberverwaltungs-Inspektor Herrmann, Zittau)]
-
-Als letztes uns zu Gebote stehendes Mittel bliebe nur noch der
-viel umstrittene Leimring zu besprechen. Seine Wirkung ist eine
-doppelte. Zunächst fängt er alle unterhalb des Leimringes aus den
-Eiern gekommenen Spiegelräupchen, die zum Fraße in die Baumkronen
-hinaufsteigen wollen, ab, und verurteilt sie zum Hungertode. Wer
-in der Sächsischen Schweiz in diesem Frühjahre derartige geleimte
-Bestände besichtigt hat, wird bestätigen können, daß durch die
-Leimringe schon in einem einzigen geleimten Bestande Millionen und
-Milliarden von Räupchen vernichtet worden sind, bevor sie irgendwelchen
-Schaden anrichten konnten. Die Abbildungen 2 und 3 geben davon ein
-anschauliches Bild. Da man nun damit rechnen kann, daß etwa die Hälfte
-der Raupen sich zu weiblichen Faltern entwickelt haben würden, so sind
-für das nächste Jahr ebensoviel eierablegende Weibchen, die man beim
-Sammeln im Falterzustande in gleichem Maße niemals gefangen hätte, mit
-vernichtet worden.
-
-Zum besseren Verständnis der Abbildungen 2 und 3 sei noch folgendes
-hinzugefügt: die im Frühjahr aus den Eiern ausgeschlüpften Räupchen
-sitzen zunächst einige Tage dicht gedrängt in sogenannten Spiegeln
-beisammen, ehe sie den Aufstieg in die Baumkronen beginnen. Bei ihren
-Wanderungen spinnen sie ununterbrochen ihre feinen Fäden, die sie
-auf den Unterlagen stellenweise festheften, so daß zuletzt feinste
-schleierartige Gespinste entstehen. Diese Gespinste werden um so
-dichter, je mehr Räupchen denselben Weg nehmen. Das ist namentlich
-unter den Leimringen der Fall, unter denen sich schließlich gewaltige
-Mengen von Spiegelräupchen ansammeln, die immer spinnend rastlos den
-Stamm umwandern, am Leimring, den sie nicht überschreiten können, sich
-an einen Gespinstfaden fallen lassen, um dann denselben Weg ruhelos zu
-wiederholen, bis sie schließlich an Nahrungsmangel zugrunde gehen.
-
-Vielfach werden die leichten Räupchen, an ihrem feinen Spinnfaden
-hängend, vom Winde nach Nachbarbäumen verweht, dadurch bildet sich
-eine Querverbindung von einem Baum zum anderen, bei zahlreichen Raupen
-vermehren sich diese Fäden rasch, kreuzen sich und werden von den
-Räupchen nun gewissermaßen als Brücke von Baum zu Baum und von Ast zu
-Ast benutzt und immer dichter versponnen, so entstehen schließlich auch
-dichte Schleier zwischen nahe beieinanderstehenden Bäumen, in denen
-ebenfalls Massen von Räupchen zugrunde gehen.
-
-Damit ist aber die Wirkung des Leimrings nicht erschöpft. Im Laufe
-ihres Lebens kommen zahllose Raupen, wie alle früheren und jetzigen
-Beobachtungen beweisen, sei es nun durch Sturm oder Regen oder aus
-eigenem Antriebe, z. B. während der viermaligen Häutungen oder wegen
-übergroßer Sonnenwärme in den Wipfeln, wenigstens einmal vom Baum herab
-und werden dann am Wiederaufklettern durch den Leimring gehindert. Es
-sammeln sich deshalb unter den Leimringen auch gewaltige Massen von
-fast ausgewachsenen Raupen an, wie Abbildung 4 zeigt. Diese Raupen
-können leicht vernichtet werden. Unterläßt man dies, so sind sie
-doch, nachdem sie den etwaigen Unterwuchs und das Heidelbeerkraut
-am Boden kahlgefressen haben, dem Nahrungsmangel ausgesetzt, so daß
-sie massenhaft zugrunde gehen oder für Krankheitskeime besonders
-empfänglich werden und bei dem dicht gedrängten Beisammensitzen,
-manchmal in doppelter Schicht übereinander, sich gegenseitig anstecken.
