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-The Project Gutenberg eBook of Schiller in Rudolstadt, by Berthold
-Rein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Schiller in Rudolstadt
-
-Author: Berthold Rein
-
-Illustrator: Willi Geißler
-
-Release Date: October 1, 2022 [eBook #69083]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLER IN RUDOLSTADT ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Thüringer Heimatbücher
-
- Veröffentlichungen des Thüringer Heimatbundes
-
- Band 2
-
- Berthold Rein
-
- Schiller in Rudolstadt
-
- [Illustration]
-
- 1 · 9 · 2 · 5
-
- Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)
-
-
-
-
- Berthold Rein
-
- Schiller in Rudolstadt
-
- [Illustration]
-
- 1 · 9 · 2 · 5
-
- Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)
-
-
-
-
-Ausstattung von Willi Geißler
-
-
-»Die Stätte, die ein guter Mensch betrat!«
-
-
-Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Greifenverlag Rudolstadt 1925.
-Gedruckt von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt, in der Ehmcke-Fraktur.
-Buchbinderarbeit ebenfalls von dort.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Titel 1
-
- Vorwort 5
-
- Der 6. Dezember 1787 7
-
- Im Sommer 1788 17
-
- Der 7. September 1788 33
-
- Die Stadtkirche und die Glockengießerei 37
-
- Charlottes Jugendheim 42
-
- Der Herbst 1789 50
-
- Das Frühjahr 1791 61
-
- Schillers Familie in Rudolstadt 67
-
- Rundgang an den Schillerstätten vorüber 73
-
-
-Bilder:
-
- Schillershöhe 5
-
- Charlotte von Lengefeld 13
-
- Schillerstraße 25: Wohnung des Ehepaares von Beulwitz 32
-
- Das Gartenhaus an der Allee: Wohnung der Frau von Lengefeld 33
-
- Die Schillerglocke 48
-
- Charlottes Jugendheim 49
-
- Das Schillerhaus in Volkstedt 68
-
- An der Saale zwischen Volkstedt und Rudolstadt 69
-
- Karoline Junot, geborene von Schiller 76
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Unter den Orten, die für Schillers Leben bedeutsam waren, nimmt
-Rudolstadt eine besondere Stellung ein. Hat doch hier sein Dichten und
-Trachten eine Richtung eingeschlagen, die für seine ganze Lebensbahn
-entscheidend werden sollte. Der Fürstenhof und seine Umgebung war
-empfänglich gestimmt für seine Gedankenwelt. Aus dem geistigen Geben
-und Nehmen entstand dem bis dahin ruhelosen Flüchtling die Aussicht
-auf eine bleibende Stätte. Charlotte von Lengefeld, das Kind der
-Rudolstädter Heimat, fühlte sich dem Schwaben und seiner Eigenart nahe.
-Der Lengefeldsche Familienkreis vermittelte ihm die Begegnung mit
-Goethe, die bald darauf zu dem geistigen Austausch führte, an dem beide
-gleiche Freude empfanden. In die Landschaft um Rudolstadt rettete sich
-Schiller, anfangs in Wirklichkeit, später in Gedanken, wenn ihm »des
-Zimmers Gefängnis« zu enge wurde.
-
-[Illustration: Schillershöhe]
-
-Die Schillerliteratur erwähnt oft die Häuser, wo er in Rudolstadt
-verkehrte, unterscheidet sie jedoch nicht immer deutlich. Dichtung
-und Wahrheit fließen dann durcheinander. Schriftliche Berichte von
-glaubhaften Augenzeugen sind vorhanden, liegen aber zerstreut in
-Lebensbeschreibungen und Briefsammlungen. Mündliche Überlieferung
-braucht daneben nicht wertlos zu erscheinen, ist doch in jeder Sage
-leicht ein geschichtlicher Kern zu erkennen.
-
-Die älteren Rudolstädter Gelegenheitsschriften und Aufsätze führen
-ein verborgenes Dasein in Bibliotheken und werden nur noch selten
-aufgeschlagen. Die anerkannten Quellenwerke von Urlichs, Hase, Karoline
-von Wolzogen, Fielitz und Karl Schmidt habe ich benutzt. Schriftliche
-und mündliche Nachrichten übermittelten mir Augustin Regensburger und
-Emilie Schreck aus ihrem Verkehr mit Karoline von Schiller. Archiv und
-Schloßmuseum boten manche Ergänzung. Mit besonderem Dank führe ich die
-Rudolstädter Häuserchronik von Hugo Trinckler an, sie ist die Frucht
-jahrzehntelanger liebevollster Heimatforschung, die hoffentlich bald im
-Druck erscheinen kann.
-
-Das Haus Schillerstraße 25 ist mir in seinen Räumen vertraut, da ich
-sieben Jahre dort gewohnt habe. Liebevolle Ehrfurcht seiner Besitzer
-hat das ganze Anwesen vor entstellender Neuerung bewahrt.
-
-Auch für räumliche Erinnerungen einer Heimatstadt gilt das Wort: »Was
-du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!«
-
-Wenn der Lenz beginnt, ziehen sehlustige Wanderer gern bei uns durch
-Flur und Stadt. Gehen sie auf Schillers Pfaden, dann möchte ihnen
-ebenfalls mein Büchlein als Führer dienen.
-
- Rudolstadt, Ostern 1925.
- Dr. Berthold Rein.
-
-
-
-
-Der 6. Dezember 1787
-
-
-Als Schiller im Jahre 1787 nach Rudolstadt kam, war er für die
-allgemeine Menschheit noch ein Unbekannter. Wer in den Schriftwerken
-der letzten Jahre bewandert war, kannte seine Jugenddramen, die einen
-ganz überraschenden Ton auf der Bühne angeschlagen hatten. Wer tiefer
-blickte, beobachtete den gesellschaftlichen Hintergrund, von dem sich
-die Räuber und Kabale und Liebe abhoben. Dem einen stand dann der
-stürmisch begeisterte Schwabe in leuchtendem Glanze als Verkünder
-einer neuen Zeit da, dem andern in verdächtigem Dunkel als Vertreter
-von Empörung und Umsturz. Die Inschrift auf der zweiten Auflage der
-Räuber: »~In tyrannos~«, gegen die Unterdrücker, erhielt sich eben im
-Gedächtnis.
-
-Alle die Kreise, denen er persönlich nahegetreten war, wußten zu
-erzählen, wie zurückhaltend, ja zaghaft er ihnen anfangs erschienen
-war, bis sich schließlich der Zauber seines liebenswürdigen, fesselnden
-und hingebenden Gemüts aufgetan hatte. Zu diesen Bekannten gehörten
-die Wolzogens von Stuttgart und Bauerbach her und in gewissem Sinne
-die Damen von Lengefeld in Rudolstadt, denn sie waren ihm, wenn auch
-nur flüchtig, auf der Rückreise aus der Schweiz in Mannheim bereits
-begegnet.
-
-Schiller hatte seit seiner Flucht aus Stuttgart wiederholt verzweifelt
-gerungen, um festen Boden unter die Füße zu bekommen, war aber trotz
-aller Hoffnung, die er nun zuletzt auf den Herzog Karl August in Weimar
-gesetzt hatte, immer noch heimatlos. Jugendlich unbefangen und harmlos
-im Vertrauen war er Töchtern angesehener Familien nahegetreten, dennoch
-indes nicht zu einem Bund für das Leben gelangt.
-
-Sein Studiengenosse aus der Karlsschule, Wilhelm von Wolzogen, hatte
-einen Besuch in Meiningen abzustatten. Für Schiller war die Werrastadt
-bedeutsam als neue Heimat seiner Schwester Christophine. Eine Reise
-hoch zu Roß lockte den leidenschaftlichen Liebhaber der Reitkunst, also
-folgte er dem Rufe des Freundes. Auf dem Rückwege nach Weimar schlug
-Wolzogen vor, die Richtung über Rudolstadt zu wählen, dort wollte er
-die »superklugen Kusinen« aufsuchen und mit dem Dichter des Don Carlos
-bekannt machen. Über Suhl, Ilmenau und Königsee erreichten sie das
-Saaltal.
-
-In einem Hause der Neuen Gasse vor den Mauern der kleinen Residenz
-Rudolstadt saß Charlotte von Lengefeld am Fenster und hatte eben in das
-Tagebuch eingetragen: Der erste Schnee ist gefallen!, als die ländliche
-Stille durch Hufschlag unterbrochen wurde. Überrascht sah sie hinaus
-und erblickte zwei Reiter in graue Mäntel gehüllt. Erschrocken fuhr
-sie zurück, als die beiden scharf zu ihr aufschauten, und der eine
-schelmisch vertraut winkte: Ich komme gleich! Das Tagebuch nahm nun
-noch die Ergänzung auf: Eben ritt Vetter Wolzogen vorbei mit einem
-anderen Reiter, ich möchte wohl wissen, wer das ist!
-
-Der 6. Dezember sollte ein Schicksalstag für sie werden und das
-schlichte Haus eine bedeutsame Stätte.
-
-Das Grundstück, jetzt Schillerstraße 25, hatte um 1720 der Hofjäger
-Wolfgang Rühm aus Bayreuth als Bauplatz für ein gemütvolles einfaches
-Wohnhaus erworben. Sein Nachfolger, der Landrentmeister Rühm, oder
-dessen Witwe hatte im Garten dahinter ein »Zwillingshaus« errichtet,
-das schließlich durch Zwischenbauten mit dem Vorderhaus verbunden
-wurde. Ein kleiner Hof in der Mitte blieb frei. Nach der Sonnenseite
-reichte ein großer Garten noch bis an das Nachbarhaus. Auf der
-Abendseite führte eine junge Lindenallee vorüber. In das zweistöckige
-Zwillingshaus war die Frau Landjägermeister von Lengefeld mit ihren
-kleinen Töchtern eingezogen, nachdem ihr der Tod den Gemahl 1775
-frühzeitig entrissen hatte. In dem Obergeschoß des Vorderhauses
-richtete 1785 die ältere der beiden Töchter, Karoline, ihren Haushalt
-ein, als sie sich mit Ludwig von Beulwitz vermählte. Das Haus war weder
-Eigentum der Familie von Beulwitz, noch der Familie von Lengefeld, es
-ging 1796 durch Kauf aus dem Rühmschen Besitz an den Kammersekretär
-Andreas Christoph Johann Werlich über. Die beiden adeligen Familien
-wohnten nur zur Miete darin.
-
-Friedrich Wilhelm Ludwig von Beulwitz, dessen Grabplatte links im
-Eingang zum Alten Friedhof zu finden ist, führte zwar im vertrauten
-Bekanntenkreise den Beinamen Ursus, der Bär, aber die Verteidiger
-seiner Gattin haben später doch zu Unrecht sein Bild entstellt,
-als sie das Für und Wider der Ehescheidung verhandelten. Er war
-zehn Jahre älter als seine stark und feurig veranlagte, jetzt
-vierundzwanzigjährige Frau. Als Hofbeamter, als Landeshauptmann
-in Königsee, als Freund von Kunst und Wissenschaft führte er ein
-arbeitsames Leben, wobei ihm freilich wenig Zeit und Neigung
-übrigblieb, seiner Gattin seelisch nahezutreten, und das Führeramt
-auszuüben, das ganz besonders sie nötig gehabt hätte. Bald mußte er
-wiederum längere Zeit auf Reisen gehen als Begleiter der Prinzen Ludwig
-Friedrich und Karl Günther, die einen Studienaufenthalt in Genf nehmen
-wollten.
-
-Charlotte von Lengefeld war bereits einmal durch Neigung und Entsagung
-hindurchgegangen. Ein englischer Hauptmann Heron, mit dem sie noch
-ab und zu geneckt wurde, hatte ihr nahegestanden, sein Beruf zog ihn
-aber nach Indien, wo er für sie verschollen blieb. Beide Schwestern
-nahmen an den Neuerscheinungen des Geisteslebens regen Anteil. Etwas
-gemäßigt wurde ihr Verlangen nach Unabhängigkeit und ihre freigeistige
-Modebestrebung durch die streng religiöse Lebensauffassung der Mutter.
-Diese war als Witwe hart geprüft worden und empfand hohe Verantwortung
-für die vaterlosen Töchter. Sie war Hofdame, erwartete bei nächster
-Gelegenheit das Amt einer Oberhofmeisterin auf der Heidecksburg und
-erhoffte für ihre jüngere Tochter einen ähnlichen Ruf nach Weimar.
-Das alles sprach entscheidend mit auch in den kleinen Tagesfragen und
-bestimmte den Ton in den gesellschaftlichen Umgangsformen.
-
-In diesen Familienkreis trat Schiller am Abend des 6. Dezember ein.
-Dem Kenner griechisch-römischer Literatur, die gerade wieder stark
-in Aufnahme gekommen war, fehlte es nicht an Unterhaltungsstoff, und
-der Jünger neuester Philosophie verfügte über die Gabe, zufällig
-entstandene Gespräche in einer überlegen bewußten Richtung zu lenken.
-Dabei wurde seine unverfälschte schwäbische Mundart nicht als Störung,
-sondern als treuherzige reizvolle Beigabe empfunden.
-
-Den Zauber, der von Schillers Person ausging, hat Wilhelm von Humboldt
-später treffend gewürdigt:
-
-»Was jedem Beobachter an Schiller am meisten als charakteristisch
-bezeichnend auffallen mußte, war, daß in einem höheren und prägnanteren
-Sinn, als vielleicht je bei einem andern, der Gedanke das Element
-seines Lebens war. Anhaltend selbsttätige Beschäftigung des Geistes
-verließ ihn fast nie. – Sie schien ihm Erholung, nicht Anstrengung.
-Dies zeigte sich am meisten im Gespräch, für das Schiller ganz
-eigentlich geboren schien. Er suchte nie nach einem bedeutenden Stoff
-der Unterredung, er überließ es mehr dem Zufall, den Gegenstand
-herbeizuführen, aber von jedem aus leitete er das Gespräch zu einem
-allgemeinen Gesichtspunkt, und man sah sich nach wenigen Zwischenreden
-in den Mittelpunkt einer den Geist anregenden Diskussion versetzt. Er
-behandelte den Gedanken immer als ein gemeinschaftlich zu gewinnendes
-Resultat, schien immer des Mitredenden zu bedürfen, wenn dieser sich
-auch bewußt blieb, die Idee allein von ihm zu empfangen, und ließ ihn
-nie müßig werden. – Schiller sprach nicht eigentlich schön. Aber sein
-Geist strebte immer in Schärfe und Bestimmtheit einem neuen geistigen
-Gewinne zu. – Schiller hielt immer den Faden fest, der zum Endpunkt
-der Untersuchung führen mußte, und wenn die Unterredung nicht durch
-einen Zufall gestört wurde, so brach er nicht leicht vor Erreichung des
-Zieles ab.«
-
-Überraschend schnell gedieh die flüchtige Bekanntschaft in wenigen
-Abendstunden zu einem Freundschaftsbund, der die Damen von Lengefeld
-mit ihrem Gaste verband und zu einer Verabredung für den folgenden
-Sommer führte. Die Schwestern versprachen, ihm einen ländlichen
-Aufenthalt für seine Schriftstellerarbeiten auszusuchen.
-
-Wie dieser Abend im Geiste Karolines weiterlebte, läßt das
-Erinnerungsbild erkennen, das sie davon entwirft: »Damals ging noch
-keine Kunststraße durch unser kleines Tal, ein Fremder war ein Phänomen
-hinter den grünen Bergen. Oft erschienen wir uns selbst als verwünschte
-Prinzessinnen, auf Erlösung aus dieser Einförmigkeit hoffend. Dennoch
-erfrischte uns immerwährend der Zauber dieser Berge.
-
-Schiller fühlte sich wohl und frei in unserm Familienkreise. Entfernt
-vom flachen Weltleben, galt uns das Geistige mehr als alles. Wir
-umfaßten es mit Herzenswärme, nicht befangen von kritischen Urteilen
-und Vorurteilen, nur der eigenen Richtung unserer Natur folgend. Dies
-war es, was er bedurfte, um sich selbst im Umgang aufzuschließen. Wir
-kannten seinen Don Carlos noch nicht. Ohne alle schriftstellerische
-Eitelkeit schien es ihm am Herzen zu liegen, daß wir ihn kennen
-lernten. Ich erinnere mich nicht, daß unsere Gespräche noch etwas
-anderes aus der Welt seiner Dichtung berührten, die Briefe von Julius
-an Raffael und die auf diese sich beziehenden Gedichte der Anthologie
-ausgenommen. Der Gedanke, sich unserer Familie anzuschließen, schien
-schon an jenem Abend in ihm aufzudämmern, und zu unserer Freude sprach
-er beim Abschiede den Plan aus, den nächsten Sommer in unserm schönen
-Tale zu verleben.«
-
-[Illustration: Charlotte von Lengefeld]
-
-Kaum nach Weimar zurückgekehrt, legt Schiller seinem Gewissensberater
-und etwas eifersüchtigen Freunde Körner in Dresden ziemlich kühl eine
-Art Rechenschaft ab über seinen Ausflug: »In Rudolstadt habe ich
-mich auch einen Tag aufgehalten und wieder eine recht liebenswürdige
-Familie kennen lernen. Eine Frau von Lengenfeld lebt da mit einer
-verheirateten und einer noch ledigen Tochter. Beide Geschöpfe sind,
-ohne schön zu sein, anziehend und gefallen mir sehr. Man findet hier
-viel Bekanntschaft mit der neueren Literatur, Feinheit, Empfindung und
-Geist. Das Klavier spielen sie gut, welches mir einen recht schönen
-Abend machte. Die Gegend um Rudolstadt ist außerordentlich schön. Ich
-hatte nie davon gehört und bin sehr überrascht worden. Man gelangt
-durch einen schönen Grund dahin und wird von dem weißen großen Schlosse
-auf dem Berge angenehm überrascht.«
-
-So spricht der Verstand. Was im Gemüt sich bewegte, verraten die Briefe
-an Charlotte: »Sie können sich nicht herzlicher nach Ihren Bäumen und
-schönen Bergen sehnen als ich, und vollends nach denen in Rudolstadt,
-wohin ich mich jetzt in meinen glücklichsten Augenblicken im Traume
-versetze. – Sie werden in Rudolstadt nun wieder eingewohnt sein und
-bei diesem schönen Wetter sich Ihrer ländlichen Einsamkeit freuen. –
-Wie beneide ich Ihre Familie um alles, was um Sie sein darf! Aber auch
-Sie beneide ich um Ihre Familie; ein einziger Tag war mir genug, mich
-zu überzeugen, daß ich unter sehr edeln Menschen wäre. Warum kann man
-solche glückliche Augenblicke nicht fest halten. Man sollte lieber nie
-zusammen geraten – oder nie mehr getrennt werden.«
-
-Im Laufe des Winters kehrte Schiller nicht wieder in Rudolstadt ein,
-obwohl es verabredet war. Durch seine schriftlichen Grüße klingt die
-Sehnsucht nach Natur und ländlicher Einsamkeit. Aber dem vertrauten
-Freunde enthüllt er seinen Seelenzustand: »Ich bedarf eines Mediums,
-durch das ich die andern Freuden genieße, Freundschaft, Geschmack,
-Wahrheit und Schönheit werden mehr auf mich wirken, wenn eine
-ununterbrochene Reihe feiner, wohltätiger, häuslicher Empfindungen mich
-für die Freude stimmt und mein erstarrtes Wesen wieder durchwärmt. Ich
-bin bis jetzt ein isolierter, fremder Mensch, in der Natur herumgeirrt
-und habe nichts als Eigentum besessen.
-
-Ich sehne mich nach einer bürgerlichen und häuslichen Existenz.
-
-Ich habe seit vielen Jahren kein ganzes Glück gefühlt, und nicht
-sowohl, weil mir die Gegenstände dazu fehlten, sondern darum, weil ich
-die Freuden mehr naschte als genoß, weil es mir an immer gleicher und
-sanfter Empfänglichkeit mangelte, die nur die Ruhe des Familienlebens
-gibt.«
-
-Charlotte und er sahen sich in Weimar mitten zwischen geräuschvollen
-Veranstaltungen der Hofgesellschaft. Ihn selbst nimmt dieses
-Treiben nicht in den Bann, und seine Freundin warnt er vor flacher
-Lebensauffassung:
-
- Ein blühend Kind, von Grazien und Scherzen
- umhüpft – so, Lotte, spielt um Dich die Welt,
- Doch so, wie sie sich malt in Deinem Herzen,
- in Deiner Seele schönen Spiegel fällt,
- So ist sie doch nicht! – Die Eroberungen,
- die jeder Deiner Blicke siegreich zählt,
- Die Deine sanfte Seele Dir erzwungen,
- die Statuen, die – Dein Gefühl beseelt,
- Die Herzen, die Dein eignes Dir errungen,
- die Wunder, die Du selbst getan,
- Die Reize, die Dein Dasein ihm gegeben,
- die rechnest Du für Schätze diesem Leben,
- für Tugenden uns Erdenbürgern an.
- Dem holden Zauber nie entweihter Jugend,
- der Engelgüte mächtgem Talisman,
- Der Majestät der Unschuld und der Tugend,
- den will ich sehn – der diesen trotzen kann!
- Froh taumelst Du im süßen Überzählen
- der Glücklichen, die Du gemacht, der Seelen,
- die Du gewonnen hast, dahin.
- Sei glücklich in dem lieblichen Betruge,
- nie stürze von des Traumes stolzem Fluge
- ein trauriges Erwachen Dich herab.
- Den Blumen gleich, die Deine Beete schmücken,
- so pflanze sie – nur den entfernten Blicken,
- betrachte sie! – doch pflücke sie nicht ab!
- Geschaffen, nur die Augen zu vergnügen,
- welk werden sie zu Deinen Füßen liegen,
- je näher Dir – je näher ihrem Grab.
-
-
-
-
-Im Sommer 1788
-
-
-Als die Pläne für den Landaufenthalt bestimmte Formen angenommen
-hatten, suchten die Schwestern ihrem Freunde eine Wohnung. Sie sollte
-nicht gar zu weit von ihrem eigenen Heim abliegen und doch ungestörte
-Arbeitszeit ermöglichen. Zuerst meinten sie, das Rechte gefunden zu
-haben bei dem Hofgärtner Callenius in Cumbach. Doch bemerkten sie bald,
-daß dort nicht die Stille herrschte, auf die es ankam. Der fürstliche
-Gewächsgarten mit der Orangerie zog täglich Verkehr und laute
-Geselligkeit an, auch ein Gestüt, das dort gehalten wurde, brachte
-Geräusch in die Nähe. Darum fiel ihre Wahl auf Volkstedt, wo all diese
-Bedenken nicht entstehen konnten.
-
-Am 24. April meldet Charlotte in aller Eile das Ergebnis ihrer Fürsorge
-nach Weimar: »Das Dorf hat eine schöne Lage, am Ufer der Saale, hinter
-ihm erheben sich Berge, an deren Fuß liebliche Fruchtfelder sich
-ziehen, und die Gipfel mit dunklem Holze bekränzt, gegenüber an der
-anderen Seite der Saale schöne Wiesen und die Aussicht in ein weites,
-langes Tal. Ich denke, diese Gegend wird Ihnen lieb sein, mir brachte
-sie gestern einen Eindruck von Ruhe in die Seele, der mir innig
-wohltat.
-
-Die Stube, die ich für Sie bestimmte, ist nicht sehr groß, aber
-reinlich, auch die Stühle sind nicht ganz ländlich, denn sie sind
-beschlagen, eine Kammer daneben, wo das Bett stehen kann, und auch eine
-für den Bedienten nicht weit davon. Für Betten will der Schulmeister
-sorgen, dem das Haus gehört, auch wohnt eine Frau darin, die Ihnen
-Kaffee machen kann, und auch bedienen könnte, zur Not auch kochen, wenn
-das Wetter zu böse wäre, um es sich aus der Stadt holen zu lassen. Ich
-denke, es ist alles gut besorgt.«
-
-Am 2. Mai erfolgt die Danksagung: »Sie haben die Angelegenheit, deren
-Besorgung Sie so gütig übernahmen, so ganz nach meinen Wünschen und
-über alle meine Erwartungen zustande gebracht, daß ich Ihnen unendlich
-Mal dafür verbunden bin. Der Ort, die Lage, die Einrichtung im Hause,
-alles ist vortrefflich. Sie haben aus meiner Seele gewählt. Ich habe
-Ihnen viele Mühe gemacht, aber ich weiß auch, daß Ihnen das Vergnügen,
-welches Sie mir dadurch verschafften, statt alles Dankes ist. – Ich
-werde in Ihren schönen Gegenden, in dieser ländlichen Stille mein
-eigenes Herz wiederfinden, und Ihre und der Ihrigen Gesellschaft wird
-mich für alles, was ich hier zurücklasse, reichlich entschädigen.«
-
-Dem hilfreichen Freund und Berater in Dresden geht die Nachricht zu:
-»Ich werde mich eine kleine Stunde von Rudolstadt niederlassen. Die
-Gegenden sind dort überaus ländlich und angenehm, und ich kann da in
-seliger Abgeschiedenheit von der Welt leben. Das Lengenfeldische
-Haus, von dem ich Dir nach meiner Rückreise von Meiningen geschrieben
-habe, wird mir den ganzen Mangel an Gesellschaft hinlänglich ersetzen.
-Es sind dort mir sehr schätzbare Menschen beisammen, von sehr vieler
-Bildung und dem edelsten Gefühl. Sie sind auch schon in der Welt
-gewesen und haben eine glückliche Gemütsstimmung daraus zurückgebracht.
-Alles was Lektüre und guter Ton einer glücklichen Geistesanlage und
-einem empfänglichen Herzen zusetzen kann, finde ich da in vollem Maße,
-außerdem auch viele musikalische Fertigkeit, die nicht den kleinsten
-Teil der Erholung ausmachen wird, die ich mir dort verspreche. Diesem
-Zirkel gedenke ich alle Tage einige Stunden zu widmen. Sonst erwarten
-meiner die mannigfaltigsten und, ich muß leider sagen, die drückendsten
-Arbeiten. Aber ich gehe ihnen mit ziemlichem Mut, ja selbst mit
-Vergnügen entgegen.«
-
-Körner durchschaut jedoch die innere Bewegung, die sich hinter diesen
-Plänen und Sorgen verstecken will: »In Deinem Sommeraufenthalt wird
-Dirs an Vergnügen nicht fehlen. Ist nicht auch ein Interesse des
-Herzens dabei? Ich bin neugierig, ob Deine Stimmung an dichterischen
-Arbeiten fruchtbar sein wird.«
-
-Die Woche nach dem Pfingstfest ließ Schiller noch vorübergehen, dann
-kam er, ohne sich besonders anzukündigen, in Rudolstadt an. Am 20. Mai
-schreibt er aus dem Gasthaus: »In der Hoffnung, daß mein künftiges
-Logis auf dem Dorfe, dessen Namen ich nicht weiß, durch Ihre Güte
-berichtigt sei, bin ich ohne weiteres hierher gereist. Seit gestern
-Abend halb zehn Uhr bin ich hier. – Ich bitte Sie, mich zugleich durch
-den Überbringer den Namen des Ortes, den Sie für mich bestimmt haben,
-wie auch des Hauswirts, bei dem ich wohnen soll, wissen zu lassen, weil
-ich womöglich noch vor Mittag dort sein und jetzt gleich meinen Koffer
-hinschaffen lassen möchte. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen,
-daß mir der nächste Augenblick, wo ich Sie und die Ihrigen sehen kann,
-der liebste sein wird.«
-
-Die Freude über erfüllte Wünsche und die Pläne und Hoffnungen für die
-nächste Zeit verrät wiederum sein Brief an Körner:
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- Volkstedt bei Rudolstadt, 26. Mai 1788.
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-»Seit acht Tagen bin ich nun hier in einer sehr angenehmen Gegend,
-eine kleine halbe Stunde von der Stadt und in einer sehr bequemen
-heitern und reinlichen Wohnung. Das Glück hat es gefügt, daß ich ein
-neues Haus, das besser, als auf dem Lande sonst geschieht, gebaut
-ist, finden mußte. Es gehört einem wohlhabenden Manne, dem Kantor des
-Orts. Das Dorf liegt in einem schmalen, aber lieblichen Tale, das die
-Saale durchfließt, zwischen sanft ansteigenden Bergen. Von diesen habe
-ich eine sehr reizende Aussicht auf die Stadt, die sich am Fuße eines
-Berges herumschlingt, von weitem schon durch das fürstliche Schloß, das
-auf die Spitze des Felsens gepflanzt ist, sehr vorteilhaft angekündigt
-wird, und zu der mich ein sehr angenehmer Fußpfad, längs des Flusses,
-an Gärten und Kornfeldern vorüberführt. In dem Dorfe selbst ist
-die Porzellanfabrik, die Du vielleicht kennst. Ich habe zwei kleine
-Stunden nach Saalfeld, ebenso weit nach dem Schlosse Schwarzburg und
-zu verschiedenen zerstörten Schlössern, die ich alle nach und nach
-besuchen will.
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-In der Stadt selbst habe ich an der Lengefeldschen und Beulwitzschen
-Familie eine sehr angenehme Bekanntschaft, und bis jetzt noch die
-einzige, wie sie es vielleicht auch bleiben wird. Doch werde ich eine
-sehr nahe Anhänglichkeit an dieses Haus, und eine ausschließende an
-irgend eine einzelne Person aus demselben, sehr ernstlich zu vermeiden
-suchen. Es hätte mir etwas der Art begegnen können, wenn ich mich mir
-selbst ganz hätte überlassen wollen. Aber jetzt wäre es gerade der
-schlimmste Zeitpunkt, wenn ich das bißchen Ordnung, das ich mit Mühe in
-meinen Kopf, mein Herz und in meine Geschäfte gebracht habe, durch eine
-solche Distraktion wieder über den Haufen werfen wollte.
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-Die Arbeiten, mit denen ich diesen Sommer zustande kommen möchte, sind
-der Geisterseher, der leicht auf 25 bis 30 Bogen anlaufen dürfte, der
-zweite Teil meiner Niederländischen Rebellion und der Rest des ersten,
-ein Theaterstück, noch steht es dahin, ob dieses der Menschenfeind oder
-ein anderes sein werde, das ich, wie der Schwabe sagt, an der Kunkel
-habe, und hier und da ein Aufsatz für den Merkur. Aus dem bisherigen
-Lauf meiner Schreibereien zu schließen, dürfte dieses Unternehmen wohl
-fast übertrieben sein. Indessen wollen wir sehen. Geschieht auch nicht
-alles, so ist doch immer das gewonnen, was geschieht. Ganz bin ich
-hier doch noch nicht zuhause, auch meine Arbeiten strömen noch nicht.«
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-Wie weit der Wille mit seinen Plänen zur Geltung kommen würde, und
-wie bald das Schicksal die Vorsätze durchkreuzen sollte, geht aus
-den Briefen und kurzen Grußblättern hervor, die zwischen Rudolstadt
-und Volkstedt fast täglich gewechselt werden: »Montag, den 26. Mai.
-Ich hoffe, daß Ihnen allen die gestrige Partie so gut bekommen sei
-wie mir. Es war ein gar lieblicher vertraulicher Abend, der mir für
-diesen Sommer die schönsten Hoffnungen gibt. Mehr solche Abende und
-in so lieber Gesellschaft, mehr verlange ich nicht. Rudolstadt und
-diese Gegend überhaupt soll, wie ich hoffe, der Hain der Diana für
-mich werden.« Er vergleicht sich mit Orestes in Goethes Iphigenie, den
-die Eumeniden umhertreiben, und hofft, die Schwestern werden ihn vor
-den bösen unterirdischen Mächten beschützen. Zu Grunde lag dabei eine
-Eifersuchtsregung. Er weigert sich, in trüber Stimmung die Gesellschaft
-von Fröhlichen aufzusuchen, und entschuldigt seine wandelbare Laune
-mit dem Fluch, der auf allen Musensöhnen ruht, bittet aber doch
-um Nachricht, was für den andern Tag geplant wird, damit er sich
-anschließen kann.
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-Am 27. Mai redet ihm Charlotte gut zu, heiter und froh zu sein, Knebel,
-der gefürchtete Nebenbuhler, hat am Morgen Rudolstadt verlassen. Sie
-bittet, den Geisterseher mitzubringen, der Abend wird in Cumbach den
-kleinen Bekanntenkreis vereinen. Um sechs Uhr wollen sie den Freund
-am Wasserdamm erwarten, doch soll er ihnen auch zu jeder anderen
-Stunde lieb und willkommen sein. Schiller sagt zu, ist aber mit der
-Örtlichkeit noch nicht vertraut und meint, am Schaalbach die Schwestern
-erwarten zu sollen. Deshalb bittet ihn Karoline, lieber in ihre Wohnung
-zu kommen, damit sie einander nicht verfehlen.
