diff options
| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-21 06:47:57 -0800 |
|---|---|---|
| committer | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-21 06:47:57 -0800 |
| commit | 4ca9dfa419fd443447e8429c7c2ca7160ad18d6d (patch) | |
| tree | 22cb5086623dbd96dd529772c51ebfcdb673cf91 | |
| parent | 30ea921673c64e444c5bd0a4e6c32d54dba43e6b (diff) | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/68511-0.txt | 13627 | ||||
| -rw-r--r-- | old/68511-0.zip | bin | 261982 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/68511-h.zip | bin | 1093155 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/68511-h/68511-h.htm | 14195 | ||||
| -rw-r--r-- | old/68511-h/images/cover.jpg | bin | 825395 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/old/68511-0.txt | 13626 | ||||
| -rw-r--r-- | old/old/68511-0.zip | bin | 255101 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/old/68511-h.zip | bin | 1086605 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/old/68511-h/68511-h.htm | 14194 | ||||
| -rw-r--r-- | old/old/68511-h/images/cover.jpg | bin | 825395 -> 0 bytes |
13 files changed, 17 insertions, 55642 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..be9d6bc --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #68511 (https://www.gutenberg.org/ebooks/68511) diff --git a/old/68511-0.txt b/old/68511-0.txt deleted file mode 100644 index 56cb85d..0000000 --- a/old/68511-0.txt +++ /dev/null @@ -1,13627 +0,0 @@ -The Project Gutenberg eBook of Jenny, by Sigrid Undset - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Jenny - -Author: Sigrid Undset - -Translator: Thyra Dohrenburg - -Release Date: July 12, 2022 [eBook #68511] -[Most recently updated: July 11, 2023] - -Language: German - -Produced by: Jens Sadowski, Reiner Ruf, and the Online Distributed - Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was - produced from scanned images of public domain material, - provided by the German National Library.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENNY *** - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1921 so weit - wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler - wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr - gebräuchliche Schreibweisen, sowie fremdsprachliche Passagen bleiben - gegenüber dem Original unverändert. - - Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden als deren Umschreibungen - dargestellt (Ae, Oe, Ue). - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt, mit Ausnahme der - Buchanzeigen, welche in Antiquaschrift gedruckt wurden. Hiervon - abweichende Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Symbole - gekennzeichnet: - - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Jenny - - - - - Sigrid Undset - - Jenny - - Gyldendal’scher Verlag A. G. Berlin - - - - - Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen - von Thyra Dohrenburg - - Alle Rechte vorbehalten - - 1921 - Druck: Gyldendal’scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei - Berlin SW 68 - - - - - Erstes Buch - - - - -I. - - -Die Musik kam über die Via de Condotti, als Helge Gram in der -Dämmerung gerade in die Straße einbog. Die Melodie eines altbekannten -Gassenhauers ertönte in sinnlos rasendem Tempo wie eine wilde Fanfare. -Und die schwarzen kleinen Soldaten stürmten in dem kalten Nachmittag -vorüber, als seien sie mindestens eine römische Kohorte, im Begriff, -sich in fliegendem Laufschritt auf die Heerscharen der Barbaren zu -stürzen. Und sollten doch nur ganz friedlich heimwärts ziehen in -ihre nächtlichen Quartiere. Aber vielleicht war gerade das der Grund -für ihre stürmende Eile, dachte Helge und lächelte. Wie er so stand, -den Mantelkragen gegen die Kälte hochgeschlagen, wallte eine seltsam -historische Stimmung in ihm auf. Aber dann begann er, die wohlbekannte -Melodie mitzusummen, und setzte seinen Weg die Straße hinab fort, in -der Richtung, die, wie er wußte, zum Corso führte. - -An der Ecke blieb er stehen und schaute hinüber. -- Das also war der -Corso. Ein unablässig rinnender Strom von Wagen in der engen Straße, -und ein brodelndes Gewimmel von Menschen auf dem schmalen Bürgersteig. - -Er stand und ließ den Strom an sich vorüberziehen und lächelte in -dem Gedanken, daß er nun Abend für Abend auf dieser Straße in der -Dunkelheit durch das Menschengewimmel würde schlendern dürfen, bis sie -ihm ebenso alltäglich geworden war wie die Carl Johannstraße daheim. - -Und das Verlangen überkam ihn, noch in dieser Stunde durch alle -Straßen Roms zu laufen -- ohne Aufhören -- am liebsten die ganze Nacht -hindurch. Das Bild der Stadt stieg in ihm auf, wie sie vor kurzem zu -seinen Füßen gelegen, als er auf dem Pincio stand und dem Untergang der -Sonne zuschaute. - -Wolken breiteten sich über den ganzen Nachthimmel aus, dicht -zusammengedrängt, wie kleine lichtgraue Lämmer. In der Sonne, die -hinter ihm versank, erglühten ihre Ränder golden wie Bernstein. Unter -dem bleichen Himmel lag die Stadt, und plötzlich kam es Helge zum -Bewußtsein: das war Rom! Nicht, wie er es in seinen Träumen erschaut -- -nein, wie es jetzt vor ihm lag. - -Alles, was er auf seiner Reise gesehen, hatte ihn enttäuscht, weil -es anders war, als er sich’s im Geiste ausgemalt daheim, in seiner -Sehnsucht hinauszukommen und es selbst zu schauen. Endlich, jetzt -endlich zeigte sich die Wirklichkeit, reicher als all seine Träume. - -Und das war Rom ... - -Eine weite Fläche von Dächern lag in der Talsenkung unter ihm -- ein -Gewimmel von Dächern alter und neuer, hoher und niedriger Häuser, die, -wie es schien, aufs Geradewohl und so hoch gebaut worden waren, wie man -ihrer gerade bedurfte, denn nur an wenigen Stellen war die gerade Linie -einer Straße in dem Heer der Dächer deutlich erkennbar. Und diese ganze -Welt unruhiger Linien, die in Tausenden von harten Winkeln aufeinander -stießen, lag erstarrt und still unter dem fahlen Himmel, an dem eine -unsichtbare, sinkende Sonne hier und da einen kleinen Lichtrand an den -Wolken entzündete. Sie lag und träumte unter einem feinen, weißlichen -Nebeldunst, in den sich nicht eine einzige lebende geschäftige -Rauchsäule mischte. Denn ein Fabrikschlot war nicht zu entdecken, -und von den kleinen drolligen Blechschornsteinen, die in die Luft -starrten, rauchte nicht ein einziger. Auf den rotbraunen, runden alten -Dachziegeln machten sich graugelbe Flechten breit, grüne Pflanzen und -kleines Buschwerk mit gelben Blüten wucherte in den Wasserrinnen, am -Rande der Terrassen reihten sich tote und schweigende Agaven in Urnen, -und von den Gesimsen flossen Schlingpflanzen in stillen und toten -Kaskaden. Wo sich das oberste Stockwerk eines höheren Hauses über die -Nachbarn erhob, starrten erstorbene und dunkle Fenster aus rotgelbem -oder grauweißem Mauerwerk -- oder schliefen hinter geschlossenen Läden. -Aber aus dem Dunst ragten Altane, Stümpfen alter Wachttürme gleich, und -kleine Lauben aus Holz und Blech erhoben sich auf den Dächern. - -Ueber dem Ganzen schwebten die Kuppeln der Kirchen, Kuppel an Kuppel; -die gewaltige graue weit draußen, jenseits der Stelle, wo Helge den -Lauf des Flusses vermutete, das war St. Peter. - -Aber diesseits des Talkessels, wo die toten Dächer die Stadt -beschützten, die, wie Helge an diesem Abend empfand, mit Recht die -ewige hieß, wölbte ein niedriger Höhenzug seinen langen Rücken gen -Himmel. Er trug in weiter Ferne eine Allee von Pinien, deren Kronen -über der schlanken Säulenreihe der Stämme ineinander liefen. Weit -drüben hinter der Peterskuppel, wo der Blick seine Schranke fand, -erhob sich eine zweite Anhöhe mit lichten Villen zwischen Pinien und -Cypressen. Das mochte wohl der Monte Mario sein. - -Ueber Helges Haupt breitete sich schützend das dunkle, dichte -Laubdach der Steineichen, und hinter ihm plätscherte der Strahl -des Springbrunnens mit einem eigenen lebendigen Laut -- das Wasser -klatschte gegen das steinerne Becken und rieselte, überfließend, in das -Bassin hinab. - -Ueber die Stadt seiner Träume, deren Straßen sein Fuß niemals betreten -hatte, deren Häuser nicht eine vertraute Seele bargen, flüsterte Helge -hin: „Roma, Roma, ewige Roma“. Eine Scheu erfaßte ihn vor seinem -eigenen einsamen Ich und ein Bangen vor seiner Ergriffenheit, obwohl er -wußte, hier war niemand, der ihn belauschen konnte. Er wandte sich und -eilte hinab, der Spanischen Treppe zu. - -Nun stand er an der Ecke der Via de Condotti und des Corso und empfand -eine wunderbar süße Beklemmung, sollte er doch jetzt der Straße -wimmelndes Leben durchkreuzen und versuchen, sich in der fremden Stadt -zurechtzufinden -- er wollte quer hindurch, gerade auf den Petersplatz -zugehen. - -Indem er die Straße überschritt, gingen zwei junge Mädchen an ihm -vorüber. Das waren sicher Norwegerinnen, kam es ihm sofort in den Sinn, -und er empfand eine gewisse Freude bei dem Gedanken. Die eine war -lichtblond und trug einen hellen Pelz. - -Die Straße, der er folgte, mündete auf einen offenen Platz an -einer weißen Brücke. Zwei Reihen Laternen kämpften mit ihren -schwindsüchtigen, grünlichgelben Lichtern gegen den gewaltigen, -bleichen Schein, den der unruhige Himmel ausstrahlte. Am Wasser entlang -zog sich fahl schimmernd eine niedrige steinerne Brustwehr und eine -Baumreihe mit welkem Laub und Stämmen, deren Rinde sich in großen -weißen Fetzen abschälte. Auf der anderen Seite des Flusses brannten -die Gaslaternen unter den Bäumen, die Häusermasse hob sich schwarz -gegen den Himmel ab. Doch diesseits des Stromes flackerte der Schein -des Abendlichtes noch in den Fensterscheiben. Der Himmel war jetzt -fast klar und wölbte sich in durchsichtigem Blaugrün über dem Hügel, -dessen Kamm die Pinien trug; noch segelten aber einige wenige schwere -zusammengeballte Wolkenberge darüber hin, rot und gelb aufleuchtend, -als kündeten sie Sturm. - -Helge stand auf der Brücke still und sah in die Tiber hinab. Wie -trüb das Wasser war! Es stürzte reißend dahin, bunt aufflammend im -Widerschein der abendlich leuchtenden Wolken -- riß Zweige, Planken und -Geröll mit sich in seinem weißen steinernen Bett da drunten. Seitwärts -an der Brücke führte eine kleine Treppe zum Wasser hinab. Helge kam der -Gedanke, wie leicht es doch sein müßte, sich eines Nachts, des Treibens -müde, hier aus dem Leben zu schleichen. Ob es wohl jemand tat? - -Er fragte, auf Deutsch, einen Konstabler nach dem Wege zur -Peterskirche; der Konstabler antwortete zunächst auf Französisch, dann -italienisch, und als Helge immer wieder den Kopf schüttelte, redete er -wieder französisch und wies über den Strom. Helge schlenderte in der -gewiesenen Richtung weiter. - -Da stieg eine gewaltige, düstere Steinmasse vor ihm empor, ein -niedriger runder Turm mit zackigen Mauerkränzen von der tiefschwarzen -Silhouette eines Engels gekrönt. -- Helge erkannte die Umrisse der -Engelsburg. Sein Weg hatte ihn gerade ihr zu Füßen geführt. Im letzten -Licht des Himmels leuchteten die Statuen drüben auf der Brücke in der -Dämmerung, noch spiegelten die Wellen der Tiber den Schein der roten -Wolken wider. Aber schon schossen die Gaslaternen ihre Lichtpfeile -auf den Strom hinaus. Hinter der Engelsbrücke surrten elektrische -Straßenbahnen mit erleuchteten Fensterscheiben über eine neue -schmiedeeiserne Brücke. Aus den Leitungsdrähten sprühten blauweiße -Funken. - -Helge lüftete den Hut vor einem Manne: - -„~San Pietro favorisca?~“ - -Der Mann zeigte geradeaus und sagte etwas, das Helge nicht verstand. - -Die Straße, in die er einbog, war eng und finster; so hatte er sich -eine italienische Straße oft ausgemalt, und er empfand nun geradezu ein -Gefühl der Wiedersehensfreude. Ein Antiquitätengeschäft lag hier neben -dem anderen. - -Helge schaute mit Interesse in die schlecht erleuchteten Fenster. Das -meiste war Schund; die schmutzigen Streifen aus groben, weißen Spitzen, -auf Schnüren aneinandergereiht -- sollten dies italienische Spitzen -sein? Da lagen Scherben und Ueberreste von Tonwaren in staubigen -Schachteldeckeln aus, kleine, giftgrüne Bronzefiguren, alte und neue -Metalleuchter und Broschen mit unechten Steinen. Trotzdem wandelte ihn -unerklärlicherweise eine Lust zum Kaufen an, zu fragen, zu feilschen, -zu handeln --. Er war in einen kleinen dumpfen Laden geraten, fast ohne -selbst zu wissen, wie. Da sah es übrigens lustig aus; es gab seltsame -Dinge aus aller Welt: alte Kirchenlampen, von der Decke herabhängend, -Seidenlappen mit goldgestickten Blumen auf rotem und grünem und weißem -Grunde, zerbrochene Möbel. - -Hinter dem Ladentisch hockte ein gelbhäutiger dunkler Bursche, das -Kinn blau von Bartstoppeln, und las. Er fragte und redete, während -Helge auf dies und jenes zeigte, und „~quanto~“ sagte. Das einzige, was -Helge begriff, war, daß die Sachen unerhört teuer waren -- man müßte -jedenfalls mit dem Kaufen warten, bis man der Sprache mächtig wäre, und -dann gehörig feilschen. - -Drüben auf einem Regal stand Porzellan, Rokokofiguren und Vasen mit -modellierten Rosenbuketts geziert. Sie schienen neu zu sein. Helge -ergriff aufs Geratewohl einen solchen kleinen Gegenstand und setzte ihn -auf den Tisch: „~quanto?~“ - -„~Sette~,“ sagte der Mann und spreizte sieben Finger. - -„~Quattro.~“ Helge streckte vier Finger in die Luft. Er hatte ein -frohes und sicheres Gefühl, als er so plötzlich in die fremde Sprache -gleichsam hinübersprang. Freilich begriff er nichts von dem Protest des -Mannes, doch jedesmal, wenn der andere ausgeredet hatte, kam er mit -seinem ~quattro~ und seinen vier Fingern. - -„~Non antica~,“ warf er überlegen hin. - -Der Ladenbesitzer beteuerte jedoch: „~antica~.“ - -„~Quattro~,“ sagte Helge zum letzten Male -- jetzt hatte der Mann -nur fünf Finger in der Luft. Als Helge sich zur Tür wandte, rief der -Bursche ihn zurück. Er akzeptierte. Selig nahm Helge den Gegenstand an -sich, der sorgsam in rotes Seidenpapier gehüllt worden war. - -Am Ausgang der Straße konnte er die dunkle Masse des Doms gegen -den Himmel unterscheiden. Er schritt kräftig aus und eilte über -den vorderen Teil des Platzes, dort, wo die Läden mit den hellen -Fenstern lagen und die Bahnen vorübersausten, -- auf die beiden -halbkreisförmigen Arkaden zu, die zwei gebogenen Armen gleich sich -um einen Teil des Platzes legten und ihn hineinzogen in die Stille -der Dunkelheit. Helge flüchtete in den Schutz der gewaltigen dunklen -Kirche, die ihre breite Treppe in einer muschelförmigen Zunge bis auf -die Mitte des Marktes hinausschob. - -Die Kuppel der Kirche und die Statuenreihe der Heiligenschar -drüben über dem Dach des Säulenganges hoben sich schwarz gegen das -Helldunkel der Himmelswölbung ab; Baumkronen und Häuser, unregelmäßig -übereinandergestapelt, breiteten sich über der Anhöhe dahinter aus. -Hier waren die Gasflammen machtlos; die Finsternis sickerte durch die -Säulen der Arkaden, ergoß sich von der offenen Vorhalle der Kirche -über die Treppe hinab. Helge ging still hinüber bis an die Kirche, -und schaute neugierig auf die verschlossenen Metalltüren. Dann kehrte -er um und schritt zum Obelisk in der Mitte des Platzes. Hier blieb -er stehen und starrte auf die dunkle Kirche. Den Kopf zurückbiegend -folgte er mit den Augen dem schlanken steinernen Pfeil, der hoch in den -Abendhimmel hinaufragte, dort, wo die letzten Wolken hinter den Dächern -verschwunden waren und die ersten Sterne ihre funkelnden Lichtnadeln -durch die sich vertiefende Dunkelheit schossen. - -Wieder erklang in seinen Ohren der wunderliche durchdringende Laut -von plätscherndem Wasser, das in steinerne Becken herabstürzte, und -das weiche Rieseln des strömenden Ueberflusses, der sich von Schale -zu Schale in das Bassin ergoß. Er ging bis dicht an den einen der -Springbrunnen heran und betrachtete die vollen weißen Strahlen, die wie -in hitzigem Trotz aufschossen und hoch oben zusammenbrachen; dunkel -gegen die Klarheit der Luft, sanken sie hinab in die Finsternis, in der -das bewegte Wasser weiß aufleuchtete. Helge starrte hinauf. Plötzlich -fing ein kleiner Windstoß sich in der Wassersäule und fegte sie über -ihn hinweg. Jetzt plätscherte es nicht mehr klatschend gegen das -steinerne Becken, es rieselte hinab, und Helge war bedeckt von Tropfen, -die in der kalten Abendluft zu Eis erstarrten. - -Dennoch blieb er stehen, lauschte und starrte -- schritt vorwärts und -stand wieder -- doch ganz behutsam, um das Flüstern in seinem Innern -zu vernehmen. -- Jetzt war er also hier, all das, von dem er sich -verzehrend fortgesehnt hatte, lag in weiter, weiter Ferne. Und er trat -noch leiser auf und schlich wie einer, der dem Gefängnis entronnen war. - - * * * * * - -Unten an der Ecke der Straße lag ein Restaurant. Dort ging er hinüber. -Unterwegs entdeckte er einen Tabaksladen, wo er sich Zigaretten, -Ansichtskarten und Freimarken kaufte. Während er auf sein Essen wartete -und hin und wieder in langen Zügen vom Rotwein trank, schrieb er Karten -an seine Eltern: „Ich denke an diesem Abend viel an Euch hier unten ---“. Er lächelte schmerzlich -- ja, Herrgott, so war es! An die Mutter -schrieb er jedoch: „Ich habe schon eine Kleinigkeit für Dich gekauft, --- das erste, was ich hier in Rom erstanden habe.“ Arme Mutter -- wie -mochte es ihr wohl ergehen. Er war in den letzten Jahren oft lieblos -gegen sie gewesen --. Er packte das Geschenk aus -- es war sicher eine -Eau de Cologneflasche -- und betrachtete es. Dann fügte er noch einige -Zeilen hinzu, er finde sich mit der Sprache zurecht und das Handeln in -den Läden sei gar nicht so schwierig. - -Das Essen war gut, doch teuer. Nun, wenn er sich erst hier eingelebt -hätte, würde er schon lernen, mit Wenigem auszukommen. Gesättigt und -angeregt vom Wein ging er in einer neuen Richtung weiter, entdeckte -lange, niedrige, verfallene Häuser und hohe Gartenmauern, gelangte -durch einen zerstörten Torbogen auf eine Brücke, über die er hinweg -wollte. Ein Mann erschien in der Tür des Zollhauses, hielt ihn an und -machte ihm verständlich, daß er einen Soldo entrichten müsse. Drüben -auf der anderen Seite lag eine große dunkle Kuppelkirche. - -Hier geriet er in einen Wirrwarr finsterer, enger Sackgassen; in der -geheimnisvollen Dunkelheit ahnte er in den Himmel hineinragende alte -Paläste mit vorspringenden Dachgesimsen, vergitterten Fenstern -- in -gleicher Front mit elenden Hütten und kleinen Kirchenfassaden. Einen -Bürgersteig hatte die Straße nicht; Helge trat in verdächtigen Abfall, -der im Rinnstein lag und übel roch. Vor den schmalen erleuchteten -Herbergstüren und unter den spärlichen Gaslaternen erblickte er -undeutlich zweifelhafte menschliche Gestalten. - -Er war von dieser Umgebung begeistert und beklommen zugleich -- voll -knabenhafter Spannung. Gleichzeitig begann er darüber nachzudenken, -wo ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden sei und wie er zu seinem -Hotel zurückgelangen sollte, das weit fort am anderen Ende der Welt -lag. Er mußte sich wohl eine Droschke leisten. - -So schritt er denn eine neue, enge, ganz menschenleere Gasse hinab. -Zwischen den steilaufragenden Häusern mit den schwarzen Fensterhöhlen, -die ohne Sims aus dem Mauerwerk starrten, zog sich ein Streifen -Himmels hin, klarblau und dunkelleuchtend; unten auf dem holprigen -Steinpflaster wirbelte ein leichter Windstoß Staub und Strohhalme und -Papierfetzen vor sich her. - -Zwei Frauen überholten ihn. Als er sie im Schein einer Laterne -betrachten konnte, durchfuhr es ihn: das waren die, die er heute -Nachmittag auf dem Corso bemerkt und für Norwegerinnen gehalten hatte. -Das helle Pelzwerk der größeren erkannte er sofort wieder. - -Plötzlich kam ihm ein verrückter Gedanke -- er wollte ein Abenteuer -versuchen, sie nach dem Wege fragen, um zu hören, ob es Norwegerinnen -seien oder wenigstens Skandinavierinnen. Ihm klopfte aber doch das Herz -ein wenig, als er sich anschickte, ihnen nachzufolgen. Ausländerinnen -waren es sicher. - -Die jungen Mädchen blieben weiter unten vor einem verschlossenen -Laden stehen, setzten aber gleich darauf ihren Weg fort. Helge -überlegte: sollte er „~Please~“ oder „Bitte“ oder „~Scusi~“ sagen oder -versuchsweise mit einem norwegischen „Verzeihung“ herausplatzen? Wie -lustig, wenn es wirklich Norwegerinnen waren. - -Die Mädchen bogen um die Ecke. Helge war ihnen dicht auf den Fersen und -auf dem Sprunge, sie anzureden. Da wandte sich die kleinere halb um -und sagte etwas in italienischer Sprache, leise und empört. - -Helge war herb enttäuscht. Er wollte eben „~Scusi~“ sagen und -verschwinden, als die Große auf Norwegisch zur Freundin sagte: „Nicht -doch, Cesca, nichts sagen -- es ist viel klüger, zu tun, als merke man -nichts.“ - -„Ich ertrage aber dieses verdammte Italienerpack nicht, das nie ein -Frauenzimmer in Frieden lassen kann,“ erklärte die andere. - -„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte Helge. Die Mädchen blieben stehen -und wandten sich brüsk um. - -„Sie müssen wirklich entschuldigen.“ Helge stammelte und errötete, -ärgerte sich darüber und erglühte nur tiefer in der Dunkelheit. „Ich -bin nämlich heute aus Florenz gekommen, und jetzt habe ich mich in -diesen Winkelgassen vollständig verloren. -- Nun glaubte ich, die Damen -seien Norwegerinnen -- oder jedenfalls aus Skandinavien -- und ich -komme so schlecht mit der italienischen Sprache zurecht -- und da kam -mir die Idee --. Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, mir zu -sagen, wo ich eine Straßenbahn finde? Mein Name ist Kandidat Gram“. Er -lüftete wieder den Hut. - -„Ja, wo wohnen Sie denn?“ fragte die Größere. - -„Gleich neben dem Bahnhof, es heißt so ähnlich wie Albergo Torino“, -erklärte ihnen Helge. - -„Dann muß er mit der Trasteverebahn fahren vom San Carlo ai Catenari -aus,“ sagte die Kleine. - -„Nein, Sie steigen besser in die Linie 1 auf dem neuen Corso.“ - -„Die geht aber nicht bis zu den Termini“, antwortete wieder die -Kleinere. - -„Aber natürlich. Sie nehmen die, auf der San Pietro-Stazione Termini -steht“, erklärte sie Helge. - -„Die -- die fährt doch erst über den Capo de Case und Ludovisi und -so weiter bis ans Ende der Welt -- mit der dauert es mindestens eine -Stunde bis zum Bahnhof.“ - -„Nicht doch, Liebes -- sie fährt direkt -- den kürzesten Weg durch die -Via Nazionale.“ - -„Nein --“, beharrte die Kleine. „Sie fährt übrigens erst um den Lateran -herum.