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Jerusalem, V. 44. + + + + +ERSTES KAPITEL + +Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft. + + +Wer, wie der Herausgeber und Übersetzer vorliegender merkwürdiger +Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war +und in dem schönen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird +gewiß diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen. + +Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht +gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm zu machen. Feine +Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte man auch sonst wohl dort +gefunden, seltener, gewiß sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich +erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor noch nachher, +einen meiner damaligen Tisch= und Hausgenossen gesehen zu haben, und +dennoch schlang sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges +Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner +den andern kannte oder seine nähere Verhältnisse zu wissen wünschte, +nie für möglich gehalten hätte. + +Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser +Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit +des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen für die Gesellschaft +beigetragen haben. Aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung +einem sonderbaren, mir nachher höchst merkwürdigen Manne zuschreiben +zu müssen. + +Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor +Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren +nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten oder dreißigsten +bestellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben; denn die +schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war +anständig, freundlich sogar, aber kalt. Man ließ einander an der Seite +liegen, wenig bekümmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man +einander die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die +Saladière darzubieten habe, wußte jeder, „aber das Genie, ich meine, +der Geist" wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch weniger nachher +aus. + +Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor +dem Hotel hinab und dachte nach über meine Forderungen an die Menschen +überhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und +Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über +das Steinpflaster der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem +Fenster. + +Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante Herrschaft +schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder auf dem Bock, noch +hinten im Kabriolett ein Diener saß, was doch eigentlich zu den vier +Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepaßt +hätte. + +„Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen müssen," +dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des großen +stattlichen Oberkellners, der den Schlag öffnete. + +„Zimmer vakant?" rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme. + +„So viele Euer Gnaden befehlen," war die Antwort des Giganten. + +Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem Wagen und trat +in die Halle. + +„Nr. 12 und 13," rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean +und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan. + +Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter +heraussteigen. + +Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er +hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt. + +„Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort," rief ich hinab, „wer war +denn--" + +„Werde gleich die Ehre haben," antwortete der Gefällige und trat bald +darauf in mein Zimmer. + +„Eine sonderbare Erscheinung," sagte ich zu ihm; „ein schwerer Wagen +mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung." + +„Gegen alle Regel und Erfahrung," versicherte jener, „ganz sonderbar, +ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter, +denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein +Engländer von Profession, haben alle etwas Apartes." + +„Wissen Sie den Namen nicht?" fragte ich neugieriger, als es sich +schickte. + +„Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben," antwortete +jener; „haben der Herr Doktor sonst noch etwas--?" + +Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; er ging und ließ +mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen im achtsitzigen Wagen +allein. + +Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner an mir +vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum +gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor +mich hintrat, mir solche präsentierend. + +„v. Natas, Partikulier," stand aufgeschrieben. „Hat er noch keine +Bedienung?" fragte ich. + +„Nein," war die Antwort, „er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn +aber weder aus= noch ankleiden dürfen." + +Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon +niedergelassen; ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber saß Herr +von Natas. + +Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir +jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nähe sah. + +Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Augen und der volle Bart von +glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von den feingespaltenen Lippen +oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäsche. +War er alt? War er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn halb +schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem +Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu +dem mutwilligen Auge hinaufzieht, früh gereifte und unter dem Sturm +der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten; bald glaubte man +einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der durch +eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiß. + +Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu e i n e r Körperform passen und +sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, daß es +Sinnestäuschung sei, daß das Auge sich schon zu sehr an diese Form, +wie sie die Natur gegeben, gewöhnt habe, als daß es sich eine andere +Mischung denken könnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten, +wohlbeleibten Körper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen, +schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die +gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem +Spott um den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten, +drückte sich auch in dem Körper durch die würdige, aber bequeme +Haltung, durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der +Arme, überhaupt in dem leichten, königlichen Anstande des Mannes aus. + +So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel saß. Ich +hatte während der ersten Gänge Muße genug, diese Bemerkungen zu +machen, ohne dem interessanten _vis-à-vis_ durch neugieriges +Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien übrigens noch +mehrere Beobachtungen zu veranlassen; denn an dem oberen Ende der +Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwährender +Bewegung; mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen +höchstens mit bloßem Auge gemustert. + +Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen +Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er +kam an den Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine +Münzensammlung und flüsterte dem überraschten Sammler etwas ins Ohr. +Mit drei tiefen Bücklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen +und schritt eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden +aufs neue gestimmt. + +Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor +gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die +herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlässig in +seinen Stuhl zurück, er schien nur der Musik zu gehören; aber bald +bemerkte ich, daß das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern +rastlos umherlief,--es war offenbar, er musterte die Gesichter der +Anwesenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie +machte. + +Wahrlich! Dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu +verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man sich aus der wärmern +oder kältern Teilnahme an dem Reich der Töne auf die gröbere oder +geringere Empfänglichkeit des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen +wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tönen der +Flöte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern +der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester +und straffer. + +Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen als die +Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des +Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment über die glückliche +Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gespräch +über die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen. + +Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in +der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, rückten nach und nach +näher. Mitternacht war herangekommen, ohne daß ich wußte wie; denn der +Fremde hatte uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen, in alle +ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille +gestehen mußten, nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse +gehört oder gelesen zu haben. + +Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen +auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten +und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gäste, die sich nie hätten +einfallen lassen, länger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen +sich an den immer größer werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie +unter Menschen sich befanden, die der Zufall aus allen Weltgegenden +zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die +Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit +seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum _Maître de +plaisir_ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in die herrliche +Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber +schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen +gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation +führte. + +Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben +getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, so fühlte +jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen; auf +leichten Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die Tafel, +mutwilliger wurden die Scherze, kühner die Blicke der Männer, +schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in +so fessellosen Strömen, daß man nachher wenig mehr davon wußte, als +daß man sich göttlich amüsiert habe. + +Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit +entfernt, je in's Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. Er griff irgend +einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, spielte +das Gespräch geschickt weiter, wußte jedem seine tiefste +Eigentümlichkeit zu entlocken und ergötzte durch seinen lebhaften +Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von +dem tiefsten Gefühl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune +streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der +feinen Grenze des Anstandes gaukeln. + +Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen sein, +wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das +Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen hätte; jener zarte, +geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhüllte, +reizte nur zu dem lüsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das +üppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen unserer schönen +Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht +widersprechen; seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich +hin, sie umhüllten die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen +Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz. + +* * * * * + + + + +ZWEITES KAPITEL + +Der schauerliche Abend. + + +So hatte der geniale Fremdling mich und zwölf bis fünfzehn Herren und +Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren +ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die +Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir +morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange +gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten, +schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um +den Fuß geschlungen zu haben. + +Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem +sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr +von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner +entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor +Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar +da sein. + +Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß uns diese +Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden uns die Flügel +zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen. + +Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine +auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, daß es mir nicht +aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern +Gestalt, schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so +abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drängte er sich +mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich +nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blicke +hauptsächlich, große Ähnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder +Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer +von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um +sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens +fatal; denn man behauptete, daß, so oft er uns besucht habe, immer ein +bedeutendes Unglück erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken +nicht los werden, Natas habe die größte Ähnlichkeit mit ihm, ja, es +sei eine und dieselbe Person. + +Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden +Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften +Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserem Freunde, +der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch +unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine +Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten, unter +einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen +zu haben. + +„Sie könnten einem ganz bange machen," sagte die Baronin von Thingen, +die nicht weit von mir saß, „Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum +ewigen Juden oder, Gott weiß, zu was sonst noch machen!" + +Ein kleiner ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen +sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still +vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer +„vergleichenden Anatomie", wie er es nannte, still vor sich +hingelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose +zwischen den Fingern umgedreht, daß sie wie ein Rad anzusehen war. + +„Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge +halten," brach er endlich los, „wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte +ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz +absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und +da der Gedanke in mir aufblitzen: ‚Den hast du schon gesehen, wo war +es doch?' aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück, +wenn er mich mit dem schwarzen, umherspringenden Auge erfaßte." + +„So war es mir gerade auch,--mir auch,--mir auch," riefen wir alle +verwundert. + +„Hm! he, hm!" lachte der Professor. „Jetzt fällt es mir aber von den +Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als der, den ich schon vor +zwölf Jahren in Stuttgart gesehen habe." + +„Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhältnissen?" fragte Frau +von Thingen eifrig und errötete halb über den allzugroßen Eifer, den +sie verraten hatte. + +Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: „Es +mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses +einige Monate in Stuttgart, zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten +Gasthöfe und speiste auch dort gewöhnlich in großer Gesellschaft an +der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das +Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach +sehr eifrig über einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit +die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandtheit +in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur +über seinen Charakter war man nicht recht einig; denn die einen +machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die +dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die +Türe ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut +geführt zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich eingefunden +habe und sah--" + +„Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns"--„denselben, der uns seit +einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts +Übernatürliches; aber hören Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns Herr +Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche +Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs +unterbrach: ‚Meine Herren,' sagte der Höfliche, ‚bereiten Sie sich auf +eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor; +der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen +ein.'" + +„Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer +Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem +Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: ‚Gerade dem +Speisesaal gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem +großen öden Haus; er ist Oberjustizrat außer Dienst, lebt von einer +anständigen Pension und soll überdies ein enormes Vermögen besitzen.' + +„‚Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene +Gewohnheiten, wie z.B., daß er sich selbst oft große Gesellschaft +gibt, wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Kuverts aus dem +Wirtshaus kommen, seine Weine hat er im Keller, und einer oder der +andere unserer Markörs hat die Ehre zu servieren. Man denkt +vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich! +Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein großes Kreuz, +liegen auf den Stühlen; dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er +unter den lustigsten Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen, +und das Ding soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen +Kellner dazu braucht, denn wer e i n m a l bei einem solchen Souper +war, geht nicht mehr in das öde Haus. + +„‚Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwört +Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den andern Tag +nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des +Oberjustizrats. Er fährt morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den +andern Morgen zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest +verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus. + +„Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr +täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster +und betrachtet sein Haus gegenüber von oben bis unten. + +„‚Wem gehört das Haus da drüben?' fragt er dann den Wirt. + +„Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: ‚Dem Herrn +Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten.'" + +„Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit +unserem Natas zusammen?" + +„Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor," antwortete jener, +„es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer +beschaut also das Haus und erfährt, daß es dem Hasentreffer gehöre. +‚Ach! derselbe, der in Tübingen zu meiner Zeit studierte?' fragt er +dann, reißt das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und +schreit: ‚Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!' + +Natürlich antwortete niemand, er aber sagt dann: ‚Der Alte würde es mir +nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,' nimmt Hut und Stock, +schließt sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor." + +„Wir alle," fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, „waren sehr +erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und freuten uns königlich +auf den morgenden Spaß. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab, +ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen köstlichen Scherz mit dem +Oberjustizrat vorhabe. + +„Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und +belagerten die Fenster. Eine alte, baufällige Chaise wurde von zwei +alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie hielt vor dem +Wirtshaus; ‚das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,' tönte es von +aller Mund, und eine ganz besondere Fröhlichkeit bemächtigte sich +unser, als wir das Männlein zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen +Röcklein angetan, ein mächtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen +sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so +gelangte er ins Speisezimmer. + +„Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als +damals; denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete der Alte, +gerades Weges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt im +Schwan recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mußte Barighi +verschwunden sein; denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch +die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu +sehen. + +„Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem +Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und +unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras, die Jalousien waren +geschlossen; zwischen einigen schienen sich Vögel eingebaut zu haben. + +‚Ein hübsches Haus da drüben,' begann der Alte zu dem Wirt, der immer +in der dritten Stellung hinter ihm stand. ‚Wem gehört es?'--‚Dem +Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.' + +„‚Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?' rief er +aus. ‚Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine +Anwesenheit kund täte.' Er riß das Fenster auf: ‚Hasentreffer-- +Hasentreffer!' schrie er mit heiserer Stimme hinaus.--Aber wer +beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus, das wir +wohlverschlossen und verriegelt wußten, ein Fensterladen langsam sich +öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der +Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weißen +Mütze, unter welcher wenige graue Löckchen hervorquollen; so, gerade +so pflegte er sich zu Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fältchen +des bleichen Gesichts war der gegenüber der nämliche wie der, der bei +uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit +derselben heiseren Stimme über die Straße herüberrief: ‚Was will man, +wen ruft man? he!' + +„‚Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?' rief der auf unserer +Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend +am Fenster hielt. + +„‚Der bin ich,' kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem +Kopfe; ‚steht etwas zu Befehl?' + +„‚Ich bin er ja auch,' rief der auf unserer Seite wehmütig, ‚wie ist +denn dies möglich?' + +„‚Sie irren sich, Wertester!' schrie jener herüber. ‚Sie sind der +Dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, daß +ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.' + +„‚Kellner, Stock und Hut!' rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod, +und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen Brust +herauf. ‚In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele;-- +vergnügten Abend, meine Herren!' setzte er hinzu, indem er sich mit +einem freundlichen Bückling zu uns wandte und dann den Saal verließ. + +„‚Was war das?' fragten wir uns. ‚Sind wir alle wahnsinnig?'-- + +„Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster heraus, +während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die +Straße stieg. An der Haustüre zog er einen großen Schlüsselbund aus +der Tasche, riegelte--der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu-- +riegelte die schwere, knarrende Haustür auf und trat ein. + +„Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück; man sah, wie er +dem unsrigen an die Zimmertüre entgegenging. + +„Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich vor Entsetzen und +zitterten. ‚Meine Herren,' sagte jener, ‚Gott sei dem armen +Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.'--Wir +lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, daß es ein Scherz +von Barighi sei; aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das +Haus gehen können außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln den +Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an +der Tafel gesessen; wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende +Maske anziehen können, auch vorausgesetzt, er hätte sich das fremde +Haus zu öffnen gewußt? Die beiden seien aber einander so greulich +ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht +hätte unterscheiden können. ‚Aber um Gottes willen, meine Herren, hören +Sie nicht das gräßliche Geschrei da drüben?' + +„Wir sprangen ans Fenster, schrecklich trauervolle Stimmen tönten aus +dem öden Hause herüber; einige Male war es uns, als sähen wir unsern +alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am +Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still. + +„Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag +hinüberzugehen! Alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die +große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich +niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der +Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der +Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren +verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag +der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche +Frisur schrecklich verzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa. + +„Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo +jemals eine Spur gesehen." + +* * * * * + + + + +DRITTES KAPITEL. + +Der schauerliche Abend. (Fortsetzung.) + + +Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile +still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich; +ich wollte das Gespräch wieder anfachen oder auf eine andere Bahn +bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, +wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, +zuvorkam. + +„Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzählige Male für +einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte +anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem +Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechslung weniger bei jenen +platten, alltäglichen, nichtssagenden Gesichtern als bei auffallenden, +eigentlich interessanten vorkommt." + +Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen; +aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres +Natas. „Jeder von uns gesteht," sagte er, „daß er dem Gedanken Raum +gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort +gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein +gebietender Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf +ewig sich ins Gedächtnis zu prägen." + +„Sie mögen so unrecht nicht haben," entgegnete Flaßhof, ein +preußischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei +Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison +zurückzukehren. „Sie mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle +aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für +Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata +gekannt und weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei +dicker war als ich, und auch sonst nicht die geringste Ähnlichkeit in +Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte +ich beinahe täglich den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und +Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu werden und lange +Klagen um schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen. +Selten gingen sie überzeugt von mir, daß ich nicht Michele d'Agata +sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet +mich an: ‚Herr Agata.' Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata +begrüßt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den +ich wohl kannte. ‚Guten Abend, Herr Agata,' war sein Gruß, indem er +vorüberging.--Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele +d'Agata." + +Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängstigenden +Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt +hatte, erlöste. Das Gespräch floß ruhiger fort; man stritt sich um das +Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichtsschnitt zu +haben, über den Einfluß des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und +auf das Auge insbesondere; man kam endlich auf Lavater und Konsorten; +Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr +wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der +Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu +betrachten. + +„Welch ein leichtsinniges Volk," seufzte er, „ich habe sie jetzt +soeben gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja, sie wagten +in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus +hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche, +als ob der Versucher nicht immer umherschleiche." + +Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab. „Noch +nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen +bemerkt," sagte ich; „aber Sie sehen mich in Erstaunen durch Ihre +kühnen Angriffe auf die böse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie +sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas...." + +„Harmlos nennen Sie ihn?" unterbrach mich der Professor, heftig meine +Brust anfassend, „harmlos? haben Sie denn nicht bemerkt," flüsterte er +leiser, „daß alles bei diesem feinen--Herrn berechneter Plan ist? O, +ich kenne meine Leute!" + +„Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?" + +„Haben Sie nicht bemerkt," fuhr er eifrig fort, „daß der gebildete +Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm +fünf Nächte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern +nacht noch fünfzehnhundert Dukaten gewinnen ließ? Er nennt den +abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelsten Sentiments und +schwört auf Ehre, er müsse über die Hälfte wieder an den Fremden +verlieren, sonst habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt, +wie er den Ökonomierat gekörnt hat?" + +„Ich habe wohl gesehen," antwortete ich, „daß der Ökonomierat, sonst +so moros und misanthropisch, jetzt ein wenig aufgewacht ist; aber ich +habe es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft zugeschrieben." + +„Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften +umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder +Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet, +einen großen Wurm im Leibe zu haben, und macht allen Leuten das Leben +sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn +dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht +wie ein anderer vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er soll +seine Jugend, wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms nennt, +genießen, viel Wein trinken &c., und das _et cetera_ und den Wein +benützt er seit vier Tagen ärger als der verlorene Sohn." + +„Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? Der Mann ist sich +und dem Leben wieder geschenkt--" + +„Nicht davon spreche ich," entgegnete der Eifrige, „der alte Sünder +könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß er sich dem +nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muß. Ich +habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon +zusehends." + +Der Eifer des Professors war mir nun einigermaßen erklärlich, der +Brotneid schaute nicht undeutlich heraus.-- + +„Und unsere Damen," fuhr er fort, „die sind nun rein toll. Mich dauert +der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen soll er +hier ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man je gehört, +daß eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glücklichen +Ehe sich in ein solches Verhältnis mit einem ganz fremden Menschen +einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!"-- + +„Wie? die schöne bleiche Frau dort!" rief ich aus.