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+The Project Gutenberg EBook of Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1
+by Wilhelm Hauff
+(#6 in our series by Wilhelm Hauff)
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+
+Title: Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1
+
+Author: Wilhelm Hauff
+
+Release Date: November, 2004 [EBook #6890]
+[This file was first posted on February 7, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN V1 ***
+
+
+
+
+Delphine Lettau and the Online Distributed Proofreading Team.
+
+
+
+WILHELM HAUFF
+
+MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN
+
+
+
+ERSTER TEIL.
+
+EINLEITUNG.
+
+
+ Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto
+ Cielo, di ferro scendi, e d'orror cinto.
+ Tasso, befr. Jerusalem, V. 44.
+
+
+
+
+ERSTES KAPITEL
+
+Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.
+
+
+Wer, wie der Herausgeber und Übersetzer vorliegender merkwürdiger
+Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war
+und in dem schönen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird
+gewiß diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen.
+
+Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht
+gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm zu machen. Feine
+Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte man auch sonst wohl dort
+gefunden, seltener, gewiß sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich
+erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor noch nachher,
+einen meiner damaligen Tisch= und Hausgenossen gesehen zu haben, und
+dennoch schlang sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges
+Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner
+den andern kannte oder seine nähere Verhältnisse zu wissen wünschte,
+nie für möglich gehalten hätte.
+
+Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser
+Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit
+des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen für die Gesellschaft
+beigetragen haben. Aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung
+einem sonderbaren, mir nachher höchst merkwürdigen Manne zuschreiben
+zu müssen.
+
+Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor
+Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren
+nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten oder dreißigsten
+bestellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben; denn die
+schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war
+anständig, freundlich sogar, aber kalt. Man ließ einander an der Seite
+liegen, wenig bekümmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man
+einander die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die
+Saladière darzubieten habe, wußte jeder, „aber das Genie, ich meine,
+der Geist" wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch weniger nachher
+aus.
+
+Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor
+dem Hotel hinab und dachte nach über meine Forderungen an die Menschen
+überhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und
+Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über
+das Steinpflaster der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem
+Fenster.
+
+Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante Herrschaft
+schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder auf dem Bock, noch
+hinten im Kabriolett ein Diener saß, was doch eigentlich zu den vier
+Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepaßt
+hätte.
+
+„Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen müssen,"
+dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des großen
+stattlichen Oberkellners, der den Schlag öffnete.
+
+„Zimmer vakant?" rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme.
+
+„So viele Euer Gnaden befehlen," war die Antwort des Giganten.
+
+Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem Wagen und trat
+in die Halle.
+
+„Nr. 12 und 13," rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean
+und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.
+
+Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter
+heraussteigen.
+
+Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er
+hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt.
+
+„Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort," rief ich hinab, „wer war
+denn--"
+
+„Werde gleich die Ehre haben," antwortete der Gefällige und trat bald
+darauf in mein Zimmer.
+
+„Eine sonderbare Erscheinung," sagte ich zu ihm; „ein schwerer Wagen
+mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung."
+
+„Gegen alle Regel und Erfahrung," versicherte jener, „ganz sonderbar,
+ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter,
+denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein
+Engländer von Profession, haben alle etwas Apartes."
+
+„Wissen Sie den Namen nicht?" fragte ich neugieriger, als es sich
+schickte.
+
+„Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben," antwortete
+jener; „haben der Herr Doktor sonst noch etwas--?"
+
+Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; er ging und ließ
+mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen im achtsitzigen Wagen
+allein.
+
+Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner an mir
+vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum
+gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor
+mich hintrat, mir solche präsentierend.
+
+„v. Natas, Partikulier," stand aufgeschrieben. „Hat er noch keine
+Bedienung?" fragte ich.
+
+„Nein," war die Antwort, „er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn
+aber weder aus= noch ankleiden dürfen."
+
+Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon
+niedergelassen; ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber saß Herr
+von Natas.
+
+Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir
+jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nähe sah.
+
+Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Augen und der volle Bart von
+glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von den feingespaltenen Lippen
+oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäsche.
+War er alt? War er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn halb
+schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem
+Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu
+dem mutwilligen Auge hinaufzieht, früh gereifte und unter dem Sturm
+der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten; bald glaubte man
+einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der durch
+eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiß.
+
+Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu e i n e r Körperform passen und
+sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, daß es
+Sinnestäuschung sei, daß das Auge sich schon zu sehr an diese Form,
+wie sie die Natur gegeben, gewöhnt habe, als daß es sich eine andere
+Mischung denken könnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten,
+wohlbeleibten Körper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen,
+schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die
+gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem
+Spott um den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten,
+drückte sich auch in dem Körper durch die würdige, aber bequeme
+Haltung, durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der
+Arme, überhaupt in dem leichten, königlichen Anstande des Mannes aus.
+
+So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel saß. Ich
+hatte während der ersten Gänge Muße genug, diese Bemerkungen zu
+machen, ohne dem interessanten _vis-à-vis_ durch neugieriges
+Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien übrigens noch
+mehrere Beobachtungen zu veranlassen; denn an dem oberen Ende der
+Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwährender
+Bewegung; mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen
+höchstens mit bloßem Auge gemustert.
+
+Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen
+Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er
+kam an den Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine
+Münzensammlung und flüsterte dem überraschten Sammler etwas ins Ohr.
+Mit drei tiefen Bücklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen
+und schritt eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden
+aufs neue gestimmt.
+
+Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor
+gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die
+herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlässig in
+seinen Stuhl zurück, er schien nur der Musik zu gehören; aber bald
+bemerkte ich, daß das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern
+rastlos umherlief,--es war offenbar, er musterte die Gesichter der
+Anwesenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie
+machte.
+
+Wahrlich! Dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu
+verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man sich aus der wärmern
+oder kältern Teilnahme an dem Reich der Töne auf die gröbere oder
+geringere Empfänglichkeit des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen
+wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tönen der
+Flöte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern
+der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester
+und straffer.
+
+Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen als die
+Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des
+Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment über die glückliche
+Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gespräch
+über die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.
+
+Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in
+der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, rückten nach und nach
+näher. Mitternacht war herangekommen, ohne daß ich wußte wie; denn der
+Fremde hatte uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen, in alle
+ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille
+gestehen mußten, nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse
+gehört oder gelesen zu haben.
+
+Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen
+auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten
+und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gäste, die sich nie hätten
+einfallen lassen, länger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen
+sich an den immer größer werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie
+unter Menschen sich befanden, die der Zufall aus allen Weltgegenden
+zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die
+Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit
+seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum _Maître de
+plaisir_ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in die herrliche
+Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber
+schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen
+gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation
+führte.
+
+Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben
+getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, so fühlte
+jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen; auf
+leichten Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die Tafel,
+mutwilliger wurden die Scherze, kühner die Blicke der Männer,
+schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in
+so fessellosen Strömen, daß man nachher wenig mehr davon wußte, als
+daß man sich göttlich amüsiert habe.
+
+Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit
+entfernt, je in's Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. Er griff irgend
+einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, spielte
+das Gespräch geschickt weiter, wußte jedem seine tiefste
+Eigentümlichkeit zu entlocken und ergötzte durch seinen lebhaften
+Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von
+dem tiefsten Gefühl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune
+streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der
+feinen Grenze des Anstandes gaukeln.
+
+Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen sein,
+wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das
+Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen hätte; jener zarte,
+geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhüllte,
+reizte nur zu dem lüsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das
+üppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen unserer schönen
+Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht
+widersprechen; seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich
+hin, sie umhüllten die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen
+Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.
+
+* * * * *
+
+
+
+
+ZWEITES KAPITEL
+
+Der schauerliche Abend.
+
+
+So hatte der geniale Fremdling mich und zwölf bis fünfzehn Herren und
+Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren
+ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die
+Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir
+morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange
+gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten,
+schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um
+den Fuß geschlungen zu haben.
+
+Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem
+sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr
+von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner
+entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor
+Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar
+da sein.
+
+Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß uns diese
+Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden uns die Flügel
+zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen.
+
+Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine
+auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, daß es mir nicht
+aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern
+Gestalt, schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so
+abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drängte er sich
+mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich
+nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blicke
+hauptsächlich, große Ähnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder
+Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer
+von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um
+sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens
+fatal; denn man behauptete, daß, so oft er uns besucht habe, immer ein
+bedeutendes Unglück erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken
+nicht los werden, Natas habe die größte Ähnlichkeit mit ihm, ja, es
+sei eine und dieselbe Person.
+
+Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden
+Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften
+Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserem Freunde,
+der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch
+unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine
+Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten, unter
+einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen
+zu haben.
+
+„Sie könnten einem ganz bange machen," sagte die Baronin von Thingen,
+die nicht weit von mir saß, „Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum
+ewigen Juden oder, Gott weiß, zu was sonst noch machen!"
+
+Ein kleiner ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen
+sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still
+vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer
+„vergleichenden Anatomie", wie er es nannte, still vor sich
+hingelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose
+zwischen den Fingern umgedreht, daß sie wie ein Rad anzusehen war.
+
+„Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge
+halten," brach er endlich los, „wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte
+ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz
+absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und
+da der Gedanke in mir aufblitzen: ‚Den hast du schon gesehen, wo war
+es doch?' aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück,
+wenn er mich mit dem schwarzen, umherspringenden Auge erfaßte."
+
+„So war es mir gerade auch,--mir auch,--mir auch," riefen wir alle
+verwundert.
+
+„Hm! he, hm!" lachte der Professor. „Jetzt fällt es mir aber von den
+Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als der, den ich schon vor
+zwölf Jahren in Stuttgart gesehen habe."
+
+„Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhältnissen?" fragte Frau
+von Thingen eifrig und errötete halb über den allzugroßen Eifer, den
+sie verraten hatte.
+
+Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: „Es
+mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses
+einige Monate in Stuttgart, zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten
+Gasthöfe und speiste auch dort gewöhnlich in großer Gesellschaft an
+der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das
+Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach
+sehr eifrig über einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit
+die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandtheit
+in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur
+über seinen Charakter war man nicht recht einig; denn die einen
+machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die
+dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die
+Türe ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut
+geführt zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich eingefunden
+habe und sah--"
+
+„Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns"--„denselben, der uns seit
+einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts
+Übernatürliches; aber hören Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns Herr
+Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche
+Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs
+unterbrach: ‚Meine Herren,' sagte der Höfliche, ‚bereiten Sie sich auf
+eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor;
+der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen
+ein.'"
+
+„Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer
+Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem
+Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: ‚Gerade dem
+Speisesaal gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem
+großen öden Haus; er ist Oberjustizrat außer Dienst, lebt von einer
+anständigen Pension und soll überdies ein enormes Vermögen besitzen.'
+
+„‚Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene
+Gewohnheiten, wie z.B., daß er sich selbst oft große Gesellschaft
+gibt, wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Kuverts aus dem
+Wirtshaus kommen, seine Weine hat er im Keller, und einer oder der
+andere unserer Markörs hat die Ehre zu servieren. Man denkt
+vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich!
+Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein großes Kreuz,
+liegen auf den Stühlen; dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er
+unter den lustigsten Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen,
+und das Ding soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen
+Kellner dazu braucht, denn wer e i n m a l bei einem solchen Souper
+war, geht nicht mehr in das öde Haus.
+
+„‚Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwört
+Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den andern Tag
+nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des
+Oberjustizrats. Er fährt morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den
+andern Morgen zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest
+verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.
+
+„Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr
+täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster
+und betrachtet sein Haus gegenüber von oben bis unten.
+
+„‚Wem gehört das Haus da drüben?' fragt er dann den Wirt.
+
+„Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: ‚Dem Herrn
+Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten.'"
+
+„Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit
+unserem Natas zusammen?"
+
+„Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor," antwortete jener,
+„es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer
+beschaut also das Haus und erfährt, daß es dem Hasentreffer gehöre.
+‚Ach! derselbe, der in Tübingen zu meiner Zeit studierte?' fragt er
+dann, reißt das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und
+schreit: ‚Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!'
+
+Natürlich antwortete niemand, er aber sagt dann: ‚Der Alte würde es mir
+nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,' nimmt Hut und Stock,
+schließt sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor."
+
+„Wir alle," fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, „waren sehr
+erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und freuten uns königlich
+auf den morgenden Spaß. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab,
+ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen köstlichen Scherz mit dem
+Oberjustizrat vorhabe.
+
+„Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und
+belagerten die Fenster. Eine alte, baufällige Chaise wurde von zwei
+alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie hielt vor dem
+Wirtshaus; ‚das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,' tönte es von
+aller Mund, und eine ganz besondere Fröhlichkeit bemächtigte sich
+unser, als wir das Männlein zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen
+Röcklein angetan, ein mächtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen
+sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so
+gelangte er ins Speisezimmer.
+
+„Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als
+damals; denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete der Alte,
+gerades Weges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt im
+Schwan recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mußte Barighi
+verschwunden sein; denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch
+die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu
+sehen.
+
+„Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem
+Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und
+unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras, die Jalousien waren
+geschlossen; zwischen einigen schienen sich Vögel eingebaut zu haben.
+
+‚Ein hübsches Haus da drüben,' begann der Alte zu dem Wirt, der immer
+in der dritten Stellung hinter ihm stand. ‚Wem gehört es?'--‚Dem
+Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.'
+
+„‚Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?' rief er
+aus. ‚Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine
+Anwesenheit kund täte.' Er riß das Fenster auf: ‚Hasentreffer--
+Hasentreffer!' schrie er mit heiserer Stimme hinaus.--Aber wer
+beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus, das wir
+wohlverschlossen und verriegelt wußten, ein Fensterladen langsam sich
+öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der
+Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weißen
+Mütze, unter welcher wenige graue Löckchen hervorquollen; so, gerade
+so pflegte er sich zu Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fältchen
+des bleichen Gesichts war der gegenüber der nämliche wie der, der bei
+uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit
+derselben heiseren Stimme über die Straße herüberrief: ‚Was will man,
+wen ruft man? he!'
+
+„‚Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?' rief der auf unserer
+Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend
+am Fenster hielt.
+
+„‚Der bin ich,' kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem
+Kopfe; ‚steht etwas zu Befehl?'
+
+„‚Ich bin er ja auch,' rief der auf unserer Seite wehmütig, ‚wie ist
+denn dies möglich?'
+
+„‚Sie irren sich, Wertester!' schrie jener herüber. ‚Sie sind der
+Dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, daß
+ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.'
+
+„‚Kellner, Stock und Hut!' rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod,
+und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen Brust
+herauf. ‚In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele;--
+vergnügten Abend, meine Herren!' setzte er hinzu, indem er sich mit
+einem freundlichen Bückling zu uns wandte und dann den Saal verließ.
+
+„‚Was war das?' fragten wir uns. ‚Sind wir alle wahnsinnig?'--
+
+„Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster heraus,
+während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die
+Straße stieg. An der Haustüre zog er einen großen Schlüsselbund aus
+der Tasche, riegelte--der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu--
+riegelte die schwere, knarrende Haustür auf und trat ein.
+
+„Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück; man sah, wie er
+dem unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.
+
+„Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich vor Entsetzen und
+zitterten. ‚Meine Herren,' sagte jener, ‚Gott sei dem armen
+Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.'--Wir
+lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, daß es ein Scherz
+von Barighi sei; aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das
+Haus gehen können außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln den
+Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an
+der Tafel gesessen; wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende
+Maske anziehen können, auch vorausgesetzt, er hätte sich das fremde
+Haus zu öffnen gewußt? Die beiden seien aber einander so greulich
+ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht
+hätte unterscheiden können. ‚Aber um Gottes willen, meine Herren, hören
+Sie nicht das gräßliche Geschrei da drüben?'
+
+„Wir sprangen ans Fenster, schrecklich trauervolle Stimmen tönten aus
+dem öden Hause herüber; einige Male war es uns, als sähen wir unsern
+alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am
+Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still.
+
+„Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag
+hinüberzugehen! Alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die
+große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich
+niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der
+Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der
+Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren
+verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag
+der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche
+Frisur schrecklich verzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.
+
+„Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo
+jemals eine Spur gesehen."
+
+* * * * *
+
+
+
+
+DRITTES KAPITEL.
+
+Der schauerliche Abend. (Fortsetzung.)
+
+
+Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile
+still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich;
+ich wollte das Gespräch wieder anfachen oder auf eine andere Bahn
+bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform,
+wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen,
+zuvorkam.
+
+„Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzählige Male für
+einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte
+anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem
+Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechslung weniger bei jenen
+platten, alltäglichen, nichtssagenden Gesichtern als bei auffallenden,
+eigentlich interessanten vorkommt."
+
+Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen;
+aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres
+Natas. „Jeder von uns gesteht," sagte er, „daß er dem Gedanken Raum
+gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort
+gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein
+gebietender Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf
+ewig sich ins Gedächtnis zu prägen."
+
+„Sie mögen so unrecht nicht haben," entgegnete Flaßhof, ein
+preußischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei
+Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison
+zurückzukehren. „Sie mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle
+aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für
+Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata
+gekannt und weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei
+dicker war als ich, und auch sonst nicht die geringste Ähnlichkeit in
+Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte
+ich beinahe täglich den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und
+Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu werden und lange
+Klagen um schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen.
+Selten gingen sie überzeugt von mir, daß ich nicht Michele d'Agata
+sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet
+mich an: ‚Herr Agata.' Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata
+begrüßt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den
+ich wohl kannte. ‚Guten Abend, Herr Agata,' war sein Gruß, indem er
+vorüberging.--Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele
+d'Agata."
+
+Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängstigenden
+Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt
+hatte, erlöste. Das Gespräch floß ruhiger fort; man stritt sich um das
+Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichtsschnitt zu
+haben, über den Einfluß des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und
+auf das Auge insbesondere; man kam endlich auf Lavater und Konsorten;
+Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr
+wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der
+Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu
+betrachten.
+
+„Welch ein leichtsinniges Volk," seufzte er, „ich habe sie jetzt
+soeben gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja, sie wagten
+in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus
+hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche,
+als ob der Versucher nicht immer umherschleiche."
+
+Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab. „Noch
+nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen
+bemerkt," sagte ich; „aber Sie sehen mich in Erstaunen durch Ihre
+kühnen Angriffe auf die böse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie
+sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas...."
+
+„Harmlos nennen Sie ihn?" unterbrach mich der Professor, heftig meine
+Brust anfassend, „harmlos? haben Sie denn nicht bemerkt," flüsterte er
+leiser, „daß alles bei diesem feinen--Herrn berechneter Plan ist? O,
+ich kenne meine Leute!"
+
+„Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?"
+
+„Haben Sie nicht bemerkt," fuhr er eifrig fort, „daß der gebildete
+Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm
+fünf Nächte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern
+nacht noch fünfzehnhundert Dukaten gewinnen ließ? Er nennt den
+abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelsten Sentiments und
+schwört auf Ehre, er müsse über die Hälfte wieder an den Fremden
+verlieren, sonst habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt,
+wie er den Ökonomierat gekörnt hat?"
+
+„Ich habe wohl gesehen," antwortete ich, „daß der Ökonomierat, sonst
+so moros und misanthropisch, jetzt ein wenig aufgewacht ist; aber ich
+habe es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft zugeschrieben."
+
+„Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften
+umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder
+Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet,
+einen großen Wurm im Leibe zu haben, und macht allen Leuten das Leben
+sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn
+dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht
+wie ein anderer vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er soll
+seine Jugend, wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms nennt,
+genießen, viel Wein trinken &c., und das _et cetera_ und den Wein
+benützt er seit vier Tagen ärger als der verlorene Sohn."
+
+„Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? Der Mann ist sich
+und dem Leben wieder geschenkt--"
+
+„Nicht davon spreche ich," entgegnete der Eifrige, „der alte Sünder
+könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß er sich dem
+nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muß. Ich
+habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon
+zusehends."
+
+Der Eifer des Professors war mir nun einigermaßen erklärlich, der
+Brotneid schaute nicht undeutlich heraus.--
+
+„Und unsere Damen," fuhr er fort, „die sind nun rein toll. Mich dauert
+der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen soll er
+hier ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man je gehört,
+daß eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glücklichen
+Ehe sich in ein solches Verhältnis mit einem ganz fremden Menschen
+einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!"--
+
+„Wie? die schöne bleiche Frau dort!" rief ich aus.--
+
+„Die nämliche bleiche," antwortete er, „vor vier Tagen war sie noch
+schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf
+der Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, daß sie _Rouge fin_
+kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heißt
+Bonton), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie
+habe ein so interessantes _je ne sais quoi_, das zu einem blassen
+Teint viel besser stehe. Was tut Sie? wahrhaftig, sie geht in den
+nächsten Galanterieladen und sucht weiße Schminke; ich war gerade
+dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da hörte ich sie mit ihrer süßen
+Stimme den rauhhaarigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das
+Weiß nicht noch etwas ä t h e r i s c h e r habe? Hol mich der T-----!
+hat man je so etwas gehört?"
+
+Ich bedauerte den Professor aufrichtig; denn, wenn ich nicht irre, so
+suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon
+etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es
+aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich
+selbst. Von der Schminkegeschichte, die jenen so sehr erboste, wußte
+ich zwar nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand,
+hatte keinen weiteren Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung
+daraus zu erläutern.
+
+Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang
+geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke
+des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. „Himmel,"
+seufzte er, „und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher
+Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden
+Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß
+geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen
+Formen der schwellenden--"
+
+„Herr Professor!" rief ich, erschrocken über seine Extase, und
+schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. „Sie geraten außer sich,
+Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?"
+
+„Er hat sie auch," fuhr er zähneknirschend fort. „Haben Sie nicht
+bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte?
+Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, Witwe,--sie hat alles, um
+eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Männer von Ruf in der
+literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen--
+Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir der
+Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß man ihn
+vorgestern nachts aus ihrem Zimmer...."