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-Hier trifft zwei Tage später der Erbprinz Ludwig Friedrich mit ihm
-zusammen: »Den 29. Mai machte ich wieder eine neue Bekanntschaft mit
-einem jungen Gelehrten, der, so jung als er ist, doch schon viel
-Lesenswürdiges geschrieben hat, mit dem Herrn Rat Schiller. Er war im
-Beulwitzschen Garten, wo ich bis einviertel elf Uhr des Abends in einer
-vergnügten Gesellschaft den angenehmen Geruch der schönen Baumblüten
-genoß.«
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-Im Volkstedter Haus fühlt sich Schiller wohl: »Ich bin auf meine vier
-Wände reduziert, und wenn nicht manchmal eine Kuh blökte, oder meine
-Pfauen mir vor dem Hause mit ihrer Silberstimme die Honneurs machten,
-so würde ich gar nicht gewahr, daß Leben um mich ist.«
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-Wenn kühle Witterung eintritt, klagt er über Erkältung. Dann kann er
-die Neue Gasse nicht aufsuchen und bittet nur um ein Lebenszeichen
-durch den Boten, seine Stimmung leidet unter der Trennung. Charlotte
-tröstet und bedauert, daß er, ein großer Mann, der der Öffentlichkeit
-so viel in seinen Schriften beschert, auch nur eine trübe Viertelstunde
-erlebt. Arm und verlassen wie Robinson kommt er sich vor, die
-Freundinnen so nah, und er kann nicht bei ihnen sein! Wagt er trotz
-feuchter Luft und Nebel den Gang nach Rudolstadt, so tritt ein
-Rückfall in seinem Katarrh ein, namentlich die Heimwege am späten Abend
-verbittern ihm das Landleben, auch der Zeitverlust, den seine Arbeiten
-erleiden, verdrießt ihn. Charlotte redet gut zu, so gern sie ihn sieht,
-soll er doch nur bei mildem Wetter ausgehen, wenn es seiner Gesundheit
-zuträglich ist.
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-Dazwischen erreicht ihn ein Freundesgruß aus Dresden mit der
-schalkhaften Zustimmung: »Dein Aufenthalt auf dem Lande ist sehr nach
-meinem Sinn. Freilich ists für Deine Arbeiten besser, wenn Du eine
-ausschließende Anhänglichkeit an irgend ein Wesen in der Nähe vermeiden
-kannst!«
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-Die Abendunterhaltungen bei Lengefelds bestreitet Beulwitz, indem er
-aus Schillers jüngsten Werken vorliest. Sonnabend, den 14. Juni, feiert
-die Gesellschaft eine italienische Nacht im Baumgarten. Der Erbprinz
-trägt in sein Tagebuch ein: »Die Frau von Lengefeld hatte mit ihrer
-Familie und noch mit andern Damen, und mit dem Herrn Rat Schiller da
-gegessen. Es wurde gesungen, auf dem Schiffchen gefahren und spazieren
-gegangen. Erst nach elf Uhr ging die ganze Gesellschaft mit uns singend
-den Schloßberg hinauf und sodann, auch Herr Rat Schiller nebst den
-übrigen Damen, in die Stadt nach Hause.«
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-Immer einmal wieder vernehmen wir, wie hart und sauer es ihn ankommt,
-sich für den Heimweg loszureißen.
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-Als der Blitz in Volkstedt eingeschlagen hat, hört Karoline mit
-Schrecken davon und dankt dem Himmel und allen guten Geistern, daß
-der Strahl Schillers Haus verschont hat. Das eine Mal versüßt sie ihm
-das Buchstudium durch Backwerk, das andere Mal durch Aprikosen und
-Tee. Charlotte begleitet den nächtlichen Wanderer im Geiste durch
-Sturm und Wolken und hofft, daß ihm nichts zugestoßen ist. Er bittet,
-in Charlottes Stübchen studieren zu dürfen, weil in Beulwitzens
-Zimmern viel Unruhe herrscht. Sie geht gern darauf ein, ihn an ihrem
-Schreibtisch arbeiten zu lassen; das soll ihr eine freundliche
-Erinnerung bleiben. Des schlechten Wetters wegen übernachtet er in
-Rudolstadt.
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-Am 2. Juli ist Kirchweih in Cumbach. Die Hofgesellschaft beteiligt
-sich daran bis zehn Uhr abends. Obschon er derartige Feste am liebsten
-vermeidet, nimmt er doch daran teil, aber die Eifersucht regt sich, als
-er andere mit der von ihm geliebten Person tanzen sieht. Den Heimweg
-legt er allein zurück, geht ziellos durch das Tal in die Berge hinein
-und gelangt, ohne es zu wissen, nach Schaala. Auf dem Wege kommen ihm
-dichterische Eingebungen.
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-Sehnsucht nach regerer Verbindung mit der Außenwelt wird laut. Da
-Rudolstadt noch keinen regelmäßigen Postverkehr hat, werden Briefe oft
-nur gelegentlich durch Boten befördert und kommen so erst auf Umwegen
-an ihr Ziel.
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-Der Erbprinz führt das Ehepaar Beulwitz nebst Schiller und Lotte
-auf das Schloß und zeigt ihnen die neueingerichteten Zimmer, die
-Bibliothek und das Bilderkabinett. Weil Schiller ein Freund von weiten
-Ausblicken in die Landschaft ist, besteigen sie den Schloßturm, wo ein
-schönes Geläut von drei Glocken aus Mayers Gießerei sie erfreut. Im
-Lengefeldischen Garten wird französische Komödie gespielt, oft auch
-eifrig gezeichnet. Der Erbprinz, gewandt als Zeichner und geübt als
-Radierer, entwirft Szenen aus dem Geisterseher.
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-Der Gedanke an die Trennung beschäftigt Schiller in einem Briefe
-an Körner: »Ich habe mich hier immer noch ganz vortrefflich wohl.
-Nur entwischt mir manches schöne Stündchen in dieser angenehmen
-Gesellschaft, das ich eigentlich vor dem Schreibtisch zubringen
-sollte. Wir sind einander hier notwendig geworden, und keine Freude
-wird mehr allein genossen. Die Trennung von diesem Hause wird mir
-sehr schwer sein, und vielleicht desto schwerer, weil ich durch keine
-leidenschaftliche Heftigkeit, sondern durch eine ruhige Anhänglichkeit,
-die sich nach und nach so gemacht hat, daran gehalten werde. Mutter
-und Töchter sind mir gleich lieb und wert geworden, und ich bin es
-ihnen auch. – Es war recht gut getan, daß ich mich gleich auf einen
-vernünftigen Fuß gesetzt habe und einem ausschließenden Verhältnis so
-glücklich ausgewichen bin. Es hätte mich um den besten Reiz dieser
-Gesellschaft gebracht. – Beide Schwestern haben etwas Schwärmerei, doch
-ist sie bei beiden dem Verstande subordiniert und durch Geisteskultur
-gemildert. Die jüngere ist nicht ganz frei von einer gewissen
-~Coquetterie d’esprit~, die aber durch Bescheidenheit und immer
-gleiche Lebhaftigkeit mehr Vergnügen gibt als drückt. Ich rede gern von
-ernsthaften Dingen, von Geisteswerken, von Empfindungen, hier kann ich
-es nach Herzenslust und ebenso leicht wieder auf Possen überspringen.«
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-Im August kam das Vogelschießen, ein großes Volksfest mit starkem
-Fremdenzulauf. Es war die einzige Veranstaltung, bei welcher der Hof
-sich unter die Stadtleute mischte. Der Ball der vornehmen Gesellschaft
-wurde im Schönfeldschen Saale, im heutigen alten Rathaus, abgehalten.
-Schiller klagt, er taugt nicht für laute Gesellschaft, und macht sich
-Vorwürfe, daß er nicht Stärke genug besitzt, von solchem Getriebe
-fernzubleiben, sein Geist wirke mehr im stillen, im Umgang mit sich
-selbst.
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-Vorübergehend wohnt er in Rudolstadt selbst. In dieser Zeit kann er die
-Wohnung Schloßaufgang II 3 bezogen haben, bis ihn die Anhänglichkeit an
-Volkstedt und an den fürsorglichen Hauswirt wieder hinauszieht.
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-Allmählich tritt eine gewisse Vorsicht im Verkehr ein. Vielleicht fiel
-es auf, daß der fremde Gast täglich in dem Hause der Damen ein- und
-ausging. Er bittet, die Gartentüre aufzuschließen, damit er weniger
-eifrig beobachtet wird.
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-Als Charlotte ihrer Freundin Frau von Stein in Kochberg einen Besuch
-abstattet, reitet Schiller ihrem Wagen bis Teichröda entgegen. Als
-Mutter und Töchter von einer Reise aus Jena zurückkommen, wird das
-Wiedersehen in Uhlstädt gefeiert bei einem sublimen Kaffee, den
-Beulwitz auf festlich geschmückter Tafel anrichtet. Endlich ergeht
-auch eine Einladung zum Sonntagskloß, und Frau von Lengefeld hofft, daß
-das beliebte Thüringer Festgericht dem Schwaben nicht schaden wird.
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-Der Sommer in Rudolstadt darf nicht zu Ende gehen, ohne daß der Gast
-Schwarzburg gesehen hat. Dort wird ihm das Fremdenbuch im Wirtshaus
-vorgelegt, und in der Eile mag ihm das Verlegenheitserzeugnis aus der
-Feder geflossen sein:
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- Auf diesen Höhen sah auch ich
- Dich, freundliche Natur, ja dich!
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-Die Fahrt geht über Königsee, wo Beulwitz Amtsgeschäfte zu erledigen
-hat, nach Paulinzelle, und hier trägt die Stimmung bessere Frucht. In
-den Anblick der Ruine mischen sich wehmütige Gedanken an die Trennung
-und an die Ungewißheit danach.
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-Im Kloster Paulinzelle
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- Einsam stehn des öden Tempels Säulen,
- Efeu rankt am unverschloßnen Tor,
- Sang und Klang verstummt, des Uhu Heulen
- Schallet nun im eingestürzten Chor.
- Weg sind Prunk und alle Herrlichkeiten,
- Schon enteilt im langen Strom der Zeiten
- Bischofshut mit Siegel, Ring und Stab
- In der Vorwelt ewig offnes Grab.
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- Nichts ist bleibend, alles eilt von hinnen,
- Jammer und erhörter Liebe Glück;
- Unser Streben, unser Hoffen, Sinnen,
- Wichtig nur auf einen Augenblick;
- Was im Lenz wir liebevoll umfassen,
- Sehen wir im Herbste schon verblassen,
- Und der Schöpfung größtes Meisterstück
- Sinkt veraltet in den Staub zurück.
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-Milde Herbsttage gestatten, daß Schiller wieder in Volkstedt wohnt. In
-alle Freude am täglichen Wiedersehen mischt sich der Abschiedsschmerz,
-darüber hinaus erhebt der Trost, daß die liebe wohltätige Zeit alles
-gut zur Reife bringen wird: »Ich weiß und fühle, daß mein Andenken
-unter Ihnen leben wird, und dies ist eine freudige Erinnerung für mich.«
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-Im Oktober werden die kurzen Briefgrüße häufiger und die Besuche
-immer mehr vorsichtig abgemessen. Schiller verliert den Mut, auf eine
-gute Zukunft zu hoffen, aber Charlotte rechnet schon wieder auf seine
-Anwesenheit im nächsten Sommer. Ihr und den Kochberger Freundinnen in
-Oberhasel zu begegnen, entschließt er sich nur ungern. Die heitere
-Freundin bekehrt ihn schließlich doch zu freudiger Verfassung, und er
-gesteht: »Mein hiesiger Aufenthalt neigt zum Ende; er hat mir viel
-angenehme Stunden verschafft, und, was das beste ist, er hat mich mir
-selbst wieder zurückgegeben und überhaupt einen wohltätigen Einfluß auf
-mein inneres Wesen gehabt.«
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-Die letzten Tage verbringt er wieder im Gasthaus, wenige Schritte
-von Charlottes Wohnung entfernt. Eine Zeichnung, die ihm die Freundin
-schickt, soll als sichtbares Zeichen mit unsichtbarer Wirkung künftig
-auf seinem Schreibtisch stehen. Erst als der Glückwunsch eintrifft,
-kommt dem Traumverlorenen zum Bewußtsein, daß sein Geburtstag ist, und
-dieser letzte Gruß aus dem Hause, wo er seine Heimat gefunden hat,
-preßt ihm Tränen aus. Noch war er nicht entschlossen abzureisen, erst
-die Gewißheit, daß die Schwestern ihre Fahrt nach Erfurt festgelegt
-haben, überzeugt ihn, daß auch seine Stunde gekommen ist.
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-Als er sich persönlich verabschiedet hat, ist der am stärksten
-gefürchtete Augenblick vorüber. Es tröstet ihn, noch erblickt er
-dieselben Gegenstände, auf denen auch ihr Auge ruht, noch umgeben
-dieselben Berge die Geliebte und ihn selbst. Am Morgen des 12. November
-sieht er ihren Reisewagen die Straße hinauf vorfahren, dann besteigt
-er die Post. Bis Teichröda sucht er noch mit den Blicken einen Gruß
-zu erhaschen, dann fällt ihm schwer auf das Herz, daß sich die Wege
-trennen. Einen Geranienstock und eine Porzellanvase mit Blumen hütet
-er zärtlich, sie sollten der Stube des einsamen Gelehrten einen neuen
-heimeligen Hauch verleihen.
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-Den Rudolstädter Sommer 1788 faßt Karoline zu einem wohlgelungenen
-Bilde zusammen: »In unserm Hause begann für Schiller ein neues Leben.
-Lange hatte er den Reiz eines freien freundschaftlichen Umgangs
-entbehrt. Uns fand er immer empfänglich für die Gedanken, die eben
-seine Seele erfüllten. Er wollte auf uns wirken, uns von Poesie,
-Kunst und philosophischen Ansichten das mitteilen, was uns frommen
-könnte, und dies Bestreben gab ihm selbst eine milde harmonische
-Gemütsstimmung. Sein Gespräch floß über in heitrer Laune; sie erzeugte
-witzige Einfälle, und wenn oft störende Gestalten unsern kleinen
-Kreis beengten, so ließ ihre Entfernung uns das Vergnügen des reinen
-Zusammenklangs unter uns nur noch lebhafter empfinden. Wie wohl war
-uns, wenn wir nach einer langweiligen Kaffeevisite unserm genialen
-Freunde unter den schönen Bäumen des Saalufers entgegengehen konnten!
-Ein Waldbach, der sich in die Saale ergießt, und über den eine schmale
-Brücke führt, war das Ziel, wo wir ihn erwarteten. Wenn wir ihn im
-Schimmer der Abendröte auf uns zukommen erblickten, dann erschloß sich
-ein heiteres ideales Leben unserm innern Sinn. Hoher Ernst und anmutige
-geistreiche Leichtigkeit des offnen reinen Gemüts waren in Schillers
-Umgang immer lebendig, man wandelte wie zwischen den unwandelbaren
-Sternen des Himmels und den Blumen der Erde in seinen Gesprächen.
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-Wie ein Blumen- und Fruchtgewinde war das Leben dieses ganzen Sommers
-mit seinen genußreichen und bildenden Tagen und Stunden für uns alle.
-Schiller wurde ruhiger, klarer, seine Erscheinung, wie sein Wesen,
-anmutiger, sein Geist den phantastischen Ansichten des Lebens, die er
-bis dahin nicht ganz verbannen konnte, abgeneigter.
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-Meine Schwester konnte wohl in jeder Beziehung eine wünschenswerte
-Verbindung für Schiller sein. Sie hatte eine sehr anmutige Gestalt und
-Gesichtsbildung. Der Ausdruck reinster Herzensgüte belebte ihre Züge,
-und ihr Auge blitzte nur Wahrheit und Unschuld. Sinnig und empfänglich
-für alles Gute und Schöne im Leben und in der Kunst, hatte ihr ganzes
-Wesen eine schöne Harmonie. Mäßig, aber treu und anhaltend in ihren
-Neigungen, schien sie geschaffen, das reinste Glück zu genießen. Sie
-hatte Talent zum Landschaftzeichnen, einen feinen und tiefen Sinn
-für die Natur, und Reinheit und Zartheit in der Darstellung. Unter
-günstigern Umgebungen hätte sie in dieser Kunst etwas leisten können.
-Auch sprach sich jedes erhöhtere Gefühl in ihr oft in Gedichten
-aus, unter denen einige, von der Erinnerung an lebhaftere zärtliche
-Herzensverhältnisse eingegeben, voll Grazie und sanfter Empfindung
-sind.«
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-[Illustration: Schillerstraße 25: Wohnung des Ehepaares von Beulwitz]
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-Durch Charlottes Winter gehen die Sommererinnerungen als ständige
-Begleiter:
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-»Wir waren auch in Hasel zusammen. Der Weg, den ich von Kochberg
-dazumal machte, mag jetzt recht wüste sein und traurig. Auch die
-Steine, auf denen wir saßen, waren voll Schnee, der Bach zugefroren,
-und die entblätterten Bäume gaben mir ein trauriges Bild der
-Vergänglichkeit. Ach, der Winter ist doch recht unangenehm! Auch der
-schöne Weg auf den Wiesen hin, den wir doch einigemal zusammen gingen,
-alles war so leer, so öde, die Weiden hoben ihre entblätterten Zweige
-empor, und das Geschrei der Raben, die traurig auf den weißen Feldern
-herumflogen, ließen nur Leben ahnen. Was ist der erfreuende Anblick
-der grünen Wiesen doch dagegen so schön!«
-
-»Heute vorm Jahre waren wir uns fremd. Den sechsten sahen wir uns erst,
-es war ein schöner Zufall, der Sie eben mit Wolzogen zu uns brachte.
-Ich weiß noch, daß ich den Tag so ganz in mir verschlossen war, der
-Regen und Wind machte mir so unheimlich, und den Abend freute ich mich
-so, ich hätte mir es nie am Morgen träumen lassen.«
-
-»Unsere schönen Berge freuen mich jetzt gar nicht, die schwarzen Bäume
-in der Allee machen so eine traurige Wirkung auf den Schnee, und der
-dunkle Wald auf die weißen Berge, da ist nichts, was einem liebliche
-Bilder erwecken könnte.«
-
-[Illustration: Das Gartenhaus an der Allee: Wohnung der Frau von
-Lengefeld]
-
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-Der 7. September 1788
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-Eine schon längst gehegte Hoffnung Schillers sollte in Rudolstadt
-erfüllt werden, seine Begegnung mit Goethe. Im Mai war dieser aus
-Italien zurückgekehrt. Wenn man vermutet hatte, daß er seinen
-freundschaftlichen Verkehr mit Frau von Stein nun nicht wieder
-aufnehmen würde, so widerlegten die Tatsachen sehr bald diese Annahme.
-Goethe besuchte Großkochberg und kam von da nach Rudolstadt. Charlotte
-von Lengefeld war seit mehreren Tagen bereits zur Hilfe bei Frau von
-Stein gewesen. Sie hatte mit ihrer Schwester alles gut vorbereitet
-und geschickt etwas die Vorsehung gespielt, um ihren Sommergast dem
-einflußreichsten Manne von Weimar nahe zu bringen. Über ihren Erfolg
-berichtet Karoline:
-
-»Während dieses Sommers sah Schiller Goethen zuerst in unserem
-Hause. Wie alle rein fühlenden Herzen, hatten uns dieses Dichters
-Schöpfungen mit Enthusiasmus erfüllt. Alle unsere erhöhteren, echt
-menschlichen Empfindungen fanden durch ihn ihre eigentümliche Sprache;
-Goethe und Rousseau waren unsere Hausgötter. Auch floß des ersteren
-so liebenswürdige Persönlichkeit, die wir bei unserer Freundin, Frau
-von Stein, kennengelernt, mit dem Dichter in unserem Gemüt in eins
-zusammen, und wir liebten ihn wie einen guten Genius, von dem man nur
-Heil erwartet. – Höchst gespannt waren wir bei dieser Zusammenkunft
-und wünschten nichts mehr als eine Annäherung, die nicht erfolgte.
-Von Goethen hatten wir, bei seinem entschiedenen Ruhme und seiner
-äußeren Stellung, Entgegenkommen erwartet, und von unserem Freunde
-auch mehr Wärme in seinen Äußerungen. Zu unserem Trost schien Goethe
-von schmerzlicher Sehnsucht nach Italien befangen. – Es freute uns
-sehr, daß Goethe das Heft des Merkurs, welches die Götter Griechenlands
-enthielt, und das von ungefähr auf unserem Tisch lag, nachdem er einige
-Minuten hineingesehen, einsteckte und bat, es mitnehmen zu dürfen.«
-
-Schon seit Monaten hatte Körner versucht, Schiller von seinem
-abwartenden Verhalten loszubringen und zu einem Entschluß zu bewegen:
-»Wirst Du nicht bald nach Weimar gehen, um Goethe zu sehen? Ich
-kann Eure Zusammenkunft kaum erwarten.« Aber die Rudolstädter
-Gemütserlebnisse ließen das nicht zu: »Nach Weimar werde ich doch wohl
-nicht sobald kommen. Es ist eine kleine Tagereise hin, und es sind der
-Orte, nach denen ich meinen hiesigen Leuten habe versprechen müssen,
-Partie mit ihnen zu machen, so viele, daß mir keine Zeit für so große
-Exkursionen übrigbleibt. Ich bin sehr neugierig auf ihn, auf Goethe, im
-Grunde bin ich ihm gut, und es sind wenige, deren Geist ich so verehre.
-Vielleicht kommt er auch hierher, wenigstens nach Kochberg, eine kleine
-Meile von hier, wo Frau von Stein ein Gut hat.«
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-Wie eine Entschuldigung nimmt es sich aus, wenn er immer wieder darauf
-zurückkommt: »Goethe habe ich noch nicht gesehen, aber Grüße sind unter
-uns gewechselt worden. Er hätte mich besucht, wenn er gewußt hätte,
-daß ich ihm so nahe am Wege wohnte, wie er nach Weimar reiste. Wir
-waren einander auf eine Stunde nahe. – Goethe bleibt in Weimar. Ich bin
-ungeduldig, ihn zusehen.«
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-Wenige Tage nun nach der Erfüllung dieser Wünsche erhält Körner
-ausführliche Mitteilung darüber: »Endlich kann ich dir von Goethe
-erzählen. – Ich habe vergangenen Sonntag beinahe ganz in seiner
-Gesellschaft zugebracht, wo er uns mit der Herder, Frau von Stein
-und der Frau Schardt besuchte. Sein erster Anblick stimmte die hohe
-Meinung ziemlich tief herunter, die man mir von dieser anziehenden und
-schönen Figur beigebracht hatte. Er ist von mittlerer Größe, trägt
-sich steif und geht auch so; sein Gesicht ist verschlossen, aber sein
-Auge sehr ausdrucksvoll, lebhaft, und man hängt mit Vergnügen an
-seinem Blicke. Bei vielem Ernst hat seine Miene doch viel Wohlwollendes
-und Gutes. Er ist brünett und schien nur älter auszusehen, als er
-meiner Berechnung nach wirklich sein kann. Seine Stimme ist überaus
-angenehm, seine Erzählung fließend, geistvoll und belebt; man hört
-ihn mit überaus viel Vergnügen; und wenn er bei gutem Humor ist,
-welches diesmal so ziemlich der Fall war, spricht er gern und mit
-Interesse. Unsere Bekanntschaft war bald gemacht und ohne den mindesten
-Zwang; freilich war die Gesellschaft zu groß und alles auf seinen
-Umgang zu eifersüchtig, als daß ich viel allein mit ihm hätte sein
-oder etwas anderes als allgemeine Dinge mit ihm sprechen können. Er
-spricht gern und mit leidenschaftlichen Erinnerungen von Italien. Im
-ganzen genommen ist meine in der Tat große Idee von ihm nach dieser
-persönlichen Bekanntschaft nicht vermindert worden, aber ich zweifle,
-ob wir einander je sehr nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt
-noch interessant ist, was ich noch zu wünschen und zu hoffen habe,
-hat seine Epoche bei ihm durchlebt; er ist mir soweit voraus, daß wir
-unterwegs nie mehr zusammenkommen werden; – seine Welt ist nicht die
-meinige, unsere Vorstellungsarten scheinen wesentlich verschieden.
-Indessen schließt sichs aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher
-und gründlich. Die Zeit wird das Weitere lehren.«
-
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-Die Stadtkirche und die Glockengießerei
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-Am 17. Juli 1788 trug der achtzigjährige Fürst Ludwig Günther in seinen
-Kalender ein: »Diese Nacht ist ein sehr starkes Gewitter gewesen. Den
-Morgen ¾ auf 4 hat es in den Kirchturm eingeschlagen und ziemliche
-Verwüstung an den Fenstern und auch an den Mauern angerichtet. Ich ritt
-dahin, um den Schaden anzusehen.«
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-Zwei Tage darauf meldete das Tagebuch des jungen Erbprinzen Ludwig
-Friedrich: »Ich war bei Lengefelds. Ich zeichnete mit der Frau
-Hofrätin. Der Herr von Ketelhodt las uns in der neuen Geschichte des
-Herrn Schiller vor. Gegen Abend trat der Verfasser dieser Geschichte
-zur Tür herein und lud die Gesellschaft zu einem Spaziergang ein. Wir
-gingen über den Damm zur Stadtkirche und sahen die Verwüstungen, die
-durch das Gewitter entstanden. Auch wallfahrte Herr Schiller als guter
-Geschichtschreiber zu dem Grabe der heldenmütigen Katharina.«
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-Dieses Grab liegt hinter dem Taufstein unter dem Altarraum und ist
-mit einer Erzplatte bedeckt. Die lateinische Inschrift besagt, daß
-Graf Wolrad von Waldeck und seine Gemahlin Anastasia ihrer Mutter
-und Schwiegermutter, der Gräfin Katharina von Henneberg, verwitweten
-Gräfin von Schwarzburg, eine selige Auferstehung wünschen. Katharina
-war auf ihrem Witwensitz, der Heidecksburg, am 7. November 1567
-gestorben. Als entschiedene Bekennerin der evangelischen Lehre, als
-leutselige und fürsorgliche Beschützerin der Armen und Bedrängten,
-lebte sie in der Erinnerung fort, und mehrere Geschichtswerke
-erzählten, wie sie unerschrocken und kühn dem gefürchtetsten Heerführer
-der Reformationszeit entgegengetreten war.
-
-Das schlug in die Richtung der Studien ein, mit denen Schiller gerade
-beschäftigt war. Er ging den Quellenberichten nach und faßte sie zu
-dem Aufsatz zusammen, der aus seinen Werken oft abgedruckt und weit
-verbreitet worden ist: Herzog von Alba bei einem Frühstück auf dem
-Schlosse zu Rudolstadt, im Jahr 1547.
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-Für ihre Ortschaften hatte die Gräfin gesorgt durch einen
-Sauvegardebrief: die spanischen Truppen verpflegte sie, damit ihre
-Untertanen nicht durch Plünderung zu leiden hatten. Schilder mit dem
-Wappen der Gräfin waren in jedem ihrer Dörfer angebracht. Herzog Alba
-und seine Begleiter saßen bei einem Gastmahl auf dem Schlosse, als
-die Nachricht eintraf, daß in Hasel und Cumbach geplündert wurde.
-Rasch entschlossen ließ Katharina Saal- und Schloßpforten durch ihre
-Bewaffneten besetzen und forderte, daß dem Kriegsbrauch Einhalt getan
-wurde, widrigenfalls: »Fürstenblut für Ochsenblut!« Mit sauersüßer
-Miene gaben die Herren Befehl, das geraubte Vieh den Eigentümern wieder
-auszuliefern.
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-Die mündliche Überlieferung berichtet, daß Schiller wiederholt auch
-den Turm der Stadtkirche besucht hat, wo vier wertvolle Glocken bis
-heute erhalten sind. Eine von ihnen soll seine Aufmerksamkeit dabei
-besonders gefesselt haben. Diese Andreasglocke trägt stark erhaben das
-Bild des Schutzpatrons der Kirche, um ihren Hals zieht sich zartes
-gotisches Spitzenwerk und faßt zwei Spruchbänder ein. Das untere Band
-enthält die Nachricht von der Entstehung der Glocke: »Anno domini
-1499. Osanna heis ich, Curdt Kerstan gos mich. Er Cristofferus von
-Wiczleuben. Pharner.« Sie war in dem angegebenen Jahre auf dem Platz
-hinter der Kirche von dem bedeutenden Erfurter Meister gegossen
-worden, und der Pfarrer von Witzleben gehörte der Rudolstädter
-Reformationsgeschichte an.
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-Das obere Schriftband bringt den Beruf der Glocke in Worte: »~Dulce
-melos clango, sanctorum gaudia pango, defunctos plango, vivos voco,
-fulgura frango.~« Süßen Laut klinge ich, Freuden der Gläubigen singe
-ich, Tote beklage ich, Lebende rufe ich, Blitze wehre ich ab. In
-mehreren Lesarten findet sich dieser Sinnspruch auf 133 Glocken.
-Verkürzt um die beiden ersten Glieder, hat ihn Schiller über sein
-»Glockengießerlied« gesetzt: ~Vivos voco, mortuos plango, fulgura
-frango.~
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-Aus dem Dämmerlicht der Glockenstube schweifte das Auge gern hinaus in
-die frische leuchtende Landschaft. Unten am Fuß des Kirchhügels lag
-Charlottes Jugendheim, der Heißenhof, ihm gegenüber die Ludwigsburg,
-und in deren Nähe, am Ausgang der Stadt die Glockengießerei von Mayer.
-Hier hatte seit 1715 schon der Schweizer Geschütz- und Glockengießer
-Johann Feer sein Gewerbe betrieben, und dann seit dessen Tode 1759 der
-Nürnberger Rotgießer Johann Mayer. Volkstedt und Rudolstadt nehmen in
-der Geschichte des Thüringer Glockengusses eine hervorragende Stelle
-ein seit dem Mittelalter. In der Familie Mayer, die ihr Kunstgewerbe
-bis 1872 ausübte, hat sich von Geschlecht zu Geschlecht in ganz
-bestimmter Fassung die Kunde vererbt, wie Schiller wiederholt die
-Gießhütte besucht hat, wie der Ahnherr zunächst gar nicht besonders
-erbaut war über die Störung der Arbeit, daß der bleiche Gelehrte aber
-rücksichtsvoll in dem hochlehnigen Stuhl an der Wand Platz genommen
-hat, um die Arbeit nicht zu stören. Auch Karoline von Wolzogen
-erinnert sich dessen, als sie das Lied von der Glocke erwähnt: »Lange
-hatte Schiller dieses Gedicht in sich getragen und mit uns oft davon
-gesprochen als einer Dichtung, von der er besondere Wirkung erwartete.
-Schon bei seinem Aufenthalt in Rudolstadt ging er oft nach einer
-Glockengießerei vor der Stadt spazieren, um von diesem Geschäft eine
-Anschauung zu gewinnen.«
-
-Weil er seine Kenntnisse von der Technik des Glockengusses noch einmal
-nachprüfen wollte, schlug Schiller später die ökonomisch-technologische
-Enzyklopädie von Krünitz auf. Dort fand er eine Glocke in Schaffhausen
-erwähnt, die den Glockenspruch in der knappen Fassung trägt, wie sie
-ihm dann geeignet erschien. Diese Glocke selbst hat er nie gesehen.
-Auch sonst erheben eine Stuttgarter und die beiden Apoldaer Firmen
-Anspruch darauf, den Dichter als lerneifrigen Liebhaber in ihre Kunst
-eingeführt zu haben. Sollte ein triftiger Grund für diese Annahmen
-vorhanden sein, so findet sich leicht eine Erklärung dafür. Glockenguß
-ist technisch, wissenschaftlich und künstlerisch ein so anziehendes
-Gewerbe, daß jeder, der sich einmal aufmerksam darum gekümmert hat,
-gern die Gelegenheit wahrnimmt, seine Beobachtungen fortzusetzen und zu
-ergänzen.
-
-An der heutigen Maschinengießerei, Jenaische Straße 1, fordert eine
-kleine Schrifttafel, verfaßt von Augustin Regensburger, auf, Johann
-Mayers und seines Meistergesellen zu gedenken:
-
- Steh, Wandrer, still, denn hier erstand,
- Daß keine zweite möglich werde,
- Gebaut von Schillers Meisterhand,
- Die größte Glockenform der Erde.
-
-
-
-
-Charlottes Jugendheim
-
-
-Von dem Haus, wo Charlotte ihre Kindheit verlebte, besitzen wir eine
-gemütvolle Schilderung aus ihrer eigenen Feder:
-
-»Die Lage unserer Wohnung war höchst romantisch; an einer kleinen
-Anhöhe, die mit Obstbäumen bepflanzt war, lag unser Haus. Die vordere
-Seite hatte einen großen Hof, der mit einem kleinen Garten begrenzt
-war. Vor uns lag ein fürstliches Lustschloß und rechts eine alte
-Kirche, deren schöner Turm mir manche Phantasien erweckte, und das
-Geläute der Glocken, das ich zu allen Stunden hörte, stimmte mich oft
-ernst und melancholisch. Ich stand stundenlang an meinem Kammerfenster,
-sah in die dunkeln Fenster des Turms hinein, hörte den Glocken zu und
-sah die Wolken am Himmel sich bewegen. Mein Horizont war frei. In der
-Ferne sahen wir schöne Berge und ein altes Schloß auf dem Berge liegen,
-das oft das Ziel meiner Wünsche war. Ich stellte es mir auch gar zu
-hübsch vor, über die Heide, so hieß die Reihe der Berge vor meinen
-Augen, zu wandern und da neue Dörfer, eine neue Welt zu sehen. Auch
-eine Hängebirke, die in einem der Gärten stand, die ich aus meinen
-Fenstern, meiner kleinen Welt, übersehen konnte, hat mir viel Anlaß zu
-Betrachtungen gegeben.
