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-The Project Gutenberg eBook of Jenny, by Sigrid Undset
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Jenny
-
-Author: Sigrid Undset
-
-Translator: Thyra Dohrenburg
-
-Release Date: July 12, 2022 [eBook #68511]
-[Most recently updated: July 11, 2023]
-
-Language: German
-
-Produced by: Jens Sadowski, Reiner Ruf, and the Online Distributed
- Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was
- produced from scanned images of public domain material,
- provided by the German National Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENNY ***
-
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- ####################################################################
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- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1921 so weit
- wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
- wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
- gebräuchliche Schreibweisen, sowie fremdsprachliche Passagen bleiben
- gegenüber dem Original unverändert.
-
- Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden als deren Umschreibungen
- dargestellt (Ae, Oe, Ue).
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt, mit Ausnahme der
- Buchanzeigen, welche in Antiquaschrift gedruckt wurden. Hiervon
- abweichende Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Symbole
- gekennzeichnet:
-
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
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- Jenny
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- Sigrid Undset
-
- Jenny
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- Gyldendal’scher Verlag A. G. Berlin
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- Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen
- von Thyra Dohrenburg
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- 1921
- Druck: Gyldendal’scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei
- Berlin SW 68
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- Erstes Buch
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-I.
-
-
-Die Musik kam über die Via de Condotti, als Helge Gram in der
-Dämmerung gerade in die Straße einbog. Die Melodie eines altbekannten
-Gassenhauers ertönte in sinnlos rasendem Tempo wie eine wilde Fanfare.
-Und die schwarzen kleinen Soldaten stürmten in dem kalten Nachmittag
-vorüber, als seien sie mindestens eine römische Kohorte, im Begriff,
-sich in fliegendem Laufschritt auf die Heerscharen der Barbaren zu
-stürzen. Und sollten doch nur ganz friedlich heimwärts ziehen in
-ihre nächtlichen Quartiere. Aber vielleicht war gerade das der Grund
-für ihre stürmende Eile, dachte Helge und lächelte. Wie er so stand,
-den Mantelkragen gegen die Kälte hochgeschlagen, wallte eine seltsam
-historische Stimmung in ihm auf. Aber dann begann er, die wohlbekannte
-Melodie mitzusummen, und setzte seinen Weg die Straße hinab fort, in
-der Richtung, die, wie er wußte, zum Corso führte.
-
-An der Ecke blieb er stehen und schaute hinüber. -- Das also war der
-Corso. Ein unablässig rinnender Strom von Wagen in der engen Straße,
-und ein brodelndes Gewimmel von Menschen auf dem schmalen Bürgersteig.
-
-Er stand und ließ den Strom an sich vorüberziehen und lächelte in
-dem Gedanken, daß er nun Abend für Abend auf dieser Straße in der
-Dunkelheit durch das Menschengewimmel würde schlendern dürfen, bis sie
-ihm ebenso alltäglich geworden war wie die Carl Johannstraße daheim.
-
-Und das Verlangen überkam ihn, noch in dieser Stunde durch alle
-Straßen Roms zu laufen -- ohne Aufhören -- am liebsten die ganze Nacht
-hindurch. Das Bild der Stadt stieg in ihm auf, wie sie vor kurzem zu
-seinen Füßen gelegen, als er auf dem Pincio stand und dem Untergang der
-Sonne zuschaute.
-
-Wolken breiteten sich über den ganzen Nachthimmel aus, dicht
-zusammengedrängt, wie kleine lichtgraue Lämmer. In der Sonne, die
-hinter ihm versank, erglühten ihre Ränder golden wie Bernstein. Unter
-dem bleichen Himmel lag die Stadt, und plötzlich kam es Helge zum
-Bewußtsein: das war Rom! Nicht, wie er es in seinen Träumen erschaut --
-nein, wie es jetzt vor ihm lag.
-
-Alles, was er auf seiner Reise gesehen, hatte ihn enttäuscht, weil
-es anders war, als er sich’s im Geiste ausgemalt daheim, in seiner
-Sehnsucht hinauszukommen und es selbst zu schauen. Endlich, jetzt
-endlich zeigte sich die Wirklichkeit, reicher als all seine Träume.
-
-Und das war Rom ...
-
-Eine weite Fläche von Dächern lag in der Talsenkung unter ihm -- ein
-Gewimmel von Dächern alter und neuer, hoher und niedriger Häuser, die,
-wie es schien, aufs Geradewohl und so hoch gebaut worden waren, wie man
-ihrer gerade bedurfte, denn nur an wenigen Stellen war die gerade Linie
-einer Straße in dem Heer der Dächer deutlich erkennbar. Und diese ganze
-Welt unruhiger Linien, die in Tausenden von harten Winkeln aufeinander
-stießen, lag erstarrt und still unter dem fahlen Himmel, an dem eine
-unsichtbare, sinkende Sonne hier und da einen kleinen Lichtrand an den
-Wolken entzündete. Sie lag und träumte unter einem feinen, weißlichen
-Nebeldunst, in den sich nicht eine einzige lebende geschäftige
-Rauchsäule mischte. Denn ein Fabrikschlot war nicht zu entdecken,
-und von den kleinen drolligen Blechschornsteinen, die in die Luft
-starrten, rauchte nicht ein einziger. Auf den rotbraunen, runden alten
-Dachziegeln machten sich graugelbe Flechten breit, grüne Pflanzen und
-kleines Buschwerk mit gelben Blüten wucherte in den Wasserrinnen, am
-Rande der Terrassen reihten sich tote und schweigende Agaven in Urnen,
-und von den Gesimsen flossen Schlingpflanzen in stillen und toten
-Kaskaden. Wo sich das oberste Stockwerk eines höheren Hauses über die
-Nachbarn erhob, starrten erstorbene und dunkle Fenster aus rotgelbem
-oder grauweißem Mauerwerk -- oder schliefen hinter geschlossenen Läden.
-Aber aus dem Dunst ragten Altane, Stümpfen alter Wachttürme gleich, und
-kleine Lauben aus Holz und Blech erhoben sich auf den Dächern.
-
-Ueber dem Ganzen schwebten die Kuppeln der Kirchen, Kuppel an Kuppel;
-die gewaltige graue weit draußen, jenseits der Stelle, wo Helge den
-Lauf des Flusses vermutete, das war St. Peter.
-
-Aber diesseits des Talkessels, wo die toten Dächer die Stadt
-beschützten, die, wie Helge an diesem Abend empfand, mit Recht die
-ewige hieß, wölbte ein niedriger Höhenzug seinen langen Rücken gen
-Himmel. Er trug in weiter Ferne eine Allee von Pinien, deren Kronen
-über der schlanken Säulenreihe der Stämme ineinander liefen. Weit
-drüben hinter der Peterskuppel, wo der Blick seine Schranke fand,
-erhob sich eine zweite Anhöhe mit lichten Villen zwischen Pinien und
-Cypressen. Das mochte wohl der Monte Mario sein.
-
-Ueber Helges Haupt breitete sich schützend das dunkle, dichte
-Laubdach der Steineichen, und hinter ihm plätscherte der Strahl
-des Springbrunnens mit einem eigenen lebendigen Laut -- das Wasser
-klatschte gegen das steinerne Becken und rieselte, überfließend, in das
-Bassin hinab.
-
-Ueber die Stadt seiner Träume, deren Straßen sein Fuß niemals betreten
-hatte, deren Häuser nicht eine vertraute Seele bargen, flüsterte Helge
-hin: „Roma, Roma, ewige Roma“. Eine Scheu erfaßte ihn vor seinem
-eigenen einsamen Ich und ein Bangen vor seiner Ergriffenheit, obwohl er
-wußte, hier war niemand, der ihn belauschen konnte. Er wandte sich und
-eilte hinab, der Spanischen Treppe zu.
-
-Nun stand er an der Ecke der Via de Condotti und des Corso und empfand
-eine wunderbar süße Beklemmung, sollte er doch jetzt der Straße
-wimmelndes Leben durchkreuzen und versuchen, sich in der fremden Stadt
-zurechtzufinden -- er wollte quer hindurch, gerade auf den Petersplatz
-zugehen.
-
-Indem er die Straße überschritt, gingen zwei junge Mädchen an ihm
-vorüber. Das waren sicher Norwegerinnen, kam es ihm sofort in den Sinn,
-und er empfand eine gewisse Freude bei dem Gedanken. Die eine war
-lichtblond und trug einen hellen Pelz.
-
-Die Straße, der er folgte, mündete auf einen offenen Platz an
-einer weißen Brücke. Zwei Reihen Laternen kämpften mit ihren
-schwindsüchtigen, grünlichgelben Lichtern gegen den gewaltigen,
-bleichen Schein, den der unruhige Himmel ausstrahlte. Am Wasser entlang
-zog sich fahl schimmernd eine niedrige steinerne Brustwehr und eine
-Baumreihe mit welkem Laub und Stämmen, deren Rinde sich in großen
-weißen Fetzen abschälte. Auf der anderen Seite des Flusses brannten
-die Gaslaternen unter den Bäumen, die Häusermasse hob sich schwarz
-gegen den Himmel ab. Doch diesseits des Stromes flackerte der Schein
-des Abendlichtes noch in den Fensterscheiben. Der Himmel war jetzt
-fast klar und wölbte sich in durchsichtigem Blaugrün über dem Hügel,
-dessen Kamm die Pinien trug; noch segelten aber einige wenige schwere
-zusammengeballte Wolkenberge darüber hin, rot und gelb aufleuchtend,
-als kündeten sie Sturm.
-
-Helge stand auf der Brücke still und sah in die Tiber hinab. Wie
-trüb das Wasser war! Es stürzte reißend dahin, bunt aufflammend im
-Widerschein der abendlich leuchtenden Wolken -- riß Zweige, Planken und
-Geröll mit sich in seinem weißen steinernen Bett da drunten. Seitwärts
-an der Brücke führte eine kleine Treppe zum Wasser hinab. Helge kam der
-Gedanke, wie leicht es doch sein müßte, sich eines Nachts, des Treibens
-müde, hier aus dem Leben zu schleichen. Ob es wohl jemand tat?
-
-Er fragte, auf Deutsch, einen Konstabler nach dem Wege zur
-Peterskirche; der Konstabler antwortete zunächst auf Französisch, dann
-italienisch, und als Helge immer wieder den Kopf schüttelte, redete er
-wieder französisch und wies über den Strom. Helge schlenderte in der
-gewiesenen Richtung weiter.
-
-Da stieg eine gewaltige, düstere Steinmasse vor ihm empor, ein
-niedriger runder Turm mit zackigen Mauerkränzen von der tiefschwarzen
-Silhouette eines Engels gekrönt. -- Helge erkannte die Umrisse der
-Engelsburg. Sein Weg hatte ihn gerade ihr zu Füßen geführt. Im letzten
-Licht des Himmels leuchteten die Statuen drüben auf der Brücke in der
-Dämmerung, noch spiegelten die Wellen der Tiber den Schein der roten
-Wolken wider. Aber schon schossen die Gaslaternen ihre Lichtpfeile
-auf den Strom hinaus. Hinter der Engelsbrücke surrten elektrische
-Straßenbahnen mit erleuchteten Fensterscheiben über eine neue
-schmiedeeiserne Brücke. Aus den Leitungsdrähten sprühten blauweiße
-Funken.
-
-Helge lüftete den Hut vor einem Manne:
-
-„~San Pietro favorisca?~“
-
-Der Mann zeigte geradeaus und sagte etwas, das Helge nicht verstand.
-
-Die Straße, in die er einbog, war eng und finster; so hatte er sich
-eine italienische Straße oft ausgemalt, und er empfand nun geradezu ein
-Gefühl der Wiedersehensfreude. Ein Antiquitätengeschäft lag hier neben
-dem anderen.
-
-Helge schaute mit Interesse in die schlecht erleuchteten Fenster. Das
-meiste war Schund; die schmutzigen Streifen aus groben, weißen Spitzen,
-auf Schnüren aneinandergereiht -- sollten dies italienische Spitzen
-sein? Da lagen Scherben und Ueberreste von Tonwaren in staubigen
-Schachteldeckeln aus, kleine, giftgrüne Bronzefiguren, alte und neue
-Metalleuchter und Broschen mit unechten Steinen. Trotzdem wandelte ihn
-unerklärlicherweise eine Lust zum Kaufen an, zu fragen, zu feilschen,
-zu handeln --. Er war in einen kleinen dumpfen Laden geraten, fast ohne
-selbst zu wissen, wie. Da sah es übrigens lustig aus; es gab seltsame
-Dinge aus aller Welt: alte Kirchenlampen, von der Decke herabhängend,
-Seidenlappen mit goldgestickten Blumen auf rotem und grünem und weißem
-Grunde, zerbrochene Möbel.
-
-Hinter dem Ladentisch hockte ein gelbhäutiger dunkler Bursche, das
-Kinn blau von Bartstoppeln, und las. Er fragte und redete, während
-Helge auf dies und jenes zeigte, und „~quanto~“ sagte. Das einzige, was
-Helge begriff, war, daß die Sachen unerhört teuer waren -- man müßte
-jedenfalls mit dem Kaufen warten, bis man der Sprache mächtig wäre, und
-dann gehörig feilschen.
-
-Drüben auf einem Regal stand Porzellan, Rokokofiguren und Vasen mit
-modellierten Rosenbuketts geziert. Sie schienen neu zu sein. Helge
-ergriff aufs Geratewohl einen solchen kleinen Gegenstand und setzte ihn
-auf den Tisch: „~quanto?~“
-
-„~Sette~,“ sagte der Mann und spreizte sieben Finger.
-
-„~Quattro.~“ Helge streckte vier Finger in die Luft. Er hatte ein
-frohes und sicheres Gefühl, als er so plötzlich in die fremde Sprache
-gleichsam hinübersprang. Freilich begriff er nichts von dem Protest des
-Mannes, doch jedesmal, wenn der andere ausgeredet hatte, kam er mit
-seinem ~quattro~ und seinen vier Fingern.
-
-„~Non antica~,“ warf er überlegen hin.
-
-Der Ladenbesitzer beteuerte jedoch: „~antica~.“
-
-„~Quattro~,“ sagte Helge zum letzten Male -- jetzt hatte der Mann
-nur fünf Finger in der Luft. Als Helge sich zur Tür wandte, rief der
-Bursche ihn zurück. Er akzeptierte. Selig nahm Helge den Gegenstand an
-sich, der sorgsam in rotes Seidenpapier gehüllt worden war.
-
-Am Ausgang der Straße konnte er die dunkle Masse des Doms gegen
-den Himmel unterscheiden. Er schritt kräftig aus und eilte über
-den vorderen Teil des Platzes, dort, wo die Läden mit den hellen
-Fenstern lagen und die Bahnen vorübersausten, -- auf die beiden
-halbkreisförmigen Arkaden zu, die zwei gebogenen Armen gleich sich
-um einen Teil des Platzes legten und ihn hineinzogen in die Stille
-der Dunkelheit. Helge flüchtete in den Schutz der gewaltigen dunklen
-Kirche, die ihre breite Treppe in einer muschelförmigen Zunge bis auf
-die Mitte des Marktes hinausschob.
-
-Die Kuppel der Kirche und die Statuenreihe der Heiligenschar
-drüben über dem Dach des Säulenganges hoben sich schwarz gegen das
-Helldunkel der Himmelswölbung ab; Baumkronen und Häuser, unregelmäßig
-übereinandergestapelt, breiteten sich über der Anhöhe dahinter aus.
-Hier waren die Gasflammen machtlos; die Finsternis sickerte durch die
-Säulen der Arkaden, ergoß sich von der offenen Vorhalle der Kirche
-über die Treppe hinab. Helge ging still hinüber bis an die Kirche,
-und schaute neugierig auf die verschlossenen Metalltüren. Dann kehrte
-er um und schritt zum Obelisk in der Mitte des Platzes. Hier blieb
-er stehen und starrte auf die dunkle Kirche. Den Kopf zurückbiegend
-folgte er mit den Augen dem schlanken steinernen Pfeil, der hoch in den
-Abendhimmel hinaufragte, dort, wo die letzten Wolken hinter den Dächern
-verschwunden waren und die ersten Sterne ihre funkelnden Lichtnadeln
-durch die sich vertiefende Dunkelheit schossen.
-
-Wieder erklang in seinen Ohren der wunderliche durchdringende Laut
-von plätscherndem Wasser, das in steinerne Becken herabstürzte, und
-das weiche Rieseln des strömenden Ueberflusses, der sich von Schale
-zu Schale in das Bassin ergoß. Er ging bis dicht an den einen der
-Springbrunnen heran und betrachtete die vollen weißen Strahlen, die wie
-in hitzigem Trotz aufschossen und hoch oben zusammenbrachen; dunkel
-gegen die Klarheit der Luft, sanken sie hinab in die Finsternis, in der
-das bewegte Wasser weiß aufleuchtete. Helge starrte hinauf. Plötzlich
-fing ein kleiner Windstoß sich in der Wassersäule und fegte sie über
-ihn hinweg. Jetzt plätscherte es nicht mehr klatschend gegen das
-steinerne Becken, es rieselte hinab, und Helge war bedeckt von Tropfen,
-die in der kalten Abendluft zu Eis erstarrten.
-
-Dennoch blieb er stehen, lauschte und starrte -- schritt vorwärts und
-stand wieder -- doch ganz behutsam, um das Flüstern in seinem Innern
-zu vernehmen. -- Jetzt war er also hier, all das, von dem er sich
-verzehrend fortgesehnt hatte, lag in weiter, weiter Ferne. Und er trat
-noch leiser auf und schlich wie einer, der dem Gefängnis entronnen war.
-
- * * * * *
-
-Unten an der Ecke der Straße lag ein Restaurant. Dort ging er hinüber.
-Unterwegs entdeckte er einen Tabaksladen, wo er sich Zigaretten,
-Ansichtskarten und Freimarken kaufte. Während er auf sein Essen wartete
-und hin und wieder in langen Zügen vom Rotwein trank, schrieb er Karten
-an seine Eltern: „Ich denke an diesem Abend viel an Euch hier unten
---“. Er lächelte schmerzlich -- ja, Herrgott, so war es! An die Mutter
-schrieb er jedoch: „Ich habe schon eine Kleinigkeit für Dich gekauft,
--- das erste, was ich hier in Rom erstanden habe.“ Arme Mutter -- wie
-mochte es ihr wohl ergehen. Er war in den letzten Jahren oft lieblos
-gegen sie gewesen --. Er packte das Geschenk aus -- es war sicher eine
-Eau de Cologneflasche -- und betrachtete es. Dann fügte er noch einige
-Zeilen hinzu, er finde sich mit der Sprache zurecht und das Handeln in
-den Läden sei gar nicht so schwierig.
-
-Das Essen war gut, doch teuer. Nun, wenn er sich erst hier eingelebt
-hätte, würde er schon lernen, mit Wenigem auszukommen. Gesättigt und
-angeregt vom Wein ging er in einer neuen Richtung weiter, entdeckte
-lange, niedrige, verfallene Häuser und hohe Gartenmauern, gelangte
-durch einen zerstörten Torbogen auf eine Brücke, über die er hinweg
-wollte. Ein Mann erschien in der Tür des Zollhauses, hielt ihn an und
-machte ihm verständlich, daß er einen Soldo entrichten müsse. Drüben
-auf der anderen Seite lag eine große dunkle Kuppelkirche.
-
-Hier geriet er in einen Wirrwarr finsterer, enger Sackgassen; in der
-geheimnisvollen Dunkelheit ahnte er in den Himmel hineinragende alte
-Paläste mit vorspringenden Dachgesimsen, vergitterten Fenstern -- in
-gleicher Front mit elenden Hütten und kleinen Kirchenfassaden. Einen
-Bürgersteig hatte die Straße nicht; Helge trat in verdächtigen Abfall,
-der im Rinnstein lag und übel roch. Vor den schmalen erleuchteten
-Herbergstüren und unter den spärlichen Gaslaternen erblickte er
-undeutlich zweifelhafte menschliche Gestalten.
-
-Er war von dieser Umgebung begeistert und beklommen zugleich -- voll
-knabenhafter Spannung. Gleichzeitig begann er darüber nachzudenken,
-wo ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden sei und wie er zu seinem
-Hotel zurückgelangen sollte, das weit fort am anderen Ende der Welt
-lag. Er mußte sich wohl eine Droschke leisten.
-
-So schritt er denn eine neue, enge, ganz menschenleere Gasse hinab.
-Zwischen den steilaufragenden Häusern mit den schwarzen Fensterhöhlen,
-die ohne Sims aus dem Mauerwerk starrten, zog sich ein Streifen
-Himmels hin, klarblau und dunkelleuchtend; unten auf dem holprigen
-Steinpflaster wirbelte ein leichter Windstoß Staub und Strohhalme und
-Papierfetzen vor sich her.
-
-Zwei Frauen überholten ihn. Als er sie im Schein einer Laterne
-betrachten konnte, durchfuhr es ihn: das waren die, die er heute
-Nachmittag auf dem Corso bemerkt und für Norwegerinnen gehalten hatte.
-Das helle Pelzwerk der größeren erkannte er sofort wieder.
-
-Plötzlich kam ihm ein verrückter Gedanke -- er wollte ein Abenteuer
-versuchen, sie nach dem Wege fragen, um zu hören, ob es Norwegerinnen
-seien oder wenigstens Skandinavierinnen. Ihm klopfte aber doch das Herz
-ein wenig, als er sich anschickte, ihnen nachzufolgen. Ausländerinnen
-waren es sicher.
-
-Die jungen Mädchen blieben weiter unten vor einem verschlossenen
-Laden stehen, setzten aber gleich darauf ihren Weg fort. Helge
-überlegte: sollte er „~Please~“ oder „Bitte“ oder „~Scusi~“ sagen oder
-versuchsweise mit einem norwegischen „Verzeihung“ herausplatzen? Wie
-lustig, wenn es wirklich Norwegerinnen waren.
-
-Die Mädchen bogen um die Ecke. Helge war ihnen dicht auf den Fersen und
-auf dem Sprunge, sie anzureden. Da wandte sich die kleinere halb um
-und sagte etwas in italienischer Sprache, leise und empört.
-
-Helge war herb enttäuscht. Er wollte eben „~Scusi~“ sagen und
-verschwinden, als die Große auf Norwegisch zur Freundin sagte: „Nicht
-doch, Cesca, nichts sagen -- es ist viel klüger, zu tun, als merke man
-nichts.“
-
-„Ich ertrage aber dieses verdammte Italienerpack nicht, das nie ein
-Frauenzimmer in Frieden lassen kann,“ erklärte die andere.
-
-„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte Helge. Die Mädchen blieben stehen
-und wandten sich brüsk um.
-
-„Sie müssen wirklich entschuldigen.“ Helge stammelte und errötete,
-ärgerte sich darüber und erglühte nur tiefer in der Dunkelheit. „Ich
-bin nämlich heute aus Florenz gekommen, und jetzt habe ich mich in
-diesen Winkelgassen vollständig verloren. -- Nun glaubte ich, die Damen
-seien Norwegerinnen -- oder jedenfalls aus Skandinavien -- und ich
-komme so schlecht mit der italienischen Sprache zurecht -- und da kam
-mir die Idee --. Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, mir zu
-sagen, wo ich eine Straßenbahn finde? Mein Name ist Kandidat Gram“. Er
-lüftete wieder den Hut.
-
-„Ja, wo wohnen Sie denn?“ fragte die Größere.
-
-„Gleich neben dem Bahnhof, es heißt so ähnlich wie Albergo Torino“,
-erklärte ihnen Helge.
-
-„Dann muß er mit der Trasteverebahn fahren vom San Carlo ai Catenari
-aus,“ sagte die Kleine.
-
-„Nein, Sie steigen besser in die Linie 1 auf dem neuen Corso.“
-
-„Die geht aber nicht bis zu den Termini“, antwortete wieder die
-Kleinere.
-
-„Aber natürlich. Sie nehmen die, auf der San Pietro-Stazione Termini
-steht“, erklärte sie Helge.
-
-„Die -- die fährt doch erst über den Capo de Case und Ludovisi und
-so weiter bis ans Ende der Welt -- mit der dauert es mindestens eine
-Stunde bis zum Bahnhof.“
-
-„Nicht doch, Liebes -- sie fährt direkt -- den kürzesten Weg durch die
-Via Nazionale.“
-
-„Nein --“, beharrte die Kleine. „Sie fährt übrigens erst um den Lateran
-herum.“
-
-Die große Dame wandte sich an Helge:
-
-„Sie gehen nur die erste Straße zur Rechten hinunter bis zum Flohmarkt.
-Dann halten Sie sich links an der Cancelleria, bis Sie auf den neuen
-Corso hinausgelangen. Soviel ich mich entsinne, hält die Bahn an der
-Cancelleria, jedenfalls gleich in der Nähe; Sie sehen schon das Schild.
-Sie müssen aber darauf achten, daß Sie den Wagen bekommen, auf dem San
-Pietro-Stazione Termini steht -- es ist die Linie 1.“
-
-Helge blickte mutlos drein, als die jungen Mädchen neben ihm mit
-den fremden Namen um sich warfen, als seien es Bälle. Er schüttelte
-schließlich den Kopf.
-
-„Ich fürchte, ich finde mich da nicht zurecht, ich werde doch lieber
-gehen, bis ich auf eine Droschke stoße.“
-
-„Wir begleiten Sie gern bis zur Haltestelle“, sagte die Große wieder.
-
-Die Kleine brummte mürrisch auf Italienisch etwas vor sich hin, doch
-die Große antwortete in verweisendem Tone. Helges Mut sank noch um ein
-Beträchtliches durch diese Bemerkungen über seinen Kopf weg, die er
-nicht verstand.
-
-„Ich danke Ihnen, ich möchte Sie wirklich nicht damit belästigen -- ich
-finde sicher schon irgendwie nach Hause.“
-
-„Das ist durchaus keine Mühe,“ erwiderte die Große und schickte sich
-zum Gehen an. „Wir haben ungefähr denselben Weg.“
-
-„Es ist recht schwierig, sich in Rom zurechtzufinden“, versuchte Helge,
-ein Gespräch in Gang zu bringen. „Jedenfalls in der Dunkelheit.“
-
-„O nein, man kennt sich schnell aus.“
-
-„Ich kam also heute hierher -- ich kam heute Vormittag mit dem Zuge aus
-Florenz.“
-
-Die Kleine sagte halblaut etwas auf Italienisch. Die Große fragte
-hierauf Helge:
-
-„Es ist wohl jetzt kalt in Florenz?“
-
-„Ja, hundekalt. Ist es nicht hier in Rom milder? Ich schrieb übrigens
-gestern nach Hause an meine Mutter und bat um meinen Wintermantel.“
-
-„Auch hier kann es oft recht scharf und kalt sein. Fühlten Sie sich
-wohl in Florenz? Wie lange waren Sie dort?“
-
-„Vierzehn Tage“, sagte Helge. „Ich glaube, Rom wird mir doch besser
-gefallen.“
-
-Das andere junge Mädchen lachte. Die ganze Zeit über hatte es auf
-Italienisch vor sich hingebrummelt. Doch die Große sprach zu ihm mit
-ihrer warmen ruhigen Stimme:
-
-„Ja, ich glaube, es gibt keine Stadt, die man so liebgewinnt wie Rom.“
-
-„Ihre Freundin ist Italienerin?“ fragte Helge.
-
-„Nein, Fräulein Jahrmann ist Norwegerin. Wir sprechen Italienisch
-miteinander, damit ich es lerne -- sie ist nämlich schon sehr weit
-darin. Mein Name ist Winge“, fügte sie hinzu. „Dort liegt Cancelleria“,
-und sie wies auf einen großen düsteren Palast.
-
-„Ist der Hofraum so schön, wie man sich erzählt?“
-
-„Ja, herrlich. -- Nun werde ich Ihnen helfen, die richtige Straßenbahn
-zu finden.“
-
-Während sie standen und warteten, kamen zwei Herren quer über die
-Straße.
-
-„Hallo, finden wir Sie hier?“ sagte der eine auf Schwedisch.
-
-„Guten Abend“, begrüßte sie der andere. „Dann gehen wir doch zusammen
-hinüber? Seid Ihr unten gewesen, um Euch die Korallen anzusehen?“
-
-„Der Laden war geschlossen“, erwiderte Fräulein Jahrmann mißmutig.
-
-„Wir haben einen Landsmann getroffen, dem wir auf die richtige
-Straßenbahn helfen wollen“, setzte Fräulein Winge auseinander und
-stellte vor: „Kandidat Gram, Maler Heggen, Bildhauer Ahlin.“
-
-„Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner erinnern, Herr Heggen, Gram ist
-mein Name -- wir lernten uns einmal auf der Mysusenne kennen, vor etwa
-drei Jahren.“
-
-„Ah, ja natürlich. Und nun sind Sie also in Rom?“
-
-Ahlin und Fräulein Jahrmann hatten abseits gestanden und miteinander
-geflüstert. Jetzt ging sie auf die Freundin zu:
-
-„Du, Jenny, ich gehe heim. Ich bin doch nicht dazu aufgelegt, zu
-Frascati zu gehen.“
-
-„Aber liebes Kind, du hast ja selbst den Vorschlag gemacht.“
-
-„Ach nein, nicht Frascati -- dazusitzen und sich mit dreißig alten
-dänischen Weibern beiderlei Geschlechts abzuplagen.“
-
-„Wir können ja etwas anderes wählen -- doch da ist Ihre Straßenbahn,
-Kandidat Gram.“
-
-„Ja, tausend Dank für Ihre Hilfe! Vielleicht sehe ich die Damen einmal
-wieder -- im Skandinavischen Verein?“
-
-Die Bahn hielt vor ihnen -- da sagte Fräulein Winge:
-
-„Sie haben vielleicht Lust, sich uns anzuschließen; wir hatten die
-Absicht, heute Abend ein wenig zu bummeln, Wein zu trinken und Musik zu
-hören.“
-
-„Ja, danke.“ Helge war unsicher und verlegen und schaute auf die
-anderen. „Recht gern, aber --“ er wandte sich vertrauensvoll an
-Fräulein Winge mit dem hellen Antlitz und der freundlichen Stimme: „Sie
-kennen sich ja untereinander und -- nun, ist es nicht am gemütlichsten
-für Sie alle, ohne fremde Gesellschaft zu sein?“ Er lachte verlegen.
-
-„Aber nein, mein Lieber.“ Sie lächelte. „Im Gegenteil -- sehen Sie,
-dort fährt Ihre Bahn schon -- und Heggen kennen Sie ja doch von früher
-und jetzt uns. Wir werden schon darauf achtgeben, daß Sie richtig nach
-Hause gelangen -- wenn Sie also nicht zu müde sind.“
-
-„Müde! Nein. -- Ich möchte sehr gern mit Ihnen zusammen sein“,
-versicherte Helge eifrig und erleichtert.
-
-Die drei anderen begannen, Trattorien vorzuschlagen. Helge kannte
-keinen der Namen, die fielen; es war keiner von denen darunter,
-die sein Vater erwähnt hatte. Fräulein Jahrmann aber verwarf jeden
-Vorschlag.
-
-„Nun gut, dann gehen wir eben nach St. Agostino. Du weißt, wo es den
-roten Wein gibt, Gunnar.“ Jenny Winge schlug ohne weiteres diese
-Richtung ein; Helge folgte.
-
-„Da ist keine Musik“, hatte Fräulein Jahrmann einzuwenden.
-
-„Aber natürlich -- der Scheeläugige und der andere sind dort fast jeden
-Abend. Laßt uns doch nur nicht hier stehen und Zeit verlieren.“
-
-Helge folgte mit Fräulein Jahrmann und dem schwedischen Bildhauer.
-
-„Sind Sie schon längere Zeit in Rom, Herr Gram?“
-
-„Nein, ich kam heute Vormittag aus Florenz.“
-
-Fräulein Jahrmann lachte leise, Helge wurde verlegen. Er überlegte
-im Gehen -- sollte er nicht doch lieber sagen, daß er müde sei und
-dann umkehren? Während sie durch finstere enge Straßen ihren Weg
-fortsetzten, plauderte Fräulein Jahrmann ununterbrochen mit dem
-Bildhauer und antwortete kaum, wenn er den Versuch machte, mit ihr zu
-sprechen. Ehe er sich jedoch entschlossen hatte, sah er das andere Paar
-vorn durch eine schmale Tür verschwinden.
-
-
-
-
-II.
-
-
-„Was zum Teufel ist nun wieder in Cesca gefahren -- ihre Launen kennen
-ja nachgerade keine Grenzen mehr; leg Deinen Mantel ab, Jenny, sonst
-erkältest Du Dich, wenn Du wieder hinauskommst.“ Heggen hängte Hut und
-Frühjahrsmantel an den Ständer und ließ sich in einen Korbsessel fallen.
-
-„Das arme Ding, ihr geht es augenblicklich nicht gut -- und außerdem
-lief uns dieser Gram ein Stück nach, ehe er es wagte, uns anzusprechen
-und nach dem Wege zu fragen; dergleichen bringt sie immer in Erregung,
-und dann, Du weißt ja, -- ihr Herz.“
-
-„Die Aermste. -- Frecher Bursche übrigens.“
-
-„O, nicht doch, er lief ja umher und wußte weder aus noch ein, glaube
-ich. Er macht nicht gerade den Eindruck, als habe er Erfahrung im
-Reisen. Du kennst ihn?“
-
-„Keine Ahnung. Aber deshalb kann ich ihn sehr gut mal getroffen haben.
-Ah, da sind sie.“
-
-Ahlin nahm Fräulein Jahrmann den Mantel von der Schulter.
-
-„Teufel auch,“ meinte Heggen, „wie fein du heut Abend bist, Cesca.“
-
-Sie lächelte erfreut und strich mit der Hand den Rock über den Hüften
-glatt, dann faßte sie Heggen bei den Schultern:
-
-„Rück’ ein wenig zur Seite -- ich will neben Jenny sitzen.“
-
-„Herr des Himmels, wie ist sie schön,“ dachte Helge. Cescas Kleid war
-leuchtend grün, der üppige Busen hob sich aus dem hoch gearbeiteten
-Rock wie aus einem Blumenkelch. Die Sammetbluse leuchtete in den
-Falten wie gleißendes Gold; aus dem tiefen Ausschnitt wuchs der runde,
-mattbraune Hals empor. Sie war sehr brünett; unter der braunen Glocke
-des Plüschhutes umschmeichelten kleine kohlschwarze Locken die reinen,
-pfirsichroten Wangen. Das Antlitz war ganz jungmädchenhaft, schwere
-Lider bedeckten die tiefen, grauschwarzen Augen, und lächelnde Grübchen
-verschönten den kleinen, dunkelroten Mund.
-
-Jenny Winge, so hübsch sie auch war, fiel gegen die Freundin ganz
-ab. Sie war ebenso blond wie die andere dunkel: das Haar, von der
-hohen weißen Stirn zurückgestrichen, lugte goldig schimmernd unter
-dem kleinen grauen Pelzbarett hervor; die Haut war schneeig weiß und
-lichtrot. Selbst Augenbrauen und die Wimpern über den stahlgrauen Augen
-waren hell -- goldbraun. Der etwas bleiche Mund aber schien zu groß für
-das schmale Gesicht mit der kurzen geraden Nase und den blaugeäderten
-gewölbten Schläfen; wenn sie lachte, zeigte sie eine dichte Reihe
-blanker Zähne. Alles übrige an ihr war schmächtig, der lange schlanke
-Hals, die Arme, von hellen feinen Härchen bedeckt, und die langen,
-mageren Hände. Lang und aufgeschossen, wie sie war, erschien ihr
-Körper knabenhaft -- sie mußte noch erstaunlich jung sein. Sie trug
-kleine weiße Aufschläge an den Ellenbogen und am Halsausschnitt des
-hellgrauen, seidenen Kleides, das, leicht und wallend, über der Brust
-und an den Hüften gekräuselt war -- wohl um ihre Magerkeit etwas zu
-verbergen. Den Hals schmückte eine Kette von kleinen mattrosa Perlen,
-die sich in rosenroten Lichtpünktchen auf der Haut widerspiegelten.
-
-Helge Gram hatte sich bescheiden am Ende des Tisches niedergelassen
-und folgte der Unterhaltung. Die fremde Gesellschaft sprach von einer
-Frau Söderblom, die krank gewesen war. Ein alter Italiener mit einer
-schmutzigweißen Schürze über dem dicken Leib kam herbei und fragte nach
-ihren Wünschen.
-
-„Rot, weiß, sauer, süß -- was wollen Sie trinken, Gram?“ wandte Heggen
-sich an ihn.
-
-„Kandidat Gram soll sich einen halben Liter von meinem Rotwein
-bestellen“, meinte Jenny Winge. „Es ist einer der besten in Rom, und
-das will etwas heißen, wissen Sie!“
-
-Der Bildhauer schob den Damen eine Zigarettendose hin. Cesca griff zu.
-
-„O, nicht doch, Cesca“, bat Jenny.
-
-„Nun erst recht“, sagte Cesca „Mir wird nicht besser, auch wenn ich es
-lasse. Und ich bin böse heute Abend.“
-
-„Aber weshalb denn, liebes gnädiges Fräulein?“
-
-„Ach. -- Zum Beispiel weil ich die Korallen nicht bekam.“
-
-„Brauchtest du sie denn heute Abend?“ fragte Heggen.
-
-„Nein, aber ich hatte mich doch endlich entschlossen, sie zu kaufen.“
-
-„Und morgen hast du dich für die Malachitkette entschieden?“ lachte
-Heggen.
-
-„Nein, da irrst du dich, mein Lieber. Aber es ist auch abscheulich.
-Jenny und ich stürzten nur der Korallen wegen dort hinüber.“
-
-„Auf diese Weise trafst du uns aber. Sonst hättet ihr zu Frascati gehen
-müssen, worauf du plötzlich auch ärgerlich geworden bist.“
-
-„Ich wäre sicher nicht zu Frascati gegangen -- das schwör’ ich dir,
-Gunnar. Und das wäre mir viel besser gewesen. Denn nun will ich rauchen
-und trinken und die ganze Nacht durchbummeln, da ihr mich nun einmal
-mitgelockt habt.“
-
-„Ich glaubte, du hättest es vorgeschlagen.“
-
-„Die Malachitkette war außerordentlich schön, finde ich,“ lenkte Ahlin
-ab, „und sehr billig.“
-
-„Ja, aber Malachit ist in Florenz viel billiger. Diese kostet
-siebenundvierzig. Und in Florenz, dort wo Jenny ihre ~cristallo rosso~
-kauft, hätte ich sie für fünfunddreißig Lire haben können. Jenny hat
-für ihre Kette nur achtzehn gegeben. Er muß mir die Korallen aber für
-neunzig Lire lassen.“
-
-„Ich begreife nicht recht, wie du mit deinem Gelde auskommst“, sagte
-Heggen und lachte.
-
-„Ich mag nicht noch länger darüber sprechen,“ sagte Cesca. „Ich habe
-dieses Hin- und Hergerede satt -- morgen gehe ich und kaufe die
-Korallen.“
-
-„Sind aber neunzig Lire nicht furchtbar teuer für Korallen?“ wagte
-Helge zu fragen.
-
-„Sie können sich denken, daß es nicht so ganz gewöhnliche sind“,
-antwortete Cesca herablassend. „Es sind diese Contadinakorallen -- eine
-dicke Kette mit Goldverschluß und langen schweren Ohrhängern.“
-
-„Contadina -- ist das eine besondere Art Korallen?“
-
-„Nein, das sind die, mit denen die Contadine gehen.“
-
-„Ich weiß nicht, was eine Contadine ist.“ Helge lächelte schüchtern.
-
-„Ein Bauernmädchen. Haben Sie niemals diese Ketten gesehen, die sie
-tragen, diese schweren dunkelroten geschliffenen Korallen?“
-
-„Meine Perlen haben dieselbe Farbe wie Rindfleisch und die mittelste
-ist so groß --“ sie bildete mit Daumen und Zeigefinger eine eigroße
-Rundung.
-
-„Das muß wunderhübsch aussehen --“. Helge griff gierig den
-Gesprächsfaden auf. „Ich kenne Malachit oder ~cristalla rossa~
-nicht -- aber meiner Ansicht nach müßten solche Korallen Ihnen am
-allerbesten stehen.“
-
-„Da können Sie hören, Ahlin -- Sie wollten mich ja immer dazu
-verleiten, die Malachitkette zu kaufen. Heggens Schlipsnadel ist aus
-Malachit -- bitte gib sie mir einen Augenblick, Gunnar. Und Jennys
-Perlenhalsband besteht aus ~cristallo rosso~ -- nicht ~rossa~ -- rotem
-Bergkristall, wissen Sie?“
-
-Sie reichte ihm die Nadel und die Halskette. Die Kette war warm von
-ihrem Hals. Helge betrachtete sie einen Augenblick. In jeder Perle
-waren gleichsam kleine Spalten, die das Licht aufsogen.
-
-„Sie müßten Korallen tragen, Fräulein Jahrmann. Wissen Sie, ich glaube,
-Sie sehen dann selbst aus wie eine römische Contadina.“
-
-„Da könnt ihr’s hören.“ Sie lächelte leicht zu Helge hinüber und summte
-vergnügt vor sich hin. „Da könnt ihr’s selbst hören.“
-
-„Sie haben ja auch einen italienischen Namen,“ fuhr Helge eifrig fort.
-
-„Ach, der stammt noch von der italienischen Familie, bei der ich im
-vorigen Jahre wohnte, sie veränderten den häßlichen Namen, den ich von
-meiner Großmutter geerbt habe, und so behielt ich den italienischen
-bei.“
-
-„Francesca,“ sagte Ahlin leise.
-
-„Ich kann mir Sie nur als Francesca denken -- Signorina Francesca.“
-
-„Warum denn nicht Fräulein Jahrmann. Wir können leider nicht
-italienisch miteinander sprechen. Sie können ja die Sprache nicht.“ Sie
-wandte sich an die anderen. „Jenny und Gunnar, morgen kaufe ich also
-die Korallen.“
-
-„Ja, das haben wir schon gehört,“ meinte Heggen.
-
-„Aber ich will sie für neunzig haben.“
-
-„Ja, man muß aber handeln,“ sagte Helge erfahren. „Ich war heute
-Nachmittag irgendwo in der Nähe der Peterskirche in einem Laden und
-erstand dies hier für meine Mutter. Er verlangte sieben Lire, ich
-bekam es aber für vier. Finden Sie es nicht billig?“ Er stellte den
-Gegenstand auf den Tisch.
-
-Franziska betrachtete ihn verächtlich.
-
-„Die kosten anderthalb auf dem Fischmarkt. Ich habe im vorigen
-Jahre zwei von der gleichen Art für jedes unserer Mädchen zu Hause
-mitgebracht.“
-
-„Der Mann behauptete, es sei antik,“ wandte Helge unsicher ein.
-
-„Das sagen sie immer, wenn sie merken, daß die Leute kein Verständnis
-dafür haben. Und nicht Italienisch können.“
-
-„Es gefällt Ihnen also nicht?“ fragte Helge niedergeschlagen und hüllte
-es wieder in das rosa Papier. „Finden Sie nicht, daß ich es meiner
-Mutter schenken kann?“
-
-„Ich finde es greulich,“ sagte Franziska. „Aber ich kenne ja den
-Geschmack Ihrer Mutter nicht.“
-
-„Was soll ich denn nun aber mit diesem Ding anfangen?“ seufzte Helge.
-
-„Schenken Sie es getrost Ihrer Mutter,“ meinte Jenny Winge. „Sie freut
-sich gewiß, daß Sie ihrer gedacht haben. Und außerdem -- zu Hause haben
-die Leute Gefallen an solchen Dingen. Wir hier unten, wir sehen zuviel.“
-
-Franziska griff nach Ahlins Zigarettendose, aber er weigerte sich, sie
-ihr zu geben. Einen Augenblick flüsterten sie heftig miteinander. Dann
-schleuderte sie das Etui von sich:
-
-„Guiseppe.“
-
-Helge begriff, daß sie beim Wirt Zigaretten bestellen wollte. Ahlin
-fuhr auf:
-
-„Liebes Fräulein Jahrmann -- ich meinte ja nur -- Sie wissen doch, daß
-Sie das viele Rauchen nicht vertragen.“
-
-Franziska erhob sich, Tränen in den Augen.
-
-„Das ist gleichgültig, ich gehe nach Haus.“
-
-„Fräulein Jahrmann -- Francesca.“ Ahlin hielt ihr den Mantel, während
-er leise bettelte. Sie trocknete ihre Augen mit dem Taschentuch.
-
-„Doch -- ich will heim. Kinder -- ihr seht doch, daß ich heute Abend
-unmöglich bin. Nein, ich will nach Haus -- allein -- nein Jenny, du
-darfst nicht mit mir gehen.“
-
-Heggen erhob sich ebenfalls. Helge saß verlassen am Tisch.
-
-„Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß wir dich zu nächtlicher Stunde
-allein gehen lassen,“ meinte Heggen.
-
-„Ahso, du verbietest mir’s vielleicht?“
-
-„Ja, allerdings.“
-
-„Still doch, Gunnar,“ sagte Jenny Winge. Sie schob beide Herren zur
-Seite -- sie setzten sich schweigend nieder -- während Jenny, den
-Arm um Franziskas Hüfte gelegt, diese mit sich zog und leise mit ihr
-sprach. Kurz darauf kamen beide wieder an den Tisch zurück.
-
-Die Gesellschaft war jedoch verstimmt. Franziska lag halb in Jennys
-Arm -- sie hatte ihre Zigaretten bekommen, rauchte und schüttelte den
-Kopf zu Ahlins Versicherungen, daß die seinen besser wären. Jenny
-hatte eine Schale mit Früchten bestellt; sie verzehrte eine Mandarine
-und schob hin und wieder eine Scheibe in Franziskas Mund. Oh -- wie
-hübsch Franziska doch war, wie sie dalag, mit einem kleinen betrübten
-Kindergesicht und sich von der Freundin füttern ließ. Ahlin starrte sie
-ununterbrochen an, und Heggen zerbrach abgebrannte Zündhölzer in kleine
-Stümpfchen und steckte sie in die Mandarinenschalen.
-
-„Sind Sie schon länger in Rom, Kandidat Gram?“ fragte er.
-
-Helge versuchte humorvoll zu sein:
-
-„Ich pflege zu sagen, daß ich heute Vormittag mit dem Zuge aus Florenz
-kam.“
-
-Jenny lachte höflich -- Franziska jedoch lächelte ersterbend.
-
-Im gleichen Augenblick trat ein barhäuptiges, dunkelhaariges Mädchen
-mit einem frechen, fetten bleichen Gesicht zur Türe herein. In der
-Hand trug sie eine Mandoline. Hinter ihr her trippelte ein kleiner,
-verwitterter Bursche von schäbiger Eleganz mit einer Guitarre.
-
-Jenny plauderte -- wie zu einem Kinde.
-
-„Sieh nur, Cesca, das ist Emilia -- jetzt bekommen wir Musik.“
-
-„Das bringt Leben herein,“ sagte Helge. „Ziehen diese Volkssänger hier
-in Rom wirklich immer noch von Osteria zu Osteria?“
-
-Die Volkssänger begannen mit einem modernen Gassenhauer. Das Mädchen
-hatte eine seltsam hohe, klare, metallische Stimme.
-
-„O pfui, nicht doch!“ Franziska erwachte: „Das wollen wir doch nicht
-hören -- wir wollen natürlich etwas Italienisches haben -- ‚~la luna
-con palido canto~‘ -- nicht wahr?“
-
-Sie schlüpfte zu den Musikanten hinüber und begrüßte sie wie alte
-Freunde -- lachte und gestikulierte, ergriff die Guitarre und schlug
-ein paar Töne an, während sie die eine oder andere Melodie dazu summte.
-
-Die Italienerin sang. Süß und schmeichelnd flatterte die Melodie,
-begleitet vom Klingen der Metallsaiten, durch den Raum, und Helges
-Freunde sangen den Kehrreim mit. Das Lied handelte von ~amore~ und
-~bacciare~.
-
-„Es ist ein Liebeslied, nicht wahr?“
-
-„Ein feines Liebeslied,“ lachte Franziska. „Uebersetzt darf es nicht
-werden, aber auf italienisch klingt es wunderhübsch.“
-
-„Ach, so häßlich ist es doch nicht,“ sagte Jenny Winge. Sie wandte sich
-mit ihrem zuvorkommenden Lächeln an Helge: „Nun, Kandidat Gram, finden
-Sie es nicht gemütlich hier? Ist der Wein nicht gut?“
-
-„Ja, ausgezeichnet. Und das Lokal ist gewiß sehr charakteristisch.“
-
-Er hatte jedoch den Mut vollständig verloren. Jenny Winge und Heggen
-wandten sich hin und wieder an ihn, er vermochte aber nicht, ein
-Gespräch in Fluß zu halten. Schließlich begannen die anderen, sich
-miteinander zu unterhalten -- über Gemälde. Der schwedische Bildhauer
-saß nur da und betrachtete Franziska. Die fremdartigen Melodien
-schwirrten von den klingenden Metallsaiten auf -- an ihm, Helge,
-vorüber -- als ein Gruß an die anderen. Der Raum, in dem er sich
-befand, war, wie er sein mußte: der Fußboden aus gelbem Backstein,
-die Wände und die Deckenwölbung, weißgekalkt, ruhten auf einer dicken
-Mittelsäule, die Tische waren vorschriftsmäßig ungestrichen, und
-die Stuhlsitze aus grünen Weiden geflochten. Die Luft war säuerlich
-durchzogen von gegorenem Brodem, der aus den Weinfässern hinter dem
-marmorenen Schenktisch aufstieg.
-
-Künstlerleben in Rom! Es war ungefähr, als betrachte er ein Bild oder
-lese eine Beschreibung darüber in einem Buch. Nur mit dem Unterschied,
-daß er sich hier überflüssig fühlte -- so hoffnungslos einsam. Solange
-man es in den Büchern oder auf den Bildern erlebte, konnte man im
-Traume mit dabei sein. Er war jedoch davon überzeugt, daß er sich unter
-diesen Leuten nie einleben würde.
-
-Zum Teufel, das war auch das Beste! Im Grunde taugte er ja gar nicht
-dazu, unter Leuten zu sein -- erst recht nicht unter Menschen dieser
-Art. Wie gedankenlos Jenny Winge nun nach dem dicken, undurchsichtigen
-Glas mit dem dunkelroten Weine griff! -- Für ihn war es eine
-Sehenswürdigkeit -- sein Vater hatte davon erzählt -- ihn auf das
-Glas aufmerksam gemacht, das jenes Mädchen auf Marstrands Römischem
-Bilde, im Kopenhagener Museum, in der Hand hielt. Nach Jenny Winges
-Ansicht taugte das Bild sicher nichts. -- Diese jungen Damen hatten
-sicher niemals vom Hofraum des Bramante in der Cancelleria gelesen --
-„dieser Perle der Renaissancearchitektur“. Sie hatten ihn vielleicht
-zufällig eines Tages entdeckt, als sie auf dem Flohmarkt waren, um sich
-Perlen und anderen Staat zu kaufen -- hatten wohl begeistert ihre
-Freunde herbeigeholt, um ihnen diese neue Herrlichkeit zu zeigen, die
-sie sich nicht hätten träumen lassen. -- +Die+ hatten wohl kaum in den
-Büchern nachgelesen über jeden Stein und jeden Ort, bis die Augen davon
-schmerzten, und all der Schönheit ringsum sich verschlossen, die sie
-nicht schon in den Träumen daheim erschaut. Sie konnten sich vielleicht
-an irgendeiner weißen Säule erfreuen, die zum blauen Südhimmel
-emporragte, ohne pedantische Neugier, welcher Tempel und welchen
-vergessenen Gottes Heiligtum einst dort gestanden hatte.
-
-Geträumt hatte er -- und gelesen. Und er machte die Erfahrung --
-nichts sah in Wirklichkeit dem gleich, was er erwartet hatte. Alles
-wurde so grau und hart in des klaren Tages Licht -- der Traum hatte
-sein Phantasiegebilde in ein weiches Halbdunkel gehüllt, es harmonisch
-abgerundet zu einem Ganzen vereint und über die Ruinen Sommergrün
-gebreitet. Er war nun gekommen, um nachzuschauen, ob all das, worüber
-er gelesen, auch auf seinem rechten Platze stand. Später könnte er es
-auf der Höheren Töchterschule aus den Büchern aufzählen und sagen,
-daß er es gesehen -- und doch würde er nichts berichten können über
-Dinge, die er selbst entdeckt. Nichts würde er kennenlernen außer dem,
-wovon er gelesen. Wenn er auf lebendiges Material stieß, versuchte er,
-unter ihnen eine der toten, erdichteten Gestalten zu finden, wie er
-sie kannte -- ob einer wie sie dabei war. Wie sollte er auch etwas von
-lebendigen Menschen wissen, er, der niemals gelebt ....
-
-Heggen dort, mit dem dicken roten Mund, träumte jedenfalls kaum von
-romantischen Abenteuern ~à la~ Romanbibliothek aus dem Familienjournal,
-wenn er Abends auf Roms Straßen mit einem kleinen Mädchen anbändelte.
-
-Helge begann zu verspüren, daß er Wein getrunken hatte.
-
-„Wenn Sie jetzt gehen und sich zu Bett legen, so haben Sie morgen
-Kopfweh,“ sagte Jenny Winge zu ihm, als sie wieder draußen auf der
-finsteren Gasse standen. Die drei anderen gingen voraus; Helge folgte
-mit ihr in geringem Abstand.
-
-„Ehrlich gesagt, Fräulein Winge, finden Sie nicht, daß Sie da einen
-schrecklich langweiligen Burschen mitbekommen haben?“
-
-„Nein, mein Lieber. Es liegt ja nur daran, daß Sie uns nicht kennen und
-wir Sie nicht -- noch nicht jedenfalls.“
-
-„Mir wird es so schwer, mich anzuschließen -- es gelingt mir eigentlich
-niemals. Ich hätte nicht mitgehen sollen, als Sie so liebenswürdig
-waren, mich heute Abend einzuladen. Zum Amüsieren scheint man auch
-Uebung haben zu müssen.“ Er versuchte zu lachen.
-
-„Ja gewiß.“ Helge konnte an ihrer Stimme hören, daß Jenny lächelte.
-„Ich war fünfundzwanzig, ehe ich begann, mich zu üben, und weiß Gott,
-der Anfang war auch für mich nicht leicht.“
-
-„Sie? Ich glaubte, daß Sie Künstlerleute immer ... Uebrigens dachte
-ich, Sie hätten es noch weit bis fünfundzwanzig.“
-
-„Oh, Gott sei Dank, ich bin schon weit darüber.“
-
-„Und da sagen Sie Gott sei Dank? -- Und ich dagegen als Mann. -- Ich
-weiß nicht -- jedes Jahr, das gleichsam von mir abbröckelt, hinabsinkt
-in die Ewigkeit, ohne etwas gebracht zu haben -- außer der demütigen
-Erkenntnis, daß die Mitmenschen mich nicht brauchen, mich nicht zu den
-ihren rechnen --“ Helge hielt plötzlich erschrocken inne. Er fühlte wie
-seine Stimme zitterte, hatte auch die Empfindung, als sei er ein wenig
-angetrunken, da er so zu einer Dame sprach, die er nicht einmal kannte.
-Er fuhr jedoch, gegen seine eigene Scheu ankämpfend, fort: „Ich finde,
-es ist völlig hoffnungslos. Wenn mein Vater von der Jugend seiner Zeit
-erzählte -- sie führten große Worte im Munde von goldenen Illusionen
-und dergleichen. Zum Teufel, ich habe in all den Jahren nicht eine
-einzige Illusion gehabt, von der ich hätte Wesens machen können. Und
-die Jahre sind verflossen -- verloren -- nicht wiederzuerlangen.“
-
-„Das dürfen Sie nicht sagen, Kandidat Gram. Nicht ein Jahr unseres
-Lebens ist verloren, solange man es nicht so weit getrieben hat,
-daß Selbstmord der einzige ist. Ich glaube nicht, daß die Alten
-aus der Zeit der goldenen Illusionen besser daran waren -- ihre
-Jugendillusionen verschlossen ihnen das Leben. Wir -- die meisten
-jungen, die ich kenne, begannen ohne Illusionen -- wir wurden
-hinausgeschleudert in den Kampf um die Existenz, fast alle, ehe wir
-recht erwachsen waren. Wir waren von Anfang an auf das Schlimmste
-gefaßt. Doch eines Tages lernten wir erkennen, daß wir uns dennoch
-mancherlei Gutes herausholen könnten. Dies und jenes geschah, wobei wir
-dachten, erträgst du das, so hältst du auch das Messer aus. Bekommt
-man auf die Weise erst ein wenig Selbstvertrauen, dann gibt es keine
-Illusionen, deren uns zufällige Verhältnisse und Mitmenschen berauben
-können.“
-
-„Ach -- Verhältnisse -- oder Zufall! Wenn sie stärker sind als wir
-selbst, so hilft uns auch das Selbstvertrauen nicht!“
-
-„Ja,“ sie lachte. „Natürlich -- wenn ein Schiff in See geht -- so kann
-der Zufall wollen, daß es havariert. Ein Gußfehler im Rade und alles
-zerspringt. Ein Zusammenstoß ... Aber die ziehen wir nicht in Betracht.
-Und was die Verhältnisse betrifft, so müssen wir sie zu bekämpfen
-suchen. Meist findet man am Schluß doch einen Ausweg.“
-
-„Sie sind also durchaus optimistisch, Fräulein Winge?“
-
-„Ja.“ Sie schwieg. „Ich bin es geworden, als ich so nach und nach die
-Erfahrung machte, wieviel die Menschen wirklich ertragen können, ohne
-den Mut zum Weiterkämpfen zu verlieren -- und ohne schlecht zu werden.“
-
-„Das ist es ja eben -- ich finde, sie werden schlecht. Verdorben --
-oder jedenfalls verkleinert.“
-
-„Nicht alle. Und der Umstand, daß +einige+ sich vom Leben nicht
-verderben oder -- verkleinern lassen, finde ich, genügt, um uns
-optimistisch zu machen. -- Wir wollen hier einkehren,“ sagte sie.
-
-„Dies gleicht eher einer Montmartrekneipe oder ähnlichem, finde ich --
-nicht wahr?“ Helge sah sich um.
-
-An den Wänden des winzigkleinen Lokales entlang liefen schmale
-plüschüberzogene Bänke. Kleine Marmortische standen umher, und auf dem
-Schenktisch brannte eine Flamme unter zwei großen Nickelkochern.
-
-„Oh. Derartige Lokale sind wohl überall gleich,“ sagte Jenny. „Kennen
-Sie Paris?“
-
-„Nein -- ich dachte nur --“
-
-Er wurde plötzlich ohne jeden Anlaß verwirrt. So ein kleines
-Kunstmädel, das sich natürlich nach eigenem Gutdünken in der Welt
-umhertummelt -- Gott übrigens mochte wissen, woher ihresgleichen das
-Geld nahm. Es schien ebenso natürlich, daß man in Paris gewesen war
-wie eines Abends im Café Dronningen in Kristiania. -- Für diese Art
-von Menschen war es weiß Gott ein Leichtes, von Selbstvertrauen zu
-sprechen. Ein kleiner Liebeskummer in Paris, den sie in Rom vergaß, das
-war vielleicht das Schwerste, das sie durchgemacht. Und nun fühlte sie
-sich so verteufelt keck und übermütig und erfahren, daß sie meinte, das
-ganze Leben ertragen zu können.
-
-Ihre Figur war eigentlich unschön, obgleich sie ein frisches Antlitz
-hatte mit wunderbaren Farben.
-
-Am meisten reizte es ihn aber, mit Franziska Jahrmann zu plaudern. Sie
-sprühte jetzt vor Lebendigkeit, war jedoch von Ahlin und Heggen völlig
-in Anspruch genommen. Unterdes verzehrte Jenny Winge Spiegeleier mit
-trockenem Brot und trank kochend heiße Milch dazu.
-
-„Hier scheint mir verdächtiges Publikum zu verkehren,“ wandte Helge
-sich an sie. „Die reinen Verbrechertypen alle miteinander, finde ich.“
-
-„O ja, hier findet man Menschen von jeder Sorte. Sie dürfen nicht
-vergessen, Rom ist eine moderne Großstadt. Es gibt viele Leute, die in
-Nachtschicht arbeiten. Und dieses Lokal ist eines der wenigen, die um
-diese Stunde noch geöffnet sind. Sind Sie nicht hungrig? Ich werde mir
-jetzt schwarzen Kaffee kommen lassen.“
-
-„Halten Sie immer solange aus?“ Helge sah nach der Uhr. Es war um die
-vierte Stunde.
-
-„Aber nein“, sie lachte. „Nur hin und wieder. Wir sehen uns den
-Sonnenaufgang an und essen dann zusammen unser Frühstück. Heute Abend
-ist es nun Fräulein Jahrmann, die nicht nach Hause will.“
-
-Helge wußte selber kaum, weshalb er sitzen blieb. Man trank irgendeinen
-blaugrünen Likör, der ihn ganz taumelig machte, indes die anderen
-lachten und plauderten. Um ihn her schwirrten Namen von Menschen und
-Orten, die er nicht kannte.
-
-„Nein, hört mal, Douglas mit seinen Moralpredigten, kommt mir nicht
-damit! Ihr müßt nämlich wissen -- eines Morgens waren wir allein oben
-im Aktsaal, er und der Finne. Ihr entsinnt euch doch, Lindberg und ich,
-und wir beide gingen hinunter, um etwas Kaffee zu trinken -- es war im
-Juni vergangenen Jahres. Als wir zurückkamen, saß Douglas da, das Mädel
-im Arm. Nun, wir taten, als sei nichts vorgefallen. Er lud mich aber
-seitdem nie mehr zum Tee ein.“
-
-„Herrgott,“ meinte Jenny, „war es denn so gefährlich?“
-
-„Mitten im Frühling -- in Paris,“ lachte Heggen. „Laß dir’s gesagt
-sein, Cesca: Norman Douglas +war+ ein feiner Kerl -- du darfst
-nicht das Gegenteil behaupten, und geschickt; er zeigte mir einige
-wunderhübsche Sachen von den Befestigungswerken draußen.“
-
-„Ja -- und besinnst du dich auf das Bild vom Père Lachaise -- mit den
-violetten Perlenkränzen links unten?“ sagte Jenny.
-
-„Ja gewiß, das war verflucht hübsch -- und das kleine Mädchen am
-Klavier.“
-
-„Ach, aber stellt euch doch vor, das häßliche Modell,“ sagte Franziska
-wieder. „Es war obendrein die fette, ältliche, mit dem hellen Haar. Und
-dabei hat er sich doch so tugendhaft angestellt.“
-
-„Er war es auch,“ sagte Heggen.
-
-„Pah. Und ich war eben im Begriff, mich aus diesem Grunde in ihn zu
-verlieben.“
-
-„Ah so, das ändert die Sache allerdings erheblich.“
-
-„Ja, er hatte oftmals um mich angehalten,“ sagte Franziska
-gedankenvoll. „Und ich hatte mich eigentlich entschlossen, Ja zu sagen.
-Nun war es freilich ein Glück, daß ich es nicht tat.“
-
-„Hättest du ihm dein Jawort gegeben,“ meinte Heggen, „so hättest du ihn
-niemals mit dem Modell im Arm zu sehen bekommen.“
-
-Franziskas Antlitz veränderte sich mit einem Male vollständig. Ein
-blitzartiges Zucken lief über die weichen Züge. Dann lachte sie:
-
-„Ach -- ihr seid alle miteinander gleich -- ich traue nicht einem von
-euch, basta. ~Per bacco.~“
-
-„So dürfen Sie nicht denken, Francesca.“ Ahlin hob einen Augenblick den
-Kopf.
-
-Sie lachte wieder.
-
-„Ach, ich will mehr Likör haben, Herrschaften.“
-
- * * * * *
-
-Gegen Morgen ging Helge an Jennys Seite durch dunkle, ausgestorbene
-Straßen. Einmal machte die Gesellschaft vorn Halt. Auf einer
-Steintreppe hockten zwei halbwüchsige Burschen. Franziska und Jenny
-sprachen mit den Jungen und gaben ihnen Geld.
-
-„Bettler?“ fragte Helge.
-
-„Ich weiß es nicht -- der große sagte, er trüge Zeitungen aus.“
-
-„Die Bettler hierunten sind wohl im Grunde nur Simulanten?“
-
-„Ich weiß nicht -- einige vielleicht -- oder die meisten. Viele
-schlafen jedoch auf der Straße, sogar mitten im Winter. Mancher ist
-verkrüppelt.“
-
-„Ich sah es in Florenz. Es ist ein Skandal, daß Leute mit so
-scheußlichen Wunden oder furchtbar verunstaltet umhergehen und betteln
-dürfen! Das Armenwesen müßte sich dieser Jammergestalten annehmen.“
-
-„Ich weiß nicht recht. Es ist nun einmal so hier unten. Wir Fremden
-können ja nicht darüber urteilen. Es geht ihnen vielleicht besser so --
-sie verdienen mehr auf diese Art.“
-
-„Auf dem Piazzale Michelangelo beobachtete ich einen Bettler ohne Arme
--- die Hände saßen ihm oben auf den Schultern. Ein deutscher Doktor,
-mit dem ich zusammen wohnte, sagte, er besäße eine Villa bei Fiesole.“
-
-„Na also, ist das nicht sehr gut?“
-
-„Daheim bei uns lernen die Krüppel arbeiten,“ wandte Helge ein, „so daß
-sie sich auf ehrliche Weise durchschlagen können.“
-
-„Zu einer Villa reicht es aber kaum,“ sagte sie und lachte.
-
-„Dennoch -- ist etwas Demoralisierenderes denkbar, als davon zu leben,
-daß man seine Verkrüppelungen zur Schau stellt?“
-
-„So oder so, das Bewußtsein, daß man ein Krüppel ist, wirkt sicher
-immer demoralisierend.“
-
-„Trotzdem, -- davon zu leben, daß man das Mitleid der Leute anruft --.“
-
-„Wer ein Krüppel ist, weiß ja doch, daß er bemitleidet wird und Hilfe
-annehmen +muß+ -- von Menschen oder Gott.“
-
-Jenny stieg ein paar Treppenstufen hinan und hob den Zipfel eines
-Türvorhanges in die Höhe, der einer schlottrigen Matratze ähnlich sah.
-Sie standen in einer winzig kleinen Kirche.
-
-Auf dem Altar brannte Licht. Der Schein brach sich mannigfaltig in
-den Messingstrahlen des Glorienkranzes über dem Monstranzschrank,
-flimmerte unruhig auf Leuchtern und Metallgegenständen und ließ die
-Papierrosen in den Vasen auf dem Altar blutigrot und goldgelb erglühen.
-Ein Priester las, mit dem Rücken gegen das Publikum, lautlos in einem
-Buche; ein paar Chorknaben huschten hin und her, neigten und bekreuzten
-sich und machten Bewegungen, deren Sinn Helge nicht verstand.
-
-Sonst war der kleine Kirchenraum dunkel -- in zwei Seitenschiffen
-flackerten winzige Nachtlämpchen, an dunkelleuchtenden Metallketten
-vor Bildern schwebend, die noch düsterer erschienen als die Dunkelheit.
-
-Jenny Winge kniete auf einem Rohrschemel nieder. Sie legte ihre Hände
-gefaltet vor sich auf das Pult und beugte den Kopf leicht hintenüber,
-so daß ihr Profil sich scharf gegen den weichen Goldglanz der Lichter
-abhob, der in dem hochgestrichenen Haarschopf flimmerte und sanft über
-die schlanke nackte Wölbung des Halses hinfloß.
-
-Heggen und Ahlin holten sich lautlos ein paar Rohrstühle herbei, die um
-eine der Säulen übereinandergestapelt waren.
-
-Dieser stille Gottesdienst vor Tagesgrauen war eigentlich seltsam
-und stimmungsvoll. Gram folgte gespannt jeder Bewegung des Priesters
-am Altar. Einer der Chorknaben hängte ihm ein weißes Tuch mit einem
-goldenen Kreuz über die Schultern. Jetzt nahm der Priester die
-Monstranz vom Schrank über dem Altar, wandte sich um und hielt sie
-hoch ins Licht. Die Knaben schwenkten die Weihrauchkessel; kurz darauf
-drang scharfer, süßlicher Rauch zu ihnen hinüber. Helge wartete jedoch
-vergebens auf Musik oder Gesang.
-
-Jenny kokettierte augenscheinlich ein wenig mit dem Katholizismus,
-indem sie niederkniete. Heggen starrte geradeaus auf den Altar,
-er hatte den einen Arm um Franziskas Schulter gelegt -- sie war
-eingeschlummert und hatte sich an ihn geschmiegt. Ahlin konnte er nicht
-sehen, er saß hinter einer Säule und schlief sicher ebenfalls.
-
-Seltsam war es, hier mit diesen wildfremden Menschen zu sitzen. Helge
-fühlte sich einsam -- aber jetzt schmerzte dieser Gedanke nicht. Jene
-freie, glückliche Stimmung vom vergangenen Abend kehrte zurück --. Er
-betrachtete die anderen, die beiden jungen Mädchen. Jenny und Franziska
--- er wußte nun ihre Namen, viel mehr aber auch nicht. Und keine von
-ihnen ahnte, was es für ihn bedeutete, hier zu sitzen, was er nun alles
-zurückgelassen hatte, all die schmerzlichen Kämpfe daheim, vor denen
-er geflohen. Niemand kannte die Hindernisse, an denen er sich müde
-gearbeitet, die Fesseln, die ihn eingeschnürt hatten. Eine wundersame,
-fast hochmütige Freude erfüllte ihn bei diesem Gedanken, und seine
-Augen ruhten mit nachsichtigem Mitleid auf den beiden Frauen. So junge
-Dinger wie Cesca und Jenny, unverbraucht und frisch, mit kleinen
-unumstößlichen Ansichten hinter den weißen, glatten Jungmädchenstirnen.
-Zwei frische hübsche Mädels, die ihren geraden Weg durchs Leben
-schritten, hier und da, wie zum Zeitvertreib, wohl ein kleines
-Steinchen beiseite räumen mußten, von Schicksalen wie dem seinen aber
-nichts wußten.
-
-Er fuhr auf, als Heggen seine Schultern berührte, und errötete; er war
-eingenickt.
-
-„Nun, Sie haben auch einen kleinen Schlummer getan, wie ich sehe“,
-sagte Heggen.
-
-Draußen standen die hohen stillen Häuser in der grauen Dämmerung --
-schliefen mit geschlossenen Läden in allen Stockwerken. In einer
-Seitenstraße ratterte eine klappernde Straßenbahn vorüber, eine
-Droschke holperte über das Steinpflaster, und hier und da schlich eine
-verfrorene, schläfrige Gestalt den Bürgersteig entlang.
-
-Sie bogen in eine Straße ein, an deren Ausgang man den Obelisk vor der
-Trinitat dei-Monti-Kirche erblicken konnte -- er hob sich weiß gegen
-des Pincio schwarze Steineichen ab. Nicht eine Menschenseele war zu
-sehen und nicht ein Laut zu hören außer ihren eigenen Schritten auf den
-Steinen und dem Rieseln einer kleinen Fontäne in irgend einem Hofe. Und
-weit entfernt durch die Stille plätscherte der Springbrunnen auf dem
-Monte Pincio gegen das steinerne Becken. Helge erkannte den Ton wieder,
-und als sie dem Laut nachgingen, schoß in ihm ein feiner zarter Strahl
-von Glückseligkeit auf -- es war, als erwarte ihn seine eigene Freude
-vom verflossenen Abend da droben an dem springendem Quell unter den
-Steineichen.
-
-Er wandte sich an Jenny, ohne zu ahnen, daß seine Augen und seine
-Stimme für seine kleine Freude baten:
-
-„Hier oben stand ich gestern abend und sah die Sonne untergehen. Es
-war so wunderlich. Jahrelang habe ich dafür gearbeitet -- mein Wunsch
-war es, Archäologe zu werden. Aber nach meinem zweiten Examen mußte
-ich die Lehrtätigkeit ergreifen. Immer habe ich auf den Tag gewartet,
-an dem ich hierher kommen würde -- mich gleichsam darauf vorbereitet.
-Und doch -- als ich dann hier stand, so plötzlich -- war ich gänzlich
-unvorbereitet.“
-
-„Ja,“ meinte Jenny, „ich verstehe das sehr gut.“
-
-„Uebrigens, als ich gestern aus dem Zug gestiegen war, da sah ich es
-gleich alles vor mir liegen: die Ruinen der Termen, die schweren,
-gelben, von der Sonne überfluteten Mauerreste, und mitten unter
-ihnen die großartigen Neubauten mit Kaffees und Kinematographen,
-die Straßenbahnen auf dem Platz, die Anlagen und die herrlichen
-Springbrunnen mit ihren übervollen Wasserbecken ... Die alten Mauern
-inmitten der modernen Häuserblocks und das Getriebe der Stadt
-ringsumher -- gerade das fand ich so schön.“
-
-„Ja,“ sagte sie mit fröhlicher Stimme und nickte. „Ich liebe es auch
-sehr.“
-
-„Und dann ging ich hinab. Altertum und Neuzeit vereint! Ueberall
-Springbrunnen, rieselnd und rauschend und plätschernd. Ich ging
-geradenwegs zum St. Peter; es dunkelte, als ich dort ankam, und ich
-stand und betrachtete die beiden Fontänen auf dem Platz. Hier in der
-Stadt springen sie wohl die ganze Nacht hindurch.“
-
-„Die ganze Nacht -- fast überall hört man Springbrunnen. Die Straßen
-hier sind ja so still des Nachts. Dort, wo wir wohnen, Franziska und
-ich, ist eine kleine Fontäne unten im Hof. Wir haben einen Balkon vor
-unseren Zimmern, und wenn es abends milde ist, sitzen wir draußen und
-lauschen dem Rinnen bis in die tiefe Nacht hinein.“
-
-Sie hatte sich auf das Steingeländer gesetzt. Helge Gram stand am
-gleichen Ort wie am Abend vorher und sah wieder über die Stadt mit
-ihren Höhenzügen im Hintergrund, den grauweißen und verwitterten.
-Und der Himmel spannte sich darüber so hell und klar wie über dem
-Hochgebirge. Er sog die reine, eiskalte Luft in vollen Zügen ein.
-
-„Nirgends auf der Welt,“ sagte Jenny, „ist der Morgen so wie hier in
-Rom. Ich habe das Gefühl, als schlafe die ganze Stadt -- einen Schlaf,
-der leichter und leichter wird -- und plötzlich ist sie erwacht,
-ausgeruht und frisch. Heggen meint, es käme von den Fensterläden; da
-sind keine Scheiben, die das Morgenlicht einfangen.“
-
-Sie hatten den Rücken dem Morgengrauen und dem goldenen Himmel
-zugewandt, gegen den sich die Pinienkronen des Medicigartens und die
-beiden kleinen Türme der Kirche mit den Wimpeln auf der Spitze hart
-und scharf abzeichneten. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Die
-graue Häusermasse dort unten aber begann langsam Farben auszustrahlen
--- es schien, als würde das Mauerwerk auf zauberhafte Weise von innen
-her mit Farben durchleuchtet; einige Häuser glühten in tiefem Rot auf,
-bis dies ganz langsam in einen rosenfarbenen Schein überging, andere
-schimmerten gelblich, andere wieder weiß. Die Villen draußen auf dem
-dunklen Höhenzug des Monte Mario erhoben sich leuchtend aus den braunen
-Grashängen und schwarzen Zypressen.
-
-Bis plötzlich draußen von den Höhen hinter der Stadt ein Blinken kam
-wie von einem Stern; da war doch eine Fensterscheibe, die den ersten
-Sonnenstrahl eingefangen hatte. Das dunkle Laub dort drüben flammte auf
-wie das Gold von Oliven.
-
-Eine kleine Glocke drunten in der Stadt begann zu läuten.
-
-Cesca lehnte sich müde an ihre Freundin:
-
-„~Il levar del sole.~“
-
-Helge bog den Kopf weit zurück und starrte in das kühle Blau der
-Himmelskuppel. Jetzt schoß ein Sonnenstrahl hervor, die höchste Spitze
-der Wassersäule des Brunnens streifend. Die Tropfen da droben funkelten
-azurblau und golden.
-
-„Ah -- Gott segne Euch alle miteinander, ich bin so schauderhaft müde,“
-sagte Franziska und gähnte so laut sie konnte. „Uuh, so kalt. Jenny,
-erfrier dir deinen zarten Körperteil nicht auf den kalten Steinen --
-nun will ich zu Bett -- ~subito~.“
-
-„Ja, müde.“ Heggen gähnte. „Wir wollen heim, Herrschaften. Das heißt,
-ich trinke erst eine Tasse kochende Milch auf meiner Latteria. Gehen
-wir also?“
-
-Sie schlenderten die Spanische Treppe hinab. Helge betrachtete all
-die kleinen grünen Blättchen, die zwischen den weißen Steinstufen
-hervorlugten.
-
-„Seltsam, daß sie hier gedeihen, wo so viele Menschen gehen und alles
-niedertreten.“
-
-„Oh ja, es sprießt hier überall, wo sich nur ein wenig Erde zwischen
-zwei Steinen findet. Sie hätten im letzten Frühjahr das Dach sehen
-sollen, unter dem wir wohnen. Dort wächst ein kleines Feigenbäumchen
-zwischen den Dachziegeln. Cesca macht sich solche Sorge, daß es den
-Winter nicht überdauert -- und wovon soll es leben, wenn es größer
-wird? Sie hat es gezeichnet.“
-
-„Ihre Freundin malt auch, wie ich hörte?“
-
-„Ja, Cesca ist sehr talentvoll.“
-
-„Ich besinne mich jetzt, ich sah im vergangenen Herbst auf der
-staatlichen Kunstausstellung ein Bild von Ihnen,“ sagte Helge ein wenig
-zaghaft. „Rosen in einer Kupferschale.“
-
-„Ja, das hab’ ich im Frühling hier unten gemalt. Jetzt bin ich nicht
-mehr damit zufrieden --. Ich war im Sommer zwei Monate in Paris und
-finde, daß ich in der Zeit sehr viel gelernt habe. Ich habe es aber
-verkaufen können, für dreihundert Kronen; das war der Preis, für den
-ich es ausgeschrieben hatte. Ja, einiges ist übrigens ganz gut daran.“
-
-„Sie malen etwas modern -- aber das tun Sie gewiß alle?“
-
-Jenny lächelte leise, antwortete aber nicht.
-
-Die anderen standen am Fuß der Treppe und warteten. Jenny reichte allen
-die Hand und sagte Guten Morgen.
-
-„Das sieht dir doch wieder ähnlich,“ sagte Heggen. „Ist es dein Ernst,
-jetzt hinaufzugehen und zu arbeiten?“
-
-„Gewiß.“
-
-„Du bist völlig irrsinnig.“
-
-„Jenny, komm’ mit nach Haus,“ jammerte Franziska.
-
-„Warum soll ich nicht arbeiten, wenn ich nicht müde bin? Ja, Kandidat
-Gram, jetzt sollten Sie wohl eine Droschke haben und heimfahren.“
-
-„Ja. Uebrigens: ist das Postamt nicht um diese Zeit geöffnet? Ich weiß,
-es soll nicht so weit von der Piazza di Spagna entfernt sein.“
-
-„Dort muß ich vorüber -- dann können Sie ja mit mir gehen.“
-
-Sie nickte ein letztes Mal den anderen zu, die sich anschickten,
-heimzuziehen. Franziska hing an Ahlins Arm, taumelnd vor Müdigkeit.
-
-
-
-
-III.
-
-
-„Nun, Sie haben also Post bekommen,“ sagte Jenny. Sie hatte in der
-Vorhalle des Postamtes gewartet. „Jetzt werde ich Ihnen zeigen, mit
-welcher Straßenbahn Sie fahren müssen.“
-
-Der Platz war vom Sonnenschein weiß überflutet, die Luft noch
-morgenfrisch und rein. Doch schon wimmelten Wagen und Menschen in
-geschäftiger Eile in den engen Straßen.
-
-„Wissen Sie, Fräulein Winge -- ich fahre nicht nach Haus; ich bin
-jetzt so wach wie nur irgend möglich. Ich hätte die größte Lust, einen
-Spaziergang zu machen. Ist es aufdringlich, wenn ich frage, ob ich Sie
-ein kleines Stückchen Wegs begleiten darf --?“
-
-„Aber gar nicht --. Doch wie werden Sie nachher zu Ihrem Hotel
-zurückfinden?“
-
-„Pah, am hellichten Tage.“
-
-„Freilich, eine Droschke treffen Sie überall an.“
-
-Sie kamen auf den Corso hinaus. Sie nannte die Namen der Paläste, war
-ihm aber jeden Augenblick ein Stück voraus, da sie schnell ausschritt
-und sich geschmeidig durch die vielen Menschen wandte, die sich schon
-auf dem schmalen Bürgersteig drängten.
-
-„Mögen Sie Wermut?“ fragte sie; „ich will eben hier hinein und einen zu
-mir nehmen.“
-
-Sie leerte das Glas in einem Zuge, während sie am marmornen Schenktisch
-der Bar stand. Helge fand keinen Geschmack an dem bittersüßen Getränk,
-das zur Hälfte mit Chinin gemischt war. Es war aber etwas Neues für ihn
-und es gefiel ihm, so unvermittelt in eine Bar zu laufen.
-
-Jenny bog in schmale Gassen ein, wo die Luft noch nächtlich kühl und
-dumpf war. Nur hoch oben streifte der Sonnenschein die Mauern der
-Häuser. Helge schaute mit überwachen Sinnen um sich, betrachtete die
-blaugestrichenen Karren mit Maultiergespannen, deren Sattelzeug mit
-Messingbeschlägen und roten Troddeln geschmückt war, sah barhäuptige
-Frauen und schwarze Kinder, kleine billige Läden und die Verkaufsstände
-für Obst und Gemüse in den Torwegen. In einer Häusernische stand ein
-alter Mann und briet Schmalzgebäck auf einem kleinen Herd. Jenny kaufte
-einige Kuchen und bot sie Helge. Er lehnte jedoch dankend ab. Ein
-Teufelsmädchen! Sie aß die Kuchen mit gesundem Appetit, ihm aber wurde
-übel bei der bloßen Vorstellung, eines dieser fettriefenden Stücke
-zwischen die Zähne zu bekommen, noch dazu mit dem Wermutgeschmack
-im Mund und nach dem Genuß der vielen Getränke in dieser Nacht. Und
-außerdem -- so schmierig wie der Alte war.
-
-Seite an Seite mit verfallenen, armseligen Häusern, wo graufarbenes
-Leinenzeug zum Trocknen zwischen den brüchigen Fensterläden hing, lagen
-große, wuchtige Paläste mit vergitterten Fenstern und ausladenden
-Gesimsen. Einmal ergriff Jenny ihn am Arm -- ein brandrotes Automobil
-kam tutend aus einem Barockportal, wendete schwerfällig und sauste
-die schmale Straße hinauf, deren Rinnstein mit Müll und Kohlblättern
-angefüllt war.
-
-Helge ging und genoß. Wie südlich fremd war hier alles .. Sein einziges
-inneres Erlebnis seit vielen Jahren war immer nur der Zusammenstoß
-seiner phantastischen Traumwelt mit der kleinlichen Wirklichkeit
-des Alltags gewesen, bis er schließlich gleichsam aus Notwehr
-gelernt hatte, seine Träumereien zu belächeln und seiner Phantasie
-eine Richtung ins Reale zu geben. So versuchte er auch jetzt, sich
-unwillkürlich klar zu machen, daß in diesem romantischen Quartier
-die gleiche Art von Menschen lebte wie in anderen großen Städten.
-Ladenmädchen und Fabrikarbeiter, Typographen und Telegraphisten --
-Menschen, die tagtäglich in Geschäften, auf Kontoren und an Maschinen
-ihre Arbeit verrichteten und nicht anders waren wie überall auf der
-Welt. -- Er spann den Gedanken jedoch mit einer seltsamen Freude weiter
-aus, weil diese Straßen und Häuser, die seinen Traumgebilden glichen,
-doch helle Wirklichkeit waren.
-
-Sie traten auf einen offenen Platz hinaus. Hier umfing sie die Sonne
-mit ihren weißen weichen Strahlen und befreite sie vom letzten Hauche
-klammer, dumpfer Luft aus den kleinen Gassen, die sie durchwandert
-hatten. Jenseits des Platzes war der Erdboden kreuz und quer zerwühlt,
-Berge von Schutt und Müll und Stapel alten Gerölls lagen einträchtig
-beieinander. Alte, verfallene Häuser, zum Teil halb niedergerissen mit
-gähnenden Höhlen, vervollständigten in Gemeinschaft mit antiken Ruinen
-das Bild der Verwüstung.
-
-An einigen zerstreut liegenden Gebäuden vorbei, die verlassen standen,
-als habe man nur vergessen, sie niederzureißen, gelangten Jenny und
-Helge auf den Platz am Vestatempel. Hier lag die große neue Dampfmühle
-und dort das schöne alte Kirchlein mit seiner Säulenhalle und dem
-schlanken Glockenturm. Und im Hintergrunde stieg der Aventinerhügel
-klar zum sonnigen Himmel empor, mit den Klöstern auf dem Gipfel,
-staubiggrauen Bogen namenloser Ruinen in den Gärten auf den Hängen,
-überwuchert von schwarzem Efeu, grauem kahlen Dorngebüsch und gelbem,
-winterwelken Gras.
-
-Immer wieder hatten diese Ruinen ihn enttäuscht, in Deutschland wie
-in Florenz. Er hatte von ihnen gelesen und sie im Geiste mit einem
-romantischen Rahmen aus grünem Laub umgeben. Blumen sah er in den
-Mauerspalten blühen, wie auf alten Kupferstichen oder Theaterkulissen.
-In Wirklichkeit waren sie schmutzig und verstaubt; vergilbtes Papier,
-zerbeulte Blechbüchsen, schmutziger Abfall hatte sich ringsum
-angesammelt, rauhe, winterliche Luft entströmte dem Gemäuer. Die
-einzige Vegetation des Südens bildeten grauschwarzes Immergrün, nacktes
-dorniges Gebüsch und das welke, farblose Gras.
-
-An diesem sonnigen, durchsichtigen Morgen aber wurde es ihm plötzlich
-klar, daß sie, betrachtete man sie mit den rechten Augen, dennoch schön
-sein konnten. --
-
-Hinter der Kirche schlug Jenny einen Weg ein, der zwischen Gärten
-hindurch führte. Pinien ragten dahinter auf und der Efeu fiel in losen
-Ranken über die Mauern. Sie machte Halt und entzündete eine Zigarette.
-
-„Ja,“ erklärte sie, „ich bin dem Tabak verfallen, doch Cesca verträgt
-das Rauchen nicht, ihres Herzens wegen, darum muß ich mich mäßigen,
-wenn sie dabei ist; hier draußen dampfe ich wie eine Lokomotive -- da
-sind wir.“
-
-Ein kleines gelbes Haus lag vor ihnen, von einem Reisiggitter
-eingezäunt. Im Garten standen ein Tisch und Bänke unter zwei großen,
-kahlen Ulmen, und eine Laube, aus Binsen geflochten. Jenny begrüßte
-vertraulich ein altes Weib, das in die Tür getreten war.
-
-„Wie wär’s mit einem Frühstück, Kandidat Gram --?“
-
-„Kein übler Gedanke. Vielleicht etwas starken Kaffee -- und Brot und
-Butter --.“
-
-„Gott segne Sie -- Kaffee! und Butter! Eier und Brot und Wein -- Salat
-und Käse vielleicht --. Ja, sie hat Käse, sagt sie. Wieviele Eier
-möchten Sie haben?“
-
-Während die Frau den Tisch deckte, brachte Jenny Staffelei und Malgerät
-heraus. Ihren langen blauen Abendmantel vertauschte sie gegen eine von
-Oelfarbenflecken bedeckte Wetterjacke.
-
-„Darf ich mir Ihr Bild anschauen?“ fragte Helge.
-
-„Ja, -- ich werde wohl das Grün abtönen müssen, es liegt so hart auf.
-Bis jetzt ist kein rechtes Licht über dem Ganzen. Der Hintergrund ist,
-glaube ich, gut.“
-
-Helge betrachtete das kleine Bild, auf dem die Bäume wie große grüne
-Flecken standen. Er konnte nichts Besonderes daran finden.
-
-„Ah, das Essen steht bereit! Sie kriegt sie an den Kopf, wenn sie
-hartgekocht sind. -- Nein, Gottseigelobt!“
-
-Helge war nicht hungrig. Jedenfalls brannte ihm jetzt der Hals von dem
-sauren, weißen Wein, und das ungesalzene trockene Brot konnte er kaum
-herunterbringen. Jenny zermalmte große Stücke davon zwischen ihren
-weißen Zähnen, stopfte kleine Bissen Parmesankäse dazu in den Mund und
-trank Wein, denn drei Eiern hatte sie bereits den Garaus gemacht.
-
-„Daß Sie das gräßliche Brot so trocken essen können,“ sagte Helge.
-
-Sie lachte:
-
-„Ich finde dieses Brot so gut. Butter habe ich kaum zu sehen bekommen,
-seit ich von Kristiania fort bin. Die pflegen Cesca und ich nur für
-Gesellschaften zu kaufen. Wir müssen nämlich sparen, sehen Sie.“
-
-Er lachte auch:
-
-„Was nennen Sie sparen -- Perlen und Korallen --.“
-
-„Ach, -- das ist Luxus --. Ich finde beinahe, das ist das Notwendigste
--- ein wenig jedenfalls. Nein, wir wohnen billig und essen billig,
-kaufen Seidenschärpen und trinken ein paar Wochen lang des Abends Tee
-und genießen trockenes Brot und Rettiche dazu.“
-
-Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und entzündete eine neue Zigarette. Das
-Kinn auf die Hand gestützt, saß sie und sah hinaus:
-
-„Nein, Kandidat Gram. Sehen Sie -- hungern -- ja, ich habe das niemals
-erleben müssen, aber es kann ja noch einmal kommen. -- Heggen zum
-Beispiel hat es durchgemacht -- und doch gibt er mir Recht. Es ist
-besser, zu wenig vom Notwendigen zu haben, als niemals etwas von dem,
-was eigentlich überflüssig ist. Das Ueberflüssige, eben das ist es,
-wofür man arbeitet, wonach man sich sehnt --.
-
-Daheim bei meiner Mutter -- da hatten wir das dringend Notwendige ja
-immer -- freilich. Aber nichts darüber. Das mußte eben so sein -- die
-Kinder sollten ja Essen haben.“
-
-Helge lächelte ein wenig unsicher:
-
-„Ich kann mir Sie gar nicht als einen Menschen denken, der jemals die
-Bekanntschaft mit -- mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten gemacht hat!“
-
-„Wieso?“
-
-„Nein, Sie sind so unverzagt, so frei und sicher. Wenn man in engen
-Verhältnissen aufgewachsen ist, wo man nichts anderes hört als Sparen,
-da wagt man es bald nicht mehr, sich Anschauungen zuzulegen -- in
-weiterem Sinne. Es ist peinlich, zu wissen, daß der Mammon alles
-regiert und daß man Mittel besitzen muß, will man sich Pläne und eine
-eigene Meinung gestatten.“
-
-Jenny nickte nachdenklich.
-
-„Das braucht man nicht, wenn man gesund und frisch ist und etwas kann.“
-
-„Nun zum Beispiel ich. Ich habe immer geglaubt, ich hätte die
-Fähigkeiten zu wissenschaftlicher Arbeit. Das ist das einzige Ziel, das
-ich mir gesetzt. Ich habe einige kleine Bücher geschrieben -- etwas
-ganz Populäres natürlich; jetzt arbeite ich jedoch an einer Abhandlung:
-das Bronzezeitalter in Südeuropa. Ich bin aber Lehrer und habe eine
-sehr gute Stellung. Bin Leiter einer Privatschule.“
-
-„Jetzt sind Sie aber doch hierher gekommen, um zu arbeiten, wenn ich
-Sie heute Morgen recht verstand,“ sagte sie lächelnd.
-
-Helge antwortete nicht darauf:
-
-„So erging es meinem Vater auch. Er wollte Maler werden -- das Einzige,
-wozu er Lust hatte. Er hielt sich auch ein Jahr lang hier auf. Dann
-verheiratete er sich. Jetzt hat er nun eine lithographische Werkstätte
--- hat sie sechsundzwanzig Jahre hindurch in Gang gehalten, zum Teil
-unter großen Schwierigkeiten -- Ich glaube nicht, daß er der Meinung
-ist, er habe viel vom Leben gehabt.“
-
-Jenny sah gedankenvoll in den Sonnenschein hinaus. In der Senkung
-ihnen zu Füßen wuchsen Küchengemüse in Reihen mit kleinen bescheidenen
-Blätterbüscheln über der grauen Erde. Draußen über den grünen Wiesen
-leuchteten die Ruinen auf dem Palatin, gelbschimmernd in dem dunklen
-Laub. Der Tag versprach warm zu werden. Die Albanerberge drüben hinter
-den Pinien der fernen Villengärten lagen in dämmrigem Dunst unter dem
-tauigen Blau des Himmels.
-
-„Aber -- Kandidat Gram.“ Sie nippte an ihrem Glase, den Blick
-noch immer in die Ferne gerichtet. Helge folgte mit den Augen dem
-lichtblauen Rauch ihrer Zigarette -- ein kleiner Lufthauch erfaßte
-diesen und wirbelte ihn hinaus in die Sonne. Jenny hatte das eine
-Bein über das andere geschlagen -- über den ausgeschnittenen
-perlenbestickten Schuhen erschienen die schmalen Knöchel in dünnen
-violetten Strümpfen. Die Wetterjacke stand offen über dem faltigen,
-silbergrauen Kleide mit dem weißen Kragen und über dem Perlenband,
-welches rosenrote Lichtflecken auf ihren milchweißen Hals warf. Die
-Pelzmütze auf dem blonden, welligen Haar war weit zurückgeglitten.
-
-„So haben Sie jedenfalls eine Stütze an Ihrem Vater -- er versteht Sie
-und weiß, daß Sie nicht an die Schule gefesselt sein dürfen, da Ihnen
-eine andere Arbeit am Herzen liegt?“
-
-„Das weiß ich nicht. Er freute sich zwar sehr, daß ich Gelegenheit
-hatte, ins Ausland zu kommen. Aber --“ Helge zögerte, „sehr vertraut
-miteinander sind mein Vater und ich nie gewesen. Meine Mutter dagegen
-quälte mich mit ihrer ständigen Sorge, daß ich mich überanstrengen
-könnte, daß meine Zukunft nicht genügend gesichert sei. Und meiner
-Mutter widerspricht mein Vater nicht. Sie sind grundverschieden, Vater
-und Mutter. Sie hat ihn wohl nie verstanden. So überschüttete sie dann
-uns Kinder mit ihrer heißen Liebe -- in meiner Kindheit war sie mir
-unendlich viel -- doch diese Liebe begleitete eine blinde Eifersucht.
-Mutter fürchtete sogar, daß Vater mehr Einfluß auf mich gewinnen könne
-als sie. Auch auf meine Arbeit war sie eifersüchtig, weil ich mich
-abends einschloß, um zu studieren und zu schreiben, wissen Sie. Sie
-sorgte sich, wie gesagt, um meine Gesundheit und fürchtete, daß ich den
-Einfall bekommen könne, meinen Posten aufzugeben --.“
-
-Jenny nickte einige Male gedankenvoll.
-
-„Der Brief, den ich eben holte, war von ihnen.“ Helge zog ihn hervor
-und betrachtete ihn, öffnete ihn jedoch nicht. -- „Heut ist nämlich
-mein Geburtstag,“ sagte er und versuchte ein Lächeln. „Ich werde heute
-sechsundzwanzig.“
-
-„Ich gratuliere.“ Jenny reichte ihm die Hand.
-
-Der Blick, den sie auf ihn richtete, war so, wie wenn sie Franziska zu
-betrachten pflegte, wenn diese sich an sie schmiegte.
-
-Sie hatte bisher noch nicht auf Grams Aussehen geachtet, hatte nur den
-Eindruck, daß er groß und fein gebaut und dunkel war, und daß er einen
-kleinen Spitzbart trug. Eigentlich hatte er hübsche regelmäßige Züge
-und eine hohe, etwas schmale Stirn. Seine Augen waren hellbraun, mit
-einem eigenen durchsichtigen Bernsteinglanz, der kleine Mund unter dem
-Schnurrbart war weich und fein, er zeigte eine leise Wehmut.
-
-„Ich verstehe Sie so gut,“ sagte sie plötzlich „Ich kenne das. Ich
-war selbst Lehrerin bis Weihnachten vorigen Jahres. Ich kam fort als
-Erzieherin und blieb dabei, bis ich alt genug war, um im Seminar
-anzufangen.“ Sie lachte etwas verlegen. „Ich reiste fort -- gab meine
-Stellung an der Volksschule auf -- da ich eine Kleinigkeit von einer
-Tante meines Vaters erbte. Ich habe ausgerechnet, es kann etwa drei
-Jahre reichen -- vielleicht auch länger -- und wenn ich etwas verkaufen
-kann --. Aber meine Mutter war natürlich nicht damit einverstanden, daß
-ich die ganze Summe aufbrauchen wollte. Und daß ich kündigte, nachdem
-ich endlich nach all den Jahren, in denen ich mich mit Vertretungen
-und Privatschülern abgeplagt hatte, fest angestellt worden war.