-Selbst der ungläubigste Thomas müßte beim Anblick derartiger Bilder
-in der Natur sich zu der Überzeugung durchringen, daß der Leimring
-gegenwärtig noch das relativ beste Mittel auch zur Einschränkung der
-Massenvermehrung der Nonne ist.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Nonnenraupengespinste unter den Leimringen=
-
-(Phot. Oberverwaltungs-Inspektor Herrmann, Zittau)]
-
-Das ist aber nicht seine einzige Wirkung. Fast größer noch ist seine
-wirtschaftliche Bedeutung, insofern als er viele Bestände, deren
-Eibelag für einen vollständigen Kahlfraß gerade hinreichen würde, durch
-Vernichtung eines großen Teiles der fressenden Raupen davor bewahrt.
-Dadurch werden große volkswirtschaftliche Schäden vermieden, die durch
-den Abtrieb hiebsunreifer und darum minderwertiger Bestände, sowie
-durch die übermäßige Vergrößerung der Wiederanbauflächen entstehen. Bei
-früheren Nonnenkalamitäten sind die ungeheueren Kahlschlagsflächen erst
-in zehn und mehr Jahren, nachdem der Boden durch das lange Bloßliegen
-stark gelitten hatte, mit sehr großen Schwierigkeiten und Kosten wieder
-angebaut worden. Außerdem wird durch den unregelmäßigen Kahlfraß der
-Nonne, mitten aus den geschlossenen Beständen heraus, vielfach die
-geordnete Bestandslagerung zerstört und Anlaß zu späterem ausgedehnten
-Windbruch gegeben.
-
-Man kann daher jedem Waldbesitzer nur den Rat geben, seine
-Fichtenbestände, wenn durch die nötigen Probeeizählungen der starke
-Eibelag festgestellt ist, zu leimen, er erweist damit nicht nur
-sich selbst einen Dienst, sondern auch der Allgemeinheit, indem er
-dadurch zur Einschränkung der Weiterausbreitung der Nonnenplage
-beiträgt. Die Bereitstellung erheblicher Staatsmittel zur möglichst
-weitgehenden Durchführung der Leimung wäre deshalb vom allgemeinen
-volkswirtschaftlichen Standpunkt aus durchaus gerechtfertigt. Ein
-kleiner Waldbesitzer, der vielleicht nicht einmal schlagbaren Wald,
-sondern nur jüngere Bestände besitzt, die ihm keinen Ertrag liefern,
-könnte sonst die erheblichen Mittel, die das Leimen erfordert, vielfach
-gar nicht aufbringen. Will er sich das Geld zu den in diesem Jahre
-erheblichen Leimungskosten borgen, so wäre er mit Schulden belastet,
-die ihn zugrunde richten könnten.
-
-Wie sich aus dem Gesagten ergibt, besitzen wir leider keine absolut
-sicher wirkenden Bekämpfungsmittel gegen die Nonne. Mißerfolge bei
-Anwendung eines oder des andern der geschilderten Mittel und selbst bei
-Anwendung aller dieser Mittel gleichzeitig sind bei dem stellenweise
-ungeheuren Massenauftreten der Raupen nicht ausgeschlossen. Das hat
-vielfach zu der fatalistischen Auffassung geführt, überhaupt nichts
-gegen die Nonne zu tun und alles der Natur zu überlassen. Diese
-Auffassung muß verhängnisvoll wirken. Für die Natur ist es vollkommen
-gleichgültig, ob eine gewisse Bodenfläche mit Wald bestockt ist oder ob
-sie zur Grassteppe, zu Moor oder Heide oder Flugsandboden wird, für den
-Menschen dagegen bedeutet dieses unter Umständen den Untergang.