-
-Ich hatte Unterricht in den Morgenstunden; ich lernte nicht gern, und
-es war mir peinlich, wenn ich die Stunde schlagen hörte, und mein
-Lehrer begann eine neue Materie des Unterrichts. Französisch lernte ich
-auch nicht gern; Zeichnen und Schreiben wurden mir auch schwer. Aber am
-aller unangenehmsten war mir die Tanzstunde. Mittags freute ich mich
-immer an Tisch zu gehen; da saß mein Vater und erwartete uns, er konnte
-nicht allein gehen, und seine Jäger, deren er viele hatte, mußten ihn
-stets führen.
-
-Er war immer heiter und freundlich bei Tisch, erzählte uns lustige
-Geschichten, erkundigte sich nach unserm Fleiß, ließ sich auch oft von
-seinen Jägern erzählen, wie es in der Welt ging, die ihn interessierte.
-Er hatte die Wälder, die er meistens anlegte, mit Liebe gepflegt. Alles
-war ihm wichtig; jeder neu erworbene Baum vergrößerte sein Interesse.
-Ich hörte gar zu gern zu, wenn solche Gespräche kamen, und dachte mir
-immer, wie es da und dort aussehen müßte. Ich sah die Plätze im Geist
-und lebte mit den Bäumen der Wälder, mit den Höhen und Tälern, mit den
-Nebeln, wie Ossian in seiner Welt, am liebsten. Nach dem Essen kam der
-Lehrer, und wir hatten Unterricht in der Geographie, lasen Zeitungen
-oder schrieben Briefe. Alsdann kam noch der französische Sprachmeister,
-und unsere Stunden hatten ein Ende. Der übrige Teil des Tages gehörte
-uns.
-
-Wir gingen auf unserm Berg herum, und ich bildete mir ein, jeder neue
-Busch, den ich fände, sei auch andern fremd. War es böses Wetter, so
-setzte ich mich still in einen Winkel und hörte Karolinen und Amalien
-zu, die eine Art dialogisierter Romane spielten. Eine war immer eine
-Heldin des Stücks, und statt zu erzählen, wie es geschehen sei,
-dramatisierten sie die Geschichte. Dieses hatte unendlichen Reiz für
-mich. Ich saß dabei und hörte alles an und war begierig, wie es enden
-würde. Wie alle Romane und Theaterstücke, so endete sich dieses auch
-immer mit einer Heirat.
-
-Hatte mein Vater Geschäfte mit seinen Jägern des Abends, so kam meine
-Mutter und die Kusine, eine fertige Leserin, las uns vor. Ich arbeitete
-nicht gern in früherer Zeit, so gerne ich jetzt tätig bin. Ich hatte
-noch eine Art Unterhaltung, die mich besonders anzog. Ich hatte Figuren
-aus den Kalendern, die ich mir künstlich ausschnitt. Mit diesen spielte
-ich die Romane nach, die ich hörte. Es gab aber noch wenige zu der
-Zeit, zumal deutsche.
-
-Nach sieben Uhr gingen wir zu unserem Vater, wo wir ein kleines Mahl
-einnahmen, und nach dem Essen blieben wir noch bei ihm bis um neun
-Uhr, wo meine Mutter uns begleitete. Die Mädchen im Hause wurden
-versammelt, die Kusine las einen Abendsegen, es wurde ein geistliches
-Lied gesungen, die gute Mutter segnete ihre Kinder ein, und so gingen
-wir gläubig zur Ruhe und erwarteten den andern Morgen, um wieder so zu
-leben.
-
-Noch ehe wir aufstanden, war der geschäftige Vater schon in den
-Wäldern, besah die Anlagen, ordnete die Holzschläge an, bestimmte
-die Jagdreviere, und meistens war die Mutter mit ihm. Hatte er keine
-solchen Geschäfte, so fuhr er mit ihr nach seinen Feldern. Er hatte aus
-Liebe zur Ökonomie Felder gepachtet. Da besah er, wie jede Pflanzung
-stand, ließ Anstalten zur Ernte machen, kurz er wies jedes Geschäft des
-Tages an.
-
-Es war uns eine eigene Freude, die Ernte einfahren zu sehen, und an
-diese wiederkehrende Freude knüpften wir unsere Erinnerung. Bald halfen
-wir die Gemüse aufzubewahren, bald das Obst für den Winter zu legen,
-bald halfen wir einmachen und Obst trocknen. Alles wurde uns wichtig,
-und es wurde mit einer Wichtigkeit behandelt, wovon man nur in einer
-einfachen Lebensweise einen Begriff hat. Das ganze Haus hatte nur einen
-Gesichtspunkt bei einem ökonomischen Fest, alles war beschäftigt.
-
-Ich zog indes freilich lieber auf dem Berg herum, den sich meine
-kindische Phantasie vergrößerte, suchte Blumen und Zweige und kam
-oft recht von Dornen zerrissen zurück und ganz atemlos. Bald wollte
-ich eine Blume pflücken, die unzugänglich war, bald fiel ich aus
-Unvorsichtigkeit den Berg hinunter, ohne Wunden ging keine meiner
-Streifereien ab. Kam zuweilen ein Besuch, der unsere Art zu leben
-unterbrach, so vernahmen wir nichts Neues, denn jeder lebte auf diese
-Art.
-
-Ein Fest für uns war ein Besuch bei einem alten Geistlichen, dem
-Beichtvater unseres Hauses, der mit seiner Frau ein patriarchalisches
-Leben führte. Die runden Fensterscheiben im Zimmer, der große Schrank
-von Nußbaum mit großen geschliffenen Gläsern besetzt, mit Kirschen
-von Glas und einer ruhenden Kuh von Porzellan, die eine Butterbüchse
-war, war mir so lieb und erfreulich als der Kohlkopf in Vossens Luise.
-Ein schöner bunter Teppich lag auf dem Kaffeetisch. An der Seite des
-Zimmers war ein Fensterchen, das in die Küche sehen ließ, wo der Kaffee
-uns entgegendampfte, oder die schönen Kuchen gebacken wurden. Die
-Hoffnung, die Erwartung, was uns bevorstände, war für mich wichtig.
-Wenn der Tisch mit den Gaben des Herbstes prangte, saß ich recht
-gemütlich und hörte den Gesprächen, die mit Einfalt im Gemüt gehalten
-wurden, zu und verlor mich in dieser Welt.
-
-Wenn um sechs Uhr die große Glocke schallte, wir mochten in welchem
-Gespräch wir auch wollten begriffen sein, so faltete der alte gute Mann
-seine Hände und betete laut, wir beteten mit. Die alte Frau Pfarrerin
-ging zu ihm, rief ihm laut ins Ohr, denn er war taub: ›Glückseligen
-guten Abend, Papa!‹ und das vorige Gespräch begann wieder. Um sieben
-verließen wir diesen langen Besuch, aber nicht ohne Rührung über die
-Güte und Einfalt, im edeln Sinn des Wortes, unserer Freunde. Sie kamen
-auch öfters zu uns, und immer war es die nämliche Unterhaltung. Der
-alte Pfarrer las wenig, doch die Zeitungen, die zuweilen auch unser
-Gespräch machten, einige theologische Bücher und gelehrte Zeitungen,
-die ich immer mit einer Art Neugierde und Ehrfurcht ansah, lagen auf
-seinem Tische.
-
-Besuche unseres Alters hatten wir in dieser Zeit selten. Sonntags
-gingen wir in die Kirche und der Vater an Hof. Die Mutter ging
-Donnerstags gewöhnlich hin. Das war auch ein Fest für mich, sie geputzt
-zu sehen, und ich beschäftigte mich oft in der Vorstellung damit.
-Sonntags hatten wir meistens oder gaben Besuche. Ein fehlgeschlagener
-Anschlag auf einen Besuch war immer störend, und die Kusine, die gern
-ausging, sann oft stundenlang darüber nach, wo man sich nur könne
-melden lassen.
-
-Ein großer schöner mit Bäumen bepflanzter Gang an der Saale war auch
-an den Besuchtagen unser Spaziergang. Dort versammelte sich die schöne
-Welt, und dort begegneten wir auch unsern Gespielinnen.
-
-Auch der fürstliche Garten unserer Wohnung gegenüber war Sonntags unser
-Ziel. Alles mir Unbekannte und Fremde dünkte mir wunderbar, dieser
-Zug ist mir aus meiner früheren Jugend auffallend. Der Garten mit
-holzgeschnitzten Figuren, mit einer Laube, worin ein großes Bild war,
-im Geschmack des Gartens, den der Apotheker in Hermann und Dorothea
-beschreibt: dies waren meine Kunstwerke. Ein plumper Neptun mit einem
-Dreizack in einem Bassin war mir auch verwunderungswürdig, und er kam
-mir oft in meinen Träumen wieder vor. Auch ein Labyrinth, in dem ich
-mich oft zu verlieren fürchtete, war mir bedeutend.
-
-So lebte und trieb ich mein Wesen in engen Umgebungen bis in mein
-neuntes Jahr, wo unser guter Vater uns entrissen wurde.«
-
-Karoline befand sich bereits in einem Alter, wo der Gedanke an den Tod
-schwere Seelenbewegung hervorruft, wie sie selbst bekennt:
-
-»In meinem dreizehnten Jahre verlor ich den Vater. Seine Krankheit
-wurde mir wohl als bedenklich, doch nicht als einen nahen Tod drohend
-vorgestellt.
-
-Noch hatte ich nichts Geliebtes durch den Tod verloren, so daß mir
-diese grauenvolle Erscheinung in ihrer Macht und Tiefe fremd war. Der
-Vater starb in der Nacht an einem Stickflusse. Die Diener kamen zu uns
-herauf in den oberen Stock, mit dem Befehl der Mutter, wir sollten uns
-ruhig in unserm Zimmer halten. Ihre Klagetöne drangen zu uns herauf,
-meine Unruhe trieb mich die Treppe hinab, um ihr und dem Vater näher
-zu sein. Es war am Morgen gegen drei Uhr, eine Lampe brannte schwach
-auf der Hausflur. Die Zimmer meiner Mutter öffneten sich, man ging aus
-und ein, ich lehnte auf dem Treppengeländer, um in das Innere derselben
-blicken zu können. Da hörte ich die Stimme des Vaters. ›Weißt du nicht,
-daß ein allmächtiger Gott lebt?‹ hörte ich ihn sagen. Die Stimme war
-mir sonderbar nahe, als töne sie von der Hausflur her. Doch zweifelte
-ich in dem Moment durchaus nicht, daß der Vater noch lebe und die
-Mutter zu trösten suche.
-
-[Illustration: Die Schillerglocke]
-
-Als am nächsten Morgen das traurige Ereignis uns ausführlich mitgeteilt
-wurde, und meine Mutter äußerte, schon gegen ein Uhr in der Nacht sei
-der Vater sprachlos gewesen, sagte ich: ›Ich habe ihn ja um drei noch
-reden hören!‹ worüber alles verwundert war. Vor dem Abgeschiedenen
-hatte ich übrigens durchaus keine Scheu oder Furcht, ja ich weilte
-oft lange in seinem Kabinett, wo ich ihn zuletzt gesehn, und bat Gott,
-er möge mich ihn noch einmal sehen, ihn mir erscheinen lassen.«
-
-[Illustration: Charlottes Jugendheim]
-
-Der Heyßenhof war im 16. Jahrhundert Sitz einer Familie Heyße, stand
-in alter Beziehung zum Rittergut Großkochberg, als dessen Inhaber ein
-Herr von Stein 1720 damit belehnt wurde. Von 1770 bis 1780 war er
-fürstliches Eigentum, dann ging er in den Besitz einer Müllersfamilie
-Mallenbeck über. Wann der Jägermeister von Lengefeld sich hier
-einmietete, und ob seine Töchter im Heyßenhof geboren wurden, kann
-nicht festgestellt werden. In ihrem Erinnerungsleben spielt aber
-diese Örtlichkeit eine bedeutsame Rolle, verlebten sie doch hier die
-Kindheitsjahre, die mit ihren frisch empfundenen Eindrücken am tiefsten
-und längsten bis in das Alter vorhalten.
-
-Der Schönfeldsche Hof gegenüber war ebenfalls seit Jahrhunderten ein
-Kochberger Vorwerk gewesen. Die fürstliche Hofverwaltung hatte ihn
-1706 erworben, und Prinz Ludwig Günther von 1734 an die Ludwigsburg
-gebaut und mit einem Garten in französischer Mode ausgestattet, wie ihn
-Charlotte sah.
-
-Der Damm am Saaleufer, 1735 angelegt, senkte sich reich mit schattigen
-Bäumen bepflanzt als Wiese und Weide zum Flusse hinab, und links
-von ihm dehnte sich der Anger aus als ländlicher Tummelplatz mit
-Schießstand, Gaststätten und einem Sommertheater.
-
-
-
-
-Der Herbst 1789
-
-
-Schillers Geschichtswerk über den Abfall der Niederlande war im
-Rudolstädter Sommer abgeschlossen worden und zur Michaelismesse 1788 in
-den Buchhandel gekommen. Daraufhin konnte sich Goethe für Charlottes
-Freund und Frau von Steins Schützling verwenden, als die Professur
-für Geschichte in Jena ganz unerwartet erledigt war. Der Dichter
-sollte nun Mann der Wissenschaft sein und ein Lehramt mit drückenden
-Verpflichtungen übernehmen. Das kam ihn hart an, aber die Aussicht
-auf eine feste Staatsstellung verlieh ihm ein Recht, auf Charlottes
-Hand zu hoffen. In Lauchstedt bei Halle erhielt er ihr Jawort. Vor der
-besorgten Mutter mußte das vorläufig noch ein Geheimnis bleiben.
-
-Das junge Glück beseelt ihn mit neuem Mut, und zwischen dem Ernst der
-Tagesarbeit ließt der Scherz in seine Worte: »Die Mohammedaner kehren,
-wenn sie beten, ihr Gesicht nach Mekka, ich werde mir einen Katheder
-hier anschaffen, wo ich das meinige gegen Rudolstadt wenden kann, denn
-dort ist meine Religion und mein Prophet.«
-
-Als der Semesterschluß winkt, nehmen die Pläne für den Ferienaufenthalt
-bestimmte Form an: »Ich mache mir meine Ferien so gut zunutze, als ich
-kann. Es sind die ersten, die ich erlebe, und es kommt mir wunderlich
-vor, daß mir eine Zeit vorgeschrieben ist, wo ich frei über mich
-disponieren kann. Kommenden Winter lese ich die Woche fünf Stunden
-Universalgeschichte, von der fränkischen Monarchie an bis auf Friedrich
-II., und eine Stunde Geschichte der Römer.«
-
-Zwischen den Gedanken an die Arbeit belebt ihn die Freude auf die Nähe
-der Braut:
-
- »Jena, Dienstag, den 1. September.
-
-Wie wird es mit unsern Abenden gehen, wenn ich in Volkstedt wohne? Ich
-will es so einrichten, daß ich gegen drei gewöhnlich in Rudolstadt
-bin, und zuweilen bleiben, bis die ~Chère Mère~ wieder geht. Zuweilen
-komme ich auch den Vormittag. Bei schlechtem Wetter kann ich zur Not
-im Wirtshaus oder sonst ein Absteigequartier finden. Den Tag, wann ich
-komme, weiß ich noch nicht bestimmt. Ich vermute, daß ich morgen über
-14 Tage mein letztes Kollegium lese.«
-
-Etwas bange stimmt ihn der Gedanke, daß sie die Sorgen der Mutter
-nicht steigern durch eine vorzeitige Kunde von ihrem Verlöbnis: »Die
-~Chère Mère~ müßt Ihr bei ihrer Zurückkunft und, wenn ich da bin, eher
-fleißiger als nachlässiger besuchen, sonst gewöhnt Ihr sie, mich und
-eine unangenehme Erfahrung in ihrem Gemüt zusammen zu denken.«
-
-Er muß zweierlei Briefe schreiben, solche die geheim bleiben, und
-»ostensible«, die von Hand zu Hand gehen dürfen, und erwirbt sich
-Anerkennung dafür:
-
-»Du bist recht artig, daß Du sogleich den Brief geschrieben hast, und
-so schön, so fein angelegt, daß es aussieht, als überträfst Du uns
-noch in List. Nun im Ernst, mein Lieber, glaube nicht, daß es meine
-Mutter so sehr beunruhigen kann, wenn Du uns nahe bist. Sie soll nicht
-mißmutig sein, wenn wir uns freuen. Aber ich kann mir doch auch nicht
-denken, daß es sie zu sehr betrüben könnte. Sie hat Dich doch auch
-lieb, findet, daß man Deinen Umgang schätzen muß, dazu hat sie doch zu
-viel Verstand, um es nicht zu finden, und fühlt doch auch, daß wir so
-einsam sind, und uns Deine Gesellschaft wohltun wird. Sie soll morgen
-den Brief sehen.
-
-Daß wir Dich nachmittags von drei Uhr bis gegen sechs oder sieben immer
-sehen wollen, haben wir auch schon ausgedacht, und wir gehen immer
-abends um acht Uhr nach dem Essen bei Hof. Da können wir immer zwei
-Stunden bleiben. Alle Tage kommt meine Mutter nicht zu uns, also werden
-wir uns oft ungestört sehn können. Lieber, wie freut sich mein Herz
-dieser Aussicht!«
-
-Am 18. September trifft der sehnlichst Erwartete ein, und fünf Wochen,
-reich an Arbeit, hell durch Freude, getrübt von mancherlei Sorgen,
-vereinigen den Rudolstädter Kreis in der Neuen Gasse.
-
-Karoline, die Schwester und Freundin, weiß in allem Bescheid:
-
-»Endlich kamen die Ferien. Schiller bewohnte wieder sein Haus in
-Volkstedt und brachte Morgen- und Nachmittagsstunden bei uns zu, da die
-Abende größtenteils der Mutter gehörten. Das Geheimnis der glücklichen
-Liebe zwischen ihr und uns, welches zu ihrer Ruhe nötig war, empfanden
-wir als eine ungewohnte Störung doppelt schmerzlich in dieser goldenen
-Zeit, denn immer hatte Offenheit unter uns gewaltet. Doch tröstete uns
-der Mutter sich stets gleich bleibende Achtung und Freundschaft für
-Schiller. Dieser arbeitete an seinen Vorlesungen, an der Thalia und dem
-Geisterseher und schweifte in den schönen Herbsttagen in der Gegend
-umher, in der Erinnerung und Hoffnung ihn anlächelte. Auch manche
-poetischen Pläne und Stimmungen entsprangen diesen Wanderungen, auf
-denen wir ihn oft begleiteten. Die Liebe und die sichere Aussicht auf
-ein glückliches häusliches Leben, welches immer der Gegenstand seiner
-Sehnsucht gewesen war, bildeten einen lichten Grund in seinem Gemüte.
-Aber die Ungewißheit der Epoche, wo Lottchen mit ihm leben könnte,
-erzeugte oft Sorge und Unruhe.
-
-Es graute ihm vor der Einsamkeit in Jena. Der günstige Moment, seine
-Bitte dem Herzog von Weimar vorzutragen, lag noch fern, und an ihrer
-Erfüllung konnte man doch noch zweifeln. Da alles an der Festigkeit der
-Existenz, die die Mutter beruhigen konnte, hing, so erging sich unsere
-Phantasie in tausend Plänen, die dazu führen konnten. Städte, Länder
-und Verhältnisse mit wohlgesinnten Menschen, die nur der Gestaltung
-bedurften, lagen immer bereit.«
-
-Unter den Plänen, die erwogen wurden, beschäftigte auch der ernsthaft
-die Gemüter, nur auf die schriftstellerische Tätigkeit den Hausstand,
-und zwar in Rudolstadt, zu gründen. All diesen Überlegungen kommt
-Frau von Stein zuvor, indem sie den Herzog bestimmt, für Schiller ein
-kleines Jahresgehalt zu versprechen. Nun gilt es ihm als erste Pflicht,
-der Mutter seiner Braut sein Herz und seine Lage zu eröffnen:
-
- »Jena, den 18. Dezember 1789.
-
-Wie lange und wie oft, seit mehr als einem Jahre, gnädige Frau,
-habe ich mit mir selbst gestritten, ob ich es wagen soll Ihnen zu
-gestehen, was ich jetzt nicht mehr zurückhalten kann. Ich muß Sie
-bitten, verehrungswürdigste Freundin, sich jetzt alles gegenwärtig zu
-machen, was je in Ihrem gütigen Herzen für mich sprach. Ich selbst muß
-mir jedes Ihrer Worte zurückrufen, worin ich Wohlwollen für mich zu
-erkennen glaubte, um in diesem Augenblicke Mut und Hoffnung zu fassen.
-Es gab Augenblicke, unvergeßlich sind sie meinem Herzen, wo Sie mich
-vergessen ließen, daß ich ein Fremdling in Ihrem Hause sei, ja, wo Sie
-unter Ihren Kindern auch mich mit zu zählen schienen. Was Sie damals
-ohne Bedeutung sagten, was nur eine vorübergehende Bewegung Ihres
-Herzens Ihnen eingab, wie tief ergriff es mein Herz, wo lange schon
-kein anderer Wunsch mehr lebte, als Ihr Sohn genannt zu werden. Sie
-haben es in Ihrer Gewalt, jene Äußerungen in volle selige Wahrheit für
-mich zu verwandeln.
-
-Ich gebe das ganze Glück meines Lebens in Ihre Hände. Ich liebe
-Lottchen, ach, wie oft war dieses Geständnis auf meinen Lippen, es
-kann Ihnen nicht entgangen sein. Seit dem ersten Tage, wo ich in Ihr
-Haus trat, hat mich Lottchens liebe Gestalt nicht mehr verlassen.
-Ihr schönes edles Herz habe ich durchschaut. In so vielen froh
-durchlebten Stunden hat sich ihre zarte sanfte Seele in allen Gestalten
-mir gezeigt. Im stillen innigen Umgang, wovon Sie selbst so oft
-Zeugin waren, knüpfte sich das unzerreißbarste Band meines Lebens.
-Mit jedem Tage wuchs die Gewißheit in mir, daß ich durch Lottchen
-allein glücklich werden kann. Hätte ich diesen Eindruck vielleicht
-bekämpfen sollen, da ich noch nicht vorhersehen konnte, ob Lottchen
-auch die meine werden kann? Ich hab es versucht, ich habe mir einen
-Zwang vorgeschrieben, der mir viele Leiden gekostet hat. Aber es ist
-nicht möglich, seine höchste Glückseligkeit zu fliehen, gegen die
-laute Stimme des Herzens zu streiten. Alles, was meine Hoffnungen
-niederschlagen könnte, habe ich in diesem langen Jahre, wo diese
-Leidenschaft in mir kämpfte, geprüft und gewogen, aber mein Herz
-hat es widerlegt. Kann Lottchen glücklich werden durch meine innige
-ewige Liebe, und kann ich Sie, Verehrungswürdigste, lebendig davon
-überzeugen, so ist nichts mehr, was gegen das höchste Glück meines
-Lebens in Anschlag kommen kann. Ich habe nichts zu fürchten, als die
-zärtliche Bekümmernis der Mutter um das Glück ihrer Tochter, und
-glücklich wird sie durch mich sein, wenn Liebe sie glücklich machen
-kann. Und daß dieses ist, habe ich in Lottchens Herzen gelesen.
-
-Wollen Sie, teuerste Mutter, o lassen Sie mich bei diesem Namen Sie
-nennen, der die Gefühle meines Herzens und meine Hoffnungen gegen
-Sie ausspricht, wollen Sie das Teuerste, was Sie haben, meiner Liebe
-anvertrauen? Meine Wünsche durch Ihre Billigung in Wirklichkeit
-verwandeln, wenn es auch die Wünsche Ihrer Tochter sind, wenn wir uns
-beide in dieser Bitte vereinigen? Ich werde Ihnen mehr zu danken haben,
-als ich einem Menschen danken kann. Sie werden glücklich sein in der
-Glückseligkeit Ihrer Kinder. Unsere Dankbarkeit wird geschäftig sein,
-Ihr Leben zu verschönern und Ihnen das Geschenk der Liebe durch Liebe
-zu erstatten.
-
-Ich erlaube mir keine weitre Erklärung, bis Sie über die Wünsche
-meines Herzens entschieden haben werden. Steht nur in Ihrer Seele
-meinem Glücke nichts entgegen, so werden keine Hindernisse von außen
-ihm im Wege stehen. Mit welcher Unruhe und Sehnsucht erwarte ich von
-Ihnen den Ausspruch über mein ganzes Glück! Aber Liebe allein wird Sie
-leiten, und darauf gründe ich frohe Hoffnungen. Ewig der Ihrige mit der
-innigsten Ehrfurcht und Liebe.«
-
-Nur ein gutes treues Mutterherz konnte eine Antwort geben, wie die,
-deren Inhalt ihn nun von Zweifeln erlöste:
-
- »Rudolstadt, den 21. Dezember 1789.
-
-Ja, ich will Ihnen das Beste und Liebste, was ich noch zu geben habe,
-meine gute Lottchen, geben. Die Liebe meiner Tochter zu Ihnen und Ihre
-edle Denkungsart bürgt mir für das Glück meines Kindes, und dieses
-allein suche ich. Verzeihen Sie aber der Sorgsamkeit und der Pflicht
-einer Mutter: Können Sie Lottchen neben Ihrer zärtlichen Liebe, nicht
-ein glänzendes Glück, sondern nur ein gutes Auskommen verschaffen?
-Beruhigen Sie mich über diesen Punkt, und ich nenne Sie mit Freuden
-Sohn. Wäre ich reich, könnte ich Ihnen mit meiner Tochter ein
-ansehnliches Vermögen geben, wie gern würde ich Ihnen da zeigen, daß
-Verdienst und ein Herz, so wie ich das Ihrige kenne, die schätzbarsten
-Güter der Erde für mich sind. Da mein Vermögen aber nicht groß und
-unser jetziges Leben diese Frage verlangt, weil ohne hinlänglichen
-Unterhalt kein Familienglück bestehen kann, so müssen Sie mir meine
-Ängstlichkeit vergeben. Die ich mich mit wahrer Ergebenheit und
-Freundschaft nenne
-
- Ihre treue Freundin von Lengefeld.«
-
-Zwei gute und treuherzige Briefe von Rudolstädtern in der Ferne trafen
-ein, der eine noch an Fräulein von Lengefeld in der Neuen Gasse, der
-andere bereits an Frau Hofrätin Schiller in Jena.
-
- »Genf, den 27. Januar 1790.
-
-Daß ich an der Entscheidung Ihres Schicksals, liebes Lottchen, den
-lebhaftesten Anteil nehme, dafür bürgt Ihnen meine Freundschaft für
-Sie. Mögen Sie mit dem Manne, den Sie sich gewählt haben, in allen
-künftigen Lagen Ihres Lebens immer so glücklich sein, als es Ihr gutes
-edles Herz verdient. Einer meiner sehnlichsten Wünsche wird dadurch
-erfüllt werden. Schiller, der mir bereits für seinen Geist die größte
-Achtung eingeflößt hat, soll mir auch in dem neuen Verhältnisse,
-in welches ich mit ihm durch Sie gesetzt werde, herzlich willkommen
-sein, und ich bitte Sie, ihn von meiner aufrichtigsten Freundschaft zu
-versichern.
-
-Es ist freilich eben so gar artig nicht, daß Sie so mit einem Male
-Ihrem alten Lehrer aus der Schule laufen und mich, Ihren alten Freund,
-verlassen. Allein ich würde zuviel Eigennutz verraten, wenn ich mich
-zu sehr darüber beschweren wollte, und Knebeln muß es doch eigentlich
-recht wohl tun, seine Schülerin nun als hochgelehrte Professorin auf
-der Hohen Schule zu wissen. Ich will nun von Ihnen recht viel lernen,
-vorzüglich rechne ich sehr darauf, durch Ihre Vermittelung bisweilen
-etwas von Schillers historischen Vorlesungen zu erhalten. Seine erste
-im Merkur eingerückte Vorlesung habe ich kürzlich gelesen. Sie ist ganz
-meisterhaft und hat mir außerordentlich gefallen. Schiller behandelt
-die Geschichte genau so, wie ich immer gewünscht habe, sie behandelt
-zu sehen. Jede einzelne Geschichte wird durch seine Darstellung ein
-schöner Teil von einem großen harmonischen Ganzen, von der Geschichte
-der Menschheit.
-
-Daß Sie uns in Rudolstadt nicht ganz vergessen, und daß Sie sich so
-einrichten werden, daß Sie alle Ferien bei uns mit Ihrem Freunde
-zubringen, darauf zähle ich sicher.
-
-Leben Sie wohl, liebes Lottchen, und lassen Sie bald wieder etwas von
-sich hören.
-
- von Beulwitz.«
-
- »Genf, den 15. März 1790.
-
- Bestes Schwesterchen,
-
-wie sehr Ihr Wohl und Glück Ihrem Brüderchen am Herzen liegt, wie
-sehr er sich jetzt freut, Sie in derjenigen Lage zu sehen, die Sie
-sich selbst wünschten und wählten, können Sie sich leicht vorstellen.
-Nichts konnte mir mehr Vergnügen machen, als Sie mit einem so braven
-Mann, als Herr Schiller ist, verbunden zu sehen. Erlauben Sie mir,
-mich bei dieser Gelegenheit zu fernerer Freundschaft zu empfehlen.
-Recht oft hoffe ich Sie mit Ihrem lieben Mann in Rudolstadt zu sehen,
-und so manche angenehme Stunde soll uns im freundschaftlichen Zirkel
-verfließen. Dann singen wir Herrn Schillers Lied an die Freude! Jetzt
-muß unser Lieblingsdichter diese Stelle doppelt fühlen: ›Wer ein holdes
-Weib errungen, mische seinen Jubel ein!‹ –
-
-Darf ich bitten, mich Herrn Schiller zu fernerer Freundschaft zu
-empfehlen. Bald werde ich Ihnen mündlich sagen können, wie sehr ich Sie
-verehre, und bin
-
- Ihr aufrichtiger
- Freund und Diener
- Ludwig Friedrich.«
-
- * * * * *
-
-»An einem Montag, den 22. Februar 1790, wurden wir in Wenigenjena vom
-Diakonus Schmidt getraut.
-
-Schiller kam einige Tage vorher nach Erfurt, wo ich und Karoline war,
-uns abzuholen. Wir kamen Sonntag abends nach Jena. Den Montag früh
-fuhren wir drei zusammen nach Kahla, wo wir meine Mutter abholten.
-Es war ein Frühlingstag wie heute, wo ich dieses mit Schmerzen
-niederschreibe. Von Kahla fuhren wir gegen 2 Uhr ab und kamen um 5
-Uhr ganz in der Stille in Wenigenjena an, stiegen an der Kirche aus,
-niemand war bei der Trauung zugegen, als meine Mutter und Karoline. Den
-Abend brachten wir still und ruhig miteinander in Gesprächen zu beim
-Tee. So verging der Tag, der so viele Freuden in seinem Gefolge hatte
-und so viele Schmerzen. Jeglichen Menschen erwartet sein Tag, auch
-meiner wird kommen!«
-
- Aus Charlottes Tagebuch.
-
-
-
-
-Das Frühjahr 1791
-
-
-Das Jahr 1791 begann mit Not und Sorge. Am 3. Januar bei einem
-Hoffest in Erfurt war Schiller zusammengebrochen. Der Arzt schaffte
-wohl Linderung, aber nicht Heilung. Am 9. Januar erfolgte die Reise
-nach Weimar, am 11. die Rückkehr nach Jena. Im Briefwechsel des
-Freundeskreises ist die Sorge und die Hoffnung zu erkennen, mit der
-alle die Ereignisse im Befinden Schillers begleiteten. Erst am 22.
-Februar führt der Genesende selbst wieder die Feder und berichtet
-dem Dresdener Freund seinen Zustand und seine Pläne für den Sommer.
-Schon am Krankenlager hatte sich ein Wetteifer gezeigt: nicht nur
-Verwandte und altbewährte Freunde hatten einander übertroffen in ihren
-Bemühungen, auch neue Anhänger bewarben sich, wenigstens einmal eine
-Nachtwache leisten zu dürfen. Schillers philosophische Studien hatten
-ihm Schüler in reiferen Mannesjahren zugeführt, die nur vorübergehend
-Jena aufsuchten, um seinen persönlichen Verkehr zu genießen. Im Anfang
-des April folgten ihm einige dieser neuen Freunde auch in seine
-Erholungszeit nach Rudolstadt.
