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-The Project Gutenberg eBook of Lehrbuch der Toxikologie für
-Tierärzte, by Eugen Fröhner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte
-
-Author: Eugen Fröhner
-
-Release Date: October 4, 2022 [eBook #69094]
-
-Language: German
-
-Produced by: Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online Distributed
- Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
- produced from images generously made available by The
- Internet Archive)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEHRBUCH DER TOXIKOLOGIE FÜR
-TIERÄRZTE ***
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
- unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
-
- Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden, außer im Titel und im
- Schmutztitel, als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Die
- Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Abschnitts verschoben.
-
- Der Punkt ‚Anhang. Diverse andere Giftpflanzen’ im Inhaltsverzeichnis
- der Originalvorlage wurde, entsprechend der Struktur des Buches,
- in die Punkte ‚Diverse andere Giftpflanzen’ und ‚Anhang. Die
- Giftpflanzen nach dem Familiensystem geordnet’ aufgeteilt.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
- Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen
- gekennzeichnet:
-
- Unterstrichen: _Unterstriche_
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- Tiefgestellte Symbole werden von geschweiften Klammern umgeben;
- zusätzlich wird ein Unterstrich vorangestellt, wie z. B. in der
- chemischen Formel C_{n}H_{2n + 2}.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- TOXIKOLOGIE
-
- FÜR
-
- TIERÄRZTE.
-
-
-
-
- LEHRBUCH
-
- DER
-
- TOXIKOLOGIE
-
- FÜR
-
- TIERÄRZTE
-
- VON
-
- ~Dr.~ MED. EUGEN FRÖHNER,
- GEH. REGIERUNGSRAT UND PROFESSOR AN DER K. TIERÄRZTLICHEN HOCHSCHULE
- ZU BERLIN.
-
-
- _Dritte umgearbeitete Auflage._
-
- [Illustration]
-
-
- STUTTGART
- VERLAG VON FERDINAND ENKE
- 1910.
-
-
-
-
- Das Übersetzungsrecht wird vorbehalten.
-
-
- Druck der Hoffmannschen Buchdruckerei in Stuttgart.
-
-
-
-
-Vorwort zur dritten Auflage.
-
-
-In den letzten zehn Jahren hat auch die Toxikologie viele neue
-Forschungen und Beobachtungen zu verzeichnen. Die Arbeiten auf dem
-Gebiete der +allgemeinen+ Toxikologie behandeln vor allem die
-Frage der elementaren Giftwirkung, die feineren Veränderungen der
-Ganglienzellen bei der Narkose, die Wirkung der Blutgifte (Hämolysine),
-die toxische Leukozytose und Glykosurie. Im +speziellen+ Teil
-haben zahlreiche neue Experimentaluntersuchungen über Mineral- und
-Pflanzengifte, sowie sehr viele kasuistische Mitteilungen über
-Vergiftungen bei den Haustieren Aufnahme gefunden. Sie betreffen
-z. B. die Unempfindlichkeit der Wiederkäuer gegenüber der Digitalis,
-die Vergiftungen durch indische Rübkuchen, blausäurehaltige
-ausländische Bohnen und Futterkalk, die chemischen Bestandteile und
-die physiologische Wirkung der Kornrade, das angebliche Vorkommen
-der Kainitvergiftung beim Wild, das Vergiften des Raubzeugs
-durch Strychnin, die Gefährlichkeit der Aloe bei gleichzeitiger
-Verabreichung anderer Abführmittel (Brechweinstein, Kalomel), die
-Frage der Schachtelhalm- und Pilzvergiftung, die neuen Forschungen
-über Schlangengifte, die Vergiftungen durch Rizinussamen und Filmaron,
-Naphthalin und Naphthol, Kokain und Arekolin. Neu aufgenommen wurden
-endlich die Vergiftungen durch Rainfarnkraut, Wiesenschaumkraut,
-Jakobskraut, Kornblumen, Kleeseide, Brennesseln, Hopfendolden,
-Mohrrüben, Melasse u. a.
-
- +Berlin+, im März 1910.
-
- =E. Fröhner.=
-
-
-
-
-Vorwort zur ersten Auflage.
-
-
-Die Herausgabe einer tierärztlichen Toxikologie ist mir von
-verschiedenen Seiten nahegelegt worden. Mit Rücksicht auf diese
-Anregungen und in Erwägung des Umstandes, dass wir in der Tierheilkunde
-ein selbständiges Lehrbuch der Giftlehre nicht besitzen, dass vielmehr
-die Toxikologie bisher immer nur anhangsweise in den tierärztlichen
-Lehrbüchern der speziellen Pathologie, Diätetik, Pharmakologie und
-gerichtlichen Tierheilkunde zur Geltung gekommen ist, habe ich
-den Versuch gemacht, unter Sammlung der wichtigsten klinischen
-und experimentellen Tatsachen und mit Hinzufügung einiger eigener
-Beobachtungen die tierärztliche Toxikologie besonders zu bearbeiten.
-Von tierärztlichen Quellen, welche mir hierbei zu Gebote standen, sind
-zu erwähnen die ausgezeichnete Darstellung der Vergiftungen in dem
-+Gerlach+schen Handbuch der gerichtlichen Tierheilkunde (1872), die
-sehr instruktive Bearbeitung der Giftpflanzen in dem +Dammann+schen
-Handbuch der Gesundheitspflege, die kurze Zusammenstellung der
-wichtigsten Vergiftungen in dem von +Friedberger+ und +mir+
-herausgegebenen Lehrbuche der speziellen Pathologie, endlich die
-kasuistischen Veröffentlichungen der periodischen tierärztlichen
-Literatur, von welchen als besonders reichhaltig die „Mitteilungen
-aus der tierärztlichen Praxis im preussischen Staate“ hervorzuheben
-sind. Von medizinischen Quellen habe ich die toxikologischen Werke
-von +Kobert+, +Lewin+, +Husemann+, +Böhm+, +Kunkel+, +Hermann+ und
-+Dragendorff+ zu nennen.
-
-Bei der Sichtung und Bearbeitung des Stoffes habe ich vorwiegend
-die praktischen Zwecke des Tierarztes im Auge behalten.
-Gifte, welche zur Zeit keinerlei praktisches, sondern nur
-wissenschaftlich-toxikologisches Interesse haben, wie Kurare,
-Pikrotoxin, Santonin und andere, sind in den speziellen Teil
-nicht aufgenommen worden. Dagegen haben die für die tierärztliche
-Praxis wichtigen Vergiftungen nach Aetiologie, Symptomatologie,
-Sektionsbefund, Behandlung, Nachweis und Kasuistik ihrer Bedeutung
-entsprechend angemessene Berücksichtigung gefunden.
-
-Bezüglich der Einteilung der Gifte begegnet man denselben
-Schwierigkeiten, wie bei der Einteilung der Arzneimittel. Die
-idealste Gruppierung wäre auch in der Toxikologie diejenige, welche
-die chemische und physiologische Verwandtschaft der einzelnen Gifte
-zur Grundlage nimmt (Digitalisgruppe, Atropingruppe, Nikotingruppe,
-Blutgifte, Herzgifte). Diese Einteilung lässt sich indessen bei der
-Vielseitigkeit der einzelnen Gifte nicht durchführen. Das Chloroform
-z. B. ist ebenso gut ein Blutgift, als ein Herzgift und Nervengift. Ich
-bin deshalb zu der einfachsten Einteilung in mineralische, pflanzliche
-und tierische Gifte zurückgekehrt, obwohl sich auch hier manche Gifte,
-wie z. B. der Alkohol oder das Chloroform schwer einreihen lassen.
-Vielleicht sind in späteren Zeiten mit dem Fortschritte der einer
-höheren Entwicklung noch sehr wohl fähigen Toxikologie auch diese
-Mängel leichter zu beseitigen als heutzutage.
-
- +Berlin+, im Mai 1890.
-
- =E. Fröhner.=
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Vorwort V
-
- Einleitung 1
-
-
- =Allgemeine Toxikologie= 3
-
- Der Begriff Gift 3
-
- Einteilung der Gifte 5
-
- Allgemeine Aetiologie der Vergiftungen 8
-
- Modifikation der Giftwirkung 12
-
- Wirkungsweise und Schicksale der Gifte 19
-
- Klinisch-anatomische Diagnose der Vergiftungen 25
-
- Chemisch-physikalischer Nachweis der Vergiftungen 28
-
- Der physiologische Nachweis der Vergiftungen 34
-
- Allgemeine Prognose der Vergiftungen 44
-
- Die Behandlung der Vergiftungen 46
-
-
- =Spezielle Toxikologie= 55
-
- =I. Mineralische Gifte= 55
-
- Phosphorvergiftung 55
-
- Arsenikvergiftung 64
-
- Bleivergiftung. Saturnismus 77
-
- Quecksilbervergiftung. Merkurialismus 88
-
- Kupfervergiftung 100
-
- Zinkvergiftung 105
-
- Brechweinsteinvergiftung 107
-
- Sonstige Metallvergiftungen 112
-
- Kochsalzvergiftung 116
-
- Salpetervergiftung 120
-
- Glaubersalzvergiftung 124
-
- Kainitvergiftung 125
-
- Vergiftung durch Barytsalze 127
-
- Vergiftung durch chlorsaures Kali 130
-
- Vergiftung durch Aetzalkalien 132
-
- Vergiftung durch ätzende Säuren 135
-
- Vergiftung durch Essigsäure 137
-
- Vergiftung durch Oxalsäure 139
-
- Jodoformvergiftung 142
-
- Karbolsäurevergiftung 146
-
- Petroleumvergiftung 156
-
- Kohlenoxydvergiftung 159
-
- Leuchtgasvergiftung 161
-
- Schwefelwasserstoffvergiftung 162
-
- Alkoholvergiftung 165
-
- Chloroformvergiftung 171
-
- =II. Pflanzliche Gifte= 182
-
- Kolchikumvergiftung 182
-
- Klatschrosenvergiftung 186
-
- Nikotinvergiftung 193
-
- Strychninvergiftung 197
-
- Vergiftung durch Kornrade 203
-
- Vergiftung durch Kichererbsen 209
-
- Vergiftung durch Taxus 212
-
- Vergiftung durch Buchsbaum 214
-
- Vergiftung durch Digitalis 215
-
- Vergiftung durch Oleander 219
-
- Vergiftung durch Goldregen 222
-
- Vergiftung durch Helleborus 223
-
- Vergiftung durch Veratrin 226
-
- Vergiftung durch Akonit 230
-
- Vergiftung durch Atropin 232
-
- Vergiftung durch Bilsenkraut 237
-
- Vergiftung durch Stechapfel 238
-
- Vergiftung durch Kokain 239
-
- Vergiftung durch Ranunkeln 242
-
- Vergiftung durch Bingelkraut 244
-
- Vergiftung durch Wolfsmilch 247
-
- Vergiftung durch Fleckschierling 248
-
- Vergiftung durch Wasserschierling 251
-
- Vergiftung durch Gartenschierling 252
-
- Vergiftung durch Blausäure 253
-
- Vergiftung durch Kartoffelkeime (Solaninvergiftung) 258
-
- Vergiftung durch Taumellolch 263
-
- Vergiftung durch Flachs 265
-
- Vergiftung durch Eserin 267
-
- Vergiftung durch Pilokarpin 269
-
- Arekolinvergiftung 271
-
- Vergiftung durch Bucheckern-Oelkuchen 272
-
- Vergiftung durch Sauerampfer 273
-
- Vergiftung durch Narzissus 275
-
- Vergiftung durch Seidelbast 275
-
- Vergiftung durch Rhododendron 276
-
- Vergiftung durch Oenanthe crocata 278
-
- Vergiftung durch Schöllkraut 279
-
- Vergiftung durch Arum maculatum 280
-
- Vergiftung durch Asklepias vincetoxicum 281
-
- Vergiftung durch Stephanskörner 282
-
- Vergiftung durch Taumelkerbel 283
-
- Vergiftung durch Steinklee (Kumarin) 283
-
- Vergiftung durch Flachsseide 286
-
- Vergiftung durch Antirrhinum majus 286
-
- Vergiftung durch Terpentinöl 287
-
- Vergiftung durch Sadebaum 288
-
- Vergiftung durch Kampfer 289
-
- Vergiftung durch senfölhaltige Kruziferen 291
-
- Vergiftung durch Pfeffer 295
-
- Vergiftung durch Aloe 296
-
- Vergiftung durch Rizinuskuchen 298
-
- Vergiftung durch Krotonöl 303
-
- Vergiftung durch die Semina Ricini majoris 306
-
- Vergiftung durch Robinia pseudoacacia 306
-
- Vergiftung durch Kreuzdornbeeren 307
-
- Vergiftung durch Podophyllin 308
-
- Vergiftung durch Eicheln 308
-
- Vergiftung durch Filixextrakt 309
-
- Vergiftung durch Santonin 312
-
- Vergiftung durch Adlerfarnkraut 315
-
- Vergiftung durch Rainfarnkraut 316
-
- Vergiftung durch Lupinen 316
-
- Vergiftung durch Wicken und Platterbsen 319
-
- Vergiftung durch Schachtelhalm 320
-
- Vergiftung durch Buchweizen 323
-
- Vergiftung durch Wachtelweizen 325
-
- Vergiftung durch Baumwollsaatkuchen 326
-
- Vergiftung durch Mutterkorn 329
-
- Vergiftung durch Schimmelpilze 335
-
- Vergiftung durch Brandpilze 340
-
- Vergiftung durch Rostpilze 343
-
- Vergiftung durch Kernpilze 347
-
- Ptomainevergiftung (Fleischvergiftung) 351
-
- Vergiftung durch Giftschwämme 357
-
- Diverse andere Giftpflanzen 359
-
- =Anhang.= Die Giftpflanzen nach dem Familiensystem geordnet 367
-
-
- =III. Tierische Gifte= 371
-
- Kantharidenvergiftung 371
-
- Vergiftung durch Schlangenbisse 374
-
- Vergiftung durch Bienenstiche 378
-
-
- =Register= 383
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Die Toxikologie, die Lehre von den Giften und ihren Wirkungen auf
-den Tierkörper (τόξον = Gift; intoxicatio = Vergiftung) bildet
-neben der Pharmakologie (Lehre von den Arzneimitteln) ein eigenes
-Fach, das für den Tierarzt fast noch wichtiger ist, als für den
-Menschenarzt. Die tierärztliche Toxikologie hat nämlich ausser
-der rein +wissenschaftlichen+ Seite zahlreiche +praktische+
-Beziehungen zur Diätetik und Landwirtschaft, zur Seuchenlehre
-und Veterinärpolizei, sowie zur gerichtlichen Tierheilkunde. Für
-die +Landwirtschaft+ haben namentlich seit der Einführung neuer
-Futtersurrogate und künstlicher Düngermittel, sowie mit der Zunahme
-der Futterverfälschungen die sog. Futtervergiftungen praktische
-Bedeutung erlangt. Es sei hier nur an die zahlreichen Fälle von
-Vergiftung durch Baumwollsamen, Rizinuskuchen, Senföl haltige
-Futterkuchen, Chilisalpeter, Befallungspilze, verdorbenes Futter usw.
-erinnert. Für die +Veterinärpolizei+ sind verschiedene Vergiftungen
-von differentialdiagnostischem Interesse wegen der Aehnlichkeit ihrer
-Symptome mit dem Krankheitsbild gewisser Tierseuchen. Beispiele
-hierfür sind die Pilz- und Fleischvergiftung (Milzbrand, Rinderpest,
-Schweinerotlauf), die Mutterkornvergiftung (seuchenhafter Abortus),
-die Bleivergiftung (Wut) und die Quecksilbervergiftung (Maul-
-und Klauenseuche, Pocken). Die Toxikologie ist ausserdem für das
-Verständnis der Pathogenese vieler Seuchen von grundlegender Bedeutung
-geworden, weil die meisten Infektionskrankheiten pathogenetisch als
-Intoxikationen aufzufassen sind, d. h. als Vergiftungen durch die von
-den Infektionserregern (Bakterien) erzeugten Gifte (Toxine). Für die
-+gerichtliche+ Tierheilkunde sind die sog. Medizinalvergiftungen als
-Gegenstand der technischen Begutachtung (Entschädigungsklagen seitens
-der Tierbesitzer) von praktischer Bedeutung. Dieselben sind gewöhnlich
-auf Fehler in der Dosierung bei der Anwendung stark wirkender Mittel
-zurückzuführen. Die Häufigkeit dieser Kunstfehler wächst mit der
-Einführung neuer Applikationsmethoden. Im übrigen ist dieser Zweig der
-praktischen Toxikologie auch früher schon als sehr wichtig erkannt
-worden, wie insbesondere die ausführliche Abhandlung der Vergiftungen
-in der gerichtlichen Tierheilkunde von +Gerlach+ (1872) beweist.
-
-Die Toxikologie zerfällt in einen allgemeinen und einen speziellen
-Teil. Während die +allgemeine+ Toxikologie Betrachtungen über den
-Begriff und die Einteilung der Gifte, über Ursachen und Pathogenese
-der Vergiftungen, über Abhängigkeit der Giftwirkung von inneren und
-äusseren Verhältnissen, über Erkennung, Behandlung und Nachweis der
-Vergiftungen ganz im allgemeinen enthält, hat sich die +spezielle+
-Toxikologie mit der Aufzählung und Beschreibung der einzelnen Gifte,
-sowie mit den Veranlassungen, den Krankheitserscheinungen, dem
-pathologisch-anatomischen Befunde, der Behandlung und dem Nachweise
-der einzelnen Vergiftungen zu befassen. Die spezielle Toxikologie
-baut sich mithin ähnlich wie die Pathologie und Chirurgie auf einer
-Reihe +klinischer+ Fälle auf und hat mit diesen Disziplinen ausserdem
-noch das gemein, dass sie gleichzeitig auch die +Therapie+ in sich
-schliesst. In diesem Sinne kann man die Toxikologie wohl auch
-bezeichnen als die +spezielle Pathologie und Therapie der Vergiftungen+.
-
-
-
-
-Allgemeine Toxikologie.
-
-
-Der Begriff Gift.
-
-Je nach dem individuellen Standpunkt kann man den Begriff „Gift“ auf
-sehr verschiedene Weise definieren. Der Kliniker, der Pharmakologe,
-der Apotheker, der Jurist und schliesslich der Laie verbinden mit
-dem Worte Gift verschiedenartige Vorstellungen. Deshalb ist es
-schwer, eine allgemein gültige und nach allen Richtungen zutreffende
-Begriffsbestimmung zu geben. Man kann die Schwierigkeiten der
-Definition dadurch vermindern, dass man zwischen Giften im +weiteren+
-und solchen im +engeren+ Sinne unterscheidet. +Gifte im weiteren
-Sinne+ können alle diejenigen chemisch wirkenden Stoffe genannt
-werden, auf welche der Körper bezw. das tierische Protoplasma durch
-Krankheitserscheinungen reagiert. Hierher würden fast alle differenten
-Arzneimittel gehören. Aber auch Stoffe, welche an und für sich
-unschädlich und sogar zum Aufbau und Fortbestand des Tierkörpers
-unumgänglich notwendig sind, wirken unter Umständen durch ihre Menge
-oder zu starke Konzentration giftig, so das Kochsalz, die Kalisalze,
-das Fleischextrakt, die Eisensalze, die Salzsäure. Es können ferner
-ganz indifferente Stoffe, wie das destillierte Wasser oder das
-Glyzerin, dadurch schwere Vergiftungserscheinungen herbeiführen,
-dass sie in Abweichung von dem gewöhnlichen Wege der Einverleibung
-mittels intravenöser Injektion direkt mit dem Blut in Berührung
-kommen und die roten Blutkörperchen auflösen (Hämoglobinämie). Auch
-andere, an sich unschädliche Stoffe erzeugen bei einzelnen Individuen
-Vergiftungserscheinungen, so z. B. der Buchweizen bei unpigmentierten
-Tieren. Ausserdem würden hierher die Fälle von sog. Idiosynkrasie zu
-rechnen sein. Früher hat man wohl auch als Vergiftung aufgefasst
-das Einbringen von Milch, Oel und sonstigen unlöslichen Stoffen
-in die Venen, wodurch lediglich eine mechanische Verstopfung der
-Lungenkapillaren mit ihren Folgezuständen bedingt wird. Endlich hat
-man in der Pathologie die Infektionsstoffe als Gifte bezeichnet; man
-vergleiche die Ausdrücke „Blutvergiftung“, „Rotzgift“, „Pockengift“.
-Danach müssten eigentlich auch die pathogenen Bakterien an sich
-als Gifte im weiteren Sinne des Wortes dem System der Toxikologie
-einverleibt werden.
-
-Die angeführten Beispiele zeigen, wie notwendig es im praktischen
-Interesse ist, den Begriff Gift einzuschränken.
-
-Als =Gifte= im +engeren, eigentlichen Sinne+ dürfen nur solche Stoffe
-bezeichnet werden, bei welchen die nachfolgenden Voraussetzungen
-zutreffen:
-
-1. Die Wirkung auf den Körper muss eine rein +chemische+ sein,
-physikalische Wirkungen sind ausgeschlossen.
-
-2. Die betreffenden Stoffe müssen schon in verhältnismässig +geringer+
-Menge +erheblich+ gesundheitsschädlich wirken (das Kochsalz ist in
-diesem Sinne kein Gift, weil es nur in grossen Dosen eine Vergiftung
-bedingt).
-
-3. Die Giftwirkung muss schon bei der +gewöhnlichen+ Art der
-+Einverleibung+ (Magen, Lunge, Haut) zustande kommen, nicht erst bei
-intravenöser, intraperitonealer oder subkutaner Applikation.
-
-4. Der Stoff muss bei der überwiegenden Mehrzahl der Tiere, nicht bloss
-bei einzelnen (Idiosynkrasie) giftig wirken.
-
-5. Eine +Organisation+ dürfen die betreffenden Stoffe +nicht+ besitzen;
-sie dürfen also nicht wie die Bakterien Lebewesen sein. Dagegen können
-sie von belebten Organismen abstammen (Pflanzengifte, Bakteriengifte,
-Tiergifte).
-
-Danach lautet die Definition: +Gifte im engeren Sinne sind solche
-unbelebte Stoffe, welche auf chemischem Wege schon in sehr geringer
-Menge und bei gewöhnlicher Art der Einverleibung regelmässig erhebliche
-Störungen der Körperfunktionen hervorrufen.+
-
- =Giftgesetze.= In Deutschland ist die Abgabe von Giften im Handel,
- in den Apotheken und seitens der Tierärzte durch verschiedene
- gesetzliche Bestimmungen geregelt. Die wichtigsten sind folgende:
- 1. Das Gesetz betr. den +Handel mit Giften+ vom 29. November
- 1894 enthält die Vorschriften für den gewerbsmässigen Handel mit
- Giften (Aufbewahrung und Abgabe der Gifte, Ungeziefermittel).
- Dieses Giftgesetz ist abgeändert worden durch den Beschluss des
- Bundesrats vom 1. 2. 06 betr. die Aufnahme des Lysols und anderer
- Kresolseifenlösungen in das Verzeichnis der Gifte (der Handel mit
- Kreolin wird durch diese Bestimmung nicht betroffen). 2. Das Gesetz
- betr. den Verkehr mit +blei-+ und +zinkhaltigen+ Gegenständen vom 25.
- Juni 1887 sowie betr. die Verwendung +gesundheitsschädlicher+ Farben
- vom 5. Juli 1887. 3. Das +Deutsche Strafgesetzbuch+ (Vergiftung,
- fahrlässige Tötung). 4. Das +Nahrungsmittelgesetz+ vom 14. Mai 1879
- („gesundheitsschädlich“, § 12). 5. Die +Kaiserliche Verordnung
- betr. den Verkehr mit Arzneimitteln+ vom 22. Oktober 1901 (die
- im Verzeichnisse B aufgeführten Mittel dürfen nur in Apotheken
- feilgeboten oder verkauft werden). 6. Die +Bundesratsvorschriften
- betr. die Abgabe stark wirkender Arzneimittel+, sowie die
- Beschaffenheit und Bezeichnung der Arzneigläser und Standgefässe
- in den Apotheken vom 13. Mai 1896. 7. Das +Deutsche Arzneibuch+,
- 4. Ausgabe, enthält in Tabelle B „die gewöhnlich Gifte genannten
- Arzneimittel, welche unter Verschluss und sehr vorsichtig
- aufzubewahren sind (Arsenik, Atropin, Homatropin, Hydrargyrum
- bichloratum, bijodatum, cyanatum, oxydatum, praecipitatum
- album, salicylicum, Liquor Kalii arsenicosi, Sublimatpastillen,
- Phosphor, Physostigmin, Skopolamin, Strychnin und Veratrin)“. 8.
- Das +tierärztliche Dispensierrecht+ gestattet in Preussen nach
- der Ministerialverfügung vom 23. Juli 1833 die Verabreichung der
- Arzneimittel in tierärztlichen Hausapotheken „mit Ausschluss der
- Gifte“ (Tabelle B des Deutschen Arzneibuchs).
-
-
-Einteilung der Gifte.
-
-Man kann die Gifte nach ihrer Abstammung, Zusammensetzung und
-Wirkung in verschiedene Gruppen einteilen. Eine rein äusserliche
-Einteilung, welche aber den Vorzug der Uebersichtlichkeit und
-Einfachheit besitzt und sich deshalb auch für die vorwiegend
-praktischen Zwecke des vorliegenden Lehrbuches am besten eignet,
-ist die in +mineralische+, +pflanzliche+ und +tierische+ Gifte.
-Eine andere Einteilung unterscheidet zwischen +Arzneigiften+, d. h.
-solchen, welche gleichzeitig als Arzneimittel benützt werden, und
-+Nahrungsgiften+, also solchen, welche mit der Nahrung, namentlich von
-den Pflanzenfressern, aufgenommen werden. Von Bedeutung ist ferner
-die Einteilung in +Fremdgifte+, d. h. von ausserhalb des Tierkörpers
-stammende, und +Selbstgifte+, d. h. im Tierkörper selbst entstehende
-Gifte (+Autointoxikation+). Besonders wichtig sodann ist die Einteilung
-der Gifte nach ihrer Wirkung. Danach hat man früher die Gifte in drei
-grosse Gruppen geteilt: die +scharfen+ (Acria), die +narkotischen+
-(Narcotica) und die +scharfnarkotischen+ Gifte (Acria-Narcotica).
-Als scharfe Gifte bezeichnete man solche, welche am Orte der
-Applikation (Haut, Digestionsschleimhaut) eine ätzende (korrosive)
-oder stark reizende (irritierende) Wirkung äussern und hauptsächlich
-hierdurch giftig wirken. Hierher gehören die ätzenden Alkalien und
-Säuren, der Brechweinstein, der Sublimat und andere Metallsalze, die
-Kanthariden, das Krotonöl, Euphorbium, Senföl, Terpentinöl. Dagegen
-verstand man unter narkotischen (neurotischen) Giften solche, welche
-ohne Lokalwirkung im wesentlichen nur durch eine Beeinflussung
-des Nervensystems giftig wirken, wie Strychnin, Morphin, Eserin,
-Arekolin, Pilokarpin, Solanin, Blausäure, Chloroform, Kohlenoxyd.
-Scharfnarkotische endlich nannte man solche Gifte, welche zuerst am
-Ort der Applikation, insbesondere im Magen und Darm, eine lokale
-reizende Wirkung, und später nach ihrer Resorption ausserdem noch
-eine allgemeine Einwirkung auf das Nervensystem besitzen: Kolchikum,
-Digitalis, Veratrin, Tabak, Akonit, Ranunkeln, Buchsbaum, Eibenbaum,
-Karbolsäure, Kresole, Bleisalze.
-
-Die neuere wissenschaftliche Toxikologie legt ihrer Einteilung die
-Wirkung der Gifte auf die einzelnen +Körperorgane+ zugrunde. Danach
-lassen sich folgende Gruppen unterscheiden:
-
-1. +Herzgifte+: Digitalisglykoside, Szillaglykoside, Strophanthin,
-Oleandrin, Helleborein, Konvallamarin, Adonidin, Antiarin, Thevetin,
-Nerein, Koffein, Chloroform, Kalisalze, Baryumsalze, Pilokarpin,
-Arekolin, Nikotin. 2. +Blutgifte+: Kalium chloricum, Natrium und
-Kalium nitrosum, Pyrogallussäure, Arsenwasserstoff, Nitrobenzol,
-Amylnitrit, Paraldehyd, Chloroform, Saponin, Rizin, Abrin, Phallin,
-Helvellasäure, Kohlenoxyd, Toluylendiamin. 3. +Gehirngifte+: Morphin,
-Atropin, Hyoszin, Taxin, Zytisin, Alkohol, Chloroform etc. 4.
-+Rückenmarksgifte+: Strychnin, Bruzin, Thebain, Nikotin, Kornutin
-etc. 5. +Muskelgifte+: Blei, Kupfer, Purinstoffe (Koffein), Veratrin,
-Kalisalze, Barytsalze. 6. +Stoffwechselgifte+: Blausäure, Phosphor,
-Arsenik. 7. +Uterusgifte+: Sekale. 8. +Darmgifte+: Eserin, Arekolin,
-Chlorbaryum. 9. +Drüsengifte+: Pilokarpin, Arekolin, Quecksilber.
-10. +Nierengifte+: Kanthariden, Terpentinöl, Kolchikum, Quecksilber,
-Kupfer, Blei, Wismut, Jod, Jodoform, Aloin, Salizylsäure.
-
-Auch nach der +chemischen Verwandtschaft+ und +physiologischen
-Wirkung+ lassen sich die Gifte einteilen. So spricht man von einer
-+Atropingruppe+ (Atropin, Hyoszin), +Nikotingruppe+ (Nikotin, Eserin,
-Pilokarpin, Arekolin, Muskarin), +Digitalisgruppe+ (Digitoxin,
-Szillitoxin, Strophanthin, Oleandrin, Helleborin, Konvallamarin,
-Spartein, Adonidin), +Koniingruppe+ (Koniin, Kurare), +Morphingruppe+
-(Morphin, Kodein, Heroin, Dionin, Peronin, Papaverin, Narzein),
-+Strychningruppe+ (Strychnin, Akonitin, Bruzin), von +Baryum-+,
-+Blei-+, +Kupfer-+, +Quecksilbervergiftung+ usw. Eine systematische,
-auf physiologischer Grundlage aufgebaute Einteilung der Gifte ist
-z. B. von +Loew+ (1893) versucht worden. Die physiologische Wirkung der
-einzelnen Gifte zeigt jedoch nach Dosis und Tiergattung sehr grosse
-Verschiedenheiten.
-
-Eine eigenartige Gruppe von Giften bilden endlich die in abgestorbenen
-oder kranken Organen von Tieren und Pflanzen entstehenden giftigen
-Umsetzungsprodukte oder +metabolischen+ Gifte (Ptomaine, Toxine,
-Fäulnisgifte, Bakteriengifte, Nahrungsgifte).
-
- =Autointoxikation.= Mit dem Namen +Autointoxikation+ (endogene
- Intoxikation, Toxikose) bezeichnet man die +Selbstvergiftung+
- durch einen im Innern des Körpers selbst gebildeten (nicht
- von aussen eingeführten) und ins Blut resorbierten Giftstoff.
- Solche Giftstoffe sind vor allem beim normalen Stoffwechsel
- entstehende Zersetzungsprodukte des Eiweisses, Fettes und
- Zuckers, nämlich die +Kohlensäure+, sowie die zahlreichen im
- Harn und in der Galle ausgeschiedenen Stoffwechselprodukte,
- namentlich verschiedene +Harnbasen+, +Harnstoff+, +Harnsäure+ und
- +Gallensäuren+. Die durch die genannten Selbstgifte hervorgerufenen
- Krankheitserscheinungen (+Erstickung+, +Urämie+, +Ammoniämie+,
- +Gicht+, +Cholämie+) sind als Autointoxikationen aufzufassen,
- welche durch Zurückhaltung der giftigen Stoffwechselprodukte im
- Körper entstehen (sog. +Retentionstoxikosen+). Die Pathogenese
- dieser Autointoxikationen, insbesondere der Urämie und Cholämie,
- sind übrigens noch wenig erforscht (Vorstufen des Harnstoffs und
- der Gallensäuren?). Eine andere Gruppe von Autointoxikationen
- wird durch abnorme Umsetzungsprozesse im Blut und in den tätigen
- Körperorganen verursacht. Hierher gehört die übermässige Bildung
- von +Traubenzucker+, sowie das Auftreten der Oxybuttersäure und
- Azetessigsäure bei der +Zuckerharnruhr+ (sog. +Produktionstoxikosen+
- oder +Nosotoxikosen+). Wahrscheinlich ist auch die Hämoglobinämie
- der Pferde und die Gebärparese der Rinder eine derartige, durch
- die Bildung abnormer Stoffwechselprodukte im Körper (Muskel,
- Euter) veranlasste Autointoxikation. Aehnliche Vorgänge scheinen
- bei der Verbrennung stattzufinden (giftige Zersetzungsprodukte
- des Blutes und der verbrannten Gewebe). Auch die Entfernung der
- Schilddrüse (Thyreoidektomie) hat eine schwere Autointoxikation
- zur Folge (Cachexia strumipriva); man führt dieselbe auf abnorme
- innere Sekretionsvorgänge zurück (+dyskrasische Autointoxikation+).
- Eine letzte Form der Resorptions-Autointoxikation bilden die
- sog. +Intestinaltoxikosen+ (enterogene Autointoxikation),
- Selbstvergiftungen durch Giftstoffe, welche von den normal
- im Darmkanal vorhandenen, nicht pathogenen Fäulnisbakterien
- (Saprophyten) gebildet werden. Ein Beispiel hierfür ist der bei
- der Fäulnis des Darminhaltes schon unter normalen Verhältnissen
- entstehende, giftig wirkende +Schwefelwasserstoff+. Dagegen können
- die analogen, bei der Einwirkung pathogener Mikroorganismen
- (Milzbrand, Rotlauf, Starrkrampf usw.) im Tierkörper entstehenden
- Toxine nicht zu den Autointoxikationen gerechnet werden, da bei ihnen
- die giftproduzierenden Bakterien von aussen in den Tierkörper gelangt
- sind (septische Intoxikation).
-
-
-Allgemeine Aetiologie der Vergiftungen.
-
-Die Ursachen der Vergiftungen bei unseren Haustieren sind sehr
-mannigfaltiger Art. Die wichtigsten Veranlassungen sind:
-
-1. Die Aufnahme von +Giftpflanzen+ seitens der Pflanzenfresser
-durch die Nahrung. Trotz fortgesetzter Ausrottung der giftigen
-Gewächse, namentlich auf Weiden, Wiesen und Feldern, sowie trotz der
-instinktiven Fähigkeit der Herbivoren, giftige von ungiftigen Pflanzen
-zu unterscheiden -- eine Fähigkeit, welche allerdings bei anhaltender
-Stallfütterung und zunehmender Domestikation abzunehmen scheint --
-ist die Zahl der Vergiftungsfälle infolge der Aufnahme giftiger
-Pflanzen alljährlich immer noch sehr bedeutend. Die gefährlichsten
-dieser Giftpflanzen sind die Herbstzeitlose, der Fingerhut, der
-wilde Mohn, die Kornrade, die Kichererbse, der Tabak, die Nieswurz,
-der Eibenbaum, der Buchsbaum, der Sturmhut, der Schierling, die
-Tollkirsche, das Bilsenkraut, der Stechapfel, das Bingelkraut, der
-Taumellolch, der Oleander, die Narzissusarten, Ranunkeln, Eupborbien,
-Daphne, sowie verschiedene terpentinölhaltige Pflanzen. Aber auch für
-gewöhnlich ungiftige Pflanzen können unter Umständen den Charakter von
-Giftpflanzen annehmen, z. B. die Lupinen. Die wirksamen Bestandteile
-der Giftpflanzen sind namentlich Alkaloide (über 150 bekannt) und
-Glykoside, ausserdem ätherische Oele und Säuren.
-
-2. Die Aufnahme +verdorbener Nahrungsmittel+. Hierher gehört in erster
-Linie die Ansiedlung von Schimmelpilzen, Rostpilzen und Brandpilzen
-auf den verschiedenen Futtersorten und auf dem Streumaterial. Sodann
-sind namentlich die Fabrikationsrückstände und Surrogate: Schlempe,
-Rübenschnitzel, Malzkeime, Biertreber, die verschiedenen Oelkuchen,
-das Palmkernmehl, Baumwollsaatmehl usw., sowie die Rückstände der
-Haushaltung in der Form des sog. Spülichts und der Küchenabfälle sehr
-häufig der Verderbnis unterworfen. Weiter sind hierher zu zählen die
-Vergiftungen, welche durch Verfütterung von verdorbenem Fleisch,
-verdorbenen Wurstwaren, faulenden Fischen, altem Käse bedingt werden;
-sog. Fleisch-, Wurst-, Fisch-, Käsevergiftung. Auch die Vergiftung
-durch Heringslake ist zum Teil hierher gehörig.
-
-3. Die Nähe von +Fabriken+ und sonstigen +gewerblichen Anlagen+, in
-welchen Gifte verarbeitet werden. Am gefährlichsten sind in dieser
-Beziehung Blei-, Silber- und Kupferbergwerke, welche teils durch ihre
-Metalle (Blei), teils durch ihren Gehalt an Arsenik (Freiberger Hütten
-in Sachsen) in weitem Umkreis das Leben der Haustiere gefährden.
-Manche dieser Metalle gehen sogar in Form organischer Verbindungen in
-die Pflanzen über und veranlassen so indirekt bei Pflanzenfressern
-Vergiftungen. So erzeugt in Kärnten das auf Bleiglanz und Galmei
-wachsende Gras Monilia coerulea bei weidenden Tieren Saturnismus;
-seine Asche enthält nämlich 2 Prozent Bleioxyd = 0,05 Prozent der
-ganzen Pflanze = 50 gr Bleioxyd in 100 kg Gras. Aehnliches kommt bei
-barythaltigen Pflanzen vor. Auch fliessende Gewässer können entweder
-durch Fabrikanlagen verdorben (Vergiftung auch der Fische) oder
-infolge Aufnahme giftiger Metalle aus dem umgebenden Erdreich nach
-weiten Entfernungen hin schädlich werden, wie z. B. der Bleibach
-in der Rheinprovinz und die ebenfalls bleihaltige Innerste in der
-Provinz Hannover. In ähnlicher Weise bieten auch Gasanstalten
-(Vergiftungen durch Gaswasser, Einatmen von Leuchtgas), Kohlenbergwerke
-(Grubengasvergiftung), Brennereien (Alkoholvergiftungen) und andere
-gewerbliche Etablissements, ja selbst einfache Feuerungseinrichtungen
-(Kohlenoxydgas) Gelegenheiten zu Vergiftungen.
-
-4. +Therapeutische Kunstfehler+, namentlich Fehler in der Dosierung
-und in der Anwendung der verschriebenen Medikamente. Derartige
-„Arzneivergiftungen“ kommen infolge falscher Dosierung hauptsächlich
-bei stark wirkenden Medikamenten, so bei der Verordnung des Phosphors,
-des Arseniks, des Brechweinsteins, der Aloë, des Krotonöls, der
-Kanthariden, des Sublimats, Chlorbaryums, des Kalomels, der grauen
-Quecksilbersalbe, des Extractum Filicis, sowie der Alkaloide Strychnin,
-Veratrin, Eserin, Pilokarpin, Arekolin und Morphin vor. Fehler in der
-Anwendung ereignen sich am häufigsten bei äusserlicher Applikation,
-so bei zu ausgedehnter Teer- oder Karboleinreibung, ferner beim Baden
-räudekranker Schafe (Arsenik-, Tabak-, Sublimat-, Karbolbäder), sowie
-bei intravenöser (Chloralhydrat, Chlorbaryum) und intratrachealer
-Applikationsmethode (Strychnin). Auch die Nichtbeachtung gewisser
-diätetischer und anderer Massregeln, z. B. die Erlaubnis zum Einspannen
-von Pferden, welchen ein Drastikum verordnet wurde, das gleichzeitige
-Verabreichen von Brechweinstein und Aloë gegen Spulwürmer beim Pferd,
-das Unterlassen von Schutzmassregeln gegen das Ablecken giftiger
-Salben, die Wahl einer unrichtigen Arzneiform oder Konzentration haben
-nicht selten eine Vergiftung zur Folge.
-
-5. +Verwechslungen+ seitens des dispensierenden Apothekers, Drogisten,
-Kaufmanns, Tierarztes, sowie seitens der Laien und Tierbesitzer.
-Solche Verwechslungen können teils durch undeutlich geschriebene
-Rezepte sowie durch falsche Deutung derselben (Sublimat statt Kalomel,
-Kalium sulfuratum statt Kalium sulfuricum, Formalin statt Furunkulin),
-teils durch irrtümliches Vergreifen in den Standgefässen, teils durch
-Unvorsichtigkeit des Drogisten oder Händlers bei Abgabe der Mittel
-vorkommen. Letzteres bezieht sich insbesondere auf die dem freien
-Handverkauf überlassenen, häufig schon aus jedem Kramladen beziehbaren
-Mittel (Verwechslungen von Bleizucker, Salpeter, Alaun mit Glaubersalz).
-
-6. +Ausgelegte Gifte+ zur Vertilgung von Ratten, Mäusen, Schaben,
-Wanzen. Denselben fallen am häufigsten Hunde und Katzen, sodann
-Schweine und das Geflügel zum Opfer. Sie bestehen aus Strychnin,
-Phosphor, Arsenik, Sublimat, Baryt, Meerzwiebel usw.
-
-7. +Giftfarben.+ Bedeutung für die Tierheilkunde haben vor allem die
-+Bleifarben+ und Bleianstriche (Bleiweiss, Bleiglätte, Mennige),
-welche zu zahllosen Vergiftungen beim Rind Veranlassung geben, sowie
-die grünen, +arsenikhaltigen+ Tapeten (Schweinfurter und Scheelesches
-Grün). Andere giftige Farben sind: Königsblau, Smalte, Mineralblau,
-Sächsischblau, Bremer Blau, Kobalt-Ultramarin; Chromgelb, Pikrinsäure,
-Antimongelb, Kasseler Gelb, Kölner Gelb, Mineralgelb, Rauschgelb,
-Operment, Pariser Gelb, Anilingelb, gelber Ultramarin, Zinkgelb;
-Braunschweiger Grün, Berggrün, Bremer Grün, Chromgrün, Englischgrün,
-Kaisergrün, Kasseler Grün, Laubgrün, Moosgrün, Neapeler Grün, Neuwieder
-Grün, Patentgrün, Oelgrün, Wiener Grün; Berliner Rot, Amarantrot,
-arsenhaltiges Anilinrot, Chromrot, Kupferrot, Pariser Rot, Wiener Rot;
-Kremserweiss, Schieferweiss, Schneeweiss, Silberweiss, Zinkweiss.
-Ausser den oben genannten Blei- und Arsenfarben sind überhaupt
-alle Farben giftig, welche +Chrom+, +Baryum+, +Antimon+, +Kupfer+
-(Grünspan), +Kadmium+, +Kobalt+, +Molybdän+, +Nickel+, +Quecksilber+,
-+Wolfram+, +Zink+, +Zinn+, +Uran+ und +Wismut+ enthalten. Ungiftig
-sind die arsenfreien Anilin-, Ultramarin- und Alizarinfarben, die
-Farbstoffe der Pflanzen, die eisenhaltigen Farbstoffe, wozu z. B.
-der rote Bolus gehört, sowie der Zinnober. Indigo, Methylviolett
-(Pyoktanin), Malachitgrün, Eosin und verschiedene andere Benzol- und
-Anthrazenderivate wirken übrigens namentlich in fein gepulvertem
-Zustand örtlich reizend und entzündungserregend („Eosinschweine“).
-
-8. Durch den +Biss+ oder +Stich+ giftiger Tiere werden verhältnismässig
-wenig Vergiftungen veranlasst. Meist ist es die Kreuzotter, seltener
-die Redische Viper, welche in Europa für die Haustiere gefährlich wird.
-Von Insekten kommen hauptsächlich die Bienen und die Kolumbakzer Mücken
-in Betracht.
-
-9. Endlich sind die durch +Böswilligkeit+ herbeigeführten Vergiftungen
-zu erwähnen. Am häufigsten kommen sie wohl bei Hunden, Katzen und beim
-Geflügel vor, vereinzelt jedoch auch bei den grösseren Haustieren, wie
-Pferd und Rind. Gewöhnlich werden hierzu der Phosphor, der Arsenik und
-das Strychnin benützt (ortsübliche Rattengifte).
-
- Das =kunstgemässe Vergiften= der Haustiere wegen Krankheit, zu hohen
- Alters, Gemeingefährlichkeit usw. wird namentlich bei +Hunden+
- und +Katzen+ vielfach angewandt. Im Hundespital der Berliner
- tierärztlichen Hochschule werden jährlich gegen 3000 Hunde und
- Katzen vergiftet. Das hierbei verwendete Gift ist eine 10prozentige
- wässerige =Blausäure=lösung. Dieselbe wird mittels einer Pravazschen
- Spritze in der Dosis von einigen Kubikzentimetern in die Subkutis
- oder in die Lunge gespritzt; bei Katzen genügt ein blosses Einbringen
- einiger Tropfen in den Lidsack oder auf die Maulschleimhaut. Man kann
- Hunde und Katzen auch durch Einschütten einer =Zyankalium=lösung
- (1-2,0 in Wasser oder Essig gelöst) töten. Die Vergiftung dauert
- jedoch hierbei etwas länger, und das Einschütten ist nicht immer ganz
- leicht; man sorge ferner für frisches, unzersetztes Zyankalium. Noch
- umständlicher ist die Benützung des =Chloroforms= zum Vergiften, wenn
- man nicht etwa, wie ich es früher getan habe, das Chloroform (einige
- Kubikzentimeter) direkt ins Herz spritzt. (Die Tötung von Hunden mit
- Chloroform im Veronalschlaf -- 2 bis 8 g Veronal -- wird von Jakob
- empfohlen.) Die Anwendung des =Strychnins= bei Hunden ist wegen der
- für den Zuschauer sehr peinlichen und oft länger, als vermutet,
- andauernden Krampfwirkung zu vermeiden. Dagegen eignet sich dasselbe
- gut zum Vergiften von +Füchsen+ und anderem Raubzeug (ausgelegte
- Heringsköpfe, Fleischstücke usw.). Ausserdem hat man +Eserin+,
- +Chlorbaryum+ (unsicher) und besondere +Kohlensäure+-Apparate
- angewandt.
-
- +Pferde+ werden ebenfalls am schnellsten und sichersten durch
- Blausäure getötet, welche am besten intravenös oder intratracheal
- beigebracht wird (tödliche Dosis der reinen Blausäure = 1 g; danach
- lässt sich die anzuwendende Menge der Blausäurelösungen berechnen).
- Statt Blausäure kann man auch Strychnin (0,5 intratracheal) anwenden,
- weil das Pferd diesem Mittel gegenüber sehr empfindlich ist. Auch die
- intravenöse Anwendung von +Chlorbaryum+ (0,5) wird empfohlen.
-
- +Elefanten+ werden ebenfalls am besten mit Blausäure getötet. Man
- nimmt die 100-200fache Dosis vom Pferd (100-200 g reine Blausäure)
- und reicht sie am besten zusammen mit Schnaps (Rum) oder in
- Brotwecken (Lechner).
-
- +Ratten+ und +Mäuse+ können durch Strychninweizen, Phosphorlatwerge,
- Ratin (Bakterienkulturen der Mäuseseptikämie) usw. vergiftet werden.
- Auch die +Meerzwiebeln+ werden als ein für den Menschen ungiftiges
- Rattenvertilgungsmittel in der Landwirtschaft angewandt (Mengung
- frischer Zwiebeln mit der doppelten Menge Fleisch, Zerkleinerung mit
- der Hackmaschine, Formung haselnussgrosser Kugeln, Anbraten mit Talg,
- Bestreuen mit Zucker, Auslegen in den Ställen). Das sog. „Ratin II“
- scheint nichts anderes als ein Meerzwiebelpräparat zu sein (vgl. das
- Kapitel Meerzwiebel).
-
-
-Modifikation der Giftwirkung.
-
-Die Intensität der Wirkung eines und desselben Giftes ist nicht immer
-die gleiche, sie wird vielmehr durch verschiedene äussere und innere
-Umstände modifiziert. Als wichtigste Faktoren, welche die Giftigkeit
-eines Stoffes beeinflussen, kommen folgende in Betracht:
-
-1. Die =Dosis=, in welcher das Gift verabreicht wird. Je nach der
-Grösse derselben kann die Wirkung entweder sehr stark, mittelstark,
-schwach oder selbst gleich Null sein. Jedes Gift wird in verschwindend
-kleiner Dosis wirkungslos; man kann diese kleinste Menge +indifferente
-Dosis+ nennen. Ist das Gift gleichzeitig ein Arzneimittel, so
-bezeichnet man die im Rahmen physiologischer Wirkungen sich haltenden
-Quantitäten als +therapeutische Dosen+ (Minimal-, Maximaldosis).
-Grössere Gaben, welche eine ausgesprochene Vergiftung erzeugen,
-heissen +toxische Dosen+; tritt endlich im Verlauf der Vergiftung der
-Tod ein, so spricht man von einer +tödlichen Dosis+ (dosis letalis).
-Diese tödliche Dosis ist um so kleiner, je grösser die Giftigkeit
-eines Stoffes ist. Sehr giftig sind namentlich die Blausäure und
-manche Alkaloide (Akonitin, Nikotin, Strychnin), indem Zentigramme
-bezw. Dezigramme hinreichen, um ein Pferd zu vergiften. Am giftigsten
-scheint das Toxin der Starrkrampfbazillen (Tetanotoxalbumin) zu sein
-(¼ Milligramm = 1/200 Tropfen tötet ein Pferd!). Man hat versucht,
-durch Vergleichung der Giftigkeitsdosen der einzelnen Gifte für jedes
-die sog. +Toxizität+ (Schwellenwert, Giftigkeitsgrenze) zu finden,
-also den Uebergang der indifferenten in die toxische Dosis für jedes
-Gift ziffernmässig festzustellen. Der allgemeinen Durchführung dieses
-Plans steht indes die Tatsache gegenüber, dass jede Tiergattung ein
-und demselben Gift gegenüber sich anders verhält. Aus diesem Grund
-muss von der Aufstellung einer allgemeinen Giftigkeitsgrenze Abstand
-genommen werden. Die Feststellung der Giftigkeitsgrenze der einzelnen
-Gifte durch Versuche an Fischen (+Richet+) hat daher für die übrigen
-Tiergattungen ebensowenig Geltung, wie die Bestimmung der Toxizität
-zahlreicher narkotischer Gifte an Froschlarven (+Overton+, +H. Meyer+).
-
-2. Die =Form= des Giftes. Es ist bekannt, dass der Phosphor in einer
-ungiftigen Form, als sog. roter Phosphor vorkommt, welche dadurch
-hergestellt wird, dass man den gewöhnlichen giftigen Phosphor bei
-Abwesenheit von atmosphärischer Luft auf 200 bis 250° erhitzt. Er
-wird dadurch in Fett unlöslich und deshalb im Magen und Darm nicht
-resorbiert. Aehnliche Verhältnisse kommen bei vielen sogen. isomeren
-Verbindungen vor. So ist das α-Naphthol wesentlich giftiger als
-das β-Naphthol; viele Ortho-Verbindungen haben eine andere Wirkung
-als die entsprechende Meta- oder Para-Verbindung. Weiter ist die
-Giftigkeit eines Körpers sehr verschieden, je nachdem derselbe in
-löslicher oder unlöslicher Form, in Stücken, grob- oder feingepulvert,
-in konzentrierter oder in verdünnter Lösung aufgenommen wird. Der
-Arsenik ist am wenigsten giftig in Stücken, mit der Feinheit des
-Pulvers nimmt seine Giftigkeit zu, am giftigsten ist er in Lösung.
-Auch die Art des Lösungsmittels ist von Bedeutung. Phosphor in Oel
-gelöst wird viel rascher und ausgiebiger resorbiert, als in andern
-Flüssigkeiten; Kanthariden in Salbenform aufgenommen (Ablecken) wirken
-aus demselben Grunde giftiger, als in Substanz. Alkoholische Lösungen
-von Strychnin oder Blausäure werden im Magen viel schneller resorbiert,
-als wässerige. Auflösungen der Karbolsäure in alkalischen Flüssigkeiten
-oder in Oel sind weniger giftig, als solche in Wasser. Endlich gibt
-es noch eine Reihe anderer Bedingungen. Durch Regenwasser ausgelaugte
-Lupinen sind ungiftig, viele Metallsalze (Brechweinstein, Bleizucker)
-und alle Alkaloide verlieren an Giftigkeit, wenn gleichzeitig Tannin
-oder zufällig ein anderes Gegengift mit aufgenommen wird. Warme
-Arsenikwaschungen, ferner kalte, aber im Sommer, in heissen Stallungen
-oder bei erhitzten Tieren vorgenommene Waschungen sind gefährlicher
-als kalte Waschungen im Frühjahr oder Herbst (Beobachtungen in
-Schleswig-Holstein).
-
-3. =Alter= und =Abstammung= des Giftes. Sehr viele Gifte verändern
-oder verlieren mit der Zeit infolge von Zersetzung ihre Wirksamkeit.
-Beispiele sind namentlich die Glykoside und manche Alkaloide:
-Digitalis, Secale cornutum, Akonit, Belladonna, Eserin, Pilokarpin,
-Morphin, Apomorphin, Rhizoma Filicis, die Präparate der Blausäure
-(Umwandlung der Blausäure im Bittermandelwasser in ameisensaures
-Ammonium, des Zyankaliums in Kaliumkarbonat), der Phosphor (Umwandlung
-zu amorphem), Karbolwasser (Verdunstung der Karbolsäure), die
-ätherisch-öligen Mittel (Verdunstung der ätherischen Oele), Chlorkalk
-(Verdunstung von Chlor), Bleiessig (Bildung von Bleikarbonat), Aetzkali
-und Aetzkalk (Umwandlung zu kohlensaurem Kalium und kohlensaurem
-Kalk). Auch das Umgekehrte wird zuweilen beobachtet; alte graue
-Quecksilbersalbe ist z. B. giftiger, als frisch bereitete (Bildung von
-leichter resorbierbarem fettsaurem Quecksilber). Dasselbe gilt für
-altes Krotonöl (Abspaltung freier, giftiger Krotonolsäure). Bezüglich
-der Bedeutung der Abstammung für die Giftigkeit ist hervorzuheben,
-dass die Lupinen je nach dem Standort und der Gegend bald giftig,
-bald ungiftig sind, dass ferner die Mohnpflanze in Europa nur ganz
-verschwindende Mengen von Opiumalkaloiden enthält gegenüber dem grossen
-Opiumgehalt derselben Pflanze in Kleinasien, Persien, Aegypten. Es mag
-ausserdem an die Hanfpflanze erinnert werden, welche bei uns ungiftig
-ist, während sie in derselben Spezies in Indien ein starkes Gift
-liefert (indischer Hanf, Haschisch). Die Giftigkeit vieler Pflanzen
-wechselt endlich nach den Jahreszeiten. Die meisten Giftpflanzen sind
-am giftigsten zurzeit der Blüte; andere Pflanzen sind überhaupt nur
-in bestimmten Monaten giftig, z. B. die Springgurke (Elaterium) nur
-im Juli. Ein eigentümliches Verhältnis zeigt der Faulbaum (Rhamnus
-Frangula), dessen Rinde im ersten Jahr nach der Gewinnung Erbrechen und
-dann vom zweiten Jahr ab Purgieren erzeugt.
-
-4. Die =Applikationsweise=. Alle Gifte wirken vom +Magen+ aus
-wesentlich schwächer, als von der Subkutis, von der Trachealschleimhaut
-oder von Wunden aus. Manche Gifte sind vom gesunden Magen aus
-überhaupt wirkungslos, so zahlreiche Bakterientoxine (Wut, Tetanus),
-die Saponinsubstanzen, das Schlangengift und einige Pfeilgifte
-(zersetzende, antitoxische Wirkung des Magensaftes). Auch bei stark
-gefülltem Magen wirken die meisten Gifte wesentlich schwächer als bei
-leerem Magen, weil die Resorption langsamer vor sich geht; ausserdem
-werden manche Gifte durch gewisse Bestandteile des Futterinhaltes
-des Magens, z. B. Alkaloide durch gerbsäurehaltige Nahrungsmittel,
-Metallsalze durch ein eiweissreiches Futter unschädlich gemacht.
-+Die Giftigkeit eines Stoffes vom Magen aus verhält sich zu seiner
-Giftigkeit von der Subkutis und von Wunden aus etwa wie 1 : 10.+
-Uebrigens kann dieses Verhältnis je nach der Tiergattung auch enger
-sein. So verhält sich beim Strychnin die tödliche stomachikale Dosis
-zur tödlichen subkutanen wie 1 : 10 beim Schaf, wie 1 : 5 beim Pferd,
-wie 1 : 3 beim Schwein, wie 1 : 2 beim Hund. Auch bei der Resorption
-von Wunden aus ist die Giftigkeit ganz erheblich gesteigert; so
-tötet der Arsenik per os Pferde in Gaben von 10-15 g, Hunde in Gaben
-von 0,2 g, während von Wunden aus für Pferde 2,0 g und für Hunde
-0,02 g zur Tötung ausreichen. Diese erhöhte Giftigkeit von Wunden
-aus hat namentlich eine praktische Bedeutung für die Anwendung von
-Aetzmitteln (Arsenik in Stücken bei Brustbeule, Nieswurzstecken)
-sowie von Räudebädern unmittelbar nach der Schur (Arsenik-, Tabak-,
-Karbolbäder). Die rektale Applikation wirkt etwa gleich stark, wie die
-per os. Am stärksten ist die Wirkung der Gifte bei der intratrachealen,
-intraperitonealen und intravenösen Injektion. +Die intratracheale
-Applikation wirkt etwa 20mal, die intravenöse 25-50mal stärker, als die
-Einführung vom Magen aus.+
-
-5. Die =Ausscheidung= des Giftes aus dem Körper. Dieselbe beeinflusst
-hauptsächlich den Verlauf und die Dauer einer Vergiftung; je
-rascher das Gift den Körper wieder verlässt, um so kürzer ist auch
-die Krankheitsdauer und umgekehrt. Langsam, erst etwa im Verlauf
-einer Woche ausgeschieden werden z. B. die Glykoside der Digitalis
-(Digitoxin) und das Strychnin, weshalb die Nachwirkung bei beiden
-Giften ziemlich lang ist (kumulative Wirkung bei wiederholter
-Einverleibung). Ausserdem sind durch eine sehr verlangsamte, Wochen
-und Monate dauernde Ausscheidung die Salze der schweren Metalle
-(Blei, Quecksilber, Kupfer, Arsen) charakterisiert, indem dieselben
-organische Verbindungen mit dem Eiweiss der Körperzellen eingehen
-(sog. Organdepositorien). Dieser Umstand erklärt auch die Tatsache,
-dass chronische Vergiftungen am häufigsten Metallvergiftungen sind.
-Am schnellsten werden die Chlor-, Brom- und Jodverbindungen der
-Alkalien ausgeschieden (Chlornatrium, Bromkalium, Jodkalium); die
-Hauptmenge derselben verlässt den Körper durch den Harn innerhalb 24
-Stunden. Die Ausscheidung der Gifte aus der Blutbahn geschieht durch
-die Nieren, die Leber, die Speicheldrüsen, die Pankreasdrüse, die
-Milchdrüse, die Darmdrüsen, Schweissdrüsen, Talgdrüsen, Schleimdrüsen
-und die Lunge. Die meisten Gifte werden durch den Harn ausgeschieden.
-Die Schwermetalle und das Strychnin werden dagegen in der Hauptsache
-durch die Leber (Galle), das Morphium durch den Magen eliminiert. --
-Auch durch die Verlangsamung oder Beschleunigung der +Resorption+
-kann die Wirkung der Gifte beeinflusst werden. So tritt z. B. bei der
-Kolchikumvergiftung die Wirkung des Giftes später ein, als bei anderen
-Intoxikationen, weil das Kolchizin ein sehr schwer resorbierbares
-Alkaloid ist.
-
-6. Die =Tiergattung=. Eine Reihe von Giften wird in ihrer Wirkung
-wesentlich modifiziert durch die Tiergattung. Zunächst zeigen im
-Vergleich zum +Menschen+ die Haustiere mehreren Giften gegenüber ein
-ganz verschiedenes Verhalten. Während für den Menschen wegen seines
-hoch entwickelten Gehirns und Nervensystems viele Nervenmittel,
-namentlich die Alkaloide Morphium, Atropin, Hyoszin und Koniin sehr
-starke Gifte sind, erweist sich deren Giftigkeit bei den Tieren als
-eine ganz erheblich schwächere. Beispielsweise ertragen Hunde und
-Pferde pro Kilogramm Körpergewicht 10mal mehr, Tauben 500mal mehr
-und Frösche sogar 1000mal mehr Morphium als der Mensch. Während beim
-Menschen schon 5 mg Atropin eine schwere Vergiftung bedingen können,
-bleiben Hunde und Kaninchen nach Dosen von 500 mg, also nach der
-hundertfachen Dosis, am Leben.
-
-Unter den einzelnen Tiergattungen selbst machen sich ebenfalls
-bedeutende Unterschiede im Verhalten gewissen Giften gegenüber geltend.
-So sind für Pflanzenfresser, besonders aber für die +Wiederkäuer+
-(Rind, Schaf und Ziege) die +Metallsalze+ viel stärkere Gifte,
-als für die Fleischfresser und Omnivoren (Hund, Katze, Schwein).
-Wahrscheinlich ist die Erklärung dieser Tatsache in dem Umstande zu
-suchen, dass bei der eigentümlichen Einrichtung des Verdauungsapparates
-der Pflanzenfresser, namentlich der Wiederkäuer, die eingeführten
-Metallgifte viel längere Zeit (mehrere Wochen) im Magendarmkanal
-verbleiben und daher ausgiebiger zur Resorption gelangen als bei den
-Fleischfressern, bei welchen der Inhalt des Verdauungsschlauches nur
-etwa einen Tag in demselben verweilt. So ist z. B. die tödliche Dosis
-des Kalomels für das Rind nicht wesentlich höher als für das Schwein
-(10 g), Ochsen sterben nach der Einreibung einer Gewichtsmenge grauer
-Salbe, welche von Hunden ohne Schaden ertragen wird (30 g). Ebenso
-empfindlich wie gegen Quecksilber sind die Wiederkäuer gegen Blei.
-Während die tödliche Dosis des Bleizuckers für das Pferd zwischen 500
-und 700 g beträgt, sind für ein gleich schweres Rind zuweilen schon
-50 g tödlich. Aehnliches beobachtet man bezüglich der Kupfersalze.
-Umgekehrt sind die Wiederkäuer viel weniger empfindlich bezw. bis
-zu einem gewissen Grade unempfindlich gegenüber der stomachikalen
-Einverleibung der +Digitalisblätter+, weil die Digitalisglykoside in
-den Vormägen zersetzt und unwirksam gemacht werden (bei intravenöser
-Einverleibung besteht kein Unterschied!). Während z. B. Pferde nach
-der innerlichen Verabreichung einer einmaligen Dosis von 25-30 g
-getrockneter Digitalisblätter an Digitalisvergiftung sterben, ertragen
-Kühe diese Dosis 4 Tage hintereinander, zusammen also 120 g Folia
-Digitalis, ohne überhaupt darauf zu reagieren (20 g Digitalisblätter
-im Infus intravenös eingespritzt wirken dagegen auch beim Rind
-tödlich). Weitere Beispiele sind das ausserordentlich verschiedene
-Verhalten der einzelnen Tiergattungen gegenüber dem +Chloroform+,
-welches namentlich für die Wiederkäuer ein gefährliches Narkotikum
-bildet, die starke Giftigkeit des Krotonöls und Brechweinsteins
-für Pferde im Gegensatz zum Hund, die grosse Empfindlichkeit der
-Katzen gegenüber der Karbolsäure und ihre geringe Empfindlichkeit
-gegenüber dem Apomorphin, von welchem sie als Emetikum eine 10mal
-grössere Dosis bedürfen, als grosse Hunde (während beim Schwein gar
-kein Erbrechen dadurch hervorgebracht werden kann); die relativ
-geringe Empfindlichkeit der Kaninchen gegen Belladonna und der Hühner
-gegenüber der Brechnuss; die Empfindlichkeit der Vögel gegen Aether;
-die Unempfindlichkeit des Igels gegen Kanthariden, Giftschlangen und
-Giftpflanzen, der Frösche gegen Kurare, sowie der Insekten gegen
-Muskarin, Kohlenoxyd und andere Gifte.
-
-7. Die =Grösse= und das =Alter= der =Tiere=. Im allgemeinen ist die
-Giftwirkung einer und derselben Dosis um so schwächer, je grösser die
-betreffenden Tiere sind. Setzt man die grösseren Haustiere, Pferd und
-Rind = 1-2, so ergeben sich als entsprechende Verhältniszahlen für
-Schafe, Ziegen und für Schweine = ½-⅕, für Hunde (und Menschen) =
-1/10, für Katzen und Geflügel = 1/20. Ebenso nimmt im allgemeinen mit
-dem Alter die Widerstandsfähigkeit gegen Gifte zu, das höchste Alter
-ausgeschlossen. Ist z. B. die tödliche Dosis eines Giftes für ein
-ausgewachsenes 6jähriges Pferd = 1, so beträgt sie für ein einjähriges
-= ½, für ein halbjähriges = ¼, für ein vierteljähriges = ⅛, für ein
-einen Monat altes = 1/16 usw. Ausnahmen kommen auch von dieser Regel
-vor; so ertragen junge Hunde grössere Kalomeldosen als erwachsene.
-Junge Hunde (Säuglinge) sind jedoch dem Santonin gegenüber 100mal
-empfindlicher als erwachsene Hunde.
-
-8. Von sonstigen, die Giftwirkung beeinflussenden Momenten sind zu
-erwähnen das =Geschlecht= (Kühe ertragen häufig grössere Giftdosen als
-Ochsen, weil durch die Milch das Gift zum Teil aus dem Körper entfernt
-wird; vergl. die Schlempevergiftung), die =Konstitution= (kräftige,
-schwache) sowie eine bei manchen Tieren vorhandene +individuelle
-Empfindlichkeit+ oder =Idiosynkrasie=. Die letztere besteht darin,
-dass manche Individuen gegen gewisse (giftige oder ungiftige) Stoffe
-auffallend überempfindlich sind, wie z. B. einzelne Pferde und Rinder
-gegen Chloroform, Morphium, Eserin, Arekolin und Pilokarpin oder
-manche Hunde gegen Kalomel, Filixextrakt und Arekanuss.
-
-Eine +Angewöhnung+ an Gifte als modifizierender Faktor der Giftwirkung,
-wie sie beim Menschen beobachtet wird (Morphium, Alkohol, Nikotin,
-Koffein, Kokain, Chloralhydrat, Arsenik, Rizinusöl) kommt bei den
-Haustieren seltener vor (Arsenik, Santonin, Morphin, Rizin). Das
-Zustandekommen der Angewöhnung ist dunkel (gesteigerte Fähigkeit
-der Zersetzung? Bildung von Antikörpern? Zelluläre Immunität?).
-Manche Tiere scheinen ferner gewissen Giften gegenüber, ähnlich
-wie bei Seuchen, eine individuelle +Immunität+ zu besitzen (Rade,
-Schimmelpilze, Rostpilze, Brandpilze, Saponinsubstanzen).
-
-Die +kumulative+ Wirkung einzelner Gifte (Strychnin, Digitalis), d. h.
-die Tatsache der Summierung der Effekte mehrerer Einzeldosen erklärt
-sich teils aus der langsamen Ausscheidung dieser Gifte aus dem Körper,
-teils aus dem langsamen Abklingen der Wirkung der einzelnen Dosen.
-
- =Die Gewöhnung an Gifte.= Höhere Organismen (Menschen, Tiere) können
- sich ebenso an einzelne Gifte gewöhnen („giftfest“ oder „immun“
- werden), wie niedrige, einzellige Organismen (Hefe, Bakterien,
- Protozoen). Von der +Hefe+ ist bekannt, dass sie sich besonders an
- Flusssäure und Fluoride, ausserdem an Formaldehyd, Kupfersalze und
- Alkohol gewöhnt. Das sog. Effrontsche Flusssäureverfahren steigert
- sogar die Gärkraft der Hefe aufs zehnfache und hält andere schädliche
- Bakterien ab; dabei beruht die Gewöhnung an das Fluor auf der
- Umwandlung des in die Zellen eindringenden löslichen Fluorammoniums
- in unlösliches Fluorkalzium. +Bakterien+ gewöhnen sich an Borsäure,
- Karbolsäure, Sublimat, Arsenik, Lithiumsalze usw. Pathogene Bakterien
- werden sogar widerstandsfähiger durch Sublimat, Milzbrandbazillen
- passen sich an Arseniklösungen an. Dasselbe gilt für +Schimmelpilze+,
- namentlich für Penicillium glaucum, welche sich überhaupt leicht
- an Metallsalze (Kupfer, Quecksilber, Nickel, Kobalt), ausserdem
- an Chinin, Morphin, Kokain, Atropin, Alkohol, Pyrogallussäure
- usw. gewöhnen. Unter den +Protozoen+ gewöhnen sich namentlich
- die +Trypanosomen+ bald an Arsenpräparate, speziell an Atoxyl
- (atoxylfeste Stämme), ferner an Fuchsin, Trypanrot und Trypanblau;
- andere Protozoen gewöhnen sich an Chinin, Sublimat und konzentrierte
- Kochsalzlösungen.
-
- Von den höhern Organismen gewöhnen sich +Menschen+ im allgemeinen
- leichter und häufiger an Gifte als +Tiere+. Diese Gewöhnungen stellen
- indessen zum Teil chronische Vergiftungen dar, indem sie mehr oder
- weniger erhebliche Störungen des Allgemeinbefindens bedingen. Am
- bekanntesten ist die Gewöhnung an das +Morphium+. Während jedoch
- der Mensch sich an die 25fache Dosis gewöhnen kann, liessen sich
- Versuchshunde nur an die 3fache tödliche Menge gewöhnen (Faust,
- Arch. f. exp. Path. 1900); die Ursache der Gewöhnung scheint
- auf einer Zerstörung oder Zersetzung des Morphins durch die an
- dieses Gift gewöhnten Individuen zu beruhen. Die beim Menschen
- so häufige Gewöhnung an +Alkohol+ ist bei Tieren, speziell bei
- Hunden, Schweinen und Kaninchen bisher nicht gelungen (negative
- Versuche von Dahlström, Strassmann, Dujardin-Beaumé u. a.). Dagegen
- gewöhnen sich Menschen und Tiere an +Arsenik+. Aehnlich wie bei den
- steiermärkischen Arsenikessern liessen sich Hunde an grosse Dosen
- Arsenik, bis zu 0,4 g pro Kilo, gewöhnen, jedoch nur bei innerlicher
- Verabreichung; bei subkutaner Injektion waren die arsenikfesten
- Hunde ebenso empfindlich gegen das Gift wie die an Arsenik nicht
- gewöhnten (Hausmann, Cloëtta). Ueber die Gewöhnung an +Rizin+
- („Rizinfestigkeit“) vergleiche das Kapitel Rizinusvergiftung. --
- Genaueres über die Gewöhnung an Gifte findet sich bei +Hausmann+,
- Ergebnisse der Physiologie, VI. Jahrgang, 1907.
-
-
-Allgemeines über Wirkungsweise und Schicksale der Gifte im Tierkörper.
-
-Man unterscheidet herkömmlicherweise zwischen örtlicher Giftwirkung
-und Fernwirkung der Gifte. Die +örtliche+ Giftwirkung besteht in
-Rötung, Schwellung, Entzündung, Verätzung, Anästhesierung der Haut,
-Schleimhäute und Wunden. Eine grössere Anzahl von Giften besitzt
-nur eine solche Lokalwirkung, so namentlich die einfachen Akria
-und die Aetzmittel. Die reizende Wirkung der Akria wird durch die
-Einwirkung auf die Nerven und Gefässe (Hyperämie, Entzündung,
-Blasen-, Pustel-, Eiterbildung), die Aetzwirkung durch Ertötung
-der Gewebe bedingt (Eiweissgerinnung durch Säuren und Metallsalze,
-Auflösung des organisierten Eiweisses durch Laugen, Wasserentziehung
-durch gebrannten Kalk und Schwefelsäure, Wasserstoffentziehung
-durch Chlor). Dabei wird der Unterschied zwischen der reizenden
-und ätzenden Wirkung häufig nur durch die Konzentration der Lösung
-bedingt, indem bei gewissen Konzentrationsgraden keine Nekrose mehr
-entsteht, sondern eine reparable entzündliche Reaktion. Auch im
-bakterienfreien, sterilisierten Zustand erzeugen die Akria, unter
-die Haut gespritzt, Eiterung ohne Mitbeteiligung von Eiterbakterien
-(Versuche mit Krotonöl). Die +Fernwirkung+ der Gifte wird nicht durch
-die Nervenleitung, sondern durch das Blut vermittelt, durch welches
-dieselben in die einzelnen Körperorgane übergeführt werden. Danach
-beginnt die Fernwirkung (Allgemeinwirkung) mit dem Uebergang der
-Gifte ins Blut. Sie besteht in einer Einwirkung der Gifte auf die
-Parenchymzellen der einzelnen Organe, also der Ganglienzellen des
-Gehirns, der sezernierenden Leber-, Nieren-, Drüsenzellen, und kann
-daher in gewisser Beziehung ebenfalls als Lokalwirkung aufgefasst
-werden.
-
- Die +elementare Giftwirkung+, d. h. die Reaktion zwischen
- chemischem Stoff und lebendem Protoplasma besteht entweder in einer
- gegenseitigen chemischen Bindung mit Schädigung und Zerstörung des
- Protoplasmas oder im osmotischen Eindringen des Giftes in die Zellen
- ohne chemische Veränderung der letzteren. Das schnelle Eindringen
- mancher chemisch indifferenter Stoffe (Alkohol, Aether) in das
- Protoplasma wird auf das Vorhandensein fettähnlicher Bestandteile
- (Lipoide) im Protoplasma zurückgeführt, welche die Aufnahmefähigkeit
- der Zellen für Alkohol etc. bedingen (Overton). Dabei verhalten
- sich die verschiedenen Arten von Protoplasma gegen ein und dasselbe
- chemische Agens verschieden (+spezifische Affinitäten+). Das
- Strychnin z. B. besitzt eine spezifische Affinität zum Rückenmark,
- das Morphium und Atropin zum Gehirn, das Kohlenoxyd zum Hämoglobin.
- Die Giftreaktion äussert sich dabei entweder in einer Steigerung oder
- in einer Verminderung der Zellfunktion.
-
- Die +Resorption+ der Gifte ins Blut kann vom Darmkanal, von der
- Haut und von der Lunge aus folgen. Die Resorption im +Darmkanal+
- geschieht teils aktiv durch die intra- und interepitheliale
- Resorption und durch die Leukozyten (lipoidunlösliche Stoffe:
- Salze, Metalle, Proteine), teils durch passives Passieren der
- Epithelien (lipoidlösliche Stoffe: Alkohol usw.). Von der entzündlich
- veränderten, also beschädigten Darmschleimhaut aus erfolgt die
- Resorption besonders schnell (Giftigkeit des sonst unschädlichen
- Saponins und Wismuts, Giftwirkung normaler Brechweinsteindosen bei
- gleichzeitiger Verabreichung von Aloe). Die unverletzte +Haut+
- besitzt ein sehr geringes Resorptionsvermögen für Gifte, indem das
- Fett der Talgdrüsen und die verhornten Epidermiszellen wässerige
- Lösungen abhalten (nach Beseitigung des Fetts durch Aetherwaschung
- findet eine geringe Resorption wasserlöslicher Stoffe statt). Die
- bisher angenommene Durchlässigkeit der intakten Haut für Gase wird
- neuerdings bestritten (die Haut der einzelnen Versuchstiere scheint
- sich verschieden zu verhalten). Eine sehr intensive Resorption
- findet dagegen nach Entfernung der Epidermis statt. In der +Lunge+
- werden Gase und Dämpfe durch die feuchten Alveolarepithelien und die
- Gefässendothelien rasch resorbiert (Chloroform). Nach der Aufnahme
- der Gifte ins +Blut+ erfolgt sofort die innere Absorption von seiten
- der Gewebe (ein wenige Minuten danach vorgenommener Aderlass vermag
- die tödliche Vergiftung wegen der bereits erfolgten Fixierung des
- Giftes in den Geweben nicht mehr aufzuhalten).
-
-Die Schicksale, d. h. die +chemischen Veränderungen+, welche die Gifte
-im allgemeinen bei ihrer Wanderung durch den Tierkörper erfahren, sind
-sehr mannigfaltiger Art. Nur wenige derselben passieren den Körper
-in unverändertem Zustande (Kochsalz, Glaubersalz). Zum grossen Teil
-beruht die toxische Wirkung eben auf diesen chemischen Umsetzungen. Im
-Nachstehenden sind die wichtigsten derselben kurz zusammengestellt.
-
-1. +Veränderungen der Gifte im Digestionsapparate.+ Bei einzelnen
-giftigen Glykosiden findet bereits in der Mundhöhle unter der
-Einwirkung des +Speichels+ eine Zersetzung statt (Amygdalin).
-Wichtiger sind die im +Magen+ durch die Einwirkung des Magensaftes
-und des Mageninhaltes bedingten Umsetzungen. Die Salzsäure des Magens
-macht z. B. die im Zyankalium enthaltene Blausäure frei nach der
-Formel: CNK + ClH = CNH + ClK; sie verwandelt ferner manche an sich
-unlösliche Metalle (Blei) zu löslichen Chloriden (Chlorblei). Aehnlich
-wirkt die im Magen vorhandene Milchsäure. Der Mageninhalt wirkt
-teils durch seine Menge, teils durch einzelne seiner Bestandteile
-modifizierend auf die Gifte ein. In ersterer Beziehung gilt der
-schon erwähnte Satz, +dass die meisten Gifte bei vollem Magen (und
-daher namentlich bei den Wiederkäuern) weniger stark wirken, als
-bei leerem oder wenig gefülltem+. Die Erklärung hierfür ist in der
-starken Verdünnung, verminderten oder verlangsamten Resorption, sowie
-in der teilweisen Zersetzung der Gifte durch den Mageninhalt (z. B.
-des Brechweinsteins durch das in vielen Futterpflanzen enthaltene
-Tannin) zu suchen. Von den Bestandteilen des Mageninhalts befördern
-die Albuminate die Resorption vieler Metalle (Quecksilber, Blei,
-Zink, Kupfer, Chrom), indem sie dieselben in Metallalbuminate
-überführen. Auch der Kochsalzgehalt des Mageninhaltes kommt in
-Betracht, indem z. B. Sublimat sich in die leichter resorbierbare
-Sublimat-Chlornatriumverbindung umwandelt. Im +Darmkanal+ bedingen
-der alkalische Pankreassaft und die Galle, sowie die im Dickdarm
-eintretenden Fäulnisprozesse (Entwicklung von Wasserstoff in Statu
-nascente) verschiedenartige chemische Umsetzungen. So wird unter
-der Einwirkung des alkalisch reagierenden Dünndarmsaftes die schwer
-lösliche arsenige Säure (Arsenik, As_{2}O_{3}) zu leicht resorbierbarem
-arsenigsaurem Kali (AsK_{3}O_{3}) umgesetzt; das unlösliche und daher
-an sich wenig giftige Santonin verwandelt sich in leicht lösliches
-santoninsaures Natrium und Kalium. Die Galle befördert die Löslichkeit
-giftiger Oele und Harze, indem sie dieselben verseift (Krotonöl,
-Rizinusöl, Aloe, Jalapen). Der im Dickdarm gebildete Wasserstoff führt
-den Schwefel in Schwefelwasserstoff, den Phosphor und Arsenik in
-Phosphor- und Arsenwasserstoff über. Endlich findet bei vorhandenem
-Fettgehalt der Nahrung im Darmkanal eine Auflösung mancher Gifte durch
-das Fett und infolgedessen leichtere Resorption derselben statt;
-hierher gehören namentlich der Phosphor und das in den Kanthariden
-enthaltene Kantharidin.
-
-2. +Veränderung der Gifte im Blute und in den Geweben.+ Beim Uebergang
-der Gifte ins Blut finden die wichtigsten Veränderungen der Gifte
-statt. Es sind zunächst einfache +chemische Bindungen+, welche
-manche Gifte eingehen; so verbindet sich die Oxalsäure in den Nieren
-mit Kalk zu oxalsaurem Kalk, der Arsenik mit Kalium oder Natrium zu
-arsenigsaurem Kalium und Natrium, das Chlor, Brom und Jod ebenfalls mit
-diesen Alkalien zu Chlorkalium, Bromkalium, Jodkalium; das Kohlenoxyd
-verbindet sich mit dem Hämoglobin. Von +Synthesen+ sind zu erwähnen
-die namentlich in der Niere vor sich gehenden Aetherschwefelsäure-,
-Glykuronsäure- und Uraminosäure-Synthesen. Hierher gehört die Bildung
-von Sulfonverbindungen (Umwandlung der Karbolsäure und der Kresole
-zu phenolsulfonsaurem und kresolsulfonsaurem Kali), von gepaarten
-Glykuronsäuren (Umwandlung des Chloralhydrats in Urochloralsäure, des
-Kampfers in Kamphoglykuronsäure), sowie von Uraminosäureverbindungen
-(Umwandlung der Salizylsäure in Salizylursäure, der Benzoesäure in
-Hippursäure). Sehr zahlreich sind ferner +Oxydationen+ der Gifte
-im Blut und in den Geweben. So wird Phosphor zu Phosphorsäure,
-Schwefel zu Schwefelsäure, Blei zu Bleioxyd, Alkohol, Aldehyd und
-Essigsäure zu Kohlensäure und Wasser, Benzol zu Phenol, Naphthalin
-zu Naphthol, Karbolsäure zu Brenzkatechin und Hydrochinon oxydiert.
-Daneben kommen unter der Einwirkung der Muskel- und Drüsentätigkeit
-im Körper +Reduktionen+ vor. Namentlich alle an Sauerstoff sehr
-reichen Salze (chlorsaures Kali, Nitrate, Chromsäure) werden zu
-niedrigen Oxydationsstufen reduziert. Desgleichen beobachtet man
-bei einer grösseren Anzahl von Giften im Blute sowie in den Muskeln
-und in der Leber +Spaltungen+ und Zersetzungen. Dieselben betreffen
-hauptsächlich die Alkaloide und Glykoside (Eserin, Pilokarpin,
-Morphium, Koffein, Amygdalin). Endlich findet man bei einer nicht
-geringen Anzahl von Giften +Assimilationen+ von seiten des Tierkörpers.
-So ist es beispielsweise bekannt, dass im Knochen die Phosphorsäure
-(phosphorsaurer Kalk) durch arsenige Säure (arsenigsaurer Kalk) ersetzt
-werden kann. Hierher gehört auch die +Ablagerung+ (Deposition) der
-Metalle in verschiedenen inneren Organen, namentlich des Quecksilbers
-in der Leber (Organdepositorium), wo sie in Form von Metallalbuminaten
-gewissermassen assimiliert werden (Bindung an die Nukleoalbumine und
-Nukleine).
-
-3. +Verhalten der Gifte bei der Ausscheidung aus dem Körper.+ Die
-wichtigsten Ausscheidungsorgane des Körpers sind die +Nieren+ und
-die +Leber+. Durch die +Nieren+ werden namentlich die Salze der
-Halogene (Jodkalium, Bromkalium) in so kurzer Zeit aus dem Körper
-ausgeschieden, dass die Hauptmenge innerhalb 24 Stunden mit dem Harn
-aus dem Körper entfernt wird. Viel langsamer werden die Salze der
-Schwermetalle durch die Nieren ausgeschieden (Wochen, Monate). Wegen
-ihrer Beteiligung an der Ausscheidung der Gifte sind die Nieren und
-die Leber bei sehr vielen Vergiftungen in erster Linie gefährdet,
-wie die schweren Nierenaffektionen bei Kanthariden-, Terpentinöl-,
-Kolchikum-, Quecksilbervergiftung, sowie die krankhaften Entartungen
-der Leberzellen bei Phosphor- und Arsenikvergiftung beweisen. Für die
-gasförmigen und flüchtigen Gifte (Chloroform, Alkohol, Kohlenoxyd,
-Grubengas) sind die +Lungen+ das Hauptausscheidungsorgan. Neben
-diesen Drüsen wirken jedoch noch andere, nicht minder wichtige, bei
-der Ausscheidung der Gifte mit. Es sind namentlich die +Magen-+
-und +Darmdrüsen+ zu erwähnen. Dieselben besitzen speziell für die
-Eliminierung des Morphiums (Magen), Phosphors, Arseniks, Quecksilbers,
-überhaupt der Schwermetalle eine viel grössere Bedeutung als die
-Nieren und erkranken deshalb sehr häufig im Verlauf der Vergiftung
-(sog. Gastro-Enteritis glandularis oder Adenitis parenchymatosa).
-Weiter beteiligen sich an der Ausscheidung von Giften die +Talg-+
-und +Schweissdrüsen+ der Haut, welche ebenfalls bei dieser
-Tätigkeit schwere Beschädigungen erleiden können (Hautexantheme
-bei Merkurialismus, Bromvergiftung, Jodvergiftung, Schlempemauke),
-die +Speicheldrüsen+ (Salivation bei Quecksilbervergiftung), die
-+Schleimdrüsen+ der Respirationsschleimhaut (Bronchitis, Laryngitis,
-Rhinitis bei Quecksilber- und Jodvergiftung), die +Tränendrüse+
-und, was namentlich für das Rind von grosser Bedeutung ist, die
-+Milchdrüse+. Die gesteigerte Funktion dieser letzteren Drüse bedingt
-es, dass Milchkühe manchen Vergiftungen gegenüber widerstandsfähiger
-sind als andere Tiere (Schlempemauke), weil durch die Milch das
-eingedrungene Gift rasch und in reichlicher Menge aus dem Körper
-entfernt wird. Auf der anderen Seite können die milchsezernierenden
-Drüsenzellen durch manche Gifte (Phosphor, Jod) so stark bei der
-Ausscheidung derselben betroffen werden, dass eine Atrophie der
-Milchdrüsen mit dauerndem Versiegen der Milch die Folge ist.
-
- Die Frage der =Geniessbarkeit des Fleisches vergifteter Tiere= ist
- auf Grund zahlreicher experimenteller Untersuchungen und praktischer
- Beobachtungen zu +bejahen+. Die von +mir+ und +Knudsen+ (Monatshefte
- für prakt. Tierheilkunde I. u. II. Bd.) mit den giftigsten
- Alkaloiden Strychnin, Eserin, Pilokarpin und Veratrin bei Hammeln
- und Kaninchen angestellten Versuche haben gezeigt, +dass das Fleisch
- der vergifteten Tiere entweder gar kein Gift oder nur so minimale
- Spuren enthält, dass es durchaus unschädlich ist+ (+Selbstversuche+,
- +Versuchstiere+). Diese Tatsache erklärt sich einerseits aus +der
- reduzierenden Einwirkung der Muskeltätigkeit und des Blutes+ auf
- die Alkaloide, andererseits aus der Entgiftung des Körpers durch
- zahlreiche Sekretionsorgane (Nieren, Leber, Darmdrüsen, Milchdrüse).
- Zu demselben Ergebnis ist bezüglich des Strychnins +Schneider+
- gelangt (Monatshefte für prakt. Tierheilkunde XI. Bd.); danach wurden
- je 5 Gänse und Enten, ferner 6 Hühner und 8 Tauben mit Strychnin
- vergiftet und sämtliche an Strychninvergiftung gestorbenen Tiere ohne
- Schaden verzehrt (Selbstversuche). Aehnliche Beobachtungen haben
- bezüglich Strychnin, Eserin und Apomorphin +Feser+, bezüglich Arsenik
- +Sonnenschein+, +Spallanzani+ und +Zappa+, bezüglich Oleandrin
- +Veronesi+ (Selbstversuche), bezüglich Brechweinstein +Harms+,
- bezüglich Blei +Albrecht+, +Laho+ und +Mosselmann+ veröffentlicht.
- Die letzteren (Brüsseler Annalen 1893) vergifteten einen jungen
- Stier mit Bleifarbe; bei dem am 6. Tage gestorbenen Tier wurde in
- +den Muskeln überhaupt kein Blei gefunden+. Hunde, welche wochenlang
- mit dem Fleisch des Stieres gefüttert wurden, zeigten nicht die
- geringsten Störungen des Allgemeinbefindens. Ueber weitere Fälle
- von Unschädlichkeit des Fleischgenusses vergifteter Tiere berichtet
- +Ostertag+ (Handbuch der Fleischbeschau).
-
- Anders liegen die Verhältnisse bezüglich der +Leber+, der +Nieren+,
- des +Magens+ und +Darmes+, sowie des +Euters+ bezw. der +Milch+.
- In den genannten Drüsen und Organen findet eine Ausscheidung der
- Gifte aus dem Blute statt; dieselben sind daher mehr oder weniger
- gifthaltig und ihr Genuss unter Umständen +gesundheitsschädlich+.
- Dies gilt insbesondere für den Darmkanal, die Nieren und das Euter.
- Die Leber ist namentlich für metallische Gifte ein Depositorium,
- während die Alkaloide in der Leber, ähnlich wie im Fleisch,
- zersetzt werden (+Schiff+, +Roger+, eigene Beobachtungen). Das
- Euter und die Milch sind von den genannten Exkretionsorganen am
- giftreichsten. Dies wird auch durch die tierärztliche Erfahrung
- bewiesen, wonach mehrfach +Erkrankungen durch die Aufnahme der+
- =Milch= +vergifteter Tiere+ beobachtet worden sind. So erkrankten
- Saugkälber und Fohlen nach der Verabreichung von Arsenik an die
- Mutterkühe bezw. Mutterstuten (+Spinola+, +Huxel+), Lämmer und Hunde
- nach der Aufnahme der Milch einer mit Brechweinstein behandelten Kuh
- (+Harms+), Saugkälber nach der Verfütterung von radehaltigem Mehl
- an die Muttertiere (+Tabourin+), desgleichen nach Verfütterung von
- Rizinuskuchen (+Bollinger+). Die Milch von Kühen, welche Kolchikum
- aufgenommen hatten, zeigte sich auch dann giftig, wenn die Kühe keine
- auffallenden Krankheitserscheinungen aufwiesen (+Ungar. Vet.-Ber.+
- 1900). In der Milch von Kühen, die mit alkoholhaltiger Schlempe
- gefüttert worden waren, wiesen +Weller+ und +Teichert+ bis zu 1 Proz.
- Alkohol nach. +Klingemann+ fand nach Verabreichung von 100-200 g
- Alkohol bei Kühen, dass 0,5 g davon durch die Milch ausgeschieden
- wurden. Aehnliche Vergiftungsfälle sind beim Menschen nach dem
- Genusse der Milch von Tieren beobachtet worden, welche Giftpflanzen
- und andere Gifte aufgenommen hatten (vgl. +Fröhner+, Ueber die
- Bedeutung der Milchmittel, Monatshefte für prakt. Tierheilkunde II.
- Bd.). Dagegen ist bei der +therapeutischen+ innerlichen Verabreichung
- des Bleis und Kupfers, sowie bei der fortgesetzten Einwirkung
- kleiner Dosen der Blei- bezw. Kupfergehalt der Milch so gering, dass
- eine gesundheitsschädliche Wirkung nicht möglich ist (+Baum+ und
- +Seliger+, Berl. Arch. 1895 u. 1896). +Storch+ (B. T. W. 1902), sah
- trotz lange fortgesetzter medikamenteller Dosen von Chloralhydrat
- bei Kühen (50,0) und Schafen (8-15,0) keine schädigende Wirkung auf
- die säugenden Jungen oder Versuchstiere, nicht einmal der Chlorgehalt
- der Milch stieg nach der intravenösen Injektion von Chloralhydrat.
- Nach +van Itallie+ (Holl. Vet.-Zeit. 1904) sollen von Arzneimitteln
- überhaupt nicht in die Milch übergehen: Morphium, Eserin, Pilokarpin,
- Jod, Salizylsäure und Terpentinöl.
-
-
-Klinisch-anatomische Diagnose der Vergiftungen.
-
-Die durch die Einverleibung von Giften hervorgerufenen
-Krankheitserscheinungen und pathologisch-anatomischen Veränderungen
-sind im allgemeinen nicht sehr leicht von den gewöhnlichen Krankheiten
-zu unterscheiden. Die sichere, zweifelsfreie Beantwortung der Frage,
-ob im gegebenen Fall eine Vergiftung vorliegt oder nicht, lässt sich
-in der Mehrzahl der Fälle nicht auf klinisch-anatomischem Wege,
-sondern nur mit chemisch-physikalischen Hilfsmitteln bewirken.
-Sehr häufig bietet aber doch der Krankheitsbefund allein wichtige
-Anhaltspunkte dafür, dass eine Vergiftung mutmasslich oder sehr
-wahrscheinlich vorliegt, und vereinzelt lässt sich wohl auch eine
-solche auf rein klinischem Wege mit Sicherheit nachweisen, wie z. B.
-die Strychninvergiftung. Viel weniger Schwierigkeiten sind natürlich
-für die Beurteilung derjenigen Vergiftungen vorhanden, bei welchen
-die Natur des Giftes im voraus bekannt ist, so namentlich bei den
-Arzneivergiftungen.
-
-=Klinische Symptome.= Die für die klinische Diagnose wichtigsten Punkte
-sind kurz zusammengefasst folgende:
-
-1. Das +plötzliche+ Auftreten einer schweren Erkrankung +ohne
-nachweisbare Ursache+ (Erkältung, Infektion, Ueberanstrengung) mit
-raschem, oft tödlichem Verlauf. Das Auftreten dieser Krankheit
-im unmittelbaren Anschluss an die +Futteraufnahme+, sowie das
-+gleichzeitige+ Erkranken anderer Tiere ist besonders wichtig
-(Anamnese).
-
-2. +Gastrische Erscheinungen+: Appetitlosigkeit, gestörte Rumination,
-+Speicheln+ (Merkurialismus, Pilzvergiftung), +Kaukrämpfe+ und
-Zähneknirschen (Blei-, Kochsalz-, Lakenvergiftung), +Trismus+
-(Strychninvergiftung), Stomatitis (Aetzgifte, Pilzvergiftung,
-Quecksilbervergiftung), Trockenheit der Maulschleimhaut und
-+Schlinglähmung+ (Belladonna, Pilzvergiftung), Würgen und +Erbrechen+,
-Hämatemesis, +Kolikerscheinungen+ (Acria und Acria-Narcotica),
-+Verstopfung+, +Aufblähen+, Tenesmus, +Durchfall+, blutiger,
-schleimiger, schaumiger, übelriechender Kot, Aufhören der
-Milchsekretion, +Ikterus+ (Phosphorvergiftung, Lupinose).
-
-3. +Nervöse Erscheinungen+: +Depression des Sensoriums+, Benommenheit,
-Schläfrigkeit, rauschartige Narkose, +Schwindel+ (Chloroform, Alkohol,
-Lolium temulentum), +psychische Erregung+, Unruhe, Schreckhaftigkeit,
-Aufregung, Tobsucht (Bleivergiftung, Alkoholvergiftung), +zerebrale
-Krämpfe+ (Eklampsia saturnina), +spinale Krämpfe+ bezw. +Tetanus+
-(Strychnin, Nikotin), +Zwangsbewegungen+ (Extractum Filicis),
-zerebrale, spinale und periphere +Lähmungen+ (Bleilähmung,
-Taxusvergiftung), +Schwächezustände+, +Zittern+, +Kehlkopflähmung+
-(Kichererbse, Bleivergiftung), +Blasenlähmung+, Mastdarmlähmung,
-+Amaurosis+ (Bleivergiftung), Mydriasis, Myosis, Ptosis, Nystagmus
-(Lakenvergiftung), Hyperästhesie, +Anästhesie+, +Kollaps+.
-
-4. +Kardiale Erscheinungen.+ Dieselben treten namentlich bei den
-Herzgiften (Digitalisgruppe) in Form einer Beeinflussung der Frequenz,
-Stärke, sowie des Rhythmus der Herztätigkeit auf und äussern sich
-in +Verlangsamung+, +Beschleunigung+, +Unregelmässigkeit+ des
-Herzschlages und Pulses, in +Herzklopfen+, verminderter Herzkraft,
-+Schwäche+ des +Pulses+, +Unfühlbarkeit+ desselben und schliesslicher
-+Herzlähmung+. Weitere Störungen der Zirkulationsorgane sind +Zyanose+,
-+Temperaturverminderung+ oder +erhöhte Körpertemperatur+.
-
-5. +Harnveränderungen.+ Eine Reihe von Giften erzeugt charakteristische
-Veränderungen des Harns. So beobachtet man +Polyurie+ (Pilzvergiftung),
-+Oligurie+, +Strangurie+ und +Anurie+ mit Urämie (toxische Nephritis
-bei Kantharidenvergiftung), +Hämaturie+ (Baumwollsamenvergiftung),
-+Hämoglobinurie+ (Vergiftung durch Kali chloricum, Nitrobenzol,
-Bienenstiche), +Braun-+ und +Grünfärbung+ (Karbol- und Teervergiftung),
-+Glykosurie+ (Morphium-, Chloroform-, Aether-, Kohlenoxyd-,
-Oxalsäurevergiftung).
-
-Von sonstigen für die Diagnose wichtigen allgemeinen
-Krankheitserscheinungen sind zu erwähnen die teils direkt infolge von
-Blutveränderungen oder Lähmung der Respirationsorgane teils indirekt
-infolge von Herzlähmung eintretende +Dyspnoe+ (Blausäurevergiftung),
-+Exantheme+ (Quecksilber-, Brom-, Schlempevergiftung), +Urticaria+ und
-+Hautnekrose+ (Rostpilze, Kernpilze), +Ernährungsstörungen+ (chronische
-Blei-, Arsenik-, Quecksilberkachexie), +Abortus+ (Sekale- und andere
-Pilzvergiftungen, sowie bei schweren Vergiftungen überhaupt infolge
-Veränderung der Blutverteilung oder Dyspnoe), +Sterilität+ (chronische
-Arsenikvergiftung).
-
-6. +Oertliche Reizerscheinungen+, bestehend in Rötung, Schwellung,
-Entzündung und +Verätzung+. Dieselben sind charakteristisch für die
-Akria und lassen sich während des Lebens auf der Haut, sowie auf der
-Schleimhaut der Maul- und Rachenhöhle nachweisen. Manche scharfe Gifte
-sind durch eine besondere Farbe des +Aetzschorfes+ ausgezeichnet, so
-die Salpetersäure durch einen +gelben+, das Formaldehyd durch einen
-+braunen+, die Salzsäure durch einen +grauweissen+, die Essigsäure
-durch einen +weissen+ Schorf.
-
-=Anatomische Veränderungen.= Ihre Bedeutung für die Diagnose der
-Vergiftungen ist beschränkt. Sehr viele Gifte, welche während des
-Lebens ausgeprägte klinische Erscheinungen bedingen, so die ganze
-Reihe der reinen Narcotica, hinterlassen keinerlei anatomisch
-erkennbare Veränderungen im Tierkörper. Das einzig Charakteristische
-ist daher bei ihnen der +negative Sektionsbefund+. Im Gegensatz
-hierzu findet man bei den scharfen und scharfnarkotischen Giften
-auf der Schleimhaut des Digestionsapparates die Erscheinungen der
-+Entzündung+ und +Korrosion+ (Rötung, Schwellung, Hämorrhagien,
-Erosionen, Geschwüre, kruppöse, diphtheritische Beläge, Perforation).
-Ausser diesen lokalen Veränderungen in den ersten Wegen beobachtet man
-als wichtigste Allgemeinveränderungen +Verfettung+ der +Muskeln+ und
-+Drüsen+ (Phosphor-, Arsenikvergiftung), +Nephritis+ und +Zystitis+
-(Kanthariden, Terpentinöl), +Nierenverkalkung+ (Quecksilber,
-Blei, Kupfer, Wismut, Jod, Jodoform), +akuten Hydrozephalus+ und
-+Hydrorhachis+, +Hämorrhagien+ in verschiedenen Organen, sowie zuweilen
-spezifische Veränderungen des +Blutes+: lackfarbige Beschaffenheit
-(Blutgifte), kirschrote Farbe (Kohlenoxydvergiftung), hellrote Farbe
-des Venenblutes (Blausäurevergiftung). Man hat sich indessen vor
-Verwechselungen mit postmortalen gewöhnlichen Veränderungen sehr
-zu hüten. Die Erscheinungen der Suffokation (Blutüberfüllung der
-Lungen und des Herzens) findet man auch bei Tieren, welche nicht an
-Vergiftung, sondern eines gewöhnlichen Todes verstorben sind.
-
- =Differentialdiagnose der Vergiftungen.= Zahlreiche Krankheiten
- können teils wegen ihres +plötzlichen+ Verlaufs (apoplektiforme
- Krankheiten), teils wegen der +gleichzeitigen+ Erkrankung mehrerer
- Tiere (Infektionskrankheiten), teils wegen der auffallenden
- +nervösen+ Symptome (Nervenkrankheiten) mit Vergiftungen verwechselt
- werden.
-
- 1. =Apoplektiforme= Krankheiten sind namentlich Ueberhetzung
- bei Pferden, Rindern und Schweinen, Hitzschlag, Sonnenstich,
- Herz-, Lungen- und Gehirnlähmung, Milzbrandapoplexie, perakut
- verlaufender Schweinerotlauf und Schweineseuche (Schweinepest), sowie
- Geflügelcholera, perakute Septikämie, Magen- und Darmruptur, sowie
- innere Verblutung (Aorta, Leber).
-
- 2. =Infektionskrankheiten= sind Milzbrand, Rinderpest,
- Schweinerotlauf, Maul- und Klauenseuche, Kälberruhr, Pocken
- (Pilzvergiftung, Schlempevergiftung, Quecksilbervergiftung),
- seuchenhafter Abortus (Mutterkornvergiftung), Tuberkulose, Wut
- (Bleivergiftung), Leberegelseuche (Lupinose).
-
- 3. =Nervenkrankheiten= sind Starrkrampf (Strychninvergiftung),
- Eklampsie und Epilepsie (Bleivergiftung), Gehirnentzündung
- (Klatschrosenvergiftung), zerebrale und spinale Lähmungen
- (Pilzvergiftung, Equisetum- und Loliumvergiftung), Kehlkopflähmung
- (Blei-, Kichererbsenvergiftung).
-
- Endlich können Todesfälle nach +Räudebädern+ bei Schafen infolge
- Aspiration der Badeflüssigkeit und Erstickung, Ueberhitzung oder
- Erkältung mit Vergiftungen verwechselt werden (Arsenik-, Tabak-,
- Kreolinvergiftung).
-
-
-Der chemisch-physikalische Nachweis der Vergiftungen.
-
-Die überwiegende Mehrzahl der Vergiftungen lässt sich
-mit wissenschaftlicher Sicherheit nur auf dem Wege der
-chemisch-physikalischen Analyse nachweisen. Als Untersuchungsobjekte
-dienen in erster Linie der Inhalt des Magens und Darmes, sodann das
-Blut, ausserdem die Leber, Nieren, Muskeln und der Harn, alle in
-möglichst frischem Zustand. Anorganische Gifte sind, weil sie sich
-während der Untersuchung nicht verändern und in ihren Reaktionen besser
-studiert sind, wesentlich leichter nachweisbar als die zersetzlichen,
-noch sehr wenig charakterisierten organischen Verbindungen, namentlich
-die Alkaloide und Glykoside. Der chemische Nachweis der Vergiftungen
-beginnt mit einer Vorprüfung, der die eigentliche Analyse folgt.
-
-1. =Die Vorprüfung.= Vor der eigentlichen chemischen Untersuchung
-sind Vorversuche darüber anzustellen, welche Art oder Klasse von
-Giften in dem zu untersuchenden Material etwa vorhanden sein könnte.
-So lassen sich schon durch den gewöhnlichen +Gesichtssinn+ oder
-mittels der +Lupe+ oder des +Mikroskops+ Jodoform, Kalomel, Arsenik,
-roter Präzipitat, Kanthariden, sowie sehr viele Pflanzenteile (Semen
-Strychni, Semen Colchici, Folia Digitalis, Folia Belladonnae,
-Herba Hyoscyami, Folia Nicotianae) sowie der Phosphor (Leuchten im
-Dunkeln) nachweisen. Auch die +Farbe+ kann bei Pikrinsäure (gelb),
-Quecksilberjodid (rot), Kupferoxyd (schwarz), Kalomel (weiss) usw. auf
-die Art der Vergiftung hinführen. Die +Reaktion+ lässt Säuren und
-saure Salze, sowie Basen erkennen. Durch den +Geruch+ lässt sich die
-Anwesenheit von Blausäure, Phosphor, Karbolsäure, Kreosot, Jodoform,
-Chloroform, Kampfer, Terpentinöl, Aether, Alkohol, Nikotin feststellen;
-dieser für die einzelnen Gifte charakteristische Geruch wird namentlich
-beim Erwärmen des Untersuchungsmaterials mittels Säuren, am besten bei
-der Destillation, wahrgenommen. Die kristalloiden Körper (Metallsalze,
-alle löslichen Salze, Alkaloide, Säuren, Alkalien) lassen sich ferner
-auf dem Wege der +Dialyse+ trennen. Metalle (Blei, Quecksilber) können
-ausserdem durch +Elektrolyse+ nachgewiesen werden. Zu diesen Vorproben
-wird nach +Dragendorff+[1] nur etwa 1/20 des Untersuchungsmaterials
-verwandt. Das übrige wird in 4 Teile geteilt; das erste Viertel wird
-der +Destillation+ unterworfen und auf flüchtige Gifte (Blausäure,
-Phosphor, Chloroform, Karbolsäure, Alkohol, Aether) untersucht, das
-zweite durch +Ausschütteln+ auf Alkaloide und sonstige organische
-Gifte, das dritte auf schwere Metalle durch +Lösung+ derselben nach
-+vorhergegangener Zerstörung der organischen Substanz+ und teilweiser
-Behandlung mit +Schwefelwasserstoff+, das vierte durch einfaches
-+Ausziehen+ mit +Wasser+ (Alkalien und Säuren).
-
-2. =Der Nachweis der schweren Metalle.= Während die Salze der
-Alkalien und die Säuren von dem Untersuchungsmaterial sehr leicht
-durch einfaches Ausziehen mit Wasser zu trennen und dann auf ihre
-Spezialreaktionen zu untersuchen sind, lassen sich die schweren Metalle
-und ihre Salze (+Arsen+, +Quecksilber+, +Blei+, +Kupfer+, +Zink+,
-+Antimon+) nicht ohne weiteres aus dem Körper der vergifteten Tiere
-extrahieren, weil sie mit dem Körpereiweiss sogen. metallorganische
-Verbindungen (Metallalbuminate) gebildet haben, in welchen die
-betreffenden Metalle ihre charakteristischen Reaktionen verloren
-haben. Die Metalle müssen daher aus diesen organischen Verbindungen
-durch ein vorbereitendes Verfahren zuerst wieder frei gemacht werden.
-Dieses +Freimachen+ der Metalle aus ihren Albuminatverbindungen
-geschieht durch +Zerstören+ der +organischen Substanz+ mittels +Chlor+
-oder +Salpeter+ oder +anorganischen Säuren+. a) Mit +Chlor+ werden
-die organischen Beimengungen in der Weise zerstört, dass man sie mit
-+Salzsäure+ und +chlorsaurem Kali+ zusammenbringt, welche zusammen
-Chlor entwickeln. Die zerkleinerten Substanzen werden etwa mit
-demselben Gewichte Salzsäure versetzt, nötigenfalls mit destilliertem
-Wasser verdünnt und in einem geräumigen Glaskolben, welcher damit
-nur etwa zur Hälfte gefüllt wird, im Wasserbade erhitzt, nachdem sie
-einen Zusatz von etwa 2 Proz. Kali chloricum erhalten haben. Das
-Dunkelwerden der Flüssigkeit beim Erwärmen zeigt den Zeitpunkt an, dass
-das chlorsaure Kali verbraucht ist und ersetzt werden muss. Man bringt
-dann vorsichtig, um das Aufschäumen zu vermeiden, von Zeit zu Zeit etwa
-ein Gramm chlorsaures Kali hinzu. Wird nach einem ¼-½stündigen Erhitzen
-die Flüssigkeit nicht mehr dunkler, so genügt die Chloreinwirkung
-und die Zerstörung ist beendet. Die Flüssigkeit wird sodann in einer
-Porzellanschale erwärmt, bis das Chlor entwichen ist, heiss filtriert
-und der Rückstand mit heissem destilliertem Wasser ausgewaschen. Im
-Filtrate sind dann Arsen als +Arsensäure+, Quecksilber als +Sublimat+,
-Blei als +Bleichlorid+, Antimon als +Antimonchlorid+, Kupfer als
-+Kupferchlorid+, Zink als +Chlorzink+ enthalten. -- b) Mit +Salpeter+
-wird nach vorherigem Erhitzen der Untersuchungsmasse mit gleichem
-Gewichte +Salpetersäure+ und Neutralisieren der Säure mit Aetzkali
-oder kohlensaurem Kali die Masse ebenfalls etwa in gleichem Gewichte
-versetzt, ausgetrocknet und in kleinen Portionen im Porzellantiegel
-+geglüht+, wobei neue Portionen erst nach dem Verpuffen und Weisswerden
-der vorhergehenden eingefüllt werden. Der Rückstand wird mit heissem
-Wasser aufgenommen. Diese Methode, welche auf einer +Oxydation+ beruht,
-ist stärker als die vorhergehende; sie verwandelt die Metalle in
-Oxyde resp. Kalisalze: +arsensaures+, +antimonsaures+, +chromsaures
-Kali+, +Bleioxyd+, +Kupferoxyd+ etc. -- c) Mit +anorganischen Säuren+:
-Salzsäure, Königswasser, Schwefelsäure, Salpetersäure, Schwefelsäure
-und Salpetersäure etc., zerstört man die organischen Substanzen durch
-+Erhitzen+.
-
-Sind die Metalle auf diese Weise frei gemacht und in +Lösung
-übergeführt+, so werden sie aus der erkalteten, noch freie Salzsäure
-enthaltenden klaren Flüssigkeit durch +Schwefelwasserstoff+ als
-Schwefelmetalle (Sulfide) +abgeschieden+. Zu diesem Zwecke leitet
-man gewaschenen, arsenfreien Schwefelwasserstoff ein, bis die
-Flüssigkeit vollständig damit gesättigt ist, lässt dieselbe 24 Stunden
-stehen, sättigt noch einmal mit Schwefelwasserstoff, filtriert den
-entstandenen +Niederschlag+ ab und wäscht ihn anfangs mit gesättigtem
-Schwefelwasserstoffwasser, dann 2-3mal mit gekochtem destilliertem
-Wasser aus.
-
- Die einzelnen Metalle geben hierbei folgende Niederschläge:
-
- I. +Arsen+ einen +gelben+, in Schwefelammonium löslichen, in
- Salzsäure unlöslichen Niederschlag von Schwefelarsen.
-
- II. +Antimon+ einen +orangegelben+, in Schwefelammonium und in warmer
- Salzsäure löslichen Niederschlag von Schwefelantimon.
-
- III. +Quecksilber+ einen +schwarzen+, in Schwefelkalium und
- Königswasser leicht, in Schwefelammonium wenig, in Salzsäure schwer
- löslichen Niederschlag von Schwefel-Quecksilber.
-
- IV. +Blei+ einen +schwarzen+ (anfangs roten oder rotbraunen), in
- Salpetersäure ziemlich leicht löslichen, in Schwefelalkalien nicht,
- in konzentrierter Salzsäure schwer löslichen Niederschlag von
- Schwefelblei.
-
- V. +Kupfer+ einen +schwarzen+, in Zyankaliumlösung, Salpetersäure
- und in Salzsäure löslichen, in Schwefelammonium und siedender
- verdünnter Schwefelsäure (1 : 5) ziemlich unlöslichen Niederschlag
- von Schwefelkupfer.
-
- Das Filtrat, welches von den obigen Niederschlägen abfiltriert wurde,
- enthält noch Zink und Chrom, welche nur aus essigsaurer, resp.
- alkalischer Lösung durch Schwefelwasserstoff ausgefällt werden.
- Deshalb wird das (salzsaure) Filtrat mit so viel +essigsaurem Natron+
- versetzt, bis alle freie Salzsäure in Chlornatrium verwandelt und
- +Essigsäure+ frei geworden ist. Hierauf fällt Schwefelwasserstoff
-
- VI. +Zink+ in Form eines weissen Niederschlages von Schwefelzink,
- aus, der sich in verdünnter warmer Schwefelsäure farblos löst.
- Endlich fällt Schwefelwasserstoff aus dem durch +Aetzammoniak+
- alkalisch gemachten Filtrate
-
- VII. +Chrom+ als grünbläulichen, in Kalilauge löslichen Niederschlag
- von Schwefelchrom.
-
-3. +Der Nachweis der Alkaloide und Glykoside.+ Die einzelnen Alkaloide
-und Glykoside geben zwar mit einer grossen Anzahl von Reagentien
-Niederschläge und Farbenreaktionen, diese letzteren sind jedoch
-nicht sehr charakteristisch und kommen häufig mehreren Alkaloiden
-gleichzeitig zu. Der Nachweis der Alkaloide wird daher nicht sowohl auf
-chemischem, als vielmehr auf physikalischem Wege in der Weise erbracht,
-dass man das verschiedene Verhalten der einzelnen Alkaloide gegen
-bestimmte Lösungsmittel untersucht (Abscheidungsmethode der Alkaloide
-nach +Stas-Otto+). Es sollen hier zuerst die allgemeinen Reagentien
-der Alkaloide und dann das spezielle Abscheidungsverfahren besprochen
-werden.
-
-
-I. Allgemeine Reagentien auf Alkaloide und Glykoside.
-
-Die Alkaloide und Glykoside geben mit einer grossen Anzahl von Körpern
-+Niederschläge+. Von solchen Reagentien sind zu nennen: +Gerbsäure+
-(bildet mit den meisten Alkaloiden farblose oder gelbliche tanninsaure
-Salze), +Jod+, +Jod-Jodkaliumlösung+ und +Jodtinktur+ (gibt mit den
-meisten Alkaloiden einen kermesfarbigen Niederschlag, mit Chinin,
-Atropin, Nikotin einen rotbraunen, mit Koffeïn einen schmutzig
-dunkelbraunen, mit trockenem Kolchizin bei sehr starker Verdünnung
-des Reagens eine violette Farbe, mit Solanin in saurer Lösung dagegen
-keinen Niederschlag), +Platinchlorid+ (gibt 1 : 3000 mit Strychnin
-sofort einen gelben, in kalter Salzsäure nicht löslichen Niederschlag,
-mit Nikotin einen fast weissen, in Salzsäure löslichen Niederschlag,
-mit Morphin und Kolchizin anfangs eine geringe Trübung, nach 24 Stunden
-einen kristallinischen Niederschlag, mit Koniin, Digitalin, Solanin,
-Atropin, Eserin, Veratrin, Akonitin keinen Niederschlag), +Goldchlorid+
-(meist gelbliche oder weisse Niederschläge), +Phosphormolybdänsäure+
-(aus molybdänsaurem Ammoniak in saurer Lösung durch Mischen mit
-einer salpetersauren Lösung von phosphorsaurem Natron dargestellt
-und den sauren Lösungen der Alkaloide tropfenweise zugefügt,
-gibt amorphe weissgelbliche Niederschläge), +Metawolframsäure+,
-+Phosphorantimonsäure+, +Formalinschwefelsäure+, +Sublimat+,
-+Kalium bichromicum+, +Kalium permanganicum+, +Kaliumplatinzyanür+,
-+Kaliumsilberzyanid+, +Kaliumkadmiumjodid+, +Kaliumwismutjodid+,
-+Kaliumquecksilberjodid+, +Chlorjod+, +Brombromkalium+,
-+Natriumsulfantimoniat+ etc.
-
- Weiter geben viele Alkaloide mit gewissen Reagentien eigentümliche
- +Färbungen+. Die wichtigsten dieser Farbenreaktionen, +welche
- übrigens im allgemeinen für den Nachweis der Alkaloide wenig
- beweiskräftig sind+, weil sie häufig mehreren Alkaloiden gleichzeitig
- zukommen, sind folgende: +Schwefelsäure+ mit Zusatz von +Kalium
- bichromicum+ zur schwefelsauren Lösung des Alkaloids färbt +Strychnin
- violettblau+, +rot+ und +grün+. +Reine konzentrierte Schwefelsäure+
- färbt +Veratrin+ anfangs grüngelb, später blutrot, nach einer halben
- Stunde prachtvoll +karminrot+; Strychnin, Koffeïn, Chinin, Morphin,
- Atropin, Akonitin bleiben ungefärbt. +Rauchende Salpetersäure+ färbt
- +Pilokarpin+ blassgrün. +Ammoniak+ färbt +Eserin+ beim Eindampfen
- im Wasserbade blau oder blaugrau. +Schwefelsäure+ mit Zusatz von
- salpetersaurem +Wismut+ färbt +Morphium+ dunkelbraun. +Konzentrierte
- Schwefelsäure mit molybdänsaurem Natron+ (0,01 pro cm) = +Fröhdes
- Reagens+ löst Morphin sogleich prachtvoll violett; die Farbe wird
- später grün, braungrün und gelb. Auch die +spektroskopische+
- Untersuchung benützt man zuweilen zum Nachweis von Alkaloiden und
- anderen Giften; das keine spezifische Farbenreaktion besitzende
- +Akonitin+ zeigt im ultravioletten Teil des Sonnenspektrums
- charakteristische Absorptionsstreifen.
-
-
-II. Die Stas-Ottosche Abscheidungsmethode der Alkaloide.
-
-Dieselbe beruht nicht auf der Bildung von Niederschlägen oder in dem
-Auftreten von Farben, sondern auf der +verschiedenen Löslichkeit+
-der einzelnen Alkaloide in +Alkohol+ und +Aether+ etc., teils bei
-+saurer+, teils bei +alkalischer+ Reaktion. Es lässt sich durch diese
-Methode eine grössere Anzahl von Alkaloiden aus Gemengen mit anderen
-Stoffen entweder in reinem Zustande oder in charakteristischen Gruppen
-isolieren. Das Verfahren ist im allgemeinen folgendes: Die Alkaloide
-bilden mit Säuren, namentlich mit +Weinsäure+, saure Salze, welche in
-Wasser und meist auch in +Alkohol+ löslich sind.
-
-a) Aus diesen +sauren+ wässerigen Lösungen nimmt +Aether+ nur auf:
-+Digitalin+, +Kolchizin+, +Kantharidin+, +Pikrotoxin+, +amorphes
-Akonitin+.
-
-b) Aus der +alkalisch+ gemachten wässerigen Lösung zieht +Aether alle
-Alkaloide+ aus mit einziger +Ausnahme+ von +Morphin+, +Apomorphin+,
-+Kurarin+.
-
-c) +Morphin+ lässt sich aus diesem Gemenge durch +Amylalkohol+,
-+Apomorphin+ durch Salmiaklösung ausziehen, während +Kurarin+
-zurückbleibt.
-
- Die genauere Ausführung der =Stas-Ottoschen Methode= ist folgende:
- Die zu untersuchenden Massen werden mit der doppelten Menge starken
- +Weingeistes+ und mit +Weinsäure+ bis zur stark sauren Reaktion
- versetzt, längere Zeit bei 70-75° C. digeriert, warm abgepresst,
- der Auszug nach dem Erkalten filtriert, der Rückstand noch 1-2mal
- in gleicher Weise mit Alkohol und Weinsäure extrahiert, und dann
- die gesammelten Filtrate bei 35° C. eingedampft, bis der grösste
- Teil des Alkohols verdunstet ist. Ein etwa entstandener Niederschlag
- (Fette etc.) wird durch Filtration entfernt. Schüttelt man nun das
- saure Filtrat mit +Aether+, so kann man +Digitalin+, +Kolchizin+,
- +Kantharidin+ und +Pikrotoxin+ dadurch isolieren, dass man den
- Aetherabzug verdampfen lässt.
-
- Der Rückstand (alle Alkaloide und Glykoside ausser den 4 genannten
- enthaltend) wird, nachdem er im Vakuum über Schwefelsäure zur
- Trockene verdunstet ist, mit absolutem Alkohol 24 Stunden mazeriert,
- filtriert, das Filtrat bei 35°C. verdunstet, der zurückbleibende
- Teil in wenig +Wasser+ gelöst und mit +Natrium bicarbonicum+ bis zur
- alkalischen Reaktion versetzt, worauf er sofort mit dem 4fachen Volum
- reinen +Aethers+ anhaltend geschüttelt, der Aetherauszug abgehoben
- und bei gewöhnlicher Temperatur auf einem Uhrschälchen verdunstet
- wird. Auf dem Uhrschälchen bleiben +alle Alkaloide+ mit +Ausnahme+
- von +Morphin+, +Apomorphin+ und +Kurarin+ zurück; dabei lassen sich
- +Nikotin+ und +Koniin+ leicht schon durch ihren +Geruch+ bestimmen,
- ausserdem bilden sie im Gegensatze zu den anderen kristallinisch oder
- amorph auftretenden Alkaloiden eine +ölige Flüssigkeit+.
-
- Kristallinische oder amorphe +feste+ Rückstände können behufs
- Reindarstellung des Alkaloids mit Natron- oder Kalilauge versetzt und
- mit frischem Aether ausgezogen werden, der +sogleich+ verdunstet
- wird, worauf der Rückstand mit ein paar Tropfen Alkohol gelöst und
- die Lösung der freiwilligen Verdunstung überlassen wird, wobei meist
- Kristalle erhalten werden. Ist dies nicht der Fall, so löst man den
- Rückstand noch einmal in stark verdünnter Schwefelsäure, dekantiert
- die wässerige Lösung, verdunstet die Schwefelsäure, neutralisiert
- mit reinem kohlensaurem Kali, verdunstet im Vakuum und nimmt den
- Rückstand mit absolutem Alkohol auf, worauf nach dem Verdunsten
- desselben das Alkaloid meist sehr rein erhalten wird.
-
- +Morphin+ wird aus der alkalischen wässerigen Lösung (vergl. oben
- nach dem Zusatze von Natrium bicarbonicum) direkt mit +Amylalkohol+
- ausgeschüttelt und nach dessen Verdunsten rein erhalten.
-
-
- [1] Vergl. auch das neue Lehrbuch der chemischen Toxikologie und die
- Anweisung zur Ausmittlung der Gifte von +Gadamer+, Göttingen 1909.
-
-
-Der physiologische Nachweis der Vergiftungen.
-
-=Allgemeines über die Methoden und den Gang der toxikologischen
-Untersuchungen.= Die Angaben über die toxikologische bezw.
-pharmakologische Wirkung der einzelnen Gifte auf die verschiedenen
-Organe und Tiere sind das Resultat exakter experimenteller Forschung.
-Als Versuchsobjekte dienen vor allem Säugetiere (Pferd, Rind, Schaf,
-Ziege, Schwein, Hund, Katze, Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten, Mäuse
-etc.), sowie Geflügel. Für die Zwecke der tierärztlichen Toxikologie
-empfiehlt es sich, mit möglichst grossen Säugetieren, am besten mit den
-gewöhnlichen Objekten der tierärztlichen Therapie, also mit Pferden,
-Wiederkäuern, Hunden und Schweinen zu experimentieren und dabei den
-fundamentalen Unterschied zwischen Pflanzenfressern und Fleischfressern
-wohl zu beachten. Versuche mit Kaltblütern (Fröschen, Fischen,
-Schlangen, Würmern, Egeln, Schnecken etc.) haben ein vorwiegend
-theoretisch-wissenschaftliches Interesse. Dies gilt insbesondere für
-das Hauptversuchstier der humanen Toxikologen und Pharmakologen, den
-Frosch, der übrigens als Kaltblüter auf zahlreiche Gifte ganz anders
-reagiert, als die Warmblüter. Zu besonderen Zwecken endlich dienen
-als Versuchsobjekte Bakterien, Algen, Amöben, Infusorien, Hefezellen,
-Leukozyten, rote Blutkörperchen, höhere Pflanzen, Helminthen. Auch
-ausgeschnittene Körperorgane können zu Versuchen verwendet werden, so
-namentlich das Herz, die Muskeln und Nerven, die Leber, die Nieren, die
-Milz.
-
-Die Feststellung der physiologischen Wirkung und die methodische
-Zergliederung der Wirkung der einzelnen Gifte ist oft eine sehr
-komplizierte und schwierige experimentelle Aufgabe. In dieser
-Beziehung verdienen die nachstehenden kurzen allgemeinen Bemerkungen
-Beachtung[2].
-
-=Blutgifte.= Die Wirkung der Gifte auf das Blut kann makroskopisch,
-mikroskopisch, chemisch, spektroskopisch und physikalisch, ausserhalb
-und innerhalb des Tierkörpers untersucht werden. Sie kann sich entweder
-darin äussern, dass die +Blutgerinnung+ und damit die Blutverteilung
-im Körper geändert wird, oder darin, dass das Blut selbst in seinen
-wichtigsten Bestandteilen umgewandelt und +zersetzt+ wird.
-
-1. Die =Blutgerinnung= wird durch einzelne Gifte gehemmt (Blausäure,
-Schlangengifte, Blutegelferment, Chinin), durch zahlreiche andere
-gesteigert (Rizin, Abrin, Spinnengift). Manche Gifte heben ferner
-die Fähigkeit des Blutkuchens auf, das Serum auszupressen. Bezüglich
-der Art der Einwirkung der Gifte auf die Blutgerinnung sind die
-Untersuchungen über das Wesen der Gerinnung von Bedeutung. Zur
-Fibrinbildung sind bekanntlich mindestens zwei Stoffe nötig: die
-aus den Blutkörperchen abstammende sog, fibrinogene Substanz, das
-+Fibrinogen+, sowie das +Fibrinferment+. Letzteres ist vorwiegend
-im Zellkern der weissen Blutkörperchen enthalten. Die Tätigkeit des
-Fibrinferments wird nun durch viele Gifte angeregt oder ersetzt (sog.
-fibrinbildende Gifte), durch andere verlangsamt oder aufgehoben. Von
-+Gerinnung erzeugenden Stoffen+ bezw. Giften sind besonders zu nennen
-das +Rizin+, die fermentartig wirkende Phytalbumose der Rizinussamen,
-welches die roten Blutkörperchen zu einem lackartigen Klumpen verklebt
-und sogar defibriniertes Blut von neuem zum Gerinnen bringt, das
-+Abrin+, das Toxalbumin der Samen von Abrus precatorius mit noch
-stärkerer fibrinbildender Wirkung, sowie +das Blut fremder Spezies+.
-Die Folgen der Blutgerinnung bestehen in Thrombose, Embolien, Anämie,
-Blutstauung, Entzündung, Nekrose, Geschwürsbildung, Hämorrhagien und
-anderen durch die Störung der Blutzirkulation bedingten Erscheinungen.
-
-2. Eine =Blutzersetzung= durch Gifte kann entweder in der Auflösung
-der roten Blutkörperchen (+Hämolyse+) oder in der Bildung von
-+Methämoglobin+ oder in einer +spezifischen+ Einwirkung auf den
-Blutfarbstoff bestehen.
-
-Das Hämoglobin wird in den roten Blutkörperchen durch ein
-eigentümliches Protoplasma, das sog. Diskoplasma, gebunden. Geht das
-Diskoplasma durch irgend eine schädliche Einwirkung zugrunde, so werden
-die +roten Blutkörperchen zerstört+ und das Hämoglobin geht frei in
-das Blutserum über. Ausserdem wird namentlich bei der Zerstörung der
-weissen Blutkörperchen Fibrinferment frei, wodurch die Blutgerinnung
-beschleunigt wird. Die lösende Einwirkung der Gifte auf die roten
-Blutkörperchen, wodurch das Hämoglobin frei im Serum gelöst wird,
-erfolgt zuweilen noch in sehr starken Verdünnungen. Das +Phallin+ löst
-sie beispielsweise zum Teil schon in einer Verdünnung von 1 : 500000,
-sowie vollständig bei einer solchen von 1 : 125000 auf; ähnlich
-verhalten sich das +Saponin+, das wahrscheinlich durch Entziehung
-von Cholesterin hämolytisch wirkt, die +Helvellasäure+, das Gift der
-Morchel, der +Arsenwasserstoff+ und +Phosphor+.
-
-Als +Methämoglobin+ bezeichnet man ein Oxyhämoglobin mit sehr fest
-gebundenem Sauerstoff, welcher infolgedessen für die Atmung nicht
-abgegeben wird, im Gegensatz zum gewöhnlichen, die Respiration durch
-den nur leicht gebundenen Sauerstoff ermöglichenden Oxyhämoglobin. Das
-Methämoglobin hat eine sepiabraune Farbe; unter dem Einfluss der in der
-Leiche auftretenden Fäulnisprozesse zersetzt es sich bald.
-
-Die Umwandlung des Hämoglobins in +Methämoglobin+ und dessen
-Auflösung im Blutserum kann mit oder ohne gleichzeitige Auflösung
-der Blutkörperchen erfolgen. Reine Methämoglobin bildende Gifte
-sind +chlorsaures Kali+, +Pyrogallol+, die +Aldehyde+ (Paraldehyd),
-+Nitrobenzol+, +Nitroglyzerin+, die +Nitrite+, die +Pikrinsäure+
-und ihre Salze, das +Anilin+, +Antifebrin+ und Phenazetin, der
-+Schwefelkohlenstoff+, das Toluylendiamin u. a. Das im Blutserum
-gelöste Methämoglobin wird teils in der Leber zu Bilirubin zersetzt
-(Pleiochromie der Galle), teils als Parhämoglobin in Leber, Milz und
-Knochenmark unlöslich deponiert, teils als Hämoglobin mit dem Harn
-ausgeschieden (Methämoglobinurie).
-
-Eine +spezifische+ Einwirkung auf das Hämoglobin besitzen endlich
-der +Schwefelwasserstoff+, das +Stickoxyd+, die +Blausäure+ und das
-+Kohlenoxyd+ (Bildung von Schwefelmethämoglobin, NO-Hämoglobin,
-CNH-Hämoglobin, CO-Hämoglobin). Zum Kohlenoxyd hat beispielsweise das
-Hämoglobin eine 200mal stärkere Affinität als zum Sauerstoff.
-
- =Leukozytengifte.= Die amöboide Bewegung der weissen Blutkörperchen
- wird durch sehr viele Gifte +gelähmt+, z. B. durch Chinin. Eine
- Vermehrung der weissen Blutkörperchen (+Hyperleukozytose+) findet
- man namentlich nach scharfen Einreibungen (Kantharidensalbe, Senföl)
- sowie nach der subkutanen Applikation der Akria. Eine Verminderung
- der Zahl der weissen Blutkörperchen (+Hypoleukozytose+) wird durch
- Chloroform, Strychnin und andere Gifte bedingt.
-
-=Nervengifte.= Je nach der Art des Giftes, der Applikationsmethode
-und Dosis sowie nach der Tiergattung reagiert das Nervensystem auf
-die Nervengifte durch sehr verschiedene Erscheinungen, welche im
-allgemeinen andeuten, dass man es mit einem Nervinum zu tun hat.
-Solche Erscheinungen sind z. B. +Krämpfe+, +Lähmungen+, +psychische
-Benommenheit+, +Schlaf+, +Koma+, +Raserei+. Bezüglich des Ortes der
-Einwirkung, speziell zur Entscheidung der Frage, +ob das Gift ein
-Gehirngift, Rückenmarkgift oder peripheres Gift ist+, muss folgendes
-beachtet werden. Schlafsucht, psychische Depression, Anfälle von
-Raserei deuten immer auf eine +zerebrale+ Einwirkung hin. Epileptiforme
-(eklamptische) Krämpfe entstehen in der Mehrzahl der Fälle in
-den +motorischen Grosshirnrindenzentren+ (kortikale Zentren). Es
-scheinen indessen auch in anderen Teilen des Grosshirns, so in den
-Vierhügeln, im Linsenkern, in den Gehirnschenkeln motorische Zentren
-vorhanden zu sein (subkortikale Zentren). +Jedenfalls aber deuten
-epileptiforme (eklamptische) Krämpfe auf einen zerebralen Ursprung
-hin.+ Hirnkrampfgifte oder Krampfgifte im engeren Sinn sind z. B. Blei,
-Atropin, Veratrin, Akonitin und Pikrotoxin (das Strychnin ist dagegen
-ein Rückenmarkskrampfgift). Ausserdem können Krämpfe und Lähmungen
-vom verlängerten Mark (Kopfmark) und Rückenmark, sowie von den
-peripheren Nerven ausgehen. Die von den psychomotorischen Rindenzentren
-ausgehenden Krämpfe lassen sich, abgesehen davon, dass häufig die
-Psyche mitgestört ist, daran erkennen, dass sie nach Exstirpation
-dieser Zentren ausbleiben. Ebenso kommen Krämpfe, welche ihren Ursprung
-in der Medulla oblongata besitzen, nach Durchschneidung des Halsmarks
-nicht mehr zustande; die hierbei auftretenden Krämpfe müssen spinalen
-Ursprung haben. Die motorische Erregung der peripheren Nerven äussert
-sich in Form von isolierten, oft fibrillären Zuckungen, welche auch
-nach Durchschneidung des zuführenden Nervenastes fortdauern. +Lähmungen
-zerebralen Ursprungs+ lassen sich durch das negative Resultat der
-elektrischen Reizung der freigelegten motorischen Rindenzentren als
-solche feststellen, Lähmungen peripherer motorischer Nerven in
-analoger Weise durch das negative Resultat der Reizung der freigelegten
-peripheren Nerven, z. B. des Ischiadikus. Lähmungen von Gehirnnerven
-erstrecken sich lediglich auf die von den betreffenden Nerven
-versorgten Gebiete.
-
-Es lässt sich ferner eine +periphere oder zentrale+ Nervenbeeinflussung
-durch Unterbindung der zuführenden Blutgefässe (z. B. der Arteria
-femoralis) mit Sicherheit auseinander halten. So erzeugt Strychnin als
-zentrales Rückenmarksgift auch nach Unterbindung der Arteria femoralis
-Tetanus der Schenkelmuskulatur, solange die periphere Nervenleitung
-(Ischiadikus) besteht. Umgekehrt bleiben die Schenkelmuskel erregbar,
-wenn bei einem kurarisierten Tiere von vornherein die Femoralis
-unterbunden wird, das die peripheren motorischen Nerven lähmende
-Kurare somit nicht nach der Peripherie gelangen kann (intramuskuläres
-Nervenendgift).
-
-Die Frage endlich, ob eine periphere Lähmung oder ein peripherer
-Krampf ihren Sitz im +Nerven oder Muskel+ haben, ist nicht immer
-sicher zu entscheiden. Reizzustände der peripheren Nerven lassen sich
-durch Kurare beseitigen, weil dasselbe die peripheren motorischen
-Nervenendigungen lähmt, nicht aber Reizzustände der Muskelsubstanz.
-
- =Narkose.= Die allgemeine Narkose wird gewöhnlich auf eine zentrale
- Einwirkung der Nervengifte auf die +Ganglienzellen+ zurückgeführt.
- Nach den Untersuchungen von +Nissl+ (Zeitschr. f. Psychiatrie,
- 54. Bd.) findet man die Ganglienzellen der Grosshirnrinde bei der
- Alkoholvergiftung in rundliche, blass gefärbte Gebilde verwandelt,
- in denen die Kerne und Dendriten verschwunden sind. Bei der
- Morphiumvergiftung sind die Rindenganglien verkleinert, die
- Zellkörperchen (Nisslkörper) spärlich, klein und schwächer gefärbt.
- H. +Meyer+ (Arch. für exp. Pathol., Bd. 42, 46 u. 47) und +Overton+
- (Studien über die Narkose, Jena 1901) führen die narkotische Wirkung
- der Alkohol-Aethergruppe auf die +Lösung+ fettartiger Stoffe
- (+Lipoide+) in den Ganglienzellen durch den Alkohol, Aether usw.
- zurück (Lezithin, Protagon). Infolge Auflösung der Lipoide können
- die Ganglienzellen grössere Mengen von Alkohol usw. aufnehmen und so
- narkotisiert werden. Die Reihenfolge der Narkose bei dieser Gruppe
- ist gewöhnlich die, dass zuerst die Grosshirnrinde (Sensorium,
- Bewusstsein, Empfindung), sodann das Rückenmark (Motilität, Reflexe)
- und zuletzt das verlängerte Mark (Atmungszentrum, vasomotorisches
- Zentrum) gelähmt werden.
-
-=Herzgifte.= Die Entscheidung der Frage, ob die Wirkung der +Herzgifte+
-eine myogene, d. h. auf den Herzmuskel gerichtete ist, oder ob
-sie einen neurogenen Ursprung hat (intrakardiale Ganglien, Vagus,
-Sympathikus), ist oft sehr schwierig zu entscheiden. Die Digitalis
-wird gewöhnlich als ein Muskelgift aufgefasst, das durch starke
-Muskelkontraktion systolischen Herzstillstand herbeiführt, während die
-Wirkung des Chloroforms als Herznarkotikum zweifelhaft erscheint. Auf
-die +Blutgefässe+ wirken manche Gifte verengernd (konstriktorisch),
-andere erweiternd (dilatatorisch). Die Verengerung und Erweiterung
-der Gefässe wird entweder durch eine zentrale Wirkung auf das
-vasomotorische Zentrum im verlängerten Mark (Chloroform, Antipyrin)
-oder durch periphere Wirkung bedingt und stellt im letzteren Fall
-teils eine Muskelwirkung (Digitalis), teils eine Nervenendwirkung dar.
-+Vasokonstriktorische+ Gifte sind die Digitalisglykoside, Strophanthus,
-Chlorbaryum und Adrenalin; +vasodilatatorisch+ wirken die Alkohole und
-Aether, Chloroform und Chloralhydrat, sowie die Nitrite (Amylnitrit).
-
-Die Art und der Ort der Einwirkung von Giften auf das Herz und
-auf den Zirkulationsapparat lässt sich teils durch Bestimmung des
-Blutdrucks (Manometer), der Blutgeschwindigkeit (Stromuhr) und der
-Gefässweite, teils durch Untersuchung des Pulses und Herzschlages
-(Sphygmograph), teils mittels Durchschneidung und Reizung des
-Vagus, des Sympathikus und des Halsmarks (vasomotorisches Zentrum),
-teils endlich direkt am ausgeschnittenen Herzen (Williamsscher
-Apparat) nachweisen. +Steigerung des Blutdrucks+ kann bedeuten: eine
-gesteigerte Arbeitsleistung des Herzens (Digitalis, Koffeïn), oder
-eine Gefässverengerung infolge Reizung des vasomotorischen Zentrums
-in der Medulla oblongata (Zystisin; die Blutdrucksteigerung fehlt
-nach dem Durchschneiden des Halsmarks) oder infolge einer Reizung der
-peripheren vasomotorischen Nerven (die periphere Gefässkontraktion
-tritt auch nach Durchschneidung des Halsmarks ein). Gesteigerte
-Arbeitsleistung des Herzens darf als ausschliessliche Ursache des
-gesteigerten Blutdrucks nur dann angenommen werden, wenn nach Lähmung
-der zentralen (Halsmarkdurchschneidung) und peripheren (Amylnitrit)
-vasomotorischen Apparate trotzdem noch Blutdrucksteigerung eintritt.
-+Sinken des Blutdrucks+ kann bedingt sein: durch geschwächte
-Muskeltätigkeit des Herzens (die Kompression der Bauchaorta vermag dann
-den Blutdruck zu steigern), oder durch Lähmung des vasomotorischen
-Zentrums (negatives Resultat der elektrischen Reizung desselben),
-oder durch Lähmung der peripheren Vasomotoren (negatives Resultat der
-elektrischen Reizung des die Gefässe des Kaninchenohrs bei Erregung
-kontrahierenden Halssympathikus), oder durch periphere Lähmung der
-Splanchnikusendigungen in der Bauchhöhle (die sonst bei Reizung
-der peripheren Enden des durchschnittenen Splanchnikus eintretende
-Blutdrucksteigerung kommt nicht zustande). +Verlangsamung des Pulses+
-(toxische Bradykardie) ist entweder die Folge einer Reizung des im
-verlängerten Marke gelegenen Vaguszentrums (Vagusdurchschneidung
-beseitigt dann die Verlangsamung), oder der kardialen Vagusendigungen
-(die verlangsamende Wirkung tritt auch nach durchschnittenem Vagus
-ein; Atropin erzeugt Beschleunigung), oder einer Muskellähmung des
-Herzens (Atropin bleibt wirkungslos). Abnorme +Beschleunigung des
-Pulses+ (toxische Tachykardie) kann durch Reizung des Nervus accelerans
-(Sympathikus), der sog. Beschleunigungsfasern ausserhalb des Herzens
-(Durchschneidung des Accelerans beseitigt die Beschleunigung) oder
-im Herzen (die elektrische Reizung der peripheren durchschnittenen
-Vagusendigungen wirkt dann pulsverlangsamend, weil der Vagus hierbei
-intakt bezw. unbetätigt ist), oder durch Vaguslähmung bedingt sein
-(Reizung der durchschnittenen Vagusendigungen bleibt erfolglos,
-desgleichen Muskarin).
-
-=Atmungsgifte.= Zum Studium ihrer Wirkung bedient man sich
-gewisser Apparate (Mareyscher Registrierapparat, Atmungskurve,
-Respirationsapparate); ausserdem beobachtet man die Intensität und
-Frequenz der Atmung. Von funktionellen Einrichtungen des Körpers
-können durch die Atmungsgifte betroffen werden das Atmungszentrum
-in der Medulla oblongata (nach neueren Untersuchungen bestehen
-ausserdem noch ein Inspirationszentrum in den Sehhügeln, ein
-Exspirationszentrum in den Vierhügeln, ein Hemmungszentrum in der
-Grosshirnrinde sowie untergeordnete Respirationszentren im Rückenmark),
-die Leitungsbahnen der Vagi, die peripheren Vagusendigungen in der
-Lunge, die Bronchialdrüsen, Bronchialmuskeln und Kehlkopfmuskeln,
-die Atmungsmuskeln (Zwerchfell und Hilfsmuskeln), sowie endlich der
-Gefässapparat der Lunge. Die Analyse der Wirkung der Atmungsgifte
-ist daher nicht leicht. +Lungenödem+ (Rasselgeräusche, schaumiger
-Ausfluss aus der Nasenhöhle und Maulhöhle, Dyspnoe) kann entweder durch
-vermehrte Sekretion der Bronchialdrüsen (Pilokarpin, Arekolin) oder
-durch abnorme Durchlässigkeit der Lungenkapillaren (Chloralhydrat)
-oder durch Blutstauung in der Lunge (Herzgifte) entstehen; man
-unterscheidet deshalb genauer ein toxisches und mechanisches
-(Herzgifte) Lungenödem. +Beschleunigung+ und +Verstärkung+ der Atmung
-kann durch Reizung der Atmungszentren (Blausäure, Kampfer) oder der
-peripheren Vagusendigungen in der Lunge (Ammoniak) oder durch Erregung
-der Bronchialmuskeln (Eserin) bedingt sein; hört die Beschleunigung
-nach Durchschneidung der Vagi auf, so ist eine periphere Erregung
-der den Atmungsreflex vermittelnden Vagusenden in der Lunge als
-Ursache anzunehmen. +Verlangsamung+ und +Abschwächung+ der Atmung ist
-entweder die Folge einer Lähmung der Atmungszentren, wobei häufig das
-+Cheyne+-+Stocke+sche Atmungsphänomen vorübergehender Pausierung der
-Atmung beobachtet wird (Gehirngifte, Herz- und Gefässgifte mit Anämie),
-oder einer Lähmung der Respirationsmuskeln (Kurare, Schlangengift) oder
-einer Reizung des zerebralen Hemmungszentrums (Exstirpation desselben
-beseitigt die Atmungsschwäche) oder einer Lähmung der Lungenenden des
-Vagus (Atropin). Löst die elektrische Reizung der durchschnittenen
-Nervi phrenici keine Zwerchfellskontraktionen aus, so handelt es sich
-um Lähmung des Zwerchfells als Ursache der Atmungsschwäche. Lähmung der
-Vagusendigungen ist anzunehmen bei sehr verlangsamter aber gleichzeitig
-intensiver Atmung. Lähmende Gifte für das Atmungszentrum (Asphyktika)
-sind namentlich +Blausäure+ und +Schwefelwasserstoff+.
-
-=Nierengifte.= Die Hauptwirkung ist auf das +Nierenepithel+ gerichtet.
-In den leichten Graden der Vergiftung entsteht nur eine +Reizung+
-des Nierenepithels mit Hyperämie und Beschleunigung des Blutstroms,
-welche sich in vermehrter Harnabsonderung äussert (Koffein und andere
-Purinstoffe). Die stärkeren Nierengifte erzeugen +Epithelnekrose+
-in den Harnkanälchen als Hauptform der toxischen Nephritis mit
-Verkalkung des abgestorbenen Epithels (Quecksilber, Salizylsäure)
-oder mit nachfolgender Bindegewebsneubildung (Blei). Andere
-Nierengifte verursachen in erster Linie eine +Glomerulonephritis+
-(Kanthariden). Die Funktionsstörung der Nierenepithelien äussert sich
-in +Albuminurie+, die der Glomeruli in Oligurie und +Anurie+. Sind
-die Glomeruli intakt und nur die Nierenepithelien der Harnkanälchen
-erkrankt, so entsteht +Polyurie+ mit vermindertem spezifischem
-Gewicht des Harns (Verlust des Konzentrationsvermögens des Epithels
-der Harnkanälchen). Manche Blutgifte wirken gleichzeitig ebenso wie
-das freigewordene Hämoglobin als Nierengifte (+Hämoglobinurie+). Die
-bei diesen Vergiftungen auftretende +Glykosurie+ hat meist einen
-hämatogenen Ursprung (Morphium, Chloroform u. a.) oder sie entsteht in
-der Leber (Verlust der Glykogen-Synthese durch Phosphor); in manchen
-Fällen scheint jedoch Zucker in den Nieren durch Abspaltung aus dem
-Zelleiweisse zu entstehen (Chromsäure, Quecksilber).
-
-Die durch die Nierengifte in den Nieren hervorgerufenen Veränderungen
-lassen sich in verschiedener Weise feststellen. Man findet insbesondere
-makroskopisch oder mikroskopisch sichtbare anatomische Veränderungen
-an den Nieren (entzündliche oder degenerative Affektion namentlich des
-Nierenepithels durch Kolchikum, Kanthariden, Phosphor etc.; Verkalkung
-durch Quecksilber, Blei usw.); Vergrösserung der Niere infolge
-Gefässerweiterung durch Koffein, Verkleinerung der Niere infolge
-Gefässverengerung durch Digitalis und Strophanthus. Die Steigerung
-des Sekretionsdruckes der Niere wird manometrisch durch Einführung
-eines Apparates in die Ureteren bestimmt (Diuretika). Eine spezifische
-Erregung der Nierenepithelien (Koffein) wird dann angenommen, wenn
-das Gift auch nach Ausreissung der Nierennerven und bei vermindertem
-Blutdruck diuretisch wirkt. Synthetische Prozesse untersucht man
-chemisch an der ausgeschnittenen und zerkleinerten Niere. An der
-+Blase+ lassen sich ebenfalls anatomische Veränderungen, sowie Krämpfe
-und Lähmungen bei gewissen Giften feststellen.
-
- =Magen- und Darmgifte.= Neben verschiedenartigen anatomischen
- Veränderungen der Schleimhaut des +Magens+, unter welchen die
- Perforation durch Arsenik und die Degeneration der Magendrüsen durch
- Phosphor besonders hervortreten, beeinflussen die Gifte die Sekretion
- und die Bewegungen des Magens. Die letzteren werden vom Nervus Vagus
- innerviert, dessen Reizung die Magenbewegung beschleunigt. Wichtig
- ist die Beziehung des im Grosshirn gelegenen Brechzentrums zu der
- Muskulatur des Magens. Wirkt ein Brechmittel nach der Durchschneidung
- der Vagi, welche das Brechzentrum mit dem Magen verbinden, nicht
- mehr, so ist es als zentrales Brechmittel zu bezeichnen. Nach
- neueren Untersuchungen hat man 3 Abteilungen des Brechzentrums zu
- unterscheiden, nämlich je ein in den Vierhügeln gelegenes Zentrum für
- die Kontraktionen der Kardia und der Magenwandungen (Zerstörung der
- Vierhügel macht das Erbrechen unmöglich), sowie ein im Linsenkern
- gelegenes Hemmungszentrum für die Kardia, dessen Reizung den
- Sphincter Cardiae an der Kontraktion, somit also am Verschlusse des
- Magens hindert.
-
- Im +Darm+ können die Gifte entweder auf die Schleimhaut, oder
- auf die Darmdrüsen oder auf die Darmmuskulatur oder endlich auf
- die Darmnerven einwirken. So entsteht eine Darmentzündung durch
- lokale Reizung scharfer Gifte (Krotonöl), durch Ausscheidung
- reizender Gifte mittels der Darmdrüsen (Merkurialismus), durch
- Veranlassung von Gerinnung in den Darmgefässen (Saponin), sowie
- nach starker Erweiterung der Gefässe der Darmschleimhaut infolge
- von Splanchnikuslähmung (Arsenik). Reizung der Darmdrüsen wird
- durch Pilokarpin und Arekolin, der Darmmuskulatur mit konsekutivem
- Darmtetanus durch Eserin, Blei und Chlorbaryum erzeugt. Erregung der
- in die Darmwandungen eingelagerten, die rhythmische peristaltische
- Tätigkeit des Darmes regulierenden peripheren Nervenapparate
- (Auerbachsche und Meissnersche Plexus) bedingt gesteigerte
- Darmbewegungen (Muskarin), desgleichen Reizung der peripheren
- motorischen Vagusendigungen (Nikotin). Dagegen hat die Reizung
- des Splanchnikus, des Hemmungsnerven des Darmes, verminderte
- Peristaltik zur Folge (Morphium), während umgekehrt die Lähmung des
- Splanchnikus gesteigerte Darmperistaltik bedingt (Atropin). Ueber die
- Beeinflussung der im Gehirn gelegenen Zentren der Darmbewegung und
- Darmhemmung durch Gifte ist bisher wenig bekannt: Zetrarin soll z. B.
- ein zentrales Peristaltikum sein.
-
- =Uterusgifte.= Der nicht trächtige Uterus wird durch Gifte viel
- weniger leicht beeinflusst, als der trächtige. Kontraktionen des
- Uterus entstehen entweder durch Reizung des im Lendenmark gelegenen
- Uteruszentrums (Kornutin, Nikotin, Strychnin); in diesem Fall lassen
- sich am ausgeschnittenen Uterus keine Kontraktionen durch das
- Gift auslösen, auch wirkt das Gift nicht mehr nach Zerstörung des
- Rückenmarkes. Oder sie entstehen im Uterus selbst und zwar infolge
- Reizung der glatten Muskulatur, wenn auch am ganglienfreien Horn des
- ausgeschnittenen Uterus Kontraktionen eintreten, während es sich
- beim Ausbleiben der letzteren um eine Reizung der Uterusganglien
- handelt. Ebenso kann eine Lähmung der Uteruskontraktionen durch Gifte
- ihren Ausgangspunkt vom Rückenmark, von der Muskulatur oder von den
- Ganglienzellen des Uterus nehmen.
-
- =Lebergifte.= Die anatomischen Veränderungen in der Leber bestehen
- in Verfettung der Leberzellen (Phosphor, Arsenik), akuter
- Atrophie (Lupinose), Leberzirrhose (Alkohol beim Menschen). Das
- physiologisch-mikroskopische Bild des sezernierenden Leberparenchyms
- erzeugen die Cholagoga (Aloe, Rheum, Salizylsäure). Auf chemische
- Synthesen wird die Leber ausserhalb des Körpers untersucht. Die
- Gallensekretion wird durch Anlegung von Gallenfisteln geprüft.
- Die Frage der hepatogenen oder hämatogenen Entstehung des
- Gallenfarbstoffes wird durch Ausschalten der Leber (Unterbindung der
- Gefässe, Exstirpation) beantwortet.
-
- =Speicheldrüsengifte.= Die Untersuchung erfolgt durch Einführen
- von Speichelkanülen (Unterschied zwischen Hund und Katze!). Eine
- Vermehrung der Speichelsekretion kann verursacht sein durch
- Reizung der peripheren Geschmacksnerven (Durchschneidung sistiert
- die Sekretion), durch zentrale Reizung des Speichelzentrums
- (Durchschneidung der sekretorischen Drüsennerven sistiert sie),
- durch Reizung der peripheren Enden der Speichelnerven (+Pilokarpin+,
- +Arekolin+, +Eserin+) oder durch Reizung der Drüsenzellen selbst
- (Wirkung vom Blute aus bei durchschnittenen Speichelnerven). Eine
- Aufhebung der Speichelsekretion wird durch periphere Lähmung der
- Speichelnerven (+Atropin+ im Gegensatz zu Pilokarpin und Arekolin)
- bedingt. Es wird daher auch eine periphere Reizung dann angenommen,
- wenn Atropin die Vermehrung der Speichelsekretion sistiert. -- Die
- Wirkung der Gifte auf die +Schweisssekretion+ ist analog.
-
- =Stoffwechselgifte.= Als solche sind zu nennen: Der +Phosphor+,
- +Arsenik+ und die +Schilddrüsenpräparate+ (Vermehrung der
- N-Ausscheidung im Harn), die +Blausäure+ (Verminderung des
- O-Verbrauchs), das +Chinin+, die +Salizylsäure+ u. a. Anatomisch
- lassen sich Störungen des Stoffwechsels durch verschiedene
- Veränderungen an den inneren Körperorganen nachweisen (körnige
- Trübung, fettige Degeneration). Chemisch wird der Stoffwechsel
- kontrolliert durch die Untersuchung des Harns, des Kots, der
- ausgeatmeten Luft bezw. Kohlensäure (Respirationsapparat) sowie
- der Körpertemperatur (Thermometer, Kalorimeter). Bezüglich
- der Wirkung der Gifte auf die +Temperatur+ kommen entweder
- Temperaturverminderungen (Antipyretika) oder Temperaturerhöhungen vor
- (Kokain, Koffein, β-Naphthylamin, Mallein, Tuberkulin). Die Wirkung
- ist eine zentrale (Wärmezentren) oder periphere. Reizung des im
- Corpus striatum gelegenen Wärmezentrums erzeugt Fieber, Lähmung oder
- Exstirpation, Temperaturherabsetzung.
-
- =Pupillengifte.= +Verengerung+ (Myose) kann bedingt sein durch eine
- periphere Reizung des Okulomotorius (Pilokarpin, Arekolin) oder
- des Musculus Sphincter Iridis (Eserin) oder durch eine Lähmung
- des Erweiterungszentrums im Gehirn (Morphium beim Hund). Letztere
- wird angenommen, wenn am herausgeschnittenen Auge keine Myose
- hervorgebracht werden kann, oder wenn bei lokaler Einträuflung in den
- Lidsack keine Verengerung eintritt, sondern nur nach intravenöser
- oder subkutaner Applikation. Eine periphere Reizung der Okulomotorius
- als Ursache der Myose wird angenommen, wenn die Myose durch Atropin
- aufgehoben wird und am exstirpierten Bulbus fortdauert.
-
- +Erweiterung+ (Mydriase) wird entweder verursacht durch periphere
- Lähmung des Verengerungsnerven der Pupille, des Okulomotorius
- (Atropin), oder durch periphere Reizung des Erweiterungsnerven,
- des Sympathikus (Hydronaphthylamin), oder durch Reizung des
- Erweiterungszentrums im Gehirn (Akonitin, Morphium bei Katzen).
- Die zentrale Mydriase lässt sich sofort beseitigen, wenn man die
- Verbindung des Zentrums und der Pupille, nämlich den Halssympathikus,
- durchschneidet. Lähmung der peripheren Okulomotoriusäste (Atropin)
- muss angenommen werden, wenn am ausgeschnittenen Froschauge Mydriase
- erzeugt wird. Bei Vögeln entsteht durch Kurare periphere Mydriase
- infolge Lähmung der willkürlichen Muskeln der Pupille (Sphinkter).
-
-
- [2] Ausführliches findet man bei +Kobert+, Lehrbuch der
- Intoxikationen, +Hermann+, Lehrbuch der experimentellen
- Toxikologie, +Böhm+, Allgemeine Toxikologie.
-
-
-Die allgemeine Prognose der Vergiftungen.
-
-Die toxikologische Statistik lehrt, dass die Prognose bei vielen
-Vergiftungen unserer Haustiere +nicht so ungünstig+ ist, wie
-man dies eigentlich nach der Intensität der Krankheitserscheinungen
-erwarten sollte. Aus diesem Grunde darf man bei schlachtbaren Tieren
-im allgemeinen nicht zu frühzeitig die Notschlachtung anraten.
-Insbesondere lasse man sich durch das Auftreten von Zuckungen und
-Krämpfen sowie von starken psychischen Erregungserscheinungen nicht
-verleiten, diesen Symptomen unter allen Umständen eine schlimme
-prognostische Bedeutung beizulegen. +Aufregung und Muskelkrämpfe sind
-im allgemeinen weniger schlimm als Lähmungserscheinungen.+ Auch die
-Behandlung der Exzitationszustände ist viel erfolgreicher als die der
-toxischen Lähmungen.
-
-Die Prognose einer Vergiftung hängt in erster Linie von der Art des
-Giftes ab. Als sehr gefährliche Vergiftungen mit +ungünstiger+ Prognose
-müssen namentlich bezeichnet werden die Vergiftungen mit +Blausäure+,
-+Phosphor+, +Arsenik+, +Chlorbaryum+, +Strychnin+, +Nikotin+,
-+Veratrin+, +Digitalis+, +Oleander+, +Buxus+, +Taxus+, +Blei+,
-+Quecksilber+, +Karbolsäure+, +Krotonöl+, +Kanthariden+, +Kolchikum+,
-+ätzenden Säuren+ und +Alkalien+. Im übrigen kommt es bei allen diesen
-starken Giften wesentlich mit darauf an, in welcher Dosis und Form, bei
-welchem Füllungszustand des Magens usw. sie aufgenommen worden sind.
-Bei den Fleischfressern, welche sich erbrechen können, nehmen manche
-Vergiftungen einen günstigeren Verlauf, als bei Pflanzenfressern.
-
-Als Vergiftungen mit im allgemeinen günstiger Prognose sind namentlich
-bei den Pflanzenfressern die +Alkaloidvergiftungen+ zu bezeichnen,
-Strychnin und Nikotin ausgenommen. Dies gilt besonders für die
-+Atropin+-, +Hyoszin+- und +Morphium+vergiftung. Aber auch Eserin,
-Pilokarpin und Arekolin sind deshalb nicht so sehr gefährlich, weil
-gute Gegengifte für sie zur Verfügung stehen. Ausserdem ist bei vielen
-+Pflanzenvergiftungen+ die Mortalitätsziffer trotz scheinbar schwerer
-Vergiftungserscheinungen erfahrungsgemäss relativ gering. Dies gilt
-namentlich für die Vergiftung mit +Klatschrosen+, +Bucheckern+, für
-viele +Pilzvergiftungen+, für die +Merkurialis-+, +Lolium-+, +Rade-+,
-+Equisetum-Vergiftung+. Aehnlich verhält sich die +Kochsalz-+ und
-+Salpetervergiftung+ (vergl. unten).
-
- =Prognose bei einzelnen Vergiftungen.= Die +Klatschrosen+, von
- welchen angenommen wird, dass sie Morphium oder ein morphiumähnliches
- Alkaloid als wirksames Gift enthalten, erzeugen beim Rind ein sehr
- typisches Bild einer Vergiftung, welches sich durch Anfälle von
- Raserei und Tobsucht, wutähnliche Anfälle, epileptiforme Krämpfe,
- Taumeln, Schlummersucht, Bewusstlosigkeit etc. charakterisiert.
- Trotz der Hochgradigkeit der nervösen Symptome sind Todesfälle
- ziemlich selten, so dass die Prognose der Vergiftung eine ziemlich
- günstige ist. Die +Bucheckern+ enthalten einen alkaloidartigen
- Giftstoff, das Fagin, das ebenfalls heftige Vergiftungserscheinungen
- bedingt. Ein Pferd zeigte infolge der Aufnahme von 2 Pfund
- Bucheckernölkuchen Kolik, Schwanken, hochgradige Schreckhaftigkeit,
- sowie Lähmungserscheinungen im Hinterteil. Das Tier war so aufgeregt,
- dass es bei der geringsten Berührung in äusserste Raserei geriet.
- Die Verabreichung von Gegengiften beseitigte die Krankheit im
- Verlaufe von 12 Stunden (Warner). +Atropin+ und +Hyoszin+ haben
- bei Hunden und Katzen, welche enorme Dosen (0,5-1,0 pro die)
- ertragen, vorübergehend die schwersten Vergiftungserscheinungen:
- starke Unruhe, hochgradige Aufregung, Krampfanfälle zur Folge.
- Nach kurzer Zeit pflegen sich die Tiere indessen wieder zu erholen
- (Kobert; eigene Untersuchungen). Pferde zeigen nach der Verfütterung
- von Bilsenkrautsamen rasende Zufälle, sowie Beschleunigung des
- Pulses und der Atmung, erholen sich indessen ebenfalls wieder
- leicht (Viborg). Die +Pilzvergiftungen+, namentlich die durch
- +Schimmelpilze+ und +Mutterkorn+, nehmen gleichfalls nicht selten
- trotz äusserst gefahrdrohender Zufälle einen gutartigen Verlauf.
- Zwei Pferde zeigten nach der Aufnahme von verschimmeltem Brot
- anhaltende und heftige Kolik, Schwanken mit dem Hinterteil,
- Schwindel und Niederfallen, wobei sie etwa ½ Stunde ohne Gefühl,
- wie tot am Boden lagen. Dann erhoben sie sich plötzlich, drängten
- gegen die Wand, gerieten in Schweissausbruch und zeigten wieder
- denselben Anfall wie vorher. Trotzdem genasen sie (Perrin). Auch die
- Mortalitätsziffer der Mutterkornvergiftung ist trotz der schweren
- Krankheitserscheinungen eine geringe. Die +Merkurialisvergiftung+,
- welche sich bei Pflanzenfressern und Schweinen in Kolikerscheinungen,
- Harndrang, blutrotem Harn, Empfindlichkeit und Steifheit in der
- Nierengegend, Atmungsbeschleunigung, Zittern und Schwäche äussert,
- lässt ebenfalls in den meisten Fällen eine günstige Prognose zu.
- Aehnlich ist das Verhalten der Haustiere gegenüber dem +Solanin+.
- Bei der +Loliumvergiftung+ hat man dasselbe beobachtet, wie ein von
- Wiegel veröffentlichter Fall zeigt. Eine Kuh stürzte plötzlich,
- wie vom Blitze getroffen, zusammen; dieser apoplektiforme Anfall
- wiederholte sich dreimal hintereinander, worauf allgemeine
- Empfindungslosigkeit, Schlafsucht und Verlangsamung der Respiration
- eintrat. 1½ Stunden darauf erhob sich die Kuh wieder und zeigte
- sofort einen ganz erstaunlichen Appetit. Die +Radevergiftung+ nimmt
- zuweilen einen ähnlich günstigen Verlauf. Röll beobachtete bei
- einem Pferde nach der Aufnahme von Rademehl Schlingbeschwerden,
- sowie einen Zustand der Betäubung nach Art des Dummkollers; am
- Tage darauf hatte sich das Pferd wieder vollständig erholt. Auch
- die +Kochsalz-+ und +Salpetervergiftung+, von welchen namentlich
- die letztere sehr gefürchtet ist, zeigt nicht selten eine günstige
- Prognose, wie zahlreiche in der Literatur vermerkte Fälle beweisen.
- Ja selbst bei der +Kolchikumvergiftung+, welche von jeher als eine
- der gefährlichsten Vergiftungen bei unseren Haustieren aufgefasst
- worden ist, beträgt die durchschnittliche Mortalitätsziffer nicht
- mehr als 25-30 Proz. Noch wesentlich geringer ist diese Ziffer bei
- den Vergiftungen mit +Santonin+, +Alkohol+, +Rizinus+, sowie durch
- +Schlangenbisse+.
-
-
-Die Behandlung der Vergiftungen.
-
-Die Behandlung der Vergiftungen erfolgt mittelst der sog.
-Gegenmittel oder Gegengifte (+Antidote+). Diese Gegenmittel können
-sehr verschiedener Natur sein und auf sehr verschiedene Weise ihre
-giftwidrige Wirkung ausüben. Man unterscheidet vier Gruppen: 1. Die
-+mechanischen+ oder +physikalischen+ Gegenmittel; 2. die +chemischen+
-Antidote; 3. die +physiologischen+ (dynamischen, organischen,
-konstitutionellen, empirischen) Gegengifte oder +Antagonisten+; 4. die
-+symptomatische+ Behandlungsmethode der Vergiftungen.
-
-1. Die =physikalischen= oder =mechanischen= Gegenmittel
-wirken dadurch giftwidrig, dass sie die eingedrungenen Gifte
-entweder auf rein mechanischem Wege aus dem Körper entfernen:
-+Brechmittel+, +Abführmittel+, +harntreibende+, +schweisstreibende+,
-+speicheltreibende Mittel+, +Magenausspülung+, +Aderlass+, +künstliche
-Atmung+, oder dieselben einhüllen und die Aufsaugung resp. den Kontakt
-mit der Schleimhaut dadurch verhindern: +einhüllende Gegenmittel+
-(+Eiweiss+, +Milch+, +Oel+, +schleimige Mittel+).
-
-Die +Brechmittel+ sind bei den dazu geeigneten Tieren (Hunden,
-Schweinen, Katzen) in allen frischen Vergiftungsfällen in erster
-Linie anzuwenden. Die wichtigsten Brechmittel sind das +Apomorphin+
-(Hunden zu 2-10 mg, Katzen zu 20-50 mg subkutan injiziert), das
-+Veratrin+ (Schweinen 0,02-0,03 subkutan), das +Rhizoma Veratri albi+
-(Schweinen 1,0-2,0, Hunden 0,1 bis 0,2 per os oder als Klysma), +Radix
-Ipecacuanhae+ (Schweinen und Hunden 1-3,0, Katzen 0,25-0,75), der
-+Brechweinstein+ (Schweinen 1-2,0, Hunden 0,1-0,3, Katzen 0,05-0,2),
-der +Kupfervitriol+ als spezifisches Brechmittel bei Phosphorvergiftung
-(Schweinen 0,5-1,0, Hunden 0,1-0,5, Katzen 0,05-0,2), der +Zinkvitriol+
-(Schweinen 0,5-1,0, Hunden 0,1-0,3), endlich als Hausmittel das
-+Kochsalz+ (Hunden 1-2 Teelöffel), das +Senfmehl+ (Hunden 1-2 Teelöffel
-in einem Glas warmem Wasser), +Schnupftabak+ (Hunden eine Prise in
-einem Esslöffel Wasser) usw.
-
-Von +Abführmitteln+ empfehlen sich besonders wegen ihrer raschen
-Wirkung das +Arekolin+ und +Eserin+ (Pferden 0,05-0,1 subkutan).
-Ausserdem kann die +Aloe+ (Pferden 25-50,0, Rindern 50-75,0), das
-+Rizinusöl+ (Pferden 500-750,0, Rindern 500 bis 1000,0, Schafen und
-Ziegen 50-250,0, Schweinen 50-100,0, Hunden 15-60,0, Katzen und
-Geflügel 10-20,0) und das +Kalomel+ (Pferden 2-8,0, Schweinen 1-4,0,
-Hunden 0,2-0,4, Katzen und Geflügel 0,1-0,2) angewandt werden. Auch
-das +Glaubersalz+ ist als Abführmittel angezeigt, namentlich bei der
-Bleivergiftung der Rinder (500-1000,0). Die harntreibenden, schweiss-
-und speicheltreibenden Mittel haben eine wesentlich schwächere
-evakuierende Wirkung, sie werden daher nur bei chronischen Vergiftungen
-angewandt.
-
-Die +einhüllenden Gegenmittel+ werden hauptsächlich bei Vergiftungen
-durch Aetzmittel angewandt, um die Magendarmschleimhaut vor
-Anätzung zu schützen und gleichzeitig die Resorption zu hindern. Am
-gebräuchlichsten ist die Verabreichung von +Milch+, +Eiweiss+ (Eiweiss
-der Eier für sich oder mit Wasser geschüttelt; sog. Eiweisswasser),
-+Schleim+ (Leinsamenschleim, Gerstenschleim, Haferschleim,
-Quittenschleim, Gummi arabicum, Abkochungen von Eibischwurzel,
-Malvenblättern, Salepschleim, Tragantschleim), +Fetten+ und +Oelen+
-(Schweinefett, Butter, Olivenöl, Repsöl, Mohnöl, Mandelöl, Rizinusöl,
-Emulsionen). Die fetten Oele und die Milch sind jedoch kontraindiziert
-bei Phosphor- und Kantharidenvergiftung, weil sie die Resorption der
-genannten Gifte befördern. -- Bei vergifteten Wunden (Schlangenbisse)
-wird das Gift durch Ausschneiden, Ausbrennen oder Ausätzen entfernt.
-
-2. Die =chemischen= Gegengifte wirken dadurch giftwidrig, dass sie
-die in den Körper eingedrungenen Gifte zersetzen oder in Verbindungen
-umwandeln, welche ungiftig oder weniger giftig sind. Das einfachste
-Beispiel chemischer Antidote bilden die ätzenden +Alkalien+ und
-+Säuren+, welche sich gegenseitig unter Aufhebung ihrer Alkali-
-und Säurenatur zu nicht ätzenden Salzen neutralisieren (Kalilauge,
-Natronlauge, Aetzkalk, Ammoniak, kohlensaures und doppeltkohlensaures
-Natron und Kali, Seife einerseits; Schwefelsäure, Salzsäure,
-Salpetersäure, Essigsäure, Oxalsäure andererseits). Weiter gehören
-hierher das +Kochsalz+ als spezifisches Antidot des Höllensteins,
-welcher dadurch zu Chlorsilber zerlegt wird (bei Sublimatvergiftungen
-wirkt die Verabreichung von Kochsalz im Gegenteil schädlich, weil
-dasselbe die Resorption des Sublimats infolge Bildung der leicht
-löslichen Kochsalz-Sublimatverbindung befördert), das +Eisen+ als
-Gegengift gegen Arsenik (Bildung von schwer löslichem arseniksaurem
-Eisen), Blausäure, Quecksilber- und Kupfersalze, das +Ferrozyankalium+
-als Antidot gegen Kupfervergiftungen (ungiftiges Ferrozyankupfer) und
-ätzende Eisensalze, z. B. Eisenchlorid (Bildung von Berliner Blau),
-die +Kupfersalze+ als wichtigste Gegengifte gegen Phosphorvergiftung
-(Bildung von ungiftigem Phosphorkupfer), die +gebrannte+ und
-+kohlensaure Magnesia+ als Gegengift gegen Säuren (Bildung von
-Magnesiasalzen), Arsenik, Metallsalze (Zerlegung), das +Jod+ und
-die +Jodsalze+ als Gegengifte gegen die Alkaloide im allgemeinen
-(Niederschlag), sowie gegen chronische Metallvergiftungen (Bildung
-löslicher und daher aus dem Körper eliminierbarer Metalljodide),
-das +Bromkalium+ und +Natrium subsulfurosum+ als Bindemittel für
-Jod und Jodoform (Bildung von Jodalkalien), der +Schwefel+ und
-+Schwefelwasserstoff+ als Antidot gegen Quecksilber-, Blei-, Kupfer-,
-Brechweinstein-, Arsenikvergiftung (Bildung unlöslicher Metallsulfide),
-die +Schwefelsäure+ und +schwefelsauren Salze+ als spezifische
-Mittel gegen Bleivergiftung (Bildung von unlöslichem Bleisulfat),
-Karbolsäurevergiftung (ungiftiges phenolsulfonsaures Kali),
-Kalkvergiftung (Bildung von Gips) und Baryumvergiftung (schwefelsaurer
-Baryt), die +Kalksalze+ (Kalkwasser, kohlensaurer Kalk, Kreide,
-Schneckenschalen, Austerschalen, Eierschalen, Marmor, Sepiasteine,
-Zuckerkalk) als spezifisches Gegengift gegen Oxalsäurevergiftung (der
-oxalsaure Kalk ist als unlösliche Verbindung ungiftig), das +Tannin+
-und die +gerbsäurehaltigen Pflanzen+ (Eichenrinde, Weidenrinde,
-Salbeiblätter, Kaffee, Tee, Eicheln, Galläpfel, Tinte, Chinarinde,
-Catechu, Ratanhiawurzel, Tormentillwurzel, Nussbaumblätter etc.)
-als wichtigste Antidote gegen die Vergiftung mit Alkaloiden und
-Glykosiden (Bildung schwer löslicher oder unlöslicher gerbsaurer
-Salze), mit Metallsalzen, namentlich mit Brechweinstein, Bleizucker,
-Höllenstein und Eisenvitriol (Bildung von Metalltannaten), +Ammoniak+,
-+Chlor+, +übermangansaures Kali+, +Eisenchlorid+, +Chromsäure+
-als lokale Gegengifte bei Schlangenbissen und Insektenstichen,
-+altes Terpentinöl+, +Kalium permanganicum+, Kobaltnitrat,
-Wasserstoffsuperoxyd und Ozonwasser als Antidot des Phosphors
-(Oxydation zu Phosphorsäure), +Eiweiss+ als chemisches Gegengift gegen
-Metallsalze (Bildung von Metallalbuminaten), ätzende Säuren (Bildung
-von Säurealbuminaten), gegen Chlor-, Brom- und Jodvergiftung, +Leim+
-und +Kleber+ gegen Metallvergiftungen (z. B. Sublimatvergiftung),
-Alaun- und Gerbsäurevergiftung (Bildung von Niederschlägen), +fette
-Oele+ gegen Vergiftung durch Alkalien und Säuren (Verseifung),
-+Stärkemehl+ als Antidot gegen Jod (Bindung unter Blaufärbung), die
-+Tierkohle+ als Gegengift gegen Alkaloide und Metalle.
-
-3. Die =physiologischen= oder =dynamischen= Gegengifte sind nicht
-gegen das Gift selbst, sondern gegen dessen +Wirkungen+ gerichtet
-(Antagonisten) und haben den Zweck, durch Erzeugung einer der
-Giftwirkung entgegengesetzten Wirkung (Erregung -- Lähmung) die erstere
-aufzuheben. Man unterscheidet einen +einseitigen+ (einfachen) und einen
-+doppelseitigen+ oder +wechselseitigen+ (mutuellen) +Antagonismus+.
-Einseitig ist derselbe, wenn nur das eine Gift die Wirkung des anderen,
-aber nicht umgekehrt, aufhebt, doppelseitig oder wechselseitig, wenn
-eine gegenseitige Aufhebung stattfindet. Ausserdem spricht man von
-einem +wahren+ (direkten) und +scheinbaren+ (indirekten) Antagonismus,
-je nachdem die beiden Gifte auf ein und dasselbe Organ (Nervensystem,
-Muskel, Drüsen) oder auf verschiedene Organe einwirken. So ist z. B.
-Kurare nur ein indirekter Antagonist des Strychnins, weil es nicht wie
-dieses auf das Rückenmark, sondern auf die peripheren Muskelnerven
-einwirkt. Das Vorkommen eines wahren doppelseitigen Antagonismus ist
-nach neueren Untersuchungen fraglich. Es kann zwar ein lähmendes
-Gegengift, wie z. B. das Atropin, die erregende Wirkung eines andern,
-z. B. des Eserins auf den Okulomotorius (Mydriasis, Myosis) aufheben,
-dagegen lässt sich eine vorhandene Atropinlähmung des Okulomotorius
-(Mydriasis) durch die erregende Wirkung des Eserins (Myotikum) nicht
-wieder beseitigen.
-
-Die wichtigsten physiologischen Gegengifte sind: a) +Atropin+ als
-Gegengift gegen +Morphin+ und +Chloroform+. Der Antagonismus zwischen
-Atropin und Morphin ist ein doppelseitiger, aber zum Teil indirekter.
-Das lähmende Morphin beseitigt die durch das Atropin hervorgerufene
-psychische Erregung durch direkte antagonistische Einwirkung auf
-das Gehirn; dagegen wird durch das erregende Atropin die lähmende
-Wirkung des Morphins auf das Herz indirekt in der Weise gehoben,
-dass das Atropin die nervösen Zentren des Herzens erregt, während
-das Morphin den Herzmuskel selbst gelähmt hat. b) +Atropin+ als
-Gegengift gegen +Pilokarpin-+, +Eserin-+, +Arekolin-+, +Muskarin-+ und
-+Nikotinvergiftung+. c) +Bromkalium+, +Chloralhydrat+, +Chloroform+,
-+Koniin+, +Kurare+ als Gegengift gegen +Strychnin+ und +Pikrotoxin+. d)
-+Amylnitrit+ als Antagonist des gefässverengernden +Mutterkorns+ und
-+Adrenalins+. e) +Koffein+ als Antidot gegen +Morphin+, +Chloroform+
-und +Alkohol+.
-
-4. Die =symptomatischen= Gegenmittel bestehen darin, dass einzelne
-Hauptsymptome der Vergiftungen behandelt werden. So gibt man gegen
-Lähmungserscheinungen Exzitantien (Kampfer, Aether, Alkohol, Wein,
-Koffein, Kaffee, Veratrin, Strychnin, Hyoszin, Ammoniak, kohlensaures
-Ammonium), gegen schmerzhafte Koliken Morphium und andere Narkotika,
-gegen Durchfälle Styptika, gegen Verstopfung Laxantien, gegen starkes
-Erbrechen die Opiate, gegen hohes Fieber Antipyretika, gegen Krämpfe
-die Sedativa etc.
-
- =Zusammenstellung der Antidote bei den wichtigsten
- Einzelvergiftungen.= Die ausführlichere Besprechung der
- antidotarischen Behandlung der Einzelvergiftungen ist Sache
- der speziellen Toxikologie. An dieser Stelle sollen nur die
- bemerkenswertesten Vergiftungen mit ihren Antidoten kurz
- zusammengestellt werden.
-
- +Akonitinvergiftung+: Brechmittel, Tannin, Jod, Tierkohle, Atropin,
- Digitalis, künstliche Atmung, Exzitantien.
-
- +Alaunvergiftung+: Eiweiss, Milch, Leimlösung, Kalkwasser, gebrannte
- Magnesia, Ammoniak, Abführmittel.
-
- +Alkalien, ätzende+: Essig, verdünnte Säuren (Salzsäure,
- Schwefelsäure, Phosphorsäure, Zitronensäure), fette Oele, Milch,
- Emulsionen, schleimige Mittel, Eispillen, Morphium, Magenausspülung.
-
- +Alkoholvergiftung+: Kaffee, Koffein, Ammoniak, kohlensaures
- Ammonium, Kampfer, Atropin, Hyoszin, kalte Begiessungen des Kopfes,
- Klistiere, Priessnitzsche Umschläge, warme Einhüllungen.
-
- +Aloevergiftung+: Opium, Tannin, schleimige Mittel.
-
- +Ammoniakvergiftung+: verdünnte Säuren, Fette, Oele, Milch,
- schleimige Mittel, Tracheotomie; gegen die Krämpfe Morphium,
- Chloralhydrat, Bromkalium.
-
- +Anilinvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Exzitantien, frische
- Luft, kalte Begiessungen.
-
- +Arsenikvergiftung+: Brechmittel, Eisenpräparate, Ferrum hydricum in
- aqua (= Antidotum Arsenici), Ferrum oxydatum saccharatum, Magnesia
- usta, Tierkohle, Schwefel, Schwefelleber, Schwefeleisen, Eiweiss,
- Milch, Schleim, Exzitantien. Zu vermeiden sind Alkalien und fette
- Oele (Rizinusöl).
-
- +Atropinvergiftung+ (Belladonna, Bilsenkraut, Stechapfel):
- Brechmittel, Gerbsäure, Morphium, Pilokarpin, Eserin, Arekolin,
- gegen die psychische Erregung Chloroform, Chloralhydrat, Sulfonal,
- Bromkalium.
-
- +Baryumvergiftung+: verdünnte Schwefelsäure, schwefelsaures Natrium
- und Kalium, schwefelsaure Magnesia, Brechmittel.
-
- +Bingelkrautvergiftung+: Brechmittel, Eiweiss, Milch, Opium,
- Gerbsäure.
-
- +Blausäurevergiftung+: Brechmittel, Eisenoxydhydrat,
- Wasserstoffsuperoxyd, übermangansaures Kali, Kobaltnitrat, Atropin,
- künstliche Respiration, Exzitantien, kalte Begiessungen.
-
- +Bleivergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, verdünnte Schwefelsäure,
- Natrium sulfuricum, Kalium sulfuricum, Magnesium sulfuricum,
- Schwefel, Schwefelwasserstoff, Gerbsäure, Eiweiss, Milch,
- symptomatische Behandlung (Opium, Morphium). Bei chronischer
- Bleivergiftung Jodkalium.
-
- +Brechweinsteinvergiftung+: Gerbsäure, kohlensaures Natron, verdünnte
- Säuren, Schwefel, Schwefelleber, Opium, Eiweiss, Schleim, Exzitantien.
-
- +Chlor- und Chlorkalkvergiftung+: Natrium oder Magnesium
- subsulfuricum, Einatmen von Schwefelwasserstoff und Ammoniak
- (verdünnt); innerlich Liquor Ammonii anisatus, Eiweiss, Schleim.
-
- +Chloroform-+, +Chloralhydrat-+ und +Aethervergiftung+: Exzitantien,
- namentlich Atropin, Hyoszin (Skopolamin), Strychnin, Veratrin,
- Koffein, Ammoniak, kohlensaures Ammonium, Hautreize, kalte
- Begiessungen, künstliche Respiration, Transfusion.
-
- +Chromsäurevergiftung+: Eiweiss, Magnesia usta, Exzitantien.
-
- +Cytisusvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Exzitantien.
-
- +Digitalisvergiftung+ vergl. Fingerhutvergiftung.
-
- +Eibenbaumvergiftung+: Abführmittel, Exzitantien, Atropin, Hyoszin,
- Koffein, Veratrin, Strychnin, Kampfer, Aether, Alkohol, Ammoniak, Jod
- (Lugolsche Lösung).
-
- +Equisetumvergiftung+: Abführmittel, Kampfer, Aether, Koffein,
- Atropin, Hyoszin, Veratrin, Hautreize.
-
- +Essigvergiftung+: Seifenwasser, Sodawasser, Kreide, kohlensaurer
- Kalk, gebrannte Magnesia, Milch, Exzitantien.
-
- +Fingerhutvergiftung+: Brechmittel, Nitroglyzerin, Amylnitrit,
- Tannin, Kampfer, Aether, Atropin, Koffein, Liquor Ammonii anisatus,
- Wein, Hautreize.
-
- +Gerbsäurevergiftung+: Eiweiss, Leim, Schleim, Abführmittel.
-
- +Glaubersalzvergiftung+: Schleim, Opium, Kampfer, Aether, Ammonium
- carbonicum.
-
- +Grubengasvergiftung+: Frische Luft, künstliche Respiration,
- Hautreize, kalte Begiessungen, Exzitantien, Transfusion.
-
- +Grünspanvergiftung+: Eiweiss, Ferrozyankalium, Eisenpulver, Magnesia
- usta.
-
- +Helleborusvergiftung+: Gerbsäure, Opium, Exzitantien, Kampfer.
-
- +Herbstzeitlosenvergiftung+: Brechmittel, Tannin, Jod (Lugolsche
- Lösung), Opium, Morphium, Schleim, feuchtwarme Wicklungen,
- Exzitantien.
-
- +Höllensteinvergiftung+: Brechmittel, Eiweiss, Kochsalz, verdünnte
- Salzsäure.
-
- +Insektenstiche+: Waschung mit Ammoniakwasser, Chlorwasser, Alkohol,
- Bleiwasser, Abführmittel.
-
- +Jod- und Jodoformvergiftung+: Stärkemehl, Mehlwasser, Eiweiss,
- Bromkalium, Bromnatrium, Natrium und Kalium bicarbonicum, Natrium
- subsulfurosum, Exzitantien, Brechmittel, Abführmittel.
-
- +Kalichlorikumvergiftung+: Brechmittel, Infusion physiologischer
- Kochsalzlösung, Exzitantien.
-
- +Kantharidenvergiftung+: Schleimige Mittel, Opium, Exzitantien; keine
- fetten Oele!
-
- +Karbolvergiftung+: Brechmittel, Magenausspülung, Sulfate, verdünnte
- Schwefelsäure, Seifenwasser, Zuckerkalk, Kalkwasser, Terpentinöl,
- Jodtinktur, Eiweiss, Milch, Oel, Exzitantien (Aether, Kampfer,
- Koffein, Hyoszin).
-
- +Kichererbsenvergiftung+: Tracheotomie, Koffein, Atropin, Strychnin,
- Veratrin, Hautreize, Abführmittel.
-
- +Kochsalzvergiftung+: Viel Wasser, Schleim, Oel, Aether, Kampfer,
- Atropin, Koffein, symptomatisch gegen Krämpfe Sedativa.
-
- +Kohlenoxydvergiftung+: Frische Luft, Sauerstoffinhalation,
- alkalische Kochsalzinfusion, Nitroglyzerin; Exzitantien, künstliche
- Respiration, Hautreize.
-
- +Kokainvergiftung+: Tannin, Jod, Amylnitrit, Chloralhydrat.
-
- +Kolchikumvergiftung+ vergl. Herbstzeitlosenvergiftung.
-
- +Konvallariavergiftung+: Tannin, Exzitantien, Kampfer, Aether.
-
- +Krotonölvergiftung+: Schleim, Eiweiss, Opium, Exzitantien.
-
- +Kreosotvergiftung+: Brechmittel, Schleim, verdünnte Schwefelsäure,
- schwefelsaures Natrium, Bittersalz, Seife, Exzitantien.
-
- +Kornradevergiftung+: Abführmittel, Tannin, Schleim, Exzitantien.
-
- +Kupfervergiftung+: Abführmittel, Brechmittel, Eiweiss,
- Ferrozyankalium, Eisenpulver, Magnesia usta, Tierkohle, Exzitantien.
-
- +Lakenvergiftung+: Viel Wasser, Schleim, Oel, Exzitantien, Sedativa.
-
- +Leuchtgasvergiftung+: Frische Luft, Sauerstoffinhalation, Hautreize,
- künstliche Atmung, Transfusion.
-
- +Lupinenvergiftung+: Futterwechsel, Präparierung der giftigen
- Lupinen, verdünnte Säuren (keine Alkalien!), Rizinusöl, Krotonöl.
-
- +Morphiumvergiftung+: Atropin, Hyoszin (Skopolamin), Koffein, Kaffee,
- Tee, Hautreize.
-
- +Muskarinvergiftung+: Atropin, Hyoszin.
-
- +Mutterkornvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Chloralhydrat,
- Amylnitrit, Gerbsäure, symptomatische Behandlung.
-
- +Nikotinvergiftung+: Abführmittel, Tannin, Jodlösung, Tierkohle,
- Exzitantien, Pansenschnitt.
-
- +Oleandervergiftung+: Abführmittel, Schleim, Tannin, Exzitantien.
-
- +Opiumvergiftung+: Atropin, Hyoszin, Koffein, Abführmittel,
- Exzitantien.
-
- +Oxalsäurevergiftung+: Kalkwasser, Zuckerkalk, Kreide, Magnesia usta,
- Exzitantien, Diuretika.
-
- +Petroleumvergiftung+: Brechmittel, Hautreize, Aether, Kampfer, Wein,
- Ammonium carbonicum, Koffein, künstliche Atmung.
-
- +Phosphorvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, altes Terpentinöl,
- Kupfervitriol, überhaupt Kupfersalze, Kalium permanganicum,
- Kobaltnitrat, Wasserstoffsuperoxyd, Exzitantien, Infusion alkalischer
- Kochsalzlösung. Fette und fette Oele sind zu vermeiden.
-
- +Physostigminvergiftung+: Atropin, Hyoszin, symptomatische Behandlung.
-
- +Pilokarpinvergiftung+: Atropin, Hyoszin, Agarizin, Exzitantien.
-
- +Pilzvergiftung+: Abführmittel, einhüllende Mittel, Exzitantien,
- Hautreize, Tannin, Jod, Kalomel (bei Fliegenpilzvergiftung: Atropin).
-
- +Ptomainevergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Tannin, Jodwasser,
- Tierkohle, Kalomel, Aether, Kampfer, Koffein, Atropin, Wein,
- Ammoniak, symptomatische Behandlung.
-
- +Quecksilbervergiftung+: Eiweiss, Milch, Eisenpulver, Schwefel,
- Schwefelleber, Schwefelwasserstoff, Magnesia usta, symptomatische
- Behandlung; bei chronischen Vergiftungen: Jodkalium, Anregung des
- Stoffwechsels.
-
- +Ranunkelvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Tannin, Exzitantien.
-
- +Sabinavergiftung+: Schleimige, einhüllende Mittel, Opium, Morphium.
-
- +Salpetervergiftung+: Schleimige Mittel, Oel, Aether, Weingeist,
- Wein, Kampfer, Ammonium carbonicum, Hautreize.
-
- +Salpetersäurevergiftung+: Verdünnte Alkalien, Eiweiss, Schleim, Oel,
- Opium.
-
- +Salzsäurevergiftung+: Dasselbe.
-
- +Santoninvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Aether,
- Chloralhydrat, Kampfer, Wein, symptomatische Behandlung.
-
- +Schierlingvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Veratrin,
- Strychnin, Koffein, Atropin, Aether, Kampfer, kohlensaures Ammonium,
- Tannin.
-
- +Schlangengift+: Oertlich Chlorwasser, Chlorkalkwasser, Lösungen
- von übermangansaurem Kali, Chromsäure (1proz.), Eisenchlorid,
- Ammoniakwasser, Karbolwasser, Kreolinwasser; innerlich Alkohol,
- Aether, Kampfer, Atropin, Hyoszin, Koffein, Liquor Ammonii anisatus.
-
- +Schwammvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Exzitantien,
- symptomatische Behandlung.
-
- +Schwefelkohlenstoffvergiftung+: Frische Luft, Exzitantien.
-
- +Schwefelsäurevergiftung+: Verdünnte Alkalien, Kalkwasser, Soda,
- gebrannte Magnesia, Kreide, Schleim, Oel, Eispillen, Exzitantien,
- Salizylsäure.
-
- +Schwefelwasserstoffvergiftung+: Frische Luft, Aether, Kampfer,
- Einatmung von Chlorgas, Exzitantien, Hautreize, Infusion, Aderlass,
- subkutane Kochsalzlösung.
-
- +Solaninvergiftung+: Tannin, Abführmittel, Exzitantien.
-
- +Strychninvergiftung+: Chloralhydrat, Chloroform, Bromkalium, Aether,
- Sulfonal, Morphin, künstliche Atmung, Tannin, Jodwasser, Brechmittel,
- Magenausspülung.
-
- +Tabakvergiftung+ vergl. Nikotinvergiftung.
-
- +Taumellolchvergiftung+: Abführmittel, Aether, Kampfer, Atropin,
- Koffein, Hautreize.
-
- +Terpentinölvergiftung+: Schleimige Mittel, Opium, Exzitantien.
-
- +Veratrinvergiftung+: Tannin, Jod, Opium, Sedativa, einhüllende
- Mittel, Exzitantien.
-
- +Vergiftung mit wildem Mohn+: Abführmittel, Tannin, Opium,
- Morphium, Chloralhydrat, Bromkalium, kalte Sturzbäder auf den Kopf,
- evakuierende Klistiere.
-
- +Wurmfarnvergiftung+: Abführmittel, Exzitantien.
-
- +Zinkvergiftung+: Eiweiss, Schleim, Milch, Tannin, Opium, Natrium
- und Kalium carbonicum und bicarbonicum, Schwefelleber, Gerbsäure,
- Exzitantien.