“ - -Die große Dame wandte sich an Helge: - -„Sie gehen nur die erste Straße zur Rechten hinunter bis zum Flohmarkt. -Dann halten Sie sich links an der Cancelleria, bis Sie auf den neuen -Corso hinausgelangen. Soviel ich mich entsinne, hält die Bahn an der -Cancelleria, jedenfalls gleich in der Nähe; Sie sehen schon das Schild. -Sie müssen aber darauf achten, daß Sie den Wagen bekommen, auf dem San -Pietro-Stazione Termini steht -- es ist die Linie 1.“ - -Helge blickte mutlos drein, als die jungen Mädchen neben ihm mit -den fremden Namen um sich warfen, als seien es Bälle. Er schüttelte -schließlich den Kopf. - -„Ich fürchte, ich finde mich da nicht zurecht, ich werde doch lieber -gehen, bis ich auf eine Droschke stoße.“ - -„Wir begleiten Sie gern bis zur Haltestelle“, sagte die Große wieder. - -Die Kleine brummte mürrisch auf Italienisch etwas vor sich hin, doch -die Große antwortete in verweisendem Tone. Helges Mut sank noch um ein -Beträchtliches durch diese Bemerkungen über seinen Kopf weg, die er -nicht verstand. - -„Ich danke Ihnen, ich möchte Sie wirklich nicht damit belästigen -- ich -finde sicher schon irgendwie nach Hause.“ - -„Das ist durchaus keine Mühe,“ erwiderte die Große und schickte sich -zum Gehen an. „Wir haben ungefähr denselben Weg.“ - -„Es ist recht schwierig, sich in Rom zurechtzufinden“, versuchte Helge, -ein Gespräch in Gang zu bringen. „Jedenfalls in der Dunkelheit.“ - -„O nein, man kennt sich schnell aus.“ - -„Ich kam also heute hierher -- ich kam heute Vormittag mit dem Zuge aus -Florenz.“ - -Die Kleine sagte halblaut etwas auf Italienisch. Die Große fragte -hierauf Helge: - -„Es ist wohl jetzt kalt in Florenz?“ - -„Ja, hundekalt. Ist es nicht hier in Rom milder? Ich schrieb übrigens -gestern nach Hause an meine Mutter und bat um meinen Wintermantel.“ - -„Auch hier kann es oft recht scharf und kalt sein. Fühlten Sie sich -wohl in Florenz? Wie lange waren Sie dort?“ - -„Vierzehn Tage“, sagte Helge. „Ich glaube, Rom wird mir doch besser -gefallen.“ - -Das andere junge Mädchen lachte. Die ganze Zeit über hatte es auf -Italienisch vor sich hingebrummelt. Doch die Große sprach zu ihm mit -ihrer warmen ruhigen Stimme: - -„Ja, ich glaube, es gibt keine Stadt, die man so liebgewinnt wie Rom.“ - -„Ihre Freundin ist Italienerin?“ fragte Helge. - -„Nein, Fräulein Jahrmann ist Norwegerin. Wir sprechen Italienisch -miteinander, damit ich es lerne -- sie ist nämlich schon sehr weit -darin. Mein Name ist Winge“, fügte sie hinzu. „Dort liegt Cancelleria“, -und sie wies auf einen großen düsteren Palast. - -„Ist der Hofraum so schön, wie man sich erzählt?“ - -„Ja, herrlich. -- Nun werde ich Ihnen helfen, die richtige Straßenbahn -zu finden.“ - -Während sie standen und warteten, kamen zwei Herren quer über die -Straße. - -„Hallo, finden wir Sie hier?“ sagte der eine auf Schwedisch. - -„Guten Abend“, begrüßte sie der andere. „Dann gehen wir doch zusammen -hinüber? Seid Ihr unten gewesen, um Euch die Korallen anzusehen?“ - -„Der Laden war geschlossen“, erwiderte Fräulein Jahrmann mißmutig. - -„Wir haben einen Landsmann getroffen, dem wir auf die richtige -Straßenbahn helfen wollen“, setzte Fräulein Winge auseinander und -stellte vor: „Kandidat Gram, Maler Heggen, Bildhauer Ahlin.“ - -„Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner erinnern, Herr Heggen, Gram ist -mein Name -- wir lernten uns einmal auf der Mysusenne kennen, vor etwa -drei Jahren.“ - -„Ah, ja natürlich. Und nun sind Sie also in Rom?“ - -Ahlin und Fräulein Jahrmann hatten abseits gestanden und miteinander -geflüstert. Jetzt ging sie auf die Freundin zu: - -„Du, Jenny, ich gehe heim. Ich bin doch nicht dazu aufgelegt, zu -Frascati zu gehen.“ - -„Aber liebes Kind, du hast ja selbst den Vorschlag gemacht.“ - -„Ach nein, nicht Frascati -- dazusitzen und sich mit dreißig alten -dänischen Weibern beiderlei Geschlechts abzuplagen.“ - -„Wir können ja etwas anderes wählen -- doch da ist Ihre Straßenbahn, -Kandidat Gram.“ - -„Ja, tausend Dank für Ihre Hilfe! Vielleicht sehe ich die Damen einmal -wieder -- im Skandinavischen Verein?“ - -Die Bahn hielt vor ihnen -- da sagte Fräulein Winge: - -„Sie haben vielleicht Lust, sich uns anzuschließen; wir hatten die -Absicht, heute Abend ein wenig zu bummeln, Wein zu trinken und Musik zu -hören.“ - -„Ja, danke.“ Helge war unsicher und verlegen und schaute auf die -anderen. „Recht gern, aber --“ er wandte sich vertrauensvoll an -Fräulein Winge mit dem hellen Antlitz und der freundlichen Stimme: „Sie -kennen sich ja untereinander und -- nun, ist es nicht am gemütlichsten -für Sie alle, ohne fremde Gesellschaft zu sein?“ Er lachte verlegen. - -„Aber nein, mein Lieber.“ Sie lächelte. „Im Gegenteil -- sehen Sie, -dort fährt Ihre Bahn schon -- und Heggen kennen Sie ja doch von früher -und jetzt uns. Wir werden schon darauf achtgeben, daß Sie richtig nach -Hause gelangen -- wenn Sie also nicht zu müde sind.“ - -„Müde! Nein. -- Ich möchte sehr gern mit Ihnen zusammen sein“, -versicherte Helge eifrig und erleichtert. - -Die drei anderen begannen, Trattorien vorzuschlagen. Helge kannte -keinen der Namen, die fielen; es war keiner von denen darunter, -die sein Vater erwähnt hatte. Fräulein Jahrmann aber verwarf jeden -Vorschlag. - -„Nun gut, dann gehen wir eben nach St. Agostino. Du weißt, wo es den -roten Wein gibt, Gunnar.“ Jenny Winge schlug ohne weiteres diese -Richtung ein; Helge folgte. - -„Da ist keine Musik“, hatte Fräulein Jahrmann einzuwenden. - -„Aber natürlich -- der Scheeläugige und der andere sind dort fast jeden -Abend. Laßt uns doch nur nicht hier stehen und Zeit verlieren.“ - -Helge folgte mit Fräulein Jahrmann und dem schwedischen Bildhauer. - -„Sind Sie schon längere Zeit in Rom, Herr Gram?“ - -„Nein, ich kam heute Vormittag aus Florenz.“ - -Fräulein Jahrmann lachte leise, Helge wurde verlegen. Er überlegte -im Gehen -- sollte er nicht doch lieber sagen, daß er müde sei und -dann umkehren? Während sie durch finstere enge Straßen ihren Weg -fortsetzten, plauderte Fräulein Jahrmann ununterbrochen mit dem -Bildhauer und antwortete kaum, wenn er den Versuch machte, mit ihr zu -sprechen. Ehe er sich jedoch entschlossen hatte, sah er das andere Paar -vorn durch eine schmale Tür verschwinden. - - - - -II. - - -„Was zum Teufel ist nun wieder in Cesca gefahren -- ihre Launen kennen -ja nachgerade keine Grenzen mehr; leg Deinen Mantel ab, Jenny, sonst -erkältest Du Dich, wenn Du wieder hinauskommst.“ Heggen hängte Hut und -Frühjahrsmantel an den Ständer und ließ sich in einen Korbsessel fallen. - -„Das arme Ding, ihr geht es augenblicklich nicht gut -- und außerdem -lief uns dieser Gram ein Stück nach, ehe er es wagte, uns anzusprechen -und nach dem Wege zu fragen; dergleichen bringt sie immer in Erregung, -und dann, Du weißt ja, -- ihr Herz.“ - -„Die Aermste. -- Frecher Bursche übrigens.“ - -„O, nicht doch, er lief ja umher und wußte weder aus noch ein, glaube -ich. Er macht nicht gerade den Eindruck, als habe er Erfahrung im -Reisen. Du kennst ihn?“ - -„Keine Ahnung. Aber deshalb kann ich ihn sehr gut mal getroffen haben. -Ah, da sind sie.“ - -Ahlin nahm Fräulein Jahrmann den Mantel von der Schulter. - -„Teufel auch,“ meinte Heggen, „wie fein du heut Abend bist, Cesca.“ - -Sie lächelte erfreut und strich mit der Hand den Rock über den Hüften -glatt, dann faßte sie Heggen bei den Schultern: - -„Rück’ ein wenig zur Seite -- ich will neben Jenny sitzen.“ - -„Herr des Himmels, wie ist sie schön,“ dachte Helge. Cescas Kleid war -leuchtend grün, der üppige Busen hob sich aus dem hoch gearbeiteten -Rock wie aus einem Blumenkelch. Die Sammetbluse leuchtete in den -Falten wie gleißendes Gold; aus dem tiefen Ausschnitt wuchs der runde, -mattbraune Hals empor. Sie war sehr brünett; unter der braunen Glocke -des Plüschhutes umschmeichelten kleine kohlschwarze Locken die reinen, -pfirsichroten Wangen. Das Antlitz war ganz jungmädchenhaft, schwere -Lider bedeckten die tiefen, grauschwarzen Augen, und lächelnde Grübchen -verschönten den kleinen, dunkelroten Mund. - -Jenny Winge, so hübsch sie auch war, fiel gegen die Freundin ganz -ab. Sie war ebenso blond wie die andere dunkel: das Haar, von der -hohen weißen Stirn zurückgestrichen, lugte goldig schimmernd unter -dem kleinen grauen Pelzbarett hervor; die Haut war schneeig weiß und -lichtrot. Selbst Augenbrauen und die Wimpern über den stahlgrauen Augen -waren hell -- goldbraun. Der etwas bleiche Mund aber schien zu groß für -das schmale Gesicht mit der kurzen geraden Nase und den blaugeäderten -gewölbten Schläfen; wenn sie lachte, zeigte sie eine dichte Reihe -blanker Zähne. Alles übrige an ihr war schmächtig, der lange schlanke -Hals, die Arme, von hellen feinen Härchen bedeckt, und die langen, -mageren Hände. Lang und aufgeschossen, wie sie war, erschien ihr -Körper knabenhaft -- sie mußte noch erstaunlich jung sein. Sie trug -kleine weiße Aufschläge an den Ellenbogen und am Halsausschnitt des -hellgrauen, seidenen Kleides, das, leicht und wallend, über der Brust -und an den Hüften gekräuselt war -- wohl um ihre Magerkeit etwas zu -verbergen. Den Hals schmückte eine Kette von kleinen mattrosa Perlen, -die sich in rosenroten Lichtpünktchen auf der Haut widerspiegelten. - -Helge Gram hatte sich bescheiden am Ende des Tisches niedergelassen -und folgte der Unterhaltung. Die fremde Gesellschaft sprach von einer -Frau Söderblom, die krank gewesen war. Ein alter Italiener mit einer -schmutzigweißen Schürze über dem dicken Leib kam herbei und fragte nach -ihren Wünschen. - -„Rot, weiß, sauer, süß -- was wollen Sie trinken, Gram?“ wandte Heggen -sich an ihn. - -„Kandidat Gram soll sich einen halben Liter von meinem Rotwein -bestellen“, meinte Jenny Winge. „Es ist einer der besten in Rom, und -das will etwas heißen, wissen Sie!“ - -Der Bildhauer schob den Damen eine Zigarettendose hin. Cesca griff zu. - -„O, nicht doch, Cesca“, bat Jenny. - -„Nun erst recht“, sagte Cesca „Mir wird nicht besser, auch wenn ich es -lasse. Und ich bin böse heute Abend.“ - -„Aber weshalb denn, liebes gnädiges Fräulein?“ - -„Ach. -- Zum Beispiel weil ich die Korallen nicht bekam.“ - -„Brauchtest du sie denn heute Abend?“ fragte Heggen. - -„Nein, aber ich hatte mich doch endlich entschlossen, sie zu kaufen.“ - -„Und morgen hast du dich für die Malachitkette entschieden?“ lachte -Heggen. - -„Nein, da irrst du dich, mein Lieber. Aber es ist auch abscheulich. -Jenny und ich stürzten nur der Korallen wegen dort hinüber.“ - -„Auf diese Weise trafst du uns aber. Sonst hättet ihr zu Frascati gehen -müssen, worauf du plötzlich auch ärgerlich geworden bist.“ - -„Ich wäre sicher nicht zu Frascati gegangen -- das schwör’ ich dir, -Gunnar. Und das wäre mir viel besser gewesen. Denn nun will ich rauchen -und trinken und die ganze Nacht durchbummeln, da ihr mich nun einmal -mitgelockt habt.“ - -„Ich glaubte, du hättest es vorgeschlagen.“ - -„Die Malachitkette war außerordentlich schön, finde ich,“ lenkte Ahlin -ab, „und sehr billig.“ - -„Ja, aber Malachit ist in Florenz viel billiger. Diese kostet -siebenundvierzig. Und in Florenz, dort wo Jenny ihre ~cristallo rosso~ -kauft, hätte ich sie für fünfunddreißig Lire haben können. Jenny hat -für ihre Kette nur achtzehn gegeben. Er muß mir die Korallen aber für -neunzig Lire lassen.“ - -„Ich begreife nicht recht, wie du mit deinem Gelde auskommst“, sagte -Heggen und lachte. - -„Ich mag nicht noch länger darüber sprechen,“ sagte Cesca. „Ich habe -dieses Hin- und Hergerede satt -- morgen gehe ich und kaufe die -Korallen.“ - -„Sind aber neunzig Lire nicht furchtbar teuer für Korallen?“ wagte -Helge zu fragen. - -„Sie können sich denken, daß es nicht so ganz gewöhnliche sind“, -antwortete Cesca herablassend. „Es sind diese Contadinakorallen -- eine -dicke Kette mit Goldverschluß und langen schweren Ohrhängern.“ - -„Contadina -- ist das eine besondere Art Korallen?“ - -„Nein, das sind die, mit denen die Contadine gehen.“ - -„Ich weiß nicht, was eine Contadine ist.“ Helge lächelte schüchtern. - -„Ein Bauernmädchen. Haben Sie niemals diese Ketten gesehen, die sie -tragen, diese schweren dunkelroten geschliffenen Korallen?“ - -„Meine Perlen haben dieselbe Farbe wie Rindfleisch und die mittelste -ist so groß --“ sie bildete mit Daumen und Zeigefinger eine eigroße -Rundung. - -„Das muß wunderhübsch aussehen --“. Helge griff gierig den -Gesprächsfaden auf. „Ich kenne Malachit oder ~cristalla rossa~ -nicht -- aber meiner Ansicht nach müßten solche Korallen Ihnen am -allerbesten stehen.“ - -„Da können Sie hören, Ahlin -- Sie wollten mich ja immer dazu -verleiten, die Malachitkette zu kaufen. Heggens Schlipsnadel ist aus -Malachit -- bitte gib sie mir einen Augenblick, Gunnar. Und Jennys -Perlenhalsband besteht aus ~cristallo rosso~ -- nicht ~rossa~ -- rotem -Bergkristall, wissen Sie?“ - -Sie reichte ihm die Nadel und die Halskette. Die Kette war warm von -ihrem Hals. Helge betrachtete sie einen Augenblick. In jeder Perle -waren gleichsam kleine Spalten, die das Licht aufsogen. - -„Sie müßten Korallen tragen, Fräulein Jahrmann. Wissen Sie, ich glaube, -Sie sehen dann selbst aus wie eine römische Contadina.“ - -„Da könnt ihr’s hören.“ Sie lächelte leicht zu Helge hinüber und summte -vergnügt vor sich hin. „Da könnt ihr’s selbst hören.“ - -„Sie haben ja auch einen italienischen Namen,“ fuhr Helge eifrig fort. - -„Ach, der stammt noch von der italienischen Familie, bei der ich im -vorigen Jahre wohnte, sie veränderten den häßlichen Namen, den ich von -meiner Großmutter geerbt habe, und so behielt ich den italienischen -bei.“ - -„Francesca,“ sagte Ahlin leise. - -„Ich kann mir Sie nur als Francesca denken -- Signorina Francesca.“ - -„Warum denn nicht Fräulein Jahrmann. Wir können leider nicht -italienisch miteinander sprechen. Sie können ja die Sprache nicht.“ Sie -wandte sich an die anderen. „Jenny und Gunnar, morgen kaufe ich also -die Korallen.“ - -„Ja, das haben wir schon gehört,“ meinte Heggen. - -„Aber ich will sie für neunzig haben.“ - -„Ja, man muß aber handeln,“ sagte Helge erfahren. „Ich war heute -Nachmittag irgendwo in der Nähe der Peterskirche in einem Laden und -erstand dies hier für meine Mutter. Er verlangte sieben Lire, ich -bekam es aber für vier. Finden Sie es nicht billig?“ Er stellte den -Gegenstand auf den Tisch. - -Franziska betrachtete ihn verächtlich. - -„Die kosten anderthalb auf dem Fischmarkt. Ich habe im vorigen -Jahre zwei von der gleichen Art für jedes unserer Mädchen zu Hause -mitgebracht.“ - -„Der Mann behauptete, es sei antik,“ wandte Helge unsicher ein. - -„Das sagen sie immer, wenn sie merken, daß die Leute kein Verständnis -dafür haben. Und nicht Italienisch können.“ - -„Es gefällt Ihnen also nicht?“ fragte Helge niedergeschlagen und hüllte -es wieder in das rosa Papier. „Finden Sie nicht, daß ich es meiner -Mutter schenken kann?“ - -„Ich finde es greulich,“ sagte Franziska. „Aber ich kenne ja den -Geschmack Ihrer Mutter nicht.“ - -„Was soll ich denn nun aber mit diesem Ding anfangen?“ seufzte Helge. - -„Schenken Sie es getrost Ihrer Mutter,“ meinte Jenny Winge. „Sie freut -sich gewiß, daß Sie ihrer gedacht haben. Und außerdem -- zu Hause haben -die Leute Gefallen an solchen Dingen. Wir hier unten, wir sehen zuviel.“ - -Franziska griff nach Ahlins Zigarettendose, aber er weigerte sich, sie -ihr zu geben. Einen Augenblick flüsterten sie heftig miteinander. Dann -schleuderte sie das Etui von sich: - -„Guiseppe.“ - -Helge begriff, daß sie beim Wirt Zigaretten bestellen wollte. Ahlin -fuhr auf: - -„Liebes Fräulein Jahrmann -- ich meinte ja nur -- Sie wissen doch, daß -Sie das viele Rauchen nicht vertragen.“ - -Franziska erhob sich, Tränen in den Augen. - -„Das ist gleichgültig, ich gehe nach Haus.“ - -„Fräulein Jahrmann -- Francesca.“ Ahlin hielt ihr den Mantel, während -er leise bettelte. Sie trocknete ihre Augen mit dem Taschentuch. - -„Doch -- ich will heim. Kinder -- ihr seht doch, daß ich heute Abend -unmöglich bin. Nein, ich will nach Haus -- allein -- nein Jenny, du -darfst nicht mit mir gehen.“ - -Heggen erhob sich ebenfalls. Helge saß verlassen am Tisch. - -„Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß wir dich zu nächtlicher Stunde -allein gehen lassen,“ meinte Heggen. - -„Ahso, du verbietest mir’s vielleicht?“ - -„Ja, allerdings.“ - -„Still doch, Gunnar,“ sagte Jenny Winge. Sie schob beide Herren zur -Seite -- sie setzten sich schweigend nieder -- während Jenny, den -Arm um Franziskas Hüfte gelegt, diese mit sich zog und leise mit ihr -sprach. Kurz darauf kamen beide wieder an den Tisch zurück. - -Die Gesellschaft war jedoch verstimmt. Franziska lag halb in Jennys -Arm -- sie hatte ihre Zigaretten bekommen, rauchte und schüttelte den -Kopf zu Ahlins Versicherungen, daß die seinen besser wären. Jenny -hatte eine Schale mit Früchten bestellt; sie verzehrte eine Mandarine -und schob hin und wieder eine Scheibe in Franziskas Mund. Oh -- wie -hübsch Franziska doch war, wie sie dalag, mit einem kleinen betrübten -Kindergesicht und sich von der Freundin füttern ließ. Ahlin starrte sie -ununterbrochen an, und Heggen zerbrach abgebrannte Zündhölzer in kleine -Stümpfchen und steckte sie in die Mandarinenschalen. - -„Sind Sie schon länger in Rom, Kandidat Gram?“ fragte er. - -Helge versuchte humorvoll zu sein: - -„Ich pflege zu sagen, daß ich heute Vormittag mit dem Zuge aus Florenz -kam.“ - -Jenny lachte höflich -- Franziska jedoch lächelte ersterbend. - -Im gleichen Augenblick trat ein barhäuptiges, dunkelhaariges Mädchen -mit einem frechen, fetten bleichen Gesicht zur Türe herein. In der -Hand trug sie eine Mandoline. Hinter ihr her trippelte ein kleiner, -verwitterter Bursche von schäbiger Eleganz mit einer Guitarre. - -Jenny plauderte -- wie zu einem Kinde. - -„Sieh nur, Cesca, das ist Emilia -- jetzt bekommen wir Musik.“ - -„Das bringt Leben herein,“ sagte Helge. „Ziehen diese Volkssänger hier -in Rom wirklich immer noch von Osteria zu Osteria?“ - -Die Volkssänger begannen mit einem modernen Gassenhauer. Das Mädchen -hatte eine seltsam hohe, klare, metallische Stimme. - -„O pfui, nicht doch!“ Franziska erwachte: „Das wollen wir doch nicht -hören -- wir wollen natürlich etwas Italienisches haben -- ‚~la luna -con palido canto~‘ -- nicht wahr?“ - -Sie schlüpfte zu den Musikanten hinüber und begrüßte sie wie alte -Freunde -- lachte und gestikulierte, ergriff die Guitarre und schlug -ein paar Töne an, während sie die eine oder andere Melodie dazu summte. - -Die Italienerin sang. Süß und schmeichelnd flatterte die Melodie, -begleitet vom Klingen der Metallsaiten, durch den Raum, und Helges -Freunde sangen den Kehrreim mit. Das Lied handelte von ~amore~ und -~bacciare~. - -„Es ist ein Liebeslied, nicht wahr?“ - -„Ein feines Liebeslied,“ lachte Franziska. „Uebersetzt darf es nicht -werden, aber auf italienisch klingt es wunderhübsch.“ - -„Ach, so häßlich ist es doch nicht,“ sagte Jenny Winge. Sie wandte sich -mit ihrem zuvorkommenden Lächeln an Helge: „Nun, Kandidat Gram, finden -Sie es nicht gemütlich hier? Ist der Wein nicht gut?“ - -„Ja, ausgezeichnet. Und das Lokal ist gewiß sehr charakteristisch.“ - -Er hatte jedoch den Mut vollständig verloren. Jenny Winge und Heggen -wandten sich hin und wieder an ihn, er vermochte aber nicht, ein -Gespräch in Fluß zu halten. Schließlich begannen die anderen, sich -miteinander zu unterhalten -- über Gemälde. Der schwedische Bildhauer -saß nur da und betrachtete Franziska. Die fremdartigen Melodien -schwirrten von den klingenden Metallsaiten auf -- an ihm, Helge, -vorüber -- als ein Gruß an die anderen. Der Raum, in dem er sich -befand, war, wie er sein mußte: der Fußboden aus gelbem Backstein, -die Wände und die Deckenwölbung, weißgekalkt, ruhten auf einer dicken -Mittelsäule, die Tische waren vorschriftsmäßig ungestrichen, und -die Stuhlsitze aus grünen Weiden geflochten. Die Luft war säuerlich -durchzogen von gegorenem Brodem, der aus den Weinfässern hinter dem -marmorenen Schenktisch aufstieg. - -Künstlerleben in Rom! Es war ungefähr, als betrachte er ein Bild oder -lese eine Beschreibung darüber in einem Buch. Nur mit dem Unterschied, -daß er sich hier überflüssig fühlte -- so hoffnungslos einsam. Solange -man es in den Büchern oder auf den Bildern erlebte, konnte man im -Traume mit dabei sein. Er war jedoch davon überzeugt, daß er sich unter -diesen Leuten nie einleben würde. - -Zum Teufel, das war auch das Beste! Im Grunde taugte er ja gar nicht -dazu, unter Leuten zu sein -- erst recht nicht unter Menschen dieser -Art. Wie gedankenlos Jenny Winge nun nach dem dicken, undurchsichtigen -Glas mit dem dunkelroten Weine griff! -- Für ihn war es eine -Sehenswürdigkeit -- sein Vater hatte davon erzählt -- ihn auf das -Glas aufmerksam gemacht, das jenes Mädchen auf Marstrands Römischem -Bilde, im Kopenhagener Museum, in der Hand hielt. Nach Jenny Winges -Ansicht taugte das Bild sicher nichts. -- Diese jungen Damen hatten -sicher niemals vom Hofraum des Bramante in der Cancelleria gelesen -- -„dieser Perle der Renaissancearchitektur“. Sie hatten ihn vielleicht -zufällig eines Tages entdeckt, als sie auf dem Flohmarkt waren, um sich -Perlen und anderen Staat zu kaufen -- hatten wohl begeistert ihre -Freunde herbeigeholt, um ihnen diese neue Herrlichkeit zu zeigen, die -sie sich nicht hätten träumen lassen. -- +Die+ hatten wohl kaum in den -Büchern nachgelesen über jeden Stein und jeden Ort, bis die Augen davon -schmerzten, und all der Schönheit ringsum sich verschlossen, die sie -nicht schon in den Träumen daheim erschaut. Sie konnten sich vielleicht -an irgendeiner weißen Säule erfreuen, die zum blauen Südhimmel -emporragte, ohne pedantische Neugier, welcher Tempel und welchen -vergessenen Gottes Heiligtum einst dort gestanden hatte. - -Geträumt hatte er -- und gelesen. Und er machte die Erfahrung -- -nichts sah in Wirklichkeit dem gleich, was er erwartet hatte. Alles -wurde so grau und hart in des klaren Tages Licht -- der Traum hatte -sein Phantasiegebilde in ein weiches Halbdunkel gehüllt, es harmonisch -abgerundet zu einem Ganzen vereint und über die Ruinen Sommergrün -gebreitet. Er war nun gekommen, um nachzuschauen, ob all das, worüber -er gelesen, auch auf seinem rechten Platze stand. Später könnte er es -auf der Höheren Töchterschule aus den Büchern aufzählen und sagen, -daß er es gesehen -- und doch würde er nichts berichten können über -Dinge, die er selbst entdeckt. Nichts würde er kennenlernen außer dem, -wovon er gelesen. Wenn er auf lebendiges Material stieß, versuchte er, -unter ihnen eine der toten, erdichteten Gestalten zu finden, wie er -sie kannte -- ob einer wie sie dabei war. Wie sollte er auch etwas von -lebendigen Menschen wissen, er, der niemals gelebt .... - -Heggen dort, mit dem dicken roten Mund, träumte jedenfalls kaum von -romantischen Abenteuern ~à la~ Romanbibliothek aus dem Familienjournal, -wenn er Abends auf Roms Straßen mit einem kleinen Mädchen anbändelte. - -Helge begann zu verspüren, daß er Wein getrunken hatte. - -„Wenn Sie jetzt gehen und sich zu Bett legen, so haben Sie morgen -Kopfweh,“ sagte Jenny Winge zu ihm, als sie wieder draußen auf der -finsteren Gasse standen. Die drei anderen gingen voraus; Helge folgte -mit ihr in geringem Abstand. - -„Ehrlich gesagt, Fräulein Winge, finden Sie nicht, daß Sie da einen -schrecklich langweiligen Burschen mitbekommen haben?