-
-Geselliges Leben entwickelt sich hier, drei- bis viermal die Woche
-wird ein Spazierritt unternommen. Am 24. April folgt Schiller einer
-Einladung zur Hoftafel, die Umgebung ist heiter, aber er selbst
-beurteilt seinen Zustand mit klarem Blick: ›Ich mag niemand sagen, daß
-ich meine Beschwerden behalten muß. – Es soll mir nicht an Mut fehlen,
-wenn auch das Schlimmste über mich kommen wird.‹
-
-Zu dem neuen Kreise gehörte der fünfundzwanzigjährige Mediziner
-Benjamin Erhard aus Nürnberg, Kantischer Philosoph, Mathematiker,
-Zeichner und Musiker, ein bestimmt auftretender, humorvoller Mensch,
-dessen Wesen Schiller mit fühlbarem Anteil schildert. Er berichtet
-in seinen Denkwürdigkeiten: »Durch Schillers Bekanntschaft wurde ich
-veranlaßt, ihn in Rudolstadt bei seinem Schwager zu besuchen. Ich
-verlebte hier einige der glücklichsten Tage meines Lebens, unter lauter
-gebildeten Menschen, die mich an äußerer Bildung alle übertrafen,
-und die doch Güte genug hatten, mir meine innere als Ersatz für die
-äußere anzunehmen. Die Prinzen und Prinzessinnen kamen beständig in
-dieses Haus, und meine geringe Fertigkeit im Zeichnen und Kenntnis des
-Generalbasses erwarb mir ihre Gunst. Der Ton, der hier herrschte, war
-die unschuldigste Geselligkeit, die ich bisher gesehen hatte. Ich war
-eines Abends auf dem Schlosse und phantasierte auf Verlangen auf dem
-Fortepiano; meine Laune gab mir deutsche Tänze ein, und diese wirkten
-auf die Gesellschaft so, daß sie zu tanzen anfing, und ich meine Tänze
-fortspielen mußte. Reinhold, der auch auf Besuch hier war, sagte mir
-ins Ohr: ›Nun erfahre ich, was ich in meinem Leben nicht erwartet
-habe, daß ein Hof nach der Musik eines Philosophen tanzt.‹ Das hörte
-aber doch ein Nahestehender, der Scherz wurde in der Gesellschaft
-verbreitet und gefiel jedermann. Mit dem Buchhändler Göschen ging ich
-zu Fuß nach Jena zurück und fand auch in ihm einen Freund.«
-
-Aus dem Bekanntenkreis, zu dem auch der Freiherr von Hardenberg, der
-Dichter Novalis, gehörte, nennt Schiller noch einen Klagenfurter
-Fabrikanten Baron von Herbert und zwei Livländer, Baron von Adlerskron,
-Offizier und Philosoph, und Karl Gotthard Graß, der sich als Theolog,
-Philosoph, Dichter und Maler betätigte. Aus dessen Feder besitzen wir
-die Schilderungen von Schillers Krankheit, die ihn am 7. Mai überfiel.
-Aus seiner Heimat schreibt er 1795 an Schiller: »Es sind vier Jahre,
-vier Jahre! verflossen, seit ich in Rudolstadt von Ihnen ging; nur wenn
-ich auf die Lebhaftigkeit meiner Rückerinnerungen an jene Augenblicke
-sehe, scheinen es mir so viele Tage zu sein. Ich sehe noch jeden
-einzelnen Moment unverrückt und deutlich vor mir. Wie wir am Bett saßen
-und Ihnen vorlasen, und was wir lasen; wie wir die Mondlandschaft vor
-Ihnen aufstellten; dann wieder, wie Ihre Gattin an Ihrem Bett kniete
-und die Tränen verbarg, und Ihre Hände sie umschlangen; wie Sie mit mir
-Malaga und auf Wiedersehen tranken; dies alles, und was Sie mir sagten,
-und was ich empfand, dies alles ist mir so gegenwärtig, wie von gestern
-her. Ich kenne jeden Zug Ihres Gesichts, ich höre Ihre Stimme, und die
-leiseste Berührung dieser Erinnerungen durchdringt meine ganze Seele!«
-
-Aus Neapel beantwortet er die Nachricht von Schillers Tod, unter der er
-zusammenbrechen wollte; dabei fließt ihm in die Feder: »Erinnern Sie
-sich noch eines Augenblicks, der mir unvergeßlich ist, als Schiller in
-Rudolstadt so krank war: Ich befand mich in seinem Zimmer und hatte,
-indem ich am Fenster stand und las, mir das Bild des Leidenden und
-das Edle und Große, welches seine Form und seine Züge umschwebte,
-tief eingeprägt. Er hatte, soviel ich weiß, etwas Opium genommen,
-die heftigen Krämpfe zu stillen, und lag da, leicht entschlummert,
-wie ein Marmorbild. Sie befanden sich im Nebenzimmer, wo ich Ihnen
-die Schillersche Übersetzung des vierten Buchs der Äneide vorgelesen
-hatte, und von Zeit zu Zeit kamen Sie an die Türe, sich nach Schiller
-umzusehen. Sie sahen ihn also da liegen und nahten leise auf bloßen
-Strümpfen, und ebenso leise knieten Sie mit gefalteten Händen vor sein
-Bette hin. Ihr loses dunkles Haar floß über die Schulter. Still weinte
-Ihr Auge. Sie hatten es wohl kaum bemerkt, daß noch jemand im Zimmer
-war. Der ohnmächtige Kranke schlug indessen etwas die Augen auf. Er
-erblickte Sie; mit Leidenschaft umschlangen plötzlich seine Arme Ihr
-Haupt, und so blieb er auf Ihrem Nacken ruhen, indem ihn die Kraft
-von neuem verließ. Verzeihen Sie, daß ichs wagte, Ihnen eine Szene zu
-schildern, die so heilig und himmlisch war, daß nur Unsterbliche sie
-belauschen sollten. Begreifen Sie nun, daß ich Schiller und Sie nie
-vergessen konnte?«
-
-Treuer Pflege, der Hilfe der Rudolstädter Ärzte Conradi und Beythan,
-sowie des Jenaer Hofrats Stark gelang es, den Leidenden zu retten. Am
-9. Juli reiste er mit Frau und Schwägerin nach Karlsbad, von wo Lotte
-meldet, daß die Kur guten Erfolg hat. Karoline wurde nach Rudolstadt
-zurückberufen, denn am 21. Juli fand die Vermählung des Erbprinzen
-Ludwig Friedrich mit der Prinzessin Karoline Luise in Homburg statt,
-und am 5. August sollte der feierliche Einzug des jungen Paares in
-Rudolstadt erfolgen.
-
- * * * * *
-
-»Am 10. April 1805. Jeder Mensch sollte die Geschichte seiner
-Empfindungen für sich selbst aufsetzen, nicht sich ängstlich beobachten
-und immer mit seinem Gewissen sich abfinden, sondern sich mit freiem
-Sinne prüfen, wie die äußern Gegenstände auf uns wirken. –
-
-Je länger man in der Welt lebt, je näher man die Menschen beleuchtet,
-je mehr flüchtet man sich in sein eigenes Herz zurück. Welche Zwecke,
-welche Neigungen leiten die, die wir beobachten! Falsches Streben nach
-unerreichbaren Dingen ist beinah die ganze Existenz mancher Naturen. Wo
-ist der Friede zu finden, wenn er nicht in uns ist?
-
-Je gebildeter die Natur, je näher den Abwegen! Kein Mittelweg führt zu
-dem Genuß einer ruhigen Existenz. Haben wir das Schicksal beschworen,
-so entsteht in uns selbst der Kummer. Immer das Unerreichbare zu
-erringen strebt die Natur. Immer in jeder Lage, in jedem Moment des
-Lebens ist nur Hoffnung nach etwas Besserem, für etwas Besseres der
-einzige Stab, auf den wir unsere wankende Existenz stützen. Soll
-dieses ewige Streben nach dem Besseren zwecklos sein? Soll es nicht dem
-Geist die Deutung geben, daß es einen Ort gibt, wo endlich alles Hoffen
-erfüllt wird?«
-
-So schrieb die ehemalige Rudolstädterin in ihrem Heim an der Esplanade
-zu Weimar, als der Gatte hoffnungslos darniederlag.
-
-Vier Wochen darauf trat das Ereignis ein, das die ~Chère mère~ in einer
-Urkunde bezeugt: »Den 9. Mai, abends zwischen 5 und 6 Uhr ist mein
-Schwiegersohn, Hofrat von Schiller, Mitglied der Witwensozietät, mit
-Tod abgegangen.«
-
-Eine schwache, achtunddreißigjährige Witwe, brach Charlotte am
-Sterbebette in der Dachstube zusammen, dann nahm sie die Last auf sich,
-die eine gütige Vorsehung sonst nur den Armen eines Menschenpaares
-zumutet: Unmündige zu tragen und zu führen, bis sie ihren Lebensweg aus
-eigener Kraft weitergehen können.
-
-
-
-
-Schillers Familie in Rudolstadt
-
-
-Nach Schillers Verheiratung löste sich bald der Hausstand in der Neuen
-Gasse auf. Frau von Lengefeld hatte schon 1789 ihr Amt als Erzieherin
-der Schwestern Ludwig Friedrichs angetreten und bezog eine Wohnung auf
-der Heidecksburg. Karoline von Beulwitz trennte sich von ihrem Gemahl,
-verließ Rudolstadt und ging 1794 eine neue Ehe mit Wilhelm von Wolzogen
-ein.
-
-Über den Verkehr Schillers und der Seinen enthalten die Hoffurierbücher
-trockene, aber genaue Auskunft, da jede Mahlzeit und jedes
-Nachtquartier eingetragen ist.
-
-»Herr Schiller und Frau Hofrätin sind vom 2. bis 12. September 1799
-mittags an Erbprinzen Tafel und abends bei fürstlicher Tafel gewesen.«
-
-Bis 1803 wohnt »Frau Hofrätin Schiller« wiederholt bei ihrer Mutter,
-dann tritt eine Pause ein bis 1810. Als zwölfjähriger Knabe besingt
-Ernst von Schiller romantisch schwärmerisch die Kapelle im Mörlagraben
-und dichtet eine Ballade: Der Ritter und die Saalnixe. Bald erscheint
-»Herr von Schiller«, der siebzehnjährige Sohn Karl, als Gast an der
-fürstlichen Tafel. Am 23. Februar 1811 nimmt Ernst an einem Maskenfest
-auf dem Schlosse teil als Marquis Posa und fällt auf, wegen seiner
-großen Ähnlichkeit mit dem Vater, die kleine Karoline gesellt sich zu
-den fürstlichen Kindern. Karl verkehrt als »Herr Leutnant von Schiller«
-bis 1815 an der Familientafel, Ernst »der Herr Kammerassessor« bis
-1818, dann führt der Beruf sie beide in die Ferne. Von 1819–1823 feiert
-»Frau Hofrat von Schiller mit zwei Fräulein« regelmäßig den Geburtstag
-der Mutter am Hofe, Emilie hat Beziehungen zu Familien in der Stadt,
-Karoline findet sich am 28. November 1822 als »bleibender Gast« auf dem
-Schlosse ein.
-
-Am 11. Dezember 1823 verschied die ~Chère mère~, und die Fürstin
-Karoline Luise wurde den drei vereinsamten Frauen aufrichtige Freundin
-und treue Beraterin.
-
-[Illustration: Das Schillerhaus in Volkstedt]
-
-Drei Jahre später, am 9. Juli 1826, starb Charlotte in Bonn. Sie hatte
-den Augenarzt von Walther daselbst aufgesucht, um ihr Starleiden heilen
-zu lassen. Die Operation gelang, aber Schwindelanfälle und Atemnot
-traten ein. Ernst von Schiller zeigt der Fürstin Karoline Luise den
-Tod der Mutter an: »Ich fand sie phantasierend, doch mit helleren
-Momenten, in deren einem sie meine Anwesenheit erkannte und einige,
-doch schwache Teilnahme zeigte. Die Bilder ihrer Phantasie waren mild,
-es war der Regen, der die Blumen erquicken würde. Ich holte Walther,
-der mir gleich sagte, daß sie rettungslos verloren sei, es sei ein
-Nervenschlag, der durchaus unerwartet gekommen wäre. Um halb 5 Uhr
-hörte sie auf zu sprechen. Ohne irgendein Zeichen ihres Bewußtseins zu
-geben, hauchte die Vortreffliche morgens gegen 6 Uhr ihr edles Leben
-aus. Emilie und ich waren zugegen. Euer Durchlaucht kennen den
-Schmerz und werden den unsrigen begreifen.«
-
-[Illustration: Die Saale zwischen Volkstedt und Rudolstadt]
-
-Emilie war ein hochstrebendes Wesen und fühlte schwer den Kampf
-zwischen ihren Idealen und der Wirklichkeit. An ihren Bruder Ernst
-schloß sie sich eng an. Seelsorgerin in allen Gewissensangelegenheiten
-blieb ihr die Fürstin in Rudolstadt, bis Adalbert von Gleichen sie 1828
-als Gattin heimführte.
-
-Über Karolines Verkehr und ihren Aufenthalt in Rudolstadt ist die
-zuverlässigste Kunde erhalten geblieben. Schon als Kind hatte sie
-gern mit jüngeren Kindern verkehrt. Noch bei Lebzeiten der Mutter war
-sie in das Katharinenstift zu Stuttgart eingetreten, um Erziehung und
-Unterricht gründlich kennenzulernen. Krankheit und Tod der Mutter
-bestimmten sie, sich eine eigene Stellung im Leben zu suchen. Bei
-allen Entscheidungen war auch ihr die »Fürstin Mutter« in Rudolstadt
-eine treue und nimmermüde, vielerfahrene Freundin. In die Familie des
-württembergischen Herzogs Eugen zu Karlsruhe in Schlesien trat sie ein,
-um diesem eine achtjährige Tochter zu erziehen. Als die Tätigkeit dort
-zu Ende war, legten die alten Beziehungen der Eltern zu Hof und Stadt
-sowie die neuen Verbindungen der Schwester Emilie zu der Familie von
-Gleichen den Gedanken nahe, nach Rudolstadt zurückzukehren. Vor Not
-blieb sie bewahrt, da sich der geistige Nachlaß des Vaters in Barbesitz
-der Erben verwandelte. Nun trat eine arbeitshungrige dreißigjährige
-Dame in das Leben der kleinen Residenz ein. Studium und Lektüre
-befriedigten sie nicht. Die philosophischen und dichterischen Werke des
-Vaters beherrschte sie vollkommen, und anderen davon mitzuteilen durch
-Vortrag oder Einübung von Rollen bereitete ihr Genuß und Freude. Eine
-Entscheidung im Gemütsleben hatte sie standhaft überwunden und »durch
-herrliche, edle Menschen Trost und Erquickung in der Freundschaft
-empfangen.« Nunmehr folgt sie dem Zuge des Herzens, »um das Ideal ihres
-Lebens ins Werk zu setzen«.
-
-Am 26. Mai 1832 veröffentlicht sie ihr »Anerbieten. Wenn es einigen
-Eltern erwünscht sein könnte, ihre Töchter unter weiblicher Aufsicht
-unterrichten zu lassen, so erbiete ich mich gern, sie vom siebenten
-Jahre an täglich 5–6 Stunden bei mir aufzunehmen.«
-
-Am 25. Juni beginnt der Unterricht, außer ihr selbst ist ein Kandidat
-und eine Handarbeitslehrerin an der Klasse beschäftigt. Vom Jahre 1834
-an erteilt der Theologe und Mathematiker Augustin Regensburger den
-wissenschaftlichen Unterricht, und mit ihm tritt ein Geistesverwandter
-in die Gefolgschaft der Stifterin ein.
-
-Unter den Schülerinnen des Jahres 1835 wird Franziska Junot genannt,
-ihr Vater war der Bergrat Junot in Katzhütte. Vornehme, heitere Ruhe
-wird ihm nachgesagt. Aus erster Ehe Witwer geworden, mag er sich nach
-einer mütterlichen Versorgerin für seine sechs Kinder umgesehen und
-dabei das feinsinnige Erziehertalent Karolines erkannt haben. Am 26.
-Juli 1836 fand die Trauung statt in der Kirche von Volkstedt, auf
-der 48 Jahre vorher das Auge des Vaters täglich geruht hatte. Am 1.
-April 1839 gab Karoline einem Söhnchen das Leben. Es erhielt die Namen
-Felix Karl, trug das goldleuchtende, wallende Schillerhaar und wies
-vielversprechende Anlagen auf; aber eine jäheintretende Krankheit
-setzte seinem Dasein ein frühes Ende. Er starb am 27. April 1844 in
-Rudolstadt. Sein Grab liegt auf dem alten Friedhof links, gegenüber der
-Friedhofshalle.
-
-Als Junot in das Kammerkollegium nach Rudolstadt berufen wurde,
-bezog die Familie im Hause Augustenstraße 10 eine Wohnung. Ihre
-Nachbarn erinnerten sich noch lange gern des stattlichen, würdevollen
-Paares, das seine abendlichen Erholungsgänge auf und ab in der Straße
-unternahm. Durch Freude und Sorge des täglichen Lebens klingt aus
-den Briefen Karolines ein tiefbegründetes ideales Streben, das in
-religiösem Trost über die Wirklichkeit erhob.
-
-Bald sollte ihr neue Prüfung auferlegt werden, die Kirchennachrichten
-melden am 4. Januar 1846 »Gestorben: der Fürstliche Bergrat, Herr Franz
-Karl Emanuel Junot, 60 Jahre, 8 Monate und 12 Tage alt.« Karolines
-Privatanzeige schließt: »Wir werden die vielfachen Beweise der Liebe
-und Achtung gegen den Geschiedenen stets in dankbarem Herzen bewahren.«
-
-Auf einer Reise zum Besuch der Schwester auf Greifenstein bei Bonnland
-in Unterfranken erkrankte Karoline, und der Tod erfüllte ihr Sehnen am
-19. Dezember 1850 in Würzburg.
-
-In Rudolstadt, so hatte sie gewünscht, sollte ihr Herz beigesetzt
-werden, und es fand seine Ruhe an der Stelle, wo Sohn und Gatte
-bestattet lagen.
-
- * * * * *
-
-Das Bild Seite 13 ist die Wiedergabe einer Bleistiftzeichnung, die die
-Unterschrift trägt: »Frl. Lottchen von Lengefeld. 1788.« Sie fand sich,
-bisher unbeachtet, im Schloßmuseum unter Hunderten von Blättern aus der
-zeichenfreudigen Zeit Ludwig Friedrichs. Das Profil ist mit sicherer
-Hand, vielleicht unter Benutzung eines Schattenrisses, festgehalten
-worden, während Haare und Gewand nicht die gleiche Bestimmtheit
-erkennen lassen. Das H als Busennadel könnte Bezug haben auf die
-Neckerei mit dem englischen Hauptmann Heron. Die Schriftzüge können die
-Ludwig Friedrichs oder seines Lehrers, des Hofmalers Franz Cotta, sein.
-
-Das Bild Seite 76 gibt eine Bleistiftzeichnung wieder, die
-unterschrieben ist: »Rudolstadt d. 31. Decbr. 1839. Mathilde, Pr. zu
-Schaumburg-Lippe.« Von der Hand der Fürstin Elisabeth zur Lippe stammt
-der spätere Zusatz: »Caroline Junot, geb. von Schiller.« Ein anderes
-Blatt vom 28. Dezember zeigt die Dargestellte mit einer Strickarbeit
-beschäftigt und die Unterschrift dazu von der Fürstin Karoline Luise.
-
-
-
-
-Rundgang an den Schillerstätten vorüber
-
-
-Das Doppelhaus Schillerstraße 25 blieb als weihevoller Ort erhalten.
-Der Hausgarten daran war zum Bauplatz für eine Kirche bestimmt. Der
-spätere Besitzer, Kreisgerichtsrat Wolle, löste die Gerechtsame ab.
-Sein Sohn, Landgerichtspräsident Wolle, dessen Witwe jetzt Besitzerin
-ist, war ein feinsinniger Schillerverehrer und hielt jede entstellende
-Neuerung fern. Das Obergeschoß an der Schillerstraße war Wohnung des
-Ehepaares von Beulwitz von 1785 bis 1794. Das Gartengebäude nach der
-Allee bewohnte Frau von Lengefeld von 1775 bis 1789 und Charlotte bis
-zu ihrer Verheiratung.
-
-Das Schulgrundstück gegenüber, Große Allee 5, war der Lengefeldsche
-Garten, den die ~Chère mère~ 1786 gekauft hatte. Hier fanden die
-Teeabende und Komödienspiele statt. Für diesen Garten hatte Karl August
-die Bäume unter scherzhaften Anspielungen gestiftet. Ein zweistöckiges
-Gartenhaus mit Geräteschuppen war der »grüne Pavillon«, den Schiller
-von Volkstedt aus mit dem Perspektiv erkannte. Als 1835 das
-»Schwesterngäßchen« von der Allee zur Augustenstraße durch den Garten
-gelegt wurde, mußten die beiden Häuschen etwas nach Süden hin versetzt
-werden.
-
-Augustenstraße 10 war die Wohnung von Karoline Junot, als sie mit ihrem
-Gemahl 1839 von Katzhütte nach Rudolstadt umgezogen war. Im Hause
-Augustenstraße 17 hatte sie 1832 ihre Mädchenschule gegründet.
-
-Das Gasthaus »Zur Güldenen Gabel«, Schillerstraße 1, bildete mit dem
-Grundstück Schwarzburger Straße 12 das vornehme Absteigequartier der
-Stadt. Das Wochenblatt vom 11. Dezember 1787 zählt unter den Fremden,
-»so sich teils hier aufgehalten, auch nur durchgereist sind,« Herrn
-Architekt Harles und Herrn Doktor Schiller aus Meinungen auf. Wolzogen
-reiste demnach ›inkognito‹. Am 27. Mai 1788 wird Herr Rat Schüler aus
-Weimar, am 22. September 1789 Herr Professor Schüler aus Jena genannt.
-
-Schloßaufgang II,3 gehört zu den kleinen Anwesen, wie sie Bediensteten
-des Hofes überwiesen wurden, damit diese am Fuß des Schloßberges
-jederzeit leicht zu Tage- oder Nachtwerk anzurufen waren. Das Haus
-gehörte 1788 einer Hofratwitwe Roß und wird als Herbstwohnung Schillers
-genannt.
-
-Die Stadtkirche ist ein wertvolles Denkmal für Heimat- und
-Kunstgeschichte. Auf die Anschauung deutscher mittelalterlicher
-Bauformen war aber die Zeit Schillers noch wenig eingestellt.
-
-Die Mayersche Glockengießerei Jenaische Straße 1 war bis 1872 in
-Betrieb, sie wird jetzt als Maschinenfabrik vom Schwiegersohn des
-letzten Glockengießers Robert Mayer betrieben.
-
-Der Heißenhof Lengefeldstraße 1 war eine Zeit lang Brauerei und führt
-im Volksmund seitdem den Namen Bergschlößchen, er ist jetzt Eigentum
-der Stadtgemeinde.
-
-Der Baumgarten war im 18. Jahrhundert ein Englischer Park mit 2
-Teichen, einem Fischerhäuschen und einer Einsiedelei, wurde von Fürst
-Ludwig Friedrich liebevoll ausgestattet, ist in der Neuzeit aber bis
-auf spärliche Reste verschwunden, da er als Gebiet für Neubauten
-gebraucht wurde.
-
-Auf dem Schloß erinnern die Lengefeld-Zimmer noch an die Frau
-Oberhofmeisterin.
-
-Im Jägerhof wohnte vor seiner Verheiratung der Landjägermeister von
-Lengefeld.
-
-Ein Spaziergang die Schloßstraße hinab gewährt einen guten Überblick
-über die Flur zwischen Rudolstadt und Volkstedt.
-
-Das Haus des Kantors Unbehaun lag zu Schillers Zeit als erstes
-Gehöft des Dorfes rechts am Wege, gegenüber der Porzellanfabrik und
-der Kirche. Es hat durch Umbau Veränderung erfahren, aber Hof und
-Nebengebäude zeigen noch die alte Stimmung. Hier sorgte der treue
-Hauswirt, wenn nötig mit dem Fliegenwedel in der Hand, daß die Kuh den
-Herrn Doktor nicht störte. Alles Liebe und Gute wurde dem braven Manne
-dankbar dafür nachgerühmt, und 1791 hielt Graß in einer Zeichnung seine
-Züge fest, aus denen Treue und Redlichkeit sprechen. Die Nachkommen
-Unbehauns, die Familien Stauch, haben das Zimmer und dessen Einrichtung
-pietätvoll geschont.
-
-Schillererinnerungen beleben die ganze Flur Volkstedt. Der Weg nach
-Rudolstadt hat Umänderungen erlitten. Er führte einst durch eine
-Wiesenmulde zum Schaalbach und von da auf den Hain zu. Die Richtersche
-Fabrik und die neuen Stadtteile sind dort entstanden. Nur die
-Schillerquelle im Rudolspark erinnert noch an alte Zeit, wenn auch
-versteckt an dem schluchtartigen Philosophenweg. – Nach Zeigerheim zu
-führten Spazierwege den Dichter oft, und es heißt, der Bergvorsprung an
-der Prinzeneiche sei ein Lieblingsplatz von ihm gewesen. Hier folgte
-sein Blick der Länder verknüpfenden Straße und der Pappeln stolzem
-Geschlechte bis Saalfeld und Rudolstadt. – Den Gefahren einer Seereise
-setzte er sich aus, indem er oberhalb des Wehres einen Kahn benutzte
-oder unterhalb den Fluß durchwatete. So erreichte er die Große Wiese
-mit weithin verbreitetem Teppich. Aus der Ferne grüßte die Burg. Unter
-den Linden erwarteten ihn die Freundinnen und führten ihn nach Cumbach,
-wo um den Hofgarten französischen Stils deutsches Landleben sich
-abspielte.
-
-[Illustration: Karoline Junot, geborene von Schiller]
-
-An den steilen Sandsteinfelsen des Mühlbergs errichtete im Jahre 1830
-der Kammerrat Karl Werlich die Anlagen der Schillershöhe mit der
-Danneckerschen Büste und den Schlußversen des »Spaziergangs«. Es wäre
-mehr als kühn, zu behaupten, daß Schiller dieses philosophische Gedicht
-lediglich hier als Eingebung empfangen habe. Die landschaftlichen
-Bilder dazu mögen aus vielen Erinnerungen des Dichters bis 1795
-zusammengeflossen sein. Immerhin kann doch geraten werden, den Pfad von
-Schillershöhe über Unterpreilipp zur Preilipper Kuppe zurückzulegen.
-Dabei werden sich Natureindrücke und Landschaftsbilder bieten, die für
-das Verständnis der Dichtung willkommen sind.
-
-Die Saale selbst ruft uns Schillerworte zu:
-
- »Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele;
- Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.«
-
-Auch die Schillerverehrung früherer Rudolstädter Geschlechter sollte
-nicht der Vergangenheit anheimfallen. Eine Tafel auf Justinshöhe über
-Volkstedt trug die Verse Augustin Regensburgers:
-
- »Wandrer! dich grüßt die Natur in lieblich erhabener Anmut,
- Schaust du vom Bergeshang sinnig ins friedliche Tal.
- Sieh, wie der silberne Strom, ein Bild des Lebens, dahinrauscht,
- Dort an der Schillershöh küssend geweihtes Land!
- Hier der Wiese Grün, dort der Saat sich kräuselnde Woge!
- Wie majestätisch das Schloß thront bei der freundlichen Stadt!
- Wann nun spähend dein Blick sich verliert in die duftige Ferne,
- Spiegelt im seligen Aug wonnig das himmlische Blau.«
-
-
-
-
-Der Greifenverlag zu Rudolstadt
-
-Bei uns erschien:
-
-
-Thüringer Heimatbücher, Band I
-
-Berthold Rein
-
-Die Friedensburg bei Leutenberg
-
-Eine thüringische Grenzfeste und ihre Bewohner
-
-Mit 8 Lichtbildern – Fein kartoniert Mk. 3.–
-
-_Landeszeitung Rudolstadt_: Die Thüringer Heimatbücher sind wegen
-ihres heimatkundlich wertvollen Charakters durchaus zu begrüßen. Die
-bei allem sachlichen Ernst und aller historischen Treue fesselnd
-geschriebene Abhandlung läßt uns einen Blick in die dunklen Tage des
-Mittelalters, in die Entstehung der alten, auf einem Bergkegel herrlich
-gelegenen Burg tun, in den romantischen Zauber ihrer düsterwinkligen
-Gänge, Erker, Lauben und Säle. Die Arbeit aus der Feder des Schulrats
-Dr. Rein, dessen sorgfältige Behandlung wissenschaftlicher und
-historischer Fragen bekannt ist, zeugt von gründlichem Studium der
-Archivalien, der alten schweinsledernen Folianten und Pergamente, der
-Urkunden und Fachschriften. Das mit Bildern versehene Büchlein ist in
-jeder Beziehung wirklich zu empfehlen.
-
-_Rudolstädter Zeitung_: Ein Heimatbuch, wie es sein soll: schlicht
-und allgemein verständlich. All denen, die sich liebevoll in die
-Vergangenheit romantischer Burgenherrlichkeit versenken, will das
-geschmackvoll ausgestattete Büchlein ein treuer Führer sein. Es ist
-Goldschlägerarbeit, die der Verfasser geleistet hat. Heimatsinn und
-Heimatliebe führten dem Sohne der Thüringer Scholle die Feder, so daß
-wir dem ersten Band der Veröffentlichungen des Heimatbundes nur warme
-Worte der Empfehlung mit auf den Weg geben können.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Unterschiedliche Schreibweisen von Namen wurden wie im Original
- beibehalten.
-
- Der Schmutztitel wurde entfernt. Das Inhaltsverzeichnis wurde zur
- leichteren Orientierung an den Anfang des Buches verschoben.
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- Die Bildunterschriften wurden gemäß dem Bildverzeichnis hinzugefügt.
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHILLER IN RUDOLSTADT ***
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-
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-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
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-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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Binary files differ
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@@ -1,3130 +0,0 @@
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- Schiller in Rudolstadt, by Berthold Rein—A Project Gutenberg eBook
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Schiller in Rudolstadt</span>, by Berthold Rein</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
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-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Schiller in Rudolstadt</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Berthold Rein</p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Illustrator: Willi Geißler</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: October 1, 2022 [eBook #69083]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SCHILLER IN RUDOLSTADT</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center larger">Thüringer Heimatbücher</p>
-
-<p class="center">Veröffentlichungen des Thüringer Heimatbundes</p>
-
-<p class="center smaller p2">Band 2</p>
-
-<p class="center">Berthold Rein</p>
-
-<p class="h2">Schiller in Rudolstadt</p>
-
-<div class="figcenter" id="signet1">
- <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">1 · 9 · 2 · 5</p>
-
-<p class="center p2">Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Berthold Rein</p>
-
-<h1 id="Titel">Schiller in Rudolstadt</h1>
-
-<div class="figcenter" id="signet2">
- <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center p2">1 · 9 · 2 · 5</p>
-
-<p class="center">Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)
-</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center smaller">Ausstattung von Willi Geißler</p>
-</div>
-
-<p class="center">»Die Stätte, die ein guter Mensch betrat!«</p>
-
-<p class="center smaller p2">Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Greifenverlag<br />
-Rudolstadt 1925. Gedruckt von Mänicke &amp; Jahn A.-G., Rudolstadt,<br />
-in der Ehmcke-Fraktur. Buchbinderarbeit ebenfalls von dort.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
-</div>
-
-<table>
-<tr>
-<td>Titel</td>
- <td class="tdr"><a href="#Titel">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Vorwort</td>
- <td class="tdr"><a href="#Vorwort">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der 6. Dezember 1787</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_6_Dezember_1787">7</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Im Sommer 1788</td>
- <td class="tdr"><a href="#Im_Sommer_1788">17</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der 7. September 1788</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_7_September_1788">33</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Stadtkirche und die Glockengießerei</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Stadtkirche_und_die_Glockengie_erei">37</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Charlottes Jugendheim</td>
- <td class="tdr"><a href="#Charlottes_Jugendheim">42</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Herbst 1789</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Herbst_1789">50</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Frühjahr 1791</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Fruehjahr_1791">61</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Schillers Familie in Rudolstadt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Schillers_Familie_in_Rudolstadt">67</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Rundgang an den Schillerstätten vorüber</td>
- <td class="tdr"><a href="#Rundgang_an_den_Schillerstaetten_vorueber">73</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc tdh2" colspan="2">Bilder:</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Schillershöhe</td>
- <td class="tdr"><a href="#illu-005">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Charlotte von Lengefeld</td>
- <td class="tdr"><a href="#illu-015">13</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Schillerstraße 25: Wohnung des Ehepaares von Beulwitz</td>
- <td class="tdr"><a href="#illu-037">32</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Gartenhaus an der Allee: Wohnung der Frau von Lengefeld</td>
- <td class="tdr"><a href="#illu-038">33</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Schillerglocke</td>
- <td class="tdr"><a href="#illu-055">48</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Charlottes Jugendheim</td>
- <td class="tdr"><a href="#illu-056">49</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Schillerhaus in Volkstedt</td>
- <td class="tdr"><a href="#illu-077">68</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>An der Saale zwischen Volkstedt und Rudolstadt</td>
- <td class="tdr"><a href="#illu-078">69</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Karoline Junot, geborene von Schiller</td>
- <td class="tdr"><a href="#illu-087">76</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort</h2>
-</div>
-
-<p>Unter den Orten, die für Schillers Leben bedeutsam
-waren, nimmt Rudolstadt eine besondere Stellung ein.
-Hat doch hier sein Dichten und Trachten eine Richtung
-eingeschlagen, die für seine ganze Lebensbahn entscheidend
-werden sollte. Der Fürstenhof und seine Umgebung
-war empfänglich gestimmt für seine Gedankenwelt. Aus
-dem geistigen Geben und Nehmen entstand dem bis dahin
-ruhelosen Flüchtling die Aussicht auf eine bleibende
-Stätte. Charlotte von Lengefeld, das Kind der Rudolstädter
-Heimat, fühlte sich dem Schwaben und seiner
-Eigenart nahe. Der Lengefeldsche Familienkreis vermittelte
-ihm die Begegnung mit Goethe, die bald darauf zu
-dem geistigen Austausch führte, an dem beide gleiche
-Freude empfanden. In die Landschaft um Rudolstadt
-rettete sich Schiller, anfangs in Wirklichkeit, später in Gedanken,
-wenn ihm »des Zimmers Gefängnis« zu enge wurde.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-005">
- <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Schillershöhe</div>
-</div>
-
-<p>Die Schillerliteratur erwähnt oft die Häuser, wo er in
-Rudolstadt verkehrte, unterscheidet sie jedoch nicht immer
-deutlich. Dichtung und Wahrheit fließen dann durcheinander.