+
+„Ich bitte, verschonen Sie mich," fiel ich ein, „gestehen Sie mir
+lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel
+gebracht hat."
+
+„Das ist es eben," antwortete der Gefragte, verlegen lächelnd, „das
+ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er
+brachte einmal das Gespräch darauf und entwickelte so tiefe
+Kenntnisse, deckte so neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf
+schwindelte. Ich möchte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und
+Notizen bitten; es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in
+seine Nähe, und doch könnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen."
+
+Wie komisch war die Wut dieses Mannes! Er ballte die Faust und fuhr
+damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie
+Katzenaugen, sein kurzes, schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu
+richten.
+
+Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß er ja nicht
+ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber
+er ließ mich nicht zum Worte kommen.
+
+„Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,"
+rief er, „um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer
+und hast eine feine Nase; aber ein ----r Professor wie ich, der sogar
+in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens
+deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine
+feinere als du."
+
+Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen
+schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und
+glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich
+ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu
+zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder
+das Lachen gehört, noch konnte er meine Erscheinung sehen; denn als er
+sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die
+Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des
+geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.
+
+Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug
+der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit
+war, ward die Türe aufgerissen und Herr von Natas trat stolzen
+Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln maß er die
+Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden
+sei, und ich glaubte zu bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen
+forschenden Blick auszuhalten vermochte.
+
+Mit der ihm in eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber,
+neben der Frau von Thingen, Platz genommen und die Leitung der
+Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen ließ den Professor
+nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen
+Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz am
+Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von
+Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter
+des Ökonomierats so viel Verbindlichkeiten zu sagen wußte, daß sie
+einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen ihrer
+Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen
+auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ.
+
+„Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch--meiner Seel'--
+aller Ehre wert," brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch
+seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor
+dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er
+an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine
+Mauer, neben seine Schöne. Doch diese schien nur Ohren für Natas zu
+haben; denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde,
+„übermorgen," und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine
+sehr zerstreut, meinte sie „1 fl. 30 kr. die Elle."
+
+Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der
+nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder
+gut machen, ja durch ein Paar _ottave rime_ sich sogar bei der
+Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder
+Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil;
+denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem
+überlegen, führte ihn so aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik
+zu reißen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.
+
+Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit
+der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern Blicken
+zwischen Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer
+schönen, runden Arme sich bewußt, den gewaltigen silbernen Löffel
+ergriffen, um beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu
+entwickeln. Jene aber kredenzte die gefüllten Becher mit solcher
+Anmut, mit so liebevollen Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig
+so viel als möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.
+
+Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends
+verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu
+färben und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit
+einem Male; als sei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des
+Anstandes herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mit auf
+und nieder, das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man
+lachte, und jauchzte und wußte nicht über was. Man kicherte und neckte
+sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit
+Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder,
+das ich vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte wirklich, es war
+Natas, der dem Professor zuhörte und trotz dem Eifer und Ernst, mit
+welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres
+Gelächter ausbrach.
+
+„Nicht wahr, meine Herzen und Damen," schrie der Punsch aus dem
+Professor heraus, „Sie haben vorhin selbst bemerkt, daß unser
+verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon
+begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Raison, einen so im Sand
+sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnädige
+Frau! Sagen Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!"
+
+Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in großer
+Verlegenheit. „Ich erinnere mich," gab ich zur Antwort, als alles
+schwieg, „von interessanten Gesichtern und ihren Verwechselungen
+gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von
+Natas aufgeführt."
+
+Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn
+unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder
+alles.
+
+„Was da! ich nehme kein Blatt vor der Mund!" sagte er, „ich
+behauptete, daß mir ganz unheimlich in dero Nähe sei, und erzählte,
+wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben, wissen Sie
+noch, gnädiger Herr?"
+
+Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer
+umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner
+Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein
+älterer, unheimlicher Mensch.
+
+„Da hat man's ja deutlich," rief der Professor, „dort läuft er als
+Barighi umher."
+
+„Barighi?" entgegnete Frau von Trübenau. „Bleiben Sie doch mit Ihrem
+Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da
+hereingekommen ist."
+
+„Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau," unterbrach sie
+der Oberforstmeister, „es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in
+Wiesbaden letzten Sommer assoziiert war."
+
+„Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann," sprach Frau von Thingen,
+den Auf= und Abgehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, „es
+ist ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die
+Gitarre beibringt."
+
+„Warum nicht gar!" brummte der alte Ökonomierat, „es ist der lustige
+Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D---n
+verschafft."
+
+„Ach! Papa!" kicherte sein Töchterlein, „jener war ja schwarz, und
+dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der
+sich bei uns ins Praktische einschießen wollte?"
+
+„Hol mich der Kuckuck und alle Wetter," schrie der preußische
+Hauptmann, „das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir
+mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich
+morgen, gleich jetzt." Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig
+Auf= und Abgehenden losstürzen. Der Professor aber packte ihn am Arm:
+„Bleiben Sie weg, Wertester!" schrie er, „ich hab's gefunden, ich
+hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der S a t a n!"
+
+* * * * *
+
+
+
+
+VIERTES KAPITEL.
+
+Das Manuskript
+
+
+So viel, als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend
+noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich
+auf alles wieder besinnen konnte. Ich muß in einem langen, tiefen
+Schlaf gewesen sein; denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und
+fragte, indem er die Gardine für die Morgensonne öffnete, ob jetzt der
+Kaffee gefällig sei?
+
+Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute
+hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei.
+
+Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lächeln, das
+müsse ich besser wissen als er.
+
+„Ah! ich erinnere mich," sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu
+verbergen, „nach der Abendtafel...."
+
+„Verzeihen der Herr Doktor," unterbrach mich der Geschwätzige. „Sie
+haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15."
+
+„Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon
+auf?"
+
+„Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?" fragte der
+Kellner.
+
+„Kein Wort!" versicherte ich staunend.
+
+„Er läßt sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie möchten doch in T.
+bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten, seiner und des gestrigen
+Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt."
+
+„Aha, ich weiß schon," sagte ich; denn mit einemmal fiel mir ein Teil
+des gestern Erlebten ein. „Wann ist er denn abgereist?"
+
+„Gleich in der Frühe," antwortete jener, „noch vor dem Ökonomierat und
+dem Herrn Oberforstmeister."
+
+„Wie? so sind auch diese weggereist?"
+
+„Ei ja!" rief der staunende Kellner. „So wissen Sie auch das nicht?
+Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige Frau von Trübenau--"
+
+„Sie sind auch nicht mehr hier?"
+
+„Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau weggefahren,"
+versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht
+träume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem
+Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.
+
+„Und Herr von Natas?" fragte ich kleinlaut.
+
+„Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen
+wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit gekommen."
+
+„Wieso?"
+
+„Nun bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer hätte aber auch
+dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut zur Ader zu lassen
+verstünde?"
+
+„Zur Ader lassen? Herr von Natas?"
+
+„Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen und
+haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir."
+
+Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: „Es mochte kaum elf Uhr
+gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei--"
+
+„Was für eine Geschichte mit der Polizei?"
+
+„Nun, Nr. 15 ist vorn hinaus, und weil, mit Permiß zu sagen, dort ein
+ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte
+abbieten. Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn
+Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, daß sie wieder weitergingen.
+Also gleich nachher kam das Kammermädchen der Frau von Trübenau
+herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich
+denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf
+und zwölf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf; auf der Treppe begegnet
+uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe,
+hört kaum, wo es fehlt, so läuft er in sein Zimmer, holt sein Etui,
+und ehe fünf Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der
+Lanzette eine Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufsprang.
+Sie schlug die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl; doch
+versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen."
+
+„Ei! was Sie sagen, Jean!" rief ich voll Verwunderung.
+
+„Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von
+neuem los. Aus Nr. 18 läutete es, daß wir meinten, es brenne drüben in
+Kassel. Des Herrn Ökonomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfalle
+bekommen. Der Alte mochte ein Glas über den Durst haben; denn er
+sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten
+nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu
+nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem
+Kammermädchen zu wachen; aber, lieber Gott, geschlafen muß er haben
+wie ein Dachs; denn wir pochten drei=, viermal, bis er uns Antwort
+gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht mehr zu erwecken."
+
+„Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?"
+
+„Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit
+aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben."
+
+„Armer Professor!" dachte ich, „dein hübsches Röschen mit ihren
+sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein
+Pflaster ans das pochende Herz pappend."
+
+„Der Herr Papa Ökonomierat war wohl sehr angegriffen durch die
+Geschichte?" fragte ich, um über die Sache ins Klare zu kommen.
+
+„Es schien nicht; denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem
+Hirschhorngeist aus der Apotheke zurückkam. Aber es läutet im zweiten
+Stock, und das gilt mir." Er sprach's und flog pfeilschnell davon.
+
+So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wußte
+ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. Ich entsann mich
+zwar, daß gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war;
+was es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.
+
+Sollte Natas mir Aufschluß geben können? Doch, wenn ich recht
+nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in
+meiner Erinnerung umher--am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und
+ihn um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.
+
+Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen
+Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett:
+
+„Ew. Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner
+Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal
+besuchen wollten. v. Natas."
+
+Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig
+zwischen Koffern und Kästchen stehen. Er kam mir mit seiner
+gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein
+unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund spielte und
+den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.
+
+Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als schwachen Trinker
+ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzählte mir,
+daß ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden
+Blick, was ich noch von gestern nacht wisse.
+
+Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie
+herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.
+
+Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer großen
+Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien
+alle, sogar der morose Ökonomierat, dorthin gereist, ihn selbst aber
+riefen seine Geschäfte den Rhein hinab.
+
+Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie maß er dem starken
+Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele
+medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufällen
+helfen zu können.
+
+Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte
+von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten Rheinweins. Natas
+hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns solange hier
+gefesselt.
+
+„Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?" fragte er mich, während wir
+den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften.
+
+„Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?" antwortete ich
+ihm. „Ich habe mich früher als Dichter versucht, aber ich sah bald
+genug ein, daß ich nicht für die Unsterblichkeit singe. Ich griff
+daher einige Töne tiefer und übersetzte unsterbliche Werke fremder
+Nationen fürs liebe deutsche Publikum."
+
+Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte
+mich, ob ich mich entschließen könnte, die Memoiren eines berühmten
+Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu
+übersetzen? „Vorausgesetzt, daß Sie dechiffrieren können, ist es eine
+leichte Arbeit für Sie, da ich Ihnen den Schlüssel dazu geben würde
+und das Manuskript im Hochdeutschen abgefaßt ist."
+
+Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren
+verstand ich früher und hoffte es mit wenig Übung vollkommen zu
+lernen. Er schloß ein schönes Kästchen von rotem Saffian auf und
+überreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die
+Zeichen krochen mir vor dem Auge umher wie Ameisen in ihren
+aufgestörten Hügelchen; aber er gab mir den Schlüssel seiner
+Geheimschrift, und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.
+
+Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank für seine
+Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für die schönen Tage, die
+er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentüre
+schloß sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an,
+und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern
+des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von
+gestern her unter den Bruchstücken meiner Erinnerung bewahrte.
+
+Als ich die Treppe hinanstieg, händigte mir der Oberkellner einen
+Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Händen zu
+übergeben befohlen; ich riß ihn auf--
+
+„Verehrter, Wertgeschätzter!
+
+„Ich bin im Begriff, mein Roß zu besteigen und aus dieser Höhle des
+brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl,
+weil Sie aus der todähnlichen Betäubung, die Sie härter als uns alle
+befallen hat, nicht zu wecken sind. Daß unser schönes Zusammenleben so
+schauerlich enden mußte! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie
+es klar, daß dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan
+war!
+
+„Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblicke über die Schulter und
+liest, was ich sage: aber dennoch schweige ich nicht. Den armen
+Ökonomierat und sein Töchterlein, die blasse Trübenau, meine schöne
+Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz.
+Gott gebe, daß er Sie nicht auch geködert hat. Mich hat er halb und
+halb; denn ich habe allzu tief eingebissen in seine mit chemischen
+Ideen bespickte Angel. Ich reiße mich los und mache, daß ich
+fortkomme.
+
+„Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, früh 6 Uhr."
+
+Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, es war der
+Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem
+es gestern Spaß gemacht hatte, uns zu ängstigen; es mußten des Teufels
+Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.
+
+Wer stand mir aber dafür, daß diese Schriftzüge mir nicht durch die
+Augen ins Gehirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte
+ich mich nicht gerade dadurch, daß ich den Dechiffreur und Dekopisten
+des Satans machte, unbewußt in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?
+
+Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor
+nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von
+irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen.
+Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen
+in sein ewiges Reich gehaudert, oder er hat mich in den April
+geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.
+
+In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche
+angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid,
+ich solle so viele Messen darüber lesen lassen, als das Manuskript
+Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht übel. Ich reiste in meine
+Heimat und schickte am nächsten Sonntag den ersten Satansbogen in die
+Kirche. _Probatum est_; am Montag fing ich an zu dechiffrieren
+und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch
+an mir bemerkt.
+
+Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört. Der
+Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu
+glänzen, und ich fürchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehör zu
+geben, der ihn zu einem B e r z e l i u s machen will. Der Hauptmann
+soll sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schöne Witwe,
+hat nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten vor nicht gar
+langer Zeit wieder geheiratet.
+
+* * * * *
+
+
+
+
+DIE STUDIEN DES SATAN AUF DER BERÜHMTEN UNIVERSITÄT ......EN.
+
+ „Betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht
+ echt! der echte Ring vermutlich ging verloren."
+ Lessing, Nathan. III. 7.
+
+
+
+
+FÜNFTES KAPITEL.
+
+Einleitende Bemerkungen.
+
+
+Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons
+der großen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der
+Mittelstädte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von
+Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja, es
+könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf
+der Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Feder, um
+den Menschen schriftlich darzutun, daß auch sie in einer merkwürdigen
+Zeit gelebt, daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt haben,
+die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von
+Bedeutsamkeit verliehen.
+
+Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer früheren Grandezza,
+wo sie, wie in der Bilderfibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette
+gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, daß sie auf
+Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um
+sich gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren
+für ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die
+Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen
+Maßstab, wonach sie die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es
+sind die Memoiren.
+
+Große Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel jenes
+Römers nachzuahmen, der in der Muße des Friedens die Taten der
+Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern
+glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person spräche,
+haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es
+Männern von solchem Gewichte ziemt, als ich, bauen aus ihren Memoiren
+ein Odeon in verjüngtem Maßstabe und treten herzhaft vorne auf der
+Bühne auf. Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren sie die
+Kulissen; Staatsmänner und berühmte Damen, die große Armee und ihre
+lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund
+als Figuranten aus; sie selbst aber spielen ihre Sullas oder Brutus,
+würdig des unsterblichen Talma.
+
+_Mundus vult decipi_, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich
+ab, denselben auch ein solches Gericht „Gerngesehen" vorzusetzen?
+
+Man wendet vielleicht ein: „Der Schuster bleibe bei seinem Leisten,
+der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben."
+
+Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hätte,
+Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr
+gesehen hätte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen
+Krieger, welche die Welt mit ihrem l i t e r a r i s c h e n Ruhme
+anfüllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört
+haben; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte, auch
+für einen _homo literatus_ zu gelten?
+
+Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem lieben
+Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reißt es mich hin zu
+schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit
+Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt
+sein?
+
+Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen
+meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann
+vom Gewerbe &c. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen, welche,
+wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind,
+anzuführen die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Söhne des
+Lagers, die unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut,
+keine Zeit hatten, _Humaniora_ zu studieren, und dennoch so
+glänzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, daß das
+Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist; denn ich
+bin in _optima forma_ Doktor der Philosophie geworden, wie aus
+meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiß
+aufweisen.
+
+Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren
+auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor
+den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, daß ich übel
+wegkommen könnte, indem solche niemand schonen, ja sogar neuerdings
+selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart
+mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, daß das
+Sprichwort _„clericus clericum non decimat" _ füglich auch auf
+mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich
+ja doch schon im Alten Testament S a t a n, _adversarius_, das
+ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den
+schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort
+werde ich _diabolos_ oder Verleumder genannt; da nun _diaballein_
+soviel als _acerbe recensere_, so müsse er, wenn er nur ein wenig Logik
+habe, den Schluß von selbst ziehen können.
+
+Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt vor meiner
+Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, daß es mir auf diese Art
+nicht fehlen könne.
+
+Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren
+vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede
+finden, das den Werken tief denkender Geister so eigen zu sein pflegt.
+Man wird kürzere und längere Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben
+auf der Erde finden und den inneren Zusammenhang vermissen.
+
+Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein
+Gemälde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen
+soliden Buchhandlungen Deutschlands.
+
+Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und
+seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt und darüber
+reflektiert, wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn
+oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehung haben, wenn er
+berühmte Zeitgenossen und seine Verhältnisse zu ihnen dem Auge
+vorführt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt
+zu haben; sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten,
+die meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem geehrten Publikum
+als Schriftsteller aufzutreten. [Fußnote: Was der Satan hier ernsthaft
+und gelehrt spricht, er gebärdet sich beinahe wie ein junger Kandidat
+der Theologie, der seine erste Predigt drucken läßt! Anm. des
+Herausgebers.]
+
+Über Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder glänzende
+Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darüber zu sagen
+sein könnte, habe ich in dem Abschnitt „Besuch bei Goethe"
+ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin.
+
+Fleißige Leser, d. s. solche, die Bogen für Bogen in einer
+Viertelstunde überfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt nicht
+überschlagen, da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen
+eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierüber
+nichts zu sagen als: sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich
+langweilen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt, hat
+der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es
+scheint ihm nämlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit;
+man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er
+über sich einige Bemerkungen macht; es wäre genug gewesen, wenn er nur
+angedeutet hätte, daß dies oder jenes darin zu finden sei; aber dem
+Leser zu empfehlen, er möchte doch den Abschnitt, in welchem jene
+enthalten sind, nicht überschlagen, ist sehr anmaßend.
+
+Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie
+z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein,
+was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich ist, doch wenigstens
+mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste
+ist. Ich habe das Manuskript flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe
+jeder Bogen hinlänglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und
+fand, daß er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen Zeit
+angehören, und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von
+zehn, zwanzig Jahren auftreten läßt; man sieht wohl, daß er keine gute
+Schule gehabt haben muß.
+
+Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leser trotz dem Teufel
+wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel
+vorausgesetzt. D e r H e r a u s g e b e r.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+SECHSTES KAPITEL.
+
+Wie der Satan die Universität bezieht und welche Bekanntschaften er
+dort macht.
+
+
+Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe
+es, es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man
+glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen
+philosophischen Wagehälsen, die auf die Gefahr hin, daß ich sie zu mir
+nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom
+gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn
+dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch
+immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und
+Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.
+
+Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit
+hinaufgeschraubt sind, daß sie, ich schweige von einem Gott, sogar an
+keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar
+meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Ansehen bleibe. Hand
+in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube
+an mich, und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde
+gehört: „_Anathema sit_, e r g l a u b t a n k e i n e n
+T e u f e l."
+
+Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht schon früher auf den
+vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer
+Universität zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester
+zu Semester systematisch traktiert.
+
+Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt
+zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich
+einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, daß mir ein
+guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas
+Medizin fehle; zwar als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen
+Kursus bei Meßmer genommen und nachher manche glückliche Kur gemacht.
+Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden
+Redensarten, die in Deutschland kursieren: e i n d u m m e r T e u f
+e l, e i n a r m e r T e u f e l, e i n u n w i s s e n d e r
+T e u f e l, was offenbar auf meine vernachlässigte wissenschaftliche
+Bildung hindeuten soll.
+
+Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel
+gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloß ich mich, zu
+studieren, und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, daß
+ich ein ganz neues System erfände, wovon ich mir keinen geringen
+Erfolg versprach. Ich wählte -----en und zog im Herbst des Jahres 1819
+daselbst auf.
+
+Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem neuen
+Stande gemäß zu kostümieren. Mein Name war v o n B a r b e, meine
+Verhältnisse glänzend, das heißt, ich brachte einen großen Wechsel
+mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als
+Neuling oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte
+schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.
+
+Kein Wunder, daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter,
+den nächsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf
+Leben und Tod am Arme hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe;
+wäre ich Kavalier, so würde ich auf Ehre versichern und „Hol' mich der
+Teufel" als Verstärkungspartikel dazu setzen (denn „Auf Ehre" und
+„Hol' mich der Teufel" verhalten sich zu einander wie der Spiritus
+lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole
+als Satan geben.
+
+Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber
+folgendermaßen: Man kann sich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam;
+wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an
+Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz
+verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von
+Schmalz Werke über die Universitäten, Sands Aktenstücke, Haupt über
+Burschenschaften und Landsmannschaften &c., ward aber noch nicht recht
+klug daraus und merkte, daß mir noch manches abging. Der Zufall half
+mir aus der Not. Ich nahm in F. eine Retourchaise; mein Gesellschafter
+war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin
+legte. Er hatte das _savoir vivre_ eines alten Burschen, und ich
+befliß mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt
+zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.
+
+Es war ein großer, wohlgewachsener Mann von vier= bis fünfundzwanzig
+Jahren, sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Methode
+zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute,
+es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er sich,
+solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht
+war schön, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge
+hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es! Das
+Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein großer Bart
+wucherte von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen
+hing ein vom Bier geröteter Henriquatre.
+
+Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich; die
+Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten, das
+Auge blickte streng und stolz um sich her und maß jeden Gedanken mit
+einer Hoheit, einer Würde, die eines Königssohnes würdig gewesen wäre.