-Ein festes Einkommen, -- das halten die Mütter ja immer für das
-Wichtigste --.“
-
-„Ich glaube fast, daß ich es in Ihrer Stelle nicht gewagt hätte, so
-alle Brücken hinter mir abzubrechen --. Ich weiß sehr wohl, es ist der
-Einfluß meines Vaterhauses. Ich wäre die Angst nicht losgeworden, wovon
-ich leben sollte, wenn das Geld verbraucht sein würde.“
-
-„Kleinigkeit,“ sagte Jenny. „Ich bin ja frisch und stark und kann
-sehr viel. Nähen, kochen und plätten und waschen. Auch Sprachen. In
-Amerika oder England kann ich immer Arbeit bekommen. Als Malerin,
-glaube ich, wird man dort viel zu tun finden. Franziska“ -- sie lachte
-in die Sonne hinaus -- „sie meint, wir sollten nach Südafrika reisen
-und Milchmädchen werden. Und dann wollen wir Akte bei den Zulukaffern
-zeichnen -- es sollen ganz prachtvolle Modelle sein.“
-
-„Der Gedanke ist durchaus nicht übel. Entfernungen rechnen Sie also
-nicht als wesentliches Hindernis --.“
-
-„Nein, ganz und gar nicht --. Ach ja, ich rede. Natürlich, in all den
-Jahren daheim meinte ich, daß es ganz unmöglich sei, hinauszukommen
--- allein nach Kopenhagen, dort sich eine kurze Zeit aufzuhalten und
-nichts anderes zu tun als zu lernen und zu malen. Ich hatte natürlich
-starkes Herzklopfen, als ich mich entschloß, alles aufzugeben und zu
-reisen. Alle meine Angehörigen fanden es wahnsinnig. Und das wirkte
-wohl auf mich. -- Aber dann wollte ich erst recht. Malen ist ja das
-Einzige, wozu ich immer Lust hatte, und ich begriff, daß ich zu Haus
-niemals so intensiv würde arbeiten können, wie es nötig wäre -- da
-lenkte mich so vieles ab. Aber Mama konnte es einfach nicht begreifen,
-daß ich sofort mit dem Studium beginnen müsse, wollte ich noch etwas
-lernen, da ich nicht mehr die Jüngste war. Meine Mutter ist nämlich nur
-neunzehn Jahre älter als ich. Als ich elf Jahre alt war, heiratete sie
-zum zweiten Male, und das brachte ihre Jugend zurück --.
-
-Das ist ja eben das Wunderbare, wenn man in die Welt geht --
-jede Beeinflussung durch Menschen, mit denen man zufällig daheim
-zusammenlebt, hört auf. Man muß mit seinen eigenen Augen sehen und
-selbständig denken. Wir lernen begreifen, daß es ganz von uns selbst
-abhängt, was diese Reise uns gibt -- was wir zu sehen und zu erfassen
-vermögen, in welche Lage wir uns bringen und unter wessen Einfluß
-wir uns freiwillig begeben. Man lernt verstehen, daß es von einem
-selbst abhängt, wieviel das Leben uns entgegenbringt. Ja, gewiß, ein
-wenig auch von den Umständen, wie Sie vorher einmal sagten. Aber man
-entdeckt bald, wie man die Hindernisse nach seiner Veranlagung am
-leichtesten überwindet oder sie umgeht -- sowohl auf Reisen wie auch
-im allgemeinen. Man sieht ja, daß man sich all das Schwere, das einem
-begegnet, immer selbst eingebrockt hat.
-
-In seinem Heim ist man ja niemals allein, nicht wahr, Gram? Das eben
-ist das Beste am Reisen, finde ich -- allein mit sich sein, nicht immer
-jemand um sich haben, der einem helfen oder über einen bestimmen will.
--- Das Gute, das man seinem Zuhause verdankt, kann man doch nicht sehen
-und schätzen, ehe man nicht fort gewesen ist. Man weiß, daß man nie
-wieder davon abhängig wird, wenn man erst einmal selbständig geworden
-ist. Man kann nicht eher Freude daran haben -- ja man kann überhaupt
-keine Freude an etwas haben, von dem man abhängt?“
-
-„Ich weiß nicht. Man ist doch immer abhängig von dem, das man lieb hat?
-Sie sind doch abhängig von Ihrer Arbeit? -- Und wenn man einen anderen
-Menschen liebt,“ sagte er leise, „ist man dann nicht völlig abhängig?“
-
-„Ja, ja.“ Sie überlegte. „Aber da hat man selbst gewählt,“ sagte
-sie schnell. „Ich meine, man ist dann kein Sklave, man dient dann
-freiwillig irgend jemandem oder irgendeiner Sache, die man höher
-bewertet als sich selbst. -- Freuen Sie sich nicht, daß Sie ihr neues
-Jahr allein beginnen werden, frei und frank -- nur arbeiten, was Sie
-selbst gern wollen?“
-
-Helge dachte an den vergangenen Abend auf dem Petersplatz. Er sah
-hinaus über die fremde Stadt, sah die gedämpften, grauverschleierten
-Farben in der Sonne, und das fremde, blonde Mädchen.
-
-„Ja,“ sagte er.
-
-„Ja.“ Sie erhob sich, knöpfte ihre Jacke zu und öffnete den Malkasten.
-„Nun muß ich aber fleißig sein.“
-
-„Sie wollen mich wohl nun los sein?“
-
-Jenny lächelte: „Sie sind doch jetzt sicherlich müde?“
-
-„Oh nein. Ich möchte aber zahlen --.“
-
-Sie rief die Frau und stellte ihm seine Rechnung auf, während sie
-gleichzeitig Farben auf der Palette ausdrückte.
-
-„Glauben Sie nun, daß Sie zur Stadt zurückfinden?“
-
-„Ja. Ich merkte mir genau, welchen Weg wir gingen. Und später finde ich
-schon einen Wagen. -- Kommen Sie jemals in den Verein?“
-
-„Oh ja, mitunter.“
-
-„Ich möchte Sie sehr gern wiedersehen, Fräulein Winge.“
-
-„Das werden Sie auch sicherlich.“ Sie überlegte einen Augenblick. „Wenn
-Sie Lust haben -- können Sie uns dann nicht besuchen -- zum Tee? Wir
-wohnen in der Via Vantaggio 111 -- Cesca und ich sind des Nachmittags
-immer daheim.“
-
-„Ich danke Ihnen.“ Er zauderte ein wenig. „Nun, dann schönen Guten
-Morgen! Und vielen Dank für diese Nacht!“
-
-Er reichte ihr die Hand. Sie gab ihm ihre schmale, magere: „Auch ich
-danke.“
-
-Als er sich in der Gartentür umwandte, stand sie und schabte mit dem
-Palettmesser auf der Leinwand. Sie summte -- es war die Weise von heut
-Nacht, die ihm nun so vertraut schien. Er summt sie selbst, während er
-zur Stadt hinunter ging.
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Jenny zog die Arme unter der Decke hervor und verschränkte sie im
-Nacken. Es war eiskalt im Zimmer und finster; nicht ein Streifen
-Tageslicht fiel durch die Läden. Sie entzündete ein Streichholz und sah
-nach der Uhr -- gleich sieben. Ein wenig konnte sie noch liegen und
-faulenzen; sie kroch wieder ganz unter die Decke und bohrte die Wange
-ins Kopfkissen.
-
-„Jenny -- schläfst du?“ Franziska öffnete die Tür, ohne anzuklopfen.
-Sie kam an das Bett heran, tastete im Dunkeln nach der Freundin Gesicht
-und streichelte sie: „Müde?“
-
-„Gar nicht. Jetzt werde ich aufstehen.“
-
-„Wann kamst du nach Haus?“
-
-„Gegen drei. Ich war draußen in Prati und badete vor dem Mittag, und
-dann aß ich dort bei der Ripetta, weißt Du? Als ich heimkam, legte ich
-mich hin. Ich bin jetzt völlig ausgeschlafen -- nun will ich aufstehen!“
-
-„Wart noch ein wenig, hier ist es so kalt; ich werde etwas bei Dir
-einheizen.“ Franziska zündete die Lampe auf dem Tische an.
-
-„Du brauchst doch nur nach der Signora zu rufen -- nein, aber Cesca,
-komm her, darf ich sehen?“ Jenny setzte sich im Bett aufrecht.
-
-Franziska stellte die Lampe auf das Nachttischchen und drehte sich im
-Licht langsam um sich selbst.
-
-Sie hatte eine weiße Spitzenbluse zu ihrem grünen Rock angezogen und
-eine bronzefarbene Seidenschärpe mit pfauenblauen Streifen um die
-Schultern geschlungen. Rund um den Hals lagen die großen tiefroten
-Korallen in doppelter Reihe und lange, geschliffene Ohrgehänge tropften
-auf ihre gelblichweiße Haut herab. Lächelnd schob Franziska das Haar
-zur Seite, um zu zeigen, daß sie mit einem Faden Stoffgarn an den Ohren
-festgebunden waren.
-
-„Denk’ dir, ich bekam sie für sechsundachtzig Lire -- ist das nicht
-großartig -- nun, wie stehen sie mir?“
-
-„Hervorragend. Das Kostüm ist fabelhaft. -- Du, ich hätte Lust, dich
-darin zu malen.“
-
-„Ja. Ich könnte jetzt gut für dich sitzen. Ich habe nicht die Ruhe
-in mir, am Tage etwas zu tun. Ach du, Jenny --.“ Sie seufzte leise
-und setzte sich auf die Bettkante. „Nein, ich muß jetzt nach dem Ofen
-sehen.“
-
-Sie kam zurück mit einem steinernen Krug voll Glut und hockte sich vor
-dem kleinen Ofen nieder.
-
-„Bleib nur liegen, Jenny, bis es hier warm geworden ist. Ich werde
-schon das Bett machen, auch den Tisch decken und den Tee kochen. -- Ah,
-du hast deine Studie mit heimgebracht -- laß mich sehen!“
-
-Sie stellte das Studienbrett gegen einen Stuhl und beleuchtete das Bild:
-
-„Aber, nein!“
-
-„Es ist nicht übel, findest du nicht? -- Ich will noch einige Skizzen
-dort draußen machen -- ich plane ein großes Bild; ist das Motiv nicht
-gut -- mit all den Arbeitsleuten und Maultierkarren dort unten im
-Ausgrabungsfeld?“
-
-„Ja, weißt du, -- daraus müßtest du doch etwas machen können. Ich
-freue mich darauf, Gunnar und Ahlin dies hier zu zeigen: Aber du bist
-aufgestanden? Jenny, laß mich dein Haar kämmen! Gott, was hast du doch
-für Haar, Mädel. Darf ich nicht einmal versuchen, es auf moderne Art zu
-frisieren, so mit Locken? Bitte!“
-
-Franziska ließ das lange blonde Haar durch ihre Finger gleiten. „Sitz’
-ruhig. Ein Brief ist heut Morgen für dich gekommen -- ich nahm ihn mit
-herauf; fandest du ihn? Er war von deinem kleinen Bruder, nicht wahr?“
-
-„Ja,“ sagte Jenny und lachte.
-
-„War der Brief fröhlich -- hast du dich gefreut?“
-
-„Du kannst glauben, der war vergnügt. Ach, Cesca, mitunter wünschte
-ich, daß ich nur so einen Sonntag Vormittag, weißt du -- einen kleinen
-Abstecher nach Hause machen könnte, um mit Kalfatrus über Nordmarken
-spazieren zu gehen. Er ist wirklich ein guter Kerl, weißt du.“
-
-Franziska betrachtete Jennys lächelndes Gesicht im Spiegel. Darauf nahm
-sie das Haar wieder herunter und begann aufs neue, es zu bürsten.
-
-„Nein, Cesca -- wir haben doch keine Zeit.“
-
-„Natürlich. Kommen sie zu früh, dann können sie ja zu mir hineingehen.
-Da sieht es freilich aus wie in einer Rumpelkammer, aber meinetwegen.
-Uebrigens -- die kommen nicht so früh. Gunnar wenigstens nicht -- und
-vor ihm geniere ich mich wahrhaftig nicht. Vor Ahlin übrigens auch
-nicht. Ah richtig, er war heute Mittag bei mir -- ich lag im Bett,
-während er saß und plauderte. Als ich mich ankleiden wollte, schickte
-ich ihn auf den Balkon hinaus. Wir gingen dann fort und aßen vornehm
-auf ~Tre Re~. Den ganzen Nachmittag sind wir zusammen gewesen.“
-
-Jenny schwieg.
-
-„Wir sahen Gram drinnen auf Nazionale. Uh, Jenny, er war schauderhaft.
-Ist dir etwas Schlimmeres je begegnet?“
-
-„Ich finde ihn durchaus nicht so schauderhaft. Er ist nur unbeholfen,
-der arme Kerl. Genau so wie ich im Anfang war. Einer von den Menschen,
-die gern fröhlich sein wollen und nicht können.“
-
-„Ich kam heute Vormittag mit dem Zug aus Florenz,“ äffte Franziska nach
-und lachte. „Puh. Wäre er dann wenigstens im Flugzeug gekommen!“
-
-„Du warst recht ungezogen gegen ihn, mein Kind. Das darfst du nicht.
-Eigentlich hätte ich Lust gehabt, ihn heute Abend zu uns einzuladen.
-Ich wagte es aber deinetwegen nicht -- ich wollte mich nicht der Gefahr
-aussetzen, daß du gegen meinen Gast unhöflich bist.“
-
-„Der Gefahr hättest du dich durchaus nicht ausgesetzt. Das weißt du
-sehr gut.“ Franziska war gekränkt.
-
-„Besinnst du dich auf den Abend, als ich Douglas mit zu mir genommen
-hatte zum Tee?“
-
-„Nach der Geschichte mit dem Modell -- danke ergebenst!“
-
-„Herrgott. Was ging das im übrigen dich an?“
-
-„So, meinst du nicht? Nachdem er um mich angehalten hatte? Und ich
-sozusagen entschlossen war, ihn zu nehmen?“
-
-„Das konnte er schwerlich ahnen,“ sagte Jenny.
-
-„Ich hatte jedenfalls nicht bestimmt Nein gesagt. Am Tage vorher war
-ich mit ihm draußen in Versailles. Und da hatte er mich viele, viele
-Male küssen und unten im Park seinen Kopf in meine Arme legen dürfen.
-Und wenn ich ihm sagte, daß ich ihm nicht gut sei, dann glaube er es
-nicht, meinte er.“
-
-„Cesca.“ Jenny fing ihre Augen im Spiegel ein. „All das hat ja keinen
-Sinn. Du bist das allerbeste kleine Ding auf der Welt, wenn du richtig
-überlegst. Manchmal ist es aber, als sähest du nicht, daß es +Menschen+
-sind, die du vor dir hast. Menschen mit Gefühlen, auf die du Rücksicht
-nehmen +mußt+. Du +würdest+ auch Rücksicht nehmen, wenn du nur
-nachdächtest. Du +willst+ ja doch nur lieb und gut sein.“
-
-„~Per bacco.~ Bist du dessen so sicher? Ach, nun sollst du aber einen
-Strauß Rosen sehen. Ahlin kaufte gestern Abend ein Bukett für mich an
-der Spanischen Treppe.“ Cesca lächelte trotzig.
-
-„Ich finde, du solltest dergleichen zu verhindern suchen. Unter anderem
-schon, weil du weißt, Ahlin hat nicht die Mittel dazu.“
-
-„Geht denn das mich etwas an? Wenn er verliebt in mich ist, so macht
-ihm das sicher Freude.“
-
-„Ich will gar nicht von deinem Ruf sprechen. Der leidet durch diese
-ewigen Geschichten!“
-
-„Reden wir nicht über meinen Ruf, das lohnt nicht. Aber du hast bitter
-wahr gesprochen. Meinen Ruf daheim in Kristiania -- den habe ich ein
-für allemal gründlich zunichtegemacht.“ Sie lachte hysterisch. „Was
-schert es mich aber! Ich lache darüber.“
-
-„Cesca, Geliebte. Ich begreife nicht -- du machst dir ja aus keinem
-dieser Landsleute etwas. Warum also. Und das mit Ahlin. Kannst du denn
-nicht begreifen -- daß es ihm Ernst ist? Auch Norman Douglas war es
-Ernst. Du weißt nicht, was du tust. Ich glaube, Gott helfe mir, du hast
-keinen Instinkt, Kind.“
-
-Franziska legte Kamm und Bürste beiseite und betrachtete Jennys
-frisierten Kopf im Spiegel. Sie suchte ihr herausforderndes kleines
-Lächeln festzuhalten. Es welkte jedoch dahin -- ihre Augen füllten sich
-mit Tränen.
-
-„Auch ich bekam heute morgen einen Brief.“ Ihre Stimme zitterte. Jenny
-erhob sich. „Aus Berlin -- von Borghild. -- Willst du dich nicht erst
-fertigmachen, Jenny? Soll ich jetzt das Teewasser aufsetzen oder erst
-die Artischocken kochen? Sie kommen wohl bald?“
-
-Sie huschte hin und her, und begann, das Bett in Ordnung zu bringen.
-
-„Wir könnten ja auch Marietta rufen -- aber wir machen es lieber
-selbst, nicht wahr Jenny?“
-
-„Also -- sie schreibt, Hans Hermann hat sich verheiratet. Vorige Woche.
-Es ist sicher schon sehr weit.“
-
-Jenny legte die Streichholzschachtel beiseite, während sie ängstlich zu
-Franziskas weißem Gesicht hinübersah. Darauf schritt sie behutsam auf
-sie zu.
-
-„Ja, es ist also die, mit der er verlobt war, weißt du. Diese Sängerin
--- Berit Eck.“ Franziska sprach mit leiser erloschener Stimme. Einen
-Augenblick beugte sie sich zur Freundin hinüber. Dann begann sie
-wieder, mit ihren zitternden Händen das Laken wegzustopfen.
-
-Jenny rührte sich nicht.
-
-„Nun -- du wußtest ja, daß sie verlobt waren -- schon seit einem Jahre.“
-
-„Ja.“
-
-Jenny deckte still den Tisch für vier Personen. Franziska breitete die
-Decke über das Bett und holte die Rosen herbei. Sie stand und nestelte
-an ihrem Blusenausschnitt, zog einen Briefumschlag hervor und drehte
-ihn zwischen den Fingern.
-
-„Sie hatte die beiden im Tiergarten getroffen, schreibt sie. Sie
-schreibt ... Oh, sie kann so brutal sein, die Borghild.“ Franziska
-sprang zum Ofen, riß die Tür auf -- und warf den Brief ins Feuer.
-Darauf sank sie in einem Lehnstuhl zusammen und brach in ein
-bitterliches Weinen aus.
-
-Jenny legte ihren Arm um ihren Nacken:
-
-„Cesca, meine liebe kleine Cesca!“
-
-Franziska preßte ihr Gesicht gegen Jennys Arm.
-
-„Uebrigens sah sie so elend aus, das arme Ding. Sie ging und hing in
-seinem Arm, und er schaute verärgert und böse drein. Ja, das kann ich
-mir lebhaft vorstellen. Ach Gott, das arme, arme Wesen -- sich in eine
-solche Lage zu bringen, daß sie auf diese Weise von ihm abhängig wird
--- er hat sie sicherlich auf den Knien zu sich kriechen lassen. -- Daß
-sie so wahnsinnig sein konnte, wo sie ihn doch kannte. Aber zu denken,
-Jenny, daß er ein Kind von einer anderen haben soll -- ach Gott, ach
-Gott, ach Gott.“
-
-Jenny hatte sich auf die Stuhllehne gesetzt. Cesca schmiegte sich an
-sie:
-
-„Nein, ich besitze scheinbar keinen Instinkt, wie du sagtest.
-Vielleicht habe ich ihn nicht einmal wirklich geliebt. Und doch hätte
-ich so gern ein Kind von ihm gehabt. Doch dann vermochte ich nicht,
-mich dazu zu entschließen. -- Mitunter wollte er, daß wir heiraten
-sollten -- ohne weiteres zum Standesamt gehen. Nein, ich wollte nicht.
-Zu Hause wären sie böse geworden. Die Leute hätten sicher gedacht, daß
-wir uns heiraten +müßten+! Und das wollte ich auch nicht. Sie glaubten
-ja trotzdem schon das Schlimmste. Aber das war mir gleichgültig. Ich
-wußte sehr wohl, ich machte meinen Ruf zuschanden um seinetwillen. Doch
-daraus machte ich mir nichts. Begreifst du das -- ich war gleichgültig.
-Aber Hans dachte, ich weigerte mich aus Angst, er würde mich hinterher
-nicht heiraten. Dann laß uns erst zum Standesamt gehen, verdammtes
-Mädel, sagte er. Aber ich wollte nicht. Er glaubte, das Ganze sei
-nur Berechnung gewesen. Du Eiszapfen, sagte er. Aber, bei Gott, du
-verstellst dich nur. Mitunter glaubte ich auch, daß ich keiner sei.
-Vielleicht war ich nur deshalb so ängstlich, weil er so brutal war. Er
-schlug mich oft -- riß mir beinahe die Kleider vom Körper; ich mußte
-kratzen und beißen, um loszukommen -- heulen und weinen.“
-
-„Und doch gingst du immer wieder zu ihm?“ fragte Jenny leise.
-
-„Ja. Die Portierfrau wollte nicht mehr bei ihm aufräumen. So ging ich
-hinauf und tat es. Ich hatte die Schlüssel zu seinen Zimmern. Ich
-wischte auf und machte das Bett -- Gott weiß, wer dort mit ihm gelegen
-hatte.“
-
-Jenny schüttelte den Kopf.
-
-„Borghild war rasend darüber. Sie war es, die mir bewies, daß er eine
-Geliebte hatte. Ich wußte wohl etwas -- aber ich wollte gar keine
-Gewißheit haben! Borghild behauptete, er hätte mir nur die Schlüssel
-gegeben, damit ich kommen und sie überraschen sollte. Aus Eifersucht
-sollte ich mich ihm geben, da ich ja doch schon kompromittiert sei.
-Aber darin irrte sie. +Mich+ liebte er -- auf seine Weise. Er +hatte+
-mich lieb, Jenny, so wie er es vermochte. Aber Borghild war so erzürnt,
-weil ich den Diamantring von der Urgroßmutter Rustung versetzte. Ach,
-das habe ich dir niemals erzählt.“
-
-Sie richtete sich auf und lachte leise.
-
-„Ja, siehst du, er +brauchte+ Geld. Hundert Kronen. Ich versprach ihm,
-er sollte sie von mir erhalten. Ich ahnte nicht, woher sie nehmen. Papa
-wagte ich nicht um einen Oere zu bitten -- ich hatte schon allzuviel
-verbraucht. So ging ich denn hin und versetzte -- meine Uhr und ein
-goldenes Kettenarmband und dann den Diamantring; einen ganz alten, du
-weißt, mit vielen kleinen Diamanten auf einer größeren Platte. Borghild
-war rasend, weil sie ihn nicht bekommen hatte, denn sie war doch die
-älteste, aber Großmutter hatte ausdrücklich gesagt, ich sollte ihn
-haben, weil ich nach ihr genannt war. Ich ging also eines Morgens hin,
-gleich nachdem geöffnet worden war. Es war ein peinlicher Augenblick.
-Aber ich bekam doch das Geld und ging hinauf zu Hans. Er fragte,
-auf welche Weise ich es beschafft hätte, und ich sagte es ihm. Dafür
-küßte er mich. ‚Dann‘, sagte er, ‚gib mir den Leihschein und das Geld,
-Pussel‘ -- so nannte er mich immer. Ich gab ihm beides -- ich glaubte
-ja, er wolle die Sachen wieder einlösen, und ich sagte, das dürfe er
-nicht; ich war sehr gerührt, siehst du. Ich kann es auf andere Weise
-in Ordnung bringen, sagte Hans, und dann nahm er es und ging. Ich saß
-bei ihm oben und wartete -- oh, ich war so gerührt, denn ich wußte, er
-brauchte das Geld. Ich wollte am nächsten Tage hingehen und es wieder
-versetzen -- ich empfand es nicht mehr als unangenehm, überhaupt nichts
-würde mir peinlich sein; ich wollte ihm alles herbeischaffen, was er
-brauchte. Dann kam er zurück -- weißt du, was er getan hatte“ -- sie
-lachte unter Tränen -- „es in der Volksbank eingelöst und bei einem
-Privatbankier in Pfand gegeben, wie er sagte. Dort bekam er viel mehr.
-
-Wir bummelten den ganzen darauffolgenden Tag zusammen, siehst du.
-Champagner und alles Mögliche! Dann blieb ich des Nachts auf, und er
-spielte -- spielte -- du großer Gott! Ich lag auf dem Fußboden und
-heulte. Mir war alles gleich, wenn er nur so spielte -- und für mich
-allein. Ach, du hast ihn nicht spielen hören, du -- dann würdest du
-alles verstehen. Aber danach! Das war eine Geschichte. Wir kämpften
-auf Leben und Tod. Aber ich entkam ihm doch. Borghild lag wach, als
-ich heim kam. Mein Kleid war ganz in Fetzen gerissen. -- Du siehst aus
-wie ein Straßenmädchen, sagte Borghild. So wirst du auch noch einmal
-enden, sagte sie. Ich lachte nur. Die Uhr war fünf.
-
-Schließlich hätte ich mich ja auch ergeben, weißt du. Wäre da nicht
-ein Hindernis gewesen. Mitunter sagte er: ‚Du bist, weiß der Teufel,
-auch das einzige anständige Mädchen, das ich getroffen habe -- es gibt,
-weiß Gott, nicht einen einzigen Mann, der dich herumbringen kann.‘ War
-es nicht furchtbar? ‚Ich habe Achtung vor dir, Pussel!‘ Denk dir, er
-hatte Achtung vor mir, weil ich das nicht tun wollte, worum er immer
-gebettelt, weswegen er mir gedroht hatte. Ich, die ich immer wünschte,
-ich hätte die Kraft -- ich wollte ja so gern alles tun, um ihm eine
-Freude zu machen. Wenn ich nur über diesen Widerwillen hinweggekommen
-wäre; er war so brutal -- und ich wußte, er hatte andere. Ich wünschte,
-er sollte aufhören mich zu erschrecken -- dann hätte ich es gekonnt.
-Aber dann wäre ich in seinen Augen eine Gefallene gewesen ... Deshalb
-brach ich schließlich den Verkehr ab, weil er wollte, daß ich etwas tun
-sollte, um dessentwillen er mich dann verachtet hätte.“
-
-Sie schmiegte sich an Jenny und ließ sich streicheln.
-
-„Hast du mich lieb, Jenny?“
-
-„Das weißt du ja -- Cesca, Liebes du!“
-
-„Du bist so gut. Gib mir noch einen Kuß! Gunnar ist auch gut. Ahlin
-auch. Ich werde auf mich achten -- du kannst dir doch denken -- ich
-will ihm kein Leid zufügen. Uebrigens -- vielleicht heirate ich ihn.
-Wenn er mir so gut ist! Ahlin würde nie brutal sein, das weiß ich.
-Glaubst du, er würde mich quälen? Wohl kaum. Dann könnte ich Kinder
-bekommen. Du weißt ja, ich erbe einmal. Und er ist so arm. Wir könnten
-dann im Auslande leben. Ich würde immer arbeiten. Er auch. Du -- über
-allen seinen Arbeiten liegt etwas ungemein Feines. Das Relief mit den
-spielenden kleinen Knaben! Und der Entwurf zum Almquistmonument! Es ist
-ja nicht so original in der Komposition, aber Herrgott, wie schön, wie
-vornehm und ruhig und wie echt -- diese plastischen Figuren.“
-
-Jenny lächelte fein und strich Franziska über das Haar -- es war an den
-Seiten feucht geworden von ihren Tränen.
-
-„Wenn ich nur auch immer arbeiten könnte. Ach, aber Jenny. Diese ewigen
-Stiche im Herzen. Und im Kopf. Die Augen schmerzen auch, Jenny -- ich
-bin ja so totmüde.“
-
-„Du weißt ja, was der Arzt sagt -- alles nur Nervosität. Wenn du nur
-vernünftig sein wolltest.“
-
-„Ja -- das sagen sie. Aber ich habe solche Furcht. Du sagst -- ich
-hätte keinen Instinkt -- nicht so, wie du meinst. Aber auf andere
-Weise. Ich bin häßlich gewesen in dieser Woche. Das weiß ich sehr
-wohl. Aber ich ging umher und lauerte -- ich +fühlte+, daß etwas
-Fürchterliches kommen würde. Und nun siehst du ja!“
-
-Jenny küßte sie wieder.
-
-„Ich war unten in der St. Agostino-Kirche heut Abend. Du kennst das
-wunderwirkende Madonnenbild. Ich kniete nieder und versuchte zur
-Jungfrau Maria zu beten. Ich glaube, mir würde wohl sein, wenn ich
-katholisch würde. Eine Frau wie die Jungfrau Maria zum Beispiel würde
-das alles viel besser verstehen können. Ich dürfte mich im Grunde nicht
-verheiraten, so, wie ich veranlagt bin. Ich könnte ins Kloster gehen
--- nach Siena zum Beispiel. Ich könnte dann in der Galerie kopieren;
-das Kloster würde auf diese Weise Geld verdienen. Als ich den Engel zum
-Melozzo da Forli in Florenz malte, stand dort jeden Tag eine Nonne und
-kopierte. Es wäre nicht das Schlimmste.“ Sie lachte. „Ja, das heißt, es
-wäre geradezu schauderhaft. Aber sie sagten ja alle, meine Kopien seien
-so gut gewesen. Und das stimmt. Ich glaube, ich würde dabei glücklich
-werden können. ... Ach, Jenny -- wenn ich mich gesund fühlte! Wenn ich
-da drinnen Frieden bekäme -- nicht so wirr und eingeschüchtert wäre
-innerlich! Dann würde ich frisch, und könnte arbeiten, ohne Aufhören.
-Ich würde so lieb und gut werden. Gott, wie lieb ich dann sein würde
-... Ich bin nicht immer gut, das weiß ich wohl. Ich lasse mich von
-meinen Stimmungen hinreißen, wenn ich in einem Zustande bin wie eben
-jetzt. Aber das soll ein Ende haben -- wenn Ihr alle mich nur liebhaben
-wollt. Besonders du. -- Wir wollen diesen Gram zu uns einladen -- wenn
-ich ihn wiedertreffe, dann werde ich zu ihm gehen und so lieb und gut
-zu ihm sein, wie du dirs gar nicht vorstellen kannst. Wir wollen ihn zu
-uns einladen und ihn mitnehmen, wenn wir ausgehen; ich will gern Kopf
-stehen, um ihm eine Freude zu machen. Hörst du, Jenny -- bist du nun
-zufrieden mit mir?“
-
-„Ja, Cesca.“
-
-„Gunnar nimmt mich nicht ernst,“ sagte sie gedankenvoll.
-
-„Gewiß tut er das. Er findet nur, es ist oft so viel Kindisches an dir.
-Du weißt, wie er über deine Arbeit denkt -- erinnerst du dich, was er
-in Paris sagte, über deine Energie -- dein Talent? Fein und persönlich,
-sagte er. Da nahm er dich wahrhaftig ernst genug.“
-
-„Ja, gewiß. Gunnar ist übrigens ein prächtiger Kerl. -- Er war aber
-doch böse über die Sache mit Douglas.“
-
-„Jeder Mann wäre das gewesen. Ich wars auch.“
-
-Franziska seufzte. Sie schwieg eine Weile.
-
-„Wie wurdest du diesen Gram gestern los? Ich glaubte, es würde dir nie
-gelingen -- dachte, er wäre mit dir heim gegangen und hätte sich hier
-aufs Sofa gelegt -- mindestens.“
-
-Jenny lachte.
-
-„Nein. Er begleitete mich hinaus auf den Aventinerhügel und frühstückte
-dort, und dann fuhr er nach Hause. Im übrigen -- ich mag ihn gut
-leiden.“
-
-„~Dio mio!~ Jenny, du bist abnorm in deiner Güte. Es muß doch eine
-Grenze bei dir geben in deiner Rolle, Mutter für uns alle zu sein. Oder
-bist du vielleicht in ihn verliebt?“
-
-Jenny lachte wieder:
-
-„Kaum. Aber er wird sich auch in dich verlieben. Wenn du nicht ein
-wenig vorsichtig bist.“
-
-„Das tun sie ja alle miteinander. Gott weiß, aus welchem Grunde. Aber
-es geht ja immer schnell wieder vorüber. Und hinterher werden sie dann
-böse auf mich.“ Sie seufzte.
-
-Es kam jemand die Treppe herauf.
-
-„Das ist Gunnar. Ich gehe ein wenig zu mir herüber, ich muß meine Augen
-kühlen.“
-
-Sie schlüpfte hinaus und flüsterte Heggen, mit dem sie in der Tür
-zusammentraf, einen „Guten Tag“ zu. Er trat ein und zog die Tür hinter
-sich ins Schloß.
-
-„Du bist ~allright~, wie ich sehe, Jenny. Das bist du übrigens immer,
-verteufeltes Menschenkind. Du hast natürlich den ganzen Vormittag
-gearbeitet. Aber sie?“ Er machte mit dem Kopf eine bezeichnende
-Bewegung gegen Cescas Zimmer.
-
-„Schlecht. Armes kleines Wesen.“
-
-„Ich sah es in der Zeitung. Ich war oben im Verein auf dem Wege
-hierher. Darf ich sehen -- bist du mit der Studie fertig? Aber hör mal,
-die ist fein, Jenny --.“
-
-Heggen hielt das Bild gegen das Licht und betrachtete es lange.
-
-„Fein, du. Dies hier -- das ist glänzend. Ich finde es sehr stark ...
-Liegt sie jetzt wieder und weint?“
-
-„Ich weiß es nicht. Sie saß hier drinnen und weinte. Die Schwester
-schrieb es ihr.“
-
-„Wenn ich dem Lump jemals begegne,“ sagte Heggen, „so werde ich wohl
-immer einen Vorwand finden, um ihm eine gehörige Tracht Prügel zu
-verabreichen.“
-
-
-
-
-V.
-
-
-Helge Gram saß eines Nachmittags im Verein und brütete über den
-norwegischen Zeitungen. Allein in dem dämmerigen Lesezimmer. Da kam
-Franziska.
-
-Helge erhob sich und grüßte. Sie ging geradeswegs auf ihn zu und
-reichte ihm lächelnd die Hand:
-
-„Nun, mein Lieber, was treiben Sie? Jenny und ich sprachen gerade von
-Ihnen -- wir begriffen nicht, daß man Sie nicht sieht. Wir wollten am
-Sonnabend hierher gehen und nach Ihnen schauen und Sie hinterher auf
-einen kleinen Bummel mitnehmen. Haben Sie schon ein Zimmer?“
-
-„Leider nein. Ich wohne noch im Hotel. Die Zimmer sind alle so
-teuer --.“
-
-„Im Hotel wird es auch nicht billiger! Sie geben doch mindestens
-drei Franken pro Tag? Ja, das konnte ich mir denken. Rom ist nicht
-billig, wissen Sie. Im Winter muß man ein sonniges Zimmer haben. Aber
-freilich, Sie sprechen ja nicht Italienisch. Wären Sie doch nur zu uns
-heraufgekommen -- Jenny und ich wären gern mit Ihnen gegangen, um etwas
-anzusehen.“
-
-„Vielen Dank -- aber damit konnte ich Sie doch wirklich nicht
-behelligen!“
-
-„Behelligen -- aber Gram. Doch wie geht es Ihnen -- haben Sie Bekannte
-getroffen?“
-
-„Nein. Ich war vergangenen Sonnabend oben im Verein, sprach aber mit
-niemandem. Ich saß und guckte in die Zeitungen. Ja doch, mit Heggen
-wechselte ich vorgestern in einem Café auf dem Corso ein paar Worte.
-Dann habe ich zwei deutsche Doktoren wiedergetroffen, die ich von
-Florenz her ein wenig kannte. Wir waren an einem dieser Tage draußen
-auf der Via Appia.“
-
-„Uh. Hören Sie, sind deutsche Doktoren amüsant?“
-
-Helge lächelte etwas verlegen.
-
-„Wir haben ziemlich viel gemeinsame Interessen. Und wenn man so
-umhergeht und sonst niemanden hat, mit dem man reden kann --.“
-
-„Ja, aber Sie müssen sich daran gewöhnen, Italienisch zu sprechen. Sie
-haben es ja gelernt. Wollen wir einen Spaziergang zusammen machen? Wir
-sprechen dann die ganze Zeit nur Italienisch miteinander. Ich werde
-Ihre ~maestra~ sein. Furchtbar streng!“
-
-„Sie werden mich aber nicht besonders amüsant finden, Fräulein Jahrmann
--- höchstens unfreiwillig.“
-
-„Still. -- Nein, wissen Sie was, vorgestern reisten zwei dänische
-alte Damen nach Capri, vielleicht ist ihr Zimmer noch frei -- ach
-sicherlich. Klein, billig und sehr nett. Ich habe den Namen der Straße
-nicht behalten, aber ich weiß, wo es ist. Soll ich Sie hinbegleiten,
-dann sehen wir es uns an? Kommen Sie also!“
-
-Unten auf der Treppe zögerte sie einen Augenblick und blickte mit einem
-leisen, zaghaften Lächeln zu ihm auf:
-
-„Ich war furchtbar ungezogen gegen Sie neulich Abend, als wir zusammen
-waren, Gram. Ich muß Sie wohl um Verzeihung bitten.“
-
-„Aber liebes Fräulein Jahrmann!“
-
-„Doch. Ich war aber krank. Oh, Sie können mir glauben, ich bekam
-Schelte von Jenny. Ich hatte es aber auch verdient.“
-
-„Ich war es ja, der sich Ihnen aufdrängte. Aber es kam so von selbst --
-ich sah Sie, und ich hörte Sie Norwegisch sprechen; der Versuch, Sie
-anzureden, lockte zu sehr.“
-
-„Ja, natürlich. Es hätte so nett sein können -- so ein kleines
-Abenteuer. Wäre ich nur nicht so unartig gewesen. Aber ich war krank,
-wissen Sie. Ich bin tagsüber so nervös, dann kann ich nicht schlafen
--- und dann kann ich wieder nicht arbeiten. Schließlich werde ich
-unleidlich.“
-
-„Geht es Ihnen augenblicklich nicht gut, Fräulein Jahrmann?“
-
-„Ach nein. Jenny und Gunnar arbeiten -- alle außer mir arbeiten. Wie
-geht es mit Ihrer Arbeit -- gut? -- Haben Sie nicht Freude daran? Ich
-sitze übrigens jetzt nachmittags für Jenny. Heute habe ich frei. Ich
-glaube, sie tut es nur, damit ich nicht so allein sein und grübeln
-soll. Mitunter fährt sie mit mir hinaus, jenseits der Mauern. Sie ist
-ganz wie eine Mutter zu mir. ~Mia cara mammina.~“
-
-„Sie lieben Ihre Freundin sehr?“
-
-„Sie ist so gut, so gut. Ich bin krankhaft und zerrissen. Keiner außer
-Jenny hält es auf die Dauer mit mir aus. Sie ist aber so klug und so
-begabt und energisch. Und schön -- finden Sie sie nicht entzückend? Sie
-sollten ihr Haar sehen, wenn es offen niederfällt! Wenn ich ein artiges
-Kind bin, darf ich es kämmen und aufstecken --. Wir sind schon da,“
-sagte sie dann.
-
-Sie klommen eine unheimlich düstere Steintreppe hinauf: „Daraus darf
-man sich aber nichts machen. Unser Aufgang ist noch schlimmer; Sie
-werden es ja sehen, wenn Sie kommen und uns besuchen. Kommen Sie doch
-einen Abend; wir sehen dann, daß wir die anderen erwischen und gehen
-auf einen gediegenen Romabummel. Den letzten habe ich ja doch völlig
-verdorben.“
-
-Sie läutete im obersten Stockwerk. Eine nett und gemütlich aussehende
-Frau öffnete ihnen. Sie führte sie in ein kleines Zimmer mit zwei
-Betten. Das Fenster ging auf einen grauen Hinterhof hinaus, vor den
-Fensterläden hing Wäsche, aber überall auf den Balkons standen Blumen,
-und hoch oben auf den grauen Dächern lagen Loggien und Lauben zwischen
-grünen Büschen.
-
-Franziska redete endlich mit der Wirtin, während sie gleichzeitig in
-den Ofen guckte, die Betten befühlte und ihm zwischendurch Aufklärungen
-gab:
-
-„Sonne ist hier den ganzen Vormittag. Wenn das eine Bett herauskommt,
-so ist hier reichlich Platz. Der Ofen sieht ordentlich aus. Es kostet
-vierzig Lire ohne Licht und Heizung und zwei für ~servizio~. Das ist
-billig. Soll ich ihr sagen, daß Sie es annehmen? Sie können morgen
-einziehen, wenn Sie wollen!“ --
-
-„Nichts zu danken. Sie können sich doch vorstellen, daß es mir Freude
-macht, Ihnen ein wenig zu helfen,“ sagte sie draußen auf der Treppe.
-„Wenn es Ihnen nur gefällt. Signora Papi ist sehr sauber, das weiß ich.“
-
-„Gewiß eine seltene Tugend hierzulande?“
-
-„Oh nein. Sie sind nicht anders als die Vermieterinnen daheim in
-Kristiania, glaube ich. Dort, wo meine Schwester und ich wohnten, in
-der Holbergstraße -- ich hatte ein paar neue Lackschuhe unter das
-Bett gestellt -- getraute mich aber nicht, sie wieder hervorzuholen.
-Manchmal guckte ich nach ihnen -- sie standen da und sahen aus wie zwei
-weiße zottige Lämmchen.“
-
-„Ja,“ sagte Helge. „Ich habe ja immer zuhause gewohnt.“
-
-Franziska lachte plötzlich laut auf:
-
-„Denken Sie, die Signora glaubte, ich sei Ihre ~moglie~ -- daß wir
-beide dort wohnen sollten. Ich sagte, ich sei Ihre Kusine; sie kaute
-übrigens ein bißchen drauf herum. ~Cugina~ -- das gilt sicher gleich
-wenig überall auf der Welt!“
-
-Sie lachten beide einen Augenblick darüber.
-
-„Haben Sie Lust zu einem Spaziergang?“ fragte Franziska plötzlich.
-„Wollen wir auf die Ponte Molle hinausgehen? Sind Sie schon dort
-gewesen? Können Sie auch noch so weit laufen? Wir fahren mit der
-Straßenbahn nach Hause, wissen Sie.“
-
-„Können Sie auch noch -- Sie sind doch nicht wohl?“
-
-„Es tut mir gerade gut, zu laufen -- bitte geh’, sagt Gunnar immer --
-ich meine Heggen.“
-
-Sie plauderte ununterbrochen und lugte ab und an zu ihm hinauf, um sich
-zu überzeugen, daß sie ihn gut unterhalte. Sie gingen den neuen Weg
-längs des Tiber hinauf; der Strom wälzte sich gelblichgrau zwischen den
-grünen Hügeln dahin. Kleine perlmuttschimmernde Wölkchen lagen über
-des Monte Mario dunklem Gebüsch mit graugelben Villen zwischen den
-immergrünen Bäumen.
-
-Franziska grüßte einen Konstabler und lachte zu Gram hinüber:
-
-„Denken Sie sich, dieser Bursche hat mich heiraten wollen. Ich ging
-hier viel allein spazieren und dann pflegte ich mit ihm zu plaudern.
-Da fragte er mich. Der Sohn unseres Tabakhändlers hat übrigens auch um
-mich angehalten. Jenny schalt mich aus, sie sagte, es sei meine eigene
-Schuld, und das war es vielleicht auch.“
-
-„Ich finde, Fräulein Winge schilt Sie recht oft. Sie scheint eine
-strenge Mama zu sein?“
-
-„Nur, wenn ich es verdiene. Hätte es doch schon früher jemand getan,“
--- sie seufzte. „Aber daran hat leider niemand gedacht.“
-
-Helge Gram fühlte sich frei und leicht, wie er mit ihr dahinschritt.
-Etwas unsagbar Weiches lag über ihr, über dem Gang, der Stimme, dem
-Antlitz unter dem großen rauhen Glockenhut. Es war fast, als könne er
-Jenny Winge nicht recht leiden, wenn er jetzt an sie dachte -- sie
-hatte so selbstsichere hellgraue Augen -- und solch fürchterlichen
-Appetit. Cesca erzählte eben, daß sie in diesen Tagen fast nichts essen
-könne.
-
-Und er sagte:
-
-„Fräulein Winge ist gewiß eine junge Dame, die ganz von ihrer Eigenart
-durchdrungen ist?“
-
-„Ja, weiß Gott, sie hat Charakter. Denken Sie -- sie wollte immer schon
-malen. Mußte aber Lehrerin werden. Oh, wie hat sie gearbeitet! Ja, das
-sieht man ihr jetzt nicht an. Sie ist so stark, daß sie sich immer
-sofort wieder aufrichtet. Aber als ich sie zuerst auf der Malschule
-traf, da lag etwas Hartes und Verschlossenes -- etwas Gepanzertes, sagt
-Gunnar, -- über ihr. Sie war erschreckend zurückhaltend. Ich lernte
-sie gar nicht recht kennen, ehe sie hier herunter kam. Die Mutter
-ist zum zweiten Male Witwe -- sie heißt jetzt Berner -- drei kleine
-Stiefgeschwister sind auch da. Denken Sie nur, sie hatten zwei kleine
-Zimmer, und Jenny schlief in einer winzigen Mädchenkammer, arbeitete
-und studierte und bildete sich nebenher aus und half der Mutter mit
-Geld und auch im Hause; sie hatten kein Mädchen. Freunde oder Bekannte
-besaß sie nicht, wenn sie zu kämpfen hat, schließt sie sich gleichsam
-in sich ein, sie will nicht klagen; ist das Glück aber mit ihr, so ist
-es, als öffne sie die Arme allen, die eine Stütze an ihr suchen.“
-
-Franziskas Wangen glühten. Sie schlug ihre großen Augen voll zu ihm auf:
-
-„Ich, sehen Sie, ich habe keine Hindernisse gehabt außer denen, die ich
-mir selbst in den Weg legte. Ich bin etwas hysterisch, und dann lasse
-ich meine eigenen Stimmungen mit mir durchgehen. Aber Jenny spricht mit
-mir darüber; sie sagt, alles Leid, das uns begegnet, und nicht wieder
-gut zu machen ist, haben wir selbst verschuldet. Wenn man seinen Willen
-nicht genügend in der Gewalt hat, um seine Stimmungen und Handlungen zu
-beherrschen, wenn man nicht mehr Herr über sich selber ist, tut man am
-besten, sich zu erschießen, sagt Jenny.“
-
-Helge blickte lächelnd auf sie nieder: „Sagt Jenny,“ und „Gunnar sagt,“
-und „ich hatte einen Freund, der zu sagen pflegte“. Wie jung und
-vertrauensvoll sie doch war.
-
-„Für Fräulein Winge gelten vielleicht andere Gesetze als für Sie,“
-meinte er. „Können Sie sich das nicht denken, -- so verschieden wie
-Sie sind, -- selbst der Begriff ‚Leben‘ hat für zwei Menschen eine
-verschiedene Bedeutung.“
-
-Sie waren auf die Brücke hinaussgelangt. Franziska lehnte sich über
-die Brüstung. Weiter oberhalb des Stromes am Fuße des bräunlichgrünen
-Hügels lag eine Fabrik, deren hoher schlanker Schornstein das
-geschäftige gelbe Wasser zitternd widerspiegelte. Weit hinter der
-welligen Ebene zeigten sich die Höhen der Sabinerberge, lehmgrau und
-kahl mit bläulichen Klüften und schneebedeckten Felsen im Hintergrund.
-
-„Das hat Jenny gemalt, aber in glühroter Abendsonne Fabrik und
-Schornstein von rotem Lichte übergossen. Und die Stimmung, die nach
-einem so heißen Tage herrscht, an dem man die Felsen vor Dunst nicht
-sehen kann, höchstens einen leisen Schimmer des Schnees hoch oben in
-dem schweren, metallenen Blau. Und dazu Wolken, große Wolken über dem
-Schnee. Es ist schön, ich muß Jenny bitten, es Ihnen zu zeigen.“
-
-„Kann man hier etwas Wein bekommen?“ fragte er.
-
-„Es wird bald kühl, aber einen Augenblick können wir wohl draußen
-sitzen.“
-
-Sie schlug den Weg über den runden Platz hinter der Brücke ein. Unter
-allen Osterien wählte sie einen kleinen Garten. Hinter einer Art
-Schuppen mit Tischen und Rohrstühlen stand eine Bank unter kahlen
-Ulmen. Vor dem Garten lag eine grüne Wiese, dahinter erhob sich der
-Hügel jenseits des Stroms dunkel gegen den fahlen bewölkten Himmel.
-
-Franziska brach einen Zweig von den Holunderbüschen längs des Gitters.
-Er trug kleine, grüne, frische Knospen, deren Spitzen in der Kälte
-schwarz angelaufen waren.
-
-„Sehen Sie her, so stehen sie und schlagen aus und frieren den ganzen
-Winter. Und wenn der Lenz kommt, hat der Winter ihnen doch nichts
-anhaben können.“
-
-Als sie den Zweig beiseite legte, ergriff er ihn. Er behielt ihn die
-ganze Zeit in der Hand.
-
-Sie hatten sich Weißwein bestellt. Franziska mischte den ihren mit
-Wasser und nippte nur. Dann lächelte sie flehend:
-
-„Wollen Sie mir eine Zigarette geben?“
-
-„Mit Vergnügen, -- wenn Sie es vertragen?“
-
-„Ach, ich rauche ja jetzt fast gar nicht mehr. Meinetwegen unterläßt es
-auch Jenny fast ganz. Heute Abend übrigens vermute ich, daß sie sich
-wieder etwas zu Gemüte führt. Sie ist mit Gunnar zusammen.“
-
-Das Licht des Zündhölzchens beleuchtete Franziskas lächelndes Antlitz.
-
-„Sie dürfen es aber Jenny nicht erzählen, daß ich geraucht habe, hören
-Sie?“
-
-„Nein, nein.“ Er lachte.
-
-„Ja.“ Sie blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. „Ich wünschte
-so sehr, daß Jenny und Gunnar sich verheirateten. Ich fürchte aber,
-sie tun es nicht, -- sie sind immer so gute Freunde gewesen. Dann
-verliebt man sich nicht so leicht ineinander, nicht wahr? Nicht in
-jemanden, den man von früher her so gut kennt. Sie sind sich im Grunde
-auch so ähnlich. Es sind aber die Gegensätze, die sich anziehen, sagt
-man. Ich finde, es ist dumm eingerichtet auf diese Weise -- aber es
-stimmt sicher. Es wäre viel besser, man liebte jemanden, mit dem man
-geistesverwandt ist. Dann gäbe es die Not und das Leid nicht, die Liebe
-immer begleiten. Glauben Sie nicht auch? -- Denken Sie, Gunnar stammt
-aus einer armen Häuslerfamilie drunten in Smaalene. Er kam aber nach
-Kristiania -- eine Tante von ihm auf Grünerlökken nahm ihn zu sich,
-weil es bei ihm zu Hause sehr ärmlich zuging. Damals war er erst neun
-Jahre alt und mußte schon Wäsche austragen, die Tante hatte nämlich
-eine Plätterei, und später kam er in die Handwerkslehre. Was er kann
-und weiß, hat er sich selbst angeeignet. Er muß immer studieren,
-alles interessiert ihn dermaßen, daß er es bis auf den Grund kennen
-lernen muß. Jenny sagt, er vergißt ganz das Malen; jetzt hat er so
-gründlich Italienisch gelernt, daß er alle Bücher lesen kann, auch
-Verse. Jenny ist ebenso. Sie hat furchtbar viel gelernt, nur weil es
-sie interessierte. Ich kann aus Büchern niemals etwas lernen -- ich
-bekomme Kopfschmerzen vom Lesen. Aber Jenny und Gunnar erzählen mir.
-Das behalte ich dann. Sie wissen sicher auch sehr viel. -- Können Sie
-mir nicht ein wenig über ihr Studium erzählen? Das Schönste, das ich
-kenne, ist, wenn jemand mir erzählt. Das behalte ich gut.
-
-Gunnar hat mich auch Malen gelehrt. Ich zeichnete immer als Kind -- es
-fiel mir so leicht. Dann traf ich ihn einmal im Gebirge vor drei Jahren
--- ich war dort oben, um zu arbeiten. Ein wenig kannte ich ihn ja von
-früher her. Ich war also dort und malte Bilder -- furchtbar ordentlich,
-aber ohne jede Spur von Kunst. Ich wußte es selbst sehr gut, kannte
-aber den Grund nicht. Ich wollte etwas in meine Bilder hineinbringen,
-aber ich wußte nicht recht, was, und ich ahnte nicht, wie ich mich
-dabei anstellen sollte. Aber dann sprach ich mit ihm. Zeigte ihm meine
-Sachen. Er konnte viel weniger als ich -- ich meine technisch. Er
-ist auch nur ein Jahr älter als ich. Was er aber gelernt hatte, das
-beherrschte er. Ja, ich malte dann zwei Sommernachtsbilder. Dieses
-wundersame ~clairobscur~ -- alle Farben liegen so tief, sind aber doch
-leuchtend stark. -- Natürlich waren die Bilder nicht gut. Aber etwas
-war in ihnen, wie ich es haben wollte -- ich konnte sehen, daß +ich+
-sie gemalt hatte, und nicht irgend ein anderes Mädel, das ein bißchen
-gelernt hatte --. Verstehen Sie mich? Ich habe ein Motiv hier draußen
-gefunden: einen anderen Weg zur Stadt. Wir gehen einmal da herunter.
-Es ist ein Weg zwischen zwei Gartenmauern -- ganz schmal. An einer
-Stelle stehen zwei Portale im Barockstil mit Eisengittern. An jeder
-Seite erhebt sich eine Zypresse. Ich habe ein paar Federzeichnungen
-gemacht und sie ausgetuscht. Ueber den Zypressen schwebt eine schwere,
-tiefblaue Wolke, ein Schimmer von grünlicher Luft und ein blinkender
-Stern; Dächer und Kuppeln der Stadt weit, weit drinnen sind nur leise
-angedeutet --. Es sollte so ein gewisses Pathos haben, wissen Sie --.“
-
-Es begann bereits stark zu dämmern. Ihr Antlitz leuchtete bleich unter
-dem Hut.
-
-„Nicht wahr, finden Sie nicht -- ich muß wieder gesund werden, um zu
-arbeiten --.“
-
-„Ja,“ flüsterte er. „Ach ja -- Liebste --.“
-
-Er hörte, wie schwer sie atmete. Ein Weilchen war es still. Dann sagte
-er leise:
-
-„Wieviel Freude Sie an Ihren Freunden haben, Fräulein Jahrmann.“
-
-„-- Und ich wünschte, daß alle Menschen meine Freunde wären. Ich will
-allen gut sein, verstehen Sie.“ Sie sagte das ganz leis, während sie
-tief aufatmete.
-
-Helge Gram beugte sich plötzlich nieder und küßte ihre Hand, die weiß
-und klein auf dem Tische vor ihm lag.
-
-„Ich danke Ihnen,“ flüsterte Franziska still.
-
-Sie saßen einen Augenblick schweigend.
-
-„Wir müssen gehen, lieber Freund, es wird jetzt so kalt ...“
-
-Am nächsten Tage, als er Einzug in sein neues Zimmer hielt, stand auf
-dem Tisch mitten im Sonnenschein ein Majolikakrug mit kleinen blauen
-Iris. Die Signora erklärte, die Kusine hätte sie gebracht.
-
-Als Helge allein war, beugte er sich über die Blumen und küßte sie alle
--- eine nach der anderen.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Helge Gram fühlte sich wohl in seinem neuen Zimmer unten an der
-Ripetta. Er hatte die Empfindung, als arbeite es sich leicht und
-gut an dem kleinen Tisch vor dem Fenster mit dem Blick auf den Hof,
-trocknende Wäsche und die Blumentöpfe auf den Balkons. Die Familie
-gerade gegenüber hatte zwei kleine Kinder, einen Knaben und ein
-Mädchen, etwa sechs bis sieben Jahre alt. Kamen sie auf ihren kleinen
-Altan heraus, so nickten und winkten sie Helge zu, und er winkte
-wieder. In letzter Zeit hatte er auch der Mutter einen Gruß zugenickt.
-Diese kleine Bekanntschaft aus der Ferne gab ihm ein warmes, trauliches
-Gefühl. -- Vor ihm stand Cescas Vase; er versäumte nicht, sie immer mit
-frischen Blumen zu füllen. Signora Papi konnte sein Italienisch gut
-verstehen. Es käme daher, daß sie dänische Mieter gehabt hatte, sagte
-Cesca; Dänen könnten ja fremde Sprachen nicht lernen.
-
-Wenn die Signora bei ihm zu tun gehabt hatte, blieb sie immer eine
-Ewigkeit in der Türe stehen und plauderte. Meist über die „Kusine“.
-„~Che bella~“, sagte Signora Papi. Einmal war Franziska allein bei ihm
-gewesen, und einmal zusammen mit Jenny -- beide Male, um ihn zum Tee
-einzuladen. -- Wenn Frau Papi schließlich unter Entschuldigungen wegen
-der Störung, selber unterbrach und verschwand, dann lehnte Helge sich
-weit zurück in seinem Stuhl, die Arme im Nacken verschränkt. Er dachte
-an sein Zimmer daheim -- neben der Küche, wo Mutter und Schwester
-während ihrer Arbeit von ihm sprachen, laut, bekümmert, mißbilligend.
-Er konnte jedes Wort verstehen -- was wohl auch beabsichtigt war. Oh,
-jeder Tag hier unten wurde ihm zu einem kostbaren Gnadengeschenk.
-Endlich, endlich hatte er Frieden, konnte arbeiten, arbeiten.
-
-Die Nachmittage brachte er in Museen und Bibliotheken zu. Doch in der
-Dämmerung, so oft er meinte, daß es anging, schaute er zu den beiden
-Malerinnen hinauf in der Via Vantaggio und trank den Tee bei ihnen.
-
-Gewöhnlich waren sie beide daheim. Mitunter traf er andere Gäste --
-Heggen und Ahlin sogar sehr häufig. Zweimal hatte er Jenny allein
-angetroffen und einmal nur Franziska.
-
-Sie hielten sich immer in Jennys Zimmer auf. Dort war es warm und
-gemütlich, obgleich die Fenster offen standen, bis der letzte blaue
-Abendschein erloschen war.
-
-Es glühte und knisterte im Ofen und der Wasserkessel summte auf dem
-Spiritusapparat. Helge kannte jetzt jeden Gegenstand im Raume -- die
-Studien und Photographien an den Wänden, die blumengefüllten Vasen, das
-blaue Teeservice, den Bücherständer neben dem Bett und die Staffelei
-mit Franziskas Bild. Ein wenig unordentlich sah es hier immer aus,
-der Tisch vorm Fenster war bedeckt mit Tuben und Farbenkästchen,
-Skizzenbüchern und fliegenden Blättern. Jenny schob mit dem Fuße
-Pinsel und Malerlumpen, die auf dem Boden umherlagen, unter den Tisch,
-während sie damit beschäftigt war, den Teetisch zurechtzumachen. Häufig
-lagen Nähzeug und halbfertig gestopfte Strümpfe auf dem Sofa, die sie
-beiseite räumte, wenn sie sich niedersetzte, um Keks zu streichen.
-Dann erhob sie sich wieder, und stellte ein Spirituslämpchen an seinen
-Platz, das immer irgendwo im Zimmer herumstand.
-
-Unterdes pflegte er mit Franziska in der Ofenecke zu sitzen und zu
-erzählen. Es geschah auch, daß Cesca plötzlich die Idee hatte, häuslich
-zu sein; Jenny sollte sich setzen und feiern. Jenny wollte es nicht
-zugeben, aber Cesca räumte auf wie ein Wirbelwind und verstaute alle
-umherliegenden Kostbarkeiten an Orten, wo Jenny sie niemals wiederfand.
-Zuletzt klopfte sie fehlende Reißzwecken in die schief hängenden
-Bilder, die sich auf den Wänden zusammenrollten, wobei sie ihren
-eigenen Schuh als Hammer benutzte.
-
-Gram konnte nicht recht klug aus Franziska werden. Sie war immer
-freundlich und liebenswürdig gegen ihn, niemals aber so von innen
-heraus vertraulich wie an jenem Tage auf der Ponte Molle. Mitunter
-schien sie so eigentümlich geistesabwesend -- es war, als erfaßte sie
-überhaupt nicht, was er sprach, obgleich sie freundlich antwortete.
-Einige Male hatte er das Gefühl, als ob er sie ermüde. Fragte er, wie
-es ihr ginge, so antwortete sie meist überhaupt nicht. Und als er
-einmal ihr Bild mit den Zypressen erwähnte, sagte sie, allerdings auf
-eine sehr liebe Art:
-
-„Sie dürfen nicht böse sein, Gram, aber ich möchte nicht von meiner
-Arbeit sprechen, solange sie nicht fertig ist, jedenfalls nicht jetzt.“
-
-Eine gewisse Ermunterung bedeutete es ihm, als er merkte, daß Bildhauer
-Ahlin ihn nicht leiden konnte. Der Schwede sah also immerhin einen
-Rivalen in ihm --. Im übrigen hatte er den Eindruck gewonnen, als ob
-Franziska sich von Ahlin zurückgezogen hätte.
-
-Wenn er für sich allein war, malte Helge sich in Gedanken aus, was er
-Cesca erzählen wollte und führte im Geiste lange Gespräche mit ihr. Er
-sehnte sich danach, mit ihr zu sprechen wie an jenem Tage an der Ponte
-Molle, er wollte ihr zum Dank für ihr Vertrauen von seinem eigenen
-Leben berichten. Wenn er sie aber traf, so war er unsicher und nervös
-und wußte nicht, wie er das Gespräch auf das lenken sollte, worüber
-er zu sprechen wünschte. Er fürchtete, aufdringlich oder taktlos zu
-erscheinen, etwas zu tun, wodurch er in ihren Augen verlieren könnte.
-Sie fühlte seine Verlegenheit wohl und kam ihm zu Hilfe, verwickelte
-ihn in einen Wortstreit, kicherte mit ihm, so daß es ihm ein Leichtes
-wurde, auf den Neckton einzugehen und in ihr Lachen einzustimmen --.
-Im Augenblick war er ihr dankbar, sie füllte leicht und behende alle
-Pausen aus und half ihm, jedesmal, wenn er sich festgefahren hatte,
-wieder weiter. Erst hinterher, zu Hause, empfand er die Enttäuschung.
-Es war wieder nichts anderes gewesen als Geplauder über allerlei
-muntere Nichtigkeiten.
-
-War er aber mit Jenny allein, so wurde immer ein vernünftiges
-Gespräch über solide Dinge geführt. Hin und wieder fand er diese
-ernsten Diskussionen über abstrakte Materien etwas ermüdend. Aber
-häufig liebte er auch diese Unterhaltungen, weil das Gespräch von
-allgemeinen Verhältnissen auf seine persönlichen überging. Nach und
-nach erzählte er ihr sehr viel von sich selber, von seiner Arbeit, den
-Schwierigkeiten, die sich ihm nach seiner Ansicht in äußeren Umständen
-wie in seinem eigenen Wesen entgegenstellten. Daß Jenny Winge nicht von
-sich selbst sprach, merkte er kaum, wohl aber, daß sie es vermied, das
-Problem Franziska mit ihm zu erörtern.
-
-Es fiel ihm auch nicht auf, daß er so wie mit Jenny niemals mit
-Franziska würde reden können, die ihn für weit weit bedeutender,
-stärker und sicherer halten würde, als er in seinen eigenen Augen
-war --.
-
- * * * * *
-
-Weihnachtsabend waren sie alle im Verein gewesen und gingen darauf zur
-Mitternachtsmesse in die S. Luigi dei Franchesi.
-
-Helge fand die Messe zuerst sehr stimmungsvoll. In der ganzen Kirche
-herrschte Halbdunkel trotz der schimmernden Kristallkronen, die
-freilich hoch oben unter der Decke schwebten. Die Altarwand war ein
-einziges Lichtmeer, aus dem weichen, goldenen Schein unzähliger
-Wachslichter zusammenfließend. Chorgesang und Orgelton zitterten
-gedämpft durch den Kirchenraum. -- Er saß neben einer schönen
-Italienerin, die einem sammetgefütterten Juwelenkästchen einen
-Rosenkranz aus Lapislazuli entnahm und in ein andächtiges Gebet versank.
-
-Nach einer kurzen Zeit aber begann Franziska halblaut zu murren. Sie
-saß mit Jenny auf der Bank vor ihm.
-
-„Ach Jenny, wir wollen gehen. Ist das vielleicht Weihnachtsstimmung?
-Das ist ja nur ein gewöhnliches Konzert. Hör doch den Burschen, der
-jetzt singt; ganz ohne Ausdruck, die Stimme ist obendrein überschrieen.
-Pfui!“
-
-„Still, Cesca, denk daran, daß wir in einer Kirche sind.“
-
-„Kirche -- pah. Dies hier ist ja ein Konzert -- wir mußten sogar
-Eintrittskarten und Programme haben. Greuliches Konzert -- es nimmt mir
-die ganze Laune.“
-
-„Ja, ja, wir gehen, wenn diese Nummer zu Ende ist. Schweig jetzt aber,
-solange wir noch hier sind.“
-
-„Nein,“ plauderte Cesca, „Sylvester im vorigen Jahre. Ich war in Gesu
--- da war Stimmung. ~Te Deum.~ Ich kniete neben einem alten Bauern aus
-der Campagna und einem jungen Mädchen, das krank war -- und so schön.
-Alle Menschen sangen, der alte Bauer konnte das ganze ~Te Deum~ auf
-Lateinisch. Das war stimmungsvoll!“
-
-Während sie sich leise einen Weg durch die überfüllte Kirche bahnten,
-erklang das Ave Maria durch den Raum.
-
-„Ave Maria,“ Franziska blies verächtlich durch die Nase. „Hört ihr
-nicht, sie denkt überhaupt nicht an das, was sie singt -- wie ein
-Phonograph. Ich ertrage es nicht, wenn solche Musik derartig mißhandelt
-wird.“
-
-„Ave Maria,“ sagte ein Däne, der neben ihr ging. „Ich erinnere mich da
-einer jungen norwegischen Dame -- wie sang sie es doch herrlich. Ein
-Fräulein Eck.“
-
-„Berit Eck -- kennen Sie die, Hjerrild?“
-
-„Sie war vor zwei Jahren in Kopenhagen und sang mit Ellen Bech dort.
-Ich kannte sie ziemlich genau. Sie kennen sie auch, Fräulein Jahrmann?“
-
-„Meine Schwester war mit ihr bekannt,“ sagte Franziska. „Richtig, Sie
-trafen doch meine Schwester Borghild in Berlin. Mögen Sie Fräulein Eck
--- Frau Herrmann heißt sie jetzt übrigens?“
-
-„Sie war ein ganz reizendes Mädchen -- entzückend. Und ungewöhnlich
-begabt.“
-
-Franziska blieb mit Hjerrild zurück.
-
- * * * * *
-
-Es war verabredet, daß Heggen, Ahlin und Gram bei den Damen zu Abend
-essen sollten -- Franziska hatte eine Weihnachtskiste von zu Hause
-bekommen. Man hatte norwegischen Weihnachtskäse auf den Tisch gebracht,
-der mit Tausendschön aus der Campagna und Kerzen in siebenarmigen
-Leuchtern geschmückt war.
-
-Franziska trat als letzte ein und hatte den Dänen mitgebracht.
-
-„Ist es nicht nett, Jenny -- daß Hjerrild mit kam?“
-
-Es stellte sich heraus, daß es sowohl Bier wie auch Genfer Likör zu
-Tisch gab. Und norwegische Butter, braunen Käse und kalten Auerhahn,
-Sülze und Räucherschinken.
-
-Franziska hatte neben Hjerrild Platz genommen, und sobald das Gespräch
-am Tisch sich belebte, wandte sie sich an ihn.
-
-„Kennen Sie den Pianisten Herrmann, mit dem Fräulein Eck sich
-verheiratet hat?“
-
-„Ja, sehr gut. Ich habe in einem Pensionat mit ihm gewohnt, in
-Kopenhagen, und jetzt in Berlin traf ich ihn wieder.“
-
-„Wie finden Sie ihn?“
-
-„Er ist ein netter Mensch. Ungeheuer begabt -- er schenkte mir seine
-letzten, nach meiner Meinung äußerst originellen Kompositionen. Ja. Ich
-mag ihn recht gut leiden.“
-
-„Haben Sie die Kompositionen mit? Darf ich sie nicht einmal sehen?
-Ich würde gern in den Verein gehen und sie durchspielen. Wir waren in
-früheren Zeiten befreundet,“ sagte Franziska.
-
-„Richtig! Jetzt entsinne ich mich. Er besitzt Ihre Photographie! Er
-wollte mir nicht erzählen, wer es war.“
-
-„Ja, das stimmt,“ sagte Franziska leise. „Er bekam wohl einmal ein Bild
-von mir, glaube ich.“
-
-„Im übrigen --“ Hjerrild leerte sein Glas -- „ist er ein wenig zu
-brutal, kann unglaublich rücksichtslos sein. Aber -- vielleicht ist es
-eben das, was ihn bei den Frauen unwiderstehlich macht. Mir persönlich
-war er mitunter etwas zu sehr -- Prolet.“
-
-„Eben das ist es.“ Sie suchte nach Worten. „Das bewunderte ich gerade
-so an ihm. Daß er sich von unten herauf durchgekämpft hatte zu dem, was
-er jetzt ist. So ein Kampf +muß+ brutal machen, finde ich. Ja -- meinen
-Sie nicht, es entschuldigt sehr viel -- fast alles?“
-
-„Halt, Cesca,“ sagte Heggen plötzlich: „Hans Herrmann wurde entdeckt,
-als er dreizehn Jahre alt war -- und seitdem hat man ihm geholfen.“
-
-„Ja -- aber fremde Hilfe annehmen -- und für alles danken müssen! Immer
-fürchten müssen, nicht genug beachtet, übersehen, +daran erinnert+ zu
-werden, daß er -- nun wie Hjerrild sagte, ein Proletarierkind war.“
-
-„Ich kann auch darauf pochen, daß ich ein Proletarierkind bin.“
-
-„Nein, das kannst du nicht, Gunnar. Du bist immer erhaben über deine
-Umgebung gewesen, dessen bin ich sicher. Wenn du in einen Kreis
-kamst, der in sozialer Hinsicht höher stand als der, in welchem
-du geboren bist -- so warst du auch dort schon der Ueberlegene,
-wußtest mehr, warst klüger, dachtest vornehmer. Du hast immer in dem
-starken Bewußtsein leben dürfen, daß du dir alles selbst erkämpft und
-erarbeitet hast. -- Du warst niemals gezwungen, anderen Menschen zu
-danken, von denen du wußtest, daß sie vielleicht auf dich herabsahen
-um deiner Herkunft willen -- Snobs, die sich etwas darauf zugute
-taten, einer Begabung hilfreiche Hand zu leisten, von deren Größe sie
-keinen Dunst hatten, die dir innerlich unterlegen waren und glaubten,
-über dir zu stehen; du brauchtest niemandem zu danken, gegen den du
-keine Dankbarkeit empfandest. Du kannst nicht von den Gefühlen des
-Proletariers reden, Gunnar. Du hast ja niemals gewußt, was das heißt.“
-
-„Ein Mensch, Cesca, der solche Hilfe annimmt -- von Leuten,
-denen gegenüber er Dankbarkeit nicht empfinden kann -- ist ein
-unverbesserliches Individuum der Unterklasse.“
-
-„Aber begreifst du denn das nicht, Junge? Man handelt so, wenn
-man weiß, daß man Talent hat, vielleicht ein Genie ist, das nach
-Entwicklung verlangt. Im übrigen, du: der du sagst, du seiest
-Sozialdemokrat, du solltest nicht von Individuen der Unterklasse
-sprechen, finde ich.“
-
-„Ein Mensch, der vor seinem eigenen Talent Achtung hat, prostituiert
-es nicht. Und was den Sozialdemokraten betrifft: Sozialdemokratie, das
-ist das Verlangen nach Gerechtigkeit. Aber die Gerechtigkeit fordert,
-daß Leute von seiner Art unterdrückt, auf den Boden der menschlichen
-Gesellschaft niedergepreßt, mit Ketten und Peitschen niedergehalten
-werden. Die tatsächliche, legitime Unterklasse muß gebändigt werden.“
-
-„Das ist ein eigentümlicher Sozialismus,“ lachte Hjerrild.
-
-„Es gibt keinen anderen -- für reife Menschen. Ich rechne nicht mit
-den hellen blauäugigen Kinderseelen, die da glauben, alle Menschen
-seien gut und an dem Bösen sei die Gesellschaft schuld. Wären alle
-Menschen gut, so wäre die soziale Gemeinschaft ein Paradies. Die
-Proletarierseelen sind es aber gerade, die das Schlechte hineintragen.
-Sie sind in allen Gesellschaftsklassen zu finden: sind sie die Herren,
-so sind sie grausam und brutal; dienen sie, so sind sie kriechend
-und heuchlerisch und faul. Ich habe genug von dieser Sorte in den
-Reihen der Sozialdemokraten angetroffen. -- Ja, Herrmann rechnet sich
-ja auch zu den Sozialisten. Wenn sie ein Paar Hände finden, die sie
-vorwärtsbringen wollen, so nehmen sie die Hilfe an, um hinterher auf
-diesen selben Händen herumzutrampeln. Wittern sie einen Trupp, der
-vorwärtsmarschiert, so schließen sie sich ihm an, um Teil an der Beute
-zu haben -- Loyalität aber, Kameradschaftsgefühl, das besitzen sie
-nicht. Das Ziel -- sie verlachen es insgeheim. Die Gerechtigkeit --
-sie hassen sie im Grunde, denn sie wissen ja, wenn sie siegt, so geht
-es ihnen übel. -- Alle, die die Gerechtigkeit fürchten, nenne ich
-eben das legitime Proletariat, das bekämpft werden muß, schonungslos.
-Hat es Macht über die Armen und Schwachen, so quält und tyrannisiert
-es sie und macht auch sie zu Proletariern. Ist es selber arm und
-schwach, so kämpft es nicht -- nein, es bettelt und heuchelt sich
-vorwärts und überfällt jeden hinterrücks, wenn es seinen Vorteil
-darin erblickt. -- Das Ziel muß eine Gemeinschaft sein, in welcher
-die Oberklassenindividuen die Führer sind. Denn diese kämpfen niemals
-für sich selbst, sie sind sich ihrer eigenen unerschöpflichen Quellen
-wohl bewußt, sie verschwenden sie an die Armen, kämpfen um Licht und
-Luft für jedes schwache Zeichen von Gutem und Schönem, das sich bei
-den kleinen Seelen zeigt, die weder das eine noch das andere sind,
-gut, wenn sie sichs leisten können, schlecht, wenn das Proletariat
-sie dazu zwingt. Das Ziel ist, daß diejenigen zur Macht gelangen, die
-ein Verantwortungsgefühl haben für jede kleinste gute Regung, die
-unterdrückt wird.“
-
-„Du verstehst trotzdem Hans Herrmann nicht,“ sagte Franziska leise.
-„Er war nicht nur um seiner selbst willen aufgebracht über das soziale
-Unrecht. Die kleinen guten Seelen, die untergingen -- +er+ war es, der
-von ihnen sprach, oh ja. Wenn wir einen Spaziergang nach dem Osten der
-Stadt machten und die kleinen blassen Kinder in den häßlichen, trüben,
-überfüllten Kasernen sahen, die er, wie er sagte, am liebsten in Brand
-stecken würde.“
-
-„Phrasen. Wenn er die Hausmiete zu bekommen hätte --.“
-
-„Pfui, Gunnar,“ sagte Franziska heftig.
-
-„Ja, ja, er wäre eben kein Sozialist gewesen, wenn er reich geboren
-wäre. Aber ein ebenso unverfälschter Proletarier.“
-
-„Bist du dessen so sicher, daß du Sozialdemokrat gewesen wärst?“ sagte
-Franziska -- „wenn du -- nun als Graf zum Beispiel geboren wärest?“
-
-„Heggen +ist+ ein Graf,“ lachte Hjerrild, „über viele luftige
-Schlösser.“
-
-Heggen warf den Kopf nach hinten und schwieg einen Augenblick.
-
-„Ich habe jedenfalls niemals das Gefühl gekannt, arm geboren zu sein,“
-sagte er, mehr für sich.
-
-„Nun ja,“ ließ sich Hjerrild vernehmen. „Um auf Herrmanns Kinderliebe
-zurückzukommen -- um seinen eigenen kleinen Jungen kümmert er sich
-nicht viel. Und die Art und Weise, wie er sich gegen sie benahm, war
-auch recht häßlich. Erst drohte und bettelte er, daß sie sein wurde
-und als sie dann ein Kind bekommen sollte, mußte sie sicher drohen und
-betteln, daß er sie heiratete.“
-
-„Haben sie einen kleinen Jungen?“ flüsterte Franziska.
-
-„Ja ja. Der kam, als sie sechs Wochen miteinander verheiratet waren --
-gerade in den Tagen, als ich Berlin verließ. Herrmann war nach Dresden
-gereist und hatte sie im Stich gelassen, nachdem sie einen Monat
-zusammen gehaust hatten. Ich begreife nicht, warum er sie nicht etwas
-früher heiraten konnte. Es war ja abgemacht, daß sie wieder geschieden
-werden sollten und sogar ihr eigener Wille.“
-
-„Pfui!“ sagte Jenny. Sie hatte dem Gespräch eine ganze Zeit gelauscht.
-„Daß man hingeht und sich verheiratet mit dem Vorsatz, sich hinterher
-wieder scheiden zu lassen!“
-
-„Herrgott.“ Hjerrild lachte ein wenig. „Wenn man einander außen und
-innen kennt, und weiß, daß man nicht miteinander fertig wird.“
-
-„Dann muß man das Heiraten lassen.“
-
-„Gewiß. Der freie Zustand ist ja weit schöner. Aber Herrgott, sie
-mußte ja. Sie will nächsten Herbst ein Konzert in Kristiania geben
-und muß sehen, daß sie Gesangschüler bekommt. Das würde ihr aber als
-unverheirateter Frau mit einem Kinde unmöglich sein. Armes Ding!“
-
-„Mag sein. -- Aber ekelhaft ist es darum doch. Wenn Sie unter freien
-Zuständen das verstehen, daß sich Leute miteinander einlassen, obgleich
-sie genau wissen, sie werden einander überdrüssig, so habe ich dafür
-kein Verständnis. Schon die Auflösung einer so ganz alltäglichen,
-platonisch bürgerlichen Verlobung .... ich finde, schon daran haftet
-immer ein Makel. Ist man aber einmal so unglücklich gewesen, sich zu
-irren -- dann um der Leute willen noch diese abscheuliche Komödie
-spielen -- eine blasphemische Trauung, wo man steht und Dinge gelobt,
-die man im voraus entschlossen ist, nicht zu halten! ...“
-
- * * * * *
-
-Die Gäste gingen erst beim Morgengrauen. Heggen blieb noch einen
-Augenblick zurück, nachdem die anderen fort waren.
-
-Jenny öffnete die Balkontür um den Tabakrauch herauszulassen. Sie
-blieb stehen und sah hinaus. Der Himmel war schon fahlgrau mit einem
-schwachen rötlichgelben Schein über den Häuserdächern. Es war
-schneidend kalt. -- Heggen trat an ihre Seite:
-
-„Ich danke dir. So wäre also wieder einmal ein Weihnachtsabend dahin.
-Worüber sinnst du nach?“
-
-„Daß jetzt der Weihnachtsmorgen anbricht. ... Ich möchte wissen, ob sie
-zu Hause meine Kiste rechtzeitig bekamen,“ sagte sie nach einer Weile.
-
-„Sandtest du sie nicht am elften -- dann ist sie wohl zur Zeit
-angekommen.“
-
-„Hoffentlich. -- Es war immer eine große Freude für uns, am
-Weihnachtsmorgen hineinzukommen und den Baum und die Geschenke bei
-Tageslicht zu besehen. Als ich noch klein war.“ Sie lachte leise. „Es
-ist viel Schnee gefallen dieses Jahr, schreiben sie. Dann sind sie wohl
-oben auf den Bergen heute, die Kinder.“
-
-„Ja,“ sagte Heggen. Er schaute wie sie ein Weilchen in die Weite.
-„Aber, du erkältest dich, Jenny. Gute Nacht also -- und für den
-heutigen Abend vielen Dank.“
-
-„Gute Nacht. Fröhliche Weihnachten, Gunnar!“
-
-Sie reichten einander die Hände. Nachdem er gegangen, blieb sie noch
-ein wenig stehen, ehe sie die Balkontür schloß und ins Zimmer trat.
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Eines Tages -- es war in der Weihnachtswoche -- kam Gram in eine
-Trattoria, wo auch Jenny und Heggen saßen. Sie sahen ihn jedoch nicht,
-und während er seinen Mantel an den Nagel hängte, hörte er Heggen sagen:
-
-„Er ist weiß Gott ein gefährlicher Bursche.“
-
-„Ja, abscheulich,“ seufzte Jenny.
-
-„Und dann verträgt sie das nicht, Teufel auch! In diesem ~scirocco~ --
-morgen ist sie natürlich wieder ganz entkräftet. Ans Arbeiten denkt sie
-wohl auch nicht und treibt sich nur mit diesem Kerl herum.“
-
-„Nein, arbeiten? Aber ich kann doch nichts dazu tun. Sie marschiert
-gern von hier nach Viterbo mit ihm, in ihren kleinen, dünnen
-Lackschuhen trotz ~scirocco~ und allem, nur weil der Mensch ihr von
-Hans Herrmann erzählen kann.“
-
-Gram grüßte im Vorübergehen. Jenny und Heggen machten eine Bewegung,
-als erwarteten sie, daß er sich zu ihnen setzen sollte. Er tat jedoch,
-als sähe er nichts und ließ sich weiter oben im Lokal an einem Tisch
-nieder, den Rücken ihnen zugekehrt.
-
-Er verstand, daß sie von Franziska sprachen.
-
- * * * * *
-
-Beinahe täglich ging er hinauf zur Via Vantaggio. Er konnte es nicht
-unterlassen. Jetzt saß Jenny fast immer allein zu Hause und nähte oder
-las. Es schien, als freute sie sich, wenn er kam. Im übrigen fand er,
-daß sie sich in letzter Zeit ein wenig verändert hatte. Sie war nicht
-mehr so keck und sicher in ihren Aeußerungen, nicht mehr so aufgelegt
-zum Diskutieren und Dozieren. Sie schien traurig. Eines Tages fragte
-er, ob sie sich nicht wohl fühle.
-
-„Wohl -- oh doch. Wieso?“
-
-„Ich weiß nicht recht -- ich finde, Sie sind so still geworden,
-Fräulein Winge.“
-
-Sie hatte eben die Lampe angezündet, so daß er sehen konnte, daß sie
-errötete.
-
-„Ich werde vielleicht bald nach Hause reisen müssen. Meine Schwester
-hat Lungenspitzenkatarrh bekommen, und Mama ist so unglücklich.“ Sie
-schwieg einen Augenblick. „Und da bin ich freilich etwas betrübt.
-Wo ich doch so gern hier bleiben wollte -- jedenfalls den Frühling
-hindurch.“
-
-Sie nahm ihr Nähzeug zur Hand und begann zu arbeiten.
-
-Helge grübelte darüber nach, ob Gunnar Heggen der Anlaß sei -- er
-war sich niemals darüber klar geworden, ob zwischen den beiden etwas
-spielte. Zurzeit war Heggen, der, wie Helge gehört hatte, ein ziemlich
-leicht entzündbares Herz haben sollte, für eine junge dänische
-Krankenschwester entflammt, die sich als Pflegerin einer alten Dame in
-Rom aufhielt. -- Jennys Erröten fand er so merkwürdig, es war ihm so
-neu an ihr.
-
-An diesem Abend kam Franziska heim, ehe er ging. Er hatte sie seit
-Weihnachten wenig zu Gesicht bekommen und er wußte nun, daß er ihr
-vollkommen gleichgültig war. Von Launen oder kindischer Ungezogenheit
-konnte keine Rede mehr sein. Es war, als +sähe+ sie andere Menschen
-nicht mehr -- irgend etwas erfüllte sie vollständig. Mitunter ging sie
-umher wie eine Nachtwandlerin.
-
-Er fuhr dennoch fort, Jenny aufzusuchen, entweder in der Trattoria, wo
-sie zu speisen pflegte, oder daheim auf ihrem Zimmer. Er wußte selber
-kaum, warum er es tat. Es war ihm aber, als verlange ihn danach, sie zu
-sehen.
-
-An einem Nachmittag ging Jenny in Franziskas Zimmer, um nach
-einer Terpentinflasche zu suchen. Da lag Franziska auf ihrem
-Bett und erstickte ihr Schluchzen in den Kissen. Sie mußte sich
-heraufgeschlichen haben, Jenny hatte sie nicht kommen hören.
-
-„Aber liebes Kind -- was ist geschehen? Bist du krank?“
-
-„Nein, geh nur, Jenny -- liebe Jenny, geh. Nein, ich kann es dir nicht
-sagen; du sagst ja doch nur, es sei meine eigene Schuld.“
-
-Jenny sah ein, daß es ihr nichts nützte, mit ihr zu reden. -- Doch
-am Abend, als sie im Bett lag und las, schlüpfte Franziska plötzlich
-herein -- im Nachthemd. Ihr Gesicht war rotfleckig und geschwollen vom
-Weinen.
-
-„Darf ich heute Nacht bei dir schlafen, Jenny, ich kann nicht allein
-sein.“
-
-Jenny machte Platz. Sie schwärmte nicht für diese Sitte, aber Franziska
-pflegte zu kommen und zu bitten, bei ihr schlafen zu dürfen, wenn sie
-ganz unglücklich war.
-
-„Nein, lies nur Jenny -- ich werde dich nicht stören, ich liege ganz
-still an der Wand.“
-
-Jenny tat, als lese sie eine Weile. Franziska schluchzte ab und zu
-trocken auf. Dann fragte Jenny:
-
-„Kann ich das Licht löschen, oder willst du lieber, daß es brennt?“
-
-„Lösch es nur!“
-
-Im Dunkeln schlang sie die Arme um Jenny und erzählte schluchzend.
-
-Sie war mit Hjerrild wieder in der Campagna gewesen. Da hatte er
-sie dann geküßt. Erst hatte sie nur ein wenig gescholten, da sie
-geglaubt, es wäre ein Scherz. „Aber dann wurde er verletzend in seiner
-Zudringlichkeit. Und schließlich wollte er, daß ich heute Nacht mit
-in sein Hotel gehen sollte. Er sagte es so, als lade er mich in eine
-Konditorei ein. Da wurde ich rasend, und auch er wurde zornig. Darauf
-sagte er mir dann einige gemeine, ekelhafte Dinge ins Gesicht.“ Sie
-lag einen Augenblick still da, im Fieber erschauernd. „Er sagte dann
--- ja, du kannst dirs wohl denken -- etwas von Hans. Hans hatte
-von mir erzählt, als er Hjerrild mein Bild zeigte, so daß Hjerrild
-glauben mußte ... Verstehst du es, Jenny,“ sie schmiegte sich dicht
-an die andere, „ja, ich tue es nicht mehr -- ich will mich nicht
-länger an diesen Schuft hängen -- Hans hatte natürlich nicht meinen
-Namen genannt, weißt du,“ sagte sie nach einer Weile. „Und er konnte
-selbstverständlich nicht ahnen, daß Hjerrild mir jemals begegnen und
-mich nach der Photographie wiedererkennen würde, die gemacht wurde, als
-ich achtzehn Jahre alt war.“
-
- * * * * *
-
-Am siebzehnten Januar hatte Jenny Geburtstag. Sie und Franziska wollten
-eine Gesellschaft geben, ein Mittagessen draußen in der Campagna, in
-einer kleinen Osteria an der Via Appianuova. Sie hatten Ahlin, Heggen,
-Gram und Fräulein Palm, die dänische Krankenschwester, eingeladen.
-
-Sie gingen paarweise von der Straßenbahnhaltestelle die weiße
-Landstraße hinauf, die im Sonnenschein gebadet dalag. Der Frühling
-wob in der Luft und die fahle, braune Campagna war von einem
-graugrünen Schimmer übergossen, all die Tausendschön, die den
-ganzen Winter über ihr Blühen nicht eingestellt hatten, begannen
-sich in silberschimmernden Teppichen auszubreiten. Auch die Büschel
-ungeduldiger lichtgrüner Knospen auf den Hollundersträuchern längs der
-Gitter waren größer geworden.
-
-Lerchen schwebten zitternd hoch oben in dem blauweißen Himmel.
-Die Wärme hüllte alles ein -- drinnen über der Stadt und über den
-häßlichen rotgelben Häuserblocks, die über die Ebene verstreut waren,
-lag der Dunst. Die Felsen der Albaner Berge mit den weißen Städtchen
-schimmerten hinter den gewaltigen Bogenreihen der Aquaedukte durch den
-Nebel.
-
-Jenny und Gram schritten voran, er trug ihren hellgrauen Staubmantel.
-Sie war strahlend schön, in schwarze Seide gekleidet -- er hatte sie
-vorher nie anders gesehen als in dem grauen Kleid oder in Kostüm und
-Bluse. Aber heute war es ihm, als ginge er mit einer neuen fremden Frau
-dahin. Die Linie des schlanken Leibes war weich und rund in dem blanken
-schwarzen Kleide, das oben in einem schmalen tiefen Viereck bis auf die
-Brust ausgeschnitten war. Die Haut und das Haar hoben sich leuchtend
-hell dagegen ab. Sie trug auch einen großen schwarzen Hut, mit dem
-Helge sie früher schon gesehen hatte, ohne jedoch weiter darauf zu
-achten. Sogar ihr rosa Perlenhalsband sah anders aus zu diesem Gewand.
-
-Man speiste draußen im Sonnenschein unter den nackten Weinranken, die
-ein feines, bläuliches Schattennetz auf das Tischtuch zeichneten.
-Fräulein Palm und Heggen hatten den Tisch mit Tausendschön geschmückt;
-die Makkaroni waren lange fertig, und die anderen hatten warten müssen,
-bis die beiden mit der Dekoration kamen. Doch das Essen war gut und
-der Wein vorzüglich, die Früchte hatte Franziska selbst in der Stadt
-ausgewählt und mit hinausgenommen, ebenso den Kaffee, den sie selbst
-zubereiten wollte, darauf bestand sie, um sicher zu gehen, daß er auch
-gut würde.
-
-Nach dem Essen gingen Heggen und Fräulein Palm umher und studierten die
-Marmorstümpfe -- Ueberreste von Reliefs und Inschriften, die auf dem
-Grundstück gefunden und in die Hauswand eingemauert waren. Kurz darauf
-verschwanden sie um die Ecke. Ahlin blieb am Tisch in der Sonne sitzen
-und rauchte mit halbgeschlossenen Augen.
-
-Die Osteria lag am Abhang eines Hügels. Gram und Jenny klommen aufs
-Geratewohl die Böschung hinauf. Sie pflückte einige von den kleinen
-wildwachsenden Ringelblumen, die aus dem rotgelben Sand des Abhangs
-hervorlugten.
-
-„Von diesen gibt es viele auf dem Monte Testaccio. Sind Sie dort einmal
-gewesen, Gram?“
-
-„Ja, öfter. Ich war vorgestern drüben, um den protestantischen Kirchhof
-zu sehen. Die Kamelienbäume sind übersät mit Blüten. Und auf dem alten
-Teile fand ich Anemonen im Gras.“
-
-„Ja, die kommen jetzt hervor.“ Jenny seufzte ein wenig. „Draußen
-vor der Ponte Molle, irgendwo an der Via Cassia, gibt es eine Menge
-Anemonen. Ich bekam von Gunnar heute früh blühende Mandelzweige -- man
-hat sie schon an der Spanischen Treppe. Sie sind aber sicher künstlich
-zum Blühen gebracht worden.“
-
-Sie waren auf der Höhe angelangt und gingen über Feld. Jenny sah zur
-Erde. Es sproß überall auf dem kurzen, struppigen Grasboden. Rosetten
-von bunten Distelblättern und irgendwelchen großen silberfarbenen
-Blättern standen und ließen sichs wohl sein in der Sonne. Jenny
-und Gram schlenderten auf eine einsame Mauermasse zu, die sich aus
-niedergestürztem Schutt mitten auf dem Anger erhob, formlos und
-namenlos.
-
-Fahl, graugrün dehnte sich die Campagna rund um sie her in sanften
-Wellen unter dem hellen Lenzhimmel mit den trillernden Lerchen. Ihre
-Grenzen verloren sich im Dunst des Sonnenglanzes. Die Stadt dort
-hinter ihnen wurde zu einer hellen Luftspiegelung, Felsen und Wolken
-liefen ineinander, und die gelben Bögen der Aquädukte ragten aus dem
-Lichtnebel, um nach der Stadt zu wieder zu verschwinden. Die zahllosen
-Ruinen waren nur noch kleine schimmernde Mauerreste, im Grünen
-verstreut, während Pinien und Eukalyptusbäume vor den rosenroten und
-ockergelben Häuschen grenzenlos einsam und düster und verlassen in dem
-lichten Vorfrühlingstage standen.
-
-„Erinnern Sie sich des ersten Morgens, als ich hier unten war, Fräulein
-Winge? Ich war enttäuscht und ich meinte, es käme von meiner großen
-Sehnsucht und meinen heißen Träumen, deren Welt so reich war, daß die
-Wirklichkeit fade und armselig erscheinen müßte. -- Haben Sie einmal
-an einem Sommertage mit geschlossenen Augen in der Sonne gelegen?
-Schlägt man sie wieder auf und blickt umher, so erscheinen alle Farben
-plötzlich grau und erloschen. Die Augen sind geschwächt und daher
-außerstande, die Mannigfaltigkeit der Farben aufzufangen, die sich
-ihrem ersten Blick darbietet. Der erste Eindruck ist unvollkommen und
-kläglich. Verstehen Sie, was ich meine?“
-
-Jenny nickte vor sich hin.
-
-„Aehnlich ging es mir hier im Anfang. Rom überwältigte mich. Da sah
-ich Sie -- groß, licht und fern kreuzten Sie meinen Weg. Franziska
-beachtete ich nicht sogleich, erst in der Trattoria fiel sie mir auf.
-Ich kam in Ihren Kreis, zu lauter mir unbekannten Menschen -- es
-war das erste Mal, daß ich mit Fremden zusammen war. Die flüchtigen
-Begegnungen daheim auf dem Wege zwischen Schule und Haus sind nicht zu
-rechnen. Mich verwirrte das Neue einen Augenblick, ich glaubte, nie
-mit Menschen reden zu können. Und da überfielen mich Gedanken an die
-Heimat. Fast sehnte ich mich nach ihr und nach dem Rom, von dem ich
-gehört und Bilder gesehen hatte. Sie wissen, mein Vater ...“ er lachte
-kurz auf. „Ich hatte geglaubt, auf andere Art mich nicht zurechtfinden
-zu können. Bilder betrachten, die andere gemalt, lesen, was andere
-geschrieben hatten, die Arbeiten anderer enträtseln und ordnen und mit
-erdichteten Menschen aus den Büchern leben -- darin lag meine Welt und
-mein Können. In Ihrem Kreis fühlte ich mich so grenzenlos verlassen
-... Da hörte ich Sie vom Alleinsein sprechen. Und jetzt verstehe ich
-Sie. Sehen Sie den Turm da draußen? Dort war ich gestern. Es ist der
-Ueberrest einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter, der Ritterzeit.
-Eigentlich ist eine große Anzahl solcher Türme in der Umgebung wie
-in der Stadt selbst erhalten. Man kann eine in die Fassadenreihe der
-Straße eingebaute Hauswand fast ohne Fenster finden -- das ist so ein
-kümmerlicher Rest aus dem Rom der Raubritter. Von dieser Zeit weiß man
-verhältnismäßig am wenigsten. Ich beginne jetzt, mich gerade hierfür am
-meisten zu interessieren. Ich finde Namen verstorbener Menschen in den
-Archiven -- man kennt von ihnen häufig nicht viel mehr als den Namen.
-Mich verlangt, mehr über sie zu erfahren. Ich träume von dem Rom des
-Mittelalters -- als sie in den Straßen kämpften und aus heißen, roten
-Kehlen bluteten, als die Stadt voller Raubburgen war -- auf denen sie
-eingesperrt waren, ihre Frauen, Töchter dieser wilden Tiere, ihres
-Stammes und Blutes -- und es geschah, daß auch sie ausbrachen und ins
-Leben hinausstürzten, das um die schwarzroten Mauern lockte. Herrgott,
-welch’ ein Strom von Leben ist doch über dieses Land hinweggebraust!
-Die Wellen brachen sich an jeder Felsenspitze, die Stadt und Burg
-trug. Und dennoch erheben sich die Felsen über dem Ganzen nach wie
-vor nackt und öde. Allein die endlosen Massen von Ruinen nur hier
-draußen in der Campagna! Und die Berge von Büchern, die über Italiens
-Geschichte geschrieben sind, ja über die ganze Weltgeschichte! Das
-ganze Heer toter Menschen, das wir kennen. Wie bitter, bitterwenig ist
-dennoch als Rest verblieben von all den Lebenswogen, die über die Welt
-hinweggegangen sind, eine nach der anderen ... Ich finde aber eben das
-so wunderbar! ... Nun habe ich so viel mit Ihnen gesprochen, Jenny.
-Und Sie ebenso viel mit mir. Trotzdem aber kenne ich Sie ganz und gar
-nicht. Wie Sie jetzt dort stehen -- Sie sollten sich selber sehen!
-Wie ihr Haar schimmert! So sind auch Sie ein solcher unbekannter Turm
-für mich. Und das ist gerade das Wundersame. Haben Sie jemals darüber
-nachgedacht, daß Sie niemals Ihr eigenes Antlitz gesehen haben? Nur
-ein Spiegelbild. Unser Gesicht, wenn es schläft, wenn es die Augen
-schließt -- das können wir niemals sehen. Ist das nicht seltsam? Damals
-war mein Geburtstag. Heute ist es der Ihre. Sie werden achtundzwanzig.
-Freuen Sie sich dessen? Sie finden ja, jedes Jahr, das man durchlebt
-hat, ist kostbar.“
-
-„Das sagte ich nicht. Ich meinte nur, meist hat man in den ersten
-fünfundzwanzig Jahren vieles durchzukämpfen, so daß man froh sein kann,
-wenn sie überstanden sind --.“
-
-„Und jetzt?“
-
-„Jetzt --“.
-
-„Ja. Wissen Sie so sicher, was Sie im kommenden Jahre erreichen werden?