-Schriftliche Berichte von glaubhaften Augenzeugen sind
-vorhanden, liegen aber zerstreut in Lebensbeschreibungen
-und Briefsammlungen. Mündliche Überlieferung braucht<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span>
-daneben nicht wertlos zu erscheinen, ist doch in jeder
-Sage leicht ein geschichtlicher Kern zu erkennen.</p>
-
-<p>Die älteren Rudolstädter Gelegenheitsschriften und
-Aufsätze führen ein verborgenes Dasein in Bibliotheken
-und werden nur noch selten aufgeschlagen. Die anerkannten
-Quellenwerke von Urlichs, Hase, Karoline von
-Wolzogen, Fielitz und Karl Schmidt habe ich benutzt.
-Schriftliche und mündliche Nachrichten übermittelten mir
-Augustin Regensburger und Emilie Schreck aus ihrem
-Verkehr mit Karoline von Schiller. Archiv und Schloßmuseum
-boten manche Ergänzung. Mit besonderem Dank
-führe ich die Rudolstädter Häuserchronik von Hugo Trinckler
-an, sie ist die Frucht jahrzehntelanger liebevollster Heimatforschung,
-die hoffentlich bald im Druck erscheinen kann.</p>
-
-<p>Das Haus Schillerstraße 25 ist mir in seinen Räumen
-vertraut, da ich sieben Jahre dort gewohnt habe. Liebevolle
-Ehrfurcht seiner Besitzer hat das ganze Anwesen vor
-entstellender Neuerung bewahrt.</p>
-
-<p>Auch für räumliche Erinnerungen einer Heimatstadt
-gilt das Wort: »Was du ererbt von deinen Vätern hast,
-erwirb es, um es zu besitzen!«</p>
-
-<p>Wenn der Lenz beginnt, ziehen sehlustige Wanderer
-gern bei uns durch Flur und Stadt. Gehen sie auf
-Schillers Pfaden, dann möchte ihnen ebenfalls mein
-Büchlein als Führer dienen.</p>
-
-<p class="center p2">
-Rudolstadt, Ostern 1925.<br />
-Dr. Berthold Rein.
-</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_6_Dezember_1787">Der 6. Dezember 1787</h2>
-</div>
-
-<p>Als Schiller im Jahre 1787 nach Rudolstadt kam, war
-er für die allgemeine Menschheit noch ein Unbekannter.
-Wer in den Schriftwerken der letzten Jahre bewandert war,
-kannte seine Jugenddramen, die einen ganz überraschenden
-Ton auf der Bühne angeschlagen hatten. Wer tiefer
-blickte, beobachtete den gesellschaftlichen Hintergrund, von
-dem sich die Räuber und Kabale und Liebe abhoben. Dem
-einen stand dann der stürmisch begeisterte Schwabe in
-leuchtendem Glanze als Verkünder einer neuen Zeit da,
-dem andern in verdächtigem Dunkel als Vertreter von
-Empörung und Umsturz. Die Inschrift auf der zweiten
-Auflage der Räuber: »<em class="antiqua">In tyrannos</em>«, gegen die Unterdrücker,
-erhielt sich eben im Gedächtnis.</p>
-
-<p>Alle die Kreise, denen er persönlich nahegetreten war,
-wußten zu erzählen, wie zurückhaltend, ja zaghaft er
-ihnen anfangs erschienen war, bis sich schließlich der
-Zauber seines liebenswürdigen, fesselnden und hingebenden
-Gemüts aufgetan hatte. Zu diesen Bekannten gehörten
-die Wolzogens von Stuttgart und Bauerbach her und
-in gewissem Sinne die Damen von Lengefeld in Rudolstadt,
-denn sie waren ihm, wenn auch nur flüchtig, auf<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span>
-der Rückreise aus der Schweiz in Mannheim bereits
-begegnet.</p>
-
-<p>Schiller hatte seit seiner Flucht aus Stuttgart wiederholt
-verzweifelt gerungen, um festen Boden unter die Füße zu
-bekommen, war aber trotz aller Hoffnung, die er nun
-zuletzt auf den Herzog Karl August in Weimar gesetzt hatte,
-immer noch heimatlos. Jugendlich unbefangen und harmlos
-im Vertrauen war er Töchtern angesehener Familien
-nahegetreten, dennoch indes nicht zu einem Bund für das
-Leben gelangt.</p>
-
-<p>Sein Studiengenosse aus der Karlsschule, Wilhelm von
-Wolzogen, hatte einen Besuch in Meiningen abzustatten.
-Für Schiller war die Werrastadt bedeutsam als neue
-Heimat seiner Schwester Christophine. Eine Reise hoch
-zu Roß lockte den leidenschaftlichen Liebhaber der Reitkunst,
-also folgte er dem Rufe des Freundes. Auf dem Rückwege
-nach Weimar schlug Wolzogen vor, die Richtung über
-Rudolstadt zu wählen, dort wollte er die »superklugen
-Kusinen« aufsuchen und mit dem Dichter des Don Carlos
-bekannt machen. Über Suhl, Ilmenau und Königsee erreichten
-sie das Saaltal.</p>
-
-<p>In einem Hause der Neuen Gasse vor den Mauern der
-kleinen Residenz Rudolstadt saß Charlotte von Lengefeld
-am Fenster und hatte eben in das Tagebuch eingetragen:
-Der erste Schnee ist gefallen!, als die ländliche Stille durch
-Hufschlag unterbrochen wurde. Überrascht sah sie hinaus
-und erblickte zwei Reiter in graue Mäntel gehüllt. Erschrocken
-fuhr sie zurück, als die beiden scharf zu ihr aufschauten,<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span>
-und der eine schelmisch vertraut winkte: Ich
-komme gleich! Das Tagebuch nahm nun noch die Ergänzung
-auf: Eben ritt Vetter Wolzogen vorbei mit einem
-anderen Reiter, ich möchte wohl wissen, wer das ist!</p>
-
-<p>Der 6. Dezember sollte ein Schicksalstag für sie werden
-und das schlichte Haus eine bedeutsame Stätte.</p>
-
-<p>Das Grundstück, jetzt Schillerstraße 25, hatte um 1720
-der Hofjäger Wolfgang Rühm aus Bayreuth als Bauplatz
-für ein gemütvolles einfaches Wohnhaus erworben.
-Sein Nachfolger, der Landrentmeister Rühm, oder dessen
-Witwe hatte im Garten dahinter ein »Zwillingshaus« errichtet,
-das schließlich durch Zwischenbauten mit dem
-Vorderhaus verbunden wurde. Ein kleiner Hof in der
-Mitte blieb frei. Nach der Sonnenseite reichte ein großer
-Garten noch bis an das Nachbarhaus. Auf der Abendseite
-führte eine junge Lindenallee vorüber. In das zweistöckige
-Zwillingshaus war die Frau Landjägermeister von
-Lengefeld mit ihren kleinen Töchtern eingezogen, nachdem
-ihr der Tod den Gemahl 1775 frühzeitig entrissen hatte.
-In dem Obergeschoß des Vorderhauses richtete 1785 die
-ältere der beiden Töchter, Karoline, ihren Haushalt ein,
-als sie sich mit Ludwig von Beulwitz vermählte. Das Haus
-war weder Eigentum der Familie von Beulwitz, noch der
-Familie von Lengefeld, es ging 1796 durch Kauf aus dem
-Rühmschen Besitz an den Kammersekretär Andreas Christoph
-Johann Werlich über. Die beiden adeligen Familien
-wohnten nur zur Miete darin.</p>
-
-<p>Friedrich Wilhelm Ludwig von Beulwitz, dessen Grabplatte<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span>
-links im Eingang zum Alten Friedhof zu finden ist,
-führte zwar im vertrauten Bekanntenkreise den Beinamen
-Ursus, der Bär, aber die Verteidiger seiner Gattin haben
-später doch zu Unrecht sein Bild entstellt, als sie das Für
-und Wider der Ehescheidung verhandelten. Er war zehn
-Jahre älter als seine stark und feurig veranlagte, jetzt vierundzwanzigjährige
-Frau. Als Hofbeamter, als Landeshauptmann
-in Königsee, als Freund von Kunst und
-Wissenschaft führte er ein arbeitsames Leben, wobei ihm
-freilich wenig Zeit und Neigung übrigblieb, seiner Gattin
-seelisch nahezutreten, und das Führeramt auszuüben, das
-ganz besonders sie nötig gehabt hätte. Bald mußte er
-wiederum längere Zeit auf Reisen gehen als Begleiter
-der Prinzen Ludwig Friedrich und Karl Günther, die
-einen Studienaufenthalt in Genf nehmen wollten.</p>
-
-<p>Charlotte von Lengefeld war bereits einmal durch Neigung
-und Entsagung hindurchgegangen. Ein englischer
-Hauptmann Heron, mit dem sie noch ab und zu geneckt
-wurde, hatte ihr nahegestanden, sein Beruf zog ihn aber
-nach Indien, wo er für sie verschollen blieb. Beide
-Schwestern nahmen an den Neuerscheinungen des Geisteslebens
-regen Anteil. Etwas gemäßigt wurde ihr Verlangen
-nach Unabhängigkeit und ihre freigeistige Modebestrebung
-durch die streng religiöse Lebensauffassung der
-Mutter. Diese war als Witwe hart geprüft worden und
-empfand hohe Verantwortung für die vaterlosen Töchter.
-Sie war Hofdame, erwartete bei nächster Gelegenheit das
-Amt einer Oberhofmeisterin auf der Heidecksburg und erhoffte<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span>
-für ihre jüngere Tochter einen ähnlichen Ruf nach
-Weimar. Das alles sprach entscheidend mit auch in den
-kleinen Tagesfragen und bestimmte den Ton in den gesellschaftlichen
-Umgangsformen.</p>
-
-<p>In diesen Familienkreis trat Schiller am Abend des
-6. Dezember ein. Dem Kenner griechisch-römischer Literatur,
-die gerade wieder stark in Aufnahme gekommen
-war, fehlte es nicht an Unterhaltungsstoff, und der Jünger
-neuester Philosophie verfügte über die Gabe, zufällig
-entstandene Gespräche in einer überlegen bewußten Richtung
-zu lenken. Dabei wurde seine unverfälschte schwäbische
-Mundart nicht als Störung, sondern als treuherzige
-reizvolle Beigabe empfunden.</p>
-
-<p>Den Zauber, der von Schillers Person ausging, hat
-Wilhelm von Humboldt später treffend gewürdigt:</p>
-
-<p>»Was jedem Beobachter an Schiller am meisten als
-charakteristisch bezeichnend auffallen mußte, war, daß in
-einem höheren und prägnanteren Sinn, als vielleicht je
-bei einem andern, der Gedanke das Element seines Lebens
-war. Anhaltend selbsttätige Beschäftigung des Geistes verließ
-ihn fast nie. – Sie schien ihm Erholung, nicht Anstrengung.
-Dies zeigte sich am meisten im Gespräch, für
-das Schiller ganz eigentlich geboren schien. Er suchte nie
-nach einem bedeutenden Stoff der Unterredung, er überließ
-es mehr dem Zufall, den Gegenstand herbeizuführen,
-aber von jedem aus leitete er das Gespräch zu einem allgemeinen
-Gesichtspunkt, und man sah sich nach wenigen
-Zwischenreden in den Mittelpunkt einer den Geist anregenden<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
-Diskussion versetzt. Er behandelte den Gedanken
-immer als ein gemeinschaftlich zu gewinnendes Resultat,
-schien immer des Mitredenden zu bedürfen, wenn dieser
-sich auch bewußt blieb, die Idee allein von ihm zu empfangen,
-und ließ ihn nie müßig werden. – Schiller sprach
-nicht eigentlich schön. Aber sein Geist strebte immer in
-Schärfe und Bestimmtheit einem neuen geistigen Gewinne
-zu. – Schiller hielt immer den Faden fest, der
-zum Endpunkt der Untersuchung führen mußte, und
-wenn die Unterredung nicht durch einen Zufall gestört
-wurde, so brach er nicht leicht vor Erreichung des Zieles
-ab.«</p>
-
-<p>Überraschend schnell gedieh die flüchtige Bekanntschaft
-in wenigen Abendstunden zu einem Freundschaftsbund,
-der die Damen von Lengefeld mit ihrem Gaste verband
-und zu einer Verabredung für den folgenden Sommer
-führte. Die Schwestern versprachen, ihm einen ländlichen
-Aufenthalt für seine Schriftstellerarbeiten auszusuchen.</p>
-
-<p>Wie dieser Abend im Geiste Karolines weiterlebte, läßt
-das Erinnerungsbild erkennen, das sie davon entwirft:
-»Damals ging noch keine Kunststraße durch unser kleines
-Tal, ein Fremder war ein Phänomen hinter den grünen
-Bergen. Oft erschienen wir uns selbst als verwünschte
-Prinzessinnen, auf Erlösung aus dieser Einförmigkeit
-hoffend. Dennoch erfrischte uns immerwährend der
-Zauber dieser Berge.</p>
-
-<p>Schiller fühlte sich wohl und frei in unserm Familienkreise.
-Entfernt vom flachen Weltleben, galt uns das
-<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span>Geistige mehr als alles. Wir umfaßten es mit Herzenswärme,
-nicht befangen von kritischen Urteilen und Vorurteilen,
-nur der eigenen Richtung unserer Natur folgend.
-Dies war es, was er bedurfte, um sich selbst im Umgang
-aufzuschließen. Wir kannten seinen Don Carlos noch nicht.
-Ohne alle schriftstellerische Eitelkeit schien es ihm am Herzen
-zu liegen, daß wir ihn kennen lernten. Ich erinnere
-mich nicht, daß unsere Gespräche noch etwas anderes aus
-der Welt seiner Dichtung berührten, die Briefe von Julius
-an Raffael und die auf diese sich beziehenden Gedichte der
-Anthologie ausgenommen. Der Gedanke, sich unserer
-Familie anzuschließen, schien schon an jenem Abend in
-ihm aufzudämmern, und zu unserer Freude sprach er
-beim Abschiede den Plan aus, den nächsten Sommer in
-unserm schönen Tale zu verleben.«</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-015">
- <img class="w100" src="images/illu-015.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Charlotte von Lengefeld</div>
-</div>
-
-<p>Kaum nach Weimar zurückgekehrt, legt Schiller seinem
-Gewissensberater und etwas eifersüchtigen Freunde Körner
-in Dresden ziemlich kühl eine Art Rechenschaft ab
-über seinen Ausflug: »In Rudolstadt habe ich mich auch
-einen Tag aufgehalten und wieder eine recht liebenswürdige
-Familie kennen lernen. Eine Frau von Lengenfeld
-lebt da mit einer verheirateten und einer noch ledigen
-Tochter. Beide Geschöpfe sind, ohne schön zu sein, anziehend
-und gefallen mir sehr. Man findet hier viel Bekanntschaft
-mit der neueren Literatur, Feinheit, Empfindung und
-Geist. Das Klavier spielen sie gut, welches mir einen recht
-schönen Abend machte. Die Gegend um Rudolstadt ist
-außerordentlich schön. Ich hatte nie davon gehört und<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span>
-bin sehr überrascht worden. Man gelangt durch einen
-schönen Grund dahin und wird von dem weißen großen
-Schlosse auf dem Berge angenehm überrascht.«</p>
-
-<p>So spricht der Verstand. Was im Gemüt sich bewegte,
-verraten die Briefe an Charlotte: »Sie können sich nicht
-herzlicher nach Ihren Bäumen und schönen Bergen sehnen
-als ich, und vollends nach denen in Rudolstadt, wohin
-ich mich jetzt in meinen glücklichsten Augenblicken im
-Traume versetze. – Sie werden in Rudolstadt nun wieder
-eingewohnt sein und bei diesem schönen Wetter sich Ihrer
-ländlichen Einsamkeit freuen. – Wie beneide ich Ihre
-Familie um alles, was um Sie sein darf! Aber auch Sie
-beneide ich um Ihre Familie; ein einziger Tag war mir
-genug, mich zu überzeugen, daß ich unter sehr edeln
-Menschen wäre. Warum kann man solche glückliche
-Augenblicke nicht fest halten. Man sollte lieber nie zusammen
-geraten – oder nie mehr getrennt werden.«</p>
-
-<p>Im Laufe des Winters kehrte Schiller nicht wieder in
-Rudolstadt ein, obwohl es verabredet war. Durch seine
-schriftlichen Grüße klingt die Sehnsucht nach Natur und
-ländlicher Einsamkeit. Aber dem vertrauten Freunde enthüllt
-er seinen Seelenzustand: »Ich bedarf eines Mediums,
-durch das ich die andern Freuden genieße, Freundschaft,
-Geschmack, Wahrheit und Schönheit werden mehr auf
-mich wirken, wenn eine ununterbrochene Reihe feiner,
-wohltätiger, häuslicher Empfindungen mich für die
-Freude stimmt und mein erstarrtes Wesen wieder durchwärmt.
-Ich bin bis jetzt ein isolierter, fremder Mensch,<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
-in der Natur herumgeirrt und habe nichts als Eigentum
-besessen.</p>
-
-<p>Ich sehne mich nach einer bürgerlichen und häuslichen
-Existenz.</p>
-
-<p>Ich habe seit vielen Jahren kein ganzes Glück gefühlt,
-und nicht sowohl, weil mir die Gegenstände dazu fehlten,
-sondern darum, weil ich die Freuden mehr naschte als
-genoß, weil es mir an immer gleicher und sanfter Empfänglichkeit
-mangelte, die nur die Ruhe des Familienlebens
-gibt.«</p>
-
-<p>Charlotte und er sahen sich in Weimar mitten zwischen
-geräuschvollen Veranstaltungen der Hofgesellschaft. Ihn
-selbst nimmt dieses Treiben nicht in den Bann, und seine
-Freundin warnt er vor flacher Lebensauffassung:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Ein blühend Kind, von Grazien und Scherzen</div>
- <div class="verse indent2">umhüpft – so, Lotte, spielt um Dich die Welt,</div>
- <div class="verse indent0">Doch so, wie sie sich malt in Deinem Herzen,</div>
- <div class="verse indent2">in Deiner Seele schönen Spiegel fällt,</div>
- <div class="verse indent0">So ist sie doch nicht! – Die Eroberungen,</div>
- <div class="verse indent2">die jeder Deiner Blicke siegreich zählt,</div>
- <div class="verse indent0">Die Deine sanfte Seele Dir erzwungen,</div>
- <div class="verse indent2">die Statuen, die – Dein Gefühl beseelt,</div>
- <div class="verse indent0">Die Herzen, die Dein eignes Dir errungen,</div>
- <div class="verse indent2">die Wunder, die Du selbst getan,</div>
- <div class="verse indent0">Die Reize, die Dein Dasein ihm gegeben,</div>
- <div class="verse indent2">die rechnest Du für Schätze diesem Leben,</div>
- <div class="verse indent4">für Tugenden uns Erdenbürgern an.</div><span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span>
- <div class="verse indent0">Dem holden Zauber nie entweihter Jugend,</div>
- <div class="verse indent2">der Engelgüte mächtgem Talisman,</div>
- <div class="verse indent0">Der Majestät der Unschuld und der Tugend,</div>
- <div class="verse indent2">den will ich sehn – der diesen trotzen kann!</div>
- <div class="verse indent0">Froh taumelst Du im süßen Überzählen</div>
- <div class="verse indent2">der Glücklichen, die Du gemacht, der Seelen,</div>
- <div class="verse indent4">die Du gewonnen hast, dahin.</div>
- <div class="verse indent0">Sei glücklich in dem lieblichen Betruge,</div>
- <div class="verse indent2">nie stürze von des Traumes stolzem Fluge</div>
- <div class="verse indent4">ein trauriges Erwachen Dich herab.</div>
- <div class="verse indent0">Den Blumen gleich, die Deine Beete schmücken,</div>
- <div class="verse indent2">so pflanze sie – nur den entfernten Blicken,</div>
- <div class="verse indent4">betrachte sie! – doch pflücke sie nicht ab!</div>
- <div class="verse indent0">Geschaffen, nur die Augen zu vergnügen,</div>
- <div class="verse indent2">welk werden sie zu Deinen Füßen liegen,</div>
- <div class="verse indent4">je näher Dir – je näher ihrem Grab.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Im_Sommer_1788">Im Sommer 1788</h2>
-</div>
-
-<p>Als die Pläne für den Landaufenthalt bestimmte Formen
-angenommen hatten, suchten die Schwestern ihrem
-Freunde eine Wohnung. Sie sollte nicht gar zu weit von
-ihrem eigenen Heim abliegen und doch ungestörte Arbeitszeit
-ermöglichen. Zuerst meinten sie, das Rechte gefunden
-zu haben bei dem Hofgärtner Callenius in Cumbach. Doch
-bemerkten sie bald, daß dort nicht die Stille herrschte, auf
-die es ankam. Der fürstliche Gewächsgarten mit der
-Orangerie zog täglich Verkehr und laute Geselligkeit an,
-auch ein Gestüt, das dort gehalten wurde, brachte Geräusch
-in die Nähe. Darum fiel ihre Wahl auf Volkstedt,
-wo all diese Bedenken nicht entstehen konnten.</p>
-
-<p>Am 24. April meldet Charlotte in aller Eile das Ergebnis
-ihrer Fürsorge nach Weimar: »Das Dorf hat eine
-schöne Lage, am Ufer der Saale, hinter ihm erheben sich
-Berge, an deren Fuß liebliche Fruchtfelder sich ziehen,
-und die Gipfel mit dunklem Holze bekränzt, gegenüber
-an der anderen Seite der Saale schöne Wiesen und die
-Aussicht in ein weites, langes Tal. Ich denke, diese Gegend
-wird Ihnen lieb sein, mir brachte sie gestern einen Eindruck
-von Ruhe in die Seele, der mir innig wohltat.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span></p>
-
-<p>Die Stube, die ich für Sie bestimmte, ist nicht sehr
-groß, aber reinlich, auch die Stühle sind nicht ganz ländlich,
-denn sie sind beschlagen, eine Kammer daneben, wo
-das Bett stehen kann, und auch eine für den Bedienten
-nicht weit davon. Für Betten will der Schulmeister sorgen,
-dem das Haus gehört, auch wohnt eine Frau darin,
-die Ihnen Kaffee machen kann, und auch bedienen könnte,
-zur Not auch kochen, wenn das Wetter zu böse wäre, um
-es sich aus der Stadt holen zu lassen. Ich denke, es ist
-alles gut besorgt.«</p>
-
-<p>Am 2. Mai erfolgt die Danksagung: »Sie haben die
-Angelegenheit, deren Besorgung Sie so gütig übernahmen,
-so ganz nach meinen Wünschen und über alle meine Erwartungen
-zustande gebracht, daß ich Ihnen unendlich
-Mal dafür verbunden bin. Der Ort, die Lage, die Einrichtung
-im Hause, alles ist vortrefflich. Sie haben aus
-meiner Seele gewählt. Ich habe Ihnen viele Mühe gemacht,
-aber ich weiß auch, daß Ihnen das Vergnügen,
-welches Sie mir dadurch verschafften, statt alles Dankes
-ist. – Ich werde in Ihren schönen Gegenden, in dieser
-ländlichen Stille mein eigenes Herz wiederfinden, und
-Ihre und der Ihrigen Gesellschaft wird mich für alles,
-was ich hier zurücklasse, reichlich entschädigen.«</p>
-
-<p>Dem hilfreichen Freund und Berater in Dresden geht
-die Nachricht zu: »Ich werde mich eine kleine Stunde von
-Rudolstadt niederlassen. Die Gegenden sind dort überaus
-ländlich und angenehm, und ich kann da in seliger Abgeschiedenheit
-von der Welt leben. Das Lengenfeldische<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span>
-Haus, von dem ich Dir nach meiner Rückreise von Meiningen
-geschrieben habe, wird mir den ganzen Mangel
-an Gesellschaft hinlänglich ersetzen. Es sind dort mir sehr
-schätzbare Menschen beisammen, von sehr vieler Bildung
-und dem edelsten Gefühl. Sie sind auch schon in der
-Welt gewesen und haben eine glückliche Gemütsstimmung
-daraus zurückgebracht. Alles was Lektüre und guter Ton
-einer glücklichen Geistesanlage und einem empfänglichen
-Herzen zusetzen kann, finde ich da in vollem Maße, außerdem
-auch viele musikalische Fertigkeit, die nicht den kleinsten
-Teil der Erholung ausmachen wird, die ich mir dort verspreche.
-Diesem Zirkel gedenke ich alle Tage einige Stunden
-zu widmen. Sonst erwarten meiner die mannigfaltigsten
-und, ich muß leider sagen, die drückendsten Arbeiten. Aber
-ich gehe ihnen mit ziemlichem Mut, ja selbst mit Vergnügen
-entgegen.«</p>
-
-<p>Körner durchschaut jedoch die innere Bewegung, die
-sich hinter diesen Plänen und Sorgen verstecken will:
-»In Deinem Sommeraufenthalt wird Dirs an Vergnügen
-nicht fehlen. Ist nicht auch ein Interesse des Herzens
-dabei? Ich bin neugierig, ob Deine Stimmung an
-dichterischen Arbeiten fruchtbar sein wird.«</p>
-
-<p>Die Woche nach dem Pfingstfest ließ Schiller noch vorübergehen,
-dann kam er, ohne sich besonders anzukündigen,
-in Rudolstadt an. Am 20. Mai schreibt er aus
-dem Gasthaus: »In der Hoffnung, daß mein künftiges
-Logis auf dem Dorfe, dessen Namen ich nicht weiß, durch
-Ihre Güte berichtigt sei, bin ich ohne weiteres hierher<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span>
-gereist. Seit gestern Abend halb zehn Uhr bin ich hier. –
-Ich bitte Sie, mich zugleich durch den Überbringer den
-Namen des Ortes, den Sie für mich bestimmt haben, wie
-auch des Hauswirts, bei dem ich wohnen soll, wissen zu
-lassen, weil ich womöglich noch vor Mittag dort sein und
-jetzt gleich meinen Koffer hinschaffen lassen möchte. Ich
-brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß mir der
-nächste Augenblick, wo ich Sie und die Ihrigen sehen
-kann, der liebste sein wird.«</p>
-
-<p>Die Freude über erfüllte Wünsche und die Pläne und
-Hoffnungen für die nächste Zeit verrät wiederum sein
-Brief an Körner:</p>
-
-<p class="right">
-Volkstedt bei Rudolstadt, 26. Mai 1788.
-</p>
-
-<p>»Seit acht Tagen bin ich nun hier in einer sehr angenehmen
-Gegend, eine kleine halbe Stunde von der Stadt
-und in einer sehr bequemen heitern und reinlichen Wohnung.
-Das Glück hat es gefügt, daß ich ein neues Haus,
-das besser, als auf dem Lande sonst geschieht, gebaut ist,
-finden mußte. Es gehört einem wohlhabenden Manne,
-dem Kantor des Orts. Das Dorf liegt in einem schmalen,
-aber lieblichen Tale, das die Saale durchfließt, zwischen
-sanft ansteigenden Bergen. Von diesen habe ich eine sehr
-reizende Aussicht auf die Stadt, die sich am Fuße eines
-Berges herumschlingt, von weitem schon durch das fürstliche
-Schloß, das auf die Spitze des Felsens gepflanzt ist,
-sehr vorteilhaft angekündigt wird, und zu der mich ein
-sehr angenehmer Fußpfad, längs des Flusses, an Gärten
-und Kornfeldern vorüberführt. In dem Dorfe selbst ist<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
-die Porzellanfabrik, die Du vielleicht kennst. Ich habe zwei
-kleine Stunden nach Saalfeld, ebenso weit nach dem
-Schlosse Schwarzburg und zu verschiedenen zerstörten
-Schlössern, die ich alle nach und nach besuchen will.</p>
-
-<p>In der Stadt selbst habe ich an der Lengefeldschen und
-Beulwitzschen Familie eine sehr angenehme Bekanntschaft,
-und bis jetzt noch die einzige, wie sie es vielleicht auch bleiben
-wird. Doch werde ich eine sehr nahe Anhänglichkeit
-an dieses Haus, und eine ausschließende an irgend eine
-einzelne Person aus demselben, sehr ernstlich zu vermeiden
-suchen. Es hätte mir etwas der Art begegnen können,
-wenn ich mich mir selbst ganz hätte überlassen wollen.
-Aber jetzt wäre es gerade der schlimmste Zeitpunkt, wenn
-ich das bißchen Ordnung, das ich mit Mühe in meinen
-Kopf, mein Herz und in meine Geschäfte gebracht habe,
-durch eine solche Distraktion wieder über den Haufen
-werfen wollte.</p>
-
-<p>Die Arbeiten, mit denen ich diesen Sommer zustande
-kommen möchte, sind der Geisterseher, der leicht auf
-25 bis 30 Bogen anlaufen dürfte, der zweite Teil meiner
-Niederländischen Rebellion und der Rest des ersten, ein
-Theaterstück, noch steht es dahin, ob dieses der Menschenfeind
-oder ein anderes sein werde, das ich, wie der Schwabe
-sagt, an der Kunkel habe, und hier und da ein Aufsatz für
-den Merkur. Aus dem bisherigen Lauf meiner Schreibereien
-zu schließen, dürfte dieses Unternehmen wohl fast
-übertrieben sein. Indessen wollen wir sehen. Geschieht
-auch nicht alles, so ist doch immer das gewonnen, was<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span>
-geschieht. Ganz bin ich hier doch noch nicht zuhause,
-auch meine Arbeiten strömen noch nicht.«</p>
-
-<p>Wie weit der Wille mit seinen Plänen zur Geltung
-kommen würde, und wie bald das Schicksal die Vorsätze
-durchkreuzen sollte, geht aus den Briefen und kurzen
-Grußblättern hervor, die zwischen Rudolstadt und Volkstedt
-fast täglich gewechselt werden: »Montag, den 26. Mai.
-Ich hoffe, daß Ihnen allen die gestrige Partie so gut bekommen
-sei wie mir. Es war ein gar lieblicher vertraulicher
-Abend, der mir für diesen Sommer die schönsten
-Hoffnungen gibt. Mehr solche Abende und in so lieber
-Gesellschaft, mehr verlange ich nicht. Rudolstadt und
-diese Gegend überhaupt soll, wie ich hoffe, der Hain der
-Diana für mich werden.« Er vergleicht sich mit Orestes
-in Goethes Iphigenie, den die Eumeniden umhertreiben,
-und hofft, die Schwestern werden ihn vor den bösen
-unterirdischen Mächten beschützen. Zu Grunde lag dabei
-eine Eifersuchtsregung. Er weigert sich, in trüber Stimmung
-die Gesellschaft von Fröhlichen aufzusuchen, und entschuldigt
-seine wandelbare Laune mit dem Fluch, der auf
-allen Musensöhnen ruht, bittet aber doch um Nachricht,
-was für den andern Tag geplant wird, damit er sich
-anschließen kann.</p>
-
-<p>Am 27. Mai redet ihm Charlotte gut zu, heiter und froh
-zu sein, Knebel, der gefürchtete Nebenbuhler, hat am
-Morgen Rudolstadt verlassen. Sie bittet, den Geisterseher
-mitzubringen, der Abend wird in Cumbach den kleinen Bekanntenkreis
-vereinen. Um sechs Uhr wollen sie den Freund<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
-am Wasserdamm erwarten, doch soll er ihnen auch zu jeder
-anderen Stunde lieb und willkommen sein. Schiller sagt
-zu, ist aber mit der Örtlichkeit noch nicht vertraut und
-meint, am Schaalbach die Schwestern erwarten zu sollen.
-Deshalb bittet ihn Karoline, lieber in ihre Wohnung zu
-kommen, damit sie einander nicht verfehlen.</p>
-
-<p>Hier trifft zwei Tage später der Erbprinz Ludwig Friedrich
-mit ihm zusammen: »Den 29. Mai machte ich wieder
-eine neue Bekanntschaft mit einem jungen Gelehrten,
-der, so jung als er ist, doch schon viel Lesenswürdiges geschrieben
-hat, mit dem Herrn Rat Schiller. Er war im
-Beulwitzschen Garten, wo ich bis einviertel elf Uhr des
-Abends in einer vergnügten Gesellschaft den angenehmen
-Geruch der schönen Baumblüten genoß.«</p>
-
-<p>Im Volkstedter Haus fühlt sich Schiller wohl: »Ich bin
-auf meine vier Wände reduziert, und wenn nicht manchmal
-eine Kuh blökte, oder meine Pfauen mir vor dem
-Hause mit ihrer Silberstimme die Honneurs machten, so
-würde ich gar nicht gewahr, daß Leben um mich ist.«</p>
-
-<p>Wenn kühle Witterung eintritt, klagt er über Erkältung.