“ - -„Nein, mein Lieber. Es liegt ja nur daran, daß Sie uns nicht kennen und -wir Sie nicht -- noch nicht jedenfalls.“ - -„Mir wird es so schwer, mich anzuschließen -- es gelingt mir eigentlich -niemals. Ich hätte nicht mitgehen sollen, als Sie so liebenswürdig -waren, mich heute Abend einzuladen. Zum Amüsieren scheint man auch -Uebung haben zu müssen.“ Er versuchte zu lachen. - -„Ja gewiß.“ Helge konnte an ihrer Stimme hören, daß Jenny lächelte. -„Ich war fünfundzwanzig, ehe ich begann, mich zu üben, und weiß Gott, -der Anfang war auch für mich nicht leicht.“ - -„Sie? Ich glaubte, daß Sie Künstlerleute immer ... Uebrigens dachte -ich, Sie hätten es noch weit bis fünfundzwanzig.“ - -„Oh, Gott sei Dank, ich bin schon weit darüber.“ - -„Und da sagen Sie Gott sei Dank? -- Und ich dagegen als Mann. -- Ich -weiß nicht -- jedes Jahr, das gleichsam von mir abbröckelt, hinabsinkt -in die Ewigkeit, ohne etwas gebracht zu haben -- außer der demütigen -Erkenntnis, daß die Mitmenschen mich nicht brauchen, mich nicht zu den -ihren rechnen --“ Helge hielt plötzlich erschrocken inne. Er fühlte wie -seine Stimme zitterte, hatte auch die Empfindung, als sei er ein wenig -angetrunken, da er so zu einer Dame sprach, die er nicht einmal kannte. -Er fuhr jedoch, gegen seine eigene Scheu ankämpfend, fort: „Ich finde, -es ist völlig hoffnungslos. Wenn mein Vater von der Jugend seiner Zeit -erzählte -- sie führten große Worte im Munde von goldenen Illusionen -und dergleichen. Zum Teufel, ich habe in all den Jahren nicht eine -einzige Illusion gehabt, von der ich hätte Wesens machen können. Und -die Jahre sind verflossen -- verloren -- nicht wiederzuerlangen.“ - -„Das dürfen Sie nicht sagen, Kandidat Gram. Nicht ein Jahr unseres -Lebens ist verloren, solange man es nicht so weit getrieben hat, -daß Selbstmord der einzige ist. Ich glaube nicht, daß die Alten -aus der Zeit der goldenen Illusionen besser daran waren -- ihre -Jugendillusionen verschlossen ihnen das Leben. Wir -- die meisten -jungen, die ich kenne, begannen ohne Illusionen -- wir wurden -hinausgeschleudert in den Kampf um die Existenz, fast alle, ehe wir -recht erwachsen waren. Wir waren von Anfang an auf das Schlimmste -gefaßt. Doch eines Tages lernten wir erkennen, daß wir uns dennoch -mancherlei Gutes herausholen könnten. Dies und jenes geschah, wobei wir -dachten, erträgst du das, so hältst du auch das Messer aus. Bekommt -man auf die Weise erst ein wenig Selbstvertrauen, dann gibt es keine -Illusionen, deren uns zufällige Verhältnisse und Mitmenschen berauben -können.“ - -„Ach -- Verhältnisse -- oder Zufall! Wenn sie stärker sind als wir -selbst, so hilft uns auch das Selbstvertrauen nicht!“ - -„Ja,“ sie lachte. „Natürlich -- wenn ein Schiff in See geht -- so kann -der Zufall wollen, daß es havariert. Ein Gußfehler im Rade und alles -zerspringt. Ein Zusammenstoß ... Aber die ziehen wir nicht in Betracht. -Und was die Verhältnisse betrifft, so müssen wir sie zu bekämpfen -suchen. Meist findet man am Schluß doch einen Ausweg.“ - -„Sie sind also durchaus optimistisch, Fräulein Winge?“ - -„Ja.“ Sie schwieg. „Ich bin es geworden, als ich so nach und nach die -Erfahrung machte, wieviel die Menschen wirklich ertragen können, ohne -den Mut zum Weiterkämpfen zu verlieren -- und ohne schlecht zu werden.“ - -„Das ist es ja eben -- ich finde, sie werden schlecht. Verdorben -- -oder jedenfalls verkleinert.“ - -„Nicht alle. Und der Umstand, daß +einige+ sich vom Leben nicht -verderben oder -- verkleinern lassen, finde ich, genügt, um uns -optimistisch zu machen. -- Wir wollen hier einkehren,“ sagte sie. - -„Dies gleicht eher einer Montmartrekneipe oder ähnlichem, finde ich -- -nicht wahr?“ Helge sah sich um. - -An den Wänden des winzigkleinen Lokales entlang liefen schmale -plüschüberzogene Bänke. Kleine Marmortische standen umher, und auf dem -Schenktisch brannte eine Flamme unter zwei großen Nickelkochern. - -„Oh. Derartige Lokale sind wohl überall gleich,“ sagte Jenny. „Kennen -Sie Paris?“ - -„Nein -- ich dachte nur --“ - -Er wurde plötzlich ohne jeden Anlaß verwirrt. So ein kleines -Kunstmädel, das sich natürlich nach eigenem Gutdünken in der Welt -umhertummelt -- Gott übrigens mochte wissen, woher ihresgleichen das -Geld nahm. Es schien ebenso natürlich, daß man in Paris gewesen war -wie eines Abends im Café Dronningen in Kristiania. -- Für diese Art -von Menschen war es weiß Gott ein Leichtes, von Selbstvertrauen zu -sprechen. Ein kleiner Liebeskummer in Paris, den sie in Rom vergaß, das -war vielleicht das Schwerste, das sie durchgemacht. Und nun fühlte sie -sich so verteufelt keck und übermütig und erfahren, daß sie meinte, das -ganze Leben ertragen zu können. - -Ihre Figur war eigentlich unschön, obgleich sie ein frisches Antlitz -hatte mit wunderbaren Farben. - -Am meisten reizte es ihn aber, mit Franziska Jahrmann zu plaudern. Sie -sprühte jetzt vor Lebendigkeit, war jedoch von Ahlin und Heggen völlig -in Anspruch genommen. Unterdes verzehrte Jenny Winge Spiegeleier mit -trockenem Brot und trank kochend heiße Milch dazu. - -„Hier scheint mir verdächtiges Publikum zu verkehren,“ wandte Helge -sich an sie. „Die reinen Verbrechertypen alle miteinander, finde ich.“ - -„O ja, hier findet man Menschen von jeder Sorte. Sie dürfen nicht -vergessen, Rom ist eine moderne Großstadt. Es gibt viele Leute, die in -Nachtschicht arbeiten. Und dieses Lokal ist eines der wenigen, die um -diese Stunde noch geöffnet sind. Sind Sie nicht hungrig? Ich werde mir -jetzt schwarzen Kaffee kommen lassen.“ - -„Halten Sie immer solange aus?“ Helge sah nach der Uhr. Es war um die -vierte Stunde. - -„Aber nein“, sie lachte. „Nur hin und wieder. Wir sehen uns den -Sonnenaufgang an und essen dann zusammen unser Frühstück. Heute Abend -ist es nun Fräulein Jahrmann, die nicht nach Hause will.“ - -Helge wußte selber kaum, weshalb er sitzen blieb. Man trank irgendeinen -blaugrünen Likör, der ihn ganz taumelig machte, indes die anderen -lachten und plauderten. Um ihn her schwirrten Namen von Menschen und -Orten, die er nicht kannte. - -„Nein, hört mal, Douglas mit seinen Moralpredigten, kommt mir nicht -damit! Ihr müßt nämlich wissen -- eines Morgens waren wir allein oben -im Aktsaal, er und der Finne. Ihr entsinnt euch doch, Lindberg und ich, -und wir beide gingen hinunter, um etwas Kaffee zu trinken -- es war im -Juni vergangenen Jahres. Als wir zurückkamen, saß Douglas da, das Mädel -im Arm. Nun, wir taten, als sei nichts vorgefallen. Er lud mich aber -seitdem nie mehr zum Tee ein.“ - -„Herrgott,“ meinte Jenny, „war es denn so gefährlich?“ - -„Mitten im Frühling -- in Paris,“ lachte Heggen. „Laß dir’s gesagt -sein, Cesca: Norman Douglas +war+ ein feiner Kerl -- du darfst -nicht das Gegenteil behaupten, und geschickt; er zeigte mir einige -wunderhübsche Sachen von den Befestigungswerken draußen.“ - -„Ja -- und besinnst du dich auf das Bild vom Père Lachaise -- mit den -violetten Perlenkränzen links unten?“ sagte Jenny. - -„Ja gewiß, das war verflucht hübsch -- und das kleine Mädchen am -Klavier.“ - -„Ach, aber stellt euch doch vor, das häßliche Modell,“ sagte Franziska -wieder. „Es war obendrein die fette, ältliche, mit dem hellen Haar. Und -dabei hat er sich doch so tugendhaft angestellt.“ - -„Er war es auch,“ sagte Heggen. - -„Pah. Und ich war eben im Begriff, mich aus diesem Grunde in ihn zu -verlieben.“ - -„Ah so, das ändert die Sache allerdings erheblich.“ - -„Ja, er hatte oftmals um mich angehalten,“ sagte Franziska -gedankenvoll. „Und ich hatte mich eigentlich entschlossen, Ja zu sagen. -Nun war es freilich ein Glück, daß ich es nicht tat.“ - -„Hättest du ihm dein Jawort gegeben,“ meinte Heggen, „so hättest du ihn -niemals mit dem Modell im Arm zu sehen bekommen.“ - -Franziskas Antlitz veränderte sich mit einem Male vollständig. Ein -blitzartiges Zucken lief über die weichen Züge. Dann lachte sie: - -„Ach -- ihr seid alle miteinander gleich -- ich traue nicht einem von -euch, basta. ~Per bacco.~“ - -„So dürfen Sie nicht denken, Francesca.“ Ahlin hob einen Augenblick den -Kopf. - -Sie lachte wieder. - -„Ach, ich will mehr Likör haben, Herrschaften.“ - - * * * * * - -Gegen Morgen ging Helge an Jennys Seite durch dunkle, ausgestorbene -Straßen. Einmal machte die Gesellschaft vorn Halt. Auf einer -Steintreppe hockten zwei halbwüchsige Burschen. Franziska und Jenny -sprachen mit den Jungen und gaben ihnen Geld. - -„Bettler?“ fragte Helge. - -„Ich weiß es nicht -- der große sagte, er trüge Zeitungen aus.“ - -„Die Bettler hierunten sind wohl im Grunde nur Simulanten?“ - -„Ich weiß nicht -- einige vielleicht -- oder die meisten. Viele -schlafen jedoch auf der Straße, sogar mitten im Winter. Mancher ist -verkrüppelt.“ - -„Ich sah es in Florenz. Es ist ein Skandal, daß Leute mit so -scheußlichen Wunden oder furchtbar verunstaltet umhergehen und betteln -dürfen! Das Armenwesen müßte sich dieser Jammergestalten annehmen.“ - -„Ich weiß nicht recht. Es ist nun einmal so hier unten. Wir Fremden -können ja nicht darüber urteilen. Es geht ihnen vielleicht besser so -- -sie verdienen mehr auf diese Art.“ - -„Auf dem Piazzale Michelangelo beobachtete ich einen Bettler ohne Arme --- die Hände saßen ihm oben auf den Schultern. Ein deutscher Doktor, -mit dem ich zusammen wohnte, sagte, er besäße eine Villa bei Fiesole.“ - -„Na also, ist das nicht sehr gut?“ - -„Daheim bei uns lernen die Krüppel arbeiten,“ wandte Helge ein, „so daß -sie sich auf ehrliche Weise durchschlagen können.“ - -„Zu einer Villa reicht es aber kaum,“ sagte sie und lachte. - -„Dennoch -- ist etwas Demoralisierenderes denkbar, als davon zu leben, -daß man seine Verkrüppelungen zur Schau stellt?“ - -„So oder so, das Bewußtsein, daß man ein Krüppel ist, wirkt sicher -immer demoralisierend.“ - -„Trotzdem, -- davon zu leben, daß man das Mitleid der Leute anruft --.“ - -„Wer ein Krüppel ist, weiß ja doch, daß er bemitleidet wird und Hilfe -annehmen +muß+ -- von Menschen oder Gott.“ - -Jenny stieg ein paar Treppenstufen hinan und hob den Zipfel eines -Türvorhanges in die Höhe, der einer schlottrigen Matratze ähnlich sah. -Sie standen in einer winzig kleinen Kirche. - -Auf dem Altar brannte Licht. Der Schein brach sich mannigfaltig in -den Messingstrahlen des Glorienkranzes über dem Monstranzschrank, -flimmerte unruhig auf Leuchtern und Metallgegenständen und ließ die -Papierrosen in den Vasen auf dem Altar blutigrot und goldgelb erglühen. -Ein Priester las, mit dem Rücken gegen das Publikum, lautlos in einem -Buche; ein paar Chorknaben huschten hin und her, neigten und bekreuzten -sich und machten Bewegungen, deren Sinn Helge nicht verstand. - -Sonst war der kleine Kirchenraum dunkel -- in zwei Seitenschiffen -flackerten winzige Nachtlämpchen, an dunkelleuchtenden Metallketten -vor Bildern schwebend, die noch düsterer erschienen als die Dunkelheit. - -Jenny Winge kniete auf einem Rohrschemel nieder. Sie legte ihre Hände -gefaltet vor sich auf das Pult und beugte den Kopf leicht hintenüber, -so daß ihr Profil sich scharf gegen den weichen Goldglanz der Lichter -abhob, der in dem hochgestrichenen Haarschopf flimmerte und sanft über -die schlanke nackte Wölbung des Halses hinfloß. - -Heggen und Ahlin holten sich lautlos ein paar Rohrstühle herbei, die um -eine der Säulen übereinandergestapelt waren. - -Dieser stille Gottesdienst vor Tagesgrauen war eigentlich seltsam -und stimmungsvoll. Gram folgte gespannt jeder Bewegung des Priesters -am Altar. Einer der Chorknaben hängte ihm ein weißes Tuch mit einem -goldenen Kreuz über die Schultern. Jetzt nahm der Priester die -Monstranz vom Schrank über dem Altar, wandte sich um und hielt sie -hoch ins Licht. Die Knaben schwenkten die Weihrauchkessel; kurz darauf -drang scharfer, süßlicher Rauch zu ihnen hinüber. Helge wartete jedoch -vergebens auf Musik oder Gesang. - -Jenny kokettierte augenscheinlich ein wenig mit dem Katholizismus, -indem sie niederkniete. Heggen starrte geradeaus auf den Altar, -er hatte den einen Arm um Franziskas Schulter gelegt -- sie war -eingeschlummert und hatte sich an ihn geschmiegt. Ahlin konnte er nicht -sehen, er saß hinter einer Säule und schlief sicher ebenfalls. - -Seltsam war es, hier mit diesen wildfremden Menschen zu sitzen. Helge -fühlte sich einsam -- aber jetzt schmerzte dieser Gedanke nicht. Jene -freie, glückliche Stimmung vom vergangenen Abend kehrte zurück --. Er -betrachtete die anderen, die beiden jungen Mädchen. Jenny und Franziska --- er wußte nun ihre Namen, viel mehr aber auch nicht. Und keine von -ihnen ahnte, was es für ihn bedeutete, hier zu sitzen, was er nun alles -zurückgelassen hatte, all die schmerzlichen Kämpfe daheim, vor denen -er geflohen. Niemand kannte die Hindernisse, an denen er sich müde -gearbeitet, die Fesseln, die ihn eingeschnürt hatten. Eine wundersame, -fast hochmütige Freude erfüllte ihn bei diesem Gedanken, und seine -Augen ruhten mit nachsichtigem Mitleid auf den beiden Frauen. So junge -Dinger wie Cesca und Jenny, unverbraucht und frisch, mit kleinen -unumstößlichen Ansichten hinter den weißen, glatten Jungmädchenstirnen. -Zwei frische hübsche Mädels, die ihren geraden Weg durchs Leben -schritten, hier und da, wie zum Zeitvertreib, wohl ein kleines -Steinchen beiseite räumen mußten, von Schicksalen wie dem seinen aber -nichts wußten. - -Er fuhr auf, als Heggen seine Schultern berührte, und errötete; er war -eingenickt. - -„Nun, Sie haben auch einen kleinen Schlummer getan, wie ich sehe“, -sagte Heggen. - -Draußen standen die hohen stillen Häuser in der grauen Dämmerung -- -schliefen mit geschlossenen Läden in allen Stockwerken. In einer -Seitenstraße ratterte eine klappernde Straßenbahn vorüber, eine -Droschke holperte über das Steinpflaster, und hier und da schlich eine -verfrorene, schläfrige Gestalt den Bürgersteig entlang. - -Sie bogen in eine Straße ein, an deren Ausgang man den Obelisk vor der -Trinitat dei-Monti-Kirche erblicken konnte -- er hob sich weiß gegen -des Pincio schwarze Steineichen ab. Nicht eine Menschenseele war zu -sehen und nicht ein Laut zu hören außer ihren eigenen Schritten auf den -Steinen und dem Rieseln einer kleinen Fontäne in irgend einem Hofe. Und -weit entfernt durch die Stille plätscherte der Springbrunnen auf dem -Monte Pincio gegen das steinerne Becken. Helge erkannte den Ton wieder, -und als sie dem Laut nachgingen, schoß in ihm ein feiner zarter Strahl -von Glückseligkeit auf -- es war, als erwarte ihn seine eigene Freude -vom verflossenen Abend da droben an dem springendem Quell unter den -Steineichen. - -Er wandte sich an Jenny, ohne zu ahnen, daß seine Augen und seine -Stimme für seine kleine Freude baten: - -„Hier oben stand ich gestern abend und sah die Sonne untergehen. Es -war so wunderlich. Jahrelang habe ich dafür gearbeitet -- mein Wunsch -war es, Archäologe zu werden. Aber nach meinem zweiten Examen mußte -ich die Lehrtätigkeit ergreifen. Immer habe ich auf den Tag gewartet, -an dem ich hierher kommen würde -- mich gleichsam darauf vorbereitet. -Und doch -- als ich dann hier stand, so plötzlich -- war ich gänzlich -unvorbereitet.“ - -„Ja,“ meinte Jenny, „ich verstehe das sehr gut.“ - -„Uebrigens, als ich gestern aus dem Zug gestiegen war, da sah ich es -gleich alles vor mir liegen: die Ruinen der Termen, die schweren, -gelben, von der Sonne überfluteten Mauerreste, und mitten unter -ihnen die großartigen Neubauten mit Kaffees und Kinematographen, -die Straßenbahnen auf dem Platz, die Anlagen und die herrlichen -Springbrunnen mit ihren übervollen Wasserbecken ... Die alten Mauern -inmitten der modernen Häuserblocks und das Getriebe der Stadt -ringsumher -- gerade das fand ich so schön.“ - -„Ja,“ sagte sie mit fröhlicher Stimme und nickte. „Ich liebe es auch -sehr.“ - -„Und dann ging ich hinab. Altertum und Neuzeit vereint! Ueberall -Springbrunnen, rieselnd und rauschend und plätschernd. Ich ging -geradenwegs zum St. Peter; es dunkelte, als ich dort ankam, und ich -stand und betrachtete die beiden Fontänen auf dem Platz. Hier in der -Stadt springen sie wohl die ganze Nacht hindurch.“ - -„Die ganze Nacht -- fast überall hört man Springbrunnen. Die Straßen -hier sind ja so still des Nachts. Dort, wo wir wohnen, Franziska und -ich, ist eine kleine Fontäne unten im Hof. Wir haben einen Balkon vor -unseren Zimmern, und wenn es abends milde ist, sitzen wir draußen und -lauschen dem Rinnen bis in die tiefe Nacht hinein.“ - -Sie hatte sich auf das Steingeländer gesetzt. Helge Gram stand am -gleichen Ort wie am Abend vorher und sah wieder über die Stadt mit -ihren Höhenzügen im Hintergrund, den grauweißen und verwitterten. -Und der Himmel spannte sich darüber so hell und klar wie über dem -Hochgebirge. Er sog die reine, eiskalte Luft in vollen Zügen ein. - -„Nirgends auf der Welt,“ sagte Jenny, „ist der Morgen so wie hier in -Rom. Ich habe das Gefühl, als schlafe die ganze Stadt -- einen Schlaf, -der leichter und leichter wird -- und plötzlich ist sie erwacht, -ausgeruht und frisch. Heggen meint, es käme von den Fensterläden; da -sind keine Scheiben, die das Morgenlicht einfangen.“ - -Sie hatten den Rücken dem Morgengrauen und dem goldenen Himmel -zugewandt, gegen den sich die Pinienkronen des Medicigartens und die -beiden kleinen Türme der Kirche mit den Wimpeln auf der Spitze hart -und scharf abzeichneten. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Die -graue Häusermasse dort unten aber begann langsam Farben auszustrahlen --- es schien, als würde das Mauerwerk auf zauberhafte Weise von innen -her mit Farben durchleuchtet; einige Häuser glühten in tiefem Rot auf, -bis dies ganz langsam in einen rosenfarbenen Schein überging, andere -schimmerten gelblich, andere wieder weiß. Die Villen draußen auf dem -dunklen Höhenzug des Monte Mario erhoben sich leuchtend aus den braunen -Grashängen und schwarzen Zypressen. - -Bis plötzlich draußen von den Höhen hinter der Stadt ein Blinken kam -wie von einem Stern; da war doch eine Fensterscheibe, die den ersten -Sonnenstrahl eingefangen hatte. Das dunkle Laub dort drüben flammte auf -wie das Gold von Oliven. - -Eine kleine Glocke drunten in der Stadt begann zu läuten. - -Cesca lehnte sich müde an ihre Freundin: - -„~Il levar del sole.~“ - -Helge bog den Kopf weit zurück und starrte in das kühle Blau der -Himmelskuppel. Jetzt schoß ein Sonnenstrahl hervor, die höchste Spitze -der Wassersäule des Brunnens streifend. Die Tropfen da droben funkelten -azurblau und golden. - -„Ah -- Gott segne Euch alle miteinander, ich bin so schauderhaft müde,“ -sagte Franziska und gähnte so laut sie konnte. „Uuh, so kalt. Jenny, -erfrier dir deinen zarten Körperteil nicht auf den kalten Steinen -- -nun will ich zu Bett -- ~subito~.“ - -„Ja, müde.“ Heggen gähnte. „Wir wollen heim, Herrschaften. Das heißt, -ich trinke erst eine Tasse kochende Milch auf meiner Latteria. Gehen -wir also?“ - -Sie schlenderten die Spanische Treppe hinab. Helge betrachtete all -die kleinen grünen Blättchen, die zwischen den weißen Steinstufen -hervorlugten. - -„Seltsam, daß sie hier gedeihen, wo so viele Menschen gehen und alles -niedertreten.“ - -„Oh ja, es sprießt hier überall, wo sich nur ein wenig Erde zwischen -zwei Steinen findet. Sie hätten im letzten Frühjahr das Dach sehen -sollen, unter dem wir wohnen. Dort wächst ein kleines Feigenbäumchen -zwischen den Dachziegeln. Cesca macht sich solche Sorge, daß es den -Winter nicht überdauert -- und wovon soll es leben, wenn es größer -wird? Sie hat es gezeichnet.“ - -„Ihre Freundin malt auch, wie ich hörte?“ - -„Ja, Cesca ist sehr talentvoll.“ - -„Ich besinne mich jetzt, ich sah im vergangenen Herbst auf der -staatlichen Kunstausstellung ein Bild von Ihnen,“ sagte Helge ein wenig -zaghaft. „Rosen in einer Kupferschale.“ - -„Ja, das hab’ ich im Frühling hier unten gemalt. Jetzt bin ich nicht -mehr damit zufrieden --. Ich war im Sommer zwei Monate in Paris und -finde, daß ich in der Zeit sehr viel gelernt habe. Ich habe es aber -verkaufen können, für dreihundert Kronen; das war der Preis, für den -ich es ausgeschrieben hatte. Ja, einiges ist übrigens ganz gut daran.“ - -„Sie malen etwas modern -- aber das tun Sie gewiß alle?“ - -Jenny lächelte leise, antwortete aber nicht. - -Die anderen standen am Fuß der Treppe und warteten. Jenny reichte allen -die Hand und sagte Guten Morgen. - -„Das sieht dir doch wieder ähnlich,“ sagte Heggen. „Ist es dein Ernst, -jetzt hinaufzugehen und zu arbeiten?“ - -„Gewiß.“ - -„Du bist völlig irrsinnig.“ - -„Jenny, komm’ mit nach Haus,“ jammerte Franziska. - -„Warum soll ich nicht arbeiten, wenn ich nicht müde bin? Ja, Kandidat -Gram, jetzt sollten Sie wohl eine Droschke haben und heimfahren.“ - -„Ja. Uebrigens: ist das Postamt nicht um diese Zeit geöffnet? Ich weiß, -es soll nicht so weit von der Piazza di Spagna entfernt sein.“ - -„Dort muß ich vorüber -- dann können Sie ja mit mir gehen.“ - -Sie nickte ein letztes Mal den anderen zu, die sich anschickten, -heimzuziehen. Franziska hing an Ahlins Arm, taumelnd vor Müdigkeit. - - - - -III. - - -„Nun, Sie haben also Post bekommen,“ sagte Jenny. Sie hatte in der -Vorhalle des Postamtes gewartet. „Jetzt werde ich Ihnen zeigen, mit -welcher Straßenbahn Sie fahren müssen.“ - -Der Platz war vom Sonnenschein weiß überflutet, die Luft noch -morgenfrisch und rein. Doch schon wimmelten Wagen und Menschen in -geschäftiger Eile in den engen Straßen. - -„Wissen Sie, Fräulein Winge -- ich fahre nicht nach Haus; ich bin -jetzt so wach wie nur irgend möglich. Ich hätte die größte Lust, einen -Spaziergang zu machen. Ist es aufdringlich, wenn ich frage, ob ich Sie -ein kleines Stückchen Wegs begleiten darf --?“ - -„Aber gar nicht --. Doch wie werden Sie nachher zu Ihrem Hotel -zurückfinden?“ - -„Pah, am hellichten Tage.“ - -„Freilich, eine Droschke treffen Sie überall an.