-
-Große Hoffnungen hat man auf die »biologische« Bekämpfung, jetzt ein
-sehr beliebtes Schlagwort, gesetzt, leider auch vergebens, denn alle
-Versuche, künstlich Krankheiten bei den Nonnenraupen, namentlich die
-sogenannte Wipfelkrankheit, zu erzeugen oder zu verbreiten, sind bis
-jetzt gescheitert. Alle Infektionsversuche im Großen in der freien
-Natur durch Ausbreiten von toten Raupen, Streu und Kot aus Orten, wo
-die Wipfelkrankheit unter den Raupen bereits herrschte, waren erfolglos.
-
-Ebenso trügt die Hoffnung, die man auf die Wirkung von Schmarotzern,
-Schlupfwespen und Raupenfliegen (Tachinen) setzt. Diese Tachinen sind,
-wenn sich die Insektenwelt in der Natur im Gleichgewicht befindet,
-nur in verhältnismäßig geringer Zahl vorhanden, da sie von der Zahl
-der Wirtstiere abhängig sind, in denen sie sich entwickeln. Ihre
-Massenentwicklung tritt deshalb erst ein, wenn die Wirtstiere sich
-schon außergewöhnlich vermehrt haben. Sie können also den Nonnenschaden
-ebenfalls nicht aufhalten, denn sie sind erst dann in Überzahl
-vorhanden, wenn der Schaden im Walde bereits geschehen ist.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Anhäufung von Nonnenraupen unter dem Leimring=
-
-(Phot. Forstwart Hohlfeld, Zeughaus, Sächs. Schweiz)]
-
-Auch die Wipfelkrankheit, die in früheren Fällen jedesmal der
-Nonnenplage schließlich ein rasches Ende machte, tritt ebenfalls immer
-erst dann ein, wenn der Kahlfraß weite Flächen der Waldungen bereits
-vernichtet hat. So lange es uns nicht gelingt, die Erreger der immer
-noch ungeklärten Wipfelkrankheit zu finden und auch außerhalb der
-Raupen künstlich zu züchten, um sie schon beim Eintreten einer größeren
-Nonnenvermehrung sofort zur Infektion von Raupen verwenden zu können,
-um so die vernichtende Krankheit mit Erfolg künstlich zu verbreiten,
-wird unsere biologische Bekämpfung der Nonne, wie zeither, so gut wie
-erfolglos bleiben.
-
-Das ist zunächst das bis zu einem gewissen Grade betrübende Ergebnis
-unserer heutigen biologischen Forschungen. Das darf uns aber nicht
-entmutigen, diese Forschungen fortzusetzen. Ebensogut wie das
-jahrzehntelange Suchen nach den Erregern mancher menschlichen
-Krankheiten schließlich von Erfolg gewesen ist, wird dies hoffentlich
-auch bei der rätselhaften Wipfelkrankheit, die seit Jahrzehnten die
-Wissenschaft beschäftigt hat, gelingen.
-
-Jedenfalls dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen, so lange uns
-die Wissenschaft keine besseren Bekämpfungsmittel in die Hand gibt,
-sondern müssen die bisher angewendeten, erfahrungsmäßig wirksamen
-Vorbeugungs- und Bekämpfungsmaßnahmen des Sammelns von Faltern, Eiern,
-Raupen und Puppen und namentlich des Leimens der besonders gefährdeten
-Bestände auch weiterhin im weitesten Umfang anwenden. Namentlich in den
-erst in diesem Jahre neu befallenen Landesteilen Mittelsachsens und des
-Niederlandes, wo die Plage noch in der Entwicklung begriffen ist, ist
-das eine zwingende Notwendigkeit. Je umfassender und gründlicher die
-Bekämpfung beim ersten Auftreten der Plage einsetzt, um so mehr ist auf
-einen Erfolg zu hoffen.