+
+Über die untern Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn,
+konnte ich nicht recht klug werden; denn sie steckten tief in der
+Krawatte. Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr
+Sorgfalt gewidmet zu haben als dem übrigen Anzug; diese beiläufig
+einen halben Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich,
+ohne ein Fältchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das
+Brustbein exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk,
+auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weißgelben
+Rock, den er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried
+nannte und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser
+Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich
+eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel
+die Krawatte sehen ließ, daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut
+versehen sein müsse.
+
+Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Sammet schlossen
+sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und
+dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.
+
+Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form
+eines umgekehrten Blumenscherbens gehängt, das er mit vieler Kunst
+gegen den Wind zu balancieren wußte; es sah komisch aus, fast, wie
+wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt bedecken
+wollte.
+
+Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um
+nicht zu wissen, daß, sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn Bruder
+gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher
+sein Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es
+ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der ersten
+Stunde auffallend vor dem „Philister und dem Florbesen," auf deutsch,
+einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere übrige
+Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde
+hatte ich ihm schon gestanden, daß ich in Kiel studiert und mich schon
+einigemal mit Glück geschlagen habe, und ehe wir nach ------en
+einfuhren, hatte er mir versprochen, eine „fixe Kneipe," das heißt
+eine anständige Wohnung, auszumitteln, wie auch mich unter die Leute
+zu bringen.
+
+Der Herr Studiosus Würger, so hieß mein Gesellschafter, ließ an einem
+Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele zu
+folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die
+ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen
+bedeckt; es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier
+versammelt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang des
+Semesters einzutreffen pflegten, nach gewohnter Weise zu empfangen.
+Würger, der alte, „längst bemooste" Bursche, hatte sich schon
+unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, daß seine Kameraden uns für
+„Füchse" halten würden, und wirklich traf seine Vermutung ein.
+
+Ein Chorus von wenigstens dreißig Bässen scholl von den Fenstern
+herab; sie sangen ein berühmtes Lied, das anfängt: „Was kommt dort von
+der Höh'?" Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch
+der Chaise, und kaum hatte er den Boden berührt, so erhob er sein
+furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor:
+
+„Was schlagt ihr für einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, daß
+zwei alte Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?" (Auf
+deutsch: Lärmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, daß
+zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)
+
+Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner. „Würger! Du
+altes fides Haus!" schrien die Musensöhne und stürzten die Treppe
+herab in seine Arme; die Raucher vergaßen, ihre langen Pfeifen
+wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand.
+Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den
+Angekommenen.
+
+Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich
+bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten und
+angesehensten Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit
+herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem
+Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste
+Häupter an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und
+ein Fuchs mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.
+
+So war ich denn in -----en als Student eingeführt, und ich gestehe,
+es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein
+offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in Fesseln der
+Konvenienz, die gewiß dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen,
+man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt,
+daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht
+wundern, daß ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation
+zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunstwörter (_termini
+technici_), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben
+habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft „Sau", was Glück, mit
+„Pech", was Unglück bedeutet, wie auch „holzen", mit einem Stock
+schlagen, mit „pauken", mit andern Waffen sich schlagen.
+
+Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von
+Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel
+man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen,
+von denen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand; ich merkte mir
+aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die
+Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene:
+„Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit".
+
+Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich t e u f e l s
+m ä ß i g e Sprünge machen konnte, da ich mir überdies nach und nach
+langes Haar wachsen ließ, solches fein scheitelte und kämmte, einen
+zierlich ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte,
+mich auch auf die Klinge nicht übel verstand, so war es kein Wunder,
+daß ich bald in großes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte
+diesen Einfluß so viel als möglich, um die Leute nach meinen Ansichten
+zu leiten und zu erziehen und sie „für die Welt zu gewinnen".
+
+Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein
+gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte
+und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte. Wenn
+ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien,
+Frankfurt usw. dachte, an die vergnügten Stunden, die ich in ihrem
+Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren
+schönen, hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren gesunden Verstand,
+ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im
+Tanzsaal, nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu
+lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben würzt und aufregt,
+anwenden sah, wenn ich sie, statt schönen Mädchen nachzufliegen, in
+die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren
+anzuhören, so konnte ich ein widriges Gefühl in mir nicht
+unterdrücken.
+
+Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte, zog ich einige lustige
+Brüder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche
+Lieder vor, wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten,
+daß sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe.
+Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre,
+musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn
+die Schäflein innen waren und der Küster den Stall zumachte, mit den
+Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber und bot alles auf, die
+Gäste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder der Professor N. in
+der Kirche seine Zuhörer.
+
+Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partei auf meiner
+Seite. Die Frömmeren schrien von Anfang über den rohen Geist, der
+einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir christliche Burschen seien;
+aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan,
+daß sie sich am Ende selbst schämten, in der Kirche gesehen zu werden,
+und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtüre zu sein;
+aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren gefüllter als
+je, es wurde viel getrunken, ja es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im
+Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab sogar
+eigentliche Kunsttrinker!
+
+Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben, aber die
+Altdeutschen trösteten sich damit, daß ihre „Altvordern" auch durch
+Trinken exzelliert haben; die Frömmsten ließen sich große Humpen
+verfertigen und zwangen und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von
+Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den
+Feineren, Gebildeteren war es natürlich von Anfang auch ein Greuel;
+ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nämlich in
+seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein:
+
+„Jerusalem bemerkt schön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem
+schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von
+stärkendem Schlammbad sei, um die Überfeinerung abzuwenden, mit der
+jener Flor bedrohe; ich glaube, daß einer, der erwägt, wie weit die
+Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein
+gewisses barbarisches Mittelalter--das sogenannte Burschenleben--
+gönnen werde, das ihn wieder so stählt, daß die Verfeinerung nicht
+über die Grenze geht."
+
+Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit für diese Stelle
+meinen herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was
+konnten die Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in
+die schwarzgerauchte Kneipe, „verschlammten" sich recht tüchtig in dem
+„barbarischen Mittelalter" und hatten kraft ihres inwohnenden Genies
+meine älteren Zöglinge bald überholt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+SIEBENTES KAPITEL.
+
+Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.
+
+
+Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben
+machte, vergaß ich auch das _dic cur hic_ nicht und legte mich
+mit Ernst aufs T h e o r e t i s c h e. Ich hörte die Philosophen und
+Theologen und hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und
+Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen zu reden, von
+einem der hellsten Lichter jener Universität, wenn in der Ferne von
+ihm die Rede war, oft sagen hören, d e r K e r l h a t d e n T e u
+f e l i m L e i b. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man
+behaupten, solche überschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des
+Stils, eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden
+in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem
+Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel
+ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthäi VIII., 31 und 32
+in die Säue gefahren, aber in einen solchen Philosophen?--Nein, da
+wollte ich mich doch bedankt haben!
+
+Was der gute Mann in seinem schläfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte,
+war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man
+mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare
+kam, daß er ebensowenig fliegen könne wie ein anderer Mensch auch. Er
+aber machte sich groß, weil er aus seinen Schlüssen sich eine
+himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis
+angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen Äther hinan,
+versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe, er
+stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stieß, blickte
+hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen
+Grasboden noch viel hübscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho
+Pansa, als er auf dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die
+Erde so groß wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mücken, über sich--
+nichts.
+
+Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Männer von
+Babel, die einen großen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit
+sich keiner verlaufe in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte
+ihre Sprache, daß weder Meister noch Gesellen einander mehr
+verstanden.
+
+Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über die
+Logik und deduzierte jahrein, jahraus, daß zweimal zwei vier sei, und
+die Herren Studiosi schrieben ganze Stöße von Heften, daß zweimal zwei
+vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte
+seinem Ziele mit größerer Gelassenheit zu als seine illustren
+Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewäsche nicht Evangelium nannte,
+Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt
+aussandten.
+
+Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so
+bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo
+man über die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich
+so viel Umstände machen müßte, um eine liederliche Seele in mein
+Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele
+auf eine große, schwarze Tafel und sagte: „So ist sie, meine Herren!"
+Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in
+der Zirbeldrüse.
+
+Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine
+Leute näher kennen zu lernen, beschloß ich, an einem Sonntag nach der
+Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete
+mich ganz schwarz, daß ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und
+trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen
+zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieser
+Männer machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostüm,
+vernachlässigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins
+Linkische.
+
+Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten
+Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker
+ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze
+Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf
+und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm
+auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und daß ich
+gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte
+einige unverständliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen,
+verzog beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.
+
+Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten,
+voraus und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm her,
+indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter
+vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas
+Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts
+als die Worte: „Pfeife rauchen?" Ich merkte, daß er mir höflich eine
+Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er
+rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.
+
+Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit
+zu geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich
+gänzlich außer Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben ihm
+her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die sein
+Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die
+verschiedenen Kleider= und Wäscherudera, die auf den Stühlen
+umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert
+hatte, wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein
+Aussehen war höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um
+die Glatze, die gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der
+Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene
+Löcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine
+Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fuß mit einem
+Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten,
+abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblößte Bein hing ein
+gelblicher Socken. Ehe ich noch während des unbegreiflichen
+Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen
+konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine große, dürre Frau, mit der
+Röte des Zorns auf den schmalen Wangen, stürzte herein.
+
+„Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, „der Küster ist da
+und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und
+du steckst noch im Schlafrock!"
+
+„Weiß Gott, meine Liebe," antwortete der Doktor gelassen, „das habe
+ich häßlich vergessen! Doch sieh, einen Fuß hatte ich schon zum
+Dienste des Herrn gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den
+Doktor Paulus weidlich schlagen muß."
+
+Ohne darauf zu achten, daß er sich beinahe der letzten Hülle beraube,
+wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreißen, um auch seinen
+übrigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmücken. Sein Eheweib aber
+stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die
+weiten Falten ihrer Kleider auseinander, daß vom Professor nichts mehr
+sichtbar war.
+
+„Sie verzeihen, Herr Kandidat," sprach sie, ihre Wut kaum
+unterdrückend. „Er ist so im Amtseifer, daß Sie ihn entschuldigen
+werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er muß jetzt in
+die Kirche."
+
+Ich ging schweigend nach meinem Hut und ließ den Ehezärter unter den
+Händen seiner liebenswürdigen Xanthippe. „Ein schöner Anfang in der
+Theologie!" dachte ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer
+zu besuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beschloß ich, einige
+Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte.
+
+Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen
+Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mützen von allen Farben und
+Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, deren
+sich ein Sappeur der alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und
+kleine, zierliche Stutzbärtchen, galante Fräcke und hohe Krawatten,
+neben deutschen Röcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saßen die
+jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine
+Mappe, einen Stoß Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit
+gleich _ad notam_ zu nehmen. „O Platon und Sokrates!" dachte ich,
+„hätten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches
+Wort tiefer, heiliger Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie
+majestätisch müßten sich die Folianten von _Socratis opera_ in
+mancher Bibliothek ausnehmen!"--
+
+Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Gestalt drängte
+sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der
+Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefühl
+schien er die Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges
+und begann:
+
+„Hochachtbare, Hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechs
+Taler Honorar zahlten).
+
+„Wertgeschätzte!" (die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten).
+
+„Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut
+gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn
+rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond
+aus Regenwolken.
+
+Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen
+können; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt _de angelis
+malis_, worin ich vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte.
+Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten. „Der Teufel", sagte er,
+„überredete die ersten Menschen zur Sünde und ist noch immer gegen das
+ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte
+ich nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens zu hören;
+aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort T e u f e l stehen und
+daß mich die Juden Beelzebub geheißen hätten. Mit einem Aufwand von
+Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht
+hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und
+her. Er behauptete, die einen erklären, es bedeute einen
+Fliegenmeister, der die Mücken aus dem Lande treiben solle, andere
+nehmen das Sephub nicht von den Mücken, sondern als A n k l a g e, wie
+die Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephub als Grab, _Sepulcrum_.
+Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hört man nicht
+alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei
+Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen
+Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß
+gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den
+Satan so gründlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch
+Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem
+unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick
+aus, die Schnupftücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine
+andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten--
+alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.
+
+Und es war so. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen anderer
+aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und
+Würde seine eigene Meinung zu entwickeln.
+
+Er sagte, daß alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen
+passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in
+diesem Stück noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er
+lese nämlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der
+Teufel oder Beelzebub wäre also hier der H e r r im D r e c k, der
+U n r e i n l i c h e, _to pneuma akatharton_, der Stinker genannt,
+wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein
+gewisser unanständiger Geruch verbunden sei.
+
+Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie
+vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem
+nämlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar
+keinen Spaß verstand, an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste
+Tintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich
+noch besser an ihm rächen könnte; ich bezähmte meinen Zorn und schob
+meine Rache auf.
+
+Der Doktor aber schlug im Bewußtsein seiner Würde das Heft zu, stand
+auf, bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe. Die
+tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein
+dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.
+
+„Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der
+tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schüler des großen Exegeten.
+Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein
+Wörtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kühnen
+Behauptungen entgangen sei. Und wie glücklich waren sie, wenn auch
+kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches,
+vollständiges Heft zu bekommen.
+
+Sobald sie aber die teuern Blätter in den Mappen hatten, waren sie die
+Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die
+Mütze kühn auf das Ohr, zog singend oder den großen Hunden pfeifend
+ab, und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten
+Bierhaus zuzogen, angesehen, daß sie die Stammhalter der Orthodoxie
+seien und _recta via_ von der kühnsten Konjektur des großen
+Dogmatikers herkommen?
+
+So schloß sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn
+nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst,
+an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden.
+
+Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Theologen
+dieser finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der Oberste unter
+ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von
+den übrigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael= oder Dr--ck=Seele
+hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie
+auszuführen.
+
+* * * * *
+
+
+
+
+ACHTES KAPITEL
+
+Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon.
+
+
+Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen
+darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,
+unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger
+Zeit fleißig die Anatomie besucht, um auch die Ärzte kennen zu lernen.
+Da geschah es eines Tages, daß ich mit mehreren Freunden um einen
+Kadaver beschäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der
+Organe des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens an
+Unsterblichkeit darzutun suchte.
+
+Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: „Pfui Teufel, wie
+riecht's hier!"
+
+Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der
+mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das
+Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors
+niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese
+Äußerung: „ Pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem
+Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den „Herrn im
+Kot", bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, daß ich mir solche
+Gemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte.
+
+Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment
+heißt, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden
+konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am andern
+Tage sogleich fordern. Ein solcher Spaß war mir erwünscht; denn wer
+sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mußte sich
+damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich, von meinen
+Freunden als etwas Unvernünftige, Unnatürliches angesehen wurde. Ich
+hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem
+Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide
+Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.
+
+Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm
+ausgezogen und der „Paukwichs", das heißt die Rüstung, in welcher das
+Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der
+Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht
+hinlänglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fußbreiten Binde, die
+über den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit
+der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeschmückt. Eine
+ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein Groschenstrick
+war, stand steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn, Kehle,
+einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom
+Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strümpfen
+verfertigtes Rüstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in
+diese sonderbare Rüstung gepreßt, nahm sich komisch genug aus. Doch
+gewährte sie große Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der
+Oberarm und ein Teil der Brust war für die Klinge des Gegners
+zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn
+ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. „Der Satan in einem
+solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf
+der Anatomie zu schlagen!"
+
+Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der
+Kühnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick
+gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die
+gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein
+Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den „Schläger" vorantragen
+zu dürfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.
+Jener war eine aus poliertem Stahl schön gearbeitete Waffe mit großem,
+schützendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.
+
+Wir standen endlich einander gegenüber. Der Theologe machte ein
+grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur
+noch mehr in dem Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.
+
+Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden,
+die Sekundanten schrien: „Los!" und unsere Schläger schwirrten in der
+Luft und fielen rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens
+parierend gegen die wirklich schönen und mit großer Kunst ausgeführten
+Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von
+Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fünften Gang ihm eine
+Schlappe gab.
+
+Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so kühn
+und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit
+sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten
+„Häusern" bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und
+begierig, bis ich selbst angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich
+dazu aufzumuntern.
+
+Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig gewesen
+wäre. Ehe ich zum fünften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden
+die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen
+wollte. Dieser mochte es mir ansehen, daß ich jetzt selbst angreifen
+werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und hütete sich,
+selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte,
+der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmäßigen Hiebe,
+und klapp! saß ihm mein Schläger in der Wange.
+
+Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und
+Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maßen die Wunde und sagten
+mit feierlicher Stimme: „E s i s t m e h r a l s e i n Z o l l,
+k l a f f t u n d b l u t e t, a l s o A n s c h--ß." Das hieß
+soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch
+gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.
+
+Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten faßten meine Hände,
+die jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in
+der Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war. Denn wer, seit
+des großen Renommisten Zeiten, durfte sich rühmen, vorher die Stelle,
+die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit
+getroffen zu haben?
+
+Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir
+in dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man
+gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunähte, und versöhnte mich mit
+ihm.
+
+„Ich bin Ihnen Dank schuldig," sagte er zu mir, „daß Sie mich so
+gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen,
+Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine
+fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen möchte. Sie
+haben mit einem Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis
+zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen."
+
+Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit
+geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der
+frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall
+anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch
+eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte
+ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, daß der
+Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am
+meisten angezogen hätte.
+
+Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen
+Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die
+meisten Freunde und Anhänger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste,
+dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten
+Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzüglichsten
+Bühnen versprach.
+
+Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte,
+gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine
+Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich
+nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen
+war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn
+eröffneten.
+
+Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig als der glänzende Ausgang der
+Affäre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein höheres
+Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über meine
+großmütigen Sentiments Tränen vergoß.
+
+Die Mediziner aber ließen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
+Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten, „f ü r
+d e n g u t e n G e r u c h i h r e r A n a t o m i e g e s c h l
+a g e n h a b e" .
+
+Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang
+war. Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es
+sich nur in einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend
+mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen
+wird höchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.
+
+* * * * *
+
+
+
+
+NEUNTES KAPITEL.
+
+Satans Rache an Doktor Schnatterer.
+
+
+Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ------en
+hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte,
+zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Ästhetik, Rhetorik,
+namentlich aber auf die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich
+habe auf diese Art meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene
+berühmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen
+Mann mit Weib und Kind ernähren konnte, sondern das _dic cur
+hic_, das ich recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer,
+ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu
+bekommen, mich aber so sehr als möglich in jenen Künsten zu
+vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich
+sind.
+
+Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über die
+Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach
+allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer einige
+theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue
+medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische
+Behauptungen _in petto_ zu haben, hielt ich für unumgänglich
+notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können,
+und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen,
+ich habe in den paar Monaten in ------en hinlänglich gelernt.
+
+Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im
+Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse
+aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff
+zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht
+versäumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzählen.
+
+Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit
+mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen
+vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen
+Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige
+Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man
+spielte wohl auch bei verschlossenen Türen ein Whistchen oder Piquet
+und trank manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse
+Welt daraus ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise
+des Wirtes zur Stadt bringen ließen.
+
+Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang
+heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist
+erlaubt hatte; er ging dann bedächtigen Schrittes seinen Weg, vermied
+aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig
+Schritte seitwärts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite
+Weg am schönen Sonntagabend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber
+die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht
+den Augen der Welt zeigen wollte.
+
+So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die
+Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: „Siehe,
+er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr
+Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt."
+
+Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut.
+Ich paßte ihm an einem schönen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie
+gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem
+Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob
+ich ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in
+seiner gelehrten Nähe noch einmal so schön.
+
+Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte
+zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die
+Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit
+Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen
+schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten
+Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigtste
+Dirne der Stadt.--Ach! daß Hogarth an jenem Abende unter den
+spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch
+herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische
+Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können.
+
+Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem
+Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen die
+Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die
+erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht:
+„Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!" von Mund zu Mund der
+Stadt zu.
+
+„Wehe dem, durch den Ärgernis kommt!" riefen die Frommen. „Hat man
+d a s je erlebt von einem christlichen Prediger?"
+
+„Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit
+Achselzucken die Halbfrommen. „Wenn der Skandal nur nicht auf
+öffentlicher Promenade--!"
+
+„Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, „er
+predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren."
+
+So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde
+und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen
+Ecken; und „Doktor Schnatterer" und „schön Luisel" war das
+Feldgeschrei und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden
+Tag.
+
+An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube
+und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die
+Neuigkeit ganz warm auftischten.
+
+Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen
+Meditationen versenkt, nicht das Drängen der Menge, die sich um seinen
+Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelächter, das seinen Schritten
+folgte. Es war zu erwarten, daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen
+Ehehälfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an
+der Hausglocke zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die
+fürchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und
+das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltönend,
+als daß man hätte denken können, die Frau Doktorin habe die Wangen
+ihres Gemahls mit dem M u n d e berührt.
+
+Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde
+schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den
+Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem
+Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie
+die Augen nach dem Doktor hinüberblitzen lieb: „Dieser Mensch dort
+behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein;
+sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!"
+
+Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie
+träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu
+Hause gewesen.
+
+Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien
+seine Zunge gelähmt zu haben: „Zu Haus' gewesen?" lallte er. „Nicht
+mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit
+Ihnen, Wertester?"
+
+„Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich
+lächelnd zur Antwort. „Mit mir auf keinen Fall!"
+
+„Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus," heulte die wütende Frau,
+„was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte
+Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der
+schönen Luisel hat er scharmuziert!"
+
+„Das hat mir der böse Feind angetan," raste der Doktor und rannte im
+Zimmer umher; „der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der
+Stinker."
+
+„Der Rausch hat dir's angetan, du Lump," schrie die Zärtliche, riß
+ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber
+schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:
+„Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die
+Wand malen, sonst kommt er."
+
+Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht
+und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr
+erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend
+geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene
+Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen
+hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der
+Unversöhnlichen. Diesem hatte, sozusagen, d e r T e u f e l e i n
+E i i n d i e W i r t s c h a f t g e l e g t.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ZEHNTES KAPITEL.
+
+Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt die
+Universität.