“ - -Sie kamen auf den Corso hinaus. Sie nannte die Namen der Paläste, war -ihm aber jeden Augenblick ein Stück voraus, da sie schnell ausschritt -und sich geschmeidig durch die vielen Menschen wandte, die sich schon -auf dem schmalen Bürgersteig drängten. - -„Mögen Sie Wermut?“ fragte sie; „ich will eben hier hinein und einen zu -mir nehmen.“ - -Sie leerte das Glas in einem Zuge, während sie am marmornen Schenktisch -der Bar stand. Helge fand keinen Geschmack an dem bittersüßen Getränk, -das zur Hälfte mit Chinin gemischt war. Es war aber etwas Neues für ihn -und es gefiel ihm, so unvermittelt in eine Bar zu laufen. - -Jenny bog in schmale Gassen ein, wo die Luft noch nächtlich kühl und -dumpf war. Nur hoch oben streifte der Sonnenschein die Mauern der -Häuser. Helge schaute mit überwachen Sinnen um sich, betrachtete die -blaugestrichenen Karren mit Maultiergespannen, deren Sattelzeug mit -Messingbeschlägen und roten Troddeln geschmückt war, sah barhäuptige -Frauen und schwarze Kinder, kleine billige Läden und die Verkaufsstände -für Obst und Gemüse in den Torwegen. In einer Häusernische stand ein -alter Mann und briet Schmalzgebäck auf einem kleinen Herd. Jenny kaufte -einige Kuchen und bot sie Helge. Er lehnte jedoch dankend ab. Ein -Teufelsmädchen! Sie aß die Kuchen mit gesundem Appetit, ihm aber wurde -übel bei der bloßen Vorstellung, eines dieser fettriefenden Stücke -zwischen die Zähne zu bekommen, noch dazu mit dem Wermutgeschmack -im Mund und nach dem Genuß der vielen Getränke in dieser Nacht. Und -außerdem -- so schmierig wie der Alte war. - -Seite an Seite mit verfallenen, armseligen Häusern, wo graufarbenes -Leinenzeug zum Trocknen zwischen den brüchigen Fensterläden hing, lagen -große, wuchtige Paläste mit vergitterten Fenstern und ausladenden -Gesimsen. Einmal ergriff Jenny ihn am Arm -- ein brandrotes Automobil -kam tutend aus einem Barockportal, wendete schwerfällig und sauste -die schmale Straße hinauf, deren Rinnstein mit Müll und Kohlblättern -angefüllt war. - -Helge ging und genoß. Wie südlich fremd war hier alles .. Sein einziges -inneres Erlebnis seit vielen Jahren war immer nur der Zusammenstoß -seiner phantastischen Traumwelt mit der kleinlichen Wirklichkeit -des Alltags gewesen, bis er schließlich gleichsam aus Notwehr -gelernt hatte, seine Träumereien zu belächeln und seiner Phantasie -eine Richtung ins Reale zu geben. So versuchte er auch jetzt, sich -unwillkürlich klar zu machen, daß in diesem romantischen Quartier -die gleiche Art von Menschen lebte wie in anderen großen Städten. -Ladenmädchen und Fabrikarbeiter, Typographen und Telegraphisten -- -Menschen, die tagtäglich in Geschäften, auf Kontoren und an Maschinen -ihre Arbeit verrichteten und nicht anders waren wie überall auf der -Welt. -- Er spann den Gedanken jedoch mit einer seltsamen Freude weiter -aus, weil diese Straßen und Häuser, die seinen Traumgebilden glichen, -doch helle Wirklichkeit waren. - -Sie traten auf einen offenen Platz hinaus. Hier umfing sie die Sonne -mit ihren weißen weichen Strahlen und befreite sie vom letzten Hauche -klammer, dumpfer Luft aus den kleinen Gassen, die sie durchwandert -hatten. Jenseits des Platzes war der Erdboden kreuz und quer zerwühlt, -Berge von Schutt und Müll und Stapel alten Gerölls lagen einträchtig -beieinander. Alte, verfallene Häuser, zum Teil halb niedergerissen mit -gähnenden Höhlen, vervollständigten in Gemeinschaft mit antiken Ruinen -das Bild der Verwüstung. - -An einigen zerstreut liegenden Gebäuden vorbei, die verlassen standen, -als habe man nur vergessen, sie niederzureißen, gelangten Jenny und -Helge auf den Platz am Vestatempel. Hier lag die große neue Dampfmühle -und dort das schöne alte Kirchlein mit seiner Säulenhalle und dem -schlanken Glockenturm. Und im Hintergrunde stieg der Aventinerhügel -klar zum sonnigen Himmel empor, mit den Klöstern auf dem Gipfel, -staubiggrauen Bogen namenloser Ruinen in den Gärten auf den Hängen, -überwuchert von schwarzem Efeu, grauem kahlen Dorngebüsch und gelbem, -winterwelken Gras. - -Immer wieder hatten diese Ruinen ihn enttäuscht, in Deutschland wie -in Florenz. Er hatte von ihnen gelesen und sie im Geiste mit einem -romantischen Rahmen aus grünem Laub umgeben. Blumen sah er in den -Mauerspalten blühen, wie auf alten Kupferstichen oder Theaterkulissen. -In Wirklichkeit waren sie schmutzig und verstaubt; vergilbtes Papier, -zerbeulte Blechbüchsen, schmutziger Abfall hatte sich ringsum -angesammelt, rauhe, winterliche Luft entströmte dem Gemäuer. Die -einzige Vegetation des Südens bildeten grauschwarzes Immergrün, nacktes -dorniges Gebüsch und das welke, farblose Gras. - -An diesem sonnigen, durchsichtigen Morgen aber wurde es ihm plötzlich -klar, daß sie, betrachtete man sie mit den rechten Augen, dennoch schön -sein konnten. -- - -Hinter der Kirche schlug Jenny einen Weg ein, der zwischen Gärten -hindurch führte. Pinien ragten dahinter auf und der Efeu fiel in losen -Ranken über die Mauern. Sie machte Halt und entzündete eine Zigarette. - -„Ja,“ erklärte sie, „ich bin dem Tabak verfallen, doch Cesca verträgt -das Rauchen nicht, ihres Herzens wegen, darum muß ich mich mäßigen, -wenn sie dabei ist; hier draußen dampfe ich wie eine Lokomotive -- da -sind wir.“ - -Ein kleines gelbes Haus lag vor ihnen, von einem Reisiggitter -eingezäunt. Im Garten standen ein Tisch und Bänke unter zwei großen, -kahlen Ulmen, und eine Laube, aus Binsen geflochten. Jenny begrüßte -vertraulich ein altes Weib, das in die Tür getreten war. - -„Wie wär’s mit einem Frühstück, Kandidat Gram --?“ - -„Kein übler Gedanke. Vielleicht etwas starken Kaffee -- und Brot und -Butter --.“ - -„Gott segne Sie -- Kaffee! und Butter! Eier und Brot und Wein -- Salat -und Käse vielleicht --. Ja, sie hat Käse, sagt sie. Wieviele Eier -möchten Sie haben?“ - -Während die Frau den Tisch deckte, brachte Jenny Staffelei und Malgerät -heraus. Ihren langen blauen Abendmantel vertauschte sie gegen eine von -Oelfarbenflecken bedeckte Wetterjacke. - -„Darf ich mir Ihr Bild anschauen?“ fragte Helge. - -„Ja, -- ich werde wohl das Grün abtönen müssen, es liegt so hart auf. -Bis jetzt ist kein rechtes Licht über dem Ganzen. Der Hintergrund ist, -glaube ich, gut.“ - -Helge betrachtete das kleine Bild, auf dem die Bäume wie große grüne -Flecken standen. Er konnte nichts Besonderes daran finden. - -„Ah, das Essen steht bereit! Sie kriegt sie an den Kopf, wenn sie -hartgekocht sind. -- Nein, Gottseigelobt!“ - -Helge war nicht hungrig. Jedenfalls brannte ihm jetzt der Hals von dem -sauren, weißen Wein, und das ungesalzene trockene Brot konnte er kaum -herunterbringen. Jenny zermalmte große Stücke davon zwischen ihren -weißen Zähnen, stopfte kleine Bissen Parmesankäse dazu in den Mund und -trank Wein, denn drei Eiern hatte sie bereits den Garaus gemacht. - -„Daß Sie das gräßliche Brot so trocken essen können,“ sagte Helge. - -Sie lachte: - -„Ich finde dieses Brot so gut. Butter habe ich kaum zu sehen bekommen, -seit ich von Kristiania fort bin. Die pflegen Cesca und ich nur für -Gesellschaften zu kaufen. Wir müssen nämlich sparen, sehen Sie.“ - -Er lachte auch: - -„Was nennen Sie sparen -- Perlen und Korallen --.“ - -„Ach, -- das ist Luxus --. Ich finde beinahe, das ist das Notwendigste --- ein wenig jedenfalls. Nein, wir wohnen billig und essen billig, -kaufen Seidenschärpen und trinken ein paar Wochen lang des Abends Tee -und genießen trockenes Brot und Rettiche dazu.“ - -Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und entzündete eine neue Zigarette. Das -Kinn auf die Hand gestützt, saß sie und sah hinaus: - -„Nein, Kandidat Gram. Sehen Sie -- hungern -- ja, ich habe das niemals -erleben müssen, aber es kann ja noch einmal kommen. -- Heggen zum -Beispiel hat es durchgemacht -- und doch gibt er mir Recht. Es ist -besser, zu wenig vom Notwendigen zu haben, als niemals etwas von dem, -was eigentlich überflüssig ist. Das Ueberflüssige, eben das ist es, -wofür man arbeitet, wonach man sich sehnt --. - -Daheim bei meiner Mutter -- da hatten wir das dringend Notwendige ja -immer -- freilich. Aber nichts darüber. Das mußte eben so sein -- die -Kinder sollten ja Essen haben.“ - -Helge lächelte ein wenig unsicher: - -„Ich kann mir Sie gar nicht als einen Menschen denken, der jemals die -Bekanntschaft mit -- mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten gemacht hat!“ - -„Wieso?“ - -„Nein, Sie sind so unverzagt, so frei und sicher. Wenn man in engen -Verhältnissen aufgewachsen ist, wo man nichts anderes hört als Sparen, -da wagt man es bald nicht mehr, sich Anschauungen zuzulegen -- in -weiterem Sinne. Es ist peinlich, zu wissen, daß der Mammon alles -regiert und daß man Mittel besitzen muß, will man sich Pläne und eine -eigene Meinung gestatten.“ - -Jenny nickte nachdenklich. - -„Das braucht man nicht, wenn man gesund und frisch ist und etwas kann.“ - -„Nun zum Beispiel ich. Ich habe immer geglaubt, ich hätte die -Fähigkeiten zu wissenschaftlicher Arbeit. Das ist das einzige Ziel, das -ich mir gesetzt. Ich habe einige kleine Bücher geschrieben -- etwas -ganz Populäres natürlich; jetzt arbeite ich jedoch an einer Abhandlung: -das Bronzezeitalter in Südeuropa. Ich bin aber Lehrer und habe eine -sehr gute Stellung. Bin Leiter einer Privatschule.“ - -„Jetzt sind Sie aber doch hierher gekommen, um zu arbeiten, wenn ich -Sie heute Morgen recht verstand,“ sagte sie lächelnd. - -Helge antwortete nicht darauf: - -„So erging es meinem Vater auch. Er wollte Maler werden -- das Einzige, -wozu er Lust hatte. Er hielt sich auch ein Jahr lang hier auf. Dann -verheiratete er sich. Jetzt hat er nun eine lithographische Werkstätte --- hat sie sechsundzwanzig Jahre hindurch in Gang gehalten, zum Teil -unter großen Schwierigkeiten -- Ich glaube nicht, daß er der Meinung -ist, er habe viel vom Leben gehabt.“ - -Jenny sah gedankenvoll in den Sonnenschein hinaus. In der Senkung -ihnen zu Füßen wuchsen Küchengemüse in Reihen mit kleinen bescheidenen -Blätterbüscheln über der grauen Erde. Draußen über den grünen Wiesen -leuchteten die Ruinen auf dem Palatin, gelbschimmernd in dem dunklen -Laub. Der Tag versprach warm zu werden. Die Albanerberge drüben hinter -den Pinien der fernen Villengärten lagen in dämmrigem Dunst unter dem -tauigen Blau des Himmels. - -„Aber -- Kandidat Gram.“ Sie nippte an ihrem Glase, den Blick -noch immer in die Ferne gerichtet. Helge folgte mit den Augen dem -lichtblauen Rauch ihrer Zigarette -- ein kleiner Lufthauch erfaßte -diesen und wirbelte ihn hinaus in die Sonne. Jenny hatte das eine -Bein über das andere geschlagen -- über den ausgeschnittenen -perlenbestickten Schuhen erschienen die schmalen Knöchel in dünnen -violetten Strümpfen. Die Wetterjacke stand offen über dem faltigen, -silbergrauen Kleide mit dem weißen Kragen und über dem Perlenband, -welches rosenrote Lichtflecken auf ihren milchweißen Hals warf. Die -Pelzmütze auf dem blonden, welligen Haar war weit zurückgeglitten. - -„So haben Sie jedenfalls eine Stütze an Ihrem Vater -- er versteht Sie -und weiß, daß Sie nicht an die Schule gefesselt sein dürfen, da Ihnen -eine andere Arbeit am Herzen liegt?“ - -„Das weiß ich nicht. Er freute sich zwar sehr, daß ich Gelegenheit -hatte, ins Ausland zu kommen. Aber --“ Helge zögerte, „sehr vertraut -miteinander sind mein Vater und ich nie gewesen. Meine Mutter dagegen -quälte mich mit ihrer ständigen Sorge, daß ich mich überanstrengen -könnte, daß meine Zukunft nicht genügend gesichert sei. Und meiner -Mutter widerspricht mein Vater nicht. Sie sind grundverschieden, Vater -und Mutter. Sie hat ihn wohl nie verstanden. So überschüttete sie dann -uns Kinder mit ihrer heißen Liebe -- in meiner Kindheit war sie mir -unendlich viel -- doch diese Liebe begleitete eine blinde Eifersucht. -Mutter fürchtete sogar, daß Vater mehr Einfluß auf mich gewinnen könne -als sie. Auch auf meine Arbeit war sie eifersüchtig, weil ich mich -abends einschloß, um zu studieren und zu schreiben, wissen Sie. Sie -sorgte sich, wie gesagt, um meine Gesundheit und fürchtete, daß ich den -Einfall bekommen könne, meinen Posten aufzugeben --.“ - -Jenny nickte einige Male gedankenvoll. - -„Der Brief, den ich eben holte, war von ihnen.“ Helge zog ihn hervor -und betrachtete ihn, öffnete ihn jedoch nicht. -- „Heut ist nämlich -mein Geburtstag,“ sagte er und versuchte ein Lächeln. „Ich werde heute -sechsundzwanzig.“ - -„Ich gratuliere.“ Jenny reichte ihm die Hand. - -Der Blick, den sie auf ihn richtete, war so, wie wenn sie Franziska zu -betrachten pflegte, wenn diese sich an sie schmiegte. - -Sie hatte bisher noch nicht auf Grams Aussehen geachtet, hatte nur den -Eindruck, daß er groß und fein gebaut und dunkel war, und daß er einen -kleinen Spitzbart trug. Eigentlich hatte er hübsche regelmäßige Züge -und eine hohe, etwas schmale Stirn. Seine Augen waren hellbraun, mit -einem eigenen durchsichtigen Bernsteinglanz, der kleine Mund unter dem -Schnurrbart war weich und fein, er zeigte eine leise Wehmut. - -„Ich verstehe Sie so gut,“ sagte sie plötzlich „Ich kenne das. Ich -war selbst Lehrerin bis Weihnachten vorigen Jahres. Ich kam fort als -Erzieherin und blieb dabei, bis ich alt genug war, um im Seminar -anzufangen.“ Sie lachte etwas verlegen. „Ich reiste fort -- gab meine -Stellung an der Volksschule auf -- da ich eine Kleinigkeit von einer -Tante meines Vaters erbte. Ich habe ausgerechnet, es kann etwa drei -Jahre reichen -- vielleicht auch länger -- und wenn ich etwas verkaufen -kann --. Aber meine Mutter war natürlich nicht damit einverstanden, daß -ich die ganze Summe aufbrauchen wollte. Und daß ich kündigte, nachdem -ich endlich nach all den Jahren, in denen ich mich mit Vertretungen -und Privatschülern abgeplagt hatte, fest angestellt worden war. -Ein festes Einkommen, -- das halten die Mütter ja immer für das -Wichtigste --.“ - -„Ich glaube fast, daß ich es in Ihrer Stelle nicht gewagt hätte, so -alle Brücken hinter mir abzubrechen --. Ich weiß sehr wohl, es ist der -Einfluß meines Vaterhauses. Ich wäre die Angst nicht losgeworden, wovon -ich leben sollte, wenn das Geld verbraucht sein würde.“ - -„Kleinigkeit,“ sagte Jenny. „Ich bin ja frisch und stark und kann -sehr viel. Nähen, kochen und plätten und waschen. Auch Sprachen. In -Amerika oder England kann ich immer Arbeit bekommen. Als Malerin, -glaube ich, wird man dort viel zu tun finden. Franziska“ -- sie lachte -in die Sonne hinaus -- „sie meint, wir sollten nach Südafrika reisen -und Milchmädchen werden. Und dann wollen wir Akte bei den Zulukaffern -zeichnen -- es sollen ganz prachtvolle Modelle sein.“ - -„Der Gedanke ist durchaus nicht übel. Entfernungen rechnen Sie also -nicht als wesentliches Hindernis --.“ - -„Nein, ganz und gar nicht --. Ach ja, ich rede. Natürlich, in all den -Jahren daheim meinte ich, daß es ganz unmöglich sei, hinauszukommen --- allein nach Kopenhagen, dort sich eine kurze Zeit aufzuhalten und -nichts anderes zu tun als zu lernen und zu malen. Ich hatte natürlich -starkes Herzklopfen, als ich mich entschloß, alles aufzugeben und zu -reisen. Alle meine Angehörigen fanden es wahnsinnig. Und das wirkte -wohl auf mich. -- Aber dann wollte ich erst recht. Malen ist ja das -Einzige, wozu ich immer Lust hatte, und ich begriff, daß ich zu Haus -niemals so intensiv würde arbeiten können, wie es nötig wäre -- da -lenkte mich so vieles ab. Aber Mama konnte es einfach nicht begreifen, -daß ich sofort mit dem Studium beginnen müsse, wollte ich noch etwas -lernen, da ich nicht mehr die Jüngste war. Meine Mutter ist nämlich nur -neunzehn Jahre älter als ich. Als ich elf Jahre alt war, heiratete sie -zum zweiten Male, und das brachte ihre Jugend zurück --. - -Das ist ja eben das Wunderbare, wenn man in die Welt geht -- -jede Beeinflussung durch Menschen, mit denen man zufällig daheim -zusammenlebt, hört auf. Man muß mit seinen eigenen Augen sehen und -selbständig denken. Wir lernen begreifen, daß es ganz von uns selbst -abhängt, was diese Reise uns gibt -- was wir zu sehen und zu erfassen -vermögen, in welche Lage wir uns bringen und unter wessen Einfluß -wir uns freiwillig begeben. Man lernt verstehen, daß es von einem -selbst abhängt, wieviel das Leben uns entgegenbringt. Ja, gewiß, ein -wenig auch von den Umständen, wie Sie vorher einmal sagten. Aber man -entdeckt bald, wie man die Hindernisse nach seiner Veranlagung am -leichtesten überwindet oder sie umgeht -- sowohl auf Reisen wie auch -im allgemeinen. Man sieht ja, daß man sich all das Schwere, das einem -begegnet, immer selbst eingebrockt hat. - -In seinem Heim ist man ja niemals allein, nicht wahr, Gram? Das eben -ist das Beste am Reisen, finde ich -- allein mit sich sein, nicht immer -jemand um sich haben, der einem helfen oder über einen bestimmen will. --- Das Gute, das man seinem Zuhause verdankt, kann man doch nicht sehen -und schätzen, ehe man nicht fort gewesen ist. Man weiß, daß man nie -wieder davon abhängig wird, wenn man erst einmal selbständig geworden -ist. Man kann nicht eher Freude daran haben -- ja man kann überhaupt -keine Freude an etwas haben, von dem man abhängt?“ - -„Ich weiß nicht. Man ist doch immer abhängig von dem, das man lieb hat? -Sie sind doch abhängig von Ihrer Arbeit? -- Und wenn man einen anderen -Menschen liebt,“ sagte er leise, „ist man dann nicht völlig abhängig?“ - -„Ja, ja.“ Sie überlegte. „Aber da hat man selbst gewählt,“ sagte -sie schnell. „Ich meine, man ist dann kein Sklave, man dient dann -freiwillig irgend jemandem oder irgendeiner Sache, die man höher -bewertet als sich selbst. -- Freuen Sie sich nicht, daß Sie ihr neues -Jahr allein beginnen werden, frei und frank -- nur arbeiten, was Sie -selbst gern wollen?“ - -Helge dachte an den vergangenen Abend auf dem Petersplatz. Er sah -hinaus über die fremde Stadt, sah die gedämpften, grauverschleierten -Farben in der Sonne, und das fremde, blonde Mädchen. - -„Ja,“ sagte er. - -„Ja.“ Sie erhob sich, knöpfte ihre Jacke zu und öffnete den Malkasten. -„Nun muß ich aber fleißig sein.“ - -„Sie wollen mich wohl nun los sein?“ - -Jenny lächelte: „Sie sind doch jetzt sicherlich müde?“ - -„Oh nein. Ich möchte aber zahlen --.“ - -Sie rief die Frau und stellte ihm seine Rechnung auf, während sie -gleichzeitig Farben auf der Palette ausdrückte. - -„Glauben Sie nun, daß Sie zur Stadt zurückfinden?“ - -„Ja. Ich merkte mir genau, welchen Weg wir gingen. Und später finde ich -schon einen Wagen. -- Kommen Sie jemals in den Verein?“ - -„Oh ja, mitunter.“ - -„Ich möchte Sie sehr gern wiedersehen, Fräulein Winge.“ - -„Das werden Sie auch sicherlich.“ Sie überlegte einen Augenblick. „Wenn -Sie Lust haben -- können Sie uns dann nicht besuchen -- zum Tee? Wir -wohnen in der Via Vantaggio 111 -- Cesca und ich sind des Nachmittags -immer daheim.“ - -„Ich danke Ihnen.“ Er zauderte ein wenig. „Nun, dann schönen Guten -Morgen! Und vielen Dank für diese Nacht!“ - -Er reichte ihr die Hand. Sie gab ihm ihre schmale, magere: „Auch ich -danke.“ - -Als er sich in der Gartentür umwandte, stand sie und schabte mit dem -Palettmesser auf der Leinwand. Sie summte -- es war die Weise von heut -Nacht, die ihm nun so vertraut schien. Er summt sie selbst, während er -zur Stadt hinunter ging. - - - - -IV. - - -Jenny zog die Arme unter der Decke hervor und verschränkte sie im -Nacken. Es war eiskalt im Zimmer und finster; nicht ein Streifen -Tageslicht fiel durch die Läden. Sie entzündete ein Streichholz und sah -nach der Uhr -- gleich sieben. Ein wenig konnte sie noch liegen und -faulenzen; sie kroch wieder ganz unter die Decke und bohrte die Wange -ins Kopfkissen. - -„Jenny -- schläfst du?“ Franziska öffnete die Tür, ohne anzuklopfen. -Sie kam an das Bett heran, tastete im Dunkeln nach der Freundin Gesicht -und streichelte sie: „Müde?“ - -„Gar nicht. Jetzt werde ich aufstehen.“ - -„Wann kamst du nach Haus?“ - -„Gegen drei. Ich war draußen in Prati und badete vor dem Mittag, und -dann aß ich dort bei der Ripetta, weißt Du? Als ich heimkam, legte ich -mich hin. Ich bin jetzt völlig ausgeschlafen -- nun will ich aufstehen!“ - -„Wart noch ein wenig, hier ist es so kalt; ich werde etwas bei Dir -einheizen.“ Franziska zündete die Lampe auf dem Tische an. - -„Du brauchst doch nur nach der Signora zu rufen -- nein, aber Cesca, -komm her, darf ich sehen?“ Jenny setzte sich im Bett aufrecht. - -Franziska stellte die Lampe auf das Nachttischchen und drehte sich im -Licht langsam um sich selbst. - -Sie hatte eine weiße Spitzenbluse zu ihrem grünen Rock angezogen und -eine bronzefarbene Seidenschärpe mit pfauenblauen Streifen um die -Schultern geschlungen. Rund um den Hals lagen die großen tiefroten -Korallen in doppelter Reihe und lange, geschliffene Ohrgehänge tropften -auf ihre gelblichweiße Haut herab. Lächelnd schob Franziska das Haar -zur Seite, um zu zeigen, daß sie mit einem Faden Stoffgarn an den Ohren -festgebunden waren. - -„Denk’ dir, ich bekam sie für sechsundachtzig Lire -- ist das nicht -großartig -- nun, wie stehen sie mir?“ - -„Hervorragend. Das Kostüm ist fabelhaft. -- Du, ich hätte Lust, dich -darin zu malen.“ - -„Ja. Ich könnte jetzt gut für dich sitzen. Ich habe nicht die Ruhe -in mir, am Tage etwas zu tun. Ach du, Jenny --.“ Sie seufzte leise -und setzte sich auf die Bettkante. „Nein, ich muß jetzt nach dem Ofen -sehen.“ - -Sie kam zurück mit einem steinernen Krug voll Glut und hockte sich vor -dem kleinen Ofen nieder. - -„Bleib nur liegen, Jenny, bis es hier warm geworden ist. Ich werde -schon das Bett machen, auch den Tisch decken und den Tee kochen. -- Ah, -du hast deine Studie mit heimgebracht -- laß mich sehen!“ - -Sie stellte das Studienbrett gegen einen Stuhl und beleuchtete das Bild: - -„Aber, nein!“ - -„Es ist nicht übel, findest du nicht? -- Ich will noch einige Skizzen -dort draußen machen -- ich plane ein großes Bild; ist das Motiv nicht -gut -- mit all den Arbeitsleuten und Maultierkarren dort unten im -Ausgrabungsfeld?“ - -„Ja, weißt du, -- daraus müßtest du doch etwas machen können. Ich -freue mich darauf, Gunnar und Ahlin dies hier zu zeigen: Aber du bist -aufgestanden? Jenny, laß mich dein Haar kämmen! Gott, was hast du doch -für Haar, Mädel. Darf ich nicht einmal versuchen, es auf moderne Art zu -frisieren, so mit Locken? Bitte!“ - -Franziska ließ das lange blonde Haar durch ihre Finger gleiten. „Sitz’ -ruhig. Ein Brief ist heut Morgen für dich gekommen -- ich nahm ihn mit -herauf; fandest du ihn? Er war von deinem kleinen Bruder, nicht wahr?“ - -„Ja,“ sagte Jenny und lachte. - -„War der Brief fröhlich -- hast du dich gefreut?