-
-
-
-
-Johann Pezel und die Turmsonate
-
-Von _Herbert Biehle_, Bautzen
-
-
-Zu den vielen musikalischen Gebräuchen aus vergangenen Zeiten gehört
-auch das Turmblasen. Wie 1670 der damalige Leipziger Stadtpfeifer und
-spätere Bautzener Stadtmusikant Johann Pezel im Vorwort zu seiner
-»Musicalischen Arbeit zum Abblasen um zehn Uhr in Leipzig« schrieb, war
-es schon bei Persern und Türken üblich, beim Opfern die Gottheiten von
-Türmen anzurufen. Derselbe Gedanke, Gott möglichst nahe zu stehen, und
-eine gewisse Himmelssehnsucht, wie sie auch bei den gotischen Domen zum
-Ausdruck kommt, liegt dem Turmblasen zugrunde. Diese schöne Sitte ist
-hervorgegangen aus dem Hornrufe des Turmwächters, der das Herannahen
-von Feinden, Feuerausbruch und die Stunden verkündete. So entstand
-die besondere Hervorhebung der Haupttageszeiten mit ausgedehnteren
-Melodien. Später erfuhr das Turmblasen durch Luther eine kräftige
-Anregung; das von ihm begründete deutsche evangelische Kirchenlied
-wurde eine wertvolle Bereicherung der Turmmusik. Und wie stimmungsvoll
-und andachterweckend wirkt es, wenn im Sonnenglanze Trompeten und
-Posaunen in den lichten Morgen hinein rufen: Wachet auf, ruft uns die
-Stimme! Indessen entwickelte sich allmählich eine eigene Turmliteratur,
-die in der Turmsonate gipfelt. Sie ist aus der einfachen Liedform nach
-dem Vorbilde der italienischen Orchestersonate gestaltet.
-
-Unter den wenigen, die Turmsonate vertretenden Komponisten steht
-Johann Pezel voran. Seine vierzig Turmsonaten sind für zwei Cornetti,
-zwei Tromboni und Basso trombone gesetzt. Heute würde die Ausführung
-technischen Schwierigkeiten begegnen; denn die edle Trompeterkunst wird
-nicht mehr gepflegt. Pezel bevorzugt das strahlende ~C-dur~ oder die
-ernste Stimmung des ~a-moll~. Er hat die »Musicalische Arbeit« in Druck
-gegeben, weil er »verspüret, daß auch an anderen Orten dergleichen
-verlanget werde«; und in der Tat sind seine anmutigen Bläserstücke
-in sächsisch-thüringischen Landen oft erklungen und weit verbreitet
-gewesen. Hier war ja durch die protestantische Idee der Laienhilfe beim
-Gottesdienste der Musiksinn jedes einzelnen Bürgers geweckt und so der
-geeignete Boden bereitet worden, auf dem auch die Turmmusik gedeihen
-konnte.
-
-Pezel hat 1664–1669 als Kunstgeiger, 1669–1681 als Stadtpfeifer in
-Leipzig gewirkt und war dann nach Bautzen berufen worden, wo er bis
-zu seinem Tode 1694 als ~Director musicae instrumentalis~ lebte.
-Aber nicht nur in seiner Eigenschaft als Stadtmusicus war er eine
-bemerkenswerte Persönlichkeit. Die große Anzahl seiner gedruckten
-Instrumentalwerke sicherte ihm besonders nach außen hin einen
-bedeutenden Ruf und einen festen Platz in der Geschichte der deutschen
-Instrumentalmusik. Um so verwunderlicher ist es, daß man sich über
-Pezels nähere Lebensumstände noch ganz im Dunklen befand, bis es
-Verfasser gelang, in den Akten des Bautzener Ratsarchivs darüber
-Klarheit zu erlangen. Pezels Schaffenszeit gehörte jener Glanzperiode
-sächsischer Musikpflege an, als dieses Land, wie kein zweites, die
-bedeutendsten Musiker hervorbrachte. So wurde Sachsen auch die
-Hauptpflegestätte der Werke Meister Pezels, den wir als den Klassiker
-des gesamten deutschen Kunstpfeifertums seiner Zeit bezeichnen dürfen;
-er war für unser weiteres Vaterland ein Stück bodenständige Heimatkunst.