-Dann kann er die Neue Gasse nicht aufsuchen und bittet
-nur um ein Lebenszeichen durch den Boten, seine Stimmung
-leidet unter der Trennung. Charlotte tröstet und
-bedauert, daß er, ein großer Mann, der der Öffentlichkeit
-so viel in seinen Schriften beschert, auch nur eine trübe
-Viertelstunde erlebt. Arm und verlassen wie Robinson
-kommt er sich vor, die Freundinnen so nah, und er kann
-nicht bei ihnen sein! Wagt er trotz feuchter Luft und<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span>
-Nebel den Gang nach Rudolstadt, so tritt ein Rückfall in
-seinem Katarrh ein, namentlich die Heimwege am späten
-Abend verbittern ihm das Landleben, auch der Zeitverlust,
-den seine Arbeiten erleiden, verdrießt ihn. Charlotte
-redet gut zu, so gern sie ihn sieht, soll er doch nur bei
-mildem Wetter ausgehen, wenn es seiner Gesundheit zuträglich
-ist.</p>
-
-<p>Dazwischen erreicht ihn ein Freundesgruß aus Dresden
-mit der schalkhaften Zustimmung: »Dein Aufenthalt auf
-dem Lande ist sehr nach meinem Sinn. Freilich ists für
-Deine Arbeiten besser, wenn Du eine ausschließende Anhänglichkeit
-an irgend ein Wesen in der Nähe vermeiden
-kannst!«</p>
-
-<p>Die Abendunterhaltungen bei Lengefelds bestreitet
-Beulwitz, indem er aus Schillers jüngsten Werken vorliest.
-Sonnabend, den 14. Juni, feiert die Gesellschaft
-eine italienische Nacht im Baumgarten. Der Erbprinz
-trägt in sein Tagebuch ein: »Die Frau von Lengefeld
-hatte mit ihrer Familie und noch mit andern Damen,
-und mit dem Herrn Rat Schiller da gegessen. Es wurde
-gesungen, auf dem Schiffchen gefahren und spazieren
-gegangen. Erst nach elf Uhr ging die ganze Gesellschaft
-mit uns singend den Schloßberg hinauf und sodann,
-auch Herr Rat Schiller nebst den übrigen Damen, in die
-Stadt nach Hause.«</p>
-
-<p>Immer einmal wieder vernehmen wir, wie hart und
-sauer es ihn ankommt, sich für den Heimweg loszureißen.</p>
-
-<p>Als der Blitz in Volkstedt eingeschlagen hat, hört<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span>
-Karoline mit Schrecken davon und dankt dem Himmel
-und allen guten Geistern, daß der Strahl Schillers Haus
-verschont hat. Das eine Mal versüßt sie ihm das Buchstudium
-durch Backwerk, das andere Mal durch Aprikosen
-und Tee. Charlotte begleitet den nächtlichen Wanderer
-im Geiste durch Sturm und Wolken und hofft, daß ihm
-nichts zugestoßen ist. Er bittet, in Charlottes Stübchen
-studieren zu dürfen, weil in Beulwitzens Zimmern viel
-Unruhe herrscht. Sie geht gern darauf ein, ihn an ihrem
-Schreibtisch arbeiten zu lassen; das soll ihr eine freundliche
-Erinnerung bleiben. Des schlechten Wetters wegen
-übernachtet er in Rudolstadt.</p>
-
-<p>Am 2. Juli ist Kirchweih in Cumbach. Die Hofgesellschaft
-beteiligt sich daran bis zehn Uhr abends. Obschon
-er derartige Feste am liebsten vermeidet, nimmt er doch
-daran teil, aber die Eifersucht regt sich, als er andere
-mit der von ihm geliebten Person tanzen sieht. Den
-Heimweg legt er allein zurück, geht ziellos durch das Tal
-in die Berge hinein und gelangt, ohne es zu wissen, nach
-Schaala. Auf dem Wege kommen ihm dichterische Eingebungen.</p>
-
-<p>Sehnsucht nach regerer Verbindung mit der Außenwelt
-wird laut. Da Rudolstadt noch keinen regelmäßigen
-Postverkehr hat, werden Briefe oft nur gelegentlich durch
-Boten befördert und kommen so erst auf Umwegen an
-ihr Ziel.</p>
-
-<p>Der Erbprinz führt das Ehepaar Beulwitz nebst Schiller
-und Lotte auf das Schloß und zeigt ihnen die neueingerichteten<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span>
-Zimmer, die Bibliothek und das Bilderkabinett.
-Weil Schiller ein Freund von weiten Ausblicken in die
-Landschaft ist, besteigen sie den Schloßturm, wo ein schönes
-Geläut von drei Glocken aus Mayers Gießerei sie erfreut.
-Im Lengefeldischen Garten wird französische Komödie gespielt,
-oft auch eifrig gezeichnet. Der Erbprinz, gewandt
-als Zeichner und geübt als Radierer, entwirft Szenen aus
-dem Geisterseher.</p>
-
-<p>Der Gedanke an die Trennung beschäftigt Schiller in
-einem Briefe an Körner: »Ich habe mich hier immer noch
-ganz vortrefflich wohl. Nur entwischt mir manches schöne
-Stündchen in dieser angenehmen Gesellschaft, das ich
-eigentlich vor dem Schreibtisch zubringen sollte. Wir sind
-einander hier notwendig geworden, und keine Freude
-wird mehr allein genossen. Die Trennung von diesem
-Hause wird mir sehr schwer sein, und vielleicht desto
-schwerer, weil ich durch keine leidenschaftliche Heftigkeit,
-sondern durch eine ruhige Anhänglichkeit, die sich nach
-und nach so gemacht hat, daran gehalten werde. Mutter
-und Töchter sind mir gleich lieb und wert geworden, und
-ich bin es ihnen auch. – Es war recht gut getan, daß ich
-mich gleich auf einen vernünftigen Fuß gesetzt habe und
-einem ausschließenden Verhältnis so glücklich ausgewichen
-bin. Es hätte mich um den besten Reiz dieser Gesellschaft
-gebracht. – Beide Schwestern haben etwas Schwärmerei,
-doch ist sie bei beiden dem Verstande subordiniert und
-durch Geisteskultur gemildert. Die jüngere ist nicht ganz
-frei von einer gewissen <em class="antiqua">Coquetterie d’esprit</em>, die aber<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span>
-durch Bescheidenheit und immer gleiche Lebhaftigkeit mehr
-Vergnügen gibt als drückt. Ich rede gern von ernsthaften
-Dingen, von Geisteswerken, von Empfindungen, hier
-kann ich es nach Herzenslust und ebenso leicht wieder auf
-Possen überspringen.«</p>
-
-<p>Im August kam das Vogelschießen, ein großes Volksfest
-mit starkem Fremdenzulauf. Es war die einzige Veranstaltung,
-bei welcher der Hof sich unter die Stadtleute
-mischte. Der Ball der vornehmen Gesellschaft wurde im
-Schönfeldschen Saale, im heutigen alten Rathaus, abgehalten.
-Schiller klagt, er taugt nicht für laute Gesellschaft,
-und macht sich Vorwürfe, daß er nicht Stärke genug besitzt,
-von solchem Getriebe fernzubleiben, sein Geist wirke
-mehr im stillen, im Umgang mit sich selbst.</p>
-
-<p>Vorübergehend wohnt er in Rudolstadt selbst. In dieser
-Zeit kann er die Wohnung Schloßaufgang II 3 bezogen
-haben, bis ihn die Anhänglichkeit an Volkstedt und an den
-fürsorglichen Hauswirt wieder hinauszieht.</p>
-
-<p>Allmählich tritt eine gewisse Vorsicht im Verkehr ein.
-Vielleicht fiel es auf, daß der fremde Gast täglich in dem
-Hause der Damen ein- und ausging. Er bittet, die Gartentüre
-aufzuschließen, damit er weniger eifrig beobachtet
-wird.</p>
-
-<p>Als Charlotte ihrer Freundin Frau von Stein in Kochberg
-einen Besuch abstattet, reitet Schiller ihrem Wagen
-bis Teichröda entgegen. Als Mutter und Töchter von einer
-Reise aus Jena zurückkommen, wird das Wiedersehen in
-Uhlstädt gefeiert bei einem sublimen Kaffee, den Beulwitz<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span>
-auf festlich geschmückter Tafel anrichtet. Endlich ergeht auch
-eine Einladung zum Sonntagskloß, und Frau von Lengefeld
-hofft, daß das beliebte Thüringer Festgericht dem
-Schwaben nicht schaden wird.</p>
-
-<p>Der Sommer in Rudolstadt darf nicht zu Ende gehen,
-ohne daß der Gast Schwarzburg gesehen hat. Dort wird
-ihm das Fremdenbuch im Wirtshaus vorgelegt, und in
-der Eile mag ihm das Verlegenheitserzeugnis aus der
-Feder geflossen sein:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Auf diesen Höhen sah auch ich</div>
- <div class="verse indent0">Dich, freundliche Natur, ja dich!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">Die Fahrt geht über Königsee, wo Beulwitz Amtsgeschäfte
-zu erledigen hat, nach Paulinzelle, und hier trägt die
-Stimmung bessere Frucht. In den Anblick der Ruine
-mischen sich wehmütige Gedanken an die Trennung und
-an die Ungewißheit danach.</p>
-
-<h3>Im Kloster Paulinzelle</h3>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Einsam stehn des öden Tempels Säulen,</div>
- <div class="verse indent0">Efeu rankt am unverschloßnen Tor,</div>
- <div class="verse indent0">Sang und Klang verstummt, des Uhu Heulen</div>
- <div class="verse indent0">Schallet nun im eingestürzten Chor.</div>
- <div class="verse indent0">Weg sind Prunk und alle Herrlichkeiten,</div>
- <div class="verse indent0">Schon enteilt im langen Strom der Zeiten</div>
- <div class="verse indent0">Bischofshut mit Siegel, Ring und Stab</div>
- <div class="verse indent0">In der Vorwelt ewig offnes Grab.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Nichts ist bleibend, alles eilt von hinnen,</div>
- <div class="verse indent0">Jammer und erhörter Liebe Glück;</div><span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span>
- <div class="verse indent0">Unser Streben, unser Hoffen, Sinnen,</div>
- <div class="verse indent0">Wichtig nur auf einen Augenblick;</div>
- <div class="verse indent0">Was im Lenz wir liebevoll umfassen,</div>
- <div class="verse indent0">Sehen wir im Herbste schon verblassen,</div>
- <div class="verse indent0">Und der Schöpfung größtes Meisterstück</div>
- <div class="verse indent0">Sinkt veraltet in den Staub zurück.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Milde Herbsttage gestatten, daß Schiller wieder in Volkstedt
-wohnt. In alle Freude am täglichen Wiedersehen
-mischt sich der Abschiedsschmerz, darüber hinaus erhebt
-der Trost, daß die liebe wohltätige Zeit alles gut zur Reife
-bringen wird: »Ich weiß und fühle, daß mein Andenken
-unter Ihnen leben wird, und dies ist eine freudige Erinnerung
-für mich.«</p>
-
-<p>Im Oktober werden die kurzen Briefgrüße häufiger
-und die Besuche immer mehr vorsichtig abgemessen.
-Schiller verliert den Mut, auf eine gute Zukunft zu
-hoffen, aber Charlotte rechnet schon wieder auf seine
-Anwesenheit im nächsten Sommer. Ihr und den Kochberger
-Freundinnen in Oberhasel zu begegnen, entschließt
-er sich nur ungern. Die heitere Freundin bekehrt
-ihn schließlich doch zu freudiger Verfassung, und
-er gesteht: »Mein hiesiger Aufenthalt neigt zum Ende;
-er hat mir viel angenehme Stunden verschafft, und, was
-das beste ist, er hat mich mir selbst wieder zurückgegeben
-und überhaupt einen wohltätigen Einfluß auf mein inneres
-Wesen gehabt.«</p>
-
-<p>Die letzten Tage verbringt er wieder im Gasthaus,<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span>
-wenige Schritte von Charlottes Wohnung entfernt. Eine
-Zeichnung, die ihm die Freundin schickt, soll als sichtbares
-Zeichen mit unsichtbarer Wirkung künftig auf
-seinem Schreibtisch stehen. Erst als der Glückwunsch eintrifft,
-kommt dem Traumverlorenen zum Bewußtsein, daß
-sein Geburtstag ist, und dieser letzte Gruß aus dem Hause,
-wo er seine Heimat gefunden hat, preßt ihm Tränen aus.
-Noch war er nicht entschlossen abzureisen, erst die Gewißheit,
-daß die Schwestern ihre Fahrt nach Erfurt festgelegt
-haben, überzeugt ihn, daß auch seine Stunde gekommen ist.</p>
-
-<p>Als er sich persönlich verabschiedet hat, ist der am stärksten
-gefürchtete Augenblick vorüber. Es tröstet ihn, noch
-erblickt er dieselben Gegenstände, auf denen auch ihr Auge
-ruht, noch umgeben dieselben Berge die Geliebte und ihn
-selbst. Am Morgen des 12. November sieht er ihren Reisewagen
-die Straße hinauf vorfahren, dann besteigt er die
-Post. Bis Teichröda sucht er noch mit den Blicken einen
-Gruß zu erhaschen, dann fällt ihm schwer auf das Herz,
-daß sich die Wege trennen. Einen Geranienstock und eine
-Porzellanvase mit Blumen hütet er zärtlich, sie sollten der
-Stube des einsamen Gelehrten einen neuen heimeligen
-Hauch verleihen.</p>
-
-<p>Den Rudolstädter Sommer 1788 faßt Karoline zu einem
-wohlgelungenen Bilde zusammen: »In unserm Hause begann
-für Schiller ein neues Leben. Lange hatte er den
-Reiz eines freien freundschaftlichen Umgangs entbehrt.
-Uns fand er immer empfänglich für die Gedanken, die
-eben seine Seele erfüllten. Er wollte auf uns wirken, uns<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span>
-von Poesie, Kunst und philosophischen Ansichten das mitteilen,
-was uns frommen könnte, und dies Bestreben gab
-ihm selbst eine milde harmonische Gemütsstimmung. Sein
-Gespräch floß über in heitrer Laune; sie erzeugte witzige
-Einfälle, und wenn oft störende Gestalten unsern kleinen
-Kreis beengten, so ließ ihre Entfernung uns das Vergnügen
-des reinen Zusammenklangs unter uns nur noch lebhafter
-empfinden. Wie wohl war uns, wenn wir nach
-einer langweiligen Kaffeevisite unserm genialen Freunde
-unter den schönen Bäumen des Saalufers entgegengehen
-konnten! Ein Waldbach, der sich in die Saale ergießt, und
-über den eine schmale Brücke führt, war das Ziel, wo wir
-ihn erwarteten. Wenn wir ihn im Schimmer der Abendröte
-auf uns zukommen erblickten, dann erschloß sich ein
-heiteres ideales Leben unserm innern Sinn. Hoher Ernst
-und anmutige geistreiche Leichtigkeit des offnen reinen
-Gemüts waren in Schillers Umgang immer lebendig, man
-wandelte wie zwischen den unwandelbaren Sternen des
-Himmels und den Blumen der Erde in seinen Gesprächen.</p>
-
-<p>Wie ein Blumen- und Fruchtgewinde war das Leben
-dieses ganzen Sommers mit seinen genußreichen und bildenden
-Tagen und Stunden für uns alle. Schiller wurde
-ruhiger, klarer, seine Erscheinung, wie sein Wesen, anmutiger,
-sein Geist den phantastischen Ansichten des Lebens,
-die er bis dahin nicht ganz verbannen konnte, abgeneigter.</p>
-
-<p>Meine Schwester konnte wohl in jeder Beziehung eine
-wünschenswerte Verbindung für Schiller sein. Sie hatte<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span>
-eine sehr anmutige Gestalt und Gesichtsbildung. Der
-Ausdruck reinster Herzensgüte belebte ihre Züge, und ihr
-Auge blitzte nur Wahrheit und Unschuld. Sinnig und empfänglich
-für alles Gute und Schöne im Leben und in der
-Kunst, hatte ihr ganzes Wesen eine schöne Harmonie.
-Mäßig, aber treu und anhaltend in ihren Neigungen,
-schien sie geschaffen, das reinste Glück zu genießen. Sie
-hatte Talent zum Landschaftzeichnen, einen feinen und
-tiefen Sinn für die Natur, und Reinheit und Zartheit in
-der Darstellung. Unter günstigern Umgebungen hätte sie
-in dieser Kunst etwas leisten können. Auch sprach sich jedes
-erhöhtere Gefühl in ihr oft in Gedichten aus, unter denen
-einige, von der Erinnerung an lebhaftere zärtliche Herzensverhältnisse
-eingegeben, voll Grazie und sanfter Empfindung
-sind.«</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-037">
- <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Schillerstraße 25: Wohnung des Ehepaares von Beulwitz</div>
-</div>
-
-<p>Durch Charlottes Winter gehen die Sommererinnerungen
-als ständige Begleiter:</p>
-
-<p>»Wir waren auch in Hasel zusammen. Der Weg, den
-ich von Kochberg dazumal machte, mag jetzt recht wüste
-sein und traurig. Auch die Steine, auf denen wir saßen,
-waren voll Schnee, der Bach zugefroren, und die entblätterten
-Bäume gaben mir ein trauriges Bild der Vergänglichkeit.
-Ach, der Winter ist doch recht unangenehm! Auch
-der schöne Weg auf den Wiesen hin, den wir doch einigemal
-zusammen gingen, alles war so leer, so öde, die
-Weiden hoben ihre entblätterten Zweige empor, und
-das Geschrei der Raben, die traurig auf den weißen Feldern
-herumflogen, ließen nur Leben ahnen. Was ist der<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span>
-erfreuende Anblick der grünen Wiesen doch dagegen so
-schön!«</p>
-
-<p>»Heute vorm Jahre waren wir uns fremd. Den sechsten
-sahen wir uns erst, es war ein schöner Zufall, der Sie eben
-mit Wolzogen zu uns brachte. Ich weiß noch, daß ich den Tag
-so ganz in mir verschlossen war, der Regen und Wind
-machte mir so unheimlich, und den Abend freute ich mich so,
-ich hätte mir es nie am Morgen träumen lassen.«</p>
-
-<p>»Unsere schönen Berge freuen mich jetzt gar nicht, die
-schwarzen Bäume in der Allee machen so eine traurige
-Wirkung auf den Schnee, und der dunkle Wald auf die
-weißen Berge, da ist nichts, was einem liebliche Bilder
-erwecken könnte.«</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-038">
- <img class="w100" src="images/illu-038.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Das Gartenhaus an der Allee: Wohnung der Frau von Lengefeld</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Der_7_September_1788">Der 7. September 1788</h2>
-</div>
-
-<p>Eine schon längst gehegte Hoffnung Schillers sollte in
-Rudolstadt erfüllt werden, seine Begegnung mit Goethe.
-Im Mai war dieser aus Italien zurückgekehrt. Wenn man
-vermutet hatte, daß er seinen freundschaftlichen Verkehr
-mit Frau von Stein nun nicht wieder aufnehmen würde,
-so widerlegten die Tatsachen sehr bald diese Annahme.
-Goethe besuchte Großkochberg und kam von da nach
-Rudolstadt. Charlotte von Lengefeld war seit mehreren
-Tagen bereits zur Hilfe bei Frau von Stein gewesen. Sie
-hatte mit ihrer Schwester alles gut vorbereitet und geschickt
-etwas die Vorsehung gespielt, um ihren Sommergast dem<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span>
-einflußreichsten Manne von Weimar nahe zu bringen.
-Über ihren Erfolg berichtet Karoline:</p>
-
-<p>»Während dieses Sommers sah Schiller Goethen zuerst
-in unserem Hause. Wie alle rein fühlenden Herzen, hatten
-uns dieses Dichters Schöpfungen mit Enthusiasmus erfüllt.
-Alle unsere erhöhteren, echt menschlichen Empfindungen
-fanden durch ihn ihre eigentümliche Sprache; Goethe und
-Rousseau waren unsere Hausgötter. Auch floß des ersteren
-so liebenswürdige Persönlichkeit, die wir bei unserer Freundin,
-Frau von Stein, kennengelernt, mit dem Dichter in
-unserem Gemüt in eins zusammen, und wir liebten ihn
-wie einen guten Genius, von dem man nur Heil erwartet.
-– Höchst gespannt waren wir bei dieser Zusammenkunft
-und wünschten nichts mehr als eine Annäherung, die
-nicht erfolgte. Von Goethen hatten wir, bei seinem entschiedenen
-Ruhme und seiner äußeren Stellung, Entgegenkommen
-erwartet, und von unserem Freunde auch mehr
-Wärme in seinen Äußerungen. Zu unserem Trost schien
-Goethe von schmerzlicher Sehnsucht nach Italien befangen.
-– Es freute uns sehr, daß Goethe das Heft des Merkurs,
-welches die Götter Griechenlands enthielt, und das von
-ungefähr auf unserem Tisch lag, nachdem er einige Minuten
-hineingesehen, einsteckte und bat, es mitnehmen zu
-dürfen.«</p>
-
-<p>Schon seit Monaten hatte Körner versucht, Schiller von
-seinem abwartenden Verhalten loszubringen und zu einem
-Entschluß zu bewegen: »Wirst Du nicht bald nach Weimar
-gehen, um Goethe zu sehen? Ich kann Eure Zusammenkunft<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span>
-kaum erwarten.« Aber die Rudolstädter Gemütserlebnisse
-ließen das nicht zu: »Nach Weimar werde ich
-doch wohl nicht sobald kommen. Es ist eine kleine Tagereise
-hin, und es sind der Orte, nach denen ich meinen hiesigen
-Leuten habe versprechen müssen, Partie mit ihnen
-zu machen, so viele, daß mir keine Zeit für so große Exkursionen
-übrigbleibt. Ich bin sehr neugierig auf ihn, auf
-Goethe, im Grunde bin ich ihm gut, und es sind wenige,
-deren Geist ich so verehre. Vielleicht kommt er auch hierher,
-wenigstens nach Kochberg, eine kleine Meile von hier,
-wo Frau von Stein ein Gut hat.«</p>
-
-<p>Wie eine Entschuldigung nimmt es sich aus, wenn er
-immer wieder darauf zurückkommt: »Goethe habe ich noch
-nicht gesehen, aber Grüße sind unter uns gewechselt worden.
-Er hätte mich besucht, wenn er gewußt hätte, daß
-ich ihm so nahe am Wege wohnte, wie er nach Weimar
-reiste. Wir waren einander auf eine Stunde nahe. –
-Goethe bleibt in Weimar. Ich bin ungeduldig, ihn zusehen.«</p>
-
-<p>Wenige Tage nun nach der Erfüllung dieser Wünsche
-erhält Körner ausführliche Mitteilung darüber: »Endlich
-kann ich dir von Goethe erzählen. – Ich habe vergangenen
-Sonntag beinahe ganz in seiner Gesellschaft zugebracht,
-wo er uns mit der Herder, Frau von Stein und der Frau
-Schardt besuchte. Sein erster Anblick stimmte die hohe
-Meinung ziemlich tief herunter, die man mir von dieser
-anziehenden und schönen Figur beigebracht hatte. Er ist
-von mittlerer Größe, trägt sich steif und geht auch so; sein
-Gesicht ist verschlossen, aber sein Auge sehr ausdrucksvoll,<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span>
-lebhaft, und man hängt mit Vergnügen an seinem Blicke.
-Bei vielem Ernst hat seine Miene doch viel Wohlwollendes
-und Gutes. Er ist brünett und schien nur älter auszusehen,
-als er meiner Berechnung nach wirklich sein kann. Seine
-Stimme ist überaus angenehm, seine Erzählung fließend,
-geistvoll und belebt; man hört ihn mit überaus viel Vergnügen;
-und wenn er bei gutem Humor ist, welches diesmal
-so ziemlich der Fall war, spricht er gern und mit
-Interesse. Unsere Bekanntschaft war bald gemacht und
-ohne den mindesten Zwang; freilich war die Gesellschaft
-zu groß und alles auf seinen Umgang zu eifersüchtig, als
-daß ich viel allein mit ihm hätte sein oder etwas anderes
-als allgemeine Dinge mit ihm sprechen können. Er spricht
-gern und mit leidenschaftlichen Erinnerungen von Italien.
-Im ganzen genommen ist meine in der Tat große Idee von
-ihm nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht vermindert
-worden, aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe
-rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist,
-was ich noch zu wünschen und zu hoffen habe, hat seine
-Epoche bei ihm durchlebt; er ist mir soweit voraus, daß
-wir unterwegs nie mehr zusammenkommen werden; –
-seine Welt ist nicht die meinige, unsere Vorstellungsarten
-scheinen wesentlich verschieden. Indessen schließt sichs aus
-einer solchen Zusammenkunft nicht sicher und gründlich.
-Die Zeit wird das Weitere lehren.«</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Stadtkirche_und_die_Glockengie_erei">Die Stadtkirche und die Glockengießerei</h2>
-</div>
-
-<p>Am 17. Juli 1788 trug der achtzigjährige Fürst Ludwig
-Günther in seinen Kalender ein: »Diese Nacht ist ein sehr
-starkes Gewitter gewesen. Den Morgen ¾ auf 4 hat es
-in den Kirchturm eingeschlagen und ziemliche Verwüstung
-an den Fenstern und auch an den Mauern angerichtet.
-Ich ritt dahin, um den Schaden anzusehen.«</p>
-
-<p>Zwei Tage darauf meldete das Tagebuch des jungen
-Erbprinzen Ludwig Friedrich: »Ich war bei Lengefelds.
-Ich zeichnete mit der Frau Hofrätin. Der Herr von Ketelhodt
-las uns in der neuen Geschichte des Herrn Schiller
-vor. Gegen Abend trat der Verfasser dieser Geschichte zur
-Tür herein und lud die Gesellschaft zu einem Spaziergang
-ein. Wir gingen über den Damm zur Stadtkirche und
-sahen die Verwüstungen, die durch das Gewitter entstanden.
-Auch wallfahrte Herr Schiller als guter Geschichtschreiber
-zu dem Grabe der heldenmütigen Katharina.«</p>
-
-<p>Dieses Grab liegt hinter dem Taufstein unter dem Altarraum
-und ist mit einer Erzplatte bedeckt. Die lateinische
-Inschrift besagt, daß Graf Wolrad von Waldeck und seine
-Gemahlin Anastasia ihrer Mutter und Schwiegermutter,
-der Gräfin Katharina von Henneberg, verwitweten Gräfin<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span>
-von Schwarzburg, eine selige Auferstehung wünschen.
-Katharina war auf ihrem Witwensitz, der Heidecksburg,
-am 7. November 1567 gestorben. Als entschiedene Bekennerin
-der evangelischen Lehre, als leutselige und fürsorgliche
-Beschützerin der Armen und Bedrängten, lebte
-sie in der Erinnerung fort, und mehrere Geschichtswerke
-erzählten, wie sie unerschrocken und kühn dem gefürchtetsten
-Heerführer der Reformationszeit entgegengetreten war.</p>
-
-<p>Das schlug in die Richtung der Studien ein, mit denen
-Schiller gerade beschäftigt war. Er ging den Quellenberichten
-nach und faßte sie zu dem Aufsatz zusammen, der
-aus seinen Werken oft abgedruckt und weit verbreitet
-worden ist: Herzog von Alba bei einem Frühstück auf dem
-Schlosse zu Rudolstadt, im Jahr 1547.</p>
-
-<p>Für ihre Ortschaften hatte die Gräfin gesorgt durch
-einen Sauvegardebrief: die spanischen Truppen verpflegte
-sie, damit ihre Untertanen nicht durch Plünderung zu leiden
-hatten. Schilder mit dem Wappen der Gräfin waren in
-jedem ihrer Dörfer angebracht. Herzog Alba und seine
-Begleiter saßen bei einem Gastmahl auf dem Schlosse, als
-die Nachricht eintraf, daß in Hasel und Cumbach geplündert
-wurde. Rasch entschlossen ließ Katharina Saal- und
-Schloßpforten durch ihre Bewaffneten besetzen und forderte,
-daß dem Kriegsbrauch Einhalt getan wurde, widrigenfalls:
-»Fürstenblut für Ochsenblut!« Mit sauersüßer
-Miene gaben die Herren Befehl, das geraubte Vieh den
-Eigentümern wieder auszuliefern.</p>
-
-<p>Die mündliche Überlieferung berichtet, daß Schiller<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span>
-wiederholt auch den Turm der Stadtkirche besucht hat,
-wo vier wertvolle Glocken bis heute erhalten sind. Eine
-von ihnen soll seine Aufmerksamkeit dabei besonders gefesselt
-haben. Diese Andreasglocke trägt stark erhaben das Bild
-des Schutzpatrons der Kirche, um ihren Hals zieht sich
-zartes gotisches Spitzenwerk und faßt zwei Spruchbänder
-ein. Das untere Band enthält die Nachricht von der Entstehung
-der Glocke: »Anno domini 1499. Osanna heis ich,
-Curdt Kerstan gos mich. Er Cristofferus von Wiczleuben.
-Pharner.« Sie war in dem angegebenen Jahre auf dem
-Platz hinter der Kirche von dem bedeutenden Erfurter
-Meister gegossen worden, und der Pfarrer von Witzleben
-gehörte der Rudolstädter Reformationsgeschichte an.</p>
-
-<p>Das obere Schriftband bringt den Beruf der Glocke in
-Worte: »<em class="antiqua">Dulce melos clango, sanctorum gaudia pango,
-defunctos plango, vivos voco, fulgura frango.</em>« Süßen
-Laut klinge ich, Freuden der Gläubigen singe ich, Tote
-beklage ich, Lebende rufe ich, Blitze wehre ich ab. In
-mehreren Lesarten findet sich dieser Sinnspruch auf 133
-Glocken. Verkürzt um die beiden ersten Glieder, hat ihn
-Schiller über sein »Glockengießerlied« gesetzt: <em class="antiqua">Vivos voco,
-mortuos plango, fulgura frango.</em></p>
-
-<p>Aus dem Dämmerlicht der Glockenstube schweifte das
-Auge gern hinaus in die frische leuchtende Landschaft.
-Unten am Fuß des Kirchhügels lag Charlottes Jugendheim,
-der Heißenhof, ihm gegenüber die Ludwigsburg,
-und in deren Nähe, am Ausgang der Stadt die Glockengießerei
-von Mayer. Hier hatte seit 1715 schon der Schweizer<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
-Geschütz- und Glockengießer Johann Feer sein Gewerbe
-betrieben, und dann seit dessen Tode 1759 der Nürnberger
-Rotgießer Johann Mayer. Volkstedt und Rudolstadt nehmen
-in der Geschichte des Thüringer Glockengusses eine
-hervorragende Stelle ein seit dem Mittelalter. In der Familie
-Mayer, die ihr Kunstgewerbe bis 1872 ausübte,
-hat sich von Geschlecht zu Geschlecht in ganz bestimmter
-Fassung die Kunde vererbt, wie Schiller wiederholt die
-Gießhütte besucht hat, wie der Ahnherr zunächst gar nicht
-besonders erbaut war über die Störung der Arbeit, daß
-der bleiche Gelehrte aber rücksichtsvoll in dem hochlehnigen
-Stuhl an der Wand Platz genommen hat, um die Arbeit
-nicht zu stören. Auch Karoline von Wolzogen erinnert sich
-dessen, als sie das Lied von der Glocke erwähnt: »Lange
-hatte Schiller dieses Gedicht in sich getragen und mit uns
-oft davon gesprochen als einer Dichtung, von der er besondere
-Wirkung erwartete. Schon bei seinem Aufenthalt
-in Rudolstadt ging er oft nach einer Glockengießerei vor
-der Stadt spazieren, um von diesem Geschäft eine Anschauung
-zu gewinnen.«</p>
-
-<p>Weil er seine Kenntnisse von der Technik des Glockengusses
-noch einmal nachprüfen wollte, schlug Schiller später
-die ökonomisch-technologische Enzyklopädie von Krünitz
-auf. Dort fand er eine Glocke in Schaffhausen erwähnt,
-die den Glockenspruch in der knappen Fassung trägt, wie
-sie ihm dann geeignet erschien. Diese Glocke selbst hat er
-nie gesehen. Auch sonst erheben eine Stuttgarter und die
-beiden Apoldaer Firmen Anspruch darauf, den Dichter als<span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span>
-lerneifrigen Liebhaber in ihre Kunst eingeführt zu haben.
-Sollte ein triftiger Grund für diese Annahmen vorhanden
-sein, so findet sich leicht eine Erklärung dafür. Glockenguß
-ist technisch, wissenschaftlich und künstlerisch ein so anziehendes
-Gewerbe, daß jeder, der sich einmal aufmerksam
-darum gekümmert hat, gern die Gelegenheit wahrnimmt,
-seine Beobachtungen fortzusetzen und zu ergänzen.</p>
-
-<p>An der heutigen Maschinengießerei, Jenaische Straße 1,
-fordert eine kleine Schrifttafel, verfaßt von Augustin Regensburger,
-auf, Johann Mayers und seines Meistergesellen
-zu gedenken:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Steh, Wandrer, still, denn hier erstand,</div>
- <div class="verse indent0">Daß keine zweite möglich werde,</div>
- <div class="verse indent0">Gebaut von Schillers Meisterhand,</div>
- <div class="verse indent0">Die größte Glockenform der Erde.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Charlottes_Jugendheim">Charlottes Jugendheim</h2>
-</div>
-
-<p>Von dem Haus, wo Charlotte ihre Kindheit verlebte,
-besitzen wir eine gemütvolle Schilderung aus ihrer eigenen
-Feder:</p>
-
-<p>»Die Lage unserer Wohnung war höchst romantisch;
-an einer kleinen Anhöhe, die mit Obstbäumen bepflanzt
-war, lag unser Haus. Die vordere Seite hatte einen großen
-Hof, der mit einem kleinen Garten begrenzt war. Vor
-uns lag ein fürstliches Lustschloß und rechts eine alte Kirche,
-deren schöner Turm mir manche Phantasien erweckte, und
-das Geläute der Glocken, das ich zu allen Stunden hörte,
-stimmte mich oft ernst und melancholisch. Ich stand stundenlang
-an meinem Kammerfenster, sah in die dunkeln
-Fenster des Turms hinein, hörte den Glocken zu und sah
-die Wolken am Himmel sich bewegen. Mein Horizont
-war frei. In der Ferne sahen wir schöne Berge und ein
-altes Schloß auf dem Berge liegen, das oft das Ziel meiner
-Wünsche war. Ich stellte es mir auch gar zu hübsch
-vor, über die Heide, so hieß die Reihe der Berge vor meinen
-Augen, zu wandern und da neue Dörfer, eine neue
-Welt zu sehen. Auch eine Hängebirke, die in einem der
-Gärten stand, die ich aus meinen Fenstern, meiner kleinen<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span>
-Welt, übersehen konnte, hat mir viel Anlaß zu Betrachtungen
-gegeben.</p>
-
-<p>Ich hatte Unterricht in den Morgenstunden; ich lernte
-nicht gern, und es war mir peinlich, wenn ich die Stunde
-schlagen hörte, und mein Lehrer begann eine neue Materie
-des Unterrichts. Französisch lernte ich auch nicht
-gern; Zeichnen und Schreiben wurden mir auch schwer.