-- + +„Die nämliche bleiche," antwortete er, „vor vier Tagen war sie noch +schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf +der Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, daß sie _Rouge fin_ +kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heißt +Bonton), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie +habe ein so interessantes _je ne sais quoi_, das zu einem blassen +Teint viel besser stehe. Was tut Sie? wahrhaftig, sie geht in den +nächsten Galanterieladen und sucht weiße Schminke; ich war gerade +dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da hörte ich sie mit ihrer süßen +Stimme den rauhhaarigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das +Weiß nicht noch etwas ä t h e r i s c h e r habe? Hol mich der T-----! +hat man je so etwas gehört?" + +Ich bedauerte den Professor aufrichtig; denn, wenn ich nicht irre, so +suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon +etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es +aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich +selbst. Von der Schminkegeschichte, die jenen so sehr erboste, wußte +ich zwar nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand, +hatte keinen weiteren Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung +daraus zu erläutern. + +Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang +geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke +des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. „Himmel," +seufzte er, „und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher +Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden +Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß +geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen +Formen der schwellenden--" + +„Herr Professor!" rief ich, erschrocken über seine Extase, und +schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. „Sie geraten außer sich, +Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?" + +„Er hat sie auch," fuhr er zähneknirschend fort. „Haben Sie nicht +bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte? +Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, Witwe,--sie hat alles, um +eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Männer von Ruf in der +literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen-- +Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir der +Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß man ihn +vorgestern nachts aus ihrem Zimmer...." + +„Ich bitte, verschonen Sie mich," fiel ich ein, „gestehen Sie mir +lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel +gebracht hat." + +„Das ist es eben," antwortete der Gefragte, verlegen lächelnd, „das +ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er +brachte einmal das Gespräch darauf und entwickelte so tiefe +Kenntnisse, deckte so neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf +schwindelte. Ich möchte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und +Notizen bitten; es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in +seine Nähe, und doch könnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen." + +Wie komisch war die Wut dieses Mannes! Er ballte die Faust und fuhr +damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie +Katzenaugen, sein kurzes, schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu +richten. + +Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß er ja nicht +ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber +er ließ mich nicht zum Worte kommen. + +„Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen," +rief er, „um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer +und hast eine feine Nase; aber ein ----r Professor wie ich, der sogar +in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens +deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine +feinere als du." + +Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen +schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und +glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich +ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu +zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder +das Lachen gehört, noch konnte er meine Erscheinung sehen; denn als er +sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die +Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des +geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte. + +Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug +der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit +war, ward die Türe aufgerissen und Herr von Natas trat stolzen +Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln maß er die +Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden +sei, und ich glaubte zu bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen +forschenden Blick auszuhalten vermochte. + +Mit der ihm in eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber, +neben der Frau von Thingen, Platz genommen und die Leitung der +Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen ließ den Professor +nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen +Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz am +Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von +Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter +des Ökonomierats so viel Verbindlichkeiten zu sagen wußte, daß sie +einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen ihrer +Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen +auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ. + +„Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch--meiner Seel'-- +aller Ehre wert," brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch +seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor +dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er +an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine +Mauer, neben seine Schöne. Doch diese schien nur Ohren für Natas zu +haben; denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde, +„übermorgen," und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine +sehr zerstreut, meinte sie „1 fl. 30 kr. die Elle." + +Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der +nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder +gut machen, ja durch ein Paar _ottave rime_ sich sogar bei der +Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder +Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil; +denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem +überlegen, führte ihn so aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik +zu reißen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte. + +Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit +der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern Blicken +zwischen Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer +schönen, runden Arme sich bewußt, den gewaltigen silbernen Löffel +ergriffen, um beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu +entwickeln. Jene aber kredenzte die gefüllten Becher mit solcher +Anmut, mit so liebevollen Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig +so viel als möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war. + +Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends +verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu +färben und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit +einem Male; als sei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des +Anstandes herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mit auf +und nieder, das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man +lachte, und jauchzte und wußte nicht über was. Man kicherte und neckte +sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit +Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder, +das ich vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte wirklich, es war +Natas, der dem Professor zuhörte und trotz dem Eifer und Ernst, mit +welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres +Gelächter ausbrach. + +„Nicht wahr, meine Herzen und Damen," schrie der Punsch aus dem +Professor heraus, „Sie haben vorhin selbst bemerkt, daß unser +verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon +begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Raison, einen so im Sand +sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnädige +Frau! Sagen Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!" + +Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in großer +Verlegenheit. „Ich erinnere mich," gab ich zur Antwort, als alles +schwieg, „von interessanten Gesichtern und ihren Verwechselungen +gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von +Natas aufgeführt." + +Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn +unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder +alles. + +„Was da! ich nehme kein Blatt vor der Mund!" sagte er, „ich +behauptete, daß mir ganz unheimlich in dero Nähe sei, und erzählte, +wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben, wissen Sie +noch, gnädiger Herr?" + +Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer +umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner +Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein +älterer, unheimlicher Mensch. + +„Da hat man's ja deutlich," rief der Professor, „dort läuft er als +Barighi umher." + +„Barighi?" entgegnete Frau von Trübenau. „Bleiben Sie doch mit Ihrem +Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da +hereingekommen ist." + +„Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau," unterbrach sie +der Oberforstmeister, „es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in +Wiesbaden letzten Sommer assoziiert war." + +„Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann," sprach Frau von Thingen, +den Auf= und Abgehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, „es +ist ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die +Gitarre beibringt." + +„Warum nicht gar!" brummte der alte Ökonomierat, „es ist der lustige +Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D---n +verschafft." + +„Ach! Papa!" kicherte sein Töchterlein, „jener war ja schwarz, und +dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der +sich bei uns ins Praktische einschießen wollte?" + +„Hol mich der Kuckuck und alle Wetter," schrie der preußische +Hauptmann, „das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir +mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich +morgen, gleich jetzt." Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig +Auf= und Abgehenden losstürzen. Der Professor aber packte ihn am Arm: +„Bleiben Sie weg, Wertester!" schrie er, „ich hab's gefunden, ich +hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der S a t a n!" + +* * * * * + + + + +VIERTES KAPITEL. + +Das Manuskript + + +So viel, als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend +noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich +auf alles wieder besinnen konnte. Ich muß in einem langen, tiefen +Schlaf gewesen sein; denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und +fragte, indem er die Gardine für die Morgensonne öffnete, ob jetzt der +Kaffee gefällig sei? + +Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute +hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei. + +Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lächeln, das +müsse ich besser wissen als er. + +„Ah! ich erinnere mich," sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu +verbergen, „nach der Abendtafel...." + +„Verzeihen der Herr Doktor," unterbrach mich der Geschwätzige. „Sie +haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15." + +„Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon +auf?" + +„Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?" fragte der +Kellner. + +„Kein Wort!" versicherte ich staunend. + +„Er läßt sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie möchten doch in T. +bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten, seiner und des gestrigen +Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt." + +„Aha, ich weiß schon," sagte ich; denn mit einemmal fiel mir ein Teil +des gestern Erlebten ein. „Wann ist er denn abgereist?" + +„Gleich in der Frühe," antwortete jener, „noch vor dem Ökonomierat und +dem Herrn Oberforstmeister." + +„Wie? so sind auch diese weggereist?" + +„Ei ja!" rief der staunende Kellner. „So wissen Sie auch das nicht? +Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige Frau von Trübenau--" + +„Sie sind auch nicht mehr hier?" + +„Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau weggefahren," +versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht +träume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem +Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand. + +„Und Herr von Natas?" fragte ich kleinlaut. + +„Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen +wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit gekommen." + +„Wieso?" + +„Nun bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer hätte aber auch +dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut zur Ader zu lassen +verstünde?" + +„Zur Ader lassen? Herr von Natas?" + +„Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen und +haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir." + +Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: „Es mochte kaum elf Uhr +gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei--" + +„Was für eine Geschichte mit der Polizei?" + +„Nun, Nr. 15 ist vorn hinaus, und weil, mit Permiß zu sagen, dort ein +ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte +abbieten. Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn +Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, daß sie wieder weitergingen. +Also gleich nachher kam das Kammermädchen der Frau von Trübenau +herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich +denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf +und zwölf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf; auf der Treppe begegnet +uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe, +hört kaum, wo es fehlt, so läuft er in sein Zimmer, holt sein Etui, +und ehe fünf Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der +Lanzette eine Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufsprang. +Sie schlug die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl; doch +versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen." + +„Ei! was Sie sagen, Jean!" rief ich voll Verwunderung. + +„Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von +neuem los. Aus Nr. 18 läutete es, daß wir meinten, es brenne drüben in +Kassel. Des Herrn Ökonomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfalle +bekommen. Der Alte mochte ein Glas über den Durst haben; denn er +sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten +nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu +nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem +Kammermädchen zu wachen; aber, lieber Gott, geschlafen muß er haben +wie ein Dachs; denn wir pochten drei=, viermal, bis er uns Antwort +gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht mehr zu erwecken." + +„Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?" + +„Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit +aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben." + +„Armer Professor!" dachte ich, „dein hübsches Röschen mit ihren +sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein +Pflaster ans das pochende Herz pappend." + +„Der Herr Papa Ökonomierat war wohl sehr angegriffen durch die +Geschichte?" fragte ich, um über die Sache ins Klare zu kommen. + +„Es schien nicht; denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem +Hirschhorngeist aus der Apotheke zurückkam. Aber es läutet im zweiten +Stock, und das gilt mir." Er sprach's und flog pfeilschnell davon. + +So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wußte +ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. Ich entsann mich +zwar, daß gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war; +was es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern. + +Sollte Natas mir Aufschluß geben können? Doch, wenn ich recht +nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in +meiner Erinnerung umher--am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und +ihn um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen. + +Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen +Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett: + +„Ew. Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner +Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal +besuchen wollten. v. Natas." + +Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig +zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit seiner +gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein +unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund spielte und +den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte. + +Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als schwachen Trinker +ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzählte mir, +daß ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden +Blick, was ich noch von gestern nacht wisse. + +Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie +herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie. + +Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer großen +Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien +alle, sogar der morose Ökonomierat, dorthin gereist, ihn selbst aber +riefen seine Geschäfte den Rhein hinab. + +Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie maß er dem starken +Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele +medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufällen +helfen zu können. + +Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte +von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten Rheinweins. Natas +hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns solange hier +gefesselt. + +„Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?" fragte er mich, während wir +den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften. + +„Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?" antwortete ich +ihm. „Ich habe mich früher als Dichter versucht, aber ich sah bald +genug ein, daß ich nicht für die Unsterblichkeit singe. Ich griff +daher einige Töne tiefer und übersetzte unsterbliche Werke fremder +Nationen fürs liebe deutsche Publikum." + +Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte +mich, ob ich mich entschließen könnte, die Memoiren eines berühmten +Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu +übersetzen? „Vorausgesetzt, daß Sie dechiffrieren können, ist es eine +leichte Arbeit für Sie, da ich Ihnen den Schlüssel dazu geben würde +und das Manuskript im Hochdeutschen abgefaßt ist." + +Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren +verstand ich früher und hoffte es mit wenig Übung vollkommen zu +lernen. Er schloß ein schönes Kästchen von rotem Saffian auf und +überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die +Zeichen krochen mir vor dem Auge umher wie Ameisen in ihren +aufgestörten Hügelchen; aber er gab mir den Schlüssel seiner +Geheimschrift, und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht. + +Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank für seine +Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für die schönen Tage, die +er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentüre +schloß sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an, +und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern +des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von +gestern her unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte. + +Als ich die Treppe hinanstieg, händigte mir der Oberkellner einen +Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Händen zu +übergeben befohlen; ich riß ihn auf-- + +„Verehrter, Wertgeschätzter! + +„Ich bin im Begriff, mein Roß zu besteigen und aus dieser Höhle des +brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl, +weil Sie aus der todähnlichen Betäubung, die Sie härter als uns alle +befallen hat, nicht zu wecken sind. Daß unser schönes Zusammenleben so +schauerlich enden mußte! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie +es klar, daß dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan +war! + +„Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblicke über die Schulter und +liest, was ich sage: aber dennoch schweige ich nicht. Den armen +Ökonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau, meine schöne +Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz. +Gott gebe, daß er Sie nicht auch geködert hat. Mich hat er halb und +halb; denn ich habe allzu tief eingebissen in seine mit chemischen +Ideen bespickte Angel. Ich reiße mich los und mache, daß ich +fortkomme. + +„Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, früh 6 Uhr." + +Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, es war der +Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem +es gestern Spaß gemacht hatte, uns zu ängstigen; es mußten des Teufels +Memoiren sein, die ich in der Hand hielt. + +Wer stand mir aber dafür, daß diese Schriftzüge mir nicht durch die +Augen ins Gehirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte +ich mich nicht gerade dadurch, daß ich den Dechiffreur und Dekopisten +des Satans machte, unbewußt in seine Leibeigenschaft hineinschreiben? + +Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor +nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von +irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen. +Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen +in sein ewiges Reich gehaudert, oder er hat mich in den April +geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher. + +In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche +angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid, +ich solle so viele Messen darüber lesen lassen, als das Manuskript +Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht übel. Ich reiste in meine +Heimat und schickte am nächsten Sonntag den ersten Satansbogen in die +Kirche. _Probatum est_; am Montag fing ich an zu dechiffrieren +und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch +an mir bemerkt. + +Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört. Der +Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu +glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehör zu +geben, der ihn zu einem B e r z e l i u s machen will. Der Hauptmann +soll sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schöne Witwe, +hat nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten vor nicht gar +langer Zeit wieder geheiratet. + +* * * * * + + + + +DIE STUDIEN DES SATAN AUF DER BERÜHMTEN UNIVERSITÄT ......EN. + + „Betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht + echt! der echte Ring vermutlich ging verloren." + Lessing, Nathan. III. 7. + + + + +FÜNFTES KAPITEL. + +Einleitende Bemerkungen. + + +Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons +der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der +Mittelstädte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von +Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es +könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf +der Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Feder, um +den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer merkwürdigen +Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt haben, +die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von +Bedeutsamkeit verliehen. + +Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren Grandezza, +wo sie, wie in der Bilderfibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette +gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, daß sie auf +Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um +sich gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren +für ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die +Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen +Maßstab, wonach sie die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es +sind die Memoiren. + +Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel jenes +Römers nachzuahmen, der in der Muße des Friedens die Taten der +Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern +glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person spräche, +haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es +Männern von solchem Gewichte ziemt, als ich, bauen aus ihren Memoiren +ein Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne auf der +Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren sie die +Kulissen; Staatsmänner und berühmte Damen, die große Armee und ihre +lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund +als Figuranten aus; sie selbst aber spielen ihre Sullas oder Brutus, +würdig des unsterblichen Talma. + +_Mundus vult decipi_, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich +ab, denselben auch ein solches Gericht „Gerngesehen" vorzusetzen? + +Man wendet vielleicht ein: „Der Schuster bleibe bei seinem Leisten, +der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben." + +Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hätte, +Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr +gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen +Krieger, welche die Welt mit ihrem l i t e r a r i s c h e n Ruhme +anfüllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört +haben; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte, auch +für einen _homo literatus_ zu gelten? + +Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem lieben +Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt es mich hin zu +schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit +Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt +sein? + +Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen +meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann +vom Gewerbe &c. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen, welche, +wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind, +anzuführen die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Söhne des +Lagers, die unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut, +keine Zeit hatten, _Humaniora_ zu studieren, und dennoch so +glänzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das +Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist; denn ich +bin in _optima forma_ Doktor der Philosophie geworden, wie aus +meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiß +aufweisen. + +Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren +auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor +den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, daß ich übel +wegkommen könnte, indem solche niemand schonen, ja sogar neuerdings +selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart +mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, daß das +Sprichwort _„clericus clericum non decimat" _ füglich auch auf +mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich +ja doch schon im Alten Testament S a t a n, _adversarius_, das +ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den +schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort +werde ich _diabolos_ oder Verleumder genannt; da nun _diaballein_ +soviel als _acerbe recensere_, so müsse er, wenn er nur ein wenig Logik +habe, den Schluß von selbst ziehen können. + +Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt vor meiner +Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß es mir auf diese Art +nicht fehlen könne. + +Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren +vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede +finden, das den Werken tief denkender Geister so eigen zu sein pflegt. +Man wird kürzere und längere Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben +auf der Erde finden und den inneren Zusammenhang vermissen. + +Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein +Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen +soliden Buchhandlungen Deutschlands. + +Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und +seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt und darüber +reflektiert, wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn +oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehung haben, wenn er +berühmte Zeitgenossen und seine Verhältnisse zu ihnen dem Auge +vorführt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt +zu haben; sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten, +die meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem geehrten Publikum +als Schriftsteller aufzutreten. [Fußnote: Was der Satan hier ernsthaft +und gelehrt spricht, er gebärdet sich beinahe wie ein junger Kandidat +der Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt! Anm. des +Herausgebers.] + +Über Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder glänzende +Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darüber zu sagen +sein könnte, habe ich in dem Abschnitt „Besuch bei Goethe" +ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin. + +Fleißige Leser, d. s. solche, die Bogen für Bogen in einer +Viertelstunde überfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt nicht +überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen +eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierüber +nichts zu sagen als: sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich +langweilen. + + + * * * * * + + +Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt, hat +der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es +scheint ihm nämlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit; +man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er +über sich einige Bemerkungen macht; es wäre genug gewesen, wenn er nur +angedeutet hätte, daß dies oder jenes darin zu finden sei; aber dem +Leser zu empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene +enthalten sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend. + +Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie +z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein, +was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich ist, doch wenigstens +mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste +ist. Ich habe das Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe +jeder Bogen hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und +fand, daß er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit +angehören, und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von +zehn, zwanzig Jahren auftreten läßt; man sieht wohl, daß er keine gute +Schule gehabt haben muß. + +Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz dem Teufel +wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel +vorausgesetzt. D e r H e r a u s g e b e r. + + * * * * * + + + + +SECHSTES KAPITEL. + +Wie der Satan die Universität bezieht und welche Bekanntschaften er +dort macht. + + +Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe +es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man +glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen +philosophischen Wagehälsen, die auf die Gefahr hin, daß ich sie zu mir +nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom +gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn +dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch +immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und +Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben. + +Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit +hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem Gott, sogar an +keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar +meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Ansehen bleibe. Hand +in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube +an mich, und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde +gehört: „_Anathema sit_, e r g l a u b t a n k e i n e n +T e u f e l." + +Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher auf den +vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer +Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester +zu Semester systematisch traktiert. + +Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt +zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich +einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, daß mir ein +guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas +Medizin fehle; zwar als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen +Kursus bei Meßmer genommen und nachher manche glückliche Kur gemacht. +Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden +Redensarten, die in Deutschland kursieren: e i n d u m m e r T e u f +e l, e i n a r m e r T e u f e l, e i n u n w i s s e n d e r +T e u f e l, was offenbar auf meine vernachlässigte wissenschaftliche +Bildung hindeuten soll. + +Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel +gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß ich mich, zu +studieren, und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, daß +ich ein ganz neues System erfände, wovon ich mir keinen geringen +Erfolg versprach. Ich wählte -----en und zog im Herbst des Jahres 1819 +daselbst auf. + +Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem neuen +Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name war v o n B a r b e, meine +Verhältnisse glänzend, das heißt, ich brachte einen großen Wechsel +mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als +Neuling oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte +schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen. + +Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter, +den nächsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf +Leben und Tod am Arme hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe; +wäre ich Kavalier, so würde ich auf Ehre versichern und „Hol' mich der +Teufel" als Verstärkungspartikel dazu setzen (denn „Auf Ehre" und +„Hol' mich der Teufel" verhalten sich zu einander wie der Spiritus +lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole +als Satan geben. + +Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber +folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam; +wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an +Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz +verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von +Schmalz Werke über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über +Burschenschaften und Landsmannschaften &c., ward aber noch nicht recht +klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. Der Zufall half +mir aus der Not. Ich nahm in F. eine Retourchaise; mein Gesellschafter +war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin +legte. Er hatte das _savoir vivre_ eines alten Burschen, und ich +befliß mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt +zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren. + +Es war ein großer, wohlgewachsener Mann von vier= bis fünfundzwanzig +Jahren, sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Methode +zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute, +es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er sich, +solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht +war schön, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge +hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es! Das +Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer Bart +wucherte von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen +hing ein vom Bier geröteter Henriquatre. + +Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich; die +Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten, das +Auge blickte streng und stolz um sich her und maß jeden Gedanken mit +einer Hoheit, einer Würde, die eines Königssohnes würdig gewesen wäre. + +Über die untern Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn, +konnte ich nicht recht klug werden; denn sie steckten tief in der +Krawatte. Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr +Sorgfalt gewidmet zu haben als dem übrigen Anzug; diese beiläufig +einen halben Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich, +ohne ein Fältchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das +Brustbein exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk, +auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben +Rock, den er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried +nannte und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser +Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich +eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel +die Krawatte sehen ließ, daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut +versehen sein müsse. + +Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Sammet schlossen +sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und +dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie. + +Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form +eines umgekehrten Blumenscherbens gehängt, das er mit vieler Kunst +gegen den Wind zu balancieren wußte; es sah komisch aus, fast, wie +wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt bedecken +wollte. + +Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um +nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn Bruder +gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher +sein Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es +ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der ersten +Stunde auffallend vor dem „Philister und dem Florbesen," auf deutsch, +einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere übrige +Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde +hatte ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich schon +einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach ------en +einfuhren, hatte er mir versprochen, eine „fixe Kneipe," das heißt +eine anständige Wohnung, auszumitteln, wie auch mich unter die Leute +zu bringen. + +Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter, ließ an einem +Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele zu +folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die +ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen +bedeckt; es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier +versammelt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang des +Semesters einzutreffen pflegten, nach gewohnter Weise zu empfangen. +Würger, der alte, „längst bemooste" Bursche, hatte sich schon +unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden uns für +„Füchse" halten würden, und wirklich traf seine Vermutung ein. + +Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den Fenstern +herab; sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt: „Was kommt dort von +der Höh'?" Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch +der Chaise, und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein +furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor: + +„Was schlagt ihr für einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß +zwei alte Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?" (Auf +deutsch: Lärmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, daß +zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.) + +Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner. „Würger! Du +altes fides Haus!" schrien die Musensöhne und stürzten die Treppe +herab in seine Arme; die Raucher vergaßen, ihre langen Pfeifen +wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand. +Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den +Angekommenen. + +Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich +bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten und +angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit +herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem +Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste +Häupter an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und +ein Fuchs mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten. + +So war ich denn in -----en als Student eingeführt, und ich gestehe, +es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein +offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in Fesseln der +Konvenienz, die gewiß dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen, +man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt, +daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht +wundern, daß ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation +zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter (_termini +technici_), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben +habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft „Sau", was Glück, mit +„Pech", was Unglück bedeutet, wie auch „holzen", mit einem Stock +schlagen, mit „pauken", mit andern Waffen sich schlagen. + +Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von +Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel +man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen, +von denen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand; ich merkte mir +aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die +Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene: +„Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit". + +Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich t e u f e l s +m ä ß i g e Sprünge machen konnte, da ich mir überdies nach und nach +langes Haar wachsen ließ, solches fein scheitelte und kämmte, einen +zierlich ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte, +mich auch auf die Klinge nicht übel verstand, so war es kein Wunder, +daß ich bald in großes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte +diesen Einfluß so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten +zu leiten und zu erziehen und sie „für die Welt zu gewinnen". + +Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein +gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte +und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte. Wenn +ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien, +Frankfurt usw. dachte, an die vergnügten Stunden, die ich in ihrem +Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren +schönen, hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand, +ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im +Tanzsaal, nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu +lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben würzt und aufregt, +anwenden sah, wenn ich sie, statt schönen Mädchen nachzufliegen, in +die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren +anzuhören, so konnte ich ein widriges Gefühl in mir nicht +unterdrücken. + +Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige lustige +Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche +Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten, +daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe. +Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre, +musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn +die Schäflein innen waren und der Küster den Stall zumachte, mit den +Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die +Gäste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder der Professor N. in +der Kirche seine Zuhörer. + +Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partei auf meiner +Seite. Die Frömmeren schrien von Anfang über den rohen Geist, der +einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir christliche Burschen seien; +aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan, +daß sie sich am Ende selbst schämten, in der Kirche gesehen zu werden, +und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtüre zu sein; +aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als +je, es wurde viel getrunken, ja es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im +Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab sogar +eigentliche Kunsttrinker! + +Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, aber die +Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre „Altvordern" auch durch +Trinken exzelliert haben; die Frömmsten ließen sich große Humpen +verfertigen und zwangen und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von +Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den +Feineren, Gebildeteren war es natürlich von Anfang auch ein Greuel; +ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich in +seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein: + +„Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem +schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von +stärkendem Schlammbad sei, um die Überfeinerung abzuwenden, mit der +jener Flor bedrohe; ich glaube, daß einer, der erwägt, wie weit die +Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein +gewisses barbarisches Mittelalter--das sogenannte Burschenleben-- +gönnen werde, das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht +über die Grenze geht." + +Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für diese Stelle +meinen herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was +konnten die Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in +die schwarzgerauchte Kneipe, „verschlammten" sich recht tüchtig in dem +„barbarischen Mittelalter" und hatten kraft ihres inwohnenden Genies +meine älteren Zöglinge bald überholt. + + * * * * * + + + + +SIEBENTES KAPITEL. + +Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte. + + +Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben +machte, vergaß ich auch das _dic cur hic_ nicht und legte mich +mit Ernst aufs T h e o r e t i s c h e. Ich hörte die Philosophen und +Theologen und hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und +Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen zu reden, von +einem der hellsten Lichter jener Universität, wenn in der Ferne von +ihm die Rede war, oft sagen hören, d e r K e r l h a t d e n T e u +f e l i m L e i b. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man +behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des +Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden +in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem +Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel +ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII., 31 und 32 +in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen?--Nein, da +wollte ich mich doch bedankt haben! + +Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte, +war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man +mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare +kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. Er +aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine +himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis +angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen Äther hinan, +versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er +stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte +hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen +Grasboden noch viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho +Pansa, als er auf dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die +Erde so groß wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich-- +nichts. + +Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von +Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit +sich keiner verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte +ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr +verstanden. + +Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über die +Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei, und +die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal zwei +vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte +seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren +Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte, +Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt +aussandten. + +Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so +bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo +man über die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich +so viel Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein +Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele +auf eine große, schwarze Tafel und sagte: „So ist sie, meine Herren!" +Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in +der Zirbeldrüse. + +Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine +Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der +Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete +mich ganz schwarz, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und +trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen +zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser +Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostüm, +vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins +Linkische. + +Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten +Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker +ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze +Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf +und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm +auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und daß ich +gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte +einige unverständliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen, +verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab. + +Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten, +voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm her, +indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter +vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas +Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts +als die Worte: „Pfeife rauchen?" Ich merkte, daß er mir höflich eine +Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er +rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer. + +Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit +zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich +gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben ihm +her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die sein +Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die +verschiedenen Kleider= und Wäscherudera, die auf den Stühlen +umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert +hatte, wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein +Aussehen war höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um +die Glatze, die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der +Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene +Löcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine +Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fuß mit einem +Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten, +abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblößte Bein hing ein +gelblicher Socken. Ehe ich noch während des unbegreiflichen +Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen +konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine große, dürre Frau, mit der +Röte des Zorns auf den schmalen Wangen, stürzte herein. + +„Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, „der Küster ist da +und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und +du steckst noch im Schlafrock!" + +„Weiß Gott, meine Liebe," antwortete der Doktor gelassen, „das habe +ich häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zum +Dienste des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den +Doktor Paulus weidlich schlagen muß." + +Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube, +wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch seinen +übrigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber +stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die +weiten Falten ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr +sichtbar war. + +„Sie verzeihen, Herr Kandidat," sprach sie, ihre Wut kaum +unterdrückend. „Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen +werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in +die Kirche." + +Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter den +Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. „Ein schöner Anfang in der +Theologie!" dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer +zu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige +Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte. + +Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen +Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und +Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, deren +sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und +kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten, +neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saßen die +jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine +Mappe, einen Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit +gleich _ad notam_ zu nehmen. „O Platon und Sokrates!" dachte ich, +„hätten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches +Wort tiefer, heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie +majestätisch müßten sich die Folianten von _Socratis opera_ in +mancher Bibliothek ausnehmen!"-- + +Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte +sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der +Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl +schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges +und begann: + +„Hochachtbare, Hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechs +Taler Honorar zahlten). + +„Wertgeschätzte!" (die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten). + +„Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut +gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn +rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond +aus Regenwolken. + +Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen +können; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt _de angelis +malis_, worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte. +Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten. „Der Teufel", sagte er, +„überredete die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das +ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte +ich nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören; +aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort T e u f e l stehen und +daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand von +Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht +hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und +her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen +Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere +nehmen das Sephub nicht von den Mücken, sondern als A n k l a g e, wie +die Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephub als Grab, _Sepulcrum_. +Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hört man nicht +alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei +Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen +Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß +gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den +Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch +Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem +unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick +aus, die Schnupftücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine +andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten-- +alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde. + +Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer +aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und +Würde seine eigene Meinung zu entwickeln. + +Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen +passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in +diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er +lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der +Teufel oder Beelzebub wäre also hier der H e r r im D r e c k, der +U n r e i n l i c h e, _to pneuma akatharton_, der Stinker genannt, +wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein +gewisser unanständiger Geruch verbunden sei. + +Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie +vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem +nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar +keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste +Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich +noch besser an ihm rächen könnte; ich bezähmte meinen Zorn und schob +meine Rache auf. + +Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand +auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die +tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein +dumpfes Gemurmel des Beifalls auf. + +„Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der +tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schüler des großen Exegeten. +Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein +Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen +Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch +kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches, +vollständiges Heft zu bekommen. + +Sobald sie aber die teuern Blätter in den Mappen hatten, waren sie die +Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die +Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend +ab, und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten +Bierhaus zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie +seien und _recta via_ von der kühnsten Konjektur des großen +Dogmatikers herkommen? + +So schloß sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn +nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst, +an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden. + +Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen +dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter +ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von +den übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael= oder Dr--ck=Seele +hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie +auszuführen. + +* * * * * + + + + +ACHTES KAPITEL + +Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon. + + +Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen +darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes, +unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger +Zeit fleißig die Anatomie besucht, um auch die Ärzte kennen zu lernen. +Da geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einen +Kadaver beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der +Organe des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens an +Unsterblichkeit darzutun suchte. + +Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: „Pfui Teufel, wie +riecht's hier!" + +Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der +mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das +Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors +niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese +Äußerung: „ Pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem +Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den „Herrn im +Kot", bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solche +Gemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte. + +Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment +heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden +konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern +Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht; denn wer +sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich +damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich, von meinen +Freunden als etwas Unvernünftige, Unnatürliches angesehen wurde. Ich +hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem +Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide +Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle. + +Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm +ausgezogen und der „Paukwichs", das heißt die Rüstung, in welcher das +Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der +Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht +hinlänglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die +über den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit +der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine +ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick +war, stand steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle, +einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom +Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen +verfertigtes Rüstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in +diese sonderbare Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch +gewährte sie große Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der +Oberarm und ein Teil der Brust war für die Klinge des Gegners +zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn +ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. „Der Satan in einem +solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf +der Anatomie zu schlagen!" + +Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der +Kühnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick +gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die +gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein +Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den „Schläger" vorantragen +zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug. +Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem, +schützendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser. + +Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein +grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur +noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen. + +Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden, +die Sekundanten schrien: „Los!" und unsere Schläger schwirrten in der +Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens +parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten +Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von +Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine +Schlappe gab. + +Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn +und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit +sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten +„Häusern" bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und +begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich +dazu aufzumuntern. + +Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen +wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden +die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen +wollte. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen +werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich, +selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte, +der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßigen Hiebe, +und klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange. + +Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und +Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten +mit feierlicher Stimme: „E s i s t m e h r a l s e i n Z o l l, +k l a f f t u n d b l u t e t, a l s o A n s c h--ß." Das hieß +soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch +gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen. + +Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände, +die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in +der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer, seit +des großen Renommisten Zeiten, durfte sich rühmen, vorher die Stelle, +die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit +getroffen zu haben? + +Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir +in dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man +gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit +ihm. + +„Ich bin Ihnen Dank schuldig," sagte er zu mir, „daß Sie mich so +gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen, +Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine +fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte. Sie +haben mit einem Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis +zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen." + +Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit +geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der +frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall +anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch +eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte +ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der +Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am +meisten angezogen hätte. + +Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen +Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die +meisten Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste, +dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten +Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzüglichsten +Bühnen versprach. + +Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte, +gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine +Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich +nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen +war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn +eröffneten. + +Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig als der glänzende Ausgang der +Affäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein höheres +Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über meine +großmütigen Sentiments Tränen vergoß. + +Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen +Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten, „f ü r +d e n g u t e n G e r u c h i h r e r A n a t o m i e g e s c h l +a g e n h a b e" . + +Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang +war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es +sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend +mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen +wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen. + +* * * * * + + + + +NEUNTES KAPITEL. + +Satans Rache an Doktor Schnatterer. + + +Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ------en +hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte, +zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Ästhetik, Rhetorik, +namentlich aber auf die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich +habe auf diese Art meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene +berühmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen +Mann mit Weib und Kind ernähren konnte, sondern das _dic cur +hic_, das ich recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer, +ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu +bekommen, mich aber so sehr als möglich in jenen Künsten zu +vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich +sind. + +Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über die +Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach +allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer einige +theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue +medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische +Behauptungen _in petto_ zu haben, hielt ich für unumgänglich +notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können, +und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen, +ich habe in den paar Monaten in ------en hinlänglich gelernt. + +Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im +Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse +aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff +zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht +versäumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzählen. + +Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit +mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen +vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen +Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige +Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man +spielte wohl auch bei verschlossenen Türen ein Whistchen oder Piquet +und trank manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse +Welt daraus ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise +des Wirtes zur Stadt bringen ließen. + +Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang +heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist +erlaubt hatte; er ging dann bedächtigen Schrittes seinen Weg, vermied +aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig +Schritte seitwärts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite +Weg am schönen Sonntagabend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber +die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht +den Augen der Welt zeigen wollte. + +So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die +Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: „Siehe, +er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr +Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt." + +Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut. +Ich paßte ihm an einem schönen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie +gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem +Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob +ich ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in +seiner gelehrten Nähe noch einmal so schön. + +Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte +zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die +Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit +Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen +schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten +Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigtste +Dirne der Stadt.