-
-Außer Pezel hat 1696 der Leipziger Stadtpfeifer Gottfried Reiche
-Turmsonaten geschrieben, und ihr letzter Vertreter ist der durch
-sein Oratorium »Das Weltgericht« berühmte Friedrich Schneider aus
-Altwaltersdorf bei Zittau gewesen. Er fand schließlich in einem
-Oberlausitzer Bauern Schönfelder noch einen Nachfolger im vorigen
-Jahrhundert.
-
-In vielen Städten, wie beispielsweise in Leipzig, Bautzen, Löbau,
-Görlitz, gehörte es zu den Amtspflichten des Stadtmusikanten, mit
-seinen Stadtpfeifergesellen in den Sommermonaten fast täglich vom
-Rathausturme zu blasen, wie auch an den ersten Feiertagen, zu Neujahr
-und bei sonstigen festlichen Anlässen. Vielleicht gibt diese Abhandlung
-auch den Architekten und Kunsthistorikern Anlaß, die Frage zu
-verfolgen, wieweit der Turmbau der damaligen und früheren Zeit diesen
-musikalischen Veranstaltungen durch bauliche Maßnahmen zur Aufstellung
-der Mitwirkenden in Gestalt von Galerien, Umgängen oder Balkonen
-Rechnung trug. Gegenwärtig ist dieser musikalische Brauch fast völlig
-in Vergessenheit geraten; wo er noch besteht, geschieht es auf Grund
-alter Stiftungen mit dem Abblasen von Chorälen.
-
-Die Turmmusikpflege selbst darf als ein getreues Abbild jener alten
-Beschaulichkeit gelten, als man noch Muße und Sinn hatte, den
-schlichten Weisen der Stadtpfeifer vom Rathaus- oder Kirchturme zu
-lauschen. Und zu dem Begriff des deutschen Kleinstadtidylls um 1700
-gehört auch die Turmsonate. Es wäre wohl lohnend, diese Perlen früherer
-Kunst auch der Gegenwart zugänglich zu machen; denn sie war ein Stück
-blühender Romantik. Und eine fromme Kunst.
-
-
-
-
-Schußpreise für Raubvögel
-
-Von _Martin Braeß_
-
-
-Während die Jagdschutzvereine im Sinne des Natur- und Heimatschutzes
-die »Raubzeugprämien« teils wesentlich eingeschränkt, teils vollständig
-abgeschafft haben, glauben die _Brieftaubenzüchter_ ohne solche
-Schußpreise nicht auskommen zu können, wie folgende, in verschiedenen
-Tageszeitungen erschienene Veröffentlichung beweist: »Der Verband
-deutscher Brieftaubenzüchter-Vereine setzt für das Jahr 1922 für den
-Abschuß der den Brieftauben schädlichen Raubvögel, als Wanderfalken,
-Hühnerhabichte und Sperberweibchen, eine Belohnung von zwanzig Mark für
-das Paar Fänge aus. Diese Belohnung wird Ende Dezember 1922 ausgezahlt.