-
-
-
-
-Spezielle Toxikologie.
-
-
-I. Mineralische Gifte.
-
-
-Phosphorvergiftung.
-
- =Chemie des Phosphors.= Der Phosphor findet sich in der Natur
- nirgends in freiem Zustande, sondern immer gebunden, meist in der
- Form phosphorsaurer Salze. Er ist als freies Element zuerst im
- Jahre 1669 von +Brand+ in Hamburg aus Menschenharn dargestellt
- worden; aus dem phosphorsauren Kalke der Knochen wurde er erst
- im Jahre 1771 durch +Scheele+ gewonnen. Seine Bedeutung für die
- Toxikologie beginnt erst mit dem Jahr 1833, dem Zeitpunkt der
- Erfindung der Phosphorstreichhölzer. Ausser dem besonders in
- den +Knochen+ in grosser Menge (85 Proz. der Asche) enthaltenen
- Kalziumphosphat kommen phosphorsaure Verbindungen auch sonst im
- Tierkörper z. B. als phosphorsaures Kali vor; es enthalten ferner
- alle Pflanzen phosphorsaure Salze; endlich ist der Phosphor ein
- normaler Bestandteil der Ackererde und findet sich in grösserer Menge
- in gewissen Mineralien, so z. B. im Phosphorit, Apatit, Wawellit,
- Vivianit und Grünbleierz. Zur Darstellung des Phosphors wurden
- früher ausschliesslich die Knochen benutzt; dieselbe wurde nur von
- vereinzelten Fabriken betrieben (Birmingham, Lyon, Kaluga). Die von
- Fett und Leim befreiten Knochen wurden gebrannt, mit Schwefelsäure
- behandelt und mit Kohle geglüht, worauf die entweichenden
- Phosphordämpfe in Wasser aufgefangen, gereinigt und in Stangen
- geformt wurden. Neuerdings stellt man den Phosphor aus mineralischen
- Phosphaten (Phosphorit) im elektrischen Ofen dar.
-
- Der Phosphor tritt in 3 allotropen Modifikationen auf: 1.
- +Gewöhnlicher, giftiger, farbloser Phosphor+, bildet farblose, später
- schwach gelbe, durchsichtige, wachsartige Stangen von ozonartigem
- Geruch. Er kristallisiert in Oktaedern, ist in der Kälte spröde,
- bei gewöhnlicher Temperatur wachsartig und schmilzt bei 44° unter
- Wasser zu einer farblosen Flüssigkeit; er verdampft schon bei
- gewöhnlicher Temperatur und +leuchtet+ im Dunkeln an feuchter
- Luft unter Entwicklung ozonartig riechender Dämpfe (Ozonbildung,
- Oxydation zu phosphoriger Säure und Phosphorsäure). An der Luft, beim
- Erhitzen und beim Reiben entzündet sich der Phosphor und verbrennt zu
- Phosphorsäureanhydrid. In Wasser ist er so gut wie unlöslich; das mit
- Phosphor geschüttelte Wasser nimmt aber Spuren von Phosphor auf und
- kann daher giftig wirken. Leichter löst er sich in Alkohol, Aether
- und fetten Oelen, besonders leicht in Schwefelkohlenstoff, Benzol,
- Terpentinöl und ätherischen Oelen. Sauerstoffreiche Verbindungen,
- namentlich ozonhaltiges, altes Terpentinöl, Wasserstoffsuperoxyd,
- übermangansaures Kali, Kobaltnitrat, Salpetersäure usw. oxydieren den
- Phosphor rasch zu Phosphorsäure (PO_{4}H_{3}). Mit Schwefel, Chlor,
- Brom und Jod verbindet er sich direkt, ebenso gibt er mit Lösungen
- von Kupfer-, Silber-, Gold- und Quecksilbersalzen Niederschläge von
- Phosphormetallen (Phosphorkupfer etc.). Bei längerer Aufbewahrung
- überzieht sich der Phosphor unter der Einwirkung des Lichtes und
- der Luft mit einer Schichte amorphen Phosphors. 2. +Amorpher,
- roter, ungiftiger Phosphor+, im Jahre 1845 entdeckt und seit 1852
- zur Fabrikation der schwedischen Streichhölzer (Reibfläche der
- Schachteln) verwendet, aus dem vorigen dargestellt durch Erhitzen
- auf 250-260°, ein amorphes, dunkelrotes, geschmack- und geruchloses
- Pulver oder rotbraune, metallisch glänzende Stücke mit muschligem
- Bruche, unlöslich in den Lösungsmitteln des gewöhnlichen Phosphors,
- nicht leuchtend und sich erst bei 260° entzündend. Der rote Phosphor
- ist per os aufgenommen ungiftig, weil er auch in Fett unlöslich ist
- und daher von der Magen- und Darmschleimhaut nicht resorbiert wird;
- bei intravenöser Injektion erzeugt er jedoch wie der gewöhnliche
- Phosphor Leber-und Nierenverfettung. 3. +Metallischer+ oder
- +rhomboedrischer Phosphor+, schwarze, glänzende Kristalle durch
- Erhitzen des Phosphors bis zur Rotglut dargestellt.
-
- Der +Phosphorwasserstoff+, PH_{3}, ist ebenso giftig wie der
- gewöhnliche Phosphor. PH_{3} soll auch die Ursache der Phosphoreszenz
- des Fleisches sein und von den Leuchtbakterien erzeugt werden, was
- mit Rücksicht auf die Unschädlichkeit des leuchtenden Fleisches
- unwahrscheinlich ist. Mit dem Leuchten des Holzes, gewisser Schwämme
- und des Meeres hat PH_{3} jedenfalls nichts zu tun. PH_{3} riecht
- knoblauchartig.
-
-=Aetiologie der Phosphorvergiftung.= +Toxikologische+ Bedeutung hat
-nur der gewöhnliche, giftige Phosphor. Derselbe wird allgemein zur
-Herstellung von +Ratten-+ und +Mäusegift+ (Phosphorteig, Phosphorbrei,
-Phosphorpaste, Phosphorpillen) in Wohnungen, Stallungen und auf
-dem Felde benützt und gibt so Veranlassung zur zufälligen oder
-böswilligen Einverleibung. Ausserdem haben namentlich früher die
-+Phosphorzündhölzer+ zuweilen Vergiftungen bedingt. Dieselben wurden in
-der Weise angefertigt, dass die mit Schwefel überzogenen Hölzchen in
-eine Phosphoremulsion getaucht wurden, welche mittels Gummi oder Leim
-unter Beimengung von Russ, Mennige etc. hergestellt war. +Auf jedes
-dieser Phosphorstreichhölzer kamen pro Kopf etwa 5 Milligramm Phosphor,
-so dass also z. B. 20 derselben 0,1 Phosphor, d. h. die für einen
-Hund tödliche Dosis enthielten.+ (Die therapeutische Maximaldosis des
-Phosphors für den Menschen beträgt 1 Milligramm). Ungiftig sind dagegen
-die sog. schwedischen Streichhölzer, welche keinen Phosphor, sondern
-ein Gemenge von chlorsaurem Kali und Schwefelantimon oder Mennige
-enthalten, während die Reibfläche der Schachteln einen Ueberzug von
-amorphem Phosphor besitzt. Endlich können Phosphorvergiftungen durch
-+zu hohe Dosierung des Phosphors+ bedingt werden. Die beim Menschen
-nach der Einatmung von +Posphordämpfen+ in Fabriken beobachteten
-chronischen Vergiftungen sind bei den Haustieren bisher noch nicht
-beobachtet worden. Dagegen wurden Fälle von akuter Vergiftung durch
-Einatmen von Phosphordämpfen auch bei den Haustieren konstatiert. Die
-tödlichen und therapeutischen Dosen des Phosphors für die einzelnen
-Haustiere betragen:
-
- +Tödliche+ Dosis +Therapeutische+ Dosis
- +Pferd+ und +Rind+ 0,5-2,0 0,01-0,05
- +Schaf+ und +Schwein+ 0,1-0,2 0,002-0,005
- +Hunde+ 0,05-0,1 0,0005-0,002
- +Katzen+ und +Geflügel+ 0,01-0,03 0,0005-0,001
-
-=Krankheitsbild.= Die Phosphorvergiftung (Phosphorismus) kommt bei
-allen Haustieren, am häufigsten aber beim Geflügel, bei Schweinen
-und Hunden vor. Das Krankheitsbild ist je nach der Form, in welcher
-der Phosphor aufgenommen wird (kleinere Stücke, Zündholzkuppen,
-Phosphorbrei, Phosphoröl), ferner je nach dem Inhalt und
-Füllungszustand des Magens, nach der Applikationsmethode (innerlich,
-subkutan), sowie je nach der Tiergattung verschieden. Namentlich
-bei Pferden verläuft die Phosphorvergiftung zuweilen ohne besondere
-charakteristische Krankheitserscheinungen; auch beim Geflügel (Hühnern,
-Enten) werden häufig nur ganz allgemeine Symptome wahrgenommen.
-Das typische Krankheitsbild der Phosphorvergiftung, wie es sich
-insbesondere bei Hunden und Schweinen entwickelt, setzt sich aus
-lokalen und allgemeinen Erscheinungen zusammen.
-
-1. Die +Lokalerscheinungen+ werden durch eine reizende und ätzende
-Einwirkung des Phosphors auf die Schleimhäute des Digestions- und
-Respirationsapparates bedingt. Sie bestehen in Appetitlosigkeit,
-+Erbrechen+ (Phosphorgeruch und Leuchten des Erbrochenen im Dunkeln),
-Blutbrechen, Unruheerscheinungen, +Kolikanfällen+, Stöhnen, Winseln,
-Durchfall; bei Anätzung der Maul- und Schlundschleimhaut findet
-man ausserdem Speicheln, Anschwellung der Zunge, sowie Lähmung des
-Schlingvermögens. Nach dem Einatmen von Phosphordämpfen beobachtet man
-sehr starken Husten, leuchtenden Atem, Erstickungsanfälle, hochgradige
-Atemnot, die Erscheinungen des Lungenödems, sowie beim Rind zuweilen
-Hautemphyseme am Hals und Thorax infolge des durch den Husten
-entstandenen interstitiellen Lungenemphysems.
-
-2. Die +Allgemeinerscheinungen+ beginnen mit dem Uebergang des
-Phosphors ins Blut. Die Resorption des in Wasser unlöslichen Phosphors
-wird durch den Fettgehalt des Darminhaltes bedingt. Ausserdem
-durchdringt der rasch verdampfende Phosphor die Magenwand und die
-benachbarten Organe und bewirkt so eine direkte Degeneration der
-Gewebszellen (Magendrüsen, Leber). Der Phosphor wirkt als heftiges
-+Zellen-+ und +Stoffwechselgift+ unter Zersetzung der Zellen bezw.
-des Körpereiweisses zu +Fett+, Leuzin, Tyrosin, Milchsäure usw.
-Dabei erweist er sich vorwiegend als +Drüsen-+ und +Muskelgift+,
-indem er eine Nekrobiose sowie fettige Degeneration namentlich
-der +Leber-+, +Magendrüsen-+ und +Nierenzellen+, der Muskelfasern
-des +Herzens+, der +Skelettmuskeln+, sowie des Endothels und der
-Muskelfasern der +Gefässe+ hervorruft. Eigentümlicherweise bleibt
-der Phosphor im Blute sehr lange unoxydiert; seine Oxydation zu
-Phosphorsäure geschieht vorwiegend in den Geweben (Protoplasmagift).
-Die Verfettung der Skelettmuskeln äussert sich in allgemeiner,
-+lähmungsartiger Körperschwäche+ und Hinfälligkeit, die des Herzmuskels
-in +Herzschwäche+, stark vermindertem Blutdrucke, schwachem,
-unfühlbarem Puls und Herzschlag, Sinken der Körpertemperatur und
-Herzlähmung. Die Verfettung der Leberzellen wird teils auf eine
-Fettbildung in den Zellen selbst, teils auf einen Fettransport
-nach der Leber, somit gleichzeitig auf Fettdegeneration und
-Fettinfiltration zurückgeführt. Sie kann infolge Vergrösserung der
-Zellen zu Vergrösserung der Leberdämpfung, sowie zu Gallenstauung und
-+Ikterus+, einem sehr charakteristischen, aber nicht regelmässigen
-Symptom der Phosphorvergiftung führen. Die kranke Leber hat ausserdem
-die Fähigkeit der Glykogensynthese verloren, was sich durch Auftreten
-von Zucker im Harn äussert (+Glykosurie+). Die Nierenverfettung
-äussert sich klinisch durch +Albuminurie+ und +Lipurie+. Die fettige
-Degeneration der Gefässmuskulatur und des Gefässendothels bedingt
-eine Brüchigkeit aller Gefässe und infolgedessen +Hämorrhagien+ auf
-den Schleimhäuten (Nasenbluten, blutiger Ausfluss aus der Scheide,
-Hämaturie, Hämatemesis) und in die Haut. Als besondere Erscheinungen
-beobachtet man endlich bisweilen bei Schweinen Aufregung und sonstige
-zerebrale Erregungserscheinungen, beim Geflügel eigentümliche hüpfende
-Körperbewegungen, und endlich bei Milchkühen, offenbar als eine Folge
-des nekrotisierenden, verfettenden Einflusses des Phosphors auf die
-Drüsenzellen, nach überstandener Vergiftung ein absolutes, bleibendes
-Versiegen der Milch (+Schindelka+).
-
-Der +Verlauf+ der Phosphorvergiftung ist bei den Haustieren immer
-+akut+. Die ersten Allgemeinerscheinungen treten, insbesondere bei
-den Pflanzenfressern, wegen der +langsamen Resorption+ des Giftes
-meist nicht vor Ablauf mehrerer Stunden, zuweilen erst nach mehreren
-Tagen ein. Die kürzeste Krankheitsdauer beträgt 10-15 Stunden; meist
-sterben die Tiere am +zweiten+ und +dritten+, häufig aber auch erst
-am dritten bis fünften Tage nach der Aufnahme des Phosphors. Zuweilen
-tritt der Tod ganz plötzlich infolge von Herzlähmung ein, nachdem sogar
-im übrigen Befinden eine wesentliche Besserung vorausgegangen war.
-Ausnahmsweise wird ein perakuter Verlauf (3-5 Stunden) beobachtet.
-
- =Chronische Phosphorvergiftung.= Dieselbe tritt in verschiedenen
- Formen auf. 1. Als sog. +Phosphornekrose+ des Unterkiefers
- und Oberkiefers wurde sie früher häufig beim Menschen in
- Phosphorzündholzfabriken beobachtet. Namentlich bei Arbeitern mit
- schlechten Zähnen entstand eine nekrotisierende Kieferperiostitis,
- indem sich der Phosphor mit den bei jeder Eiterung entstehenden
- eiweissartigen Stoffen zu stark reizenden Phosphorptomainen
- verband. Experimentell wurden diese Erscheinungen auch bei
- Kaninchen nach längerer Einatmung von Phosphordämpfen, sowie nach
- subkutaner Injektion von Phosphoröl erzeugt (+Gelenkvereiterung+,
- Korneaabszesse). 2. Die +Phosphorzirrhose+ der +Leber+ und +Niere+,
- d. h. eine chronische interstitielle Hepatitis und Nephritis
- mit Bildung einer Schrumpfleber und Schrumpfniere lässt sich
- experimentell bei Tieren durch lange fortgesetzte Fütterung kleiner
- Phosphorgaben hervorrufen. In der zirrhotischen Phosphorleber hat man
- Neubildung von Gallengängen beobachtet.
-
-=Sektionsbefund.= Bei sehr raschem Verlauf können charakteristische
-Veränderungen in den inneren Organen fast vollständig fehlen.
-Der anatomische Befund ist ferner je nach der stärkeren oder
-schwächeren Lokalwirkung (Aetzwirkung) des Phosphors verschieden,
-indem gastroenteritische Veränderungen in einzelnen Fällen, z. B.
-nach Aufnahme von Phosphoröl, nicht auftreten. Auch die ikterische
-Verfärbung der Schleimhäute kann fehlen. In der Mehrzahl der
-Vergiftungsfälle lässt sich jedoch ein sehr prägnanter anatomischer
-Befund konstatieren. Meist findet man die +Schleimhaut+ des +Magens+
-und +Dünndarms+ (zuweilen auch die der Maulhöhle, des Schlundkopfes
-und Schlundes) höher gerötet, geschwollen, von Blutungen durchsetzt,
-erodiert, geschwürig verändert und zuweilen sogar umschrieben
-verschorft. Die +Magendrüsen+ sind fettig-körnig degeneriert
-(Gastritis glandularis). Die +Leber+ ist stark geschwollen und
-vergrössert, brüchig, ikterisch, die Leberzellen sind verfettet;
-gleichzeitig entsteht das Bild der Fettleber durch Einwanderung von
-Fett aus anderen Fettdepots in die Leberzellen, so dass die Leberzellen
-infolge der zahlreichen Fettröpfchen oft gar nicht mehr zu erkennen
-sind. Die +Nieren+ sind vergrössert, das Nierenepithel verfettet. Der
-+Herzmuskel+ und die +Skelettmuskeln+ sind ebenfalls verfettet und
-von Hämorrhagien durchsetzt, die Schleimhäute und das Bindegewebe
-ikterisch. Die Fettdegeneration der Leberzellen lässt sich schon 6-8
-Stunden, die der Nierenzellen 12 Stunden nach der Einverleibung des
-Phosphors nachweisen. Viele Organe weisen +Hämorrhagien+ auf, so
-namentlich die Pleura, das Perikard, das Mittelfell und Gekröse, die
-Lunge, das subkutane und intermuskuläre Bindegewebe. Der Magen- und
-Darminhalt zeigt im Dunkeln +Phosphoreszenz+ und fällt durch seinen
-knoblauchartigen +Geruch+ auf (PH_{3}). Zuweilen beobachtet man
-auch Leuchten der Leber. Nach der Einatmung von Dämpfen findet man
-Laryngitis, Bronchitis, Lungenhyperämie und Lungenödem.
-
-=Behandlung.= Bei Schweinen, Hunden und Katzen gibt man möglichst
-rasch eine Auflösung von +Kupfervitriol+ als Brechmittel (Schweinen
-0,5-1,0, Hunden 0,1-0,5, Katzen 0,05-0,2). Ein zweites, ebenfalls sehr
-wirksames Gegengift besteht in +altem, ozonhaltigem Terpentinöl+,
-welches als Emulsion mit schleimigen Mitteln in grossen Dosen
-verabreicht wird (Rindern eine einmalige Dosis von 100-250,0, Pferden
-50-100,0, Schafen und Schweinen 25-50,0, Hunden 5-10,0, Katzen
-und Hühnern 5 bis 10 Tropfen); man nimmt an, dass eine ungiftige
-Verbindung, die terpentinphosphorige Säure entsteht. Neuere Gegenmittel
-sind das +übermangansaure Kali+ (KMnO_{4}) in ⅕-⅓proz. Lösung, das
-+Wasserstoffsuperoxyd+ (H_{2}O_{2}) in 1-3proz. wässeriger Lösung und
-das +Kobaltnitrat+ (Co(NO_{3})_{2}), sauerstoffreiche Verbindungen,
-welche den Phosphor zu ungiftiger Phosphorsäure oxydieren. Ausserdem
-gibt man gegen die Lähmungserscheinungen, besonders gegen die mit
-starkem Sinken des Blutdrucks verlaufende Herzschwäche +Exzitantien+
-(Aether, Kampfer, Wein, Kaffee, Tee, Koffein, Atropin, Hyoszin,
-Veratrin, Strychnin). +Zu vermeiden ist die Verabreichung von fetten
-Oelen und von Milch+, weil dieselben den Phosphor lösen und die
-Resorption desselben befördern.
-
-=Nachweis der Phosphorvergiftung.= Der chemische Nachweis des Phosphors
-hat entweder den Phosphor in Substanz, oder leuchtende Dämpfe,
-oder den Phosphorwasserstoff zu konstatieren. Die Trennung von dem
-Untersuchungsmaterial erfolgt durch +Destillation+; wegen der raschen
-Oxydation des Phosphors hat die Untersuchung möglichst frühzeitig
-stattzufinden. Die wichtigsten qualitativen Methoden des Nachweises
-sind die von +Mitscherlich+, +Scheerer+, +Dussard+ und +Blondlot+,
-sowie von +Fresenius+ und +Neubauer+.
-
-1. Nach +Mitscherlich+ wird das Untersuchungsmaterial nach
-vorausgegangener Zerkleinerung und Zusatz einiger Tropfen Schwefelsäure
-in einer geräumigen Kochflasche mit Wasser erhitzt, wobei der Phosphor
-mit den Wasserdämpfen überdestilliert und mittels eines Glasrohrs in
-einen Kühlapparat geleitet wird. Wenn die Flüssigkeit auf etwa 90-100°
-erhitzt ist, geht der Phosphor in Form von im Dunkeln +leuchtenden
-Dämpfen+ durch das eingeschaltete Glasrohr über. Mit 1 mg Phosphor
-in 200000facher Verdünnung lässt sich noch ein deutliches Leuchten
-erzielen.
-
-2. Nach +Scheerer+ lassen sich Phosphor und phosphorige Säure
-durch ihre Eigenschaft, +Silbersalze zu reduzieren+, nachweisen.
-Ihre Dämpfe +schwärzen+ nämlich Filtrierpapierstreifen, welche mit
-+salpetersaurem Silber+ getränkt sind (Reduktion zu metallischem
-Silber). Da jedoch Schwefelwasserstoff infolge der Bildung von
-Schwefelsilber eine ähnliche Reaktion gibt, muss gleichzeitig eine
-Probe auf etwa vorhandenen +Schwefelwasserstoff+ durch +Bleipapier+
-(mit Bleizuckerlösung getränktes Papier) vorgenommen werden. Statt
-Bleipapier kann auch ein mit Arsenik oder Brechweinstein getränkter
-Papierstreifen verwendet werden. Die Methode wird in der Weise
-ausgeführt, dass in die mit der phosphorhaltigen Substanz gefüllte
-Flasche zwei Papierstreifen, ein Silber- und ein Bleistreifen, gebracht
-und durch den Stöpsel festgehalten werden. +Alleinige Schwärzung
-des Silberstreifens beweist die Anwesenheit von Phosphor+; bei
-gleichzeitiger Schwärzung des Bleistreifens ist die Methode, und hierin
-liegt der Hauptnachteil derselben, nicht anwendbar.
-
-3. Nach +Dussard+ und +Blondlot+ wird der Phosphor als
-+Phosphorwasserstoff+ nachgewiesen, welcher mit +grüner+ Flamme brennt.
-Zu diesem Zweck versetzt man die zu untersuchende Flüssigkeit in einer
-Flasche mit doppelter Oeffnung mit +Schwefelsäure+ und reinem +Zink+,
-worauf sich Wasserstoff in statu nascente und Phosphorwasserstoff
-entwickelt, der, durch eine Glasröhre geleitet und beim Austreten aus
-derselben angezündet, mit grüner Flamme brennt. Vor dem Anzünden muss
-das Gas behufs Reinigung von Schwefelwasserstoff eine U-Röhre mit
-Bimssteinstücken gefüllt passieren, welche mit Kalilauge befeuchtet
-sind. Da die Glasspitze durch ihren Natrongehalt eine gelbe Flamme
-erzeugt, wodurch die grüne Flamme des Phosphorwasserstoffs verdeckt
-wird, muss am Ende des Glasrohres eine Platinspitze befestigt werden.
-
-4. Nach +Fresenius+ und +Neubauer+ wird die zu untersuchende
-Substanz in einer Kohlensäureatmosphäre der Destillation unterworfen
-(+Mitscherlich+). Hierbei kann schon durch das Leuchten im Dunkeln der
-Nachweis des Phosphors geliefert werden. Das Destillat wird dann mit
-einer Lösung von salpetersaurem Silber versetzt (+Scheerer+), auch wenn
-kein Leuchten zu sehen war. Der Niederschlag von Phosphorsilber wird
-gesammelt und in den Wasserstoffapparat gebracht (+Dussard-Blondlot+),
-hierauf der gebildete Phosphorwasserstoff angezündet und an seiner
-grünen Flamme erkannt. Diese Methode, welche die sämtlichen übrigen
-miteinander kombiniert, ist als die beste zu bezeichnen, weil sie
-selbst kleinste Mengen von Phosphor nachweist und auch in solchen
-Fällen Resultate gibt, in welchen die Methode von +Mitscherlich+
-versagt. Ausserdem eignet sich die Methode auch zur +quantitativen+
-Analyse; hierbei wird der in der Silberlösung befindliche Niederschlag
-von Phosphorsilber durch Königswasser oxydiert und die entstandene
-Phosphorsäure durch Zusatz von Magnesialösung als +pyrophosphorsaure
-Magnesia+ ausgefällt, gewogen und auf Phosphor (100 : 28) berechnet.
-
- =Kasuistik.= Ein Pferd, welches von einer als Rattengift
- aufgestellten Phosphorlatwerge 2 g Phosphor gefressen hatte, zeigte
- erst nach 3½ Tagen Krankheitserscheinungen, welche in Kolik,
- Speicheln, Verdrehen der Augen und Zuckungen bestanden; schliesslich
- stürzte es zusammen und starb nach 3 Stunden (+Haubner+, Sächs.
- Jahresber. 1860). -- Ein rotziges Pferd erhielt 6 Dosen von 0,5
- Phosphor in Leinöl innerhalb 3 Tagen; es starb, ohne sichtbare
- Krankheitserscheinungen gezeigt zu haben, plötzlich am 4. Tage
- (+Lowag+, Magazin 1860). -- 16 Ferkel erkrankten gleichzeitig an
- Phosphorvergiftung; dieselben wurden matt und elend, 10 davon lagen
- hilflos und steif im Stalle, waren unfähig aufzustehen, und zeigten
- in regelmässigen Intervallen Zuckungen am Unterkiefer. Die 6 anderen
- liefen wie berauscht im Stalle umher und schrien bei jeder Berührung.
- Sämtliche Tiere verendeten; eines am 2. Tage, sechs am 3. Tage, die
- anderen neun am 10. bis 12. Tage. Bei der Sektion fand man auf der
- Magenschleimhaut eine scharf begrenzte, zehnpfennigstückgrosse Stelle
- dunkelbraunrot gefärbt und mit einem trockenen, ziemlich festen
- Schorf bedeckt (+Hodurek+, Oesterr. Vereinsmonatsschrift 1885).
- -- Ein Pferd, welches infolge des Einatmens von Phosphordämpfen
- gestorben war, zeigte bei der Sektion die Erscheinungen des akuten
- Lungenödems, sowie fettig-körnige Entartung des Herzmuskels
- (+Csokor+, Oesterr. Vierteljahrsschrift 1885). -- Eine Schafherde
- erkrankte an Phosphorvergiftung nach dem Weiden auf einem Kleefelde,
- auf welchem zur Vertilgung der Mäuse Stücke von Mohrrüben mit
- Phosphorlatwerge bestrichen in die Mäuselöcher gelegt worden
- waren. 35 Schafe starben am 2-5. Tage darauf (+Schöngen+, Mitt.
- a. d. tierärztlichen Praxis in Preussen, Bd. 14). -- Hunde und
- Schweine starben nach Gaben von 0,03-0,09 Phosphor innerhalb 2-5
- Tagen; dieselben waren traurig, matt, ohne Appetit, einzelne
- zeigten Erbrechen, Unruhe und Winseln. Hühner und Enten starben
- nach der Aufnahme von 7½ mg Phosphor, ohne andere Erscheinungen
- als Traurigkeit zu zeigen (+Hertwig+, Arzneimittellehre 1872). --
- Phosphorvergiftung beim Rind wurde einmal bei einem zur Sektion
- eingelieferten Rinde festgestellt, das plötzlich beim Austrieb auf
- die Weide zusammengebrochen und verendet war, nachdem es vorher
- noch gesund und munter seine Mittagsmahlzeit im Stalle verzehrt
- hatte. Neben deutlicher, aber mässiger Magendarmentzündung fand sich
- beginnende Leberverfettung. Durch Anwendung der Mitscherlichschen
- Probe, der eine kleine Menge Panseninhalt unterworfen wurde,
- konnten eine Stunde lang andauernde, ganz intensiv leuchtende
- Phosphordämpfe hervorgerufen werden. Hiernach muss die Menge des
- Giftes sehr gross gewesen sein und dies erklärt den höchst akuten
- Verlauf. Der Besitzer hatte zu fraglicher Zeit Phosphorlatwerge
- zur Vergiftung von Mäusen aufgestellt und ist jedenfalls das Tier
- durch Zufall direkt über einen Topf mit Latwerge geraten (+Walther+,
- Sächs. Jahresber. pro 1895). -- Ein Pferd, welches phosphorhaltiges
- Rattengift (Brotscheiben) gefressen hatte, wurde morgens gelähmt
- am Boden liegend gefunden. In kurzen Zwischenräumen traten Krämpfe
- und krampfartige Bewegungen des gelähmten Unterkiefers ein. Die
- Zunge hing gelähmt aus dem Maul heraus. Die Pupillen waren ad
- maximum erweitert, die Kopfschleimhäute zyanotisch. Ausserdem wurden
- periodisch auftretende Brechbewegungen beobachtet. Nach dreistündiger
- Krankheitsdauer starb das Pferd (+Müller+, Sächs. Vet.-Ber. pro
- 1900). -- Hühner hatten von Phosphorpaste (Rattengift) gefressen
- und starben nach vorausgegangener Abmagerung und Hinfälligkeit
- schlagartig, indem sie tot von der Sitzstange fielen oder im Laufen
- begriffen plötzlich starben; die Sektion ergab fettige Degeneration
- des Herzens und der Leber, sowie tief ziegelrote Färbung der
- Eingeweide (+Graham-Gillam+, Journ. of comp., Bd. XV). -- Ein Hund
- hatte auf unerklärte Weise Phosphor zu sich genommen; dem Geruche
- nach zu urteilen, war die aufgenommene Menge ziemlich gross. Das
- Tier zeigte Mattigkeit und Erbrechen; die ausgebrochenen Massen
- waren stark schleimig und rochen deutlich nach Phosphor. Das Tier
- erhielt Cupr. sulfuric. 1,0, Aqu. destill. 50,0 viertelstündlich 1
- Esslöffel. Das Erbrechen hielt noch ca. 1½ Stunden an, es liessen
- jedoch die Vergiftungserscheinungen nach ca. ½ Tag allmählich nach,
- und nach Verlauf von 2 Tagen war das Tier wieder wohl und munter
- (+Otto+, Sächs. Jahresber. 1902). -- Hühner, welche Phosphorlatwerge
- gefressen hatten, zeigten ein Krankheitsbild, das den Verdacht der
- Hühnercholera erweckte, andere Hühner zeigten Taumeln, Durchfall
- und Koma (+Hocke+, +Träger+, Jahresb. d. preuss. Tierärzte
- 1904). -- Nach der Aufnahme von verschlepptem Rattengift starb
- ein Schwein an blutiger Magendarmentzündung, desgleichen zeigten
- 48 Hühner Durchfall und Leberschwellung (+Dosse+, +Schaumkell+,
- ibid.). -- 3 Pferde starben, wahrscheinlich infolge Aufnahme von
- Rattengift, nach vorausgegangenen Kolikerscheinungen. Die Sektion
- ergab korrosive Schlundentzündung, fleckige Rötung der Magen- und
- Darmschleimhaut, sowie Schwellung und braungelbe Farbe der Leber
- (+Keller+, ibid. 1907). -- Einem 10 kg schweren Versuchshunde gab
- ich vormittags 11 Uhr 0,1 Phosphor in 50,0 Lebertran ein. 2 Stunden
- nach der Verabreichung zeigte sich derselbe traurig und erbrach von
- Zeit zu Zeit schleimige Massen. Das Abendfutter wurde mit Appetit
- aufgenommen. Der Puls war um diese Zeit etwas beschleunigt und
- deutlich schwächer geworden. Am andern Morgen war die Futteraufnahme
- ebenfalls noch eine gute. Das Tier zeigte jedoch allgemeine
- Mattigkeit und Traurigkeit, die Atmung war sehr angestrengt, der Puls
- äusserst schwach, die Schleimhäute anämisch, schmutzig grau gefärbt.
- Gegen Mittag wurde der Gang schwankend und taumelnd, die Psyche
- stark eingenommen, der Puls sank von 72 auf 56 Schläge p. M., die
- Temperatur von 38,0 auf 37,5° C. Die Atmungsbeschwerden steigerten
- sich gegen Mittag, das Tier konnte sich nicht mehr vom Boden erheben,
- der Puls wurde unfühlbar, es trat heftiges Erbrechen, Stöhnen,
- Umsehen nach dem Leibe ein. 28 Stunden nach der Verabreichung des
- Phosphors starb das Tier unter komatösen Erscheinungen, nachdem eine
- halbe Stunde vor dem Tode krampfartige Zuckungen der Halsmuskulatur
- vorausgegangen waren. Die +Sektion+ ergab: hämorrhagische
- Gastroenteritis und Nephritis, parenchymatöse Hepatitis und
- Lungenödem, ausserdem partiellen Leberikterus. Mikroskopisch
- zeigte sich Fettdegeneration der Leber- und Nierenzellen, sowie
- ausgesprochene körnige Trübung der Muskelfasern des Herzens neben
- beginnender Trübung der Skelettmuskulatur.
-
-
-Arsenikvergiftung.
-
- =Chemie der Arsenverbindungen.= Das Metall Arsen kommt in der Natur
- in grosser Verbreitung teils in reinem Zustand, teils an Sauerstoff,
- Schwefel und an Metalle gebunden vor. Das reine Arsenmetall (As)
- findet sich gediegen kristallisiert oder in nierenförmigen traubigen
- Massen als +Scherbenkobalt+ oder +Fliegenstein+. Die wichtigsten
- Schwefelverbindungen sind das +Realgar+ (As_{2}S_{2}) und das
- +Auripigment+, Operment oder +Rauschgold+ (As_{2}S_{3}). Mit
- Sauerstoff zusammen kommt Arsen in der Natur vor als +Arsenblüte+
- (As_{2}O_{3}). Metallverbindungen (Arsenerze) sind der +Arsenkies+
- oder +Misspickel+ (AsFeS und AsFe_{2}S_{2}), der +Speisskobalt+
- (As_{2}Co), +Glanzkobalt+ (AsCoS), +Kupfernickel+ (AsNi),
- +Kupfernickelglanz+ (AsNi_{2}S_{2}), das +Weissnickelerz+ (As_{2}Ni).
- Ausserdem kommen kleinere Mengen von Arsenmetall in den meisten
- Mineralerzen vor, so in den Eisenerzen, Silbererzen, Kupferkiesen, im
- Bleiglanz, in der Zinkblende, in den Antimonerzen etc.
-
- Der =Arsenik= (weisser Arsenik, arsenige Säure, As_{2}O_{3}) findet
- sich in der Natur in kleinen Mengen als Ueberzug auf arsenhaltigen
- Erzen; sog. +Arsenblüte+. Gewöhnlich wird er aber hüttenmännisch
- durch Oxydation der Arsenerze dargestellt. Er kann z. B. durch
- Rösten (Oxydation) des Arsenkieses gewonnen werden. Meist wird er
- jedoch als +Nebenprodukt+ beim Rösten anderer arsenhaltiger Erze,
- so namentlich von Silbererzen, Kupfererzen, Bleierzen, Zinnerzen,
- Kobalterzen erhalten. Beim Erhitzen dieser Erze an der Luft (Rösten)
- wird das Metall Arsen zu arseniger Säure (As_{2}O_{3}) oxydiert,
- wobei letztere als weisser Rauch (+Hüttenrauch+) in Verbindung
- mit anderen flüchtigen Stoffen sich verflüchtigt. Wird dieser
- Hüttenrauch in sog. Giftkammern aufgefangen, so schlägt sich dort
- der Arsenik als feuchtes Pulver, sog. Giftmehl nieder, welches durch
- Sublimieren gereinigt und in eine glasartige Masse umgeschmolzen
- wird. Der Arsenik ist teils amorph, teils kristallinisch, beide
- +Modifikationen+ gehen leicht ineinander über; während der frisch
- sublimierte Arsenik eine farblose oder schwach gelbliche, amorphe
- Glasmasse darstellt, trübt sich der ältere mit der Zeit und
- bildet eine trübe porzellanartige, kristallinische Masse. Beide
- Modifikationen besitzen eine +verschiedene Löslichkeit+ in Wasser;
- der kristallinische Arsenik löst sich 1 : 80, der amorphe dagegen
- schon 1 : 25 in kaltem Wasser. Da nun die Präparate des Handels
- inkonstante Gemenge von kristallinischem und amorphem Arsenik
- darstellen, lässt sich eine genaue Löslichkeitsziffer für dieselben
- nicht angeben. In der Technik benützt man namentlich die Arsensäure
- und das arsenigsaure Kupfer. Offiziell ist eine 1proz. Arseniklösung
- in Pottasche = Liquor Kalii arsenicosi.
-
- Für die Toxikologie sind die nachstehenden +Eigenschaften+ des
- Arseniks von Bedeutung. Beim Erhitzen auf Kohle verbrennt der Arsenik
- unter Reduktion zu Arsen mit Knoblauchgeruch. Erhitzt man Arsenik in
- einem Glasrohr neben Kohle, so schlägt sich das metallische Arsen
- in Form eines sog. Arsenspiegels als grauschwarzer Belag innen am
- Glase nieder. Das Arsen wird ferner als grauschwarzes Pulver aus
- sauren Lösungen durch Zinn ausgefällt. Schwefelwasserstoff fällt
- aus salzsauren Lösungen gelbes Schwefelarsen. Mit Alkalien bildet
- der Arsenik in Wasser lösliche Arsenite (arsenigsaure Salze), z. B.
- mit Pottasche arsenigsaures Kalium (AsO_{3}K_{3}); dagegen bildet
- er mit Metallsalzen, namentlich mit Eisenoxydulsalzen, in Wasser
- unlösliche und daher ungiftige Arsenite (arsenigsaures Eisen; vergl.
- das Antidotum Arsenici).
-
- Der =Arsenwasserstoff=, AsH_{3}, unterscheidet sich in seiner
- Giftwirkung ganz wesentlich vom Arsenik (vergl. S. 70).
-
-=Aetiologie der Arsenikvergiftung.= Die Ursachen der bei den Haustieren
-ziemlich häufigen Arsenikvergiftungen sind mannigfaltiger Natur. Wie
-beim Phosphor gibt ausgelegtes +Rattengift+ in Form von arsenikhaltigen
-Brotkugeln oder Arsenikpasten Veranlassung zu Vergiftungen, namentlich
-in Viehstallungen. Sodann kommen Vergiftungen teils aus +Zufall+
-und +Versehen+, teils aus +böswilliger Absicht+ zustande. 15 Pferde
-erhielten z. B. aus Versehen je 80 Gramm Arsenik; Hühner starben,
-als sie nach dem Ausklopfen von Renntierfellen den eingestreuten
-Arsenik aufnahmen; Schweine krepierten, als sie arsenikhaltige
-Badeflüssigkeit tranken. Am häufigsten geben +Arsenikbäder+ bei Schafen
-Veranlassung zu Vergiftungen, wenn dieselben zu frühzeitig nach der
-Schur angewendet werden. Auch +Arsenikwaschungen+ bei +Pferden+ haben
-oft Vergiftungen zur Folge, wenn pro Pferd mehr als 500 Gramm einer
-1proz. Lösung (= 5 Gramm Arsenik) verwendet werden. Namentlich in
-der Provinz Schleswig-Holstein und in den Marschländern der Provinz
-Hannover sind von alten Zeiten her 2malige Arsenikwaschungen pro Jahr
-bei den grösseren Haustieren gegen Läuse und sonstiges Ungeziefer im
-Gebrauch. Meist wird folgende Mischung genommen: 5 Liter Wasser mit 15
-Gramm Arsenik werden reichlich mit Pottasche versetzt; diese Menge der
-⅓prozentigen Arseniklösung ist für ein Pferd oder Rind berechnet. Trotz
-der starken Verdünnung sind Vergiftungen sehr häufig. Gefährlich sind
-die Waschungen insbesondere dann, wenn zufällig Hautwunden vorliegen,
-wenn die Lösungen warm oder bei stark erhitzten Tieren oder in sehr
-warmen Ställen zur Anwendung gelangen. Auch durch die +vorausgehende
-Anwendung von konzentrierten Karbollösungen+, wodurch die Haut
-angeätzt und ihr Resorptionsvermögen erhöht wird, sind mehrmals
-Arsenikvergiftungen beim Behandeln räudiger Pferde beobachtet worden.
-
-Eine sehr grosse Bedeutung, insbesondere für die chronische
-Arsenikvergiftung, besass namentlich früher der +Hüttenrauch+.
-Bekannt ist in dieser Hinsicht die als chronische Arsenikvergiftung
-aufzufassende sog. Hüttenkrankheit unter dem Viehbestand im Bereiche
-der Freiberger Hütten in Sachsen. Der Hüttenrauch daselbst enthielt
-neben schwefliger Säure und geringen Mengen von Bleioxyd und Zinkoxyd
-grössere Mengen von Arsenik, welcher als Flugstaub die gesamte Flora
-der Umgebung überzog und mit dem Futter aufgenommen wurde, was unter
-dem dortigen Viehbestand eine gewissermassen enzootische, die Viehzucht
-jener Gegend schwer schädigende chronische Arsenikvergiftung zur
-Folge hatte. Weitere Vergiftungen ereignen sich durch +arsenikhaltige
-Farben+. Unter denselben sind zu nennen das +Scheelesche Grün+
-(arsenigsaures Kupfer, Mineralgrün, Smaragdgrün) von der Formel Cu_{3}
-(AsO_{3})_{2}, und das +Schweinfurter Grün+ (Wiener Grün, Mitisgrün),
-eine Verbindung von arsenigsaurem und essigsaurem Kupfer. Auch
-+arsenhaltige Anilinfarben+ können Vergiftungen veranlassen. Diese
-Farbenvergiftungen ereigneten sich früher, als die +grünen Tapeten+
-die oben genannten Farbstoffe enthielten, häufiger als in der neueren
-Zeit; sie kamen z. B. bei Kühen vor, wenn die alten abgerissenen
-Tapeten auf den Dünger geworfen oder als Streumaterial verwendet und
-von den Tieren gefressen wurden. Neuerdings sind durch die Anwendung
-von Schweinfurter Grün gegen den Coloradokäfer in Amerika zahlreiche
-Vergiftungen bei Haustieren vorgekommen. Seltener sind die Vergiftungen
-durch die übrigen Arsenverbindungen, wie +Kobalt+ (als sog. schwarzer
-Schwefel von Pferdehändlern und Stallknechten zur Aufbesserung der
-Ernährung verabreicht) und +Operment+. Ebenfalls nicht sehr zahlreich
-sind die Fälle, in welchen säugende Tiere durch die arsenikhaltige
-Milch der +Muttertiere+ vergiftet wurden. Ein 14 Tage altes Fohlen
-erkrankte z. B. 12 Stunden nach der Aufnahme von Arsenik durch die
-Mutterstute und starb 1½ Stunden darauf, während das Muttertier die
-ersten Krankheitserscheinungen erst einige Stunden nach dem Tode
-des Fohlens zeigte (+Huxel+, Berl. Archiv 1886). In gleicher Weise
-sah +Hertwig+ nach der Verabreichung von Milch einer Ziege, welche
-innerhalb zwei Tagen 3 Gramm Arsenik erhalten hatte, bei zwei Hunden
-starkes Erbrechen. Endlich sind manche +Arzneimittel+ arsenikhaltig
-(Brechweinstein, Spiessglanz, Goldschwefel).
-
-Eine weitere Ursache der Arsenikvergiftungen ist endlich in
-+fehlerhafter Dosierung+ seitens des behandelnden Tierarztes zu suchen.
-Eine solche kann entweder bei der innerlichen Anwendung des Arseniks
-als Wurmmittel und Plastikum, oder bei der chirurgischen Applikation
-desselben als Aetzmittel vorkommen. Auffallenderweise differieren
-die Angaben der einzelnen Beobachter über die Höhe der tödlichen
-Arsenikdosis sehr bedeutend. So wird von +Gohier+ berichtet, dass
-Pferde selbst nach einer Gabe von 30 Gramm Arsenik gesund blieben,
-während andere (+Walch+) schon nach 3 Gramm Arsenik Pferde sterben
-sahen. In ähnlicher Weise sollen Rinder und Schafe das eine Mal Gaben
-von 30 Gramm Arsenik und darüber gut ertragen haben, während sie ein
-anderes Mal nach 5 Gramm starben. Die Erklärung dieser abweichenden
-Angaben ist in verschiedenen Umständen zu suchen. Zunächst wirkt der
-Arsenik von der Haut, das heisst von Wunden aus, etwa 10mal stärker
-als vom Magen aus. Es sind ferner alle Arseniklösungen, namentlich
-die Lösungen in Säuren und Alkalien (Arsenikessig, Liquor Kalii
-arsenicosi), wegen der leichten Resorptionsfähigkeit giftiger als
-der Arsenik in Substanz. Ebenso ist gepulverter Arsenik leichter
-resorbierbar und daher wirksamer als Arsenik in Stücken; während
-letztere mehr eine lokale, ätzende Wirkung besitzen, bedingen der
-gepulverte und gelöste Arsenik sehr rasch eine Allgemeinvergiftung.
-Weiter kommt in Betracht, dass die im Handel befindlichen
-Arsenikpräparate eine sehr verschiedene Löslichkeit besitzen und
-ausserdem nicht selten mit ungiftigen Stoffen (Gips) verunreinigt
-sind. Schliesslich ist, wie bei allen Giften, der Füllungszustand des
-Magens und Darmes in Betracht zu ziehen; damit hängt auch die Tatsache
-zusammen, dass die Wiederkäuer im allgemeinen wegen der Verteilung
-des Arseniks in den grossen Futtermassen des Pansens gegen denselben
-widerstandsfähiger sind, als Fleischfresser und Pferde. Im Durchschnitt
-beträgt die +tödliche Arsenikdosis+
-
- bei +innerlicher+ Verabreichung von +Wunden+ aus
-
- für Rinder 15-30,0 2,0
- „ Pferde 10-15,0 2,0
- „ Schafe und Ziegen 10-15,0 0,2
- „ Schweine 0,5- 1,0 0,2
- „ Hunde 0,1- 0,2 0,02
- „ Hühner 0,1- 0,15 0,01
- „ Tauben 0,05- 0,1 0,005
-
-=Krankheitsbild der Arsenikvergiftung.= Die einzelnen Fälle von
-Arsenikvergiftung zeigen nach Symptomen und Verlauf grosse
-Verschiedenheiten. Während bei Aufnahme des Arseniks per os zuerst
-gastrische und dann allgemeine Erscheinungen auftreten, fehlen erstere
-zuweilen, aber nicht immer, bei epidermatischer Anwendung des Giftes.
-Es ist ferner ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Krankheitsbild
-der akuten und dem der chronischen Arsenikvergiftung. Im übrigen haben
-die Symptome der Arsenikvergiftung grosse Aehnlichkeit mit denjenigen
-der Phosphorvergiftung; auch der Arsenik wirkt örtlich reizend und
-ätzend und ruft nach seiner Resorption Nekrobiose und Verfettung der
-wichtigsten Körperdrüsen, des Herzmuskels und der Skelettmuskeln hervor.
-
-1. +Symptome der akuten Arsenikvergiftung.+ Die ersten
-Krankheitserscheinungen nach der Aufnahme des Arseniks bestehen in
-+Erbrechen+, Speicheln, Würgen, +Kolik+, Verstopfung; später kommt ein
-hochgradiger, übelriechender, häufig blutiger +Durchfall+, zuweilen
-auch Blutharnen hinzu. Dabei sind die Tiere oft aufgeregt und in
-Angst, die Schleimhäute sind hochrot und zuweilen gelbbraun gefärbt.
-Bei subakutem Verlauf beobachtet man ferner bei manchen Rindern
-und Schafen eine phlegmonöse, schmerzhafte Anschwellung hinter dem
-Schaufelknorpel des Brustbeins mit Abszedierung und Bildung einer
-+Labmagenfistel+ oder +Vorfall+ des +Labmagens+ (seltener der Haube),
-wenn nämlich ein Stückchen Arsenik die Labmagenwandung durchgeätzt und
-eine Perforation herbeigeführt hat. Die Allgemeinerscheinungen äussern
-sich in einer +lähmungsartigen Schwäche+ der gesamten Körpermuskulatur,
-in Schwanken, Taumeln, psychischer Depression, Pupillenerweiterung,
-sowie in +Herzschwäche+ (sehr frequenter, schwacher und selbst
-unfühlbarer Puls, Kälte der extremitalen Teile, abgeschwächter oder
-unfühlbarer Herzschlag). Meist ist auch die Atmung sehr beschleunigt
-und angestrengt. Der Tod erfolgt in den sehr seltenen perakuten Fällen
-schon innerhalb weniger Stunden (Asphyxia arsenicalis), bei langsamerem
-Verlauf in einigen Tagen unter den Erscheinungen eines +allgemeinen
-Komas+. -- Bei äusserlicher Anwendung des Arseniks findet man lokal
-die Erscheinungen der Entzündung und Verschorfung; innerlich treten
-bald nur die Erscheinungen der Lähmung, bald jedoch auch heftige
-gastroenteritische Symptome auf.
-
-2. +Symptome der chronischen Arsenikvergiftung.+ Dieselbe kommt als
-sog. „+Hüttenrauchkrankheit+“ im Bereich der Freiberger Hüttenwerke
-vor und verläuft unter dem Bild einer +chronischen Kachexie+. Die
-Rinder gehen in der Ernährung zurück, werden auffallend mager, zeigen
-das Bild der +Harthäutigkeit+ und des +chronischen Ekzems+ (starke
-Hautabschuppung), +chronischen Husten+ und +anhaltende Durchfälle+,
-leiden an Störungen im +Sexualsystem+ (Abortus, Sterilität,
-Nichtabgang der Nachgeburt, Uteruskrankheiten, Milchmangel) und gehen
-schliesslich infolge einer allmählich zunehmenden +lähmungsartigen
-Schwäche+ (Arseniklähmung, Tabes arsenicalis), zuweilen auch unter den
-Erscheinungen der +allgemeinen Wassersucht+, zugrunde. Die Dauer dieser
-Krankheitserscheinungen kann einige Jahre betragen.
-
- =Arseniklähmung (Paralysis arsenicalis).= Sie kommt vereinzelt bei
- akuter, meist jedoch bei +chronischer+ Arsenikvergiftung vor. Beim
- Menschen geht gewöhnlich eine Anästhesia dolorosa arsenicalis voraus.
- Die Arseniklähmung kann motorisch oder sensibel auftreten, und auch
- als Hemiplegie, Hemianästhesie, Amaurosis, Lähmung der Stimmbänder,
- Anaphrodisie etc. verlaufen. Meist führt sie zu Muskelatrophie und
- Kontrakturen. Zuweilen entwickelt sich die Arseniklähmung aus einer
- multiplen Neuritis. Auch bei Tieren lässt sich experimentell eine der
- Arsenikparalyse des Menschen ähnliche Lähmung erzeugen, welche mit
- gleichzeitiger Atrophie der Hinterbeine verläuft; bei der Sektion
- findet man die Muskeln und peripheren Nerven atrophisch, erstere
- unter dem Bilde der Koagulationsnekrose (+Alexander+). Auch in der
- grauen Substanz des Rückenmarks hat man degenerative Veränderungen
- nachgewiesen.
-
-=Sektionsbefund.= Die anatomischen Veränderungen bei der +akuten
-Arsenikvergiftung+ bestehen in Rötung, Schwellung, Ekchymosierung
-und +Anätzung+ der +Magenschleimhaut+. Bei Rindern beobachtet man
-zuweilen Verätzungen der Labmagenschleimhaut mit Geschwürsbildung
-und Perforation des Pansens, des Labmagens und der Bauchwand.
-Charakteristische Allgemeinveränderungen sind die +fettige
-Degeneration+ der +Magendrüsen+ (Gastritis glandularis), die
-+Verfettung+ der +Leber+, +Nieren+, des +Herzmuskels+ und anderer
-Organe. Mitunter beobachtet man bei Arsenikkadavern Mumifikation. Bei
-der +chronischen Arsenikvergiftung+ findet man ältere +Geschwüre+
-und +Narbenbildung+ im Labmagen und Dünndarm, Geschwüre auf der
-Trachealschleimhaut, starke Abmagerung, allgemeine Hydrämie und endlich
-als sekundäre Erscheinung +Lungentuberkulose+ (tuberkulöse käsige
-Pneumonie).
-
-=Behandlung.= Das älteste Gegengift des Arseniks ist das sog.
-+Antidotum Arsenici+. Es besteht aus einer Auflösung von
-+Eisenoxydhydrat+ in Wasser (Ferrum hydricum in aqua) und soll
-dadurch wirken, dass es mit dem Arsenik einen schwerlöslichen und
-daher ungiftigen Niederschlag von basisch arsenigsaurem Eisenoxyd
-bildet(?). Es wird frisch dargestellt aus einer wässerigen Lösung
-von Liquor Ferri sulfurici oxydati (100 : 250) mit einer Mischung
-von Magnesia usta in Wasser (15 : 250). Die Dosis beträgt für Hunde
-viertelstündlich einen Esslöffel, für Pferde und Rinder ¼-1 l. Auch
-gewöhnliches +Eisenpulver+, Eisenfeile, Hammerschlag, das Löschwasser
-der Schmiede und andere Eisenpräparate, wie z. B. +Ferrum oxydatum
-saccharatum+, sind als Gegenmittel zu gebrauchen. Ein wirksameres
-chemisches Antidot ist die +gebrannte+ und die +kohlensaure Magnesia+
-(Bildung unlöslicher arsenigsaurer Magnesia). Man gibt von Magnesia
-usta Hunden viertelstündlich ½-1 g, Pferden und Rindern 10-20 g,
-mit der 20fachen Menge Wasser zusammen (sog. Magnesiahydrat). Auch
-+Schwefel+, +Schwefelleber+ und +Schwefeleisen+ kann als Gegenmittel
-gegeben werden (Bildung von Schwefelarsen). Als einhüllende Mittel
-verabreicht man Eiweiss und Schleim. Gegen die Lähmungszustände werden
-Exzitantien (Aether, Alkohol, Wein, Atropin, kohlensaures Ammonium,
-Koffein) angewandt. Alkalien sind wegen der Beförderung der Resorption
-zu vermeiden (Bildung leicht löslicher arsenigsaurer Alkalien).
-
- =Arsenwasserstoff.= Der Arsenwasserstoff, AsH_{3}, besitzt eine
- vom Arsenik ganz wesentlich verschiedene Giftwirkung. Er ist eines
- der stärksten +Blutgifte+, welches die roten Blutkörperchen sehr
- rasch auflöst und Hämoglobinämie erzeugt. Schon wenige Milligramm
- töten den Menschen (Darstellung von Wasserstoff aus arsenhaltigem
- Zink); über 30 Vergiftungsfälle beim Menschen sind nach +Kobert+
- bekannt geworden. Bei der Sektion findet man Ikterus, Schwellung der
- Milz und Leber sowie Hämoglobin-Infarkte der Niere; der Harn ist
- dunkelrot (+Hämoglobinurie+), häufig besteht Strangurie und Anurie.
- Der Gallefarbstoffgehalt der Galle ist um das 10-20fache vermehrt
- (+Pleiochromie+); die Galle ist teerartig, zähflüssig. Besonders
- empfindlich gegen AsH_{3} zeigten sich bei den Versuchen Katzen. Das
- einzige Gegenmittel bildet die Kochsalzinfusion. Aehnlich wie AsH_{3}
- scheint SbH_{3}, der Antimonwasserstoff, zu wirken; dagegen zeigt der
- Phosphorwasserstoff, PH_{3}, eine reine Phosphorwirkung (vgl. S. 56).
-
-=Nachweis.= Werden bei der Sektion kleinere Stücke von Arsenik im Magen
-oder Darm vorgefunden, so genügen zum Nachweis des Arseniks einige
-+allgemeine Arsenikreaktionen+. Soll dagegen der Arsenik in den Organen
-(Leber, Nieren, Blut, Muskeln) nachgewiesen werden, so ist hierzu
-zunächst die Zerstörung der organischen Substanz erforderlich, worauf
-die spezielle Untersuchung im +Marshschen Apparat+ folgt.
-
-1. +Allgemeine Arsenikreaktionen.+ Die wichtigsten derselben sind
-folgende: a) Auf +glühenden Kohlen+ entwickeln Arsenikstücke
-Arsendämpfe, welche nach +Knoblauch+ riechen. b) Mit +essigsaurem Kali+
-in einem Röhrchen erhitzt entwickelt der Arsenik den charakteristischen
-Geruch nach +Kakodyl+. c) +Salpetersaures Silberoxyd+ gibt in der
-Lösung der arsenigsauren Alkalien einen +gelben+ Niederschlag von
-arsenigsaurem Silberoxyd (statt Höllenstein kann auch Sublimat
-genommen werden). d) +Schwefelsaures Kupferoxyd+ gibt in der genau
-mit Ammoniak neutralisierten wässerigen Lösung des Arseniks einen
-+hellgrünen+ Niederschlag von arsenigsaurem Kupfer (Scheeles Grün),
-welcher sich in überschüssigem Ammoniak mit dunkelblauer Farbe löst.
-e) +Schwefelwasserstoff+ gibt mit freier arseniger Säure und ihren
-mit Salzsäure angesäuerten Alkalisalzen einen +gelben Niederschlag+
-von dreifach Schwefelarsen (As_{2}S_{3}), welcher in Schwefelammonium
-und Alkalien löslich ist. f) Eine Lösung von +Zinnchlorür+ (S =
-1,45) zerlegt den Arsenik zu +schwarzbraunem+, metallischem Arsen
-(schwarzbraune Flocken). g) Ein +blankes Kupferblech+ überzieht sich
-in der mit Salzsäure versetzten Lösung der arsenigen Säure mit einem
-+grauweissen+ Beschlag (Arsen-Kupferlegierung). Dieser Beschlag tritt
-auch bei Quecksilber und Antimon auf, weshalb diese Reaktion für sich
-+allein+ zum Nachweis des Arsens nicht genügt.
-
-2. +Der Nachweis des Arseniks im Marshschen Apparate.+ Demselben geht
-die Trennung des Arsenmetalls von den organischen Beimengungen voraus.
-Diese Trennung geschieht durch Zerstören der letzteren mit +Salzsäure+
-und +Kali chloricum+ (Chlor) oder durch Verpuffen mit +Salpeter+.
-Die letztere Zerstörungsmethode ist anzuwenden, wenn die organischen
-Massen durch Chlor schwer zu zerstören sind (grosse Körpermassen,
-Knorpel, Knochen, Sehnen); aus dem Verpuffungsrückstande müssen vor
-der Fällung mit Schwefelwasserstoff die Nitrate und Nitrite durch
-Erhitzen mit überschüssiger Schwefelsäure entfernt werden. Hierauf
-wird der Rückstand mit dem 10fachen Volum destillierten Wassers gelöst
-und in der beschriebenen Weise mit Schwefelwasserstoff behandelt,
-wonach ein +gelber+ (blassgelber bis zitronengelber) Niederschlag von
-+Schwefelarsen+ (As_{2}S_{3} + As_{2}S_{5}) entsteht. +Der Niederschlag
-von Schwefelarsen muss zur weiteren Untersuchung im Marshschen Apparate
-vorher wieder löslich gemacht werden+ (Umwandlung des Schwefelarsens
-in Arsenik oder Arsensäure). Dies geschieht +entweder+ dadurch,
-dass man ihn in Aetzammoniak löst, mit gleichen Teilen kohlensaurem
-Natron und dem doppelten Gewichte Natronsalpeter mischt, trocknet,
-im Porzellantiegel verpufft; +oder+ durch wiederholtes Abdampfen
-mit stärkster Salpetersäure bis zum Zurückbleiben eines hellgelben
-Niederschlages, welcher mit Aetznatron neutralisiert, mit kohlensaurem
-Natron und Natronsalpeter gemengt und dann verpufft wird; +oder+ durch
-Auflösen in Aetzammoniak, Neutralisieren mit Schwefelsäure, Uebersäuern
-und Erhitzen unter Zusatz von einigen Zentigramm gepulverten
-Natronsalpeters; +oder+ durch Auflösen mit Brom und nachheriges
-Entfernen des überschüssigen Broms durch leichtes Erwärmen.
-
-Sodann erfolgt die eigentliche Untersuchung des in Lösung (As_{2}O_{3},
-As_{2}O_{5}) übergeführten Arsenniederschlags im +Marsh+schen
-+Apparate+. Derselbe +reduziert+ zunächst die Oxyde des Arsens durch
-+Wasserstoff+ unter Bildung von +Arsenwasserstoff+ und zerlegt
-dann den Arsenwasserstoff durch +Glühen in metallisches Arsen+,
-welches als sog. „+Arsenspiegel+“ sich am Glasrohr niederschlägt.
-+Metallisches Arsen oder Schwefelarsen werden im Marshschen Apparate
-nicht zu Arsenwasserstoff umgewandelt, können also in demselben nicht
-untersucht werden.+ Der Arsenwasserstoff kann auch +angezündet+ werden,
-wobei er zu Arsen und Wasser verbrennt; das +Arsenmetall+ schlägt
-sich dann an einer in die Flamme gehaltenen +Porzellanplatte+ als
-+Beschlag+ nieder. Das Verfahren ist im einzelnen folgendes: In eine
-geräumige, nur bis zu einem Drittel zu füllende, mit einem doppelt
-durchbohrten Korke oder mit mehreren Oeffnungen versehene Flasche
-wird der gelöste Arsenniederschlag mit chemisch reinem Zink und
-verdünnter +Schwefelsäure+ (1 : 8) versetzt. Durch die eine Oeffnung
-des Korks wird ein bis zum Boden der Flasche gehendes +Trichterrohr+
-zum Nachfüllen der Säure eingebracht; die andere Oeffnung enthält ein
-kreisförmig gebogenes Rohr, durch welches der Arsenwasserstoff in ein
-mit +Chlorkalzium+ (Entwässerung des Arsenwasserstoffs) gefülltes
-Glasrohr geleitet wird. Von hier tritt der Arsenwasserstoff dann in
-das zum +Erhitzen+ bestimmte ½-¾ m lange, arsen- und bleifreie, 5-7 mm
-weite und 1½ mm dicke, an seinem Ende in eine feine Spitze ausgezogene,
-schwer schmelzbare Glasrohr, welches mittelst des +Bunsenschen
-Brenners+ an einer Stelle bis zur Rotglühhitze geglüht wird, worauf
-sehr bald hinter dieser Stelle der +Arsenspiegel+ als metallischer
-Anflug auftritt. +Erhält man nach stundenlangem Durchleiten keinen
-Anflug, so ist bestimmt kein Arsen vorhanden.+
-
-Um sicher festzustellen, dass der Metallanflug in der Glasröhre aus
-+Arsen+ besteht, ist eine genaue Prüfung des „Arsenspiegels“ notwendig.
-Derselbe soll eine +graue+ oder braune, metallglänzende Masse +hinter+
-der erhitzten Stelle bilden, welche unter der Lupe nicht aus Kügelchen
-(Quecksilber) bestehen und an den Rändern nicht geschmolzen sein soll
-(Antimon). +Beim Betupfen mit unterchlorigsaurem Natron soll der
-Arsenspiegel fast momentan verschwinden+ (im Gegensatz zu Antimon).
-Ausserdem soll nach Betupfen mit wenig +Schwefelammoniumlösung+ und
-+vorsichtigem+ Erhitzen ein +gelber+ Rückstand von Schwefelarsen
-bleiben (Schwefelantimon ist orangegelb). Endlich gibt der Arsenspiegel
-beim Verdampfen (Erhitzen der Glasröhre) einen charakteristischen
-+Knoblauchgeruch+.
-
-3. +Die quantitative Arsenikbestimmung.+ Quantitativ wird das Arsen
-entweder annähernd nach der +Grösse+ des Arsenspiegels oder genauer als
-+arsensaure Ammoniakmagnesia+ (die mit Salzsäure und chlorsaurem Kali
-behandelte Masse wird mit Ammoniak und Magnesiamischung gefällt, der
-Niederschlag wiederum mit Salzsäure und chlorsaurem Kali behandelt und
-gefällt, darauf gereinigt, filtriert, mit Ammoniakwasser ausgewaschen
-und gewogen; er enthält 60,53 Prozent Arsensäure = 39,477 Arsen),
-oder als +Arsensulfür+ bestimmt (Einleiten von Schwefelwasserstoff
-in die salzsaure Lösung, Filtrieren, Reinigen, Auswaschen, Wägen des
-Niederschlages; 100 Teile Arsensulfür (As_{2}S_{3}) = 61 Teile Arsen).
-
-4. +Der biologische Nachweis des Arsens.+ Verschiedene Schimmelpilze,
-namentlich das Penicillium brevicaula, entwickeln bei ihrem Wachstum
-in arsenhaltigen Nährstoffen gasförmige, nach +Knoblauch+ riechende
-Arsenverbindungen (sog. Arsenpilze). Diese Wirkung der Schimmelpilze
-ist schon früher als ätiologisches Moment bei der Entstehung von
-Arsenvergiftungen in Zimmern mit arsenhaltigen Tapeten bekannt
-gewesen. Neuerdings wird dieselbe zum Nachweis von Arsenik im Harn
-etc. empfohlen (+Gosio+, +Ebel+, +Buttenberg+, +Hausmann+ u. a.).
-Die zu untersuchenden Massen werden mit sterilisiertem Brotbrei und
-einer Aufschwemmung einer sporenhaltigen Schimmelkultur zusammen in
-einem Kolben bei 37° im Brutschrank gehalten, worauf nach 1-3 Tagen
-der charakteristische widerliche Knoblauchgeruch auftritt (noch bei
-1/100000 g Arsenik). Die gasförmigen Arsenikverbindungen lassen sich
-dann ausserdem auch chemisch im +Marsh+schen Apparat nachweisen.
-
- =Kasuistik.= Die tierärztliche Literatur enthält eine grosse Anzahl
- sowohl klinischer als experimenteller Beobachtungen über akute und
- chronische Arsenikvergiftungen. Ein Teil derselben soll hier im
- Auszuge wiedergegeben werden.
-
- 1. +Pferde.+ 15 Pferde erhielten aus Versehen je etwa 80 g Arsenik;
- 12 davon starben innerhalb 4 Tagen (nach 20, 36, 48, 72, 96 Stunden).
- Die Erscheinungen bestanden in starker Rötung der Konjunktiva,
- Kolik, Zittern, Schweissausbruch, unfühlbarem Puls. Die Fäzes wurden
- unter heftigen Anstrengungen abgesetzt und hatten einen deutlichen
- Knoblauchgeruch. Bei denjenigen Pferden, welche über 36 Stunden am
- Leben blieben, trat infolge von Verätzung der Magenwand eine Lähmung
- des Magens ein (+Nodet+, Recueil 1884). -- Ein Pferd hatte wiederholt
- von seinem Besitzer täglich 6 g Arsenik erhalten. Dasselbe war in
- einem Zustande starker Aufregung, speichelte sehr stark, frass nicht,
- die Haare waren gesträubt, die Extremitäten kühl, der Puls schwach,
- die Konjunktiven geschwollen und gelblichbraun gefärbt, die Pupillen
- erweitert, die Peristaltik vermehrt, der Kot dünnflüssig, schleimig
- und sehr übelriechend, der Gang taumelnd, die Gliedmassen steif, die
- Atmung stark beschleunigt und erschwert, der Körper mit Schweiss
- bedeckt; das Tier zeigte bald Kolikerscheinungen, bald lag es mit
- gestreckten Gliedmassen, ohne dass es zum Aufstehen veranlasst werden
- konnte. Das Pferd wurde geheilt (+Michaud+, Schweizer Archiv 1883).
- -- Ein Pferd, welches von seinem Wärter Kobalt (schwarzen Schwefel)
- erhalten hatte, starb nach wenigen Stunden an heftiger Kolik; die
- Sektion ergab Entzündung und Ulzeration im Magen und Blinddarm
- (+Tombs+, The Veterinary Record 1849). -- 3 Pferde erhielten täglich
- eine Messerspitze voll Operment auf das Futter (in 5 Tagen zusammen
- etwa 250 g). 3 Tage darauf erkrankte das erste, am 4. Tage die beiden
- anderen. Die Krankheitserscheinungen bestanden in Schäumen, Kolik
- (am 5. Tage), Drängen auf den Kot, vermehrtem Urinieren, kalten
- Extremitäten, Pupillenerweiterung. Die Sektion ergab Gastroenteritis
- (+Hertwig+, Magazin Bd. 14 und 22). -- 2 Pferde, welche je mit 10
- g Arsenik gegen Räude gewaschen wurden, starben (+Mire+, Revue
- vét. 1876). -- Ein Pferd starb von 4 g grobgepulvertem Arsenik,
- welcher in 3 frische Wunden gebracht wurde, nach 2 Tagen; ein
- anderes nach 60 Stunden, als 2 g feingepulverter Arsenik in eine
- Wunde gebracht wurden. Lokal entstand eine 2 Zoll hohe Geschwulst
- mit 1 Fuss Durchmesser. Die Erscheinungen bestanden in Speicheln,
- Atemnot, Herzklopfen, unfühlbarem Puls und Kolik. Bei der Sektion
- fand man eine starke Entzündung des ganzen Magendarmkanals
- (+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- Nach +Regenbogen+
- starben zwei räudige Pferde infolge der von einem polnischen Juden
- angeratenen Waschung mit einer Abkochung von ½ Pfd. Arsenik in ¾ l
- Wasser (Berl. Arch. 1898 S. 792). -- +Flum+ beobachtete bei einem
- dämpfigen Pferde nach 3maliger Verabreichung von 1 g Arsenik pro
- Tag Kolikerscheinungen (D. Th. W. 1895). Einen ähnlichen Fall hat
- +Römer+ beschrieben (ibid. 1899). -- +Hauptmann+ sah bei einem Pferde
- starke Aufblähung, schwankenden Gang, hochgradige Benommenheit des
- Sensoriums sowie örtliche Entzündungserscheinungen in der Maulhöhle
- und im Pharynx (Tierärztl. Zentralbl. 1900 S. 193). -- Weitere
- Fälle von Arsenikvergiftungen bei Pferden haben +Wittlinger+ und
- +Bucher+ beschrieben (Berl. Arch. 1900 S. 363). -- Dass Pferde
- längere Zeit hindurch kleinere Dosen von Arsenik gut ertragen,
- indem sie sich an das Gift gewöhnen, beweisen die nachstehenden
- experimentellen Beobachtungen. 8 Pferde, welchen +Hertwig+ 30 bis
- 40 Tage hindurch täglich einmalige Arsenikdosen von 1,25-4,0 in
- Mehlpillen verabreichte, zeigten während dieser Zeit und noch 3
- Monate nachher keinerlei üble Zufälle. Dagegen wurde bei sämtlichen
- 8 Pferden das Haar glätter und 5 davon wurden auch sichtbar mehr
- beleibt (Arzneimittellehre 1872). Aehnliche Beobachtungen hat
- +Kopitz+ (Preuss. Annalen der Landwirtschaft 1872 S. 601) gemacht. --
- Ich selbst habe einem kräftigen Versuchspferd in der Zeit vom 1. Juni
- bis 30. September 1889 im ganzen 115 g frisch gepulverten Arsenik in
- Einzeldosen von 1 g gefüttert. In der ersten Hälfte der Versuchszeit
- besserte sich darauf der Nahrungszustand und das Allgemeinbefinden
- des Pferdes ganz erheblich, indem es innerhalb 2 Monaten um 22 kg
- Körpergewicht zunahm; in der zweiten Hälfte trat jedoch ein Rückgang
- der Ernährung ein, so dass das Pferd am Ende des Versuchs wieder
- schlechter genährt aussah und sein ursprüngliches Gewicht (420 kg)
- wieder zeigte.
-
- 2. +Rinder.+ 4 Kühe hatten Rattengift (arsenikhaltige Brotkugeln)
- gefressen. Sie versagten das Futter, verloren die Milch, zeigten
- starken Durchfall und waren sehr hinfällig. Eine Kuh starb
- nach einigen Tagen; bei der Sektion fand man eine korrosive
- Darmentzündung, sowie ein grosses Loch in der linken Seite des
- Wanstes mit Austritt des Mageninhaltes in die Bauchhöhle. Die zweite
- Kuh war bald wieder hergestellt. Die 3. war 10-14 Tage krank. Die
- 4. kränkelte ebenfalls längere Zeit; nach etwa 10 Wochen fiel in
- der Gegend des Schaufelknorpels ein handtellergrosses Hautstück
- mitsamt den unterliegenden Bauchdecken brandig ab, worauf eine
- Magenfistel zurückblieb (+Hesse+, Magazin 1857). -- Eine Kuh,
- welche Arseniklatwerge gefressen hatte, zeigte nach einigen Stunden
- Appetitlosigkeit, Kolik und blutigen Durchfall und starb nach 45
- Stunden (+Koch+, Preuss. Mitt. 7. Jahrgang). -- 9 Rinder hatten
- grüne Rouleauxlappen gefressen. Sie zeigten unterdrückte Fresslust,
- heftigen Durchfall, grosse Schwäche und Angst, Krämpfe in den
- Halsmuskeln, Erstickungsanfälle und Pupillenerweiterung. Ein Tier
- starb am 3. Tage, die übrigen genasen im Verlaufe einer Woche. Die
- Sektion ergab korrosive Gastroenteritis (+Brabänder+, Magazin 1855).
- -- Mehrere Kühe hatten alte grüne Tapeten gefressen; eine derselben
- starb am Abend desselben Tages, eine zweite in der darauffolgenden
- Nacht, 3 andere erkrankten am Tage darauf. Die Erscheinungen waren:
- Traurigkeit, Appetitlosigkeit, Speicheln, Kolik, Trippeln, Durchfall,
- Tenesmus (+Eilert+, ibidem). -- R. +Fröhner+ beobachtete bei einer
- Kuh eine schwere Vergiftung (Aufblähen, Kolik, grosse Schwäche,
- Lähmungserscheinungen) nach der Aufnahme von etwa 10 g Schweinfurter
- Grün (D. Th. W. 1895, S. 130). -- +Durréchou+ sah bei einer Kuh
- nach der täglichen Verabreichung von 5 g Arsenik Kolik und tödliche
- Peritonitis infolge Perforation des Pansens an 6 Stellen (Revue vét.
- 1895 S. 385). -- Eine Labmagenfistel bei einer im übrigen gesunden
- Kuh nach der Aufnahme von arsenikhaltigem Weizen haben +Talbot+ und
- +Mettam+ beschrieben (The Veterinarian 1897). -- Zur Vertilgung des
- Koloradokäfers wurden in Amerika die Felder mit grossen Mengen von
- Schweinfurter Grün bestreut. Die stehenden Gewässer daselbst wurden
- deshalb nach Regengüssen stark arsenhaltig. 6 Rinder, welche aus
- solchen Pfützen tranken, starben nach 1-2 Stunden unter heftigen
- Kolikerscheinungen und starkem Speicheln (+Sattler+, Tiermed.
- Rundschau 1886/87). -- 4 Mastrinder erkrankten schwer an Kolik.
- Die Sektion ergab diffuse Labmagen- und Dünndarmentzündung; in der
- Labmagenschleimhaut fanden sich hirsekorngrosse Anätzungen. Die Tiere
- hatten Arsenik, gepulvert mit Weizenkleie, als Mastmittel erhalten,
- und zwar täglich eine Handvoll dieser Mischung (+Fortenbacher+,
- Preuss. Ber. pro 1906). -- Wie Pferde, so können sich auch Rinder an
- längere Zeit hindurch verabreichte kleinere Mengen Arsenik gewöhnen.
- So fütterte +Körte+ (+Meyers+ Ergänzungsblätter 1869) eine Anzahl
- Mastochsen mit steigenden Mengen Arsenik in täglichen Dosen von
- 0,06-0,36 g während einer sehr langen Mastperiode ohne jede Störung
- des Allgemeinbefindens; die Tiere wurden im Gegenteil sehr fett.
- +Spallanzani+ und +Zappa+ (Clinica veterinaria 1886) fütterten
- Kühe 10 Tage hindurch mit je 0,2 g Arsenik. Während anfangs der
- Nährzustand etwas zurückging, trat später Körpergewichtszunahme und
- Besserung im äusseren Habitus der Tiere ein. Dieselbe Beobachtung
- machten sie bei Schafen und Schweinen (0,05 g pro die) und bei
- Tauben (2-4 mg pro die). Sie kamen zum Resultate, dass man täglich
- von gepulvertem Arsenik ohne nachteilige Folgen verabreichen kann:
- Rindern 0,15 mg pro Kilo Körpergewicht, Schafen 1 mg, Schweinen 0,4
- mg und Tauben 1 mg. Bezüglich der Zulässigkeit des +Fleischgenusses+
- von Tieren, welche mit Arsenik behandelt wurden, haben die
- Versuche von +Spallanzani+ und +Zappa+ ergeben, dass selbst das
- Fleisch von Tieren, welche mit Arsenik vergiftet wurden, nicht
- gesundheitsschädlich wirkt, viel weniger das Fleisch von Tieren,
- welche unter Beihilfe des Arseniks gemästet werden. Einer Kuh
- wurden beispielsweise nach und nach 70 g Arsenik beigebracht. Beim
- Schlachten enthielt der Körper derselben nur noch ¼ g. Relativ am
- meisten Arsenik enthielt die Leber, darauf folgten die Nieren, das
- Gehirn, das Fleisch, die Hautanhänge, die Knochen, das Blut und die
- Milch. Die für den Menschen giftige Minimaldosis von 0,1 g Arsenik
- wäre demnach erst in 9 kg Leber vorhanden gewesen. Dementsprechend
- war auch die Verfütterung des Fleisches und der Milch an junge
- Schweine und Hunde resultatlos. Die Milch enthielt 0,00005 pro
- Mille Arsenik. Ein ähnliches Ergebnis hat eine Untersuchung von
- +Sonnenschein+ gehabt. Die Körperteile einer Kuh, welche innerhalb
- eines halben Jahres 506½ g Arsenik bekommen hatte, enthielten nach
- der Schlachtung an Arsenik: 1 kg Fleisch 0,28 mg, 1 kg Leber 0,12 mg,
- 1 kg Milz 2 mg, 1 kg Niere 3 mg.
-
- 3. +Schafe.+ 150 Schafe wurden in einer Arseniklösung gebadet, welche
- in 500 l 3½ kg Arsenik enthielt. Innerhalb der ersten drei Stunden
- nach dem Bade starben 30 Stück, in den weiteren 4 Tagen 105 Stück.
- Die übrigen Tiere erkrankten zwar, genasen aber (+Nagel+, Berliner
- Archiv 1890). -- Eine Schafherde, bestehend aus 229 Stück, wurde
- wegen Räude in einer Arseniklösung gebadet. 12 Stück krepierten,
- 28 Stück zeigten 2 Monate hindurch tiefe brandige Zerstörung und
- Geschwürsbildung auf der Haut (The Veterinarian 1852). -- Ein
- Schaf erhielt in 2½ Monaten etwa 20 g Arsenik. Nach Verabreichung
- von etwa 12 g zeigten sich die ersten Vergiftungserscheinungen:
- unterdrückte Fresslust und Munterkeit, sowie eine schmerzhafte
- Stelle in der rechten Schaufelknorpelgegend, welche sich später
- zu einer bruchartigen, walnussgrossen Geschwulst und schliesslich
- zu einer Labmagenfistel mit späterem partiellen Labmagenvorfall
- umwandelte (+Haubner+, Sächs. Jahresbericht 1860). -- +Röbert+
- hat eine Arsenikvergiftung bei 100 Schafen beobachtet. Dieselben
- weideten auf einem Kleefelde, das in allernächster Nähe eines
- Hüttenwerkes gelegen war. Bereits nach 2 Stunden zeigten die
- Tiere die ersten Krankheitssymptome, welche sich in grosser
- Mattigkeit, lähmungsartiger Schwäche, Schwanken, Versagen des
- Futters, diarrhoischem Kote, lividem Aussehen der Schleimhäute
- äusserten; 1/10 davon ging ein. Der Sektionsbefund war der bei
- Arsenikvergiftung übliche. Das Blut war teerartig, schlecht geronnen,
- es bestand Ekchymosierung der Schleimhaut des Verdauungsapparates
- usw. (Sächs. Jahresber. pro 1892). -- +Scott+ beobachtete eine
- Arsenikvergiftung bei Lämmern nach einem Räudebad. 19 Lämmer starben
- nach 12-36 Stunden unter Vergiftungserscheinungen (Speichelfluss,
- Nasenausfluss, Zähneknirschen, Stöhnen, Schwanken, Durchfall, Koma).
- Andere erkrankten 10 bis 12 Tage nach dem Baden. Die Sektion ergab
- leichte Entzündung im 4. Magen, subkutane Blutungen, Petechien
- und seröse Infiltration in den Muskeln (Vet. Record 1904 S. 853).
- -- Auch Schafe können sich an kleinere Dosen Arsenik gewöhnen.
- So zeigten die Versuchsschafe von +Weiske+ (Tageblatt der Grazer
- Naturforscherversammlung 1875) bei 20tägiger Fütterung von je
- 0,005-0,18 g Arsenik bessere Ausnützung des Futters und Vermehrung
- des Körpergewichts durch Fleischansatz. +Cornevin+ (Journal de Lyon
- 1886 und 1888) fütterte 9 Schafe je eine Woche hindurch mit 7tägigen
- Pausen zuerst 0,3, dann 0,6, dann 1,0 und zuletzt 1,3 g Arsenik
- (mithin die grosse Menge von 22,4 g Arsenik pro Schaf innerhalb 2
- Monaten). Erscheinungen einer Darmaffektion fehlten hiebei gänzlich;
- der Fettansatz wurde jedoch nicht gefördert, und zwar deshalb, weil,
- wie +Cornevin+ glaubt, der Arsenik in Pulverform sich in den grossen
- Futtermassen der Wiederkäuermägen verliert. Dagegen zeigte sich nach
- Verabreichung der +Fowler+schen Lösung, wobei mit 0,25 begonnen und
- gradatim bis zu 5,0 gestiegen wurde, insbesondere bei schwächlichen
- Schafen eine deutliche Gewichtszunahme.
-
- 4. +Schweine.+ Ein halbjähriges Schwein starb nach 1,2 g Arsenik
- binnen 40 Stunden (+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- 22
- Schweine tranken von einer zur Schafwäsche benützten Flüssigkeit und
- krepierten sämtlich. Die Sektion ergab starke kruppöse Stomatitis
- und Pharyngitis (The Veterinarian 1855). -- Schweine zeigen nach
- täglich 2maliger Verabreichung von 0,05 Arsenik nach 8-14 Tagen
- Appetitverminderung, Erbrechen, Durchfall, blutige Exkremente, grosse
- Mattigkeit, starke Abmagerung und sterben nach etwa 20-30 Tagen
- (+Hertwig+, Arzneimittellehre 1872). -- Auch bei Schweinen kommt eine
- Gewöhnung an den Arsenik vor. Sie ertragen nach den Untersuchungen
- von +Giel+ (Archiv für experimentelle Pathologie 1878), wenn sie
- jung, kräftig und gut gehalten sind, ½-2 mg Arsenik pro die ganz
- ausgezeichnet, zeigen im Vergleiche zu den Kontrolltieren entschieden
- besseres Wachstum, bekommen ein schöneres, glänzenderes Fell, werden
- fetter, haben längere und dickere Knochen und werfen grössere,
- stärkere Junge.
-
- 5. +Hunde.+ Nach 0,2-0,6 Arsenik zeigen Hunde wiederholtes
- Erbrechen, Winseln, beschwerliches Atmen, Angst, Unruhe, Entleerung
- schwarzrotgefärbter diarrhoischer Kotmassen, grosse Schwäche, Koma;
- nach 6-30 Stunden tritt der Tod ein (+Hertwig+; eigene Versuche).
- -- Ein mittelgrosser Hund starb auf 0,25 Scherbenkobalt nach 18
- Stunden unter den Erscheinungen der Gastroenteritis (+Renault+,
- Recueil 1834). -- Ein Hund erkrankte auf 0,6 Schweinfurter Grün
- nach ½ Stunde unter Kolikerscheinungen, genas aber nach 4 Stunden;
- ein anderer, kleiner Hund starb nach 0,3. Ein junger Hund starb
- ferner nach der Verabreichung von 0,6 Scheeleschem Grün nach 1½
- Stunden (+Meurer+, Caspers Wochenschrift für Tierärzte 1843). --
- Eine Arsenikvergiftung nach der Aufnahme von Feldmäusen hat +Heilig+
- bei einem Hunde beobachtet (Oesterr. Monatsh. 1897 S. 169). -- Zwei
- Dachshunde erkrankten nach dem Zerzausen eines ausgestopften Fuchses
- an schwerer Arsenikvergiftung; einer genas nach Verabreichung von
- Magnesia und Eisenoxydhydrat. Bei dem anderen fand sich bei der
- Sektion Arsenik als weisses, streusandähnliches Pulver im Magen
- (+Röbert+, Sächs. Jahresber. pro 1901). -- Ein Hund starb 1½
- Stunden nach der Aufnahme von Rattengift (0,2 Arsenik) perakut;
- der Sektionsbefund war mit Ausnahme einer umschriebenen erosiven
- Gastritis negativ (+Jakob+, Münch. Woch. 1909). -- Nach der Aufnahme
- von arsenikhaltigem Mäusegift erkrankte ein Hund unter Erbrechen und
- Lähmungserscheinungen; er genas nach Verabreichung von Antidotum
- Arsenici nach 24 Stunden (+Roelcke+, Zeitschr. f. Vet. 1909).
-
- 6. +Hühner.+ Von 10 Hühnern eines Weissgerbers, welche von dem
- weissen, in Renntierfelle eingestreuten Pulver gefressen hatten,
- starben 8 (+Weigel+, Sächs. Jahresber. 1888). -- Nach +Cornevin+
- ertragen Hühner 0,02 g Arsenik pro die eine Woche hindurch, sterben
- aber bei 0,05 g pro die und einer einmaligen Dosis von 0,1-0,15 g.
-
-
-Bleivergiftung. Saturnismus.
-
- =Chemie der Bleiverbindungen.= Das Metall Blei wird fast
- ausschliesslich aus dem +Bleiglanz+, PbS, hüttenmännisch gewonnen.
- Der Bleiglanz findet sich meist mit anderen Erzen, namentlich mit
- Silber-, Kupfer-, Zink-, Antimon- und Eisenerzen zusammen auf
- Gängen der verschiedensten Gebirgsformationen. Durch Rösten des
- Bleierzes wird teils reines metallisches Blei, teils Bleioxyd
- gewonnen. Letzteres wird sodann mit Kohle zu metallischem Blei
- reduziert. Bleibergwerke finden sich in Deutschland namentlich in
- Freiberg (Sachsen), im Harz (Ober- und Unterharz), in Oberschlesien
- (Tarnowitz), in den Bezirken Aachen und Köln, in Hannover, Westfalen
- und Nassau. Das metallische Blei findet Verwendung zur Herstellung
- von Kugeln, Platten, Röhren, Draht, Glasuren und Lötmasse für
- Koch- und Essgeschirre, als Ausbesserungsmaterial für Mühlsteine,
- sowie zur Darstellung verschiedener chemischer Bleipräparate. Die
- wichtigsten +chemischen Eigenschaften+ des Bleies sind folgende.
- Vor dem Lötrohr auf Kohle geschmolzen gibt es einen dunkelgelben
- Beschlag mit blauweissem Rande. Mit Soda vor dem Lötrohr geschmolzen,
- bildet es eine weiche Bleiperle, deren Lösung in Salpetersäure durch
- Schwefelsäure weiss gefällt wird. An feuchter Luft überzieht sich
- Blei mit einer dünnen Schichte von Bleioxyd. Lufthaltiges Wasser
- greift das Blei stark an, indem sich lösliches Bleioxydhydrat bildet;
- die gleichzeitige Anwesenheit von Chloriden, Nitraten, Ammoniak und
- fauligen Stoffen befördert die Auflösung des Bleis (Gefährlichkeit
- der Benützung von Bleiröhren zu Trinkwasserleitungen).
-
- Die für die Toxikologie wichtigsten Bleiverbindungen sind ausser dem
- +metallischen Blei+ folgende: 1. Die +Bleiglätte+ (Silberglätte,
- Goldglätte, Massikot, Lithargyrum) ist Bleioxyd, PbO, welches in
- den Bleihütten durch Erhitzen des Bleis an der Luft gewonnen wird
- und je nach dem angewandten Hitzegrade eine hellgelbe (Silberglätte)
- oder rotgelbe (Goldglätte) Farbe zeigt. Es ist in Wasser schwer
- löslich, in Salpeter- und Essigsäure leicht löslich, löst sich
- ferner in Salzsäure und bildet mit Fetten Firnisse, Pflaster und
- Kitte. 2. Die +Mennige+ (rotes Bleioxyd, Pariser Rot, Minium),
- Pb_{3}O_{4}, wird aus Bleiglätte durch weiteres Erhitzen dargestellt.
- Sie hat eine schöne, blendend rote, zuweilen feurig oder orangerote
- Farbe, löst sich in Essigsäure, Salzsäure und Salpetersäure, und
- wird zu Anstrichen, Glasuren, Kitten, Pflastern, sowie in der
- Zündhölzerfabrikation verwandt. 3. Das +Bleiweiss+ (kohlensaures
- Blei, Cerussa), PbCO_{3}, wird in ausgedehnter Weise als Malerfarbe
- benützt. 4. Der +Bleizucker+ (Bleiazetat, neutrales essigsaures
- Blei), Pb (C_{2}H_{4}O_{2})_{2} + 3 H_{2}O, wichtig als Arzneimittel,
- sowie zur Darstellung von Firnissen, Farben und Beizen. 5. Der
- +Bleiessig+ (basisches essigsaures Blei), Liquor Plumbi subacetici,
- aus Bleizucker und Bleioxyd dargestellt, ein äusserlich angewandtes
- Arzneimittel.
-
-=Aetiologie der Bleivergiftung.= Eine der häufigsten Ursachen der
-Bleivergiftung ist die Aufnahme von +Bleifarben+. Die Literatur (vgl.
-S. 84) enthält eine ausserordentlich grosse Anzahl von Beobachtungen,
-in welchen Haustiere, namentlich Rinder, durch das Fressen oder
-Ablecken bleihaltiger Oelfarben (+Bleiweiss+, +Bleiglätte+, +Mennige+)
-erkrankt und gestorben sind. Es handelt sich dabei insbesondere um
-frisch angestrichene Futtergeschirre, Trinkeimer, Bottiche, Krippen,
-Gitter, Hühnerställe; zuweilen werden sogar grössere Mengen reiner
-Oelfarbe aufgenommen. Sehr gefährlich hat sich auch das Einreiben von
-Zugochsen mit Salben aus Mennige am Hals erwiesen, indem die Tiere sich
-gegenseitig die bleihaltige Salbe ableckten. Auch Vergiftungen durch
-die Aufnahme grösserer Mengen roter, bleihaltiger Oblaten sind bei
-Rindern beobachtet worden. Ausserdem sind Vergiftungsfälle bei Pferden
-und Katzen in Mennige- und Bleiweissfabriken beschrieben worden.
-
-In enzootischer Verbreitung findet man die Bleivergiftung bei
-sämtlichen Haustieren in der Umgebung von +Bleihütten+ und
-+bleihaltigen Flüssen+. Von Hüttenwerken sind in dieser Beziehung
-zu nennen die Ober- und Unterharzer Hütten (Blei- und Zinkhütten in
-Stolberg, Kupferhütten zu St. Helens), die Hüttenwerke in Oberschlesien
-(Friedrichshütte), Rheinland, Westfalen und in Freiberg (Sachsen),
-welche teils durch den sog. Hüttenrauch und Flugstaub die gesamte
-Vegetation der nächsten Umgebung mit einer bleihaltigen Staubschichte
-überziehen, teils durch fortgewehten und fortgeschwemmten Pochsand und
-Haldensand und durch abgefahrenen Bleidünger (Bleiasche) Vergiftungen
-nicht bloss unter den Haustieren, sondern unter der gesamten
-benachbarten Tierwelt veranlassen. Das im Boden enthaltene Blei geht
-sogar unter Umständen in Form organischer Verbindungen in die Pflanzen
-über und erzeugt so indirekt bei Pflanzenfressern Bleivergiftung
-(vgl. die Beobachtungen in Kärnten S. 9). Aehnlich giftig wirken die
-Abwässer von Bleiweissfabriken. Auch die mit städtischen Abfuhrstoffen
-(Strassenkot) gedüngte Erde ist zuweilen bleihaltig und dann
-gesundheitsschädlich (+Mosselmann+ und +Hébrant+). Von bleihaltigen
-Flüssen sind zu erwähnen die +Innerste+ im Hildesheimischen, welche
-auf einer Strecke von 50-60 km Blei mit sich führen soll, sowie der
-+Bleibach+ in der Rheinprovinz (Aachen, Köln; Kreisen Schleiden und
-Euskirchen). Diese Flüsse überziehen namentlich nach Ueberschwemmungen
-die umliegende Niederung mit einer Schichte bleihaltigen Schlammes und
-Sandes und bedingen so in ihrem gesamten Stromgebiete Bleivergiftungen
-durch Aufnahme von bleihaltigem Sand und Erdboden mit dem Futter.
-Wird ein derartiger +bleihaltiger Sand+ verladen, so kann er z. B.
-in +Reitbahnen+ infolge Einatmens bei Pferden eine chronische
-Bleivergiftung (Rohren) herbeiführen.
-
-Das +metallische Blei+ wird in Form von +Schrotkörnern+ und
-+Bleistücken+ namentlich von Rindern und vom Geflügel aufgenommen,
-wenn es z. B. nach der Verwendung zum Flaschenspülen ins Futter, ins
-Trinkwasser oder auf den Dungplatz gelangt ist. Auch durch Weiden in
-der Nähe von Schiessplätzen und Aufnahme der daselbst umherliegenden
-Bleikugeln sind Bleivergiftungen beim Rind früher veranlasst worden.
-Im Magen einer an Bleivergiftung gestorbenen Kuh fand man 300, bei
-einer anderen 250 g Bleischrot, in dem einer Taube 4 g; im ersteren
-Falle wurde durch Vermittlung der +Milch+ bei dem 1 Monat alten Kalb
-ebenfalls eine tödliche akute Bleivergiftung hervorgerufen. Bleikugeln
-in Wunden sind dagegen ungiftig (Abkapselung). Vergiftungen durch
-bleihaltiges +Trinkwasser+ aus +Bleiröhren+ sind bei den Haustieren
-gleichfalls nachgewiesen worden (+Walther+). Bleihaltige Lötmasse
-in Vogelkäfigen hat bei Zimmervögeln Veranlassung zu Bleivergiftung
-gegeben (+Regenbogen+).
-
-Endlich ereignen sich Bleivergiftungen durch +Verwechslungen+ und
-+therapeutische Fehlgriffe+. So sind öftere Male Vergiftungen dadurch
-vorgekommen, dass vom Händler (Drogisten) statt Glaubersalz Bleizucker,
-sowie dass statt Futterkalk oder Kreide Bleiweiss abgegeben wurde.
-In einem Fall verabreichte ein Landwirt seinen 5 Rindern 2½ kg
-Bleiweiss; in einem anderen wurden an 10 Rinder irrtümlicherweise
-statt Spiessglanz täglich etwa 50 g Bleizucker 3 Tage hintereinander
-abgegeben. 5 Rinder erhielten aus Versehen ⅜ kg Bleizucker, welcher zur
-äusserlichen Anwendung bestimmt war, in Wasser gelöst zum Trinken. Eine
-Kuh starb, als sie innerhalb 3 Tagen 50 g Bleizucker gegen Blutharnen
-erhalten hatte. Die +tödliche Dosis+ des +Bleizuckers+ beträgt für
-
- +Rinder+ 50-100 g
- +Pferde+ 500-750 „
- +Schafe+ und +Ziegen+ 20- 25 „
- +Schweine+ und +Hunde+ 10- 25 „
-
-=Krankheitsbild der Bleivergiftung.= Das Blei besitzt in allen seinen
-Verbindungen lokal eine +ätzende+ Wirkung (Bildung von Bleialbuminat).
-Nach seiner Resorption wirkt es +erregend+ auf die Nervenzentren
-der +Grosshirnrinde+ (Psyche, motorische Zentren) und auf das
-+vasomotorische Zentrum+. Ausserdem wirkt das Blei infolge einer
-primären degenerativen Atrophie der peripheren motorischen Nervenfasern
-+lähmend+ auf die +quergestreiften Körpermuskeln+. Bei länger
-fortgesetzter Verabreichung beobachtet man +Wucherung+ und +Neubildung+
-von +Bindegewebe+ in allen wichtigeren Organen (Darm, Leber, Nieren,
-Gehirn, Rückenmark, Retina, Sympathikus), +Degenerationszustände+
-in den peripheren motorischen Nerven, namentlich im +Rekurrens+,
-und im +Rückenmark+, sowie +Muskelatrophie+ (beim Pferd namentlich
-in den Kehlkopfmuskeln). Die Resorption des Bleis findet von allen
-Körperstellen aus, selbst von der Haut (Wunden) und von der Lunge aus
-statt. Insbesondere wird im Magen und Darm das metallische Blei und
-das sonst unlösliche Bleisulfat resorbiert. Besonders rasch ist die
-Resorption der löslichen Bleisalze. Dagegen erfolgt die +Ausscheidung+
-des Bleis sehr langsam durch die Drüsen (Harn, Speichel, Galle, Milch).
-Am empfindlichsten von allen Haustieren gegen Blei ist das +Rind+.
-Das Pferd verträgt 10mal grössere Dosen. Ausserdem sind die Vögel
-sehr empfindlich. Man unterscheidet eine akute und eine chronische
-Bleivergiftung (akuten und chronischen Saturnismus).
-
-1. +Symptome der akuten Bleivergiftung.+ Die wichtigsten
-Lokalerscheinungen sind +Erbrechen+, Würgen, starker +Speichelfluss+,
-+Kolik+ (Bleikolik), +anhaltende Verstopfung+, Tympanitis,
-unterdrückte Futteraufnahme und Milchsekretion, seltener Durchfall.
-Die Allgemeinerscheinungen äussern sich zunächst in kortikalen
-Gehirnstörungen, nämlich in +Zittern+, +Zuckungen+, +Kaukrämpfen+
-und +epileptiformen Anfällen+, neben welchen starke +psychische
-Erregung+, Vorwärtsdrängen, choreaähnliche Zufälle, sowie namentlich
-bei Rindern förmliche +Tobsuchtsanfälle+ einhergehen (Mania saturnina).
-Auf dieses Stadium der Erregung folgt das der Lähmung: +Schwäche+,
-+Betäubung+, +Schwindel+, +Schlafsucht+, +Parese+ und +Paralyse+ der
-+Nachhand+, +Lähmung+ der +Zunge+, +Lähmung einzelner Muskelgruppen+,
-allgemeine oder halbseitige +Anästhesie+, tiefes +Koma+. Der +Puls+ ist
-auffallend +hart+, oft +drahtförmig+, seine Frequenz bald vermehrt,
-bald verlangsamt. Die Schleimhäute sind anfangs hochgerötet, später
-schmutziggrau verfärbt (Bleisaum beim Hund; PbS). Die Atmung ist
-erschwert und beschleunigt. Trächtige Tiere abortieren häufig. Die
-Dauer dieser Krankheitserscheinungen schwankt zwischen 24 Stunden
-(perakuter, milzbrandähnlicher Verlauf) und einigen Wochen (akuter und
-subakuter Verlauf). Zuweilen bleiben partielle Muskellähmungen zurück.
-
-2. +Symptome der chronischen Bleivergiftung.+ Bei +Rindern+ äussert
-sich die chronische Bleivergiftung in allgemeinen Ernährungsstörungen
-und zunehmender +Abmagerung+ (Cachexia saturnina), in hochgradiger
-+Körperschwäche+ (Tabes saturnina), intermittierenden, durch eine
-Bindegewebswucherung in der Umgebung der Darmganglien hervorgerufenen
-+Kolikanfällen+ (Colica saturnina; Bleikolik), +Bewegungsstörungen+
-und +Lahmheiten+ (Arthralgia saturnina; Rheumatismus saturninus),
-+zerebralen Erregungszuständen+ (Encephalopathia saturnina), welche
-sich namentlich in Form +epileptischer Anfälle+ äussern (Eklampsia
-saturnina). Auf der Haut findet man zuweilen starkes +Hautjucken+,
-sowie +pustulöse Exantheme+. Zuweilen bilden sich ferner +Amblyopie+
-und +Amaurosis+ (Amaurosis saturnina), sowie +motorische Lähmungen+
-verschiedener Natur (Paralysis saturnina) mit starkem +Muskelschwund+
-(Atrophia saturnina), zuweilen auch mit bleibenden +Muskelkontrakturen+
-(Contractura saturnina) aus. Die Maulschleimhaut zeigt in manchen
-Fällen die Erscheinungen der +ulzerösen Stomatitis+ mit einem sog.
-+Bleisaum+ der Zähne (Verdacht der Maul- und Klauenseuche). Daneben
-können sich die Erscheinungen eines +Bronchialkatarrhs+ entwickeln.
-Endlich beobachtet man habituellen Abortus oder Sterilität.
-
-Bei +Pferden+ zeigt die chronische Bleivergiftung ein wesentlich
-anderes Krankheitsbild. Meist beobachtet man als einziges auffälliges
-Symptom +Kehlkopfpfeifen+, wodurch die Pferde zur Arbeit unbrauchbar
-werden. Die saturnine Hartschnaufigkeit wird namentlich in
-Bleigegenden, sowie bei Reitpferden beobachtet, wenn dieselben in
-Reitbahnen mit bleihaltigem Sand bewegt werden. Nach den Untersuchungen
-von +Thomassen+ wird das Kehlkopfpfeifen bei der Bleivergiftung durch
-eine +periphere Neuritis des Nervus recurrens+ mit Degeneration des
-Nerven und späterer Bindegewebsneubildung veranlasst (vergl. S. 87).
-Nach +Schmidt+ soll sich das saturnine Rohren von dem gewöhnlichen
-Kehlkopfpfeifen klinisch dadurch unterscheiden, dass die Dyspnoe beim
-Unterbrechen der Bewegung nicht sofort aufhört, sondern eher noch
-zunimmt, und dass der ganze Anfall auch dann abläuft, wenn das Pferd
-nur bis zum Beginn des Hörbarwerdens der ersten Stenosengeräusche
-bewegt worden ist. Wichtiger ist der Umstand, dass beim saturninen
-Rohren eine +beiderseitige+ Kehlkopflähmung vorhanden ist.
-
-Beim +Geflügel+ (Hühner, Tauben, Dompfaffen) hat man ausser gastrischen
-Störungen, Krämpfen und Lähmungserscheinungen starke +Anschwellung+ und
-+Absterben+ der +Zehenglieder+ beobachtet.
-
-
-=Sektionsbefund.= Bei dem +akuten+ Saturnismus findet man die
-Erscheinungen einer +korrosiven Gastroenteritis+: Rötung, Entzündung,
-Verschorfung, Geschwürsbildung auf der Magendarmschleimhaut, graue bis
-schwarze Verfärbung der Darmzotten (Schwefelblei), sowie Blässe und
-Kontraktion des ganzen Darmrohrs; in den Gehirnkammern, Gehirn- und
-Rückenmarkshäuten wird eine Ansammlung seröser Flüssigkeit beobachtet
-(Hydrozephalus und Hydrorhachis). Die +chronische+ Bleivergiftung ist
-anatomisch ausser durch allgemeine Abmagerung und fettige Degeneration
-der inneren Organe durch +Bindegewebswucherung+, namentlich in
-der Niere (Nephritis saturnina, Bleiniere, Schrumpfniere), in der
-Umgebung der Darmganglien (Mesenteritis saturnina), sowie in der Leber
-charakterisiert. Dass speziell auch bei Tieren die beim Menschen häufig
-beobachtete Bleiniere (Schrumpfniere, Nierenzirrhose) vorkommt, beweist
-ein von +Gilly+ beim Rind beobachteter Fall (vergl. die Kasuistik).
-Ausserdem hat man +Kalkinfarkte+ in der +Niere+ bei Versuchstieren
-beobachtet.
-
-
-=Behandlung.= Neben der Verabreichung von Brechmitteln und
-Abführmitteln, sowie von Eiweiss, Milch und Schleim gibt man
-bei der akuten Bleivergiftung verdünnte +Schwefelsäure+ oder
-+schwefelsaure Salze+, namentlich Glaubersalz und Bittersalz, um
-die Bildung eines Niederschlags von schwer löslichem schwefelsaurem
-Blei herbeizuführen. Die Kolikanfälle, sowie die motorischen und
-psychischen Erregungszustände werden +symptomatisch+ mit Morphium oder
-Chloralhydrat, die Lähmungszustände mit Exzitantien (Kampfer, Aether,
-Alkohol, Atropin, Strychnin, Elektrizität) behandelt. Bei der im
-übrigen meist unheilbaren chronischen Bleivergiftung kann versuchsweise
-+Jodkalium+ zur Beschleunigung der Ausscheidung des Bleis aus dem
-Körper (Jodblei) gegeben werden. Bei Pferden empfiehlt sich ausserdem
-die Vornahme der +Tracheotomie+.
-
-
-=Nachweis der Bleivergiftung.= Da das Blei mit dem Eiweiss des Körpers
-eine sog. metallorganische Verbindung eingeht, so können die einzelnen
-Bleireaktionen erst nach Freimachung des Bleis aus seiner Verbindung
-vorgenommen werden.
-
-Die +Trennung+ des Bleis von den organischen Massen geschieht nach der
-früher beschriebenen Methode mit +Salzsäure+ und +chlorsaurem Kali+,
-wobei das Blei in Chlorblei übergeht. Die kochend heiss filtrierte,
-salzsaure Lösung wird sodann durch +Schwefelwasserstoff+ gefällt,
-wobei sich ein Niederschlag von +schwarzem Schwefelblei+ bildet,
-welcher schnell zu filtrieren und dann sofort weiter zu untersuchen
-ist. Das schwarze Schwefelblei ist zum Unterschied von dem ebenfalls
-schwarzen Schwefelquecksilber in +warmer Salpetersäure+ löslich
-(Bildung von salpetersaurem Blei), in Salmiakgeist, Schwefelammonium,
-Schwefelalkalien und Salzsäure unlöslich. Die Lösung des salpetersauren
-Bleioxyds wird durch nachstehende +Bleireaktionen+ weiter untersucht:
-a) +Schwefelsäure+ oder schwefelsaure Salze gehen einen Niederschlag
-von +weissem+ schwefelsaurem Blei, welcher in Wasser und Säuren
-unlöslich ist und durch Schwefelwasserstoffwasser oder Schwefelammonium
-+geschwärzt+ wird. b) +Salzsäure+ oder Chloride geben einen +weissen+
-Niederschlag von Chlorblei, der durch Salmiakgeist nicht gefärbt wird
-(im Gegensatz zu Quecksilber). c) +Jodkalium+ gibt einen +gelben+
-Niederschlag von Jodblei, welcher sich in der Hitze auflöst. d)
-+Chromsaures+ Kali gibt einen +gelben+, in Kalilauge löslichen
-Niederschlag von chromsaurem Bleioxyd. Ausserdem geben +Zyankalium+,
-+gelbes Blutlaugensalz+, +Kali-+ und +Natronlauge+, +Salmiakgeist+
-und +kohlensaure Alkalien+ einen +weissen+ Niederschlag (Zyanblei,
-Bleioxydhydrat, kohlensaures Blei). +Quantitativ+ wird das Blei als
-+Schwefelblei+ gewogen; 100 Teile Schwefelblei enthalten 86,6 Teile
-Blei.
-
- =Kasuistik.= Die alljährlich anwachsende Kasuistik der
- Bleivergiftungen gehört zu den reichhaltigsten im ganzen Gebiete der
- Toxikologie. Es soll im Nachstehenden nur eine Auswahl der für die
- einzelnen Tiergattungen wichtigsten Vergiftungsfälle wiedergegeben
- werden.
-
- 1. +Rind.+ 12 Rinder erhielten von einem Landwirt als Mittel
- gegen Lecksucht 250 g Bleiweiss. Drei davon, welche am meisten
- aufgenommen hatten, erkrankten an hartnäckiger Verstopfung,
- Tympanitis, Lähmung der Magen- und Darmperistaltik, sehr starkem
- Speicheln, Zittern, Amaurosis, Betäubung, Schwindelanfällen,
- Krämpfen, sowie Kolikanfällen 2-3 Stunden vor dem Tode. Durchfall
- trat nicht ein. (+Strebel+, Schweizer Archiv 1884). -- 2 Kühe
- erhielten gegen Blutharnen in 3 Tagen 48 resp. 52 g Bleizucker.
- Die erstere starb. Beide erkrankten nach Ablauf von 7-8 Tagen und
- zeigten Muskelschwäche, Zittern, Steifheit der Glieder, Knacken in
- den Gelenken, Lähmung der Nachhand, periodische Aufregung, sowie
- maniakalische Erscheinungen (+Fischer+, Bad. Mitt. 1885). -- 4
- Kühe und ein Bulle erhielten aus Versehen ¾ Pfund Bleizucker in
- einem Eimer Wasser gelöst in die Krippe gegossen. Am 3. Tage danach
- erkrankten 2 Kühe und mussten am 9. und 10. Tage getötet werden.
- Die 3. Kuh erkrankte am 4. Tage, der Bulle am 5. und die letzte Kuh
- am 6. Tage; diese 3 Tiere genasen (+Krekeler+, Preuss. Mitt. 1885).
- -- Mehrere Zugochsen wurden mit einer Mischung von Mennige und Oel
- eingerieben. 6-7 Wochen darauf erkrankten sie, indem zuerst Diarrhöe
- und später anhaltende Verstopfung auftrat. Die zufällig bei der
- Sektion vorgefundenen Nierensteine färbten sich bei der Berührung
- mit Schwefelleber schwarz (+Hodurek+, Oesterreich. Monatsschr.
- 1883). -- In einer Brennerei waren die Bottiche mit Mennige sehr
- dick angestrichen. Die Maische hatte den Anstrich gelöst. Durch
- den Genuss der Schlempe erkrankten viele Kühe an Bleivergiftung
- (+Magnus+, Preuss. Mitt. 1872). -- 8 Kühe wurden zur Vertilgung
- der Läuse mit Bleisalbe eingerieben und auf die Einreibung noch
- Bleiweiss eingestreut; sie erkrankten sämtlich (+Schöngen+, Preuss.
- Mitt. 1874). -- Rinder, welche Mennige aufgenommen hatten, zeigten
- Speichelfluss, Verstopfung, Kaukrämpfe, Amaurose, Rückenmarkslähmung,
- einmal Zungenlähmung, ein anderes Mal tiefes Koma, ein drittes Mal
- allgemeine Krämpfe (+Lavigne+, Recueil 1883). -- Eine Kuh frass
- 2 Pfund weisser Oelfarbe. Sie zeigte Stumpfsinn, Verstopfung,
- Kolikanfälle, beschleunigtes, schnaufendes Atmen, schnellen, harten,
- später unfühlbaren Puls, Sehstörung, plötzliche Unruhe, Krämpfe,
- Steifheit der Vorder- und abwechselnd der Hinterfüsse. Dauer der
- Krankheit 3 Wochen; Genesung (+van Dommeln+, Het Repertorium 1853).
- -- 4 Kühe und ein einjähriges Kalb erhielten gegen die Lecksucht
- innerhalb 8 Tagen zusammen 5 Pfund Bleiweiss, 3 mussten getötet
- werden. Sie zeigten Aufstützen des Kopfes, Drängen gegen die Wand,
- krankhaftes Abbiegen des Halses, Geifern, Zähneknirschen, Schluchzen,
- Pupillenerweiterung. Bei der Sektion fand man Erweichung der
- Gehirnsubstanz, sowie Flüssigkeit zwischen den Gehirnhäuten (+Hess+,
- Schweizer Archiv 1851). -- 10 Kühe erhielten je 250 g Bleizucker,
- statt Glaubersalz; alle starben innerhalb 8 Tagen (+Kaumann+, Magazin
- Bd. 27). -- 10 Rinder erhielten aus Versehen 3 Tage hintereinander
- je zweimal etwa 50 g Bleizucker. 6 Stück krepierten innerhalb 2-6
- Tagen; die übrigen 4 mussten nach 5 Wochen infolge eines Rückfalls
- getötet werden. Die Krankheitserscheinungen bestanden unter anderem
- in Kolik, Muskelzuckungen, Aufstützen des Kopfes, hochgradiger
- Mattigkeit und Erschöpfung, starker Abmagerung, lebhaftem Hautjucken,
- pustulösem Hautausschlag über den ganzen Körper, Verkalben, Husten,
- Speichelfluss, plötzlicher Lähmung (+Prinz+, Magazin 1. Bd.). --
- Mehrere Kühe nahmen auf der Weide in einer Gegend, wo Schiessübungen
- abgehalten wurden, Bleikugeln auf. Sie magerten ab, gaben wenig
- Milch, zeigten trockene Haut und blasse Schleimhäute. Bei der
- Sektion fand man 2-8 kg abgeplattete Bleikugeln im Pansen, ausserdem
- die Erscheinungen der Leberatrophie und interstitiellen Nephritis
- (+Gilly+, Recueil 1889). -- Nach der Aufnahme von bleiweisshaltigem
- Dünger auf einer Wiese erkrankten 8 Rinder unter den Erscheinungen
- einer schweren Gehirnentzündung; sie zeigten maniakalische Anfälle,
- Zwangsbewegungen, Zähneknirschen, Erblindung, starken Speichelfluss
- und Zusammenstürzen. Die Sektion ergab starke Gehirnkongestion
- (+Laho+ und +Mosselmann+, Belg. Annalen 1893). Dieselben Autoren
- gaben einem jungen Stier von 185 kg Gewicht, um experimentell die
- Frage der Geniessbarkeit des Fleisches vergifteter Tiere zu prüfen
- (vergl. S. 24), 4 Tage lang hindurch je 50 g Bleiweissfarbe, worauf
- derselbe am 4. Tage starb. -- 9 Rinder, welche mit dem Futter
- abgekratzte alte Mennige aufgenommen hatten, zeigten Speicheln,
- Zähneknirschen, anhaltende Verstopfung, Pulsverlangsamung (32 p. M.),
- Zittern, partielle Zuckungen, Zwerchfellskrampf, Pupillenerweiterung,
- Sehstörungen, Blindheit, schwerfälligen Gang und schwere psychische
- Affektionen. Der Tod trat nach 4-10 Tagen ein; die Sektion ergab
- einen negativen Befund (+Lehmann+, Berl. Archiv 1893 S. 459). --
- Einen ähnlichen Fall bei 2 Kühen (Apathie, Muskelzittern, stossendes
- Atmen) hat +Sundt+ beobachtet (ibid. 1894 S. 343). -- Ueber
- chronische Bleivergiftung bei Kühen, welche auf einem Schiessfeld
- Bleikugeln aufgenommen hatten, berichtet +Magnin+ (Rec. 1893 S. 432).
- -- Ein Rind erhielt von einem Pfuscher 120 g Bleizucker verschrieben,
- wovon täglich der 3. Teil eingegeben werden sollte. Dasselbe zeigte
- starkes Zittern, stieren Blick, Tobsucht, Schäumen und Zähneknirschen
- und starb nach 24 Stunden. Die Sektion ergab starke Magen- und
- Darmentzündung und Gehirnhyperämie (+Köcher+, Berl. Archiv 1894 S.
- 343). -- 2 Kühe zeigten nach der Aufnahme von Bleifarbe schwere
- Tobsucht und Krämpfe (+Metzger+, D. th. W. 1895 S. 436). -- 3 Kühe,
- welche Mehltrank mit Bleischrot vorgesetzt bekamen, erkrankten unter
- Erscheinungen der Zerebrospinal-Meningitis, indem sie Krämpfe,
- Unruhe, Aufregung und schliesslich Lähmung zeigten (+Pawlat+,
- österr. Mon. 1896 S. 145). -- 2 Kühe leckten den Mennigeanstrich im
- Stall ab und zeigten Salivation, Krämpfe, Vorwärtsdrängen, sowie
- tobsuchtähnliche Anfälle (+Wallmann+, Berl. Arch. 1896 S. 349). --
- Nach der Aufnahme von Abwässern einer Bleiweissfabrik erblindeten
- 2 Rinder auf beiden Augen; bei einem derselben stellte sich nach
- 14 Tagen das Sehvermögen wieder ein (+Appenrodt+, Berl. Arch. 1897
- S. 196). -- 2 Rinder erkrankten 24 Stunden nach der Aufnahme von
- Mennigefarbe und starben im Verlauf weiterer 24 Stunden, nachdem
- sie Appetitlosigkeit, übelriechenden Durchfall, Vorwärtsdrängen
- und Sichüberschlagen gezeigt hatten. Die Sektion ergab hochgradige
- Entzündung des Labmagens (+Freitag+, Sächs. Jahresber. pro 1897 S.
- 146). -- Nach der Aufnahme von ½ l Mennigefarbe zeigte eine Kuh
- 48 Stunden später Appetitlosigkeit und Verstopfung, am 3. Tage
- Kolik, Brechbewegungen, Muskelkrämpfe, Kaukrämpfe mit starkem
- Speicheln, Vorwärtsdrängen, epileptiforme Anfälle, Schlafsucht und
- allgemeine Schwäche, welche in Lähmung überging und am 5. Tage zum
- Tode führte (+Haubold+, ibid. S. 147). -- Nach dem Ablecken von
- frischem Mennigeanstrich starben 3 Kühe noch an demselben Tage, 3
- wurden am Tag darauf notgeschlachtet; alle zeigten Appetitlosigkeit,
- Verstopfung, krampfhafte Kaubewegungen, Vorwärtsdrängen, Schwäche der
- Nachhand und Muskelzittern; 1 Kuh tobte, 1 verfiel in Schlafsucht
- (+Fasold+, Berl. Arch. 1899 S. 212). -- Mehrere Kühe zeigten
- nach dem Ablecken von Mennige und Bleiweiss heftige Aufregung,
- Zittern, Salivation, Zähneknirschen, Kolik, Erblindung und Lähmung
- (+Hoefnagel+, Holl. Zeitschr. 1899). -- Eine Kuh zeigte nach dem
- Ablecken von Malerfarbe Zittern, periodische Zuckungen am Hals
- und Kopf, fallsuchtähnliche Anfälle, Vorwärtsdrängen, Durchfall,
- Tympanitis, harten Puls und angestrengte Atmung; der Haubeninhalt
- des notgeschlachteten Tieres zeigte 2 Prozent metallisches Blei
- (+Ebinger+, Schweiz. Arch. 1901 S. 179). -- 4 Kühe starben nach der
- Aufnahme von Bleiweiss unter Kolikerscheinungen (+Lebrun+, Recueil
- 1902). -- Eine Kuh starb nach dem Ablecken einer mit Mennige frisch
- bestrichenen Krippe unter Lähmungs- und Krampferscheinungen (Berl.
- Tier. Woch. 1901). -- 10 Kühe und 2 Kälber starben bezw. mussten
- geschlachtet werden, nachdem sie Leinkuchenmehl erhalten hatten,
- dem 2 Proz. Bleiweiss beigemengt war; sie zeigten Vorwärtsdrängen,
- Trismus, intermittierende Anfälle von Aufregung und Tobsucht,
- Krämpfe, Bewusstlosigkeit und Sopor (+Dahle+, Norweg. Vet.-Zeitschr.
- 1901). -- Im Kreise Kempen starben 3 Kühe an Bleivergiftung dadurch,
- dass der Besitzer Bleizucker statt Glaubersalz mit dem Futter
- verabreichte. Derselbe Besitzer hatte 4 Monate vorher 3 Kühe nach
- vermeintlicher Verabreichung von Glaubersalz notschlachten müssen
- (der Drogist, der den Bleizucker irrtümlich verabfolgte, leistete
- 1500 Mark Entschädigung). In einem anderen Falle erkrankten von
- 12 Kühen eines Stalles 7 an Bleivergiftung nach der Aufnahme von
- Mennige, mit der eiserne Träger angestrichen waren, wobei viel
- Farbe verschüttet wurde. 5 Kühe starben. Die chemische Untersuchung
- ergab im Dünndarm und in den Organen Blei. In demselben Kreise
- starben 2 Kühe ebenfalls nach der Ableckung einer frisch mit Mennige
- angestrichenen Säule; sie zeigten Speicheln, Durchfall, Auftreibung
- des Hinterleibs, kleinen, beschleunigten Puls, hohes Fieber,
- Zittern, Krämpfe und Tobsucht (Preuss. Vet.-Ber. pro 1899-1901). --
- 4 Rinder leckten Mennige aus einer Tonne und starben plötzlich unter
- milzbrandverdächtigen Symptomen; eines derselben verfiel in Raserei
- und starb wie vom Blitz getroffen. 6 andere Rinder starben nach der
- Aufnahme von Bleiweiss infolge einer Verwechslung mit Futterkalk
- unter Erscheinungen, welche den Verdacht auf Maul- und Klauenseuche
- erweckten (ibid. 1904). -- Eine Kuh starb nach mehrtägiger Krankheit
- unter Lähmungs- und Krampferscheinungen, nachdem sie einen frischen
- Mennigeanstrich abgeleckt hatte (+Haase+, Berl. T.-W. 1901). --
- 7 Absatzkälber starben unter Tobsuchtserscheinungen, nachdem
- der Kälberzwinger mit mennigehaltiger Oelfarbe angestrichen war
- (+Steffani+, Sächs. Jahresber. 1902). -- 3 Rinder erkrankten nach
- der Aufnahme von Bleifarbe (Mennige) unter Verdauungsstörungen,
- Verlangsamung des Herzschlags und Zuckungen (+Mattern+, Woch. f.
- Tierh. 1902). -- Eine Massenvergiftung von Kühen nach Verabreichung
- von Rüben, deren Standort von der stark bleihaltigen Oker (Harz)
- überflutet worden war, hat +Dammann+ beschrieben; 8 Kühe starben, 15
- schwerkranke und 19 leichterkrankte genasen nach der Verabreichung
- von Glaubersalz und Leinsamenschleim; bei allen Genesenen wurde
- starker Rückgang der Milchsekretion beobachtet (D. T.-W. 1904 Nr.
- 1). -- Alljährlich erkrankten mehrere Jungrinder, welche auf der
- Weide den Bodensatz und die Beschläge von Akkumulatoren aufgenommen
- hatten, die gereinigt worden waren (Bleisulfat?); die Tiere zeigten
- Muskelzittern, Sopor, Speicheln, Zähneknirschen, Durchfall und
- Verstopfung (+Rehaber+, Münch. tierärztl. Woch. 1909). -- Weitere
- Fälle von Bleivergiftung finden sich in den Jahresberichten der
- preuss. beamteten Tierärzte 1902-1909. In einem Falle (Jahresber.
- pro 1907) erkrankten und starben 5 Kühe nach der Fütterung von
- ungewaschenen Rüben und Rübenblättern, die von einem Felde in der
- Nähe von Bleibergwerken stammten; die Vergiftungen hörten auf,
- als die Blätter gar nicht mehr und die Rüben nur nach gründlicher
- Reinigung gefüttert wurden. Dass im übrigen einzelne Rinder
- relativ grosse Mengen von Bleiverbindungen ertragen, zeigt eine
- Beobachtung von +Baum+ und +Seliger+ (Berl. Arch. 1895), welche
- einer Versuchskuh täglich steigende Dosen von 3-15 g Bleizucker,
- innerhalb 80 Tagen insgesamt 520 g, verabreichten, ohne bei derselben
- Krankheitserscheinungen wahrzunehmen (!).
-
- Ueber enzootische Bleivergiftungen in der Nähe von Bergwerken und
- Flüssen vergl. +Meyer+: Die Verheerungen der Innerste im Fürstentum
- Hildesheim. Hottingen 1822. +Fuchs+: Die schädlichen Einflüsse
- der Bleibergwerke auf die Gesundheit der Haustiere, insbesondere
- des Rindviehs, 1842; +Freitag+: Die schädlichen Bestandteile des
- Hüttenrauchs, +Thiel’s+ landwirtschaftliche Jahrbücher 1882;
- +Schröder+ und +Reuss+: Die Beschädigung der Vegetation durch Rauch
- und die Oberharzer Hüttenrauchschäden 1883.
-
- 2. +Pferde.+ Nach der Aufnahme von mit Bleisand verunreinigtem
- Futter wurden Pferde von Schweratmigkeit befallen, welche an
- Hartschnaufigkeit erinnerte und mit Erstickungsanfällen verbunden
- war. Einige Pferde starben an Erstickung. Manche Pferde zeigten so
- hochgradige Dyspnoe, dass sie nicht einmal im Schritt geführt werden
- konnten. Erleichterung konnte nur durch die Tracheotomie geschafft
- werden (+Stolz+, Preuss. Mitt. Bd. III). -- In der Umgebung von
- Bleiwerken erkrankten Pferde häufig lediglich unter den Erscheinungen
- einer Respirationsbeschwerde, während Ernährungsstörungen und andere
- spezifische Erscheinungen vollkommen fehlen (+Schmidt+, Preuss. Mitt.
- 1879; Berliner Archiv 1885 u. 1886). -- Ein Pferd zeigte auf 500 g
- Bleizucker in 2 l Wasser gelöst Kolik, Schwäche, Steifheit, blasse
- Maulschleimhaut, kleinen und schwachen Puls, hatte sich jedoch nach
- 12 Stunden wieder erholt (+Hertwig+, Arzneimittellehre 1872). -- 360
- g Bleiglätte tötete ein Pferd (+Dominik+), während 240 g nur eine
- geringe Beschleunigung der Pulsfrequenz zur Folge hatten (+Gerlach+,
- Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- +Beckmann+ (Zeitschr. f. Vetkde.
- 1891 S. 253) fand als Ursache des im Winter bei 18 Pferden einer
- Eskadron auftretenden Kehlkopfpfeifens das Einatmen von bleihaltigem
- Sand der Reitbahn, welcher aus der Nähe eines alten Bleiwerks bezogen
- wurde. Der Sand enthielt grosse Mengen von Bleioxyd. Die Pferde
- waren sonst durchaus gesund, waren gut genährt und zeigten keinerlei
- Störungen im Digestions- und Zirkulationsapparat. Wurden sie wenige
- Minuten im Trab geritten, so beobachtete man ein pfeifendes,
- inspiratorisches Geräusch und gleichzeitig so hochgradige Atemnot,
- dass manche Pferde umzufallen drohten. Nach dem Reiten waren die
- Pferde sehr aufgeregt und schwitzten stark. Nach 5-15 Minuten Ruhe
- waren die Atmungsbeschwerden verschwunden. Von den 18 Pferden starben
- 2 an Erstickung, 3 wurden geheilt, die übrigen blieben Pfeifer.
- Bei der Sektion der gestorbenen Pferde fand man den hinteren und
- seitlichen Ringgiesskannenmuskel geschwollen, die Schleimhaut des
- Kehlkopfes verdickt und von neugebildeten Gefässen durchzogen. --
- In einem Regimente erkrankten innerhalb 24 Stunden 9 Pferde an
- Kolik infolge Beleckens der neuen mit Mennige bestrichenen Barren
- (Pr. Mil.-Vet.-Ber. pro 1893). -- 4 Pferde erhielten aus einer
- ½ km langen Bleirohrleitung, welche 2 Jahre lang leer geblieben
- war, Trinkwasser und erkrankten an Verdauungsstörungen, leichten
- Kolikanfällen, Muskelschwäche, Steifheit der Glieder, starkem Knacken
- der Gelenke, Atmungsstörungen und dummkollerartigen Erscheinungen;
- alle 4 Pferde starben (+Walther+, Sächs. Jahresber. pro 1896 S.
- 148). -- 8 Pferde eines Gutes, welches einen halben Kilometer
- von einem Bleiwerk entfernt war, erkrankten der Reihe nach an
- Bleivergiftung. Ein 3 Monate altes Fohlen zeigte die Erscheinungen
- der Fohlenlähme, zwei andere, ältere Fohlen Steifheit des Rückens
- und der Gliedmassen. Eine alte Stute erkrankte an Kehlkopfpfeifen,
- welches nach längerer Behandlung mit Jodkalium wieder verschwand;
- dasselbe Pferd zeigte später während des Fressens plötzliche
- Erstickungsanfälle mit rohrendem Husten, welche rasch zum Tode
- führten. 2 andere Stuten zeigten ebenfalls akutes Rohren und Dyspnoe
- (durch Jodkalium geheilt). Die Leber der gefallenen Pferde war stark
- bleihaltig, desgleichen die untersuchten Futtermittel (+Mosselmann+
- und +Hébrant+, Belg. Annalen 1899). -- Fütterungsversuche, welche
- +Thomassen+ mit Plumbum carbonicum (5-20 g pro die) bei 2 Fohlen
- anstellte, ergaben schon nach 4-6 Wochen das Auftreten von Rohren
- unter gleichzeitiger starker Abmagerung und Schreckhaftigkeit. Bei
- der Sektion wurde folgendes ermittelt: Der Nervus recurrens war
- beiderseits, links aber mehr als rechts degeneriert; er zeigte die
- Erscheinungen der parenchymatösen Neuritis mit Zerfall des Myelins
- und Achsenzylinders, sowie Bindegewebsneubildung. Auch am Nervus
- vagus war starke Degeneration der Markscheide wahrzunehmen. Die
- Kehlkopfmuskeln zeigten mikroskopisch atrophische Degeneration. In
- der Medulla oblongata und spinalis wurden geringe Veränderungen der
- Ganglien (Vaguskerne) gefunden, im Nervus sympathicus partielle
- Bindegewebsneubildung. Der beim Menschen zuerst erkrankte Nervus
- radialis war normal, desgleichen der Ischiadikus und Tibialis
- (Holl. Zeitschr. 1903). -- Militärpferde erkrankten an Kolik und
- Darmentzündung nach der Aufnahme mennigehaltigen Trinkwassers aus
- angestrichenen Tränkbottichen (+Hentrich+, Zeitschr. f. Vetkde. 1909).
-
- 3. +Schafe.+ Ein altes Schaf erhielt 30 g Bleizucker. Dasselbe
- erkrankte noch an demselben Tage und starb nach 8 Tagen (+Gerlach+).
- -- +Ellenberger+ und +Hofmeister+ (Berliner Archiv 1884) fütterten
- 2 Schafe mit kleinen Dosen Bleizucker (0,5-3,0 pro die). Das eine
- starb nach der Verabreichung von zusammen 150 g nach 3 Monaten,
- das andere bei einer Gesamtmenge von 164 g nach 4 Monaten an
- chronischer Bleivergiftung. Die Symptome derselben waren nicht
- sehr charakteristisch: abnehmende Fresslust, Traurigkeit,
- gestörtes Wiederkauen, trockene Wolle, grosse Muskelschwäche,
- Unruheerscheinungen, verzögerter Kotabsatz, Durchfall, Verringerung
- der Harnsekretion, Abnahme der Harnstoffausscheidung, zuweilen
- Albuminurie, jedoch keine Symptome von Enzephalopathie, Arthralgie
- und Bleilähmung. Bei der Sektion war chronischer Darmkatarrh,
- fettige Degeneration der Leber, diffuse Nephritis, Quellung der
- Leber- und Nierenzellen, sowie eine eigentümliche Kerndegeneration
- der Nierenepithelien zu konstatieren. Die chemische Untersuchung
- ergab, dass am meisten Blei enthielten die Leber, die Nieren, die
- Speicheldrüsen, die Milz, die Knochen und das Zentralnervensystem.
-
- 4. +Hunde.+ Ein Hund wurde von Arbeitern einer Bleihütte mit Brot
- gefüttert, welches Bleiglätte enthielt. Es trat alsbald Unruhe,
- Geifern, Würgen und noch an demselben Tage der Tod unter Konvulsionen
- ein. Bei der Sektion fand man die Schleimhaut des Magens dunkelrot,
- an einigen Stellen trocken und korrodiert, die Schleimhautfalten
- wulstig geschwollen, das Gehirn stark hyperämisch (+Dietrich+,
- Preuss. Mitt. 1874). -- Ein Hund starb auf 14 g innerhalb 28 Stunden
- (+Orfila+, Toxikologie); ein anderer starb auf 8 g Bleifeile nach
- 18 Tagen. Ferner starben Hunde bei täglicher Verabreichung von
- 0,2-0,5 Bleizucker nach 5-8 Wochen an chronischer Bleivergiftung
- (Gesamtverbrauch 10 bis 30 g). -- 2 Pferde und 1 Hund erkrankten
- in der Nähe einer Blei- und Silberhütte schwer an Bleivergiftung
- (+Tappe+, Berl. Arch. 1901). -- Die Erscheinungen der chronischen
- Bleivergiftungen bei Hunden sind nach den experimentellen
- Untersuchungen von +Heubel+ und +Maier+ (Pathogenese und Symptome
- der chronischen Bleivergiftung 1871): Appetitlosigkeit, Erbrechen,
- Speichelfluss, Durchfall, hochgradige Abmagerung, namentlich
- Muskelatrophie am Rücken und an den Hinterschenkeln, vorübergehende
- Kolikanfälle, Schwäche der hinteren Extremitäten, Zittern
- (eigentliche Muskellähmung fehlte), ausgeprägte Eklampsia saturnina
- (in der 4. oder 5. Woche), verzögerter Kotabsatz und Verstopfung.
- Bei der Sektion fand sich in allen Organen (Darm, Leber, Nieren,
- Gehirn, Rückenmark) eine starke Bindegewebswucherung, zunächst in den
- Gefässwandungen mit konsekutiver Kompression der Gefässe, Atrophie
- der Darmdrüsen, Darmfollikel und Darmzotten, sowie Atrophie der
- Darmganglien.
-
- 6. +Schweine.+ Ein ½jähriges Schwein erkrankte nach 8 g Bleizucker,
- erholte sich aber wieder nach 4 Tagen (+Gerlach+). -- Mehrere
- Schweine leckten ein frisch angestrichenes Stallgitter ab; sie
- zeigten Erbrechen, Verstopfung und Krämpfe (+Dinter+, Sächs.
- Jahresber. 1864).
-
- 6. +Geflügel.+ Hühner wurden auf einem verlassenen Blendelagerplatz
- gehalten. Mehrere Hähne erkrankten und starben; sie zeigten dunklen,
- geschrumpften Kamm, gesträubtes Gefieder und lagen am andern Tage
- tot im Stall. Die Hühner erkrankten nicht, aber sie legten Eier ohne
- Schalen (+Dietrich+, Preuss. Mitt. 1874). -- Enten schlutterten in
- Jauche, welche Bleizucker enthielt; sie starben nach wenigen Tagen
- (+Krekeler+, ibidem). -- Tauben, welche bleihaltige Glasur von
- Trinkgefässen, sowie eine frisch mit Bleiweiss gestrichene Dachrinne
- abgepickt hatten, zeigten starke Anschwellung der Zehen, schnelles
- Absterben einzelner Zehenglieder, Unruhe, Taumeln, epileptiforme
- Krämpfe, Erbrechen und Speicheln (Dresd. Bl. f. Geflügelzucht 1896
- S. 408). -- Dompfaffen in einem Drahtkäfig aus verzinntem Draht,
- der durch bleihaltige Lötmasse verbunden war (60 Proz. Bleigehalt;
- das Lot der Kochgeschirre für den Menschen darf nur 10 Proz. Blei
- enthalten), zeigten Traurigkeit, Zittern, Schwäche, Benommenheit und
- Schlafsucht und starben nach 8 Tagen. Der Sektionsbefund war negativ;
- die Körperorgane enthielten Blei (+Regenbogen+, Berl. T. W. 1908 S.
- 544).
-
-
-Quecksilbervergiftung. Merkurialismus.
-
- =Chemie der Quecksilberverbindungen.= Das reine +metallische
- Quecksilber+ wird hüttenmännisch aus dem natürlich vorkommenden
- Quecksilber durch Reinigung oder aus dem Zinnober (HgS) durch Rösten
- dargestellt. Es ist ein glänzendes, silberweisses, flüssiges,
- schweres Metall, welches schon bei gewöhnlicher Temperatur verdunstet
- und sich nur in Salpetersäure löst. Mit Metallen bildet es Amalgame.
- Es dient zur Herstellung der +grauen Quecksilbersalbe+, sowie anderer
- Quecksilberpräparate. Der +Sublimat+ (Quecksilberchlorid, Hydrargyrum
- bichloratum), HgCl_{2} bildet ein schweres, weisses, ätzend
- schmeckendes Pulver, in 1 : 16 kaltem, sowie 1 : 3 heissem Wasser
- löslich, das sich beim Erhitzen wie alle Quecksilberverbindungen
- verflüchtigt, mit Alkalien gelbrot, mit Jodkalium scharlachrot, mit
- Schwefelwasserstoff schwarz, mit Ammoniak weiss färbt, metallisches
- Kupfer amalgamiert und mit Eiweisslösungen Niederschläge gibt.
- +Kalomel+ (Quecksilberchlorür, Hydrargyrum chloratum), Hg_{2}Cl_{2},
- bildet ein gelbweisses, schweres, in Wasser unlösliches,
- geschmackloses Pulver, das beim Erhitzen ebenfalls flüchtig
- ist und sich mit Alkalien schwarz färbt. Der +rote Präzipitat+
- (Quecksilberoxyd, Hydrargyrum oxydatum), HgO, bildet ein gelbes, oder
- gelbrotes schweres Pulver, das in Säuren leicht löslich ist und sich
- beim Erhitzen unter Abscheiden von Quecksilber verflüchtigt. Der
- +weisse Präzipitat+ (Hydrargyrum bichloratum ammoniatum), HgClNH_{2},
- bildet ein weisses, in Wasser unlösliches, beim Erhitzen flüchtiges,
- schweres Pulver, das sich mit Natronlauge in Ammoniak und gelbes
- Quecksilberoxyd zerlegt. +Quecksilberjodid+ (Hydrargyrum bijodatum
- rubrum), HgJ_{2}, bildet ein lebhaft scharlachrotes, in Wasser
- unlösliches, beim Erhitzen flüchtiges Pulver, das sich in Jodkalium
- und Spiritus farblos löst. Giftig sind endlich auch die Dämpfe des
- Knallquecksilbers.
-
-
-=Aetiologie der Quecksilbervergiftung.= Die meisten
-Quecksilbervergiftungen sind Medizinalvergiftungen, deren Ursprung
-gewöhnlich in einer +Unterschätzung der Gefährlichkeit aller
-Quecksilberpräparate, namentlich beim Rind+, zu suchen ist. Im
-Speziellen ist über die ätiologische Bedeutung der einzelnen
-Quecksilberpräparate folgendes zu bemerken.
-
-1. Die +graue Quecksilbersalbe+ gibt am häufigsten Veranlassung zu
-Vergiftungen. Sie ist besonders für die Wiederkäuer und namentlich
-für das Rind, bei welchem sie zur Vertilgung der Läuse, gegen
-Euterentzündungen etc. eingerieben wird, eines der giftigsten
-Arzneimittel. +30 g Quecksilbersalbe können bei erwachsenen Rindern
-schon schwere Vergiftungserscheinungen bedingen.+ Im Gegensatze hierzu
-sind Pferde, Schweine und Hunde gegen die Salbe nur wenig empfindlich.
-Ein Jagdhund frass z. B. 170 g Salbe auf einmal, ohne schwere
-Krankheitserscheinungen zu zeigen (+Deijermans+). Schweine ertragen
-bis zu 80 g Salbe ohne zu erkranken (+Reiche+). Ein Pferd starb erst,
-nachdem innerhalb eines Monats 3240 g Salbe, also über 3 kg, verbraucht
-waren (+Schubarth+). Ein anderes Pferd starb ebenfalls erst nach einem
-Monate, nachdem täglich 120 g Salbe (zusammen über 3½ kg) eingerieben
-worden waren (Alforter Schule). In einem Pferdestalle, in welchem ein
-Pferd mit grauer Salbe längere Zeit behandelt wurde, erkrankte ein
-daselbst eingestellter Stier infolge Einatmung der Quecksilberdämpfe
-an Merkurialismus, während das Pferd vollständig gesund blieb. Dagegen
-scheinen Katzen und Vögel wieder sehr empfindlich zu sein; so starben
-Kanarienvögel nach dem Einreiben von 0,5 der grauen Salbe (+Hertwig+).
-
-2. Der +Sublimat+ ist das stärkste aller Quecksilberpräparate. Er gibt
-zu Vergiftungen Veranlassung durch seine Verwendung als +Rattengift+,
-sowie als Antiseptikum in der +Chirurgie+ und +Geburtshilfe+. Auch
-hier zeigt wieder das Rind die grösste Empfindlichkeit; es können
-z. B. Uterusausspülungen mit 1promilligem Sublimatwasser bei Kühen
-eine allgemeine Quecksilbervergiftung zur Folge haben. Ebenso hat man
-nach unvorsichtiger +Sublimatdesinfektion+ von +Rinderstallungen+
-schwere Quecksilbervergiftungen bei den nachher eingestellten
-Rindern beobachtet. Dagegen sind nach dem Gebrauche des Sublimats
-als Desinfektionsmittel bei Pferden Vergiftungen bisher nicht
-beobachtet worden. Sogar das Anlegen von Aetzligaturen auf den
-Samenstrang zum Zwecke der Kastration hat bei Bullen in zahlreichen
-Fällen Merkurialismus zur Folge gehabt (+Junginger+, +Schmidt+ und
-andere bayerische Tierärzte). Im Jahr 1901 erkrankten in Hessen,
-Bayern, Preussen, in der Schweiz und in Italien zahlreiche Rinder
-an Merkurialismus, nachdem sie auf den Vorschlag von +Baccelli+
-intravenöse Injektion von Sublimat gegen Maul- und Klauenseuche
-erhalten hatten, trotz kleinster Dosen (0,02-0,05 pro Rind); in der
-Schweiz allein erkrankten 30 Kühe hiernach an Quecksilbervergiftung
-(+Hirzel+, +Tamborini+, +Boschetti+ u. a.) Die +tödliche Dosis+ des
-Sublimats beträgt für Rinder per os 4-8 g, subkutan 0,5 g, für Pferde
-5-10 g, für Schafe 4 g, für Hunde und Katzen 0,1-0,3 g.
-
-3. +Kalomel+ ist ebenfalls in erster Linie für Rinder ein sehr
-gefährliches Gift; +schon 8-10 g können bei erwachsenen Rindern
-schwere Vergiftungserscheinungen herbeiführen+. Schafe und Ziegen
-zeigen von 1-5 g ab schwere bezw. tödliche Vergiftungen; Ziegen sind
-im allgemeinen empfindlicher als Schafe (+Reiche+, +Müller+). Kälber
-zeigen sogar allgemeinen Merkurialismus nach dem Einstreuen von Kalomel
-ins Auge gegen Keratitis (+Lippus+). Dagegen ertragen Hunde und
-Schweine ziemlich grosse Kalomeldosen, erstere bis zu 2, letztere bis
-zu 10 g. Besonders gefährlich ist die gleichzeitige Verabreichung von
-Kalomel und Aloe; Pferde können hierbei schon nach 3 g Kalomel sterben
-(vergl. das Kapitel der Aloevergiftung).
-
-4. +Quecksilberjodid+ ist ebenso giftig wie Sublimat. Ein 2½jähriger
-Bulle starb z. B. nach dem Einreiben einer Salbe, welche 5 g
-Hydrargyrum bijodatum rubrum enthielt. Auch bei Pferden sind nach dem
-Einreiben der Salbe Vergiftungen beobachtet worden. Ebenfalls giftig
-wirkt das +Hydrargyrum oxycyanatum+ (Ausspülungen des Uterus beim Rind
-mit Lösungen 1 : 6000).
-
-5. Der +rote Präzipitat+ steht hinsichtlich seiner Giftigkeit zwischen
-dem Sublimat und Kalomel. Pferde zeigen nach 10 g, Hunde nach 0,2-0,5 g
-schwere Vergiftungserscheinungen.
-
-6. Das +metallische Quecksilber+ kann von Hunden und Schweinen
-innerlich in sehr grossen Gaben (250-500,0) ohne schädliche Wirkung
-aufgenommen werden. Dagegen ist auch hier das Rind besonders
-empfindlich; in einem von +Lübke+ beschriebenen Falle erkrankte
-ein Rind an Merkurialismus, welchem innerlich gegen Verstopfung
-20 g Quecksilber eingegeben wurden. Sehr giftig sind ferner die
-+eingeatmeten Quecksilberdämpfe+, wie klinische und experimentelle
-Beobachtungen gezeigt haben. Sie erzeugen infolge Umwandlung des
-Metalls zu löslichen Verbindungen bronchitische und pneumonische
-Erscheinungen, sowie im allgemeinen Merkurialismus. So erkrankten und
-starben z. B. auf dem Schiffe „Le Triomphe“, in dessen Schiffsraum eine
-grössere Menge von Quecksilber ausgelaufen war, ausser der Mannschaft
-auch sämtliche in dem Schiff befindliche Tiere (Schweine, Schafe,
-Ziegen, Katzen, Geflügel, Mäuse) an Quecksilbervergiftung.
-
-
-=Krankheitsbild der Quecksilbervergiftung.= Die Erscheinungen des
-Merkurialismus sind je nach den einzelnen Quecksilberpräparaten
-insofern etwas verschieden, als die einen derselben (Sublimat,
-Quecksilberjodid, Quecksilberoxyd) in erster Linie und zuweilen
-ausschliesslich eine ätzende und erst in zweiter Linie eine allgemeine
-Wirkung ausüben, während die graue Quecksilbersalbe und häufig auch
-das Kalomel von vornherein die Erscheinungen eines allgemeinen
-Merkurialismus hervorrufen. Ausserdem wird das Krankheitsbild durch
-die Art und Weise der Applikation wesentlich beeinflusst. So erzeugt
-der Sublimat, wenn er innerlich aufgenommen wird, gewöhnlich eine
-korrosive, schnell tödlich verlaufende Gastroenteritis, während er
-vom Uterus oder von der Haut aus allgemeinen Merkurialismus bedingt.
-Auf diese besonderen Verhältnisse kann hier nicht genauer eingegangen
-werden, es sollen vielmehr nur die charakteristischen Erscheinungen des
-allgemeinen Merkurialismus übersichtlich zusammengestellt werden, wobei
-bemerkt wird, dass nicht immer sämtliche aufgeführte Symptome in einem
-und demselben Falle beobachtet werden. Die wichtigsten Erscheinungen
-sind:
-
-1. +Salivation+, +Stomatitis ulcerosa+, Auflockerung des Zahnfleisches,
-Lockerwerden und Ausfallen der Zähne bei den Wiederkäuern, übler Geruch
-aus dem Maule.
-
-2. +Magendarmkatarrh+, mit vorwiegender Beteiligung des Blinddarms bei
-den Pflanzenfressern, später profuse, selbst blutige +Diarrhöe+ mit
-graugrünem, dünnflüssigem, oft aashaft riechendem Kote.
-
-3. +Husten+, eiteriger Nasenausfluss, +Bronchoblennorrhöe+, selbst
-+Bronchopneumonie+, angestrengte, selbst dyspnoische Atmung,
-übelriechendes Exspirium, Nasenbluten.
-
-4. +Hautexantheme+, in der Hauptsache +Ekzema impetiginosum+ und
-+squamosum+, beginnend mit starkem +Jucken+, infolgedessen Nagen
-und Scheuern, Haarausfall, Nässen, Eiter- und Borkenbildung neben
-bedeutender Hautverdickung und Anschwellung der Subkutis, Bildung von
-Bläschen und Pusteln, letztere aber ohne Delle. +Lieblingsstellen+
-sind: die Umgebung der eingeriebenen Stelle, die Gegend der Augen, des
-Flotzmaules, Afters, Euters und der Scheide, die Trielfalte, sowie die
-Beugeflächen der Gelenke.
-
-5. +Lähmungsartige Schwäche+, grosse Apathie, Stumpfsinn, Schwindel,
-Zittern (+Tremor mercurialis+), Schreckhaftigkeit und Delirien
-(+Erethismus mercurialis+), Lähmung einzelner Muskeln, Amaurose,
-Taubheit, Anästhesie, +Abmagerung+.
-
-6. +Nephritis+ (Anurie, Albuminurie, Zylindrurie) und
-+Kalkinkrustation+ der +Niere+ (Nekrose des Nierenepithels mit
-Kalzinifikation infolge mangelnder Fähigkeit der Kalkabscheidung).
-
-7. +Blutungen in den verschiedensten Organen+, besonders den
-Schleimhäuten der Nase, der Lunge, des Darmes, des Uterus (Abortus).
-Zuweilen erfolgt der Tod durch innere Verblutung oder Nasenbluten.
-Endlich bedingt das Quecksilber einen starken Zerfall der roten
-Blutkörperchen (Hämolyse).
-
-Der +Verlauf+ ist entweder +akut+, besonders bei jungen Tieren und
-bei vorwiegend lokaler Aetzung im Magen und Darm. Sublimat kann so
-innerhalb einiger Stunden schon eine tödliche Vergiftung herbeiführen,
-ohne dass es zu allgemeinem Merkurialismus kommt. Die Dauer des akuten
-Merkurialismus ist sehr verschieden und beträgt mehrere, selbst 10-14
-Tage. Oder der Verlauf ist +chronisch+, mehrere Wochen, selbst Monate
-dauernd. In einzelnen Fällen hat man bei Milchkühen andauerndes
-Versiegen der Milchsekretion nach Ablauf der Quecksilbervergiftung
-beobachtet. In der Regel findet man ferner nach dem Verschwinden der
-Vergiftungserscheinungen noch wochen- und monatelang Eiweiss im Harn.
-
-
-=Sektionsbefund.= Man findet zunächst mehr oder weniger ausgeprägte
-+Entzündungszustände auf der Schleimhaut des Digestionstraktus+ in
-verschiedenen Graden: ulzeröse Stomatitis (kann fehlen), punktförmige
-und fleckige Rötung, hämorrhagische Erosionen, Geschwürsbildung
-im Magen, besonders auf der Höhe der Schleimhautvorsprünge und im
-Labmagen; die Mukosa ist oft ödematös geschwollen, die Submukosa
-serös infiltriert, so dass die Darmschleimhaut schlotternde Wülste
-bildet; daneben beobachtet man hochgradige Anämie des Darmes. Das
-subperitoneale Bindegewebe ist ebenfalls ödematös, mit fleckigen
-Hämorrhagien durchsetzt. Die +Leber+ ist anämisch, geschwollen.
-Die +Nieren+ sind +entzündlich+ geschwollen, serös infiltriert,
-ekchymosiert und zuweilen vollständig +mit Kalk inkrustiert+
-(eigentümlicherweise ist die Verkalkung der Niere bisher nur beim
-Menschen und beim Kaninchen beobachtet worden; beim Hund findet man
-statt dessen +fettige Degeneration+ des Nierenepithels). In chronischen
-Fällen kann sich Nierenzirrhose entwickeln. Der +Herzmuskel+ zeigt
-fettige Entartung und Hämorrhagien, die Gehirnsubstanz ist anämisch,
-weich, wässerig-glänzend; unter der Arachnoidea, sowie in der
-Gehirnrinde finden sich Blutungen. Die +Respirationsschleimhaut+ ist
-entzündlich geschwollen und zeigt zuweilen einen kruppösen Belag. Die
-+Lunge+ ist blutreich, von Hämorrhagien, bronchopneumonischen Herden
-und Abszessen durchsetzt; die bronchialen und mediastinalen Drüsen sind
-geschwollen. Die +Haut+ und das +Unterhautbindegewebe+ ist anämisch,
-das Unterhautbindegewebe serös infiltriert, unter den ekzematösen
-Hautstellen ekchymosiert; die +Körpermuskulatur+ ist auffallend
-blass, welk, wie gekocht, von fleckigen, düsterbraunroten Ekchymosen
-durchsetzt, dabei stark sulzig infiltriert, so dass beim Einschneiden
-eine fleischwasserähnliche Flüssigkeit abläuft. Das +Blut+ erscheint
-schwarzrot, schmierig, schlecht geronnen.
-
-
-=Behandlung.= Die Therapie der Quecksilbervergiftung beginnt mit der
-Entfernung der Ursachen, also namentlich beim Rind mit dem Abwaschen
-der eingeriebenen Quecksilbersalbe. Das nächste Bestreben muss sein,
-das eingedrungene Quecksilber in eine unlösliche und ungiftige
-Form, nämlich in Schwefelquecksilber, überzuführen. Zu diesem Zweck
-verabreicht man +Schwefel+, +Schwefelleber+, +Schwefeleisen+;
-auch Eisenpräparate, namentlich +Eisenpulver+ und +Eisenvitriol+,
-sind Gegenmittel. Daneben verabreicht man +einhüllende+ Mittel,
-namentlich Eiweiss, Milch und Schleim, und behandelt die einzelnen
-Vergiftungserscheinungen symptomatisch, indem man insbesondere gegen
-die Lähmung Exzitantien (Aether, Weingeist, Kampfer, Kaffee, Atropin)
-gibt. Dagegen ist Kochsalz nicht angezeigt, weil es im Gegenteil
-die Löslichkeit und Resorption namentlich des Sublimats befördert.
-Als Mittel gegen die merkurielle Stomatitis wird +Kali chloricum+
-als Mundwasser verordnet. Die chronischen Fälle von Merkurialismus
-werden wie die chronische Bleivergiftung versuchsweise mit +Jodkalium+
-behandelt; eine vollständige Entgiftung des Körpers ist jedoch erst
-nach vielen Monaten zu erwarten.
-
-
-=Nachweis.= Auch beim Quecksilber ist, wie beim Blei, behufs
-des chemischen Nachweises eine vorhergehende Trennung desselben
-aus seinen metallorganischen Verbindungen vorzunehmen. Dieselbe
-geschieht durch +Zerstörung+ der letzteren mittels +Salzsäure+ und
-+chlorsaurem Kali+. Das Quecksilber wird dadurch in +Sublimat+
-übergeführt und nach Einleiten von +Schwefelwasserstoff+ in die
-salzsaure Lösung als +schwarzes Schwefelquecksilber+ gefällt. Der gut
-ausgewaschene Niederschlag löst sich zum Unterschiede von Schwefelblei,
-Schwefelkupfer und Schwefelsilber in Salpetersäure +nicht+. Die Lösung
-des Niederschlags in +Königswasser+, in welchem das Schwefelquecksilber
-+leicht+ löslich ist, wird sodann zur Trockene verdunstet und
-unter Zusatz von einigen Tropfen Salzsäure in Wasser aufgenommen,
-worauf nachfolgende +qualitative Reaktionen+ angestellt werden (die
-Lösung enthält Sublimat): a) Mit +Kalilauge+ versetzt entsteht ein
-+gelbroter+ Niederschlag von Quecksilberoxyd. b) Mit +Jodkalium+
-bildet sich ein scharlachrotes Quecksilberjodid. c) Mit +Salmiakgeist+
-entsteht ein +weisser+ Niederschlag von weissem Präzipitat. d)
-Mit +Zinnchlorürlösung+ (1 Tropfen) entsteht anfangs ein weisser
-Niederschlag, später scheidet sich +graues metallisches Quecksilber+
-ab. e) Ein +blanker Kupferstreifen+ wird +weiss amalgamiert+. f) Durch
-+Elektrolyse+ schlägt sich das Quecksilber +metallisch+ am Zinn nieder.
-
-+Quantitativ+ wird Quecksilber als +Metall+, +Kalomel+ oder
-+Schwefelquecksilber+ dargestellt und gewogen (100 Teile Kalomel =
-85 Teile Quecksilber). Am häufigsten führt man das Quecksilber aus
-salpetersäurefreien Lösungen mit Zusatz von etwas Salzsäure durch
-kurzes Kochen mit genügender Lösung von +Zinnchlorür+ in Kalomel
-(Quecksilberchlorür) über, welches beim Erkalten ausfällt und dann
-filtriert, getrocknet (vorsichtig mit Filtrierpapier und über
-Schwefelsäure; nicht durch Erwärmen, weil flüchtig) und gewogen wird.
-
- =Kasuistik.= 1. +Rinder.+ Aus der überaus grossen Zahl der
- namentlich beim Rind in der tierärztlichen Literatur beschriebenen
- Quecksilbervergiftungen mögen die nachstehenden besonders
- interessanten Fälle kurz registriert werden. Einer Kuh wurden
- gegen Milchknoten 60 g graue Salbe nach und nach eingerieben. Nach
- 3 Wochen trat starke Abmagerung ein, die Haare waren struppig,
- leicht ausfallend. Auf dem Rücken zeigte sich eine dicke Lage von
- Schuppen und eisenerzähnlichem Staub. An Stelle der ausfallenden
- Haare sickerte eine gelbrötliche Flüssigkeit aus. Am Euter, an der
- Innenfläche der Hinterschenkel, an den Beugeflächen des Sprung-
- und Ellenbogengelenks bemerkte man blutrünstige Stellen. Das Tier
- genas bald wieder, die Milchsekretion kehrte aber nicht wieder
- (+Piepenbrock+, Preuss. Mitt. 1877). -- Eine Kuh, welche mit grauer
- Salbe eingerieben wurde, zeigte unter anderen Erscheinungen der
- Quecksilbervergiftung Nasenbluten, das im Verlaufe von 36 Stunden
- zum Tode führte (+Jansen+, Preuss. Mitt. 1879). -- Ein 2½jähriger
- Bulle erhielt gegen eine Geschwulst in der Parotisgegend eine
- Einreibung nach folgendem Rezept: Hydrargyri bijodati rubri 5,0;
- Unguenti Cantharidum 75,0; Olei Crotonis 0,5. Nach 8 Tagen zeigte
- derselbe die ausgesprochenen Erscheinungen des Merkurialismus
- (Durchfall, Hautausschlag etc.) und verendete nach 7wöchentlicher
- Krankheitsdauer (+Schleg+, Sächs. Jahresber. 1881). -- Sieben
- Kühe und zwei Kälber wurden durch Einreiben von zusammen 250 g
- grauer Salbe vergiftet; sie zeigten unter anderem Vereiterung der
- Lymphdrüsen und Lymphgefässe (+Haubold+, Sächs. Jahresber. 1887).
- -- Eine gesunde Kuh erhielt 4 g Sublimat in 200 g destilliertem
- Wasser gelöst. Sie zeigte vorübergehend Rülpsen, Geifern, Husten und
- Appetitverminderung, war aber am folgenden Tage wieder munter. 5
- Tage nachher erhielt sie 8 g Sublimat in ½ l destilliertem Wasser.
- Es trat sofort Geifern und Rülpsen ein, Fressen und Wiederkäuen
- hörten jedoch erst am nächsten Tage auf; gleichzeitig trat weicheres
- Misten, erschwertes Atmen und ein sehr kleiner, beschleunigter Puls
- auf. In den nächsten Tagen sistierte die Futteraufnahme gänzlich,
- der Kot wurde dünn, stinkend und blutig, es stellte sich grosse
- Mattigkeit ein, das Tier lag anhaltend, magerte stark ab und starb
- am 14. Tage (+Hertwig+, Arzneimittellehre 1872). -- 2 Kühe wurden
- wegen eines Ekzems mit 30 g grauer Salbe eingerieben. Acht Tage
- darauf zeigten sie geringen Appetit, Husten, pochenden Herzschlag
- sowie zahlreiche stecknadelkopf- bis erbsengrosse, beim Konfluieren
- bis markstückgrosse Blutungen auf allen sichtbaren Schleimhäuten,
- namentlich auf den Konjunktiven, welch letztere so intensiv waren,
- dass die Bulbi über die Augenlider vorgedrängt wurden. Bei der
- Notschlachtung wurden auch zahlreiche Blutungen auf allen serösen
- Häuten gefunden. Endokardium und Epikardium waren so vollständig
- mit Blut durchtränkt, dass sie ein schwarzrotes Aussehen hatten.
- Auch die Körpermuskulatur war reichlich mit Blutungen durchsetzt.
- -- Eine Kuh und ein Stier wurden mit grauer Salbe gegen Ungeziefer
- eingerieben, die Kuh abortierte und starb den Tag darauf. Der Stier
- zeigte über den ganzen Körper einen leicht blutenden Hautausschlag,
- Husten, Nasenbluten, Abmagerung. Bei der Notschlachtung fand
- man zwei grössere Blutherde in der Lunge, ausserdem bedeutende
- fettige Degeneration der Leber und Nieren (+Freytag+, Sächs.
- Jahresbericht 1893). -- +Lucet+ (Recueil 1896) bestreitet die
- grössere Empfindlichkeit der Wiederkäuer gegenüber dem Quecksilber;
- er will seit 15 Jahren Quecksilbersalbe in Dosen von 30-50 g bei
- zahlreichen Kühen ohne Gefahr angewandt und diese Dosis bei
- Mastitis sogar täglich 2mal wiederholt haben. Eine Versuchskuh
- erhielt innerhalb 4 Tagen 250 g Quecksilbersalbe eingerieben, ohne
- dass ausser geringgradigem Speichelfluss Krankheitserscheinungen
- beobachtet wurden; die frisch bereitete Salbe bestand aus gleichen
- Gewichtsteilen Quecksilber und Schweinefett. (Da in der Praxis
- gewöhnlich nicht frisch bereitete, sondern ältere Quecksilbersalben
- zur Anwendung gelangen, die bekanntlich viel giftiger wirken, ist
- die von +Lucet+ ausgeführte Untersuchung nicht beweiskräftig.) --
- Ein 3½jähriger Ochse erhielt durch Versehen des Apothekers statt
- 30,0 Extr. Aloes 30,0 Kalomel innerhalb 16 Stunden auf 4mal. Es
- entwickelte sich hierauf ein allgemeiner Quecksilberausschlag. Das
- in grossen Dosen als Gegenmittel angewandte Ferrum sulfuricum hatte
- nach 5wöchentlicher Krankheitsdauer Heilung zur Folge (+Dotter+). --
- Ein Bauer kaufte einen Fingerhut voll Quecksilber, verrieb es mit
- Fett und rieb damit einen Ochsen und eine 8 Monate alte Kalbin gegen
- Ungeziefer ein. Der Ochse blieb gesund, dagegen starb die Kalbin
- nach 14 Tagen unter den Erscheinungen des Merkurialismus, nachdem
- sie 8 Tage vorher abortiert hatte (+Noack+, Sächs. Jahresber. 1891).
- -- Mehrere Kühe erkrankten nach dem Einreiben von grauer Salbe;
- sie zeigten ödematöse Anschwellungen und seröse Exsudation an den
- Füssen, bläuliche Verfärbung des Euters, Speicheln, Lockerung der
- Schneidezähne, Fieber, Gefühllosigkeit und Festliegen (+Kunze+,
- ibid.). -- Eine 6jährige, kräftige Kuh erhielt gegen Aktinomykose
- eine subkutane Injektion von 0,5 Sublimat und starb infolgedessen
- an Merkurialismus (+Mortensen+, dänische tierärztl. Monatsschr.
- 1892 S. 169). -- Eine Kuh erkrankte an Merkurialismus, nachdem sie
- 5 g grauer Salbe abgeleckt hatte (+Lungwitz+, Sächs. Jahresber. pro
- 1895). -- 9 Rinder erkrankten nach dem Einreiben von zusammen 500
- g grauer Salbe (+Pröger+, ibid.). -- Mit grauer Salbe eingeriebene
- Rinder zeigten blutigen Ausfluss aus Nase und Maul, grosses
- Juckgefühl, fortwährend Reiben und Belecken, Muskelzittern, lose
- Zähne, Geschwüre am Zahnfleisch, stinkenden Durchfall, schmerzhaften
- Husten, Schlingbeschwerden, Geschwüre auf der Nasenschleimhaut,
- üblen Geruch der ausgeatmeten Luft, Abmagerung bis zum Skelett
- sowie Lähmungserscheinungen (+Hable+, Oesterr. Zeitschr. 1889 S.
- 125). -- Nach der Desinfektion eines Rinderstalles mit Kalkwasser
- und 5promilliger Sublimatlösung erkrankten zahlreiche Rinder an
- Merkurialismus (+Rosolino+, Clin. vet. 1898). -- Eine ähnliche
- Beobachtung ist in Schweden gemacht worden: von 92 Kühen erkrankten
- 75 und starben 10 Stück an Merkurialismus, nachdem der Stall mit
- Sublimat (1700 g!) desinfiziert worden war (Schwed. Zeitschr. 1893).
- -- Ein Rind erkrankte nach dem Eingeben von 20 g metallischem
- Quecksilber (+Lübke+, Zeitschr. f. Vetkde. 1896 S. 54). -- Von 2
- zusammen mit 75 g grauer Salbe eingeriebenen Rindern starb das
- eine, das andere erkrankte an chronischer Vergiftung (+Ellinger+,
- Berl. Arch. 1898 S. 298). -- Nach einer Sublimatausspülung des
- Uterus erkrankte ein Rind schwer an Merkurialismus (+Beier+, Sächs.
- Jahresber. pro 1897 S. 148). -- Bei einem mit Sublimat-Aetzligatur
- kastrierten Stier traten am 17. Tage nach der Kastration die
- Erscheinungen der Quecksilbervergiftung auf: schleimiger
- Nasenausfluss, Geschwüre am Flotzmaul, an den Lippenrändern und
- auf der Maulschleimhaut, Speichelfluss, impetiginöses Ekzem am
- Triel, an der Schweifrübe und an den Fussgelenken, Husten, Dyspnoe,
- Bronchitis, Appetitlosigkeit, Benommenheit; Genesung nach 3 Wochen
- (+Junginger+, Wochenschr. f. Tierhlkde. 1891 S. 453). 2 ähnliche
- Fälle bei kastrierten Stieren beobachtete +Antretter+ (ibid. S. 456).
- -- +Schmidt+ (ibid. 1900 S. 62) beobachtete in den Jahren 1886-1894
- alljährlich vereinzelte Fälle von Quecksilbervergiftung bei Stieren,
- welche mit Sublimatligaturen kastriert wurden. Ausserdem beschreibt
- er ein seuchenartiges Auftreten des Merkurialismus infolge einer
- Einreibung von grauer Salbe (Einatmung von Quecksilberdämpfen). --
- +Luginger+ (Berl. Tierärztl. Woch. 1902 S. 63) hat zwei schwere Fälle
- von Vergiftung beim Rind mit Ausgang in Heilung beobachtet, welche
- durch die Einreibung von grauer Salbe veranlasst waren; beide Kühe
- zeigten nach der Genesung eine auffallende Zunahme des Körpergewichts
- und starken Fleischansatz. -- +Ortmann+ (ibid. S. 173) sah nach
- Sublimatinjektionen in die Scheide und Sublimatwaschungen (gegen
- seuchenhaftes Verwerfen) 2 Kühe nach 10 bezw. 14 Tagen sterben,
- nachdem profuser stinkender Durchfall und Husten vorausgegangen
- war. -- +Kronburger+ (Woch. f. Thierh. 1902) sah nach dem Einreiben
- einer gänseeigrossen Menge grauer Salbe bei einem Ochsen diesen und
- noch zwei andere Rinder unter lungenseucheähnlichen Erscheinungen
- erkranken und 2 Tiere starben; die Vergiftungserscheinungen bestanden
- in ungemein häufigem quälendem Husten, Stöhnen, Dyspnoe, hohem
- Fieber, starker Abmagerung, sowie schleimig-blutigen Darmabgängen.
- -- +Seegert+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1903) sah von 60 Stück Jungvieh
- nach dem Einreiben von grauer Salbe gegen Läuse (70-80 g pro Haupt)
- 16 an Quecksilbervergiftung sterben; 5 Wochen nach Anwendung der
- Salbe erreichte die Zahl der schwerkranken Tiere ihren Höhepunkt;
- bis zum Eintritt des Todes lagen die Tiere 4-8 Tage unter grosser
- Schwäche auf der Streu. -- 20 Ochsen eines Gutes erkrankten nach
- der Einreibung von grauer Salbe an Atembeschwerden, Fieber,
- Appetitlosigkeit, häufigem Husten, Hautausschlägen am Maul und an
- der Innenfläche der Gliedmassen, Hautblutungen und Blutharnen; 2
- Ochsen starben an Nierenblutung, 2 an brandiger Lungenentzündung, 4
- wurden notgeschlachtet und zeigten schwere Nierenentzündung; die 12
- übrigen erholten sich langsam nach monatelangem Kranksein (Preuss.
- Vet. Ber. pro 1900). -- Ein Jungrind zeigte nach der Einreibung
- von grauer Salbe Abmagerung, struppiges Haarkleid, pustulösen
- Ausschlag an beiden Halsseiten, an den inneren Schenkelflächen und
- am Unterbauch, eiterige Konjunktivitis, Bronchitis, sehr schwachen
- Puls und grosse Mattigkeit mit nachfolgendem Tod. Eine daneben
- stehende Kuh zeigte nur Pustelausschlag und genas (+Sator+, Woch.
- f. Tierh. 1902). -- 2 Kühe erhielten ein Gemisch von grauer Salbe
- (120 g) und Terpentinöl (60 g) eingerieben. Beide erkrankten schwer
- an Merkurialismus; sie zeigten Juckreiz, Stomatitis ulcerosa mit
- Speichelfluss, Hautausschlägen und Appetitlosigkeit; 1 Kuh starb
- plötzlich an Bronchitis, Nephritis und Peritonitis; die andere stark
- abgemagerte wurde notgeschlachtet. Der Besitzer erhielt von dem
- Drogisten eine Entschädigung (+Röbert+, Sächs. Jahresber. 1902).
- -- Ein Kurpfuscher behandelte den ansteckenden Scheidenkatarrh
- einer Kuh durch Einschmieren der Scheide mit grauer Salbe. Die Kuh
- starb, nachdem starkes Speicheln, ausgebreiteter Hautausschlag
- und stinkender Durchfall vorausgegangen war. Der Sektionsbefund
- erinnerte wegen der ausgedehnten Hämorrhagien an Milzbrand
- (+Schmidt+, T. Rundschau 1903). -- Intravenöse Sublimatinjektionen
- nach +Baccelli+ gegen Maul- und Klauenseuche bei Rindern erzeugten
- vielfach schwere, akute und chronische Quecksilbervergiftung. Die
- akute begann nach 4-5 Tagen und endete nach 8 bis 18 Tagen. Die
- chronische Quecksilbervergiftung stellte sich bei 356 Rindern nach
- 15-30 Tagen ein, als sie niemand mehr erwartet hatte (+Tamborini+,
- +Boschetti+, +Titta+, Giorn. d. soc. vet. 1902 u. 1903). -- In der
- Schweiz erkrankten nach der von +Baccelli+ empfohlenen intravenösen
- Injektion von Sublimat (0,02-0,05) in 30 Fällen Rinder 10-14 Tage
- nachher an Quecksilbervergiftung (+Hirzel+, Schweiz. Arch. 1902). --
- Bei gesunden Rindern entstand nach intravenösen Sublimatinjektionen
- von 0,35-0,50 eine Vergiftung; über 5promillige Sublimatlösungen
- erzeugten ferner Thrombosierung der Jugularis (+Günther+, T. Zentr.
- 1902). -- Aehnliche Resultate erhielt +Schmidt+ (B. T. W. 1902). --
- In Bayern erkrankten infolge der intravenösen Injektion von Sublimat
- nach +Baccelli+ 3 Rinder an Quecksilbervergiftung. -- Eine Kuh starb
- nach der Verabreichung von 8 g Kalomel an Quecksilbervergiftung (+F.
- Müller+, Diss. 1908). -- Ein 4 Monate altes Kalb erkrankte nach
- dem Einreiben von 12-15 g der offizinellen grauen Salbe tödlich
- an Quecksilbervergiftung nach 20 Tagen (Speichelfluss, Durchfall,
- Exanthem) und musste notgeschlachtet werden. Der Sektionsbefund
- war negativ (+Reiche+, B. T. W. 1908). -- Ein Schweizer Apotheker
- musste 1000 Franken Schadenersatz zahlen, weil er im Handverkauf 100
- g 20proz. grauer Salbe für 5 Kühe gegen Ungeziefer abgab, worauf 2
- Kühe an Quecksilbervergiftung starben und 3 schwer erkrankten. Alle
- 5 Kühe hatten zusammen nur 60 g Salbe eingerieben bekommen (Schweiz.
- Woch. für Chemie u. Pharm. 1908 Nr. 5). -- Rinder erkrankten
- schwer an Merkurialismus, nachdem sie gegen seuchenhaften Abortus
- Uterusausspülungen mit Hydrargyrum oxycyanatum (1 : 6000) erhalten
- hatten (+Haubold+, Sächs. Jahresber. 1909). -- 3 Fälle von beim Rind
- nach dem Einreiben grauer Salbe (1mal 30 g) hat +Hasak+ beobachtet
- (Oesterr. Monatsschr. 1909).
-
- 2. +Schafe+ und +Ziegen+. Eine Schafherde, aus 335 Hammeln bestehend,
- wurde in einer Sublimatauflösung gebadet, worauf die ganze Herde
- innerhalb 2-3 Wochen krepierte. Es waren im ganzen 5 Pfd. Sublimat
- verbraucht worden. Die Tiere zeigten Abmagerung, eingefallene
- Flanken, schwankenden, schleppenden Gang, unterdrückte Fresslust,
- blasse Schleimhäute (+Kuhlmann+, Preuss. Mitt. Bd. 13). -- Ein Schaf
- starb nach dem Eingeben von 4 g Sublimat in 4 Stunden (+Hertwig+).
- -- Von 20 Schafen, welche zusammen 20 g Kalomel erhalten hatten
- (1 g pro Kopf), starben 18 an Merkurialismus (+Graefe+). -- Eine
- junge Ziege starb nach 1 g Kalomel schon in 27 Stunden an typischer
- Quecksilbervergiftung; 30 g graue Salbe töteten eine erwachsene Ziege
- nach 7 Tagen, desgleichen 100 g 10proz. Sublimatsalbe eine andere
- Ziege in derselben Zeit (+Reiche+, Diss. 1905). -- Einmalige Dosen
- von 1,5 g Kalomel können bei erwachsenen Ziegen unter Umständen schon
- toxisch wirken (+F. Müller+, Diss. 1908).
-
- 3. +Pferde.+ 1-2 g Sublimat Pferden eine Woche hindurch täglich in
- Pillenform mit Althaea gegeben, hatten keine sichtbare Veränderung
- zur Folge, auch nicht, als diese Gaben verdoppelt wurden. Wurde
- jedoch Sublimat Pferden täglich in steigender Dosis (1-8 g) 14
- Tage lang gegeben, so zeigte sich Appetitlosigkeit, vermehrter
- Harnabsatz, heftiger, zuletzt blutiger Durchfall, grosse Schwäche
- und Kolikerscheinungen mit tödlichem Ausgang. 4 g Sublimat
- verursachten bei einem Pferde nur vorübergehende Kolikschmerzen.
- Dagegen starb ein anderes Pferd auf 15 g Sublimat nach 12 Stunden
- unter heftigen Kolikerscheinungen, Recken und starkem Speicheln
- (+Rysz+, Arzneimittellehre 1825). -- Bei einem Pferd war wegen einer
- phlegmonösen Anschwellung des rechten Hinterfusses eine Mischung
- von Ungt. Hydrarg. ciner. 50,0 und Ol. Rapae 150,0 eingerieben. Es
- kamen nur etwa zwei Drittel der angegebenen Menge zur Verwendung. Am
- 5. Tage nach der Einreibung zeigte das Pferd, welches so lange gut
- gefressen hatte, plötzlich Schweissausbruch über den ganzen Körper,
- stöhnte und zitterte und legte sich nieder, wobei es flach auf der
- Seite lag. Die Bindehäute und die Nasenschleimhaut waren dunkelrot
- gefärbt. Die Zahl der Pulse betrug 56 in der Minute, die Atmung war
- angestrengt; die Innenwärme stand auf 39,8° C. An verschiedenen
- Stellen des Körpers fanden sich kleine, bis erbsengrosse Knötchen
- zahlreich vor, aus welchen auf Druck eine übelriechende, grünlich
- gelbe und zähflüssige Masse sich entleerte. In den nächsten Tagen
- nahm die Haut an der betreffenden Gliedmasse eine lederförmige
- Beschaffenheit an, auch kamen in der Unterhaut einige Abszesse zur
- Entwicklung. Schliesslich trat Heilung ein (+Pr. Mil. Vet. Ber.+
- pro 1895). -- Zwei Pferde wurden an allen 4 Fesseln 2 Tage hindurch
- mit Quecksilberbijodidsalbe (1 : 6) eingerieben. Darauf zeigten sie
- Appetitlosigkeit, blutig-eiterigen, übelriechenden Nasenausfluss,
- schwachen und sehr frequenten Puls, Dyspnoe, Bronchitis und
- Bronchopneumonie, graugrünen, breiartigen Kot sowie grosse
- Schwäche und Hinfälligkeit. 1 Pferd starb innerhalb 24 Stunden,
- nachdem ausserdem Blutharnen aufgetreten war. Die Sektion ergab
- hämorrhagische Gastroenteritis, Bronchopneumonie, hämorrhagische
- und kruppöse Laryngitis, Tracheitis und Bronchitis (+Pr. Mil. Vet.
- Ber.+ pro 1897). -- Eine kombinierte Sublimat-Kantharidenvergiftung
- nach einer scharfen Einreibung bei einem Pferde hat +Paust+
- beschrieben (B. T. W. 1899 S. 98). -- Ein Pferd erhielt 6 Tage
- hindurch gegen Würmer 4 g Kalomel und erkrankte am 8. Tage unter
- den Erscheinungen von Durchfall, Kolik und Lähmung; bei der Sektion
- wurde unter anderem eine akute Nephritis festgestellt (+Mc Donough+,
- Am. vet. rev. 1897). -- Ein kleines, leichtes Droschkenpferd starb
- nach der Verabreichung von 10 g Kalomel an akuter hämorrhagischer
- Gastroenteritis (+Lemke+, Zeitschr. f. Vetkde. 1900). -- Nach
- den Einreibungen von etwa 30 g einer Quecksilberbijodidsalbe
- gegen Spat zeigte ein Pferd einen nässenden Ausschlag über den
- ganzen Körper, starken Juckreiz, Haarausfall, Durchfall, sowie
- ziegelrote Konjunktiva. Nach der innerlichen Verabreichung von
- Schwefel trat Heilung ein (+Teetz+, Berl. Tierärzt. Woch. 1900
- S. 530). -- Ein Pferd frass eine Schachtel, welche +Angerer+sche
- Sublimatpastillen enthielt, und erkrankte hierauf an Kolik und
- Durchfall; am 8. Tage war es wieder hergestellt (+Kronacher+, Woch.
- f. Tierh. 1901). -- Intravenöse Sublimatinjektionen erzeugten bei
- Versuchspferden von 0,15 g ab leichte, von 0,25 g ab typische,
- von 0,5 g ab schwere, von 1,0 g ab tödliche Quecksilbervergiftung
- (+Zimmermann+, Fortschr. d. Vet. Hyg. 1903). -- 100 g graue Salbe,
- gegen Brustbeule eingerieben, verursachte allgemeinen Haarausfall,
- Schwanken und Herzklopfen (+Briese+, Preuss. Vet. Ber. 1904). -- Ein
- Pferd, das innerhalb 3 Tagen 48 g Kalomel in Pillenform erhalten
- hatte, zeigte keinerlei Krankheitserscheinungen, starb dagegen
- nach der Verabreichung von 32 g Kalomel in Pulverform, innerhalb
- 2 Tagen gegeben, an Merkurialismus (+F. Müller+, Diss. 1908). --
- Ein 10jähriger Schimmelwallach wurde vom Besitzer am 6. Februar
- 1906 gegen Ungeziefer mit grauer Quecksilbersalbe in der Rippen-,
- Lenden- und Kruppengegend eingerieben. Darauf hin zeigte das Pferd
- anhaltenden Durchfall, Speichelfluss, Schwäche und Appetitlosigkeit,
- welche erfolglos behandelt wurden. Am 13. Februar wurde es der Klinik
- zugeführt. Die Untersuchung ergab einen sehr schlechten Nährzustand,
- struppiges, aufgebürstetes Haarkleid, 39,2° Mastdarmtemperatur
- sowie 68 schwache Pulse. Die Haut zeigte über den ganzen Körper
- zerstreut, namentlich aber in der Kruppen-, Lenden- und Rippengegend
- fünfpfennig- bis markstückgrosse Blasen und Pusteln. Ausserdem
- bestand starker Speichelfluss, höhere Rötung der Maulschleimhaut,
- hochgradiger stinkender Durchfall und Anurie. Die ausgeatmete Luft
- war übelriechend; auf der höher geröteten Nasenschleimhaut zeigten
- sich Blutungen. Das Pferd zeigte so grosse Muskelschwäche, dass
- es umzufallen drohte; das Sensorium war stark benommen. Trotz der
- eingeleiteten Behandlung (Schwefelkalium, Exzitantien) starb das
- Pferd schon am 15. Februar unter den Erscheinungen einer septischen
- Gastroenteritis. Bei der Sektion wurde eine akute Entzündung der
- Drüsenschleimhaut des Magens, eine blutige Entzündung des Leer- und
- Hüftdarms, Nekrose und Zerreissung der Blinddarmwand, serös-fibrinöse
- und eiterig-jauchige Peritonitis, katarrhalische Nephritis, sowie
- akute multiple Milzschwellung als Todesursache festgestellt. Die
- genauere Menge der eingeriebenen Quecksilbersalbe konnte nicht
- festgestellt werden (+Fröhner+, Monatshefte für prakt. Tierhlkde.
- 1906).
-
- 4. +Hunde.+ Ein Jagdhund, welcher 170 g graue Salbe gefressen und
- erst 1½ Stunden nachher ein Brechmittel erhalten hatte, zeigte sich
- am folgenden Tage nur wenig krank und war bald wieder hergestellt.
- Auffallend war nur, dass demselben einige Tage hindurch viele Haare
- ausfielen. (+Deijermans+, Holländische Zeitschr. 1883). -- Hunde
- starben auf 0,2-0,4 Sublimat nach 7, 10 und 30 Stunden, nachdem sie
- heftiges blutiges Erbrechen, blutige Diarrhöe und zuletzt Lähmung
- gezeigt hatten (+Hertwig+, Arzneimittellehre 1872). -- Ein Hund,
- welcher sich etwa 5 g roter Präzipitatsalbe (1 : 10) abgeleckt hatte,
- starb unter den Erscheinungen einer hämorrhagischen Gastroenteritis
- innerhalb 24 Stunden (eigene Beobachtung). -- Nach +Trasbot+ soll der
- Hund sehr empfindlich gegen graue Salbe sein (franz. Uebersetzung der
- Spec. Pathologie von Friedberger und Fröhner S. 157). -- Ein Hund
- bekam nach der Einreibung von grauer Salbe gegen Läuse eine Iritis
- (+Soffner+, Zeitschr. f. Vet. 1904). -- Nach den Untersuchungen von
- +F. Müller+ (Giessen 1908) laxieren Hunde erst auf eine einmalige
- Dosis von 0,3-0,4 Kalomel.
-
- 5. +Schweine.+ Eingehende experimentelle Untersuchungen über den
- Merkurialismus bei Schweinen hat +A. Reiche+ angestellt (Inaug.
- Diss. Giessen 1905). Sie ergaben, dass das Schwein keine besondere
- Empfindlichkeit gegenüber dem Quecksilber besitzt und viel grössere
- Dosen erträgt als die Wiederkäuer. Die Einreibung der +grauen Salbe+
- hatte bis zu 80 g keinerlei schädliche Wirkung. Grössere Dosen
- veranlassten nur einen mehrstündigen Durchfall. 400 g Salbe in 50
- Tagen eingerieben, erzeugten bei einem Schwein Merkurialismus,
- das Tier erholte sich jedoch wieder. Erst nach 600 g Salbe, in
- einem Zeitraum von 100 Tagen eingerieben, starb ein Schwein. 2-4
- g +Kalomel+ erzeugten bei Schweinen im Gewicht von 10-16 kg nur
- Durchfall. 6 g Kalomel hatte bei einem 18 kg schweren Schwein (=
- 0,3 g pro kg Körpergewicht) akuten Merkurialismus und Tod nach 42
- Tagen zur Folge. Auf 8 g Kalomel starb ein 18 kg schweres Schwein
- nach 9 Tagen. 10 g Kalomel, einem 12 kg schweren Schwein innerhalb
- 30 Tagen verabreicht, hatten den Tod nach 8 Tagen zur Folge. Die
- Einreibung von 800 g 10proz. +Sublimatsalbe+ tötete ein Schwein nach
- 8 Tagen. Die Vergiftung äusserte sich hauptsächlich in Durchfall
- und Tremor, sowie starker Abmagerung; Speichelfluss und Exantheme
- fehlten. Die Sektion ergab vor allem Diphtherie des Dickdarms. --
- Zehn 11-12 Wochen alte Ferkel, welche gegen Juckreiz mit grauer Salbe
- eingerieben wurden, starben nach +Meyer+ (Preuss. Vet. Ber. pro 1907)
- an Vergiftung (Magendarmentzündung, Blutung).
-
- 6. +Geflügel.+ Eine Amazone (Chrysotis) erkrankte unter starkem
- Speichelfluss, rostrotem Durchfall und Lähmungserscheinungen nach
- dem Einatmen von Knallquecksilbergasen eines Schiesstandes und starb
- an Quecksilbervergiftung (Ornith. Monatsschrift 1904).
-
-
-Kupfervergiftung.
-
- =Chemie der Kupferverbindungen.= Das an und für sich nicht giftige
- +metallische Kupfer+ findet sich teils gediegen, teils in Form von
- Kupfererzen (Kupferglanz, Kupferkies, Rot-, Bunt-, Schwarzkupfererz)
- in weiter Verbreitung. In feuchter Luft verwandelt es sich zum Teil
- in basisch kohlensaures Kupfer, wobei es von einer grünen Schicht
- (Patina) überzogen wird. Ausserdem findet bei Luftzutritt eine
- teilweise Lösung des Kupfers statt, wenn in kupferhaltigen Gefässen
- saure Flüssigkeiten und Nahrungsmittel, welche Essigsäure, Milchsäure
- oder Weinsäure enthalten, längere Zeit stehen. Bei Luftabschluss
- dagegen, wie es beim Kochen geschieht, bei welchem der Zutritt der
- Luft durch die entweichenden Wasserdämpfe verhindert wird, findet eine
- Auflösung des Kupfermetalls nicht statt. Von giftigen Kupfersalzen
- kommen namentlich in Betracht der +Kupfervitriol+, CuSO_{4} +
- 5 H_{2}O, das schwarze +Kupferoxyd+, CuO, das +kohlensaure Kupfer+,
- das +essigsaure Kupfer+ (Grünspan, Aerugo), Cu(C_{2}H_{3}O_{2})_{2} +
- H_{2}O, der +Kupferalaun+ sowie mehrere +Kupferfarben+, namentlich das
- +Schweinfurtergrün+, eine Verbindung von arseniksaurem und essigsaurem
- Kupfer, Cu_{2}(AsO_{2})_{3}.C_{2}H_{3}O_{2}, das Braunschweigergrün,
- Kalkgrün, Mineralgrün, Bremerblau, Kalkblau, Bergblau, Berggrün.
- Sehr giftig ist auch das zum Grünfärben der Gemüse benützte
- phyllozyaninsaure Kupfer, eine Chlorophyllverbindung des Kupfers.
-
-
-=Aetiologie der Kupfervergiftung.= Die bei den Haustieren im Gegensatze
-zum Menschen ziemlich seltenen und daher praktisch weniger wichtigen
-Kupfervergiftungen sind meistens auf die Verfütterung von sauren oder
-gärenden Nahrungsmitteln zurückzuführen, welche längere Zeit unter
-Zutritt von Luft in +kupfernen Kesseln+ oder Gefässen aufbewahrt worden
-waren. Von solchen kupferhaltigen Nahrungsmitteln sind zu erwähnen
-Schlempe, Molken, saure Milch, saure Speiseüberreste, Kartoffelbrei
-usw. Sie enthalten das Kupfer in Form von essigsaurem, milchsaurem,
-äpfelsaurem, weinsaurem, zitronensaurem, kohlensaurem und fettsaurem
-Kupfer. Am häufigsten gibt der Gehalt der Nahrungsmittel an essigsaurem
-Kupfer (+Grünspan+) Veranlassung zu Kupfervergiftung, weshalb die
-letztere wohl auch mit dem Namen „Aeruginismus“ belegt wird (Aerugo =
-Grünspan). Im Vergleich hiezu sind die durch Einverleibung von anderen
-Kupfersalzen, so von +Kupfervitriol+, +Kupferoxyd+, +Kupferalaun+,
-sowie von Kupferfarben bedingten Kupfervergiftungen, experimentelle
-Versuche ausgenommen, mehr vereinzelt. So wird über einen Fall
-berichtet, in welchem Pferde nach dem Genusse von Weizen erkrankten,
-welcher mit Kupfervitriol gebeizt worden war (+Landvatter+,
-+Reimers+). In ähnlicher Weise erkrankten Kühe nach der Verabreichung
-von Glaubersalz, welchem Kupferoxyd als Beize gegen den Brand des
-Weizens beigemischt war (+Bloch+), sowie nach Verfütterung von
-Weinlaub, das zur Abwehr der Reblaus mit Kupfervitriollösung bespritzt
-worden war (+Schmidt+, +Padovani+, +Ohler+). Es können sich ferner
-Vergiftungen ereignen bei Resorption des Kupfersulfates von Wunden aus;
-so starb beispielsweise ein Hund, welchem 0,6 gepulverter Kupfervitriol
-in eine Wunde gebracht wurde (+Gerlach+). Lämmer können nach zu grossen
-Dosen Kupferoxyd (Bandwurmmittel) erkranken. Die Vergiftung durch
-Schweinfurtergrün ist nicht in erster Linie eine Kupfer-, sondern eine
-Arsenikvergiftung (vgl. S. 66).
-
-+Das reine metallische Kupfer ist ungiftig+, wenn es z. B. in Form von
-Kupfermünzen aufgenommen wird. Ein Hund hatte ein grosses, kupfernes
-Sousstück 12 Jahre lang unbeschadet im Magen (+Nichoux+). Es ist
-deshalb auch der von +Zundel+ berichtete Fall, in welchem bei einem
-wegen Beisssucht wutverdächtigen Hunde zwei Kupfermünzen in der Nähe
-des Pylorus sowie Darmentzündung gefunden wurden, aus diesem wie aus
-anderen Gründen nicht als Kupfervergiftung aufzufassen. Auch beim
-Menschen scheint das metallische Kupfer ungiftig zu sein (Bronze- und
-Kupferarbeiter).
-
-
-=Krankheitsbild der Kupfervergiftung.= Bei den Haustieren handelt es
-sich in der Regel um eine +akute+ Kupfervergiftung (die chronische
-experimentelle vgl. unten). Die Kupferwirkung ist dabei ähnlich wie
-die Zinkwirkung zunächst lokal eine entzündungserregende und ätzende
-(+Gastroenteritis+). Die Allgemeinerscheinungen sind vorwiegend die
-einer +Muskellähmung+. Demnach äussert sich die Kupfervergiftung
-(Kuprismus) zunächst in Erbrechen, Würgen, Kolik, Verstopfung,
-Durchfall und Verlust des Appetits, wozu sich später Unsicherheit im
-Gehen, Schwächezustände, Muskellähmung und Anästhesie, sowie vereinzelt
-Konvulsionen gesellen. Daneben beobachtet man die Erscheinungen der
-Herzlähmung: kleinen, schwachen, oft verlangsamten Puls, schwachen
-Herzschlag, sowie erschwerte Atmung.
-
-Bei der +Sektion+ findet man die Schleimhaut des Magens und Darmes
-in verschiedenen Graden entzündlich verändert; zuweilen besteht auch
-Magenerweiterung (+Trasbot+).
-
-
-=Behandlung.= Dieselbe besteht in der Verabreichung von +Eisenpulver+
-und +gebrannter Magnesia+ (um metallisches Kupfer auszufällen) sowie
-von +Schwefel+ (Bildung von Schwefelkupfer) und +Ferrozyankalium+
-(Bildung von Ferrozyankupfer). Als einhüllendes Mittel gibt man ferner
-+Eiweiss+, +Milch+ und +Schleim+. Auch Milchzucker und Tierkohle
-sind als Gegenmittel empfohlen worden. Die Kolikschmerzen und
-Lähmungserscheinungen werden symptomatisch behandelt.