-Wie Sie die Zeit am besten nützen? Das Leben ist so ungeheuer reich
-an Möglichkeiten -- nicht einmal Sie mit all Ihrem Reichtum an Kraft
-können sich alles untertan machen. Denken Sie daran nie -- beunruhigt
-das niemals Ihr Herz, Jenny?“
-
-Sie lächelte nur, sah nieder und zertrat ein Zigarettenstümpfchen,
-das sie hingeworfen hatte. Ihre Knöchel schimmerten weiß durch den
-schwarzen, durchsichtigen Strumpf. Sie folgte mit den Augen einer
-grauweißen Schafherde, die die Hügelböschung gerade ihnen gegenüber
-hinablief.
-
-„Aber der Kaffee, Gram! Sie warten natürlich auf uns --“.
-
-Sie gingen nach der Osteria zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Der
-Hügel lief in eine steile, sandige Böschung aus, die sich gerade über
-dem Tisch, an dem sie gesessen hatten, erhob.
-
-Ahlin lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch, den Kopf auf den
-verschränkten Armen. Das Tischtuch war bedeckt mit Käserinden und
-Obstschalen zwischen Gläsern und Tellern.
-
-Franziska, im laubgrünen Kleide, stand über ihn gebeugt -- die Arme um
-seinen weißen Hals geschlungen -- sie versuchte, seinen Kopf in die
-Höhe zu heben:
-
-„Nicht weinen, Lennart! Ich will dir auch gut sein -- ich will mich
-gern mit dir verheiraten -- hörst du, Lennart, aber du darfst nicht so
-weinen. Ich glaube wohl, daß ich dich liebhaben kann, Lennart, -- wenn
-du nur nicht so verzweifelt sein wolltest.“
-
-Ahlin schluchzte:
-
-„Nein, nein -- so nicht -- so will ich nicht, Cesca --“.
-
- * * * * *
-
-Jenny wandte sich um und ging denselben Weg zurück. Gram sah, daß sie
-bis auf den Hals hinab von glühender Röte übergossen war. Der Fußpfad
-führte am Hügelabhang hin in den Gemüsegarten der Osteria.
-
-Rund um das kleine Wasserbassin jagte Heggen Fräulein Palm. Sie
-bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, daß die Tropfen in der Sonne
-funkelten, während sie lachend aufschrie.
-
-Wieder floß tiefe Röte über Jennys Hals und Nacken. Helge folgte ihr
-durch die Gemüsebeete. Heggen und Fräulein Palm schlossen drunten am
-Bassin Frieden miteinander.
-
-„Der Reigen schließt sich,“ sagte Helge leise.
-
-Jenny nickte schwach und versuchte zu lächeln.
-
- * * * * *
-
-Am Kaffeetisch herrschte keine rechte Stimmung. Franziska versuchte zu
-plaudern, während sie am Likör nippten. Nur Fräulein Palm war guter
-Laune. Sobald es irgend anging, schlug Franziska einen Spaziergang vor.
-
-So machten sich denn die drei Paare auf den Weg über die Campagna. Der
-Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer, bis sie sich zwischen
-den Hügeln verloren. Jenny ging mit Gram.
-
-„Wo wollen wir eigentlich hin?“ sagte sie.
-
-„Wir können ja zum Beispiel zur Egeriagrotte gehen.“ Diese lag gerade
-in entgegengesetzter Richtung des Weges, den die anderen eingeschlagen
-hatten. Sie schlenderten aber doch über die sonnenbeschienenen Hügel,
-auf den Bosco sacro zu; -- über den dunklen Kronen der uralten
-Korkeichen glühte die Sonne.
-
-„Ich sollte wohl lieber den Hut aufsetzen.“ Jenny strich sich übers
-Haar.
-
-Im heiligen Haine war der Erdboden überdeckt mit Papierabfällen, er
-strotzte von Unreinlichkeit. Auf einem Baumstumpf am Rande saßen zwei
-Damen und häkelten, ein paar kleine Jungen spielten Verstecken hinter
-den gewaltigen Stämmen. Jenny und Gram verließen den Hain und wanderten
-den Hügel hinab der Ruine zu.
-
-„Eigentlich,“ sagte sie, „was wollen wir da unten,“ und setzte sich auf
-den Abhang, ohne eine Antwort abzuwarten.
-
-„Nein, warum auch --“, Helge streckte sich in dem trockenen kurzen
-Gras zu ihren Füßen aus. Er nahm den Hut vom Kopf und, sich auf die
-Ellenbogen stützend, sah er zu ihr hinauf, ohne zu sprechen.
-
-„Wie alt ist sie eigentlich? --“ fragte er plötzlich leise. „Ich meine
-Cesca.“
-
-„Sechsundzwanzig Jahre.“ Sie saß still da und sah in die Weite.
-
-„Ich bin nicht traurig,“ sagte er wieder leise. „Sie verstehen mich,
--- vor einem Monat wäre es etwas anderes gewesen --. Sie war einmal so
-lieb, so warm und vertrauensvoll zu mir. -- Nun ja, Aufforderung zum
-Tanz. Aber jetzt --. Ich finde sie sehr lieb. Aber es rührt mich nicht,
-daß sie mit einem anderen tanzt.“
-
-Er betrachtete sie.
-
-„Ich glaube, Sie sind es, die ich liebe, Jenny,“ sagte er plötzlich.
-
-Sie wandte sich ihm halb zu, lächelte leise und schüttelte den Kopf.
-
-„Doch,“ sagte Helge bestimmt. „Ich glaube es. Genau weiß ich es nicht.
-Ich habe ja niemals geliebt -- das weiß ich jetzt. Trotzdem ich
-verlobt gewesen bin“ -- er lachte leise. „Ja, diese Dummheit beging
-ich einmal in meiner frühesten Jugend --. Aber, mein Gott, Jenny --
-es muß wohl wahr sein. +Sie+ waren es, die ich an jenem Abend sah --
-nicht die andere. Ich sah Sie schon am Nachmittag, Sie gingen über den
-Corso. Ich stellte Betrachtungen an über das Leben, fand es so neu und
-abenteuerlich, da gingen Sie an mir vorüber, licht und rank und fremd.
-Später, nachdem ich in der Dunkelheit rund durch die fremde Stadt
-geirrt war, traf ich Sie wieder. Oh ja, ich erblickte jetzt auch Cesca,
-so daß es ja nicht weiter merkwürdig war, daß ich verwirrt wurde. Aber
-zuerst sah ich doch Sie. -- Und nun ist es so gekommen, daß wir beide
-hier zusammensitzen --“.
-
-Ihre Hand, auf die sie sich stützte, lag auf dem Erdboden dicht neben
-ihm. Plötzlich strich er darüber. Da zog sie sie zurück.
-
-„Sie sind doch nicht böse? Nein, denn warum auch. -- Warum sollte ich
-Ihnen nicht sagen dürfen, daß ich Sie liebe? Ich konnte nicht anders,
-ich mußte Ihre Hand berühren, mußte fühlen, daß sie wirklich da war.
-Wie seltsam, daß Sie hier sitzen. Ich kenne Sie ja gar nicht. Trotz
-all dem, wovon wir gesprochen haben -- ich weiß freilich, daß Sie klug
-sind, klar und energisch, gut und wahrheitsliebend, aber das wußte ich
-gleich, als ich Sie sah und Ihre Stimme vernahm. Mehr weiß ich jetzt
-nicht -- aber natürlich ist da noch vieles andere. Darüber erfahre ich
-vielleicht niemals etwas. Aber ich kann zum Beispiel sehen, daß Ihr
-seidenes Kleid glühend heiß ist -- wenn ich mein Gesicht an Ihre Brust
-legte, so würde ich mich verbrennen --“.
-
-Sie machte mit der Hand eine unwillkürliche Bewegung über ihren Schoß.
-
-„Ja, die Seide saugt die Sonne an sich. Es knistert in Ihrem Haar.
-Drinnen in Ihren Augen funkeln die Lichtstrahlen auf. Ihr Mund ist ganz
-durchsichtig -- wie ein Kredenzbecher in der Sonne --.“
-
-Sie lächelte, sah jedoch ein wenig gequält aus.
-
-„Küssen Sie mich, Jenny --,“ bat er plötzlich.
-
-Sie betrachtete ihn eine Sekunde.
-
-„Aufforderung zum Tanz --?“ Sie lächelte weh.
-
-„Sie dürfen nicht böse werden, nur weil ich Sie um einen einzigen Kuß
-bitte. An so einem Tage. Ich erzähle Ihnen doch nur, was ich wünsche.
-Im Grunde ... weshalb könnten Sie es nicht tun?“
-
-Sie rührte sich nicht.
-
-„Ist da denn irgend ein Grund -- Herrgott, ich will ja nicht versuchen,
-Sie zu küssen, aber ich verstehe nicht, warum Sie sich nicht eine
-Sekunde herabbeugen und mir einen ganz, ganz kleinen Kuß geben können,
-so wie Sie dort sitzen, mit der Sonne auf den Lippen -- es ist ja
-nur, als klopften Sie einem Jungen auf die Schulter und gäben ihm
-einen Soldo. Jenny -- für Sie ist es nichts weiter, und alles, was ich
-wünsche, gerade in diesem Augenblick wünsche ich es so heiß --.“ Er
-lächelte, während er sprach.
-
-Plötzlich beugte sie sich nieder ... Nur eine Sekunde spürte er ihr
-Haar und ihren warmen Mund an seiner Wange. Jede Bewegung ihres
-Körpers unter der schwarzen Seide konnte er sehen, als sie sich
-niederbeugte und wieder aufrichtete. Er sah auch, daß ihr Antlitz, das
-ruhig lächelte, als sie ihn küßte, hinterher ein wenig verwirrt und
-erschrocken war.
-
-Aber er rührte sich nicht -- lag nur und lächelte in die Sonne hinein.
-Da wurde auch sie wieder ruhig.
-
-„Sehen Sie,“ sagte er schließlich und lachte. „Nun ist ihr Mund genau
-wie früher. Die Sonne scheint auf die Lippen, bis hinein ins Blut. Was
-bedeutete es Ihnen? Und ich bin so froh --. Sie begreifen wohl, daß ich
-nicht erwarte, Sie sollen weiter an mich denken. Ich möchte nur an Sie
-denken dürfen. -- Setzen Sie sich nur still hin und denken Sie an alle
-möglichen Dinge. Die anderen tanzen Reigen, aber dies hier ist weit
-köstlicher -- wenn ich Sie nur ansehen darf.“
-
-Sie schwiegen beide. Jenny hatte das Gesicht abgewandt und sah über die
-sonnige Campagna hinaus.
-
-Während sie zur Osteria zurückgingen, plauderte er leicht und munter
-von allen möglichen Dingen, erzählte Geschichten von den deutschen
-Gelehrten, mit denen er bei seiner Arbeit zusammengetroffen war. Jenny
-lugte ab und an verstohlen zu ihm auf. Er war so anders als sonst,
-so frei und sicher. Er schaute im Gehen geradeaus; eigentlich war er
-schön; die hellbraunen Augen glänzten wie Bernstein in der Sonne.
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Jenny zündete die Lampe nicht an, als sie heimgekehrt war. Im Dunkeln
-griff sie nach ihrem Abendmantel und setzte sich auf den Balkon hinaus.
-
-Der Himmel erhob sich über den Dächern wie schwarzer Sammet, von dem
-Gewimmel funkelnder Sterne durchwoben. Die Nacht war kalt.
-
-Er hatte gesagt, als sie sich trennten:
-
-„Ich komme morgen zu Ihnen hinauf, um Sie zu fragen, ob sie mit mir in
-die Campagna fahren wollen --.“
-
-In Wirklichkeit war ja nichts geschehen. Sie hatte ihn geküßt. Es war
-aber der erste Kuß, den sie einem Manne gegeben hatte. Und es war ganz
-anders gekommen, als sie es sich gedacht --. Fast wie ein Scherz war es
-gewesen -- dieser Kuß.
-
-Sie liebte ihn keineswegs. Und hatte ihn doch geküßt. Sie hatte
-gezaudert und gedacht: ich habe nie geküßt --. Doch da glitt
-gewissermaßen eine fröhliche Gleichgültigkeit und süße Müdigkeit durch
-ihren Körper; ach Gott, warum dies alles so lächerlich feierlich
-nehmen. Sie tat es eben -- warum sollte sie auch nicht --.
-
-Nein, es machte ja nichts. Er hatte ja doch ganz ehrlich darum gebeten,
-weil er glaubte, er wäre verliebt in sie und weil die Sonne schien.
-Er hatte sie nicht darum gebeten, ihn zu lieben -- nichts hatte er
-verlangt außer einem harmlosen Kuß. Und sie hatte ihn hingegeben,
-schweigend. Das alles war schön gewesen. Da war nichts geschehen, um
-dessentwillen sie sich hätte schämen müssen.
-
-Herrgott -- achtundzwanzig Jahre war sie geworden. Sie verhehlte es
-sich selbst auch nicht, daß sie sich nach einem Manne sehnte, den sie
-liebte und der sie lieb hatte, an den sie sich fest anschmiegen konnte.
-Jung war sie, gesund und schön -- warm war sie und voller Sehnsucht
---. Aber da sie mit kalten Augen sah, und sich selber niemals etwas
-vorzulügen pflegte ...
-
-Sie war dem einen oder anderen Manne begegnet und hatte sich gefragt:
-ist es dieser? Diesen oder jenen hätte sie vielleicht lieben können,
-wenn sie wirklich gewollt hätte -- wenn sie nachgeholfen und die
-Ohren der leisen Stimme verschlossen hätte, die immer da war -- und
-die einen hartnäckigen Widerspruch in ihr erweckte, den sie hätte
-betäuben müssen. Aber keinen hatte sie getroffen, den sie hätte lieben
-+müssen+.
-
-So hatte sie es nicht gewagt --.
-
-Cesca freilich vermochte es zu ertragen, daß einer nach dem anderen sie
-küßte und sie umschmeichelte. Ihr machte es nichts aus. Es berührte nur
-ihre Lippen und ihre Haut. Nicht einmal Hans Herrmann, den sie doch
-liebte, konnte ihr merkwürdig dünnes, erstarrtes Blut erwärmen.
-
-Sie selbst war anders. Ihr Blut war rot und warm. Das Glück, nach
-dem sie sich sehnte, sollte heiß und verzehrend sein, aber rein und
-fleckenfrei. Sie selbst wollte gut und treu und ehrlich gegen den sein,
-dem sie sich hingab. Es mußte einer kommen, der sie ganz hinnehmen
-konnte, so daß keine Regung in ihr unberührt blieb und irgendwo tief
-drinnen verkam und vergiftet wurde --. Nein -- sie wagte es nicht,
-wollte nicht leichtsinnig sein. Sie nicht --.
-
-Dennoch -- sie konnte die Menschen begreifen, die der Mühe des Wollens
-aus dem Wege gingen. Einen Trieb bezähmen und ihn schlecht nennen,
-einen anderen aber großziehen und ihn gutheißen. Allen kleinen
-billigen Freuden entsagen, seine Kräfte aufsparen in Erwartung einer
-großen Freude. Die +vielleicht+ -- vielleicht niemals kam. Sie war
-sich durchaus nicht gewiß, daß ihr Weg zu ihrem Ziele führte, daß es
-ihr nicht doch einmal Eindruck machen könnte, wenn Menschen zynisch
-einräumten, keinen bestimmten Weg zu gehen und keine Ziele zu haben,
-während diejenigen, die sich an die Moral und ihre Ideale hielten, nach
-dem Monde im Wasser fischten.
-
-Auch sie hatte es einst erlebt, vor vielen Jahren, daß ein Mann sie
-in einer Nacht bat, mit ihm nach Hause zu gehen -- ungefähr so, als
-hätte er sie eingeladen, ihn in eine Konditorei zu begleiten. In
-Wirklichkeit reizte es sie wohl gar nicht -- außerdem wußte sie, Mama
-saß oben und wartete auf sie, so daß es völlig unmöglich war. Auch
-kannte sie den Menschen kaum, mochte ihn nicht leiden und war obendrein
-ärgerlich, daß er sie an diesem Abend nach Haus begleiten wollte.
-Sie hatte kein sinnliches Empfinden dabei, nur eine intellektuelle
-Neugierde trieb sie dazu, in Gedanken einen Augenblick mit der Frage zu
-experimentieren: +Wenn+ ich es nun täte? Was würde ich empfinden, wenn
-ich Willen und Selbstbeherrschung und meinen alten Glauben über Bord
-würfe? --
-
-Es war nur dieser Gedanke, der einen aufreizenden, wollüstigen Schauder
-durch ihren Körper gejagt hatte. War dieses Leben besser als ihr
-eigenes --?
-
-Denn mit ihrem eigenen war sie ja an diesem Abend nicht zufrieden.
-Sie hatte wieder dagesessen und dem Tanz der anderen zugeschaut --
-Wein hatte sie auch getrunken, die Musik umtoste sie, und sie hatte
-gesessen und die bittere Einsamkeit gefühlt, zu der sie, so jung noch,
-verdammt war, weil sie ja nicht tanzen, nicht die Sprache der übrigen
-Jugend sprechen, nicht in ihr Lachen einstimmen konnte -- dabei hatte
-sie noch versucht, zu lächeln und zu plaudern und sich wieder den
-Anschein zu geben, als unterhielte sie sich gut. Während sie dann in
-der eiseskalten Frühlingsnacht heimging, dachte sie daran, daß sie am
-nächsten Morgen um acht Uhr eine Vertretung in der Kampfschen Schule
-übernehmen mußte. Sie arbeitete an ihrem großen Bilde, und es war immer
-noch so tot und schwerfällig, wie sie sich auch mühte und abarbeitete
--- in den freien Stunden, bis um sechs Uhr ihre Privatschülerinnen zum
-Mathematikunterricht kamen. -- Sie arbeitete hart zu jener Zeit, so daß
-sie manchmal das Gefühl hatte, als zittere jeder Nerv vor Ueberspannung
--- und doch hielt sie in dieser bewußten Ueberanstrengung aus bis zu
-den Sommerferien.
-
-Und da hatte sie sich einen Augenblick gewissermaßen von seinem
-Zynismus angezogen gefühlt -- wohl nur einen Augenblick -- aber ...
-Sie hatte zu dem Menschen aufgelächelt und Nein gesagt, so trocken und
-geradezu, wie er gefragt hatte.
-
-Er war übrigens ein Narr, denn nun begann er, ihr Predigten zu halten
--- flaue Komplimente, sentimentalen Unsinn von Jugend und Lenz, dem
-Recht der Leidenschaft und dem Evangelium des Blutes. Sie lachte ihn
-ganz ruhig aus und rief eine vorüberfahrende Droschke herbei.
-
-Oh nein, sie war reif genug, um die begreifen zu können, die sich
-brutal weigerten, für irgend etwas im Leben zu kämpfen, und sich
-statt dessen niederlegten und vom Strome treiben ließen --. Aber die
-Grünschnäbel, die davon faselten, eine Mission zu erfüllen, wenn sie
-sich nach ihrem Geschmack amüsierten -- diese Jugend, die für das ewige
-Recht der Natur zu kämpfen vorgab, während sie es nicht der Mühe wert
-hielt, ihre Zähne zu putzen und ihre Nägel zu reinigen -- die konnte
-sie nicht irreführen.
-
-Es war wohl am besten für sie, an ihrer eigenen kleinen Moral
-festzuhalten. Die baute sich im wesentlichen auf Wahrhaftigkeit und
-Selbstbeherrschung auf.
-
-Diese Moral hatte sich zu formen begonnen, als Jenny auf die Schule
-kam. Sie war nicht wie die anderen Kinder in der Klasse, nicht einmal
-in der Kleidung. Ihre kleine Seele aber war ganz, ganz anders. Sie
-lebte ja mit ihrer Mutter zusammen, die zwanzigjährig Witwe geworden
-war und nichts auf der Welt besaß als ihr kleines Mädchen. Und auch mit
-ihrem Vater zusammen, der gestorben war, lange bevor sie sich erinnern
-konnte. Er war im Grabe und im Himmel, aber in Wirklichkeit wohnte
-er daheim bei Mutter und ihr --. Sein Bild hing über dem Klavier und
-seine Augen schauten auf alles herab, was Mutter und sie unternahmen,
-er hörte alles, was sie sagten -- die Mutter sprach beständig von ihm
-und erzählte, was er zu allen Dingen meinte -- dies dürften sie tun
-und dies müßten sie lassen des Vaters wegen. Jenny sprach von ihm, als
-kenne sie ihn, und des Abends sprach sie +mit+ ihm und mit Gott, der
-ja mit Vater zusammen war und ebenso dachte, wie der Vater.
-
-Der erste Schultag. Jenny entsann sich seiner deutlich und lächelte in
-die dunkle römische Nacht hinaus.
-
-Die Mutter hatte sie unterrichtet, so daß sie mit acht Jahren in
-die dritte Klasse kam. Die Mutter pflegte immer alles an Beispielen
-zu erklären, die Jenny kannte. Sie wußte also sehr wohl, was ein
-Vorgebirge war. Da fragte die Lehrerin in der Geographiestunde gerade
-sie, ob sie ein norwegisches Vorgebirge nennen könnte. Jenny sagte
-„+Naesodden+.“[1]
-
- [1] Anm. der Uebersetzerin: N. ist eine Halbinsel, Kristiania
- gegenüber, während die im folgenden Absatz genannten Kaps große
- Vorgebirge sind.
-
-Die Lehrerin lächelte, und die ganze Klasse lachte. „Signe,“
-sagte die Lehrerin, und ein kleines Mädchen erhob sich und sagte
-prompt: „Nordkap, Stat, Lindesnes.“ Jenny aber lächelte überlegen,
-gleichgültig, über der anderen Gelächter. Das war vielleicht der erste
-Zusammenstoß. -- Sie hatte niemals Kameraden unter den anderen Kindern
-gehabt. Und sie bekam auch niemals welche.
-
-Ueberlegen und gleichgültig hatte sie zu dem Gehänsel und Gespött der
-ganzen Klasse gelächelt, aus einem schweigenden und unversöhnlichen
-Haßgefühl heraus, das sich zwischen sie -- die nicht so war wie jene --
-und alle die übrigen Kinder schob, die für sie eine einförmige Masse
-waren, ein vielköpfiges Ungeheuer. Die verzehrende Wut, die unter all
-ihren Quälereien in Jenny aufstieg, verschloß sie hinter höhnischem,
-gleichgültigem Lächeln. Die wenigen Male, da ihre Selbstbeherrschung
-sie im Stiche ließ -- ein einziges Mal hatte sie in Leid und
-Verbitterung gar jämmerlich geschluchzt -- die wenigen Male hatte sie
-bemerkt, wie die anderen triumphierten. Nur, wenn sie „hochmütig“ war,
-wenn die anderen von ihrer indianischen Gefühllosigkeit ihrem Tun und
-Lassen gegenüber verwirrt wurden, konnte sie sich gegen die vielen
-behaupten.
-
-In der obersten Klasse gewann sie ein paar Freundinnen. Das war in
-dem Alter, wo kein Kind es erträgt, anders zu sein als die anderen.
-Sie versuchte es den Mädchen gleich zu tun. Viel Freude hatte sie von
-diesen Freundinnen übrigens nicht gehabt.
-
-Sie entsann sich, wie die Mädchen sie verspotteten, als sie entdeckten,
-daß Jenny mit vierzehn Jahren noch mit Puppen spielte. Sie aber
-verleugnete ihre geliebten Kinder und sagte, sie gehörten den kleinen
-Schwestern.
-
-In dieser Zeit war es auch, daß sie zur Bühne gehen wollte. Sie wie
-alle Freundinnen waren vollkommen versessen aufs Theater -- sie
-verkauften Schulbücher und Konfirmationsbroschen, um sich Billets zu
-verschaffen. Abend für Abend saßen sie unten auf dem Sperrsitz für
-sechzig Oere. Aber eines Tages hatte sie verspielt, als sie erzählte,
-wie +sie+ Eline Gyldenlöve darstellen würde.
-
-Die Freundinnen lachten Sturm. Sie war also in der Tat völlig
-größenwahnsinnig. -- Man wußte wohl, daß sie eingebildet war, aber
-nun war die Grenze erreicht. Sie bildete sich also tatsächlich ein,
-sie könne Schauspielerin werden! Sie, die nicht einmal tanzen konnte!
-Es würde hübsch aussehen, sie auf der Bühne herumwackeln zu sehen mit
-ihren langen, stocksteifen Stelzen --.
-
-Auch damals hatte Jenny mit ihren Freundinnen nicht gebrochen. -- Nein,
-sie konnte nicht tanzen. Als sie ganz klein war, pflegte die Mutter ihr
-Tänze vorzuspielen, während Jenny umhertrippelte, sich verneigte und
-drehte, wie es ihr in den Sinn kam; Mutter lächelte dann und nannte
-sie ihr kleines Linerle. Dann kam sie auf den ersten Schülerball, in
-feierlicher Freude, mit einem neuen grüngeblümten Kleid angetan, --
-oh, sie entsann sich dessen so deutlich. Es reichte ihr fast bis auf
-die Füße herab; Mutter hatte es nach einem alten englischen Bilde
-genäht. Sie erinnerte sich dieses Kinderballes. Noch konnte sie diese
-wunderliche Steifheit in allen Gliedern spüren --. Seitdem hatte dieses
-Gefühl ihren weichen schlanken Körper losgelassen, er wurde wie ein
-Holzstock, wenn sie den Versuch machte, selber das Tanzen zu erlernen.
-Sie konnte nicht. Schließlich wollte sie in die Tanzstunde gehen, aber
-dazu fehlten die Mittel.
-
-Sie lachte. O diese Freundinnen! Zwei von ihnen hatte sie auf der
-Ausstellung wiedergesehen, als sie das erste Mal ein Bild ausgestellt
-hatte -- und einige lobende Worte über sie in die Zeitung gekommen
-waren. Sie stand mit einigen Malern, darunter auch Heggen, zusammen,
-den sie damals aber nicht näher kannte. Da kamen die Freundinnen heran
-und gratulierten:
-
-„Das haben wir schon in der Schule gesagt, Jenny wird Künstlerin. Wir
-waren alle so überzeugt, daß aus dir noch einmal etwas werden würde.“
-
-Sie hatte gelacht:
-
-„Ich auch, Ella.“
-
-Seit jener Zeit war sie allein gewesen. --
-
-Sie war wohl ungefähr zehn Jahre alt, als die Mutter Ingenieur Berner
-traf. Die beiden waren zusammen in einem Büro tätig gewesen.
-
-So klein sie war, hatte sie es doch gleich begriffen. Der tote Vater
-entglitt gleichsam dem Heim. Sein Bild hing weiterhin an seinem Platz
--- aber nun war er tot. Plötzlich kam ihr das Verständnis dafür,
-was der Tod bedeutete. Die Toten existierten nur in der Erinnerung
-der Lebenden -- die Anderen konnten willkürlich ihr armseliges
-Schattendasein auslöschen. Dann waren sie +gar nicht+ mehr vorhanden.
-
-Sie verstand, warum die Mutter wieder so jung, so schön und froh wurde.
-Sie sah wohl den Lichtschein, der über ihr Antlitz sich breitete,
-wenn Berner an ihrer Türe läutete. Sie saß und hörte die beiden
-miteinander sprechen. Niemals waren es Dinge, die das Kind nicht mit
-anhören durfte, sie schickten sie nie hinaus, wenn sie in der Mutter
-Heim zusammen waren. Bei aller Eifersucht, die sie im Herzen trug,
-fühlte Jenny, daß es so vieles gab, worüber eine Mutter nicht mit einem
-kleinen Mädchen sprechen konnte. Und diese Erkenntnis rief ein starkes
-Gerechtigkeitsgefühl in ihr wach -- sie wollte ihrer Mutter nicht
-zürnen. Hart war es indessen doch.
-
-Aber das zu zeigen, war sie zu stolz. Wenn jedoch die Mutter dem Kinde
-gegenüber Gewissensbisse empfand und sie nervös und ganz unvermittelt
-mit Zärtlichkeit und Fürsorge überschüttete, so schwieg sie kalt und
-abweisend. Und sie schwieg, als die Mutter sagte, sie solle Berner
-Vater nennen, und ihr eifrig erzählte, wie lieb er die kleine Jenny
-hätte. -- In den Nächten versuchte sie, zu ihrem eigenen, richtigen
-Vater zu sprechen wie ehedem -- leidenschaftlich versuchte sie, ihn
-am Leben zu erhalten. Sie vermochte es aber nicht allein -- sie
-kannte ihn ja nur aus den Erzählungen der Mutter. Nach und nach starb
-Jens Winge auch für sie. Und da er auch der Mittelpunkt all ihrer
-Vorstellungen von Gott, dem Himmelreich und dem ewigen Leben gewesen
-war, so verblaßten auch diese mit seinem Bilde. Sie erinnerte sich,
-daß sie schon im Alter von dreizehn Jahren dem Religionsunterricht
-mit vollbewußtem Unglauben zugehört hatte. Und da alle anderen in der
-Klasse an Gott glaubten, und den Teufel fürchteten und dennoch feig
-und grausam, schmutzig und gemein waren, jedenfalls in ihren Augen, so
-wurde die Religion für sie zu etwas beinahe Verächtlichem, Feigem, das
-zu ihnen gehörte.
-
-Gegen ihren Willen mußte sie Sympathie für Nils Berner haben. In der
-ersten Zeit, nachdem er die Mutter geheiratet hatte, mochte sie ihn
-eigentlich lieber als die Mutter. Er forderte nicht das Recht des
-Vaters über die Stieftochter -- klug, gut und natürlich kam er ihr
-entgegen. Sie war das Kind der Frau, die er liebte, und deshalb liebte
-er auch Jenny.
-
-Was sie ihm verdankte, erkannte sie erst jetzt als Erwachsene klar.
-Wieviel Krankhaftes und Verschrobenes hatte er ihr doch ausgetrieben
-und an ihr bekämpft! Solange sie mit der Mutter allein in dieser
-treibhausschwülen Luft von Zärtlichkeit, Fürsorge und Träumerei
-gelebt hatte, war sie furchtsam gewesen, hatte Angst vor Hunden,
-Straßenbahnen, Angst vor Zündhölzern, hatte vor Allem Angst. Die
-Mutter wagte kaum, sie allein zur Schule gehen zu lassen. Und wie
-empfindlich war sie gegen körperlichen Schmerz gewesen!
-
-Berners erste Tat war, das Mädel mit hinauf in die Wälder zu nehmen.
-Sonntag für Sonntag zog er mit ihr in die Nordmarken. In brennender
-Sommersonne, in weicher Lenzluft und strömendem Herbstregen, den
-ganzen Winter über auf Schneeschuhen. Und Jenny, die es gewöhnt war,
-ihre Gefühle nicht zu offenbaren, versuchte, Müdigkeit und Angst zu
-verbergen. Bis sie sie nach einer Weile gar nicht mehr empfand.
-
-Berner lehrte sie, Karte und Kompaß zu gebrauchen. Er verhandelte mit
-ihr wie mit einem Kameraden. Er lehrte sie, Zeichen für Wetterumschwung
-in Wind und Wolken zu entdecken, Zeit und Richtung aus dem Stande
-der Sonne zu lesen. Mit Tieren und Pflanzen machte er sie vertraut.
-Sie zeichnete und malte Blumen mit Wasserfarben, Wurzel und Stengel,
-Blatt und Knospe, Blüte und Frucht. Ihr Skizzenbuch und sein
-Photographenapparat lagen immer im Rucksack.
-
-Wieviel Liebe und Güte der Stiefvater in dieses Erziehungswerk gelegt
-hatte, konnte sie erst jetzt ermessen. Ein kleines unscheinbares
-Mädchen hatte er zum Kameraden gemacht und erzogen, sie, die so
-ungeschickt gewesen, wie ein blindes Kätzchen nach der Geburt. Er, der
-namhafte Skiläufer und Bergsteiger in Jotunheim und auf den Bergzinnen
-des Nordlandes!
-
-Er hatte ihr versprochen, sie mit dort hinaufzunehmen. Das war in dem
-Sommer, als sie fünfzehn Jahre alt war, dem schwierigsten Alter. Da
-hatte er sie auf Schneehühnerjagd mitgenommen. Die Mutter mußte daheim
-bleiben -- sie trug damals das Kleine.
-
-Sie wohnten in einer einsamen kleinen Sennhütte unterhalb Rondane. Oh,
-niemals war sie je so glücklich gewesen wie in jenen Morgenstunden,
-wenn sie in ihrem kleinen Alkoven erwachte. Sie mußte aufstehen und für
-Berner Kaffee kochen; er nahm sie dann mit hinauf auf die Rondespitzen
-und in die Stygfelsen, auf Engelfahrten, oder sie gingen hinab ins
-Foltal, um Proviant zu holen. Wenn er draußen war und jagte, dann
-badete sie in eisigen Gebirgsbächen oder wanderte endlose Wege über
-herbstlich öde Strecken. Oder sie saß in der Hüttentür, strickte und
-träumte romantische Sennerinnenträume von einem Jäger, der Berner recht
-ähnlich sah, nur ganz jung war und bildschön. Er sollte aber erzählen,
-wie Berner es tat, des Abends am Herd, von Jagd und Gebirgsfahrten; er
-sollte ihr auch ein Gewehr versprechen und sie mit hinausnehmen auf nie
-erstiegene Zinnen, wie Berner es versprochen hatte.
-
-O ja, sie entsann sich, wie sie damals begriff, daß die Mutter ein Kind
-haben sollte. Wie zerquält, beschämt, unglücklich sie war, als sie es
-entdeckte. Sie suchte vor der Mutter zu verbergen, was sie empfand,
-ganz gelang es ihr nicht, das wußte sie. Erst Berners Angst um sein
-Weib, als die Stunde der Geburt sich näherte, brachten eine Veränderung
-in ihre Gefühle. Er sprach mit Jenny darüber: „Ich habe Angst, Jenny.
-Ich habe deine Mutter doch so lieb, weißt du.“ Er sprach auch davon,
-wie krank sie gewesen war, als Jenny geboren wurde.
-
-Das Gefühl des Unnatürlichen und Unreinen an dem Zustand der
-Mutter wich von ihr, während er sprach. Aber auch das Gefühl, daß
-das Verhältnis zwischen ihr und der Mutter etwas Mystisches und
-Uebernatürliches war. Es wurde alltäglich und selbstverständlich --
-sie war geboren worden, und die Mutter hatte Schweres erlitten um
-ihretwillen, sie war sehr klein gewesen, hatte der Mutter bedurft, und
-um alles dessentwillen hatte sie die Mutter geliebt. Nun aber kam ein
-neues kleines Kind, das der Mutter mehr bedürfen würde. Jenny fühlte
-sich mit einem Male erwachsen, sie hatte Sympathie sowohl für die
-Mutter als für Berner und sie tröstete ihn altklug: „Ja, aber du weißt
-doch, es pflegt doch gut auszugehen. Ich finde, sie sterben doch fast
-nie daran.“
-
-Dennoch hatte sie vor Verlassenheit geweint, als sie ihre Mutter mit
-dem neuen kleinen Kinde sah, das all ihre Zeit und ihre Sorge in
-Anspruch nahm.
-
-Aber sie gewann das kleine Ding lieb, besonders als Klein-Ingeborg das
-erste Jahr überschritten hatte und der süßeste, schwärzeste kleine
-Zigeunerkobold wurde, den man sich denken konnte, und als die Mutter
-ein neues Kindchen bekam.
-
-Eigentlich hatte sie niemals das Gefühl gehabt, als seien die
-Bernerschen Kinder ihre Geschwister. Sie glichen ganz ihrem Vater.
-Jetzt bezeichnete sie ihr Verhältnis zu ihnen annähernd als tantenhaft
--- sie kam sich fast wie eine ältere „vernünftige Tante“ vor, sowohl
-ihrer Mutter als den Kindern gegenüber.
-
-Als das Unglück geschah, war die Mutter jünger und schwächer als Jenny.
-Sie war wieder jung geworden, Frau Winge, in ihrer neuen glücklichen
-Ehe, nur ein wenig müde und mitgenommen von den drei Wochenbetten, die
-dicht aufeinander folgten. Nils war nur fünf Monate alt, als sein Vater
-starb.
-
-Berner stürzte eines Sommers drüben von den Skagastölspitzen ab
-und starb auf der Stelle. Jenny war damals sechzehn Jahre alt. Die
-Verzweiflung ihrer Mutter war grenzenlos; sie liebte ihren Mann und war
-von ihm vergöttert worden. Jenny versuchte, ihrer Mutter zu helfen,
-so gut sie konnte. Wie sehr sie selber um ihren Stiefvater trauerte,
-zeigte sie niemanden. Sie wußte nur zu gut, daß sie den einzigen
-Kameraden verloren hatte, den sie je besessen.
-
-Nach dem Mittelschulexamen war sie auf die Zeichenschule gegangen und
-hatte zu Hause geholfen. Berner hatte sich immer für ihre Zeichnungen
-interessiert und war der erste gewesen, der sie einiges über
-Perspektive und dergleichen lehrte, soviel, wie er selber wußte. Er
-hatte geahnt, daß sie Talent hatte.
-
-Leddy, seine Hündin, zu behalten, dazu fehlten ihnen die Mittel. Die
-beiden kleinen, dicken Jungen wurden verkauft, und die Mutter meinte
-auch, Leddy müßte weggegeben werden -- es war ein kostbares Tier. Es
-trauerte tief um seinen Herrn. Aber niemand anderes durfte Berners Hund
-bekommen, wenn sie ihn nicht selbst behalten konnten -- das setzte
-Jenny durch; einmal bekam sie aus diesem Anlaß einen hysterischen
-Anfall. Sie brachte das Tier selbst an einem Abend zu Rechtsanwalt
-Iversnäs, Berners altem Kameraden, der es an einem Sonntage mit über
-Land nahm, es erschoß und neben einer Hütte begrub.
-
-Was Berner ihr gewesen war -- Kamerad und Freund -- das versuchte sie,
-seinen Kindern zu sein. Zu den Stiefschwestern wurde das Verhältnis,
-als sie nach und nach heranwuchsen, weniger innig, jedoch ganz
-freundschaftlich -- sozusagen mit großem Abstand. Jenny machte auch
-nicht den Versuch, ihnen näherzukommen. Sie waren jetzt zwei sehr
-liebe, kleine Mädchen im Backfischalter, mit Bleichsucht, kleinen
-Verliebtheiten, Freunden und Freundinnen und ständigen Tanzvergnügen,
-munter und reichlich indolent. Doch der kleine Nils und Jenny waren
-im Laufe der Jahre immer bessere Kameraden geworden. Kalfatrus hatte
-Vater den kleinen Burschen getauft, und Jenny behielt den Namen bei. Er
-selbst nannte die Schwester Indiana.
-
-In den ganzen letzten Jahren der Trübsal waren die Nordmarksfahrten mit
-Kalfatrus die einzigen Stunden gewesen, in denen sie sich ausruhte.
-Am liebsten zogen sie im Frühling oder Herbst hinaus, wenn nur wenig
-Menschen in den Wäldern waren. Dann saß sie mit dem Jungen schweigend
-da und starrte in das Feuer, das sie sich gemacht hatten -- oder sie
-lagen langgestreckt auf dem Boden, in ihrem eigenen fürchterlichen
-Pöbeljargon schwatzend, den sie daheim nicht hören lassen durften mit
-Rücksicht auf die Gefühle der Mutter.
-
-Das Porträt von Kalfatrus war das erste Bild, mit dem sie zufrieden
-gewesen war. Es war auch brillant, und Gunnar schwor darauf, daß es in
-die Galerie hätte kommen müssen. Sie hatte seitdem auch nie wieder ein
-Bild gemalt, das so gut gelungen war.
-
-Sie hätte Berner malen müssen, Papa. Sie hatte ihn so gerufen, als
-seine Kinder zu sprechen anfingen. Damals hatte sie auch die Mutter
-Mama genannt. Damit hatte sie gewissermaßen vor sich selbst die
-Veränderung bestätigt, die mit der Mutter ihrer kurzen Kindheit und in
-dem Verhältnis zwischen ihnen vor sich gegangen waren.
-
-Und dann die erste Zeit hier unten! Als endlich der wahnsinnige Druck
-wich, der auf ihr gelegen hatte. Dieser Druck hatte ihr weh getan.
-Jetzt fühlte sie erst, wie jeder Nerv in ihr vor Ueberanstrengung
-gezittert hatte. Und sie hatte geglaubt, sie sei zu alt geworden, um
-jemals die Jugend zurückzuerobern. Von Florenz erinnerte sie sich an
-nichts weiter, als daß sie dort gefroren und sich verlassen gefühlt und
-nicht imstande gewesen war, das Neue in sich aufzunehmen. Ab und zu sah
-sie blitzartig den unendlichen Schönheitsreichtum um sich her und wurde
-verrückt vor Sehnsucht danach, ihn zu erfassen, zu verstehen und jung
-zu sein, zu lieben und geliebt zu werden.
-
-Dann die Lenztage, als Gunnar und Franziska sie mit nach Viterbo
-nahmen. Sonnenschein in dem nackten Eichenwalde, wo Anemonen und
-Veilchen und gelbe Aurikeln in dichten Massen zwischen dem bleichen,
-welken Laube blühten. Die kochenden, stinkenden Schwefelquellen, die
-draußen auf der fahlen steppenartigen Ebene vor der Stadt dampften,
-das Feld rings um den klagenden Quell war leichenblaß von erstarrtem
-Kalk. Der Hohlweg dort hinaus mit den Tausenden von smaragdgrünen,
-blitzähnlich hin- und herschießenden Vögeln in den Steinwällen, die
-Olivenbäume in den Wiesen, über denen weiße Schmetterlinge sich
-wiegten. Dann die alte Stadt mit den singenden Springbrunnen, den
-schwarzen mittelalterlichen Häusern und den Türmen an der Ringmauer
-und über allem der Mondschein in den Nächten. Und der gelbe, leicht
-prickelnde Wein, der von der vulkanischen Erde, auf der er gewachsen
-war, feurig schmeckte.
-
-Sie hatte mit den neuen Freunden Brüderschaft getrunken. Des Nachts
-vertraute Franziska ihr die Geheimnisse ihres ganzen bunten jungen
-Lebens an und kroch schließlich in ihr Bett, um sich trösten zu lassen.
-Während sie lag, wiederholte sie: Wie gut du bist! In der Schule hatte
-ich immer Angst vor dir! Daß du so gut bist!
-
-Gunnar war in beide verliebt. Er war übermütig wie ein junger Faun von
-Lenz und Sonne. Und Franziska ließ sich küssen und lachte und nannte
-ihn einen Schwatzmichel.
-
-Sie aber hatte Angst -- nicht vor ihm. Aber sie wagte nicht, seinen
-heißen roten Mund zu küssen, weil es sie nach etwas Sinnlosem, etwas
-Berauschendem und Leichtsinnigem gelüstete, das nur diese Tage über
-währen sollte, während Sonne und Lenz und Anemonen leuchteten und
-sie hier waren, etwas, worüber sie sich keine Rechenschaft zu geben
-brauchte. Sie wagte aber nicht, aus ihrem alten Ich zu schlüpfen, sie
-fühlte, sie würde dem Leichtsinn nicht leichtsinnig ein Ende machen
-können und er gewiß auch nicht. Sie hatte Gunnar Heggen des öfteren
-beobachtet -- mit anderen Frauen, mit denen er kleine Liebeleien gehabt
-hatte. Er war so, wie sie waren, und doch wieder nicht ganz, tief im
-Innern war er er selbst, ein Mann, der besser war als die meisten
-Frauen.
-
-Später hatte er über seine eigene Verliebtheit gelacht. Sie waren
-Freunde geworden, mehr und mehr. In der herrlichen, friedvollen,
-arbeitsreichen Zeit in Paris und später wieder hier unten.
-
-Aber dies hier mit Gram war ja etwas ganz anderes. Er weckte wahrhaftig
-keine verwegenen Gelüste oder wilden Sehnsuchtsgefühle in ihr. Herrgott
--- sie mochte ihn eben gern. Er war durchaus nicht dumm, wie sie
-erst gedacht hatte, nur gleichsam verschüchtert war er gewesen, als
-er hierher kam. Das war nun freilich etwas, das sie am besten hätte
-verstehen müssen. Etwas Weiches, Junges und Frisches lag über ihm, das
-sie an ihm gern mochte. Es war ihr deshalb, als sei er viel mehr als
-nur zwei Jahre jünger als sie. Was er indes von seiner Verliebtheit
-sagte -- war es wohl etwas anderes als nur ein kleiner Ueberschuß an
-Freude, wie sie ihn bei all dem Neuen und Befreienden erfaßte? Es war
-sicher ganz ungefährlich, sowohl für ihn als für sie.
-
-Sie hatten sie wohl lieb, die zu Hause. Franziska und Gunnar auch. Und
-doch -- ob wohl einer von ihnen heute Nacht an sie dachte? Sie war ganz
-und gar nicht betrübt darüber, daß sie von einem wußte, der es tat.
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Als sie am Morgen erwachte, sagte sie zu sich selber, er würde wohl
-nicht kommen, und das wäre natürlich auch das Beste. Als er aber an
-ihre Türe klopfte, war sie dennoch froh.
-
-„Fräulein Winge, ich habe noch nicht gefrühstückt, können Sie mir nicht
-ein wenig Tee geben und einen Bissen Brot?“
-
-Jenny sah sich im Zimmer um.
-
-„Ja, hier ist aber noch nicht aufgeräumt, Gram.“
-
-„Ich mache die Augen zu, und dann sperren Sie mich hinaus auf den
-Balkon,“ sagte er an der Tür. „Ich bin ja so schrecklich durstig auf
-Tee!“
-
-„Na ja, dann warten Sie einen Augenblick.“ Jenny warf die Decke über
-das ungemachte Bett und räumte den Waschtisch auf. Den Frisiermantel
-vertauschte sie gegen ihren langen Kimono.
-
-„So, bitte. Setzen Sie sich auf den Balkon hinaus, dann werde ich Ihnen
-Tee bringen.“
-
-Sie stellte ein kleines Taburett hinaus und brachte Brot und Käse
-herbei. Gram betrachtete ihre bloßen weißen Arme und die langen Aermel
-des Kimono, die um sie herflatterten. Das Gewand war dunkelblau, mit
-gelben und violetten Iris durchwirkt.
-
-„Wie wunderhübsch ist das Kleid -- ein echtes Geishagewand!“
-
-„Ja, es ist auch echt. Franziska und ich kauften uns beide eines in
-Paris -- für die Morgenstunden im Hause.“
-
-„Das liebe ich an Ihnen, daß Sie so gut gekleidet umhergehen, auch
-wenn Sie allein sind.“ Er zündete sich eine Zigarette an und blickte
-in den Rauch. „Ach -- des Morgens daheim -- das Mädchen und Mutter und
-Schwester liefen umher und sahen aus wie --. Finden Sie nicht, Frauen
-müßten sich so schön machen, als es ihnen nur möglich ist?“
-
-„Doch. Aber es geht nicht, wenn man des Morgens den Haushalt in Ordnung
-bringen muß, Gram.“
-
-„Zum Frühstück jedenfalls könnten sie sich doch das Haar machen und
-ein Kleid anziehen wie dies da, nicht wahr?“ Im selben Augenblick fing
-er eine Teetasse auf, die sie mit dem Zipfel ihres Aermels beinahe
-heruntergerissen hätte.
-
-„Nun, da können Sie sehen, wie praktisch das ist -- so, trinken Sie nun
-Ihren Tee, Sie waren ja so durstig.“ Sie entdeckte plötzlich Franziskas
-sämtliche helle Strümpfe, die zum Trocknen draußen hingen, und raffte
-sie in etwas nervöser Hast zusammen.
-
-Er aß und trank, während er sprach.
-
-„Ja, sehen Sie -- ich lag und überlegte gestern, bis fast zum Morgen.
-Darum verschlief ich und hatte nicht mehr Zeit, noch in eine Latteria
-zu gehen. Ich finde, wir sollten auf die Via Cassia hinauswandern, zu
-dem Plätzchen, wo Ihre Anemonen stehen.“
-
-„Das Anemonenplätzchen.“ Jenny lachte leise. „Als Sie ein Junge waren,
-Gram, hatten Sie da auch Anemonenwinkel und Veilchenplätzchen und
-dergleichen, wo Sie jedes Jahr Ihre Blumen holten, die Sie vor den
-anderen Kindern verheimlichten?“
-
-„Und +ob+ ich welche hatte. Ich weiß noch einen Birkenhain, wo es
-duftende Veilchen gab, an dem alten Holmenkollenweg.“
-
-„Oh, ich weiß,“ unterbrach sie ihn triumphierend. „wo der Sörkedalsweg
-abbiegt, gleich rechts.“
-
-„Richtig. Einen Ort wußte ich auch auf Bygdö, innerhalb Fredriksborg.
-Und in Skaadalen.“
-
-„Aber ich muß jetzt hinein und mich umziehen,“ sagte Jenny.
-
-„Ziehen Sie das Kleid an, das Sie gestern trugen, das wäre lieb von
-Ihnen,“ rief er ihr nach.
-
-„Es wird so staubig.“ Aber im selben Augenblick ärgerte sie sich. Warum
-sollte sie sich nicht damit putzen -- das alte schwarzseidene Kleid war
-viele Jahre hindurch ihre Staatsrobe gewesen -- nun brauchte sie es
-wirklich nicht mehr so ehrerbietig zu behandeln.
-
-„Ach, Unsinn! Ja, aber es ist im Rücken zu schließen, und Cesca ist
-jetzt nicht zu Hause.“
-
-„Kommen Sie, ich werde es zuknöpfen, ich bin darin Spezialist, ich
-habe meine Mutter und Sofie mein ganzes Leben lang im Rücken geknöpft,
-müssen Sie wissen.“
-
-Es waren nur zwei Knöpfe, gerade in der Mitte, die sie nicht allein
-schließen konnte. So ließ sie denn Grams Hilfe zu.
-
-Er spürte den schwachen, milden Duft ihres Haares und Körpers, während
-sie bei ihm draußen in der Sonne stand und ihn das Kleid zuknöpfen
-ließ. An der einen Seite entdeckte er plötzlich einige kleine
-Bruchstellen in der Seide, die sorgsam gestopft waren. Da füllte sich
-sein Herz mit einer unendlich weichen Zärtlichkeit für sie. --
-
-„Finden Sie den Namen Helge nett?“ fragte er, als sie später in einer
-Osteria, weit draußen in der Campagna, zusammen bei Tisch saßen und zu
-Mittag speisten.
-
-„Ja, er ist hübsch.“
-
-„Wissen Sie, daß ich mit Vornamen Helge heiße?“
-
-„Ja, ich sah, daß Sie sich im Verein hatten eintragen lassen.“
-Gleichzeitig errötete sie, denn ihr fiel ein, daß er wohl denken
-könnte, sie hätte danach geforscht.
-
-„Ja, ich glaube auch, der Name ist hübsch. Im Grunde gibt es wenige,
-die hübsch oder häßlich sind, nicht wahr? Kennt man irgend jemanden,
-der diesen oder jenen Namen hat, so kommt es darauf an, ob man diesen
-Menschen leiden mag oder nicht. Als ich ein Knabe war, hatten wir ein
-Kindermädchen, das Jenny hieß, die konnte ich nicht ausstehen. Seitdem
-meinte ich immer, es sei ein häßlicher und gewöhnlicher Name und ich
-fand es so unglaublich, daß Sie Jenny hießen. Jetzt dagegen finde ich
-den Namen wunderhübsch, gleichsam so blond. Hören Sie nicht, daß sein
-Klang ganz lichtblond ist? Jenny -- eine dunkle Frau kann so nicht
-heißen, Fräulein Jahrmann zum Beispiel nicht. Franziska paßt nun wieder
-genau zu ihr, nicht wahr? Der Name ist so kapriziös, Jenny aber ist so
-hell, so frisch und klar.“
-
-„Ich bin nach meinen Vorfahren so genannt. Es ist ein Familienname
-väterlicherseits,“ erwiderte sie, nur um etwas zu sagen.
-
-„Was stellen Sie sich zum Beispiel unter einer Rebekka vor?“ fragte er
-kurz darauf.
-
-„Ich weiß nicht. Ist das nicht ganz hübsch? Vielleicht ein wenig hart
-und klappernd.“
-
-„Meine Mutter heißt Rebekka,“ sagte Helge nach einer Weile. „Ich finde
-auch, es klingt hart. Und meine Schwester heißt Sofia. Sie heiratete,
-nur um von Hause fortzukommen und in ein eigenes Heim, davon bin ich
-überzeugt. Ist es nicht merkwürdig, daß meine Mutter so entzückt war,
-sie verheiraten zu können? selbst hat sie mit meinem Vater wie Hund und
-Katze gelebt. Aber der Staat, der mit Kaplan Arnesen gemacht wurde,
-war grenzenlos, als meine Schwester und er sich verlobten. Ich kann
-meinen Schwager nicht ausstehen. Ich glaube auch, mein Vater kann ihn
-nicht leiden. Aber Mutter. -- Meine ehemalige Verlobte hieß Katharine,
-sie wurde aber immer nur Titti genannt. Ich sah, daß sie auch Titti
-in die Zeitung setzen ließ, als sie sich verheiratete. Sie können mir
-glauben, das war eine dumme Geschichte. Es ist jetzt drei Jahre her.
-Sie hatte eine Vertretung an der Schule, wo ich Lehrer war. Hübsch war
-sie nicht im geringsten, nur rasend kokett allen Männern gegenüber; ich
-aber hatte es niemals erlebt, daß eine Dame sich etwas daraus machte,
-mit mir zu kokettieren. Das können Sie sich vielleicht denken, wenn
-Sie sich erinnern, welch eine Figur ich im Anfang hier unten machte.
-Und außerdem lachte sie immer -- sie sprühte Funken, wenn sie sich nur
-bewegte. Sie war erst neunzehn Jahre alt, Gott weiß, warum sie mich
-eigentlich nahm --. Ja, dann war ich natürlich rasend eifersüchtig,
-und das machte ihr Spaß. Je eifersüchtiger sie mich machte, desto
-verliebter wurde ich. Vielleicht war es meine Männereitelkeit -- aber
-ich hatte nun einmal eine Braut, die rasend umschwärmt war. Ich war
-damals ja noch sehr grün. Natürlich verlangte ich, sie sollte sich
-einzig um mich bekümmern, das war vermutlich ein ziemlich unbilliges
-Verlangen, so wie ich damals war. Wie gesagt, der Herrgott mag wissen,
-was Titti mit mir wollte. Zu Hause wollten sie, das Verlöbnis sollte
-noch geheimgehalten werden, weil wir so jung waren. Titti wollte es
-aber gern veröffentlichen, sie pochte darauf, daß ich fände, sie
-sei zu sehr von anderen in Anspruch genommen, daß sie aber nicht
-ausschließlich mit mir zusammen sein könnte, wenn wir nur heimlich
-verlobt wären. Sie kam dann nach Haus zu uns. Aber Mutter und sie
-zankten sich immer. Titti haßte Mutter geradezu. Im übrigen wäre es
-immer genau dasselbe gewesen, mit wem ich mich auch verlobt hätte.
-Mutter genügte der Umstand, daß sie meine Braut war. Ja, dann löste
-Titti die Verbindung.“
-
-„Waren Sie sehr unglücklich?“ fragte Jenny leise.
-
-„Ja, das war ich. Ich kam eigentlich nicht ganz darüber hinweg, erst,
-als ich hier war. Es war sicher vor allem meine Eitelkeit, welche litt.
-Wenn ich sie wirklich geliebt hätte, so hätte ich wünschen müssen, daß
-sie mit dem anderen glücklich würde, den sie jetzt geheiratet hat. Das
-war aber durchaus nicht der Fall.“
-
-„Das wäre wohl ein bißchen zu viel Edelmut gewesen,“ sagte Jenny
-lächelnd.
-
-„Ich weiß nicht. Dies Gefühl müßte man eigentlich haben, wenn man
-wirklich liebte. Nicht wahr? Aber wissen Sie, was ich so sonderbar
-finde? Daß Mütter gegen die Bräute ihrer Söhne so wenig freundlich
-gestimmt sind. Das ist nämlich immer dasselbe.“
-
-„Eine Mutter meint wohl, keine Frau sei gut genug für ihren Jungen.“
-
-„Ja, es ist aber nicht so, wenn die Töchter sich verloben. Ich sah es
-doch bei dem ekelhaften, rothaarigen, fetten Kaplan. Ich habe niemals
-mit meiner Schwester sympathisiert. Wenn ich aber daran dachte, daß
-dieser Kerl -- pfui. Wenn er zu Hause saß, und mit ihr koste ... Nein,
-wissen Sie, ich habe manchmal überlegt: Wenn Frauen eine Zeitlang
-verheiratet gewesen sind, werden sie weit zynischer als wir Männer.
-Sie sagen es nicht, aber ich merke es dennoch, wie zynisch sie im
-tiefsten Herzensgrunde geworden sind. Das Ganze ist ihnen nur ein
-Geschäft -- wenn die Tochter sich verheiratet, so sind sie froh.
-Nun hat man sie einem Kerl auf den Hals geladen, der sie mit sich
-schleppen, sie ernähren und kleiden muß. Daß sie sich als Gegenleistung
-in die Pflichten der Ehe zu finden hat, ist kein Grund, um die Sache
-besonders feierlich zu nehmen. Wenn dagegen ein Sohn für die gleiche
-Gegenleistung eine solche Last auf sich lädt, so sind sie naturgemäß
-nicht so begeistert. Glauben Sie nicht, daß darin ein Körnchen Wahrheit
-steckt?“
-
-„Mitunter trifft es wohl zu,“ sagte Jenny.
-
- * * * * *
-
-Als Jenny abends heimkehrte, zündete sie die Lampe an und begann an
-die Mutter zu schreiben -- sie wollte am liebsten gleich für die
-Geburtstagsgrüße danken und berichten, wie sie den Tag verlebt hatte.
-
-Ueber ihre eigene Feierlichkeit am vergangenen Abend mußte sie lachen.
-
-Ach, Herrgott! Ja, gewiß hatte sie es bitter gehabt und war einsam
-gewesen. Aber schwer hatten es eigentlich die meisten jungen Menschen,
-die sie gekannt. Viele noch weit schlimmer als sie. Sie brauchte nur
-an alle die alten und jungen Mädchen, Lehrerinnen auf der Volksschule,
-zu denken. Beinahe die meisten hatten eine alte Mutter zu versorgen
-oder Geschwister, denen sie vorwärtshelfen mußten. Auch Gunnar --
-und jetzt wieder Gram --. Sogar Cesca -- das verwöhnte Geschöpf aus
-einem reichen Hause -- mit ihren einundzwanzig Jahren hatte sie alle
-Brücken hinter sich abgebrochen und sich seitdem durchgehungert und
-vorwärtsgearbeitet, wobei ihr nur das kleine Muttererbe ein wenig half.
-
-Und was ihre eigene Einsamkeit betraf, so hatte sie die ja selbst
-gewählt. Stellte sie eins zum anderen, so war der Grund dafür wohl
-der, daß sie ihren eigenen Fähigkeiten mißtraute. Und um den Zweifel
-totzuschweigen, hatte sie sich daran geklammert, daß sie etwas
-Besonderes sei, etwas ganz Anderes als ihre Umgebung. Sie hatte die
-anderen selbst von sich gestoßen. Nun sie ein Stück Wegs erobert
-hatte, sich bewußt war, daß sie zu etwas taugte, da war sie ja weit
-umgänglicher geworden, weit menschenfreundlicher. Sie mußte zugeben,
-daß sie nie versucht hatte, anderen entgegenzukommen, weder als Kind
-noch als Erwachsene. Sie war zu hochmütig gewesen, den ersten Schritt
-zu tun.
-
-Alle Freunde, die sie gehabt -- vom Stiefvater bis zu Cesca und Gunnar
--- alle hatten zuerst die Hand nach ihr ausstrecken müssen.
-
-Dann das andere: War sie wirklich die leidenschaftliche Natur, für die
-sie sich selbst hielt? Ach! Sie war achtundzwanzig Jahre alt geworden,
-ohne je das kleinste Gefühl der Liebe gekannt zu haben. Und diese
-Tatsache berechtigte sie zu dem Vertrauen zu sich selbst, daß sie als
-Frau nicht Schiffbruch erleiden würde, sollte sie jemals einen Mann
-lieben. Gesund und schön war sie auch -- mit frischen Sinnen, die noch
-empfänglicher geworden durch ihre Arbeit und ihr Leben in der Fremde.
-Selbstverständlich sehnte sie sich danach, zu leben und geliebt zu
-werden -- leben zu dürfen.
-
-Sich jedoch selber weiszumachen, daß sie einer beliebigen Mannsperson
-in die Arme fliegen würde, die im kritischen Augenblick ihren Weg
-kreuzte -- nur weil das Blut aufsässig war ...! Einbildungen, mein
-Kind! Im Grunde wollte sie sich nur nicht eingestehen, daß sie sich
-hin und wieder ein wenig langweilte und ganz einfach das Verlangen
-empfand, eine kleine Eroberung zu machen und ein wenig umschwärmt zu
-werden wie die kleinen Mädchen -- was sie sonst eigentlich als ein
-niedriges Verlangen ansah. So zog sie es vor, das Gefühl feierlich
-als Lebenshunger auszulegen und sehnsüchtige Sinne vorzutäuschen,
-Faseleien, auf die die armen Männer gekommen waren, weil die Aermsten
-nicht wissen, daß die Frauen im allgemeinen gewöhnlich eitel und
-dumm sind, so daß sie sich langweilen, wenn sie nicht einen Mann
-zur Unterhaltung haben. Daher die ganze Fabel von den sinnlichen
-Frauen, die ebenso selten zu finden sind wie schwarze Schwäne und
-disziplinierte, guterzogene Frauen.
-
-Jenny stellte das Bildnis von Franziska auf die Staffelei. Die weiße
-Bluse und der grüne Gürtel lagen jetzt noch hart und häßlich auf. Die
-Farben mußten gedämpft werden. Das Antlitz versprach gut zu werden, die
-Stellung war natürlich. --
-
-Jedenfalls war kein Grund vorhanden, wegen dieser Geschichte mit Gram
-feierlich zu werden. Sie mußte doch weiß Gott einmal beginnen sich
-natürlich zu geben; diese Angst, die auch in den ersten Tagen ihrer
-Bekanntschaft mit Gunnar in ihr war, und die sie immer empfand, wenn
-ein neuer Mann in ihren Gesichtskreis trat, Angst davor, daß sie sich
-in ihn verlieben könnte oder er sich in sie, mußte sie abzustreifen
-suchen. Der Gedanke, daß ein Mann an ihr Gefallen finden könnte, war
-ihr so ungewohnt, daß auch er ihr Angst einflößte und sie verwirrte.
-
-Man mußte doch gut Freund miteinander sein können; es wäre ja sonst
-traurig bestellt um die Menschheit. Gunnar und sie waren ja Freunde --
-ruhig und fest. Zwischen ihr und Gram war so vieles, das die Grundlage
-einer Freundschaft hätte bilden können. Sie hatten soviel Gleiches
-durchgemacht.
-
-Etwas so Junges und Vertrauensvolles lag in seinem Wesen ihr gegenüber.
-Dieses „Nicht wahr?“ und „Finden Sie nicht?“, mit dem er immer kam.
-
-Sein Gerede von gestern, daß er sie liebe -- oder zu lieben glaube, wie
-er sich ausdrückte! Sie lachte vor sich hin. Nein, ein erwachsener
-Mann sprach nicht so, wenn er eine Frau ernstlich liebte und gewinnen
-wollte.
-
-Er war wirklich ein lieber Junge.
-
-Heute hatte er diese Frage gar nicht berührt.
-
-Ein warmes Gefühl für ihn war in ihr aufgewallt, als er sagte, wenn er
-sie wirklich geliebt hätte, hätte er doch wünschen müssen, daß seine
-ehemalige Braut mit dem Andern glücklich würde.
-
-
-
-
-X.
-
-
-Jenny und Helge liefen Hand in Hand die Via Magnanapoli hinab. Die
-Straße bestand aus einer einzigen Treppe, die zum Trajanischen Forum
-hinunterführte. Auf der letzten Stufe zog er sie an sich und gab ihr
-blitzschnell einen Kuß.
-
-„Bist du toll, weißt du nicht, daß es hierzulande nicht erlaubt ist,
-auf der Straße zu küssen?“
-
-Dann lachten sie beide. An einem der ersten Abende hatten zwei Wächter
-sie auf dem Lateranplatz angesprochen. Sie waren unter den Pinien an
-der alten Stadtmauer auf und ab gegangen und hatten sich geküßt.
-
-Der letzte Sonnenstreifen berührte die Bronzestatue des Heiligen auf
-der Säule und flammte an dem Mauerwerk der Häuser und an den Baumkronen
-der Anhöhe auf. Der Platz mit seinen alten verfallenen Häusern rings um
-das ausgegrabene Forum unterhalb des Straßenkörpers lag im Schatten.
-
-Jenny und Helge lehnten sich über das Geländer und versuchten,
-die fetten faulen Katzen zu zählen, die sich zwischen den grauen
-Säulenstümpfen drunten auf der grasüberwucherten Schuttstätte breit
-machten. Jetzt bei beginnender Dämmerung erwachten sie allmählich zum
-Leben. Ein rotes Tier, das auf dem Sockel der Trajanssäule gelegen
-hatte, reckte sich, wetzte seine Krallen am Mauerwerk und setzte in
-lautlos weichem Sprung auf das Gras, glitt wie ein heller Schatten
-davon und verschwand.
-
-„Ich zähle nicht mehr als dreiundzwanzig,“ sagte Helge.
-
-„Ich fünfundzwanzig.“ Sie wandte sich halb um und verscheuchte einen
-Ansichtskartenverkäufer, der herbeigekommen war und seine Ware in allen
-möglichen Sprachen anbot.
-
-Dann beugte sie sich wieder über das Geländer und starrte
-gedankenverloren in das buschige Gras, sich der leisen, glücklichen
-Mattigkeit hingebend, die eines langen Sonntages unzähligen Küssen
-draußen auf der mattgrünen Campagna folgte. Helge hielt ihre Hand auf
-seinem Arm fest und streichelte sie; Jenny strich über seinen Aermel
-und barg die Hand zwischen seine beiden Hände, während Helge leise und
-froh vor sich hinlachte.
-
-„Lachst du, Jung?“
-
-„Ich dachte nur an die Altertumsforscher.“ Da lachte sie auch -- still
-und gedankenlos, wie glückliche Menschen über etwas Gleichgültiges
-lachen.
-
-Des Morgens waren sie über das Forum gegangen, hatten eine Weile
-oben auf dem hohen Sockel der Foscassäule gesessen und miteinander
-geflüstert. Zu ihren Füßen breitete sich das Ruinenfeld aus, vom
-Sonnenlicht vergoldet und vom Alter verwittert, während Touristen,
-klein und schwarz, zwischen den Mauerresten umherkrabbelten. Aber
-ein wenig abseits, inmitten der Scharen der Reisegesellschaft die
-Einsamkeit suchend, schlenderte ein jungverheiratetes Paar. Er war
-fettleibig, sommersprossig und blond, mit Kniehosen und Kodak, und
-las seinem jungen Weibe aus dem Baedeker vor. Sie aber, ganz jung,
-üppig und dunkel, mit einem angeborenen hausfraulichen Gepräge in
-dem weichen, mehlweißen Gesicht, setzte sich auf einer umgestürzten
-Säule in Positur, worauf der Mann sie knipste. Die beiden aber, die
-oben zu Füßen der Foscassäule saßen und von ihrer Liebe flüsterten,
-gedankenlos, unbekümmert darum, daß sie sich zufällig auf dem Forum
-Romanum befanden, lachten.
-
-„Bist du hungrig?“ fragte Helge.
-
-„Nein. Du?“
-
-„Nein. Weißt du, wozu ich Lust hätte?“
-
-„Nein?“
-
-„Mit dir nach Haus zu gehen, Jenny. Bei dir zu Hause heute Abend Tee zu
-trinken. Geht das nicht?“
-
-„Ja, natürlich.“
-
-Sie schickten sich an, durch die Stadt hinabzugehen, durch die
-Seitengassen, Arm in Arm.
-
-Auf ihrem dunklen Treppenflur riß er sie plötzlich an sich. Sein Arm
-lag hart unter ihrer Brust, und er küßte sie wild und heftig, daß ihr
-Herz plötzlich stark und angstvoll zu schlagen begann. Zorn über sich
-selbst stieg in ihr auf, weil sie diese Furcht nicht zu überwinden
-vermochte.
-
-„Mein lieber Junge,“ flüsterte sie in der Dunkelheit; sie wollte sich
-dadurch selber zur Ruhe zwingen.
-
-„Wart’ noch einen Augenblick,“ flüsterte Helge, als sie drin das Licht
-anzünden wollte. Er küßte sie wie vorher. „Zieh dieses Geishagewand an,
-du siehst so lieb darin aus -- ich setze mich solange auf den Balkon
-hinaus.“
-
-Jenny zog sich im Finstern um. Dann setzte sie Teewasser auf und füllte
-die Vasen mit Anemonen und Mandelzweigen, bevor sie ihn hereinrief und
-die Lampe anzündete.
-
-„O Jenny!“ Er zog sie wieder an sich.
-
-„Du bist so schön. Alles ist so schön an dir. O, es ist herrlich bei
-dir zu sein. Ich wünschte, ich könnte immer bei dir sein.“
-
-Sie legte beide Hände um sein Gesicht.
-
-„Jenny, möchtest du das auch, daß wir immer beisammen sein könnten?“
-
-Sie blickte ihm in die schönen, goldbraunen Augen:
-
-„Ja Helge. Das möchte ich auch.“
-
-„Wünschst du nicht auch, daß er nie ein Ende nähme, dieser Lenz hier
-unten -- unser Lenz?“
-
-„Doch.“ Sie warf sich jäh im seine Arme. „O ja, Helge.“ Sie küßte ihn
-und ließ ihre halbgeöffneten Lippen und ihre geschlossenen Augen um
-mehr Küsse flehen. Die Worte von ihrem nimmer endenden Frühling
-schienen einen leisen angstvollen Schmerz in ihr zu wecken, sie wußte,
-daß dieser Frühling und ihr Traum einmal ein Ende finden +würden+.
-Und im Unterbewußtsein lag eine leise Furcht, über die sie sich keine
-Rechenschaft geben wollte, die aber lebendig geworden war, als er
-sagte: möchtest du, daß wir immer zusammen blieben?
-
-„Ich wünschte, ich brauchte nicht heimzureisen,“ sagte Helge innig.
-
-„Ich reise doch auch,“ flüsterte sie sanft. „Wir kehren wieder hierher
-zurück, Helge. Zusammen.“
-
-„Du hast dich also entschlossen, nach Hause zu fahren? Und nun komme
-ich dazwischen und zerstöre alle deine Pläne?“
-
-Sie küßte ihn rasch und sprang fort zum kochenden Teewasser.
-
-„Nein, ich war schon vorher halb dazu entschlossen, siehst du, da Mama
-mich ja doch sehr nötig hat.“ Sie lachte. „Fast schäme ich mich -- sie
-ist ja so gerührt darüber, daß ich nach Hause komme und ihr helfen
-will. Und dabei ist es nur, weil ich mit meinem Liebsten zusammen sein
-möchte. Aber es ist schon gut so. Ich wohne ja billiger zu Haus, wenn
-ich ihr auch beistehe, und kann vielleicht ein wenig sparen. Dann
-bewahre ich das Geld auf -- bis auf später ...“
-
-Helge nahm die Teetasse, die sie ihm reichte. Dann ergriff er ihre Hand.
-
-„Aber wenn du das nächste Mal fortreist, nimmst du mich mit! Ja, denn
--- du willst doch -- du meinst doch -- daß wir uns heiraten, Jenny?“
-
-Sein Antlitz war so jung und sah in so banger Frage zu ihr auf, daß sie
-es wieder und wieder küssen mußte. Sie vergaß, daß sie sich vor diesem
-Wort selbst gefürchtet hatte, das vorher zwischen ihnen nicht gefallen
-war.
-
-„Es wird wohl das Praktischste sein, mein Junge. Da wir uns doch
-darüber einig sind, daß wir immer zusammen bleiben wollen.“
-
-Helge küßte still ihre Hand.
-
-„Wann?“ flüsterte er nach einer Weile.
-
-„Wann du willst,“ erwiderte sie ebenso leise -- und fest.
-
-Wieder küßte er ihre Hand.
-
-„Ich wünschte, es ließe sich so einrichten, daß wir uns hier unten
-heiraten könnten,“ sagte er kurz darauf in einem anderen Ton.
-
-Sie antwortete nicht, sondern strich nur über sein Haar.
-
-Helge seufzte auf: „Aber es geht nicht. Wenn wir doch bald nach Hause
-fahren müssen ... Es würde wohl auch deine Mutter kränken -- so eine
-übereilte Hochzeit, nicht wahr?“
-
-Jenny schwieg. Es war ihr noch niemals in den Sinn gekommen, daß sie
-ihrer Mutter Rechenschaft schuldig war für ihre Heirat, so wenig als
-ihre Mutter sie gefragt hatte, als sie wieder heiratete.
-
-„Ich weiß jedenfalls, daß es meine Eltern verletzen würde. Ich bin
-nicht eben froh darüber, Jenny, aber ich weiß, es würde der Fall sein.
-Am liebsten möchte ich nach Hause schreiben, daß ich mich verlobt habe.
-Und da du etwas früher als ich nach Hause reisen willst -- würdest du
-dann wohl zu uns hinaufgehen und sie begrüßen?“
-
-Jenny warf den Kopf zurück, geradeso, als wollte sie ein unbehagliches
-Gefühl verjagen. Dann sagte sie:
-
-„Ich werde tun, was du willst, mein Freund; das kannst du dir wohl
-denken.“
-
-„Ich denke selbst nicht gern daran, Jenny. O nein. Es ist so herrlich
-gewesen, dies hier -- nur du und ich auf der ganzen Welt. Aber es
-würde meine Mutter sehr verletzen, weißt du. Ich möchte ihr das Leben
-nicht noch schwerer machen, als es für sie schon ist. Ich liebe meine
-Mutter nicht mehr so wie früher -- das weiß sie auch, und grämt sich
-sehr darüber. -- Es sind ja nur Formalitäten, aber sie würde sehr
-darunter leiden, wenn sie glauben müßte, ich wollte sie übergehen. Sie
-würde denken, daß es eine Rache sei für die Geschichte, du weißt....
-Wenn das dann überstanden ist, Jenny, können wir heiraten. Dann hat
-uns niemand weiter dreinzureden. Ich wünschte, daß es recht bald sein
-könnte. Du nicht auch?“
-
-Sie küßte ihn als Antwort.
-
-„Ich sehne mich ja so nach dir, Jenny,“ flüsterte er. Jenny wehrte sich
-nicht gegen seine Liebkosungen. Aber plötzlich ließ er sie los, scheu
-und hastig ...
-
-Ein wenig später saßen sie am Ofen und rauchten, sie im Lehnstuhl, er
-auf dem Fußboden, den Kopf in ihrem Schoß.
-
-„Kommt Cesca auch heute Nacht nicht nach Hause?“ fragte er plötzlich
-leise.
-
-„Nein, sie bleibt bis Ende der Woche in Tivoli,“ sagte Jenny schnell
-und ein wenig nervös.
-
-Helge liebkoste ihre Knöchel und Spann unter dem Saum dem Kimono.
-
-„Du hast so schöne, schmale Füße, Jenny!“ Er strich über die schlanke
-Wade. Und plötzlich preßte er ihr Bein heftig an seine Brust.
-
-„Du bist ja so herrlich, so herrlich. Ich hab dich so lieb -- weißt
-du, wie ich dich liebe, Jenny? Ich will hier auf dem Boden liegen, dir
-zu Füßen -- setz die kleinen schmalen Schuhe auf meinen Nacken -- tu
-es!“ Er warf sich plötzlich lang vor ihr nieder, versuchte, ihre Beine
-hochzuheben und ihre Füße auf seinen Kopf zu legen.
-
-„Helge. Helge!“ Seine plötzliche Heftigkeit jagte einen kurzen Schreck
-durch ihren Körper. Aber ich habe ihn doch lieb, sagte sie zu sich
-selbst. Fürchte ich mich denn vor dem, was mein Geliebter will? Sie
-fühlte seine brennend heißen Hände durch die dünnen Strümpfe.
-
-Als sie aber merkte, daß er sie unter die Schuhsohle küßte, stieg
-plötzlich ein Unwillen in ihr empor. In einem verwirrten Gefühl von
-Angst und Unlust lachte sie gezwungen auf.
-
-„Nein Helge, laß sein -- die Schuhe, mit denen ich auf den schmutzigen
-Straßen umhergehe!“
-
-Helge Gram richtete sich auf -- ernüchtert und gedemütigt. Sie suchte
-es wegzulachen:
-
-„Bedenke doch, die Schuhe -- du kannst dir doch denken, daß Tausende
-von ekelhaften Bakterien daran kleben.“
-
-„Ach, du Pedant! Und du willst Künstlerin sein?“ Jetzt lachte er auch.
-Uebertrieben lustig, um seine Verwirrung zu verbergen, nahm er sie
-in seine Arme, während sie beide aus vollem Halse lachten: „Reizende
-Braut, laß mich sehen -- gewiß doch. Du riechst nach Terpentin und
-Oelfarben.“
-
-„Unsinn, Geliebter! Ich habe bald drei Wochen lang keinen Pinsel
-angerührt. Du sollst dich aber waschen, bitte sehr.“
-
-„Hast du vielleicht Karbolwasser, damit ich gehörig desinfiziert
-werde?“ Er überfiel sie mit eingeseiften Händen. „Frauenzimmer sind
-chemisch gereinigt von aller Poesie, sagte mein Vater immer.“
-
-„Ja, darin hat dein Vater Recht, Junge!“
-
-„Du verstehst es, eine Kaltwasserkur zu verordnen,“ sagte Helge lachend.
-
-Jenny wurde plötzlich ernst. Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände
-auf seine Schultern, indem sie ihn küßte:
-
-„Ich will nicht, daß du auf dem Erdboden zu meinen Füßen liegst, Helge!“
-
- * * * * *
-
-Als er aber gegangen war, schämte sie sich. Es war wohl doch so, als
-wenn sie eine Kaltwasserkur hätte verordnen wollen, dachte sie. Sie
-wollte es aber nicht wieder tun. Sie liebte ihn doch.
-
-Heute Abend hatte sie eine Niederlage erlitten. Ihr war der Gedanke
-gekommen, was wohl Signora Rosa sagen würde, wenn sich etwas ereignete.
-Und diese Furcht vor einem Auftritt mit einer gekränkten Signora, und
-ihr eigener Versuch, aus diesem Grunde das Versprechen, das sie ihrem
-Jungen gegeben hatte, nicht einzulösen, demütigte sie.
-
-Denn, als sie seine Küsse entgegennahm, seine Küsse erwiderte, da
-verpflichtete sie sich ja, ihm alles zu geben, was er von ihr erbitten
-würde. Sie war ja die Letzte, die sich auf ein Spiel einlassen wollte
--- Liebe annehmen und Kleinigkeiten zurückgeben, nicht mehr, als daß
-sie sich ohne Verlust von dem Spiele zurückziehen könnte, wenn sie sich
-anders entschieden hätte.
-
-Diese Angst vor etwas, das sie noch nie durchgemacht hatte, war im
-Grunde nur Nervosität.
-
-Und doch, sie war froh gewesen, solange er sie nicht um mehr gebeten,
-als sie fröhlich gewähren konnte. Die Stunde mußte ja kommen, wo sie
-selbst den Wunsch hatte, ihm alles zu geben.
-
-Ach, es war so langsam und unmerklich gekommen, wie der Frühling hier
-im Süden. Ebenso gleichmäßig und sicher, ohne schroffe Uebergänge. Es
-gab keine kalten und stürmischen Tage, die das Herz wild machten vor
-Sehnsucht nach Sonne und überströmendem Licht, nach verzehrender Glut.
-Keinen jener unheimlich klaren, endlosen, hinreißenden Lenzabende wie
-daheim. War der Sonnentag vorübergegangen, so fiel die Nacht still und
-gleichmäßig hernieder, die Kühle kam im Gefolge der Finsternis und
-verleitete nur zu geborgenem, ruhigem Schlummer zwischen den warmen,
-schimmernden Tagen. Jeder Tag war ein wenig wärmer als der vergangene,
-jeder Tag brachte einige Blumen mehr auf der Campagna, die doch nicht
-grüner war als gestern und dennoch soviel grüner und weicher als vor
-einer Woche.
-
-So war zu ihr auch die Liebe gekommen. Jeden Abend war ihre Sehnsucht
-nach dem folgenden Sonntag mit ihm draußen vor den Mauern gewachsen
-und ganz allmählich wandelte sich ihr Sehnen und suchte ihn selber
-und seine junge, warme Liebe. Sie hatte seine Küsse hingenommen, weil
-es sie glücklich machte, und Tag für Tag waren ihrer Küsse mehr, bis
-endlich die Gespräche zwischen ihnen verstummt und zu lauter Küssen
-geworden waren.
-
-Sie sah, daß er reifer und männlicher wurde, mit jedem Tage. Alle
-Unsicherheit glitt von ihm ab; die plötzliche Niedergeschlagenheit
-überfiel ihn jetzt nie mehr. Sie selbst wurde sicherer, wärmer,
-fröhlicher. Es war nicht mehr ihrer Jugend kühle, streitbare
-Selbstsicherheit, sondern eine herzliche Sorglosigkeit; sie war nicht
-mehr mißtrauisch gegen das Leben, das sich ihren Träumen nicht hatte
-fügen wollen. Jetzt nahm sie vertrauensvoll jeden Tag hin, in froher
-Erwartung, daß das Unvorhergesehene gut werde und zum Guten gewendet
-werden könne.
-
-Warum sollte die Liebe nicht so kommen dürfen -- langsam wie die Wärme,
-die von Tag zu Tag wuchs und sich Zeit ließ, sich auszubreiten und
-glühender zu werden. Weil sie früher geglaubt hatte, die Liebe käme wie
-ein Unwetter, das im Nu einen anderen Menschen aus ihr schüfe, den sie
-selbst nicht kannte, über den ihr alter Wille keine Macht mehr hatte?
-
-Helge -- er nahm dieser Liebe langsames, gesundes Erblühen so unendlich
-sanft und ruhig hin. An jedem Abend, wenn sie einander Gute Nacht
-gewünscht hatten, war ihr Herz von Dank für ihn erfüllt, daß er sie
-nicht um mehr gebeten, als sie an diesem Tage geben konnte.
-
-Oh, wenn sie doch nur hierbleiben könnte, bis zum Mai, zum Sommer, den
-ganzen Sommer über! Wenn ihre Liebe hier unten reifen könnte, bis sie
-ganz eins geworden waren, so selbstverständlich, wie sie jetzt einander
-näher traten.
-
-Irgendwo in den Bergen zusammen wohnen können, diesen Sommer! Die
-Formalitäten der Eheschließung könnten sie dann hier in der Stadt in
-Ordnung bringen oder im Herbst zu Hause. Natürlich wollten sie sich
-heiraten, wie es üblich war, wenn zwei einander liebten.
-
-Dachte sie daran, daß sie nach Hause reisen sollte, so war es ihr, als
-fürchte sie, aus einem Traum zu erwachen.
-
-Aber das war ja alles Unsinn. Sie hatten sich doch so unsagbar lieb.
-Nein, sie konnte diese Störungen mit Verlöbnis und Besuch bei
-Verwandten und dergleichen nicht leiden. Doch das waren Nichtigkeiten.
-
-Aber ewig Dank für diesen weichen Lenz hier unten, der sie so still
-und sanft einander zugeführt hatte, Beide allein draußen zwischen den
-Tausendschön der frühlingsjungen Campagna.
-
- * * * * *
-
-„Glaubst du nicht, Jenny wird es eines Tages bereuen, daß sie sich
-mit diesem Gram verlobt hat,“ fragte Franziska Gunnar Heggen, als sie
-einmal oben bei ihm saß.
-
-Heggen wendete und drehte seine Zigarre hin und her. Er bemerkte
-plötzlich, daß es ihm früher niemals in den Sinn gekommen war, wie
-indiskret es sei, Franziskas Angelegenheiten mit Jenny zu erörtern.
-Aber über Jennys intimere Verhältnisse mit Franziska zu sprechen, war
-etwas anderes.
-
-„Begreifst du, was sie mit ihm will?“ fragte Franziska wieder.
-
-„Das begreift man in den meisten Fällen nicht, Cesca. Besonders, was
-ihr mit diesem oder jenem Menschen wollt. Ich glaube bei Gott,“ er
-lachte leise vor sich hin, „wir bilden uns ein, daß wir wählen. Aber
-wir gleichen unseren Brüdern, den unvernünftigen Tieren, mehr, als wir
-zugeben wollen. Eines schönen Tages ist über unsere Liebe verfügt,
-wobei unsere natürliche Veranlagung die Hauptschuld trägt, während Ort
-und Gelegenheit das Uebrige tun.“
-
-„Ich verstehe dich nicht, Gunnar,“ sagte Franziska und zog die
-Schultern hoch. „Ist denn so über dich dauernd verfügt worden?“
-
-Gunnar lachte -- ein wenig unwillig:
-
-„Vielleicht nie -- in genügendem Maße. Ich habe nie den kritiklosen
-Glauben an eine Frau, daß sie die einzige sei, kennen gelernt. Der
-gehört aber auch mit zur rechten Liebe, und wiederum ist die natürliche
-Veranlagung des Menschen die Ursache dazu.“
-
-Franziska starrte gedankenvoll vor sich hin:
-
-„Es mag häufig der Fall sein. Aber es kommt auch vor, daß man einen
-bestimmten Menschen liebt, ohne daß Zeit und Umstände die Triebfeder
-sind. Ich -- ich liebe jenen Mann, weil ich ihn nicht verstehe. Ich
-konnte es damals nicht fassen, daß es Menschen seiner Art geben sollte.
-Ich wartete auf ein Ereignis, das alles, was ich gesehen und beobachtet
-hatte, ins rechte Licht rücken und erklären würde. Ich grub nach einem
-verborgenen Schatz -- und da wurde ich besessen, je länger ich grub.
-Und der Gedanke, daß eine andere Frau ihn finden könnte, brachte mich
-schließlich an den Rand des Wahnsinns. -- Es +gibt+ Menschen, die einen
-anderen lieben, weil dieser in ihren Augen vollkommen ist, weil sie
-in ihm gefunden haben, wonach es sie verlangte. Hast du nie die Liebe
-gekannt, die dich nur Gutes und Schönes und Edles an einem Weibe sehen
-ließ, so daß du alles an ihm lieben mußtest?“
-
-„Nein,“ sagte er kurz.
-
-„Ja, aber das ist erst die richtige Liebe. Meinst du nicht? Und ich
-hätte gewünscht, daß Jenny auf diese Art lieben würde. Aber so +kann+
-sie Gram nicht lieben.“
-
-„Ich kenne ihn eigentlich gar nicht, Cesca. Ich weiß nur, er ist nicht
-so dumm wie er aussieht, wie man zu sagen pflegt. Das heißt, ich
-glaube, er ist bedeutender, als man nach dem ersten Eindruck denken
-sollte. Jenny hat wohl gemerkt, wes Geistes Kind er eigentlich ist.“
-
-Cesca schwieg. Sie entzündete eine Zigarette und ließ das
-Wachszündhölzchen ausbrennen, mit den Augen gedankenvoll der Flamme
-folgend.
-
-„Hast du nicht bemerkt -- er fragt immer ‚finden Sie nicht?‘ und
-‚stimmt das nicht?‘ und so. Liegt nicht etwas Feminines oder Unfertiges
-über ihm?“
-
-„Vielleicht. Aber es kann ja sein, daß gerade dies Jenny angezogen hat.
-Sie ist ja stark und auch selbständig. Vielleicht mag sie am liebsten
-gerade einen Mann, der schwächer ist als sie selber.“
-
-„Ich will dir etwas sagen, Gunnar. Ich glaube gar nicht, daß Jenny
-so stark und selbständig ist. Sie war aber auch auf sich selber
-angewiesen. Daheim mußte sie unterstützen und helfen und selbst besaß
-sie keine Seele, bei der sie Schutz suchen konnte. Als wir uns kennen
-lernten, nahm sie sich meiner an, weil sie sah, daß ich viel weicher
-war als sie und ihrer bedurfte. Jenny hat immer Menschen getroffen,
-die bei ihr Zuflucht suchten. Auch Gram bedarf ihrer. Ja, sie +ist+
-stark und sicher, sie fühlt es auch, und niemand bittet vergebens um
-ihre Hilfe. Aber kein Mensch vermag auf die Dauer immer Anderen eine
-Stütze zu sein, ohne je selber zu empfangen. Begreifst du denn nicht,
-daß sie furchtbar einsam werden muß, wenn sie immer die Stärkste sein
-soll? Sie +ist+ allein, und heiratet sie diesen Menschen, so wird es
-auch nicht anders. Alle sprechen wir mit Jenny über uns selbst, sie
-aber hat niemanden, mit dem sie reden kann. Oh, Jenny sollte einen Mann
-haben, zu dem sie aufsehen könnte, dessen Autorität sie fühlte, zu dem
-sie sagen könnte: so und so habe ich gelebt, so habe ich gearbeitet
-und so habe ich gekämpft, denn so, meinte ich, sei es recht gewesen.
-Sie sollte einen Menschen haben, der über ihr Recht und Unrecht zu
-entscheiden imstande ist. Gram +kann+ es nicht, er ist ihr unterlegen.
-Und dann kann sie auf sein Urteil nicht vertrauen, nicht wahr? Der
-Mann, den Jenny braucht, muß genügend Autorität besitzen, um ihre
-Gedanken zu bestätigen oder zu verwerfen. ‚Nicht wahr?‘ und ‚finden Sie
-nicht?‘ -- jetzt sollte Jenny so fragen dürfen!“
-
-Sie schwiegen beide lange, dann blickte Heggen auf und sagte:
-
-„Es ist recht seltsam, Cesca. Gilt es deine eigenen Geschichten,
-so weißt du meistens weder aus noch ein. Wenn du aber über die
-Angelegenheiten anderer sprichst, so habe ich oft den Eindruck, als
-sähest du am klarsten von uns allen.“
-
-Franziska seufzte schwer auf:
-
-„Darum habe ich ja auch oft die Idee, ins Kloster zu gehen, Gunnar.
-Wenn ich außerhalb des Ganzen stehe und es beschaue, so glaube ich,
-alles zu begreifen. Wenn ich aber selbst mitten drin sitze, so verwirrt
-es mich vollständig.“
-
-
-
-
-XI.
-
-
-Die saftigen, blaugrünen Riesenblätter der Kaktusbüsche waren zerrissen
-von Namen, Buchstaben und Herzen. Helge stand und schnitzte ein H und
-ein J hinein. Jenny hatte den Arm um seine Schulter gelegt und sah ihm
-zu.
-
-„Wenn wir hierher zurückkehren,“ sagte Helge, „so ist es eine solche
-braune Narbe wie die anderen. Glaubst du, daß wir es wiederfinden,
-Jenny?“
-
-Sie nickte.
-
-„Unter all den anderen,“ sagte er mißmutig. „Es stehen so viele Namen
-hier. Wir gehen dann wieder hier hinaus und suchen danach -- wollen
-wir?“
-
-„Ja.“
-
-„Glaubst du daran, daß wir wieder hierher kommen, Jenny? Daß wir wieder
-hier stehen werden wie jetzt -- oder nicht?“ Er zog sie an sich.
-
-„Warum sollten wir nicht, mein Freund?“ Eng umschlungen gingen sie auf
-ihren Tisch zu. Und dicht aneinandergeschmiegt saßen sie und starrten
-auf die Campagna hinaus.
-
-Der Sonnenschein des Frühlingstages rückte höher hinan und die
-Schlagschatten wanderten über die Hügel. Mitunter schoß das Licht in
-großen Strahlenbündeln hervor, wenn blanke Wolken, leicht und ruhig
-bewegt, über den blauen Himmel dahinsegelten. Aber draußen am Horizont,
-wo der dunkle Eukalyptuswald bei Tre Fontane über den entferntesten
-Hügelkamm lugte, dampfte ein perlenweißer Nebel auf; gegen Abend würde
-er wohl wachsen und den ganzen Himmel überfluten.
-
-Weit drüben in der Ebene floß die Tiber dem Meere zu, golden, wenn sie
-der Sonnenschein traf, doch bleigrau mit mattem Glanz wie der Bauch
-eines Fisches, wenn die Wolken sich in ihr spiegelten.
-
-Die Tausendschön leuchteten wie frischgefallener Schnee auf den Hügeln.
-Auf dem Abhang unterhalb des Gemüsegartens der Osteria keimte der junge
-Weizen empor, lichtgrün und seidenweich. Mitten auf dem Acker draußen
-standen zwei Mandelbäumchen, deren Blütenkronen blaßrot schimmerten.
-
-„Unser letzter Tag in der Campagna,“ sagte Helge. „Ist es nicht
-seltsam?“
-
-„Für dieses Mal --“. Sie küßte ihn und wollte ihrem eigenen Mißmut
-nicht nachgeben.
-
-„Ja. Denkst du niemals daran, Jenny, daß es, wenn wir wieder hier
-sitzen, dann so nicht wieder sein kann wie jetzt? Man ändert sich
-dauernd, Tag für Tag -- wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir wieder
-hier unten sitzen. Nächstes Jahr -- nächsten Frühling -- es ist dann
-nicht mehr dieser Frühling, Jenny. Wir sind dann auch nicht mehr
-+genau+ dieselben. Und unsere Liebe? Wir werden uns ebenso lieben, aber
-nicht auf ganz dieselbe Art.“
-
-Jenny zog die Schultern hoch, als wenn es sie fröstelte:
-
-„So etwas würde eine Frau niemals sagen, Helge,“ und sie versuchte zu
-lachen.
-
-„Findest du es so seltsam, daß ich das sage? Ich kann nicht von dem
-Gedanken loskommen. Denn ich finde, diese Monate haben mich so sehr
-verändert. Dich auch -- entsinnst du dich des ersten Morgens? Du
-sagtest, alles sei dir so verändert erschienen, als du hinaustratest.
-So wie ich war, als ich hierher kam, konntest du mich damals ja nicht
-liebgewinnen, Jenny, nicht wahr?“
-
-Sie strich ihm über die Wangen:
-
-„Aber Helge, mein Jung, das ist ja eben die große Veränderung --
-daß wir uns liebgewonnen haben. Und unsere Liebe wächst und wächst
-beständig. Wenn wir uns jetzt verändern, so liegt das nur daran, daß
-unsere Liebe wächst. Darum braucht man doch keine Furcht zu hegen? Wir
-sind zwei frohe Menschen geworden -- das ist die Veränderung. Entsinnst
-du dich des Tages -- meines Geburtstages -- des Tages auf der Via
-Cassia? Die ersten feinen Fäden begannen damals, sich zwischen uns zu
-spinnen; jetzt ist ein starkes Band daraus geworden und es wird immer
-stärker. Ist das ein Grund, sich zu fürchten, Helge?“
-
-Er küßte sie auf den Hals:
-
-„Morgen reist du --“.
-
-„Ja. Und in sechs Wochen kommst du nach.“
-
-„Ja. Aber dann sind wir nicht hier. Wir können nicht in die Campagna
-fahren. Das ist es eben, daß wir mitten im Frühling aufbrechen müssen.“
-
-„Daheim haben wir auch Frühling, Helge. Auch dort gibt es Lerchen. Sieh
-diese treibenden Wolken -- das ist fast wie daheim. Denk an den Vestre
-Aker, Jung -- an ganz Nordmarken. Da wollen wir zusammen hinauf gehen.
-Oh, der Frühling daheim, mit weißen Schneestreifen in allen Schluchten
-rings um den blauen, blauen Fjord! Dann die letzten Schneeschuhfahrten
-auf der Frühjahrsbahn; wir machen vielleicht in diesem Jahre auch noch
-eine Skifahrt zusammen. Wenn der Schnee so naß ist, daß er nicht einmal
-knirscht, wenn alle Bäche brausen und sprudeln, der Abendhimmel sich
-über uns breitet, grün und klar, mit großen glitzernden Goldsternen
-bestickt und die Skier in den Felsspalten schürfen und knirschen.“
-
-„Ja, ja.“ Er bog sie sanft zu sich hinüber. „Vestre Aker -- Nordmarken
-.... Ich bin dort soviel allein umhergegangen, daß es mir davor graut.
-Ich habe das Gefühl, als müßten dort Fetzen meiner alten abgelegten
-Seelen auf jedem Busche hängen.“
-
-„Still, still! Es kann so schön werden. Mit meinem Freunde an all den
-Orten umherzugehen, wo ich so viel allein und traurig gewesen bin, so
-manchen Lenz hindurch.“
-
-Hand in Hand wanderten sie über die graugrüne Campagna. Jetzt, gegen
-Abend, hatte der Wolkenschleier sich über den ganzen Himmel gebreitet,
-und ihnen entgegen wehte der Frühlingswind.
-
-Jenny sagte weh und sehnsuchtsvoll jedem einzelnen Dinge Lebewohl.
-Drunten auf der Fahrstraße knirschten Heuwagen, von Ochsen gezogen,
-deren weißgraue Haut in sammetweiches Braun überging, und vor den
-blaubemalten Weinkarren läuteten die Glöckchen an dem roten Saumzeug
-der Maultiere.
-
-Alles war lieb und vertraut hier draußen, alles hatte sie Tag für Tag
-mit ihm zusammen hier gesehen und selber nicht gewußt, daß sie es sah;
-nun fühlte sie plötzlich, daß alles in ihre Seele eingebrannt war
-zugleich mit der Erinnerung an diese Tage.
-
-Hier der trockene, rotbraune Hügel, dessen starres, kurzes Wintergras
-von Tag zu Tag weicher und grüner geworden war, die treuen Tausendschön
-auf der mageren Erde, die geheimnisvollen Gruben, in die das Erdreich
-zusammengestürzt war, vor denen sie verwundert gestanden hatten; die
-dornigen Hecken am Rande der Wege und die blanken, saftiggrünen Blätter
-der wilden Kalla unter den Büschen ...