“ - -„Du kannst glauben, der war vergnügt. Ach, Cesca, mitunter wünschte -ich, daß ich nur so einen Sonntag Vormittag, weißt du -- einen kleinen -Abstecher nach Hause machen könnte, um mit Kalfatrus über Nordmarken -spazieren zu gehen. Er ist wirklich ein guter Kerl, weißt du.“ - -Franziska betrachtete Jennys lächelndes Gesicht im Spiegel. Darauf nahm -sie das Haar wieder herunter und begann aufs neue, es zu bürsten. - -„Nein, Cesca -- wir haben doch keine Zeit.“ - -„Natürlich. Kommen sie zu früh, dann können sie ja zu mir hineingehen. -Da sieht es freilich aus wie in einer Rumpelkammer, aber meinetwegen. -Uebrigens -- die kommen nicht so früh. Gunnar wenigstens nicht -- und -vor ihm geniere ich mich wahrhaftig nicht. Vor Ahlin übrigens auch -nicht. Ah richtig, er war heute Mittag bei mir -- ich lag im Bett, -während er saß und plauderte. Als ich mich ankleiden wollte, schickte -ich ihn auf den Balkon hinaus. Wir gingen dann fort und aßen vornehm -auf ~Tre Re~. Den ganzen Nachmittag sind wir zusammen gewesen.“ - -Jenny schwieg. - -„Wir sahen Gram drinnen auf Nazionale. Uh, Jenny, er war schauderhaft. -Ist dir etwas Schlimmeres je begegnet?“ - -„Ich finde ihn durchaus nicht so schauderhaft. Er ist nur unbeholfen, -der arme Kerl. Genau so wie ich im Anfang war. Einer von den Menschen, -die gern fröhlich sein wollen und nicht können.“ - -„Ich kam heute Vormittag mit dem Zug aus Florenz,“ äffte Franziska nach -und lachte. „Puh. Wäre er dann wenigstens im Flugzeug gekommen!“ - -„Du warst recht ungezogen gegen ihn, mein Kind. Das darfst du nicht. -Eigentlich hätte ich Lust gehabt, ihn heute Abend zu uns einzuladen. -Ich wagte es aber deinetwegen nicht -- ich wollte mich nicht der Gefahr -aussetzen, daß du gegen meinen Gast unhöflich bist.“ - -„Der Gefahr hättest du dich durchaus nicht ausgesetzt. Das weißt du -sehr gut.“ Franziska war gekränkt. - -„Besinnst du dich auf den Abend, als ich Douglas mit zu mir genommen -hatte zum Tee?“ - -„Nach der Geschichte mit dem Modell -- danke ergebenst!“ - -„Herrgott. Was ging das im übrigen dich an?“ - -„So, meinst du nicht? Nachdem er um mich angehalten hatte? Und ich -sozusagen entschlossen war, ihn zu nehmen?“ - -„Das konnte er schwerlich ahnen,“ sagte Jenny. - -„Ich hatte jedenfalls nicht bestimmt Nein gesagt. Am Tage vorher war -ich mit ihm draußen in Versailles. Und da hatte er mich viele, viele -Male küssen und unten im Park seinen Kopf in meine Arme legen dürfen. -Und wenn ich ihm sagte, daß ich ihm nicht gut sei, dann glaube er es -nicht, meinte er.“ - -„Cesca.“ Jenny fing ihre Augen im Spiegel ein. „All das hat ja keinen -Sinn. Du bist das allerbeste kleine Ding auf der Welt, wenn du richtig -überlegst. Manchmal ist es aber, als sähest du nicht, daß es +Menschen+ -sind, die du vor dir hast. Menschen mit Gefühlen, auf die du Rücksicht -nehmen +mußt+. Du +würdest+ auch Rücksicht nehmen, wenn du nur -nachdächtest. Du +willst+ ja doch nur lieb und gut sein.“ - -„~Per bacco.~ Bist du dessen so sicher? Ach, nun sollst du aber einen -Strauß Rosen sehen. Ahlin kaufte gestern Abend ein Bukett für mich an -der Spanischen Treppe.“ Cesca lächelte trotzig. - -„Ich finde, du solltest dergleichen zu verhindern suchen. Unter anderem -schon, weil du weißt, Ahlin hat nicht die Mittel dazu.“ - -„Geht denn das mich etwas an? Wenn er verliebt in mich ist, so macht -ihm das sicher Freude.“ - -„Ich will gar nicht von deinem Ruf sprechen. Der leidet durch diese -ewigen Geschichten!“ - -„Reden wir nicht über meinen Ruf, das lohnt nicht. Aber du hast bitter -wahr gesprochen. Meinen Ruf daheim in Kristiania -- den habe ich ein -für allemal gründlich zunichtegemacht.“ Sie lachte hysterisch. „Was -schert es mich aber! Ich lache darüber.“ - -„Cesca, Geliebte. Ich begreife nicht -- du machst dir ja aus keinem -dieser Landsleute etwas. Warum also. Und das mit Ahlin. Kannst du denn -nicht begreifen -- daß es ihm Ernst ist? Auch Norman Douglas war es -Ernst. Du weißt nicht, was du tust. Ich glaube, Gott helfe mir, du hast -keinen Instinkt, Kind.“ - -Franziska legte Kamm und Bürste beiseite und betrachtete Jennys -frisierten Kopf im Spiegel. Sie suchte ihr herausforderndes kleines -Lächeln festzuhalten. Es welkte jedoch dahin -- ihre Augen füllten sich -mit Tränen. - -„Auch ich bekam heute morgen einen Brief.“ Ihre Stimme zitterte. Jenny -erhob sich. „Aus Berlin -- von Borghild. -- Willst du dich nicht erst -fertigmachen, Jenny? Soll ich jetzt das Teewasser aufsetzen oder erst -die Artischocken kochen? Sie kommen wohl bald?“ - -Sie huschte hin und her, und begann, das Bett in Ordnung zu bringen. - -„Wir könnten ja auch Marietta rufen -- aber wir machen es lieber -selbst, nicht wahr Jenny?“ - -„Also -- sie schreibt, Hans Hermann hat sich verheiratet. Vorige Woche. -Es ist sicher schon sehr weit.“ - -Jenny legte die Streichholzschachtel beiseite, während sie ängstlich zu -Franziskas weißem Gesicht hinübersah. Darauf schritt sie behutsam auf -sie zu. - -„Ja, es ist also die, mit der er verlobt war, weißt du. Diese Sängerin --- Berit Eck.“ Franziska sprach mit leiser erloschener Stimme. Einen -Augenblick beugte sie sich zur Freundin hinüber. Dann begann sie -wieder, mit ihren zitternden Händen das Laken wegzustopfen. - -Jenny rührte sich nicht. - -„Nun -- du wußtest ja, daß sie verlobt waren -- schon seit einem Jahre.“ - -„Ja.“ - -Jenny deckte still den Tisch für vier Personen. Franziska breitete die -Decke über das Bett und holte die Rosen herbei. Sie stand und nestelte -an ihrem Blusenausschnitt, zog einen Briefumschlag hervor und drehte -ihn zwischen den Fingern. - -„Sie hatte die beiden im Tiergarten getroffen, schreibt sie. Sie -schreibt ... Oh, sie kann so brutal sein, die Borghild.“ Franziska -sprang zum Ofen, riß die Tür auf -- und warf den Brief ins Feuer. -Darauf sank sie in einem Lehnstuhl zusammen und brach in ein -bitterliches Weinen aus. - -Jenny legte ihren Arm um ihren Nacken: - -„Cesca, meine liebe kleine Cesca!“ - -Franziska preßte ihr Gesicht gegen Jennys Arm. - -„Uebrigens sah sie so elend aus, das arme Ding. Sie ging und hing in -seinem Arm, und er schaute verärgert und böse drein. Ja, das kann ich -mir lebhaft vorstellen. Ach Gott, das arme, arme Wesen -- sich in eine -solche Lage zu bringen, daß sie auf diese Weise von ihm abhängig wird --- er hat sie sicherlich auf den Knien zu sich kriechen lassen. -- Daß -sie so wahnsinnig sein konnte, wo sie ihn doch kannte. Aber zu denken, -Jenny, daß er ein Kind von einer anderen haben soll -- ach Gott, ach -Gott, ach Gott.“ - -Jenny hatte sich auf die Stuhllehne gesetzt. Cesca schmiegte sich an -sie: - -„Nein, ich besitze scheinbar keinen Instinkt, wie du sagtest. -Vielleicht habe ich ihn nicht einmal wirklich geliebt. Und doch hätte -ich so gern ein Kind von ihm gehabt. Doch dann vermochte ich nicht, -mich dazu zu entschließen. -- Mitunter wollte er, daß wir heiraten -sollten -- ohne weiteres zum Standesamt gehen. Nein, ich wollte nicht. -Zu Hause wären sie böse geworden. Die Leute hätten sicher gedacht, daß -wir uns heiraten +müßten+! Und das wollte ich auch nicht. Sie glaubten -ja trotzdem schon das Schlimmste. Aber das war mir gleichgültig. Ich -wußte sehr wohl, ich machte meinen Ruf zuschanden um seinetwillen. Doch -daraus machte ich mir nichts. Begreifst du das -- ich war gleichgültig. -Aber Hans dachte, ich weigerte mich aus Angst, er würde mich hinterher -nicht heiraten. Dann laß uns erst zum Standesamt gehen, verdammtes -Mädel, sagte er. Aber ich wollte nicht. Er glaubte, das Ganze sei -nur Berechnung gewesen. Du Eiszapfen, sagte er. Aber, bei Gott, du -verstellst dich nur. Mitunter glaubte ich auch, daß ich keiner sei. -Vielleicht war ich nur deshalb so ängstlich, weil er so brutal war. Er -schlug mich oft -- riß mir beinahe die Kleider vom Körper; ich mußte -kratzen und beißen, um loszukommen -- heulen und weinen.“ - -„Und doch gingst du immer wieder zu ihm?“ fragte Jenny leise. - -„Ja. Die Portierfrau wollte nicht mehr bei ihm aufräumen. So ging ich -hinauf und tat es. Ich hatte die Schlüssel zu seinen Zimmern. Ich -wischte auf und machte das Bett -- Gott weiß, wer dort mit ihm gelegen -hatte.“ - -Jenny schüttelte den Kopf. - -„Borghild war rasend darüber. Sie war es, die mir bewies, daß er eine -Geliebte hatte. Ich wußte wohl etwas -- aber ich wollte gar keine -Gewißheit haben! Borghild behauptete, er hätte mir nur die Schlüssel -gegeben, damit ich kommen und sie überraschen sollte. Aus Eifersucht -sollte ich mich ihm geben, da ich ja doch schon kompromittiert sei. -Aber darin irrte sie. +Mich+ liebte er -- auf seine Weise. Er +hatte+ -mich lieb, Jenny, so wie er es vermochte. Aber Borghild war so erzürnt, -weil ich den Diamantring von der Urgroßmutter Rustung versetzte. Ach, -das habe ich dir niemals erzählt.“ - -Sie richtete sich auf und lachte leise. - -„Ja, siehst du, er +brauchte+ Geld. Hundert Kronen. Ich versprach ihm, -er sollte sie von mir erhalten. Ich ahnte nicht, woher sie nehmen. Papa -wagte ich nicht um einen Oere zu bitten -- ich hatte schon allzuviel -verbraucht. So ging ich denn hin und versetzte -- meine Uhr und ein -goldenes Kettenarmband und dann den Diamantring; einen ganz alten, du -weißt, mit vielen kleinen Diamanten auf einer größeren Platte. Borghild -war rasend, weil sie ihn nicht bekommen hatte, denn sie war doch die -älteste, aber Großmutter hatte ausdrücklich gesagt, ich sollte ihn -haben, weil ich nach ihr genannt war. Ich ging also eines Morgens hin, -gleich nachdem geöffnet worden war. Es war ein peinlicher Augenblick. -Aber ich bekam doch das Geld und ging hinauf zu Hans. Er fragte, -auf welche Weise ich es beschafft hätte, und ich sagte es ihm. Dafür -küßte er mich. ‚Dann‘, sagte er, ‚gib mir den Leihschein und das Geld, -Pussel‘ -- so nannte er mich immer. Ich gab ihm beides -- ich glaubte -ja, er wolle die Sachen wieder einlösen, und ich sagte, das dürfe er -nicht; ich war sehr gerührt, siehst du. Ich kann es auf andere Weise -in Ordnung bringen, sagte Hans, und dann nahm er es und ging. Ich saß -bei ihm oben und wartete -- oh, ich war so gerührt, denn ich wußte, er -brauchte das Geld. Ich wollte am nächsten Tage hingehen und es wieder -versetzen -- ich empfand es nicht mehr als unangenehm, überhaupt nichts -würde mir peinlich sein; ich wollte ihm alles herbeischaffen, was er -brauchte. Dann kam er zurück -- weißt du, was er getan hatte“ -- sie -lachte unter Tränen -- „es in der Volksbank eingelöst und bei einem -Privatbankier in Pfand gegeben, wie er sagte. Dort bekam er viel mehr. - -Wir bummelten den ganzen darauffolgenden Tag zusammen, siehst du. -Champagner und alles Mögliche! Dann blieb ich des Nachts auf, und er -spielte -- spielte -- du großer Gott! Ich lag auf dem Fußboden und -heulte. Mir war alles gleich, wenn er nur so spielte -- und für mich -allein. Ach, du hast ihn nicht spielen hören, du -- dann würdest du -alles verstehen. Aber danach! Das war eine Geschichte. Wir kämpften -auf Leben und Tod. Aber ich entkam ihm doch. Borghild lag wach, als -ich heim kam. Mein Kleid war ganz in Fetzen gerissen. -- Du siehst aus -wie ein Straßenmädchen, sagte Borghild. So wirst du auch noch einmal -enden, sagte sie. Ich lachte nur. Die Uhr war fünf. - -Schließlich hätte ich mich ja auch ergeben, weißt du. Wäre da nicht -ein Hindernis gewesen. Mitunter sagte er: ‚Du bist, weiß der Teufel, -auch das einzige anständige Mädchen, das ich getroffen habe -- es gibt, -weiß Gott, nicht einen einzigen Mann, der dich herumbringen kann.‘ War -es nicht furchtbar? ‚Ich habe Achtung vor dir, Pussel!‘ Denk dir, er -hatte Achtung vor mir, weil ich das nicht tun wollte, worum er immer -gebettelt, weswegen er mir gedroht hatte. Ich, die ich immer wünschte, -ich hätte die Kraft -- ich wollte ja so gern alles tun, um ihm eine -Freude zu machen. Wenn ich nur über diesen Widerwillen hinweggekommen -wäre; er war so brutal -- und ich wußte, er hatte andere. Ich wünschte, -er sollte aufhören mich zu erschrecken -- dann hätte ich es gekonnt. -Aber dann wäre ich in seinen Augen eine Gefallene gewesen ... Deshalb -brach ich schließlich den Verkehr ab, weil er wollte, daß ich etwas tun -sollte, um dessentwillen er mich dann verachtet hätte.“ - -Sie schmiegte sich an Jenny und ließ sich streicheln. - -„Hast du mich lieb, Jenny?“ - -„Das weißt du ja -- Cesca, Liebes du!“ - -„Du bist so gut. Gib mir noch einen Kuß! Gunnar ist auch gut. Ahlin -auch. Ich werde auf mich achten -- du kannst dir doch denken -- ich -will ihm kein Leid zufügen. Uebrigens -- vielleicht heirate ich ihn. -Wenn er mir so gut ist! Ahlin würde nie brutal sein, das weiß ich. -Glaubst du, er würde mich quälen? Wohl kaum. Dann könnte ich Kinder -bekommen. Du weißt ja, ich erbe einmal. Und er ist so arm. Wir könnten -dann im Auslande leben. Ich würde immer arbeiten. Er auch. Du -- über -allen seinen Arbeiten liegt etwas ungemein Feines. Das Relief mit den -spielenden kleinen Knaben! Und der Entwurf zum Almquistmonument! Es ist -ja nicht so original in der Komposition, aber Herrgott, wie schön, wie -vornehm und ruhig und wie echt -- diese plastischen Figuren.“ - -Jenny lächelte fein und strich Franziska über das Haar -- es war an den -Seiten feucht geworden von ihren Tränen. - -„Wenn ich nur auch immer arbeiten könnte. Ach, aber Jenny. Diese ewigen -Stiche im Herzen. Und im Kopf. Die Augen schmerzen auch, Jenny -- ich -bin ja so totmüde.“ - -„Du weißt ja, was der Arzt sagt -- alles nur Nervosität. Wenn du nur -vernünftig sein wolltest.“ - -„Ja -- das sagen sie. Aber ich habe solche Furcht. Du sagst -- ich -hätte keinen Instinkt -- nicht so, wie du meinst. Aber auf andere -Weise. Ich bin häßlich gewesen in dieser Woche. Das weiß ich sehr -wohl. Aber ich ging umher und lauerte -- ich +fühlte+, daß etwas -Fürchterliches kommen würde. Und nun siehst du ja!“ - -Jenny küßte sie wieder. - -„Ich war unten in der St. Agostino-Kirche heut Abend. Du kennst das -wunderwirkende Madonnenbild. Ich kniete nieder und versuchte zur -Jungfrau Maria zu beten. Ich glaube, mir würde wohl sein, wenn ich -katholisch würde. Eine Frau wie die Jungfrau Maria zum Beispiel würde -das alles viel besser verstehen können. Ich dürfte mich im Grunde nicht -verheiraten, so, wie ich veranlagt bin. Ich könnte ins Kloster gehen --- nach Siena zum Beispiel. Ich könnte dann in der Galerie kopieren; -das Kloster würde auf diese Weise Geld verdienen. Als ich den Engel zum -Melozzo da Forli in Florenz malte, stand dort jeden Tag eine Nonne und -kopierte. Es wäre nicht das Schlimmste.“ Sie lachte. „Ja, das heißt, es -wäre geradezu schauderhaft. Aber sie sagten ja alle, meine Kopien seien -so gut gewesen. Und das stimmt. Ich glaube, ich würde dabei glücklich -werden können. ... Ach, Jenny -- wenn ich mich gesund fühlte! Wenn ich -da drinnen Frieden bekäme -- nicht so wirr und eingeschüchtert wäre -innerlich! Dann würde ich frisch, und könnte arbeiten, ohne Aufhören. -Ich würde so lieb und gut werden. Gott, wie lieb ich dann sein würde -... Ich bin nicht immer gut, das weiß ich wohl. Ich lasse mich von -meinen Stimmungen hinreißen, wenn ich in einem Zustande bin wie eben -jetzt. Aber das soll ein Ende haben -- wenn Ihr alle mich nur liebhaben -wollt. Besonders du. -- Wir wollen diesen Gram zu uns einladen -- wenn -ich ihn wiedertreffe, dann werde ich zu ihm gehen und so lieb und gut -zu ihm sein, wie du dirs gar nicht vorstellen kannst. Wir wollen ihn zu -uns einladen und ihn mitnehmen, wenn wir ausgehen; ich will gern Kopf -stehen, um ihm eine Freude zu machen. Hörst du, Jenny -- bist du nun -zufrieden mit mir?“ - -„Ja, Cesca.“ - -„Gunnar nimmt mich nicht ernst,“ sagte sie gedankenvoll. - -„Gewiß tut er das. Er findet nur, es ist oft so viel Kindisches an dir. -Du weißt, wie er über deine Arbeit denkt -- erinnerst du dich, was er -in Paris sagte, über deine Energie -- dein Talent? Fein und persönlich, -sagte er. Da nahm er dich wahrhaftig ernst genug.“ - -„Ja, gewiß. Gunnar ist übrigens ein prächtiger Kerl. -- Er war aber -doch böse über die Sache mit Douglas.“ - -„Jeder Mann wäre das gewesen. Ich wars auch.“ - -Franziska seufzte. Sie schwieg eine Weile. - -„Wie wurdest du diesen Gram gestern los? Ich glaubte, es würde dir nie -gelingen -- dachte, er wäre mit dir heim gegangen und hätte sich hier -aufs Sofa gelegt -- mindestens.“ - -Jenny lachte. - -„Nein. Er begleitete mich hinaus auf den Aventinerhügel und frühstückte -dort, und dann fuhr er nach Hause. Im übrigen -- ich mag ihn gut -leiden.“ - -„~Dio mio!~ Jenny, du bist abnorm in deiner Güte. Es muß doch eine -Grenze bei dir geben in deiner Rolle, Mutter für uns alle zu sein. Oder -bist du vielleicht in ihn verliebt?“ - -Jenny lachte wieder: - -„Kaum. Aber er wird sich auch in dich verlieben. Wenn du nicht ein -wenig vorsichtig bist.“ - -„Das tun sie ja alle miteinander. Gott weiß, aus welchem Grunde. Aber -es geht ja immer schnell wieder vorüber. Und hinterher werden sie dann -böse auf mich.“ Sie seufzte. - -Es kam jemand die Treppe herauf. - -„Das ist Gunnar. Ich gehe ein wenig zu mir herüber, ich muß meine Augen -kühlen.“ - -Sie schlüpfte hinaus und flüsterte Heggen, mit dem sie in der Tür -zusammentraf, einen „Guten Tag“ zu. Er trat ein und zog die Tür hinter -sich ins Schloß. - -„Du bist ~allright~, wie ich sehe, Jenny. Das bist du übrigens immer, -verteufeltes Menschenkind. Du hast natürlich den ganzen Vormittag -gearbeitet. Aber sie?“ Er machte mit dem Kopf eine bezeichnende -Bewegung gegen Cescas Zimmer. - -„Schlecht. Armes kleines Wesen.“ - -„Ich sah es in der Zeitung. Ich war oben im Verein auf dem Wege -hierher. Darf ich sehen -- bist du mit der Studie fertig? Aber hör mal, -die ist fein, Jenny --.“ - -Heggen hielt das Bild gegen das Licht und betrachtete es lange. - -„Fein, du. Dies hier -- das ist glänzend. Ich finde es sehr stark ... -Liegt sie jetzt wieder und weint?“ - -„Ich weiß es nicht. Sie saß hier drinnen und weinte. Die Schwester -schrieb es ihr.“ - -„Wenn ich dem Lump jemals begegne,“ sagte Heggen, „so werde ich wohl -immer einen Vorwand finden, um ihm eine gehörige Tracht Prügel zu -verabreichen.“ - - - - -V. - - -Helge Gram saß eines Nachmittags im Verein und brütete über den -norwegischen Zeitungen. Allein in dem dämmerigen Lesezimmer. Da kam -Franziska. - -Helge erhob sich und grüßte. Sie ging geradeswegs auf ihn zu und -reichte ihm lächelnd die Hand: - -„Nun, mein Lieber, was treiben Sie? Jenny und ich sprachen gerade von -Ihnen -- wir begriffen nicht, daß man Sie nicht sieht. Wir wollten am -Sonnabend hierher gehen und nach Ihnen schauen und Sie hinterher auf -einen kleinen Bummel mitnehmen. Haben Sie schon ein Zimmer?“ - -„Leider nein. Ich wohne noch im Hotel. Die Zimmer sind alle so -teuer --.“ - -„Im Hotel wird es auch nicht billiger! Sie geben doch mindestens -drei Franken pro Tag? Ja, das konnte ich mir denken. Rom ist nicht -billig, wissen Sie. Im Winter muß man ein sonniges Zimmer haben. Aber -freilich, Sie sprechen ja nicht Italienisch. Wären Sie doch nur zu uns -heraufgekommen -- Jenny und ich wären gern mit Ihnen gegangen, um etwas -anzusehen.“ - -„Vielen Dank -- aber damit konnte ich Sie doch wirklich nicht -behelligen!“ - -„Behelligen -- aber Gram. Doch wie geht es Ihnen -- haben Sie Bekannte -getroffen?“ - -„Nein. Ich war vergangenen Sonnabend oben im Verein, sprach aber mit -niemandem. Ich saß und guckte in die Zeitungen. Ja doch, mit Heggen -wechselte ich vorgestern in einem Café auf dem Corso ein paar Worte. -Dann habe ich zwei deutsche Doktoren wiedergetroffen, die ich von -Florenz her ein wenig kannte. Wir waren an einem dieser Tage draußen -auf der Via Appia.“ - -„Uh. Hören Sie, sind deutsche Doktoren amüsant?“ - -Helge lächelte etwas verlegen. - -„Wir haben ziemlich viel gemeinsame Interessen. Und wenn man so -umhergeht und sonst niemanden hat, mit dem man reden kann --.“ - -„Ja, aber Sie müssen sich daran gewöhnen, Italienisch zu sprechen. Sie -haben es ja gelernt. Wollen wir einen Spaziergang zusammen machen? Wir -sprechen dann die ganze Zeit nur Italienisch miteinander. Ich werde -Ihre ~maestra~ sein. Furchtbar streng!“ - -„Sie werden mich aber nicht besonders amüsant finden, Fräulein Jahrmann --- höchstens unfreiwillig.“ - -„Still. -- Nein, wissen Sie was, vorgestern reisten zwei dänische -alte Damen nach Capri, vielleicht ist ihr Zimmer noch frei -- ach -sicherlich. Klein, billig und sehr nett. Ich habe den Namen der Straße -nicht behalten, aber ich weiß, wo es ist. Soll ich Sie hinbegleiten, -dann sehen wir es uns an? Kommen Sie also!“ - -Unten auf der Treppe zögerte sie einen Augenblick und blickte mit einem -leisen, zaghaften Lächeln zu ihm auf: - -„Ich war furchtbar ungezogen gegen Sie neulich Abend, als wir zusammen -waren, Gram. Ich muß Sie wohl um Verzeihung bitten.“ - -„Aber liebes Fräulein Jahrmann!“ - -„Doch. Ich war aber krank. Oh, Sie können mir glauben, ich bekam -Schelte von Jenny. Ich hatte es aber auch verdient.“ - -„Ich war es ja, der sich Ihnen aufdrängte. Aber es kam so von selbst -- -ich sah Sie, und ich hörte Sie Norwegisch sprechen; der Versuch, Sie -anzureden, lockte zu sehr.“ - -„Ja, natürlich. Es hätte so nett sein können -- so ein kleines -Abenteuer. Wäre ich nur nicht so unartig gewesen. Aber ich war krank, -wissen Sie. Ich bin tagsüber so nervös, dann kann ich nicht schlafen --- und dann kann ich wieder nicht arbeiten. Schließlich werde ich -unleidlich.“ - -„Geht es Ihnen augenblicklich nicht gut, Fräulein Jahrmann?“ - -„Ach nein. Jenny und Gunnar arbeiten -- alle außer mir arbeiten. Wie -geht es mit Ihrer Arbeit -- gut? -- Haben Sie nicht Freude daran? Ich -sitze übrigens jetzt nachmittags für Jenny. Heute habe ich frei. Ich -glaube, sie tut es nur, damit ich nicht so allein sein und grübeln -soll. Mitunter fährt sie mit mir hinaus, jenseits der Mauern. Sie ist -ganz wie eine Mutter zu mir. ~Mia cara mammina.~“ - -„Sie lieben Ihre Freundin sehr?“ - -„Sie ist so gut, so gut. Ich bin krankhaft und zerrissen. Keiner außer -Jenny hält es auf die Dauer mit mir aus. Sie ist aber so klug und so -begabt und energisch. Und schön -- finden Sie sie nicht entzückend? Sie -sollten ihr Haar sehen, wenn es offen niederfällt! Wenn ich ein artiges -Kind bin, darf ich es kämmen und aufstecken --. Wir sind schon da,“ -sagte sie dann. - -Sie klommen eine unheimlich düstere Steintreppe hinauf: „Daraus darf -man sich aber nichts machen. Unser Aufgang ist noch schlimmer; Sie -werden es ja sehen, wenn Sie kommen und uns besuchen. Kommen Sie doch -einen Abend; wir sehen dann, daß wir die anderen erwischen und gehen -auf einen gediegenen Romabummel. Den letzten habe ich ja doch völlig -verdorben.