-
-
-=Nachweis.= Dem eigentlichen Nachweise des Kupfers hat die +Trennung+
-des Kupfers von +organischen Beimengungen+ vorauszugehen. Dieselbe
-erfolgt durch Zerstören der letzteren mittelst +Salzsäure+ und
-+chlorsaurem Kali+, wobei das Kupfer als Kupferchlorid in Lösung
-geht. Aus der schwach sauren Lösung fällt dann +Schwefelwasserstoff
-schwarzes Schwefelkupfer+ aus. Der Niederschlag muss unter möglichstem
-Abschluss von Luft schnell filtriert und mit ausgekochtem,
-schwefelwasserstoffhaltigem Wasser ausgewaschen werden. Das
-Schwefelkupfer ist in Zyankaliumlösung (Zyankupfer) und Salpetersäure
-(salpetersaures Kupfer) leicht löslich. Die Lösung des salpetersauren
-Kupfers ist +blaugrün+ und durch folgende +Kupferreaktionen+ noch
-weiter zu untersuchen: a) Salmiakgeist gibt anfangs einen bläulichen
-Niederschlag, der sich beim Ueberschusse des Salmiakgeistes +lasurblau+
-löst. b) Ferrozyankalium gibt in der schwach salzsauren Lösung einen
-+braunroten+ Niederschlag von Ferrozyankupfer. c) Metallisch blankes
-Eisen überzieht sich in der angesäuerten Kupferlösung mit einer
-+hellroten Kupferschicht+. Diese sehr einfache Kupferreaktion kann
-auch bei verdächtigen Nahrungsmitteln in der Weise vorgenommen werden,
-dass man ein blankes Messer in dieselben eintaucht. Ausserdem geben
-+Kali-+ und +Natronlauge+ in verdünnten kalten Lösungen von Kupfer
-+grünliche+ oder +blaue+ Niederschläge, welche beim Erhitzen +schwarz+
-werden; +kohlensaures Kali+, -- +Natron+, -- +Baryum+ geben +blaugrüne+
-Niederschläge, +Jodkalium+ und Rhodankalium +weisse+ Niederschläge.
-
-+Quantitativ+ wird das Kupfer durch Auflösung des Schwefelkupfers
-in Salpetersäure, Eintrocknen, Erhitzen und Glühen in Form von
-+Kupferoxyd+ nachgewiesen, welches gewogen und auf Kupfer berechnet
-wird. 100 Teile Kupferoxyd entsprechen 79-85 Teilen Kupfer.
-
- =Kasuistik.= 1. +Pferde.+ Zwei Pferde erkrankten nach dem Genusse
- von Weizen, welcher mit Kupfervitriol gebeizt worden war. Sie
- zeigten Verstopfung, Kolik, Fieber, sowie starrkrampfähnliche
- Muskelsteifheit. Eines starb, das andere genas, blieb aber noch
- einige Wochen hindurch steif (+Landvatter+, Repertorium 1882). --
- Von 45 g Kupfervitriol ab zeigten Pferde Vergiftungserscheinungen
- (Kolik, Verstopfung, Durchfall) und starben auch zuweilen
- (+Hertwig+, Arzneimittellehre 1872). -- Ein Pferd zeigte nach 30
- g Grünspan nach 2 Stunden Unruhe, Angst und Kolikerscheinungen;
- auf 60 g Grünspan trat schon nach ¼ Stunde Kolik ein, der anfangs
- beschleunigte Puls wurde sehr schwach und sank auf 30 Schläge p.
- M. Trotz fortgesetzten guten Appetits traten am 6. Tage plötzlich
- grosse Schwäche und Krämpfe mit tödlichem Ausgange ein (+Dupuy+,
- Journal de Lyon 1830). -- Ein 1½jähriges Fohlen zeigte Erbrechen
- nach dem Anlegen von Kluppen, welche mit Kupfervitriol bestrichen
- waren (+Georges+, B. T. W. 1895 S. 592). -- Ein 1jähriges Fohlen,
- welchem 5 g Kupfersulfat unter die Haut gespritzt wurden, starb schon
- am 3. Tage unter hochgradiger Muskelschwäche, Schwanken, Hämaturie
- und sehr erheblicher lokaler Anschwellung. Ein anderes 1jähriges
- Fohlen erhielt am 1. Tage 1 g Kupfersulfat subkutan, in den nächsten
- 4 Tagen je ½ g subkutan, worauf es am 9. Tage nach vorausgegangenen
- starken und diffusen Anschwellungen starb. Die Sektion ergab Nekrose
- und Verkalkung des Nierenepithels in Form von Kalkzylindern (+v.
- Kossa+, Zieglers Beitr. z. path. Anat. 1901, 29. Bd. S. 173). --
- Bei erwachsenen Pferden sollen 10 g Kupfersulfat subkutan in stark
- verdünnten wässerigen Lösungen injiziert, Vergiftungserscheinungen
- hervorrufen und 15 g den Tod verursachen. Ein 1jähriges Fohlen zeigte
- schon nach der Injektion von 1 g Vergiftungserscheinungen und starb
- nach 3 g in 6 Tagen injiziert; die Sektion ergab starke entzündliche
- Schwellung und Nekrose an der Injektionsstelle, sowie hämorrhagische
- Nephritis und Nierenverkalkung (+Ernst+, Veterinarius 1900). -- 4
- Fohlen frassen stark mit Kupfervitriol gebeizten Weizen. Sie zeigten
- Durchfall, Lähmung, Krämpfe, gelbrote Schleimhäute und starben an
- hämorrhagischer Gastroenteritis (+Reimers+, B. T. W. 1905 S. 789).
-
- 2. +Rinder.+ Zwei Bullen im Alter von 18 Wochen erhielten
- täglich 2 Mass Leinsamenabkochung mit Milch, welche in kupfernem
- Kessel aufbewahrt wurde. Sie erkrankten vorübergehend unter den
- Erscheinungen der Indigestion (+Arnold+, Schweizer Archiv 1852).
- -- 2 Kühe zeigten auf die zufällige Verabreichung von Kupferoxyd
- Kolik, Würgen und Erbrechen (+Bloch+, B. T. W. 1890). -- Ein Rind
- erkrankte unter Kolikerscheinungen, nachdem es reichliche Mengen
- von Weinlaub gefressen hatte, das zur Abwehr der Reblaus mit
- Kupfervitriol bespritzt war (+Padovani+, Giorn. di Vet. mil. 1893).
- Einen ähnlichen Fall bei einem Ochsen hat +Plotti+ beschrieben
- (Clin. vet. 1899). -- Chronische Vergiftungsfälle in Form von
- Diarrhöe, chronischen Verdauungsstörungen, Abortus und Siechtum
- hat +Wilhelm+ bei Kühen nach der Aufnahme kupferhaltiger Abwässer
- beobachtet (Sächs. Jahresber. pro 1898 S. 132). -- Ein Ochse, dessen
- Hörner mit Kupfervitriol angestrichen waren, zeigte Krämpfe und
- Speichelfluss (Bull. vét. 1900). -- Nach Verfütterung von Weinlaub,
- welches mit 2-6proz. Kupfervitriollösung bespritzt war, erkrankten
- im Jahr 1906 zahlreiche Rinder, auch Saugkälber, an Gastroenteritis
- unter Speicheln, Erbrechen, Durchfall und Kolik (+Ohler+, Woch.
- f. Tierh. 1906). +Ade+ und +Markert+ führen diese Vergiftungen
- durch kupferbespritzte Rebenblätter bei den Muttertieren auf eine
- kombinierte Kupfer-Toxinwirkung, bei den Saugkälbern auf letztere
- allein zurück; +Albrecht+ ist dieser Meinung beigetreten (ibidem).
- -- Rinder erkrankten nach dem Genuss von Rüben eines Ackers, auf den
- kupferhaltige Abwässer einer chemischen Fabrik abgeleitet wurden
- (+Prietsch+, Sächs. Jahresber. 1909).
-
- 3. +Schweine.+ Vier Ferkel erhielten gekochte Kartoffeln und
- Mohrrüben, welche in einem kupfernen Kessel aufbewahrt worden
- waren. Sie zeigten anfallsweise Krämpfe, Taumeln, Zusammenstürzen,
- Erbrechen, Lähmung der Zunge und des Schlundkopfes, sowie Aufblähung:
- 3 davon starben (+Saake+, Magazin Bd. 24). -- Mehrere Schweine
- zeigten nach der Aufnahme von Molken, in welchen Kupfergeschirr
- behufs Scheuerung über Nacht gelegen war, starke Tympanitis,
- Taumeln, Durchfall und Dyspnoe; die Ferkel zeigten Erbrechen,
- Krämpfe, Taumeln, Umfallen und plötzliches Verenden (+Eggeling+,
- Berl. Arch. 1889). -- 55 Schweine erkrankten nach der Aufnahme
- von Molken, welche in Kupfergeschirren gekocht waren; 35 davon
- starben. Sie zeigten Kolik, Auftreibung, Durchfall, Kreuzschwäche,
- Herzschwäche, schwachen Puls, Dyspnoe, Pupillenerweiterung, Nystagmus
- (+Kirst+, Berl. Arch. 1892 S. 458). -- +Lucas+ (Berl. Arch. 1893
- S. 312) beschreibt eine Kupfervergiftung bei 2 Schweinen, welche
- Futter aus einem mit Grünspan bedeckten Kessel erhalten hatten.
- Die Tiere zeigten Zittern, Kolik, Meteorismus, Pupillenerweiterung
- und unaufhörliches Blinzeln. Bei der Sektion fand man umfangreiche
- Erosionen der Magenschleimhaut, Hyperämie und Entzündung der Lungen
- (?). +Jacobi+ (ebendaselbst) hat eine ähnliche Vergiftung bei 2
- Schweinen beobachtet; bei der Sektion wurde Magendarmentzündung
- konstatiert.
-
- 4. +Ziegen.+ Eine Ziege bekam Fleischbrühe, welche in einem kupfernen
- Kessel aufbewahrt und sauer geworden war. Dieselbe erkrankte am
- 3. Tage und starb am 4. 15 Personen, welche die am Tage vor der
- sichtbaren Erkrankung gemolkene Milch genossen hatten, erkrankten
- an Ekel, Erbrechen, Kopfschmerzen und Gliederschmerzen (+Frorieps+
- Notizen 1828). -- Eine Vergiftung durch Kupfervitriol, welcher mit
- Rebenblättern aufgenommen war, hat bei einer Ziege +Latschenberger+
- beschrieben (Oesterr. Zeitschr. 1892 S. 210).
-
- 5. +Hunde+ sterben, +wenn sie am Erbrechen gehindert werden+, auf
- 0,6 Kupfervitriol, sowie 0,3-1,0 Grünspan innerhalb 8 Tagen; auf 2 g
- Vitriol innerhalb 3 Tagen, nach 30 g Vitriol innerhalb 24 Stunden.
- Ist das Erbrechen jedoch ermöglicht und werden die Kupferpräparate
- im Futter eingehüllt verabreicht, so werden kleinere Dosen (0,1-1,0
- Kupfervitriol) monatelang ertragen. Ein Hund, welcher täglich 4 g
- Kupfervitriol erhielt, zeigte erst nach mehreren Wochen Abmagerung
- und Diarrhöe und starb schliesslich. +Kupferoxyd+ wirkt für Hunde
- tödlich subkutan zu 0,4, intravenös zu 0,025. Der Grünspan tötet
- Hunde intravenös in Dosen von 0,01 unter Erbrechen (+Orfila+,
- Toxikologie).
-
- 6. +Gänse+ starben nach der Verfütterung von Unkraut, das mit
- Kupfervitriollösung benetzt war (Tierärztl. Zentralbl. 1897 S. 329).
-
-
- =Chronische Kupfervergiftung.= Die für den Menschenarzt sehr
- wichtige, vielfach in verneinendem Sinn beantwortete Frage des
- Vorkommens einer chronischen Kupfervergiftung ist durch Versuche
- tierärztlicher Toxikologen (+Ellenberger+ und +Hofmeister+,
- +Baum+ und +Seliger+) in bejahendem Sinn gelöst worden. Nach den
- Untersuchungen von +Ellenberger+ und +Hofmeister+ (Berliner Archiv
- 1883) ertragen Schafe längere Zeit kleinere Dosen, erkranken
- und sterben dann aber an chronischer Kupfervergiftung. 3 Schafe
- erhielten täglich 0,5-3,0 g Kupfervitriol; das eine in 52 Tagen 89
- g, das zweite in 114 Tagen 185,5 g, das dritte in 50 Tagen 50 g.
- Die wesentlichsten Krankheitserscheinungen waren: +Albuminurie+,
- +Ikterus+, +Hämoglobinurie+ und +Hämaturie+. Daneben bestand grosse
- Muskelschwäche und Mattigkeit, sowie Abmagerung mit zeitweise
- eintretender Verstopfung und Verdauungsstörungen. Bei der Sektion
- fand sich konstant eine +hämorrhagische, parenchymatöse Nephritis+,
- fettige Degeneration und Ikterus der Leber, körnige Trübung der
- Körpermuskulatur und des Herzfleisches, ikterische Verfärbung aller
- Organe, akuter resp. chronischer Magendarmkatarrh, Milztumor,
- Lungenödem.
-
- Weitere Versuche von +Baum+ und +Seliger+ (Berliner Archiv 1898)
- haben diese Befunde im allgemeinen bestätigt. Die genannten Autoren
- haben zahlreiche Versuche mit verschiedenen Kupferverbindungen
- (Cuprum aceticum, sulfuricum, oleinicum, haemolicum) an Schafen,
- Ziegen, Hunden und Katzen angestellt. Ein kleiner Hund erhielt z.
- B. 7 Monate lang insgesamt 15 g Kupfervitriol, eine Ziege in 4½
- Monaten 65 g Kupfervitriol, eine andere innerhalb eines Jahres 278
- g, ein grosser Jagdhund in 47 Tagen 47 g, ein Schaf in 9 Monaten 333
- g, eine Katze in 7 Monaten 21 g Kupfervitriol; eine Katze starb,
- nachdem sie in 29 Tagen 1 g Grünspan erhalten hatte, eine andere
- nach Einverleibung von 10 g Grünspan in 142 Tagen usw. Die von ihnen
- aus diesen Versuchen gezogenen Schlüsse sind folgende: „1. Man kann
- in einwandsfreier Weise durch längere Zeit fortgesetzte Verabreichung
- kleiner, nicht akut reizender Kupfermengen eine wirkliche
- +chronische Kupfervergiftung+ im wissenschaftlichen Sinne erzeugen.
- 2. Die chronische (bezw. subchronische) Kupfervergiftung ist im
- wesentlichen dadurch charakterisiert, dass intra vitam Abmagerung,
- Schwäche und Aufhören des Appetits der Versuchstiere, vereinzelt
- Haarausfall und Krämpfe und schliesslich der Tod eintreten, während
- sich durch die Sektion -- und zwar durch die makroskopische und
- mikroskopische, verbunden mit der chemischen Untersuchung der
- Organe -- in den meisten Fällen ein chronischer, mehr oder weniger
- heftiger Dünndarmkatarrh, in allen Fällen krankhafte Veränderung
- der Leber und Nieren (parenchymatöse Trübung der Epithelzellen,
- parenchymatöse und fettige Degeneration und schliesslich Atrophie
- oder Zerfall derselben mit Ablagerung von Blutfarbstoffen, besonders
- Hämosiderinmassen) und eine Ablagerung bedeutender Kupfermengen
- in der Leber (und wahrscheinlich auch in den Nieren) nachweisen
- lassen. Ausnahmsweise, bezw. nicht konstant wiederkehrend, gesellen
- sich zu diesen Erscheinungen noch Magenkatarrh, Blutungen im Herzen
- und Zwerchfell, starkes Hervortreten der Malpighischen Körperchen
- der Milz, Anämie oder auch Hyperämie des Gehirns, krankhafte
- Veränderungen des Pankreas. Ausnahmsweise fehlen die erwähnten,
- intra vitam zu beobachtenden Erscheinungen gänzlich oder treten erst
- ganz kurz vor dem Tode auf. 3. Die Intensität der geschilderten
- krankhaften Erscheinungen und Organveränderungen und das zeitliche
- Auftreten derselben hängen im wesentlichen von der Tierart, von der
- individuell verschiedenen Widerstandskraft einzelner Tiere +einer+
- Art und von der Grösse und Art der Kupferpräparate ab, so dass z.
- B. Katzen im allgemeinen als die empfindlichsten Tiere und Cuprum
- oleinicum als das gefährlichste Präparat anzusehen sind.“ +Baum+
- und +Seliger+ haben ausserdem experimentell gezeigt, dass das per
- os einverleibte Kupfer in der Regel nicht oder nur in Spuren mit
- der +Milch+ ausgeschieden wird, so dass also derartige Milch nicht
- gesundheitschädlich wirkt, dass das verabreichte Kupfer dagegen
- in grossen Mengen auf den +Fötus+ übergeht und in dessen Organen
- abgelagert wird.
-
- Nach +v. Kóssa+ (Zieglers Beitr. z. pathol. Anat. 1901, 29. Bd., S.
- 172) ist die +Verkalkung der Nieren+ und +Leber+ ein spezifisches
- Symptom der chronischen Kupfervergiftung (Cuprum sulfuricum) bei
- Versuchskaninchen.
-
-
-Zinkvergiftung.
-
- =Chemie der Zinkverbindungen.= Das +metallische+ Zink wird
- hüttenmännisch aus verschiedenen Zinkerzen dargestellt, so aus dem
- +Galmei+ oder Zinkspath, ZnCO_{3}, aus der Zinkblende, ZnS, aus
- dem Rohzinkerz, ZnO, und Kieselzinkerz. Es ist an und für sich
- ebensowenig giftig wie Kupfer. Bleiben jedoch in Zinkgefässen
- saure Speisen längere Zeit stehen, so findet eine teilweise Lösung
- des Zinks z. B. zu essigsaurem Zink statt und es können dadurch
- Zinkvergiftungen entstehen. Von giftigen Zinksalzen kommen in
- Betracht das Zinkoxyd (Zinkweiss), ZnO, ein in Wasser unlösliches,
- aber in Säuren lösliches weisses Pulver, das ätzende +Chlorzink+,
- ZnCl_{2}, der +Zinkvitriol+, ZnSO_{4} + 7 H_{2}O, charakterisiert
- durch seine farblosen, nadelförmigen, ekelhaft schmeckenden
- Kristalle, das +essigsaure Zink+, Zn(C_{2}H_{3}O_{2})_{2}, das
- +kohlensaure Zink+, ZnCO_{3}, sowie die pflanzensauren Zinksalze.
-
-
-=Aetiologie der Zinkvergiftung.= Zinkvergiftungen sind bei unseren
-Haustieren sehr selten. Sie sind früher häufiger vorgekommen
-als jetzt, und zwar namentlich in der Umgebung von Zinkhütten
-durch das ablaufende, zinkhaltige sog. +Galmeiwasser+, sowie in
-+Hüttenrauchbezirken+ zusammen mit Blei- und Arsenikvergiftungen.
-Alle auf zinkreichen Böden wachsenden Pflanzen nehmen Zink auf
-(Altenberg bei Aachen). Auch +Verwechslungen+ zwischen dem Zinkvitriol
-und dem ebenfalls nadelförmig kristallisierenden Bittersalz können
-zu Zinkvergiftungen führen. Vergiftungen durch +zinkhaltige
-Nahrungsmittel+ sind bisher nur in einem Fall beobachtet worden, in
-welchem 4 Kühe durch den zinkhaltigen Teig vergiftet wurden, welcher
-an dem Zinklaufrand von Mühlsteinen klebte (+Hahn+). Es ist ferner von
-+Konservenbüchsen+ festgestellt, dass sie mitunter Zink an den Inhalt
-(Erbsen) abgeben.
-
-
-=Krankheitsbild der Zinkvergiftung.= Das Zink wirkt wie das Kupfer
-lokal reizend und ätzend (+Gastroenteritis+), allgemein +lähmend+
-auf die +quergestreifte Körpermuskulatur+ und auf das +Herz+. Die
-Erscheinungen der Zinkvergiftung bestehen daher in +Erbrechen+, Kolik,
-Durchfall, +Schwäche-+ und +Lähmungszuständen+, +Herzschwäche+. Bei
-längerer Dauer treten ausserdem die Symptome der Anämie und Kachexie
-hinzu. Bei der Sektion findet man umschriebene gastroenteritische
-Herde und Geschwüre, sowie starke Schrumpfung und Anämie der
-Magendarmschleimhaut.
-
-
-=Behandlung.= Als Gegengifte werden empfohlen +Gerbsäure+, +Schwefel+,
-+gebrannte Magnesia+, +Natrium bicarbonicum+, Zuckerwasser, Eiweiss,
-Milch, Schleim; symptomatisch Opium, Morphium und Exzitantien.
-
-
-=Nachweis.= Die +Trennung+ des Zinks von den organischen Substanzen
-erfolgt wie beim Kupfer durch Zerstörung der letzteren mittels
-+Salzsäure+ und +chlorsaurem Kali+, wodurch das Zink in Chlorzink
-übergeführt wird. Das Ausfällen von +weissem Schwefelzink+ durch
-Einleiten von +Schwefelwasserstoff+ muss in +essigsaurer+ Lösung
-geschehen (Zusatz von essigsaurem Natron). Das schnell abfiltrierte
-und mit Schwefelwasserstoff ausgewaschene Schwefelzink ist leicht
-löslich in Salpetersäure und warmer Schwefelsäure; die eingedampfte
-Lösung wird in Wasser aufgenommen und durch folgende Reaktionen weiter
-auf Zink untersucht: a) Kalilauge, Natronlauge und Salmiakgeist fällen
-+weisses+ Zinkoxydhydrat. b) Kohlensaures Kali und Natron fällen
-+weisses+ basisches Zinkkarbonat. c) Ferrozyankalium fällt +weisses+
-Ferrozyanzink. +Quantitativ+ wird Zink als +Schwefelzink+ bestimmt; 100
-Teile ZnS enthalten 67 Teile Zink.
-
- =Kasuistik.= 1. +Rinder.+ An den Mühlsteinen wurde der Laufrand
- auf einer zolldicken Zinkmasse neu hergestellt. Die an diesem
- Zinklaufrande angeklebte Teigmasse abgekratzt und 4 Rindern im
- Getränke gegeben, hatte Vergiftungserscheinungen zur Folge. Die
- chemische Untersuchung der Teigmasse wies in derselben Zinkoxyd
- nach (+Hahn+, Preuss. Mitt. 1877). -- Weidevieh, welches aus den
- Wassergruben getränkt wurde, in die Galmeiwasser floss, erkrankte
- unter den Erscheinungen einer heftigen Kolik, sowie an mehrere Tage
- andauernden Durchfällen. Ebendaselbst erkrankten Gänse und Enten;
- sie wurden taumelig, liessen die Köpfe hängen und verendeten rasch
- (+Przybilka+, Magazin Bd. 18).
-
- 2. +Schweine.+ Mehrere Schweine krepierten, nachdem sie auf einer
- Wiese in der Nähe von Zinkhütten geweidet hatten. Sie zeigten 3
- Wochen hindurch Abmagerung, Anämie, Mattigkeit, schwankenden Gang,
- Durchfall, Appetitlosigkeit, Stöhnen und starben nach 6 Wochen.
- Bei der Sektion fand man den Darmkanal zusammengeschrumpft und die
- Magenschleimhaut ganz weiss gefärbt (+Weynen+, Veterinärbericht 1839).
-
- 3. +Hunde.+ Nach der Anwendung von Zinkoxyd gegen Ekzem erkrankte
- ein Hund an Kolikerscheinungen, Schwellungen am Kopf und Sinken der
- Innentemperatur; ausserdem zeigten eine Taube und eine Ente nach
- der Aufnahme von Zinkoxyd starkes Erbrechen (+Boucher+, Journ. de
- Lyon 1893). Sonst liegen nur experimentelle Untersuchungen vor.
- Ein Hund zeigte auf 30 g Zinkvitriol Erbrechen und Mattigkeit,
- genas aber wieder; bei unterbundenem Schlunde erfolgte jedoch
- bei dieser Dosis der +Tod+ nach 3 Tagen. Subkutan töteten 4-6 g
- Zinkvitriol Hunde innerhalb 5-6 Tagen nach vorausgegangener Lähmung
- und Erbrechen (+Orfila+). Intravenös hatten 0,2-0,4 g Zinkvitriol
- Erbrechen und Lähmung zur Folge. 9-18 g Zinkoxyd erzeugten Erbrechen
- und Gastritis. Ein Hund, welcher in 4 Monaten 72 g Zinkoxyd mit
- der Nahrung erhielt, zeigte Erbrechen, grosse Schwäche, Zittern,
- vom 3. Monate ab Krämpfe und Stumpfsinn. Bei der Sektion zeigte
- sich Gastroenteritis (+Michaelis+). -- Beim +Menschen+ beobachtet
- man nach sehr langer Aufnahme kleinster Zinkmengen (zuweilen erst
- nach 10 Jahren bei Zinkarbeitern) Erscheinungen einer chronischen
- Rückenmarksaffektion sowohl an den Vorder- als an den Hintersträngen,
- welche sich in Hauthyperästhesie und späterer Anästhesie,
- gesteigerter Reflexerregbarkeit, krampfhaften Muskelzuckungen, Ataxie
- und schliesslicher lähmungsartiger Schwäche äussern.
-
-
-Brechweinsteinvergiftung.
-
- =Chemie.= Der Brechweinstein ist ein +Antimonsalz+, nämlich
- eine Verbindung von Antimonoxyd und Weinstein von der Formel:
- C_{4}H_{4}O_{4}(OK)(O.SbO). Seine Giftwirkung ist eine
- Antimonwirkung. Er bildet ein weisses, kristallinisches, etwas
- verwitterndes Pulver, welches in 17 Teilen kaltem, sowie in 3 Teilen
- heissem Wasser löslich ist und beim Erhitzen verkohlt. Mit Kalkwasser
- gibt er einen weissen (weinsaurer Kalk), mit Schwefelwasserstoff
- einen orangeroten Niederschlag von Schwefelantimon (Sb_{2}S_{5}).
- Ausserdem werden seine Lösungen durch Gerbsäure gefällt.
-
-
-=Aetiologie der Brechweinsteinvergiftung.= Der Brechweinstein,
-welcher als Antimonverbindung zu den giftigsten Metallsalzen gehört,
-kann ausser einer zu +hohen Dosierung+ auch durch die +Form+ seiner
-Anwendung eine Vergiftung herbeiführen, wenn er nämlich in ungelöstem
-Zustand verabreicht wird und dadurch ätzend wirkt in Dosen, die an
-und für sich nicht giftig wirken. Ausserdem wird die Giftigkeit
-des Brechweinsteins erheblich gesteigert durch die gleichzeitige
-Verabreichung von Aloe (vergl. S. 111). +Am empfindlichsten gegen
-den Brechweinstein sind Pferde.+ Sie sterben durchschnittlich nach
-Einzelgaben von 15-30 g, namentlich dann, wenn der Brechweinstein in
-+nüchternem+ Zustand verabreicht wird (die therapeutische Einzeldosis
-beträgt für Pferde 2-10 g, die therapeutische Tagesdosis 10-15 g). Viel
-weniger empfindlich sind Rinder, welche selbst Gaben von 50 g ohne jede
-sichtbare Reaktion ertragen; dasselbe gilt für Schafe, welche erst auf
-zirka 25 g Brechweinstein sterben. Schweine und Hunde sind ebenfalls
-weniger empfindlich, weil sie sich erbrechen können. Hunde blieben z. B.
-nach 4 g Brechweinstein am Leben, wenn sie sich erbrachen, während sie
-bei unterbundenem Schlund schon nach ¼ oder ½ g starben.
-
-In einzelnen Fällen hat man beobachtet, dass bei Kühen, welchen
-Brechweinstein eingegeben wurde, die +Milch+ giftige Eigenschaften
-zeigte. So erkrankten Ziegenlämmer und Hunde an heftigem Durchfall, als
-sie die Milch einer mit grösseren Mengen Brechweinstein behandelten Kuh
-gefüttert erhielten (+Harms+).
-
-
-=Krankheitsbild.= Der Brechweinstein wirkt +ätzend+ auf die Schleimhaut
-des Digestionsapparates und erzeugt daher zunächst das Krankheitsbild
-einer +korrosiven Gastroenteritis+. Nach seiner Resorption äussert
-sich die Antimonwirkung ähnlich wie die Arsenikwirkung vorwiegend in
-einer +Lähmung des Herzmuskels+, sowie in gesteigerter Sekretion aller
-+Körperdrüsen+ mit nachfolgender Verfettung derselben. Der Tod erfolgt
-unter den Erscheinungen einer +allgemeinen Lähmung+. Demnach sind die
-Einzelerscheinungen folgende. Hat der Brechweinstein in Substanz (in
-ungelöstem Zustand, z. B. in Latwergen) oder in konzentrierten Lösungen
-auf die Maulschleimhaut eingewirkt, so erzeugt er zunächst eine
-+ulzeröse Stomatitis+ mit Geschwürsbildung und starkem Speicheln. Die
-spezifische Wirkung auf den Magen besteht bei Schweinen, Hunden, Katzen
-und beim Geflügel in +Erbrechen+. Letzteres wurde vereinzelt auch
-bei Pferden beobachtet. Die Darmwirkung äussert sich in +Durchfall+
-und +Kolikerscheinungen+. Nach der Resorption des Brechweinsteins
-treten die Erscheinungen der +Herzlähmung+ in den Vordergrund des
-Krankheitsbildes. Die Herztätigkeit ist anfangs beschleunigt, später
-verlangsamt, der Puls sehr schwach, unregelmässig und aussetzend. Die
-Atmung ist infolge der Herzschwäche und der dadurch bedingten Stauung
-des Blutes in der Lunge erschwert; bei längerer Dauer der Vergiftung
-kann sich selbst eine +hypostatische Lungenentzündung+ ausbilden. Dazu
-kommen +Schwindelanfälle+, +Zittern+ und +Krämpfe+. Der Tod erfolgt
-entweder langsam unter zunehmender +Mattigkeit+ oder plötzlich infolge
-von +Herzlähmung+.
-
-Bei der +Sektion+ findet man +hämorrhagische Entzündung+ und
-+Diphtherie+ der Digestionsschleimhaut, namentlich im +Magen+ und
-im +Dünndarm+, Lungenhyperämie, hämorrhagische Infarkte und selbst
-Entzündung der Lunge, Verfettung des Herzmuskels und der Körperdrüsen.
-
-
-=Behandlung.= Das wichtigste Gegenmittel gegen Brechweinstein ist die
-+Gerbsäure+ (Bildung von unlöslichem Antimontannat). Man gibt sie
-entweder in Form des reinen Tannins oder gerbstoffhaltiger Abkochungen
-(Eichenrinde, Weidenrinde, Chinarinde, Kaffee, Salbeiblätter,
-Tormentillwurzel). Ausserdem verabreicht man +einhüllende+ Mittel:
-Eiweiss, Schleim, Oel. Von sonstigen chemischen Antidoten, welche
-den Brechweinstein zersetzen, sind zu nennen: kohlensaures Natron,
-verdünnte Säuren, Schwefel, Schwefelleber. Die Kolikanfälle behandelt
-man +symptomatisch+ mit Opium oder Morphium, die Herzschwäche mit
-Koffein, Atropin, Hyoszin, Aether, Kampfer oder Alkohol.
-
-
-=Nachweis.= Die +Trennung+ des Antimons von seinen organischen
-Verbindungen wird in derselben Weise durch +Zerstörung der
-organischen Substanzen+ mittels Chlor ausgeführt, wie beim Arsenik.
-+Schwefelwasserstoff+ fällt dann aus der (schwach) salzsauren Lösung
-+orangegelbes Schwefelantimon+, welches sich in +Salzsäure+ beim
-+Erwärmen leicht löst+, während es in Aetzammoniak und Lösungen von
-saurem schwefligsaurem Natron fast unlöslich ist (in Schwefelalkali
-und Schwefelammonium ist es wie Schwefelarsen löslich). Im Marshschen
-Apparat verwandelt es sich in Antimonwasserstoff, welcher einen
-+Antimonspiegel+ beim Erhitzen liefert. +Dieser Antimonspiegel löst
-sich im Gegensatz zum Arsenspiegel nicht in unterchlorigsaurem
-Natron+, entwickelt auch beim Verdampfen +keinen+ Knoblauchgeruch.
-
- =Kasuistik.= 1. +Pferde.+ Nach einer einmaligen Dosis von 15 g
- Brechweinstein zeigte ein Pferd Zittern, schwachen, beschleunigten
- Puls (60-70 schwache Pulsschläge), angestrengtes Atmen, Schwanken,
- Appetitlosigkeit, Husten. Am 4. Tage stellten sich wassersüchtige
- Anschwellungen am Bauch und Schlauch ein, worauf das Pferd verendete
- (+Weber+, Berl. tierärztl. Wochenschr. 1890). -- +Korff+ (Zeitschr.
- f. Vetkde. 1892 S. 500) beobachtete bei einem Pferde nach einer
- Dosis von 15,0 Brechweinstein deutliche Vergiftungserscheinungen,
- welche im wesentlichen in Erbrechen und Durchfall bestanden. Nach
- der Verabreichung von 15 g Tannin als Gegengift genas das Tier.
- -- +Röbert+ (Sächs. Jahresber. 1893) berichtet über einen Fall
- von tödlicher Vergiftung beim Pferd nach der Verabreichung von
- 40 g Brechweinstein. Die Erscheinungen bestanden in Speicheln,
- Anätzungen im Maule, heftigem Durchfall, Herzklopfen, schwachem,
- drahtförmigem Pulse. Der Tod trat nach 3 Tagen ein. Die Sektion
- ergab Anätzungen im Maule und Schlundkopfe, Rötung und Schwellung
- der Magenschleimhaut, sehr viele Geschwüre im Dünn- und Dickdarm,
- sowie akute septische Perforativ-Peritonitis. -- +Kramer+ (D. T. W.
- 1895) behandelte eine Vergiftung bei einem Pferde, das innerhalb 2
- Tagen 24 g Brechweinstein erhalten hatte und hochgradige Schwäche
- zeigte; die Heilung erfolgte erst nach 5wöchentlicher Behandlung.
- -- Ein Pferd erhielt irrtümlich 30 g Brechweinstein auf einmal
- eingeschüttet. Es wurde sehr aufgeregt, speichelte, schnaubte
- heftig unter Auswurf von Schleimflocken; nach einigen Stunden starb
- es unter Schweissausbruch und starkem Durchfall (+Maury+, Journal
- du Midi 1862). -- Nach den Versuchen von +Hertwig+ zeigen gesunde
- Pferde nach 4-8 g nur etwas vermehrtes Urinieren; nach wiederholten
- Dosen entsteht Verminderung der Pulszahl, pochender Herzschlag,
- Mattigkeit, Diarrhöe, Polyurie; bei fortgesetzter Anwendung sehr
- grosse Schwäche. 15 g in Pillenform haben vermehrte Absonderung
- der Schleimhäute, gesteigerte Pulsfrequenz, vermehrte Peristaltik,
- reichliche Kotentleerung, sowie leichte Kolik zur Folge. Dieselbe
- Dosis (15 g) in Wasser gelöst und auf einmal gegeben erzeugt
- Kolik, Zittern, Pulsbeschleunigung, Nachlass dieser Erscheinungen
- nach einigen Stunden, stärkeres Wiederauftreten derselben an den
- folgenden Tagen und meist Tod am 6.-8. Tage. 30 g in einer Pille oder
- Latwerge bedingt eine sehr heftige, aber nicht tödliche Wirkung;
- 30 g in flüssiger Form bewirkt heftige Kolik mit Krämpfen und
- Schweissausbruch, sowie nach 8 Stunden den Tod. Auf 60 g in flüssiger
- Form tritt der Tod nach 2½ Stunden, auf 90 g in Latwergenform nach
- 4 Tagen ein (Kolik, Stomatitis ulcerosa, Lähmung der Nachhand).
- +Intravenös+ entsteht auf 0,6-4,0 als schwächste Wirkung vermehrte
- Peristaltik, Kotentleerung, gesteigerte Diurese, erhöhte Atmungs- und
- Pulsfrequenz, jedoch keine Appetitstörung. Bei höhergradiger Wirkung
- beobachtet man fast unfühlbaren Puls, Steigen der Pulsfrequenz
- über 120 pro Minute, röchelndes, krampfhaftes Atmen, dünnflüssigen
- Kot, Schweissausbruch, Tränenfluss, Speicheln, Lecken, Recken,
- Rülpsen, Kolik, Zittern, sowie Muskelkrämpfe an der Schulter, am
- Halse, an den Schenkeln. 8 g intravenös haben sehr heftige Krämpfe,
- Schwindel, Lähmung, sowie Tod nach 1½-3 Stunden zur Folge; eine
- Wirkung auf den Darm fehlt hierbei. -- +Dieckerhoff+ und +Wagner+
- (B. T. W. 1893 Nr. 39) fanden bei ihren Versuchen über die Dosierung
- und Wirkung des Brechweinsteins bei Pferden, dass derselbe in der
- herkömmlichen Dosis und Form unschädlich ist, dass es sich aber
- empfiehlt, die Dosis von 15 g nicht zu überschreiten und an demselben
- Tag auch nicht zu wiederholen. Für kleine Ponys sind 15 g schon
- tödlich; ein leichtes Arbeitspferd starb nach 20 g Brechweinstein
- an hämorrhagischer Gastroenteritis. -- Nach +Günther+ (D. T. W.
- 1906 S. 543) zeigten 4 schwere Pferde, welche nüchtern je 12 g
- Brechweinstein erhalten hatten, 3 Stunden nachher Unruhe, starkes
- Aufblähen, Atemnot, Schweissausbruch, Zittern und Schwanken; nach 6
- Tagen erfolgte Heilung. -- Zwei 1 Jahr alte Ardennerfohlen erhielten
- gegen Spulwürmer je 8 g Brechweinstein in Wasser gelöst verschrieben.
- Der Besitzer verteilte das Mittel jedoch ungleich, so dass eines der
- Fohlen 12 g erhielt. 24 Stunden darauf erkrankte dieses Füllen unter
- Schweissausbruch, Zittern, Herzschwäche, Dyspnoe, Schwanken, Krämpfen
- und Absinken der Innentemperatur auf 35,8°; noch an demselben Tage
- starb es. Die Sektion ergab zahlreiche kleine, oberflächliche
- Geschwüre auf der Zunge, im Dünndarm und Grimmdarm (+Lüer+, D. T.
- W. 1908 S. 377). -- Die von +Möller+-Alpirsbach (ibid. S. 417)
- nach einer Tagesdosis von 8-12 g Brechweinstein bei 12 Pferden
- beobachteten eigenartigen Erscheinungen von Hufrehe und Herzschwäche
- sind wohl auf den Umstand zurückzuführen, dass überflüssigerweise 1-2
- Stunden nachher noch eine Aloepille verabreicht wurde. Dass durch
- einen Zusatz von Aloe die Giftwirkung von Abführmitteln erheblich
- gesteigert wird, hat die Erfahrung beim Kalomel gelehrt, das bei
- Zugabe einer Aloepille Pferde schon in einer Dosis von 3 g zu töten
- vermag (vergl. das Kapitel der Aloevergiftung). Dass andererseits
- der Brechweinstein für sich allein in den genannten Dosen ungiftig
- ist, beweisen die zahlreichen und übereinstimmenden Beobachtungen
- anderer. +Reissinger+ (Woch. f. Tierheilk. 1908) hat in den
- letzten 10 Jahren den Brechweinstein ungefähr 600mal in täglichen
- Dosen von 15-20 g gegeben, jedoch in keinem einzigen Falle danach
- Vergiftungserscheinungen beobachtet; eine Aloepille nach 1-2 Stunden
- nachzuschicken, hält er gleichfalls für überflüssig. +Simon+ (ibid.)
- hat seit 8 Jahren alljährlich 70-80mal den Brechweinstein in Dosen
- von 15-20 g ohne jeden Nachteil gegeben, desgleichen Prof. +Albrecht+
- (ibid.), der den Brechweinstein seit vielen Jahren schweren Pferden
- in Dosen von 20 g, mittleren zu 15 g, Jährlingen zu 10-12 g und
- halbjährigen Fohlen zu 6-8 g verabreicht. Auch +Dorn+ (ibid.)
- verwendet seit Jahren den Brechweinstein in Dosen von 20 g für
- erwachsene Pferde und hat in Hunderten von Fällen nie eine Vergiftung
- beobachtet. +Merkt+ (T. Rundschau 1908) gibt den Brechweinstein seit
- 20 Jahren in einer Tagesdosis von 25 g auf 3mal und hat noch niemals
- die geringsten Vergiftungserscheinungen danach beobachtet. +Storch+
- (Berl. tierärztl. Woch. 1909) hat beim Pferd mindestens 100mal
- Brechweinstein in Dosen von 8-12 g ohne Spuren von Giftwirkung oder
- Rehe verabreicht; nur ein einziges Pferd zeigte danach vorübergehende
- Kolikerscheinungen.
-
- 2. +Rinder.+ Eine Kuh erhielt aus Versehen 51 g Brechweinstein auf
- einmal mit einer Flasche Wasser eingeschüttet, ohne dass irgendwelche
- Vergiftungserscheinungen auftraten. Einer anderen Kuh wurden
- 46 g ebenfalls ohne Nachteil verabreicht. Dagegen erkrankten 3
- Ziegenlämmer und 2 kleine Hunde, welche die Milch der letzteren Kuh
- gefüttert erhalten hatten, an heftiger Diarrhöe (+Harms+, 4. Hannov.
- Jahresber.). -- Versuchskühe zeigten auf 8-30 g Brechweinstein nichts
- besonderes, nur vermehrtes Urinieren (+Hertwig+, +Viborg+). Selbst
- 128 g innerhalb 4 Tagen verabreicht blieben bei einer Kuh ohne
- deutliche Wirkung. 40 g einer Kuh auf einmal in Auflösung gegeben,
- hatten nach +Gilbert+ keine sichtbare Wirkung. Nach diesen Angaben
- ist es fraglich, ob die Beobachtung von +Rüffert+ (Preuss. Mitt. III)
- richtig ist, welcher bei einem Stiere nach 30 g Brechweinstein, in
- Leinsamenschleim gegeben, Kolik und plötzlichen Tod gesehen haben
- will. Zum Zwecke der Nachprüfung habe ich einer alten, schwächlichen,
- kleinen Versuchskuh 30 g Brechweinstein in Leinsamenschleim
- verabreicht; diese Dosis ist bei derselben ohne jede sichtbare
- Wirkung geblieben und hatte nicht einmal eine Verdauungsstörung zur
- Folge.
-
- 3. +Schafe+ zeigten nach 12 g in gelöster Form und nach 16 g in
- einer Mehlpille verabreicht keinerlei Wirkung (+Viborg+, +Gilbert+).
- Dagegen töteten 24 g ein Schaf. Intravenös hatten 0,3-0,36 g grosse
- Mattigkeit, kleinen frequenten Puls, angestrengtes Atmen und
- wiederholten Mistabsatz zur Folge. -- +Baum+ (Monatsh. f. prakt.
- Tierhlkde. 1892) stellte experimentell fest, dass bei Schafen nach
- 5 g, bei Ziegen nach 4 g Brechweinstein Vergiftungserscheinungen
- auftreten. Die Milch der betr. Tiere erwies sich indessen auch bei
- sehr hohen Dosen als unschädlich.
-
- 4. +Schweine+ erbrechen sich erst von 0,6 g ab; zuweilen tritt
- aber Erbrechen selbst nach grösseren Dosen (1,2-2,0) nicht ein. 4
- g hatten bei einem ¾jährigen Eber nach 15 Minuten Erbrechen zur
- Folge, das über eine Stunde dauerte, ausserdem Kolikerscheinungen,
- Appetitlosigkeit und Mattigkeit; am 3. Tage war das Tier wieder
- gesund. 8 g Brechweinstein in einem halben Liter Wasser gelöst,
- bewirkten bei einem 9 Monate alten Eber nach 1½ Stunden 5maliges
- Erbrechen, Appetitlosigkeit, Betäubung, starken Durst, nach Aufnahme
- des Wassers wiederholtes Erbrechen, sowie am folgenden Tage nach
- anscheinender Besserung Krämpfe und den Tod. -- Ein Mutterschwein,
- das gegen Ferkelfressen einen Kaffeelöffel Brechweinstein erhalten
- hatte, zeigte Erbrechen, Durchfall, Speichelfluss und Krämpfe; Tannin
- beseitigte sofort die Vergiftungserscheinungen (+Gebhard+, Woch. f.
- Tierhlkde. 1905).
-
- 5. +Hunde+ ertragen bis zu 4 g Brechweinstein, wenn sie sich
- erbrechen können. Bei unterbundenem Schlunde sterben sie jedoch
- (ebenso wie Katzen) nach 0,25-0,5 g innerhalb 2-3 Stunden. Von
- +Wunden+ aus tötet der Brechweinstein Hunde und Katzen zu 0,1-0,3
- in wenigen Stunden. +Intravenös+ haben 0,06-0,12 nach ½ Stunde
- Erbrechen, 0,24 wiederholtes Erbrechen, Mattigkeit, beschwerliches
- Atmen, unregelmässigen, schnellen Puls, Zittern, Krämpfe und nach
- 16-24 Stunden den Tod zur Folge.
-
- 6. +Hühner+ und andere Vögel erbrechen sich leicht nach 0,06-0,2 g.
-
-
-Sonstige Metallvergiftungen.
-
-
-=Alaunvergiftung.= Dieselbe ist in einigen Fällen bei Rindern
-beobachtet worden, welche +aus Versehen statt Glaubersalz+ Alaun
-erhielten. Ein Rind erhielt 125 g rohen Alaun, worauf es +Verstopfung+
-und +Kolikerscheinungen+ zeigte; nach 4 Tagen war Genesung eingetreten.
-Eine Kuh erhielt vom Besitzer statt des verordneten Glaubersalz ½ Kilo
-Alaun; sie erkrankte sofort schwer und musste notgeschlachtet werden
-(+Siebert+, Berl. Arch. 1900). Dagegen erkrankte ein anderes Rind,
-das ebenfalls aus Versehen statt Glaubersalz innerhalb 6 Stunden 750
-g Alaun zusammen mit Leinöl und Leinsamenschleim erhielt, nur leicht
-unter Verdauungsstörungen und Speicheln und genas (+Noack+, Preuss.
-Vet.-Ber. 1904). Hunde starben, wenn sie am Erbrechen gehindert wurden,
-nach 35-50 g, Katzen nach 5-10 g Alaun (+Orfila+). Die Wirkung des
-Alauns ist eine lokal ätzende (Bildung von Aluminiumalbuminat). Die
-Allgemeinwirkung des Aluminiums äussert sich in Lähmung und Somnolenz.
-+Das Aluminiummetall ist ungiftig.+
-
-
-=Eisenvergiftung.= Von den Eisenpräparaten wirken in grösseren Dosen
-giftig der +Eisenvitriol+ und der +Liquor Ferri sesquichlorati+.
-Dieselben sind reizende und ätzende Gifte für die Magendarmschleimhaut
-(+korrosive Gastroenteritis+) und Uterusschleimhaut (+diphtheritische
-Endometritis+), sowie für die Leber und Nieren (+Hepatitis+ und
-+Nephritis+). Es sind hierüber teils klinische, teils experimentelle
-Beobachtungen vorhanden. Danach sterben +Pferde+ nach der innerlichen
-Verabreichung von ca. 250 g Eisenvitriol. So beobachtete +Gohier+
-bei einem Pferd nach 285 g, bei einem Esel nach 180 g und bei einem
-¼jährigen Fohlen nach 90 g Eisenvitriol heftige Darmentzündung mit
-tödlichem Ausgange innerhalb 24 Stunden. +Viborg+ sah bei einem älteren
-Pferd auf 180 g Erbrechen, Kolik, grosse Schwäche, Verstopfung,
-häufiges Urinieren, nach 6 Tagen hatte sich das Tier wieder erholt.
-Eine Stute zeigte nach dem Ausspülen des Uterus mit Eisenchloridlösung
-heftige Kolik, Krämpfe, Dyspnoe, hohes Fieber, starkes Drängen und
-starb nach 48 Stunden; die Sektion ergab diphtherische Endometritis,
-sowie hämorrhagische Pleuritis (+Binder+, Tierärztl. Zentralbl.
-1894). Drei unter milzbrandverdächtigen Erscheinungen (blutige
-Darmentzündung) gestorbene Schafe hatten mit dem Futter zufällig
-Eisenvitriol aufgenommen (+Keller+, Preuss. Vet.-Ber. pro 1907).
-Bei +Hunden+ entsteht schon von 2 g Eisenvitriol ab Erbrechen und
-Magendarmentzündung, nach 8 g der Tod. Beim +Geflügel+ hat man
-gelegentlich der Desinfektion der Stallungen mit Eisenvitriol
-Erkrankungen infolge Aufnahme desselben beobachtet. Ausserdem
-sind Gänse nach der Aufnahme des Abwassers einer mit Eisenvitriol
-arbeitenden Imprägnieranstalt für Telegraphenstangen gestorben
-(korrosive Entzündung der Schleimhaut des Vormagens).
-
-Bei +subkutaner+ Applikation starben 3 Hunde auf 7,5 g Eisenvitriol
-nach 12, 15 und 27 Stunden. Die Sektion ergab Magendarmentzündung und
-ausgebreitete Hämorrhagien. +Intravenös+ entsteht beim Pferd nach 5 g
-Unruhe, unterdrückte Fresslust und Verstopfung; beim Hunde nach ½ g
-Erbrechen und Kolik.
-
-
-=Silbervergiftung.= Dieselbe bezieht sich meistens auf den
-+Höllenstein+ und ist ausschliesslich experimenteller Natur,
-soweit sie die Haustiere betrifft. Man unterscheidet eine akute
-und chronische Silbervergiftung. 1. Die +akute+ Silbervergiftung
-(Höllensteinvergiftung) verläuft unter dem Bild einer
-+Gastroenteritis+. Die tödliche Dosis ist sehr variabel je nach
-dem Füllungszustand des Magens und der Form, in welcher der
-Höllenstein gegeben wird (Stücke, Pulver, Lösung). Einige +Hunde+
-starben schon nach 0,75 bis 1,25 g Höllenstein, während andere
-vier Tage hintereinander je 4,0 g ertrugen. +Menschen+ starben
-nach 10-30 g, +Kaninchen+ auf 4,0 g, +Schafe+ ertragen 4 g. -- Das
-Verschlucken silberner Münzen erzeugt, wie klinische Erfahrungen
-lehren, keine Silbervergiftung. 2. Die +chronische+ Silbervergiftung
-(+Argyriasis+) wird nach fortgesetzter Fütterung von Versuchstieren
-mit Silberpräparaten beobachtet. Dieselbe äussert sich in Abnahme
-des Körpergewichts, Atrophie des Fettgewebes, chlorotischer
-Blutbeschaffenheit, degenerativen Prozessen in den Muskeln und
-Körperdrüsen (Leber, Nieren), Albuminurie, Katarrhen des Digestions-
-und Respirationsapparates mit profuser Sekretion der Schleimhäute
-und sog. Silbersaum des Zahnfleisches (Ag_{2}S), endlich in einer
-+Rückenmarksaffektion+ mit Muskel- und Gefühlslähmung, welche
-im Hinterteil beginnt und anatomisch in Vakuolenbildung der
-Ganglienzellen, Exsudation und Atrophie besteht. Beim Menschen
-beobachtet man auch Gehirndepressionserscheinungen nach längerer
-Höllensteinanwendung.
-
-Die beim Menschen nach der längeren medikamentellen innerlichen
-Verabreichung von Silberpräparaten eintretende +Graufärbung+ der Haut
-(Argyrosis) ist keine Vergiftungserscheinung. Sie entsteht infolge
-Ablagerung feinster Körnchen von reduziertem metallischem Silber
-in die oberste Schichte des Koriums, ins Bindegewebe und in die
-Schweissdrüsenknäuel. Diese Schwarzfärbung der Haut findet man nur
-beim Menschen nach Verabreichung von ca. 30 g Höllenstein, nicht bei
-Versuchstieren (Hunden, Ratten). Dagegen beobachtet man bei Menschen
-und Tieren eine +Silberablagerung in inneren Organen+, namentlich in
-den Mesenterialdrüsen, in den Adergeflechten, in den Gelenkzotten, auf
-den serösen Häuten, in der Glissonschen Scheide der Leber und in den
-Glomeruli der Niere; Gehirn und Rückenmark dagegen bleiben ganz frei.
-
-
-=Chromvergiftung.= Besonders giftige Chromverbindungen sind die
-+Chromsäure+ CrO_{3}, das +Kaliumchromat+ K_{2}CrO_{4} und das
-+Kaliumdichromat+ oder doppeltchromsaure Kali K_{2}Cr_{2}O_{7}
-(starke Oxydationsmittel). Die akute Chromvergiftung äussert sich
-in korrosiver Gastroenteritis, parenchymatöser und hämorrhagischer
-Nephritis, Albuminurie, Hämaturie, Gelbfärbung der Sklera, Schwindel,
-Dyspnoe, Konvulsionen und Koma. Pferde sterben nach der Aufnahme von
-15-30 g Kaliumdichromat. Infolge Verwechslung mit Natrium bicarbonicum
-starb z. B. ein Pferd nach 30 g Kali dichromicum an hämorrhagischer
-Gastroenteritis (+Desoubry+ und +Simmonet+, Rec. 1906). Subkutan können
-bei jungen Hunden schon 0,1-0,2 tödlich werden. Nach +Kossa+ erzeugen
-die Chromate ausserdem bei allen Warmblütern, namentlich beim Hund,
-Glykosurie. Weniger giftig wirken Chromalaun, Chromgrün und Chromgelb
-(Bleichromat). Bei der +chronischen+ Chromvergiftung (Menschen in
-Chromfabriken) beobachtet man interstitielle Nephritis, sowie Haut- und
-Schleimhautgeschwüre (Rhinonekrosis chromica).
-
- =Wismutvergiftung.= Das therapeutisch als Magenmittel und in
- der Chirurgie angewandte +Bismutum subnitricum+ kann in grossen
- Dosen ein der Quecksilbervergiftung ähnliches Krankheitsbild
- erzeugen (Bismutosis). Nach älteren Versuchen zeigten Hunde und
- Katzen nach 3-5 g Bismutum subnitricum schwere Vergiftung und
- starben nach 15 g sehr rasch (+Orfila+). Diese Wirkungen sind nach
- neueren Beobachtungen nicht auf das Wismut, sondern auf die früher
- regelmässigen Verunreinigungen des Wismutsalzes mit Arsen, Antimon,
- Tellur (sog. Wismutatem) und Blei zu beziehen. Absolut reines
- Bismutum subnitricum soll vom Menschen in täglichen Dosen bis zu 20 g
- ertragen werden (+Trousseau+). Dagegen wirken +lösliche Wismutsalze+
- stark giftig, nach subkutaner Anwendung derselben erfolgt bei
- Säugetieren der Tod schon nach 1-2 Tagen unter Krämpfen. Bei der
- Sektion findet man den Dickdarm und sein Gekröse intensiv schwarz
- gefärbt (Schwefel-Wismut); +auf der Dickdarmschleimhaut sieht man
- nekrotische Herde+. Es wird angenommen, dass der Schwefelwasserstoff
- des Dickdarms das in den Darmkapillaren gelöst zirkulierende
- Wismutsalz als unlösliches Schwefelwismut ausfällt und so eine
- Verstopfung der Kapillaren mit konsekutiver Nekrose der Schleimhaut
- bedingt, ähnlich wie beim Merkurialismus (+H. Meyer+). Auch sonst
- sind die Erscheinungen der Bismutosis denen des Merkurialismus
- ziemlich ähnlich. Man beobachtet nämlich ebenfalls +Stomatitis
- ulcerosa+, +Schwarzfärbung des Zahnfleisches+, +Darmkatarrh+
- und +Nephritis+. Bei Versuchstieren wurden ausserdem +Krämpfe+
- beobachtet. Beim Einbringen in die Brust- und Bauchhöhle entstand
- Pleuritis bezw. Peritonitis.
-
-
- =Borvergiftung.= Sowohl die +Borsäure+, als der +Borax+ und andere
- Borpräparate sind für Tiere und Menschen giftig. Ein Hund starb nach
- 30 g Borax an Darmentzündung; Kaninchen sterben nach 2-4 g Borsäure
- unter Erscheinungen der Gastroenteritis, Muskel- und Nervenlähmung.
- Nach Versuchen von +Annett+ (Lancet 1900) starben 5 junge Ziegen
- nach 4wöchentlicher Verabreichung von Milch, welche pro Liter 2 g
- Borsäure enthielt, unter den Erscheinungen von Durchfall, Abmagerung
- und Mattigkeit. Nach +Puppe+ (Aerztl. Sachverst.-Zeitg. 1907)
- zeigten 4 Hunde, welche mit borsäurehaltigem Fleisch (1½ Proz.)
- gefüttert wurden, starke Abmagerung und Darmblutungen und gingen
- zugrunde (Stoffwechselgift). Auch beim Menschen wirkt die Borsäure
- schon in geringen Mengen giftig (+Kobert+, +Schlenker+, +Forster+,
- +Rost+, +Kister+, +Mattern+, +Rubner+, +Rosenthal+, +Binswanger+ u.
- a.). Versuche im amerikanischen Ackerbauministerium an 12 jungen
- Männern (1905) ergaben, dass schon die tägliche Verabreichung von
- 0,5 Borsäure bei längerer Verabreichung Verdauungsstörungen erzeugt
- und das Allgemeinbefinden ungünstig beeinflusst. +Die Schädlichkeit
- der Borpräparate als Konservierungsmittel ist im Gegensatz zu
- der Behauptung von Liebreich schon in kleinen Dosen als erwiesen
- zu erachten.+ Es kommt hinzu, dass die im Handel gebräuchlichen
- Fleischkonservierungsflüssigkeiten nicht etwa schwache, sondern
- ziemlich konzentrierte, +3-4prozentige Borsäurelösungen+ bilden
- (Fasslebern), welche für den Menschen zweifellos gesundheitsschädlich
- sind; ein Kilogramm derartig konservierter Fasslebern enthält
- 30-40 g Borsäure(!). Besonders gefährlich ist die Borsäure sodann
- für jugendliche Organismen (Borsäurezusatz zur Kindermilch). In
- Deutschland sind daher die Borpräparate als Zusatz zu Nahrungsmitteln
- verboten (Bundesratsbeschluss vom 18. 2. 02). Auch die Preuss.
- Med.-Deputation hat sich in diesem Sinne geäussert (1907).
-
-
- =Zinnvergiftung.= Ob Zinnvergiftungen durch zinnhaltige
- Nahrungsmittel, Konserven etc. zustande kommen können, wird teils
- bejaht (+Kobert+), teils verneint (+Lehmann+). Experimentell ist
- jedoch festgestellt, dass +Zinnchlorür+ Hunde in Dosen von 5 g unter
- den Erscheinungen der korrosiven Gastroenteritis tötet, und dass
- sich durch fortgesetzte Darreichung von Zinnpräparaten bei Hunden
- und Katzen eine typische chronische Zinnvergiftung erzeugen lässt,
- deren Haupterscheinungen in Ataxie und Motilitätsstörungen bestehen
- (+Ungar+ und +Bodländer+).
-
-
- =Manganvergiftung.= Die löslichen Mangansalze, namentlich das
- übermangansaure Kali und das schwefelsaure (früher offizinelle)
- Manganoxydul wirken in grösseren Gaben giftig, indem sie Erbrechen,
- Lähmung der Motilität und Sensibilität, Ikterus, Leber- und
- Nierenentzündung zur Folge haben (ähnlich wie bei Chromvergiftung).
- +Carozzo+ (Clin. vet. 1900) sah bei 2 Pferden nach der innerlichen
- Verabreichung von 10 g Kalium permanganicum in 1 l Wasser
- Muskelzittern, starken Schweissausbruch, Speichelfluss, anämische
- Schleimhäute, häufigen Kotabsatz, sowie hohe Puls- und Atemfrequenz;
- ein Pferd zeigte ausserdem Manegebewegungen und Blutharnen und starb
- nach 5 Tagen unter tiefem Koma.
-
-
- =Uranvergiftung.= Das Uran ist eines der giftigsten Metalle. Die
- Uransalze wirken zunächst stark ätzend (Uranalbuminat); 1 mg Uranoxyd
- ist ferner bei subkutaner Applikation pro Kilogramm Körpergewicht
- tödlich für Hunde und Katzen. Die Allgemeinerscheinungen
- bestehen in Glykosurie, parenchymatöser Degeneration der
- wichtigsten Körperorgane, Nephritis, Abmagerung und Inanition.
- Die Stoffwechselstörung ist eine Folge der Aufhebung der inneren
- Gewebsatmung wie bei Blausäure (+Woroschilsky+).
-
-
- =Osmiumsäurevergiftung.= Die Osmiumsäure und ihre Salze wirken stark
- reizend und ätzend auf Haut und Schleimhäute; selbst durch die Dämpfe
- der Osmiumsäure können Schleimhautentzündungen entstehen. Nach der
- Resorption erzeugen die Osmiumverbindungen Nephritis, Gastroenteritis
- und Pneumonie (Vorsicht beim Mikroskopieren).
-
- Vergiftungserscheinungen bedingen endlich die löslichen Salze des
- +Nickels+, +Kobalts+, +Platins+, +Golds+, +Kadmiums+, +Berylliums+,
- +Wolframs+, +Molybdäns+, +Zeriums+, +Thalliums+, +Vanadiums+ und
- +Siliziums+. Näheres über diese Metallvergiftungen vergl. bei
- +Kobert+, Lehrbuch der Intoxikationen.
-
-
-Kochsalzvergiftung.
-
- =Allgemeines.= Das +Kochsalz+, ClNa, welches aus dem +Steinsalz+ (99%
- Chlornatrium) gewonnen und mit rotem Ton, Kohle, Russ, Wermut etc.
- vermischt als sog. +Viehsalz+ (denaturiertes Kochsalz) verfüttert
- wird, kann als ein Gift im eigentlichen Sinne des Wortes nicht
- aufgefasst werden, weil es immer nur in grossen Gewichtsmengen
- Krankheitserscheinungen verursacht. Die freiwillige Aufnahme
- grösserer, gesundheitsschädlicher Mengen von Kochsalz beobachtet
- man namentlich bei Pflanzenfressern, und zwar insbesondere bei den
- Wiederkäuern, welche wegen der Salzarmut des Futters eine grosse
- Begierde nach Kochsalz haben. Auch Schweine und Hunde erkranken
- häufig nach dem Genusse salzhaltiger Küchenabfälle, von Kesselbrühe
- (Wurstmacher), Schinkenbrühe, sowie von Salz- und Pökellake. Nicht
- selten ereignen sich ferner Vergiftungen durch das unvorsichtige
- Verabreichen grösserer Kochsalzgaben als Heilmittel oder Diätetikum.
- Allerdings müssen hierbei sehr grosse Mengen gegeben werden, ehe
- Krankheitszustände auftreten. Die +tödliche Kochsalzdosis+ beträgt
- nämlich für Rinder 1½-3 kg, für Pferde 1-1½ kg. für Schafe und
- Schweine 125-250 g, für Hunde 30-60 g (3,7 g pro Kilo Körpergewicht).
- Ueber die Vergiftung mit +Heringslake+ vergl. das Kapitel
- Fleischvergiftung.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Kochsalz wirkt in grösseren
-Mengen oder in konzentrierten Lösungen (Salzlake) zunächst reizend und
-+entzündungserregend+ auf die Schleimhaut des Digestionsapparates.
-Nach seiner Resorption ins Blut wirkt es in diesen grossen Dosen als
-+lähmendes Nervengift+ (Natriumwirkung). Wegen dieser Doppelwirkung
-kann es auch als ein Akre-Narkotikum bezeichnet werden. Die ersten
-Krankheitserscheinungen bestehen in starkem Durst, unterdrückter
-Futteraufnahme, Würgen und +Erbrechen+, höherer Rötung und Trockenheit
-der Maulschleimhaut, +Kolikerscheinungen+, +Durchfall+, Polyurie.
-Die nervösen Symptome äussern sich in allgemeiner +Körperschwäche+,
-Taumeln, rauschartigem Zustand, Zusammenstürzen, Unfähigkeit sich zu
-erheben, +Lähmung+ des +Hinterteils+, +Amaurosis+, Schlinglähmung,
-Sopor, +allgemeiner Lähmung+, zunehmender Herzschwäche und damit
-zusammenhängend Dyspnoe. Meist tritt der Tod sehr rasch innerhalb
-eines Tages ein; die durchschnittliche Krankheitsdauer beträgt 6-48
-Stunden. In vereinzelten Fällen führt die Kochsalzvergiftung zu einer
-mehr chronischen Erkrankung, welche sich in Darmerscheinungen (Abgang
-kruppöser Membranen beim Rind), sowie in Anämie und Abmagerung äussert.
-
-Bei der +Sektion+ findet man zuweilen keinerlei auffallende
-Veränderungen im Körper. Meist beobachtet man indessen die
-Erscheinungen einer akuten Entzündung der Magen- und Darmschleimhaut.
-Bei den Wiederkäuern zeigt der Labmagen die schwersten Veränderungen.
-Die Entzündung äussert sich in Schwellung, Rötung und Ekchymosierung;
-bei längerem Verlauf kommt es beim Rind zur Ausbildung einer kruppösen
-Enteritis. Vereinzelt findet man auch die Blasenschleimhaut höher
-gerötet. Das Blut ist zuweilen auffallend hellrot und dünnflüssig.
-
-
-=Behandlung.= Die gastroenteritischen Erscheinungen werden durch
-Verabreichung deckender, einhüllender Mittel bekämpft. Bei
-den Wiederkäuern verabreicht man zu diesem Zweck gewöhnlich
-+Leinsamenabkochungen+ in Verbindung mit Opium. Auch +ölige Mittel+
-(Leinöl, Mohnöl, Olivenöl, Repsöl) können gegeben werden. Ausserdem
-empfiehlt sich die Verabreichung von +viel Wasser+. Gegen die Lähmung
-des Nervensystems und des Herzens gibt man +Exzitantien+, namentlich
-den +Aether+ in wiederholten subkutanen Dosen, den +Kampfer+ (als
-Kampferspiritus oder Kampferöl subkutan), den +Liquor Ammonii anisatus+
-(bei kleineren Tieren), das +Ammonium carbonicum+ (bei grösseren), das
-+Atropin+, +Hyoszin+, +Koffein+, +Veratrin+ und +Strychnin+.
-
-
-=Nachweis.= Man zieht den Magen- und Darminhalt samt der Schleimhaut
-mit viel destilliertem Wasser aus, filtriert und dampft das Filtrat
-ein. Dasselbe zeichnet sich dann durch einen intensiven salzigen
-Geschmack, sowie durch das Auskristallisieren von kubischen
-Kochsalzkristallen aus. Als Chlornatrium werden diese Kristalle ferner
-nachgewiesen durch die Gelbfärbung der Flamme (Natriumreaktion) und
-durch den weissen Niederschlag, welchen sie mit salpetersaurem Silber
-geben (Chlorreaktion). Man kann auch versuchen, das Kochsalz durch
-Dialyse rein zu erhalten.
-
- =Kasuistik.= 1. +Rinder.+ Zwei lecksüchtige Ochsen erhielten 4
- Pfd. Kochsalz. Sie verschmähten das Futter, taumelten, stiessen
- wie blind an Gegenstände, stürzten zusammen, konnten sich nicht
- wieder erheben, zeigten erweiterte Pupillen, unfühlbaren Puls und
- Herzschlag, sowie starke Benommenheit des Sensoriums. Der eine Ochse
- wurde rasch geschlachtet; der andere blieb 14 Tage krank und zeigte
- später die Erscheinungen eines schweren Darmleidens (Verstopfung,
- Durchfall, Abgang von blutigem Schleim und Kruppmembranen mit dem
- Kote), weshalb er ebenfalls getötet wurde (+Stohrer+, Schweizer
- Archiv 1842). -- Zwei lecksüchtige Kühe erhielten abends 10 Pfd.
- Salz; am andern Morgen waren beide tot. Eine andere Kuh erhielt etwa
- 4-5 Pfd. Salz; drei Stunden später war sie unfähig, sich zu erheben,
- zeigte Lähmung der Zunge und des Schlundkopfes, Kolikerscheinungen,
- starken Schweissausbruch und Krämpfe (+Landel+, Repertor. 1859).
- -- Eine lecksüchtige Kuh erhielt 3 Pfd, Kochsalz. Sie zeigte
- starken Durchfall, häufiges Harnen und die Erscheinungen einer
- schweren Erkrankung, kam jedoch mit dem Leben davon (+Lehmann+,
- Schweiz. Archiv 1850). -- In einem Viehbestand wurde den Kühen, um
- die Milchergiebigkeit zu steigern, mehrere Wochen hindurch grosse
- Mengen gepulvertes Steinsalz gegeben. 15 Kühe zeigten schwere
- Abmagerung, Kreuzschwäche, Versiegen der Milchsekretion, hochgradigen
- Durchfall, sowie jauchige Zellgewebsentzündung an den Kronen und
- starben teils, teils mussten sie getötet werden (+Uhlig+, Sächs.
- Jahresber. 1893). -- Eine Massenvergiftung bei 25 Rindern durch einen
- Viehsalzleckstein, welcher sich im Wasser des Tränkbarrens gelöst
- hatte, hat +Horn+ beobachtet (Woch. f. T. 1895 S. 185); drei Kühe
- lagen gelähmt am Boden und mussten notgeschlachtet werden, sechs
- Kühe zeigten einen rauschartigen Zustand, Bewusstlosigkeit, kaum
- fühlbaren, verlangsamten Herzschlag und Drang nach dem After. Vier
- dieser Kühe erholten sich nach sechs Stunden langsam unter öfterem
- Wiederkehren schwindelähnlicher, schlafsüchtiger Zustände; bei
- der fünften hielt der rauschartige Zustand 24 Stunden an, während
- die sechste wegen anhaltender Lähmungserscheinungen schliesslich
- geschlachtet werden musste. -- Einen ähnlichen Fall hat +Boudry+
- beobachtet (Oesterr. Mon. 1898); danach erhielten 11 Kühe gegen
- Lecksucht je 600-1200 g Kochsalz, von denen drei wegen allgemeiner
- Lähmung geschlachtet werden mussten und eine starb.
-
- 2. +Pferde.+ Ein Pferd erhielt gegen Würmer 3 Flaschen
- Sauerkrautlake. Es zeigte heftige Kolikerscheinungen und starb unter
- nervösen Zufällen nach 3 Stunden (+Kammerer+, Bad. Mitt. 1888). -- 12
- Pferde hatten 6 Tage hintereinander 1 Metze Viehsalz im Trinkwasser
- erhalten. Sie erkrankten an schwankendem Gang, Durchfall, Polyurie
- und zum Teil an Kreuzlähmung, genasen aber alle (+Vogel+, Preuss.
- Mitt. Bd. 7).
-
- 3. +Schafe.+ Eine Herde von 300 Schafen erhielten 2-3 Metzen rotes
- Viehsalz. 10 Stück erkrankten, 8 zeigten Lähmungserscheinungen, 2
- starben. Die Sektion ergab Entzündung im Labmagen und rote Flecken im
- Darmkanal (+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde 1872).
-
- 4. +Schweine.+ Ein 4 Monate altes Schwein erhielt 6 Tage lang je 30 g
- Kochsalz in Milch. Am 6. Tage zeigte sich das Tier krank, am 7. lag
- es gelähmt auf der Seite, zitterte, machte automatische Bewegungen
- mit den Beinen und atmete angestrengt. Tod am 12. Tage. Sektion: eine
- talergrosse Stelle der Magenschleimhaut zeigte hochgradige Entzündung
- mit Zerstörung des Epithels und plastischem Exsudate; ausserdem
- war die Schleimhaut des ganzen Darmkanals entzündet, Gehirn und
- verlängertes Mark waren hyperämisch und ödematös (+Gerlach+). -- 15
- Schweine, deren Futter durch ein Versehen 5 l Viehsalz beigemischt
- worden waren, zeigten Appetitlosigkeit, Durst, Kolik, Dyspnoe,
- Eingenommenheit des Kopfes, Zittern und Lähmung des Hinterteils.
- Bei der Sektion fand man Hyperämie der Gehirnhäute und Gehirnödem
- (+Scharsig+, Berl. Arch. 1893 S. 311). -- 4 Ferkel erhielten Wasser,
- in welchem Schinken gekocht worden war, mit Kartoffeln zusammen. Sie
- zeigten auffallende Schwäche, Drehbewegungen, sowie epileptische
- Anfälle. 3 Stück starben nach 2, bezw. 7, bezw. 10 Tagen. Die Sektion
- ergab starke Hyperämie des Magens und Darms, sowie der Hirnhäute
- und der grauen Hirnsubstanz (+Ujhelyi+, Veterinarius 1892). -- 44
- Schweine erhielten pro Tag 340 g Meersalz (denaturiertes Kochsalz);
- sie zeigten Schwäche, Schwanken, Schreien, grossen Durst und
- Erbrechen; 7 davon starben (J. de Lyon 1896). -- 97 Läuferschweine
- erhielten zur Anregung des Appetits vom Fütterer 4 kg Viehsalz
- im Getränk verabreicht, worauf 37 Stück erkrankten; das Fleisch
- derselben, ohne Salzzusatz gekocht, schmeckte wie gesalzenes
- Fleisch (+Fickert+, Berl. Arch. 1901). -- 5 Schweine starben unter
- Lähmungserscheinungen, nachdem sie von einem geplatzten Salzsack Salz
- aufgenommen hatten. 6 andere starben nach dem Trinken von Pökellake;
- sie waren hochgradig aufgeregt, wie „verhext“, sprangen an den Wänden
- in die Höhe, erbrachen sich und taumelten (+Müssemeier+, +Harde+,
- Preuss. Vet. Ber. 1904). Aehnliche Fälle sind in den Jahren 1906 und
- 1907 beobachtet worden (ibid.).
-
- 5. +Hunde.+ Ein Hund hatte grössere Mengen von Kesselbrühe
- aufgenommen; eine Stunde darnach zeigte er heftige Krämpfe und starb
- nach Ablauf einer Stunde (+Adam+, Wochenschrift 1884). -- Eine
- Ulmer Dogge hatte sich während der Nacht über den Inhalt eines am
- Abend vorher entleerten Fasses von Pökelschweinsknochen gemacht.
- Gegen Morgen fand man das Tier schwerkrank neben dem Fasse liegen,
- es zeigte so grosse Schmerzen, dass es laut winselte und sich
- fortwährend in die Vorderfüsse biss, so dass die Knochen und Sehnen
- blosslagen; dabei bestand viel Speichelfluss, blutiger Durchfall,
- Erbrechen, Auftreibung und Schmerzhaftigkeit des Hinterleibes.
- Harn dick, teerartig und blutig. Das Tier konnte nicht stehen und
- zeigte Lähmungserscheinungen im Hinterteil. Nach 2tägigem Leiden
- trat der Tod ein. Bei der Sektion fand man Entzündung der Maul- und
- Rachenschleimhaut, des Magens und Darmes, ausgedehnte Blutungen in
- der Schleimhaut des letzteren, im Magen leichte Anätzungen, die
- Schleimhaut am Pylorus um das Doppelte geschwollen. Hochgradige
- parenchymatöse Nierenentzündung, Nieren fast noch einmal so gross
- als normal. In den übrigen Organen Blutüberfüllung, Blut dunkel,
- teerartig (+Röbert+, Sächs. Jahresbericht 1895).
-
- 6. +Geflügel.+ Durch die Verfütterung gedämpfter Kartoffeln, die
- mit Salz eingestampft worden waren, starben auf einem Rittergute
- innerhalb 14 Tagen 25 Gänse (+Möbius+, Sächs. Jahresber. pro 1895).
- -- Zur Beseitigung unbequemer Nachbarhühner in Gärten dient in
- manchen Gegenden eine Mischung von Kochsalz und Roggenschrot, nach
- deren Aufnahme die Hühner sich nicht mehr stehend erhalten können
- und unter Lähmungserscheinungen sterben (+Düker+, Preuss. Vet.
- Ber. pro 1907). -- Hühner und Gänse erkrankten nach Aufnahme von
- Anchovissalzlake (Bull. vét. 1903). -- 5 Störche starben plötzlich
- nach der Verfütterung gesalzener Fische; die Sektion ergab ein
- negatives Resultat (+Uhlich+, Sächs. Jahresber. pro 1893).
-
-
-Salpetervergiftung.
-
- =Allgemeines.= Der Salpeter kommt in 2 Formen im Handel vor. 1. Der
- +Kalisalpeter+ (Mauersalpeter, prismatischer Salpeter), KNO_{3},
- ist namentlich früher sehr vielfach als Fiebermittel sowie gegen
- Entzündungskrankheiten therapeutisch angewandt worden. Verwechslungen
- des Salpeters mit Glaubersalz, Bittersalz und Kochsalz haben hiebei
- in zahlreichen Fällen Veranlassung zu Vergiftungen gegeben. Während
- z. B. die therapeutische Dosis des Salpeters für Rinder und Pferde
- nur 10-20 g beträgt, beläuft sich die des Glaubersalzes auf 250-1000
- g. Dabei erzeugen schon 50 g Kalisalpeter bei Pferden zuweilen
- schwere Vergiftung. Seltener hat das Ablecken salpeterhaltiger
- Mauerwandungen (z. B. bei Lämmern) eine Vergiftung mit Kalisalpeter
- bedingt. 2. Der +Chilisalpeter+ (Natronsalpeter, Würfelsalpeter),
- NaNO_{3}, wird seit etwa 50 Jahren in ausgedehntem Masse als
- Düngermittel benützt. Durch zufällige Aufnahme oder absichtliche
- Verabreichung sind seit Einführung desselben Vergiftungen bei den
- Haustieren, insbesondere beim Rind, in grosser Zahl beobachtet
- worden. Gefährlich hat sich hiebei namentlich das Auswaschen der
- Salpetersäcke und das Trinken des salpeterhaltigen Waschwassers
- erwiesen. Bei diesen Vergiftungen mit Chilisalpeter werden immer
- sehr grosse Mengen des Salpeters (¼-2½ kg) aufgenommen. Die
- +tödliche Dosis+ des Salpeters ist je nach dem Füllungszustand
- des Magens verschieden. Der Kalisalpeter ist ferner giftiger als
- der Natronsalpeter. Pferde und Rinder sterben durchschnittlich
- nach 100-250 g, Schafe und Schweine nach 30 g, Hunde nach 5 g
- Kalisalpeter. Bei letzteren können sich Vergiftungen auch durch
- Verabreichung grösserer Mengen von Schiesspulver ereignen.
-
- Von +Barth+ (Toxikologische Untersuchungen über den Chilisalpeter,
- Bonn 1879) ist die Ansicht ausgesprochen worden, dass der
- Chilisalpeter durch eine Verunreinigung mit +Nitrit+ (NaNO_{2}) und
- durch Umwandlung des Nitrats im Körper zu Nitrit giftig wirke. Die
- teilweise Umwandlung zu Nitrit im Körper ist von +Binz+ bestätigt
- worden (1902). Meine eigenen diesbezüglichen Untersuchungen
- (Repertorium 1880) haben ergeben, dass der chemisch reine,
- nitritfreie Natronsalpeter ebenso stark oder noch stärker wirkt, als
- der unreine, zuweilen nitrithaltige Düngersalpeter. Es schliesst
- ferner der perakute Verlauf der Salpetervergiftung eine vorhergehende
- Umwandlung des Nitrats in Nitrit innerhalb des Körpers aus.
- Endlich lässt sich bei der Durchsicht der einschlägigen Literatur
- nachweisen, dass immer grosse Mengen von Chilisalpeter (250-2500 g)
- aufgenommen wurden, so dass die betreffenden Vergiftungen auf eine
- reine Salpeterwirkung zurückgeführt werden müssen. Ueber giftige
- Nitroverbindungen vgl. S. 125.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Beide Arten von Salpeter erzeugen
-zunächst infolge Reizung der Digestionsschleimhaut eine +schwere
-Gastroenteritis+, an welche sich +apoplektiforme Lähmungserscheinungen+
-anschliessen. Die Vergiftung beginnt gewöhnlich mit
-Unruheerscheinungen, heftiger +Kolik+, Würgen, +Erbrechen+, Speicheln,
-Schäumen, Aufblähen, Polyurie. Früher oder später folgt dann eine rasch
-zunehmende +Schwäche+ und +Hinfälligkeit+, Schwanken, Taumeln, Zittern,
-Zusammenstürzen, Sinken der Körpertemperatur, Herzklopfen, Koma, und
-häufig endet das Vergiftungsbild +apoplektiform+ unter plötzlichem
-Eintritt des Todes mit oder ohne Krämpfe. +Die gesamte Krankheitsdauer
-beträgt meist nur wenige Stunden.+ In einzelnen Fällen hat man bereits
-5 Minuten nach der Aufnahme des Salpeters einen tödlichen Ausgang der
-Vergiftung konstatiert, wenn die Verabreichung desselben in nüchternem
-Zustand erfolgte (+Crönlein+).
-
-Bei der +Sektion+ findet man die Schleimhaut des Magens (Labmagens) und
-Dünndarms braunrot, purpurrot oder kirschrot verfärbt und geschwürig
-verändert (hämorrhagische Gastroenteritis), den Darminhalt blutig oder
-braungefärbt, die Baucheingeweide stark hyperämisch, die Nieren und die
-Blasenschleimhaut entzündet und von Blutungen durchsetzt, das Blut von
-auffallend hellroter oder schmutzig braunroter Farbe. Bei perakutem
-Verlauf fehlen charakteristische Veränderungen.
-
-
-=Behandlung.= Wie bei der Kochsalzvergiftung müssen auch hier zunächst
-einhüllende, schleimige und ölige Mittel mit viel Wasser verabreicht
-werden. Die Lähmungserscheinungen werden mit exzitierenden und
-belebenden Mitteln, insbesondere mit Aether, Kampfer, Veratrin und
-Atropin behandelt.
-
-
-=Nachweis.= Man zieht den Magen- und Darminhalt nebst der Schleimhaut
-mit viel destilliertem Wasser aus, filtriert, dampft das Filtrat ein
-und lässt den Salpeter auskristallisieren. Gelbfärbung der Flamme
-besagt die Anwesenheit von Natron-, Violettfärbung von Kalisalpeter.
-Spezielle Salpeterreaktionen sind: das Verpuffen auf glühender Kohle
-und die Braunfärbung mit Schwefelsäure und Eisenvitriol. Man kann auch
-versuchen, den Salpeter durch Dialyse rein zu erhalten.
-
- =Kasuistik.= 1. +Rinder.+ Chilisalpetersäcke wurden in Wasser
- aufgeweicht. 3 Kühe, welche von dem Wasser abends tranken, wurden
- am Morgen tot gefunden. Die Sektion ergab Schwellung, Rötung und
- Ekchymosierung der Schleimhaut des Magens, Darmes und der Blase,
- dünnflüssiges Blut, dunkelrote Farbe und Erweichung der Nieren
- (+Rabe+, Preuss. Mitt. 1874). -- 2 Kühe erhielten je 250 g Salpeter
- statt Glaubersalz. Sie starben beide innerhalb 6 Stunden. Bei der
- Sektion fand man Petechien auf der Labmagenschleimhaut. Das Fleisch
- und die Eingeweide waren blassgelb (+Möbius+, Sächs. Jahresber.
- 1888). -- Eine Kuh erhielt durch das Versehen eines Krämers morgens
- nüchtern statt Glaubersalz 360 g Salpeter eingeschüttet. Das
- Tier zeigte sofort Zittern und Krämpfe, stürzte zusammen, liess
- die Zunge aus dem Maule hängen und starb nach 5 Minuten. Sektion:
- negativ (+Crönlein+, Magazin Bd. 18). -- 2 Kühe hatten zusammen 1
- Pfd. Salpeter statt Glaubersalz bekommen; nach ½ Stunde stürzten
- sie unter Zittern und Krämpfen tot zusammen. Die Sektion ergab
- ausser missfarbigem, schmutzig rotbraunem Blute nichts Besonderes
- (+Weinmann+, Ad. Wochenschr. 1859). -- Eine Rinderherde von 48
- Stück erhielt in 2 Tagen 20 Pfd. Viehsalz, welches zur Hälfte aus
- Chilisalpeter bestand. Am 2. Tage starb eine Kuh fast plötzlich, 3
- andere krepierten innerhalb 5 Minuten, eine weitere bald darauf.
- 2 Kühe zeigten Schwäche im Kreuz; beim Aderlasse war kein Blut
- zu bekommen. Alle übrigen Kühe bekamen Durchfall, waren aber am
- nächsten Tage wieder gesund (+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde
- 1872). -- +Kettritz+ (Berl. Archiv 1893) beschreibt eine Vergiftung
- bei 4 Kühen, welche Waschwasser von Salpetersäcken getrunken
- hatten. Der Tod trat unter heftigen Zuckungen im Verlaufe von 2
- Stunden ein. Bei der Sektion fand man hochgradige Entzündung des
- Labmagens, Zwölffinger- und Leerdarms. -- Mehrere Kühe frassen
- Klee von einem Felde, das mit Chilisalpeter bestreut war, und
- erkrankten. Die Sektion einer derselben ergab starke Entzündung
- der Mägen und des Dünndarms, Hyperämie und Entzündung der Nieren,
- sowie fleckige Rötung der Blasenschleimhaut (+Rost+, Sächs.
- Jahresber. 1891). -- Von 26 Kühen, welche auf der Weide ein Gemenge
- von Chilisalpeter und Sand aufgenommen hatten, starben plötzlich
- 19 Stück, nachdem Drängen, Stöhnen, grosse Unruhe, Schwanken
- und Lähmung vorausgegangen waren. Die 7 genesenden Kühe lagen
- stundenlang auf einer und derselben Stelle. Bei der Sektion fand
- man hochrote diffuse Verfärbung der Schleimhaut des Labmagens
- und Dünndarmanfangs, welche mit zahlreichen runden, dunkel- bis
- bläulichroten Flecken durchsetzt war und auf der Höhe der Falten
- der Labmagenschleimhaut und am Uebergang zum Pylorus am stärksten
- hervortrat (+Klebba+, Berl. Arch. 1892, S. 460). -- 2 Kühe, welche
- Waschwasser von Chilisalpetersäcken getrunken hatten, starben nach 16
- bezw. 56 Stunden (+Bénard+, Journal de Lyon 1892). -- +Wankmüller+
- (Wochenschr. f. Tierhlkde. 1894 S. 258) beobachtete bei 19 Rindern
- einer Kunstdüngerfabrik eine Vergiftung durch Chilisalpeter; das
- Fleisch der notgeschlachteten Tiere war in allen Fällen geniessbar.
- -- Ein Ochse trank das Waschwasser von Chilisalpetersäcken. Eine
- Stunde darauf zeigte er schwankenden Gang, schmerzhaften Harnabsatz,
- allgemeine Muskellähmung und Unempfindlichkeit. Der Puls war hart
- und klein, aber von normaler Frequenz. Nach 2 Tagen trat auf die
- Verabreichung von Kaffee, sowie schleimigen Dekokten Heilung ein
- (+Legrand+, Arm. belg. 1887). -- 2 Kälber, welche Wasser aus
- Bottichen getrunken hatten, in denen Chilisalpetersäcke zum Reinigen
- lagen, starben nach 15-20 Minuten; die Sektion ergab lediglich
- kirschrotes, flüssiges Blut (+Güttlich+, Berl. Arch. 1894). -- Eine
- Kuh, welche irrtümlicherweise 250 g Salpeter (statt Glaubersalz)
- erhalten hatte, musste notgeschlachtet werden. Die Sektion ergab
- hochgradige Labmagenentzündung (+Möbius+, Sächs. Jahresber. 1898).
- -- Ob die von Buhl (Wochenschr. f. Tierheilk. 1898 S. 329) auf
- das Ablecken von Mauersalpeter in den Stallungen zurückgeführten
- Krankheitsfälle echte Salpetervergiftungen waren, ist sehr fraglich.
- -- 3 Rinder hatten auf einer mit Chilisalpeter gedüngten Weide
- gierig denselben aufgeleckt und erkrankten an heftigem Durchfall,
- Schlafsucht, hochgradiger Schwäche, Lähmung und Herzklopfen. Die
- Sektion ergab Enteritis und auffallend hellrotes, nicht gerinnendes
- Blut (+Winkler+, Woch. f. T. 1901). -- Ein Landwirt behandelte
- die Maul- und Klauenseuche mit Salpeter. Infolgedessen starben 2
- hochtragende Kühe und 1 Mastochse innerhalb 24 Stunden unter profusem
- Durchfall. Die Sektion ergab Entzündung des Magens und Darms mit
- braunroter Verfärbung der Schleimhaut (+Markert+, ibid. 1902). --
- 3 Rinder verendeten apoplektisch nach der Aufnahme von reichlich
- vorhandenem, durch Regen ausgelaugten Mauersalpeter; die Sektion
- ergab hochgradige Magendarmentzündung, Nephritis, Hämatolysis sowie
- blasse Muskulatur (+Gutbrod+, Monatsh. f. prakt. Tierh. 1901). -- 3
- Kühe hatten den Inhalt eines Chilisalpetersackes ausgeschleckt und
- zeigten Taumeln, Speicheln und pochenden Herzschlag; 1 Kuh verendete
- innerhalb 5 Minuten unter Krämpfen. Die Sektion ergab starke Rötung
- der Schleimhaut der Mägen (+Schank+, Woch. f. Tierh. 1902). -- 5
- Kühe tranken das Waschwasser von Chilisalpetersäcken. Sie zeigten
- profusen Durchfall, Schweissausbruch und Zittern; 4 starben ½ Stunde
- nach Beginn der Krankheit. Die Sektion ergab braunroten Darminhalt,
- Gastroenteritis, Nephritis und Zystitis (+Schmidtke+, Preuss. Vet.
- Ber. 1904). -- Eine Kuh erhielt ½ kg Kalisalpeter (statt Glaubersalz)
- eingeschüttet, blieb jedoch am Leben, da beim Einschütten ein
- grosser Teil gleich wieder erbrochen wurde (+Vogel+, B. T. W. 1904
- S. 790). -- Nach der Verfütterung von Rübenblättern, welche mit
- Chilisalpeter gedüngt waren (sog. Kopfdüngung), erkrankten vielfach
- Rinder unter plötzlicher Hinfälligkeit, Herzklopfen, Schwanken und
- Zusammenstürzen; der Tod trat zuweilen unter Krämpfen schon nach
- ¼-½ Stunde ein (+Lüdecke+, Z. f. Vet. 1909). -- Zahlreiche Fälle
- finden sich ferner beschrieben in den Jahresberichten der preuss.
- Kreistierärzte 1902-1907.
-
- 2. +Pferde.+ Ein kolikkrankes Pferd erhielt aus Versehen 250 g
- Kalisalpeter statt Glaubersalz; es wurde, ohne Schaden zu erleiden,
- nach 36 Stunden wieder hergestellt (+Haarstick+, Preuss. Mitt. 1874).
- -- Bei mehreren Versuchspferden traten nach 250-500 g Kalisalpeter
- zwar Vergiftungserscheinungen (Kolik, Muskelschwäche), aber ohne
- tödlichen Ausgang auf (+Hertwig+, Arzneimittellehre 1872); dagegen
- starben nach Versuchen an der Lyoner Tierarzneischule 2 Pferde auf
- 240 g Salpeter innerhalb 24 Stunden. -- Ein Pferd zeigte nach der
- Verabreichung von 50 g Kalisalpeter eine deutliche Vergiftung, welche
- sich in Kolik, Pupillenerweiterung, Herzklopfen, kaum fühlbarem Puls,
- sowie Dyspnoe äusserte (+Piot+, Recueil 1892 S. 405). -- Ein Pferd
- nahm Wasser aus einer Tonne auf, in der Chilisalpetersäcke gewaschen
- wurden, und starb unter den Erscheinungen einer Darmentzündung und
- einer Lähmung der Nachhand nach 24 Stunden (+Schöneck+, Berl. Arch.
- 1896 S. 345).
-
- 3. +Schafe.+ 200 Mutterschafe erhielten statt Kochsalz Salpeter
- als Lecke. Nach einer Stunde traten zahlreiche Erkrankungen auf.
- Die Tiere wälzten sich, schäumten, stöhnten und blökten und lagen
- gelähmt am Boden. 20 Stück krepierten innerhalb einer Stunde. Die
- Sektion ergab eine heftige Entzündung des Labmagens und Darmes, sowie
- hellrotes dünnflüssiges Blut (+Melzbach+, Preuss. Mitt. 2. Jahrgang).
-
- 4. +Ziegen.+ Infolge Streuen von Kunstdünger erkrankten 2 Ziegen
- unter Maul- und Klauenseuche ähnlichen Erscheinungen: starkem
- Speicheln, unterdrückter Futteraufnahme, Aufblähung, Schwäche und
- Hinfälligkeit (+Zink+, W. f. T. 1901).
-
- 5. +Schweine.+ 30 g Salpeter, einem Versuchsschwein mehrere Tage
- hindurch mit Milch verabreicht, erzeugten Erbrechen, grosse
- Hinfälligkeit und steifen Gang; nach 14 Tagen hatte sich das Tier
- wieder erholt (+Gerlach+). -- 6 Läuferschweine, denen ein Arbeiter
- aus Rache Salpeter auf das Futter streute, starben an heftiger
- Entzündung der Magen- und Dünndarmschleimhaut (+Prietsch+, Sächs.
- Jahresber. 1901).
-
- 6. +Hühner.+ In einem Hühnerhof waren binnen 14 Tagen 28 Hühner
- und 1 Hahn gestorben. Die Krankheit dauerte bei einigen nur wenige
- Stunden, bei anderen bis zwei Tage. Bei der Sektion eines Huhnes
- wurde festgestellt: entzündliche Rötung und teilweise Verätzung
- der Schleimhaut des Kropfes. Als Ursache ergab sich Vergiftung
- mit Chilisalpeter. Die Hühner hatten nämlich Wasser, in dem
- Chilisalpetersäcke ausgewaschen waren, aufgenommen (+Ammerschläger+,
- Woch. f. Tierh. 1906).
-
-
- =Nitroverbindungen.= Die NO_{2}- (Nitro-) Verbindungen, sowie die
- Nitrite (salpetrichsauren Salze) sind starke +Blutgifte+. Hieher
- gehört das +Nitrobenzol+ (Mirbanöl, falsches Bittermandelöl) =
- C_{6}H_{5}NO_{2}, eine hellgelbe, zum Parfümieren von Seifen
- etc. vielfach verwendete, bittermandelölartig riechende
- Flüssigkeit. Dieselbe tötet Hunde schon in einer Dosis von 1 g.
- Die Vergiftungserscheinungen bestehen in Auflösung der roten
- Blutkörperchen, Methämoglobinämie, Poikilozytose, Krämpfen und
- Lähmungserscheinungen. Im Blut findet man einen für Nitrobenzol
- charakteristischen Absorptionsstreifen (+Filehne+). Auch das
- +Amylnitrit+, +Natrium-+ und +Kaliumnitrit+ (Natrium und
- Kalium nitrosum), +Aethylnitrit+, +Propyl-+, +Butylnitrit+,
- +Dinitronaphthol+, +Dinitrokresol+, sowie die +Pikrinsäure+ =
- C_{6}H_{2}(NO_{2})_{3}OH und ihre Salze erzeugen Methämoglobinämie.
- Die Pikrinsäure verursacht ausserdem Gelbfärbung der Schleimhäute
- (sog. Pikrinikterus), Gastroenteritis und Nephritis. Auch das
- +Anilin+, C_{6}H_{5}NH_{2}, bedingt infolge seiner Verwandtschaft
- mit Nitrobenzol, C_{6}H_{5}NO_{2}, Methämoglobinämie neben einer
- lähmenden Einwirkung auf das Nervensystem; bei der Sektion findet
- man neben den durch die Methämoglobinämie bedingten Veränderungen
- die Organe imprägniert mit schwarzblauen Körnchen von Anilinschwarz.
- Aehnlich wirkt +Dinitrobenzol+ (Roburit) = C_{6}H_{4}(NO_{2})_{2},
- sowie +Nitroglyzerin+ (Sprengöl, Dynamit) = C_{3}H_{5}(ONO_{2})_{3}.
- Ueber Vergiftungen durch =Dynamit= bei mehreren Rindern hat +Hable+
- berichtet (Oestr. Zeitschr. 1889 S. 122). Dieselben hatten von
- dem zum Sprengen von Felsen bestimmten, am Wege liegenden Dynamit
- gefressen (!). Die Sektion ergab punktförmige und streifige Blutungen
- in der Schleimhaut der Rachenhöhle, des Kehlkopfes, der Luftröhre und
- am Endokardium, streifenförmige Rötung im Dünndarm, sowie im Pansen
- braunrote, weiche, nudelförmige, teilweise noch in Papier eingehüllte
- Dynamitmassen; die Stellen der Pansenwand, an welchen diese Massen
- lagen, zeigten eine kirschrot verfärbte, vom Epithel entblösste
- Schleimhaut.
-
-
-Vergiftung durch Glaubersalz.
-
- =Allgemeines.= Das +Glaubersalz+, Na_{2}SO_{4}, wird gewöhnlich
- in seiner kristallisierten Form (+ 10 H_{2}O) als allgemein
- gebräuchliches Stomachikum, Laxans, Antikatarrhalikum angewandt,
- und zwar ohne Gefahr in ziemlich grossen Gaben, so z. B. Rindern in
- einmaligen Dosen von ½-1 kg. Nur wenn auf einmal sehr grosse Dosen,
- z. B. 1½-3 kg Rindern verabreicht werden, oder wenn die Tiere beim
- Eingeben grösserer Gaben vollständig nüchtern sind, oder endlich
- wenn das getrocknete Glaubersalz, Natrium sulfuricum siccum, welches
- wegen des Verlustes seines Kristallwassers doppelt so stark wirkt
- als das gewöhnliche, in denselben Dosen verschrieben wird, wie
- letzteres, können sich Vergiftungen ereignen. -- Aehnlich liegen die
- Verhältnisse beim +Bittersalz+, MgSO_{4} + 7 H_{2}O.
-
-
-=Krankheitsbild.= Die Vergiftung durch Glaubersalz hat sehr viel
-Aehnlichkeit mit der Kochsalzvergiftung. Auch das Glaubersalz wirkt
-zunächst lokal +reizend+ auf die +Darmschleimhaut+, während es nach der
-Resorption eine +lähmende+ Natriumwirkung auf das Nervensystem ausübt.
-Die wichtigsten Vergiftungserscheinungen sind daher +Kolikanfälle+,
-wässeriger +Durchfall+, unterdrückte Futteraufnahme, starker Durst,
-+lähmungsartige Körperschwäche+, Unvermögen aufzustehen, +abnorm
-häufiger Harnabsatz+ sowie Koma; der Tod tritt nach mehrtägiger
-Krankheitsdauer ein. Anatomischer Befund und +Behandlung+ wie bei
-Kochsalzvergiftung.
-
-
-=Nachweis.= Man laugt den Inhalt des Magens und Darmes nebst der
-Schleimhaut mit viel destilliertem Wasser aus, filtriert, dampft
-das Filtrat ein und lässt das Glaubersalz auskristallisieren. Die
-Kristalle geben die charakteristischen Reaktionen des +Glaubersalzes+:
-sie färben die Flamme gelb (Natriumreaktion) und geben mit Barytwasser
-einen weissen Niederschlag (Sulfatreaktion). Das +Bittersalz+
-wird in ähnlicher Weise durch die Magnesiumreaktion nachgewiesen
-(Tripelphosphatbildung).
-
- =Kasuistik.= Eine 300 kg schwere Simmentaler Kuh hatte gegen
- Pansenüberfüllung vom Besitzer in 2stündiger Pause je 750 g, also
- zusammen 1500 g Glaubersalz erhalten. 3 Stunden darauf stellte sich
- ein besorgniserregender, wässeriger Durchfall ein. Ausserdem bestand
- abnorm häufiger Harnabsatz, indem alle 3-4 Minuten je 300-500 g Harn
- zur Entleerung gelangten. Weitere Vergiftungserscheinungen waren
- heftige Kolik, starkes Drängen, hochgradige allgemeine Schwäche,
- Lendenlähme, Tremor, Benommenheit des Sensoriums, Herzklopfen und
- Dyspnoe. Infolge der eingeleiteten Behandlung trat am 5. Tage
- Heilung ein (+Hess+, Schweiz. Arch. 1896 S. 245). -- Eine Kuh
- erhielt innerhalb eines Tages 3 kg Glaubersalz; sie zeigte Kolik,
- wässerigen Durchfall, Unvermögen aufzustehen, Körperhaltung wie beim
- Kalbefieber, sowie subnormale Körpertemperatur. Bei der Sektion
- fand man eine hochgradige hämorrhagische Entzündung im Labmagen und
- Dünndarm; die Schleimhaut erschien wie mit roter Tinte bespritzt
- (+Lungwitz+, Sächs. Jahresber. pro 1898). -- Ein Hengst erhielt
- in 2-3 Tagen 3500 g Glaubersalz gegen Verstopfungskolik und starb
- nach 5 Tagen unter hochgradigem Durchfall und Lähmungserscheinungen
- (+Kettritz+, Berl. Arch. 1897 S. 196). -- +Gmeiner+ (Monatshefte f.
- prakt. Tierhlkde. IX. Bd. 1898 S. 472) hat in zahlreichen Fällen,
- in welchen die Besitzer Rindern 3 Pfd. Glaubersalz auf einmal
- oder mehrere Tage hintereinander 1-2 Pfd. gegeben hatten, leichte
- Vergiftungserscheinungen in Form von allgemeiner Schwäche und
- oft wochenlang anhaltendem lähmungsartigem Zustand der Darmwand
- beobachtet. -- Nach +Hess+, +Schaffer+ und +Lang+ (Schweiz. landw.
- Jahrb. 1893) zeigt die Milch eigentümliche Veränderungen, wenn
- Glaubersalz in mittelgrossen Dosen längere Zeit an Milchkühe
- verabreicht wird. Sie gibt dann beim Melken keinen Schaum und
- besitzt einen glaubersalzähnlichen Geschmack; das Kasein der
- Milch zeigt eine erheblich verminderte Gerinnungsfähigkeit, der
- Fettgehalt der Milch ist dagegen gestiegen. Alle Kühe zeigten ferner
- auffällige pathologische Veränderungen am Euter (Katarrh, Mastitis,
- Zystenbildung).
-
- Eine Vergiftung durch +Bittersalz+ bei einem Ochsen, der binnen
- 2 Tagen 4 kg eingeschüttet erhielt, hat +Schultz+ beobachtet
- (Wochenschr. f. Tierhlkde. 1895 S. 150).
-
-
-Vergiftung durch Kainit.
-
- =Allgemeines.= Der Kainit ist ein in den Steinsalzlagern von
- Stassfurt, Leopoldshall etc. vorkommendes, aus +schwefelsaurem
- Kalium+, +schwefelsaurer Magnesia+ und +Chlormagnesium+ bestehendes
- Mineral von der Formel K_{2}SO_{4} · MgSO_{4} · MgCl_{2} + 6 H_{2}O,
- welchem im Rohzustande ausserdem noch Kochsalz, Gips und Ton,
- sowie Spuren von Eisen beigemengt sind, infolgedessen er schmutzig
- hellrote Stücke mit beständig feuchter Oberfläche bildet. Er stellt
- das Rohmaterial für die Kaliumindustrie dar und wird wegen seines
- hohen Kaligehaltes auch als sehr wertvolles Düngermittel in der
- Landwirtschaft verwendet. Hierbei sollen sich wie beim Chilisalpeter
- Vergiftungen ereignen. Ueber solche Fälle haben +Schilling+ (Berliner
- Arch. 1887), +Schwaneberger+ (ibid. 1889), +Möbius+ (Sächs.
- Jahresber. 1893 u. 1902) und +Nörner+ (Kgl. Forstzeitung 1904)
- berichtet. +A. Feser+, +Schneider+ und +Stroh+ bezweifeln dagegen auf
- Grund ihrer Versuche das Vorkommen von Kainitvergiftungen (vergl. S.
- 126).
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Von 5 Kühen, welche von dem im
-Stall und auf der Düngerstätte ausgestreuten Kainit geleckt hatten,
-starben 2 ganz plötzlich, 3 wurden sehr krank. Sie zeigten starkes
-Speicheln, +Durchfall+, +Mattigkeit+, ziegelrote Schleimhäute,
-sowie hohes Fieber (40,8° C). Bei der +Sektion+ fand man die
-Schleimhaut aller 4 Mägen gerötet, insbesondere war die des Labmagens
-dunkelrot und mit tiefdunklen, stecknadelkopf- bis markstückgrossen
-+Hämorrhagien+ durchsetzt. Die Dünndarmschleimhaut war blutrot,
-geschwollen und ebenfalls von zahlreichen Ekchymosen durchsetzt, die
-Dickdarmschleimhaut zeigte katarrhalische Schwellung. Die Milzpulpa war
-kirschrot, die Nieren waren von hämorrhagischen Punkten durchsetzt,
-unter dem Endokard und Epikard zeigten sich ebensolche Blutungen.
-Das Krankheitsbild sowohl, wie auch der Sektionsbefund zeigten viel
-Aehnlichkeit mit dem der Salpetervergiftung (+Schilling+). -- Von 12
-erkrankten Ochsen starben 3; die Krankheitserscheinungen bestanden
-in kolliquativem Durchfall, blassen Schleimhäuten und Geschwüren am
-Zahnfleisch und in der Nase (+Schwaneberger+). -- Schafe zeigten
-nach der Aufnahme von Kainit Lähmung, Durchfall und Darmentzündung
-(+Nörner+), Hühner und Tauben starben angeblich infolge Streuens von
-Kainit auf Aeckern und Wiesen (+Möbius+). Andere Fälle sind in den
-preussischen Jahresberichten (1906) beschrieben. -- +Riechelmann+
-(Berl. Archiv 1893) vermutet bei 13 Rehen, welche kurz hintereinander
-tot im Walde gefunden wurden, eine +Kainitvergiftung+, da ein grösseres
-Areal des Forstes behufs Besamung mit Kainit gedüngt worden war. Die
-Sektion ergab u. a. Hämorrhagien im Labmagen. -- +Wagner+ (Bad. Mitt.
-1888) warnt vor dem Einstreuen von Kainit in den Stallungen, weil er
-+Verätzung+ der +Hufkronen+ und +Klauenkronen+, sowie des +Euters+
-erzeuge.
-
-Im Gegensatze hierzu konnte +A. Feser+ (Beobachtungen über
-vermeintliche Kainitvergiftung. Diss. 1903) bei angeblich vergifteten
-Rehen Strongylen als Todesursache nachweisen. Er ist ferner auf Grund
-von Versuchen bei Wiederkäuern und Geflügel der Meinung, dass diese
-Tiere freiwillig so grosse Mengen von Kainit gar nicht aufnehmen, dass
-sie dadurch Schaden leiden könnten. Ein Schaf erhielt 950 bezw. 3750
-g Kainit in 37 bezw. 40 Tagen, ein Jungstier 2250 bezw. 3800 g in 6
-bezw. 8 Tagen, ohne etwas Krankhaftes zu zeigen (nur der Kot war ab
-und zu etwas weicher). +Schneider+ und +Stroh+ (Deutsche tierärztl.
-Woch. 1906) sahen beim Schaf nach 200 g, beim Rind nach 500 g Kainit
-keine Wirkung; auf 600 g Kainit zeigte das Rind Kolik. Sie sind der
-Ansicht, dass Kainit nur giftig wirke, wenn Giftstoffe beigemengt sind
-(Schwefelsäure, Fluorwasserstoff, Arsenik, Aetzkalk, Rhodanammonium).
-
-
- =Vergiftung durch phosphorsauren Kalk.= 6 Rinder eines Bäckers,
- welche aus Versehen statt Mehl je 2 Kilo phosphorsauren Kalk
- erhielten, erkrankten an heftigem Durchfall und auffallender
- Schwäche; 2 Kühe starben am 5. bezw. 8. Tag der Krankheit (+Braun+,
- Woch. f. Tierheilkunde 1909).
-
-
- =Vergiftung durch Ammoniak-Superphosphat.= 2 Pferde, welche
- grössere Mengen zusammen mit +Chlorkalium+ aufgenommen hatten,
- zeigten schwankenden Gang, Schwäche, kalten Schweiss, unterdrückte
- Peristaltik, Puls- und Atmungsbeschleunigung. Bei der Sektion fand
- man entzündliche Rötung der Schleimhaut des ganzen Darms bes. des
- Dickdarms, sowie Anätzungen der Magenschleimhaut (+Gensert+, Berl.
- tierärztl. Wochenschr. 1892). -- Aehnliche Fälle haben +Gips+ (Berl.
- Arch. 1892) und +Sourrel+ (Revue vét. 1897) bei Rindern beobachtet.
- +Schneider+ und +Stroh+ (D. T. W. 1906) verneinen auf Grund von
- Versuchen die Giftigkeit des Superphosphats und Thomasphosphatmehls.
- Ersteres erzeugte bei Schafen 30 Tage lang zu je 10 g und 10 Tage
- lang zu je 100 g (= 1000 g), letzteres in 10 Tagen zu 1000 g
- verabreicht, lediglich Appetitstörung.
-
-
-Vergiftung durch Barytsalze.
-
- =Allgemeines.= Die Verbindungen des Baryums sind mit Ausnahme des
- schwefelsauren Baryums oder Schwerspats (BaSO_{4}) sehr stark
- giftig. Von giftigen Barytverbindungen kommen in Betracht: 1. Das
- +Baryumoxyd+ (Aetzbaryt, Baryt), BaO, eine weisslichgraue, poröse,
- leicht zerreibliche Masse von stark alkalischer Reaktion, welche sich
- unter Bildung von Baryumhydroxyd in Wasser löst; sog. Barytwasser.
- 2. Der +kohlensaure Baryt+ (Baryumkarbonat, Witherit), BaCO_{3},
- ein weisses, geruch- und geschmackloses, in Wasser kaum lösliches
- Pulver, welches u. a. zur Vertilgung von Ratten und Mäusen Anwendung
- findet. 3. Das +Chlorbaryum+, ein in Wasser leicht lösliches Salz von
- unangenehmem, scharfem Geschmack (wichtiges Reagens). Ausserdem sind
- stark giftig das salpetersaure, essigsaure und chromsaure, sowie das
- Schwefelbaryum. Nach +Crawford+ (Amer. Jahresber. 1908) sollen ferner
- die die sog. Lokokrankheit verursachenden Astragaluspflanzen giftige
- Baryumsalze enthalten. Barytvergiftungen sind neuerdings namentlich
- bei Pferden infolge der Anwendung des Chlorbaryums als Kolikmittel
- häufig vorgekommen.
-
-
-=Wirkung.= Die Baryumsalze wirken auf die Magen- und Darmschleimhaut
-zunächst +reizend+ und +ätzend+ (Erbrechen, Kolik, Durchfall). Die
-allgemeinen Erscheinungen der Baryumvergiftung, welche am raschesten
-nach der Verabreichung leicht löslicher Barytsalze (Chlorbaryum,
-salpetersaures und essigsaures Baryum) auftreten, bestehen in
-+tonisch-klonischen und eklamptischen Krämpfen+, +Darmtetanus+,
-+Herzlähmung+ (digitalisähnliche Wirkung), sowie in +lähmungsartiger
-Muskelschwäche+, vorwiegend der Extremitäten. Im übrigen sind die
-Erscheinungen der Chlorbaryumvergiftung sehr verschieden, je nachdem
-das Mittel intravenös, subkutan oder per os verabreicht wird. +Bei
-der intravenösen Injektion giftiger Dosen sterben Pferde meist
-plötzlich oder im Verlauf weniger Minuten unter Vorwärtsdrängen,
-Zusammenstürzen und Krämpfen infolge von Herzlähmung (apoplektischer
-Tod).+ Bei der innerlichen oder subkutanen Einverleibung lässt
-sich die spezifische +Krampfwirkung+ des Baryums auf die glatte
-Muskulatur des +Darmes+ und die quergestreiften +Muskeln+, sowie die
-digitalisartige, lähmende Wirkung auf das +Herz+ genauer verfolgen.
-Der +Darmtetanus+ äussert sich durch schwere, schmerzhafte +Kolik+
-mit heftigem +Durchfall+ und Entleerung grosser Mengen dünnflüssiger
-Kotmassen. Gleichzeitig beobachtet man Kaubewegungen, Speicheln,
-Würgen, Erbrechen, mitunter auch Schreien. Die Reizung der motorischen
-Zentren hat +strychninartige+, +tetanische+, sowie +klonisch-tonische
-Muskelkrämpfe+ zur Folge, welche in Anfällen namentlich die
-Rückenmuskeln und die Muskeln der Extremitäten befallen und bald in
-+motorische, allgemeine Lähmung+ übergehen (Taumeln, Kreuzschwäche,
-Zusammenstürzen, Bewusstlosigkeit). Die Lähmung des +Herzens+ endlich
-äussert sich in hochgradiger +Pulsbeschleunigung+ und Dyspnoe.
-
-
-=Sektion.= Bei derselben findet man den Darmkanal leer, wie
-ausgewaschen, die Schleimhaut zuweilen entzündlich geschwollen, das
-Herz parenchymatös verändert, wie gekocht. Bei perakutem Verlauf
-(intravenöse Injektion) ist der Befund rein negativ.
-
-
-=Behandlung.= Dieselbe besteht in akuten und subakuten Fällen wie bei
-der Strychninvergiftung in der Anwendung +krampfstillender+ Mittel
-(Morphium, Opium, Bromkalium, Chloroform, Chloralhydrat), sowie von
-Atropin (Herzexzitans). Bei perakuten Fällen ist sie erfolglos.
-
- =Kasuistik und Experimentelles.= Die grundlegenden
- Experimentaluntersuchungen über die Wirkung der Baryumsalze, speziell
- des Chlorbaryums, stammen von +Böhm+ (Arch. f. exper. Path. u. Pharm.
- Bd. III). Danach ist das Chlorbaryum vor allem ein Krampfgift,
- welches bei intravenöser Injektion Hunde in Dosen von 0,1-0,2,
- Katzen in Dosen von 0,03-0,05 unter sofortigen tonisch-klonischen,
- alle Körpermuskel befallenden +Krämpfen+ und äusserst intensiver
- +Entleerung des Darminhaltes+ tötet. +Bei kleinen, nicht tödlichen
- Dosen kommt es bloss zu starken Kotentleerungen+ und vorübergehenden,
- unbedeutenden Schwächezuständen der Körpermuskulatur. Nach +Kobert+
- (Lehrbuch der Intoxikationen) kommt die tetanische Wirkung des
- Baryums auf den Darm teils durch die Reizung der Auerbachschen und
- Meissnerschen Plexus, teils durch direkte Muskelwirkung zustande;
- sodann bewirkt das Baryum Reizung der motorischen Gehirnzentren und
- besitzt ausserdem eine digitalisartige Wirkung auf das Herz und die
- Gefässe.
-
- Eine zufällige Chlorbaryumvergiftung beim +Pferd+ hat +Dieckerhoff+
- (Berl. tierärztl. Wochenschr. 1895) beobachtet. 2 Brauereipferde
- leckten verschüttetes, in Säcken verpacktes Chlorbaryum und
- erkrankten beide ¾ Stunden darauf an sehr heftiger Kolik; eines
- derselben starb bereits 1 Stunde nach der Aufnahme des Salzes unter
- allgemeinen Lähmungserscheinungen, das andere starb nach 14 Stunden.
- Bei der Sektion des zuerst gestorbenen war die Schleimhaut des
- Magens und Darmes entzündlich gerötet und geschwollen und der ganze
- Digestionsapparat wie ausgewaschen. Im Anschluss hieran angestellte
- experimentelle Untersuchungen bei +Pferden+, +Rindern+ und +Schafen+
- ergaben folgendes: +Pferde+ zeigen nach innerlicher Verabreichung
- von 6-12 g, sowie nach der intravenösen Injektion von 0,5-1,25 g
- Chlorbaryum unter Kolikerscheinungen sehr starke Darmentleerungen.
- Bei der intravenösen Applikation stellt sich die darmentleerende
- Wirkung augenblicklich ein; bei gefülltem Mastdarm werden die darin
- vorhandenen Kotmassen schon innerhalb der ersten Minute abgesetzt,
- bei leerem Mastdarm werden nach 3-5 Minuten geballte oder breiförmige
- Kotmassen ausgeschieden. Die Dauer dieser entleerenden Darmwirkung
- beträgt 2-6 Stunden. Bei innerlicher Anwendung des Chlorbaryums in
- flüssiger Form erfolgt die Kotentleerung erst nach 15-45 Minuten,
- in Bolusform erst nach 1½-2 Stunden. Dosen über 8-12 g innerlich
- gegeben, wirken beim Pferd giftig bezw. tödlich (allgemeine
- Lähmung). +Rinder+ ertragen dagegen innerlich 40 g und intravenös 3
- g Chlorbaryum. 2 +Schafe+ ertrugen 4 g Chlorbaryum innerlich ohne
- nachteilige Wirkung, dagegen starb ein Bock und ein 4 Monate altes
- Lamm nach 6 g. Die Vergiftungserscheinungen traten hierbei erst nach
- 20 Stunden ein und äusserten sich hauptsächlich in Schwäche und
- Lähmung.
-
- Die hierauf im Jahr 1895 von +Dieckerhoff+ empfohlene +Anwendung des
- Chlorbaryums als Kolikmittel beim Pferd+ hat namentlich in der ersten
- Zeit zahlreiche tödliche Chlorbaryumvergiftungen zur Folge gehabt.
- Insbesondere nach der intravenösen Injektion sind häufig Pferde
- augenblicklich oder innerhalb weniger Minuten tot zusammengestürzt.
- Solche Fälle sind von +Angerstein+, +Mollereau+, +Müller+, +Ries+,
- +Podkopajew+, +Freitag+, +Simon+, +Schatz+, +Röder+, +H. Feser+,
- +Kunze+ u. a., sowie namentlich in der +preuss. Armee+ beobachtet
- worden (Zeitschr. f. Vetkde. 1896; Pr. Mil.-Vet.-Ber. pro 1896-1899.)
- Im Jahr 1895 sind nicht weniger als 8 Pferde in der preussischen
- Armee an Chlorbaryumvergiftung gestorben. Diese Fälle sind folgende:
-
- 1. Ein kräftiges, gut genährtes Pferd erkrankte leicht an Kolik. Es
- verschmähte das Futter, sah sich wiederholt nach dem Hinterleibe um
- und warf sich häufig nieder. Die Zahl der Pulse betrug 40 in der
- Minute, der Puls war weich und kräftig; die Atmung nicht erheblich
- beschleunigt. Die Darmtätigkeit lag etwas danieder. Patient erhielt
- eine Injektion von Chlorbaryum 0,7 in 10,0 Wasser (destilliert)
- gelöst. Das Eindringen von Luft in die Vene war ausgeschlossen, weil
- die Einführung der Hohlnadel mit grösster Vorsicht vorgenommen wurde.
- Das Pferd fiel gleich nach der Einspritzung nieder, sprang nochmals
- auf, stürzte dann um und verendete. Bei der Zerlegung wurden im Magen
- und Darmkanale keine Veränderungen gefunden. Das Herz war schlaff,
- erweitert, in den Herzfurchen befanden sich viele kleine Blutungen.
- Die Herzkammern waren mit dunklem, locker geronnenem Blute gefüllt.
- An den übrigen Organen konnten keine Veränderungen nachgewiesen
- werden.
-
- 2. Ein Pferd zeigte mässige Unruhe, etwas aufgetriebenen Hinterleib,
- gespannte Bauchdecken und unterdrücktes Darmgeräusch. Die Zahl
- der kräftigen, gleich- und regelmässigen Pulse betrug 46, die
- der Atemzüge 16 in der Minute. Unter genauer Befolgung aller
- Vorsichtsmassregeln -- Abscheren der Haare, Desinfektion der Haut an
- der Einstichstelle und der Instrumente, vorheriges Entfernen der
- Luft aus der Kanüle und Spritze -- erhielt Patient eine Einspritzung
- von 1,0 Chlorbaryum, in 10,0 destilliertem Wasser gelöst, in die
- rechte Halsvene. Gleich nach der Injektion fing das Pferd an zu
- taumeln, stürzte nieder und starb unter Erscheinungen höchster
- Atemnot innerhalb 5 Minuten. Die Zerlegung ergab starke Füllung
- des Magens und der unteren Grimmdarmlagen mit Inhaltsmassen und am
- Herzen ausser Verdickung der Ränder der Mitralklappen die Zeichen der
- Herzlähmung.
-
- 3. Ein Pferd erkrankte nachmittags an Kolik. Es lag ausgestreckt
- in seinem Stande und stöhnte, den Kopf häufig nach dem Hinterleibe
- umdrehend. Nach energischem Antreiben stand das Pferd auf und
- schwankte beim Gehen. Der Puls war wenig fühlbar; es wurden 82
- Pulse und 22 Atemzüge in der Minute gezählt. Schweissausbruch.
- Darmgeräusche unterdrückt. Patient erhielt eine intravenöse Injektion
- von 0,75 Chlorbaryum in 10,0 destilliertem Wasser gelöst. Ungefähr
- 7 Minuten nach der Applikation des Mittels stürzte Patient nieder
- und verendete. Die Zerlegung ergab hämorrhagische Entzündung der
- Dünndarmschleimhaut. Am Herzen bestanden die Merkmale der Herzlähmung.
-
- 4. Ein grosses und kräftiges Pferd, welches seit 2 Stunden an Kolik
- litt, zeigte normale Färbung der Bindehaut, 40 gleichmässige,
- kräftige und weiche Pulse, etwas verminderte Darmperistaltik und
- mässige Unruhe. Es erhielt eine Aloepille und intravenös 1,0
- Chlorbaryum. Nach 10 Minuten stürzte das Pferd, welches im Schritt
- geführt wurde, um und verendete. Ausser einer leichten Rötung der
- Dünndarmschleimhaut konnten am Verdauungsapparate keine Veränderungen
- festgestellt werden. Das Herz zeigte eine auffällige Erschlaffung,
- beide Herzkammern waren stark mit Blut gefüllt.
-
- 5. Bei einem kolikkranken Pferde, bei welchem nach einer subkutanen
- Eserininjektion keine Wirkung eingetreten war, wurde schliesslich
- Chlorbaryum intravenös appliziert. Bald nach der Injektion stürzte
- das Pferd zusammen und verendete. Die Zerlegung konnte nicht
- vorgenommen werden.
-
- 6. Ein Pferd, welches seit etwa 2 Stunden krank war, zeigte grosse
- Unruhe, war aber nur wenig im Hinterleibe aufgetrieben. Die Anwendung
- der peristaltikerregenden Massnahmen, Einreibungen des Hinterleibs
- mit Terpentinöl, Klistiere usw. hatte keinen Erfolg. Darauf wurde
- dem Patienten eine Chlorbaryumlösung (0,8 g Chlorbaryum) intravenös
- appliziert. Die Injektion wurde mit grosser Vorsicht ausgeführt.
- Einige Minuten später stürzte das Pferd nieder und starb. Bei
- der Zerlegung wurden im Magen und Darmkanale keine Veränderungen
- gefunden, welche den Tod des Tieres hätten herbeiführen können. Das
- Herz war mit tiefdunklem locker geronnenem Blute gefüllt.
-
- 7. Bei einem kolikkranken Pferde trat nach einer Injektion von
- 0,8 Chlorbaryum in die Drosselvene apoplektisch der Tod ein.
- Die Zerlegung ergab pralle Füllung des Magens mit Futtermassen,
- im übrigen keine auffallenden Veränderungen. Der Puls war nicht
- erheblich beschleunigt gewesen, dabei kräftig.
-
- 8. Ein älteres, leicht an Kolik erkranktes Pferd erhielt intravenös
- 0,7 Chlorbaryum in 10,0 destilliertem Wasser injiziert. Nach einigen
- Minuten stürzte das Pferd nieder und verendete.
-
- Versuche bei +Schweinen+ ergaben nach +Kabitz+ (D. T. W. 1905),
- dass das Baryumsulfat und die Steinchenform des Karbonats ungiftig
- sind, dass jedoch das reine Baryumkarbonat Schweine in Dosen von 1 g
- pro Kilogramm Körpergewicht rasch tötet (Kaubewegungen, Knirschen,
- Speicheln, Apathie; kein Durchfall).
-
-
-Vergiftung durch chlorsaures Kali.
-
- =Allgemeines.= Das +chlorsaure Kali+, +Kalium chloricum+,
- KClO_{3}, bildet glänzende, blätterige, farblose Kristalle von
- salpeterähnlichem, kühlendem Geschmack und wird als spezifisches
- Antiseptikum bei Stomatitis ulcerosa, als Diuretikum und Spezifikum
- gegen Blasenkatarrhe angewandt. Vergiftungen bei den Haustieren
- nach der klinischen Anwendung des Salzes sind noch nicht beobachtet
- worden. Dagegen sind Vergiftungen beim Menschen, namentlich
- bei Kindern (Diphtherie), sowie bei Personen mit verminderter
- Blutalkaleszenz (Fieber, Dyspnoe, Aufnahme von Säuren) in grösserer
- Anzahl nach dem unvorsichtigen Gebrauche des chlorsauren Kalis
- konstatiert. Aus der zahlreichen Literatur dieser Vergiftungen sind
- namentlich die Arbeiten von +Marchand+ (Virchows Archiv Bd. 77) und
- +v. Mering+ (Das chlorsaure Kali 1885) zu erwähnen.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Dass die +Haustiere+ in gesundem
-Zustande sehr grosse Dosen von Kali chloricum ohne besonderen
-Nachteil ertragen, haben mir einige Versuche beim Rind, Pferd, Schaf
-und Hund gezeigt. Eine kleine, junge, 4 Zentner schwere Versuchskuh
-erhielt 50 g und 2 Tage darauf 100 g chlorsaures Kali, ohne
-irgendwelche Vergiftungserscheinungen zu zeigen. Dasselbe Resultat
-ergaben Versuche mit 30 und 40 g beim Pferde. Ein 70 Pfund schwerer
-Hammel zeigte auf 25 g Kali chloricum keinerlei Reaktion; 50 g des
-Salzes hatten zwar allgemeine Mattigkeit, unterdrückte Fresslust
-und Wiederkauen zur Folge, nach 3 Tagen hatte sich jedoch das Tier
-wieder vollständig erholt. Ein 9½ kg schwerer kleiner Versuchshund
-äusserte nach der Verabreichung von 10 g chlorsaurem Kali keinerlei
-Krankheitserscheinungen; nach 20 g des Salzes (nüchtern verabreicht)
-war ausser Brechreiz und vermehrtem Durst ebenfalls nichts Krankhaftes
-an dem Tiere nachzuweisen. Die +tödliche+ Dosis des chlorsauren
-Kalis beträgt nach +Zimmermann+ (Veterinarius 1900) für Pferde
-250 g, für Rinder 500 g, für Schafe 100 g, für Hunde 60 g. Die
-Vergiftungserscheinungen sind die gleichen wie beim Menschen (vgl.
-unten).
-
-Beim +Menschen+ hat sich das Kali chloricum schon in kleinen Dosen als
-ein sehr gefährliches +Blutgift+ (+Methämoglobinämie+) erwiesen, wenn
-es nüchtern oder bei Krankheiten angewandt wurde, welche mit sehr hohem
-Fieber, Atmungsbeschwerden oder mit Nierenentzündungen verlaufen. Die
-Krankheitserscheinungen sind als Folgezustände der Methämoglobinämie
-und der Anhäufung der Zerfallsprodukte des Blutes in der Niere, Leber,
-Milz und im Knochenmark anzusehen. Die wichtigsten derselben sind:
-Ikterus, grauviolette Flecken auf der Haut, Herzschwäche, hochgradige
-Atemnot, Durchfall, Erbrechen, Leberschwellung, Milzschwellung,
-+Hämoglobinurie+ (braune Hämoglobinzylinder, gelbbraune, amorphe
-Schollen), +Nephritis+, Oligurie, Anurie, sowie +urämische Zufälle+
-(Delirien, Benommenheit, Koma, urämisches Erbrechen, Krämpfe, Eklampsia
-uraemica). Bei der Sektion findet man das Blut +schokoladebraun
-verfärbt+, spektroskopisch nur +einen+ Absorptionsstreifen zwischen
-C und D im Roten zeigend, die roten Blutkörperchen entweder zerfallen
-oder entfärbt (Schatten) oder in der Gestalt verändert (Poikilozytose),
-Milz, Leber und Nieren vergrössert, das Knochenmark braun verfärbt,
-die Harnkanälchen der Nieren durch braune, zylinderförmige oder
-unregelmässig gestaltete Methämoglobinmassen verstopft.
-
-
-Vergiftung durch Aetzalkalien.
-
- =Allgemeines.= Von den Aetzalkalien haben am meisten Bedeutung
- für die tierärztliche Toxikologie der +Aetzkalk+, CaO, der
- +Salmiakgeist+, NH_{3}, und die +Kalilauge+, KOH. Seltener sind
- Vergiftungen durch kohlensaures Ammonium, kohlensaures Natrium
- (Soda, Verwechslung mit Glaubersalz) und Kalium (Pottasche).
- Die Vergiftung durch Schwefelleber, K_{2}S_{3}, ist teils eine
- Aetzkalivergiftung, teils eine Schwefelwasserstoffvergiftung (vgl.
- S. 162). Aetzkalkvergiftungen können sich bei Gelegenheit der
- Desinfektion der Stallungen ereignen. Ammoniakvergiftungen werden
- entweder durch zu hohe Dosierung (volkstümliches Mittel gegen
- akutes Aufblähen des Rindes) oder zu starke Konzentration des
- Salmiakgeistes bei innerlicher Anwendung desselben als Aetzmittel
- (z. B. beim Bestreichen der sog. Steinzunge des Rindes, beim Legen
- von Fontanellen) oder durch zufälliges Einatmen des Gases veranlasst.
- Vergiftungen durch Kalilauge kommen bei Hunden nach dem zufälligen
- Trinken derselben vor.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die lokalen Veränderungen nach
-Einwirkung der oben genannten Aetzalkalien bestehen zunächst in
-Entzündung und +Anätzung+ der +Lippen+, der +Maulschleimhaut+, der
-+Zunge+, der +Schlundkopf-+ und +Schlundschleimhaut+, welche sich durch
-Schwellung und Verschorfung der betroffenen Teile, starkes Speicheln,
-Schlingbeschwerden und Erbrechen kennzeichnen. Der Aetzschorf ist
-im Gegensatz zu dem trockenen Säureschorf meist weich, schmierig,
-gelatinös gequollen (+Kolliquation+). Nach dem Einatmen von Ammoniak
-entsteht ferner starker +Hustenreiz+, +beschwertes Atmen+, +Pneumonie+,
-sowie +Aushusten kruppöser Entzündungsprodukte+. +Meyer+ (Oesterreich.
-Vierteljahrsschr. 1883) berichtet über einen Fall, in welchem 54
-Pferde einer Brauerei durch das Einatmen von Ammoniak aus einem
-Kühlapparat vergiftet wurden. Die Krankheitserscheinungen bestanden in
-schmerzhaftem Husten, blutigschaumigem Nasenausfluss, sowie Anätzung
-der Nasen-, Rachen- und Augenschleimhaut. Die Hälfte der Pferde starb
-nach kurzer Krankheitsdauer unter den Erscheinungen einer schweren
-Bronchitis und des +Lungenemphysems+. Bei 2 Pferden blieb hochgradiges
-Lungenemphysem zurück; die übrigen Pferde erholten sich allmählich
-im Verlauf von 14 Tagen. +Binder+ sah nach dem Einschütten von 50
-g Ammoniak bei Rindern und Pferden Verätzung der Maulschleimhaut,
-Schlingbeschwerden, Husten, Kolik, profuse Diarrhöe und in einem Fall
-sogar +Perforation+ der +Brustportion+ des +Schlundes+. Aehnliche
-Vergiftungserscheinungen bei Rindern nach dem Einschütten von
-Salmiakgeist haben +Schauber+ und +Sepp+ beobachtet (Woch. f. Tierh.
-1902 und 1908); eine Kuh zeigte nach 100 g unverdünnten Salmiakgeistes
-heftige Atemnot, Husten und korrosive Stomatitis und Pharyngitis, genas
-aber. +Penning+ (T. Bl. f. Niederl. Indien 1895) sah bei Pferden nach
-der Aufnahme von ungelöschtem Kalk +Lungenödem+ und Darmentzündung.
-
-Die Einwirkung auf die Magendarmschleimhaut äussert sich in Form einer
-+schweren korrosiven Gastroenteritis+. So starb beispielsweise ein
-+Versuchshund+ nach dem Eingeben von 2 g reinen Ammoniaks in 23 Stunden
-an Magendarmentzündung (+Orfila+). Ein +Pferd+ starb nach 30 g an
-Darmentzündung innerhalb 16 Stunden, ein anderes nach 90 g innerhalb
-50 Minuten unter heftigen Krämpfen (+Hertwig+). 11 Kühe, welche statt
-Glaubersalz Soda erhalten hatten, starben unter den Erscheinungen der
-Darmentzündung (+Eggeling+, Berl. Arch. 1895). Der Tod erfolgt bei
-Vergiftung mit Aetzkalk und Kalilauge unter allgemeinen komatösen
-Erscheinungen, bei der Ammoniakvergiftung dagegen unter tetanischen
-Krämpfen (Ammoniak-Tetanus).
-
-Bei der +Sektion+ findet man +kruppöse+ oder +diphtherische
-Stomatitis+, +Pharyngitis+ und +Oesophagitis+, bei
-Salmiakgeistvergiftung auch +kruppöse Laryngitis+, Tracheitis,
-Bronchitis und +Pneumonie+, hochgradige Entzündung, braun- bis
-schwarzrote Verfärbung, sulzige Schwellung und +Korrosion+ der
-+Magenschleimhaut+. Der Blutfarbstoff wird in alkalisches Hämatin
-umgewandelt, so dass das Blut eine braune, dicke, gelatinöse Masse
-bildet. Von den Weichteilen werden am schnellsten die Muskeln
-nekrotisch, während das Bindegewebe und die Gefässe wenig oder gar
-nicht angegriffen werden (+Carbone+).
-
-
-=Behandlung.= Im ersten Stadium der Vergiftung besteht die Therapie
-in der Verabreichung verdünnter +Säuren+, namentlich des überall
-vorrätigen Essigs. Sodann gibt man zur Einhüllung der korrodierten
-Schleimhäute +ölige+ und +schleimige+ Mittel in Verbindung mit Opium.
-Die Kollapserscheinungen werden symptomatisch durch Exzitantien
-(Aether, Kampfer) behandelt. Brechmittel und Abführmittel sind
-wegen der Gefahr einer Magen- resp. Darmruptur zu vermeiden. Bei
-laryngealer Stenosenbildnng im Verlaufe der Ammoniakvergiftung kann die
-Tracheotomie notwendig werden.
-
-
-=Nachweis.= Vergiftungen durch Aetzalkalien sind vor allem an der stark
-alkalischen Reaktion des Mageninhaltes zu erkennen. Zum genaueren
-Nachweis der Natur der Vergiftung müssen die entsprechenden Kali-,
-Kalk- und Ammoniakreaktionen vorgenommen werden. 1. +Aetzkali+ färbt
-die Flamme violett und gibt mit Weinsäure einen kristallinischen
-Niederschlag von Weinstein, welcher nach dem Glühen das stark
-alkalisch reagierende, mit Säuren aufbrausende kohlensaure Kali
-hinterlässt, welches die Flamme ebenfalls blau färbt. Ausserdem
-gibt die mit Salzsäure neutralisierte Lösung der Kalisalze mit
-Platinchlorid und Alkohol einen gelben kristallinischen Niederschlag
-von Kalium-Platinchlorid, welcher auch zur quantitativen Bestimmung
-benützt werden kann; 100 Teile desselben entsprechen 19,27 Teilen
-Kalium. 2. Der Nachweis des +Aetzkalks+ wird durch Einäscherung des
-Untersuchungsmaterials, Auflösen der Asche in Salzsäure (Chlorkalzium),
-Ausfällen der Phosphorsäure durch Eisenchlorid und Chlorammonium,
-Versetzen der Chlorkaliumlösung mit Ammoniak und Ausfällen des Kalks
-durch Oxalsäure als oxalsaurer Kalk geliefert. Das Chlorkalzium
-kann ferner an der +orangeroten+ Färbung der Flamme durch seine
-Lösung erkannt werden (Kalkreaktion); ausserdem gibt Schwefelsäure
-einen weissen Niederschlag von schwefelsaurem Kalk (Gips), der zum
-Unterschiede von schwefelsaurem Baryt in unterschwefligsaurem Natron
-löslich ist. 3. Das +Ammoniak+ wird durch seinen Geruch, sowie durch
-die Bildung weisser Nebel bei Annäherung eines in Salzsäure getauchten
-Glasstabes nachgewiesen (Bildung von Chlorammonium).
-
- =Salmiak.= Mit dem Ammoniak nicht zu verwechseln ist der Salmiak,
- Ammonium chloratum, ClNH_{4}. Derselbe wirkt in grossen Dosen
- ebenfalls giftig. +Pferde+ zeigen nach 90-180 g grössere Röte der
- Schleimhäute, schnelleres Atmen, sehr vermehrtes Urinieren, häufige
- Entleerung von weichem Kote (+Hertwig+). Ein Pferd starb, nachdem
- es innerhalb 5 Tagen 750 g Salmiak erhalten hatte, am 5. Tage
- (+Delafond+); andere Pferde, welche täglich 3-4mal Dosen von 30 g
- erhielten, starben nach 26-38 Tagen (+Hertwig+). +Hunde+ sterben nach
- 6-8 g Salmiak bei unterbundenem Schlunde nach einer Stunde, nachdem
- Brechneigung, Kolik, Schwäche, starke psychische Erregung (wütendes
- Umherlaufen, klagendes Geheul), sowie tetanusartige Konvulsionen
- vorhergegangen sind (+Orfila+). Mittlere Dosen, längere Zeit hindurch
- angewandt, erzeugen Verdauungsstörungen, Abmagerung, Mattigkeit
- und Schwäche; so sterben Hunde, nachdem sie täglich 3-4mal Dosen
- von 2 g erhalten, nach 12-16 Tagen. +Kaninchen+ sterben auf 2 g
- Salmiak innerhalb 10 Minuten unter Krämpfen. Die Sektion ergibt
- heftige Magendarmentzündung. Auch nach der subkutanen Injektion von
- +Ammoniumsulfat+ zeigen Kaninchen strychninartige Krämpfe (+Vaerst+,
- B. T. W. 1904).
-
-
- =Schmierseife.= +Schultz+ (Wochenschr. f. Tierhlkde. 1894) will bei
- einem Rind eine tödliche Darmentzündung nach dem Eingeben von 250 g
- Schmierseife beobachtet haben (?). (Das an Indigestion leidende Tier
- hatte vorher 3½ Pfd. Glaubersalz erhalten!) Meine eigenen Versuche
- ergaben, dass 250,0 Schmierseife für Rinder und 100,0 für Schafe
- ohne jede schädliche Wirkung sind. +Bissauge+ (Journ. de Lyon 1901)
- sah bei einer Ziege, die 300 g Seife verzehrt hatte, stinkenden und
- blutigen Durchfall sowie Lähmungserscheinungen; nach 8 Tagen trat
- Heilung ein, die Milchsekretion blieb jedoch sistiert.
-
-
- =Kalium carbonicum.= Die tödliche Dosis für den Hund beträgt 10-15 g
- (Herzlähmung, Kollaps).
-
-
- =Natrium bicarbonicum.= Fast ungiftig. Hunde, wochenlang mit 15 g pro
- Tag gefüttert, zeigen Erbrechen, Durchfall und Abmagerung.
-
-
-Vergiftung durch ätzende Säuren.
-
- =Allgemeines.= Im Gegensatz zu äusseren Verätzungen, welche bei
- Pferden und Hunden zuweilen vorkommen, sind innerliche Vergiftungen
- mit ätzenden Säuren bei den Haustieren sehr selten. Bisher sind nur
- Vergiftungen mit +Schwefelsäure+ konstatiert worden. Dieselben haben
- sich bei Pferden (+Gerlach+, Gerichtliche Tierheilkunde 1872) und
- Kühen (+Bubendorf+, Zündels Jahresbericht 1883) nach der Aufnahme
- von Stroh ereignet, welches zum Verpacken von Schwefelsäureflaschen
- gedient hatte und von der Säure durchtränkt war. In einem Fall soll
- die Vergiftung auch dadurch entstanden sein, dass Schwefelsäure zur
- Maische hinzugesetzt wurde (+Johne+, Sächs. Jahresbericht 1880).
- Häufiger sind, namentlich in Berlin, äussere Verätzungen von Pferden
- und Hunden durch zersprungene Schwefelsäureballons oder durch
- die vielfach im Haushalt benützte Schwefelsäure (sog. Oleum oder
- Vitriolöl). Vergiftungen durch +Salpetersäure+ oder +Salzsäure+ sind
- bis jetzt klinisch nicht zur Beobachtung gelangt, auch nicht durch
- +Phosphorsäure+, der schwächsten anorganischen Säure.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Vergiftungserscheinungen
-sind zunächst lokaler Natur. Sie bestehen in +Verätzung+ der +Haut+,
-sowie der +Lippen-+ und +Maulschleimhaut+ mit nachfolgender reaktiver
-Entzündung, Speicheln und Schlingbeschwerden. Gleichzeitig entstehen
-infolge der Verätzung der Magenschleimhaut Würgen, +Erbrechen+ und
-schwere +Kolikanfälle+ mit Lähmung der Magen- und Darmperistaltik. Der
-tödliche Ausgang tritt meistens sehr rasch unter den Erscheinungen
-der Herzschwäche und tiefen Kollapses ein. Bei der Sektion findet man
-ulzeröse, korrosive Stomatitis, Pharyngitis, Oesophagitis, Gastritis
-und Enteritis, unter Umständen auch Magenperforation und Peritonitis.
-Seltener entwickeln sich bei den Tieren Strikturen des Schlundes und
-Magens. Die Aetzschorfe auf der Haut sind bei den Mineralsäuren meist
-fest.
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-=Behandlung.= Dieselbe besteht in der möglichst raschen Verabreichung
-verdünnter +Alkalien+, namentlich von Seifenwasser, Kalkwasser,
-Sodalösung, Pottaschelösung, verdünnter Natronlauge und Kalilauge,
-Magnesia usta und carbonica, ferner von Opium in Verbindung mit
-einhüllenden, +schleimigen+ und öligen Mitteln, endlich in der
-Anwendung von Exzitantien (Aether oder Kampfer subkutan).
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-=Nachweis.= Die Vergiftungen mit Schwefelsäure, Salpetersäure,
-Salzsäure lassen sich zunächst durch die charakteristische +Farbe+
-des Aetzschorfs und die stark saure Reaktion des Schorfes und
-Mageninhaltes nachweisen. Sodann werden die Säuren durch Wasser
-ausgezogen und mittelst ihrer charakteristischen Reaktionen untersucht.
-1. Die +Schwefelsäure+ gibt mit Chlorbaryum oder salpetersaurem Baryt
-weisse Niederschläge, welche in verdünnter Salz- oder Salpetersäure
-unlöslich sind; ferner mit Bleizucker einen weissen Niederschlag von
-Bleisulfat, der nur in kochender Salz- und Salpetersäure löslich
-ist. 2. Die +Salpetersäure+ bildet, mit metallischem +Kupfer+ und
-+Schwefelsäure+ versetzt, rote Dämpfe von Untersalpetersäure; sie
-färbt sich ferner mit wenig Eisenvitriollösung und Schwefelsäure
-an der Berührungsstelle +tiefbraun+; mit einer wässerigen Lösung
-von Diphenylamin und Schwefelsäure färbt sie sich blau. 3. Die
-+Salzsäure+ ist an ihrem charakteristischen Geruch (Dämpfe) und an
-dem weissen, käsigen, voluminösen Niederschlag mit Höllensteinlösung
-(Chlorsilber) zu erkennen, der sich in Salmiakgeist, Zyankaliumlösung
-und unterschwefligsaurem Natron leicht löst. Sie wird auch quantitativ
-als Chlorsilber nachgewiesen; 100 Teile Chlorsilber entsprechen 25,44
-Teilen Salzsäure.
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- =Allgemeine Giftwirkung der Säuren.= Werden Tieren experimentell
- +innerlich+ auf einmal tödliche Dosen +verdünnter+ Säuren
- beigebracht, so sterben sie an +allgemeiner Säurevergiftung+ infolge
- +Verlust der Blutalkaleszenz+. Dabei tritt der Tod schon ein, noch
- ehe das Blut ausgesprochen sauer reagiert; die vollständige und
- anhaltende Neutralisation der Alkalien des Blutes genügt, um den Tod
- herbeizuführen. Die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegen Säuren
- ist je nach der Tiergattung verschieden. Hundeblut neutralisiert z.
- B. viel grössere Mengen Säuren durch verfügbares Ammoniak als dies
- bei Kaninchen der Fall ist. Auch im Hungerzustand können dem Blute
- durch die auftretenden Säuren (Schwefelsäure aus dem Schwefel des
- Eiweisses, Phosphorsäure aus dem Lezithin der Blutkörperchen) soviel
- Alkalien entzogen werden, dass eine Art von Säurevergiftung des
- Blutes eintritt. Bei länger fortgesetzter Säureverabreichung können
- auch chronische Vergiftungen auftreten; bei Lämmern entsteht nach
- mehreren Monaten Verarmung des Skeletts und Fleisches an Kalksalzen
- (+Weiske+). -- Nicht zu verwechseln mit Säurevergiftung ist die bei
- jeder Leiche normal auftretende saure Reaktion des Blutes und der
- Muskulatur infolge der Bildung von Milchsäure, Bernsteinsäure und
- flüchtigen Fettsäuren.
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-Vergiftung durch Essigsäure.
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- =Allgemeines.= Essigsäure bildet sich aus Alkohol durch die Tätigkeit
- des Essigsäure-Gärungspilzes, Mykoderma aceti. Vergiftungen
- durch Essigsäure kommen bei unseren Haustieren namentlich in
- Branntweinbrennereien vor, wenn der Alkohol sich teilweise zu
- Essigsäure verwandelt hat und die Schlempe dadurch grössere Mengen
- von Essigsäure enthält, oder wenn die Schlempe vor dem Verfüttern in
- saure Gärung übergegangen ist. Auf diese Weise können viele Tiere zu
- gleicher Zeit vergiftet werden. So beobachtete +Mummenthey+ (Preuss.
- Mitt. 1883) eine Essigsäurevergiftung bei 80 Kühen eines Stalles.
- Vereinzelte Fälle sind ferner beschrieben von +Stockfleth+ (Tidskrift
- for vetrinairer Bd. 7), +Eckhardt+ (Ad. Wochenschrift 1881) und
- +Ward+ (The vet. journ. Bd. 23).
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-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Essigsäurevergiftung äussert
-sich durch +gastroenteritische+ und +Lähmungserscheinungen+. Sie
-beginnt gewöhnlich mit gastrischen Störungen (Appetitlosigkeit,
-unterdrücktes Wiederkauen), +Kolik+ und +Durchfall+, woran sich
-+Schwanken+, +Betäubung+, Puls- und Atmungsbeschleunigung, sowie
-+Kollaps+ anschliessen.
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-Um die Wirkung der Essigsäure bei den Wiederkäuern genauer kennen
-zu lernen, habe ich einer 20 kg schweren Ziege 150 g einer 5proz.
-Essigsäurelösung (der gewöhnliche Hausessig enthält 6 Proz. Essigsäure)
-eingegeben, worauf der Tod nach 24 Stunden erfolgte (tödliche Dosis
-der Essigsäure für Wiederkäuer = 0,4 pro kg Körpergewicht). Die
-Vergiftungserscheinungen waren folgende: Schon eine Stunde nach der
-Verabreichung zeigte die Ziege starke Atemnot, sowie die Symptome eines
-beginnenden +Lungenödems+. Ausserdem war der Hinterleib, namentlich
-die Nierengegend, bei der Palpation sehr schmerzhaft und es wurde
-+blutiger Harn+ abgesetzt; gleichzeitig bestand starkes Schäumen und
-Speicheln. Nach 6 Stunden trat hochgradige +Mattigkeit+ und +Schwäche+
-und zuletzt ein +lähmungsartiger+ Zustand ein. Bei der +Sektion+ fanden
-sich die Erscheinungen eines ausgesprochenen +Lungenödems+ mit starker
-Lungenhyperämie, sowie die Symptome einer +entzündlichen Reizung der
-Magendarmschleimhaut+ (Rötung der Labmagenschleimhaut, starke Rötung
-und Schwellung der Dünndarm- und Dickdarmschleimhaut mit erbsengrossen
-Hämorrhagien, Schwellung der Peyerschen Plaques); ausserdem bestand
-+parenchymatöse Nephritis+ und +Hepatitis+.
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-=Behandlung.= Dieselbe ist im wesentlichen die gleiche, wie bei
-der vorigen Vergiftung. Man gibt verdünnte Alkalien, namentlich
-Seifenwasser und Sodalösung als chemisches Gegengift, verabreicht
-einhüllende, schleimige Mittel und bekämpft die Lähmungserscheinungen
-symptomatisch durch Exzitantien.
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-=Nachweis.= Die Essigsäure lässt sich zunächst durch den
-charakteristischen Essiggeruch und die saure Reaktion nachweisen.
-In freiem Zustande (sie geht sehr bald in Salze über) wird sie
-entweder durch Destillation oder Extraktion mit Alkohol von den
-Untersuchungsmassen getrennt und ist als Essigsäure daran zu erkennen,
-dass ihre wässerige Lösung mit etwas +Eisenchlorid+ sich +blutrot+
-oder tief +weinrot+ färbt, eine Farbe, die durch Zusatz einiger
-Tropfen Salmiakgeist noch intensiver wird. Sie gibt ferner, mit
-Natron gesättigt und getrocknet, sowie mit einem Körnchen Arsenik
-trocken erhitzt, den charakteristischen Kakodylgeruch, mit Alkohol und
-Schwefelsäure erhitzt, einen Essigäthergeruch.
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- =Vergiftung durch Ameisensäure.= Die Ameisensäure kommt in Tieren
- (Ameisen, Bienen, Wespen, Hornisse, Prozessionsraupen) und Pflanzen
- (Brennessel) vor, welche dadurch giftig auf den tierischen Organismus
- einwirken können; vgl. das Kapitel über Bienenstiche. Diese
- Vergiftungen sind jedoch nur zu einem geringen Teil auf die Wirkung
- der Ameisensäure, in der Hauptsache vielmehr auf ein gleichzeitig
- im Giftsekret der Bienen etc. enthaltenes Enzym bezw. Toxin
- zurückzuführen. Reine Ameisensäure wirkt wie die übrigen ätzenden
- Säuren.
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- =Vergiftung durch Milchsäure.= Neben lokaler Aetzung entsteht bei
- Versuchstieren Endokarditis (+Rauch+). Nach +Kobert+ kommen ferner
- akute oder subakute Autointoxikationen durch Milchsäure vor, so bei
- starker Darmgärung, im Fieber, bei allen Zuständen von Verminderung
- der Blutalkaleszenz, bei sauerstoffarmer Luft, bei Blausäure-,
- Phosphor- und Kohlenoxydvergiftung. -- In ähnlicher Weise bildet sich
- bei der Zuckerharnruhr im Blute die Oxybuttersäure, Azetessigsäure
- und das Azeton als Selbstgift (Coma diabeticum).
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- =Vergiftung durch Weinsäure.= Bei Versuchstieren fällt die rosarote
- Verfärbung der Magenschleimhaut und des Blutes auf.
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-Vergiftung durch Oxalsäure.
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- =Allgemeines.= Die +Oxalsäure+ (Kleesäure, Zuckersäure) wird
- fabrikmässig durch Oxydation von Traubenzucker mit Salpetersäure
- oder durch Erhitzung von Zellulose mit Aetzalkalien dargestellt.
- Sie hat die Formel C_{2}H_{2}O_{4} = 2(COOH) und kristallisiert
- in wasserhellen, geruchlosen, stark sauer schmeckenden Prismen;
- ihre Lösung gibt mit Kalkwasser einen unlöslichen Niederschlag von
- oxalsaurem Kalk (Kristalle von Briefkuvertform). Vergiftungen durch
- freie Oxalsäure, welche beim Menschen sehr häufig sind (Gebrauch zum
- Putzen von Messing- und Kupfergerät, Entfernen von Tintenflecken),
- wurden in der Tierheilkunde bisher nur vereinzelt (+Mire+, Revue
- vétér. 1881; 2 eigene Beobachtungen) beim Hund festgestellt.
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- Während die Oxalsäure in freiem Zustand in der Natur nicht vorkommt,
- findet sie sich in Form oxalsaurer Salze in mehreren Pflanzen. Von
- besonderer Wichtigkeit ist das saure +oxalsaure Kalium+, welches
- unter dem Namen +Kleesalz+, +Sauerkleesalz+, +Bitterkleesalz+
- (Sal Acetosellae) bekannt ist und in grösseren Mengen namentlich
- in verschiedenen +Rumexarten+ vorkommt und bei unseren Haustieren
- zuweilen Veranlassung zu Vergiftungen gibt (vgl. die Vergiftung durch
- Rumexarten). Vergiftungen durch Verwechslung von Bitterkleesalz
- mit Bittersalz sind bei den Haustieren, soviel bekannt, noch nicht
- vorgekommen. -- Experimentell hat das in seiner Allgemeinwirkung der
- Oxalsäure und den Oxalaten sehr ähnliche +Oxamid+ von der Formel
- 2(CONH_{2}) eine gewisse Bedeutung erlangt (vgl. S. 140).
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-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Oxalsäure wirkt je nach der
-Konzentration +reizend+ oder +ätzend+ auf die Magendarmschleimhaut.
-Die Erscheinungen bestehen daher zunächst in Uebelkeit, Würgen,
-+Erbrechen+, Schlingbeschwerden und mehr oder weniger heftigen
-+Kolikanfällen+. Nach ihrer Resorption ins Blut kann sie entweder sehr
-rasch unter den Erscheinungen von Bewusstlosigkeit, Zusammenstürzen,
-Krämpfen, starkem Sinken der Innentemperatur und Herzlähmung zum Tod
-führen, oder sie bedingt im weiteren Verlauf charakteristische Symptome
-von seiten des +Nervensystems+ und der +Nieren+. Die ersteren bestehen
-in Zuckungen sowie tetanischen Krampfparoxysmen, welche später in
-Lähmung übergehen. Die Nieren erkranken hauptsächlich dadurch, dass
-die im Blute gebildeten +Kalziumoxalatkristalle+ eine +mechanische
-Verstopfung+ der +Harnkanälchen+, sowie eine Verlegung des gesamten
-sezernierenden Nierenparenchyms bedingen (+Kobert+ und +Küssner+), was
-+Anurie+ und +Urämie+ mit tödlichem Ausgang zur Folge hat. Ausserdem
-besteht Albuminurie, Hämaturie und Glykosurie. Bei der +Sektion+ findet
-man die Erscheinungen einer +korrosiven+, häufig auch +hämorrhagischen
-Gastroenteritis+. In den +Nieren+ beobachtet man konstant +zwischen
-Rinde und Mark eine weisse, aus Kalziumoxalat bestehende Zone+.
-Aehnliches wird nach der innerlichen Verabreichung von +Oxamid+
-beobachtet, wobei sogar förmliche Konkremente von Kalziumoxalat die
-Ausführungsgänge der Nierenpapillen, die Harnleiter und die Harnröhre
-verstopfen können (künstliche Harnsteine). Das Blut zeigt zuweilen eine
-hellkirschrote Farbe.
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-Die +Behandlung+ besteht in der Verabreichung von Kalkwasser,
-Zuckerkalk, kohlensaurem Kalk und kohlensaurer Magnesia, sowie von
-harntreibenden Mitteln. Der +Nachweis+ wird durch die Anwesenheit
-der briefkuvertähnlichen Kalziumoxalatkristalle in der Niere,
-Darmschleimhaut, Leber etc. geliefert; dieselben haben wohl auch die
-Form von Nadeln, Wetzsteinen und Garbenbündeln.
-
- =Toxikologische Versuche.= Um die Wirkung der Oxalsäure auf
- Pflanzenfresser und Fleischfresser kennen zu lernen, habe ich
- Versuche mit derselben beim Schaf und Hund gemacht.
-
- 1. Ein 10 kg schwerer +Hund+ erhielt 10 g Oxalsäure in Wasser gelöst.
- Sehr bald nach dem Eingeben (3 Minuten) stellte sich +Erbrechen+,
- starke Unruhe, sowie heftiges +Stöhnen+ ein. 1 Stunde nachher zeigte
- sich sehr angestrengtes Atmen, Mattigkeit bei der Bewegung, sowie
- hochgradige Schmerzhaftigkeit bei der Palpation des Hinterleibs, nach
- weiteren 3 Stunden +blutiger Durchfall+ mit Zunahme der Mattigkeit
- und starker psychischer Depression. Am Tage nach der Verabreichung
- hatte sich das Allgemeinbefinden gebessert; Erbrechen und Durchfall
- bestanden jedoch fort, ausserdem war die Innentemperatur von 39,3°
- C auf 37,4° C gefallen. Am 2. Tage sank die Temperatur auf 36,9°
- C, die Mattigkeit des Tieres nahm zu, dasselbe lag schliesslich
- gelähmt am Boden und starb in der darauffolgenden Nacht. Bei der
- +Sektion+ fand man +hämorrhagische Gastritis+ und +Proktitis+,
- +katarrhalische Enteritis+, +parenchymatöse+ und +hämorrhagische
- Nephritis+, +Oxalatinfarkt der Niere+, sowie +Leberverfettung+. Der
- genaue Sektionsbefund war folgender: Die Schleimhaut des +Magens+
- ist geschwollen, diffus gerötet und ebenso wie die geschwollene
- Schleimhaut des +Dünndarmes+ mit grauweissem, zähem, glasigem
- Schleime bedeckt. Im +Mastdarm+ ist die Schleimhaut in Falten,
- Längsfalten gelegt und auf der Höhe der Falten punktförmig gerötet.
- Die +Nieren+ fühlen sich derb an; die Züge der geraden Harnkanälchen
- sind grauweiss, trübe und verbreitert, die Grenzschicht stark
- gerötet. Im ganzen Parenchym der Niere, besonders aber in der
- Rindenschicht finden sich sehr zahlreiche +Drusen+ von +oxalsaurem
- Kalk+; die geraden Harnkanälchen sind mit ihnen teilweise angefüllt
- und erscheinen bei der makroskopischen Betrachtung als feine weisse
- Striche. Die Rindenschicht erscheint sehr breit und setzt sich von
- der Grenzschicht scharf ab. +An den Grenzen zwischen beiden macht
- sich ein hellerer Saum bemerkbar.+ Das Nierenepithel ist stark
- desquamiert, die Zellen vergrössert und in starker Verfettung
- begriffen. Durch fettigen Detritus sind die Zellen vielfältig schon
- gänzlich verfallen und ihre Konturen nicht mehr zu erkennen. Diese
- Massen füllen die Harnkanälchen zusammen mit roten Blutkörperchen
- und den Oxalsäurekristallen aus. Zwischen den +Leberzellen+ finden
- sich ebenfalls vereinzelt Kristalle von +oxalsaurem Kalke+ vor.
- Die Leberzellen selbst sind ausserordentlich stark in Verfettung
- begriffen. In den vergrösserten Zellen besteht in vielen der
- Zellinhalt aus grösseren und kleineren Fetttröpfchen. In der Blase
- finden sich zirka 5 g einer milchigen Flüssigkeit, die aus Blasen-,
- Nierenepithel und vielen Samenfädchen besteht. Ferner finden sich
- Kristalle von +oxalsaurem Kalk+ darin.
-
- 2. Ein 70 Pfd. schwerer +Hammel+ erhielt 25 g Oxalsäure in Wasser
- gelöst; 4 Stunden nach dem Einschütten der Arznei starb das
- Versuchstier. Es zeigte starke Eingenommenheit der Psyche, starke
- Schmerzhaftigkeit bei Druck auf den Hinterleib und die Nierengegend,
- Brechbewegungen, sehr schwachen Puls, Unruheerscheinungen, Speicheln,
- blutigen Durchfall, sowie gegen das tödliche Ende hochgradige
- Dyspnoe. Die Sektion ergab folgenden Befund: Die Schleimhaut des
- +vierten Magens+ erscheint geschwollen, in Falten gelegt, trüb,
- glasig und gerötet. Die Rötung ist besonders ausgeprägt auf der
- Höhe der Falten. Die Schleimhaut des +Dünndarms+ erscheint in den
- Anfangsabschnitten gleichfalls geschwollen und schwach gerötet,
- die des +Mastdarms+ ist geschwollen und graurot gefärbt. Die Milz
- ist vergrössert, blaugrau gefärbt und von einer ziemlich steifen
- Konsistenz. Auf der Schnittfläche tritt die braunrote Pulpa etwas
- zurück, Lymphfollikel und trabekuläres Gewebe sind deutlich
- kenntlich. Die +Leber+ ist geschwollen, die Ränder sind abgerundet,
- die Kapsel gespannt und durchsichtig. Die Farbe der Leber ist eine
- graubraune, die Konsistenz eine mürbe. Die Schnittfläche erscheint
- sehr blutreich und ist ziemlich gleichmässig braunrot gefärbt. Die
- Grenzen der Leberläppchen sind kaum kenntlich. Die Nierenkapseln
- lassen sich leicht abziehen, die Farbe der +Nieren+ ist eine
- hellgraubraune, ihre Konsistenz ziemlich derb. Auf der Schnittfläche
- erscheint die Rindensubstanz rötlich grau, trüb, undurchsichtig. Die
- Glomeruli erscheinen als kleine rote Pünktchen. Die Züge der geraden
- Harnkanälchen sind erweitert und lassen sich auch in der Grenzschicht
- noch gut erkennen. Aus den Sammelröhren fliesst bei Druck eine
- schleimige, grauweisse, zähe Masse ab. -- Lungen- und Brustfell sind
- glatt und glänzend. Die Lungen sind hellrot und in allen Teilen
- lufthaltig. Die Schnittfläche erscheint rosafarben, feucht, glänzend.
- Bei Druck wird eine feinblasige, schaumige Flüssigkeit entleert.
- Die +mikroskopische+ Untersuchung des +Harns+ ergibt eine sehr
- reichliche Menge von +oxalsauren Kalksalzen+, welche in drusenartiger
- Anordnung liegen. Die meisten haben eine länglich-viereckige Gestalt,
- einzelne lassen einen quadratischen Mittelpunkt erkennen, von dem
- 4 gleichgestaltete, leicht quergestreifte Strahlen abgehen. Neben
- diesen sternförmigen Kristallen werden auch vereinzelt nadelförmige,
- mit feiner Spitze und ziemlich breiter Basis gefunden. Weiter ist
- Blasenepithel und Nierenepithel nachzuweisen. Die Reaktion ist
- neutral, Gallenfarbstoffe sind in geringer Menge und Eiweiss zu 1
- Proz. vorhanden. In der +Rindenschicht+ der +Niere+, aber auch in
- der Mark- und Grenzschicht finden sich zerstreut im +Parenchym+
- zahlreiche +Drusen+ von +oxalsaurem Kalk+. Die Kristalle werden
- auch in den Harnkanälchen nachgewiesen. Das Epithel derselben ist
- teilweise deformiert, die Zellen sind getrübt. Ferner finden sich in
- den Harnkanälchen zahlreiche rote Blutkörperchen. Die +Leberzellen+
- sind mit Fettkörnchen reichlich angefüllt und scheinen etwas
- vergrössert. Zwischen ihnen finden sich vereinzelt +Kristalle+ von
- +oxalsaurem Kalk+. Der Sektionsbefund ist mithin ein ähnlicher wie
- beim ersten Versuche.
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- =Oxalurie.= Mit diesem Namen wird eine beim Menschen, namentlich
- in England, beobachtete chronische Krankheit bezeichnet, welche
- sich durch sehr reichliche Ausscheidung von oxalsaurem Kalk im Harn
- charakterisieren, mit schweren psychischen Depressionszuständen
- verlaufen und eine Prädisposition für Diabetes mellitus bilden soll.
- Man bringt die Bildung des Kalziumoxalats mit anhaltender Körperruhe
- und unvollständiger Verbrennung des Eiweisses in Verbindung.
- Vereinzelt soll die Krankheit auch durch den Genuss oxalhaltiger
- Pflanzen und Limonaden beim Menschen entstehen. Sie wird daher wohl
- auch als „chronische Oxalvergiftung“ aufgefasst (+Kobert+). Bei den
- Haustieren ist nichts Derartiges bekannt.
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-Jodoformvergiftung.
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- =Allgemeines.= Vergiftungen mit Jodoform kamen früher besonders bei
- +Hunden+ vor, wenn dieselben sich das auf die Wunde aufgestreute
- Jodoform ableckten. Ich habe selbst mehrere solche Fälle bei
- Hunden beobachtet. Auch +Albrecht+ hat einen Fall veröffentlicht
- (Wochenschr. f. T. 1887). Die +tödliche Dosis+ des Jodoforms soll
- für Warmblüter nach den Untersuchungen von +Poljäkow+ (Russischer
- Veterinärbote 1884) bei Einführung in die serösen Säcke 0,5 g
- pro Kilo Körpergewicht, 1,0 g bei stomatikaler und 1,5-2,0 g bei
- subkutaner Anwendung betragen. Von Wunden aus wirkt Jodoform
- jedenfalls schon in kleineren Dosen tödlich. Auch verhalten sich
- nicht alle Tiere gleich. So starb z. B. eine ältere Kuh, welcher ich
- versuchsweise 50 g Jodoform innerlich verabreichte, nach 36 Stunden
- unter Temperaturabfall, Krämpfen und Narkose; die Sektion ergab
- Gastroenteritis, Drüsenveränderungen und Lungenhypostase. Dagegen
- ertrug ein 10 Tage altes Kalb 5 g Jodoform innerlich ohne jede
- Reaktion.
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-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Jodoform wirkt dadurch, dass
-es im Körper freies Jod abgibt. Die Jodoformvergiftung ist also im
-wesentlichen eine Jodvergiftung. Man hat dabei zwischen einer akuten
-und chronischen Vergiftung zu unterscheiden.
-
-1. Die +akute Jodoformvergiftung+ (akuter Jodismus) äussert sich
-zunächst in +leichten gastrischen Störungen+ (Appetitverlust,
-Erbrechen, Verstopfung), sodann in +Schläfrigkeit+, +Betäubung+ und
-+Koma+, welche von +Krampfanfällen+ unterbrochen werden. Hunde zeigen
-zuweilen schon anfangs +starke Aufregung+ und selbst wutähnliche
-Zufälle. Weiter findet +starkes Sinken der Innentemperatur+ statt und
-es entwickeln sich die Zeichen der +Herzschwäche+ (sehr frequenter,
-kleiner Puls, pochender Herzschlag, Dyspnöe, Oligurie, Albuminurie).
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-Bei der +Sektion+ findet man als Hauptveränderungen +Verfettung+ der
-grossen +Körperdrüsen+ (Leber, Niere), des +Herzmuskels+ und der
-+Skelettmuskeln+, sowie zuweilen +Glomerulonephritis+ und +Verkalkung+
-der +Niere+.
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-2. Die +chronische Jodoformvergiftung+ (chronischer Jodismus) verläuft
-unter den Erscheinungen der chronischen Jodvergiftung. Dieselben
-bestehen in +Abmagerung+, +Schwund der Drüsen+, namentlich der
-Milchdrüse, +Jodexanthem+ und +Katarrh der Schleimhäute+, insbesondere
-der Nasenschleimhaut (Jodschnupfen), der Lidbindehaut, der Kehlkopf-
-und Bronchialschleimhaut. Die beim Menschen ausserdem vorkommenden
-zerebralen Störungen (Melancholie, Halluzinationen, Wahnvorstellungen,
-Gedächtnisschwäche) sind bei den Haustieren bisher nicht beobachtet
-worden.
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-=Behandlung.= Man hat zunächst das Jodoform durch +Brechmittel+ aus dem
-Magen zu entfernen. Eigentliche Antidote gegen +Jod+ gibt es wenige.
-Man kann versuchen, durch grosse Dosen von +Stärkemehl+ (Jodstärke)
-oder +Eiweiss+ (Jodalbuminat) das Jod unwirksam zu machen. Auch die
-Verabreichung von +Natrium+ und +Kalium bicarbonicum+, sowie von
-+Bromkalium+ zur Bindung des Jods ist empfohlen worden. Ausserdem
-wird +Natrium subsulfurosum+ (Natriumthiosulfat) von der Formel
-Na_{2}S_{2}O_{3} als spezifisches Antidot gegen Jodvergiftung empfohlen
-(J_{2} + 2 Na_{2}S_{2}O_{3} = 2 NaJ + Na_{2}S_{4}O_{6}). Daneben wird
-+symptomatisch+ mit +Exzitantien+ behandelt (Aether, Kampfer, Koffein
-etc.).
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-=Nachweis.= Das im Magen und Darm enthaltene Jodoform wird aus
-dem schwach alkalisch gemachten wässerigen Destillat mit +Aether+
-ausgeschüttelt. Es kristallisiert dann nach dem Verdunsten des Aethers
-meist in charakteristischen +gelben hexagonalen Tafeln+ aus; seltener
-bildet es undeutliche Kristalle oder ist amorph. Erhitzt man ferner die
-Lösung des Jodoforms in wenig Alkohol mit sehr wenig +Phenolnatrium+,
-so zeigt sich sehr bald am Boden eine rötliche Abscheidung von
-+Rosolsäure+, welche sich in verdünntem Weingeist mit schöner
-karminroter Farbe löst.
-
-In den inneren Körperorganen kann das Jodoform als solches nicht
-mehr nachgewiesen werden, weil es sich unter Abspaltung von Jod
-zersetzt hat. Zum Nachweise dieses im Körper an Kalisalze gebundenen
-Jods müssen die zu untersuchenden Massen zunächst durch +Glühen+
-mit +Natronsalpeter+ von organischen Beimengungen befreit werden,
-worauf der Rückstand mit Kohle gemengt und geglüht, nach dem Erkalten
-mit Alkohol ausgezogen, der Auszug verdunstet, der Rückstand
-(Jodnatrium) in wenig Wasser gelöst und vorsichtig mit verdünnter
-+Schwefelsäure+ übersättigt wird. Die schwefelsaure Flüssigkeit
-wird sodann unter Zusatz von etwas Braunstein oder chromsaurem Kali
-überdestilliert und das Jod dadurch in Form violetter Dämpfe frei
-gemacht. Das übergegangene Destillat gibt ferner auf Zusatz von
-kaltem +Stärkekleister+ +Blaufärbung+ und mit +Chloroform+ oder
-+Schwefelkohlenstoff+ eine +violette+ Farbe.
-
- =Jod.= Vergiftungen durch freies Jod sind bei den Haustieren bisher
- nicht beobachtet worden. Dagegen haben experimentelle Versuche mit
- Jod bei unseren Haustieren folgendes ergeben. +Hunde+ starben nach
- der innerlichen Verabreichung von 8-12 g Jod (+Hertwig+). Ferner
- genas ein Hund auf 4,7 g Jod nach vorausgegangenem heftigem Erbrechen
- und Schluchzen (+Orfila+), ein anderer nach 6 g Jod. Nach 14tägiger
- Verabreichung von täglich 2mal 0,6-0,9 g Jod zeigten Versuchshunde
- starke Abmagerung, Erbrechen und Diarrhöe. Nach +Böhm+ starben Hunde
- nach intravenöser Applikation von 0,04 freiem Jod pro kg; 0,02
- und 0,03 g werden dagegen noch gut ertragen. Pferde zeigen nach
- 14tägiger innerlicher Verabreichung von täglich 2mal 2-4,0 g Jod
- starke Abmagerung und Durchfall; 4-8,0 g Jod intravenös eingespritzt
- erzeugten Taumeln, Betäubung, Zusammenstürzen, Atmungsbeschleunigung,
- konstant schmerzhaften Husten, Pupillenerweiterung und Mattigkeit
- (+Hertwig+). Auf die roten Blutkörperchen wirkt Jod auflösend
- (+Methämoglobinämie+); ähnlich wirken die jodsauren Salze. Einen
- Fall von Jod-Idiosynkrasie bei einem Hund nach Verabreichung von
- Lebertran hat +Frick+ beschrieben (D. t. W. 1898). Kaninchen zeigen
- bei Jodvergiftung (0,1) Hämaturie und Nierenverkalkung (+v. Kossa+).
-
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- =Jodkalium.= Die innerliche Anwendung des Jodkaliums gegen
- Aktinomykose des Rindes und Botryomykose des Pferdes hat
- neuerdings vielfach +akuten+ und +chronischen Jodismus+ (vergl.
- S. 143) zur Folge gehabt. +Gerö+ (Veterinarius 1901) verabreichte
- einem 1½jährigen Stier gegen Sarkom innerlich in 4 Tagen 70 g
- Jodkali, worauf derselbe schwer erkrankte und Schwellung der
- Augenlider, Tränenfluss, Zähneknirschen und Speicheln, rote
- Flecken auf der Nasenschleimhaut, Strangurie, Albuminurie, sowie
- Lähmungserscheinungen zeigte, sich jedoch wieder erholte. +Bouchet+
- (Progr. vét. 1902) sah bei einem Pferd, das gegen Aktinomykose ein
- ganzes Jahr lang insgesamt 1½ kg Jodkalium erhielt, Haarausfall
- über den ganzen Körper, sowie nässende Ekzeme an allen fein
- behaarten Körperstellen. +Schuster+ (Woch. f. T. 1906) beobachtete
- bei einem Zuchtstier mit Zungenaktinomykose, der in 6 Tagen 60 g
- Jodkalium erhalten hatte, Ekzem über den ganzen Körper, Nasen- und
- Augenausfluss, sowie Appetitlosigkeit. In dem von +Wester+ (Holl.
- tierärztl. Zeitschrift 1898) beschriebenen Fall zeigte ein Pferd nach
- 5 Dosen von je 10 g Jodkalium am 5. Tage Appetitlosigkeit, Husten,
- Jodexanthem, besonders am Kopf, starke Abmagerung und Schwanken. Ich
- habe ähnliche Fälle bei Pferden mit Samenstrangfisteln beobachtet,
- welche in der Praxis mit Jodkalium vorbehandelt waren. Neuerdings
- (Monatsh. f. pr. T. 1907) beobachtete ich ein ausgedehntes squamöses
- und krustöses Exanthem mit starker Hautverdickung bei einem Pferd,
- das 20 Tage lang täglich 5 g Jodkalium innerlich und ausserdem
- subkutan 50 g Jodipin erhalten hatte.
-
-
- =Jodzyan.= Das Jodzyan von der Formel CNJ wird als
- Konservierungsmittel für zoologische Sammlungen benützt und ist
- sehr stark giftig (Jodwirkung = Methämoglobinämie, ausserdem
- Blausäurewirkung).
-
-
- =Brom.= Vergiftungen durch freies Brom oder durch Bromsalze
- sind bei den Haustieren ebenfalls noch nicht zur klinischen
- Beobachtung gelangt. Nur in einem Fall konnte ich bei einem an
- Starrkrampf erkrankten Pferde, welches innerhalb 4 Tagen 500 g
- Bromkalium erhalten hatte, ein über den ganzen Körper verbreitetes
- +Bromexanthem+ mit starker Schwellung und teilweiser +Nekrose+ der
- Haut beobachten. Dagegen ist experimentell festgestellt, dass Hunde
- nach einmaligen Dosen von 20-50 g, Pferde nach solchen von 250-300
- g Bromkalium sterben. Es lässt sich ferner auch bei Tieren ein
- +chronischer Bromismus+ experimentell hervorrufen. Derselbe äussert
- sich in psychischer Depression, +Abmagerung+, +lähmungsartiger
- Schwäche+, Impotenz, Zittern, Konjunktivitis, +Laryngitis+,
- Bronchialkatarrh, +Magendarmkatarrh+, sowie +Ekzembildung+ auf
- der Haut (Urtikaria, Furunkulosis, Akne, Geschwüre etc. infolge
- Ausscheidens freien reizenden Broms in die Talgdrüsen und
- Schweissdrüsen der Haut; +Bromexanthem+). Die +Sektion+ ergibt
- ausgebreitete +parenchymatöse Myelitis+, sowie stellenweise
- Sklerosierung des Rückenmarks, +parenchymatöse+ Veränderungen der
- +zerebralen Ganglienzellen+ (Volumsvergrösserung) neben +fettiger
- Muskelentartung+. Das Einatmen von +Brom+ erzeugt ähnliche
- Entzündungszustände der Respirationsschleimhaut wie das Chlor.
-
-
- =Chlorvergiftungen= sind bei den Haustieren sehr selten. In
- einem von +Rost+ beobachteten Falle standen Pferde in einer
- chemischen Fabrik in der Nähe der geöffneten Chlorkammern; sie
- zeigten hochgradige Atemnot, sehr schmerzhaften Husten und die
- Erscheinungen des Lungenödems. Einen ähnlichen Fall hat +Lungwitz+
- (Sächs. Jahresber. 1900) bei Rindern nach der Desinfektion eines
- Stalles mit Chlorkalk beobachtet. Bezüglich des +Chlorkalks+ ist
- durch Versuche von +Hertwig+ festgestellt, dass von den Tieren
- innerlich ziemlich grosse Dosen ertragen werden. Nach 1000,0 g bei
- Pferden und Kühen, 30,0 g bei Schafen und Ziegen, 15,0 g beim Hund
- war nur etwas Puls- und Atmungsbeschleunigung, Tränen, vermehrter
- Harn- und Kotabsatz, sowie ein Chlorgeruch des Harns zu bemerken.
- Chlorwasser ertrugen Pferde und Rinder noch in Dosen von 1500 g,
- dagegen starben Hunde auf 150 g. Intravenös hatte Chlorkalk beim
- Pferde (mit 120 g Wasser gemischt) Schwindel, Mydriasis, Blässe der
- sichtbaren Schleimhäute, Zusammenstürzen und nach 30-50 Minuten den
- Tod zur Folge. 60 g Chlorwasser intravenös gegeben, erzeugten bei
- einem Pferde Mattigkeit und Zittern. +Beier+ (Zeitschr. f. Vetkde.
- 1902, S. 170) hat einen tödlichen Fall von Chlorkalkvergiftung
- bei einem Militärpferde beobachtet, das etwa 300 g Chlorkalk in
- 10 l Wasser (Hufbad) aufgenommen hatte. Das Pferd zeigte hierauf
- +kolikartige+ Erscheinungen, schmutzig ziegelrote Farbe und
- Schwellung der Augenschleimhäute, drahtförmigen Puls (60 Schläge
- bei 38,5° C.), pochenden Herzschlag und verendete plötzlich. Die
- Sektion ergab brandige Entzündung des gesamten Verdauungskanals
- (schwarze Verfärbung des Zungengrundes, starke Schlundkopfentzündung,
- gelbsulzige Massen in der Umgebung des sonst intakten Schlundes,
- namentlich der Brustportion desselben (ähnliche Massen am Dünn- und
- Dickdarmgekröse), blutige Entzündung der Darmschleimhaut (besonders
- der Mastdarmschleimhaut). Alle Teile des Magen- und Darminhalts
- zeigten starken Chlorgehalt.
-
-
- =Fluorwasserstoffsäure.= Die Fluorwasserstoffsäure von der Formel
- FH wirkt durch ihre Dämpfe ähnlich reizend wie die Salzsäure. Das
- Fluornatrium, FNa, soll nach +Tappeiner+ ein Protoplasmagift sein,
- welches subkutan lokale Eiterung und Nekrose, auf der Hornhaut
- Geschwüre und intravenös Krämpfe erzeugt; als spezifische Erscheinung
- soll ausserdem Salivation auftreten. Bei der Sektion findet man
- ulzeröse Gastroenteritis und Nephritis. Im übrigen widersprechen sich
- die Angaben über die Giftigkeit bezw. Nichtgiftigkeit der Flusssäure
- und des Fluornatriums sehr. Die nach Verfütterung von +phosphorsaurem
- Futterkalk+ bei Schweinen beobachteten Krankheitserscheinungen
- (mangelnde Fresslust, Abmagerung, Somnolenz, Schwäche und Lähmung;
- Schwellung, Hämorrhagien und Aetzung der Magendarmschleimhaut bei der
- Sektion) werden von +Dammann+ und +Manegold+ (Deutsch. tierärztl.
- Woch. 1904) auf den Fluornatriumgehalt des verfütterten Kalkes
- zurückgeführt. Da vergleichende Versuche mit löslichen Fluorsalzen
- bei Schweinen nicht gemacht wurden und die Angaben über die
- Giftigkeit der Fluorverbindungen sehr differieren, bleibt die Frage
- unentschieden, wodurch die Schädlichkeit des Futterkalks bedingt war.
-
-
-Karbolsäurevergiftung.
-
- =Allgemeines.= Die Karbolsäure veranlasst in verschiedenen Formen
- Vergiftungen bei den Haustieren. 1. Die +reine Karbolsäure+
- (kristallisierte Karbolsäure) ist eine farblose oder kaum rötliche,
- erstarrte kristallinische Masse, welche sich in 1 : 20 Wasser löst.
- Mit 1/10 Wasser gemischt, bildet sie die verflüssigte Karbolsäure
- (Acidum carbolicum liquefactum). Die reine Karbolsäure hat seit
- ihrer Einführung als Antiseptikum (1870) zahlreiche Vergiftungen
- verursacht. Dieselben sind teils bei der Wundbehandlung (namentlich
- bei Katzen), teils in der Geburtshilfe (Ausspülung des Uterus beim
- Rind und Hund), vor allem aber bei der Behandlung der Räude der
- Schafe, Hunde und Pferde mittels Karbolbädern und Karbolwaschungen
- beobachtet worden. 2. Die +rohe Karbolsäure+ des Handels stellte
- früher das Rohprodukt der reinen Karbolsäure dar und enthielt
- bis zu 80 Proz. derselben. Gegenwärtig ist sie nahezu ganz frei
- von Karbolsäure und besteht fast ausschliesslich aus den höheren
- Homologen der Karbolsäure, namentlich Kresolverbindungen; vergl.
- S. 154. Vergiftungen ereignen sich bei der Anwendung der rohen
- Karbolsäure als Desinfektions- und Räudemittel. 3. Der +Teer+ wird
- teils als Holzkohlenteer, teils als Steinkohlenteer benützt. Er
- enthält in beiden Formen grössere Mengen von Karbolsäure (neben
- Kreosot, Naphthalin, Kresol, Holzessigsäure, Brenzkatechin, Benzol)
- und gibt bei der Räudebehandlung (Teereinreibungen bei Hunden und
- Katzen) und Desinfektion (Ablecken des Teeranstrichs durch Rinder)
- Veranlassung zur Karbolvergiftung. 4. Das +Kreosot+ enthält in der
- im Handel vorkommenden Form immer grössere Mengen von Karbolsäure;
- das reine, offizinelle, aus Buchenholzteer dargestellte Kreosot soll
- dagegen nur aus Guajakol und Kreosol bestehen. Kreosotvergiftungen
- zeigen sich bei Hunden, Schafen, Pferden und Katzen bei der
- Räudebehandlung; sie stellen meistens Karbolvergiftungen dar. 5. Der
- +Holzessig+ enthält neben Karbolsäure Kresol, Essigsäure, Holzgeist
- und Azeton. 6. Das +Kreolin+, +Lysol+, +Bazillol+ und andere ähnliche
- Kresolpräparate enthalten entweder gar keine oder nur Spuren von
- Karbolsäure, können also für gewöhnlich eine Karbolvergiftung nicht
- bedingen. Ueber die Giftwirkung der Kresole vergl. S. 154. 7. Das
- +Gaswasser+ bildet sich neben dem Steinkohlenteer als wässeriges
- Destillat bei der Gasfabrikation. Es enthält neben Karbolsäure
- und Teerbestandteilen namentlich Zyan- und Ammoniumverbindungen
- (Zyanammonium, chlorsaures Ammonium und Schwefelammonium). Es
- gibt zu Karbolvergiftungen Veranlassung, wenn in der Nähe von
- Gasfabriken weidende Rinder von dem Gaswasser trinken. 8. Das
- +stinkende Tieröl+ besteht aus Karbolsäure, Kreosot, Pyridinbasen und
- Ammoniumverbindungen; Vergiftungen ereigneten sich früher bei der
- Anwendung als Räudemittel und Wurmmittel. 9. Der +Russ+, welcher in
- der Hauptsache aus Kohle besteht, enthält ebenfalls geringe Mengen
- von Karbolsäure und Kreosot und kann bei reichlicher Aufnahme eine
- Karbolvergiftung bedingen (vergl. die Kasuistik).
-
-
-=Krankheitsbild.= Die Karbolsäure wirkt in konzentriertem Zustand
-örtlich +ätzend+. Nach ihrer Resorption wirkt sie als zentrales
-Nervengift teils +lähmend+, teils +krampferregend+. +Die Erscheinungen
-der Karbolvergiftung bei Tieren unterscheiden sich durch das
-Hinzutreten von Krämpfen wesentlich von der Karbolvergiftung beim
-Menschen.+ Die einzelnen Krankheitserscheinungen sind: +Verätzung+
-der Lippen- und Mundschleimhaut bei konzentrierter Anwendung;
-Appetitverminderung, Speicheln, +Erbrechen+, Diarrhöe, leichte
-+Kolikschmerzen+, Aufbiegen des Rückens; schmutzig getrübter,
-+grünlichbrauner+ (Hydrochinon), eiweisshaltiger, nach Karbolsäure
-riechender +Harn+; Parese und Paralyse der Nachhand, +Lähmung+ des
-ganzen Körpers, zuweilen plötzliches Zusammenstürzen, +Zittern+,
-Schreckhaftigkeit, Unruhe, +tonisch-klonische Krämpfe+, +Betäubung+,
-+Koma+, +Kollaps+; +Sinken der Innentemperatur+ bei Beschleunigung des
-Pulses; unregelmässige, erschwerte Respiration. Zuweilen entwickeln
-sich die Symptome einer +Nephritis+ (weisse und rote Blutkörperchen,
-Zylinder im Harn). Der +Verlauf+ der Karbolvergiftung ist zuweilen
-ausserordentlich rasch; in anderen Fällen kann die Dauer 2-3 Tage,
-zuweilen auch viel länger betragen (bis zu 14 Tagen).
-
-
-=Sektionsbefund.= Bei konzentrierter innerlicher Verabreichung
-findet man die Erscheinungen einer +korrosiven Gastroenteritis+. Die
-Allgemeinveränderungen, wie sie namentlich nach der epidermatischen
-Anwendung der Karbolsäure auftreten, bestehen in Leberverfettung,
-parenchymatöser Degeneration des Herzens, Verfettung der Nieren und
-zuweilen in parenchymatöser Nephritis. Daneben findet man dunkles,
-schlecht geronnenes, schmieriges Blut, Gehirn- und Lungenhyperämie,
-Piaödem, serösen Erguss in die Ventrikel, sowie Karbolgeruch aller
-Organe.
-
-
-=Behandlung.= Das wichtigste chemische Antidot der Karbolsäure ist die
-+Schwefelsäure+. Sie wird entweder als solche in sehr stark verdünntem
-Zustand oder in Form der schwefelsauren Alkalien, namentlich als
-+Glaubersalz+ und +Bittersalz+ verabreicht (Bildung von ungiftigem,
-phenolsulfonsaurem Kalium im Blut). Auch +Seife+ wird als ein gutes
-Gegengift empfohlen (Bildung einer Emulsion, Umwandlung der Karbolsäure
-in ungiftiges Phenolnatrium). Neuere Gegenmittel sind +Jodtinktur+
-(Bildung von Jodphenol) und Terpentinöl. Ausserdem verabreicht man
-+einhüllende+ Mittel, namentlich +Eiweiss+, welches mit Karbolsäure
-einen Niederschlag gibt; auch +Leimwasser+ besitzt diese Eigenschaft.
-Bei Hunden und Pferden kann man ferner eine +Magenausspülung+
-vornehmen. Die Lähmungserscheinungen behandelt man mit +exzitierenden+
-Mitteln, namentlich mit subkutanen Aether- und Kampferinjektionen, mit
-Hoffmannstropfen, Wein, Kaffee, Koffein, Atropin, Hyoszin oder Veratrin.
-
-
-=Nachweis.= Die Karbolsäure ist meist schon allein durch den +Geruch+
-festzustellen. Auch die +schwarzbraune+ Verfärbung des +Harns+,
-sowie die +grauweissen Aetzschorfe+ sind klinische Kennzeichen.
-Zum Zweck des chemischen Nachweises wird die Karbolsäure aus den
-Eingeweiden und dem Blut gewöhnlich durch +Destillation+ nach
-vorheriger schwacher Ansäuerung mit Schwefelsäure oder Phosphorsäure
-abgeschieden, wobei sofort der +kreosotartige+ Geruch des Destillates
-auffällt. Aus dem Destillat wird sodann die Karbolsäure durch
-Schütteln mit Aether ausgezogen und nach dem Verdunsten des Aethers
-konzentriert erhalten. Eine andere Extraktionsmethode besteht
-darin, dass der mit Schwefelsäure angesäuerte Mageninhalt mit dem
-vierfachen Alkohol gemischt, nach 24 Stunden filtriert und der
-Alkohol im Vakuum bei möglichst niederer Temperatur abdestilliert
-wird. Der mit Petroleumäther entfettete Rückstand wird sodann mit
-Benzin ausgeschüttelt, welches die Karbolsäure leicht aufnimmt.
-Behufs Vornahme der Einzelreaktionen wird die Karbolsäure in Wasser
-gelöst. Diese Reaktionen sind folgende: 1. +Bromwasser+ gibt mit
-wässerigen Karbollösungen einen +gelblichweissen, kristallinischen
-Niederschlag+ von +Tribromphenol+[3], welcher mikroskopisch aus
-einem Gewirre feiner, häufig zu Drusen vereinigter Kristallnadeln
-besteht (Empfindlichkeit 1 : 100000; bei starker Verdünnung tritt der
-Niederschlag nur langsam ein). Dieser Niederschlag kann auch gesammelt,
-gewogen und auf Karbolsäure berechnet werden (quantitative Analyse).
-2. +Schwefelsaures Eisenoxyd+ färbt die wässerige Karbollösung noch
-bei 1 : 2000 +blaulila+, +Eisenchlorid violett+. 3. +Ammoniaklösung+
-(¼) und +Chlorkalklösung+ (einige Tropfen einer 5prozentigen) färben
-das Karbolwasser nach gelindem Erwärmen +königsblau+ noch bei einem
-Karbolgehalt von 1 : 20000. 4. +Salpetersaures Quecksilberoxydul+
-(NO_{2}haltig) mit Karbollösung erwärmt, gibt eine +Rosafärbung+;
-Empfindlichkeit 1 : 100000. 5. +Anilin+ und unterchlorigsaures Natron
-in gleichen Teilen der stark verdünnten Säure zugesetzt, geben eine
-+Blaufärbung+ (= erythrophenolsaures Natron), welche sich bei Zusatz
-einer Säure in Rot umwandelt; Empfindlichkeit 1 : 66000. 6. +Eiweiss+
-und Leim werden durch konzentrierte Karbolsäure aus ihren Lösungen
-+ausgefällt+; auf der Haut entsteht ein +weisser Aetzschorf+. 7. Ein
-+Fichtenspan+, der in wässerige Karbollösung getaucht ist, wird beim
-Befeuchten mit konzentrierter Salzsäure +blau+ (unsicher).
-
-
-=Kreosot= färbt sich in ganz reinem Zustand (Kreosol-Guayakol)
-im Gegensatz zur Karbolsäure mit Eisenchloridlösung unter Zusatz
-von Weingeist +grün+, bei Wasserzusatz wird die Lösung +farblos+.