-Aber am aller unangenehmsten war mir die Tanzstunde.
-Mittags freute ich mich immer an Tisch zu gehen; da saß
-mein Vater und erwartete uns, er konnte nicht allein
-gehen, und seine Jäger, deren er viele hatte, mußten ihn
-stets führen.</p>
-
-<p>Er war immer heiter und freundlich bei Tisch, erzählte
-uns lustige Geschichten, erkundigte sich nach unserm Fleiß,
-ließ sich auch oft von seinen Jägern erzählen, wie es in
-der Welt ging, die ihn interessierte. Er hatte die Wälder,
-die er meistens anlegte, mit Liebe gepflegt. Alles war ihm
-wichtig; jeder neu erworbene Baum vergrößerte sein Interesse.
-Ich hörte gar zu gern zu, wenn solche Gespräche
-kamen, und dachte mir immer, wie es da und dort aussehen
-müßte. Ich sah die Plätze im Geist und lebte mit
-den Bäumen der Wälder, mit den Höhen und Tälern,
-mit den Nebeln, wie Ossian in seiner Welt, am liebsten.
-Nach dem Essen kam der Lehrer, und wir hatten Unterricht
-in der Geographie, lasen Zeitungen oder schrieben
-Briefe. Alsdann kam noch der französische Sprachmeister,
-und unsere Stunden hatten ein Ende. Der übrige Teil
-des Tages gehörte uns.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p>
-
-<p>Wir gingen auf unserm Berg herum, und ich bildete
-mir ein, jeder neue Busch, den ich fände, sei auch andern
-fremd. War es böses Wetter, so setzte ich mich still in einen
-Winkel und hörte Karolinen und Amalien zu, die eine
-Art dialogisierter Romane spielten. Eine war immer eine
-Heldin des Stücks, und statt zu erzählen, wie es geschehen
-sei, dramatisierten sie die Geschichte. Dieses hatte unendlichen
-Reiz für mich. Ich saß dabei und hörte alles an und
-war begierig, wie es enden würde. Wie alle Romane
-und Theaterstücke, so endete sich dieses auch immer mit
-einer Heirat.</p>
-
-<p>Hatte mein Vater Geschäfte mit seinen Jägern des
-Abends, so kam meine Mutter und die Kusine, eine fertige
-Leserin, las uns vor. Ich arbeitete nicht gern in früherer
-Zeit, so gerne ich jetzt tätig bin. Ich hatte noch eine Art
-Unterhaltung, die mich besonders anzog. Ich hatte Figuren
-aus den Kalendern, die ich mir künstlich ausschnitt.
-Mit diesen spielte ich die Romane nach, die ich hörte. Es
-gab aber noch wenige zu der Zeit, zumal deutsche.</p>
-
-<p>Nach sieben Uhr gingen wir zu unserem Vater, wo wir
-ein kleines Mahl einnahmen, und nach dem Essen blieben
-wir noch bei ihm bis um neun Uhr, wo meine Mutter
-uns begleitete. Die Mädchen im Hause wurden versammelt,
-die Kusine las einen Abendsegen, es wurde ein
-geistliches Lied gesungen, die gute Mutter segnete ihre
-Kinder ein, und so gingen wir gläubig zur Ruhe und
-erwarteten den andern Morgen, um wieder so zu leben.</p>
-
-<p>Noch ehe wir aufstanden, war der geschäftige Vater<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span>
-schon in den Wäldern, besah die Anlagen, ordnete die
-Holzschläge an, bestimmte die Jagdreviere, und meistens
-war die Mutter mit ihm. Hatte er keine solchen Geschäfte,
-so fuhr er mit ihr nach seinen Feldern. Er hatte aus Liebe
-zur Ökonomie Felder gepachtet. Da besah er, wie jede
-Pflanzung stand, ließ Anstalten zur Ernte machen, kurz
-er wies jedes Geschäft des Tages an.</p>
-
-<p>Es war uns eine eigene Freude, die Ernte einfahren
-zu sehen, und an diese wiederkehrende Freude knüpften
-wir unsere Erinnerung. Bald halfen wir die Gemüse
-aufzubewahren, bald das Obst für den Winter zu legen,
-bald halfen wir einmachen und Obst trocknen. Alles wurde
-uns wichtig, und es wurde mit einer Wichtigkeit behandelt,
-wovon man nur in einer einfachen Lebensweise
-einen Begriff hat. Das ganze Haus hatte nur einen Gesichtspunkt
-bei einem ökonomischen Fest, alles war beschäftigt.</p>
-
-<p>Ich zog indes freilich lieber auf dem Berg herum, den
-sich meine kindische Phantasie vergrößerte, suchte Blumen
-und Zweige und kam oft recht von Dornen zerrissen zurück
-und ganz atemlos. Bald wollte ich eine Blume pflücken,
-die unzugänglich war, bald fiel ich aus Unvorsichtigkeit
-den Berg hinunter, ohne Wunden ging keine meiner
-Streifereien ab. Kam zuweilen ein Besuch, der unsere Art
-zu leben unterbrach, so vernahmen wir nichts Neues, denn
-jeder lebte auf diese Art.</p>
-
-<p>Ein Fest für uns war ein Besuch bei einem alten Geistlichen,
-dem Beichtvater unseres Hauses, der mit seiner Frau<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span>
-ein patriarchalisches Leben führte. Die runden Fensterscheiben
-im Zimmer, der große Schrank von Nußbaum
-mit großen geschliffenen Gläsern besetzt, mit Kirschen von
-Glas und einer ruhenden Kuh von Porzellan, die eine
-Butterbüchse war, war mir so lieb und erfreulich als der
-Kohlkopf in Vossens Luise. Ein schöner bunter Teppich lag
-auf dem Kaffeetisch. An der Seite des Zimmers war ein
-Fensterchen, das in die Küche sehen ließ, wo der Kaffee
-uns entgegendampfte, oder die schönen Kuchen gebacken
-wurden. Die Hoffnung, die Erwartung, was uns bevorstände,
-war für mich wichtig. Wenn der Tisch mit den
-Gaben des Herbstes prangte, saß ich recht gemütlich und
-hörte den Gesprächen, die mit Einfalt im Gemüt gehalten
-wurden, zu und verlor mich in dieser Welt.</p>
-
-<p>Wenn um sechs Uhr die große Glocke schallte, wir
-mochten in welchem Gespräch wir auch wollten begriffen
-sein, so faltete der alte gute Mann seine Hände und betete
-laut, wir beteten mit. Die alte Frau Pfarrerin ging zu
-ihm, rief ihm laut ins Ohr, denn er war taub: ›Glückseligen
-guten Abend, Papa!‹ und das vorige Gespräch begann
-wieder. Um sieben verließen wir diesen langen Besuch,
-aber nicht ohne Rührung über die Güte und Einfalt, im
-edeln Sinn des Wortes, unserer Freunde. Sie kamen auch
-öfters zu uns, und immer war es die nämliche Unterhaltung.
-Der alte Pfarrer las wenig, doch die Zeitungen, die zuweilen
-auch unser Gespräch machten, einige theologische
-Bücher und gelehrte Zeitungen, die ich immer mit einer Art
-Neugierde und Ehrfurcht ansah, lagen auf seinem Tische.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span></p>
-
-<p>Besuche unseres Alters hatten wir in dieser Zeit selten.
-Sonntags gingen wir in die Kirche und der Vater an Hof.
-Die Mutter ging Donnerstags gewöhnlich hin. Das war
-auch ein Fest für mich, sie geputzt zu sehen, und ich beschäftigte
-mich oft in der Vorstellung damit. Sonntags
-hatten wir meistens oder gaben Besuche. Ein fehlgeschlagener
-Anschlag auf einen Besuch war immer störend, und
-die Kusine, die gern ausging, sann oft stundenlang darüber
-nach, wo man sich nur könne melden lassen.</p>
-
-<p>Ein großer schöner mit Bäumen bepflanzter Gang an
-der Saale war auch an den Besuchtagen unser Spaziergang.
-Dort versammelte sich die schöne Welt, und dort
-begegneten wir auch unsern Gespielinnen.</p>
-
-<p>Auch der fürstliche Garten unserer Wohnung gegenüber
-war Sonntags unser Ziel. Alles mir Unbekannte und
-Fremde dünkte mir wunderbar, dieser Zug ist mir aus
-meiner früheren Jugend auffallend. Der Garten mit holzgeschnitzten
-Figuren, mit einer Laube, worin ein großes
-Bild war, im Geschmack des Gartens, den der Apotheker
-in Hermann und Dorothea beschreibt: dies waren meine
-Kunstwerke. Ein plumper Neptun mit einem Dreizack in
-einem Bassin war mir auch verwunderungswürdig, und
-er kam mir oft in meinen Träumen wieder vor. Auch ein
-Labyrinth, in dem ich mich oft zu verlieren fürchtete, war
-mir bedeutend.</p>
-
-<p>So lebte und trieb ich mein Wesen in engen Umgebungen
-bis in mein neuntes Jahr, wo unser guter Vater uns entrissen
-wurde.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span></p>
-
-<p>Karoline befand sich bereits in einem Alter, wo der
-Gedanke an den Tod schwere Seelenbewegung hervorruft,
-wie sie selbst bekennt:</p>
-
-<p>»In meinem dreizehnten Jahre verlor ich den Vater.
-Seine Krankheit wurde mir wohl als bedenklich, doch nicht
-als einen nahen Tod drohend vorgestellt.</p>
-
-<p>Noch hatte ich nichts Geliebtes durch den Tod verloren,
-so daß mir diese grauenvolle Erscheinung in ihrer Macht
-und Tiefe fremd war. Der Vater starb in der Nacht an
-einem Stickflusse. Die Diener kamen zu uns herauf in den
-oberen Stock, mit dem Befehl der Mutter, wir sollten uns
-ruhig in unserm Zimmer halten. Ihre Klagetöne drangen
-zu uns herauf, meine Unruhe trieb mich die Treppe hinab,
-um ihr und dem Vater näher zu sein. Es war am Morgen
-gegen drei Uhr, eine Lampe brannte schwach auf der Hausflur.
-Die Zimmer meiner Mutter öffneten sich, man ging
-aus und ein, ich lehnte auf dem Treppengeländer, um in
-das Innere derselben blicken zu können. Da hörte ich die
-Stimme des Vaters. ›Weißt du nicht, daß ein allmächtiger
-Gott lebt?‹ hörte ich ihn sagen. Die Stimme war mir
-sonderbar nahe, als töne sie von der Hausflur her. Doch
-zweifelte ich in dem Moment durchaus nicht, daß der Vater
-noch lebe und die Mutter zu trösten suche.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-055">
- <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Die Schillerglocke</div>
-</div>
-
-<p>Als am nächsten Morgen das traurige Ereignis uns ausführlich
-mitgeteilt wurde, und meine Mutter äußerte, schon
-gegen ein Uhr in der Nacht sei der Vater sprachlos gewesen,
-sagte ich: ›Ich habe ihn ja um drei noch reden hören!‹ worüber
-alles verwundert war. Vor dem Abgeschiedenen hatte ich<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span>
-übrigens durchaus keine Scheu oder Furcht, ja ich weilte
-oft lange in seinem Kabinett, wo ich ihn zuletzt gesehn,
-und bat Gott, er möge mich ihn noch einmal sehen, ihn
-mir erscheinen lassen.«</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-056">
- <img class="w100" src="images/illu-056.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Charlottes Jugendheim</div>
-</div>
-
-<p>Der Heyßenhof war im 16. Jahrhundert Sitz einer
-Familie Heyße, stand in alter Beziehung zum Rittergut
-Großkochberg, als dessen Inhaber ein Herr von Stein 1720
-damit belehnt wurde. Von 1770 bis 1780 war er fürstliches
-Eigentum, dann ging er in den Besitz einer Müllersfamilie
-Mallenbeck über. Wann der Jägermeister von Lengefeld
-sich hier einmietete, und ob seine Töchter im Heyßenhof
-geboren wurden, kann nicht festgestellt werden. In ihrem Erinnerungsleben
-spielt aber diese Örtlichkeit eine bedeutsame
-Rolle, verlebten sie doch hier die Kindheitsjahre, die mit
-ihren frisch empfundenen Eindrücken am tiefsten und
-längsten bis in das Alter vorhalten.</p>
-
-<p>Der Schönfeldsche Hof gegenüber war ebenfalls seit
-Jahrhunderten ein Kochberger Vorwerk gewesen. Die fürstliche
-Hofverwaltung hatte ihn 1706 erworben, und Prinz
-Ludwig Günther von 1734 an die Ludwigsburg gebaut
-und mit einem Garten in französischer Mode ausgestattet,
-wie ihn Charlotte sah.</p>
-
-<p>Der Damm am Saaleufer, 1735 angelegt, senkte sich
-reich mit schattigen Bäumen bepflanzt als Wiese und Weide
-zum Flusse hinab, und links von ihm dehnte sich der Anger
-aus als ländlicher Tummelplatz mit Schießstand, Gaststätten
-und einem Sommertheater.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Herbst_1789">Der Herbst 1789</h2>
-</div>
-
-<p>Schillers Geschichtswerk über den Abfall der Niederlande
-war im Rudolstädter Sommer abgeschlossen worden
-und zur Michaelismesse 1788 in den Buchhandel gekommen.
-Daraufhin konnte sich Goethe für Charlottes Freund
-und Frau von Steins Schützling verwenden, als die Professur
-für Geschichte in Jena ganz unerwartet erledigt war.
-Der Dichter sollte nun Mann der Wissenschaft sein und ein
-Lehramt mit drückenden Verpflichtungen übernehmen.
-Das kam ihn hart an, aber die Aussicht auf eine feste
-Staatsstellung verlieh ihm ein Recht, auf Charlottes Hand
-zu hoffen. In Lauchstedt bei Halle erhielt er ihr Jawort.
-Vor der besorgten Mutter mußte das vorläufig noch ein
-Geheimnis bleiben.</p>
-
-<p>Das junge Glück beseelt ihn mit neuem Mut, und zwischen
-dem Ernst der Tagesarbeit ließt der Scherz in seine
-Worte: »Die Mohammedaner kehren, wenn sie beten, ihr
-Gesicht nach Mekka, ich werde mir einen Katheder hier
-anschaffen, wo ich das meinige gegen Rudolstadt wenden
-kann, denn dort ist meine Religion und mein Prophet.«</p>
-
-<p>Als der Semesterschluß winkt, nehmen die Pläne für
-den Ferienaufenthalt bestimmte Form an: »Ich mache<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span>
-mir meine Ferien so gut zunutze, als ich kann. Es sind
-die ersten, die ich erlebe, und es kommt mir wunderlich
-vor, daß mir eine Zeit vorgeschrieben ist, wo ich frei über
-mich disponieren kann. Kommenden Winter lese ich die
-Woche fünf Stunden Universalgeschichte, von der fränkischen
-Monarchie an bis auf Friedrich II., und eine Stunde
-Geschichte der Römer.«</p>
-
-<p>Zwischen den Gedanken an die Arbeit belebt ihn die
-Freude auf die Nähe der Braut:</p>
-
-<p class="right">
-»Jena, Dienstag, den 1. September.
-</p>
-
-<p>Wie wird es mit unsern Abenden gehen, wenn ich in
-Volkstedt wohne? Ich will es so einrichten, daß ich gegen
-drei gewöhnlich in Rudolstadt bin, und zuweilen bleiben,
-bis die <em class="antiqua">Chère Mère</em> wieder geht. Zuweilen komme ich
-auch den Vormittag. Bei schlechtem Wetter kann ich zur
-Not im Wirtshaus oder sonst ein Absteigequartier finden.
-Den Tag, wann ich komme, weiß ich noch nicht bestimmt.
-Ich vermute, daß ich morgen über 14 Tage mein letztes
-Kollegium lese.«</p>
-
-<p>Etwas bange stimmt ihn der Gedanke, daß sie die Sorgen
-der Mutter nicht steigern durch eine vorzeitige Kunde
-von ihrem Verlöbnis: »Die <em class="antiqua">Chère Mère</em> müßt Ihr bei
-ihrer Zurückkunft und, wenn ich da bin, eher fleißiger
-als nachlässiger besuchen, sonst gewöhnt Ihr sie, mich und
-eine unangenehme Erfahrung in ihrem Gemüt zusammen
-zu denken.«</p>
-
-<p>Er muß zweierlei Briefe schreiben, solche die geheim<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span>
-bleiben, und »ostensible«, die von Hand zu Hand gehen
-dürfen, und erwirbt sich Anerkennung dafür:</p>
-
-<p>»Du bist recht artig, daß Du sogleich den Brief geschrieben
-hast, und so schön, so fein angelegt, daß es aussieht,
-als überträfst Du uns noch in List. Nun im Ernst, mein Lieber,
-glaube nicht, daß es meine Mutter so sehr beunruhigen
-kann, wenn Du uns nahe bist. Sie soll nicht mißmutig
-sein, wenn wir uns freuen. Aber ich kann mir doch auch
-nicht denken, daß es sie zu sehr betrüben könnte. Sie hat
-Dich doch auch lieb, findet, daß man Deinen Umgang
-schätzen muß, dazu hat sie doch zu viel Verstand, um es
-nicht zu finden, und fühlt doch auch, daß wir so einsam
-sind, und uns Deine Gesellschaft wohltun wird. Sie soll
-morgen den Brief sehen.</p>
-
-<p>Daß wir Dich nachmittags von drei Uhr bis gegen
-sechs oder sieben immer sehen wollen, haben wir auch
-schon ausgedacht, und wir gehen immer abends um acht
-Uhr nach dem Essen bei Hof. Da können wir immer zwei
-Stunden bleiben. Alle Tage kommt meine Mutter nicht
-zu uns, also werden wir uns oft ungestört sehn können.
-Lieber, wie freut sich mein Herz dieser Aussicht!«</p>
-
-<p>Am 18. September trifft der sehnlichst Erwartete ein,
-und fünf Wochen, reich an Arbeit, hell durch Freude, getrübt
-von mancherlei Sorgen, vereinigen den Rudolstädter
-Kreis in der Neuen Gasse.</p>
-
-<p>Karoline, die Schwester und Freundin, weiß in allem
-Bescheid:</p>
-
-<p>»Endlich kamen die Ferien. Schiller bewohnte wieder<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span>
-sein Haus in Volkstedt und brachte Morgen- und Nachmittagsstunden
-bei uns zu, da die Abende größtenteils
-der Mutter gehörten. Das Geheimnis der glücklichen Liebe
-zwischen ihr und uns, welches zu ihrer Ruhe nötig war,
-empfanden wir als eine ungewohnte Störung doppelt
-schmerzlich in dieser goldenen Zeit, denn immer hatte Offenheit
-unter uns gewaltet. Doch tröstete uns der Mutter
-sich stets gleich bleibende Achtung und Freundschaft für
-Schiller. Dieser arbeitete an seinen Vorlesungen, an der
-Thalia und dem Geisterseher und schweifte in den schönen
-Herbsttagen in der Gegend umher, in der Erinnerung und
-Hoffnung ihn anlächelte. Auch manche poetischen Pläne
-und Stimmungen entsprangen diesen Wanderungen, auf
-denen wir ihn oft begleiteten. Die Liebe und die sichere
-Aussicht auf ein glückliches häusliches Leben, welches immer
-der Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen war, bildeten
-einen lichten Grund in seinem Gemüte. Aber die Ungewißheit
-der Epoche, wo Lottchen mit ihm leben könnte, erzeugte
-oft Sorge und Unruhe.</p>
-
-<p>Es graute ihm vor der Einsamkeit in Jena. Der günstige
-Moment, seine Bitte dem Herzog von Weimar vorzutragen,
-lag noch fern, und an ihrer Erfüllung konnte
-man doch noch zweifeln. Da alles an der Festigkeit der
-Existenz, die die Mutter beruhigen konnte, hing, so erging
-sich unsere Phantasie in tausend Plänen, die dazu führen
-konnten. Städte, Länder und Verhältnisse mit wohlgesinnten
-Menschen, die nur der Gestaltung bedurften, lagen
-immer bereit.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span></p>
-
-<p>Unter den Plänen, die erwogen wurden, beschäftigte
-auch der ernsthaft die Gemüter, nur auf die schriftstellerische
-Tätigkeit den Hausstand, und zwar in Rudolstadt, zu gründen.
-All diesen Überlegungen kommt Frau von Stein zuvor,
-indem sie den Herzog bestimmt, für Schiller ein kleines
-Jahresgehalt zu versprechen. Nun gilt es ihm als erste
-Pflicht, der Mutter seiner Braut sein Herz und seine Lage
-zu eröffnen:</p>
-
-<p class="right">
-»Jena, den 18. Dezember 1789.
-</p>
-
-<p>Wie lange und wie oft, seit mehr als einem Jahre,
-gnädige Frau, habe ich mit mir selbst gestritten, ob ich es
-wagen soll Ihnen zu gestehen, was ich jetzt nicht mehr
-zurückhalten kann. Ich muß Sie bitten, verehrungswürdigste
-Freundin, sich jetzt alles gegenwärtig zu machen,
-was je in Ihrem gütigen Herzen für mich sprach. Ich selbst
-muß mir jedes Ihrer Worte zurückrufen, worin ich Wohlwollen
-für mich zu erkennen glaubte, um in diesem Augenblicke
-Mut und Hoffnung zu fassen. Es gab Augenblicke,
-unvergeßlich sind sie meinem Herzen, wo Sie mich vergessen
-ließen, daß ich ein Fremdling in Ihrem Hause sei,
-ja, wo Sie unter Ihren Kindern auch mich mit zu zählen
-schienen. Was Sie damals ohne Bedeutung sagten, was
-nur eine vorübergehende Bewegung Ihres Herzens Ihnen
-eingab, wie tief ergriff es mein Herz, wo lange schon kein
-anderer Wunsch mehr lebte, als Ihr Sohn genannt zu
-werden. Sie haben es in Ihrer Gewalt, jene Äußerungen
-in volle selige Wahrheit für mich zu verwandeln.</p>
-
-<p>Ich gebe das ganze Glück meines Lebens in Ihre Hände.<span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span>
-Ich liebe Lottchen, ach, wie oft war dieses Geständnis auf
-meinen Lippen, es kann Ihnen nicht entgangen sein. Seit
-dem ersten Tage, wo ich in Ihr Haus trat, hat mich Lottchens
-liebe Gestalt nicht mehr verlassen. Ihr schönes edles
-Herz habe ich durchschaut. In so vielen froh durchlebten
-Stunden hat sich ihre zarte sanfte Seele in allen Gestalten
-mir gezeigt. Im stillen innigen Umgang, wovon Sie selbst
-so oft Zeugin waren, knüpfte sich das unzerreißbarste Band
-meines Lebens. Mit jedem Tage wuchs die Gewißheit in
-mir, daß ich durch Lottchen allein glücklich werden kann.
-Hätte ich diesen Eindruck vielleicht bekämpfen sollen, da
-ich noch nicht vorhersehen konnte, ob Lottchen auch die
-meine werden kann? Ich hab es versucht, ich habe mir
-einen Zwang vorgeschrieben, der mir viele Leiden gekostet
-hat. Aber es ist nicht möglich, seine höchste Glückseligkeit
-zu fliehen, gegen die laute Stimme des Herzens zu streiten.
-Alles, was meine Hoffnungen niederschlagen könnte, habe
-ich in diesem langen Jahre, wo diese Leidenschaft in mir
-kämpfte, geprüft und gewogen, aber mein Herz hat es
-widerlegt. Kann Lottchen glücklich werden durch meine
-innige ewige Liebe, und kann ich Sie, Verehrungswürdigste,
-lebendig davon überzeugen, so ist nichts mehr, was gegen
-das höchste Glück meines Lebens in Anschlag kommen kann.
-Ich habe nichts zu fürchten, als die zärtliche Bekümmernis
-der Mutter um das Glück ihrer Tochter, und glücklich wird
-sie durch mich sein, wenn Liebe sie glücklich machen kann.
-Und daß dieses ist, habe ich in Lottchens Herzen gelesen.</p>
-
-<p>Wollen Sie, teuerste Mutter, o lassen Sie mich bei diesem<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span>
-Namen Sie nennen, der die Gefühle meines Herzens und
-meine Hoffnungen gegen Sie ausspricht, wollen Sie das
-Teuerste, was Sie haben, meiner Liebe anvertrauen? Meine
-Wünsche durch Ihre Billigung in Wirklichkeit verwandeln,
-wenn es auch die Wünsche Ihrer Tochter sind, wenn wir
-uns beide in dieser Bitte vereinigen? Ich werde Ihnen
-mehr zu danken haben, als ich einem Menschen danken
-kann. Sie werden glücklich sein in der Glückseligkeit Ihrer
-Kinder. Unsere Dankbarkeit wird geschäftig sein, Ihr Leben
-zu verschönern und Ihnen das Geschenk der Liebe durch
-Liebe zu erstatten.</p>
-
-<p>Ich erlaube mir keine weitre Erklärung, bis Sie über
-die Wünsche meines Herzens entschieden haben werden.
-Steht nur in Ihrer Seele meinem Glücke nichts entgegen,
-so werden keine Hindernisse von außen ihm im Wege
-stehen. Mit welcher Unruhe und Sehnsucht erwarte ich
-von Ihnen den Ausspruch über mein ganzes Glück! Aber
-Liebe allein wird Sie leiten, und darauf gründe ich frohe
-Hoffnungen. Ewig der Ihrige mit der innigsten Ehrfurcht
-und Liebe.«</p>
-
-<p>Nur ein gutes treues Mutterherz konnte eine Antwort
-geben, wie die, deren Inhalt ihn nun von Zweifeln erlöste:</p>
-
-<p class="right">
-»Rudolstadt, den 21. Dezember 1789.
-</p>
-
-<p>Ja, ich will Ihnen das Beste und Liebste, was ich noch
-zu geben habe, meine gute Lottchen, geben. Die Liebe
-meiner Tochter zu Ihnen und Ihre edle Denkungsart
-bürgt mir für das Glück meines Kindes, und dieses allein<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span>
-suche ich. Verzeihen Sie aber der Sorgsamkeit und der
-Pflicht einer Mutter: Können Sie Lottchen neben Ihrer
-zärtlichen Liebe, nicht ein glänzendes Glück, sondern nur
-ein gutes Auskommen verschaffen? Beruhigen Sie mich
-über diesen Punkt, und ich nenne Sie mit Freuden Sohn.
-Wäre ich reich, könnte ich Ihnen mit meiner Tochter ein
-ansehnliches Vermögen geben, wie gern würde ich Ihnen
-da zeigen, daß Verdienst und ein Herz, so wie ich das
-Ihrige kenne, die schätzbarsten Güter der Erde für mich
-sind. Da mein Vermögen aber nicht groß und unser jetziges
-Leben diese Frage verlangt, weil ohne hinlänglichen Unterhalt
-kein Familienglück bestehen kann, so müssen Sie
-mir meine Ängstlichkeit vergeben. Die ich mich mit wahrer
-Ergebenheit und Freundschaft nenne</p>
-
-<p class="right">
-Ihre treue Freundin von Lengefeld.«
-</p>
-
-<p>Zwei gute und treuherzige Briefe von Rudolstädtern
-in der Ferne trafen ein, der eine noch an Fräulein von
-Lengefeld in der Neuen Gasse, der andere bereits an Frau
-Hofrätin Schiller in Jena.</p>
-
-<p class="right">
-»Genf, den 27. Januar 1790.
-</p>
-
-<p>Daß ich an der Entscheidung Ihres Schicksals, liebes
-Lottchen, den lebhaftesten Anteil nehme, dafür bürgt Ihnen
-meine Freundschaft für Sie. Mögen Sie mit dem Manne,
-den Sie sich gewählt haben, in allen künftigen Lagen
-Ihres Lebens immer so glücklich sein, als es Ihr gutes
-edles Herz verdient. Einer meiner sehnlichsten Wünsche
-wird dadurch erfüllt werden. Schiller, der mir bereits für
-seinen Geist die größte Achtung eingeflößt hat, soll mir<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span>
-auch in dem neuen Verhältnisse, in welches ich mit ihm
-durch Sie gesetzt werde, herzlich willkommen sein, und
-ich bitte Sie, ihn von meiner aufrichtigsten Freundschaft
-zu versichern.</p>
-
-<p>Es ist freilich eben so gar artig nicht, daß Sie so mit
-einem Male Ihrem alten Lehrer aus der Schule laufen
-und mich, Ihren alten Freund, verlassen. Allein ich würde
-zuviel Eigennutz verraten, wenn ich mich zu sehr darüber
-beschweren wollte, und Knebeln muß es doch eigentlich
-recht wohl tun, seine Schülerin nun als hochgelehrte Professorin
-auf der Hohen Schule zu wissen. Ich will nun von
-Ihnen recht viel lernen, vorzüglich rechne ich sehr darauf,
-durch Ihre Vermittelung bisweilen etwas von Schillers
-historischen Vorlesungen zu erhalten. Seine erste im Merkur
-eingerückte Vorlesung habe ich kürzlich gelesen. Sie ist
-ganz meisterhaft und hat mir außerordentlich gefallen.
-Schiller behandelt die Geschichte genau so, wie ich immer
-gewünscht habe, sie behandelt zu sehen. Jede einzelne Geschichte
-wird durch seine Darstellung ein schöner Teil von
-einem großen harmonischen Ganzen, von der Geschichte
-der Menschheit.</p>
-
-<p>Daß Sie uns in Rudolstadt nicht ganz vergessen, und
-daß Sie sich so einrichten werden, daß Sie alle Ferien
-bei uns mit Ihrem Freunde zubringen, darauf zähle ich
-sicher.</p>
-
-<p>Leben Sie wohl, liebes Lottchen, und lassen Sie bald
-wieder etwas von sich hören.</p>
-
-<p class="right">
-von Beulwitz.«
-</p>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span></p>
-<p class="right">
-»Genf, den 15. März 1790.
-</p>
-
-<p class="center">
-Bestes Schwesterchen,
-</p>
-
-<p>wie sehr Ihr Wohl und Glück Ihrem Brüderchen am Herzen
-liegt, wie sehr er sich jetzt freut, Sie in derjenigen Lage
-zu sehen, die Sie sich selbst wünschten und wählten, können
-Sie sich leicht vorstellen. Nichts konnte mir mehr Vergnügen
-machen, als Sie mit einem so braven Mann, als Herr
-Schiller ist, verbunden zu sehen. Erlauben Sie mir, mich
-bei dieser Gelegenheit zu fernerer Freundschaft zu empfehlen.
-Recht oft hoffe ich Sie mit Ihrem lieben Mann
-in Rudolstadt zu sehen, und so manche angenehme Stunde
-soll uns im freundschaftlichen Zirkel verfließen. Dann
-singen wir Herrn Schillers Lied an die Freude! Jetzt muß
-unser Lieblingsdichter diese Stelle doppelt fühlen: ›Wer
-ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein!‹ –</p>
-
-<p>Darf ich bitten, mich Herrn Schiller zu fernerer Freundschaft
-zu empfehlen. Bald werde ich Ihnen mündlich sagen
-können, wie sehr ich Sie verehre, und bin</p>
-
-<div class="br-12">
-<p class="center">
-Ihr aufrichtiger<br />
-Freund und Diener<br />
-Ludwig Friedrich.«
-</p>
-</div>
-<hr class="tb" />
-
-<p>»An einem Montag, den 22. Februar 1790, wurden
-wir in Wenigenjena vom Diakonus Schmidt getraut.</p>
-
-<p>Schiller kam einige Tage vorher nach Erfurt, wo ich und
-Karoline war, uns abzuholen. Wir kamen Sonntag abends
-nach Jena. Den Montag früh fuhren wir drei zusammen<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span>
-nach Kahla, wo wir meine Mutter abholten. Es war ein
-Frühlingstag wie heute, wo ich dieses mit Schmerzen niederschreibe.
-Von Kahla fuhren wir gegen 2 Uhr ab und kamen
-um 5 Uhr ganz in der Stille in Wenigenjena an, stiegen
-an der Kirche aus, niemand war bei der Trauung zugegen,
-als meine Mutter und Karoline. Den Abend brachten wir
-still und ruhig miteinander in Gesprächen zu beim Tee.