+
+
+Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben,
+Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien,
+man betrachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angst und
+böses Gewissen vorhielten. Übrigens mochte es an manchen Orten doch
+nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen
+------en spukte es in manchen Köpfen seltsam.
+
+Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn man
+unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen
+beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, daß viele
+unter ihnen von etwas anderem angeregt seien als gerade von dem
+nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige großes Interesse daran
+fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister
+mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn
+schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu
+machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil, auf
+Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich sie zum Studium
+des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, daß die Herren sich nicht gar zu
+sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein
+geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden
+konnte.
+
+Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da
+sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art; manche
+sprudelten auch über und schrien von der Not des Vaterlandes, von--
+doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt
+zu sagen, daß es schien, als hätte eine große Idee viele Herzen
+ergriffen, sie zu e i n e m Streben vereinigt. Mir behagte die Sache
+an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich
+gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur
+sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
+Anstrich haben.
+
+Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines
+Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine Eleganz des
+Stils, eine Leichtigkeit des Umganges angeeignet hatten, wie sie in
+den diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel
+Anstand ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches
+Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von
+der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und
+Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander
+geknetet, daß kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden
+hätte.
+
+Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in einer
+traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte
+Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften, die
+nicht zu verachten sind und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht.
+Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des
+Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschließen, schien sie, ich weiß
+nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt; denn
+dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu
+gebrauchen.
+
+Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich
+durch meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines
+Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm
+mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär
+folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu
+verstehen, daß ich als D e m a g o g e verhaftet sei.
+
+Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte
+eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war,
+wurde ich in den Saal geführt, um über meine p o l i t i s c h e n
+V e r b r e c h e n vernommen zu werden.
+
+Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner,
+und der Universitätssekretär saßen um einen grün behängten Tisch in
+feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die
+steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten
+mir unwillkürlich ein Lächeln ab.
+
+Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel,
+Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat
+ab.
+
+Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll
+zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor läßt seine ungeheure
+Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedächtig und mit
+Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft und
+präsentiert mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem
+abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch zu
+Boden fallen.
+
+„Alle Hagel, Herr Doktor," schrie der alte Professor, alle Achtung
+beiseite setzend.
+
+„O Jerum," ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg; denn er
+hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.
+
+„Bitte untertänigst!" stammelte der erschrockene Doktor Saper.
+
+Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete
+auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der
+Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln.
+
+Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte dreimal; der
+Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, was zu Befehl sei,
+und Magnifikus, mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper
+hinüber, sprach: „Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts
+mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benötigt sein
+werden, glaube ich, dafür stimmen zu müssen, daß frischer _ad
+locum_ gebracht werde."
+
+Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige
+Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen.
+Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher
+erfuhr, die halbe Universität versammelt; denn meine Verhaftung war
+schnell bekannt geworden, und alles drängte sich hinzu, um das Nähere
+zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemüter denken, als
+man den Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn
+fest und fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet werde,
+und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, daß er eilends
+drei Lot Schnupftabak holen müsse.
+
+Aber im Saal war nach der Entfernung des Götterboten die vorige,
+anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte mich mit einem Blick
+voll Hoheit und begann:
+
+„Es ist uns von einer höchstpreislichen Zentral=
+Untersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime
+Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universität seit
+einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir
+sind nun nach reiflicher Prüfung der Umstände vollkommen darüber
+einverstanden, daß Sie, Herr von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht
+haben, solche Verhältnisse unter unserer akademischen Jugend dahier
+herbeigeführt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr
+von Barbe?"
+
+„Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts. Ich erwarte geziemend die
+Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung
+verdächtig machen."
+
+„Die Beweise?" antwortete erstaunt der Rektor. „Sie verlangen Beweise?
+Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst
+den Beweis, daß man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist."
+
+„Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz," entgegnete der Dekan der
+Juristen, „Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, i n
+a l l e W e g e v e r l a n g e n, daß ihm die Gründe des Verdachtes
+genannt werden."
+
+Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der Stirne; man
+sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin= und
+herwälzte. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit
+der Dose und berichtete zugleich mit ängstlicher Stimme, daß die
+Studierenden in großer Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude
+zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen
+laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen
+scheine.
+
+Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein und richtete
+von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment aus,
+„und er möchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten
+allerhand verdächtige Bewegungen machten".
+
+„Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber
+Herr von Barbe?" sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. „Aber der
+Aufruhr steigt, _videant Consules, ne quid detrimenti_--man nehme
+seine Maßregeln;--daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung alle
+fatalen Händel bringen muß!--_Domine Collega,_ Herr Doktor
+Pfeffer, was stimmen Sie?"
+
+„Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur
+Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu
+entlassen und ihm--"
+
+„Richtig, gut," rief der Rektor, „Sie können abtreten, wertgeschätzter
+junger Freund; beruhigen Sie Ihre Kameraden; Sie sehen selbst, wie
+glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren
+Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache
+kein solches Aufsehen mehr erregt--weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich
+höre Pereat--so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch,
+lieber Barbe, da dann die Sachen weiter besprochen werden können."
+
+Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zu
+lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich in
+Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weiten
+Lehnstuhls.
+
+„Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?" klagten sie.
+„Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und sich
+unter diese himmelstürmenden Zyklopen gemischt haben, ist keine
+Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muß befürchten, wie schlechte
+Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden."
+
+„Vom Erstechen will ich gar nicht reden," sagte ein anderer; „es
+sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht alle Wege ein gut
+Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen."
+
+Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen
+für ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, daß sie nachts viel
+bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch
+Bitten und Vorstellungen, daß sie abzogen. Sie marschierten in
+geschlossenen Reihen durch das erschreckte Städtchen und sangen ihr
+_„Ça ira, ça ira," _ nämlich: „Die Burschenfreiheit lebe" und das
+erhabene „Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!"
+
+Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten
+Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren
+Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn
+rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bißchen Psychologie
+müßte mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst
+entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen.
+Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die
+Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu
+mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde „mein wertgeschätzter
+Freund" zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: „Wir können das Verhör
+weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!"
+
+So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, als daß der
+Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er
+sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine
+Blöße gegeben, deren er sich zu schämen hat.
+
+Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen.
+Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit
+großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt. „Demagog kommt her von
+_demos_ und _agein_. Das eine heißt Volk, das andere führen
+oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog als Sie?
+Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen Leute zum
+Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher
+verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die
+sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein
+Demagog."--
+
+Mit triumphierendem Lächeln wandte er sieh zu seinen Kollegen: „Habe
+ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?"
+„Vollkommen, Euer Magnifizenz," versicherten jene und schnupften.
+
+„Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt," fuhr der Mediziner fort.
+„Das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist,
+um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der
+körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks
+und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in
+Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben
+Sie sich durch Ihre _Saltus mortales_ und Ihre übrigen Künste als
+einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt.--Habe ich
+nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr
+Doktor Schrag?"
+
+„Vollkommen, Euer Magnifizenz!" versicherten diese und schnupften.
+
+„Demagogen," fuhr er fort, „Demagogen schleichen sich ohne bestimmten
+äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete
+Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr
+Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier; denn er läuft in
+allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu
+frequentieren oder g a r n a c h z u s c h r e i b e n. Was folgt? Er
+hat sich der Demagogie sehr verdächtig gemacht. Ich füge gleich den
+vierten Grund bei. Man hat bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von
+geheimen Bünden ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich
+locken; wer hat sich in diesem Punkte der Anklage würdiger gemacht als
+Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?"
+
+„Sehr scharfsinnig, vollkommen!" antworteten die Aufgerufenen
+_unisono_ und ließen die Dose herumgehen.
+
+Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: „Wir glauben hinlänglich
+bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem
+Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne
+den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen; darum verteidigen Sie
+sich.--Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es schon zu
+Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer
+schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche
+gesegnete Mahlzeit, meine Herren."
+
+So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine
+Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber
+ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld
+ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den
+Bescheid, daß man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem
+Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß.
+
+Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache
+gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im
+Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Hause begleitet; aber die Freude
+sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck,
+der mich in jene Stadt geführt hatte, erreicht und gedachte weiter zu
+gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines
+Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb
+daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema, das mir am
+nächsten lag: _De rebus diabolicis_, ließ sie drucken und
+verteidigte sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten
+tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen
+Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem geneigten Leser
+beigelegt [Fußnote: Diesen Auszug habe ich nicht finden können, es
+müßte denn die Einleitung zum Besuch bei Goethe sein. Der
+Herausgeber.].
+
+_Post exantlata_, oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte,
+gab ich einen ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein
+wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder
+mit schwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen und sagte
+der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber
+überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches
+Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen Morgenträumen
+weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in
+spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten
+Freund, den Satan.
+
+* * * * *
+
+
+
+
+UNTERHALTUNGEN DES SATAN UND DES EWIGEN JUDEN IN BERLIN.
+
+
+ „Die heutigen dummen Gesichter sind nur das _boeuf
+ à la Mode_ der früheren dummen Gesichter."
+ Welt und Zeit.
+
+
+
+
+ELFTES KAPITEL.
+
+Wen der Teufel im Tiergarten traf.
+
+
+Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen Sommerabend
+im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberschen Zelt; ich
+betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte großes
+Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder ganz anders geworden als
+zu der frommen Zeit anno dreizehn und fünfzehn, wo alles so ehrbar
+und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig
+ennuyierte. Besonders über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich
+damals recht ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und
+Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang
+nach dem Tiergarten hinaus; allein damals--? Jetzt aber ging es auch
+wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie
+früher zog durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie
+vor Zeiten, und war ein geschätzter, angesehener Mann.
+
+Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte
+Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs von allen Chargen mit
+ihren ebenso verschieden chargierten Schönen, die zierlichen Elegants
+und Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töchter zu Markte
+brachten, die wohlgenährten Räte, mit einem guten Griff der
+Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und
+Handwerksburschen, anständige und unanständige Gesellschaft--sie alle
+um mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, m e i n zu werden!
+In fröhlicher Stimmung ging ich weiter und weiter, ich wurde immer
+zufriedener und heiterer.
+
+Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge ein paar Männer
+an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner
+fröhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom
+Rücken sehen; es war ein kleiner, beweglicher Mann, schien viel an
+seinen Nachbar hin zu sprechen, gestikulierte oft mit den Armen und
+nahm nach jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches
+Schlückchen dunkelroten Franzweins zu sich.
+
+Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, er war
+ärmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand,
+während die andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in
+den Sand schrieb; er hörte mit trübem Lächeln dem Sprechenden zu und
+schien ihm wenig oder ganz kurz zu antworten.
+
+Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich
+im Augenblicke nicht entsinnen, wer sie wären. Der kleine Lebhafte
+sprang endlich auf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen,
+schnellen Schritten, heiser vor sich hin lachend, hinweg und verlor
+sich bald ins Gedränge. Der Alte schaute ihm wehmutig nach und legte
+dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.
+
+Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu dieser
+Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es--doch was braucht der
+Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat näher, setzte mich auf den
+Stuhl, welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen
+guten Abend.
+
+Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf. Ja, er war es, es
+war der e w i g e J u d e.
+
+„_Bon soir_, Brüderchen," sagte ich zu ihm, „es ist doch schnackisch,
+daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wieder finden; es wird wohl so
+achtzig Jährchen sein, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte?"
+
+Er sah mich fragend an. „So, du bist's?" preßte er endlich heraus.
+„Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!"
+
+„Nur nicht gleich so grob, Ewiger," gab ich ihm zur Antwort; „wir
+haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter
+warst auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um
+dich selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du,
+glaube ich, ein Pietist geworden."
+
+Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, das über seine
+verwitterten Züge flog wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, daß
+er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.
+
+„Wer ging da soeben von dir hinweg?" fragte ich, als er noch immer auf
+seinem Schweigen beharrte.
+
+„Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann," erwiderte er.
+
+„So, d e r? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht
+wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nächtlichen Phantasien
+behilflich, daß es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich
+ihm nicht als sein eigener Doppelgänger über die Schultern geschaut,
+als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk
+anschaute, rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war
+Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb'.--So, so, der war's? Und
+was wollte er von dir, Ewiger?"
+
+„Daß du verkrümmest mit deinem Spott! Bist du nicht gleich ewig wie
+ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den
+Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat
+Hoffmann betrifft," fuhr er ruhiger fort, „so geht er umher, um sich
+die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes
+an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus
+dem Geisterreich, so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten
+oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt
+haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud
+mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen."
+
+„So, so! Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?"
+
+„Recta aus China!" antwortete Ahasverus. „Ein langweiliges Nest, es
+sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal
+dort war."
+
+„In China warst du?" fragte ich lachend. „Wie kommst du denn zu dem
+langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu wenig amüsant ist?"
+
+„Laß das," entgegnete jener, „du weißt ja, wie mich die Unruhe durch
+die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen
+Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die
+lange Mauer von China gerannt; aber es wollte noch nicht mit mir zu
+Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des
+himmlischen Reiches gestoßen, wie ein alter Aries, als daß der dort
+oben mir ein Härchen hätte krümmen lassen."
+
+Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die müden Augenlider
+wollten sich schließen; aber der Schwur des Ewigen hält sie offen, bis
+er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange
+geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung
+von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf.--„Satan," fragte er
+mit zitternder Stimme, „wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?"
+
+„Es will Abend werden," gab ich ihm zur Antwort.
+
+„O Mitternacht!" stöhnte er, „wann endlich kommen deine kühlen
+Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du,
+Stunde, wo die Gräber sich öffnen und Raum wird für den E i n e n, der
+dann ruhen darf?"
+
+„Pfui Kuckuck, alter Heuler!" brach ich los, erbost über die
+weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. „Wie magst du nur solch
+ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst Dir
+gratulieren, daß du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat
+es an einem gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man
+hat doch hier immer noch seinen Spaß; denn die Menschen sorgen dafür,
+daß die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit
+hätte wie du, ich wollte das Leben anders genießen. _Ma foi_,
+Brüderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die
+galanten Abenteuer einer Königin öffentlich zertiert? Warum nicht nach
+Spanien, wo es jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich,
+um dein Gaudium daran zu haben, wie man die Wände des Kaisertums
+überpinselt und mit alten Gobelins von Ludwigs des Vierzehnten Zeiten,
+die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dich
+versichern, es sieht gar närrisch aus; denn die Tapete ist überall zu
+kurz, und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das
+Kaisertum wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips
+auslöschen kann und das, so oft man es weiß anstreicht, immer noch mit
+der alten b u n t e n Farbe durchschlägt!"
+
+Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer
+heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. „Du bist,
+wie ich sehe, immer noch der Alte," sagte er, und schüttelte mir die
+Hand, „weißt jedem etwas aufzubinden, und wenn er gerade aus Abrahams
+Schoß käme!"
+
+„Warum," fuhr ich fort, „warum hältst du dich nicht länger und öfter
+hier in dem guten und ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas
+Possierlicheres sehen als diese Duodezländer! Da ist alles so--doch
+stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man könnte
+leicht etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als
+unruhige Köpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu
+kommen, warum bist du denn hier in Berlin?"
+
+„Das hat seine eigene Bewandtnis," antwortete der Jude. „Ich bin hier,
+um einen Dichter zu besuchen."
+
+„Du einen Dichter?" rief ich verwundert. „Wie kommst du auf diesen
+Einfall?"
+
+„Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt es Novelle,
+worin ich die Hauptrolle spielte. Es führte zwar den dummen Titel:
+D e r e w i g e J u d e, im übrigen ist es aber eine schöne Dichtung,
+die mir wunderbaren Trost brachte! Nun möchte ich den Mann sehen und
+sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat."
+
+„Und der soll hier wohnen, in Berlin?" fragte ich neugierig. „Und wie
+heißt er denn?"
+
+„Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch die Straße
+genannt; aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, durch das man
+Mondschein gießt!"
+
+Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem
+Dichter produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten. „Höre,
+Alter," sagte ich zu ihm, „wir haben von jeher auf gutem Fuß
+miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, daß du deine Gesinnungen
+gegen mich ändern wirst. Sonst--"
+
+„Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan," antwortete er, „denn
+du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche
+hinlänglich; aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz
+angenehm und recht. Warum fragst du denn?"
+
+„Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu dem Dichter,
+der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du
+nicht?"
+
+„Ich sehe zwar nicht ein, was für ein Interesse du dabei haben
+kannst," antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. „Du könntest
+irgendeinen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bösen
+Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir
+übrigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt so fromme Novellen, daß
+der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann.--Doch meinetwegen kannst du
+mitgehen."
+
+„Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere ich mich
+wenig um Dichter und dergleichen; das ist leichte Ware, welcher der
+Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne
+selbst, was mich zu ihm zieht. Übrigens in diesem Kostüm kannst du
+hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!"
+
+Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes
+Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange Weste mit breiten
+Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, die auf den Knien ins
+Bräunliche spielten. Er setzte das schwarzrote, dreieckige Hütchen
+aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte
+sich vor mich hin und fragte:
+
+„Bin ich nicht angekleidet stattlich wie König Salomo und zierlich wie
+der Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich
+keinen falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase,
+meine Haare stehen nicht in die Höhe _à la_ Wahnsinn. Ich habe
+meinen Leib in keinen wattierten Rock gepreßt, und um meine Beine
+schlottern keine ellenweiten Beinkleider, wozu freilich Herr Bocksfuß
+Ursache haben mag--"
+
+„Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher," antwortete ich dem
+alten Juden. „Wisse, man muß heutzutage nach der Mode gekleidet sein,
+wenn man sein Glück machen will, und selbst der Teufel macht davon
+keine Ausnahme. Aber höre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem
+anständigen Anzug, und du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf
+diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie
+wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen
+ästhetischen Tee einführte!"
+
+„Ästhetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Maß Tee
+geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee,
+aber ästhetischer Tee war nie dabei."
+
+„_O sancta simplicitas!_ Jude, wie weit bist du zurück in der
+Kultur! Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften sind, wo man über
+Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam warmes Wasser gießt und
+den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben
+dazu, und man amüsiert sich dort trefflich."
+
+„Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen," versicherte
+der Jude, „und was kostet es, wenn man's sehen darf ?"
+
+„Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom Haus die Hand
+küßt, und, wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben,
+hier und da ein ‚wundervoll' oder ‚göttlich' schlüpfen läßt."
+
+„Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren.
+Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von diesen
+Dingen. Doch des Spaßes wegen kann man hingehen. Denn ich verspüre in
+dieser Sandwüste gewaltige Langeweile."
+
+Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir besprachen
+uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei= bis
+dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte, und
+schieden.
+
+Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der
+ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wußte sich so gar
+nicht in die heutige Welt zu schicken, daß man ihn im Gewand eines
+Hofmeisters zum wenigsten für einen ausgemachten Pedanten halten
+mußte. Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel
+nur immer möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in
+Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig;
+denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen
+einen solchen Ansatz von Frömmelei bekommen, daß er ein Pietist zu
+werden drohte.
+
+Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein Mann von
+mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hieß sich Doktor
+Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von
+Stobelberg, vor. Ich richtete meine äußere Aufmerksamkeit halb auf die
+schönen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die
+umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt
+möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.
+
+Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom ewigen
+Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als daß er seinen
+Gast hätte auf diesem Lobe stehen lassen, wandte das Gespräch auf die
+Sage vom ewigen Juden überhaupt und daß sie ihm auf jene Weise
+aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters,
+grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete, es liege in
+der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral; denn der Verworfenste
+unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über
+getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnung erregt
+habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die
+Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine als der, welcher sich
+täuschte.
+
+Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito
+abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu
+Leibe gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als
+jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die
+Stimme völlig aus, und er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich
+zu empfehlen.
+
+Der brave Mann lud uns ein, ihn oft zu besuchen, und kaum hatte er
+gehört, wir seien völlig fremd in Berlin und wissen noch nicht, wie
+wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu
+begleiten, wo alle Montage ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der
+schönen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und
+schieden.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ZWÖLFTES KAPITEL.
+
+Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee.
+
+
+Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade das, daß er in
+seinem Innern dem Dichter recht geben mußte, genierte ihn so sehr. Er
+brummte einmal über das andere über die „naseweise Jugend" (obgleich
+der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der
+Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen
+Hofmeister hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und
+brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich
+gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den ästhetischen
+Tee zu führen.
+
+Die siebente Stunde schlug. In einem modischen Frack, wohl parfümiert,
+in die feinste, zierlich gefältelte Leinwand gekleidet, die
+Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon, die
+Schuhe von Straßburg, die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet,
+wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead
+hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar;
+dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und
+hatte alles höchst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe
+Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden
+hatte, und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht aus
+M o r e a.
+
+Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im
+Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für diesen Abend gemietet
+hatte, wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen
+Anstand.
+
+„Du darfst," sagte ich ihm, „in einem ästhetischen Tee eher zerstreut
+und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz
+unbedingt loben, sondern sieh' immer so aus, als habest du sonst noch
+etwas _in petto_, das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre.
+Das Beifallächeln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst
+nach langer Übung vor dem Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber
+Surrogate dafür, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln
+kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z.B. von einem Roman
+reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als ganz
+natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben müssest, und fragt
+dich um dein Urteil. Willst du dich nun lächerlich machen und
+antworten, ich habe ihn nicht gelesen? Nein! Du antwortest frisch
+drauf zu: ‚Er gefällt mir im ganzen nicht übel, obgleich er meinen
+Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und
+Originelle, die Entwicklung ist artig erfunden, doch scheint mir hier
+und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet
+zu sein.'
+
+„Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten
+gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen."
+
+„Dein Gewäsch behalte der Teufel," entgegnete der Alte mürrisch.
+„Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spaß zu
+machen, ästhetische Gesichter schneiden? Da betrügst du dich sehr,
+Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber--"
+
+„Da sieht man es wieder," wandte ich ein, „wer wird denn in einer
+honetten Gesellschaft s a u f e n? Wieviel fehlt dir noch, um
+heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen, höchstens
+trinken--aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich
+zusammen, daß wir nicht Spott erleben, Ahasvere!"