-Weil jedoch das Kreosot meist Karbolsäure enthält, wird die Lösung
-nach Wasserzusatz gewöhnlich violett. +Ein Mittel, Kreosot bei
-gleichzeitiger Anwesenheit von Karbolsäure nachzuweisen, gibt es nicht.+
-
- =Karbolsäure.= Am empfindlichsten gegen Karbolsäure sind +Katzen+;
- sie können schon durch sehr kleine Dosen von Wunden aus (0,5-1,0)
- sehr rasch vergiftet werden. Hunde sterben nach der innerlichen
- Verabreichung von 2-7 g. Am wenigsten empfindlich scheinen +Pferde+
- gegenüber der innerlichen Anwendung der Karbolsäure zu sein. Nach
- +Munk+ (Berliner Archiv 1882) ertrugen mittelgrosse Pferde ohne
- Nachteil 100 g Karbolsäure auf einmal, sowie 500 g im Verlauf einer
- Woche; er führt dies auf die vermehrte Oxydation der Karbolsäure
- im Blut des Pferdes und auf die raschere Umwandlung zu Hydrochinon
- zurück. -- Von den in der Literatur verzeichneten Vergiftungsfällen
- mögen die nachstehenden kurz erwähnt sein. Einem mit einem
- Widerristschaden behafteten Pferde wurden 350 g einer konzentrierten
- spirituösen Karbolsäurelösung innerhalb 2 Tagen eingerieben. Am
- 2. Tage stürzte das Pferd plötzlich zusammen, zeigte allgemeine
- Lähmung, starken Schweissausbruch, angestrengte Atmung, unfühlbaren
- Puls, Erweiterung der Pupille und starb bald hernach. Die Sektion
- ergab lediglich eine schwarze teerartige Beschaffenheit des Blutes
- (+Thoms+, Preuss. Mitt. 1879). -- Von 5 räudigen Pferden, welche vom
- Besitzer 3mal innerhalb 6 Tagen mit einer spirituösen Karbollösung
- (1 : 3) eingerieben worden waren, starben 2 am 3., die übrigen 3
- bis zum 10. Tage unter heftigen Kolikerscheinungen, hochgradiger
- Schwäche und Entleerung eines dunkelbraun gefärbten Harnes (Berl.
- Arch. Bd. 13). -- Im Regiment Chasseurs d’Afrique wurde ein räudiges
- Pferd mit einer 10proz. Lösung von roher Karbolsäure eingerieben.
- Nach einer Stunde zeigte es heftiges Zittern, Schreckhaftigkeit,
- Schwanken, Muskelzuckungen am ganzen Körper, sowie beschleunigte
- Atmung; die Haut war an den eingeriebenen Stellen geschwollen und
- schmerzhaft (+Décroix+, Recueil 1873). -- Nach dem Berieseln einer
- grossen Hautwunde mit Karbolwasser (rohe Karbolsäure) traten 8
- Stunden darauf Zittern, Puls- und Atmungsbeschleunigung, sowie nach
- 6stündiger Krankheitsdauer der Tod ein (+Schäfer+, Berl. Arch. 1885).
- -- Nach Abnahme der Nachgeburt bei einer Kuh wurde der Uterus mit
- einer Auflösung von 140 g Karbolsäure in 12 l Wasser ausgespült.
- Bald darauf stellten sich allgemeines Zittern und Schwanken,
- sowie periodische Krampfanfälle, besonders an den Nackenmuskeln,
- Augenmuskeln und Ohrenmuskeln ein. Die Atmung war sehr erschwert, und
- das Tier hatte Mühe, sich auf den Beinen zu erhalten. Nach 4stündiger
- Dauer waren die Erscheinungen wieder verschwunden (+van Leuwen+,
- Holl. Vet.-Zeitschr. 1888). -- Karbolsäurelösung, tropfenweise auf
- die Haut von Katzen gebracht, hatte klonisch-tonische Krämpfe zur
- Folge (ibidem 1887). -- 120 Schafe wurden in Karbollösung gebadet.
- 15 starben, mehrere fielen schon während des Badens um. Die Atmung
- war sehr angestrengt (+Schmitt+, Preuss. Mitt. 1881). -- Von 40
- mit Karbolsäurelösung gewaschenen Schafen starben 23 (+Schumann+,
- ibidem 1883). -- Hühner starben an Karbolvergiftung nach Aufnahme
- von Karbolkalk (Oesterreich. Vierteljahrsschrift 1883). -- Ein
- Rattenfänger zeigte nach dem Waschen einer Wunde mit 2½proz.
- Karbolwasser Zittern, Taumeln, Zusammenstürzen, Muskelzuckungen,
- sowie völlige Bewusstlosigkeit; nach 2 Tagen entstand ausgedehnte
- Mumifikation der Haut (+Schmid+, Woch. f. Tierh. 1900). -- Ferkel
- zeigten angeblich nach der Desinfektion des Stalles mit reiner
- Karbolsäure Apathie, Zittern, beschleunigte Atmung und Herztätigkeit,
- dunkelrote Farbe der Ohren und aufgehobene Fresslust; die Sektion
- soll amyloide und fettige Degeneration der Leber ergeben haben
- (+Teply+, ibid. 1905).
-
-
- =Teer.= Experimentelle Untersuchungen über Karbolvergiftung nach
- +Teereinreibungen+ sind von +Ellenberger+ und +Hofmeister+ (Sächs.
- Jahresber. 1882) an Hunden und Schafen gemacht worden. Ein räudiger
- Jagdhund, welcher über den ganzen Körper leicht eingeteert wurde,
- zeigte sich am nächsten Tag matt und unlustig, frass schlecht und
- lag viel. Die Temperatur war von 39,0° auf 37,2° gesunken. Am 2.
- und 3. Tag fiel die Temperatur auf 36,0°. Die Atmung war beschwert.
- Am 4. Tag trat Lähmung eines Hinterbeines, sowie grosse allgemeine
- Schwäche ein. Am 5. Tag war die Lähmung vollständig, namentlich war
- Paralyse der Nachhand vorhanden, der Harn war von grünlichbrauner
- Farbe, enthielt Gallenfarbstoffe und Spuren von Eiweiss. Nach
- Verabreichung von Glaubersalz trat innerhalb 3 Wochen Genesung
- ein. Nach einer später 2mal wiederholten Einteerung des ganzen
- Körpers zeigte derselbe Versuchshund Appetitlosigkeit, Mattigkeit,
- Zittern und Sinken der Körpertemperatur. Am 4. Tag war Karbolsäure
- im Harn, sowie am 6. Tag Lähmung des Hinterteils nachzuweisen.
- Es bestand starkes Speicheln (Ablecken). In den nächsten Tagen
- traten Muskelzuckungen auf. Unter Zunahme der Mattigkeit starb der
- Hund am 15. Tag unter Krämpfen. Die Sektion ergab hämorrhagische
- Gastroenteritis, Leberverfettung, Nierenverfettung, parenchymatöse
- Degeneration des Herzmuskels, Lungenödem, sowie starke seröse
- Hyperämie in der Brust- und Bauchhöhle. Die Magendarmentzündung war
- durch Ablecken des Teers entstanden. Ein ebenfalls eingeteertes
- Schaf zeigte ähnliche Erscheinungen. Die Temperatur sank von 39,5
- auf 38,4°; im Harn war Karbolsäure und Eiweiss nachzuweisen; der
- Tod erfolgte unter klonischen Krämpfen. Bei der Sektion fand man
- parenchymatöse Nephritis, markige Schwellung der Gekrösdrüsen,
- leichten Magendarmkatarrh und vereinzelte Hämorrhagien, Oedem der
- Pia, Anfüllung der Seitenventrikel des Gehirns mit Serum. Bei
- einem zweiten Schaf, bei welchem nur der vierte Teil des Körpers
- überfirnisst wurde, zeigte sich Temperaturabfall, grünlichbrauner,
- Eiweiss, Epithelien, Leukozyten und Karbolsäure enthaltender
- und deutlich nach Karbolsäure riechender Harn, sowie Parese der
- Nachhand. Nach Verabreichung von Schwefelsäure und Glaubersalz
- trat bald Besserung ein. -- +Grosswendt+ (Zündels Jahresbericht
- 1881) beobachtete bei Kühen, welche den Teeranstrich von den Wänden
- abgeleckt hatten, starkes Speicheln, Appetitlosigkeit, Mattigkeit,
- dunkelgefärbten Harn, Polyurie, schwarzen, breiartigen Kot, sowie
- Schwäche im Hinterteil. Eine Kuh starb nach 15 Tagen. -- Ein Rind,
- dem wegen Hornbruchs ein Teerverband mit reichlichem Eindringen von
- Teer in die Stirnhöhle angelegt worden war, zeigte einen starken
- soporösen Zustand, der nach Anwendung von Kaffee und Branntwein
- verschwand (+Beel+, Holländ. Zeitschr. 1890). -- Eine Kuh zeigte
- nach dem Trinken von Wasser aus einem Teerfass verminderten Appetit,
- Speicheln und dunklen Harn (+Gebhard+, Woch. f. T. 1902).
-
-
- =Kreosot.= Die giftige Wirkung des reinen, karbolsäurefreien Kreosots
- auf die verschiedenen Haustiere ist geringer als die der Karbolsäure.
- Die +Vergiftungserscheinungen+ bestehen, abgesehen von den örtlichen
- Veränderungen, in +Lähmungszuständen+ und +Betäubung+; im Gegensatz
- zur Karbolsäure sollen Krämpfe fehlen. Hunde sterben nach +Hertwig+
- auf 2-8 g Kreosot unter Eintritt von Schwäche, Schwindel, Lähmung,
- Erbrechen und Erstickungsanfällen. Bei dem oft hohen Karbolgehalt
- der gewöhnlichen, nicht offizinellen Kreosotsorten des Handels
- stimmt das Bild der Kreosotvergiftung jedoch häufig mit dem der
- Karbolsäurevergiftung vollkommen überein. So beobachtete +Germain+
- (Recueil de méd. vét. 1882) nach der Einreibung von 130 g Kreosot
- bei Pferden Schwanken, Hinfälligkeit, Herabhängen der Lippen und
- Ohren, allgemeines Zittern, Zusammenbrechen, Salivation, klonische
- Krämpfe in den hinteren Extremitäten, sowie komatöse Erscheinungen.
- -- Eine tödliche Kreosotvergiftung bei einem mit Dermatoryktesräude
- behafteten Pferde ist in der preussischen Armee beobachtet worden
- (Pr. Mil. Vet.-Ber. 1894).
-
-
- =Holzessig.= Die Wirkungen des Holzessigs auf die einzelnen Haustiere
- sind in früheren Zeiten von +Justinus Kerner+, +Berres+, +Hertwig+,
- +Schubarth+ u. a. eingehend untersucht worden. Das Vergiftungsbild
- stimmt mit dem der Karbolsäure- und Kreosotvergiftung überein.
- +Katzen+ stürzen nach 2-4 g Holzessig augenblicklich zusammen,
- bekommen über den ganzen Körper Konvulsionen, schreien, zeigen
- Erbrechen, Speicheln, Urinabgang und sterben nach 1½-2 Minuten.
- Kleinere +Hunde+ sterben nach 15 g unter den Erscheinungen
- hochgradiger Mattigkeit und Abstumpfung, Zittern, Speicheln,
- Husten; grössere Hunde ertragen 30 g ohne lebensgefährliche Folgen,
- wenn dieselben mit der Schlundsonde eingegeben werden (+Hertwig+).
- +Schafe+ sterben auf 60 g, +Hühner+ auf 8 g (Betäubung, Schwanken,
- Zuckungen, Erbrechen, blaurote Verfärbung des Kammes). Dagegen
- ertragen +Kühe+ und +Pferde+ bis zu 360 g rohen Holzessig ohne
- Nachteil. -- Ein mit Holzessig gegen Strahlkrebs behandeltes
- Pferd starb angeblich 8 Tage später unter den Erscheinungen der
- Karbolvergiftung (+Wilhelm+, Sächs. Jahresber. 1888).
-
-
- =Kreolin.= Das karbolsäurefreie und unzersetzte Kreolin ist als
- Antiseptikum und Räudemittel in der üblichen Applikationsform und
- Konzentration ungiftig. Bei stärkeren Konzentrationen (4-10proz.),
- in zersetztem Zustand (Säurezusatz, Flaschenreste), bei starkem
- Karbolgehalt (Artmannsches Kreolin), bei der regelwidrigen
- Einreibung des ganzen Körpers, sowie bei innerlicher Verabreichung
- in grösseren Dosen wirkt es dagegen namentlich bei Pferden giftig.
- Die +Vergiftungserscheinungen+ sind ziemlich dieselben wie bei der
- Karbolvergiftung: +Muskelzittern+, +klonisch-tonische Krämpfe+,
- Schweissausbruch, +Schwäche+, Taumeln, zuweilen plötzliches
- +Zusammenstürzen+, allgemeine +Lähmung+, +Herzlähmung+ (sehr
- frequenter, unfühlbarer Puls, subnormale Körpertemperatur),
- +Dyspnoe+, +dunkelbrauner Harn+, Albuminurie. Die Behandlung
- besteht in der Anwendung von Exzitantien und in der Verabreichung
- von Sulfaten. Typisch ist der nachfolgende, bei einem Militärpferd
- beobachtete Fall von Kreolinvergiftung (Pr. Mil. Vet.-Ber. pro 1895).
- Zur Vertilgung der Läuse wurden 2 Pferde mit Kreolinlösung gewaschen.
- Eine 4prozentige Lösung von Pearsonschem Kreolin hatte sich nicht
- wirksam gezeigt, es wurde daher bei der zweiten Waschung eine
- 6prozentige gewählt. Beide Pferde waren vor der Waschung vollkommen
- gesund und hatten keine Verletzungen. Gewaschen wurden namentlich der
- Kopf, die Mähne, die Kruppe und die Gliedmassen, die übrigen Teile
- des Körpers wurden nur angefeuchtet und glatt gebürstet. Gleich nach
- dem Waschen stürzte das eine der Pferde in seinem Stand nieder; das
- Auge schien wie gebrochen, die Augenbindehaut war tiefrot gefärbt,
- die Pupille erweitert. Die Nüstern wurden weit aufgerissen, das Maul
- geöffnet. Der Herzschlag war tumultuarisch; beide Herztöne waren
- nicht zu unterscheiden. Der Puls unfühlbar, die Arterie klein und
- hart. Die oberflächliche Atmung wurde 92mal in der Minute ausgeführt
- und geschah röchelnd. Ferner bestand anhaltendes hochgradiges
- Muskelzittern; in den Gliedmassenmuskeln traten tonisch-klonische
- Krämpfe ein. Alle Versuche, den Kranken auf die Beine zu bringen,
- waren erfolglos; Patient war unfähig zu stehen. Der Appetit lag
- vollständig darnieder. Das Pferd wurde sogleich mit reinem Wasser
- abgewaschen und innerlich Branntwein, Kampfer und Digitalis
- verabreicht. Nach 1½ Stunden hatte es sich soweit gebessert, dass es
- mit Hilfe zum Stehen gebracht werden konnte. Nach 3-4 Stunden waren
- auffällige Gesundheitsstörungen nicht mehr vorhanden. Am anderen
- Tage zeigten sich die Gliedmassen stark geschwollen; auch am Hals
- und an der Kruppe bestand Schwellung. An diesen Stellen lag die Haut
- in Falten und fühlte sich pergamentartig an, stellenweise konnten
- förmliche Risse in der Oberhaut nachgewiesen werden. Ausserdem
- war die Haut an den Gliedmassen und an der Unterbrust mit einer
- bernsteingelben, klebrigen Flüssigkeit bedeckt. Der abgesetzte
- Harn hatte eine braunrote Farbe. Die Fäzes waren kleingeballt,
- braunrot und wurden unter Stöhnen abgesetzt; dieselben hatten
- einen auffallenden Kreolingeruch. In den folgenden Tagen nahm die
- Hautschwellung langsam ab, dagegen machten sich starke Abschuppung
- der Oberhaut und Haarausfall bemerkbar. Nach etwa 10 Tagen konnte
- das Pferd wieder in den Dienst gestellt werden. Bei dem zweiten
- Pferde waren die Vergiftungserscheinungen weniger hochgradig. Es warf
- sich gleich nach dem Waschen auch nieder, stand aber nach einiger
- Zeit und nachdem es etwa 5 Minuten lang eine hundesitzige Stellung
- innegehabt hatte, wieder auf und zeigte Appetit. Der Puls war hart,
- die Zahl seiner Schläge betrug 96 in der Minute. Die Atmung geschah
- angestrengt und 60mal in der Minute. Das Muskelzittern war weniger
- stark ausgesprochen. Die Bindehäute ziegelrot. Beim Führen taumelte
- das Pferd. Am folgenden Tage waren die Beine geschwollen, der Harn
- dunkelgefärbt; die Fäzes hatten Kreolingeruch. Auch bei diesem Pferde
- trat in den folgenden Tagen Ausfall der Haare ein, die Haut nahm eine
- pergamentartige Beschaffenheit an. Die Schwellung der Gliedmassen
- hielt länger an als beim ersten Pferde. -- Nach der Anwendung von
- Artmannschem Kreolin starben von 50 gebadeten Schafen 42 innerhalb
- 36 Stunden unter den Erscheinungen der Karbolvergiftung; sie zeigten
- Schwanken, Niederstürzen, Krämpfe und Unvermögen aufzustehen
- (+Dette+, Berl. Arch. 1894). Einen ähnlichen Fall hat +Nevermann+
- beschrieben (ibid. 1897). Dagegen sind die von +Kunert+ (ibid.)
- und +Ehrle+ (Woch. f. T. 1891) beschriebenen Fälle zweifelhaft.
- -- Experimentelle Untersuchungen über die Giftigkeit des Kreolins
- bei Hunden und Katzen hat +Hobday+ (Journ. of comp. path. 1896)
- veröffentlicht. Danach sollen besonders junge und edle Hunde sehr
- empfindlich gegen Kreolin sein; 56 g Kreolin töteten bei energischer
- Einreibung in die Haut einen 7 kg schweren Terrier. -- +Stöverud+
- (Nord. Z. 1899) beobachtete eine Kreolinvergiftung bei 30 jungen
- Ziegen.
-
-
- =Lysol.= Die Lysolvergiftung äussert sich ähnlich wie die
- Kreolinvergiftung. 4 Pferde wurden gegen Läuse mit einer 3proz.
- Lysollösung (je 300 g Lysol auf 10 l Wasser) gewaschen. Am 4. Tage
- nachher (!) erkrankten 3 Pferde, von denen 2 nach 3 bezw. 4 Tagen
- starben. Sie zeigten Dyspnoe, pochenden Herzschlag, 72-76 schwache
- Pulse, hochgradige Schwäche, allgemeinen Schweissausbruch und starben
- unter Krämpfen. Die Sektion ergab Myokarditis, hämorrhagische
- Nephritis und Lungenödem (+Borchardt+, Zeitschr. f. Vet. 1897).
- Einen ähnlichen Fall hat +Reinhardt+ (ibid. 1898) beschrieben.
- Ein Pferd zeigte nach einer Lysolwaschung des ganzen Körpers (!)
- mit 3proz. Lysollösung (300,0 : 10 l Wasser) 20 Minuten später
- Unruhe, Schweissausbruch, heftiges Zittern, unfühlbaren Puls,
- Lähmungserscheinungen, sowie kaffeebraunen Harn; nach subkutanen
- Aethereinspritzungen trat schnelle Heilung ein. Der von +Uthoff+ (B.
- t. W. 1895) beschriebene Fall ist dagegen zweifelhaft. -- +D’Alleux+
- berichtet, dass von 9 mit 5proz. Lysollösung gebadeten Hühnern 5
- unter Zuckungen und Lähmungserscheinungen starben (Woch. f. T.
- 1897). Ein Hund zeigte nach dem Einreiben einer 8proz. spirituösen
- Lysollösuug (nur die Beine und die Ohren wurden eingerieben),
- Zusammenstürzen, Schweissausbruch, allgemeine Lähmung, Herzschwäche
- und Krämpfe, genas jedoch nach Verabreichung von Kampfer und
- Glaubersalz.
-
-
- =Bazillol.= Die Vergiftung gleicht der Lysol- und Kreolinvergiftung.
- Ein mit Läusen behaftetes Pferd wurde mit einer warmen 4proz.
- Bazillollösung über den ganzen Körper gewaschen. 15 Minuten darauf
- fand man es schwer am Boden liegen. Die Pulszahl betrug 100 p. M.,
- der Puls war ausserordentlich schwach, die Zahl der Atemzüge 40. Die
- sichtbaren Schleimhäute waren dunkelrot gefärbt. Gleichzeitig bestand
- heftiges Zittern und Zittern des ganzen Körpers. Aufgehoben schwankte
- das Pferd und drohte umzustürzen. Nach 2 Stunden schien der Anfall
- vorüber. Am folgenden Tage entwickelte sich jedoch eine tödliche
- Bronchitis und Bronchopneumonie, an der das Pferd am 5. Tage unter
- Erscheinungen des Lungenödems starb. Das Pferd hatte 2 vorausgehende
- Waschungen ohne Schaden ertragen. Ebenso unschädlich waren 200
- andere Bazillolwaschungen geblieben! (+Willamowski+, +Hain+, Z. f.
- Vet. 1901). Nach +Paszotta+ (Monatsh. f. pr. Tierhlkd. 1901) beträgt
- die tödliche Dosis des Bazillols bei Pferden 1,5 g, bei Schafen 1,0
- g, bei Kaninchen 2,4 g pro Kilo Körpergewicht. Bei toxischen Gaben
- sinkt die Körpertemperatur, die Tiere stürzen gelähmt zusammen und
- zeigen Betäubung, fibrilläres Muskelzittern und tonisch-klonische
- Krämpfe. Der Tod erfolgt durch Herzlähmung unter den Erscheinungen
- des Lungenödems.
-
-
- =Kresol.= Das Kresol = C_{6}H_{4}.CH_{3}.OH (methylisierte
- Karbolsäure) steht dem Phenol an Giftigkeit nach. Die 3 vorhandenen
- Verbindungen des Kresols, das Ortho-, Meta- und Parakresol,
- verhalten sich bezüglich ihrer Giftigkeit verschieden; am stärksten
- giftig ist das Orthokresol, am schwächsten das Metakresol. Die
- Giftwirkung des Orthokresols äussert sich in Lähmung des Herzens, des
- Rückenmarks, sowie der sensorischen und motorischen Nerven, ferner
- in Erregung des Reflexhemmungszentrums. Im Jahr 1902 entstand ein
- allgemeines Fischsterben im Neckar von der Mündung des Feuerbachs
- bis zum Einfluss der Murr, als in Zuffenhausen 30000 l Teeröle
- (Eisenbahnschwellen-Imprägnierung) in den Feuerbach entleert
- wurden. -- Die Kresole verlieren an Giftigkeit, wenn sie an Natrium
- gebunden oder durch Seifen emulgiert werden (+Kreolin+, +Lysol+,
- +Bazillol+). Werden jedoch die im Kreolin gebundenen Kresole z. B.
- durch Säurezusatz frei, so wirken sie giftig (Kresolvergiftung von
- Pferden durch Waschungen mit Kreolinwasser und Essig gegen Läuse). --
- Eine Vergiftung durch +Kresolschwefelsäure+ bei Schweinen hat +Migge+
- beschrieben (Preuss. Vet.-Ber. pro 1907). Eine Schweinebucht war mit
- 25-40proz. (statt 3proz.) Kresolschwefelsäurelösung desinfiziert
- worden. Nach 2 Stunden waren 8 Schweine schwer erkrankt, 6 lagen wie
- schlafend auf der Streu, 3 starben nach 5 Stunden. Die Sektion ergab
- Verätzung der Haut des Rüssels, der Lippen, der Maulschleimhaut,
- Rachen- und Magenschleimhaut.
-
-
- =Pyrogallol.= Das auch unter dem Namen Pyrogallussäure bekannte
- Pyrogallol = C_{6}H_{3}(OH)_{3} ist ein stark reduzierendes Gift für
- die roten Blutkörperchen, welche unter Bildung von +Methämoglobin+
- aufgelöst werden. Dadurch entstehen ähnliche pathologische Zustände
- wie bei Vergiftung mit Kali chloricum (Methämoglobinurie mit
- ihren Folgen). Vergiftungen können sich u. a. durch Einreiben
- konzentrierter Pyrogallolsalben (10%) auf die Haut ereignen.
- Aehnliches gilt für das +Chrysarobin+, die +Hydrazine+ =
- H_{2}N.NH_{2} (Methyl-, Dimethyl-, Aethyl-, Phenyl-, Azetylphenyl-,
- Lävulinsäurephenyl-Hydrazin), das +Hydroxylamin+ = NH_{2}.OH
- (das im Körper nach Biel zu dem ebenfalls reduzierend wirkenden
- Nitrit umgewandelt wird) und die +Aldehyde+ = C_{2}H_{4}O (Aldehyd,
- Metaldehyd, Paraldehyd, Formaldehyd, Benzaldehyd). Dass speziell
- +Paraldehyd+ stark reduzierend auf die roten Blutkörperchen des
- Pferdes wirkt und Methämoglobinämie bei demselben erzeugt, haben
- meine diesbezüglichen Versuche ergeben (vgl. S. 178).
-
-
- =Salizylsäure.= Nach den Untersuchungen von +Feser+ und +Friedberger+
- wird das Allgemeinbefinden von Tieren durch kleinere Dosen
- Salizylsäure auch bei anhaltender Verabreichung nicht gestört. So
- zeigten Hunde, Schafe, Kühe und Pferde nach dem 14 Tage hindurch
- fortgesetzten Eingeben kleinerer Mengen (0,5 g pro die für Hunde,
- 3,0 g für Schafe, 10,0 g für Rinder und Pferde) nicht einmal
- irgendwelche Appetitstörungen. Auch sehr grosse einmalige und
- wiederholte Dosen wurden von Pflanzenfressern gut ertragen. Ein 9
- Ztr. schweres +Pferd+ zeigte nach 300 g Salizylsäure, innerhalb
- 3 Tagen eingegeben, nur eine längere Verdauungsstörung auf Grund
- lokaler Anätzung der Maulhöhlen- und Magenschleimhaut, dagegen
- keinerlei Vergiftungserscheinungen. Ein 32 kg schweres +Schaf+ blieb
- nach 50 g Salizylsäure, innerhalb 3 Tagen verabreicht, ganz gesund,
- desgleichen ein anderes, 30 kg schweres, nach 65 g salizylsaurem
- Natrium, welche in der kurzen Zeit von 2 Tagen eingegeben wurden.
- Dagegen zeigten sich Fleischfresser, namentlich Hunde, ziemlich wenig
- widerstandsfähig. Wenn es auch wegen des bald nach der Aufnahme
- eintretenden Erbrechens nie gelang, einem +Hund+ per os eine tödliche
- Dosis Salizylsäure beizubringen, so waren doch bei der Anwendung
- von ca. 1 g Salizylsäure pro 5 kg Körpergewicht charakteristische
- +Vergiftungserscheinungen+ wahrzunehmen. So zeigte ein kleiner, 4½
- kg schwerer Hund nach der Aufnahme von 0,8 g Salizylsäure (innerhalb
- 6 Stunden gegeben) Erbrechen, Muskelzittern, Schwäche im Hinterteil
- und steifen Gang; ein anderer, 27 kg schwerer Hund war nach 4 g in
- der hinteren Körperhälfte gelähmt, die hinteren Gliedmassen waren
- völlig gebrauchsunfähig und dabei krampfhaft gestreckt. Auch das
- salizylsaure Natrium erwies sich in grösseren Dosen, namentlich
- subkutan, als ein starkes Gift. Bei einem 4½ kg schweren Hunde
- trat nämlich nach der subkutanen Einspritzung von 5 g Natrium
- salicylicum der Tod ein. Die Vergiftungserscheinungen bestanden in
- Dyspnoe, unregelmässigem, aussetzendem Pulse, Pupillenerweiterung,
- Traurigkeit, Erbrechen, Lähmung der Nachhand, Konvulsionen,
- Kaukrämpfen, allgemeinem Starrkrampf, sowie ausserordentlich erhöhter
- Reflexerregbarkeit. Ein anderer, 8-1\2 kg schwerer Hund verendete
- nach Injektion von 8 g des Salzes in die Bauchhöhle an Erstickung,
- nachdem Erbrechen, Dyspnoe und Lähmungserscheinungen vorausgegangen
- waren. Diese Angaben sind neuerdings durch +Albrecht+ bestätigt
- worden. Nach +Walther+ und +Gmeiner+ (Berl. Arch. 34. Bd.) wirkt die
- Salizylsäure und ihre Derivate (Salol, Salipyrin, Aspirin u. a.)
- bei den Haustieren wie beim Menschen schon in gewöhnlichen Dosen
- (2-5 g Natrium salicylicum beim Hund) schädigend auf die +Niere+
- (Albuminurie, Harnzylinder, Nierenepithel, Leukozyten im Harn).
- -- Das +Salol+ stellt eine Doppelverbindung von Salizylsäure und
- Karbolsäure dar, welche angeblich ungiftig sein soll. Wie Erfahrungen
- beim Menschen gelehrt haben, können durch zu grosse Dosen sowohl
- die Erscheinungen der Salizylvergiftung (Albuminurie, Dysurie,
- Nephritis), als der Karbolvergiftung (Koma, Sopor) erzeugt werden.
- Dasselbe konstatierte +Willenz+ bei seinen Versuchen mit Pferden und
- Hunden; er beobachtete Albuminurie, Nephritis, Tobsucht, Krämpfe,
- Enteritis, Herzschwäche und Kollaps. Ein Terrier zeigte nach +Otto+
- (Sächs. Jahresber. 1904) nach der fortgesetzten Verabreichung von
- Salol (2mal 0,2 pro die) Polyurie und Abmagerung.
-
-
- =Gaswasser.= Eine Sterke, welche von den flüssigen Abfällen einer
- Gasanstalt aufgenommen hatte, wurde auf der Wiese liegend gefunden,
- stöhnend, angestrengt atmend, unvermögend zu stehen. Das Maul war
- geöffnet und mit schwarzgrau gefärbtem Schaum gefüllt. Bei der
- Sektion fanden sich im Wanst 20 l einer breiartigen, stark nach Teer
- riechenden Masse; die Schleimhaut der 4 Mägen war schwarz gefärbt
- (+Munckel+, Preuss. Mitt. 1882).
-
-
- =Oleum animale foetidum.= Das stinkende Tieröl wirkt giftig unter den
- Erscheinungen von Lähmung und Krämpfen bei Pferden in Dosen von 90
- g, bei Hunden von 10 g ab. Die tödliche Dosis beträgt für Pferde 150
- g, für Hunde 25 g. -- Ein Pferd erhielt als Wurmmittel 270 g Oleum
- animale foetidum; hierauf lag es laut stöhnend am Boden und starb
- unter Krämpfen (+Lies+, Zeitschr. f. Vetkde. 1903).
-
-
- =Russ.= Der Russ (Kienruss, Glanzruss) kann unter Umständen eine
- Karbolvergiftung bedingen. Von einer Schafherde, welche auf einem
- mit Russ gedüngten Weizenfelde weidete, erkrankten 7 Schafe unter
- Lähmungserscheinungen, 3 starben, 10 zeigten angestrengte Atmung
- und Verstopfung. Bei der Sektion fand man eine Entzündung der
- Psalterschleimhaut, sowie Schwarzfärbung des Mageninhalts.
-
-
- =Benzol.= Das Benzol, C_{6}H_{6}, ist ein ebenso starkes Gift wie die
- Karbolsäure. Es erzeugt nach vorausgegangener Aufregung Betäubung,
- Schwäche, Taumeln, Zittern und Tod unter Konvulsionen. Pferde
- sterben nach 750, Hunde nach 10 g (+Hertwig+). Gefährlich sind auch
- Benzoleinreibungen auf die Haut, namentlich für Katzen. Aehnlich
- wirken +Hydrochinon+, +Brenzkatechin+ und +Resorzin+, sämtliche von
- der Formel C_{6}H_{4}(OH)_{2}.
-
-
- =Chinosol.= Das Chinosol, ein Chinolinpräparat
- (+Oxychinolinpyrosulfat+), wirkt nach +Schneider+ (Monatshefte
- f. prakt. Tierhlkde. X. Bd.) beim Rind erst in Dosen von 130 g,
- beim Schaf in Dosen von 35 g tödlich. Die Vergiftungserscheinungen
- bestehen in Niesen, Husten, Speichelfluss, motorischer Lähmung,
- Tympanitis, Kolik und Hämaturie; die Sektion ergibt Lungenödem,
- Gastroenteritis und Nephritis.
-
-
- =Orzin und Kresorzin.= Zwei Phenolderivate von der Formel
- C_{6}H_{3}.CH_{3}.OH.OH wirken nach +Brenneisen+ (Diss. Leipzig
- 1906) besonders auf Katzen stark giftig (Krämpfe, Lähmungen), welche
- schon nach subkutanen Dosen von 1 g zugrunde gehen.
-
-
- [3] Für die Zwecke der Fleischbeschau hat +Glage+, um auch Spuren von
- Karbolsäure im Fleisch rasch nachweisen zu können, die
- Brommethode wesentlich vereinfacht (vorheriges Eindampfen mit
- Natronlauge). Vergl. die genauere Vorschrift in der Zeitschr. f.
- Fleisch- u. Milchhygiene 1901, S. 193.
-
-
-Vergiftung durch Petroleum.
-
- =Allgemeines.= Das Petroleum findet sich als Rohpetroleum
- (Erdöl, Steinöl, Bergöl, Mineralöl, Naphtha) in verschiedenen
- Ländern (Amerika, namentlich Pennsylvanien, Kaukasus, Rumänien,
- Galizien, Hannover, Bayern). Es ist das Produkt der Zersetzung
- vorweltlicher Seetiere, also animalischen Ursprungs, und zwar
- ist es wahrscheinlich aus den Fett- und Transtoffen jener
- Meertiere durch allmähliche Zersetzung entstanden. Je nach dem
- Fundort besteht es aus verschiedenartigen +Kohlenwasserstoffen+,
- hauptsächlich aus solchen der Formel C_{n}H_{2n + 2} (Paraffine,
- Ethane), welche vom Methan (CH_{4}) bis zum Zeresan (C_{30}H_{62})
- in ununterbrochener Reihe vorhanden sind. Die Hauptbestandteile
- des +raffinierten+ Petroleums sind Oktan (C_{8}H_{18}), Nonan
- (C_{9}H_{20}), Dekan (C_{10}H_{22}), Undekan (C_{11}H_{24}), Dodekan
- (C_{12}H_{26}), Tridekan (C_{13}H_{28}), Tetradekan (C_{14}H_{30}),
- Pentadekan (C_{15}H_{32}), Hexadekan (C_{16}H_{34}) und Heptadekan
- (C_{17}H_{36}). Die im +Rohpetroleum+ ausserdem enthaltenen
- Kohlenwasserstoffe sind der Petroleumäther (Pentan, Hexan, Heptan),
- sowie festes Paraffin (C_{18}H_{38} bis C_{28}H_{58}) und Zeresin
- (C_{29}H_{60} bis C_{35}H_{72}). Ausserdem findet man im Petroleum
- stets Terpene (C_{10}H_{16}), aromatische Kohlenwasserstoffe der
- Benzolreihe (C_{6}H_{6}), Phenole, Naphthalin, Naphthene, sowie
- Petrolsäuren von der Formel C_{n}H_{2n − 2}O_{2}, endlich Spuren
- von Schwefel (0,05-0,1 Proz.). Das +Benzin+ wird durch Destillation
- des Petroleums gewonnen und besteht hauptsächlich aus Hexan und
- Heptan. Vergiftungen mit Petroleum ereignen sich bei der Anwendung
- desselben als Räudemittel und Antiparasitikum, sowie als Stomachikum
- und Kolikmittel; auch durch zufällige Aufnahme können sie z. B. bei
- Schweinen vorkommen. Vergiftungen durch Benzin sind nach dem Waschen
- bei Hunden beobachtet worden.
-
-
-=Krankheitsbild.= Das Petroleum ist im allgemeinen ein sehr wenig
-giftiger Stoff. Die Vergiftungserscheinungen äussern sich nach der
-innerlichen Aufnahme in +gastrischen+ Störungen, ausserdem bei
-innerlicher und äusserlicher Applikation in +Schwindel+, +Betäubung+,
-+rauschartigem+ Zustand und +Lähmungserscheinungen+. Aehnlich wirkt
-+Benzin+. Die +Behandlung+ der Petroleumvergiftung besteht in der
-Verabreichung von Brechmitteln, Abführmitteln, sowie von Exzitantien
-(kohlensaures Ammonium, Aether, Kampfer). Der Nachweis ist durch den
-charakteristischen Geruch leicht zu führen.
-
-In der +Literatur+ sind folgende Fälle verzeichnet. Zwei Schweine
-rieben sich an einem Petroleumfass, wodurch der Spunden gelockert
-wurde und Petroleum ausfloss. Sie tranken eine grössere Menge davon,
-worauf sie Betäubung und Schreckhaftigkeit, sowie trübe Augen und
-kalte Aussentemperatur zeigten. Nach Verabreichung eines Brechmittels
-(Rhizoma Veratri albi) trat Genesung ein (+Kayser+, Preuss. Mitteil.
-1880). In einem anderen Fall wurden 26 Ochsen, die in einem kleinen
-und niedrigen Stalle zusammengepfercht waren, zur Vertilgung der Läuse
-mit je einem halben Quart Petroleum eingerieben, wonach sie sich
-gegenseitig ableckten. Sie zeigten höhere Rötung der Haut, unterdrückte
-Fresslust, Traurigsein, sowie mässiges Fieber, genasen jedoch alle
-(+Rüffert+, Preuss. Mitt. 1874). Eine Kuh, welche ⅔ l Petroleum mit ⅓ l
-Branntwein zusammen eingeschüttet erhalten hatte, zeigte Schwäche und
-Lähmung im Hinterteil, Auftreibung, häufigeren Harnabsatz und starb
-nach 23 Stunden (+Röpke+, ibidem 1881). Nach +Poincaré+ sollen ferner
-die in den Petroleumwerken verwendeten Zugtiere zuweilen Schlafsucht,
-Appetitlosigkeit und heftiges Hautjucken zeigen. 5 Pferde, welche mit
-je 1½ l Petroleum energisch über den ganzen Körper eingerieben wurden,
-zeigten allgemeine Lähmungserscheinungen, so dass sie sich im Liegen
-nicht wieder erheben konnten; 3 Pferde starben (+Mégnin+, Recueil
-1892). Einen ähnlichen Fall hat +Martin+ beschrieben (Progr. vét.
-1898): 5 Pferde starben nach dem Einreiben von je 1½ l Petroleum nach
-7-10 Tagen (Dermatitis, Nephritis, Zystitis). +Salles+ (ibid.) sah bei
-2 jungen Ochsen nach dem Einreiben von je ½ l Petroleum Schwanken und
-Zusammenstürzen. +Gmeiner+ (Monatshefte für prakt. Tierhlkde. IX. Bd.,
-S. 570) sah nach dem Einschütten von 1 l Petroleum bei einem Pferde
-Kolik, Benommenheit des Sensoriums, Taumeln und hochgradige Mattigkeit.
-+Ehlers+ (Berl. Arch. 1897) beobachtete bei einem mit Petroleum
-eingeriebenen Hund eine vollständige Lähmung des Hinterteils. Eine
-ähnliche Vergiftung bei einer Ziege, die wegen Läusen mit Petroleum
-gewaschen wurde, hat +Eppinger+ beobachtet (Tierärztl. Zentralblatt
-1900). Nach +Möbius+ (Sächs. Jahresber. pro 1898) starben 6 Gänse
-infolge der Aufnahme von petroleumhaltigem Wasser. Ein mit Benzin
-gewaschener Hund zeigte schwere Bewusstlosigkeit und Herzschwäche,
-genas jedoch nach der Verabreichung exzitierender Mittel (+Guhrauer+,
-Z. f. Vetkde. 1909).
-
- =Naphthalin.= Ein Pferd, welches aus Versehen innerlich Naphthalin
- erhalten hatte, zeigte die Erscheinungen der Hämoglobinurie
- (+Siedamgrotzky+, Sächs. Jahresber. pro 1892). -- 14 junge +Hühner+,
- welche in einen Raum gesperrt wurden, in dem sich in Schränken und
- Kisten mit Naphthalin bestreute Kleider und Pelze befanden, wurden
- am andern Morgen tot, 1 Mutterhenne in Krämpfen liegend gefunden
- (+Jagmin+). -- Kaninchen zeigen nach längerer Verabreichung von
- Naphthalin Trübung der Linse (Naphthalinstar), Trübung und Ablösung
- der Netzhaut, Atrophie der Papille und Nephritis (+Bouchard+ u. a.).
- -- Ein Hund, welcher auf Teppichen gelegen hatte, die mit Naphthalin
- bestreut waren, zeigte vorübergehende Erscheinungen von Tobsucht
- (+Otto+, Sächs. Jahresber. 1901). -- +Regenbogen+ (Berl. T. W. 1903)
- berichtet über einen forensischen Fall von Naphthalinvergiftung bei
- 12 Pferden, die gegen Druse je einen Esslöffel voll Rohnaphthalin als
- „Kropfpulver“ aus einer Apotheke erhalten hatten und darauf unter
- Kolikerscheinungen und Dunkelfärbung des Harns schwer erkrankten;
- bei einem gestorbenen Pferde ergab die Sektion Nephritis und
- Leberentzündung. Die hierauf von +Regenbogen+ an Pferden, Rindern
- und Hunden angestellten Versuche mit Naphthalin lehrten, dass 20-25
- g für Pferde giftig, 30 g tödlich wirken durch Auflösung der roten
- Blutkörperchen. Die Vergiftung äussert sich durch Hämoglobinurie,
- Nephritis, Cholurie und allgemeinen Ikterus.
-
-
- =Naphthol.= Ein Pferd, welches gegen die sog. Sommerräude mit
- spirituöser Naphthollösung eingerieben wurde, zeigte heftige
- Reizung der Kopfschleimhäute, epileptiforme Krämpfe abwechselnd mit
- Depression, Hämoglobinurie, Albuminurie, Anurie und Kollaps. Die
- Sektion ergab hämorrhagische Nephritis, Ikterus, sowie Degeneration
- der Leber und des Herzens (+Regenbogen+, B. T. W. 1903).
-
-
-Vergiftung durch Kohlenoxyd.
-
- =Allgemeines.= Das Kohlenoxyd, CO, ist ein sehr giftiges Gas,
- welches bei der Verbrennung der Kohle unter ungenügendem Zutritt von
- Sauerstoff an Stelle der sonst gebildeten Kohlensäure entsteht: C +
- O_{2} = CO_{2} (Kohlensäure); C + O = CO (Kohlenoxyd). Es findet sich
- hauptsächlich im sog. +Kohlendunst+, der sich bei falscher Stellung
- der Ofenklappen, sowie bei Heizung von Räumen mit Kohlenpfannen und
- Gasöfen ohne Abzug bildet, und in welchem es zu 0,3-0,5 Proz. neben
- Kohlensäure (6 Proz.), Sauerstoff und Stickstoff enthalten ist.
- Ausserdem ist es der giftigste Bestandteil des +Leuchtgases+ (vergl.
- die Vergiftung durch Leuchtgas). Vergiftungen durch freies Kohlenoxyd
- sind bei Hunden, Pferden, Rindern, Katzen und Ziegen beobachtet
- worden.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Wesen der Kohlenoxydvergiftung
-besteht in einer +Blutvergiftung+, nämlich in einer Verdrängung
-des Sauerstoffs aus seiner Verbindung mit dem Hämoglobin durch das
-Kohlenoxyd. Das Oxy-Hämoglobin, welches die Sauerstoffaufnahme und
-die innere Sauerstoffübertragung vermittelt und damit als Grundlage
-der Atmung dient, verwandelt sich in das die Abgabe von Sauerstoff
-und somit die Atmung verhindernde und daher Erstickung bedingende
-+Kohlenoxyd-Hämoglobin+. Die Affinität des Hämoglobins zum Kohlenoxyd
-ist 200mal stärker, als die zum Sauerstoff. +Die roten Blutkörperchen
-selbst werden durch Kohlenoxyd weder aufgelöst, noch in ihrer Form
-verändert.+ Die chemische Bindung des Kohlenoxyds an das Hämoglobin ist
-schon äusserlich an der violetten bis hellkirschroten Farbe des Blutes
-zu erkennen. Tiere, welche Luft mit einem Gehalt von 0,05-0,2 Proz.
-Kohlenoxyd einatmen, sterben an Kohlenoxydvergiftung. Ob das Kohlenoxyd
-ausser seiner Wirkung auf das Blut auch noch eine direkte Wirkung
-auf das Nervensystem und andere Organe besitzt, ist streitig. Nach
-+Geppert+ und +Kobert+ ist das Kohlenoxyd auch ein Nervengift, indem es
-die Ganglienzellen des Gehirns und die peripheren Nerven lähmt; es ruft
-ferner in den Muskeln und Drüsen degenerative Veränderungen hervor und
-steigert als Stoffwechselgift den Eiweisszerfall enorm.
-
-Die Kohlenoxydvergiftung hat in ihren Einzelerscheinungen und in ihrem
-Wesen viel Aehnlichkeit mit der Blausäurevergiftung. Man beobachtet
-zunächst +Schwindel+, +Taumeln+, +Betäubung+, +Bewusstlosigkeit+,
-sowie +Lähmungserscheinungen+ namentlich an den hinteren Extremitäten;
-später treten +Krämpfe+ und +Erstickungserscheinungen+ auf. Die
-Erscheinungen der Lähmung können längere Zeit (Wochen lang) anhalten.
-Bei der +Sektion+ findet man auffallend +hellrotes, flüssiges Blut+
-in allen Organen, sowie die Erscheinungen der Erstickung, verbunden
-mit hellroten kleinen Blutaustritten in verschiedenen Organen. -- Das
-Kohlenoxyd geht auch von der Mutter auf den Fötus über.
-
-
-=Behandlung.= Sie besteht wie bei der Leuchtgasvergiftung in sofortiger
-Zufuhr von +frischer Luft+ oder in Sauerstoffinhalation, in der
-Vornahme eines +Aderlasses+ verbunden mit +Transfusion+ von Blut
-derselben Spezies oder einer 0,6proz. alkalischen Kochsalzlösung, sowie
-in der Anwendung von +Exzitantien+ (Hautreize, kalte Duschen, subkutane
-Kampfer- und Aetherinjektionen, Elektrizität).
-
-
-=Nachweis.= Ausser durch die +kirschrote+, +violette+ oder +rosarote
-Färbung des Blutes+ bei der Sektion lässt sich das Kohlenoxyd chemisch
-durch +Sublimat+ (pfirsichrote Färbung des Blutes) oder +Chlorkalzium+
-(defibriniertes Blut mit dem doppelten Volum Aetznatronlauge wird bei
-Zusatz von Chlorkalzium karminrot), endlich durch +Kupfervitriol+ (2
-ccm Blut mit ebenso viel Wasser und 3 Tropfen einer zu einem Dritteil
-gesättigten Kupfervitriollösung geben einen ziegelroten Niederschlag)
-nachweisen. Wichtiger ist der Nachweis des Kohlenoxyds im Blute
-mittels des +Spektroskops+. Kohlenoxydblut zeigt nämlich 2 ähnliche
-+Absorptionsstreifen+, wie gesundes Blut; dieselben +schwinden+
-aber auf Zusatz +reduzierender+ Mittel (Schwefelammonium) oder von
-Zyankalium +nicht+, wie im gesunden Blute.
-
- =Kasuistik.= 2 Hunde zeigten nach der zufälligen Einatmung
- von Kohlenoxydgas schwankenden Gang, Sehstörungen, starke
- Pupillenerweiterung, Verlust des Gehörs, Verlangsamung des
- Herzschlages, sowie Lähmungserscheinungen. Bei dem einen Hund
- verschwanden die Lähmungserscheinungen nach 14 Tagen, der andere
- musste dagegen getötet werden, nachdem innerhalb 3 Wochen eine
- Besserung nicht eingetreten war (+Rietzel+, Ad. Woch. 1885).
- -- Ein kalter Stall, in welchem 2 Ochsen standen, sollte durch
- glühende Kohlen erwärmt werden. Eine Stunde darauf zeigten die
- Tiere Bewusstlosigkeit, niedere Kopfhaltung, Kauen und Speicheln,
- Atembeschwerden, unfühlbaren Puls und Nasenbluten; das Verbringen in
- freie Luft, kalte Begiessungen und Aderlass hatten Wiederherstellung
- der Tiere zur Folge (+Nicklas+, Wochenblatt 1. Bd.). -- In ein
- festverschlossenes Zimmer wurden 4 brennende Kohlenbecken und ein
- Hund versuchsweise eingebracht. Nach 15 Minuten zeigte derselbe
- Schlafsucht, Unruhe und Heulen, nach 30 Minuten Krämpfe und
- Atmungsbeschwerden, nach 50 Minuten starb der Hund (+Orfila+,
- Toxikologie). -- +Leonhardt+ (Berl. Arch. 1893) berichtet über eine
- Kohlenoxydvergiftung bei 2 Pferden, welche in ihrem Stalle infolge
- Einatmung von Kohlenoxyd tot aufgefunden wurden und bei denen die
- spektroskopische Untersuchung des Blutes (+Rubner+) die Diagnose
- bestätigte. Einen ähnlichen Fall hat +Hock+ (Woch. f. T. 1896)
- beobachtet. -- In einem mit Koksofen geheizten Stall starben 2 Pferde
- und der Diener, 2 andere Pferde blieben am Leben, wahrscheinlich weil
- sie standen; eines derselben zeigte Benommenheit, Mangel an Appetit
- und Verlangsamung des Pulses (24). Die Sektion der gestorbenen Pferde
- ergab kirschrotes, unvollständig geronnenes Blut, Anhäufung desselben
- in den Lungen, leere Herzkammern, sowie Anämie der Gefässe der
- Unterhaut (+Otto+, Sächs. Jahresber. 1899). -- Infolge Einatmung von
- Kohlendunst starben 2 Ziegen, 1 Pferd und 1 Katze; 2 Hühner blieben
- gesund (+Berg+, Zeitschr. f. Vet. 1904). -- Zum Vergiften von Hunden
- wird neuerdings das sog. Generatorgas empfohlen (CO oder CO + H oder
- CH_{4}). -- Die experimentelle tödliche Dosis des Kohlenoxyds für
- Hunde beträgt etwa 1 g.
-
-
-Vergiftung durch Leuchtgas.
-
- =Allgemeines.= Das Leuchtgas wird gewöhnlich dargestellt durch
- trockene Destillation der Steinkohlen, welche in eisernen
- Retorten auf etwa 1000 Grad erhitzt werden. Es ist eine Gemenge
- von +Kohlenwasserstoffen+ der Methan-, Azetylen-, Aethylen- und
- aromatischen Reihe mit +Kohlenoxyd+ etc. und enthält als wichtigsten
- Kohlenwasserstoff das +Methan+ (CH_{4}), das sog. Sumpf- oder
- Grubengas. Die giftige Wirkung grösserer Mengen von Leuchtgas
- (kleinere Mengen sind unschädlich) ist nur zum Teil auf seinen Gehalt
- an +Methan+ (40 Proz.) zurückzuführen. +In der Hauptsache kommt der
- Gehalt des Leuchtgases an Kohlenoxyd+ (5-10 Proz.) +in Betracht+.
- Ueber klinische Beobachtungen von Leuchtgasvergiftungen bei den
- Haustieren (Pferd, Katze) ist von +Gerlach+ und +Csokor+ (Gerichtl.
- Tierheilkunde; Oesterr. Vierteljahrsschrift 1888) berichtet worden.
- Experimentelle Untersuchungen an Tieren sind von +Biefel+ und +Polek+
- (Zeitschrift für Biologie Bd. 16) gemacht worden.
-
-
-=Krankheitsbild.= Die Erscheinungen der Leuchtgasvergiftung sind
-im wesentlichen dieselben wie bei der +Kohlenoxydvergiftung+. Zum
-Teil haben sie Aehnlichkeit mit dem Bild der +Chloroformnarkose+.
-Sie bestehen in +Benommenheit+ des +Sensoriums+, Betäubung,
-+Taumeln+, +Muskelschwäche+, +Lähmung+ der Extremitäten, Atemnot,
-Pulsbeschleunigung, sowie in anhaltendem Auftreten allgemeiner
-+Krämpfe+; durch letztere unterscheidet sich die Leuchtgaswirkung
-von der Chloroform- und Aethernarkose. Bei der +Sektion+ findet man
-das Blut hellrot gefärbt (Kohlenoxyd-Hämoglobin) und dünnflüssig;
-das Gehirn und seine Häute sind stark hyperämisch. Zuweilen fällt
-schon während des Lebens eine hellrote Farbe der Schleimhäute
-auf. Die +Behandlung+ besteht in Zufuhr frischer Luft oder in
-Sauerstoffinhalation, Einleitung künstlicher Atmung, sowie in der
-Anwendung von Exzitantien (Aether und Kampfer subkutan, Kaffee, Wein,
-kalte Begiessungen).
-
- =Azetylengas.= Das auch im Leuchtgas enthaltene Azetylen von der
- Formel C_{2}H_{2} wird gewöhnlich aus Kalziumkarbid und Wasser
- dargestellt: CaC_{2} + 2 H_{2}O = Ca(OH)_{2} + C_{2}H_{2}. Nach den
- Untersuchungen von +Panisset+ (Recueil méd. vét. 1903) ist das reine
- Azetylen im Gegensatz zum Leuchtgas kaum giftig zu nennen. Ein Hund
- blieb z. B. 3 Stunden in einem Luftgemenge, das 20 Proz. Azetylen
- enthielt, ohne zu erkranken. Die gegenteilige Ansicht +Liebreichs+
- beruht auf der Anwendung eines unreinen, Kohlenoxyd enthaltenden
- Azetylens.
-
-
-Vergiftung durch Schwefelwasserstoff.
-
- =Allgemeines.= Der Schwefelwasserstoff, SH_{2}, ist ein sehr
- giftiges Gas, welches im freien Zustande in grösseren Mengen
- (5-10 Proz.) im sog. +Kloakengas+ (Latrinengas, Mistgrubengas)
- vorkommt. Schwefelwasserstoff entwickelt sich ferner in grosser
- Menge bei der Verwendung der +Schwefelleber+ (Kalium und Natrium
- sulfuratum) zu Räudebädern oder zu innerem Gebrauch. Ausserdem
- bildet sich Schwefelwasserstoff nach der innerlichen Verabreichung
- von +Schwefel+ im Darmkanal. Von dem im Darmkanal gesunder Tiere aus
- den Eiweisskörpern der Nahrung gebildeten Schwefelwasserstoff hat
- man früher angenommen, dass derselbe in grösseren Mengen, z. B. bei
- der Kolik der Pferde, eine Selbstvergiftung (Autointoxikation) des
- Körpers herbeiführen könne; Beweise für diese Annahme fehlen indes.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Der Schwefelwasserstoff gehört
-zu den giftigsten Gasen. Er ist ein +lähmendes+ Gift für +Gehirn+ und
-+Rückenmark+. Ausserdem ist der Schwefelwasserstoff ein +Blutgift+,
-welches das Oxyhämoglobin in der Leiche zu +Schwefel-Methämoglobin+
-zersetzt. Nach den Untersuchungen von +Lehmann+ sterben Tiere in einer
-Atmosphäre, welche nur 1-3 pro Mille Schwefelwasserstoff enthält, schon
-binnen 10 Minuten +apoplektisch+ unter sehr heftigen Konvulsionen und
-grosser Atemnot. Eine Luft, welche ½ pro Mille Schwefelwasserstoff
-enthält, wirkt ebenfalls tödlich unter Krämpfen und unter den
-Erscheinungen eines +entzündlichen Lungenödems+. Daneben wirkt der
-Schwefelwasserstoff reizend auf die Kopf- und Respirationsschleimhäute
-(+Rhinitis+, +Konjunktivitis+, +Laryngitis+).
-
-Die Erscheinungen der Schwefelwasserstoffvergiftung bestehen in
-+Mattigkeit+, +Schwäche+, +Betäubung+, +Krämpfen+, Verlangsamung
-und schliesslicher +Lähmung der Atmung+. Nach +Chaussier+ starb ein
-Pferd, welchem 10 l Schwefelwasserstoffgas in den Mastdarm eingeführt
-wurden, im Verlauf einer Stunde. Bei der +Sektion+ findet man einige
-Zeit nach dem Tode eine +grünlich-schwarze, tintenartige Verfärbung+
-des +Blutes+, Zerfall der roten Blutkörperchen, Verschwinden der
-Absorptionsstreifen des Oxyhämoglobins im Spektrum und Ersetzung durch
-den Streifen des reduzierten Hämoglobins (Schwefel-Hämoglobins). Da
-im übrigen die Bildung von Schwefel-Hämoglobin in jeder faulenden
-Leiche stattfinden kann, ist sie für die Schwefelwasserstoffvergiftung
-nicht charakteristisch. Ausserdem beobachtet man die Erscheinungen
-der Suffokation (Blutüberfüllung der Lunge, des Herzens und der
-grösseren Gefässe). Die +Behandlung+ ist dieselbe wie bei der
-Kohlenoxydvergiftung; als chemisches Antidot wird ferner die Inhalation
-von Chlorgas empfohlen. Der +Nachweis+ geschieht durch den Geruch,
-sowie chemisch durch Schwarzfärbung von Papierstreifen, welche mit
-Bleizuckerlösung getränkt sind (Bildung von Schwefelblei).
-
- =Schwefel.= Die Giftigkeit des Schwefels beruht einerseits auf
- der +reizenden Wirkung+ des Schwefels +auf die Darmschleimhaut+,
- andererseits auf seiner +Umwandlung zu SH_{2}+. Die Erscheinungen der
- Schwefelvergiftung sind: +Gastroenteritis+ mit +heftiger Kolik+ und
- Entleerung dünnflüssiger, schwärzlicher, nach +Schwefelwasserstoff+
- riechender Massen, +Koma+, Geruch der ausgeatmeten Luft nach
- Schwefelwasserstoff. Aehnlich äussert sich die Vergiftung mit
- +Schwefelleber+. Die +Behandlung+ besteht in der Verabreichung von
- Eisen, gebrannter Magnesia, Exzitantien, schleimiger Mittel. Eine
- charakteristische Schwefelvergiftung bei Pferden ist von +Demblon+,
- +Mosselmann+ und +Hébrant+ (Belg. Annal. 1898) beschrieben worden.
- Danach erhielten 9 Pferde zusammen 4 kg Schwefel (3-400 g pro
- Stück). 3 Pferde verendeten innerhalb 24 Stunden unter heftigen
- Kolikerscheinungen und Durchfall; die Sektion ergab Gastroenteritis,
- Lungenödem und starken SH_{2}-Geruch aller Organe. Dass im übrigen
- der Schwefel nur wenig giftig ist, beweisen die Versuche von
- +Hertwig+. Dieser gab einem mittelstarken, 9jährigen Pferd innerhalb
- 16 Tagen 2800 g (nahezu 3 kg) Schwefel in der Weise, dass am ersten
- Tag 30 g, am zweiten 60, am dritten 90 g u. s. f. verabreicht
- wurden. Am dritten Tag (180 g) roch die Hautausdünstung deutlich
- nach Schwefel (Bleireaktion). Die Absonderung des Schleimes in der
- Nase vermehrte sich täglich; am 7. Tag (840 g) trat Durchfall ein,
- der bis zum 17. Tag (Tag der Tötung) fortdauerte. +Die Fresslust
- wurde niemals getrübt+; trotzdem magerte das Pferd bei gutem Futter
- sichtbar ab, wurde täglich kraftloser, so dass es am 16. Tag nicht
- mehr allein von der Streu aufstehen konnte. Puls und Atem waren
- bis zum letzten Tag normal; Kolikerscheinungen traten nicht auf.
- Vom 10. Tag ab wurde das Blut immer dunkler und zuletzt selbst
- in den Arterien fast schwarz; dabei war es sehr dünnflüssig und
- langsam gerinnend. Am 17. Tag wurde das Pferd getötet. Die Sektion
- ergab ausgebreiteten Schwefelwasserstoffgeruch aller Organe, sowie
- leichte gastroenteritische Erscheinungen. Diesem +Hertwig+schen
- Versuche gegenüber muss eine angebliche Beobachtung von +Fogliata+
- (Giornale di Anat. Fisiol. e Pathol. 1866) als sehr unwahrscheinlich
- erscheinen. +Fogliata+ hält nämlich 45 g für die Maximaldosis des
- Schwefels bei Pferden (!). Er will bei einem 3jährigen Fohlen nach
- Verabreichung von etwas über 30 g reinen Schwefels eine innerhalb
- 18 Stunden unter Diarrhöe verlaufende tödliche Gastroenteritis
- beobachtet haben(?); eine Arsenikvergiftung soll dabei ausgeschlossen
- gewesen sein. Nach +Mosselmann+ und +Hébrant+ haben bei Fohlen
- 250 g, bei erwachsenen Pferden 500 g Schwefel eine Vergiftung zur
- Folge. -- Nach +Hébrant+ (Belg. Annal. 1900) sollen in Belgien
- bei Hunden sehr oft Schwefelvergiftungen vorkommen (Eingeben von
- Schwefel als Prophylaktikum gegen die Staupe im Frühjahr) und sich
- in Kolik, Erbrechen, Durchfall, selbst blutigem Erbrechen und
- Durchfall, Somnolenz, Anämie der Schleimhäute mit häufig tödlichem
- Ausgang äussern. -- Ueber eine Vergiftung beim Rind und Schwein hat
- +Fabretti+ berichtet (Giorn. vet. 1900). -- Aehnlich wie Schwefel
- wirken Selen und Tellur. Letzteres findet sich zuweilen in unreinen
- Wismutsalzen und bedingt durch seine Umwandlung zu Tellurwasserstoff
- = TeH_{2} den aashaften knoblauchartigen Geruch der ausgeatmeten Luft
- (sog. Wismutatem). Sehr giftig sind ferner das tellursaure Natrium,
- sowie die selenige Säure und ihre Salze.
-
-
- =Schwefelleber.= Die Schwefelleber (+Schwefelkalium+, Kalium
- sulfuratum) von der Formel K_{2}S_{3} + K_{2}S_{2}O_{3} kann bei
- äusserlicher Anwendung als Räudemittel, sowie bei innerlicher
- Verabreichung (Verwechslung mit Kalium sulfuricum) schwere
- Vergiftungserscheinungen veranlassen. Die Giftwirkung setzt sich
- zusammen aus der +ätzenden Kaliwirkung+ (Dermatitis, korrosive
- Gastroenteritis, Kolik) und der +Schwefelwasserstoffwirkung+
- (Betäubung, Lähmung, Krämpfe). Bei Hunden wirken schon 2-4,0, bei
- Pferden und Rindern 30-60,0 giftig. Eine Vergiftung mit Schwefelleber
- bei 12 räudigen Pferden nach dem Waschen mit 10proz. Lösung ist im
- Berliner Archiv (1898, S. 298) beschrieben. Die Tiere wurden 1 Stunde
- nach der Waschung sehr unruhig, atmeten sehr schnell und zeigten
- sich zuletzt sehr abgestumpft; an den kräftig geriebenen Hautstellen
- trat starke Schwellung und später Ablösung der Haut in Fetzen
- ein. Sämtliche Pferde erholten sich bis zum nächsten Tag wieder
- vollständig.
-
-
- =Schweflige Säure.= Die schweflige Säure, SO_{2}, entwickelt
- sich beim Verbrennen des Schwefels. Sie kann gelegentlich der
- Desinfektion von Stallungen, bei der Entleerung von Gefrierapparaten,
- sowie beim Einatmen von Flugstaub (Rösten von Bleierzen)
- Vergiftungserscheinungen bei Pferden, Rindern und anderen
- Haustieren hervorrufen. Dieselben äussern sich in +Konjunktivitis+,
- +Laryngitis+ (Husten), +schweren Atembeschwerden+, krampfhaftem
- Stimmritzenverschluss, sowie in der Ausbildung einer +kruppösen
- Bronchitis+ und +Pneumonie+ (reduzierende Wirkung, Umwandlung zu
- Schwefelsäure). Nach +Ogata+ erkranken Tiere schon bei einem Gehalt
- der Luft von ½ Vol. pro Mille SO_{2} und sterben bei einem solchen
- von 3 pro Mille unter Dyspnoe und Krämpfen. Nach +Kionka+ erzeugen
- schon ½proz. wässerige Lösungen im Magen intensive Gastritis, 5proz.
- Lösungen haben nach 3-5 Minuten den Tod der Versuchstiere zur Folge.
- In den Lungenkapillaren entstehen schon intra vitam Gerinnungen.
- Wegen ihrer starken Giftigkeit in Gasform wird daher neuerdings
- flüssig gemachte schweflige Säure unter dem Namen +Piktolin+ zur
- Vertilgung von Ratten und Mäusen empfohlen (+Kosselt+). +Tempel+
- (Berl. tierärztl. Wochenschr. 1893, Nr. 35) beobachtete bei 4
- Pferden und 4 Schweinen eine Vergiftung mit SO_{2} (schweflige
- Säure), welche aus einem Gefrierapparat in den Stall gelangt war.
- Die Sektion ergab katarrhalische bezw. diphtheritische Entzündung
- der Respirationsschleimhaut, Lungenemphysem, Bronchopneumonie,
- Blutstauung und parenchymatöse Veränderungen. -- +Köbert+ (Sächs.
- Jahresber. 1892, S. 110) beschreibt eine SO_{2}-Vergiftung bei 2
- Pferden, welche nach dem Einatmen von Flugstaub beim Rösten von
- Bleierzen auftrat, der zum grössten Teil aus schwefliger Säure
- bestand. Die Tiere zeigten heftige Entzündungserscheinungen von
- seiten der Kopf- und Respirationsschleimhäute, sowie der Lunge
- (Husten, Dyspnoe, Nasenausfluss etc.). Ein Pferd starb nach 5, das
- andere nach 10 Tagen unter Bildung eines Hautemphysems am Vorderteil
- und nach Eintritt von Lungengangrän. Bei der Sektion fand man Gangrän
- der Kehlkopf- und Luftröhrenschleimhaut, jauchige Bronchitis und
- Pneumonie, flächenhafte Blutungen auf der Nasenschleimhaut, sowie
- Stomatitis ulcerosa. -- Ein Hund war aus Versehen in einem Zimmer
- zurückgelassen worden, das zur Vertreibung von Wanzen geschwefelt
- worden war. Er zeigte grosse Mattigkeit, hochrote Farbe der
- sichtbaren Schleimhäute, Salivation, Konjunktivitis und Keratitis,
- Dyspnoe, inspiratorisches laryngeales Rasseln, Husten, Laryngitis,
- Tracheitis, Bronchitis und Bronchiolitis, Fieber (40,3°) und
- gesteigerte Pulsfrequenz (156 Pulse); nach 22 Tagen war er wieder
- gesund (+Jakob+, Woch. f. Tierh. 1908).
-
-
- =Sulfite.= Die +Salze+ der +schwefligen Säure+ (+Natrium+,
- +Kalium+, +Calcium sulfurosum+ und +subsulfurosum+), welche
- früher als ungiftige innerliche Antiseptika gegen verschiedene
- Infektionskrankheiten empfohlen wurden, sind ebenfalls stark
- giftig. Nach +Pfeiffer+ (Arch. f. exp. Path. Bd. 27) wirken sie
- schon in Dosen von 0,6 pro Kilo tödlich durch +Gefässlähmung+
- und +Herzlähmung+; bei innerlicher Verabreichung erzeugen sie
- ferner infolge Abspaltung der ätzenden freien schwefligen Säure
- +Gastroenteritis+ (+Kionka+, Zeitschr. f. Hyg. 1896). Nach neueren
- Versuchen von +Kionka+ an Hunden erzeugte der fortgesetzte Genuss von
- mässigen Mengen schwefligsauren Natrons Abortus, Absterben der Fötus,
- entzündliche Schwellung und Rötung der Darmmukosa, sowie Blutungen in
- inneren Organen (Deutsch. med. Woch. 1902 Nr. 6). Auch beim Menschen
- wurden gastrische Störungen beobachtet (+Bernatzik+ und +Braun+).
- Aus diesem Grunde wirken die Sulfite als konservierender Zusatz zu
- Nahrungsmitteln (Fleisch) +gesundheitsschädlich+. Ein derartiger
- Zusatz ist daher verboten worden (Bundesratsbeschluss vom 18.2.02).
-
-
- =Untersalpetersäure und Salpetrigsäure-Anhydrid.= Die
- Untersalpetersäure, NO_{2} (Stickstoffdioxyd), bildet sich aus
- NO, Stickoxyd, sofort bei Zutritt von Luft. NO_{2} sowohl, wie
- N_{2}O_{3} (Salpetrigsäureanhydrid) erzeugen beim Einatmen
- Laryngitis, Tracheitis und Lungenödem, sowie als Allgemeinwirkung
- Methämoglobinämie. Ebenso wirken die salpetrigsauren Salze
- (+Nitrite+). N_{2}O, Stickstoffoxydul (Lustgas) wirkt narkotisierend
- auf das Grosshirn. Aehnlich reizend wie die Dämpfe der salpetrigen
- Säure wirken nach +Binz+ die Dämpfe des +Ozons+, O_{3}; die
- Allgemeinwirkung des Ozons ist eine narkotisierende bezw.
- hypnotisierende (+Schulz+); bei der Sektion findet man Verfettung der
- Leber, der Nieren und des Herzens.
-
-
- =Schwefelkohlenstoff.= Der Schwefelkohlenstoff, CS_{2}, ist
- experimentell bei Tieren als +Blut-+ und +Nervengift+ festgestellt.
- Er erzeugt Methämoglobinämie, Krämpfe und Lähmung. Beim Menschen
- kommt in Kautschukfabriken eine chronische Vergiftung vor, welche
- sich in Geisteskrankheit, epileptiformen Krämpfen, Tabes etc.
- äussert. +Dierks+ (Preuss. Vet.-Ber. pro 1906) berichtet über eine
- Vergiftung bei 2 Pferden, die gegen Gastruslarven 36 bezw. 100
- g Schwefelkohlenstoff in Kapseln erhalten hatten; beide Pferde
- „erkrankten schwer und gingen nach 9 Tagen ein“.
-
-
-Alkoholvergiftung.
-
- =Allgemeines.= Der Alkohol (Spiritus, Weingeist) entsteht aus
- den Kohlenhydraten unter der Einwirkung des Hefepilzes. Man
- unterscheidet einen 100prozentigen (wasserfreien), 99prozentigen
- (absoluten), 91prozentigen (höchst rektifizierten) und einen
- 68prozentigen (rektifizierten oder verdünnten Alkohol). Die
- verschiedenen Branntweine enthalten 40-50 Proz. Alkohol (neben
- Fuselöl und Aldehyd), der Wein 8-10, das Bier 3-5 Proz. Reine
- Alkoholvergiftungen kommen bei den Haustieren nur ausnahmsweise z.
- B. nach zu hoher Dosierung des Weingeistes vor. Gewöhnlich wird
- den Haustieren Gelegenheit zur freiwilligen Aufnahme des Alkohols
- in Brennereien und Brauereien durch alkoholhaltige Schlempe und
- Treber, Branntweinmaische, Biermaische, starkes Branntweinspülicht,
- Spülwasser von Spiritusfässern, Weintrester, Apfelweintrester,
- gärenden Most, Lagerbier etc. gegeben. Da hierbei zuweilen neben dem
- Alkohol auch noch die gärenden Futtermassen im Darm ihre Wirkung
- äussern, treten als Komplikation der Alkoholvergiftung mitunter auch
- gastrische Zufälle (Tympanitis, Kolik) auf.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Erscheinungen der +akuten
-Alkoholvergiftung+ (akuter Alkoholismus) äussern sich anfangs in
-Erregungs-, später in Lähmungszuständen des Gehirns. Zunächst zeigen
-die Tiere Unruhe und +Aufregung+, selbst +Tobsucht+, +Zerstörungssucht+
-und +wutähnliche Anfälle+ (namentlich Rinder). Gleichzeitig sind die
-sichtbaren Schleimhäute hochgerötet, der Herzschlag ist pochend,
-der Puls beschleunigt; zuweilen beobachtet man auch aufgeregten
-Geschlechtstrieb und vereinzelt selbst Abortus. Später beobachtet
-man +Schwanken+, +Taumeln+, +rauschartigen+ Zustand, Betäubung,
-Zusammenstürzen, Bewusstlosigkeit, sowie +allgemeine Lähmung+. Der
-tödliche Ausgang erfolgt unter den Erscheinungen des +Kollapses+ unter
-starker Temperaturerniedrigung und Pulsverlangsamung, sowie zuweilen
-unter vorausgegangenen Krämpfen. Das Zentralnervensystem wird durch
-den Alkohol in nachstehender Reihenfolge gelähmt: Hirnrinde und
-Grosshirn, Kleinhirn, Rückenmark, zuletzt das verlängerte Mark mit dem
-Atmungszentrum.
-
-Bei der +Sektion+ findet man das Gehirn mit seinen Häuten und
-Blutleitern sehr blutreich; die Gehirnsubstanz ist zuweilen
-von hämorrhagischen Herden durchsetzt, auch findet man in den
-Gehirnventrikeln oft grössere Mengen blutigen Serums. Die
-Darmschleimhaut zeigt bisweilen die Erscheinungen einer hämorrhagischen
-Entzündung, wobei der Darminhalt blutig ist. Auch an anderen
-Stellen, namentlich im Herzen und in der Subkutis, sind Hämorrhagien
-gefunden worden. Das Blut ist dünnflüssig, von schwarzroter Farbe.
-Der Magen- und Darminhalt fällt durch seinen Alkoholgeruch auf.
-Die +mikroskopische+ Untersuchung des Gehirns ergibt auffallende
-Veränderungen der Ganglienzellen des Grosshirns; sie sind in rundliche,
-blasse Gebilde verwandelt, der Kern, die Nisslkörper und die Dendriten
-verschwinden.
-
-+Chronische Alkoholvergiftungen+ sind klinisch nur vereinzelt, so
-angeblich bei dem Hunde eines Destillateurs (+Spinola+) beobachtet
-worden. Speziell über die beim Menschen so häufige +Leberzirrhose+
-als Erscheinung des chronischen Alkoholismus ist in der Tierheilkunde
-nichts bekannt. Es ist sogar trotz der von mehreren Seiten
-angestellten experimentellen Untersuchungen noch eine offene Frage,
-+ob sich überhaupt durch die fortgesetzte Verabreichung von Alkohol
-bei Tieren künstlich Leberzirrhose erzeugen lässt+. Die Resultate
-der bisher ausgeführten Experimente sind sehr widersprechend.
-Ueber positive Resultate berichten +Strauss+, +Rechter+ u. a. Auch
-das im Gegensatz zum Landschwein angeblich häufige Vorkommen von
-Leberzirrhose bei Schweinen; welche mit Bierresten aus städtischen
-Restaurationen gefüttert werden (+Tschauner+), soll für das Vorkommen
-der Leberzirrhose wenigstens beim Schwein sprechen. Dagegen konnten
-+Afanassijew+, +Strassmann+, +von Kahlden+, +Lafitte+, +Pohl+,
-+Fieweger+ u. a. bei ihren Versuchen mit Hunden und anderen kleinen
-Haustieren experimentell keine ausgesprochene Leberzirrhose erzeugen;
-sie fanden lediglich Verfettung der Leberzellen, Hyperämie der
-Leber, sowie kleinzellige Infiltration (vergl. S. 170). +Mairet+
-und +Combemale+ wollen beobachtet haben, dass die Nachkommenschaft
-experimentell mit Weingeist gefütterter Hunde geschwächt erschien und
-frühzeitig starb; die gefütterten Hunde selbst sollen schliesslich
-Hodenatrophie gezeigt haben.
-
-
-=Behandlung.= Die Behandlung der Alkoholvergiftung ist eine
-symptomatische. Sie besteht in der Anwendung von +Exzitantien+. Neben
-kalten Sturzbädern auf den Kopf und der Applikation hautreizender
-Mittel gibt man innerlich oder subkutan +Kaffee+, +Koffein+, Aether,
-Kampfer, Salmiakgeist, kohlensaures Ammonium, Atropin, Hyoszin und
-Veratrin. Ausserdem sind die Tiere vor Abkühlung zu schützen (warme
-Decken).
-
-
-=Nachweis.= Der chemische Nachweis des Alkohols erfolgt mittels
-Destillation. Man destilliert ihn nach vorheriger Ansäuerung der zu
-untersuchenden Masse über und weist ihn im Destillat durch seinen
-charakteristischen Geruch, seine Brennbarkeit und die Möglichkeit der
-Oxydation zu Aldehyd und Essigsäure nach. Der Alkohol färbt ferner
-ein Gemisch von +chromsaurem Kali+ und Schwefelsäure intensiv +grün+
-(Reduktion des Chromsalzes), entwickelt, unter einer Glasglocke
-mit +Platinmoor+ zusammengebracht, den Geruch des Aldehyds und der
-Essigsäure (Oxydation), wobei die Essigsäure weiter durch Erwärmen
-mit Kali und einigen Körnchen Arsenik im Glasrohr in das sehr
-übelriechende +Kakodyl+ = As_{2}(C_{2}H_{5})_{4}O übergeführt werden
-kann. Endlich gibt eine alkoholhaltige Flüssigkeit mit einigen Tropfen
-einer heissgesättigten Lösung von +Molybdänsäure+ in konzentrierter,
-reiner Schwefelsäure eine tiefblaue Färbung. Schliesslich lässt
-sich der Alkohol sehr sicher auch durch die äusserst empfindliche
-Jodoformprobe nachweisen. Dieselbe besteht darin, dass man den im
-Destillate enthaltenen Alkohol durch Zusatz von Kalilauge und Jod
-(bis zur gelbbraunen Färbung) in kristallinisches Jodoform umwandelt,
-welches +mikroskopisch+ in Form +gelber+, hexagonaler Tafeln erkannt
-werden kann. Oder man verwandelt den Alkohol durch Schwefelkohlenstoff
-(2-3 Tropfen) und Kali in Xanthogensäure und erwärmt das Gemenge
-mit +molybdänsaurem Ammonium+ (1 Tropfen einer Lösung 1 : 10) und
-verdünnter Schwefelsäure (1 : 8), worauf +Rotfärbung+ eintritt.
-
- =Kasuistik.= 1. +Rinder.+ 16 Mastkühe eines Brennereibesitzers
- hatten alkoholhaltige Schlempe (beim Abdampfen stellte sich nachher
- ein Gehalt von 7 Proz. heraus) genossen. Am andern Morgen fand
- man 1 Kuh verendet, 14 Stück mussten geschlachtet werden und nur
- ein Tier genas. Die Erscheinungen während des Lebens bestanden in
- unterdrückter Futteraufnahme, Taumeln, Aufstützen des Kopfes, starker
- Rötung der Konjunktiva und Maulschleimhaut, beschleunigter Atmung,
- kurzem, mattem Husten, beschwerlichem Aufstehen, grosser Mattigkeit
- und Hinfälligkeit, Hin- und Hertrippeln, Zuckungen und Krämpfen
- in den Gliedmassen, sowie Gefühllosigkeit; die letztgenannten
- Erscheinungen wiesen auf einen baldigen tödlichen Ausgang hin. Die
- Dauer der Vergiftung betrug einige Stunden bis 2 Tage. Bei der
- Sektion fand man höhere Rötung der sichtbaren Schleimhäute, Ausfluss
- dünnen Blutes aus der Nase, dunkelrotes, nicht geronnenes Blut, die
- Subkutis sehr blutreich, an handgrossen Stellen dunkelrot gefleckt,
- die Farbe des Kadavers im ganzen schmutziggelb. Auf dem Pansen
- fanden sich grössere und kleinere dunkelrote Flecken, der Dünndarm
- war von aussen gerötet, an einzelnen Stellen schwarzrot gefärbt.
- Die Leber war zum Teil blass und bleifarbig. Der Darminhalt bestand
- aus einem dunkelroten, teils schokolade-, teils blutähnlichen Brei
- von dünnflüssiger Konsistenz. Die Lungen waren dunkel gerötet,
- der Herzmuskel welk, blass, mit kleineren, schwarzen Blutflecken
- durchsetzt. Die Gehirnblutleiter waren mit schwarzem flüssigem Blute
- gefüllt, die Rinden- und Marksubstanz des Gehirns war sehr blutreich
- und enthielt apoplektische Herde, die Adergeflechte waren geschwollen
- und die Hirnkammern mit blutigem Serum gefüllt (+Knipp+, Preuss.
- Mitt. 1878). -- Der ganze Viehstand eines Besitzers (90 Rinder)
- erkrankte dadurch, dass aus Versehen Maische unter die Schlempe
- geriet. Die Tiere taumelten wie betrunken, zeigten Zähneknirschen,
- starke Tympanitis und später Zuckungen der Halsmuskel. Bei der
- Sektion fand man braune, dünne, hefenartige Ergiessungen in den
- Siebbeinmuscheln und am Gehirn (+Krausse+, ibidem). -- Eine
- Ochsenherde zeigte nach der Fütterung alkoholhaltiger Schlempe das
- Bild der Betrunkenheit: Aufregung, stieren Blick, Taumeln, Wut,
- Zerstörungssucht, betrunkenes Am-Boden-liegen etc. (+Haselbach+,
- Oesterreich. Vereinsmonatschr. 1884). -- 3 Kühe hatten an einem
- Tag 60 l Lagerbier erhalten und erkrankten unter dem Bilde der
- Alkoholvergiftung (+Uhlich+, Sächs. Jahresber. 1887). -- In
- einer Brennerei erkrankten 20 Rinder, nachdem grössere Mengen
- alkoholhaltiger Maische mit der Schlempe verfüttert worden waren.
- 6 Stück krepierten im Verlaufe des ersten Tages, 10 am 3. und 5 an
- den darauffolgenden Tagen. Die Tiere zeigten unruhiges, wildes
- Benehmen, Brüllen und Toben, beschleunigte Atmung, Rötung der
- Konjunktiva usw. Bei der Sektion fand man Ansammlung von Serum in
- den Gehirnkammern, Hyperämie der Gehirnhäute, sowie viel Schaum
- in der Trachea und in den Bronchien (+Vorberg+, Veterinärbericht
- 1850). -- Eine Kuh verkalbte nach Ablauf einer durch Maischgenuss
- erzeugten Alkoholvergiftung am 6. Tage (+Schutt+, Magazin Bd. 21).
- -- 58 Kühe zeigten nach reichlicher Schlempefütterung Taumeln,
- Schwanken und Durchfall (+Schleg+, Sächs. Jahresber. 1892). -- Nach
- der Verfütterung gedämpfter Kartoffel mit grünem Gerstenmalz zeigten
- fast sämtliche Kühe die Erscheinungen der akuten Alkoholvergiftung
- (+Ziegenbein+, Berl. Arch. 1898). -- Eine Kuhherde erkrankte nach
- Verfütterung von Biertrebern an Alkoholvergiftung; die Tiere zeigten
- Unruhe, stieren Blick, Schwanken, Zusammenstürzen und länger
- andauerndes Versiegen der Milch (+Berndt+, Berl. Arch. 1890). --
- Eine Kuh, welche 3 l Branntwein an einem Tag erhalten hatte, zeigte
- sich sehr aufgeregt und bösartig, worauf ein tiefes Koma und nach 24
- Stunden der Tod erfolgte (+Bissauge+, Recueil 1895). -- Eine schwere
- Alkoholvergiftung nach der Verfütterung frischer Weissbiertreber
- wurde bei der Mehrzahl der Kühe eines Molkereibesitzers beobachtet;
- sie äusserte sich in Benommenheit, Stöhnen, Herzklopfen und
- sistierter Milchsekretion; die Biertreber enthielten 1¼ Proz.,
- die aus den Trebern abgesickerte Flüssigkeit 20 Proz. Alkohol
- (+Eggeling+, Preuss. Vet.-Ber. 1905). -- Eine Kuh, welcher vom
- Besitzer 2 l Kornbranntwein eingegeben worden waren, zeigte völlige
- Berauschung und lag schwer röchelnd am Boden; nach entsprechender
- Behandlung erholte sie sich erst am 3. Tag (+Kreutzer+, Woch. f.
- Tierh. 1909).
-
- 2. +Pferde.+ Ein klinischer Fall von Alkoholvergiftung ist von
- +Courrioux+ (Presse vétér. 1884) beschrieben worden. Ein Pferd,
- welches zufällig 5 l Branntwein mit 10 l Wasser aufgenommen hatte,
- erkrankte unter den Erscheinungen eines schweren Rausches und
- starb nach 60 Stunden. -- +Schirmann+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1894
- S. 199) beobachtete eine auffallend starke Alkoholwirkung bei
- einem kolikkranken Pferde, dem ½ l Schnaps eingegeben worden war.
- Das Pferd schlief hierauf 3 Stunden lang. Anderen Pferden hat S.
- gegen Brustseuche innerhalb 2 Tagen 2 l absoluten Alkohol, täglich
- 1 l in 3 Portionen mit je 5 l Wasser, ohne irgendeine narkotische
- Wirkung verabreicht. -- Ein Pferd trank 4 l gärenden Weinmost.
- Nach 10 Minuten zeigte es schwankenden Gang, konnte sich kaum mehr
- aufrecht erhalten, fiel dann um und blieb bewegungslos liegen.
- Nach elf Stunden erhob es sich und zeigte anhaltende schaukelnde
- Bewegungen (+Mestre+, Recueil 1892). -- Experimentelle Untersuchungen
- haben ergeben, dass die Intensität der Alkoholwirkung ausser von
- der Menge wesentlich auch von der Konzentration des verabreichten
- Alkohols sowie davon abhängt, ob die Tiere fieberhaft erkrankt
- sind oder nicht. Sehr konzentrierter Alkohol ist viel giftiger
- als ein verdünnter Weingeist in Quantitäten, welche bezüglich des
- Alkoholgehalts ersterem gleichkommen. Der konzentrierte Alkohol wirkt
- nämlich ausser als Narkotikum auch noch entzündungserregend auf die
- Schleimhaut des Magens und Darmes. Von verdünntem Alkohol wird, wenn
- man denselben auf konzentrierten Alkohol berechnet, von fieberlosen
- Tieren das Doppelte der tödlichen Dosis des konzentrierten Alkohols
- ertragen; fieberhaft erkrankte ertragen das 4- und 5fache. +Rektal+
- wirkt der Alkohol nach Versuchen von +Baum+ (Archiv f. Tierhlkde.
- 1897) örtlich entzündungserregend (hämorrhagische und selbst
- nekrotisierende Entzündung der Dickdarmschleimhaut; katarrhalische
- Entzündung der Dünndarmschleimhaut). Wird der Alkohol nicht wieder
- zum Teil per anum entleert, so wirken von 93proz. Alkohol 200-250 g
- bei Pferden tödlich. Der Tod wird teils durch die Darmentzündung,
- teils durch Gehirnlähmung bedingt. Gesunde Pferde werden nach 250,0 g
- absolutem (99proz.) unverdünntem Alkohol sehr unruhig und aufgeregt,
- steigen in die Höhe, fallen nach 2 Minuten nieder, schlagen heftig
- mit den Füssen und mit dem Kopfe, verdrehen die Augen, werden
- unempfindlich und bewusstlos und verenden nach 10 Minuten. 120-180,0
- g absoluter Alkohol bedingen ähnliche Zufälle, die Tiere bleiben
- jedoch am Leben (+Hertwig+). Nach intravenöser Einspritzung von 30-60
- g absolutem Alkohol sterben Pferde schon nach 1-3 Minuten. Dagegen
- ertragen gesunde Pferde von dem Spiritus dilutus (68proz. Alkohol)
- einmalige Dosen bis zu 500 g und mehr, ohne zu sterben, indem sie
- nur nach vorausgegangener Erregung berauscht und betäubt werden.
- Fiebernde Pferde ertragen, ohne berauscht zu werden, 1-1½ l absoluten
- Alkohol in verdünntem Zustande.
-
- 3. +Schweine.+ Nach der Verabreichung von Wein- und Bierresten sah
- +Mattern+ (Woch. f. Tierh. 1902) auffallende Munterkeit, Hochspringen
- an den Wänden, später Zuckungen und Krämpfe und schliesslich
- allgemeine Betäubung und Lähmung; 1 Schwein starb, 2 wurden
- notgeschlachtet, die 3 anderen genasen nach 4-5 Tagen. -- Durch
- tägliche Verabreichung von 1-1,5 g Alkohol pro kg Körpergewicht hat
- +Dujardin-Beaumetz+ (Comptes rendus 1883) bei Schweinen experimentell
- chronischen Alkoholismus erzeugt. Die Erscheinungen bestanden in
- Schläfrigkeit, galligem und schleimigem Erbrechen, Durchfall,
- Zittern, Schwäche und Lähmung des Hinterteils, Atembeschwerden.
- Bei der Sektion fand man Rötung und Blutung der Darmschleimhaut,
- Hepatitis, Lungenhyperämie, blutige Herde in und zwischen den
- Muskeln, sowie atheromatöse Degeneration der Aorta und der grossen
- Gefässe.
-
- 4. +Hunde+ sterben nach 30-60 g absolutem Alkohol, wenn derselbe
- in unverdünntem Zustand eingegeben wird, nachdem starke Aufregung,
- Erbrechen, Taumeln und Betäubung vorausgegangen sind; bei der Sektion
- findet man die Erscheinungen einer hämorrhagischen Gastroenteritis.
- Dieselbe Dosis tötet Hunde bei subkutaner Applikation. Dagegen
- ertragen fiebernde Hunde leicht 100-200 g absoluten Alkohol, wenn
- derselbe mit viel Wasser eingegeben wird. -- Ein kleiner Terrier
- erhielt täglich einen Kaffeelöffel Kognak; er zeigte sich hiernach
- wie dumm und schwankte beim Gehen (+Bissauge+, Recueil 1892).
-
- 5. +Ziegen+ und +Schafe+ können sich an verdünnten Alkohol allmählich
- so gewöhnen, dass sie bis zu 180 und 300 g Branntwein ertragen
- (+Hertwig+).
-
- 6. +Katzen+ sterben nach 25 g absolutem unverdünntem Alkohol unter
- denselben Erscheinungen wie Hunde.
-
- 7. +Geflügel+ (Enten, Hühner, Truthühner), welche in Branntwein
- eingemachte Kirschen verzehrt hatten, zeigten starke Trunkenheit; 6
- Hühner und 1 Ente starben (+Bissauge+, Recueil 1892).
-
- =Experimentaluntersuchungen über die Wirkung des Alkohols auf die
- Leber bei Tieren.= +Magnan+ (Compt. rend. de Biol. 1869) sah bei
- Hunden, die täglich 20-60 g Alkohol erhielten, ausser ulzeröser
- Gastritis fettige Degeneration der Leber. +Dujardin-Beaumetz+
- und +Audigé+ (Recherches exp. sur l’alcoolisme chronique; Paris
- 1884-1885) gaben 18 Schweinen 3 Jahre lang Alkohol in Dosen von
- 1-1,5 g pro kg; alle Tiere nahmen hiebei an Gewicht zu; die Leber
- war bei der Schlachtung sehr hyperämisch, zeigte jedoch in keinem
- Falle interstitielle Hepatitis. +Strauss+ und +Block+ (Etude exp.
- sur la cirrhose alcoolique; Paris 1887) fanden bei Kaninchen, die
- 3-12 Monate hindurch Alkohol bekamen, eine härtere Konsistenz der
- Leber sowie kleinzellige Infiltration im interazinösen Gewebe;
- Spindelzellen und Narbengewebe wurden nirgends beobachtet (trotzdem
- bezeichnen die Verfasser den Zustand als „frische Zirrhose“).
- +Afanassijew+ (Zieglers Beiträge 1890) sah bei Kaninchen und Hunden
- nach monatelangen Alkoholgaben starke Hyperämie, Fettinfiltration
- und fettige Degeneration der Leber sowie kleinzellige Infiltration
- (Anfangsstadium der Leberzirrhose?); die Versuchshunde
- zeigten Nekrose der Leberzellen mit herdförmiger Bildung von
- Narbenbindegewebe (kleinherdige Leberzirrhose?). +von Kahlden+ (ibid.
- 1891) beobachtete bei seinen Versuchstieren Leberverfettung sowie
- Hyperämie der Leberkapillaren, konnte jedoch Rundzelleninfiltration
- nicht feststellen. +Lafitte+ (L’intoxication alcoolique; Paris 1892)
- sah Hyperämie der Leber und Atrophie der Leberzellen beim chronischen
- Alkoholismus der Kaninchen; das interazinöse Leberstroma war jedoch
- stets intakt. +Rechter+ (Recherches exp. sur la cirrhose alcoolique,
- Brüssel 1892) sah bei Kaninchen nach 5-9 Monate langer Verabreichung
- von Alkohol (30-50 g pro die) in einem Fall eine kleinzellige
- Infiltration um die Endäste der Vena portae herum bei sonst
- intaktem Leberparenchym; in einem andern Falle (9 Monate) zeigte
- sich die Leberoberfläche narbig, die Konsistenz der Leber deutlich
- vermehrt, ausserdem bestand deutliche Bindegewebsneubildung in der
- Umgebung der Leberläppchen. Einen der menschlichen Zirrhose sehr
- ähnlichen Befund bot ferner ein Hund, der 4 Monate hindurch Alkohol
- erhalten hatte (von den Venae centrales drang junges Bindegewebe
- bis an die Peripherie der Leberläppchen, wo sich schmale Züge von
- interstitiellem Bindegewebe entwickelt hatten). Die Untersuchungen
- von +Pohl+ (Arch. f. Pharm. 1893) verliefen negativ (lediglich
- Leberverfettung). +Fieweger+ (Diss. Cöthen 1909) fand bei seinen
- Versuchen im pharmak. Institut der Berliner Tierärztl. Hochschule
- (Regenbogen) bei Hunden, Katzen, Schweinen und Kaninchen, die 100
- Tage lang 3-5 g Alkohol pro kg Körpergewicht erhalten hatten, relativ
- geringfügige Leberveränderungen: Fettinfiltration, vereinzelt auch
- fettige Degeneration der Leberzellen, sowie Hyperämie der Kapillaren.
- Eigentliche zirrhotische Veränderungen wurden bei allen Tieren
- vermisst. Nur bei einem Kaninchen schien eine frische Hepatitis
- interstitialis in Form einer zelligen Infiltration vorzuliegen.
-
-
-Chloroformvergiftung.
-
- =Allgemeines.= Chloroformvergiftungen können sich beim
- Chloroformieren der Haustiere aus verschiedenen Veranlassungen
- ereignen. Die Ursachen sind häufig in dem Tier selbst oder in
- der Tiergattung gelegen. So ist bekannt, dass +Hunde+ wegen der
- Häufigkeit der bei ihnen vorkommenden Herzfehler das Chloroformieren
- im allgemeinen schlecht ertragen. Auch bei +Pferden+ ist das
- Chloroformieren nicht ganz ungefährlich (vgl. unten). Es kann ferner
- +unreines+, zersetztes Chloroform die Veranlassung zur Vergiftung
- abgeben. In dieser Hinsicht ist namentlich eine Beimengung des stark
- giftigen Aethylidenchlorids, Amylchlorids und Methylenchlorids,
- sowie des Phosgengases gefährlich. Endlich kann die Veranlassung
- zu dem tödlichen Ausgang der Chloroformierung in einem +Versehen+
- des Tierarztes liegen, wenn derselbe die vorgeschriebenen
- Vorsichtsmassregeln während der Narkose nicht beachtet.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Chloroform wirkt in tödlichen
-Dosen giftig durch +Lähmung+ des +Atmungszentrums+. Ausserdem ist
-es ein +lähmendes+ Gift für den +Herzmuskel+, welcher unter seiner
-Einwirkung fettig degeneriert. Der Uebergang der Chloroformnarkose
-in Chloroformvergiftung gibt sich daher durch die Erscheinungen der
-beginnenden Herzlähmung zu erkennen. Der +Puls+ wird +schwach+ und
-+aussetzend+, der +Herzschlag unfühlbar+, die +Atmung sistiert+, die
-+Pupillen erweitern sich+, die +Temperatur sinkt+, das aus der Wunde
-fliessende Blut zeigt +venöse+ Farbe (Erstickungsblut). Bei der Sektion
-findet man +Verfettung+ des +Herzmuskels+, der +Skelettmuskulatur+, der
-+Gefässwandungen+, der +Leber+ und +Nieren+. Endlich ist das Chloroform
-ein +Blutgift+; nach subkutanen Injektionen entsteht infolge
-Zersetzung der roten Blutkörperchen Hämoglobinurie.
-
-Zuweilen kommt es vor, dass der Tod erst mehrere Tage nach der
-Chloroformnarkose eintritt, nachdem die Tiere sich scheinbar wieder
-vollständig erholt haben. Ueber die Ursache dieser sog. +tödlichen
-Nachwirkung+ des Chloroforms hat +Ostertag+ (Virchows Archiv 1889)
-experimentelle Untersuchungen angestellt und hierbei gefunden, dass
-die Nachwirkung des Chloroforms in der Erzeugung von +Verfettungen+
-in den verschiedensten Organen besteht, hauptsächlich aber einer
-Fettmetamorphose der +Herz-+ und +Skelettmuskulatur+ und einer
-sekundären Fettinfiltration der +Leber+. Die Fettmetamorphose
-resultiert aus einer Einwirkung des Chloroforms auf das Blut
-(+Auflösung der roten Blutkörperchen+) und auf die +Gewebszellen+
-selbst (Ertötung). Der nachträgliche Tod nach Chloroformverwendung
-erfolgt durch +Lähmung des Herzens+. Die Herzlähmung selbst wird
-herbeigeführt durch eine bisweilen nur wenig in die Augen tretende
-+anatomische Schädigung+ des +Myokardiums+ und eine gleichzeitig
-sich geltend machende allmähliche +Suffokation+ (Oligozythämie und
-mangelhafte Respiration infolge Verfettung der Atmungsmuskeln).
-
-
-=Verhalten der einzelnen Tiergattungen.= Die einzelnen Tiergattungen
-zeigen dem Chloroform gegenüber ein sehr verschiedenartiges Verhalten.
-Besonders giftig wirkt das Chloroform auf +Rinder+, +Schafe+,
-+Ziegen+ und +Katzen+. Aber auch für +Hunde+ und +Pferde+ ist das
-Chloroformieren nicht ungefährlich. Im einzelnen ist folgendes zu
-bemerken:
-
-1. Für =Pferde= beträgt die toxische Dosis des Chloroforms
-durchschnittlich 1 g pro kg Körpergewicht (+Negotin+). Im übrigen
-können erfahrungsgemäss viel kleinere Dosen bei manchen Pferden giftig
-wirken. In den Jahren 1895-1899 sind in meiner Klinik 800 Pferde
-unter Chloroformnarkose operiert worden. Eines dieser Pferde ist an
-Chloroformvergiftung, und zwar nachdem erst 55 g verbraucht waren,
-+gestorben+. Ein zweites ist in +schwere Chloroformasphyxie+ verfallen
-und konnte nur durch schnelle Injektion von Skopolamin gerettet werden.
-Bei 6 anderen Pferden hat die +Atmung vorübergehend ausgesetzt+. 5
-Pferde (eigentümlicherweise lauter Kryptorchiden) zeigten nach dem
-Chloroformieren stundenlang anhaltendes +Erbrechen+, allerdings
-ohne nachteilige Folgen. 1 Pferd bot nach dem Chloroformieren das
-Bild einer +akuten Stimmbandlähmung+ dar, indem es im Stand der Ruhe
-längere Zeit hindurch laut rohrte. 2 Pferde starben endlich einige
-Tage nach dem Chloroformieren an einer akuten +gangräneszierenden
-Pneumonie+. Wenn ich das alles zusammenfasse und noch dazu hervorhebe,
-dass das gebrauchte Chloroform von tadelloser Beschaffenheit, und die
-von mir angewandten Chloroformmengen relativ geringe waren, indem
-ich nur ausnahmsweise eine ganz tiefe Narkose einleitete, und der
-durchschnittliche Verbrauch nur 20-60 g (20-225 g) betrug, so drängt
-sich mir die Schlussfolgerung auf: +dass das Chloroform für Pferde kein
-ungefährliches Narkotikum ist+.
-
-+Vennerholm+ (Zeitschr. f. Tiermed. 1898) hat ebenfalls einige Fälle
-von +Chloroformtod+ bei Pferden infolge von Herz- und Atemlähmung
-beobachtet. Ein Pferd starb beispielsweise ganz plötzlich an
-systolischer Herzlähmung. 2 andere chloroformierte Pferde starben
-infolge von +Lungenentzündung+; andere, besonders alte Pferde, zeigten
-in den ersten Tagen nach dem Chloroformieren schwere +Dyspnoe+
-(Herzschwäche). Mehrmals wurde ferner +Steckenbleiben von Futterbissen
-im Schlund+ konstatiert, wenn die Pferde nach beendigter Narkose Futter
-aufnahmen (Schlundlähmung); V. rät daher, den chloroformierten Pferden
-erst einige Stunden nach der Narkose Futter zu verabreichen.
-
-Tödliche Fälle von Chloroformvergiftung sind ferner von +Lanzillotti+
-und +Knauer+ (nekrotisierende Pneumonie), sowie in der preussischen
-Armee (Preuss. Milit. Vet. Bericht, Jahrg. 5) konstatiert worden.
-Heftiges, eine Viertelstunde anhaltendes Würgen und Geifern bei tief
-chloroformierten Pferden haben +Georges+ und +Röder+ beobachtet (Sächs.
-Jahresber. 1898); letzterer sah ausserdem bei 2 Pferden schwere
-Erstickungsanfälle (Glottisödem), welche nur durch die Tracheotomie
-gehoben werden konnten.
-
- =Kasuistik.= Die beiden von mir beobachteten Fälle von schwerer
- Chloroformvergiftung bei Pferden sind folgende:
-
- 1. Eine 12 Jahre alte braune Stute wurde am 3. September
- 1895 in die chirurgische Klinik eingestellt zum Zweck der
- Hufknorpelfisteloperation. Die Voruntersuchung ergab einen
- mittelmässigen Nährzustand, etwas schwachen, aber regelmässigen
- Puls, reine Herztöne, 36 Herzschläge, 37,8° C Temperatur, 20
- Atemzüge, rege Futteraufnahme, blassrote Färbung der Konjunktiva,
- sowie etwas benommenes Sensorium. Am linken Vorderfuss bestand
- eine veraltete Hufknorpelfistel verbunden mit Lahmheit. Das Pferd
- wurde in gewöhnlicher Weise zur Operation vorbereitet und am 6.
- September geworfen. Auch an diesem Tage hatte das Pferd 36 Pulse,
- 20 Atemzüge und 37,8° C Temperatur. +Beim Chloroformieren fiel auf,
- dass das Pferd ausserordentlich schnell in Narkose verfiel.+ Nach
- kaum 10 Minuten, bei einem Verbrauche von nur 15 g Chloroform,
- konnte mit der Operation begonnen werden. +Nach weiteren 30
- Minuten, nachdem im ganzen 55 g Chloroform verbraucht waren, wurde
- die Atmung plötzlich sehr beschleunigt und sistierte nach einer
- weiteren Minute vollständig.+ Gleichzeitig wurde der bis dahin
- normale +Puls unfühlbar+, die Venen des Kopfes und Halses schwollen
- stark an und es war leichter Schweissausbruch bemerkbar. Die sofort
- angestellten Wiederbelebungsversuche blieben ohne Erfolg. Es wurden
- während einer halben Stunde kalte Waschungen des Kopfes, Halses
- und Thorax vorgenommen, zwei subkutane Atropininjektionen gemacht,
- künstliche Atmungsbewegungen am Thorax ausgeführt und schliesslich
- sogar ein Aderlass gemacht, alles vergeblich. Die Sektion bestätigte
- die Diagnose Chloroformvergiftung. Es wurden bei sonst negativem
- Befunde eine Erweiterung des rechten Herzens mit Systole der linken
- Herzkammer, starke Hyperämie der Venen des Halses und Kopfes, Zyanose
- der Leber und Lungen, sowie subepikardiale Hämorrhagien vorgefunden.
- Durch die eingehende Vernehmung des Ueberbringers des Pferdes liess
- sich nachträglich folgendes ermitteln. +Das Pferd war am 8. Juli
- 1895 an Hitzschlag erkrankt+ und wurde bis zum 20. Juli tierärztlich
- behandelt. Während dieser Zeit zeigte es die Erscheinungen eines
- schweren Gehirnleidens. Vom 20. Juli bis zum 3. September war zwar
- eine Besserung eingetreten. Das Pferd zeigte sich aber so matt, dass
- es in der Zwischenzeit bis zum 3. September, dem Tag der Einstellung
- in die chirurgische Klinik, nicht wieder eingespannt werden konnte.
-
- 2. Ein mit Hufkrebs behafteter 9jähriger, brauner Hengst wurde am
- 20. November 1896 abgeworfen und unter Chloroformnarkose operiert.
- Die Operation, welche in der Entfernung des ganzen Fleischstrahls,
- der ganzen Fleischsohle und etwa drei Viertel der Fleischwand
- mittelst Hauklinge, Rinnmesser, Lorbeerblattmesser, Schere und
- scharfem Löffel bestand, dauerte 1½ Stunden. +Während der Operation
- setzte, als im ganzen erst 48 g Chloroform verbraucht waren, die
- Atmung plötzlich aus.+ Der sonst in der Regel wirksame Versuch,
- die Atmung durch flache Schläge auf die Bauchdecke anzuregen,
- versagte in diesem Falle gänzlich, auch kaltes Wasser, frische Luft,
- Kompression des Thorax usw. konnten die Chloroformasphyxie nicht
- beseitigen. Da eine Atropinlösung zufällig nicht zur Hand war,
- wurde dem Pferd eine vorrätig gehaltene subkutane Skopolaminlösung
- (0,1) eingespritzt. Diese Injektion hatte sofortiges Wiederkehren
- der Atembewegungen zur Folge, so dass die Operation beendet werden
- konnte. Als das Pferd hierauf in seinen Stand zurückgebracht war,
- zeigte es ganz eigentümliche Erregungszustände. Vor allem fiel das
- laute, trompetenförmige, an Elefantengebrüll erinnernde, anhaltende
- Schnauben und Wiehern des Pferdes auf. Sodann zeigte sich das Pferd
- den ganzen Tag über psychisch sehr aufgeregt, ja selbst am anderen
- Tag waren die zerebralen Erregungserscheinungen sowie die Steigerung
- der Atemfrequenz noch nicht vollständig verschwunden. Im übrigen
- blieb diese Skopolaminlösung ohne nachteiligen Einfluss auf das
- Allgemeinbefinden sowie auf den Verlauf der Heilung.
-
- Eine Studie über die Verantwortlichkeit des Tierarztes für den
- Chloroformtod hat +Bärner+ veröffentlicht (Zeitschr. f. Tiermed. 1900
- S. 28).
-
-2. Für =Hunde= ist das Chloroform im allgemeinen gefährlich, da es
-leicht zu +Lähmung des Atmungszentrums+ und Herzens führt (+Negotin+,
-eigene Beobachtungen). Manche Hunde ertragen allerdings grössere
-Chloroformmengen gut (+Ostertag+, +Albrecht+). Das Exzitationsstadium
-ist meistens kurz, indem die Tiere einige Minuten hindurch sehr
-unruhig werden und bellen oder heulen. Während der Narkose besteht
-Speichelfluss. Sehr häufig sistiert die Atmung dann plötzlich unter
-starker Erweiterung der Pupillen und Zyanose der Schleimhäute,
-während das Herz noch einige Zeitlang fortschlägt. Bei 7 Hunden trat
-nach Verbrauch von 25-40 g Chloroform nach 5-22 Minuten Stillstand
-der Atmung ein, so dass das Leben nur durch künstliche Respiration
-erhalten werden konnte; 20 Hunde starben nach 1-22 Minuten und nach
-einem Chloroformverbrauch von 1-65 g infolge von Atmungslähmung
-(13), gleichzeitiger Atmungs- und Herzlähmung (4) bezw. Herzlähmung
-(3) (+Negotin+). Nach +Hobday+ (800 Fälle) soll dagegen der Hund
-bei Anwendung der nötigen Vorsicht (Bauchlage, Vorrätighalten
-von Gegenmitteln) ein geeignetes Objekt für die Chloroformierung
-darstellen; im übrigen hat auch +Hobday+ 9mal Vergiftungserscheinungen
-und 3mal tödliche Chloroformvergiftung beobachtet (!).
-
-3. Für =Katzen= ist das Chloroform nach +Negotin+ ein noch +viel
-gefährlicheres+ Mittel als für Hunde. Das Exzitationsstadium ist kurz
-und sehr ausgeprägt und geht rasch in tiefe Anästhesie über. Der Tod
-trat in vielen Fällen unter den Erscheinungen der Atmungslähmung in
-einem Zeitraum von 1½-20 Minuten und nach einem Verbrauch von 6-7
-g Chloroform ein. Auch nach +Guinard+ sind Katzen gegen Chloroform
-ausserordentlich empfindlich, indem sie häufig verenden. +Müller+ sah
-bei einer kräftigen Katze den Tod nach 8 g Chloroform in 7 Minuten, bei
-einer anderen nach 6 g in 4 Minuten eintreten. Im übrigen scheinen auch
-bei Katzen Ausnahmen von dieser Regel vorzukommen. So hat +Ostertag+
-bei seinen Versuchen gefunden, dass sich eine tiefe Narkose bei Katzen
-lange unterhalten lässt. Nach Versuchen von +Kappler+ starben die in
-einem Sack betäubten Tiere erst nach ¼-¾stündiger Chloroformierung
-und nach einem Verbrauch von 100-300 g Chloroform. Offenbar kommt
-bei Katzen auch die Methode des Chloroformierens wesentlich mit in
-Betracht. +Hobday+ hat 120 Katzen chloroformiert; er hebt ebenfalls
-hervor, dass Katzen noch viel empfindlicher sind als Hunde und daher
-mit noch grösserer Sorgfalt chloroformiert werden müssen.
-
-4. Beim =Rind= treten während der Narkose Krampfanfälle einzelner
-Muskelgruppen in Form von +Tetanus+ und +Opisthotonus+ auf. Das
-Erregungsstadium ist sehr kurz (1-5 Minuten) und stark ausgesprochen;
-nach weiteren 2-4 Minuten stellt sich Schlaf ein, dem komplette
-Empfindungslosigkeit folgt. Nebenerscheinungen hiebei sind
-Speichelfluss, Tränen, Erbrechen, Sistieren der Pansentätigkeit sowie
-+Tympanitis+. Nach Ablauf der Narkose zeigen die Tiere mehrere Stunden
-hindurch einen schwankenden Gang. Die Dauer der Narkose beträgt bei
-einem Verbrauch von 50-140 g Chloroform 40-60 Minuten (+Negotin+). Bei
-innerlicher Verabreichung von 50-75 g Chloroform beobachtete ich bei
-einer Kuh Schwanken in der Hinterhand ohne wesentliche Benommenheit des
-Sensoriums.
-
-5. Bei =Schafen= und =Ziegen= sind während der rasch eintretenden
-Narkose lebensgefährliche Komplikationen zu beobachten: +krampfartiges
-Atmen+, +Stillstand der Respiration+, +Tympanitis+, +Erbrechen+,
-+Aspiration von erbrochenen Futtermassen in die Luftröhre+, +akute
-Bronchopneumonie+, +Zyanose der Schleimhäute+, +Opisthotonus+. Die
-Auftreibung des Abdomen erklärt sich aus der Lähmung der Magen- und
-Darmwandung. In der Regel erfolgt der Tod, auch nach überstandener
-Narkose, unter Erstickungserscheinungen. Die Sektion ergibt als
-Todesursache eine akute Bronchopneumonie. Auch schwere Gehirnstörungen,
-z. B. Drehbewegungen, sowie Erscheinungen von Gehirnödem werden
-nach der Narkose beobachtet. Der Tod trat in der Regel 12 bis 14
-Stunden nach Beendigung des Chloroformierens ein. Während von den
-chloroformierten Schafen alle starben, starben von neun narkotisierten
-Ziegen 2 (+Negotin+). Von 6 chloroformierten Schafen erkrankten 5
-schwer; 4 davon verendeten nach 1-5 Tagen (+Malzew+).
-
-6. Bei =Schweinen= erweist sich das Chloroformieren +ungefährlich+.
-Nach kurzer heftiger Erregung tritt Schlaf und vollkommene
-Empfindungslosigkeit ein. Nach der Narkose erholen sich die Tiere
-rasch. Zu einer tiefen 25-136 Minuten dauernden Narkose wurden 22-100
-g Chloroform verbraucht (+Negotin+). +Ehrhardt+ (Zürich) hat 1000
-Schweine chloroformiert; bei Horizontallage ist nach ihm selbst die
-tiefe Narkose durchaus ungefährlich.
-
-7. Für =Hühner= scheint das Chloroform ebenfalls ein +unschädliches+
-Narkotikum zu sein. Das Exzitationsstadium fehlt oft ganz oder ist sehr
-kurz; nach ½-3 Minuten tritt Schlaf, nach ½ bis 10 Minuten vollständige
-Empfindungslosigkeit ein. 18-105 Tropfen erzeugten eine 57-137 Minuten
-lange Narkose; ein Tier starb an Bronchopneumonie (+Negotin+).
-
-
-=Behandlung.= Stellen sich im Laufe einer Chloroformnarkose die
-Erscheinungen der Herzschwäche oder Atmungslähmung ein, so muss in
-erster Linie sofort mit dem Chloroformieren ausgesetzt und für Zufuhr
-+frischer Luft+ gesorgt werden. Ferner sind +Exzitantien+ anzuwenden.
-Man appliziert kalte Duschen auf den Kopf, lässt die Haut frottieren
-oder appliziert beim Pferd kräftige Schläge mit der flachen Hand
-in der Flankengegend. Ausserdem macht man subkutane Einspritzungen
-von +Hyoszin+ (+Skopolamin+) oder +Atropin+ in Dosen von 0,05-0,1 g
-für Pferde. Nach den Versuchen von +Paukul+ bewährten sich von allen
-Methoden der Wiederbelebung am besten +Kompression der Herzgegend+
-nach +König-Maass+ in Verbindungen mit subkutanen Injektionen von
-Skopolamin. Bezüglich der +Prophylaxe+ vgl. mein Lehrbuch der
-Arzneimittellehre 8. Aufl. 1909 S. 99.
-
-
-=Nachweis.= Der qualitative Nachweis des Chloroforms wird mittelst der
-+Isonitrilreaktion+ geliefert. Man destilliert die zu untersuchenden
-Teile (Lunge, Blut, Herzmuskulatur) und erwärmt das Destillat mit
-weingeistiger Kalilauge und Anilin, wobei sich ein unangenehmer
-charakteristischer Geruch nach Isonitril-Isozyanbenzol, C_{6}H_{5}CN,
-entwickelt. Eine andere Reaktion besteht in der vorübergehenden
-Blaufärbung beim Erwärmen des Destillates mit wenig β-Naphthol und
-starker Kalilauge auf 50°.
-
- =Chloralhydrat.= Die tödliche Dosis des Chloralhydrats beträgt
- bei +Pferden+ 150-200 g bei innerlicher oder rektaler Anwendung,
- 50-75 g bei intravenöser. Die Versuche von +Negotin+ ergaben
- folgendes: Bei rektaler Applikation (1 : 12-20) erzeugten Dosen
- von 0,5 g Chloralhydrat pro kg Körpergewicht schwankenden Gang,
- Zusammenstürzen der Tiere nach ¼-½ Stunde, sowie die Erscheinungen
- der Proktitis. 0,6 g pro kg Körpergewicht hatten 4-5stündigen
- Schlaf sowie nach 1-2 Stunden Anästhesie zur Folge. Bei der Sektion
- erschien die Mastdarmschleimhaut dunkelrot, ödematös geschwollen,
- blutunterlaufen und stellenweise desquamiert; die abgestossene
- Epithelschicht bildete einen membranartigen Ueberzug über die
- Kotballen. Die Submukosa enthielt eine gelatinös sulzige, orangegelbe
- Flüssigkeit. Bei intravenöser Injektion (1 : 2) trat sehr rasch,
- zuweilen noch während der Injektion, Zusammenstürzen, Anästhesie und
- 2stündiger Schlaf ein. Die Dosis betrug 90-120 g. Bei der Sektion
- war ausgebreitete Thrombose der Jugularis, sowie in zwei Fällen
- heftige Phlebitis nachzuweisen (Monatshefte f. prakt. Tierhlkde. VI.
- Bd.). -- Bezüglich der +intravenösen+ Injektion von Chloralhydrat
- beim Pferd lautet das Urteil verschieden. +Vennerholm+ (Zeitschr.
- f. Tiermed. 1. Jahrg.) empfiehlt bei Pferden, bei welchen das
- Abwerfen zu gefährlich ist, die intravenöse Injektion von 50-60 g
- Chloralhydrat in 150 g Wasser gelöst, filtriert und auf Blutwärme
- gebracht, zum Zweck der allgemeinen Narkose. Dabei gibt er zu, +dass
- in jedem Fall die Gefahr einer Periphlebitis und Thrombosierung der
- Jugularis besteht+. Diese Thrombophlebitis soll jedoch zwar sehr
- bedenkliche Erscheinungen bedingen, aber nur äusserst selten zum
- Tod führen. Ich habe diese Angaben an Anatomiepferden nachgeprüft
- und in einem Fall eine tödliche Verblutung aus der thrombosierten
- Jugularis sowie Thrombosierung der Blutleiter im Gehirn, in einem
- anderen Fall ausgedehnte Thrombosierung und Obliteration der
- Jugularis festgestellt. +Cadiot+ und +Almy+ (Alfort) weisen auf
- die grosse Gefahr der Phlebitis und Periphlebitis hin. Sie haben
- ferner bei ganz einwandsfreier intravenöser Applikation des
- Chloralhydrats ein Pferd nach einer sehr mässigen Dosis (10 g pro 100
- kg Körpergewicht) unter asphyktischen Erscheinungen sterben sehen.
- +Pfeiffer+ (Operationskursus 1907) empfiehlt dagegen die intravenöse
- Chloralinjektion. +Jedenfalls ist die intravenöse Injektion des
- Chloralhydrats wegen der Gefahr der Thrombose nicht unbedenklich.+
-
- Bei +Rindern+ beobachtete ich nach Klistieren von 25, 40 und 50
- g Chloralhydrat keinerlei Wirkung. Per os hatten 25, 35 und 40 g
- +Schwanken+ in der +Hinterhand+ nach etwa einer Viertelstunde, 50 und
- 75 g Schwanken im Kreuz nach 10 Minuten und Zusammenstürzen nach 20
- Minuten zur Folge. Erst bei diesen letzteren Dosen trat gleichzeitig
- auch +Bewusstlosigkeit+ und +Unempfindlichkeit+ auf, welche ca. 3
- Stunden dauerten und an das Bild des Kalbefiebers erinnerten. +Hess+
- sah ein Rind nach 40 g per os in einer halben Stunde verenden.
-
- +Hunde+ werden durch narkotische Chloraldosen (2-5 g bei kleinen,
- 5-10 bei grossen) häufig stark aufgeregt, rennen im Zimmer hin
- und her und sind gegen Berührung sehr empfindlich. Auf dieses
- Exzitationsstadium folgt Schwanken und Taumeln, Umfallen, zunehmende
- Teilnahmslosigkeit gegen die Umgebung, Betäubung und Schlaf mit
- starker Unempfindlichkeit, welcher mehrere Stunden andauert. Während
- desselben sinkt die Temperatur, wie ich in einem Fall beobachten
- konnte, bis um 2 Grade. Die tödliche Chloraldosis für Hunde beträgt
- 10-25 g. +Negotin+ fand bei seinen Versuchen folgendes. Bei der
- innerlichen Verabreichung des Chloralhydrats (1 : 4-7) wurden
- die Tiere zunächst zum Teil traurig, betäubt, schwankten, fielen
- zu Boden, teils wurden sie unruhig und aufgeregt und winselten
- kläglich. Zuweilen gesellte sich hiezu bald Durchfall. Nach 0,25 g
- Chloralhydrat pro kg Körpergewicht trat innerhalb 40 Minuten sodann
- ein leichter, kurzdauernder Schlaf ein. Nach Dosen von 0,4-0,5 pro
- kg Körpergewicht trat ein 1-1½stündiger Schlaf nach durchschnittlich
- 20 Minuten ein; nach dem Erwachen beobachtete man starkes Zittern,
- der Appetit und das allgemeine Wohlbefinden kehrten jedoch bald
- wieder zurück. Bei Dosen von 0,5-0,9 pro kg Körpergewicht trat
- nach 18 Minuten Schlaf und hierauf nach einigen Minuten völlige
- Empfindungslosigkeit ein, welche 2-5 Stunden anhielt; während der
- Narkose und nach dem Erwachen litten die Hunde an Durchfall. 1,0-1,6
- pro kg Körpergewicht erzeugten Speichelfluss, Erbrechen, Durchfall,
- sowie nach 10 Minuten langer Narkose Tod infolge von Herz- und
- Atmungslähmung. Nach +Schulze+ zeigte ein 12½ kg schwerer Hund nach
- 25 g Chloralhydrat (2 g pro kg) eine 7stündige Narkose, ohne zu
- sterben.
-
- Bei +Katzen+ wirken 0,15 g pro kg Körpergewicht giftig (+Lesage+).
-
-
- =Paraldehyd.= Pferde zeigen nach meinen Versuchen (Berl. klinische
- Wochenschr. 1887) auf 500 g Paraldehyd neben Erscheinungen der
- Schwäche und Lähmung Hämoglobinurie infolge der Zersetzung der roten
- Blutkörperchen durch das Paraldehyd. Die tödliche Dosis für Hunde
- beträgt 3-4 g pro kg Körpergewicht. Ausführlicheres findet sich in
- meinem Lehrbuch der Arzneimittellehre 1909, S. 124.
-
-
- =Sulfonal.= Die tödliche Dosis beträgt nach meinen Untersuchungen
- für Pferde und Rinder 150-200 g (0,5 pro kg Körpergewicht). Die
- Erscheinungen der Sulfonalvergiftung bestehen in einem Tage lang
- andauernden schlafartigen Zustand, welcher mit gesteigerter
- Reflexerregbarkeit und Krämpfen abwechselt. Bei der Sektion findet
- man regelmässig eine hämorrhagische resp. ulzeröse Gastroenteritis.
- Vergl. Genaueres in meinem Lehrbuch der Arzneimittellehre 1909, S.
- 122.
-
-
- =Aether.= Die Todesdosis des Aethers betrug in einem Falle beim
- Pferde 750 g nach vorausgegangener einstündiger Inhalation
- (+Seifert+). Vergl. Genaueres über die Giftwirkung des Aethers in
- meinem Lehrbuch der Arzneimittellehre 1909, S. 117.
-
-
- =Antifebrin.= Um die Giftwirkung des Antifebrins bei den Haustieren
- kennen zu lernen, habe ich Versuche bei gesunden Pferden, Rindern,
- Schafen, Ziegen und Hunden gemacht (Monatshefte f. prakt. Tierheilk.
- V, S. 145). Dieselben haben ergeben, +dass das Antifebrin für die
- Haustiere ein sehr wenig giftiges Mittel ist+. Mit Ausnahme eines
- von +Ehrle+ beim Pferd beschriebenen Falles (Kollapserscheinungen
- nach 60 g Antifebrin) und einer von +Prietsch+ gemachten Mitteilung
- (Sächsischer Jahresber. 1907), wonach ein Landwirt seinen beiden
- kranken Rindern das Antifebrin nicht abwog, sondern nach Gutdünken
- verabreichte, worauf sie unter Sinken der Temperatur und Atemnot 8
- Stunden nach dem Eingeben verendet sein sollen, ist bisher keine
- Antifebrinvergiftung nach dem Gebrauch des Mittels bei Haustieren
- vorgekommen. Die von +Ehlers+ (Berliner tierärztl. Wochenschrift
- 1898) angeblich bei einer Kuh nach der Verabreichung von 3 Dosen
- Antifebrin à 25,0 beobachtete tödliche Antifebrinvergiftung ist
- sehr zweifelhaft. +Ehrhardt+ (Züricher Klinik) hebt besonders
- hervor, dass er trotz jahrelanger Verabreichung von 2-3maligen
- Einzeldosen von 20-30,0 (40,0-90,0 pro die) bei Pferden und Rindern
- niemals nachteilige Folgen beobachtet hat. Nach meinen Versuchen
- ertragen gesunde Pferde 300 g, Rinder 250 g, grosse Hunde und
- Schafe 10 g Antifebrin, ohne zu sterben. Die tödliche Dosis beträgt
- durchschnittlich 1 g pro kg Körpergewicht; nur der Hund scheint etwas
- empfindlicher zu sein (tödliche Dosis = ½ g pro kg Körpergewicht).
- Die +Vergiftungserscheinungen+ bestehen im wesentlichen in
- +motorischer Lähmung+, zerebraler Depression mit +Schlafsucht+,
- +Sinken der Körpertemperatur+, +Herzklopfen+ und leichten
- +gastrischen Störungen+. Im einzelnen ist folgendes zu bemerken:
-
- 1. +Motorische Lähmung+ ist das erste von allen durch Antifebrin
- erzeugten Vergiftungssymptomen. Dieselbe tritt beim Pferde schon
- nach 60-75 g ein. Sie äussert sich in unsicherem Gange, Schwäche
- im Hinterteil, Schwanken, Taumeln, Einknicken in den Gelenken,
- Uebergreifen der Schwäche auf die Vorderbeine, Zusammenfallen,
- Unvermögen aufzustehen und schliesslich in allgemeiner Muskellähmung.
- Bei grossen Dosen treten diese Lähmungserscheinungen bereits wenige
- Minuten nach dem Eingeben des Antifebrins auf. Berücksichtigt man
- die Tatsache, dass das Antifebrin in Wasser schwer löslich ist
- (1 : 200), so muss diese ausserordentlich rasche Resorption des
- Mittels vom Magen aus merkwürdig erscheinen. Damit hängt auch die
- auffallende Erscheinung zusammen, dass gewöhnlich schon ½-1 Stunde
- nach dem Eingeben der Höhepunkt der motorischen Lähmung, welche sich
- sogar auf den Sphincter ani ausdehnt, erreicht ist.
-
- 2. +Zerebrale Depression+ und +Schlafsucht+ ist nicht bei allen
- Tieren und nicht immer in gleicher Intensität wahrzunehmen. Bald
- zeigt sich nur eine gewisse Mattigkeit und psychische Benommenheit
- (Pferd), bald beobachtet man einen kurzen, vorübergehenden
- schlafsüchtigen Zustand bezw. Schlafsucht (Hund), bald tritt ein
- stundenlanger, tiefer, ruhiger Schlaf ein (Rind und Kalb), bald ist
- endlich ein rauschartiger Zustand wahrzunehmen, der an das Bild der
- Alkohol- oder Chloroformnarkose erinnert (Ziege, Schaf). Während der
- Hypnose ist gleichzeitig auch die sensible Erregbarkeit herabgesetzt.
-
- 3. +Ein Sinken der Körpertemperatur+ lässt sich konstant bei
- allen Tieren nachweisen. Dasselbe tritt aber in der Regel erst
- +nach+ erfolgter motorischer und psychischer Depression und zwar
- synchron mit dem Höhepunkt derselben ein. Die Temperatur beginnt
- durchschnittlich etwa 1 Stunde nach Verabreichung des Antifebrins
- deutlich zu sinken. Die tiefste Temperatur ist nach ca. 4-10
- Stunden zu konstatieren. Der Temperaturabfall beträgt im Maximum
- 3-4° C. Starkes Herzklopfen mit erheblicher Pulsbeschleunigung ist
- gleichzeitig mit der Abnahme der Körpertemperatur wahrzunehmen. Die
- +Atmung+ ist bei manchen Tieren sehr +beschleunigt+, bei anderen
- normal.
-
- 4. Von +gastrischen Störungen+ wurden im späteren Verlaufe der
- Vergiftung wahrgenommen Speichelfluss, Sistieren der Futteraufnahme
- und des Wiederkauens, Verstopfung, Tympanitis, leichte
- Kolikerscheinungen (Stöhnen, Unruhe, Meckern, Brüllen), sowie beim
- Rinde eine kruppöse hämorrhagische Enteritis.
-
- 5. Besonders auffallende Veränderungen zeigt der +Harn+. Während
- derselbe am 1. Tage gewöhnlich eine normale Farbe aufweist, selbst
- in einigen tödlich verlaufenden Fällen, ist vom 2. Tage ab eine
- zunehmende +Dunkelfärbung+ desselben wahrzunehmen, welche meist
- mehrere Tage, mitunter sogar eine Woche, anhält. Der Harn zeigt
- eine +dunkelbernsteingelbe+, +rotgelbe+, +dunkelbraunrote+,
- +schwarzbraune+, ja selbst eine +tintenschwarze+ Farbe, sowie alle
- Nuancen zwischen den genannten Farben (Azetylparamidophenol).
-
- 6. Die +Sektion+ der an Antifebrinvergiftung gefallenen Tiere ergibt
- mit Ausnahme +entzündlicher Veränderungen im Digestionsapparat+
- einen ziemlich negativen Befund. Der Tod erfolgt unter dem Bilde der
- Erstickung (Lungenödem, suffokatorische Hämorrhagien im Herzen).
- Die spektroskopische Untersuchung des Blutes ergab niemals das
- Vorhandensein von Hämoglobinämie. Danach wirkt das Antifebrin bei den
- Haustieren nicht als Blutgift.
-
-
- =Antipyrin.= Ueber den Grad der Giftigkeit und die Art der
- Giftwirkung des Antipyrins bei den Haustieren habe ich eine Reihe
- von Versuchen angestellt (Monatshefte für prakt. Tierheilkunde
- V, S. 399). Ein 42 kg schwerer Hund ertrug die zweimalige
- innerliche Verabreichung von 50 g Antipyrin ohne auffallende
- Störungen des Allgemeinbefindens. Ein anderer 26 kg schwerer Hund
- blieb gesund, trotzdem er im Verlauf von 14 Tagen insgesamt 80 g
- Antipyrin innerlich erhalten hatte. 10 g Antipyrin erzeugten bei
- subkutaner Injektion lokale Abszesse, dagegen keine nennenswerten
- Allgemeinstörungen. +Pferde+, +Rinder+ und +Schafe+ zeigten nach
- Dosen von 0,5-0,8 g Antipyrin pro kg Körpergewicht zwar eine
- deutliche Vergiftung, blieben aber am Leben. Ein 360 kg schweres
- Pferd blieb z. B. nach der innerlichen Verabreichung von 300 g
- Antipyrin am Leben, desgleichen ein 480 kg schweres Rind nach
- 250 g und ein 37 kg schweres Schaf nach 25 g Antipyrin. +Die
- tödliche Dosis des Antipyrins beträgt für Rinder und Schafe 1 g
- pro kg Körpergewicht.+ Beispielsweise starb ein 480 kg schweres
- Rind nach dem Eingeben von 500 g Antipyrin. Das Antipyrin wirkt
- auf die Haustiere als +Atmungsgift+ und +Krampfgift+, sowie als
- +leichtes Akre+, nicht aber als Blutgift. Die von mir beobachteten
- Vergiftungserscheinungen sind folgende:
-
-
- 1. Die Antipyrinvergiftung beginnt mit +Zittern, Aufregung,
- Unruhe, Schreckhaftigkeit und Atmungsstörungen+. Die letzteren
- äussern sich in einer zunächst periodischen, anfallsweisen, später
- kontinuierlichen Dyspnoe, welche wohl auf eine Erregung des in der
- Medulla oblongata gelegenen Atmungszentrums durch das Antipyrin
- zurückzuführen ist. Daneben sind Herzklopfen, Pulsbeschleunigung,
- leichte Kolikerscheinungen (Rind, Schaf), Erbrechen bezw.
- Blutbrechen (Hund), verzögerter Kotabsatz, leichte Konjunktivitis
- und Rhinitis, sowie Schweissausbruch (Pferd) zu konstatieren.
- Die Körpertemperatur gesunder Tiere scheint durch Antipyrin sehr
- verschiedenartig beeinflusst zu werden. Während beim Pferd und Rind
- ein Temperaturabfall um ca. 1° beobachtet wurde, zeigten die übrigen
- Versuchstiere (Hund, Schaf) eine Temperatursteigerung, welche bei den
- Hunden 0,8-2,5, beim Schaf sogar 3,3° betrug.
-
- 2. Der Höhepunkt der Antipyrinvergiftung ist durch das Auftreten von
- +Krämpfen+ charakterisiert. Dieselben stellen zunächst klonische
- Krämpfe dar, welche aber bald in einen tonischen Krampf bezw. in
- Tetanus (Orthotonus, Opisthotonus) übergehen. Dieser Starrkrampf
- hielt beim Rind nicht weniger als 17 Minuten lang an; er ist als die
- indirekte Todesursache (Erstickung) anzusehen.
-
- 3. Der +Harn+ der Versuchstiere zeigte ausser der bei Zusatz von
- Eisenchlorid eintretenden Rotfärbung (Antipyrinreaktion) und ausser
- der zuweilen ziemlich lange anhaltenden Polyurie (Pferd, Rind,
- Hund) keinerlei Veränderungen, namentlich keine Verfärbung, keine
- Hämoglobinurie, keine Albuminurie; nicht einmal die Reaktion wurde
- geändert. Wie die spektroskopische Untersuchung des Blutes der
- beiden gestorbenen Tiere in zweifelloser Weise ergab, lag auch
- keine Methämoglobinämie vor. Das Antipyrin darf mithin als ein
- Blutgift nicht bezeichnet werden. Interessant war es, dass bei dem
- Versuchspferd nach der Verabreichung von 300 g Antipyrin der Harn
- noch 14 Tage lang die Antipyrinreaktion zeigte, wodurch die bekannte
- langsame Ausscheidung des Antipyrins bestätigt und illustriert wird.
-
-
- =Eosin.= Das Eosin, ein Derivat des +Fluoreszeins+
- (Resorzinphtaleins), nämlich +Tetrabromfluoreszeinkalium+, wird seit
- 2 Jahren in Deutschland zur Denaturierung der Futtergerste verwendet.
- Die mit Eosin gefärbte Gerste erzeugt bei Schweinen nach längerer
- Verabreichung angeblich eine Eosinvergiftung („Eosinschweine“), die
- sich in einer mitunter tödlich verlaufenden Magendarmentzündung
- äussern soll. Eine vom Reichsschatzamt angeordnete Nachprüfung hat
- ergeben (vergl. den Deutschen Reichsanzeiger vom 13. 1. 10), dass
- es ungewöhnlich grosser Mengen von Eosin bedarf, um Schweine krank
- zu machen. Zwei Versuchsschweine zeigten selbst nach der Aufnahme
- von 240 und 300 Gramm Eosin keine Gesundheitsstörungen. Diese Menge
- beträgt das 6000fache der mit der Futtergerste täglich aufgenommenen
- Menge von 0,05 Gramm Eosin. Ebensowenig zeigten im Jahre 1908 die
- Bromberger Versuchstiere Krankheitserscheinungen, trotzdem sie 106
- Tage lang mit einer Eosingerste gefüttert worden waren, welche 20mal
- mehr Eosin enthielt, als die gewöhnliche Eosingerste.
-
-
-
-
-II. Pflanzliche Gifte.
-
-
-Kolchikumvergiftung.
-
- =Botanisches.= Die +Zeitlose+ oder +Herbstzeitlose+, +Colchicum
- autumnale+, ist ein zu den Kolchikazeen (Liliazeen) gehöriges
- Zwiebelgewächs, welches auf fruchtbaren und feuchten Wiesen Europas,
- mit Ausnahme der Länder im Norden und am Mittelmeer vorkommt. Die
- Zeitlose ist durch eine eiförmige, braune, mit häutiger Schale
- umgebene, 3½ cm lange und ½ cm dicke Zwiebel gekennzeichnet, welche
- tief im Boden steckt und an der Unterseite feine Wurzeln trägt. Der
- Stengel blüht im Herbst, indem er 1-4 violettrötliche trichterförmige
- Blüten treibt. Im Frühjahr darauf entwickeln sich dann die grossen,
- langen, lanzettförmigen, spitzen, glänzend grünen Blätter (3-4),
- zwischen denen sich die braunen, eiförmigen Fruchtkapseln ausbilden.
- Die Samen, welche im Mai und Juni zur Reife gelangen, sind in
- frischem Zustande weiss, getrocknet dunkelbraun, von rundlicher,
- verkehrt eiförmiger Gestalt, 1-5 mm gross, fein grubig punktiert;
- sie besitzen einen sehr bitteren, kratzenden Geschmack. Sie
- enthalten namentlich in den braunen Schalen in den beiden innersten
- Zellreihen zu 0,2-0,3 Proz. das giftige Alkaloid der Zeitlose, das
- =Kolchizin=, einen gelblichen, amorphen, intensiv bitteren Körper
- von der Zusammensetzung C_{22}H_{25}NO_{6} und das weniger giftige
- +Kolchizein+ von der Formel C_{21}H_{23}NO_{6}; die Blätter, Zwiebel
- und Blüten sind ebenfalls, wenn auch weniger kolchizinhaltig.
-
-
-=Krankheitserscheinungen und Sektionsbefund.= Das Kolchizin ist ein
-sehr starkes, wenn auch langsamer als andere Alkaloide wirkendes
-Gift, welches in reinem Zustand Katzen schon in Dosen von 5 mg,
-Menschen und Hunde in Dosen von 30 mg unter den Erscheinungen
-der +Magendarmentzündung+ und +allgemeinen Lähmung+ tötet. Eine
-Laxierwirkung entsteht bei Tieren schon nach Gaben von ¼ mg Kolchizin
-pro kg Körpergewicht. Vergiftungen durch die Samen der Herbstzeitlose
-ereignen sich hauptsächlich zur Sommerszeit (Mai, Juni) bei Rindern,
-Pferden, Ziegen und Schweinen nach der Aufnahme von zeitlosenhaltigem
-Futter, welches zuweilen bis zur Hälfte aus Kolchikum besteht. Auch im
-Herbst können durch Aufnahme von Blütenblättern Vergiftungen entstehen.
-Endlich geben ausgerodete Knollen in vereinzelten Fällen Veranlassung
-zu Kolchikumvergiftung. Die beim Menschen beobachtete Einverleibung des
-Giftes durch kolchikumhaltige Ziegenmilch (+Ratti+) scheint auch bei
-Tieren (Säuglingen) vorzukommen. Die Milch von Kühen, welche Kolchikum
-aufgenommen hatten, zeigte sich nämlich auch dann giftig, wenn die Kühe
-keine auffallenden Krankheitserscheinungen aufwiesen (Ungar. Vet.-Ber.
-1900).
-
-Die Einzelerscheinungen der Kolchikumvergiftung bestehen in
-Appetitlosigkeit, Erbrechen, Speicheln und Schlingbeschwerden
-(selten), +Kolik+, anhaltendem, häufig blutigem, +ruhrartigem
-Durchfall+, +Tympanitis+ (bei Kühen), +vermehrtem Harnabsatz+, Drängen
-auf den Harn, zuweilen +Hämaturie+ und Albuminurie (+Nephritis+),
-und schliesslich +Anurie+. Weiterhin beobachtet man Anästhesie,
-+Benommenheit+ des +Sensoriums+, Abstumpfung und Somnolenz bis zur
-+Bewusstlosigkeit+, +Lähmung+ und +Schwäche+ namentlich im Hinterteil,
-Zittern, Steifheit, Schwanken, Zusammenstürzen, Unvermögen aufzustehen.
-Ausnahmsweise treten im Anfang Gehirnreizungserscheinungen mit späterer
-Depression auf. Der Puls ist schwach und unfühlbar, zuweilen beobachtet
-man auch starkes +Herzklopfen+, die Atmung ist angestrengt, die
-Pupille erweitert, es findet Schweissausbruch statt, die sichtbaren
-Schleimhäute sind livide verfärbt, die extremitalen Teile kühl. Der
-Tod tritt durchschnittlich nach 1-3tägiger Krankheitsdauer ein. Die
-+Mortalitätsziffer+ beträgt 25-50 Proz.
-
-Bei der +Sektion+ findet man die Magen- (Labmagen-) und Darmschleimhaut
-entzündlich geschwollen, von hämorrhagischen Herden durchsetzt und den
-Darminhalt häufig blutig (hämorrhagische Gastroenteritis). In vielen
-Körperorganen sind Ekchymosen vorhanden. Das Blut ist von dunkler Farbe
-und schlecht geronnen. Zuweilen findet man auch Nierenentzündung und
-Leberverfettung.
-
-
-=Behandlung.= Das wichtigste chemische Antidot gegen die
-Kolchikumvergiftung ist die +Gerbsäure+ (Bildung von unlöslichem
-gerbsaurem Kolchizin). Man gibt entweder das reine Tannin (Rindern
-10-25,0, Pferden 5-15,0, Schafen und Ziegen 2-5,0), oder tanninhaltige
-Abkochungen, wie schwarzen Kaffee, Tee-, Eichenrinden-, Weidenrinden-,
-Salbei-, Gerberlohe-Dekokt. Auch Jod in Form von Lugolscher Lösung wird
-empfohlen. Ausserdem behandelt man die Darmentzündung mit +schleimigen+
-einhüllenden Mitteln und grösseren Gaben von +Opium+ (dieselbe
-Dosis wie beim Tannin), oder macht subkutane Morphiumeinspritzungen
-(Pferden 0,5). +Symptomatisch+ behandelt man die Schwäche- und
-Lähmungserscheinungen mit subkutanen Injektionen von Aether, Kampfer,
-Atropin oder Koffein. Endlich kann man beim Rind bei sichergestellter
-Diagnose und noch nicht zu weit vorgeschrittenem Stadium der Vergiftung
-den +Pansenschnitt+ mit nachfolgender manueller Entfernung des Giftes
-ausführen.
-
-
-=Nachweis.= Der Nachweis der Kolchikumvergiftung gelingt wohl immer
-schon durch die +botanische+ Bestimmung der Pflanze. Der +chemische+
-Nachweis des Kolchizins erfolgt nach der Extraktion desselben aus dem
-Magen- und Darminhalt, sowie aus dem Blut mittels +Chloroform+ nach
-der im allgemeinen Teil genauer angegebenen Stas-Ottoschen Methode des
-Alkaloidnachweises. Das Chloroform extrahiert das Kolchizin aus der
-+sauren+, wässerigen Lösung (vergl. S. 33). Nach dem Verdunsten des
-Chloroforms bleibt es als +gelblich+ gefärbte amorphe Masse zurück,
-welche charakteristische Reaktionen zeigt. Dieselben sind folgende: 1.
-+Gelbfärbung+ durch +konzentrierte Schwefelsäure+. 2. +Violettfärbung+,
-später braun und gelb werdende Färbung durch +Salpetersäure+, die
-gelb gewordene Lösung in Salpetersäure wird durch Kali rot gefärbt.
-Durch rauchende Salpetersäure wird es violett bis indigoblau gefärbt.
-3. +Blaufärbung+ durch konzentrierte +Schwefelsäure+ mit sehr wenig
-Salpetersäure (Erdmanns Reagens). Schwefelsäurebihydrat löst Kolchizin
-gelb auf; ein Zusatz von einem Tropfen Salpetersäure erzeugt einen
-Farbenwechsel von grün zu blau, violett, blassgelb. 4. +Grünfärbung+
-durch +Eisenchlorid+ (dunkelgrüne Farbe). Die physiologische Reaktion
-ist wenig ausgeprägt; +Frösche+ sterben auf 1-5 cg Kolchizin unter
-fibrillären Muskelzuckungen und +Tetanus+, +Katzen+ sterben dagegen
-schon auf 5 mg reinen Kolchizins.
-
- =Kasuistik.= 1. +Pferde+. Ein Pferd hatte mit dem Heu, welches
- 23½ Proz. Kolchikum enthielt, etwa 3⅓ kg Kolchikum aufgenommen.
- Am 2. Tag nach der Fütterung zeigte sich der Appetit vermindert,
- das Pferd erschien traurig und unlustig zur Arbeit. Am 3. Tag
- stellte sich plötzlich heftiges Laxieren, sowie ein auffallend
- starkes, mit Erschütterung des Brustkorbes verbundenes, in einer
- Entfernung von einem Meter hörbares, anhaltendes Herzklopfen ein.
- Die übrigen Erscheinungen bestanden in Kälte der extremitalen
- Teile, schwachem, zuletzt unfühlbarem Pulse, Benommenheit des
- Sensoriums, Teilnahmslosigkeit, Mattigkeit und starkem Durchfall.
- Am 4. Tag war das Pferd nicht mehr imstande sich zu erheben, es war
- völlige Unempfindlichkeit, sowie hochgradige Apathie und Somnolenz
- aufgetreten und das Tier starb unter starkem Schweissausbruch und
- heftigen Konvulsionen. Die Sektion ergab als Hauptbefund eine akute
- hämorrhagische Gastroenteritis neben alten Schwielen im Myokardium
- (+Friedberger+, Ad. Woch. 1876). -- Ein Pferd, welches die Blüten
- der Herbstzeitlose in grösserer Menge gefressen hatte, zeigte
- heisse Maulschleimhaut, Speicheln, kaum fühlbaren Puls, schwankenden
- Gang, Steifheit des Rückens und der Beine, stelzenartigen Gang,
- Vorwärtsdrängen, fast ganz aufgehobene Empfindlichkeit, sowie
- beim Eingeben von Arznei Erbrechen. Das Pferd genas am 5. Tag,
- nachdem schwarzer Kaffee, Glaubersalz, Aloe und Kampfer angewandt
- worden waren (+Kirnbauer+, Oesterr. Vereinsmonatsschr. 1882). --
- 6 Pferde erhielten ein Vierteljahr hindurch im Heu täglich etwa
- 80 g Herbstzeitlose. Sie zeigten abwechselnd Appetitstörungen und
- Durchfall, so dass sie die Hälfte der genannten Zeit zum Dienste
- unbrauchbar waren (+Trachsler+, Schweizer Archiv 1844). -- Von 60
- Pferden, welche inhaltlich der Literatur (bis 1872) durch Aufnahme
- von Kolchikum mit dem Heu vergiftet wurden, starben 25 Proz.
- (+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- Ein Pferd zeigte
- 6-7 Stunden nach der letzten Futteraufnahme Kolik, Speicheln,
- Zähneknirschen, dünnbreiigen, blutigen Durchfall, Schlingbeschwerden,
- 90 Pulse, 30 Atemzüge, Schwanken und Eingenommenheit. Die
- Untersuchung des Heus gab einen grossen Gehalt an Herbstzeitlose.
- Am 3. Tag war das Pferd nach der Verabreichung von Tannin und
- Leinsamenabkochung wieder hergestellt (+Becher+, Zeitschr. f.
- Vetkde. 1890). -- 7 Pferde erkrankten nach der Aufnahme von Heu,
- welches stellenweise fast zur Hälfte aus Herbstzeitlose bestand. Sie
- zeigten Kolik, Harndrang, rotbraunen Harn, Durchfall und Schwanken.
- Ein Pferd starb nach 4stündiger Krankheitsdauer; die Sektion ergab
- hämorrhagische Gastroenteritis (+Weinbeer+, ibid.). -- +Albrecht+
- (Woch. f. T. 1904) hat während seines 11jährigen Aufenthalts in
- Freising fast jedes Jahr einen oder mehrere Vergiftungsfälle bei
- Pferden beobachtet. Sie traten regelmässig in Stallungen auf, in den
- Zeitlose enthaltendes Heu als Häcksel verabreicht wurde. Dagegen
- traten Vergiftungen nie auf, wenn solches Heu auf die Raufe gegeben,
- also unzerschnitten verfüttert wurde. Kolikerscheinungen können
- nach seinen Wahrnehmungen vollständig fehlen. Die Krankheitsdauer
- betrug bei tödlichem Ausgang 1-3 Tage. Ein Pferd zeigte abweichend
- von dem gewöhnlichen Krankheitsbild auch die Erscheinungen der
- Gehirnentzündung: hochgradige Erregungserscheinungen im Wechsel mit
- Depression, so dass die Diagnose schwierig war. Der Fall lehrte
- ferner, dass altes Heu kaum weniger gefährlich ist, als neues. --
- Eine vollständige Lähmung und hämorrhagische Darmentzündung bei 2
- Pferden beobachtete +Schuester+ (ibid. 1907), Kolik bei Pferden
- +Götting+ (Preuss. Vet.-Ber. 1904 und 1906).
-
- 2. +Rinder.+ 2 Kälber frassen von den Blüten der Herbstzeitlose.
- Eines derselben zeigte allgemeine Lähmung, Unvermögen aufzustehen,
- Zähneknirschen, Aufblähung, Drängen auf den Harn und Kot, Zittern
- und Pupillenerweiterung (+Kolb+, Preuss. Mitt. 1872). -- 2 Kühe
- frassen ausgerodete Knollen der Herbstzeitlose. Sie zeigten
- Kolikerscheinungen und stieren Blick. Eine Kuh starb nach 3 Tagen,
- die Sektion ergab Darmentzündung (+Ehrmann+, Repertor. 1882). -- Nach
- Versuchen an der Wiener Tierarzneischule waren zur Vergiftung von
- Rindern 4-5 Pfund getrockneter Herbstzeitlose nötig (+Nicol+, Magazin
- 4. Bd.). -- +Gerlach+ hat berechnet, dass die tierärztl. Literatur
- bis 1872 zusammen etwa 150 Kolchikumvergiftungen bei Rindern mit
- einer Mortalitätsziffer von 40 Proz. enthält; die Quantitäten des
- aufgenommenen Materials (Blätter und Samenkapseln) betrugen in
- einzelnen Fällen 3-5 Pfund (Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- 2 Kühe
- erkrankten nach der Aufnahme von Heu, das mit vielen Samenkapseln
- vermischt war; sie zeigten Schweissausbruch, Speicheln, Brechneigung,
- Kolik, heftigen, andauernden, später blutigen Durchfall, vermehrten
- Harnabsatz, dunkelroten Harn, Abstumpfung, Schlafsucht, Zittern,
- Schwanken, kleinen, elenden Puls und vereinzelt anhaltendes
- Herzklopfen. Genesung nach 6 Tagen (+Hetzel+, Repertorium 1889).
- -- 6 Rindviehstücke erkrankten 1 Tag, nachdem sie auf der Weide
- Herbstzeitlose aufgenommen hatten, unter Erscheinungen der Unruhe,
- Stöhnen, Geifern, Mattigkeit, Schwanken, auffallendem kleinem,
- beschleunigtem Puls, unterdrückten Pansengeräuschen und ruhrartigem
- Durchfall. Die Sektion eines gefallenen Rindes ergab hämorrhagische
- Entzündung des Labmagens, Darmes und der Blase (+Baumgartner+,
- D. T. W. 1893). -- 2 Rinder erkrankten auf der Weide unter
- Kolikerscheinungen, Schwanken, Apathie, übelriechendem Durchfall
- und sehr schwachem Puls. Die Sektion ergab entzündliche Rötung der
- drei ersten Mägen, sowie hämorrhagische Entzündung des Labmagens
- und Dünndarms (+Kösler+, ibid.). -- 1 Kuh und 4 Kälber erkrankten
- auf der Weide; sie zeigten starkes Speicheln, Zähneknirschen,
- Meteorismus, Kolik und ruhrartigen Durchfall; 2 Kälber verendeten
- infolge heftiger Entzündung des Labmagens und Darmes (+Mesnard+,
- Recueil 1894). -- 35 Zuchtkühe erkrankten nach der Fütterung von
- kolchikumhaltigem Gras an heftigem Durchfall, bei 3 Kühen wurden
- blutige Abgänge, sowie Kolikerscheinungen beobachtet. 8 Kühe
- verendeten am 4.-7. Tage; die übrigen genasen sehr langsam. Die
- Sektion ergab hämorrhagische Entzündung im Pansen, sowie besonders
- stark im Labmagen und Darm, ausserdem subendokardiale und subpleurale
- Blutungen (+Baumgärtel+, Sächs. Jahresber. 1898). -- Eine ganze
- Rinderherde aus 141 Stück bestehend, erkrankte nach dem Weiden auf
- einer mit Herbstzeitlose stark besetzten Wiese. Sämtliche Tiere
- zeigten schwankenden Gang und Diarrhöe; bei den schwerkranken war
- profuser Durchfall mit Tenesmus, grosse Hinfälligkeit, Zähneknirschen,
- sowie sehr unsicherer Gang mit Kreuzen der Hinterfüsse vorhanden. 9
- der 16 schwer erkrankten Tiere starben. Die Sektion ergab heftige
- Entzündung des Dünn- und Dickdarms, sowie Ekchymosen am Perikardium.
- Bei den überlebenden 7 schwerkranken Rindern wurde neben starker
- Abmagerung ein Absterben grosser Flächen der Haut beobachtet
- (+Révész+, Veterinarius 1896). -- Von 4 Kühen zeigte nach der
- Aufnahme von Herbstzeitlose 1 starke Diarrhöe, Polyurie, Kolik,
- Zittern und Lähmungserscheinungen und verendete nach 36 Stunden:
- die Sektion ergab Labmagen- und Dünndarmentzündung. Die 3 anderen
- zeigten nur Durchfall und Polyurie (+Trinchera+, Clin. vet. 1896). --
- Nach der Aufnahme von Kolchikumblüten erkrankten ½-¾jährige Rinder
- an Diarrhöe und Hinfälligkeit mit subakutem Verlauf der Vergiftung
- (Notschlachtung); dagegen zeigten 2 ältere Rinder nach der Aufnahme
- der Samenkapseln die Erscheinungen der perakuten Magendarmentzündung:
- heftige, blutige Diarrhöe, Eingenommenheit des Sensoriums,
- Zusammenstürzen und Tod unter Krämpfen (+Schuester+, Woch. f.
- Tierheilk. 1902). -- Jungrinder erkrankten auf der Weide unter
- Kolikerscheinungen, blutigem Durchfall, Zittern, Unempfindlichkeit
- und Lähmungserscheinungen; bei allen trat der Tod nach einigen Tagen
- ein (+Musterle+, ibid. 1909).
-
- 3. +Schweine.+ Eine Schweineherde von 32 Stück, welche durch eine
- Feststrasse getrieben wurde, deren Schmuck unter anderem aus
- Herbstzeitlose bestand, erkrankte im Verlauf von 24 Stunden (+Stolz+,
- Magazin Bd. 14). -- Nach den statistischen Zusammenstellungen von
- +Gerlach+ starben von 38 erkrankten Schweinen 23. -- 10 Schweine
- erkrankten an Kolchikumvergiftung, 5 davon starben. Ausser den
- gewöhnlichen Vergiftungserscheinungen (Mattigkeit, Schwanken, starke,
- leicht blutige Diarrhöe, Kälte der extremitalen Teile, pochender
- Herzschlag, psychische Depression) wurden als besondere Symptome
- beobachtet sehr beschleunigte Atmung, Albuminurie, Lungenhyperämie
- bezw. Lungenödem und starke Leberschwellung (+Albrecht+, Woch. f. T.
- 1897).
-
-
-Klatschrosenvergiftung.
-
- =Botanisches.= Die +Klatschrose+ oder der +wilde Mohn+, +Papaver
- Rhöas+, ist eine als Unkraut auf den Getreidefeldern (Roggen,
- Weizen) und Kleeäckern vielfach vorkommende, in der Zeit vom
- Mai bis August blühende, durch ihre grossen, scharlachroten,
- vierblättrigen, am Grunde schwarzgefleckten Blüten charakterisierte
- Papaverazee. Die bekannte, einjährige Pflanze wird bis zu einem
- Meter hoch, besitzt einen rauhen, haarigen Stengel, mattgrüne, tief
- fiederspaltige, den Stengel nicht umfassende Blätter, sowie eine
- kahle, verkehrteiförmige, am Grunde abgerundete, mit 8-12kerbiger
- Narbenscheibe versehene Kapsel. Im Gegensatz hierzu besitzt der
- +Saatmohn+ oder +Gartenmohn+, Papaver somniferum, welcher von
- Juni bis August blüht, weisse oder rote, an der Basis violette
- Blumenblätter, wesentlich grössere Blüten (bis 10 cm gross), einen
- kahlen, graugrün bereiften Stengel, abstehend behaarte Blütenstiele,
- blaugrüne, kahle, nach oben hin stengelumfassende Blätter, sowie
- kugelige oder eiförmige, bis 6 cm grosse Kapseln, mit 7-15strahliger,
- am Rande gekerbter Narbenscheibe.
-
-
-=Wirksame Bestandteile.= Die Klatschrose ist am +giftigsten+ während
-der Blütezeit und im Beginn der Samenbildung (grüne Köpfe); vor der
-Blüte und nach vollendeter Reife der Kapseln enthält sie nur wenig
-giftige Bestandteile, so dass sie ohne Schaden verfüttert werden kann.
-+Ueber die chemische Natur des Klatschrosengiftes fehlen genauere
-Kenntnisse.+ Das in allen Teilen der Pflanze, namentlich in den Blüten
-nachgewiesene +Rhöadin+ scheint ein indifferenter, ungiftiger Körper
-zu sein, welcher weisse, geschmacklose, mit verdünnten Säuren noch
-bei einer Konzentration von 1 : 1 Million sich rot färbende Kristalle
-von der Formel C_{21}H_{21}NO_{6} bildet und sich bei entsprechender
-Behandlung in Rhoeagenin und einen roten Farbstoff spaltet. Nach
-+Dietrich+ sollen die Blüten von Papaver Rhoeas +Morphin+ (0,7 Proz.)
-enthalten (Pharmazeutisches Zentralblatt Bd. 29). Auch +Selmi+ will in
-den unreifen Fruchtkapseln ein dem Morphium sehr ähnliches Alkaloid
-gefunden haben. Es ist aber fraglich, ob die Vergiftungserscheinungen
-auf diesen Morphingehalt zu beziehen sind. Allerdings bedingt
-auch das reine Morphin, namentlich bei Rindern, starke zerebrale
-Vergiftungserscheinungen; dagegen lassen sich die bei der Vergiftung
-auftretenden Reizungserscheinungen seitens der Darmschleimhaut nicht
-auf das Morphin beziehen. Auch wird von anderer Seite bestritten, dass
-in den Blüten der Klatschrose Morphin vorkommt (+Hesse+). Es kann daher
-zurzeit nur allgemein aus den Symptomen der Klatschrosenvergiftung
-gefolgert werden, dass im wilden Mohn ein +scharf narkotisches+ Gift
-enthalten ist, welches einerseits eine stark erregende Wirkung auf
-das Gehirn, andererseits eine entzündungserregende Wirkung auf die
-Darmschleimhaut ausübt.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das ausserordentlich
-charakteristische Bild der Klatschrosenvergiftung, welches man bei
-+Rindern+ in den Monaten Juni und Juli zu beobachten Gelegenheit hat
-(bei anderen Tieren ist die Vergiftung seltener), ähnelt dem Bilde
-der akuten Gehirnentzündung. Die Tiere zeigen nach vorausgegangener
-Unruhe und Schreckhaftigkeit Anfälle von +Raserei+ und +Tobsucht+,
-so dass sie oft für wutkrank gehalten werden. Die Anfälle äussern
-sich in wildem Blick, Brüllen, Neigung zum Stossen, Bohren und
-Beissen, Losreissen von der Kette, wildem Umherrennen, Zähneknirschen,
-hochgeröteten Schleimhäuten. Neben diesen maniakalischen Erscheinungen
-gehen +epileptiforme Krämpfe+ einher, welche anfallsweise und oft
-wiederholt auftreten und teils in Zuckungen der Gesichtsmuskel und
-krampfhaftem Verdrehen des Kopfes und Halses, teils in Zusammenstürzen
-und heftigen allgemeinen Konvulsionen bestehen und von einem Zustande
-der +Bewusstlosigkeit+ abwechselnd unterbrochen werden. Während des
-letzteren zeigen die Tiere Taumeln, +Schlummersucht+, sowie einen
-rauschartigen Zustand mit vollkommener Anästhesie. Neben diesen
-zerebralen Erscheinungen gehen +gastrische Störungen+ einher;
-dieselben äussern sich in Speicheln, +Kolikzufällen+, +Tympanitis+,
-+ruhrartiger+, bisweilen selbst +blutiger Diarrhöe+. Die Dauer der
-tobsüchtigen und epileptiformen Anfälle beträgt meist nicht mehr als
-einige Stunden, im Maximum einen Tag. Die Gesamtdauer der Krankheit
-kann jedoch mehrere Tage betragen. Trotz der Hochgradigkeit der
-nervösen Symptome sind Todesfälle ziemlich selten, so dass die Prognose
-der Vergiftung ziemlich günstig ist.
-
-Bei der +Sektion+ findet man gewöhnlich nur die Erscheinungen einer
-Magendarmentzündung, sowie starke Hyperämie des Gehirns und seiner
-Häute. In einzelnen Fällen hat man ausserdem das Vorhandensein einer
-Nephritis konstatiert.
-
-
-=Behandlung.= Da die Klatschrosenvergiftung wahrscheinlich auf der
-Einwirkung eines mit dem Morphin verwandten Alkaloides beruht, so ist
-zunächst die Verabreichung von +Tannin+ und gerbsäurehaltigen Mitteln
-(vergl. Kolchikumvergiftung) angezeigt. Im übrigen ist die Behandlung
-eine +symptomatische+. Die Erregungserscheinungen bekämpft man durch
-kalte Begiessungen des Kopfes, sowie durch Verabreichung von Bromkalium
-(25-50,0), die Lähmungserscheinungen durch Exzitantien, die gastrischen
-Störungen durch Verabreichung schleimiger Mittel. Im allgemeinen
-kann bei dem meist günstigen Verlauf der Vergiftung ein zuwartendes
-Verfahren eingeschlagen werden.
-
- =Kasuistik der Klatschrosenvergiftung.= 2 Kühe hatten grünen Roggen
- mit viel Klatschrosen erhalten. Sie zeigten Schreckhaftigkeit,
- Unruhe, Aufregung, vorübergehende Tobsucht, Zuckungen der
- Gesichtsmuskeln, stieren Blick, Erweiterung der Pupille, Blindheit,
- Taumeln, Auftreibung des Hinterleibs. Nach 5tägiger Krankheitsdauer
- mussten sie geschlachtet werden (+Eggeling+, Preuss. Mitt.
- 1882). -- 6 Ochsen, welche Kaff mit viel Köpfen des wilden Mohns
- gefressen hatten, erschienen dem Eigentümer der Tollwut verdächtig,
- weil sie Anfälle von Raserei und Wildsein, Knirschen, Geifern,
- sowie epileptische Erscheinungen (5-10 Minuten lange Krämpfe mit
- Bewusstlosigkeit abwechselnd) gezeigt hatten (+Bahr+, Preuss.
- Mitt. 1878). -- 20 Pferde, welche grüne Klatschrosen aufgenommen
- hatten, zeigten leichte Kolik, wilden Blick, Pupillenerweiterung,
- Schlummersucht, Schwanken, Unempfindlichkeit, sowie einen
- rauschartigen Zustand (+Ravard+ und +Guilmont+, Ref. Repertor.
- 1854 u. 55). -- Von 18 Rindern, welchen Klee mit viel Klatschrosen
- gefüttert wurde, erkrankten innerhalb 16 Stunden 12. Sie zeigten
- tobsüchtige Erscheinungen, Zuckungen, Krämpfe mit nachfolgenden
- Perioden kurzer Betäubung. Einige Tiere wurden von den Anfällen,
- die durchschnittlich 5-8 Minuten anhielten, wiederholt befallen.
- Sämtliche Tiere genasen im Verlauf von 24 Stunden (+Wilhelm+, Sächs.
- Jahresbericht 1893). -- +Walther+ (ibid.) beobachtete bei Rindern
- grosse Somnolenz, Taumeln und Niederstürzen; in der Regel gingen die
- Erscheinungen nach einigen Stunden vorüber. -- Auch +Möbius+ (ibid.)
- beobachtete im Juni zahlreiche Vergiftungsfälle ohne schlimme Folgen.
- -- +Tappe+ (Berl. Arch. 1894) sah bei Kühen Schreckhaftigkeit und
- Tobsuchtsanfälle, Zuckungen der Gesichtsmuskel, Pupillenerweiterung,
- stieren Blick, Taumeln, Kreuzschwäche und Kreuzlähmung. -- +Godfrin+
- (Belg. Annal. 1892) sah bei Kühen Schlafsucht, Meteorismus,
- Kotverhaltung, sowie Verlangsamung von Puls und Atmung; starke Gaben
- von Kaffee und Glaubersalz führten baldige Besserung herbei. --
- +Eberhard+ (Woch. f. Tierh. 1901) beobachtete bei 6 Rindern Unruhe,
- Brüllen, Versuche sich von der Kette loszureissen, Krämpfe am Kopf
- und Hals, sowie Verdrehen der Augen; nach 2 Stunden waren die Tiere
- wieder vollkommen ruhig.
-
- =Vergiftung durch Opium, Morphium und Saatmohn.= Im Gegensatz
- zum Menschen sind Vergiftungen durch Opium und Morphium bei den
- Haustieren äusserst selten, unter anderem aus dem Grunde, weil die
- Tiere wesentlich grössere Dosen ertragen, als der Mensch. Die Opium-
- und Morphiumvergiftungen haben daher in der Tierheilkunde mehr ein
- experimentell-wissenschaftliches, als ein klinisches Interesse. Ueber
- die Morphium-Atropinvergiftung vergl. Atropin. Ueber die Wirkung des
- Morphins bei den +einzelnen Haustieren+ sind eingehende vergleichende
- Untersuchungen von +Guinard+ (la Morphine et l’Apomorphine, Paris
- 1898) gemacht worden. Danach sind die +Einhufer+ (Pferd, Esel) am
- empfindlichsten von allen Haustieren gegenüber dem Morphium. Die
- mittlere toxische Dosis beträgt nämlich pro kg Körpergewicht beim
- Pferd 7, beim Esel 9, beim Rind 15, bei der Katze 40, beim Hund
- 65, beim Schwein 200 und bei der Ziege 400 mg. Hinsichtlich der
- narkotischen Wirkung verhalten sich die einzelnen Tiergattungen
- ebenfalls sehr verschieden.
-
- 1. Der +Hund+ zeigt allein von allen Haustieren eine eigentliche
- Morphiumnarkose. Besonders empfindlich sind junge Hunde (ähnlich
- wie Kinder); schon 2-7 mg pro kg Körpergewicht können bei
- ihnen tödlich wirken, während erwachsene Hunde 10 mg sehr gut
- ertragen. +Therapeutische+ Dosen erzeugen Kaubewegungen, vermehrte
- Speichelsekretion, Drängen auf den Hinterleib und zuweilen Erbrechen,
- die Herztätigkeit ist verlangsamt. Nach 10-15 Minuten tritt
- Unruhe auf, sowie Unvermögen, sich mit dem Hinterteil aufrecht zu
- erhalten; manche Hunde legen sich nieder und verfallen in Schlaf.
- Hierbei ist die Sensibilität jedoch nicht herabgesetzt, sondern
- die Reflexerregbarkeit sogar erhöht. Anästhesie entsteht nur bei
- sehr grossen, toxischen Dosen. +Tödliche+ Dosen (60 mg pro kg
- Körpergewicht) erzeugen zunächst festen Schlaf. Nach etwa 1½ Stunden
- treten in tiefer Narkose plötzliche, anfallsweise, heftige Bewegungen
- auf, wobei die Hunde meist erwachen. Sie können sich indessen nicht
- erheben und verenden unter Trismus, Augenrollen und strychninartigen
- tetanischen Krämpfen. -- Nach meinen eigenen Beobachtungen
- differiert bei Hunden die Todesdosis zwischen 0,1 bei kleinen und 2,0
- bei grossen Hunden.
-
- 2. Das +Pferd+ zeigt nach 0,4 g Morphium Stampfen, Hin- und
- Hertreten, Laufsucht und später Niedergeschlagenheit und
- stumpfsinniges Benehmen. 0,75 g verursachen eine Steigerung und
- längeres Anhalten dieser Erscheinungen, sowie ausserdem Steifheit
- der Gliedmassen. 1,5 g verursachen lebhafte Exzitation, Trippeln,
- Wiehern, Unaufmerksamkeit auf die Umgebung, sowie Unempfindlichkeit
- gegen Berührung und Nadelstiche. Daneben beobachtet man Drängen
- gegen die Wände, Spreizen der Hinterbeine, Taumeln, Nystagmus,
- Verstopfung, tiefe Atmung und Pulsbeschleunigung. Esel zeigen
- ähnliche Erscheinungen von Exzitation; intravenös wirken 1,5 g
- Morphium tödlich. -- Nach meinen eigenen Versuchen starben Pferde
- nach 10-20 g Morphium. Ein Versuchspferd erhielt z. B. +subkutan+ in
- 250 ccm Wasser gelöst 10 g Morphinum hydrochloricum. Schon 5 Minuten
- nach der Injektion fing es an unruhig zu werden. Die Unruhe steigerte
- sich schnell, so dass sie schon nach ½ Stunde einen hohen Grad
- erreichte. Insbesondere bestand stundenlanges Nachvorwärtsdrängen,
- so dass sich das Tier die Brust und die Augenbogen blutig drückte.
- Die Psyche war hochgradig benommen. Häufig nahm das Pferd eine
- sägebockähnliche Stellung der Gliedmassen ein, wobei der Schweif
- steif gestreckt wurde. Gleichzeitig bestand starkes Herzklopfen und
- sehr beschleunigter Puls (120 pro Minute). Die Körpertemperatur
- stieg am Nachmittag auf 41° C., um gegen Abend wieder zu sinken.
- Am anderen Morgen schien das Tier wieder beruhigt, es zeigte sogar
- wieder Appetit, indem es Futter aufnahm. Indessen war es doch sehr
- matt, so dass es sich legte. Gleichzeitig war der Puls unfühlbar
- geworden. 26 Stunden nach der Injektion verendete das Pferd ruhig
- unter den Erscheinungen der Herzlähmung. Die Sektion ergab das
- Vorhandensein parenchymatöser Veränderungen am Myokardium, sowie
- starken Blutreichtum der Lungen.
-
- 3. Das +Rind+ zeigt nach 0,25-0,5 g Morphium Kaubewegungen, starkes
- Speicheln, gesteigerte Erregbarkeit, Scharren, Hin- und Hertreten,
- steife Bewegungen, Muskelzittern und gesteigerte Pulsfrequenz; nach
- 9 bis 10 Stunden tritt Beruhigung mit Niedergeschlagenheit, jedoch
- keine Schlafsucht ein. 1,5-2,0 g Morphium rufen tobsuchtähnliche
- Erscheinungen hervor, ferner Tränen, Speichelfluss, Muskelzittern
- und Schwäche im Hinterteil. Schwache und alte Kühe zeigten nach
- 1,4-2,5 g Morphium nach einem vorausgegangenen Exzitationsstadium
- tiefen, rauschartigen Schlaf mit Anästhesie und starker Aufblähung.
- Im Gegensatz zum Hund (und Menschen) sind Kälber weniger empfindlich
- als erwachsene Rinder. -- Nach meinen eigenen Versuchen (1893) zeigen
- Rinder nach 1-2 g Morphium starke Aufregung. Sie ertragen ferner
- 5 g subkutan und selbst 25 g per os, ohne zu sterben. Ein 115 kg
- schweres Versuchskalb erhielt z. B. eine subkutane Injektion von 5 g
- Morphinum hydrochloricum, in 125 ccm Wasser gelöst. Bereits nach 10
- Minuten stellte sich starke Unruhe und Aufregung ein, welche später
- zunahmen. Das Tier drängte anhaltend gegen die Halfter, zeigte grosse
- psychische Benommenheit, Stunden lang röchelnde, dyspnoische Atmung,
- abundanten Speichelfluss und enorme Auftreibung der linken Flanke.
- Die Körpertemperatur stieg von 38° C. auf 41° C. Am nächsten Morgen
- waren fast alle Erscheinungen wieder verschwunden und am zweiten
- Tage nach der Injektion war das Allgemeinbefinden des Kalbes bis
- auf den noch etwas verzögerten Kotabsatz wieder völlig normal. Eine
- 345 kg schwere Kuh erhielt per os 25 g Morphinum hydrochloricum
- eingeschüttet. 4 Stunden darauf stellte sich Unruhe und Aufregung
- ein, welche später zunahm und den ganzen Tag anhielt. Am Tage darauf
- dauerten die Erregungserscheinungen noch fort, die Futteraufnahme
- stellte sich indessen wieder ein. Am sechsten Tag war das Tier
- wieder völlig hergestellt. Erscheinungen von Narkose wurden an der
- Kuh während der ganzen Dauer des Versuchs nie wahrgenommen. -- Nach
- +Hess+ (Berl. Arch. 1901) bedürfen Rinder ausserordentlich grosser
- Mengen Morphium, um betäubt zu werden. Ein Kalb von 90 kg Gewicht
- erhielt 90 g Morphium (1 g pro kg) eingegossen, ohne dass Schlaf
- entstand; es traten vielmehr viele Stunden hindurch Erregungszustände
- und nach 24 Stunden der Tod ein. Ein anderes Kalb starb nach 3
- Stunden auf 0,9 g pro kg. Ein 3 Wochen altes Kalb zeigte nach 0,024 g
- pro kg subkutan tiefe Narkose nach 50 Minuten; ein anderes starb 41
- Stunden nach derselben Dosis unter Lähmung, aber ohne Narkose. 0,004
- g Morphium pro kg erzeugten in einem anderen Falle sechsstündige
- Unruhe, 0,008 g pro kg schwere Aufregung und Lungenödem.
-
- 4. Die +Katze+ reagiert auf Morphium durch Erregung und Krämpfe,
- ohne dass Narkose eintritt. Kleine Dosen erzeugen ferner Erbrechen,
- nicht dagegen grosse. Junge Katzen sind viel weniger empfindlich, als
- erwachsene; sie bleiben nach 0,05 g Morphium am Leben, während ältere
- Tiere schon nach 0,04 g sterben.
-
- 5. Das +Schwein+ besitzt grosse Resistenz gegen Morphium;
- Narkose tritt nicht ein; die tödliche Dosis beträgt 200 mg
- pro kg Körpergewicht. Der Tod erfolgt nach vorausgegangenen
- Erregungserscheinungen. Auffallend ist die intensive Blässe der Haut.
- -- Nach +Hess+ starben Schweine nach 0,3 und 0,6 g Morphium pro kg
- Körpergewicht in tiefer Narkose.
-
- 6. Die +Ziege+ und das +Schaf+ sind ebenfalls sehr resistent.
- Die Maximaldosis kann bei der Ziege sogar auf 250-300 mg pro kg
- Körpergewicht normiert werden. Narkose und Gehirnstörungen fehlen.
- Charakteristisch ist die Sucht, in Gegenstände der Umgebung hinein
- zu beissen. -- Nach +Hess+ scheinen die Ziegen gegen Morphium fast
- immun zu sein. 1 g pro kg (5-26 g Morphium pro Ziege) bewirkt keine
- Narkose, sondern versetzt die Tiere in Unruhe und Aufregung. Ein
- Schaf wurde durch 0,36 g pro kg narkotisiert, ein anderes durch 0,2 g
- pro kg anfangs aufgeregt, dann einige Tage lang matt.
-
- 7. Der +Elefant+ reagiert im ausgewachsenen Zustand nach einer
- Beobachtung von +Lustig+ auf 30 g Morphium nicht. In einem von
- +Frick+ beschriebenen Fall trat bei einem erwachsenen Elefanten die
- Narkose auf etwa 44 g Morphium ziemlich intensiv ein, jedoch erst
- nach 3 Stunden, und dauerte 24-36 Stunden. Die Verabreichung des
- Morphiums geschah zusammen mit 4 l Rum, 1 l Wasser und ½ g Saccharin.
-
- 8. Das +Geflügel+ (Hühner, Truthühner, Gänse) zeigt nach den
- Versuchen von +Awtokratoff+ Schläfrigkeit, verlangsamte Atmung,
- Pupillenverengerung, sowie Blässe und Schlaffheit des Kammes und der
- Kehllappen (subkutane Injektion 1proz. Lösungen).
-
- 9. +Ratten+ ertragen nach +Rübsamen+ (Arch. f. Pharmakol. 1908)
- pro kg 1Omal mehr Morphium als der Hund und 100mal mehr als der
- Mensch; die tödliche Dosis beträgt 40 mg pro 100 g Körpergewicht.
- Sie sind ferner leicht an Morphium zu gewöhnen (gesteigerte
- Zersetzungsfähigkeit, zelluläre Immunität).
-
- +Klinische+ Bedeutung besitzen meist nur die vereinzelten
- Beobachtungen von Morphiumvergiftung, welche bei Kühen nach der
- Aufnahme von =Mohnköpfen= (+Papaver somniferum+) gemacht worden sind.
- Diese Mohnköpfe enthalten Spuren von Opiumalkaloiden (im Maximum
- 0,03 Proz. Morphium und 0,04 Proz. Narkotin). Die Erscheinungen
- dieser Mohnvergiftung haben oft grosse Aehnlichkeit mit der
- Klatschrosenvergiftung, indem sie ebenfalls im wesentlichen unter
- dem Bilde der Aufregung und Tobsucht verlaufen; es fehlen jedoch
- die entzündlichen Erscheinungen seitens des Digestionsapparates
- (Diarrhöe etc.). So beobachtete +Waltrupp+ (Preuss. Mitt. Bd. 3) bei
- 2 Kühen, welche dem Eigentümer der Tollwut verdächtig erschienen,
- starke Aufregung, Brüllen, unruhiges Hin- und Hertreten, Tympanitis,
- sowie Verstopfung. +Leonhard+ (Repertor. 1850) beobachtete bei
- 4 Rindern Kolikerscheinungen, Unruhe, Wälzen, Stöhnen, Brüllen,
- Zähneknirschen, Schäumen, stieren Blick, Tympanitis und Verstopfung.
- +Zipperlen+ (Repertor. 1888) konstatierte bei einer Kalbin, welche
- Häcksel mit vielen zerkleinerten Mohnköpfen erhalten hatte, starke
- Aufregung und Unruhe, Hin- und Herspringen, an der Kette zerren,
- Tobsucht, starken Schweissausbruch, plötzliche Harnverhaltung etc.
- Aehnliche Erscheinungen sah er bei 10 Rindern, welche trockene
- Mohnköpfe erhalten hatten; es genasen jedoch sämtliche Tiere.
- Nach +Hannemann+ (Preuss. Vet. Ber. 1904) zeigten Kühe, welche
- im Grünfutter grosse Mengen von Mohnkapseln erhielten, keine
- Krankheitserscheinungen; dagegen wurden ihre Kälber durch die Milch
- vergiftet. Die Kälber waren nämlich in den ersten Lebenstagen
- gelähmt, schlafsüchtig, hatten keinen Trieb zum Saugen und starben
- nach 12-24 Stunden. -- Eine Vergiftung durch =Opium= bei einem Hund
- beobachtete +Jakob+ (Woch. f. Tierh. 1908). Ein Windhund hatte
- vom Besitzer innerhalb eines Tages 40 g Opiumtinktur = 4 g Opium
- erhalten. Er zeigte darauf Unruhe und Aufregung, Hyperästhesie und
- gesteigerte Reflexerregbarkeit, Schwanken, veränderte Gesichtszüge,
- Sinken der Körpertemperatur und der Pulsfrequenz, sowie periodischen
- Atmungsstillstand; die Giftwirkung dauerte 30 Stunden; der Hund wurde
- geheilt. -- +Groll+ (ibid.) beobachtete bei einer Kuh nach einer
- subkutanen Injektion von 1 g Morphium starkes Brüllen, Steigen in den
- Futterbarren, Stossen mit den Hörnern gegen die Wand und Schlagen mit
- den Füssen; nach und nach trat Beruhigung ein.
-
- Die +Behandlung+ der Morphiumvergiftung besteht in der Verabreichung
- von Atropin (spez. Antidot), Hyoszin, Koffein und anderen
- Exzitantien. In den oben erwähnten klinischen Fällen genügt
- zum +Nachweis+ der stattgefundenen Mohnvergiftung vollkommen
- die +botanische+ Untersuchung des Magen- und Darminhalts. Der
- Vollständigkeit halber mögen hier indessen auch die +chemischen+
- Methoden des Morphiumnachweises erwähnt sein. Die Abscheidung des
- Morphiums aus dem Untersuchungsmaterial erfolgt am besten nach der
- Methode von +Dragendorff+ (vgl. S. 199), wobei jedoch überall statt
- Benzol +Amylalkohol+ als Extraktionsmittel angewandt wird. Ausserdem
- hat bei Anwesenheit grösserer Mengen von Morphin die Aufnahme des
- Morphins in den Alkohol bei erhöhter Temperatur stattzufinden,
- und es muss das Morphin sofort nach seiner Abscheidung aus der
- Salzlösung vom Amylalkohol aufgenommen werden. Bei Untersuchung
- des Harns muss zur möglichst vollständigen Entfernung des
- Harnstoffes das Ausschütteln mit Amylalkohol mehrmals geschehen.
- Die wichtigsten Morphiumreaktionen sind: 1. Die +Husemann+sche
- mittelst Schwefelsäure und Salpetersäure. Man löst das Morphium in
- konzentrierter Schwefelsäure auf und versetzt die Lösung nach 15-18
- Stunden mit einigen Tropfen verdünnter Salpetersäure oder ein paar
- Körnchen gepulverten Salpeters, worauf die anfangs rötliche Lösung
- schön blauviolett, schnell blutrot und dann tief+orange+ wird. Die
- Reaktion gelingt auch bei Anwesenheit von 1/100 mg Morphin. 2.
- Das +Fröhdesche Reagens+ mit Molybdänschwefelsäure. Konzentrierte
- Schwefelsäure, welche pro 1 ccm 1 cg molybdänsaures Natron
- enthält, färbt Morphin noch bei einer Menge von 5/1000 mg sogleich
- prachtvoll +violett+, worauf eine grüne, braungrüne, gelbe und rote
- Farbe entsteht. 3. +Salpetersäure+ färbt Morphin +orangegelb+. 4.
- +Eisenchlorid+ färbt die +neutrale+ Lösung des salzsauren oder
- schwefelsauren Morphiums königsblau. Die Eisenchloridlösung muss
- sehr stark verdünnt sein. Ebenso umgibt sich ein Kristall von
- schwefelsaurem Eisenoxydammon in einer neutralen Morphiumsalzlösung
- mit einer blauen Zone. Eine weitere, vom Deutschen Arzneibuch als
- besonders charakteristisch aufgenommene Morphinreaktion ist die
- +Braunfärbung+ bei Zusatz von konzentrierter Schwefelsäure und
- Bismuthum subnitricum.
-
-
- =Apomorphin.= Bei manchen Pferden und Rindern scheint eine
- +individuelle+ Empfindlichkeit gegenüber therapeutischen
- Apomorphindosen zu bestehen. Einem mit Lecksucht behafteten Pferd
- gab +Kegel+ (Berl. Arch. 1894) 0,25 Apomorphin subkutan, worauf
- sich bei dem Tier hochgradige Aufregung einstellte, die einer
- grossen Mattigkeit Platz machte. Die nach 8 Tagen vorgenommene
- Wiederholung der gleichen Prozedur hatte den Tod des Tieres zur
- Folge. Auch +Schumacher+ und +Flum+ (Bad. tierärztl. Mitt. 1892
- und 1894) beobachteten bei lecksüchtigen Rindern nach Dosen von
- 0,15 bezw. 0,2 hochgradige Aufregung, Tobsucht, Krämpfe und sogar
- raschen Tod. -- Ausführlicheres über die Wirkung des Apomorphins auf
- die einzelnen Haustiergattungen findet sich in meinem Lehrbuch der
- Arzneimittellehre, 8. Aufl. 1909, S. 150.
-
-
-Tabakvergiftung.
-
- =Botanisches.= Der Tabak wird in Europa in 3 Sorten kultiviert.
- 1. +Nicotiana Tabacum+, Tabak, virginischer Tabak (Solanee), hat
- rispenförmige Blüten mit rosenroter Korolle, länglich lanzettliche,
- beiderseits verschmälerte, bis 60 cm lange und 15 cm breite Blätter,
- sowie einen stielrunden, oberwärts ästigen, bis 1½ m hohen Stengel.
- 2. +Nicotiana makrophylla+, der Marylandtabak, eine Varietät des
- vorigen, hat sehr breite, eirunde Blätter. 3. +Nicotiana rustica+,
- der Bauerntabak, blüht mit grüngelber, tellerförmiger, kurzer
- Korolle, hat gestielte, eiförmige, stumpfe Blätter, sowie einen
- klebrigen, kurzhaarigen, bis 1 m hohen Stengel. In Australien sind
- ausserdem Vergiftungen durch +Nicotiana suaveolens+ beobachtet worden.
-
- Das giftige Alkaloid des Tabaks, das =Nikotin=, bildet in reinem
- Zustand ein schweres, farbloses, später gelbliches, flüchtiges Oel
- von starkem Tabakgeruch und scharfem, brennendem Geschmack; Formel
- C_{10}H_{14}N_{2}. Es ist in den grünen Blättern in sehr schwankenden
- Mengen, nämlich von 1½-3 Prozent, in fertigem, trockenem Tabak zu
- 0,5-5 Prozent enthalten. Längere Zeit abgelagerte Tabake enthalten
- wegen der Flüchtigkeit des Nikotins wesentlich weniger von demselben,
- als frische, ein- und zweijährige Tabake. Am wenigsten Nikotin
- enthält der Havannatabak (Nicotiana repanda, mit weisser Korolle).
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Nikotin gehört zu den
-stärksten Giften (es übertrifft z. B. die Giftigkeit des Koniins um das
-16fache). Neben seiner +reizenden Wirkung+ auf die +Schleimhäute+ und
-die Darmmuskulatur (+Darmtetanus+) ist es ein erregendes Rückenmarks-,
-Gehirn- und Herzgift (+Tetanus der quergestreiften Muskeln+,
-+Atmungskrämpfe+; +digitalisähnliche Wirkung auf das Herz+). Wegen
-der Flüchtigkeit des Nikotins findet eine Aufnahme desselben auch von
-der unverletzten Haut aus statt. Kaninchen, Katzen und Hunde sterben
-schon nach sehr geringen (½-2 Tropfen = 0,02-0,1 g) Mengen von Nikotin.
-Pferde zeigen schon nach der subkutanen Injektion von 0,05 Nikotin
-Vergiftungserscheinungen (+Ellenberger+). Vögel sterben nach dem
-Einatmen eines Tropfens Nikotin innerhalb weniger Sekunden; sie sterben
-sogar schon bei Annäherung eines in Nikotin getauchten Glasstabes
-an den Schnabel. Die tödliche Dosis der getrockneten Tabakblätter
-beträgt für Pferde und Rinder 3-500 g, Schafe und Ziegen 30 g, Hunde
-und Katzen 5-25 g. Nächst dem Nikotin wirken am giftigsten die im
-Handel vorkommenden Tabaklaugen, sowie die Tabakabkochungen; besonders
-empfindlich gegen Nikotin scheinen Rinder zu sein. Nikotinvergiftungen
-ereignen sich bei den Haustieren am häufigsten nach der epidermatischen
-Anwendung des Tabaks gegen Hautparasiten, namentlich gegen Räude
-(+Waschungen und Bäder mit Tabaklauge und Tabakabkochung+), da das
-Nikotin wegen seiner Flüchtigkeit schon durch die unverletzte Haut
-eindringt. Ausserdem kommen Tabakvergiftungen in Gegenden mit Tabakbau
-vor, wenn Tiere, und zwar sind es meistens Rinder, auf dem Feld von den
-Tabakblättern fressen. Besonders gefährlich sollen die halbverwelkten
-Blätter sein. Vergiftungen mit reinem Nikotin sind bei unseren
-Haustieren nur nach experimentellen Versuchen beobachtet worden.
-
-Die wesentlichsten Erscheinungen der Nikotinvergiftung sind: +Würgen+,
-+Erbrechen+, +Speicheln+, +Kolik+, +Tympanitis+, +Durchfall+,
-+Polyurie+. +Grosse Muskelschwäche+, +Schwanken+, +Zusammenstürzen+,
-+Unvermögen aufzustehen+, +Lähmung+, +Zittern+. +Klonisch-tonische
-Krämpfe der Körpermuskulatur+, +Opisthotonus+, +Zwerchfellkrämpfe+,
-+Kontraktionen der Augenmuskeln+. +Stumpfsinn und Betäubung.+
-+Anfangs verlangsamte, später ausserordentlich beschleunigte und sehr
-unregelmässige Herzaktion+, +stürmisches Herzklopfen+, +Kälte der
-extremitalen Teile+, +erschwerte+, +selbst dyspnoische Atmung+. Dabei
-ist das Bild der Vergiftung verschieden, je nachdem das Nikotin von
-der Haut oder vom Darm aus aufgenommen wird. Bei epidermatischer
-Anwendung des Tabaks (Räudebehandlung) können gastrische Erscheinungen
-vollständig fehlen; der Tod kann hier lediglich unter den Erscheinungen
-von Krämpfen mit nachfolgender Lähmung sehr rasch, z. B. schon
-innerhalb ¼-½ Stunde, eintreten. Die durchschnittliche Dauer der
-Nikotinvergiftung nach innerlicher Aufnahme beträgt etwa 24 Stunden,
-doch kann die Rekonvaleszenz oft sehr lange (8-14 Tage) dauern. --
-Ueber chronische, unter dem Bild der +Amblyopie+ und +Amaurose+
-verlaufende Tabakvergiftungen bei Pferden ist aus Australien berichtet
-worden (vgl. S. 197).
-
-Bei der +Sektion+ findet man nach der Aufnahme des Tabaks per
-os die Erscheinungen einer katarrhalischen oder hämorrhagischen
-Gastroenteritis. Nach Räudebädern und Tabakwaschungen findet man
-jedoch nur ganz allgemeine anatomische Veränderungen (Ekchymosen in
-verschiedenen Organen, namentlich unter der Pleura und unter dem
-Peritoneum, Hyperämie der Lungen, des Gehirns und Rückenmarks).
-
-
-=Behandlung.= Das wichtigste Gegengift des Nikotins ist das +Tannin+,
-wofern die Vergiftung durch Aufnahme des Nikotins vom Magen aus
-zustande gekommen ist; das Tannin bildet mit dem Nikotin einen
-unlöslichen Niederschlag von tanninsaurem Nikotin. Statt dem reinen
-Tannin (Dosis für Rinder 15-25 g) können auch tanninhaltige Abkochungen
-(Kaffee, Tee, Eichenrinde, Gerberlohe) eingegeben werden. Ausserdem
-wird die Verabreichung von +Jod-jodkalium+ (Lugolscher Lösung)
-empfohlen, da auch durch das Jod das Nikotin ausgefällt wird. Im
-übrigen ist die Behandlung eine +symptomatische+ (Exzitantien gegen
-Lähmungserscheinungen, Bromkalium gegen Krämpfe). Bei Rindern hat
-man endlich die Vornahme des +Pansenschnittes+ und die nachfolgende
-manuelle Entfernung der Tabakblätter angeraten.
-
-
-=Nachweis.= Nach der Aufnahme von Tabakblättern genügt das
-Vorhandensein derselben im Magen, sowie der charakteristische
-Tabakgeruch in Verbindung mit den beschriebenen Erscheinungen
-der Vergiftung vollkommen zum Nachweis der stattgefundenen
-Nikotinvergiftung. Sollte es bei der epidermatischen Anwendung des
-Nikotins (Räudebäder, Tabakwaschungen) in einem Fall unentschieden
-sein, ob der tödliche Ausgang wirklich durch Nikotinvergiftung bedingt
-wurde, so muss zur Sicherstellung der letzteren der +chemische+
-Nachweis des Nikotins im Blut und in den inneren Organen des Körpers
-geliefert werden. Zu diesem Zweck muss das Nikotin zunächst aus den
-Körperorganen extrahiert werden. Diese Abscheidung des Nikotins kann
-nicht nach der gewöhnlichen Stasschen oder Dragendorffschen Methode
-erfolgen, weil das Nikotin sehr leicht zersetzlich und flüchtig
-ist. +Dragendorff+ empfiehlt daher, nach vorheriger Reinigung des
-sauren Auszuges mit Benzol das Nikotin aus +ammoniakalischer+
-Flüssigkeit durch möglichst leicht siedenden und fast geruchlosen
-Petroleumäther auszuziehen und den Petroleumäther sodann auf
-einem mit ätherischer Salzsäure benetzten Uhrschälchen bei einer
-Temperatur von nicht über 30° zu verdunsten. Der Aetherauszug hat
-den charakteristischen +Nikotingeruch+, und der Rückstand ist von
-+harzig-amorpher+ Beschaffenheit. Eine andere Abscheidungsmethode ist
-die durch +Destillation+. Man rührt die zu untersuchende Substanz mit
-viel Wasser zu einem dünnen Brei an, versetzt mit Kalilauge bis zur
-stark alkalischen Reaktion und destilliert aus einer Glasretorte mit
-vorgelegtem Kühlapparat über. Das Destillat zeigt dann den +Geruch+ des
-Nikotins, welches mit +Aether+ ausgeschüttelt und durch Verdunsten des
-Aethers rein gewonnen werden kann.