--Ach! daß Hogarth an jenem Abende unter den +spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch +herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische +Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können. + +Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem +Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen die +Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die +erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht: +„Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!" von Mund zu Mund der +Stadt zu. + +„Wehe dem, durch den Ärgernis kommt!" riefen die Frommen. „Hat man +d a s je erlebt von einem christlichen Prediger?" + +„Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit +Achselzucken die Halbfrommen. „Wenn der Skandal nur nicht auf +öffentlicher Promenade--!" + +„Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, „er +predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren." + +So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde +und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen +Ecken; und „Doktor Schnatterer" und „schön Luisel" war das +Feldgeschrei und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden +Tag. + +An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube +und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die +Neuigkeit ganz warm auftischten. + +Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen +Meditationen versenkt, nicht das Drängen der Menge, die sich um seinen +Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelächter, das seinen Schritten +folgte. Es war zu erwarten, daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen +Ehehälfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an +der Hausglocke zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die +fürchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und +das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltönend, +als daß man hätte denken können, die Frau Doktorin habe die Wangen +ihres Gemahls mit dem M u n d e berührt. + +Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde +schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den +Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem +Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie +die Augen nach dem Doktor hinüberblitzen lieb: „Dieser Mensch dort +behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein; +sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!" + +Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie +träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu +Hause gewesen. + +Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien +seine Zunge gelähmt zu haben: „Zu Haus' gewesen?" lallte er. „Nicht +mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit +Ihnen, Wertester?" + +„Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich +lächelnd zur Antwort. „Mit mir auf keinen Fall!" + +„Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus," heulte die wütende Frau, +„was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte +Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der +schönen Luisel hat er scharmuziert!" + +„Das hat mir der böse Feind angetan," raste der Doktor und rannte im +Zimmer umher; „der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der +Stinker." + +„Der Rausch hat dir's angetan, du Lump," schrie die Zärtliche, riß +ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber +schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir: +„Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die +Wand malen, sonst kommt er." + +Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht +und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr +erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend +geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene +Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen +hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der +Unversöhnlichen. Diesem hatte, sozusagen, d e r T e u f e l e i n +E i i n d i e W i r t s c h a f t g e l e g t. + + * * * * * + + + + +ZEHNTES KAPITEL. + +Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt die +Universität. + + +Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben, +Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien, +man betrachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angst und +böses Gewissen vorhielten. Übrigens mochte es an manchen Orten doch +nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen +------en spukte es in manchen Köpfen seltsam. + +Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn man +unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen +beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, daß viele +unter ihnen von etwas anderem angeregt seien als gerade von dem +nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige großes Interesse daran +fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister +mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn +schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu +machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil, auf +Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich sie zum Studium +des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, daß die Herren sich nicht gar zu +sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein +geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden +konnte. + +Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da +sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art; manche +sprudelten auch über und schrien von der Not des Vaterlandes, von-- +doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt +zu sagen, daß es schien, als hätte eine große Idee viele Herzen +ergriffen, sie zu e i n e m Streben vereinigt. Mir behagte die Sache +an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich +gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur +sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren +Anstrich haben. + +Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines +Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine Eleganz des +Stils, eine Leichtigkeit des Umganges angeeignet hatten, wie sie in +den diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel +Anstand ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches +Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von +der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und +Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander +geknetet, daß kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden +hätte. + +Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in einer +traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte +Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften, die +nicht zu verachten sind und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht. +Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des +Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschließen, schien sie, ich weiß +nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt; denn +dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu +gebrauchen. + +Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich +durch meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines +Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm +mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär +folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu +verstehen, daß ich als D e m a g o g e verhaftet sei. + +Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte +eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war, +wurde ich in den Saal geführt, um über meine p o l i t i s c h e n +V e r b r e c h e n vernommen zu werden. + +Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner, +und der Universitätssekretär saßen um einen grün behängten Tisch in +feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die +steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten +mir unwillkürlich ein Lächeln ab. + +Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel, +Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat +ab. + +Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll +zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor läßt seine ungeheure +Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedächtig und mit +Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft und +präsentiert mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem +abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch zu +Boden fallen. + +„Alle Hagel, Herr Doktor," schrie der alte Professor, alle Achtung +beiseite setzend. + +„O Jerum," ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg; denn er +hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten. + +„Bitte untertänigst!" stammelte der erschrockene Doktor Saper. + +Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete +auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der +Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln. + +Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte dreimal; der +Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, was zu Befehl sei, +und Magnifikus, mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper +hinüber, sprach: „Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts +mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benötigt sein +werden, glaube ich, dafür stimmen zu müssen, daß frischer _ad +locum_ gebracht werde." + +Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige +Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen. +Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher +erfuhr, die halbe Universität versammelt; denn meine Verhaftung war +schnell bekannt geworden, und alles drängte sich hinzu, um das Nähere +zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemüter denken, als +man den Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn +fest und fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet werde, +und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, daß er eilends +drei Lot Schnupftabak holen müsse. + +Aber im Saal war nach der Entfernung des Götterboten die vorige, +anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte mich mit einem Blick +voll Hoheit und begann: + +„Es ist uns von einer höchstpreislichen Zentral= +Untersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime +Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universität seit +einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir +sind nun nach reiflicher Prüfung der Umstände vollkommen darüber +einverstanden, daß Sie, Herr von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht +haben, solche Verhältnisse unter unserer akademischen Jugend dahier +herbeigeführt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr +von Barbe?" + +„Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts. Ich erwarte geziemend die +Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung +verdächtig machen." + +„Die Beweise?" antwortete erstaunt der Rektor. „Sie verlangen Beweise? +Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst +den Beweis, daß man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist." + +„Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz," entgegnete der Dekan der +Juristen, „Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, i n +a l l e W e g e v e r l a n g e n, daß ihm die Gründe des Verdachtes +genannt werden." + +Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der Stirne; man +sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin= und +herwälzte. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit +der Dose und berichtete zugleich mit ängstlicher Stimme, daß die +Studierenden in großer Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude +zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen +laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen +scheine. + +Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein und richtete +von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment aus, +„und er möchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten +allerhand verdächtige Bewegungen machten". + +„Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber +Herr von Barbe?" sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. „Aber der +Aufruhr steigt, _videant Consules, ne quid detrimenti_--man nehme +seine Maßregeln;--daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung alle +fatalen Händel bringen muß!--_Domine Collega,_ Herr Doktor +Pfeffer, was stimmen Sie?" + +„Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur +Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu +entlassen und ihm--" + +„Richtig, gut," rief der Rektor, „Sie können abtreten, wertgeschätzter +junger Freund; beruhigen Sie Ihre Kameraden; Sie sehen selbst, wie +glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren +Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache +kein solches Aufsehen mehr erregt--weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich +höre Pereat--so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch, +lieber Barbe, da dann die Sachen weiter besprochen werden können." + +Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zu +lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich in +Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weiten +Lehnstuhls. + +„Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?" klagten sie. +„Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und sich +unter diese himmelstürmenden Zyklopen gemischt haben, ist keine +Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muß befürchten, wie schlechte +Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden." + +„Vom Erstechen will ich gar nicht reden," sagte ein anderer; „es +sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht alle Wege ein gut +Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen." + +Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen +für ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, daß sie nachts viel +bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch +Bitten und Vorstellungen, daß sie abzogen. Sie marschierten in +geschlossenen Reihen durch das erschreckte Städtchen und sangen ihr +_„Ça ira, ça ira," _ nämlich: „Die Burschenfreiheit lebe" und das +erhabene „Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!" + +Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten +Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren +Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn +rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bißchen Psychologie +müßte mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst +entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. +Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die +Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu +mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde „mein wertgeschätzter +Freund" zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: „Wir können das Verhör +weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!" + +So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, als daß der +Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er +sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine +Blöße gegeben, deren er sich zu schämen hat. + +Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen. +Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit +großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt. „Demagog kommt her von +_demos_ und _agein_. Das eine heißt Volk, das andere führen +oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog als Sie? +Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen Leute zum +Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher +verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die +sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein +Demagog."-- + +Mit triumphierendem Lächeln wandte er sieh zu seinen Kollegen: „Habe +ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?" +„Vollkommen, Euer Magnifizenz," versicherten jene und schnupften. + +„Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt," fuhr der Mediziner fort. +„Das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist, +um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der +körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks +und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in +Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben +Sie sich durch Ihre _Saltus mortales_ und Ihre übrigen Künste als +einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt.--Habe ich +nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr +Doktor Schrag?" + +„Vollkommen, Euer Magnifizenz!" versicherten diese und schnupften. + +„Demagogen," fuhr er fort, „Demagogen schleichen sich ohne bestimmten +äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete +Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr +Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier; denn er läuft in +allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu +frequentieren oder g a r n a c h z u s c h r e i b e n. Was folgt? Er +hat sich der Demagogie sehr verdächtig gemacht. Ich füge gleich den +vierten Grund bei. Man hat bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von +geheimen Bünden ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich +locken; wer hat sich in diesem Punkte der Anklage würdiger gemacht als +Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?" + +„Sehr scharfsinnig, vollkommen!" antworteten die Aufgerufenen +_unisono_ und ließen die Dose herumgehen. + +Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: „Wir glauben hinlänglich +bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem +Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne +den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen; darum verteidigen Sie +sich.--Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es schon zu +Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer +schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche +gesegnete Mahlzeit, meine Herren." + +So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine +Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber +ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld +ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den +Bescheid, daß man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem +Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß. + +Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache +gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im +Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Hause begleitet; aber die Freude +sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck, +der mich in jene Stadt geführt hatte, erreicht und gedachte weiter zu +gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines +Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb +daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema, das mir am +nächsten lag: _De rebus diabolicis_, ließ sie drucken und +verteidigte sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten +tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen +Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem geneigten Leser +beigelegt [Fußnote: Diesen Auszug habe ich nicht finden können, es +müßte denn die Einleitung zum Besuch bei Goethe sein. Der +Herausgeber.]. + +_Post exantlata_, oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, +gab ich einen ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein +wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder +mit schwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen und sagte +der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber +überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches +Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen Morgenträumen +weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in +spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten +Freund, den Satan. + +* * * * * + + + + +UNTERHALTUNGEN DES SATAN UND DES EWIGEN JUDEN IN BERLIN. + + + „Die heutigen dummen Gesichter sind nur das _boeuf + à la Mode_ der früheren dummen Gesichter." + Welt und Zeit. + + + + +ELFTES KAPITEL. + +Wen der Teufel im Tiergarten traf. + + +Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen Sommerabend +im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberschen Zelt; ich +betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte großes +Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder ganz anders geworden als +zu der frommen Zeit anno dreizehn und fünfzehn, wo alles so ehrbar +und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig +ennuyierte. Besonders über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich +damals recht ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und +Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang +nach dem Tiergarten hinaus; allein damals--? Jetzt aber ging es auch +wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie +früher zog durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie +vor Zeiten, und war ein geschätzter, angesehener Mann. + +Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte +Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs von allen Chargen mit +ihren ebenso verschieden chargierten Schönen, die zierlichen Elegants +und Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töchter zu Markte +brachten, die wohlgenährten Räte, mit einem guten Griff der +Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und +Handwerksburschen, anständige und unanständige Gesellschaft--sie alle +um mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, m e i n zu werden! +In fröhlicher Stimmung ging ich weiter und weiter, ich wurde immer +zufriedener und heiterer. + +Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge ein paar Männer +an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner +fröhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom +Rücken sehen; es war ein kleiner, beweglicher Mann, schien viel an +seinen Nachbar hin zu sprechen, gestikulierte oft mit den Armen und +nahm nach jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches +Schlückchen dunkelroten Franzweins zu sich. + +Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, er war +ärmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand, +während die andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in +den Sand schrieb; er hörte mit trübem Lächeln dem Sprechenden zu und +schien ihm wenig oder ganz kurz zu antworten. + +Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich +im Augenblicke nicht entsinnen, wer sie wären. Der kleine Lebhafte +sprang endlich auf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen, +schnellen Schritten, heiser vor sich hin lachend, hinweg und verlor +sich bald ins Gedränge. Der Alte schaute ihm wehmutig nach und legte +dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand. + +Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu dieser +Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es--doch was braucht der +Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat näher, setzte mich auf den +Stuhl, welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen +guten Abend. + +Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf. Ja, er war es, es +war der e w i g e J u d e. + +„_Bon soir_, Brüderchen," sagte ich zu ihm, „es ist doch schnackisch, +daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wieder finden; es wird wohl so +achtzig Jährchen sein, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte?" + +Er sah mich fragend an. „So, du bist's?" preßte er endlich heraus. +„Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!" + +„Nur nicht gleich so grob, Ewiger," gab ich ihm zur Antwort; „wir +haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter +warst auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um +dich selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du, +glaube ich, ein Pietist geworden." + +Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, das über seine +verwitterten Züge flog wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, daß +er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei. + +„Wer ging da soeben von dir hinweg?" fragte ich, als er noch immer auf +seinem Schweigen beharrte. + +„Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann," erwiderte er. + +„So, d e r? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht +wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nächtlichen Phantasien +behilflich, daß es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich +ihm nicht als sein eigener Doppelgänger über die Schultern geschaut, +als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk +anschaute, rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war +Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb'.--So, so, der war's? Und +was wollte er von dir, Ewiger?" + +„Daß du verkrümmest mit deinem Spott! Bist du nicht gleich ewig wie +ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den +Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat +Hoffmann betrifft," fuhr er ruhiger fort, „so geht er umher, um sich +die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes +an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus +dem Geisterreich, so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten +oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt +haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud +mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen." + +„So, so! Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?" + +„Recta aus China!" antwortete Ahasverus. „Ein langweiliges Nest, es +sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal +dort war." + +„In China warst du?" fragte ich lachend. „Wie kommst du denn zu dem +langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu wenig amüsant ist?" + +„Laß das," entgegnete jener, „du weißt ja, wie mich die Unruhe durch +die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen +Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die +lange Mauer von China gerannt; aber es wollte noch nicht mit mir zu +Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des +himmlischen Reiches gestoßen, wie ein alter Aries, als daß der dort +oben mir ein Härchen hätte krümmen lassen." + +Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die müden Augenlider +wollten sich schließen; aber der Schwur des Ewigen hält sie offen, bis +er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange +geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung +von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf.--„Satan," fragte er +mit zitternder Stimme, „wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?" + +„Es will Abend werden," gab ich ihm zur Antwort. + +„O Mitternacht!" stöhnte er, „wann endlich kommen deine kühlen +Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du, +Stunde, wo die Gräber sich öffnen und Raum wird für den E i n e n, der +dann ruhen darf?" + +„Pfui Kuckuck, alter Heuler!" brach ich los, erbost über die +weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. „Wie magst du nur solch +ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst Dir +gratulieren, daß du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat +es an einem gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man +hat doch hier immer noch seinen Spaß; denn die Menschen sorgen dafür, +daß die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit +hätte wie du, ich wollte das Leben anders genießen. _Ma foi_, +Brüderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die +galanten Abenteuer einer Königin öffentlich zertiert? Warum nicht nach +Spanien, wo es jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich, +um dein Gaudium daran zu haben, wie man die Wände des Kaisertums +überpinselt und mit alten Gobelins von Ludwigs des Vierzehnten Zeiten, +die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dich +versichern, es sieht gar närrisch aus; denn die Tapete ist überall zu +kurz, und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das +Kaisertum wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips +auslöschen kann und das, so oft man es weiß anstreicht, immer noch mit +der alten b u n t e n Farbe durchschlägt!" + +Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer +heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. „Du bist, +wie ich sehe, immer noch der Alte," sagte er, und schüttelte mir die +Hand, „weißt jedem etwas aufzubinden, und wenn er gerade aus Abrahams +Schoß käme!" + +„Warum," fuhr ich fort, „warum hältst du dich nicht länger und öfter +hier in dem guten und ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas +Possierlicheres sehen als diese Duodezländer! Da ist alles so--doch +stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man könnte +leicht etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als +unruhige Köpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu +kommen, warum bist du denn hier in Berlin?" + +„Das hat seine eigene Bewandtnis," antwortete der Jude. „Ich bin hier, +um einen Dichter zu besuchen." + +„Du einen Dichter?" rief ich verwundert. „Wie kommst du auf diesen +Einfall?" + +„Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt es Novelle, +worin ich die Hauptrolle spielte. Es führte zwar den dummen Titel: +D e r e w i g e J u d e, im übrigen ist es aber eine schöne Dichtung, +die mir wunderbaren Trost brachte! Nun möchte ich den Mann sehen und +sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat." + +„Und der soll hier wohnen, in Berlin?" fragte ich neugierig. „Und wie +heißt er denn?" + +„Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch die Straße +genannt; aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, durch das man +Mondschein gießt!" + +Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem +Dichter produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten. „Höre, +Alter," sagte ich zu ihm, „wir haben von jeher auf gutem Fuß +miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, daß du deine Gesinnungen +gegen mich ändern wirst. Sonst--" + +„Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan," antwortete er, „denn +du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche +hinlänglich; aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz +angenehm und recht. Warum fragst du denn?" + +„Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu dem Dichter, +der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du +nicht?" + +„Ich sehe zwar nicht ein, was für ein Interesse du dabei haben +kannst," antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. „Du könntest +irgendeinen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bösen +Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir +übrigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt so fromme Novellen, daß +der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann.--Doch meinetwegen kannst du +mitgehen." + +„Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere ich mich +wenig um Dichter und dergleichen; das ist leichte Ware, welcher der +Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne +selbst, was mich zu ihm zieht. Übrigens in diesem Kostüm kannst du +hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!" + +Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes +Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange Weste mit breiten +Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, die auf den Knien ins +Bräunliche spielten. Er setzte das schwarzrote, dreieckige Hütchen +aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte +sich vor mich hin und fragte: + +„Bin ich nicht angekleidet stattlich wie König Salomo und zierlich wie +der Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich +keinen falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase, +meine Haare stehen nicht in die Höhe _à la_ Wahnsinn. Ich habe +meinen Leib in keinen wattierten Rock gepreßt, und um meine Beine +schlottern keine ellenweiten Beinkleider, wozu freilich Herr Bocksfuß +Ursache haben mag--" + +„Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher," antwortete ich dem +alten Juden. „Wisse, man muß heutzutage nach der Mode gekleidet sein, +wenn man sein Glück machen will, und selbst der Teufel macht davon +keine Ausnahme. Aber höre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem +anständigen Anzug, und du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf +diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie +wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen +ästhetischen Tee einführte!" + +„Ästhetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Maß Tee +geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee, +aber ästhetischer Tee war nie dabei." + +„_O sancta simplicitas!_ Jude, wie weit bist du zurück in der +Kultur! Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften sind, wo man über +Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam warmes Wasser gießt und +den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben +dazu, und man amüsiert sich dort trefflich." + +„Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen," versicherte +der Jude, „und was kostet es, wenn man's sehen darf ?" + +„Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom Haus die Hand +küßt, und, wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben, +hier und da ein ‚wundervoll' oder ‚göttlich' schlüpfen läßt." + +„Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren. +Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von diesen +Dingen. Doch des Spaßes wegen kann man hingehen. Denn ich verspüre in +dieser Sandwüste gewaltige Langeweile." + +Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir besprachen +uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei= bis +dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte, und +schieden. + +Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der +ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wußte sich so gar +nicht in die heutige Welt zu schicken, daß man ihn im Gewand eines +Hofmeisters zum wenigsten für einen ausgemachten Pedanten halten +mußte. Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel +nur immer möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in +Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig; +denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen +einen solchen Ansatz von Frömmelei bekommen, daß er ein Pietist zu +werden drohte. + +Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein Mann von +mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hieß sich Doktor +Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von +Stobelberg, vor. Ich richtete meine äußere Aufmerksamkeit halb auf die +schönen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die +umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt +möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen. + +Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom ewigen +Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als daß er seinen +Gast hätte auf diesem Lobe stehen lassen, wandte das Gespräch auf die +Sage vom ewigen Juden überhaupt und daß sie ihm auf jene Weise +aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters, +grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete, es liege in +der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral; denn der Verworfenste +unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über +getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnung erregt +habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die +Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine als der, welcher sich +täuschte. + +Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito +abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu +Leibe gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als +jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die +Stimme völlig aus, und er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich +zu empfehlen. + +Der brave Mann lud uns ein, ihn oft zu besuchen, und kaum hatte er +gehört, wir seien völlig fremd in Berlin und wissen noch nicht, wie +wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu +begleiten, wo alle Montage ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der +schönen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und +schieden. + + * * * * * + + + + +ZWÖLFTES KAPITEL. + +Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee. + + +Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade das, daß er in +seinem Innern dem Dichter recht geben mußte, genierte ihn so sehr. Er +brummte einmal über das andere über die „naseweise Jugend" (obgleich +der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der +Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen +Hofmeister hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und +brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich +gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den ästhetischen +Tee zu führen. + +Die siebente Stunde schlug. In einem modischen Frack, wohl parfümiert, +in die feinste, zierlich gefältelte Leinwand gekleidet, die +Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon, die +Schuhe von Straßburg, die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet, +wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead +hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar; +dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und +hatte alles höchst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe +Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden +hatte, und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht aus +M o r e a. + +Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im +Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für diesen Abend gemietet +hatte, wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen +Anstand. + +„Du darfst," sagte ich ihm, „in einem ästhetischen Tee eher zerstreut +und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz +unbedingt loben, sondern sieh' immer so aus, als habest du sonst noch +etwas _in petto_, das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre. +Das Beifallächeln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst +nach langer Übung vor dem Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber +Surrogate dafür, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln +kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z.B. von einem Roman +reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als ganz +natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben müssest, und fragt +dich um dein Urteil. Willst du dich nun lächerlich machen und +antworten, ich habe ihn nicht gelesen? Nein! Du antwortest frisch +drauf zu: ‚Er gefällt mir im ganzen nicht übel, obgleich er meinen +Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und +Originelle, die Entwicklung ist artig erfunden, doch scheint mir hier +und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet +zu sein.' + +„Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten +gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen." + +„Dein Gewäsch behalte der Teufel," entgegnete der Alte mürrisch. +„Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spaß zu +machen, ästhetische Gesichter schneiden? Da betrügst du dich sehr, +Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber--" + +„Da sieht man es wieder," wandte ich ein, „wer wird denn in einer +honetten Gesellschaft s a u f e n? Wieviel fehlt dir noch, um +heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen, höchstens +trinken--aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich +zusammen, daß wir nicht Spott erleben, Ahasvere!" + +Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter; ich sah +es dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt +kamen, desto bänger zu Mute war. Obgleich er schon seit achtzehn +Jahrhunderten über die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig +in die Menschen und ihre Verhältnisse finden, daß er alle Augenblicke +anstieß. So fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung, +in welche wir fahren, aus l a u t e r Christen bestehe, zu welcher +Frage jener natürlich große Augen machte und nicht recht wissen +mochte, wie sie hierher komme. + +Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel, +der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in +dem zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der +feierliche Ernst, die stille Größe des ältern Fräuleins, die, +wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmütig heiligen +Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt +ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen, +interessanten Schmerz zehren; [Fußnote: Ganz in der Eile nimmt sich +der Herausgeber die Freiheit, den Aufriß der Boudoirs dieser +protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufügen. Im +Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeisernen +Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die +Eigentümerin höchstens „_O Sanctissima_" darauf spielen kann. +Ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit Flor verhängtes Bild des V e r +s t o r b e n e n oder U n g e t r e u e n, von etzlichem, sinnigem +Efeu umrankt. Sie selbst in weißem oder aschgrauem Kostüm, an der Wand +ein Spiegel.] das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter, +naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den +Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee komme. +Sie habe die schönsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche +ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gebe sie hie +und da mit allerliebster Präzision preis. Sie singt, was nicht anders +zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen +Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die übrige +Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und +naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein [Fußnote: +Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen Fräulein zu +unterscheiden. Unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter +letzteren die, welche man sonst Jungfer oder Mamsell heißt. Ich finde +übrigens den Unterschied auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend. +Denn man wird mir zugeben, daß die bürgerlichen Fräulein oft ebenso +frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die echten.] werden wir +selber näher kennen lernen. + +Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und half meinem +bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe +hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen. +Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der +halbgeöffneten Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von +dem Sonnenglanz der schwebenden Lüsters, saß im Kreise die +Gesellschaft. + +Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den +Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. +Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schöne, zarte +Hand, indem sie uns freundlich willkommen hieß. Mit jener zierlichen +Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte +ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht +darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen, +und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die +nämliche Gunst. Aber, o Schrecken! Indem er sich niederbückte, +gewahrte ich, daß sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom +Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe. Die +gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß, aber der +Anstand ließ sie nicht mehr als ein leises Gejammer hervorstöhnen. +Wehmütig betrachtete sie die schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen +begann, und sie sah sich genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen. +Ich, sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Kölnisches +Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne +glacierte Handschuhe geholt, die Käppchen davon abgeschnitten, so daß +doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gnädige +Hand damit bekleidet. + +Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die +Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf +wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder +hereintrat. Die Edle wußte ihren Kummer um die angelaufene Hand so gut +zu verbergen, daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu +sein schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil +ahnte, das er bewirkt hatte. + +Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen +stechenden Handkuß zuwarf, und m i c h den ganzen Abend hindurch +auffallend vor ihm auszeichnete. + +Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter Tee war, zu +welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive silberne +Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die +prachtvollen Lüsters und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche +und Tapeten, die künstlichsten Blumen in den zierlichsten Vasen, +endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm schwarz und weiß +gemischt war, ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau +schließen. + +Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige Frau +bedauerte, daß wir nicht früher gekommen seien. Der junge Dichter +Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht +vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel Musik in den +Schlußreimen, daß man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehört +habe, es stehe zu erwarten, daß es allgemein Furore in Deutschland +machen werde. + +Wir beklagten den Verlust unendlich; der bescheidene lorbeerbekränzte +junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in +unsrem Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die +er hier preisgegeben, sondern einige vollständige Gesänge zu hören +bekommen. + +Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ältliche Dame +ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue +Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus +hervor und sagte mit freundlichem Lispeln: + +„_Voyez-là_ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna. +Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so +glücklich, die erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein +wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen, +so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser +glänzende Stil--" + +„Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau," unterbrach sie die Dame +des Hauses, „darf ich bitten--? Ah, G a b r i e l e von Johanna von +Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wünsche ich +Glück." + +„Wir lernten uns in Karlsbad kennen," antwortete Frau von Wollau, +„unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem +Ziel der Menschheit [Fußnote: Frau von Wollau will wahrscheinlich +sagen: „nach dem Ziele der Veredlung" .--Der Herausgeber.], sie +zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele +geschickt." + +„Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft," sagte Fräulein N a +t a l i e, die ältere Tochter des Hauses. „Ach! wer doch auch so +glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber sagen +Sie, wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her, ich kann Ihre +Tasche nicht genug bewundern." + +„Schön--wunderschön--und die Farben! Und die Girlanden!--Und die +elegante Form!" hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen, +und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz +vergessen worden, wenn nicht uns er Dichter sich das Buch zur Einsicht +erbeten hätte. „Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet," rief +die Wollau „Wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es anders +der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?" + +„Herrlich--schön--ein vortrefflicher Einfall--" ertönte es wieder, und +unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte, +wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt. Man goß die Tassen +wieder voll und reichte die zierlichen Brötchen umher, um doch auch +dem Körper Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman +gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das +Zeichen, und die Vorlesung begann. + +Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus +dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht +irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen +der großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar +nicht bei der Vorlesung; denn ich belauschte die Herzensergießungen +zweier Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander +allerlei Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich weit +genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten, +und doch war die Entfernung gerade so groß, daß ein Paar gute Ohren +alles hören konnten. Die eine der beiden war die jüngere Tochter des +Hauses, die, wie ich hörte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren +hatte. + +„Und denke dir," flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, „heute in aller +Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem +Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen +müssen." + +„Du Glückliche!" antwortete das andere Fräulein, „und hat Mama nichts +gemerkt?" + +„So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog. Was ich +damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit +dem ...schen Attaché engagiert, und du weißt, wie unerträglich mich +dieser dürre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den +italienischen Gegenden Süddeutschlands angefangen und mir nicht +undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn ich +mit ihm dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus dieser +Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der +Unerträgliche sein altes Lied von neuem anstimmte; aber Eduard holte +mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, so daß jener +vor Wut ganz stumm war, als ich das letztemal zurückkam. Er äußerte +gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu +verstehen." + +„Ach, wie glücklich du bist," entgegnete wehmütig die Nachbarin, „aber +ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie +wird es mir ergehen!" + +„Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies +so schnell kam?" + +„Ach!" antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im +Auge,--„ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im +Leben gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des +Vaterlandes war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden, +er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist allerliebst. +Seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben, +er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert +dies nicht tun, und darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher, +bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar +nicht denken, wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an +meinem Fenster vorbeikommt; sie spielen ihn alle Abend nach der neuen +Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!" + +„Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas ganz Neues? +Daß sie bei der Garde andere Uniformen bekommen?" + +„Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?" + +„Höre, aber im e n g s t e n Vertrauen, denn es ist noch tiefes, +tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand es mir +neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh, +die Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinander gesetzt und laufen +weiter unten enger zu; auf diese Art wird die Taille noch viel +schlanker; dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen, das +weiß aber der Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz +gewiß. Auch an den Beinkleidern geschehen Veränderungen--Eduard muß +aussehen wie ein Engel--siehe bisher...." + +Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der +Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah +ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schönes +Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten, bei weitem +glänzendere Strahlen werfen, wenn sich s i n n l i c h e L i e b e +in ihnen spiegelt. + + * * * * * + + + + +DREIZEHNTES KAPITEL. + +Angststunden des ewigen Juden. + + +Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch +nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen +Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch +der Gabriele zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle +Fassungskraft der beiden Fräulein nicht genug bewundern; obgleich sie +nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren +sie doch schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die +eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte +sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuß, den sie +allen bereitet habe. + +Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die +Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach, allen Seiten +hin für das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht +undeutlich zu verstehen, daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß auf +das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise +Anklänge an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über die +Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden +ihrer Freundin aufgeschlossen. + +Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen, +obgleich man allgemein überzeugt war, daß die geniale Freundin nichts +aus dem innern Wollauschen Leben g e s p i c k t haben werde. + +Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare +Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als +traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen, nach +meiner Vorschrift ästhetisch und kritisch auszusehen, nicht zu +verkennen. Aber weil ihm die Übung darin abging, so schnitt er so +greuliche Grimassen, daß er einigemal während des Vorlesens die +Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses +mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei. + +Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befielen, +und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von +Wollau, die ihm gegenüber saß, ihren Einfluß auf die Dichterin +mitteilte, mußte das preziöse, geschraubte Wesen derselben dem alten +Menschen so komisch vorkommen, daß er laut auflachte. + +Wer jemals das Glück gehabt, einem eleganten Tee in höchst feiner +Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten +alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohnes erscholl. Eine +unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den +Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses, +eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden, +der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt +zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm +zugetraut hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte. + +„Ich hoffe, gnädige Frau," sagte er, „Sie werden mein allerdings +unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, mich zu +rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet, daß eine +Ideenassoziation Sie völlig außer Kontenance brachte. Ist doch schon +manchem, mitten unter den heiligsten Dingen, ein lächerlicher Gedanke +aufgestoßen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn +zu verhalten und zurückdrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf +einmal hervor. So geschah es mir in diesem Augenblicke. Sie würden +mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch +offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen." + +Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht verletzt +sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann: +„Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer +berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzählt, wie sie in +manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr +besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus +meinem eigenen Leben. + +„Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S. +Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen +Garten, der jedem Stande zu allen Tageszeiten offen stand. Die schöne +Welt ließ sich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte +die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen +gegen die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen +Moosbänken mir und meinen Gedanken lebte. + +„Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem +Lieblingsplätzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete ältliche +Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale, +aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt +nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu +erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt; +denn ich kannte keine Seele in jener Stadt; also konnten mir ihre +Reden höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen +vor, Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm: + +„‚Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich +diese hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?' + +„‚Ja,' antwortete die andere Dame, ‚heute früh nach dem Kaffee habe +ich sie umgebracht.' + +„Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und +gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich +näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von ihnen trennte, +schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen +sollte, und hörte weiter: + +„‚Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich, durch +Gift? Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona, +mit dem Deckbette erstickt?' + +„‚Keines von beiden,' entgegnete jene, ‚aber recht hart ward mir +dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon +zwischen Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr +anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein, ich ließ +sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen +Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von +Elisen nichts mehr gesehen.' + +„‚Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die sie auf +die eine oder andere Art umgebracht?' „Nun, das wird bald abgezählt +sein, Pauline Dupuis, Marie usw. Aber die erstere trug mir am meisten +Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige +mit mir konkurrierten. + +„Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte +diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk +an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel +aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft zog? + +„Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden +und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich +mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen +durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor, +ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken; denn +die eine sah sich einigemal nach mir um; ihr böses Gewissen schien mir +erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich durch +die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt, täuschen; +aber ich--folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen +die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der +Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und +eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so +schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion +der Polizei. + +„Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze +Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider von +den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine +gewisse P a u l i n e D u p u i s, die im Jahre 1802 unter der +mörderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen +Fällen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer, +schickt sofort Patrouillen in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und +fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein +werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da +er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen +womöglich vermeide. + +„Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus +umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen +habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und +fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des +ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände +öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere ältliche Dame als +die Verbrecherin an. + +„Verwundert stand diese auf und fragte nach unserem Begehr. In ihrem +Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir +imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete +nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. +Doch dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit jener ernsten +Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen +Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie +gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah +sie schon als überwiesen an. Die Frau fing an, ängstlich zu werden; +sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer +mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme? + +„Der Mann der Polizei sah in diesem ängstlichen Fragen nur den +Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste +zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen +zu entlocken: ‚Madame, was haben Sie Anno 1802 mit Pauline Dupuis +angefangen? Leugnen Sie nicht länger, wir wissen alles; sie starb +durch Ihre Hand, wie heute früh die unglückliche Elise!' + +„‚Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,' +antwortete die Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes +Lächeln überzugehen schien. + +„‚Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie +zwei Tauben abgetan?' fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in der +Praxis eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte. +‚Wissen Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten +kann?' + +„‚Nicht doch!' entgegnete die Dame. ‚Die Geschichte ist ja +weltbekannt.'--‚Weltbekannt?' rief jener. ‚Bin ich nicht schon seit +zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könne +mir entgehen?' + +„‚Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die +Belege herbeibringe?' + +„‚Nicht von der Stelle ohne gehörige Bewachung! Wache! Zwei Mann auf +jeder Seite von Madame! Bei dem ersten Versuch zur Flucht-- +zugestoßen!' + +„Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die +Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald +jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand. + +„‚Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden,' sagte +sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte. + +„‚Taschenbuch für 1802,' murmelte der Direktor, indem er das Buch +aufschlug und durchblätterte. ‚Was, Teufel, gedruckt und zu lesen +steht hier: P a u l i n e D u p u i s von--, mein Gott, Sie sind die +Witwe des Herrn von--, und, wenn ich nicht irre, selbst +Schriftstellerin?' + +„‚So ist es,' antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen +aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen +sprachlos, auf mich deutete. + +„‚Und Elise--wie ist es mit diesem armen Kind?' fragte ich, den +Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des +Polizeimannes noch immer nicht verstehend. + +„‚Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,' sagte die Lachende, +‚und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.'-- + +„Was brauche ich noch da zuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war +der Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte, +interessante Th. v. H. Die Erzählung ‚Pauline Dupuis' ist noch heute +zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes +Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht. +Ich mußte aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu +werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große +Diätenrechnung über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige +Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in +einem Klub abgehalten hatte."-- + +Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von +Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gnädiges +Lächeln der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt +hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus +seiner unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie +sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn +öfter ins Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich +über jene in Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner +für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die +Berliner, welche nie an den Rebenhügeln des Neckars und an den +fröhlich grünenden Gestaden der oberen Donau eines jener sinnigen, +herrlichen Lieder aus dem Munde eines „luschtiga Büebles" oder eines +rüstigen, hochaufgeschürzten „Mädles" belauschten, ein Gegenstand +hoher Neugierde. + +Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten +Zirkeln wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich diesen +Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften +Hügeln, von klaren, blauen Strömen, von blühenden, duftenden +Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten +sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der +Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken +verstünden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes +Deutsch sprächen. Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen +Anstand. Ihre Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und +im ganzen Lande werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten +begangen, die allgemein unter dem Namen „Schwabenstreiche" bekannt +seien. + +Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben +gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden; +hätte ich nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu +fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; so +aber ersparte mir mein Mentor die Mühe, welcher unglücklich genug die +gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu +schnell wieder verlieren sollte. + +„Ob die Berliner," sagte er, „mehr innere Bildung, mehr Eleganz der +äußeren Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im +Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde oder +vielmehr auf den Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu +untersuchen; aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen, daß man +dort im Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge +hübscher, sogar schöner Gesichter findet als selbst in Sachsen, +welches doch wegen dieses Artikels berühmt ist." + +„_Quelle sottise!_" hörte ich Frau von Wollau schnauben, „welche +abgeschmackte Behauptung dieser gemeine Mensch--" + +Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der +Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu erinnern, daß er +sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anspruch machten; +ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment gesagt +hätte, fuhr er fort: „Sie können gar nicht glauben, wie reizend dieser +verschrieene Dialekt von schönen Lippen tönt, wie alles so naiv, so +lieblich klingt; wie unendlich hübsch sind diese blühenden +Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie +liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig +erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich +verschämt wegwenden und flüstern: ‚Ach ganget Se mer weg, moinet Se +denn, i glaub's?' Hier in Norddeutschland gibt es meist nur +Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder ätherisch +auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je +der Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten." + +O Jude, welchen Bock hattest du geschossen! Kaum hast du das +zornblitzende Auge einer Dame versöhnt, so begehest du den großen +Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu loben +und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, sondern sogar ihren +ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter +zu verschreien! + +Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht, +die älteren an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und +auf die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu +einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Löffelchen +klirrten laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter, die seit +zehn Jahren mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter +nobel und edel aussehen möchten--wozu heutzutage, außer dem Gefühl der +Würde, etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört--welche die immer +wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende +Röte der Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten. + +Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und +ihre Freude, ihre Kunst zuschanden machen? Er sollte es wagen, die +Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen +des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und +ihnen den ersten Rang zu versagen? Und dies sollten sie dulden? + +_Jamais!_ Gnädige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der über +das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über +Schneegefilde herabglänzte: „Ich muß Sie nur herzlich bedauern, Herr +Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben und seine naiven +Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber," +fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt +hatte, wandte, „ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr +zu, meine Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unseren Damen +seine robusten Naturen und jene Naivetät vermissen, die er sich so +ganz zu eigen gemacht hat." + +Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten +Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen +Sachtüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden +und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister. Doch der feine +Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so +lange Raum, bis sie den Doktor hinlänglich gestraft glaubte. Beleidigt +durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch +seine rücksichtslose Äußerung ihren Unwillen verdient hatte; sie +beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen +so eigentümlich ist, allen weiteren Bemerkungen vor, indem sie ihren +Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft +die längst versprochene Novelle preiszugeben. + +Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine +Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen +Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch +Ernst und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes, +richtiges Urteil. Er war groß und schlank gebaut, männlich schön, nur +vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte +jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder +wenigstens einen Mann verrät, der das Leben und Treiben der großen und +kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte. + +Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des +ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte +sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen +Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln, das sein +Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in +diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein +gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen +haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache +schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende +Gardeuniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt +nicht aufwiegen. + + * * * * * + + + + +VIERZEHNTES KAPITEL. + +DER FLUCH. + +(Eine Novelle.) + + +„Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante," sprach der junge +Mann mit voller, wohltönender Stimme, „eine artige Novelle oder eine +leichte, fröhliche Erzählung für diesen Abend zu finden. Doch, um +nicht wortbrüchig zu erscheinen, muß ich schon den Fehler einigermaßen +gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem +eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz +und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der +Wahrheit für sich hat." + +Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größeren +Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand +ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte; denn er sehe seit der +Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, daß man auf seine +Begebnisse recht gespannt sein dürfe. + +Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser +Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen: + +„Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft, +welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt +hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen--wenn ich nicht irre, +war Frau von Wollau mit davon--vor den schönen Römerinnen, vor ihren +feurigen, die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung +dankbar an, noch kräftigeren Schub aber versprach ich mir von jenen +holden blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen +Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und +treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und sie schützten +mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Römerinnen; wie +sie aber vor sanften, blauen Augen, welche ich dort sah, sich +unverantwortlich zurückzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz +ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen. + +Der s----sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche +eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt; +mehr, um den alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen +hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloß ich mich, +hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde; +statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte +ich einen Klagegesang mitanhören, der mir schon an und für sich höchst +lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit +solcher Ritualien überzeugen können; selbst in dem ehrwürdigen Kölner +Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen +Lichtes, die mächtigen, vollen Töne der Orgel manchen anderen ernster +stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen. + +Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der +Sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache--alte, ausgediente, +schneiderhafte Gestalten hielten hier Wache mit so meisterlicher +Grandezza als nur die Cherubim an der Himmelstür. Der Glanz der Kerzen +blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den +dunkeln Chor, in den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der +Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet. + +Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu +mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was +Rom an Fremden beherbergte. + +Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge +Engländer von meiner Bekanntschaft standen ganz in meiner Nähe. Sie +zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen lassen, dem +Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte, +es sei dies wohl der Schönen zu Gefallen geschehen, die ich +mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir +stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr +ungläubig, als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete. + +Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke, hohe +Gestalt, dem Anschein nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier +bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und ließ nur einen +Teil des Nackens sehen, so rein und weiß, wie ich ihn selten in +Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte. + +Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten +Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte +eben--da begann der Klagegesang, und meine Schöne schien so eifrig +darauf zu hören, daß ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig +lehnte ich mich an eine Säule zurück, Gott und die Welt, den Papst und +seine Lamentationen verwünschend. + +Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der +tiefsten Stimmen, die _unisono_, im tiefsten Grundton der +menschlichen Brust, Bußpsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende, +eine Kerze auf dem Altar verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein +Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der +Gesang anhub. + +Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf +übrigen Kerzen verlöschen müßten, bis ich ans Ende denken könne. Die +Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu +denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte einen gesunden +Schlaf zu tun. Aber wie war es möglich? Wie Strahlen einer +Mittagssonne strömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei +Kerzen verlöschten, meine Unruhe ward immer größer. + +Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis +ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten +Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend +stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung +bemächtigte sich meiner, und Tränen entstürzten seit Jahren zum +erstenmal meinen Augen. + +Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen. +Aber die Spieler, wunderbarer Anblick, lagen zerknirscht auf ihren +Knien, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen +waren verlöscht. Noch e i n m a l erhoben sich die tiefen, +herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer, +immer leiser verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich +damit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis +drang aus dem Chor und lagerte sich über die Gemeine. Mir war, als +wäre ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine +fürchterliche Nacht. + +Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße, klagende Stimmen. Was +jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor +diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der +Weinenden, vom Chore herüber Töne, wie von gerichteten Engeln +gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit +unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn +gewesen. + +Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge +ergoß sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch +zu rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine schöne Nachbarin noch immer +auf den Knien niedergesunken lag. Ich faßte mir ein Herz. + +‚Signora,' sprach ich, ‚die Tore werden geschlossen, wir sind die +letzten in der Kapelle.' + +Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, +sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht. + +Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit +vorgerückt; nur noch einige Flambeaus zogen durch die Kirche, ich +mußte alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann +mich nicht lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner +Hilfe die Dame aufzurichten. + +Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere Schein der +halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf dem +herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! Glänzendbraune Locken +hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und +umzogen das liebliche Oval ihres Angesichts, auf dem sich eine +durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen +versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den +halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weißesten Perlen, konnte Gram, +konnte Schmerz so gezogen haben. + +Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge +auf, dessen eigner, schwärmerischer Glanz mich so überraschte, daß ich +einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich +auf und stand nun in ihrer ganzen Schönheit mir gegenüber. Welch zarte +Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses. +Sie schaute verwundert in der Kirche umher und ließ dann ihre Blicke +zu mir herübergleiten. + +‚Und Sie hier, Otto?' sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem, +wohlklingendem Deutsch. + +Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar +meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen?--Sie +schien verwundert über mein Schweigen. + +‚Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich +unterstützt? Doch! Lassen Sie uns gehen, es wird spät.' + +Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm. +Sie drückte zärtlich meine Hand. + +Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht +möglich--das Mädchen k o n n t e keine Dirne sein. Verwechslung war +offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen. Sie war so +ohne Arg.--Ich wagte es--ich übernahm die Rolle eines verstimmten +Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen. + +Am Portal ging mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollte ich +wählen, um nicht sogleich meine Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm +allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu. + +‚Mein Gott!' rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ‚Otto, +wo sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.' + +O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere +Sprache in einem schönen Munde! Schon oft hatte ich die Römerinnen +beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich je in +Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es +aus allem; und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch +immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge +sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß +erwarteten. + +‚Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen, +daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast +recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden +und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem +Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der +Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!' +weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels +tauchte. ‚Wie bin ich so allein!--Und wenn ich dich nicht hätte, mein +Otto!--' + +Meine Lage grenzte an Verzweiflung; das schönste, lieblichste Kind im +Arme und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen +noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ‚Wie könnte +ich dir zürnen?' + +Sie schaute freundlich dankbar auf--‚Du bist wieder gut? Und o! wie +siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme +klingt heut so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen +ganzen langen Tag auf dich warten.' + +Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die +Glocke zog. ‚Und nun gute Nacht, mein Herz,' sagte sie, ‚wie gerne +setzte ich mich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl +schon zu lange.' Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen +heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war sie. + +Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht +erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna +in Stein gehauen konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich +wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirre der Straßen und war +doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den +lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht schlafen, +der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine +vorzog, schien gar der Engelskopf des Mädchens hereinzublicken. +Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und +ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht +kostete. + +Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner +Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine +rätselhafte Schöne zu Haus brachte und schalten mich neckend, daß ich +sie gestern gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, +dem größern Teile nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und +behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen +zu haben. Immer klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine +Gestalt gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen +schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das +leibhaftige Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die +beiden Engländer mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor +dem Spott meiner Bekannten fürchtete; zugleich versprachen sie auch, +mir suchen zu helfen. + +Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um +die erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir +endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die +Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank +an der Türe, auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging +auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit +entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse, +die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus +einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die Straße; immer war die +Türe verschlossen, immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten +uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schöne, noch mein +Ebenbild ließen sich sehen. + +Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir +sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen +Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des +Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme +flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt? +Hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die +Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte? + +Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände, +die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine +Ruhe wieder. + +Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte +ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht +herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte +niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich +mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter +die Freuden des Karnevals zu mischen. + +Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der +Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert +habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte, +behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen +und begrüßt zu haben. Er schwieg, etwas beleidigt, als ich es wieder +verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: Wie, wenn es die +Gesuchten wären? + +--Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein +prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten römischen Häusern +eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich +gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso. + +Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder +andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben, +nicht nur, weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen +wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten +aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen +Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung +geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so +werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre +Neugierde nicht zur Genüge befriedige. + +Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die _Porta +del popolo_ hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge +durcheinander, und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg, weil +es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es +festhielt. Die Erwartung war gespannt. Überall hörte man von dem +Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes +Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber und +verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich +dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und +winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich an die Seiten +drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß, ein +herrlicher Anblick! Die Götter der alten Roma schienen wieder in die +alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern. +Liebliche, majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den +Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man +konnte es nicht für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade +hierin den schönsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den +Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der +Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes +unverhüllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst, +diese sanfte Größe hätten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern +können. + +Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen, +weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen +auf der Straße, mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und Balkone +musternd, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich +fühlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. ‚So einsam?' tönte in +der lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich +um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter +mir. Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich +damals so sehr überraschten. Sie ist's--es ist kein Zweifel. Ich bot +ihr schweigend die Hand, sie drückte sie leise. ‚Du böser Otto,' +flüsterte sie, ‚den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie +mußte ich schwatzen, um die Signora los zu werden!' + +Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu +suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein +heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es +von selbst, Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für +mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske +abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem +Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war +einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte von noch +höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der +Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert, +das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte." + +„Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein +Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann +plötzlich: ‚Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in +der Kapelle, den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehest du ihn +deiner Luise noch nicht?' + +„Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die +Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und +ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule, um +nicht im Augenblicke vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch +etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich +mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen, +was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene +Neugierde Frevel? + +„Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher +sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein +konnte, bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich +schlich näher herzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei, +da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen +konnte." + +‚Wie magst du nur so zerstreut fragen?' sagte Luise, ‚du selbst hast +mich ja heraufgeführt.' + +‚Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete? +Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?' + +Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie +vorhin sagte. ‚Du bist auch wie unser Wetter über den Alpen, soeben +noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.' + +Jener stand schnell auf: ‚Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das +Ziel Ihrer Scherze zu sein,' sagte er, ‚und wenn Sie sich in Rätsel +vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.' Er brach auf +und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr +verlängern und trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des +Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein +eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die +überraschendste Ähnlichkeit--" + + * * * * * + + + + +FÜNFZEHNTES KAPITEL. + +Das Intermezzo.--Der Trinker. + + +Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner +einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude +lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee, +Trümmer seines Stuhles und der feinen Meißner Tasse, die er im Sturz +zerschmettert, um ihn her. Der Ärger über eine solche Unterbrechung +war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr Auge +von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm +beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu +rühren, und schaute verwundert herauf. + +Ich sprang auf, ihm beizustehen; ich hob ihn auf und sah mich nach +einem andern Stuhle um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein +Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich möchte machen, daß +wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser +Gesellschaft zu gefallen. + +Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der +gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein, +sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines +Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich und ließ ihn abziehen. +Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte +mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, daß +mich dieses Lachen ungemein ärgerte. + +Wie gern hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu +Ende gehört; wie viel Wichtiges und Psychologisches hätte ich von dem +gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen können; und war ich selbst +nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein +junger, reicher, ich darf sagen, hübscher Mann auf Reisen findet, wo +er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die +Herzen einzieht--und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des +alten Menschen verdorben; ich hätte ihn würgen können, als wir im +Wagen saßen. + +„War es nicht genug," sagte ich, „daß du mit deinem scharfen Judenbart +die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Mußtest du auch +noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen? +Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles +gegen dich auf. Was gingen dich denn die S c h w a b e n m ä d e l an, +daß du ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigest? Darfst du +denn sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und +jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt +hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige Thema, das diesen +Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige +Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal +und zerschmetterst--nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener +würdige jüdische Papst--nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und +eine Tasse von Meißner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad, +wie fingst du es nur an?" + +„In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen +unsereinen," antwortete er verdrießlich. „Ihr wißt, daß Euch keine +Gewalt über meine Seele zusteht; denn seit anderthalbtausend Jahren +kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Elis-Geschichte +betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr +begleitet mich in eine Auberge; denn der läpperige Tee hier, mit dem +man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern +Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht." + +Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten +Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur +noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an +einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gesellen; ich ließ +für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem +Malabarisch, wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich +ihn auf, zu erzählen. + +Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte, +begann er: + +„Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich, +sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich +werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen. + +„Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu +vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche--nun, verziehe dein +Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von +einem kräftigen Fünfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs +Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen +eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt +in das elterliche Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht +abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich +scherwenzelte um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein +so ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging. +In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem +Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit +Grazie der Hut gezogen und etwas weniges geseufzt. + +„Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die +Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber, und ich hatte die +Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute +und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der +Straße; ich ging also, um die weißseidenen Strümpfe zu schonen, auf +den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause +meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen +zusammengekehrt; denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und +mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein +Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich +konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich +ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich +herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet, +schwenke ihn in einem kühnen Bogen und--o Unglück--er entwischt meiner +Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß nur +noch die Spitze hervorsieht. + +„Wie schön sagt Schiller: + + ‚Einen Blick + Nach dem Grabe + Seiner Habe + Sendet noch der Mensch zurück.' + +„So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in +zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber +dann war zu befürchten, daß er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig +_chapeau bas_ weiter ziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen +oder dem Tollhaus entsprungen? + +„Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen +meiner Dulzinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken, +das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem +gegenüberstehenden Kaffeehaus; Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute +brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und ‚Hussa, Sultan, such' +verloren!' tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen +Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den +verlorenen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich +auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und +präsentiert mir das triefende _corpus delicti_. + +„Was ich dir hier mit vielen Worten erzählte, mein Bester, war das +Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst +die Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder. +Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Kaffeehause, und auch +bei i h r waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich, einen +zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie sie das +battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu +bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den +Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand +keinen Spaß, sie packte mich, an dem zierlichen Busenstreifen, ich +ließ ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und +dünn galoppierend; aber die Bestie folgte, und andere Hunde und +Gassenjungen stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein +Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes stürzte. + +„Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders, da ich +nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in +das Kaffeehaus bestellt, um meine tägliche Fensterparade zu +bewundern!" + +Ich bedauerte den Armen von Herzen; er aber griff ruhig nach seinem +Glas, trank und fuhr dann fort: + +„Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher, +besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel +auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der +vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berührt wird. +Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer höllenangst. Wird fette +Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, daß ich damit zittern +und sie verschütten werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht +mir der Angstschweiß aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden +Hand fürchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach +und--richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf +dem neuen Drap d'or oder Genuesischen Sammetkleid, daß alles im +schönsten Fette schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche +Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschütten, ohne ein Glas +umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu lassen, ohne dem Schoßhund auf +den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die größten +Sottisen zu sagen, wenn ich höflich und pikant sein will, so faßt mich +irgend ein Unheil noch zum Schluß, daß ich mit Schande abziehe wie +heute." + +„Nun," fragte ich, „und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?" + +„Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie er ein paar +Pfaffen habe singen hören und wie er einem hübschen Mädchen +nachgelaufen sei--was man überall tun kann, ohne gerade in Rom zu +sein--da übermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptübel +ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts +in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich +mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich +lag--" + +„Das habe ich leider gesehen, wie du lagst," sagte ich; „aber wie kann +man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und +mit dem Stuhle schaukeln." + +„Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten +Geschichte; ich habe heute abend kein Glück gemacht, das ist alles. +_Bibamus, diabole!_" sagte der alte Mensch, indem er selbst mit +tüchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote +Glas wies: „Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter +Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt +auslachen oder nicht; aber ein gutes altes Weinchen vom Südstamme ist +noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt +nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber +desto weniger Wein getrunken wird." + +„Du könntest recht haben, Jude!" + +„Wie stattlich," fuhr er im Eifer fort, „wie stattlich nahmen sich +sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den +dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter, +feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, honette Bäuche--so +traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust, +feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in +die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen +zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte und das oft nach +ihm getauft war. Der Wirt stellte mit einem ‚Wohl bekomm's' die +Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn +fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte +wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den +guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen, +so war es, und nur der Tod machte darin eine Änderung. Jetzt hängen +sie alles an den Putz, machen Staat wie die Fürsten und sitzen den +Wirten um zwei Groschen die Bänke ab. Lustiges, unstetes Gesindel +fährt in den Wirtshäusern umher, man weiß nie mehr, neben wen man zu +sitzen kömmt, und das heißen die Leute K o s m o p o l i t i s m u s. +Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne Gesichter von der echten +Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!" + +„Schau nur dorthin," fiel ich ihm ein, „du Prediger in der Wüste, dort +sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem +braunen Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche +hinrollen läßt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den +Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen +und zerdrückt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort +der große dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus +der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie +die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken? +Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und +hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, +um nachher zu zählen, wie viele Flaschen er getrunken?" + +„Wahrhaftig, diese sind echt!" rief der begeisterte Jude, „ich bin +jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; laß +uns zu ihnen uns setzen, _mi fratercule_!" + +Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten +Sorte; denn schon seit zwanzig Jahren kamen sie alle Abende in das +nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie +anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze liebe und aufsuche, der ewige +Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen +Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel. Er +wurde so kordial, daß er zu vergessen schien, daß er mit ihren +Urvätern schon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren späten +Enkeln wieder trinken werde. + +Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben; denn sie wurden +freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen; dann +gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen +sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten +Menschen faßte diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie +geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang: + +„Wer seines Leibes Alter zählet + Nach Nächten, die er froh durchwacht, + Wer, ob ihm auch der Taler fehlet, + Sich um den Groschen lustig macht, + Der findet in uns seine Leute, + Der sei uns brüderlich gegrüßt, + Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude + In seine sanften Arme schließt. + +Wenn von dem Tanze sanft gewieget, + Von Flötentönen süß berauscht, + Fein Liebchen sich im Arme schmieget + Und Blick um Liebesblick sich tauscht; + Da haben wir im Flug genossen, + Und schnell den Augenblick erhascht, + Und Herz am Herzen festgeschlossen + Der Lippen süßen Gruß genascht. + +Den Wein kannst du mit Gold bezahlen, + Doch ist sein Feuer bald verraucht, + Wenn nicht der Gott in seine Strahlen, + In seine Geisterglut dich taucht; + Uns, die wir seine Hymnen singen, + Uns leuchtet seine Flamme vor, + Und auf der Töne freien Schwingen + Steigt unser Geist zum Geist empor. + +Drum, die ihr frohe Freundesworte + Zum würdigen Gesang erhebt, + Euch grüß' ich, wogende Akkorde, + Daß ihr zu uns herniederschwebt! +Sie tauchen auf--sie schweben nieder, + Im Vollton rauschet der Gesang, + Und lieblich hallt in unsre Lieder + Der vollen Gläser Feierklang. + +So haben's immer wir gehalten + Und bleiben fürder auch dabei, + Und mag die Welt um uns veralten, + Wir bleiben ewig jung und neu: + Denn wird einmal der Geist uns trübe, + Wir haben ihn im alten Wein, + Und ziehen mit Gesang und Liebe + In unsern Freudenhimmel ein." + +Ob dies des ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt +sagen, doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch etwas Poet sei; +die zwei alten Weingeister waren ganz erfüllt und erbaut davon; sie +drückten dem a l t e n M e n s c h e n die Hand und gebärdeten sich, +als hätte er ihnen die ewige Seligkeit verkündigt. + +Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf. Der ewige Jude sah +mich an und brach auf; ich folgte. Rührend war der Abschied zwischen +uns und den Trinkern, und noch auf der Straße hörten wir ihre +heiseren Stimmen in wunderlichen Tönen singen: + + „Und wird einmal der Geist uns trübe, + Wir baden ihn im alten Wein, + Und ziehen mit Gesang und Liebe + In unsern Freudenhimmel ein." + + * * * * * + + + + +SATANS BESUCH BEI HERRN VON GOETHE + +nebst + +einigen einleitenden Bemerkungen +über das Diabolische in der deutschen Literatur. + + „Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern + Und hüte mich, mit ihm zu brechen, + Es ist gar hübsch von einem großen Herrn, + So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen." + Goethe. + + + + +SECHZEHNTES KAPITEL. + +Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur. + + +„Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch +die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen +und bösen Geister,--natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an +gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das +Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei, +überall Unheil anzurichten."--So würde ich ungefähr sprechen, wenn +ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über +die I d e e e i n e s T e u f e l s mich breit machen müßte. + +In meiner Stellung aber färbe ich über solche Demonstrationen, die +gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg +zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so +dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht g a n +z g e h e u e r u m s i e h e r ist, und mögen sie mich nun Ariman +oder das böse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich +in allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das +„_dicier hic est_," darum behagt mir auch die deutsche Literatur +so sehr. Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation bemüht, +mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu +machen? + +In meiner _Dissertatio de rebus diabolicis_ sage ich unter anderem +hierüber folgendes: „§ 8. D i e I d e e, d a s m o r a l i s c h e +V e r d e r b e n i n e i n e r P e r s o n d a r z u s t e l l e n, +m u ß t e s i c h d a h e r d e n D i c h t e r n h a l b +a u f d r ä n g e n; diese waren, wie es in Deutschland meistens der +Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre +Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über +Gegenstände hinzugleiten weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde +ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie +nicht mit Gewandtheit auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und +von der Bühne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehnte +nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie +auf einer engen Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander +ausweichen. + +Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet +waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat +dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde +herzuleiern! + +Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus +dem Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis +er die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man +begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte +verführen lassen." + +Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier +aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel +Spaß gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Policinello des +italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende +Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die +Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein +_Ecce homo_, sehet, das ist der Teufel, schrieb. + +Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt +ein altes Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder +gerecht sein. „Ein jeder gibt, wie er's kann," fuhr ich in der +Dissertation fort, „und wie sich in jenen Poeten das moralische +Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben +auch sie ihre Teufel. Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock +wieder bei weitem anders aussieht. + +„Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die +Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig +ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt; +mir wenigstens kommt dieser Klopstocksche Gottseibeiuns vor wie ein +Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den +Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und +darum unanständig jammert." + +So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und +ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der +des Teufels, sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über +das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen +berühmten Mann, der kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen +Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt, +sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es +entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur +Welt gebracht hat. + +Der G o e t h e s c h e M e p h i s t o p h e l e s ist eigentlich +nichts anderes, als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes. +Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die +Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter +dem Barett verborgen--siehe da den Teufel des großen Dichters! Man +wird mir einwenden: „Das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß +er tausend Fäden zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken, +seine hohen, überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die +Volkspoesie knüpft."--„Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie +sie sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm +beherrschen läßt, ist es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in +diese Fesseln der Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche +Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und mit sich in +seine Sonnenhöhe tragen?" + +„Verzeihe, Wertester," erhalte ich zur Antwort, „du vergissest, daß +unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht +in Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder +zur Erde stürze? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat +aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter, +geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm +hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche, +gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sündflut jetziger Zeit und +schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der +kleinen Poeten strömt." + +„Ein wässeriges Bild!" entgegne ich, „und zugleich eine Sottise. +Befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will +der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine +Stierlein und seine Eselein, seine Pfauen und Kamele Paar und Paar auf +die Erde spazieren lassen? + +„Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines +sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über +seine Schenke schreiben: ‚Hier allein ist Echter zu haben,' wie Maria +Farina auf sein Kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist?" + +Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen, gerade dadurch, daß +er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe +offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er +wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende +werden ausrufen: „Wie herrlich! Das ist der Teufel, wie er leibt und +lebt." Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich +sehr wenig; sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der +Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist. + +„Aber erkennst du denn nicht," wird man mir sagen, „erkennst du nicht +die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles +liegt?" + +Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den +gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube +beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu +beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der +beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß: + + „Gesteh' ich's nur, daß ich hinausspaziere, + Verbietet mir ein kleines Hindernis, + Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;" + +und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten, + + „Bedarf ich eines Rattenzahns;" + +daher befiehlt + + „Der Herr der Ratten und der Mäuse, + Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse" + +in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche +ihn bannt, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer +treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal „Herein!" ruft. In andere +Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen trete ich +ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren +Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers: + + „Gewöhnlich glaubt, der Mensch, wenn er nur Worte hört, + Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!" + +Doch weiter. + +Ich stehe auf einem ganz besonderen Fuß mit den Hexen. Die in der +Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen; aber sie sah keinen +Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, +mache ich eine unanständige Gebärde: + + „Mein Freund, das lerne wohl verstehen, + Das ist die Art, mit Hexen umzugehen. + +Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser +bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor: + + „Verlangst du nicht nach einem Besenstiele? + Ich wünschte mir den allerderbsten Bock." + +Auch hier + + „Zeichnet mich kein Knieband aus, + Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus." + +Um unter diesem, gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich +mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur +durch Gedankenstriche + + „Der, hatt' ein----- + So--es war, gefiel mir's doch" + +anzudeuten wagt. + +Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer Geselle, +der + + „--------kalt und frech + Ihn vor sich selbst erniedrigt."-- + +Ich bin ohne Zweifel von häßlicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht, +was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrigant, und im gemeinen +Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt. + +Daher sagt Gretchen von mir: + + „Der Mensch, den du da bei dir hast, + Ist mir in tiefer innrer Seel' verhaßt. + Es hat mir in meinem Leben + So nichts einen Stich ins Herz gegeben + Als des Menschen widrig Gesicht.-- + Seine Gegenwart bewegt mir das Blut, + Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen.-- + --Kommt er einmal zur Tür herein, + Sieht er immer so spöttisch drein + Und halb ergrimmt.-- + Es steht ihm an der Stirn geschrieben, + Daß er nicht mag eine Seele lieben" &c. + +Daher sage ich auch naher: + + „Und die Physiognomie versteht sie meisterlich, + In meiner Gegenwart wird ihr, sie weiß nicht wie; + Mein M ä s k c h e n da weissagt verborgnen Sinn, + Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie, + Vielleicht wohl gar der Teufel bin." + +Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nähe eines +Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein +unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die ihr meine Nähe ängstlich +macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel früher ahnet als der +schon gefallene Mensch, wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk +scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein--es ist nur allein mein +Gesicht, das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt: + + „--Wo er nur mag zu uns treten, + Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr."-- + +Wozu nun dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das +jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß die Sünde, +nach den gewöhnlichen Begriffen, sich lockend, reizend sehen läßt. + +Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust von dem +genialen Retsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel muß an einem solchen +Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden +das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens, +Faust in der vollendeten Blüte des Mannes steht neben ihr; welche +Würde noch in dem gefallenen Göttersohn! + +Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in +Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern. + +Die unangenehmen Formen des dürren Körpers, das ausgedorrte Gesicht, +die häßliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel-- +hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft geärgert hat. [Fußnote: +Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so +ertappt man hier den Satan auf einer größern Eitelkeit, als man ihm +fast zutrauen sollte; gewiß hat ihn nichts anderes gegen jenen +verehrten Dichter aufgebracht, als daß er ihn mit etwas lebhaften +Farben als häßlich darstellt; diese Bemerkung wird um so +wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten +Abschnitt selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation einige Eitelkeit +in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt sich übrigens durch den +übertriebenen Eifer, mit welchem er seine Mißgestalt rügt, eine Blöße, +die ihm nicht hätte beigehen sollen.]. + +Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum, +antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk schwebende +Dichter, seinen Satan anthropomorphosiert; um den gefallenen E n g e l +würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief +gefallenen M e n s c h e n. Die Sünde hat seinen Körper häßlich, +mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften +gewühlt und es zur Fratze entstellt; aus dem hohlen Auge sprüht die +grünliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch +wie der eines Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat +und jetzt aus Übersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld ist +es nicht wohl in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen Zügen +schaudert. + +So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte, +einen schlechten Teufel gemalt. + +Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel +könne nun einmal nicht anders aussehen, er k ö n n e sein Gesicht, +seine Gestalt nicht v e r w a n d e l n? Nein, man lese: + + „Auch die Kultur, die alle Welt beleckt, + Hat auf den Teufel sich erstreckt; + Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen, + Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen? + + Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut, + Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere." + +Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein „Mäskchen" +nennen; folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln; +aber, wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt, das n o r d i s c h e +P h a n t o m dennoch beizubehalten, nur daß er mich von „H ö r n e r +n, S c h w e i f u n d K l a u e n" dispensiert. + +Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes +nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so +hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon +durch ihre Maske verdächtig macht, ins Verderben geführt werden? Darf +jener große Geist, der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt, +darf er durch einen gewöhnlichen „Bruder Liederlich", als welchen +sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und--muß nicht d i e s e +Maske der Würde jener Tragödie Eintrag tun? + +Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und +meine verehrte Großmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen: +„Söhnchen! Diabole! Bedenke, daß ein großer Dichter ein großes +Publikum haben und um ein großes Publikum zu bekommen, so populär als +möglich sein muß." + + * * * * * + + + + +SIEBZEHNTES KAPITEL. + +Der Besuch. + + +Bei diesem allen bleibt Faust ein erhabenes Gedicht und G o e t h e +einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht +wundern, daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, diesen Mann +einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen +können; ja, wenn ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand +ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles +nächtlicherweile zu erscheinen, um ihm einigen Schrecken in die +Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an +mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine +schlaflose Nacht zu machen. + +Ich entschloß mich daher, als _Doctor legens_, ein ehrsamer Titel +auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es +ist mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein +ehrlicher Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, +so ist sein erstes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt: „Wann +kann man den Löwen sehen, Bursche?" „Mein Herr," antwortet der +Gefragte, „die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der +Löwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leibe hat; +daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen." + +Gerade so erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem +jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters +Ruhm schon längst gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch +Europa dem berühmten Manne zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig +Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir +sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten? +Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas +unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit +mißtrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage +beantwortete, ob wir auch Fräcke bei uns hätten. + +Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt +versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. „Sie werden wahrscheinlich +nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind +Seine Exzellenz am besten ja sprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie +angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen +aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen +ungesehen wieder fortzuschicken." + +Dieser Patriotismus ging wahrhaftig sehr weit. Doch wir ließen den +guten Mann in dem Glauben, der junge Philadelphier komme _recta_ +nach Weimar und gehe von da wieder heim. Übrigens hatte er richtig +prophezeit: _Doctor legens_ Supfer, wie ich mich nannte, und +Forthill aus Amerika waren auf fünf Uhr bestellt. + +Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter +wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte +Treppe führt zu ihm. Eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem +Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in das +Besuchszimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, +verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger +Gefährte betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese +Meubles. So hatte er sich wohl das S t ü b c h e n d e s D i c h t e +r s nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien +auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen +von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte +hörbar, sein Auge war starr an die Türe geheftet, durch welche der +Gefeierte eintreten mußte. + +Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wieviel +weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen +Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt. + +Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die +höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewöhnlichen Laufe +der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen. +Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe +alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der +zunächst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich +auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft--Goethe hat sich seine +eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm keiner voranging, ihm noch +keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch k a n n, was er +will. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie, +von einem Geiste, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem +Höheren geführt habe--das Zeitalter hat i h n gebildet. + +Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben „Werther" in dem +lieben Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen +Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war +Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur +daran gefehlt, daß er das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem +ersten Ton, den er angab, mußten Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen +in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heißt +dieses große schöpferische Geheimnis? A l l e s z u r r e c h t e n +Z e i t. Der „Siegwart" hatte die harten Herzen abgetaut und sie für +allen möglichen Jammer, für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht, +da kommt Goethe-- + +Die Türe ging auf,--er kam. + +Dreimal bückten wir uns tief--und wagten es dann, an ihm hinauf zu +blinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie +die eines Jünglings, die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Würde und +Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und aus +seiner Brust glänzte ein schöner Stern.--Doch er ließ uns nicht lange +Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines +Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns +zum Sitzen ein. + +Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske +zu ihm zu gehen! _Doctores legentes_ mochte er schon viele +Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm +zulieb auf die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er +sich meist mit meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für +einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi +ausgegeben! Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein +Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Cabanen von +Louisiana über ihn und seinen „Wilhelm Meister" sich unterhalte?--So +wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glücklicherer +Gefährte durfte den großen Mann unterhalten. + +Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der +Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als witziger Kopf +bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art +von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er +müsse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen, +wenn man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein +Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die +der Berühmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Ärmel schütteln +werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht +freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann +ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen können. Ist er nun gar ein +umfassender Kopf wie Goethe, einer, der so zu sagen in allen Sätteln +gerecht ist--wie interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung +werden! Wie sehr muß man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu +genügen! + +Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß. Sein Ich fuhr, +wie das des guten Walt, ehe er zum Flitte kam [Fußnote: Jean Pauls +Flegeljahre], ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf +unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein +schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen und +vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll auf die Lippen des +Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle, wie der Kandidat auf den +strengen Examinator; er knickte seinen Hut zusammen und zerpflückte +einen glacierten Handschuh in kleine Stücke. Aber welcher Zentnerstein +mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Höhen zu ihm +herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er +sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er über +das Verhältnis der Winde zu der Luft, der Dünste des wasserreichen +Amerikas zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er +uns, daß das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei; denn er war +nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist, +Lustspiel= und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und +Übersetzer--nein, er war auch sogar Meteorolog! + +Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens +eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, daß er mit jedem seine +Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen Dialekt, sondern das, was +ihm gerade geläufig und wert sein möchte, sprechen könne! Ich glaube, +wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgeführt hätte, er hätte +sich mit mir in gelehrte Diskussionen über die geheimnisvolle +Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer +Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite +schmoren müsse. + +Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe--das +Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen +seiner Beredsamkeit öffneten sich--er beschrieb den feinen, weichen +Regen von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme von New York brausen und +pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es +war mir am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem +Wirtshause unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer Flasche +Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser +Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis der Konversation, +daß man sich angewöhnt--nicht gut zu s p r e c h e n, sondern gut zu h +ö r e n. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu +sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam +auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden, +daß man sich bei dem und dem köstlich unterhalte. + +Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem +Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns +Witterungsbeobachtungen anzustellen. + +Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, gab er das +Zeichen zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen +und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der +gute Mann ahnte nicht, daß er den Teufel zitiere, als er großmütig +wünschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu und +werde es seiner Zeit schon noch halten; denn wahrhaftig, ich habe +seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen--zwei +Bücklinge, wir gingen. + +Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner +nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner +Wange, zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund, er +schien höchst zufrieden mit dem Besuch. + +Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl +und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem +Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläser, bot mir +das eine und stieß an auf das Wohl jenes großen Dichters. + +„Ist es nicht etwas Erfreuliches," sagte er, „zu finden, so +hocherhabene Männer seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange +vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben; ich darf gestehen, bei +dem Sturm, der uns auf offener See erfaßte, war mir nicht so bange. +Und wie herablassend war er, wie vernünftig hat er mit uns diskuriert, +welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!" Er +schenkte sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters +Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt, +sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe zu werden, dem +Schlaf in die Arme. + +Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von +allen Getränken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein +leichter, flüchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich +führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen +Körpern die Erde besuchen, gekostet zu werden. + +Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer blickte; wie +leicht ist es doch für einen großen Menschen, die andern Menschen +glücklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wären sie ihm so +ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand. + +Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht, +bei ihm gewesen zu sein, denn + +„Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern + Und hüte mich, mit ihm zu brechen, + Es ist gar hübsch von einem großen Herrn, + So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen." + + * * * * * + + + + +DER FESTTAG IM FEGEFEUER. + +Eine Skizze. + +„Das größte Glück der Geschichtschreiber +ist, daß die Toten nicht gegen ihre Ansichten +protestieren können." + Welt und Zeit. I. + + + + +ACHTZEHNTES KAPITEL. + +Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen. + + +Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar +nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir +sehr interessant war und vielleicht auch andern nicht ohne einiges +Interesse sein möchte. Er führt die Aufschrift: „D e r F e s t t a g +i m F e g e f e u e r" und kam durch folgende Veranlassung zu diesem +Titel. Es ist auf der Erde bei allen großen Herren und Potentaten +Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen. +Wenn ein aus fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube +wiedergegeben wird, haben die Küster im Lande schwere Arbeit; denn man +läutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein +Stammhalter geboren, so verkündet schrecklicher Kanonendonner diese +Nachricht. Landesväterliche oder landesmütterliche Geburtstage werden +mit allem möglichen Glanz begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die +Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch +wenigstens in den Landstädtchen _bière dansante_. Kurz, alles +lebt _in dulci jubilo_ an solchen Tagen. + +Um nun meiner guten G r o ß m u t t e r eine Ehre zu erweisen, hielt +ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie +sich gewöhnlich aufhält, ist immer an diesem Tage allgemeine +Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag über den Körper, den +sie auf der Oberwelt hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre +Sitten. Was von Adel da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten +schicken (_in pleno_ können sie nicht vorgelassen werden, weil +sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige +Hofmarschälle, Kammerherren usw. haben den großen Dienst und schätzen +es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu +leiten, die Touren bei den Bällen, welche abends gegeben werden, zu +arrangieren usw. + +Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. Einmal +fühlt sich _chère Grande-Mama_ ungemein geschmeichelt durch diese +Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten +Mann, der ihnen auch ein Vergnügen gönnt, drittens macht dieser +einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die +Seelen sich nachher um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck +einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt. + +An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge. +Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges „Vivat der Herr +Teufel! _Vive le diable_!" erfreut dann mein landesväterliches +Herz; doch weiß ich wohl, daß es nicht weniger erzwungen ist als ein +H u r r a auf der Oberwelt; denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr, +wenn sie n i c h t schreien. + +In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen. +_Tout comme chez vous_, meine Herren, nur etwas grotesker; +Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische, +militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs +finden sich, wie durch natürlichen Instinkt zusammen, machen sich +einen guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, die, wenn ich sie +mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein +hübsches Licht werfen würden. + +Einst trat ich in einen Saal des _Café de Londres_ (denn, +nebenbei gesagt, es ist an diesem Tage alles auf großem Fuß und höchst +elegant eingerichtet); ich traf dort nur drei junge Männer, die aber +durch ihr Äußeres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie +ins Gespräch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu +versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostüm +eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die +Herrschaften zu bedienen. + +Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard. +Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war +nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, seine Beine +ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand +spielte nachlässig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte +das Kinn. Ein schöner Kopf! + +Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die Stirne hoch und frei, von +hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und +spitzig, wie aus weißem Wachs geformt, die Lippen dünn und angenehm +gezogen, das Auge blau und hell, aber gewöhnlich kalt und ohne alles +Interesse langsam über die Gegenstände hingleitend. Dies alles und ein +feiner Hut, enger oben als unten, nachlässig auf ein Ohr gedrückt, +ließen mich einen Engländer vermuten. Sein sehr feines, blendend +weißes Leinenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung konnte nur +einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören. Ich sah +in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er +winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm +wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte +auf seinen Befehl ein großes Glas Rum, eine Havannazigarre und eine +brennende Wachskerze vor ihn hin. + +Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel beendigt und nahten +sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich warf schnell einen +Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose, +Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein +Deutscher. + +Der Franzose war ein kleines, untersetztes, gewandtes Männchen. Sein +schwarzes Haar und der dickgelockte, schwarze Backenbart standen sehr +hübsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und +beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen Lippen und +das wohlgenährte Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau, +welches den Damen so wohl gefallen soll und in England und Deutschland +bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil hier +der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein pflegt als +dort. + +Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante +Negligé, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der +eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte +der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit +zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem +kleinen blaßroten Schal mit einer Nadel _à la Duc de Berry_ +zusammengehalten, bis hinab auf die Gamaschen, die man damals seit +drei Tagen nach innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als +modisch zu gelten, an den Spitzen nach der großen Zehe sich hinneigen +und ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage, bis auf jene +Kleinigkeiten, die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel, +einem, der in die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und +unumgänglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft und nach den +neuesten Geschmack für den Morgen angezogen. + +Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts in die +Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke +des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Café hereingeflogen zu +sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr um zu schwatzen, +als zu hören. + +Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an +dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte, +ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die +Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen: + +„Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns +_Monseigneur le diable_ gibt? Werden viele Damen dort sein, mein +Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier +habe. + +„Mein Herr darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns +beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe +ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier +vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie +brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte, +Sie zu begleiten; mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten." + +So ging es im Galopp über die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft +schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den +ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig +auf, um seine rechte Hand freizumachen, ergriff mit dieser--die erste +Bewegung seit einer halben Stunde--das Kelchglas, nippte einige Züge +Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die +rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr +zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen; denn er +erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen +Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt, + + „Der Zähne doppelt Gatter" + +vor seine Sprachorgane gelegt zu haben. + +Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert, +eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber +genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Es war, +was man in Deutschland einen g e w i c h s t e n j u n g e n M a n n +zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende +Haare, an die etwas niedere Stirn schloß sich ein allerliebstes +Stumpfnäschen, über den Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden +hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmütig, das Auge hatte einen +Ausdruck von Klugheit, der, wie gut angebrachtes Licht auf einem +grobschattierten Holzschnitt, keinen übeln Effekt hervorbrachte. + +Seine Kleidung wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen +entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war +polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier +Zoll hoch wattiert, schloß sich spannend über den Hüften und formierte +die Taille so schlank, als die einer hübschen Altenburgerin; er hatte +ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren +solche nur aus dünnem Nanking verfertigt; aus eben diesem Grunde +mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden, +Aufmerksamkeit erregenden Gang als zum Antreiben eines Pferdes dienen. +Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm. + +Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich +niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste +Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet +wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit +jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Engländer zeigte +selbst in seiner nachlässigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung +mehr Würde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer +ein Tanzmeister lehren kann. + +Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte +verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen +möchte, machte ich in einem Augenblicke; denn man denke sich nicht, +daß der junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehörig +abkonterfeit hatte. + +Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. „Mein Gott, +Herr von Garnmacher," sagte er „ich möchte verzweifeln; der englische +Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache zu +wenig mächtig, um die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu +führen; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres, +als wenn drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den +andern versteht?" + +„Auf Ehre, Sie haben recht," antwortete der Stutzer in besserem +Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; „man kann sich zur Not +denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard spielt; aber ich sehe +nicht ab, wie wir unter diesen Umständen mit dem Herrn plaudern +können." + +„_J'ai bien compris, Messieurs,_" sagte der Lord ganz ruhig +neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich. + +„Ist's möglich, Mylord?" rief der Franzose vergnügt, „das ist sehr +gut, daß wir uns verstehen können! Markör, bringen Sie mir +Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, daß wir uns verstehen, welch +schöne Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie +dieser hier." + +„Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester," gab der Deutsche zu; „aber +wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schöne +Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne Damen von Berlin, Wien, von +allen möglichen Städten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich +hatte oben große Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an +diesem verfl------Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück +hatte; Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster +Marquis, können uns hier Paris im kleinen zeigen." + +„Gott soll mich behüten," entgegnete eifrig der Franzose, indem er +nach der Uhr sah; „jetzt, um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne +Welt mustern? Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem _détestable +purgatoire_ so sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf die +Promenade gehen sollte?" + +„Nun, nun," antwortete der Stutzer, „ich meine nur, im Fall wir nichts +Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer +im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch, wenn +es Ihnen gefällig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib +vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier." + +„Mein Gott," entgegnete der Incroyable; „ist dies nicht ein so +anständiges Café als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt +es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, soviel wir wollen? +Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen +Salon besser wünschen? Nein! _Monsieur le diable_ hat Geschmack +in solchen Dingen, das muß man ihm lassen." + +„_Une confortable maison_!" murmelte Mylord und winkte dem +Franzosen Beifall zu. „_Et ce salon confortable_!" + +„Gute Tafel, mein Herr?" fragte der Marquis, „nun, die wird auch da +sein; ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber, meine +Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig +etwas aus unserem Leben erzählen wollten? Ich höre so gerne +interessante Abenteuer, und Baron Garnmacher hat deren wohl so viele +erlebt als Mylord?" + +„_Goddam_! das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr," sagte +der Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die +Füße von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil +zurecht setzte; „noch ein Glas Rum, Markör!" + +„Ich stimme bei," rief der Deutsche, „und mache Ihnen über Ihren +glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot.--Eine Flasche +Rheinwein, Kellner!--Wer soll beginnen zu erzählen?" + +„Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden," antwortete Lord +Fotherhill, „Und ich wette fünf Pfund, der Marquis muß beginnen." + +„Angenommen, mein Herr," sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose; +„machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer +Zwei soll beginnen." + +Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, ließ ziehen, +und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst. + +Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem +er das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutschen +hinüberdeutete; ich übersetzte mir diesen Wink so: „Geben Sie einmal +acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn +wir beide sind schon durch den Rang unsrer Nationen weit über ihn +erhaben." + +Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit +großer Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte +in der Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann. + + * * * * * + + + + +NEUNZEHNTES KAPITEL. + +Geschichte des deutschen Stutzers. + + +„Als mein Großvater, der Kaiserlich-Königlich--" + +„Ich bitte Sie, mein Herr," unterbrach ihn der Incroyable, „verschonen +Sie uns mit dem Großpapa und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was +war er?" + +„Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist; aber ich hätte mich gerne bei +dem Glanze unserer Familie länger verweilt; mein Vater lebte in +Dresden auf einem ziemlich großen Fuß--" + +„Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu +neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehört Genauigkeit." + +„Mein Vater," fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort, „war +Kleiderfabrikant _en gros_--" + +„Wie," fragte der Lord, „was ist Kleiderfabrikant? Kann man in +Deutschland Kleider in Fabriken machen?" + +„Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!" rief der Stutzer unwillig +und stieß das Glas auf den Tisch. „Das ist nicht die Art, wie man +seine Biographie erzählen kann, wenn man alle Augenblicke von +kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus +am Alt=Markt; darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche +Kleider für die Leute machten!" + +„_Mon dieu_! Also war, er, was wir _tailleur_ nennen, ein +Schneider?" + +„Nun, in Gottes Namen, nennen Sie es, wie Sie wollen; kurz, er hatte +die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und +die ersten Bürger in seinen Soireen sah, so war doch ein gewisser +guter Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich weiß nicht was, +kurz, es war ein ganz anständiger Mann, mein Papa." + +Mich selbst erfaßte der Lachkitzel, als ich den _garçon tailleur_ +so perorieren hörte, doch ich faßte mich, um den Markör nicht aus der +Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurückgelehnt und +wollte sich ausschütten vor Lachen; der Engländer sah den Stutzer +forschend an, unterdrückte ein Lächeln, das seiner Würde schaden +konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort: + +„Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben +pressen können, und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen. +Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kümmert sich an diesem +schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt +mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten; im Gegenteil, es macht mit +Vergnügen, Sie zu unterhalten!" + +„_Ah! ce noble trait_!" rief der Incroyable und wischte sich die +Tränen aus dem Auge. „Reichen Sie mir die Hand und Lassen Sie uns +Freunde bleiben. Was geht es mich an; ob Ihr Vater _duc_ oder +_tailleur_ war, Erzählen Sie immer weiter. Sie machen es gar zu +hübsch." + +„Ich genoß eine gute Erziehung; denn meine Mutter wollte mich durchaus +zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterlande der +eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem +siebenten Jahre _mensa_, in meinem achten _amo_, in meinem zehnten +_typto_, in meinem zwölften _pakat_ eingebläut. Sie können sich +denken, daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar +angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt; +das heißt, ich ging lieber aufs Feld, hörte die Vögel singen oder sah +die Fische den Fluß hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden, +als daß ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des +künftigen Pastors eingerichtet hatte, mit meinem Bröder, Buttmann, +Schröder, und wie die Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit +harten Köpfen wie böse Geister erscheinen, abmarterte. + +Ich hatte überdies noch einen andern Hang, der mir viele Zeit raubte; +es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu +schönen Mädchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glühend heiß +wie unter den Bleidächern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn +ich dann das kleine Schiebefenster öffnete, um den Kopf ein wenig in +die frische Luft zu stecken, so fielen unwillkürlich meine Augen auf +den schönen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort +unter den schönen Akazien auf der weichen Moosbank saß Amalie, sein +Töchterlein, und ihre Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehlide +Sehnsucht riß mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock, +frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die +Zaunlücke bei der Königin meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete +sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem +elften Jahre den größten Teil der Ritter= und Räuberromane meines +Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in andern +Ländern keinen Begriff hat; denn die erhabenen Namen Cramer und Spieß +sind nie über den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wie +viel höher stehen diese Bücher alle als jene Ritter= und +Räuberhistorien des Verfassers von Waverley, der kein anderes Verdienst +hat, als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der große +Unbekannte solche vortrefflichen Stellen wie die, welche mir noch +aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: ‚M i t t e r n a c h t, +d u m p f e s G r a u s e n d e r N a t u r, R ü d e n g e b e l l, +R i t t e r U r i a n t r i t t a u f.' + +Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das Haar empor, wenn +er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer dieses liest? Wie +fühlte ich da das ‚G r a u s e n d e r N a t u r!' Und wenn der +Hofhund sein Rüdengebell heulte, so war die Täuschung so vollkommen, +daß sich meine Blicke ängstlich an die schlecht verriegelte Türe +hefteten; denn ich glaubte nicht anders, als ‚R i t t e r U r i a n +t r e t e a u f!' + +Was war natürlicher, als daß bei so lebhafter Einbildungskraft auch +mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihrem Ritter die Feldbinde +umhing, jede Ida, die sich auf den Söller begab, um dem den Schloßberg +hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede +Agnes, Hulda usw. verwandelten sich unwillkürlich in Amalien. + +Doch auch s i e war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus +ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer +gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder +in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bücher heraus, welche +entweder keinen Rücken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden +waren, daß sie mich ordentlich a n g l ä n z t e n. Das sind so die +echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein +‚R i n a l d o R i n a l d i n i', ein ‚D o m s c h ü t z', ein +‚a l t e r Ü b e r a l l u n d N i r g e n d s' oder sonst einer +unserer Lieblinge. + +Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein; denn +Amalie war sehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch das Innere des +Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit bloßen Fingern den +fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann +in den Garten hinüber und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn +zurück, ohne daß mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn über +einer Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere +Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war +sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja, wenn +Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen +Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen. + +Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war +übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines +großen Grafen oder Fürsten lebt, eine unglückliche Leidenschaft zu der +schönen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber +innige Gegenliebe empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle zu +geben; wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte sie +den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer +war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfütze +in unserem Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun) +erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien) +sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen +Beinkleidern sehr gefährlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn, +aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin. + +Das einzige Unglück meiner Liebe war, daß wir eigentlich gar kein +Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen +dem armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Fürsten (dem +Kaufmann), wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten +hinübergeflogen war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging, oder es +kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen +Ladendiener) zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ +(weil mein Vater eine sehr große Rechnung in dem Kontobuche des +Fürsten hatte). Aber dies alles war leider kein nötigendes Unglück für +unsere Liebe und diente nicht dazu, unsere Situation noch romantischer +zu machen. + +Die einzige Folge, die aus meinem Leben und meiner Liebe entstand, war +mein hartes Unglück, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein und +von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen; doch auch darüber +belehrte und tröstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich, +daß des Herzogs (des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und +sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er habe gewiß +unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten +Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafür auf eine so unwürdige +Art an mir räche. Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben, wußte aber +wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die +unregelmäßigen griechischen Verba nicht lernte, und d a f ü r bekam +ich Schläge. + +So war ich fünfzehn und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden, +ungetrübt war bis letzt der Himmel unserer Liebe gewesen; da +ereigneten sich mit einem Male zwei Unglücksfälle, wovon schon einer +für sich hinreichend gewesen wäre, mich aus meinen Höhen +herabzuschmettern. + +Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquéschen Romane +anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden . . ." + +„Was ist das, Fouquésche Romane?" fragte der Lord. + +„Das sind lichtbraune, fromme Geschichtchen, doch durch diese +Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqué +ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist, +mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken +reitet und kämpft wie der gewaltigen Währinger einer. Er hat das ein +wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert aber vielmehr unsere +heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und +um fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz +süßlich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von +denen man vorher nichts anderes wußte, als sie seien derbe Landjunker +gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten als +der Großtürke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer +bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind +hauptsächlich f r o m m und k r e u z g l ä u b i g. + +Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher, reiner, mit +steifen Kragen angetan und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt. +Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage und haben +ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde und andere solche +Getiere." + +„_Mon dieu_! Solchen Unsinn liest man in Deutschland?" rief der +Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen. + +„O ja, meine Herren, man liest und bewundert. Es gab eine Zeit bei +uns, wo wir davon zurückgekommen waren, alles an fremden Nationen zu +bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt, +nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die _tempi +passati_--so warfen wir uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer +auf diese und wurden allesamt altdeutsch. + +Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene +herrlichen vergangenen Zeiten hineinzudenken, man fühlte allgemein das +Bedürfnis von Handbüchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, über +Sitten und Gebräuche bei unseren Vorfahren uns belehrt hätten; da trat +jener fromme Ritter auf, ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten, +und es entstand ein neu Geschlecht; die Mädchen, die bei den +französischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige, +keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen Fräcke +aus, ließen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle +Leinwand setzen, und ‚Kleider machen Leute,' sagt ein Sprichwort, +_probatum est_; auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm." + +„_Goddam_! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen," +unterbrach ihn der Engländer; „vor acht Jahren machte ich die große +Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstätter See ließ ich +mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben. +Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern, +halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben +schien. Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese +und blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie hatten +wunderbare Mützen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie +Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf +Rücken und Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten breite, +zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen, +herausgelegt. + +Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker +Form gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloß sich eng um den +Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der jungen Männer. In +sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober +Leinwand. Aus ihren Röcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in +der Hand trugen sie Beilstöcke, ungefähr wie die römischen Liktoren. +Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, daß sie Brillen +auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten. + +Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare Armatur und +Uniform wäre und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grütli-Wiese +vorstellen sollten. Er aber belehrte mich, daß es fahrende Schüler aus +Deutschland wären. Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke an den +fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in meinen Kahn +und pries mein Glück, auf einem Platz, der durch die erhabenen +Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen +Vergleichungen führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben +gehabt zu haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit +sich aus; denn als mein Kahn über den See hingleitete, erhoben sie +einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so würdigen, +ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen im Gedanken das Vorurteil abbat, +welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte." + +„Nun ja, da haben wir's," fuhr der Baron Garnmacher fort, „so sah es +damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouquésche +Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich, wie alle meine +Kameraden, altdeutsch und war meiner Herrin, der ‚wunnigen Maid', mit +einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalie machte übrigens +der ‚Z a u b e r r i n g', die ‚F a h r t e n T h i o d o l f s' &c. +nicht den gewünschten Eindruck; sie verlachte die sittigen, +lichtbraunen, blauäugigen Damen, besonders die B e r t h a v o n +L i c h t e n r i e t h, und pries mir Lafontaine und Langbein, +schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt +hatte. + +Ich war zu sehr erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging, +als daß ich ihr Gehör gegeben hätte; aber der lüsterne Brennstoff +jener Romane brannte fort in dem Mädchen, das sich, weil sie für ihr +Alter schon ziemlich groß war, für eine angehende Jungfrau hielt, und +kurz--es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hüllte mich in meinen +altdeutschen Rock und meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den +Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe. + +Die Folge davon war, daß sie mich als einen Unwürdigen verachtete und +dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr +Lafontaine und Langbein studierte, weiß ich nicht zu sagen, nur so +viel ist mir bekannt, daß ihn der Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen +nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitscht hat. + +Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräische +Bibel und die griechischen Unregelmäßigen vor mir liegen und auf ihnen +meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heiße Tränen geweint und +durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose +Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf +zwischen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest +überzeugt, daß so unglücklich wie ich kein Mensch mehr sein könne, und +höchstens der unglückliche O t t o v o n T r a u t w a n g e n, als +er in Frankreich mit seinem vernünftigen, lichtbraunen Rößlein eine +Höhle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich. + +Aber das Maß meiner Leiden war nicht voll; hören Sie, wie ‚aus +entwölkter Höhe' mich ein zweiter Donner traf. + +Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem Aufsatz +gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, w e n w i r f ü r +d e n g r ö ß t e n M a n n D e u t s c h l a n d s h a l t e n. +Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Gründe für und wider +angegeben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich +hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen +harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen waren mir von jeher zuwider +gewesen, ich hatte also auch immer mittelmäßige oder schlechte +Arbeiten geliefert. Aber für diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich +fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die großen Männer +meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen +Jahren nicht solche) in gehöriges Licht setzen zu können. + +Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden. Was war leichter für +mich als dies? Jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen +Lesens. Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich? +Und wer, der irgend einmal diese Bücher der Geschichten in die Hand +nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die größten Männer meines +Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im +reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte. H a s p e r a S p a d a? +Es ist wahr, er war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die +Liebe seiner Freunde. Aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark +dem Trinken ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem +fürtrefflichen Charakter. A d o l p h d e r K ü h n e, R a u g r a f +v o n D a s s e l? Er hat schon etwas mehr von einem großen Mann. Wie +schrecklich züchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie +nach Rom wandeln und Buße tun müßte; aber dies schwächt doch sein +majestätisches Bild. Es ist wahr, O t t o v o n T r a u t w a n g e n +glänzt als ein Stern erster Größe in der deutschen Geschichte, dachte +ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der Größte gewesen +zu sein, wiewohl seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen +ist, jeden Zauber überwand. + +Island gehörte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig, unter allen +deutschen Helden ist doch keiner, der dem T h i o d o l f das Wasser +reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein +Lamm, im Zorn ein B e r s e r k e r--es kann nicht fehlen, er ist der +größte Deutsche. + +Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung +nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich +konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl +zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor. +Wie erhaben lautete es, wenn ich von der Stärke des Isländers sprach, +wie er einen Wolf zähmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein +wenig auf die Stirne klopfte, daß es auf der Stelle tot war; wie +großmütig verschmäht er alle Belohnung; ja, er schlägt einen +Kaiserthron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben; wie kindlich fromm +ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte; wie +schön beschrieb ich das alles; ja, es mußte das Herz des alten Rektors +rühren! + +Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall +lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um unsere Aufsätze +zu zensieren. Dann sendet er gewiß einen milden, freundlichen Blick +nach dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brüllender Löwe +schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: ‚Kann man +etwas Gelungeneres lesen als dies? Und ratet, wer es gemacht hat! Die +Letzten sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute +verworfen haben, soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn, +_Garnmachere_! Ich habe immer gesagt, du seiest eine Bête; konnte +ich ahnen, daß du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin +den Preis, der dir gebührt.' + +So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste +Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um +zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert +sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach Erfindung des Pulvers den +d e u t s c h e n A l c i b i a d e s und nächst ihm H e r m a n n +v o n N o r d e n s c h i l d für die größten Männer halte. Man könne +ihnen den R i t t e r E u r o s, welcher nachher als D o m s c h ü t z +m i t s e i n e n G e s e l l e n so großes Aufsehen gemacht habe, +was die Tapferkeit anbetreffe, vielleicht an die Seite stellen; doch +stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt. + +Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mußte ihm beinahe +ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: ‚Er wird ein schönes +Geschmier haben, Garnmacher!' + +‚Lesen Sie, und dann--richten Sie,' gab ich ihm stolz zur Antwort und +verließ ihn. + +Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt würde über +den würdigsten englischen Theologen, und es würden in einer gelehrten, +mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des Vicar of +Wakefield dargetan, wer würde da nicht lachen? Wenn Sie, werter +Marquis, nach der würdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt +würden, und Sie priesen die n e u e H e l o i s e, würde man Sie +nicht für einen Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich +begangen hatte! + +Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte, +erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir +ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich schlich ich da mit +Herzklopfen zur Schule; denn ich durfte gewiß sein, wegen schlechter +Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht zu werden. Aber wieviel stolzer +trat ich heute auf; ich hatte meinen besten Rock angezogen, den +schönsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war +zierlich gescheitelt und gelockt; ich sah stattlich aus und gestand +mir, ich sei auch im Äußeren des Preises nicht unwürdig, welcher mir +heute zuteil werben sollte. + +Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche, obskure +Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, Karl den Großen, +Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen,--er ging viele durch, immer +kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden +hatte er auf die Letzt aufgespart--als die besten! + +Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm ein Heft +mit rosenfarbener Überdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte +laut vor Freude, ich fühlte, wie sich mein Mund zu einem +triumphierenden Lächeln verziehen wollte; aber ich gab mir Mühe, +bescheiden bei dem Lobe auszusehen. Der Rektor begann: ‚Und nun komme +ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich +will einige Stellen daraus vorlesen!' Er deklamierte mit ungemeinem +Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung +niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr als +vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluß +gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren D o m s c h +ü t z e n noch einige Blümchen gestreut hatte, erscholl Bravo! +_Ancora_! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden +Fäusten meiner Mitschüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: ‚Es +wäre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spieß und Konsorten, +wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre. +Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du _dedecus +naturae_, hieher zu mir!' + +Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, als ich +vor ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und +einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt +über mich herab, von der ich nur so viel verstand, daß ich eine Bête +wäre und nicht wüßte, was Geschichte sei. + +Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer schönen, blumigen +Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. Man schwindelt, indem +man die unermeßlichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unsanfte +Erschütterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und +sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der +man herabstürzte, ist mit all ihren Blütengärten verschwunden, ach, +sie war ja nur ein Traum! + +So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer +aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm +geben konnte. Ich war arm wie jener Krösus, als er vor seinem Sieger +Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren! + +Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld +dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte, +verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes +aus, ich stand wie Mucius Scävola. + +Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich von meinem Vater +ein Attestat darüber bringen müsse, daß ich das Geld zu solchen +Allotriis von ihm habe, und überdies habe ich am nächsten Montag vier +Tage Karzer anzutreten. Verhöhnt von meinen Mitschülern, die mir +Thiodolf, deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen, in dumpfer +Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, daß mich +mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich +totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen würde. Vor +beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band +etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere Münzen, welche +mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuß und +den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstübchen +Lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der +Straße nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich fürs +erste zu wenden gedachte. + +In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine Straße zog. +Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese +tapfern, frommen, liebevollen, biederen Männer, sie hatten nicht +geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll +Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir +herübertönten, die mutigen Töne der Trompete, Rüdengebell, +Waffengeklirr, Sporenklang, süße Akkorde der Laute--alles, alles +dahin, alles nichts als eine löschpapierne Geschichte, im Hirn eines +Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckerpresse zur Welt gebracht! + +Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte. +Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten das liebe +Dresden, nur die Spitzen der Türme ragten, vergoldet vom Abendrot, +über dem Dunstmeer. + +So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in +Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie +jene Türme vor meiner Seele. Wohlan! sprach ich bei mir selbst: + +_O fortes, pejoraque passi + Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas, + Cras ingens iterabimus aequor._ + +Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fühlte +ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um.--" + + * * * * * + + +Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit. Er hat bis auf den +Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum +ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein großer Teil des +letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon +vorüber, und eine eigene über die paar Bogen lesen zu lassen, findet +sich weder ein gehöriger Vorwand, noch würde das Werkchen diese +bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des +Festtages in der Hölle auf den zweiten Teil. + + * * * * * + + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN V1 *** + +This file should be named 8msv110.txt or 8msv110.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8msv111.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8msv110a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. 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