“ - -Sie läutete im obersten Stockwerk. Eine nett und gemütlich aussehende -Frau öffnete ihnen. Sie führte sie in ein kleines Zimmer mit zwei -Betten. Das Fenster ging auf einen grauen Hinterhof hinaus, vor den -Fensterläden hing Wäsche, aber überall auf den Balkons standen Blumen, -und hoch oben auf den grauen Dächern lagen Loggien und Lauben zwischen -grünen Büschen. - -Franziska redete endlich mit der Wirtin, während sie gleichzeitig in -den Ofen guckte, die Betten befühlte und ihm zwischendurch Aufklärungen -gab: - -„Sonne ist hier den ganzen Vormittag. Wenn das eine Bett herauskommt, -so ist hier reichlich Platz. Der Ofen sieht ordentlich aus. Es kostet -vierzig Lire ohne Licht und Heizung und zwei für ~servizio~. Das ist -billig. Soll ich ihr sagen, daß Sie es annehmen? Sie können morgen -einziehen, wenn Sie wollen!“ -- - -„Nichts zu danken. Sie können sich doch vorstellen, daß es mir Freude -macht, Ihnen ein wenig zu helfen,“ sagte sie draußen auf der Treppe. -„Wenn es Ihnen nur gefällt. Signora Papi ist sehr sauber, das weiß ich.“ - -„Gewiß eine seltene Tugend hierzulande?“ - -„Oh nein. Sie sind nicht anders als die Vermieterinnen daheim in -Kristiania, glaube ich. Dort, wo meine Schwester und ich wohnten, in -der Holbergstraße -- ich hatte ein paar neue Lackschuhe unter das -Bett gestellt -- getraute mich aber nicht, sie wieder hervorzuholen. -Manchmal guckte ich nach ihnen -- sie standen da und sahen aus wie zwei -weiße zottige Lämmchen.“ - -„Ja,“ sagte Helge. „Ich habe ja immer zuhause gewohnt.“ - -Franziska lachte plötzlich laut auf: - -„Denken Sie, die Signora glaubte, ich sei Ihre ~moglie~ -- daß wir -beide dort wohnen sollten. Ich sagte, ich sei Ihre Kusine; sie kaute -übrigens ein bißchen drauf herum. ~Cugina~ -- das gilt sicher gleich -wenig überall auf der Welt!“ - -Sie lachten beide einen Augenblick darüber. - -„Haben Sie Lust zu einem Spaziergang?“ fragte Franziska plötzlich. -„Wollen wir auf die Ponte Molle hinausgehen? Sind Sie schon dort -gewesen? Können Sie auch noch so weit laufen? Wir fahren mit der -Straßenbahn nach Hause, wissen Sie.“ - -„Können Sie auch noch -- Sie sind doch nicht wohl?“ - -„Es tut mir gerade gut, zu laufen -- bitte geh’, sagt Gunnar immer -- -ich meine Heggen.“ - -Sie plauderte ununterbrochen und lugte ab und an zu ihm hinauf, um sich -zu überzeugen, daß sie ihn gut unterhalte. Sie gingen den neuen Weg -längs des Tiber hinauf; der Strom wälzte sich gelblichgrau zwischen den -grünen Hügeln dahin. Kleine perlmuttschimmernde Wölkchen lagen über -des Monte Mario dunklem Gebüsch mit graugelben Villen zwischen den -immergrünen Bäumen. - -Franziska grüßte einen Konstabler und lachte zu Gram hinüber: - -„Denken Sie sich, dieser Bursche hat mich heiraten wollen. Ich ging -hier viel allein spazieren und dann pflegte ich mit ihm zu plaudern. -Da fragte er mich. Der Sohn unseres Tabakhändlers hat übrigens auch um -mich angehalten. Jenny schalt mich aus, sie sagte, es sei meine eigene -Schuld, und das war es vielleicht auch.“ - -„Ich finde, Fräulein Winge schilt Sie recht oft. Sie scheint eine -strenge Mama zu sein?“ - -„Nur, wenn ich es verdiene. Hätte es doch schon früher jemand getan,“ --- sie seufzte. „Aber daran hat leider niemand gedacht.“ - -Helge Gram fühlte sich frei und leicht, wie er mit ihr dahinschritt. -Etwas unsagbar Weiches lag über ihr, über dem Gang, der Stimme, dem -Antlitz unter dem großen rauhen Glockenhut. Es war fast, als könne er -Jenny Winge nicht recht leiden, wenn er jetzt an sie dachte -- sie -hatte so selbstsichere hellgraue Augen -- und solch fürchterlichen -Appetit. Cesca erzählte eben, daß sie in diesen Tagen fast nichts essen -könne. - -Und er sagte: - -„Fräulein Winge ist gewiß eine junge Dame, die ganz von ihrer Eigenart -durchdrungen ist?“ - -„Ja, weiß Gott, sie hat Charakter. Denken Sie -- sie wollte immer schon -malen. Mußte aber Lehrerin werden. Oh, wie hat sie gearbeitet! Ja, das -sieht man ihr jetzt nicht an. Sie ist so stark, daß sie sich immer -sofort wieder aufrichtet. Aber als ich sie zuerst auf der Malschule -traf, da lag etwas Hartes und Verschlossenes -- etwas Gepanzertes, sagt -Gunnar, -- über ihr. Sie war erschreckend zurückhaltend. Ich lernte -sie gar nicht recht kennen, ehe sie hier herunter kam. Die Mutter -ist zum zweiten Male Witwe -- sie heißt jetzt Berner -- drei kleine -Stiefgeschwister sind auch da. Denken Sie nur, sie hatten zwei kleine -Zimmer, und Jenny schlief in einer winzigen Mädchenkammer, arbeitete -und studierte und bildete sich nebenher aus und half der Mutter mit -Geld und auch im Hause; sie hatten kein Mädchen. Freunde oder Bekannte -besaß sie nicht, wenn sie zu kämpfen hat, schließt sie sich gleichsam -in sich ein, sie will nicht klagen; ist das Glück aber mit ihr, so ist -es, als öffne sie die Arme allen, die eine Stütze an ihr suchen.“ - -Franziskas Wangen glühten. Sie schlug ihre großen Augen voll zu ihm auf: - -„Ich, sehen Sie, ich habe keine Hindernisse gehabt außer denen, die ich -mir selbst in den Weg legte. Ich bin etwas hysterisch, und dann lasse -ich meine eigenen Stimmungen mit mir durchgehen. Aber Jenny spricht mit -mir darüber; sie sagt, alles Leid, das uns begegnet, und nicht wieder -gut zu machen ist, haben wir selbst verschuldet. Wenn man seinen Willen -nicht genügend in der Gewalt hat, um seine Stimmungen und Handlungen zu -beherrschen, wenn man nicht mehr Herr über sich selber ist, tut man am -besten, sich zu erschießen, sagt Jenny.“ - -Helge blickte lächelnd auf sie nieder: „Sagt Jenny,“ und „Gunnar sagt,“ -und „ich hatte einen Freund, der zu sagen pflegte“. Wie jung und -vertrauensvoll sie doch war. - -„Für Fräulein Winge gelten vielleicht andere Gesetze als für Sie,“ -meinte er. „Können Sie sich das nicht denken, -- so verschieden wie -Sie sind, -- selbst der Begriff ‚Leben‘ hat für zwei Menschen eine -verschiedene Bedeutung.“ - -Sie waren auf die Brücke hinaussgelangt. Franziska lehnte sich über -die Brüstung. Weiter oberhalb des Stromes am Fuße des bräunlichgrünen -Hügels lag eine Fabrik, deren hoher schlanker Schornstein das -geschäftige gelbe Wasser zitternd widerspiegelte. Weit hinter der -welligen Ebene zeigten sich die Höhen der Sabinerberge, lehmgrau und -kahl mit bläulichen Klüften und schneebedeckten Felsen im Hintergrund. - -„Das hat Jenny gemalt, aber in glühroter Abendsonne Fabrik und -Schornstein von rotem Lichte übergossen. Und die Stimmung, die nach -einem so heißen Tage herrscht, an dem man die Felsen vor Dunst nicht -sehen kann, höchstens einen leisen Schimmer des Schnees hoch oben in -dem schweren, metallenen Blau. Und dazu Wolken, große Wolken über dem -Schnee. Es ist schön, ich muß Jenny bitten, es Ihnen zu zeigen.“ - -„Kann man hier etwas Wein bekommen?“ fragte er. - -„Es wird bald kühl, aber einen Augenblick können wir wohl draußen -sitzen.“ - -Sie schlug den Weg über den runden Platz hinter der Brücke ein. Unter -allen Osterien wählte sie einen kleinen Garten. Hinter einer Art -Schuppen mit Tischen und Rohrstühlen stand eine Bank unter kahlen -Ulmen. Vor dem Garten lag eine grüne Wiese, dahinter erhob sich der -Hügel jenseits des Stroms dunkel gegen den fahlen bewölkten Himmel. - -Franziska brach einen Zweig von den Holunderbüschen längs des Gitters. -Er trug kleine, grüne, frische Knospen, deren Spitzen in der Kälte -schwarz angelaufen waren. - -„Sehen Sie her, so stehen sie und schlagen aus und frieren den ganzen -Winter. Und wenn der Lenz kommt, hat der Winter ihnen doch nichts -anhaben können.“ - -Als sie den Zweig beiseite legte, ergriff er ihn. Er behielt ihn die -ganze Zeit in der Hand. - -Sie hatten sich Weißwein bestellt. Franziska mischte den ihren mit -Wasser und nippte nur. Dann lächelte sie flehend: - -„Wollen Sie mir eine Zigarette geben?“ - -„Mit Vergnügen, -- wenn Sie es vertragen?“ - -„Ach, ich rauche ja jetzt fast gar nicht mehr. Meinetwegen unterläßt es -auch Jenny fast ganz. Heute Abend übrigens vermute ich, daß sie sich -wieder etwas zu Gemüte führt. Sie ist mit Gunnar zusammen.“ - -Das Licht des Zündhölzchens beleuchtete Franziskas lächelndes Antlitz. - -„Sie dürfen es aber Jenny nicht erzählen, daß ich geraucht habe, hören -Sie?“ - -„Nein, nein.“ Er lachte. - -„Ja.“ Sie blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. „Ich wünschte -so sehr, daß Jenny und Gunnar sich verheirateten. Ich fürchte aber, -sie tun es nicht, -- sie sind immer so gute Freunde gewesen. Dann -verliebt man sich nicht so leicht ineinander, nicht wahr? Nicht in -jemanden, den man von früher her so gut kennt. Sie sind sich im Grunde -auch so ähnlich. Es sind aber die Gegensätze, die sich anziehen, sagt -man. Ich finde, es ist dumm eingerichtet auf diese Weise -- aber es -stimmt sicher. Es wäre viel besser, man liebte jemanden, mit dem man -geistesverwandt ist. Dann gäbe es die Not und das Leid nicht, die Liebe -immer begleiten. Glauben Sie nicht auch? -- Denken Sie, Gunnar stammt -aus einer armen Häuslerfamilie drunten in Smaalene. Er kam aber nach -Kristiania -- eine Tante von ihm auf Grünerlökken nahm ihn zu sich, -weil es bei ihm zu Hause sehr ärmlich zuging. Damals war er erst neun -Jahre alt und mußte schon Wäsche austragen, die Tante hatte nämlich -eine Plätterei, und später kam er in die Handwerkslehre. Was er kann -und weiß, hat er sich selbst angeeignet. Er muß immer studieren, -alles interessiert ihn dermaßen, daß er es bis auf den Grund kennen -lernen muß. Jenny sagt, er vergißt ganz das Malen; jetzt hat er so -gründlich Italienisch gelernt, daß er alle Bücher lesen kann, auch -Verse. Jenny ist ebenso. Sie hat furchtbar viel gelernt, nur weil es -sie interessierte. Ich kann aus Büchern niemals etwas lernen -- ich -bekomme Kopfschmerzen vom Lesen. Aber Jenny und Gunnar erzählen mir. -Das behalte ich dann. Sie wissen sicher auch sehr viel. -- Können Sie -mir nicht ein wenig über ihr Studium erzählen? Das Schönste, das ich -kenne, ist, wenn jemand mir erzählt. Das behalte ich gut. - -Gunnar hat mich auch Malen gelehrt. Ich zeichnete immer als Kind -- es -fiel mir so leicht. Dann traf ich ihn einmal im Gebirge vor drei Jahren --- ich war dort oben, um zu arbeiten. Ein wenig kannte ich ihn ja von -früher her. Ich war also dort und malte Bilder -- furchtbar ordentlich, -aber ohne jede Spur von Kunst. Ich wußte es selbst sehr gut, kannte -aber den Grund nicht. Ich wollte etwas in meine Bilder hineinbringen, -aber ich wußte nicht recht, was, und ich ahnte nicht, wie ich mich -dabei anstellen sollte. Aber dann sprach ich mit ihm. Zeigte ihm meine -Sachen. Er konnte viel weniger als ich -- ich meine technisch. Er -ist auch nur ein Jahr älter als ich. Was er aber gelernt hatte, das -beherrschte er. Ja, ich malte dann zwei Sommernachtsbilder. Dieses -wundersame ~clairobscur~ -- alle Farben liegen so tief, sind aber doch -leuchtend stark. -- Natürlich waren die Bilder nicht gut. Aber etwas -war in ihnen, wie ich es haben wollte -- ich konnte sehen, daß +ich+ -sie gemalt hatte, und nicht irgend ein anderes Mädel, das ein bißchen -gelernt hatte --. Verstehen Sie mich? Ich habe ein Motiv hier draußen -gefunden: einen anderen Weg zur Stadt. Wir gehen einmal da herunter. -Es ist ein Weg zwischen zwei Gartenmauern -- ganz schmal. An einer -Stelle stehen zwei Portale im Barockstil mit Eisengittern. An jeder -Seite erhebt sich eine Zypresse. Ich habe ein paar Federzeichnungen -gemacht und sie ausgetuscht. Ueber den Zypressen schwebt eine schwere, -tiefblaue Wolke, ein Schimmer von grünlicher Luft und ein blinkender -Stern; Dächer und Kuppeln der Stadt weit, weit drinnen sind nur leise -angedeutet --. Es sollte so ein gewisses Pathos haben, wissen Sie --.“ - -Es begann bereits stark zu dämmern. Ihr Antlitz leuchtete bleich unter -dem Hut. - -„Nicht wahr, finden Sie nicht -- ich muß wieder gesund werden, um zu -arbeiten --.“ - -„Ja,“ flüsterte er. „Ach ja -- Liebste --.“ - -Er hörte, wie schwer sie atmete. Ein Weilchen war es still. Dann sagte -er leise: - -„Wieviel Freude Sie an Ihren Freunden haben, Fräulein Jahrmann.“ - -„-- Und ich wünschte, daß alle Menschen meine Freunde wären. Ich will -allen gut sein, verstehen Sie.“ Sie sagte das ganz leis, während sie -tief aufatmete. - -Helge Gram beugte sich plötzlich nieder und küßte ihre Hand, die weiß -und klein auf dem Tische vor ihm lag. - -„Ich danke Ihnen,“ flüsterte Franziska still. - -Sie saßen einen Augenblick schweigend. - -„Wir müssen gehen, lieber Freund, es wird jetzt so kalt ...“ - -Am nächsten Tage, als er Einzug in sein neues Zimmer hielt, stand auf -dem Tisch mitten im Sonnenschein ein Majolikakrug mit kleinen blauen -Iris. Die Signora erklärte, die Kusine hätte sie gebracht. - -Als Helge allein war, beugte er sich über die Blumen und küßte sie alle --- eine nach der anderen. - - - - -VI. - - -Helge Gram fühlte sich wohl in seinem neuen Zimmer unten an der -Ripetta. Er hatte die Empfindung, als arbeite es sich leicht und -gut an dem kleinen Tisch vor dem Fenster mit dem Blick auf den Hof, -trocknende Wäsche und die Blumentöpfe auf den Balkons. Die Familie -gerade gegenüber hatte zwei kleine Kinder, einen Knaben und ein -Mädchen, etwa sechs bis sieben Jahre alt. Kamen sie auf ihren kleinen -Altan heraus, so nickten und winkten sie Helge zu, und er winkte -wieder. In letzter Zeit hatte er auch der Mutter einen Gruß zugenickt. -Diese kleine Bekanntschaft aus der Ferne gab ihm ein warmes, trauliches -Gefühl. -- Vor ihm stand Cescas Vase; er versäumte nicht, sie immer mit -frischen Blumen zu füllen. Signora Papi konnte sein Italienisch gut -verstehen. Es käme daher, daß sie dänische Mieter gehabt hatte, sagte -Cesca; Dänen könnten ja fremde Sprachen nicht lernen. - -Wenn die Signora bei ihm zu tun gehabt hatte, blieb sie immer eine -Ewigkeit in der Türe stehen und plauderte. Meist über die „Kusine“. -„~Che bella~“, sagte Signora Papi. Einmal war Franziska allein bei ihm -gewesen, und einmal zusammen mit Jenny -- beide Male, um ihn zum Tee -einzuladen. -- Wenn Frau Papi schließlich unter Entschuldigungen wegen -der Störung, selber unterbrach und verschwand, dann lehnte Helge sich -weit zurück in seinem Stuhl, die Arme im Nacken verschränkt. Er dachte -an sein Zimmer daheim -- neben der Küche, wo Mutter und Schwester -während ihrer Arbeit von ihm sprachen, laut, bekümmert, mißbilligend. -Er konnte jedes Wort verstehen -- was wohl auch beabsichtigt war. Oh, -jeder Tag hier unten wurde ihm zu einem kostbaren Gnadengeschenk. -Endlich, endlich hatte er Frieden, konnte arbeiten, arbeiten. - -Die Nachmittage brachte er in Museen und Bibliotheken zu. Doch in der -Dämmerung, so oft er meinte, daß es anging, schaute er zu den beiden -Malerinnen hinauf in der Via Vantaggio und trank den Tee bei ihnen. - -Gewöhnlich waren sie beide daheim. Mitunter traf er andere Gäste -- -Heggen und Ahlin sogar sehr häufig. Zweimal hatte er Jenny allein -angetroffen und einmal nur Franziska. - -Sie hielten sich immer in Jennys Zimmer auf. Dort war es warm und -gemütlich, obgleich die Fenster offen standen, bis der letzte blaue -Abendschein erloschen war. - -Es glühte und knisterte im Ofen und der Wasserkessel summte auf dem -Spiritusapparat. Helge kannte jetzt jeden Gegenstand im Raume -- die -Studien und Photographien an den Wänden, die blumengefüllten Vasen, das -blaue Teeservice, den Bücherständer neben dem Bett und die Staffelei -mit Franziskas Bild. Ein wenig unordentlich sah es hier immer aus, -der Tisch vorm Fenster war bedeckt mit Tuben und Farbenkästchen, -Skizzenbüchern und fliegenden Blättern. Jenny schob mit dem Fuße -Pinsel und Malerlumpen, die auf dem Boden umherlagen, unter den Tisch, -während sie damit beschäftigt war, den Teetisch zurechtzumachen. Häufig -lagen Nähzeug und halbfertig gestopfte Strümpfe auf dem Sofa, die sie -beiseite räumte, wenn sie sich niedersetzte, um Keks zu streichen. -Dann erhob sie sich wieder, und stellte ein Spirituslämpchen an seinen -Platz, das immer irgendwo im Zimmer herumstand. - -Unterdes pflegte er mit Franziska in der Ofenecke zu sitzen und zu -erzählen. Es geschah auch, daß Cesca plötzlich die Idee hatte, häuslich -zu sein; Jenny sollte sich setzen und feiern. Jenny wollte es nicht -zugeben, aber Cesca räumte auf wie ein Wirbelwind und verstaute alle -umherliegenden Kostbarkeiten an Orten, wo Jenny sie niemals wiederfand. -Zuletzt klopfte sie fehlende Reißzwecken in die schief hängenden -Bilder, die sich auf den Wänden zusammenrollten, wobei sie ihren -eigenen Schuh als Hammer benutzte. - -Gram konnte nicht recht klug aus Franziska werden. Sie war immer -freundlich und liebenswürdig gegen ihn, niemals aber so von innen -heraus vertraulich wie an jenem Tage auf der Ponte Molle. Mitunter -schien sie so eigentümlich geistesabwesend -- es war, als erfaßte sie -überhaupt nicht, was er sprach, obgleich sie freundlich antwortete. -Einige Male hatte er das Gefühl, als ob er sie ermüde. Fragte er, wie -es ihr ginge, so antwortete sie meist überhaupt nicht. Und als er -einmal ihr Bild mit den Zypressen erwähnte, sagte sie, allerdings auf -eine sehr liebe Art: - -„Sie dürfen nicht böse sein, Gram, aber ich möchte nicht von meiner -Arbeit sprechen, solange sie nicht fertig ist, jedenfalls nicht jetzt.“ - -Eine gewisse Ermunterung bedeutete es ihm, als er merkte, daß Bildhauer -Ahlin ihn nicht leiden konnte. Der Schwede sah also immerhin einen -Rivalen in ihm --. Im übrigen hatte er den Eindruck gewonnen, als ob -Franziska sich von Ahlin zurückgezogen hätte. - -Wenn er für sich allein war, malte Helge sich in Gedanken aus, was er -Cesca erzählen wollte und führte im Geiste lange Gespräche mit ihr. Er -sehnte sich danach, mit ihr zu sprechen wie an jenem Tage an der Ponte -Molle, er wollte ihr zum Dank für ihr Vertrauen von seinem eigenen -Leben berichten. Wenn er sie aber traf, so war er unsicher und nervös -und wußte nicht, wie er das Gespräch auf das lenken sollte, worüber -er zu sprechen wünschte. Er fürchtete, aufdringlich oder taktlos zu -erscheinen, etwas zu tun, wodurch er in ihren Augen verlieren könnte. -Sie fühlte seine Verlegenheit wohl und kam ihm zu Hilfe, verwickelte -ihn in einen Wortstreit, kicherte mit ihm, so daß es ihm ein Leichtes -wurde, auf den Neckton einzugehen und in ihr Lachen einzustimmen --. -Im Augenblick war er ihr dankbar, sie füllte leicht und behende alle -Pausen aus und half ihm, jedesmal, wenn er sich festgefahren hatte, -wieder weiter. Erst hinterher, zu Hause, empfand er die Enttäuschung. -Es war wieder nichts anderes gewesen als Geplauder über allerlei -muntere Nichtigkeiten. - -War er aber mit Jenny allein, so wurde immer ein vernünftiges -Gespräch über solide Dinge geführt. Hin und wieder fand er diese -ernsten Diskussionen über abstrakte Materien etwas ermüdend. Aber -häufig liebte er auch diese Unterhaltungen, weil das Gespräch von -allgemeinen Verhältnissen auf seine persönlichen überging. Nach und -nach erzählte er ihr sehr viel von sich selber, von seiner Arbeit, den -Schwierigkeiten, die sich ihm nach seiner Ansicht in äußeren Umständen -wie in seinem eigenen Wesen entgegenstellten. Daß Jenny Winge nicht von -sich selbst sprach, merkte er kaum, wohl aber, daß sie es vermied, das -Problem Franziska mit ihm zu erörtern. - -Es fiel ihm auch nicht auf, daß er so wie mit Jenny niemals mit -Franziska würde reden können, die ihn für weit weit bedeutender, -stärker und sicherer halten würde, als er in seinen eigenen Augen -war --. - - * * * * * - -Weihnachtsabend waren sie alle im Verein gewesen und gingen darauf zur -Mitternachtsmesse in die S. Luigi dei Franchesi. - -Helge fand die Messe zuerst sehr stimmungsvoll. In der ganzen Kirche -herrschte Halbdunkel trotz der schimmernden Kristallkronen, die -freilich hoch oben unter der Decke schwebten. Die Altarwand war ein -einziges Lichtmeer, aus dem weichen, goldenen Schein unzähliger -Wachslichter zusammenfließend. Chorgesang und Orgelton zitterten -gedämpft durch den Kirchenraum. -- Er saß neben einer schönen -Italienerin, die einem sammetgefütterten Juwelenkästchen einen -Rosenkranz aus Lapislazuli entnahm und in ein andächtiges Gebet versank. - -Nach einer kurzen Zeit aber begann Franziska halblaut zu murren. Sie -saß mit Jenny auf der Bank vor ihm. - -„Ach Jenny, wir wollen gehen. Ist das vielleicht Weihnachtsstimmung? -Das ist ja nur ein gewöhnliches Konzert. Hör doch den Burschen, der -jetzt singt; ganz ohne Ausdruck, die Stimme ist obendrein überschrieen. -Pfui!“ - -„Still, Cesca, denk daran, daß wir in einer Kirche sind.“ - -„Kirche -- pah. Dies hier ist ja ein Konzert -- wir mußten sogar -Eintrittskarten und Programme haben. Greuliches Konzert -- es nimmt mir -die ganze Laune.“ - -„Ja, ja, wir gehen, wenn diese Nummer zu Ende ist. Schweig jetzt aber, -solange wir noch hier sind.“ - -„Nein,“ plauderte Cesca, „Sylvester im vorigen Jahre. Ich war in Gesu --- da war Stimmung. ~Te Deum.~ Ich kniete neben einem alten Bauern aus -der Campagna und einem jungen Mädchen, das krank war -- und so schön. -Alle Menschen sangen, der alte Bauer konnte das ganze ~Te Deum~ auf -Lateinisch. Das war stimmungsvoll!“ - -Während sie sich leise einen Weg durch die überfüllte Kirche bahnten, -erklang das Ave Maria durch den Raum. - -„Ave Maria,“ Franziska blies verächtlich durch die Nase. „Hört ihr -nicht, sie denkt überhaupt nicht an das, was sie singt -- wie ein -Phonograph. Ich ertrage es nicht, wenn solche Musik derartig mißhandelt -wird.“ - -„Ave Maria,“ sagte ein Däne, der neben ihr ging. „Ich erinnere mich da -einer jungen norwegischen Dame -- wie sang sie es doch herrlich. Ein -Fräulein Eck.“ - -„Berit Eck -- kennen Sie die, Hjerrild?“ - -„Sie war vor zwei Jahren in Kopenhagen und sang mit Ellen Bech dort. -Ich kannte sie ziemlich genau. Sie kennen sie auch, Fräulein Jahrmann?“ - -„Meine Schwester war mit ihr bekannt,“ sagte Franziska. „Richtig, Sie -trafen doch meine Schwester Borghild in Berlin. Mögen Sie Fräulein Eck --- Frau Herrmann heißt sie jetzt übrigens?“ - -„Sie war ein ganz reizendes Mädchen -- entzückend. Und ungewöhnlich -begabt.“ - -Franziska blieb mit Hjerrild zurück. - - * * * * * - -Es war verabredet, daß Heggen, Ahlin und Gram bei den Damen zu Abend -essen sollten -- Franziska hatte eine Weihnachtskiste von zu Hause -bekommen. Man hatte norwegischen Weihnachtskäse auf den Tisch gebracht, -der mit Tausendschön aus der Campagna und Kerzen in siebenarmigen -Leuchtern geschmückt war. - -Franziska trat als letzte ein und hatte den Dänen mitgebracht. - -„Ist es nicht nett, Jenny -- daß Hjerrild mit kam?