-
-Die +Reaktionen+ des auf die eine oder andere Weise gewonnenen
-Nikotins sind folgende: 1. Die physiologische Reaktion ist neben
-dem Geruch der wichtigste Nachweis des Nikotins. +Frösche+ zeigen
-nämlich nach subkutaner Injektion kleinster Mengen von Nikotin eine
-ganz +charakteristische Stellung+. Die vorderen Extremitäten werden
-nach hinten an die Seitenwände des Bauches angelegt, während die
-Hinterschenkel rechtwinklig zur Längsachse des Tieres stehen und die
-Unterschenkel dabei so stark gebeugt werden, dass die Fusswurzeln
-einander auf dem Rücken berühren. 2. Die sog. Roussinschen Kristalle
-sind rubinrote, in reflektiertem Licht dunkelblau schillernde, oft
-zollange Nadeln, welche auf Zusatz von +ätherischer Jodlösung+ zu einer
-ätherischen Nikotinlösung (1 : 100) aus der zunächst entstehenden
-öligen Masse allmählich auskristallisieren.
-
-Andere Reaktionen sind: +blutrote+ oder +braune+ Färbung durch
-Chlorgas; +rötlicher+ kristallinischer Niederschlag durch
-Platinchlorür; +flockiger+ Niederschlag durch Gallussäure; +Geruch+
-nach +Tabakkampfer+ beim Aufgiessen eines Tropfens Nikotin auf trockene
-Chromsäure unter Verglimmen.
-
- =Kasuistik.= 5 Kälber im Alter von 2-8 Monaten, welche mit Tabaklauge
- gewaschen wurden, zeigten bald darauf Zittern, Atmungsnot,
- Schweissausbruch, Aufblähung, Verstopfung und Lähmung (+Lydtin+, Bad.
- Mitt. 1887). -- 3 Kühe, welche mit Tabakbrühe aus einer Tabakfabrik
- gewaschen worden waren, stürzten der Reihe nach zusammen und starben
- nach etwa ¼ Stunde (+Prehr+, Preuss. Mitt., Bd. 4). -- Rinder, welche
- frisch geerntete Tabakblätter gefressen hatten, zeigten Unruhe,
- Kolik, Zittern, Schwäche, Durchfall, Herzklopfen, Atmungskrämpfe,
- Pupillenerweiterung und Lähmung (+Kohlhepp+, Bad. Zeitschr. 1848).
- -- Hunde zeigten nach dem Aufbringen von 3-4 Tropfen Nikotin auf die
- Zunge Angst, Unruhe, Zittern, beschleunigtes Atmen, Zusammenbrechen,
- Konvulsionen, Opisthotonus, Winseln etc. und starben nach wenigen
- Minuten (+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- Ein Pferd
- zeigte 10 Minuten nach dem Waschen mit unverdünnter Tabakgose
- hochgradige Schwäche, so dass es jeden Augenblick umzufallen drohte,
- Zittern und Schweissausbruch über den ganzen Körper, Krämpfe
- der Halsmuskulatur, brettharte Beschaffenheit der letzteren,
- gestreckte Kopfhaltung, Vorfall der Nickhaut, Retraktion der Bulbi,
- dunkelrote Verfärbung der Augenschleimhäute, Speichelfluss, harten,
- sehr beschleunigten Puls (90 p. M.), stark pochenden Herzschlag,
- aussetzende Atmung, sowie Benommenheit des Sensoriums. Genesung
- (+Krämer+, Zeitschr. f. Veterinärkunde 1892, S. 550). -- Mehrere
- Kühe wurden mit Tabakextrakt (Lecker Viehwaschmittel) gewaschen.
- Sie zeigten Zittern, Unruhe, grosse Schwäche, Rotation der Bulbi,
- Dyspnoe, Durchfall, Dysurie, sowie pfeifende Atmungsgeräusche.
- Eine Kuh starb; eine andere zeigte noch nach 8 Tagen grosse
- Muskelschwäche (+Matthiesen+, B. T. W. 1889). -- 2 Rinder zeigten
- nach der Aufnahme welker Tabakblätter Erbrechen, Kolik, Aufblähen,
- tonisch-klonische Krämpfe, sowie chronisches Siechtum. Die Sektion
- ergab Gastroenteritis neben Blutungen in den Nieren und Körpermuskeln
- (+Römer+, D. T. W. 1900). -- Ein Landwirt liess 9 Rinder gegen Läuse
- mit flüssigem Tabakauszug waschen; infolgedessen verendeten innerhalb
- einer Stunde 4 Rinder im Alter von 3-15 Monaten (Illust. Landw. Zeit.
- 1902). -- Nach +Schröder+ (Woch. f. Tierh. 1908) wird bei dem stark
- ausgedehnten Tabakbau im Kreise Kandel und bei dem grossen Mangel
- an passenden Trockenstellen der grüne Tabak zum Trocknen an alle
- möglichen Plätze und so auch oft an Scheunen und Stallungen gehängt.
- Beim Ein- oder Ausspannen gehen die Tiere an dem aufgehängten
- Tabak vorbei, nehmen hierbei mitunter Blätter auf und fressen
- dieselben und ziehen sich Vergiftung zu. Am gefährlichsten ist der
- halbdürre Tabak, bei dem die Rippen noch grün sind. Am folgenden Tag
- stellen sich die ersten Symptome der Nikotinvergiftung ein: Fehlen
- der Rumination, starkes Speicheln, Versagen der Futteraufnahme,
- Kolik, Durchfall, beständiges Liegen auf der Streu, Unvermögen zum
- Aufstehen, Lähmungen, besonders des Hinterkiefers, und vor allem
- stark eingenommene Psyche. Man sieht den Tieren die Angst und die
- ausserordentliche Hinfälligkeit schon am Gesichtsausdruck an. An
- eine Rettung ist nicht zu denken und daher sofortige Schlachtung
- angezeigt. -- In Australien (Neusüdwales) sollen im Jahr 1894
- bei Pferden infolge der Aufnahme des australischen Tabaks, der
- Nicotiana suaveolens, epizootische Fälle von Erblindung (Amblyopie,
- Amaurose) beobachtet worden sein, bei welchen die Pferde anfangs
- unfähig waren, im Dunkeln zu sehen, und nach ½-2 Jahren angeblich
- vollständig erblindeten (+Husemann+, D. med. Woch. 1894). -- Versuche
- an Hunden mit dem von der französischen Monopolverwaltung in den
- Handel gebrachten Tabaksaft sind von +Adam+ und +Lesage+ angestellt
- worden (Recueil 1899). -- Ein Hund, der gegen Eingeweidewürmer Tabak
- erhalten hatte, zeigte Krämpfe der Kau-, Hals- und Bauchmuskeln,
- Schlinglähmung und Kollaps (+Livesey+, Journ. of comp. 1905). --
- Kaninchen sollen nach intravenösen Injektionen von Nikotin an
- Arteriosklerose der Aorta erkranken (+Adler+ und +Hensel+, Deutsch.
- med. Woch. 1906, S. 1826).
-
-
-Strychninvergiftung.
-
- =Allgemeines.= Das in der Brechnuss (Krähenaugen), dem Samen von
- Strychnos nux vomica, enthaltene Strychnin ist ein sehr giftiges
- Alkaloid, welches bei den Haustieren teils infolge falscher
- Dosierung, besonders bei intratrachealer Injektion oder zu lange
- fortgesetzter Verabreichung (kumulative Wirkung, Ansammlung in der
- Leber) Veranlassung zu Vergiftungen gibt, teils infolge von Aufnahme
- strychninhaltigen Rattengiftes (Strychninweizen, Strychningrütze),
- sowie von strychninhaltigem, zum Vergiften von Füchsen ausgelegtem
- Fleisch, Heringsköpfen, Margarinepillen etc., letzteres namentlich
- bei Hunden. Vergiftungen können sich auch dadurch ereignen, dass
- in den Apotheken Strychninlösungen längere Zeit vorrätig gehalten
- werden. In diesen vorrätigen Lösungen enthält oft der Rest infolge
- Verdunstung des Wassers eine grössere Menge von Strychnin als
- der Berechnung nach erwartet werden sollte. Werden z. B., wie
- ich dies in einem Fall beobachtet habe, in einem Rezept 3 mg
- Strychnin verschrieben und der Apotheker benützt zur Herstellung
- dieses Rezeptes nicht, wie vorgeschrieben, die Wage, sondern eine
- vorrätige, ältere Strychninlösung, aus deren Konzentration er die
- 3 mg berechnet, so kann hierbei eine wesentlich grössere Dosis als
- die beabsichtigte zur Anwendung gelangen. Vergiftungen durch die
- Brechnuss selbst sind seit der Darstellung des Strychnins und der
- ausschliesslichen Verwendung desselben nicht mehr vorgekommen (ein
- älterer Fall ist von +Mewes+, Preuss. Mitt., Bd. 14 beim Pferd
- beschrieben).
-
- Die +tödliche Dosis+ des Strychnins beträgt bei +subkutaner+
- Applikation durchschnittlich bei den Haustieren pro kg Körpergewicht
- 0,5-1 mg. Danach betragen die niedersten subkutanen Todesdosen beim
- +Rind+ 0,3-0,4 g, beim +Pferd+ 0,2-0,3 g, beim +Schwein+ 0,05 g, beim
- +Hund+ 0,005-0,02 g, bei der +Katze+ 0,002-0,005 g. Beim +Geflügel+
- schwankt die Dosis sehr je nach der Gattung (vgl. S. 202). Bei
- +intratrachealer+ Injektion wirkt beim Pferd schon 0,15 g tödlich.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Strychnin ist ein spezifisches
-erregendes +Rückenmarksgift+, welches +Starrkrampf+ auslöst. Das
-Bild der Strychninvergiftung ist daher im wesentlichen das des
-+Starrkrampfes+ (Tetanus toxicus). Die Tiere zeigen tetanische,
-blitzartig auftretende, über den ganzen Körper sich ausbreitende
-Krampfanfälle von sekunden- bis minutenlanger Dauer, steife, gestreckte
-Haltung der Extremitäten, des Halses, der Wirbelsäule, des Schweifes,
-hochgradige +Schreckhaftigkeit+, sowie Dyspnoe während der Anfälle.
-Von +diagnostischer+ Bedeutung ist die Auslösung eines Krampfanfalls
-bei kleineren Tieren durch das Aufrichten derselben. Der Tod erfolgt
-durch Erstickung. Der Verlauf ist im allgemeinen +sehr akut+. Von der
-Aufnahme des Strychnins bis zum Auftreten von Krämpfen vergeht jedoch
-eine sehr verschiedene Zeit, desgleichen vom Beginn des Tetanus bis
-zum tödlichen Ende, je nach der Dosis, Form und Applikation, sowie
-je nach der Tiergattung. Bei +Pferden+ beobachtete man nach der
-intratrachealen Injektion des Strychnins zuweilen schon in wenigen
-Minuten apoplektiformen Tod. +Schafe+ sterben nach subkutaner Injektion
-durchschnittlich nach 12 Minuten. Bei +Hunden+ kann nach der Anfnahme
-mittlerer Dosen per os je nach dem Füllungszustand des Magens längere
-Zeit vergehen, bis die Vergiftung in die Erscheinung tritt (1-2
-Stunden) und die Vergiftung selbst, d. h. die Krämpfe, mehrere Stunden
-(5-7) andauern; nach dieser Zeit ist meist keine Lebensgefahr mehr
-vorhanden. Endlich ertragen Tiere, welche sich erbrechen können (Hunde,
-Katzen, Füchse, Wölfe und anderes Raubzeug), oft auffallend grosse
-Dosen von Strychnin.
-
-Die +Sektion+ ergibt wie beim gewöhnlichen Starrkrampf im allgemeinen
-ein +negatives+ Resultat; als sekundäre Veränderungen beobachtet man im
-Herzen und in der Lunge die Symptome der Erstickung. Vereinzelt wurde
-eine konservierende Wirkung des Strychnins auf den Kadaver beobachtet;
-ein Hundekadaver war z. B. noch nach 20 Tagen frisch (+Noack+).
-
-
-=Behandlung.= Bei Hunden gibt man zunächst ein +Brechmittel+
-(Apomorphin subkutan); im Notfall dient auch ein Esslöffel
-voll Kochsalz als Brechmittel. Das bewährteste Gegenmittel
-gegen Strychnin ist das +Chloralhydrat+. Dasselbe wird speziell
-Hunden in Dosen von 0,5-5,0, am besten in schleimigen Lösungen
-rektal so lange verabreicht, bis der Krampf nachlässt. Auch eine
-mehrere Stunden hindurch fortgesetzte oder öfters wiederholte
-+Chloroformierung+ und +Aetherisierung+ oder eine kombinierte
-+Chloralhydrat-Chloroformbehandlung+, sowie die Anwendung von
-+Morphium+, +Sulfonal+, +Bromkalium+ oder grosser Dosen von +Alkohol+
-ist zu empfehlen. Als chemisches Antidot gibt man +Tannin+ oder
-gerbsäurehaltige Mittel, im Notfall schwarzen Kaffee oder Tee.
-Ausserdem kann man bei drohender Erstickung künstliche Atmung einleiten.
-
-
-=Nachweis.= Für gewöhnlich genügt zum Nachweis der Strychninvergiftung
-der ausserordentlich charakteristische +klinische+ Befund. Zum
-Zweck des +chemischen+ Nachweises muss das Strychnin zunächst aus
-den Körperorganen (Magen, Blut, Leber, Nieren) extrahiert werden.
-Hierzu bedient man sich entweder der Methode von +Stas+ und +Otto+
-(Extraktion mit +Aether+, vergl. S. 33) oder einer von +Dragendorff+
-(Extraktion mit Benzol) angegebenen Methode. Nach der letzteren werden
-die zu untersuchenden Objekte in fein zerkleinertem Zustand mit
-+schwefelsäurehaltigem Wasser+ bis zur deutlich sauren Reaktion in der
-Weise versetzt, dass auf 100 ccm Untersuchungsmaterial höchstens 5 ccm
-verdünnter Schwefelsäure (1 : 5) kommen. Man digeriert einige Stunden
-lang bei einem Temperaturmaximum von 50°, koliert und presst, zieht
-den Rückstand nochmals mit schwefelsäurehaltigem Wasser aus, koliert
-und presst wieder, mischt die Kolaturen und verdunstet im Wasserbad
-bis fast zur Konsistenz eines dünnen Sirups, welcher sodann mit dem
-3-4fachen Volum +Alkohol+ (90-95 Proz.) 24 Stunden mazeriert wird,
-worauf man filtriert. Das Filtrat wird destilliert, bis der Alkohol
-übergegangen ist. Die zurückbleibende wässerige Flüssigkeit wird auf
-ca. 50 ccm verdünnt, mit 25 ccm reinem +Benzol+ versetzt, anhaltend
-geschüttelt, das Benzol abgehoben und mit neuem Benzol geschüttelt,
-welches ebenfalls abgehoben wird. Die zurückbleibende wässerige
-Flüssigkeit wird sodann mit Ammoniak deutlich alkalisch gemacht und
-auf 40-50° erwärmt, wodurch das Strychnin frei gemacht und durch
-anhaltendes Schütteln mit Benzol (25 ccm) in demselben aufgelöst wird.
-Dasselbe Verfahren wird mit einem zweiten Benzolquantum wiederholt,
-die Benzolmengen werden dann gemischt und das Benzol dann verdunstet.
-Bleibt hierbei das Strychnin nicht in ganz reinem Zustand zurück,
-so löst man den Rückstand nochmals mit schwefelsäurehaltigem Wasser
-auf, übersättigt mit Ammoniak, schüttelt wieder mit Benzol aus und
-verdunstet. Eine dritte Abscheidungsmethode ist von +Erdmann+ und
-+Uslar+ (Extraktion mit +Amylalkohol+) angegeben. Das zerkleinerte und
-mit Wasser zum dünnen Brei angerührte Untersuchungsobjekt wird mit
-Salzsäure angesäuert, 1-2 Stunden bei 60-80° digeriert, koliert und
-nochmals auf dieselbe Weise extrahiert. Die vereinigten wässerigen
-Auszüge werden mit +Ammoniak+ stark alkalisch gemacht und zur Trockene
-verdunstet. Der Rückstand wird gepulvert und mit +Amylalkohol+
-wiederholt ausgekocht. Die heiss filtrierten Amylalkoholauszüge werden
-mit dem 1Ofachen Volum heissen salzsauren Wassers in Glaszylindern
-stark geschüttelt, wodurch das Strychnin in letzteres übergeht. Zur
-Extraktion von Fett wird die salzsaure Wasserlösung nochmals mit
-Amylalkohol ausgeschüttelt. Dann wird mit Ammoniak neutralisiert und
-das Strychnin durch Schütteln mit warmem Amylalkohol ausgezogen,
-welcher zuletzt verdunstet wird, worauf das Strychnin zurückbleibt.
-
-Das abgeschiedene Strychnin wird nun auf seine Identität durch
-verschiedene +Reaktionen+ geprüft. 1. Die wichtigste ist die
-+Blaufärbung+ durch +Schwefelsäure+ und +Kalium dichromicum+. Man
-löst das Strychnin in konzentrierter Schwefelsäure und bringt in
-diese Lösung ein Kriställchen von doppeltchromsaurem Kali, worauf
-sich violettblaue Streifen bilden, die später in Rotbraun übergehen.
-Man kann die Reaktion auch in der Weise anstellen, dass man das
-Strychnin in wenig schwefelsäurehaltigem Wasser löst und diese Lösung
-mit einer Lösung von Kaliumdichromat (1 : 200) versetzt, worauf sich
-Gruppen schön goldgelber Kristallnadeln abscheiden, welche sich in
-konzentrierter Schwefelsäure blau lösen. Die Reaktion wird noch
-durch 1/1000 mg Strychnin hervorgerufen. 2. Die +Blaufärbung+ mit
-+Vanadin-Schwefelsäure+ ist ebenfalls sehr empfindlich. Eine Lösung
-von vanadinsaurem Ammonium in Schwefelsäure (1 : 200) gibt mit
-Strychnin eine violettblaue, blauviolette, violette, zinnoberrote,
-lang anhaltende Färbung, bei welcher die Farbenübergänge von Blau
-zu Blauviolett und Rot viel langsamer erfolgen, als beim ersteren
-Reagens. 3. Der +physiologische+ Versuch wird angestellt mit +Fröschen+
-(Todesdosis des Strychnins = 0,05 mg) und +Mäusen+ (Todesdosis = 0,02
-mg). Das Auftreten von +Starrkrampf+ bei den Versuchstieren beweist mit
-Sicherheit das Vorhandensein von Strychnin.
-
- =Kasuistik.= Ein gegen Kehlkopfpfeifen mit +intratrachealen+
- Strychnininjektionen behandeltes Pferd zeigte nach der
- Injektion von 0,11 g Strychnin nach etwa 20 Minuten hochgradige
- Vergiftungserscheinungen: Zuckungen, ausserordentliche
- Schreckhaftigkeit und Zusammenbrechen mit dem Hinterteil. Im
- Blut liessen sich Spuren von Strychnin nachweisen. Die Krämpfe
- dauerten 20 Minuten, die Schreckhaftigkeit mehrere Stunden an. Ein
- zweites Pferd zeigte nach 0,09 g ähnliche, jedoch geringgradigere
- Vergiftungserscheinungen. Bei einem dritten Pferd traten nach 0,08
- g ebenfalls leichte Vergiftungserscheinungen ein. Eine Heilwirkung
- liess sich nicht konstatieren. Danach ist bei intratrachealer
- Injektion 1 cg pro Zentner Lebendgewicht die höchste therapeutische
- Dosis für das Pferd (+Vogt+, Woch. f. Tierhlkde. 1891). -- Ein
- grosser Hund erhielt von seinem Besitzer, einem Arzt, 0,05
- Strychninum arsenicosum eingegeben. Die hienach auftretende schwere
- Vergiftung verschwand erst nach 10 Stunden nach Anwendung von
- Morphium, Chloralhydrat und zweistündigem Chloroformieren (+Wolf+,
- Sächs. Jahresber. 1897). -- Ein Rattenfänger hatte mit Strychnin
- bestreute Fische gefressen (Rattengift). Die nach Ablauf einer Stunde
- erfolgte Verabreichung von 3 g Chloralhydrat hatte mehrstündigen
- Schlaf und dauernde Heilung zur Folge (+Sauer+, Woch. f. T. 1899). --
- 1 Vorstehhund erkrankte nach dem Fressen von Fuchsgift an heftigem
- Tetanus; Chloralhydratklistiere (5,0) hatten totähnlichen Schlaf
- zur Folge, worauf am andern Tage ein Rückfall eintrat, der sich
- nach nochmaliger Anwendung von Chloralhydrat am 3. Tag wiederholte,
- worauf Genesung eintrat (+Rosenfeld+, Tierärztl. Zentralbl. 1899).
- -- Durch Strychnin vergiftete Hunde genasen nach Verabreichung einer
- grossen Handvoll Seesalz (Journ. of comp. 1900), desgleichen Hühner
- nach dem Eingeben kleiner Körnchen Atropin (+Ehlers+, D. T. W. 1900).
- -- Weitere Vergiftungen von Hunden, Katzen und Schweinen sind von
- +Merkle+, +Zix+ (Woch. f. T. 1898 u. 1899), +Uhlich+, +Deich+ (Sächs.
- Jahresber. 1898 u. 1899), +Phail+ (Vet. journ. 1898), +Videlier+
- (Recueil 1897), +Rancillia+, +Maignon+ (Jour. de Lyon 1901 u. 1905)
- u. a. beschrieben worden.
-
-
- =Experimentalversuche.= Das Verhalten der einzelnen Haustiere
- gegenüber dem Strychnin ist nach +Feser+ (Berl. Archiv 1880 u. 1881)
- und +Schneider+ (Monatshefte für prakt. Tierheilk. 1900) folgendes:
-
- 1. +Pferde+ ertragen +subkutane+ Dosen von 0,1-0,2 mg Strychnin
- pro Kilo Körpergewicht ohne Nachteil, indem sie nur leichte und
- vorübergehende Zufälle zeigen. 0,3 mg pro Kilo Körpergewicht
- subkutan injiziert sind für sehr alte, geschwächte, rückenmarkskranke
- Pferde schon eine tödliche Dosis, während sie von jungen, kräftigen
- Pferden meist ohne Gefahr ertragen werden. 0,4 mg Strychnin pro Kilo
- Körpergewicht töten jedoch jedes Pferd bei subkutaner Injektion
- sicher innerhalb kurzer Zeit. Bei der +innerlichen+ Verabreichung
- sind 5mal grössere Dosen nötig, als die oben genannten; die subkutane
- Injektion verhält sich also zur stomachikalen beim Pferd wie 1 : 5
- (+Feser+).
-
- 2. +Hunde+ zeigen nach +subkutanen+ Dosen von 0,1-0,2 mg pro Kilo
- Körpergewicht eine leichte vorübergehende Wirkung. 0,2 mg pro
- Kilo Körpergewicht subkutan werden von gesunden Hunden zwar noch
- ertragen, sind aber für kranke Hunde gefährlich und sollten nur mit
- grösster Vorsicht angewandt werden; sie erzeugen heftige, allgemeine
- Starrkrampfanfälle und Zusammenstürzen. 0,3 bis 0,4 mg haben eine
- schwere Vergiftung und häufig den Tod nach 12 Minuten bis 1½ Stunden
- zur Folge. 0,5 mg pro Kilo Körpergewicht und darüber töten jeden
- Hund bei subkutaner Applikation nach 10-50 Minuten. +Innerlich+
- gegeben bleiben 0,1-0,2 mg pro Kilo Körpergewicht ohne jede sichtbare
- Wirkung. 0,3 bis 0,4 mg zeigen zuweilen heftige, zuweilen aber
- auch gar keine Wirkung und eventuell Tod. 1 mg Strychnin pro Kilo
- Körpergewicht tötet bei innerlicher Verabreichung jeden Hund. Beim
- Hund verhält sich also die subkutane zur stomachikalen Dosis wie
- 1 : 2. -- Bezüglich der +kumulativen+ Wirkung des Strychnins ergaben
- die Versuche, dass subkutan 0,05 mg pro Kilo stündlich bis 10mal, 0,1
- mg pro Kilo dagegen stündlich nur 3mal ohne Gefahr angewandt werden
- können; 0,2 mg pro Kilo dürfen subkutan höchstens 2mal und nur in
- grossen Pausen gegeben werden. Innerlich kann man 10 Dosen à 0,1
- mg pro Kilo stündlich hintereinander geben; 0,2 mg pro Kilo können
- 5mal 2stündlich hintereinander gegeben werden. Grössere Dosen wirken
- giftig (+Feser+).
-
- 3. +Schafe+ äussern nach +subkutanen+ Dosen von 0,1 - 0,2 mg pro
- Kilo Körpergewicht nur leichte vorübergehende Zuckungen; 0,3 mg
- bedingen dagegen eine sehr heftige Wirkung und 0,4 mg pro Kilo den
- Tod. +Innerlich+ bleiben 0,6 - 1,2 mg pro Kilo wirkungslos; 3,0 mg
- haben eine sehr kräftige Wirkung, 4,0 mg pro Kilo den Tod zur Folge.
- Die subkutane Applikation verhält sich zur stomachikalen wie 1 : 10
- (+Feser+).
-
- 4. +Schweine+ zeigen auf +subkutane+ Injektion von 0,1 mg pro Kilo
- keine Reaktion; 0,2-0,3 mg haben eine geringe, vorübergehende
- Wirkung; 0,4-0,6 mg pro Kilo bedingen eine sehr heftige Vergiftung,
- welche jedoch meist nach 2-4stündiger Dauer in Genesung übergeht.
- 0,6-0,7 mg wirken tödlich. Die subkutane verhält sich zur
- stomachikalen Applikation wie 1 : 3 (+Feser+). -- 2 Schweine zeigten
- nach der Verfütterung von 0,15 und 0,2 g Strychn. arsenicos.
- keinerlei Krankheitserscheinungen (+Salles+).
-
- 5. Unter dem +Geflügel+ sind gegen tödliche Strychnindosen am
- widerstandsfähigsten die +Hühner+; die tödliche subkutane Dosis
- beträgt für sie 3-5 mg pro Kilo Körpergewicht, die stomachikale
- 30-140 mg. Dann folgen die +Tauben+ (tödliche subkutane Dosis
- 1,0-1,5, stomachikale 8-11 mg), +Enten+ (1,0 bezw. 3-4,5) und +Gänse+
- (1-2 bezw. 2,5-3 mg). Der Eintritt der Wirkung erfolgt bei subkutaner
- Applikation in 2-10 Minuten, bei innerlicher in 3-20 Minuten. Das
- Fleisch der mit Strychnin vergifteten Tiere erwies sich beim Genuss
- als ganz unschädlich (+Schneider+). -- Nach +Falck+ (Med. Zentralbl.
- 1899) sind Hühner und anderes Geflügel gegen die Brechnuss selbst,
- sowie gegen wässerige Strychninlösungen, wenn dieselben in die
- Speiseröhre oder in den leeren Kropf appliziert werden, ziemlich
- widerstandsfähig (langsame Resorption, Zersetzung des Strychnins im
- Blut). Dagegen sterben sie, wie andere Tiere, rasch bei subkutaner
- Einspritzung wässeriger und bei stomachikaler Verabreichung
- alkoholischer Strychninlösungen. -- +Vogel+ (Zeitschr. f. Biol.
- 1896) untersuchte bei Hühnern, ob die Einverleibung grosser Mengen
- von Strychnin eine giftige Beschaffenheit der +Eier+ bedinge. Er gab
- Hühnern in 12-16 Tagen 0,28-0,36 Strychnin, hat aber in den Eiern
- niemals Strychnin nachweisen können. -- Nach +Molitoris+ (Z. f. a.
- Chemie 1905) scheiden Hühner grosse Strychninmengen aus, ohne Schaden
- zu nehmen; in ihrem Blut lässt sich durch Farbenreaktion noch 1/1000
- mg Strychnin nachweisen.
-
- =Absichtliche Strychninvergiftung von Tieren zum Zweck der Tötung.=
- +Pferde+ werden nach +Bock+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1906) am
- schnellsten und sichersten in der Weise getötet, dass man ihnen eine
- Lösung von 0,4 g Strychninum nitricum in 10 g Glyzerin intravenös
- injiziert. Schon nach 3-4 Sekunden tritt blitzartiges Zusammenstürzen
- und sofortiger Tod ein. Nach der intravenösen Injektion von 0,3 g
- Strychnin brach ein Pferd nach 47 Sekunden zusammen und starb in
- 5 Minuten unter tetanischen Erscheinungen (ibidem 1901). Gesunde
- +Hunde+ starben nach +Ben Danou+ (Revue vet. 1902) am schnellsten
- nach der intrapleuralen Injektion von 5 ccm einer gesättigten Lösung
- von Strychninsulfat; bei nervenkranken Hunden verzögert sich jedoch
- der Eintritt des Todes sehr. +Raubzeug+ vergiftet man nach +Merck+
- (Jahresber. 1900) am besten in der Weise, dass man feingepulvertes
- Strychnin mit etwas Muskelfleisch zu einer Fleischpille formt und
- diese in ein etwas grösseres Stückchen Fleisch steckt. Zur Vergiftung
- von Füchsen steckt man das in einer Gelatinekapsel befindliche
- Strychnin in einen Heringskopf, den man allseitig mit einer Naht
- schliesst, oder in das ausgehöhlte Innere einer nussgrossen
- Margarinepille, oder in die Bauchhöhle eines getöteten kleinen Tieres
- (Vogel, Maus, Ratte). Die tödliche innerliche Dosis des Strychnins
- beträgt hiebei für Füchse 0,05-0,1, Wölfe 0,25, Bären, Tiger und
- Löwen 0,5-1,0. Die Strychninsalze erhalten sich jahrelang unzersetzt;
- tritt die gewünschte Wirkung beim Raubzeug nicht ein, so hängt dies
- nicht vom Präparat, sondern von dem Erbrechen der Tiere, sowie vom
- Füllungszustand ihres Magens ab.
-
-
-Vergiftung durch Kornrade.
-
- =Botanisches.= Die +Rade+ oder +Kornrade+, +Agrostemma Githago+
- (Familie der Karyophyllazeen; Unterfamilie Sileneen), ist ein
- bekanntes, rotblühendes Unkraut auf Getreidefeldern (Roggen, Weizen),
- mit einem ½-1 m hohen weissfilzigen Stengel, langen, spitzen,
- graugrünen Blättern und einzelnen, langgestielten, roten Blüten.
- Die allein giftigen +Samen+ sind schwarz oder dunkelbraun, kugelig,
- nierenförmig, 2-3 mm gross und besitzen eine regelmässige höckerige
- Oberfläche (Aehnlichkeit des Samens mit einer eingerollten Raupe).
- Die Samen besitzen einen sehr charakteristischen mikroskopischen
- Bau, welcher für den Nachweis derselben sehr wichtig ist. Die
- Oberhautzellen sind nämlich ausserordentlich gross, geweihartig
- verästelt, nach aussen gebuckelt, sehr dick und an der Oberfläche mit
- winzigen Höckerchen besetzt; ihr Inhalt besteht aus einer rotbraunen
- Substanz. Ebenfalls sehr charakteristisch sind die im Endosperm der
- Samen vorkommenden +Stärkekörperchen+; dieselben haben eine spindel-,
- spulen-, flaschen- oder eiförmige Gestalt, sind äusserst klein
- (0,02-0,1 mm gross) und durch Einlagerung winziger Stärkemehlkörnchen
- getrübt; in Wasser gebracht zerfallen sie, wodurch die beschriebenen
- winzigen Körnchen frei werden und eine molekulare Bewegung zeigen
- (wichtig für den Nachweis des Vorhandenseins von Rade im Mehl).
-
- Die Radesamen enthalten als giftigen Bestandteil das +Githagin+,
- ein Glykosid, welches mit dem =Saponin= (+Sapotoxin+) identisch
- ist (+Agrostemma-Sapotoxin+) und in Sapogenin und Zucker zerfällt.
- Ausserdem enthalten sie eine zweite, gleich giftige Saponinsubstanz,
- die +Agrostemmasäure+. Der Gehalt an Saponinsubstanzen beträgt 6-7
- Proz. Vergiftungen ereignen sich nach Verfütterung von Radeschrot,
- sowie durch radehaltiges Mehl und Kleie infolge von mangelhaftem
- „Ausreutern“ des Korns in der Mühle.
-
-
-=Allgemeines über Saponinsubstanzen.= Unter diesem Namen fasst man eine
-Anzahl glykosidischer Stoffe zusammen, welche nach +Kobert+ in etwa
-150 Pflanzenarten (30 Familien) vorkommen und neben ihrer chemischen
-Homologie mit der Grundformel C_{n}H_{2n-8}O_{10} gemeinschaftlich
-nachstehende Eigenschaften besitzen: Schäumen in wässerigen Lösungen
-(daher der Name Saponin, seifenartiges Glykosid), kratzenden
-Geschmack, +entzündungserregende Wirkung auf Haut und Schleimhäute+
-(Dermatitis, Rhinitis, Konjunktivitis, Gastroenteritis), Auflösung der
-roten Blutkörperchen (+Hämolyse+), sowie geringe oder ganz fehlende
-Resorption vom Darmkanal aus. Die letztgenannte Eigenschaft erklärt die
-eigentümliche Tatsache, dass bei intakter Darmschleimhaut grosse Dosen
-der Saponinsubstanzen ertragen werden, ohne eine Allgemeinvergiftung zu
-verursachen (vergl. die Kornradevergiftung), während bei vorhandenem
-Katarrh oder bei Geschwüren der Darmschleimhaut die Resorption erhöht
-und die Giftwirkung viel stärker ist. Ausserdem soll das Saponin
-im normalem Darm in eine ungiftige Verbindung umgewandelt werden.
-Subkutan erzeugen die Saponinsubstanzen Eiterung ohne Bakterien
-(aseptische Eiterung); intravenös beigebracht wirken sie rasch tödlich
-infolge Auflösung der roten Blutkörperchen und zwar schon in Dosen
-von ½-1 mg pro kg Körpergewicht. Die anatomischen Veränderungen
-bestehen ähnlich wie bei Phallinvergiftung in Zerstörung der roten
-Blutkörperchen, Darmentzündung, Verfettung der Leber, der Nieren
-etc. Zu diesen Saponinsubstanzen rechnet man +Saponin+, +Sapotoxin+,
-+Sapogenin+, +Saporubin+, die +Quillajasäure+, +Polygalasäure+
-und +Agrostemmasäure+, das +Githagin+, +Zyklamin+, +Senegin+,
-+Parillin+, +Assamin+ und +Melanthin+. Man spricht ferner von einem
-Agrostemma-Sapotoxin, Quillaja-Sapotoxin, Gypsophila-Sapotoxin,
-Sapindus-Sapotoxin usw.
-
-
-=Krankheitsbild der Radevergiftung.= Die Saponinsubstanzen der Kornrade
-(Sapotoxin, Agrostemmasäure) wirken entzündungserregend auf alle
-Schleimhäute (+Gastritis+, +Enteritis+, +Stomatitis+, +Pharyngitis+,
-+Konjunktivitis+, +Rhinitis+, +Laryngitis+), sowie +lähmend+ auf das
-Zentralnervensystem und das Herz. Ausserdem sind sie ein starkes Gift
-für die +roten Blutkörperchen+, welche dadurch aufgelöst werden.
-Die Vergiftungserscheinungen bestehen demnach in +Speicheln+,
-+Schlingbeschwerden+, +Erbrechen+, +Kolik+, +Durchfall+, +Mattigkeit+.
-Bei der +Sektion+ findet man hauptsächlich die Erscheinungen einer
-intensiven +Gastroenteritis+, sowie lackfarbige Beschaffenheit des
-Blutes.
-
-Eigentümlicherweise ist die Empfindlichkeit der einzelnen Tiergattungen
-gegen das Radegift sehr verschieden. +Gänzlich immun scheinen Schafe,
-Ziegen und Nagetiere (Kaninchen) zu sein.+ Auch erwachsene Rinder sind
-wenig oder gar nicht für das Gift empfänglich. Am empfindlichsten
-sind dagegen Hunde, Pferde, Schweine, Kälber und Hühner. Merkwürdig
-ist ferner, dass sich manche Tiere mit der Zeit an die Radefütterung
-+gewöhnen+, indem die giftige Wirkung des Saponins bei längerer
-Verabreichung der Rade abnimmt, und dass das radehaltige Futter bei
-einer und derselben Tiergattung nicht immer gleich stark giftig wirkt,
-indem zuweilen sehr grosse Quantitäten von den Tieren ohne Gefahr
-verzehrt werden. Ob dieses verschiedene Verhalten der Radesamen auf
-Zersetzungen des Saponins oder auf einen verschiedenen Gehalt des
-Rademehls oder auf eine zeitliche und örtliche Ungiftigkeit der
-Radesamen nach Art der Lupinen oder auf eine gewisse prädisponierende
-Beschaffenheit der Darmschleimhaut bei einzelnen Tieren (leichte
-Verletzungen) zurückzuführen ist, muss dahingestellt bleiben. Auch
-+individuelle+ Verschiedenheiten sind nicht selten. Sodann sind +junge
-Tiere empfindlicher+, als alte.
-
-
-=Therapie.= Die Behandlung der Radevergiftung besteht in der
-Verabreichung von schleimigen, einhüllenden, sowie von exzitierenden
-Mitteln (Aether, Kampfer, Koffein, Kaffee). In +prophylaktischer+
-Beziehung ist ferner ein Futterwechsel vorzunehmen. Ausserdem kann
-durch gelindes +Rösten+ des Radepulvers in eisernen Pfannen das Saponin
-zerstört werden (die Backofenhitze zerstört nicht alles Saponin!).
-Endlich lässt sich durch ein bestimmtes +Schrotverfahren+ nicht nur die
-schwarze Schale der Radesamen, sondern auch die vom Embryo gebildete
-schwarze Randpartie entfernen, in welcher das Saponin ausschliesslich
-seinen Sitz hat.
-
-
-=Nachweis.= Zum Nachweis der Radevergiftung können die verabreichten
-Futterstoffe (Kleie, Mehl) und der Magendarminhalt entweder einer
-botanisch-mikroskopischen oder einer chemischen Untersuchung
-unterworfen werden.
-
-Der +botanische+ Nachweis besteht in dem Auffinden der im Eingang
-genauer beschriebenen schwarzen, warzigen Samenschalen mit ihren
-charakteristischen Zellen (Untersuchung mit der Lupe), sowie in der
-Feststellung der charakteristischen Stärkekörperchen im Mehl mittels
-des Mikroskops. Der +chemische+ Nachweis der Radevergiftung stützt sich
-auf gewisse Reaktionen des Githagins. 1. Schüttelt man 2 g Mehl mit 10
-ccm einer Mischung von 20 g 70proz. Alkohol und 1 g Salzsäure in einem
-Reagensglas und lässt den Inhalt stehen, so nimmt die Flüssigkeit eine
-gesättigt +orangegelbe+ Farbe an. 2. Man digeriert 500 g Mehl mit 1 l
-85proz. Alkohol im Wasserbad, filtriert heiss, fällt das Filtrat mit
-absolutem Alkohol, trocknet den Niederschlag bei 100°, nimmt ihn mit
-kaltem Wasser auf, fällt den Auszug nochmals mit absolutem Alkohol,
-filtriert und trocknet wieder. Durch dieses Verfahren wird das Githagin
-(Saponin) rein dargestellt als ein +gelblichweisses+ Pulver von
-+brennend bitterem Geschmack+, welches sich in Wasser leicht löst und
-damit geschüttelt stark +schäumt+.
-
-Grössere Mengen von Rade im Mehl lassen sich endlich häufig schon durch
-die +blaue+ Farbe des Rademehls nachweisen.
-
- =Kasuistik und Fütterungsversuche.= +Pusch+ (Ueber die Schädlichkeit
- der Kornrade. Deutsche Zeitschr. für Tiermed. 1890) hat eine
- grössere Reihe von Fütterungsversuchen bei den verschiedenen
- Haustieren angestellt, welche folgendes ergeben haben. 1. Zwei
- +Pferde+ wurden mit 1130 und 4400 g Rade gefüttert, die im Jahre
- 1888 geerntet war; sie zeigten keinerlei Krankheitserscheinungen.
- Ein anderes Pferd erkrankte dagegen bereits nach 325 g 1889er Rade
- an Stomatitis. Ein viertes Pferd erhielt 6½ kg Rade in 9 Tagen;
- es zeigte heftiges Speicheln, ulzeröse Stomatitis (Erosionen),
- Pharyngitis, Nasenausfluss und Husten. Eine Stute zeigte ausserdem
- nach Verfütterung von 12 kg Rade in 12 Tagen häufiges Urinieren und
- Blinken. Niemals entstand eine chronische Erkrankung; bei keinem
- der Pferde wurden ferner spinale Lähmungserscheinungen beobachtet,
- wie sie angeblich nach Haubner und Dieckerhoff bei Radevergiftung
- vorkommen sollen. 2. Ein +erwachsenes Rind+ erhielt 8640 g Rade
- in 5 Tagen ohne sichtbar zu erkranken. (Nach einer Mitteilung von
- Oekonomierat Schulz in Petershagen verfütterte derselbe ohne den
- geringsten Nachteil 400 Zentner reine Kornrade an 100 Zugochsen in
- täglichen Gaben von 1 Pfund!). Dagegen starb ein 13 Tage altes +Kalb+
- nach der Verfütterung von 400 g Rade in einem Tage; die Sektion ergab
- Entzündung des Rachens und Labmagens, Dünndarmkatarrh und Lungenödem.
- 3. Zwei erwachsene +Schafe+ erhielten 12 kg Rade in 64 Tagen bezw. 11
- Kilo in 30 Tagen, ohne, abgesehen von einem leichten Nasenkatarrh,
- zu erkranken. 4. Ein 6 Wochen altes +Schwein+ erhielt in 20 Tagen
- 5420 g Rade; es zeigte lediglich starken Husten. 5. Ein alter +Hund+
- (Pinscher) erkrankte nach 50 g unter Erbrechen, Diarrhöe, Kolik
- und Schwäche. 6. Ein +Huhn+ wurde den ganzen Sommer mit Schrot
- gefüttert, das zu 44 Proz. aus Rade bestand, ohne zu erkranken. 7.
- Vier +Kaninchen+ wurden ½ Jahr ausschliesslich mit radehaltigem
- Schrot (25-44proz.) gefüttert; sie zeigten anfangs Nasenkatarrh und
- Niesen, das sich allmählich verlor; sonst traten keine krankhaften
- Erscheinungen ein. -- 2 junge Pferde zeigten nach der Aufnahme von
- Rade starkes Speicheln, Zähneknirschen, Kolik, Kollern im Leibe,
- übelriechende Diarrhöe, Zittern und Steifigkeit (+Contamine+,
- Annal. de Bruxelles 1885). -- Ein Pferd, welches mit dem Hafer
- grössere Mengen von Radesamen aufgenommen hatte, starb unter den
- Erscheinungen einer dumpfen Kolik, sowie grosser, zunehmender
- Schwäche (+Déchet+, Revue vétér. 1886). -- Ein Versuchspferd erhielt
- 120 g Rademehl und am Tag darauf 1 Pfund Radebrot. Am nächsten Tag
- zeigte es Appetitlosigkeit, Schlingbeschwerden, Traurigkeit und
- Betäubung, indem es z. B. wie ein dummkolleriges Pferd Futter im
- Maule behielt, ohne zu kauen; am Tag darauf hatte es sich wieder
- vollständig erholt (+Röll+, Oesterr. Vierteljahrsschr. Bd. 11). --
- Nach +Lehmann+ und +Mori+ (Arch. f. Hyg. 1889) sind von allen Tieren
- die Nagetiere gegen Kornrade am wenigsten empfindlich; ein Kaninchen
- erhielt z. B. in 7 Tagen 105 g Radepulver, ohne zu erkranken. --
- +Sturm+ (Wiener landw. Zeitung 1889) fütterte jahrelang 2-3 kg
- reines Radeschrot an Mastkühe und Ochsen ohne Schaden, desgleichen
- +Meissl+ (ibid.) an Schweine monatelang bis 500 g pro Stück und Tag.
- -- 7 Hunde zeigten nach dem Eingeben von Rademehl Unruhe, Erbrechen
- und Schlingbeschwerden; bei der Sektion wurden Schwellung und
- Rötung der Rachen- und Magenschleimhaut festgestellt (+Pillwax+ und
- +Müller+, ibid.). -- Ein 19 Pfund schweres Versuchsschwein starb nach
- der täglichen Verfütterung von 20-100 g Rade neben anderem Futter
- nach 14 Tagen; ein anderes, 25 Pfund schweres Schwein verzehrte
- allmählich bis 350 g Rade, blieb aber gesund. Eine Ziege starb nach
- 3wöchentlicher täglicher Verfütterung von 300-500 g Rade neben
- Heu. Die Sektion ergab starke Darmentzündung, sowie Exsudation im
- Rückenmarkskanal (+Ulrich+, Bad. Mitt. 1882). -- Ein mit Rademehl
- vergifteter Hund zeigte Unruhe, Erbrechen, Schlingbeschwerden,
- Mattigkeit, Abstumpfung und Betäubung; bei der Sektion fand man
- verschiedengradige, selbst kruppöse Entzündung der Schleimhaut der
- Rachenhöhle, des Schlundes, des Magens, Dünndarms, Dickdarms und
- Mastdarms, sowie des Kehlkopfes, Gehirnhyperämie und Hydrocephalus
- acutus internus (+Röll+, l. c.). -- Eine Massenerkrankung von
- Saugkälbern (Gastroenteritis) nach Verfütterung radehaltigen Mehls
- hat +Tabourin+ (Recueil 1876) beschrieben. Fütterungsversuche bei
- 4 Kälbern ergaben Unruhe, Zähneknirschen, Speicheln, Durchfall und
- Koma. Bei der Sektion wurde Entzündung des Schlundkopfs, sowie
- heftige Entzündung des Labmagens festgestellt. -- Nach +Viborgs+
- Versuchen erkrankte ein Hund von 60 g Rademehl, genas aber wieder;
- ein Hund starb nach 30 g. -- +Stier+ (Berl. tierärztl. Wochenschr.
- 1893, Nr. 51) beschreibt eine Kornradevergiftung bei 48 Mastschweinen
- infolge Verfütterung von radehaltigem (6proz.) Roggenschrot. Die Haut
- der Tiere war wie besät mit nadelkopf- bis zehnpfennigstückgrossen
- Hämorrhagien; die Schweine zeigten ferner Taumeln und Schwanken,
- Benommenheit des Sensoriums, Blutbrechen, Geifern, Dyspnoe,
- Heiserkeit, dunkelroten bis teerschwarzen Harn, Dysurie, sowie
- Schlingbeschwerden. -- +Monin+ (Petersb. landwirtsch. Zeitung 1889)
- fütterte 6 schwache, magere Schafe täglich mit ¼-1 kg Rade, so dass
- jedes Schaf im Laufe eines Monats etwa 20 g Rade erhielt; die Tiere
- wurden nicht nur nicht krank, sondern ihr Nährzustand besserte sich
- bedeutend. -- Nach +Kruskal+ (Arb. d. pharmakol. Instituts zu Dorpat
- 1891) starben Hähne an Darmentzündung, wenn 21-37 g Rademehl pro kg
- in den Magen eingeführt wurden. Katzen starben bei unterbundenem
- Schlund nach 0,16 g Sapotoxin pro kg; ein Kaninchen erkrankte
- dagegen nicht, als es in zehn Tagen 150 g Rademehl erhalten hatte.
- -- +Kornrauch+ (Oesterr. Monatsschr. 1894, S. 489) berichtete über
- Fütterungsversuche der Wiener landwirtschaftlichen Station bei 3
- Schweinen, welche 40-70proz. Radefutter ohne Schaden ertrugen, und
- bezeichnet sogar das Radefutter als Mastfutter. -- Nach +Pourquier+
- (Revue vét. 1895) ist die Kornrade ein gutes Futtermittel für Schafe;
- ein Schäfer verfütterte allein in einem Winter 3800 kg Radesamen.
- -- +Perussel+ (J. de Lyon 1895) beobachtete akute Radevergiftung
- bei Pferden und Mastochsen, welch letztere täglich 5 kg 80proz.
- Rademehl erhielten. Die Erscheinungen bestanden in Appetitstörung,
- Aufhören des Wiederkauens, Kolik, Diarrhöe, Unvermögen zu schlingen,
- Koma und Dekubitus; die Sektion ergab Enteritis. -- Nach der
- Verfütterung radehaltiger Kleie erkrankte eine Mutterstute mitsamt
- dem saugenden Fohlen an Magendarmkatarrh (+Schultz+, Berl. Arch.
- 1897). -- +Sabatzky+ (ibid. 1898) berichtet über eine Vergiftung
- bei Schweinen, welche radehaltige (50proz.) Roggenkleie gefüttert
- erhalten hatten. Die Erkrankung trat 14 Tage nach dem Beginn der
- Fütterung zuerst bei den Ferkeln auf, dann auch bei den älteren
- Schweinen. Die Erscheinungen bestanden in Appetitlosigkeit,
- Schwellungen am Halse und Lähmung. Die Sektion ergab Gastroenteritis.
- 20 Schweine verendeten, 8 wurden notgeschlachtet. -- +Peter+ (ibid.
- 1899) sah auf einem Gute 17 Lämmer und einige ältere Schafe, welche
- mit kornradehaltigen (50proz.) Mühleabfällen gefüttert wurden,
- unter Gleichgewichtsstörungen, Krämpfen und Speicheln erkranken.
- -- +Brummel+ (Veterinarius 1900) beobachtete bei einem 5jährigen
- Pferd nach der Aufnahme grösserer Mengen von Kornrade Steifheit
- der Gliedmassen, Taumeln, Trismus und Schlingbeschwerden. --
- +Hagemann+ (Bericht an den preuss. Landwirtschaftsminister und
- Landw. Jahrb. 1903) hat durch Fütterungsversuche nachgewiesen, dass
- die Verfütterung von kornradehaltigem Futter, wie es im Betriebe
- des Müllereigewerbes gewonnen wird, bei unseren Haustieren keine
- Vergiftung hervorruft. Milchkühe gaben nach Kornradeverfütterung
- Milch mit einem minderwertigen Fette von anormaler Beschaffenheit.
- Hühner und Gänse starben dagegen an Durchfall und Darmentzündung
- in 24 Stunden, wenn sie 1,5 g bezw. 3-5 g Sapotoxin erhielten. --
- +Kronacher+ (Woch. f. Tierh. 1900) sah bei drei Kühen nach der
- Verfütterung von radehaltigem Haferschrot Appetitlosigkeit, Stöhnen,
- Husten und Speicheln; 1 Kuh verendete, 2 wurden notgeschlachtet.
- -- +Lohmann+ (Z. f. öff. Chemie 1903) studierte die Giftigkeit
- des Saponins für den Menschen (Schaumweine, Brauselimonaden)
- an Kaninchen und fand, dass sie sehr grosse Dosen ohne Schaden
- ertrugen (0,5-7 g Saponin per Tag). -- +Gips+ und +Ruthe+ (Berl.
- Arch. 22. Bd.) sahen angeblich Pferde an Kornradevergiftung sterben
- (Taumeln, Benommenheit, Atembeschwerden). -- +Ludewig+ (Diätetik
- des Truppenpferdes 1904) sah bei Pferden nach der täglichen
- Fütterung von 300 g Radesamen Kolikerscheinungen und Lähmung des
- Sehnerven. -- +G. Müller+ (Sächs. Jahresber. 1905) glaubt, dass
- beim Geflügel in der Praxis Radevergiftungen nicht vorkommen,
- weil die Samen nicht freiwillig gefressen werden. Hühner zeigten
- nach der Einverleibung von 5-10 g Samen nichts, nach 20 g leichte
- Krankheitserscheinungen, nach 30 g Samen schwere Erkrankung und Tod
- (hochgradige Atemnot, Speicheln, Rasseln, Blaufärbung des Kammes,
- Tod nach 7-14 Stunden); die Sektion ergab Aetzstellen im Kropf und
- Drüsenmagen. Tauben zeigten nach 1Otägiger Verabreichung von je 1
- g Radesamen nichts, starben aber nach einer Dosis von 2,5 g; die
- Sektion ergab nekrotisierende Entzündung der Kropfschleimhaut.
- -- Nach +Steinbrenner+ (Woch. f. T. 1908) erkrankten bei einem
- Müller 2 Kühe an Kornradevergiftung. Das verfütterte, sogenannte
- Tripplo war Schrot von den Kornrückständen, von Unkrautsamen,
- vorherrschend Kornrade. Das Krankheitsbild bestand in Lähmung und
- Eingenommenheit des Sensoriums. Die eine Kuh entleerte breiigen Kot,
- bei der andern bestand Verstopfung mit hochgradiger Tympanitis,
- die zu dreimaligem Troikarieren Anlass gab. Die eine Kuh verendete
- an Magendarmentzündung, bei der anderen blieb eine Lähmung zurück;
- die Kuh wurde schliesslich wegen Dekubitalgangrän getötet. --
- +Albrecht+ (ibid. 1907 u. 1908) fand bei seinen Versuchen, dass
- Hühner trotz grosser Mengen eingegebener Radesamen nicht erkrankten,
- und schliesst daraus, dass das Huhn offenbar die giftige Substanz der
- Radesamen in seinem Verdauungsapparat zu zerlegen und unschädlich
- zu machen imstande ist. Auch die Versuche mit Ziegen fielen negativ
- aus. Eine trächtige Ziege erhielt wochenlang täglich 100-150 g
- geschrotenen Radesamen, ohne zu erkranken. Auch bei gleichzeitiger
- Verabreichung von hartem, die Darmschleimhaut mechanisch reizendem
- Stroh frass die Ziege im ganzen 2¼ kg Radeschrot, ohne zu erkranken.
- Die gleichzeitige Verabreichung von Abführmitteln (Natriumsulfat)
- löste ebenfalls keine Erkrankung aus, trotzdem 6 kg Radesamen
- innerhalb 21 Tagen verabreicht wurden (auch Abortus trat nicht
- ein). Bezüglich der in der Literatur mitgeteilten widersprechenden
- Ergebnisse der Radefütterung schliesst sich +Albrecht+ der Meinung
- von +Pott+ (Handbuch der tierischen Ernährung 1907) an, dass nicht
- alle Radesamen giftig bezw. gleich giftig sind, und dass der
- Giftgehalt möglicherweise wie bei den Lupinen durch besondere, nicht
- bekannte Ursachen bedingt wird (Befallungspilze?). -- +Brandl+ hat
- bei seinen Versuchen über das Sapotoxin von Agrostemma Githago
- (Arch. f. exp. Path. u. Pharmak. 1906 u. 1908) festgestellt, dass
- dasselbe zu Sapogenin und Zucker zerfällt, und dass dem Sapogenin
- eine ähnliche, wenn auch etwas geringere Giftwirkung zukommt, wie
- dem Sapotoxin; ausserdem enthalten die Radesamen eine zweite,
- gleichgiftige Saponinsubstanz, die Agrostemmasäure. Die angestellten
- Fütterungsversuche ergaben folgendes: 1. +Hühner+ und +Tauben+ nahmen
- Radesamen aus einem gemischten Körnerfutter freiwillig niemals
- auf, und verschmähten auch Futter, das mit Rademehl bestäubt war.
- Absichtlich beigebrachtes Rademehl erzeugte bei Tauben schon in
- der geringen Menge von 2-3 g, bei Hühnern von 3-8 g eine deutliche
- Vergiftung; 10 g pro kg Taube und 15 g pro kg Huhn wirkten nach
- 2-3 Tagen tödlich. Die Vergiftungserscheinungen bestanden in
- Erbrechen, Speichelfluss, Appetitlosigkeit, Durchfällen, Taumeln und
- Lähmung. Dasselbe Krankheitsbild entstand nach der Einverleibung
- von Agrostemma-Sapotoxin und Agrostemmasäure; dabei hatte es den
- Anschein, als ob sich die Tiere an gewisse Mengen dieser Gifte
- gewöhnten. 2. +Hunde+ zeigten von 0,05-0,08 Sapotoxin ab Erbrechen
- und Durchfall. 3. +Schweine+ verschmähten anfangs Futter, dem 20
- g Kornrademehl beigemengt war, nahmen es aber dann, als es mit
- Wasser angerührt war. Die tägliche Verabreichung von 50-100 g
- Rademehl erzeugten bei einem Schwein heftiges Erbrechen und starken
- Durchfall; ein anderes Schwein erhielt in 82 Tagen 6⅓ kg Rademehl
- und nahm dabei um 3 kg an Körpergewicht zu; wenn die tägliche Dosis
- auf 100-125 g gesteigert wurde, stellte sich Erbrechen, Husten und
- Appetitlosigkeit ein. Nach der Verabreichung von 18 g Sapotoxin
- zeigte ein 18 kg schweres Schwein Würgen und Erbrechen und starb an
- Gastroenteritis und Hämolyse. 4. +Kaninchen+ erkrankten erst, wenn
- 12 g Kornrademehl = 0,45 g Sapotoxin pro kg einverleibt wurden.
- 15-17 g Kornrademehl pro kg wirkten nach 15-12 Stunden tödlich
- (Durchfall, Magendarmentzündung). Danach ertragen Kaninchen viel
- grössere Mengen von Kornrade, als Schweine und Geflügel (Verhältnis
- 3 : 2: 1); um Krankheitserscheinungen hervorzurufen, braucht man
- pro kg Körpergewicht bei Kaninchen 12 g, bei Schweinen 7-9 g, bei
- Hühnern und Tauben 4-5 g Kornrade. 5. Ein +Pferd+, welches in 2
- Tagen 100 g Sapotoxin = 1400 g Rademehl erhalten hatte, zeigte keine
- Krankheitserscheinung, desgleichen nicht ein +Rind+, das 50 und 90
- g Sapotoxin, sowie in 14 Tagen 4⅓ kg Rademehl erhalten hatte. Für
- grosse Haustiere ist danach Futter mit einem Gehalt von 5-12 Proz.
- Kornrade, wie es im normalen Betrieb des Müllereigewerbes gewonnen
- wird, wahrscheinlich gefahrlos. -- Nach +Neumayer+ (ibid. 1908)
- beruht die hämolytische Wirkung des Sapotoxins auf das Blut auf
- einer direkten Schädigung der roten Blutkörperchen an der Oberfläche
- (Zellgift); im Verdauungsapparat erzeugt es akute Geschwürsbildung.
- -- +Holterbach+ (Berl. tierärztl. Woch. 1909) beobachtete bei
- einem 8 Wochen alten Kalbe nach der Aufnahme von radehaltigem (10
- Proz.) Roggen Mattigkeit, Durchfall, Taumeln, Lähmung, Polyurie und
- Konjunktivitis.
-
-
-Vergiftung durch Kichererbsen. Lathyrismus.
-
- =Botanisches.= Die +Kichererbse+, +Cicer arietinum+ (Lathyrus cicer),
- ist eine einjährige Hülsenfrucht (Familie Papilionazeen, Unterfamilie
- Vizieen) mit roten, achselständigen Blüten und zweisamigen Hülsen,
- sowie unpaar gefiederten, 13-17jochigen Blättern und ovalen, gesägten
- Blättchen. Die Samen sind rundlich höckerig, über erbsengross, an
- den Widderkopf erinnernd („arietinum“). Mikroskopisch sind die Samen
- charakterisiert durch die ungleiche Länge der Palisadenzellen, welche
- in ihrem mittleren Teile dünnhäutig sind. Die ebenfalls zuweilen
- giftige +Platterbse+, +Lathyrus sativus+, welche im südlichen Europa
- zur Brotbereitung gebaut wird, hat kantige, beilförmige, glatte
- Samen, eine zweiflügelige Hülse, weissrosafarbige oder blaue Blüten,
- einpaarig gefiederte Blätter, sowie einen geflügelten Stengel.
- Aehnlich giftig wirkt zuweilen die +schwarze italienische Wicke+,
- +Lathyrus Clymenum+, die +Paternostererbse+ und die +Luzerne+.
- Lathyrus cicer und sativus sollen vor der Samenbildung unschädlich
- sein, während Lathyrus Clymenum stets giftig wirken soll.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Kichererbsen enthalten
-einen seiner genaueren Natur nach bisher noch unbekannten Giftstoff,
-welcher zu gewissen nervösen Organen ganz spezifische Beziehungen
-hat, und zwar in erster Linie zu denjenigen des Kehlkopfes (+N.
-recurrens+) und zum +Rückenmark+. Werden Kichererbsen Pferden längere
-Zeit hindurch verfüttert, so erkranken dieselben zunächst unter dem
-Bild des +Kehlkopfpfeifens+. Daneben gehen die Erscheinungen einer
-+chronischen Rückenmarksentzündung+ einher. Die Tiere sind zunächst
-sehr schreckhaft und aufgeregt und zeigen im weiteren Verlauf die
-Symptome einer +spinalen Lähmung+ sowohl motorischer als sensibler
-Art, welche namentlich zuerst die hinteren Extremitäten in Form von
-+Kreuzschwäche+ befällt (transversale Myelitis mit motorischer und
-sensibler Paraplegie), und sich zunächst durch einen +schwankenden+
-Gang bemerkbar macht. +Im Stande der Ruhe erscheinen die Tiere meist
-vollständig gesund+, indem sie die Erscheinungen des Rohrens, sowie die
-Rückenmarkslähmung erst bei der Bewegung erkennen lassen; namentlich
-ist auch der Appetit gewöhnlich unverändert. Manche Pferde zeigen
-jedoch auch im Stall ein weiteres charakteristisches Symptom des
-Lathyrismus, nämlich eine auffallende +Beschleunigung+ des +Pulses+
-(beginnende Lähmung des Vaguszentrums), welche sich bei der Bewegung zu
-ausgeprägtem +Herzklopfen+ steigert. Der Tod erfolgt meist erst nach
-monatelanger Krankheitsdauer unter den Erscheinungen der +Erstickung+.
-Das Vergiftungsbild bei Rindern ist ähnlich, es fehlen jedoch die
-Erscheinungen des Kehlkopfpfeifens.
-
-Bei der +Sektion+ findet man in vorgeschritteneren Stadien der
-Krankheit eine +Atrophie+ und +Verfettung+ der +Kehlkopfmuskeln+
-(Stimmritzenerweiterer), sowie degenerative Zustände in den
-Ganglienzellen der Vorderstränge des Rückenmarkes und des Vaguskerns.
-
-Die +Behandlung+ besteht neben Aenderung der Fütterung in der Vornahme
-der +Tracheotomie+, wodurch die Pferde wieder arbeitsfähig gemacht
-werden können, in der Verabreichung von +Strychnin+ (0,05-0,1 subkutan
-für Pferde), sowie in der Anwendung +reizender Einreibungen+ in der
-Kreuzgegend. Ausserdem ist Weidegang anzuempfehlen.
-
- =Kasuistik.= Zwölf Arbeitspferde, welche ein Vierteljahr hindurch
- täglich 8 Pfd. Kichererbsenheu erhalten hatten, zeigten nach dem
- Aussetzen dieses Futters die Erscheinungen der Rückenmarkslähmung und
- Hartschnaufigkeit. 4 starben; die übrigen wurden durch die Vornahme
- der Tracheotomie wieder hergestellt (+Lenglen+, Recueil 1860). --
- 35 Zugpferde erkrankten nach der Fütterung der Gemüseblatterbse
- (Lathyrus sativus); 19 starben, 2 mussten getötet werden, nur 14
- genasen. Die Pferde erschienen im Stande der Ruhe bis auf das
- Vorhandensein einer Pulsbeschleunigung gesund, insbesondere war der
- Appetit ungestört; dagegen schwankten sie im Gehen und zeigten bei
- der Bewegung im Freien, besonders in kalter, windiger Luft, Atemnot
- und Röcheln, sowie Bluthusten, einige starben apoplektisch. Die
- Behandlung bestand in der Vornahme der Tracheotomie, Verordnung von
- Laxantien und Einreibungen auf den Kehlkopf, sowie in Anordnung
- des Weidegangs. Bei der Sektion fand sich in einem Fall Schwund
- der M. cricoarytaen. post. und lateral. und des M. thyreoarytaen.;
- der linke Rekurrens war ferner auffallend dünn; die mikroskopische
- Untersuchung der Muskeln ergab das Bild der Atrophie. In drei
- anderen Fällen zeigten die Kehlkopfmuskeln mit Ausnahme des M.
- crico-thyreoideus Verlust der Querstreifung und Verfettung; ausserdem
- fand man Atrophie der Ganglienzellen im Vaguskern, sowie Atrophie
- der multipolaren Ganglienzellen in den Vorderhörnern des Rückenmarks
- (+Leather+, The veter. journ. 1885). -- Von 17 mit dem Samen von
- Lathyrus sativus gefütterten Pferden erkrankten plötzlich 6 an so
- hochgradigem Kehlkopfpfeifen, dass 2 erstickten und die übrigen
- dem Erstickungstod nahe waren (+Lies+, B. Th. W. 1895). 2 schwere
- Arbeitspferde erkrankten nach monatelangem Genuss kleiner Mengen
- (46 kg insgesamt) Platterbsen an Kehlkopfpfeifen (+Call+, The
- Vet., Bd. 63). -- 7 Kühe, welche auf einem mit Lathyrus clymenum
- und alatum bepflanzten Acker frei weideten, zeigten bei vollkommen
- erhaltener Fresslust und fieberlosem Zustand motorische und
- sensible Lähmung der hinteren Gliedmassen, Unvermögen aufzustehen
- und tonisch-klonische Krämpfe (+Alessandro+, Mod. Zooj. 1892). --
- Kühe, welche einen Monat lang ausschliesslich mit Lathyrus clymenum
- gefüttert wurden, zeigten Verminderung und schliesslich Sistierung
- der Milchsekretion, Schläfrigkeit, ataktische Bewegungen der
- Hinterhand und schliesslich vollständige Lähmung derselben; Rohren
- fehlte. Der Tod trat gewöhnlich eine Woche nach dem Auftreten der
- Lähmung ein. Die Lähmung stellte sich zuweilen noch 14 Tage nach
- dem Aufhören der Lathyrusfütterung ein. Die Sektion ergab Hyperämie
- und entzündliche Infiltration im Lendenmark (+Perrussel+, Recueil
- 1896). -- Von 16 mit Lathyrus clymenum gefütterten Kühen erkrankten
- 5 unter den Erscheinungen von Stumpfsinn, Lähmung, Kau- und
- Schlingbeschwerden, Amaurose und Anästhesie (+Lucet+, Recueil 1898).
- -- Mehrere Pferde, welche täglich 3 Pfd. Platterbsen erhielten,
- erkrankten an Lathyrismus. 3 stürzten unter den Erscheinungen
- der grössten Atemnot vor einem leichten Wagen nieder und mussten
- geschlachtet werden. Die übrigen zeigten schwankenden Gang, sowie
- pfeifendes Atmungsgeräusch und hochgradige Atemnot bei der Bewegung.
- Die Obduktion ergab schwarzrote Farbe und blutige Durchtränkung
- der gesamten Halsmuskulatur mit markstückgrossen Blutherden,
- dunkelrote Färbung sämtlicher Kehlkopfmuskeln, sowie der Kehlkopf-
- und Trachealschleimhaut (+Vollers+, Schleswig-Holstein. Mitt. 1896).
- -- Aehnliche Fälle von Lähmung hat +Braasch+ (ibid. 1895) nach der
- Verfütterung der russischen Zahnerbse bei 14 Pferden beobachtet. --
- +Mulotte+, (D. T. W. 1893) konstatierte Kehlkopfpfeifen bei Pferden
- nach der Verfütterung von Luzerner Kleeheu. -- Nach +Schuchardt+
- (Deutsche Zeitschr. f. Tiermed. 1892) ist auch die sog. Lokokrankheit
- (Loco Disease) der Pferde und des Rindviehes auf den Hochsteppen
- im Innern von Nordamerika als Lathyrismus aufzufassen, der durch
- die Aufnahme verschiedener Leguminosen, namentlich von Astragalus
- mollissimus, bedingt wird. -- Ein 230 kg schweres, gesundes
- Versuchspferd erhielt im Verlauf von 2 Monaten 136 kg Mehl aus
- den Samen von Lathyrus sativus. Nach etwa 14 Tagen zeigte es eine
- Steigerung der Pulsfrequenz auf 45, am 30. Tag erschien es etwas
- reizbarer, die Hinterbeine waren steif, über den ganzen Körper traten
- Muskelzuckungen auf, namentlich im Verlauf der Kruppenmuskeln und
- an der Schulter, im Hinterteil war geringgradige Kreuzschwäche zu
- bemerken, der Schweif wurde fortwährend zitternd hin und her bewegt.
- Einige Tage darauf nahm das Schwanken im Kreuz zu; dagegen wurden
- abnorme Atmungsgeräusche im Trab nicht bemerkt. Nach dem Aufhören der
- Fütterung verschwanden alle Krankheitserscheinungen (+Agonigi+, Il
- nuovo Ercolani 1900). -- Vergiftungen durch =Platterbsen=, Lathyrus
- sativus, bei Pferden (Kehlkopfpfeifen, schwankender Gang) sind von
- +Leather+ (Vet. journ. 1885), +Call+ (The Vet. 1890), +Lies+ (B. T.
- W. 1895), +Vollers+ (Schleswig-Holst. Mitt. 1896) u. a. beschrieben
- worden. -- Ueber Lathyrismus beim Menschen vgl. +Schuchardt+,
- Deutsches Archiv f. klin. Medizin 1887 u. 1888, Bd. 40.
-
-
-Vergiftung durch Taxus (Eibenbaum).
-
- =Botanisches.= Der +Eibenbaum+, +Taxus baccata+ (Konifere), welcher
- in bergigen Gegenden Deutschlands wild vorkommt, wird häufig in
- Gärten als Zierpflanze und in Hecken (Taxushecken) kultiviert.
- Er wächst teils als Strauch, teils als Baum (bis 10 m hoch) und
- ist durch seine immergrünen, oben dunkelgrünen, unten hellgrünen,
- länglich breiten, spitzen, steifen Nadeln, seine rotbraunen Aeste,
- sowie seine scharlachroten Beeren gekennzeichnet, welche violette
- Samen einschliessen. Der Eibenbaum enthält namentlich in den Nadeln
- einen scharf reizenden Stoff (Ameisensäure), sowie ein narkotisch
- wirkendes Alkaloid, das =Taxin=. Vergiftungen sind bei allen
- Haustieren beobachtet worden. Dieselben ereignen sich nach dem
- Abweiden von Taxushecken und Taxuszierpflanzen in Gärten, Parken und
- Schlossanlagen, nach der Aufnahme von Taxusblättern mit der Streu,
- in Girlanden etc. Einen ähnlichen, vielleicht denselben Giftstoff
- enthalten die Nadelhölzer der Gattung Cephalotaxus, welche jedoch
- 6mal weniger giftig sind, als die Eibe. Die Ansicht, dass die Zweige
- des weiblichen Eibenbaumes nicht giftig sein sollen, ist unrichtig;
- nur die hellgrünen Winternadeln der Eibe sind bis zum Zeitpunkt ihrer
- Dunkelgrünfärbung ungiftig (+Cornevin+, Journal de Lyon 1891 u. 1893).
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Der Eibenbaum ist eines der
-ältesten bekannten Gifte, welches wegen der Schnelligkeit und
-Gefährlichkeit seiner Wirkung von jeher sehr gefürchtet war. Pferde
-und Schafe sterben sehr rasch, meistens schon innerhalb einer Stunde,
-nach der Aufnahme von 100-200 g, Rinder nach etwa 500 g, Schweine
-nach 75 g, Hunde und Hühner nach 30 g Taxusblättern. Je nachdem
-das narkotisch wirkende Taxin oder die in den Nadeln enthaltene
-scharfe Substanz mehr zur Wirkung gelangt, ist das Vergiftungsbild
-ein anderes. Tritt die +Taxinwirkung+ in den Vordergrund, so
-stürzen die Tiere oft schon wenige Minuten nach der Aufnahme der
-Taxusblätter +apoplektiform+ zusammen, oder sie verenden im Verlauf
-einer Viertelstunde bis einer Stunde unter +Taumeln+, +Brüllen+,
-+Zusammenstürzen+ und +Konvulsionen+. Kommt jedoch gleichzeitig infolge
-langsamerer Resorption des Taxins auch die scharf reizende Wirkung
-der Taxusblätter zur Geltung, so kompliziert sich das Krankheitsbild
-der reinen Taxinvergiftung mit dem der +Gastroenteritis+, und der
-Verlauf verlängert sich auf mehrere Stunden bis einige Tage. Die
-Tiere zeigen dann zunächst +Würgen+, +Erbrechen+, +Speicheln+,
-+Schäumen+, +Verstopfung+, +Tympanitis+, +Polyurie+, +Hämaturie+,
-+Strangurie+ (Symptome einer Nephritis und Zystitis), und als Ausdruck
-der Taxinwirkung +Schwindel+, +Betäubung+, +Zittern+, +Schwanken+,
-+Zusammenstürzen+ und +Konvulsionen+.
-
-Bei der +Sektion+ findet man in den Fällen von apoplektiformem Verlauf
-nichts Charakteristisches; bei längerer Krankheitsdauer beobachtet man
-die Erscheinungen der Magen- und Darmentzündung, Gehirnhyperämie und
-Gehirnödem.
-
-Die +Behandlung+ ist eine symptomatische; man verabreicht Abführmittel,
-einhüllende und exzitierende Mittel, sowie als chemisches Gegengift
-Lugolsche Lösung. Beim Rind kann man auch den Pansenschnitt und im
-Anschluss daran die manuelle Entleerung der Blätter versuchen.
-
-Der +Nachweis+ der Vergiftung ist im wesentlichen ein botanischer
-(Nachweis der grünen Nadeln); es ist deshalb der chemische Nachweis
-des Taxins (Extraktion nach der Stas-Ottoschen Methode mit Chloroform,
-Rotfärbung mit konzentrierter Schwefelsäure) meist überflüssig.
-
- =Kasuistik.= 6 junge Rinder erkrankten nach der Aufnahme von
- Taxusblättern. Eines derselben starb apoplektisch unter Konvulsionen
- und lautem Brüllen, ein zweites nach 4 Tagen. Die übrigen genasen
- nach 8 Tagen. Die Erscheinungen bestanden in Erbrechen, Tympanitis,
- Verstopfung, Polyurie, Strangurie, Hämaturie, sowie allgemeinem Sopor
- (+De Bruin+, Holländ. Zeitschr. 1883). -- 4 Rinder drehten sich
- nach der Aufnahme von Taxusblättern plötzlich im Kreis, taumelten
- und fielen in wenigen Minuten tot nieder (+Read+, The Veterinarian
- 1844). -- 5 Fohlen weideten auf einem Platz, welcher mit einer
- Taxushecke eingefasst war. 2 derselben starben plötzlich. Die
- übrigen zeigten Zittern, Muskelzuckungen, Verlangsamung des Pulses,
- unfühlbaren Herzschlag, Schwanken, Abstumpfung, Unempfindlichkeit,
- Polyurie, Strangurie etc., von Zeit zu Zeit fielen sie wie tote
- Körper um. Bei der Sektion der krepierten Tiere fand man Zweige und
- Blätter des Eibenbaumes im Magen, die Magendarmschleimhaut dunkel
- gerötet, im Dickdarm linsengrosse rote Flecken, den Darminhalt
- blutig, die Gehirnhäute stark hyperämisch (+Gerlach+, Gerichtl.
- Tierheilkunde 1872). -- Eine Schafherde hatte Eibenbaumblätter
- gefressen. Mehrere Tiere wankten, taumelten, fielen um, stöhnten,
- verdrehten die Augen und schlugen mit dem Kopf gegen den Boden. Nach
- etwa einer Viertelstunde standen die Tiere wieder auf und fingen
- wieder an zu fressen. Nach 1-3 Stunden wiederholte sich derselbe
- Anfall, bei einigen war derselbe sogar ein drittes Mal zu beobachten
- (+Mönch+, ibidem). -- +Dewez+ (Belg. Annal.) sah nach Aufnahme von
- Eibenblättern Meteorismus, Harnzwang, blutigen Harn, Nephritis,
- Hyperämie der Scheidenschleimhaut und tödliches Koma. -- +Hess+
- (Repertorium 1889) beobachtete bei zwei Pferden 2 Stunden nach dem
- Fressen von Eibenblättern plötzlich auffallend schwere Erkrankung
- und apoplektiformen Tod; die Sektion ergab gastroenteritische
- Erscheinungen. -- 3 Rinder frassen in der Nacht von Eibenkränzen,
- welche abends als Streu verwendet waren, und krepierten sämtliche
- zwischen 4 und 5 Uhr morgens unter Zittern, Brüllen und
- Zusammenstürzen. Bei der Sektion fand man die Labmagenschleimhaut
- fleckig kirschrot gefärbt und geschwollen, die Schleimhaut des
- Pansens und der Haube stellenweise dunkelrot, die Dünndarmschleimhaut
- streifig gerötet (+Hable+, Oesterr. Zeitschr. 1889). -- 6 Rinder,
- welche bereits faulende Eibenbaumblätter gefressen hatten, fielen
- plötzlich um und starben in kurzer Zeit unter Krämpfen ähnlich wie
- bei der Blausäurevergiftung (+Wallis Hoare+, Vet. Record 1893).
- -- 2 Kühe starben nach der Aufnahme von Taxusblättern unter den
- Erscheinungen von Schwindel, Zittern und Herzschwäche; bei der
- Sektion fand man Ekchymosierung der Schleimhaut im Schlund, Magen
- und Darm (+Kegelaer+, Holl. Zeitschr. 1894). -- Innerhalb 2 Tagen
- verendeten 6 Kühe eines Besitzers ohne vorhergegangene auffallende
- Krankheitserscheinungen ganz plötzlich nach kurzem Taumeln und
- Zusammenstürzen unter Brüllen, nachdem sie den Abfall geschnittener
- Taxusbäume gefüttert erhalten hatten (+Arndt+, Berl. Arch. 1895). --
- 2 Ziegen erkrankten nach dem Fressen von Taxusblättern unter starkem
- Aufblähen, Schwanken, Taumeln und Schlafsucht; eine derselben wurde
- durch den Pansenstich und Einbringen von Kognak und Glaubersalz
- in den Pansen geheilt (+Schüler+, Zeitschr. f. Veterinärkunde
- 1898). -- Die Pferde eines ganzen Zuges französischer Kürassiere
- (24 Stück) frassen im Jahr 1870 im Park von Pange von den Zweigen
- des Eibenbaumes und starben sämtlich apoplektiform mit Ausnahme
- zweier Pferde, welche wegen Uebermüdung die Futteraufnahme versagt
- hatten (+Lorenz+, Zeitschr. f. Vetkde. 1901 S. 7). -- Ein kräftiges
- Arbeitspferd starb nach der Aufnahme von 139 g Eibenblätter schnell
- unter Taumeln, lautem, löwenähnlichem Gebrüll und tetanischen
- Krämpfen; ein 2jähriges Fohlen starb nach dem Fressen von 110 g
- der Blätter im Verlauf von 10 Minuten unter Niederstürzen und
- betäubendem Gebrüll (ibidem). -- 2 Fohlen zeigten nach der Aufnahme
- von Taxusblättern Schwanken, stieren Blick und Schweissausbruch;
- eins starb, die Sektion ergab purpurrote Flecken auf der Magen- und
- Darmschleimhaut (+Phail+, Vet. journ. 1900). -- 2 Ziegen hatten
- eine alte Girlande aufgefressen und zeigten starke Aufblähung,
- Taumeln, sowie Schlafsucht. Die eine wurde notgeschlachtet, die
- andere durch den Pansenstich und Abführmittel gerettet (B. T. W.
- 1900). -- +Giancola+ (Giorn. soc. vet. 1901) hat das Taxusgift in
- Form spiessiger Kristalle isoliert. -- +Graham+ (Journ. of comp.
- 1903) beschreibt einen Vergiftungsfall beim Pfau und Schwein. -- 2
- Pferde starben, nachdem sie reichlich Taxusblätter in einem Park
- gefressen hatten; bei der Sektion war der Schlund gelähmt und mit
- Futter wurstartig gefüllt, das Blut erinnerte an Blausäurevergiftung
- (Preuss. Vet. Ber. 1904). -- 2 Rinder, welche nur eine Handvoll
- Nadeln und Zweige gefressen hatten, zeigten Zittern, Taumeln,
- Lähmung, wiederholtes Zusammenstürzen, Tympanitis und Harndrang
- (+Grimme+, ibid. 1906; D. T. W. 1907). -- 35 Ferkel wurden in eine
- Bucht getrieben, in der abgeschnittene Taxusäste lagen. Nach 6
- Stunden war 1 Tier tot, 12 andere waren schwer erkrankt; sie zeigten
- Taumeln, schwankenden Gang, lagen am Boden, zitterten und zeigten
- Zuckungen am Kopf; nach weiteren 6 Stunden starben noch 2 Tiere
- (+Migge+, Preuss. Vet. Ber. pro 1907). -- Experimentelle Versuche
- mit Taxusblättern sind in grosser Zahl von +Viborg+, +Havemann+ und
- +Orfila+ gemacht worden.
-
-
-Vergiftung durch Buxus (Buchsbaum).
-
- =Botanisches.= Der aus dem Orient stammende +Buchsbaum+ oder
- Splintbaum, +Buxus sempervirens+, aus der Familie der Euphorbiazeen,
- kommt in Süd- und Mitteleuropa bis Thüringen wild vor und wird
- in Gärten zur Einfassung von Wegen kultiviert. Sein Holz wird zu
- Holzschnitten und Drechslerarbeiten verwendet. Der Buchsbaum hat sehr
- charakteristische Blätter. Dieselben sind lederartig, immergrün, oben
- glänzend, unten heller, länglich eiförmig bis rundlich, kurzgestielt,
- an der Spitze stumpf oder ausgerandet, mit einem oberseits
- hervorragenden Mediannerven und zahlreichen zarten, randläufigen
- Seitennerven versehen; sie lassen sich leicht in eine obere und
- untere Blattschicht trennen. Sie enthalten 3 Alkaloide: das =Buxin=,
- +Parabuxin+ und +Buxinidin+, sowie ein bitteres Harz. Hauptalkaloid
- ist das Buxin, ein weisses, lockeres, amorphes, sehr bitteres Pulver,
- welches mit Bebeerin, Pelosin und Bibirin identisch ist.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Buxin ist in seiner
-Wirkung mit dem Taxin nahe verwandt. Wie dieses besitzt es eine
-narkotische, die Nervenzentren +lähmende+, stark giftige Wirkung.
-Die Vergiftungserscheinungen bestehen in +Schwindel+, +Betäubung+,
-+Schwanken+, +rauschartigem Zustand+ und enden meist sehr rasch
-unter +Konvulsionen+ tödlich. Zuweilen komplizieren sie sich auch
-mit den Erscheinungen einer Gastroenteritis (Erbrechen, Kolik,
-Durchfall). Pferde sterben in kurzer Zeit nach der Aufnahme von 750
-g Buchsbaumblättern unter dem Bild der Enteritis (+Viborg+). Hunde
-starben nach 0,8 Buxin nach vorausgegangenem Erbrechen, Durchfall,
-Zittern und Schwindel (+Conzen+). Einen Fall von Buxusvergiftung bei
-Schweinen hat +Hübscher+ (Schweizer Archiv 1884) beschrieben. Die Tiere
-hatten abgeschorene Sprösslinge von Buchsbaumhecken als Streumaterial
-erhalten. Am andern Tag fand man ein Schwein tot im Stall, 3 andere
-starben gegen Mittag. Die Haupterscheinungen waren starker Durst,
-schwankender Gang, sowie ein rauschartiger Zustand. Purgieren wurde
-nicht beobachtet. Bei der Sektion fand man die Erscheinungen der
-Gastritis.
-
-Die +Behandlung+ der Buchsbaumvergiftung ist neben der Verabreichung
-von Brechmitteln und Abführmitteln eine symptomatische, exzitierende.
-Als Gegengift kann +Tannin+ versucht werden.
-
-
-Digitalisvergiftung.
-
- =Botanisches.= Der +rote Fingerhut+, +Digitalis purpurea+
- (Skrophularinee), wächst wild in ganz Westeuropa bis Norwegen,
- besonders an lichten Stellen in Bergwäldern (Thüringen, Sachsen,
- Harz, Schwarzwald, Vogesen) auf Basalt, Porphyr und Sandstein.
- Dagegen kommt die Pflanze nicht vor in den Alpen, auf dem Jura und
- auf der schweizerischen Hochebene. Der rote Fingerhut ist eine
- zweijährige Pflanze, welche im ersten Jahr eine grosse Rosette
- mit bodenständigen Blättern bildet. Im zweiten Jahr treibt die
- Pflanze einen bis 2 m und darüber hohen, einfachen, stielrunden,
- samtartig graufilzigen Stengel. Die eiförmigen bis eilanzettlichen,
- zugespitzten, 5-20 cm langen, gekerbten Blätter sind unterseits
- graufilzig behaart und von einem reichen, kleinmaschigen Adernetz
- durchsetzt. Die traubigen Blüten zeigen 4 cm lange, hängende,
- hellpurpurrote, bauchige Glocken mit dunkelroten Flecken auf der
- Innenfläche.
-
- Der rote Fingerhut enthält namentlich in den Blättern mehrere sehr
- giftige Glykoside und Bitterstoffe: das =Digitoxin=, +Digitalin+,
- +Digitalein+ und +Digitonin+. Vergiftungen ereignen sich bei den
- Haustieren teils durch zu hohe Dosierung, teils durch den zufälligen
- Genuss der Pflanze (Waldheu, Zierpflanze).
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Digitalisglykoside sind
-ausgesprochene +Herzgifte+. Sie erregen im ersten Stadium ihrer Wirkung
-den +Vagus+, das +vasomotorische Zentrum+ und den +Herzmuskel+,
-wodurch die Herzaktion verlangsamt und der Blutdruck gesteigert
-wird. Im späteren Verlauf werden die genannten Organe gelähmt, was
-eine Beschleunigung des Pulses und ein Sinken des Blutdrucks zur
-Folge hat. Daneben besitzen sie eine leicht reizende Wirkung auf die
-Magen-Darmschleimhaut. Die +Todesdosis+ der trockenen Digitalisblätter
-beträgt für +Pferde+ durchschnittlich 25 g (= 100-200 g der frischen
-Blätter), für +Hunde+ 5 g. Der Tod tritt auch ein, wenn diese
-Dosis innerhalb weniger Tage in Form kleinerer Gaben verabreicht
-wird. Viel weniger empfindlich gegen die Digitalisblätter sind die
-Wiederkäuer (Rinder, Schafe, Ziegen). Nach neueren Versuchen von
-+Salvisberg+ ertrugen Kühe +per os+ ohne jede Reaktion 120 g trockene
-Digitalisblätter, in 4 Tagen verabreicht, mithin das Vierfache der
-tödlichen Dosis für Pferde. Bei +intravenöser+ Einverleibung eines
-Digitalisinfuses sind die Wiederkäuer jedoch ebenso empfindlich, wie
-andere Tiere. S. schliesst hieraus, +dass im Magen der Wiederkäuer die
-Digitalisglykoside durch Zersetzung unwirksam werden+ und weist auf die
-unbefriedigenden Erfolge der innerlichen Digitalisbehandlung in der
-Bujatrik hin. -- Das Digitoxin wirkt tödlich für die Katze bei 4 mg pro
-kg Körpergewicht, für den Hund bei 1,7 mg pro kg und das Kaninchen bei
-3,5 mg pro kg.
-
-Die +Erscheinungen+ der Digitalisvergiftung sind bei Aufnahme der
-frischen oder getrockneten Blätter zunächst gastroenteritischer Natur:
-+Speicheln+, +Würgen+, +Erbrechen+, +Kolik+, +heftiger Durchfall+.
-Bald tritt jedoch die spezifische Herzwirkung deutlich in den
-Vordergrund. Die +anfangs verlangsamte Herztätigkeit+ wird hochgradig
-+beschleunigt+, es besteht starkes +Herzklopfen+, die Herztöne sind
-sehr laut, von metallischem Klang, der anfangs übervolle Puls wird
-+klein+, +unregelmässig+ und zuletzt +unfühlbar+. Die im Beginn
-beobachtete Aufregung (Gehirnhyperämie) macht später den Erscheinungen
-der Gehirnanämie (Blutdruckerniedrigung): +Betäubung+, +Mattigkeit+,
-+Schwanken+ und selbst +Lähmungszuständen+ Platz. Daneben beobachtet
-man +Krampfzufälle+, sowie Erscheinungen der +Nierenreizung+ (Polyurie,
-Albuminurie, Strangurie).
-
-Bei der +Sektion+ findet man ausser Gastroenteritis und systolischer
-Herzlähmung meist nur suffokatorische Erscheinungen.
-
-
-=Behandlung.= Ein spezifisches Gegengift gegen die Digitalisvergiftung
-gibt es nicht. Die Behandlung ist daher eine rein symptomatische.
-Namentlich sind +Exzitantien+ für den Herzmuskel zu verabreichen, so
-+Kampfer+, +Alkohol+, +Wein+, +Kaffee+, +Tee+, +Koffein+, +Atropin+ und
-+Hyoszin+. Ausserdem können gefässerweiternde Mittel (+Amylnitrit+,
-+Nitroglyzerin+) angewandt werden. Bei Rindern kann ferner der
-Pansenschnitt versucht werden. Allgemeine Antidote sind +Tannin+,
-Jodlösung und Tierkohle.
-
-
-=Nachweis.= +Botanisch+ lässt sich eine Digitalisvergiftung dann leicht
-nachweisen, wenn die Pflanze selbst aufgenommen wurde; charakteristisch
-ist insbesondere die filzige, samtartige Behaarung der Unterseite
-der Blätter, sowie das vielmaschige Adernetz derselben. Behufs des
-+chemischen+ Nachweises der Digitalisglykoside müssen dieselben
-ähnlich wie die Alkaloide zuerst aus dem Magen- und Darminhalt
-extrahiert werden. Bei der +Abscheidung+ der Digitalisglykoside
-aus Untersuchungsmaterial ist wie beim Kolchizin zu beachten, dass
-dieselben schon aus +saurer+ Lösung durch +Aether+, +Benzol+,
-+Chloroform+ oder +Amylalkohol+ extrahierbar sind. Man nimmt gewöhnlich
-das +Digitalin+ mit Benzol auf und schüttelt aus dem Benzolauszug
-das +Digitalein+ mit Chloroform aus, worauf durch Verdunsten der
-betreffenden Lösungsmittel die Glykoside ziemlich rein erhalten werden.
-Bei dieser Abscheidung nach der +Stas+schen Methode durchtränkt man
-nach +Dragendorff+ zweckmässig das Untersuchungsmaterial mit +Eisessig+
-und fügt dann behufs Extrahierens Wasser zu. Nach der Methode von
-+Homolle+, welche zur Abscheidung des französischen „Digitalins“ (in
-der Hauptsache aus +Digitoxin+ bestehend) dient, wird zunächst der
-flüssige Teil des Untersuchungsmaterials von dem festen durch Kolieren
-getrennt, der feste Teil getrocknet, zerrieben und 2-3mal mit +Alkohol+
-ausgezogen. Der flüssige Teil wird mit Chloroform geschüttelt und der
-nach dem Verdunsten des Chloroforms bleibende Rückstand in +Alkohol+
-gelöst. Beide alkoholischen Flüssigkeiten werden gemischt, mit frisch
-gefälltem, noch feuchtem +Bleioxydhydrat+ digeriert, abfiltriert, das
-Filtrat mit Tierkohle entfärbt, zur Sirupdicke verdunstet und anhaltend
-mit Chloroform geschüttelt. Hierauf wird das Chloroform abgetrennt,
-verdunstet und der Rückstand mit Alkohol von 50° versetzt. Nach dem
-Verdunsten des Alkohols bleibt das „Digitalin“ ziemlich rein zurück.
-
-Die wichtigsten +Einzelreaktionen+ des Digitalins sind: 1. Die
-+physiologische+ Reaktion, welche darin besteht, dass einem Frosch
-eine Spur der Digitalinlösung unter die Haut gespritzt wird. Noch ein
-Milligramm erzeugt allmähliche +Verlangsamung+ des Herzschlags und Tod
-durch +Herzstillstand+ in der Systole. 2. Die +Gelbgrünfärbung+ mit
-konzentrierter Salzsäure (Digitalin und Digitoxin). 3. Die +Rot-+
-oder +Violettfärbung+ mit Uebergang in +Smaragdgrün+ bei Wasserzusatz
-durch +Schwefelsäure+ und +Brom+ (Digitalin und Digitalein). 4. Die
-+Grünbraunfärbung+ durch +Schwefelsäure+ und +Gallensäure+ (Digitalin,
-Digitalein, Digitonin). 6. Die +Blaugrünfärbung+ durch Auflösung in
-einer Mischung gleicher Teile konzentrierter Schwefelsäure und Alkohol,
-Erwärmen bis zur Gelbfärbung und Zusatz eines Tropfens verdünnter
-+Eisenchloridlösung+.
-
- =Kasuistik.= Ein Pferd, welchem ich innerhalb 24 Stunden 25 g
- getrocknete Digitalisblätter gab, starb nach Ablauf von 48 Stunden
- unter den oben beschriebenen Krankheitserscheinungen. Besonders
- charakteristisch war neben den kardialen Symptomen das Auftreten
- einer Lähmung der Unterlippe 10 Stunden vor dem Tod, wodurch der
- Kopf des Tieres eine ganz eigenartige Physiognomie erhielt. -- 3
- Pferde erkrankten nach dem Genuss von digitalishaltigem Klee, 2
- davon starben. Die Erscheinungen bestanden in allgemeiner Aufregung,
- Kolik, fadenförmigem Puls, Taumeln, Zittern, grosser Schwäche des
- Hinterteils, Zuckungen, Koma und Umfallen. Bei der Sektion fand man
- Gastroenteritis und Endokarditis (+Derache+, Annal. de Bruxelles
- 1877). -- 70 Pferde, welche mit dem Kleeheu grössere Mengen von
- Digitalis purpurea aufgenommen hatten, erkrankten am Tag darauf.
- Sie standen fast alle wie dummkollerig vor der Krippe, versagten
- das Futter, speichelten, hatten starken Durst, setzten viel Harn
- ab und zeigten zum Teil Kolikerscheinungen. Der Puls war bei den
- einen verlangsamt, bei den andern sehr beschleunigt, aussetzend
- und schwach. Ein Pferd zeigte Brechbewegungen, Erblindung,
- Schwanken und grosse Hinfälligkeit; es starb am 3. Tag. Ein anderes
- Pferd starb am 7. Tag. Bei der Sektion fand man umschriebene
- Magendarmentzündung und bei dem Pferd, welches Brechbewegungen
- geäussert hatte, eine Magenzerreissung (+Krichler+, Preuss. Mitt.
- Bd. 6). -- Drei Schafböcke, welchen aus Versehen Pflanzen aus
- einem Arzneipflanzenbeet vorgeworfen wurden, das u. a. Digitalis
- purpurea enthielt, wurden am andern Morgen tot gefunden. Die
- chemische Untersuchung des Darminhalts ergab das Vorhandensein
- von Digitoxin und Saponin (+Dammann+ und +Behrens+, Deutsch.
- tierärztl. Woch. 1903). -- Acht Enten starben plötzlich nach dem
- Fressen von Blättern der Digitalis purpurea unter den Erscheinungen
- der Geflügelcholera (Durchfall, Schwanken); die Sektion ergab
- Herzlähmung, Magendarmentzündung und Lungenhyperämie (+Kothe+, Berl.
- Tierärztl. Woch. 1903). -- +Salvisberg+ (Ueber die Wirkung von
- Digitalis und Digitalisglykosiden auf den Organismus verschiedener
- Wiederkäuer, Inaug.-Diss. 1907, Delsberg) hat in seiner Privatpraxis
- oft beobachtet, dass die Folia Digitalis beim Rind nicht dieselbe
- Wirkung zeigten wie beim Pferd, sondern als Herzmittel, Diuretikum
- und Fiebermittel meist wirkungslos blieben. Er hat daher Versuche
- bei Wiederkäuern angestellt, welche folgendes ergaben. Eine +Ziege+
- erhielt innerhalb 8 Tagen 60 g Folia Digitalis im Infus ohne jede
- Wirkung (am 8. Tag 30 g!). Ein +Schaf+ zeigte gleichfalls auf
- 47 g Digitalisblätter im Infus, innerhalb 7 Tagen verabreicht,
- keinerlei Veränderungen im Allgemeinbefinden (am 7. Tage wurden 15
- g verabreicht). Eine +Kuh+ erhielt in 7 Tagen 70 g Digitalisblätter
- im Infus, 2 andere in 3 Tagen 65 g und 80 g in Substanz, ohne
- darauf zu reagieren. Hierauf erhielten 2 Kühe 4 Tage hindurch je
- 30 g Digitalisblätter in Substanz, zusammen also in 4 Tagen 120 g
- Digitalisblätter eingeschüttet, ohne irgend eine Wirkung danach zu
- zeigen. Auch das Digitoxin wirkte per os bei einem Schaf in der
- 5Ofachen Tagesdosis des Menschen (0,1) nicht, während es subkutan
- schon in einer Dosis von 0,01 eine starke Herzwirkung äusserte.
- Auch bei intravenöser Injektion eines Digitalisinfuses zeigten 2
- Ziegen und eine Kuh eine deutliche Digitaliswirkung; die Kuh konnte
- durch die intravenöse Injektion von 20 g Digitalis im Infus (20 : 400)
- nach 20 Minuten getötet werden. S. schliesst daraus, dass die
- Digitalisblätter, +per os+ gegeben, den Körper der Wiederkäuer nicht
- beeinflussen, weil die Digitalisglykoside im Magen so umgeformt,
- gebunden oder zerstört werden, dass sie für den Organismus der
- Wiederkäuer wirkungslos sind. Bei +intravenöser+ Applikation eines
- Digitalisinfuses tritt dagegen dieselbe Herzwirkung ein wie bei den
- übrigen Tiergattungen.
-
- =Vergiftung durch Meerzwiebel= (Scilla maritima). Die giftigen
- Glykoside der Meerzwiebel sind das +Szillain+ oder +Szillitoxin+,
- das +Szillipikrin+ und +Szillin+. Ihre Wirkung ist eine
- +digitalisähnliche+ und gleichzeitig +örtlich reizende+. Nach
- +Hertwig+ tritt bei Schweinen, Hunden und Katzen nach 0,25-2,0 Bulbus
- Scillae Erbrechen, Laxieren und vermehrter Harnabsatz, nach 45,0 der
- Tod infolge von Darm- und Nierenentzündung sehr rasch ein. 2 Pferde
- starben nach 60,0 am 4. Tag; 30,0 erzeugten beim Pferd und Rind
- starkes Laxieren. -- Sechs Schweine hatten Meerzwiebeln gefressen,
- welche als Rattengift ausgesetzt waren; sie erkrankten unter
- rotlaufartigen Erscheinungen und Krämpfen (+Kleinpaul+, Berl. Arch.
- 1896). -- Ueber das Vergiften von Ratten mit Meerzwiebel vgl. S. 11.
- Nach +Mereshkowsky+ und +Sarin+ ist das in Dänemark angeblich als
- Bakterienkultur zur Vertilgung der Ratten empfohlene „Rattin II“ gar
- nicht bakteriellen Ursprungs, sondern das Gift der roten Meerzwiebel
- (Scilla maritima cum bulbo rubro); Zentr. für Bakt., Bd. 51, S. 6.
-
-
-Vergiftung durch Oleander.
-
- =Botanisches.= Der +gemeine Oleander+ oder +Rosenlorbeer+, +Nerium
- Oleander+ (Apozynee), welcher wild an den Ufern des Gardasees an
- Felsen wächst, wird bei uns als Topfpflanze kultiviert. Er bildet 1-2
- m hohe Bäumchen mit weissen oder rosenroten Blüten und lanzettlichen,
- 3ständigen, unterseits gleichlaufend aderigen Blättern. Die Pflanze
- enthält namentlich in den Blättern 2 Glykoside: das =Oleandrin=,
- welches sich in Zucker und Digitaliresin spaltet, sowie das +Neriin+,
- welches mit dem Digitalein identisch ist. Vergiftungen ereignen
- sich durch das Abfressen der Blätter von den Bäumen und durch das
- Verfüttern derselben. -- Ein ähnliches Gift, das +Neriodorin+,
- enthält der wohlriechende Oleander, +Nerium odorum+.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Oleandrin und Neriin sind
-+Herzgifte+, welche mit den Digitalisglykosiden in ihrer zuerst
-erregenden und dann lähmenden Wirkung auf den Vagus und Herzmuskel
-vollkommen übereinstimmen; ausserdem besitzen sie gleich jenen eine
-entzündungserregende Wirkung auf die Digestionsschleimhaut. Die
-Erscheinungen der Oleandervergiftung bestehen daher im wesentlichen
-in +Erbrechen+, +Kolik+, +Durchfall+, +Polyurie+ einerseits, in
-+Herzklopfen+, +Pulsverlangsamung+, +starker Pulsbeschleunigung+,
-+Aussetzen und Schwachwerden des Pulses+, später +allgemeiner
-Schwäche+, +Zittern+, +Taumeln+ und +Hinfälligkeit+ andererseits.
-Zuweilen beobachtet man auch im Beginn der Vergiftung +starke
-Aufregung+ (Gehirnhyperämie infolge Blutdrucksteigerung,
-Herzaffektion). Bei der Sektion findet man akute Magendarmentzündung,
-Blutung ins Darmrohr, gelbbraune Verfärbung der Darmschleimhaut,
-Herzlähmung, sowie Blutungen unter dem Endokardium. Die Behandlung ist
-dieselbe wie bei der Digitalisvergiftung.
-
-Oleandervergiftungen sind namentlich in Italien beobachtet worden.
-So berichtet +Gibellini+ (Giornale di med. vet. 1864), dass von 17
-Rindern, welche Gras mit Oleanderblättern vermischt erhielten, 6
-sehr schnell starben und 5 schwer erkrankten. Die letzteren zeigten
-Schwanken, Mattigkeit, pochenden Herzschlag, schwachen, aussetzenden
-Puls, Pupillenerweiterung, Appetitlosigkeit, Durchfall und Polyurie;
-4 davon starben plötzlich unter Kolikerscheinungen. Die Sektion ergab
-Gastroenteritis. +Generali+ (Gazetta med. vet. 1871) sah von 6 Ochsen,
-welche durchschnittlich 30-40 Blätter von Oleanderbäumen abgefressen
-hatten, 4 unter den Erscheinungen von Schwäche, Zittern, Mydriasis,
-Herzklopfen, unregelmässigem, aussetzendem Puls, Kälte der extremitalen
-Teile, Durchfall und Polyurie erkranken. Auch in Deutschland und
-Oesterreich-Ungarn sind mehrere Fälle von Oleandervergiftungen bei
-Pferden, Rindern und Gänsen beobachtet worden. +Jössinger+ (Oesterr.
-Monatsschr. 1893) beobachtete bei einem Pferd nach der Aufnahme von
-Oleanderblättern Speicheln, Tympanitis, sehr pochenden, beschleunigten
-Herzschlag (130 Schläge p. M.), unfühlbaren Puls, Dyspnoe, gespreizte
-Stellung, Einknicken der Beine beim Gehen, sowie stieren Blick;
-der Tod erfolgte nach 14 Stunden. Bei der Sektion fand er heftige
-Endokarditis, namentlich in der linken Herzkammer, Schwellung der
-Lymphdrüsen, blasse Muskulatur, sowie schwarzes, nicht geronnenes Blut.
-+Himmelstoss+ (Wochenschr. f. Tierhlkde. 1890) beobachtete bei 2 Kühen
-nach dem Fressen von Oleanderblättern Aufregung, Pulsverlangsamung,
-aussetzenden Puls, Herzschwäche, Abstumpfung, allgemeine Lähmung,
-Sinken der Körpertemperatur, starken Durchfall, Polyurie und
-Pupillenerweiterung. +von Rátz+ (Monatshefte f. prakt. Tierhlkde.
-1893) fand bei der Sektion einer an Oleandervergiftung verendeten Gans
-kruppöse Gastritis, Gastroenteritis, Ekchymosen in der Darmserosa
-und unter dem Perikardium, sowie fettige Degeneration der Leber.
-+Siebenrogg+ (Repertorium 1890) sah bei 2 Kühen, welche Oleanderblätter
-aus dem Hausgarten einer Apotheke gefressen hatten, heftigen
-Durchfall, Taumeln, Lähmung, kaum fühlbaren, sehr beschleunigten Puls,
-pochenden und doppelschlägigen Herzschlag, Tympanitis und Anurie;
-auffallenderweise war die Milchsekretion nicht gestört. Ein Pferd
-zeigte am Tag nach der Aufnahme von Oleanderblättern heftige Kolik,
-später Zittern, 80 kleine, harte Pulse sowie Dyspnoe und starb am
-4. Tag (Pferdefreund 1892). +Bolz+ (Wochenschr. f. Tierhlkde. 1895)
-sah bei 9 Rindern, welche im Frühjahr abgefallene, halberfrorene
-Oleanderblätter von 20 Bäumen gefressen hatten, starke Eingenommenheit
-des Sensoriums, 120-130 kleine, aussetzende Pulse, pochenden
-Herzschlag, blutigen Durchfall, Schwanken, Schwäche, Zusammenstürzen,
-sowie wiederholte Anfälle von Agonie. Sie erholten sich im Verlauf von
-8 Tagen. +Der aussetzende Puls-+ und +Herzschlag dauerte jedoch noch
-mehrere Wochen an+. Ein Pferd frass von Oleanderbüschen, welche vor
-einem Hotel aufgestellt waren und starb am andern Tag unter anhaltenden
-Kolikerscheinungen; die Sektion ergab blutige Dünndarmentzündung,
-sowie zahlreiche Ekchymosen am Endokardium (+Bongartz+, Berl. Arch.
-1899). +Röbert+ (Sächs. Jahresber. 1897) sah 2 Gänse nach dem Fressen
-von Oleanderblättern unter profusem Durchfall und heftigen Zuckungen
-nach 12 Stunden sterben; bei der Sektion fand man hochgradige
-Darmentzündung. Nach +Adam+ (Wochenschrift 1865) starben von 13 Gänsen,
-welche von einem Oleanderbaum gefressen hatten, 5 über Nacht, 2 zeigten
-einen lähmungsartigen Zustand, die übrigen 6 etwas taumelnden Gang und
-unterdrückte Fresslust; die Sektion ergab Gastritis. +Diem+ (ibid.
-1904) sah bei einem Pferd nach der Aufnahme von Oleanderblättern
-Kolik, Speichelfluss, Durchfall und Harndrang. +Veronesi+ (Giorn.
-soc. vet. 1901) ass ohne Nachteil das Fleisch von Tieren, die an
-Oleandervergiftung starben. 15 Hühner verendeten unter Taumeln (Preuss.
-Vet. Ber. 1906).
-
- =Convallamarin.= In der +Maiblume+, +Convallaria majalis+ (Liliazee)
- findet sich ebenfalls ein Glykosid mit digitalisähnlicher Wirkung,
- das +Convallamarin+, neben dem reizend und purgierend wirkenden
- +Convallarin+. Die Erscheinungen der Convallariavergiftung stimmen
- daher mit denjenigen der Digitalis- und Oleandervergiftung vollkommen
- überein (Herzaffektion, gastroenteritische Erscheinungen). Ueber eine
- Vergiftung durch Maiblumen bei Gänsen, welche von einem halbwelken
- Strauss gefressen hatten, ist von +Roullier+ berichtet worden (Journ.
- de Lyon 1888).
-
- Ebenfalls eine digitalisähnliche Wirkung besitzen das +Strophanthin+,
- das im afrikanischen Pfeilgift, Strophanthus hispidus und Combé,
- enthaltene Glykosid (Genaueres über die Giftwirkung bei Tieren findet
- sich in meinem Lehrbuch der Arzneimittellehre, 8. Aufl. 1909), das
- +Adonidin+, das Glykosid der Adonisblume, Adonis vernalis, und
- anderer Adonisarten, das +Apozynin+, das Glykosid des indianischen
- Hanfes, Apocynum cannabinum, das +Thevetin+, das Gift der Apozynee
- Thevetia neriifolia, das +Antiarin+, das Glykosid des javanischen
- Giftbaumes Antiaris toxicaria (Pfeilgift von Java), das +Ditain+,
- das Glykosid des javanischen Ditarindenbaumes, Alstonia scholaris,
- das +Coronillin+ (Coronilla scorpioides, Kronenwicke), das +Ouabain+
- (Acocanthus Ouabaio), das +Akokantherin+ und +Abyssinin+, Glykoside
- des Pfeilgiftes der Wakamba und Wagogo in Deutschostafrika, auch im
- Holz von Acocanthera Schimperi vorkommend, das +Evonymin+, +Zerberin+
- und +Tanghinin+ (Apozyneen), das +Muavin+ (Muavarinde), +Tulipin+
- (Tulipa Gesneriana, Gartentulpe), +Kaktin+ (Cactus grandiflorus)
- +Gloriosin+ (Gloriosa superba, Prachtlilie), +Vincin+, +Vernonin+ und
- +Koptin+.
-
-
-Vergiftung durch Goldregen (Cytisus Laburnum).
-
- =Botanisches.= Der +Goldregen+ oder Bohnenbaum, +Cytisus Laburnum+
- (Familie Papilionazeen, Unterfamilie Genisteen), ist ein mehrere
- Meter hoher Zierstrauch in Gärten mit goldgelben, in langen Trauben
- herabhängenden, monadelphischen Blüten (Blütezeit Mai-Juni),
- dreizähligen Blättern und seidenhaarigen, flachen, einfächerigen
- Hülsen mit je 8 nierenförmigen, glatten, schwarzbraunen Samen. Die
- Pflanze enthält das stark giftige Alkaloid Zytisin von der Formel
- C_{11}H_{14}N_{2}O, eine geruchlose, strahlig kristallinische,
- weisse Masse von bitterem Geschmack, welche sich mit Salpetersäure
- orangegelb, mit Kaliumdichromat zuerst gelb, dann grün färbt. Am
- meisten Zytisin findet sich in der Wurzelrinde, sehr viel ferner
- in der Stammrinde, in den Blättern, Blütenknospen, grünen Hülsen,
- Samen und Keimen, nur wenig dagegen im Holz des Stammes. Die
- Blätter und Hülsen nehmen mit der Reifung der Frucht an Giftigkeit
- ab, dagegen bleibt die Wurzelrinde das ganze Jahr hindurch gleich
- giftig. Austrocknung und anhaltendes Sieden sind ohne Einfluss auf
- die Giftigkeit. Ausser Cytisus Laburnum sind sehr stark giftig C.
- alpinus, purpureus, Waldeni und biflora, ferner ziemlich giftig C.
- elongatus; dagegen sind schwach giftig C. nigricans und supinus,
- ganz ungiftig sind C. sessilifolius und capitatus. Auch das im
- Stechginster, Ulex europaeus, enthaltene +Ulexin+ ist mit Zytisin
- identisch. Die ersten Untersuchungen über das Zytisin sind von
- +Husemann+ und +Marmé+ gemacht worden; die neueren Arbeiten stammen
- von +Cornevin+, +Partheil+, +Radziwillowicz+ u. a.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Zytisin besitzt verschiedene
-Wirkungen, nämlich eine +tetanische+, strychninähnliche,
-eine +lähmende+, kurareähnliche, eine +gefässverengernde+,
-digitalisähnliche, und endlich eine +entzündungserregende+. Am
-empfindlichsten sind Pferde. Dieselben sterben nach der Aufnahme von
-0,5 g Samen pro kg Körpergewicht innerhalb 2½ Stunden unter +häufigem
-Gähnen+, +starkem Schweissausbruch+, +Schwindel+, +Betäubung+ und
-+Krämpfen+. Im Gegensatz hiezu ertragen Schafe und Ziegen ziemlich
-grosse Mengen und sind vom Magen aus überhaupt schwer zu vergiften; bei
-subkutaner Injektion des Giftes sterben sie unter den Erscheinungen von
-Betäubung und Schwäche. Auch Hühner und Tauben sind sehr unempfindlich.
-Die Todesdosis für einen Hund beträgt 6 g Samen pro kg Körpergewicht.
-Kaninchen können selbst 30 g Samen ohne Schaden geniessen. Hunde
-erbrechen sich sofort, so dass vom Magen aus eine Vergiftung nicht
-möglich ist. Nach der subkutanen Einverleibung des Giftes zeigen
-sie Uebelkeit, Erbrechen, Würgen, Salivation, angestrengte Atmung,
-Polyurie, grosse Unruhe, Muskelzittern, Schläfrigkeit, Anästhesie,
-rhythmisches Oeffnen und Schliessen der Kiefer und sterben unter
-Krämpfen; die Sektion ergibt schwache Entzündung im Magen und Darm,
-sowie Verengerung des Pylorus und der Stimmritze. Katzen sind noch
-empfindlicher (Experimentelle Untersuchungen von +Cornevin+, Journal de
-Lyon 1887).
-
-Das reine +Zytisin+ tötet bei subkutaner Injektion pro kg Körpergewicht
-Katzen und Hunde in Dosen von 2-3 mg, Hühner und Tauben in solchen von
-7-9 mg, Ziegen in Dosen von 73 mg; die letzteren sollen das Zytisin
-durch die Milch ausscheiden und dabei gesund bleiben (+Radziwillowicz+).
-
-Die klinischen Beobachtungen von Zytisinvergiftungen bei den Haustieren
-sind nicht sehr zahlreich. Nach +Brett+ (The Veterinarian 1889)
-zeigten sich Rinder nach dem Genuss des Goldregens unfähig, sich zu
-erheben, indem namentlich die vorderen Gliedmassen +gelähmt+ waren,
-ausserdem bestand auffällige +Schläfrigkeit+, Mydriasis und Tympanitis.
-12 Stunden darauf waren +Speichelfluss+, +Brechanstrengungen+,
-+Muskelerschlaffung+, unterbrochen von Zuckungen der Gliedmassen,
-Ueberköten, +Taumeln+, +Schlingbeschwerden+ und +Schlinglähmung+
-wahrzunehmen; die Krankheit dauerte 4 Tage, endete jedoch mit
-Genesung. Einen Fall bei zwei Schweinen hat +Byrne+ (Vet. journ. 1895)
-beobachtet; dieselben zeigten grosse Mattigkeit, Eingenommenheit und
-starben unter Krämpfen; bei der Sektion wurde blutige Darmentzündung
-gefunden. Ueber Vergiftungen bei Pferden haben +Demilly+ (Bull. soc.
-vét. de Marne 1854) und +Collard+ (Recueil 1908) berichtet. +Scholz+
-(Berl. Arch. 1900) beobachtete, dass 6 Hühner nach der Aufnahme des
-Samens in einem Garten verendeten.
-
-In +therapeutischer+ Beziehung werden Brechmittel, Tannin, sowie
-Chloralhydrat empfohlen. Im übrigen ist die Behandlung wie bei der
-Digitalisvergiftung.
-
-
-Vergiftung durch Helleborusarten.
-
- =Botanisches.= Helleborusvergiftungen können sich durch die Aufnahme
- nachstehender 3 Helleborusarten (Ranunkulazeen) ereignen:
-
- 1. +Helleborus viridis+, die +grüne Nieswurz+ (Bärenfuss), kommt
- in Gebirgswäldern Süd- und Mitteldeutschlands vor; man findet sie
- auch zuweilen angepflanzt und dann wieder verwildert. Sie blüht im
- April, Kelch und Blumenblätter sind gelbgrün. Die nach der Blüte
- erscheinenden Blätter sind gross, lang gestielt und zeigen 7-12
- fussförmig gestellte Blättchen. Der Schaft ist 30-50 cm hoch. Das
- braunschwarze geringelte Rhizom ist kriechend, bis 10 cm lang und
- 1 cm dick, verzweigt und besitzt viele fleischige, bis 10 cm lange
- Wurzeln. Die Pflanze ist am giftigsten im Mai und Juni.
-
- 2. +Helleborus niger+, die +schwarze Nieswurz+ (Christwurz,
- Christblume, Weihnachtsrose, Winterrose, Schneerose), ist in
- Bergwäldern Süd- und Mitteleuropas einheimisch und wird auch in
- Gärten kultiviert. Sie blüht vom Dezember ab; ihre Blüte ist sehr
- gross, der Kelch schneeweiss, die Blumenblätter gelb. Die Blätter
- sind lang gestielt, fussförmig. Der Stengel ist 15-25 cm hoch,
- 1-2blütig. Das Rhizom ist schief oder senkrecht.
-
- 3. +Helleborus fötidus+, die +stinkende Nieswurz+, wächst in Süd- und
- Westdeutschland, besonders auf kalkigem Boden. Sie besitzt grünliche,
- kugelig-glockige Blüten von äusserst unangenehmem Geruch, fussförmige
- Laubblätter, sowie einen 30-50 cm hohen, ästigen, reichblütigen
- Stengel.
-
- Die genannten Nieswurzarten enthalten 2 sehr giftige Glykoside: das
- =Helleborein=, namentlich in Helleborus niger vorkommend, von der
- Formel C_{26}H_{44}O_{15}, farblose Warzen oder eine gelblich amorphe
- Masse bildend, welche sich beim Erhitzen bräunt, mit Schwefelsäure
- sich braunrot-violett färbt und in Zucker und Helleboretin zerfällt,
- und das +Helleborin+, welches am meisten in Helleborus viridis
- enthalten ist, von der Formel C_{36}H_{12}O_{6}, glänzende Nadeln
- bildend, welche sich mit Schwefelsäure hochrot färben und sich in
- Zucker und Helleboresin zerlegen lassen.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Von den beiden
-Helleborusglykosiden ist das +Helleborein+ das giftigere. Es besitzt
-neben einer +reizenden+ Lokalwirkung eine +digitalisähnliche+ Wirkung,
-während das schwächere +Helleborin+ neben einer ebenfalls reizenden
-Lokalwirkung Aufregung, Atmungsbeschleunigung, Krämpfe und +allgemeine
-Lähmung+ erzeugt. Das Krankheitsbild der Helleborusvergiftung
-setzt sich daher zusammen aus gastroenteritischen, kardialen,
-Erregungs- und Lähmungserscheinungen. Die Tiere zeigen +Erbrechen+,
-+Geifern+, +Zähneknirschen+, +Kolik+, +Tympanitis+, +blutigen
-Durchfall+; +epileptiforme Krampfanfälle+, +Aufregung+, +Brüllen+,
-+Zusammenstürzen+; +Herzklopfen+, +gesteigerte Pulsfrequenz+;
-+Betäubung+, +Schwindel+, +Stumpfsinn+, +Schwäche+, +Koma+. Bei der
-Sektion findet man die Erscheinungen der Gastroenteritis. Die Therapie
-ist eine rein symptomatische; sie besteht in der Anwendung von
-einhüllenden, schleimigen, sowie von exzitierenden Mitteln (Kampfer,
-Aether, Kaffee, Weingeist, Liquor Ammonii anisatus, Atropin). Als
-Gegengift kann Tannin oder Lugolsche Lösung versucht werden.
-
-Die Wirkungen der Helleborusarten im einzelnen sind folgende:
-
-1. Die =schwarze Nieswurz= hat in früheren Zeiten, als das sog.
-Nieswurzelstecken namentlich in der Bujatrik als ableitendes Mittel
-gebräuchlich war, nicht selten Veranlassung zu Vergiftungen gegeben.
-Dasselbe war der Fall, wenn die Haarseile vor ihrer Anwendung
-mit Nieswurzpulver bestreut wurden. Nach älteren Versuchen von
-+Orfila+ starben kleine Hunde schon nach dem Aufstreuen von 0,36
-g gepulverter Nieswurz auf Wunden. Ein grosser Hund zeigte nach
-dem Einbringen von 8 g Nieswurzpulver in eine Schenkelwunde nach 6
-Minuten heftiges Erbrechen, nach 45 Minuten Schwindel, Angst, sowie
-Lähmung des Hinterteils und starb nach 2½ Stunden. Nach den Versuchen
-+Hertwigs+ zeigen Pferde und Rinder nach dem Eingeben von 8-30 g
-der Wurzel, Schafe und Ziegen nach 4-12 g etwa 12 Stunden nachher
-heftigen, häufig blutigen, anhaltenden Durchfall, Muskelzuckungen,
-Zittern, Kolikerscheinungen und grosse Mattigkeit, und sterben unter
-Unfühlbarwerden des Pulses nach 40-50 Stunden. Schweine und Hunde
-erbrechen sich nach 0,3-1 g; 4-8 g haben starkes Erbrechen, Purgieren,
-blutige Diarrhöe und Krampfanfälle zur Folge; wird das Erbrechen
-verhindert, so erfolgt unter den Erscheinungen grosser Angst, von
-Schwindel, Lähmung und Krämpfen nach 30-48 Stunden der Tod. 15-30 g der
-Wurzel, in Abkochung gegeben, hatten bei einem Hund Erbrechen, über den
-ganzen Körper verbreitete Krämpfe, Lähmung, Unfühlbarwerden des Pulses
-und Herzschlages, sowie nach ½ Stunde den Tod zur Folge. Intravenös
-erzeugte 1 g der Wurzel im Infus bei einem Pferd Atmungskrämpfe,
-Zittern, Brechbewegungen, Schäumen, Geifern und grosse Mattigkeit; ein
-anderes Pferd starb nach 4 g unter heftigen Krämpfen binnen 10 Minuten.
-Eine Kuh zeigte nach der intravenösen Injektion von 1 g schwarzer
-Nieswurz Zittern, Muskelzuckungen am Hals, an der Brust und am Bauch,
-und nach 4 Minuten Erbrechen; nach 4 Stunden hatte sie sich wieder
-erholt.
-
-2. Die +stinkende Nieswurz+ gibt insbesondere bei Rindern und Schafen
-durch das Abweiden oder die Benützung als Streumaterial Veranlassung
-zu Vergiftungen. Nach +Landel+ (Repertorium 1845) zeigten Rinder nach
-der Aufnahme derselben Appetitlosigkeit, Geifern, Zähneknirschen,
-Tympanitis, blutigen, dünnflüssigen, übelriechenden Kot, Herzklopfen,
-gesteigerte Puls- und Atmungsfrequenz. Bei der Sektion fand man die
-Erscheinungen der Magendarmentzündung. +Schilling+ und +Berger+ (Bad.
-Mitt. 1888) sahen bei Rindern und Schafen heftige epileptiforme
-Krampfanfälle, welche 10 Minuten dauerten und sich halbstündlich
-wiederholten, Brüllen, Zittern, Niederstürzen, Verdrehen der Augen und
-Pupillenerweiterung.
-
-3. Die +grüne Nieswurz+ hatte bei 6 Hämmeln starkes Aufblähen, Kolik,
-blutige Diarrhöe, Krämpfe und Zuckungen zur Folge, so dass 2 derselben
-geschlachtet werden mussten. Der Sektionsbefund ergab das Vorhandensein
-von Gastroenteritis.
-
-
-Veratrinvergiftung.
-
- =Allgemeines.= Veratrinvergiftungen können sowohl durch die +weisse
- Nieswurz+, als durch das Veratrin bedingt sein. 1. Die +weisse
- Nieswurz+, +Veratrum album+ (weisser Germer), gehört zur Familie
- der Kolchikazeen und ist ein in den Alpen und Voralpen auf feuchten
- Wiesen perennierendes meterhohes Kraut mit dunkelbraunem, knolligem,
- verkehrt kegeligem, oben geschopftem, rings mit langen, dünnen,
- gelbbraunen Nebenwurzeln besetztem Wurzelstock, einfachem Stengel,
- grossen, elliptischen Blättern und grünlich weissen, gestielten
- Blüten. Die Pflanze, namentlich das Rhizom, enthält eine Reihe von
- Alkaloiden, und zwar als wichtigstes das +Pseudojervin+, ferner das
- +Jervin+, +Rubijervin+, +Veratralbin+, sowie Spuren von +Veratrin+.
- 2. Das +Veratrin+ des Handels stammt nicht von der weissen Nieswurz,
- sondern von den Sabadillsamen (Veratrum officinale). Es ist ein
- weisses, lockeres, amorphes Pulver, welches ein inkonstantes Gemenge
- verschiedener Alkaloide darstellt, namentlich von +Zevadin+ und
- +Veratridin+.
-
-
-=Aetiologie.= Die Ursachen der Veratrinvergiftung sind in den meisten
-Fällen in +Dosierungsfehlern+ zu suchen. Rhizoma Veratri sowohl,
-als das Veratrin sind schon in mittleren, therapeutischen Gaben
-sehr heroisch wirkende Mittel, so dass eine, wenn auch unbedeutende
-Ueberschreitung der Durchschnittsdosis leicht Vergiftungserscheinungen
-verursachen kann. Dazu kommt, dass das Veratrin kein konstantes
-Präparat, sondern ein +inkonstantes Gemenge verschiedener Alkaloide+
-ist, so dass es je nach der Darstellung und Herkunft in seiner Wirkung
-wechselt. Dieser Umstand muss zur Erklärung der Tatsache herbeigezogen
-werden, dass bei Pferden in einzelnen Fällen therapeutische Mitteldosen
-von 0,1 Veratrin eine tödliche Vergiftung bedingt haben; zum Teil mag
-hier allerdings auch eine besondere, individuelle Empfindlichkeit
-(Idiosynkrasie) gegen das Mittel mitgewirkt haben. Ausnahmsweise werden
-Vergiftungen durch Waschungen der Haut mit Nieswurzabkochungen (gegen
-Läuse) oder durch das sog. Nieswurzelstecken veranlasst (meist wird
-schwarze Nieswurz gebraucht).
-
-Die +tödliche Dosis+ des +Veratrins+ beträgt bei subkutaner Injektion
-für Pferde durchschnittlich 0,5-1,0, für Rinder 0,25-0,5, für Hunde
-0,02-0,1, für Katzen 0,005-0,01. Vergiftungserscheinungen werden
-bei Pferden schon von 0,2 Veratrin ab wahrgenommen. In einem Fall
-beobachtete +Martens+ sogar eine tödlich verlaufende Vergiftung bei
-2 Pferden nach der Injektion der allgemein angewandten Mitteldosis
-von 0,1 Veratrin. Im Gegensatz hierzu hat +Albrecht+ Pferden sogar
-bis zu 0,4 Veratrin ohne schwere Zufälle gegeben; ich selbst habe bei
-Pferden Dosen bis zu 0,2 mehrere Male angewandt, ohne eine Vergiftung
-zu beobachten. Die +weisse Nieswurz+ tötet Pferde bei intravenöser
-Injektion von 15-30 g der Tinktur, Rinder bei innerlicher Verabreichung
-von 100-200 g der Wurzel, Hunde bei behindertem Erbrechen schon nach
-Verabreichung von 0,6 der Wurzel.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Wirkung der in der
-Nieswurz und im Veratrin enthaltenen Alkaloide ist ziemlich
-dieselbe. Sie besteht in +lokaler Reizung+ der Schleimhäute, starker
-+psychischer+ und +motorischer Erregung+, sowie schliesslich in
-+Lähmung+ der +quergestreiften Muskel+ und des +Herzens+. Im
-Gegensatz zur Helleborusvergiftung sind die gastroenteritischen
-Erscheinungen schwächer und fehlen bei der subkutanen Anwendung
-des Veratrins meist ganz. Die Hauptsymptome der Veratrinvergiftung
-sind: heftiges +Erbrechen+, +Würgen+, Rülpsen, Schluchzen,
-Brechbewegungen, +Speicheln+, vermehrte Peristaltik, +Durchfall+,
-+Kolik+; starke +psychische Erregung+, selbst tobsuchtartige
-Anfälle, +tonisch-klonische+, selbst +tetanische Krämpfe+, Zittern,
-Schweissausbruch; Mattigkeit, Atemnot, +allgemeine Lähmung+. Der Tod
-erfolgt meist innerhalb 10-20 Stunden.
-
-Bei der +Sektion+ findet man nach der innerlichen Anwendung der
-Nieswurz gastroenteritische Erscheinungen. Nach der subkutanen
-Anwendung des Veratrins fehlen dieselben. In einem Fall fand +Gips+ bei
-einem an Veratrinvergiftung verendeten Pferd an der Injektionsstelle
-ein umfangreiches Blutextravasat, welches sich bis in die tieferen
-Muskellagen erstreckte. Die +gesamte Körpermuskulatur+ war +getrübt+,
-von +grauroter+ Farbe, +trocken+ und +mürbe+; dieselben Veränderungen
-zeigte das +Myokardium+; der Herzbeutel war zur Hälfte mit einer
-dunkelroten Flüssigkeit angefüllt; unter dem Endokard befanden sich
-zahlreiche hämorrhagische Herde; die Bauchhöhle enthielt 8 l, die
-Brusthöhle 4 l einer blutig gefärbten Flüssigkeit; in den Bronchien
-befand sich blutiger Schaum.
-
-
-=Therapie.= Die Behandlung der Veratrinvergiftung besteht in
-der Verabreichung von +Tannin+ oder von +Lugol+scher +Lösung+
-als Gegengift, in der Anwendung schleimiger, einhüllender
-Mittel (Leinsamenabkochung, Gummi) gegen die Erscheinungen der
-Gastroenteritis, sowie in der +symptomatischen+ Bekämpfung
-der Erregungs- (Morphium, Bromkalium, Chloralhydrat) und
-Lähmungserscheinungen (Kampfer, Aether, Alkohol, Ammonium carbonicum,
-Liquor Amonii anisatus, Atropin).
-
-
-=Nachweis.= Die +Abscheidung+ des Veratrins aus dem Magendarminhalt,
-dem Blut und den Muskeln geschieht nach der Methode von +Dragendorff+
-(vergl. S. 199) mittels Benzol oder Petroleumäther (auch Amylalkohol
-und Chloroform kann benützt werden). Zu beachten ist, dass ein Teil
-des Veratrins schon aus der sauren (schwefelsauren) wässerigen Lösung
-durch Benzol, Amylalkohol und Chloroform ausgezogen werden kann.
-Spezialreaktionen für das Veratrin sind: 1. +Rotfärbung+ durch Zusatz
-von konzentrierter Schwefelsäure oder von +Bromwasser+ (vorsichtiger
-Zusatz eines gleichgrossen Volums). 2. +Prachtvolle Rotfärbung+ bei
-Zusatz konzentrierter rauchender +Salzsäure+ (noch bei 1/10 mg deutlich
-zu erkennen). Man übergiesst den auf dem Uhrgläschen befindlichen
-Rückstand mit 1 ccm rauchender +Salzsäure+ und löst ihn möglichst
-schnell darin auf, worauf die Flüssigkeit in ein Reagensglas gebracht
-und etwa 1-2 Minuten im Sieden erhalten wird. Die rote Veratrinlösung
-hält sich wochenlang. 3. +Grün-+, +Blau-+, +Violettfärbung+ bei Zusatz
-von +Zucker+ und konzentrierter +Schwefelsäure+ in geringer Menge.
-Hierbei färbt sich das Veratrin anfangs gelb, später dunkelgrün,
-dann schön blau, zuletzt missfarben violett. 4. Die +physiologische+
-Reaktion des Veratrins bei einem +Frosch+ besteht im Auftreten von
-+Brechbewegungen+ und +Verlangsamung+ der Herztätigkeit von 60 auf 30,
-10 und zuletzt 0 Schläge in der Minute. Diese Erscheinungen beobachtet
-man noch nach ½ mg in 0,1 ccm essigsaurer Lösung bei subkutaner
-Injektion. Grössere Dosen erzeugen ausserdem +Tetanus+ in Form von
-Streckkrämpfen; so zeigen sich bei einem Frosch nach 2 mg Veratrin
-(in 0,5 ccm Lösung subkutan) sofort Brechbewegungen, nach 15 Minuten
-Tetanus, nach 1 Stunde stirbt das Tier.
-
- =Kasuistik.= 1. +Pferde.+ 2 Pferde frassen im Februar die Blätter
- des weissen Germer. Sie zeigten starkes Speicheln, leichte Kolik und
- häufiges Würgen, waren jedoch am Abend wieder gesund. Auch sonst
- beobachtet man öfters beim Alpenvieh bei Futtermangel Aufnahme
- des weissen Germer und im Anschluss daran Speicheln und Erbrechen
- (+Kuschee+, Tierärztl. Zentralbl. 1894). -- 18 Pferde zeigten nach
- der Aufnahme von Blättern des weissen Germer Appetitlosigkeit,
- Mattigkeit, Aufregung, Unruhe, Krämpfe, Salivation, Stomatitis,
- Brechreiz, Kolik und Dyspnoe (+Varga+, Veterinarius 1898). -- 3
- Pferde erhielten infolge einer Verwechslung ein Pulver, welches viel
- Sabadillsamen enthielt. Sie zeigten Speicheln, Erbrechen, starken
- Durchfall, fielen nach 4 Stunden um und bekamen tetanische Krämpfe;
- eines starb nach 9 Stunden unter heftigem, anhaltendem Tetanus, das
- andere genas (+Lund+ und +Larsen+, Dänische Monatsschrift 1897).
- -- 2 junge Pferde hatten je 0,1 Veratrin subkutan erhalten. Sie
- starben nach 16 resp. 20 Stunden, nachdem Zuckungen, Krämpfe und
- Brechanstrengungen vorausgegangen waren (+Martens+, Preuss. Mitt.
- 1881). -- Ein Pferd zeigte nach einer Veratrininjektion sehr starke
- Unruhe, tobsüchtiges Benehmen und später Lähmung; es starb nach
- 30 Stunden. Bezüglich der Sektion vergl. S. 227 (+Gips+, Preuss.
- Mitt. 1880). -- Ein Pferd, welches eine zu grosse Dosis Rhizoma
- Veratri erhalten hatte, zeigte als Haupterscheinungen anhaltendes
- Würgen, angestrengte Atmung, hohe Pulsfrequenz und sehr schwachen,
- elenden Puls. Die Behandlung bestand in der Anwendung von Alkohol
- und Ammonium carbonicum (+Gresswell+, The Veterinarian 1886). --
- Experimentelle Untersuchungen von +Waldinger+ ergaben, dass das
- Rhizoma Veratri in Dosen von 15-30 g bei Pferden nur geringe Wirkung
- hervorruft; selbst 120 g erzeugten nur Kolik und Brechbewegungen
- 4 Stunden hindurch. Dagegen ist nach +Hertwig+ die intravenöse
- Injektion der Tinctura Veratri von sehr starker und rascher Wirkung;
- 2-15 g derselben bedingen sofort Atembeschwerden, Kotentleerung,
- Kolik, Brechbewegungen, Kontraktionen des Schlundes, der Hals-
- und Bauchmuskeln, Rülpsen, Schluchzen, Speicheln, Tränenfluss,
- vermehrtes Urinieren und zuweilen ganz abundanten Schweissausbruch;
- 15-30 g der Tinktur hatten bei intravenöser Anwendung nach wenigen
- Minuten den Tod unter Schwindel, Zusammenstürzen, Atembeschwerden
- und Konvulsionen zur Folge. Ein 1 Quadratzoll grosses und etwa ½ cm
- dickes Stück Nieswurz erzeugte, +subkutan+ appliziert, Muskelzittern,
- Dyspnoe nach 1-2 Stunden, Würgen, Brechneigung, Speicheln, vermehrte
- Peristaltik, Diarrhöe, sowie lokale Entzündung und Geschwulstbildung.
-
- 2. +Rinder.+ Ein 1jähriges Rind starb nach der subkutanen Injektion
- von 0,25 Veratrin innerhalb 8 Stunden, ein Ochse nach der
- Verabreichung von 60 g weisser Nieswurz in Pillenform am 2. Tag
- (+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- Nach experimentellen
- Untersuchungen bedingt die Nieswurz in Gaben von 20-30 g nur
- schwache Erscheinungen; 90 g erzeugten Kolik und 180 g den Tod unter
- Erscheinungen der Magendarmentzündung (Lyoner Tierarzneischule). 125
- g im Dekokt riefen starke Aufregung und Kolik hervor; das betreffende
- Rind blieb aber am Leben (+Ithen+).
-
- 3. +Schafe+ und +Ziegen+ zeigten nach 8-15 g des Rhizoma Veratri
- Würgen, Erbrechen und Diarrhöe (+Gerlach+).
-
- 4. +Katzen+ starben auf 5-10 mg Veratrin; +Hunde+ auf 2-10 cg. Das
- Rhizoma Veratri tötet die letzteren schon von 0,6 g ab, wenn das
- Erbrechen durch Unterbinden des Schlundes verhindert wird; können die
- Tiere jedoch erbrechen, so ertragen sie sogar bis zu 8 g (+Hertwig+).
- Intravenös töten schon 15-20 Tropfen.
-
- 5. +Frösche+ zeigen auf 0,5 mg Veratrin +Brechbewegungen+ und
- Verlangsamung des Herzschlages von 60 auf 30 und 10; auf 2 mg sofort
- Brechbewegungen und 15 Minuten darauf +Tetanus+, worauf der Tod nach
- etwa einer Stunde eintritt (physiologischer Nachweis des Veratrins).
-
-
-Akonitvergiftung.
-
- =Botanisches.= In Deutschland kommen mehrere Akonitarten vor. Die
- wichtigste ist +Aconitum Napellus+, der +Sturmhut+ oder +Eisenhut+
- (Helmblume, Rachenblume, Ziegentod, Würgling, Mönchskappe,
- Narrenkappe, Venuswagen), eine zu den Ranunkulazeen gehörige
- Bergpflanze (έν ἀχόναις, auf Felsen) der nördlichen Halbkugel bis
- Norwegen und Schweden, welche häufig in Gärten als Zierpflanze
- kultiviert wird. Die im Juni bis September blühende Pflanze zeichnet
- sich durch charakteristische, in Trauben stehende, blaue (violette,
- rote, weisse) Helmblüten aus, deren Helm breiter als hoch und
- halbkreisförmig gewölbt ist; die Nektarien sind auf gekrümmtem Nagel
- wagrecht nickend. Das Rhizom ist rübenartig, aus zwei nebeneinander
- stehenden (einem vorjährigen und einem frischen) dunkelgraubraunen,
- fingerlangen Wurzelstöcken bestehend; der bis 1½ m hohe Stengel
- ist aufrecht und einfach, die Blätter sind oben dunkelgrün, unten
- heller gestielt, derb, handförmig. Andere giftige Akonitarten sind:
- +Aconitum Stoerkeanum+ (neomontanum), ziemlich selten, an denselben
- Standorten vorkommend wie die vorige, mit 3 Rhizomen, blauen,
- violetten oder weissen Blüten, nach oberwärts gekrümmten Nektarien,
- schief geneigtem Nagel und mehr hohem als breitem Blütenhelm;
- +Aconitum variegatum+ mit Blütennektarien, welche auf geradem Nagel
- aufrecht stehen; endlich +Aconitum Lycoctonum+, der Wolfseisenhut
- (Hundsgift, Gelstern), eine in Bergwäldern nicht sehr häufig
- vorkommende, gelb blühende, nur mit einem Rhizom versehene und in
- seiner Wirkung von den anderen Akonitarten abweichende Pflanze.
-
- Die drei erstgenannten Akonitarten enthalten ein sehr stark
- giftiges Alkaloid, das =Akonitin= oder Akonitoxin von der Formel
- C_{33}H_{43}NO_{12}. Dieses Akonitin ist je nach der Darstellung
- ein sehr verschiedenartiges, sehr inkonstantes Präparat (deutsches,
- französisches, belgisches, englisches Akonitin). Aconitum Lycoctonum
- enthält kein Akonitin, sondern zwei kurareähnlich wirkende Alkaloide:
- das +Lykakonitin+ und +Myoktonin+, welche sich in die früher als
- Hauptbestandteile bezeichneten Körper Lykoktonin und Akolyktin
- spalten.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Akonitin gehört zu den
-stärksten Giften. Reine Präparate desselben töten Hunde schon in
-Dosen von wenigen Milligrammen. Von der getrockneten Wurzel wirken 5
-g für Hunde, von der frischen Wurzel 3-400 g tödlich für Pferde. Es
-wirkt örtlich auf die Schleimhäute +reizend+, +entzündungserregend+;
-die allgemeine Wirkung besteht in einer +Erregung+ der +motorischen
-Zentren+, sowie in +Lähmung+ des +Atmungszentrums+ und +allgemeiner
-Lähmung+. Akonitvergiftungen sind im allgemeinen ziemlich selten,
-weil die Pflanze allmählich ausgerottet und auch als Arzneimittel,
-wenigstens in Deutschland, fast gar nicht angewandt wird (in Belgien
-sind durch zu grosse Dosen von Akonitin bei Pferden Vergiftungen
-vorgekommen). Man beobachtet sie zuweilen bei Rindern und Ziegen, wenn
-dieselben auf Bergweiden die Giftpflanze aufnehmen. Auch Schafe sollen
-in Gebirgsländern durch das Abweiden der jungen Frühjahrssprösslinge
-erkranken. Seltener erkranken Pferde nach der Aufnahme der
-Gartenpflanze (Samen). Die wichtigsten Krankheitserscheinungen sind
-+starkes Speicheln+, Recken, +Würgen+, +Aufstossen+, +Erbrechen+,
-Zähneknirschen, +Durchfall+, +sehr schmerzhafte Kolik+, +Unruhe+,
-+Angst+, +Geschrei+, +Winseln+, +Stöhnen+, +Krampfanfälle+,
-+Aufblähung+, +Schwäche+, +Lähmung+, +Taumeln+, +Zittern+, +Mydriasis+,
-+Bewusstlosigkeit+, +Zusammenstürzen+. Der Tod erfolgt meist schon nach
-wenigen Stunden unter Krämpfen.
-
-Bei der +Sektion+ findet man entzündliche Veränderung auf der
-Magendarmschleimhaut, zuweilen auch schon auf der Maulschleimhaut,
-sowie Gehirnhyperämie.
-
-Die +Behandlung+ besteht in der Verabreichung von Tannin, sowie
-von exzitierenden Mitteln (Kampfer, Aether, Alkohol, kohlensaures
-Ammonium). Auch die Digitalis soll durch ihre erregende Wirkung auf das
-Herz ein gutes Antidot sein.
-
-
-=Nachweis.= Die +Abscheidung+ des reinen kristallisierten Akonitins
-(Aconitinum nitricum crystallisatum) wird nach der Methode von
-+Dragendorff+ (vergl. S 199) aus alkalischer Lösung durch +Benzol+
-(oder +Petroleumäther+ oder Chloroform) vorgenommen. Dagegen wird
-zur Abscheidung von Akonitin aus Akonitkraut oder nach Einverleibung
-käuflichen, unreinen, amorphen Akonitins +Benzol+ oder +Chloroform+,
-nicht Petroleumäther, benützt. Es entziehen ferner Aether und
-Amylalkohol das unreine Akonitin aus +sauren+ Flüssigkeiten. Soll ein
-Untersuchungsobjekt +nur+ auf Akonitin untersucht werden, so empfiehlt
-es sich, wegen der grossen Empfindlichkeit dieses Alkaloids auch
-gegen verdünnte Mineralsäuren und Basen, statt des umständlicheren
-Dragendorffschen Verfahrens das Untersuchungsmaterial einfach mit
-Alkohol unter Zusatz von möglichst wenig +Weinsäure+ auszuziehen, den
-Alkohol zu verdunsten und die alkalischen Lösungen, wo solche notwendig
-sind, durch Zusatz von +Natrium bicarbonicum+ herzustellen.
-
-Die beiden Akonitinsorten verhalten sich auch den Reagentien
-gegenüber verschieden: 1. Das +reine Akonitin+ gibt in schwach
-essigsaurer Lösung mit +Jodkalium+ eine +kristallinische+ Verbindung,
-welche unter dem Mikroskope aus +tafelförmigen Platten+ besteht.
-Dieses rein kristallisierte Akonitin zeigt keine Farbenreaktionen.
-2. Das +gewöhnliche, amorphe Akonitin+ färbt sich beim Stehen
-seiner Lösung in konzentrierter +Schwefelsäure+ oder beim Erwärmen
-mit +Phosphorsäure+ schön +rot-violett+ und mit +Zucker+ und
-+Schwefelsäure+ schön +rot+ (Zersetzungsprodukte des reinen Akonitins).
-
- =Kasuistik.= +Knopf+ (Berl. tierärztl. Woch. 1891) beschreibt
- eine Vergiftung durch Aconitum Napellus bei 28 Rindern,
- welche die Giftpflanze auf der Weide aufgenommen hatten. Die
- Vergiftungserscheinungen waren: Stöhnen, Unvermögen aufzustehen,
- Sinken der Innentemperatur (bis 36,7°), Versiegen der Milchsekretion,
- Pupillenerweiterung, Verstopfung bezw. Durchfall, Schmerz bei
- Druck auf die Bauchdecken; das Bewusstsein blieb frei. 2 Kühe
- starben. Die Sektion ergab das Vorhandensein einer Gastroenteritis,
- hochgradige Gehirnhyperämie, sowie auffallend helle Farbe der Leber.
- -- +Kaufmann+ (Recueil 1900) beschreibt eine Akonitinvergiftung bei
- 6 Pferden; 6 mg Akonitin wirkten bei einem Pferde schon tödlich.
- -- 7 Rinder frassen reife Eisenhutkörner an einem Gartenzaun und
- starben nach 24 Stunden unter den Erscheinungen der Gastroenteritis:
- Kolik, Speicheln, Aufblähung, Durchfall, Schwanken (Preuss. Vet.-
- Ber. 1904). -- +Prietsch+ (Sächs. Jahrg. 1907) sah bei einem Pferde
- nach der Aufnahme von Samen in einem Garten gleichfalls Kolik und
- Schwanken; die Genesung erfolgte erst nach 4 Tagen.
-
-
-Atropinvergiftung.
-
- =Botanisches.= Die +Tollkirsche+, +Atropa Belladonna+ (Wutkirsche,
- Wolfskirsche, Teufelsbeere, Waldnachtschatten), ist eine über
- Meter hohe, buschige Solanazee mit purpurbraunen, drüsig
- flaumigen Stengeln, trübgrünen, ganzrandigen Blättern und
- grossen, schmutzigvioletten, einzeln in den Achseln stehenden,
- überhängenden Glockenblüten. Die glänzend schwarzen vielsamigen
- Beeren sitzen auf dem flach ausgebreiteten Kelch. Die Belladonna
- enthält nur in den jungen Wurzeln +Atropin+, dagegen in den
- ausgewachsenen Wurzeln und den übrigen Pflanzenteilen +Hyoszyamin+.
- Das im Handel vorkommende „Atropin“ ist ein Gemenge der beiden
- genannten Alkaloide. Atropinvergiftungen haben sich teils durch
- zu hohe Dosierung und unzweckmässige Kombinierung des Atropins
- (Morphium-Atropineinspritzungen gegen Schulterlahmheit beim Pferd),
- teils durch die Aufnahme von Belladonnablättern bei Rindern (selten)
- ereignet.
-
-
-=Atropinwirkung.= Die Alkaloide der Belladonna, das Hyoszyamin
-und Atropin, wirken +pupillenerweiternd+, die +Speichelsekretion
-beschränkend+, sowie stark +erregend+ auf das +Gehirn+ („Tollkirsche“)
-und das +Herz+; der Tod erfolgt durch +Lähmung+ dieser Organe. Die
-Vergiftungserscheinungen bestehen daher in +Pupillenerweiterung+,
-+Sehstörungen+, +starker Aufregung+, +Tobsucht+, +Krampfanfällen+,
-+Herzklopfen+, +verminderter Speichelsekretion+ und infolgedessen
-Trockenheit der Maulschleimhaut und der Zunge, +gastrischen Zufällen+;
-später tritt +Schwäche+ und +Lähmung+ auf. Die Behandlung ist
-eine symptomatische; als Gegengift werden namentlich Morphin und
-Chloralhydrat, sowie Tannin empfohlen.
-
-
-=Verhalten der einzelnen Tiergattungen.= Die Haustiere, namentlich
-die Pflanzenfresser, sind gegen das Atropin im Vergleich zum Menschen
-+wenig empfindlich+. Im einzelnen ist folgendes zu bemerken:
-
-1. +Pferde+ ertragen nach meinen Erfahrungen Dosen von 0,05-0,5
-g Atropin, ohne lebensgefährlich zu erkranken. Die gewöhnlichen
-Erscheinungen nach diesen relativ sehr grossen Dosen sind Herzklopfen,
-Steigerung der Pulsfrequenz, Unruhe, Aufregung, Mydriasis, verminderte
-Speichelsekretion und Unterdrückung der Futteraufnahme; Tobsucht
-wird in der Regel nicht beobachtet. Nur bei einzelnen Pferden
-traten wohl infolge einer Idiosynkrasie schon nach Dosen von 0,05
-tobsuchtartige Erscheinungen auf. Aehnlich sind die Erscheinungen nach
-der Aufnahme von Belladonnakraut. Nach +Hertwig+ zeigten 20 Pferde
-auf die Verabreichung von 120 bis 180 g trockenem Belladonnakraut
-Pupillenerweiterung, Trockenheit im Maul, Tympanitis, Verstopfung,
-Kolik, sehr beschleunigte Herztätigkeit und Pulszahl, Mattigkeit und
-Schwäche; eigentümlicherweise fehlten zerebrale Erregungszustände. Die
-gleichen Symptome wurden nach 60-90,0 trockener Wurzel beobachtet;
-180,0 g derselben töteten. Klistiere von 15,0 trockenem Kraut auf
-180,0 Kolatur, 3-4mal an einem Tag wiederholt, riefen leichte
-Vergiftungserscheinungen und eine Lähmung des Sphincter ani hervor.
-8-16,0 der Belladonnatinktur (8,0 : 45,0 Spiritus) intravenös
-appliziert, hatten eine schwere Vergiftung zur Folge, welche sich
-in Unruheerscheinungen, Angst, Atemnot, starker Pulsbeschleunigung,
-Mydriasis, Zittern, Zuckungen, Kolik, Betäubung und Taumeln äusserte.
-Einzelne Pferde tobten auch und gingen wie blind auf die Wände zu. 240
-g der Tinktur intravenös gegeben, töteten.
-
-2. +Kühe+ werden von der Belladonnawirkung stärker betroffen.
-30 g der Wurzel und 60 g der Blätter erzeugten Tympanitis und
-Pulsbeschleunigung, 60-90 g der Wurzel eine zweitägige starke
-Vergiftung; 120 g der Wurzel hält +Hertwig+ beim Rind für die tödliche
-Dosis.
-
-3. +Hunde+ ertragen im Verhältnis zum Menschen und zu anderen Tieren,
-namentlich zum Pferd, besonders grosse Atropingaben und können sich
-allmählich an das Gift gewöhnen. Ich habe beispielsweise einem 25 kg
-schweren Hund im Verlauf eines Nachmittags (innerhalb 6 Stunden) 1,0
-g Atrop. sulfuric. auf 2mal eingegeben; derselbe zeigte zwar jedesmal
-starke Unruheerscheinungen und hochgradige Aufregung, verbunden mit
-Krampfanfällen, erholte sich aber nach kurzer Zeit wieder vollständig.
-Grosse Hunde ertragen annähernd dieselbe Dosis wie ein Pferd.
-
-4. +Schafe+ ertrugen 90,0 g trockene Blätter, 120,0 g getrocknete
-Wurzel und selbst 60,0 g Belladonnaextrakt (+Gerlach+).
-
-5. +Ziegen+ zeigten nach der Verfütterung von 750 g frisch getrockneter
-Belladonnablätter nur eine starke Mydriasis ohne jede andere auffällige
-Erscheinung (+Gerlach+). Die Unempfindlichkeit der Schafe und Ziegen
-gegen Belladonna ist übrigens lange bekannt. Schon +Münch+ bemerkt in
-seiner „Praktischen Anweisung, wie Belladonna bei den Tieren anzuwenden
-ist, Stendal 1787“, dass Ziegen die Belladonna pfundweise und Schafe
-die Blätter mit Begierde fressen.
-
-6. +Kaninchen+ sind besonders indifferent gegen Atropin. +Hertwig+
-hat Kaninchen wochenlang nur mit Belladonnablättern gefüttert, wobei
-dieselben ausser Pupillenerweiterung keinerlei abnorme Erscheinungen
-zeigten, vielmehr ganz munter blieben; im Urin derselben liess sich
-Atropin nachweisen. Die tödliche Dosis des Atropins für Kaninchen liegt
-erst bei 1,0 g (beim Menschen wirken schon 0,1 g sicher tödlich, und
-schon 5 mg bedingen eine schwere Vergiftung).
-
-
-=Nachweis.= Die +Abscheidung+ des Atropins aus den
-Untersuchungsobjekten erfolgt am besten nach der Methode von
-+Dragendorff+ (vergl. S. 199); hierbei ist zu beachten, dass das
-Atropin aus seiner Lösung in Benzol in der Kälte auskristallisiert.
-Da das Atropin eines der am leichtesten zersetzlichen Alkaloide ist,
-müssen hohe Temperaturgrade, sowie ätzende Alkalien und starke Säuren
-streng vermieden werden; es empfiehlt sich ferner im Vakuum bei
-möglichst niedriger Temperatur abzudampfen. Das abgeschiedene Atropin
-kann auf verschiedene Weise agnosziert werden. 1. Die +physiologische+
-Methode des Nachweises ist die sicherste. Man löst einen Teil
-desselben in wenig Wasser auf und bringt die Lösung in den Lidsack
-eines Kaninchens, einer Katze, eines kleinen Hundes, worauf sehr bald
-+Pupillenerweiterung+ eintritt. Diese Pupillenerweiterung wird noch
-durch 0,005 mg Atropin erzeugt. 2. Mit +rauchender Salpetersäure+ und
-+weingeistiger Aetzkalilösung+ färbt sich Atropin schön +rotviolett+.
-Die Reaktion, welche noch durch 0,001 mg Atropin hervorgerufen wird,
-führt man in der Weise aus, dass man kleine Mengen des Alkaloids
-mit 3-4 Tropfen rauchender Salpetersäure löst und im Wasserbade
-verdunstet, bis ein gelblicher Rückstand hinterbleibt, welcher bei
-Zusatz einer Lösung von Aetzkali in 90proz. Weingeist sich schön
-violett färbt.
-
-Andere Reaktionen sind: +Rotfärbung+ nach Uebergiessen mit 1-5proz.
-alkoholischer (50 Proz.) Sublimatlösung (2 ccm) und schwachem
-Erwärmen, +Blumengeruch+ beim Erwärmen von Atropin mit konzentrierter
-Schwefelsäure (nach den einen Geruch nach Orangeblüten, nach den
-anderen Blütengeruch von Prunus Padus oder Spiraea Ulmaria).
-Endlich rötet Atropin im Gegensatz zu den meisten Alkaloiden
-+Phenolphthaleinpapier+.
-
- =Kasuistik.= Am häufigsten sind =Atropinvergiftungen= bei Pferden
- beobachtet worden infolge der von +Tempel+ empfohlenen +kombinierten
- Morphium-Atropininjektion+ gegen +Schulterlahmheit+. Die Kombination
- wirkt, wie ich mit +F. Preusse+ festgestellt habe, dadurch so
- gefährlich, dass sich die +sekretionsbeschränkende Wirkung des
- Atropins+ auf die Speicheldrüsen (Trockenheit der Maul- und
- Rachenschleimhaut, erschwertes bezw. aufgehobenes Schlingvermögen)
- und Darmdrüsen, insbesondere die Bauchspeicheldrüse (Eindickung
- und schwere Beweglichkeit des Darminhalts), mit der stopfenden,
- +die Darmperistaltik lähmenden Wirkung des Morphiums+ verbindet.
- Infolgedessen kann sich leicht eine schwere +Verstopfungskolik+
- mit ihren Folgen (Tympanitis, Magenruptur) einstellen. Die in der
- tierärztlichen Literatur beschriebenen einzelnen Vergiftungsfälle
- sind von +F. Preusse+ (Monatshefte für prakt. Tierheilkunde, 1899)
- gesammelt worden. Die wichtigsten Fälle sind folgende:
-
- +Meinicke+ applizierte einem an akuter Schulterlahmheit leidenden
- Offizierspferde die Tempelsche Mischung (Atropin 0,05, Morphium 0,2)
- subkutan und beobachtete nachstehende Vergiftungserscheinungen:
- Bereits nach 10 Minuten trat eine Erweiterung der Pupillen ein, wenig
- später begann das Tier die Zunge aus dem Maule herauszustrecken.
- Angebotenes Heu und Wasser vermochte es nicht abzuschlucken. Die
- Frequenz des Pulses betrug nach Ablauf von 15 Minuten bereits 60
- Schläge, er war drahtförmig und spritzend; ¾ Stunden nach der
- Injektion war er nicht mehr zählbar und die Arterienwand kaum noch
- zu fühlen. Die Herzaktion geschah tumultuarisch, die Respiration
- langsam, 8mal in der Minute. Ungefähr nach Verlauf einer Stunde war
- das Stadium acmes der Intoxikation erreicht, indem der Herzschlag
- stark pochend 110-116mal in der Minute erfolgte, Muskelzittern und
- Schwanken im Hinterteil auftrat, der Blick stier und ängstlich wurde
- und die Pupillen ad maximum erweitert waren. Das bis dahin ruhige
- Tier stieg alsdann einigemal mit den Vorderfüssen an den Boxwänden
- hoch, wurde aber bald wieder still. Nach 1½, 2, 3 Stunden wurden
- resp. 90, 70, 60 Herzschläge gezählt. Das Pferd trug ein mattes,
- müdes Benehmen zur Schau, der Appetit war vollkommen unterdrückt. Am
- Tag darauf waren Puls, Herzschlag und Atmung zur Norm zurückgekehrt,
- und gegen Abend geschah die Futter- und Getränkaufnahme wieder
- in genügendem Masse. -- +Scholte+ injizierte einem schweren
- Percheronwallach die genannte Morphium-Atropinlösung. Nach einer
- Viertelstunde begann das Pferd zu scharren, bekundete hochgradige
- Angst, Atemnot, Muskelzittern, hatte eines drahtförmigen Puls von
- 66 Schlägen in der Minute und einen pochenden Herzschlag. Wenig
- später versuchte das Tier an der Wand emporzugehen, biss in die Stäbe
- der Raufe und hing sich vor Schmerz förmlich in die Halfter. Diese
- Erscheinungen hielten bis zu 50 Minuten nach der Einverleibung des
- Mittels an und wurden dann von einer Müdigkeit, Schläfrigkeit und
- Appetitlosigkeit gefolgt. Am nächsten Tag war der Wallach wieder
- munter. -- +Meyerstrasse+ sah 8 Stunden nach der Injektion ein
- Pferd unruhig werden, sich häufig wälzen und dyspnoisch atmen. Es
- bestand Tympanitis, vollständige Sistierung der peristaltischen
- Geräusche, häufiges Drängen, aber nur Absetzen schleimiger Massen.
- Auf die Verabreichung einer Aloepille hin wurde die Kolik gehoben.
- Ein anderes Pferd bekundete sehr intensive Vergiftungssymptome,
- namentlich Tobsucht, die indessen nach 3stündiger Fortdauer gänzlich
- zurückgingen. -- +Noack+ beobachtete bei einer englischen Stute
- regelmässig 2 Stunden nach jeder der beiden vorgenommenen Injektionen
- eine ziemlich heftige Blähkolik, +Freitag+ konstatierte in 2 Fällen
- schon kurze Zeit nach der Einverleibung des Arzneipräparates
- Kolikerscheinungen. Bei sämtlichen 8 Pferden schwanden dieselben
- nach ungefähr 5 Stunden, die Lahmheit war jedoch nicht beseitigt.
- -- Auf eine Injektion der vereinigten Mittel hin geriet ein Pferd,
- einer Beobachtung von +Bruns+ zufolge, in einen rauschartigen
- Zustand und zeigte eine Atemfrequenz von 40 Zügen in der Minute.
- Die gleiche Aufregung trat nach einer zweiten, 5 Tage später
- vorgenommenen Einspritzung zutage. -- +Lungwitz+ konstatierte
- bald nach der Injektion bei einem Pferd eine starke, etwa fünf
- Stunden anhaltende Aufregung und Unruhe, Vorwärtsdrängen mit in
- die Höhe gestrecktem Kopfe und andauerndes Seitwärtstreten, Puls-
- und Atmungsbeschleunigung, sowie eine öftere Entleerung von Harn
- in geringen Quantitäten und nach kurzen Intervallen. -- Ein Pferd
- drängte 3 Stunden nach der gewöhnlichen Injektion, wie +v. Lojewski+
- mitteilt, gewaltig nach vorwärts, schlug mit den Hinterextremitäten
- nach dem Bauche, hatte ad maximum erweiterte Pupillen, eine trockene
- Maulschleimhaut und eine holzige Zunge. Die Muskulatur der linken
- Schulter oszillierte beständig. Puls und Atmung waren beschleunigt.
- Nach fünf Stunden hatten die Erscheinungen den Höhepunkt erreicht
- und wurden jetzt schnell durch Morphium kupiert. Am folgenden Tag
- zeigte das Tier nur noch eine gewisse Mattigkeit. -- +Meltzer+ nahm
- 4 Stunden nach der Injektion folgende Vergiftungssymptome wahr:
- Das Pferd war stark tympanitisch aufgetrieben, die Peristaltik lag
- gänzlich darnieder. Es blickte angsthaft um sich und war über den
- ganzen Körper mit Schweiss bedeckt. Die Atmung vollzog sich pumpend
- und die Herzaktion tumultuarisch, die Frequenz der letzteren war
- nicht genau zu ermitteln. Der Patient scharrte ununterbrochen mit
- den Vorderfüssen, das Hinterteil schwankte stark bei der Bewegung.
- Als Antidot wurde eine Mischung von Eserin, Morphium, Kalomel,
- Kirschwasser und Kaffee mit Erfolg ordiniert. Am folgenden Tag
- war das Tier wieder wohl, die Lahmheit jedoch nicht gewichen.
- +Meltzer+ ist der Ansicht, dass es sich in diesem Fall wohl um eine
- Idiosynkrasie gehandelt hat. -- Selbst auf die Verabreichung der
- gewöhnlichen Lösung, auf 3 aufeinanderfolgende Tage gleichmässig
- verteilt, sah +Jess+ stets eine sehr unliebsame, mit Tympanitis und
- Darniederliegen der Darmbewegungen einhergehende Kolik auftreten.
- Bei einem Pferd zeigten sich diese Nebenwirkungen des Mittels in
- Form von über eine Stunde anhaltenden Gehirnerscheinungen, indem das
- Tier an den Wänden hochstieg, beständig mit den Vorderextremitäten
- schlug und mit dem Hinterteil stark schwankte. Ein weiterer Patient,
- dem ein Dritteil der vorschriftsmässigen Mischung injiziert war,
- bekam ebenfalls Kolik und wurde am Abend desselben Tages im Stall
- tot aufgefunden. Eine Sektion unterblieb leider. -- +Strecker+
- bemerkte an einer schweren belgischen Stute 3 Stunden nach der
- Injektion mässiges Muskelzittern und Unruheerscheinungen, sich
- in häufigem Hin- und Hertreten äussernd. Abends warf sich das
- Pferd zu wiederholten Malen heftig nieder, trieb rasch auf und
- starb wenig später. Bei der Obduktion wurde als causa mortis eine
- Magenruptur ermittelt. -- +Krämer+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1901) sah
- bei einem Militärpferd nach einer Atropin-Morphiumeinspritzung
- (0,05 : 0,2) kolossalen Schweissausbruch, heftige Unruhe, starke
- Schlingbeschwerden, Mydriasis, Dyspnoe, sowie heftiges Anrennen gegen
- die Krippe. Die Unruheerscheinungen hielten 4 Stunden an; auch am
- folgenden Tag bestand noch ziemliche Schwäche in der Nachhand. --
- +Güntherberg+ (ibid.) sah bei einem schulterlahmen Pferd nach einer
- Atropin-Morphiuminjektion (0,02 : 0,1) heftige Unruheerscheinungen,
- drahtförmigen Puls, stieren Blick, sowie Tod nach 24 Stunden;
- die Sektion ergab eine 1½ m lange Invagination des Dünndarms.
- -- +Neffgen+ (D. T. W. 1906) sah bei einem 8jährigen schweren
- Oldenburger nach der subkutanen Injektion von 0,5 Atropin hochgradige
- Unruhe, Pupillenerweiterung, Taumeln, sowie Tod nach 21 Stunden.
-
- Vergiftungen durch die Aufnahme der =Belladonnablätter= bei
- Rindern sind in der tierärztlichen Literatur nur ganz vereinzelt
- beobachtet worden. +Hering+ (Pathologie 1859) sah bei 2 Kühen nach
- der Aufnahme von Waldgras Toben, Niederstürzen und Aufblähung;
- +Nagy+ (Veterinarius 1897) bei einem Rind, das auf der Weide
- Belladonnablätter gefressen hatte, starke Aufblähung, Anrennen an
- Gegenstände, Pupillenerweiterung, 70 Pulse, unsicheren Gang und
- häufige Darmentleerungen; die eingeleitete Behandlung (Abführmittel,
- kalte Begiessungen) hatte in 2 Tagen vollkommene Genesung zur Folge.
- -- Nach +Gerö+ (Veterinarius 1901) sollen ungarische Pferdehändler
- bei dämpfigen Pferden betrügerischerweise einen Aufguss von
- Belladonnakraut eingeben, wodurch Pupillenerweiterung, Verstopfung
- und Aufblähung, Sphinkterenparalyse, beschleunigte Herzaktion,
- Trockenheit der Maulschleimhaut, sowie hochgradige Aufregung
- entstehen soll. G. will 36 Fälle derartiger Vergiftungen, darunter 11
- Todesfälle beobachtet haben.
-
-
-Vergiftung durch Bilsenkraut.
-
- =Botanisches.= Das +Bilsenkraut+, +Hyoscyamus niger+, ist eine auf
- Schutt, wüsten Plätzen, Kirchhöfen etc. wachsende Solanazee mit
- fleischiger, möhrenartiger Wurzel, klebrigem, weichhaarig zottigem,
- drüsigem, bis ½ m hohem Stengel, grünen, bis 20 cm langen und 10 cm
- breiten, eiförmigen, buchtig gezahnten, ebenfalls klebrigzottigen
- Blättern, sowie schmutziggelben, violett netzartigen, glockigen,
- widerlich riechenden Blüten. Die zweifächerigen Kapselfrüchte
- enthalten sehr zahlreiche Samen. Im Bilsenkraut sind 2 Alkaloide
- enthalten, das +Hyoszin+ oder =Skopolamin= und das +Hyoszyamin+. Auch
- in der Wurzel von Skopolia atropoides ist Skopolamin enthalten.
-
-
-=Krankheitsbild.= Das Hyoszin (Skopolamin) stimmt in seiner
-mydriatischen Wirkung, sowie in seiner erregenden Wirkung auf das
-Gehirn und Herz mit dem +Atropin+ ziemlich überein. +Das Krankheitsbild
-der Bilsenkrautvergiftung ist daher im wesentlichen das gleiche,
-wie das der Belladonnavergiftung.+ Auch dem Hyoszin (Skopolamin)
-gegenüber verhalten sich die Haustiere viel weniger empfindlich
-als der Mensch. Während beim Menschen schon auf 2 mg Hyoszin
-Vergiftungserscheinungen zu beobachten sind, ertragen Hunde und Katzen
-das 100-300fache dieser Dosis. Eine kleine Katze blieb noch nach 0,6
-g Hyoszin am Leben (+Kobert+). Diese geringe Empfindlichkeit der
-Tiere gegenüber dem Hyoszin ist wohl auch der Hauptgrund dafür, dass
-Bilsenkrautvergiftungen bei den Haustieren ebenso selten sind, wie
-Belladonnavergiftungen. In der tierärztlichen Literatur finden sich nur
-folgende Fälle verzeichnet. Nach +Cruzel+ (Journ. de méd. vét. 1828)
-hatte eine Kuh im Frühjahr eine grössere Menge frischen Bilsenkrautes
-gefressen; nach 2 Stunden fiel sie um, zeigte Pupillenerweiterung,
-starke Injektion der Konjunktiva, sichtbares Pulsieren der Karotiden,
-Konvulsionen, krampfhaftes, röchelndes Atmen, häufige Harnentleerungen,
-sowie allgemeine Körperschwäche. Nach +Graess+ (Berl. Arch. 1897)
-starben 29 junge Hühner an Bilsenkrautvergiftung, während die alten
-Hühner nicht erkrankten. +Regenbogen+ (B. T. W. 1903) beobachtete bei
-einem Pferd nach der Injektion von 0,02 Hyoszin Raserei, Hochsteigen,
-Schlagen mit dem Kopf gegen die Krippe und angestrengte Atmung,
-offenbar als Ausdruck einer Idiosynkrasie.
-
-+Behandlung+ wie bei der Atropinvergiftung.
-
- =Experimentelles.= Von den zahlreichen, früher mit Bilsenkraut
- angestellten +toxikologischen Versuchen+ sind folgende erwähnenswert.
- +Pferde+ zeigten auf 90-120 g Bilsenkraut im Dekokt starke Mydriasis,
- Steigerung der Pulsfrequenz von 35 auf 72, Zuckungen am Halse und
- an den Lippen; nach 3-5 Stunden waren die Erscheinungen vorüber
- (+Gohier+). Die Verfütterung von 2 Pfd. frischer Wurzel erzeugte nur
- Tympanitis und Kolik (+Viborg+). Ein Eselhengst blieb nach 1½ Pfd.
- ausgepressten Bilsenkrauts am ersten Tag ganz gesund; am zweiten Tag
- stieg der Puls von 24 auf 70 und die Atmung wurde angestrengt. 1
- Pfd. halbreifer Samen steigerte bei einem Pferd schon nach ½ Stunde
- den Puls von 34 auf 60 und beschleunigte die Atmung; am anderen
- Tag war die Pulsfrequenz wieder eine normale, das Tier zeigte aber
- rasende Zufälle, genas jedoch wieder. +Hertwig+ sah nach 180-360 g
- des frischen und trockenen Krauts, der Wurzel und Samen lediglich
- Pulssteigerung und Tympanitis. Intravenös trat nach 8 g Infus des
- trockenen Krautes Unruhe, vermehrter, aussetzender Puls, Mydriasis,
- Zittern, Mattigkeit, Taumeln, momentane Raserei, Strangurie auf, nach
- 16 g schreckliches Toben, völlige Bewusstlosigkeit, Schweissausbruch,
- Konvulsionen, sowie der Tod nach 2 Stunden. Eine +Kuh+ zeigte nach
- Aufnahme frischen Bilsenkrautes Mydriasis, Pulsation der Karotiden,
- Niederstürzen, Konvulsionen und Durchfall. +Hunde+ zeigten nach 8
- g Extraktaufnahme Erbrechen, Beschleunigung der Herztätigkeit und
- Mydriasis.
-
-
-Vergiftung durch Stechapfel.
-
- =Botanisches.= Der +Stechapfel+, +Datura Stramonium+, ist eine
- überall in Europa vorkommende, im 16. Jahrhundert durch Zigeuner
- eingeschleppte Solanazee, welche auf Schutthaufen, in Kirchhöfen,
- an Hecken etc. vorkommt. Er bildet einen bis zu 1 m hohen Strauch,
- mit dickem, hohlem, kahlem, gabelartig verzweigtem Stengel,
- gestielten, eiförmigen, buchtig gezähnten, kahlen Blättern, weissen,
- trichterförmigen, 5lappigen, aufrechten Blüten mit sehr langer
- Blumenkrone und blassgrünem, röhrigem Kelch, sowie mit grossen,
- dornigen, 4fächerigen Kapseln. Der Stechapfel enthält 2 Alkaloide:
- das =Atropin= (Stramoniumatropin) und +Hyoszyamin+. Beide zusammen
- wurden früher als „Daturin“ bezeichnet. -- Eine atropinähnliche
- Wirkung besitzt auch das +Ephedrin+, welches in Ephedra vulgaris
- enthalten ist.
-
-
-=Krankheitsbild.= Die Wirkung des Stechapfels stimmt mit derjenigen der
-+Belladonna+ und des +Bilsenkrautes+ überein. Das Krankheitsbild setzt
-sich aus den Erscheinungen der +Pupillenerweiterung+, der +zerebralen+
-und +kardialen Erregung+ mit späterer +Lähmung+ zusammen. Vergiftungen
-mit Stechapfel sind ebenso selten wie bei jenen. In der Literatur sind
-nur die folgenden Fälle beschrieben. Eine Kuh zeigte nach der Aufnahme
-des Krautes wutartige Symptome: starke Aufregung, Zusammenstürzen,
-Lähmung, Tympanitis, genas aber nach 5 Tagen (+Koppitz+, B. T. W.
-1906). -- 7 Gänse zeigten nach dem Fressen der Blätter und Stengel
-Taumeln und Umfallen und starben innerhalb weniger Minuten (+Zarnack+,
-ibid. 1901).
-
- =Experimentelles.= Die in früheren Zeiten mit der Pflanze
- angestellten +experimentellen+ Untersuchungen haben im wesentlichen
- folgendes ergeben. +Pferde+ zeigten nach der Verabreichung von 1 Pfd.
- frischer Stechapfelblätter Mydriasis und schnelleren Puls (+Viborg+).
- 2 Pfd. der abgeblühten Pflanze riefen leichte Kolikerscheinungen
- und Auftreibung hervor. 2½ Pfund reife Samen töteten ein Pferd nach
- 52 Stunden; Symptome: schneller, kleiner Puls, Auftreibung, Kolik.
- +Hertwig+ spritzte Pferden intravenös 8-16 g Tinctura Stramonii ein,
- desgleichen ein Infus von 8 g des Krautes; darauf zeigten sich starke
- Puls- und Atmungsbeschleunigung, Pupillenerweiterung, Abstumpfung,
- Schwindel, Zittern, Geifern, Gähnen, Krämpfe. +Ziegen+ ertrugen 240 g
- ausgepressten Stechapfelsaft ohne weitere Erscheinungen; ein Widder
- zeigte nach derselben Gabe häufigeres Atmen und Urinieren. +Hunde+
- äusserten nach 120 g ausgepressten Saftes Unruhe, Winseln, Erbrechen,
- Zittern, genasen aber wieder. Auf 16 g Extrakt starb ein Hund nach 7
- Stunden unter den Erscheinungen der Atropinvergiftung (+Orfila+).
-
-
-Vergiftung durch Kokain.
-
- =Allgemeines.= Das dem Atropin chemisch und physiologisch
- nahestehende +Kokain+ ist das Alkaloid der Kokablätter (Erythroxylon
- Coca, Erythroxylee) und hat die Formel C_{17}H_{21}NO_{4}. Es wird
- in der Tierheilkunde seit etwa 10 Jahren in der Form des Cocainum
- hydrochloricum subkutan als Diagnostikum bei Lahmheiten des Pferdes
- vielfach angewandt; hierbei sind zuweilen Vergiftungserscheinungen
- beobachtet worden. Seltener haben sich Vergiftungen bei den
- Haustieren nach der Anwendung des Kokains als lokales Anästhetikum
- vor Operationen ereignet, sowie beim sog. Doping der Rennpferde
- (künstliche Steigerung der Leistungsfähigkeit durch Kokain und andere
- Stimulantien).
-
- Die toxische Wirkung des Kokains auf verschiedene Tiergattungen ist
- zuerst von +v. Anrep+ (Pflügers Archiv 1880) eingehend untersucht
- worden. Später haben namentlich +Fröhner+ (Arzneimittellehre 1889),
- +Rahnenführer+ (Berl. Arch. 1902) und +C. Fischer+ (Monatshefte
- für praktische Tierheilkunde 1904) die Giftwirkung bei Tieren
- festgestellt.
-
-
-=Symptome.= Neben der örtlichen +anästhesierenden+ Wirkung des Kokains
-auf die peripheren Nerven der Haut und Schleimhäute treten nach der
-Resorption des Kokains ins Blut +Erregungserscheinungen+ im Gebiete
-der +psychomotorischen+ Rindenzentren des +Grosshirns+ ein, welche an
-das Bild der Atropinvergiftung erinnern und sich je nach Dosis und
-Tiergattung verschieden äussern.
-
-1. Nach +kleinen+ Dosen (0,01-0,015 g Kokain pro kg Körpergewicht)
-zeigen +Hunde+ freudige Erregung, ausgelassene Munterkeit, sowie
-eine rastlose Tätigkeit aller Muskeln, welche sich in planlosem Hin-
-und Herlaufen, Springen, Hüpfen, tänzelnden Bewegungen, beständigem
-Umherlaufen im Kreise, Schweifwedeln, sowie pendelnden Kopfbewegungen
-äussert. Eine ähnliche psychische Erregung zeigen Pferde und Rinder,
-sowie Katzen, die besonders empfindlich sind; sehr widerstandsfähig
-sind dagegen Tauben. Gleichzeitig wird infolge Einwirkung auf das
-Rückenmark die +Reflexerregbarkeit gesteigert+; die Tiere sind
-schreckhaft und zittern. Manche +Pferde+ zeigen schon nach der
-subkutanen Injektion von 0,5 g Kokain (diagnostische Injektion bei
-Lahmheit) vorübergehende Aufregung, Schreckhaftigkeit, Unruhe und
-Zittern (Idiosynkrasie?). Auch +die Pulsfrequenz, der Blutdruck, die
-Atemfrequenz und die Körpertemperatur sind gesteigert+; +die Pupille
-ist erweitert+; +die Peristaltik ist vermehrt+; es besteht +Speicheln+.
-
-2. +Mittlere Dosen+ (von 0,015-0,02 pro kg ab beim Hund) bewirken
-+hochgradige psychische Aufregung, sowie krampfhafte Unruhe
-aller Körpermuskeln+. Es treten rhythmische Kontraktionen aller
-Skelettmuskeln, sowie +tetanische und tonisch-klonische Krämpfe+ mit
-Opisthotonus, epileptiformen Anfällen, Roll- und Schwimmbewegungen
-und den verschiedensten Koordinationsstörungen auf; die Atmung wird
-dyspnoisch.
-
-3. +Grosse Dosen+ (von 0,02 pro kg ab beim Hund) +lähmen+ die +nervösen
-Zentralorgane+ und zwar zuerst das Grosshirn, dann die +Vierhügel+,
-das verlängerte Mark und das Rückenmark und töten durch +Lähmung
-des Atmungszentrums+. Der Sektionsbefund ist, abgesehen von den
-suffokatorischen Erscheinungen, negativ.
-
-Beim +Menschen+ beobachtet man endlich nach lange fortgesetztem
-Kokaingebrauch ähnlich wie beim Morphium schwere und bleibende
-+psychische Störungen+ in Form von Epilepsie und Paranoia
-(+Kokainismus+).
-
-
-+Behandlung.+ Die +Prophylaxe+ der Kokainvergiftung besteht darin, dass
-man die Dosen bei der diagnostischen Injektion nicht zu hoch nimmt
-oder gleichzeitig mit dem Kokain einige Tropfen +Adrenalin+ 1 : 1000
-einspritzt (gefässkontrahierende, die Resorption verlangsamende bezw.
-verhindernde Wirkung). Während der Erregungserscheinungen empfiehlt es
-sich, die Pferde an der Hand zu bewegen. Symptomatische Gegenmittel
-sind +Bromkalium+, +Chloralhydrat+ und +Amylnitrit+.
-
-
-=Nachweis.= Da das Kokain sich im Blute anscheinend sehr schnell
-zersetzt, ist der chemische Nachweis im Körper schwierig. Der
-+physiologische+ Nachweis besteht in vorübergehender Unempfindlichkeit
-der Zungenspitze bei Berührung. +Chemische+ Reaktionen sind: +weisser+
-in Weingeist und Aether leicht löslicher Niederschlag in der
-wässerigen, mit Salzsäure angesättigten Lösung durch Sublimatwasser,
-+brauner+ durch Jodlösung, weisser durch Kalilauge.
-
- =Experimentalversuche über die Kokainwirkung bei den verschiedenen
- Haustieren.= Die innerliche Kokainwirkung beim +Hund+ ist
- individuellen Verschiedenheiten unterworfen. Ich habe in einem
- Fall einem Hund von 10 kg Körpergewicht 0,15 g Cocainum muriaticum
- (0,015 pro kg) ohne auffällige Erscheinungen subkutan injiziert.
- Ein anderer 32 kg schwerer Hund zeigte nach der Injektion von 0,5
- g Cocainum muriat. (ebenfalls 0,015 pro kg) das deutliche Bild der
- Kokainerregung, desgleichen ein 8 kg schwerer nach 0,12 Kokain.
- Bei +Pferden+ beobachtete ich nach subkutaner Injektion von 0,5 g
- Kokain (0,001 pro kg) vereinzelt Unruhe, Aufregung, Zittern und
- Schreckhaftigkeit. Nach der Injektion von 2,0 g Kokain (0,005 pro
- kg) beobachtete ich regelmässig +Unruheerscheinungen+, Scharren
- mit den Vorderfüssen, Wiehern, +Schreckhaftigkeit+, +Aufregung+,
- sogenanntes Leineweben, Pulssteigerung bis auf 96, Speicheln,
- +sehr häufigen Kotabsatz+, laut kollernde Peristaltik, Mydriasis,
- und nach 50 Minuten +tobsuchtähnliche+ Zufälle (Hochsteigen,
- Vorwärtsdrängen, Versuche, die Halfterkette loszureissen, Seitwärts-
- und Rückwärtsspringen) mit einer +aufs höchste gesteigerten
- Reflexerregbarkeit+; erst nach 2 Stunden war das Allgemeinbefinden
- wieder normal. +Kühen+ gab ich 4, 6, 10 und 16 mg Kokain pro
- kg Körpergewicht. Eine 5jährige Kuh zeigte nach der Injektion
- von 1,0 g Cocainummuriaticum (0,004 pro kg Körpergewicht) sehr
- lebhaften Blick, +unruhiges Benehmen+, Schütteln mit dem Kopf,
- grosse Empfindlichkeit gegen +Fliegen+, lebhaftes Wedeln mit dem
- Schweif, +Schreckhaftigkeit+, +starke Vermehrung der Peristaltik+
- mit wiederholtem Absatz dünnflüssigen Kotes, häufigen Harnabsatz,
- Temperatur- und Pulssteigerung. Die Wirkung hatte etwa nach ¾ Stunden
- ihre Höhe erreicht. Von da ab liessen die Unruheerscheinungen nach
- und das Tier hatte sich 1½ Stunden nach dem Beginn des Versuchs
- wieder vollkommen beruhigt. Dieselbe Kuh zeigte nach der Injektion
- von 1,5 g Kokain ähnliche, aber hochgradigere Erscheinungen,
- namentlich starke Aufregung und Schreckhaftigkeit, fortgesetzten
- diarrhoischen Kotabgang, Harndrang mit tropfenweissem Harnabsatz,
- Speicheln, sowie leichtes Schwanken. 1½ Stunden nach Beginn des
- Versuches waren auch hier die Erscheinungen wieder zurückgegangen,
- das Tier zeigte aber noch eine mehrstündige Mattigkeit. 2,5 g Kokain
- erzeugten ähnliche, noch stärkere Erregungserscheinungen. 4,0 g
- Kokain (0,016 pro kg Körpergewicht) riefen bei einer Kuh ein 4
- Stunden andauerndes Exzitationsstadium hervor mit +tobsuchtartiger
- Aufregung+, äusserster Schreckhaftigkeit, +Absatz dünnflüssigen,
- diarrhoischen Kotes+, +anhaltendem Drängen auf den Harn+, Speicheln,
- Rülpsen, Temperatursteigerung bis um 1°, Pulsbeschleunigung,
- Mydriasis und Schwanken. Nach dem Verschwinden dieser Symptome war
- das Allgemeinbefinden wieder ganz normal. Aehnliche Beobachtungen hat
- +Negotin+ bei seinen Versuchen am Hund gemacht. -- Nach +Fischer+
- (Monatshefte für prakt. Tierheilkde. 1904) steigt die Empfindlichkeit
- der Tiere gegen Kokain mit ihrer Grösse; die tödliche Dosis pro kg
- Körpergewicht beträgt nach ihm bei Fröschen 0,42 g, Tauben 0,06,
- Katzen und Hunden 0,03, Ziegen 0,015, Rindern und Pferden 0,018 (=
- 6-8 g Kokain als Todesdosis für Pferde); bei diesen tödlichen Dosen
- stieg die Körpertemperatur um 2,6-3,2°.
-
- =Kasuistik.= +Wilkie+ (Journ. of comp. 1891) beobachtete bei
- einer Setterhündin, die vor der Operation eines Mammatumors eine
- 15proz. Kokaininjektion erhalten hatte, nach etwa 3 Minuten
- klonische Krämpfe, Speichelfluss, Zungen- und Lippenlähmung,
- Pupillenerweiterung und Manegebewegungen. Nach 3 Tagen war der
- Hund wieder hergestellt. -- +Parant+ (Tierärztl. Rundschau 1908)
- beobachtete nach der Instillation einer 4proz. Kokainlösung (5-6
- Tropfen) in den Lidsack einer Katze heftige Krämpfe, maximale
- Pupillenerweiterung und Erblindung; erst nach 15 Tagen war das Tier
- wieder ganz hergestellt. -- Nach +Suffran+ (Revue Toulouse 1909)
- zeigte ein 20 kg schwerer Hund nach 0,06 g Kokain (intrakutan)
- Halluzinationen, Aufregung, Krämpfe, Speicheln und Anästhesie. --
- +Rahnenführer+ (Berl. Arch. 1902) weist darauf hin, dass namentlich
- bei edlen Pferden die Injektion von 0,5 Kokain eine leichte
- Vergiftung (Exzitationsstadium) zur Folge hat; zahlreiche ähnliche
- Fälle hat auch +Eberlein+ beobachtet; bei Herabsetzung der Dosis auf
- 0,2 und darunter fehlten die Vergiftungserscheinungen. Wegen der
- giftigen Nebenwirkung des Kokains wird neuerdings das 10mal weniger
- giftige Alypin zu diagnostischen Injektionen empfohlen.
-
-
-Vergiftung durch Ranunkeln.
-
- =Botanisches.= Die verschiedenen Arten von Ranunkulus, welche in
- toxikologischer Beziehung in Betracht kommen, sind:
-
- 1. +Ranunculus sceleratus+, giftiger Hahnenfuss, Froscheppich, an
- Teichen, Sümpfen und Gräben wachsend (daher auch früher Ranunculus
- palustris benannt), eine bis meterhohe, krautartige Pflanze, mit sehr
- dickem, hohlem, fleischigem, kahlem Stiel, blassgrünen, handförmig
- geteilten Blättern, blassgelben, fünfblätterigen, sehr kleinen,
- hinfälligen Blüten, zurückgeschlagenem Kelch, sowie bauchigen,
- feinrunzeligen, kahlen, auf einem walzenförmigen Fruchtboden
- stehenden Früchten.
-
- 2. +Ranunculus acris+, kleine Schmalzblume, Butterblume,
- Wiesenranunkel, besitzt einen abgebissenen, reichfaserigen
- Wurzelstock, aufrechten, flaumhaarigen Stengel, flaumhaarige,
- bandförmig geteilte Blätter, grosse, goldgelbe Blüten mit rundem,
- nicht gefurchtem Blütenstiel und abstehendem Kelch, sowie
- zusammengedrückte, kahle, glatte Früchtchen, welche kugelige Köpfchen
- bilden.
-
- 3. +Ranunculus arvensis+, der Ackerhahnenfuss, bis einen halben Meter
- hoch werdend, besitzt einen faserigen Wurzelstock, kahlen Stengel,
- dreigespaltene Blätter, blassgelbe, kleine, fünfblätterige Blüten mit
- aufrechtstehendem Blütenkelch und dornige oder knotige Früchtchen.
-
- 4. +Ranunculus repens+, der kriechende Hahnenfuss, mit gebogenem,
- nicht aufrechtem Stengel und kriechenden Ausläufern, tiefen,
- handförmig geteilten Blättern und fünfblätteriger, gelber Blume.
-
- 5. +Ranunculus Ficaria+ (Ficaria verna, Ficaria ranunculoides),
- Feigwarzenkraut, Pappelsalat, Pfennigsalat, wildes Löffelkraut,
- kleines Schöllkraut, mit büschelig-knolligem Wurzelstock,
- niederliegendem Stengel, herzförmigen Blättern, goldgelber Blume und
- dreiblätterigem Kelch.
-
- 6. +Ranunculus bulbosus+, Butterkups, mit aufrechtem, an der Basis
- zwiebelförmig verdicktem Stengel, grasgrünen, dreischnittigen
- Blättern und grossen, goldgelben Blüten auf gefurchten Stielen. --
- Ausserdem sind zu erwähnen +Ranunculus Flammula+, der brennende
- Hahnenfuss, +Ranunculus Lingua+, der grosse Hahnenfuss, +Ranunculus
- lanuginosus+, +auricomus+ und +polyanthemus+.
-
- Die genannten Ranunkelarten enthalten einen scharfen Stoff, den
- =Anemonenkampfer= (Ranunkulol, Anemonol, +Pulsatillenkampfer+), ein
- festes und dabei flüchtiges ätherisches Oel, welches nadelförmige
- Kristalle bildet und beim Behandeln mit Alkalien eine gelbe,
- gummiartige Masse liefert und zu Anemonin und Anemoninsäure, zwei
- nicht reizende Körper, zerfällt. Der Anemonenkampfer findet sich
- auch in verschiedenen Anemonenarten, so in +Anemone pratensis+
- (Küchenschelle, Osterblume), welche überall in Europa auf sonnigen
- Hügeln und Heiden, sowie am Rande lichter, trockener Wälder vorkommt
- und schwarzviolette, glockige, nickende, aussen glänzend weisszottige
- Blumen hat; ferner in +Anemone Pulsatilla+, in +Anemone vernalis+ und
- +Anemone nemorosa+ (weisse Osterblume, Waldhahnenfuss, Windröschen),
- einer in Laubwäldern und Gebüschen häufig vorkommenden, übrigens
- ungiftigen (vergl. unten) Ranunkulazee mit weissen, oft rötlich
- angeflogenen, kahlen Blüten.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Der Anemonenkampfer besitzt
-eine reizende, +entzündungserregende+ Wirkung auf die Schleimhaut
-des Digestionsapparates. In konzentrierter Form erzeugt er sogar in
-Berührung mit der Haut Blasen. Das Krankheitsbild der Vergiftung durch
-Ranunkeln äussert sich daher im wesentlichen durch die Erscheinungen
-einer oft rasch tödlich verlaufenden +hämorrhagischen Gastroenteritis+,
-welcher sich häufig noch die Erscheinungen der +Nephritis
-haemorrhagica+ anschliessen, weil der Anemonenkampfer auch bei seiner
-Ausscheidung durch die Nieren reizend wirkt. Die Allgemeinwirkungen
-des Anemonols bestehen in Krämpfen und Betäubung. Die wichtigsten
-Symptome der Vergiftung sind: +Brechbewegungen+, +Würgen+, +Speicheln+,
-+Kolikerscheinungen+, +blutiger, ruhrartiger Durchfall+, +Hämaturie+,
-+Albuminurie+, +Schreien+, +Brüllen+, +Taumeln+, +Krämpfe+, +Zittern+,
-+Zusammenbrechen+, sowie zuweilen sehr rascher, +apoplektiformer Tod+.