-
-Der Lerchen unablässiges Trillern hoch oben unter der weißen
-Himmelskuppel, die wunderlich glasartigen Töne der unzähligen
-Drehorgeln, die weit draußen auf den Osterien in der Ebene zum Tanz
-aufspielten und immer die gleichen kleinen italienischen Melodien hören
-ließen.
-
-Der Gedanke, daß sie von diesem allen lassen sollte, kam ihr so sinnlos
-vor.
-
-Sie ging mit Helge durch den flutenden Frühlingswind, der ihren Körper
-durchkühlte wie ein Bad; sie fühlte sich selbst wie ein kühles,
-frisches, saftgefülltes Blatt, und sie sehnte sich danach, sich ihm zu
-geben.
-
-In ihrem dunklen Hausflur sagten sie sich zum letzten Male Lebewohl.
-Sie wollten nicht voneinander lassen.
-
-„Könnte ich doch heute Nacht bei dir bleiben! Jenny!“
-
-„Helge.“ Sie drängte sich an ihn. „Du darfst!“
-
-Er umfaßte sie heftig, ihre Hüften, ihre Schultern. Aber sobald sie es
-ausgesprochen hatte, erzitterte sie. Sie wußte selbst nicht, warum ihr
-Angst wurde -- sie +wollte+ nicht ängstlich sein. Im selben Augenblick
-bereute sie, daß sie eine Bewegung gemacht hatte, als wollte sie
-sich aus seiner harten Umarmung befreien. Aber da hatte er sie schon
-freigegeben.
-
-„Nein. Nein. Ich weiß ja, daß es unmöglich ist.“
-
-„Ich will ja so gern,“ flüsterte sie gedemütigt.
-
-„Ja, ja.“ Er küßte sie. „Ich weiß, daß du ... aber ich weiß auch, daß
-ich nicht darf --.“
-
-„Dank, Jenny! Hab Dank für alles! Jenny, Jenny -- Dank für deine Liebe!
-Gute Nacht.“ --
-
-Die Tränen rannen kalt über ihre Wangen, als sie in ihrem Bett lag. Sie
-versuchte sich selbst klarzumachen, daß es sinnlos sei, zu liegen und
-so zu weinen als wäre irgend etwas Schönes zu Ende gegangen, irgend ein
-Glück zersprungen.
-
-
-
-
- Zweites Buch
-
-
-
-
-I.
-
-
-Als Jenny in Fredrikshald über den Bahnsteig lief, um im Warteraum
-ein wenig Kaffee zu sich zu nehmen, hielt sie einen Augenblick inne.
-Irgendwo über ihr tirilierte eine Lerche.
-
-Sie schloß die Augen, als sie dann am Abteilfenster saß. Die Sehnsucht
-nach dem Süden war schon erwacht.
-
-Der Zug sauste an kleinen, mutwillig zerrissenen und geborstenen
-Bergkuppen aus rotem Granit vorbei. Der Fjord schimmerte stellenweise
-in ungebrochenem, leuchtendem Azurblau hindurch. An den Felsen hinan
-klammerte sich die Föhre fest. Die Nachmittagssonne lag auf roten,
-erzen schimmernden Stämmen und tiefgrünen, metallblanken Kronen; es
-war, als glänzte alles vom Bade nach der Schneeschmelze. Bächlein
-gurgelten den Bahnkörper entlang, und die nackten Kronen der Laubbäume
-leuchteten in der klaren Luft.
-
-Es war hier so anders als im Lenz des Südens. Sie aber sehnte sich nach
-ihm -- seinem langsamen, gesunden Atem, seiner Farben milder Freude.
-Diese Farbenorgien hier erinnerten sie an andere Lenztage -- mit wilder
-Sehnsucht nach heißen Freuden, die ihrem jetzigen ruhigen Glück nicht
-eigen waren.
-
-Oh, der Frühling dort unten mit dem leise sprießenden Grün auf der
-endlosen Ebene! Das Gebirge umgab sie mit strengen, festen Linien. Die
-Menschen hatten den Wald gerodet und ihre mauergekrönten steingrauen
-Städte auf den Felsspitzen errichtet, ihre silberfarbenen Olivenhaine
-an den Hängen aufgepflanzt. Das Leben hatte sich Jahrtausende über
-in den Felsen geregt, und die Berge trugen geduldig die kleine Welt
-auf ihren Schultern, dennoch in ewiger Einsamkeit und Ruhe ihre
-Scheitel gen Himmel hebend. Diese stolzen, strengen Linien, der Farben
-gedämpftes Silbergrau, Graublau und Grüngrau, diese uralten Städte und
-der langsam vorwärtsschreitende Frühling! Wie viel man auch erzählte
-von des Südens schäumendem Leben, so schien dort doch der Lebensodem
-in ruhigem, gesünderem Zeitmaß die Menschen zu durchströmen als hier
-im Norden. Trotz des Lenzes mutwilliger Gewalt im Süden war es dort
-leichter, die Frühlingswoge vorüberbrausen zu lassen.
-
-Ach Helge! Könnte ich doch bei dir sein! Ihr schien die Zeit, die sie
-mit ihm verlebt, so unendlich fern. Kaum eine Woche war vergangen, seit
-sie sich getrennt hatten, und doch war ihr alles wie ein Traum, als sei
-sie nie von der Heimat fortgewesen.
-
-Wie dankte sie dem Schicksal, das sie von hier geführt. So hatte sie
-nicht zu sehen und zu fühlen brauchen, wie der weiße, ruhevolle,
-frostklare Winter wich, wie die klingende, stärkende, lichtblaue
-Luft, von silberreinem, feuchtem Dunst durchtränkt, über den braunen
-Erdschollen zitterte. Die Luft flimmerte, alle Linien lösten sich auf,
-während die Farben scharf und brennend, gleichsam nackt, hervortraten,
-bis der Abend kam, und alles unter einer Flut blaßgrünen, zehrenden
-Lichtes erschauerte, das nicht weichen wollte.
-
-Mein kleiner Junge, was du wohl jetzt treibst. Ich sehne mich ja so
-nach dir -- ich kann es fast nicht glauben, daß du mir gehörst. Ich
-will bei dir sein, ich will nicht allein hier umhergehen und mich
-den ganzen langen, unheimlich hellen Frühling hindurch nach dir
-verzehren. --
-
-Weiter hinauf in Smaalene lagen schmelzende Schneestreifen am
-Waldessaum und unter den Steinwällen. Die welkbraunen Erdschollen und
-umgepflügten Aecker breiteten sich in milden Farben aus, und hier,
-wo die Himmelskuppel sich höher wölben konnte, erblaßte das blendend
-starke Blau nach dem Horizonte zu allmählich. Die niedrige wellige
-Kette der bewaldeten Bergkuppen lag weit drüben, während das feine
-Geäst der einzelnen freistehenden Baumgruppen draußen im Lande sich wie
-Spitzenwerk in der Luft abzeichnete.
-
-Altersgraue Gehöfte gleißten wie Silber, und neue rote Nebengebäude
-glühten tief auf. Der Föhrenwald leuchtete olivengrün, Birkendickicht
-und Espenstämme hoben sich rotviolett und lichtgrün dagegen ab.
-
-Ja, es war Frühling. Die hitzigen Farben brennen eine Weile, bis alles
-gelbgrün schimmert und vor Lebensfreude eine Zeitlang strahlt, um ein
-paar Wochen später zu dunkeln und zu reifen und dem Sommer zu weichen.
-
-Der Frühling des Nordens ist unersättlich -- kein Glück ist ihm
-strahlend genug! --
-
-Der Abend fiel hernieder, während der Zug gen Norden brauste. Die
-letzten langen, roten Sonnenstrahlen blitzten über eine Felskuppe.
-Dann blieb nur ein güldener Schein am wolkenlosen Himmel zurück, der
-unendlich langsam hinstarb.
-
-Als der Zug Moß verließ, ragten die Berge kohlschwarz zum
-grünlichklaren Himmel auf. Die Spiegelung lag noch tiefdunkler,
-durchsichtig schwarz auf dem grasgrünen Fjord. Ein einziger großer
-Stern stand über der Bergspitze, sein Bild drunten auf dem Wasser
-zitterte wie ein dünner Strahl Goldes.
-
-Jenny mußte an Franziskas Nachtbilder denken. Das Leben der Farben nach
-Sonnenuntergang war das, was Cesca am liebsten festzuhalten suchte.
-Gott weiß, wie es ihr eigentlich ging. Sie arbeitete übrigens fleißig
-in der letzten Zeit. Jenny hatte Gewissensbisse. Die beiden letzten
-Monate hatte sie Cesca kaum gesehen und doch durchfuhr sie oftmals
-der Gedanke, daß Cesca es wohl schwer hatte. Aber alle guten Vorsätze
-Jennys, sich einmal mit Cesca auszusprechen, waren umsonst gewesen.
-
- * * * * *
-
-Es war Nacht, als sie in Kristiania einfuhr. Mutter, Bodil und Nils
-nahmen sie auf dem Bahnhof in Empfang.
-
-Ihr war, als hätte sie die Mutter erst vor einer Woche gesehen. Frau
-Berner weinte, als sie die Tochter küßte: „Willkommen daheim, mein
-liebes Kind -- Gott segne dich!“
-
-Bodil aber war groß geworden. Sie sah fesch und elegant aus in dem
-fußfreien Straßenkostüm. Kalfatrus begrüßte sie ein wenig fremd.
-
-Diese Luft auf dem Bahnhofsmarkt war etwas für sich, die gab es in der
-ganzen Welt nicht wieder -- Geruch von Seewasser und Kohlenruß und
-Heringslauge.
-
-Die Droschke holperte über die Carl Johannstraße, an den bekannten
-Häusern vorüber. Die Mutter fragte sie nach der Reise. -- Jenny überkam
-ein seltsam alltägliches Gefühl. Es war ihr, als sei sie niemals fort
-gewesen. Die Kinder auf dem Rücksitz sprachen kein Wort.
-
-Oben auf dem Wergelandswege, vor einer Gartentür, standen zwei junge
-Menschen und küßten sich unter einer Gaslaterne. Ueber den nackten
-Baumkronen des Schloßparkes wölbte sich der Himmel tiefblau und
-klar mit wenigen mattschimmernden Sternen. Jenny spürte einen Hauch
-wie von moderndem Laub durch die Nacht, einen Hauch aus vergangenen
-sehnsuchtsschweren Tagen.
-
-Der Wagen hielt vor dem Tore daheim, ein großer ummauerter Hof zog sich
-hinter dem Hause den Haegdehaug hinauf. Im Milchladen des Erdgeschosses
-war Licht und die „Delikatesse“ guckte heraus, als sie den Wagen halten
-hörte, rief Guten Tag und bot Jenny ein Willkommen.
-
-Ingeborg kam die Treppe herabgestürmt und umfing Jenny. Dann lief sie
-mit dem Handkoffer der Schwester wieder nach oben.
-
-Im Wohnzimmer war der Teetisch gedeckt. Jenny erblickte ihre Serviette
-mit dem alten Silberring, der noch vom Vater stammte, auf ihrem alten
-Platz, neben Kalfatrus auf dem Sofa.
-
-Ingeborg stürzte in die Küche hinaus, während Bodil Jenny in ihr
-Kämmerchen führte, das nach dem Hofe hinausging. Ingeborg hatte es
-bewohnt, während Jenny im Auslande war, sie hatte noch nicht alle ihre
-Sachen beiseite geräumt. An den Wänden hingen Schauspielerkarten;
-Napoléon und Madame Recamier in Mahagonirahmen waren an jeder Seite von
-Jennys altem Empirespiegel über der Kommode angebracht.
-
-Jenny wusch sich und ordnete ihr Haar. Sie hatte das Gefühl, als sei
-ihre Haut schwarz von der Reise, und fuhr sich mit der Puderquaste
-ein paar Mal über das Gesicht. Bodil schnupperte am Puder -- ob er
-parfümiert sei.
-
-Sie gingen hinein zum Tee. Ingeborg hatte ein warmes Fischgericht
-zubereitet, sie war in diesem Winter auf der Kochschule gewesen. Hier
-drinnen unter der Lampe sah Jenny, daß beide Schwestern die dicken
-krausen Flechten im Nacken mit weißer Seidenschleife hochgebunden
-trugen. Ingeborgs kleines Mulattenfrätzchen war ein wenig schmaler und
-bleicher geworden, sie hustete aber jetzt nicht.
-
-Und nun sah Jenny auch, daß die Mutter älter geworden war. Oder
-täuschte sie sich? Hatte sie vielleicht damals, während sie daheim war
-und sie jahrelang Tag für Tag sah, nur nicht bemerkt, daß der feinen
-Fältchen in Mutters blondem Antlitz mehr und mehr, daß die Schultern
-spitzer wurden, die hohe, mädchenhaft schlanke Gestalt gebeugter? Seit
-Jenny erwachsen war, hatte sie hören müssen, daß Mama aussah wie ihre
-etwas ältere, schönere Schwester.
-
-Es wurde von allem gesprochen, was sich im verflossenen Jahre daheim
-zugetragen hatte.
-
-„Warum nahmen wir eigentlich kein Automobil für den Heimweg?“ fragte
-Nils plötzlich. „Das wäre doch das Praktischste gewesen.“
-
-„Du kommst nun allerdings reichlich spät mit deinem Vorschlag, Junge.“
-Jenny mußte lachen.
-
-Das Gepäck kam, und Mutter wie Schwestern folgten atemlos dem
-Auspacken. Ingeborg und Bodil trugen die Sachen ins Kämmerchen und
-verstauten sie in den Kommodeschiebladen. Sie befühlten fast mit
-Andacht die gestickte Wäsche, die, wie Jenny erklärte, in Paris gekauft
-war. Ueber die Geschenke jubelten sie -- Rohseide für Sommerkostüme und
-venetianische Perlenketten. Sie standen vor dem Spiegel, warfen die
-Seide prüfend über die Schulter und legten die Halsketten um die Stirn.
-
-Nur Kalfatrus fragte nach ihren Bildern und lüftete die Blechtrommel
-mit der Leinwand.
-
-„Wieviel hast du da, Jenny?“
-
-„Sechsundzwanzig. Es sind aber meistens kleine Bilder.“
-
-„Wirst du eine Separatausstellung veranstalten?“
-
-„Ich weiß noch nicht recht, gedacht habe ich daran.“
-
- * * * * *
-
-Die Mädels hatten aufgewaschen, Nils hatte sein Bett auf dem Sofa in
-der Wohnstube zurechtgemacht. Frau Berner und Jenny saßen im Zimmer der
-Tochter bei einer zweiten Tasse Tee und einer Zigarette.
-
-„Wie findest du Ingeborg?“ fragte die Mutter ängstlich.
-
-„Sie ist frisch und lebhaft, sieht auch nicht schlecht aus. Aber
-natürlich, in ihrem Alter ist nicht damit zu spaßen. Wir müssen sehen,
-daß wir sie aufs Land hinausschicken, bis sie wieder ganz frisch ist,
-Mama.“
-
-„Ingeborg ist immer so lieb und gut, munter und vergnügt. Und so
-tüchtig im Haushalt. Ich bange mich so um ihretwillen, Jenny. Ich
-glaube, sie hat diesen Winter zu viel getanzt, ist allzu viel draußen
-gewesen und zu spät ins Bett gekommen. Aber ich brachte es nicht übers
-Herz, es ihr zu verbieten. Du hattest es so trübselig, Jenny, und ich
-sah sehr wohl, daß du Vergnügen und Freude entbehrtest. -- Ich war
-überzeugt, sowohl du wie Papa würden mir Recht geben, wenn ich dem
-Kinde sein Vergnügen ließe, solange es sich bot.“ Frau Berner seufzte.
-„Meine armen kleinen Mädels -- Mühsal und Arbeit, das ist es nur, was
-sie erwartet. Was soll werden, Jenny, wenn ihr mir noch obendrein krank
-werdet? Ich kann so wenig für euch tun, meine Kinder.“
-
-Jenny beugte sich zu ihr hinüber und küßte ihr die Tränen von den
-schönen, kindergroßen Augen. Sie schmiegte sich an die Mutter und
-die Sehnsucht, Zärtlichkeit zu erweisen und selber zu empfangen, die
-Erinnerung an vergangene Tage der Kindheit und das Bewußtsein, daß ihre
-Mutter der Tochter Leben mit seinen früheren Sorgen und seiner jetzigen
-Glückseligkeit nicht gekannt hatte, flossen zusammen zu dem Gefühl
-schützender Liebe. Frau Berner legte ihren Kopf an der Tochter Brust.
-
-„Nicht weinen, Mama -- das wird alles schon werden, du sollst nur
-sehen. Nun bleibe ich ja vorläufig zu Hause. Und dann haben wir doch
-Gott sei Dank noch etwas von Tante Katharines Geld übrig.“
-
-„Aber Jenny, das brauchst du doch für deine Ausbildung. Ich habe ja
-nach und nach eingesehen, daß du an deiner Ausbildung nicht gehindert
-werden darfst. Es war eine solche Freude für uns alle, als du das Bild
-im letzten Herbst verkauftest.“
-
-Jenny lächelte ein wenig. Jenes Bild, das verkauft wurde, und die
-wenigen Worte in der Zeitung über sie -- es war, als sähe ihre ganze
-Familie danach mit ganz anderen Augen auf ihre Malerei.
-
-„Das renkt sich noch alles ein, Mama. Alles. Ich kann etwas nebenher
-verdienen, wenn ich zu Hause bin. Ein Atelier +muß+ ich haben,“ sagte
-sie einen Augenblick darauf. Und sie fügte hinzu, hastig, erläuternd:
-„Denn ich muß meine Bilder im Atelier vollenden.“
-
-„Ja aber,“ die Mutter sah ganz entsetzt aus. „Du wohnst doch zu Hause,
-Jenny?“
-
-Jenny antwortete nicht gleich.
-
-„Ich finde, es geht nicht anders, mein Kind,“ fuhr die Mutter fort.
-„Ein junges Mädchen kann nicht allein im Atelier wohnen.“
-
-„Nein, gewiß, +wohnen+ kann ich hier,“ entgegnete Jenny. --
-
-Sie holte Helges Photographie hervor, als sie allein war. Dann setzte
-sie sich hin, um an ihn zu schreiben.
-
-Erst ein paar Stunden war sie jetzt zu Hause. Aber alles, was sie dort
-unten erlebt hatte, schien ihr so grenzenlos fern und fremd. So ohne
-Zusammenhang mit ihrem Leben hier zu Hause -- früher und jetzt.
-
-Der Brief wurde zu einer einzigen sehnsüchtigen Klage.
-
-
-
-
-II.
-
-
-Jenny hatte ein Atelier gemietet. Sie ging umher und räumte ein.
-Nachmittags kam Kalfatrus, um ihr zu helfen.
-
-„Du bist ein gefährliches Langbein geworden, Kalfatrus. Ich war nahe
-daran, Sie zu dir zu sagen, Bengel, als ich dich das erste Mal sah.“
-
-Der Junge lachte.
-
-Jenny erkundigte sich nach all seinem Tun und Lassen während ihrer
-Abwesenheit, und Nils erzählte. Er und Jakop und Bruseten -- zwei neue
-Jungen, die im vergangenen Herbst in die Klasse gekommen waren --
-hatten eine Zeitlang oben in Nordmarken in den Holzhauerkojen als Wilde
-gelebt, und ihrer Abenteuer waren unzählige. Jenny fragte sich, während
-sie ihm zuhörte, ob wohl je wieder Zeit bliebe zu Nordmarksfahrten für
-sie und Kalfatrus. --
-
-An den Vormittagen streifte sie in der Gegend von Bygdö umher --
-allein in dem weißen Sonnenschein. Bleich lag die Erde mit dem
-toten, gelblichweißen Gras da. Am Waldrande nach Norden zu fand sich
-noch immer alter Schnee unter den stahlschwarzen Nadeln. Aber an
-den Südhängen schimmerten die nackten Zweige der Laubbäume in der
-sonnengetränkten Luft, und unter dem alten, wärmenden Laub lugten
-weiche Blauanemonenknöspchen hervor. Dort draußen war die Luft schon
-von Vogelgezwitscher erfüllt. --
-
-Helges Briefe las sie wieder und wieder -- sie trug sie bei sich.
-Sie sehnte sich nach ihm, krankhaft, ungeduldig, sehnte sich, ihn zu
-schauen, ihn zu berühren, zu fühlen, daß sie ihn auch wirklich besaß.
-
- * * * * *
-
-Zwölf Tage war sie nun daheim, und noch war sie nicht dazu gekommen, zu
-seinen Eltern zu gehen. Als er schließlich zum dritten Male in einem
-Briefe fragte, raffte sie sich auf. Morgen sollte es Wahrheit werden.
-
-Das Wetter war im Laufe der Nacht umgeschlagen. Ein beißender Nordwind
-fegte daher -- stechende Sonnenglut und wirbelnde Wolken von Staub und
-Papier in den Straßen -- und plötzlich ein Hagelschauer, so heftig,
-daß sie in einem Torweg Schutz suchen mußte. Die harten weißen Körner
-spritzten rings um ihre niedrigen Schuhe und dünnen Sommerstrümpfe von
-den Pflastersteinen auf.
-
-Dann kam die Sonne wieder hervor.
-
-Grams wohnten in der Welthavensstraße. Jenny stand einen Augenblick an
-der Ecke still. Der Schatten lag klamm und eiskalt zwischen den beiden
-Reihen schmutziggrauer Häuser. Nur auf der einen Seite fiel hoch oben
-ein Sonnenstreifchen hinein. Sie wurde froh, sie wußte, daß Helges
-Eltern im vierten Stock wohnten.
-
-Diese Straße war vier Jahre hindurch ihr Schulweg gewesen. Da waren
-sie wieder, die winzig kleinen dunklen Kaufläden, die Fenster mit
-Blumentöpfen in zerrissenem Seidenpapier und farbigen Majolikakrügen
-und die vergilbten Modenzeitungen an den Fenstern der Näherinnen,
-die Torwege, die auf kohlschwarze Hinterhöfe hinausstarrten. Noch
-immer lagen hier Haufen schmutzigen Schnees und machten die Luft in
-den Hofräumen rauh. Die Straßenbahnen fuhren mit schwerem Getöse die
-hügelige Straße hinauf.
-
-Gleich daneben, an der Pilengasse, lag eine von den rußigen, grauen
-Mietskasernen mit einem Hofplatz, der einer dunklen Höhle glich. Dort
-hatten sie gewohnt, als der Stiefvater starb.
-
-Sie verweilte ein wenig draußen vor der Eingangstür mit dem
-Messingschilde G. Gram. Sie hatte Herzklopfen und versuchte, über sich
-selbst zu lachen. Immer ging es ihr so; sinnlos beklommen war sie, wenn
-sie in eine Lage kam, die sie sich nicht Jahre im voraus hatte ausmalen
-können. Herrgott -- ein Paar zukünftiger Schwiegereltern waren doch
-keine besonders wichtigen Persönlichkeiten für sie. Auffressen würden
-sie sie jedenfalls kaum können. Sie läutete.
-
-Drinnen hörte sie jemanden durch einen langen Korridor kommen, und
-gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Helges Mutter. Jenny erkannte sie
-von der Photographie her.
-
-„Frau Gram? -- Mein Name ist Winge.“
-
-„Ah so -- bitte sehr, wollen Sie nicht nähertreten?“
-
-Sie ging vor Jenny her durch einen langen, engen Gang, der angefüllt
-war mit Schränken, Kisten und Mänteln.
-
-„Bitte schön,“ sagte Frau Gram wieder und öffnete die Tür zum
-Wohnzimmer. Helles Sonnenlicht lag auf den schweren moosgrünen
-Plüschmöbeln; der Raum war nicht groß und gestopft voll von Nippes und
-Photographien. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in schillernden Farben,
-vor allen Türen hingen Plüschportieren.
-
-„Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe hier so lange nicht Staub
-wischen können,“ sagte Frau Gram. „Wir sind an Werktagen nämlich nie
-in diesem Zimmer, und ich bin augenblicklich ohne Mädchen. Das letzte
-mußte ich wegjagen -- die ärgste Schmutzliese, und dann konnte sie
-ihren Mund nie halten. So sagte ich ihr denn, sie sollte machen, daß
-sie fortkäme. Aber eine neue zu bekommen -- das ist unmöglich, und
-schließlich sind sie eine wie die andere. Nein, Hausfrau, das ist der
-schlimmste Beruf, den es gibt. -- Ja, Helge hatte uns ja auf Ihren
-Besuch vorbereitet, jetzt hatten wir aber die Hoffnung wahrhaftig
-aufgegeben, daß Sie uns die Ehre geben würden.“
-
-Während sie lächelte und sprach, zeigte sie eine Reihe großer, weißer
-Vorderzähne. An beiden Seiten fehlten die Augenzähne und hatten eine
-dunkle Lücke hinterlassen.
-
-Jenny betrachtete sie, Helges Mutter.
-
-Sie hatte sich dies alles so ganz anders gedacht.
-
-Nach seinen Erzählungen hatte sie sich ein Bild von seinem Heim und
-seiner Mutter gemacht. Die Mutter mit dem schönen Antlitz, das auf
-der Photographie Helge ähnlich war, mochte sie gern. Sie, die der Mann
-nicht liebte, die aber ihre Kinder so geliebt hatte, daß sie sich
-dagegen auflehnten und rebellierten, hinaus wollten, fort von dieser
-tyrannischen Mutterliebe, die es nicht ertrug, daß sie etwas anderes
-seien als nur ihre Kinder. In ihrem Herzen hatte Jenny Partei ergriffen
-für diese Mutter. Männer konnten kaum verstehen, wie eine Frau werden
-mußte, die Liebe gab und niemals Liebe zurück empfing, außer der
-Kindesliebe der ersten Jahre. Die Kinder begriffen ja die Gefühle einer
-Mutter nicht, wenn sie sie heranwachsen und sich von ihr abwenden sah,
-begriffen nicht, daß eine Mutter sich in Trotz und Zorn gegen das
-unerbittliche Leben auflehnte, das daran Schuld war, daß die Kinder
-groß wurden und nicht mehr ihr Ein und Alles in der Mutter sahen, für
-die doch bis in alle Ewigkeit die Kinder das Höchste bedeuteten.
-
-Jenny hatte Helges Mutter lieben wollen.
-
-Und nun empfand sie eine rein physische Abneigung gegen diese Frau
-Gram, die da vor ihr saß und unaufhörlich redete.
-
-Es waren wohl Helges Züge wie auf dem Bilde. Diese hohe, ein wenig
-schmale Stirn, die fein gebogene Nase und die gradlinigen, dunklen
-Brauen, der kleine Mund mit den feinen schmalen Lippen und das spitze
-Kinn.
-
-Um ihren Mund lag aber ein Ausdruck, als ob alles, was sie sprach, nur
-Spott sei. Ein spöttischer und bösartiger Zug war in all den feinen
-Runzeln des Gesichts. Die großen Augen, selten schön geschnitten mit
-ganz emailleblauem Weiß im Apfel, hatten einen harten, stechenden
-Blick, diese großen, tiefbraunen Augen, die viel dunkler waren als die
-Helges.
-
-Schön mußte sie gewesen sein, selten schön. Und dennoch wußte Jenny
-ganz bestimmt, was ihr früher schon einmal eingefallen war, daß Gert
-Gram diese Frau kaum aus Liebe geheiratet hatte. Dame war sie auch
-durchaus nicht -- weder in Sprache noch Wesen. Es gab ja so viele
-nette junge Mädchen im Mittelstande, die zu Vetteln wurden, sobald
-sie eine Weile verheiratet waren und sich in der Enge des Hauses mit
-Dienstmädchen- und Wirtschaftssorgen einige Jahre abgeplagt hatten.
-
-„Kandidat Gram bat mich, zu Ihnen zu gehen und Sie von ihm zu grüßen,“
-sagte Jenny. Sie empfand es plötzlich als eine Unmöglichkeit, Helge bei
-seinem Namen zu nennen.
-
-„Ja, er war in der letzten Zeit nur mit Ihnen zusammen, in den letzten
-Briefen erwähnt er jedenfalls niemand anderes. Uebrigens schwärmte er
-im Anfang wohl ein bißchen für ein kleines Fräulein Jahrmann, glaube
-ich?“
-
-„Meine Freundin, Franziska -- ja, im Anfang waren wir eine ganze Schar,
-die sich oft zusammenfand. Aber jetzt zuletzt war Fräulein Jahrmann mit
-einer größeren Arbeit beschäftigt.“
-
-„Sie ist wohl die Tochter von Oberstleutnant Jahrmann in Tegneby? Hat
-sie nicht Geld?“
-
-„Nein. Ihre Ausbildung bestreitet sie von dem Wenigen, was sie von
-ihrer Mutter geerbt hat, sie steht nicht eben auf gutem Fuße mit ihrem
-Vater, d. h. er wünschte nicht, daß sie Malerin wurde, und dann wollte
-sie nichts von ihm annehmen.“
-
-„Wie töricht. -- Meine Tochter, Frau Kaplan Arnesen,“ sagte Frau Gram,
-„kennt sie flüchtig, sie war hier zu Weihnachten. Sie meinte übrigens,
-da spielten andere Gründe mit, weshalb Oberstleutnant Jahrmann nichts
-mit ihr zu tun haben wollte; sie soll ja so hübsch sein, aber einen
-recht schlechten Ruf haben.“
-
-„Das ist durchaus unwahr,“ sagte Jenny steif.
-
-„Ja, Sie Künstlerinnen haben es gut,“ Frau Gram seufzte. „Aber ich
-begreife nicht, wie Helge arbeiten konnte. Ich fand, er schrieb nie
-von etwas anderem, als daß er mit Ihnen hier und dort in der Campagna
-herumgestreift sei.“
-
-„Oh -- oh,“ sagte Jenny. -- Es war peinlich über das Leben dort unten
-aus Frau Grams Munde zu hören. „Kandidat Gram war sehr fleißig, fand
-ich. Einen Feiertag muß man doch hin und wieder haben.“
-
-„Ja. Wir Hausfrauen müssen freilich ohne solche auskommen. Warten
-Sie, bis Sie verheiratet sind, Fräulein Winge. Aber auch andere
-Menschen sollen ihre freien Tage haben. Ich habe eine Nichte, die eben
-Volksschullehrerin geworden ist. Sie sollte Medizin studieren, konnte
-es aber nicht aushalten, sie mußte aufhören und aufs Seminar gehen.
-Ja, ich finde, die hat immer frei. Du wirst dich doch wahrhaftig nicht
-überanstrengen, Aagot, sage ich zu ihr.“
-
-Frau Gram verschwand durch eine Tür auf den Korridor hinaus. Jenny
-erhob sich und betrachtete die Malereien.
-
-Ueber dem Sofa hing eine große Campagnalandschaft. Man konnte wohl
-sehen, daß Helges Vater in Kopenhagen gelernt hatte. Das Bild war gut
-und solide gezeichnet, aber dünn und trocken in der Farbe. Besonders
-der Vordergrund mit den beiden Italienerinnen in Nationaltracht und
-den miniaturartig gemalten Pflanzen an einer umgestürzten Säule waren
-langweilig. Die Modellstudie eines jungen Mädchens darunter war besser.
-
-Sie mußte lächeln. -- Man konnte beim Anblick dieser italienischen
-Romantik verstehen, daß es Helge im Anfang schwer gefallen war, sich in
-Rom zurechtzufinden, und daß es ihn enttäuscht hatte.
-
-Da waren viele kleine braune, zierlich gezeichnete Landschaften von
-Italien mit Ruinen und Nationaltrachten. Aber die Studie des Priesters
-dort war gut.
-
-Einige Kopien dagegen -- Corregios Danaë und Guido Renis Aurora --
-oh Gott! Außerdem fanden sich noch einige andere Kopien von barocken
-Bildern, die sie kaum kannte.
-
-Dann hing an der einen Seite noch eine große hellgrüne
-Sommerlandschaft. Gram hatte versucht, impressionistisch zu malen. Das
-Bild war aber dünn und häßlich in den Farben. Das dort über dem Klavier
-war besser. Sonnenglut über den Felsspitzen, die Luft war entzückend
-wiedergegeben.
-
-Daneben hing ein Porträt der Frau des Hauses. Das war das beste.
-Tatsächlich, es war gut. Die Gestalt plastisch modelliert. Ebenso die
-Hände. Dann das hellrote Kleid mit den Verzierungen, die durchbrochenen
-schwarzen Halbhandschuhe. Das olivenbleiche Gesicht mit den dunklen
-Augen unter den Stirnlocken und der hohe, spitze schwarze Hut mit roter
-Feder. Sie stand aber leider wie an den Hintergrund geklebt, der mit
-einem säuerlichen Graublau übermalt war.
-
-Und dort noch ein Kinderbild „Bamse vier Jahre“, stand oben auf dem
-Rahmen. Nein, Herrgott -- war das Helge, der kleine schmollende Kerl im
-weißen Hemdchen? O, wie lieb er aussah!
-
-Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Kakes herein. Jenny
-murmelte etwas von Umstände machen:
-
-„Ich habe mir die Bilder Ihres Gatten angesehen, Frau Gram.“
-
-„Ja, ich verstehe mich ja nicht sonderlich darauf, aber ich finde
-sie großartig. Mein Mann behauptet freilich, es wäre nichts an ihnen
-dran, aber das ist wohl nur so hingesagt. Nein,“ sie lachte etwas
-bitter. „Mein Mann ist so sonderbar. Von der Malerei konnten wir nicht
-leben, als wir heirateten und Kinder bekamen, so daß er daneben etwas
-Nützliches betreiben mußte. Dann hatte er aber keine Lust, so nur
-nebenher zu malen, und darum behauptete er eines schönen Tages, er
-hätte kein Talent. Ich finde ja seine Bilder schöner als die modernen
-Sachen, aber Sie sind wohl anderer Meinung, Fräulein Winge?“
-
-„Ja, die Bilder Ihres Gatten sind sehr schön,“ entgegnete Jenny.
-„Besonders das Bildnis von Ihnen, Frau Gram. Das ist wirklich reizvoll.“
-
-„O ja. Aber es hat freilich nicht viel Aehnlichkeit -- geschmeichelt
-hat Gram mich nicht.“ Sie lachte wieder ihr kleines, bitteres, böses
-Lachen. „Nein, das kann man nicht gerade behaupten. +Ich+ finde ja,
-er malte viel netter, ehe er begann, all das nachzuäffen, was damals
-plötzlich modern wurde -- Sie wissen, Thaulow und Krogh und Konsorten.“
-
-Jenny trank ihren Rhabarberwein schweigend aus, während Frau Gram
-sprach.
-
-„Ich würde Sie gern zu Mittag einladen, Fräulein Winge. Aber ich mache
-die Wirtschaft allein und dann ist man ja nicht auf Gäste vorbereitet,
-das können Sie sich wohl vorstellen. Ich kann also leider nicht. Aber
-das nächste Mal, hoffe ich.“
-
-Jenny verstand, daß Frau Gram sie gern los sein wollte. Das war ja auch
-begreiflich, wenn sie kein Mädchen hatte. Sie war wohl gerade beim
-Mittagkochen. So verabschiedete sie sich denn.
-
-Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so im
-Vorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätte
-leuchtend blaue Augen.
-
-
-
-
-III.
-
-
-Zwei Tage später, als Jenny des Nachmittags arbeitete, bekam sie Besuch
-von Helges Vater.
-
-Jetzt, als er dastand, mit dem Hute in der Hand, sah sie, daß sein
-Haar ganz grau war, so grau, daß man nicht mehr unterscheiden konnte,
-welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Jung sah er aber trotzdem
-aus. Die Gestalt war schlank, ein wenig gebeugt, aber nicht wie bei
-einem alten Manne, eher, als sei er ein wenig zu schmächtig für seine
-Größe. Seine Augen waren jung, obgleich sie trüb und müde aus dem
-mageren, glattrasierten Antlitz blickten. Sie waren aber so groß und
-so leuchtend blau, daß sie einen merkwürdig offenen Eindruck machten,
-verwundert und grüblerisch zugleich.
-
-„Ja, Sie werden begreifen, daß es mich danach verlangt, Sie zu
-begrüßen, Fräulein Winge,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Nein --
-ich bitte Sie, legen Sie die Schürze nicht ab. Und sagen Sie’s mir,
-wenn ich Sie störe.“
-
-„Nein, lieber Herr Gram,“ sagte Jenny fröhlich; seine Stimme und sein
-Lächeln gefielen ihr. Sie warf die Malerschürze auf den Kohlenkasten.
-„Es wird sowieso bald dunkel. Wie liebenswürdig von Ihnen, mich zu
-besuchen!“
-
-„Es ist eine Ewigkeit her, daß ich in einem Atelier war,“ sagte Gram
-und blickte umher. Dann setzte er sich aufs Sofa.
-
-„Verkehren Sie mit keinem anderen der Maler -- irgend jemandem aus
-Ihrer Zeit?“ fragte Jenny.
-
-„Nein, mit niemandem,“ antwortete er kurz.
-
-„Aber.“ Jenny überlegte. „Aber wie in aller Welt haben sie hierher
-gefunden? Haben Sie sich bei mir zu Hause erkundigt -- oder im
-Künstlerbund?“
-
-Gram lachte.
-
-„Nein. Ich sah Sie ja vorgestern auf der Treppe. Dann gestern, als
-ich in mein Geschäft ging, sah ich Sie wieder. Ich ging ein Stück
-hinter Ihnen her, da ich die Absicht hatte, Sie anzuhalten und mich
-Ihnen vorzustellen. Sie gingen hier hinein, und ich wußte, daß in
-diesem Hause ein Atelier war. Nun ja, so bekam ich die Idee, zu Ihnen
-hinaufzusteigen und Ihnen eine Visite zu machen.“
-
-„Wissen Sie,“ Jenny lächelte vergnügt, „Helge lief auch auf der Straße
-hinter mir her, einer Freundin und mir. Er hatte sich allerdings
-verlaufen, unten in den alten Straßen am Flohmarkt. Dann kam er eben
-auf uns zu und sprach uns an -- bändelte an, wie der feine Ausdruck
-dafür heißt. So wurden wir bekannt. Wir fanden zuerst, daß er ein wenig
-dreist war. Aber es scheint so, daß er von Ihnen seinen Mut geerbt hat.“
-
-Gram runzelte die Stirn und schwieg einen Augenblick. In Jenny stieg
-ein unbehagliches Gefühl auf, als hätte sie etwas Dummes gesagt. Sie
-überlegte, wie sie fortfahren sollte.
-
-„Dürfte ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, während Sie hier sind?“
-
-Sie zündete ohne weiteres den Apparat an und setzte Wasser auf.
-
-„Ja, ja, Fräulein Winge -- Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Helge
-mir sonst irgendwie ähnelt. Ich glaube, daß er glücklicherweise nicht
-das Geringste mit seinem Vater gemein hat.“ Er lachte.
-
-Jenny wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Sie
-beschäftigte sich damit, Teetassen herbeizuholen:
-
-„Ja, hier ist es recht leer, wie Sie sehen. Aber ich wohne zu Haus bei
-meiner Mutter.“
-
-„Ah so, Sie wohnen zu Hause? -- Das Atelier ist sicher sehr gut --
-nicht wahr?“
-
-„O ja, ich glaube.“
-
-Er schwieg wieder und blickte geradeaus.
-
-„Ja, Fräulein Winge -- ich habe viel an Sie gedacht. Ich glaubte ja,
-meines Sohnes Briefe so zu verstehen, daß Sie und er --“
-
-„Ja, Helge und ich haben uns sehr gern,“ sagte Jenny. Sie stand
-aufrecht da und sah ihn an. Gram ergriff ihre Hand und hielt sie fest.
-
-„Ich kenne meinen Sohn so wenig, Jenny Winge. Ich weiß im Grunde nichts
-Genaues von ihm -- wie er ist. Aber wenn Sie ihn gern haben, so kennen
-Sie ihn wohl sicher besser als ich. Und daß sie ihn lieben, beweist
-mir, daß ich seiner froh sein darf und stolz auf ihn. Ich habe immer
-geglaubt, daß er ein guter Junge sei, auch recht begabt. Daß er Sie
-lieb hat, dessen bin ich sicher, jetzt, da ich Sie gesehen. Möge er Sie
-nur glücklich machen, Jenny.“
-
-„Ich danke Ihnen,“ sagte Jenny und reichte ihm nochmals die Hand.
-
-„Ja.“ Gram sah vor sich hin. „Sie können sich denken, daß ich über
-meinen Jungen froh bin. Mein einziger Sohn. Ich glaube auch, Helge hat
-mich im Grunde lieb.“
-
-„Das hat er. Helge hat Sie sehr lieb. Sowohl Sie als seine Mutter.“
-Gleich darauf errötete sie aber, als hätte sie etwas Taktloses gesagt.
-
-„Ja, ich glaube wohl. Aber er sah natürlich früh ein, daß sein Vater
-und seine Mutter einander nicht liebten. Helge hat ein trauriges Heim
-gehabt, Jenny. Ich kann es ebensogut selbst sagen; haben Sie es noch
-nicht bemerkt, so werden Sie es bald selber sehen. Sie sind ja sicher
-ein kluges Mädchen. Aber eben deshalb glaube ich, Helge weiß, was
-es wert ist, wenn zwei sich lieb haben. Und er wird Sie und sich
-behüten --.“
-
-Jenny schenkte Tee ein:
-
-„Helge pflegte in Rom nachmittags zum Tee zu mir zu kommen. Eigentlich
-lernten wir uns gerade in diesen Nachmittagsstunden näher kennen,
-glaube ich --.“
-
-„Und da gewannen Sie sich lieb.“
-
-„Ja -- nicht gleich. Das heißt, im Grunde vielleicht doch. Aber wir
-dachten an nichts anderes, als gute Freunde zu sein -- damals. Ja,
-später kam er dann natürlich auch und trank seinen Tee bei mir --.“
-
-Sie lächelten beide.
-
-„Können Sie mir nicht ein wenig erzählen, wie Helge als Knabe war --
-als kleiner Junge, meine ich -- oder sonst etwas --?“
-
-Gram schüttelte trübe lächelnd den Kopf:
-
-„Nein, Jenny. Ich kann Ihnen nichts von meinem Sohn erzählen. Er war
-immer gut und folgsam. Fleißig auf der Schule -- nicht gerade ein
-Licht, doch recht fleißig und tüchtig. Aber Helge war als Knabe sehr
-verschlossen -- auch als Erwachsener -- jedenfalls mir gegenüber --.
-Erzählen Sie lieber, Jenny,“ lachte er warm.
-
-„Wovon?“
-
-„Von Helge natürlich. Ja -- zeigen Sie mir, wie mein Sohn in den
-Augen des jungen Mädchens aussieht, das ihn liebt. Sie sind ja kein
-gewöhnliches junges Mädchen, sondern eine tüchtige Künstlerin, und ich
-glaube auch, Sie sind klug und gütig. Können Sie mir nicht erzählen,
-wie es kam, daß Sie Helge liebgewannen, welche Eigenschaften an dem
-Jungen Sie veranlaßt haben, ihn zu wählen? Lassen Sie mich hören!“
-
-„Ja.“ Dann lachte sie. „Das ist nicht so ohne weiteres zu erklären, --
-wir hatten uns eben gern --.“
-
-„So.“ Er lachte auch. „Ja, es war eine dumme Frage, Jenny. Es scheint
-ja fast, als hätte ich vergessen, wie es zuging, als man jung war und
-verliebt -- nicht wahr?“
-
-„Nicht wahr! Wissen Sie, das sagt Helge auch so oft. Auch etwas, das
-ich so gern an ihm mochte. Er war so jungenhaft. Ich sah sehr wohl,
-daß er verschlossen war, dann aber öffnete er mir nach und nach sein
-Herz --.“
-
-„Das kann ich gut verstehen -- daß man zu Ihnen Vertrauen bekommt,
-Jenny. Ja, aber erzählen Sie weiter -- aber, Sie brauchen nicht so
-erschrocken auszusehen. Sie verstehen doch, ich meinte nicht, Sie
-sollten mir Ihre und Helges Liebesgeschichte auseinandersetzen oder
-dergleichen --. Nur ein wenig von sich selbst erzählen -- und von
-Helge. Von Ihrer Arbeit, Kind. Und von Rom. Damit ich alter Mann wieder
-weiß, wie es ist, Künstler zu sein. Und frei. An Dingen zu arbeiten,
-die einem Freude machen. Jung zu sein. Verliebt und glücklich --.“
-
- * * * * *
-
-Gram blieb etwa zwei Stunden bei ihr. Dann, als er gehen wollte und im
-Ueberzieher, den Hut in der Hand, dastand, sagte er leise:
-
-„Hören Sie zu, Jenny. Es hat ja keinen Zweck, Ihnen zu verbergen, wie
-die Verhältnisse in meiner Familie liegen. Es ist besser, daß, wenn wir
-uns zu Hause wiedersehen, wir uns noch nicht kennen. Daß Helges Mutter
-nicht erfährt, daß ich Ihre Bekanntschaft auf eigene Faust gemacht
-habe. Auch Ihretwegen -- damit Sie nicht Spott und Unannehmlichkeiten
-ausgesetzt sind. Es liegt nun einmal so, daß die Tatsache, daß ich
-einen Menschen gern habe, besonders eine Dame, schon genügt, um meine
-Frau gegen den Betreffenden aufzubringen ... Sie finden das seltsam.
-Aber Sie begreifen --?“
-
-„Ja,“ sagte Jenny schwach.
-
-„Nun, leben Sie wohl, Jenny. Ich freue mich Helges wegen -- glauben Sie
-mir?“
-
-Sie hatte am Abend vorher an Helge geschrieben und ihm von ihrem Besuch
-bei seiner Mutter erzählt. Als sie den Brief noch einmal durchlas,
-quälte es sie, daß der Abschnitt von ihrer Begegnung mit der Mutter so
-armselig und trocken ausgefallen war.
-
-An diesem Abend schrieb sie ihm wieder und berichtete von dem Besuch
-seines Vaters. Aber dann riß sie den Brief entzwei und begann von
-neuem. -- Es war so peinlich zu erzählen, daß Frau Gram von dieser
-Sache nichts erfahren dürfe. Widerwärtig war es, Geheimnisse mit dem
-einen gegen den anderen zu haben. Helges wegen empfand sie es wie eine
-Demütigung, daß sie mit einem Male Mitwisser von dem Elend geworden
-war, das in seinem Vaterhause herrschte. Schließlich erwähnte sie die
-Angelegenheit gar nicht. Es war leichter, ihm alles zu erklären, wenn
-er kam.
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Ende Mai hatte Jenny ungewöhnlich lange Zeit keine Post von Helge
-bekommen. Sie begann ängstlich zu werden und hatte gerade beschlossen,
-am nächsten Tage zu telegraphieren, falls sie bis dahin nichts hörte.
-Nachmittags war sie im Atelier, als jemand an die Tür klopfte. Nachdem
-sie geöffnet, wurde sie plötzlich von einem Manne, der draußen im
-Dunkel des Bodenganges stand, ergriffen, umarmt und geküßt.
-
-„Helge!“ Sie jubelte. „Helge, Helge -- laß dich anschauen! Oh, nein,
-wie du mich erschreckt hast! Laß sehen -- Helge -- bist du es denn
-wirklich und gewiß?“ Sie zog ihm die Reisemütze vom Kopfe.
-
-„Ja, natürlich, ein anderer kann es doch kaum sein,“ lachte er
-unbekümmert.
-
-„Aber, Liebster -- was hat denn das zu bedeuten?“
-
-„Das will ich dir gleich erklären,“ sagte er, fand aber nicht die Zeit
-dazu, sondern preßte sein Gesicht an ihren Hals.
-
-„Ich wollte dich nämlich überraschen, weißt du.“ Sie saßen Hand in Hand
-auf dem Sofa und schöpften Atem nach den ersten heißen Küssen. „Und
-das ist mir doch gut geglückt, nicht wahr? Laß mich sehen, Jenny. Wie
-schön du bist! Zu Hause denken sie, ich bin in Berlin. Ich übernachte
-heute im Hotel und bleibe einige Tage inkognito in der Stadt -- findest
-du das nicht großartig? Es ist übrigens dumm, daß du zu Hause wohnst.
-Sonst könnten wir den ganzen Tag über zusammen sein --.“
-
-„Weißt du,“ sagte Jenny, „als du klopftest, dachte ich, es sei dein
-Vater.“
-
-„Vater?“
-
-„Ja.“ Sie wurde im selben Augenblick ein wenig verwirrt. Es fiel ihr
-plötzlich schwer, ihm den ganzen Zusammenhang zu erklären. „Ja, siehst
-du, dein Vater machte mir eines Tages einen Besuch, und seitdem ist er
-manchmal zum Tee zu mir gekommen. Wir haben dann gesessen und von dir
-gesprochen --.“
-
-„Aber Jenny -- davon hast du ja kein Wort geschrieben! Du hast ja gar
-nicht erwähnt, daß du Vater getroffen hast!“
-
-„Nein, das hab’ ich auch nicht. Ich wollte es dir lieber erzählen --.
-Die Sache ist also die, siehst du, deine Mutter weiß nichts davon. Dein
-Vater meinte, es sei besser, es nicht zu erwähnen --“.
-
-„Nicht mir gegenüber?“
-
-„Nein, nein, davon haben wir gar nicht gesprochen. Er denkt sicher, ich
-habe es dir erzählt. Nein, deine Mutter durfte nicht erfahren, daß wir
-uns kennen.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich fand, es war -- nun ich
-mochte dir nicht schreiben, daß ich mit deinem Vater ein Geheimnis vor
-deiner Mutter hatte. Verstehst du mich?“
-
-Helge schwieg.
-
-„Es hat mich selber recht bedrückt,“ fuhr sie fort. „Aber er kam eben
-herauf und besuchte mich. Und ich finde ihn furchtbar nett, Helge; ich
-habe ihn sehr gern, deinen Vater.“
-
-„Ja -- Vater kann ein sehr gewinnendes Wesen haben, wenn er will. Und
-daß du Malerin bist und --.“
-
-„Deinetwegen, Helge, hat dein Vater mich gern. Das ist der Grund.“
-
-Helge antwortete nicht.
-
-„Und Mutter hast du nur das eine Mal gesehen?“
-
-„Ja. -- Aber liebster, bester Freund, bist du nicht hungrig? Soll ich
-dir ein wenig zurecht machen?“
-
-„Vielen Dank. Und heute Abend gehen wir zusammen essen!“
-
-Wieder pochte jemand an die Tür.
-
-„Das ist dein Vater,“ flüsterte Jenny.
-
-„Pst -- sei still, -- nicht öffnen!“
-
-Nach einem Weilchen ging jemand über den Gang wieder fort. Helge verzog
-das Gesicht.
-
-„Aber liebster Junge, was ist dir?“
-
-„Ich weiß nicht --. Wenn wir ihm nur nicht begegnen, Jenny -- wir
-wollen nicht gestört werden, nicht wahr? Niemanden treffen!“
-
-„Nein.“ Sie küßte seinen Mund, bog seinen Kopf zurück und küßte ihn
-hinter beide Ohren.
-
- * * * * *
-
-„Und Franziska?“ sagte Jenny plötzlich, während sie nach dem Kaffee bei
-einem Glase Likör saßen und plauderten.
-
-„Ja! Ja, du wußtest es wohl im voraus; sie hatte dir doch geschrieben?“
-
-Jenny schüttelte den Kopf.
-
-„Nicht ein Wort. Ich fiel ja aus allen Wolken, als ich ihren Brief
-bekam -- sie schrieb in aller Kürze, morgen hätte sie Hochzeit mit
-Ahlin. Ich ahnte nichts.“
-
-„Wir auch nicht. Die beiden waren ja viel zusammen. Daß sie sich aber
-heiraten wollten, wußte nicht einmal Heggen, bis sie kam und ihn bat,
-ihr Trauzeuge zu sein.“
-
-„Hast du sie seither gesehen?“
-
-„Nein. Sie reisten noch am selben Tage nach Rocca di Papa und waren
-noch oben, als ich Rom verließ.“
-
-Jenny saß eine Weile in Gedanken.
-
-„Ich glaubte, sie hätte nur ihre Arbeit im Kopf,“ sagte sie.
-
-„Heggen erzählte, daß sie das große Bild mit dem Tor beendet hätte, und
-daß es sehr gut ausgefallen sei, auch, daß sie mehrere andere Arbeiten
-begonnen habe.“
-
-„Dann verheiratete sie sich also ganz plötzlich. Ich weiß nicht, ob sie
-eine Weile verlobt gewesen sind --.“
-
-„Aber du, Jenny -- du schriebst, du hättest ein neues Bild angefangen?“
-
-Jenny zog ihn mit sich zur Staffelei.
-
-Die große Leinwand zeigte eine Straße, die sich nach links hinüber
-verlor, mit einer Häuserreihe in starker Perspektive, Kontor- und
-Werkstattsgebäude in graugrünen und dunklen, backsteinroten Farben. Auf
-der rechten Seite der Straße standen einige Lumpenhändlerbuden, und
-dahinter ragten die Brandmauern zum Himmel empor, in dessen kräftigem
-Blau hier und da schwere Regenwolken, graublau wie Blei und weiß wie
-Silber, standen. Greller Nachmittagssonnenschein fiel in die Straße,
-auf die Buden und Hausmauern, die rotgold aufleuchteten, und auf ein
-paar goldiggrüne, mit halbaufgesprungenen Knospen übersäte Baumkronen,
-die auf dem Platz zwischen Buden und Brandmauer standen. Als Staffage
-dienten Arbeitsleute, Karren und Geschäftswagen auf der Straße.
-
-„Ich verstehe ja nicht viel davon. Aber --.“ Helge hielt sie fest
-umschlungen. „Ist es nicht sehr gut, du? Ich finde es wunderschön, Jenny
--- herrlich!“
-
-Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter:
-
-„Während ich hier umherlief und auf meinen Jungen wartete -- ich bin ja
-im Frühling immer hier einsam und trübselig umhergeirrt. Als ich sah,
-wie Bergahorn und Kastanie ihr klares, lichtes Laub vor den rußigen
-Häusern und roten Mauern entfalteten -- als ich den prachtvollen
-Frühlingshimmel erblickte, der sich über all den schwarzen Dächern
-spannte, über Schornsteinen und Telephondrähten: da lockte es mich,
-dies alles zu malen, die feinen hellen Frühlingsknospen mitten in der
-schmutzigen schwarzen Stadt.“
-
-„Wo liegt diese Stelle?“ fragte Helge.
-
-„In der Stenerstraße. -- Ja, weißt du, dein Vater sprach von einigen
-Bildern von dir als kleinem Jungen, die er drüben im Büro hatte; die
-sollte ich mir ansehen. Und da entdeckte ich das Motiv von seinem
-Bürofenster aus und durfte dann in der Kistenfabrik nebenan arbeiten.
-Von dort aus ist es gemalt; ich mußte natürlich hin und wieder einiges
-umgestalten, ein wenig abändern --.“
-
-„Du bist viel mit Vater zusammen gewesen?“ fragte Helge kurz darauf.
-„Er interessierte sich wohl sehr für dein Bild?“
-
-„Ja, gewiß. Er kam mitunter zu mir herüber und betrachtete es, gab mir
-auch einige Ratschläge, die übrigens sehr gut waren. Er weiß ja eine
-Menge.“
-
-„Glaubst du, daß Vater als Maler Talent hatte?“ sagte Helge.
-
-„Ja. Das glaube ich. Die Bilder, die bei euch zu Hause hängen, waren
-nicht so besonders. Er hat mir aber einige Studien gezeigt, die er
-im Büro aufbewahrt. Ich glaube nicht, daß dein Vater +großes+ Talent
-hatte, aber es war ganz fein und eigentümlich. Nur von allen Seiten zu
-leicht zu beeinflussen. Aber das, glaube ich, hängt wieder mit seiner
-großen Fähigkeit zusammen, das Gute zu werten und zu lieben, das er bei
-anderen gesehen hat. Denn er hat so viel Verständnis für Kunst -- und
-Liebe zu ihr --.“
-
-„Armer Vater,“ sagte Helge.
-
-„Ja --.“ Jenny liebkoste ihren Freund. „Dein Vater leidet vielleicht
-weit mehr als du und ich ahnen.“
-
-Dann küßten sie sich und vergaßen, weiter von Gert Gram zu sprechen.
-
-„Bei dir zu Hause wissen sie nichts?“ fragte Helge.
-
-„Nein,“ erwiderte Jenny.
-
-„Aber im Anfang, als ich all meine Briefe an deine Mutter adressierte,
-fragte sie nie, wer da so jeden Tag an dich schrieb?“
-
-„Nein. Meine Mutter ist nicht so!“
-
-„+Meine+ Mutter,“ sagte Helge plötzlich heftig. „Mutter ist durchaus
-nicht so taktlos, wie du meinst. Du bist nicht gerade gerecht gegen
-meine arme Mutter -- ich finde, um meinetwillen könntest du es
-unterlassen, so von ihr zu reden --.“
-
-„Aber Helge!“ Jenny sah zu ihm auf. „Ich habe ja doch nicht ein Wort
-über deine Mutter gesagt!“
-
-„Du sagtest: +Meine+ Mutter ist nicht so.“
-
-„Das ist nicht wahr. Meine +Mutter+, sagte ich.“
-
-„+Meine+ Mutter, sagtest du. Daß du sie nicht leiden kannst, ist eine
-Sache für sich, obgleich du schließlich keinen Grund hast --. Aber
-du könntest doch daran denken, daß es +meine+ Mutter ist, von der du
-sprichst. Und ich habe sie lieb, wie sie auch sein mag --.“
-
-„Helge! Aber Helge --.“ Sie hielt inne, denn sie fühlte, wie ihr die
-Tränen in die Augen stiegen. Es war ihr so fremd, Tränen zu vergießen,
-daß sie schwieg, beschämt und erschrocken. Er hatte es aber schon
-bemerkt:
-
-„Jenny! Habe ich dir wehgetan? Herrgott! Da siehst du es selbst.
-Kaum bin ich heimgekehrt, so fängt es auch schon an --.“ Er schrie
-plötzlich, indem er die geballte Faust drohend erhob: „Oh, ich hasse
-das, ich +hasse+ das, es wird mein Heim zerreißen.“
-
-„Mein Junge, lieber Junge -- du darfst nicht --. Geliebter, nimm es
-doch nicht so schwer!“ Sie zog ihn fest, fest an sich. „Helge! Hör zu,
-geliebter Freund -- was hat denn das mit uns zu schaffen. Sie können
-+uns+ doch nichts tun --,“ und sie küßte ihn, bis er aufhörte zu
-schluchzen und zu beben.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Helge und Jenny saßen in seinem Zimmer auf dem Sofa und hielten sich
-schweigend umschlungen.
-
-Es war an einem Sonntag Ende Juni. Jenny hatte am Vormittag einen
-Spaziergang mit Helge gemacht und bei Grams Mittag gegessen. Nach dem
-Kaffee hatten sie alle vier im Wohnzimmer gesessen und sich durch den
-Nachmittag gequält, bis Helge Jenny mit in sein Zimmer zog unter dem
-Vorwande, sie sollte etwas durchlesen, was er geschrieben hatte.
-
-„Puh,“ sagte Jenny, als sie draußen waren.
-
-Helge fragte nicht, warum sie so sprach. Er legte seinen Kopf fest in
-ihren Arm, und sie strich ihm übers Haar, stumm, ohne Aufhören.
-
-„Ja, du.“ Helge seufzte „Es war gemütlicher bei dir in der Via
-Vantaggio -- nicht wahr, Jenny?“
-
-Draußen in der Küche rasselten Teller, es brutzelte in der Bratpfanne
-und roch nach Fett. Frau Gram bereitete etwas Warmes zum Abendessen.
-Jenny ging an das offene Fenster und sah einen Augenblick in den
-schwarzen Schacht des Hofes. Alle Fenster nach hier hinaus waren
-Küchen- oder Schlafzimmerfenster mit Zuggardinen. In jeder Ecke des
-Hofes befand sich ein größeres Fenster, schräg eingebaut. Oh! Wie gut
-sie diese Eßzimmer kannte mit einem einzigen Fenster in der Ecke auf
-den Hof hinaus, dunkel und trübe, ohne einen Streifen Sonne. Der Ruß
-fegte hinein, wenn man lüftete, und der Essensgeruch setzte sich fest.
-
-Aus dem Fenster eines Mädchenzimmers klang Guitarrespiel und ein
-kräftiger, ungeübter Sopran:
-
-„Such Schutz bei unserem Herrn Jesus Christus, mein Freund, du brauchst
-nur anzuklopfen, und der Himmel tut sich auf.“
-
-Die Guitarre erinnerte sie an die Via Vantaggio, an Cesca und Gunnar,
-der in der Sofaecke zu liegen pflegte, die Beine auf einem Stuhle, auf
-Cescas Guitarre zupfend und leise ihre italienischen Weisen summend.
-Plötzlich überfiel sie eine wilde Sehnsucht nach all dem dort unten.
-
-Helge kam auf sie zu:
-
-„Woran denkst du?“
-
-„An die Via Vantaggio.“
-
-„Ja, du -- wie herrlich hatten wir es dort, Jenny!“
-
-Sie umschlang plötzlich seinen Hals und barg liebkosend seinen Kopf
-an ihrer Schulter. Schon als er sprach, hatte sie gemerkt, daß er den
-Grund +ihrer+ Sehnsucht nicht verstanden hatte.
-
-Sie hob seinen Kopf wieder in die Höhe und blickte in seine
-bernsteingelben Augen; sie wollte an all die sonnenhellen Tage in der
-Campagna denken, als er, im Grase zwischen den Tausendschön liegend, zu
-ihr aufgeblickt hatte.
-
-Sie +wollte+ dieses schwere, erstickende Unlustgefühl von sich
-abschütteln, das jedesmal wieder Macht über sie gewann, wenn sie in
-seinem Hause war.
-
-Alles war hier so unleidlich. Gleich vom ersten Abend an, als sie nach
-Helges offizieller Ankunft eingeladen war. Wie hatte sie es gequält,
-daß sie dastehen und Komödie spielen mußte, als Frau Gram sie ihrem
-Manne vorstellte; und Helge war zugegen und sah zu, wie sie seine
-Mutter betrogen. Es quälte sie fürchterlich. Dann geschah etwas, das
-noch viel ekelhafter war. Sie war einen Augenblick mit Gram allein; da
-hatte er beiläufig erwähnt, daß er an jenem Nachmittag oben an ihrer
-Tür gewesen sei, sie aber nicht angetroffen habe. „Nein, ich war an dem
-Tage nicht im Atelier,“ hatte sie geantwortet, war aber gleichzeitig
-blutrot geworden. Dann hatte er sie so merkwürdig erstaunt angesehen,
-als sie -- sie wußte nicht, warum? -- plötzlich sagte: „Doch, ich war
-übrigens zu Hause. Ich konnte aber nicht öffnen, es war jemand bei mir.“
-
-Gram hatte gelächelt und gesagt: „Ich habe es wohl gehört, daß jemand
-im Atelier war.“ Und in ihrer Verwirrung hatte sie erzählt, daß es
-Helge gewesen, und daß er sich ein paar Tage inkognito in der Stadt
-aufgehalten.
-
-„Liebe Jenny,“ hatte Gram sichtbar unwillig erwidert: „Ihr hättet euch
-doch nicht vor mir zu verstecken brauchen. Ich hätte euch wahrhaftig in
-Frieden gelassen. Ja, ja. -- Aber ich muß doch sagen, daß es mich recht
-gefreut haben würde, wenn Helge mich begrüßt hätte --.“
-
-Sie hatte darauf nichts zu erwidern gewußt.
-
-„Ich werde aber achtgeben, daß Helge nicht erfährt, daß ich etwas davon
-weiß.“
-
-Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, Helge zu verheimlichen, daß sie
-seinem Vater davon erzählt hatte. Aber jetzt sagte sie es doch nicht
--- aus Furcht, daß er darüber ärgerlich sein könnte. Sie litt aber und
-wurde nervös in dieser Umgebung, in die sie hineingeraten war: der eine
-durfte es nicht wissen und der andere durfte es nicht wissen.
-
-Daheim hatten sie auch keine Ahnung. Aber das war etwas anderes. Es lag
-daran, daß sie nicht gewöhnt war, mit ihrer Mutter von ihren eigenen
-Angelegenheiten zu sprechen, sie hatte dort nie Verständnis gefunden,
-auch niemals gesucht oder erwartet. Dabei war ihre Mutter jetzt mit der
-Sorge um Ingeborg beschäftigt. Jenny hatte die Mutter dazu bestimmt, im
-Bundefjord eine Sommerwohnung zu mieten; Bodil und Nils fuhren von dort
-zur Schule in die Stadt, Jenny aber wohnte im Atelier und aß auswärts.
-
-Sie war jedoch nie so glücklich über die Mutter und ihr Heim gewesen
-wie jetzt. Es kam nicht allein daher, daß die Mutter sie jetzt ein
-wenig verstand. Sie merkte auch hin und wieder, daß es Jenny schwer
-hatte, und zeigte dann ehrlichen Willen, zu helfen und zu trösten
--- ohne zu fragen. Denn schon der Gedanke, einem ihrer Kinder eine
-aufdringliche Frage zu stellen, hätte ihr die Schamröte ins Gesicht
-getrieben. Aber dies hier, Helges Heim, mußte ja eine wahre Hölle für
-die Kinder gewesen sein. Und es war, als würfe die Mißstimmung ihre
-Schatten auf sie, auch wenn sie sonst zusammen waren. Aber sie wollte
-es überwinden. Ihr armer, armer Junge!
-
-„Mein Helge!“ Und sie überfiel ihn plötzlich mit Liebkosungen. --
-
-Jenny hatte Frau Gram angeboten, ihr mit dem Aufwaschen und dem
-Abendessen behilflich zu sein, aber jedesmal hatte die Hausfrau mit
-einem Lächeln erwidert:
-
-„Nein, meine Liebe -- dazu sind Sie doch nicht hergekommen, damit
-sollen Sie wahrhaftig nichts zu tun haben, Fräulein Winge.“
-
-Vielleicht war es nicht so gemeint, aber Frau Gram lächelte immer so
-spöttisch, wenn sie mit ihr sprach. Die Arme, vielleicht besaß sie kein
-anderes Lächeln mehr.
-
-Gram kehrte heim; er hatte einen Spaziergang gemacht. Jenny und Helge
-setzten sich zu ihm ins Rauchzimmer.
-
-Die Hausfrau kam auch einen Augenblick herein:
-
-„Du hattest deinen Regenschirm vergessen, mein Freund -- wie
-gewöhnlich. Es war tatsächlich ein Glück, daß du einem Regenschauer
-entgingst. Ja diese Männer, wie man auf sie achtgeben muß --!“ Sie
-lächelte zu Jenny hinüber.
-
-„Du bist ja außerordentlich um mich bemüht,“ sagte Gram. Stimme und
-Wesen waren immer peinlich höflich, wenn er mit seiner Frau sprach.
-
-„Aber warum sitzt ihr denn hier drinnen?“ sagte sie zu Helge und Jenny.
-
-„Es ist merkwürdig,“ erwiderte Jenny, „-- ich finde, es ist in allen
-Häusern dasselbe: das Herrenzimmer ist immer am gemütlichsten. Bei uns
-war es auch so, als mein Vater noch lebte,“ fügte sie schnell hinzu.
-„Es kommt wohl daher, daß es als Arbeitszimmer eingerichtet ist.“
-
-„Dann müßte ja die Küche der allergemütlichste Raum im ganzen Hause
-sein,“ lachte die Hausfrau. „Aber wo meinst du, daß am meisten
-gearbeitet wird, Gert, hier in deinem Zimmer oder in meinem -- nun ja,
-die kann ja als mein Arbeitszimmer gelten --.“
-
-„Ich gebe zu, daß zweifellos die nützlichste Arbeit in deinem
-Arbeitszimmer verrichtet wird.“
-
-„Ja,“ sagte Frau Gram. „Jetzt glaube ich aber beinahe, ich muß Ihr
-liebenswürdiges Anerbieten für eine Weile annehmen -- würden Sie so
-lieb sein, und mir ein wenig helfen, Fräulein Winge? Sonst wird es so
-spät --.“
-
-Als sie beim Essen saßen, läutete es. Es war Frau Grams Nichte, Aagot
-Sand. Frau Gram stellte Fräulein Winge vor.
-
-„Ah, Sie sind die Malerin, mit der Helge in Rom so viel zusammen war.
-Ich konnte es mir beinahe denken.“ Sie lachte. „Ich sah Sie drüben in
-der Stenerstraße jetzt im Frühling, Sie gingen in Begleitung von Onkel
-Gert und trugen Malgerät in der Hand --.“
-
-„Das ist sicher ein Irrtum, mein Kind,“ unterbrach sie Frau Gram. „Wann
-sollte das gewesen sein?“
-
-„Einen Tag vor Bußtag. Ich kam von der Schule.“
-
-„Ja, es ist schon richtig,“ sagte Gram. „Fräulein Winge stand und hatte
-ihren Malkasten auf der Straße fallen lassen, und da half ich ihr, beim
-Aufsammeln.“
-
-„Das kleine Abenteuer hast du deiner Frau gar nicht gebeichtet.“ Frau
-Gram lachte laut. „Ich hatte keine Ahnung, daß Ihr Euch von früher her
-kanntet.“
-
-Gram lachte ebenfalls.
-
-„Fräulein Winge schien mich nicht wiederzuerkennen. Es war zwar wenig
-schmeichelhaft für mich -- ich wollte sie aber nicht daran erinnern.
-Hatten Sie wirklich keine Ahnung, als Sie mich trafen, daß ich der
-liebenswürdige alte Herr war, der Ihnen geholfen?“
-
-„Ich war meiner Sache nicht sicher,“ sagte sie leise, von tiefer Röte
-übergossen. „Ich glaubte, Sie hätten mich nicht wiedererkannt.“ Sie
-versuchte zu lachen, fühlte jedoch mit peinigender Deutlichkeit, wie
-unsicher ihre Stimme war, wie ihre Wangen brannten.
-
-„Nun, das war ja ein richtiges Abenteuer,“ lachte Frau Gram.
-„Tatsächlich ein drolliger Zufall.“
-
- * * * * *
-
-„O Gott, habe ich denn schon wieder etwas Verkehrtes gesagt?“ fragte
-Aagot. Sie saßen nach dem Abendessen beisammen im Wohnzimmer. Gram war
-in sein Zimmer hinübergegangen, die Hausfrau machte sich in der Küche
-zu schaffen. „In diesem Hause ist man gänzlich ahnungslos, bis die
-Bombe plötzlich explodiert -- das ist doch wirklich schauderhaft. Aber
-erkläre mir doch, ich begreife ja nicht.“
-
-„Herr des Himmels, Aagot, kümmere du dich um deine eigenen
-Angelegenheiten,“ sagte Helge heftig.
-
-„Ja, ja, lieber Freund, beiß mich nur nicht! Ist Tante Bekka jetzt auf
-Fräulein Winge eifersüchtig?“
-
-„Du bist doch wahrhaftig das taktloseste Wesen, das existiert.“
-
-„Nächst deiner Mutter -- ja danke, das hat mir Onkel Gert einmal
-gesagt.“ Sie lachte. „Aber das ist doch die größte Dummheit --
-eifersüchtig auf Fräulein Winge!“ Sie lugte neugierig zu den beiden
-anderen hinüber.
-
-„Ich möchte dich bitten, dich nicht in Dinge zu mischen, die nur uns
-hier im Hause etwas angehen, Aagot,“ schnitt Helge alles weitere ab.
-
-„Ja ja, -- ich dachte nur -- nun gewiß -- es ist ja schließlich
-gleichgültig.“
-
-„Das ist es, weiß Gott.“
-
-Frau Gram kam herein und machte Licht. Jenny blickte fast ängstlich
-auf ihr verschlossenes, haßerfülltes Gesicht, das mit den harten,
-funkelnden Augen vor sich hinstarrte. Dann begann Frau Gram den Tisch
-abzuräumen. Sie hob Jennys Stickschere auf, die auf den Boden gefallen
-war:
-
-„Es scheint Ihre Spezialität zu sein, etwas zu verlieren. Sie dürfen
-nicht so nachlässig mit Ihren Sachen umgehen, kleines Fräulein Winge.
-Helge ist nicht so galant wie sein Vater, scheint es.“ Sie lachte.
-„Soll ich jetzt bei dir drinnen die Lampe anzünden, mein Junge?“ Sie
-ging ins Rauchzimmer und zog die Tür hinter sich ins Schloß.
-
-Helge lauschte einen Augenblick zum anderen Zimmer hinüber -- die
-Mutter sprach leise und heftig. Dann lehnte er sich wieder zurück.
-
-„Kannst du denn mit deinem Gerede nicht einmal aufhören?“ ertönte Grams
-Stimme deutlich von drinnen herüber.
-
-Jenny neigte sich zu Helge:
-
-„Ich gehe jetzt nach Hause -- ich habe Kopfweh.“
-
-„O nicht doch, Jenny. Dann gibt es hier nur Szenen bis ins Unendliche,
-wenn du gegangen bist. Sei so lieb und bleib; es geht nicht, daß du
-jetzt das Feld räumst, Mutter wird nur noch gereizter.“
-
-„Ich kann aber nicht mehr,“ flüsterte sie, dem Weinen nahe.
-
-Frau Gram ging durchs Zimmer. Gram kam und setzte sich zu ihnen.
-
-„Jenny ist müde -- sie will jetzt nach Hause gehen, Vater. Ich begleite
-sie.“
-
-„Wollen Sie schon gehen? Wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben?“
-
-„Ich bin müde, ich habe Kopfschmerzen,“ murmelte Jenny.
-
-„Bleiben Sie doch noch etwas,“ flüsterte Gram plötzlich. „Sie“ --
-er machte eine Kopfbewegung nach der Tür -- „sagt Ihnen nichts. Und
-während Sie hier sind, entgehen wir anderen Szenen.“
-
-Jenny setzte sich wieder still an den Tisch und griff nach ihrer
-Stickerei. Aagot häkelte eifrig an einem weißen Umlegeschal.
-
-Gram schritt zum Klavier. Jenny war nicht musikalisch, konnte aber
-hören, daß er es war, und nach und nach kam ein wenig Ruhe über sie,
-während er seine kleinen weichen Melodien spielte -- für sie, das
-fühlte Jenny.
-
-„Kennen Sie dies, Fräulein Winge?“
-
-„Nein.“
-
-„Du auch nicht, Helge? Habt ihr es nicht in Rom gehört? Zu meiner Zeit
-sang man es überall. Ich habe hier einige Hefte mit italienischen
-Melodien.“
-
-Sie stand neben ihm und blätterte in den Noten.
-
-„Tut mein Spiel Ihnen wohl?“ flüsterte er.
-
-„Ja.“
-
-„Soll ich weiter spielen?“
-
-„Ja. Bitte.“
-
-Er strich über ihre Hand:
-
-„Arme kleine Jenny! Aber gehen Sie jetzt -- ehe sie kommt.“
-
-Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Gebäck herein.
-
-„Nein, das ist aber nett, daß du ein wenig spielst, Gert! Finden Sie
-nicht, daß mein Mann schön spielt, Fräulein Winge? Hat er Ihnen schon
-früher etwas vorgespielt?“ fragte sie harmlos.
-
-Jenny schüttelte den Kopf:
-
-„Ich wußte gar nicht, daß Herr Gram Klavier spielen kann.“
-
-„Wie wunderschön Sie sticken!“ Sie ergriff Jennys Stickerei und
-betrachtete sie. „Ich dachte wirklich, Künstlerinnen hielten es für
-unter ihrer Würde, sich mit derartigen Handarbeiten zu beschäftigen.
-Welch bezauberndes Muster -- wo haben Sie das her? Vom Auslande?“
-
-„Das habe ich mir selber ausgedacht.“
-
-„Nein wirklich? Dann ist es freilich leicht schöne Muster zu arbeiten
--- sieh her, Aagot, ist das nicht reizend? Sie sind sicher ein
-tüchtiges Mädchen, Fräulein Winge.“ Sie streichelte Jennys Hand.
-
-Was für abscheuliche Hände sie doch hat, dachte Jenny. Kleine Finger,
-deren Nägel breiter waren als lang und plattgedrückt.
-
- * * * * *
-
-Helge und Jenny begleiteten erst Aagot bis zu ihrer Pension oben in
-der Sofienstraße. Dann gingen sie zusammen über die Pilengasse zurück,
-durch die blaßblaue Juninacht. Nach den Regenschauern strömten die
-weißen Blütenkerzen der Kastanien an der Hospitalsmauer einen faden
-Duft aus.
-
-„Helge,“ sagte Jenny leise. „Du +mußt+ es so einrichten, daß wir
-übermorgen nicht mit ihnen zusammen sind.“
-
-„Das ist unmöglich, Jenny. Sie haben dich eingeladen und du hast Ja
-gesagt. Deinetwegen ist es ja nur.“
-
-„Helge, du kannst dir doch denken, daß es nur zu Unzuträglichkeiten
-führt. Stell dir vor, wenn wir allein irgend wohin fahren könnten,
-Helge. Ganz für uns allein, nur wir beide, Helge. Wie in Rom.“
-
-„Glaub mir, Jenny, nichts würde ich lieber wollen. Es gibt nur zu
-Hause so viele Unannehmlichkeiten, wenn wir diese Johannisfahrt nicht
-mitmachen.“
-
-„Unannehmlichkeiten bringt es auch so,“ sagte sie mit scharfem Spott.
-
-„Aber anders wird es viel schlimmer. Herrgott, kannst du denn nicht
-versuchen, dich um meinetwillen zu überwinden? Du brauchst doch nicht
-in all diesem Elend umherzugehen -- darin zu leben und zu arbeiten.“
-
-Er hat Recht, dachte sie und machte sich bittere Vorwürfe, daß sie
-nicht geduldiger war. Ja, ihr armer Junge, er mußte in diesem Heim
-leben und arbeiten, wo sie es kaum zwei Stunden aushalten konnte. Dort
-war er aufgewachsen und dort hatte er sich durch seine ganze Jugend
-gekämpft.
-
-„Helge. Ich bin schlecht und egoistisch.“ Sie klammerte sich an ihn --
-matt und gequält und gedemütigt. Sie sehnte sich nach seinen Küssen,
-nach seinem Trost. Es ging sie beide ja doch gar nichts an; sie hatten
-ja sich, sie gehörten zusammen, irgendwo weit außerhalb dieser Luft
-voller Haß, Mißtrauen und Schlechtigkeit.
-
-Der Jasmin in den alten Gärten duftete zu ihnen herüber.
-
-„Wir fahren einmal zusammen über Land, wir beide ganz allein, Jenny,“
-tröstete er.
-
-„Aber daß ihr auch so hirnverbrannt sein konntet,“ sagte er plötzlich.
-„Nein, ich kann das nicht fassen! Ihr mußtet euch doch denken, daß
-Mutter es erfahren würde.“
-
-„Sie glaubt natürlich die Geschichte nicht, die dein Vater erzählte,“
-sagte Jenny zaghaft.
-
-Helge blies durch die Nase.
-
-„Ich wünschte, er sagte ihr, wie das Ganze zusammenhängt,“ seufzte sie.
-
-„Du kannst ganz sicher sein, daß er es nicht tut. Und +du+ mußt
-natürlich tun, als wüßtest du nichts. Das ist das Einzige, was du
-machen kannst. Es war einfach hirnverbrannt von euch.“
-
-„Ich kann doch nichts dafür, Helge.“
-
-„Ach, ich habe dir genug von den Verhältnissen zu Hause erzählt. Du
-hättest dafür sorgen müssen, daß es bei Vaters erstem Besuch blieb --
-all die späteren Visiten im Atelier und auch die Zusammenkünfte in der
-Stenerstraße hättet ihr unterlassen sollen.“
-
-„Zusammenkünfte? Ich sah das Motiv und wußte, daß ich ein gutes Bild
-von dort aus malen konnte -- das habe ich auch getan.“
-
-„Nun ja. Es ist natürlich vor allem Vaters Schuld. -- Ach!“ Er fuhr
-heftig auf. „Diese Art und Weise, wie er von ihr spricht -- ja, du
-hast gehört, was er zu Aagot gesagt hat. Und heute Abend wieder zu
-dir. ‚Sie!‘“ äffte er nach, „‚Ihnen sagt sie nichts!‘ Es ist aber doch
-unsere Mutter.“
-
-„Ich finde aber, Helge, dein Vater ist weit rücksichtsvoller und
-höflicher gegen sie als sie zu ihm.“
-
-„Oh, diese Rücksichtnahme von Vater, ja! Nennst du das rücksichtsvoll,
-wie er vorgegangen ist, um dich auf seine Seite zu bekommen? Seine
-Höflichkeit! Du solltest wissen, was ich als Kind gelitten habe und
-jetzt als Erwachsener -- unter dieser Höflichkeit. Wenn er kerzengerade
-dastand, ohne ein Wort zu sagen, und höflich aussah. Sprach er aber,
-dann klang es so eisig, so schneidend kalt, so höflich! Er bedankte
-sich fast noch für Mutters Schreien und Schelten und Toben. -- Oh!“
-
-„Liebster Junge!“
-
-„O Gott, Jenny. Es ist auch nicht +nur+ Mutters Schuld. Ich kann sie
-auch verstehen. Alle Menschen geben Vater den Vorzug. Du jetzt auch.
-Es ist verständlich. Im Grunde tue ichs ebenfalls. Aber gerade deshalb
-begreife ich, daß sie so geworden ist. Sie will ja doch überall die
-Erste sein, siehst du. Und sie ist es nirgends. Arme Mutter!“
-
-„Ja, die Aermste!“ sagte Jenny. Doch ihr Herz blieb eiskalt gegen Frau
-Gram.
-
-Der Abend war schwer von Duft, Laub und Blüten, als sie durch das
-Studentenwäldchen schritten. In der bleichen Dämmerung der Sommernacht
-raschelte es geschäftig auf den Bänken tief drinnen zwischen den Bäumen.
-
-Ihr einsamer Schritt hallte in den ausgestorbenen Geschäftsstraßen
-wieder, deren hohe Häuser mit einem blauen Schein in den großen blanken
-Fensterscheiben wie ausgestorben lagen.
-
-„Darf ich mit hinaufkommen?“ fragte er vor ihrer Tür.
-
-„Ich bin müde, du,“ sagte Jenny leise.
-
-„Ich möchte so gern ein wenig bei dir sitzen -- findest du nicht, daß
-wir es sehr nötig haben, einmal für uns allein zu sein?“
-
-Sie widersprach nicht mehr, sondern stieg die fünf Treppen vor ihm
-hinan.
-
-Die Nacht breitete sich blau über ihren Häuptern und blickte durch
-die großen schrägen Dachfenster zu ihnen hinein. Jenny entzündete den
-siebenarmigen Leuchter auf dem Schreibtisch, nahm eine Zigarette und
-hielt sie in die Flamme.
-
-„Willst du rauchen, Helge?“
-
-„Danke.“ Er nahm ihr die Zigarette von den Lippen.
-
-„Das ist es eben, siehst du,“ sagte er plötzlich. „Da war einmal etwas
-mit Vater und -- einer anderen Frau. Ich war damals zwölf Jahre alt.
-Wieviel daran wahr ist, weiß ich ja nicht. Aber Mutter --. Oh, es war
-eine fürchterliche Zeit. Nur unseretwegen blieben sie zusammen -- das
-hat Vater selbst einmal gesagt. Der Herrgott weiß, ich danke ihm das
-nicht. Mutter ist jedenfalls ehrlich und gibt zu, daß sie ihn mit
-Händen und Füßen festhält, sie will ihn nicht freigeben.“
-
-Er warf sich aufs Sofa. Jenny setzte sich zu ihm und küßte ihn auf Haar
-und Augen. Er glitt auf die Knie nieder und legte den Kopf in ihren
-Schoß.
-
-„Erinnerst du dich des letzten Abends in Rom, als ich Gute Nacht zu dir
-sagte, Jenny? Hast du mich heute ebenso lieb wie damals?“
-
-Sie erwiderte nichts.
-
-„Jenny?“
-
-„Wir haben heute keinen guten Tag miteinander gehabt, Helge,“ flüsterte
-sie. „Zum ersten Male.“
-
-Er hob den Kopf:
-
-„Bist du mir böse?“ fragte er leise.
-
-„Nein, nicht böse.“
-
-„Was dann?“
-
-„Ach nichts. Nur --“
-
-„Nur, was?“
-
-„Heute Abend --.“ Sie stockte. „Jetzt auf dem Heimwege --. Wir werden
-noch allein eine Reise zusammen machen -- ein andermal, sagtest du. Es
-ist nicht wie in Rom, Helge. Jetzt bist du es, der bestimmt und sagt,
-was ich tun soll und was nicht.“
-
-„Nein, nein, Jenny!“
-
-„Doch. Du mußt mich verstehen, ich +will+ ja auch, daß es so ist. Du
-bestimmst. Aber dann Helge, dann mußt du mir auch helfen, über all das
-Andere -- das Schwere -- hinwegzukommen.“
-
-„Du meinst also, ich habe dir heute nicht geholfen?“ fragte er langsam
-und richtete sich auf.
-
-„Lieber -- doch, du konntest ja nichts tun.“
-
-„Soll ich jetzt gehen?“ flüsterte er kurz darauf und zog sie an sich.
-
-„Du sollst tun, was du willst“, erwiderte sie leise.
-
-„Du weißt, was ich will. Was möchtest du -- am liebsten?“
-
-„Ich weiß nicht, was ich möchte, Helge.“ Sie brach in Tränen aus.
-
-„Jenny, ach Jenny!“ Er küßte sie behutsam viele, viele Male. Als sie
-ruhiger geworden war, ergriff er ihre Hand.
-
-„Ich gehe jetzt. Schlaf gut. Du darfst nicht böse auf mich sein. Du
-bist so müde, armes Kleines!“
-
-„Sag mir lieb Gute Nacht,“ bat sie und hing an seinem Halse.
-
-„Gute Nacht, meine süße, geliebte Jenny. Du bist müde, Armes -- so
-matt. Gute Nacht. Gute Nacht.“
-
-Dann ging er. Und wieder weinte sie.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-„Hier ist es, was ich dir eigentlich zeigen wollte,“ sagte Gert Gram
-und erhob sich. Er hatte auf den Knien gelegen und in dem unteren Fach
-des Geldschrankes gekramt.
-
-Jenny schob die alten Skizzenbücher beiseite und rückte die elektrische
-Tischlampe zu sich hinüber. Er wischte den Staub von der großen Mappe
-und reichte sie ihr.
-
-„Es ist viele Jahre her, seit ich dies irgend jemandem zeigte oder mir
-selber angesehen habe. Aber lange habe ich gewünscht, du solltest es
-sehen, seit dem ersten Male, als ich bei dir im Atelier war. An jenem
-Tage, als du dir hier die Bilder von Helge als kleinen Jungen ansahst,
-nahm ich mir vor, dich zu fragen, ob du die anderen sehen willst.
-Und später, während du hier arbeitetest, habe ich immer wieder daran
-gedacht. -- Ja, es ist sonderbar, Jenny. Wenn ich daran denke, während
-ich hier den Alltag mit meiner Arbeit zubringe.“ Er blickte sich in
-dem kleinen engen Büroraum um. „Hier bin ich gelandet mit all meinen
-Jugendträumen. Drüben im Schrank liegen sie, wie Leichen in ihrem
-Sarkophage, und hier gehe ich selbst umher -- ein toter und vergessener
-Künstler.“
-
-Jenny schwieg. Gram drückte sich mitunter ein wenig sentimental aus,
-fand sie. Obgleich sie wußte, daß das Gefühl, das ihm die Worte gab,
-bitter aufrichtig war. Einer plötzlichen Eingebung folgend, strich sie
-ihm leicht über das graue Haar.
-
-Gram beugte den Kopf ein wenig nieder, gleichsam als wollte er ihre
-flüchtige Liebkosung verlängern. Dann -- ohne aufzublicken, löste er
-die Bänder an der Mappe. Seine Hand bebte leicht.
-
-Sie merkte mit Erstaunen, daß ihre eigenen Hände zitterten, als sie das
-erste Blatt entgegennahm. Ihr war so merkwürdig beklommen ums Herz,
-als fühlte sie, daß ein Unglück geschehen würde: ihr wurde plötzlich
-Angst bei dem Gedanken, daß ja niemand von dem Besuch wissen durfte,
-daß sie nicht wagte, es Helge zu sagen. Sie wurde mißmutig, als sie
-jetzt an ihren Verlobten dachte. Seit langem hatte sie es absichtlich
-unterlassen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich für ihn fühlte.
-Sie wollte der Ahnung, die in dieser Sekunde in ihr aufdämmerte, nicht
-Raum geben und wollte sich nicht noch mehr in Unruhe bringen durch die
-Frage, was eigentlich Gert Gram für sie empfand.
-
-Blatt für Blatt nahm sie aus der Mappe, die seine Jugendträume
-enthielt, und es wurde ihr dabei unsagbar traurig zumute.
-
-Er hatte ihr von diesem Werk -- Zeichnungen zu Landstads Volksliedern
--- erzählt, so oft sie allein waren. Es war ihr klar geworden, daß er
-um dieser einzigen Arbeit willen geglaubt, er sei zum Künstler geboren.
-
-Seine Bilder zu Hause hatte er selber einmal Dilettantenarbeit eines
-fleißigen und gewissenhaften Schülers genannt. Aber dies hier -- das
-war sein Eigen. Sie sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, diese
-großen Blätter mit der reichen Umrahmung romantischen Laubwerks und den
-zierlichen Mönchsbuchstaben des Textes. Die Farbenwirkung war überall
-rein und fein, bei einigen sogar verblüffend. Aber die eingefügten
-Vignetten und Friese mit Figuren, so sorgfältig und richtig ihre
-miniaturartige Zeichnung auch war, so leblos und stillos erschienen
-sie. Einige waren durchaus naturalistisch, wieder andere lehnten sich
-so eng an italienisch-mittelalterliche Kunst, daß Jenny einzelne ganz
-bestimmte Offenbarungsengel und Madonnen unter den Kopfbedeckungen
-der Ritter und Jungfrauen wiedererkannte. Ja, sogar die Farbenwirkung
-selbst, so z. B. von dem Hukaballiede mit den goldenen und rotvioletten
-Tönen, erkannte sie aus einem bestimmten Meßbuch, das sie in der San
-Marco-Bibliothek gesehen hatte. Wie seltsam die groben, festgeformten
-Verse sich dagegen abhoben, in den zierlichen Typen des Klosterlateins
-geschrieben. Bei einigen der großen, ganzseitigen Bilder waren
-Formensprache und Komposition in barockem Stil gehalten, römischen
-Altarbildern entlehnt. Ein Widerklang all dessen, das er gesehen, worin
-er gelebt, was er geliebt, das war Gert Grams Jugendmelodie. Keiner
-dieser Töne war sein eigen, es war nur ein Echo vieler Töne, wenn auch
-dies Echo alles mit eigenem, weichem, melancholischem Klange wiedergab.
-
-„Du bist nicht damit zufrieden,“ sagte er lächelnd. „O nein, ich sehe
-wohl.“
-
-„Doch, natürlich. Es liegt so viel Schönes und Zartes darin. Du weißt,“
-sie suchte nach dem Ausdruck, „es wirkt auf uns etwas fremd, da wir die
-gleichen Motive anders behandelt gesehen -- und so gut, daß wir sie uns
-in anderer Art nicht recht vorstellen können.“
-
-Er saß ihr gegenüber, das Kinn auf die Hand gestützt. Nach einer Weile
-sah er auf -- ihr Herz krampfte sich bei diesem Blick zusammen:
-
-„Ich wußte übrigens schon damals, was daran hätte besser sein sollen,“
-sagte er still und versuchte zu lächeln. „Wie ich dir sagte, ich habe
-die Mappe soviele Jahre nicht hervorgeholt.“
-
-„Ich habe niemals recht verstehen können,“ sagte sie nach einer Weile
-ablenkend, „daß du dich zu Spätrenaissance und Barock so hingezogen
-fühltest.“
-
-„Es ist auch nicht zu verlangen, kleine Jenny, daß +du+ das verstehst.“
-Er blickte ihr mit einem sonderbar wehen Lächeln ins Gesicht. „Siehst
-du, es gab wohl eine Zeit, da ich felsenfest an mein eigenes Talent
-glaubte. Aber doch nie so unbedingt, daß nicht ein kleiner nagender
-Zweifel zurückgeblieben wäre. Nicht daran zweifelte ich, daß ich nicht
-auszudrücken vermöchte, was ich sagen wollte, ich war mir nicht klar
-darüber, was ich eigentlich ausdrücken wollte. Ich sah ja, daß die
-romantische Kunst abgeblüht und im Begriff war, hinzuwelken. Fast auf
-der ganzen Linie hatten Verfall und Unwahrhaftigkeit um sich gegriffen,
-und gerade der Romantik gehörte mein ganzes Herz. Nicht nur in der
-Malerei. Ich sehnte mich nach den sonntäglichen Bauern der Romantik,
-trotzdem ich als Knabe lange genug auf dem Lande gelebt hatte, um zu
-wissen, daß es sie nicht mehr gibt. Als ich in die Welt zog, war mein
-Ziel das Italien der Romantik. Ich weiß sehr wohl, du und deine Zeit,
-ihr sucht die Schönheit in dem, was +ist+, sinnlich und wirklich.
-+Ich+ fand sie nur in der Umbildung der Wirklichkeit, die andere schon
-vorgenommen hatten. Du weißt, die achtziger Jahre kamen mit ihrem neuen
-Glaubensbekenntnis, ich machte den Versuch, zu folgen, doch mein Herz
-lehnte sich auf.“
-
-„Ja, aber Gert,“ Jenny richtete sich auf, „die Wirklichkeit ist doch
-nicht ein bestimmter Begriff. Sie zeigt sich jedem einzelnen anders.
-‚~There’s beauty in everything~,‘ sagte ein englischer Maler einmal zu
-mir, ‚~only your eyes see it or see it not, little girls~‘“.
-
-„Ja, aber, Jenny -- ich vermochte ja die Wirklichkeit nicht zu +sehen+,
-ich erfaßte nur ihren Widerschein in den Träumen Anderer. Ich war
-nicht einmal fähig, aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeitswelt
-+meine+ Schönheit herauszufinden. -- Ich fühlte meine eigene Ohnmacht
-deutlich. Als ich dann dort hinunterkam, eroberte der Barock mein
-Herz. Begreifst du die tiefe Ohnmacht und die Seelenpein, die man
-unter der Unfähigkeit, der Phrase, erleidet? Nichts Persönliches,
-Neues zu besitzen, um die Form damit zu erfüllen. -- Nur die Technik
-vervollkommnet sich, die rauschende Bewegung der Gewänder, die
-halsbrecherischen jähen Reduktionen, die gewaltigen Effekte in Licht
-und Schatten, die geschraubte Komposition. Die Leere wird unter
-der Ekstase verborgen -- verzerrte Gesichter, verrenkte Glieder,
-Heilige, deren einzig wahre Leidenschaft die Furcht vor ihrem eigenen
-hartnäckigen Zweifel ist, den sie in krankhafter Erregung ersticken
-wollen. Ja, wahrhaftig, du, das ist die Verzweiflung des Niederganges,
-das Werk der Epigonen, das nur blenden will -- und meist sich selbst.“
-
-Jenny nickte. „Dies ist jedenfalls deine subjektive Anschauung.
-Ich bin durchaus überzeugt, daß die Maler, von denen du sprichst,
-außerordentlich stolz und zufrieden mit sich selber waren.“
-
-Er schlug plötzlich einen anderen Ton an und lachte: „Möglich.
-Vielleicht wurde dies mein Steckenpferd, weil, wie du sagtest, es nun
-einmal mein subjektiver Standpunkt war.“
-
-„Aber das Bild, das du von deiner Frau gemalt hast -- in Rot -- das ist
-doch ganz impressionistisch, und es ist ausgezeichnet. Je öfter ich es
-mir anschaue, desto besser finde ich es.“
-
-„O ja. Aber das ist ja ein vereinzelter Fall.“ Er schwieg. „Als ich
-malte, war sie für mich das Leben. Ich war toll verliebt in sie -- und
-doch haßte ich sie schon so grenzenlos.“
-
-„Daß du die Malerei aufgabst,“ fragte Jenny leise, „war das ihre
-Schuld?“
-
-„Nein, Jenny. Alles, was uns an Unglück zustößt, ist unsere eigene
-Schuld. Ich weiß, du bist nicht, was man gläubig nennt. Darin geht
-es mir ähnlich. Aber ich +glaube+ -- an Gott meinetwegen, oder eine
-seelische Macht, oder was du sonst willst, die in gerechter Weise
-straft. -- Sie war irgendwo draußen in der Großen Straße Kassiererin in
-einem Geschäft. Ich sah sie dort zufällig. Sie war herrlich schön; das
-kannst du vielleicht jetzt noch sehen. Nun ja, ich lauerte ihr eines
-Abends auf, als sie aus dem Geschäft kam, und sprach sie an. Lernte sie
-kennen. -- Ich verführte sie,“ sagte er leise und hart.
-
-„Und dann hast du sie eben geheiratet, weil sie ein Kind bekam. Das
-habe ich mir gedacht. Zum Dank hat sie dich siebenundzwanzig Jahre lang
-gequält und geplagt. -- Weißt du, die Gerechtigkeit, an die du da
-glaubst, ist recht grausam.“
-
-Er lächelte müde: „Ich bin gar nicht so altmodisch, Jenny, wie du
-vielleicht denkst. Ich erblicke darin keine Sünde, daß zwei junge
-Menschen, die sich lieben und fühlen, daß sie zusammengehören, sich
-einander hingeben, ob nun unter gesetzlichen oder ungesetzlichen
-Umständen. Ich aber habe Rebekka tatsächlich verführt. Sie war
-unschuldig, als ich sie traf, nicht nur rein körperlich, meine ich.
-+Ich+ sah, wie sie war -- sie ahnte es selber nicht. Ich wußte, wie
-leidenschaftlich sie war, wie eifersüchtig und tyrannisch sie in ihrer
-Liebe sein würde. Ich machte mir aber den Teufel etwas daraus, ich
-fühlte mich geschmeichelt, daß gerade mir diese Leidenschaft galt,
-daß ich dieses herrliche Mädchen so ganz mein eigen nennen durfte.