-Zur Erhebung eines Anspruchs auf diesen Preis müssen die beiden Fänge
-eines Raubvogels (nicht der ganze Raubvogel) bis spätestens Ende
-November 1922 ... frei zugesandt werden.«
-
-Wenn man den _Sperber_ kurz hält, so haben wir dagegen gewiß nichts
-einzuwenden. Er ist ein böser Geselle, der für unsre Kleinvögel
-zu einer schlimmen Geißel wird; dazu findet er sich fast in allen
-waldreichen Gegenden noch so häufig, daß eine Ausrottung dieses
-Vogels vorläufig nicht zu befürchten ist. Aber was der Sperber gerade
-den Brieftauben zuleide tun soll, ist nicht recht einzusehen. Auf
-Haustauben stößt er nur dann, wenn sich in dem Schwarm eine junge
-befindet, die noch nicht ganz flüchtig ist, wie er auch nur auf junge
-Wildtauben Jagd macht. Eine _gesunde, flugfähige Brieftaube_ hat von
-dem kleinen Räuber wohl nichts zu befürchten. Anders _Hühnerhabicht_
-und _Wanderfalke_. Indessen, diese schönen Vögel sind in den meisten
-Gegenden unsres Vaterlandes bereits so selten geworden, daß man sie
-schonen sollte; keineswegs aber darf man durch Schußbelohnungen
-zu ihrer völligen Ausrottung auffordern. Die Brieftaubenzucht ist
-gewiß kein bloßer Sport, keine nutzlose Spielerei, sondern hat ihre
-Berechtigung, aber doch nur so lange und so weit, als sie sich nicht
-in bewußten Gegensatz zu andern Bestrebungen setzt, die wie Heimat-
-und Naturschutz von einer ungleich höheren und allgemeineren Bedeutung
-sind. Der Brieftaubenzüchter muß eben beim Freiflug seiner Tauben mit
-Verlusten mancherlei Art rechnen und darf nicht verlangen, daß die
-Natur lediglich um seinetwillen ihrer schönsten Geschöpfe beraubt
-werde, an deren herrlichem Fluge so viele Naturfreunde ihre Freude
-haben. In Norddeutschland, namentlich auf der Seenplatte, die von
-Ostpreußen bis nach Schleswig-Holstein zieht, mag der Wanderfalke noch
-häufiger vorkommen; bei uns in Sachsen gehört er aber als Brutvogel
-bereits zu den seltensten Naturdenkmälern, und auch seine Wanderflüge
-im Herbst und Frühling führen ihn nicht allzuoft in unser Land. Ähnlich
-verhält es sich mit dem Hühnerhabicht, wenn auch dessen völlige
-Vernichtung für unsre Heimat noch nicht zu befürchten ist. Ich hoffe,
-es wird sich, wenigstens in Sachsen, kein Jagdberechtigter finden, der
-sich durch Abschuß so seltener Raubvögel die Prämie von zwanzig Mark
-verdienen will – was sind übrigens heute zwanzig Mark nach Abzug der
-Kosten für Patrone und Porto!
-
-Aber die Aufforderung der Brieftaubenzüchter-Vereine hat noch eine
-schlimme Seite. Es ist bekannt, daß nicht jeder Jagdberechtigte die
-Raubvögel nach ihrem Flugbilde richtig anzusprechen versteht, und so
-wird gewiß mancher unschuldige Bussard, Turmfalke, manche Weihe u. a.
-unerfahrenen Schützen zum Opfer fallen.
-
-Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, daß das Sächsische
-Finanzministerium schon unter dem 30. Januar 1911, bzw. 20. Mai
-1912 zwei Generalverordnungen erlassen hat, nach denen, »soweit
-irgend zulässig«, die Turmfalken, _Wanderfalken_, Schrei-, See- und
-Fischadler, die Uhus, Eulen, Weihe, Bussarde, ebenso der schwarze und
-rote Milan zu schonen sind, selbst die Reiher, obgleich diese für
-die Fischereiberechtigten gewiß ebenso und noch mehr als Schädlinge
-bezeichnet werden müssen, wie jene obengenannten Raubvögel für die
-Brieftaubenzüchter. Die einzelnen Berufs- und Interessentenkreise haben
-sich eben der allgemeinen großen Idee unterzuordnen, und diese kann in
-unserm Falle nur heißen: _Schutz der Natur_!