-Vergiftungen kommen bei allen Pflanzenfressern vor, namentlich aber bei
-Rindern und Schafen, wenn auch nicht gerade sehr häufig. Man beobachtet
-sie gewöhnlich dann, wenn die Tiere mit dem Grünfutter oder auf der
-Weide Ranunkeln aufgenommen haben. Ranunkelhaltiges Heu hat dagegen
-infolge der Verflüchtigung des Anemonenkampfers beim Trocknen seine
-scharfe Wirkung fast ganz verloren.
-
-Bei der +Sektion+ findet man die Schleimhaut des Magens und Darmes
-entzündlich geschwollen, von Hämorrhagien durchsetzt und den
-Darminhalt blutig; die Nieren zeigen zuweilen die Erscheinungen einer
-hämorrhagischen Nephritis.
-
-Die +Behandlung+ ist eine symptomatische; sie besteht in der
-Verabreichung einhüllender, schleimiger und adstringierender (Tannin)
-Mittel. Der Nachweis geschieht auf botanischem Weg.
-
- =Kasuistik.= Zwölf Kühe erkrankten nach der Aufnahme von Grünfutter,
- das im wesentlichen aus Ranunculus acris bestanden hatte, an einem
- blutigen, ruhrartigen Durchfall (+Schleg+, Sächs. Jahresber.
- 1884). -- 13 Rinder erkrankten im Frühjahr nach dem Weidegang auf
- einer mit Ranunculus sceleratus bewachsenen Wiese, 6 davon starben
- innerhalb 14 Tagen. Die Erscheinungen bestanden in Speicheln, Unruhe,
- Stöhnen, Brüllen, Kolikzufällen, Taumeln, Zittern, Bewusstlosigkeit,
- Zusammenbrechen; der Verlauf war ein sehr akuter (½-1 Stunde). Bei
- der Sektion fand man Entzündung der Schleimhaut des Wanstes und
- der Haube (+Müller+, Magazin Bd. 24). -- 2 Rinder zeigten nach dem
- Beweiden einer mit Ranunculus sceleratus bewachsenen Wiese heftiges
- Brüllen, Umherspringen, Toben, Kolikerscheinungen, Aufblähen und
- Speicheln; die Krankheitserscheinungen dauerten im ganzen 4 Tage
- (+Meyer+, Schweizer Archiv Bd. 2). -- Eine Schafherde nahm auf der
- Weide viel Ranunculus arvensis auf. Schon nach ½ Stunde zeigten
- einige Tiere Zittern, Krämpfe, Taumeln, sowie klägliches Geschrei.
- Binnen einer Stunde krepierten 21, ebensoviele waren scheintot,
- erholten sich aber wieder nach kurzer Zeit. Bei der Sektion fand man
- umschriebene Magenentzündung (+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde
- 1872). -- Vier Pferde, welche Ranunculus Flammula aufgenommen
- hatten, starben an Gastroenteritis (+Stock+, The vet. journ. 1886).
- -- Eine Schafherde hatte auf einem Esparsettefeld geweidet, auf dem
- enorme Mengen von Ranunculus repens und arvensis wuchsen. Die ganze
- Herde erkrankte an Durchfall, Aufblähung und Krämpfen. 137 Schafe
- starben; bei der Sektion fand man Entzündung des Magens und Darmes
- (+Eggeling+, Berl. Arch. 1891, S. 370). -- 2 Kühe starben plötzlich
- nach der Aufnahme von Ranunkeln an der Entzündung des Labmagens und
- Dünndarms (+Brause+, ibid. 1900). -- 12 Kühe und 1 Ochse starben
- nach der Aufnahme von Ranunculus acris, sceleratus und bulbosus; sie
- zeigten blutigen Durchfall, schwere Benommenheit und bei der Sektion
- die Erscheinungen der Gastroenteritis (+Trouette+, Revue vét. 1900).
- -- Eine Stute erkrankte nach der Verfütterung von Heu, das zu ⅓ aus
- Ranunculus acris bestand, unter Erscheinungen der Kolik, Diarrhöe
- und Hämaturie; nach 5 Tagen erfolgte Genesung. In ähnlicher Weise
- erkrankten Kühe nach der Aufnahme von Ranunculus Ficaria; sie zeigten
- Kolik und Durchfall, sowie vereinzelt Abortus (+Mesnard+, Recueil
- 1894). -- 4 Rinder erkrankten nach der Verfütterung von Grünfutter
- aus einem sumpfigen Graben, das viel Ranunculus sceleratus und
- acris enthielt, unter Kolik, starkem Speicheln, Zittern, Taumeln
- und Zusammenbrechen (+Wolf+, Sächs. Jahresber. 1900). -- Bei der
- Futternot im Jahr 1904 kamen Futtermittel zur Verwendung, die in
- anderen Jahren kaum Beachtung finden. Ein Landwirt liess das in einem
- toten Neissearme gewonnene Schilfgras an sein Rindvieh verfüttern.
- Noch beim Verzehren des Futters verfielen vier Kühe unter einem 25
- Haupt starken Viehstapel plötzlich in Krämpfe und Zuckungen; bald
- brachen sie vor der Krippe bewusstlos zusammen. Die Sektion ergab
- eine leicht entzündliche Rötung der Pansen- und Haubenschleimhaut. In
- dem Schilfgras waren die Blätter des Hahnenfusses in grosser Menge
- vertreten. Sie wurden als zu Ranunculus sceleratus gehörig botanisch
- festgestellt. Wie sich am Ort der Grasgewinnung erkennen liess, wuchs
- der Ranunculus nicht in dem Schilf, sondern begleitete diesen in
- etwa 1 m breitem Streifen. Hierdurch wird es erklärlich, weshalb nur
- vier Haupt aus dem grossen Viehstapel der Giftwirkung anheimfielen.
- Das Schilfgras war zurzeit der Verabreichung mit dem Ranunculus sehr
- ungleichmässig gemischt. Das bei den ersten Schnitten gewonnene
- Schilf war als Heu geerntet worden und bereits ohne Gefahr wie auch
- in anderen Jahren verzehrt worden (+Hönscher+, Zeitschr. f. Vet.
- 1905).
-
- +Vergiftungen durch Anemonenarten sind in der tierärztlichen
- Literatur nicht enthalten.+ Fütterungsversuche von +Müller+ und
- +Krause+ (Berl. Arch. 1897) mit Anemone nemorosa bei verschiedenen
- Haustieren hatten ebenfalls ein negatives Resultat; der Pflanze kommt
- danach eine eigentliche Giftwirkung nicht zu.
-
-
-Vergiftung durch Bingelkraut.
-
- =Botanisches.= Das Bingelkraut (Euphorbiazee) kommt in zwei giftigen
- Arten vor. 1. +Mercurialis annua+ (einjähriges Bingelkraut,
- Bengelkraut, Ruhrkraut, Rehkraut, Schlangenkraut), ein auf
- Schutthaufen, an Aeckern und Zäunen wachsendes einjähriges Kraut
- mit kahlem, aufrechtem, ¼-½ m hohem, vierkantigem Stengel, länglich
- eiförmigen, kerbig gesägten Blättern, festsitzenden weiblichen Blüten
- (Juni-Oktober) und spitzhöckerigen Fruchtkapseln. 2. +Mercurialis
- perennis+ (ausdauerndes Bingelkraut, Kuhkraut, Hundskohl, Speckmelde)
- ist ein in Buchenwäldern häufig vorkommendes, perennierendes, 15-30
- cm hohes, kahles oder rauhhaariges Kraut mit einfachem, stielrundem
- Stengel, glänzend dunkelgrünen, eiförmig länglichen Blättern und
- langgestielten weiblichen Blüten (April-Mai).
-
- Beide Pflanzen enthalten das =Merkurialin=, einen purgierenden Stoff,
- ausserdem Methylamin, Trimethylamin, ein ätherisches Oel und Indigo.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das im Bingelkraut enthaltene
-Merkurialin wirkt +reizend+ auf die +Magendarmschleimhaut+ und
-auf die +Nieren+. Das Krankheitsbild der bei den Pflanzenfressern
-und beim Schwein beobachteten Merkurialisvergiftung besteht daher
-vorwiegend in den Erscheinungen einer Gastroenteritis und Nephritis.
-Die Tiere zeigen +Appetitlosigkeit+, +unterdrückte Rumination+,
-+leichte Kolikerscheinungen+, +Verstopfung oder Durchfall+,
-+vermehrte Harnsekretion+, +blutig gefärbten Harn+, +Drängen auf den
-Harn+, +Eiweisszylinder im Harn+, +Steifheit in der Nierengegend+,
-+Empfindlichkeit bei Druck in derselben+, +erschwerten Gang+,
-+beschleunigte Atmung+, +Zittern+, +Schwäche+, +beschleunigten,
-schwachen Puls+. In einem Fall wurde auch eine Rotfärbung der Milch
-beobachtet. Die +Prognose+ der Vergiftung ist in den meisten Fällen
-günstig; die Dauer der Erkrankung kann 4-6 Tage und darüber betragen.
-Bei der Sektion findet man die Erscheinungen der Gastroenteritis und
-Nephritis. Die +Behandlung+ ist eine symptomatische (Verabreichung von
-schleimigen, einhüllenden und von adstringierenden Mitteln, namentlich
-von Tannin). Der +Nachweis+ geschieht auf botanischem Weg.
-
-Von den in der Literatur enthaltenen Beobachtungen über
-Merkurialisvergiftung sind zunächst die +experimentellen+
-Untersuchungen von +Schulz+ (Arch. f. experiment. Pathol. 1886) zu
-erwähnen. Die Versuchstiere (Schweine und Kaninchen) zeigten neben
-vermehrter Harnsekretion, enormer Ausdehnung der Blase (Blasenlähmung),
-Harnzwang und Verstopfung einen blutrot gefärbten Harn, in welchem
-jedoch Blutfarbstoff nicht nachzuweisen war. Die Natur dieses +roten+
-Farbstoffes ist nicht näher festgestellt worden. Vielleicht gehört
-derselbe zu der Gruppe des Indigo, da das Bingelkraut tatsächlich
-Indigo enthält. Auf Grund der Schulzschen Beobachtung muss ferner
-die Frage aufgeworfen werden, ob die von den tierärztlichen
-Beobachtern als Blutharnen und Blutmelken beschriebenen Erscheinungen
-der Merkurialisvergiftung wirklich durch rote Blutkörperchen bezw.
-Hämoglobin bedingt wurden, oder ob auch ihnen ein roter, indigoartiger
-Farbstoff als Ursache zugrunde gelegen hat. +Von manchen wird die
-Giftigkeit des Bingelkrauts überhaupt verneint+ (vgl. unten). Genauere
-Untersuchungen auch hierüber sind hier sehr erwünscht.
-
- =Kasuistik.= +Vernant+ (Recueil 1883) beobachtete bei zwei Pferden
- nach dem Genuss von Mercurialis annua Appetitlosigkeit, starke Rötung
- der Konjunktiva, pochenden Herzschlag, beschleunigten Puls, Steifheit
- in der Nierengegend, erschwerten Gang, sehr starke Polyurie sowie
- blutigen Urin; die Genesung erfolgte nach drei Wochen. Bei einer Kuh
- wurden dieselben Erscheinungen, ausserdem aber hochgradige Schwäche
- wahrgenommen; die Genesung erfolgte schon nach vier Tagen. +Harms+
- (Magazin 1871) beobachtete als Hauptsymptom der Merkurialisvergiftung
- Blutharnen; im Bodensatz des Harns fanden sich Eiweisszylinder,
- Lymphzellen und braune Körnchen. +Jouguan+ (Recueil 1883) sah vier
- Kühe unter den Erscheinungen einer Indigestion erkranken; ein Tier
- starb. +Dammann+ (Gesundheitspflege 1886) hat häufig bei Schweinen
- Vergiftungen beobachtet, wenn die ärmeren Leute im Frühjahr aus den
- Buchenwäldern Bingelkraut holten. +Dubois+ (Annal. d. Bruxelles 1847)
- beobachtete bei Rindern Appetitlosigkeit, Mattigkeit, Schmerz bei
- Druck auf die Nierengegend, leichte Kolikerscheinungen, Verstopfung
- und Durchfall, sowie Absatz eines dunkelschwarzen Harns. +Schaak+
- (Journal de Lyon 1847) beobachtete bei einer Kuh Rotfärbung der
- Milch, angestrengte Atmung, Harnbeschwerden, Abgang von schwarzem
- Blut mit dem Harn, Genesung am 6. Tag. Von 2 anderen Kühen zeigte die
- eine Verstopfung und Blutharnen, die andere Durchfall und Verkalben;
- beide genasen. +Mesnard+ (Recueil 1894) sah bei einem Pferd nach
- der Aufnahme von Mercurialis annua Kolik, roten Harn, kleinen Puls
- und Zyanose der Schleimhäute. Bei der Sektion zeigten sich die
- Nieren geschwollen und hyperämisch, ekchymosiert, im Nierenbecken
- befand sich reines Blut (!), die Harnblase enthielt schwärzlichen,
- stark eiweisshaltigen Harn. -- +Blackhurst+ (Vet. journ. 1896)
- beschreibt eine Vergiftung durch Mercurialis perennis bei fünf Kühen;
- drei derselben zeigten am folgenden Tag schleimigen Durchfall und
- Speichelfluss, die beiden andern Entleerung dicker Blutkoagula aus
- dem After, Kolik, Schwäche und Koma; alle 5 Kühe wurden geheilt.
- -- +Oberwegner+ (Wochenschr. f. Tierhlkde. 1899) sah bei einem
- Schwein nach dem Fressen von Mercurialis annua die Erscheinungen der
- Gastroenteritis, dunklen Harn, sowie Abortus. -- +Micucci+ (Giorn.
- soc. vet. 1902) führt einen Fall von Hämoglobinurie beim Rind auf
- das Bingelkraut zurück, das im Futter gefunden wurde (eine andere
- Kuh, welche das Futter verweigert hatte, blieb gesund); der Harn
- zeigte eine dunkelrote bis schwarzrote Farbe und enthielt so wenig
- rote Blutkörperchen, dass die Farbe des Harns dadurch nicht erklärt
- werden konnte. -- +Ganter+ (Bad. Mitteil. 1907) führt gleichfalls
- schweres Blutharnen bei fünf Rindern darauf zurück, dass das Futter
- ausschliesslich aus Bingelkraut bestand; im Nierenbecken fand sich
- „blutiger“ Harn. -- +Perrussel+ (J. de Lyon 1899) beobachtete bei
- 2 Kühen nach der Aufnahme von je 4-6 kg der Mercurialis annua
- tödliche Kolik und getrübten schmutziggrünen Harn; die Sektion
- ergab akute Darmentzündung, Nierenentzündung und pralle Füllung
- der Blase mit rötlichem Harn. +Mathis+ (ibid.) bezweifelt dagegen
- auf Grund eines Fütterungsversuches die Giftigkeit der Mercurialis
- annua; er machte bei einem Ochsen die Gastrotomie und führte 9 Tage
- lang je 4 kg frischer Merkurialis durch die Operationswunde in den
- Pansen ein, ohne hiernach Gesundheitsstörungen zu beobachten. Auch
- +Faure+ (ibid.) bezweifelt auf Grund von Versuchen an Kaninchen die
- Giftigkeit des Bingelkrauts.
-
-
-Vergiftung durch Wolfsmilch (Euphorbia, Tithymalus).
-
- =Botanisches.= Die Gattung +Euphorbia+ (+Tithymalus+), +Wolfsmilch+,
- ist charakterisiert durch einen krautartig beblätterten Stengel,
- gestielte gelbe, einhäusige Blüten mit glockenförmigem,
- fünflappigem Kelch und einer derartigen Anordnung, dass eine
- weibliche Blüte von 8-10 männlichen umgeben ist, endlich durch
- eine 3fächerige, 3knöpfige, 3 Teilfrüchtchen bildende Kapsel. Von
- giftigen Wolfsmilcharten kommen für die Haustiere in Betracht:
- +Euphorbia Cyparissias+, die Zypressenwolfsmilch, +Euphorbia
- Peplus+, die Gartenwolfsmilch, +Euphorbia helioskopia+, die
- sonnenwendige Wolfsmilch, und +Euphorbia marginata+. Eine andere
- giftige Wolfsmilchart ist +Euphorbia Lathyris+, das Maulwurfskraut
- oder Springkraut, deren Samen als Springkörner oder +Semina
- Cataputiae minoris+ bezeichnet werden. Der Milchsaft der genannten
- Wolfsmilcharten enthält das giftige =Euphorbinsäureanhydrid= neben
- dem indifferenten Euphorbon.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das im Milchsaft der Euphorbien
-enthaltene Euphorbinsäureanhydrid hat eine +reizende+ Wirkung auf
-+Haut+ und +Schleimhäute+. Die Erscheinungen der Euphorbiumvergiftung
-sind daher wesentlich die einer +hämorrhagischen Gastroenteritis+:
-Appetitlosigkeit, Speicheln, +Kolikzufälle+, Verstopfung, Tympanitis,
-ruhrartiger, häufig +blutiger Durchfall+, pochender Herzschlag,
-beschleunigter schwacher Puls, Betäubung, Schwindel, Konvulsionen.
-Bei der Sektion findet man Rötung, Schwellung, Ekchymosierung und
-Geschwürsbildung auf der Schleimhaut des Magens und Darms. Die
-Behandlung besteht in der Verabreichung schleimiger und öliger Mittel
-in Verbindung mit Opium oder Tannin; im übrigen ist die Therapie
-symptomatisch. Der Nachweis wird auf botanischem Weg geführt.
-
-Euphorbiumvergiftungen kommen bei den Haustieren ziemlich selten
-vor. Die Giftigkeit der einzelnen Wolfsmilcharten scheint überhaupt
-nicht sehr hochgradig zu sein. +Dammann+ (Gesundheitspflege)
-fütterte einen Hammel mit 3 Pfd. der sonnenwendigen Wolfsmilch, ohne
-Vergiftungserscheinungen zu konstatieren. Von den in der Literatur
-verzeichneten Vergiftungsfällen sind die nachstehenden bemerkenswert.
-+Prietsch+ (Sächs. Jahresber. 1859) beobachtete bei einer Ziege nach
-der Aufnahme von Euphorbia Peplus Kolikerscheinungen, Tympanitis,
-Speicheln und Verstopfung. +Dennhardt+ (ibid. 1907) sah bei 5 Kühen,
-die auf einer Rübenstoppel weideten, auf der massenhaft Euphorbia
-helioskopia wuchs, starken Durchfall und plötzliches Versiegen der
-Milch. +Baudius+ (Preuss. Mitteil. 6. Bd.) beobachtete bei einer
-Rinderherde nach dem Genuss der Wolfsmilch Kolikerscheinungen, sowie
-Gelbfärbung der Haut bei zwei weissen Ochsen. +Vincenti+ (Woch. f.
-Tierh. Bd. 12) sah bei einem Rind nach der Aufnahme von Euphorbia
-helioskopia Appetitlosigkeit, Durchfall und pochenden Herzschlag.
-+Mesnard+ (Recueil 1894) beobachtete bei einem Pferd Durchfall,
-Tenesmus und grosse Schwäche. Aehnliche Fälle sind von +Marquardt+
-(Repertor. 1876), +Schüpp+ (Schweizer Archiv Bd. 13) und +Röll+
-(Oesterr. Veterinärber. 1883) beschrieben worden. Endlich sollen
-Vergiftungen beim Menschen nach dem Genuss von Ziegenmilch beobachtet
-worden sein (+Menzel+, Quellenstudien im Interesse der Milchviehzucht).
-
-
-Vergiftung durch Fleckschierling (Conium maculatum).
-
- =Botanisches.= Der +Fleckschierling+ oder +Landschierling+, +Conium
- maculatum+ (Blutschierling, Mauerschierling, Wutschierling,
- Schwindelkraut, Tollkraut, Ziegendill, Teufelspeterling), ist eine
- auf Schutthaufen, unbebautem Land und an Wegen in ganz Europa wild
- wachsende Umbellifere. Der Stengel hat eine Höhe von 1-2 m, ist
- rund, aufrecht, ästig, bläulich bereift, am Grund rotbraun gefleckt
- („Fleckschierling“). Die ganze Pflanze ist kahl, die Blätter sind
- dunkelgrün und glänzend. Die unteren Blätter werden über 20 cm lang,
- sie sind dreifach gefiedert und haben einen gleichlangen, runden,
- hohlen, röhrigen Stiel, der am Grund in eine den Stengel umfassende
- häutige Scheide übergeht. Der Blütenstand bildet eine doppelt
- zusammengesetzte Dolde, die Blüten sind weiss. Die Samenrippen sind
- zusammengedrückt, anfangs gekerbt, später wellenförmig. Die Pflanze
- besitzt einen widerlichen, an Mäuseurin erinnernden Geruch, welcher
- auch am eingetrockneten Kraut nach dem Befeuchten mit Kalilauge
- nachzuweisen ist. Der Fleckschierling enthält das sehr giftige,
- ölartige, flüchtige Alkaloid =Koniin= von der Formel C_{8}H_{17}N,
- ausserdem das Konhydrin und Methylkoniin.
-
-
-=Krankheitsbild.= Das Koniin ist ein +lähmendes+ Gift für die
-+Bewegungsnerven in den quergestreiften Muskeln+, desgleichen für
-das +Gehirn+ und +Rückenmark+; der Tod erfolgt durch +Lähmung des
-Zwerchfells+. Ausserdem besitzt das Koniin eine +reizende+ Wirkung
-auf Schleimhäute. Die Vergiftungserscheinungen bestehen zunächst
-in +Speicheln+, +Würgen+, +Brechbewegungen+ und +Aufblähung+; die
-Allgemeinwirkung äussert sich in allgemeiner +Muskelschwäche+,
-unsicherem Gang, zunehmender +motorischer+ und +sensibler Lähmung+,
-+Taumeln+, +Schwindel+, +Betäubung+, Pupillenerweiterung und
-+Atmungskrämpfen+. Bei der Sektion findet man ausser leichten
-gastroenteritischen Erscheinungen nichts Besonderes. Die Behandlung
-besteht in der Verabreichung von Tannin als chemisches Antidot, sowie
-von exzitierenden Mitteln: Kampfer, Aether, Alkohol, Wein, Kaffee,
-Salmiakgeist, Ammonium carbonicum, Liquor Ammonii anisatus, Atropin,
-Koffein, Strychnin etc.
-
-+Die Haustiere scheinen im allgemeinen gegenüber dem Koniin
-weniger empfindlich zu sein als der Mensch.+ Ich habe dies
-insbesondere bei Hunden konstatiert, bei welchen ich die Wirkung
-des bromwasserstoffsauren Koniins experimentell prüfte. Die
-subkutane +Todesdosis+ beträgt nämlich nach meinen Versuchen pro kg
-Körpergewicht beim Hund 0,05 g (die Maximaldosis für den Menschen
-wird pro Einzeldosis auf 2 mg angegeben!!). Zwei Hunde von 9 und 12
-kg Körpergewicht ertrugen Dosen von 0,04, 0,1, 0,2 und 0,3 g Coniinum
-hydrobromicum subkutan ohne irgend welche sichtbare Allgemeinwirkung
-(also das 100fache der Maximaldosis des Menschen). Erst Dosen von
-0,5 und 1,0 Coniinum hydrobromicum töteten die Versuchshunde in
-einem Zeitraum von etwa einer halben Stunde. Die hiebei beobachteten
-Erscheinungen waren folgende: Die Tiere zeigten etwa ¼ Stunde
-nach der subkutanen Injektion des Coniinum hydrobromicum leichte
-Mattigkeit, Nachlass der freiwilligen Bewegungen, kratteligen,
-unbeholfenen Gang, Schwanken und Taumeln, Unvermögen, sich auf den
-Hinterfüssen vorn in die Höhe zu erheben, Einknicken im Karpalgelenk
-(Schwäche der Streckmuskel), gespreizte rückständige Stellung, sowie
-leichtes Speicheln mit Kaubewegungen. Im weiteren Verlauf nahm die
-Muskelschwäche rasch zu, die Tiere legten sich auf den Boden und
-versuchten vergebens wieder aufzustehen. Zuletzt lagen sie anhaltend
-schlaff am Boden; wenn man sie aufhob, hingen Kopf und Hals ebenfalls
-ganz schlaff herab und die Zunge hing gelähmt aus der Maulspalte
-heraus. Der Harn floss von selbst ab (Lähmung des Sphincter vesicae).
-Die Atmung wurde allmählich tiefer. Sodann waren anfallsweise Streck-
-und Schüttelkrämpfe (epileptiforme Krämpfe) zu beobachten, welche in
-ein leises Zittern übergingen. Die Pupille war erweitert und die Kornea
-unempfindlich. Zuletzt trat ganz ruhig Stillstand der Atmung ein,
-während das Herz noch einige Zeitlang fortschlug (noch etwa 60 Pulse).
-Die Herztätigkeit war dabei bis zuletzt immer normal.
-
-
-=Nachweis.= Neben dem +botanischen+ Nachweis, der wohl in den meisten
-Fällen genügen dürfte, kann auch der +chemische+ Nachweis des Koniins
-geliefert werden. Die +Abscheidung+ des sehr leicht zersetzlichen und
-flüchtigen Koniins erfolgt auf dieselbe Weise wie die des Nikotins
-(vgl. S. 196). Beim Verdunsten des +Petroleumätherauszugs+ auf dem mit
-ätherischer +Salzsäure+ benetzten Uhrschälchen bleibt im Gegensatz
-zum Nikotin ein +kristallinischer+ Niederschlag von salzsaurem
-Koniin zurück. Das reine, nach dem Verdunsten des Aetherauszugs
-ohne Säurezusatz zurückbleibende Koniin hat einen scharfen,
-eigentümlichen +Geruch+, welcher verdünnt an +Mäuseurin+ erinnert.
-Der Nachweis des Koniins als solches wird durch die +Kristallform+
-der beim Verdunsten des Petroleumäthers zurückbleibenden salzsauren
-Koniinkristalle geliefert. Löst man den kristallinischen Rückstand
-mit starker +wässeriger Salzsäure+ auf und trocknet diese Lösung
-ein, so bilden sich +nadel-+ oder +säulenförmige Kristalle+, welche
-angehaucht +koniinartig riechen+ und, bei 200maliger Vergrösserung
-gesehen, entweder +sternförmig+ zu +Drusen+ zusammengelagert, oder
-+balkengerüstähnlich+ ineinander gewachsen, oder +dendritisch+, +moos-+
-oder +schilfartig+ sind. Charakteristische Farbenreaktionen für Koniin
-existieren zum Unterschied von Nikotin nicht. Die mit Salzsäure
-eintretende blaugrüne Färbung weist auf eine stattgefundene Zersetzung
-des Koniins hin. Dagegen gibt das Koniin +Niederschläge+ mit den
-bekannten Alkaloidreagenzien. So wird eine Lösung von Koniin in 1/10
-ccm schwefelsäurehaltigen Wassers (1 : 10) durch +Kalium-Wismutjodid+
-und +Phosphormolybdänsäure+ etc. ausgefällt.
-
- +Kasuistik.+ Die +klinischen+ Fälle von Schierlingvergiftung sind
- ziemlich selten. Nach +Schmidt+ (Oesterr. Vierteljahresschrift 1876)
- starb ein Kalb nach der Aufnahme von 4 kg frischen Krautes. Nach
- +Noll+ (Tierärztl. Zeitung 1846) starben 2 Ziegen 6 Stunden nach der
- Aufnahme von Schierling, nachdem sie gespeichelt, die Augen verdreht,
- sowie Bewusstlosigkeit und Krämpfe gezeigt hatten. Bei der Sektion
- fand man leichte Rötung der Pansenschleimhaut, sowie Ekchymosen
- auf der Schleimhaut des Psalters und Labmagens. Nach +Read+ (The
- Veterinarian 1845) zeigten Lämmer Taumeln, allgemeine Lähmung,
- Unempfindlichkeit und Zappeln. Bei der Sektion fand man scharlachrote
- Flecken auf der Pansenschleimhaut. +Baranski+ (Berl. Arch. 1896)
- sah bei Gänsen Lähmungserscheinungen und Durchfall. +Graffunder+
- (ibid. 1898) beobachtete bei Kälbern Aufblähung, Schwindel,
- Taumeln, Pupillenerweiterung, Durchfall und Tod unter allgemeiner
- Lähmung. -- +Plotti+ (Clin. vet. 1899) sah bei 2 Kühen und 1 Kalb
- Kolik, epileptiforme Krämpfe und Tod infolge allgemeiner Lähmung.
- +Graham-Gillam+ (Journ. of comp. 1902) beobachtete bei einem Esel
- nach der Aufnahme grosser Mengen von Schierling Krampfkolik, stieren
- Blick, Pupillenerweiterung, gesenkte Kopfhaltung und Tod.
-
- Die früher mit +Schierlingskraut+ angestellten +toxikologischen+
- Versuche haben nicht viel Bestimmtes ergeben. +Pferde+ zeigten nach
- 1½ und 3½ Pfd. frischem, nach 180 g getrocknetem Kraut, sowie nach 1
- Pfd. Blätter und 1 Pfd. Saft nichts Besonderes (+Hertwig+, +Viborg+,
- +Moiroud+); +Kühe+ nach 3 Pfd. frischem und ½ Pfd. trockenem Kraut
- nur Tympanitis (+Hertwig+); +Schafe+ starben nach +Leblanc+, ebenso
- +Hunde+ nach 240 und 400 g ausgepressten Saftes unter Erbrechen,
- Schwindel und Zittern (+Orfila+). Ein Hund starb von 10 g des Pulvers
- (+Devay+ und +Guilliermond+). +Intravenös+ töteten 4 g des Krauts
- im Infus ein Pferd nach 8 Minuten; 4 g des Extrakts riefen bei
- einem Pferd intravenös Schwanken, Taumeln, Zusammenstürzen, Lähmung
- aller Teile, insbesondere der Zunge hervor. Hunde zeigten ähnliche
- Erscheinungen (+Hertwig+).
-
-
-Vergiftung durch Wasserschierling (Cicuta virosa).
-
- =Botanisches.= Der +Wasserschierling+, +Cicuta virosa+
- (Giftwüterich), ist eine Sumpfpflanze mit weissem, milchendem,
- von Querständen gefächertem Wurzelstock, aufrechtem, bis über 1 m
- hohem Stengel, dreifach gefiederten Blättern, schmalen, spitzen,
- scharf gesägten Blättchen und weissen Doldenblüten. Das Kraut
- besitzt einen petersilienartigen Geschmack. Der Wasserschierling
- enthält das =Zikutoxin=, eine zähflüssige, widrig schmeckende,
- sehr giftige Masse, welche in der frischen Wurzel zu 0,2 Proz., in
- der getrockneten zu 3,5 Proz. vorhanden ist. Ausserdem enthält die
- Pflanze ein ätherisches Oel, das Zikuten, von der Formel C_{10}H_{16}.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Zikutoxin ist ein
-+Krampfgift+, welches tonisch-klonische, von den Kopf- und
-Nackenmuskeln ausgehende und sich von da über den ganzen Körper,
-namentlich auch auf die Atemmuskel verbreitende +Krämpfe+ erzeugt. Es
-tötet Katzen in Dosen von 0,05 g pro kg Körpergewicht. Gleichzeitig
-wirkt es +reizend+ und entzündungserregend auf die Schleimhaut
-des Verdauungsapparates. Die Vergiftungserscheinungen bestehen in
-+Speicheln+, +Erbrechen+, +Kolik+, +Tympanitis+, +epileptiformen
-Anfällen+, +krampfhaften Kontraktionen der Hals- und Kopfmuskeln+,
-+Schwindel+, +Taumeln+, +kollerartigem Benehmen+, +Schwäche+,
-+Lähmung+, +Atmungskrämpfen+. Der Tod erfolgt meist innerhalb
-24 Stunden. Bei der Sektion findet man entzündliche Rötung der
-Magendarmschleimhaut, Lungenhyperämie, Gehirnhyperämie, sowie zuweilen
-Gehirnödem. Die Behandlung besteht in der Verabreichung von Tannin und
-je nach den Vergiftungserscheinungen in der Anwendung exzitierender
-oder beruhigender Mittel.
-
- =Kasuistik.= +Experimentelle+ Verfütterungen von Wasserschierling
- an Pferde sind von +Krause+ (Magazin Bd. 3) vorgenommen worden.
- 500 g getrocknetes und gepulvertes Schierlingskraut erzeugten nach
- 2 Stunden Appetitlosigkeit und Kolik, nach 4 Stunden Tympanitis,
- Betäubung, Pupillenerweiterung, Herzklopfen, nach 6 Stunden
- krampfhaftes Abbeugen des Kopfes nach rechts, sowie krampfhafte,
- automatenartige Bewegungen der Gliedmassen und des Unterkiefers
- neben Unvermögen zu stehen, endlich nach 15 Stunden unter heftigen
- allgemeinen Krämpfen Tod. Bei der Sektion fand man dunkelrote Flecke
- auf der Schleimhaut des Magens, Blind- und Grimmdarms. Zwei andere
- Pferde starben unter denselben Erscheinungen innerhalb 48 Stunden.
-
- +Klinische+ Fälle sind mehrfach beschrieben worden. +Kettritz+
- (Berl. Arch. 1804) sah 4 Kühe plötzlich sterben, welche am Rand
- eines Teiches geweidet hatten; die Sektion ergab Magenentzündung.
- 2 andere zeigten Aufblähung, Eingenommenheit und Mattigkeit,
- genasen aber nach 3 Tagen. +Kruckow+ (ibid. 1895) beschreibt einen
- ähnlichen Fall. 6 Ochsen, welche an einem Grabenrand geweidet
- hatten, verendeten im Verlauf weniger Stunden. Sie zeigten zuerst
- Aufblähung, dann Schwanken und Taumeln, worauf sie unter Krämpfen
- verendeten; die Sektion ergab entzündliche Rötung des Magens.
- +Wermbter+ (ibid. 1896) sah 3 Kühe plötzlich erkranken und innerhalb
- einer Stunde sterben, welche an einem See geweidet hatten; eine Kuh
- starb gewissermassen apoplektisch. Die andern zeigten Aufblähung,
- Zittern, Speicheln, Krämpfe und Zusammenstürzen. Weitere klinische
- Beobachtungen von Zikutavergiftungen bei Rindern und Schweinen sind
- von +Gips+ (Berl. Arch. 1892), +Höhne+ (ibid. 1887), +Hackbarth+
- und +Collmann+ (Preuss. Mitt. 1883), +Damitz+ und +Oeltze+ (Magazin
- 1840), +Schaller+ (ibid. 1864), +Weidmann+ (Schweizer Archiv Bd. 8)
- u. a. gemacht worden.
-
-
-Vergiftung durch Gartenschierling (Aethusa Cynapium).
-
- =Botanisches.= Der +Gartenschierling+, +Aethusa Cynapium+ (kleiner
- Schierling, Hundspetersilie, Katzenpetersilie, Gleisse), ist eine
- in Gärten, auf Aeckern, Schutthaufen, an Wegen etc. vorkommende
- Umbellifere mit weissen Doldenblüten (Blütezeit Juli), rundem,
- glattem, bis 1 m hohem, bläulich bereiftem, geflecktem Stengel,
- 2-4fach fiederteiligen, an der Unterfläche glänzenden, fast
- geruchlosen, beim Reiben mit der Hand lauchartig riechenden Blättern,
- halbrunden, rinnenförmigen Blattstielen, langen 3blätterigen
- Blütenhüllchen (dieselben sind länger als die Döldchen), sowie
- dicken, scharfkantigen, ganzrandigen Samenrippen.
-
-
-=Wirkung.= Der im Gartenschierling enthaltene Giftstoff ist seiner
-Natur nach nicht genauer bekannt. Es sind von verschiedenen Seiten
-überhaupt Bedenken erhoben worden, ob der Gartenschierling zu den
-Giftpflanzen zu zählen ist (+Dammann+, +Harley+, +Kobert+). 2 Schafe,
-welchen +Dammann+ 1-2 kg Gartenschierling in frischem Zustand
-fütterte, zeigten keinerlei Krankheitserscheinungen. Es ist deshalb
-die Vermutung aufgestellt worden, dass der Gartenschierling bei den
-angeblichen Vergiftungen mit anderen Schierlingsarten verwechselt
-worden ist. Jedenfalls sind zum Zustandekommen einer Vergiftung
-ausserordentlich grosse Mengen notwendig. In einem von +Wegner+
-(Magazin 1868) berichteten Fall zeigten 3 Kühe, welche zusammen etwa
-42 kg Gartenschierling erhalten hatten, Appetitlosigkeit, +Speicheln+,
-+taumelnden Gang+, +beschleunigtes Atmen+, +Herzklopfen+, +stinkenden
-Durchfall+, +Zusammenstürzen+, +Unvermögen aufzustehen+, +Zuckungen+,
-+Pupillenerweiterung+, +Lähmung des Hinterteils+ und zuletzt
-+vollständige Lähmung+. Eine Kuh starb nach 10tägiger Krankheitsdauer.
-Die Sektion ergab entzündliche Veränderungen im Labmagen und Dünndarm,
-sowie Ansammlung von Serum im Gehirn und Rückenmark. +Behme+
-(Berl. Arch. 1896) sah nach der Aufnahme von Gras, welches viel
-Gartenschierling enthielt, bei Kühen taumelnden Gang und Unvermögen zu
-stehen; nach Ablauf einiger Stunden waren sie wieder gesund.
-
-Nach älteren Versuchen von +Orfila+ zeigte ein Hund, welcher 200 g
-ausgepressten Saft erhalten hatte, Uebelkeit, Herzklopfen, Lähmung,
-Betäubung und Krämpfe. +Möbius+ (Ad. Wochenschr. 1877) berichtet über
-einen Vergiftungsfall bei 2 Schweinen, welche bereits nach 2 Stunden
-starben.
-
-
-Blausäurevergiftung.
-
- =Allgemeines.= Die Blausäure kommt bei verschiedenen Gattungen der
- Amygdaleen (Pruneen) in Form eines Glykosides, des =Amygdalins=,
- vor. Im Tierkörper spaltet sich das Amygdalin unter der Einwirkung
- des Emulsins in Blausäure, CNH, Bittermandelöl, C_{7}H_{6}O,
- und Zucker, 2(C_{6}H_{12}O_{6}), indem es 2 Moleküle Wasser
- aufnimmt. Das Amygdalin hat demnach die Formel C_{20}H_{27}NO.
- Von amygdalinhaltigen Pflanzen sind zu erwähnen: 1. +Prunus
- Amygdalus+, var. amara (früher Amygdalus communis benannt), der
- +Bittermandelbaum+; die bitteren Mandeln enthalten 3,3 Proz.
- Amygdalin. Aus den bitteren Mandeln wird das offizinelle Aqua
- Amygdalarum amararum mit einem Blausäuregehalt von 1 pro Mille
- dargestellt. 2. +Prunus laurocerasus+, der +Kirschlorbeerbaum+,
- ein bis 6 m hoher Strauch mit lederartigen, immergrünen, länglich
- zugespitzten, scharf sägezähnigen Blättern, aus welchen früher
- das Aqua Laurocerasi dargestellt wurde. Derselbe enthält das mit
- dem Amygdalin verwandte =Laurocerasin=. 3. +Prunus persica+, der
- +Pfirsichbaum+, dessen Kerne über 2 Proz. Amygdalin enthalten
- und dessen lanzettliche, spitz gesägte, an beiden Rändern
- eingerollte Blätter ebenfalls giftig sind. 4. +Prunus Padus+,
- der +Traubenkirschbaum+, ein 1-10 m hoher, in Laubwäldern und an
- Flussufern wachsender Baum mit krautigen, fast kahlen, sommergrünen,
- zugespitzten Blättern, ebenso giftig wie die Kirschlorbeerblätter. 5.
- +Prunus domesticus+, der +Pflaumen-+ oder +Zwetschgenbaum+, dessen
- Fruchtkerne (Zwetschgenkerne) etwa 1 Proz. Amygdalin enthalten.
- 6. +Prunus Cerasus+ und +avium+, der +Kirschbaum+, mit 0,8 Proz.
- Amygdalingehalt der Kirschkerne. Amygdalin findet sich ferner zu
- einem halben Prozent in den Apfelkernen. Ausser den obengenannten
- Amygdaleen und Pomazeen enthalten etwa 200 andere Pflanzenspezies
- Blausäureglykoside, so z. B. Gymnema latifolium (Asklepiadee), Lasia
- und Cyrtosperma (Aroideen), Pangium edule (Bixazee), Echinocarpus
- Sigun (Tiliazee), Lucuma mammosa (Sapotazee), Phaseolus lunatus
- und vulgaris (Papilionazeen), Jatropha Manihot (Euphorbiazee),
- Agaricus oreades (Fungi). Sogar im Samenmehl von Linum usitatissimum
- (Lein) hat man ein amygdalinartiges, blausäurehaltiges Glykosid,
- das Linamarin, entdeckt. -- Im Tierreich findet sich Blausäure
- im Drüsensekret der Tausendfüssler (Chilognathen), desgleichen
- Zyanverbindungen (Zyan-Methyl, -Aethyl und -Amyl) im Gift der Kröten,
- Tritonen und Salamander.
-
- Während Vergiftungen durch die freiwillige Aufnahme der genannten
- Pflanzen und Pflanzenteile bei den Haustieren, namentlich bei den
- Schweinen, Pflanzenfressern und beim Geflügel nicht selten sind,
- haben die Vergiftungen mit reiner Blausäure und deren Präparaten
- bei den Haustieren nur eine experimentell-toxikologische Bedeutung.
- Die +reine Blausäure+ stellt in wasserfreiem Zustand eine farblose
- Flüssigkeit dar, welche in freiem Zustand nirgends in der Natur
- vorkommt, sondern im Laboratorium aus Zyanquecksilber und Salzsäure
- nach der Formel Hg(CN)_{2} + 2 ClH = HgCl_{2} + 2 CNH dargestellt
- wird. Die zu Vergiftungszwecken benützte +wasserhaltige Blausäure+
- (Prozentsatz durch Verdünnung mit Wasser beliebig zu regulieren)
- wird durch Destillation von Zyankalium oder Ferrozyankalium mit
- verdünnter Schwefelsäure dargestellt. Das +Zyankalium+, CNK, durch
- Einleiten von Blausäure in Kalilauge dargestellt und vielfach zu
- Vergiftungszwecken (Hunde, Katzen) benützt, bildet amorphe weissliche
- Stücke oder Stangen, welche an der Luft zerfliessen und bei
- Säurezusatz (oder mit der Salzsäure des Magens) Blausäure entwickeln.
- Giftig ist ferner Zyansilber, Zyanquecksilber und Zyangold. Das
- +rohe Bittermandelöl+, welches bei der Zersetzung des Amygdalins
- entsteht, ist wegen seines Blausäuregehaltes (5-12 Proz.) ebenfalls
- giftig. An und für sich ungiftig ist +Ferrozyankalium+, das gelbe
- Blutlaugensalz, K_{4}Fe(CN)_{6}; wird dasselbe jedoch gleichzeitig
- zusammen mit einer Säure eingegeben, so wirkt es giftig durch
- Blausäureentwicklung. Ungiftig ist ferner +Ferridzyankalium+, das
- rote Blutlaugensalz, welches im Harn angeblich als Ferrozyankalium
- ausgeschieden wird.
-
-
-=Krankheitsbild.= Die Blausäure ist eines der stärksten Nervengifte.
-Sie bewirkt Erregung und spätere Lähmung der grossen Zentren
-des verlängerten Marks, namentlich des +Atmungszentrums+ und
-+vasomotorischen Zentrums+, sowie der motorischen Zentren der
-Grosshirnrinde, ausserdem +Narkose+ des +Grosshirns+. Sodann ist die
-Blausäure ein spezifisches +Stoffwechselgift+, indem sie den Geweben
-die Fähigkeit benimmt, Sauerstoff zu binden und zu verbrauchen (+innere
-Erstickung+). +0,05 g der reinen, wasserfreien Blausäure (= 1 Tropfen)
-töten einen grossen Hund; 0,5-1,0 g (12-20 Tropfen) ein Pferd.+ Die
-tödliche Dosis des +Zyankaliums+ für den Hund beträgt 0,25-0,5 g; für
-das Pferd 5-10,0 g. Kleinere Tiere, wie Vögel, Meerschweinchen etc.,
-sterben schon nach Verabreichung unwägbarer Mengen chemisch reiner
-Blausäure (0,1 mg).
-
-Die +Erscheinungen+ der Blausäurevergiftung sind verschieden je nach
-der aufgenommenen Menge. +Grosse+ Dosen haben einen +blitzähnlich
-schnellen+, +schlagartigen+, +apoplektiformen+ Tod zur Folge. Die Tiere
-stürzen unter einem lauten Schrei oder Geheul zusammen und verenden
-unter rasch zunehmender Atmungsbeschwerde, Erbrechen und tetanischen
-Krämpfen innerhalb weniger Minuten infolge einer sofortigen allgemeinen
-Lähmung des Nervensystems (Vergiften der Hunde). Bei +mittleren+ Dosen
-lassen sich drei Stadien der Blausäurevergiftung unterscheiden:
-
-1. Ein +dyspnoisches+ Stadium, beginnend mit +Schwindel+, +Taumeln+,
-+Erbrechen+. Die +Atmung+ wird sehr +beschleunigt+ und +angestrengt+,
-bei Pferden stöhnend und röchelnd. Die Tiere sind sehr unruhig und
-ängstlich; die sichtbaren Schleimhäute sind hellrot gefärbt.
-
-2. Ein +konvulsives+ Stadium, in welchem die Tiere zusammenstürzen
-und in +starrkrampfähnliche Krämpfe+ (+Orthotonus+, +Opisthotonus+,
-+Trismus+) und +epileptiforme Zuckungen+ verfallen. Dabei findet
-unwillkürliche Kot- und Harnentleerung statt; die Atmung wird
-allmählich langsamer.
-
-3. Ein +asphyktisches+ Stadium mit schliesslichem +Aufhören+ der
-+Atmungsbewegungen+, starkem +Sinken+ der +Temperatur+, +Verlangsamung
-des Herzschlags+, +Anästhesie+, +Zyanose+, +Koma+ und +Tod+.
-
-Die +Aufnahme+ der Blausäure findet von allen Körperstellen,
-insbesondere auch von der unverletzten Haut aus statt. Besonders
-schnell wird sie von der Trachealschleimhaut und von der Konjunktiva
-resorbiert; Katzen sterben z. B ½-1 Minute nach dem Einbringen
-weniger Tropfen einer 2proz. Blausäure in den Lidsack (Berliner
-Vergiftungsmethode). Die +Ausscheidung+ der Blausäure erfolgt im
-unzersetzten Zustand namentlich durch die Lunge und die Haut.
-
-
-=Sektionsbefund.= In den akut verlaufenden Fällen findet man das
-+Blut+ oft +auffallend hellrot+, ein für die Blausäurevergiftung
-sehr charakteristischer, durch die Bildung von +Zyan-Methämoglobin+
-bedingter Befund. Bei längerer Dauer der Vergiftung hat das Blut eine
-dunkel schwarzbraune Farbe. Das Blut ist ferner arm an Gerinnseln. Im
-übrigen findet man die Erscheinungen der Suffokation. Von Wichtigkeit
-für den Nachweis der Blausäurevergiftung ist der +Geruch+ der inneren
-Körperorgane nach +bitteren Mandeln+.
-
-
-=Behandlung.= Neben der Verabreichung von +Brechmitteln+ hat man
-als chemisches Gegengift die Anwendung von +Eisenoxydhydrat+ mit
-Magnesia (Antidotum Arsenici) empfohlen, um die Bildung des ungiftigen
-Eisenzyanürsalzes herbeizuführen. Ferner werden als chemische Antidote
-+Wasserstoffsuperoxyd+, H_{2}O_{2}, +Kalium permanganicum+, KMnO_{4}
-(0,5proz.) und +Kobaltnitrat+ empfohlen, sauerstoffreiche Körper,
-welche die Blausäure zu ungiftigen Verbindungen (Zyansäure und Oxamid)
-oxydieren. Wegen des rapiden Verlaufs der Blausäurevergiftung bleibt
-jedoch nur eine +symptomatische+ Behandlung übrig. Gegen die Lähmung
-des Atmungszentrums hat man insbesondere das +Atropin+ angewandt. Von
-anderen +Reizmitteln+ sind Aether, Alkohol, Kampfer, Koffein, Veratrin,
-Strychnin, kalte Begiessungen, elektrische Reizung der Nervi phrenici
-im Gebrauch. Auch der Aderlass wird befürwortet.
-
-=Nachweis.= Der Nachweis der Blausäure muss möglichst schnell nach
-dem Tode vorgenommen werden, weil die Blausäure sich im Kadaver bald
-zu Ammoniak und Ameisensäure zersetzt. Die Blausäure wird behufs
-Nachweis zunächst +überdestilliert+; die zu destillierende Flüssigkeit
-muss vorher schwach sauer gemacht werden, am besten durch Weinsäure.
-Die Temperatur beim Ueberdestillieren soll 100° C. nicht wesentlich
-übersteigen (Zersetzung der Blausäure). Die +zuerst+ übergegangenen 2-3
-ccm des Destillates werden zunächst für sich allein untersucht, weil
-sie meistens den grössten Gehalt an Blausäure besitzen; dann werden
-weitere 2-3 ccm untersucht etc. Meist lässt sich die Blausäure schon
-durch den Geruch (+Bittermandelgeruch+) des Destillates nachweisen.
-Im Destillat, welches man in mehrere Teile teilt, wird die Blausäure
-durch Zusatz gewisser Stoffe in die nachfolgenden charakteristisch
-gefärbten Verbindungen übergeführt: 1. In +Berlinerblau+ durch Zusatz
-von +Eisenvitriollösung+ und +Kalilauge+, Erhitzen bis zum Sieden,
-Filtrieren, Ansäuern des Filtrates mit +Salzsäure+ und Beimengung eines
-Tropfens verdünnter +Eisenchloridlösung+. Einfacher kann die Reaktion
-in der Weise vorgenommen werden, dass man das Destillat mit einer
-Lösung eines +Eisenoxyd-Oxydulsalzes+ und dann mit Kalilauge bis zur
-deutlichen alkalischen Reaktion versetzt, schüttelt und Salzsäure bis
-zur sauren Reaktion hinzufügt. 2. In +blutrotes Rhodaneisen+ verwandelt
-man die Blausäure, indem man eine zweite Probe des Destillats mit
-einigen Tropfen +Schwefelammonium+ im Wasserbade verdunstet, den
-Rückstand in wenig Wasser löst, mit 1-2 Tropfen Salzsäure ansäuert
-und einen Tropfen +Eisenchloridlösung+ hinzufügt; es bildet sich
-Rhodaneisen = Ferridthiozyanat Fe_{2}(SCN)_{6}. Diese Reaktion ist
-sehr empfindlich, sie gelingt noch bei einer Verdünnung der Blausäure
-von 1 : 4 Millionen. (Aber Vorsicht wegen des Rhodangehaltes des
-Speichels.) 3. In +blauviolettes Nitroprussidkalium+ führt man
-die Blausäure über durch Versetzen des Destillates mit wenigen
-Tropfen einer Lösung von +Kaliumnitrat+, ferner mit 2-4 Tropfen
-+Eisenchloridlösung+ und sodann mit soviel verdünnter Schwefelsäure,
-dass die braune Farbe eben gelb wird, worauf erwärmt, abgekühlt,
-das überschüssige Eisen mit etwas Ammoniak gefällt, filtriert und
-das Filtrat mit wenig +Schwefelammonium+ zusammengebracht wird. Es
-bildet sich Nitroprussidkalium, K_{2}Fe(NO)CN_{5} mit prachtvoll
-violetter oder blauer Farbe. 4. Mit +Guayaktinktur+ (3 Proz.) und
-einigen Tropfen 1⁰⁰/₀₀iger Kupfervitriollösung versetzt, färben sich
-Lösungen von Blausäure beim Umschütteln +blau+. Diese empfindlichste
-aller Blausäurereaktionen wird jedoch auch z. B. durch Ammoniak
-hervorgerufen, sie bedarf aber im positiven Falle einer Kontrollprobe,
-während sie im negativen Falle die Abwesenheit der Blausäure sicher
-beweist. 5. Mit +Pikrinsäure+ oder +Pikrinsalpetersäure+ (einige
-Tropfen einer wässerigen Lösung) und etwas +Aetzkali+ versetzt, färbt
-sich Blausäure beim Erwärmen auf 50-60° +blutrot+.
-
-+Quantitativ+ wird die Blausäure als +Zyansilber+ bestimmt. Die
-überdestillierte Blausäure wird zum Zwecke der Entfernung von etwaiger
-Salzsäure oder Borax rektifiziert, das Destillat mit Salpetersäure
-angesäuert und die darin enthaltende Blausäure durch +salpetersaures
-Silber+ als Zyansilber ausgefällt, der Niederschlag auf gewogenem
-Filter filtriert, ausgewaschen, bei 110° getrocknet und gewogen. 100
-Teile des Niederschlags (Zyansilber) sind = 20 Teile wasserfreie
-Blausäure = 48,66 Zyankalium. (Ein Teil der Blausäure wird indessen
-beim Destillieren zersetzt!)
-
- =Kasuistik.= +Bittere Mandeln.+ Ein Pferd zeigte nach 250 g bitterer
- Mandeln Pulsbeschleunigung, Flankenschlagen, Stöhnen und öfteren
- Kotabsatz, war jedoch nach ½ Stunde wieder genesen (+Viborg+). -- Ein
- kleiner Hund starb nach 6 g bitteren Mandeln unter den Erscheinungen
- von Schwindel und Schwäche nach 6 Stunden (+Orfila+). -- Ein Schwein
- zeigte nach mehrtägiger Verabreichung von 20-25 g bitterer Mandeln
- Zittern und Unruhe, erholte sich aber immer wieder (+Gerlach+,
- Gerichtl. Tierheilkunde). -- Eine Katze starb nach 4 g. Mehrere Gänse
- zeigten nach dem Genuss der bitteren Mandeln Zittern, Lähmung und
- grosse Beängstigung (+Schwarz+, Ad. Woch. 1861). -- Mandeltorte soll
- namentlich für Papageien ein giftiger Leckerbissen sein (+Gerlach+).
- -- Ein Papagei starb nach dem Genuss von bitteren Mandeln, indem er
- von der Stange fiel und zitterte (+von Rátz+, Monatsh. f. prakt.
- Tierhlkde. 1892).
-
- +Zwetschgenkerne.+ Vier Schweine starben plötzlich nach dem Genuss
- derselben. Bei der Sektion fand man das Blut kirschrot und die
- Magenschleimhaut stark gerötet und geschwollen (+Perdan+, Oesterr.
- Vereinsmonatsschr. 1884). -- Eine Schafherde war in einen Garten
- getrieben worden, in dem sehr viele abgefallene Zwetschgen lagen.
- Viele Schafe erkrankten nach der Aufnahme derselben, 4 starben. Die
- Tiere zeigten Taumeln, Umfallen, Pupillenerweiterung und schnaubende
- Atmung; im Magen fanden sich viele zerbissene Zwetschgenkerne,
- ausserdem eine blutige Entzündung. Das Blut war hellrot; das Fleisch
- roch scharf nach bitteren Mandeln (+Bernhard+, Preuss. Vet. Ber. pro
- 1906).
-
- +Kirschlorbeerblätter.+ Von 25 Schafen, welche die Blätter gefressen
- hatten, starben 5 (+van Damm+). Einen weiteren Fall hat +Bartholeyns+
- (Bullet. Belg. 1886) veröffentlicht.
-
- +Pfirsichblätter.+ Drei Ziegen starben nach dem Genuss derselben
- unter Atembeschwerden, Lähmungserscheinungen und Konvulsionen
- (+Imthurn+, Tierarzt 1834).
-
- +Traubenkirschblätter.+ Zwei Kühe erkrankten nach dem Genuss
- derselben; eine starb. Bei der Sektion wurden rote Flecke im Labmagen
- und Darm vorgefunden (+Noll+). -- Nach der Aufnahme von Laub der
- Traubenkirsche lagen einige Rinder ¼ Stunde in Ohnmacht (+Juell+,
- Nord. Zeitschr. 1889).
-
- +Kirschkerne.+ Zwei Schweine erkrankten unter Schwanken,
- Konvulsionen, Atembeschwerden, Herzklopfen (+Frey+, Magazin Bd. 15).
-
- +Zyankalium.+ Ein 1jähriges Fohlen starb nach der intrathorakalen
- Injektion von 25 g Zyankalium nach 6 Stunden (+Röder+, Sächs.
- Jahresber. 1893).
-
- +Blausäurehaltige Bohnen.+ Ueber eine Massenvergiftung von Pferden,
- Rindern und Schweinen durch fremdländische Bohnen, sog. Javabohnen,
- haben +Dammann+ und +Behrens+ (D. T. W. 1906) berichtet. Die Bohnen
- stammten von +Phaseolus lunatus+ und +vulgaris+, +Dolichos+ und
- +Cajanus indicus+, und erwiesen sich blausäurehaltig (0,1-1,5 pro
- Mille), sowie für obige Tiere giftig. Das mit Wasser angerührte
- Bohnenschrot entwickelte einen eigenartigen Geruch. ¼ kg des Schrots
- verursachten bei einem Schaf sofort starke Atembeschleunigung,
- Brechbewegungen, Zuckungen, Koma und Tod; das Blut zeigte eine
- hellrote Farbe, der Panseninhalt roch deutlich nach Blausäure.
- Eine Kuh zeigte 2 Stunden nach der Aufnahme von ¾ kg Bohnenschrot
- beschleunigte Atmung, maximale Pupillenerweiterung, Zucken, sowie
- Sinken der Körpertemperatur; nach dem Tod erschien das Blut hellrot.
- -- In der Revue vétér. alger. et tunis. 1908 wird darauf hingewiesen,
- dass viele importierte Körnerfrüchte Blausäure enthalten und zum
- Nachweis der letzteren folgende einfache Methode empfohlen: Weisses
- Filtrierpapier wird mit 1proz. Pikrinsäurelösung getränkt und
- getrocknet. Hierauf wird es in eine Lösung von Soda (1 : 10) gebracht
- und wieder getrocknet. Bringt man dieses Reagenzpapier in ein gut
- verschlossenes Reagenzglas, an dessen Boden sich die betreffenden
- Pflanzenteile in feuchtem, mazeriertem Zustand befinden, so färbt es
- sich schon bei ganz minimalen Blausäuremengen rot.
-
-
-Vergiftung durch Kartoffelkeime und Kartoffelkraut (Solaninvergiftung).
-
- =Allgemeines.= Das =Solanin= ist ein glykosidisches Alkaloid,
- welches durch Kochen in Zucker und +Solanidin+, einen saponinartigen
- Körper, zerfällt. Es ist in verschiedenen Solaneen enthalten: 1.
- +Solanum tuberosum+, die +Kartoffel+, enthält Solanin in den +Samen+
- (Beeren), in den +Keimen+, im +Kraut+ und unmittelbar vor der
- Reife unter der Schale. 2. +Solanum nigrum+, der +Nachtschatten+,
- ein auf Schutthaufen und an schattigen Plätzen wachsendes, bis 1
- m hohes Kraut mit behaartem Stengel, buchtig gezahnten, ebenfalls
- behaarten Blättern, weissen Blüten und schwarzen, glänzenden
- Beeren gibt ebenfalls Veranlassung zu Solaninvergiftungen bei den
- Haustieren. Dagegen sind bisher Vergiftungen nicht vorgekommen durch
- die übrigen Solaneen: Solanum Dulcamara (Bittersüss), welches das
- Dolkamarin, ebenfalls einen saponinartigen Giftstoff enthält, Solanum
- Lycopersicum (Tomaten), Sol. mammosum (Jungfernbrust), Sol. Sodomaeum
- und verbascifolium. In den Solaneen sollen ausser dem Solanin auch
- noch atropin- und hyoszinähnliche Alkaloide mit mydriatischer Wirkung
- enthalten sein. In der Kartoffel soll das Solanin nach +Weil+ (D.
- med. W. 1902) nicht, wie bisher angenommen wurde, durch Keimung,
- sondern durch Bakterienwirkung entstehen („Bacterium solaniferum“).
-
-
-=Wirkung des Solanins.= Das Solanin wirkt +lähmend+ auf +Gehirn+,
-+Rückenmark+ und +Herz+. Es besitzt demnach eine morphinartige Wirkung,
-weshalb sich die Krankheitserscheinungen bei der Solaninvergiftung
-häufig in +Betäubung+, +Schwanken+, +Taumeln+, +Kreuzschwäche+ und
-+Lähmung+ äussern.
-
-Nach den Untersuchungen von +Perles+ (Archiv für exper. Pathol. 1890)
-wirkt das Solanin ausserdem nach Art der Saponine unter Umständen auch
-örtlich +reizend+ (+Gastroenteritis+). Wie das Sapotoxin der Kornrade
-soll auch das Solanin von der intakten Darmschleimhaut aus sehr schwer
-resorbiert werden, woraus seine geringe Giftigkeit für gesunde Tiere
-verständlich würde. +Diese zeitweise Verschiedenheit in der Wirkung des
-Solanins, welche bald eine allgemeine, lähmende, bald eine örtliche,
-reizende ist und häufig überhaupt nicht in die Erscheinung tritt,
-erklärt vielleicht die abweichenden Angaben über das Krankheitsbild der
-Solaninvergiftung bezw. Kartoffelkrautvergiftung+ (vgl. unten).
-
-Bei der nervösen Form der Krankheit, wobei die Tiere zuweilen plötzlich
-gelähmt umfallen und innerhalb weniger Minuten sterben, ist der
-+Sektionsbefund+ gewöhnlich negativ. Bei der gastrischen Form findet
-man dagegen die Erscheinungen der Gastroenteritis. -- Die +Behandlung+
-besteht in der Verabreichung von Tannin und exzitierenden Mitteln.
-
-
-=Krankheitsbild der Solaninvergiftung.= Solaninvergiftungen ereignen
-sich bei den Haustieren am häufigsten nach der Aufnahme +keimender
-Kartoffeln+, sowie von +Kartoffelkraut+. Die in der tierärztlichen
-+Literatur+ als „Solaninvergiftungen“ bezeichneten Krankheitsfälle sind
-übrigens bei genauerer Prüfung nur zum Teil als wirkliche Vergiftungen
-durch Solanin aufzufassen. Es sind offenbar mehrere Erkrankungen,
-welche durch Ueberfütterung mit Kartoffeln oder Kartoffelkraut, durch
-Aufnahme verdorbener, gärender, zersetzter Kartoffel, durch verdorbene
-Kartoffelschlempe, durch pilzbefallenes Kartoffelkraut usw. verursacht
-waren, als Solaninvergiftungen beschrieben worden. Entsprechend der
-verschiedenartigen Wirkung des Solanins kann man mehrere klinische
-Formen der Solaninvergiftung unterscheiden, eine +nervöse+, eine
-+gastrische+ und eine +exanthematische+.
-
-1. Die =nervöse= Form ist die gewöhnliche Form der Solaninvergiftung.
-Sie äussert sich im wesentlichen in Symptomen der +Betäubung+ und
-+Lähmung+. Sie kann sich mit der gastrischen Form +komplizieren+. Die
-tierärztliche Literatur enthält sehr zahlreiche Fälle der mehr oder
-weniger reinen nervösen Form der Solaninvergiftung. Am häufigsten wird
-dieselbe nach der Verfütterung von +Kartoffelkeimen+ beobachtet.
-
- =Kasuistik.= +Koppitz+ (Oesterr. Vereinsmonatsschr. 1883)
- beobachtete bei Kühen nach der Verfütterung keimender Kartoffeln
- im Frühjahr Schwäche im Hinterteil sowie stupiden, teilnahmslosen
- Gesichtsausdruck. Nach +Schwanefeld+ (Berl. Archiv 1885) äusserte
- sich dieselbe Vergiftung bei einer Ziege in allgemeiner Paralyse.
- +Eggeling+ (Preuss. Mitteil. 1882) beobachtete bei 8 Kühen am
- Tag nach der Verfütterung von Kartoffelkraut Schreckhaftigkeit,
- Aufregung, Schwäche im Kreuz und in den Hinterbeinen, sowie
- Lähmung des Hinterteils. +Fuchs+ (Bad. Mitteil. 1870) sah nach der
- Aufnahme von Kartoffelkraut bei Kühen Taumeln und Zittern, die
- Tiere konnten sich nicht auf den Beinen erhalten, stürzten vielmehr
- gelähmt zusammen. +Prahl+ (Preuss. Mitteil. 1868) beschreibt eine
- Solaninvergiftung nach der Verfütterung von Kartoffelkraut bei 8
- Kühen. Zwei derselben fielen plötzlich um, die eine starb nach
- wenigen Sekunden, die andere lag 2 Tage gelähmt am Boden; die
- übrigen zeigten Taumeln, Pupillenerweiterung und Seitwärtsstellung
- des Kopfes. +Gerlach+ (Gerichtl. Tierheilkunde 1872) sah nach
- der Aufnahme von Kartoffelbeeren Hühner unter den Erscheinungen
- von Traurigwerden, Mattigkeit, Taumeln und Umfallen sterben. 8
- Kühe erhielten infolge eingetretener Futternot stark gekeimte
- Kartoffeln. Am 3. Tag zeigten sie Schwanken im Hinterteil, Zuckungen
- in den Beinen, Unruhe, kurzes Atmen, Bohren und Stossen mit Kopf
- und Hörnern in die Tröge, Verstopfung mit späterer Diarrhöe,
- Betäubung, Apathie, Niederstürzen, Liegenbleiben, Zunahme der
- Lähmungserscheinungen und Unempfindlichkeit im Hinterteil (Bild des
- Festliegens). Auffallend war der faulige, penetrante Kotgeruch.
- Nach dem Aussetzen der Fütterung und Einleitung einer Behandlung
- verschwanden die Lähmungserscheinungen am 2. Tag, die enteritischen
- Symptome jedoch erst am 8. Tag (+Walther+, Sächs. Jahresber. 1893).
- Eine Kuh zeigte nach der Verfütterung von Kartoffelkraut Zittern,
- taumelnden Gang und schliesslich vollständige Lähmung, so dass sie
- unfähig war, sich zu erheben; gleichzeitig bestand übelriechender
- Durchfall; das Tier ging nach dreiwöchentlicher Krankheitsdauer an
- Erschöpfung zugrunde (+Hohenleitner+, Woch. f. Tierhlkde. 1894).
- Als typische Symptome nach der Verfütterung von Kartoffelkraut beim
- Rind beobachtete +Schulz+ (ibid. 1895) Lähmungserscheinungen in Form
- von Schwanken und Festliegen, daneben bestand zuweilen Verstopfung,
- Aufblähung und fast immer Ekzembildung auf der Haut. Die Kühe eines
- Rittergutes erhielten pro Kopf und Tag 75 Pfd. gedämpfte Kartoffeln,
- worauf sich bald bei fast allen Tieren neben hochgradigem Durchfall
- eine derartige Lähmung des Hinterteils einstellte, dass die meisten
- 3-4 Tage nicht aufstehen konnten und die andern einen schwankenden
- Gang zeigten (+Liebener+, Berl. Arch. 1889). Eine Kuh, welche
- grosse Mengen keimender Kartoffeln erhielt, zeigte hochgradige
- Mattigkeit, Unempfindlichkeit der Haut, Schlafsucht, Durchfall und
- lag gelähmt auf der Seite. +Krüger+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1893,
- S. 308) beobachtete bei einem mit Kartoffeln gefütterten Pferd
- ausgesprochene Erscheinungen einer Solaninvergiftung. Nachdem das
- Pferd 10 Tage hindurch als Ersatz für Hafer bis zu 10 Pfd. Kartoffeln
- erhalten hatte, zeigte sich am 11. Tag grosse Schreckhaftigkeit,
- Taumeln, Schwanken, Kreuzschwäche, Pupillenerweiterung, Lähmung des
- Mastdarms und der Blase, sowie der Kaumuskeln, der Ohren-, Nasen-,
- Lippen- und Lidmuskeln. Die Sektion des nach etwa 3wöchentlicher
- Krankheitsdauer verendeten Pferdes ergab einen durchaus negativen
- Befund. +Höhne+ (Berl. Arch. 1891, S. 369) sah bei Schafen nach der
- Aufnahme roher gekeimter Kartoffeln Erscheinungen von rasendem Koller
- und Kreuzlähmung eintreten. +Zimmermann+ (ibid.) beobachtete bei
- Milchkühen, die fortgesetzt Kartoffelbrei aus gedämpften Kartoffeln
- erhalten hatten, eine Massenerkrankung in Form von Kreuzschwäche
- und Kreuzlähme. Nach +Maier+ (D. T. W. 1893) zeigte eine Kuh nach
- der Fütterung erfrorener Kartoffeln Unvermögen aufzustehen, Liegen
- mit zurückgeschlagenem Kopf, völlige Apathie, sowie Durchfall.
- 4 Rinder zeigten nach der Verfütterung gekeimter, gedämpfter
- Kartoffeln Taumeln und Lähmungserscheinungen; eine Kuh war durch
- leichten Händedruck zum Umfallen zu bringen; der Sektionsbefund
- war durchaus negativ (+Lungwitz+, Sächs. Jahresber. 1897). Nach
- +Albrecht+ (D. T. W. 1897) erkrankten nach der Verfütterung
- gekeimter Kartoffeln, wobei auf 20 Pfd. Kartoffel täglich etwa 1
- Pfd. Keime kamen, 4 Kühe unter den Erscheinungen von Durchfall,
- schwankendem Gang, sowie Gebärparese ähnlicher Haltung beim Liegen.
- +Haubold+ (Sächs. Jahresber. 1900) sah bei 18 Mastschweinen nach
- der Verfütterung stark gekeimter Kartoffeln Schreckhaftigkeit,
- Laufwut, seitliche Kopfhaltung, Pupillenerweiterung, Schwäche und
- Lähmungserscheinungen; 2 Schweine verendeten nach kurzer Zeit.
- +Schneider+ (Berl. tierärztl. Woch. 1902, S. 373) beobachtete eine
- Massenerkrankung bei 1100 Schweinen eines Molkereibesitzers nach der
- Verfütterung stark gekeimter Kartoffeln. Die Krankheitserscheinungen
- bestanden in Teilnahmlosigkeit, Appetitlosigkeit, Mattigkeit,
- Sopor, schwachem Puls, wässerigem Durchfall, Lähmung im Hinterteil
- und niedriger Körpertemperatur. Die Sektion zweier Schweine ergab
- ausser entzündlichen Erscheinungen im Fundusteil des Magens ein
- negatives Resultat. +Spörer+ (W. f. T. 1903) sah bei 2 Kühen
- und einem Pferd nach der Fütterung stark gekeimter Kartoffeln
- und Topinambur Benommenheit und Schwäche, sowie Sistieren der
- Wanstbewegung; es trat Heilung ein. +Seitz+ (ibid.) sah beim Rind
- nach der Fütterung alter gekeimter Kartoffeln Betäubung, Schwanken,
- Taumeln, allgemeine Lähmung (am Boden liegen), verlangsamte Atmung,
- reaktionslose Kornea und Ptosis; trotzdem trat Heilung ein. +Grebe+
- (Preuss. Vet. Ber. 1904) sah bei 7 Schweinen nach der Aufnahme
- stark keimender Kartoffeln Schwanken, vollständige Lähmung der
- Gliedmassen, Atemnot und Tod nach 6-10 Stunden. Nach +Döderlein+
- (W. f. T. 1906) erkrankten 2 Kühe, die mit stark gekeimten
- Kartoffeln gefüttert waren, unter Lähmungserscheinungen, starker
- Benommenheit, Empfindungslosigkeit und Durchfall; nach subkutanen
- Kampferinjektionen trat Heilung ein. Ein ähnlicher Fall (derselbe?)
- wird in dem Preuss. Vet. Ber. pro 1907 beschrieben.
-
-2. Die =gastrische= Form der Solaninvergiftung äussert sich
-hauptsächlich in +Durchfall+, +Meteorismus+, +Erbrechen+,
-+Speichelfluss+ und sonstigen Erscheinungen des +Magendarmkatarrhs+;
-Lähmungserscheinungen fehlen. Dagegen hat man zuweilen aphthöse
-Prozesse auf der Maulschleimhaut beobachtet. Diese reizende,
-saponinähnliche Wirkung des Solanins findet man namentlich nach der
-Verfütterung von grünem +Kartoffelkraut+. Dieselbe lässt sich auch
-experimentell bei Versuchstieren herbeiführen. Zwei von +Hess+ und
-+Wüthrich+ (Die Wirkung des grünen Kartoffelkrauts, Bern 1895) mit
-Kartoffelkraut gefütterte Kühe zeigten schon nach 36 Stunden akutes
-Aufblähen sowie intensiven Magendarmkatarrh mit Speichelfluss und
-Rückgang der Milchsekretion. Die tierärztliche Literatur enthält
-ebenfalls einige klinische Fälle dieser Vergiftungsform. Nach
-+Körber+ (Preussische Mitteil. Bd. 5) zeigten 3 Kühe, an welche im
-Frühjahr angefaulte und gekeimte Kartoffeln verfüttert worden waren,
-unterdrückte Futter- und Wasseraufnahme, Niedergeschlagenheit,
-+wässerigen Durchfall+, unwillkürlichen Abgang stinkender Massen,
-Sinken der Körpertemperatur, Blässe der Schleimhäute und schliesslich
-kaum fühlbaren Puls. Sie starben sämtlich im Verlauf von 36 bis 48
-Stunden; bei der Sektion fand man entzündliche Rötung der Labmagen- und
-Dünndarmschleimhaut.
-
- Die Frage, ob ausser dem Solanin im Kartoffelkraut und in den
- Kartoffelkeimen noch ein +anderer Giftstoff+ enthalten ist, welcher
- die abweichende Wirkung auf die Verdauungsschleimhaut bedingt
- (+Hess+ und +Wüthrich+, +Albrecht+), erledigt sich wohl durch die
- nachgewiesene saponinartige Natur des Solanins. Diese Eigenschaft
- erklärt ausreichend die Verschiedenheit des Vergiftungsbildes,
- so dass sich die Annahme anderer, neben dem Solanin vorhandener
- Giftstoffe erübrigt. Auch die früher sehr auffallend erscheinende
- +Ungiftigkeit des chemisch reinen Solanins für gesunde Versuchstiere+
- wird durch die Saponinnatur des Solanins (Unschädlichkeit bei
- intakter Schleimhaut) begreiflicher. Ich gab z. B. einer Versuchskuh
- auf einmal 3,5 g Solaninum purum (Merck) und später 3,75 g Solaninum
- hydrochloricum, ferner im Verlauf einer Woche 3,5 g Solanidin, ohne
- hernach irgend welche Krankheitserscheinungen zu beobachten. Auch ein
- Versuchsschaf zeigte auf je 1 g Solanin, Solaninum hydrochloricum
- und Solanidin keine Reaktion. Ein kleiner 19 Pfd. schwerer
- Versuchshund ertrug eine subkutane Injektion von 0,5 Solaninum
- hydrochloricum (0,05 pro kg Körpergewicht) ohne jede Spur einer
- Vergiftungserscheinung, desgleichen 0,5 Solanidin innerlich. 2 kleine
- Kaninchen zeigten nach der subkutanen Injektion von 0,05, 0,1 und
- 0,25 Solaninum hydrochloricum ebenfalls ausser lokaler Abszedierung
- keine Reaktion.
-
-3. Nicht selten treten endlich =exanthematische=, an das Bild der
-+Schlempemauke+ erinnernde Entzündungszustände der Haut zu den
-gastrischen Störungen hinzu. So hat +Heiss+ (Wochenschr. f. Tierheilk.
-1885) beim Rind einen sehr interessanten Vergiftungsfall nach der
-Verfütterung von Kartoffelkraut beschrieben, dessen auffälligste
-Krankheitssymptome in einer ulzerösen Stomatitis, Durchfall,
-Konjunktivitis, Lidschwellung, sowie in einem +vesikulären+ und
-+grindartigen Ekzem+ an den +Beinen+, in der Umgebung des +Afters+, an
-der +Schwanzwurzel+, am +Euter+ und +Skrotum+, sowie am +Halsrande+
-bestanden. +Möbius+ (Sächs. Jahresber. 1893) beobachtete nach der
-Fütterung mit Kartoffelkraut bei 1-3jährigen Rindern steifen Gang,
-schmerzhafte, blaurötliche +Anschwellungen der Fussenden+ mit
-Rissbildung und Exsudation, Abtrennung des Klauensaums, +Erosionen+
-und Blutungen auf der Maulschleimhaut, +Ekzeme+ am Skrotum, Rötung der
-Scheidenschleimhaut sowie hohes Fieber (bis 41°). Aehnliche Fälle sind
-von +Römer+ (D. T. W. 1895), +Hohenleitner+ (Wochenschr. f. Tierheilk.
-1894), +Michaelis+ (B. T. W. 1895), +Model+ (Repertorium 1885) u. a.
-beschrieben worden. Aehnlich wie bei der Lupinose und bei der Lecksucht
-des Rindes verliert das Kartoffelkraut, welches im getrockneten
-Zustande ein gutes Futtermittel darstellt, seine reizende Wirkung auf
-die Haut, wenn es einmal gebrüht wird (Extraktion des Solanins!)
-
- =Solanum nigrum.= +Dietrich+ (Preuss. Mitt. 1876) sah 3 Ziegen nach
- dem Genuss des Nachtschattens unter den Erscheinungen von Tympanitis
- und Verdrehen des Kopfes erkranken; eine starb nach 8 Stunden. Nach
- experimentellen Untersuchungen von +Viborg+ und +Orfila+ starben
- Hunde nach Verabreichung des wässerigen Auszuges von Solanum nigrum
- unter den Erscheinungen der Mattigkeit, Empfindungslosigkeit
- und allgemeiner Muskellähmung. +Ziegenbein+ (Berl. Arch. 1899)
- berichtet, dass 18 Enten nach der Aufnahme von Nachtschatten unter
- Taumeln und Lähmungserscheinungen starben. Nach +Graham-Gillam+
- erkrankten 2 Schafe, welche Nachtschatten am Weg gefressen hatten.
- Eines starb; das andere zeigte schwankenden Gang, Durchfall und
- Pupillenerweiterung.
-
-
-Vergiftung durch Taumellolch, Lolium temulentum.
-
- =Botanisches.= Der +Taumellolch+, +Lolium temulentum+
- (Schwindellolch, Schwindelhafer, Taumelhafer), gehört zu der Familie
- der Gramineen und ist ein einjähriges, namentlich im Sommergetreide
- vorkommendes Ackerunkraut, welches besonders auf Haferfeldern und
- in nassen Jahren gedeiht. Die steifen, aufrechten Halme der ½-1 m
- hohen Pflanze besitzen ca. 15 cm lange Aehren mit charakteristischen,
- langen Hüllspelzen, welche die Aehrchen vollständig bedecken.
- Ausserdem ist die Pflanze mikroskopisch dadurch ausgezeichnet, dass
- der Spelzrand eine eigentümliche Haarbildung zeigt.
-
- Das wirksame Prinzip des Taumellolchs ist noch nicht in reinem
- Zustand dargestellt; man hat früher als solches das +Loliin+,
- einen glykosidischen Bitterstoff angenommen. Von anderen wird das
- +Temulin+, ein Alkaloid von der Formel C_{17}H_{19}N_{2}O als
- wirksamer Bestandteil bezeichnet. Derselbe soll bei Warmblütern
- rauschartige Erscheinungen bedingen (+Hofmeister+). Ausserdem
- ist die Vermutung aufgestellt worden, dass der Taumellolch eine
- an sich ungiftige Pflanze ist, wie zahlreiche Fütterungsversuche
- (+Nestler+, +Halm+, +Hertwig+, +Spinola+) erwiesen haben, und dass er
- wahrscheinlich nur an gewissen Orten und zu gewissen Zeiten, ähnlich
- wie die Lupinen, vielleicht durch Vermittlung von =Befallungspilzen=
- giftig wirke. Die Annahme von Pilzen als Ursache der Loliumvergiftung
- wird unterstützt durch die Untersuchungen über eine ähnliche
- bei Menschen und Tieren vorkommende Vergiftung, durch das sog.
- +Taumelgetreide+ (Taumelroggen). Man beobachtete nämlich in Russland
- und Frankreich nach dem Genuss von Roggenbrot beim Menschen Taumel
- und Schläfrigkeit; ähnliche Erscheinungen zeigten sich bei Hunden,
- Schweinen und Hühnern. Französische Botaniker haben in den Körnern
- des sog. Taumelroggens das Myzel eines zu den Diskomyzeten gehörenden
- Pilzes, Endoconidium temulentum (Phialea temulenta) nachgewiesen, von
- welchem angenommen wird, dass er durch ein giftiges Enzym den Kleber
- und die Stärke des Roggens zersetze. +Woronin+ (Bot. Zeitung 1891, S.
- 81) untersuchte das Taumelgetreide in Südussurien. Er fand folgende
- +Pilzformen+, deren pathogene Wirkung noch genauer zu untersuchen
- ist: Fusarium roseum, Gilberella Saubinetii, Cladosporium herbarum,
- Helminthosporium, Epicoccum neglectum, Trichothecium roseum, Eurotium
- herbariorum, Mikrokokken, Hymenula glumarum und Clodochytrium
- graminis. Taumelgetreide findet sich nur in solchen Gegenden, die
- viel unter feuchter Witterung zu leiden haben.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Taumellolchvergiftungen scheinen
-früher häufiger, als heutzutage, vorgekommen zu sein. Zurzeit sind sie
-ausserordentlich selten geworden, so dass die neuere Literatur nur
-ganz vereinzelte Vergiftungsfälle beim +Pferd+ und +Rind+ aufweist.
-Auch beim Menschen, bei welchem früher Taumellolchvergiftungen in
-epidemischer Weise infolge loliumhaltigen Mehles und Brotes auftraten,
-werden solche nur selten mehr beobachtet; nach +Kobert+ sind überhaupt
-sichere Fälle von Vergiftung beim Menschen nicht nachgewiesen. Die
-Hauptursache ist wohl in den Fortschritten der Bodenkultur und dem
-Zurückdrängen des giftigen Unkrautes durch Ausrotten zu suchen.
-Ausserdem hat man von jeher die Beobachtung gemacht, dass zum
-Zustandekommen einer Vergiftung sehr grosse Mengen von Schwindelhafer
-notwendig sind. So verfütterte +Nestler+ an 4 Pferde und an 2 Rinder
-je etwa 6 Zentner Hafer mit einem Gehalt von 30 Proz. Lolchsamen,
-ohne Krankheitserscheinungen zu beobachten. +Rosenkranz+ berichtet,
-dass 4 Pferde monatelang mit Hafer gefüttert wurden, welcher 12 Proz.
-Lolium enthielt, und dass sie ausser öfteren Schwindelanfällen nichts
-Krankhaftes erkennen liessen. +Halm+ fütterte einem Pferde nach und
-nach bis zu einer Metze reinen Lolchsamen, ohne charakteristische
-Vergiftungserscheinungen zu beobachten. Hühner, welche innerhalb 14
-Tagen 3 Pfund, Schweine, welche eine Metze Schwindelhafer auf einmal,
-Schafe, welche 1½ Pfund Mehl des Schwindelhafers aufgenommen hatten,
-zeigten keinerlei Vergiftungserscheinungen (+Baillet+, +Spinola+).
-
-Die giftige Wirkung des Schwindelhafers äussert sich, wie schon der
-Name sagt, in einer +narkotischen Beeinflussung+ des +Grosshirns+.
-Die Krankheitserscheinungen bestehen in +Schwindelanfällen+,
-+dummkollerartigem Benehmen+, +Schläfrigkeit+, +Schwanken+,
-+Mattigkeit+, +Betäubung+, +Bewusstlosigkeit+, +Pupillenerweiterung+,
-+allgemeiner Gefühllosigkeit+; zuweilen gesellen sich hiezu auch noch
-Kolikerscheinungen und Krämpfe. Der Verlauf ist bald chronisch, bald
-akut; in einzelnen Fällen wird auch ein perakuter Verlauf beobachtet,
-indem die Tiere apoplektiforme Anfälle von Betäubung und allgemeiner
-Lähmung zeigen. Die +Sektion+ ergibt meist einen negativen Befund;
-zuweilen findet man die Erscheinungen einer leichten Gastroenteritis,
-sowie einer Hyperämie des Gehirns und Rückenmarkes.
-
-Die +Behandlung+ besteht in der Anwendung von Exzitantien. Man macht
-subkutane Injektionen von Kampferspiritus, Kampferöl, Aether, Koffein,
-Atropin, Veratrin, oder gibt innerlich Ammonium carbonicum. Auch kalte
-Begiessungen des Kopfes, Frottieren der Haut, sowie die Anwendung von
-hautreizenden Mitteln (Terpentinöl, Kampferspiritus) sind angezeigt.
-
- =Kasuistik.= +Meyer+ (Schweizer Archiv 1831) berichtet, dass
- 2 Mutterpferde nach dem Verfüttern von loliumhaltigem Korn
- Kolikerscheinungen, Pupillenerweiterung, unsicheren Gang, sowie
- dummkollerartiges Benehmen zeigten. -- +Wiegel+, (Preuss. Mitteil.
- 1872) beobachtete bei einer Kuh, dass dieselbe plötzlich, wie vom
- Blitz getroffen, zusammenstürzte, ohne dass Schwanken und sonstige
- Krankheitserscheinungen vorausgegangen wären. Diese apoplektiformen
- Anfälle wiederholten sich 3mal hintereinander, worauf sich
- Empfindungslosigkeit über den ganzen Körper, Schlafsucht, sowie
- Verlangsamung der Respiration einstellten. 1½ Stunden darauf erhob
- sich das Tier wieder und zeigte sofort einen ganz erstaunlichen
- Appetit. 4 Stunden später erfolgte ein ähnlicher, aber schwächerer
- Anfall, worauf völlige Genesung eintrat. -- +Magnus+ (Preuss.
- Mitteil. Bd. 3) sah unter 14 Rindern 7 nach dem Genuss von
- geschrotenem Lolchsamen unter den Erscheinungen der Bewusstlosigkeit
- und unter allgemeinen Krämpfen erkranken; 2 derselben starben.
- -- +Knudsen+ (Dän. Monatsschr. 1889) berichtet über zwanzig
- Vergiftungsfälle beim Rind, die sich durch Lähmung des Hinterteils
- auszeichneten. - +Gallé+ (Veterinarius 1897) sah bei 6 hochträchtigen
- Stuten Abortus; das Futter enthielt 70 Proz. Lolium temulentum.
-
-
-Vergiftung durch Flachs, Linum usitatissimum.
-
- =Botanisches.= Der +Flachs+ oder +Lein+, +Linum usitatissimum+,
- wird in Deutschland vereinzelt teils als Oelpflanze (Leinöl), teils
- als Faserpflanze (Flachs) kultiviert. Seine ausgepressten Samen
- werden als Leinölkuchen zu Futter- und Düngerzwecken verwendet. Der
- Flachs ist ein einjähriges Kraut mit meterhohem kahlem Stengel,
- lanzettförmigen, drei-nervigen, 2½ cm langen Blättern und blass
- azurblauen Blütendolden. Die Samen (Leinsamen) sind eiförmig,
- flach, scharfrandig, ½ cm lang, mit brauner, glänzender, glatter,
- dünner Schale und grünlichem Kern. Die Samenschale enthält ausser
- Schleim (6%) ein amygdalinartiges Glykosid, das =Linamarin=, der
- Kern fettes Oel (30%) und Eiweiss (25%). Der früher als Abführmittel
- benützte +Purgierflachs+, +Linum catharticum+, ist ein 1jähriges,
- 15 cm hohes Pflänzchen mit einnervigen Blättern und weissen Blüten.
- Der Geschmack der Pflanze ist sehr bitter. Dieselbe enthält einen
- glykosidischen Bitterstoff, das =Linin=, welches namentlich nach der
- Blütezeit in grossen Mengen in derselben enthalten ist und weisse,
- seidenglänzende, stark bitter schmeckende, stickstofffreie, neutral
- reagierende Kristalle bildet.
-
-
-=Krankheitsbild.= Die in der Literatur als Flachsvergiftung
-bezeichneten Krankheitsfälle sind in ätiologischer Beziehung
-offenbar nicht einheitlicher Natur. Dieselben betreffen nur zum Teil
-wirkliche, echte Flachsvergiftungen. Ein grösserer Teil derselben
-bezieht sich vielmehr auf eine Beimengung von +Rizinusschalen+ zu den
-Leinsamenkuchen (vergl. Rizinusvergiftung). Andere Fälle scheinen
-+Pilzvergiftungen+ (schimmelige, ranzige Leinkuchen), einzelne Fälle
-vielleicht auch Vergiftungen durch beigemengten +Ackersenf+ oder andere
-Giftpflanzen gewesen zu sein.
-
-Die echten Flachsvergiftungen haben eine verschiedenartige
-Entstehungsweise. Zunächst ist mehrfach beobachtet worden, dass der
-geröstete Flachs bezw. das in den Flachsrösten enthaltene Wasser bei
-Schafen (+Güttlich+), Hunden, Gänsen (+Spinola+), ja selbst bei Fischen
-(+Gerlach+) giftig gewirkt hat. Nach +Malzew+ (Petersburger Archiv für
-Veterinärkunde 1887) erkrankte in einem russischen Dorfe sämtliches
-Vieh durch den Genuss des Flusswassers, in welchem Flachs eingeweicht
-wurde. Weiter sind Vergiftungen nach der Verfütterung von missratenem,
-zu kurz gebliebenen Flachs bei Kühen und Schafen beobachtet worden.
-Endlich haben die Leinsamenkapseln, wenn sie in allzugrosser Menge
-aufgenommen wurden, zuweilen Veranlassung zu Vergiftungen gegeben.
-Dass im übrigen der Flachs nur in grossen Mengen giftig wirkt, zeigen
-die Versuche von +Harms+ (Hannoverscher Jahresbericht 1872 und 1873),
-welcher einem Rind 15 Pfund grünen Flachs sowie einem Ziegenlamm 150
-g grüner Samenkapseln und 50 g trockener Samenkapseln ohne Nachteil
-verabreichte, sowie ein Versuch von +Schmidt+ (Magazin Bd. 29), welcher
-bei einem Schaf erst nach Verfütterung von 12 kg Samenkapseln eine
-tödliche Vergiftung herbeiführen konnte.
-
-Ueber den im Flachs enthaltenen Giftstoff ist mit Sicherheit nichts
-bekannt (Linamarin?). Aus den Vergiftungserscheinungen ist zu
-entnehmen, dass es ein +scharf-narkotischer+ Stoff ist, welcher
-vielleicht mit dem im Purgierflachs enthaltenen Linin identisch ist.
-Die Krankheitserscheinungen bestehen in +heftiger Kolik+, +Durchfall+,
-+Tympanitis+, +Unruheerscheinungen+, +Krämpfen+, +Harnverhaltung+,
-+Zittern+ und +Taumeln+. Bei der Sektion findet man die Schleimhaut
-des Magens und Darmes mehr oder weniger hochgradig entzündet. Die
-Behandlung der Vergiftung ist eine symptomatische (Opium, schleimige
-Mittel); als Gegengift kann Tannin gegeben werden.
-
- =Kasuistik.= Von den in der Literatur enthaltenen klinischen Fällen
- von Flachsvergiftung sind folgende bemerkenswert. +Prietsch+
- (Sächs. Jahresbericht 1868) sah 7 Kühe nach der Verfütterung von
- abgemähtem missratenem Flachs unter Kolikerscheinungen erkranken und
- 2 davon im Verlaufe eines Tages sterben; bei der Sektion fand man
- die Schleimhaut des Lösers und Dünndarms stark entzündet und den
- Darminhalt sehr flüssig. Nach +Sipp+ (Preuss. Mitteil. Jahrg. 7)
- zeigten Kühe unmittelbar nach der Aufnahme von zu kurz gebliebenem
- Flachs Kolikerscheinungen, Stöhnen, Zittern, grosse Angst und
- Taumeln. +Semmer+ (Deutsche Zeitschrift für Tiermedizin 1877) sah
- bei Schweinen nach der Verfütterung von Leinsamenkapseln öfters
- massenhafte Todesfälle; bei der Sektion wurde Fettdegeneration der
- Leber und Nieren, sowie teerartiges Blut gefunden. Weitere Fälle sind
- von +Güttlich+ (Preuss. Mitt. 1882), von +Huffelen+ (Bullet. Belg.),
- +Lüdersdorf+ (Ann. der Landwirtschaft 1858) u. a. beschrieben worden.
-
-
-Eserinvergiftung.
-
- =Allgemeines.= Das in der +Kalabarbohne+ (Physostigma venenosum,
- afrikanische Papilionazee) enthaltene Alkaloid Eserin (Physostigmin)
- hat seit seiner Anwendung als Abführmittel beim Pferd und
- Rind in mehreren Fällen schon in mittleren therapeutischen
- Dosen Vergiftungserscheinungen bedingt. Diese giftige Wirkung
- therapeutischer Eserindosen ist, wie ich a. a. O. (Monatshefte
- für praktische Tierkeilkunde 1890) gezeigt habe, auf verschiedene
- Ursachen zurückzuführen. In erster Linie ist die Inkonstanz der
- chemischen Handelspräparate, welche je nach der Darstellung
- verschiedenartige, in chemischer Beziehung durchaus nicht
- einheitliche Produkte sind, als Ursache zu bezeichnen. In zweiter
- Linie kann die giftige Wirkung sonst unschädlicher Dosen durch ein
- abweichendes Verhalten des Tierkörpers bezw. Individuums bedingt
- sein. In dieser Beziehung sind Pferde mit chronischen Krankheiten
- der Atmungsorgane (Emphysem, chronische Bronchitis, chronische
- Pneumonie), sowie solche Pferde, welche an Kolik infolge starker
- Ausdehnung und mechanischen Hindernissen im Magen und Darm, sowie
- an Herzschwäche im Verlauf der Kolik leiden (hohe Pulsfrequenz),
- besonders empfindlich gegen sonst normale Dosen von Eserin, indem
- sie unter der Einwirkung des Eserins teils an Lungenödem, teils an
- Magen- und Darmruptur, teils an Herzlähmung zugrunde gehen können. In
- einzelnen Fällen ist die Giftwirkung sonst unschädlicher Eserindosen
- auf die Art und Weise der Injektion, sowie auf eine individuelle
- Idiosynkrasie der betreffenden Tiere zurückzuführen.
-
-
-=Krankheitsbild.= Das Eserin wirkt +tetanisierend+ auf alle +glatten
-Muskelfasern+ des Körpers, namentlich auf die des +Darmes+,
-ausserdem +erregend+ auf die +Sekretion+ der +Schweissdrüsen+,
-+Tränendrüsen+ und +Speicheldrüsen+. In giftigen Dosen erzeugt
-es ausserdem +Krämpfe der quergestreiften Körpermuskulatur+ mit
-späterer +Muskellähmung+, sowie +Lähmung der Atmung+ (+Lungenödem+)
-und des +Herzens+. Die Vergiftungserscheinungen bestehen daher in
-+heftiger Kolik+, +anhaltendem, profusem Durchfall+, +Zittern+,
-+ausgebreiteten Muskelzuckungen+, +grosser Schreckhaftigkeit+, +grosser
-Atmungsnot+, +Schweissausbruch+, +Speicheln+, +Tränenfluss+, +häufigem
-Harnabsatz+, +Pupillenverengerung+, +Schwäche+, +Hinfälligkeit+,
-+allgemeiner Lähmung+. In einzelnen Fällen wurde ausserdem eine
-sehr starke +zerebrale Erregung+ beobachtet, welche sich in
-maniakalischen, tobsuchtartigen Anfällen, hochgradiger Aufregung, sowie
-Zwangsbewegungen (Drängen nach vorwärts) äusserte.
-
-Das Eserin ist namentlich für +Fleischfresser+ ein ausserordentlich
-heftiges Gift. Nach meinen Beobachtungen starben kleine Hunde schon
-nach 5, grössere nach 10 mg. Katzen und Kaninchen starben nach 2-3
-mg. +Pferde+ und +Rinder+ ertragen relativ viel grössere Dosen.
-Ich habe einem mittelgrossen, älteren Versuchspferd ½ g Eserinum
-sulfuricum subkutan injiziert, wonach zwar eine schwere, aber nicht
-tödliche Vergiftung auftrat. Nach +Feser+ werden auch vom +Rind+
-verhältnismässig hohe Dosen ohne Nachteil ertragen, so subkutan 1 mg
-Physostigmin pro kg Körpergewicht = 0,3 pro dosi, stomachikal das
-10fache; nur in einem Fall trat nach der subkutanen Injektion von 0,17
-bei heftigem Husten und Rülpsen infolge Eindringens von Futterbrei
-in die Bronchien Erstickung auf. +Subkutan+ sind 0,03 ohne sichtbare
-Wirkung, 0,06 von geringer, 0,1 von kräftiger Wirkung; 0,15-0,17
-erzeugen heftiges Purgieren; nach 0,3 tritt die Wirkung schon nach 5
-Minuten unter starker Dyspnöe, Muskelzittern etc. auf. +Innerlich+
-gegeben wirkt Physostigmin beim Rind auffallend schnell in relativ
-geringen Dosen; so rufen 0,15 schwaches Purgieren, 0,3 starkes
-Purgieren, 0,7 dasselbe mit deutlichen Kolikerscheinungen, 0,9-1,0
-Purgieren unter Stöhnen und Aechzen, 1,5 sehr heftiges Purgieren, 3,0
-ebenfalls sehr heftiges Purgieren unter Zittern und Atemnot hervor.
-Dieselbe Wirkung hat die Einspritzung in den Wanst. Sehr empfindlich
-sind im Gegensatz zum Rind die kleinen Wiederkäuer (+Schafe+,
-+Ziegen+), gegenüber dem Eserin (+Kunke+). +Schweine+ scheinen dagegen
-wenig empfindlich gegenüber dem Eserin zu sein; sie zeigen nach +Frank+
-selbst in subkutanen Gaben von 0,1 keine sichtbare Wirkung.
-
-
-=Behandlung.= Das wichtigste Gegengift des Eserins ist das +Atropin+,
-ein physiologisches Antidot, welches erregend auf die durch das
-Eserin gelähmten Zentralorgane der Atmung und des Herzens sowie
-sekretionsbeschränkend auf die Körperdrüsen wirkt. Man gibt es Pferden
-und Rindern subkutan in Dosen von 0,05-0,1. Ausserdem kann man
-+Skopolamin+ (+Hyoszin+), Veratrin und Koffein anwenden. Gegen die
-Erregungserscheinungen gibt man Sedativa (Morphium, Chloralhydrat,
-Bromkalium).
-
-
-=Nachweis.= Die +Abscheidung+ des Physostigmins aus dem
-Untersuchungsmaterial ist deshalb mit grossen Schwierigkeiten
-verknüpft, weil dasselbe eines der am leichtesten zersetzlichen
-Alkaloide ist und sich schon am Licht rot färbt. Die Extraktion muss
-daher im +dunklen Raume+ und bei möglichst +niederer Temperatur+
-vorgenommen werden. Dieselbe geschieht am besten nach der Methode von
-+Dragendorff+ (vgl. S. 199) aus alkalischer wässeriger Lösung durch
-Ausschütteln mit +Benzol+ (oder Amylalkohol oder Chloroform). Von den
-Reaktionen auf Physostigmin ist zunächst wichtig die +physiologische+
-Reaktion, welche darin besteht, dass beim Einbringen der Lösung
-des Mittels in das Auge eines Kaninchens oder Meerschweinchens
-+Pupillenverengerung+ noch bei Anwesenheit von 1/2000 mg Eserin
-eintritt. Die +chemischen+ Reaktionen des Physostigmins sind folgende:
-In erwärmter Ammoniakflüssigkeit löst sich das kleinste Kriställchen
-Eserin zu einer gelblichroten Flüssigkeit, welche beim Eindampfen im
-Wasserbad einen blauen oder blaugrauen, in Weingeist mit blauer Farbe
-löslichen Rückstand hinterlässt (Eserinblau). In einem Tröpfchen
-Schwefelsäure löst sich der Verdampfungsrückstand mit +grüner+ Farbe,
-welche bei allmählicher Verdünnung mit Weingeist in +rot+ übergeht.
-
- =Kasuistik.= +Friedberger+ (Münchener Jahresbericht 1884) beobachtete
- bei einem 300 kg schweren, 18jährigen, mageren, bis auf hochgradiges
- Lungenemphysem relativ gesunden Wallach nach der subkutanen Injektion
- von 0,1 Physostigminum sulfuricum eine schwere Vergiftung. Eine halbe
- Stunde nach der Injektion traten nämlich neben der spezifischen
- Wirkung auf den Darmkanal starke Aufregung, feuriger Blick, Drängen
- nach vorwärts, starkes Abbeugen des Kopfes, sowie intensives
- Muskelzittern im Hinterteil ein; diesen Erscheinungen folgte nach
- etwa 1½ Stunden tiefe Ermattung, welche auch in den nächsten Tagen
- noch andauerte. Weiterhin stellten sich rascher Kräfteverfall,
- Drängen beim Vorwärtsgehen, unsicherer, ataktischer Gang, sowie am
- 5. Tage förmliche maniakalische Erscheinungen und Beisswut ein,
- so dass das Pferd getötet werden musste. +Albrecht+ (Der Tierarzt
- 1888) hat ebenfalls nach der Injektion von 0,1 Eserin bei einem
- schweren Bauernpferde eine 10 Tage lang andauernde Vergiftung,
- bestehend in heftigem Muskelzittern, Schwanken, Zusammenknicken,
- Benommenheit, Pupillenerweiterung, Puls- und Atmungsbeschleunigung,
- sowie Herzschwäche beobachtet. Im Gegensatz hierzu hat +Klemm+ (Bad.
- Mitt. 1884) über Beobachtungen berichtet, wonach bei Pferden Dosen
- von 0,2 Eserin 5mal hintereinander in vierstündigen Pausen, mithin
- ein ganzes Gramm Eserin innerhalb 24 Stunden ohne Gefahr angewandt
- wurden. Auch in der Rindviehpraxis kommen Fälle vor, in welchen
- einzelne Rinder auf Durchschnittsdosen des Eserins ganz auffallend
- stark reagieren. So hat +Albrecht+ 3 Fälle beschrieben, in welchen
- bei Rindern nach der subkutanen Injektion von 0,15 Eserin schwere
- Respirationsstörungen, sowie ganz exzessive Erregungserscheinungen
- auftraten. +Ripke+ sah bei einem Rind schon nach der Injektion von
- 0,1 Eserin Atemnot, Schäumen und Schwäche auftreten; ein anderes Rind
- starb sogar nach 6 Stunden. Für Ziegen wirkten in einem Fall schon
- 0,04 g Eserin giftig (+Gobbels-Copette+, Belg. Annal. 1895).
-
-
-Pilokarpinvergiftung.
-
- =Allgemeines.= Das in den +Jaborandiblättern+ (Pilocarpus
- pennatifolius, brasilianische Rutazee) enthaltene Alkaloid Pilokarpin
- wirkt ebenfalls zuweilen wie das Eserin in therapeutischen Dosen
- giftig, was teils auf die Inkonstanz der Präparate, teils auf
- gewisse individuelle Körperzustände zurückzuführen ist. Besonders
- gefährlich hat sich das Pilokarpin wegen des drohenden Lungenödems
- bei chronischen Lungen- und Herzkrankheiten, sowie bei Behinderung
- des Abschlingens (Pharyngitis) erwiesen.
-
-
-=Krankheitsbild.= Das Pilokarpin bewirkt in erster Linie eine
-+gesteigerte Sekretion der Drüsen+ (Speicheldrüsen, Schweissdrüsen,
-Bronchialdrüsen, Darmdrüsen), in zweiter Linie eine Kontraktion der
-+glatten Muskelfasern+ (Magen-Darmkanal, Sphincter pupillae). Die
-Vergiftungserscheinungen bestehen in abundanter +Speichel-+ und
-+Schweisssekretion+, +hochgradiger Dyspnoe+, +Durchfall+, +psychischen
-Erregungs-+ und +Lähmungserscheinungen+. Wie beim Eserin werden auch
-zuweilen durch das Pilokarpin tobsuchtartige Anfälle hervorgerufen.
-Der Tod erfolgt in einzelnen Fällen apoplektisch, meist wird er jedoch
-durch Erstickung infolge von Lungenödem bedingt.
-
-
-=Behandlung.= Das wichtigste Antidot der Pilokarpinvergiftung ist wie
-beim Eserin das +Atropin+, welches ein starkes Erregungsmittel für das
-Herz und die Atmung ist. Man gibt es Pferden und Rindern subkutan in
-wiederholten Dosen von 0,05-0,1.
-
-
-=Nachweis.= Das Pilokarpin wird genau so wie Eserin abgeschieden
-(extrahiert). Die +physiologische+ Reaktion (Pupillenverengerung)
-ist ebenfalls dieselbe wie beim Eserin; ausserdem kann die
-speicheltreibende Wirkung als Reagens verwertet werden. Dagegen
-unterscheidet es sich vom Eserin durch eine charakteristische
-Farbenreaktion: mit +rauchender Salpetersäure+ tritt nämlich eine
-leichte +Grünfärbung+ ein.
-
- =Kasuistik.= +Friedberger+ (Deutsche Zeitschrift für Tiermedizin
- 1884) berichtet, dass bei einigen Pferden schon kleine Dosen
- ungewöhnlich hochgradige Erscheinungen veranlassten, und dass die
- Patienten insbesondere von hohen Dosen ungleich stark beeinflusst
- wurden. +Siedamgrotzky+ (Sächs. Jahresber. 1886) sah bei Pferden
- nach Dosen von 0,5-1,0 Pilokarpin gefahrdrohende Erscheinungen
- eintreten. +Lies+ (Tiermed. Rundschau 1886/87) warnt vor grösseren
- Dosen Pilokarpin, nachdem ihm ein Pferd nach der Injektion von
- 1,0 Pilokarpin apoplektisch verendete. +Hoffmann+ (ibid. 1887)
- beobachtete bei einem Pferd nach 0,8 Pilokarpin gefahrdrohende
- Dyspnoe, bei einem anderen nach 1,1 eine tödliche Vergiftung. +Dette+
- (ibid. 1888) sah nach der Injektion von 0,7 Pilokarpin ein Pferd
- innerhalb 3 Stunden wie vom Schlage gerührt zusammenstürzen, worauf
- sich neben einer schweren Allgemeinaffektion tobsuchtartige Zufälle
- einstellten, so dass dasselbe getötet werden musste. +Jungers+ (Der
- Tierarzt 1883) konstatierte bei Pferden auf die Einspritzung von
- 0,8 Pilokarpin 8 Tage lang ein schläfriges, kolleriges Benehmen.
- +Maximilian+ (Berliner Archiv 1888) beobachtete 2mal, dass
- sich 2 Tage nach der Pilokarpininjektion die Erscheinungen der
- Pilokarpinwirkung wiederholten. +Philippi+ (Sächs. Jahresber. 1888)
- sah nach der Einspritzung von 0,3 Pilokarpin bei einem gehirnkranken
- Pferd Taumeln, 6 Stunden anhaltende Bewusstlosigkeit und dann
- Tobsucht und Laufwut. +Rust+ und +Cleve+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1890)
- beobachteten ebenfalls bei Gehirnentzündung nach 0,3 Pilokarpin
- Atemnot und Erstickung im eigenen Speichel. +Overbeck+ (Holl.
- Zeitschr. 1898) sah ein Pferd mit Pleuritis nach einer Injektion von
- 0,3 Pilokarpin unter Schweissausbruch und Dyspnoe innerhalb 4 Stunden
- sterben. Nach +Kunke+ (Diss. Bern 1908) sind Schafe und Ziegen
- besonders empfindlich gegen Pilokarpin, indem sie schon nach 0,03
- bezw. 0,04 g Vergiftungserscheinungen zeigen (Lungenödem).
-
-
-Arekolinvergiftung.
-
- =Allgemeines.= Das in der +Arekanuss+ (Areca Catechu, Palme)
- enthaltene Alkaloid Arekolin von der Formel C_{18}H_{13}NO_{2} wird
- seit 15 Jahren (vergl. meine diesbezüglichen Untersuchungen in den
- Monatsh. f. prakt. Tierheilk. 1894) in der Tierheilkunde allgemein
- als Ersatz des Eserins und Pilokarpins namentlich bei der Kolik
- und Hufrehe der Pferde angewandt. Vergiftungsfälle sind trotz des
- häufigen Gebrauches in der Literatur nur vereinzelt beschrieben
- worden. Wie beim Eserin und Pilokarpin scheinen einzelne Pferde
- auch gegenüber dem Arekolin eine individuelle Empfindlichkeit zu
- besitzen. Ausserdem können bei herzkranken Pferden, sowie bei
- bereits eingetretener Herzschwäche (Kolik) unter Umständen schon
- mittlere Dosen giftig wirken. Beim Gebrauch der Arekanuss als
- Wurmmittel sind Vergiftungen bisher nicht beobachtet worden; ihre
- angebliche besondere Giftigkeit für das Geflügel hat sich nach den
- Untersuchungen von +Gizelt+ nicht bestätigt.
-
-
-=Krankheitsbild.= Das Arekolin wirkt wie eine Kombination von
-Pilokarpin und Eserin (+Drüsen-+ und +Darmreizung+). Therapeutische
-Dosen (0,02-0,1) erzeugen beim Pferd Speichelfluss, Durchfall und
-Schweissausbruch. Die Arekolinvergiftung tritt bei gesunden Pferden von
-0,25 ab, bei Herzkranken und Kolikkranken (Herzschwäche) von 0,08 ab
-ein und äussert sich in +epileptiformen+ und +tetanischen Krämpfen+,
-+Herzlähmung+ und +Atmungslähmung+. Die Dosis von 0,5 g wirkt nach
-meinen Versuchen für Pferde tödlich.
-
-Die +Behandlung+ der Arekolinvergiftung ist die gleiche, wie bei
-der Vergiftung durch Pilokarpin und Eserin; sie besteht in der
-Verabreichung von +Atropin+ oder +Skopolamin+ (Hyoszin) als Gegengift.
-Auch der physiologische Nachweis ist derselbe. Chemische Reaktionen des
-Arekolins sind Braunfärbung (Niederschlag) mit Jodlösung, Gelbfärbung
-mit Bromwasser.
-
- =Kasuistik.= Ein 4jähriges, kolikkrankes Ackerpferd, das, wie sich
- nachher herausstellte, schon längere Zeit vorher herzleidend war (die
- Sektion ergab chronische Endokarditis und Perikarditis), erhielt
- 0,08 Arekolin subkutan eingespritzt. Einige Minuten darauf wurde es
- sehr unruhig, schlug um sich, bekam Atemnot, zeigte roten, blasigen
- Schaum an beiden Nasenöffnungen und verendete 8-10 Minuten nach der
- Injektion an Herzlähmung und Lungenödem. Der Besitzer teilte mit, das
- Pferd sei schon vor Eintritt der Kolik im Acker sehr bald schlaff
- und müde geworden und habe sich sehr schlecht genährt (+Wöhner+,
- Woch. f. Tierh. 1906). Ein 14jähriges Pferd erhielt gegen Rehe 0,1
- Arekolin; schon 2 Minuten nach der Injektion zeigte es sehr starke
- Vergiftungserscheinungen, welche über eine Stunde anhielten; das
- Pferd erholte sich erst wieder in einigen Tagen (+Olsen+, Dän. Mon.
- 1900). Nach +Titus+ (Jowa 1907) starb eine Kuh mit Gebärparese
- nach 0,1, ein Schaf nach 0,01 Arekolin. Rinder sind überhaupt sehr
- empfindlich gegen Arekolin, indem sie oft schon bei 0,1 g bedrohliche
- Atemnot zeigen (+Kunke+, Diss. Bern 1908). Neuere Untersuchungen
- über die Wirkung des Arekolins auf die einzelnen Tiergattungen sind
- von +Ruckelshausen+ (Monatshefte für prakt. Tierheilkunde 1910)
- veröffentlicht worden.
-
-
-Vergiftung durch Bucheckern-Oelkuchen.
-
- =Botanisches.= Die +Bucheckern+ oder +Bucheln+ sind die 3kantigen
- Früchte der Rotbuche, Fagus silvatica (Kupulifere). Sie bestehen aus
- einer braunen, harten Schale und einem ölhaltigen Kern und werden
- behufs Gewinnung des Bucheckernöls ausgepresst. Die Pressrückstände,
- welche im wesentlichen aus den braunen Schalen bestehen, werden als
- „Bucheckern-Oelkuchen“ bezeichnet und in manchen Gegenden an die
- Haustiere verfüttert. Sie enthalten einen sehr giftigen Stoff, das
- Fagin, eine mit dem Cholin verwandte, trimethylaminähnliche Base.
- Das Fagin findet sich namentlich in der Schale, in geringeren Mengen
- ferner in der Gerüstsubstanz des Kerns; das ausgepresste Bucheckernöl
- ist dagegen ungiftig.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Vergiftungen durch
-Bucheckern-Oelkuchen ereignen sich immer nur nach Aufnahme grösserer
-Mengen derselben. Am empfindlichsten sind +Pferde+, bei welchen schon
-½-1 kg Oelkuchen eine schwere und nach 1½ kg eine tödliche Vergiftung
-eintritt. Dagegen sollen nach +Pusch+ Rinder wenig oder gar nicht
-empfindlich sein (vergl. übrigens die von +Kammerer+ und +Vaeth+
-mitgeteilten Fälle von Vergiftung). Das Fagin tötet Katzen in Dosen von
-0,4 g. Das Bucheckerngift hat in seiner Wirkung viel Aehnlichkeit mit
-dem +Eserin+, +Nikotin+, +Strychnin+ und +Trimethylamin+; es erzeugt
-nämlich +Darm-+ und +Muskeltetanus+. Die Vergiftungserscheinungen
-beginnen gewöhnlich mit einem sehr +heftigen Kolikanfall+, in
-dessen Verlaufe sich die +Schmerzen+ bis zur +Tobsucht+, +Raserei+
-und +Selbstzerfleischung+ steigern können. Ausserdem beobachtet
-man +Schreckhaftigkeit+, sowie +tetanische+, an +Strychnintetanus
-erinnernde Krämpfe von ausserordentlicher Heftigkeit+, abwechselnd
-mit +Betäubung+, +Bewusstlosigkeit+, +Schwanken+, +Taumeln+,
-+Zusammenstürzen+ und +vollständiger Lähmung+. Der Verlauf der
-Vergiftung ist meist sehr akut, indem die Tiere schon nach einigen
-Stunden unter den Erscheinungen der Erstickung zugrunde gehen können;
-für gewöhnlich ist der Ausgang der Vergiftung innerhalb 12 Stunden
-entschieden. Der +Sektionsbefund+ ist wenig charakteristisch.
-Neben suffokatorischen Erscheinungen findet man bisweilen starke
-ödematöse Durchtränkung und selbst Flüssigkeitsansammlung im Gehirn
-und Rückenmark; zuweilen zeigt auch die Magen- und Darmschleimhaut
-umschriebene, fleckige Rötungen. Die +Behandlung+ ist neben der
-Anwendung von Abführmitteln und der Verabreichung von Tannin als
-chemischem Antidot eine rein +symptomatische+. Sie besteht in der
-Anwendung von Beruhigungsmitteln, vor allem in der subkutanen
-Injektion von +Morphium+. Der Nachweis der Vergiftung wird auf
-botanischem Wege gesichert.
-
- =Kasuistik.= Nach +Wanner+ (Schweizer Archiv für Tierheilkunde
- 1889) erhielten 2 Pferde eines Müllers grössere Mengen gemahlener
- Bucheckern-Oelkuchen mit heissem Wasser zu einem Brei angerührt.
- Das eine Pferd hatte 2 Pfund, das andere 3 Pfund aufgenommen. Beide
- Pferde zeigten zunächst anhaltende Kolikerscheinungen und Schwanken
- bei der Bewegung. Das erstere zeigte ferner bei der am Tage nach
- der Aufnahme der Bucheckern vorgenommenen Untersuchung hochgradige
- Schreckhaftigkeit, indem es bei der geringsten Berührung, ja sogar
- bei einem blossen Geräusch, in äusserste Raserei geriet, welche
- sich durch Beissen und Schlagen kundgab; ausserdem biss es sich
- mindestens 300mal in die Vorderbrust. Eine genaue Untersuchung,
- ja selbst eine Temperaturabnahme war unmöglich, da das Pferd
- bei jeder Berührung biss und wie rasend ausschlug. Neben dieser
- Schreckhaftigkeit waren periodische Lähmungserscheinungen in der
- Nachhand zu bemerken, wobei das Pferd zu schwanken anfing und mit dem
- Hinterteil nach einer Seite halb ging, halb fiel. Nach Verabreichung
- von Pilokarpin und Morphium besserte sich der Zustand allmählich,
- so dass die Krankheit innerhalb 12 Stunden gehoben war; es blieb
- indessen eine 3tägige hochgradige Schwäche zurück. Das zweite Pferd
- zeigte neben den Erscheinungen der Betäubung und Lähmung Krämpfe
- und Zuckungen der gesamten Körpermuskulatur, sowie hochgradigen
- Opisthotonus, wobei sich der ganze Vorderleib in die Höhe hob, so
- dass das Pferd senkrecht auf die Hinterbacken zu sitzen kam und nach
- rückwärts umfiel; dieser Vorgang wurde 8mal beobachtet. Das Pferd
- verendete unter den heftigsten Konvulsionen. Bei der Sektion fand
- man im Dünndarm und auf der Magenschleimhaut umschriebene, fleckige
- Rötungen. Das Grosshirn zeigte eine auffallend seröse Durchtränkung,
- sowie starke Gefässinjektion; dieselben Veränderungen waren im
- verlängerten Mark und im Lendenmark nachzuweisen. -- +Kammerer+ und
- +Vaeth+ (Bad. tierärztl. Mitt. 1890) haben mehrere Vergiftungsfälle
- beim Rind beobachtet; die Erscheinungen bestanden in Unruhe, Stöhnen,
- Durchfall, Herzklopfen, Schwanken, Umfallen, sowie in schwarzroter
- Verfärbung des Harns. -- +Hartenstein+ (Sächs. Jahresb. 1892) sah
- bei zwei Pferden nach der Verfütterung von Oelkuchen tödliche Kolik.
- -- +Pusch+ (Monatshefte f. prakt. Tierheilkunde 1893) verfütterte
- Bucheckern an verschiedene Haustiere (exkl. Schweine, welche von
- jeher mit Bucheckern gemästet werden). Pferde, Ziegen und Schafe
- nahmen sie sehr ungern oder gar nicht, Rinder dagegen sehr gern auf.
- Rinder erwiesen sich dabei wenig oder gar nicht empfänglich. Pferde
- dagegen zeigten schon nach der Verfütterung von 2 Pfund Bucheckern
- Krankheitserscheinungen; ein Fohlen starb sogar nach der Verfütterung
- von 2¾ Pfund. Auch Ziegen scheinen die Bucheckern schlecht zu
- vertragen. -- +Binder+ (Tierärztl. Zentralbl. 1908) sah nach
- Verfütterung unreifer Bucheckern heftige Kolik, Durchfall, Tenesmus,
- Krämpfe, grosse Schwäche und Hinfälligkeit, sowie Harnbeschwerden
- bei den Haustieren auftreten; bei der Sektion wurde Nephritis und
- Zystitis nachgewiesen.
-
- Von älteren experimentellen und klinischen Untersuchungen über
- die Bucheckern-Oelkuchen sind die Mitteilungen von +Gerlach+
- (Gerichtl. Tierheilkunde 1872), +Hertwig+ (Magazin, Bd. 24), +Kaiser+
- (Magazin, Bd. 25), +Hering+ (Württ. landw. Korrespondenzblatt 1825),
- +Tscheulin+ (Kritisches Repertorium 1825) und +Herberger+ (Archiv des
- Apothekervereins 1830) zu erwähnen.
-
-
-Vergiftung durch Sauerampfer, Rumex.
-
- =Botanisches.= Der Sauerampfer gibt in zwei Arten Veranlassung zu
- Vergiftungen bei den Pflanzenfressern. 1. +Rumex acetosa+, der
- gewöhnliche Sauerampfer (Polygonee) ist ein kahles, unbereiftes Kraut
- mit grossen, grünen, pfeilförmigen, sauerschmeckenden Blättern und
- rötlichen, zweihäusigen Blüten. 2. +Rumex acetosella+, der kleine
- Sauerampfer, unterscheidet sich von dem vorigen durch zartere,
- kleinere Blätter, welche spiess- oder hellebardenförmig sind. Beide
- Ampferarten enthalten, wie auch +Oxalis acetosella+, der Sauerklee,
- +saures oxalsaures Kalium+ von der Formel C_{2}O_{4}HK + H_{2}O,
- welches auch unter dem Namen „Kleesalz“ oder „Sauerkleesalz“ (Sal
- Acetosellae, Kalium bioxalicum) bekannt ist. Wegen der leichten
- Löslichkeit dieses Oxalsäuresalzes wirken die genannten Pflanzen in
- grösseren Mengen giftig. Die Sauerampfervergiftung ist demnach als
- eine =Oxalsäurevergiftung= aufzufassen.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Der Sauerampfer gibt am
-häufigsten bei +Schafen+, wenn ihn dieselben in grossen Mengen
-aufnehmen, Veranlassung zu Vergiftungen. Das Vergiftungsbild
-stimmt im wesentlichen mit dem der +Oxalsäurevergiftung+
-(vgl. S. 139) überein. Die Tiere zeigen die Erscheinung einer
-+Gastroenteritis+: +Appetitlosigkeit+, +Durchfall+, +Mattigkeit+ und
-+Lähmungserscheinungen+. Bei der Sektion findet man Entzündung und
-Hämorrhagien auf der Schleimhaut des Magens und Darmes. Die Behandlung
-besteht in der Anwendung schleimiger, einhüllender, sowie exzitierender
-Mittel.
-
-Die +Literatur+ enthält nachstehende Fälle von Rumexvergiftung.
-Nach +Biermann+ (Holländ. Zeitschrift 1886) erkrankten 7 Schafe
-nach dem Beweiden eines stark mit Sauerampfer (Rumex acetosella)
-besetzten Haferstoppelfeldes. Sie zeigten unterdrückte Fresslust und
-Rumination, grosse Mattigkeit, anfangs Verstopfung, später Durchfall,
-angestrengte Atmung, kaum fühlbaren Puls und Herzschlag; bei 2,
-welche krepierten, ergab die Sektion Hyperämie und Ekchymosierung
-der Magendarmschleimhaut, sowie starke Hyperämie der Lungen. Nach
-+Matthias+ (Preuss. Mitth. 1881) starben 40 Schafe nach kurzer
-Krankheitsdauer unter den Erscheinungen eines heftigen Durchfalls; bei
-der Sektion fand man eine Entzündung der Dünndarmschleimhaut. +Michels+
-(Annal. de Bruxelles 1869) beobachtete bei einem Pferd 3 Stunden nach
-der Aufnahme von Rumex acetosella tetanische Krämpfe, welche sich alle
-5 Minuten wiederholten, dazwischen hinein Speicheln, unwillkürlichen
-Harnabgang, Schwanken und Zittern; der Tod erfolgte nach einigen
-Stunden. Bei der Sektion fand man eine Entzündung der Schleimhaut des
-Magens und Zwölffingerdarms. +Dentler+ (Repertorium 1864) sah 25 Schafe
-nach dem Genusse von Sauerklee, Oxalis acetosella, sterben.
-
-
-Vergiftung durch Narzissus.
-
- =Botanisches.= Vergiftungen durch Narzissus, die bekannte Zierpflanze
- (Amaryllidee) der Gärten, kommen sowohl nach Aufnahme der Zwiebel
- und des Krautes der gelbblühenden, als der weissblühenden Narzisse
- vor. 1. +Narcissus Pseudonarcissus+, die gelbe oder gemeine
- Narzisse (Sternblume), ist durch eine einzige, dottergelbe Blüte
- (März, April), zweischneidigen Schaft und eirunde, braune Zwiebel
- charakterisiert. 2. +Narcissus poëticus+, die weisse Narzisse,
- besitzt weisse Blüten mit gelber Nebenkrone. Beide Narzissen
- enthalten ein giftiges Alkaloid, das Narzitin, ätherisches Oel und
- Harz.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Narzitin besitzt eine
-lokal +entzündungserregende+ und späterhin +lähmende+ Wirkung. Die
-Vergiftungserscheinungen setzen sich daher aus den Symptomen der
-Magendarmentzündung (+Kolik+, +starker Durchfall+) und denjenigen
-der +allgemeinen Körperschwäche+ und +Lähmung+ zusammen. Bei der
-Sektion findet man die Erscheinungen einer hochgradigen Enteritis.
-Die Behandlung besteht in der Anwendung schleimiger und exzitierender
-Mittel, sowie in der Verabreichung von Tannin als Gegengift.
-
-Vergiftungen durch Narzissen sind bei Rindern, Schweinen und Ziegen
-beobachtet worden. Nach +Gerlach+ (Gerichtl. Tierheilkunde 1872) frass
-eine Schweineherde die auf den Hof geworfenen Zwiebel von Narcissus
-poëticus, worauf 16 Stück unter den Erscheinungen grosser Schwäche
-und starken Purgierens krepierten; bei der Sektion fand man starke
-Entzündung des Magens und Darms. Zwei Kühe starben nach dem Genusse von
-Gras, welchem viel Narzissen beigemengt waren, am zweiten und dritten
-Tage, nachdem sie grosse Mattigkeit, Stöhnen sowie Drängen auf den
-Mastdarm gezeigt hatten. Aehnliche Fälle sind von +Dinter+ (Sächs.
-Jahresbericht 1882), +Uhlig+ (ibidem 1878), +Johne+ und +Rosenkranz+
-(ibidem 1865), sowie von +Harms+ (Magazin 1871) beschrieben.
-
-
-Vergiftung durch Seidelbast, Daphne.
-
- =Botanisches.= Die zu den Thymeläazeen gehörige Gattung Daphne kommt
- in 2 Arten vor. 1. +Daphne Mezereum+, Seidelbast, Kellerhals, ist
- ein in schattigen, feuchten Wäldern vereinzelt wild wachsender,
- vielfach auch in Gärten als Zierpflanze kultivierter, über 1 m hoher
- Strauch, welcher im Frühjahr blüht, bevor er noch Blätter getrieben
- hat. Die Blüten sind rosenrot, wohlriechend, leicht abfallend und
- sitzen zu dreien gebüschelt in den Achsen der vorjährigen Blätter.
- Letztere sind krautartig, lanzettlich. Im August und September
- entwickeln sich die scharlachroten Beeren. 2. +Daphne Laureola+, die
- Lorbeerdaphne, wächst in Süddeutschland, auf den oberbayerischen und
- österreichischen Alpen, sowie in Böhmen. Die Pflanze zeigt gelbgrüne,
- krautartige Blüten, lederartige, wintergrüne Blätter, sowie schwarze
- Beeren.
-
- Hauptbestandteil beider Daphnearten ist das =Mezerein=, das +Anhydrid
- der Mezereinsäure+ (Mezereumharz). Ausserdem findet sich in der Rinde
- das ungiftige Glykosid Daphnin von der Formel C_{15}H_{16}O_{9} +
- 2 H_{2}O, welches mit dem Aeskulin isomer ist und zu Zucker und
- Daphnetin zerfällt. In den Beeren ist ausserdem Kokkogninsäure
- enthalten. Auch Daphne Gnidium enthält Mezerein. Ein ähnliches
- scharfes Harz findet sich in Thapsia garganica (Südeuropa).
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Anhydrid der Mezereinsäure,
-welches sowohl in der Rinde, als auch in der Blüte, in den Blättern
-und Beeren des Daphnestrauches vorkommt, ist ein gelbbraunes Harz von
-stark +entzündungserregender+ Wirkung (Acre pustulans). Nicht bloss auf
-Schleimhäuten, sondern auch auf der Haut entsteht unter der Einwirkung
-des Mezereinsäureanhydrids und der genannten Pflanzenteile Schwellung,
-Rötung, Entzündung, Blasen-, Pustel- und Geschwürsbildung. Nach der
-innerlichen Aufnahme der Pflanze entsteht das Bild einer +schweren
-Magendarmentzündung+ und +Stomatitis+, welche sich in +Speicheln+,
-+Schlingbeschwerden+, +Erbrechen+, +Kolik+, +starkem Durchfall+,
-+Strangurie+, sowie grosser +Mattigkeit+ und +Schwäche+ äussert. Bei
-der Sektion findet man Schwellung, Entzündung und Geschwürsbildung auf
-der Schleimhaut der Maulhöhle, des Magens und Darmes. Die Behandlung
-besteht in der Verabreichung schleimiger, einhüllender Mittel in
-Verbindung mit Opium.
-
-Die tödliche Dosis der gepulverten Daphnerinde beträgt für Pferde 30 g
-(+Wrigt+), Hunde starben bei unterbundenem Schlund auf 12 g der Rinde
-nach 13 Stunden (+Orfila+). Vergiftungen mit den Blättern von Daphne
-Laureola sind in England beobachtet worden, wo dieselben als Wurmmittel
-angewandt wurden. Nach +Rose+ (The veterinary Record, Bd. 6) erkrankten
-hiebei 5 Pferde unter den Erscheinungen von Stomatitis, Kolik, starkem
-Durchfall, grossem Durst, grosser Schwäche, kleinem, beschleunigtem
-Puls und beschleunigtem Atmen; 3 davon starben im Verlauf von 5 Tagen.
-
-
-Vergiftung durch Rhododendron, Alpenrose.
-
- =Botanisches.= Die zu den Erikazeen gehörige Gattung Rhododendron
- wird in verschiedenen Arten teils in wildem, teils in kultiviertem
- Zustande die Veranlassung zu Vergiftungen bei den Haustieren.
- 1. +Rhododendron hirsutum+, auf den Schweizer Alpen vorkommend,
- ist ein kleiner immergrüner Strauch mit elliptischen oder
- länglichlanzettlichen Blättern, sowie purpurroten oder rosenroten,
- trichterförmigen, in einer Doldentraube stehenden Korollen. 2.
- +Rhododendron ferrugineum+, ebenfalls eine Alpenpflanze, besitzt
- purpurne, trichterförmige Korollen, die Blätter sind am Rande kahl
- und unterseits dicht drüsig schuppig. 3. +Rhododendron maximum+, in
- Nordamerika einheimisch, bei uns als Zierpflanze kultiviert, wird
- bis 8 m hoch, hat länglich spitze Blätter, sowie purpurrote violette
- Blütenkorollen, welche innen gelb punktiert sind. 5. +Rhododendron
- ponticum+, aus Kleinasien stammend, in Gärten kultiviert. 5.
- +Rhododendron chrysanthum+, die sibirische Schneerose, mit widerlich
- riechenden und scharf schmeckenden Blättern.
-
- Die Rhododendronarten enthalten das =Andromedotoxin= als Giftstoff.
- Ausserdem findet sich in ihnen wie in allen Erikazeen Arbutin,
- Erikolin, Urson, Tannin, Gallussäure, Harz und ätherisches Oel. --
- Von Pflanzen, welche ebenfalls Andromedotoxin enthalten, sind zu
- nennen die verschiedenen +Andromedaarten+ (A. polyfolia, japonica,
- Moriana etc.), ferner Azalea indica, Kassandra-, Kalmia-, Monotropa-
- und Pierisarten.
-
-
-=Krankheitsbild.= Das Andromedotoxin ist ein scharfer,
-+akonitinähnlich+ wirkender Stoff, welcher auf +Haut+ und
-+Schleimhäuten+ +Entzündung+ hervorruft und auf das Zentralnervensystem
-+betäubend+ und +lähmend+ einwirkt. Die Vergiftungserscheinungen
-bestehen daher in +Speicheln+, +Würgen+, +Erbrechen+, +Kolik+,
-+blutigem Durchfall+, +Erregungserscheinungen+, +Betäubung+ und
-+Lähmung+. Bei der Sektion findet man die Erscheinungen der
-Gastroenteritis. Die Behandlung besteht in der Verabreichung
-schleimiger, einhüllender, sowie exzitierender Mittel.
-
-Die tierärztliche +Literatur+ enthält einige Fälle von
-Rhododendronvergiftung. +Piepenbrock+ (Preuss. Mitteil. 1877)
-berichtet, dass von 2 Ziegen, welche in einem Blumengarten Zweige der
-Alpenrose mit Begierde gefressen hatten, die eine nach Ablauf einer
-Stunde heftiges Würgen und Erbrechen, starkes Geifern aus dem Maule,
-Zähneknirschen, sowie Schweissausbruch über den ganzen Körper zeigte
-und bei Berührung des Körpers schmerzhaftes Blöken äusserte; am Tage
-darauf lag sie gelähmt, langausgestreckt im Stalle. Die zweite Ziege
-stand betäubt, die Stirn gegen die Wand gestemmt; der Mist war hart,
-der Kotabsatz verzögert und mit schmerzhaftem Blöken verbunden, im Kote
-fanden sich blutige Striemen, der Puls war unfühlbar. Am 3. bezw. 5.
-Tage trat bei beiden Tieren Besserung und am 8. Tag Genesung ein. Nach
-+Gerlach+ (Gerichtl. Tierheilkunde) krepierten von 100 jungen Schafen,
-welche einen Rhododendronstrauch abgefressen hatten, mehrere, ausserdem
-mussten 27 wegen schwerer Erkrankung geschlachtet werden. +Claussen+
-(Schleswig-Holst. Mitt. für Tierärzte 1896) sah bei 3 Ziegen
-Erbrechen, Appetitlosigkeit und Erregungserscheinungen. +Marston+
-(The Veterinarian) beobachtete bei 2 Rindern starken Speichelfluss,
-öfteres Erbrechen sowie Erregung bei Annäherung von Personen. +Wilson+
-(ibid. 1897) fand bei einer Ziege Traurigkeit, schwankenden Gang,
-anhaltendes Speicheln, Verstopfung sowie krampfhafte Kontraktionen der
-Bauchmuskeln mit Würg- und Brechbewegungen. Einen weiteren Fall von
-Rhododendronvergiftung hat +Salembier+ (Bullet. Belg. 1886) beschrieben.
-
-
-Vergiftung durch Oenanthe crocata, Rebendolde.
-
- =Botanisches.= Die zu den Umbelliferen gehörige, mit dem Schierling
- nahverwandte +gelbsaftige Rebendolde+, +Oenanthe crocata+, ist ein
- in Südeuropa, Frankreich, England und Belgien auf Sumpfwiesen und
- an Wassergräben wild wachsendes Unkraut mit knollenförmiger Wurzel,
- welche einen gelben, sehr giftigen Milchsaft enthält. Der giftige
- Körper dieses Milchsaftes ist das Oenanthin, ein bräunliches Harz,
- welches auch in der bei uns einheimischen röhrenförmigen Rebendolde,
- +Oenanthe fistulosa+, enthalten ist, einer auf sumpfigen Wiesen und
- in Wassergräben wachsenden, bis ¼ m hohen, im Juni und Juli blühenden
- Umbellifere mit rübenförmiger Wurzel (früher als volkstümliches
- Diuretikum angewandt).
-
-
-=Krankheitsbild.= Das Oenanthin ist ein Harz, welches örtlich +stark
-reizende+, +entzündungserregende+ Wirkung hat. Ausserdem ist es ein
-+Krampfgift+ nach Art des Zikutoxins. Kaninchen zeigen nach Dosen
-von 0,02 g krampfhafte Streckbewegungen der Vorderbeine, Lauf- und
-Schwimmbewegungen, allgemeine klonische Krämpfe und sterben nach
-30 Minuten unter Stillstand der Atmung (+Pohl+, Arch. für exper.
-Pathol. 1894). Die Krankheitserscheinungen bestehen daher vorwiegend
-in +Stomatitis+, +Kolik+, +Durchfall+, +Krämpfen+ und +allgemeiner
-Lähmung+. Bei der Sektion findet man entzündliche Veränderungen der
-Magendarmschleimhaut. Die Behandlung besteht in der Verabreichung
-schleimiger und exzitierender Mittel.
-
-Vergiftungen ereignen sich bei den Haustieren nach dem Genusse der
-ausgegrabenen Wurzeln. (Die grüne Pflanze soll nicht giftig sein.)
-+Gaignard+ (Recueil 1895) sah bei Pferden und Rindern nach der
-Aufnahme der Wurzeln Speicheln, Schwindel, Niederstürzen, Brüllen,
-grosse Unruhe und Schweissausbruch, elektrische Muskelstösse,
-epileptiforme Krämpfe, Verkrümmung des Halses und Rückens, tetanisehe
-Härte der Muskeln und schliesslich Lähmung. Nach den Beobachtungen
-von +Bellancy+ (Repertorium 1856) starb eine Kuh nach der Aufnahme
-von 650 g der Wurzel von Oenanthe crocata schon nach Verfluss einer
-Stunde. 400 g der Wurzel hatten Krämpfe, Atmungsnot, Anästhesie und
-allgemeine Lähmung bei einer andern Kuh zur Folge. Ein Pferd starb
-nach dem Genusse von 850 g der Wurzel schon innerhalb 25 Stunden unter
-Krämpfen und Kolikerscheinungen. +Jouquan+ (Recueil 1885) beobachtete
-bei einer Kuh ½ Stunde nach der Aufnahme der ausgegrabenen Wurzeln
-heftige Kolik, starkes Brüllen, sowie unregelmässige Bewegungen der
-Gliedmassen. +Hoare+ (The vet. journ. 1888) beschreibt eine Vergiftung
-bei 8 Kühen, welche die Wurzeln und das Kraut der giftigen Rebendolde
-gefressen hatten; 2 derselben starben. +Macadam+ (ibid. 1897) sah bei
-Kühen wässerigen Durchfall, Gliederzittern und Lähmung; die Sektion
-ergab entzündliche Schwellung der Magenschleimhaut. +Graham-Gillam+
-beobachtete bei 4 Schafen eine Entzündung des Labmagens, Duodenums und
-Kolons.
-
-
-Vergiftung durch Schöllkraut, Chelidonium.
-
- =Botanisches.= Das +Schöllkraut+, +Chelidonium majus+ (Maikraut,
- Goldwurz, Gilbkraut, Augenkraut, Gottesgabe) ist eine überall in
- Europa einheimische, perennierende, bis 1 m hohe Papaverazee, welche
- in allen Teilen einen orangegelben Milchsaft enthält. Das starke,
- rotbraune Rhizom sendet mehrere aufrechte, stumpfkantige, knotig
- gegliederte, leicht zerbrechliche, weissliche, weich behaarte Stengel
- aus. Die Blätter sind oben lichtgrün, unten blaugrün, zottig behaart,
- leierförmig; die 4blätterigen Blüten sind gelb und in gestielten
- Dolden angeordnet. Die schotenförmige Kapsel ist bis 5 cm lang,
- 4 cm breit und enthält braune, schief eiförmige Samen. Die ganze
- Pflanze ist durch einen widerlich scharfen Geruch, sowie durch einen
- scharfen, brennenden, bitteren Geschmack ausgezeichnet.
-
- Der zu 25 Prozent im Schöllkraut enthaltene Milchsaft, welcher bei
- heissem trockenem Wetter am giftigsten ist, enthält 2 Alkaloide.
- 1. Das =Chelerythrin=, ein ausserordentlich giftiges, besonders in
- den Wurzeln und in den unreifen Früchten enthaltenes Alkaloid von
- der Formel C_{19}H_{17}NO_{4}, welches warzenförmige Kristalle von
- brennendem, scharfem, bitterem Geschmack bildet, sich mit Säuren
- sofort rot färbt und mit Säuren Salze bildet. 2. Das viel weniger
- giftige +Chelidonin+ von der Formel C_{20}H_{19}NO_{5}, ein rein
- weisses, geruchloses, bitter und kratzend schmeckendes Pulver.
- Ausserdem enthält der Milchsaft Chelidonsäure, Chelidoninsäure,
- Chelidoxanthin (Farbstoff), Zitronensäure und Aepfelsäure.
-
-
-=Wirkung.= Das Chelerythrin besitzt eine +entzündungserregende+
-lokale Wirkung auf Haut und Schleimhäute und erzeugt daher bei
-innerlicher Aufnahme +Erbrechen+, +Kolik+ und +starken Durchfall+.
-Ausserdem besitzt es eine +harntreibende+, sowie eine teils erregende,
-teils +lähmende+ Wirkung auf das Zentralnervensystem, welche sich
-in Zuckungen, Sinken der Reflexerregbarkeit, Anästhesie, sowie in
-Lähmung der Skelettmuskeln, des Herzens und des Atmungszentrums
-äussert. Das Chelidonin besitzt eine morphinähnliche Wirkung.
-Klinische Vergiftungen sind bei den Haustieren nur ganz vereinzelt zur
-Beobachtung gelangt, da die Tiere die Pflanze wegen ihres scharfen,
-brennenden Geschmackes meiden. +Schmidtke+ beobachtete bei einer
-Ziege, die ausschliesslich Schöllkraut als Wildfutter einige Tage
-hindurch erhalten hatte, Durchfall und Taumeln; die Sektion ergab das
-Vorhandensein von Gastroenteritis. Experimentelle Untersuchungen haben
-ergeben, dass Pferde und Rinder das Schöllkraut in Gaben bis zu ½ kg
-gut ertragen, indem sie nur eine Vermehrung der Harnsekretion zeigen
-(+Hertwig+). +Orfila+ sah bei einem Versuchshunde nach dem Eingeben
-eines wässerigen Extraktes der Pflanze Erbrechen, Lähmung, Anästhesie,
-Amaurose, Taubheit; in eine Wunde gebracht, hatte das Extrakt starke
-entzündliche Schwellung, allgemeine Anästhesie, sowie den Tod zur
-Folge. Das Schöllkraut wurde früher in der Tierheilkunde als Purgans,
-Cholagogum und Diuretikum angewandt und wird neuerdings wieder in der
-Menschenheilkunde benützt.
-
-
-Vergiftung durch Aron, Arum maculatum.
-
- =Botanisches.= Der +Aron+, +Arum maculatum+ (Aronstab, Zehrwurz,
- Fieberwurz, Zahnwurz, Fresswurz), findet sich in feuchten Laubwäldern
- Mittel- und Südeuropas. Das Rhizom ist rundlich oval, fleischig,
- kartoffelgross, sehr stärkemehlreich. Der Schaft trägt einen von
- einer grossen Spatha umschlossenen, terminalen Kolben. Die Blätter
- (2-3) sind spiessförmig oder pfeilförmig, lang gestielt und braun
- gefleckt. Die Beeren sind rot. Der Aron enthält das =Aronin=, ein
- angeblich mit dem Saponin identisches Alkaloid (nach andern ein
- Alkaloid +Aroin+ bezw. ein Glykosid +Arin+). Aehnliche Stoffe
- finden sich auch in den übrigen Aroideen: +Calla palustris+,
- +Dieffenbachia+, +Caladium+ u. a., namentlich auch in den als
- Topfpflanzen gezogenen Kallaarten.
-
-
-=Wirkung.= Das Aronin besitzt, wie das Saponin, eine stark
-+entzündungserregende+ Wirkung auf +Wunden+, +Haut+ und +Schleimhäute+.
-Ein Vergiftungsfall beim Pferd ist von +Mergel+ (Russ. Archiv für
-Veterinärmedizin 1884) beschrieben. Eine 8jährige Stute, welche
-vor 3 Tagen einen Hufschlag in die Hüfte erhalten hatte, bekam an
-dieser Stelle Befeuchtungen mit einem Infus der frischen Blätter
-von Arum maculatum. Durch die Bewegungen des Schweifes wurde die
-Flüssigkeit auch auf das Mittelfleisch und den After übertragen.
-Die Vergiftungserscheinungen bestanden in starker Anschwellung des
-Afters, der Vulva, des Euters und der Wundränder. Daneben beobachtete
-man Zittern über den ganzen Körper, Stehen mit gespreizten Beinen
-und gestrecktem Hals, beschleunigte Atmung, pochenden Herzschlag,
-sowie starke Injektion der sichtbaren Schleimhäute. Am dritten Tag
-trat der Tod des Pferdes ein. Kontrollversuche an Ratten, Mäusen und
-Fröschen ergaben bei diesen Versuchstieren nach dem Einbringen des
-Arons in Wunden ebenfalls eine tödliche, unter den Erscheinungen einer
-Depression des Nervensystems verlaufende Vergiftung.
-
-
-Vergiftung durch Schwalbenwurzel, Asklepias vincetoxicum.
-
- =Botanisches.= Die +Schwalbenwurzel+ (Hundswürger), +Asklepias
- vincetoxicum+ (Cynanchum vincetoxicum), ist eine bis einen halben
- Meter hohe Asklepiadee mit aufrechtem Stengel, herzförmigen
- Blättern und weissen Doldenblüten. Sie enthält das giftige Glykosid
- =Asklepiadin=, eine schwach gelbliche, amorphe, in Wasser leicht
- lösliche Masse von grosser Zersetzlichkeit, welche in Zucker,
- +Asklepin+ und Asklepion zerfällt.
-
-
-=Wirkung.= Das Asklepiadin ist ein +Nierengift+, welches infolge
-von Nierenreizung +Polyurie+ und +Nephritis+, sowie infolge von
-Blasenreizung +Harndrang+ und +Cystitis+ erzeugt. In einem von +E.
-Veith+ mitgeteilten Fall (Mitteilungen österr. Veterinäre 1844)
-erkrankte eine Schafherde nach dem Genuss der Schwalbenwurzel unter
-den Erscheinungen der Harnruhr. Mehrere Wochen und Monate hindurch
-wurde beobachtet, dass Schafe hinter der Herde zurückblieben, hinten
-breitbeinig gingen, sich häufig zum Harnen anstellten, öfters unter
-Schmerzen einen klaren, wasserhellen Harn absetzten und bei Druck in
-der Lendengegend grosse Schmerzhaftigkeit äusserten. Später träufelte
-der Harn fortwährend unwillkürlich ab, die Tiere wurden sehr matt
-und schwach, zeigten Schwindel und Taumeln und starben nach wochen-
-und monatelanger Dauer der Krankheit. Bei der Sektion zeigten sich
-die Nieren entzündlich verändert, die Schleimhaut der Blase wulstig
-verdickt und von Hämorrhagien durchsetzt, die Harnleiter waren
-ebenfalls verdickt. Fütterungsversuche, wobei täglich 30-90 g des
-frischen Krautes gesunden Schafen verabreicht wurden, ergaben, dass
-schon nach 3 Tagen häufiger Drang zum Harnabsatz und nach 8 Tagen das
-obenbeschriebene Krankheitsbild zu konstatieren war.
-
-Eine +Behandlung+ der Vergiftung würde in der Verabreichung
-von Laxantien, sowie in einer symptomatischen Behandlung der
-Nierenentzündung bestehen (Tannin, Kali chloricum).
-
-
-Vergiftung durch Stephanskörner, Delphinium Staphisagria.
-
- =Botanisches.= Das +Stephanskraut+, +Delphinium Staphisagria+
- (Läusekraut, scharfer Rittersporn) ist eine südeuropäische
- Ranunkulazee mit blauen, traubenförmigen Blüten und bauchigen,
- zottigen Samenkapseln, welche erbsengrosse, kantige Samen,
- die sogenannten +Stephanskörner+ oder +Läusekörner+, Semina
- Staphisagriae, einschliessen. Diese Stephanskörner wurden früher in
- der Tierheilkunde äusserlich gegen Ungeziefer, sowie innerlich gegen
- verschiedene Krankheiten angewandt. Sie enthalten 4 Alkaloide: das
- =Delphinin=, +Staphisagrin+, +Delphinoidin+ und +Delphisin+. Diese
- Alkaloide sind wahrscheinlich auch in geringer Menge in Delphinium
- consolida, dem Feldrittersporn, einem auf Aeckern häufigen Unkraut
- mit dunkelvioletten, einfach gespornten Blüten und schwarzbraunen,
- kantigen, scharf und bitter schmeckenden Samen enthalten. In Amerika
- sollen ferner Vergiftungen durch Delphinium bicolor und glaucum
- vorkommen.
-
-
-=Wirkung.= Das Delphinin besitzt eine +akonitinähnliche+ Wirkung,
-indem es +spinale Krämpfe+ mit späterer +Lähmung+, Unempfindlichkeit,
-Herzstillstand, sowie Asphyxie erzeugt; lokal wirkt es stark
-+reizend+ auf +Haut+ und +Schleimhäute+. Hunde und Katzen starben
-auf 0,01-0,03 Delphinin, nachdem sie +Speicheln+, +Würgen+,
-+Erbrechen+, +Kolikerscheinungen+, +Abnahme+ der +Reflexerregbarkeit
-und Sensibilität+, +Streckkrämpfe+, +sowie Lähmung des Herzens und
-der Atmung+ gezeigt hatten. Das Staphisagrin hat eine koniin- und
-kurareartige Wirkung (Delphocurarin); es tötet Hunde in Dosen von
-0,2-0,3. Die gepulverten Samen töten Hunde in Dosen von 30 g vom Magen,
-in Dosen von 8 g von der Haut aus; bei der ersteren Applikation findet
-man bei der Sektion eine Entzündung der Magenschleimhaut (+Orfila+).
-
-Klinische Vergiftungen durch Stephanskörner sind, nachdem das Mittel
-therapeutisch fast gar nicht mehr verwendet wird, sehr selten geworden.
-In einem Fall beobachtete +Beier+ (Landwirtschaftliche Zeitung 1845)
-bei 6 Pferden, welchen gegen Druse je 60 g Stephanskörner eingegeben
-wurden, sehr heftige Kolikerscheinungen, Schweissausbruch, Betäubung
-und Empfindungslosigkeit, sowie Tod innerhalb 24 Stunden. Die
-Behandlung der Vergiftung würde in der Verabreichung von schleimigen,
-einhüllenden Mitteln, Tannin, Opium, sowie von Exzitantien bestehen.
-
-
-Vergiftung durch Taumelkerbel, Chaerophyllum temulum.
-
- =Botanisches.= Der +Kerbel+ oder +Taumelkerbel+, +Chaerophyllum
- temulum+ (betäubender Kälberkropf) ist eine bis meterhohe, weiss
- blühende Doldenpflanze (Umbellifere), welche einen dünnen, rauh
- behaarten und dunkelrot gefleckten Stengel, doppelt gefiederte
- Blätter, sowie schnabellose Früchte besitzt. Der Taumelkerbel enthält
- das giftige =Chaerophyllin=.
-
-
-=Wirkung.= Das Chaerophyllin ist ein +Acre-Narcoticum+. Es erzeugt
-+Reizung der Magendarmschleimhaut+, +Betäubung+, +Taumeln+,
-+Pupillenerweiterung+ und +allgemeine Lähmung+. Die tierärztliche
-Literatur enthält 2 Fälle von Vergiftung bei Rindern und Schweinen.
-Nach +Frey+ (Schweizer Archiv 1845) erkrankten 3 Kühe nach der Aufnahme
-von Kraut und Wurzeln des Taumelkerbels unter den Erscheinungen der
-Appetitlosigkeit, Schmerzhaftigkeit des Hinterleibs, Auftreibung des
-Bauches, Injektion der Schleimhäute, Pupillenerweiterung, Benommenheit
-des Sensoriums, Umstülpung des Afters, sowie Entleerung von Schleim
-unter starkem, schmerzhaftem Drängen. Bei der Sektion fand man starke
-Entzündung des Labmagens, sowie Rötung der Schleimhaut des Psalters
-und Dünndarmes. +Kohli+ (Der Tierarzt 1862) beobachtete bei Schweinen
-Pupillenerweiterung, sowie Lähmungserscheinungen, welche in der
-Nachhand begannen; 3 derselben starben innerhalb 24 Stunden, ein
-viertes innerhalb 36 Stunden. Die Sektion ergab das Vorhandensein einer
-Gastroenteritis.
-
-
-Vergiftung durch Steinklee, Melilotus officinalis.
-
- =Botanisches.= Der +Steinklee+, +Melilotus officinalis+ ist
- eine bis meterhohe Papilionazee mit aufsteigendem Stengel,
- fiedrigen, 3zähligen Blättern, vielblütigen, gestielten Trauben
- und querfaltigen, 1samigen Hülsen. In der Schmetterlingsblüte sind
- Fahne und Flügel gleich lang, sowie beide länger als das Schiffchen.
- Der Steinklee enthält das =Kumarin=, ausserdem Melilotol, Harz und
- ätherisches Oel.
-
-
-=Wirkung.= Nach den Beobachtungen von +Carrey+ und +Collas+ (Journal de
-Lyon 1888) sind die +Samen+ des Steinklees giftig. Der Giftstoff selbst
-ist nicht genauer bekannt, seine Wirkung ist eine +lähmende+. Pferde,
-welche täglich 2-3 Liter Steinkleesamen erhalten hatten, zeigten
-eine eigentümliche Erkrankung, welche in der Hauptsache in einer
-Lähmung der Rumpfmuskulatur bestand, während die Bewegungsfähigkeit
-am Kopf erhalten war. Sonstige Krankheitserscheinungen waren nicht
-wahrzunehmen. Die Tiere starben nach Ablauf von 10-12 Tagen; bei der
-Sektion wurde ausser starker Lungenhyperämie sowie Schwellung der Leber
-nichts Besonderes gefunden. Auch Lämmer und Rinder sollen erkrankt sein.
-
- =Kumarinvergiftung.= Das Kumarin gehört seiner chemischen Natur nach
- zu den ätherischen Oelen. Es ist eine Kampferart mit Säurecharakter
- von der Formel C_{9}H_{6}O_{2}, welche deshalb wohl auch als
- Kumarinsäure oder Tonkabohnenkampfer bezeichnet wird. Man findet es
- nämlich hauptsächlich in den +Tonkabohnen+, den Früchten von Dipterix
- odorata, welche 1-1½ Proz. Kumarin enthalten. Daneben kommt es in
- kleineren Mengen vor im +Ruchgras+ oder wohlriechenden Wiesengras
- (Anthoxanthum odoratum), im +Waldmeister+ (Asperula odorata), im
- +Steinklee+ (Melilotus officinalis), sowie in verschiedenen anderen
- Pflanzen (Myroxylon toluiferum, Orchis fusca, Angraecum fragrans,
- Liatris odoratissima). Ausserdem kann das Kumarin synthetisch aus der
- Salizylsäure dargestellt werden. Aus den genannten Pflanzen wird es
- durch Extraktion mit Alkohol und Aether gewonnen. Es bildet farblose,
- säulenartige oder blättchenförmige Kristalle von dem gewürzhaften
- Geruch des Waldmeisters und scharfem, bitterem, brennendem
- Geschmacke. Die Löslichkeit in Wasser ist gering (1 : 500), dagegen
- löst es sich leicht in Alkohol, Aether, fetten und ätherischen
- Oelen. Beim Schmelzen mit Aetzkali zerfällt es in Salizylsäure und
- Essigsäure.
-
- Die +Toxikologie+ des Kumarins ist zuerst von +Köhler+ (Zentralblatt
- für die medizinischen Wissenschaften 1875) untersucht worden. Die
- an Fröschen, Kaninchen, Hunden und Katzen angestellten Experimente
- zeigten, dass das Kumarin für diese Tiere ein +lähmendes Gehirn-+
- und +Herzgift+ ist. Die wichtigsten Vergiftungserscheinungen waren:
- Betäubung, Anästhesierung und Herabsetzung der Reflexerregbarkeit
- (Katzen taumelten wie betrunken umher, zeigten hochgradige
- Muskelschwäche und blieben schliesslich gelähmt und bewegungslos
- am Boden liegen), Lähmung des Herzens und zwar sowohl der
- Vagusendigungen als auch der intrakardialen Hemmungszentren und des
- Herzmuskels selbst, mit gleichzeitiger Erweiterung der peripheren
- Gefässe und Sinken des Blutdrucks, Sinken der Körpertemperatur und
- Herabsetzung der Erregbarkeit des Atmungszentrums.
-
- Meine eigenen Versuche mit Kumarin bei +Pflanzenfressern+ (Rindern,
- Pferden, Schafen und Ziegen) haben ein von obigen Versuchen
- abweichendes Resultat ergeben (Monatshefte für prakt. Tierheilkde.
- 1890). Dasselbe ist folgendes: Das Kumarin tötet Pferde in Dosen von
- 50 g, Schafe in solchen von 5 g. 25 g Kumarin sind für Pferde und
- Rinder eine indifferente Dosis. +Das Kumarin ist für Pflanzenfresser
- mithin kein starkes Gift.+ Bei allen Versuchstieren äussert sich
- die Wirkung des in Substanz verabreichten Kumarins zuerst in einer
- +entzündlichen Reizung der Magendarmschleimhaut+. Das in die Blutbahn
- aufgenommene Kumarin wirkt in erster Linie als +Herzgift+, in
- zweiter Linie als Atmungsgift. +Eine narkotische oder hypnotische
- Wirkung des Kumarins wurde niemals konstatiert.+ Das Sensorium aller
- Versuchstiere blieb vielmehr bis zum tödlichen Ende relativ frei.
- Auch eine lähmende Einwirkung auf die Körpermuskulatur oder auf das
- Rückenmark liess sich nicht feststellen. Die am Ende der Vergiftung
- auftretende allgemeine Schwäche war vielmehr lediglich die Folge
- der zunehmenden Herzschwäche. Der tödliche Ausgang wird durch die
- lähmende Wirkung auf das Herz verursacht (Lungenödem). In einem Fall
- erzeugte das Kumarin Ikterus und Nephritis, in allen anderen Fällen
- fehlten diese Erscheinungen. Eine konstante Nebenerscheinung bildeten
- endlich der Kumaringeruch der ausgeatmeten Luft, der Nasenausfluss
- und die höhere Rötung der sichtbaren Kopfschleimhäute.
-
- Die vorstehenden Kumarinversuche wurden von mir speziell zur Lösung
- der Frage unternommen, +ob die nach der Aufnahme von+ =frischem
- Heu= +mitunter beobachteten eigentümlichen Krankheitsfälle als
- Kumarinvergiftung aufzufassen sind+?
-
- Den kasuistischen Mitteilungen über angebliche Kumarinvergiftungen
- bei Pferden ist folgendes zu entnehmen. In der Zeitschrift für
- Veterinärkunde (1891, S. 457) teilt Rossarzt +Mierswa+ mit, dass
- auf dem Schiessplatz zu Hammerstein das fast ausschliesslich aus
- Ruchgras bestehende Heu abgemäht, gut getrocknet und, ehe es anfing
- zu schwitzen, teils allein, teils mit anderem Heu vermischt an die
- Pferde der reitenden Abteilung des Artillerieregiments Prinz August
- verfüttert wurde. Nachdem diese Fütterung einige Zeit fortgesetzt
- war, stellten sich bei einigen Pferden +leichte Kolikerscheinungen+
- ein. Andere Pferde zeigten +grosse Eingenommenheit des Kopfes+,
- standen teilnahmslos im Stall, stützten den Kopf auf die Krippe,
- hatten beim Vorführen einen +schwankenden Gang+ und zeigten rauhes,
- aufgebürstetes Haar. Sobald die Verfütterung des betreffenden
- Heus eingestellt wurde, verloren sich die bei vielen Pferden
- konstatierbaren krankhaften Symptome. Der Beobachter hat daraus
- den Schluss gezogen, dass in dem Ruchgras ein betäubender Stoff,
- wahrscheinlich das Kumarin, enthalten sei, dessen Wirkung für
- gewöhnlich nicht zur Geltung komme, weil das Ruchgras neben andern
- Gräsern im Heu sich in der Minderheit befinde, dass er aber bei
- ausschliesslicher Verfütterung des Ruchgrases schädliche Wirkungen
- auf das Nervensystem zur Folge habe.
-
- Ueber einen zweiten ähnlichen Fall wird im Pferdefreund (1888,
- Nr. 26) berichtet. 30 Pferde des Zirkus Lorch erkrankten im Juli
- 1888 in Luzern plötzlich in der Nacht unter höchst eigentümlichen
- Krankheitserscheinungen, welche sich in +unregelmässigem Herzschlag+,
- starker +Rötung der Augen+, sowie in hohem +Fieber+ äusserten. Der
- behandelnde Tierarzt stellte die Diagnose auf Intoxikation durch
- ein „Herzgift“. 9 Pferde starben; die Sektion ergab einen durchaus
- negativen Befund. Das Trinkwasser, die Bodenbeschaffenheit, der
- verabreichte Hafer wurde als vollständig normal erfunden. Deshalb
- wurde als Krankheitsursache die Verfütterung von jungem Heu
- angenommen, eine Voraussetzung, welche durch Fütterungsversuche bei
- Anatomiepferden bestätigt wurde.
-
- +Von diesen Fällen stimmt nur die zweite Beobachtung in
- mehreren Punkten mit dem von mir erzeugten Krankheitsbilde der
- Kumarinvergiftung überein.+ Hier wie dort liegt eine spezifische
- Wirkung auf das Herz vor, in beiden Fällen wurden Rötung der
- Kopfschleimhäute und Fieber als Begleiterscheinungen der Vergiftung
- konstatiert. Es fragt sich nur, +ob in frischem Heu so viel Kumarin
- enthalten ist, dass die Aufnahme desselben zu einer Kumarinvergiftung
- führen kann+. Zwar liegen keine chemischen Analysen bezüglich des
- Kumaringehaltes von frischem Heu vor. Ich möchte aber vom rein
- theoretischen Standpunkte aus bezweifeln, dass das frische Heu
- tatsächlich so viel Kumarin enthält, dass eine Kumarinvergiftung
- zustande kommen kann. Denn wenn man eine starke Tagesration Heu
- für ein Pferd zu 5 kg rechnet, so müsste das Heu 1 Proz. Kumarin
- enthalten, um in 5 kg einen Gesamtgehalt von 50 g Kumarin, d. h.
- die tödliche Dosis zu besitzen. Ein derartig starker, 1prozentiger
- Kumaringehalt kommt allerdings der Tonkabohne zu. Vergleicht man aber
- den Kumaringeruch der Tonkabohne mit demjenigen des frischen Heus,
- so ist derselbe bei ersterer ungleich stärker, als bei letzterem.
- Hauptsächlich aus diesem Grunde komme ich trotz der unzweifelhaften
- Aehnlichkeit gewisser Krankheitsfälle zu dem Schlusse, +dass bei der
- geringen Giftigkeit des Kumarins und bei dem geringen Kumaringehalt
- des Heus eine Kumarinvergiftung nach Aufnahme von Heu wahrscheinlich
- ist+.
-
-
-Vergiftung durch Flachsseide, Cuscuta europaea.
-
- =Botanisches.= Die +Flachsseide+, +Cuscuta europaea+ (Konvolvulazee),
- ist ein chlorophylloser, links windender, fadenförmiger
- Stengelschmarotzer, welcher als Unkraut auf Hopfen, Klee usw.
- parasitiert. Ueber die wirksamen Bestandteile der Pflanze ist
- mit Sicherheit nichts bekannt. Da sie früher als Abführmittel
- angewandt wurde und zu den Konvolvulazeen gehört, ist es nicht
- unwahrscheinlich, dass der giftige Stoff der Pflanze das auch in der
- Jalapenwurzel enthaltene Konvolvulin ist.
-
-
-=Krankheitsbild.= Eine Vergiftung durch Flachsseide ist bei Schweinen
-von +Glocke+ (Preuss. Mitt. 1872) beschrieben worden. 5 Ferkel im
-Alter von 3-5 Monaten hatten Klee gefressen, welcher stark mit
-Flachsseide überwuchert war. Die Tiere lagen auf der Seite, unvermögend
-aufzustehen, machten Laufbewegungen mit den Beinen, der Kopf wurde
-ruckweise nach dem Rücken und nach der Seite verzogen. Bei der Sektion
-fand man die Schleimhaut des Kolons stark geschwollen, stellenweise
-von streifigen Blutungen durchsetzt und mit gallertartigem Schleime
-bedeckt. Das Ergebnis der Sektion in Verbindung mit den während des
-Lebens beobachteten Krankheitserscheinungen weist darauf hin, dass die
-Flachsseide einen +scharfnarkotischen+ Giftstoff enthält.
-
-
-Vergiftung durch Orant, Antirrhinum majus.
-
- =Botanisches.= Der +Orant+ (Löwenmaul) kommt in 2 Formen vor: 1.
- +Antirrhinum majus+, aus dem südlichen Europa stammend und 2.
- +Antirrhinum Oronthium+, eine bei uns einheimische Skrofulariazee. Er
- ist charakterisiert durch seine schöne purpurne oder weisse Blüte mit
- 2lippiger Korolle, welche am Grunde der Röhre bauchig ist und deren
- Unterlippe den Schlund vollständig schliesst.
-
-
-=Krankheitsbild.= Der früher als Arzneimittel verwendete Orant
-enthält einen nicht näher bekannten giftigen Stoff von +betäubender+,
-+lähmender+ Wirkung. Vergiftungen bei Pferden sind von +Popow+
-(Russischer Veterinärbote 1884) beschrieben worden. Die Pflanze,
-welche auf den Getreidefeldern russischer Gouvernements (Tombow,
-Pensa, Woronesch) wächst, wird dort im trockenen Zustand von den
-Pferden gern gefressen. Werden grössere Mengen derselben aufgenommen,
-so zeigen die Tiere das Bild einer Narkose: Schwanken, Betäubung,
-Abstumpfung des Gefühls, Bewusstlosigkeit, Schweissausbruch, sowie
-sehr angestrengte Atmung. Das aus der Pflanze ausgepresste Oel
-erzeugt nach experimenteller Untersuchung ebenfalls allgemeine
-Lähmungserscheinungen. Die Behandlung der Vergiftung besteht in der
-Verabreichung von Aloe und Kampfer.
-
-
-Terpentinölvergiftung.
-
- =Allgemeines.= Das in verschiedenen Abietineen (Pinus abies,
- Pinaster, Larix, decidua, australis, Taeda) enthaltene Terpentinöl
- ist ein ätherisches Oel von der Formel C_{10}H_{16}. Vergiftungen
- ereignen sich zuweilen durch die Verabreichung zu grosser
- Terpentinöldosen oder durch die Inhalation zu konzentrierter
- Terpentinöldämpfe. Ausserdem kommen sie zustande durch die Aufnahme
- von Fichtensprossen. Die früher als Terpentinölvergiftung aufgefasste
- und auf das Fressen von jungen Fichtensprossen zurückgeführte sog.
- enzootische Magendarmentzündung oder Waldkrankheit des Rindes dürfte
- übrigens nach den neueren Untersuchungen über Piroplasmose in der
- Hauptsache keine Vergiftung, sondern eine Infektionskrankheit
- darstellen (seuchenhafte Hämoglobinurie, durch Zecken vermittelt und
- durch Piroplasma bigeminum verursacht).
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Terpentinöl besitzt
-örtlich auf +Haut+ und +Schleimhäute+ eine stark +reizende+,
-+entzündungserregende+ Wirkung. Wird es innerlich in grösserer Menge
-aufgenommen, so erzeugt es eine unter den Erscheinungen von +Kolik+
-verlaufende +Gastroenteritis+, ausserdem die Erscheinungen einer
-+Stomatitis+, +Pharyngitis+ und +Laryngitis+. Bei der Ausscheidung
-durch die Nieren wirkt es ebenfalls reizend und veranlasst daher eine
-mit +Hämaturie+ verlaufende +hämorrhagische Nephritis+. Im übrigen
-sind, wie experimentelle Versuche gelehrt haben, +einmalige+ grössere
-Terpentinöldosen verhältnismässig wenig giftig. So ertragen Pferde und
-Rinder einmalige Dosen von 250-500 g; dagegen erzeugten 500-1000 g
-Terpentinöl bei Pferden Kolik, Durchfall und Hämaturie. Hunde starben
-nach 8-30 g Terpentinöl an Gastroenteritis (+Hertwig+).
-
-Neben der reizenden Einwirkung auf die Schleimhaut des
-Digestionsapparates und auf die Nieren besitzt das Terpentinöl
-auch eine spezifische Einwirkung auf das +Nervensystem+, indem
-es dasselbe zuerst erregt und dann lähmt. Die Erscheinungen der
-Terpentinölvergiftung nach dieser Richtung bestehen zunächst in
-+hochgesteigerter Reflexerregbarkeit+, Zittern, Krämpfen, Herzklopfen,
-Pulsbeschleunigung, Atmungsbeschwerden. So beobachtete +Grinzer+
-(Russisches Archiv für Veterinärmedizin 1886) bei einem Pferd nach
-einer zu starken Terpentinölinhalation eine 2 Tage andauernde
-hochgesteigerte Reflexerregbarkeit, Muskelzittern, anhaltenden
-Husten, Herzklopfen, starke Injektion der sichtbaren Schleimhäute,
-Zuckungen im Musculus Tensor fasciae latae und selbst Trismus. Auf
-die Erregung folgt die +Lähmung+ der +Zentralapparate+. Die Tiere
-zeigen Eingenommenheit des Sensoriums, Schwindel, Taumeln, Betäubung,
-Sinken des Blutdrucks und der Herztätigkeit, sowie der Respiration,
-Verlangsamung und Lähmung der Atmung und zuletzt allgemeine Lähmung.
-
-Bei der +Sektion+ findet man neben dem charakteristischen
-Terpentinölgeruch die Erscheinungen der Gastroenteritis und
-hämorrhagischen Nephritis. Die +Behandlung+ ist eine symptomatische;
-sie besteht in der Anwendung einhüllender, schleimiger und
-exzitierender Mittel.
-
- =Kasuistik.= +Jansen+ (Preuss. Mitt. 1867) sah bei einem Pferd nach
- der reichlichen Aufnahme von Fichtensprossen die Erscheinungen der
- Stomatitis, Pharyngitis, Laryngitis und Gastroenteritis (Kolik).
- +Green+ (The Veterinarian 1896) sah bei einem Fohlen nach dem
- Eingeben von Terpentinspiritus profusen Schweissausbruch, Harndrängen
- und Schmerzhaftigkeit der linken Niere bei rektaler Palpation. Nach
- +Bermbach+ (Preuss. Vet.-Ber. 1900) verlammten zwölf Schafe nach der
- Verfütterung von Tannen- und Fichtenzweigen, die im Herbst frische
- Triebe angesetzt hatten.
-
-
-Vergiftung durch Sadebaum, Juniperus Sabina.
-
- =Botanisches.= Der +Sadebaum+ oder +Sevenbaum+, +Juniperus Sabina+,
- ist eine in Südeuropa, namentlich im Unterholz der Voralpenregion
- wild wachsende, bei uns in Parkanlagen und Gärten kultivierte
- Konifere, welche teils in Strauch-, teils in Baumform vorkommt. Der
- Sadebaum ist charakterisiert durch immergrüne, zypressenähnliche
- Zweige (Summitates Sabinae) von unangenehmen Geruch, welche
- dicht besetzt sind mit meist glatt anliegenden, dachziegelartig
- angeordneten, rautenförmigen, bläulichgrünen, kleinsten (2-5 mm
- grossen) Blättchen; die Zweige tragen zur Zeit der Reife rundliche,
- blau bereifte Beeren. Der wirksame Bestandteil des Sabinakrautes ist
- das =ätherische Sabinaöl= von der Formel C_{10}H_{16}, ausserdem das
- =Sabinol=, ein zu den Säureanhydriden gehöriger, sehr giftiger Stoff.
-
- Auch der +gemeine Wacholder+, +Juniperus communis+, welcher
- das ätherische Wacholderöl, Oleum Juniperi, enthält, sowie der
- +virginische Wacholder+, +Juniperus virginiana+, dessen ätherisches
- Oel aus Zedernkampfer und Zedren besteht, kann zu Vergiftungen
- Veranlassung geben.
-
-
-=Wirkung.= Das ätherische Oel des Sabinakrautes wirkt ähnlich, aber
-stärker als Terpentinöl +entzündungserregend+ auf +Schleimhäute+ und
-+Nieren+; ausserdem besitzt es eine spezifische +tetanische+ Einwirkung
-auf den +Uterus+ (Abortivum beim Menschen). Das +Sabinol+ ist angeblich
-ein +Blutgift+ (Hämoglobinämie). Die Sadebaumspitzen sind namentlich
-für die Wiederkäuer (Rinder und Schafe) und Hunde ein stark reizendes
-Gift. Nach +Hertwig+ sterben Hunde auf 15-22 g Sadebaumspitzen an
-Magendarmentzündung, wenn durch Unterbindung des Schlundes das
-Erbrechen verhindert wird; dagegen ertragen Pferde Dosen von 120-360 g
-und darüber längere Zeit hindurch ohne Schaden. Die Einwirkung auf den
-+Uterus+ ist nach einigen keine direkte, spezifische, sondern eine rein
-sekundäre, indem bei grösseren Dosen von Sabinakraut eine Hyperämie und
-Entzündung aller Beckenorgane, also auch des Uterus mit nachfolgendem
-Abortus eintreten soll. Bei der +Sektion+ findet man die Erscheinungen
-der Gastroenteritis, Nephritis und Zystitis.
-
-Klinische Beobachtungen über Sabinavergiftung bei den Haustieren
-finden sich in der tierärztlichen Literatur eigentümlicherweise nicht.
-Dagegen hat +Cagnat+ (Repertorium 1860) nach der Aufnahme des gemeinen
-Wacholders vereinzelt bei Ziegen Durchfall und tödliche Vergiftung
-beobachtet.
-
-
-Kampfervergiftung.
-
- =Allgemeines.= Der im +Kampferbaum+, +Cinnamomum Camphora+ (China,
- Japan) enthaltene Kampfer stellt ein festes ätherisches Oel von
- der Formel C_{10}H_{16}O dar, welches in verschiedenen Formen und
- zwar sowohl in reinem Zustande als in Lösungen (Kampferspiritus,
- Kampferöl, Kampferlinimente etc.) therapeutisch verwendet wird.
- Vergiftungen ereignen sich nach der innerlichen Anwendung zu grosser
- Dosen. Eine solche Kampfervergiftung nach der Einverleibung von
- Kampferspiritus hat +Schwanefeldt+ (Berliner Archiv 1885) und +von
- Ow+ (Bad. tierärztl. Mitt. 1889) beim Rind beobachtet und beschrieben.
-
-
-=Wirkung.= Der Kampfer wirkt ähnlich wie das Terpentinöl reizend und
-+entzündungserregend+ auf die Schleimhaut des +Magens+ und +Darmes+.
-Er erzeugt daher in grossen innerlichen Gaben die Erscheinungen
-der +Gastroenteritis+. So hat +Schwanefeldt+ beim Rind nach dem
-Eingeben von Kampferspiritus eine kruppöse Darmentzündung beobachtet.
-Neben dieser lokal reizenden Wirkung besitzt der Kampfer eine
-+erregende+ Wirkung auf das +Nervensystem+. Dabei scheint der Kampfer
-eigentümlicherweise subkutan in Form von Kampferöl viel weniger giftig
-zu wirken, als per os. +Ich habe bei sehr vielen brustseuchekranken
-Pferden das Kampferöl+ (1 : 4) +in Einzeldosen von+ 50 bis 150 g
-(= 12-40 g +Kampfer+) +und in Tagesdosen von+ 100 bis 250 g (= 25-60
-g +Kampfer+) +subkutan ohne jede Vergiftungserscheinung subkutan
-angewandt+. Giftiger scheint der Kampfer bei innerlicher Verabreichung
-zu wirken. Versuche von +Hertwig+ haben in dieser Beziehung folgendes
-ergeben: +Kleine+ Gaben per os (4-8,0 bei Pferden und Rindern;
-2-4,0 bei Schafen; 0,5-2,0 bei Hunden) hatten höhere Rötung der
-Maulschleimhaut, Nasenschleimhaut und Konjunktiva, kräftigeren, um
-1-8 Schläge beschleunigten Puls, etwas hellere Rötung und schnellere
-Gerinnung des Aderlassblutes, sowie Kampfergeruch der ausgeatmeten Luft
-zur Folge. +Grössere+ Gaben per os (15-30,0 bei Pferden und Rindern;
-4-6,0 bei Schafen; 2-4,0 bei Hunden) erzeugten dieselben Erscheinungen,
-nur im höheren Grade, ausserdem leichte +Zuckungen+ der Lippen, der
-Muskeln des Hinterkiefers und Halses, sowie der oberflächlichen Muskeln
-der Hinterschenkel. Die Zuckungen wiederholten sich in ungleichen
-Zwischenräumen und traten etwas später ein, als die Veränderungen des
-Pulses. Die Empfindlichkeit war erhöht, die Atmung schneller, der Puls
-zuletzt kleiner; die ausgeatmete Luft roch sehr stark nach Kampfer.
-Sehr grosse Gaben per os (60-120,0 bei Pferden und Rindern; 8-15,0
-bei Schafen; 4-12,0 bei Hunden) erzeugten zunächst eine allgemeine
-erregende Wirkung auf das Herz, den Puls, die Atmung, die Schleimhäute.
-Dann kamen aber bald plötzlich eintretende +Konvulsionen+ mit
-Erschütterung des ganzen Körpers, den Wirkungen +elektrischer Schläge+
-vergleichbar, +starrkrampfähnliche Kontraktionen+ der Streckmuskeln
-des Halses (Orthotonus), sowie +Kaukrämpfe+. Gleichzeitig war die
-+Empfindlichkeit sehr erhöht+; das geringste Geräusch löste die
-Krampfanfälle aus. Manche Tiere stürzten während der Krämpfe zusammen
-wie bei +Epilepsie+, indem sie am Boden mit den Beinen strampelten. Das
-+Bewusstsein+ war +frei+. Die Dauer der Krämpfe betrug 4-12 Stunden.
-Zuweilen wurden auch +Kolikerscheinungen+, +Harndrang+, sowie häufiges
-Ausschachten ohne zu urinieren beobachtet. +Tödliche Dosen+ (dieselben
-betrugen beim Pferd per os 60-180,0, beim Hund ab 8,0, beim Schaf
-ab 15,0; die einzelnen Tiere zeigten indessen starke individuelle
-Verschiedenheiten) erzeugten nach den Krämpfen +Lähmung+ des
-+Hinterteils+ (bei Hunden und Schafen), +Verlust+ des +Sehvermögens+,
-des +Gehörs+, +Gefühls+ und schliesslich auch des +Bewusstseins+,
-starke +Betäubung+ und unter apoplektiformen Erscheinungen den Tod.
-Bei der +Sektion+ war ein starker Kampfergeruch in allen Organen,
-Entzündung der Magendarmschleimhaut, insbesondere im Dickdarm, höhere
-Rötung der Blasenschleimhaut, ferner starke Hyperämie der Hirnhäute,
-des Grosshirns und Rückenmarks, sowie des Kleinhirns, Hirnknotens und
-verlängerten Marks zu konstatieren.
-
-Der +Nachweis+ einer Kampfervergiftung ist leicht schon durch den
-Geruch zu führen. Die +Behandlung+ besteht in der Verabreichung
-einhüllender, schleimiger Mittel, sowie von Beruhigungsmitteln.
-
- =Koffein.= Um die Giftwirkung des vielfach als Arzneimittel
- angewandten Koffeins kennen zu lernen, habe ich bei +Pferden+,
- +Rindern+, +Hunden+, +Ziegen+ und +Schweinen+ Versuche angestellt
- (Monatshefte für prakt. Tierhlkde. 1892). Das Resultat war folgendes:
- +Das Koffein ist für die Haustiere ein verhältnismässig wenig
- giftiges Arzneimittel.+ Für Pferd und Rind wirken erst 100 g, für
- Ziege und Schwein 10 g, für Hunde 5 g tödlich. Die +tödliche Dosis+
- pro kg Körpergewicht beträgt beim Pferd 0,2, beim Rind, bei der Ziege
- und beim Schwein 0,3, beim Hund 0,5. Die +Vergiftungserscheinungen+
- bestehen im wesentlichen in Reizung und später Lähmung des +Herzens+
- und der +Atmung+, in Steigerung der +Körpertemperatur+ (im Maximum
- um 2,2°), in Reizungserscheinungen im Gebiet des +Digestions-+ und
- +Harnapparates+ (Speicheln, Erbrechen, Durchfall, Kolik, Harndrang),
- sowie in +tetanischen+ Krämpfen. Danach ist das Koffein ein Herz- und
- Atmungsgift, eine Akre für die Digestionsschleimhaut, ausserdem ein
- Tetanikum. An der Injektionsstelle äussert das Koffein eine reizende,
- entzündungserregende Wirkung. Subkutan wirkt das Koffein wesentlich
- stärker als per os. Rinder ertragen wesentlich grössere Dosen als
- Pferde. Der Tod tritt bei tödlichen Koffeindosen durchschnittlich
- nach 3 Stunden ein. Das Fleisch von Tieren, welche mit Koffein
- vergiftet worden sind, ist nicht gesundheitsschädlich. Es kann
- also bei Rindern, welche nach vorausgegangener Koffeinbehandlung
- notgeschlachtet werden, der Genuss des Fleisches, ohne Besorgnis
- wegen des Koffeins, zugegeben werden, wenn der sonstige Zustand des
- Tieres dies nicht verbietet.
-
-
-Vergiftung durch senfölhaltige Kruziferen.
-
- =Botanisches.= Eine Reihe von Pflanzen aus der Familie der Kruziferen
- wirkt durch den Gehalt an +Senföl+ oder ähnlichen ätherisch-öligen
- Stoffen giftig, wenn grössere Mengen davon aufgenommen werden.
- Dieselben sind:
-
- 1. +Brassica nigra+ (Sinapis nigra), der +schwarze Senf+, die
- Stammpflanze der offizinellen Senfsamen (Semen Sinapis). Die
- namentlich in Russland, Südfrankreich und Griechenland angebaute
- Pflanze unterscheidet sich von den übrigen Brassikaarten dadurch,
- dass alle ihre Blätter gestielt und die Schoten samt den Stielen
- an die Blütenspindel angedrückt sind. Die Senfsamen enthalten das
- +Sinigrin+ oder myronsaure Kali, ein Glykosid, aus welchem durch die
- Einwirkung des Myrosins, eines ebenfalls in den Samen enthaltenen
- Fermentes, das Allyl-Senföl oder Sulfozyanallyl von der Formel
- C_{3}H_{5}CNS abgespalten wird. Auch der Sareptasenf, +Brassica
- juncea+, enthält Sinigrin, während der in Deutschland angebaute
- weisse Senf, +Sinapis alba+ (Semen Erucae), das +Sinalbin+ enthält,
- welches unter der Einwirkung des Myrosins als scharfen Stoff das
- Paraoxybenzyl-Senföl von der Formel C_{7}H_{7}OCNS liefert. In
- grösseren Gaben wirkt auch das enzymartige Myrosin giftig. -- Das
- Allylaldehyd (Akrolein) von der Formel C_{3}H_{4}O wirkt ebenfalls
- stark reizend auf die Schleimhäute.
-
- 2. +Brassica Rapa+, +Raps+ und +Brassica Napus+, +Rübsen+, enthalten
- das Krotonyl-Senföl, das sich namentlich in den +Rapskuchen+ bei
- genügender Durchfeuchtung bildet. Der Raps ist charakterisiert durch
- grasgrüne, unbereifte, haarige Blätter und kleine goldgelbe Blüten.
-
- 3. +Sinapis arvensis+, der +Ackersenf+ (fälschlich Hederich benannt),
- ist ein verbreitetes Unkraut auf Aeckern mit etwa ½ m hohen Stengel,
- eiförmigen, buchtig gezähnten, unten leierförmigen Blättern, gelber,
- vierblätteriger Blumenkrone und stielrunden, perlschnurförmigen
- Schoten.
-
- 4. +Raphanus Rhaphanistrum+ (Lampsana), der +Hederich+ oder
- +Ackerrettig+, besitzt einen ½ m hohen, rauhen, astigen Stengel,
- grosse, blassgelbe oder weisse, violett geaderte Blüten, oben
- lanzettliche, unten leierförmige Blätter, sowie rosenkranzartig
- eingeschnürte Schoten, welche bei der Reife in 3- bis 12samige Stücke
- zerfallen.
-
- 5. +Cochlearia Armoracia+, der +Meerrettig+ (Pfefferwurzel), kommt in
- ganz Europa an feuchten Plätzen wild vor und wird in Gärten und auf
- Feldern (Bamberg, Nürnberg) kultiviert. Er besitzt eine zylindrische,
- bis 6 cm dicke, oft 1 m tief senkrecht in den Boden hinabsteigende
- Wurzel, einen meterhohen, ästigen Stengel, grosse, oblonge,
- langgestielte, am Rand gekerbte, grundständige Blätter, sowie
- fiederspaltige Stengelblätter. Er enthält ein mit dem Allyl-Senföl
- fast identisches ätherisches Oel.
-
- 6. +Erysimum vulgare+, der +Wegsenf+ (gelbes Eisenkraut), ist
- eine einjährige, aufrechte, flaumige Pflanze mit gelben, kleinen
- Blüten, schrotsägeartigen, fiederteiligen Blättern und runden,
- pfriemenartigen, flaumigen Schoten, welche 5-6mal länger als der
- gleich dicke Stiel sind.
-
- 7. +Erysimum cheiranthoides+, der +lackartige Schotendotter+
- (fälschlich Hederich genannt), ist ein etwa ½ m hohes Unkraut auf
- Aeckern mit dottergelber Blumenkrone, länglichen, lanzettförmigen
- Blättern und linealen, scharfen, vierkantigen, fast kahlen Schoten.
-
- 8. +Erysimum crepidifolium+, die +Gänsesterbe+, eine gelbblühende,
- in manchen Gegenden (Wettin, am salzigen See, auf Kalkboden etc.)
- massenhaft vorkommende Kruzifere, soll ein namentlich für Gänse sehr
- giftiges Alkaloid enthalten und Massensterben von Gänsen verursachen.
-
- 9. +Arabis tartarica+, die +Gänsekresse+, findet sich zuweilen im
- Grünfutter. -- +Nasturtium officinale+, die +Brunnenkresse+, enthält
- kein schwefelhaltiges Oel, sondern C_{9}H_{10}N.
-
-
-=Allgemeine Wirkung des Senföls.= Das Senföl besitzt eine
-+entzündungserregende+ Wirkung auf die Schleimhaut des Magens und
-Darmes; die Krankheitserscheinungen, welche nach der Aufnahme
-obengenannter Pflanzen auftreten, sind daher im wesentlichen die
-einer +Magen-Darmentzündung+: Kolik, Tympanitis, Durchfall. In
-einzelnen Fällen kommt es auch im Verlauf der Vergiftung zu einer
-Reizung des Nierenparenchyms, welche sich durch Hämaturie und
-sonstige Erscheinungen einer +Nierenentzündung+ äussert, sowie zu
-+Lebernekrose+. Die Allgemeinerscheinungen seitens des Nervensystems
-bestehen in Hinfälligkeit, Mattigkeit, +Lähmungserscheinungen+,
-Dyspnoe, +Herz-+ und +Atmungslähmung+. In einzelnen Fällen beobachtet
-man auch Zwangsbewegungen, Vorwärtsdrängen und Krämpfe.
-
-Die +Behandlung+ der Senfölvergiftung besteht in der Verabreichung
-schleimiger Mittel.
-
-
-=Vergiftung durch Senfkuchen und Rapskuchen.= Vergiftungen durch reine
-+Senfsamen+ sind bisher noch nicht beobachtet worden. Die Haustiere
-ertragen ziemlich grosse Mengen derselben, Pferde 500 g, Rinder 700 g,
-ohne zu erkranken (+Hertwig+). Auch nach der Verfütterung von reinem
-+Raps+ tritt keine Senfölvergiftung ein, weil die Fermente des Pansens
-und Dünndarms das dort gebildete Senföl zerstören (+Hagemann+, D.
-landw. Tierzucht 1903). Dagegen sind nach Verfütterung von +Senfkuchen+
-und +Senfträbern+ kolikähnliche Zustände beim Rind konstatiert
-worden (+Prietsch+, Sächs. Jahresber. 1869). Besonders häufig sind
-Vergiftungen durch die Verfütterung von +senfölhaltigen Rapskuchen+,
-welche vielfach gar nicht aus Raps oder Rübsen, sondern aus fremden,
-ausländischen (+indischen+, +russischen+, +französischen+), sehr
-scharfen und giftigen Senfarten und anderen Samen mit unbekannten
-Giften bestehen. Nach +Stein+ (Ueber die Giftigkeit indischer
-Rübkuchen, Berlin 1907) ist das im Raps und in den Rübsen enthaltene
-Krotonylsenföl 5mal weniger giftig als das im schwarzen Senf enthaltene
-Allylsenföl; die indischen Samen enthalten aber wahrscheinlich noch
-andere Giftsubstanzen (Sareptasenf? Ptomaine?). Die fremdländischen
-Rapskuchen bedingen namentlich bei jüngeren Tieren die Erscheinungen
-einer Magen- und Darmentzündung, welche sich in Verstopfung, Aufblähen,
-Durchfall, blutigem Kot, zuweilen selbst im Auftreten von Abortus
-äussert. Daneben beobachtet man Gehirnreizungserscheinungen: Drängen,
-Schieben, Drehen. +Wittrock+ (Berl. Arch. 1893 und Preuss. Vet.
-Ber. 1904) sah nach der Verabreichung von Rapskuchen, der grosse
-Mengen von Senföl enthielt, sämtliche Rinder eines Dominiums unter
-den Erscheinungen einer Magendarmentzündung erkranken und mehrere
-sterben; in einem zweiten Fall erkrankten 80 Milchkühe an Hämaturie
-und Harndrang. +Nielsen+ (Dän. Monatsschr. 1897) beobachtete
-nach der Verfütterung von französischen, aus indischen Senfarten
-herrührenden Rapskuchen mit einem Senfölgehalt von 0,5 Proz. bei
-zahlreichen Rindern Mattigkeit, sehr schnellen, oft unfühlbaren Puls
-und subnormale Temperaturen; Kolik war meist nicht vorhanden. Die
-Sektion ergab gelatinöse Infiltration im Bindegewebe des Pansens,
-sowie hämorrhagische Entzündung der Pansenschleimhaut. Einen ähnlichen
-Fall bei Rindern hat +Knudsen+ (ibid. 1901) beschrieben; die
-Tiere, welche je 1½ Pfd. französischen Rapskuchen erhalten hatten,
-zeigten Kolik, Atemnot, Benommenheit, Sinken der Körpertemperatur,
-Appetit- und Milchmangel. Die Sektion ergab partielle Entzündung der
-Pansenschleimhaut sowie dicke, gelbe, ödematöse Anschwellung der
-Pansenwand. +Albrecht+ (Woch. f. Tierh. 1902, S. 241) berichtet über
-einen wahrscheinlichen Fall von Vergiftung bei Kühen durch Fütterung
-grösserer Mengen von senfölhaltigem Rapskuchenmehl; die Erscheinungen
-bestanden in Durchfall und Kolik; bei der Sektion wurde hochgradige
-Entzündung der vier Mägen, besonders des Labmagens festgestellt.
-+Emmerling+ berichtet über eine Erkrankung von 80-90 Kühen infolge
-Fütterung von Rapskuchen, deren Hauptbestandteil der russische
-Sareptasenf war. Die Tiere erkrankten an Kolik; die Sektion ergab
-Entzündung der 4 Mägen, sowie des Dünndarms. Eigentümlicherweise war
-eine Anzahl von Kühen, welche dasselbe Futter erhalten hatten, gesund
-geblieben (Verschiedenheit der Rasse?). Aehnliche Vergiftungsfälle
-sind ferner von +Haubner+ (Gesundheitspflege), +Anacker+ (Der Tierarzt
-1870), +Stahl+ (Magazin 1873) und +Rathke+ (Preuss. Mitt. N. F. 1.
-Bd.) beschrieben worden. Auch der Genuss der Rapspflanze selbst hat zu
-Vergiftungen Veranlassung gegeben. Nach +Klein+ (Preuss. Mitt. 1881)
-erkrankten 2 Kühe, welche blühenden Raps als Futter bekommen hatten,
-unter den Erscheinungen der Aufblähung, Verstopfung, des Drängens
-auf den Kot und Harn, sowie der Hämaturie. Bei der Sektion fand man
-hämorrhagische Entzündung der Schleimhaut des Labmagens und Duodenums,
-graugelbe brüchige Leber, sowie Ansammlung einer blutig serösen
-Flüssigkeit in der Brust- und Bauchhöhle.