-Natürlich hatte ich nie die Absicht, mich ihr ganz zu opfern, trotzdem
-ich wußte, sie würde alles fordern. Ich hatte nicht gerade vor, sie
-zu verlassen, glaubte aber, ich würde mich schon zu behaupten wissen.
-Ich hoffte, aus unserem Verhältnis ausschalten zu können, was ich ihr
-nicht geben wollte -- meine Interessen, meine Arbeit: mein eigentliches
-Leben -- obwohl ich wußte, sie würde versuchen, alles an sich zu
-reißen. Es war erzdumm von mir; ich wußte, ich war schwach, und sie
-stark und rücksichtslos. Aber ich rechnete darauf, daß ihre stärkere
-Leidenschaft mir, der ich in gewissen Punkten verhältnismäßig kalt war,
-ein Uebergewicht geben würde. -- Ich entdeckte, daß sie außer ihrer
-großen Fähigkeit zu lieben keine starken Eigenschaften besaß. Sie war
-eitel und ungebildet, neidisch und roh. Wir hatten keine seelische
-Gemeinschaft, was ich aber nicht vermißte. Ich wollte ja nur ihren
-herrlichen Körper besitzen, ihre verzehrende Leidenschaft genießen.“
-
-Er erhob sich und ging zu Jenny hinüber, ergriff ihre Hände und preßte
-sie einen Augenblick an seine Augen.
-
-„Konnte ich denn wissen, daß eine Ehe mit ihr ein einziges Elend sein
-würde? -- Ich mußte ernten, was ich gesät. Ich mußte sie also heiraten.
-Es war eine fürchterliche Zeit. Vorher, als sie zu mir ins Atelier
-kam -- wild und toll vor Uebermut -- verhöhnte sie jedes altväterische
-Vorurteil. Sie war stolz, Geliebte zu sein, übermütig -- für sie gab es
-nichts als dies freie Liebesleben. Als es dann eine schlimme Wendung
-mit ihr nahm, blies sie aus einem anderen Horn. Ich bekam von ihrer
-achtbaren Familie in Frederikshald zu hören, ihrer unbefleckten Tugend,
-ihrem guten Ruf -- ich dagegen war ein Schurke, ein Wicht, wenn ich sie
-nicht augenblicklich heiratete. Soundso viele Männer hatten sie auf
-diese oder jene Weise haben wollen, sie aber wollte sich weder verloben
-noch sich verführen lassen.
-
-Ich hatte nichts zum Heiraten -- ich war Student, nicht einmal tüchtig,
-und hatte außer der Malerei nichts gelernt. Monate gingen hin. Ich
-mußte zu meinem alten Vater gehen. Dann heirateten wir, und zwei Monate
-später kam Helge. -- Meine Familie half mir, dies Geschäft zu beginnen.
-Ich hatte ja einmal große Träume von einem Kunstverlag ... meine
-Volksliederblätter! -- Aber die Herbeischaffung des täglichen Brotes
-und meine Familie machten mir Sorge und Mühe genug. Ich mußte sogar
-einmal akkordieren, wie du vielleicht gehört hast -- in den neunziger
-Jahren. Sie nahm ehrlich und redlich ihr Teil an Arbeit, Entbehrung und
-Armut auf ihre Schultern und hätte mit Freuden für mich und die Kinder
-gehungert. Es war bei meinen Gefühlen für sie beschämender, eingestehen
-zu müssen, daß sie sich für mich abarbeitete, sich aufopferte und für
-mich litt. -- Ich mußte auf alles verzichten, was mir lieb war. Zoll
-für Zoll zwang sie mich all das aufzugeben, was ich vor ihr voraus
-hatte. Mein Vater und sie waren Todfeinde von der ersten Stunde an.
-Sie war ihm unsympathisch! Und das verletzte ihre Eitelkeit. So trieb
-sie einen Keil zwischen uns beide. Vater war Beamter von der alten
-Schule, vielleicht ein wenig engherzig, steif und trocken -- aber so
-fein und vornehm und rechtlich denkend und im Grunde so warm, so weich
-und gut. Wir waren einander immer viel -- ja, Jenny, ich liebte ihn,
-aber das durfte ich natürlich nicht. -- Dann die Malerei! Ich sah, daß
-ich nicht die Fähigkeiten hatte, wie ich erst geglaubt. Ich vermochte
-aber nicht, mich immer und immer wieder zu versuchen, da ich doch nicht
-an mich selber glauben konnte, müde, wie ich war von der Jagd nach dem
-täglichen Brot und von diesem Zusammenleben, das mehr und mehr zu einer
-Karikatur wurde. Sie machte mir Vorwürfe, aber heimlich triumphierte
-sie. -- Und dann die Kinder! Sie war eifersüchtig, wenn sie merkte, ich
-freute mich über sie oder wenn sie sah, sie waren fröhlich mit mir. Sie
-wollte die Kinder nicht mit mir teilen, aber sie wollte mich auch nicht
-mit den Kindern teilen. Ihre Eifersucht wuchs sich mit den Jahren zu
-einer Art Irrsinn aus. Nun, du hast ja selbst gesehen.“
-
-Jenny blickte zu ihm auf.
-
-„Sie kann es kaum ertragen, daß wir in einem Raume zusammen sind, nicht
-einmal, wenn Helge dabei ist.“
-
-Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie auf ihn zuging und ihre Hände
-auf seine Schultern legte:
-
-„Ich begreife nicht,“ flüsterte sie, „daß du dies Leben ausgehalten
-hast.“
-
-Gert Gram beugte sich vor und legte seinen Kopf auf ihre Schulter:
-
-„Ich verstehe es ja selber nicht, Jenny.“
-
-Als er kurz darauf sein Antlitz hob und ihre Augen sich trafen, legte
-sie ihre Hand um seinen Nacken, und, überwältigt von einem unendlich
-verzweifelten, zarten Mitleid, küßte sie ihn auf Stirn und Wange.
-
-Sie erschrak hinterher selbst, als sie auf sein Gesicht mit den
-geschlossenen Augen herniederblickte, wie es an ihrer Schulter ruhte.
-Aber dann richtete er sich sanft auf und erhob sich.
-
-„Danke, kleine Jenny.“
-
-Gram legte die Blätter in die Mappe zurück und räumte den Tisch ab.
-
-„Ja, Jenny, ich wünsche dir, du mögest recht, recht glücklich werden.
-Du bist so jung und hell, so frisch und energisch und begabt. Mein
-liebes Kind -- du bist so, wie ich es selbst hatte sein wollen. Ich
-erreichte es aber niemals.“ Er sprach mit leiser, geistesabwesender
-Stimme.
-
-„Ich glaube,“ sagte er kurz darauf ganz ruhig, „solange ein Verhältnis
-neu ist und man sich noch nicht eingelebt hat, kann einem so vieles
-begegnen, das schwer zu überwinden ist. Ich wünschte, ihr wohntet
-später nicht hier in der Stadt. Ihr sollt allein sein -- in der ersten
-Zeit -- fern von Verwandtschaft und dergleichen.“
-
-„Helge hat ja die Stellung in Bergen beantragt, weißt du,“ sagte Jenny.
-Wieder überfiel sie diese närrische Verzweiflung und Angst, wenn sie an
-ihn dachte.
-
-„Sprichst du nie mit deiner Mutter über diese Dinge, Jenny? Warum
-nicht? Hast du deine Mutter nicht lieb?“
-
-„Doch, gewiß habe ich Mama lieb.“
-
-„Du solltest sie um Rat fragen, mit ihr reden --“
-
-„Es nützt mir nichts, andere um Rat zu bitten. Ich mag nicht über
-solche Dinge mit anderen sprechen,“ sagte sie abweisend.
-
-„Nein, nein. Du bist --“ Er stand dem Fenster halb zugewandt, als er
-plötzlich zusammenfuhr und leise und aufgeregt ihr zuflüsterte:
-
-„Jenny -- sie geht dort vorüber!“
-
-„Wer?“
-
-„Sie -- Rebekka.“
-
-Jenny erhob sich. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie +schreien+,
-vor Erbitterung und Ekel. Ein Zittern überfiel sie, jede Fiber in
-ihr krampfte sich zusammen, lehnte sich auf. Sie +wollte+ nicht
-hineingezogen werden in all das Häßliche, Schauderhafte, in dieses
-Mißtrauen, diesen Hader, diese haßerfüllten Worte, Zänkereien und
-Szenen ... Nein, sie wollte nicht da hinein --.
-
-„Jenny, du bebst ja, Kind -- du solltest keine Furcht haben, dir darf
-sie nichts tun --.“
-
-„Das ist es nicht -- ich bin nicht ängstlich.“ Sie wurde plötzlich kalt
-und hart. „Ich bin hier gewesen, um dich zu holen -- wir haben uns die
-Mappen angesehen und nun trinke ich bei euch Tee.“
-
-„Es ist ja nicht sicher, daß sie etwas gesehen hat --“
-
-„Das brauchen wir, weiß Gott, auch nicht zu verbergen! Weiß sie nicht,
-daß ich hier gewesen bin, so erfährt sie es eben. Ich gehe mit dir
-nach Hause, hörst du? Wir +müssen+ es tun, sowohl deinet- als auch
-meinetwegen --.“
-
-Gram blickte sie an:
-
-„Nun ja, nehmen wir es also auf uns.“
-
-Als sie auf die Straße hinunter kamen, war Frau Gram gegangen.
-
-„Wir fahren mit der Straßenbahn, Gert; es ist spät.“ Sie schwieg.
-Plötzlich fuhr sie auf. „Helges wegen müssen wir es auch tun; diese
-Geheimniskrämerei zwischen uns muß auch um seinetwillen ein Ende haben.“
-
- * * * * *
-
-Frau Gram öffnete ihnen selbst die Tür, als sie kamen. Während Gert
-Gram seine Erklärung vorbrachte, begegnete Jenny frei ihren bösen Augen:
-
-„Das ist doch ärgerlich, daß Helge heute Abend nicht zu Hause ist.
-Glauben Sie nicht, daß er früher zurückkommt, Frau Gram?“
-
-„Es ist aber auch merkwürdig, lieber Freund, daß du nicht daran gedacht
-hast,“ sagte Frau Gram zu ihrem Manne. „Es ist für Fräulein Winge
-schließlich kein Vergnügen, mit uns beiden einsamen Alten den ganzen
-Abend zu verbringen.“
-
-„Oh, was das betrifft,“ meinte Jenny.
-
-„Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, daß Helge davon sprach, er
-ginge heute Abend fort,“ sagte Gram.
-
-„Man ist es nicht gewöhnt, Sie ohne Handarbeit zu sehen,“ lächelte Frau
-Gram, als sie nach dem Essen im Wohnzimmer bei einander saßen. „Sie,
-die Sie immer so fleißig sind!“
-
-„Nein, ich konnte nicht mehr nach Hause gehen, ich kam zu spät aus dem
-Atelier. Können Sie mir nicht eine Arbeit leihen, Frau Gram?“
-
-Jenny unterhielt sich mit ihr über den Preis aufgezeichneter
-Handarbeiten hier und in Paris, und über die Bücher, die sie ihr
-geliehen hatte. Gram saß und las. Hin und wieder fühlte Jenny seine
-Augen auf ihr ruhen.
-
-Gegen elf Uhr kam Helge. --
-
-„Was ist denn geschehen?“ fragte er, als sie dann die Treppe
-hinuntergingen. „Ist zu Haus wieder eine Szene gewesen?“
-
-„Durchaus nicht.“ Sie sprach heftig und nervös. „Deine Mutter nahm es
-wohl ungnädig auf, daß ich mit deinem Vater zusammen zu euch nach Hause
-kam.“
-
-„Ich finde allerdings auch, das hättet ihr vermeiden können,“ sagte
-Helge zaghaft.
-
-„Ich fahre mit der Straßenbahn nach Hause!“ Uebernervös, wie sie war,
-riß sie sich plötzlich unbeherrscht von ihm los. „Mehr ertrage ich
-heute Abend nicht, hörst du? Ich will nicht jedesmal diese Szenen mit
-dir haben, wenn ich bei euch gewesen bin. Gute Nacht!“
-
-„Aber Jenny! Jenny --!“ Er lief ihr nach, aber sie war bereits an der
-Haltestelle. Die Bahn kam im selben Augenblick, Jenny sprang auf und
-ließ ihn stehen.
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Sie ging den ganzen Vormittag über im Atelier auf und ab, ohne zu
-arbeiten. Sie hatte nicht die Kraft, etwas zu tun.
-
-Der Regen trommelte unaufhörlich und laut auf dem großen
-Mansardenfenster. Hin und wieder hielt Jenny inne und blickte
-über die regennassen Schieferdächer, die schwarzen Schornsteine
-und Telephondrähte hinweg, an denen die Regentropfen wie Perlen
-entlangglitten, zusammenliefen und niederfielen, um neuen Tropfen, die
-schnell herbeiliefen, Platz zu machen.
-
-Ihr kam der Gedanke, in den Bundefjord zur Mutter und den Kindern zu
-reisen, einige Tage wenigstens. Von all diesem hier +mußte+ sie fort.
-Oder sie wollte die Stadt verlassen, irgendwo in einem Hotel Wohnung
-nehmen, Helge bitten, nachzukommen, um mit ihm in Ruhe sprechen zu
-können.
-
-Wenn sie beide nur eine Zeitlang allein sein könnten! Sie versuchte,
-sich ihren Lenz dort unten vor Augen zu führen, sie erinnerte sich der
-Wärme und der grünen Campagna, der weißen Blüten, des silberfeinen
-Dunstes über dem Gebirge und ihrer eigenen Freude. Aber Helges Bild aus
-jener Zeit -- wie er in ihren verliebten Augen ausgesehen hatte, schien
-sie nicht zurückrufen zu können.
-
-Diese Tage lagen nun schon so weit hinter ihr, und sie standen so
-sonderbar isoliert von ihrem übrigen Leben da. Wenn sie auch noch so
-genau +wußte+, wie es gewesen, so konnte sie doch die Verbindung
-zwischen damals und heute nicht mehr +fühlen+.
-
-Dieses Haus in der Welhavenenstraße -- nein, dort gehörte sie nicht
-hin. Und es war ihr, als entschwinde Helge ihr dort gleichsam vor ihren
-Augen. Es war unfaßbar, sie wollte es einfach nicht glauben, daß diese
-Menschen zu ihr gehören sollten, für alle Zukunft.
-
-Nein. Er, Gram, hatte Recht. Sie mußten aus all diesem heraus.
-
-Sie wollte reisen. Sofort. Ehe Helge käme und eine Erklärung für den
-gestrigen Tag forderte.
-
-Eben hatte sie die Handtasche gepackt und zog den Regenmantel über, als
-es klopfte -- mehrmals. Sie erkannte Helges Zeichen.
-
-Jenny stand mäuschenstill und wartete, bis er gegangen war. Kurz darauf
-ergriff sie ihre Reisetasche, verschloß das Atelier und ging.
-
-Als sie ein Stück die Treppe hinuntergekommen war, sah sie einen Mann
-in einem der Flurfenster sitzen. Es war Helge. Er hatte sie bereits
-gesehen. So ging sie denn zu ihm hinunter. Einen Augenblick starrten
-sie sich an.
-
-„Warum wolltest du mir eben nicht öffnen?“ fragte er.
-
-Jenny antwortete nicht.
-
-„Hörtest du nicht, daß ich klopfte?“
-
-„Doch. Ich hatte aber kein Verlangen mit dir zu sprechen.“
-
-Er erblickte ihren Handkoffer.
-
-„Willst du zu deiner Mutter fahren?“
-
-Jenny überlegte einen Augenblick:
-
-„Nein. Ich gedenke einige Tage nach Holmestrand zu reisen. Ich wollte
-dir dann schreiben und dich bitten, nachzukommen. Wir konnten dann eine
-Weile zusammen sein, ohne daß sich Unbeteiligte hineinmischen und uns
-Szenen machen. Ich würde gern mit dir in Ruhe und Frieden reden.“
-
-„Ich hätte auch gern mit dir gesprochen. Können wir nicht zu dir
-hinaufgehen?“
-
-Sie antwortete nicht gleich.
-
-„Ist jemand bei dir oben?“ fragte er.
-
-Jenny richtete ihre Augen auf ihn:
-
-„Jemand oben? Wenn ich gegangen bin?“
-
-„Es könnte ja jemand sein, mit dem du nicht zusammen fortgehen magst.“
-
-Sie wurde brennend rot.
-
-„Wie meinst du das, ich konnte ja gar nicht wissen, daß du mir hier
-auflauertest.“
-
-„Liebe Jenny, du kannst dir doch denken -- ich meine doch nicht, daß
-von deiner Seite etwas Unrechtes darin läge.“
-
-Jenny erwiderte nichts, sondern stieg die Treppe wieder hinauf. Oben
-im Atelier setzte sie den Koffer nieder, blieb im Mantel stehen und
-beobachtete Helge, wie er seinen Regenmantel ablegte und den Schirm in
-einen Winkel stellte.
-
-„Vater erzählte es mir heute morgen, daß du bei ihm gewesen bist, und
-daß Mutter draußen vorbeiging --.“
-
-„Ja.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Es ist eine merkwürdige
-Angelegenheit bei euch zu Hause -- so auf der Lauer zu liegen. Es wird
-mir recht schwer, mich daran zu gewöhnen, muß ich sagen.“
-
-Helge wurde rot:
-
-„Liebste Jenny, ich +mußte+ mit dir sprechen. Die Portierfrau sagte,
-sie glaubte ganz bestimmt, du seiest oben. Du weißt doch wohl, daß ich
-nicht +dir+ mißtraue --“
-
-„Ich weiß bald nicht mehr aus noch ein,“ antwortete sie aufgebracht.
-„Ich kann das nicht mehr aushalten -- all den Argwohn, diese
-Geheimnistuerei, diesen Unfrieden und die Häßlichkeit. Herrgott, Helge
--- kannst du mich denn nicht ein wenig dagegen schützen!“
-
-„Arme Jenny.“ Er erhob sich und ging zum Fenster, den Rücken ihr
-zugewandt.
-
-„Ich habe mehr darunter gelitten, Jenny, als du ahnst. Es ist zum
-Verzweifeln. Denn -- begreifst du das nicht selber -- Mutters
-Eifersucht ist doch nicht ganz unbegründet.“
-
-Jenny zuckte zusammen. Helge wandte sich um und sah es.
-
-„Ich glaube natürlich nicht, daß Vater sich dessen bewußt ist. Sonst
-würde er seinem Verlangen, mit dir zusammen zu sein -- nicht in diesem
-Maße nachgeben. Obgleich --. Er sprach auch mit mir darüber, daß wir
-beide fort müßten, fort aus dieser Stadt. Ich weiß nicht -- hat er dich
-nicht überhaupt auf die Reise gebracht?“
-
-„Auf diese Reise nach Holmestrand bin ich selbst gekommen. Er sprach
-aber gestern mit mir davon, daß wir nicht hier in der Stadt wohnen
-dürften -- wenn wir verheiratet wären --“
-
-Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Schultern. Ihre
-Stimme war klagend:
-
-„Helge, mein Freund -- ich muß ja reisen, wenn es so ist -- Helge,
-Helge -- was sollen wir tun?“
-
-„Ich reise,“ sagte er kurz. Er nahm ihre Hände von seinen Schultern und
-preßte sie an seine Wangen. So standen sie einen Augenblick still.
-
-„Auch ich muß reisen. Kannst du denn nicht verstehen? Als ich noch
-dachte, deine Mutter sei ungerecht -- ja, und auch unfein -- konnte
-ich ihr gegenüber tun, als ginge es mich nichts an. Aber jetzt -- du
-hättest das nicht sagen dürfen, Helge -- selbst wenn du dich irrtest.
-Ich kann nicht mehr dorthin gehen, wenn ich darüber nachgrübeln muß,
-ob sie auch nur einen leisen Schein von Recht hat; ich werde unsicher,
-ich weiß, ich kann ihr gegenüber nicht meine Fassung bewahren -- ich
-komme mir vor wie eine Schuldige ...“
-
-„Komm.“ Er zog sie mit sich zum Sofa und setzte sich neben sie. „Ich
-will dich etwas fragen.“
-
-„Liebst du mich, Jenny?“
-
-„Das weißt du,“ sagte sie hastig und bang.
-
-Er nahm ihre Hand in seine beiden:
-
-„Ich weiß, du hast es eine Zeitlang getan. Gott weiß, ich begriff nie,
-aus welchem Grunde. Aber ich wußte, du sprachst die Wahrheit, wenn du
-es sagtest. Dein ganzes Wesen gegen mich war Liebe, Güte und Freude.
-Aber ich hatte immer Angst, daß der Tag kommen würde, an dem du mich
-nicht mehr liebtest.“
-
-Sie blickte ihm in das weiße Gesicht:
-
-„Ich bin dir so gut, Helge.“
-
-„Ich weiß es wohl.“ Er lächelte flüchtig. „Ich weiß wohl, du bist nicht
-eine von denen, deren Herz erkaltet gegen den Mann, den sie einstmals
-liebten. Ich weiß auch, du willst mir nicht wehe tun -- du wirst selbst
-leiden, wenn du mich nicht mehr liebst. -- Ich habe dich so grenzenlos
-lieb, siehst du --“
-
-Er senkte seinen Kopf und weinte. Sie zog ihn fest an sich:
-
-„Helge. Mein Junge. Mein lieber, lieber Junge.“
-
-Er hob wieder den Kopf und schob sie sanft zurück:
-
-„Jenny -- damals in Rom -- ich hätte dich nehmen können. Du wolltest
-mein werden -- ganz. Du hattest den guten Willen -- in deiner Seele
-herrschte kein Zweifel darüber, daß unser Zusammenleben für uns Glück
-bedeuten würde. Ich war nicht so sicher -- darum wohl wagte ich es
-nicht --. Später, hier zu Hause ... Ich sehnte mich so unsagbar. Ich
-wollte dich ganz besitzen, da ich fürchtete, dich eines Tages zu
-verlieren. Aber ich merkte, wie du immer auswichest, wenn du fühltest,
-daß dies Begehren in mir aufstieg.“
-
-Sie blickte ihn erschrocken an. Es war so! Sie hatte es sich nicht
-gestehen wollen -- aber er hatte Recht.
-
-„Wenn ich dich jetzt bäte. In dieser Stunde!?“
-
-Jenny bewegte die Lippen. Dann sagte sie schnell und fest:
-
-„Ja.“
-
-Helge lächelte traurig und küßte ihre Hand:
-
-„Willig und gern? Weil +du+ mein sein willst? Weil du dir ein Glück
-ohne mich und dich nicht denken kannst? Nicht nur, weil du mir etwas
-Liebes antun willst? Nicht nur, weil du nicht dein Wort brechen willst?
-Antworte aufrichtig!“
-
-Sie warf sich weinend über seine Knie:
-
-„Laß mich fortreisen! Ich will ins Gebirge fahren. Hörst du, Helge --
-ich muß mich selber wiederfinden -- ich will +deine+ Jenny werden,
-wie in Rom. Ich +will+, Helge -- ich weiß weder aus noch ein, aber
-ich +will+. Wenn ich ruhiger geworden bin, schreibe ich an dich; dann
-kommst du nach und dann bin ich nur deine, ganz deine Jenny --.“
-
-„Jenny,“ sagte Helge leise. „Ich bin meiner Mutter Sohn. Wir haben
-uns voneinander entfernt -- wir haben uns schon jetzt voneinander
-entfernt. Du müßtest mich davon überzeugen, daß ich dir das Höchste auf
-Erden bin, das Einzige, mehr als alles andere -- aber du kannst nicht.
-Ich fühle ja, daß du zu deiner Arbeit, deinen Freunden mehr gehörst
-als zu mir, während du dich unter den Menschen fremd fühlst, die mir
-nahestehen --.“
-
-„Ich fühle mich deinem Vater gegenüber nicht so fremd,“ flüsterte Jenny
-unter Tränen.
-
-„Nein. Aber Vater und ich sind uns fremd. Jenny -- da ist deine Arbeit,
-in der ich niemals ganz eins mit dir werden kann. Ich weiß jetzt, daß
-ich auch darauf eifersüchtig bin. Jenny, verstehst du nicht, ich +bin+
-ja ihr Sohn. Fühle ich nicht sicher, daß ich für dich alles auf der
-Welt bedeute, so muß ich eifersüchtig sein, fürchten, daß eines Tages
-einer kommt, den du ganz lieben wirst, der dich besser versteht --.
-Ich bin von Natur eifersüchtig --.“
-
-„Du darfst es nicht sein, Helge. Dann zerbricht alles. Ich +dulde+ kein
-Mißtrauen gegen mich. Hörst du -- ich kann leichter verzeihen, wenn du
-mich betrügst, als wenn du an mir zweifelst --.“
-
-„Das könnte ich nicht.“ Er lachte gequält.
-
-Jenny strich sich das Haar aus der Stirn und trocknete die Augen:
-
-„Helge. Wir haben uns doch gern. Wenn wir alles um uns her verließen
-und wenn wir beide den +Willen+ hätten, alles gutzumachen. Wenn zwei
-Menschen einander gut sein und einander glücklich machen +wollen+ --.“
-
-„Ich habe zu viel gesehen. Ich wage nicht auf meinen und deinen Willen
-zu bauen. Da sind andere, die auch auf den guten Willen gehofft haben.
-Ich habe gesehen, wie zwei Menschen einander das Leben zur Hölle machen
-können. -- Du sollst mir auf das antworten, was ich dich fragte. Liebst
-du mich? Willst du mein sein -- wie in Rom? Darf ich heute Nacht bei
-dir bleiben? Ist das dein Wunsch, der höchste, den du hast?“
-
-„Ich bin dir doch gut, Helge.“ Sie schluchzte verzweifelt und leise.
-
-„Ich danke dir,“ sagte er. Er ergriff ihre Hand und küßte sie. „Du
-kannst ja nichts dafür, armes Liebes, daß du mich nicht liebst. Das
-weiß ich wohl.“
-
-„Helge!“ klagte sie flehend.
-
-„Du kannst mir nicht sagen, Jenny, daß ich bleiben soll, weil du ohne
-mich nicht leben kannst. Wagst du es, die Verantwortung für alle Folgen
-zu übernehmen, wenn du sagst, du liebtest mich, nur damit ich jetzt
-nicht traurig von dir gehe --?“
-
-Jenny starrte in ihren Schoß.
-
-Helge zog den Regenmantel an und griff nach seinem Schirm.
-
-„Leb wohl, Jenny.“ Er nahm ihre Hand.
-
-„Gehst du von mir, Helge?“
-
-„Ja, Jenny, ich gehe.“
-
-„Kommst du nicht wieder?“
-
-„Nur, wenn du mir sagen kannst, was ich dich fragte.“
-
-„Das kann ich jetzt nicht sagen,“ flüsterte sie verzweifelt.
-
-Helge strich ihr flüchtig übers Haar. Dann ging er.
-
- * * * * *
-
-Jenny blieb weinend auf dem Sofa sitzen. Sie schluchzte bitterlich und
-lange -- ohne zu denken. Und inmitten der tiefen Müdigkeit, die darauf
-folgte, der Mattigkeit nach der kleinlichen Quälerei, der kleinlichen
-Demütigung und dem kleinlichen Hader der letzten Monate fühlte sie ihr
-Herz so leer und kalt. Helge hatte Recht.
-
-Nach einer Weile verspürte sie Hunger. Als sie nach der Uhr sah, war es
-sechs.
-
-Sie hatte vier Stunden so dagesessen. Als sie ihren Mantel anziehen
-wollte, entdeckte sie, daß sie ihn gar nicht abgelegt hatte.
-
-Drüben an der Tür hatte sich eine Wasserpfütze gebildet -- zwischen
-einigen Bildern im Blendrahmen. Jenny suchte nach einem Lappen und
-trocknete den Boden auf. Da fiel ihr plötzlich ein, daß das Wasser von
-Helges Schirm herrührte. Sie lehnte die Stirn an den Türrahmen und
-weinte wieder.
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Das Mittagessen war schnell beendet. Sie versuchte die Zeitung zu lesen
-und eine Weile ihre Gedanken auszuschalten. Es war aber umsonst. So
-würde es doch besser sein, heimzugehen und sich dort hinzusetzen --.
-
-Als sie kam, stand ein Mann wartend auf dem obersten Treppenabsatz. Er
-war groß und schmächtig. Sie sprang die letzten Stufen hinauf und rief
-Helges Namen.
-
-Sie erkannte seinen Vater. „Es ist nicht Helge,“ entgegnete er.
-
-Jenny streckte ihm atemlos beide Hände entgegen:
-
-„Gert -- was ist -- ist etwas Schlimmes geschehen?“
-
-„Still, still, Jenny.“ Er ergriff ihre Hand. „Helge ist fortgereist
-nach Kongsberg zu einem Freund, einem Schulkameraden, der dort Arzt
-ist. Zu Besuch. Herrgott, Kind, du fürchtest doch nichts anderes --.“
-Er lächelte ganz leise.
-
-„Oh, ich weiß nicht --.“
-
-„Nein. Aber liebe Jenny -- du bist ja ganz außer dir --.“
-
-Sie ging ihm vorauf durch den Gang und schloß das Atelier auf. Drinnen
-war es taghell und Gert Gram betrachtete sie. Er war selbst bleich.
-
-„Ist dir so weh ums Herz, Jenny? -- Helge sagte -- ich verstand ihn
-jedenfalls so -- daß ihr übereingekommen seid ... ihr fändet beide, daß
-ihr nicht zueinander paßt --.“
-
-Jenny schwieg. Wie sie jetzt einen Dritten es aussprechen hörte, war es
-ihr, als müsse sie widersprechen. Sie hatte es vorhin nicht begriffen,
-daß es vorbei sein sollte. Aber da stand er und sagte: sie seien sich
-klar geworden, daß es so das Beste wäre. Helge war fortgereist, und die
-Liebe, die sie einmal für ihn empfunden, war gestorben -- sie konnte
-sie nicht mehr in sich finden -- und daher war es eben vorbei. Aber
-Gott im Himmel, wie war es denn möglich, daß es zu Ende sein sollte,
-zumal sie es ja gar nicht gewollt --.
-
-„Ist es so schwer für dich, Jenny?“ fragte er wieder. „Hast du ihn doch
-noch lieb --?“
-
-Jenny warf den Kopf zurück:
-
-„Natürlich bin ich Helge gut.“ Ihre Stimme bebte leise: „Man hört doch
-nicht ohne weiteres auf, einen Menschen gern zu haben, den man geliebt
-hat. Es ist einem doch nicht gleichgültig, ob man einem anderen
-wehetut --.“
-
-Gram antwortete nicht gleich. Er setzte sich aufs Sofa, drehte seinen
-Hut zwischen den Händen und betrachtete ihn:
-
-„Ich verstehe ja, daß es schmerzlich und schlimm für euch beide ist.
-Aber Jenny -- wenn du es dir überlegst -- glaubst du nicht selbst, daß
-es das Beste für euch ist --?“
-
-Sie entgegnete nichts.
-
-„Wie innig froh ich war, Jenny, als ich dich traf und sah, wie die Frau
-war, die mein Sohn erwählt hatte -- das kann ich dir nicht beschreiben.
-Es schien mir, als sollte mein Junge alles das besitzen, worauf ich
-in meinem Leben hatte verzichten müssen. Du warst so schön und fein,
-ich hatte den Eindruck, als seiest du ebenso gut, wie du klug, stark
-und selbständig warst; und dann warst du eine begabte Künstlerin, die
-weder an Ziel noch Mitteln zweifelte. Du sprachst froh und warm von
-deiner Arbeit, und froh und warm von deinem Freunde ... Dann kam Helge
-heim. Da fand ich, daß du dich verändertest -- merkwürdig schnell.
-Die peinlichen Vorkommnisse, die in meinem Hause nun einmal an der
-Tagesordnung sind, machten also einen zu starken Eindruck auf dich.
-Ich dachte, es sei unmöglich, daß Dinge wie eine -- unbehagliche,
-zukünftige Schwiegermutter einem jungen liebenden Weib vollständig
-das Glück verbittern könnten. Ich begann zu fürchten, daß tiefere
-Mißverhältnisse, die du jetzt nach und nach entdecktest, Schuld wären.
-Daß du vielleicht sahest, daß deine Liebe zu Helge nicht so felsenfest
-war, wie du geglaubt. Daß dir klar wurde, daß ihr im Grunde nicht
-zusammen paßtet, wie du natürlich angenommen hattest. Daß mehr eine
-Augenblicksstimmung euch zusammengeführt hatte --. Dort unten, ihr
-Beide allein, losgelöst von jedem alltäglichen, heimlichen Band, allein
-in der neuen Umgebung, Beide jung und frei, glücklich durch die Arbeit
-und wohl Beide mit der Liebessehnsucht der Jugend im Herzen -- sollte
-all das nicht vorübergehende Sympathie und Verständnis erwecken können,
-selbst wenn diese Sympathie, dieses Verständnis nicht in die tiefsten
-Winkel eurer beider Seelen gedrungen war?“
-
-Jenny stand drüben am Fenster und blickte zu ihm hinüber. Sie empfand
-einen seltsam heftigen Unwillen, als er sprach. Herrgott, vielleicht
-hatte er Recht. Aber er verstand ja gar nicht, was ihr eigentlich das
-Herz so schwer machte, während er ihr alles so klar auseinandersetzte:
-
-„Das ändert nichts an der Sache -- selbst, wenn etwas an dem ist, was
-du sagst. Möglich, daß du Recht hast --.“
-
-„Es ist jedenfalls besser, Jenny, daß ihr es jetzt eingesehen habt.
-Besser, als wenn es später gekommen wäre, wenn die Bande fester
-geknüpft waren und es schmerzlicher gewesen wäre, sie zu lösen --.“
-
-„Das ist es ja nicht, ach, das ist es ja gar nicht!“ Sie unterbrach
-ihn plötzlich heftig. „Ich -- ich verachte mich selbst. Man gibt einer
-solchen lächerlichen Stimmung nach, lügt sie herbei. Man soll +wissen+,
-daß man, ehe man sagt, man liebt, für sein Wort einstehen kann. Eine
-solche Leichtfertigkeit habe ich immer am allermeisten verachtet. Nun
-sitze ich selbst in der Schande.“
-
-Gram blickte plötzlich scharf zu ihr hinüber. Er wurde bleich -- und
-dann glühend rot. Nach einer Weile sagte er mühsam:
-
-„Ich sagte, es sei das Beste, daß, wenn zwei Menschen nicht zueinander
-passen, sie es entdecken, ehe das Verhältnis so tief in ihr Leben
-eingegriffen hat, daß Beide -- und besonders sie -- nie wieder die
-Spuren auslöschen können. Ist es zu spät, so muß man eher versuchen, ob
-man nicht -- mit ein wenig Resignation und viel gutem Willen von beiden
-Seiten -- eine Harmonie zuwege bringen kann. Erweist sich das als eine
-Unmöglichkeit, so kann man ja noch immer --. Ich weiß ja nicht, ob du
-und Helge ... wie tief es gegangen ist --.“
-
-Jenny lachte spöttisch:
-
-„Ah, ich verstehe, was du meinst. Für mich ist es ebenso bindend, daß
-ich Helge habe angehören +wollen+ -- mein Wort gegeben habe und es nun
-nicht halten kann. Ebenso demütigend -- vielleicht mehr als wenn ich
-wirklich sein gewesen wäre --.“
-
-„Du wirst das nicht sagen, wenn du einmal einem Manne begegnest, den du
-mit großer, wahrer Liebe lieben kannst,“ sagte Gram leise.
-
-Jenny zuckte mit den Schultern:
-
-„Glaubst du übrigens an die große und wahre Liebe, von der du da
-sprichst?“
-
-„Ja, Jenny.“ Gram lächelte schwach. „-- Ich weiß, der Ausdruck kommt
-euch jungen Menschen heutzutage komisch vor. Ich glaube indessen an sie
--- aus guten Gründen.“
-
-„Ich glaube, eines jeden Menschen Liebe ist wie er selbst. Wer
-großzügig veranlagt ist und wahrhaftig gegen sich selbst, wirft sich
-nicht in kleinen Liebeleien fort. Ich dachte, ich selber ... Aber ich
-war achtundzwanzig Jahre alt, als ich Helge traf, und ich hatte nie
-geliebt. Dessen war ich überdrüssig und wollte es gern versuchen. Er
-war verliebt, warm und jung, aufrichtig, und das lockte mich. So log
-ich denn mir selber etwas vor, genau wie all die anderen Frauenzimmer
--- seine Wärme ging auf mich über, und ich bildete mir schleunigst ein,
-ich sei warm. Obwohl ich wußte, daß man diese Illusion nicht lange
-aufrecht erhalten kann, jedenfalls nur solange, als von dieser Liebe
-nicht etwas verlangt wird. Andere Frauen begehen dergleichen in aller
-Harmlosigkeit, weil sie zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden
-können und sich immer etwas vorlügen -- so etwas kann ich aber zu
-meiner Entschuldigung nicht anführen --. Ich bin also in Wirklichkeit
-ebenso klein und egoistisch und verlogen wie die anderen. Daher kannst
-du sicher sein, Gert, daß ich schwerlich deine große und wahrhafte
-Liebe kennen lernen werde --.“
-
-„Jenny,“ und wieder lächelte Gert sein melancholisches Lächeln, „+ich+,
-siehst du, -- Gott weiß, ich bin weder groß noch stark, in Lüge und
-Schlechtigkeit hatte ich zwölf Jahre lang gelebt, und ich war zehn
-Jahre älter als du jetzt bist -- ich sah da eine, die mich an dies
-Gefühl, von dem du jetzt so höhnisch sprichst, glauben lehrte -- so
-fest, daß ich niemals daran zweifeln werde.“
-
-Eine Weile war es still.
-
-„Und du -- bliebst bei ihr,“ sagte Jenny leise.
-
-„Wir hatten beide Kinder. Ich sah damals noch nicht ein, daß ich nicht
-den geringsten Einfluß auf meine eigenen Kinder gewinnen würde. Schon
-gar nicht, wenn eine andere als ihre Mutter mein ganzes Herz und meine
-ganze Seele besaß. Sie war auch verheiratet. Schlecht verheiratet.
-Hatte ein kleines Mädchen. Das hätte sie wohl mit sich nehmen können.
-Der Mann war ein Trinker.
-
-Ja, das war auch ein Teil der Strafe, siehst du -- Strafe für das
-Verhältnis, in das ich mich eingelassen hatte -- mit jener. Das mir
-nie etwas anderes gegeben hat als Befriedigung meiner Sinne --. Unser
-Verhältnis war zu schön, als daß es aus Lüge bestehen konnte. Unsere
-schöne, herrliche Liebe mußten wir verbergen wie ein Verbrechen --. Oh,
-kleine Jenny! -- Es gibt kein anderes Glück, siehst du --.“
-
-Sie ging zu ihm hin, während er sich erhob. Sie standen dicht
-beieinander, ohne sich zu rühren, und ohne zu sprechen.
-
-„Ich muß gehen, Kleines,“ sagte er plötzlich gezwungen und trocken.
-„Ich muß zur üblichen Zeit zu Hause sein, weißt du. Sonst wird sie nur
-argwöhnisch --.“
-
-Jenny nickte.
-
-Gert Gram ging zur Tür, Jenny begleitete ihn.
-
-„Du darfst nicht fürchten, daß dein Herz nicht lieben kann,“ lachte er
-plötzlich still. „Ich glaube, es ist ein stolzes kleines Herz, Jenny --
-und warm! Willst du mich weiter zu deinen Freunden rechnen?“
-
-„Ja,“ sagte Jenny leise und reichte ihm die Hand. Er beugte sich nieder
-und küßte sie lange -- länger als sonst.
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Gunnar Heggen und Jenny Winge wollten im November zusammen eine
-Ausstellung veranstalten. Aus diesem Anlaß kam er nach Kristiania. Den
-Sommer hatte er in Smaalene zugebracht, roten Granit, grüne Zweige und
-blauen Himmel gemalt. Später war er nach Stockholm gefahren, wo er ein
-Bild verkaufte.
-
-„Wie geht es Cesca?“ fragte Jenny, als sie an einem Vormittag in ihrem
-Atelier bei einem Glase Whisky saßen.
-
-„Ja -- Cesca ...“ Gunnar trank einen Schluck aus seinem Glase, rauchte
-und blickte Jenny an und Jenny ihn.
-
-Es war so traulich, wieder mit ihm zusammen zu sitzen und von Menschen
-und Dingen zu sprechen, von denen sie sich so weit entfernt hatte. Ihr
-war, als habe sie ihn und Cesca einst weit, weit fort von hier in einem
-Lande am Ende der Welt getroffen, dort mit ihnen gearbeitet, mit ihnen
-zusammen gelebt und die Freude gesucht.
-
-Sie betrachtete das offene, sonnenverbrannte Gesicht vor ihr mit der
-schiefen Nase. Er hatte einmal als Kind einen Schlag darüber bekommen.
-„Und das hat Gunnars Physiognomie gerettet,“ pflegte Cesca zu sagen,
-„sonst wäre er der schrecklichste Typ eines schönen Mannes geworden.“
-Das war damals in Viterbo gewesen.
-
-Im Grunde hatte sie Recht. Zug um Zug besehen war er eigentlich eine
-richtige Bauernburschenschönheit mit seiner niedrigen, breiten Stirn
-unter dem braungelockten Haarschopf, mit den großen stahlblauen Augen
-und dem roten, vollen Munde mit der blanken Reihe weißer Zähne. Bis
-herab zum runden starken Hals hatte die Sonne ihn verbrannt und seine
-breite, eher gedrungene Gestalt wirkte fast brutal in ihrer gesunden,
-muskulösen Schönheit. Im Gegensatz hierzu stand der merkwürdig
-unschuldige, unberührte Ausdruck, der über dem sinnlichen Mund und den
-vollen Augenlidern lag und das unendlich feine Lächeln, das mitunter
-seine Lippen umspielte. Er hatte ein Paar richtige Arbeiterhände mit
-dicken Sehnen und groben Gelenken an den kurzen Fingern; aber er konnte
-sie auf eigene, lebhaft anmutige Art bewegen.
-
-Etwas magerer war er geworden, sah aber sonst gesund und wohl aus,
-während sie sich so müde und unbefriedigt fühlte. Er hatte den ganzen
-Sommer hindurch gearbeitet, daneben griechische Tragödien, Keats und
-Shelley gelesen.
-
-„Ich habe aber Lust, die Tragödien in der Ursprache zu lesen,“ sagte
-Gunnar. „Ich muß also jetzt Griechisch und Latein lernen.“
-
-„Herrgott!“ sagte Jenny. „Ich fürchte, du wirst soviel zu lernen haben,
-ehe deine Seele Ruhe findet, daß dir schließlich keine Zeit mehr zum
-Malen bleibt, außer nach Feierabend.“
-
-„Doch, Jenny, ich muß es lernen. Ich will nämlich einige Artikel
-schreiben.“
-
-„Du auch? Willst du jetzt auch Artikel schreiben?“ Sie lachte.
-
-„Ja, eine ganze Reihe über verschiedene Gegenstände. Unter anderem
-will ich anregen, daß wir wieder Griechisch und Latein in den Schulen
-einführen, wir müssen jetzt unbedingt etwas Kultur hier unter die Leute
-bringen.“
-
-„Teufel!“ sagte Jenny.
-
-„Ja, allerdings Teufel! Es kann nämlich so nicht weiter gehen. Zum
-nationalen Symbol wird ein rosenrot gefärbter Grütztopf mit einigen
-eingeritzten Schnörkeln erhoben, was dann eine ungeschickte Nachahmung
-der armseligsten aller europäischen Stilarten, des Rokoko, vorstellen
-soll. So sieht nämlich der Nationalismus hier oben aus. Du weißt
-selbst, den größten Eindruck macht es hierzulande, wenn ein Künstler
-oder gewöhnlicher Sterblicher mit der Schule oder Tradition bricht,
-wenn er die Uebernahme der Volkssitte und der Begriffe, die gewöhnliche
-zivilisierte Menschen von geziemender Lebensweise und Anständigkeit
-haben, verweigert. Ich habe nun einmal die Absicht, meinen Landsleuten
-zu erzählen, daß es unter den Verhältnissen, wie sie hier herrschen,
-eigentlich notwendiger wäre, wenn man versuchte, Verbindungen
-anzuknüpfen, einiges von den aufgehäuften Schätzen, die man im weiten
-Europa mit Kultur bezeichnet, sich anzueignen, zu erbeuten und in die
-heimatliche Höhle zu schleppen. Sie aber brechen ein kleines Glied
-aus dem Zusammenhang heraus, siehst du, ein einzelnes Ornament aus
-einem Stil, rein buchstäblich gesprochen, -- dasselbe gilt auch für
-eine Geistesrichtung -- schnitzen und klopfen daran herum, und zwar
-so ungeschickt und häßlich, bis es zuletzt unkenntlich geworden ist,
-und dann behaupten sie großspurig, es sei original und norwegisches
-Nationalpatent.“
-
-„Nun ja. Aber diese Sünden beging man auch zu jener Zeit, als die
-klassische Bildung offizielle Grundlage für die ganze Bildung in
-unserem Lande war.“
-
-„Ja, gewiß. Hier kannte man jedoch nur einen ganz kleinen Teil des
-Klassizismus. Ein Bruchstück. Ein wenig lateinische Grammatik wurde
-gepflegt. Nie hing bei uns ein Bild von dem, was man den klassischen
-Geist nennt, unter den Gemälden unserer hochehrwürdigen Vorväter.
-Solange das aber nicht der Fall ist, stehen wir außerhalb Europas.
-Solange wir nicht in der Historie der Griechen und Römer die älteste
-Geschichte unserer eigenen Kultur erkennen, haben wir auch keine
-europäische Kultur. Es kommt ja nicht darauf an, wie diese Geschichte
-in der Wirklichkeit aussah, sondern nur darauf, wie sie uns überliefert
-worden ist. Nehmen wir als Beispiel die Kriege zwischen Sparta und
-Messene: In Wirklichkeit handelte es sich nur um einige halbwilde
-Hirtenstämme, die sich in grauer Vorzeit bekämpften. Aber in der
-Ueberlieferung, wie sie uns überbracht ist, waren diese Kriege der
-klassische Ausdruck des Triebes eines gesunden Volkes, lieber bis zum
-letzten Mann unterzugehen als Gewalt an seiner Individualität und
-seinem Recht der Selbständigkeit zu dulden. Herr im Himmel, wir haben
-für unsere Ehre seit Jahrhunderten nicht mehr gekämpft, sondern statt
-dessen den Wanst mit einigen Millionen Sandkuchen und ganzen Ladungen
-von Grütze vollgepfropft. Zum Beispiel die Perserkriege: sie waren
-eigentlich ganz unbedeutend, doch für ein lebensfähiges Volk bedeuten
-Salamis, Thermopylae und Akropolis die Blüte aller ältesten und
-gesündesten Instinkte. Die Worte fahren fort zu leuchten, solange diese
-Instinkte Wert haben und solange ein Volk glaubt, seine Fähigkeiten
-behaupten zu müssen und auf seine Vergangenheit, seine Gegenwart und
-seine Zukunft stolz sein zu dürfen. Und solange kann ein Dichter ein
-lebendiges Werk über Thermopylae schreiben und es mit seinen eigenen
-lebendigen Gefühlen erfüllen. Erinnerst du dich an Leopardis Ode auf
-Italien -- ich las sie dir einmal in Rom vor?“
-
-Jenny nickte.
-
-„Etwas Rhetorik ist zwar dabei -- aber bei Gott, sie ist herrlich!
-Nicht wahr? Er erzählt von Italia, der schönsten Frau, die gefesselt
-im Staube liegt, mit aufgelöstem Haar, und in ihren Schoß weint.
-Und dann wünscht er sich, einer der jungen Griechen zu sein, die in
-Thermopylae dem Tod entgegenschritten, unerschrocken, freudig, als
-ginge es zum Tanz. Ihre Namen sind geheiligt und Simonides singt
-sterbend Jubelgesänge vom Gipfel des Antelos. Dann gibt es all die
-alten, herrlichen Erzählungen, die wie Symbole und Parabeln wirken und
-niemals alt werden. Denk nur an Orpheus und Eurydike -- wie einfach:
-den Glauben der Liebe schreckt selbst nicht der Tod -- aber der Zweifel
-eines kurzen Augenblicks, und alles ist verloren. Hierzulande kennt man
-aber nur eine Operette darüber!
-
-Engländer und Franzosen haben es verstanden, die alten Symbole für
-ihre neue, lebende Kunst zu verwenden. Dort draußen wurden in den
-glücklichen Zeiten doch noch Menschen geboren, deren Triebe und Gefühle
-so kultiviert waren, daß sie stark genug wurden, um uns der Atriden
-Schicksal verständlich zu machen, so daß es uns packte, als erlebten
-wir es in der Wirklichkeit. Auch die Schweden haben noch lebendige
-Verbindung mit dem Klassizismus. -- Wir haben ihn nie gekannt. Was sind
-es dagegen für Bücher, die hier gelesen werden und -- auch geschrieben?
-Sonnenstrahlerzählungen von geschlechtslosen Maskeradefiguren in
-Empiregewändern -- dänische Schmutzbücher, die einen Mann über sechzehn
-nicht interessieren +können+. Oder ein grüner Bengel ereifert sich über
-das Mystische, Ewigweibliche eines kleinen Laufmädels, das naseweis
-ist und ihn betrügt, weil er nicht genügend gesunden Menschenverstand
-besitzt, um zu erkennen, daß der ganze Rebus zumeist mit dem spanischen
-Röhrchen zu lösen ist.“
-
-Jenny lachte. Gunnar wanderte im Zimmer auf und ab.
-
-„Hjerrild arbeitet wahrscheinlich jetzt auch an einem Buch über
-die Sphinx. Zufällig kenne ich die Heldin etwas näher. Nun ja, sie
-stand mir nicht so nahe, daß ich es der Mühe für wert hielt, sie
-durchzuprügeln. Aber immerhin hatte ich sie doch gern, und die ganze
-Sache widerte mich daher an. Mir wurde übel, als ich entdeckte, daß sie
-eben diese Heldin sein sollte. Aber durch die Arbeit bin ich darüber
-hinweggekommen, weißt du. -- Im großen und ganzen, Jenny, gibt es kein
-Leid, das nicht durch die Arbeit zu überwinden wäre, glaube ich.“
-
-Jenny schwieg eine Weile.
-
-„Aber Cesca ...?“ fragte sie dann.
-
-„Ach, Cesca! Sie hat sicher, seit sie verheiratet ist, keinen Pinsel
-angerührt. Als ich sie besuchte, öffnete sie mir selbst die Tür --
-sie haben kein Mädchen. Sie trug eine gestreifte Küchenschürze und
-hielt einen Besen in der Hand. Ihre Wohnung besteht aus einem Atelier
-und zwei kleinen Löchern, und im Atelier können sie natürlich nicht
-beide zugleich arbeiten, und außerdem legt die Wirtschaft ihre ganze
-Zeit mit Beschlag, wie sie sagte. Am ersten Vormittag, als ich dort
-war, krabbelte sie die ganze Zeit auf dem Fußboden herum -- Ahlin war
-fort. Erst fegte sie mit einem Besen aus, dann kroch sie umher und
-wirtschaftete mit einer Hasenpfote unter den Möbeln, sie war nach
-diesen kleinen Flocken in den Winkeln aus, weißt du. Und dann scheuerte
-sie und wischte Staub, aber Herr im Himmel, wie ungeschickt sie alles
-anpackte! Dann ging ich mit ihr fort und kaufte zum Mittagessen ein,
-ich sollte bei ihnen essen. Später kam Ahlin; da verschwand sie in der
-Küche, und als das Essen endlich fertig war, da waren ihre kleinen
-Löckchen ganz naß vom Schweiß. Das Mittagessen war aber nicht schlecht.
-Sie wusch dann auf -- aber wie ungeschickt und schwerfällig -- rannte
-fort und spülte jedes Stück unter der Wasserleitung ab. Ahlin und ich
-halfen ihr. Zum Abendessen lud ich sie in die Stadt ein -- die arme
-Cesca genoß es, sie freute sich, auf diese Weise nicht kochen und
-aufwaschen zu müssen. Kommen da noch Kinder hinzu -- und das wird ja
-nicht ausbleiben -- so kannst du sicher sein, daß es mit Cescas Malerei
-aus ist. Und das wäre bei Gott eine Schande -- ich kann mir nicht
-helfen, aber es wäre sehr schade.“
-
-„Ach, ich weiß nicht, Gunnar. Für eine Frau sind ja doch Mann und
-Kinder die Hauptsache. Früher oder später wird man sich jedenfalls doch
-danach sehnen.“
-
-Gunnar blickte zu ihr hinüber. Dann seufzte er.
-
-„Wenn sie sich nur gern haben! Glaubst du, daß Cesca glücklich mit
-Ahlin ist?“
-
-„Wenn ich das wüßte, Jenny! Ja, ich glaube wohl, sie hat ihn sehr
-gern. Es ging jedenfalls dauernd ‚Lennart meint‘ und ‚findest du die
-Sauce gut, Lennart‘ und ‚willst du‘ und ‚soll ich‘. Sie hat sich
-natürlich ein fürchterliches Halbschwedisch angeeignet, wie du dir
-denken kannst. Ich muß sagen, ich verstehe das Ganze nicht recht -- er
-war ja so verliebt in sie, und er ist nicht tyrannisch oder brutal, im
-Gegenteil. Aber sie ist so merkwürdig gedrückt und demütig geworden,
-die kleine Cesca. Daran können doch nicht nur diese Hausfrauensorgen
-Schuld sein, obgleich diese sie recht bedrücken. Ihre Anlagen waren in
-dieser Beziehung ja nicht gerade hervorragend, andererseits aber ist
-sie auf ihre Art ein gewissenhaftes kleines Wesen. Außerdem scheinen
-sie in sehr kleinen Verhältnissen zu leben. -- Vielleicht,“ er lachte
-etwas frivol, „hat sie diesen oder jenen genialen Streich vollführt.
-Die Brautnacht dazu benutzt, von Hans Hermann und Norman Douglas zu
-erzählen, von Hjerrild und ihren anderen Erlebnissen, von Anfang bis zu
-Ende. Das kann ja dann leicht überwältigend gewirkt haben.“
-
-„Cesca hat nun wahrhaftig aus ihren Geschichten nie einen Hehl
-gemacht, die mußte er doch von früher her kennen.“
-
-„Ja gewiß. Aber es konnte sich ja um diese oder jene Pointe handeln,
-die sie bisher verschwiegen hatte, jetzt aber vielleicht meinte, ihm
-beichten zu müssen.“
-
-„Pfui, Gunnar!“ sagte Jenny.
-
-„Ja, zum Teufel auch -- man weiß niemals, was man von Cesca eigentlich
-halten soll. Ihre Schilderung der Freundschaft mit Hans Hermann ist
-seltsam genug. Cesca hat vielleicht nichts getan, was man sozusagen
-unmoralisch nennt, dessen bin ich sicher. Ich begreife zum Kuckuck
-auch nicht, was das einem Manne ausmachen kann, ob seine Frau früher
-ein Verhältnis oder auch mehrere gehabt hat, wenn sie dabei nur
-rechtschaffen und loyal gehandelt hat. Denn diese Forderung nach
-physischer Unberührtheit ist ja im Grunde gemein. Hat eine Frau
-wirklich einen Mann geliebt und seine Liebe hingenommen, so ist es
-nichtswürdig, sich aus diesem Verhältnis zurückzuziehen, ohne ihm das
-Höchste haben opfern zu wollen. Natürlich wäre es mir am liebsten, daß
-meine dereinstige Frau keinen vor mir geliebt hätte. Und man weiß ja
-auch nicht, wie man bei seiner eigenen Frau urteilt. Es könnte ja sein,
-daß alte Vorurteile, egoistische Eitelkeit und dergleichen plötzlich
-auftauchen ...“
-
-Jenny machte eine Bewegung, als wollte sie etwas sagen, schwieg dann
-aber.
-
-Gunnar war am Fenster stehen geblieben. Er hatte die Hände in den
-Hosentaschen vergraben und wandte ihr den Rücken zu:
-
-„Nein, Jenny. Ich will dir sagen, was ich so traurig finde. Man trifft
-ganz selten einmal auf eine Frau, die wirklich in dieser oder jener
-Richtung Talente hat und Freude daran, sie zu entwickeln, zu arbeiten.
-Eine Frau, die Energie besitzt, die fühlt, daß sie ein Mensch ist und
-selbständig über Recht und Unrecht nachdenken kann. Sie hat vielleicht
-den Willen, ihre Fähigkeiten, soweit es sich lohnt, zu kultivieren,
-ihre guten und wertvollen Instinkte zu pflegen, und andere, die ihr
-schlecht und unwürdig erscheinen, zu unterdrücken. Und dann begegnet
-sie eines schönen Tages einem Manne. Da heißt es denn: Ade Arbeit und
-Entwicklung, und es ist vorbei mit der ganzen Herrlichkeit. Sie gibt
-ihr Selbst auf eines elenden Mannes wegen. Jenny -- findest du das
-nicht auch traurig --?“
-
-„Gewiß. Aber so sind wir nun einmal alle geschaffen!“
-
-„Ich begreife euch nicht. Weißt du, warum ich glaube, daß wir Männer
-euch nie verstehen werden? Zu guterletzt geht es uns nicht in den Kopf,
-daß Wesen, die doch Menschen sein wollen, so vollständig jeglichen
-Selbstgefühls ledig sind. Und das ist bei euch der Fall. Die Frau hat
-keine Seele -- wahrhaftig! Ihr gesteht ja mehr oder weniger offen ein,
-daß Liebesgeschichten das Einzige sind, das euch interessiert.“
-
-„Es gibt aber auch Männer, bei denen dasselbe zutrifft; jedenfalls läßt
-ihr Lebenswandel darauf schließen.“
-
-„Ja gewiß, aber ein vernünftiger Mann hat auch keinen Respekt vor
-solchen Schürzenjägern. Offiziell soll es doch nur als eine Art -- nun
-sagen wir natürlichen Zeitvertreibs aufgefaßt werden, neben unserer
-Arbeit. Oder ein tüchtiger Mann will eine Familie gründen, weil er
-die Kraft in sich fühlt, für mehrere Menschen zu sorgen, als für sich
-allein, und einen Nachfolger für seine Arbeit haben will.“
-
-„Ja, aber Gunnar, die Frau hat natürlich andere Aufgaben.“
-
-„Ach still, das ist gar nicht der springende Punkt. Sie wollen ja
-überhaupt nicht Menschen sein und arbeiten, sondern nur Weibchen. Was
-zum Teufel soll das heißen, eine ganze Schar von Kindern in die Welt
-zu setzen, wenn sie doch nicht zu Menschen heranwachsen, sondern nur
-weiter fortpflanzen -- wenn die Rohprodukte nicht bearbeitet werden?“
-
-„Das stimmt allerdings,“ Jenny lachte.
-
-„Natürlich stimmt das. Und was die Frau betrifft ... Ach, ich habe
-es von Kindheit an verfolgt und beobachtet. Aus meiner Zeit auf der
-Arbeiterhochschule entsinne ich mich eines Mädchens, mit dem ich
-zusammen englischen Unterricht hatte. Sie lernte englisch, um mit den
-ausländischen Kriegsschiffmatrosen sprechen zu können. Das Höchste, für
-das sich diese Mädels einzusetzen vermochten, war die Hoffnung auf eine
-Stellung in England oder Amerika. Wir Jungen, meine Kameraden und ich,
-wir studierten, um zu lernen, und das Gehirn zu schulen. Wir versuchten
-auf jede Art und Weise, das Wenige zu ergänzen, was wir in der Schule
-gelernt hatten. Die Mädels dagegen lasen nur Unterhaltungsbücher.
-Nimm zum Beispiel den Sozialismus! Kennst du eine einzige Frau, die
-überhaupt eine Ahnung davon hat, was er eigentlich bedeutet? Sie wissen
-es, wenn sie einen Mann haben, der ihnen diesen Begriff klargemacht
-hat. Versuche aber einer Frau zu erklären, warum die menschliche
-Gesellschaft verpflichtet ist, jedem Kinde, das geboren wird, die
-Möglichkeit zu geben, seine Anlagen zu entwickeln, wenn solche
-vorhanden sind, und das Leben in Freiheit und Schönheit zu leben, wenn
-es den wahren Sinn der Freiheit begreift und Schönheitssinn besitzt.
-
-Was aber halten die Frauen für Freiheit? Es bedeutet für sie, daß
-sie jeder Arbeit ledig sein und ihrem Hang zur Unanständigkeit die
-Zügel schießen lassen dürfen. Und Schönheitssinn?! Der fehlt ihnen
-vollständig! Sie staffieren sich mit dem Teuersten und Abscheulichsten
-aus, was die Mode nur erfinden kann. Sieh dir doch ihre Häuser an! Je
-mehr Geld vorhanden, desto schlimmer sieht es in ihnen aus. Ist jemals
-eine Mode zu häßlich und schamlos, daß sie sich ihr nicht unterwerfen
-würden? Nein, wenn die Mittel nur da sind, wird alles mitgemacht. Das
-kannst du doch nicht abstreiten? -- Von der Moral der Frauen will ich
-keine Silbe sagen, denn sie haben keine. Lassen wir es noch hingehen,
-wie sie sich gegen uns betragen -- aber wenn ihr unter euch seid, so
-beklascht ihr euch gegenseitig und in welchen Tonarten! Pfui Teufel!“
-
-Jenny lächelte leise. Sie mußte ihm Recht geben und auch wieder nicht,
-aber sie war zu einer Diskussion nicht aufgelegt. Sie fand aber, daß
-sie antworten müßte, so sagte sie:
-
-„Das war eine grausame Salve -- die ganze Armee auf einmal ruiniert.“
-
-„Du kannst es schriftlich bekommen,“ sagte er zufrieden.
-
-„Ja, du hast ja in vieler Beziehung Recht, Gunnar. Aber es sind
-doch unter den Frauen Unterschiede zu machen und seien es auch nur
-Gradunterschiede.“
-
-„Natürlich sind Unterschiede zu machen. Aber laß es gut sein, Jenny,
-was ich sagte, gilt bis zu einem gewissen Grade auch allen, und weißt
-du, woher das kommt? Die Hauptsache ist euch allen ein Mann -- einen,
-den ihr habt, oder einer, der euch fehlt. Das Einzige, das im Leben
-von wirklichem Wert und wirklichem Ernst ist -- das hat für euch in
-Wirklichkeit keinen Wert. Ich meine die Arbeit. Die Besten unter euch
-nehmen es eine kurze Zeit hindurch ernst. Aber ich glaube wahrhaftig,
-das liegt daran, daß ihr die sichere Gewißheit habt, während ihr noch
-jung und schön seid, daß ‚er‘ wohl kommen wird. Geht die Zeit jedoch
-hin, und er zeigt sich noch immer nicht auf dem Schauplatz, fangt ihr
-dann an, betagter zu werden, so laßt ihr in der Arbeit nach, geht müde
-und mißmutig umher und fühlt euch unbefriedigt.“
-
-Jenny nickte.
-
-„Hör zu, Jenny. Ich habe dich immer ebenso hoch geschätzt wie einen
-ganzen Mann. Du bist jetzt bald neunundzwanzig Jahre, und so alt muß
-man sein, ehe man anfangen kann, einigermaßen selbständig zu arbeiten.
-Es ist doch nicht dein Ernst, daß du jetzt, nun du endlich dein eigenes
-Leben zimmern kannst, dir einen Mann und Kinder, Wirtschaft mit allem
-Drum und Dran aufladen möchtest, was dir an allen Ecken und Kanten
-Fesseln auferlegen, in deiner Arbeit immer nur im Wege sein würde?“
-
-Jenny lachte still.
-
-„Herrgott, Mädel! Wenn dir nun wirklich alles das beschert wäre, und
-du legtest dich hin, um zu sterben, umgeben von Mann und Kindern und
-deiner Welt, so würdest du doch bereuen und trauern, daß du nicht das
-Ziel erreichtest, wozu dir die Fähigkeiten zu Gebote standen, dessen
-bin ich sicher, Jenny!“
-
-„Ja. Aber: Gesetzt den Fall, ich habe das Aeußerste erreicht, was meine
-Kraft mir gestattete, und ich weiß, in meiner Sterbestunde, daß mein
-Leben und meine Arbeit mich eine Zeitlang überdauern wird, und ich bin
-allein, es gibt kein lebendes Wesen, das mir innerlich nahe steht ...
-Glaubst du nicht, daß ich dann erst recht trauern und bereuen werde?“
-
-Heggen schwieg.
-
-„Ja gewiß,“ sagte er nach einer Pause. „Natürlich bedeutet Ehelosigkeit
-nicht das gleiche für Frauen wie für uns Männer. Man muß wohl in
-Betracht ziehen, daß sie außerhalb dessen gestanden haben, um das die
-Leute nun einmal am meisten Wesen machen in diesem Leben; und daß auf
-diese Weise eine ganze Reihe von seelischen wie körperlichen Organen
-unberührt dahinwelken muß. -- Ach, Jenny, ich wünschte oft, daß du
-ein einziges Mal nur ein wenig leichtsinnig wärest, um mit dieser
-Unzufriedenheit abzurechnen und dann in Ruhe und Frieden weiterarbeiten
-zu können.“
-
-„Frauen, die einmal ein wenig leichtsinnig gewesen sind, wie du es
-nennst, Gunnar, können nicht ohne weiteres mit dieser Unzufriedenheit
-fertig werden. War es das erste Mal eine Enttäuschung, so hoffen sie
-auf mehr Glück beim nächsten. Und wieder beim nächsten und immer so
-fort. Man gibt sich nicht mit Enttäuschungen zufrieden. Und ehe man
-sich’s versieht, ist es eine ganze Reihe von Malen geworden.“
-
-„Zu denen gehörst du aber nicht,“ sagte er schnell.
-
-„Danke! Es ist mir übrigens neu, daß du dergleichen predigst. Du hast
-früher selber gesagt, daß Frauen, die sich einmal in solche Dinge
-verwickelt haben, immer untergehen!“
-
-„Die meisten wohl. Aber es muß auch einige andere geben. Ich spreche
-natürlich nicht von Frauen, die keine anderen Lebensinteressen haben,
-als einen Mann -- man kann ja nicht dauernd seinen Lebenszweck ändern.
-Ich meine die anderen, die etwas an sich bedeuten -- etwas anderes
-sind als nur Weibchen. Warum solltest zum Beispiel du nicht ehrlich
-und loyal an einem Manne handeln, selbst wenn ihr Beide einsähet, daß
-du nicht deine Welt aufgeben und dich verpflichten kannst, für den
-Rest des Lebens nur sein Weib zu sein? Denn die Liebe hört ja immer
-einmal auf, früher oder später. Das darfst du um Gotteswillen nicht
-anzweifeln!“
-
-„Ja, das wissen wir immer genau -- und zweifeln trotzdem daran.“ Sie
-lachte. „Ach nein. Entweder liebt man -- und dann glaubt man auch, es
-währt ewig und es ist das Einzige, das Wert hat. Oder man liebt nicht
--- und ist unglücklich, daß man es nicht tut.“
-
-„Jenny, ich kann es nicht mit anhören, daß du so sprichst. Sich seiner
-Kraft bewußt sein, alle Muskeln spannen, bereit sein, aufzunehmen und
-zu erobern, zu formen und zu gestalten, das Letzte aus seinem Können
-ans Tageslicht bringen, +arbeiten+, das ist das Einzige, das Wert
-besitzt, Jenny!“
-
-
-
-
-X.
-
-
-Jenny beugte den Kopf über Gert Grams Chrysanthemenstrauß:
-
-„Ich bin sehr froh, daß du meine Bilder so gut findest!“
-
-„Ja, ich mag sie gern. Besonders das Bildnis von dem jungen Mädchen mit
-den Korallen.“
-
-Jenny schüttelte den Kopf.
-
-„Es ist so wunderschön in den Farben,“ sagte Gram wieder.
-
-„Ja. Es ist aber unzusammenhängend. Der Schal und das Kleid -- es hätte
-ganz anders durchgearbeitet sein müssen. Aber gerade, als ich es malte,
-kam so viel anderes dazwischen, sowohl für Cesca als für mich,“ sagte
-sie leise.
-
-Nach einer Weile fragte sie:
-
-„Hört ihr etwas von Helge? Wie geht es ihm?“
-
-„Er schreibt nicht viel. Augenblicklich arbeitet er an seiner
-Doktorabhandlung, du weißt, zu der er die Vorarbeiten in Rom machte.
-Und er sagt, es ginge ihm gut.“
-
-Jenny nickte.
-
-„An seine Mutter schreibt er gar nicht. Und das kränkt sie natürlich
-bitter. Das Zusammenleben mit ihr ist nicht gerade angenehmer
-geworden. Ja, die Arme -- es geht ihr übrigens sicher recht schlecht
-augenblicklich.“
-
-Jenny trug die Blumen zu ihrem Schreibtisch hinüber und begann sie zu
-ordnen.
-
-„Ich freue mich jedenfalls, daß Helge wieder arbeitet. Gott weiß, er
-hatte keine Ruhe dazu diesen Sommer.“
-
-„Dir ging es doch genau so, du Aermste.“
-
-„Ja, allerdings. Aber das Schlimmste ist, Gert, daß ich noch immer
-nicht wieder angefangen habe -- noch nicht. Und ich bin auch durchaus
-nicht aufgelegt. Ich hatte ja doch die Absicht, diesen Winter radieren
-zu lernen, aber --.“
-
-„Es ist selbstverständlich, Jenny, daß eine solche Enttäuschung Zeit
-braucht, ehe sie überwunden ist. Glaubst du nun nicht, daß deine
-Ausstellung dir neue Arbeitslust geben wird, da sie doch so geglückt
-ist und freundliche Aufnahme gefunden hat? Du hast ja bereits ein
-Angebot auf dein Aventinerbild bekommen -- willst du es annehmen?“
-
-Sie zuckte die Schultern:
-
-„Ich muß ja. Zu Hause brauchen sie immer Geld, wie du weißt. Außerdem
--- ich muß wegreisen. Ich sehe, daß es nicht gut für mich ist, zu Hause
-zu sein.“
-
-„Du willst also fort.“ Gram sagte es leise und sah nieder. „Ja
-natürlich. Das ist ja auch verständlich.“
-
-„Ach, die Ausstellung!“ Jenny warf sich erregt in den Schaukelstuhl.
-„Alle meine Bilder -- die neuesten jedenfalls ... Es ist eine Ewigkeit
-her, seit ich daran arbeitete. Das Aventinerbild -- die Studie beendete
-ich an jenem Tag, als ich Helge zum ersten Male sah. Das Bild malte
-ich, während wir zusammen waren -- auch das von Cesca. Und das von der
-Stenerstraße unten bei dir, während ich auf ihn wartete. Seitdem habe
-ich nichts getan. O Gott! -- So, Helge arbeitet also wieder ...“
-
-„Es ist klar, liebes Kind, daß so etwas tiefere Spuren bei einer Frau
-hinterläßt --.“
-
-„O gewiß. Bei einer Frau. Das ist ja gerade das ganze Elend. Man geht
-umher, mürrisch und faul -- erzfaul! Um einer Liebe willen, die nicht
-einmal vorhanden +ist+!“
-
-„Liebe Jenny,“ sagte Gram ruhig. „Ich finde das so natürlich. Es
-+muß+ seine Zeit haben, bis du ganz hindurch bist -- und auf der
-anderen Seite drüben. Man +kommt+ nämlich immer auf die andere
-Seite, siehst du, und dann begreift man, daß man ein solches Erlebnis
-nicht umsonst gehabt hat. Auf die eine oder andere Art kann man immer
-seine Seele mit solchen Erfahrungen bereichern.“
-
-Jenny lachte kurz auf, antwortete aber nicht.
-
-„Du hast trotzdem sicher viele Erinnerungen aus jener Zeit, die
-du nicht missen möchtest -- nicht wahr? Die Erinnerung an all die
-glücklichen, warmen Sonnentage mit deinem Freunde, dort unten in dem
-wunderbaren Lande, Jenny?“
-
-„Willst du mir nicht erklären, Gert, woher du weißt, daß man seine
-Seele mit derartigen Erlebnissen bereichert, wie du sagtest. Hast du
-das aus eigener Erfahrung?“
-
-Er fuhr zusammen, schmerzlich berührt und betroffen von ihrer
-Brutalität. Es währte einen Augenblick, ehe er ihr Antwort gab:
-
-„Das ist etwas anderes, Jenny. Die Erfahrungen, die der Sünde Lohn
-sind -- du verstehst doch, ich meine nicht die Sünde in orthodoxem
-Sinne, ich meine die Folgen einer Handlungsweise, die eigenem besserem
-Wissen zuwiderläuft -- die sind immer bitter. Nun, immerhin glaube ich,
-zuguterletzt haben meine Erfahrungen vielleicht meinen inneren Menschen
-reicher und tiefer gemacht, als ein kleineres Unglück es vermocht
-hätte -- da mein Geschick mir ja nicht vergönnt hatte, das große
-Glück zu erleben. Einmal in meinem Leben wird es in vielleicht noch
-höherem Maße der Fall sein. Ich habe das Gefühl, Jenny, als könnten
-diese Erfahrungen mich möglicherweise das rechte Verständnis dafür
-lehren, was der Sinn des Lebens eigentlich ist --. Aber in bezug auf
-dich meinte ich etwas anderes damit. Obwohl dein Liebesglück sich als
-unbeständig herausstellte, so war es die Zeit über, die es währte, rein
-und schuldlos -- soweit du vertrauensvoll und ohne Hintergedanken daran
-glaubtest und niemanden betrogst außer dir selbst.“ --
-
-Jenny schwieg still. Ein Sturm von Widerspruch wogte in ihr, aber sie
-hatte das dunkle Gefühl, als ob Gram sie nicht verstehen würde.
-
-„Erinnerst du dich nicht der Worte Ibsens:
-
- ‚Und segelt’ ich auch meine Schute auf Grund,
- So war es doch herrlich zu fahren --‘“
-
-„Oh, daß du diese kindischen Worte in den Mund nehmen magst, Gert. Die
-meisten von uns haben zuviel Verantwortungsgefühl und Selbstachtung,
-um diesen Ausspruch gelten zu lassen. Laß mich schiffbrüchig werden
-und untergehen, ich werde versuchen, nicht mit der Wimper zu zucken,
-wenn ich nur die Gewißheit habe, daß ich nicht selbst meine Schute auf
-Grund fuhr. Soviel ich weiß, ziehen die besten Seeleute es vor, selber
-mit ihrem Schiff unterzugehen, wenn sie die Schuld an seinem Untergange
-tragen.“
-
-„Ich bin freilich der Ansicht, daß man alle Widerwärtigkeiten nur
-sich selber zuzuschreiben hat -- jedenfalls in letzter Instanz.“ Gram
-lächelte. „Aber daß man meistens auch imstande sein wird, aus seinem
-Unglück selber geistige Werte zu holen --.“
-
-„Ich gebe dir recht im ersten Punkte. Auch im letzten. Aber nur
-insoweit, als das Unglück nicht darin besteht, daß die Selbstachtung
-herabgemindert wird.“
-
-„Aber, kleine Jenny, diese Sache solltest du wirklich nicht zu schwer
-nehmen. Du bist ja ganz aufgebracht und bitter. Ja, ich besinne mich,
-was du an jenem Tage sagtest, als Helge reiste. Aber, Herrgott, Kind,
-du meinst doch nicht im Ernst, jede Verliebtheit im Entstehen ersticken
-zu müssen, falls du nicht vom ersten Augenblick dafür einstehen kannst,
-daß das Gefühl bis zum Tode dauert, alle Widrigkeiten erträgt, zu allen
-Opfern bereit ist und die Seele des Geliebten wie in einer Vision
-erfaßt und versteht, ihre geheimnisvollsten Tiefen beleuchtet, so daß
-eine spätere Enttäuschung ausgeschlossen ist?“
-
-„Doch,“ sagte Jenny heftig.
-
-„Hast du das jemals selbst empfunden?“ fragte Gert Gram leise.
-
-„Nein, aber ich weiß es dennoch. Ich habe immer gewußt, daß es so sein
-müßte.
-
-Als ich aber achtundzwanzig Jahre alt geworden und noch immer alte
-Jungfer war, als ich mich danach sehnte, zu lieben und geliebt zu
-werden, als dann Helge kam und sich in mich verliebte, da legte ich
-all meine Forderungen an mich selbst und +meine+ Liebe beiseite und
-nahm, was ich bekommen konnte -- natürlich bis zu einem gewissen Grade
-in gutem Glauben. Es wird schon gehen, dachte ich, es geht sicher,
-aber die innerliche vertrauende Gewißheit, daß es gehen würde, weil es
-anders nicht möglich war, die hatte ich nicht.
-
-Ich will dir erzählen, was mein Freund Heggen hier eines Tages zu
-mir sagte. Er verachtet die Frauen redlich und rechtschaffen -- und
-er hat Recht. Wir, wir haben nicht die Selbstachtung, und außerdem
-sind wir so träge, daß wir niemals im Ernste entschlossen sind, uns
-unser Leben und unser Glück selber zu zimmern, indem wir arbeiten und
-kämpfen. Insgeheim hoffen wir beständig darauf, daß ein Mann kommen
-und uns das Glück bescheren werde, so daß wir jeder Anstrengung
-überhoben seien. Die Weiblichsten unter uns, die nur Müßiggang, Putz
-und Vergnügen im Sinne haben, hängen sich dem Manne an den Hals, der
-ihnen das in reichstem Maß verschaffen kann. Ist aber wirklich die
-eine oder andere darunter, die wirklich menschlich fühlt und danach
-strebt, ein fester und feiner Mensch zu werden, und ernstlich dieses
-Ziel verfolgt, so lebt doch im Unterbewußtsein die Hoffnung, daß ein
-Mann ihr auf halbem Wege begegne und ihr mit seiner Liebe helfe,
-leichter zum Ziele zu gelangen. Wir können wohl eine Weile arbeiten,
-durchaus ehrlich und ordentlich. Auch Freude an der Arbeit empfinden.
-Aber in aller Heimlichkeit warten wir auf eine größere Freude, als wir
-sie mit unserer ehrlichen Mühe erkämpfen können, auf etwas, das wie
-ein Geschenk zu uns kommen soll --. Niemals werden wir Frauen dahin
-gelangen, daß wir die höchste Befriedigung in unserer Arbeit finden.“
-
-„Meinst du, die Arbeit allein genügt einem Manne? Niemals!“ sagte Gram
-ruhig.
-
-„Bei Gunnar zum Beispiel ist es der Fall. Du kannst dich darauf
-verlassen, er wird immer wissen, den Frauen in seinem Leben den rechten
-Platz anzuweisen -- als Bagatellen.“
-
-Gram lachte.
-
-„Wie alt ist eigentlich dein Freund Heggen? Ich will um des Mannes
-Willen hoffen, daß er mit der Zeit ein wenig anders auf das
-Ausschlaggebende im Leben blicken wird.“
-
-„Ich aber nicht,“ sagte Jenny heftig. „Und ich will hoffen, auch ich
-lerne einmal, diesem Liebesunwesen seinen rechten Platz anzuweisen --.“
-
-„Herrgott, Jenny, du sprichst -- ich hätte beinahe gesagt, wie
-du’s verstehst, aber du bist klüger, das weiß ich.“ Gram lächelte
-schwermütig. „Soll ich dir ein wenig erzählen, was ich von der Liebe
-weiß, Kleines? Glaubte ich nicht daran, wie sollte ich dann die
-kleinste Spur von Glauben an die Menschen haben -- und an mich selbst?
-Meinst du etwa, nur ihr Frauen findet das Leben sinnlos, fühlt euch
-im Herzen kalt und leer, wenn ihr nichts anderes habt, das ihr lieben
-könnt als eure Arbeit -- nur eine Ausstrahlung eures Selbst -- nichts
-anderes, auf das ihr euch verlassen könnt! Glaubst du, es gibt eine
-einzige Seele, die nicht Stunden kennte, in denen sie an sich selber
-zweifelt? Nein, Kind, man braucht einen anderen Menschen, bei dem man
-sein Bestes, seine Liebe und sein Vertrauen gleichsam deponiert, und
-sieh, auf diese Bank muß man sich verlassen können. Wenn ich dir sage,
-daß mein eigenes Leben seit meiner Verheiratung eine Hölle gewesen
-ist, so brauche ich nicht zu starke Worte. Daß ich es schließlich
-doch ausgehalten habe, liegt zum Teil daran, daß ich von dem Gedanken
-ausging, Rebekkas Liebe entschuldige sie auf eine Art. Ich weiß, was
-sie jetzt fühlt: eine niedrige und rohe Freude an ihrer Macht, mich zu
-peinigen und zu demütigen, Eifersucht, Verbitterung, ein Zerrbild, aus
-betrogener Liebe entstanden. Verstehst du nicht, daß ich daran eine
-Art Befriedigung meines Gerechtigkeitsgefühls erblicke? Ein +Grund+
-für mein Unglück ist vorhanden. Ich betrog sie, als ich ihre Liebe
-entgegennahm ohne die Absicht, ihr eine ganze Liebe zurückzugeben,
-mit der heimlichen Berechnung, ihr einige Brocken geben zu können,
-Bettelpfennige der Liebe, während sie mir das Beste bot. Straft aber
-das Leben so unbarmherzig eine jede Versündigung gegen das Heiligtum
-der Liebe, so ist das ein Beweis für mich, daß sie das Allerheiligste
-im Leben ist und daß das Leben denjenigen, der seiner eigenen
-Liebessehnsucht treu bleibt, mit der reinsten und schönsten Seligkeit
-belohnen wird. Ich habe dir einmal von einer Frau erzählt, die ich
-lieben lernte als es zu spät war. Sie hatte mich geliebt, seit wir
-Kinder waren, ohne daß ich darauf geachtet hatte oder mir etwas daraus
-machte. Als sie hörte, daß ich heiratete, nahm sie einen Mann, der
-darauf schwor, daß sie ihn dadurch erretten und aufrichten könnte. Ja,
-ich weiß, du spottest über derartige Rettungsversuche. Aber ich sage
-dir, Kind, du kannst nicht urteilen, ehe du nicht den Mann, den du mit
-deiner ganzen Seele liebst, in den Armen einer anderen gewußt hast,
-so daß dein eigenes Leben dir wertlos erschien und ehe du nicht eine
-verirrte Menschenseele darum betteln hörst, sie aus einem wertlosen
-Leben zu erretten. Nun, Helene wurde unglücklich, und ich ebenfalls.
-Wir trafen uns wieder und verstanden uns, es kam zu einer Aussprache.
-Was die Menschen unter Glück verstehen, das widerfuhr uns nicht, und
-dennoch --. Beide waren wir durch Bande gefesselt, die wir nicht zu
-brechen wagten. Ich gestehe, als meine Hoffnung, sie einstmals zum
-Weibe zu erhalten, langsam, langsam hinstarb, änderte sich meine Liebe.
-Aber noch immer leuchtet wie das herrlichste Kleinod meines Lebens die
-Erinnerung an sie, die jetzt weit fort in einem anderen Weltteil dafür
-lebt, ihren Kindern die Last zu erleichtern, die das Leben mit einem
-Vater bedeutet, der umhergeht, vom Trunk zerrüttet, wie ein Wrack. Um
-ihretwillen habe ich all diese Jahre hindurch an meinem Glauben an
-Reinheit, Schönheit und Kraft der Menschenseele festgehalten -- und
-an meinem Glauben an die Liebe. Ich weiß, daß die Erinnerung an mich
-der Frau die geheimnisvolle Kraft gibt, weit drüben jenseits der Meere
-zu kämpfen und zu dulden. Denn sie liebt mich heute wie in unserer
-Kindheit und glaubt an mich, an mein Talent, meine Liebe und daran, daß
-ich eines besseren Schicksals würdig gewesen sei. Aber so bin ich ihr
-doch heute noch etwas, nicht wahr, Jenny?“
-
-Sie erwiderte nichts.
-
-„Das Glück bedeutet ja nicht nur, geliebt zu werden, Jenny. Der größte
-Teil des Glückes ist -- zu lieben.“
-
-„Es ist doch gewiß nur ein geringes Glück, Gert, zu lieben, wenn man
-nicht wieder geliebt wird.“
-
-Er schwieg lange und sah nieder. Bis er fast flüsternd sprach:
-
-„Groß oder klein -- es ist ein Glück, ein Menschenkind zu kennen, von
-dem man nur Gutes denkt. Eines, um dessentwillen man zu sich selber
-spricht: Herrgott, laß mich sie glücklich sehen, denn sie verdient es,
-sie ist ja rein und schön, warm und fein, klug und gut. So daß man
-beten kann: Gott, gib ihr alles, was ich nicht besaß. Ich halte es für
-ein Glück, kleine Jenny, daß ich so für dich beten kann --. Nein, es
-ist kein Grund, deswegen ängstlich aufzusehen, Kleines --.“
-
-Er hatte sich erhoben, sie stand ebenfalls auf und machte eine
-Bewegung, als fürchte sie, er werde sich ihr nähern. Gram hielt inne,
-er lachte leise:
-
-„Wie konntest du etwas anderes denken, solch kluges, kleines Mädchen
-wie du. Jenny, ich glaubte, du hättest es gefühlt, lange, ehe ich es
-selbst recht gewußt --. Konnte es denn anders kommen? Mein Leben neigt
-sich jetzt seinem Ende zu, dem Alter, der Schwäche, der Finsternis,
-dem Tode. Schon weiß ich sicher, alles, wonach ich mein Leben lang
-mich gesehnt -- ich erlange es nie. Da begegne ich dir. Mir ist, als
-seiest du die herrlichste Frau, die ich je getroffen. Du strebst nach
-alledem, wonach ich einst gestrebt, nach dem Ziele, das ich mir gesetzt
-hatte. Konnte mein Herz anders als inbrünstig flehen, Gott, führ sie
-zum Ziele, Gott, hilf ihr, laß sie nicht stranden, wie ich gestrandet
-bin --. Und dann warst du so lieb gegen mich, Jenny. Du kamst dort
-hinunter in meine Höhle, du erzähltest von dir selbst und hörtest mir
-zu, du hattest so viel Verständnis, deine herrlichen Augen waren voller
-Mitgefühl und so mild und warm --. Aber Herrgott, weinst du?“
-
-Er ergriff ihre Hände und preßte seinen Mund darauf.
-
-„Das darfst du nicht, Jenny. Du darfst nicht so weinen; warum weinst
-du? Du bebst ja --. Worüber weinst du nur?“
-
-„Ueber alles,“ schluchzte sie.
-
-„Setz dich -- so.“
-
-Er lag vor ihr auf den Knien und eine Sekunde senkte er seine Stirn
-auf ihren Schoß. „Du darfst nicht meinetwegen so weinen, hörst du?
-Um nichts auf der Welt möchte ich meine Liebe zu dir hergeben. Mein
-geliebtes Mädchen, hast du einmal einen Menschen geliebt und hinterher
-gewünscht, es wäre nie geschehen? -- Dann hast du dennoch nicht
-geliebt, das, kannst du mir glauben, ist wahr. Jenny, ich möchte das
-nicht missen, was ich für dich fühle, nicht um mein Leben! Doch auch
-um deinetwillen sollst du nicht weinen. Du wirst glücklich werden, das
-weiß ich. Von allen Männern, die dich lieben werden, wird eines Tages
-einer, wie jetzt ich, vor dir liegen und sagen, das ist das Leben, so
-vor deinen Füßen liegen zu dürfen, und du wirst selber glauben, das sei
-das Leben. Dann wirst du begreifen, daß so das Glück aussieht; so mit
-ihm zu sitzen, und sei es in der armseligsten Hütte, eine einzige kurze
-Ruhestunde lang nach einem Tage grauester, schwerster Mühsal --. Weit
-weit größeres Glück ist es dir dann, als wenn du die größte Künstlerin
-wärest, die gelebt hat, als wenn du all das erreichtest, was man an
-Ehren und Berühmtheit erreichen kann. Daran glaubst du selber auch,
-nicht wahr?“
-
-„Ja,“ flüsterte sie unter Tränen.
-
-„Und du sollst nicht fürchten, daß das Glück dir nicht zuteil werden
-könnte. -- Nicht wahr, Jenny, die Sehnsucht fühlst auch du, nachdem
-du gekämpft, um ein guter und tüchtiger Mensch und ehrlicher Künstler
-zu werden, die Sehnsucht, einem Manne zu begegnen, der dir sagt, dein
-Kampf war recht, und der dich darum lieb hat?“
-
-Jenny nickte. Gram küßte ehrfürchtig ihre Hände.
-
-„Du bist ja schon so gut und fein, stolz und herrlich. Ich sage es dir,
-und eines Tages wird ein Mann, der jünger und besser und stärker ist
-als ich, das Gleiche sagen und du wirst froh werden, ganz froh. Bist du
-nicht ein ganz klein wenig glücklich darüber, daß ich sage, du seiest
-das beste, liebste und wunderbarste Mädchen auf der Welt? Blick mich
-an, Jenny. Kann ich dir nicht eine kleine Freude machen, wenn ich dir
-sage, ich glaube, du wirst des Lebens reichstes Glück kosten dürfen,
-weil du es verdienst?“
-
-Sie blickte auf sein Antlitz nieder und versuchte ein schwaches
-Lächeln. Dann senkte sie den Kopf und strich mit den Händen über sein
-Haar:
-
-„O Gert -- o Gert -- ich kann doch nichts dafür! Ich wollte dir ja
-nicht wehe tun. Ich kann nichts dafür -- nicht wahr?“
-
-„Darüber solltest du nicht traurig sein. Kleines -- ich habe dich lieb,
-weil du dein Ziel, nach dem du strebst, ja schon erreicht hast, weil du
-so bist, wie ich einmal hatte sein wollen --. Du darfst nicht traurig
-sein, selbst wenn du meinst, du hättest mir Leid zugefügt. Es gibt
-Leiden, die gut sind -- gesegnet gut, glaube mir.“
-
-Sie fuhr fort, leise zu weinen.
-
-Nach einer Weile flüsterte er:
-
-„Darf ich hin und wieder zu dir kommen --? Wenn du traurig bist, kannst
-du mich da nicht rufen lassen? Ich will gern versuchen, ob ich nicht
-meinem kleinen Mädchen ein wenig helfen kann, sprich, Jenny --?“
-
-„Ich wage es nicht, Gert.“
-
-„Liebe kleine Freundin, ich bin ja ein alter Mann, könnte dein Vater
-sein.“
-
-„Deinetwegen -- meine ich. Es ist nicht recht von mir deinetwegen.“
-
-„O doch, Jenny. Meinst du, ich dächte weniger an dich, wenn ich dich
-nicht sähe. Ich möchte dich ja nur sehen, mit dir sprechen, versuchen,
-dir ein wenig zu sein -- darf ich? -- Oh, darf ich --?“
-
-„Ich weiß nicht, Gert -- ich weiß nicht. Ach, Lieber, geh jetzt, du
-mußt jetzt gehen -- ich kann nicht -- es ist so hart. -- Lieber, geh.“
-
-Er erhob sich still.
-
-„Dann gehe ich. Leb wohl, Jenny -- aber Kind, du bist ja ganz außer
-dir.“
-
-„Ja,“ flüsterte sie.
-
-„So gehe ich denn. Darf ich einmal wiederkommen? Ich will dich gern
-sehen, ehe du reist. Wenn du ruhiger geworden bist und wenn es dich
-nicht erregt. Es liegt ja kein Grund dafür vor, Jenny --.“
-
-Sie stand einen Augenblick still. Dann zog sie ihn plötzlich hastig an
-sich und streifte seine Wange mit dem Munde.
-
-„Geh jetzt, Gert.“
-
-„Ich danke dir. Gott segne dich, Jenny.“
-
- * * * * *
-
-Hinterher lief sie im Zimmer auf und ab. Sie begriff selber nicht,
-warum sie so bebte. Aber tief im Innern -- es war vielleicht nicht
-gerade Freude, aber es hatte ihr wohlgetan zu hören, was er gesagt,
-während er auf den Knien vor ihr lag.
-
-Oh Gert, Gert! Sie hatte ihn immer für einen schwachen Menschen
-gehalten, für einen, der sich hatte überwinden lassen und unterdrückt
-worden war wie alle Charaktere ohne Widerstandskraft. Aber jetzt hatte
-sie plötzlich erfahren, daß er ganz im Innern eine tiefe Stärke und
-Sicherheit besaß. Er hatte da gestanden als der Reiche, der wußte, daß
-er helfen könne und es gern wollte. Während sie verwirrt und unsicher
-war -- krank vor Sehnsucht in ihrem tiefsten Innern, hinter dem
-Bollwerk von Ansichten und Gedanken, das sie sich selbst geschaffen.
-
-Und dann hatte sie ihn gebeten zu gehen. Weshalb? Weil sie selbst so
-grenzenlos arm war, weil sie ihm ihre Not geklagt, von dem sie dachte,
-er sei ebenso arm wie sie, während er ihr doch gezeigt hatte, wie reich
-er war, und ihr aus der Quelle seines Reichtums freudig eine kleine
-Hilfe bot. Dadurch hatte sie sich gedemütigt gefühlt und ihn gebeten,
-sie zu verlassen. So war es sicher.
-
-Hilfe von einer Liebe entgegennehmen, ohne etwas dafür geben zu können,
-hatte sie immer als schändlich angesehen. Sie hatte ja nie daran
-gedacht, daß sie es sein würde, die solcher Hilfe bedürfte.
-
-Er hatte sein Werk nicht vollenden dürfen, wie er gewollt. Die Liebe,
-der er sich hingegeben, hatte nicht ein Leben hindurch gedauert,
-dennoch war er nicht verzweifelt. Der nie versiegende Quell, woraus
-ein solches Glück geschöpft wird, um immer aufs Neue zu blühen, war
-Vertrauen und Glaube. Es bedeutete gleichviel, woran man glaubte, wenn
-nur die Seele dabei nicht einsam war. Allein vermochte sie den Glauben
-nicht zu nähren. Das Leben war unerträglich, wenn man außer sich selber
-niemanden hatte, den man liebte, an den man glaubte.
-
-Mit dem Gedanken an den freiwilligen Tod hatte sie immer gespielt. Wenn
-sie jetzt stürbe ... Sie besaß wohl einen Kreis von Menschen, die sie
-liebten. Sie würden um sie trauern, aber es gab keinen, der sie nicht
-entbehren könnte. Nicht einen, dem sie unersetzlich war, so daß sie um
-seinetwillen die Pflicht hätte, ihr Leben weiterzuschleppen. Die Mutter
-und Geschwister ... Wenn sie nicht erfahren würden, daß sie es selbst
-getan, so würde ihr Leid nach einem Jahre zu milder Trauer geworden
-sein. Cesca und Gunnar würden sie wohl am tiefsten betrauern, denn sie
-würden vielleicht verstehen, daß sie unglücklich gewesen war, aber sie
-stand ja nur an der Außenseite ihres Lebens. Derjenige, der sie am
-meisten liebte, würde vielleicht am tiefsten getroffen sein -- aber ihm
-hatte sie ja nichts zu geben. So konnte er sie ja ebenso lieb haben,
-wenn sie tot war. Ja, er liebte sie, dessen Glück sie war, und dabei
-trug er das Glück als eine Macht in sich.
-
-Wenn ihr selber wirklich diese Kraft fehlte, so half ihr nichts. Die
-Arbeit konnte sie nicht in dem Maße ausfüllen, daß ihre Sehnsucht nach
-einem Glücke schwieg. Und weshalb sollte sie dann leben, wenn es auch
-hieß, sie sei talentvoll. Niemand konnte soviel Freude daran haben,
-ihre Kunst zu schauen, wie sie dabei empfand, sie auszuüben. Aber diese
-Freude war nicht so groß, daß sie ihr nichts zu wünschen übrig ließ.
-
-Es war auch nicht nur das, wovon Gunnar gesprochen: daß ihre Tugend
-sie peinigte, um brutal zu sprechen. Dem konnte leicht abgeholfen
-werden. Aber sie wagte nicht, diesen Schritt zu tun, aus Angst, daß
-ihre Sehnsucht einst in späteren Jahren ihr wahres Ziel finden könnte.
-Das wäre ja von allem das Schlimmste, mit einem Menschen im engsten
-Zusammenhang zu leben, und tief im Innern doch wieder einsam zu sein.
-O nein, nein. Einem Manne anzugehören, mit allen möglichen daraus
-folgenden Intimitäten, körperlichen wie seelischen -- und dann eines
-Tages vielleicht zu entdecken, daß sie ihn nie gekannt, und daß er
-sie nie gekannt, daß der eine niemals ein Wort von des anderen Rede
-verstanden hatte --.
-
-Ach nein. Sie wollte leben, weil sie noch auf etwas wartete. Sie wollte
-keinen Liebhaber, denn sie erwartete ihren Gebieter. Sie wollte auch
-nicht sterben, nicht jetzt, denn sie wartete.
-
-Nein. Sie wollte ihr Leben noch nicht von sich werfen, weder auf die
-eine noch auf die andere Art. Sie konnte +so+ nicht sterben -- so arm,
-daß sie nicht ein einziges geliebtes Wesen besaß, dem sie Lebewohl
-sagen konnte. Sie wagte nicht, sie durfte doch hoffen, daß es einmal
-anders werde.
-
-So mußte sie sich also mit der Malerei etwas ins Zeug legen. Sonst
-würde sie auf den Hund kommen, krank wie sie war vor Verliebtheit.
-
-Sie lachte.
-
-Das war es eben. Der Gegenstand war vorläufig nicht vorhanden, aber die
-Liebe, die war da.
-
- * * * * *
-
-Durch das schräge Fenster dunkelte der Himmel veilchenblau herein.
-Jenny sah hinaus. Die Schieferdächer, die Schornsteine und
-Telephondrähte, die ganze stille Welt dort draußen breitete sich, mit
-weißem Reif bedeckt, in der Dämmerung aus. Von den Straßen leuchtete
-ein rötlicher Schein auf und färbte den Frostnebel. Wagengerassel und
-das Kreischen der Straßenbahn klangen jetzt so hart auf der trockenen,
-gefrorenen Straße.