“ - -Es stellte sich heraus, daß es sowohl Bier wie auch Genfer Likör zu -Tisch gab. Und norwegische Butter, braunen Käse und kalten Auerhahn, -Sülze und Räucherschinken. - -Franziska hatte neben Hjerrild Platz genommen, und sobald das Gespräch -am Tisch sich belebte, wandte sie sich an ihn. - -„Kennen Sie den Pianisten Herrmann, mit dem Fräulein Eck sich -verheiratet hat?“ - -„Ja, sehr gut. Ich habe in einem Pensionat mit ihm gewohnt, in -Kopenhagen, und jetzt in Berlin traf ich ihn wieder.“ - -„Wie finden Sie ihn?“ - -„Er ist ein netter Mensch. Ungeheuer begabt -- er schenkte mir seine -letzten, nach meiner Meinung äußerst originellen Kompositionen. Ja. Ich -mag ihn recht gut leiden.“ - -„Haben Sie die Kompositionen mit? Darf ich sie nicht einmal sehen? -Ich würde gern in den Verein gehen und sie durchspielen. Wir waren in -früheren Zeiten befreundet,“ sagte Franziska. - -„Richtig! Jetzt entsinne ich mich. Er besitzt Ihre Photographie! Er -wollte mir nicht erzählen, wer es war.“ - -„Ja, das stimmt,“ sagte Franziska leise. „Er bekam wohl einmal ein Bild -von mir, glaube ich.“ - -„Im übrigen --“ Hjerrild leerte sein Glas -- „ist er ein wenig zu -brutal, kann unglaublich rücksichtslos sein. Aber -- vielleicht ist es -eben das, was ihn bei den Frauen unwiderstehlich macht. Mir persönlich -war er mitunter etwas zu sehr -- Prolet.“ - -„Eben das ist es.“ Sie suchte nach Worten. „Das bewunderte ich gerade -so an ihm. Daß er sich von unten herauf durchgekämpft hatte zu dem, was -er jetzt ist. So ein Kampf +muß+ brutal machen, finde ich. Ja -- meinen -Sie nicht, es entschuldigt sehr viel -- fast alles?“ - -„Halt, Cesca,“ sagte Heggen plötzlich: „Hans Herrmann wurde entdeckt, -als er dreizehn Jahre alt war -- und seitdem hat man ihm geholfen.“ - -„Ja -- aber fremde Hilfe annehmen -- und für alles danken müssen! Immer -fürchten müssen, nicht genug beachtet, übersehen, +daran erinnert+ zu -werden, daß er -- nun wie Hjerrild sagte, ein Proletarierkind war.“ - -„Ich kann auch darauf pochen, daß ich ein Proletarierkind bin.“ - -„Nein, das kannst du nicht, Gunnar. Du bist immer erhaben über deine -Umgebung gewesen, dessen bin ich sicher. Wenn du in einen Kreis -kamst, der in sozialer Hinsicht höher stand als der, in welchem -du geboren bist -- so warst du auch dort schon der Ueberlegene, -wußtest mehr, warst klüger, dachtest vornehmer. Du hast immer in dem -starken Bewußtsein leben dürfen, daß du dir alles selbst erkämpft und -erarbeitet hast. -- Du warst niemals gezwungen, anderen Menschen zu -danken, von denen du wußtest, daß sie vielleicht auf dich herabsahen -um deiner Herkunft willen -- Snobs, die sich etwas darauf zugute -taten, einer Begabung hilfreiche Hand zu leisten, von deren Größe sie -keinen Dunst hatten, die dir innerlich unterlegen waren und glaubten, -über dir zu stehen; du brauchtest niemandem zu danken, gegen den du -keine Dankbarkeit empfandest. Du kannst nicht von den Gefühlen des -Proletariers reden, Gunnar. Du hast ja niemals gewußt, was das heißt.“ - -„Ein Mensch, Cesca, der solche Hilfe annimmt -- von Leuten, -denen gegenüber er Dankbarkeit nicht empfinden kann -- ist ein -unverbesserliches Individuum der Unterklasse.“ - -„Aber begreifst du denn das nicht, Junge? Man handelt so, wenn -man weiß, daß man Talent hat, vielleicht ein Genie ist, das nach -Entwicklung verlangt. Im übrigen, du: der du sagst, du seiest -Sozialdemokrat, du solltest nicht von Individuen der Unterklasse -sprechen, finde ich.“ - -„Ein Mensch, der vor seinem eigenen Talent Achtung hat, prostituiert -es nicht. Und was den Sozialdemokraten betrifft: Sozialdemokratie, das -ist das Verlangen nach Gerechtigkeit. Aber die Gerechtigkeit fordert, -daß Leute von seiner Art unterdrückt, auf den Boden der menschlichen -Gesellschaft niedergepreßt, mit Ketten und Peitschen niedergehalten -werden. Die tatsächliche, legitime Unterklasse muß gebändigt werden.“ - -„Das ist ein eigentümlicher Sozialismus,“ lachte Hjerrild. - -„Es gibt keinen anderen -- für reife Menschen. Ich rechne nicht mit -den hellen blauäugigen Kinderseelen, die da glauben, alle Menschen -seien gut und an dem Bösen sei die Gesellschaft schuld. Wären alle -Menschen gut, so wäre die soziale Gemeinschaft ein Paradies. Die -Proletarierseelen sind es aber gerade, die das Schlechte hineintragen. -Sie sind in allen Gesellschaftsklassen zu finden: sind sie die Herren, -so sind sie grausam und brutal; dienen sie, so sind sie kriechend -und heuchlerisch und faul. Ich habe genug von dieser Sorte in den -Reihen der Sozialdemokraten angetroffen. -- Ja, Herrmann rechnet sich -ja auch zu den Sozialisten. Wenn sie ein Paar Hände finden, die sie -vorwärtsbringen wollen, so nehmen sie die Hilfe an, um hinterher auf -diesen selben Händen herumzutrampeln. Wittern sie einen Trupp, der -vorwärtsmarschiert, so schließen sie sich ihm an, um Teil an der Beute -zu haben -- Loyalität aber, Kameradschaftsgefühl, das besitzen sie -nicht. Das Ziel -- sie verlachen es insgeheim. Die Gerechtigkeit -- -sie hassen sie im Grunde, denn sie wissen ja, wenn sie siegt, so geht -es ihnen übel. -- Alle, die die Gerechtigkeit fürchten, nenne ich -eben das legitime Proletariat, das bekämpft werden muß, schonungslos. -Hat es Macht über die Armen und Schwachen, so quält und tyrannisiert -es sie und macht auch sie zu Proletariern. Ist es selber arm und -schwach, so kämpft es nicht -- nein, es bettelt und heuchelt sich -vorwärts und überfällt jeden hinterrücks, wenn es seinen Vorteil -darin erblickt. -- Das Ziel muß eine Gemeinschaft sein, in welcher -die Oberklassenindividuen die Führer sind. Denn diese kämpfen niemals -für sich selbst, sie sind sich ihrer eigenen unerschöpflichen Quellen -wohl bewußt, sie verschwenden sie an die Armen, kämpfen um Licht und -Luft für jedes schwache Zeichen von Gutem und Schönem, das sich bei -den kleinen Seelen zeigt, die weder das eine noch das andere sind, -gut, wenn sie sichs leisten können, schlecht, wenn das Proletariat -sie dazu zwingt. Das Ziel ist, daß diejenigen zur Macht gelangen, die -ein Verantwortungsgefühl haben für jede kleinste gute Regung, die -unterdrückt wird.“ - -„Du verstehst trotzdem Hans Herrmann nicht,“ sagte Franziska leise. -„Er war nicht nur um seiner selbst willen aufgebracht über das soziale -Unrecht. Die kleinen guten Seelen, die untergingen -- +er+ war es, der -von ihnen sprach, oh ja. Wenn wir einen Spaziergang nach dem Osten der -Stadt machten und die kleinen blassen Kinder in den häßlichen, trüben, -überfüllten Kasernen sahen, die er, wie er sagte, am liebsten in Brand -stecken würde.“ - -„Phrasen. Wenn er die Hausmiete zu bekommen hätte --.“ - -„Pfui, Gunnar,“ sagte Franziska heftig. - -„Ja, ja, er wäre eben kein Sozialist gewesen, wenn er reich geboren -wäre. Aber ein ebenso unverfälschter Proletarier.“ - -„Bist du dessen so sicher, daß du Sozialdemokrat gewesen wärst?“ sagte -Franziska -- „wenn du -- nun als Graf zum Beispiel geboren wärest?“ - -„Heggen +ist+ ein Graf,“ lachte Hjerrild, „über viele luftige -Schlösser.“ - -Heggen warf den Kopf nach hinten und schwieg einen Augenblick. - -„Ich habe jedenfalls niemals das Gefühl gekannt, arm geboren zu sein,“ -sagte er, mehr für sich. - -„Nun ja,“ ließ sich Hjerrild vernehmen. „Um auf Herrmanns Kinderliebe -zurückzukommen -- um seinen eigenen kleinen Jungen kümmert er sich -nicht viel. Und die Art und Weise, wie er sich gegen sie benahm, war -auch recht häßlich. Erst drohte und bettelte er, daß sie sein wurde -und als sie dann ein Kind bekommen sollte, mußte sie sicher drohen und -betteln, daß er sie heiratete.“ - -„Haben sie einen kleinen Jungen?“ flüsterte Franziska. - -„Ja ja. Der kam, als sie sechs Wochen miteinander verheiratet waren -- -gerade in den Tagen, als ich Berlin verließ. Herrmann war nach Dresden -gereist und hatte sie im Stich gelassen, nachdem sie einen Monat -zusammen gehaust hatten. Ich begreife nicht, warum er sie nicht etwas -früher heiraten konnte. Es war ja abgemacht, daß sie wieder geschieden -werden sollten und sogar ihr eigener Wille.“ - -„Pfui!“ sagte Jenny. Sie hatte dem Gespräch eine ganze Zeit gelauscht. -„Daß man hingeht und sich verheiratet mit dem Vorsatz, sich hinterher -wieder scheiden zu lassen!“ - -„Herrgott.“ Hjerrild lachte ein wenig. „Wenn man einander außen und -innen kennt, und weiß, daß man nicht miteinander fertig wird.“ - -„Dann muß man das Heiraten lassen.“ - -„Gewiß. Der freie Zustand ist ja weit schöner. Aber Herrgott, sie -mußte ja. Sie will nächsten Herbst ein Konzert in Kristiania geben -und muß sehen, daß sie Gesangschüler bekommt. Das würde ihr aber als -unverheirateter Frau mit einem Kinde unmöglich sein. Armes Ding!“ - -„Mag sein. -- Aber ekelhaft ist es darum doch. Wenn Sie unter freien -Zuständen das verstehen, daß sich Leute miteinander einlassen, obgleich -sie genau wissen, sie werden einander überdrüssig, so habe ich dafür -kein Verständnis. Schon die Auflösung einer so ganz alltäglichen, -platonisch bürgerlichen Verlobung .... ich finde, schon daran haftet -immer ein Makel. Ist man aber einmal so unglücklich gewesen, sich zu -irren -- dann um der Leute willen noch diese abscheuliche Komödie -spielen -- eine blasphemische Trauung, wo man steht und Dinge gelobt, -die man im voraus entschlossen ist, nicht zu halten! ...“ - - * * * * * - -Die Gäste gingen erst beim Morgengrauen. Heggen blieb noch einen -Augenblick zurück, nachdem die anderen fort waren. - -Jenny öffnete die Balkontür um den Tabakrauch herauszulassen. Sie -blieb stehen und sah hinaus. Der Himmel war schon fahlgrau mit einem -schwachen rötlichgelben Schein über den Häuserdächern. Es war -schneidend kalt. -- Heggen trat an ihre Seite: - -„Ich danke dir. So wäre also wieder einmal ein Weihnachtsabend dahin. -Worüber sinnst du nach?“ - -„Daß jetzt der Weihnachtsmorgen anbricht. ... Ich möchte wissen, ob sie -zu Hause meine Kiste rechtzeitig bekamen,“ sagte sie nach einer Weile. - -„Sandtest du sie nicht am elften -- dann ist sie wohl zur Zeit -angekommen.“ - -„Hoffentlich. -- Es war immer eine große Freude für uns, am -Weihnachtsmorgen hineinzukommen und den Baum und die Geschenke bei -Tageslicht zu besehen. Als ich noch klein war.“ Sie lachte leise. „Es -ist viel Schnee gefallen dieses Jahr, schreiben sie. Dann sind sie wohl -oben auf den Bergen heute, die Kinder.“ - -„Ja,“ sagte Heggen. Er schaute wie sie ein Weilchen in die Weite. -„Aber, du erkältest dich, Jenny. Gute Nacht also -- und für den -heutigen Abend vielen Dank.“ - -„Gute Nacht. Fröhliche Weihnachten, Gunnar!“ - -Sie reichten einander die Hände. Nachdem er gegangen, blieb sie noch -ein wenig stehen, ehe sie die Balkontür schloß und ins Zimmer trat. - - - - -VII. - - -Eines Tages -- es war in der Weihnachtswoche -- kam Gram in eine -Trattoria, wo auch Jenny und Heggen saßen. Sie sahen ihn jedoch nicht, -und während er seinen Mantel an den Nagel hängte, hörte er Heggen sagen: - -„Er ist weiß Gott ein gefährlicher Bursche.“ - -„Ja, abscheulich,“ seufzte Jenny. - -„Und dann verträgt sie das nicht, Teufel auch! In diesem ~scirocco~ -- -morgen ist sie natürlich wieder ganz entkräftet. Ans Arbeiten denkt sie -wohl auch nicht und treibt sich nur mit diesem Kerl herum.“ - -„Nein, arbeiten? Aber ich kann doch nichts dazu tun. Sie marschiert -gern von hier nach Viterbo mit ihm, in ihren kleinen, dünnen -Lackschuhen trotz ~scirocco~ und allem, nur weil der Mensch ihr von -Hans Herrmann erzählen kann.“ - -Gram grüßte im Vorübergehen. Jenny und Heggen machten eine Bewegung, -als erwarteten sie, daß er sich zu ihnen setzen sollte. Er tat jedoch, -als sähe er nichts und ließ sich weiter oben im Lokal an einem Tisch -nieder, den Rücken ihnen zugekehrt. - -Er verstand, daß sie von Franziska sprachen. - - * * * * * - -Beinahe täglich ging er hinauf zur Via Vantaggio. Er konnte es nicht -unterlassen. Jetzt saß Jenny fast immer allein zu Hause und nähte oder -las. Es schien, als freute sie sich, wenn er kam. Im übrigen fand er, -daß sie sich in letzter Zeit ein wenig verändert hatte. Sie war nicht -mehr so keck und sicher in ihren Aeußerungen, nicht mehr so aufgelegt -zum Diskutieren und Dozieren. Sie schien traurig. Eines Tages fragte -er, ob sie sich nicht wohl fühle. - -„Wohl -- oh doch. Wieso?“ - -„Ich weiß nicht recht -- ich finde, Sie sind so still geworden, -Fräulein Winge.“ - -Sie hatte eben die Lampe angezündet, so daß er sehen konnte, daß sie -errötete. - -„Ich werde vielleicht bald nach Hause reisen müssen. Meine Schwester -hat Lungenspitzenkatarrh bekommen, und Mama ist so unglücklich.“ Sie -schwieg einen Augenblick. „Und da bin ich freilich etwas betrübt. -Wo ich doch so gern hier bleiben wollte -- jedenfalls den Frühling -hindurch.“ - -Sie nahm ihr Nähzeug zur Hand und begann zu arbeiten. - -Helge grübelte darüber nach, ob Gunnar Heggen der Anlaß sei -- er -war sich niemals darüber klar geworden, ob zwischen den beiden etwas -spielte. Zurzeit war Heggen, der, wie Helge gehört hatte, ein ziemlich -leicht entzündbares Herz haben sollte, für eine junge dänische -Krankenschwester entflammt, die sich als Pflegerin einer alten Dame in -Rom aufhielt. -- Jennys Erröten fand er so merkwürdig, es war ihm so -neu an ihr. - -An diesem Abend kam Franziska heim, ehe er ging. Er hatte sie seit -Weihnachten wenig zu Gesicht bekommen und er wußte nun, daß er ihr -vollkommen gleichgültig war. Von Launen oder kindischer Ungezogenheit -konnte keine Rede mehr sein. Es war, als +sähe+ sie andere Menschen -nicht mehr -- irgend etwas erfüllte sie vollständig. Mitunter ging sie -umher wie eine Nachtwandlerin. - -Er fuhr dennoch fort, Jenny aufzusuchen, entweder in der Trattoria, wo -sie zu speisen pflegte, oder daheim auf ihrem Zimmer. Er wußte selber -kaum, warum er es tat. Es war ihm aber, als verlange ihn danach, sie zu -sehen. - -An einem Nachmittag ging Jenny in Franziskas Zimmer, um nach -einer Terpentinflasche zu suchen. Da lag Franziska auf ihrem -Bett und erstickte ihr Schluchzen in den Kissen. Sie mußte sich -heraufgeschlichen haben, Jenny hatte sie nicht kommen hören. - -„Aber liebes Kind -- was ist geschehen? Bist du krank?“ - -„Nein, geh nur, Jenny -- liebe Jenny, geh. Nein, ich kann es dir nicht -sagen; du sagst ja doch nur, es sei meine eigene Schuld.“ - -Jenny sah ein, daß es ihr nichts nützte, mit ihr zu reden. -- Doch -am Abend, als sie im Bett lag und las, schlüpfte Franziska plötzlich -herein -- im Nachthemd. Ihr Gesicht war rotfleckig und geschwollen vom -Weinen. - -„Darf ich heute Nacht bei dir schlafen, Jenny, ich kann nicht allein -sein.“ - -Jenny machte Platz. Sie schwärmte nicht für diese Sitte, aber Franziska -pflegte zu kommen und zu bitten, bei ihr schlafen zu dürfen, wenn sie -ganz unglücklich war. - -„Nein, lies nur Jenny -- ich werde dich nicht stören, ich liege ganz -still an der Wand.“ - -Jenny tat, als lese sie eine Weile. Franziska schluchzte ab und zu -trocken auf. Dann fragte Jenny: - -„Kann ich das Licht löschen, oder willst du lieber, daß es brennt?“ - -„Lösch es nur!“ - -Im Dunkeln schlang sie die Arme um Jenny und erzählte schluchzend. - -Sie war mit Hjerrild wieder in der Campagna gewesen. Da hatte er -sie dann geküßt. Erst hatte sie nur ein wenig gescholten, da sie -geglaubt, es wäre ein Scherz. „Aber dann wurde er verletzend in seiner -Zudringlichkeit. Und schließlich wollte er, daß ich heute Nacht mit -in sein Hotel gehen sollte. Er sagte es so, als lade er mich in eine -Konditorei ein. Da wurde ich rasend, und auch er wurde zornig. Darauf -sagte er mir dann einige gemeine, ekelhafte Dinge ins Gesicht.“ Sie -lag einen Augenblick still da, im Fieber erschauernd. „Er sagte dann --- ja, du kannst dirs wohl denken -- etwas von Hans. Hans hatte -von mir erzählt, als er Hjerrild mein Bild zeigte, so daß Hjerrild -glauben mußte ... Verstehst du es, Jenny,“ sie schmiegte sich dicht -an die andere, „ja, ich tue es nicht mehr -- ich will mich nicht -länger an diesen Schuft hängen -- Hans hatte natürlich nicht meinen -Namen genannt, weißt du,“ sagte sie nach einer Weile. „Und er konnte -selbstverständlich nicht ahnen, daß Hjerrild mir jemals begegnen und -mich nach der Photographie wiedererkennen würde, die gemacht wurde, als -ich achtzehn Jahre alt war.“ - - * * * * * - -Am siebzehnten Januar hatte Jenny Geburtstag. Sie und Franziska wollten -eine Gesellschaft geben, ein Mittagessen draußen in der Campagna, in -einer kleinen Osteria an der Via Appianuova. Sie hatten Ahlin, Heggen, -Gram und Fräulein Palm, die dänische Krankenschwester, eingeladen. - -Sie gingen paarweise von der Straßenbahnhaltestelle die weiße -Landstraße hinauf, die im Sonnenschein gebadet dalag. Der Frühling -wob in der Luft und die fahle, braune Campagna war von einem -graugrünen Schimmer übergossen, all die Tausendschön, die den -ganzen Winter über ihr Blühen nicht eingestellt hatten, begannen -sich in silberschimmernden Teppichen auszubreiten. Auch die Büschel -ungeduldiger lichtgrüner Knospen auf den Hollundersträuchern längs der -Gitter waren größer geworden. - -Lerchen schwebten zitternd hoch oben in dem blauweißen Himmel. -Die Wärme hüllte alles ein -- drinnen über der Stadt und über den -häßlichen rotgelben Häuserblocks, die über die Ebene verstreut waren, -lag der Dunst. Die Felsen der Albaner Berge mit den weißen Städtchen -schimmerten hinter den gewaltigen Bogenreihen der Aquaedukte durch den -Nebel. - -Jenny und Gram schritten voran, er trug ihren hellgrauen Staubmantel. -Sie war strahlend schön, in schwarze Seide gekleidet -- er hatte sie -vorher nie anders gesehen als in dem grauen Kleid oder in Kostüm und -Bluse. Aber heute war es ihm, als ginge er mit einer neuen fremden Frau -dahin. Die Linie des schlanken Leibes war weich und rund in dem blanken -schwarzen Kleide, das oben in einem schmalen tiefen Viereck bis auf die -Brust ausgeschnitten war. Die Haut und das Haar hoben sich leuchtend -hell dagegen ab. Sie trug auch einen großen schwarzen Hut, mit dem -Helge sie früher schon gesehen hatte, ohne jedoch weiter darauf zu -achten. Sogar ihr rosa Perlenhalsband sah anders aus zu diesem Gewand. - -Man speiste draußen im Sonnenschein unter den nackten Weinranken, die -ein feines, bläuliches Schattennetz auf das Tischtuch zeichneten. -Fräulein Palm und Heggen hatten den Tisch mit Tausendschön geschmückt; -die Makkaroni waren lange fertig, und die anderen hatten warten müssen, -bis die beiden mit der Dekoration kamen. Doch das Essen war gut und -der Wein vorzüglich, die Früchte hatte Franziska selbst in der Stadt -ausgewählt und mit hinausgenommen, ebenso den Kaffee, den sie selbst -zubereiten wollte, darauf bestand sie, um sicher zu gehen, daß er auch -gut würde. - -Nach dem Essen gingen Heggen und Fräulein Palm umher und studierten die -Marmorstümpfe -- Ueberreste von Reliefs und Inschriften, die auf dem -Grundstück gefunden und in die Hauswand eingemauert waren. Kurz darauf -verschwanden sie um die Ecke. Ahlin blieb am Tisch in der Sonne sitzen -und rauchte mit halbgeschlossenen Augen. - -Die Osteria lag am Abhang eines Hügels. Gram und Jenny klommen aufs -Geratewohl die Böschung hinauf. Sie pflückte einige von den kleinen -wildwachsenden Ringelblumen, die aus dem rotgelben Sand des Abhangs -hervorlugten. - -„Von diesen gibt es viele auf dem Monte Testaccio. Sind Sie dort einmal -gewesen, Gram?“ - -„Ja, öfter. Ich war vorgestern drüben, um den protestantischen Kirchhof -zu sehen. Die Kamelienbäume sind übersät mit Blüten. Und auf dem alten -Teile fand ich Anemonen im Gras.“ - -„Ja, die kommen jetzt hervor.“ Jenny seufzte ein wenig. „Draußen -vor der Ponte Molle, irgendwo an der Via Cassia, gibt es eine Menge -Anemonen. Ich bekam von Gunnar heute früh blühende Mandelzweige -- man -hat sie schon an der Spanischen Treppe. Sie sind aber sicher künstlich -zum Blühen gebracht worden.“ - -Sie waren auf der Höhe angelangt und gingen über Feld. Jenny sah zur -Erde. Es sproß überall auf dem kurzen, struppigen Grasboden. Rosetten -von bunten Distelblättern und irgendwelchen großen silberfarbenen -Blättern standen und ließen sichs wohl sein in der Sonne. Jenny -und Gram schlenderten auf eine einsame Mauermasse zu, die sich aus -niedergestürztem Schutt mitten auf dem Anger erhob, formlos und -namenlos. - -Fahl, graugrün dehnte sich die Campagna rund um sie her in sanften -Wellen unter dem hellen Lenzhimmel mit den trillernden Lerchen. Ihre -Grenzen verloren sich im Dunst des Sonnenglanzes. Die Stadt dort -hinter ihnen wurde zu einer hellen Luftspiegelung, Felsen und Wolken -liefen ineinander, und die gelben Bögen der Aquädukte ragten aus dem -Lichtnebel, um nach der Stadt zu wieder zu verschwinden. Die zahllosen -Ruinen waren nur noch kleine schimmernde Mauerreste, im Grünen -verstreut, während Pinien und Eukalyptusbäume vor den rosenroten und -ockergelben Häuschen grenzenlos einsam und düster und verlassen in dem -lichten Vorfrühlingstage standen. - -„Erinnern Sie sich des ersten Morgens, als ich hier unten war, Fräulein -Winge? Ich war enttäuscht und ich meinte, es käme von meiner großen -Sehnsucht und meinen heißen Träumen, deren Welt so reich war, daß die -Wirklichkeit fade und armselig erscheinen müßte. -- Haben Sie einmal -an einem Sommertage mit geschlossenen Augen in der Sonne gelegen? -Schlägt man sie wieder auf und blickt umher, so erscheinen alle Farben -plötzlich grau und erloschen. Die Augen sind geschwächt und daher -außerstande, die Mannigfaltigkeit der Farben aufzufangen, die sich -ihrem ersten Blick darbietet. Der erste Eindruck ist unvollkommen und -kläglich. Verstehen Sie, was ich meine?“ - -Jenny nickte vor sich hin. - -„Aehnlich ging es mir hier im Anfang. Rom überwältigte mich. Da sah -ich Sie -- groß, licht und fern kreuzten Sie meinen Weg. Franziska -beachtete ich nicht sogleich, erst in der Trattoria fiel sie mir auf. -Ich kam in Ihren Kreis, zu lauter mir unbekannten Menschen -- es -war das erste Mal, daß ich mit Fremden zusammen war. Die flüchtigen -Begegnungen daheim auf dem Wege zwischen Schule und Haus sind nicht zu -rechnen. Mich verwirrte das Neue einen Augenblick, ich glaubte, nie -mit Menschen reden zu können. Und da überfielen mich Gedanken an die -Heimat. Fast sehnte ich mich nach ihr und nach dem Rom, von dem ich -gehört und Bilder gesehen hatte. Sie wissen, mein Vater ...