-
- =Vergiftung durch Ackersenf.= In einem von +Poncet+ (Recueil 1855)
- beschriebenen Fall zeigten sich bei einem Pferd, welches längere
- Zeit mit Ackersenf gefüttert wurde, Darmentzündung, Speichelfluss,
- Husten, sowie eine profuse Bronchitis. In einem andern Fall zeigten
- Rinder und Schafe nach der Fütterung von Rapskuchen, welcher viel
- Ackersenf enthielt, Durchfall und vermehrtes Urinieren; jüngere
- Lämmer starben in grösserer Anzahl (+Leistikow+, Preuss. Mitt. 1882).
- Nach +Breitenreiter+ (Zeitschr. f. Vet. 1909) zeigten Kühe nach
- Verfütterung von weissem Senf als Grünfutter, der bereits Schoten
- angesetzt hatte, krampfartigen Husten, Kolikerscheinungen und Drängen
- auf den Harn; am Tag darauf waren sie wieder gesund.
-
-
- =Vergiftung durch Zwiebel.= Im Zwiebel und Knoblauch sind
- schwefelhaltige ätherische Oele enthalten, welche mit dem Senföl
- verwandt sind. Eine Zwiebelvergiftung bei Rindern hat +Goldsmith+
- beschrieben (Journ. of comp. Path. 1909). Die Tiere, welche grosse
- Mengen gewöhnlicher Speisezwiebel aufgenommen hatten, zeigten die
- Erscheinungen der Magendarmentzündung (Kolik, Durchfall, Verstopfung,
- Erbrechen) und Nierenentzündung. Ein Rind starb. Der Harn, das
- Fleisch und sämtliche Organe zeigten starken Zwiebelgeruch.
-
-
- =Vergiftung durch Meerrettich.= Der Meerrettich wirkt wegen seines
- Gehalts an einem mit dem Senföl nahe verwandten, wahrscheinlich
- identischen Stoff in grösseren Mengen stark reizend auf die
- Magendarmschleimhaut. Nach +Jarmer+ (Preuss. Mitt. Bd. 5) erkrankten
- 10 Kühe nach der Aufnahme einer grösseren Quantität Meerrettich
- unter den Erscheinungen einer sehr heftigen Kolik; vier davon
- starben im Verlauf von 24 Stunden. Bei der Sektion fand man eine
- sehr ausgedehnte Entzündung der Magenschleimhäute, insbesondere
- zeigte die Pansenschleimhaut eine mehrere Zoll dicke, sulzige
- Infiltration. Nach +Fairbank+ erkrankten 9 Rinder auf der Weide
- unter Kolikerscheinungen; 2 starben; die Sektion ergab akute
- Darmentzündung. In einem ähnlichen Fall wurde bei 3 Rindern eine
- schwere Entzündung der Pansenschleimhaut beobachtet (Preuss. Vet.
- Ber. pro 1907).
-
-
- =Vergiftung durch Erysimum.= +Heyne+ (Preuss. Mitt. 1882) sah
- bei 20 Kühen eine schwere Erkrankung. Dieselbe äusserte sich in
- Appetitlosigkeit, Stöhnen, Kolikerscheinungen, starker Rötung der
- Konjunktiva, sowie Hinfälligkeit; sämtliche Tiere genasen jedoch.
- Nach der Aufnahme von Erysimum crepidifolium hat man massenhaftes
- Sterben von +jungen Gänsen+ beobachtet; die der Geflügelcholera
- ähnlichen Krankheitserscheinungen bestanden in Erbrechen, Unruhe,
- Taumeln und Krämpfen (+Zopf+, +Biedenkopf+, +Grimme+, B. T. W. 1894,
- S. 308; D. T. W. 1898, S. 27).
-
-
- =Vergiftung durch Arabis tartarica.= Nach der Aufnahme grösserer
- Mengen von +Arabis tartarica+ erkrankten, wie +Hertwig+ (Preuss.
- Mitt. 1877) berichtet, 25 Pferde eines Gutes plötzlich. Sie zeigten
- zunächst Speicheln und nach einer Stunde leichte Kolikerscheinungen;
- gleichzeitig waren die Schleimhäute dunkel gerötet, der Blick
- stier. Nach einigen Stunden erschienen sämtliche Pferde am ganzen
- Körper, am Hals und an den Gliedmassen steif. Einige zeigten ferner
- Lähmungserscheinungen, so dass sie sich nicht wieder erheben konnten.
- Ein Pferd starb nach 36 Stunden, die anderen waren nach Ablauf von 14
- Tagen wieder gesund.
-
-
-Vergiftung durch Pfeffer.
-
- =Allgemeines.= Der gewöhnliche +schwarze Pfeffer+, welcher von
- Laien vielfach als Heilmittel bei Tieren angewandt wird, ist die
- unreife, getrocknete Frucht von Piper nigrum, einer ostindischen
- strauchartigen Piperazee. Der weisse Pfeffer ist die reife, ihrer
- äusseren Hülle beraubte Frucht derselben Pflanze. Beide Pfefferarten
- enthalten als Hauptbestandteil das Alkaloid =Piperin= von der Formel
- C_{17}H_{19}NO_{3}, welches als Zersetzungsprodukt das Piperidin und
- die Piperinsäure liefert, ausserdem das ätherische Pfefferöl.
-
-
-=Wirkung.= Der Pfeffer besitzt infolge seines Gehaltes an Piperin eine
-stark +reizende+, in grossen Gaben +entzündungserregende+ Einwirkung
-auf die Schleimhäute. Je nach dem Ort der Applikation erzeugt er
-daher +Stomatitis+, +Gastroenteritis+, +Proktitis+, +Vaginitis+,
-+Laryngitis+, +Bronchitis+ und +Bronchopneumonie+. Bei Versuchstieren
-entstand ausserdem Fettdegeneration und Nekrose der Leber. Die giftige
-Wirkung des Pfeffers ist indessen früher vielfach überschätzt worden.
-Mehrere angebliche Vergiftungen bei Schweinen sind auf eine durch
-das Eingeben bedingte Fremdkörperpneumonie zurückzuführen. Nach den
-Versuchen von +Gerlach+ (Gerichtl. Tierheilkunde) ertrugen junge
-Schweine tägliche Dosen von ganzem oder feingestossenem Pfeffer
-zu 1-4 g 8 Tage hintereinander, ohne Krankheitserscheinungen zu
-zeigen. Jedenfalls können aber grössere Pfeffergaben eine tödliche
-Magendarmentzündung zur Folge haben. So beobachtete +Ebersbach+ (Sächs.
-Jahresb. 1867) bei 3 Schweinen im Alter von 7 bis 8 Monaten, welche je
-einen Esslöffel gepulverten Pfeffer erhalten hatten, das Krankheitsbild
-einer schweren Magendarmentzündung; bei zwei derselben, welche im
-Verlauf der Vergiftung gestorben waren, wurde durch die Sektion das
-Vorhandensein einer Gastroenteritis konstatiert.
-
-Die +Behandlung+ der Pfeffervergiftung besteht in der Verabreichung
-schleimiger, einhüllender, sowie schmerzlindernder Mittel (Opium). Der
-+Nachweis+ geschieht auf botanischem Weg.
-
-
-Aloevergiftung.
-
- =Allgemeines.= Die Aloe, der eingekochte Milchsaft verschiedener
- Aloearten (Aloe ferox, Africana usw.), enthält als wirksamen
- Bestandteil das =Aloetin= (Aloebitter), sowie das =Emodin=
- (Aloeharz). Aloevergiftungen kommen zuweilen bei Pferden nach der
- Verabreichung zu grosser Aloedosen oder infolge der Missachtung
- gewisser diätetischer Vorsichtsmassregeln nach der Einverleibung
- gewöhnlicher therapeutischer Aloedosen vor.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Vergiftung mit Aloe verläuft
-unter +Kolikerscheinungen+ mit +erschöpfendem Durchfall+ und führt
-nach 2-5 Tagen unter zunehmender +Mattigkeit+ und +Schwäche+ zum
-Tod. Im allgemeinen ist die tödliche Einzeldosis die doppelte bis
-dreifache der purgierenden. Am häufigsten ereignen sich tödliche
-Vergiftungen, wenn 2 gewöhnliche Aloedosen zu rasch hintereinander
-gegeben werden, indem die Wirkung der ersteren nicht abgewartet wird.
-Auf diese Weise können z. B. 40 g Aloe, wenn sie in den ersten 3 Tagen
-nach der Verabreichung einer ebensolchen Dosis nachgegeben werden, bei
-kräftigen Pferden unter Umständen den Tod herbeiführen. Sehr gefährlich
-ist ferner die gleichzeitige Verabreichung von Aloe und Kalomel
-(+Regenbogen+). Es kann indessen auch eine einfache Aloedose von 30
-bis 40 g bei einem Pferd unter Umständen eine tödliche Purgierwirkung
-zur Folge haben, wenn das Pferd nicht, wie es Vorschrift ist, während
-der Dauer der Aloewirkung im Stall verbleibt, sondern zur Arbeit
-verwendet und gleichzeitig Erkältungseinflüssen ausgesetzt wird. Auch
-bei drusekranken Pferden kann die Aloe schon in normaler Laxierdosis
-Vergiftungserscheinungen hervorrufen (+Albrecht+).
-
-Bei der +Sektion+ findet man die Erscheinungen der Gastroenteritis; bei
-längerer Dauer der Vergiftung können indessen Entzündungserscheinungen
-auf der Magen- und Darmschleimhaut fehlen, so dass nur die Leerheit und
-allgemeine Blässe des Darmes als auffallende Veränderungen angetroffen
-werden. Zuweilen besitzt der Darminhalt auch den charakteristischen
-Aloegeruch. Die +Behandlung+ besteht in der Anwendung schleimiger
-und stopfender Mittel (Opium, Tannin, Ferrum sulfuricum, Bleizucker,
-Höllenstein).
-
- =Kasuistik.= Aloevergiftungen bei Pferden sind von +Gerlach+
- beschrieben worden. In einem Fall wurde einem mittelgrossen,
- kräftigen Arbeitspferd eine Aloepille von 40 g Aloe gegeben; als
- die gewünschte Wirkung nach 40 Stunden noch nicht eingetreten war,
- gab der Eigentümer des Pferdes eine zweite, ebenso starke Aloepille
- nach, worauf sich anhaltendes, heftiges Laxieren einstellte, an
- welchem das Pferd krepierte (Gesamtdosis: 80 g). Bei einem andern
- Pferd trat der Tod auf die Verabreichung von nur 30 g Aloe am 4. Tag
- ein, nachdem das Pferd trotz der Aloepille zu anstrengender Arbeit
- benützt worden war und sich ausserdem durch einen Gewitterregen eine
- Erkältung zugezogen hatte. -- +Rasberger+ (Woch. f. Tierheilkunde
- 1891) beobachtete bei 2 Pferden, welche in einem strengen Winter
- 40-50 g Aloe erhalten hatten, starken Durchfall, Kolik und schweres
- Allgemeinleiden. -- Nach +Kunze+ (Sächs. Jahresber. 1891) erhielt ein
- Pferd innerhalb eines Tages 3 Aloepillen von je 30 g und starb in der
- folgenden Nacht. -- +Paust+ (B. T. W. 1900) hat 3mal Rindern gegen
- Tympanitis innerhalb 24 Stunden 110 g, bezw. innerhalb 48 Stunden
- 140 und 150 g Aloe ohne Nachteil eingegeben. Auch +Mayr+ (Woch. f.
- Tierh. 1901) sah ein Pferd nach einer einmaligen Verabreichung von
- 80 g Aloe (und 6 g Arsenik) am Leben bleiben; die drastische Wirkung
- dauerte im ganzen 24 Stunden an. +Regenbogen+ (B. T. W. 1903) weist
- auf die grosse Giftigkeit einer Mischung von Aloe und Kalomel hin
- (Inkompatibilität). 42 Pferde erhielten je ½-1 Pille, welche aus 20 g
- Extraktum Aloes und 3 g Kalomel bestand; sie erkrankten an heftiger
- Kolik, Durchfall und Schwäche; mehrere starben an hämorrhagischer
- Gastroenteritis. +Bächstädt+ (Zeitschr. f. Vet. 1904) sah einen
- mittelgrossen Wallach sterben, welcher in 2 Tagen 55 g Aloe (und 2
- g Kalomel!) erhalten hatte. Nach +Albrecht+ (Woch. f. Tierh. 1907)
- erkrankte ein drusekrankes Pferd (4jähriger Wallach) nach einer
- gewöhnlichen Aloepille an 3tägigem, hochgradigem Durchfall und
- grosser Schwäche; er hält es daher für sehr bedenklich, einem an
- Druse kranken Pferd Aloe in Laxierdosis zu verabreichen.
-
- In einzelnen Fällen hat man endlich beobachtet, dass die +Milch+
- von Kühen, welche mit Aloe behandelt worden waren, beim Menschen
- Durchfall erzeugte.
-
-
-Vergiftung durch Rizinuskuchen.
-
- =Allgemeines.= Die von Ricinus communis (Euphorbiazee) stammenden
- +Rizinussamen+ sind in Afrika und Ostindien einheimisch, jedoch
- durch Kultur in allen wärmeren Zonen verbreitet (baumartiges
- Gewächs im Süden, krautartige Pflanze im Norden) und in sehr vielen
- Varietäten im Handel (indische, türkische, italienische, ungarische,
- brasilianische, Javasamen usw.). Die 1-2 cm langen eiförmigen,
- gelbgrau und braun getigerten Samen enthalten in ihrem Kern das
- durch Auspressen gewonnene Rizinusöl. Die Pressrückstände, welche
- als „Rizinuskuchen“ bezeichnet und häufig zur Verfälschung anderer
- Oelkuchen, namentlich der Erdnusskuchen und der Leinkuchen, benützt
- werden, enthalten namentlich im Samenkern ein sehr giftiges Ferment,
- das =Rizin=, ein weisses, amorphes, neutrales Pulver, welches sich
- am besten in 10prozentiger Kochsalzlösung löst und beim Kochen seine
- Wirksamkeit verliert (eiweissartiger Körper; zu den Phytalbumosen
- gehörend). Ausführliche Untersuchungen über das Rizin sind von
- +Kobert+ und +Stillmark+ (Arbeiten des pharmakol. Instituts zu
- Dorpat, 1889, Heft III), +Cornevin+ (J. de Lyon 1897, S. 25),
- +Ehrlich+ (Fortschritte d. Med. 1897) und +Miessner+ (Mitt. des
- Kaiser Wilhelm-Instituts in Bromberg, 1909) angestellt worden.
-
- Für den +botanischen+ Nachweis der Rizinussamen ist ausser ihrer oben
- beschriebenen Beschaffenheit von Wichtigkeit der +mikroskopische+
- Bau der Samenschale und der darunter befindlichen dünnen Samenhaut.
- Die +marmorierte Samenschale+ zeigt 5-7eckige Epidermiszellen,
- welche ein Zellulosenetz einschliessen, das teils ungefärbt, teils
- rotbraun gefärbt ist und in dessen Hohlräumen sich oft Farbstoff
- eingelagert findet. Unter der Epidermis folgt ein Schwammparenchym
- aus 4-5 Zellenschichten. Hierauf folgt eine einzelne Schicht radial
- gestreckter 4-8eckiger Zellen, in der kohlensaurer Kalk abgelagert
- ist (für die Euphorbiazeen charakteristische Zellschicht!). Es folgt
- eine aus sehr hohen und verholzten Zellen gebildete Palisadenschicht.
- Die +Samenhaut+ ist durch Zellen gekennzeichnet, deren äusserst
- eckige Begrenzung auffällt; sie enthält ferner massenhafte
- Kristalldrusen von oxalsaurem Kalk.
-
- Mitunter erweisen sich Erdnusskuchen dadurch giftig, dass bei
- der Pressung zufällig giftige Rizinuspartikel in die Oelkuchen
- hineingeraten. Dies geschieht namentlich dann, wenn abwechselnd zur
- Verpressung der Oelsamen die gleichen Apparate und Maschinen benützt
- werden, welche vorher zur Verarbeitung der Rizinussamen gedient haben.
-
-
-=Rizinwirkung.= Die giftige Wirkung der Rizinuskuchen steht in keiner
-Beziehung zu ihrem Gehalt an Rizinusöl, sondern wird ausschliesslich
-durch das in den Samenschalen enthaltene ausserordentlich
-giftige +Rizin+ bedingt. Das Rizin erzeugt eine +hämorrhagische
-Gastroenteritis+ mit starkem +Kräfteverfall+, +Somnolenz+,
-+Konvulsionen+ und +Koma+. Die Giftigkeit des Rizins besteht nach
-Kobert in seiner elementaren, +Fibringerinnung+ erzeugenden Einwirkung
-auf das +Blut+ aller Wirbeltierklassen, selbst auf das bereits
-defibrinierte Blut. Am giftigsten ist das Rizin von der Unterhaut aus;
-es übertrifft bei dieser Applikationsmethode sowohl die Blausäure
-als das Strychnin an Giftigkeit. Im Magen wird es zum Teil verdaut;
-der übrige Teil wird resorbiert und bedingt bereits innerhalb der
-Blutgefässe der Darmschleimhaut Blutgerinnung mit nachfolgender
-+Geschwürsbildung+ (Selbstverdauung). Ausser der Blutwirkung kommt
-als Todesursache bei der Rizinvergiftung nach den Untersuchungen von
-+Cushny+, +Müller+ und +Stepanoff+ (Arch. f. exp. Path. 1898 f.)
-auch die +örtlich reizende Wirkung des Rizins auf die Schleimhaut+
-in Betracht, wenn es aus dem Blute in den Magen und Darm wieder
-ausgeschieden wird (Aetzwirkung an der Ausscheidungsstelle).
-
-Die grosse Giftigkeit der Rizinussamen erhellt aus folgenden,
-experimentell festgestellten Tatsachen. Nach +Miessner+ beträgt
-die tödliche Dosis der Rizinussamen nach +einmaliger+ Fütterung
-durchschnittlich
-
- für Pferde 30-50 g = 0,1 g pro kg Körpergewicht
- „ Rinder 350-450 „ = 2 „ „ „
- „ Kälber 20 „ = 0,5 „ „ „
- „ Schafe 30 „ = 1,25 „ „ „
- „ Ziegen 105-140 „ = 5,5 „ „ „
- „ Schweine 60 „ = 1,4 „ „ „
- „ Ferkel 15-20 „ = 2,4 „ „ „
- „ Kaninchen 1,5 „ = 1 „ „ „
- „ Gänse 1 „ = 0,4 „ „ „
- „ Hühner 18 „ = 14 „ „ „
-
-Bei +mehrtägiger+ Fütterung tritt eine +kumulierende+ Wirkung ein;
-die Todesdosis beträgt dann nur etwa die Hälfte der bei einmaliger
-Fütterung, für Pferde z. B. nur 17-37 g (0,05 bis 0,07 g pro kg). Bei
-+subkutaner+ Applikation ist beim Kaninchen die Giftwirkung 500mal
-stärker, als bei stomachikaler (Todesdosis = 1 mg Rizinussamen).
-
-Eigentümlicherweise kann man Tiere an das Rizin allmählich so
-+gewöhnen+, dass sie sogar die 100fache tödliche Dosis ertragen. Diese
-„+Rizinfestigkeit+“ erklärt sich nach +Ehrlich+ durch die Bildung
-einer gerinnungshemmenden Substanz im Blut mit +immunisierender+
-Wirkung, des „Antirizins“. +Cornevin+ gelang es ferner, durch
-2stündiges Erwärmen der Rizinussamen ihre Giftigkeit so abzuschwächen,
-dass die subkutane Einspritzung der Samen den Versuchstieren (Rindern
-und Schweinen) Immunität gegen das Rizin verlieh. Er empfiehlt
-infolgedessen die +Schutzimpfung+ gegen das Rizin als Vorbedingung
-zur Verfütterung der Rizinussamen und Rizinuskuchen, indem er seine
-Erfahrungen in nachstehenden Sätzen zusammenfasst:
-
-1. Das 2 Stunden lang auf 100° erhitzte Rizin verwandelt sich in
-einen Impfstoff, der, unter die Haut injiziert, die Tiere gegen
-Rizinusvergiftung immun macht.
-
-2. Die Wiederkäuer sind für die Rizinuswirkung empfänglicher als
-Schweine und Hühnerarten. Beim Schweine genügen 2 durch 8tägige
-Intervalle getrennte Impfungen zur Erzielung einer Immunität, während
-bei andern Tiergattungen deren 3 nötig sind.
-
-3. Die durch die Vakzination erreichte Immunität ist von Dauer; das
-Fleisch der mit Rizinusölkuchen gefütterten Tiere hat keinerlei
-schädliche Eigenschaften.
-
-4. Man kann unbeschadet den Haustieren eine gewisse Quantität
-Rizinuskörner oder Rizinuskuchen unter die Futterration mischen, wenn
-man sie vorher gegen das heftige Gift derselben immunisiert hat.
-
-Nach +Miessner+ wirkt das +Serum+ rizinimmuner Tiere präzipitierend auf
-rizinhaltige Flüssigkeiten (vergl. unten).
-
-
-=Behandlung und Nachweis.= Die +Prophylaxe+ der Rizinusvergiftung
-besteht darin, dass die gepulverten Rizinussamen vor der Verfütterung
-+gekocht+ oder +gedämpft+ oder mit strömendem Wasserdampf behandelt
-werden, wodurch das Rizin zerstört wird. Die eigentliche +Behandlung+
-der Rizinvergiftung ist im übrigen eine symptomatische. Sie besteht in
-der Verabreichung von Tannin, von schleimigen, schmerzstillenden und
-exzitierenden Mitteln.
-
-Der +Nachweis+ der Rizinusschalen erfolgt durch Lupenuntersuchung,
-sowie durch die mikroskopische Untersuchung des Mehles (vergl. S.
-298). Für das Rizin selbst fehlen charakteristische Reaktionen.
-Dagegen lässt sich das Rizin mit Hilfe der +Präzipitationsmethode+,
-also auf biologischem Wege in den Rizinussamen bezw. in verfälschten
-Futtermitteln nachweisen. Nach +Miessner+ fällt das Serum rizinimmuner
-Tiere (Antirizinserum) rizinhaltige Flüssigkeiten innerhalb weniger
-Minuten. Bringt man eine filtrierte 1proz. mit 10proz. Kochsalzlösung
-hergestellte Aufschwemmung des verdächtigen Futtermittels nach 24
-Stunden mit 0,1 Antirizinserum zusammen, so gibt die Präzipitation
-Aufschluss darüber, ob tödliche oder untertödliche Mengen von
-Rizinussamen in dem Futter enthalten sind. Bei rizinusvergifteten
-Tieren lässt sich die Serodiagnose nicht verwerten. Ausser durch
-die Präzipitationsmethode lässt sich die Menge des Rizinussamens in
-einem verdächtigen Futter durch die subkutane Injektion des Futters
-bei Kaninchen nachweisen (subkutane Todesdosis der Rizinussamen nach
-+Miessner+ 1 mg). Ueber den Nachweis durch +Konglutination+ vergl. S.
-302.
-
- =Kasuistik.= Die tierärztliche Literatur enthält zahlreiche Fälle
- von Vergiftungen bei Pferden und Rindern, welche durch Verfütterung
- von Rizinuskuchen oder von Oelkuchen bedingt waren, die sich
- als mit Rizinuspressrückständen verfälscht erwiesen (auch beim
- Menschen sind nach dem Genusse der Samen zahlreiche -- über 100 --
- Vergiftungsfälle beobachtet worden). Das Krankheitsbild entspricht
- den oben genannten Erscheinungen der Rizinvergiftung. So berichtet
- +Renner+ (Preuss. Mitt. 1874) über eine Vergiftung bei einer
- grösseren Anzahl von Rindern nach der Verfütterung von Leinsamenmehl,
- welches mit Rizinuspressrückständen vermischt war, wie sich durch
- Lupenunersuchung nachweisen liess. Die Tiere erkrankten unter den
- Erscheinungen von Appetitlosigkeit, Durchfall, Apathie, Störungen
- des Bewusstseins und Krämpfen, genasen jedoch nach 2-3 Tagen.
- +Regenbogen+ (Berl. tierärztl. Wochenschr. 1888) beobachtete bei
- 35 Pferden eine Vergiftung durch Leinsamenmehl, welches ebenfalls
- mit Rizinusschalen verfälscht war. Die Tiere zeigten vollständig
- unterdrückte Futteraufnahme, Kolikerscheinungen, Durchfall,
- Schwäche im Hinterteil, Unvermögen zu stehen, Eingenommenheit des
- Sensoriums. Ein Pferd starb innerhalb 24 Stunden, ein anderes
- später, ein drittes musste wegen Aussichtslosigkeit einer Heilung
- getötet werden. Bei der Sektion fand man Entzündung den Magens
- und Zwölffingerdarmes, akute diffuse Nephritis, parenchymatöse
- Degeneration des Herzmuskels und Lungenödem. -- +Eisenblätter+
- (Berl. Archiv 1893) sah von drei Schweinen, denen mit dem Futter
- 2 Hände voll alte Rizinuskerne vorgeschüttet worden waren, 2 nach
- einigen Stunden unter den Erscheinungen von Erbrechen und Durchfall
- sterben. -- +Stödter+ (Hamb. Zentr.-Zeit. 1897) beobachtete bei 2
- Pferden, welche Rizinussamen im Hamburger Hafen gefressen hatten,
- Kolik, Harndrang, Durchfall, Schweissausbruch, Pupillenerweiterung
- und unfühlbaren Puls; die Sektion ergab Nephritis, Myokarditis und
- hämorrhagischen Milztumor. -- +Vollers+ (Berl. Arch. 1894) berichtet,
- dass mehrere Pferde unter den Erscheinungen der Magendarmentzündung
- und Lähmung starben, welche amerikanische Kleie mit Rizinuskörnern
- gefressen hatten. -- +Nikolski+ (Pet. Arch. 1897) sah bei 4 Pferden
- nach der Aufnahme von Hafer, der 5 Proz. Rizinussamen enthielt,
- Zwerchfellkrämpfe, Mydriasis, Schweissausbruch, Muskelkrämpfe und
- starken Durchfall. -- +Smith+ (The Vet. 1898) sah bei 63 Rindern,
- welchen Rizinussamen mit Erbsen gefüttert wurden, heftigen Durchfall.
- -- Nach +Bollinger+ (Deutsche Zeitschr. für Tiermed., Bd. 6) erwies
- sich auch die Milch von Tieren schädlich, welche mit Leinkuchen
- Rizinussamen aufgenommen hatten. -- +Bierbaum+ (Beitrag zur
- Giftigkeit des Semen Ricini communis. Inaug.-Diss. Gotha 1906) hat im
- Auftrag der Landwirtschaftskammer für die Provinz Schleswig-Holstein
- mit Unterstützung des Preuss. Landwirtschaftsministeriums Versuche
- mit Rizinussamen bei verschiedenen Haustieren angestellt, welche
- folgendes ergeben haben. Die tödliche Dosis der Rizinussamen für
- +Kaninchen+ beträgt 0,7-1 g pro kg Körpergewicht; die Samenschalen
- erwiesen sich als ungiftig. +Ziegen+ und +Schafe+ nahmen ohne
- Schaden längere Zeit hindurch kleine Mengen (1-2 g) Rizinussamen
- auf, desgleichen später gegebene grössere Gaben von 10-50 g
- (Immunität!). Die tödliche Dosis für Schweine schwankte zwischen
- 1,6-8 g Rizinussamen pro kg Körpergewicht. Durch längere Fütterung
- mit allmählich ansteigenden Mengen gelang es, bei Schweinen eine hohe
- Immunität zu verleihen, so dass 93 g Rizinussamen ohne Schaden auf
- einmal gegeben werden konnten. Ein Pferd starb nach der Verfütterung
- von 125 g Rizinussamen (tödliche Dosis = 0,4 g pro kg Körpergewicht).
- Bei allmählich ansteigender Dosis ertrug ein Pferd ohne Schaden
- 2400 g Rizinussamen in 1½ Monaten. Ein +Hund+ starb in 3 Tagen nach
- 0,8 g Rizinussamen pro kg Körpergewicht. +Hühner+ erwiesen sich
- viel widerstandsfähiger (tödliche Dosis =13 g Rizinussamen pro kg
- Körpergewicht). Noch resistenter waren +Tauben+, indem sie 15 g
- pro kg ohne Schaden ertrugen; +Enten+ starben dagegen bei 7 g pro
- kg. +Bierbaum+ zieht aus diesen Versuchen den Schluss, dass die
- Giftigkeit der Rizinussamen für Tiere überschätzt worden ist und
- weist darauf hin, dass die Futterstoffe meist nur geringe Mengen
- von Rizinusteilen enthalten. Er bezweifelt ferner die Richtigkeit
- der Angabe von +Soxhlet+, dass zur Tötung eines Ochsen oder Pferdes
- 1,5 g Rizinusölkuchenmehl genüge. Andererseits ist nach ihm nicht
- ausser acht zu lassen, dass die Resistenz von Tieren derselben Art
- gegenüber den Rizinussamen verschieden ist, und dass vielleicht
- vorhandene krankhafte Zustände des Magendarmtraktus begünstigend
- wirken. Der Nachweis von Rizinussamen in einem Futtermittel genügt
- für sich allein zum Beweise der Giftigkeit desselben nicht, da die
- Samen ja vorher durch geeignete Behandlung entgiftet sein können;
- beweisend sind nur Fütterungsversuche. -- Prof. Dr. +Schmidt+-Hamburg
- (Zeitschr. f. öffentliche Chemie 1908, S. 245) fand bei seinen
- Versuchen, dass geringe Mengen von Rizinussamen unschädlich
- sind. Er tritt daher dafür ein, dass minimale, ungiftige Mengen
- von Rizinus in Erdnusskuchen geduldet werden sollen. Er glaubt
- ferner, dass bei der Pressung der Erdnusskuchen bei 80-85° die
- gleichzeitig vorhandenen Rizinussamen ihre Giftigkeit verlieren, und
- dass nicht alle angeblichen Futtervergiftungen nach Verabreichung
- rizinhaltiger Erdnussrückstände wirkliche Rizinusvergiftungen sind.
- +Miessner+ (Ueber die Giftigkeit der Rizinussamen, Mitt. des Kaiser
- Wilhelms-Institut für Landwirtschaft in Bromberg, I. Bd., 1909,
- 3. Heft) hat im Auftrag des preuss. Landwirtschaftsministeriums
- toxikologische Untersuchungen über Rizinussamen angestellt, deren
- wesentlichste Ergebnisse bereits erwähnt sind (vergl. S. 299).
- Er hat ausserdem gefunden, dass die in Deutschland verarbeiteten
- Rizinussamen stets gleich giftig sind, dass ihre Giftigkeit durch
- Kochsalzzusatz nicht erhöht wird, dass das Rizin durch feuchte
- Erwärmung auf 100° unwirksam wird, während es durch trockene
- Hitze erst bei 130° zerstört wird, so dass also zur Entgiftung
- der Pressrückstände eine feuchte Erwärmung auf 100° gefordert
- werden muss. Ueber 90° feucht erhitzte Rizinussamenlösungen werden
- durch Antirizinserum nicht mehr präzipitiert. Da die Schale
- der Rizinussamen nach den Untersuchungen von M. überhaupt kein
- Rizin enthält, so genügt nach M. der mikroskopische Nachweis der
- Samenschale für sich allein noch nicht, um eine Rizinvergiftung zu
- begründen. Vielmehr ist der Nachweis des Samenkerns erforderlich, der
- allein das Rizin enthält. „Aber auch dieser Nachweis ist nur dann
- von Bedeutung, wenn wir zugleich eine für eine Erkrankung des Tieres
- notwendige Menge feststellen und ermitteln, dass diese ungekocht ist,
- da gekochte Rizinussamen unschädlich sind.“
-
- +Miessner+ und +Rewald+ (Die Konglutination der roten Blutkörperchen
- durch Rizinussamen, Zeitschr. für Immunitätsforschung, II. Bd.,
- 1909) haben gefunden, dass die Rizinussamen durch das in ihnen
- enthaltene +Konglutinin+ die Fähigkeit besitzen, rote Blutkörperchen
- zusammenzuklumpen (+Konglutination+). Dagegen konglutieren die
- gebräuchlichsten Futtermittel des Handels rote Blutkörperchen nicht.
- Sie bezeichnen daher die Konglutination als ein ausgezeichnetes
- Mittel zum forensischen +Nachweis von Rizinussamen+ in verfälschten
- Futtermitteln. Zu diesem Zwecke vermischt man im Reagenzglas 2 ccm
- eines 5proz. Fitrats des Futtermittels in 0,85proz. Kochsalzlösung
- mit 10 ccm einer 3proz. Blutkörperchenaufschwemmung von Tauben-,
- Kaninchen- oder Hundeblut. Sind Rizinussamen in dem Futter vorhanden,
- so sind die roten Blutkörperchen innerhalb 1-2 Stunden am Boden
- des Reagenzglases zu einem festen Klumpen zusammengeballt, während
- die darüber stehende Flüssigkeit klar ist. Durch Einstellung
- der Reagenzgläser in einen Thermostaten von 37° lässt sich die
- Konglutination beschleunigen.
-
- =Abrin.= Das in den Samen von Abrus precatorius (Jequirity,
- Paternostererbsen) enthaltene Toxalbumin +Abrin+ besitzt genau
- dieselbe Fibringerinnung erzeugende Wirkung auf das Blut, wie Rizin,
- dem es nach +Ehrlich+ und +Calmette+ auch darin gleicht, dass man
- Tiere „abrinfest“ machen kann. Abrinfeste Tiere sind aber nicht
- auch rizinfest und umgekehrt. Nach +Hellin-Kobert+ tötet Abrin
- Tiere vom Blute aus in Dosen von wenigen Hundertstel Milligramm pro
- kg Körpergewicht; auch erzeugt es noch in homöopathischen Dosen
- im Lidsack Thrombose der Gefässe mit nachfolgender Entzündung
- (Jequirity-Ophthalmie). Das Serum abrinfester Tiere wirkt stark
- antitoxisch.
-
-
-Vergiftung durch Krotonöl.
-
- =Allgemeines.= Die +Krotonsamen+, +Grana Tiglii+, sind die 2 cm
- langen und 1,5 cm breiten elliptischen Kapselfrüchte von Croton
- Tiglium, einer ostindischen Eupborbiazee. Der Samenkern enthält das
- stark giftige +Krotonöl+, als dessen wirksamer Bestandteil die mit
- der Rizinolsäure verwandte =Krotonolsäure= bezeichnet wird. Ausserdem
- enthält die blassbräunliche Samenschale das =Krotin=, ein dem Rizin
- sehr ähnliches, für die Blutkörperchen sehr giftiges Ferment.
- Vergiftungen ereignen sich bei den Haustieren durch die innerliche
- Verabreichung der Samen bei falscher Dosierung oder wiederholter
- Anwendung, sowie durch die innerliche und äusserliche Anwendung des
- Krotonöls. Eine ausführliche toxikologische Arbeit über das Krotonöl
- ist von +E. v. Hirschheydt+ (Arbeiten des pharmakol. Instituts zu
- Dorpat, herausgegeben von Kobert, IV, 1890), sowie von +Elfstrand+
- (Ueber giftige Eiweisse, welche Blutkörperchen verkleben. Upsala
- 1897) veröffentlicht worden.
-
-
-=Wirkung der Krotonolsäure.= Die Krotonolsäure ist im Krotonöl
-ursprünglich an Glyzerin gebunden als Krotonolsäure-Triglyzerid
-enthalten. Dieser Körper besitzt an und für sich keine reizende
-Wirkung, er ist vielmehr ein ebenso indifferentes Fett wie andere
-Triglyzeride, z. B. die der Stearinsäure, Palmitinsäure, Oleinsäure.
-+Nur die freie Krotonolsäure, sowie ihre Salze (krotonolsaures Natrium
-und Kalium) sind stark reizende, ätzende Stoffe.+ Eine Abspaltung
-freier Krotonolsäure findet im Krotonöl unter der Einwirkung
-der Luft bei längerem Stehen statt; +älteres Krotonöl ist daher
-giftiger als frisch ausgepresstes+. Dieser Umstand, die verschiedene
-Giftigkeit der käuflichen Krotonölpräparate, erklärt die vielfach
-gemachte Beobachtung, dass das Krotonöl namentlich bei Pferden in
-einer und derselben Dosis bald sehr giftig, bald nur wenig wirksam
-erfunden worden ist. Im Darmkanal findet ferner eine Verseifung
-des Krotonolsäure-Triglyzerids statt, indem dasselbe zu Glyzerin
-und krotonolsauren Alkalien zerlegt wird. Die letzteren besitzen
-eine ebenso starke ätzende Wirkung wie die freie Krotonolsäure,
-auf ihre Abspaltung ist daher die drastische Wirkung des Krotonöls
-zurückzuführen. +Die Verseifung des Krotonöls im Darm ist aber bei
-den einzelnen Tiergattungen verschieden intensiv.+ Am raschesten
-erfolgt die Verseifung, also die Bildung von ätzenden krotonolsauren
-Alkalien (Kalium, Natrium) beim Pferd und Rind. +Aus diesem Grund ist
-das Krotonöl für Pferde und Rinder ein viel stärkeres Gift, als für
-die übrigen Haustiere.+ Am spärlichsten und langsamsten geschieht die
-Verseifung beim Hund, bei welchem ausserdem noch die Möglichkeit des
-Erbrechens die Gefahr einer Vergiftung vermindert. Hierdurch erklärt
-sich die Tatsache, +dass Hunde auffallend grosse Gaben von Krotonöl
-ohne Schaden ertragen+. Am empfindlichsten gegenüber dem Krotonöl ist
-der Mensch.
-
-
-=Wirkung des Krotins.= Das Krotin gehört wie das Rizin und Abrin zur
-Gruppe der pflanzlichen +Agglutinine+, d. h. fermentartigen Substanzen,
-welche die roten Blutkörperchen mancher Tiergattungen zur Verklebung
-und Ausfällung bringen. Ausserdem wirkt es auf gewisse Blutarten
-+hämolytisch+, d. h. die roten Blutkörperchen auflösend. Unempfindlich
-(refraktär) gegen Krotin scheint nur das Hundeblut zu sein, das ein
-Antiagglutinin („Antikrotin“) enthält. Die letale Dosis des Krotins
-beträgt bei subkutaner Applikation für das Kaninchen 0,05-0,08 g pro kg
-Körpergewicht; bei intravenöser Darreichung ist die letale Dosis weit
-geringer, während man bei Einführung des Krotins per os fast 0,5 g pro
-kg Körpergewicht anwenden kann, ohne den Tod des Tieres herbeizuführen,
-obwohl dasselbe unter den gleichen Erscheinungen erkrankt, wie bei der
-subkutanen Einführung.
-
-
-=Krankheitsbild der Krotonölvergiftung.= Das Krotonöl ist eines der
-stärksten Akria. Es erzeugt +Dermatitis+, +Stomatitis+, +Pharyngitis+,
-+Gastritis+ und +Enteritis+. Nicht bloss bei +innerlicher+
-Verabreichung, sondern auch bei +äusserlicher+ Einreibung des Oeles
-kann infolge Resorption desselben eine Vergiftung entstehen. So tritt
-beim Pferd nach dem Einreiben von 60 Tropfen, beim Schaf von 30
-Tropfen, beim Hund von 15-20 Tropfen Purgieren ein. Die +Erscheinungen+
-der Krotonölvergiftung sind die einer +heftigen, sehr schmerzhaften
-Magendarmentzündung+ mit +ruhrartigen Durchfällen+; der Tod erfolgt
-unter +allgemeiner Schwäche+ und +Erschöpfung+ nach 1-3 Tagen. Bei der
-Sektion findet man korrosive Gastroenteritis, zuweilen auch Stomatitis
-und Pharyngitis.
-
-Die +tödlichen Dosen+ des Krotonöls sind bei der Verschiedenartigkeit
-des Gehaltes der käuflichen Präparate an freier Krotonolsäure und
-bei dem verschiedenen Verhalten der einzelnen Tiergattungen dem
-Krotonöl gegenüber äusserst variabel. So gibt +Hertwig+ als zulässige
-Maximaldosis des Krotonöls für das Pferd 25 Tropfen an, während
-+Sommer+ (Magazin Bd. 9, S. 455) bei einem rotzkranken kräftigen Pferd
-nach 20 Tropfen Krotonöl in Pillenform den Tod am 4. Tag, bei zwei
-anderen Pferden nach 30 Tropfen Krotonöl den Tod am 3. Tag eintreten
-sah. Nach +Hertwig+ brauchen Hunde zum Purgieren 5-10 Tropfen und
-sterben selbst nach 10-20 Tropfen nicht; nach +Gerlach+ soll bei Hunden
-eine Quantität, welche 3 Tropfen des Oeles übersteigt (bei Pferden
-eine solche von mehr als 15 Tropfen), tödlich werden können. +Hertwig+
-hat angegeben, unter 5 Tropfen bei Hunden keine diarrhoische Wirkung
-erzielt zu haben; ich selbst habe mit 4 Tropfen reinem Krotonöl bei
-mittelgrossen Hunden eine starke Laxierwirkung erhalten. Nach den
-Versuchen von +Mayet+ und +Hallé+ (Annales d’hygiène 1871) hatten sogar
-Gaben von 1 g Krotonöl (25 Tropfen) keine bemerkenswerte Wirkung bei
-Hunden, 1,2 g Krotonöl (30 Tropfen) erzeugten nur Durchfall. Dagegen
-hatten bei einem andern Hund 5 Tropfen Krotonöl in Pillenform gegeben
-blutiges Erbrechen, blutigen Durchfall, sowie den Tod innerhalb 24
-Stunden zur Folge. Ein weiterer Versuchshund erhielt innerhalb 45 Tagen
-nicht weniger als 10 g = 250 Tropfen Krotonöl; der Tod erfolgt erst
-bei der letzten Gabe von 2 g = 50 Tropfen. Bei der Sektion fand man
-die Magendarmschleimhaut bis zum Dickdarm mit Ausnahme von Schwellung
-einiger Peyerschen Drüsenhaufen intakt. Dagegen zeigte die Schleimhaut
-des Dickdarms einen kruppösen Belag, Verdickung, schwärzliche
-Verfärbung, sowie frische und ältere Ulzerationen.
-
-Nach dem Entwickelten lässt sich eine sichere, genaue tödliche Dosis
-des Krotonöls für die einzelnen Tiergattungen nicht aufstellen. Nur
-beim +Pferd+ kann nach klinischen und experimentellen Erfahrungen der
-Satz aufgestellt werden, +dass eine Ueberschreitung der Dosis von 20
-Tropfen Krotonöl in der Regel eine Vergiftung mit tödlichem Ausgang
-zur Folge hat+. Beim Rind können als Maximaldosis durchschnittlich
-40 Tropfen bezeichnet werden. Die +Krotonkörner+, welche früher statt
-des Krotonöls gegeben wurden (Pferden zu 1,5-2,5, Rindern zu 2,5-3,5,
-Schafen und Schweinen zu 0,5, Hunden zu 0,1-0,4), töten Pferde in Dosen
-von 4-8 g nach 10-40 Stunden, Hunde in Dosen von 0,6-1,25, wenn das
-Erbrechen verhindert wird.
-
-
-=Behandlung.= Gegen die Vergiftung mit Krotonöl oder Krotonsamen
-gibt es kein spezifisches Antidot, die Behandlung ist vielmehr eine
-rein symptomatische. In erster Linie sind schleimige, einhüllende,
-sowie schmerzlindernde und stopfende Mittel anzuwenden. Man gibt
-namentlich +Leinsamenabkochungen+ in Verbindung mit +Opiumtinktur+,
-ausserdem Tannin, Eisenvitriol, Bleizucker und Argentum nitricum. Die
-Schwächezustände werden mit Exzitantien behandelt; man macht subkutane
-Aether-, Kampfer-, Atropin-, Koffein- oder Veratrininjektionen.
-
-Der +Nachweis+ der Krotonölvergiftung wird auf chemisch-physiologischem
-Wege erbracht. Man extrahiert das Oel aus dem Magendarminhalt mittels
-Aether oder Chloroform und prüft das eingedickte Extrakt auf eine
-etwaige pustelbildende Wirkung durch Einreibung auf die Haut von
-Menschen oder Tieren.
-
- =Vergiftung durch die Semina Ricini majoris.= Als Semina Ricini
- (Cataputiae) majoris werden die Samen des amerikanischen
- +Purgiernussbaumes+, Jatropha Curcas = Curcas purgans, eines zu
- den Euphorbiazeen gehörigen Baumes bezeichnet. Sie enthalten ein
- scharf reizendes, in seiner Wirkung dem Krotonöl ähnliches Oel,
- welches den Namen Teufelsöl (+Oleum infernale+) erhalten hat und
- zur Seifenfabrikation und als Brennöl dient. Ausserdem sollen sie
- nach +Kobert+ eine Phytalbumose enthalten. Dadurch, dass ihre
- Pressrückstände den Erdnusskuchen beigemengt werden, geben sie
- Veranlassung zu Vergiftungen beim Rind und Schwein. +Wolff+ (Berl.
- Arch. 1889) sah bei 40 Milchkühen als Vergiftungserscheinungen
- Schlingbeschwerden, kolikähnliche Anfälle, Durchfall, Anurie und
- subnormale Körpertemperatur; die Sektion ergab hämorrhagische
- Entzündung im Labmagen und Dünndarm mit Ekchymosen und
- Geschwürsbildung. +Leonhard+ (ibid.) sah bei 28 Läuferschweinen
- Kolik, Erbrechen, Diarrhöe und unstillbaren Durst; 12 Schweine
- krepierten, nachdem blutige Diarrhöe eingetreten war.
-
-
-Vergiftung durch Robinia pseudoacacia.
-
- =Botanisches.= Die +falsche Akazie+ (Papilionazee) enthält
- verschiedene Gifte. Der Umstand, dass die Blätter beim Pferd
- Stomatitis erzeugen, weist zunächst auf einen darin enthaltenen
- scharfen Stoff hin. In der Rinde fanden +Power+ und +Cambier+
- (Amerikan. pharm. Rundschau 1890) zu 1,6% ein sehr giftiges
- Toxalbumin, das =Robinin=, in Form einer Phytalbumose, welche eine
- +rizinähnliche Wirkung+ besitzt und nach den Versuchen von +Kobert+
- tödliche Hämorrhagien im Darmkanal erzeugt.
-
-
-=Krankheitsbild.= Ueber Vergiftung von Pferden durch die Rinde der
-Pseudoakazie hat +Zapel+ (Zeitschr. f. Vetk. 1881, S. 456) berichtet.
-Die Vergiftungserscheinungen waren: Darniederliegen der Darmperistaltik
-bei geringer Auftreibung, ängstlicher stierer Blick, starke Erhöhung
-der Puls- und Atemfrequenz, dunkelrote Färbung der sichtbaren
-Schleimhäute, Schwäche im Hinterteil bis zur vollkommenen +Lähmung+
-sich steigernd. Die Sektion ergab wässerigen Darminhalt, gerötete
-Darmschleimhaut, starkes Lungenödem, dunkles, wenig geronnenes Blut.
-Auch in Frankreich sind bei 6 Militärpferden tödliche Vergiftungen
-beobachtet worden (Progr. milit. 1893). Als ferner im Notjahr 1893
-die Akazie als Futterersatzmittel empfohlen wurde, starben einem
-französischen Landwirt 3 Kühe (Figaro, 19. VIII. 1893). +Cornevin+
-(Journal de Lyon 1893) kommt dagegen auf Grund seiner Versuche mit
-Blättern, Zweigen, Blüten, Hülsen und Samen von Robinia pseudoacacia
-und andern Robiniaarten zu dem Schluss, dass dieselben für Pferde,
-Rinder, Schafe und Ziegen ungiftig sind (?).
-
-
-Vergiftung durch Kreuzdornbeeren.
-
- =Botanisches.= Die Beeren des Kreuzdorns, Rhamnus cathartica
- (Rhamnee), welche als Fructus Rhamni catharticae (Baccae spinae
- cervinae) offizinell sind, bilden kugelige, glänzend schwarze,
- erbsengrosse, vierknöpfige Früchte, aus denen der violettrote
- +Kreuzdornsaft+, Syrupus Rhamni catharticae, dargestellt wird.
- Die Beeren wie der Saft enthalten als wirksamen Bestandteil das
- =Rhamnokathartin=.
-
-
-=Wirkung.= Das Rhamnokathartin, welches in den therapeutischen
-Dosen des Kreuzdornsaftes die laxierende Wirkung bedingt, wirkt in
-grösseren Gaben stark +entzündungserregend+ auf die Schleimhaut des
-+Magens+ und +Darmes+. Vergiftungen durch Kreuzdornsaft ereignen sich
-zuweilen, wie ich dies in mehreren Fällen beobachten konnte, bei
-Hunden, wenn denselben von ihren Eigentümern zu grosse Mengen des als
-Hausmittel bekannten Saftes als Laxiermittel verabreicht werden. Sie
-erkranken und sterben dann unter den Erscheinungen einer schweren
-+hämorrhagischen Gastroenteritis+. Während die therapeutische Dosis
-für Hunde durchschnittlich 1-2 Esslöffel beträgt, sterben nach meinen
-Beobachtungen Hunde auf die Verabreichung von 5-10 Esslöffel des
-Kreuzdornbeerensaftes im Verlauf von 24 Stunden. Die +Behandlung+
-besteht in der Verabreichung von einhüllenden und styptischen Mitteln,
-namentlich von Opium.
-
-
-Vergiftung durch Podophyllin.
-
- =Botanisches.= Das Podophyllin ist das gelbe, harzartige Extrakt
- des Wurzelstocks von Podophyllum peltatum, einer nordamerikanischen
- Berberidee. Es enthält als wirksame Harze das =Podophyllotoxin= und
- =Pikropodophyllin=.
-
-
-=Wirkung.= Das Podophyllotoxin und Pikropodophyllin sind sehr starke
-Gifte, welche reizend und +entzündungserregend+ auf die Schleimhaut
-des Digestionsapparates einwirken. Das in kleinen Dosen purgierend
-wirkende Podophyllin erzeugt daher schon in relativ nicht grossen Gaben
-eine +tödliche hämorrhagische Gastroenteritis+. So beobachtete ich bei
-einem kleinen, 0,5 kg schweren Hund nach innerlicher Verabreichung
-von 0,5 Podophyllin starkes Erbrechen, blutige Diarrhöe, Sinken der
-Temperatur, Kollaps und nach 10 Stunden den Tod. Auch +Wirtz+ sah
-einen Hund nach 0,6 g sterben. Ein kräftiges Versuchspferd, welchem
-ich 25 g Podophyllin eingab, zeigte nach 18 Stunden Laxieren und
-eine sehr heftige Kolik und starb nach 24 Stunden. Die Sektion ergab
-diphtheritische Schleimhautentzündung im Kolon, Darmblutung, starken
-Leberikterus, sowie parenchymatöse Entzündung der Nieren und Milz.
-
-
-Vergiftung durch Eicheln.
-
- =Allgemeines.= In den Eicheln, den Samen von Quercus Robur, ist eine
- grössere Menge von =Gerbsäure= (7-9 Prozent) enthalten neben Spuren
- eines ätherischen Oels. Besonders giftig scheinen nach den in England
- gemachten Beobachtungen die unreifen Eicheln zu sein.
-
-
-=Krankheitsbild.= Nach der Aufnahme grösserer Mengen von Eicheln,
-namentlich nach dem Genuss der unreifen Eicheln, hat man bei allen
-Haustieren, mit Ausnahme der Schweine, eine unter den Erscheinungen
-einer +schweren Magendarmentzündung+ verlaufende Vergiftung beobachtet,
-welche im wesentlichen wahrscheinlich durch den Tanningehalt der
-Eicheln bedingt wird. Diese Vergiftungen sind am häufigsten in England
-bei Pferden, Schafen und Rindern beobachtet worden. In den leichteren
-Graden der Krankheit beobachtet man lediglich +Verdauungsstörungen+.
-In höheren Graden entwickelt sich jedoch eine +Magendarmentzündung+
-mit anhaltender +Verstopfung+ und späterem ruhrartigem Durchfall,
-Tenesmus, Blutabgang durch den After, sowie grosse Mattigkeit. In den
-höchsten Graden soll die Vergiftung zuweilen grosse Aehnlichkeit mit
-+Rinderpest+ zeigen.
-
-Bei der +Sektion+ findet man die Schleimhaut des Magens und Darmes
-entzündlich verändert. In einzelnen Fällen hat man auch Exkoriationen
-der Maulschleimhaut konstatiert. Die +Behandlung+ besteht in der
-Verabreichung schleimiger, einhüllender Mittel; als chemisches
-Gegengift kann die Anwendung von Leimwasser empfohlen werden. Der
-+Nachweis+ kann botanisch oder chemisch (Blaufärbung von Eisenlösungen
-durch das in den Eicheln enthaltene Tannin) geführt werden.
-
- =Kasuistik.= +Pugh+ (The Vet. 1894) hat in England, wo schon früher
- ähnliche Beobachtungen gemacht wurden (ibid. 1868, 1869, 1871),
- Vergiftungen durch Eicheln besonders beim Hornvieh im Herbst 1893
- beobachtet. Die ersten Zeichen waren leichte Abneigung gegen das
- Futter, leichter Konjunktival- und Nasenkatarrh, allmähliches
- Dunkelwerden der Fäzes und Hellwerden des Urins bei normaler
- Temperatur und schwachem Puls. Später beobachtete er Widerwillen
- gegen die Nahrung, rauhes Haar, gelbe schorfige Beschaffenheit
- der Haut, aufgeschürzten Hinterleib, bisweilen Leibschmerzen mit
- Stöhnen. Die Augen sanken in ihre Höhlen zurück, der Nasenkatarrh
- wurde blutig, ebenso der Darmkatarrh. In den tödlichen Fällen wurde
- die Temperatur subnormal. Kontinuierlichem Durchfall folgte Kollaps.
- Die Mortalitätsziffer betrug 10%. Die anderen Tiere erholten sich
- allmählich, wenn Eicheln nicht mehr gereicht wurden, dabei leicht
- verdauliches Futter gegeben und symptomatische, besonders gegen den
- Durchfall gerichtete Behandlung eintrat. Das Aufhören des Durchfalls
- und sogar Verstopfung war prognostisch günstig. P. hebt hervor,
- dass Eicheln, welche bekanntlich als Mastfutter gepriesen sind,
- im frischen, wie im trockenen und gekeimten Zustand die von ihm
- beobachteten Vergiftungen erzeugen können. -- +Thorburn+ (Vet. journ.
- 1902) hat ebenfalls in England Vergiftungen durch Eicheln bei Rindern
- gesehen; die Symptome bestanden in Verstopfung, später in wässerigem
- Durchfall, Stöhnen, starker Abmagerung und hohem Fieber (40,5-41,8°).
- -- Verdauungsstörungen und Verstopfung nach Verfütterung von
- Eichenlaub und unreifen Eicheln hat bei Rindern +Schulz+ (Woch. f.
- Tierhlkde. 1895) beobachtet.
-
-
-Vergiftung durch Filixextrakt.
-
- =Allgemeines.= Das früher für ein ungiftiges Bandwurmmittel gehaltene
- Filixextrakt hat sich nach neueren klinischen und experimentellen
- Beobachtungen in grösseren Dosen als ein ziemlich starkes Gift
- erwiesen. Die wichtigsten Bestandteile des aus dem Rhizom des
- Wurmfarns durch Mazerieren mit Aether und durch Eindampfen gewonnenen
- Extraktes sind die =Filixsäure= (+Filizin+), eine Säure von der
- Formel C_{35}H_{40}O_{12}, welche zu 6-9 Proz. darin enthalten ist.
- Nach andern Angaben soll das =Filmaron= oder +Aspidinolfilizin+
- der giftige Bestandteil sein, der sich zu Filixsäure und Aspidinol
- zersetzt. Genaueres über die menschenärztliche und tierärztliche
- Literatur der Filixvergiftang vergl. in meiner Abhandlung „Ueber
- die Toxikologie des Filixextraktes“ (Monatshefte für praktische
- Tierheilkunde 1890, I. Bd.), sowie bei +Gmeiner+, „Untersuchungen
- über das Filmaron“ (D. T. W. 1907).
-
-
-=Krankheitsbild.= Das Filixextrakt wirkt bei den Haustieren wie beim
-Menschen in grösseren Dosen zunächst +entzündungserregend+ auf die
-+Magendarmschleimhaut+. Nach seiner Resorption wirkt es +lähmend+ auf
-+Gehirn+ und +Rückenmark+ (psychische Benommenheit, Manegebewegungen,
-Amaurosis, motorische Lähmung). Endlich erzeugt es bei der Ausscheidung
-der Filixsäure durch die Nieren eine +parenchymatöse Nephritis+. Das
-Krankheitsbild ist nach meinen eigenen experimentellen Beobachtungen
-folgendes:
-
-Die ersten Krankheitserscheinungen sind nach meinen Versuchen bei
-Hunden und Schafen die einer +entzündlichen Reizung der Magen-
-und Darmschleimhaut+: Erbrechen, Speichelfluss, Futteraufnahme
-und Wiederkauen unterdrückt, vermehrter Kotabsatz, Durchfall,
-Schmerzen bei der Palpation des Magens und Darmes. Nur bei perakutem
-Krankheitsverlauf (Rind) fehlen gastroenteritische Symptome. Von
-Allgemeinerscheinungen tritt zunächst eine +Affektion des Gehirns+ in
-den Vordergrund. In der Hauptsache äussert sich dieselbe in Form einer
-zunehmenden +Lähmung des Grosshirns+ unter dem Bild der +psychischen
-Benommenheit+ und schwerer Depressionserscheinungen, welche
-schliesslich in vollständige Apathie und Bewusstlosigkeit übergehen.
-Diese zerebralen Lähmungserscheinungen kombinieren sich zeitweise
-mit Erregungssymptomen, welche sich in +Zwangsbewegungen+ äussern:
-Manegebewegungen, automatenhafte, pendelnde Bewegungen des Kopfes und
-Halses. In einem Fall traten auch psychiche Erregungserscheinungen auf,
-und zwar eröffneten dieselben das allgemeine Krankheitsbild (perakuter
-Verlauf beim Rind). Im Zusammenhang mit den genannten zerebralen
-Erscheinungen zeigen sich eigentümliche Vorgänge an den Augen, welche
-im wesentlichen auf eine +Lähmung der Retina+ (Amaurosis) bezogen
-werden müssen: Pupillenerweiterung, Blindheit, Anämie der Pupille. Aber
-auch hier sind die Erscheinungen der Lähmung zuweilen mit derjenigen
-der Erregung untermischt (Nystagmus, Pupillenverengerung). Die lähmende
-Wirkung des Filixextraktes auf die Retina ist wenigstens in Form
-einer Mydriasis meist sehr früh wahrnehmbar. Die +Herztätigkeit+ wird
-durch das Filixextrakt in allen Fällen anfangs erregt, was sich in
-verstärkter Herzaktion und vermehrter Pulsfrequenz äussert, später
-gelähmt. Zu den augenfälligsten Symptomen des Vergiftungsbildes
-gehört die +lähmende+ Wirkung auf den +Bewegungsapparat+; dieselbe
-äussert sich in unsicherem, schwankendem, taumelndem Gang, allmählich
-zunehmender Körperschwäche und schliesslicher allgemeiner Lähmung.
-Vereinzelt war bei einem Versuchstier auch eine Monoplegie zu
-beobachten. Erregungserscheinungen seitens der motorischen Sphäre
-fehlten mit Ausnahme von Zähneknirschen in einem Fall gänzlich. Die
-+Atmung+ endlich ist im ersten Stadium der Vergiftung +angestrengt+
-(Erregung des Atmungszentrums), im letzten Stadium geht jedoch die
-Erregung in eine +Lähmung+ über und die Tiere sterben alle unter den
-Erscheinungen der +Erstickung+.
-
-Die +Dauer+ und der +Verlauf+ der Vergiftung ist je nach der
-verabreichten Dosis verschieden. Die ersten 15 g hatten bei einem
-Versuchshund eine etwa 1tägige, die späteren 20 g eine 3tägige
-Vergiftung zur Folge; die Wiederholung der letzteren Dosis noch während
-des Andauerns der Giftwirkung tötete den Hund bereits nach 3 Stunden.
-Zwei Schafe starben auf 25 resp. 50 g nach 6 resp. 36 Stunden, ein Rind
-auf 100 g nach 4 Stunden. Danach scheint die kürzeste Krankheitsdauer
-3-4 Stunden zu betragen. Die längste bei meinen Versuchen beobachtete
-Dauer betrug 3 Tage; allem nach kann aber dieselbe auch eine wesentlich
-längere sein. Endlich ist zu erwähnen, dass die ersten schweren
-Vergiftungserscheinungen bei grossen Gaben schon nach Verlauf von ½-1
-Stunde auftreten.
-
-
-=Sektionsbefund.= Die wesentlichsten Ergebnisse der Sektion sind
-folgende. Zunächst ist eine +hämorrhagische Entzündung+ leichteren
-Grades auf der Schleimhaut des +Magens+ (Labmagens) und des
-+Dünndarms+ in Form von Schwellung, Rötung und fleckenartigen
-Hämorrhagien, besonders auf der Höhe der Falten zu konstatieren.
-+Gehirn+ und +Rückenmark+ zeigen die Erscheinungen des +akuten
-Oedems+, +Hydrocephalus internus+ und +externus+, sowie +Hydrorachis+;
-daneben habe ich in einem Fall eine erhebliche +Blutung im oberen
-Längsblutleiter+ vorgefunden. Eine kleine Blutung liess sich bei
-einem anderen Versuchstier zwischen Retina und Chorioidea in der
-Nähe der Papille nachweisen; die Retina zeigte sich hiebei getrübt.
-Die +Nieren+ bieten das Bild der +parenchymatösen Nephritis+,
-welche sich makroskopisch durch graurote Verfärbung und weichere
-Konsistenz, mikroskopisch durch Trübung, Aufquellung und Abstossung
-des Nierenepithels, Bildung von Harnzylindern, sowie endlich durch das
-Auftreten von Eiweiss im Harn (2 Proz. in einem Fall) kennzeichnet.
-Vereinzelt war auch die Ausbildung einer hämorrhagischen Zystitis zu
-konstatieren. Von +Allgemeinerscheinungen+ endlich sind hervorzuheben
-die venöse Stauung in den inneren Organen und das Lungenödem
-(suffokatorische Symptome), sowie die Schwellung der Leber und Milz.
-
-Das +Filmaron+ hat nach den Versuchen von +Gmeiner+ (vgl. unten) eine
-ähnliche Giftwirkung wie das Filixextrakt.
-
-
-=Behandlung.= Ist in einem Fall von Helminthiasis eine zu grosse Dosis
-Filixextrakt zur Anwendung gelangt, so hat man zunächst die reizende
-Wirkung desselben auf den Darm durch Eingeben +schleimiger+ Mittel
-zu mildern. Im weiteren besteht die Behandlung in der Verabreichung
-+exzitierender+ Mittel (subkutane Aether-, Kampfer-, Atropin-,
-Koffein-, Veratrininjektionen). Zu vermeiden sind Fette und ölige
-Stoffe, namentlich auch Rizinusöl, weil sie die Resorption der
-Filixsäure bezw. des Filmarons erhöhen.
-
-Der +Nachweis+ einer Filixextraktvergiftung wird ausser dem sehr
-charakteristischen klinischen Befund durch den spezifischen, ganz
-intensiven +Geruch+ des Extraktes geliefert.
-
- =Kasuistik.= +Röder+ (Sächs. Jahresber. 1888) hat bei einem
- kräftigen Mops, welchem innerhalb 3 Stunden 6 g Extractum Filicis
- eingegeben wurden, Erscheinungen einer heftigen Gastroenteritis,
- bedeutenden Kräfteverfall, periodische Krämpfe (Opisthotonus), starke
- Pupillenerweiterung, sowie Tod nach etwa 14 Stunden; ferner bei einem
- andern Mops, welcher 3 g erhalten hatte, eine ähnliche Erkrankung mit
- anscheinender Blindheit, jedoch mit Ausgang in Genesung beobachtet.
- Bei einem dritten Mops, welchem versuchsweise 3 g Extrakt gegeben
- wurden, trat ebenfalls Gastroenteritis mit Krampfanfällen, jedoch
- nach 2 Tagen wieder Genesung ein; 4 g hatten dieselben Erscheinungen,
- sowie ausserdem einen 10 Stunden andauernden soporösen Zustand mit
- 4tägiger Krankheitsdauer zur Folge. Dagegen blieben ein Mopsbastard
- auf 6 g, ein Dachshund auf 5 g, sowie ein Jagdhund auf 10 g
- Filixextrakt gesund. -- +Schlampp+ (Münch. Jahresber. 1891/92)
- sah bei einem grossen Leonberger Vergiftungserscheinungen auf 4 g
- Extrakt (Kollaps, Mydriasis, Netzhautblutung). -- Bezüglich der
- von mir angestellten Versuche bei Hunden, Schafen und Rindern vgl.
- Monatshefte für prakt. Tierheilkunde I. Bd. 1890. -- +Zimmermann+ (Z.
- f. Tierh. 1904) beobachtete bei einer 4jährigen Bernhardinerhündin
- nach der Verabreichung von 4 g Filixextrakt (ohne nachfolgendes
- Abführmittel) eine schwere Vergiftung, die sich in Kollaps,
- Pupillenerweiterung und Dyspnoe äusserte. -- +Gmeiner+ (D. T. W.
- 1907) stellte bei seinen toxikologischen Versuchen mit Filmaron bei
- Kaninchen, Hunden und Schafen im wesentlichen die Erscheinungen der
- Filixextraktvergiftung fest: entzündliche Reizerscheinungen im Magen-
- und Darmtraktus, Lähmung des Bewegungsapparates, Gehirndepression,
- Erregung und Lähmung der Atmung, Amaurosis, Pupillenerweiterung,
- sowie parenchymatöse Nephritis.
-
-
-Vergiftung durch Santonin.
-
- =Allgemeines.= Das in den Wurmsamen, Flores Cinae, zu 2 Prozent
- enthaltene Santonin von der Formel C_{15}H_{18}O_{3} ist ein bei
- Hunden vielfach angewandtes Wurmmittel. Eine bei einem jungen
- Leonbergerhund nach der Verabreichung von 0,06 g Santonin beobachtete
- Vergiftung (Monatsh. f. prakt. Tierhlkde. IV. Bd. 1893, S. 308)
- veranlasste mich, die Toxikologie des Santonins bei Rindern,
- Pferden, Schafen, Ziegen und Hunden experimentell zu prüfen (ibid.
- S. 535). Die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchungen sind in
- nachstehendem zusammengefasst. Vgl. im übrigen die Aehnlichkeit des
- Bildes der Santoninvergiftung mit dem der Bornaschen Krankheit.
- Santoninvergiftungen bei jungen Hunden sind neuerdings auch von
- +Godfray+ beobachtet worden (The Vet. 1900).
-
-
-=Wirkung des Santonins.= Die wichtigsten Erscheinungen der
-Santoninvergiftung bei den Haustieren sind +epileptiforme Krämpfe+,
-+Schlafsucht+, +psychische Benommenheit+, +Taumeln+, +Lähmung+,
-+Sehstörungen+, +Myosis+, +gelbrote Verfärbung des Harns+, +Polyurie+,
-+Strangurie+, +erhöhter Geschlechtstrieb+, Speicheln, Nasenausfluss,
-leichte +Kolikerscheinungen+, +Durchfall+ und +Verstopfung+, sowie
-Störungen des Appetits und der Futteraufnahme.
-
-Die +Santoninkrämpfe+ haben den Charakter der eklamptischen
-(epileptiformen) Krämpfe. Sie bestehen zunächst in blitzartigen
-fibrillären Muskelzuckungen in der Umgebung des Maules, besonders an
-den Maulwinkeln, an der Ober- und Unterlippe, in der Umgebung der
-Nasenlöcher, im Gesicht, in der Backengegend, an den Augenlidern und
-an den Ohren, sowie in rotierenden Bewegungen der Bulbi (Nervengebiet
-des +Fazialis+, +Okulomotorius+, +Trochlearis+ und +Abduzens+). Hiezu
-gesellen sich bei intensiverer Wirkung Kaukrämpfe (Nervengebiet des
-+Trigeminus+), klonisch-tonische Krämpfe der Halsmuskeln (+Halsmark+),
-der Rumpf- und Extremitätenmuskeln (+Rückenmark+), allgemeines
-Muskelzittern, sowie gesteigerte Reflexerregbarkeit, welche sich in
-hochgradiger Schreckhaftigkeit äussert. Das Santonin erweist sich
-mithin zunächst als ein Krampfgift für die motorischen Gehirnnerven,
-insbesondere für den VII., III., IV., VI. und V., sodann aber auch als
-ein spinales Reizmittel.
-
-Das +Sensorium+ zeigt sich bei den leichten Graden der Vergiftung
-intakt. In den höheren Graden sind starke psychische Depression,
-ein dummkollerartiges Benehmen, sowie ausgesprochene und anhaltende
-+Schlafsucht+ zu konstatieren. Namentlich beim Rind, Kalb und Pferd
-ist ein 12-24stündiger ununterbrochener Schlaf, ja selbst ein
-tagelang andauernder schlafsüchtiger Zustand nachzuweisen. Diese
-intensive hypnotische Wirkung ist sehr bemerkenswert. Nur vereinzelt
-gehen ihr starke psychische Erregungserscheinungen voraus (Brüllen,
-Vorwärtsstürzen, gegen die Wand rennen beim Kalb). Die höchsten
-bezw. letalen Grade der Vergiftung äussern sich in einer allgemeinen
-+Lähmung+. Der lähmungsartige Zustand erinnert an das Bild der Koniin-
-oder Morphinlähmung, dauert bei der tödlichen Vergiftung mehrere Tage
-an und führt durch Ausbildung eines Lungenödems zum Tod.
-
-Sehr charakteristisch und von hervorragender diagnostischer Bedeutung
-für die Santoninvergiftung ist die +Rotgelbfärbung+ des +Harns+. Der
-Harn zeigt die Farbe des chromsauren Kalis bezw. einer konzentrierten
-Müllerschen Flüssigkeit. Diese rotgelbe Farbe des Harns war bei allen
-Versuchstieren: Pferd, Rind, Schaf, Ziege, Hund in gleich intensiver
-Weise vorhanden. Von diagnostischer Bedeutung ist ferner die auf
-Zusatz von Laugen eintretende schöne Farbenreaktion (Uebergang des
-Chromgelb in Karminrot). Die Rotfärbung des Harns ist bereits eine
-Stunde nach dem Eingeben des Santonins nachzuweisen. Aus diesem Umstand
-ergibt sich, dass das an sich unlösliche, und daher ungiftige Santonin
-im Magendarmkanal sehr rasch in eine leicht lösliche, giftige und
-resorbierbare Verbindung umgewandelt wird.
-
-Von den übrigen Symptomen sind noch erwähnenswert eine erhebliche
-+Beeinträchtigung des Sehvermögens+, +Myosis+, die +Steigerung des
-Geschlechtstriebs+ bei den männlichen sowohl, wie bei den weiblichen
-Versuchstieren, geringgradige +Kolikerscheinungen+, +Verstopfung+ und
-+Durchfall+, sowie als Ausdruck einer pilokarpinartigen Reizung der
-Speichel- und Schleimdrüsen +Speicheln+ und +Nasenausfluss+. +Der
-Sektionsbefund bei der Santoninvergiftung ist im allgemeinen negativ.+
-Mit Ausnahme parenchymatöser Veränderungen in den Nieren, in der Leber,
-sowie in der Muskulatur lassen sich anatomische Veränderungen nicht
-nachweisen. Am stärksten scheint das Nierenparenchym durch das Santonin
-beschädigt zu werden.
-
- =Grad der Giftigkeit.= Bei der Wirkung des Santonins bildet einen
- Hauptfaktor das Alter der Tiere in der Weise, dass Säuglinge pro
- kg Körpergewicht etwa 100mal, halberwachsene Tiere etwa 2-4mal
- empfindlicher gegen Santonin sind als erwachsene Tiere. Ein 10 Jahre
- alter, 6 kg schwerer +Versuchshund+ zeigte nach der Verabreichung
- von 10 g Santonin (= 1,7 g pro kg Körpergewicht) keine erheblichen
- Störungen, während in dem von mir beobachteten Vergiftungsfall 0,06
- g Santonin ausreichten, um einen 3 kg schweren, 6 Wochen alten
- Hund schwer zu vergiften. Die giftige Dosis betrug mithin 0,02 g
- Santonin pro kg Körpergewicht! Das erwachsene Tier verhält sich zum
- jungen wie 1,7 : 0,02, d. h. wie 85 : 1. Bei einem halberwachsenen,
- 10 Monat alten +Bullenkalb+ im Gewicht von 147 kg traten nach 100
- g Santonin (0,7 pro kg Körpergewicht), bei einer erwachsenen, 6
- Jahre alten Kuh im Gewicht von 360 kg dagegen erst nach 500 bezw.
- 1000 g Santonin (1,5 bezw. 3,0 pro kg Körpergewicht) schwere
- Vergiftungserscheinungen auf. Kalb und Kuh verhalten sich demnach
- wie 1,5 bezw. 3,0 : 0,7, also wie 2-4 : 1. Die tödliche Santonindosis
- beträgt für das erwachsene Schaf 2 g pro kg Körpergewicht. Nach
- meinen Versuchen starb nämlich ein 2jähriges, 27 kg schweres Schaf
- auf die Verabreichung von 50 g Santonin. Dagegen blieb ein anderes
- erwachsenes, 37 kg schweres Schaf nach derselben Dosis am Leben.
- Im Gegensatz zu den übrigen Tieren wurden bei den Versuchsschafen
- Krämpfe nicht beobachtet.
-
- Erwachsene Tiere in höherem Alter können sich sogar so an das
- Santonin gewöhnen, dass es schwer ist, sie mit dem Mittel zu
- vergiften. Die oben erwähnte Kuh erhielt zusammen 1935 g, also nahezu
- 2 kg Santonin. Ich suchte sie zuerst durch 100, dann durch 250, dann
- durch 500 und zuletzt durch 1000 g (1 kg) Santonin zu töten. Als sich
- auch die letztgenannte Dosis nicht als ausreichend erwies, stand ich
- von weiteren Versuchen ab, da sich das Tier dem Santonin gegenüber
- ähnlich indolent erwies, wie beispielsweise Kühe dem Kochsalz und
- Glaubersalz gegenüber. Ganz dieselbe Wahrnehmung wurde bei dem
- 10jährigen kleinen Hund gemacht, bei welchem ich von der Tötung durch
- Santonin ebenfalls Abstand nehmen musste, da er im ganzen 18,75
- g ohne viel Schaden ertrug und selbst auf 10 g des Mittels wenig
- reagierte, und ihm diese 10 g schon ziemlich schwer wegen der relativ
- grossen Menge des Pulvers beizubringen waren. Diese Angewöhnung
- älterer Tiere an Santonin bildet gewissermassen ein Analogon zu der
- von +Ehrlich+ nachgewiesenen künstlichen Immunität der Tiere gegen
- Rizin und Abrin; man könnte nach obigen Versuchen ebenfalls von
- „santoninfesten“ Tieren sprechen.
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-Vergiftung durch Adlerfarnkraut, Pteris aquilina.
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- =Botanisches.= Der Adlerfarn oder Adlersaumfarn (Jesus Christuswurz),
- Pteris aquilina (Polypodiazee), ist ein auf Heiden und in
- lichten Wäldern vorkommendes Farnkraut mit einem unterirdischen,
- federkieldicken, bis meterlangen, verzweigten Rhizom und zweizeilig
- entfernt stehenden Blättern, welche mit dem Stiel bis 4 m hoch
- werden. Ein schiefer Querdurchschnitt durch den Blattstiel zeigt die
- Gefässbündel in Form eines JC oder Adlers (daher die Benennung).
- Die Wurzel wurde früher als Anthelminthikum angewandt; das durch
- Kochen entbitterte Rhizom wird auf den Kanarischen Inseln gemahlen
- und zu Brot gebacken. Der Adlerfarn enthält als giftigen Bestandteil
- die =Pteritannsäure=, einen mit der +Filixsäure+ wahrscheinlich
- identischen Körper.
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-=Krankheitsbild.= Die Erscheinungen der Vergiftung durch
-Adlerfarnkraut haben eine grosse Aehnlichkeit mit denjenigen der
-Filixextraktvergiftung. Das Krankheitsbild ist ebenfalls durch
-+Störungen des Bewusstseins+, +Pupillenerweiterung+, +Schwanken+ und
-+Lähmungserscheinungen+ gekennzeichnet. Ein Fall ist von +Jarmer+
-(Magazin 1861) beschrieben worden. 24 Pferde wurden einige Wochen
-hindurch mit Häckselstroh gefüttert, welches auf einem neubebauten
-Heidelande gewachsen war und etwa ⅕ Adlerfarnkraut enthielt. Sie
-zeigten Schreckhaftigkeit, Bewusstseinsstörungen, Verlust des
-Gleichgewichts, Schwanken, Pupillenerweiterung, Injektion und
-Gelbfärbung der Konjunktiva, verminderte Pulsfrequenz, Zusammenstürzen
-und Krämpfe. 4 Pferde starben, 2 zeigten noch lange Zeit hindurch
-motorische Lähmungserscheinungen, die übrigen genasen nach Verlauf von
-14 Tagen. Bei der +Sektion+ der beiden gestorbenen Pferde fand man
-starke Hyperämie des Gehirns und seiner Häute sowie Ansammlung von
-Serum zwischen den Häuten des Kleinhirns und verlängerten Markes.
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-Vergiftung durch Rainfarnkraut, Tanacetum vulgare.
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- =Botanisches.= Der Rainfarn, Tanacetum vulgare, ist eine 1-2 m hohe
- Komposite mit goldgelben Blüten von unangenehmem Geruch und Geschmack
- (altes Wurmmittel). Sie enthält das =ätherische Rainfarnöl=, nach
- andern das +Tanazeton+ oder +Thujon+. Nach den Untersuchungen von
- +Peyraud+ ist das ätherische Tanazetumöl ein starkes Krampfgift für
- die höheren Tiere, indem es wutähnliche Erscheinungen hervorruft.
- Diese sog. „Tanazetumwut“ äussert sich in Krämpfen der Rückenmuskeln
- sowie der Muskulatur des Schlundkopfes und Kehlkopfes, verbunden mit
- psychischer Erregung.
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-=Krankheitsbild.= Eine Vergiftung bei 5 Rindern ist von +Wessel+,
-+Wilster+ u. +Bugge+ (B. T. W. 1907) beobachtet worden. Die
-Erscheinungen bestanden in +Taumeln+, +Kaukrämpfen+ (Schaum vor
-dem Mund, Kaubewegungen), starker +Benommenheit+ des +Sensoriums+
-(dummkollerartigem Benehmen), +Nystagmus+, Pupillenverengerung und
-+Erblindung+; 3 Rinder starben.
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-Lupinenvergiftung, Lupinose.
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- =Botanisches.= Die zu der Familie der Papilionaceen (Abteilung
- Genisteae) gehörende Gattung +Lupinus+ wird als Futterpflanze
- besonders in Norddeutschland in verschiedenen Arten kultiviert.
- Die wichtigsten derselben sind: 1. +Lupinus luteus+, eine dicht
- weichhaarige Pflanze mit goldgelben, wohlriechenden, festsitzenden
- Blüten, neunzähligen Blättern und zottig rauhen Hülsen mit je 2-5
- nierenförmigen, schwarz- und weiss-gefleckten Samen. 2. +Lupinus
- albus+, eine weichzottige Pflanze mit weissen, geruchlosen
- Blüten, siebenzähligen Blättern und kurzbehaarten Hülsen mit 2-5
- stumpfkantigen, gelblichweissen oder rötlichweissen Samen. 3.
- +Lupinus angustifolius+, eine kleinere, angedrückt weichhaarige
- Pflanze mit kleinen blauen Blüten und zerstreut behaarten Hülsen mit
- je 2-5 rundlich nierenförmigen, marmorierten Samen. Ausserdem können
- giftig werden Lupinus Thermis, linifolius und hirsutis.
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- Die Lupinensamen enthalten neben den Proteinsubstanzen (Konglutin)
- einige Alkaloide (sogen. Lupinenalkaloide), nämlich das Lupinin,
- Lupinidin und Lupanin, welche den bitteren Geschmack der Lupinen
- bedingen. Die Giftigkeit der Lupinen wird jedoch nicht durch die
- genannten Lupinenalkaloide, sondern durch ein anderes chemisches Gift
- bedingt, welches sich mittels alkalisch gemachtem Wasser aus den
- Lupinen ausziehen lässt. Auch durch den Regen wird wenigstens in den
- oberflächlichen Schichten der im Freien aufbewahrten Lupinenhaufen
- das Gift ausgelaugt, so dass diese Schichten hierdurch ungiftig
- werden. +Arnold+ und +Schneidemühl+ haben für dieses Gift den Namen
- =Lupinotoxin= vorgeschlagen. Das besonders in den Schalen, bezw.
- Hülsen und Körnern, aber auch in den übrigen Teilen der Pflanze
- enthaltene Gift wird durch Extraktion mit 1½proz. Sodalösung
- gewonnen. Im übrigen sind die Untersuchungen über den Giftstoff
- der Lupinen nicht abgeschlossen. +Kobert+ hat das Lupinotoxin
- von +Arnold+ und +Schneidemühl+ unwirksam gefunden. Ueber die
- Modalität der Entstehung des Lupinotoxins in den Lupinen ist nichts
- Sicheres bekannt. Vielleicht entsteht das Gift als +Umsatzprodukt
- parasitischer, auf den Lupinen schmarotzender Pilze+. Diese Annahme
- wird durch die Tatsache unterstützt, dass die Lupinen nicht
- allgemein, sondern nur in gewissen Gegenden und zu gewissen Zeiten
- giftig wirken. Einige Landwirte haben die Beobachtung gemacht,
- dass die Lupinen nicht im ersten Jahr, sondern nur dann giftig
- wirken, wenn sie mehrere Jahre auf demselben Felde angepflanzt
- werden; ausserdem soll durch das Bestreuen der Lupinenäcker mit
- künstlichem Dünger die Lupinose verhütet werden (Mitteilung von
- +Sonnenberg+-Ostrowo).
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-=Krankheitsbild.= Die Giftwirkung der Lupinen zeigt eine sehr
-grosse Aehnlichkeit mit der Wirkung des Phosphors. Die Lupinen
-veranlassen +Verfettung+ und +akute gelbe Atrophie+ der +Leber+
-mit +Icterus gravis+, +parenchymatöse Nephritis+ und +Gastritis+,
-+Herzverfettung+, +fettige Degeneration der Skelettmuskulatur+,
-+Eingenommenheit der Psyche+, +Schwäche+ und +Lähmungserscheinungen+.
-Die Krankheitserscheinungen der Lupinose, welche als Herdekrankheit
-bei +Schafen+, namentlich in Norddeutschland, ausserdem vereinzelt
-bei Ziegen, Pferden, Rindern, Schweinen und beim Damwild beobachtet
-wurde, sind folgende: Die Tiere zeigen zunächst einen verminderten und
-später ganz +aufgehobenen Appetit+, sowie Symptome einer +fieberhaften+
-Krankheit (Temperaturerhöhung, Pulsbeschleunigung). Nach einigen Tagen
-tritt eine +ikterische+ Verfärbung der Konjunktiva und Sklera und
-späterhin auch der Haut und der übrigen Schleimhäute auf. Dieselben
-gelbsüchtigen Erscheinungen können jedoch auch fehlen. Ausserdem
-beobachtet man teils +Mattigkeit+, starke +Eingenommenheit+ des
-+Sensoriums+, welche sich bis zur +Bewusstlosigkeit+ steigern kann, und
-+Lähmungserscheinungen+, teils +Schreckhaftigkeit+ und +Kaukrämpfe+
-(Trismus). Der Kotabsatz ist im Anfang meist verzögert, später wird
-der Kot zuweilen teerartig, blutig und diarrhoisch. Der Harn ist
-gelb gefärbt und enthält Gallenfarbstoffe, Gallensäuren, Eiweiss,
-Harnzylinder, Nierenzellen, Rundzellen und Blasenepithelzellen. Die
-Atmung ist gegen das Ende der Krankheit beschleunigt und erschwert:
-zuweilen besteht ein schleimiger oder blutig-schleimiger Nasenausfluss.
-Bei Pferden hat man ausserdem schwere zerebrale Depressionszustände,
-sowie schwere ulzeröse Entzündung der Maulschleimhaut und
-Nasenschleimhaut (Rotzverdacht) beobachtet. Schweine zeigen zuweilen
-anhaltende Schlafsucht.
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-Der +Verlauf+ der Lupinose ist entweder +akut+, wobei der tödliche
-Ausgang schon innerhalb 1-2 Tagen erfolgen kann, meist indessen erst
-nach 4-5tägiger Krankheitsdauer eintritt, oder +chronisch+, wenn
-eine fortgesetzte Fütterung von nur geringgradig giftigen Lupinen
-stattfindet. Diese chronische Lupinose verläuft meist ohne Ikterus
-unter dem Bild der Bleichsucht und Kachexie; ausserdem beobachtet man
-zuweilen Hautausschläge, namentlich am Kopf, sowie die Erscheinungen
-des Nasen- und Konjunktivalkatarrhs. (Ausführlichere Angaben über die
-Lupinose finden sich in dem Lehrbuch der speziellen Pathologie u.
-Therapie von +Friedberger+ und +mir+, 7. Aufl. 1908.)
-
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-=Sektionsbefund.= Die wichtigsten Veränderungen weist die +Leber+ auf.
-Sie zeigt das Bild der +akuten parenchymatösen Hepatitis+ mit +fettiger
-Entartung+ der +Leberzellen+ und +akuter gelber Leberatrophie+.
-Die Leberzellen zeigen zunächst starke körnige Trübung und fettige
-Degeneration, wodurch eine Vergrösserung der Leber bedingt ist. Hieran
-schliesst sich später infolge Resorption des Inhaltes der Leberzellen
-eine Verkleinerung der Leber (akute gelbe Leberatrophie). Ausserdem
-ist die Leber hochgradig ikterisch verfärbt, von zitronengelber,
-ockergelber oder rotgelber Farbe. Bei der chronischen Lupinose
-findet man +chronische interstitielle Hepatitis+ mit Verkleinerung,
-Schrumpfung, Induration und höckeriger Oberfläche der Leber. Die
-+Nieren+ zeigen das Bild der +parenchymatösen Nephritis+ mit körniger
-Trübung des Nierenepithels und Ansammlung von Exsudatzylindern in den
-Harnkanälchen; ausserdem kann eine katarrhalische +Zystitis+ zugegen
-sein. Die Schleimhaut des +Digestionsapparates+ zeigt entzündliche
-Rötung, katarrhalische Schwellung, +Hämorrhagien+, sowie glanduläre
-Entzündung (+Gastritis glandularis+). Die +Muskulatur+ des Herzens,
-sowie die Körpermuskulatur zeigt +körnige+ und +fettige Degeneration+,
-graugelbe Verfärbung, Brüchigkeit und Neigung zu rascher Fäulnis. In
-den meisten Organen finden sich +kapilläre Hämorrhagien+. Endlich
-findet man die Schleimhäute, die Bauchhaut, die Subkutis, das Netz und
-das Gekröse +gelb+ gefärbt.
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-=Behandlung.= Als chemische Gegengifte gegen das Lupinotoxin werden
-+verdünnte Säuren+ empfohlen, welche das Gift unlöslich machen
-sollen. Dagegen sind Alkalien wegen der Beschleunigung der Resorption
-zu vermeiden. Von Säuren sind zu nennen der Essig, verdünnte
-Schwefelsäure, Salzsäure, Phosphorsäure, Zitronensäure und Weinsäure.
-Als Abführmittel werden +Rizinusöl+ und +Krotonöl+ dem Glaubersalz
-vorgezogen, weil letzteres die Lösung des Lupinotoxins beschleunigen
-soll. Gegen die Depressionserscheinungen sind +Exzitantien+ (Aether,
-Kampfer, Alkohol, Ammonium carbonicum) anzuwenden. Ausserdem hat
-natürlich die weitere Fütterung von Lupinen zu unterbleiben.
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-Der +Nachweis+ der Vergiftung wird durch die Untersuchung des
-Futters geliefert. Ausser den Lupinensamen wirken die Lupinenschalen
-und das Lupinenstroh giftig. Zuweilen kommt es auch vor, dass
-Lupinenvergiftungen durch Verfälschung anderer Futterstoffe mit Lupinen
-bedingt werden, z. B. von Oelkuchen, welche mit Lupinenschrot gemischt
-sind. In diesem Fall wird der Nachweis durch Lupen- und mikroskopische
-Untersuchung geführt.
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- =Vergiftung durch Wicken.= Nach der Verfütterung von Wicken
- hat man bei Pferden, Rindern und Schweinen eigenartige
- Vergiftungserscheinungen beobachtet, welche zuweilen +Aehnlichkeit
- mit dem Bild der Lupinose+ zeigten. +Stöhr+ (B. T. W. 1892)
- beobachtete bei Pferden nach ausschliesslicher Wickenfütterung
- +Abmagerung+, völlige +Kahlheit+, +Ikterus+, orangefarbene
- Konjunktiva, pochenden Herzschlag, 60-100 Pulse p. M., sowie
- Temperaturverminderung; die Sektion ergab auffallend grosse,
- +orangefarbige Leber+. Auf einem andern Gute, wo pro Pferd und Tag
- 15 Pfund halb Wickenschrot, halb ganze Wicken und daneben noch
- Wickenheu gefüttert wurden, starben von 60 Pferden 10. Dieselben
- waren allmählich stark abgemagert, hatten die Haare verloren und
- waren unter Kolikerscheinungen verendet; bei der Obduktion fand man
- Darmentzündung, sehr grosse, dunkelbraune Leber und Milzschwellung.
- Bei Ochsen entwickelte sich ein der +Schlempemauke+ ähnliches
- Hautleiden mit trockenem +Absterben wunder Hautstellen+. Gleichzeitig
- starben 80 Schweine infolge von Darmentzündung und Leberschwellung.
- -- +Wenke+ (Berl. Arch. 1894) sah nach der Wickenfütterung bei
- Pferden +Schwäche+ und +Lähmung+ des +Hinterteils+, sowie Tod nach
- wenigen Tagen; +Mason+ (Vet. journ. 1896) bei 4 Pferden +Amaurose+,
- +Hufentzündung+ und Trismus.
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- Nach der Verfütterung der =Zottelwicke= (Sandwicke, Vicia villosa),
- auf der in Unmenge Jassus sexnotatus (Zwergzikade) lebte, erkrankten
- 36 Rinder, von welchen 6 starben. Die Tiere zeigten Quaddeln,
- zunächst am Kopf und Hals, welche sich später über den ganzen Körper
- ausbreiteten, Husten, herpetischen Ausschlag im Maul, Rötung und
- Zyanose der Schleimhäute, eitrigen Nasenausfluss, Rasselgeräusche in
- der Lunge, Haarausfall, gänzlich unterdrückte Futteraufnahme, Verfall
- der Kräfte, keuchende Atmung, dagegen freies Sensorium bis zu dem
- nach 12-15 Tagen eintretenden Tod. Die Sektion ergab blutig-seröse
- Ergüsse unter der Haut, entsprechend dem Sitze der Quaddeln,
- ausgebreitete Entzündung in den ersten 3 Mägen, einmal katarrhalische
- Entzündung des Labmagens, hochgradige Bronchitis und beginnende
- Bronchopneumonie, Glottisödem, punktförmige Blutungen im Myokard,
- lehmfarbige Leber, sowie vereinzelt Peritonitis und Nephritis
- (+Röder+, Sächs. Jahresber. 1893).
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-Vergiftung durch Schachtelhalm. Equisetum.
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- =Botanisches.= Die Gattung +Equisetum+, +Schachtelhalm+ (Katzenstert,
- Duwock) bildet einen Ueberrest verloren gegangener Kryptogamen
- der Vorwelt, welche besonders auf sumpfigem Boden und im Wasser
- wachsen. Die Schachtelhalme sind charakterisiert durch ein
- unterirdisches, kriechendes Rhizom, aufrechten, gegliederten,
- hohlen, von gestreckten Internodien unterbrochenen Stengel, kleine,
- rudimentäre, schildförmige, quirlständige, zu trockenhäutigen,
- gezahnten Scheiden verwachsene Blätter mit Sporenbehältern an der
- Unterseite. Die wichtigsten Arten sind: 1. +Equisetum arvense+,
- der Ackerschachtelhalm oder das Heermoos, mit vierkantigen, rauhen
- Aesten und einem Stengel, welcher im Frühjahr rötlich und im Sommer
- grün ist. 2. +Equisetum palustre+, der Sumpfschachtelhalm (Kuhmoos),
- mit gefurchtem, rauhem, einfach ästigem Stengel und sechszähnigen
- Scheiden. 3. +Equisetum limosum+, der Schlammschachtelhalm, mit
- einfachem, glattem, bis 80 cm hohem Stengel und zwanzigzähnigen
- Scheiden. Seltener sind Vergiftungen durch +Equisetum hiemale+.
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- Der Schachtelhalm ist ähnlich wie die Lupinen je nach dem Standort
- und Klima eine bald giftige, bald ungiftige Futterpflanze,
- welche gleich jenen an Giftigkeit verliert, wenn sie durch den
- Regen ausgelaugt wird. Der Giftstoff selbst ist nicht genauer
- bekannt. Vielleicht wird derselbe ebenfalls, wie man dies bei den
- Lupinen annimmt, indirekt durch +Befallungspilze+ erzeugt. Nach
- +Pancerzynski+ soll ein +alkaloidartiger+ Stoff, nach +Lohmann+
- das Alkaloid =Equisetin=, nach +Ludewig+ die +Akonitsäure+ der
- giftige Bestandtteil sein (die letztere Annahme wurde von +Reinecke+
- widerlegt). Nach +Richter+ (Dessau) prädisponiert vielleicht die
- gleichzeitige Aufnahme reizender Gräser (Riedgräser) zur Vergiftung
- durch den sonst unschädlichen Schachtelhalm. Vielleicht gehören
- manche Fälle von angeblicher Equisetumvergiftung ins Kapitel
- Pilzvergiftung (vergl. S. 335).
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-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Der im Schachtelhalm enthaltene
-Giftstoff besitzt eine +lähmende+ Wirkung auf das +Rückenmark+ und
-das +Kleinhirn+. Equisetumvergiftungen sind bei Pferden, Rindern und
-Schafen beobachtet und von alters her mit dem Namen „+Taumelkrankheit+“
-bezeichnet worden. Die ersten Krankheitserscheinungen bestehen in
-+gesteigerter Reflexerregbarkeit+, auffallender +Schreckhaftigkeit+,
-+Aufregung+ und +Aengstlichkeit+, sowie +Unsicherheit+ im +Gang+ und
-in den +Körperbewegungen+. Später beobachtet man +Schwanken+ und
-+Taumeln+, +Lähmung+ des +Hinterteils+, +Zusammenstürzen+, sowie
-+allgemeine Lähmung+. Die Futteraufnahme ist meist längere Zeit
-hindurch trotz der schweren motorischen Störungen normal, auch das
-Bewusstsein ist gewöhnlich erst in den späteren Stadien der Vergiftung
-gestört. Der Verlauf der Krankheit kann sehr akut sein, indem der Tod
-zuweilen schon innerhalb einiger Stunden oder eines Tages eintritt.
-Häufiger ist eine längere Krankheitsdauer von mehreren (2-8) Tagen.
-Ausserdem kann sich bei fortgesetzter Aufnahme kleinerer Mengen des
-Schachtelhalms auch eine chronische Vergiftung ausbilden, welche
-unter den Erscheinungen der Abmagerung und Kachexie, verbunden mit
-lähmungsartiger Schwäche, verläuft.
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-Bei der +Sektion+ findet man angeblich Hyperämie, ödematöse
-Durchtränkung, sowie Ansammlung seröser Flüssigkeit in den Häuten des
-Kleinhirns und Rückenmarkes.
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-=Behandlung.= Vor allem muss mit der Fütterung gewechselt werden.
-In leichteren Fällen der Erkrankung genügt diese Massregel allein.
-Bei schwereren Erkrankungen sind neben Abführmitteln +Exzitantien+
-anzuwenden. Da die Vergiftung vorwiegend unter dem Bild einer spinalen
-Lähmung verläuft, sind besonders +Strychnin+ (0,05-0,1 für Pferde),
-+Veratrin+ (ebensoviel) und +Koffein+ (5-10,0) als erregende Mittel für
-das Rückenmark und die Muskulatur anzuwenden. Ausserdem empfiehlt sich
-die Verabreichung von kleinen Dosen +Aether+, +Kampfer+, +Alkohol+,
-+Salmiakgeist+, +Ammonium carbonicum+, +Atropin+ oder +Hyoszin+.
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- =Kasuistik.= Die Literatur der Equisetumvergiftung bei den Haustieren
- (Pferd, Rind, Schaf) ist sehr reichhaltig. +Allemeier+ (Berl.
- Arch. 1890) beobachtete bei 3 Pferden, deren Futter lediglich aus
- Schachtelhalm (Equisetum hiemale) bestanden hatte, Schwanken,
- leichtes Umfallen, mühsames Wiederaufrichten, sowie Lähmung des
- Hinterteils; der Appetit war während der Krankheitsdauer gut.
- Nach eingeführtem Futterwechsel trat im Verlauf von 2-6 Wochen
- allmählich Besserung und Heilung ein. -- +Schmidt+ (Adams Wochenschr.
- 1875) fand bei fünf Fohlen nach der Verfütterung von Equisetum
- auffallende Schreckhaftigkeit, indem sie bei dem geringsten Geräusch
- zusammenfuhren, ausserdem Taumeln, schwankende Bewegung und
- Umknicken. Dabei war das Sensorium frei, der Appetit normal, die
- Respiration regelmässig. 4 Fohlen genasen, 1 starb; bei der Sektion
- fand man als Haupterscheinung eine Hyperämie des Kleinhirns. --
- +Pelschimofski+ (Oesterr. Vereinsmonatsschr. 1886) berichtet, dass
- die Equisetkrankheit unterhalb Bozens an den Ufern der Etsch häufig
- vorkommt, indem die tiefliegenden Wiesen von Equisetum palustre und
- arvense bewachsen sind. Dagegen kommt die Krankheit in hochgelegenen
- Gemeinden nicht vor. In den ersten Tagen der Erkrankung zeigen die
- Tiere leichte Erregbarkeit und Schreckhaftigkeit, ängstlichen und
- unsicheren Gang auf den Hinterbeinen, sowie leichtes Schwanken mit
- der Nachhand. Später zeigt sich eine Zunahme der Unsicherheit im
- Gehen, stärkeres Schwanken, sowie wechselnder Appetit, worauf eine
- Lähmung der Nachhand und zuletzt auch Lähmung des Vorderkörpers
- folgt; die Sensibilität ist während der ganzen Krankheitsdauer
- erhalten. Der Tod tritt durchschnittlich nach 6-14 Tagen ein. Die
- Prognose ist im allgemeinen günstig, bei ausgeprägtem Schwanken
- dagegen ungünstig. -- +Dominik+ (Preuss. Mitt. 1858) fand bei
- einem Pferd, welches während des Lebens Schwäche im Hinterteil,
- taumelnden, unregelmässigen Gang, Schreckhaftigkeit, Aufregung
- und Zusammenstürzen bei sonst normalen Funktionen gezeigt hatte,
- bei der Sektion Ansammlung von Serum in den Rückenmarkshäuten. --
- +Leistikow+ (Berl. Arch. 1892) sah bei 3 Pferden Erscheinungen
- der akuten Kreuzlähmung, gesenkte Kopfhaltung, serös-eitrigen
- Augenausfluss, starke Schwellung der Lider und Konjunktiven,
- randförmige Trübung der Kornea, schwankenden Gang und starkes
- Einknicken der Hintergliedmassen. -- +Rind+ (B. T. W. 1894) hat
- in der Danziger Niederung oftmals Equisetumvergiftung und zwar
- ausschliesslich in den Monaten Januar bis Mai und bei solchen Pferden
- beobachtet, welche kein Körnerfutter erhielten. Die Erscheinungen
- bestanden in unsicherem Gang, Muskelschmerzen, Schwäche der Nachhand
- und Lähmung. -- 7 Pferde erkrankten nach der Aufnahme grosser Mengen
- von Equisetum arvense im Streustroh unter dem Bilde der Kreuzlähmung
- bei vollständiger freier Psyche und gutem Appetit; eines davon
- starb an allgemeiner Lähmung. Die leicht erkrankten Pferde erholten
- sich in 8 Tagen; bei 3 schwerer kranken hielt die lähmungsartige
- Schwäche mehrere Monate an, 2 davon genasen erst nach 4 Monaten
- (Pr. Mil.-Vet.-Ber. 1896). -- +Pruns+ (B. T. W. 1899) bezweifelt,
- dass die Taumelkrankheit, welche er im Winter 1899/1900 mehrmals
- bei Pferden beobachtet hat, durch Equisetum veranlasst wird, da
- sie wiederholt in Besitzungen aufgetreten ist, deren Ländereien
- frei von Equisetum sind. -- +Löfmann+ (Finische Vet.-Zeit. 1901)
- sah bei einem Pferde, welches 4 Monate Equisetumheu gefressen
- hatte, Bewegungen wie bei einem trunkenen Menschen; der Appetit
- war gut. Nach 4 Tagen trat vollständige Heilung ein. -- +Zix+
- (Woch. f. Tierheilk. 1905) hält eine bei Militärpferden in Landau
- aufgetretene Erkrankung, die sich in Schwanken, Taumeln und Lähmung
- der Hinterhand bei sonst ungestörtem Allgemeinbefinden äusserte, für
- eine Schachtelhalmvergiftung. -- +Ludewig+ und +Wünsch+ (Zeitschr.
- f. Vet. 1902) halten die im Sommer 1902 bei der 1. Eskadron des
- 2. Leibhusarenregiments in Danzig aufgetretene Massenerkrankung
- (sog. „Lendenmarkseuche“) auf Grund des Krankheitsbildes,
- der Futteruntersuchung und eines Fütterungsversuches für
- Schachtelhalmvergiftung. Die Krankheitserscheinungen bestanden
- hauptsächlich in Lähmung der Hinterhand, des Schweifes, der
- Blase und des Penis bei gutem Appetit, freiem Bewusstsein und
- Fieberlosigkeit. Von seiten des Proviantamts wurde gegen die Diagnose
- Schachtelhalmvergiftung geltend gemacht, dass das beschuldigte, aus
- der Danziger Niederung stammende Heu nur 0,04 Prozent Schachtelhalm
- enthielt, während bei anderen Truppenteilen Heu mit einem
- Schachtelhalmgehalt bis zu 0,3 Proz. ohne jeden Schaden verfüttert
- wurde, dass das fragliche Heu ferner seit Monaten an sämtliche
- Pferde der Danziger Garnison ohne Nachteil verabreicht wurde (nur
- die 1. Eskadron des 2. Leibhusarenregiments erkrankte), und dass
- die Krankheit noch fortdauerte, trotzdem seit einigen Wochen ganz
- schachtelhalmfreies Heu verfüttert wurde. -- +Lohmann+ (Arb. d.
- Deutschen Landw.-Ges. 1905; Fortschr. d. Vet.-Hyg. 1903) glaubt, dass
- nicht die Akonitsäure, sondern alkaloidartige Nerven- und Muskelgifte
- die Schachtelhalmvergiftung veranlassen („Equisetin“). Er fand solche
- jedoch in grösserer Menge nur in Equisetum palustre. 600 g der
- frischen oder 150 g der lufttrockenen Pflanze genügten, um ein junges
- Kaninchen innerhalb einer Woche unter krampfartigen Erscheinungen
- verenden zu lassen. Von Equisetum silvaticum waren über 3 kg frisches
- Kraut nötig, um Kaninchen zu töten. Als ungiftig erwiesen sich
- auch bei monatelanger, fast ausschliesslicher Fütterung Equisetum
- arvense, pratense, maximum und limosum. -- +Reinecke+ (Monatshefte
- f. prakt. Tierheilkde. 1903) hat Versuche mit Akonitsäure an Pferden
- angestellt und bewiesen, dass diese ganz indifferente Säure nicht
- das Schachtelhalmgift sein kann; Pferde ertrugen pro Tag 30 g, in 5
- Tagen sogar 95 g Akonitsäure, ohne Krankheitserscheinungen zu zeigen.
- -- +Pancerzynski+ (Beitr. z. Kenntnis des Equis. pal. und limosum.
- Dorpat 1890) fand bei seinen Versuchen, dass Equisetum palustre auf
- Wiederkäuer in hohem Grade giftig wirkte, während es von Pferden ohne
- Schaden aufgenommen wurde. Das umgekehrte Verhältnis besteht bei
- Equisetum limosum. Die entgegengesetzten Angaben der Literatur sollen
- auf einer Verwechslung der beiden Arten beruhen (?). -- Der +Preuss.
- Vet.-Ber.+ pro 1906 enthält einen Fall von Schachtelhalmvergiftung
- bei 3 Pferden (Schreckhaftigkeit, unsicherer und taumelnder Gang;
- Heilung 3 Wochen nach Futterwechsel). -- +Richter+ (B.T.W. 1907)
- beschreibt 2 Fälle von Schachtelhalmvergiftung beim Pferd; auffallend
- war der grosse gleichzeitige Gehalt des Futters an Riedgräsern
- (Karex), die vielleicht durch Reizung der Darmschleimhaut zur
- Vergiftung prädisponieren.
-
-
-Vergiftung durch Buchweizen, Fagopyrismus.
-
- =Botanisches.= Der +Buchweizen+, +Polygonum Fagopyrum+ (Fagopyrum
- esculentum, Heidekorn, Heidegrütze) ist eine ursprünglich aus
- dem Orient stammende einjährige, krautartige Polygonazee mit
- endständiger, doldentraubiger Blüte und glänzenden, grauen, oft braun
- marmorierten, scharfkantigen, 5-6 mm grossen Früchten. Der Buchweizen
- ist eine häufig kultivierte Futterpflanze (Polygonum Persicaria wird
- seltener angebaut), welche unter gewissen Umständen Vergiftungen
- bei Schafen und Schweinen, seltener bei Ziegen, Rindern und Pferden
- bedingt, und zwar sowohl im grünen, namentlich im blühenden Zustand,
- als auch in Form des Strohs, der Stoppeln, des Spreus, Kaffs und
- der Körner. Als Ursachen der Giftwirkung wurden =Befallungspilze=
- angenommen. Nach +Koefeld+ soll der Buchweizen einen roten Stoff, das
- +Fluorophyll+ enthalten, der die Ursache des Hautausschlags sein soll
- („biologischer Sensibilator“). Nach +Oemke+ lässt sich der Giftstoff
- durch Alkohol ausziehen (vergl. unten). Vergiftungen ereigneten sich
- insbesondere bei gleichzeitiger +Einwirkung+ des +Sonnenlichts+ und
- bei +weissen+ oder weissscheckigen Tieren während des Weidegangs,
- viel seltener bei Stallfütterung und bei bewölktem Himmel; schwarze
- oder schwarz angestrichene Tiere erkrankten nicht. In den letzten 20
- Jahren sind Vergiftungen durch Buchweizen nur selten vorgekommen,
- vielleicht deshalb, weil die Körner nur noch ausnahmsweise an Tiere
- verfüttert, sondern meist zu Gries und Grütze verarbeitet werden.
- (Genaueres über das Vorkommen des Fagopyrismus findet sich in der
- Speziellen Pathol. und Therapie von +Friedberger+ und +mir+, 1908, 7.
- Aufl.).
-
-
-=Krankheitsbild.= Der giftige Buchweizen enthält einen
-+scharf-narkotischen+ Stoff, welcher auf Haut und Schleimhäute
-eine +entzündungserregende+, innerlich auf das Zentralnervensystem
-eine +krampferregende+ und +betäubende+ Wirkung ausübt. Die
-Vergiftungserscheinungen bestehen hauptsächlich in einer
-+Hautentzündung+ am +Kopf+, sowie an den weissen Körperstellen.
-Die Haut ist +höher gerötet+ und +geschwollen+, gleichzeitig
-besteht starker +Juckreiz+. In höheren Graden zeigt die Haut die
-Erscheinungen einer +vesikulären+, +bullösen+, +phlegmonösen+ und
-selbst +gangräneszierenden Dermatitis+ (Kopfrose, Blatterrose der
-Schafe). Aehnliche Erscheinungen treten auch an den Kopfschleimhäuten
-auf (+Konjunktivitis+, +Laryngitis+, +Stomatitis+, +Bronchitis+).
-Wahrscheinlich handelt es sich bei der Entzündung der Haut und
-Schleimhäute um die Ausscheidung eines scharfen Stoffes aus dem Blute
-(+toxisches Exanthem+). Dabei zeigen die Tiere oft starke +Aufregung+
-und +Unruhe+, zuweilen sogar +tobsuchtartige Zufälle+.
-
-In vielen Fällen beschränkt sich die Vergiftung auf die beschriebene
-Hautaffektion; sog. +Buchweizenausschlag+, +Fagopyrismus+. In
-anderen Fällen beobachtet man auch zerebrale Erregungs- und
-Lähmungserscheinungen, welche sich in +Krämpfen+, +Drehbewegungen+,
-+Betäubung+, +Schwindel+ und +psychischer Benommenheit+ äussern. Diese
-letzteren Symptome können zusammen mit der Entzündung der Haut oder für
-sich allein auftreten. Vereinzelt kommen ferner +gastroenteritische
-Zufälle+, sowie Erscheinungen der +Blasenreizung+ (Zystitis,
-Strangurie) zur Beobachtung.
-
-
-=Behandlung.= Prophylaktisch empfiehlt sich +Stallfütterung+ und
-Vermeidung des Weidegangs im Sonnenschein. Kranke Tiere bleiben
-ebenfalls im Stall und werden äusserlich mit +entzündungswidrigen
-Mitteln+ (Bleiwasser), innerlich mit Abführmitteln behandelt.
-
- =Kasuistik.= Nach +Klein+ (Berl. Arch. 1890) traten bei einer
- Schafherde nach dem Beweiden eines schlecht entwickelten
- Buchweizenfeldes Rötung und schmerzhafte Schwellung der Gesichts-
- und Kopfhaut, pustulöse Ekzeme der Lippen, starkes Juckgefühl,
- Entzündung der Konjunktivalschleimhaut, hochgradige Gehirndepression,
- Taumeln, Zuckungen und Zusammenbrechen auf; nach drei Stunden
- hatte sich bei den Tieren die Fresslust wieder eingestellt,
- und nach Ablauf von 5 Tagen waren alle wieder hergestellt. --
- +Richter+ (Preuss. Mitt. 1871) beobachtete bei Schweinen, welche
- mit grossen Mengen von Buchweizen gefüttert wurden, unterdrückte
- Futteraufnahme, trockenen Kot, Harnzwang, Fieber, Atmungsbeschwerden
- und Krämpfe; bei der Sektion der gefallenen Tiere fand man Entzündung
- der Magendarmschleimhaut, heftige Entzündung des Blasenhalses,
- vereinzelt selbst Blasenrupturen, endlich starke Lungen- und
- Gehirnhyperämie. -- +Rabe+ u. a. (Preuss. Mitt. Bd. 16 und N. F. Bd.
- 17) konstatierten bei Pferden und Schweinen epileptiforme Anfälle
- und Schwindelerscheinungen ohne entzündliche Veränderungen der
- Haut. -- +Popow+ (Petersburger Arch. f. Veterinärmedizin 1888) sah
- junge weisse Schweine nach der Verfütterung von Buchweizenkleie
- erkranken. Die schwarzen, bunten und roten Schweine blieben dagegen
- gesund. Die Vergiftungen ereigneten sich nur im Frühling und Sommer
- an warmen, sonnigen Tagen. Die Krankheitserscheinungen bestanden in
- beschleunigtem Atmen, Unruhe, Schreien, Schäumen, Drehbewegungen,
- andauernden krankhaften Zuckungen der Extremitäten und Lippen,
- Umfallen, Gefühllosigkeit. Nach den Anfällen zeigten die Tiere grosse
- Mattigkeit und schwankenden Gang, erholten sich aber bis zum nächsten
- Tage. -- +Koschel+ (Berl. Arch. 1892), beobachtete bei Schweinen nach
- der Fütterung mit Schalen der Heidegrütze Lähmung des Hinterteils
- und Tod. -- +Oemke+ (Z. f. Physiol. 1909) konnte an weissen Mäusen
- und Meerschweinchen durch Verfütterung von Buchweizen bei Belichtung
- mit Sonnenschein die gleichen Hautaffektionen usw. hervorrufen, wie
- sie bei Schafen vorkommen. Die blosse Verfütterung von Buchweizen an
- weisse Mäuse und weisse Kaninchen genügt, um bei diesen Tieren den
- Tod unter Lähmungserscheinungen hervorzurufen, wenn sie im diffusen
- Tageslicht gehalten werden. Der Kern und die Schale sind gleich
- giftig. Durch Alkohol extrahierter Buchweizen war ungiftig. Dagegen
- wirkte der aus dem alkoholischen Extrakt durch Abdampfen gewonnene
- Rückstand bei belichteten weissen Mäusen nach Einverleibung in den
- Magen tödlich.
-
-
- =Maisvergiftung.= Beim Menschen verläuft die unter dem Namen
- +Maidismus+ oder +Pellagra+ (Lombardei) bekannte Maisvergiftung
- chronisch unter den Erscheinungen des Ekzems (Dermatitis), der
- Gastroenteritis, sowie von Delirien, Tobsucht, Blödsinn und spinaler
- Lähmung. Die Ursachen sind nicht bekannt (Aspergillose? Bacillus
- maidis? Pellagrocein?). Nach +Ceni+ und +Besta+ (Zentralbl. f.
- allg. Pathol. 1902) soll es sich um eine Schimmelpilzvergiftung
- (Aspergillosis), speziell um Toxine von Aspergillus fumigatus und
- flavescens handeln. Der Maidismus des Menschen hat Aehnlichkeit
- mit dem Fagopyrismus der Tiere (vergl. S. 323). Die tierärztliche
- Literatur enthält ferner einen dem Maidismus des Menschen analogen
- Vergiftungsfall bei Rindern. Nach der ausschliesslichen und
- reichlichen Verfütterung von +Maisschlempe+ trat bei 12 Kühen
- und 13 Kälbern eine +der Schlempemauke ähnliche+, aber heftiger
- verlaufende Krankheit auf, welche den Eindruck einer dem Pellagra
- des Menschen verwandten Intoxikation machte. Die Tiere lahmten,
- zeigten starke Anschwellungen der Klauen-, Fessel- und Sprunggelenke,
- starke Rötung der Haut und der sichtbaren Schleimhäute, Dyspnoe,
- sowie stieren Blick; hochträchtige Kühe abortierten und gingen
- sehr schnell zugrunde; die ausgetragenen Kälber starben nach
- 2-3 Tagen. Die Sektion ergab multiple Arthritis und jauchige
- Metritis. Auch ein Pferd erkrankte unter ähnlichen Erscheinungen;
- dasselbe zeigte ausserdem Anschwellungen am Kopf, Hals und an den
- Seitenbrustwandungen.
-
-
-Vergiftung durch Wachtelweizen, Melampyrum.
-
- =Botanisches.= +Melampyrum pratense+, +silvaticum+, +nemorosum+ und
- +commutatum+ (Wachtelweizen, Kuhweizen) sind Futterarten aus der
- Familie der Skrophulariazeen, welche für gewöhnlich ohne Schaden
- verfüttert werden. Melampyrum pratense ist ein 1jähriges Kraut mit
- gegenständigen Blättern, kegelförmigen Blütenähren, purpurnen Blüten
- mit röhrigglockigem Kelch, sowie sehr harten, glatten, Weizenkörnern
- ähnlichen Samen. Aehnlich wirkt +Rhinanthus+ (Alectorolophus), der
- sog. Klappertopf. Die Samen der genannten Melampyrumarten enthalten
- das scharf narkotisch wirkende Glykosid =Rhinanthin=, welches auch in
- anderen Skrophulariazeen enthalten sein soll.
-
-
-=Wirkung.= Die Vergiftungserscheinungen bestehen in +Darmentzündung+
-und +Lähmung+. Da das Rhinanthin in den übrigen Teilen der Pflanze
-nicht vorkommt, sind nur die Samen giftig, während die Pflanze
-selbst ohne Schaden verfüttert werden kann. Eine Vergiftung durch
-Wachtelweizen (Samen von Melampyrum silvaticum) ist von +Czako+
-(Ungarischer Veterinärbericht 1886/87) bei einem Schafbock beobachtet
-worden; durch die Sektion wurde Hyperämie der Darmschleimhaut,
-des Gehirns und der Gehirnhäute konstatiert. Angestellte
-Fütterungsversuche mit den Samen an Kaninchen ergaben als wichtigste
-Vergiftungserscheinungen +Schläfrigkeit+ und hochgradige +Abstumpfung+;
-bei der Sektion wurde ebenfalls +Hyperämie+ des +Darmes+ und +Gehirns+
-vorgefunden. +Mesnard+ (Recueil 1894) sah bei einer Stute, die mit
-dem Hafer viel Wachtelweizen erhielt, Kolik, Schwäche im Hinterteil,
-Abgeschlagenheit, Herzklopfen, schwachen, kaum fühlbaren Puls,
-Schwindel, blutigen Harn und schnellen Tod; bei der Sektion wurden
-Darmentzündung, sowie Hyperämie und Hämorrhagien im Gehirn festgestellt.
-
-
-Vergiftung durch Baumwollsaatkuchen.
-
- =Allgemeines.= Die als Futtersurrogat eingeführten amerikanischen
- Baumwollsaatkuchen (+Gossypium herbaceum+, Malvazee) bedingen
- zuweilen, namentlich bei jüngeren Tieren charakteristische
- Vergiftungserscheinungen. Auf diese Vergiftung ist zum erstenmal
- im Jahre 1863 in England aufmerksam gemacht worden. Später haben
- Gautier, Gips, Esser, Bongartz, Tietze u. a. die Krankheit genauer
- untersucht und beschrieben. Die Ursache der Vergiftung ist mit
- Sicherheit noch nicht festgestellt, sie scheint aber in einem
- +scharf+ wirkenden +chemischen+ Körper gesucht werden zu müssen,
- welcher nach Cornevin im Samenkern, nach andern in der braunen
- +Samenschale+ enthalten ist. Die vollständigen abgeschälten
- Baumwollsamen sollen nach den in Aegypten gemachten Beobachtungen
- ungiftig sein, desgleichen das Baumwollsamenöl. Nach Peddi soll das
- Toxin der Baumwollsamen mit dem +Muskarin+ verwandt sein. In der
- Anwesenheit von Befallungspilzen (Schimmelpilzen) oder Spaltpilzen
- ist die Ursache der Vergiftung wahrscheinlich nicht zu suchen.
- Erfahrungsgemäss wirken Saatkuchen von bestem Aussehen und ohne
- besonderen Geruch giftig.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Krankheitserscheinungen
-sind im wesentlichen die einer +hämorrhagischen Gastroenteritis+
-und +Nephritis+. Die Tiere -- meistens erkranken jüngere Tiere,
-Kälber und Lämmer -- zeigen +Verdauungsstörungen+, +Tympanitis+,
-+Verstopfung+, +Durchfall+, +blutigen Kot+, sowie die Symptome der
-Nieren- und Blasenreizung: +Hämaturie+, +Harndrang+, +Albuminurie+ und
-+Blasenlähmung+. Ausserdem findet man +Muskelschwäche+, +Schwanken+,
-+Schlafsucht+, +Lähmungserscheinungen+ und Abortus. In Amerika hat
-man ferner schwere, oft zu Erblindung führende Augenerkrankungen
-(+Hornhautgeschwüre+ infolge von Trigeminuslähmung) bei Rindern
-beobachtet. Vereinzelt ist auch über das Auftreten von Ikterus
-berichtet worden. Der Krankheitsverlauf ist zuweilen sehr akut, indem
-der Tod schon nach wenigen Stunden eintreten kann. Meist beträgt
-jedoch die Krankheitsdauer einige Tage. Bei fortgesetzter Verfütterung
-kleinerer Mengen der giftigen Saatkuchen entsteht das Bild einer
-+chronischen+, mehrere Wochen andauernden Vergiftung, welche sich in
-Durchfällen, Abmagerung, zunehmender Mattigkeit, Kachexie, Hydrämie und
-Auftreten von Katarrhen im Respirationsapparat äussert. Die +Sektion+
-ergibt bei akutem Verlaufe der Krankheit das Vorhandensein einer
-hämorrhagischen Gastritis, Enteritis und Nephritis neben Schwellung der
-Leber und Flüssigkeitsansammlung in den Körperhöhlen. Bei chronischem
-Verlauf findet man allgemeine Abmagerung, wassersüchtige Zustände
-(Hydrothorax, Aszites, Anasarka), sowie parenchymatöse Nephritis.
-
-
-=Behandlung.= Neben dem Aussetzen der Fütterung mit Baumwollsamenkuchen
-empfiehlt sich die Verabreichung von abführenden und einhüllenden
-Mitteln, namentlich von +Rizinusöl+ (Kälbern und Schafen 50-100,0,
-Lämmern 10-25,0) in Verbindung mit Leinsamenschleim als Emulsion.
-Den blutigen Durchfall behandelt man mit Tannin oder Opium, die
-Nieren- und Blasenentzündung mit Kali chloricum, die Schwäche und
-Lähmungserscheinungen mit Exzitantien.
-
- =Kasuistik.= Eine ausführliche Beschreibung der Vergiftung hat zuerst
- +Gautier+ (Deutsche Zeitschrift für Tiermedizin 1886) geliefert,
- welcher mehrere Massenerkrankungen bei Kälbern beobachtete und auch
- Fütterungsversuche anstellte. Zwei 10 Wochen alte Kälber erhielten
- täglich je ein Pfund guten, unverdorbenen Baumwollsamenkuchen. Am
- 7. Tag traten die ersten Krankheitserscheinungen auf, am 11. Tag
- zeigte sich Durchfall, am 16. Tag Blutharnen. Das eine Kalb starb am
- 28. Tag, das andere Kalb zeigte nach dem mehrtägigen Aussetzen der
- Fütterung Besserung, bei der jedesmaligen Wiederaufnahme derselben
- jedoch wieder von neuem Durchfall, Hämaturie, Hämoglobinurie,
- Albuminurie, Taumeln, Mattigkeit. -- +Gips+ (Berliner Archiv
- 1886) beobachtete eine tödliche Erkrankung bei 3 Bullen, welche
- täglich ⅓ Pfund Baumwollsamenkuchen erhielten. Bei der Sektion
- fand man die Darmschleimhaut geschwollen, den Darminhalt blutig,
- in der Bauchhöhle eine braun gefärbte Flüssigkeit, die Leber und
- Nieren stark vergrössert und erweicht, in der Harnblase blutigen
- Urin, in der Brusthöhle und im Herzbeutel blutige Flüssigkeit, in
- den Bronchien blutigen Schaum, das Myokardium wie gekocht, unter
- dem Epikardium und Endokardium Hämorrhagien. -- +Esser+ (ibidem)
- sah 300 Lämmer, welche täglich je 250 g Baumwollsamenmehl als
- Beifutter erhielten, nach wenigen Tagen unter den Erscheinungen von
- Tympanitis und blutigen Durchfällen erkranken und nach 2 bis 3tägiger
- Krankheitsdauer zu einem Drittel sterben. Bei der Sektion fand man
- eine akute Gastroenteritis. -- +Schwanefeldt+ beobachtete bei Lämmern
- als Hauptsymptom der Erkrankung allgemeinen Ikterus. -- +Bongartz+
- (Berliner Archiv 1888) konstatierte bei Schafen als wesentlichste
- Krankheitserscheinung nach der Verfütterung von Baumwollsaatmehl
- die Ausbildung eines akuten Nierenleidens (Harnbeschwerden,
- schmerzhaftes Drängen, Blasenlähmung, unfreiwilligen Harnabgang). Bei
- der Sektion fand er die Nieren um mehr als die Hälfte vergrössert,
- die Nierenkapsel von stecknadelkopf- bis erbsengrossen Blutungen
- durchsetzt, in einem Falle ausserdem ein gänseeigrosses Blutkoagulum
- in der Umgebung der Nierenkapsel, die Marksubstanz graugelb verfärbt,
- die geraden Harnkanälchen, die Schleimhaut des Nierenbeckens,
- der Harnleiter und der Harnblase geschwollen und die letztere
- stellenweise fleckig und streifig gerötet. Der Harn enthielt Spuren
- von Eiweiss. -- +Tietze+ (Hamburg. Mitt. 1893) fand bei mehreren 9
- bis 12 Monate alten Rindern nach der täglichen Verfütterung von 3
- Litern Baumwollsaatmehl allgemeine Abgeschlagenheit, Muskelschwäche,
- Appetitmangel, unterdrücktes Wiederkauen sowie Harndrang; bei der
- Sektion waren ausser Veränderungen an den Nieren im wesentlichen
- nur Stauungserscheinungen nachzuweisen. -- +Meyers+ (Journ. of
- comp. 1890) beobachtete bei einer grossen Anzahl Mastochsen
- Niedergeschlagenheit, Speicheln, unterdrückte Futteraufnahme,
- blutigen Kot, Schwindelanfälle, Zusammenstürzen, Zittern; die Dauer
- betrug 2-3 Tage. -- +Peters+ (Berl. Arch. 1892) sah bei einem Rind
- Versagen des Futters, Apathie, blutigen Durchfall, Bewusstlosigkeit,
- Tränen, starke Pupillenerweiterung, schleimigen Nasenausfluss sowie
- Tod am 3. Tag; bei der Sektion fand man eine starke Entzündung des
- Labmagens und Darmes. -- +Ostermann+ (ibid. 1894) beobachtete bei
- Rindern völligen Appetitmangel, unsicheren, schwankenden Gang,
- Schlummersucht sowie hochgradige, an die Gebärparese erinnernde
- Schwäche. Die Tiere lagen mit herumgeschlagenem Kopfe am Boden
- und konnten sich nicht erheben. Der Tod erfolgte nach 2-3 Tagen.
- -- +Fischer+ (D. T. W. 1895) sah bei Jungvieh nach der täglichen
- Verfütterung von 1-1½ Pfund Baumwollsaatmehl Unruhe, Atemnot,
- Erstickungsanfälle sowie Hämoglobinurie (Hämaturie?). Die Sektion
- ergab Nierenentzündung, Blasenentzündung sowie Lungenödem. --
- +Prietsch+ (Sächs. Jahresber. 1896) sah bei trächtigen Kühen
- oft Abortus eintreten. Auch von den Frauen sollen die Samen als
- Abortivum in Sachsen benützt werden. -- +Aubry+ (Recueil 1897)
- beobachtete bei 2 Jungrindern nach der täglichen Verabreichung von
- 4½ Kilo Samenkuchen grosse Atemnot und Abgeschlagenheit, sowie
- bei der Sektion Pneumonie, Dünndarmentzündung und Peritonitis.
- -- +Delmer+ (ibid.) fand bei 10 Kälbern 1 Monat nach dem Beginn
- der Oelkuchenfütterung Traurigkeit und Stöhnen als einzige
- Vergiftungserscheinungen; die Krankheit dauerte nur 24-48 Stunden;
- bei der Sektion zeigten die Nieren die auffallendsten Veränderungen
- (schwärzliche Farbe). -- Nach +Peddy+ (The Vet. 1898) erkrankten in
- einer Milchwirtschaft nach Verfütterung grosser Mengen von Kuchen
- aus nicht enthülsten Baumwollsamen 20 Kühe. Die Symptome waren
- Schüttelfrost, beständiges Rülpsen, stierer Blick sowie konstante
- Lähmung; 5 Kühe gingen ein oder mussten geschlachtet werden. Die
- Sektion ergab Gastroenteritis, Nierenhyperämie und Ekchymosen am
- Herzen. -- Nach +Ziegenbein+ (Berl. Arch. 1898) erkrankten 15
- Rinder unter den Symptomen einer Magendarmentzündung und einer
- starken Verstopfung des 3. Magens. -- +Curdy+ (Journ. of comp. 1895)
- beschreibt eine nach übermässiger Verfütterung von Baumwollsaatkuchen
- bei Rindern auftretende, mit schweren Depressionserscheinungen
- einhergehende Krankheit, welche stets mit einer schweren, oft zur
- Erblindung führenden Augenkrankheit kompliziert ist. Letztere
- besteht in Geschwüren, Abszessen und Staphylombildung der Hornhaut,
- wahrscheinlich infolge einer Trigeminuslähmung. Nach Curdy ist diese
- Wirkung des Baumwollsamens auf die Augen den amerikanischen Farmern
- wohl bekannt. -- +Eder+ (Woch. f. Tierh. 1902, S. 232) sah 5 Kälber
- nach reichlicher Fütterung mit Baumwollsaatmehl unter Erscheinungen
- der Dyspnoe und Hinfälligkeit erkranken und nach 12-24 Stunden
- sterben. Bei der Sektion konnte nur leichte, fettige Degeneration der
- Leber nachgewiesen werden. -- +Ijmker+ (Holl. Zeitschr. 1902) sah
- sämtliches Jungvieh eines Rinderbestandes nach der Verfütterung von
- Baumwollsaatmehl in Trankform erkranken. Die Krankheitserscheinungen
- bestanden in starker Muskelschwäche, Schwanken, Blutharnen und
- Lungenödem. -- +Rust+ (Preuss. Mitt. 1905) sah bei mehreren
- Zugochsen, die täglich je 1 kg Baumwollsaatmehl erhielten,
- ödematöse Schwellungen der Extremitäten, Schwanken der Hinterhand,
- Gleichgewichtsstörungen, sowie in 4 Fällen (unter 15) Erblindung mit
- abnormer Erweiterung der Pupille und starkem Hervortreten des Bulbus.
-
- =Vergiftung durch Sesamkuchenmehl.= +Deyerling+ (D. T. W. 1900)
- beobachtete bei etwa 100 Ochsen nach der Verfütterung von
- Sesamkuchenmehl Aufblähung, Husten und grosse Atemnot; ausserdem
- bestanden Eingenommenheit, Zittern und leichte Kolikerscheinungen.
-
-
-Mutterkornvergiftung, Ergotismus.
-
- =Botanisches.= Das +Mutterkorn+, +Secale cornutum+, ist das
- Dauermyzel (Sklerotium) von +Claviceps purpurea+, eines Kernpilzes
- (Familie der Pyrenomyzeten). Der Pilz parasitiert am häufigsten auf
- dem Roggen, kommt aber auch zuweilen auf Hafer, Weizen, Gerste und
- auf Gramineen vor (Elymus virginicus, Agrostis vulgaris, Poa, Phleum,
- Anthoxanthum, Glyceria u. a.). Das Mutterkorn bildet walzenförmige,
- gerundet dreikantige, oft gebogene, 2-4 cm lange und bis ½ cm dicke,
- schwarzviolette, innen weisse Körper, welche schwach bläulich bereift
- und an beiden Enden verschmälert sind. Sie besitzen im frischen
- Zustande eine derbfleischige, im getrockneten eine hornartige
- Konsistenz. Die +Entwicklung+ des Pilzes ist folgende. Die Sporen
- von Claviceps purpurea verwandeln, wenn sie zufällig auf junge
- Roggenblüten etc. gelangt sind, den Fruchtknoten dieser Blüten in
- ein Pilzlager (Sphacelia segetum), welches aus dicht verflochtenen
- Hyphen besteht und an seiner Oberfläche Sporen (Konidien)
- abschnürende Zellen besitzt, welche ausserdem eine schleimige,
- süssliche Flüssigkeit, den sog. Honigtau, absondern, durch welchen
- die Sporen unter Vermittlung von Insekten auf andere Roggenähren
- übertragen werden. Aus dem Pilzlager entwickelt sich dann allmählich
- das walzenförmige Dauermyzel, das eigentliche Mutterkorn, welches
- die Aufgabe hat, den Pilz zu überwintern. Aus diesem Mutterkorn
- entwickeln sich im darauffolgenden Frühjahr schlankgestielte Keime
- mit runden, violettroten Köpfchen (Perithecien), aus welchen sich
- zahllose Sporen bilden, welche durch den Wind auf die Roggenblüten
- fortgetragen werden, worauf die Entwicklung wie anfangs geschildert
- vor sich geht.
-
- Bezüglich der Literatur der Mutterkornvergiftung ist namentlich das
- ausführliche Werk von +Heusinger+, Studien über den Ergotismus,
- Marburg 1856, hervorzuheben.
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-=Wirksame Bestandteile des Mutterkorns.= Nach +Kobert+ sind
-im Mutterkorn drei giftige Stoffe enthalten.
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-1. Das =Kornutin= oder =Sekakornin= ist ein Alkaloid und der Träger der
-spezifischen Wirkung des Mutterkorns auf den +Uterus+. Das Kornutin
-bewirkt infolge Reizung des im Lendenmark gelegenen Uteruszentrums
-+Uteruskontraktionen+ bei trächtigen und nichtträchtigen Tieren.
-Bei nichtträchtigen Tieren tritt eine deutliche Verstärkung der
-rhythmischen Uteruskontraktionen schon nach der subkutanen Injektion
-von ½ mg Cornutinum hydrochloricum pro kg Körpergewicht ein. Trächtige
-Tiere reagieren auf Kornutin im Beginne der Schwangerschaft nicht,
-in der Mitte nur nach sehr grossen Dosen, dagegen bewirken am Ende
-der Trächtigkeit die kleinsten Dosen eine Austreibung des Fötus.
-Die weiteren Wirkungen des Kornutins bestehen in der +Erregung des
-Krampfzentrums+ mit tonisch-klonischen allgemeinen Muskelkrämpfen,
-in einer veratrinähnlichen Einwirkung auf die Muskelfasern mit
-+Muskelsteifheit+, in einer +Erregung des Vaguszentrums+ mit
-Pulsverlangsamung und nachheriger Vaguslähmung, in +Erregung des
-vasomotorischen Zentrums+ mit starker Blutdrucksteigerung und
-+Gefässverengerung+, und bei grossen Dosen in einer +Lähmung des
-Atmungszentrums+.
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-2. Die =Sphazelinsäure= wirkt +gangränerzeugend+ (Sphazelus =
-kalter Brand) infolge einer +hyalinen Degeneration+ und +Thrombose
-der peripheren Arterienäste+. Sie ist die eigentliche Ursache der
-+Mutterkornvergiftung+. Nach experimentellen Versuchen erzeugt sie bei
-Schweinen und Hähnen Gangrän, insbesondere an der Zungenspitze, am
-Kamm, Kehllappen, am Gaumen, Kehldeckel, an den Flügeln, auf der Haut,
-sowie auf der Darmschleimhaut (Geschwüre und Nekrose); in sehr kleinen
-Dosen längere Zeit verabreicht führt sie zu ähnlichen Veränderungen
-auch im Rückenmarke mit Ataxie. In sehr grossen Dosen erzeugt sie
-strychninartige Krämpfe und +Uterus-Tetanus+.
-
-3. Die =Ergotinsäure=, ein stickstoffhaltiges, leicht zersetzliches
-Glykosid, +ohne Wirkung auf den Uterus+. Dasselbe ist lediglich ein
-+Narkotikum+, welches die Reflexerregbarkeit vermindert und zuletzt
-aufhebt.
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- =Sphazelotoxin.= Nach +Jakoby+ und +Freund+ ist, im Gegensatz zu
- den Angaben von +Kobert+, im Mutterkorn nur +ein+ giftiger Körper
- enthalten, nämlich das +Sphazelotoxin+. Das im freien Zustande leicht
- zersetzliche Sphazelotoxin soll im Mutterkorn an Sekalin bezw.
- Chrysin gebunden als +Sekalintoxin+ und +Chrysotoxin+ enthalten sein.
- In diesen Verbindungen soll es sowohl heftige Uteruskontraktionen
- bewirken, als auch Gangrän erzeugen. Nach +Vahlen+ enthält das
- Mutterkorn das Klavin.
-
-
-=Krankheitsbild.= Die Mutterkornvergiftung bietet nach Erscheinungen,
-Verlauf und Grad der Intensität sehr verschiedenartige
-Krankheitsbilder, welche teils durch die Tiergattung, teils durch
-die stärkere oder schwächere Giftigkeit des Mutterkorns, teils durch
-die aufgenommene Menge bedingt sind. Am empfindlichsten scheinen
-+Rinder+ und +Geflügel+ zu sein. Pferde zeigten nach experimentellen
-Untersuchungen auf ½ kg Mutterkorn nur eine vorübergehende
-Erkrankung. Ein Schwein starb angeblich erst, nachdem binnen 2
-Monaten 11 kg Mutterkorn verfüttert worden waren (+Tessier+).
-Hühner und Tauben starben auf 5-15 g, Enten auf 60 g Mutterkorn.
-Beim Menschen unterscheidet man je nach dem Verlauf eine +akute+
-und eine +chronische+ Mutterkornvergiftung, ferner je nach den
-Krankheitserscheinungen einen +gangränösen+ und +spasmodischen+
-Ergotismus. Die einzelnen Krankheitserscheinungen bei den Haustieren
-sind folgende:
-
-1. +Gastroenteritische Erscheinungen.+ Nach amerikanischen Berichten
-(+Salmon+, +Law+) hatte der im Jahre 1884 in verschiedenen Staaten
-Nordamerikas unter den Rindern epizootisch auftretende Ergotismus
-eine grosse Aehnlichkeit mit dem Krankheitsbilde der Aphthenseuche
-(Maulseuche) und Rinderpest. Die wichtigsten diesbezüglichen
-Erscheinungen, welche auch sonst bei sporadischen Fällen von
-Mutterkornvergiftung beobachtet werden, sind +starkes Speicheln+,
-umschriebene +Rötung+, +Blasenbildung+, +Entzündung+, +Erosion+ und
-+Gangräneszierung+ der +Maulschleimhaut+, ebensolche Veränderungen
-auf der Schleimhaut des +Mastdarms+ und der +Scheide+, ausserdem
-+Erbrechen+ (bei Schweinen), +Kolik+ und +Durchfall+.
-
-2. +Gangräneszierung und Mumifikation extremitaler Teile.+ Bei dem in
-Nordamerika seuchenartig auftretenden Ergotismus gesellten sich zu
-den geschwürigen Prozessen der Digestionsschleimhaut Erscheinungen,
-welche eine grosse Aehnlichkeit mit Klauenseuche hatten, so dass die
-Vergiftung längere Zeit für eine Invasion der Maul- und Klauenseuche
-(Aphthenseuche) gehalten wurde. Die Erscheinungen des „Ergotismus
-gangraenosus“, wie diese Form der Mutterkornvergiftung bezeichnet wird,
-kommen ausser beim Rind auch beim Schwein und Geflügel vor und bilden
-eine besonders charakteristische Affektion. Man beobachtet nämlich
-bei längerer Dauer der Vergiftung ein +Absterben (Mumifikation) der
-extremitalen Körperteile+, namentlich der +Klauen+, +Phalangal-+,
-+Metatarsal-+ und +Metakarpalenden+, der +Ohren+, des +Schwanzes+, der
-+Zitzen+, beim Geflügel des +Kammes+, +Kehllappens+, der +Krallen+,
-+Zehen+, +Flügel+, der +Zungenspitze+, des +Kehldeckels+ etc. Die
-ersten Krankheitserscheinungen bestehen hiebei in +Lahmgehen+ auf
-einem oder mehreren Beinen, sowie im Unvermögen der Tiere aufzustehen.
-Bei der Untersuchung der Klauen findet man +Rötung+ und +schmerzhafte
-Schwellung+ der Haut an der Krone, am Fessel, am Schienbein,
-allmähliches +Absterben umschriebener Hautstücke+, +Austrocknung+
-und +Mumifikation+ der abgestorbenen Teile, +Einschnürung+ an der
-Begrenzungsstelle gegen das gesunde Gewebe und endlich +Ablösung+ der
-mumifizierten Gewebe: einer Klaue, des Fessels, des unteren Teiles der
-Hinterbeine bis zur Mitte des Schienbeins, der Ohren, der äusseren
-Hälfte des Schwanzes.
-
-3. +Erscheinungen von seiten des Uterus.+ Sie bestehen in +Wehen+,
-+schmerzhaftem Drängen+, +Abortus+ und +Frühgeburt+, +Uterus-+ und
-selbst +Mastdarmvorfall+. Bei ausgedehnter Verbreitung der Vergiftung
-kann der Abortus enzootisch und selbst epizootisch auftreten. Zuweilen
-ist der Abortus auch mit +Metritis+ kompliziert; ausserdem entwickelt
-sich im Anschluss an denselben häufig bleibende +Sterilität+.
-
-4. +Nervöse Störungen.+ Dieselben bestehen in +Eingenommenheit des
-Sensoriums+, +Schlafsucht+, +Gefühllosigkeit+, +Lähmungserscheinungen+
-(Mutterkorntabes, Polyneuritis toxica), +Pupillenerweiterung+,
-+Erblindung+ (Katarakt), sowie in +Krampf der Beugemuskeln+ (Ergotismus
-spasmodicus oder convulsivus) mit +Muskelatrophie+.
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-Die +Krankheitsdauer+ erstreckt sich gewöhnlich über Wochen und Monate.
-Die Mortalitätsziffer ist trotz der schweren Krankheitserscheinungen
-niedrig.
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-=Behandlung.= Zunächst muss mit der Verfütterung des mutterkornhaltigen
-Getreides, Heus, Brotes ausgesetzt werden. Als chemisches Gegengift
-gegen die im Mutterkorn enthaltenen Gifte kann das +Tannin+ versucht
-werden. Ausserdem empfiehlt sich die Anwendung gefässerweiternder und
-krampfstillender Mittel (+Amylnitrit+, +Morphium+, +Chloralhydrat+).
-Die gastroenteritischen Erscheinungen werden symptomatisch, die
-abgestorbenen extremitalen Teile nach den Regeln der Chirurgie
-(Amputation) behandelt.
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-
-=Nachweis.= Der Nachweis des Mutterkorns im Getreide und Heu ist
-+botanisch+ leicht zu führen, wenn dasselbe in ausgebildeter Form darin
-enthalten ist. Zerkleinertes Mutterkorn kann auf verschiedene Weise
-nachgewiesen werden. +Mikroskopisch+ ist das Gewebe des Mutterkorns
-charakterisiert durch die langgestreckten, +mit violettem Farbstoff
-gefüllten Zellen+ der Bindeschicht. Diese Farbstoffe können auch
-+spektroskopisch+ durch Extraktion mit schwefelsäurehaltigem Aether und
-das Auftreten zweier Absorptionsstreifen in Grün und Blau festgestellt
-werden. Endlich entwickelt sich beim Erwärmen mutterkornhaltiger
-Futterstoffe mit Kalilauge ein Geruch nach Heringslake (Trimethylamin).
-
- =Kasuistik.= +Salmon+ (Amerikanischer Veterinärbericht 1884)
- berichtet über eine Mutterkorn-Epizootie, welche im Jahre 1884 in
- verschiedenen Staaten Nordamerikas (Kansas, Missouri, Illinois, Jova,
- Colorado) unter dem Rindviehbestande grosse Verheerungen angerichtet
- hatte und anfänglich für Maul- und Klauenseuche gehalten worden war.
- Die Aufnahme des Mutterkorns erfolgte durch das Heu, welches teils
- aus Elymus virginicus var. submuticus, teils aus Agrostis vulgaris
- bestand, und wobei die genannten beiden Pflanzen stark mit Mutterkorn
- besetzt waren, so dass 75 Gewichtsteile des Heues 1 Teil Mutterkorn
- enthielten. Das Krankheitsbild hatte bald mehr Aehnlichkeit mit
- Maulseuche, bald mehr mit Klauenseuche. Die Veränderungen in der
- Maulhöhle bestanden in Speicheln, Schnalzen, diffuser Rötung,
- dunkelroten Flecken, 1 cm grossen dunkelfarbigen Erosionen, sowie
- umschriebener Nekrose der Maulschleimhaut. Auch die Schleimhaut des
- Mastdarms und der Scheide zeigten sich höher gerötet, gefleckt und
- mit Erosionen besetzt. An den Klauen war Rötung, Schwellung und
- Schmerzhaftigkeit der Haut zu konstatieren, wobei die Tiere von
- vornherein lahmten. Später starben umschriebene Hautstücke, einzelne
- Klauen, sowie zuweilen die Fussenden an sämtlichen Extremitäten
- bis zum Fessel und selbst bis zur Mitte des Schienbeins brandig
- ab, worauf sich die abgestorbenen Teile meist in der Nähe eines
- Gelenks unter Bildung einer ringförmigen Einschnürung abstiessen.
- Auch die Ohren und die Schwanzspitze zeigten Mumifikation. Ausserdem
- wurde epizootischer Abortus beobachtet. -- +Law+ (Americ. vet.
- rev. 1884) beschreibt dieselbe Mutterkorn-Epizootie in Kansas. Es
- erkrankten fast nur Rinder, während Pferde, Schafe und Schweine fast
- ausnahmslos gesund blieben. Die Krankheit wurde anfangs wegen des
- gleichzeitigen Auftretens von Blasen im Maul und von Lahmheit für
- Aphthenseuche gehalten und hatte ausserdem eine gewisse Aehnlichkeit
- mit der Rinderpest. Die erkrankten Tiere zeigten starkes Speicheln
- und unterdrückte Futteraufnahme. Auf der Maulschleimhaut zeigten
- sich rinderpestartige Erosionen. Daneben bestand Verstopfung,
- Tympanitis und profuse Diarrhöe. Später beobachtete man auch
- nervöse Störungen: Schwindel, unsteten Blick, schwankenden Gang,
- Pupillenerweiterung, Mattigkeit, Schlafsucht, abwechselnd mit
- Aufregung und Hyperästhesie; einige Tiere starben auch unter
- diesen Erscheinungen innerhalb 1-2 Tage. Weiterhin wurde vielfach
- Abortus beobachtet. Die schwersten Veränderungen zeigten sich an
- den Fussenden. Die Tiere lahmten zunächst; ausserdem war Rötung und
- schmerzhafte Schwellung der Haut im Klauenspalt, an der Krone und
- am Fessel bis hinauf zur Mitte des Schienbeins wahrzunehmen. Die
- geschwollenen Teile zeigten später die Erscheinung des Absterbens:
- Eintrocknen, Rissigwerden, Unempfindlichkeit, livide Verfärbung,
- demarkierende Eiterung und Nekrose und wurden bis zum Fesselgelenk
- brandig abgestossen. Dieselben Veränderungen zeigten sich an den
- Schwänzen, Ohren und Zitzen. -- +Kowalewski+ (Russ. Archiv für
- Veterinärmedizin 1884) sah bei 20 Rindern gangränösen Ergotismus
- nach der Verfütterung von Roggen, welcher ⅕ Mutterkorn enthielt. In
- den ersten 4 Wochen zeigten die Tiere Lahmheit und Entzündung der
- unteren Fussenden; im Verlaufe weiterer 4 Wochen trat Absterben der
- Fussenden und Schweifspitzen ein. Die lokalen Veränderungen bestanden
- in schmerzhafter, heisser Schwellung der Kronenhaut, weisslicher
- Verfärbung derselben, Eitersekretion und Schorfbildung; im Anschluss
- hieran zeigte sich Nekrose der Haut, Sehnen, Bänder und Knochen bis
- zum Krongelenk mit Abfallen dieser Teile. Ausser starker Abmagerung
- waren Appetit und Allgemeinbefinden nicht gestört. -- +Armbruster+
- (Badische Mitteil. 1877) beobachtete bei 6 Mutterschweinen und einem
- Zuchteber Erscheinungen der Mutterkornvergiftung. Die Tiere zeigten
- Erbrechen, Würgen, Zittern, Zuckungen an den Beinen, Schwäche und
- Lähmung des Hinterteils. Bei einem derselben blieben Schwäche im
- Hinterteil, Eingenommenheit des Sensoriums und dauernde Erblindung
- zurück. Ein Schwein starb. -- +Magnus+ (Preuss. Mitt. Bd. 16) sah
- mehrere Kühe nach der Aufnahme von Mutterkorn abortieren. Einige
- zeigten ferner Wehen und Gebärmuttervorfall. Bei 2 Pferden und 5
- Schweinen wurde ausserdem Mastdarmvorfall beobachtet. -- +Kolb+
- (Preuss. Mitt. N. F. Bd. 1) fand bei einem trächtigen Schwein als
- Erscheinungen der Mutterkornvergiftung Kolik, Erbrechen, Wehen,
- Abortus, Gebärmutterentzündung und Schwächezustände. -- +Decoste+
- (Recueil 1848) sah bei einer Kuh, welche mehrere Wochen hindurch
- mit mutterkornhaltigem Weizen gefüttert wurde, Mumifikation des
- linken Vorderbeins bis zur Vorderfusswurzel, sowie Absterben der
- Klauen und Fussenden; dabei war die Futteraufnahme nicht alteriert.
- Auch Hühner und Enten zeigten nach 2-3 Wochen Mumifikation
- der Zehen, des Schnabels und des Kamms. -- +Goldstein+ (Berl.
- tierärztl. Wochenschrift 1894 S. 196) beschreibt 2 Fälle von
- Mutterkornvergiftung, welche sich bei den Kühen eines Müllers nach
- der Verfütterung von Abfallkorn zeigten, das stark mit Mutterkorn
- durchsetzt war. Die Erscheinungen bestanden in Gangrän der Haut an
- den Hinterbeinen, am Schwanz und am Euter, Lockerung des Hornschuhs,
- sowie brandigem Absterben des Unterschenkels, der Ohren und des
- Schwanzes mit Abfallen derselben. Auffallend war das muntere Benehmen
- der Tiere trotz der schweren Erkrankung, sowie der Umstand, dass
- eine der kranken Kühe ein lebendes, ausgetragenes Kalb zur Welt
- brachte. -- +Reisinger+ (Veterinarius 1896) sah bei 4 Pferden nach
- Verfütterung von stark mutterkornhaltigem Roggen heftige Kolik,
- hohe Pulsfrequenz (80 P.), Muskelzittern und Hufentzündung. -- Nach
- +Robin+ (Recueil 1899) verlor eine mit mutterkornhaltigem Roggen
- gefütterte Kuh durch brandiges Absterben die Ohren, einen Teil des
- Flozmauls, über die Hälfte des Schwanzes, sowie die Phalangen vorn
- rechts und hinten linke; ausserdem trat Durchfall und Abmagerung ein.
-
-
- =Experimentelles.= +Grünfeld+ (Beiträge zur Kenntnis der
- Mutterkornvergiftung, Arbeiten des pharmakologischen Institutes zu
- Dorpat 1892, Bd. 8, und Zur Kenntnis der Sphalezinsäurewirkung,
- Arbeiten des pharmakologischen Institutes zu Dorpat 1895, Bd.
- 12) hat die Wirkung des Mutterkornes bei Hähnen und Ferkeln
- untersucht. Die häufigste Erscheinung bei +Hähnen+ bestand zuerst
- in Dunkelviolett-, dann in Schwarzwerden des Kammes und der
- Bartlappen. Sobald die Giftdarreichung fortdauerte, blieben die
- Kammspitzen schwarz und trockneten ein (Gangrän). Bei der Erkrankung
- des Kammes und der Bartlappen fanden sich Thromben, mit hyalinen
- Massen gefüllt, sowie hyaline Degeneration der Gefässwand. Die
- Zungenspitze zeigte öfters den gleichen Befund. Später stellten sich
- Appetitlosigkeit und grosser Schwächezustand ein; Erbrechen und
- Speichelfluss gingen dem Tode voran. Die Obduktion bot das Bild eines
- hochgradigen follikulären Katarrhes der Schleimhaut des Schlundes,
- Kropfes und Mageneinganges; der Kropf selbst wies zahlreiche
- charakteristische nekrotische Geschwüre auf. In der Darmschleimhaut
- liessen sich Blutextravasate in Menge erkennen; die Lebergefässe
- waren verbreitert, stark gefüllt und mit eigenartigen, als Amyloid
- anzusprechenden Klumpen gefüllt. Bei +Ferkeln+ war eine anfangs
- dunkelbraune, dann schwarze Verfärbung der Ohrmuscheln zu beobachten;
- dieselben trockneten ein und liessen sich ohne Blutung abziehen oder
- fielen von selbst ab. Das +mikroskopische+ Bild im ersten Stadium der
- Mutterkornvergiftung bei Hähnen lässt starke Dilatation und Füllung
- der Gefässe erkennen, die mit einer dunkelbraunen Masse gefüllt sind.
- Das Lumen der Gefässe ist mit Thromben angefüllt. Im zweiten Stadium
- ist die Dilatation und Füllung der Gefässe bis fast in die kleinsten
- kapillären Verzweigungen zu konstatieren. Das dritte Stadium des
- Mutterkornbrandes lässt schon mit blossem Auge in peripherer Richtung
- drei Zonen erkennen. Die eine (Basis des Kammes) hat eine schwach
- violette Farbe; die nächste zeigt mehr gelbbraune Nuance; die letzte
- (Spitze des Kammes) ist dunkelviolett und selbst schwarz gefärbt.
- Unter dem Mikroskop erweist sich diese als vollkommen abgestorbene
- Partie. Der mittlere Teil bildet eine hyalin degenerierte Masse, in
- welcher nur selten mehr gut erhaltene Zellen und Blutkörperchen zu
- sehen sind. In der Basis des Kammes begegnet man spärlich hyalinen
- Massen; sie weist stellenweise noch normale Struktur auf. Die
- hinterste mumifizierte Partie des Kammes stellt das vierte oder
- Endstadium des Mutterkornbrandes dar; vom epithelialen Ueberzug ist
- so gut wie nichts mehr vorhanden. Im papillären Gewebe sind an vielen
- Stellen frei im Bindegewebe hyaline Klumpen zu erkennen. Vom Inhalt
- und der Wandung der einzelnen Kapillaren ist nichts mehr zu erkennen.
- -- +Albrecht+ (Münchener Jahresber. 1894/95) stellte durch Versuche
- bei kleinen trächtigen Wiederkäuern fest, dass nach Mutterkorngaben,
- welche das Doppelte der therapeutischen Dosis betragen, besondere
- Wirkungen nicht eintreten. Auf das 4-5fache der therapeutischen Dosis
- erkrankten die Versuchstiere nur vorübergehend (Auftreibung, Versagen
- des Futters, Traurigkeit, Muskelzittern). +Abortus trat nicht ein.+
-
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-Vergiftung durch Schimmelpilze.
-
- =Botanisches.= Die Schimmelpilze (Mukorineen) geben dadurch, dass
- sie auf den verschiedenartigsten Futterpflanzen parasitieren, sehr
- häufig Veranlassung zu Vergiftungen bei den Haustieren. Die einzelnen
- pathogenen Arten sind folgende:
-
- 1. +Mucor+, der +Blasenschimmel+, mit den Unterarten Mucor Mucedo
- (gemeiner Kopfschimmel), Mucor racemosus, Mucor stolonifer und Mucor
- Phycomyces.
-
- 2. +Aspergillus+, der +Kolbenschimmel+, mit der Vergiftungen
- erzeugenden Unterart Aspergillus glaucus; (A. fumigatus, niger und
- flavus sind nur insofern pathogen, als sie sich zuweilen im Innern
- des Tierkörpers, z. B. in der Lunge, ansiedeln; sog. Pneumomykosis).
-
- 3. +Penicillium glaucum+, der +Pinselschimmel+, ein sehr
- verbreiteter, namentlich auf Brot parasitierender Schimmelpilz.
-
- 4. +Oidium lactis+, der +Milcheischimmel+, als schimmelartiger Anflug
- auf saurer Milch vorkommend.
-
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-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Vergiftungen durch Schimmelpilze
-kommen am häufigsten bei Pferden, ausserdem bei Rindern und
-Schafen vor. Sie ereignen sich durch die Aufnahme verschimmelter
-Futterstoffe: Hafer (sog. multeriger Hafer), Stroh, Heu, Häcksel,
-Kleeheu, Brot, Mehl, Lupinen, Rapskuchen, Leinkuchen und sonstige
-Oelkuchen, Rüben, Schlempe, Obst, Kürbisse. Während erfahrungsgemäss
-verschimmelte Futterstoffe von vielen Tieren längere Zeit ohne
-Schaden aufgenommen werden können und in Uebereinstimmung mit dieser
-Erfahrung Fütterungsversuche mit verschimmelten Futterstoffen unter
-Umständen negativ ausfallen, bedingen bei anderen Tieren Schimmelpilze
-oft eine schwere, unter den Erscheinungen der +Gastroenteritis+
-oder einer charakteristischen Affektion der +Nervenzentren+
-verlaufende Vergiftung. Die genaueren Vorgänge bei der Giftwirkung
-der Schimmelpilze sind nicht bekannt. Wahrscheinlich handelt es
-sich um ein Toxin von scharf narkotischer Wirkung, welches von den
-Schimmelpilzen auf den genannten Futterstoffen erzeugt wird. +Leber+
-hat in Kulturen von Aspergillus fumigatus und Penicillium glaucum
-ähnliche entzündungserregende Toxine nachgewiesen, wie das von ihm in
-den Kulturen der Eiterbakterien (Staphylokokken und Streptokokken)
-gefundene +Phlogosin+. Je nach der Menge und Beschaffenheit dieses
-Toxins, je nach dem Zustand der Magen- und Darmschleimhaut (gesund und
-krank), sowie je nach der individuellen Prädisposition (Immunität!)
-sind die Erscheinungen der Schimmelpilzvergiftung verschieden.
-Eine physikalische Einwirkung der Schimmelpilze auf den Körper
-(Einwanderung von Pilzen in die Blutbahn) ist nicht anzunehmen.
-
-Die wichtigsten Krankheitserscheinungen des +polymorphen+,
-ungleichartigen Vergiftungsbildes sind in vielen Fällen folgende:
-+Appetitlosigkeit+, +Kolik+, +Tympanitis+, +Verstopfung+, +Durchfall+,
-+blutiger, schleimiger, oft sehr übelriechender Kot+; ausserdem
-wurden Speicheln, Schlingbeschwerden, Aufstossen und Erbrechen (bei
-Pferden), sowie ikterische Erscheinungen beobachtet. In anderen
-Fällen beobachtet man, namentlich bei Pferden, nach der Verfütterung
-von schimmligem multrigem Hafer eine hochgradige und anhaltende
-+Polyurie+ (sog. Lauterstall); auch Erscheinungen der Nephritis und
-Zystitis sind konstatiert worden. Nicht selten äussern sich ferner
-die Schimmelpilzvergiftungen in +Schwindel+, +Schwanken+, +Taumeln+,
-+Betäubung+, +dummkollerartigem Benehmen+, +Gefühllosigkeit+,
-+Apathie+, +Lähmung der Gliedmassen+, +des Hinterteils+, +der Zunge+,
-+Blase+, +der Ohren+, +der Retina+ (+Amaurosis+), +Umfallen+, sowie
-+allgemeiner Körperlähmung+. Zuweilen werden jedoch auch zerebrale
-Erregungserscheinungen beobachtet: Vorwärtsdrängen, Brüllen,
-Bohren in die Wand, Zittern, Konvulsionen und selbst epileptiforme
-Krampfanfälle. Ausserdem findet man starken +Schweissausbruch+,
-unfühlbaren, sehr frequenten Puls, starke Injektion und rotbraune
-Verfärbung der Konjunktiva, sowie rasch zunehmende Abmagerung. Diese
-Verschiedenartigkeit des Krankheitsbildes lässt sich vielleicht in der
-Weise erklären, dass die Schimmelpilze je nach den wechselnden äusseren
-Verhältnissen (Temperatur, Nährboden, Alter und Entwicklungsstadium
-des Pilzes) chemisch und physiologisch verschiedenartige giftige
-Stoffwechselprodukte liefern. Der +Verlauf+ ist oft sehr akut, so
-dass der Tod schon innerhalb 12-24 Stunden eintritt; in anderen
-Fällen dauert die Krankheit mehrere Tage. Auch Nachkrankheiten, wie
-Erblindung, lähmungsartige Schwäche, sowie angeblich auch Dämpfigkeit
-(Lungenemphysem) können zurückbleiben.
-
-Die +Sektion+ ergibt umschriebene oder ausgebreitete
-Schwellung, +Entzündung+, +Ekchymosierung+ und +Erosion+ der
-+Magendarmschleimhaut+, Ansammlung von +Serum+ in den +Hirnventrikeln+
-und im +Arachnoidealsack+, +Hyperämie+ und +ödematöse Durchtränkung+
-des +Gehirns+ und +Rückenmarks+, blutige Flüssigkeit in der
-Bauchhöhle, sowie zuweilen die Erscheinungen der Nephritis, Zystitis,
-Peritonitis und akuten gelben Leberatrophie. In anderen Fällen ist der
-Sektionsbefund +negativ+.
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-=Behandlung.= Die Therapie der Schimmelpilzvergiftung besteht neben
-dem Aussetzen der betreffenden Fütterung in der Verabreichung von
-+Abführmitteln+. Wegen seiner gleichzeitig desinfizierenden Wirkung
-gibt man bei Pferden besonders +Kalomel+. Ausserdem empfiehlt sich die
-Verabreichung gärungswidriger Arzneimittel (+Kreolin+). Als chemisches
-Antidot kann +Tannin+, +Tannoform+ und +Jod+ (Lugolsche Lösung)
-versucht werden. Im übrigen ist die Behandlung eine +symptomatische+;
-die Erscheinungen der Magendarmentzündung werden mit einhüllenden und
-beruhigenden Mitteln (Leinsamenschleim mit Opium), die zerebralen
-Lähmungserscheinungen mit +Exzitantien+ behandelt (Kampfer, Aether,
-kohlensaures Ammonium, Veratrin).
-
- =Kasuistik.= Die Zahl der in der tierärztlichen +Literatur+
- verzeichneten Fälle von Schimmelpilzvergiftungen ist ausserordentlich
- gross. Es mögen nur die nachstehenden klinischen Beobachtungen kurz
- hier zusammengestellt sein. Zwei Pferde wurden 8 Tage lang täglich
- mit je 6 Pfund schimmligem Brot gefüttert, welches einen bitteren,
- etwas scharfen Nachgeschmack hatte. Nach Ablauf der Woche zeigten
- sie Appetitlosigkeit, Kolik, starkes Zittern der Vordergliedmassen,
- taumelnden Gang, Pupillenerweiterung, rotbraune Verfärbung der
- Konjunktiva, unfühlbaren Puls und Kälte der extremitalen Teile.
- Bei der Sektion wurde starker Meteorismus, sowie Ansammlung einer
- grossen Menge blutiger Flüssigkeit in der Bauchhöhle vorgefunden.
- Die Blinddarmschleimhaut war stellenweise entzündet. Nach Eröffnung
- der Schädelhöhle fand sich starke Vaskularisation der Pia, die
- Gehirnsubstanz zeigte auf dem Durchschnitte zahlreiche schwarze
- Punkte, das Rückenmark war erweicht (+Abadie+, Recueil 1882). -- 2
- Pferde hatten je 1 Pfund verschimmeltes, schwarz und orangefarben
- angelaufenes Brot gefressen. Zuerst traten Kolikanfälle auf, die
- 3-4 Minuten anhielten und sich alle ½ Stunde wiederholten. Dabei
- wälzten sich die Tiere nicht, sondern bogen sich beim Gehen mit
- dem Hinterteil nieder. Die Kolikanfälle dauerten die ganze Nacht.
- Gegen Morgen schwankten die Tiere mit dem Hinterteil hin und her und
- stützten den Kopf gegen die Wand, schliesslich konnten sie nicht mehr
- stehen, sie zeigten Schwindel und fielen erschöpft nieder. Der Puls
- war dabei klein und sehr frequent, es trat Schweissausbruch ein, die
- Konjunktiva zeigte Petechien. Am Boden lagen die Tiere etwa ½ Stunde
- wie tot, ohne Gefühl. Dann erhoben sie sich plötzlich, drängten
- gegen die Wand, gerieten wieder in Schweiss und zeigten denselben
- Anfall wie vorher. Unter Nachlassen der Anfälle erholten sich die
- Tiere allmählich. Es bestand aber noch mehrere Tage starke Schwäche
- im Hinterteil, welche vollständig erst nach Wochen verschwand
- (+Perrin+, Recueil de méd. vét. 1881, S. 184). -- Pferde zeigten
- nach der Verabreichung von schimmligem Hafer Appetitlosigkeit,
- Kolik, Polyurie, Abmagerung, sowie nach einem Monat schwarzen Star
- mit bleibender Erblindung (+Hugues+, Annal. de Bruxelles 1874). --
- +Hühnerbein+ (Preuss. Mitteil. 1877) beobachtete bei Pferden und
- Rindern nach der Verfütterung von schimmligem Kleeheu Speicheln,
- Stomatitis und Abmagerung. -- +Bonnet+ (Repertorium 1875) sah
- bei 22 Artilleriepferden nach der Aufnahme von schimmligem Heu
- heftige Kolik, Magendarmentzündung, Nephritis, Zystitis, sowie
- vereinzelt die Erscheinungen des Dummkollers; 3 Pferde starben. --
- +Morro+ (Berliner Archiv 1890) beobachtete bei Pferden, welche mit
- grossen Mengen schimmligen Brotes gefüttert wurden, hohes Fieber,
- starke Gehirndepression, Kolik, blutigen mit Schleim überzogenen
- Kot, unterdrückte Futteraufnahme, Aufstossen und Erbrechen. Ein
- Pferd vermochte sich kaum von der Stelle zu bewegen und ging
- wie ein verschlagenes Pferd. Der Tod erfolgte nach 18stündiger
- Krankheitsdauer. -- +Strittmaker+ (Bad. Mitteil. 1888) sah bei 3
- dreijährigen Fohlen nach der Aufnahme von schimmligem Mehl Kolik,
- Durchfall und unfühlbaren Puls; am 4. Tage waren die Tiere wieder
- genesen. -- +Kammerer+ (Bad. Mitt. 1871) berichtet über einen Fall
- von Vergiftung durch schimmliges Kleeheu bei 7 Kühen, welche nach 3-6
- Tagen starben. Sie zeigten unterdrückte Futteraufnahme, Schäumen,
- starke Rötung der Konjunktiva, zerebrale Erregungserscheinungen
- (Bohren mit den Hörnern in die Wand), Betäubung, Umfallen,
- epileptiforme Krämpfe und Konvulsionen. -- +Leistikow+ (Preuss. Mitt.
- 1882) sah 9 Rinder nach der Verfütterung von schimmligen Rapskuchen
- unter den Erscheinungen von heftiger Kolik, Tympanitis, Verstopfung,
- Durchfall, Benommenheit und angestrengter Atmung erkranken; 4
- starben, bei der Sektion zeigte sich die Schleimhaut des Magens
- und Darmes entzündet. -- +Jakobi+ (Preuss. Mitteil. 1879) sah 52
- Mutterschafe nach dem Genusse von schimmligem Heu unter ikterischen
- Erscheinungen sterben; die Sektion ergab akute gelbe Leberatrophie.
- -- +Köppke+ (Preuss. Mitteil. 1880) fand bei 11 Rindern nach dem
- Genusse von schimmligem Buchweizenstroh Aufblähung, Steifheit
- der Bewegung, sowie dünnflüssigen, schleimigen, blutigen Kot. --
- +Weigel+ (Sächs. Jahresber. 1880) sah bei 2 Kühen nach der Aufnahme
- von schimmligem Kürbis vermehrte Kaubewegung, Kolik, Tympanitis,
- Brüllen, Zittern und Steifheit im Kreuze. -- +Van Vallendael+ (Belg.
- Annal. 1888) berichtet über eine Vergiftung von 5 Kühen durch
- verschimmeltes Malz. Sie zeigten vollständige Appetitlosigkeit,
- Tympanitis, Verstopfung und später Durchfall, Kolik, Zittern,
- Schwäche in der Nachhand, schwankenden Gang und beschleunigtes
- Atmen. Nach der Verabreichung von Glaubersalz trat nach 5 Tagen
- Genesung ein. -- +Esser+ (Berl. Arch. 1889) sah bei Rindern nach
- der Verfütterung schimmliger Erdnusskuchen Tympanitis und heftigen
- Durchfall. -- +Pikernig+ (Vet. journ. Bd. 27) sah eine Kuh nach der
- Aufnahme von schimmligem Heu anhaltend erbrechen. -- Nach +Koch+
- (Repertorium 1889) erkrankte ein Pferd nach der Aufnahme von 4 Pfund
- schimmligem Brot an Verstopfung und leichter Kolik, worauf Lähmung
- der Nachhand mit sehr beschleunigtem (90 P.) und fast unfühlbarem
- Puls hinzutrat. Die Sektion ergab Gastroenteritis. -- Rinder zeigten
- nach der Verfütterung von schimmligem Kleeheu Aufblähen, Kolik und
- Durchfall (+Uebele+, ibid.). -- Schimmliger Hafer verursachte bei
- einem Pferd allgemeine Schwäche, schwankenden Gang, Ikterus, sowie
- gastrische Störungen (+Repiquet+, J. de Lyon 1890). -- Verschimmeltes
- Brot hatte bei einem Pferd starke Benommenheit, Leibschmerzen,
- Aufstossen, Erbrechen, Lähmungserscheinungen, sowie den Tod nach
- 18 Stunden zur Folge (Berl. Arch. 1890). -- Nach der Verfütterung
- schimmliger Leinkuchen zeigte ein Rind grosse Apathie, starkes
- Speicheln, Schlingbeschwerden, und bei der Sektion die Erscheinungen
- der Gastroenteritis (+Winter+, ibid.). -- 7 Stück Jungvieh erkrankten
- nach der Fütterung schimmliger Malzkeime unter Lähmungserscheinungen;
- die Tiere machten fortgesetzt vergebliche Versuche zum Aufstehen
- (+Martin+, Woch. f. Tierhlkde. 1890). -- 5 Brauerpferde, welche
- mit schimmeligem Hafer (Penicillium glaucum) gefüttert wurden,
- zeigten, nachdem sie am Abend vorher noch regelrecht ihr Futter
- verzehrt hatten, am darauffolgenden Morgen die Erscheinungen einer
- schweren Muskelschwäche und Hinfälligkeit, so dass sie nicht
- imstande waren, sich zu erheben, sondern gelähmt am Boden lagen.
- Zu dieser allgemeinen Muskellähmung gesellten sich später gegen
- das tödliche Ende hin Symptome von Herz- und Lungenlähmung. Die
- Krankheitsdauer betrug durchschnittlich nicht mehr als 24 Stunden.
- Merkwürdigerweise war während der ganzen Krankheitsdauer die Futter-
- und Wasseraufnahme nicht gestört, auch liess sich bei keinem Pferde
- eine fieberhafte Steigerung der Körpertemperatur nachweisen. Bei der
- Sektion waren ausser einer Verfärbung des Blutes und der Muskulatur
- krankhafte Veränderungen der inneren Organe nicht zu konstatieren;
- es zeigten sich speziell Magen und Darm, Lunge, Leber, Milz und
- Nieren in durchaus normalem Zustande (+Fröhner+, Monatshefte für
- praktische Tierhlkde. IV. Bd. 1892). -- 4 Rinder zeigten nach
- der Aufnahme verschimmelter Rüben vollständige Körperlähmung,
- konnten sich nicht vom Boden erheben, knirschten mit den Zähnen
- und zeigten gänzlich unterdrückte Wanstbewegung; die Sektion ergab
- ein vollkommen negatives Resultat (+Marquard+, Bad. tierärztl.
- Mitt. 1892). -- 9 Pferde erkrankten nach der Fütterung schimmligen
- Kleeheus unter dummkollerartigen Erscheinungen, Dyspnoe und starkem
- Schweissausbruch; eines derselben verendete nach 10 Stunden an
- perakuter Gastroenteritis (+Herbst+, Woch. f. Tierhlkde. 1893). --
- +Mulotte+ (Deutsche tierärztl. Wochenschr. 1893) beobachtete bei
- 10 Pferden vorübergehend das Auftreten von Kehlkopfpfeifen nach der
- Verfütterung von stickig riechendem Kleeheu. -- +Berger+ (ibid.)
- sah 2 Pferde nach der Verfütterung stark schimmligen Brotes (3
- Kilo) unter starkem Zittern, Dyspnoe, unsicherem Gang, Tympanitis
- und Kolik erkranken. Ein besonders hochgradig krankes Pferd war
- vollständig teilnahmslos und zeigte auffallend starkes Herzklopfen.
- -- +Zippel+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1894) machte Fütterungsversuche bei
- Hunden, Kaninchen, Ziegen und einem Pferde mit verschimmeltem Brot,
- Kartoffeln und Kleie, sowie mit Schimmelkulturen. 2 Kaninchen gingen
- unter Lähmungserscheinungen ein. Die übrigen Versuche fielen negativ
- aus. -- Nach +Thary+ und +Lucet+ (Recueil 1895) hatte Aspergillus
- fumigatus bei jungen Pferden eine influenzaähnliche Erkrankung zur
- Folge. -- 3 Pferde erkrankten plötzlich unter Schweissausbruch,
- starker Pupillenerweiterung, zunehmender Schwäche und schliesslich
- Lähmung der Nachhand; die Sektion war durchaus negativ (+Lothes+,
- Berl. Arch. 1896). -- 3 Schweine, welche verschimmelte Malzkeime
- gefressen hatten, konnten sich am nächsten Morgen schwer erheben,
- taumelten beim Gehen, stöhnten und stürzten hin. Ein ebenfalls
- erkrankter Eber zeigte sich matt, frass nicht und taumelte stark beim
- Gehen (+Uhlich+, Sächs. Jahresber. 1897). -- Truthühner erkrankten
- nach der Aufnahme von schimmligem Buchweizen (Aspergillus fumigatus)
- seuchenhaft; sie zeigten Traurigkeit, Somnolenz, Schwäche, Diarrhöe,
- Abmagerung, sowie Kachexie. Die Sektion ergab eine Peritonitis
- aspergillosa in Form von Flecken, Knötchen und Kapseln auf dem
- Bauchfell, welche reichlich Aspergillussporen enthielten (+Lignières+
- und +Petit+, Recueil 1898). -- 4 Schweine erkrankten nach der
- Fütterung mit schimmligem Mehl unter Erscheinungen von Tympanitis
- und Traurigsein (+Römer+, D. T. W. 1899). -- +Sickert+ (Berl.
- Archiv 1898) sah bei Zugochsen nach der Verfütterung verschimmelten
- Kraftfutters Verdauungsstörungen, Kolik, Diarrhöe, Blutharnen und
- grosse Hinfälligkeit. -- +Arndt+ (ibid. 1899) beobachtete nach
- der Fütterung sehr stark verschimmelter Hanfkuchen bei 12 Pferden
- Beschwerden beim Kauen und Schlucken, Schlinglähmung, Zungenlähmung,
- Schwäche und Lähmung im Hinterteil, sowie Tod nach 10-24 Stunden;
- die Obduktion lieferte einen vollkommenen negativen Befund. --
- +Eggeling+ (Berl. Arch. 1900) sah in 3 Dörfern mit 8 Gehöften
- zahlreiche Kühe nach der Verfütterung verschimmelter Malzkeime
- erkranken. Die Tiere zeigten psychische Erregungserscheinungen,
- Muskelzittern, klonische Krämpfe, Salivation, Appetitlosigkeit
- und schnelle Abmagerung; später kamen Lähmungserscheinungen,
- Unvermögen zu stehen und heftige Krämpfe mit Opisthotonus hinzu.
- Bei mehreren Kühen trat der Tod nach 3-5tägiger Krankheitsdauer
- ein. -- +Kovácz+ (Veterinarius 1900) beobachtete bei 26 Ochsen nach
- der Verfütterung von schimmligem Wickenstroh hochgradige Schwäche,
- Durchfall, Gelbfärbung der Schleimhäute, sowie hohes Fieber; nach
- der Verabreichung von je 20 g Kreolin erholten sich, mit Ausnahme
- von 2 Ochsen, sämtliche Tiere nach 3-4 Tagen. -- Im Kreise Herford
- wurden nach der Verfütterung schimmliger Hafergarben allgemeine
- Lähmungserscheinungen mit tödlichem Ausgang, im Kreise Hameln nach
- der Verfütterung von schimmligem Heu bei Pferden Bronchitis und
- später Dämpfigkeit beobachtet (Preuss. Vet.-Ber. 1900). -- Nach der
- Verfütterung von schimmligem, in Ziegelsteingruben aufbewahrtem
- Getreide zeigten mehrere Kühe (nicht alle!) grosse Abgeschlagenheit,
- angestrengte Atmung, Verstopfung und Durchfall, schleimig-eitrigen
- Nasenausfluss und Gehirnerscheinungen (Drängen mit dem Kopf gegen die
- Wand); nach etwa 5 Tagen trat der Tod ein. Die Sektion ergab fleckige
- Entzündung der Magen- und Darmschleimhaut, Tracheitis und Bronchitis,
- Lungenemphysem sowie Gehirnhyperämie (+Mayo+, Am. vet. rev. 1901).
- -- Nach der Verfütterung von schimmligem Haferstroh verendeten 4
- Rinder, nachdem übelriechender Durchfall, Lähmung des Schlundkopfes,
- Schwäche der Nachhand sowie allgemeines Sopor vorausgegangen waren
- (Bild der Gebärparese); die Sektion ergab zahlreiche Hämorrhagien
- und geschwürige Substanzverluste auf der Magendarmschleimhaut,
- blutigen Darminhalt, Fettdegeneration der Leber, sowie Schwellung
- der Lymphdrüsen (+Wiedenmayr+, Woch. f. Tierh. 1901). -- 72 Schafe
- erkrankten nach Fütterung mit schimmliger Kleie, 61 starben an
- Gastroenteritis, sie zeigten Depressionserscheinungen, Drängen nach
- vorne und Lähmung. 4 Kühe starben gleichfalls an Gastroenteritis;
- sie zeigten Schlinglähmung, Schlummersucht und allgemeine Lähmung
- (+Hesse+, +Hoppe+, Preuss. Veter.-Bericht 1904). -- Nach der
- Fütterung von 2 kg schimmligem Schwarzbrot (Mucor Mucedo) zeigte
- eine Stute Kolik, Dyspnoe, Verstopfung, hohes Fieber, sowie
- dummkollerartige Erscheinungen; erst nach 4 Wochen konnte durch
- entsprechende Behandlung (Laxantien) Heilung erzielt werden (+Motz+,
- Bad. Mitt. 1905). -- 2 Pferde starben innerhalb 24 Stunden nach
- der Fütterung von schimmligem Häcksel unter Kolikerscheinungen,
- angestrengter Atmung, Verstopfung und Durchfall, Schlafsucht und
- allgemeiner Lähmung; die Sektion ergab Darm- und Bauchfellentzündung,
- Leberschwellung und lackfarbiges Blut (+Kränzle+, Woch. f. Tierh.
- 1908). Weitere Fälle von Vergiftung durch Schimmelpilze finden sich
- im Preuss. Vet.-Ber. pro 1907. -- Nach +Sturli+ (Wien. klin. Woch.
- 1908) erzeugt der alkoholische Extrakt von Penicillium glaucum bei
- Kaninchen Krämpfe.
-
-
-Vergiftung durch Brandpilze.
-
- =Botanisches.= Die Brandpilze (Ustilagineen) wirken in folgenden
- Gattungen giftig:
-
- I. +Tilletia Caries+, der +Steinbrand+, +Schmierbrand+ oder
- +Stinkbrand+ des Weizens und Dinkels. Die Sporen besitzen
- eine kugelige Form, blassbraune Farbe, sowie eine netzartige
- Oberflächenzeichnung. Die damit befallenen Weizen- und Dinkelähren
- produzieren leichte, kurze, gedunsene Körner mit graubrauner, dünner
- Schale und schmierigem oder pulverigem, nach Heringslake riechendem
- Inhalt (Sporen).
-
- II. +Ustilago.+ von toxikologischer Bedeutung sind: 1. +Ustilago
- Carbo+, der +Staubbrand+, +Flugbrand+, +Russbrand+ des Weizens,
- Hafers, der Gerste und der Wiesengräser, welcher in Form einer
- schwarzen, geruchlosen, pulverigen Staubmasse die Aehren und Gräser
- befällt. Seine Sporen sind ebenfalls kugelrund und braun, besitzen
- aber im Gegensatz zu den Sporen von Tilletia Caries eine glatte
- Oberfläche und geringere Grösse (halb so gross). 2. +Ustilago
- maïdis+, der +Maisbrand+ oder +Beulenbrand+, welcher streifen-
- oder beulenförmige Auftreibungen von anfangs weisser, später
- schwarzgrauer Farbe an den Stengeln, Blättern und Blüten des Maises
- hervorruft, deren Inhalt eine schwarze, schmierige oder pulverige
- Masse bildet. Die Sporen sind braun, kugelig, halb so gross wie
- Tilletia Caries und besitzen eine schwach stachelige Oberfläche. 3.
- +Ustilago longissima+, befällt Glyceria (Poa) aquatica (Süssgras,
- Wasserschwaden) und bildet hellbraune, mit braungrünem Pulver
- gefüllte Streifen. Die Sporen sind unregelmässig rund, blassbraun,
- glatt und etwa nur ¼ so gross wie die von Tilletia Caries. 4.
- +Ustilago echinata+ kommt auf Phalaris arundinacea (Schilf) vor.
- Auch auf dem Schilfgras (Phragmites communis, Phalaris arundinacea)
- siedeln sich Brandpilze an.
-
-
-=Krankheitsbild.= Von den oben genannten Brandpilzen ist weitaus
-am giftigsten und gefährlichsten der Schmier- oder Stinkbrand des
-Weizens und Dinkels, +Tilletia Caries+. Vergiftungen sind namentlich
-bei Rindern, aber auch bei Schafen und Pferden (Müllerpferden) sowie
-Schweinen nach dem Verfüttern der brandigen Dinkelspreu beobachtet
-worden. In Bayern wurden Vergiftungen namentlich unter dem Vieh
-der Abdecker beobachtet (sog. Wasenmeisterkrankheit). Auch bei den
-Brandpilzen hat man, ähnlich wie bei den Schimmelpilzen, vielfach
-die Erfahrung gemacht, dass sie von den Haustieren längere Zeit ohne
-Schaden aufgenommen werden können. In Uebereinstimmung damit sind
-Fütterungsversuche bei gesunden Tieren (vergl. unten) teils negativ
-ausgefallen, teils haben sie eine relativ geringe Wirkung ergeben.
-Diese Beobachtungen berechtigen jedoch nicht zu der allgemeinen
-Schlussfolgerung, dass die Brandpilze wenig oder gar nicht giftig
-sind. Vielmehr ist die Giftigkeit der Brandpilze ähnlich wie die
-der Schimmelpilze offenbar nach den äusseren und inneren Umständen
-sehr verschieden (Entwicklungsformen der Pilze, Menge, Nährboden;
-Beschaffenheit der Magen- und Darmschleimhaut, individuelle
-Disposition, Immunität). Wie bei den Schimmelpilzen handelt es sich
-nicht um ein physikalisches Eindringen der Sporen ins Blut, sondern
-um die Bildung eines Toxins. Dieses Toxin der Brandpilze äussert
-neben einer reizenden Wirkung auf die Schleimhäute vor allem eine
-+lähmende Wirkung auf das Schlingzentrum und das Rückenmark+. Die
-Krankheitserscheinungen sind folgende. Die Tiere zeigen infolge Lähmung
-des Schlundkopfes und Schlundes sowie der Zunge +Speichelfluss+ und
-+anhaltende Kaubewegungen+. Ausserdem beobachtet man bei meist völlig
-freier Psyche +Schwäche und Schwanken beim Gehen+, +Taumeln+, +Umfallen
-und vollständige motorische und sensible Lähmung, wobei die Tiere
-hilflos am Boden liegen+. In anderen Fällen treten die Erscheinungen
-einer entzündlichen Reizung der Schleimhäute in den Vordergrund. Die
-Tiere zeigen dann +Verstopfung+, +Durchfall+, Drängen auf den Kot und
-Harn, +Scheidenausfluss+, +Schwellung der Augenlider+, Tränenfluss,
-erschwerte Atmung sowie die Erscheinungen eines +Katarrhes der oberen
-Luftwege+. Endlich kann bei trächtigen Tieren +Abortus+ eintreten.
-
-
-=Sektionsbefund.= Die +Sektion+ bietet in manchen Fällen einen durchaus
-+negativen+ oder nur wenig charakteristischen Befund. In anderen
-Fällen findet man, insbesonders beim Rind, entzündliche Veränderungen
-der Magendarmschleimhaut. Namentlich die +Labmagenschleimhaut+ ist
-zuweilen +gerötet+, +entzündlich geschwollen+ und mit +Erosionen+ und
-+hämorrhagischen Herden+ bedeckt. Im Dünndarm findet man häufig eine
-strichartige, russige Verfärbung der Schleimhaut (sog. +Aalhaut+).
-In der Bauchhöhle hat man ferner in einzelnen Fällen eine Ansammlung
-blutiger Flüssigkeit angetroffen. Endlich hat man zuweilen Rötung und
-Entzündung der Maulschleimhaut, Rachenschleimhaut, Nasen-, Kehlkopf-,
-Bronchial-, Tracheal- und Scheidenschleimhaut beobachtet, wodurch
-der Krankheitsbefund eine gewisse Aehnlichkeit mit Rinderpest bot.
--- Die +Behandlung+ der Brandpilzvergiftung ist dieselbe wie bei der
-Schimmelpilzvergiftung.
-
- =Kasuistik.= +Albrecht+ (Landwirtschaftliches Zentralblatt für
- den Netzedistrikt 1868) beobachtete bei 8 Rindern nach der
- Verfütterung brandiger Spreu eine rinderpestähnliche Erkrankung,
- deren Haupterscheinungen in anhaltendem Kauen und Speicheln,
- Kreuzschwäche, allgemeiner Gefühllosigkeit, Tränenfluss,
- Lidschwellung, angestrengtem Atmen, Durchfall, Drängen auf den Kot
- und Harn, sowie Sehnenhüpfen der Halsmuskeln bestanden. Im Verlaufe
- von 3 Tagen starben 3 Rinder. Bei 2 derselben ergab die Sektion
- wenig charakteristische Erscheinungen, indem nur eine Rötung der
- Digestionsschleimhaut nachzuweisen war. Im 3. Falle waren dagegen
- entzündliche Schwellung der Magendarmschleimhaut, Erosionen und
- Hämorrhagien im Labmagen und Dünndarm sowie strichartige, russige
- Verfärbung der Darmschleimhaut („Aalhaut“) nachzuweisen. Zwei
- Pferde erkrankten unter ähnlichen Erscheinungen. Eine ältere
- Kuh, welcher versuchsweise der aus der Spreu erhaltene schwarze
- Staub gefüttert wurde, erkrankte am 2. Tag an Kreuzschwäche
- und zeigte am 3. Tag Schwanken, Umfallen, Eingenommenheit und
- Speichelfluss. -- +Adam+, +Koch+ und +Herele+ (Adams Wochenschr.
- 1876-1878) konstatierten ebenfalls bei Rindern und Schafen eine
- rinderpestartige Erkrankung nach der Aufnahme brandiger Dinkelspreu.
- Die Erscheinungen bestanden in andauerndem Speichelfluss, Kauen,
- Verstopfung, Drängen auf den Kot, Tränenfluss, Scheidenausfluss,
- Lähmung des Schlingapparates, sowie Paralyse des Hinterteils. Der
- Tod erfolgte nach mehrtägiger Krankheitsdauer. Bei der Sektion
- fand man Rötung der Magendarmschleimhaut, entzündliche Schwellung,
- Ekchymosen, Erosionen im Labmagen, im Dünndarm eine sog. Aalhaut,
- in der Bauchhöhle blutige Flüssigkeit, ausserdem Entzündung der
- Respirationsschleimhaut, sowie der Schleimhaut der Maulhöhle, der
- Nasenhöhle und Scheide. -- +Vogel+ (Repertor. 1879) beobachtete
- bei 4 Müllerpferden nach der Verfütterung brandiger Dinkelspreu im
- wesentlichen nur die Erscheinungen einer allgemeinen Körperlähmung
- bei freier Psyche; die Tiere lagen gelähmt am Boden, unfähig sich
- zu erheben. Ausserdem zeigten dieselben Schlinglähmung. Die längste
- Krankheitsdauer betrug 9 Tage. Bei der Sektion fand man mit Ausnahme
- der sog. Aalhaut im Dünndarm nichts Charakteristisches. -- +Berndt+
- (Ad. Woch. 1880) sah bei Schweinen eiterige Bronchitis, entzündliche
- Rötung der Magenschleimhaut, Erosionen und entzündliche Schwellung
- der Dünndarmschleimhaut, Nasen-, Kehlkopf- und Trachealschleimhaut.
- -- +Gerlach+ (Gerichtl. Tierheilkunde 1872), +Haselbach+ (Magazin
- 1860) und +Bertsche+ (Landwirtschaftl. Tierzucht 1885) beobachteten
- bei mehreren Rindern nach der Verfütterung von Tilletia und Ustilago
- Maïdis Abortus, welcher auch nach der Verfütterung von Phalaris
- arundinacea vorkommen soll (Ustilago echinata). -- +Wankmüller+ (Ad.
- Wochenschr. 1884) sah nach Aufnahme von Russbrand Speichelfluss,
- Zungenlähmung, unterdrückte Peristaltik, Kolik, Durchfall, Mydriasis,
- vermehrte Tränensekretion, Koma und Tod nach 15-18 Stunden. Die
- Sektion ergab Entzündung des Schlundes und Kehlkopfes, umschriebene
- Rötung im Dünn- und Dickdarm sowie seröse Durchfeuchtung des
- Gehirns. -- +Köpke+ (Preuss. Mitteil. 1877) hat nach der Aufnahme
- von Wasserschwaden (Glyceria = Poa aquatica), welcher mit Ustilago
- longissima besetzt war, beim Rind plötzliches Aufhören im Fressen,
- Schlinglähmung, Schwanken, Zusammenstürzen, Unvermögen sich zu
- erheben, Zähneknirschen und Herzklopfen beobachtet. -- +Rost+
- (Sächs. Jahresber. 1889) sah innerhalb weniger Tage zahlreiche Kühe
- erkranken, welche mit befallener (Tilletia Caries) Weizenspreu
- gefüttert worden waren. Sie zeigten Mattigkeit, Schläfrigkeit,
- schwere Beweglichkeit oder Unvermögen aufzustehen. -- +Neidhardt+
- (Woch. f. Tierheilkunde 1890) beobachtete bei Rindern Zittern,
- Schlingbeschwerden, Geifern, Husten, Schwäche und Lähmung der
- Nachhand, rapide Abmagerung, anfangs Verstopfung, später Durchfall.
- Der Tod trat nach 2-7 Tagen ein. -- +Hohenleitner+ (ibid.) sah
- bei seinem eigenen Pferde nach der Verfütterung von brandiger
- Kleie auffallendes Schwanken der Nachhand. -- +Eckmeyer+ (ibid.
- 1891) sah bei Rindern heftige Kolik, Speichelfluss, Durchfall
- und Polyurie sowie Abortus. -- Nach +Voss+ (Berl. Arch. 1892)
- erkrankten 5 Pferde nach dem Genuss von brandigem Weizenkaff unter
- Verdauungsstörungen, Harndrang, Pupillenerweiterung und Schwäche der
- Nachhand. -- +Kögl+ (Woch. f. Tierheilkunde 1897) sah bei 2 Kühen
- heftigen Speichelfluss mit andauernden Kaubewegungen, Schlinglähmung
- sowie Lähmung des Hinterteils; der Sektionsbefund war negativ. --
- +Grossmann+ (Veterinarius 1899) sah 25 Schafe nach dem Fressen von
- Maisfruchtstielen erkranken, welche reichlich mit Brandsporen von
- Ustilago maïdis besetzt waren. Sie zeigten grosse Hinfälligkeit;
- 19 Schafe starben; bei der Sektion fanden sich Erosionen im Magen
- und Darm. -- In verschiedenen Dörfern Sigmaringens erkrankten
- mehrere Pferde nach dem Verfüttern von Spelzen, die mit Brandpilzen
- (Tilletia und Ustilago Carbo) befallen waren. Die Pferde zeigten
- verminderte Fresslust, Schwanken und Taumeln und konnten sich ohne
- Hilfe nicht erheben. In gerader Richtung gingen sie gut, sobald
- aber Seitwärtsbewegungen ausgeführt wurden, fielen sie um (Preuss.