-
-Sie hatte wenig Lust, nach Hause zu gehen und bei der Mutter zu essen.
-Aber so war es verabredet. Sie schraubte den Ofen zu, zog ihren Mantel
-an und ging.
-
-Draußen herrschte rauhe, klamme Kälte -- der Nebel roch nach
-Ruß, Gas und gefrorenem Staub. Wie hoffnungslos öde diese Straße
-im Grunde war. Sie erstreckte sich vom Mittelpunkt der Stadt mit
-seinem lärmenden Getriebe und seinen hellerleuchteten Geschäften,
-wo der Menschenstrom aus- und einging, bis hinab zu den leblosen,
-grauen Festungsmauern. Ihre eigenen Häuserreihen lagen düster und
-ausgestorben. Neue Geschäftshäuser aus Stein und Glas, hinter deren
-großen Fenstern mit dem sanften weißen Licht arbeitsames junges Volk in
-stiller Geschäftigkeit den flatternden Papieren Weg und Richtung gab
-und durch das Telephon ihre Mitteilungen in alle vier Winde sandte,
-wechselten sich ab mit alten Gebäuden, Ueberresten aus der ältesten
-Zeit Kristianias. Es waren meist niedrige, graubraune Häuser mit
-glatter Front und Rolläden vor den Bürofenstern. Hier und da fand sich
-auch eine kleine Scheibe, mit Gardinen und Topfpflanzen verziert, die
-zu einem Kleineleuteheim gehörten, wunderlich einsamen Heimen in diesem
-Stadtviertel, dessen Häuser des Nachts meist verlassen lagen.
-
-Aus den Läden, die sich in dieser Gegend befanden, strömte nicht das
-Volk aus und ein wie unten im Zentrum. Hier gab es nur Geschäfte für
-Tapeten und Gipsrosetten für Zimmerdecken. Hier fanden sich Ofen-,
-Herd- und Möbellager, deren Schaufenster voller leerer Mahagonibetten
-und gefirnißter Eichenstühle standen, die aussahen, als würden sie wohl
-nie in Gebrauch genommen werden.
-
-In einem Torweg stand ein Kind -- ein kleiner blaugefrorener Junge
-mit einem großen Korb am Arme. Er schaute einigen Hunden zu, die sich
-mitten auf dem Damme balgten, daß der feuchte, reifkalte Staub um sie
-flog. Das Kind schrie auf, als die Tiere sich zu ihm hinüberwälzten.
-
-„Hast du vor den Hunden Angst?“ fragte Jenny.
-
-Erst antwortete der Junge nichts. Da sagte sie:
-
-„Soll ich dich an ihnen vorüberführen?“ Da schlüpfte er an Jennys
-Seite, sprach aber kein Wort.
-
-„Wo willst du denn hin -- wo wohnst du?“
-
-„Voldstraße.“
-
-„Hast du eingeholt? Ganz hier unten? Du bist ja so klein -- bist aber
-ein tüchtiger Junge.“
-
-„Wir kaufen bei Aases in der Strandstraße, weil Vater sie kennt,“ sagte
-der Junge. „Und der Korb ist so schwer.“
-
-Jenny sah die Straße hinauf und hinunter -- sie war fast menschenleer:
-
-„Komm, Kleiner, soll ich ihn dir ein Stück tragen?“
-
-Der Knabe ließ den Korb ein wenig ängstlich fahren.
-
-„Gib mir die Hand, du, dann will ich dich an diesen Kötern
-vorbeiführen. Nein, wie kalt du bist! Hast du denn keine Handschuhe?“
-
-Der Junge schüttelte den Kopf.
-
-„Sieh her, steck die andere Hand in meinen Muff -- willst du nicht? Du
-meinst vielleicht, es schickt sich nicht für einen Jungen, mit dem Muff
-zu gehen?“
-
-Sie dachte an Nils, als er klein war. Nach ihm hatte sie sich so oft
-gesehnt. Jetzt war er so groß und hatte viele Kameraden -- er war in
-dem Alter, wo sich ein Junge schämt, sich mit der großen Schwester
-abzugeben. Selten kam er zu ihr herüber. In dem einen Jahre, das sie
-draußen war, und dann in den Monaten, als sie in all dem Wirrwarr
-mit Helge gelebt, hatten sie sich voneinander entfernt. Später, wenn
-er größer geworden, würden sie vielleicht wieder Freunde werden wie
-ehemals. Sicherlich, denn sie hatten sich lieb. Aber in seinem Alter
-ging es auch ohne sie, das wußte sie wohl. Oh, wenn doch Nils jetzt ein
-kleiner Junge wäre, daß sie ihn auf den Schoß nehmen und ihm Märchen
-erzählen könnte, während sie ihn wusch, ihn auskleidete und ihn küßte!
-Oder, wenn es noch wäre wie damals, als sie mit ihm über Nordmarken
-wanderte, wo der Riese weit fort war und der Weg voller Abenteuer und
-merkwürdiger Erlebnisse! --
-
-„Wie heißt du denn, Kleiner?“
-
-„Ausjen Torstein Mo.“
-
-„Wie alt bist du, Ausjen?“
-
-„Sechs Jahre.“
-
-„So gehst du wohl noch nicht zur Schule?“
-
-„Nein, aber ich soll im April anfangen.“
-
-„Freust du dich auf die Schule?“
-
-„Nein, die Fräuleins sind so böse. Der Oskar geht auch hin, aber wir
-kommen nicht in dieselbe Klasse. Oskar soll in der zweiten anfangen.“
-
-„Oskar, ist das dein Spielkamerad?“ fragte Jenny.
-
-„Ja, die wohnen in demselben Haus wie wir.“
-
-Dann entstand eine kleine Pause. Jenny plauderte wieder:
-
-„Ist es nicht schade, daß wir keinen Schnee bekommen? Ihr habt ja den
-Berg, die Piperviken hinunter, wo ihr rodeln könnt? Hast du einen
-Schlitten?“
-
-„Nein, aber ich habe Schneeschlittschuhe und auch Skier --.“
-
-„Ja, dann freilich sollte sich der Schnee ein bißchen beeilen!“
-
-Sie waren in die Stortingstraße gekommen. Jenny ließ seine Hand fahren
-und dann den Korb. Er war aber so schwer und Ausjen so klein. So
-behielt sie ihn denn.
-
-In der dunklen Voldstraße nahm sie wieder seine Hand und trug ihm den
-Korb bis zu dem kleinen Haus, wo er wohnte. Zum Abschied schenkte sie
-ihm zehn Oere.
-
-In der Homansstadt kaufte sie Schokolade und rote Fausthandschuhe, die
-sie Ausjen schicken wollte.
-
-Herrgott, wenn sie nur einem Menschen eine kleine Freude machen könnte!
-Eine kleine, unerwartete Freude.
-
-Sie wollte versuchen, ihn ein paar Stunden am Tage als Modell zu
-bekommen. Er war wohl aber zu klein, um ihr zu stehen.
-
-Die arme kleine Faust, sie war in der ihren ganz warm geworden. Ihr
-war, als hätte es ihr gut getan, sie festzuhalten.
-
-Doch. Sie wollte versuchen, ihn zu malen. Ein lebendiges Frätzchen
-hatte er. Er sollte dann Milch mit einem Tropfen dünnen Kaffee und
-gutes Butterbrot bekommen, und dann wollte sie arbeiten und mit Ausjen
-plaudern.
-
-
-
-
- Drittes Buch
-
-
-
-
-I.
-
-
-An einem lichten und lauen Maiennachmittag, der sich schon zum Abend
-neigte, lag Sonnenglanz über den schwarzen Bauplätzen; die nackten
-Brandmauern waren rotgolden, und die Fabrikschlote glühten lederbraun
-im Sonnenbrand. Die Umrisse der Stadt mit hohen und niedrigen Dächern,
-großen und kleinen Häusern zeichneten sich gegen die grauviolette Luft
-scharf ab, die geschwängert war von Staub und Rauch und Dünsten.
-
-Das Bäumchen an der roten Mauer trug klare, gelbgrüne Blättchen, durch
-die das Licht schien, in diesem Jahre wie im vergangenen.
-
-Jenny sah den Schimmel an den Bretterwänden der Lumpenbuden, wie
-weich und leuchtend grün er war! Die Rußflocken an den Mauern der
-Geschäftshäuser waren an einigen Stellen tiefschwarz und an anderen wie
-von einer feinen glitzernden Silberhaut überzogen.
-
-Sie sah in die Luft hinaus. Den ganzen Vormittag hatte sie auf Bygdö
-verbracht, dort hatte die Himmelskuppel sich dunkelblau und heiß über
-den olivengoldenen Föhrenkronen und der Laubbäume bernsteinfarbenen
-Knospen gewölbt. Aber hier schimmerte der Himmel über den hohen
-Häusern und dem Netz der Telephondrähte fahlblau hinter einem feinen,
-opalweißen Schleier von Dunst verborgen. Im Grunde war es übrigens
-schöner so. Gert konnte es nicht sehen. Die Stadt war für ihn nur
-immer schmutzig, häßlich und grau. Sie hatten sie alle verflucht,
-diese Stadt, die Jungen aus den achtziger Jahren, die hier wie zur
-Strafarbeit hergesandt waren. Jetzt stand er sicher dort oben und
-blickte in die Sonne hinaus, das Spiel des Lichtes mit Linien und
-Farbtönen sah er kaum, für ihn war es nur ein Sonnenstreifen vor den
-Gefängnismauern.
-
-Sie hielt ein Stück vor seinem Torweg inne und sah gewohnheitsmäßig die
-Straße hinauf und hinunter. Bekannte waren hier nicht, Arbeitsleute
-strömten hinüber zum „Vaterland“ oder nach der Stadt zu. Die Uhr war
-also sechs.
-
-Jenny lief die Treppe hinauf, die abscheulichen Stufen, von denen
-es zwischen den nackten Steinwänden widerhallte, wenn sie sich von
-seinem Zimmer hoch oben herunterschlichen -- in den späten Stunden der
-Winternächte. Es war fast, als säße in diesen Wänden immer Kälte und
-rauhe Luft.
-
-Sie lief schnell über den Korridor und pochte dreimal an seine Tür.
-
-Gram öffnete. Er zog sie mit dem einen Arm an sich, und während sie
-sich küßten, verschloß er mit der freien Hand die Tür hinter ihr.
-
-Ueber seine Schulter hinweg erblickte sie die frischen Blumen auf
-dem kleinen Tisch mit der Weinkaraffe und den ausländischen Kirschen
-in einer geschliffenen Kristallschale. Ein leichter Dunst von
-Zigarettenrauch lag über dem Raum. Sie wußte, daß er seit vier Uhr hier
-gesessen und auf sie gewartet hatte mit all dem, was um ihretwillen
-aufgebaut war.
-
-„Ich konnte nicht früher kommen, Gert,“ flüsterte sie. „Es tat mir so
-leid, daß du warten mußtest.“
-
-Als er sie freigab, ging sie zum Tisch und beugte sich über die Blumen.
-
-„Ich darf doch zwei davon haben und mich schmücken, darf ich? O, ich
-werde so verwöhnt, Gert, wenn ich bei dir bin.“ Sie streckte ihm beide
-Hände entgegen.
-
-„Wann mußt du hier fort, Jenny?“ fragte er, während er ihre Arme ganz
-behutsam küßte.
-
-Jenny senkte ein wenig den Kopf.
-
-„Ich mußte versprechen, zum Abendessen zu Hause zu sein, du. Mama sitzt
-ja immer auf und wartet auf mich, und sie ist müde vom Tage. Sie hat es
-so nötig, daß ich ihr des Abends mit diesem oder jenem zur Hand gehe,“
-sagte sie schnell.
-
-„Es ist nicht so leicht, von Hause loszukommen, weißt du,“ setzte sie
-flehend hinzu.
-
-Er senkte den Kopf unter ihren vielen Worten. Als sie ihm entgegenkam,
-zog er sie fest an sich. Sie barg ihr Antlitz an seiner Schulter.
-
-Sie konnte nicht lügen, das arme Ding, nicht einmal so gut, daß er auch
-nur eine einzige barmherzige Sekunde daran glaubte. Den kurzen, kurzen
-Winter über, in den ersten blaugrünen Lenztagen, da hatte sie sich
-immer von Hause freimachen können.
-
-„Es ist ja traurig für uns. Aber es ist jetzt so schwer, wo ich zu
-Hause wohne, das wirst du begreifen. Und es muß sein, Mama braucht das
-Geld und außerdem muß ich ihr helfen. Du gabst mir ja recht, als ich es
-für das Richtigste hielt, nach Haus zu ziehen?“
-
-Gert Gram nickte. Sie hatten sich aufs Sofa gesetzt, dicht aneinander
-geschmiegt. Jennys Kopf lag an seiner Brust, so daß er ihr Gesicht
-nicht sehen konnte.
-
-„Du, ich war heute auf Bygdö, Gert. Ich ging dort umher, wie wir
-kürzlich zusammen. Wir fahren beide bald wieder dort hinaus, nicht
-wahr? Vielleicht übermorgen, wenn das Wetter sich hält? Dann finde
-ich schon eine Ausrede daheim, daß wir den ganzen Abend zusammen sein
-können, willst du? Du bist sicher betrübt darüber, daß ich so schnell
-wieder fort muß, nicht wahr?“
-
-„Liebste Jenny, das habe ich dir doch tausendmal gesagt --,“ sie hörte
-es seiner Stimme an, daß er nun wieder mit seinem trüben Lächeln dasaß:
-„Ich bin dir für jede einzige Sekunde dankbar, die du deinem Freunde
-schenkst.“
-
-„Sprich nicht so, Gert,“ bat sie gequält.
-
-„Warum darf ich das nicht sagen, wenn es so ist? Mein geliebtes,
-kleines Mädchen, meinst du, ich werde jemals vergessen, daß alles, was
-du mir gegeben, eine fürstliche Gnade war, daß ich nie begreifen werde,
-wie du es mir geben konntest?“
-
-„Gert! Im Winter, als ich merkte, daß du mir gut bist, wie gut du mir
-bist, sagte ich zu mir selber, daß es ein Ende haben müsse. Aber da
-begriff ich auch, daß ich ohne dich nicht sein könnte, und so wurde ich
-dein. War das eine Gnade? Wenn ich dich nicht lassen konnte?“
-
-„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich
-eine fürstliche Gnade nenne.“
-
-Stumm schmiegte sie sich an ihn.
-
-„Du junge, herrliche kleine Jenny --.“
-
-„Ich +bin+ nicht jung, Gert. Als du mich trafst, fing ich schon an, alt
-zu werden, ich bin nie jung gewesen. Ich fand, +du+ warst jung, viel
-jünger in deinem Herzen als ich, denn du glaubtest noch immer an alles,
-was ich verlachte und Kinderträumereien nannte, bis du mich glauben
-lehrtest, daß es das gab, Liebe und Wärme und all das Andere --.“
-
-Gert Gram lachte still vor sich hin. Dann flüsterte er:
-
-„Vielleicht war mein Herz nicht älter als das deine, du. Ich fand
-jedenfalls, daß ich noch keine Jugend gehabt hatte, und ich hoffte
-trotzdem tief im Innern, daß sie einmal, ein einziges Mal, mich
-streifen würde -- die Jugend. Doch war mein Haar inzwischen weiß
-geworden.“
-
-Jenny schüttelte den Kopf. Sie erhob ihre Hand und legte sie auf seinen
-Scheitel.
-
-„Ist mein Kleines müde? Soll ich dir die Schuhe ausziehen? Willst du
-dich hinlegen und ausruhen?“
-
-„Nein. Ich will so liegen. Es tut so gut.“
-
-Sie zog die Beine hoch und schmiegte sich in seinem Schoß. Gert legte
-den Arm um sie. Mit der freien Hand schenkte er Wein ein und hielt ihr
-das Glas an den Mund. Sie trank begierig. Dann reichte er ihr Kirschen,
-nahm die Steine von ihren Lippen und legte sie auf den Teller.
-
-„Du, ich will bei dir bleiben. Ich schicke einen Boten nach Hause und
-lasse sagen, daß ich Heggen getroffen habe. Er ist sicher in der
-Stadt. Aber ich muß nach Hause, ehe die letzte Straßenbahn fährt. --
-Leider.“
-
-„Ich werde für dich gehen.“ Er ließ sie auf das Sofa niedergleiten. „Du
-sollst liegen und dich ausruhen. Oh, mein Kind!“
-
-Als er gegangen, knöpfte sie die Schuhe auf und schob sie von sich. Sie
-trank noch etwas von dem Wein. Dann kroch sie ganz auf das Sofa hinauf,
-bohrte den Kopf tief in die Kissen und zog die Decke über sich. --
-
-Sie liebte ihn ja doch. Sie wollte bei ihm sein. Wenn sie so sitzen,
-sich ganz zusammenrollen und in seinen Armen ruhen durfte, dann war ihr
-wohl. Er war ja der einzige Mensch auf der Welt, der sie auf den Schoß
-genommen und sie gewärmt, der sie geborgen und kleines Mädchen genannt
-hatte. Ja, er war der Einzige, der ihr wirklich nahe gestanden. Darum
-wurde sie sein.
-
-Wenn er sie nur bei sich halten und sie schützen wollte, so daß sie
-nichts sah, sondern nur fühlte, daß er sie umschlungen hielt und
-wärmte. Dann ging es ihr gut. O nein, sie durfte ihn wohl nicht
-verlieren. Und so mußte sie ihm denn das Wenige geben, das sie besaß,
-wenn sie von ihm erhielt, was sie nicht entbehren konnte.
-
-Er durfte sie küssen, mit ihr tun, was er wollte. Wenn er nur nicht
-sprach. Denn dann entfernten sie sich so weit von einander. Er sprach
-von Liebe, aber ihre Liebe war nicht, wie er glaubte. Sie konnte es
-aber nicht mit Worten erklären; sie klammerte sich nur an ihn -- und
-das war keine Gnade, kein fürstliches Geschenk. Es war nur eine kleine,
-bettelnde Liebe, für die er nicht danken durfte, er sollte sie nur
-liebhaben und kein Wort sagen.
-
-Als er wieder heraufkam, öffnete sie weit die Augen. Sie schloß
-sie aber wieder unter seinen stillen, ehrfürchtigen Liebkosungen
-und lächelte leise. Dann schlang sie die Arme um seinen Körper und
-klammerte sich an ihn. Das schwache Veilchenparfüm, das er an sich
-hatte, duftete so mild und frisch. Und sie nickte still, als er sie
-fragend aufhob. Er wollte sprechen, aber sie legte erst die Hand auf
-seinen Mund und küßte ihn dann, so daß er nichts sagen konnte, während
-er sie behutsam in das Nebenzimmer trug.
-
- * * * * *
-
-Gert begleitete sie zur Straßenbahn. Einen Augenblick blieb sie draußen
-auf der Plattform stehen und sah ihm nach, wie er drüben auf der Straße
-in der blauen Maiennacht verschwand. Dann setzte sie sich hinein.
-
-Gram hatte seine Frau um die Weihnachtszeit verlassen. Er wohnte jetzt
-allein in der Stenerstraße. Außer dem Büro hatte er noch ein Zimmer.
-Jenny wußte, daß er daran dachte, eine Scheidung herbeizuführen, wenn
-einige Zeit hingegangen und Rebekka Gram eingesehen hätte, daß er nicht
-zurückkehren würde. Es entsprach seiner Natur, so vorzugehen, mit
-einemmale einen Bruch herbeizuführen, das vermochte er nicht.
-
-Was er eigentlich weiter von der Zukunft erwartete, wagte sie sich
-nicht vorzustellen. Meinte er wohl, daß sie ihn heiraten würde?
-
-Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie nicht eine Sekunde die
-Absicht gehabt hatte, sich für immer an ihn zu binden. Darum aber
-empfand sie dies alles wie eine bittere, hoffnungslose Demütigung, wie
-eine Schande, sobald sie nicht bei ihm war und sich mit seiner Liebe
-betäuben konnte. Sie hatte ihn betrogen, die ganze Zeit über hatte sie
-ihn betrogen.
-
-„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich
-eine unbegreifliche Gnade nenne.“
-
-Was konnte sie dafür, daß er es mit diesen Augen ansah?
-
-Er hätte sie nicht zu seiner Geliebten gemacht, wenn sie selbst es
-nicht gewollt, wenn sie ihn nicht hätte fühlen lassen, daß sie es
-wollte. Aber, o Gott! Sie fühlte doch, daß er sich danach sehnte, es
-quälte sie, bei jedem Zusammensein sich begehrt zu wissen und zu sehen,
-wie er kämpfte, um zu verbergen, was er viel zu stolz war zu zeigen.
-Ja, sie hatte gesehen, daß er stolz war, zu stolz, um dort zu bitten,
-wo er einstmals nur seine Hilfe geboten. Vielleicht auch zu stolz, um
-sich einer Abweisung auszusetzen. Und da sie wußte, daß sie seine Liebe
-nicht von sich weisen, nicht den einzigen Menschen hergeben konnte, der
-sie liebte. Konnte sie wohl anders handeln, anders ehrenhaft bleiben,
-als daß sie ihm bot, was sie besaß und auf diese Weise zu vergelten
-suchte, was er mit seinem Reichtum an Liebe, die sie nicht missen
-konnte, an ihr tat.
-
-Aber dann kam hinzu, daß sie Worte hatte aussprechen müssen, stärker
-und heißer als ihre Gefühle. Er aber hatte ihr geglaubt und sie bei
-ihrem Wort genommen.
-
-Es geschah wieder und wieder. Kam sie zu ihm, freudlos, mutlos,
-müde vom Grübeln darüber, wie das enden solle, und sie sah, daß er
-es spürte, dann sagte sie ihm wieder warme Worte und heuchelte viel
-Stärkeres als sie fühlte. Und er glaubte ihr.
-
-Er wußte von keiner anderen Liebe als derjenigen, deren Wesen das Glück
-ist. Unglück in der Liebe, das kam von außen her, von der Tücke des
-Schicksals oder von einer grausamen Gerechtigkeit, die alles Unrecht
-strafte. Sie wußte, was er fürchtete: daß ihre Liebe eines Tages
-hinsterben könnte, wenn sie sähe, daß er zu alt sei, um ihr Geliebter
-zu sein. Aber niemals hatte er ahnen können, daß ihre Liebe krank
-+geboren+ war, mit dem Todeskeim in sich.
-
-Es würde nichts nützen, ihm das zu erklären. Er würde es nicht
-verstehen: daß sie Zuflucht in seinen Armen gesucht, weil er der
-Einzige war, der sie ihr geboten hatte. Sie war so todeinsam gewesen.
-Als er ihr Liebe und Wärme bot, vermochte sie nicht, dies von sich zu
-stoßen. Obgleich sie hätte wissen müssen, daß sie es nicht annehmen
-durfte -- sie war dieser Liebe nicht würdig. Nein, er war nicht alt.
-Die Leidenschaft eines Zwanzigjährigen, der kindliche Glaube und die
-andächtige Anbetung, eines reifen Mannes Wärme und Güte, all die
-Liebe, die ein Mannesleben fassen konnte, flammten jetzt an der Grenze
-des Alters noch einmal auf. Sie hätten einer Frau zuteil werden
-sollen, die mit einem gleichen Gefühl vergelten, die in den kurzen
-verbleibenden Jahren ihres Zusammenseins ihn das ganze Dasein, das er
-herbeigesehnt, wovon er geträumt und das er erhofft, durchleben lassen
-könnte, so daß sie durch tausend glückliche Erinnerungen an seine Seite
-gekettet wäre, wenn das Alter käme -- in getreuer Liebe als seiner
-Jugend und seines Mannestums Gefährtin bei ihm ausharrend und nun
-auch mit ihm alternd. Aber sie --. Wenn sie auch versuchen wollte, zu
-bleiben, was konnte sie ihm geben, wenngleich sie wollte? Nie hatte
-sie ihm je etwas darbieten können -- sie hatte nur genommen. Es nützte
-ihr nichts, daß sie versuchte zu bleiben, auf die Dauer konnte sie ihn
-nicht täuschen und zu dem Glauben zwingen, daß ihre Lebenssehnsucht
-durch diese erste Liebe für immer gestillt sei.
-
-Er würde sagen, sie solle gehen. Sie habe geliebt und gegeben, jetzt
-liebe sie aber nicht mehr und solle wieder frei sein. So würde es
-in seinen Augen aussehen; nie würde er begreifen, daß sie deshalb
-trauerte, weil sie nichts, nichts, nichts hatte geben +können+.
-
-Ah, er peinigte sie, wenn er von ihren Gaben sprach. Ja, sie war
-Mädchen, als sie sein wurde. Er betonte es, als wenn es ihm ein Maßstab
-dafür sei, wie unendlich tief und stark ihre Liebe wäre. Hatte sie ihm
-doch die Reinheit ihrer Jugend geschenkt.
-
-Die Unberührtheit ihrer neunundzwanzig Jahre. O ja, sie hatte sie wie
-ein weißes Brautgewand gehütet, das sie nicht angetastet und nicht
-befleckt hatte. In Sehnsucht und Angst, daß sie es niemals tragen
-würde, in Verzweiflung über ihre eisige Einsamkeit, über ihr Unvermögen
-in der Liebe, hatte sie sich daran geklammert, es zerknittert und mit
-ihren Gedanken befleckt. -- War die nicht reiner, die das Leben der
-Liebe gelebt, als sie, die nur gegrübelt, gespäht und sich gesehnt
-hatte, bis alle Kräfte von dieser Sehnsucht gelähmt waren?
-
-Als sie dann sein geworden -- wie wenig Eindruck hatte es auf sie
-gemacht. Sie war nicht völlig kalt gewesen. Mitunter hatte seine Liebe
-sie hingerissen. Aber sie heuchelte Glut und war nur lau. War sie nicht
-bei ihm, so dachte sie kaum daran, sie spiegelte ihm eine erlogene
-Sehnsucht vor, um ihn zu erfreuen. Ja, sie heuchelte und heuchelte
-seiner ehrlichen Leidenschaft gegenüber.
-
-Und doch, es hatte eine Zeit gegeben, wo sie nicht nur geheuchelt hatte
--- oder, belog sie Gert, so belog sie auch sich selber. Sie hatte einen
-Sturm in sich gefühlt, es war wohl Mitleid mit ihm und seinem Geschick
-und Auflehnung gegen ihr eigenes, weshalb sie Beide, jeder auf seine
-Art, im Verlangen nach etwas Unmöglichem sich zerrissen, und dazu kam
-noch die grauenhafte Angst, wohin das alles führen solle. Damals hatte
-sie gejubelt, daß sie ihn liebte. Sie hatte sich ja in dieses Mannes
-Arme stürzen müssen, so wahnsinnig es auch war.
-
-An jenem Abend hatte sie in der Straßenbahn gesessen und, auf all die
-schläfrigen, ruhigen Bürger blickend, triumphiert. Sie kam von ihrem
-Geliebten, um sie und ihn lag das Unwetter des Schicksals, sie hatte
-da hinaus müssen und wußte nicht, wohin es sie treiben würde. Sie war
-stolz auf ihr Geschick gewesen, weil Unglück und Finsternis drohten.
-
-Jetzt aber sehnte sie sich nur nach einem Ende. Machte Pläne für eine
-Auslandsreise, Flucht vor alledem. Sie hatte Cescas Einladung, nach
-Tegneby zu kommen, angenommen, um den Bruch vorzubereiten.
-
-Es war jedenfalls besser für Gert, daß er jetzt allein war. Hatte sie
-es erreicht, daß er dem Zusammenleben mit jener ein Ende gemacht, so
-hatte sie ihm doch etwas Gutes getan.
-
- * * * * *
-
-Jenny gegenüber saßen zwei junge Frauen. Sie waren vielleicht
-nicht älter als sie, nur verkommen und verbraucht von dem Leben in
-langjähriger Ehe. Vor drei, vier Jahren waren es vielleicht noch ein
-paar hübsche Geschäftsmädchen gewesen, die sich putzten und mit ihren
-Kavalieren in den Nordmarken Sport trieben. Ja, jetzt glaubte sie,
-das Gesicht der einen von dort her wiederzuerkennen -- sie hatten an
-einem Osterfest zusammen auf Hakloa übernachtet. Sie war Jenny sogar
-aufgefallen mit ihrer geschmeidigen Gestalt und weil sie so gut Ski
-lief und so keck und schick in der Sportstracht ausgesehen hatte.
-
-In gewisser Beziehung war sie noch heute herausgeputzt. Das
-Straßenkostüm war modern, aber es saß nicht und die Figur hatte keine
-Festigkeit mehr, sie war behäbig und dick geworden, während Schultern
-und Hüften dabei eckig geblieben waren. Das Gesicht erschien alt, die
-Zähne waren schlecht, mürrische Furchen zogen sich um den Mund. Das
-Ganze krönte ein großer Hut mit vielen Straußenfedern. Sie predigte und
-die Freundin hörte eifrig zu, mit gespreizten Knien träge dasitzend,
-die Hände in einem Riesenmuff auf dem schwangeren Leibe vergraben.
-Eigentlich war ihr Gesicht hübsch, aber fett und rotfleckig, mit einem
-Doppelkinn.
-
-„Ja, den Käse muß ich also im Büfett verschließen; kommt er hinaus in
-die Küche, dann sind am anderen Morgen nur Rinden übrig. Ein schwerer
-Schweizer Käse zu fast drei Kronen das Pfund!“
-
-„Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen.“
-
-„Aber nun sollen sie etwas hören! Hinter Eiern ist sie her wie --
-ich weiß nicht was. Neulich komme ich ins Mädchenzimmer -- sie ist
-unglaublich schmutzig -- und da riecht es in der Kammer ...! Die Betten
-sind nicht gemacht -- wer weiß wie lange Zeit. Nein, aber Solveig, sage
-ich, und als ich die Decke hochhebe, da hat sie drei Eier und eine
-Papiertüte mit Zucker in dem schmutzigen Bett liegen -- was sagen Sie
-dazu? Na, sie sagte, sie hätte alles selber gekauft, und das mag bei
-dem Zucker wohl stimmen --.“
-
-„Ja, das glaube ich auch,“ sagte die andere.
-
-„Na ja, der war ja auch in einer Tüte, aber die Eier hat sie genommen.
-Ich sagte ihr das aber auch, können Sie mir glauben. Aber nun sollen
-Sie etwas hören! Letzten Sonnabend komme ich in die Küche, wir sollten
-Reisbrei zu Mittag haben, oho, da steht der Topf auf dem Gase und
-amüsiert sich, während das Mädel in ihrer Kammer sitzt und häkelt. Und
-ich rufe sie und rühre inzwischen im Topf herum -- und was glauben
-Sie, was ich mit der Kelle auffische? Ein Ei, wollen Sie das glauben?
-Sie kocht sich ein Ei im Reisbrei, na ich mußte lachen, aber können
-Sie sich eine solche Schweinerei vorstellen? Ich sagte ihr aber meine
-Meinung und zwar gehörig. Was sagen Sie nur dazu?“
-
-„O Gott, Dienstmädchen. -- Ja, wissen Sie, was meine neulich gemacht
-hat? ...“
-
-Diese beiden hatten sich als junge Mädchen sicher auch nach Liebe
-gesehnt -- auf ihre Art. Nach einem frischen und strammen Burschen
-in fester Stellung, einem Manne, der sie von den einförmigen
-Arbeitstagen im Büro oder Geschäft erlöste, sie in ein kleines Heim
-brachte, in dessen drei Zimmern sie all ihre eigenen Kleinigkeiten
-ausbreiten durften, all diese Stickereien mit Heckenröschen und blauen
-Glockenblumen, in die sie ihre Mädchenträume verwoben hatten.
-
-Mädchenträume der Liebe hatten auch sie geträumt. Doch jetzt
-belächelten sie diese überlegen. Es war ihnen eine Genugtuung denen
-gegenüber, die jetzt so träumten, festzustellen, wie ganz anders die
-Wirklichkeit doch war. Sie waren stolz darauf, zu den Eingeweihten zu
-gehören, welche wußten, wie die Wirklichkeit aussah. Vielleicht waren
-sie sogar zufrieden.
-
-Glücklich dennoch, wer unzufrieden. Glücklich, wer nicht abdankte und
-sich damit begnügte, daß das Leben ihm ein Armeleutedasein bot. Wer
-trotzdem sagte, ich glaube meinen Träumen, kein anderes Glück gibt es
-für mich außer dem, das ich begehrte. Ich glaube doch, dies Glück gibt
-es. Zeigt es sich mir nicht, so trage ich eben Schuld daran, ich war
-dann eine schlechte Jungfrau, die nicht imstande war, zu wachen und des
-Bräutigams zu harren. Doch die klugen Jungfrauen werden ihn schauen,
-sie werden in seinem Haus Einzug halten zum Tanz --.
-
-In dem Schlafzimmer der Mutter brannte Licht, als Jenny nach Hause kam.
-Sie ging hinein und mußte von der Gesellschaft auf Ahlströms Atelier
-erzählen und wie es Heggen ging.
-
-Ingeborg und Bodil schliefen hinten im Halbdunkel, die schwarzen
-Flechten hingen über die Kissen herab.
-
-Es rührte Jenny nicht im geringsten, dastehen und der Mutter etwas
-vorlügen zu müssen. Sie hatte es immer getan, seit sie als Schulmädchen
-in munterem Tone von den Kindergesellschaften berichten mußte, auf
-denen sie einsam dagesessen und der Anderen Tanz zugeschaut hatte,
-unglücklich und verlassen, ein kleines Mädchen, das nicht mittanzen
-konnte und nichts sagte, was den Jungen Vergnügen machte.
-
-Wenn Ingeborg und Bodil vom Balle kamen, saß die Mutter aufrecht im
-Bett, fragte und hörte zu und lachte, vom Lampenlicht mit jugendlicher
-Röte übergossen. Sie konnten der Mama immer die Wahrheit sagen, denn
-die war munter und lachend. Vielleicht unterschlagen sie das eine oder
-andere kleine Erlebnis, das so lustig war, daß sie es für sich behalten
-wollten. Was tat das, ihr Lächeln war doch echt.
-
-Jenny küßte die Mutter und wünschte ihr Gute Nacht. Im Wohnzimmer riß
-sie aus Versehen eine Photographie herunter. Sie hob sie auf und wußte
-im Dunkeln, wer es war. Sie stellte einen Bruder von Jennys rechtem
-Vater dar, mit seiner Frau und seinen Töchtern. Er hatte in Amerika
-gelebt, so daß sie ihn nie zu Gesicht bekamen. Jetzt war er tot, und
-niemand dachte mehr an das Bild. Sie wischte dort jeden Tag Staub und
-sah es gar nicht, es war wie jeder andere Nippesgegenstand.
-
-Als sie in ihrem Kämmerchen war, begann sie ihr Haar zu lösen.
-
-Sie hatte ja immer ihrer Mutter etwas vorgelogen. Wie hätte sie ihr
-gegenüber denn ehrlich sein können, ohne ihr Kummer zu bereiten? Und
-wozu sollte sie es auch --?
-
-Niemals würde die Mutter sie verstanden haben. Bei ihr hatten Glück
-und Trauer sich abgelöst, seit sie ganz jung war. -- So war sie mit
-Jennys Vater glücklich gewesen und weinte über seinen Tod. Dann hatte
-sie mit dem Kinde allein fortgelebt und war zufrieden gewesen. Als
-sie Nils Berner traf, hatte er ihr Dasein mit neuem Glück und neuem
-Elend erfüllt. Und wieder lebte sie weiter in den Kindern. Die Kinder
-bedeuteten das Glück des Mutterseins, das greifbare Ausgefülltsein
-einer Leere, ein Glück, das mit tatsächlichen Leiden erkauft, das allzu
-körperlich, klein und warm in ihrem Arme gelegen hatte, um angezweifelt
-zu werden. Ja, sein Kind zu lieben, das mußte wohl tun. Diese Liebe war
-so natürlich, daß man darüber nicht zu grübeln brauchte. Eine Mutter
-zweifelte nicht daran, daß sie ihr Kind liebte, daß sie sein Bestes
-im Auge hatte, und zu seinem Wohle handelte, auch nicht daran, daß
-das Kind sie wiederliebte. So groß aber ist die Gnade der Natur gegen
-die Mütter, daß der Kinder innerster Instinkt es nicht zuläßt, die
-bittersten und unheilbarsten Sorgen zur Mutter zu tragen. Sie erfahren
-von nicht viel Anderem als von Krankheit und Geldsorgen. Niemals von
-dem Unwiederbringlichen -- der Schande, der Niederlage im Leben -- und
-wenn das Kind wimmerte vor Leid -- eine Mutter glaubt nicht, daß das
-Verlorene unersetzbar sei.
-
-Nichts dürfte die Mutter von ihrem Kummer erfahren -- die Natur selbst
-hatte dort eine Mauer errichtet. Niemals würde Rebekka Gram den zehnten
-Teil von dem erfahren, was ihr Kind um ihretwillen gelitten hatte. Wie
-hatte Frau Lund um ihren schönen Sohn geweint, als er verunglückte.
-Noch immer trauerte sie tief und wehmütig über ihren Jungen und träumte
-von der reichen Zukunft, der er entrissen worden. Seine Mutter war
-die Einzige, die nicht ahnte, daß er sich erschossen hatte, um nicht
-irrsinnig zu werden.
-
-Die Mutterliebe stand auch keinem anderen Glück im Wege. Von dieser
-oder jener Mutter wußte sie, daß sie Liebhaber gehabt hatte und
-glaubte, die Kinder sähen es nicht. -- Da gab es solche, die sich
-scheiden ließen und auf andere Art glücklich wurden. Nur, wenn die neue
-Liebe eine Enttäuschung war, so jammerten sie und waren reuig. Ihre
-Mutter hatte sie vergöttert, und doch hatte ihre Liebe für Berner Raum
-gehabt, sie war mit ihm glücklich gewesen. Gert hatte seine Kinder
-geliebt, und eines Vaters Liebe war wohl nachdenklicher, verstehender,
-weniger instinktiv, als die einer Mutter. Und doch hatte er in diesem
-Winter kaum an Helge gedacht.
-
-
-
-
-II.
-
-
-Jenny hatte drinnen beim Stationsvorsteher die Post geholt. Sie gab
-Franziska die Zeitungen und ihren Brief und öffnete ihren eigenen.
-Draußen auf dem Kiese des Bahnsteiges mitten im Sonnenbrand stehend,
-überflog sie Gerts langes Schreiben. Die liebevollen Worte am Anfang
-und am Schlusse las sie, während sie das Uebrige überging. Es waren nur
-lange allgemeine Betrachtungen über die Liebe.
-
-Jenny steckte den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn in ihre
-Handtasche. Oh, diese Briefe von Gert -- sie war fast nicht imstande,
-sie zu lesen. Die Worte allein zeigten ihr, daß sie sich doch nicht
-verstanden. Sie fühlte es, wenn sie miteinander sprachen; beim
-Schreiben trat es aber klar zutage.
-
-Und dennoch +war+ Wesensverwandtschaft zwischen ihnen. Warum konnten
-sie dann nicht harmonieren?
-
-War er stärker oder schwächer als sie? Er hatte verloren und verloren,
-hatte resigniert und sich an allen Ecken und Kanten beugen müssen --
-und fuhr fort zu hoffen, fuhr fort zu leben und fuhr fort zu glauben.
--- War das Weichheit oder Lebenskraft? Sie verstand ihn nicht.
-
-Vielleicht lag es doch am Altersunterschied. Er +war+ nicht alt. Aber
-seine Jugend stammte aus einer anderen Zeit. Er gehörte zu eine Jugend,
-die jetzt ausgestorben war, einer Jugend mit gesünderem Glauben und
-mehr Naivität. Vielleicht war auch sie naiv -- mit ihrem Glauben und
-ihren Zielen. Aber dann war es eine andere Art von Naivität. Die Worte
-wechseln im Laufe von zwanzig Jahren ihre Bedeutung, ob es letzten
-Endes das war?
-
-Der Kies leuchtete rotviolett und die graugelbe Farbe an der Mauer des
-Stationsgebäudes platzte in der Sonnenhitze auf. Es dunkelte einen
-Augenblick vor ihren Augen, als sie vom Abhang in die Höhe blickte. Es
-war seltsam, aber sie vertrug die Hitze in diesem Jahre nicht gut.
-
-Ueber das Kirchspiel hin zitterte der heiße Dunst von Heuwiesen und
-weißen Aeckern, ganz bis hinüber zum Waldrande, der sich schwarzgrün
-gegen den sommerlich blauen Himmel abhob. Die wenigen Laubbäume vor den
-Gehöften trugen bereits dunkle Kronen.
-
-Cesca las noch immer an ihrem Brief. Er war von ihrem Manne. Ihr
-Leinenkleid leuchtete weiß gegen den blauen Kies des Bahnsteigs.
-
-Gunnar Heggen hatte sein Gepäck auf dem hinteren Sitz des Wägelchens
-verstaut. Er liebkoste das Pferd und plauderte mit ihm, während er auf
-die Damen wartete.
-
-Cesca steckte ihren Brief fort, hob den Kopf und machte eine Bewegung,
-als wollte sie etwas verjagen.
-
-„Ja, du mußt entschuldigen, mein Junge -- jetzt können wir fahren.“ Sie
-und Jenny setzten sich auf den Vordersitz; Cesca lenkte selbst. „Das
-ist furchtbar gemütlich, Gunnar, daß du kommen konntest! Ist es nicht
-famos, daß wir drei wieder einige Tage zusammen sein können? Ich soll
-euch beide von Lennart grüßen!“
-
-„Danke. Geht es ihm gut?“
-
-„O ja. Er berichtet nur Gutes. Es war wirklich genial von Papa und
-Borghild, daß sie wegreisten. Ich bin jetzt mit Jenny allein auf
-dem Hof, siehst du, und die alte Gina steht Kopf für uns -- das ist
-herrlich!“
-
-„Ja, es macht Freude, euch wiederzusehen, Mädelchen!“
-
-Er lachte sie beide so offenherzig an. Aber Jenny bildete sich ein,
-sie hätte einen merkwürdig ernsten Schimmer dahinter gesehen. Sie
-wußte, daß sie verwelkt und müde aussah, Cesca in dem billigen,
-fertiggekauften Leinenkleid glich einem Backfisch, der alt zu werden
-anfing, ohne erwachsen gewesen zu sein. Es war ihr, als sei Cesca
-kleiner geworden in diesem Jahre, aber sie zwitscherte und plauderte in
-einem fort -- was sie zum Mittagessen bekamen und zum Kaffee, ob sie
-ihn im Garten trinken sollten, und von all dem Likör und Whisky und
-Selterwasser, was sie eingekauft hatte.
-
- * * * * *
-
-Als Jenny in der Nacht in ihr Zimmer hinaufkam, setzte sie sich auf das
-Fensterbrett und ließ sich den frischen Luftzug, der mit den Gardinen
-spielte, über das Antlitz wehen. Sie war ziemlich berauscht -- ganz
-unbegreiflich war es ihr, aber Tatsache.
-
-Sie konnte nicht verstehen, wie es zugegangen war. Anderthalb Glas
-Whisky und einige Gläschen Likör war alles, was sie getrunken, und
-sogar nach dem Abendessen -- allerdings hatte sie nicht viel gegessen,
-aber sie hatte augenblicklich keinen Appetit. Starken Kaffee hatte es
-auch gegeben.
-
-Vielleicht war gerade der Kaffee schuld -- und die Zigaretten. Obgleich
-sie jetzt weniger rauchte als früher.
-
-Jedenfalls hatte sie Herzklopfen und ein widerliches Hitzegefühl
-durchrann sie in großen Wogen, so daß sie in Schweiß gebadet war. Das
-Bild dort draußen drehte sich langsam vor ihren Augen -- vorwärts und
-zurück -- die graugefärbte Ebene, das blaßleuchtende Blumenbeet und die
-dunklen Baumkronen des Gartens an dem weißlichen Sommernachtshimmel.
-Das Zimmer lief rund um sie her.
-
-Sie wankte, als sie die Waschschüssel mit Wasser füllte. Unsicher in
-den Bewegungen war sie auch. Das ist doch aber ein Skandal. Es geht
-bereits bergab mit dir, mein Kind. Nun verträgst du keinen Alkohol
-mehr. Früher hatte sie das Doppelte trinken können, ohne etwas zu
-verspüren.
-
-Erst hielt sie die Hände mit dem Puls unter Wasser. Dann badete sie
-lange ihr Gesicht. Riß sich die Kleider vom Körper und ließ das Wasser
-von dem nassen Schwamm über den ganzen Leib rieseln.
-
-Gott weiß, ob Gunnar und Cesca etwas gemerkt hatten. Sie selbst hatte
-zwar erst jetzt, als sie heraufkam, etwas verspürt. Wie gut, daß der
-Oberstleutnant und Borghild nicht zu Hause waren.
-
-Es wurde besser, als sie sich eine Weile gewaschen hatte. Sie zog ihr
-Nachthemd über und setzte sich wieder ans Fenster.
-
-Die Gedanken schwirrten ziellos zwischen Fragmenten der Gespräche des
-Tages mit Gunnar und Cesca umher. Mitten drin stand ihre Verwunderung
-hellwach still -- vor der Erkenntnis, daß sie sich betrunken hatte! Es
-war ihr noch nie zuvor begegnet -- sie kannte das Gefühl kaum, auch
-wenn sie einmal viel trank.
-
-Jetzt war es übrigens sicher vorbei, sie fühlte sich matt und schläfrig
-und kalt. Sie stand auf und taumelte in das große Himmelbett. Wenn sie
-nun erst am späten Vormittag erwachte -- jedenfalls würde es eine neue
-Erfahrung sein.
-
-Soeben hatte sie sich in den Kissen zurechtgelegt und die Augen
-geschlossen, als die widerwärtige üble Hitze sie wieder überflutete, so
-daß der Schweiß aus allen Poren brach. Das Bett wankte wie ein Schiff
-im Wellengang, so daß sie seekrank wurde. Sie lag eine Weile still da
-und versuchte, Herr über diese widerliche Empfindung zu werden -- ich
-will nicht, ich will nicht. Aber es nutzte nichts -- der Mund lief
-voller Wasser. Es war gerade noch Zeit genug, zum Zimmer zu gelangen,
-ehe sie sich erbrach.
-
-Aber du großer Gott, war sie wirklich so betrunken? Jetzt wurde es
-geradezu unangenehm. Aber nun war es wohl vorüber. Sie brachte alles
-wieder in Ordnung, trank einen Schluck Wasser und legte sich nieder.
-Jetzt konnte sie vielleicht schlafen.
-
-Aber als sie kurze Zeit mit geschlossenen Augen gelegen hatte,
-begann der Seegang von neuem, ebenso Schweiß und Uebelkeit. Es war
-erstaunlich, da sie doch jetzt völlig klar im Kopfe war. Trotzdem mußte
-sie noch einmal auf.
-
-Im Augenblick, als sie zum Bett zurückging, blitzte ein Gedanke in ihr
-auf. --
-
-Still. Sie legte sich hin und bohrte den Nacken ins Kopfkissen. Es
-war ja unmöglich. Sie wollte nicht daran denken. Aber sie konnte es
-nicht lassen und überlegte sich: Sie hatte sich die ganze letzte Zeit
-hindurch nicht wohl gefühlt.
-
-Müde und zermürbt war sie natürlich. Zerquält und nervös. Deshalb
-hatte sie vielleicht nicht das winzige Bißchen gestern Abend vertragen
-können. Wahrhaftig, sie begriff, daß Menschen Abstinenzler wurden nach
-einigen solchen Nächten.
-
-An das Andere +wollte+ sie nicht denken. War es traurige Wirklichkeit,
-so erfuhr sie es noch zeitig genug. Nur sich nicht mit Beängstigungen
-plagen, ehe es notwendig war.
-
-Jenny öffnete das Nachtkleid und strich sich über die Brüste.
-
-Sie +wollte+ schlafen. -- Jetzt könnte sie natürlich nicht aufhören, an
-diesen Unsinn zu denken -- ach. Sie war doch so müde.
-
-In der ersten Zeit mußte sie natürlich immer daran denken, daß es wohl
-Folgen haben könnte und war einige Male ängstlich gewesen. Sie hatte
-aber ihre eigene Furcht beim Schopfe gepackt und sich gezwungen, sie in
-vernünftigem Lichte zu sehen -- ja, wenn nun etwas geschähe? Zum großen
-Teil war es ja sinnloser Aberglaube, diese Furcht davor, ein Kind zu
-bekommen. Derartiges geschah eben häufig -- wollte sie schlechter sein
-als alle die Arbeiterinnen, die sich allein mit dem Kind zurechtfanden?
-Der größte Teil des Schrecks stammte ja von der Zeit, als eine
-unverheiratete Frau in solchem Falle zum Vater oder zu Verwandten gehen
-und bekennen mußte, daß sie leichtsinnigen Vergnügungen nachgegangen
-war, und daß sie nun die Kosten bezahlen sollten -- sogar mit der
-Aussicht, später niemals ihre Versorgung auf jemand anders abschieben
-zu können. So daß diese dann mit gutem Recht erbittert waren.
-
-Aber niemand hatte das Recht, sich über sie zu erbittern. Schlimm
-war es natürlich der Mama wegen. Aber Herrgott, wenn ein erwachsener
-Mensch versuchte, sein Leben nach eigenem Gewissen zu leben, so hatten
-die Eltern zu schweigen. Sie hatte versucht, ihrer Mutter so viel zu
-helfen, wie es ihr möglich war, hatte sie nie mit Sorgen geplagt,
-niemals ihren Ruf einer leichtsinnigen Tat wegen aufs Spiel gesetzt
--- in Vergnügen oder Bummeln. Aber dort, wo ihre Ansichten über Recht
-und Unrecht mit denen guter Bürger auseinander gingen, hatte sie den
-eigenen zu folgen, selbst wenn es der Mutter weh tun würde, daß die
-Bürger häßlich von ihr redeten.
-
-War ihr Verhältnis mit Gert sündig, so bestand die Sünde jedenfalls
-nicht darin, daß sie zuviel gegeben hatte, sondern zu wenig. Und wie es
-auch endete, so mußte sie dafür leiden und durfte nicht mucksen.
-
-Ein Kind zu versorgen, müßte sie eigentlich genau so gut imstande sein
-wie alle die Mädchen, die nicht ein Zehntel von dem konnten, was sie
-an Fähigkeiten besaß. Etwas Geld hatte sie ja auch noch übrig, so daß
-sie fortreisen konnte. War es auch ein kümmerlicher Beruf, den sie sich
-gewählt -- viele ihrer Kollegen mußten doch sogar Frau und Kinder damit
-ernähren. Außerdem hatte sie, seit sie annähernd erwachsen war, anderen
-helfen müssen.
-
-Natürlich wäre es ja das Beste, der Sache zu entgehen. Bisher war es ja
-gut gegangen.
-
-Sie wollte nicht daran denken. --
-
-Gert würde wohl verzweifelt sein.
-
-Oh, aber Herrgott -- wenn es zutraf -- jetzt! Wäre es wenigstens damals
-gekommen, als sie ihn liebte -- oder ihn zu lieben glaubte. Damit sie
-in diesem Glauben hätte von ihm fortreisen können. Aber jetzt, jetzt,
-wo alles, was zwischen ihnen bestanden hatte, in kleine Stückchen
-zerbröckelte, von ihrem Denken und Grübeln aufgezehrt.
-
-Sie hatte es in diesen Wochen hier auf Tegneby klar empfunden,
-daß es so nicht weitergehen könne. Sie hatte sich hinausgesehnt,
-nach neuen Verhältnissen, neuer Arbeit. Ja, die Arbeitssehnsucht
-war zurückgekehrt. Sie hatte dieses krankhafte Verlangen von
-sich abgeschüttelt, sich an einen Menschen anzuklammern, von ihm
-umschmeichelt, umsorgt und „kleines Mädchen“ genannt zu werden.
-
-Sie hatte sich im Schmerz zusammengekrampft, wenn sie an den Bruch
-dachte, und daß sie ihm wehe tun mußte. Aber Herrgott -- sie hatte
-ihm doch gegeben, solange sie konnte. Gert war glücklich gewesen.
-Jedenfalls war er dem erniedrigenden Sklavendasein mit ihr -- der Frau
--- entronnen.
-
-Was sie selbst betraf, so hatte sie resigniert. Arbeit und Einsamkeit
-würden ihr Leben bedeuten. Diese Monate aus ihrem Dasein auslöschen,
-das wußte sie, konnte sie nicht. Sie würde die Erinnerung daran
-behalten und die bittere Lehre dieser Zeit, daß die Liebe, die vielen
-genügte, nicht für sie ausreichte, mit sich nehmen. Für sie schien es
-besser, zu entbehren, als sich zu begnügen.
-
-O ja, vergessen würde sie diese Monate nicht. Aber gemildert würden
-sie vor ihr stehen, und umgedichtet zu Erinnerungen an das kurze,
-schmerzdurchzogene Glück und die bittere, reueerfüllte Qual. Mit der
-Zeit wollte sie die Erinnerung an den Mann, gegen den sie blutiges
-Unrecht verübt hatte, halbwegs auszulöschen suchen.
-
-Und jetzt trug sie vielleicht sein Kind.
-
-Aber es war ja undenkbar. Es war ja sinnlos, darüber nachzugrübeln.
-Aber wenn es doch Wahrheit wurde?
-
- * * * * *
-
-Jenny schlummerte endlich ein. Draußen war es schon ganz hell. Sie
-schlief traumlos und tief. Als sie aber auffuhr, hellwach, war es nicht
-viel lichter. Der Himmel war drüben über den Baumkronen des Gartens ein
-wenig gelblicher und die Vögel zwitscherten schläfrig.
-
-Die gleichen Gedanken stellten sich im selben Augenblick wieder ein.
-Jenny wußte, daß sie diese Nacht kaum mehr schlafen würde. Resigniert
-gab sie nach und dachte alles von neuem durch.
-
-
-
-
-III.
-
-
-Heggen reiste ab und Oberstleutnant Jahrmann kehrte mit seiner ältesten
-Tochter zurück. Diese fuhren dann wieder weiter zu einer verheirateten
-Schwester Franziskas.
-
-Cesca und Jenny waren nun wieder allein auf Tegneby. Sie gingen jede
-für sich umher, in ihre Gedanken eingesponnen.
-
-Jenny wußte jetzt bestimmt, daß sie schwanger war. Was es aber in
-Wirklichkeit bedeutete, hatte sie sich noch nicht klargemacht.
-Versuchte sie, ein wenig in die Zukunft zu denken, so streikte ihre
-Phantasie. Eigentlich war ihr jetzt ungleich wohler zumute, als in den
-verzweifelten Wochen, als sie unablässig darauf wartete, daß es sich
-als Irrtum erweisen sollte.
-
-Sie tröstete sich damit, daß sich wohl ein Ausweg für sie, wie für die
-vielen anderen, finden würde. Von ihrer Reise ins Ausland hatte sie
-ja schon seit dem Herbst gesprochen. Wie an eine schwache Möglichkeit
-dachte sie an Paris -- dorthin zu fahren und zu einer ~age-femmes~
-zu gehen. Aber sie mochte es sich nicht genauer überlegen.
-
-Ob sie überhaupt Gert gegenüber erwähnen wollte, wie es mit ihr stand,
-wußte sie nicht. Sie hatte die Absicht, es nicht zu tun.
-
-Wenn sie nicht mit sich selbst beschäftigt war, so dachte sie an Cesca.
-Mit ihr war auch etwas nicht so, wie es sollte. Trotzdem war sie
-sicher, daß Cesca Ahlin sehr gern hatte. War er es, der sich nichts
-mehr aus ihr machte?
-
-Cesca hatte es schwer gehabt das Jahr hindurch, während sie verheiratet
-gewesen, das merkte Jenny. Sie war so klein und schüchtern geworden.
-Furchtbar beschränkt waren ihre Verhältnisse, und sie saß abends
-eine Stunde nach der anderen auf Jennys Bettrand und klagte über ihre
-häuslichen Widerwärtigkeiten. Stockholm war so teuer und billiges Essen
-herzustellen war schwer, wenn man so etwas nicht gelernt hatte. Alle
-Hausarbeit ging schwer von der Hand, wenn man so irrsinnig erzogen
-worden war wie sie. Und es war zum Verzweifeln, daß man die Arbeit,
-kaum daß sie getan war, wieder von neuem in Angriff nehmen mußte.
-Sowie sie das Haus gereinigt hatte, war es wieder schmutzig, und
-kaum war sie mit dem Essen fertig, mußte aufgewaschen werden -- und
-dann hatte sie schon wieder Essen zu kochen und wieder abzuwaschen.
--- Wenn Lennert auch versuchte, ihr zu helfen, so war er doch ebenso
-ungeschickt und unpraktisch wie sie selbst. Dazu kamen ihre Sorgen
-um ihn -- das Monument hatte er nicht bekommen -- niemals begegnete
-er einer Anerkennung, trotzdem er doch so begabt war. Er war aber
-nur zu vornehm, sowohl als Mensch wie als Künstler. Das war nun eben
-nicht zu ändern, sie wünschte ja auch nicht, daß er anders wäre. Dann
-diese langwierige Krankheit im Frühling -- zwei Monate hatte er an
-Scharlachfieber und Lungenentzündung und anderen Krankheiten, die
-eine Folge davon waren, gelegen -- diese Zeit hatte Cesca furchtbar
-angegriffen.
-
-Da war aber etwas anderes, wovon Cesca nicht sprach -- das fühlte
-Jenny. Jenny wußte auch, sie konnte nicht so gegen Cesca sein wie
-früher, sie hatte nicht mehr das ruhige Herz und den offenen Sinn, um
-anderer Sorgen hinnehmen und trösten zu können. Es schmerzte sie, daß
-sie Cesca nicht helfen konnte.
-
-Cesca war eines Tages nach Moß gefahren, um Einkäufe zu machen. Jenny
-wollte sie nicht begleiten, so blieb sie denn daheim und vertrieb sich
-die Zeit im Garten. Sie las, um nicht zu denken, und begann, Muster zu
-stricken, weil sie die Gedanken nicht bei ihrer Lektüre sammeln konnte.
-Aber sie verzählte sich bei der Arbeit, mußte trennen und strickte
-wieder, indem sie sich zwang, aufzupassen.
-
-Cesca kam nicht zum Essen nach Hause, wie sie versprochen hatte. Jenny
-aß schließlich allein und beschäftigte sich den Nachmittag über, so
-gut es ging. Sie rauchte, aber die Zigaretten schmeckten nicht, sie
-strickte, aber die Arbeit sank ihr jeden Augenblick in den Schoß.
-
-Endlich gegen zehn Uhr fuhr Cesca die Allee herauf. Jenny war ihr
-entgegengegangen. Gleich nachdem sie zu ihr auf das Wägelchen gestiegen
-war, sah sie, daß irgendetwas vorgefallen sein mußte. Aber keine von
-ihnen sprach.
-
-Erst gegen Ende der Mahlzeit, als sie bei der letzten Tasse Tee saßen,
-sagte Franziska, ohne Jenny anzublicken, leise:
-
-„Weißt du, wen ich heute in der Stadt traf?“
-
-„Nein?“
-
-„Hans Hermann. -- Er ist zu Besuch auf Jelö. Dort lebt ein altes,
-reiches Fräulein Oehrn, bei der er wohnt. Sie protegiert ihn sozusagen
-in Allem.“
-
-„Ist seine Frau mit?“ fragte Jenny nach einer Weile.
-
-„Nein, sie sind jetzt geschieden. Die Aermste, sie verlor ihren kleinen
-Jungen im Frühling, ich las es in der Zeitung.“
-
-Dann begann Cesca von anderen Dingen zu sprechen.
-
- * * * * *
-
-Als Jenny sich aber niedergelegt hatte, schlich sie zu ihr hinüber.
-Sie kroch ins Himmelbett hinauf, setzte sich ans Fußende, zog die
-Beine hoch und deckte ihren Nachtrock darüber. Die Arme über die
-Knie verschränkt, saß sie in der weißen Dämmerung des Bettes; das
-schwarzhaarige Köpfchen hob sich wie ein dunkler Schattenfleck gegen
-die hellen Gardinen ab.
-
-„Du, ich reise morgen nach Hause. Ich telegraphiere morgen früh an
-Lennart, und mittags fahre ich dann. Du weißt ja, Jenny, daß du
-durchaus hier bleiben darfst, solange du Lust hast. Du mußt mich nicht
-für rücksichtslos halten, aber ich wage es nicht, ich reise sofort.“
-
-Sie atmete schwer.
-
-„Ich verstehe es nicht, Jenny. Ich habe mit ihm gesprochen und er hat
-mich geküßt, und doch schlug ich nicht nach ihm. Ich hörte allem zu,
-was er mir sagte, und ich schlug ihm nicht einmal mitten ins Gesicht.
-Ich +liebe+ ihn nicht mehr, das weiß ich jetzt, und dennoch hat er
-diese Macht über mich. Weißt du, daß ich Furcht habe? Ich wage nicht
-hierzubleiben, denn ich weiß nicht, wozu er mich verleiten könnte. Wenn
-ich jetzt an ihn +denke+, so hasse ich ihn, aber ich werde geradezu
-versteinert, wenn er spricht. Ich kann nicht verstehen, daß ein Mensch
-so zynisch sein kann, so brutal, so +schamlos+! Es ist geradezu, als
-könne er nicht begreifen, daß es etwas gibt, was Ehre und Scham heißt.
-Er rechnet nicht damit und glaubt nicht, daß es andere tun. Er geht
-ohne weiteres davon aus, daß es nur aus Berechnung geschieht, wenn wir
-anderen an Recht und Unrecht glauben. Es ist mir, als hypnotisierte er
-mich damit. Denk dir, ich bin den ganzen Nachmittag mit ihm zusammen
-gewesen, und ich hörte mir an, was er sagte. Ach Gott, er sprach davon,
-daß ich jetzt verheiratet sei und daß ich nun meiner Tugend wegen nicht
-so zimperlich zu sein brauchte oder wie er sagte. Uebrigens deutete
-er an, daß er jetzt frei sei und daß ich mir irgendwie Hoffnungen
-machen dürfte, glaube ich. Er küßte mich im Park, und mir war, als
-müßte ich aus vollem Halse schreien, aber ich konnte nicht einen Laut
-hervorbringen. O Gott, wie war mir Angst! Er sagte, er käme übermorgen
-hier hinaus -- morgen haben sie große Gesellschaft. Und die ganze Zeit
-ging er mit dem Lächeln umher, vor dem ich schon früher solche Furcht
-hatte. --
-
-Muß ich nicht reisen, wenn es so mit mir steht?“
-
-„Doch, Cesca.“
-
-„Ich bin sicher eine Gans. -- Aber du begreifst --“ rief sie plötzlich
-heftig aus. „Ich wage es nicht, mich auf mich selbst zu verlassen.
-Aber eines kannst du mir glauben: wäre ich Lennart untreu geworden,
-weiß Gott, ich ginge geradenwegs zu ihm und erzählte es ihm, und dann
-brächte ich mich sofort vor seinen Augen um --.“
-
-„Liebst du deinen Mann?“ fragte Jenny leise.
-
-Franziska schwieg einen Augenblick.
-
-„Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn richtig lieb hätte, so wie man soll,
-dann hätte ich keine Angst vor Hans Hermann. Meinst du nicht auch, daß
-ich Hans dann hätte ohrfeigen müssen, wenn er mich so behandelte und
-mich küßte? Aber jedenfalls weiß ich, daß ich nicht würde weiterleben
-können, wenn ich Lennart Unrechtes angetan hätte, verstehst du. Während
-ich Franziska Jahrmann war, war ich nicht weiter vorsichtig mit dem
-Namen. Aber jetzt heiße ich Franziska Ahlin. Und hätte ich nur den
-Schatten eines Mißtrauens auf diesen Namen fallen lassen -- seinen
-Namen -- so verdiente ich, daß er mich wie eine Dirne niederschösse.
-Dazu ist Lennart nicht imstande, aber ich bin es, das weiß ich --.“
-
-Sie löste ihre Glieder plötzlich aus der verschlungenen Stellung und
-schmiegte sich dicht an Jenny.
-
-„Nicht wahr, du glaubst an mich? Meinst du wohl, daß ich leben könnte,
-wenn ich etwas Ehrloses getan hätte?“
-
-„Nein, Cesca.“ Jenny zog sie an sich und küßte sie. „Ich glaube nicht,
-daß du es könntest.“
-
-„Ich weiß nicht, was Lennart denkt. Er versteht mich nicht, siehst du.
-Wenn ich aber nach Hause komme, so sage ich ihm alles. Wie es ist. Das
-muß sein.“
-
-„Cesca,“ sagte Jenny sanft. Aber dann wollte sie doch nicht fragen, ob
-Cesca glücklich war.
-
-Aber Cesca begann von selbst zu erzählen.
-
-„Ich habe es die ganze Zeit über schwer gehabt, siehst du. Es ist nicht
-alles so einfach gegangen, das kannst du glauben. Ich war in vieler
-Beziehung so unvernünftig, als ich mich verheiratete. Ich nahm Lennart
-ja, weil Hans wieder anfing, mir zu schreiben, nachdem er geschieden
-war, und weil er schrieb, daß er mich jetzt haben +wollte+. Ich hatte
-aber vor ihm Angst und wollte nicht wieder mit dergleichen beginnen.
-Das alles sagte ich Lennart, und er war so fein und lieb; er verstand
-alles und ich fand, er sei der großartigste Mensch auf der ganzen
-Welt. Das +ist+ er auch, das weiß ich sehr gut. Aber dann tat ich etwas
-Entsetzliches. Lennart kann es nicht verstehen und ich weiß, er wird es
-mir nie verzeihen. Vielleicht ist es verkehrt von mir, es zu erzählen,
-aber ich verstehe es doch nicht, Jenny. Ich +muß+ einen Menschen
-fragen, ob es so schlimm ist, daß ein Mann es nie verzeihen kann. Und
-du mußt mir ganz offen antworten, ganz offen, hörst du, ob du glaubst,
-daß es nie wieder gutzumachen ist .... Wir reisten nachmittags, nach
-Rocca di Papa, nachdem wir getraut waren. Du weißt ja, welch furchtbare
-Angst ich davor hatte und wie mir davor graute. Dann am Abend, als
-Lennart mich in unser Zimmer führte und ich das große Doppelbett sah,
-begann ich fürchterlich zu weinen. Lennart war aber so lieb -- ich
-sollte dem entgehen, so lange ich selbst wollte. Das war an einem
-Sonnabend. Wir hatten es nicht besonders gemütlich, das heißt Lennart
-nicht, glaube ich. Ich wäre ja heilfroh, auf diese Art verheiratet zu
-sein. Jeden Morgen, wenn ich erwachte, war ich so dankbar, aber ich
-durfte fast nicht meinen eigenen Gatten küssen. Dann am Mittwoch waren
-wir auf den Gipfel des Monte Cavo hinaufgestiegen. Es war so wunderbar
-schön dort oben. Wir schrieben Ende Mai und die Sonne schien. Der
-Kastanienwald, eben aufgesprungen, leuchtete, der Goldregen blühte wie
-toll an den Hängen herab, und am Wege entlang standen unzählige weiße
-Blumen und Lilien. Die Luft war ganz dunstig von der Sonne -- es hatte
-einige Stunden vorher geregnet -- und der Nemisee und Albanersee lagen
-silberweiß vor uns unter dem Waldabhang, umgeben von all den kleinen
-weißen Städten. Drüben die ganze Campagna und Rom in einen weißen
-Nebelschleier gehüllt. Und ganz fern das Mittelmeer wie ein matter
-Goldrand am Horizont. O, es war so herrlich, so herrlich, und ich fand
-das Leben so wunderbar, nur Lennart war traurig. -- Ich fühlte, er war
-der vorzüglichste Mensch auf der Welt und ich hatte ihn so grenzenlos
-lieb, das andere war nur furchtbarer Unsinn, das empfand ich plötzlich.
-Da schlang ich die Arme um seinen Hals und sagte: ‚Jetzt will ich ganz
-dein werden, denn ich liebe dich --.‘“
-
-Cesca schwieg und atmete schwer.
-
-„Ach Gott, Jenny, der Junge wurde so glücklich, der Aermste.“
-Sie verschluckte ihre Tränen. „Ja, er wurde froh. ‚Jetzt,‘ sagte
-er, ‚hier?‘ Er nahm mich auf den Arm und wollte mich in den Wald
-hineintragen. Ich aber wehrte mich und sagte: ‚heute Nacht, heute
-Nacht!‘ O, Jenny, ich verstehe ja nicht, warum ich es tat, eigentlich
-wollte ich es aber doch. Es wäre schön gewesen, in dem tiefen Wald mit
-der Sonne über uns. Aber ich tat, als wollte ich nicht -- Gott mag
-wissen, warum. Dann am Abend, als ich mich zur Ruhe gelegt und nun
-die vielen Stunden hindurch auf diesen Augenblick gewartet hatte, als
-dann Lennart kam -- ja, da begann ich denn wieder zu heulen --. Doch
-da raste er hinaus, siehst du, und blieb die ganze Nacht über weg. Ich
-lag wach. Ich weiß nicht, wo er geblieben war. Wir reisten am nächsten
-Vormittag nach Rom zurück und wohnten im Hotel. Lennart mietete zwei
-Zimmer, aber ich ging zu ihm hinein. Schön war es aber dann nicht mehr.
-Seitdem ist es zwischen mir und Lennart nie wieder gut geworden. Ich
-verstehe wohl, daß ich ihn furchtbar gekränkt haben muß. Aber du sollst
-mir sagen, Jenny, ob du glaubst, daß ein Mann so etwas vergessen oder
-verzeihen kann?“
-
-„Er müßte später eingesehen haben,“ sagte Jenny leise und unsicher,
-„daß du es damals nicht verstandest, die Gefühle nicht kanntest, die du
-gekränkt hast.“
-
-„Nein.“ Cesca erschauerte. „Ich verstehe es jetzt. Ich verstehe, daß es
-etwas Fleckenloses, Reines und Schönes war, das ich beschmutzte. Aber
-ich wußte es damals nicht. Jenny -- kann eines Mannes Liebe das niemals
-überwinden?“
-
-„Sie müßte es können. Du hast ja späterhin bewiesen, daß du seine
-gute, treue Frau sein wolltest. Jetzt im Winter rackertest du dich ab,
-mühtest du dich ab und klagtest nicht. Im Frühling, als er krank war,
-wachtest du Nacht für Nacht, pflegtest ihn Woche für Woche.“
-
-„Das war ja gar nichts,“ sagte Cesca eifrig. „Er war so gut und
-geduldig und half mir, so viel er konnte, bei meiner mühevollen Arbeit,
-wie du es nennst. Und während seiner Krankheit kamen hin und wieder
-Freunde von ihm und halfen bei der Nachtwache. In der Woche, als er
-fast im Sterben lag, hatten wir übrigens auch eine Schwester, aber ich
-wachte trotzdem, weil ich so gern wollte, verstehst du, aber ich hätte
-es natürlich nicht nötig gehabt.“
-
-Jenny küßte Cesca auf die Stirn.
-
-„Aber etwas habe ich dir noch nicht erzählt, Jenny. Ja, du hast mich
-auch vor dem gewarnt, wofür mir der Instinkt fehlte, und Gunnar hatte
-gescholten. Fräulein Linde sagte sogar einmal frei heraus, weißt du
-noch, daß ein Mann, wenn man ihn aufreizte, zu einer anderen ginge --.“
-
-Jenny erstarrte vor Schreck.
-
-Cesca nickte in die Kissen:
-
-„Ja, ich fragte ihn also so etwas Aehnliches -- an jenem Morgen --.“
-
-Jenny lag vollkommen sprachlos da.
-
-„Ich kann mir denken, daß er das nicht vergessen kann. Und nicht
-verzeihen. Wenn er es nur ein wenig entschuldbar fände, sich vorstellen
-könnte, wie grenzenlos unerfahren ich alles ansah. Aber später --“ Sie
-suchte nach Worten. „Es ist -- so unharmonisch zwischen uns geworden --
-alles. Es ist, als +wollte+ er mich nicht anrühren; geschieht es, dann
-ist es gegen seinen Willen und hinterher ist er böse, sowohl auf sich
-selbst als auf mich. Trotzdem ich versucht habe, es ihm zu erklären.
-Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht recht, was eigentlich dabei ist. Ich
-habe keinen Widerwillen mehr dagegen, wenn ich ihm eine Freude damit
-machen kann. Alles, womit ich Lennart eine Freude bereiten kann, ist
-gut und schön für mich. Er glaubt, es seien Opfer, aber das ist nicht
-wahr, im Gegenteil. O, ich habe Nacht für Nacht in meinem Zimmer
-geweint, weil ich wußte, er sehnte sich nach mir, ich habe versucht,
-ihn herbeizulocken, Jenny, mit dem Bißchen, das ich konnte -- und er
-stößt mich von sich --. Ich habe ihn so gern, Jenny. Sag mir, kann man
-nicht sehr gut einen Mann auf diese Art liebhaben? Kann ich nicht sehr
-gut sagen, ich liebe Lennart?“
-
-„Doch, Cesca.“
-
-„O, wie verzweifelt war ich! Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich
-so geschaffen bin. Dann, wenn wir mit anderen Künstlern ausgingen, war
-er schlechter Stimmung. Er sagt nichts, aber ich weiß, er findet, daß
-ich mit ihnen kokettiere. Das ist sicher wahr, denn ich werde guter
-Laune, wenn ich auswärts essen darf und einen Abend kein Essen zu
-kochen und hinterher nicht aufzuwaschen brauche. Manchmal war ich auch
-froh, nicht mit Lennart allein sein zu müssen, trotzdem ich ihn gern
-habe und er mich -- das tut er, o ja, das weiß ich wohl, und frage ich
-ihn danach, so sagt er: das weißt du ja, und lacht dann so seltsam und
-bitter. Aber er vertraut mir nicht, weil ich ihn nicht so -- sinnlich
--- lieben kann und trotzdem kokett bin. Einmal sagte er, ich ahnte ja
-nicht, was Liebe bedeute, und es wäre wohl seine Schuld, daß er mich
-nicht habe erwecken können, es würde aber vielleicht ein anderer kommen
--- o Gott, wie ich weinte. Dann jetzt im Frühjahr. Du weißt ja, wir
-haben nicht viel zum Leben. Gunnar verkaufte mir das Stilleben, das ich
-vor drei Jahren ausgestellt hatte, für dreihundert Kronen. Wir lebten
-viele Monate von diesem Geld, aber Lennart mochte nicht, daß wir Geld
-verbrauchten, das ich verdient hatte. Ich verstehe ja nicht, was das
-ausmachen soll, wenn wir uns liebhaben. Aber er sagt immer, daß er mich
-ins Elend hinabgezerrt habe. Schulden haben wir auch, natürlich. Ich
-wollte dann einmal an Papa schreiben und ihn bitten, mir einige hundert
-Kronen zu schicken. Aber das durfte ich nicht. Ich fand es so ungerecht
--- Borghild und Helga hatten zu Hause gelebt und alles von Papa
-bekommen. Er hat sie ins Ausland geschickt, während ich mich von dem
-kleinen Erbteil von Mama durchgespart und durchgeschlagen habe, seit
-ich mündig wurde, weil ich nicht einen Oere von Papa annehmen wollte,
-nachdem er das zu mir gesagt hatte, als ich mit Leutnant Kaarsen
-auseinanderging und dieses Gerede über mich und Hans entstand. Aber
-er hat es zurückgenommen und gibt jetzt zu, daß ich Recht hatte. Es
-war gemein, sowohl von Kaarsen als von denen zu Hause, mich zwingen zu
-wollen, weil er mich zu der Verlobung verleitet hatte, als ich siebzehn
-Jahre alt war und nicht wußte, daß eine Ehe etwas anderes bedeutet als
-das, was in den verdammten Backfischbüchern steht. Als ich anfing, es
-zu verstehen, wußte ich, daß ich mich lieber umbringen würde als mich
-mit ihm zu verheiraten. Hätten sie mich aber dazu gebracht -- oh, ich
-wäre reizend geworden, ich hätte alle Liebhaber genommen, die ich hätte
-bekommen können, nur aus Trotz, um mich an ihnen allen zu rächen. Papa
-versteht es jetzt und hat gesagt, daß ich Geld von ihm bekommen könne,
-wenn ich wolle --. Als aber Lennart so krank war und so elend, als sie
-dann sagten, er müßte aufs Land, um gut zu leben, und als ich selbst
-so müde und elend war, da sagte ich zu ihm, daß ich aufs Land müßte,
-um mich auszuruhen, weil ich ein Kindchen bekäme. So durfte ich denn
-an Papa schreiben und um Geld bitten, wir reisten hinauf nach Vermland
-und lebten dort so herrlich, Lennart erholte sich gut und ich begann,
-wieder zu malen. Aber allmählich merkte er natürlich, daß ich doch kein
-Kind bekam. Als er fragte, ob ich mich nicht geirrt hätte, sagte ich
-ihm, ich hätte gelogen, denn ich wollte ihn jetzt nicht wieder belügen.
-Darüber ist er aber auch böse, das weiß ich. Ich glaube, er traut mir
-nicht recht und das ist so schrecklich. Wenn er mich verstände, so
-müßte er doch an mich glauben, meinst du nicht?“
-
-„Doch, Cesca.“
-
-„Ich habe es früher schon einmal gesagt, daß ich ein Kindchen bekommen
-würde -- im Herbst, als er so traurig war und es uns so schlecht ging.
-Damit er fröhlich werden sollte und lieb zu mir. Das war er dann auch
--- o, du kannst dir nicht denken, wie herzlich es war. Ich +hatte+
-gelogen, aber denke dir, ich glaubte zum Schluß selber daran, daß es
-wahr wäre. Ich meinte, Gott würde es so einrichten, damit ich ihn nicht
-zu enttäuschen brauchte. Aber daraus wurde freilich nichts. Ich bin so
-verzweifelt, daß ich kein Kind bekomme. Jenny, glaubst du, daß es wahr
-ist: manche sagen --“ sie flüsterte bebend -- „daß eine Frau, die keine
-solche -- Leidenschaft empfinden kann, keine Kinder bekommt?“
-
-„Nein,“ sagte Jenny hart. „Das ist bestimmt nur Unsinn.“
-
-„Ich weiß ganz sicher, daß dann alles gut würde. Lennert wünscht es so
-furchtbar. Und ich -- ja, ich glaube, ich würde ein wahrer Engel werden
-aus Freude, wenn ich mein eigenes Kindchen hätte. Kannst du dir so
-etwas wunderbar Schönes vorstellen?“
-
-„Ja,“ flüsterte Jenny mühsam. „Wenn ihr euch doch liebt. Es würde über
-viele Hindernisse hinweghelfen.“
-
-„Ach gewiß. Wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich einmal zu einem
-Arzt gehen. Ich glaube übrigens, daß ich es eines Tages tue. Meinst
-du nicht, daß ich es sollte? Wenn ich mich nur nicht so genierte --
-aber das ist dumm. Es ist ja übrigens einfach meine Pflicht, wenn
-ich verheiratet bin. Ich kann ja zu einer Aerztin gehen, zu einer
-verheirateten Frau, die Kinder und alles hat. O denk dir nur: ein
-kleines winziges Wesen, das einem selbst gehört, wie froh würde Lennart
-sein!“
-
-Jenny biß in der Dunkelheit die Zähne zusammen.
-
-„Meinst du nicht, daß ich morgen reisen sollte?“
-
-„Doch.“
-
-„Ich sage Lennart alles. Ich weiß nicht, ob er es verstehen wird, wenn
-ich es auch selbst nicht kann. Aber ich +will+ ihm immer die Wahrheit
-sagen. Muß ich das nicht, Jenny?“
-
-„Wenn du es für richtig hältst, so sollst du es tun. Ach, Cesca, man
-sollte immer das tun, was man für recht hält und niemals das, wovon
-man nicht sicher weiß, ob es richtig ist, Cesca.“
-
-„Ja, das ist wahr! Gute Nacht, meine Jenny, ich danke dir.“ Sie drückte
-plötzlich die Freundin heftig an sich. „Es ist so herrlich, sich mit
-dir auszusprechen. Du verstehst es so gut, mich richtig zu nehmen. Du
--- und Gunnar. Ihr bringt mich immer auf den rechten Weg. Ich wüßte
-nicht, was ich ohne dich tun sollte.“
-
-Sie stand einen Augenblick neben dem Bett:
-
-„Kannst du nicht im Herbst über Stockholm fahren? O, tu es doch! Du
-kannst bei uns wohnen, ich bekomme jetzt tausend Kronen von Papa, das
-soll nämlich auch Borghild für eine Pariser Reise erhalten.“
-
-„Ich weiß nicht recht. Ich hätte schon Lust?“
-
-„Ach tu es doch! Bist du schläfrig? Soll ich gehen?“
-
-„Ja, ich bin ein wenig müde.“ Sie zog Cesca zu sich herab und küßte
-sie. „Gott behüte dich!“
-
-Cesca schlürfte mit den bloßen Füßen über den Fußboden. In der Tür
-sagte sie mit ihrer kleinen traurigen Kinderstimme:
-
-„Ich wünschte so sehr, daß Lennart und ich glücklich würden, du!“
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Gert und Jenny gingen unter den mageren Nadelbäumen Seite an Seite über
-den Weg hinab. Einmal stand er still und pflückte einige vertrocknete
-Erdbeeren, sprang ihr nach und steckte sie ihr in den Mund. Sie
-lächelte ein wenig zum Dank und er nahm ihre Hand, während sie hinunter
-gingen, dem Wasser zu, das hinter den Bäumen unter der Sonnenbrücke
-bläulich schimmerte.
-
-Er sah fröhlich und jung aus in dem hellen Sommeranzug. Der Panamahut
-verbarg sein Haar.
-
-Jenny setzte sich an den Waldrand und Gert streckte sich vor ihr im
-Schatten der großen Hängebirken aus.
-
-Es war glühend heiß und still. Der Grashügel, der am Strande auslief,
-war gelbgefärbt vom Sonnenbrand. Ueber Nesodden stand eine metallblaue
-Dunstwolke, hinter deren Rand einige Wölkchen hervorglitten, rauchgelb
-und weißlich. Der Fjord breitete sich lichtblau aus, von quirlenden
-Stromstreifen unterbrochen; die Segler weit draußen lagen still und
-weiß auf der Fläche und der Rauch der Dampfschiffe stand unendlich
-lange in grauen Streifen in der schwülen Luft.
-
-Aber zwischen den Steinen, die von der Ebbe bloßgelegt waren, rieselte
-das Wasser, und die rankenartigen Zweige der Hängebirken bewegten
-sich ganz sacht über ihnen, indem hin und wieder ein Blatt, in der
-Trockenheit verdorrt, herniedersank.
-
-Gert nahm eines, das sich in ihrer lichten Haarflut verfangen hatte,
-fort, sie hatte den Hut abgelegt. Er betrachtete das Blatt:
-
-„Ist es nicht sonderbar, daß es in diesem Jahre nicht regnen kann, du?
-Ihr Frauen habt es gut, ihr dürft so dünn gekleidet gehen. Dein Kleid
-sieht übrigens wie Halbtrauer aus, wenn du nicht die hellrosa Perlen
-trägst, aber es steht dir außerordentlich gut!“
-
-Das Kleid war weiß und durchsichtig, mit kleinen schwarzen Blumen
-gemustert, überall gekräuselt und von einem strammen schwarzseidenen
-Gürtelband zusammengehalten. Der Strohhut, den sie im Schoß hatte, war
-ebenfalls schwarz, mit schwarzen Sammetrosen geziert. Nur die blaßroten
-Krystallperlen leuchteten auf der reinen Haut des Halses.
-
-Er beugte sich vor, so daß er ihren Fuß gerade über dem Ausschnitt des
-Schuhes küssen konnte. Dann strich er mit zwei Fingern über die feine
-Biegung des Spanns mit dem durchsichtigen Strumpf und faßte um ihre
-Knöchel.
-
-Kurz darauf schob sie behutsam seine Hand zurück, er griff nach der
-ihren, hielt sie fest und lächelte zu ihr empor. Sie lächelte zurück,
-dann drehte sie den Kopf nach der anderen Seite.
-
-„Du bist so still, Jenny, ist dir die Wärme lästig?“
-
-„Ja,“ sagte sie. Dann schwiegen sie wieder.
-
-Ein Stück Weges von ihnen entfernt, dort wo sich ein Villengarten bis
-zum Wasser erstreckte, trieben einige halbwüchsige Jungen auf der
-Badehausbrücke ihr Spiel. Oben im Hause schnarrte ein Grammophon. Ab
-und zu wehten Klänge der Musik vom Seebade zu ihnen herüber.
-
-„Du, Gert --“ Jenny hielt plötzlich seine Hand fest. „Wenn ich einige
-Tage oben bei Mama gewesen und dann wieder in die Stadt zurückgekehrt
-bin, reise ich fort.“
-
-„Wieso?“ Er stützte sich auf seinen Ellenbogen. „Wohin willst du
-reisen?“
-
-„Nach Berlin,“ sagte Jenny. Sie fühlte selbst, wie ihre Stimme zitterte.
-
-Gert blickte ihr ins Gesicht, schwieg aber still. Auch sie sprach nicht.
-
-Schließlich meinte er:
-
-„Wann hast du dich dazu entschlossen?“
-
-„Eigentlich ist es die ganze Zeit hindurch meine Absicht gewesen -- das
-weißt du ja -- wieder ins Ausland zu gehen --“
-
-„Ja, gewiß. Aber, wann hast du dich entschlossen, +jetzt+ zu reisen?“
-
-„Im Sommer auf Tegneby.“
-
-„Ich wünschte, du hättest es mir eher gesagt, Jenny,“ sagte Gram.
-Obgleich seine Stimme leise und ruhig klang, schnitt sie ihr in die
-Seele.
-
-Sie zögerte.
-
-„Ich wollte es dir +sagen+, Gert. Nicht schreiben, sondern sagen. Als
-ich an dich schrieb und dich bat, gestern hierher zu kommen, hatte ich
-es dir sagen wollen. Aber ich kam nicht dazu --.“
-
-Sein Antlitz färbte sich steingrau.
-
-„Ich verstehe. Aber Gott des Himmels, Kind, wie mußt du es schwer
-gehabt haben!“ rief er plötzlich aus.
-
-„Ja,“ sagte Jenny ruhig. „Am meisten deinetwegen, Gert. Ich bitte dich
-nicht, mir zu verzeihen.“
-
-„Ich -- dir? Ach, du großer Gott, kannst +du mir+ verzeihen, Jenny --?
-Ich ahnte ja, daß dieser Tag kommen würde.“
-
-„Das ahnten wir wohl beide,“ sagte sie wie vorher.
-
-Er warf sich plötzlich auf den Boden und bohrte das Gesicht in den
-Sand. Sie beugte sich nieder und legte ihre Hand auf seinen Nacken.
-
-„Kleine, kleine, kleine Jenny -- oh, kleine Jenny, was habe ich dir
-getan!“
-
-„Lieber --“.
-
-„Mein weißes Vögelchen, habe ich dich mit meinen häßlichen, schmutzigen
-Fäusten berührt, deine weißen Flügel befleckt?“
-
-„Gert!“ Sie ergriff seine Hände und sprach schnell und heftig. „Hör zu.
-Du hast mir doch nur Gutes erwiesen, ich bin es ja, die --. Ich war
-so müde, und du botest mir eine Ruhestätte, ich fror, und du wärmtest
-mich. Ich +mußte+ ausruhen und ich +mußte+ gewärmt werden, ich mußte
-fühlen, daß ein Mensch mich liebte. Herrgott, Gert, ich wollte dich
-nicht betrügen, aber du konntest es nicht verstehen, ich hätte dir
-niemals erklären können, daß ich dich auf andere Art liebte, so --
-armselig. Kannst du nicht begreifen?“
-
-„Nein, Jenny. Ich +glaube+ nicht daran, daß ein junges, unschuldiges
-Mädchen einem Manne alles schenkt, wenn sie nicht sicher meint, ihre
-Liebe würde immer dauern.“
-
-„Das gerade bitte ich dich, mir zu vergeben. Ich wußte, daß du es nicht
-verstehen würdest, und ich nahm dennoch alles hin, was du mir gabst.
-So wurde es eine Qual für mich selbst -- schlimmer und schlimmer, und
-ich fühlte, ich war nicht imstande, so fortzufahren. Ich +habe+ dich
-doch gern, Gert, aber wenn ich nur annehmen soll und in Wahrheit nichts
-besitze, womit ich es dir vergelten kann ...“
-
-„Wolltest du mir das gestern sagen,“ fragte Gert kurz darauf.
-
-Jenny nickte.
-
-„Und statt dessen --“.
-
-Er wurde glühend rot.
-
-„Ich konnte nicht, Gert. Du kamst so froh an. Ich wußte, daß du
-gewartet und dich gesehnt hattest.“
-
-Er erhob brüsk den Kopf:
-
-„Das hättest du nicht tun sollen, Jenny. Nein. Hättest mir nicht so ein
--- Almosen geben sollen.“
-
-Sie bedeckte ihr Gesicht. Die qualvollen Stunden fielen ihr ein, die
-sie oben in ihrem verstaubten Atelier in der sonnendurchglühten,
-eingeschlossenen Luft zugebracht, in steter Ruhelosigkeit umhergehend,
-aufräumend und ihn erwartend, während ihr Herz sich vor Schmerz
-zusammenkrampfte. Aber sie war nicht fähig, es ihm zu sagen.
-
-„Ich war mir über mich selbst nicht klar, als du kamst. Ich dachte
-einen Augenblick -- ich wollte versuchen.“
-
-„Almosen.“ Er schüttelte einen Augenblick schmerzlich das Haupt. „Die
-ganze Zeit, Jenny -- alles was du mir gabst!“
-
-„Gert, ich bin es ja, die von dir Almosen entgegengenommen hat -- immer
--- begreifst du denn nicht?“
-
-„Nein,“ sagte er heftig. Er preßte sein Gesicht wieder in den Boden.
-
-Nach kurzer Zeit erhob er den Kopf:
-
-„Jenny, ist da -- irgend ein anderer?“
-
-„Nein,“ sagte sie heftig.
-
-„Glaubst du, ich würde dir einen Vorwurf machen, wenn ein anderer
-zwischen uns getreten wäre, ein junger Mensch -- deinesgleichen? Ich
-würde +das+ besser verstehen.“
-
-„Kannst du dir denn nicht denken --? Ich finde nicht, daß daran ein
-anderer Schuld sein muß.“
-
-„Nein, nein.“ Er glitt wieder nieder. „Ich fände es natürlicher. --
-Als mir dann einfiel, was du mir geschrieben hattest, daß Heggen auf
-Tegneby gewesen und nach Berlin gefahren ist --.“
-
-Jenny wurde wieder blutrot:
-
-„Glaubst du denn, ich hätte -- gestern --“.
-
-Gert schwieg. Kurz darauf sagte er müde:
-
-„Ich verstehe dich ja doch nicht.“
-
-Da schoß plötzlich in ihr das Verlangen hoch, ihm wehe zu tun:
-
-„Einesteils kann man doch sagen, eine zweite oder dritte Person spielt
-eine Rolle dabei.“
-
-Er sah auf, fragend. Dann griff er plötzlich nach ihr:
-
-„Jenny, Herr Jesus -- was meinst du --!“
-
-Sie bereute es schon, rot und hastig sagte sie:
-
-„Nun -- meine Arbeit -- also die Kunst.“
-
-Gert Gram hatte sich vor ihr auf die Knie erhoben:
-
-„Jenny -- ist etwas -- Besonderes -- du sollst die Wahrheit sagen -- du
-darfst nicht lügen. Ist etwas mit dir vorgefallen? -- Sprich --“
-
-Einen Augenblick versuchte sie, ihm frei in die Augen zu schauen. Dann
-senkte sie den Kopf. Gert Gram aber sank vorn über, das Gesicht in
-ihrem Schoß bergend:
-
-„O Gott, o Gott. Ach Gott im Himmel --“
-
-„Gert! Lieber, Lieber! Ach, nicht doch Gert! Du reiztest mich mit
-deinen Vermutungen über einen anderen,“ sagte sie gedemütigt. „Ich
-hätte es nicht sagen sollen. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zu
-sagen -- vielleicht später.“
-
-„Das hätte ich dir nie verziehen,“ sagte Gram. „Wenn du es mir nicht
-gesagt hättest. Aber -- du mußt es doch schon eine Zeitlang gewußt
-haben,“ meinte er plötzlich. „Weißt du -- wie weit du bist?“
-
-„Im dritten Monat,“ sagte sie kurz.
-
-„Aber Jenny,“ er faßte entsetzt ihre beiden Hände, „jetzt kannst du
-dich ja nicht -- von mir trennen, so ohne weiteres, meine ich. +Jetzt+
-können wir ja nicht auseinandergehen.“
-
-„Doch.“ Sie strich ihm liebkosend über das Gesicht. „Doch. Wäre
-es nicht so gekommen, so hätte ich es wohl noch eine Zeitlang so
-weitergetrieben. Aber jetzt mußte ich der Sache in die Augen schauen --
-und alles klarstellen.“
-
-Er lag eine Weile still da.
-
-„Hör einmal zu, Kind. Du weißt, ich wurde im vergangenen Monat
-geschieden. In zwei Jahren bin ich frei. Dann komme ich zu dir. Ich
-gebe dir -- und dem da -- meinen Namen. Ich verlange nichts, verstehst
-du -- +nichts+. Aber ich fordere mein Recht, dich wieder aufzurichten,
-wie ich es dir schuldig bin. Weiß Gott, ich werde genug darunter
-leiden, daß es nicht eher sein kann. Aber ich verlange nichts, das ist
-selbstverständlich. Du sollst nicht im geringsten an mich alten Mann
-gebunden sein --“
-
-„Gert. Ich bin froh, daß du von ihr geschieden bist. Aber ich sage
-dir ein für allemal: ich heirate dich nicht, wenn ich nicht deine
-richtige Frau werden kann. Es ist nicht der Jahre wegen, die zwischen
-uns liegen. Hätte ich nicht das Gefühl, Gert, daß ich niemals ganz dein
-gewesen bin, wie es hätte sein sollen, so bliebe ich bei dir, als dein
-Weib, solange du jung wärst, als deine Freundin, wenn das Alter käme,
-deine Krankenschwester, gern, willig und glücklich. Aber ich weiß, ich
-kann dir nicht das sein, was eine Frau sein soll. Um der Leute willen
-gehe ich aber nicht hin und verspreche etwas, was ich nicht halten
-kann, weder vor dem Pfarrer, noch dem Bürgermeister.“
-
-„Oh, aber Jenny, das ist doch Wahnsinn von dir.“
-
-„Du bringst mich jedenfalls nicht davon ab,“ sagte sie hastig.
-
-„Ja, aber Kind, was willst du denn tun? Nein, ich kann es nicht
-zulassen. Was soll denn mit dir werden? Kleines, du mußt verstehen --
-du mußt mich dir helfen lassen, Jenny.“
-
-„Still, lieber Freund. Du siehst ja, ich trage es ganz ruhig. Wenn man
-erst davorsteht, ist es eigentlich nicht so gefährlich, wie man sich
-immer einbildet. Glücklicherweise habe ich noch etwas Geld.“
-
-„Aber die Menschen, Jenny -- sie werden häßlich gegen dich sein -- dich
-in Verruf bringen.“
-
-„Das vermag niemand. Meine einzige Schande ist, Gert, daß ich dich
-deine Liebe an mir verschwenden ließ.“
-
-„Ach, dieser Unsinn! Nein, aber die Leute -- du weißt nicht, wie
-herzlos sie sind, wie sie dich mit ihrer Bosheit mißhandeln, dich
-kränken und dich verletzen werden.“
-
-„Daraus mache ich mir nicht viel, Gert.“ Sie lachte ein wenig.
-„Uebrigens bin ich Gott sei Dank Künstlerin. Man erwartet fast
-nichts anderes von uns, als daß wir hin und wieder einen Skandal
-heraufbeschwören.“
-
-Er schüttelte den Kopf. Aus einem plötzlichen, verzweifelten Reuegefühl
-darüber, daß sie es ihm gesagt, daß sie ihm wehgetan hatte, zog sie ihn
-fest an sich:
-
-„Du Lieber, du +darfst+ nicht so unglücklich sein, hörst du? Ich bin
-es auch nicht, wie du siehst. Im Gegenteil, manchmal bin ich froh.
-Wenn ich versuche, richtig darüber nachzudenken, was es eigentlich
-bedeutet, daß ich ein Kind bekomme, mein eigenes, kleines, süßes Kind,
-so kann ich es gar nicht fassen. Ich glaube sicher, daß ich glücklich
-werde, so glücklich, daß ich es mir noch gar nicht vorstellen kann. Ein
-lebendiges, kleines Menschlein, das nur mir gehört, das ich lieben, für
-das ich leben und arbeiten werde. Manchmal denke ich, daß erst jetzt
-Sinn in mein Leben und meine Arbeit kommt. Glaubst du vielleicht nicht,
-daß ich mir einen Namen machen könnte, der für mein Kind gut genug ist,
-Gert? Nur das macht mich noch etwas mutlos, daß ich noch nicht recht
-weiß, wie es wird, und dann, daß du so traurig bist. O Gert, ich bin
-vielleicht arm und nüchtern, egoistisch und all so etwas, aber ich bin
-schließlich eine Frau, ich +muß+ mich doch darüber freuen, daß ich
-Mutter werde.“
-
-„Jenny.“ Er küßte ihre Hände. „Arme, kleine tapfere Jenny. Es ist
-beinahe noch schlimmer für mich, daß du es so auffaßt,“ sagte er leise.
-
-Jenny lächelte weh:
-
-„Oh, es wäre doch wohl schlimmer für dich, wenn ich es anders
-auffaßte.“
-
-
-
-
-V.
-
-
-Zehn Tage später reiste Jenny nach Kopenhagen. Die Mutter und Bodil
-Berner gaben ihr in der frühen Morgenstunde das Geleite zum Bahnhof.
-
-„Du hast es gut, du Glückspilz,“ sagte Bodil und lachte über ihr ganzes
-weiches braunes Gesichtchen. Dann gähnte sie, daß die Tränen ihr in die
-Augen stiegen.