+
+Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter; ich sah
+es dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt
+kamen, desto bänger zu Mute war. Obgleich er schon seit achtzehn
+Jahrhunderten über die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig
+in die Menschen und ihre Verhältnisse finden, daß er alle Augenblicke
+anstieß. So fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung,
+in welche wir fahren, aus l a u t e r Christen bestehe, zu welcher
+Frage jener natürlich große Augen machte und nicht recht wissen
+mochte, wie sie hierher komme.
+
+Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel,
+der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in
+dem zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der
+feierliche Ernst, die stille Größe des ältern Fräuleins, die,
+wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmütig heiligen
+Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt
+ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen,
+interessanten Schmerz zehren; [Fußnote: Ganz in der Eile nimmt sich
+der Herausgeber die Freiheit, den Aufriß der Boudoirs dieser
+protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufügen. Im
+Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeisernen
+Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die
+Eigentümerin höchstens „_O Sanctissima_" darauf spielen kann.
+Ein Heiligenbild über dem Sofa, ein mit Flor verhängtes Bild des V e r
+s t o r b e n e n oder U n g e t r e u e n, von etzlichem, sinnigem
+Efeu umrankt. Sie selbst in weißem oder aschgrauem Kostüm, an der Wand
+ein Spiegel.] das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter,
+naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den
+Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee komme.
+Sie habe die schönsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche
+ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gebe sie hie
+und da mit allerliebster Präzision preis. Sie singt, was nicht anders
+zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen
+Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die übrige
+Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und
+naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein [Fußnote:
+Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen Fräulein zu
+unterscheiden. Unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter
+letzteren die, welche man sonst Jungfer oder Mamsell heißt. Ich finde
+übrigens den Unterschied auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend.
+Denn man wird mir zugeben, daß die bürgerlichen Fräulein oft ebenso
+frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die echten.] werden wir
+selber näher kennen lernen.
+
+Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und half meinem
+bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe
+hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen.
+Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der
+halbgeöffneten Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von
+dem Sonnenglanz der schwebenden Lüsters, saß im Kreise die
+Gesellschaft.
+
+Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den
+Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor.
+Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schöne, zarte
+Hand, indem sie uns freundlich willkommen hieß. Mit jener zierlichen
+Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte
+ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht
+darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen,
+und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die
+nämliche Gunst. Aber, o Schrecken! Indem er sich niederbückte,
+gewahrte ich, daß sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom
+Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe. Die
+gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß, aber der
+Anstand ließ sie nicht mehr als ein leises Gejammer hervorstöhnen.
+Wehmütig betrachtete sie die schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen
+begann, und sie sah sich genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen.
+Ich, sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Kölnisches
+Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne
+glacierte Handschuhe geholt, die Käppchen davon abgeschnitten, so daß
+doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gnädige
+Hand damit bekleidet.
+
+Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die
+Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf
+wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder
+hereintrat. Die Edle wußte ihren Kummer um die angelaufene Hand so gut
+zu verbergen, daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu
+sein schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil
+ahnte, das er bewirkt hatte.
+
+Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen
+stechenden Handkuß zuwarf, und m i c h den ganzen Abend hindurch
+auffallend vor ihm auszeichnete.
+
+Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter Tee war, zu
+welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive silberne
+Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die
+prachtvollen Lüsters und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche
+und Tapeten, die künstlichsten Blumen in den zierlichsten Vasen,
+endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm schwarz und weiß
+gemischt war, ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau
+schließen.
+
+Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige Frau
+bedauerte, daß wir nicht früher gekommen seien. Der junge Dichter
+Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht
+vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel Musik in den
+Schlußreimen, daß man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehört
+habe, es stehe zu erwarten, daß es allgemein Furore in Deutschland
+machen werde.
+
+Wir beklagten den Verlust unendlich; der bescheidene lorbeerbekränzte
+junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in
+unsrem Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die
+er hier preisgegeben, sondern einige vollständige Gesänge zu hören
+bekommen.
+
+Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ältliche Dame
+ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue
+Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus
+hervor und sagte mit freundlichem Lispeln:
+
+„_Voyez-là_ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna.
+Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so
+glücklich, die erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein
+wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen,
+so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser
+glänzende Stil--"
+
+„Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau," unterbrach sie die Dame
+des Hauses, „darf ich bitten--? Ah, G a b r i e l e von Johanna von
+Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wünsche ich
+Glück."
+
+„Wir lernten uns in Karlsbad kennen," antwortete Frau von Wollau,
+„unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem
+Ziel der Menschheit [Fußnote: Frau von Wollau will wahrscheinlich
+sagen: „nach dem Ziele der Veredlung" .--Der Herausgeber.], sie
+zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele
+geschickt."
+
+„Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft," sagte Fräulein N a
+t a l i e, die ältere Tochter des Hauses. „Ach! wer doch auch so
+glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber sagen
+Sie, wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her, ich kann Ihre
+Tasche nicht genug bewundern."
+
+„Schön--wunderschön--und die Farben! Und die Girlanden!--Und die
+elegante Form!" hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen,
+und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz
+vergessen worden, wenn nicht uns er Dichter sich das Buch zur Einsicht
+erbeten hätte. „Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet," rief
+die Wollau „Wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es anders
+der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?"
+
+„Herrlich--schön--ein vortrefflicher Einfall--" ertönte es wieder, und
+unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte,
+wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt. Man goß die Tassen
+wieder voll und reichte die zierlichen Brötchen umher, um doch auch
+dem Körper Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman
+gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das
+Zeichen, und die Vorlesung begann.
+
+Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus
+dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht
+irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen
+der großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar
+nicht bei der Vorlesung; denn ich belauschte die Herzensergießungen
+zweier Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander
+allerlei Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich weit
+genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten,
+und doch war die Entfernung gerade so groß, daß ein Paar gute Ohren
+alles hören konnten. Die eine der beiden war die jüngere Tochter des
+Hauses, die, wie ich hörte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren
+hatte.
+
+„Und denke dir," flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, „heute in aller
+Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem
+Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen
+müssen."
+
+„Du Glückliche!" antwortete das andere Fräulein, „und hat Mama nichts
+gemerkt?"
+
+„So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog. Was ich
+damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit
+dem ...schen Attaché engagiert, und du weißt, wie unerträglich mich
+dieser dürre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den
+italienischen Gegenden Süddeutschlands angefangen und mir nicht
+undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn ich
+mit ihm dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus dieser
+Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der
+Unerträgliche sein altes Lied von neuem anstimmte; aber Eduard holte
+mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, so daß jener
+vor Wut ganz stumm war, als ich das letztemal zurückkam. Er äußerte
+gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu
+verstehen."
+
+„Ach, wie glücklich du bist," entgegnete wehmütig die Nachbarin, „aber
+ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie
+wird es mir ergehen!"
+
+„Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies
+so schnell kam?"
+
+„Ach!" antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im
+Auge,--„ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im
+Leben gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des
+Vaterlandes war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden,
+er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist allerliebst.
+Seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben,
+er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert
+dies nicht tun, und darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher,
+bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar
+nicht denken, wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an
+meinem Fenster vorbeikommt; sie spielen ihn alle Abend nach der neuen
+Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!"
+
+„Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas ganz Neues?
+Daß sie bei der Garde andere Uniformen bekommen?"
+
+„Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?"
+
+„Höre, aber im e n g s t e n Vertrauen, denn es ist noch tiefes,
+tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand es mir
+neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh,
+die Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinander gesetzt und laufen
+weiter unten enger zu; auf diese Art wird die Taille noch viel
+schlanker; dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen, das
+weiß aber der Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz
+gewiß. Auch an den Beinkleidern geschehen Veränderungen--Eduard muß
+aussehen wie ein Engel--siehe bisher...."
+
+Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der
+Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah
+ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schönes
+Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten, bei weitem
+glänzendere Strahlen werfen, wenn sich s i n n l i c h e L i e b e
+in ihnen spiegelt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DREIZEHNTES KAPITEL.
+
+Angststunden des ewigen Juden.
+
+
+Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch
+nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen
+Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch
+der Gabriele zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle
+Fassungskraft der beiden Fräulein nicht genug bewundern; obgleich sie
+nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren
+sie doch schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die
+eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte
+sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuß, den sie
+allen bereitet habe.
+
+Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die
+Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach, allen Seiten
+hin für das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht
+undeutlich zu verstehen, daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß auf
+das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise
+Anklänge an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über die
+Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden
+ihrer Freundin aufgeschlossen.
+
+Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,
+obgleich man allgemein überzeugt war, daß die geniale Freundin nichts
+aus dem innern Wollauschen Leben g e s p i c k t haben werde.
+
+Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare
+Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als
+traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen, nach
+meiner Vorschrift ästhetisch und kritisch auszusehen, nicht zu
+verkennen. Aber weil ihm die Übung darin abging, so schnitt er so
+greuliche Grimassen, daß er einigemal während des Vorlesens die
+Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses
+mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.
+
+Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befielen,
+und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von
+Wollau, die ihm gegenüber saß, ihren Einfluß auf die Dichterin
+mitteilte, mußte das preziöse, geschraubte Wesen derselben dem alten
+Menschen so komisch vorkommen, daß er laut auflachte.
+
+Wer jemals das Glück gehabt, einem eleganten Tee in höchst feiner
+Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten
+alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohnes erscholl. Eine
+unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den
+Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses,
+eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden,
+der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt
+zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm
+zugetraut hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte.
+
+„Ich hoffe, gnädige Frau," sagte er, „Sie werden mein allerdings
+unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, mich zu
+rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet, daß eine
+Ideenassoziation Sie völlig außer Kontenance brachte. Ist doch schon
+manchem, mitten unter den heiligsten Dingen, ein lächerlicher Gedanke
+aufgestoßen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn
+zu verhalten und zurückdrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf
+einmal hervor. So geschah es mir in diesem Augenblicke. Sie würden
+mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch
+offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen."
+
+Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht verletzt
+sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann:
+„Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer
+berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzählt, wie sie in
+manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr
+besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus
+meinem eigenen Leben.
+
+„Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S.
+Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen
+Garten, der jedem Stande zu allen Tageszeiten offen stand. Die schöne
+Welt ließ sich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte
+die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen
+gegen die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen
+Moosbänken mir und meinen Gedanken lebte.
+
+„Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem
+Lieblingsplätzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete ältliche
+Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale,
+aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt
+nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu
+erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt;
+denn ich kannte keine Seele in jener Stadt; also konnten mir ihre
+Reden höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen
+vor, Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm:
+
+„‚Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich
+diese hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?'
+
+„‚Ja,' antwortete die andere Dame, ‚heute früh nach dem Kaffee habe
+ich sie umgebracht.'
+
+„Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und
+gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich
+näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von ihnen trennte,
+schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen
+sollte, und hörte weiter:
+
+„‚Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich, durch
+Gift? Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona,
+mit dem Deckbette erstickt?'
+
+„‚Keines von beiden,' entgegnete jene, ‚aber recht hart ward mir
+dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon
+zwischen Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr
+anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein, ich ließ
+sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen
+Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von
+Elisen nichts mehr gesehen.'
+
+„‚Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die sie auf
+die eine oder andere Art umgebracht?' „Nun, das wird bald abgezählt
+sein, Pauline Dupuis, Marie usw. Aber die erstere trug mir am meisten
+Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige
+mit mir konkurrierten.
+
+„Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte
+diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk
+an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel
+aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft zog?
+
+„Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden
+und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich
+mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen
+durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor,
+ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken; denn
+die eine sah sich einigemal nach mir um; ihr böses Gewissen schien mir
+erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich durch
+die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt, täuschen;
+aber ich--folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen
+die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der
+Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und
+eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so
+schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion
+der Polizei.
+
+„Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze
+Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider von
+den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine
+gewisse P a u l i n e D u p u i s, die im Jahre 1802 unter der
+mörderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen
+Fällen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer,
+schickt sofort Patrouillen in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und
+fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein
+werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da
+er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen
+womöglich vermeide.
+
+„Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus
+umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen
+habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und
+fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des
+ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände
+öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere ältliche Dame als
+die Verbrecherin an.
+
+„Verwundert stand diese auf und fragte nach unserem Begehr. In ihrem
+Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir
+imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete
+nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen.
+Doch dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit jener ernsten
+Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen
+Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie
+gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah
+sie schon als überwiesen an. Die Frau fing an, ängstlich zu werden;
+sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer
+mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme?
+
+„Der Mann der Polizei sah in diesem ängstlichen Fragen nur den
+Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste
+zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen
+zu entlocken: ‚Madame, was haben Sie Anno 1802 mit Pauline Dupuis
+angefangen? Leugnen Sie nicht länger, wir wissen alles; sie starb
+durch Ihre Hand, wie heute früh die unglückliche Elise!'
+
+„‚Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,'
+antwortete die Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes
+Lächeln überzugehen schien.
+
+„‚Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie
+zwei Tauben abgetan?' fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in der
+Praxis eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte.
+‚Wissen Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten
+kann?'
+
+„‚Nicht doch!' entgegnete die Dame. ‚Die Geschichte ist ja
+weltbekannt.'--‚Weltbekannt?' rief jener. ‚Bin ich nicht schon seit
+zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könne
+mir entgehen?'
+
+„‚Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die
+Belege herbeibringe?'
+
+„‚Nicht von der Stelle ohne gehörige Bewachung! Wache! Zwei Mann auf
+jeder Seite von Madame! Bei dem ersten Versuch zur Flucht--
+zugestoßen!'
+
+„Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die
+Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald
+jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.
+
+„‚Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden,' sagte
+sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.
+
+„‚Taschenbuch für 1802,' murmelte der Direktor, indem er das Buch
+aufschlug und durchblätterte. ‚Was, Teufel, gedruckt und zu lesen
+steht hier: P a u l i n e D u p u i s von--, mein Gott, Sie sind die
+Witwe des Herrn von--, und, wenn ich nicht irre, selbst
+Schriftstellerin?'
+
+„‚So ist es,' antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen
+aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen
+sprachlos, auf mich deutete.
+
+„‚Und Elise--wie ist es mit diesem armen Kind?' fragte ich, den
+Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des
+Polizeimannes noch immer nicht verstehend.
+
+„‚Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,' sagte die Lachende,
+‚und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.'--
+
+„Was brauche ich noch da zuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war
+der Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte,
+interessante Th. v. H. Die Erzählung ‚Pauline Dupuis' ist noch heute
+zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes
+Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht.
+Ich mußte aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu
+werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große
+Diätenrechnung über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige
+Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in
+einem Klub abgehalten hatte."--
+
+Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von
+Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gnädiges
+Lächeln der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt
+hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus
+seiner unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie
+sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn
+öfter ins Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich
+über jene in Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner
+für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die
+Berliner, welche nie an den Rebenhügeln des Neckars und an den
+fröhlich grünenden Gestaden der oberen Donau eines jener sinnigen,
+herrlichen Lieder aus dem Munde eines „luschtiga Büebles" oder eines
+rüstigen, hochaufgeschürzten „Mädles" belauschten, ein Gegenstand
+hoher Neugierde.
+
+Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten
+Zirkeln wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich diesen
+Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften
+Hügeln, von klaren, blauen Strömen, von blühenden, duftenden
+Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten
+sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der
+Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken
+verstünden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes
+Deutsch sprächen. Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen
+Anstand. Ihre Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und
+im ganzen Lande werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten
+begangen, die allgemein unter dem Namen „Schwabenstreiche" bekannt
+seien.
+
+Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben
+gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden;
+hätte ich nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu
+fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; so
+aber ersparte mir mein Mentor die Mühe, welcher unglücklich genug die
+gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu
+schnell wieder verlieren sollte.
+
+„Ob die Berliner," sagte er, „mehr innere Bildung, mehr Eleganz der
+äußeren Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im
+Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde oder
+vielmehr auf den Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu
+untersuchen; aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen, daß man
+dort im Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge
+hübscher, sogar schöner Gesichter findet als selbst in Sachsen,
+welches doch wegen dieses Artikels berühmt ist."
+
+„_Quelle sottise!_" hörte ich Frau von Wollau schnauben, „welche
+abgeschmackte Behauptung dieser gemeine Mensch--"
+
+Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der
+Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu erinnern, daß er
+sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anspruch machten;
+ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment gesagt
+hätte, fuhr er fort: „Sie können gar nicht glauben, wie reizend dieser
+verschrieene Dialekt von schönen Lippen tönt, wie alles so naiv, so
+lieblich klingt; wie unendlich hübsch sind diese blühenden
+Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie
+liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig
+erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich
+verschämt wegwenden und flüstern: ‚Ach ganget Se mer weg, moinet Se
+denn, i glaub's?' Hier in Norddeutschland gibt es meist nur
+Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder ätherisch
+auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je
+der Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten."
+
+O Jude, welchen Bock hattest du geschossen! Kaum hast du das
+zornblitzende Auge einer Dame versöhnt, so begehest du den großen
+Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu loben
+und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, sondern sogar ihren
+ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter
+zu verschreien!
+
+Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht,
+die älteren an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und
+auf die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu
+einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Löffelchen
+klirrten laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter, die seit
+zehn Jahren mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter
+nobel und edel aussehen möchten--wozu heutzutage, außer dem Gefühl der
+Würde, etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört--welche die immer
+wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende
+Röte der Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten.
+
+Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und
+ihre Freude, ihre Kunst zuschanden machen? Er sollte es wagen, die
+Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen
+des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und
+ihnen den ersten Rang zu versagen? Und dies sollten sie dulden?
+
+_Jamais!_ Gnädige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der über
+das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über
+Schneegefilde herabglänzte: „Ich muß Sie nur herzlich bedauern, Herr
+Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben und seine naiven
+Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,"
+fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt
+hatte, wandte, „ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr
+zu, meine Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unseren Damen
+seine robusten Naturen und jene Naivetät vermissen, die er sich so
+ganz zu eigen gemacht hat."
+
+Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten
+Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen
+Sachtüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden
+und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister. Doch der feine
+Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so
+lange Raum, bis sie den Doktor hinlänglich gestraft glaubte. Beleidigt
+durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch
+seine rücksichtslose Äußerung ihren Unwillen verdient hatte; sie
+beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen
+so eigentümlich ist, allen weiteren Bemerkungen vor, indem sie ihren
+Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft
+die längst versprochene Novelle preiszugeben.
+
+Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine
+Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen
+Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch
+Ernst und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes,
+richtiges Urteil. Er war groß und schlank gebaut, männlich schön, nur
+vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte
+jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder
+wenigstens einen Mann verrät, der das Leben und Treiben der großen und
+kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte.
+
+Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des
+ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte
+sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen
+Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln, das sein
+Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in
+diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein
+gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen
+haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache
+schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende
+Gardeuniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt
+nicht aufwiegen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+VIERZEHNTES KAPITEL.
+
+DER FLUCH.
+
+(Eine Novelle.)
+
+
+„Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante," sprach der junge
+Mann mit voller, wohltönender Stimme, „eine artige Novelle oder eine
+leichte, fröhliche Erzählung für diesen Abend zu finden. Doch, um
+nicht wortbrüchig zu erscheinen, muß ich schon den Fehler einigermaßen
+gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem
+eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz
+und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der
+Wahrheit für sich hat."
+
+Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größeren
+Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand
+ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte; denn er sehe seit der
+Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, daß man auf seine
+Begebnisse recht gespannt sein dürfe.
+
+Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser
+Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen:
+
+„Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft,
+welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt
+hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen--wenn ich nicht irre,
+war Frau von Wollau mit davon--vor den schönen Römerinnen, vor ihren
+feurigen, die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung
+dankbar an, noch kräftigeren Schub aber versprach ich mir von jenen
+holden blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen
+Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und
+treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und sie schützten
+mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Römerinnen; wie
+sie aber vor sanften, blauen Augen, welche ich dort sah, sich
+unverantwortlich zurückzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz
+ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen.
+
+Der s----sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche
+eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt;
+mehr, um den alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen
+hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloß ich mich,
+hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde;
+statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte
+ich einen Klagegesang mitanhören, der mir schon an und für sich höchst
+lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit
+solcher Ritualien überzeugen können; selbst in dem ehrwürdigen Kölner
+Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen
+Lichtes, die mächtigen, vollen Töne der Orgel manchen anderen ernster
+stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen.
+
+Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der
+Sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache--alte, ausgediente,
+schneiderhafte Gestalten hielten hier Wache mit so meisterlicher
+Grandezza als nur die Cherubim an der Himmelstür. Der Glanz der Kerzen
+blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den
+dunkeln Chor, in den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der
+Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.
+
+Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu
+mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was
+Rom an Fremden beherbergte.
+
+Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge
+Engländer von meiner Bekanntschaft standen ganz in meiner Nähe. Sie
+zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen lassen, dem
+Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte,
+es sei dies wohl der Schönen zu Gefallen geschehen, die ich
+mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir
+stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr
+ungläubig, als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.
+
+Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke, hohe
+Gestalt, dem Anschein nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier
+bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und ließ nur einen
+Teil des Nackens sehen, so rein und weiß, wie ich ihn selten in
+Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.
+
+Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten
+Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte
+eben--da begann der Klagegesang, und meine Schöne schien so eifrig
+darauf zu hören, daß ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig
+lehnte ich mich an eine Säule zurück, Gott und die Welt, den Papst und
+seine Lamentationen verwünschend.
+
+Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der
+tiefsten Stimmen, die _unisono_, im tiefsten Grundton der
+menschlichen Brust, Bußpsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende,
+eine Kerze auf dem Altar verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein
+Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der
+Gesang anhub.