-So verging der Tag, der so viele Freuden in seinem Gefolge
-hatte und so viele Schmerzen. Jeglichen Menschen
-erwartet sein Tag, auch meiner wird kommen!«</p>
-
-<p class="right">
-Aus Charlottes Tagebuch.
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Das_Fruehjahr_1791">Das Frühjahr 1791</h2>
-</div>
-
-<p>Das Jahr 1791 begann mit Not und Sorge. Am 3. Januar
-bei einem Hoffest in Erfurt war Schiller zusammengebrochen.
-Der Arzt schaffte wohl Linderung, aber nicht
-Heilung. Am 9. Januar erfolgte die Reise nach Weimar,
-am 11. die Rückkehr nach Jena. Im Briefwechsel des
-Freundeskreises ist die Sorge und die Hoffnung zu erkennen,
-mit der alle die Ereignisse im Befinden Schillers begleiteten.
-Erst am 22. Februar führt der Genesende selbst wieder
-die Feder und berichtet dem Dresdener Freund seinen
-Zustand und seine Pläne für den Sommer. Schon am
-Krankenlager hatte sich ein Wetteifer gezeigt: nicht nur
-Verwandte und altbewährte Freunde hatten einander
-übertroffen in ihren Bemühungen, auch neue Anhänger
-bewarben sich, wenigstens einmal eine Nachtwache leisten
-zu dürfen. Schillers philosophische Studien hatten ihm
-Schüler in reiferen Mannesjahren zugeführt, die nur
-vorübergehend Jena aufsuchten, um seinen persönlichen
-Verkehr zu genießen. Im Anfang des April folgten ihm
-einige dieser neuen Freunde auch in seine Erholungszeit
-nach Rudolstadt.</p>
-
-<p>Geselliges Leben entwickelt sich hier, drei- bis viermal<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span>
-die Woche wird ein Spazierritt unternommen. Am 24. April
-folgt Schiller einer Einladung zur Hoftafel, die Umgebung
-ist heiter, aber er selbst beurteilt seinen Zustand mit klarem
-Blick: ›Ich mag niemand sagen, daß ich meine Beschwerden
-behalten muß. – Es soll mir nicht an Mut fehlen,
-wenn auch das Schlimmste über mich kommen wird.‹</p>
-
-<p>Zu dem neuen Kreise gehörte der fünfundzwanzigjährige
-Mediziner Benjamin Erhard aus Nürnberg, Kantischer
-Philosoph, Mathematiker, Zeichner und Musiker, ein bestimmt
-auftretender, humorvoller Mensch, dessen Wesen
-Schiller mit fühlbarem Anteil schildert. Er berichtet in seinen
-Denkwürdigkeiten: »Durch Schillers Bekanntschaft
-wurde ich veranlaßt, ihn in Rudolstadt bei seinem Schwager
-zu besuchen. Ich verlebte hier einige der glücklichsten
-Tage meines Lebens, unter lauter gebildeten Menschen,
-die mich an äußerer Bildung alle übertrafen, und die doch
-Güte genug hatten, mir meine innere als Ersatz für die
-äußere anzunehmen. Die Prinzen und Prinzessinnen kamen
-beständig in dieses Haus, und meine geringe Fertigkeit im
-Zeichnen und Kenntnis des Generalbasses erwarb mir ihre
-Gunst. Der Ton, der hier herrschte, war die unschuldigste
-Geselligkeit, die ich bisher gesehen hatte. Ich war eines
-Abends auf dem Schlosse und phantasierte auf Verlangen
-auf dem Fortepiano; meine Laune gab mir deutsche Tänze
-ein, und diese wirkten auf die Gesellschaft so, daß sie zu
-tanzen anfing, und ich meine Tänze fortspielen mußte.
-Reinhold, der auch auf Besuch hier war, sagte mir ins
-Ohr: ›Nun erfahre ich, was ich in meinem Leben nicht erwartet<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
-habe, daß ein Hof nach der Musik eines Philosophen
-tanzt.‹ Das hörte aber doch ein Nahestehender, der Scherz
-wurde in der Gesellschaft verbreitet und gefiel jedermann.
-Mit dem Buchhändler Göschen ging ich zu Fuß nach Jena
-zurück und fand auch in ihm einen Freund.«</p>
-
-<p>Aus dem Bekanntenkreis, zu dem auch der Freiherr
-von Hardenberg, der Dichter Novalis, gehörte, nennt
-Schiller noch einen Klagenfurter Fabrikanten Baron von
-Herbert und zwei Livländer, Baron von Adlerskron, Offizier
-und Philosoph, und Karl Gotthard Graß, der sich
-als Theolog, Philosoph, Dichter und Maler betätigte. Aus
-dessen Feder besitzen wir die Schilderungen von Schillers
-Krankheit, die ihn am 7. Mai überfiel. Aus seiner Heimat
-schreibt er 1795 an Schiller: »Es sind vier Jahre, vier
-Jahre! verflossen, seit ich in Rudolstadt von Ihnen ging;
-nur wenn ich auf die Lebhaftigkeit meiner Rückerinnerungen
-an jene Augenblicke sehe, scheinen es mir so viele
-Tage zu sein. Ich sehe noch jeden einzelnen Moment unverrückt
-und deutlich vor mir. Wie wir am Bett saßen
-und Ihnen vorlasen, und was wir lasen; wie wir die
-Mondlandschaft vor Ihnen aufstellten; dann wieder, wie
-Ihre Gattin an Ihrem Bett kniete und die Tränen verbarg,
-und Ihre Hände sie umschlangen; wie Sie mit mir Malaga
-und auf Wiedersehen tranken; dies alles, und was Sie mir
-sagten, und was ich empfand, dies alles ist mir so gegenwärtig,
-wie von gestern her. Ich kenne jeden Zug Ihres
-Gesichts, ich höre Ihre Stimme, und die leiseste Berührung
-dieser Erinnerungen durchdringt meine ganze Seele!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span></p>
-
-<p>Aus Neapel beantwortet er die Nachricht von Schillers
-Tod, unter der er zusammenbrechen wollte; dabei
-fließt ihm in die Feder: »Erinnern Sie sich noch eines
-Augenblicks, der mir unvergeßlich ist, als Schiller in Rudolstadt
-so krank war: Ich befand mich in seinem Zimmer
-und hatte, indem ich am Fenster stand und las, mir das
-Bild des Leidenden und das Edle und Große, welches
-seine Form und seine Züge umschwebte, tief eingeprägt.
-Er hatte, soviel ich weiß, etwas Opium genommen, die
-heftigen Krämpfe zu stillen, und lag da, leicht entschlummert,
-wie ein Marmorbild. Sie befanden sich im Nebenzimmer,
-wo ich Ihnen die Schillersche Übersetzung des
-vierten Buchs der Äneide vorgelesen hatte, und von Zeit
-zu Zeit kamen Sie an die Türe, sich nach Schiller umzusehen.
-Sie sahen ihn also da liegen und nahten leise auf
-bloßen Strümpfen, und ebenso leise knieten Sie mit gefalteten
-Händen vor sein Bette hin. Ihr loses dunkles Haar
-floß über die Schulter. Still weinte Ihr Auge. Sie hatten
-es wohl kaum bemerkt, daß noch jemand im Zimmer war.
-Der ohnmächtige Kranke schlug indessen etwas die Augen
-auf. Er erblickte Sie; mit Leidenschaft umschlangen plötzlich
-seine Arme Ihr Haupt, und so blieb er auf Ihrem
-Nacken ruhen, indem ihn die Kraft von neuem verließ.
-Verzeihen Sie, daß ichs wagte, Ihnen eine Szene zu schildern,
-die so heilig und himmlisch war, daß nur Unsterbliche
-sie belauschen sollten. Begreifen Sie nun, daß ich Schiller
-und Sie nie vergessen konnte?«</p>
-
-<p>Treuer Pflege, der Hilfe der Rudolstädter Ärzte Conradi<span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span>
-und Beythan, sowie des Jenaer Hofrats Stark gelang es,
-den Leidenden zu retten. Am 9. Juli reiste er mit Frau und
-Schwägerin nach Karlsbad, von wo Lotte meldet, daß die
-Kur guten Erfolg hat. Karoline wurde nach Rudolstadt
-zurückberufen, denn am 21. Juli fand die Vermählung
-des Erbprinzen Ludwig Friedrich mit der Prinzessin Karoline
-Luise in Homburg statt, und am 5. August sollte der
-feierliche Einzug des jungen Paares in Rudolstadt erfolgen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Am 10. April 1805. Jeder Mensch sollte die Geschichte
-seiner Empfindungen für sich selbst aufsetzen, nicht sich
-ängstlich beobachten und immer mit seinem Gewissen sich
-abfinden, sondern sich mit freiem Sinne prüfen, wie die
-äußern Gegenstände auf uns wirken. –</p>
-
-<p>Je länger man in der Welt lebt, je näher man die Menschen
-beleuchtet, je mehr flüchtet man sich in sein eigenes
-Herz zurück. Welche Zwecke, welche Neigungen leiten die,
-die wir beobachten! Falsches Streben nach unerreichbaren
-Dingen ist beinah die ganze Existenz mancher Naturen.
-Wo ist der Friede zu finden, wenn er nicht in uns ist?</p>
-
-<p>Je gebildeter die Natur, je näher den Abwegen! Kein
-Mittelweg führt zu dem Genuß einer ruhigen Existenz.
-Haben wir das Schicksal beschworen, so entsteht in uns
-selbst der Kummer. Immer das Unerreichbare zu erringen
-strebt die Natur. Immer in jeder Lage, in jedem Moment
-des Lebens ist nur Hoffnung nach etwas Besserem, für etwas
-Besseres der einzige Stab, auf den wir unsere wankende<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span>
-Existenz stützen. Soll dieses ewige Streben nach dem Besseren
-zwecklos sein? Soll es nicht dem Geist die Deutung
-geben, daß es einen Ort gibt, wo endlich alles Hoffen erfüllt
-wird?«</p>
-
-<p>So schrieb die ehemalige Rudolstädterin in ihrem Heim
-an der Esplanade zu Weimar, als der Gatte hoffnungslos
-darniederlag.</p>
-
-<p>Vier Wochen darauf trat das Ereignis ein, das die
-<em class="antiqua">Chère mère</em> in einer Urkunde bezeugt: »Den 9. Mai,
-abends zwischen 5 und 6 Uhr ist mein Schwiegersohn,
-Hofrat von Schiller, Mitglied der Witwensozietät, mit Tod
-abgegangen.«</p>
-
-<p>Eine schwache, achtunddreißigjährige Witwe, brach Charlotte
-am Sterbebette in der Dachstube zusammen, dann
-nahm sie die Last auf sich, die eine gütige Vorsehung sonst
-nur den Armen eines Menschenpaares zumutet: Unmündige
-zu tragen und zu führen, bis sie ihren Lebensweg aus
-eigener Kraft weitergehen können.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Schillers_Familie_in_Rudolstadt">Schillers Familie in Rudolstadt</h2>
-</div>
-
-<p>Nach Schillers Verheiratung löste sich bald der Hausstand
-in der Neuen Gasse auf. Frau von Lengefeld hatte schon
-1789 ihr Amt als Erzieherin der Schwestern Ludwig Friedrichs
-angetreten und bezog eine Wohnung auf der Heidecksburg.
-Karoline von Beulwitz trennte sich von ihrem Gemahl,
-verließ Rudolstadt und ging 1794 eine neue Ehe
-mit Wilhelm von Wolzogen ein.</p>
-
-<p>Über den Verkehr Schillers und der Seinen enthalten
-die Hoffurierbücher trockene, aber genaue Auskunft, da
-jede Mahlzeit und jedes Nachtquartier eingetragen ist.</p>
-
-<p>»Herr Schiller und Frau Hofrätin sind vom 2. bis 12.
-September 1799 mittags an Erbprinzen Tafel und abends
-bei fürstlicher Tafel gewesen.«</p>
-
-<p>Bis 1803 wohnt »Frau Hofrätin Schiller« wiederholt
-bei ihrer Mutter, dann tritt eine Pause ein bis 1810. Als
-zwölfjähriger Knabe besingt Ernst von Schiller romantisch
-schwärmerisch die Kapelle im Mörlagraben und dichtet
-eine Ballade: Der Ritter und die Saalnixe. Bald erscheint
-»Herr von Schiller«, der siebzehnjährige Sohn Karl, als
-Gast an der fürstlichen Tafel. Am 23. Februar 1811 nimmt
-Ernst an einem Maskenfest auf dem Schlosse teil als Marquis<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span>
-Posa und fällt auf, wegen seiner großen Ähnlichkeit
-mit dem Vater, die kleine Karoline gesellt sich zu den fürstlichen
-Kindern. Karl verkehrt als »Herr Leutnant von
-Schiller« bis 1815 an der Familientafel, Ernst »der Herr
-Kammerassessor« bis 1818, dann führt der Beruf sie beide
-in die Ferne. Von 1819–1823 feiert »Frau Hofrat von
-Schiller mit zwei Fräulein« regelmäßig den Geburtstag
-der Mutter am Hofe, Emilie hat Beziehungen zu Familien
-in der Stadt, Karoline findet sich am 28. November 1822
-als »bleibender Gast« auf dem Schlosse ein.</p>
-
-<p>Am 11. Dezember 1823 verschied die <em class="antiqua">Chère mère</em>, und
-die Fürstin Karoline Luise wurde den drei vereinsamten
-Frauen aufrichtige Freundin und treue Beraterin.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-077">
- <img class="w100" src="images/illu-077.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Das Schillerhaus in Volkstedt</div>
-</div>
-
-<p>Drei Jahre später, am 9. Juli 1826, starb Charlotte in
-Bonn. Sie hatte den Augenarzt von Walther daselbst aufgesucht,
-um ihr Starleiden heilen zu lassen. Die Operation
-gelang, aber Schwindelanfälle und Atemnot traten ein.
-Ernst von Schiller zeigt der Fürstin Karoline Luise den
-Tod der Mutter an: »Ich fand sie phantasierend, doch mit
-helleren Momenten, in deren einem sie meine Anwesenheit
-erkannte und einige, doch schwache Teilnahme zeigte.
-Die Bilder ihrer Phantasie waren mild, es war der Regen,
-der die Blumen erquicken würde. Ich holte Walther, der
-mir gleich sagte, daß sie rettungslos verloren sei, es sei ein
-Nervenschlag, der durchaus unerwartet gekommen wäre.
-Um halb 5 Uhr hörte sie auf zu sprechen. Ohne irgendein
-Zeichen ihres Bewußtseins zu geben, hauchte die Vortreffliche
-morgens gegen 6 Uhr ihr edles Leben aus. Emilie<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span>
-und ich waren zugegen. Euer Durchlaucht kennen den
-Schmerz und werden den unsrigen begreifen.«</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-078">
- <img class="w100" src="images/illu-078.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Die Saale zwischen Volkstedt und Rudolstadt</div>
-</div>
-
-<p>Emilie war ein hochstrebendes Wesen und fühlte schwer
-den Kampf zwischen ihren Idealen und der Wirklichkeit.
-An ihren Bruder Ernst schloß sie sich eng an. Seelsorgerin
-in allen Gewissensangelegenheiten blieb ihr die Fürstin
-in Rudolstadt, bis Adalbert von Gleichen sie 1828 als
-Gattin heimführte.</p>
-
-<p>Über Karolines Verkehr und ihren Aufenthalt in Rudolstadt
-ist die zuverlässigste Kunde erhalten geblieben. Schon
-als Kind hatte sie gern mit jüngeren Kindern verkehrt.
-Noch bei Lebzeiten der Mutter war sie in das Katharinenstift
-zu Stuttgart eingetreten, um Erziehung und Unterricht
-gründlich kennenzulernen. Krankheit und Tod der
-Mutter bestimmten sie, sich eine eigene Stellung im Leben
-zu suchen. Bei allen Entscheidungen war auch ihr die
-»Fürstin Mutter« in Rudolstadt eine treue und nimmermüde,
-vielerfahrene Freundin. In die Familie des württembergischen
-Herzogs Eugen zu Karlsruhe in Schlesien trat
-sie ein, um diesem eine achtjährige Tochter zu erziehen.
-Als die Tätigkeit dort zu Ende war, legten die alten Beziehungen
-der Eltern zu Hof und Stadt sowie die neuen Verbindungen
-der Schwester Emilie zu der Familie von
-Gleichen den Gedanken nahe, nach Rudolstadt zurückzukehren.
-Vor Not blieb sie bewahrt, da sich der geistige
-Nachlaß des Vaters in Barbesitz der Erben verwandelte.
-Nun trat eine arbeitshungrige dreißigjährige Dame in
-das Leben der kleinen Residenz ein. Studium und Lektüre<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span>
-befriedigten sie nicht. Die philosophischen und dichterischen
-Werke des Vaters beherrschte sie vollkommen, und anderen
-davon mitzuteilen durch Vortrag oder Einübung von
-Rollen bereitete ihr Genuß und Freude. Eine Entscheidung
-im Gemütsleben hatte sie standhaft überwunden und
-»durch herrliche, edle Menschen Trost und Erquickung in
-der Freundschaft empfangen.« Nunmehr folgt sie dem
-Zuge des Herzens, »um das Ideal ihres Lebens ins Werk
-zu setzen«.</p>
-
-<p>Am 26. Mai 1832 veröffentlicht sie ihr »Anerbieten.
-Wenn es einigen Eltern erwünscht sein könnte, ihre Töchter
-unter weiblicher Aufsicht unterrichten zu lassen, so erbiete
-ich mich gern, sie vom siebenten Jahre an täglich
-5–6 Stunden bei mir aufzunehmen.«</p>
-
-<p>Am 25. Juni beginnt der Unterricht, außer ihr selbst ist
-ein Kandidat und eine Handarbeitslehrerin an der Klasse
-beschäftigt. Vom Jahre 1834 an erteilt der Theologe und
-Mathematiker Augustin Regensburger den wissenschaftlichen
-Unterricht, und mit ihm tritt ein Geistesverwandter
-in die Gefolgschaft der Stifterin ein.</p>
-
-<p>Unter den Schülerinnen des Jahres 1835 wird Franziska
-Junot genannt, ihr Vater war der Bergrat Junot
-in Katzhütte. Vornehme, heitere Ruhe wird ihm nachgesagt.
-Aus erster Ehe Witwer geworden, mag er sich nach
-einer mütterlichen Versorgerin für seine sechs Kinder umgesehen
-und dabei das feinsinnige Erziehertalent Karolines
-erkannt haben. Am 26. Juli 1836 fand die Trauung statt
-in der Kirche von Volkstedt, auf der 48 Jahre vorher das<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span>
-Auge des Vaters täglich geruht hatte. Am 1. April 1839
-gab Karoline einem Söhnchen das Leben. Es erhielt die
-Namen Felix Karl, trug das goldleuchtende, wallende
-Schillerhaar und wies vielversprechende Anlagen auf; aber
-eine jäheintretende Krankheit setzte seinem Dasein ein
-frühes Ende. Er starb am 27. April 1844 in Rudolstadt.
-Sein Grab liegt auf dem alten Friedhof links, gegenüber
-der Friedhofshalle.</p>
-
-<p>Als Junot in das Kammerkollegium nach Rudolstadt
-berufen wurde, bezog die Familie im Hause Augustenstraße
-10 eine Wohnung. Ihre Nachbarn erinnerten sich
-noch lange gern des stattlichen, würdevollen Paares, das
-seine abendlichen Erholungsgänge auf und ab in der
-Straße unternahm. Durch Freude und Sorge des täglichen
-Lebens klingt aus den Briefen Karolines ein tiefbegründetes
-ideales Streben, das in religiösem Trost über
-die Wirklichkeit erhob.</p>
-
-<p>Bald sollte ihr neue Prüfung auferlegt werden, die
-Kirchennachrichten melden am 4. Januar 1846 »Gestorben:
-der Fürstliche Bergrat, Herr Franz Karl Emanuel Junot,
-60 Jahre, 8 Monate und 12 Tage alt.« Karolines Privatanzeige
-schließt: »Wir werden die vielfachen Beweise der
-Liebe und Achtung gegen den Geschiedenen stets in dankbarem
-Herzen bewahren.«</p>
-
-<p>Auf einer Reise zum Besuch der Schwester auf Greifenstein
-bei Bonnland in Unterfranken erkrankte Karoline,
-und der Tod erfüllte ihr Sehnen am 19. Dezember 1850
-in Würzburg.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p>
-
-<p>In Rudolstadt, so hatte sie gewünscht, sollte ihr Herz
-beigesetzt werden, und es fand seine Ruhe an der Stelle,
-wo Sohn und Gatte bestattet lagen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das Bild <a href="#illu-015">Seite 13</a> ist die Wiedergabe einer Bleistiftzeichnung,
-die die Unterschrift trägt: »Frl. Lottchen von
-Lengefeld. 1788.« Sie fand sich, bisher unbeachtet, im
-Schloßmuseum unter Hunderten von Blättern aus der
-zeichenfreudigen Zeit Ludwig Friedrichs. Das Profil ist mit
-sicherer Hand, vielleicht unter Benutzung eines Schattenrisses,
-festgehalten worden, während Haare und Gewand
-nicht die gleiche Bestimmtheit erkennen lassen. Das H als
-Busennadel könnte Bezug haben auf die Neckerei mit dem
-englischen Hauptmann Heron. Die Schriftzüge können die
-Ludwig Friedrichs oder seines Lehrers, des Hofmalers
-Franz Cotta, sein.</p>
-
-<p>Das Bild <a href="#illu-087">Seite 76</a> gibt eine Bleistiftzeichnung wieder,
-die unterschrieben ist: »Rudolstadt d. 31. Decbr. 1839. Mathilde,
-Pr. zu Schaumburg-Lippe.« Von der Hand der
-Fürstin Elisabeth zur Lippe stammt der spätere Zusatz:
-»Caroline Junot, geb. von Schiller.« Ein anderes Blatt
-vom 28. Dezember zeigt die Dargestellte mit einer Strickarbeit
-beschäftigt und die Unterschrift dazu von der Fürstin
-Karoline Luise.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Rundgang_an_den_Schillerstaetten_vorueber">Rundgang an den Schillerstätten vorüber</h2>
-</div>
-
-<p>Das Doppelhaus Schillerstraße 25 blieb als weihevoller
-Ort erhalten. Der Hausgarten daran war zum Bauplatz
-für eine Kirche bestimmt. Der spätere Besitzer, Kreisgerichtsrat
-Wolle, löste die Gerechtsame ab. Sein Sohn, Landgerichtspräsident
-Wolle, dessen Witwe jetzt Besitzerin ist,
-war ein feinsinniger Schillerverehrer und hielt jede entstellende
-Neuerung fern. Das Obergeschoß an der Schillerstraße
-war Wohnung des Ehepaares von Beulwitz von
-1785 bis 1794. Das Gartengebäude nach der Allee bewohnte
-Frau von Lengefeld von 1775 bis 1789 und Charlotte
-bis zu ihrer Verheiratung.</p>
-
-<p>Das Schulgrundstück gegenüber, Große Allee 5, war der
-Lengefeldsche Garten, den die <em class="antiqua">Chère mère</em> 1786 gekauft
-hatte. Hier fanden die Teeabende und Komödienspiele
-statt. Für diesen Garten hatte Karl August die Bäume
-unter scherzhaften Anspielungen gestiftet. Ein zweistöckiges
-Gartenhaus mit Geräteschuppen war der »grüne Pavillon«,
-den Schiller von Volkstedt aus mit dem Perspektiv erkannte.
-Als 1835 das »Schwesterngäßchen« von der Allee zur
-Augustenstraße durch den Garten gelegt wurde, mußten
-die beiden Häuschen etwas nach Süden hin versetzt werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span></p>
-
-<p>Augustenstraße 10 war die Wohnung von Karoline Junot,
-als sie mit ihrem Gemahl 1839 von Katzhütte nach Rudolstadt
-umgezogen war. Im Hause Augustenstraße 17 hatte
-sie 1832 ihre Mädchenschule gegründet.</p>
-
-<p>Das Gasthaus »Zur Güldenen Gabel«, Schillerstraße 1,
-bildete mit dem Grundstück Schwarzburger Straße 12 das
-vornehme Absteigequartier der Stadt. Das Wochenblatt
-vom 11. Dezember 1787 zählt unter den Fremden, »so
-sich teils hier aufgehalten, auch nur durchgereist sind,«
-Herrn Architekt Harles und Herrn Doktor Schiller aus
-Meinungen auf. Wolzogen reiste demnach ›inkognito‹.
-Am 27. Mai 1788 wird Herr Rat Schüler aus Weimar,
-am 22. September 1789 Herr Professor Schüler aus Jena
-genannt.</p>
-
-<p>Schloßaufgang II,3 gehört zu den kleinen Anwesen, wie
-sie Bediensteten des Hofes überwiesen wurden, damit diese
-am Fuß des Schloßberges jederzeit leicht zu Tage- oder
-Nachtwerk anzurufen waren. Das Haus gehörte 1788
-einer Hofratwitwe Roß und wird als Herbstwohnung
-Schillers genannt.</p>
-
-<p>Die Stadtkirche ist ein wertvolles Denkmal für Heimat-
-und Kunstgeschichte. Auf die Anschauung deutscher mittelalterlicher
-Bauformen war aber die Zeit Schillers noch
-wenig eingestellt.</p>
-
-<p>Die Mayersche Glockengießerei Jenaische Straße 1 war
-bis 1872 in Betrieb, sie wird jetzt als Maschinenfabrik
-vom Schwiegersohn des letzten Glockengießers Robert
-Mayer betrieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span></p>
-
-<p>Der Heißenhof Lengefeldstraße 1 war eine Zeit lang
-Brauerei und führt im Volksmund seitdem den Namen
-Bergschlößchen, er ist jetzt Eigentum der Stadtgemeinde.</p>
-
-<p>Der Baumgarten war im 18. Jahrhundert ein Englischer
-Park mit 2 Teichen, einem Fischerhäuschen und einer Einsiedelei,
-wurde von Fürst Ludwig Friedrich liebevoll ausgestattet,
-ist in der Neuzeit aber bis auf spärliche Reste verschwunden,
-da er als Gebiet für Neubauten gebraucht
-wurde.</p>
-
-<p>Auf dem Schloß erinnern die Lengefeld-Zimmer noch
-an die Frau Oberhofmeisterin.</p>
-
-<p>Im Jägerhof wohnte vor seiner Verheiratung der Landjägermeister
-von Lengefeld.</p>
-
-<p>Ein Spaziergang die Schloßstraße hinab gewährt einen
-guten Überblick über die Flur zwischen Rudolstadt und
-Volkstedt.</p>
-
-<p>Das Haus des Kantors Unbehaun lag zu Schillers Zeit
-als erstes Gehöft des Dorfes rechts am Wege, gegenüber
-der Porzellanfabrik und der Kirche. Es hat durch Umbau
-Veränderung erfahren, aber Hof und Nebengebäude zeigen
-noch die alte Stimmung. Hier sorgte der treue Hauswirt,
-wenn nötig mit dem Fliegenwedel in der Hand, daß
-die Kuh den Herrn Doktor nicht störte. Alles Liebe und
-Gute wurde dem braven Manne dankbar dafür nachgerühmt,
-und 1791 hielt Graß in einer Zeichnung seine Züge
-fest, aus denen Treue und Redlichkeit sprechen. Die Nachkommen
-Unbehauns, die Familien Stauch, haben das
-Zimmer und dessen Einrichtung pietätvoll geschont.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span></p>
-
-<p>Schillererinnerungen beleben die ganze Flur Volkstedt.
-Der Weg nach Rudolstadt hat Umänderungen erlitten.
-Er führte einst durch eine Wiesenmulde zum Schaalbach
-und von da auf den Hain zu. Die Richtersche Fabrik und
-die neuen Stadtteile sind dort entstanden. Nur die Schillerquelle
-im Rudolspark erinnert noch an alte Zeit, wenn
-auch versteckt an dem schluchtartigen Philosophenweg. –
-Nach Zeigerheim zu führten Spazierwege den Dichter oft,
-und es heißt, der Bergvorsprung an der Prinzeneiche sei ein
-Lieblingsplatz von ihm gewesen. Hier folgte sein Blick der
-Länder verknüpfenden Straße und der Pappeln stolzem
-Geschlechte bis Saalfeld und Rudolstadt. – Den Gefahren
-einer Seereise setzte er sich aus, indem er oberhalb des
-Wehres einen Kahn benutzte oder unterhalb den Fluß
-durchwatete. So erreichte er die Große Wiese mit weithin
-verbreitetem Teppich. Aus der Ferne grüßte die Burg.
-Unter den Linden erwarteten ihn die Freundinnen und
-führten ihn nach Cumbach, wo um den Hofgarten französischen
-Stils deutsches Landleben sich abspielte.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-087">
- <img class="w100" src="images/illu-087.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Karoline Junot, geborene von Schiller</div>
-</div>
-
-<p>An den steilen Sandsteinfelsen des Mühlbergs errichtete im
-Jahre 1830 der Kammerrat Karl Werlich die Anlagen der
-Schillershöhe mit der Danneckerschen Büste und den Schlußversen
-des »Spaziergangs«. Es wäre mehr als kühn, zu
-behaupten, daß Schiller dieses philosophische Gedicht lediglich
-hier als Eingebung empfangen habe. Die landschaftlichen
-Bilder dazu mögen aus vielen Erinnerungen des
-Dichters bis 1795 zusammengeflossen sein. Immerhin
-kann doch geraten werden, den Pfad von Schillershöhe
-<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span>über Unterpreilipp zur Preilipper Kuppe zurückzulegen.
-Dabei werden sich Natureindrücke und Landschaftsbilder
-bieten, die für das Verständnis der Dichtung willkommen
-sind.</p>
-
-<p>Die Saale selbst ruft uns Schillerworte zu:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele;</div>
- <div class="verse indent0">Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Auch die Schillerverehrung früherer Rudolstädter Geschlechter
-sollte nicht der Vergangenheit anheimfallen. Eine
-Tafel auf Justinshöhe über Volkstedt trug die Verse Augustin
-Regensburgers:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wandrer! dich grüßt die Natur in lieblich erhabener Anmut,</div>
- <div class="verse indent0">Schaust du vom Bergeshang sinnig ins friedliche Tal.</div>
- <div class="verse indent0">Sieh, wie der silberne Strom, ein Bild des Lebens, dahinrauscht,</div>
- <div class="verse indent0">Dort an der Schillershöh küssend geweihtes Land!</div>
- <div class="verse indent0">Hier der Wiese Grün, dort der Saat sich kräuselnde Woge!</div>
- <div class="verse indent0">Wie majestätisch das Schloß thront bei der freundlichen Stadt!</div>
- <div class="verse indent0">Wann nun spähend dein Blick sich verliert in die duftige Ferne,</div>
- <div class="verse indent0">Spiegelt im seligen Aug wonnig das himmlische Blau.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Der Greifenverlag zu Rudolstadt</p>
-</div>
-
-<p class="center">Bei uns erschien:</p>
-
-<p class="center larger">Thüringer Heimatbücher, Band I</p>
-
-<p class="center">Berthold Rein</p>
-
-<p class="h2">Die Friedensburg bei Leutenberg</p>
-
-<p class="center smaller">Eine thüringische Grenzfeste und ihre Bewohner</p>
-
-<p class="center smaller">Mit 8 Lichtbildern – Fein kartoniert Mk. 3.–</p>
-
-<p class="noind"><em class="gesperrt">Landeszeitung Rudolstadt</em>: Die Thüringer Heimatbücher
-sind wegen ihres heimatkundlich wertvollen Charakters
-durchaus zu begrüßen. Die bei allem sachlichen Ernst und aller
-historischen Treue fesselnd geschriebene Abhandlung läßt uns
-einen Blick in die dunklen Tage des Mittelalters, in die Entstehung
-der alten, auf einem Bergkegel herrlich gelegenen
-Burg tun, in den romantischen Zauber ihrer düsterwinkligen
-Gänge, Erker, Lauben und Säle. Die Arbeit aus der Feder
-des Schulrats Dr. Rein, dessen sorgfältige Behandlung wissenschaftlicher
-und historischer Fragen bekannt ist, zeugt von
-gründlichem Studium der Archivalien, der alten schweinsledernen
-Folianten und Pergamente, der Urkunden und Fachschriften.
-Das mit Bildern versehene Büchlein ist in jeder
-Beziehung wirklich zu empfehlen.</p>
-
-<p class="noind"><em class="gesperrt">Rudolstädter Zeitung</em>: Ein Heimatbuch, wie es sein soll:
-schlicht und allgemein verständlich. All denen, die sich liebevoll
-in die Vergangenheit romantischer Burgenherrlichkeit
-versenken, will das geschmackvoll ausgestattete Büchlein ein
-treuer Führer sein. Es ist Goldschlägerarbeit, die der Verfasser
-geleistet hat. Heimatsinn und Heimatliebe führten dem
-Sohne der Thüringer Scholle die Feder, so daß wir dem
-ersten Band der Veröffentlichungen des Heimatbundes nur
-warme Worte der Empfehlung mit auf den Weg geben können.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Unterschiedliche
-Schreibweisen von Namen wurden wie im Original beibehalten.</p>
-
-<p>Der Schmutztitel wurde entfernt.
-Das Inhaltsverzeichnis wurde zur leichteren Orientierung an den Anfang des
-Buches verschoben.</p>
-
-<p>Die Bildunterschriften wurden gemäß dem Bildverzeichnis hinzugefügt.</p>
-</div>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SCHILLER IN RUDOLSTADT</span> ***</div>
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-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
-</html>
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Binary files differ
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Binary files differ