-
-„Es muß auch solche geben.“ Jenny lachte ebenfalls. „Dir geht es auch
-nicht gerade schlecht, finde ich.“
-
-Aber sie fühlte mehr und mehr, daß sie nahe daran war, in Tränen
-auszubrechen, während sie ihre Mutter zum Abschied küßte. Sie stand am
-Abteilfenster und starrte sie an. Ihr war, als hätte sie diese ganze
-Zeit hindurch ihre Mutter niemals richtig angesehen. Diese schlanke und
-schmächtige, ein wenig gebeugte Gestalt. Man sah fast nicht, wie grau
-das Haar geworden, so blond war Frau Berner. In ihren Zügen lag etwas
-seltsam Unberührtes, Mädchenhaftes, trotz der vielen Fältchen. Aber
-es war, als ob die Jahre und nicht das Leben ihr Gesicht gezeichnet
-hatten. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte.
-
-Wenn sie es nun einmal erführe. Nein, Jenny würde nie den Mut haben, es
-zu sagen und zuzusehen, wie die Mutter den Schlag ertragen würde. Sie,
-die nichts gewußt hatte und nichts verstehen würde. Hätte Jenny nicht
-fortreisen können -- dann wußte sie, hätte sie es nicht überlebt. Nicht
-aus Liebe, aus Feigheit. Einmal mußte sie es ja sagen, und von draußen
-her war sie eher dazu imstande.
-
-In dem Augenblick, als der Zug anruckte und davon zu gleiten begann,
-erblickte sie Gert. Er kam langsam den Bahnsteig herauf; hinter den
-anderen, Mutter und Schwester, die mit ihren Taschentüchern winkten,
-grüßte er herüber. Wie bleich er war.
-
- * * * * *
-
-Der erste September. Jenny saß am Fenster und sah hinaus in die
-vorübergleitende Landschaft.
-
-Es wurde ein schöner Tag. Die Luft war so klar und frisch, der Himmel
-so dunkelblau und die Wolken so weiß. Der Tau lag schwer und grau
-über den saftiggrünen Wiesen, auf denen der Margueriten später Flor
-schimmerte. Nach dem heißen Sommer waren die Birken am Waldrande
-ganz gelb und über den Waldboden hin schlängelte sich kupferrotes
-Blaubeerengebüsch. Die Büschel der Ebereschen waren blutrot, aber an
-einer etwas tiefgelegenen fruchtbaren Stelle hingen sie noch dunkelgrün
-im Laub. Welche Farben!
-
-Auf den kleinen Hügeln zwischen den Wiesen lagen die alten,
-silbergrauen Gehöfte, auch neue, weißschimmernde und gelbe, mit roten
-Nebengebäuden. Davor standen alte verkrüppelte Apfelbäume mit gelben
-und glasgrünen Früchten in dunklem Laub.
-
-Immer wieder blendeten Tränen ihren Blick. Wenn sie zurückkehrte -- ob
-sie jemals hierher zurückkam?
-
-Bei Moß trat der Fjord leuchtend blau hervor. Die Stadt zog sich
-mit ihren roten Fabrikmauern am Kanal entlang, die kleinen bunten
-Holzhäuser inmitten der Gärten lachten herüber. Sie hatte so oft
-gedacht, wenn sie vorüberfuhr, hier wollte sie sich einen Sommer über
-niederlassen und malen.
-
-Der Zug brauste an der kleinen ländlichen Station vorüber, wo man nach
-Tegneby ausstieg. Jenny sah über die Aecker, dort lief die Fahrstraße.
-Der Hof lag weit drüben hinter dem Nadelwäldchen.
-
-Sie erblickte den Kirchturm. Eigenartige kleine Cesca, sie ging oft
-in die Kirche, fühlte sich sicher und geborgen in der alten Stimmung,
-die dort überirdischen Kräften entsprang. Sie glaubte an etwas, wußte
-selbst nicht, was, aber sie hatte sich eine Art Gott zurechtgemacht.
-
-Sie war doch froh darüber, daß Cesca jetzt besser mit ihrem Mann
-zusammenzuleben schien. Er habe sie nicht verstanden, schrieb sie,
-aber er sei doch so wunderbar zart und lieb gewesen, und fest davon
-überzeugt, daß sie mit Willen nie etwas Schlechtes tun würde.
-
-Seltsame kleine Cesca. Ihr +mußte+ es ja schließlich gut gehen. Cesca
-war rechtschaffen und gut. Gerade das aber war sie selber nicht,
-keines von beiden im eigentlichen Sinne.
-
-Wenn sie nur der Mutter Tränen nicht sah, so konnte sie es eher
-ertragen, ihr Kummer zu machen. -- Das hieß mit anderen Worten nur, sie
-fürchtete Tränen.
-
-Und Gert. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ein geradezu körperlicher
-Schmerz durchfuhr sie -- Verzweiflung, Widerwillen, so tief, daß sie
-fast alle Kraft verlor und völlig gleichgültig wurde gegen alles.
-
-Diese fürchterlichen letzten Tage in Kristiania mit ihm. Schließlich
-hatte sie nachgegeben.
-
-Er wollte nach Kopenhagen kommen. Sie hatte versprechen müssen,
-irgendwo in Dänemark aufs Land zu gehen, wo er sie besuchen könnte.
-Gott mochte wissen, ob sie der Sache jemals würde ein Ende machen
-können.
-
-Schließlich blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihm das Kind zu
-übergeben und ihn zu verlassen. Ja, denn alles, was sie ihm gesagt
-hatte, daß sie sich darauf freute und so weiter, war Lüge. Auf Tegneby
-hatte sie ein solches Gefühl des öfteren gehabt, denn dort hatte sie
-nur daran gedacht, daß es ihr Kind war und nicht das seine. Sollte es
-jedoch eine lebendige Fessel zwischen ihr und ihrer Schande werden, so
-wollte sie es um keinen Preis behalten. Sie würde es hassen müssen --
-sie haßte es ja schon, wenn sie an die letzten Tage in der Stadt dachte.
-
-Das krankhafte Verlangen, aus Herzenslust zu schluchzen, war vorüber.
-Sie fühlte sich trocken und hart, als ob sie niemals wieder weinen
-könnte.
-
- * * * * *
-
-Eine Woche später, als Gert Gram kam, war sie so müde und gleichgültig,
-daß sie gute Laune vortäuschen konnte. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte,
-in sein Hotel hinüberzuziehen, so hätte sie es getan. Sie veranlaßte
-ihn, mit ihr ins Theater zu gehen, außerhalb zu Abend zu essen und
-eines Tages bei schönem Wetter mit ihr nach Fredensborg zu fahren. Sie
-sah, daß es ihm gut tat, wenn sie sich munter und frisch gab.
-
-Sie dachte kaum mehr nach. Ohne Anstrengung konnte sie ihre Gedanken
-ausschalten. In Wirklichkeit war ihr Gehirn kraftlos. Wie ein dauerndes
-mahnendes Erinnern war es nur, daß sich ihr die Brust schmerzhaft
-spannte und daß das Korsett sie behinderte.
-
-Jenny hatte sich bei einer Lehrerswitwe auf Westseeland eingemietet.
-Gram begleitete sie dorthinaus und reiste am Abend nach Kopenhagen
-zurück. So war sie endlich allein.
-
-Sie hatte aufs Geratewohl gemietet. Während ihres Studienaufenthaltes
-in Kopenhagen war sie einen Tag über mit einigen Kameradinnen in dem
-Dorfe gewesen; sie hatten im Krug gegessen und bei den Dünen gebadet.
-Sie entsann sich, daß es dort schön war, und als auf ihre Anzeige eine
-Frau Rasmussen dort sich erboten hatte, die junge Dame aufzunehmen, die
-ihre Niederkunft erwartete, da griff sie zu.
-
-Eigentlich fühlte sie sich wohl. Allerdings wohnte die Lehrerswitwe
-in einem elend häßlichen, winzigkleinen gelben Backsteinhaus etwas
-außerhalb des Dorfes, an der Landstraße, die sich staubig und ohne Ende
-zwischen offenen, bestellten Feldern hinzog. Aber Jenny mochte ihr
-Zimmer gern mit der Tapete in Berlinerblau und den Lithographien nach
-Exner an den Wänden, mit den weißen, gehäkelten Deckchen ringsumher,
-auf dem Bett, dem amerikanischen Schaukelstuhl und der Kommode, auf die
-Frau Rasmussen bei Jennys Ankunft einen großen Rosenstrauß gestellt
-hatte.
-
-Draußen vor den beiden Fensterchen lief die Landstraße vorbei. Im
-Vorgärtchen blühten Rosen, Geranien und „Christi Blutstropfen“,
-ungeachtet all des Staubes, mit dem sie gepudert waren. Jenseits der
-Straße erhob sich ein nackter Hügelkamm im Acker. Steinwälle, an deren
-Hängen struppige, leuchtende Herbstblumen zwischen Brombeerhecken
-wucherten, teilten den Hügel in weiße Stoppelfelder, blaugrüne
-Rübenäcker und braungrüne Wiesen, umrändert von zackigen, zerzausten
-Weidenbüschen. War die Abendsonne aus Jennys Kammer geschwunden, so
-flammte der Himmel über dem Hügelkamm und den spärlichen Zweiglein der
-Weiden auf.
-
-Hinter ihrem Zimmer ging eine kleine puppenstubenartige Küche mit
-rotem Backsteinfußboden, auf den Hof hinaus, wo die Hühner der Witwe
-gackerten und die Tauben gurrten. Ein kleiner Flur lief quer durch das
-ganze Haus. Auf der anderen Seite lag Frau Rasmussens Stube mit Blumen
-vor den Fenstern und gehäkelten Decken überall, Daguerreotypien und
-Photographien an den Wänden, einem kleinen Bücherschrank mit religiösen
-Schriften in schwarzem Pappeinband, einigen Jahrgängen von „Frem“ und
-Gyldendals Serien in Prachtbänden. Dahinter befand sich ein Zimmerchen,
-in dem die Luft immer merkwürdig dick war, und das ein unbestimmbarer
-Geruch erfüllte, obgleich es vor Sauberkeit blitzte. Hier schlief sie
-selbst und konnte nicht hören, wenn sich ihre Pensionärin jenseits des
-Ganges Nacht für Nacht in den Schlaf weinte.
-
-Frau Rasmussen war übrigens nicht so schlimm. Groß und schlottrig
-schlürfte sie in einer Art von Filzschuhen leise umher; immer sah sie
-gleichmäßig sorgenvoll aus mit ihrem langen gelben Pferdegesicht,
-unter dem graugesprenkelten Haar, das mit einem drolligen kleinen
-Schwung über jedem Ohr weggestrichen war. Sie sprach fast gar nicht,
-höchstens stellte sie einige besorgte Fragen, ob das gnädige Fräulein
-mit dem Essen und dem Zimmer zufrieden sei. Selbst wenn Jenny nach dem
-Mittagessen sich hin und wieder mit ihrer Handarbeit in das Wohnzimmer
-zu Frau Rasmussen setzte, schwiegen sie still. Jenny war ihr besonders
-dafür dankbar, daß Frau Rasmussen niemals ihren Zustand erwähnte; nur
-ein einziges Mal hatte sie ängstlich gefragt, als Jenny mit ihrem
-Malgerät hinausging, ob das wohl dem gnädigen Fräulein nicht schaden
-könnte.
-
-Sie arbeitete in der ersten Zeit eifrig, stand hinter einem Steinwall
-mit ihrer Feldstaffelei, die der scharfe Wind fast umblies. Unter dem
-Wall erstreckte sich das gelbe Stoppelfeld eines endlosen Roggenackers
-bis zum Moor hinab, wo sich weißes Wollgras an blauen Wasserlöchern
-hinzog, wo samtschwarze Torfmieten auf saftiggrünem Wiesengrund lagen.
-Hinter dem Sumpf wellte sich das Land mit grünen Rübenfeldern, Wiesen
-und gemähten Roggenäckern, mit kalkweißen Bauernhöfen in üppigen,
-dunkelgrünen Hainen -- bis hinüber zum frischen, blauen Fjord. Der
-Strand lief in Bogen und Zungen, mit weißgelbem Sand und kurzem,
-vergilbtem Gras, in die See hinaus. Gegen Norden fiel der Hügel, vom
-Heidekraut braun gefärbt, mit der Windmühle auf der Spitze, in steilen,
-gelben Sanddünen zum blauen Fjord ab. Schatten und Licht wechselten auf
-dem offenen Lande ab, je nachdem wie die Wolken über den weißen, ewig
-blauen unruhigen Himmel wanderten.
-
-Wenn Jenny müde wurde, legte sie sich am Walle nieder, starrte in den
-Himmel und über den Fjord. Sie konnte nicht längere Zeit hintereinander
-stehen, doch das reizte sie nur, weiterzuarbeiten. Zwei kleinere Bilder
-vollendete sie oben auf dem Wall, und freute sich selbst an ihnen.
-Eines malte sie vom Dorfe unten, wo die weißgekalkten Häuser, umgeben
-von Kletterrosen und Georginen, um einen sammetgrünen Dorfteich lagen.
-Ihre Strohdächer hingen bis über die Fensterscheiben hinab, die rote
-Backsteinkirche erhob ihren treppengiebligen Turm über die Laubmassen
-des Pfarrhausgartens. Es machte sie aber nervös, daß die Leute zu
-ihr kamen und ihr zusahen; die weißhaarigen Jungen umstanden sie in
-Knäueln, während sie malte. Als das Bild dann fertig war, zog sie mit
-ihrer Staffelei wieder hinauf zum Wall, der See entgegen.
-
-Dann kam aber im Oktober der Regen; es goß ein oder zwei Wochen lang.
-Ab und zu klärte es sich etwas auf und ein trüber, gelber Lichtstreifen
-glitt durch die Wolken, über dem Hügel mit den traurigen Weidenbüschen
-hin, und die Wasserpfützen lagen ein Weilchen blank da. Dann regnete es
-wieder.
-
-Jenny lieh sich Frau Rasmussens Bücher und ließ sich die Muster der
-gestrickten Spitzen an ihren Gardinen zeigen. Aber es wurde nicht viel,
-weder mit dem Lesen noch mit dem Stricken. Sie saß den lieben langen
-Tag im Schaukelstuhl am Fenster und war nicht einmal imstande, sich
-ordentlich anzuziehen, sondern schlüpfte nur in ihren verwaschenen
-Kimono.
-
-Sie litt furchtbar darunter, daß ihre Schwangerschaft nach und nach
-sichtbar wurde.
-
- * * * * *
-
-Da meldete Gert Gram seinen Besuch. Schon zwei Tage später kam er am
-frühen Morgen in strömendem Regen angefahren. Er blieb eine Woche,
-wohnte im Bahnhofshotel, eine halbe Meile entfernt, war aber den
-ganzen Tag bei ihr draußen. Als er abreiste, versprach er, bald
-wiederzukommen, vielleicht schon in sechs Wochen.
-
-Jenny lag die Nächte hindurch bei brennender Lampe wach. Sie wußte nur,
-sie konnte das nicht mehr ertragen. Es war zu furchtbar gewesen.
-
-Unerträglich war es -- alles -- von seinem ersten teilnehmenden,
-besorgten Blick an, als er sie in dem neuen dunkelblauen Hängerkleid
-erblickte, welches das Nähmädchen im Dorf für sie angefertigt hatte.
-„Wie schön du bist,“ hatte er gesagt und gemeint, sie gliche einer
-Madonna. Reizende Madonna! O ja. -- Sein vorsichtiger Arm um ihren
-Leib, seine langen behutsamen Küsse auf ihre Stirn -- ihr war, als
-sollte sie sterben vor Scham. Ja, wie er sie gepeinigt hatte mit seiner
-liebevollen Besorgnis um ihre Gesundheit, mit seinen Ermahnungen, für
-Bewegung zu sorgen. Als einmal eine Pause zwischen den Regenschauern
-eintrat, hatte er sie mit hinaus auf einen Spaziergang geschleppt, und
-sie mußte sich um jeden Preis bei ihm einhängen und sich auf seinen Arm
-stützen. Eines Abends besah er verstohlen ihre Handarbeit -- er hatte
-sicher erwartet, daß sie damit beschäftigt sei, Windeln zu säumen.
-
-Es war ja keine böse Absicht von ihm. Aber darum war auch keine
-Hoffnung vorhanden, daß es besser sein würde, wenn er wiederkam, im
-Gegenteil. Aber sie konnte auch nicht mehr. --
-
-Eines Tages bekam sie einen Brief von ihm, in dem er unter anderem
-schrieb, daß sie auf jeden Fall einen Arzt zu Rate ziehen müsse.
-
-Am nämlichen Abend schrieb sie einen kurzen Brief an Gunnar Heggen:
-sie erwarte im Februar ein Kind; ob er ihr die Adresse eines stillen
-Ortes in Deutschland verschaffen könne, wo sie bleiben könne, bis es
-überstanden sei.
-
-Er antwortet umgehend:
-
- Liebe Jenny!
-
- Ich habe in zwei hiesigen Zeitungen annonciert und schicke dir alle
- Briefe zu, wenn sie kommen; dann kannst du sie dir selbst ansehen.
- Falls du willst, daß ich irgendwo hinreise und mir für dich etwas
- ansehe, ehe du mietest, so weißt du, daß ich es mit Vergnügen
- tue, und überhaupt kannst du in jeder Weise über mich verfügen.
- Schreibe, wann du reisest und welchen Weg, ob du willst, daß ich dir
- entgegenkommen, oder ob ich dir mit irgend etwas anderem helfen kann.
- Was du mir erzählst, hat mich sehr betroffen, aber ich weiß ja, du
- bist verhältnismäßig stark genug, um einen Stoß zu vertragen. Willst
- du mir bitte schreiben, ob ich dir noch in anderen Sachen beistehen
- kann? Du weißt, ich würde mich freuen, dir einen Dienst zu erweisen.
- -- Ich höre, du hast ein gutes Bild auf der Staatsausstellung --
- herzlichen Glückwunsch!
-
- Viele Grüße von Deinem alten Freunde
-
- G. H.
-
-Einige Tage später kam ein ganzes Paket Briefe. Jenny buchstabierte
-sich durch einen Teil der Schreiben hindurch, die vielfach mit
-fürchterlichen Krähenfüßen bemalt waren. Dann schrieb sie an Frau
-Schlessinger in der Umgegend von Warnemünde und mietete dort vom
-fünfzehnten Oktober ab, teilte Gunnar ihren Entschluß mit und kündigte
-Frau Rasmussen.
-
-Erst am letzten Abend schrieb sie an Gert Gram:
-
- Lieber Freund!
-
- Ich habe einen Entschluß gefaßt, der Dir, wie ich fürchte, wehe tun
- wird. Aber Du darfst mir nicht zürnen. Ich bin so müde und nervös,
- weiß selbst, daß ich ungerecht und häßlich gegen Dich war, als Du
- hier warst, und das möchte ich so ungern. Daher will ich Dich nicht
- eher sehen, als bis alles überstanden ist und ich wieder in normalem
- Zustande bin. Ich reise morgen früh ins Ausland -- meine Adresse
- gebe ich vorläufig nicht an, Briefe kannst Du mir aber durch Frau
- Franziska Ahlin, Varberg, Schweden, senden; ich schreibe vorläufig
- über sie an Dich. Du darfst Dich meinetwegen nicht ängstigen; ich
- bin frisch und es geht mir recht gut, aber, Lieber, versuche nicht,
- bis auf weiteres anders mit mir in Verbindung zu kommen, ich bitte
- Dich inständig. Und sei mir nicht allzu böse, aber ich glaube, dieser
- Ausweg ist für uns beide der beste. Versuche, um meinetwillen so
- wenig betrübt und besorgt zu sein, wie es Dir möglich ist.
-
- Deine
-
- Jenny Winge.
-
-So zog sie denn zu einer neuen Witwe in ein neues Häuschen, diesmal ein
-rotes mit weißgekalkten Fenstersimsen. Es lag in einem kleinen Garten
-mit fliesenbedeckten Wegen und Muscheln am Rande der Beete, auf denen
-schwarze, verfaulte Astern und Georginen standen. Etwa zwanzig bis
-dreißig solcher Häuser lagen an einem Stückchen Straße entlang, die von
-einem Bahnhof bis zu einem Fischerhafen hinabführte, wo die See sich an
-langen Steinmolen brach. Eine Strecke entfernt, drüben auf dem weißen
-Strand, wo der Tang in Massen hereintrieb, lag ein kleines Badehotel
-mit verschlossenen Läden. Ins Land hinein erstreckten sich endlose Wege
-mit nackten, struppigen Pappeln, die sich im Winde neigten, vorbei an
-kleinen Steingehöften mit einem Stümpfchen Vorgarten und ein bis zwei
-großen schwarzen Heumieten, über unendliche schwarze Felder und Moore.
-Des Morgens war das Land mitunter von wässriggrauem frischem Schnee
-bedeckt, der im Laufe des Tages schwand.
-
-Jenny wanderte die Straßen hinauf, so weit sie konnte, dann kam sie
-nach Haus und saß in ihrem Zimmerchen, das diesmal mit den prächtigsten
-Nippessachen überfüllt war, mit farbigen Gipsreliefs von Ritterburgen
-und munteren Wirtshausszenen in Messingrahmen. Sie war nicht einmal
-imstande, das nasse Schuhzeug zu wechseln, Frau Schlessinger
-zog ihr Stiefel und Strümpfe aus, ununterbrochen schwatzend und
-Jenny ermahnend, guten Mutes zu sein. Sie erzählte von all den
-Leidensgenossinnen Jennys, die sie im Hause gehabt hatte -- jetzt war
-die eine oder andere verheiratet und es ging ihnen gut, ja!
-
-Sie hatte etwa einen Monat hier gewohnt, als Frau Schlessinger
-hereinkullerte, aufgeregt und strahlend -- es sei ein Herr gekommen,
-der das gnädige Fräulein begrüßen wollte.
-
-Jenny saß gelähmt vor Angst. Dann konnte sie fragen, wie der Herr
-aussähe. Ganz jung, sagte Frau Schlessinger, und sie lächelte lauernd.
-Sollte es Gunnar sein? Sie erhob sich, -- aber dann warf sie das
-Reiseplaid über, hüllte sich ganz darin ein und kroch in den tiefsten
-Lehnstuhl.
-
-Frau Schlessinger wackelte entzückt hinaus, um den Herrn hereinzuholen.
-Sie führte Gunnar zu Jenny hin und verweilte, glücklich lächelnd, einen
-Augenblick in der Tür, ehe sie verschwand.
-
-Er preßte ihre Hände, daß es wehe tat. Aber er lachte strahlend:
-
-„Ich muß doch einmal nach dir sehen, wie es dir geht. -- Ich finde
-allerdings, du hast dir ein trauriges Stück Erde ausgesucht, aber
-jedenfalls ist hier frische Luft.“ Er schüttelte ein wenig Wasser von
-seinem Filzhut, den er in der Hand gehalten hatte.
-
-Jenny machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wollte, blieb
-jedoch sitzen und sagte errötend: „Vielleicht bist du so lieb und
-läutest für mich. Du sollst jetzt Tee -- und Essen bekommen!“
-
-Heggen aß wie ein Wolf und plauderte unterdeß beständig. Er war
-begeistert von Berlin; er wohnte oben in Moabit, im Arbeiterviertel,
-und sprach mit gleichem Entzücken von deutschen Sozialdemokraten wie
-vom Militarismus -- „ja, an denen ist so was herrlich Maskulines,
-siehst du. Das eine folgt außerdem aus dem anderen.“ Er hatte ein paar
-großindustrielle Betriebe zu sehen bekommen, auch das Nachtleben hatte
-er ein wenig studieren müssen, da er auf einen norwegischen Ingenieur
-gestoßen war, der sich dort auf der Hochzeitsreise befand, und auf
-eine norwegische Familie mit zwei reizenden, anmutigen Töchtern -- die
-jungen Damen waren förmlich begeistert nachdem sie das Laster ein wenig
-aus der Nähe gesehen hatten.
-
-„Uebrigens entzweite ich mich mit ihnen. Ich schlug nämlich Fräulein
-Paulsen eines späten Abends vor, mit zu mir nach Haus zu kommen --.“
-
-„Nein, aber Gunnar --“.
-
-„Ja, Teufel auch, ich war eben etwas betrunken, das kannst du dir wohl
-denken, und dann war es doch nur Scherz, weißt du. Das hätte ja bloß
-gefehlt, daß sie darauf eingegangen wäre -- dann hätte ich hübsch in
-der Tinte gesessen. Hätte mich vielleicht mit einem Mädel verheiraten
-müssen, das sich damit amüsiert, an solchen Dingen zu schnuppern --
-nein, danke. Es machte mir nur Spaß, zu sehen, wie sie sich sittlich
-entrüstete. Nun, Gefahr war nicht vorhanden -- diese Art Mädchen gibt
-nicht ihr Kleinod hin, ohne sich die Valuta zu sichern --.“
-
-Er wurde plötzlich rot. Es kam ihm in den Sinn, daß Jenny es taktlos
-finden könnte, wenn er so zu ihr sprach -- jetzt. Aber sie lachte nur:
-
-„O, bist du verrückt, Junge!“
-
-Die unnatürliche, quälende Scheu war nach und nach von ihr gewichen.
-Heggen fuhr fort zu plaudern. Einige Male, wenn sie es nicht sah,
-hingen seine Augen ängstlich an ihrem Gesicht. Herrgott, wie war sie
-mager und hohläugig geworden -- so gefurcht um den Mund. Die Sehnen am
-Halse traten hervor, und ein paar häßliche Streifen zogen sich über die
-Kehle.
-
-Es war trockenes Wetter geworden, so daß sie einen Spaziergang mit ihm
-machen wollte.
-
-Ueber die öde Landstraße mit den verwehten Pappeln hin gingen sie durch
-den Seenebel, Jenny schwerfällig und müde.
-
-„Nimm doch meinen Arm,“ sagte Gunnar beiläufig, was sie auch tat.
-
-„Ich finde es hier schrecklich trübselig, Jenny. Weißt du was, wäre es
-nicht besser, du reistest nach Berlin?“
-
-Jenny schüttelte den Kopf.
-
-„Dort hast du die Museen und so viel anderes. Jemand, mit dem du
-zusammen sein kannst. Oder mach’ wenigstens eine kleine Reise dort
-hinunter, um dich aufzumuntern. Ich finde, hier muß es langweilig sein.“
-
-„Ach nein, Gunnar, du kannst dir doch denken -- nicht jetzt --.“
-
-„In diesem Ulster siehst du so hübsch aus,“ sagte er kurz darauf
-vorsichtig.
-
-Jenny senkte den Kopf.
-
-„Ich bin ein Tolpatsch,“ erklärte er plötzlich heftig. „Verzeih! Du
-mußt mirs sagen, Jenny, wenn ich dich quäle.“
-
-„Nein, das tust du nicht.“ Sie sah auf. „Ich bin froh, daß du kamst.“
-
-„Ich verstehe ja, daß es schwer sein muß.“ Seine Stimme klang jetzt
-ganz anders. „Ja, Jenny, ich verstehe es. Aber es ist mein Ernst, ich
-glaube, du machst es dir noch schwerer, wenn du hier umherläufst -- in
-diesem Zustand. Ich finde, du solltest an einen anderen Ort reisen,
-der weniger -- trostlos ist!“ Er blickte hinaus über die dunklen
-Wiesenstrecken und die Pappelreihen, die sich im Nebel verloren.
-
-„Frau Schlessinger ist aber so freundlich,“ sagte Jenny ausweichend.
-
-„Ja, Armes, das stimmt schon.“ Er begann zu lachen. „Sie verdächtigt
-sicher mich, der Missetäter zu sein!“
-
-„Ja,“ sagte Jenny, ebenfalls lachend.
-
-„Nun ja, Teufel auch.“ Sie gingen schweigend weiter. „Du -- hast du dir
-schon überlegt, wie du dir dein Leben einrichten willst in Zukunft?“
-
-„Ich weiß noch nicht recht. Du meinst wohl mit -- dem Kinde? Ich lasse
-es vielleicht -- bis auf weiteres -- bei Frau Schlessinger. Sie wird
-es sicher ordentlich pflegen. Oder es adoptieren.“ Sie lachte. „Man
-adoptiert ja mitunter solche Kinder. Du weißt, ich könnte mich +Frau+
-Winge nennen und darauf pfeifen, was die Leute denken --.“
-
-„Du bist also fest entschlossen, wie du schriebst, jegliche Verbindung
-mit -- dem betreffenden Vater des Kindes abzubrechen?“
-
-„Ja,“ sagte sie hart. „Es ist nicht der, mit dem ich -- verlobt war,“
-fügte sie nach einer Weile hinzu.
-
-„Na, Gott sei Dank!“ Es klang so herzlich, daß sie unwillkürlich
-lächelte „Ja, weißt du was, Jenny, er war es wahrhaftig nicht wert,
-reproduziert zu werden, für dich jedenfalls. Er hat übrigens seinen
-Doktor gemacht, sah ich kürzlich. Nun ja, es hätte also schlimmer sein
-können -- ich fürchtete ja, siehst du --.“
-
-„Es ist sein Vater,“ sagte sie plötzlich.
-
-Heggen hielt inne.
-
-Als sie in Tränen ausbrach, wild und herzzerreißend, umfing er sie.
-Er legte seine Hände um ihr Gesicht, während sie fortfuhr, an seiner
-Schulter zu schluchzen.
-
-Sie begann zu erzählen, während sie so standen. Einmal blickte sie ihm
-ins Antlitz -- es war ganz bleich und verzerrt -- da weinte sie aufs
-neue.
-
-Als es vorüber war, hob er einen Augenblick ihren Kopf:
-
-„Herr Jesus, Jenny -- so ist es dir ergangen! Ich begreife es nicht.“ --
-
- * * * * *
-
-Sie gingen schweigend wieder zur Stadt zurück.
-
-„Komm mit mir nach Berlin,“ sagte er plötzlich bestimmt. „Ich ertrage
-den Gedanken nicht. Es geht nicht, daß du hier allein bleibst und über
-all das nachgrübelst --.“
-
-„Ich habe fast aufgehört zu grübeln,“ flüsterte sie matt.
-
-„Das Ganze ist überhaupt sinnlos!“ Er wurde so heftig, daß sie stehen
-blieb. „Den Besten von euch geht es so! Und wir ahnen nicht, wie ihr es
-tragt! Das ist sinnlos!“
-
- * * * * *
-
-Heggen blieb drei Tage in Warnemünde. Jenny verstand es selber kaum,
-warum ihr nach seinem Besuch so viel besser zumute war. Aber dieses
-unleidliche Gefühl der Demütigung war geschwunden, sie sah ihr Geschick
-jetzt mit viel ruhigeren und natürlicheren Augen an.
-
-Frau Schlessinger lief umher und lächelte froh und untertänig, obgleich
-Jenny ihr erklärt hatte, daß dieser Herr ihr Vetter war.
-
-Er hatte ihr angeboten, ihr seine Bücher zu schicken, und bald kam eine
-ganze Kiste voll an, zum Weihnachtsfest sandte er Blumen und Konfekt.
-Jede Woche schrieb er lange Briefe von allen möglichen Dingen und
-schickte Ausschnitte aus norwegischen Zeitungen. Zu ihrem Geburtstag
-im Januar kam er selbst herauf und blieb zwei Tage, ihr einige neue
-norwegische Bücher vom Fest her zurücklassend.
-
-Aber gleich nach seinem letzten Besuch erkrankte sie. Sie war elend,
-matt, zerquält und hatte in der letzten Zeit nicht schlafen können.
-Vorher hatte sie nur selten an die Geburt selbst gedacht und sich nicht
-davor gefürchtet. Jetzt, bei den ständigen Schmerzen ergriff sie eine
-fürchterliche Angst vor dem, was ihr bevorstand. Als sie sich dann
-schließlich legen mußte, war sie von Angst und Schlaflosigkeit völlig
-entkräftet.
-
-Es war eine schwere Geburt. Jenny war dem Tode näher als dem Leben, als
-der Arzt, der von Warnemünde herbeigeholt worden war, endlich ihren
-Jungen in seinen blutigen Händen hielt.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Jennys Knabe lebte sechs Wochen -- genau vierundvierzig und einen
-halben Tag, sagte sie bitter zu sich selber, wenn sie wieder und wieder
-die kurze Zeit überdachte, während der sie gewußt hatte, was es heißt,
-glücklich zu sein.
-
-Sie weinte die ersten Tage danach nicht, ging nur um das tote Kind
-herum und würgte tief in der Kehle. Sie nahm es hoch und liebkoste es:
-
-„Bübchen -- Mutters kleiner, kleiner, süßer Junge -- du darfst nicht
--- hörst du -- Bübchen darf nicht tot sein, verstehst du mich denn
-nicht --.“
-
-Der Knabe war klein und schwächlich gewesen, als er zur Welt kam. Aber
-Jenny wie auch Frau Schlessinger meinten, daß er gedeihen und großartig
-wachsen würde. Dann wurde er eines Morgens krank und starb gegen Mittag.
-
-Als er begraben war, begann sie zu weinen, und jetzt konnte sie
-nicht innehalten. Sie schluchzte fast andauernd, Tag und Nacht,
-wochenlang. Krank wurde sie auch, bekam eine Brustentzündung, so daß
-Frau Schlessinger den Arzt holen mußte, der sie dann schnitt. -- Die
-körperlichen Schmerzen und die Verzweiflung ihrer Seele flossen zu
-einem zusammen, den fürchterlichen Fiebernächten.
-
-Frau Schlessinger schlief im Zimmer nebenan. Wenn sie die merkwürdig
-tierischen, erstickten Klagelaute aus dem Zimmer des jungen Mädchens
-vernahm, wackelte sie entsetzt herbei und setzte sich auf einen Stuhl
-vor dem Bett: „Um Gotteswillen, Fräulein --.“
-
-Sie pflegte Jenny und streichelte ihre mageren, klammen Hände mit ihren
-dicken, warmen. Sie redete ihr gut zu. Es sei Gottes Wille, vielleicht
-das Beste für den Jungen wie für das gnädige Fräulein selber. Fräulein
-sei ja noch so jung --. Frau Schlessinger hatte selbst ihre beiden
-Kinder verloren, die kleine Bertha, als sie zwei Jahre alt war, und
-Wilhelm mit vierzehn Jahren, so einen kecken Burschen. Sie waren doch
-in gesetzlicher Ehe geboren und hatten ihre Stütze sein sollen, aber
-dieser Kleine hier, er wäre ja nur eine Fessel an Fräuleins Fuß gewesen
--- und Fräulein sei doch so jung und nett. Ach Gott, gewiß war er lieb
-gewesen, der kleine Engel, ja, schwer genug sei es schon --.
-
-Ihren Mann hatte Frau Schlessinger auch verloren -- ja. Und es gab
-viele Leidensgenossinnen von Jenny, die Frau Schlessinger im Hause
-gehabt hatte, deren Kinder gestorben waren -- ja, einige seien froh
-gewesen, einige hätten sie geradezu vernachlässigt, um sie loszuwerden
--- ja, es war häßlich, aber was soll man dazu sagen? Einige hatten auch
-geweint und gejammert wie jetzt Jenny, aber sie kamen mit der Zeit
-darüber hinweg; die eine und die andere war jetzt verheiratet und hatte
-es glücklich getroffen. Aber eine solche Verzweiflung wie beim gnädigen
-Fräulein habe sie doch noch nie erlebt. Herrgott im Himmel!
-
-Daß der Vetter nach dem Süden gereist war, erst nach Dresden und
-darauf nach Italien, gerade in jenen Tagen, als der Knabe starb, dem
-schrieb Frau Schlessinger in ihrem Herzen einen großen Teil von Jennys
-Verzweiflung zu. Ja, ja, so waren sie nun einmal, die Mannsleute.
-
-Unauflöslich verbunden mit der Erinnerung an diese wahnwitzigen,
-qualerfüllten Nächte war seitdem für Jenny das Bild von Frau
-Schlessinger, wie sie dort auf dem Stühlchen vor dem Bette saß, während
-das Lampenlicht sich in den Tränen brach, die aus ihren freundlichen
-Aeuglein sickerten und über ihre runden roten Apfelwangen tropften.
-Ihr Mund, der nicht einen Augenblick still stand, ihr kleiner grauer
-abstehender Zopf und ihre weiße Nachtjacke mit dem Zackenbesatz, ihr
-Unterrock aus rosa und grau gestreiftem Flanell mit den gestickten
-Zacken rings herum. Und das kleine Zimmer mit den Gipsreliefs in
-Messingrahmen.
-
-Sie hatte Heggen von ihrem großen Glück geschrieben. Er hatte auch
-geantwortet; er wäre gern gekommen, um sich den Buben anzuschauen, aber
-die Reise war lang und teuer, außerdem war er im Begriff, nach Italien
-aufzubrechen. Später sei sie mit dem Prinzen willkommen und er sende
-die besten Glückwünsche! --
-
-Als das Kind starb, war Heggen in Dresden: sie bekam einen langen
-schönen Brief von ihm.
-
-An Gert hatte sie einige Zeilen geschrieben, sobald sie konnte. Sie gab
-gleichzeitig ihre Adresse auf, bat ihn jedoch, nicht vor dem Frühling
-herunterzukommen, dann wäre der Kleine groß und hübsch geworden. Jetzt
-könnte wohl nur die Mutter sehen, wie prächtig er war. -- Als sie
-wieder aufgestanden war, sandte sie ihm ein längeres Schreiben.
-
-Am Tage, als das Kind begraben wurde, schrieb sie wieder und teilte in
-wenigen Worten seinen Tod mit. Gleichzeitig erwähnte sie, daß sie am
-selben Abend nach dem Süden reise und daß er nicht erwarten dürfe, von
-ihr zu hören, bis sie ruhiger geworden: „Du brauchst dich nicht um mich
-zu ängstigen,“ schrieb sie, „ich bin jetzt soweit vollkommen ruhig und
-gefaßt, aber natürlich grenzenlos traurig.“
-
-Dieser Brief kreuzte sich mit einem von Gert Gram. Dieser lautete:
-
- Meine kleine Jenny!
-
- Ich danke Dir für Deinen letzten Brief. Zu allererst muß ich Dir
- sagen, da Du Dir scheinbar Vorwürfe machst in bezug auf Dein
- Verhältnis zu mir; liebes kleines Mädchen, ich mache Dir ja keine,
- und darum darfst Du es auch nicht. Du bist ja immer nur gut und
- weich und liebevoll gegen Deinen Freund gewesen. Nie werde ich
- Deine Zärtlichkeit und Deine Wärme aus der kurzen Zeit, da Du mich
- liebtest, vergessen -- Deine süße Jungfräulichkeit und feine, sanfte
- Hingebung in den Tagen unseres kurzen Glücks.
-
- Unser Glück konnte nur kurz sein; das hätten wir beide wissen müssen.
- Ich hätte es wissen +müssen+. Du hättest es wohl wissen +können+,
- wenn Du nachgedacht hättest; aber was denken zwei Menschen, die sich
- zu einander hingezogen fühlen? Daß Du eines Tages aufhörtest, mich
- zu lieben -- glaubst Du, ich werfe Dir das vor? Wenn es mir auch das
- bitterste Leid verursachte in meinem sonst nicht eben glücklichen
- Leben -- doppelt bitter für mich, da ich gleichzeitig erfuhr, daß Du
- für unser Verhältnis nun durch dein ganzes Leben büßen mußt.
-
- Aber nun sehe ich aus Deinem Briefe, daß diese Folgen, über die
- ich sicher viel verzweifelter war als Du, was Du auch an Sorgen
- und körperlichen Leiden durchgemacht haben magst, Dir dennoch eine
- tiefere Freude, ein größeres Glück geschenkt haben, als es Dir sonst
- im Leben begegnet ist. Ich sah, daß die Mutterfreude Dich ganz mit
- Frieden, Lebensmut und Zufriedenheit erfüllte, so daß Du meinst, mit
- Deinem Kinde im Arm genug Kraft zu besitzen, um alle Schwierigkeiten,
- ökonomische wie soziale zu überwinden, die die Zukunft einer jungen
- Frau in Deiner Lage bringen kann. Daß Du dies schreibst, macht mich
- froher, als Du ahnen kannst. Für mich ist dies wiederum ein Beweis
- für das Walten jener ewigen Gerechtigkeit, an der ich ja nicht
- zweifle. Dir, die Du einen Irrtum begingst, weil Dein Herz warm und
- zärtlich war und nach Zärtlichkeit dürstete, wird gerade dieser
- Irrtum, der Dir so verzweifelte Stunden gebracht hat, schließlich all
- das bescheren, wonach Du so brennend verlangtest, besser, schöner
- und reiner, als Du es je erträumt. Schon jetzt, da dein Herz ganz
- von Liebe zu Deinem Kinde erfüllt ist und später in noch höherem
- Maße, wenn der kleine Bursche heranwächst, seine Mutter kennen lernt,
- sich an sie hängt und ihre Liebe erwidern kann, stärker, tiefer und
- bewußter mit jedem Jahre, das dahingeht.
-
- Und mir, der ich Deine Liebe entgegennahm, obgleich ich hätte
- wissen müssen, daß ein Liebesverhältnis zwischen uns unmöglich und
- unnatürlich war -- mir haben diese Monate unerträgliches Leiden
- und Trauern gebracht -- und einen Verlust, Jenny, einen Verlust,
- wie Du ihn Dir nicht vorstellen kannst, den Verlust Deiner Person,
- Deiner Jugend, Deiner Schönheit, Deiner gesegneten Liebe. Jede
- kleinste Erinnerung an diese Dinge war durch die Reue verbittert --
- diese ständig nagende Frage, wie konnte ich sie es tun lassen, wie
- konnte ich es annehmen, wie konnte ich an ein Glück für mich mit ihr
- glauben? Ja, Jenny, ich habe daran geglaubt, so wahnsinnig es auch
- klingt, weil ich mich bei Dir so jung fühlte. Vergiß nicht, daß ich
- meiner eigenen Jugend verlustig ging, und dies, als ich weit jünger
- war als Du jetzt bist; der Jugend arbeitsfrohes Leben und frohes
- Liebesglück durfte ich -- durch eigene Schuld -- nicht kennen lernen.
- Und dies war die Strafe. Gespenstisch kehrte meine tote Jugend
- zurück, als ich Dich gesehen -- mein Herz fühlte sich nicht älter als
- das Deine. Oh, Jenny, nichts auf der Welt ist fürchterlicher, als
- wenn ein Mann alt und sein Herz jung geblieben ist.
-
- Du schreibst, Du sähest es gern, wenn ich später, sobald der Knabe
- größer geworden ist, Dich besuchte, um mir unser Kind anzusehen.
- Unser Kind -- es ist ein so widersinniger Gedanke. Weißt Du,
- woran ich dauernd denken muß? Kannst Du Dich des alten Joseph
- entsinnen auf den italienischen Altarbildern, der immer abseits
- oder im Hintergrunde zur Seite steht, zärtlich und wehmütig das
- göttliche Kind und dessen junge, herrliche Mutter betrachtend, diese
- beiden, die ganz von einander in Anspruch genommen sind, und seine
- Anwesenheit gar nicht beachten. Liebe Jenny, mißverstehe mich nicht,
- ich weiß ja, daß das Kindchen, das jetzt in Deinem Schoß liegt, auch
- mein Fleisch und Blut ist und doch -- wenn ich jetzt an Dich denke,
- die Mutter geworden ist, dann komme ich mir wie der arme alte Joseph
- vor, der draußen steht.
-
- Aber deshalb solltest Du ebensowenig Bedenken tragen, den Namen
- als meine Gattin anzunehmen und den Schutz, der für Dich und Dein
- Kind darin liegt, wie Maria, als sie sich dem Joseph anvertraute.
- Eigentlich finde ich, es ist nicht ganz richtig von Dir, dem Kinde
- den Vatersnamen zu rauben, auf den es doch ein Anrecht hat -- Du
- magst soviel Selbstvertrauen haben wie Du willst. Selbstverständlich
- ist es, daß Du im Falle einer solchen Ehe ebenso frei und ungebunden
- bleibst wie sonst, und daß diese Ehe auch, sobald du es wünschest,
- gesetzlich aufgehoben wird. Ich bitte Dich inständig, Dir dies
- zu überlegen. Wir können uns im Auslande trauen lassen, wenn Du
- es wünschest, und schon einige Monate danach können Schritte
- zur Trennung getan werden. Du brauchst nie wieder nach Norwegen
- zurückzukehren, geschweige denn unter einem Dach mit mir zu wohnen.
-
- Von mir selbst ist nicht viel zu berichten. Ich habe zwei kleine
- Zimmer hier oben auf dem Haegdehaug ganz in der Nähe jenes
- Landhauses, in dem ich geboren bin und bis zu meinem zehnten Jahre
- gelebt habe, als mein Vater im Numetal Vogt wurde. Von meinem
- Fenster aus sehe ich die Spitzen der beiden großen Kastanien an der
- Eingangstür meines Vaterhauses. Sie haben sich nicht sonderlich
- verändert. Hier oben beginnen die Abende bereits lang und licht und
- lenzhaft zu werden, die Bäume zeichnen ihre nackten braunen Kronen
- in den fahlgrünen Himmel, an dem einzelne goldene Sterne durch die
- scharfe klare Luft funkeln. Abend für Abend sitze ich hier an meinem
- Fenster und starre in die Ferne, während mein ganzes Leben in Träumen
- und Erinnerungen an mir vorüberzieht. Ach, Jenny, wie hatte ich
- jemals vergessen können, daß ein ganzes Leben zwischen Dir und mir
- lag, ein Leben, fast doppelt so lang wie das Deine, ein Leben, von
- dem mehr als die Hälfte in ununterbrochener Demütigung, Niederlage
- und Schmerz dahingeschleppt worden ist. --
-
- Daß Du ohne Zorn und Bitterkeit an mich denkst, ist mehr, als ich
- erhofft und erwartet habe. Das Glück, das durch jede Zeile Deines
- Briefes atmet, hat mir so unsagbar wohlgetan. Gott segne und behüte
- mein Kind und Dich; alles Glück der Welt wünsche ich auf Dich und
- das Kind herab. Ich habe Dich so unsäglich lieb, Du kleine Jenny, die
- einst mein war.
-
- Dein treuer
-
- Gert Gram.
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Jenny blieb bei Frau Schlessinger wohnen. Dort war es billig -- und sie
-wußte nicht, wohin mit sich.
-
-Es lag Lenzeswehen in der Luft, über die gewaltige, offene
-Himmelskuppel hin segelten schwere, vom Sonnenlicht verbrämte Wolken,
-die wie Gold und Blut brannten und sich an den Abenden im unruhigen
-Meer spiegelten, wenn sie draußen auf der Mole war. Die trübseligen,
-dunklen Flächen im Lande wurden lichtgrün, die Pappeln schimmerten
-braunrot von neuem Sproß, und dufteten lind und weich. Am Eisenbahndamm
-wimmelte es von Veilchen und kleinen weißen und gelben Blumen.
-Schließlich war die Ebene üppig grün, es sprühte von Farben an den
-Wegrainen, schwefelgelbe Iris und große weiße Doldenpflanzen spiegelten
-sich in den Wasserlöchern der Torfmieten. Eines schönen Tages strömte
-süßer Heuduft über Land, der sich in dem salzigen Algengeruch vom
-Strande her mischte.
-
-Das Badehotel wurde eröffnet und Sommergäste zogen in die kleinen
-Häuser an der Mole. Es wimmelte von Kindern auf dem weißen
-Sandstreifen. Sie kugelten sich im Sand und platschten barfuß ins
-Wasser hinaus, Mütter, Kindermädchen und Ammen in Spreewäldertracht
-saßen nähend im Grase und beaufsichtigten sie. Die Badehäuschen waren
-ins Wasser gerollt worden, und kleine deutsche Backfische schrien und
-juchten dort draußen. Luxussegler legten an der Mole an; Besuch kam aus
-der Stadt, abends war Tanz im Badehotel; die kleine Tannenplantage war
-voller Spaziergänger. Hier hatte Jenny zu Beginn des Frühlings in dem
-struppigen Gras gelegen, dem Wellenschlag und dem Sausen des Windes in
-den zerzausten Kronen lauschend.
-
-Diese oder jene der Damen sandte ihr einen interessierten oder
-teilnehmenden Blick nach, wenn sie den Weg am Badestrand entlang
-spazierte, mit ihrem schwarzweißen Sommerkleide angetan. Die Badegäste
-im Ort hatten natürlich erfahren, daß sie eine junge Norwegerin war,
-die ein Kind bekommen hatte, über dessen Tod sie so furchtbar trauerte.
-Einige waren auch darunter, die es mehr rührend als skandalös fanden.
-
-Im übrigen wanderte sie meist landeinwärts; dorthin kamen niemals
-Sommergäste. Ganz selten ging sie bis hinauf zur Kirche und zum
-Kirchhof, wo der Knabe lag. Sie saß dann und starrte auf das Grab, das
-sie nicht hatte herrichten lassen. Sie legte dann einige wilde Blumen
-nieder, die sie unterwegs gepflückt hatte, aber ihre Phantasie weigerte
-sich, den kleinen, grauen Erdhügel, auf welchem Unkraut und Gräser in
-die Höhe schossen, mit ihrem Bübchen in Verbindung zu bringen.
-
-An den Abenden saß sie in ihrem Zimmer mit einer Handarbeit, die sie
-nicht anrührte, und starrte in die Lampe. Sie dachte immer an das
-Gleiche, rief die Tage wieder zurück, als sie ihren Jungen besessen
-hatte, die erste Zeit, das matte, friedliche Glück, während sie lag
-und genas, später, wenn sie aufrecht im Bett saß und Frau Schlessinger
-ihr das Baden und Wickeln, das An- und Auskleiden des Kindes zeigte,
-dann, als sie zusammen nach Warnemünde reisten, um feinen Stoff,
-Spitzen und Band zu kaufen, als sie heimkehrte, zuschnitt, nähte,
-zeichnete und stickte -- ihr Junge sollte feine Sachen haben statt
-des schlechten fertiggekauften Zeuges, das sie aus Berlin bestellt
-hatte. Eine drollige Gartenspritze hatte sie gekauft mit Abziehbildern
-auf dem grünbemalten Blech: ein Löwe und ein Tiger standen zwischen
-Palmen an einem himmelblauen Meer und betrachteten entsetzt die
-deutschen Panzerungetüme, die den afrikanischen Besitzungen des Reichs
-zudampften. Sie fand das Ding so lustig -- Bübchen sollte es zum
-Spielen haben, wenn er einmal groß genug geworden war. Erst mußte er
-ja Mutters Brust finden, an der er sich jetzt nur blind festsog -- und
-seine eigenen kleinen Finger, die er nicht voneinander bekommen konnte,
-sobald er sie ineinander verfilzt hatte -- bald würde er die Mutter
-kennen, nach der Lampe blinzeln und nach Mutters Uhr, die sie vor ihm
-schaukeln ließ -- da war so viel, was Bübchen lernen mußte.
-
-In einer Schieblade lagen alle seine Sachen, sie nahm sie nie heraus.
-Sie wußte ja doch, wie jedes Stück aussah und wie es sich auf der
-Handfläche anfühlte -- das glatte, weiche Linnen, die rauhe Wolle und
-die halbfertige Jacke aus grünem Flanell, die sie mit Butterblumen
-bestickt hatte, die sollte er haben, wenn er ausgefahren wurde. --
-
-Sie hatte ein Bild vom Strande angefangen mit den roten und blauen
-Kindern auf dem weißen Sandstrand. Einige der teilnehmenden Damen kamen
-herbei, schauten zu und versuchten, eine Bekanntschaft anzubahnen: „Wie
-nett!“ Sie war aber unzufrieden mit der Skizze und mochte sie nicht
-beendigen, auch eine neue wollte sie nicht anfangen. --
-
- * * * * *
-
-Eines Tages schloß das Badehotel wieder, es stürmte auf See, und der
-Sommer war vorüber.
-
-Gunnar schrieb aus Italien und riet ihr, herunterzukommen. Cesca wollte
-sie nach Schweden haben. Die Mutter, die nichts wußte, schrieb und
-begriff nicht, warum sie dort blieb. Jenny dachte daran, fortzureisen,
-konnte aber zu keinem Entschluß kommen. Obgleich doch allmählich eine
-unbestimmte Sehnsucht in ihr wach wurde. Sie wurde selbst dadurch
-nervös, daß sie so umherging und nichts tun konnte. Sie mußte einen
-Entschluß fassen -- wenn sie auch nur eines Nachts von der Mole aus in
-die See spränge.
-
-Eines Abends hatte sie die Kiste mit Heggens Büchern hervorgeholt.
-Unter ihnen befand sich ein Band italienischer Gedichte -- ~Fiori
-della poesia italiana~. Eine Ausgabe, für Touristen berechnet, in
-einfaches Leder gebunden. Sie blätterte darin, um zu sehen, ob sie all
-ihr Italienisch vergessen hätte.
-
-Sie schlug das Buch zufällig bei Lorenzo von Medicis Karnevalslied
-auf und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, von Gunnars Hand
-beschrieben:
-
- „Liebe Mutter. Jetzt kann ich Dir endlich berichten, daß ich
- glücklich und wohl in Italien angekommen bin, und daß es mir in jeder
- Hinsicht gut geht, sowie --“ Der Rest des Bogens war mit Vokabeln
- bedeckt. Bei den Verben standen zugleich die Deklinationen. Auch am
- Rande des Buches standen Vokabeln -- ganz dicht, an dem tragisch
- frohen Karnevalsgedicht entlang. „Wie schön ist die Jugend, die so
- schnell entflieht“.
-
-Selbst die gewöhnlichsten Worte waren aufgeschrieben. Gunnar mußte
-versucht haben, das Lied zu lesen, gleich nachdem er nach Italien
-gekommen war -- ehe er etwas von der Sprache konnte. Sie sah auf dem
-Titelblatt nach: G. Heggen, Firenze und die Jahreszahl stand dort. Das
-war, ehe sie ihn kennengelernt hatte.
-
-Sie blätterte und las hier und da. Dort stand Leopardis Hymne an
-Italia, für die Gunnar so begeistert war. Sie las sie. Der Rand war
-schwarz von Vokabeln und Tintenflecken.
-
-Es schien wie ein Gruß von ihm, eindringlicher als alle seine Briefe.
-Er rief sie, jung und gesund, fest und voller Tatendrang. Er bat
-sie, zum Leben zurückzukehren und zur Arbeit. Ja, wenn sie sich doch
-zusammennehmen und wieder anfangen könnte. Sie mußte versuchen, zu
-wählen zwischen Leben -- oder Tod. Sie wollte wieder dort hinab,
-wo sie sich einst frei und stark gefühlt hatte, allein, nur mit
-ihrer Arbeit. Sie sehnte sich danach, und nach den Freunden, den
-zuverlässigen Kameraden, die einander nicht so nahe kamen, daß Leid
-daraus entstand, sondern Seite an Seite, jeder in seiner eigenen Welt,
-die auch all den anderen gehörte, miteinander dahinlebten, im Vertrauen
-auf ihr Können, in der Freude an ihrem Schaffen. Sie wollte das Land
-wiedersehen, das felsige Land mit den stolzen, strengen Linien und den
-sonnedurchtränkten Farben.
-
-Kurz darauf reiste sie nach Berlin. Sie lief einige Tage in der Stadt
-umher, so auch in den Galerien. Aber sie fühlte sich müde, fremd und
-überflüssig. So fuhr sie weiter nach München.
-
-In der Alten Pinakothek sah sie Rembrandts Heilige Familie. Sie
-betrachtete das Bild gar nicht als Malerei an sich, sie sah nur die
-junge Bauersfrau, das Hemd von der milchgefüllten Brust weggezogen und
-das Kind anschauend, das eingeschlafen war. Liebkosend griff die Mutter
-um sein eines bloßes Füßchen. Ein häßlicher kleiner Plebejerjunge
-war es, aber strotzend vor Gesundheit, und er schlief so gut, war
-so herrlich und lieb. Josef guckte über der Mutter Schulter auf ihn
-nieder. Es war aber kein alter Josef, und Maria war keine weltfremde
-Himmelsbraut. Es war ein kräftiger, mittelalterlicher Handwerker mit
-seiner jungen Frau, und das Kind war ihrer beider Lust und Freude.
-
-Am Abend schrieb sie an Gert Gram. Einen langen Brief, zart und traurig
--- aber es war ein Lebewohl für immer.
-
-Am nächsten Tage löste sie eine Karte direkt bis Florenz. Beim ersten
-Morgengrauen saß sie am Abteilfenster nach einer schlaflosen Nacht
-im Zuge. Wildbäche hüpften silbrig über waldbewachsene Felshänge. Es
-wurde licht und lichter, die Städte, an denen sie vorüberflog, nahmen
-mehr und mehr italienischen Charakter an. Rostbraune und moosgoldene
-Dachziegel, Loggien an den Häusern, grüne Stabjalousien an rotgelben
-Hauswänden, barocke Kirchenfassaden, die Bogenreihen der Steinbrücken
-draußen im Fluß. Die Schilder auf den Stationen trugen jetzt deutschen
-und italienischen Text. Weinberge zeigten sich außerhalb der Städte und
-graue Burgruinen erschienen auf den Bergkuppen.
-
-Ala. Sie stand an der Zollschranke, die verdrießlichen Passagiere aus
-der ersten und zweiten Klasse betrachtend -- und war so sinnlos froh.
-Nun war sie wieder in Italien. Der Zollbeamte lächelte sie an, weil sie
-blond war, und sie lächelte zurück, weil er sie für die Kammerjungfer
-dieser oder jener Herrschaft hielt.
-
-Die Felsketten wichen zur Seite, lehmgrau mit blauen Schatten in den
-Klüften, das Erdreich leuchtete rostrot, die Sonne flammte weiß und
-glühend auf.
-
-In Florenz aber war es bitter kalt und trübe in diesen Novembertagen.
-Müde und verfroren irrte sie etwa vierzehn Tage in der Stadt umher,
-ihr Herz blieb kalt gegen all die Schönheit, die sie erblickte, und
-melancholisch und mutlos, weil sie sich nicht wie früher an ihr wärmen
-konnte. --
-
-Eines Morgens fuhr sie nach Rom. Die Felder in der toskanischen
-Landschaft waren von weißem Reif bedeckt. Später am Tage lichtete sich
-der Nebel und die Sonne erschien. Sie sah die Stelle wieder, die sie
-nie vergessen konnte: Der Trasimenische See lag fahlblau zwischen den
-Felsen im Dunst. Ins Wasser hinaus schoß eine Landzunge mit den Türmen
-und Zinnen einer kleinen steingrauen Stadt. Eine Zypressenallee führte
-vom Bahnhof aus dort hinüber. --
-
-In Rom hielt sie in strömendem Regen ihren Einzug. Gunnar war auf dem
-Bahnhof und nahm sie in Empfang. Er preßte ihre Hände, als er sie
-willkommen hieß. Während sie im Regen, der vom grauen Himmel auf das
-Straßenpflaster niederklatschte, nach der Wohnung ratterten, die er ihr
-verschafft hatte, fuhr er mutig fort zu plaudern und zu lachen. --
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Heggen saß am äußersten Ende des Marmortisches und nahm an der
-Unterhaltung fast nicht teil. Ab und zu schielte er zu Jenny hinüber,
-die sich, Whisky und Selter vor sich, in eine Ecke geklemmt hatte. Sie
-unterhielt sich übertrieben lebhaft quer über den Tisch mit einer
-jungen schwedischen Frau und nahm nicht im geringsten Notiz von den
-neben ihr sitzenden Dr. Broager und der kleinen dänischen Malerin,
-Loulou von Schulin, die beide versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich
-zu lenken. Heggen sah, sie hatte wieder zuviel getrunken.
-
-Sie bildeten eine kleine Schar von Skandinaviern und einigen Deutschen,
-die in einer Weinkneipe zusammengetroffen und jetzt am Ende der
-Nacht im hintersten Winkel eines düsteren Cafés gelandet waren. Die
-Gesellschaft hatte dem Alkohol reichlich zugesprochen und war sehr
-wenig gewillt, den Aufforderungen des Wirtes nachzukommen, zu gehen, da
-es weit über die vorgeschriebene Polizeistunde sei und er zweihundert
-Lire Strafe zu zahlen haben würde, ja sicher!
-
-Gunnar Heggen war der einzige, der es mehr als gern gesehen hätte, daß
-das Trinkgelage ein Ende nähme. Er war der einzig Nüchterne und hatte
-schlechte Laune.
-
-Dr. Broager brachte alle Augenblicke seinen schwarzen Schnurrbart auf
-Jennys Hand an. Wenn sie diese an sich zog, versuchte er es auf ihrem
-nackten Arm. Die andere Hand hatte er hinter ihr aufs Sofa gelegt. Sie
-saßen zusammengedrängt im Winkel, so daß jeder Versuch, sich ihm zu
-entwinden, umsonst gewesen wäre. Im übrigen war ihr Widerstand auch
-ziemlich schwach, und sie lachte ohne Zorn über seine Zudringlichkeit.
-
-„Pfui!“ sagte Loulou von Schulin und zog die Schultern hoch. „Daß Sie
-das ertragen können! Finden Sie ihn denn nicht widerlich, Jenny?“
-
-„O doch, natürlich. Aber Sie sehen ja, er ist genau so wie eine
-Schmeißfliege -- es nützt nichts, ihn wegzujagen. Pfui, hören Sie doch
-auf, Doktor --“
-
-„Pfui,“ sagte die andere wie vorher. „Daß Sie das aushalten können!“
-
-„Pah! Ich kann mich ja mit Seife abwaschen, wenn ich nach Hause komme.“
-
-„So?“ Loulou von Schulin warf sich über Jennys Schoß und streichelte
-ihre Arme. „Wir geben jetzt auf die armen schönen Hände acht!
-Sehen Sie!“ Sie hob die eine Hand in die Höhe und zeigte sie der
-Tafelrunde. „Ist sie nicht entzückend?“ Dann löste sie ihren giftgrünen
-Automobilschleier vom Hute und hüllte Arme und Hände darin ein. „Ins
-Fliegennetz -- seht doch nur!“ Und sie streckte Broager blitzschnell
-die Zunge heraus.
-
-Jenny blieb einen Augenblick, die Arme in den grünem Schleier
-gewickelt, sitzen. Dann machte sie sich frei und zog Jacke und
-Handschuhe an.
-
-Broager versank in einen kleinen Halbschlummer. Aber Fräulein Schulin
-hob ihr Glas:
-
-„Prost! Herr Heggen!“
-
-Er tat, als hörte er nicht. Erst, als sie es wiederholte, griff er nach
-seinem Glase. „Pardon -- ich sah nicht,“ trank und sah wieder fort.
-
-Dieser oder jener lächelte. Da Heggen und Fräulein Winge Tür an Tür im
-obersten Stockwerk irgendwo drüben zwischen Babuino und Corso wohnten,
-glaubte man genug zu wissen. Was aber Fräulein von Schulin betraf, so
-war sie vorübergehend mit einem norwegischen Schriftsteller legitim
-verheiratet gewesen, reiste dann von ihm und dem Kinde in die weite
-Welt hinaus, wo sie wieder ihren Mädchennamen, die Anrede Fräulein
-und Malerin angenommen hatte, und außerdem Freundschaften mit Frauen
-unterhielt, worüber besonders üble Gerüchte im Umlauf waren.
-
-Der Wirt kehrte wieder zur Gesellschaft zurück und parlamentierte
-eindringlich, um sie zur Tür hinauszubekommen. Die beiden Kellner
-löschten die Gasflammen drüben im Lokal und stellten sich abwartend am
-Tische auf. Es blieb also nichts anderes übrig, als zu bezahlen und
-dann zu gehen.
-
-Heggen gehörte zu den letzten, die das Lokal verließen. Drüben auf
-dem Marktplatz im Mondenschein sah er, wie Fräulein Schulin Jennys
-Arm ergriff. Sie liefen auf eine leere Droschke zu, die die anderen
-im Begriff waren zu stürmen. Er sprang hinüber und hörte von weitem
-Jenny rufen: „Ihr wißt, die in der Via Paneperna.“ Sie hüpfte in die
-überfüllte Droschke und fiel irgend jemanden auf den Schoß.
-
-Aber einige Damen wollten wieder ins Freie, andere in den Wagen --
-ununterbrochen sprang jemand aus der einen Wagentür hinaus und in die
-andere hinein. Der Kutscher saß unbeweglich auf dem Bock und wartete.
-Der Gaul schlief, den Kopf bis fast aufs Steinpflaster gesenkt.
-
-Jenny stand wieder auf der Straße, aber Fräulein Schulin streckte die
-Hand nach ihr aus -- es war noch Platz.
-
-„Es ist eine Schande um das Pferd,“ sagte Heggen kurz. So begann sie
-denn zu gehen, neben ihm, als letzte in der Schar derer, die in der
-Droschke nicht Platz gehabt hatten. Der Wagen rollte langsam vorauf.
-
-„Du willst doch nicht behaupten, daß du länger mit diesen Menschen
-zusammen sein magst, ganz bis zur Via Paneperna hinaustrotten nur
-deswegen?“ sagte Heggen.
-
-„Oh, wir werden schon unterwegs eine leere Droschke finden --“
-
-„Daß du dazu Lust hast -- betrunken wie die Lumpen sind sie auch --
-alle miteinander,“ wiederholte er.
-
-Jenny lachte müde.
-
-„Das bin ich sicher auch.“
-
-Heggen antwortete nicht. Sie waren bis zur Piazza di Spagna gekommen.
-Da stand sie still:
-
-„Du willst also nicht mitgehen, Gunnar?“
-
-„Wenn du es durchaus noch weiter mitmachen willst, dann ja -- sonst
-nicht.“
-
-„Du brauchst doch um meinetwillen nicht -- du kannst dir doch denken,
-daß ich schon nach Hause finden werde.“
-
-„Gehst du mit, so gehe ich auch mit. Ich erlaube dir nämlich nicht,
-dich allein mit diesen betrunkenen Menschen herumzutreiben.“
-
-Sie lachte, das gleiche matte und gleichgültige Lachen.
-
-„Zum Teufel, dann bist du morgen so müde, daß du mir auch nicht sitzen
-kannst.“
-
-„Oh, ich werde das schon fertigbringen.“
-
-„Das glaube ich nicht. Ich kann jedenfalls nicht ordentlich arbeiten,
-wenn wir so die ganze Nacht durchbummeln.“
-
-Jenny zuckte mit den Schultern. Aber sie schlug die Richtung nach
-Babuino ein, den anderen entgegengesetzt.
-
-Zwei Polizisten in ihren Umhängen gingen an ihnen vorüber. Sonst war
-nicht die Spur von Leben auf dem öden Platz. Der Springbrunnen rieselte
-vor der Spanischen Treppe, die inmitten der immergrünen, schwarzen und
-silberblinkenden Büsche der Anlagen vom Mondenschein weiß übergossen
-dalag.
-
-Jenny sagte plötzlich hart und spöttelnd:
-
-„Ich weiß, es ist gut gemeint, Gunnar. Es ist nett von dir, daß du
-versuchst, auf mich aufzupassen. Aber es hat keinen Zweck.“
-
-Er schwieg.
-
-„Nein, wenn du selbst nicht willst,“ sagte er kurz nach einer Weile.
-
-„Willst,“ äffte sie ihm nach.
-
-„Ja, ich sagte ‚willst‘.“
-
-Jenny atmete kurz und heftig, als wollte sie etwas antworten, hielt
-aber an sich. Ekel stieg in ihr auf -- halbbetrunken war sie, das
-wußte sie selbst sehr wohl. Es fehlte ja noch, daß sie hier aufschrie,
-jammerte und heulte, berauscht, wie sie war, Gunnar gegenüber. Sie biß
-die Zähne zusammen.
-
-So kamen sie zu ihrer Haustür. Heggen schloß auf, entzündete ein
-Wachshölzchen und begann, die endlos dunkle Treppe hinaufzuleuchten.
-
-Ihre beiden Zimmerchen lagen für sich auf einem halben Stockwerk oben
-am Ende der Treppe. An den Türen vorüber lief ein kleiner Gang, der in
-einer Marmortreppe zum flachen Dach des Hauses endigte.
-
-In ihrer Tür reichte sie ihm die Hand:
-
-„Gute Nacht, Gunnar -- hab Dank,“ sagte sie leise.
-
-„Ich danke dir. Schlaf gut --“
-
-„Gleichfalls.“
-
-Drinnen in seinem Zimmer öffnete er das Fenster. Gerade gegenüber
-glänzte der Mondschein auf einer ockergelben Hauswand mit geschlossenen
-Fensterläden und schwarzen eisernen Balkons. Der Pincio erhob dahinter
-seinen Gipfel mit den scharfabstechenden dunklen Laubmassen gegen den
-mondlichtblauen Himmel. Darunter lagen alte, moosbewachsene Dächer; wo
-des Hauses kohlschwarzer Schatten endete, hing leichenfahle Wäsche zum
-Trocknen auf einer niedrigen Terrasse. Gunnar beugte sich weit über
-das Fenstersims, traurig und angewidert. Tod und Teufel, war er denn
-engherzig oder -- aber Jenny in diesem Zustande zu sehen --!
-
-Aber gerade er hatte sie zuerst in dieses Getriebe hineingezogen. Um
-sie aufzumuntern. Sie verkümmerte ja in den ersten Monaten wie ein
-kranker Vogel. Er hatte geglaubt, es würde für sie Beide eine boshafte
-Unterhaltung sein, die anderen zu beobachten -- diese Affen. Er hatte
-ja nicht geahnt, daß es eine derartige Wirkung haben könnte.
-
-Er hörte sie aus ihrem Zimmer und hinauf zum Dache gehen. Heggen
-zauderte einen Augenblick. Dann folgte er ihr.
-
- * * * * *
-
-Sie saß in dem einzigen Stuhl dort oben, hinter der kleinen
-Wellblechlaube. Die Tauben gurrten schläfrig in ihrem Schlage, der auf
-dem Laubendach angebracht war.
-
-„Bist du noch nicht zu Bett gegangen?“ sagte er leise. „Du wirst dich
-erkälten.“ Er holte ihren Schal aus der Laube und reichte ihn ihr, dann
-setzte er sich auf den Mauerrand zwischen die Blumentöpfe.
-
-Eine Weile starrten sie so schweigend über die Stadt, deren
-Kirchenkuppeln im Mondenlicht schwammen. Die Linien der fernen
-Höhenzüge waren vermischt.
-
-Jenny rauchte. Auch Gunnar zündete sich eine Zigarette an.
-
-„Ich merke übrigens, ich vertrage fast nichts mehr -- beim Trinken
-meine ich. Es wirkt sofort,“ sagte sie gleichsam entschuldigend.
-
-Er sah, daß sie jetzt völlig nüchtern war.
-
-„Ich finde, du solltest es jetzt eine Weile lassen, Jenny. Auch das
-Rauchen, solltest jedenfalls nur ganz wenig rauchen. Du hast ja über
-dein Herz geklagt.“
-
-Sie antwortete nicht.
-
-„Im Grunde bist du ja über diese Menschen der gleichen Meinung wie
-ich. Ich begreife nicht, daß du dich dazu herablassen magst, mit ihnen
-zusammen zu sein -- in dieser Art und Weise.“
-
-„Mitunter,“ sagte sie leise, „braucht man -- Betäubung, gerade heraus
-gesagt. Und was das Sichherablassen betrifft --.“ Er blickte ihr in
-das weiße Antlitz. Das unbedeckte blonde Haar flimmerte im Mondlicht.
-„Mitunter finde ich: nicht. Obgleich -- jetzt in diesem Augenblick zum
-Beispiel, schäme ich mich. Jetzt bin ich also ungewöhnlich nüchtern,
-siehst du.“ Sie lachte ein wenig. „Manchmal ist das nicht der Fall,
-selbst wenn ich nichts getrunken habe. Dann überkommt mich das
-Verlangen, mit dieser Sorte zusammen zu sein.“
-
-„Es ist gefährlich, Jenny,“ flüsterte er. Und nach einer Weile: „Ich
-kann mir nicht helfen, aber ich fand das heute Abend widerlich. Ich
-habe manches gesehen -- wie es zugeht. Ich möchte dich doch nicht gern
-sinken sehen, so enden sehen wie etwa Loulou --.“
-
-„Du kannst durchaus ruhig sein, Gunnar. So ende ich nicht. Im Grunde
-bin ich zu so etwas gar nicht fähig. Ich werde schon vorher einen Punkt
-machen --.“
-
-Er blickte still auf sie.
-
-„Ich weiß, was du meinst,“ sagte er schließlich leise. „Aber Jenny,
-andere haben ebenso gedacht. Und wenn man dann eine Zeitlang den Strom
-abwärts geschwommen ist -- so tut man es nicht mehr -- das, was du
-einen Punkt machen nennst.“
-
-Er glitt von der Mauerkante herab, ging auf sie zu und ergriff ihre
-Hand:
-
-„Du Jenny, hör damit auf -- ja?“
-
-Sie erhob sich und lachte kurz.
-
-„Vorläufig wenigstens. Ich bin sicher für eine lange Zeit von meiner
-Bummelsucht geheilt, glaube ich.“
-
-Sie standen einen Augenblick still. Dann schüttelte sie seine Hand:
-
-„Gute Nacht, mein Junge. -- Und morgen sitze ich dir,“ sagte sie auf
-der Treppe.
-
-„Ja, danke.“
-
-Heggen verweilte noch etwas, nachdenklich, während er ein wenig
-fröstelte. Dann ging er in sein Zimmer hinunter.
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Sie saß ihm am nächsten Tage nach dem Frühstück, bis es zu dämmern
-begann. Ruhte sie sich aus, so wechselten sie einige gleichgültige
-Worte, während er fortfuhr, am Hintergrund zu arbeiten oder die Pinsel
-wusch.
-
-„So!“ Er legte die Palette fort und ordnete den Malkasten. „Für heute
-bist du erlöst!“
-
-Sie ging zu ihm, und sie betrachteten das Bild.
-
-„Das Schwarz ist sehr fein -- findest du nicht, Jenny?“
-
-„Doch. Ich finde, es läßt sich gut an.“
-
-„Ja,“ er blickte auf die Uhr. „Es ist eigentlich Essenszeit -- gehen
-wir zusammen?“
-
-„Ja, gern. Ich will nur mein Kostüm anziehen, wartest du so lange?“
-
-Kurz darauf, als er an ihrer Tür pochte, stand sie fertig da, den Hut
-vor dem Spiegel aufsetzend.
-
-Wie schön sie ist, dachte er, als sie sich ihm zuwandte. Schlank und
-hell in dem festanliegenden stahlgrauen Kleide, wirkte sie so damenhaft
-fein und zugeknöpft, kühl und stilvoll. Und er wollte nicht glauben,
-was er selbst gedacht hatte --.
-
-„Hattest du nicht übrigens mit Fräulein Schulin verabredet, sie heute
-Nachmittag zu besuchen, um dir ihre Sachen anzusehen?“
-
-„Ja, ich gehe aber nicht hin.“ Sie wurde sehr rot. „Ehrlich gesagt,
-habe ich keine Lust, diese Bekanntschaft zu pflegen -- an ihren Sachen
-ist wohl auch nicht viel zu sehen?“
-
-„Nein, das weiß der Herrgott! Ich begreife nur nicht, wie du ihre
-Annäherungen gestern Abend zulassen konntest. Pfui, ich würde lieber
-einen Teller mit lebenden Mehlwürmern essen.“
-
-Jenny lachte. Dann sagte sie ernst:
-
-„Die Aermste, im Grunde ist sie wohl unglücklich.“
-
-„Pah -- unglücklich! Ich begegnete ihr in Paris vor einigen Jahren.
-Das Schlimmste ist ja, daß sie von Natur sicher gar nicht pervers
-ist. Nur dumm und eitel. Nun war +das+ interessant. Wäre es modern
-gewesen, tugendhaft zu sein, so hätte sie auf einer Empore gesessen
-und Kinderstrümpfe gestopft, vielleicht sich hin und wieder damit
-beschäftigt, Rosen zu malen mit Tauperlen darauf. Sie wäre die
-tugendsamste aller Johanne Luisen im Danneweg gewesen -- und obendrein
-fröhlich. Aber als sie den ‚Etatsrätlichen‘ entronnen war, von denen
-sie stammte, da wollte sie den übrigen nicht nachgeben, befreit und
-Malerin, und meinte, sie müsse sich jetzt einen Liebhaber anschaffen
-um ihrer Selbstachtung willen. Unglücklicherweise erwischt sie dann
-einen Tolpatsch, der sie in andere Umstände bringt. Er ist altmodisch
-und will, daß sie sich -- völlig unmodern -- heiraten und verlangt, sie
-solle das Kind warten und die Wirtschaft führen.“
-
-„Du kannst ja gar nicht wissen -- es kann ja zum Teil auch Paulsens
-Schuld gewesen sein, daß sie ihm davonlief.“
-
-„Ja, natürlich war es seine Schuld. Er war altmodisch, wie gesagt, und
-fand Geschmack am häuslichen Glück, er bot ihr wohl zu wenig an Liebe
-und keine Prügel.“
-
-„Ja ja, Gunnar. Du willst nun absolut haben, daß das Leben so verflucht
-leicht zu übersehen sein soll.“
-
-Heggen setzte sich rittlings über einen Stuhl und schlang die Arme um
-die Lehne.
-
-„Das wenige Gewisse im Leben, an das wir uns halten können, ist
-wahrlich leicht genug zu übersehen. Man muß seine Rechnung und seine
-Ansichten danach in Ordnung bringen. Mit all dem Ungewissen aufräumen,
-so gut man kann, sobald es auf dem Tapet erscheint.“
-
-Jenny setzte sich aufs Sofa und stützte den Kopf in die Hand:
-
-„Ich habe nicht mehr das Gefühl, daß es irgend etwas im Leben gibt,
-worüber ich die genügende Uebersicht habe, so daß ich es als Grundlage
-für meine Anschauungen gebrauchen oder meine Rechnung danach machen
-könnte,“ sagte sie ruhig.
-
-„Das ist nicht dein Ernst.“
-
-Sie lächelte nur.
-
-„War es nicht immer,“ sagte Gunnar.
-
-„Es gibt wohl niemanden, der immer dasselbe meint.“
-
-„Doch, immer, wenn man nüchtern ist. Wie du heute Nacht sagtest, man
-ist nicht immer nüchtern, auch wenn man nichts getrunken hat.“
-
-„Jetzt -- wenn ich mich hin und wieder nüchtern fühle --“ Sie brach ab
-und schwieg.
-
-„Du weißt, was auch ich weiß. Du hast es immer gewußt. Im großen und
-ganzen leitet der Mensch sein Geschick selbst. Man ist seines eigenen
-Schicksals Herr -- in der Regel. Hin und wieder ist man es nicht. --
-doch dann tragen Umstände die Schuld, über die man nicht gebietet. Aber
-es ist eine gewaltige Uebertreibung, zu behaupten, daß es oft der Fall
-sei.“
-
-„Gott mag wissen, mir ist es nicht ergangen, wie ich gewollt, Gunnar.
-Ich habe viele Jahre hindurch den Willen gehabt und nach meinem Willen
-gelebt.“
-
-Sie schwiegen beide eine Weile still.
-
-„Eines Tages,“ sagte sie langsam, „änderte ich einen Augenblick den
-Kurs. Ich fand es so kalt und hart, dieses Leben zu leben, das, wie
-ich glaubte, das würdigste sei. So einsam, weißt du. So bog ich denn
-einen Augenblick zur Seite, wollte jung sein und ein wenig spielen.
-Und dadurch geriet ich in eine Strömung hinaus, die mich trieb -- ich
-endete in Dingen, mit denen in Berührung zu kommen, ich niemals eine
-Sekunde für möglich gehalten hatte.“
-
-Heggen schwieg.
-
-„Es gibt einen Vers,“ sagte er dann leise. „Rosetti -- er ist nämlich
-ein weit besserer Dichter als Maler:
-
- ~Was +that+ the landmark? What, -- the foolish well
- Whose wave, low down, I did not stoop to drink
- But sat and flung the pebbles from its brink
- In sport to send its imaged skies pell-mell,
- (And mine own image, had I noted well!) --
- Was that my point of turning? -- I had thought
- The stations of my course should raise unsought,
- As altarstone or ensigned citadel.
- But lo! The path is missed, I must go back,
- And thirst to drink when next I reach the spring
- Which once I stained, which since may have grown black.
- Yet thought no light be left nor bird now sing
- As here I turn, I’ll thank God, hastening,
- That the same goal is still on the same track.~“
-
-Jenny erwiderte nichts.
-
-„~That the same goal is still on the same track~,“ wiederholte Gunnar.
-
-„Glaubst du,“ fragte Jenny, „daß es so leicht ist, zu seinem Ziel
-zurückzufinden?“
-
-„Nein. Aber müßte man es nicht?“ sagte er beinahe kindlich.
-
-„Was für ein Ziel hatte ich übrigens,“ sagte sie plötzlich hastig. „Ich
-wollte so leben, daß ich mich niemals zu schämen brauchte, weder als
-Mensch noch als Künstlerin. Niemals wollte ich etwas tun, von dem ich
-wußte, daß es nicht richtig sei. Rechtschaffen wollte ich sein, fest
-und gut und wollte niemals eines Menschen Schmerz auf mein Gewissen
-laden. Und darin bestand dann das ganze Verbrechen, das den Anfang
-bildete -- woraus alles andere folgte? Daß ich mich nach Liebe sehnte,
-ohne daß ein bestimmter Mann da war, dem diese Sehnsucht galt. War
-das so seltsam? Daß ich so gern glauben wollte, als Helge kam, daß er
-es war, nach dem ich mich gesehnt? Daß ich es schließlich wirklich
-glaubte? Das war ja der Anfang, worauf das andere folgte. Gunnar -- ich
-+habe+ geglaubt, daß ich sie glücklich machen könnte -- und dann tat
-ich ihnen nur weh.“
-
-Sie hatte sich erhoben und wanderte im Zimmer auf und nieder:
-
-„Glaubst du, daß die Quelle, von der du sprichst -- glaubst du, daß
-sie jemals wieder rein und klar wird bei einer, die weiß, daß sie
-selber sie getrübt hat? Meinst du, es würde mir jetzt leichter, zu
-resignieren? Ich sehnte mich nach dem, wonach sich alle Frauen sehnen.
-Und ich sehne mich jetzt -- wieder danach. Nur mit dem Unterschied,
-daß ich jetzt weiß, ich habe eine Vergangenheit. Und eine Folge davon
-ist, daß ich das einzige Glück, das ich anerkenne, nicht annehmen darf
--- denn es sollte frisch und gesund und rein sein -- und das alles bin
-ich selbst nicht mehr. Ich muß weiter eine Sehnsucht mit mir schleppen,
-deren Erfüllung -- oh, ich weiß es -- unmöglich ist. Diese Sehnsucht
-ist also mein Schicksal, mein ganzes Leben ist durch sie gezeichnet.“
-
-„Jenny,“ -- Gunnar erhob sich ebenfalls -- „ich behaupte dennoch, es
-kommt auf dich selbst an -- es +muß+ so sein. Ob es dein Wille ist,
-daß diese Erinnerungen dich vernichten oder ob du sie als ein Lehrgeld
-betrachten willst, so grausam hart es sich auch anhört. Das Ziel, das
-du einstmals vor dir hattest, war, glaube ich, das richtige -- für
-dich.“
-
-„Kannst du dir denn nicht vorstellen, daß das unmöglich ist, mein
-Junge. Es hat sich etwas in mich hineingeschlichen wie eine Säure, die
-alles zerfrißt, was einst mein Wesen war; ich fühle selber, wie ich
-inwendig zerfalle. -- Oh. Und ich will doch nicht, ich will nicht. Und
-ich habe ein Verlangen nach -- ich weiß nicht --. Will alle Gedanken
-zum Stillstand bringen. Sterben --. Oder leben -- ein wahnsinniges,
-abscheuliches Dasein, zugrunde gehen in einem Elend, das noch
-fürchterlicher ist als dies --. Laß mich so tief in den Schmutz treten,
-daß ich spüre, hiernach kommt das Ende. Oder --“ sie sprach leise und
-wild, es klang wie erstickte Schreie -- „mich unter einen Eisenbahnzug
-schleudern -- mit dem Bewußtsein der letzten Sekunden, daß jetzt --
-jetzt gleich -- mein ganzer Körper, Nerven und Hirn und Herz, -- alles
--- zu einem einzigen zuckenden blutigen Klumpen zermalmt ist.“
-
-„Jenny!“ schrie er auf. Er war fahl im Gesicht geworden. Dann flüsterte
-er mühsam: „Ich kann dich nicht so sprechen hören.“
-
-„Ich bin hysterisch,“ sagte sie beruhigend. Aber sie ging trotzdem zu
-dem Winkel, wo ihre Leinwand stand und schleuderte sie fast die Wand
-entlang:
-
-„Man kann doch nicht leben und bestehen, um so etwas da zu bearbeiten.
-Oelfarben auf die Leinwand zu kleistern -- du siehst ja, etwas anderes
-wird nicht daraus -- tote Malkleckse. Du großer Gott, du hast gesehen,
-wie ich die ersten Monate hindurch gearbeitet habe, wie ein Sklave --
-ich kann überhaupt nicht mehr malen.“
-
-Heggen betrachtete die Bilder. Es war ihm trotzdem, als fühle er wieder
-festen Grund und Boden unter den Füßen.
-
-„Du darfst ruhig deine aufrichtige Meinung über diese -- Schweinerei
-sagen,“ meinte sie herausfordernd.
-
-„Ja, es sind nicht gerade schöne Sachen -- das will ich gern zugeben.“
-Er stand, mit den Händen in den Hosentaschen, und betrachtete die
-Bilder. „Aber +das+ ist doch etwas, was einem jeden von uns begegnen
-kann -- Perioden, wo wir nicht können. Was das betrifft, so müßtest
-du wissen, meine ich, daß es etwas Vorübergehendes ist -- für dich.
-Ich glaube nicht daran, daß man sein Talent einbüßen kann, und wenn
-man noch so unglücklich ist. Deine Arbeit hat übrigens zu lange
-geruht. Man muß sich doch wieder erst einarbeiten, die Herrschaft über
-seine Schaffensmöglichkeiten zurückgewinnen, siehst du. Allein die
-Modellstudie dort, Mädel -- es ist wohl bald drei Jahre her, seit du
-einen Akt zeichnetest. So etwas bleibt nicht ungestraft, das weiß ich
-aus Erfahrung.“
-
-Er trat an das Regal und wühlte unter Jennys alten Skizzenbüchern:
-
-„Denk nur daran, wie du dich in Paris hochgearbeitet hattest -- ich
-werde dir Einiges zeigen.“
-
-„Nein, nein -- nicht das da,“ sagte Jenny hastig und streckte die Hand
-nach dem Buche aus.
-
-Heggen hielt es zusammengeklappt in der Hand und sah sie erstaunt an.
-Sie wandte das Antlitz ab:
-
-„O, du darfst übrigens ruhig hineinsehen. Ich versuchte nur, eines
-Tages den Jungen zu zeichnen.“
-
-Heggen blätterte langsam darin herum. Jenny hatte sich wieder aufs Sofa
-gesetzt. Er betrachtete eine Weile die kleinen Bleistiftzeichnungen von
-dem schlafenden Kindchen. Dann legte er das Buch behutsam fort.
-
-„Es war traurig, daß du deinen kleinen Jungen verlorst,“ sagte er leise.
-
-„Ja. -- Hätte er gelebt, so wäre ja alles andere gleichgültig gewesen,
-weißt du. Du sprichst vom Willen, aber eines Menschen Wille kann nicht
-einmal -- seines Kindes Leben -- festhalten, und dann --. Ich bin nicht
-dazu imstande, nach Höherem zu streben, Gunnar, denn ich sah, dies
-war das Einzige, wozu ich etwas taugte, woraus ich mir etwas machte
--- meines kleinen Knaben Mutter zu sein. Ja, ihn konnte ich lieben.
-Vielleicht bin ich ein Egoist durch und durch, denn jedesmal, wenn ich
-den Versuch machte, die anderen zu lieben, so erhob sich mein eigenes
-Ich wie eine Mauer zwischen uns. Doch der Knabe war mein. Hätte ich
-ihn, so könnte ich arbeiten -- ach, wie würde ich dann arbeiten! Ich
-schmiedete Pläne. Mir fiel es wieder ein im vergangenen Herbst, als
-ich hierher reiste, -- ich wollte ja den Sommer mit ihm in Bayern
-verbringen. Ich fürchtete, die Seeluft würde zu scharf für ihn sein. Er
-sollte im Wagen liegen und unter den Apfelbäumen schlummern, während
-ich arbeitete. Siehst du, ich könnte an keinen Ort der Welt kommen,
-wo ich nicht im Traum schon mit dem Kind gewesen wäre. Es gibt auf
-der Welt nichts Gutes und Schönes, von dem ich nicht gedacht, daß er
-es lernen oder sehen sollte. Ich besitze nichts, was nicht auch ihm
-gehörte, das rote Plaid brauchte ich, um ihn darin einzuhüllen. Das
-schwarze Kleid, in dem du mich malst, wurde in Warnemünde für mich
-genäht, nachdem ich genesen war, ich wählte diese Form, damit es bequem
-wäre, ihn zurecht zu legen. Im Futter sind noch Milchflecken.
-
-Ich kann nicht arbeiten, weil ich ganz von ihm beherrscht bin. Ich
-sehne mich so heftig nach ihm, daß es mich fast lähmt. Des Nachts rolle
-ich mein Kopfkissen zusammen, nehme es in den Arm und wimmere nach
-Bübchen. Ich rufe ihn und rede mit ihm, wenn ich allein bin. Ich hatte
-ihn malen wollen, so daß ich Bilder von ihm aus jedem Alter gehabt
-hätte. Jetzt wäre er bald ein Jahr alt gewesen, denk nur -- hätte
-Zähnchen bekommen und würde kriechen können, hätte sich aufgerichtet
-und wäre vielleicht ein bißchen gelaufen. Jeden Monat, jeden Tag denke
-ich, heute wäre er so und so alt gewesen -- wer weiß, wie er wohl
-ausgesehen hätte. -- Alle Frauen, die mit einem ~bambino~ auf dem Arme
-herumlaufen -- alle Jungen, die ich auf der Straße sehe, erinnern
-mich daran, wie wohl meiner ausgesehen hätte, wenn er größer geworden
-wäre --.“
-
-Sie schwieg wieder. Heggen saß ganz still vornübergebeugt.
-
-„Ich glaubte nicht, daß es so sei, Jenny,“ sagte er leise und heiser.
-„Ich sah wohl, daß es schmerzlich war, aber ich dachte, andererseits --
-wäre es besser so. Hätte ich gewußt, wie es sich wirklich verhielt, so
-wäre ich zu dir gekommen --.“
-
-Sie antwortete nicht und fuhr fort in ihren Gedanken:
-
-„Und dann starb er -- so winzig, winzig klein. Es ist ja nur Egoismus
-von mir, daß ich es ihm nicht gönne -- gestorben zu sein, ehe er
-anfing, das allergeringste zu verstehen. Er konnte nur nach dem Lichte
-blinzeln oder schreien, wenn er zurechtgemacht werden sollte oder
-hungrig war. Er suchte nach meiner Wange in dem Glauben, es sei die
-Brust. Er kannte mich auch noch nicht, jedenfalls noch nicht richtig.
-Ein ganz schwacher Schimmer von Bewußtsein war vielleicht in seinem
-kleinen Köpfchen erwacht, aber stell dir vor, er hat nie gewußt, daß
-ich seine Mutter war --. Einen Namen hat er auch nicht gehabt, der
-Arme, nur Mutters Bübchen war er. Keinerlei Erinnerung habe ich an ihn,
-außer dieser rein körperlichen.“ Sie erhob die Hände, als drückte sie
-das Kind an sich. Dann fielen sie tot und leer auf den Tisch zurück.
-
-„Das erste Mal, als ich sein Gesichtchen an meine Wange legte, war
-seine Haut so weich, ein wenig feucht, wie etwas Eingeschlossenes,
-die Luft hatte sie ja noch kaum berührt, weißt du. Ich glaube, man
-würde angewidert sein, einem neugeborenen Kinde zu nahe zu kommen,
-wenn es nicht das eigene Fleisch und Blut ist. Seine Augen, sie
-hatten noch keine richtige Farbe, waren dunkel, ich glaube übrigens,
-sie wären graublau geworden. Sie sind so seltsam, die Augen solcher
-kleinen Kinder -- mystisch, hätte ich beinahe gesagt. Und sein kleines
-Köpfchen -- wenn er bei mir lag und die Brust bekam, wenn er dann seine
-Nasenspitze flach drückte und es oben in der kleinen Fontanelle pochte,
-das dünne, flaumige Haar -- er hatte soviel Haar, als er geboren wurde
--- dunkles --. Ich fand ihn so entzückend. Ach, sein ganzer kleiner
-Körper. Ich denke ja an nichts anderes. Ich kann ihn in meinen Händen
-spüren. Die Lenden waren so rund -- er war am dicksten in der Mitte,
-weißt du --. Und sein Hinterteilchen war so komisch zusammengeklemmt,
-ein wenig spitz -- ich fand natürlich auch das wunderhübsch. O Gott,
-wie süß war er, mein kleiner Junge --. Und dann starb er. -- Ich hatte
-mich gefreut auf alles, was kommen sollte, so daß ich nachher meinte,
-ich hätte dem, was war, nicht genügend Beachtung geschenkt, der Zeit,
-als ich ihn hatte; ich hätte ihn nicht genügend geküßt oder betrachtet,
-obwohl ich in all den Wochen nichts anderes tat. -- Und zurück blieb
-dann nur die Lücke -- du kannst dir nicht denken, wie das war. Mir
-schien, als arbeite mein ganzer Körper in der Sehnsucht nach ihm. Ich
-bekam eine Entzündung in der Brust, der Schmerz und das Fieber waren
-nur die Sehnsucht, die hinauswollte. Ich vermißte ihn in den Armen,
-zwischen den Händen und an der Wange --. Manchmal, in den letzten
-Wochen, schloß er die Hand um meinen Finger, wenn ich ihn hinstreckte.
-Einmal hatte er ganz von selbst einige von meinen Haaren erwischt, die
-sich gelöst hatten --. Die süßen, süßen kleinen Hände.“
-
-Sie legte sich über den Tisch, schluchzte leise und heftig, daß sie
-bebte.
-
-Gunnar war aufgestanden, zögerte, im Zweifel mit sich, ein Weinen in
-der Kehle. Dann lief er plötzlich zu ihr hin, hastig und verlegen küßte
-er sie heftig auf den Scheitel.
-
-Sie blieb eine Zeitlang liegen und weinte. Aber schließlich richtete
-sie sich auf, ging zum Waschtisch und badete ihr Gesicht im Wasser:
-
-„O Gott, wie sehne ich mich nach ihm,“ sagte sie unvermittelt, mit
-verweinter Stimme.
-
-„Jenny --.“ Er wußte nichts anderes zu sagen: „Jenny. -- Ich wußte ja
-nicht, daß es dir so ergangen war --“.
-
-Sie kam zurück und legte einen Augenblick ihre Hände auf seine
-Schultern:
-
-„Ja, ja, Gunnar. Du sollst nicht so viel an das denken, was ich
-vorher sagte. Mitunter weiß ich nicht, wohin mit mir selbst. Aber du
-kannst dir denken, wenn auch nur um des Jungen willen: mich geradezu
-Ausschweifungen hinzugeben, das bringe ich wohl doch nicht fertig.
-Eigentlich will ich natürlich selber versuchen, das Bestmöglichste aus
-dem Leben zu machen -- weißt du. Versuchen, wieder zu arbeiten, wenn es
-auch im Anfang nicht so leicht wird. Man hat ja immer den einen Trost,
-daß man nicht länger lebt, als man selber will --.“
-
-Sie setzte sich wieder den Hut auf und suchte nach einem Schleier:
-
-„Gehen wir also zum Essen, du mußt ja hungrig geworden sein, so spät
-wie es ist --.“
-
-Gunnar Heggen wurde blutrot über sein ganzes junges Gesicht. Bei ihren
-Worten merkte er plötzlich, daß er einen Bärenhunger hatte, aber er
-schämte sich, jetzt etwas derartiges zu empfinden. Er trocknete die
-Tränen von seinen nassen, heißen Wangen und nahm seinen Hut vom Tisch.
-
-
-
-
-X.
-
-
-Ohne es verabredet zu haben, gingen sie an dem Restaurant vorüber, wo
-sie sonst zu essen pflegten und immer viele Skandinavier trafen. Sie
-schritten immer weiter durch die Dämmerung, nach der Tiber und über die
-Brücke bis in die alten Borgo-Viertel. In einem Winkel am Petersplatz
-lag ein kleines Restaurant, wo sie mitunter gegessen hatten, wenn sie
-vom Vatikan kamen. Hier traten sie ein.
-
-Sie aßen, ohne mit einander zu sprechen. Jenny zündete sich eine
-Zigarette an, als sie fertig war, nippte an ihrem Rotwein und rieb die
-duftenden Mandarinenschalen zwischen ihren Fingern.
-
-Heggen rauchte ebenfalls und starrte vor sich hin. Sie befanden sich
-fast allein im Lokal.
-
-„Hast du Lust, den Brief zu lesen, den ich kürzlich von Cesca bekam?“
-fragte Jenny plötzlich.
-
-„Danke. Ich sah es, daß ein Brief für dich gekommen war. Ist er aus
-Stockholm?“
-
-„Ja. Sie sind jetzt dort, werden auch den Winter über da wohnen
-bleiben.“
-
-Jenny holte den Brief aus ihrer Handtasche hervor und reichte ihn
-Gunnar.
-
-Cescas Brief lautete:
-
- „Meine liebe, süße Jenny!
-
- Du darfst mir nicht böse sein, daß ich Dir noch nicht für Deinen
- letzten Brief gedankt habe. Ich hatte jeden Tag die Absicht, es zu
- tun, aber es wurde nichts daraus. Ich freue mich so sehr, daß Du
- wieder in Rom bist und daß Du malst, besonders auch, daß Du mit
- Gunnar zusammen bist.