+
+Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf
+übrigen Kerzen verlöschen müßten, bis ich ans Ende denken könne. Die
+Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu
+denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte einen gesunden
+Schlaf zu tun. Aber wie war es möglich? Wie Strahlen einer
+Mittagssonne strömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei
+Kerzen verlöschten, meine Unruhe ward immer größer.
+
+Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis
+ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten
+Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend
+stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung
+bemächtigte sich meiner, und Tränen entstürzten seit Jahren zum
+erstenmal meinen Augen.
+
+Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen.
+Aber die Spieler, wunderbarer Anblick, lagen zerknirscht auf ihren
+Knien, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen
+waren verlöscht. Noch e i n m a l erhoben sich die tiefen,
+herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer,
+immer leiser verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich
+damit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis
+drang aus dem Chor und lagerte sich über die Gemeine. Mir war, als
+wäre ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine
+fürchterliche Nacht.
+
+Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße, klagende Stimmen. Was
+jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor
+diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der
+Weinenden, vom Chore herüber Töne, wie von gerichteten Engeln
+gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit
+unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn
+gewesen.
+
+Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge
+ergoß sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch
+zu rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine schöne Nachbarin noch immer
+auf den Knien niedergesunken lag. Ich faßte mir ein Herz.
+
+‚Signora,' sprach ich, ‚die Tore werden geschlossen, wir sind die
+letzten in der Kapelle.'
+
+Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing,
+sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.
+
+Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit
+vorgerückt; nur noch einige Flambeaus zogen durch die Kirche, ich
+mußte alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann
+mich nicht lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner
+Hilfe die Dame aufzurichten.
+
+Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere Schein der
+halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf dem
+herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! Glänzendbraune Locken
+hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und
+umzogen das liebliche Oval ihres Angesichts, auf dem sich eine
+durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen
+versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den
+halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weißesten Perlen, konnte Gram,
+konnte Schmerz so gezogen haben.
+
+Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge
+auf, dessen eigner, schwärmerischer Glanz mich so überraschte, daß ich
+einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich
+auf und stand nun in ihrer ganzen Schönheit mir gegenüber. Welch zarte
+Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses.
+Sie schaute verwundert in der Kirche umher und ließ dann ihre Blicke
+zu mir herübergleiten.
+
+‚Und Sie hier, Otto?' sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,
+wohlklingendem Deutsch.
+
+Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar
+meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen?--Sie
+schien verwundert über mein Schweigen.
+
+‚Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich
+unterstützt? Doch! Lassen Sie uns gehen, es wird spät.'
+
+Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm.
+Sie drückte zärtlich meine Hand.
+
+Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht
+möglich--das Mädchen k o n n t e keine Dirne sein. Verwechslung war
+offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen. Sie war so
+ohne Arg.--Ich wagte es--ich übernahm die Rolle eines verstimmten
+Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.
+
+Am Portal ging mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollte ich
+wählen, um nicht sogleich meine Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm
+allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu.
+
+‚Mein Gott!' rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ‚Otto,
+wo sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.'
+
+O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere
+Sprache in einem schönen Munde! Schon oft hatte ich die Römerinnen
+beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich je in
+Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es
+aus allem; und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch
+immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge
+sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß
+erwarteten.
+
+‚Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen,
+daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast
+recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden
+und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem
+Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der
+Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!'
+weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels
+tauchte. ‚Wie bin ich so allein!--Und wenn ich dich nicht hätte, mein
+Otto!--'
+
+Meine Lage grenzte an Verzweiflung; das schönste, lieblichste Kind im
+Arme und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen
+noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ‚Wie könnte
+ich dir zürnen?'
+
+Sie schaute freundlich dankbar auf--‚Du bist wieder gut? Und o! wie
+siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme
+klingt heut so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen
+ganzen langen Tag auf dich warten.'
+
+Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die
+Glocke zog. ‚Und nun gute Nacht, mein Herz,' sagte sie, ‚wie gerne
+setzte ich mich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl
+schon zu lange.' Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen
+heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war sie.
+
+Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht
+erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna
+in Stein gehauen konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich
+wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirre der Straßen und war
+doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den
+lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht schlafen,
+der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine
+vorzog, schien gar der Engelskopf des Mädchens hereinzublicken.
+Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und
+ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht
+kostete.
+
+Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner
+Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine
+rätselhafte Schöne zu Haus brachte und schalten mich neckend, daß ich
+sie gestern gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer,
+dem größern Teile nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und
+behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen
+zu haben. Immer klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine
+Gestalt gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen
+schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das
+leibhaftige Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die
+beiden Engländer mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor
+dem Spott meiner Bekannten fürchtete; zugleich versprachen sie auch,
+mir suchen zu helfen.
+
+Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um
+die erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir
+endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die
+Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank
+an der Türe, auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging
+auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit
+entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse,
+die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus
+einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die Straße; immer war die
+Türe verschlossen, immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten
+uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schöne, noch mein
+Ebenbild ließen sich sehen.
+
+Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir
+sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen
+Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des
+Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme
+flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt?
+Hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die
+Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?
+
+Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände,
+die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine
+Ruhe wieder.
+
+Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte
+ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht
+herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte
+niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich
+mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter
+die Freuden des Karnevals zu mischen.
+
+Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der
+Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert
+habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte,
+behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen
+und begrüßt zu haben. Er schwieg, etwas beleidigt, als ich es wieder
+verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: Wie, wenn es die
+Gesuchten wären?
+
+--Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein
+prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten römischen Häusern
+eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich
+gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.
+
+Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder
+andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben,
+nicht nur, weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen
+wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten
+aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen
+Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung
+geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so
+werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre
+Neugierde nicht zur Genüge befriedige.
+
+Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die _Porta
+del popolo_ hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge
+durcheinander, und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg, weil
+es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es
+festhielt. Die Erwartung war gespannt. Überall hörte man von dem
+Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes
+Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber und
+verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich
+dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und
+winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich an die Seiten
+drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß, ein
+herrlicher Anblick! Die Götter der alten Roma schienen wieder in die
+alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern.
+Liebliche, majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den
+Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man
+konnte es nicht für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade
+hierin den schönsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den
+Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der
+Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes
+unverhüllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst,
+diese sanfte Größe hätten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern
+können.
+
+Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen,
+weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen
+auf der Straße, mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und Balkone
+musternd, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich
+fühlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. ‚So einsam?' tönte in
+der lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich
+um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter
+mir. Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich
+damals so sehr überraschten. Sie ist's--es ist kein Zweifel. Ich bot
+ihr schweigend die Hand, sie drückte sie leise. ‚Du böser Otto,'
+flüsterte sie, ‚den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie
+mußte ich schwatzen, um die Signora los zu werden!'
+
+Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu
+suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein
+heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es
+von selbst, Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für
+mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske
+abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem
+Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war
+einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte von noch
+höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der
+Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert,
+das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte."
+
+„Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein
+Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann
+plötzlich: ‚Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in
+der Kapelle, den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehest du ihn
+deiner Luise noch nicht?'
+
+„Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die
+Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und
+ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule, um
+nicht im Augenblicke vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch
+etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich
+mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen,
+was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene
+Neugierde Frevel?
+
+„Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher
+sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein
+konnte, bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich
+schlich näher herzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei,
+da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen
+konnte."
+
+‚Wie magst du nur so zerstreut fragen?' sagte Luise, ‚du selbst hast
+mich ja heraufgeführt.'
+
+‚Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?
+Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?'
+
+Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie
+vorhin sagte. ‚Du bist auch wie unser Wetter über den Alpen, soeben
+noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.'
+
+Jener stand schnell auf: ‚Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das
+Ziel Ihrer Scherze zu sein,' sagte er, ‚und wenn Sie sich in Rätsel
+vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.' Er brach auf
+und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr
+verlängern und trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des
+Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein
+eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die
+überraschendste Ähnlichkeit--"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FÜNFZEHNTES KAPITEL.
+
+Das Intermezzo.--Der Trinker.
+
+
+Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner
+einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude
+lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee,
+Trümmer seines Stuhles und der feinen Meißner Tasse, die er im Sturz
+zerschmettert, um ihn her. Der Ärger über eine solche Unterbrechung
+war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr Auge
+von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm
+beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu
+rühren, und schaute verwundert herauf.
+
+Ich sprang auf, ihm beizustehen; ich hob ihn auf und sah mich nach
+einem andern Stuhle um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein
+Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich möchte machen, daß
+wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser
+Gesellschaft zu gefallen.
+
+Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der
+gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein,
+sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines
+Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich und ließ ihn abziehen.
+Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte
+mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, daß
+mich dieses Lachen ungemein ärgerte.
+
+Wie gern hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu
+Ende gehört; wie viel Wichtiges und Psychologisches hätte ich von dem
+gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen können; und war ich selbst
+nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein
+junger, reicher, ich darf sagen, hübscher Mann auf Reisen findet, wo
+er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die
+Herzen einzieht--und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des
+alten Menschen verdorben; ich hätte ihn würgen können, als wir im
+Wagen saßen.
+
+„War es nicht genug," sagte ich, „daß du mit deinem scharfen Judenbart
+die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Mußtest du auch
+noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen?
+Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles
+gegen dich auf. Was gingen dich denn die S c h w a b e n m ä d e l an,
+daß du ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigest? Darfst du
+denn sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und
+jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt
+hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige Thema, das diesen
+Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige
+Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal
+und zerschmetterst--nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener
+würdige jüdische Papst--nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und
+eine Tasse von Meißner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad,
+wie fingst du es nur an?"
+
+„In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen
+unsereinen," antwortete er verdrießlich. „Ihr wißt, daß Euch keine
+Gewalt über meine Seele zusteht; denn seit anderthalbtausend Jahren
+kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Elis-Geschichte
+betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr
+begleitet mich in eine Auberge; denn der läpperige Tee hier, mit dem
+man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern
+Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht."
+
+Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten
+Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur
+noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an
+einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gesellen; ich ließ
+für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem
+Malabarisch, wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich
+ihn auf, zu erzählen.
+
+Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte,
+begann er:
+
+„Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich,
+sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich
+werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen.
+
+„Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu
+vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche--nun, verziehe dein
+Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von
+einem kräftigen Fünfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs
+Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen
+eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt
+in das elterliche Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht
+abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich
+scherwenzelte um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein
+so ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging.
+In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem
+Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit
+Grazie der Hut gezogen und etwas weniges geseufzt.
+
+„Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die
+Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber, und ich hatte die
+Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute
+und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der
+Straße; ich ging also, um die weißseidenen Strümpfe zu schonen, auf
+den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause
+meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen
+zusammengekehrt; denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und
+mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein
+Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich
+konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich
+ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich
+herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet,
+schwenke ihn in einem kühnen Bogen und--o Unglück--er entwischt meiner
+Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß nur
+noch die Spitze hervorsieht.
+
+„Wie schön sagt Schiller:
+
+ ‚Einen Blick
+ Nach dem Grabe
+ Seiner Habe
+ Sendet noch der Mensch zurück.'
+
+„So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in
+zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber
+dann war zu befürchten, daß er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig
+_chapeau bas_ weiter ziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen
+oder dem Tollhaus entsprungen?
+
+„Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen
+meiner Dulzinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken,
+das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem
+gegenüberstehenden Kaffeehaus; Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute
+brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und ‚Hussa, Sultan, such'
+verloren!' tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen
+Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den
+verlorenen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich
+auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und
+präsentiert mir das triefende _corpus delicti_.
+
+„Was ich dir hier mit vielen Worten erzählte, mein Bester, war das
+Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst
+die Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder.
+Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Kaffeehause, und auch
+bei i h r waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich, einen
+zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie sie das
+battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu
+bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den
+Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand
+keinen Spaß, sie packte mich, an dem zierlichen Busenstreifen, ich
+ließ ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und
+dünn galoppierend; aber die Bestie folgte, und andere Hunde und
+Gassenjungen stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein
+Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes stürzte.
+
+„Daß es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders, da ich
+nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in
+das Kaffeehaus bestellt, um meine tägliche Fensterparade zu
+bewundern!"
+
+Ich bedauerte den Armen von Herzen; er aber griff ruhig nach seinem
+Glas, trank und fuhr dann fort:
+
+„Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher,
+besonders aber in der neuen aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel
+auf das Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der
+vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berührt wird.
+Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer höllenangst. Wird fette
+Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, daß ich damit zittern
+und sie verschütten werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht
+mir der Angstschweiß aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden
+Hand fürchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach
+und--richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf
+dem neuen Drap d'or oder Genuesischen Sammetkleid, daß alles im
+schönsten Fette schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche
+Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschütten, ohne ein Glas
+umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu lassen, ohne dem Schoßhund auf
+den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die größten
+Sottisen zu sagen, wenn ich höflich und pikant sein will, so faßt mich
+irgend ein Unheil noch zum Schluß, daß ich mit Schande abziehe wie
+heute."
+
+„Nun," fragte ich, „und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?"
+
+„Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie er ein paar
+Pfaffen habe singen hören und wie er einem hübschen Mädchen
+nachgelaufen sei--was man überall tun kann, ohne gerade in Rom zu
+sein--da übermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptübel
+ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts
+in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich
+mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rückwärts über, und ich
+lag--"
+
+„Das habe ich leider gesehen, wie du lagst," sagte ich; „aber wie kann
+man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und
+mit dem Stuhle schaukeln."
+
+„Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten
+Geschichte; ich habe heute abend kein Glück gemacht, das ist alles.
+_Bibamus, diabole!_" sagte der alte Mensch, indem er selbst mit
+tüchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote
+Glas wies: „Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter
+Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt
+auslachen oder nicht; aber ein gutes altes Weinchen vom Südstamme ist
+noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt
+nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber
+desto weniger Wein getrunken wird."
+
+„Du könntest recht haben, Jude!"
+
+„Wie stattlich," fuhr er im Eifer fort, „wie stattlich nahmen sich
+sonst die Wirtshäuser aus. Breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den
+dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter,
+feurige Augen, ins Bläuliche spielende Nasen, honette Bäuche--so
+traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust,
+feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in
+die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen
+zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte und das oft nach
+ihm getauft war. Der Wirt stellte mit einem ‚Wohl bekomm's' die
+Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn
+fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte
+wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den
+guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen,
+so war es, und nur der Tod machte darin eine Änderung. Jetzt hängen
+sie alles an den Putz, machen Staat wie die Fürsten und sitzen den
+Wirten um zwei Groschen die Bänke ab. Lustiges, unstetes Gesindel
+fährt in den Wirtshäusern umher, man weiß nie mehr, neben wen man zu
+sitzen kömmt, und das heißen die Leute K o s m o p o l i t i s m u s.
+Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne Gesichter von der echten
+Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!"
+
+„Schau nur dorthin," fiel ich ihm ein, „du Prediger in der Wüste, dort
+sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem
+braunen Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche
+hinrollen läßt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den
+Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen
+und zerdrückt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort
+der große dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus
+der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie
+die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken?
+Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und
+hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt,
+um nachher zu zählen, wie viele Flaschen er getrunken?"
+
+„Wahrhaftig, diese sind echt!" rief der begeisterte Jude, „ich bin
+jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; laß
+uns zu ihnen uns setzen, _mi fratercule_!"
+
+Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten
+Sorte; denn schon seit zwanzig Jahren kamen sie alle Abende in das
+nämliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie
+anschlossen. Ich, weil ich solche Käuze liebe und aufsuche, der ewige
+Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen
+Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel. Er
+wurde so kordial, daß er zu vergessen schien, daß er mit ihren
+Urvätern schon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren späten
+Enkeln wieder trinken werde.
+
+Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben; denn sie wurden
+freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen; dann
+gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen
+sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten
+Menschen faßte diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie
+geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:
+
+„Wer seines Leibes Alter zählet
+ Nach Nächten, die er froh durchwacht,
+ Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
+ Sich um den Groschen lustig macht,
+ Der findet in uns seine Leute,
+ Der sei uns brüderlich gegrüßt,
+ Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
+ In seine sanften Arme schließt.
+
+Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
+ Von Flötentönen süß berauscht,
+ Fein Liebchen sich im Arme schmieget
+ Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
+ Da haben wir im Flug genossen,
+ Und schnell den Augenblick erhascht,
+ Und Herz am Herzen festgeschlossen
+ Der Lippen süßen Gruß genascht.
+
+Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
+ Doch ist sein Feuer bald verraucht,
+ Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
+ In seine Geisterglut dich taucht;
+ Uns, die wir seine Hymnen singen,
+ Uns leuchtet seine Flamme vor,
+ Und auf der Töne freien Schwingen
+ Steigt unser Geist zum Geist empor.
+
+Drum, die ihr frohe Freundesworte
+ Zum würdigen Gesang erhebt,
+ Euch grüß' ich, wogende Akkorde,
+ Daß ihr zu uns herniederschwebt!
+Sie tauchen auf--sie schweben nieder,
+ Im Vollton rauschet der Gesang,
+ Und lieblich hallt in unsre Lieder
+ Der vollen Gläser Feierklang.
+
+So haben's immer wir gehalten
+ Und bleiben fürder auch dabei,
+ Und mag die Welt um uns veralten,
+ Wir bleiben ewig jung und neu:
+ Denn wird einmal der Geist uns trübe,
+ Wir haben ihn im alten Wein,
+ Und ziehen mit Gesang und Liebe
+ In unsern Freudenhimmel ein."
+
+Ob dies des ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt
+sagen, doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch etwas Poet sei;
+die zwei alten Weingeister waren ganz erfüllt und erbaut davon; sie
+drückten dem a l t e n M e n s c h e n die Hand und gebärdeten sich,
+als hätte er ihnen die ewige Seligkeit verkündigt.
+
+Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf. Der ewige Jude sah
+mich an und brach auf; ich folgte. Rührend war der Abschied zwischen
+uns und den Trinkern, und noch auf der Straße hörten wir ihre
+heiseren Stimmen in wunderlichen Tönen singen:
+
+ „Und wird einmal der Geist uns trübe,
+ Wir baden ihn im alten Wein,
+ Und ziehen mit Gesang und Liebe
+ In unsern Freudenhimmel ein."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+SATANS BESUCH BEI HERRN VON GOETHE
+
+nebst
+
+einigen einleitenden Bemerkungen
+über das Diabolische in der deutschen Literatur.
+
+ „Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
+ Und hüte mich, mit ihm zu brechen,
+ Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
+ So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."
+ Goethe.
+
+
+
+
+SECHZEHNTES KAPITEL.
+
+Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.
+
+
+„Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch
+die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen
+und bösen Geister,--natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an
+gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das
+Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei,
+überall Unheil anzurichten."--So würde ich ungefähr sprechen, wenn
+ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über
+die I d e e e i n e s T e u f e l s mich breit machen müßte.
+
+In meiner Stellung aber färbe ich über solche Demonstrationen, die
+gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg
+zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so
+dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht g a n
+z g e h e u e r u m s i e h e r ist, und mögen sie mich nun Ariman
+oder das böse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich
+in allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das
+„_dicier hic est_," darum behagt mir auch die deutsche Literatur
+so sehr. Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation bemüht,
+mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu
+machen?
+
+In meiner _Dissertatio de rebus diabolicis_ sage ich unter anderem
+hierüber folgendes: „§ 8. D i e I d e e, d a s m o r a l i s c h e
+V e r d e r b e n i n e i n e r P e r s o n d a r z u s t e l l e n,
+m u ß t e s i c h d a h e r d e n D i c h t e r n h a l b
+a u f d r ä n g e n; diese waren, wie es in Deutschland meistens der
+Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre
+Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über
+Gegenstände hinzugleiten weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde
+ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie
+nicht mit Gewandtheit auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und
+von der Bühne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehnte
+nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie
+auf einer engen Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander
+ausweichen.
+
+Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet
+waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat
+dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde
+herzuleiern!
+
+Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus
+dem Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis
+er die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man
+begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte
+verführen lassen."
+
+Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier
+aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel
+Spaß gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Policinello des
+italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende
+Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die
+Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein
+_Ecce homo_, sehet, das ist der Teufel, schrieb.
+
+Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt
+ein altes Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder
+gerecht sein. „Ein jeder gibt, wie er's kann," fuhr ich in der
+Dissertation fort, „und wie sich in jenen Poeten das moralische
+Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben
+auch sie ihre Teufel. Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock
+wieder bei weitem anders aussieht.
+
+„Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die
+Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig
+ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt;
+mir wenigstens kommt dieser Klopstocksche Gottseibeiuns vor wie ein
+Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den
+Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und
+darum unanständig jammert."
+
+So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und
+ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der
+des Teufels, sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über
+das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen
+berühmten Mann, der kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen
+Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt,
+sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es
+entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur
+Welt gebracht hat.
+
+Der G o e t h e s c h e M e p h i s t o p h e l e s ist eigentlich
+nichts anderes, als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes.
+Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die
+Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter
+dem Barett verborgen--siehe da den Teufel des großen Dichters! Man
+wird mir einwenden: „Das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß
+er tausend Fäden zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken,
+seine hohen, überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die
+Volkspoesie knüpft."--„Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie
+sie sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm
+beherrschen läßt, ist es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in
+diese Fesseln der Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche
+Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und mit sich in
+seine Sonnenhöhe tragen?"
+
+„Verzeihe, Wertester," erhalte ich zur Antwort, „du vergissest, daß
+unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht
+in Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder
+zur Erde stürze? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat
+aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter,
+geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm
+hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche,
+gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sündflut jetziger Zeit und
+schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der
+kleinen Poeten strömt."
+
+„Ein wässeriges Bild!" entgegne ich, „und zugleich eine Sottise.
+Befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will
+der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine
+Stierlein und seine Eselein, seine Pfauen und Kamele Paar und Paar auf
+die Erde spazieren lassen?