-
-
-
-
-Schattenbäume für den Hof
-
-Von Gartenarchitekt _Hans S. Kammeyer_
-
-
-Wenn die brennende Mittagssonne in den Sommermonaten ungehindert vom
-Himmel in den Hof strahlt, dann suchen Tier und Mensch ein schattiges
-Plätzchen. Der Hof, auf dem sonst reges Leben herrscht, liegt
-verlassen, selbst das Hühnervolk meidet die überreiche Wärme.
-
-Es ist unbedingt notwendig, daß ein breitkroniger Baum in einem
-sonnigen Hof im Sommer Schatten bietet. Obstbäume sind so recht
-geeignet als Hofbäume, weil sie alljährlich auch einen Ertrag bringen.
-Während die Linde ein richtiger Hausbaum ist, wenn nicht mit dem Nutzen
-gerechnet wird, wähle man breitkronige Sorten für den Hof, die zu
-großen Bäumen heranwachsen. Ein rechtes Beispiel hierfür bietet der
-Birnbaum. Wie prächtig sieht er in weißem Blütenschmuck aus. In seinem
-Schatten stehen die Futterschüsseln und Trinkgefäße für das Federvieh.
-Hier werden die Hühner in der Mittagsstunde gefüttert, ohne daß sie
-unter der brennenden Sonne zu leiden haben. Zu allen diesen Vorteilen
-hat man dann noch im Herbst die reiche Ernte. Wir laben uns an den
-saftigen Birnen, die der Baum bietet.
-
-Höfe und Hofplätze, die nach Süden offen sind und die volle Sonne
-hereinlassen, bepflanze man deshalb mit einem großwachsenden Hofbaum,
-an dem sich später noch die Kinder und Kindeskinder erfreuen.
-
-An Obstbäumen kommen in Frage: _Apfel_: Reichsobstsorte Jacob
-Lebel, Weißer geflammter Cardinal, Landsberger Renette; _Birne_:
-Reichsobstsorte William Christbirne, Pastorenbirne und Prinzeß Marianne.
-
-Von Zierbäumen, die sich ebenfalls zur Anpflanzung eignen, sind zu
-nennen: ~Aesculas hippocastanum~, Roßkastanie; ~Ailanthus glandulosa~,
-Götterbaum; ~Catalpa speciosa~, Trompetenbaum; ~Juglans regia~,
-Walnußbaum; ~Liriodendron tulipifera~, Tulpenbaum; ~Platanus
-occidentalis~ und ~orientalis~, Platane.
-
- »Pflanz’ einen Baum, und kannst du auch nicht ahnen,
- Wer einst in seinem Schatten tanzt,
- Bedenke Mensch, es haben deine Ahnen
- Eh’ sie dich kannten, auch für dich gepflanzt.«
-
-
-
-
-Förderung des Anbaues von Nußbäumen
-
-Von _Hans Jacob_
-
-
-Die Anpflanzung des Walnußbaumes ist infolge der Verwüstungen durch
-die Kriegsjahre für die Zukunft besonders bedeutsam geworden.
-Viele Nußbäume sind der Holzgewinnung wegen abgeschlagen worden.
-Der Walnußanbau soll und muß deshalb mit allen Mitteln gefördert
-werden. Allerdings nicht wahllos, mit unsicherem Ergebnis, sondern in
-planmäßiger Weise. Zur Pflanzung müssen solche Pflanzstätten ausgesucht
-werden, an welchen erfahrungsgemäß der Nußbaum gut gedeiht und sichere
-Erträge bringt. Nußbäume sind in geschlossenen Pflanzungen nur da
-anzubauen, wo auf einen Ertrag der Unternutzung verzichtet werden kann.