-
- Wir sind jetzt also nach Stockholm zurückgekehrt und wohnen wieder in
- der alten Wohnung. Es war unmöglich, in unserem Dörfchen zu bleiben,
- als es wirklich kalt wurde, denn dort zog es schrecklich und wir
- konnten es nur in der Küche ordentlich warm bekommen. Wenn wir es uns
- doch leisten könnten, das kleine Häuschen zu kaufen, aber es wird
- zu teuer, denn wir müßten zuviel daran ausbessern, die Scheune als
- Atelier für Lennart umbauen und überall Oefen setzen lassen. Aber wir
- haben es für den nächsten Sommer wieder gemietet, und darüber freue
- ich mich, denn es ist mir der liebste Platz auf der Welt. Du kannst
- Dir etwas so Schönes wie die Westküste nicht vorstellen. Sie ist so
- eigentümlich, öde und verwittert mit den grauen Hügeln und dem vom
- Sturm zerzausten Gestrüpp in den Felsspalten, mit den Geißblattranken
- und den armseligen kleinen Häusern, dem Meer und dem wunderbaren
- Himmel. Die Bilder, die ich davon gemalt habe, seien gut, sagt man,
- und Lennart und ich leben dort so herrlich miteinander. Jetzt sind
- wir für immer Freunde, und wenn er findet, daß ich merkwürdig bin,
- so küßt er mich nur und sagt, ich sei eine kleine Seejungfrau, und
- irgend sowas Nettes, und mit der Zeit schlage ich auch völlig Wurzel
- bei ihm.
-
- Aber jetzt sind wir wieder in der Stadt. Aus der Pariser Reise
- wird diesmal nichts, und das ist auch gleich. Ich finde es beinahe
- herzlos, Dir darüber etwas zu schreiben, Jenny, denn Du bist viel,
- viel besser als ich, und es war so bitter und fürchterlich, daß Du
- Deinen kleinen Jungen hergeben mußtest und ich finde, ich habe es
- nicht verdient, das Glück, meinen heißen Wunsch erfüllt zu sehen,
- aber ich erwarte also ein kleines Baby. Es dauert nur noch fünf
- Monate. Ich wollte es zuerst selbst nicht glauben, aber jetzt ist
- es ganz sicher. Ich versuchte, es so lange wie möglich Lennart zu
- verheimlichen, ich schämte mich furchtbar der beiden Male wegen, die
- ich ihn damit an der Nase herumgeführt, und hatte Angst, daß ich
- mich täuschen könnte, so daß ich es erst ableugnete, als er es zu
- ahnen begann. Aber schließlich mußte ich mich ja zu einem Bekenntnis
- bequemen, ich begreife es aber eigentlich noch nicht, daß ich
- wirklich einen kleinen Buben bekomme. Lennart sagt übrigens, er will
- am liebsten noch eine kleine Cesca haben, aber das tut er bloß, um
- mich im voraus zu trösten, wenn es so würde, denn ich bin überzeugt,
- eigentlich will er am liebsten einen Sohn haben. Aber Du weißt, wird
- es ein Mädchen, so freuen wir uns ebenso sehr darüber, und außerdem,
- haben wir erst eins, so können wir ja immer mehr bekommen.
-
- Jetzt bin ich so froh, daß es mir eigentlich gleichgültig ist, wo wir
- sind; jedenfalls sehne +ich+ mich nicht nach Paris; denke Dir, Frau
- Lundquist fragte, ob ich nicht ärgerlich sei, daß dieser Junge uns
- nun die ganze Pariser Fahrt über den Haufen würfe; kannst Du so ein
- Menschenkind begreifen, und dabei hat sie die zwei entzückendsten
- Knaben von der Welt. Aber sie verwahrlosen vollständig, wenn sie
- nicht bei uns sind, und Lennart sagt, sie würde sie uns gern
- schenken, und könnte ich es mir leisten, so nähme ich sie auch. Dann
- hätte der Kleine gleich zwei große liebe Brüder zum Spielen, wenn er
- kommt; es wird einen Spaß geben, wenn wir ihnen den kleinen Vetter
- zeigen -- sie sagen Tante zu mir, eine drollige Sitte, finde ich.
-
- Aber nun muß ich schließen. Weißt Du, worüber ich auch froh bin --
- unter diesen Umständen kann Lennart doch unmöglich eifersüchtig
- werden, nicht wahr? Uebrigens glaube ich, das hat aufgehört, denn
- jetzt weiß er sehr gut, daß ich eigentlich nur ihn wirklich lieb
- gehabt habe.
-
- Findest Du das häßlich von mir, daß ich Dir soviel von all diesem
- schreibe, und daß ich so glücklich bin? Aber ich weiß ja doch, daß
- Du es mir so herzlich gönnst.
-
- Grüß alle Bekannten, die Du dort unten triffst, und Gunnar zu
- allererst viele Male. Du darfst ihm dies hier ruhig erzählen, wenn Du
- magst. Und nun leb wohl. Zum Sommer besuchst Du uns!
-
- Tausend liebe Grüße von Deiner treuen kleinen
- Freundin
-
- Cesca.
-
- ~PS.~ Jetzt fällt mir plötzlich ein: Wird es ein Mädchen, so soll
- es meiner Treu Jenny heißen, was auch Lennart sagen mag. Ich sollte
- übrigens von ihm grüßen.“
-
-Gunnar reichte Jenny den Brief zurück, die ihn wieder wegsteckte.
-
-„Ich +bin+ froh,“ sagte sie leise. „Ich freue mich über jeden Menschen,
-den ich glücklich weiß. Diese Freude ist mir geblieben aus alter Zeit
--- wenn es auch das Einzige ist.“
-
- * * * * *
-
-Sie gingen nicht nach der Stadt zurück, sondern schlenderten über den
-Petersplatz, der Kirche zu.
-
-Im Mondschein fielen die Schatten kohlschwarz über den Platz.
-Gleißendes Licht und nächtliche Finsternis lösten sich gespenstisch in
-dem einen der gewölbten Säulengänge ab. Der andere lag ganz im Dunkeln;
-nur die Konturen der Statuenreihe auf dem Dache waren von flimmerndem
-Licht umspielt. Auch die Fassade der Kirche lag im Schatten, während
-die Kuppel hoch oben hier und da wie silbriges Wasser schimmerte.
-
-Die beiden Fontänen jagten ihre weißen Strahlen funkelnd und schäumend
-zum mondblauen Himmel auf. Wirbelnd schoß das Wasser in die Höhe,
-plätscherte gegen die Porphyrschalen, um in die Becken zurückzurieseln
-und abzutropfen.
-
-Gunnar und Jenny gingen langsam zur Kirche hinüber, im Schatten des
-Säulenganges.
-
-„Jenny“, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang ganz ruhig und
-alltäglich. „Willst du mich heiraten?“
-
-„Nein,“ sagte sie ebenso ruhig und lachte ein wenig.
-
-„Es ist mein Ernst.“
-
-„Ja, aber du wirst wohl begreifen, daß ich das nicht will.“
-
-„Warum eigentlich nicht?“ Sie gingen weiter, der Kirche zu. „Wie ich
-verstanden habe, bist du augenblicklich selbst der Ansicht, dein Leben
-sei nicht lebenswert. Mitunter hast du die Absicht, dich ums Leben
-zu bringen, wie ich gemerkt habe. Wenn du dich aber in einem solchen
-Aufruhr befindest, weshalb kannst du dich denn nicht ebenso gut mit mir
-verheiraten? Du kannst es doch auf jeden Fall versuchen, meine ich!“
-
-Jenny schüttelte den Kopf:
-
-„Ich danke dir, Gunnar, aber das heißt, finde ich, die Freundschaft
-unerlaubt weit treiben.“ Sie wurde mit einem Male ernst: „Erstens mußt
-du dir doch sagen, daß ich das nicht annehme. Zweitens: würdest du mich
-dazu bringen, dich als Rettungsplanke anzusehen, so wäre ich nicht
-wert, daß du dich bemühtest, mir nur den kleinen Finger zu reichen.“
-
-„Es ist nicht Freundschaft, Jenny.“ Er zögerte einen Augenblick.
-„Sondern ich habe -- dich lieb gewonnen. Ich sage es nicht, um dir
-zu helfen -- natürlich will ich dir auch gern helfen. Aber mir ist
-plötzlich klar geworden -- wenn es mit dir ein böses Ende nähme -- ich
-weiß nicht, was ich dann täte. Ich bin nicht fähig, daran zu denken.
-Nichts auf der Welt würde ich scheuen, um dir zu helfen -- weil ich dir
-so gut bin, verstehst du?“
-
-„O nicht doch, Gunnar.“ Sie stand still und blickte erschrocken zu ihm
-auf.
-
-„Ja, natürlich weiß ich, daß du mich nicht liebst. Aber deshalb
-könntest du dich doch gut mit mir verheiraten, dies ebenso gut wie
-irgend etwas anderes tun, wenn du doch des Ganzen müde bist und meinst,
-du hättest dich selber aufgegeben.“ Seine Stimme klang heiß und bewegt,
-als er ausrief: „Du mußt mich ja eines Tages liebgewinnen, ich weiß es
-so sicher -- weil ich dich so lieb habe!“
-
-„Du weißt, daß ich dich gern mag,“ sagte sie ernst. „Aber das ist kein
-Gefühl, mit dem du dich auf die Dauer begnügen könntest. Zu einem
-ganzen und starken Gefühl bin ich aber nicht fähig.“
-
-„Natürlich bist du das. Alle Menschen sind es. Ich war doch so
-überzeugt, daß ich nie etwas anderes als diese -- Geschichtchen erleben
-würde. Ich glaubte eigentlich nicht daran, daß es etwas anderes gäbe
---.“ Er senkte die Stimme. „Du bist ja die erste, die ich liebe.“
-
-Sie stand stumm und still.
-
-„Dies Wort, Jenny, habe ich noch niemals ausgesprochen. Ich hatte eine
-Art von Scheu, Ehrfurcht davor. Ich habe bisher nie eine Frau geliebt.
-Etwas anderes war dieses dauernde Verliebtsein -- in dies oder jenes
-an ihnen. Cescas Grübchen, wenn sie lachte -- das unbewußt Raffinierte
-an ihr. Dies oder jenes, das meine Phantasie in Bewegung setzte, das
-mich anregte, Märchen über sie zu dichten, Abenteuer, die ich erleben
-würde. Einmal war ich in eine Frau verliebt, weil sie das erste Mal,
-als ich sie sah, ein so wundervolles tiefrotes seidenes Kleid trug,
-ganz schwarz in den Falten wie die dunkelsten Rosen, ich stellte sie
-mir immer in diesem Kleide vor. Und du damals in Viterbo. Du warst so
-fein und still, so zurückhaltend, gleichsam als trügst du Handschuhe
-bis hinauf zu den Ellenbogen, sowohl innen wie außen, und du hattest
-einen Schimmer in den Augen, wenn wir anderen lachten, als wolltest du
-gern mit uns spielen, du konntest aber nicht und wagtest nicht. Da war
-ich verliebt in den Gedanken, dich ausgelassen und lachend zu sehen. --
-Aber nie zuvor habe ich ein zweites, lebendes Wesen geliebt.“
-
-Er wandte einen Augenblick die Augen von ihr und starrte zur Säule des
-Springbrunnens hinauf, die im Mondlicht funkelte. So spürte er das
-neue Gefühl in sich aufsteigen und funkeln, sein Sinn war voller neuer
-Worte, die in Ekstase über seine Lippen sprangen:
-
-„Verstehst du mich, Jenny -- ich liebe dich so, daß ich finde, alles
-andere ist gleichgültig. Ich trauere nicht darüber, daß du mich nicht
-liebst, denn ich weiß, daß es eines Tages der Fall sein wird; ich fühle
-ja, daß meine Liebe dich dahin bringen wird. Ich habe Zeit zu warten,
-denn es ist wunderbar, dich so zu lieben. Als du davon sprachst, dich
-niedertrampeln zu lassen, dich unter eine Lokomotive zu werfen, da
-geschah etwas mit mir. Ich wußte nicht, was es war, ich wußte nur, ich
-konnte es nicht mit anhören, ich wußte, ich durfte es nicht geschehen
-lassen. Es war, als gelte es mein Leben. Du sprachst vom Kinde -- es
-schmerzte mich so wahnsinnig, daß du so gelitten hattest, und ich
-konnte dir nicht helfen, ja, ich wußte es noch nicht, aber der Wunsch
-war auch schon in mir wach, daß du mir gut sein mögest.
-
-Ich verstand alles, Jenny, die grenzenlose Liebe und den furchtbaren
-Verlust, so lieb habe ich dich. Als wir drüben in der Trattoria saßen,
-als wir dann hier hinübergingen, da war mir plötzlich alles klar und
-wie grenzenlos lieb und teuer du mir bist. -- Jetzt ist mir, als sei
-es immer so gewesen. Alle Erinnerungen an dich gehören mit zu meiner
-Liebe. Jetzt verstehe ich auch, warum ich so niedergedrückt war, seit
-du hierher kamst. Ich sah, wie schwer dich dein Geschick drückte, wie
-still und trostlos du in der ersten Zeit warst, und wie du später diese
-wilden Anfälle bekamst. Ich besinne mich auf den Tag in Warnemünde auf
-der Landstraße, als du dastandst und weintest -- auch das gehört mit
-dazu, weswegen ich dich liebe. Die anderen Männer, die du gekannt hast,
-Jenny, auch der Vater des Knaben -- o ich weiß, wie es gewesen ist.
-Du hattest mit ihnen geredet und geredet -- über all deine Gedanken,
-und es war schließlich nur ein Gerede von Gedanken. Selbst, wenn du
-versuchtest, ihnen klar zu machen, wie du fühltest, sie konnten ja
-nicht verstehen, wie du warst. Aber ich weiß es. Was du an jenem Tag in
-Warnemünde sagtest, und auch heute, das -- du weißt, daß du darüber nur
-mit mir sprechen kannst; das sind alles Dinge, die ich allein verstehen
-kann. Ist es nicht so?“
-
-Sie senkte überrascht, zustimmend den Kopf.
-
-„Ich weiß, daß ich der einzige bin, der dich von Grund auf versteht,
-und ich weiß genau, wie du bist. Ach. So lieb wie ich dich habe! Wärst
-du voller Flecken und blutiger Wunden in deinem Gemüt, ich möchte
-nur dich haben und all das fortküssen, bis du wieder rein und gesund
-wärest. Ich will dir ja mit meiner Liebe nur dazu verhelfen, Jenny, so
-zu werden, wie du’s erstrebst und erreichen mußt, um dich glücklich
-zu fühlen. Auf welche schlimmen Gedanken du auch kämst -- ich würde
-glauben, du seiest krank, etwas Fremdes habe sich in dein Wesen
-geschlichen. Wenn du mich auch betrögst, wenn ich dich betrunken im
-Rinnstein fände -- du bist dennoch meine eigene geliebte Jenny. Hörst
-du? Kannst du nicht mein werden -- nur mir gehören, dich in meine Arme
-legen und dich zu meinem Eigen machen lassen? Du wirst wieder gesund
-und glücklich werden. -- Ich weiß noch nicht recht, wie ich es anfangen
-werde, aber ich weiß, meine Liebe wird einen Weg finden. Du wirst jeden
-Morgen ein wenig froher erwachen, und jeder Tag wird etwas lichter und
-wärmer sein als der vorhergegangene und deine Trauer etwas weniger
-schwer. Können wir nicht nach Viterbo fahren, irgend wohin? -- Ach, laß
-mich dich mein nennen -- ich will dich hegen wie ein krankes Kind. Und
-wenn du wieder geheilt bist, dann hast du mich liebgewonnen und weißt,
-wir Beide können gar nicht ohne einander leben. -- Hörst du mich, Jenny
--- du bist krank, du kannst nicht allein auskommen. Schließ nur die
-Augen und gib mir deine Hände, so nehme ich dich und liebe dich gesund
--- ach, ich weiß, daß ich es kann.“
-
-Jenny wandte ihm ihr weißes Antlitz zu. Sie hatte sich an eine Säule
-gelehnt und lächelte weh in den Mondenschein hinaus:
-
-„Wie sollte ich diese große Bosheit und Sünde gegen Gott begehen
-können.“
-
-„Meinst du, weil du mich nicht liebst? Ich sage dir ja, es macht
-nichts. Ich weiß, daß meine Liebe so mächtig ist, daß sie dich eines
-Tages geweckt haben wird, wenn du nur eine Zeitlang von der meinen
-umsponnen warst.“
-
-Er umfing sie, küßte ihr ganzes Gesicht, badete es in Küssen. Sie war
-willenlos. Aber nach einer Weile flüsterte sie trotzdem:
-
-„Tu es nicht, Gunnar -- sei lieb.“
-
-Er ließ sie zögernd fahren:
-
-„Warum darf ich es nicht tun?“
-
-„Weil du es bist. Wäre es ein anderer gewesen, der mir gleichgültig
-gewesen wäre -- dann weiß ich nicht, ob ich hätte Widerstand leisten
-mögen.“
-
-Gunnar nahm sie bei der Hand, während sie im Licht des Mondes auf und
-ab gingen.
-
-„Ich verstehe dich. Als du deinen kleinen Buben bekommen hattest,
-sahest du in deinem Leben wieder einen Sinn -- nach all dem Sinnlosen.
-Denn du liebtest ihn, und er brauchte dich. Als er dann starb,
-wurdest du gleichgültig gegen dich selber, denn du fandest, du seiest
-überflüssig.“
-
-Jenny nickte:
-
-„Ich kenne einige Menschen, die ich gern habe, um deretwillen es mich
-schmerzen würde, wüßte ich, daß sie traurig sind, und um deretwillen
-ich froh wäre, wenn es ihnen gut ginge. Aber +ich+ vermag ihnen weder
-größere Trauer noch Freude zu bringen. So ist es immer gewesen. Und
-gerade das hat mich früher insgeheim so unglücklich und sehnsüchtig
-gemacht, daß ich umherlief und mein Dasein keines Menschen Glück
-bedeutete. Das aber wollte ich sein, Gunnar, eines anderen Menschen
-Glück. Ich habe nie an ein anderes Glück geglaubt. Du sprachst von der
-Arbeit, aber ich war nie davon überzeugt, daß sie uns erschöpft -- es
-wäre mir auch so egoistisch vorgekommen. Die tiefste Freude, die man
-dabei empfindet, ist ja die eigene -- und die kann man mit niemanden
-teilen. Aber es gibt keine Freude, die zugleich Glück bedeutet, wenn
-man sie nicht mit anderen teilen kann. Außer dem, was uns einzelne
-Augenblicke in unserer Jugend als Glück empfinden lassen. Das habe ich
-auch gefühlt, wenn ich meinte, ich hätte etwas erreicht in meinem
-Streben, besser zu werden. Aber es ist ja töricht, irgendwelche
-Reichtümer zu sammeln, wenn man sie nicht anwenden will. Bei einer Frau
-jedenfalls. Ich finde, das Leben einer Frau hat keinen Sinn, wenn sie
-nicht irgend jemandem zur Freude dient. Mir war es nie beschieden, ich
-habe nur einigen Menschen Leid gebracht, die kleine, armselige Freude,
-die ich gab, konnte wohl irgend eine andere auch geben, denn sie
-liebten mich ja nur, weil sie etwas anderes in mir sahen, als das, was
-ich wirklich war. -- Nachdem Bübchen dann gestorben war, gelangte ich
-zu der Ansicht, es sei gut, daß niemand mir so nahestand, daß ich ihm
-ernstlich Leid zufügen konnte. Es gab niemanden, dem ich unersetzlich
-war. -- Und nun sagst du mir dies. Dich hätte ich vielleicht am
-allerwenigsten in mein verwirrtes Leben hineingezogen. Eigentlich
-habe ich dich immer am liebsten gehabt von allen, die ich kannte. Mir
-tat es wohl, daß wir Freunde waren auf diese Art. Daß Liebe und all
-dergleichen Gefährliches und Unruhiges sich nicht zwischen uns drängen
-konnte! Ich hielt dich für zu gut dafür. Ach Herrgott, wie innig
-wünschte ich, es hätte sich nichts geändert.“
-
-„Ich habe heute nicht mehr die Empfindung, als sei es jemals anders
-gewesen,“ sagte er leise. „Ich liebe dich. Und ich glaube, du brauchst
-mich. Ich bin so fest überzeugt, daß ich dich wieder zum Glücke
-zurückführen kann. Und wenn mir nur das gelingt, so hast du mich
-glücklich gemacht.“
-
-Jenny schüttelte den Kopf:
-
-„Wäre nur das Geringste zurückgeblieben von meinem Glauben an mich
-selbst! Betrachtete ich mich nicht als so unwiederbringlich abgetan
--- dann vielleicht. Aber Gunnar, wenn du davon sprichst, daß du mich
-liebst, so weiß ich, daß das, was du an mir liebst, tot und vernichtet
-ist. Dann aber ist es ja wieder die alte Sache, du bist verliebt in
-etwas, was du dir an mir nur einbildest, vielleicht etwas, was ich
-gewesen bin oder hätte sein können. Aber dennoch -- eines Tages
-wirst du mich sehen, wie ich jetzt bin und dann wirst auch du nur
-unglücklich.“
-
-„Wie es auch endet -- niemals werde ich es als ein Unglück betrachten,
-daß ich dich liebe. Ich weiß viel besser als du selbst, in dem
-Zustande, in dem du jetzt bist, bedarf es nur eines Stoßes, und du
-stürzest -- in etwas ganz Wahnwitziges hinaus. Aber ich fühle mich
-dir nah. Denn ich kann den ganzen Weg übersehen, der dich bis hierher
-gebracht hat, und wenn du stürztest, so würde ich dir folgen und
-versuchen, dich auf meinem Arm zurückzutragen und dich dennoch zu
-lieben.“
-
- * * * * *
-
-Als sie nachts oben im Gang vor ihren Zimmern standen, ergriff er ihre
-Hände:
-
-„Jenny, soll ich nicht heute Nacht lieber bei dir bleiben, anstatt dich
-allein zu lassen? Glaubst du nicht, dir würde wohl sein, wenn du in den
-Armen eines Menschen einschliefest, dem du alles bist -- und wenn du
-morgen so erwachtest?“
-
-Sie blickte auf und lächelte bedeutsam in den goldenen Schein der
-Wachskerze:
-
-„Vielleicht heut Nacht. Aber ich glaube nicht morgen.“
-
-„Ach Jenny.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Es ist vielleicht gut, daß
-ich heute Nacht zu dir komme. Ich finde, ich habe das Recht -- ich täte
-damit nichts Schlechtes. Ich weiß, es wäre das Beste für dich, wenn --
-du mein würdest. Wirst du böse -- wirst du traurig, wenn ich komme?“
-
-„Ich glaube, ich würde traurig werden -- hinterher. Deinetwegen. -- Ach
-nein, tu es nicht, Gunnar. Ich will nicht dein werden, wenn ich weiß,
-daß es für mich ebenso gut ein anderer sein könnte --“
-
-Er lachte kurz, mutwillig und schmerzlich zugleich:
-
-„Wärest du erst mein, dann würdest du dich keinem anderen geben, so gut
-kenne ich dich, Jenny. Aber wenn du bittest -- ich kann warten. -- Aber
-riegele deine Tür zu,“ sagte er mit demselben Lachen.
-
-
-
-
-XI.
-
-
-Den ganzen Tag hindurch war das Wetter trübe gewesen, mit kalten,
-fahlgrauen Wolken hoch oben am Himmel. Jetzt gegen Abend zeigten sich
-einige dünne, messinggelbe Streifen über dem westlichen Horizont.
-
-Jenny war am Nachmittag auf den Monte Celio gegangen, um zu zeichnen.
-Es war nichts daraus geworden -- sie hatte nur auf der großen
-Freitreppe vor San Gregorio gesessen und gedankenverloren in den Hain
-geblickt, dessen große Bäume unter dem fahlen Himmel lenzhaft zu
-knospen begannen und in dem die Tausendschön hell unter dem grünen
-Grase leuchteten.
-
-Sie ging jetzt durch die Allee, die unter dem Südhang des Palatins
-dahinläuft, wieder zurück. Ueber die Palmen des Klosters auf dem
-Gipfel ragte die Masse der Ruinen grau und verwittert gen Himmel. Den
-Abhang hinab zogen sich die ewiggrünen Büsche, jetzt fast schwarz mit
-Kalkstaub gepudert.
-
-Vor dem Konstantinsbogen, auf dem Platz zwischen den Ruinen des
-Colosseum, des Palatin und des Forums schlichen einige verfrorene
-Ansichtskartenverkäufer umher. Nur wenig Touristen waren heute draußen.
-Einige spindeldürre Damen feilschten in unmöglichem Italienisch mit
-einem wandernden Mosaikkrämer.
-
-Ein kleiner Bursche, vielleicht drei Jahre alt, klammerte sich an
-Jennys Mantel fest und hielt ihr einen Büschel Stiefmütterchen
-entgegen. Er hatte seltsam schwarze Augen, war langhaarig und in
-Nationaltracht herausgeputzt, mit spitzem Filzhut, Sammetjacke und
-Sandalen über den weißwollenen Socken. Als er um einen Soldo bat, hörte
-sie, daß er noch nicht richtig sprechen konnte.
-
-Jenny reichte ihm die Münze, als plötzlich seine Mutter an ihre Seite
-fegte und das Geldstück dankend in Verwahrung nahm. Auch sie hatte den
-Versuch gemacht, ihrer Tracht einen leichten nationalen Anstrich zu
-geben, hatte ein rotes Sammetkorsett über ihre schmutzige, karierte
-Bluse geschnürt und ein Tuch im Viereck über das Haar gebreitet. Im
-Arme trug sie ein kleines Kind.
-
-Es sei drei Wochen alt, erfuhr Jenny, als sie fragte. Das arme Wesen
-war krank.
-
-Das Kind war nicht viel größer als Jennys Knabe nach der Geburt. Seine
-Haut war rot und wund und schälte sich, es atmete pfeifend, als seien
-die Luftröhren voller Schleim, und die Augen blickten glanzlos unter
-den entzündeten halbgeschlossenen Lidern hervor.
-
-Ja, sie ginge jeden Tag mit ihm zur Poliklinik, sagte die Mutter. Aber
-sie meinten, es würde sterben. Es wäre auch für das arme Ding das
-Beste. Die Frau sah müde und mißmutig aus, obendrein war sie häßlich
-und zahnlos.
-
-Jenny fühlte ein Weinen in der Kehle aufsteigen. Armes, kleines Wesen.
-Ja, für das Kind wäre es das Beste, wenn es stürbe. Armer kleiner
-Krüppel. Sie strich liebkosend über das häßliche Gesichtchen.
-
-Sie hatte der Frau noch etwas Geld gegeben und wollte eben gehen. In
-diesem Augenblick ging ein Herr vorüber. Er grüßte, zögerte einen
-Augenblick, ging dann aber weiter, da Jenny den Gruß nicht erwiderte.
-Es war Helge Gram.
-
-Sie hatte es gar nicht begriffen, daß sie hätte grüßen müssen. Sie
-hockte sich vor den kleinen Burschen mit den Blumen und ergriff seine
-Hände, zog das Kind näher zu sich heran und plauderte mit ihm, indem
-sie versuchte, das wahnsinnige Beben niederzuzwingen, das durch ihren
-Körper raste.
-
-Einmal wandte sie den Kopf und blickte in die Richtung, in der er
-weitergegangen war. Drüben auf der Treppe, die zum Platz am Colosseum
-führte und zur Straße hinauf, stand er und sah herüber.
-
-Sie fuhr fort, in hockender Stellung mit der Frau und dem Kinde zu
-sprechen. Als sie wieder aufsah, war er gegangen -- aber sie wartete,
-noch lange, nachdem sein grauer Hut und Mantel verschwunden war.
-
-Dann rannte sie förmlich nach Hause zu, durch Hintergäßchen und
-Schlupfwinkel, vorsichtig um jede Ecke biegend, voller Angst, daß er
-ihr hier begegnen könnte.
-
-Weit drüben jenseits des Pincio hielt sie inne. Sie aß dort in einer
-Trattoria zu Abend, in der sie vorher nie gewesen war.
-
-Als sie ein wenig verweilt und einige Schluck Wein getrunken hatte,
-wurde sie ruhiger.
-
-+Wenn+ sie nun Helge begegnete und er sie anredete, so war es natürlich
-peinlich. Selbstverständlich würde sie es am liebsten vermeiden. Aber
-wenn es sich nun so traf, brauchte sie deshalb eine so sinnlose Furcht
-zu hegen? Sie waren ja beide fertig miteinander; für das, was geschehen
-war, nachdem sie auseinander gegangen waren, hatte er sie nicht zur
-Rechenschaft zu ziehen. Wenn er es tat, so kam ihm kein Recht dafür zu.
-Was er auch wußte, was er auch sagen mochte, sie wußte ja selbst, was
-sie getan. Sich selber hatte sie Rechenschaft ablegen müssen -- was war
-alles andere dagegen!
-
-Brauchte sie sich vor irgendeinem Menschen zu fürchten? Niemand konnte
-ihr schlimmeres Leid zufügen, als sie selbst sich angetan.
-
-Aber es war wieder ein böser Tag gewesen, daran lag es. Einer von den
-Tagen, an denen sie nicht nüchtern war. Jetzt war es besser geworden.
-
-Sie war jedoch kaum wieder auf der Straße, als die tolle, verzweifelte
-Angst sie wieder überfiel. Diese Angst peitschte sie, so daß sie
-vorwärtsstürmte, ohne es zu wissen. Sie faltete ihre Hände und sprach
-halblaut mit sich selbst.
-
-Einmal riß sie die Handschuhe von den Händen, denn ihr war glühend
-heiß geworden. Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie einen nassen Fleck auf
-dem einen bemerkt hatte, nachdem sie das kranke Kind gestreichelt.
-Angewidert schleuderte sie die Handschuhe von sich.
-
-Als sie zu Hause ankam, stand sie im Gange still. Sie klopfte an
-Gunnars Tür. Er war aber nicht daheim. Dann blickte sie auf das Dach
-hinaus, aber auch dort war niemand.
-
-Sie ging in ihr Zimmer und zündete die Lampe an. Die Arme auf der Brust
-verschränkt, saß sie und starrte in die Flamme, erhob sich, wanderte
-ruhelos im Zimmer auf und ab und setzte sich schließlich nieder.
-
-Angespannt horchte sie auf jeden Laut im Treppenflur. Ach, wenn doch
-Gunnar käme und nur der andere nicht! -- Aber er wußte ja nicht, wo
-sie wohnte. Er konnte aber jemanden getroffen und gefragt haben. Ach
-Gunnar, Gunnar, komm!
-
-Dann wollte sie gleich zu ihm gehen, sich in seine Arme werfen und ihn
-bitten, sie hinzunehmen.
-
-Von dem Augenblick, als sie Helge Grams goldbraunen Augen begegnet
-war, hatte die ganze Vergangenheit, die unter dieser Augen Blick ihren
-Anfang genommen, sich gegen sie aufgelehnt. Alles überfiel sie aufs
-neue, der Ekel, der Zweifel an der eigenen Fähigkeit, zu fühlen, zu
-wollen und zu wählen, der Zweifel, ob sie das wirklich nicht wolle,
-was sie abzulehnen sich einbildete. -- Und sie sah sich wieder, wie
-sie sich damals gesehen, verlogen, verträumt, schlaff, während sie vor
-sich selber tat, als fordere sie ein reines, starkes und ganzes Gefühl
-von sich, während sie sagte, sie wolle ehrlich, arbeitsam, mutig,
-opferwillig, diszipliniert sein. Dabei ließ sie Stimmungen und Triebe
-mit sich Fangball spielen, gegen die zu kämpfen sie sich nicht die
-Mühe machte, obgleich sie wußte, sie müßte es tun. Sie spiegelte Liebe
-vor, um sich einen Platz unter Menschen zu erschleichen, den sie nie
-gewonnen hätte, solange sie ehrlich gewesen --.
-
-Sie hatte sich umwandeln wollen, um sich zu den Menschen rechnen zu
-können, unter denen sie, wie sie immer gewußt hatte, eine Fremde war,
-weil aus anderem Holz geschnitzt. Aber sie war nicht imstande gewesen,
-allein zu bleiben, eingesperrt in ihrer eigenem Natur. Sie hatte Gewalt
-an ihrer Natur verübt. Widerwärtig, unnatürlich war ihr Verhältnis zu
-den Menschen geworden, die ihr im tiefsten Innern wesensfremd waren.
-Der Sohn und der Vater --. Und was nachfolgte -- ihr eigenes inneres
-Wesen war dadurch entstellt, jeder feste Halt, den sie in sich selbst
-besessen hatte, ließ sie im Stich, zerbröckelte zu einem Nichts. Sie
-löste sich innerlich auf.
-
-Kam Helge, traf sie ihn, so würden, fühlte sie, die Verzweiflung
-und ihr Lebensüberdruß sie überwältigen. Sie wußte nicht, was dann
-geschehen würde, nur soviel, daß, mußte sie ihm von Angesicht zu
-Angesicht gegenüberstehen, ihre Kräfte sie verlassen würden --.
-
-Ach, Gunnar! Ob sie ihn liebte oder nicht, daran hatte sie in diesen
-Wochen, als er um sie gebettelt hatte, wie sie war, nicht nachgedacht.
-Er hatte geschworen, ihr hinüberhelfen zu können, alles wieder in ihr
-aufzurichten.
-
-Mitunter hatte sie nur den Wunsch, er nähme sie mit Gewalt. Dann
-brauchte sie sich nicht selbst zu entscheiden. Denn es war, wie er
-sagte; wählte sie, sein zu werden, so sagte ihr der letzte Rest von
-Stolz, daß sie die Verantwortung trüge. Dann +mußte+ sie das werden,
-was sie gewesen, das, wofür er sie hielt, und das, was die Zukunft aus
-ihr machen sollte. Ob sie dazu imstande war oder nicht, sie mußte sich
-wieder hocharbeiten aus alledem, worin sie jetzt herumwühlte -- unter
-einem neuen Leben mußte sie alles begraben, was geschehen war, seit sie
-Helge Gram den Kuß gegeben, mit dem sie ihren eigenen Glauben und ihr
-ganzes Leben bis zu dem Frühlingstage in der Campagna verraten hatte.
-
-Ob sie sich Gunnar zu eigen geben wollte --? Liebte sie ihn denn, der
-ganz so war, wie sie hatte werden wollen? Dessen ganzes Wesen alles in
-ihr wachrief, was sie einstmals entwickeln und pflegen wollte -- jedes
-Talent, das sie zu fördern für wert erachtet hatte --.
-
-Die Liebe, die sie auf wirren Pfaden gesucht, dort, wohin ihr
-krankhaftes Sehnen und ihre heiße Ruhelosigkeit sie getrieben hatten
--- bestand sie denn nur in dem Selbstverständlichen, die Augen zu
-schließen und sich in die Gewalt des Mannes zu begeben, der allein
-ihr Vertrauen besaß, den alle Instinkte das Gewissen und den rechten
-Richter nannten --?
-
-Aber sie hatte es doch nicht über sich bringen können -- die ganzen
-Wochen hindurch hatte sie es nicht gekonnt. Sie wollte nur erst etwas
-weiter aus diesem Schlamm, in dem sie sich befand, heraus, durch eigene
-Kraft. Sie wollte erst fühlen, daß ihr eigener Wille aus fernen Tagen
-wieder die Herrschaft über ihr zerrissenes Gemüt ergriffen hatte. Wenn
-sie dann nur wieder einen Funken Achtung und Vertrauen zu sich selbst
-zurückgewinnen könnte.
-
-Durfte sie weiterleben, so war Gunnar als Mensch alles, was das Leben
-für sie bedeutete. Ach, ein paar Worte, die er auf ein Stück Papier
-gekritzelt hatte, ein Buch, das als Bote zu ihr kam, von irgend
-einem Zug seines Wesens kündend -- gerade das hatte ja das letzte
-aufflackernde Sehnen nach dem Leben in ihr geweckt, damals, als sie
-sich nach des Kindes Tode wie ein zuschanden geschlagenes Tier durchs
-Dasein schleppte --.
-
-Kam er jetzt, so durfte er sie nehmen. Er mußte sie das erste Stück des
-Weges tragen. Später wollte sie versuchen, allein zu schreiten --.
-
-Und ihre Seele, die sich zerfleischte, während sie dort wartend saß,
-gelangte zu diesem Ergebnis:
-
-Kam er, so wollte sie leben. Kam der andere, mußte sie sterben.
-
-Als sie dann Schritte auf der Treppe hörte und es nicht Gunnars
-Schritte waren, als es an ihre Türe pochte, senkte sie das Haupt und
-ging bebend, um Helge Gram zu öffnen. Ihr war es nur, als öffnete sie
-dem Schicksal, das sie selbst über sich heraufbeschworen hatte.
-
-Sie folgte ihm mit den Blicken, während er ins Licht trat und den Hut
-auf einen Stuhl warf. Auch jetzt begrüßte sie ihn nicht.
-
-„Ich wußte, du seiest in der Stadt,“ sagte er. „Ich kam vorgestern an.
-Aus Paris. Ich sah deine Adresse im Verein -- hatte die Absicht, dich
-einmal zu besuchen. Dann traf ich dich heute nachmittag auf der Straße.
-Ich erkannte schon von weitem dein graues Pelzwerk.“ Er sprach schnell
--- fast atemlos. „Willst du mir nicht Guten Abend wünschen, Jenny --
-bist du böse, daß ich zu dir gekommen bin?“
-
-„Guten Abend, Helge,“ sagte sie und nahm die Hand, die er ihr
-entgegenstreckte. „Bitte sehr, willst du nicht Platz nehmen?“
-
-Sie selbst setzte sich aufs Sofa. Sie vernahm ihre eigene Stimme --
-ganz ruhig und alltäglich klang sie. Aber im Gehirn verspürte sie das
-gleiche sonderbare, taumelnde Angstgefühl wie vordem.
-
-„Ich wollte dich gern begrüßen,“ sagte Helge und setzte sich neben sie
-auf einen Stuhl.
-
-„Das ist nett von dir,“ entgegnete Jenny.
-
-Sie schwiegen wieder.
-
-„Du wohnst jetzt in Bergen,“ sagte sie dann. „Ich sah, daß du deinen
-Doktor gemacht hast -- ich gratuliere.“
-
-„Danke.“
-
-Wieder entstand eine Pause.
-
-„Du hast jetzt sehr lange im Auslande gelebt --. Manchmal hatte ich die
-Absicht, dir zu schreiben, aber dazu kam es nie. Heggen wohnt, wie ich
-sah, im selben Haus wie du --.“
-
-„Ja. Ich schrieb an ihn und bat ihn, etwas für mich zu mieten, ein
-Atelier, aber die sind so teuer hier und so schwer zu bekommen. Dies
-Zimmer hat jedoch auch ganz gutes Licht --.“
-
-„Ich sehe, du hast eine ganze Anzahl Bilder stehen --.“
-
-Er erhob sich plötzlich, ging durch das Zimmer, kam aber gleich darauf
-zurück und setzte sich wieder hin. Jenny senkte den Kopf, sie fühlte,
-wie er sie dauernd anstarrte.
-
-Dann sprach er wieder -- sie versuchten, sich mit einander zu
-unterhalten, er fragte nach Franziska Ahlin und anderen gemeinsamen
-Bekannten. Doch das Gespräch starb schnell wieder hin, und er saß stumm
-da und starrte sie an wie vorher.
-
-„Weißt du, daß meine Eltern sich scheiden ließen?“ fragte er plötzlich.
-
-Sie nickte.
-
-„Ja.“ Er lachte kurz. „Sie hielten ja unsertwegen solange miteinander
-aus. Prallten aneinander und rieben sich wie zwei Mühlsteine, bis all
-unser Gut zwischen ihnen zu Pulver vermahlen war. Jetzt war wohl nichts
-mehr übrig, was zerrieben werden konnte, so blieb die Mühle stehen --.
-O ja. Ich besinne mich auf die Zeit, als ich ein Knabe war. Wenn sie
-miteinander sprachen -- sie schlugen sich ja nicht gerade. Aber in
-ihren Stimmen lag etwas --. Mutter schalt übrigens, hatte einen großen
-Mund und weinte schließlich. Vater war nur ruhig und still, aber ein
-Klang war in seiner Stimme, ein Haß, so kalt und hart, daß es wie mit
-Messern schnitt. Ich lag drinnen im Schlafzimmer und wurde von einer
-Art Zwangsvorstellung geplagt, wenn ich es so nennen darf. Welch ein
-Genuß müßte es sein, eine Stricknadel zu nehmen und quer durch den Kopf
-zu stechen, in das eine Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Die
-Stimmen schmerzten rein physisch im Trommelfell, verursachten einen
-Schmerz, der sich gewissermaßen durch den ganzen Kopf fortpflanzte,
-weißt du --. Das war also der Anfang. Nun haben die beiden ihre Pflicht
-als Eltern getan. Jetzt ist es aus --.“
-
-Er nickte ein paar Mal vor sich hin.
-
-„Es ist so häßlich. Diesen Haß meine ich -- alles wird so häßlich, was
-in seine Nähe kommt. Ich besuchte vergangenen Sommer meine Schwester.
-Wir sympathisierten ja nie miteinander -- aber --. Es war abscheulich,
-sie mit dem Manne zusammen zu beobachten. Manchmal küßte er sie,
-nahm die Pfeife aus dem dicken, feuchten Munde und küßte seine Frau.
-Ein Papst auf dem Predigerstuhl, und daheim praßt er --. Sofie wurde
-mitunter ganz weiß, wenn er sie anrührte. Dann du und ich. Ich fand
-es später so selbstverständlich, daß alles zerbrechen mußte, all das
-feine, weiche Lichtgrüne zwischen uns -- erfrieren mußte in dieser
-Luft. Als ich dich damals verlassen hatte, bereute ich es. Ich wollte
-schreiben -- aber weißt du, warum ich es nicht tat? Ja, ich erhielt
-einen Brief von meinem Vater, er erzählte, daß er bei dir gewesen
-sei. Es war eine Mahnung, weißt du, daß ich versuchen sollte, die
-Verbindung mit dir wieder aufzunehmen --. Darum schrieb ich nicht, ich
-hatte eine abergläubische Furcht davor, einem Rat aus jener Richtung
-zu folgen --. Dann habe ich mich die ganze Zeit über nach dir gesehnt
-und von dir geträumt, Jenny. Alle Erinnerungen wieder und wieder
-hervorgeholt. Weißt du, welchen Ort ich hier in Rom zuerst aufsuchte --
-gestern? Ich war draußen auf der Montagnola. Ich fand unsere Namen in
-den Kaktusblättern wieder --.“
-
-Jenny saß bleich mit geballten Händen da.
-
-„Du siehst genau so aus wie früher. Und hast doch drei Jahre verlebt,
-von denen ich nichts weiß,“ sagte Helge leise. „Jetzt, wo ich wieder
-mit dir zusammen bin, kann ich es nicht fassen. Es ist, als sei es
-alles nicht wahr, was zwischen uns liegt, seit wir uns hier in Rom
-trennten --. Und jetzt gehörst du vielleicht einem anderen --.“
-
-Jenny erwiderte nichts.
-
-„Bist du -- verlobt?“ fragte er leise.
-
-„Nein.“
-
-„Jenny!“ Helge senkte den Kopf, so daß sie sein Antlitz nicht sehen
-konnte. „Weißt du -- alle diese Jahre hindurch habe ich gehofft,
-geträumt, dich zurückzugewinnen. Ich habe mir ausgemalt, daß wir beide
-uns wiedersehen -- und einander verstehen würden; du sagtest ja, ich
-sei der Erste gewesen, den du geliebt hast. Jenny -- ist es unmöglich?“
-
-„Ja,“ sagte sie.
-
-„Heggen?“
-
-Erst antwortete sie nicht.
-
-„Ich bin immer eifersüchtig auf Heggen gewesen,“ sagte Helge leise.
-„Ich fürchtete, er war der Rechte --. Als ich sah, daß ihr zusammen
-wohnt -- --. Nun habt ihr -- euch also -- lieb?“
-
-Jenny schwieg noch immer.
-
-„Liebst du ihn?“ fragte Helge wieder.
-
-„Ja. Aber ich will ihn nicht heiraten.“
-
-„Ah, auf diese Art,“ sagte er hart.
-
-„Nein.“ Sie lächelte flüchtig. Müde und erregt senkte sie das Haupt.
-„Ich bin nicht mehr zu irgend einem Verhältnis einem Menschen gegenüber
-fähig -- jetzt nicht mehr. Ich bin zu nichts fähig. Ich wünschte, du
-gingest, Helge.“
-
-Aber er blieb sitzen.
-
-„Ich kann nicht fassen, daß alles wieder aus sein soll. Ich habe es nie
-geglaubt, und jetzt, wo ich dich wiedersehe --. Ich habe nachgedacht,
-immer und immer wieder, es war meine eigene Schuld. Ich bin so verzagt,
-wußte nie, was das Richtige war. Es hätte anders sein können. Ich
-dachte an den letzten Abend, als ich in Rom mit Dir zusammen war. Ich
-meinte immer, dieser Augenblick müßte wiederkehren. Ich ging damals,
-weil ich glaubte, es sei das Beste. Ich kann dich doch wohl nicht
-deswegen verloren haben --.“
-
-„Damals“ -- er blickte nieder -- „hatte ich noch nie ein Weib berührt.
-Ich war scheu geworden durch die Zustände daheim. -- Träume und
-Phantasien -- mitunter schufen sie eine Hölle, aber immer war die
-Furcht am stärksten --. Ach. Jetzt bin ich neunundzwanzig Jahre alt.
-Ich habe nichts Schönes und Glückliches erlebt -- außer dem kurzen Lenz
-mit dir. Begreifst du denn nicht, daß ich den Gedanken an dich nie
-aufgeben konnte? Begreifst du nicht, wie ich dich liebe -- das einzige
-Glück, das ich gekannt habe? Ich kann nicht ohne dich sein -- jetzt
-kann ich nicht mehr --.“
-
-Sie hatte sich erhoben, bebend, und auch er war aufgestanden. Sie wich
-unwillkürlich einige Schritte zurück.
-
-„Helge -- ein anderer ist dagewesen.“
-
-Er stand still und blickte sie an.
-
-„So -- ein anderer ist also dagewesen. Ich hätte es sein können --
-und dann wurde es ein anderer. Aber, ich will dich haben, was kümmert
-es mich. Jetzt will ich dich besitzen, denn einst hast du es mir
-zugesagt --.“
-
-Als sie erschrocken an ihm vorbeizuschlüpfen suchte, riß er sie mit
-Gewalt an sich.
-
-Es dauerte einige Augenblicke, ehe es ihr recht bewußt wurde, daß er
-ihren Mund küßte. Sie glaubte, Widerstand zu leisten, aber sie lag
-wehrlos in seinen Armen.
-
-Sie wollte sagen, daß er nicht dürfe. Sie wollte ihm sagen, wer der
-andere gewesen. Aber sie konnte nicht, denn sie hätte dann gesagt, daß
-sie ein Kind gehabt hatte. Und in dem Augenblick, als sie an den Knaben
-dachte, fühlte sie, daß sie ihn nicht zu nennen vermochte -- inmitten
-dieses Kampfes. Ihr Kind mußte sie von dem Untergang fernhalten, der,
-wie sie wußte, jetzt kam --. Und dieser Gedanke erschien ihr wie eine
-zarte Liebkosung des toten Kleinen, die sie wärmte und ihr wohltat,
-sodaß ihr Körper einen Augenblick in seinen Armen weich und nachgiebig
-wurde.
-
-„Du bist mein -- mein bist du, Jenny -- ja, ja, ja,“ flüsterte Helge
-über ihr.
-
-Sie sah einen Augenblick in sein Gesicht. Dann riß sie sich von ihm los
-und rannte zur Tür. Gleichzeitig rief sie laut nach Gunnar.
-
-Er sprang ihr nach und riß sie zurück:
-
-„Er bekommt dich nicht -- du bist mein, du --.“
-
-Dann kämpften sie wortlos an der Tür. Jenny war es, als käme alles nur
-darauf an, ob sie öffnen und in Gunnars Zimmer gelangen könnte. Wie sie
-aber dann Helges Körper an dem ihren spürte, heißer, stärker als ihr
-eigener, wie er sie festhielt mit Armen und Knien, da war es ihr, als
-sollte es so sein, als sollte sie sich ergeben. Und sie warf sich ihm
-freiwillig in die Arme.
-
- * * * * *
-
-Im Dämmerlicht, während er sich ankleidete, trat er alle Augenblicke an
-ihr Bett und küßte sie:
-
-„Herrliche du! Wie schön du bist Jenny! Jetzt bist du mein. Alles wird
-wieder gut, nicht wahr? O, wie ich dich liebe! -- Du bist müde? Du
-sollst schlafen ich gehe jetzt. Morgen Vormittag komme ich wieder zu
-dir. Schlaf gut, süße, geliebte Jenny. Bist du so müde?“
-
-„Ja, sehr müde, Helge.“ Sie lag mit halbgeschlossenen Augen da
-und blickte in das fahle Morgenlicht, das Helge durch die Laden
-hereingelassen hatte.
-
-Dann küßte er sie. Er hatte den Mantel angezogen und hielt den Hut in
-der Hand. Noch einmal ließ er sich auf den Knien vor dem Bette nieder
-und schob den Arm unter ihre Schultern:
-
-„Ich danke dir für diese Nacht, Jenny --. Besinnst du dich darauf, daß
-ich dasselbe an jenem ersten Morgen in Rom sagte, draußen auf Aventin?
-Erinnerst du dich dessen?“
-
-Jenny nickte, in die Kissen vergraben.
-
-„Schlaf wohl. Gib mir noch einen Kuß -- so, Gute Nacht meine herrliche
-Jenny!“ --
-
-In der Tür hielt er inne:
-
-„Gibt es einen Schlüssel zu der Tür? Oder ist es eine von den
-altmodischen mit einer Klinke innen?“
-
-„Ja, es ist die gewöhnliche Art,“ sagte sie, „du öffnest ohne weiteres
-von innen --.“
-
- * * * * *
-
-Sie blieb mit geschlossenen Augen liegen. Aber sie sah ihren eigenen
-Körper, wie er unter der Decke lag, weiß, nackt, schön, ein Ding, das
-sie von sich geschleudert hatte, wie sie den beschmutzten Handschuh
-heut Nachmittag fortgeworfen. Er gehörte ihr nicht mehr.
-
-Plötzlich durchfuhr sie ein Ruck. Sie hörte Heggen die Treppe
-heraufkommen, langsam, hörte ihn die Türe zu seinem Zimmer öffnen. Er
-ging eine Weile dort drinnen auf und ab, dann wieder hinaus, zum Dach
-hinauf. Jetzt hörte sie seine eiligen Schritte über ihrem Kopfe -- auf
-und ab.
-
-Sie war überzeugt, daß er es wußte. Aber es machte keinen Eindruck auf
-ihr müdes Hirn. Sie fühlte keinen Schmerz mehr. Es war ihr, als müsse
-alles ihm ebenso selbstverständlich und unabwendbar vorkommen wie ihr.
-
-Was sie vorhatte, war nicht ihr freier Entschluß. Es mußte geschehen
-wie das andere geschehen war, -- wie eine unabänderliche Folge dessen,
-daß sie gestern Helge die Türe geöffnet hatte.
-
-Jenny streckte einen Fuß unter der Decke hervor und betrachtete ihn wie
-einen fremden Gegenstand, der nicht ihr gehörte. Er war hübsch. Sie
-krümmte ihn, so daß der Spann sich straffte. Hübsch war er, weiß und
-blaugeädert, mit feinem Rot an der Ferse und den Zehen.
-
-Sie war so müde. Diese Müdigkeit tat wohl. Als hätte sie Schmerzen
-gehabt, die jetzt vorüber waren. Während er bei ihr war, hatte nur
-ein Gefühl sie beherrscht, als würde sie in die Finsternis gestoßen
-und sänke und sänke. Es war Wollust, so zu vergehen, seines Willens
-beraubt, sich aus dem Leben treiben lassen, hinab auf den Grund, wo es
-still war. Sie wußte dunkel, daß sie seine Liebkosungen erwidert, sich
-an ihn geschmiegt hatte. Jetzt war sie müde, und was ihr zu tun noch
-übrig blieb, tat sie mechanisch.
-
-Sie stand auf und kleidete sich an. Als sie Strümpfe, Leibchen
-und Unterrock angezogen hatte, steckte sie die Füße in ein Paar
-Goldkäferschuhe, die sie im Hause trug. Sie wusch sich und steckte das
-offene Haar vor dem Spiegel hoch, ohne zu wissen, daß sie ihr eigenes
-Antlitz erblickte.
-
-Dann ging sie zu dem kleinen Tisch, auf dem ihre Malgeräte lagen. Sie
-kramte in dem Kasten mit ihrem Radierwerkzeug. An das spitze dreieckige
-Schabeisen hatte sie in der Nacht denken müssen. Früher hatte sie es
-manchmal halb spielerisch gegen ihre Pulsadern gehalten.
-
-Jenny nahm es auf und prüfte es, befühlte es mit dem Finger. Dann legte
-sie es zurück und ergriff ein Taschenmesser. Sie hatte es einmal in
-Paris gekauft, es hatte Korkzieher, Büchsenöffner und viele Klingen.
-Die eine war kurz, spitz und breit -- diese öffnete sie.
-
-Dann ging sie zurück und setzte sich aufs Bett. Sie legte das
-Kopfkissen über den Rand des Nachttisches, -- stützte die linke Hand
-darauf und schnitt die Pulsader durch.
-
-Das Blut spritzte hoch auf, der Strahl schoß gegen ein kleines
-Aquarell, das sie an der Wand über dem Bett aufgehängt hatte. Als
-sie das sah, rückte sie die Hand zur Seite. Sie legte sich nieder
--- streifte unwillkürlich mit den Füßen die Schuhe ab und legte sie
-ganz aufs Bett. Als sie sah, wie das Blut spritzte, verbarg sie die
-verwundete Hand unter der Decke.
-
-Sie hatte keinen Gedanken und keine Angst, fühlte nur, daß sie sich
-dem Unabwendbaren hingab. -- Der Schmerz selbst, als sie sich schnitt,
-war nicht stark -- scharf und klar, gleichsam auf die eine Stelle
-konzentriert.
-
-Aber nach einer Weile durchrieselte sie ein unbekanntes, sonderbares
-Gefühl -- eine Angst, die wuchs und wuchs. Nicht die Furcht vor etwas
--- das Gefühl selbst bestand nur in einer fürchterlichen Angst in der
-Herzgegend -- als würde sie erwürgt. Sie öffnete die Augen -- aber
-schwarze Fetzen nisten an ihren Blicken vorüber. Sie konnte nicht atmen
--- das Zimmer überfiel sie von allen Seiten --. Sie taumelte aus dem
-Bett, wankte zur Tür, blindlings die Treppe zum Dach hinauf, bis sie
-auf der obersten Stufe zusammenbrach -- --
-
- * * * * *
-
-Helge war Gunnar Heggen begegnet, als er gerade aus dem Tore trat. Sie
-hatten sich beide angeblickt, während sie zum Hute griffen. Dann waren
-sie aneinander vorbeigegangen -- ohne ein Wort.
-
-Aber diese Begegnung hatte Helge nüchtern gemacht. Nach dem Rausch der
-Nacht schlug seine Stimme plötzlich um. Was er erlebt hatte, erschien
-ihm plötzlich unglaubhaft, unbegreiflich und unheimlich.
-
-Dieses Zusammentreffen mit ihr, wovon er die ganzen Jahre hindurch
-geträumt hatte. Sie, von der er geträumt, sie hatte fast nicht
-gesprochen, nur stumm und kalt dagesessen und sich dann plötzlich in
-seine Arme geworfen. Wild und wahnsinnig, doch ohne einen Laut. Jetzt
-plötzlich erinnerte er sich -- sie hatte nichts gesagt, nichts erwidert
-auf alle seine Liebesworte heute Nacht.
-
-Eine fremde, unheimliche Frau war das -- seine Jenny? Er wußte mit
-einem Male, sie war nie sein gewesen.
-
-Helge schritt immer weiter durch die morgenstillen Straßen. Den Corso
-auf und nieder.
-
-Er versuchte, sie sich vorzustellen. Die Erinnerungen von den Träumen
-loszulösen. Sie aus jener Zeit sich vor Augen zu führen, als sie
-verlobt waren. Aber er konnte sie nicht festhalten -- er wußte mit
-einem Male, daß er es nie gekonnt. Immer war etwas dahinter gewesen,
-das er nicht hatte sehen können, er hatte nur gefühlt, es war da.
-
-Nichts wußte er von ihr. Heggen konnte jetzt bei ihr sein -- er wußte
-es nicht. Ein anderer war dagewesen, hatte sie selbst gesagt -- welcher
-andere -- welche anderen -- welches andere, das er nicht kannte und
-doch immer gefühlt hatte?
-
-Nach diesem Ereignis aber konnte er sie auch nicht aufgeben, er wußte
-es. Jetzt weniger als je zuvor. Und dabei kannte er sie nicht. Wer war
-sie, die ihn in ihrer Gewalt hatte --? Wem hatte er angehört mit jedem
-einzigen Gedanken, drei Jahre lang --?
-
-Furcht war es, Raserei, die ihn trieb, während er zu ihrer Tür
-zurückjagte. Sie stand offen. Er lief die Treppen hinauf, sie sollte
-ihm Rede stehen -- sie kam nicht frei, bis sie ihm alles gesagt --.
-
- * * * * *
-
-Ihre Türe stand offen. Helge blickte hinein -- auf das leere Bett, die
-blutigen Laken und das Blut auf dem Fußboden. Er wandte sich um und sah
-sie zusammengekrümmt auf der obersten Stufe liegen, sah das Blut auf
-der weißen Marmortreppe.
-
-Er schrie auf und sprang hinzu -- riß sie hoch, hielt sie in seinen
-Armen. Er spürte ihre erschlafften Brüste an seiner Hand und einen
-kleinen lauen Rest von Lebenswärme, am Rande des Leibchens verborgen.
-Doch Arme und Hände fielen kalt herab. Und er begriff, schaudernd,
-greifbar, daß dieser Körper, den er vor wenigen Stunden in seinen Armen
-gehalten hatte, heiß und bebend vor Leben, jetzt ein Leichnam war, der
-bald zerfallen sein würde --.
-
-Er sank nieder mit ihr und schrie wild auf --.
-
-Heggen riß die Tür zur Terrasse auf. Sein Antlitz war weiß und
-vergrämt. Da sah er Jenny --.
-
-Er ergriff Helge und schleuderte ihn zur Seite -- ließ sich vor ihr auf
-die Knie nieder.
-
-„Sie lag hier -- als ich zurückkam, lag sie hier --.“
-
-„Laufen Sie nach einem Arzt! -- Schnell --!“ Gunnar hatte ihr Hemd
-aufgerissen -- inwendig gefühlt -- um ihren Kopf gefaßt -- die Arme
-hochgehoben, da erblickte er die Wunde. Jetzt riß er das hellblaue
-Seidenband von ihrem Leibchen und band es fest über ihrem Handgelenk
-zusammen.
-
-„Ja, ja, wo wohnt --“
-
-Rasend schrie Gunnar auf. Dann sagte er halblaut:
-
-„Ich werde gehen. Tragen Sie sie hinein --,“ aber er schlang selbst die
-Arme um sie und ging auf ihre Türe zu. Als er das blutige Bett sah,
-verzog er plötzlich das Gesicht. Dann wandte er sich um und stieß die
-Tür zu seinem Zimmer auf. Er legte sie auf sein eigenes unberührtes
-Bett nieder. Dann sprang er auf.
-
-Helge war neben ihm geblieben, den Mund wie in einem erstarrten Schrei
-halb geöffnet. Aber in Gunnars Tür hielt er inne. Als er allein mit ihr
-war, schlich er herbei und berührte mit den Fingerspitzen ihre Hand.
-Dann brach er auf dem Fußboden zusammen, den Kopf an die Bettkante
-gelehnt und weinte jämmerlich, sich zusammenkrampfend vor Grauen.
-
-
-
-
-XII.
-
-
-Gunnar schritt über den schmalen, grasbewachsenen Weg zwischen hohen,
-weißgekalkten Gartenmauern dahin. Auf der einen Seite lag die Kaserne,
-eine Terrasse mußte dort drinnen sein -- hoch über seinem Kopf standen
-einige Soldaten, lachend und leise plaudernd. An der Ecke wippte ein
-Büschel gelber Blumen, die in einem Mauerspalt wucherten. Doch auf der
-anderen Seite des Weges ragten die gewaltigen alten Pinien an der
-Cestiuspyramide und der dichte Zypressenwald auf dem neuen Teil des
-Kirchhofs zum blauen, silberbewölkten Himmel empor.
-
-Vor dem Gittertor saß ein halberwachsenes Mädchen im Gras und häkelte.
-Sie öffnete ihm und knickste dankend, als er ihr eine Münze reichte.
-
-Die Luft war lenzhaft feucht, klar und weich. Hier drinnen auf dem
-Friedhof in dem dichten, grünen Schatten wurde sie treibhausartig warm
-und naß. Die Narzissen in den Rabatten am Wege dufteten heiß und schwül.
-
-Die alten Zypressen umstanden dicht wie ein Hain die Gräber, die sich,
-dunkelfarbig von dem kriechenden Laube des Immergrüns und der Veilchen
-in Terrassen bis zur epheubewachsenen alten Stadtmauer hinzogen.
-Die Gedenktafeln der Toten leuchteten -- kleine Marmortempel, weiße
-Engelstatuen und schwere große Sarkophage. Moos breitete sich darüber
-aus und schimmerte an den Stämmen der Zypressen. Hier und da war eine
-weiße und rote Blüte in den dunkelleuchtenden Kronen der Kamelienbäume
-zurückgeblieben, doch der größte Teil lag braun und welk auf dem
-schwarzen, feuchten Humus, dessen herber, klammer Duft zu ihm aufstieg.
-Ihm fiel etwas ein, was er einmal gelesen hatte -- die Japaner liebten
-die Kamelien nicht, denn ihre Blüten fielen voll und frisch ab wie
-abgehauene Köpfe. --
-
-Jenny Winge war am weitesten drüben auf dem Friedhof begraben worden,
-in der Nähe der Kapelle. Am äußersten Rande eines lichtgrünen, von
-Tausendschön übersäten Grashügels, wo erst wenige Gräber lagen. Am
-Rasenplatz entlang waren Zypressen gepflanzt worden. Sie waren aber
-noch winzig klein, glichen Spielzeug mit den spitzen, schwarzgrünen
-Kronen über den ranken, gezwirbelten braunen Stämmen, die an Säulen im
-Kreuzgang eines Klosters gemahnten.
-
-Ihr Grab lag ein wenig für sich auf dem Anger. Das Gras war ringsherum
-abgestochen worden, so daß der Hügel von einem Erdstreifen umgeben war.
-Er war hellgrau, die Sonne schien darauf und die Zypressen erhoben
-sich dahinter wie eine Mauer.
-
-Gunnar preßte die Hände gegen sein Gesicht und ließ sich auf die Knie
-nieder, bis sein Kopf ganz auf den welken Blumenkränzen lag.
-
-Er fühlte die Müdigkeit des Lenzes in allen Gliedern, und das Blut rann
-krank vor Trauer und Leid bei jedem schweren Schlage seines Herzens.
-Jenny -- Jenny -- Jenny -- ihren lichten Namen hörte er in jedem
-Vogelpfiff des Frühlings -- und sie war tot --.
-
-Sie lag dort drunten in der Finsternis. Eine Locke ihres blonden Haares
-hatte er abgeschnitten und trug sie in seinem Taschenbuch bei sich. Er
-nahm sie wohl hervor und ließ sie in der Sonne funkeln -- die kleinen
-armseligen Fünkchen waren alles, was die Sonne jetzt zünden konnte von
-all ihrem schweren, schimmernden Haar.
-
-Sie war tot und fort. Einige Bilder hatte sie hinterlassen, und ein
-Abschnitt über sie stand in den Zeitungen. Eine Mutter und einige
-Schwestern blieben zurück, die über +ihre+ Jenny trauerten -- die wahre
-hatten sie nie gekannt, sie wußten nichts über ihr Leben und ihren Tod.
-Da waren die anderen -- die starrten verzweifelt nach der Jenny, die
-sie gekannt --. Sie wußten einiges, verstanden aber nichts.
-
-Es war nur seine Jenny, sie, die hier lag.
-
- * * * * *
-
-Helge Gram war zu ihm gekommen. Er hatte gefragt und hatte erzählt, er
-hatte gejammert und gebettelt:
-
-„Ich verstehe ja nichts. Weißt du es -- oh, erkläre es mir, Heggen.
-+Du+ weißt es. Kannst du mir nicht sagen, was du weißt!“
-
-Er hatte nicht geantwortet.
-
-„Da war ein anderer. Sie selbst sagte es. Wer war es? Warst du es?“
-
-„Nein.“
-
-„Weißt du, wer es war?“
-
-„Ja, aber ich will es nicht sagen. Es nützt nichts, daß du fragst,
-Gram.“
-
-„Ja, aber ich werde verrückt, hörst du, Heggen -- ich werde wahnsinnig,
-wenn du mir nicht erklären kannst --.“
-
-„Du hast kein Recht, Jennys Geheimnisse zu wissen.“
-
-„Aber weshalb tat sie es denn? Meinetwegen -- seinetwegen --
-deinetwegen?“
-
-„Nein. Sie tat es allein ihretwegen.“
-
-Dann hatte er Gram gebeten, zu gehen. Jetzt war er fortgereist. Sie
-hatten sich seitdem nicht wieder gesehen.
-
-Es war oben im Borghesegarten gewesen, als Gram zu ihm kam. Einige
-Tage nach der Beerdigung. Er hatte dort im Sonnenschein gesessen. Er
-war so müde. Er hatte alles ordnen und die nötigen Erklärungen nach
-allen Richtungen abgeben müssen -- anläßlich der Untersuchung des
-Selbstmordes, des Begräbnisses -- an Frau Berner hatte er geschrieben,
-daß ihre Tochter plötzlich an Herzschlag verstorben sei. Aber etwas in
-all dem hatte ihm gut getan. Die Tatsache, daß niemand von seinem Leide
-wußte. Daß die große Erklärung, die er kannte, die einzig wahre war --
-und die behielt er für sich. Das hatte seinen Schmerz so unendlich tief
-in ihn versenkt. Jetzt würde er nie zu einem Menschen davon sprechen.
-Er war sein eigen, ganz allein. Er würde den innersten Kern seiner
-Seele für alle Zeiten bilden.
-
-Er würde sein Wesen färben und von seinem Wesen seine Farbe erhalten.
-Er würde seinem Leben Richtung geben -- und von ihm gelenkt werden
--- würde Farbe und Form mit ihm wechseln, aber nie aus seinem Leben
-getilgt werden können. Zu jeder Stunde des Tages in dieser ganzen Zeit
-war er verschiedenartig -- aber immer war er da, und so würde es immer
-sein.
-
-Gunnar entsann sich des Morgens, als er zum Arzt lief, während der
-andere mit ihr allein geblieben war -- damals hatte er Helge Gram sagen
-wollen, was er wußte, und es ihm sagen wollen, daß des anderen Herz zu
-Asche zerfiel -- wie sein eigenes.
-
-Aber während der Tage, die dazwischen lagen, war alles, was er wußte,
-zu einem Geheimnis zwischen der toten Frau und ihm geworden, zum
-Geheimnis ihrer Liebe. Alles, was geschehen war, war geschehen, weil
-sie war, wie sie war, und so, wie sie war, hatte er sie geliebt. Helge
-Gram aber war ein gleichgültiger und zufälliger Fremder für ihn und
-für sie, und er empfand nicht das Bedürfnis, sich an ihm zu rächen,
-ebensowenig wie er Mitleid mit Helges Trauer hatte und mit seinem
-Entsetzen über das Unfaßliche, was geschehen war.
-
-Diesen Menschen hatte ja nur der Zufall gesandt. Weil sie war, wie sie
-war, geschah das alles. Ihr Sinn mußte sich eines Tages verwirrt einem
-Windstoß beugen und fügen, weil er so rank und schlank emporgewachsen
-war. Er selbst hatte geglaubt, sie könnte wachsen wie ein Baum, und
-hatte nicht verstanden, daß sie nur wie eine Blume emporkeimte, um
-Sonne zu bekommen und Blüten zu treiben mit all ihren schweren,
-sehnsuchtsvollen Knospen. Auch sie war nur ein kleines Mädchen gewesen.
-Und das würde als ewiger Schmerz in seinem Herzen zurückbleiben, daß er
-das erst begriffen, nachdem es zu spät war.
-
-Sie konnte sich nicht wieder aufrichten, nachdem sie einmal geknickt
-war. Sie war wie eine Lilie, die auch nicht aus der Wurzel aufs neue
-treiben konnte, wenn der erste Stengel gebrochen wurde. In ihrem Wesen
-lag nichts Geschmeidiges und Ueppiges. Aber er liebte sie, wie sie war.
-
-Und ihre Eigenart gerade verstand nur er allein. Er allein wußte, wie
-blond und rein sie gewesen, wie aufstrebend, stark und rank, und doch
-wie zerbrechlich und spröde mit ihrer empfindsamen Ehre, von der ein
-Fleck niemals abgewaschen werden konnte, weil er seine Furchen zu tief
-eingrub.
-
-Jetzt war sie tot. Und er war mit seiner Liebe viele Tage und Nächte
-allein gewesen. Seines ganzen Lebens Tage und Nächte mußte er nun mit
-ihr allein bleiben.
-
-Es hatte Nächte gegeben, in denen er verzweifelte Schreie in den
-Kissen seines Bettes erstickte. Sie war tot, und er hatte sie nie
-besessen. Ihn aber hatte sie lieben, ihm hatte sie angehören sollen,
-und sie war die einzige, die er geliebt. Sie war tot, und ihren
-herrlichen, schlanken weißen Körper, der ihre Seele umschloß wie eine
-sammetene Scheide eine schmale und feine, spröde Klinge, hatte er nie
-berührt, nie gesehen. Andere hatten ihn besessen und nie gewußt, welch
-wunderbarer und seltener Schatz es war, der sich in ihre Hände verirrt
-hatte. Jetzt lag er vergraben in der Erde, häßlich, häßlich würde er
-verändert werden, verzehrt und aufgelöst, bis er zu einem Häuflein Erde
-inmitten der Erde zerfiele.
-
-Gunnar lag, erschüttert von Schluchzen, auf dem Erdboden.
-
-Andere hatten sie besessen. Sie aber hatten sie besudelt und
-vernichtet, und hatten nicht gewußt, was sie taten. Er hatte sie nie
-gehabt.
-
-Solange er lebte, würden Stunden kommen, wo er jammerte wie jetzt, daß
-es so war.
-
- * * * * *
-
-Und doch hatte nur er allein sie besessen. Nur in seiner Hand konnte
-ihr goldenes Haar jetzt funkeln. Sie selbst, sie lebte jetzt in ihm,
-ihre Seele und ihr Bild spiegelten sich in ihm, so klar und scharf wie
-in einem stillen Wasser. Sie war tot, ihr Leid gehörte ihr nicht mehr
--- es war jetzt in ihm -- dort lebte es weiter und würde nicht sterben,
-bis er selbst einst starb. Weil es lebte, würde es aber wachsen und
-sich verändern -- er konnte nicht wissen, wie sein Leid in zehn Jahren
-aussehen würde, aber es konnte zu etwas Großem und Herrlichem wachsen.
-
-Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er eine merkwürdig
-schwere und tiefe Freude empfinden würde, daß es so war.
-
- * * * * *
-
-Doch jene Morgenstunden, als er auf der Terrasse über ihrem Haupte auf
-und ab ging, während sie ihrem Leben ein Ende machte. Er entsann sich
-dunkel, welche Gefühle ihn beherrscht hatten. Ein Aufruhr hatte in
-ihm getobt, sein Herz war in Harm und Zorn über ihre Tat, gegen sie
-erbittert. Er hatte gebettelt und gefleht, um ihr helfen zu dürfen,
-um sie aus dem Sumpf zu retten, in den sie sich verirrt -- und sie
-hatte ihn von sich gewiesen und sich vor seinen Augen weggeworfen, auf
-Frauenart, eigensinnig, verantwortungslos, töricht, trotzig.
-
-Aber als er sie dann liegen sah -- er hatte auch darüber gerast,
-verzweifelt. Er würde sie dennoch nicht aufgegeben haben. Was sie auch
-getan hätte -- er hätte sie freigesprochen, ihr geholfen, ihr sein
-Vertrauen, seine Liebe geschenkt, trotz allem.
-
-Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er ihr vorwerfen
-würde, daß sie den Tod gewählt hatte -- Jenny, du hättest es nicht tun
-sollen. Aber es würden auch Stunden kommen, da er finden würde, sie
-hatte es tun müssen, so wie sie war. Auch darum liebte er sie -- ewig,
-solange er lebte.
-
-Nur eines würde nie eintreten -- der Wunsch, daß er sie nie geliebt
-hätte.
-
-Wie er geweint hatte, verzweifelt, würde er wieder weinen müssen.
-Darüber, daß er sie nicht eher geliebt. Ueber die Jahre, die er neben
-ihr dahingelebt hatte, als sie sein Freund und Kamerad war, und er
-nicht sah, daß sie das Weib war, das seines Lebens Gefährtin sein
-sollte.
-
-Aber nie würde der Tag kommen, an dem er wünschte, er sei niemals
-sehend geworden, wenn auch nur, um zu entdecken, daß es zu spät war.
-
- * * * * *
-
-Gunnar richtete sich auf den Knien auf. Er holte eine kleine flache
-Pappschachtel aus der Tasche hervor und öffnete sie. Darin lag eine
-kleine Perle von Jennys rosa Kristallhalskette. Als er ihre Sachen
-ordnete, fand er die Kette im Nachttisch; die Schnur war zerrissen.
-Eine Perle hatte er an sich genommen und verwahrte sie.
-
-Er nahm etwas Sand vom Grabe und legte ihn in die Schachtel. Die Perle
-rollte hin und her und wurde über und über mit grauem Staub bedeckt,
-aber das klare Rosa leuchtete hindurch, und die feinen Funken im
-Kristall schimmerten und brachen sich im Sonnenlicht.
-
-All ihr Eigentum hatte er sorgfältig verpackt und an ihre Angehörigen
-geschickt, sorgsam alle Briefe gesammelt und sie verbrannt. In einem
-versiegelten Pappkasten lag ihr Kinderzeug. Das hatte er Franziska
-geschickt, da Jenny eines Tages davon gesprochen hatte, daß sie es tun
-wollte.
-
-Ihre Mappen und Skizzenblätter hatte er durchgeblättert und sie
-darauf zusammengepackt. Aber erst hatte er vorsichtig einige Blätter
-mit Zeichnungen von ihrem Buben herausgeschnitten und sie in seinem
-Taschenbuch verwahrt.
-
-Sie waren sein. Alles, was in ihrem Leben ihr allein gehört hatte, das
-war jetzt sein.
-
- * * * * *
-
-Draußen auf dem Rasen wuchsen einige rotviolette Anemonen. Er erhob
-sich gedankenlos und pflückte sie.
-
-Ach Frühling, Frühling.
-
-Er entsann sich des letzten Males, als er im Frühling daheim war, es
-war jetzt zwei Jahre her.
-
-Auf der Umsteigestation erwartete ihn ein Karren mit einer roten Mähre
-davor. Der Besitzer des Gefährtes war ein alter Schulkamerad. An einem
-sonnenklaren Märzvormittag fuhr er auf dem Feldweg daher. Unter dem
-lichtblauen Himmel breiteten sich Felder mit gelblichfahlem altem
-Grase aus. Wo der verwitterte Hügel sich über der Ebene erhob, standen
-Wacholder, Birken und Ebereschen in kleinen Gruppen bei einander,
-die nackten glatten Zweige in die Luft streckend. Die Düngerhaufen
-auf den gepflügten Feldern glänzten wie goldbrauner Sammet. Gehöfte
-tauchten auf, eines nach dem anderen, mit den bekannten Umrissen der
-Scheunen, mit gelben, grauen und roten Häusern, mit Aepfelgärten
-und Fliederbüschen davor. Um den Ort zog sich der Wald, olivengrün,
-mit einem lenzhaften, violetten Schimmer über den Birkenästen. Ein
-vereinzelter Streifen Schnee lag nordwärts grünlichweiß im Schatten.
-
-Ueber das ganze Kirchspiel herab rieselten an jenem Tage Triller
-unsichtbarer Lerchen.
-
-Er nahm zwei weißschöpfige Bürschchen mit, die mit einem Eimer voll
-Essen über den Weg trabten. Armselig gekleidet, in Holzschuhen
-trotteten sie durch den Schmutz.
-
-„Wo wollt ihr hin, Jungens?“
-
-Sie blieben stehen und betrachteten ihn mißtrauisch.
-
-„Wollt ihr vielleicht dem Vater Essen bringen?“
-
-Sie gaben es zögernd zu, ein wenig überrascht, daß der fremde Mann das
-wissen konnte.
-
-„Klettert herauf, dann dürft ihr mitfahren.“
-
-Er hob sie in den Wagen.
-
-„Wo arbeitet euer Vater denn, was?“
-
-„Auf Brustad.“
-
-„Brustad -- ah so -- ist das nicht der Schule gegenüber?“
-
-So ging das Gespräch hin und her. Der dumme, unwissende erwachsene
-Mann fragte und fragte, wie Erwachsene immer mit Kindern sprechen.
-Der Erwachsene fragt, und die Kleinen, die so viel Weisheit besitzen,
-konferieren stumm mit Augenblinzeln und geben mit Vorbehalt nur so viel
-zum besten, als sie für angemessen halten.
-
-Hand in Hand trabten sie über den Erdboden unter den rostbraunen
-Palmweiden an dem brausenden Bach entlang, nachdem er sie abgesetzt
-hatte. Er sah ihnen eine Weile nach, wendete den Wagen und fuhr seinem
-eigenen Ziele zu.
-
-Daheim hatten sie abends Lesestunde. Ingeborg, seine Schwester, saß
-drüben neben dem alten Eckschrank aus Birkenholz und lauschte mit
-ekstatisch bleichem Antlitz und stahlblau glänzenden Augen einem
-Schuhmachermeister aus Fredriksstad, der von Gnade sprach. Dann sprang
-sie auf und sprach ihr Glaubensbekenntnis, zitternd vor Leidenschaft.
-
-Ingeborg, seine schöne, frische Schwester! Wie wild war sie einst
-gewesen, wie hatte sie Tanz und Vergnügen geliebt! Und Lesen und
-Lernen! Während er in der Stadt arbeitete, mußte er ihr Bücher und
-Broschüren senden und den „Socialdemokraten“ in Paketen zweimal die
-Woche. Alles wollte sie wissen und lernen. Dann, als sie dreißig Jahre
-alt war, wurde sie erweckt. Jetzt redete sie mit Zungen. --
-
-Ihre ganze Liebe hatte sie auf ihren kleinen Brudersohn Anders
-geworfen, und das kleine Mädelchen, das sie in Pflege hatten, ein
-uneheliches Kind aus Kristiania. Mit blitzenden Augen erzählte sie
-ihnen von Jesus, dem Kinderfreund.
-
-Am Tage darauf schneite es. Er hatte die Kinder ins Lichtspieltheater
-eingeladen, in einer kleinen Stadt eine halbe Meile von ihrem
-Kirchspiel entfernt.
-
-Sie trabten an einem Steinwall zwischen dem Nadelwald und den Feldern
-entlang. Alles war grauweiß von nassem Märzschnee -- nur ihre Fußspuren
-blieben dunkel hinter ihnen zurück. Er versuchte, die Kinder zu
-unterhalten; fragte, und sie gaben ihre bedächtigen, zurückhaltenden
-Antworten.
-
-Aber auf dem Heimwege waren es die Kinder, die fragten, und
-geschmeichelt antwortete er ihnen ausführlich, ohne Vorbehalt. Sie
-hatten Bilder von Cowboys in Arizona gesehen, und einer Kokosernte auf
-den Philippinen. Er wurde eifrig und tat sein Bestes, um ordentlich
-Bescheid zu geben und sich nicht festzufahren.
-
-O Frühling, Frühling!
-
-Es war auch ein Frühlingstag, als er mit ihnen, Jenny und Franziska,
-nach Viterbo gefahren war.
-
-Schlank hatte sie in ihrem schwarzen Kleide dagesessen und aus dem
-Fenster gestarrt. Wie groß und grau ihre Augen waren -- genau erinnerte
-er sich dessen.
-
-Ueber die Campagna -- hier, wo keine Ruinen standen, die die Touristen
-an sich zogen, höchstens hin und wieder in weiten Zwischenräumen eine
-zusammengestürzte, formlose und namenlose Mauermasse, oder dieser und
-jener kleine Pachthof mit zwei Pinien und einigen spitzen Strohmieten
-vor dem Hause -- hier fegten Sturmwolken grauschwarze, zerfetzte
-Regenschleier über die öde, braune Weite hin. Die Schafherden drunten
-im Tale, wo hin und wieder etwas dorniges Gebüsch an dem Bette eines
-Bächleins entlang wucherte, drängten sich zusammen.
-
-Dann fuhr der Zug zwischen Bergrücken und Wäldern hindurch,
-hochstämmigem Eichwald, wo es weiß und blau und gelb in dem alten
-verwelkten Laub blühte, wie daheim. Weiße Anemonen, blaue und
-schwefelgelbe Primeln. Sie sehnte sich danach, hinauszukommen und sie
-zu pflücken, sagte sie -- zu sammeln und zusammenzuraffen im fallenden
-Regen, unter den triefenden Zweigen, in dem nassen Laube. „Es ist wie
-im Frühling daheim,“ sagte sie.
-
-Es hatte hier geschneit -- graunasser Frühlingsschnee lag in den Lüften
--- an den herabgefallenen Zweigen schmolz er zu hellen Streifen ein.
-Die Blumen senkten ihre zusammengeklebten Kelche herab, naß und schwer
-vom Schlamm.
-
-Kleine Wildbäche sprudelten die Abhänge hinab und schlüpften unter den
-Bahnkörper. Hier färbte sie der Erdboden rostrot.
-
-Dann peitschte ein Regenschauer gegen die Abteilfenster und blendete
-sie, trieb den Rauch der Lokomotive zur Erde nieder. Später klärte es
-sich ein wenig auf, ein Lichtschimmer breitete sich über Tälern und
-waldbestandenen Berghalden aus, der Nebel wich über die Gebirge zurück.
-
-Einige seiner Sachen hatte er in einen der Koffer der jungen Mädchen
-gepackt. Abends, als es ihm einfiel, hatten sie bereits begonnen
-sich auszukleiden. Sie lachten und plauderten drinnen, als er kam
-und an ihre Türe pochte. Jenny öffnete einen Spalt und reichte ihm
-das Erbetene hinaus. -- Sie trug eine durchsichtige Frisierjacke mit
-kurzen Aermeln, so daß der schmächtige, weiße Arm entblößt war. Der
-hatte ihn zum Küssen verlockt, und doch wagte er nur einen einzigen so
-flüchtigen, scherzhaften, daß dieser Kuß von selber um Verzeihung bat.
-
-Damals war er verliebt in sie gewesen. Als er berauscht war vom
-Lenz, vom Wein und dem munteren, peitschenden Regen, den hastigen
-Sonnenstrahlen und seiner eigenen Jugend und Lebenskraft. Er hatte das
-Verlangen, sie mit zum Tanz zu nehmen, das hohe, lichte Mädchen, das so
-behutsam lachte, als versuche sie eine neue Kunst, die sie nie zuvor
-getrieben. Sie, die mit ihren grauen Augen hinausstarrte, ernst und
-sehnsuchtsschwer, auf all die Blumen, an denen sie vorüber fuhren und
-die sie so gern hatte pflücken wollen.
-
-Oh, Herr mein Gott, wie hätte alles sein können! Das trockene, bittere
-Schluchzen erschütterte ihn von neuem.
-
-An jenem Tage, als sie zum Montefiascone emporstiegen, regnete es auch,
-daß es um der beiden Frauen geraffte Röcke und schmale Knöchel und Füße
-vom Steinpflaster hoch aufspritzte. Wie hatten sie aber gelacht, die
-drei, während sie durch die steilen, schmalen Straßen wateten, wo der
-Regen ihnen, Wasserfällen gleich, entgegenrauschte.
-
-Als sie dann auf der Rocca angelangt waren, der Burgklippe inmitten des
-kleinen alten Städtchens, da teilten sich die Wolken.
-
-Sie beugten sich alle drei über die Brustwehr und blickten an den
-Bolsenersee hernieder, der tief unter den grünen Hängen mit den
-Olivenhainen und Weingärten schwarz dalag. Die Wolken schwebten
-niedrig über den Bergkuppen rings um den See. Dann aber lief ein
-silberschlanker Regenschauer über den dunklen Wassersspiegel, breitete
-sich aus und wurde blau, der Nebel wallte zurück und glitt in Senkungen
-und Klüfte, während die Linien der Gebirge hervortraten. Die Sonne
-brach durch die herabsinkenden Wolken, die sich golden und bleiernblau
-um den Fuß kleiner, von steingrauen Burgstädten gekrönter Berge legten.
-Im Norden, weit entfernt, tauchte eine hohe, kegelförmige Spitze auf.
-Cesca behauptete, es sei der Monte Amiata.
-
-Ueber den frisch gewaschenen, blauen Lenzhimmel hin zogen sich die
-letzten Reste der Regenwolken fort, schwer und silberverbrämt, vor der
-Sonne zerfließend; das Unwetter flüchtete westwärts, dunkel drohend,
-dorthin, wo die etrurische Hochebene sich braunschwarz und einsam zum
-fernen, weißgelben Glanzstreifen des Mittelmeeres herabsenkte.
-
-Oede, groß und streng war das Land weithin, wie eine
-Hochgebirgslandschaft daheim, trotz der grauen Olivenhaine und
-Weinranken, die sich zwischen den Reihen der Ulmen auf den grünen
-Hügeln am See hinzogen.
-
-In den kleinen Anlagen oben rings um die Burgruine warfen die
-Steineichen ihre eisenschwarzen alten Blätter von den Zweigen ab, die
-schon neue Knospen trugen. Hier waren Hecken von einer Art immergrünen
-Buschwerks mit lederartigem Laub. Das junge neue von diesem Frühling
-glänzte in unnatürlichem Goldgrün.
-
-Gemeinsam mit ihr hatte er sich in den Schutz der Hecke gehockt und
-seine Jacke vorgehalten, damit sie sich eine Zigarette anzünden könnte.
-Der Lenzwind blies eisig scharf und rein hier oben, so daß sie in ihren
-nassen Kleidern leicht erschauerte. Ihre Wangen waren rot und die Sonne
-glänzte auf dem feuchten, goldenen Haar, das sie sich mit der freien
-Hand aus den Augen strich.
-
-Dort hinauf wollte er reisen. Morgen schon.
-
-Dort wollte er den Lenz grüßen, den frierenden, nackten,
-erwartungsvollen Lenz, dessen Blütenaugen ringsum geblendet sind von
-Nässe, vor Kälte im Winde zittern und dennoch blühen.
-
- * * * * *
-
-Der Lenz und sie -- sie waren jetzt eins für ihn. O Gott -- sie, die
-dort oben stand und fror und lachte, in dem unbeständigen Wetter, und
-alle Blumen in ihrem Schoße sammeln wollte.
-
-„Ach, du meine kleine Jenny, du konntest nicht all die Blumen pflücken,
-wie du gewollt, deine Träume erblühten nie -- und jetzt träume ich sie.
-
-Wenn ich dann lange genug gelebt habe, so daß mich Sehnsucht erfüllt
-wie einst dich -- vielleicht tue ich dann wie du und spreche zu meinem
-Schicksal, gib mir einige Blüten nur, ich begnüge mich mit weit
-Geringerem, als ich ersehnte, da ich mein Leben begann. Und dennoch
-sterbe ich nicht, wie du gestorben bist, denn dir konnte es doch nicht
-genügen. Ich behalte nur die Erinnerung an dich, küsse deine Perle
-und dein goldenes Haar und denke, nein, sie konnte nicht leben, wenn
-sie nicht die Beste sein und das Beste als ihr Recht fordern durfte.
-Dann sage ich vielleicht, dem Himmel sei Dank, daß sie lieber den Tod
-wählte, als so weiterzuleben.
-
-Aber heute Nacht gehe ich hinaus auf den Petersplatz und lausche des
-Springbrunnens ekstatischer Musik, die niemals schweigt und träume
-meinen eigenen Traum.
-
-Ja, Jenny, denn nun bist du mein Traum, niemals habe ich einen anderen
-gehabt. --
-
-Ach, Träume, Träume.
-
-Wenn dein Kind gelebt hätte, Jenny, so wäre es nicht geworden, wie du
-es dir geträumt hattest, als du den Knaben in deinen Armen hieltest und
-ihm deine Brust reichtest. Gut und schön hätte er werden können -- oder
-schlecht und häßlich -- nur wie du ihn erträumtest, so wäre er nicht
-geworden. --
-
-Keine Frau hat je das Kind geboren, von dem sie träumte, als sie
-schwanger ging. Kein Künstler hat je das Werk geschaffen, das er in der
-Stunde der Eingebung vor sich sah. Wir erleben Sommer auf Sommer, aber
-keiner ist wie der, den wir herbeisehnten, als wir uns niederbeugten
-und die ersten nassen Blüten unter den Sturmschauern des Lenzes
-pflückten.
-
-Keine Liebe wurde so, wie sie zwei erträumten, die einander zum ersten
-Male küßten. Hätten wir, du und ich, zusammen gelebt -- wir hätten
-glücklich oder auch unglücklich mit einander werden können; wir konnten
-einander unsagbare Freude oder unsagbares Leid zufügen. Jetzt aber
-werde ich niemals erfahren, wie unsere Liebe geworden wäre, wenn du
-mir angehört hättest. Das Einzige, was ich weiß, ist: so, wie ich
-sie erträumte in jener Nacht, als ich mit dir zusammenstand, und der
-Springbrunnen im Mondenschein plätscherte -- so wäre unsere Liebe nicht
-geworden. Und das ist bitter. -- --
-
-Dennoch. --
-
-Herr mein Gott -- ich wünsche nicht, daß ich diesen Traum nie geträumt
-hätte. Und ich möchte den Traum nicht missen, dem ich mich jetzt
-hingebe.
-
-Jenny, mein Leben wollte ich opfern, könntest du mir droben auf der
-Bergklippe begegnen wie einst, könntest du mich küssen, mir nahe sein
--- einen Tag nur, eine Stunde. -- Ständig, unablässig muß ich daran
-denken, wie unser beider Leben sich gestaltet hätte, wenn du nicht
-von mir gegangen, wenn du mein eigen geworden wärest. Ach Jenny, ein
-grenzenloses Glück ist verspielt. Du bist nicht mehr und hast mich so
-arm, so arm gemacht. Nur meine armseligen Träume umweben dich und irren
-ruhelos umher, dich zu suchen. -- Und dennoch. Messe ich meine Armut
-an der Anderen Reichtum, so dünkt sie mich überwältigend reich und
-strahlend. Sollte ich sie auch mit meinem Leben bezahlen, so würde ich
-doch nimmer meine Liebe zu dir, meine Träume und meinen Gram um dich,
-wie er mich jetzt zerreißt, hingeben ....“
-
- * * * * *
-
-Gunnar Heggen wußte nicht, daß er in seines Herzens grenzenlosem
-Aufruhr seine Arme gen Himmel streckte und halblaut vor sich
-hinflüsterte. Die Anemonen, die er gepflückt, hielt er noch immer in
-seinen Händen, aber er wußte es nicht.
-
-Die Soldaten auf der Kasernenmauer lachten über ihn, aber er sah es
-nicht. Er preßte die Blumen gegen seine Brust und murmelte leise vor
-sich hin, während er sich von dem Sonnenschein, der über dem Grabe lag,
-langsam dem dunklen Zypressenhain zuwandte.
-
-
-+Ende.+
-
-
-
-
-In demselben Verlage erschienen:
-
-
-HARALD BERGSTEDT
-
-Alexandersen
-
-Eine Pilgerfahrt
-
-Roman
-
-327 Seiten
-
- Preis: broschiert M. 27.--
- geb. in starkem Pappband M. 32.--
-
-Hamburger Correspondent v. 1. 3. 21:
-
- .... Lukians köstliche Lügen der milesischen Märchen, Swift Gullivers
- Reisen, Wielands Abderiten und nicht zuletzt Andersens Mär vom
- fliegenden Teppich scheinen Vorbilder zum Bau dieser prächtigen
- Pilgerfahrt gewesen zu sein. Doch es scheint nur so. Das Buch ist
- ganz Eigenart -- tief und voll abgeklärter Weltanschauung. ....
-
-Welt am Montag v. 20. 12. 20:
-
- .... Gedankentiefe Symbolik, gelegentlich mit heiterer Satire
- gewürzt, projiziert Welt und Zeit, in der wir leben, in ein
- Märchenreich. Der Skandinavier +Harald Bergstedt+ wird in Deutschland
- bald zu den bekanntesten Autoren zählen. ....
-
- W--r.
-
-Vossische Zeitung v. 12. 6. 21:
-
- .... Dieser Roman ist mit einem ganz brillanten Witz, mit einer
- ungewöhnlich scharfen Satire erzählt, mit barocken Zwischenstrophen
- durchsetzt. In überraschender Fülle drängt sich Bild an Bild. Man
- liest in atemloser Spannung, kommt aus dem Lachen nicht heraus,
- und überlacht doch niemals den Ernst des Ganzen. Das ist die
- ergötzlichste Universal-Zivilisationskarikatur, die mir seit
- langem vorgekommen ist. Dieser dänische Küsterssohn hat in seiner
- kleinen Provinzstadt -- Saeby -- ein Buch von europäischer Geltung
- geschrieben. ....
-
-
-JOHANNES BUCHHOLTZ
-
-Egholms Gott
-
-Roman
-
-224 Seiten
-
- Preis: broschiert M. 20.--
- geb. in starkem Pappband M. 25.--
-
-München-Augsburger Ztg. v. 19. 5. 21:
-
- .... Tragik und schneidender satirischer Humor verbinden sich in
- erschütternder Weise. ....
-
-Welt am Montag v. 20. 12. 20:
-
- .... In „Egholms Gott“ lernen wir einen Erzähler kennen, der mit
- naturalistischer Schärfe die Tragödie des proletarischen Phantasten
- schildert. ....
-
-Weser-Zeitung v. 12. 2. 21:
-
- .... In dem starken Werk, das ein Familienschicksal aus der Tiefe
- der sozialen Schichtung schildert, einen sich tiefernste Tragik und
- satirisch schneidender Humor in ergreifender Weise.
-
- ur.
-
-Neues Wiener Tageblatt v. 27. 4. 21:
-
- .... Buchholtz setzt die Linie der großen skandinavischen Erzähler
- einer älteren Generation fort. Die Gestalt dieses Egholm, eines
- Typus des nordischen Menschen, ist mit Meisterhand gezeichnet, wie
- überhaupt der Roman von hohem, dichterischem Können Zeugnis gibt.
- Kein falsches Wort stört, und keine Konzession an sentimentale
- Herzen, und er ist von einer weltabgewandten, in sich ruhenden
- Gedanklichkeit durchströmt.
-
- Dr. +Hugo Greinz+.
-
-
-LAURIDS BRUUN
-
-OANDA
-
-Roman
-
-277 Seiten
-
- Preis: broschiert M. 24.--
- geb. in starkem Pappband M. 30.--
-
-Hamburger Correspondent v. 6. 4. 21:
-
- .... alle diese Schilderungen zeugen von unübertrefflicher
- Gestaltungskraft. „Oanda“ ist ein sozialer Roman im besten Sinne des
- Wortes, in eigentümlicher Weise verklärt durch die fast märchenhaft
- anmutende Gestalt der Heldin selbst. Die musterhafte Übersetzung
- und die ausgezeichnete äußere Ausstattung erhöhen noch den Wert des
- Buches.
-
- Dr. +Nagel+.
-
-Vorwärts v. 5. 6. 21:
-
- .... Wer Laurids Bruuns frühere Bücher, insbesondere sein van Zantens
- Buch kennt, weiß, daß der Verfasser von einem Utopia der Menschengüte
- träumt, weiß auch, daß er seinen Träumen Gestalt zu geben versteht.
- ....
-
-Literarisches Echo, 23. Jahrgang, Heft 13:
-
- Aus den Romanen Laurids Bruuns, die wie sonnige glückliche Inseln im
- trüben Meer unserer literarischen Erinnerungen liegen, kehren manche
- vertrauten, edlen Menschen in diesem Buche wieder, so daß wir alsbald
- in ihm heimisch sind und die Vorgänge sofort Relief und Perspektive
- bekommen. ....
-
-
-EJNAR MIKKELSEN
-
-Sachawachiak der Eskimo
-
-Ein Erlebnis aus Alaska
-
-180 Seiten
-
- Preis: broschiert M. 16.--
- geb. in starkem Pappband M. 20.--
-
-Deutsche Allgemeine Zeitung v. 8. 5. 21:
-
- .... Dieses Buch hätte niemand schreiben können, der nicht selbst
- eine Zeit seines Lebens fern von der Kultur, dem Abenteuer
- hingegeben, Entbehrungen und Gefahren auf sich genommen hat; aber der
- wagemutige Forscher allein hätte es ebensowenig zustande gebracht.
- Es gibt in der Erzählung einige Partien, etwa die Schilderung der
- rasenden Jagd, in der Sachawachiak seinen Peiniger verfolgt, die an
- die grobe Volksepik, an alte Heldenlieder erinnern, an Gogols „Taras
- Bulba“ oder Selma Lagerlöfs „Gösta Berling“. ....
-
-Weser-Zeitung v. 5. 2. 21:
-
- .... Da sind Urlaute, da pulst -- trotz Schnee und Eis -- ein wildes
- Leben. Die Fabel ist eigentlich nur Mittel zum Zweck. Gewiß: die
- Zertrümmerung einer primitiven Kultur durch Branntwein und Syphilis
- soll sich gestalten, in der Hauptsache aber will der Verfasser, der
- als arktischer Forscher einen guten Namen hat, den eigenartigen
- Daseinsrhythmus jener nördlichen Himmelsstriche, wo Menschen wohnen,
- vergegenwärtigen. ....
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENNY ***
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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