+
+„Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines
+sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über
+seine Schenke schreiben: ‚Hier allein ist Echter zu haben,' wie Maria
+Farina auf sein Kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist?"
+
+Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen, gerade dadurch, daß
+er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe
+offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er
+wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende
+werden ausrufen: „Wie herrlich! Das ist der Teufel, wie er leibt und
+lebt." Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich
+sehr wenig; sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der
+Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.
+
+„Aber erkennst du denn nicht," wird man mir sagen, „erkennst du nicht
+die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles
+liegt?"
+
+Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den
+gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube
+beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu
+beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der
+beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß:
+
+ „Gesteh' ich's nur, daß ich hinausspaziere,
+ Verbietet mir ein kleines Hindernis,
+ Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;"
+
+und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,
+
+ „Bedarf ich eines Rattenzahns;"
+
+daher befiehlt
+
+ „Der Herr der Ratten und der Mäuse,
+ Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse"
+
+in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche
+ihn bannt, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer
+treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal „Herein!" ruft. In andere
+Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen trete ich
+ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren
+Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:
+
+ „Gewöhnlich glaubt, der Mensch, wenn er nur Worte hört,
+ Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!"
+
+Doch weiter.
+
+Ich stehe auf einem ganz besonderen Fuß mit den Hexen. Die in der
+Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen; aber sie sah keinen
+Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren,
+mache ich eine unanständige Gebärde:
+
+ „Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
+ Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.
+
+Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser
+bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:
+
+ „Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
+ Ich wünschte mir den allerderbsten Bock."
+
+Auch hier
+
+ „Zeichnet mich kein Knieband aus,
+ Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus."
+
+Um unter diesem, gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich
+mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur
+durch Gedankenstriche
+
+ „Der, hatt' ein-----
+ So--es war, gefiel mir's doch"
+
+anzudeuten wagt.
+
+Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer Geselle,
+der
+
+ „--------kalt und frech
+ Ihn vor sich selbst erniedrigt."--
+
+Ich bin ohne Zweifel von häßlicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht,
+was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrigant, und im gemeinen
+Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.
+
+Daher sagt Gretchen von mir:
+
+ „Der Mensch, den du da bei dir hast,
+ Ist mir in tiefer innrer Seel' verhaßt.
+ Es hat mir in meinem Leben
+ So nichts einen Stich ins Herz gegeben
+ Als des Menschen widrig Gesicht.--
+ Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,
+ Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen.--
+ --Kommt er einmal zur Tür herein,
+ Sieht er immer so spöttisch drein
+ Und halb ergrimmt.--
+ Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
+ Daß er nicht mag eine Seele lieben" &c.
+
+Daher sage ich auch naher:
+
+ „Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,
+ In meiner Gegenwart wird ihr, sie weiß nicht wie;
+ Mein M ä s k c h e n da weissagt verborgnen Sinn,
+ Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,
+ Vielleicht wohl gar der Teufel bin."
+
+Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nähe eines
+Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein
+unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die ihr meine Nähe ängstlich
+macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel früher ahnet als der
+schon gefallene Mensch, wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk
+scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein--es ist nur allein mein
+Gesicht, das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt:
+
+ „--Wo er nur mag zu uns treten,
+ Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr."--
+
+Wozu nun dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das
+jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß die Sünde,
+nach den gewöhnlichen Begriffen, sich lockend, reizend sehen läßt.
+
+Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust von dem
+genialen Retsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel muß an einem solchen
+Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden
+das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens,
+Faust in der vollendeten Blüte des Mannes steht neben ihr; welche
+Würde noch in dem gefallenen Göttersohn!
+
+Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in
+Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern.
+
+Die unangenehmen Formen des dürren Körpers, das ausgedorrte Gesicht,
+die häßliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel--
+hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft geärgert hat. [Fußnote:
+Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so
+ertappt man hier den Satan auf einer größern Eitelkeit, als man ihm
+fast zutrauen sollte; gewiß hat ihn nichts anderes gegen jenen
+verehrten Dichter aufgebracht, als daß er ihn mit etwas lebhaften
+Farben als häßlich darstellt; diese Bemerkung wird um so
+wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten
+Abschnitt selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation einige Eitelkeit
+in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt sich übrigens durch den
+übertriebenen Eifer, mit welchem er seine Mißgestalt rügt, eine Blöße,
+die ihm nicht hätte beigehen sollen.].
+
+Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum,
+antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk schwebende
+Dichter, seinen Satan anthropomorphosiert; um den gefallenen E n g e l
+würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief
+gefallenen M e n s c h e n. Die Sünde hat seinen Körper häßlich,
+mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften
+gewühlt und es zur Fratze entstellt; aus dem hohlen Auge sprüht die
+grünliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch
+wie der eines Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat
+und jetzt aus Übersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld ist
+es nicht wohl in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen Zügen
+schaudert.
+
+So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte,
+einen schlechten Teufel gemalt.
+
+Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel
+könne nun einmal nicht anders aussehen, er k ö n n e sein Gesicht,
+seine Gestalt nicht v e r w a n d e l n? Nein, man lese:
+
+ „Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
+ Hat auf den Teufel sich erstreckt;
+ Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
+ Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?
+
+ Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,
+ Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere."
+
+Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein „Mäskchen"
+nennen; folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln;
+aber, wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt, das n o r d i s c h e
+P h a n t o m dennoch beizubehalten, nur daß er mich von „H ö r n e r
+n, S c h w e i f u n d K l a u e n" dispensiert.
+
+Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes
+nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so
+hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon
+durch ihre Maske verdächtig macht, ins Verderben geführt werden? Darf
+jener große Geist, der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt,
+darf er durch einen gewöhnlichen „Bruder Liederlich", als welchen
+sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und--muß nicht d i e s e
+Maske der Würde jener Tragödie Eintrag tun?
+
+Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und
+meine verehrte Großmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen:
+„Söhnchen! Diabole! Bedenke, daß ein großer Dichter ein großes
+Publikum haben und um ein großes Publikum zu bekommen, so populär als
+möglich sein muß."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+SIEBZEHNTES KAPITEL.
+
+Der Besuch.
+
+
+Bei diesem allen bleibt Faust ein erhabenes Gedicht und G o e t h e
+einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht
+wundern, daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, diesen Mann
+einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen
+können; ja, wenn ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand
+ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles
+nächtlicherweile zu erscheinen, um ihm einigen Schrecken in die
+Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an
+mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine
+schlaflose Nacht zu machen.
+
+Ich entschloß mich daher, als _Doctor legens_, ein ehrsamer Titel
+auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es
+ist mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein
+ehrlicher Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt,
+so ist sein erstes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt: „Wann
+kann man den Löwen sehen, Bursche?" „Mein Herr," antwortet der
+Gefragte, „die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der
+Löwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leibe hat;
+daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."
+
+Gerade so erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem
+jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters
+Ruhm schon längst gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch
+Europa dem berühmten Manne zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig
+Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir
+sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten?
+Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas
+unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit
+mißtrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage
+beantwortete, ob wir auch Fräcke bei uns hätten.
+
+Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt
+versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. „Sie werden wahrscheinlich
+nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind
+Seine Exzellenz am besten ja sprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie
+angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen
+aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen
+ungesehen wieder fortzuschicken."
+
+Dieser Patriotismus ging wahrhaftig sehr weit. Doch wir ließen den
+guten Mann in dem Glauben, der junge Philadelphier komme _recta_
+nach Weimar und gehe von da wieder heim. Übrigens hatte er richtig
+prophezeit: _Doctor legens_ Supfer, wie ich mich nannte, und
+Forthill aus Amerika waren auf fünf Uhr bestellt.
+
+Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter
+wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte
+Treppe führt zu ihm. Eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem
+Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in das
+Besuchszimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit,
+verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger
+Gefährte betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese
+Meubles. So hatte er sich wohl das S t ü b c h e n d e s D i c h t e
+r s nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien
+auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen
+von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte
+hörbar, sein Auge war starr an die Türe geheftet, durch welche der
+Gefeierte eintreten mußte.
+
+Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wieviel
+weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen
+Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.
+
+Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die
+höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewöhnlichen Laufe
+der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen.
+Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe
+alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der
+zunächst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich
+auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft--Goethe hat sich seine
+eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm keiner voranging, ihm noch
+keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch k a n n, was er
+will. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie,
+von einem Geiste, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem
+Höheren geführt habe--das Zeitalter hat i h n gebildet.
+
+Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben „Werther" in dem
+lieben Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen
+Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war
+Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur
+daran gefehlt, daß er das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem
+ersten Ton, den er angab, mußten Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen
+in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heißt
+dieses große schöpferische Geheimnis? A l l e s z u r r e c h t e n
+Z e i t. Der „Siegwart" hatte die harten Herzen abgetaut und sie für
+allen möglichen Jammer, für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht,
+da kommt Goethe--
+
+Die Türe ging auf,--er kam.
+
+Dreimal bückten wir uns tief--und wagten es dann, an ihm hinauf zu
+blinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie
+die eines Jünglings, die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Würde und
+Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und aus
+seiner Brust glänzte ein schöner Stern.--Doch er ließ uns nicht lange
+Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines
+Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns
+zum Sitzen ein.
+
+Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske
+zu ihm zu gehen! _Doctores legentes_ mochte er schon viele
+Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm
+zulieb auf die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er
+sich meist mit meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für
+einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi
+ausgegeben! Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein
+Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Cabanen von
+Louisiana über ihn und seinen „Wilhelm Meister" sich unterhalte?--So
+wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glücklicherer
+Gefährte durfte den großen Mann unterhalten.
+
+Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der
+Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als witziger Kopf
+bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art
+von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er
+müsse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen,
+wenn man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein
+Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die
+der Berühmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Ärmel schütteln
+werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht
+freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann
+ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen können. Ist er nun gar ein
+umfassender Kopf wie Goethe, einer, der so zu sagen in allen Sätteln
+gerecht ist--wie interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung
+werden! Wie sehr muß man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu
+genügen!
+
+Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß. Sein Ich fuhr,
+wie das des guten Walt, ehe er zum Flitte kam [Fußnote: Jean Pauls
+Flegeljahre], ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf
+unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein
+schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen und
+vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll auf die Lippen des
+Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle, wie der Kandidat auf den
+strengen Examinator; er knickte seinen Hut zusammen und zerpflückte
+einen glacierten Handschuh in kleine Stücke. Aber welcher Zentnerstein
+mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Höhen zu ihm
+herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er
+sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er über
+das Verhältnis der Winde zu der Luft, der Dünste des wasserreichen
+Amerikas zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er
+uns, daß das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei; denn er war
+nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist,
+Lustspiel= und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und
+Übersetzer--nein, er war auch sogar Meteorolog!
+
+Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens
+eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, daß er mit jedem seine
+Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen Dialekt, sondern das, was
+ihm gerade geläufig und wert sein möchte, sprechen könne! Ich glaube,
+wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgeführt hätte, er hätte
+sich mit mir in gelehrte Diskussionen über die geheimnisvolle
+Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer
+Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite
+schmoren müsse.
+
+Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe--das
+Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen
+seiner Beredsamkeit öffneten sich--er beschrieb den feinen, weichen
+Regen von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme von New York brausen und
+pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es
+war mir am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem
+Wirtshause unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer Flasche
+Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser
+Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis der Konversation,
+daß man sich angewöhnt--nicht gut zu s p r e c h e n, sondern gut zu h
+ö r e n. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu
+sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam
+auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden,
+daß man sich bei dem und dem köstlich unterhalte.
+
+Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem
+Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns
+Witterungsbeobachtungen anzustellen.
+
+Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, gab er das
+Zeichen zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen
+und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der
+gute Mann ahnte nicht, daß er den Teufel zitiere, als er großmütig
+wünschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu und
+werde es seiner Zeit schon noch halten; denn wahrhaftig, ich habe
+seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen--zwei
+Bücklinge, wir gingen.
+
+Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner
+nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner
+Wange, zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund, er
+schien höchst zufrieden mit dem Besuch.
+
+Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl
+und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem
+Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläser, bot mir
+das eine und stieß an auf das Wohl jenes großen Dichters.
+
+„Ist es nicht etwas Erfreuliches," sagte er, „zu finden, so
+hocherhabene Männer seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange
+vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben; ich darf gestehen, bei
+dem Sturm, der uns auf offener See erfaßte, war mir nicht so bange.
+Und wie herablassend war er, wie vernünftig hat er mit uns diskuriert,
+welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!" Er
+schenkte sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters
+Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,
+sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe zu werden, dem
+Schlaf in die Arme.
+
+Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von
+allen Getränken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein
+leichter, flüchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich
+führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen
+Körpern die Erde besuchen, gekostet zu werden.
+
+Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer blickte; wie
+leicht ist es doch für einen großen Menschen, die andern Menschen
+glücklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wären sie ihm so
+ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.
+
+Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht,
+bei ihm gewesen zu sein, denn
+
+„Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
+ Und hüte mich, mit ihm zu brechen,
+ Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
+ So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER FESTTAG IM FEGEFEUER.
+
+Eine Skizze.
+
+„Das größte Glück der Geschichtschreiber
+ist, daß die Toten nicht gegen ihre Ansichten
+protestieren können."
+ Welt und Zeit. I.
+
+
+
+
+ACHTZEHNTES KAPITEL.
+
+Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen.
+
+
+Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar
+nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir
+sehr interessant war und vielleicht auch andern nicht ohne einiges
+Interesse sein möchte. Er führt die Aufschrift: „D e r F e s t t a g
+i m F e g e f e u e r" und kam durch folgende Veranlassung zu diesem
+Titel. Es ist auf der Erde bei allen großen Herren und Potentaten
+Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen.
+Wenn ein aus fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube
+wiedergegeben wird, haben die Küster im Lande schwere Arbeit; denn man
+läutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein
+Stammhalter geboren, so verkündet schrecklicher Kanonendonner diese
+Nachricht. Landesväterliche oder landesmütterliche Geburtstage werden
+mit allem möglichen Glanz begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die
+Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch
+wenigstens in den Landstädtchen _bière dansante_. Kurz, alles
+lebt _in dulci jubilo_ an solchen Tagen.
+
+Um nun meiner guten G r o ß m u t t e r eine Ehre zu erweisen, hielt
+ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie
+sich gewöhnlich aufhält, ist immer an diesem Tage allgemeine
+Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag über den Körper, den
+sie auf der Oberwelt hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre
+Sitten. Was von Adel da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten
+schicken (_in pleno_ können sie nicht vorgelassen werden, weil
+sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige
+Hofmarschälle, Kammerherren usw. haben den großen Dienst und schätzen
+es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu
+leiten, die Touren bei den Bällen, welche abends gegeben werden, zu
+arrangieren usw.
+
+Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. Einmal
+fühlt sich _chère Grande-Mama_ ungemein geschmeichelt durch diese
+Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten
+Mann, der ihnen auch ein Vergnügen gönnt, drittens macht dieser
+einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die
+Seelen sich nachher um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck
+einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt.
+
+An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge.
+Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges „Vivat der Herr
+Teufel! _Vive le diable_!" erfreut dann mein landesväterliches
+Herz; doch weiß ich wohl, daß es nicht weniger erzwungen ist als ein
+H u r r a auf der Oberwelt; denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr,
+wenn sie n i c h t schreien.
+
+In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen.
+_Tout comme chez vous_, meine Herren, nur etwas grotesker;
+Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische,
+militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs
+finden sich, wie durch natürlichen Instinkt zusammen, machen sich
+einen guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, die, wenn ich sie
+mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein
+hübsches Licht werfen würden.
+
+Einst trat ich in einen Saal des _Café de Londres_ (denn,
+nebenbei gesagt, es ist an diesem Tage alles auf großem Fuß und höchst
+elegant eingerichtet); ich traf dort nur drei junge Männer, die aber
+durch ihr Äußeres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie
+ins Gespräch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu
+versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostüm
+eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die
+Herrschaften zu bedienen.
+
+Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard.
+Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war
+nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, seine Beine
+ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand
+spielte nachlässig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte
+das Kinn. Ein schöner Kopf!
+
+Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die Stirne hoch und frei, von
+hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und
+spitzig, wie aus weißem Wachs geformt, die Lippen dünn und angenehm
+gezogen, das Auge blau und hell, aber gewöhnlich kalt und ohne alles
+Interesse langsam über die Gegenstände hingleitend. Dies alles und ein
+feiner Hut, enger oben als unten, nachlässig auf ein Ohr gedrückt,
+ließen mich einen Engländer vermuten. Sein sehr feines, blendend
+weißes Leinenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung konnte nur
+einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören. Ich sah
+in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er
+winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm
+wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte
+auf seinen Befehl ein großes Glas Rum, eine Havannazigarre und eine
+brennende Wachskerze vor ihn hin.
+
+Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel beendigt und nahten
+sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich warf schnell einen
+Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose,
+Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein
+Deutscher.
+
+Der Franzose war ein kleines, untersetztes, gewandtes Männchen. Sein
+schwarzes Haar und der dickgelockte, schwarze Backenbart standen sehr
+hübsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und
+beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen Lippen und
+das wohlgenährte Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau,
+welches den Damen so wohl gefallen soll und in England und Deutschland
+bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil hier
+der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein pflegt als
+dort.
+
+Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante
+Negligé, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der
+eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte
+der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit
+zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem
+kleinen blaßroten Schal mit einer Nadel _à la Duc de Berry_
+zusammengehalten, bis hinab auf die Gamaschen, die man damals seit
+drei Tagen nach innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als
+modisch zu gelten, an den Spitzen nach der großen Zehe sich hinneigen
+und ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage, bis auf jene
+Kleinigkeiten, die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel,
+einem, der in die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und
+unumgänglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft und nach den
+neuesten Geschmack für den Morgen angezogen.
+
+Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts in die
+Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke
+des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Café hereingeflogen zu
+sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr um zu schwatzen,
+als zu hören.
+
+Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an
+dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte,
+ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die
+Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:
+
+„Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns
+_Monseigneur le diable_ gibt? Werden viele Damen dort sein, mein
+Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier
+habe.
+
+„Mein Herr darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns
+beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe
+ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier
+vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie
+brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte,
+Sie zu begleiten; mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten."
+
+So ging es im Galopp über die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft
+schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den
+ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig
+auf, um seine rechte Hand freizumachen, ergriff mit dieser--die erste
+Bewegung seit einer halben Stunde--das Kelchglas, nippte einige Züge
+Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die
+rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr
+zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen; denn er
+erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen
+Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt,
+
+ „Der Zähne doppelt Gatter"
+
+vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.
+
+Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert,
+eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber
+genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Es war,
+was man in Deutschland einen g e w i c h s t e n j u n g e n M a n n
+zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende
+Haare, an die etwas niedere Stirn schloß sich ein allerliebstes
+Stumpfnäschen, über den Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden
+hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmütig, das Auge hatte einen
+Ausdruck von Klugheit, der, wie gut angebrachtes Licht auf einem
+grobschattierten Holzschnitt, keinen übeln Effekt hervorbrachte.
+
+Seine Kleidung wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen
+entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war
+polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier
+Zoll hoch wattiert, schloß sich spannend über den Hüften und formierte
+die Taille so schlank, als die einer hübschen Altenburgerin; er hatte
+ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren
+solche nur aus dünnem Nanking verfertigt; aus eben diesem Grunde
+mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden,
+Aufmerksamkeit erregenden Gang als zum Antreiben eines Pferdes dienen.
+Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm.
+
+Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich
+niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste
+Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet
+wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit
+jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Engländer zeigte
+selbst in seiner nachlässigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung
+mehr Würde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer
+ein Tanzmeister lehren kann.
+
+Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte
+verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen
+möchte, machte ich in einem Augenblicke; denn man denke sich nicht,
+daß der junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehörig
+abkonterfeit hatte.
+
+Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. „Mein Gott,
+Herr von Garnmacher," sagte er „ich möchte verzweifeln; der englische
+Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache zu
+wenig mächtig, um die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu
+führen; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres,
+als wenn drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den
+andern versteht?"
+
+„Auf Ehre, Sie haben recht," antwortete der Stutzer in besserem
+Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; „man kann sich zur Not
+denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard spielt; aber ich sehe
+nicht ab, wie wir unter diesen Umständen mit dem Herrn plaudern
+können."
+
+„_J'ai bien compris, Messieurs,_" sagte der Lord ganz ruhig
+neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.
+
+„Ist's möglich, Mylord?" rief der Franzose vergnügt, „das ist sehr
+gut, daß wir uns verstehen können! Markör, bringen Sie mir
+Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, daß wir uns verstehen, welch
+schöne Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie
+dieser hier."
+
+„Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester," gab der Deutsche zu; „aber
+wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schöne
+Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne Damen von Berlin, Wien, von
+allen möglichen Städten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich
+hatte oben große Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an
+diesem verfl------Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück
+hatte; Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster
+Marquis, können uns hier Paris im kleinen zeigen."
+
+„Gott soll mich behüten," entgegnete eifrig der Franzose, indem er
+nach der Uhr sah; „jetzt, um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne
+Welt mustern? Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem _détestable
+purgatoire_ so sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf die
+Promenade gehen sollte?"
+
+„Nun, nun," antwortete der Stutzer, „ich meine nur, im Fall wir nichts
+Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer
+im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch, wenn
+es Ihnen gefällig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib
+vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier."
+
+„Mein Gott," entgegnete der Incroyable; „ist dies nicht ein so
+anständiges Café als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt
+es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, soviel wir wollen?
+Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen
+Salon besser wünschen? Nein! _Monsieur le diable_ hat Geschmack
+in solchen Dingen, das muß man ihm lassen."
+
+„_Une confortable maison_!" murmelte Mylord und winkte dem
+Franzosen Beifall zu. „_Et ce salon confortable_!"