-Für Einzelpflanzungen aber, und hierzu ist der Nußbaum mehr als alle
-andern Obstarten geeignet, gibt es fast allerorts noch eine ganze Menge
-brauchbarer Stellen. So auf Gutshöfen, Dorfplätzen, an Wegescheiden
-und an andern Orten, wo die Bäume nicht nur durch ihre Früchte Segen
-bringen, sondern auch zur Verschönerung der Heimat beitragen. Während
-man für solche Plätze die Anpflanzung fertig vorgebildeter Bäume
-bevorzugen soll, dürfte für den Großanbau die Aussaat an Ort und
-Stelle in Betracht zu ziehen sein. Da eine spätere Veredelung der
-Nüsse erhebliche Schwierigkeiten bietet, hat man auf jeden Fall dafür
-zu sorgen, daß als Saatgut nur Nüsse allerbester Abstammung verwendet
-werden. Nur reichtragende, spätblühende, widerstandsfähige Sorten mit
-großen, mäßig dünnschaligen Früchten sind geeignet.
-
-
-
-
-Die Postsäule von Aue
-
-
-Wenige Tage bevor das Heft 4/6 der »Mitteilungen« mit ~Dr.~ Kuhfahls
-Postsäulenaufsatz in meine Hände kam, war es mir gelungen, einen Rest
-der alten Auer Postsäule aufzufinden. Aufmerksam geworden darauf war
-ich bei Gelegenheit einer Ausstellung: »Die Gesamtentwicklung der
-Stadt Aue«, die ich eingerichtet hatte. Auf mehreren alten Bildern vom
-Marktplatz war dort eine Postsäule zu sehen, und zwar an der Ecke der
-jetzigen Markt- und Bahnhofsstraße (ehedem Lößnitzer Straße). Ältere
-Leute kannten sie noch. Der einstige Posthalter Walther hatte sie,
-als sie beseitigt werden sollte, in seinen Hof gestellt. Sein Sohn
-half mir, die Säule ausfindig machen. Sie dient jetzt als Steinbank
-an einem Hause Wiesenstraße 2, ist auf den sichtbaren zwei Seiten
-ziemlich abgenutzt, läßt aber noch ein Posthorn, den Namen Schneeberg,
-sowie Zahlenreste erkennen. Sockel und Spitze fehlen. Der Stein
-(Granit) weist unten ein Loch zur Befestigung auf und verjüngt sich
-obeliskenartig. Es besteht die Hoffnung, daß er wieder an geeigneter
-Stelle aufgerichtet wird.
-
- ~Dr.~ _Sieber_, Aue.
-
-=Postmeilensäulen=: Zum Aufsatz von ~Dr.~ Kuhfahl im Heft 4/6 XI sind
-uns und dem Verfasser erfreulicherweise eine Reihe von Mitteilungen
-zugegangen. Allen Einsendern sei bestens gedankt. Um weitere
-Ergänzungen wird gebeten. Dies neue Material wird später in einem
-Nachtrag veröffentlicht werden.
-
- Die Schriftleitung.
-
-
-Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt –
-Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
-
-Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden.
-
-
-
-
-Soeben erschienen:
-
-
-Die Vegetationsverhältnisse des östlichen Erzgebirges
-
-von
-
-Professor ~Dr.~ Arno Naumann
-
-*
-
-Mit einer Kartenskizze
-
-(Sonderdruck aus der »Isis«, 46 Seiten Oktav)
-
-*
-
-Preis 20 Mark und Postgeld
-
-Zu beziehen:
-
-Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden-A.
-
-Schießgasse Nr. 24
-
-
-
-
-_Friedhof und Denkmal_
-
-Halbmonatsschrift
-
-herausgegeben von
-
-Robert B. Witte
-
-Für Künstler, Gartenfachleute, Industrie und Gewerbe das _erste und
-einzige reichillustrierte_ Organ der gesamten Friedhofskultur
-
-Das unentbehrliche Fachblatt für alle zuständigen Behörden
-
-Probenummer
-
-durch den Verlag der Zeitschrift
-
-_Friedhof und Denkmal_
-
-G. m. b. H., Dresden-N. 6
-
-
-Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 139: Heist → Geist
- ~scrato~ = böser {Geist}
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 7-9 ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.