- Veterinärber. 1900). -- Nach der Fütterung von brandigem Mais starben
- angeblich 3 Hirsche sowie zahlreiche Pferde, die letzteren, nachdem
- Kolik, Verstopfung, blutiger Durchfall, Schweissausbruch, Schwanken
- und Taumeln vorausgegangen waren; die Sektion ergab das Vorhandensein
- von Gastroenteritis (+Nessl+, Tierärztl. Zentralbl. 1907). -- Der
- im Gestüt Beberbeck im Jahr 1907 aufgetretene seuchenartige Abortus
- ist wahrscheinlich durch Brandpilze veranlasst worden; der Weizen
- war nämlich in diesem Jahr stark mit Brandpilzen befallen; ausserdem
- zeigten die Weidegräser viel Rostpilze (+Mieckley+, Zeitschr. f.
- Gestütkunde 1908). -- Gänse starben nach der Aufnahme von brandiger
- Kleie an korrosiver Magendarmentzündung (+Spitzer+, Preuss.
- Veterinärber. pro 1907).
-
-
- =Fütterungsversuche.= +Pusch+ (Deutsche Zeitschr. f. Tiermed. 1893)
- hält auf Grund von Fütterungsversuchen mit brandigem Weizen (Tilletia
- Caries) bei Pferden, Rindern, Schafen, Ziegen und Schweinen im
- Gegensatz zu den in der Literatur enthaltenen positiven Beobachtungen
- die Giftigkeit des Stinkbrands nicht für erheblich. Die Versuchstiere
- ertrugen verhältnismässig sehr grosse Mengen von brandigem Futter
- ohne wesentliche Nachteile. Nur bei einzelnen Tieren trat Durchfall,
- bei andern übelriechender Kot sowie Appetitsverstimmung auf. Die
- subkutane Injektion von Sporenextrakten sowie die Inhalation von
- Sporen rief keinerlei Krankheitserscheinungen hervor. Dagegen trat
- bei 6 tragenden Meerschweinchen Verkalben auf. Mäuse, Sperlinge und
- ein Hahn starben an einer schweren hämorrhagischen Gastroenteritis.
- Auch +Albrecht+ (Münch. Jahresber. 1894/95) ist auf Grund von
- Fütterungsversuchen bei trächtigen Ziegen und Schafen zu der Ansicht
- gekommen, dass selbst viel grössere Mengen von Tilletia Caries, als
- unter gewöhnlichen Verhältnissen zur Verfütterung kommen, Abortus
- nicht hervorrufen, überhaupt den Gesundheitszustand in keiner
- Weise beeinträchtigen. Ein ähnliches negatives Resultat ergaben
- Fütterungsversuche mit brandigem Weizen (Ustilago maïdis) bei
- trächtigen Schafen, Ziegen und Hündinnen (Woch. f. Tierh. 1902).
- +Appel+ und +Koske+ (Versuche über die Wirkung einiger als schädlich
- verdächtiger Futtermittel. Arb. a. d. Kais. biol. Anstalt für Land-
- und Forstwirtschaft 1907) stellten Fütterungsversuche mit dem
- Steinbrand des Weizens (Tilletia tritici) bei Schweinen und beim
- Geflügel an. Gesunde Schweine erkrankten nicht, auch wenn grosse
- Mengen von Steinbrandsporen dem Futter beigemengt wurden, ebenfalls
- nicht Hühner und Tauben. Sie sind der Meinung, dass in den Fällen
- einer ungünstigen Futterwirkung der Nachweis von Brandsporen nicht
- als eine genügende Erklärung für die Schädlichkeit eines solchen
- Futters angesehen werden könne (?).
-
-
-Vergiftung durch Rostpilze.
-
- =Botanisches.= Von den Rostpilzen (Uredineen) sind nachstehende
- Gattungen von toxikologischer Bedeutung:
-
- I. +Puccinia+ und zwar: 1. +Puccinia Graminis+, der +gemeine Gras-+
- oder +Getreiderost+, erzeugt rostgelbe Flecken an den Blättern des
- Roggens, Weizens, Hafers, der Gerste, von Triticum repens, Agrostis
- vulgaris, Lolium perenne. 2. +Puccinia Straminis+, der +Strohrost+,
- bildet schwarze Flecken auf Roggen-, Weizen-, Gerstenstroh, Hordeum
- murinum. 3. +Puccinia coronata+, der +Kronenrost+, schwärzliche
- Flecken auf Hafer und Alopecurus pratensis bildend. 4. +Puccinia
- arundinacea+, auf den Blättern und Halmen des gemeinen Schilfrohrs,
- Phragmites communis, in Form schwarzer, länglicher Flecken
- vegetierend.
-
- II. +Uromyces+, der +Leguminosenrost+, namentlich auf schwedischem
- Klee (Trifolium hybridum) in Form kleiner, schwarzer Punkte als
- Uromyces apiculatus parasitierend.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Vergiftungen durch Rostpilze
-ereignen sich bei Pferden, Rindern, Schafen und Schweinen nach
-der Verfütterung von rostigem Grünfutter, Heu, Stroh, Schilfgras
-(Phragmites communis) und schwedischem Klee (Trifolium hybridum).
-Das Krankheitsbild scheint je nach dem Entwicklungszustand der
-betreffenden Rostpilze (Uredosporen -- Teleutosporen) sowie nach der
-individuellen Disposition der einzelnen Tiere verschieden zu sein. Die
-Rostpilze wirken nämlich bald +entzündungserregend+ auf +Haut+ und
-+Schleimhäute+, bald +lähmend+ auf das +Zentralnervensystem+. Von den
-Schimmelpilzen und Sprosspilzen unterscheiden sich die Rostpilze durch
-eine stärkere, auch auf die äussere Haut sich erstreckende, reizende
-Lokalwirkung (Dermatitis).
-
-Die wichtigsten Krankheitserscheinungen der Rostpilzvergiftung
-sind: +Rötung+, +Schwellung und Entzündung der Haut+, +der Lippen+,
-+Backen+, +der Lider+, +des Kopfes+, +Urtikaria über den ganzen
-Körper+, +starker Juckreiz+, +Konjunktivitis+, +Tränen+. Dieselben
-Entzündungserscheinungen bilden sich auf der Digestionsschleimhaut.
-Die Tiere +speicheln+ anhaltend und intensiv infolge einer
-+Stomatitis+, +Glossitis+ und +Pharyngitis+ (Verwechslung mit Maul- und
-Klauenseuche; sog. sporadische Aphthen), zeigen +Kolikerscheinungen+,
-+ruhrartigen+ und selbst +blutigen Durchfall+, sowie als Symptom einer
-gleichzeitig bestehenden Nephritis +Hämaturie+. In manchen Fällen
-soll bei Pferden auch +Hämoglobinurie+ beobachtet worden sein. Die
-Allgemeinerscheinungen bestehen in +Schwanken+, grosser Schwäche und
-Hinfälligkeit, +Lähmung des Hinterteils+, Zusammenbrechen, Unvermögen
-aufzustehen, +Blasenlähmung+, +Abortus+, +Benommenheit des Sensoriums+,
-+Somnolenz+, Zähneknirschen, pochendem Herzschlag, Temperaturerhöhung
-etc. Der Verlauf ist zuweilen sehr akut, so dass der Tod schon
-innerhalb weniger Stunden eintreten kann. In einzelnen Fällen hat man
-endlich ikterische Erscheinungen beobachtet.
-
-Bei der +Sektion+ findet man neben den beschriebenen Veränderungen auf
-der Haut +hämorrhagische Gastroenteritis+, +Nephritis+ und +Zystitis+,
-Rötung und Schwellung der Scheiden- und Mastdarmschleimhaut, sowie
-Hämorrhagien unter den serösen Häuten. -- Die +Behandlung+ ist dieselbe
-wie bei der Schimmelpilzvergiftung.
-
-
-=Kleekrankheit.= Die bei den Pferden zuweilen in grösserer
-Verbreitung, seltener bei Rindern vorkommende sog. Kleekrankheit,
-welche nach der ausschliesslichen Fütterung von schwedischem Klee
-(+Trifolium hybridum+) beobachtet wird, ist wahrscheinlich ebenfalls
-durch Rostpilze, und zwar durch +Uromyces apiculatus+ bedingt. Die
-Erscheinungen dieser Krankheit bestehen in einer Anschwellung des
-Vorkopfes nebst einer hochgradigen +Stomatitis+, welche sich durch
-intensives Speicheln äussert und wobei sich Geschwüre bilden. Aehnliche
-Veränderungen beobachtet man auch auf den mit +weissen Abzeichen
-versehenen Hautstellen des Kopfes und der Gliedmassen+ (Blässe,
-weisse Fessel). Es entstehen hier gelbliche, an einzelnen Stellen mit
-Blasen besetzte und allmählich durch Mumifikation sich abstossende
-Flecke, welche sehr schmerzhaft sind (ähnliche Prozesse werden auch
-bei der Lupinose beobachtet). Die lupinoseähnlichen allgemeinen
-Krankheitserscheinungen nach ausschliesslicher Kleefütterung äussern
-sich in +ikterischer+ Verfärbung der Maulschleimhaut und Konjunktiva,
-+Kolikanfällen+, +hochgradiger Mattigkeit+ und +Schlafsucht+ neben
-+nervöser Aufregung+ (Zuckungen, Raserei, epileptiforme Zufälle),
-+Schwanken+, +Taumeln+, +Lähmungserscheinungen+ (Amaurosis, Schlund-
-und halbseitige Lähmungen). Die letztgenannten Erscheinungen haben
-grosse Aehnlichkeit mit dem Krankheitsbild der Gehirnentzündung des
-Pferdes. Genaueres über die Kleekrankheit ist in dem Lehrbuch der
-speziellen Pathologie von +Friedberger+ und +mir+ zu finden (7. Aufl.
-1908, I. Bd.).
-
- =Kasuistik.= +Schmidgen+ (Sächs. Jahresber. 1876) beobachtete bei
- 60 Pferden einer Kaserne, welche rostiges Stroh erhalten hatten,
- schmerzhafte Anschwellungen am Kopf, namentlich an den Lippen,
- Backen und Lidern, bei einzelnen ferner Urtikaria über den ganzen
- Körper mit starkem Juckreiz, ausserdem Appetitlosigkeit, leichte
- Kolik, Durchfall, schmerzhaften Husten und Schweissausbruch. -
- +Stöhr+ (Preuss. Mitteil., N. F. I) sah bei zwei Pferden, welche
- stark rostiges Roggenstrohhäcksel erhalten hatten, leichten
- Durchfall, vollständige Lähmung des Hinterteils, Krämpfe,
- sowie nach 5-24 Stunden Tod. -- +Bluhm+ (ibid., Jahrgang 22)
- sah nach der Verfütterung rostiger Hafergarben anginaähnliche
- Erscheinungen. Gleichzeitig stellten sich bei den dreschenden
- Arbeitern Anschwellungen der Kopfschleimhäute ein. -- +Rosenbaum+,
- +Haarstick+ und +Friebe+ (Preuss. Mitteil., Bd. 26; N. F. 3 und 6)
- beobachteten nach der Fütterung von rostigem Schilfgras entzündliche
- Schwellung der Maul-, Nasen- und Augenschleimhaut, Speicheln, Kolik,
- Verstopfung, blutigen Durchfall, Hämaturie, Schwäche, Hinfälligkeit,
- Lähmung des Hinterteils, sowie Tod innerhalb 24 Stunden. Bei der
- Sektion fand man hämorrhagische Gastroenteritis, Nierenentzündung,
- Blasenentzündung, sowie Hämorrhagien unter den serösen Häuten. --
- +Köpke+ (Preuss. Mitteil. 1878 und 1885) sah bei Rindern nach der
- Aufnahme von rostigem Schilf Schwanken, Umfallen, unwillkürlichen
- Harnabgang, Zähneknirschen, pochenden Herzschlag; in einem Falle
- erkrankten 80 Rinder, von welchen 12 innerhalb 1-1½ Stunden unter
- allgemeinen Lähmungserscheinungen starben. Bei der Sektion fand man
- Rötung der Labmagenschleimhaut, der Konjunktival-, Scheiden- und
- Mastdarmschleimhaut, sowie Hämorrhagien unter den serösen Häuten.
- -- +Plättner+ (Zeitschrift für Veterinärkunde 1893) beschreibt
- bei Pferden eine akute tödliche Vergiftung nach der Aufnahme von
- mit Rostpilzen befallenem Futter, deren Erscheinungen in leichter
- Kolik, Appetitlosigkeit, Harnbeschwerden, Schwanken und allgemeiner
- Lähmung bestanden. -- +Wienke+ (Berl. Archiv 1893, S. 311)
- beobachtete in einem Rindviehbestande nach der Verfütterung von
- Haferstroh, welches stark mit Rostpilzen besetzt war, Speichelfluss,
- Rötung und Schwellung der Maulschleimhaut, steife Bewegung sowie
- Hinfälligkeit; alle Tiere genasen nach dem Aussetzen des Futters.
- -- +Lameris+ u. +Poels+ (Holländ. Jahresber. 1889) beschreiben
- eine in Südholland alljährlich grassierende Rindviehkrankheit,
- welche daselbst grosse Verluste verursachte, und führen dieselbe
- auf eine Vergiftung durch Puccinia und Ustilagopilze zurück. Die
- Krankheit beginnt mit klonischen Krämpfen und Hyperästhesie, worauf
- Depression, Sopor, Anästhesie und Lähmung folgt. Der Verlauf ist
- bald perakut (wenige Minuten bis 2 Stunden), bald akut (2 Stunden
- bis 1 Tag), bald subakut (2-7 Tage). -- +Grischin+ (Petersb.
- Archiv 1887) beobachtete seuchenartigen Abortus und Sterben der
- Kälber infolge Fütterung der Kühe mit Haferstroh, das stark mit
- Rostpilzen befallen war. -- +Bauer+ (Wochenschr. f. Tierh. 1890)
- sah bei 2 Kühen nach der Aufnahme von rostigem Weizen und Hafer
- Speicheln, Schlingbeschwerden, Schlinglähmung sowie allgemeine,
- an das Bild des Kalbefiebers erinnernde Lähmung mit schlafartigem
- Zustande. Die Kühe verendeten nach 8tägiger Krankheit. -- +Johow+
- (Berl. Arch. 1897) beobachtete nach der Verfütterung von rostigem
- Stroh und Kleeheu bei Rindern Lähmung der Zunge, des Schlundkopfes
- und der Gliedmassen. -- +Ostermann+ (B. t. W. 1895) beschreibt
- eine Vergiftung durch Uromyces viciae (Wickenrost) bei einem
- Rinde. Dieselbe äusserte sich hauptsächlich in Lähmung der Kau-
- und Schlingmuskeln. -- +Vogel+ (D. t. W. 1893) behandelte eine
- durch Uromyces verursachte Massenerkrankung von Kühen, bei der
- ausser einer hämorrhagischen Gastroenteritis papulöse und eiternde
- Exantheme auf der Haut, Bindehaut und Schleimhaut die Hauptrolle
- spielen. -- +Hahn+ (Preuss. Mitteil., N. F. IV. Jahrg.) sah bei 12
- Sauglämmern einer Herde, die auf Lupinen und Kleestoppel gehütet
- wurde, rings um die Maulöffnung an beiden Lippenflächen Pusteln,
- mit gelbweissem Inhalt sowie Schorfe; in der Maulhöhle, namentlich
- am Zahnrand des Unterkiefers, waren granulierende Geschwüre
- vorhanden. Andere Lämmer zeigten einen Knötchenausschlag auf der
- Haut. Bei den Mutterschafen waren vereinzelt am Euter Pusteln
- wahrzunehmen. Mit dem Einstellen des Weidegangs verschwand die
- Erkrankung. -- +Szilasci+ (B. t. W. 1908) beobachtete in einem
- Halbblutgestüt von 100 Pferden toxische Hämoglobinurie nach dem
- Weiden auf einer Kleeweide, die stark mit Rostpilzen (Uromyces
- Trifolii) befallen war. Die Vergiftungserscheinungen bestanden in
- Verstopfung, Durchfall, blutigen Kot, Hämoglobinurie (?), Anämie,
- leichtem Ikterus und mässigem Fieber. Trypanosomen im Blute fehlten.
- -- +M. Müller+ (ibid.) berichtet über seuchenartiges Auftreten
- von Rostpilzvergiftungen bei Pferden, Rindern und Schafen in
- Elsass-Lothringen. Die Pferde zeigten Lähmung der Nachhand bei
- feinem Sensorium; das Krankheitsbild bei Rindern erinnert teils
- an Maul- und Klauenseuche, teils an Gebärparese: Lähmung, starkes
- Speicheln (Schlundkopflähmung); der Sektionsbefund war völlig
- negativ. -- +Trattner+ (D. t. W. 1909) sah bei 54 Artilleriepferden
- nach der Aufnahme von stark befallenem Stroh (Puccinia graminis) die
- Erscheinungen der Stomatitis und Dermatitis (Lippen, Nase) auftreten.
-
-
- =Kleekrankheit.= 5 Pferde erhielten längere Zeit hindurch
- ausschliesslich blühenden schwedischen Klee (Trifolium hybridum).
- 3 ältere Pferde erkrankten hierauf schwer, während 2 Fohlen gesund
- blieben. Die Pferde standen schlafsüchtig, mit hängenden Köpfen
- auf der Wiese, nahmen zeitweise ein Maul voll Gras, ohne es
- abzuschlucken, und zeigten ein ähnliches Bild wie bei der subakuten
- Gehirnentzündung. Die Schleimhäute des Maules und Auges waren
- zitronengelb gefärbt. Auf der Maulschleimhaut zeigten sich grosse
- Epitheldefekte. Der Gang war schwankend, taumelnd. Ausserdem bestand
- wässeriger Durchfall, und die Tiere waren ausserordentlich schwach
- und abgemagert. Ein Pferd starb am 3. Tage plötzlich; die beiden
- andern erholten sich später (+Michael+, Sächs. Jahresber. 1898). --
- Nach der Verfütterung von schwedischem Klee starben zwei Pferde.
- Sie zeigten Appetitlosigkeit, Gehirndepression, taumelnden Gang,
- orangerote Verfärbung der Bindehaut, häufiges Urinieren, Kolik, sowie
- Nekrose kleiner Schleimhautpartien der Zunge. Ein anderes Pferd
- zeigte allgemeine Lähmung, Schlinglähmung und Koma (+Kleine+, Preuss.
- Vet.-Ber. 1904).
-
-
-Vergiftung durch Kernpilze.
-
- =Botanisches.= Von den Kernpilzen (Pyrenomyzeten) ist die wichtigste
- Gattung, Claviceps purpurea, bereits in einem besonderen Kapitel
- (Mutterkornvergiftung) besprochen worden. Sonstige pathogene
- Kernpilze sind: 1. +Polydesmus exitiosus+, der +Rapsverderber+
- (Sporidesmium exitiosum), schwarzgraue oder schwarzbraune Flecken auf
- den grünen Teilen des Rapses bildend. 2. +Polythrincium Trifolii+
- (Sphaera Trifolii), die Ursache des Schwarzwerdens des Klees. 3.
- +Epichloë typhina+ (Polystigma typhinum), auf verschiedenen Grasarten
- parasitierend.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Kernpilze besitzen eine
-ähnliche +entzündungserregende+ Wirkung auf +Haut+ und +Schleimhäute+
-wie die Rostpilze. Das Krankheitsbild hat infolgedessen beim Rind oft
-grosse Aehnlichkeit mit dem der Maul- und Klauenseuche. Sie wirken
-ferner +lähmend+ auf das +Zentralnervensystem+. Die wichtigsten
-Krankheitserscheinungen sind: +Stomatitis+, +Pharyngitis+, +Rhinitis+,
-+Konjunktivitis+, +Dermatitis+, +Gastritis+, +Enteritis+, +Schwanken+,
-+Kreuzschwäche+, +allgemeine Lähmung+.
-
-Einen Fall von Vergiftung bei Lämmern nach der Aufnahme von Rapskuchen,
-welche stark mit Polydesmus exitiosus durchsetzt waren, hat +Berndt+
-(Berliner Archiv 1887) beschrieben. Die Krankheitserscheinungen
-bestanden im wesentlichen in einer letal verlaufenden Stomatitis und
-Rhinitis ulcerosa. Die Maul- und Nasenschleimhaut zeigten Erosionen;
-zwischen den Epithelzellen liessen sich Fäden und Sporen des
-Rapsverderbers mikroskopisch nachweisen. Die Tiere starben unter den
-Erscheinungen von Mattigkeit, Schwanken und erschwerter Respiration.
-Nach +Brümmer+ (Der Tierfreund 1879) erkrankten 16 Kühe, welche auf
-Rapsstoppelfeldern weideten, unter den Erscheinungen der Maul- und
-Klauenseuche. Sie zeigten Stomatitis, Dermatitis am Klauenspalt und
-Euter, Rhinitis und Konjunktivitis. Auch 4 Pferde sowie mehrere
-Versuchskälber und Versuchsferkel zeigten die Erscheinungen der
-Stomatitis. Die Ursache der Erkrankung liegt nach +Brümmer+ in der
-Keimung und Ansiedlung der Sporen des Kernpilzes auf den Schleimhäuten
-und auf der Haut. +Roloff+ (Preuss. Mitteil. XIX) beobachtete bei
-einer grösseren Schafherde, welche bei Sonnenschein auf einem
-Rapsfelde weidete, heftige Stomatitis, Anschwellung der Lippen, sowie
-Konjunktivitis. Ueber eine Vergiftung durch Polythrincium Trifolii hat
-+Weber+ (Sächs. Jahresber., Bd. IX) berichtet: 5 Kühe zeigten plötzlich
-Kolik, Schwanken, sowie vollständige Lähmung des Hinterteils; 4 mussten
-geschlachtet werden, die fünfte genas, zeigte aber noch mehrere Wochen
-hindurch Kreuzschwäche und schwankenden Gang. Bei der Sektion der
-übrigen fand man hämorrhagische Gastroenteritis, Nephritis, Hyperämie
-der Rückenmarkshäute, sowie Hydrorrhachis in der Lendengegend. +Frank+
-(Ad. Wochenschr. 1867) beobachtete nach der Verfütterung der mit
-Epichloë typhina befallenen Halme von Poa pratensis bei einem Kaninchen
-Appetitlosigkeit, Mattigkeit, Schwellung und Gangrän an den Pfoten,
-sowie Tod nach 10 Tagen. Weitere Mittheilungen über Kernpilzvergiftung
-hat +Schöberl+ (B. T. W. 1896 und 1899) gemacht.
-
- =Vergiftung durch verdorbene Futterstoffe.= Ausser den im
- vorstehenden beschriebenen Pilzvergiftungen kommen alljährlich bei
- den Pflanzenfressern und Omnivoren zahlreiche Vergiftungen nach
- der Aufnahme verdorbener Futterstoffe vor, deren Aetiologie nicht
- aufgeklärt ist. Wahrscheinlich ist ein Teil derselben ebenfalls
- durch +Pilze+, namentlich durch Schimmelpilze, bedingt. In anderen
- Fällen sind +Fäulnis-+ und +Gärungsprozesse+ die Krankheitsursache.
- Sodann spielen bei der Pathogenese dieser Vergiftungen, ähnlich
- wie bei der Fleischvergiftung der Fleischfresser (vergl. S. 351),
- vermutlich auch spezifische +Bakterien+ eine Rolle. Leider ist dieses
- sehr wichtige Kapitel der Veterinärtoxikologie so gut wie gar nicht
- bearbeitet, während das der Fleischvergiftungen hinreichend geklärt
- ist. Die bakteriologische und chemisch-toxikologische Erforschung
- dieser bisher rätselhaften Vergiftungsfälle dürfte insbesondere
- eine wichtige Aufgabe der hygienischen Institute der tierärztlichen
- Lehranstalten bilden.
-
- Die gewöhnliche Veranlassung zu den oft seuchenartig auftretenden
- und dann den Verdacht auf Milzbrand, Rinderpest, Schweinerotlauf
- usw. erweckenden Erkrankungen gibt die Aufnahme verdorbener
- Futterstoffe. Als solche sind namentlich zu nennen: +faule
- Kartoffeln+, +verdorbene Rübenschnitzel+ (Rübenpresslinge,
- Rübenblätter), +gärende Schlempe+ und +Biertreber+, +ranzige
- Oelkuchen+, +verdorbenes Stroh+ etc. Die dadurch bedingten
- Krankheitserscheinungen haben grosse Aehnlichkeit mit denen der
- Ptomainevergiftung (vergl. S. 351). Sie bestehen einerseits
- in Symptomen der +Magendarmentzündung+ (sog. mykotische
- Gastroenteritis), andererseits in nervösen +Erregungs-+ und
- +Lähmungserscheinungen+.
-
- =Kasuistik.= Aus der sehr reichhaltigen Literatur mögen die
- nachfolgenden charakteristischen Fälle Erwähnung finden. +Prietsch+
- (Sächs. Jahresber. 1898) beobachtete im Frühjahr 1898 enzootisch
- auftretende Magendarmentzündungen bei Rindern, welche mit angefaulten
- Kartoffeln gefüttert wurden. Die Tiere zeigten hohes Fieber,
- Kolikerscheinungen, anfangs Verstopfung, später unstillbaren, oft
- blutigen Durchfall, grosse Schwäche und Hinfälligkeit und starben
- meist nach eintägiger Krankheit. -- +Röbert+ (ibid.) machte
- genau dieselbe Beobachtung nach der Verfütterung angefaulter
- Kartoffeln bei Schweinen; die Tiere verendeten unter profusem
- Durchfall innerhalb 2 Tagen. -- +Fadyean+ (Journ. of comp. 1897)
- sah 11 Pferde nach der Aufnahme alter, stark fauliger Kartoffeln
- unter Schwäche und Lähmungserscheinungen sterben; die Sektion
- ergab nur leichte Dickdarmentzündung. -- Nach der Verfütterung
- verdorbener Runkelrübenblätter zeigten mehrere Rinder hochgradige
- Gehirnreizungserscheinungen, Vorwärtsdrängen, Taumeln, Schwanken,
- Zusammenstürzen, sowie heftige Krämpfe, andere standen stumpfsinnig
- mit gesenkten Köpfen da; die Sektion ergab ein negatives Resultat
- (+Gotteswinter+, Wochenschr. f. Tierhlkde. 1893). -- Nach der
- Aufnahme angefaulter Runkelrübenköpfe verendeten 2 Kühe nach
- kurzer Krankheit; sie zeigten hohes Fieber, Tympanitis, trockenen,
- blutigen Kot, lähmungsartige Schwäche des Hinterteils und raschen
- Kräfteverfall; die Sektion ergab hochgradige Entzündung der Labmagen-
- und Dünndarmschleimhaut, sowie eiterig-fibrinöse Peritonitis
- (+Wilhelm+, Sächs. Jahresber. 1892). -- Nach +Peters+ (Berl. Arch.
- 1891) treten auf den meisten Zuckerfabriken, in welchen Schafe zur
- Mast gehalten werden, alljährlich erhebliche Verluste infolge der
- Verfütterung von Rübenschnitzeln auf. Die Schafe zeigen am ersten Tag
- Durchfall, am zweiten Erscheinungen von Gehirnlähmung und sterben am
- dritten Tag. Die ersten Todesfälle treten in der Regel 8-10 Wochen
- nach Beginn der Mastfütterung auf. -- +Bayne+ (The Vet., Bd. 67) sah
- Rinder nach der Aufnahme kranker, fauliger Rüben schon innerhalb
- zweier Stunden sterben; als bestes Gegenmittel bewährte sich Schnaps.
- -- Nach +Arloing+ (L’Echo vét. 1893) bedingt die Verfütterung der
- in Gruben aufbewahrten Rübenpresslinge bei Rindern zuweilen tödlich
- verlaufende Vergiftungen, welche wahrscheinlich durch Bakterien
- veranlasst werden. -- +Albrecht+ (Wochenschr. f. Tierhlkde. 1893, Nr.
- 47) beobachtete nach der Verfütterung verdorbener, faulig riechender
- Träber bei Rindern Verdauungsstörungen, psychische Depression,
- Muskelschwäche, sowie kleinen Puls. Dagegen fehlten die sonst bei
- der Fütterung derartig verdorbener Nahrungsmittel zu beobachtenden
- Durchfälle, die Tympanitis, sowie Fieber. Kontrollfütterungsversuche
- mit den verdorbenen Träbern bei Schweinen fielen negativ aus.
- -- +Lehmann+ (Berl. Arch. 1894) berichtet über eine tödliche
- Vergiftung bei 8 Rindern nach der Fütterung von Branntweinschlempe.
- Die Tiere zeigten unterdrückte Peristaltik, Verstopfung, Krämpfe,
- Vorwärtsdrängen, Tobsucht, Pupillenerweiterung, heftiges
- Muskelzittern, Ermattung, Durchfall und Lähmung des Hinterteils; bei
- der Sektion fand man Darmentzündung. -- +Gips+ (Berl. Arch. 1896)
- sah bei Pferden nach der Verfütterung von Schlempe neben starkem
- Durchfall eigenartige Gehirnreizungserscheinungen: starke Aufregung,
- gegen die Wand rennen, senkrecht in die Höhe steigen, Brüllen,
- Opisthotonus; bei anderen Pferden bildete sich ein lähmungsartiger
- Zustand aus. -- Nach +Gruber+ (D. T. W. 1893) zeigten 2 Kühe nach
- dem Verfüttern von frisch eingebrachtem Heu kalbefieberähnliche
- Erscheinungen: schlafsüchtiges Benehmen, seitlich zurückgelegten
- Kopf, Unvermögen aufzustehen, Unempfindlichkeit gegen Nadelstiche.
- -- +Reinländer+ (Zeitschr. f. Vet. 1899) sah bei 7 Pferden nach
- der Aufnahme von verdorbenem Heu schwankenden, taumelnden Gang,
- Blasenlähmung, blutigen Harn, Husten und Schwellung der Gliedmassen.
- -- +Dorn+ (Wochenschr. f. Tierhlkde. 1894) beobachtete bei 6 Rindern
- nach der Verfütterung von schlecht heimgebrachtem, halbfauligem
- Heu heftigen Schüttelfrost, Angst, beschleunigtes Atmen, starken
- Schweissausbruch, sowie Oedeme am Kopf, Hals und an den hinteren
- Extremitäten. -- +Schmid+ (ibid.) sah nach derselben Fütterung bei 3
- Pferden Durchfall, hohes Fieber, starke Benommenheit des Sensoriums,
- sowie Schwäche und Hinfälligkeit. -- +Kampel+ (Repert. 53. Bd.) sah
- bei mehreren Pferden nach der Fütterung von schlechtem Erbsenstroh
- Lähmung der Nachhand, der Blase und des Mastdarms bei sonst nicht
- gestörtem Allgemeinbefinden. Die Krankheit dauerte 3 Wochen; 3
- Pferde starben, die übrigen genasen langsam. -- +Höhne+ (Berl.
- Arch. 1894) sah nach Roggenfütterung bei Pferden Schlinglähmung
- auftreten, welche gewöhnlich nach 8 Tagen zum Tod führte (sog.
- Longerkrankheit). -- +Bedel+ (Recueil 1897) beobachtete bei Kühen
- nach der Aufnahme angefaulter, sehr reifer Aepfel Schwanken,
- tiefes Koma, Umfallen, Pupillenerweiterung, sowie übelriechenden
- Durchfall. -- +Bissauge+ berichtet über Vergiftung bei 6 Kühen
- durch mehltaubefallene Rebenblätter. -- +Zeisler+ (B. T. W. 1896)
- sah bei 35 Rindern nach der Aufnahme ranziger Erdnusskuchen Kolik
- mit Durchfall und Verstopfung; bei 5 geschlachteten Tieren ergab
- die Sektion Gastroenteritis. -- Nach dem Trinken fauligen Wassers
- aus Teichen erkrankten ganze Rinderherden in eigenartiger Weise.
- Die Tiere stiessen ein heiseres Gebrüll aus, wurden aufgeregt
- und gingen aggressiv gegen Personen und Tiere vor; schliesslich
- stellten sich Lähmungserscheinungen ein; sämtliche kranke Tiere
- starben (+Johnson+, Am. vet. rev. 1894). -- 11 Rinder, welche
- aus einem fast ausgetrockneten Tümpel getrunken und Schilfgras
- gefressen hatten, stürzten apoplektiform zusammen; 6 davon
- verendeten unter Zuckungen; Milzbrand war ausgeschlossen (+Tietze+,
- Berl. Arch. 1894). -- +Zissler+ (Woch. f. T. 1901) sah 7 Stück
- Rinder nach der Verfütterung angefaulter Kartoffeln unter grosser
- Schwäche, Umfallen, Lähmungserscheinungen und Schlingbeschwerden
- schwer erkranken. -- +Laméris+ (Holl. Zeitschr. 1900) sah bei 12
- Rindern nach der Fütterung verdorbener Rübenschnitzel Salivation
- infolge von Schlinglähmung, Ptosis, Unempfindlichkeit der Kornea,
- kalbefieberähnliches Koma, hochgradige Muskelschwäche, Lähmung des
- Hinterteils, sowie anfangs Verstopfung, später Durchfall. Die Sektion
- ergab Entzündung des Dünndarms, eine sog. Aalhaut in demselben,
- sowie vereinzelt Labmagenentzündung. -- +Sauer+ (Woch. f. Tierh.
- 1902) sah bei 7 Rindern nach der Aufnahme von faulem Kartoffelkraut
- Speichelfluss und Schlinglähmung bei regem Appetit, Verstopfung,
- Durchfall, Schwäche und Lähmung der Nachhand bei freiem Sensorium.
- Sämtliche Tiere mussten notgeschlachtet werden; der Befund war
- völlig negativ. -- Im Kreis Niederbarnim traten Vergiftungen nach
- Verfütterung von verdorbenen Bierträbern auf. Die erkrankten Tiere
- zeigten teils Gehirnkrämpfe, unsichern Gang und Lähmung, teils
- Nierenentzündung und Lähmung der Harnblase (Preuss. Vet.-Ber.
- 1900). -- Eine Anzahl 4-7 Monate alter Kälber erkrankte unter den
- Erscheinungen der mykotischen Magendarmentzündung, nachdem sie
- gebrühtes Gerstenschrot erhalten hatten, das unvorsichtigerweise
- mit den Kulturen des Löfflerschen Mäusetyphusbazillus infiziert
- worden war (+Krickendt+, Berl. Arch. 1901). -- +Diem+ (Woch. f.
- Tierh. 1902) beobachtete nach Träberfütterung bei Rindern Tympanitis,
- Schlingbeschwerden, Apathie und Schwächezustände. -- +Hentrich+
- (Zeitschr. f. Vet. 1905) sah nach der Verfütterung von Bierträbern
- (trockene Bierträber wurden in kaltem Wasser angefeuchtet) bei
- 22 Pferden Magendarmkatarrh, Nierenentzündung und Blasenkatarrh
- auftreten. -- +Schilffarth+ (Woch. f. Tierh. 1906) beobachtete nach
- der Fütterung verdorbener Träber bei 4 Kühen stinkenden Durchfall;
- 3 andere Rinder starben. -- Die Verfütterung von frischgeerntetem
- Frühroggen erzeugt nach +Eloire+ (Progr. vét. 1903) bei Pferden
- Kolik, Darmentzündung, Hämaturie, Nephritis, Rehe, sowie Lähmung
- der Hintergliedmassen. -- Ueber eine Vergiftung durch Luzernesamen
- (Krämpfe, Taumeln, Herzklopfen) hat +Ravier+ berichtet (ibid). -- In
- Dänemark wurden neuerdings (1908) mehrfach Vergiftungen bei Rindern
- beobachtet, die sich durch Schlinglähmung und allgemeine Lähmung
- äusserten (+Andersen+ und +Berg+).
-
-
-Fleischvergiftung (Ptomainevergiftung).
-
- =Allgemeines.= Durch Aufnahme von zersetztem, krankem, verdorbenem
- oder in Fäulnis übergegangenem Fleisch werden wie beim Menschen
- so auch bei den Karnivoren (Hund, Katze), Omnivoren (Schwein) und
- beim Geflügel eigentümliche Krankheitserscheinungen hervorgerufen,
- welche mit dem Sammelnamen „Fleischvergiftung“ bezeichnet werden.
- Je nach der Art der aufgenommenen animalischen Nahrungsmittel wird
- genauer unterschieden zwischen +Fleischvergiftung im engeren Sinn+,
- +Wurstvergiftung+ (Allantiasis, Botulismus), +Fischvergiftung+ und
- +Käsevergiftung+. Die Ursachen dieser Vergiftungen sind teils in
- einer Aufnahme von +Bakterien+ (septische Infektion), teils in einer
- Einwirkung chemischer, als +Stoffwechselprodukte+ von Spaltpilzen
- anzusehender Stoffe (septische oder putride Intoxikation) zu suchen.
- Häufig sind beide Ursachen gleichzeitig zusammen wirksam. Die
- chemischen, beim Stoffwechsel von Spaltpilzen entstehenden Giftstoffe
- werden +Ptomaine+ (πτῶμα = Leichnam) oder +Toxine+ genannt. Die
- Fleischvergiftung gehört daher, soweit sie durch Ptomaine verursacht
- wird, ins Gebiet der Toxikologie, während die durch Aufnahme von
- Spaltpilzen bedingten septikämischen Erkrankungen Gegenstand der
- Pathologie sind.
-
- Unter +Ptomainen+ (Ptomatinen, Toxinen, Kadaveralkaloiden,
- Septizinen, Leichengiften, Fäulnisgiften) versteht man im allgemeinen
- +Stoffwechselprodukte von Bakterien innerhalb und ausserhalb des
- Tierkörpers+ (+Nahrungsmittel+). Dieselben entstehen nicht bloss
- im toten, sondern auch im lebenden Körper; die letzteren hat
- man im Gegensatz zu den sog. +Ptomainen+ wohl auch +Leukomaine+
- (Leukomatine) genannt. Ihrer chemischen Natur nach sind die Toxine
- nicht bloss +Basen+, wie man früher annahm (Kadaveralkaloide),
- sondern auch +Eiweisskörper+ (Toxalbumine), +Säuren+ usw. Ihre
- sehr verschiedenartige chemische Zusammensetzung erhellt am besten
- aus nachstehender, dem Lehrbuch der Intoxikationen von +Kobert+
- entnommenen Einteilung.
-
-
- 1. =Gruppe der Fettsäuren.= Hieher gehören Säuren von der
- Formel C_{x}H_{2x}O_{2}, und zwar +Ameisensäure+, +Essigsäure+,
- +Propionsäure+, +Buttersäure+, +Valeriansäure+ etc., welche sich
- teils als Produkte der Fäulnis, teils als Zersetzungsprodukte im
- Körper bilden.
-
- 2. +Gruppe der Oxysäuren.+ Sie haben die Formel C_{x}H_{2x}O_{3} und
- liefern als giftige Stoffwechselprodukte namentlich die +Milchsäure+
- (Oxypropionsäure) und +Oxybuttersäure+ (Ursache des Coma diabeticum).
-
- 3. +Gruppe der Oxalsäure.+ Die Oxalsäure von der Formel
- C_{2}H_{2}O_{4} wirkt als Stoffwechselprodukt des Körpers giftig bei
- der Oxalurie.
-
- 4. +Gruppe der Amidofettsäuren.+ Dieselben sind häufig Produkte
- der Fäulnis von Eiweiss und Leim, jedoch ungiftig. Hieher gehören
- +Glykokoll+ (Amid der Essigsäure), +Alanin+ (Amid der Propionsäure),
- +Propalanin+, +Butalanin+ und +Leuzin+ (Amid der Kapronsäure).
- Letzteres findet man z. B. im Verlauf der Phosphorvergiftung
- (Leuzinurie).
-
- 5. +Gruppe der Amine.+ Die Amine sind organische Ammoniakderivate
- der Eiweissfäulnis mit basischem Charakter (Aminbasen). Die drei
- Wasserstoffe im Ammonik (NH_{3}) werden durch ein (primäre Amine,
- Amidbasen), zwei (sekundäre Amine, Imidbasen) oder drei einwertige
- Alkoholradikale ersetzt (tertiäre Amine, Nitrilbasen). Hieher
- gehören die Produkte der Leichenfäulnis: +Methylamin+ (auch in
- der Heringslake enthalten) von der Formel CH_{3}.NH_{2}, das
- +Aethylamin+, C_{2}H_{5}.NH_{2}, +Propylamin+, C_{3}H_{7}.NH_{2},
- +Dimethylamin+, (CH_{3})_{2}NH, +Diäthylamin+, (C_{2}H_{5})_{2}NH und
- +Trimethylamin+, (CH_{3})_{3}N, das Gift der Heringslake, welches
- sich ausserdem in faulem Käse, sowie in Leichenteilen findet. Die
- Amine erzeugen zerebrale Krämpfe und selbst Tetanus; neben der
- Gehirnreizung findet auch lokale Reizung statt.
-
- 6. =Gruppe der Diamine.= Dieselben sind Verbindungen des Ammoniaks
- mit zweiwertigen Alkoholradikalen und bilden sich bei der
- Leichenfäulnis, sowie bei gewissen Krankheiten im lebenden Körper.
- Besonders bekannt sind das +Tetramethylendiamin+ oder +Putreszin+ von
- der Formel NH_{2}(CH_{2})_{4}NH_{2}, und das +Pentamethylendiamin+
- oder +Kadaverin+ von der Formel NH_{2}(CH_{2})_{5}NH_{2}, mit welchem
- zwei andere Fäulnisbasen isomer sind, nämlich das +Saprin+ und
- +Neurodin+.
-
- 7. =Gruppe des Cholins.= Hieher gehören sehr wichtige Leichengifte,
- welche darin übereinstimmen, dass sie alle bei der Zersetzung
- Trimethylamin liefern und eine muskarinähnliche Wirkung besitzen.
- Es sind dies +Cholin+, +Betain+, +Neurin+, +Leichenmuskarin+ (im
- Fischgift enthalten, identisch mit dem Muskarin des Fliegenpilzes)
- und +Mydatoxin+. Neben einer kurareartigen Wirkung erregen diese
- Körper wie das Fliegenpilzmuskarin die Drüsensekretion und
- Darmperistaltik und töten unter Krämpfen.
-
- 8. =Gruppe des Guanidins.= Es sind die im lebenden Körper
- entstehenden Zersetzungsprodukte des Eiweisses: +Guanidin+, +Kreatin+
- und +Kreatinin+.
-
- 9. =Gruppe der Nukleinbasen.= Zu diesen auch wohl als Guanin-,
- Xanthin- oder Puringruppe bezeichneten Körpern gehören +Xanthin+
- (Xanthinurie), +Hypoxanthin+, +Guanin+ (Guaningicht), +Adenin+ (in
- Drüsen vorkommend, Formel C_{5}H_{5}N_{5}), +Karnin+, +Allantoin+
- und in gewissem Sinn auch die +Harnsäure+ von der Formel
- C_{5}H_{4}N_{4}O_{3} (Toxin der Gicht). Die Nukleinbasen besitzen
- eine dem Koffein, einem ihnen ebenfalls chemisch verwandten Alkaloid,
- ähnliche Wirkung.
-
- 10. =Gruppe des Pyridins.= Giftige Toxine sind namentlich +Pyridin+,
- +Pikolin+, +Lutidin+, +Parvolin+, +Koridin+. Sie besitzen eine
- nikotinartige Wirkung.
-
- 11. =Gruppe der aromatischen Substanzen.= Hieher gehören +Tyrosin+,
- +Phenol+, +Kresol+, +Brenzkatechin+, +Indikan+ und andere im Harn
- auftretende aromatische Körper.
-
- 12. =Gruppe der schwefelhaltigen Substanzen.= Die wichtigste ist der
- +Schwefelwasserstoff+ mit spezifischer toxischer Wirkung. Ebenfalls
- aus dem Eiweiss durch Zersetzung gebildet ist das +Methylmerkaptan+,
- ein im Darm neben Schwefelwasserstoff enthaltenes Gas von der Formel
- CH_{3}.HS; ausserdem sind zu nennen +Taurin+ und +Taurocholsäure+.
-
- 13. =Gruppe der Isozyanide.= Diese auch unter dem Namen Karbylamine
- bekannten Körper finden sich als äusserst giftige Substanzen im
- Krötengift als +Isozyanmethyl+, CH_{3}NC, im Tritonengift als
- +Isozyanäthyl+, C_{2}H_{5}NC, und im Salamandergift als +Isozyanamyl+
- C_{5}H_{11}NC (?).
-
- 14. =Gruppe von Basen unbekannter Struktur.= Hieher gehören
- das +Sepsin+, das Produkt des Proteusbazillus, chemisch als
- Dioxy-Kadaverin aufzufassen, wahrscheinlich die Ursache der
- choleriformen Ptomainevergiftungen, ferner das +Tetanotoxin+,
- +Tetanin+, +Gadinin+, +Typhotoxin+, +Anthrazin+, +Phlogosin+,
- +Botulin+ = +Ptomatoatropin+, +Ptomatokurarin+, +Ichthytoxin+,
- +Tyrotoxin+, +Lupinotoxin+, +Lysotoxin+, +Pellagrozein+ u. a.
-
- 15. =Gruppe der eiweissartigen Gifte (Toxalbumine).= Die bekanntesten
- sind +Tuberkulin+, +Mallein+, das +Schlangengift+, +Bienengift+,
- sowie die verschiedenen +Toxalbumine+ der Infektionskrankheiten.
- Hieher gehören auch gewisse eiweissartige, in Pflanzen enthaltene
- Gifte, die sog. +Phytalbumosen+, enzymartige Körper, von welchen
- das +Rizin+, +Krotin+, +Abrin+, +Robinin+ und +Phallin+ besondere
- Bedeutung erlangt haben.
-
-
-=Aetiologie der Fleischvergiftung.= Beim Menschen werden die
-zahlreichen Fälle von Fleischvergiftung in der Regel durch den Genuss
-des Fleisches von +septisch+ oder +pyämisch+ erkrankten Schlachttieren
-veranlasst (+Uterus-+, +Nabel-+, +Euter-+, +Darmkrankheiten+).
-+Bollinger+ hat zuerst im Jahr 1876 gezeigt, dass es sich hiebei um
-keine Milzbrandinfektion, sondern um eine +intestinale Sepsis+ handelt.
-Durch die bakteriologischen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte
-sind eine Reihe von +Bakterien+ als Ursachen der Fleischvergiftung
-nachgewiesen worden.
-
-1. +Gärtner+ fand bei einer in Frankenhausen (1888) beobachteten
-Massenvergiftung in dem giftigen Fleische sowie in den Organen eines
-infolge der Fleischvergiftung verstorbenen Mannes charakteristische
-Bakterien, welche er mit dem Namen =Bacillus enteritidis= belegte.
-Diese Bakterien zeigten im hängenden Tropfen lebhafte rotierende
-Bewegung und färbten sich mit Anilinfarben an einem Ende sehr stark,
-während der Rest wenig gefärbt erschien. Ausserdem enthielt das Fleisch
-durch Kochen nicht zerstörbare Giftstoffe, welche bei Impftieren
-Enteritis, Krämpfe und Lähmungserscheinungen hervorriefen. Gegen die
-Bakterien selbst erwiesen sich Hunde und Katzen immun, dagegen starben
-Kaninchen, Meerschweinchen und Mäuse unter den Erscheinungen einer
-heftigen Enteritis. +Johne+ hat ebenfalls den Bacillus enteritidis bei
-einer Fleischvergiftung in Bischofswerda (1894) gefunden.
-
-2. +Gaffky+ und +Paak+ fanden bei einer Massenerkrankung infolge
-des Genusses von Pferdefleischwaren (Röhrsdorf 1885) in der betr.
-Pferdewurst charakteristische =Wurstbazillen= in Form beweglicher,
-an den Enden abgerundeter Stäbchen, welche bisweilen zu Scheinfäden
-auswuchsen und in schwach alkalischer Bouillon am besten gediehen. Die
-Verfütterung dieser Wurstbazillen erzeugte bei Affen, Meerschweinchen
-und Mäusen Enteritis und Durchfall; Hunde, Katzen, Schweine und
-Kaninchen zeigten sich dagegen immun.
-
-3. +Poels+ und +Dhont+ fanden bei einer Fleischvergiftung in Rotterdam
-die von ihnen so genannten =Rotterdamer Bazillen=, kurze und sehr feine
-Stäbchen, welche bei der intravenösen Injektion grösserer Mengen
-Versuchsrinder schon nach 14 Stunden töteten.
-
-4. +Van Ermengem+ fand bei der Fleischvergiftung von Moorseele bei zwei
-Kälbern die sog. =Moorseeler Bazillen=; dieselben sind sehr beweglich,
-zeigen zahlreiche Geiseln, erzeugen ein Toxalbumin, welches selbst
-durch die Erhitzung auf 130° nicht getötet wird und wirken bei jeder
-Art der Einverleibung auf Versuchstiere pathogen (Enteritis).
-
-5. +Flügge+ hat bei der Breslauer Fleischvergiftung den =Breslauer
-Bazillus= gefunden, welcher einerseits mit dem Kolibazillus,
-andererseits mit dem Moorseeler und Rotterdamer Bazillus Aehnlichkeit
-hatte.
-
-6. +Basenau+ bezeichnete einen aus Kuhfleisch gezüchteten Bazillus
-als =Bacillus bovis morbificans= und ist der Ansicht, dass alle
-bisher bei den Fleischvergiftungen gefundenen Stäbchen eine grosse
-Uebereinstimmung mit dem +Kolibazillus+ zeigen.
-
-7. +Kuborn+ hat bei einer Fleischvergiftung als Ursache den
-=Staphylococcus pyogenes albus= nachgewiesen.
-
-8. Bei Fleischvergiftungen in Hildesheim und Berlin (1906) wurde
-der =Bacillus paratyphosus= (Paratyphusbazillus) zuerst als
-Ursache ermittelt. Diese Bazillen erzeugen beim Menschen eine dem
-Abdominaltyphus ähnliche Infektionskrankheit.
-
-
-=Aetiologie der Wurstvergiftung.= Die beim Menschen seltener als die
-Fleischvergiftung vorkommende Wurstvergiftung (Botulismus, Allantiasis)
-entsteht nicht nur durch die Aufnahme von zersetzten +Würsten+, sondern
-auch von fauligem +Fleisch+, zersetztem +Schinken+, +Leber+, +Sülze+,
-+Büchsenfleisch+, +Gänsebraten+. Der Botulismus wird durch einen
-spezifischen Bazillus, den =Bacillus botulinus= verursacht. Derselbe
-ist anaërob und bildet ein gerades Stäbchen mit etwas abgerundeten
-Enden und Sporenbildung. Er erzeugt ein hochgradig giftiges Toxin,
-welches Kaninchen schon in Dosen von 1/2000 Milligramm tötet, und
-wächst besonders auf gekochtem, gezuckertem und alkalisch gemachtem
-Schweinefleisch. Seine Kulturen riechen intensiv nach Buttersäure (kein
-Fäulnisgeruch!). Durch eine einstündige Erwärmung auf 70° wird das
-Botulismustoxin unwirksam. Seltener ist der +Proteus mirabilis+ die
-Ursache von Wurstvergiftung (Hannover 1900).
-
-
-=Krankheitsbild der Fleischvergiftung.= Nach der Aufnahme des Fleisches
-kranker Tiere (Septicaemia puerperalis, Pyämie, Polyarthritis
-pyaemica, eiterige und septische Nieren-, Leber-, Lungen-, Darm-,
-Magen-, Bauchfell-, Milchdrüsenentzündungen), sowie nach der Aufnahme
-von fauligem, zersetztem und verdorbenem Fleische tritt bei Hunden,
-Katzen, Schweinen und beim Geflügel nicht selten eine Vergiftung
-auf, welche im wesentlichen die Erscheinungen einer hochfieberhaften
-und rasch tödlich verlaufenden +Gastroenteritis+ mit gleichzeitiger
-+starker zerebraler Depression+ zeigt. Die Krankheitserscheinungen,
-wie sie namentlich bei Hunden beobachtet werden, bestehen in
-einer +plötzlich+ auftretenden, sehr heftigen und häufig blutigen
-+Diarrhöe+, +Erbrechen+, starkem Durst, +hohem Fieber+ (40-42°),
-+ausserordentlicher Schwäche+, +Hinfälligkeit+ und +Mattigkeit+, sowie
-in rasch folgendem +Kollaps+. Der Tod tritt oft schon nach wenigen
-Stunden, durchschnittlich innerhalb 12-24 Stunden ein. Bei Hunden
-wurden ferner +Netzhautblutungen+ ophthalmoskopisch festgestellt.
-
-
-=Krankheitsbild der Wurstvergiftung.= Die Wurstvergiftung
-(Botulismus, Allantiasis) verläuft anfangs unter denselben
-Erscheinungen wie die Fleischvergiftung: Erbrechen, +Verstopfung+,
-seltener Durchfall, Mattigkeit, Schwindel, Somnolenz, Kollaps.
-Häufiger beobachtet man charakteristische +Lähmungserscheinungen im
-Gebiet des 2.-6. Gehirnnerven+, namentlich +Sehstörungen+:
-Pupillenerweiterung (Optikuslähmung), +Ptosis+ (Lähmung des oberen
-Augenlides infolge von Okulomotoriuslähmung), +Schielen+ und
-Akkommodationsstörungen. Ausserdem treten Lähmungen des Schlundkopfes
-(+Schlinglähmung+), des Magens (+Tympanitis+), sowie des
-Kehlkopfes (+Aphonie+) auf.
-
-
-=Krankheitsbild der Fischvergiftung= (=Heringslakevergiftung=). Die
-bei Schweinen nach der Verfütterung von Heringslake häufig beobachtete
-sog. Lakevergiftung ist zum Teil auf den Kochsalzgehalt der Heringslake
-zurückzuführen. Insoweit stimmt dieselbe in ihren Erscheinungen mit der
-Kochsalzvergiftung überein. Sie unterscheidet sich jedoch wesentlich
-von dieser (vgl. S. 116) durch das Hinzutreten charakteristischer
-+nervöser Symptome+, welche auf eine Ptomainevergiftung bezogen werden
-müssen und sich namentlich in +Gehirnreizungserscheinungen+, +Krämpfen+
-und +Schlinglähmung+ äussern (Trimethylamin und muskarinartige Toxine).
-Die wichtigsten Erscheinungen der Heringslakevergiftung bei Schweinen
-sind: +Zähneknirschen+, +Kaukrämpfe+, +epileptiforme Krämpfe+,
-+Opisthotonus+ und +Pleurothotonus+, Rotieren der Augen, krampfhaftes
-Blinzeln (+Nystagmus+), ausgebreitete Zuckungen, +Drehbewegungen+,
-hundesitzige Stellungen, +kollerartige Erscheinungen+, Stumpfsinn
-und Gefühllosigkeit, amaurotische Pupille (Erblindung) und
-+Schlinglähmung+. Der +Verlauf+ ist sehr +akut+, der Tod tritt meist
-nach 6-12 Stunden ein.
-
-
-=Sektion.= Bei der Fleischvergiftung findet man den Inhalt des Magens
-und Darmes aus halbverdauten, übelriechenden Fleischmassen bestehend,
-die Schleimhaut geschwollen, höher injiziert, +hämorrhagisch+
-infiltriert, die solitären und agminierten +Follikel+ sowie die
-+Gekrösdrüsen+ geschwollen, den Darminhalt schokoladefarbig, blutig,
-von schleimigflüssiger Konsistenz, das Blut zersetzt, die +Leber+
-vergrössert und rasch faulend, die +Milz+ geschwollen und mit
-hämorrhagischen Herden durchsetzt, die +Herzmuskulatur+ sehr mürbe.
-
-Dass übrigens die +Empfänglichkeit+ für das mykotische Gift unter den
-Fleischfressern +sehr ungleich+ ist, beweisen die +mit verdorbenem
-Fleisch angestellten Fütterungsversuche+. So sah +Semmer+ bei
-Verfütterung von Fleisch eines an Septikämie verendeten Pferdes Hunde
-und Katzen ganz gesund bleiben, während drei Schweine daran verendeten.
-+Colin+ beobachtete bei ähnlichen Versuchen nur ganz leichte
-Durchfälle, +Lemke+ erzielte nach Verfütterung rauschbrandkranken
-Fleisches bei drei jüngeren Hunden sehr heftigen Durchfall, während ein
-älterer Hund keinerlei krankhafte Erscheinungen zeigte. Ganz dieselben
-Beobachtungen hat man bei den Pilzvergiftungen der Pflanzenfresser
-gemacht (vergl. S. 335 ff.).
-
-
-=Behandlung der Ptomainevergiftung.= Neben der Verabreichung von
-+Brechmitteln+ und +Abführmitteln+ kann man durch die Anwendung von
-+Kalomel+ oder +Kreolin+ eine Desinfektion des Darmes vorzunehmen
-versuchen. Im übrigen ist die Behandlung eine +symptomatische+.
-Die Lähmungserscheinungen werden durch Aether, Kampfer, Alkohol,
-Wein, Kaffee, Koffein, Ammonium carbonicum oder Veratrin, die
-Gehirnreizungserscheinungen bei der Heringslakevergiftung durch
-Morphium, Chloralhydrat oder Bromkalium behandelt. Gegen die Entzündung
-der Magendarmschleimhaut gibt man einhüllende und schleimige Mittel
-(Gummi arabicum, Leinsamenabkochung, Oel, Rizinusöl).
-
- =Kasuistik.= +Schindelka+ (Oesterr. Zeitschr. 1891) sah bei Hunden,
- welche auf der Strasse rohes Fleisch verzehrten, plötzliche
- Erkrankung, Erbrechen, Durchfall, sehr übel riechenden, blutigen Kot,
- auffallende Mattigkeit sowie Störungen des Sehvermögens. Bei der
- Untersuchung der Augen liessen sich beiderseitige Ptosis, maximale
- Pupillenerweiterung, starre Pupille, sowie auf dem Augenhintergrunde
- beider Augen zahlreiche, meist fleckige, hie und da auch streifige
- Blutungen nachweisen. -- +A. Eber+ (D. T. W. 1897) beschreibt eine
- Ptomainevergiftung bei Schweinen nach der Aufnahme von Heringslake.
- Sie zeigten sehr schnell und heftig auftretende klonische
- Muskelkrämpfe, Kaukrämpfe, hochgradige Gehirnreizung, fortschreitende
- allgemeine Lähmung. Bei der Sektion der notgeschlachteten Schweine
- wurde meist nur venöse Stauung in sämtlichen Organen, sowie in
- einem Falle teerartige Beschaffenheit des Blutes festgestellt;
- Entzündungserscheinungen im Magen und Darm fehlten. -- +von Rátz+
- (Monatshefte f. prakt. Tierheilkunde 1893) hat bei einem Löffelreiher
- eine Fischvergiftung nach der Aufnahme verdorbener gesalzener Heringe
- beobachtet. Die Erscheinungen bestanden in profuser Diarrhöe,
- heftigem Durst, Krämpfen und Lähmungen; die Sektion ergab kruppöse
- Magenentzündung und hämorrhagische Darmentzündung. -- +Ortmann+ (B.
- T. W. 1902, S. 206) sah bei Schweinen, welchen eine Heringstonne mit
- etwas Lakeninhalt als Futterbehälter vorgesetzt worden war, Unruhe,
- Schreien, starken Durst, allgemeine Lähmung (an der Erde liegen),
- Kaukrämpfe, ausgebreitete klonische Krämpfe und Pupillenerweiterung.
- Die Sektion ergab lehmfarbige Beschaffenheit der Leber, gelblichgraue
- Verfärbung der Nierenrinde, sowie dunkelbraunrote Färbung und
- Schwellung der Schleimhaut des Magengrundes. -- +Freitag+ (Sächs.
- Jahresber. 1899) beobachtete bei Schweinen nach der Aufnahme
- grösserer Mengen von Heringslake Laufwut, Kaukrämpfe, sowie Drängen
- mit dem Kopf gegen die Wand; ein Schwein verendete nach wenigen
- Stunden, ein anderes nach 2 Tagen.
-
-
- =Giftigkeit des Pferdefleisches.= +Pflüger+ (Archiv f. Physiologie,
- 80. Band) beobachtete nach der Verfütterung von magerem Pferdefleisch
- bei Hunden anhaltende +Durchfälle+ und stellte fest, dass diese
- Abführwirkung durch einen +muskarinähnlichen+, in der Fleischbrühe
- enthaltenen Giftstoff bedingt wird, welcher +Lezithin+ und +Neurin+
- enthält. Die Giftigkeit des Pferdefleisches wird durch einen Zusatz
- von Fett aufgehoben. Die Pferdefleischbrühe wird jedoch am besten
- weggegossen.
-
-
-Vergiftung durch Giftschwämme (Mycetismus).
-
- =Botanisches.= 1. +Agaricus muscarius+ (Amanita muscaria), der
- +Fliegenpilz+ oder +Fliegenschwamm+ mit feuerrotem Hut, enthält
- die Alkaloide =Muskarin= und =Amanitin=. 2. +Agaricus (Amanita)
- phalloides+, der Knollenblätterschwamm, von weisslicher oder
- gelbgrünlicher Farbe, enthält das Toxalbumin =Phallin=. 3.
- +Fungus laricis+, der +Lärchenschwamm+, enthält das =Agarizin=
- (Agarizinsäure). 4. +Russula emetica+, der +Speiteufel+, von
- ekelhaftem Geruch und scharfem Geschmack. 5. +Cantharellus
- aurantiacus+, der +falsche Eierschwamm+, von pomeranzengelber Farbe.
- 6. +Boletus satanas+ (sanguineus), der +Satanspilz+ (Blutpilz), mit
- genetztem oder gestricheltem Hut und blauanlaufendem Durchschnitt.
- -- Ausserdem gelten als giftig: Agaricus rubescens, Agaricus
- pantherinus, Agaricus virosus, Agaricus vellereus, Agaricus
- pyrogallus, Agaricus torminosus, Russula virescens, Boletus luridus,
- Sclerodosma vulgare, Amanita virescens, A. citrina, A. bulbosa, A.
- alba, A. candida, A. verna, A. virosa, A. mappa, A. recutita, A.
- porphyria, Lactarius torminosus, Hebeloma tastibile und rimosum.
- Zuweilen erweist sich auch die +essbare Morchel+, +Helvella
- esculenta+, namentlich im frischen Zustande, als äusserst giftig
- (=Helvellasäure=).
-
- In den Giftschwämmen sind somit teils giftige +Alkaloide+ (Muskarin,
- Bulbosin, Phalloidin), teils giftige +Säuren+ (Agarizinsäure,
- Helvellasäure), teils +Toxalbumine+ bezw. Mykozymasen (Phallin)
- mit sehr verschiedenartiger Wirkung enthalten. Die Schwammgifte
- sind teils strychnin- und atropinartige Nervengifte (Muskarin,
- Agarizinsäure), teils ausgesprochene Blutgifte (Phallin,
- Helvellasäure). Die Pilzvergiftung äussert sich bald in Form eines
- Magendarmkatarrhs, bald durch Kollaps- und Lähmungserscheinungen,
- bald durch psychische und motorische Erregung, bald in Form von
- Ikterus.
-
-
-=Wirkung.= Das im =Fliegenschwamm= enthaltene +Muskarin+ ist eine
-sehr giftige, mit dem Neurin und Cholin verwandte Base von der Formel
-N.(CH_{3})_{3}C_{2}H_{5}O_{2}.OH (Trimethylammoniumbase), welche
-in ihrer Wirkung viel Aehnlichkeit mit dem Eserin, Pilokarpin und
-Arekolin besitzt. Sie erzeugt gesteigerte Sekretion aller Drüsen,
-Darmtetanus, Uteruskontraktionen, Krämpfe, Aufregung und Lähmung des
-Gehirns, Herzstillstand und Lungenödem. Nach +Ellenberger+ (Berliner
-Archiv 1887) traten bei Pferden schon nach Dosen von 0,04 Muskarin
-schwere Vergiftungserscheinungen auf. Die im =Lärchenschwamm=
-enthaltene +Agarizinsäure+ von der Formel C_{10}H_{30}O_{5} stimmt
-mit dem Atropin in der sekretionsbeschränkenden Wirkung überein.
-Es tötet durch Lähmung der im verlängerten Mark gelegenen Zentren
-(Herzzentrum, Atmungszentrum, vasomotorisches Zentrum) und erzeugt
-ausserdem Gastroenteritis. =Amanita phalloides= enthält nach
-+Kobert+ ein ausserordentlich giftiges Toxalbumin, das +Phallin+,
-das stärkste bekannte +Blutgift+, welches die roten Blutkörperchen
-noch bei 125000facher Verdünnung vollständig auflöst (Hämolyse) und
-dadurch zu Hämoglobinämie und Hämoglobinurie, Polycholie, multiplen
-Blutgerinnungen durch das infolge der Auflösung der Blutkörperchen
-freigewordene Fibrinferment (Leukonuklein) mit ihren Folgen, und zu
-schweren zerebralen Störungen Veranlassung gibt. Hunde und Katzen
-sterben schon nach der intravenösen Einverleibung von weniger als einem
-halben Milligramm Phallin pro Kilogramm Körpergewicht und zeigen schon
-eine halbe Stunde nach der Applikation Hämoglobinurie. Dabei erscheint
-im Harn zunächst Oxyhämoglobin, sehr bald aber infolge Umwandlung
-desselben im Blute Methämoglobin und sogar Gallefarbstoff. Hieran
-schliessen sich wie bei der Hämoglobinämie der Pferde parenchymatöse
-Nephriten mit Anurie und Urämie an. Die =essbare Morchel= enthält
-im frischen Zustand die sehr giftige +Helvellasäure+ von der Formel
-C_{10}H_{20}O_{7}, welche gleichfalls hämolytische Eigenschaften
-besitzt und infolge Auflösung der roten Blutkörperchen Hämoglobinämie
-erzeugt; ausserdem bestehen die Vergiftungserscheinungen in Tetanus,
-Trismus, Schwindel, Somnolenz, Bewusstlosigkeit, Erbrechen und
-Durchfall.
-
-
-=Krankheitsbild.= Vergiftungen durch Giftschwämme kommen bei den
-Haustieren ausserordentlich selten vor. Die tierärztliche Literatur
-enthält nur vereinzelte einschlägige Beobachtungen. Nach +Bizky+
-(Monatshefte für prakt. Tierheilkunde 1898) erkrankten mehrere Fohlen
-nach der Aufnahme von Waldheu, welches Fliegenschwamm enthielt;
-sie zeigten Durchfall, Speichelfluss und Pupillenverengerung
-(Muskarinvergiftung). +Munkel+ (Preuss. Mitteil. 1878) berichtet,
-dass eine Herde Mutterschafe erkrankte, nachdem sie im September in
-ein Gehölz getrieben wurde, in welchem zahlreiche Pilze wuchsen und
-zwar insbesondere Agaricus muscarius und delicissus, Cantharellus
-cibarius, Boletus edulis und Klavariaarten. Mehrere Schafe, welche
-mit grosser Begierde von den Pilzen gefressen hatten, erkrankten,
-indem sie umfielen und nicht mehr aufstehen konnten, so dass sie in
-diesem gelähmtem Zustande nach Hause getragen werden mussten; die
-erkrankten Tiere genasen jedoch alle. +Mundesgruber+ (Repertor. 1843)
-beobachtete eine Vergiftung bei Gänsen. 600 Stück Gänse hatten im Walde
-unter anderen Pilzen Agaricus muscarius und pyrogalus aufgenommen.
-180 Stück davon erkrankten und starben innerhalb 24 Stunden. Die
-Krankheitserscheinungen bestanden in Taumeln, wutähnlichem Benehmen und
-Wälzen. Bei der Sektion fand man Rötung und Entzündung der Schleimhaut
-des Schlundes, Kropfes und Darmes.
-
-
-=Therapie.= Die Behandlung besteht in der Anwendung von Brechmitteln,
-Abführmitteln, Tannin, Lugolscher Lösung und in symptomatischen
-Massnahmen.
-
-
-Diverse andere Giftpflanzen.
-
- =Rhus toxicodendron=, der +Giftsumach+, ist eine in Nordamerika
- einheimische, bei uns in Gärten kultivierte und auch wild
- vorkommende Terebinthazee (Anakardiazee), welche ein mit dem
- +Kardol+ (schwarzbraunes Oel der sog. Elefantenläuse, der Früchte
- von Anacardium occidentale) verwandtes stark reizendes Gift, die
- +Toxikodendronsäure+, enthält. Die Pflanze erzeugt bei ihrer
- Berührung Hautentzündung. Vergiftungen sollen bei Schafen und Ziegen
- nach dem Genusse der Blätter und Beeren beobachtet worden sein.
- Auch die chilenische Litrepflanze (Lithrea caustica), ebenfalls zu
- den Anakardiazeen gehörig, scheint einen kardolartigen Stoff zu
- enthalten. -- Das =Kardol= ist eine ölige, gelbliche Flüssigkeit,
- gewonnen aus den unter dem Namen „Elefantenläuse“ bekannten
- Früchten von +Anacardium occidentale+ und +Semecarpus Anacardium+
- (Terebinthazeen), von scharfer, kantharidinartiger Wirkung auf Haut
- und Schleimhäute (Dermatitis, Gastroenteritis besonders im Dickdarm).
-
-
- =Cyclamen europaeum=, das +Alpenveilchen+ (Schweinebrot, Saubrot,
- Erdscheibe), eine Primulazee, besitzt ein knolliges, kuchenförmiges
- Rhizom, welches ein mit dem Saponin bezw. Sapotoxin in der Wirkung
- verwandtes Glykosid, das +Zyklamin+, enthält. Dasselbe zerfällt
- beim Kochen in Zucker und Zyklamiretin. Die Knollen wirken reizend,
- entzündungserregend (Gastroenteritis), scheinen aber von Schweinen
- („Schweinebrot“) gut ertragen zu werden. In Italien werden die
- Knollen zum Fischfang verwendet (Lähmung der Fische). Das Zyklamin
- besitzt ausserdem blutauflösende Eigenschaften.
-
-
- =Aristolochia Clematidis=, +Osterluzei+ (Hohlwurz) ist ein auf
- Aeckern und in Hecken vorkommendes Unkraut mit weithin kriechender
- Wurzel, ½-1 m hohem, aufrechtem Stengel, am Grunde herzförmigen
- Blättern und gelben Blüten. Die Pflanze enthält ein scharf
- narkotisches Alkaloid, das +Aristolochin+, welches Nierennekrose,
- Leberverfettung und hämorrhagische Diathese erzeugen und ausserdem
- eine aloinähnliche Wirkung besitzen soll (+Pohl+, Arch. für exper.
- Pathol. 1891). Ein Vergiftungsfall nach der Aufnahme von Osterluzei
- bei 5 Pferden ist von +Jeanin+ (Recueil 1850) beschrieben worden.
- Die Vergiftungserscheinungen bestanden in Schwanken, Schlafsucht,
- Pupillenerweiterung, Sehstörungen, Konvulsionen, Verstopfung, Absatz
- blutigen Kotes, Polyurie, Abmagerung und Schwäche, sowie Haarausfall
- (bei einem Pferd). Die Tiere erholten sich erst wieder vollständig
- nach Ablauf eines Vierteljahres.
-
-
- =Polygonum=, +Knöterich+, kommt in 3 Arten vor. 1. +Polygonum
- Persicaria+, der pfirsichblätterige Knöterich, ist ein ästiges
- Unkraut mit länglichlanzettlichen bis linealen Blättern und roten
- oder weissen Blüten. Die Pflanze soll einen scharfen Stoff, die
- Polygoninsäure enthalten, welche jedoch nach anderen nur ein Gemenge
- von Gerbsäure und Gallussäure darstellt. Der Knöterich erzeugt bei
- Schweinen Gastroenteritis und Zystitis. 2. +Polygonum hydropiper+,
- der Wasserpfeffer, soll bei Schweinen Blutharnen bedingen. 3.
- +Polygonum convolvulus+, der windende Knöterich, verursachte bei
- einem Pferd akute Darmentzündung (+Galtier+, J. de Lyon 1887). --
- Eine Vergiftung bei Schafen durch verschiedene Polygonumarten hat
- +Born+ (Veterinarius 1896) beschrieben. Die Tiere zeigten starke
- Depression des Sensoriums, Nystagmus, Krämpfe und Lähmung.
-
-
- +Caltha palustris+, die +Sumpf-Dotterblume+ (grosse Butterblume,
- Kuhblume), eine Ranunkulazee, enthält einen scharfen Stoff, welcher
- wahrscheinlich mit dem Anemonenkampfer (vergl. S. 242) identisch
- ist. Nach andern soll sie ein nikotinartiges Alkaloid enthalten.
- +Bonin+ (Journal de Lyon 1888) berichtet über einen Vergiftungsfall
- bei Pferden. Nach der Aufnahme von Grünfutter, welches fast nur
- aus Sumpf-Dotterblumen bestand, zeigten sich Kolikerscheinungen,
- Tympanitis, Harndrang, sowie dunkelroter Harn von scharfem,
- charakteristischem Dotterblumengeruche. Ein Pferd starb. +Nessler+
- (Bad. landwirtschaftl. Wochenblatt 1870) beobachtete bei Rindern
- Durchfall nach dem Genuss der Pflanze.
-
-
- =Ledum palustre=, der +Sumpfporst+ (Wilder Rosmarin), ist ein
- auf Torfwiesen wachsender bis meterhoher Strauch (Erikazee) mit
- immergrünen, linealen, rostbraunen, filzigen Blättern, welche
- Aehnlichkeit mit Rosmarin haben, und weisser Blumenkrone. Er
- enthält den +Ledumkampfer+ und wirkt entzündungserregend auf die
- Digestionsschleimhaut.
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-
- =Sium latifolium=, der +Merk+ (Wassermerk), ist eine in Wassergräben
- wachsende Umbellifere mit weisser Blütendolde. Sie enthält einen
- scharfen, +reizenden+ und zugleich +narkotisch+ wirkenden Stoff,
- welcher Gastroenteritis, Kolik, starke Aufregung und Betäubung
- erzeugt. Vergiftungen bei Rindern sind von +Beyerstein+ (Repertor.
- 1850) und +Löfmannn+ (Fin. Vet.-Zeit. 1901) beschrieben worden.
-
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- =Gratiola officinalis=, das +Gottesgnadenkraut+ (Erdgalle)
- ist eine Sumpfpflanze aus der Familie der Skrophularineen mit
- stielrundem, ästigem Rhizom, bis 30 cm hohem, vierkantigem, kahlem
- Stengel, feingesägten kahlen Blättern und weisslichen, gelbrötlich
- angelaufenen Blüten. Die Pflanze enthält 2 Glykoside von purgierender
- Wirkung: das +Gratiosolin+ von der Formel C_{46}H_{42}O_{25} und das
- +Gratiolin+ von der Formel C_{40}H_{34}O_{14} sowie andere scharfe
- Stoffe (+Gratiolacrin+). Die Pflanze soll eine hämorrhagische
- Magendarmentzündung veranlassen.
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- =Lactuca virosa=, der +Giftlattich+, ist ein aufrechtes Kraut mit
- blaugrünen Blättern, gelben kleinen Blütenköpfchen und widerlichem
- Geruche (Komposite). Er enthält einen Milchsaft, +Lactucarium+,
- welcher durch scheibenweises Abschneiden des 2jährigen Stengels und
- Sammeln des austretenden Milchsaftes gewonnen wird. Man unterscheidet
- deutsches (Zell an der Mosel), österreichisches, französisches,
- englisches und amerikanisches Lactucarium. Der Milchsaft enthält das
- hypnotisch wirkende +Laktuzin+. Vergiftungen bei den Haustieren sind
- bisher nicht beobachtet worden.
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- =Actaea spicata=, das +gemeine Christophskraut+ (Beschreikraut,
- Hexenkraut, Feuerkraut, Schwarzkraut, Wolfswurz, Christophoriana) ist
- eine in schattigen Laubwäldern, besonders auf den nordeuropäischen
- Gebirgen und in der Schweiz vorkommende Ranunkulazee mit glänzend
- schwarzen Beeren und einer dem Helleborus-Rhizom sehr ähnlichen
- Wurzel von bitterem, kratzendem, beissendem Geschmack, welche früher
- statt der Nieswurz therapeutisch angewandt wurde. Die Wurzel enthält
- ein scharfes Harz, das +Zimifugin+ oder +Makrotin+, welches Erbrechen
- und Durchfall erzeugt. Vergiftungen bei den Haustieren sind bisher
- nicht beobachtet worden. Aehnlich wirkt +Actaea cimifuga+ = Cimifuga
- fötida, das stinkende Wanzenkraut, sowie die in Amerika als Tonikum
- angewandte +Actaea racemosa+ = Cimifuga racemosa, die schwarze
- Schlangenwurzel.
-
-
- =Bryonia alba= und =dioica=, die +Zaunrübe+ oder +Gichtrübe+
- (Stickwurz, Hundskürbis; Kukurbitazee), besitzt eine fleischige,
- aussen gelbe, innen weisse, milchende, über armsdicke, widerlich
- riechende und ekelhaft bitter schmeckende Wurzel, welche das giftige
- Glykosid +Bryonidin+ neben dem ungiftigen Bryonin enthält. Die
- Wurzel, ein Hauptmittel der Homöopathie, besitzt purgierende und
- hämostatische Eigenschaften. In grösseren Mengen aufgenommen erzeugt
- sie eine hämorrhagische Gastroenteritis. +Anger+ (Vet. Esc. 1899)
- beobachtete bei 7 Pferden reheähnliche Steifheit und Lähmung. Eine
- ausführliche Arbeit über Bryonia hat +Mankowsky+ veröffentlicht
- (1890).
-
-
- =Galega officinalis=, die +Geissranke+ (Geissklee, Geissraute,
- Fleckenraute, Pockenraute), ist eine im südlichen Europa an
- feuchten Stellen wachsende Papilionazee mit weisslichen, violetten
- Blütentrauben, unpaar gefiederten Blättern und linealen,
- einfächerigen Hülsen. +Blanchard+ (Journal de Lyon 1888) beobachtete
- bei 10 Schafen nach der Aufnahme der blühenden und halbreife
- Schoten tragenden Pflanze eine innerhalb 24 Stunden tödlich
- verlaufende Vergiftung. Eine ähnliche Vergiftung bei 20 Schafen hat
- +Bieler+ (ibid. 1889) beobachtet. +Moussu+ (Bull. soc. Agric. 1907)
- berichtet, dass 50 Schafe einer Merinoherde innerhalb 2 Tagen an
- Geissrautenvergiftung eingingen, 2 mit Geissraute gefütterte Lämmer
- starben rapid, während Kaninchen und Meerschweinchen damit mehrere
- Tage ohne Schaden gefüttert wurden.
-
-
- =Pedicularis palustris=, das +Läusekraut+, ist eine auf Sumpf- und
- Moorwiesen wachsende Skrophularinee mit ästigem Stengel, trübgrünen,
- gefiederten Blättern und grossen, fleischroten Blütenähren von
- widerlichem Geruche und scharfem Geschmacke.
-
-
- =Ferula communis=, das +Steckenkraut+, eine Umbellifere, soll nach
- +Brémond+ (Journal de Lyon 1887) in Algerien im Februar und März
- in allen Teilen giftig, nach dem Verblühen (April und Mai) dagegen
- durchaus ungiftig und eine gute Futterpflanze sein. Durch das
- Trocknen geht die Giftigkeit verloren. Die Vergiftung tritt erst nach
- 6-8tägigem Besuch der Weide auf. Am empfindlichsten sind Schafe,
- dann Ziegen, Rinder, Pferde und Schweine. Die Pflanze erzeugt eine
- hämorrhagische Diathese, Nasenbluten, Hämaturie, Darmblutung, sowie
- Hämatome auf den Psoasmuskeln. Die Krankheitsdauer beträgt 12-48
- Stunden; die Mortalitätsziffer beläuft sich auf 98 Proz.
-
-
- =Hypericum perforatum=, das +Johanniskraut+ (Hexenkraut,
- Hasenkraut, Hartheu), eine Hyperikazee, enthält das +Hyperizin+ und
- +Hyperikumrot+, 2 Farbstoffe, und wahrscheinlich noch ein ätherisches
- Oel. +Pangoué+ (Rep. 1861) hat eine Vergiftung bei Tieren beobachtet.
- Die Erscheinungen bestanden in Abstumpfung, Benommenheit, Mydriasis
- und purpurroter Färbung der fleischfarbenen Lippenabzeichen.
-
-
- =Hydrocotyle vulgaris=, das +Nabelkraut+ (gemeiner Wassernabel), ist
- eine auf Moorwiesen und an sumpfigen Ufern wachsende Umbellifere von
- brennendem Geschmacke, welche einen scharfen Stoff, das +Vellarin+,
- enthält. Die früher als Diuretikum und als Wundmittel angewandte
- Pflanze soll bei den Haustieren Darmentzündung und Blutharnen
- erzeugen.
-
-
- =Scrophularia aquatica=, die +Wasserwurzel+ (Scr. alata, Betonica
- aquatica), enthält das Harz Scrophularacrin. Nach +Bunciman+ (The
- vet. journ. 1885) erkrankten 6 Schafe nach dem Genusse der Pflanze
- an Appetitlosigkeit und Lähmungserscheinungen. Ueber eine Vergiftung
- durch +Scrophularia nodosa+, welche sich in Durchfall, Mattigkeit und
- Lähmung äusserte, hat +Walley+ berichtet (Journ. of comp. 1891).
-
-
- =Madia sativa=, die +Saatmadie+, eine 1jährige, aus Amerika stammende
- Komposite mit schwarzen, 4-5kantigen, 6-7 mm langen, ölhaltigen
- Früchten (Madiaöl), soll eine opiumähnliche Wirkung besitzen.
-
-
- =Sonchus arvensis=, die +Ackersaudistel+, erzeugte nach +Lecouturier+
- (Repertor. 1860) bei 70 Schafen Betäubung und Lähmung, sechs davon
- starben.
-
-
- =Asarum europaeum=, die +Haselwurz+ (Brechwurz), ist eine in ganz
- Europa, namentlich in Buchenwäldern vorkommende Aristolochiazee.
- Die Pflanze besitzt ein 10 cm langes Rhizom mit schuppenförmigen
- Niederblättern, nierenförmigen Laubblättern und braunen, innen
- purpurroten Blüten. Das Rhizom enthält das +Asaron+ = Asarumkampfer
- von der Formel C_{20}H_{26}O_{5}, sowie ein ätherisches Oel, das
- +Asaren+, von der Formel C_{10}H_{16}. Die Wirkung ist eine reizende,
- emetinähnliche. Noch giftiger ist Asarum canadense.
-
-
- =Paris quadrifolia=, die +Einbeere+ (Giftbeere, Sauauge,
- Fuchstraube), ist eine in Laubwäldern wachsende Liliazee mit
- schwarzen, kugeligen Beeren. Sie enthält 2 saponinartig wirkende
- Giftstoffe: das +Paridin+ und +Paristyphnin+. Vergiftungen sind bei
- den Haustieren bisher nicht beobachtet worden. Eine toxikologische
- Monographie über die Einbeere ist von +Schroff+ veröffentlicht worden.
-
-
- =Andromeda polyfolia=, die +Rosmarinheide+, eine Erikazee, enthält
- das Glykosid +Andromedotoxin+ = +Asebotoxin+ mit blausäure- und
- akonitinähnlicher Wirkung (vgl. Rhododendron, S. 276). Auch
- +Andromeda florida+ wirkt nach +Dougall+ (Vet. journ. 1896) bei
- Schafen giftig.
-
-
- =Pirola=, das +Wintergrün+, ist eine in schattigen Wäldern
- wachsende Erikazee mit fadenförmigem, ästigem Rhizom, rundlich
- ovalen Laubblättern und traubigen Blüten. Die früher als Wundmittel
- (Adstringens) benützte Pflanze enthält +Gerbsäure+, Gallussäure,
- Arbutin, Erikolin und Urson. Sie soll beim Rinde Blutharnen erzeugen
- (+Weinmann+, Ad. Woch. 1865).
-
-
- =Typha latifolia=, das +Kolbenrohr+, eine Sumpfpflanze (Typhazee),
- soll für Kühe giftig sein.
-
-
- =Selinum palustre=, die +Sumpfsilge+, soll für Schafe giftig sein.
-
-
- =Chenopodium hybridum=, der +Gänsefuss+ (Schweinemelde), enthält
- das Glykosid +Chenopodin+. Die Pflanze soll bei Schweinen
- Gastroenteritis, Betäubung und Blutauflösung erzeugen.
-
-
- =Azalea pontica=, ein 1-2 m hoher Strauch (Erikazee), im Garten als
- Zierpflanze kultiviert, mit goldgelben, trichterförmigen Blüten, hat
- in einem von +Zirkel+ (Preuss. Mitt. 1864) beobachteten Fall bei
- Ziegen Magendarmentzündung verursacht. Auch bei einer Katze wirkten
- die Blätter tödlich (+Magdeburg+).
-
-
- =Astragalus mollissimus= soll nach +Sayre+ (Amer. vet. Rev. 1888)
- die Ursache der in Mexiko, Colorado und Kansas auftretenden sogen.
- „Lokokrankheit“ sein, welche sich bei Pferden und Rindern in
- schweren Gehirnstörungen, Halluzinationen, Hyperästhesie, Krämpfen,
- Muskelschwäche, unsicherem Gang und Abmagerung äussert. +Sayre+
- hat das Krankheitsbild auch experimentell durch Verfütterung von
- Astragalus bei Pferden erzeugt. Die Tiere verlieren das Taxieren
- der Entfernungen, drehen sich im Kreise und fallen plötzlich
- erschrocken um. Nach +Klench+ soll die Vergiftung durch Crotallaria
- sagittalis bedingt sein. Nach +Crawford+ enthalten die schädlichen
- Astragalusarten giftige Baryumverbindungen.
-
-
- =Evonymus europaeus=, das +Pfaffenhütlein+ (gemeiner Spindelbaum,
- Spillbaum), ist eine in Europa wild wachsende und auch angepflanzte
- Celastrazee, welche ein purgierendes und digitalisähnlich wirkendes
- Harz, das +Evonymin+, enthält und angeblich bei Ziegen und Schafen
- Veranlassung zu tödlichen Vergiftungen gegeben hat. Das unter dem
- Namen Evonymin neuerdings als Abführmittel empfohlene Fluidextrakt
- wird aus Evonymus atropurpureus (+Wahoo+), einer nordamerikanischen
- Celastrazee, dargestellt.
-
-
- =Clematis=, die +Waldrebe+ (Cl. vitalba, erecta und flammula), ist
- eine Ranunkulazee, deren verschiedene Arten einen stark reizenden
- Stoff, den +Clematiskampfer+, enthalten; derselbe stimmt in seiner
- Wirkung mit dem Anemonenkampfer (vgl. S. 242) überein.
-
-
- =Viburnum lantana=, der +Schneeball+ (türkische Weide), soll bei
- Rindern Blutharnen erzeugen.
-
-
- =Drosera=, der +Sonnentau+ (Dr. rotundifolia und longifolia), eine
- Droserazee, soll für Schafe giftig sein.
-
-
- =Thuja occidentalis=, der +Lebensbaum+, und andere Thujaarten
- besitzen eine sabinaähnliche Wirkung.
-
-
- =Ruta graveolens=, die +Gartenraute+, enthält ein scharfes
- ätherisches Oel und besitzt angeblich eine abortive Wirkung.
-
-
- =Mentha Pulegium=, der +Poley+, eine zuweilen auch medizinisch
- gebrauchte Labiate, enthält ein ätherisches Oel, Oleum Pulegii, von
- phosphorartiger Wirkung, indem es sehr intensive Verfettung der
- Leber, der Nieren und des Herzens erzeugt.
-
-
- =Gelsemium sempervirens=, der +gelbe Jasmin+, enthält 2 giftige
- Alkaloide, das +Gelseminin+, welches eine lähmende Wirkung auf das
- Atmungszentrum und die Muskulatur, sowie eine nikotinartige auf den
- Vagus besitzt, und das +Gelsemin+, ein strychninartig wirkender
- Körper. Vergiftungen haben sich bisher nur beim Menschen durch zu
- hohe Dosierung der Tinctura Gelsemii (Antineuralgikum) ereignet;
- sie äusserten sich in Schwindel, Mydriasis, Ptosis, Schwäche in den
- Beinen und Dyspnoe. Therapie: Exzitantien, künstliche Respiration.
-
-
- =Templetonia glauca= und =Sophora secundiflora=, zwei ausländische
- Schmetterlingsblüter, sind nach den Untersuchungen von +Cornevin+
- (Journ. de Lyon) Giftpflanzen (Erbrechen, Krämpfe, Lähmung).
-
-
- =Plumbago=, die +Bleiwurz+, von Plumbago europaea, sowie andere
- als Zierpflanzen in Gärten kultivierte ausländische Plumbaginazeen
- enthalten das blasenziehende +Plumbagin+ = +Ophioxylin+ (früher als
- „Radix Dentariae“ benütztes Vesikans).
-
-
- =Sedum acre=, der +Mauerpfeffer+, eine Krassulazee (nicht zu
- verwechseln mit Ledum palustre), enthält ebenfalls einen scharf
- reizenden, blasenziehenden Stoff.
-
-
- =Atractylis gummifera=, eine zu den Kompositen gehörige Distelart
- der Mittelmeerländer, enthält nach +Saloignol+ (Recueil 1897) ein
- scharf narkotisches Gift. 4 Schweine verendeten nach 2 Stunden
- unter tetanischen Erscheinungen; die Sektion ergab hämorrhagische
- Gastroenteritis.
-
-
- =Corchorus capsularis=, eine in China und Japan kultivierte, die
- Jute (chinesischen Hanf) liefernde Tiliazee, enthält in den Samen
- ein Glykosid, das +Corchorin+, welches zu den stärksten Giften
- gehört, indem es Pferde schon in subkutanen Dosen von 3 mg pro
- Kilo Körpergewicht unter den Erscheinungen der Vaguslähmung tötet.
- In Japan sind zahlreiche Vergiftungen bei Pferden und Rindern
- vorgekommen (+Tsuno+, Monatshefte für prakt. Tierhlkde 1896, VI. Bd.).
-
-
- =Cannabis sativa=, der +Hanf+ (Urtikazee), ist im Gegensatz zum
- indischen Hanf in der Regel ungiftig. Nach +Tyroler+ (Veterinarius
- 1896) sollen 25 Rinder, die aus einem Hanf enthaltenden Wasser
- getrunken hatten, kurze Zeit darauf sich wie betrunken benommen
- haben; eins derselben soll gestorben sein. +Mermelstein+ (ibid.
- 1900) sah bei einem 4jährigen Pferde, das auf dem Felde Hanf
- gefressen hatte, Kolik, Taumeln, kreuzweise Stellung der Hinterbeine,
- Muskelzittern und pochenden Herzschlag; das Tier erholte sich nach
- Verabreichung eines Abführmittels.
-
-
- =Echium vulgare=, der +Natternkopf+, eine Boraginee, erzeugte bei 15
- Pferden Erbrechen und starkes Speicheln (+Michotte+, Belg. Ann. 1892).
-
-
- =Prosopis Juliflora=, eine in des wärmeren Gegenden vorkommende
- Mimose, erzeugt nach +Abrahams+ (Vet. journ. 1897) die sog.
- +Cashaw+-Vergiftung.
-
-
- =Populus balsamifera= wirkt nach +Walley+ (Journ. of comp., 7. Bd.)
- auf junge Pferde und Rinder giftig und selbst tödlich; die Aufnahme
- der Blätter erzeugt heftige Kolik und Durchfall.
-
-
- =Kürbis= verursachte bei 4 Pferden, welche frischen Kürbis
- gefressen hatten, Abstumpfung, Aufregung, schnarchendes Atmen,
- Pupillenerweiterung, hohe Pulsfrequenz und Muskelzittern (+Werkner+,
- Veterinarius 1897). Nach dem Füttern von Kürbiskernen traten bei
- Mastochsen milzbrandähnliche Erscheinungen auf: hohes Fieber,
- Schwäche, Benommenheit; die Sektion ergab blutige Entzündung der
- Vormägen und des Dünndarms (+Szatmary+, B. T. W. 1909).
-
-
- =Knoblauch= erzeugte bei 40 Rindern tollwutähnliche Erscheinungen
- (+Pascault+, Recueil 1889).
-
-
- =Tamus communis=, die +schwarze Zaunrübe+, eine Smilazee, besitzt
- rote, kugelige Beeren von giftiger Wirkung (Gastroenteritis, Lähmung).
-
-
- =Leucojum aestivum=, die +Sommerlevkoje+, eine Amaryllidee, enthält
- einen scharf narkotischen Stoff, welcher Magendarmentzündung,
- Schwindel und Betäubung erzeugt.
-
-
- =Ligustrum vulgare=, der +Hartriegel+, eine Oleazee, enthält in
- seinen Beeren das giftige +Syringin+, sowie das +Ligustron+; die
- Beeren wirken scharf, entzündungserregend.
-
-
- =Cynoglossum=, die +Hundszunge+, besitzt kurareähnliche Wirkungen.
-
-
- =Onopordon Acanthium=, die +Eselsdistel+, eine Komposite, bewirkt
- Erbrechen, Durchfall und Krämpfe.
-
-
- =Nigella sativa=, der +Schwarzkümmel+ (Ranunkulazee), enthält das
- +Melanthin+ mit saponinartiger Wirkung.
-
-
- =Paeonia officinalis=, die +Gichtrose+ oder +Pfingstrose+, eine
- Ranunkulazee, enthält in den Blüten und Samen einen scharfen,
- Gastroenteritis erzeugenden Giftstoff; desgleichen Paeonia corallina
- und peregrina.
-
-
- =Berberis vulgaris=, die +Berberitze+ (Sauerdorn, Weinschädling),
- eine Berberidee, enthält das giftige Alkaloid +Berberin+, welches
- Konvulsionen, sowie Erregung und spätere Lähmung des Atmungszentrums
- bedingt.
-
-
- =Heracleum sphondylium=, die +deutsche Bärenklau+, erzeugte bei
- Rindern Schäumen, Taumeln, bedenkliche Schwäche und Niederstürzen;
- eine Kuh wurde durch den Magenschnitt gerettet (+Honeker+, D. T. W.
- 1900).
-
-
- =Urtica dioica=, die +Brennessel+, soll nach +Rohr+ (Progr. vét.
- 1907) besonders zur Herbstzeit ein scharfes Gift enthalten,
- welches sogar Hühnerhunde beim Streifen durch das Gebüsch unter
- Krampferscheinungen töten soll; ausserdem entsteht durch das
- Eindringen der Nesselhaare Hautentzündung, Stomatitis, Pharyngitis
- und Laryngitis. Bei einem jungen Teckel glaubt +Holterbach+ (B. T. W.
- 1908) eine ähnliche tödliche Vergiftung beobachtet zu haben (Taumeln,
- Lähmung).
-
-
- =Senecio Jacobaeus=, das +Jakobskraut+, soll nach +Gilruth+
- (The Vet. Bd. 75) bei Pferden und Rindern in Neu-Seeland häufig
- Leberzirrhose veranlassen. Die Krankheitserscheinungen bestehen in
- Ikterus, Aszites, Durchfall, schneller Abmagerung und Schwäche; bei
- der Sektion erscheint die Leber lederartig derb und schieferartig
- gefärbt. Auch experimentell liess sich bei 2 gesunden, 6 Monate alten
- Kälbern nach Ablauf eines Monats tödliche Leberzirrhose durch die
- tägliche Verfütterung von 3 kg Jakobskraut erzeugen.
-
-
- =Cardamine pratensis=, das +Wiesenschaumkraut+ erzeugte nach
- +Stottmeister+ (Zeitschr. f. Vet. 1902) bei 15 Remonten des
- Remontedepots Wirsitz Verschlag. Schon im Jahr 1894 waren 24
- Remonten ebenfalls an Verschlag erkrankt. Auch experimentell liess
- sich bei einigen Pferden und sogar bei Kühen nach 5-8 Stunden durch
- Verfütterung des frischen Krautes (nicht des getrockneten) Rehe
- erzeugen.
-
-
- =Centaurea Cyanus=, die +Kornblume+, erzeugte nach +Dopheide+ (Berl.
- Arch. 1901) bei einer Kuh, welche eine grössere Menge vom Besitzer
- ausgezogener grüner Kornblumenpflanzen gefressen hatte, wenige
- Stunden später eine vollständige Lähmung des Hinterteils; nach
- Verabreichung von schwarzem Kaffee trat in kurzer Zeit Heilung ein.
-
-
- =Cuscuta Trifolii=, die +Kleeseide+, veranlasste nach +Holterbach+
- (D. T. W. 1908) bei 4 Kühen eine Vergiftung, nachdem sie Klee
- (Trifolium pratense) mit 50% Kleeseide gefüttert erhielten. Die Tiere
- zeigten Anfälle von Muskelzittern, Krämpfen der Gliedmassen und
- Raserei; die Anfälle dauerten ¼ Stunde (eine Kuh zeigte 4 Anfälle),
- worauf Erschöpfung und Schweissausbruch eintrat; alle Tiere genasen.
-
-
- =Strobuli Lupuli=, die +Hopfendolden+, bedingen nach +Zaruba+
- (Tierärztl. Zentr. 1907) alljährlich zur Zeit der Hopfenernte einen
- eigentümlichen Futterausschlag beim Rind, wenn die Hopfenranken
- verfüttert werden, in Form eines papulösen Exanthems am Euter und an
- den Hinterbeinen, das stellenweise vesikulär und pustulös ist und
- sich in einem Falle über den ganzen Körper verbreitete; nach 10 Tagen
- trat Heilung ein.
-
-
- =Daucus Carota=, +gelbe Rüben+ (Mohrrüben), wirken nach +Böhm+ bei
- der Verfütterung an Frettchen giftig. Auch bei Pferden sollen sie
- unter Umständen schwere Darmentzündung (Preuss. Mil. Vet. Ber. 1900),
- Lähmungserscheinungen (+Holterbach+, B. T. W. 1907) und Abortus
- (+Suckow+, B. T. W. 1908) bei zu reichlicher Fütterung veranlassen.
- Auch die weissen Rüben bedingen nach +Thomassen+ (Monatsh. f. prakt.
- Tierheilk. 1902) nach ausschliesslicher Verfütterung bei Pferden die
- Erscheinungen der enzootischen Bulbärparalyse: Schlinglähmung sowie
- Lähmung des Hinterteils aszendierend auf das Vorderteil; sie sollen
- einen Giftstoff enthalten, dessen Wirkung speziell auf die Medulla
- oblongata gerichtet ist.
-
-
- =Melassevergiftung.= Pferde, welche längere Zeit hindurch täglich
- 1-2 kg Torfmehlmelasse erhielten, zeigten Harndrang, Polyurie,
- Darmkatarrh, Durchfall, Kolik, Herzschwäche, Petechien auf Augen-
- und Nasenschleimhaut, Mauke, Lähmungserscheinungen usw.; die Sektion
- ergab chronische Nephritis (+Dammann+, Preuss. Vet. Ber. 1904;
- Preuss. Mil. Vet. Ber. 1902 ff.).
-
-
- =Cotyledon ventricosa= erzeugt nach +Jakobsen+ (Viehseuchen in
- Deutsch-Südwestafrika 1907) bei Schafen und Ziegen Taumeln.
-
-
- =Phytolacca decandra=, die +Kermesbeere+ (Scharlachbeere) enthält
- eine saponinartige Substanz. Rinder erkrankten nach dem Beweiden
- ihres Standorts an Gastroenteritis (+White+, Journ. of comp. 1902).
-
-
- =Festuca Hieronymi= bezw. das darauf schmarotzende Pilzmyzel von
- +Endoconidium tembladerae+ erzeugt bei den Pflanzenfressern der
- südamerikanischen Anden eine charakteristische Vergiftung, die
- sog. „Trembladera“, die sich in Muskelzittern, Schüttelfrost,
- Druckempfindlichkeit der Wirbelsäule, Gleichgewichtsstörungen,
- Lähmungserscheinungen und Harnverhaltung bei freier Psyche äussert
- (+Rivas+ und +Zanolli+, La Trembladera, La Plata 1909).
-
-
- =Diversa.= +Poa aquatica+ wirkt an und für sich nicht giftig, sondern
- nur, wenn es von Ustilago longissima befallen ist. Dasselbe gilt
- vom +Schilfgras+ (Phragmites communis), welches häufig von Puccinia
- arundinacea befallen ist. Von giftigen Pilzen sind ferner noch zu
- erwähnen +Peronospora viticola+, der Rebenmehltau, welcher bei Kühen
- Kolik, Tympanitis, Verstopfung, Durchfall und Abortus hervorruft
- (+Bissauge+, Recueil 1893), +Peronospora Herniariae+, welches bei
- Schafen starke Salivation und +Peronospora Viciae+ (Mehltau der
- Wicken und Erbsen), welches Abortus erzeugen soll.
-
-
-
-
-Anhang.
-
-
-Die Giftpflanzen nach dem Familiensystem geordnet.
-
- I. =Colchicaceen.= +Colchicum autumnale+, Herbstzeitlose; +Veratrum
- album+, weisse Nieswurz; +Sabadilla officinalis+, Sabadillsamen.
-
- II. =Solaneen.= +Atropa Belladonna+, Tollkirsche; +Hyoscyamus niger+,
- Bilsenkraut; +Datura Stramonium+, Stechapfel; +Nicotiana Tabacum+,
- +makrophylla+ und +rustica+, Tabak; +Solanum nigrum+, Nachtschatten;
- +Solanum Dulcamara+, Bittersüss; +Solanum tuberosum+, Kartoffelkraut;
- +Skopolia atropoides+, +Duboisia myroporoides+, +Ephedra vulgaris+.
-
- III. =Apocyneen.= +Strychnos nux vomica+, Brechnussbaum; +Strychnos
- gujanensis+, Kurarebaum; +Strychnos Ignatii+, Ignatiusstrauch;
- +Strophanthus hispidus+, Kombesamen; +Nerium Oleander+ Oleander;
- +Nerium odorum+; +Apocynum cannabinum+.
-
- IV. =Euphorbiazeen.= +Euphorbia Cyparissias+, +Peplus+,
- +helioskopia+, +marginata+ u. a., Wolfsmilch; +Mercurialis annua+
- und +perennis+, Bingelkraut; +Croton Tiglium+, Krotonsamen; +Ricinus
- communis+, gemeiner Wunderbaum; +Buxus sempervirens+, Buchsbaum.
-
- V. =Ranunkulazeen.= +Ranunculus sceleratus+, +acris+, +arvensis+,
- +repens+, +Ficaria+, +flammula+, +bulbosus+, +lanuginosus+, +Lingua+,
- +auricomus+, +polyanthemus+, Hahnenfuss; +Helleborus fötidus+,
- +viridis+ und +niger+, Nieswurz; +Aconitum ferox+, +neomontanum+,
- +variegatum+ und +Napellus+, Sturmhut; +Aconitum lycoctonum+,
- Wolfseisenhut; +Clematis erecta+, Waldrebe; +Adonis vernalis+,
- +Delphinium Staphisagria+, Stephanskörner; +Caltha palustris+,
- Sumpfdotterblume; +Actaea spicata+ und +racemosa+, Christophskraut,
- Schlangenwurzel; +Nigella sativa+, Schwarzkümmel; +Paeonia
- officinalis+, Gichtrose.
-
- VI. =Umbelliferen.= +Conium maculatum+, Fleckschierling; +Cicuta
- virosa+, Wasserschierling; +Aethusa Cynapium+, Gartenschierling;
- +Oenanthe crocata+ und +fistulosa+, Rebendolde; +Chaerophyllum
- temulum+, Taumelkerbel; +Sium latifolium+, Merk; +Ferula communis+,
- Steckenkraut; +Hydrocotyle vulgaris+, Nabelkraut.
-
- VII. =Papilionazeen.= +Physostigma venenosum+, Kalabarbohne; +Cytisus
- Laburnum+, Goldregen, und andere Cytisusarten; +Lathyrus cicer+,
- Kichererbse; +Lathyrus sativus+, Platterbse; +Coronilla scorpioides+,
- Kronenwicke; +Melilotus officinalis+, Steinklee; +Lupinus luteus+,
- +albus+ und +angustifolius+, Lupine; +Galega officinalis+,
- Geissranke; +Astragalus molissimus+; +Robinia Pseudoacacia+.
-
- VIII. =Amygdaleen.= +Amygdalus communis+, Bittermandelbaum; +Prunus
- laurocerasus+, Kirschlorbeer; +Prunus Padus+, Traubenkirschbaum;
- +Prunus persicus+, Pfirsichbaum; +Prunus domesticus+, Pflaumenbaum;
- +Prunus cerasus+, Kirschbaum.
-
- IX. =Scrophularineen.= +Digitalis purpurea+, Fingerhut; +Gratiola
- officinalis+, Gottesgnadenkraut; +Pedicularis silvatica+ und
- +palustris+, Läusekraut; +Antirrhinum majus+, Orant; +Melampyrum+,
- Wachtelweizen; +Scrophularia aquatica+, Wasserwurzel.
-
- X. =Koniferen.= +Taxus baccata+, Eibenbaum; +Juniperus Sabina+,
- Sadebaum; +Pinus abies+ usw.; +Thuja occidentalis+, Lebensbaum.
-
- XI. =Papaverazeen.= +Papaver somniferum+, Mohn; +Papaver Rhöas+,
- Klatschrose; +Chelidonium majus+, Schöllkraut.
-
- XII. =Caryophyllazeen.= +Agrostemma Githago+, Kornrade.
-
- XIII. =Kupuliferen.= +Fagus silvatica+, Buche (Bucheckern); +Quercus
- Robur+, Eiche.
-
- XIV. =Polygoneen.= +Rumex acetosa+ und +acetosella+, Sauerampfer;
- +Polygonum fagopyrum+, Buchweizen; +Polygonum convolvulus+,
- +Persicaria+ und +hydropiper+, Knöterich.
-
- XV. =Amaryllideen.= +Narcissus pseudonarcissus+ und +poëticus+,
- Narzisse; +Leucojum aestivum+, Sommerlevkoje.
-
- XVI. =Thymelaeazeen.= +Daphne Mezerëum+ und +Laureola+, Seidelbast.
-
- XVII. =Erikazeen.= +Rhododendron hirsutum+, +ferrugineum+, +maximum+,
- +ponticum+ und +chrysanthum+, Alpenrose; +Andromeda polyfolia+ u. a.,
- Rosmarinheide; +Ledum palustre+, Sumpfporst; +Pirola+, Wintergrün;
- +Azalea pontica+.
-
- XVIII. =Aroideen.= +Arum maculatum+, Aronstab; +Calla palustris+,
- Schweinekraut; +Dieffenbachia seguina+, Schweigrohr.
-
- XIX. =Asklepiadeen.= +Asklepias Vincetoxicum+, Schwalbenwurzel.
-
- XX. =Konvolvulazeen.= +Ipomoea Purga+, Jalappe; +Cuscuta europaea+,
- Flachsseide.
-
- XXI. =Kruziferen.= +Brassica nigra+, Senf; +Brassica Rapa+, Rübsen;
- +Brassica Napus+, Reps; +Brassica juncea+, Sareptasenf; +Sinapis
- arvensis+, Ackersenf; +Raphanus Rhaphanistrum+, Hederich; +Erysimum
- vulgare+, Wegsenf; +Arabis tartarica+, Gänsekresse; +Cochlearia
- Armoracia+, Meerrettig.
-
- XXII. =Piperazeen.= +Piper nigrum+, Pfeffer.
-
- XXIII. =Liliazeen.= +Aloë ferox+ etc., Aloe; +Paris quadrifolia+,
- Einbeere.
-
- XXIV. =Rhamneen.= +Rhamnus cathartica+, Kreuzdorn.
-
- XXV. =Berberideen.= +Podophyllum peltatum.+
-
- XXVI. =Polypodiazeen.= +Pteris aquilina+, Adlerfarn.
-
- XXVII. =Malvazeen.= +Gossypium herbaceum+, Baumwollpflanze.
-
- XXVIII. =Terebinthazeen.= +Rhus toxicodendron+, Giftsumach;
- +Anacardium occidentale+ und +Semecarpus Anacardium+, Elefantenläuse.
-
- XXIX. =Primulazeen.= +Cyclamen europaeum+, Alpenveilchen.
-
- XXX. =Aristolochiazeen.= +Aristolochia Clematidis+, Osterluzei;
- +Asarum europaeum+, Haselwurz.
-
- XXXI. =Kompositen.= +Lactura virosa+, Giftlattich; +Madia
- sativa+, Saatmadie; +Sonchus arvensis+, Ackersaudistel; +Achillea
- Millefolium+, Schafgarbe; +Onopordon Acanthium+, Eselsdistel.
-
- XXXII. =Kukurbitazeen.= +Bryonia alba+ und +dioica+, Zaunrübe;
- +Momordica Elaterium+, Springgurke; +Citrullus Colocynthis+,
- Koloquinthengurke.
-
- XXXIII. =Hyperikazeen.= +Hypericum perforatum+, Johanniskraut.
-
- XXXIV. =Typhazeen.= Typha latifolia, Kolbenrohr.
-
- XXXV. =Chenopodiazeen.= Chenopodium hybridum, Gänsefuss.
-
- XXXVI. =Celastazeen.= +Evonymus europaeus+, Pfaffenhütlein.
-
- XXXVII. =Caprifoliazeen.= +Viburnum Lantana+, Schneeball.
-
- XXXVIII. =Droserazeen.= +Drosera rotundifolia+, Sonnentau.
-
- XXXIX. =Rutazeen.= +Ruta graveolens+, Raute; +Pilocarpus
- pennatifolius+.
-
- XL. =Labiaten.= +Mentha Pulegium+, Poley.
-
- XLI. =Plumbaginazeen.= +Plumbago europaea+, Bleiwurz.
-
- XLII. =Krassulazeen.= +Sedum acre+, Mauerpfeffer.
-
- XLIII. =Smilazeen.= +Tamus communis+, Zaunrübe; +Convallaria
- majalis+, Maiblume.
-
- XLIV. =Oleazeen.= +Ligustrum vulgare+, Gemeiner Liguster.
-
- XLV. =Berberideen.= +Berberis vulgaris+, Berberitze.
-
- XLVI. =Artokarpeen.= +Antiaris toxica+, javanischer Giftbaum.
-
- XLVII. =Kannabineen.= +Cannabis indica+, indischer Hanf; +Cannabis
- sativa+, deutscher Hanf.
-
- XLVIII. =Lobeliazeen.= +Lobelia inflata+, aufgeblasene Lobelie.
-
- XLIX. =Menispermeen.= +Anamirta Cocculus+, Kokkelskörnerstrauch.
-
- L. =Palmen.= +Areca Catechu+, Arekanuss.
-
- LI. =Sapindazeen.= +Paullinia australis+ und +Cururu+, amerik.
- Pfeilgift.
-
- LII. =Lineen.= +Linum usitatissimum+, Lein.
-
- LIII. =Equisetaceen.= +Equisetum arvense+, +palustre+, +limosum+,
- +hiemale+, Schachtelhalm.
-
- LIV. =Gramineen.= +Lolium temulentum+, Taumelloch.
-
- LV. =Filizes.= +Aspidium Filix Mas+, Wurmfarn.
-
- LVI. =Schimmelpilze= (=Mukorineen=). +Mucor+, Blasenschimmel;
- +Aspergillus+, Kolbenschimmel; +Penicillium+, Pinselschimmel;
- +Oïdium+, Milchschimmel.
-
- LVII. =Brandpilze= (=Ustilagineen=). +Tilletia Caries+, Schmierbrand;
- +Ustilago+, Flugbrand.
-
- LVIII. =Rostpilze= (=Uredineen=). +Puccinia Graminis+, +Straminis+,
- +coronata+ und +arundinacia+, Getreiderost; +Uromyces+,
- Leguminosenrost.
-
- LIX. =Kernpilze= (=Pyrenomyzeten=). +Claviceps purpurea+, Mutterkorn;
- +Polydesmus exitiosus+, Rapsverderber; +Polythrincium Trifolii+;
- +Epichloë typhina+.
-
- LX. =Schwämme= (=Fungi=). +Agaricus muscarius+, Fliegenpilz;
- +Agaricus phalloides+, Knollenblätterschwamm; +Fungus Laricis+,
- Lärchenschwamm; +Russula emetica+, Speiteufel; +Cantharellus
- aurantiacus+, falscher Eierschwamm; +Boletus Satanas+, Satanpilz;
- +Helvella esculenta+, Morchel.
-
-
-
-
-III. Tierische Gifte.
-
-
-Kantharidenvergiftung.
-
- =Allgemeines.= Die Kanthariden oder spanischen Fliegen (Lytta
- vesicatoria) sind 1½-3 cm lange und 6-9 mm breite Käfer mit intensiv
- grünen, metallisch glänzenden, oblongen Flügeldecken. Sie leben
- auf Liguster, Flieder, Eschen und Pappeln und enthalten im ganzen
- Körper, namentlich aber in den Geschlechtsteilen (junge Käfer
- sind deshalb weniger giftig) einen kampferähnlichen, säureartigen
- Stoff, das +Kantharidin+ von der Formel 2(C_{5}H_{6}C_{2}). Das
- Kantharidin stellt chemisch eine Laktonsäure dar, die sich vom
- Orthoxylol ableitet; es ist verwandt mit dem in den Ranunkulazeen
- enthaltenen Anemonin, deren Blätter dem ebenfalls kantharidinhaltigen
- Maiwurm (Meloë majalis) als Nahrung dienen. Die +Ursachen+ der
- Kantharidenvergiftung sind in zu konzentrierter oder ausgedehnter
- äusserlicher Anwendung der Kantharidenpräparate (Salbe, Tinktur, Oel,
- Pflaster) als Epispastika, in zu hoher Dosierung des Mittels als
- Aphrodisiakum, sowie in der Aufnahme der spanischen Fliegen mittelst
- des Futters zu suchen. Die Todesdosis beträgt bei innerlicher
- Anwendung für das Rind und Pferd 25-35 g, für den Hund ½-1 g.
-
- Von kantharidinhaltigen Käfern sind ferner zu nennen: Lytta violacea,
- gigar und adspersa, Meloë proscarabaeus, majalis (Maiwurm) und
- angusticollis, sowie verschiedene Mylabris- und Kantharisarten.
-
-
-=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Kantharidin wirkt auf der Haut
-+blasenziehend+, auf der Digestionsschleimhaut +entzündungserregend+;
-ausserdem erzeugt es bei seiner Ausscheidung durch die Nieren
-+Nephritis+ und +Zystitis+. Bei der innerlichen Einverleibung
-treten die Erscheinungen der +Stomatitis+ und +Gastroenteritis+,
-bei der epidermatischen Anwendung die der +Nephritis+ in den
-Vordergrund. Die einzelnen Krankheitserscheinungen sind, soweit sie
-den Digestionsapparat betreffen: +Speicheln+, +Schlingbeschwerden+,
-+Erbrechen+, +Kolik+, +blutige Diarrhöe+, +Tenesmus+. Beim Rind
-wird auch zuweilen Abgang von Kruppmembranen mit dem Kot beobachtet
-(Enteritis crouposa). Die entzündliche Reizung der Nieren-, der
-Blasen- und Harnröhrenschleimhaut äussert sich in +aufgeregtem
-Geschlechtstrieb+, +Polyurie+, +Harndrang+, +Blutharnen+,
-+Eiweissharnen+, +Rötung+ und +Schwellung+ der +Vaginal-+ und
-+Präputialschleimhaut+ und selbst +Anschwellung+ des +Präputiums+ und
-der +Eichel+. Diese Wirkung auf den Urogenitalapparat beobachtet man
-auch bei ausgedehnter äusserlicher Anwendung der Kanthariden oder
-beim Einstreuen derselben in Wunden; die entzündliche Reizung der
-Digestionsschleimhaut fehlt aber in diesen Fällen. Der Tod erfolgt
-unter den Erscheinungen der +allgemeinen Schwäche+ durch Atmungslähmung.
-
-Bei der +Sektion+ findet man die Erscheinungen der Stomatitis,
-Pharyngitis, Gastritis, Enteritis haemorrhagica, Zystitis und Nephritis
-(sog. Kantharidin-Nephritis; hauptsächlich Erkrankung der Glomeruli
-und der gewundenen Harnkanälchen). Zuweilen beobachtet man auch
-Laryngitis, Rhinitis und Konjunktivitis. Die +Behandlung+ besteht
-in der Verabreichung schleimiger, einhüllender Mittel in Verbindung
-mit Opium. Oelige Mittel sind wegen der Auflösung des Kantharidins
-und der dadurch beförderten Resorption desselben zu vermeiden. Die
-Lähmungserscheinungen behandelt man mit Exzitantien (Kampfer).
-
-
-=Nachweis.= Sind die Kanthariden in unpräparierter Form innerlich
-aufgenommen worden, so genügt das Auffinden der charakteristischen
-grüngefärbten Flügeldecken zum Nachweise der Vergiftung. Bei
-Vergiftungen nach äusserlicher Anwendung der Kanthariden kann ferner
-das Kantharidin durch chemische und physiologische Reaktionen
-nachgewiesen werden. Dasselbe wird wie die Alkaloide nach der
-+Stas+schen Methode schon aus +sauren+ wässerigen Lösungen durch
-+Aether+, +Benzol+, +Chloroform+, +Amylalkohol+ ausgeschüttelt; am
-besten eignet sich hierzu +Chloroform+. Zur Untersuchung von Blut
-und Körperteilen auf Kantharidin hat ausserdem +Dragendorff+ eine
-besondere Methode angegeben. Danach wird das Untersuchungsmaterial
-fein zerschnitten und mit +Kalilauge+ (1 Kalihydrat auf 12-15
-Teile Wasser) in einer Porzellanschale so lange erhitzt, bis eine
-durchaus gleichartige Flüssigkeit entstanden ist. Nach dem Erkalten
-wird dieselbe mit Wasser verdünnt, mit +Chloroform+ ausgeschüttelt
-(kantharidinsaures Kali), nach Abtrennung des Chloroforms mit
-Schwefelsäure bis zur stark sauren Reaktion versetzt und sofort mit
-dem vierfachen Volum Alkohol gemischt, das Gemisch eine Zeitlang
-im Sieden erhalten, heiss filtriert, das Filtrat möglichst stark
-abgekühlt, noch einmal filtriert und durch Destillation vom Alkohol
-befreit (Kantharidin). Die zurückbleibende wässerige Flüssigkeit wird
-mit Chloroform wie oben behandelt, nachdem zuerst die an den Wandungen
-der Retorte haftenden Massen (Kantharidin) durch dasselbe aufgenommen
-worden sind. Alle Chloroformauszüge werden dann verdunstet und der
-Rückstand, das reine Kantharidin, mit etwas Mandelöl aufgenommen.
-
-Die wichtigsten Reaktionen des Kantharidins sind: 1. Die
-+physiologische+ Reaktion, welche im Auftragen des in Oel
-aufgenommenen Kantharidins auf die menschliche Haut besteht, wobei
-die Substanz als +blasenziehend+ erkannt wird. Am besten lässt man
-die Kantharidinlösung in ein Stück englische Charpie einziehen und
-befestigt dasselbe mit Heftpflaster auf seiner Brust oder auf dem
-Oberarme. 2. +Metallniederschläge+ entstehen beim Zusammenbringen des
-Kantharidins mit verschiedenen +Metallsalzen+. Man löst das Kantharidin
-in wenig Kali- oder Natronlauge und löst die dabei entstehenden
-Kristalle in etwas Wasser auf. Die Lösung gibt dann mit +Chlorbaryum+
-und +Chlorkalzium+ weisse, mit +Kupfervitriol+ und +schwefelsaurem
-Nickeloxydul+ grüne, mit +schwefelsaurem Kobaltoxydul+ rote, mit
-+Bleizucker+, +Sublimat+ und +Höllenstein+ weisse, kristallinische,
-meist rhombische Niederschläge von kantharidinsauren Metallen.
-
- =Kasuistik.= +Römmele+ (Bad. Mitteil. 1866) berichtet, dass auf
- einem Gute spanische Fliegen von benachbarten Eschenpflanzungen
- und Holundersträuchen in das Wiesengras gelangten, was zur Folge
- hatte, dass ein grosser Teil des Viehstandes mehrere Jahre hindurch
- Blasenbildung auf der Maulschleimhaut, Nasenschleimhaut und
- Scheidenschleimhaut, erregten Geschlechtstrieb, Hämaturie, Harndrang,
- Abortus, Anämie und Abmagerung zeigte. -- +Brandes+ (Magazin Bd. 3)
- sah nach scharfen Einreibungen beider Brustwandungen mit je 50 g
- Kantharidensalbe, wobei nach 12 Stunden beiderseitig je 15 g Salbe
- nachgerieben wurden, bei Pferden regelmässig Polyurie eintreten. 3
- Pferde zeigten ausserdem schwankenden Gang und Lähmungserscheinungen.
- -- +Bertsche+ (Bad. tierärztl. Mitt. 1890) beschreibt eine Vergiftung
- bei einer Kuh, welcher zum Zwecke des Brünstigwerdens etwa 25 g
- Kantharidenpulver von einem Landwirt eingegeben worden waren. Die
- Maulschleimhaut war weisslich verfärbt, das Epithel an der Zunge, am
- Zahnfleisch und Gaumen bis in die Nasenhöhle in Fetzen abgelöst. Urin
- wurde häufig, aber immer nur in geringen Mengen abgesetzt, derselbe
- war rötlich gefärbt. Die Futteraufnahme war ganz aufgehoben, beim
- Abschlucken zeigte das Tier grosse Schmerzen. Mit dem Kot gingen
- 1-1½ m lange darmähnliche Kruppmassen ab. Die Bewegung war matt und
- schwankend. Nach eingeleiteter Behandlung trat langsame Genesung
- ein. -- Ein Pferd starb nach der Einreibung von Kantharidensalbe
- an Nephritis nach 2 Tagen (Pr. Mil. Vet. Ber. 1895). -- +Metzger+
- (D. T. W. 1896) sah bei einer Kuh, welche etwa 10 g Kanthariden
- eingegeben erhalten hatte, schwankenden Gang, Salivation, Stomatitis
- und Pharyngitis sowie Polyurie. Das bis zum Skelett abgemagerte
- Tier brauchte etwa ein Vierteljahr zur Erholung. -- +Carougeau+
- (Journ. de Lyon 1897) beobachtete bei einem Pferde nach der
- Einreibung mit Kantharidensalbe akute hämorrhagische Nephritis,
- wobei die Glomeruli um das 2-3fache vergrössert waren. -- +Heck+
- (Am. vet. rev. 1898) sah bei einem Hengst nach der Verabreichung
- von 8 g Kanthariden Stomatitis, Pharyngitis, Polyurie, Kolik
- und Tod nach 12 Stunden; die Sektion ergab Gastroenteritis und
- Nephritis. -- Nach den experimentellen Untersuchungen +Friedbergers+
- (Münchener Jahresbericht 1878) hatten 50 g Kantharidensalbe
- äusserlich eingerieben keine giftige Wirkung, während die innerliche
- Verabreichung von 25 g des Pulvers nach 4 Stunden bei einem Pferd
- schwere Vergiftungserscheinungen hervorrief. -- Eine Stute erhielt
- 5 g Kantharidenpulver auf Brot und erkrankte infolgedessen an
- einer Stomatitis diphtherica; ein anderes schweres Pferd zeigte
- nach derselben innerlichen Dosis ausser Appetitverminderung keine
- Krankheitserscheinungen (+Groll+, Woch. f. T. 1903). -- Nach dem
- Einreiben von 70 g Kantharidensalbe zeigte ein Pferd Polyurie und
- Kolikerscheinungen; ein Ablecken der Salbe hatte nicht stattgefunden
- (+Lungwitz+, Sächs. Jahresber. 1900). -- Ich habe mehrmals ähnliche
- Beobachtungen gemacht.
-
-
-Vergiftung durch Schlangenbisse.
-
- =Allgemeines.= Die in einzelnen Gegenden Deutschlands noch
- vorkommende +Kreuzotter+, +Vipera Berus+ (Coluber Berus), gibt
- zuweilen durch ihren Biss Veranlassung zu Vergiftungen bei
- Hunden, Rindern, Pferden und Schafen. Ausser der Kreuzotter ist
- als einheimische Giftschlange die in Oesterreich und der Schweiz
- vorkommende +redische Viper+, +Vipera Redii+ (V. Aspis, Schildotter)
- zu erwähnen. Ausländische Giftschlangen sind die +Klapperschlangen+
- (Krotaliden) und die +Vipern+ (Viperiden), die +Brillenschlangen+
- (Elapiden), die +Hydrinen+ und +australischen Schlangen+. Das
- Schlangengift ist auch im Blute vorhanden und wird in den zwischen
- den Kaumuskeln eingelagerten Giftdrüsen ausgeschieden, welche
- als modifizierte Speicheldrüsen (etwa der Parotis entsprechend)
- aufzufassen sind. Der Ausführungsgang dieser Giftdrüsen mündet in den
- im Oberkiefer befindlichen Giftzahn. Bei jedem Biss erfolgt durch die
- Kontraktion der Kaumuskeln eine Kompression der Drüse mit Entleerung
- des Sekrets. Die Giftflüssigkeit besitzt eine neutrale Reaktion und
- enthält wahrscheinlich keinerlei geformte Elemente. Letzteres geht
- daraus hervor, dass das Schlangengift auch nach längerem Kochen,
- sowie nach Erwärmen auf 125° seine Wirkung nicht verliert, dass
- ferner eine Infektion anderer Tiere durch Blutübertragung nicht
- gelingt und dass das Schlangengift sehr lange, selbst monate- und
- jahrelang in getrocknetem Zustand oder in Glyzerin haltbar und
- auch durch Fäulnis nicht zu zerstören ist. Vom vollen Magen wird
- Schlangengift verdaut, vom leeren resorbiert. Bei allen Giftschlangen
- ist der Giftvorrat schon nach wenigen Bissen erschöpft, so dass sie
- alsdann ungiftig sind.
-
- =Literatur.= +Fontana+, Abhandlung über das Viperngift, Berlin
- 1787. -- +Russel+, Indian Serpents 1796. -- +Fayrer+, The
- Thanatophidia of India 1874. -- +Brunton+ und +Fayrer+, Natur und
- Wirkung des Najagiftes 1873. -- +Albertoni+, Ueber die Wirkung des
- Schlangengiftes 1879. -- +Lacerda+, Uebermangansaures Kali als
- Antidot des Kopragiftes 1871. -- +Schulz+, Ueber Schlangengift 1881.
- -- +Aron-Binz+, Exper. Studien über Schlangengift, Zeitschr. f. klin.
- Medizin, Bd. 6. -- +Weir Mitschel+ und +Reichert+, Untersuchungen
- über Giftschlangen, Washington 1886. -- +Feoktistow+, Desgln. Dorpat
- 1888. -- +Phisalix+ und +Bertrand+, Bull. de la soc. de méd. 1895. --
- +Fraser+, Brit. med. journ. 1897. -- +Calmette+, Annal. de l’inst.
- Pasteur 1892; Les venins, les animaux venimeux et la sérotherapie
- antivenimeuse, Paris 1907; Die tierischen Gifte und ihre antitoxische
- Serumtherapie. Handb. d. pathol. Mikroorganismen von Kolle u.
- Wassermann, 1909. -- +Kaufmann+, Die Giftschlangen in Frankreich,
- Paris 1893. -- +von Linstow+, Die Gifttiere 1894. -- +Faust+, Die
- tierischen Gifte, Braunschweig 1906.
-
-
-=Wirkung des Schlangengiftes.= Die chemische Natur des Schlangengiftes
-ist noch nicht aufgeklärt (+Eiweissgifte+?). Jedenfalls enthalten die
-einzelnen Schlangengifte ganz verschiedenartig wirkende Substanzen.
-Fast alle Schlangengifte enthalten zunächst +Hämolysine+, d. h. Toxine,
-welche die roten Blutkörperchen auflösen. Das Gift der Viperiden
-und Kolubriden enthält ferner +Hämorrhagine+, d. h. Toxine, welche
-eine örtliche Schädigung des Gefässendothels veranlassen und dadurch
-hämorrhagische Schwellungen hervorrufen. Andere Schlangengifte
-(Elapiden, Hydrinen) bewirken durch ihren Gehalt an +Neurotoxinen+
-vorwiegend allgemeine Lähmung. Alle drei Giftstoffe sind z. B. im
-Ophiotoxin, dem Gift der Kobraschlange, enthalten. Aehnlich wie bei
-den Toxinen der Infektionskrankheiten lassen sich auch gegen die
-einzelnen Toxine der Giftschlangen Antikörper in Form verschiedener
-Sera darstellen (Antivenenin, polyvalentes Serum).
-
-
-=Krankheitsbild.= Das Schlangengift der Kreuzotter (+Viperin+) erzeugt
-lokal eine +phlegmonös-hämorrhagische Entzündung+ der +Bissstelle+,
-welche sich durch +Anschwellung+ der Haut in der Umgebung der letzteren
-äussert. Die Allgemeinwirkung des Viperins ist eine +lähmende+ auf
-+Herz+, +Atmungszentrum+ und +Körpermuskulatur+. Bei der Sektion findet
-man +Blutextravasate+ in den Organen der Hinterleibshöhle. Die tödliche
-Dosis des Viperins beträgt für den Hund 0,01 g pro Kilo Körpergewicht.
-Im übrigen ist die Giftigkeit des Kreuzottergifts je nach der Gegend
-und Jahreszeit verschieden; besonders giftig scheint dasselbe gegen
-Ende des Sommers zu sein.
-
-
-=Behandlung.= Die Therapie der Schlangenbisse zerfällt in einen
-+örtlichen+ und einen +allgemeinen+ Teil. Wird man unmittelbar nach
-stattgefundenem Bisse gerufen, so kann man versuchen, das Gift in der
-Bisswunde zu zerstören oder seine Resorption zu verhindern. In dieser
-Beziehung sind das +Ausbrennen+ und das +Ausätzen+ der Wunde, sowie
-das Anlegen einer +Ligatur+ oberhalb der Bissstelle empfohlen worden.
-Von Arzneimitteln, welche lokal das in der Wunde befindliche Gift
-zerstören, werden namentlich das +Kalium permanganicum+ (3-5prozentige
-Injektionen), +Chromsäure+ (1prozentige Lösung), ferner +Jodtinktur+,
-+Chlorkalk+, +Chlorwasser+, +unterchlorigsaures Natron+ und +Kali+,
-+Eisenchlorid+, +Goldchlorid+, +Platinchlorid+ gerühmt. Sublimat,
-Chlorzink, Höllenstein, Karbolsäure, Zitronensäure, Pikrinsäure,
-Salmiakgeist, sowie Ferridzyankalium sollen die Wirkung des Giftes
-ebenfalls abschwächen. Im übrigen behandelt man die Bisswunde und
-die phlegmonöse Schwellung nach chirurgischen Regeln. Die innerliche
-Behandlung der Lähmungserscheinungen besteht in der Anwendung von
-+Exzitantien+: +Alkohol+, Aether, Kampfer, Atropin, Hyoszin, Koffein,
-Strychnin, Veratrin, Liquor Ammonii anisatus, Wein. Nach +Fraser+ und
-+Phisalix+ bildet die +Galle+ der Giftschlangen (und in geringerem
-Grade auch der ungiftigen Schlangen) bei subkutaner Einspritzung das
-stärkste Gegenmittel gegen das Schlangengift. Nach +Calmette+ soll die
-Behandlung mittels +Serum+ immunisierter Pferde ebenfalls ein sehr
-wirksames Mittel sein („Antivenenin“).
-
- =Kasuistik.= +Gerlach+ (Gerichtl. Tierheilkunde 1872) beobachtete
- unter einer Rinderherde, welche in einem Gehölze weidete, wo die
- Kreuzotter vorkam, 5 Todesfälle. Die erste Krankheitserscheinung
- bestand in einer unbedeutenden, talergrossen, aber sehr schmerzhaften
- Anschwellung am Sprunggelenk oder in der Umgebung des Fesselgelenkes,
- welche von vornherein starkes Lahmgehen verursachte und sich
- allmählich innerhalb 6-8 Stunden nach oben über den ganzen Schenkel
- bis zur Kruppe und über einen Teil des Bauches verbreitete. Mit der
- Zunahme der Geschwulst stellten sich Hinfälligkeit, Apathie und
- Lähmungserscheinungen ein. Die Tiere konnten sich nicht mehr erheben,
- zeigten grosse Unruhe, Stöhnen, Zittern, Dyspnoe, Herzklopfen, sehr
- gesteigerte Pulsfrequenz und schliesslich Unfühlbarwerden des Pulses.
- Der Tod trat nach 24-30stündiger Krankheitsdauer ein. Bei der Sektion
- fand man an den geschwollenen Stellen das subkutane Bindegewebe
- serös infiltriert, die Lymphdrüsen geschwollen, die benachbarte
- Körpermuskulatur wie gekocht, sowie am Dünndarm viele erbsengrosse
- Blutextravasate. -- In einem von mir beobachteten Falle (Monatshefte
- für praktische Tierheilkunde 1889) zeigte bei einem Hühnerhunde,
- welcher auf der Jagd bei Spandau von einer Kreuzotter gebissen
- worden war, die rechte Vordergliedmasse namentlich in der unteren
- Hälfte eine starke phlegmonöse Schwellung, welche sich vermehrt warm
- anfühlte und sehr schmerzhaft war. Die Haut zwischen den Zehen und
- die innere Fläche der ganzen Extremität war stärker gerötet. Auf der
- Mitte der Vorderfläche der vierten Zehe befand sich eine rundliche,
- mit Blutkrusten bedeckte, etwa senfkorngrosse Bisswunde. Am Uebergang
- der rechten Vorderextremität in die Brust zeigten sich an der
- Innenfläche Blutunterlaufungen der Haut in einer handtellergrossen
- Ausdehnung. Die Bewegung des rechten Vorderfusses war ganz
- aufgehoben. Dabei war das Tier fieberlos (38,1° C.). Die Schleimhäute
- der Maulhöhle und der Augen waren zyanotisch, bleigrau verfärbt. Die
- Pulsfreqnenz war sehr gesteigert (120), der Puls selbst sehr schwach,
- kaum fühlbar, unregelmässig, der Herzschlag beiderseits fühlbar, die
- Herztöne rein. Futter- und Wasseraufnahme war gut, die Palpation des
- Schlundkopfes, Schlundes und Hinterleibes ergab nichts Krankhaftes.
- Die Atmung war angestrengt und beschleunigt (36). Die Bewegung des
- Tieres war matt, es bestand grosse allgemeine Körperschwäche, sowie
- stark eingenommene Psyche. Nach einer 8tägigen Behandlung ging
- die Schwellung allmählich zurück und das Tier konnte als genesen
- entlassen werden. -- +Kretschmar+ (Sächs. Jahresbericht 1861) fand
- bei der Sektion einer nach dem Genusse von Waldgras plötzlich nach
- vorausgegangener Aufblähung, Brüllen und Tobsucht verendeten Kuh eine
- Kreuzotter im Pansen. -- +Przybilka+ (Magazin, Bd. 17) beobachtete
- bei einem Hunde, welcher von einer Kreuzotter in die Nase gebissen
- worden war, nach 3 Stunden eine unförmliche Schwellung des Kopfes
- und Halses, grosse Schmerzhaftigkeit der Bissstelle, Winseln,
- Brechneigung, grosse Unruhe und starke Pulsbeschleunigung. Die
- Heilung dauerte 5 Tage. -- Eine Kuh, welche beim Ackern graste,
- wurde, wie der Besitzer zufällig sah, von einer Kreuzotter (Vipera
- Berus) in die Unterlippe gebissen. Bis zum andern Morgen hatte sich
- eine sehr starke, schmerzhafte Anschwellung des Kopfes, hochgradiges
- Speicheln, grosse Unruhe, Stöhnen, Zittern, Herzklopfen bei 41° C.
- Temperatur, 95 Pulsen, 40 Atemzügen eingestellt. Nach Erweiterung
- der Bisswunde, Umschlägen von verdünntem Salmiakgeist, später von
- Kaliumpermanganatlösungen und Anwendung von branntweinhaltigem
- Maulwasser besserte sich der Zustand in 5 Tagen. Nach 8 Tagen war
- die Kuh geheilt (+Hauboldt+, Sächs. Jahresber. 1895). -- +Binder+
- (Tierärztl. Zentralbl. 1894) sah bei einem Rind und einem Hund
- Zuckungen, Zusammenstürzen und allgemeine Lähmung. -- +Webb+ (J. of
- comp., 20. Bd.) sah bei Pferden ödematöse Anschwellungen am Kopf,
- Petechien auf der Konjunktiva, blutigen Nasenausfluss, blutigen
- Harn, Brechneigung, 40,5° und bei der Sektion Blutextravasate unter
- der Pleura und in der Bauchhöhle. -- Weitere Beobachtungen sind von
- +Förderreuther+, +Koppitz+, +Lammert+, +Huth+, +Petzold+, +Falke+,
- +Kitt+, +Martin+, +Uhlich+, +Giovanoli+, +Gresswell+, +Leibenger+,
- +Sepp+ u. a. beschrieben worden.
-
- =Giftige Fische.= Abgesehen von der durch Ptomaine bedingten sog.
- Fischvergiftung (vergl. S. 365) gibt es verschiedene Arten lebender
- Fische, welche teils in besonderen Giftdrüsen und im Blute, teils
- in den Ovarien Gifte produzieren. Zu den ersteren gehören z. B.
- die Gattungen Synanceia brachio, Plotosus lineatus, Trachino draco
- (Drachenfisch) und vipera, Serranus scriba, Stomias boa, Cottus
- scorpio und bubalis, Muraena Helena, Scorpaena scropha und porcus.
- Bekannt ist insbesondere die Giftigkeit des Blutserums der Muräniden
- (giftiges Aalserum). In Japan enthalten verschiedene Spezies (12)
- der Gattung Tetrodon (Fugu) in den Ovarien und Hoden namentlich zur
- Sommerzeit die lokal reizende Tetrodonsäure (Brechdurchfall) und das
- allgemein lähmende, kurareähnliche Tetrodonin. Füttert man Hunde mit
- den Geschlechtsorganen obiger Fische, so zeigen sie Speichelfluss,
- heftiges Erbrechen und Krämpfe. Dieselben Erscheinungen treten nach
- subkutaner Einverleibung auf; hierbei tritt jedoch in der Regel der
- Tod nach 1-2 Stunden unter dem Bild der Lähmung und Erstickung ein
- (+Remy+). Das Gift des Drachenfisches wirkt hämolytisch (+Evans+).
-
-
- =Kröten= (=Bufo=). Die Kröten, namentlich die gemeine Kröte (Bufo
- cinereus), die Kreuzkröte (Bufo calamita), die Knoblauchskröte
- (Pelobates fuscus), die Unke (Bombinator igneus) und die
- Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans), besitzen in ihrer Haut
- zahlreiche Giftdrüsen, welche namentlich in der Schläfengegend
- Hautwülste (sog. Parotiden) bilden. Das Sekret dieser Drüsen enthält
- den ausserordentlich stark reizenden Giftstoff +Phrynin+ (Bufotalin,
- Bufonin), welcher auf Schleimhäuten eine intensive Entzündung erzeugt
- und innerlich eine digitalisähnliche Wirkung hat. Bekanntlich zeigen
- Hunde, welche Kröten erfassen, zuweilen Würgen, Erbrechen und
- Speicheln (Phryninvergiftung).
-
-
- =Salamander.= Der Feuersalamander, Salamandra maculata, besitzt
- in seinem Parotissekret alkaloidartige Körper, das +Samandarin+,
- Samandaritin und Samandatrin, welche ähnlich wie das Phrynin stark
- reizend und daher im Magen brechenerregend wirken und innerlich
- strychninartige Krämpfe erzeugen; ausserdem wirkt es auf die
- Blutkörperchen zerstörend ein, enthält also +Hämolysine+. Für Hunde,
- welche, wenn auch selten, Salamander aufgreifen und sich dann
- erbrechen, sollen 2 mg Samandarin tödlich wirken (+Langlois+, Compt.
- rend. 1889). Aehnlich soll das Gift des Wassersalamanders, Triton
- cristatus, wenn auch schwächer, wirken.
-
-
- =Miesmuschel.= Die Miesmuschel, +Mytilus edulis+, enthält eine
- giftige Albumose, das +Kongestin+, welche nach +Richet+ (Pasteurs
- Annalen, 21. Bd.) bei Hunden Erbrechen, Durchfall und Kolik
- hervorruft und dieselben in einer Dosis von 0,075 g pro Kilogramm
- Körpergewicht tötet. Bei der Sektion findet man eine heftige
- Hyperämie des Magens und Darmes („Kongestin“). Werden gesunde Hunde
- mit Kongestin behandelt, so soll sich die Empfänglichkeit für das
- Gift steigern (sog. Anaphylaxis), indem im Gegensatz zur Bildung
- von Antikörpern bei der Immunität toxogene Stoffe gebildet werden
- (biologische Reaktion des Körpers).
-
-
-Vergiftung durch Bienenstiche.
-
- =Allgemeines.= Das Gift der +Honigbiene+, Apis mellifica, +Wespe+,
- Vespa vulgaris, und +Hornisse+, Vespa crabro (Akuleaten), enthält
- neben +Ameisensäure+ ein dem +Schlangengift verwandtes Gift+. Nach
- +Morgenroth+ und +Carpi+ (D. med. Z. 1906) ist das dem Schlangengift
- analoge Gift ein +Prolezithid+, das sich mit dem Lezithin zu einem
- hämolytisch wirkenden Toxolezithid vereinigt. Nach +Langer+ (Arch.
- f. exper. Pathol. 1897), der zu seinen Versuchen ungefähr 25000
- Bienen verwendete, wurde das Gift in der Weise gewonnen, dass eine
- jede Biene vorsichtig mit zwei Fingern gefasst, am Abdomen mässig
- gedrückt und nun der sofort hervorgeschnellte Stachel schnell in
- Wasser eingetaucht wurde, damit das daran hängende Gifttröpfchen in
- Lösung gebracht werden konnte. Oder es wurde der mit einer Pinzette
- herausgerissene Stachel samt Giftblasen in Wasser verrieben und die
- so erhaltene Flüssigkeit mehrmals filtriert. Das frisch entleerte
- Gifttröpfchen, ein spezifisches Sekret der Giftdrüse, war wasserklar,
- reagierte sauer, schmeckte bitter, roch fein aromatisch, löste sich
- in Wasser und schwankte in seinem Gewicht zwischen 0,0002-0,0003 g.
- In dem Gifttröpfchen ist Ameisensäure enthalten; dieselbe hat zwar
- ebenfalls hämolytische Wirkung, bildet jedoch nicht den wichtigsten
- Bestandteil des Bienengiftes. +Das wirksame Prinzip im Akuleatengift
- ist vielmehr eine Basis mit den Reaktionen eines Eiweisskörpers.+ Der
- dem Gift eigene, fein aromatische Geruch rührt von einem flüchtigen
- Körper her. Das Gifttröpfchen ist ein bakterienfreies Sekret. Von
- anorganischen Stoffen liess sich Salzsäure, Phosphorsäure, Natron und
- Kalk nachweisen.
-
-
-=Wirkung des Bienengiftes.= Das Auftragen des Bienengiftes auf die
-+unversehrte+ Haut vermag nach +Langer+ keine reizende Wirkung
-hervorzurufen. Bei Schnittwunden ruft es jedoch die bekannten
-entzündlichen Erscheinungen hervor. Bei +subkutaner+ Applikation
-zeigen sich die Tiere sehr unruhig, traurig, verschmähen die Nahrung
-und zeigen wohl auch Eiweiss im Harn. Als örtliche Wirkung tritt
-hierbei eine +lokale Nekrose+ ein, in deren Umgebung infolge des
-abnehmenden Wirkungsgrades Rundzelleninfiltration, Oedem und Hyperämie
-zur Entwicklung kommen. Bei intravenöser Applikation von 6 ccm einer
-1,5proz. Giftlösung machte sich bei einem Hund bald starkes Sinken
-des Blutdrucks und Pulsverlangsamung geltend. Später traten noch
-klonische +Zuckungen+ mit Trismus und Nystagmus ein, und das Tier ging
-unter Respirationsstillstand zugrunde. Bei der Sektion war das Blut
-lackfarben (+Hämolyse+); im mikroskopischen Präparat zeigten sich nur
-sehr wenig gut erhaltene Blutkörperchen; spektroskopisch liess sich
-+Methämoglobin+ nachweisen. In der Lunge fanden sich +hämorrhagische
-Infarkte+. Die Nieren waren sehr hyperämisch, das ganze Gewebe blutig
-imbibiert, der Darmkanal blaurot mit schleimig blutigem Inhalt.
-
-
-=Krankheitsbild.= Die Vergiftungserscheinungen bei den Haustieren
-bestehen in +lokaler Anschwellung+ der Haut, welche zuweilen +brandig+
-abfällt. Ausserdem können bei sehr grosser Anzahl der Stiche +schwere
-Allgemeinerscheinungen+ (+Lähmung+, +Hämoglobinurie+, +Sepsis+,
-+Erstickung+) auftreten, welche zuweilen schon im Verlaufe weniger
-Stunden den Tod herbeiführen. Die +Behandlung+ der Bienenstiche ist
-dieselbe wie die der Schlangenbisse; eventuell ist die Tracheotomie
-vorzunehmen.
-
- =Kasuistik.= +Fünfstück+ (Sächs. Jahresber. 1886) sah 2 Pferde,
- welche von einem Bienenschwarm überfallen wurden, nach 6 resp. 10
- Stunden sterben. Bei der Sektion fand man Hämorrhagien unter der
- Haut und unter dem Endokardium, enorme Vergrösserung der Milz, deren
- Pulpa mit dunklem teerartigen Blute überfüllt war, mürbe, lehmartige
- Beschaffenheit der Leber, mürbe, wie gekochte Körpermuskulatur, sowie
- sehr dunkles Blut. -- +Meyerheim+ (Preuss. Mitt. 1882) beobachtete
- bei 2 Pferden enorme Schwellungen über den ganzen Körper, wobei ein
- Ohr und mehrere Hautstücke brandig abfielen; das eine Pferd zeigte
- eine schwere Allgemeinerkrankung, das andere starb. -- +Lange+
- (Preuss. Mitt. 1883) sah 6 Gänse nach Bienenstichen sterben. -- Nach
- +Albrecht+ (Monatsh. für prakt. Tierheilkde. 1892, III. Bd.) wurden
- zwei von einem Knechte in der Nähe eines Bienenhauses angebundene
- Pferde von Tausenden von Bienen gestochen. 1½ Stunden später traf A.
- die Tiere in schwerkrankem Zustand an. Kopf, Hodensack, After und
- Unterbrust waren stark geschwollen; der Rumpf war mit Beulen wie
- übersät. Die Atmung war sehr erschwert, der Puls klein und frequent
- (100 in der Minute). Anfangs hatten sich die Pferde wie rasend
- benommen, um sich gehauen, mit den Füssen den Boden aufgegraben, sich
- gewälzt, waren wieder aufgesprungen. Ein Tier hatte später blutigen
- Urin abgesetzt. Sehr bald war aber eine allgemeine Erschöpfung
- eingetreten und die Tiere konnten sich nicht mehr auf den Beinen
- halten. Beide Tiere gingen in sehr kurzer Zeit ein. Bei der sogleich
- vorgenommenen Sektion waren die Kadaver stark aufgetrieben. Die
- Subkutis war gelb und sulzig infiltriert. Die Milz erwies sich um
- das Doppelte vergrössert, ihre Pulpa war ganz schwarz. Die Nieren
- hatten eine dunkelbraune rote Farbe. In der Bauch- und Brusthöhle
- befand sich nur ganz wenig blutig-seröse Flüssigkeit. Die Lungen
- zeigten das Bild der Hyperämie und waren mit hämorrhagischen
- Infarkten durchsetzt. Die Herzoberfläche sah braunrot gefärbt aus
- und war mit einigen Ekchymosen besetzt. Die Gehirnhäute waren
- hyperämisch, die Pia mit kapillären Apoplexien versehen. Der in der
- Harnblase enthaltene Urin war von fast normaler Farbe, enthielt aber
- Eiweiss und Methämoglobin und nahm schon nach kurzer Zeit sehr üblen
- Geruch an. Die Schleimhaut des Magendarmkanales zeigte den Zustand
- leichtgradiger Hyperämie. -- +Dochtermann+ (Repert. 1889) sah ein
- Pferd nach 12 Stunden unter Blutharnen zugrunde geben; ein anderes
- genas nach mehreren Wochen unter Nekrose grösserer Hautpartien. --
- +Wagenheuser+ (Woch. f. Tierheilkde. 1893) beobachtete bei einem
- Pferd Schreien vor Schmerz, Betäubung, starke Schwellungen der
- Haut und Kopfschleimhäute (nilpferdähnlicher Kopf), bordeauxroten
- und später himbeersaftähnlichen Urin, Dyspnoe, starke Prostration,
- sowie Tod am 4. Tag. -- +Jagnow+ (Zeitschr. f. Vet.-kunde 1899) sah
- bei einem Pferd unzählige, walnuss- bis handtellergrosse Beulen auf
- der Haut, rötlichen Ausfluss aus Nase und Maul, Dyspnoe, dunkelroten
- Urin, dummkollerartiges Drängen, sowie Herzschwäche. Bei der Sektion
- fand man die Milz um das Doppelte vergrössert. -- +Berger+ (Oesterr.
- Monatsschr. 1899) beobachtete bei einem Fohlen hohe Atemnot, welche
- die Tracheotomie notwendig machte, sowie Tod durch Lungenbrand. --
- +Bissauge+ (Rec. 1902) hat bei einem Pferd eine Vergiftung durch
- Stiche von Erdhummeln (Bombus terrestris) beobachtet (starke,
- schmerzhafte Hautschwellungen, Kolik, Dyspnoe, Lähmung, 40,6°).
-
- =Vergiftung durch Columbaczer und Kriebelmücken.= Die Vergiftung
- durch Stechmücken (Simulia Columbaczensis und ornata) äussert sich
- in +Schwellung+ und +Entzündung+ der +Haut+ und +Schleimhäute+
- (Maul-, Nasen-, Augen-, Scheiden-, Mastdarmschleimhaut), +Unruhe+,
- +Schmerzäusserungen+, sowie +Erstickungserscheinungen+ infolge
- Verschwellung der Kopfschleimhäute. Bei der Sektion findet
- man blutige und sulzige Infiltration der Subkutis, Schwellung
- und Entzündung der Körperschleimhäute sowie suffokatorische
- Veränderungen. Die Behandlung ist eine chirurgische und
- symptomatische. -- +Stöhr+ (Preuss. Mitt. 1882) beobachtete
- bei Rindern, welche von Columbaczer Mücken überfallen wurden,
- schmerzhafte Schwellungen im Kehlgang, an der Unterbrust, am
- Unterbauche und Euter, hochgradige Aufregung, hohes Fieber, pochenden
- Herzschlag, starke Injektion der Kopfschleimhäute, sowie Füllung
- der Jugularvenen; viele Tiere starben. -- +Müller+ (B. T. W. 1890
- und Berl. Arch. 1892) beobachtete eine seuchenartige Erkrankung bei
- Rindern, Pferden und Schafen durch Kriebelmücken (Simulia ornata). Es
- zeigten sich teigige Anschwellungen im Kehlgang, welche sich zuweilen
- über den Hals und die Brust ausbreiteten und vereinzelt auch am Bauch
- und Euter nachzuweisen waren. Auf den nicht pigmentierten Hautstellen
- waren linsengrosse, hellrote, flohstichartige Flecken mit kleinen
- Blutschorfen sichtbar. Die Halsvenen waren stark gefüllt und zeigten
- Venenpuls. Von 170 erkrankten Rindern starben 26, von den erkrankten
- Pferden und Schafen starb dagegen keins. Als gutes Prophylaktikum
- erwies sich das Petroleum. -- Ueber einen ähnlichen Fall berichtet
- +Liesenberg+ (Berl. Arch. 1893); danach gehen im Kreise Meseritz
- alljährlich viele Rinder durch Simulia ornata ein; prophylaktisch hat
- sich am besten Naphthalinsalbe bewährt (1 : 10). -- Nach +Bergmann+
- (Fortschr. d. Vet.-Hyg. 1903) erkrankten in Schweden im Jahr 1901
- viele hundert Pferde und Rinder nach dem Stich von Simulia reptans.
- 15 Rinder starben, 1 schon nach ½ Stunde. Die Sektion ergab Oedem
- in der Unterhaut, Lungenödem und serofibrinösen Erguss in den
- Herzbeutel. Als bestes Prophylaktikum erwiesen sich Einreibungen der
- Haut mit Kreolinöl (1 : 20).
-
-
- =Vergiftung durch Raupen.= Nach der Aufnahme grösserer Mengen von
- Raupen sind bei verschiedenen Haustieren Vergiftungen beobachtet
- worden, welche teils durch die Behaarung der Raupen, zum Teil wohl
- auch durch ein chemisches Gift (Ameisensäure, Enzym) herbeigeführt
- wurden. +Röpke+ (Berl. Arch. 1887) sah bei Kühen und Pferden
- Erkrankungen nach massenhafter Aufnahme des Baumweisslings mittelst
- des Grünfutters. Die Pferde zeigten heftige Kolikerscheinungen,
- Brechneigung, sowie Schwäche des Hinterteils. Bei den Kühen
- beobachtete man Zittern, gesträubtes Haar, Schäumen, Aufblähung,
- Kolikerscheinungen, sowie Schwanken im Kreuz. Beim Schlachten fand
- man eine Entzündung der dünnen Gedärme, blutreiche, mit talergrossen
- dunklen Flecken durchsetzte Milz, punktiertes Herzfleisch, sowie
- blutreiche Nieren. +Dinter+ (Sächs. Jahresber. Bd. 21) sah nach
- der Aufnahme des Kohlweisslings (Pieris brassica) Stomatitis,
- Speichelfluss, sowie Erosionen an den Lippen und am Zahnfleisch.
- +Dammann+ (Gesundheitspflege 1886) sah von 90 Enten, welche zur
- Vertilgung von Raupen in Wruckenbeete getrieben wurden, innerhalb 3
- Tagen 53 sterben. +Berndorfner+ sah bei 8 Kühen nach der Aufnahme
- von Schmetterlingsraupen Kolik, Durchfall und subnormale Temperatur,
- schliesslich Bewusstlosigkeit, Lähmung und Tod am 7.-8. Tag. Die
- Sektion ergab hochgradige Gastroenteritis. Die Prozessionsraupen
- (Cnethocampa processionalis, pithyocampa und pinnivora; der sog.
- Eichen-, Fichten- und Kiefernspinner) erzeugen bei Pferden nach dem
- Fressen Stomatitis, desgleichen die Raupe des Weissdornspinners,
- Porthesia chrysorrhoea (+Kösters+). Aehnlich wirken die Haare
- der Bärraupe (Arctia) und der Saft der Raupe des Weidenbohrers
- (Cossus ligniperda). Die Exkremente der Seidenraupe erzeugten nach
- +Jouet+ (J. de Lyon) Schweinen verfüttert eine Darmentzündung mit
- Mastdarmvorfall.
-
-
- =Vergiftung durch Blattläuse= (=Aphis=). Die zu den Hemipteren oder
- Rhynchoten gehörenden Blattläuse enthalten einen scharfen Stoff,
- welcher auf der +Haut+ und auf +Schleimhäuten Entzündung+ hervorruft.
- +Steiner+, +Schrebe+ und +Burmeister+ (Preuss. Mitteil. Bd. 9 u.
- 10), sowie +Pilz+ (Zeitschr. f. Veterinärkde. 1893) beobachteten bei
- Pferden nach der Aufnahme von Grünfutter, Luzerne und Grünwicken,
- welche stark mit Blattläusen besetzt waren, entzündliche Anschwellung
- der weissen Abzeichen mit Hautnekrose und scharfer Abgrenzung
- gegenüber den unpigmentierten Hautstellen. Bei Schimmeln und
- Schecken zeigten sich grössere Hautstellen am Kopf und an den Beinen
- entzündlich geschwollen. Aehnliche Erscheinungen waren an der Maul-
- und Augenschleimhaut wahrzunehmen. Schweine (Schweizer Archiv 1848)
- zeigten nach der Aufnahme von Kohlblättern, welche mit Blattläusen
- besetzt waren, Kolik, Tympanitis und Konvulsionen; bei der Sektion
- wurde das Vorhandensein einer hämorrhagischen Gastroenteritis
- konstatiert. Auch die +Wanzen+ (Acanthia) enthalten einen ähnlichen
- scharfen Stoff.
-
-
- =Spinnen.= Die Spinnen und Skorpionen produzieren ähnliche Gifte, wie
- die Giftschlangen (+Hämolysine+, +Hämorrhagine+, +Neurotoxine+). Nach
- +Kobert+ (Beitr. z. Kenntnis der Giftspinnen, Stuttgart 1901) wirken
- die echten Spinnen giftig teils durch das lokal reizende Sekret ihrer
- Giftdrüse, teils durch ein im Spinnenkörper überall enthaltenes,
- allgemein wirkendes Toxalbumin. Durch letzteres sollen in Russland
- auch bei Haustieren Vergiftungen bedingt werden; sehr gefährlich
- wirken die Malmignatte und Karakurte. Die Erscheinungen der häufig
- tödlich verlaufenden Vergiftung bei Pferden, Kamelen und Schafen
- sollen hauptsächlich in Kollaps, monatelang andauernden Lähmungen der
- Extremitäten und hochgradigen Schmerzen bestehen. Von europäischen
- Spinnen kommen Chiracanthium nutrix und Lathrodektes guttatus in
- Betracht. Alle Kreuzspinnen scheinen giftig zu sein.
-
-
- =Käfer.= Von Käfern (Koleopteren) mit scharf reizenden Sekreten sind
- zu nennen Cetonia aurata (Goldkäfer, Rosenkäfer), Carabus auratus
- (goldiger Laufkäfer), die Coccinelliden, Chrysomela und Brachinus
- (Bombardierkäfer). Ueber kantharidinhaltige Käfer vergl. S. 371.
- Das aus Käferlarven (Diamphidia locusta) bereitete Pfeilgift der
- Buschmänner in Afrika enthält ein Hämolysin, das bei Hunden und
- Kaninchen tödliche Hämoglobinämie erzeugt. Von +Orthopteren+ sind
- zu nennen Blatta orientalis und germanica (Küchenschabe), welche
- seit alters in der Volksmedizin als reizendes Diuretikum angewandt
- wird (Antihydropin), Decticus verrucivorus (Warzenbüsser) und andere
- Heuschrecken.
-
-
- =Harnvergiftung.= In einzelnen Fällen werden namentlich bei
- Schafen rasch tödlich verlaufende Vergiftungen nach der Aufnahme
- von Menschenharn beobachtet. Die Erscheinungen der Vergiftung
- haben Aehnlichkeit mit der +Ptomainevergiftung+ und werden durch
- die normalen Bestandteile des Harns: +Novain+, +Reduktonovain+,
- +Methylguanidin+, +Vitiatin+, +Myngin+, +Gynesin+ u. a. erzeugt.
- So beobachtete ich bei einem 1jährigen Schaf, welches etwa ½ Liter
- frischen Menschenharn ausgetrunken hatte, den Tod innerhalb sechs
- Stunden unter den Erscheinungen einer +allgemeinen zerebralen+ und
- +spinalen Lähmung+ eintreten. +Hasse+ (Berl. Arch. 1886) sah 4 Schafe
- nach der Aufnahme von frischem Menschenharn unter den Erscheinungen
- der Tympanitis und allgemeinen Lähmung erkranken. +Göckel+ (Berl.
- Arch. 1887) konstatierte bei Pferden, welche mit Düngerjauche
- versetztes Brunnenwasser getrunken hatten, Mattigkeit, Schläfrigkeit,
- Taumeln, Schwanken, sowie leichte Schwellung der Lymphdrüsen. Diese
- Vergiftungen können sich nicht auf den Harnstoffgehalt des Harns
- beziehen, weil nach experimentellen Untersuchungen der Harnstoff
- nicht Lähmung, sondern tetanische Krämpfe erzeugt. Solche Krämpfe
- sind von +Riggio+ bei Versuchstieren durch Pferdeharn erzeugt worden
- (Tossicità dell’ Urina del Cavallo normale e pathologica; Neapel
- 1898).
-
-
- =Vergiftung durch Gallensäuren.= Die im Verlaufe des Ikterus gravis
- auftretenden schweren Allgemeinerscheinungen (Autointoxikation) haben
- zu einer experimentellen Prüfung der Giftigkeit der Galle geführt.
- Es hat sich hierbei gezeigt, dass die Giftigkeit derselben nicht auf
- ihrem Gehalt an Gallenfarbstoffen, sondern an Gallensäuren beruht.
- Stark giftig sind namentlich das +taurocholsaure+ und +glykocholsaure
- Natron+, ausserdem das chenocholsaure und hyocholsaure Natron,
- ferner die Zersetzungsprodukte Cholsäure und Choloidinsäure.
- Die Gallensäuren resp. die gallensauren Salze sind +Blutgifte+,
- +Muskelgifte+ und +Nervengifte+. +Sie lösen noch in einer Verdünnug
- von 1 : 1500 die roten Blutkörperchen auf (Methämoglobinämie).+
- Auch auf sonstiges Protoplasma, namentlich auf die weissen
- Blutkörperchen, Flimmerzellen der Schleimhäute und Leberzellen
- wirken sie zerstörend ein. Die Muskulatur des +Herzens+, die
- quergestreifte +Körpermuskulatur+, sowie die +nervösen Zentralorgane+
- werden unter Eiweissgerinnung und Auflösung der Zellen +gelähmt+
- (Herzverlangsamung, Schwäche und schwere zerebrale Benommenheit bei
- Ikterus gravis). Ausserdem soll eigentümlicherweise die Gallenbildung
- angeregt und dadurch die Produktion der giftigen Gallensäuren
- noch gesteigert werden. Die Gallensäuren werden als eigentliche
- Todesursache bei Ikterus gravis, akuter gelber Leberatrophie,
- Lupinose und zum Teil auch bei Phosphorvergiftung angesehen.
-
-
-
-
-Register.
-
-
- A.
-
- Abrin 303.
-
- Abyssinin 222.
-
- Acetylen 161.
-
- Acocantherin 222.
-
- Acidum carbolicum 146.
-
- Ackerrettig 292.
-
- Ackersaudistel 362.
-
- Ackersenf 292.
-
- Acolyctin 230.
-
- Aconitin 230.
-
- Aconitum Napellus 230.
-
- Acria 5.
-
- Acroleïn 292.
-
- Actaea spicata 361.
-
- Aculeatengift 378.
-
- Adlerfarn 315.
-
- Adonidin 221.
-
- Aeruginismus 100.
-
- Aerugo 100.
-
- Aether 179.
-
- Aethusa Cynapium 252.
-
- Aetiologie der Vergiftungen 8.
-
- Aetzalkalien 132.
-
- Aetzbaryt 127.
-
- Aetzende Säuren 135.
-
- Aetzkalk 132.
-
- Agaricin 357.
-
- Agaricus 357.
-
- Agrostemma Githago 203.
-
- Agrostemmasäure 203.
-
- Akonit 230.
-
- Alaun 112.
-
- Aldehyde 154.
-
- Alkaloidnachweis 31.
-
- Alkohol 165.
-
- Allantiasis 355.
-
- Aloë 296.
-
- Alpenrose 276.
-
- Alpenveilchen 204.
-
- Amanita Muscaria 357.
-
- Ameisensäure 138.
-
- Ammoniak 132.
-
- Ammoniaksuperphosphat 127.
-
- Ammoniämie 9.
-
- Amygdalin 253.
-
- Amylnitrit 123.
-
- Anacardium 360.
-
- Andromeda polyfolia 363.
-
- Andromedotoxin 363.
-
- Anemonin 243.
-
- Anemonenkampfer 242.
-
- Anemonol 242.
-
- Angewöhnung 18.
-
- Anilin 10. 124.
-
- Antagonisten 49.
-
- Antiarin 6. 221.
-
- Antidote 46.
-
- Antidotum Arsenici 69.
-
- Antifebrin 179.
-
- Antipyrin 180.
-
- Antimonvergiftung 108.
-
- Antirizin 300.
-
- Antirrhinum majus 286.
-
- Antivenenin 375.
-
- Aphis 381.
-
- Apocynin 221.
-
- Apomorphin 193.
-
- Arabis tartarica 292.
-
- Arekolin 271.
-
- Arekanuss 271.
-
- Argyriasis 113.
-
- Argyrosis 114.
-
- Aristolochia Clematidis 360.
-
- Armoracia 292.
-
- Aroïn 280.
-
- Aron 280.
-
- Aronin 280.
-
- Arum maculatum 280.
-
- Arsenik 64.
-
- Arsenspiegel 64.
-
- Arsenwasserstoff 65.
-
- Arzneigifte 9.
-
- Asaron 363.
-
- Asarumkampfer 363.
-
- Asclepias vincetoxicum 281.
-
- Asklepiadin 281.
-
- Aspergillus 335.
-
- Assamin 204.
-
- Astragalus mollissimus 211.
-
- Atractylis 364.
-
- Atmungsgifte 40.
-
- Atropa Belladonna 232.
-
- Atropin 232.
-
- Auripigment 64.
-
- Autointoxikation 7.
-
- Azalea pontica 363.
-
- Azetylen 161.
-
-
- B.
-
- Bärenklau 365.
-
- Baryt 127.
-
- Baryumvergiftung 127.
-
- Baumwollsaatkuchen 326.
-
- Bazillol 153.
-
- Behandlung der Vergiftungen 46.
-
- Belladonna 232.
-
- Benzol 156.
-
- Berberin 365.
-
- Berberis vulgaris 365.
-
- Berberitze 365.
-
- Beryllium 116.
-
- Beulenbrand 340.
-
- Bienenstiche 378.
-
- Bilsenkraut 237.
-
- Bingelkraut 244.
-
- Bismutosis 115.
-
- Bitterkleesalz 139.
-
- Bittermandeln 253.
-
- Bittermandelöl 254.
-
- Bittersalz 224.
-
- Bittersüss 258.
-
- Blattläuse 381.
-
- Blausäure 253.
-
- Bleivergiftung 77.
-
- Bleiessig 78.
-
- Bleifarben 78.
-
- Bleiglanz 77.
-
- Bleiglätte 77.
-
- Bleiweiss 78.
-
- Bleiwurz 364.
-
- Bleizucker 78.
-
- Blutgifte 35.
-
- Bohnenbaum 222.
-
- Boletus 357.
-
- Borax 115.
-
- Borsäure 115.
-
- Botulismus 355.
-
- Brandpilze 340.
-
- Branntwein 166.
-
- Brassica 291.
-
- Brechnuss 157.
-
- Brechweinstein 107.
-
- Brennessel 366.
-
- Brillenschlange 258.
-
- Brom 145.
-
- Bromexanthem 145.
-
- Bromismus 145.
-
- Brunnenkresse 292.
-
- Bryonia 361.
-
- Bucheckern-Oelkuchen 272.
-
- Bucheln 272.
-
- Buchsbaum 214.
-
- Buchweizen 323.
-
- Bufo 377.
-
- Buxin 214.
-
- Buxus sempervirens 214.
-
-
- C.
-
- Cactin 222.
-
- Calla palustris 280.
-
- Calomel 89.
-
- Caltha palustris 360.
-
- Cannabis 365.
-
- Cardamine pratensis 366.
-
- Centaurea Cyanus 366.
-
- Cephalotaxus 212.
-
- Cerberin 222.
-
- Cerium 116.
-
- Cerussa 78.
-
- Cevadin 226.
-
- Chaerophyllin 283.
-
- Chaerophyllum temulum 283.
-
- Chelerythrin 279.
-
- Chelidonin 279.
-
- Chenopodium 363.
-
- Chilisalpeter 120.
-
- Chinosol 156.
-
- Chloralhydrat 187.
-
- Chlorbaryum 127.
-
- Chlorkalk 145.
-
- Chloroform 171.
-
- Chlorsaures Kali 130.
-
- Chlorvergiftung 145.
-
- Chlorzink 105.
-
- Christophskraut 361.
-
- Chromsäure 114.
-
- Chromsaures Kali 114.
-
- Chromvergiftung 114.
-
- Chrysarobin 154.
-
- Cicer arietinum 209.
-
- Cicuta virosa 251.
-
- Cicutoxin 251.
-
- Cimifugin 361.
-
- Clematis 364.
-
- Cobrasgift 374.
-
- Cochlearia armoracea 292.
-
- Colchicin 182.
-
- Colchicumvergiftung 182.
-
- Columbaczer Mücke 380.
-
- Conium maculatum 248.
-
- Convallamarin 221.
-
- Convallaria majalis 221.
-
- Convolvulin 286.
-
- Coptin 222.
-
- Corchorus 364.
-
- Coronillin 222.
-
- Cuprum aceticum 100.
-
- -- oxydatum 100.
-
- -- sulfuricum 100.
-
- Cuscuta europaea 286.
-
- -- Trifolium 363.
-
- Cyclamen europaeum 204.
-
- Cyklamin 204.
-
- Cynoglossum 365.
-
- Cytisus Laburnum 222.
-
-
- D.
-
- Daphne Laureola 275.
-
- Daphne Mezereum 275.
-
- Darmgifte 42.
-
- Datura Stramonium 238.
-
- Delphinin 282.
-
- Delphinium Staphisagria 282.
-
- Diagnose der Gifte 25.
-
- Digitalisvergiftung 215.
-
- Digitoxin 215.
-
- Dinitrokresol 123.
-
- Ditaïn 222.
-
- Dragendorffs Methode 199.
-
- Drosera 364.
-
- Dulcamarin 258.
-
- Dynamische Gegengifte 49.
-
- Dynamit 124.
-
-
- E.
-
- Echinum vulgare 365.
-
- Eibenbaum 212.
-
- Eicheln 308.
-
- Eierschwamm 357.
-
- Einbeere 363.
-
- Eisenhut 230.
-
- Eisenvergiftung 112.
-
- Elefantenläuse 360.
-
- Emodin 296.
-
- Eosin 181.
-
- Ephedrin 238.
-
- Epichloe typhina 347.
-
- Equisetum 320.
-
- Erdöl 156.
-
- Ergotinsäure 330.
-
- Ergotismus 329.
-
- Erysimum 292.
-
- Eselsdistel 365.
-
- Eserin 267.
-
- Essigsäure 137.
-
- Euphorbia 247.
-
- Euphorbinsäure 247.
-
- Evonymin 222.
-
- Evonymus europaeus 363.
-
- Extractum Filicis 309.
-
-
- F.
-
- Fagin 272.
-
- Fagopyrismus 323.
-
- Ferricyankalium 254.
-
- Ferrocyankalium 254.
-
- Ferula communis 362.
-
- Festuca Hieronymi 367.
-
- Filixsäure 309.
-
- Filixextrakt 309.
-
- Filmaron 309.
-
- Fingerhutvergiftung 215.
-
- Fischvergiftung 355.
-
- Flachs 265.
-
- Flachsseide 286.
-
- Fleckschierling 248.
-
- Fleischvergiftung 351.
-
- Fliegenpilz 357.
-
- Fliegenstein 64.
-
- Flugbrand 340.
-
- Fluornatrium 146.
-
- Fluorwasserstoffsäure 146.
-
- Fungus Laricis 357.
-
- Futter, verdorbenes 348.
-
-
- G.
-
- Gänsefuss 363.
-
- Gänsekresse 292.
-
- Gänsesterbe 292.
-
- Galega officinalis 362.
-
- Gallensäuren 382.
-
- Galmei 105.
-
- Gartenmohn 186.
-
- Gartenraute 364.
-
- Gartenschierling 252.
-
- Gas 161.
-
- Gaswasser 155.
-
- Gegengifte 46.
-
- Generatorgas 161.
-
- Geissranke 362.
-
- Gelseminin 364.
-
- Gelsemium 364.
-
- Gerbsäure 308.
-
- Germer 226.
-
- Gichtrose 365.
-
- Gichtrübe 361.
-
- Gift, Begriff 3.
-
- Giftfarben 10.
-
- Giftgesetze 4.
-
- Giftige Fische 377.
-
- Giftlattich 361.
-
- Giftschlangen 374.
-
- Giftschwämme 357.
-
- Giftsumach 359.
-
- Giftwüterich 251.
-
- Githagin 203.
-
- Glanzkobalt 64.
-
- Glaubersalz 124.
-
- Gloriosin 222.
-
- Glykosurie 41.
-
- Goldglätte 78.
-
- Goldregen 222.
-
- Gottesgnadenkraut 361.
-
- Grana Tiglii 303.
-
- Gratiola officinalis 361.
-
- Gratiolin 361.
-
- Graue Salbe 88.
-
- Grüne Nieswurz 223.
-
- Grünspan 100.
-
-
- H.
-
- Hämoglobin 36.
-
- Hämolyse 35.
-
- Hahnenfuss 242.
-
- Hanf 365.
-
- Harnvergiftung 382.
-
- Hartriegel 365.
-
- Haselwurz 363.
-
- Hederich 292.
-
- Helleboreïn 224.
-
- Helleborin 224.
-
- Helleborus 223.
-
- Helvella esculenta 357.
-
- Helvellasäure 357.
-
- Heracleum 365.
-
- Herbstzeitlose 182.
-
- Heringslakenvergiftung 355.
-
- Herzgifte 38.
-
- Höllenstein 113.
-
- Holzessig 151.
-
- Hopfendolden 366.
-
- Hornisse 378.
-
- Hundszunge 365.
-
- Hüttenrauch 64.
-
- Hydrargyrum 88.
-
- Hydrazine 154.
-
- Hydrocotyle vulgaris 362.
-
- Hydroxylamin 154.
-
- Hyoscin 237.
-
- Hyoscyamin 232.
-
- Hyoscyamus niger 237.
-
- Hypericin 362.
-
- Hypericum perforatum 362.
-
- Hyperleukozytose 37.
-
-
- I.
-
- Ictrogen 317.
-
- Idiosynkrasie 17.
-
- Iktrogen 317.
-
- Intestinaltoxikose 7.
-
-
- J.
-
- Jaborandiblätter 269.
-
- Jakobskraut 366.
-
- Jasmin 364.
-
- Jequirity 303.
-
- Jervin 226.
-
- Jod 144.
-
- Jodcyan 145.
-
- Jodismus 143.
-
- Jodkalium 144.
-
- Jodoform 142.
-
- Johanniskraut 362.
-
- Juniperus communis 288.
-
- -- Sabina 288.
-
-
- K.
-
- Kadaverin 351.
-
- Kadmium 116.
-
- Käfer, giftige 371.
-
- Kaïnit 125.
-
- Kalabarbohne 267.
-
- Kalium carbonicum 135.
-
- Kalium permanganicum 116.
-
- Kali chloricum 130.
-
- Kalilauge 132.
-
- Kalisalpeter 122.
-
- Kalomel 89.
-
- Kampfer 289.
-
- Kannabis 365.
-
- Kantharellus 357.
-
- Kanthariden 371.
-
- Karbolsäure 146.
-
- Kardol 359.
-
- Kartoffelkeime 258.
-
- Kartoffelkraut 258.
-
- Kerbel 283.
-
- Kernpilze 347.
-
- Kichererbsen 209.
-
- Kirschkerne 253.
-
- Kirschlorbeer 253.
-
- Klatschrose 186.
-
- Kleekrankheit 347.
-
- Kleesäure 139.
-
- Kleesalz 139.
-
- Kleeseide 363.
-
- Knoblauch 295. 365.
-
- Knöterich 360.
-
- Kobalt 116.
-
- Kochsalz 116.
-
- Königsblau 10.
-
- Koffein 291.
-
- Kohlendunst 159.
-
- Kohlenoxyd 159.
-
- Kokain 239.
-
- Kolbenrohr 363.
-
- Kolchikum 182.
-
- Kolumbaczer Mücke 380.
-
- Koniin 248.
-
- Kornblume 366.
-
- Kornrade 203.
-
- Kornutin 329.
-
- Koronillin 222.
-
- Krähenaugen 197.
-
- Kreolin 152.
-
- Kreosot 151.
-
- Kresol 154.
-
- Kresolschwefelsäure 154.
-
- Kreuzdornbeeren 307.
-
- Kreuzotter 374.
-
- Kriebelmücken 377.
-
- Krötengift 377.
-
- Krotin 303.
-
- Krotonöl 303.
-
- Krotonolsäure 303.
-
- Kruziferen 291.
-
- Küchenschelle 243.
-
- Kumarin 283.
-
- Kupfervergiftung 100.
-
- Kupferfarben 100.
-
- Kupfervitriol 100.
-
- Kuprismus 101.
-
- Kürbis 365.
-
-
- L.
-
- Lactucarium 361.
-
- Lactuca virosa 361.
-
- Lactucin 361.
-
- Lärchenschwamm 357.
-
- Läusekörner 282.
-
- Läusekraut 362.
-
- Lakenvergiftung 355.
-
- Landschierling 248.
-
- Lathyrismus 209.
-
- Lathyrus cicer 209.
-
- Lathyrus sativus 209.
-
- Laurocerasin 253.
-
- Laurocerasus 253.
-
- Lebensbaum 364.
-
- Lebergifte 43.
-
- Ledum palustre 361.
-
- Lein 265.
-
- Leuchtgas 161.
-
- Leucojum aestivum 365.
-
- Leukozytengifte 36.
-
- Ligustrum 365.
-
- Linamarin 265.
-
- Linin 265.
-
- Linum catharticum 265.
-
- -- usitatissimum 265.
-
- Lithargyrum 78.
-
- Locokrankheit 211.
-
- Loliin 263.
-
- Lolium temulentum 263.
-
- Lupinose 316.
-
- Lupinotoxin 317.
-
- Luzerne 209.
-
- Lycaconitin 230.
-
- Lysol 153.
-
-
- M.
-
- Macrotin 361.
-
- Madia sativa 362.
-
- Magengifte 42.
-
- Maiblume 221.
-
- Maidismus 325.
-
- Maisbrand 340.
-
- Maisvergiftung 325.
-
- Mangan 116.
-
- Marsh’scher Apparat 72.
-
- Mauerpfeffer 364.
-
- Mehltau 367.
-
- Meerrettig 292.
-
- Meerzwiebel 219.
-
- Melampyrum 325.
-
- Melanthin 204.
-
- Melassevergiftung 367.
-
- Melilotus officinalis 283.
-
- Mennige 78.
-
- Mentha Polegium 364.
-
- Mercurialin 245.
-
- Mercurialis 244.
-
- Mercurialismus 88.
-
- Merk 361.
-
- Metallvergiftungen 112.
-
- Methämoglobin 36.
-
- Methan 161.
-
- Mezereïn 276.
-
- Mezereïnsäure 276.
-
- Mezereum 276.
-
- Miesmuschel 378.
-
- Milchsäure 138.
-
- Mineralgrün 66.
-
- Minium 78.
-
- Misspickel 64.
-
- Mitisgrün 66.
-
- Modifikation der Giftwirkung 12.
-
- Mohn, wilder 186.
-
- Molybdän 116.
-
- Morchel 357.
-
- Morphium 189.
-
- Muavin 222.
-
- Mucor 335.
-
- Mückenstiche 380.
-
- Muscarin 357.
-
- Mutterkorn 329.
-
- Mycetismus 357.
-
- Myoctonin 230.
-
- Mytilotoxin 378.
-
-
- N.
-
- Nabelkraut 352.
-
- Nachtschatten 258.
-
- Nachweis der Gifte 28.
-
- Naphthalin 158.
-
- Naphthol 158.
-
- Narcissus 275.
-
- Narcitin 275.
-
- Narkose 38.
-
- Nasturtium 292.
-
- Natrium bicarbonicum 135.
-
- Natrium chloratum 116.
-
- Natriumnitrit 120.
-
- Natrium sulfuricum 124.
-
- Natronsalpeter 120.
-
- Natternkopf 365.
-
- Nereïn 219.
-
- Neriodorin 219.
-
- Nerium Oleander 219.
-
- Nervengifte 37.
-
- Nickel 116.
-
- Nierengifte 41.
-
- Nieswurz 223.
-
- Nigella sativa 365.
-
- Nikotin 193.
-
- Nitrobenzol 123.
-
- Nitroglycerin 124.
-
- Nitroverbindungen 123.
-
- Nosotoxikose 7.
-
-
- O.
-
- Oenanthe crocata 278.
-
- -- fistulosa 278.
-
- Oenanthin 288.
-
- Oïdium 335.
-
- Oleander 219.
-
- Oleandrin 219.
-
- Oleum animale 156.
-
- Oleum Crotonis 303.
-
- Oleum infernale 306.
-
- Onopordon acanthium 365.
-
- Operment 64.
-
- Opium 189.
-
- Orant 286.
-
- Osmium 116.
-
- Osterluzei 360.
-
- Ouabain 222.
-
- Oxalis acetosella 274.
-
- Oxalsäure 139.
-
- Oxalurie 142.
-
- Oxamid 140.
-
-
- P.
-
- Paeonia officinalis 365.
-
- Papaver Rhoeas 186.
-
- -- somniferum 191.
-
- Paraldebyd 154. 178.
-
- Paridin 363.
-
- Parillin 204. 363.
-
- Paris quadrifolia 363.
-
- Paternostererbse 209.
-
- Pedicularis Palustris 362.
-
- Pellagra 325.
-
- Pellagroceïn 326.
-
- Penicillium 335.
-
- Peronospora 367.
-
- Petroleum 156.
-
- Pfaffenhütlein 363.
-
- Pfeffer 295.
-
- Pfingstrose 365.
-
- Pfirsichblätter 258.
-
- Pflanzengifte 182.
-
- Pflaumenkerne 253.
-
- Phallin 357.
-
- Phaseolus 258.
-
- Phosphorismus 57.
-
- Phosphorsäure 135.
-
- Phosphorsaurer Kalk 127. 146.
-
- Phosphorsaures Kali 55.
-
- Phosphorvergiftung 55.
-
- Phosphorwasserstoff 56.
-
- Phragmites communis 340.
-
- Phrynin 377.
-
- Physiologischer Giftnachweis 34.
-
- Physostigmin 267.
-
- Phytalbumosen 353.
-
- Phytolacca Decandra 367.
-
- Pikrinsäure 124.
-
- Pilokarpin 269.
-
- Piperin 296.
-
- Pirola 363.
-
- Platin 116.
-
- Platterbse 209.
-
- Plumbago 364.
-
- Poa aquatica 340.
-
- Podophyllin 308.
-
- Poley 364.
-
- Polydesmus exitiosus 347.
-
- Polygalasäure 204.
-
- Polygonum 323. 360.
-
- Polythrincium Trifolii 347.
-
- Populus 365.
-
- Präcipitat, roter 89.
-
- -- weisser 89.
-
- Produktionstoxikose 7.
-
- Prognose der Gifte 44.
-
- Prosopis juliflora 365.
-
- Prunus 253.
-
- Pteris aquilina 315.
-
- Pteritannsäure 315.
-
- Ptomaïne 351.
-
- Puccinia 344.
-
- Pulsatilla 243.
-
- Pulsatillenkampfer 242.
-
- Pupillengifte 44.
-
- Purgirflachs 265.
-
- Purgirnussbaum 306.
-
- Putrescin 361.
-
- Pyrogallol 154.
-
- Pyrogallussäure 154.
-
-
- Q.
-
- Quecksilbervergiftung 88.
-
- Quillajasäure 204.
-
-
- R.
-
- Rade 203.
-
- Rainfarnkraut 316.
-
- Ranunculol 242.
-
- Ranunkeln 242.
-
- Raphanum raphanistrum 292.
-
- Rapskuchen 292.
-
- Rapsverderber 347.
-
- Ratin 11.
-
- Rattengifte 11.
-
- Raupen 380.
-
- Rauschgold 64.
-
- Reagentien 31.
-
- Realgar 64.
-
- Rebendolde 278.
-
- Repskuchen 292.
-
- Resorption 20.
-
- Retentionstoxikose 7.
-
- Rhamnocathartin 306.
-
- Rhinanthin 325.
-
- Rhododendron 276.
-
- Rhoeadin 187.
-
- Rhus Toxicodendron 359.
-
- Ricin 298.
-
- Ricinuskuchen 298.
-
- Robinia Pseudoacacia 306.
-
- Robinin 306.
-
- Roburit 124.
-
- Rosenlorbeer 219.
-
- Rosmarinhaide 363.
-
- Rostpilze 343.
-
- Roter Präzipitat 88.
-
- Rüben 366.
-
- Rübsen 292.
-
- Ruraex acetosa 273.
-
- -- acetosella 274.
-
- Russ 156.
-
- Russbrand 340.
-
- Russula emetica 357.
-
- Ruta graveolens 364.
-
-
- S.
-
- Saatmadie 362.
-
- Saatmohn 186.
-
- Sabadillsamen 226.
-
- Sabina 288.
-
- Sabinol 288.
-
- Sadebaum 288.
-
- Sal Acetosellae 139. 274.
-
- Salamandergift 377.
-
- Salizylsäure 154.
-
- Salmiak 134.
-
- Salmiakgeist 132.
-
- Salol 155.
-
- Salpetersäure 135.
-
- Salpetervergiftung 120.
-
- Salpetrige Säure 120. 165.
-
- Salzsäure 135.
-
- Salzvergiftung 116.
-
- Samandrin 377.
-
- Santonin 312.
-
- Saponin 203.
-
- Sapotoxin 203.
-
- Saprin 351.
-
- Satanspilz 357.
-
- Saturnismus 77.
-
- Sauerampfer 273.
-
- Sauerklee 274.
-
- Sauerkleesalz 139. 274.
-
- Säurevergiftung 136.
-
- Schachtelhalm 320.
-
- Scheel’sches Grün 66.
-
- Scherbenkobalt 64.
-
- Schierling 248.
-
- Schilfgras 340.
-
- Schimmelpilze 335.
-
- Schlangenbisse 374.
-
- Schmierbrand 340.
-
- Schmierseife 135.
-
- Schneeball 364.
-
- Schöllkraut 279.
-
- Schotendotter 292.
-
- Schwalbenwurz 281.
-
- Schwarze Nieswurz 224.
-
- Schwefel 163.
-
- Schwefelkohlenstoff 165.
-
- Schwefelleber 164.
-
- Schwefelsäure 135.
-
- Schwefelwasserstoff 162.
-
- Schweflige Säure 164.
-
- Schweinfurtergrün 66.
-
- Schwindelhafer 263.
-
- Scilla 219.
-
- Scillitoxin 219.
-
- Scopolamin 237.
-
- Scrophularia aquatica 362.
-
- Secale cornutum 329.
-
- Sedum acre 364.
-
- Seidelbast 275.
-
- Seife 135.
-
- Selinum palustre 363.
-
- Semina Cataputiae minoris 306.
-
- Semina Ricini majoris 306.
-
- Senecio Jacobäus 366.
-
- Senegin 204.
-
- Senföl 291.
-
- Senfsamen 291.
-
- Sepsin 351.
-
- Sesamkuchen 328.
-
- Sevenbaum 288.
-
- Silberglätte 77.
-
- Silbervergiftung 113.
-
- Silicium 116.
-
- Simulia ornata 380.
-
- Sinalbin 292.
-
- Sinapis arvensis 292.
-
- -- nigra 291.
-
- Sinigrin 292.
-
- Sium latifolium 351.
-
- Smaragdgrün 66.
-
- Solanidin 258.
-
- Solanin 258.
-
- Solanum Dulcamara 258.
-
- -- nigrum 258.
-
- -- tuberosum 258.
-
- Sommerlevkoje 365.
-
- Souchus arvensis 362.
-
- Sonnentau 364.
-
- Sophora 364.
-
- Spanische Fliegen 371.
-
- Speichelgifte 43.
-
- Speisskobalt 64.
-
- Speiteufel 357.
-
- Sphacelinsäure 330.
-
- Sphacelotoxin 330.
-
- Spinnengift 381.
-
- Spiritus 166.
-
- Staphisagrin 282.
-
- Stas-Otto’sches Verfahren 33.
-
- Staubbrand 340.
-
- Stechapfel 238.
-
- Stechginster 222.
-
- Steckenkraut 362.
-
- Steinbrand 350.
-
- Steinklee 283.
-
- Steinsalz 116.
-
- Stephanskörner 282.
-
- Stinkbrand 340.
-
- Stinkende Nieswurz 224.
-
- Stinkendes Tieröl 156.
-
- Stoffwechselgifte 43.
-
- Stramonium 238.
-
- Strophanthin 221.
-
- Strychnin 197.
-
- Sturmhut 230.
-
- Sublimat 88.
-
- Sulfite 165.
-
- Sulfonal 179.
-
- Sumpfdotterblume 360.
-
- Sumpfporst 361.
-
- Sumpfsilge 363.
-
- Superphosphat 127.
-
-
- T.
-
- Tabak 193.
-
- Tamus communis 365.
-
- Tanacetum 316.
-
- Tanghinin 222.
-
- Tartarus stibiatus 107.
-
- Taumelhafer 263.
-
- Taumelkerbel 283.
-
- Taumelkrankheit 320.
-
- Taumellolch 263.
-
- Taxin 212.
-
- Taxus baccata 212.
-
- Tembladera 367.
-
- Templetonia 364.
-
- Temulin 263.
-
- Terpentinöl 287.
-
- Teufelsöl 306.
-
- Thallium 116.
-
- Thomasmehl 127.
-
- Teer 150.
-
- Thevetin 221.
-
- Tierische Gifte 371.
-
- Tieröl 156.
-
- Thuja 364.
-
- Tiglium 303.
-
- Tilletia caries 340.
-
- Tithymalus 247.
-
- Tollkirsche 232.
-
- Toxalbumine 353.
-
- Toxicodendronsäure 359.
-
- Toxikose 7.
-
- Toxine 351.
-
- Toxopeptone 351.
-
- Traubenkirschbaum 253.
-
- Trimethylamin 355.
-
- Tulipin 222.
-
- Typha latifolia 363.
-
-
- U.
-
- Uebermangansaures Kali 116.
-
- Ulexin 222.
-
- Untersalpetersäure 165.
-
- Urämie 7.
-
- Uran 116.
-
- Uredineen 343.
-
- Uromyces 344.
-
- Urtica dioica 366.
-
- Ustilago Carbo 340.
-
- -- echinata 340.
-
- -- longissima 340.
-
- -- Maïdis 340.
-
- Uterusgifte 43.
-
-
- V.
-
- Vanadium 116.
-
- Vellarin 362.
-
- Veratrin 226.
-
- Veratrum album 226.
-
- Verdorbenes Futter 348.
-
- Vergiften, kunstgemässes 11.
-
- Vernonin 222.
-
- Viburnum 364.
-
- Vicia villosa 319.
-
- Viehsalz 116.
-
- Vincin 222.
-
- Vipera Berus 374.
-
- -- Redii 374.
-
- Viperin 374.
-
-
- W.
-
- Wacholder 288.
-
- Wachtelweizen 325.
-
- Waldrebe 364.
-
- Wanzen 381.
-
- Wasserschierling 251.
-
- Wasserwurzel 362.
-
- Wegsenf 292.
-
- Weingeist 165.
-
- Weinsäure 138.
-
- Weisse Nieswurz 226.
-
- Wicken 319.
-
- Wienergrün 66.
-
- Wiesenschaumkraut 366.
-
- Wilder Mohn 186.
-
- Wintergrün 363.
-
- Wismutvergiftung 115.
-
- Wolfsmilch 247.
-
- Wolfram 116.
-
- Wurmfarn 309.
-
- Wurmsamen 312.
-
- Wurstvergiftung 355.
-
-
- Z.
-
- Zaunrübe 365.
-
- Zeitlose 182.
-
- Zerberin 222.
-
- Zinkblende 105.
-
- Zinkvergiftung 105.
-
- Zinkoxyd 105.
-
- Zinkvitriol 105.
-
- Zinkweiss 105.
-
- Zinnvergiftung 116.
-
- Zottelwicke 319.
-
- Zuckersäure 139.
-
- Zwetschgenkerne 253.
-
- Zwiebel 295.
-
- Zyankalium 254.
-
- Zyanwasserstoff 253.
-
- Zyclamin 204.
-
- Zynapium 252.
-
- Zynoglossum 365.
-
- Zytisin 222.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEHRBUCH DER TOXIKOLOGIE FÜR
-TIERÄRZTE ***
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