+
+„Gute Tafel, mein Herr?" fragte der Marquis, „nun, die wird auch da
+sein; ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber, meine
+Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig
+etwas aus unserem Leben erzählen wollten? Ich höre so gerne
+interessante Abenteuer, und Baron Garnmacher hat deren wohl so viele
+erlebt als Mylord?"
+
+„_Goddam_! das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr," sagte
+der Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die
+Füße von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil
+zurecht setzte; „noch ein Glas Rum, Markör!"
+
+„Ich stimme bei," rief der Deutsche, „und mache Ihnen über Ihren
+glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot.--Eine Flasche
+Rheinwein, Kellner!--Wer soll beginnen zu erzählen?"
+
+„Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden," antwortete Lord
+Fotherhill, „Und ich wette fünf Pfund, der Marquis muß beginnen."
+
+„Angenommen, mein Herr," sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose;
+„machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer
+Zwei soll beginnen."
+
+Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, ließ ziehen,
+und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.
+
+Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem
+er das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutschen
+hinüberdeutete; ich übersetzte mir diesen Wink so: „Geben Sie einmal
+acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn
+wir beide sind schon durch den Rang unsrer Nationen weit über ihn
+erhaben."
+
+Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit
+großer Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte
+in der Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+NEUNZEHNTES KAPITEL.
+
+Geschichte des deutschen Stutzers.
+
+
+„Als mein Großvater, der Kaiserlich-Königlich--"
+
+„Ich bitte Sie, mein Herr," unterbrach ihn der Incroyable, „verschonen
+Sie uns mit dem Großpapa und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was
+war er?"
+
+„Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist; aber ich hätte mich gerne bei
+dem Glanze unserer Familie länger verweilt; mein Vater lebte in
+Dresden auf einem ziemlich großen Fuß--"
+
+„Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu
+neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehört Genauigkeit."
+
+„Mein Vater," fuhr der Stutzer etwas mißmutig fort, „war
+Kleiderfabrikant _en gros_--"
+
+„Wie," fragte der Lord, „was ist Kleiderfabrikant? Kann man in
+Deutschland Kleider in Fabriken machen?"
+
+„Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!" rief der Stutzer unwillig
+und stieß das Glas auf den Tisch. „Das ist nicht die Art, wie man
+seine Biographie erzählen kann, wenn man alle Augenblicke von
+kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus
+am Alt=Markt; darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche
+Kleider für die Leute machten!"
+
+„_Mon dieu_! Also war, er, was wir _tailleur_ nennen, ein
+Schneider?"
+
+„Nun, in Gottes Namen, nennen Sie es, wie Sie wollen; kurz, er hatte
+die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und
+die ersten Bürger in seinen Soireen sah, so war doch ein gewisser
+guter Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich weiß nicht was,
+kurz, es war ein ganz anständiger Mann, mein Papa."
+
+Mich selbst erfaßte der Lachkitzel, als ich den _garçon tailleur_
+so perorieren hörte, doch ich faßte mich, um den Markör nicht aus der
+Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurückgelehnt und
+wollte sich ausschütten vor Lachen; der Engländer sah den Stutzer
+forschend an, unterdrückte ein Lächeln, das seiner Würde schaden
+konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:
+
+„Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben
+pressen können, und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen.
+Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kümmert sich an diesem
+schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt
+mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten; im Gegenteil, es macht mit
+Vergnügen, Sie zu unterhalten!"
+
+„_Ah! ce noble trait_!" rief der Incroyable und wischte sich die
+Tränen aus dem Auge. „Reichen Sie mir die Hand und Lassen Sie uns
+Freunde bleiben. Was geht es mich an; ob Ihr Vater _duc_ oder
+_tailleur_ war, Erzählen Sie immer weiter. Sie machen es gar zu
+hübsch."
+
+„Ich genoß eine gute Erziehung; denn meine Mutter wollte mich durchaus
+zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterlande der
+eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem
+siebenten Jahre _mensa_, in meinem achten _amo_, in meinem zehnten
+_typto_, in meinem zwölften _pakat_ eingebläut. Sie können sich
+denken, daß ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar
+angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt;
+das heißt, ich ging lieber aufs Feld, hörte die Vögel singen oder sah
+die Fische den Fluß hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden,
+als daß ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des
+künftigen Pastors eingerichtet hatte, mit meinem Bröder, Buttmann,
+Schröder, und wie die Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit
+harten Köpfen wie böse Geister erscheinen, abmarterte.
+
+Ich hatte überdies noch einen andern Hang, der mir viele Zeit raubte;
+es war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu
+schönen Mädchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glühend heiß
+wie unter den Bleidächern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn
+ich dann das kleine Schiebefenster öffnete, um den Kopf ein wenig in
+die frische Luft zu stecken, so fielen unwillkürlich meine Augen auf
+den schönen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort
+unter den schönen Akazien auf der weichen Moosbank saß Amalie, sein
+Töchterlein, und ihre Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehlide
+Sehnsucht riß mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock,
+frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die
+Zaunlücke bei der Königin meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete
+sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem
+elften Jahre den größten Teil der Ritter= und Räuberromane meines
+Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in andern
+Ländern keinen Begriff hat; denn die erhabenen Namen Cramer und Spieß
+sind nie über den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wie
+viel höher stehen diese Bücher alle als jene Ritter= und
+Räuberhistorien des Verfassers von Waverley, der kein anderes Verdienst
+hat, als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der große
+Unbekannte solche vortrefflichen Stellen wie die, welche mir noch
+aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: ‚M i t t e r n a c h t,
+d u m p f e s G r a u s e n d e r N a t u r, R ü d e n g e b e l l,
+R i t t e r U r i a n t r i t t a u f.'
+
+Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das Haar empor, wenn
+er nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer dieses liest? Wie
+fühlte ich da das ‚G r a u s e n d e r N a t u r!' Und wenn der
+Hofhund sein Rüdengebell heulte, so war die Täuschung so vollkommen,
+daß sich meine Blicke ängstlich an die schlecht verriegelte Türe
+hefteten; denn ich glaubte nicht anders, als ‚R i t t e r U r i a n
+t r e t e a u f!'
+
+Was war natürlicher, als daß bei so lebhafter Einbildungskraft auch
+mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihrem Ritter die Feldbinde
+umhing, jede Ida, die sich auf den Söller begab, um dem den Schloßberg
+hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede
+Agnes, Hulda usw. verwandelten sich unwillkürlich in Amalien.
+
+Doch auch s i e war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus
+ihrer Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer
+gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder
+in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bücher heraus, welche
+entweder keinen Rücken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden
+waren, daß sie mich ordentlich a n g l ä n z t e n. Das sind so die
+echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein
+‚R i n a l d o R i n a l d i n i', ein ‚D o m s c h ü t z', ein
+‚a l t e r Ü b e r a l l u n d N i r g e n d s' oder sonst einer
+unserer Lieblinge.
+
+Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein; denn
+Amalie war sehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch das Innere des
+Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit bloßen Fingern den
+fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann
+in den Garten hinüber und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn
+zurück, ohne daß mir Amalie die schönsten Stellen mit Strickgarn über
+einer Stecknadel bezeichnet hätte. So lasen und liebten wir; unsere
+Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war
+sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja, wenn
+Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen
+Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen.
+
+Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war
+übrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines
+großen Grafen oder Fürsten lebt, eine unglückliche Leidenschaft zu der
+schönen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber
+innige Gegenliebe empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle zu
+geben; wie gütig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte sie
+den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer
+war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfütze
+in unserem Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun)
+erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien)
+sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen
+Beinkleidern sehr gefährlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn,
+aber die Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füßen seiner Herrin.
+
+Das einzige Unglück meiner Liebe war, daß wir eigentlich gar kein
+Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen
+dem armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Fürsten (dem
+Kaufmann), wenn nämlich eines unserer Hühner in seinen Garten
+hinübergeflogen war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging, oder es
+kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Fürst einen Herold (seinen
+Ladendiener) zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen ließ
+(weil mein Vater eine sehr große Rechnung in dem Kontobuche des
+Fürsten hatte). Aber dies alles war leider kein nötigendes Unglück für
+unsere Liebe und diente nicht dazu, unsere Situation noch romantischer
+zu machen.
+
+Die einzige Folge, die aus meinem Leben und meiner Liebe entstand, war
+mein hartes Unglück, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein und
+von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen; doch auch darüber
+belehrte und tröstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich,
+daß des Herzogs (des Rektors) ältester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und
+sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen habe; er habe gewiß
+unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten
+Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafür auf eine so unwürdige
+Art an mir räche. Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben, wußte aber
+wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die
+unregelmäßigen griechischen Verba nicht lernte, und d a f ü r bekam
+ich Schläge.
+
+So war ich fünfzehn und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden,
+ungetrübt war bis letzt der Himmel unserer Liebe gewesen; da
+ereigneten sich mit einem Male zwei Unglücksfälle, wovon schon einer
+für sich hinreichend gewesen wäre, mich aus meinen Höhen
+herabzuschmettern.
+
+Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquéschen Romane
+anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden . . ."
+
+„Was ist das, Fouquésche Romane?" fragte der Lord.
+
+„Das sind lichtbraune, fromme Geschichtchen, doch durch diese
+Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqué
+ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist,
+mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken
+reitet und kämpft wie der gewaltigen Währinger einer. Er hat das ein
+wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert aber vielmehr unsere
+heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und
+um fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz
+süßlich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von
+denen man vorher nichts anderes wußte, als sie seien derbe Landjunker
+gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten als
+der Großtürke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer
+bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind
+hauptsächlich f r o m m und k r e u z g l ä u b i g.
+
+Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher, reiner, mit
+steifen Kragen angetan und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt.
+Selbst die edlen Rosse sind glänzender als heutzutage und haben
+ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde und andere solche
+Getiere."
+
+„_Mon dieu_! Solchen Unsinn liest man in Deutschland?" rief der
+Franzose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.
+
+„O ja, meine Herren, man liest und bewundert. Es gab eine Zeit bei
+uns, wo wir davon zurückgekommen waren, alles an fremden Nationen zu
+bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt,
+nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die _tempi
+passati_--so warfen wir uns mit unserem gewöhnlichen Nachahmungseifer
+auf diese und wurden allesamt altdeutsch.
+
+Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene
+herrlichen vergangenen Zeiten hineinzudenken, man fühlte allgemein das
+Bedürfnis von Handbüchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, über
+Sitten und Gebräuche bei unseren Vorfahren uns belehrt hätten; da trat
+jener fromme Ritter auf, ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten,
+und es entstand ein neu Geschlecht; die Mädchen, die bei den
+französischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige,
+keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen Fräcke
+aus, ließen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle
+Leinwand setzen, und ‚Kleider machen Leute,' sagt ein Sprichwort,
+_probatum est_; auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm."
+
+„_Goddam_! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen,"
+unterbrach ihn der Engländer; „vor acht Jahren machte ich die große
+Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstätter See ließ ich
+mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben.
+Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern,
+halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben
+schien. Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese
+und blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie hatten
+wunderbare Mützen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie
+Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf
+Rücken und Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten breite,
+zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen,
+herausgelegt.
+
+Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker
+Form gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloß sich eng um den
+Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der jungen Männer. In
+sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober
+Leinwand. Aus ihren Röcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in
+der Hand trugen sie Beilstöcke, ungefähr wie die römischen Liktoren.
+Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, daß sie Brillen
+auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.
+
+Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare Armatur und
+Uniform wäre und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grütli-Wiese
+vorstellen sollten. Er aber belehrte mich, daß es fahrende Schüler aus
+Deutschland wären. Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke an den
+fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in meinen Kahn
+und pries mein Glück, auf einem Platz, der durch die erhabenen
+Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen
+Vergleichungen führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben
+gehabt zu haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit
+sich aus; denn als mein Kahn über den See hingleitete, erhoben sie
+einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so würdigen,
+ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen im Gedanken das Vorurteil abbat,
+welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte."
+
+„Nun ja, da haben wir's," fuhr der Baron Garnmacher fort, „so sah es
+damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouquésche
+Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich, wie alle meine
+Kameraden, altdeutsch und war meiner Herrin, der ‚wunnigen Maid', mit
+einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalie machte übrigens
+der ‚Z a u b e r r i n g', die ‚F a h r t e n T h i o d o l f s' &c.
+nicht den gewünschten Eindruck; sie verlachte die sittigen,
+lichtbraunen, blauäugigen Damen, besonders die B e r t h a v o n
+L i c h t e n r i e t h, und pries mir Lafontaine und Langbein,
+schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt
+hatte.
+
+Ich war zu sehr erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging,
+als daß ich ihr Gehör gegeben hätte; aber der lüsterne Brennstoff
+jener Romane brannte fort in dem Mädchen, das sich, weil sie für ihr
+Alter schon ziemlich groß war, für eine angehende Jungfrau hielt, und
+kurz--es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hüllte mich in meinen
+altdeutschen Rock und meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den
+Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.
+
+Die Folge davon war, daß sie mich als einen Unwürdigen verachtete und
+dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr
+Lafontaine und Langbein studierte, weiß ich nicht zu sagen, nur so
+viel ist mir bekannt, daß ihn der Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen
+nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitscht hat.
+
+Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräische
+Bibel und die griechischen Unregelmäßigen vor mir liegen und auf ihnen
+meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heiße Tränen geweint und
+durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose
+Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf
+zwischen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest
+überzeugt, daß so unglücklich wie ich kein Mensch mehr sein könne, und
+höchstens der unglückliche O t t o v o n T r a u t w a n g e n, als
+er in Frankreich mit seinem vernünftigen, lichtbraunen Rößlein eine
+Höhle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.
+
+Aber das Maß meiner Leiden war nicht voll; hören Sie, wie ‚aus
+entwölkter Höhe' mich ein zweiter Donner traf.
+
+Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem Aufsatz
+gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, w e n w i r f ü r
+d e n g r ö ß t e n M a n n D e u t s c h l a n d s h a l t e n.
+Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Gründe für und wider
+angegeben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich
+hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen
+harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen waren mir von jeher zuwider
+gewesen, ich hatte also auch immer mittelmäßige oder schlechte
+Arbeiten geliefert. Aber für diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich
+fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die großen Männer
+meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen
+Jahren nicht solche) in gehöriges Licht setzen zu können.
+
+Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden. Was war leichter für
+mich als dies? Jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen
+Lesens. Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich?
+Und wer, der irgend einmal diese Bücher der Geschichten in die Hand
+nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die größten Männer meines
+Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im
+reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte. H a s p e r a S p a d a?
+Es ist wahr, er war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die
+Liebe seiner Freunde. Aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark
+dem Trinken ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem
+fürtrefflichen Charakter. A d o l p h d e r K ü h n e, R a u g r a f
+v o n D a s s e l? Er hat schon etwas mehr von einem großen Mann. Wie
+schrecklich züchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie
+nach Rom wandeln und Buße tun müßte; aber dies schwächt doch sein
+majestätisches Bild. Es ist wahr, O t t o v o n T r a u t w a n g e n
+glänzt als ein Stern erster Größe in der deutschen Geschichte, dachte
+ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der Größte gewesen
+zu sein, wiewohl seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen
+ist, jeden Zauber überwand.
+
+Island gehörte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig, unter allen
+deutschen Helden ist doch keiner, der dem T h i o d o l f das Wasser
+reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein
+Lamm, im Zorn ein B e r s e r k e r--es kann nicht fehlen, er ist der
+größte Deutsche.
+
+Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung
+nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich
+konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl
+zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor.
+Wie erhaben lautete es, wenn ich von der Stärke des Isländers sprach,
+wie er einen Wolf zähmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein
+wenig auf die Stirne klopfte, daß es auf der Stelle tot war; wie
+großmütig verschmäht er alle Belohnung; ja, er schlägt einen
+Kaiserthron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben; wie kindlich fromm
+ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte; wie
+schön beschrieb ich das alles; ja, es mußte das Herz des alten Rektors
+rühren!
+
+Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall
+lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um unsere Aufsätze
+zu zensieren. Dann sendet er gewiß einen milden, freundlichen Blick
+nach dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brüllender Löwe
+schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: ‚Kann man
+etwas Gelungeneres lesen als dies? Und ratet, wer es gemacht hat! Die
+Letzten sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute
+verworfen haben, soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn,
+_Garnmachere_! Ich habe immer gesagt, du seiest eine Bête; konnte
+ich ahnen, daß du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin
+den Preis, der dir gebührt.'
+
+So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste
+Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um
+zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert
+sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach Erfindung des Pulvers den
+d e u t s c h e n A l c i b i a d e s und nächst ihm H e r m a n n
+v o n N o r d e n s c h i l d für die größten Männer halte. Man könne
+ihnen den R i t t e r E u r o s, welcher nachher als D o m s c h ü t z
+m i t s e i n e n G e s e l l e n so großes Aufsehen gemacht habe,
+was die Tapferkeit anbetreffe, vielleicht an die Seite stellen; doch
+stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt.
+
+Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mußte ihm beinahe
+ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: ‚Er wird ein schönes
+Geschmier haben, Garnmacher!'
+
+‚Lesen Sie, und dann--richten Sie,' gab ich ihm stolz zur Antwort und
+verließ ihn.
+
+Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt würde über
+den würdigsten englischen Theologen, und es würden in einer gelehrten,
+mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des Vicar of
+Wakefield dargetan, wer würde da nicht lachen? Wenn Sie, werter
+Marquis, nach der würdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt
+würden, und Sie priesen die n e u e H e l o i s e, würde man Sie
+nicht für einen Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich
+begangen hatte!
+
+Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte,
+erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir
+ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich schlich ich da mit
+Herzklopfen zur Schule; denn ich durfte gewiß sein, wegen schlechter
+Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht zu werden. Aber wieviel stolzer
+trat ich heute auf; ich hatte meinen besten Rock angezogen, den
+schönsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war
+zierlich gescheitelt und gelockt; ich sah stattlich aus und gestand
+mir, ich sei auch im Äußeren des Preises nicht unwürdig, welcher mir
+heute zuteil werben sollte.
+
+Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche, obskure
+Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, Karl den Großen,
+Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen,--er ging viele durch, immer
+kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden
+hatte er auf die Letzt aufgespart--als die besten!
+
+Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm ein Heft
+mit rosenfarbener Überdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte
+laut vor Freude, ich fühlte, wie sich mein Mund zu einem
+triumphierenden Lächeln verziehen wollte; aber ich gab mir Mühe,
+bescheiden bei dem Lobe auszusehen. Der Rektor begann: ‚Und nun komme
+ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich
+will einige Stellen daraus vorlesen!' Er deklamierte mit ungemeinem
+Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung
+niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr als
+vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluß
+gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren D o m s c h
+ü t z e n noch einige Blümchen gestreut hatte, erscholl Bravo!
+_Ancora_! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden
+Fäusten meiner Mitschüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: ‚Es
+wäre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spieß und Konsorten,
+wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre.
+Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du _dedecus
+naturae_, hieher zu mir!'
+
+Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, als ich
+vor ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und
+einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt
+über mich herab, von der ich nur so viel verstand, daß ich eine Bête
+wäre und nicht wüßte, was Geschichte sei.
+
+Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer schönen, blumigen
+Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. Man schwindelt, indem
+man die unermeßlichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unsanfte
+Erschütterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und
+sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der
+man herabstürzte, ist mit all ihren Blütengärten verschwunden, ach,
+sie war ja nur ein Traum!
+
+So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer
+aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm
+geben konnte. Ich war arm wie jener Krösus, als er vor seinem Sieger
+Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!
+
+Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld
+dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte,
+verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes
+aus, ich stand wie Mucius Scävola.
+
+Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich von meinem Vater
+ein Attestat darüber bringen müsse, daß ich das Geld zu solchen
+Allotriis von ihm habe, und überdies habe ich am nächsten Montag vier
+Tage Karzer anzutreten. Verhöhnt von meinen Mitschülern, die mir
+Thiodolf, deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen, in dumpfer
+Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, daß mich
+mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich
+totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen würde. Vor
+beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band
+etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere Münzen, welche
+mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuß und
+den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstübchen
+Lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der
+Straße nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich fürs
+erste zu wenden gedachte.
+
+In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine Straße zog.
+Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese
+tapfern, frommen, liebevollen, biederen Männer, sie hatten nicht
+geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll
+Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir
+herübertönten, die mutigen Töne der Trompete, Rüdengebell,
+Waffengeklirr, Sporenklang, süße Akkorde der Laute--alles, alles
+dahin, alles nichts als eine löschpapierne Geschichte, im Hirn eines
+Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckerpresse zur Welt gebracht!
+
+Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte.
+Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten das liebe
+Dresden, nur die Spitzen der Türme ragten, vergoldet vom Abendrot,
+über dem Dunstmeer.
+
+So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in
+Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie
+jene Türme vor meiner Seele. Wohlan! sprach ich bei mir selbst:
+
+_O fortes, pejoraque passi
+ Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,
+ Cras ingens iterabimus aequor._
+
+Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fühlte
+ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um.--"
+
+ * * * * *
+
+
+Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit. Er hat bis auf den
+Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum
+ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein großer Teil des
+letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon
+vorüber, und eine eigene über die paar Bogen lesen zu lassen, findet
+sich weder ein gehöriger Vorwand, noch würde das Werkchen diese
+bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des
+Festtages in der Hölle auf den zweiten Teil.
+
+ * * * * *
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+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN V1 ***
+
+This file should be named 8msv110.txt or 8msv110.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8msv111.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8msv110a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04
+
+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
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+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
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+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
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+In answer to various questions we have received on this:
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+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
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+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
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+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
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+Donations by check or money order may be sent to:
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+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
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+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
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+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
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+Prof. Hart will answer or forward your message.
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+We would prefer to send you information by email.
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+(Three Pages)
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+They tell us you might sue us if there is something wrong with
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