“ er lachte -kurz auf. „Ich hatte geglaubt, auf andere Art mich nicht zurechtfinden -zu können. Bilder betrachten, die andere gemalt, lesen, was andere -geschrieben hatten, die Arbeiten anderer enträtseln und ordnen und mit -erdichteten Menschen aus den Büchern leben -- darin lag meine Welt und -mein Können. In Ihrem Kreis fühlte ich mich so grenzenlos verlassen -... Da hörte ich Sie vom Alleinsein sprechen. Und jetzt verstehe ich -Sie. Sehen Sie den Turm da draußen? Dort war ich gestern. Es ist der -Ueberrest einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter, der Ritterzeit. -Eigentlich ist eine große Anzahl solcher Türme in der Umgebung wie -in der Stadt selbst erhalten. Man kann eine in die Fassadenreihe der -Straße eingebaute Hauswand fast ohne Fenster finden -- das ist so ein -kümmerlicher Rest aus dem Rom der Raubritter. Von dieser Zeit weiß man -verhältnismäßig am wenigsten. Ich beginne jetzt, mich gerade hierfür am -meisten zu interessieren. Ich finde Namen verstorbener Menschen in den -Archiven -- man kennt von ihnen häufig nicht viel mehr als den Namen. -Mich verlangt, mehr über sie zu erfahren. Ich träume von dem Rom des -Mittelalters -- als sie in den Straßen kämpften und aus heißen, roten -Kehlen bluteten, als die Stadt voller Raubburgen war -- auf denen sie -eingesperrt waren, ihre Frauen, Töchter dieser wilden Tiere, ihres -Stammes und Blutes -- und es geschah, daß auch sie ausbrachen und ins -Leben hinausstürzten, das um die schwarzroten Mauern lockte. Herrgott, -welch’ ein Strom von Leben ist doch über dieses Land hinweggebraust! -Die Wellen brachen sich an jeder Felsenspitze, die Stadt und Burg -trug. Und dennoch erheben sich die Felsen über dem Ganzen nach wie -vor nackt und öde. Allein die endlosen Massen von Ruinen nur hier -draußen in der Campagna! Und die Berge von Büchern, die über Italiens -Geschichte geschrieben sind, ja über die ganze Weltgeschichte! Das -ganze Heer toter Menschen, das wir kennen. Wie bitter, bitterwenig ist -dennoch als Rest verblieben von all den Lebenswogen, die über die Welt -hinweggegangen sind, eine nach der anderen ... Ich finde aber eben das -so wunderbar! ... Nun habe ich so viel mit Ihnen gesprochen, Jenny. -Und Sie ebenso viel mit mir. Trotzdem aber kenne ich Sie ganz und gar -nicht. Wie Sie jetzt dort stehen -- Sie sollten sich selber sehen! -Wie ihr Haar schimmert! So sind auch Sie ein solcher unbekannter Turm -für mich. Und das ist gerade das Wundersame. Haben Sie jemals darüber -nachgedacht, daß Sie niemals Ihr eigenes Antlitz gesehen haben? Nur -ein Spiegelbild. Unser Gesicht, wenn es schläft, wenn es die Augen -schließt -- das können wir niemals sehen. Ist das nicht seltsam? Damals -war mein Geburtstag. Heute ist es der Ihre. Sie werden achtundzwanzig. -Freuen Sie sich dessen? Sie finden ja, jedes Jahr, das man durchlebt -hat, ist kostbar.“ - -„Das sagte ich nicht. Ich meinte nur, meist hat man in den ersten -fünfundzwanzig Jahren vieles durchzukämpfen, so daß man froh sein kann, -wenn sie überstanden sind --.“ - -„Und jetzt?“ - -„Jetzt --“. - -„Ja. Wissen Sie so sicher, was Sie im kommenden Jahre erreichen werden? -Wie Sie die Zeit am besten nützen? Das Leben ist so ungeheuer reich -an Möglichkeiten -- nicht einmal Sie mit all Ihrem Reichtum an Kraft -können sich alles untertan machen. Denken Sie daran nie -- beunruhigt -das niemals Ihr Herz, Jenny?“ - -Sie lächelte nur, sah nieder und zertrat ein Zigarettenstümpfchen, -das sie hingeworfen hatte. Ihre Knöchel schimmerten weiß durch den -schwarzen, durchsichtigen Strumpf. Sie folgte mit den Augen einer -grauweißen Schafherde, die die Hügelböschung gerade ihnen gegenüber -hinablief. - -„Aber der Kaffee, Gram! Sie warten natürlich auf uns --“. - -Sie gingen nach der Osteria zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Der -Hügel lief in eine steile, sandige Böschung aus, die sich gerade über -dem Tisch, an dem sie gesessen hatten, erhob. - -Ahlin lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch, den Kopf auf den -verschränkten Armen. Das Tischtuch war bedeckt mit Käserinden und -Obstschalen zwischen Gläsern und Tellern. - -Franziska, im laubgrünen Kleide, stand über ihn gebeugt -- die Arme um -seinen weißen Hals geschlungen -- sie versuchte, seinen Kopf in die -Höhe zu heben: - -„Nicht weinen, Lennart! Ich will dir auch gut sein -- ich will mich -gern mit dir verheiraten -- hörst du, Lennart, aber du darfst nicht so -weinen. Ich glaube wohl, daß ich dich liebhaben kann, Lennart, -- wenn -du nur nicht so verzweifelt sein wolltest.“ - -Ahlin schluchzte: - -„Nein, nein -- so nicht -- so will ich nicht, Cesca --“. - - * * * * * - -Jenny wandte sich um und ging denselben Weg zurück. Gram sah, daß sie -bis auf den Hals hinab von glühender Röte übergossen war. Der Fußpfad -führte am Hügelabhang hin in den Gemüsegarten der Osteria. - -Rund um das kleine Wasserbassin jagte Heggen Fräulein Palm. Sie -bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, daß die Tropfen in der Sonne -funkelten, während sie lachend aufschrie. - -Wieder floß tiefe Röte über Jennys Hals und Nacken. Helge folgte ihr -durch die Gemüsebeete. Heggen und Fräulein Palm schlossen drunten am -Bassin Frieden miteinander. - -„Der Reigen schließt sich,“ sagte Helge leise. - -Jenny nickte schwach und versuchte zu lächeln. - - * * * * * - -Am Kaffeetisch herrschte keine rechte Stimmung. Franziska versuchte zu -plaudern, während sie am Likör nippten. Nur Fräulein Palm war guter -Laune. Sobald es irgend anging, schlug Franziska einen Spaziergang vor. - -So machten sich denn die drei Paare auf den Weg über die Campagna. Der -Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer, bis sie sich zwischen -den Hügeln verloren. Jenny ging mit Gram. - -„Wo wollen wir eigentlich hin?“ sagte sie. - -„Wir können ja zum Beispiel zur Egeriagrotte gehen.“ Diese lag gerade -in entgegengesetzter Richtung des Weges, den die anderen eingeschlagen -hatten. Sie schlenderten aber doch über die sonnenbeschienenen Hügel, -auf den Bosco sacro zu; -- über den dunklen Kronen der uralten -Korkeichen glühte die Sonne. - -„Ich sollte wohl lieber den Hut aufsetzen.“ Jenny strich sich übers -Haar. - -Im heiligen Haine war der Erdboden überdeckt mit Papierabfällen, er -strotzte von Unreinlichkeit. Auf einem Baumstumpf am Rande saßen zwei -Damen und häkelten, ein paar kleine Jungen spielten Verstecken hinter -den gewaltigen Stämmen. Jenny und Gram verließen den Hain und wanderten -den Hügel hinab der Ruine zu. - -„Eigentlich,“ sagte sie, „was wollen wir da unten,“ und setzte sich auf -den Abhang, ohne eine Antwort abzuwarten. - -„Nein, warum auch --“, Helge streckte sich in dem trockenen kurzen -Gras zu ihren Füßen aus. Er nahm den Hut vom Kopf und, sich auf die -Ellenbogen stützend, sah er zu ihr hinauf, ohne zu sprechen. - -„Wie alt ist sie eigentlich? --“ fragte er plötzlich leise. „Ich meine -Cesca.“ - -„Sechsundzwanzig Jahre.“ Sie saß still da und sah in die Weite. - -„Ich bin nicht traurig,“ sagte er wieder leise. „Sie verstehen mich, --- vor einem Monat wäre es etwas anderes gewesen --. Sie war einmal so -lieb, so warm und vertrauensvoll zu mir. -- Nun ja, Aufforderung zum -Tanz. Aber jetzt --. Ich finde sie sehr lieb. Aber es rührt mich nicht, -daß sie mit einem anderen tanzt.“ - -Er betrachtete sie. - -„Ich glaube, Sie sind es, die ich liebe, Jenny,“ sagte er plötzlich. - -Sie wandte sich ihm halb zu, lächelte leise und schüttelte den Kopf. - -„Doch,“ sagte Helge bestimmt. „Ich glaube es. Genau weiß ich es nicht. -Ich habe ja niemals geliebt -- das weiß ich jetzt. Trotzdem ich -verlobt gewesen bin“ -- er lachte leise. „Ja, diese Dummheit beging -ich einmal in meiner frühesten Jugend --. Aber, mein Gott, Jenny -- -es muß wohl wahr sein. +Sie+ waren es, die ich an jenem Abend sah -- -nicht die andere. Ich sah Sie schon am Nachmittag, Sie gingen über den -Corso. Ich stellte Betrachtungen an über das Leben, fand es so neu und -abenteuerlich, da gingen Sie an mir vorüber, licht und rank und fremd. -Später, nachdem ich in der Dunkelheit rund durch die fremde Stadt -geirrt war, traf ich Sie wieder. Oh ja, ich erblickte jetzt auch Cesca, -so daß es ja nicht weiter merkwürdig war, daß ich verwirrt wurde. Aber -zuerst sah ich doch Sie. -- Und nun ist es so gekommen, daß wir beide -hier zusammensitzen --“. - -Ihre Hand, auf die sie sich stützte, lag auf dem Erdboden dicht neben -ihm. Plötzlich strich er darüber. Da zog sie sie zurück. - -„Sie sind doch nicht böse? Nein, denn warum auch. -- Warum sollte ich -Ihnen nicht sagen dürfen, daß ich Sie liebe? Ich konnte nicht anders, -ich mußte Ihre Hand berühren, mußte fühlen, daß sie wirklich da war. -Wie seltsam, daß Sie hier sitzen. Ich kenne Sie ja gar nicht. Trotz -all dem, wovon wir gesprochen haben -- ich weiß freilich, daß Sie klug -sind, klar und energisch, gut und wahrheitsliebend, aber das wußte ich -gleich, als ich Sie sah und Ihre Stimme vernahm. Mehr weiß ich jetzt -nicht -- aber natürlich ist da noch vieles andere. Darüber erfahre ich -vielleicht niemals etwas. Aber ich kann zum Beispiel sehen, daß Ihr -seidenes Kleid glühend heiß ist -- wenn ich mein Gesicht an Ihre Brust -legte, so würde ich mich verbrennen --“. - -Sie machte mit der Hand eine unwillkürliche Bewegung über ihren Schoß. - -„Ja, die Seide saugt die Sonne an sich. Es knistert in Ihrem Haar. -Drinnen in Ihren Augen funkeln die Lichtstrahlen auf. Ihr Mund ist ganz -durchsichtig -- wie ein Kredenzbecher in der Sonne --.“ - -Sie lächelte, sah jedoch ein wenig gequält aus. - -„Küssen Sie mich, Jenny --,“ bat er plötzlich. - -Sie betrachtete ihn eine Sekunde. - -„Aufforderung zum Tanz --?“ Sie lächelte weh. - -„Sie dürfen nicht böse werden, nur weil ich Sie um einen einzigen Kuß -bitte. An so einem Tage. Ich erzähle Ihnen doch nur, was ich wünsche. -Im Grunde ... weshalb könnten Sie es nicht tun?“ - -Sie rührte sich nicht. - -„Ist da denn irgend ein Grund -- Herrgott, ich will ja nicht versuchen, -Sie zu küssen, aber ich verstehe nicht, warum Sie sich nicht eine -Sekunde herabbeugen und mir einen ganz, ganz kleinen Kuß geben können, -so wie Sie dort sitzen, mit der Sonne auf den Lippen -- es ist ja -nur, als klopften Sie einem Jungen auf die Schulter und gäben ihm -einen Soldo. Jenny -- für Sie ist es nichts weiter, und alles, was ich -wünsche, gerade in diesem Augenblick wünsche ich es so heiß --.“ Er -lächelte, während er sprach. - -Plötzlich beugte sie sich nieder ... Nur eine Sekunde spürte er ihr -Haar und ihren warmen Mund an seiner Wange. Jede Bewegung ihres -Körpers unter der schwarzen Seide konnte er sehen, als sie sich -niederbeugte und wieder aufrichtete. Er sah auch, daß ihr Antlitz, das -ruhig lächelte, als sie ihn küßte, hinterher ein wenig verwirrt und -erschrocken war. - -Aber er rührte sich nicht -- lag nur und lächelte in die Sonne hinein. -Da wurde auch sie wieder ruhig. - -„Sehen Sie,“ sagte er schließlich und lachte. „Nun ist ihr Mund genau -wie früher. Die Sonne scheint auf die Lippen, bis hinein ins Blut. Was -bedeutete es Ihnen? Und ich bin so froh --. Sie begreifen wohl, daß ich -nicht erwarte, Sie sollen weiter an mich denken. Ich möchte nur an Sie -denken dürfen. -- Setzen Sie sich nur still hin und denken Sie an alle -möglichen Dinge. Die anderen tanzen Reigen, aber dies hier ist weit -köstlicher -- wenn ich Sie nur ansehen darf.“ - -Sie schwiegen beide. Jenny hatte das Gesicht abgewandt und sah über die -sonnige Campagna hinaus. - -Während sie zur Osteria zurückgingen, plauderte er leicht und munter -von allen möglichen Dingen, erzählte Geschichten von den deutschen -Gelehrten, mit denen er bei seiner Arbeit zusammengetroffen war. Jenny -lugte ab und an verstohlen zu ihm auf. Er war so anders als sonst, -so frei und sicher. Er schaute im Gehen geradeaus; eigentlich war er -schön; die hellbraunen Augen glänzten wie Bernstein in der Sonne. - - - - -VIII. - - -Jenny zündete die Lampe nicht an, als sie heimgekehrt war. Im Dunkeln -griff sie nach ihrem Abendmantel und setzte sich auf den Balkon hinaus. - -Der Himmel erhob sich über den Dächern wie schwarzer Sammet, von dem -Gewimmel funkelnder Sterne durchwoben. Die Nacht war kalt. - -Er hatte gesagt, als sie sich trennten: - -„Ich komme morgen zu Ihnen hinauf, um Sie zu fragen, ob sie mit mir in -die Campagna fahren wollen --.“ - -In Wirklichkeit war ja nichts geschehen. Sie hatte ihn geküßt. Es war -aber der erste Kuß, den sie einem Manne gegeben hatte. Und es war ganz -anders gekommen, als sie es sich gedacht --. Fast wie ein Scherz war es -gewesen -- dieser Kuß. - -Sie liebte ihn keineswegs. Und hatte ihn doch geküßt. Sie hatte -gezaudert und gedacht: ich habe nie geküßt --. Doch da glitt -gewissermaßen eine fröhliche Gleichgültigkeit und süße Müdigkeit durch -ihren Körper; ach Gott, warum dies alles so lächerlich feierlich -nehmen. Sie tat es eben -- warum sollte sie auch nicht --. - -Nein, es machte ja nichts. Er hatte ja doch ganz ehrlich darum gebeten, -weil er glaubte, er wäre verliebt in sie und weil die Sonne schien. -Er hatte sie nicht darum gebeten, ihn zu lieben -- nichts hatte er -verlangt außer einem harmlosen Kuß. Und sie hatte ihn hingegeben, -schweigend. Das alles war schön gewesen. Da war nichts geschehen, um -dessentwillen sie sich hätte schämen müssen. - -Herrgott -- achtundzwanzig Jahre war sie geworden. Sie verhehlte es -sich selbst auch nicht, daß sie sich nach einem Manne sehnte, den sie -liebte und der sie lieb hatte, an den sie sich fest anschmiegen konnte. -Jung war sie, gesund und schön -- warm war sie und voller Sehnsucht ---. Aber da sie mit kalten Augen sah, und sich selber niemals etwas -vorzulügen pflegte ... - -Sie war dem einen oder anderen Manne begegnet und hatte sich gefragt: -ist es dieser? Diesen oder jenen hätte sie vielleicht lieben können, -wenn sie wirklich gewollt hätte -- wenn sie nachgeholfen und die -Ohren der leisen Stimme verschlossen hätte, die immer da war -- und -die einen hartnäckigen Widerspruch in ihr erweckte, den sie hätte -betäuben müssen. Aber keinen hatte sie getroffen, den sie hätte lieben -+müssen+. - -So hatte sie es nicht gewagt --. - -Cesca freilich vermochte es zu ertragen, daß einer nach dem anderen sie -küßte und sie umschmeichelte. Ihr machte es nichts aus. Es berührte nur -ihre Lippen und ihre Haut. Nicht einmal Hans Herrmann, den sie doch -liebte, konnte ihr merkwürdig dünnes, erstarrtes Blut erwärmen. - -Sie selbst war anders. Ihr Blut war rot und warm. Das Glück, nach -dem sie sich sehnte, sollte heiß und verzehrend sein, aber rein und -fleckenfrei. Sie selbst wollte gut und treu und ehrlich gegen den sein, -dem sie sich hingab. Es mußte einer kommen, der sie ganz hinnehmen -konnte, so daß keine Regung in ihr unberührt blieb und irgendwo tief -drinnen verkam und vergiftet wurde --. Nein -- sie wagte es nicht, -wollte nicht leichtsinnig sein. Sie nicht --. - -Dennoch -- sie konnte die Menschen begreifen, die der Mühe des Wollens -aus dem Wege gingen. Einen Trieb bezähmen und ihn schlecht nennen, -einen anderen aber großziehen und ihn gutheißen. Allen kleinen -billigen Freuden entsagen, seine Kräfte aufsparen in Erwartung einer -großen Freude. Die +vielleicht+ -- vielleicht niemals kam. Sie war -sich durchaus nicht gewiß, daß ihr Weg zu ihrem Ziele führte, daß es -ihr nicht doch einmal Eindruck machen könnte, wenn Menschen zynisch -einräumten, keinen bestimmten Weg zu gehen und keine Ziele zu haben, -während diejenigen, die sich an die Moral und ihre Ideale hielten, nach -dem Monde im Wasser fischten. - -Auch sie hatte es einst erlebt, vor vielen Jahren, daß ein Mann sie -in einer Nacht bat, mit ihm nach Hause zu gehen -- ungefähr so, als -hätte er sie eingeladen, ihn in eine Konditorei zu begleiten. In -Wirklichkeit reizte es sie wohl gar nicht -- außerdem wußte sie, Mama -saß oben und wartete auf sie, so daß es völlig unmöglich war. Auch -kannte sie den Menschen kaum, mochte ihn nicht leiden und war obendrein -ärgerlich, daß er sie an diesem Abend nach Haus begleiten wollte. -Sie hatte kein sinnliches Empfinden dabei, nur eine intellektuelle -Neugierde trieb sie dazu, in Gedanken einen Augenblick mit der Frage zu -experimentieren: +Wenn+ ich es nun täte? Was würde ich empfinden, wenn -ich Willen und Selbstbeherrschung und meinen alten Glauben über Bord -würfe? -- - -Es war nur dieser Gedanke, der einen aufreizenden, wollüstigen Schauder -durch ihren Körper gejagt hatte. War dieses Leben besser als ihr -eigenes --? - -Denn mit ihrem eigenen war sie ja an diesem Abend nicht zufrieden. -Sie hatte wieder dagesessen und dem Tanz der anderen zugeschaut -- -Wein hatte sie auch getrunken, die Musik umtoste sie, und sie hatte -gesessen und die bittere Einsamkeit gefühlt, zu der sie, so jung noch, -verdammt war, weil sie ja nicht tanzen, nicht die Sprache der übrigen -Jugend sprechen, nicht in ihr Lachen einstimmen konnte -- dabei hatte -sie noch versucht, zu lächeln und zu plaudern und sich wieder den -Anschein zu geben, als unterhielte sie sich gut. Während sie dann in -der eiseskalten Frühlingsnacht heimging, dachte sie daran, daß sie am -nächsten Morgen um acht Uhr eine Vertretung in der Kampfschen Schule -übernehmen mußte. Sie arbeitete an ihrem großen Bilde, und es war immer -noch so tot und schwerfällig, wie sie sich auch mühte und abarbeitete --- in den freien Stunden, bis um sechs Uhr ihre Privatschülerinnen zum -Mathematikunterricht kamen. -- Sie arbeitete hart zu jener Zeit, so daß -sie manchmal das Gefühl hatte, als zittere jeder Nerv vor Ueberspannung --- und doch hielt sie in dieser bewußten Ueberanstrengung aus bis zu -den Sommerferien. - -Und da hatte sie sich einen Augenblick gewissermaßen von seinem -Zynismus angezogen gefühlt -- wohl nur einen Augenblick -- aber ... -Sie hatte zu dem Menschen aufgelächelt und Nein gesagt, so trocken und -geradezu, wie er gefragt hatte. - -Er war übrigens ein Narr, denn nun begann er, ihr Predigten zu halten --- flaue Komplimente, sentimentalen Unsinn von Jugend und Lenz, dem -Recht der Leidenschaft und dem Evangelium des Blutes. Sie lachte ihn -ganz ruhig aus und rief eine vorüberfahrende Droschke herbei. - -Oh nein, sie war reif genug, um die begreifen zu können, die sich -brutal weigerten, für irgend etwas im Leben zu kämpfen, und sich -statt dessen niederlegten und vom Strome treiben ließen --. Aber die -Grünschnäbel, die davon faselten, eine Mission zu erfüllen, wenn sie -sich nach ihrem Geschmack amüsierten -- diese Jugend, die für das ewige -Recht der Natur zu kämpfen vorgab, während sie es nicht der Mühe wert -hielt, ihre Zähne zu putzen und ihre Nägel zu reinigen -- die konnte -sie nicht irreführen. - -Es war wohl am besten für sie, an ihrer eigenen kleinen Moral -festzuhalten. Die baute sich im wesentlichen auf Wahrhaftigkeit und -Selbstbeherrschung auf. - -Diese Moral hatte sich zu formen begonnen, als Jenny auf die Schule -kam. Sie war nicht wie die anderen Kinder in der Klasse, nicht einmal -in der Kleidung. Ihre kleine Seele aber war ganz, ganz anders. Sie -lebte ja mit ihrer Mutter zusammen, die zwanzigjährig Witwe geworden -war und nichts auf der Welt besaß als ihr kleines Mädchen. Und auch mit -ihrem Vater zusammen, der gestorben war, lange bevor sie sich erinnern -konnte. Er war im Grabe und im Himmel, aber in Wirklichkeit wohnte -er daheim bei Mutter und ihr --. Sein Bild hing über dem Klavier und -seine Augen schauten auf alles herab, was Mutter und sie unternahmen, -er hörte alles, was sie sagten -- die Mutter sprach beständig von ihm -und erzählte, was er zu allen Dingen meinte -- dies dürften sie tun -und dies müßten sie lassen des Vaters wegen. Jenny sprach von ihm, als -kenne sie ihn, und des Abends sprach sie +mit+ ihm und mit Gott, der -ja mit Vater zusammen war und ebenso dachte, wie der Vater. - -Der erste Schultag. Jenny entsann sich seiner deutlich und lächelte in -die dunkle römische Nacht hinaus. - -Die Mutter hatte sie unterrichtet, so daß sie mit acht Jahren in -die dritte Klasse kam. Die Mutter pflegte immer alles an Beispielen -zu erklären, die Jenny kannte. Sie wußte also sehr wohl, was ein -Vorgebirge war. Da fragte die Lehrerin in der Geographiestunde gerade -sie, ob sie ein norwegisches Vorgebirge nennen könnte. Jenny sagte -„+Naesodden+.“[1] - - [1] Anm. der Uebersetzerin: N. ist eine Halbinsel, Kristiania - gegenüber, während die im folgenden Absatz genannten Kaps große - Vorgebirge sind. - -Die Lehrerin lächelte, und die ganze Klasse lachte. „Signe,“ -sagte die Lehrerin, und ein kleines Mädchen erhob sich und sagte -prompt: „Nordkap, Stat, Lindesnes.“ Jenny aber lächelte überlegen, -gleichgültig, über der anderen Gelächter. Das war vielleicht der erste -Zusammenstoß. -- Sie hatte niemals Kameraden unter den anderen Kindern -gehabt. Und sie bekam auch niemals welche. - -Ueberlegen und gleichgültig hatte sie zu dem Gehänsel und Gespött der -ganzen Klasse gelächelt, aus einem schweigenden und unversöhnlichen -Haßgefühl heraus, das sich zwischen sie -- die nicht so war wie jene -- -und alle die übrigen Kinder schob, die für sie eine einförmige Masse -waren, ein vielköpfiges Ungeheuer. Die verzehrende Wut, die unter all -ihren Quälereien in Jenny aufstieg, verschloß sie hinter höhnischem, -gleichgültigem Lächeln. Die wenigen Male, da ihre Selbstbeherrschung -sie im Stiche ließ -- ein einziges Mal hatte sie in Leid und -Verbitterung gar jämmerlich geschluchzt -- die wenigen Male hatte sie -bemerkt, wie die anderen triumphierten. Nur, wenn sie „hochmütig“ war, -wenn die anderen von ihrer indianischen Gefühllosigkeit ihrem Tun und -Lassen gegenüber verwirrt wurden, konnte sie sich gegen die vielen -behaupten. - -In der obersten Klasse gewann sie ein paar Freundinnen. Das war in -dem Alter, wo kein Kind es erträgt, anders zu sein als die anderen. -Sie versuchte es den Mädchen gleich zu tun. Viel Freude hatte sie von -diesen Freundinnen übrigens nicht gehabt. - -Sie entsann sich, wie die Mädchen sie verspotteten, als sie entdeckten, -daß Jenny mit vierzehn Jahren noch mit Puppen spielte. Sie aber -verleugnete ihre geliebten Kinder und sagte, sie gehörten den kleinen -Schwestern. - -In dieser Zeit war es auch, daß sie zur Bühne gehen wollte. Sie wie -alle Freundinnen waren vollkommen versessen aufs Theater -- sie -verkauften Schulbücher und Konfirmationsbroschen, um sich Billets zu -verschaffen. Abend für Abend saßen sie unten auf dem Sperrsitz für -sechzig Oere. Aber eines Tages hatte sie verspielt, als sie erzählte, -wie +sie+ Eline Gyldenlöve darstellen würde. - -Die Freundinnen lachten Sturm. Sie war also in der Tat völlig -größenwahnsinnig. -- Man wußte wohl, daß sie eingebildet war, aber -nun war die Grenze erreicht. Sie bildete sich also tatsächlich ein, -sie könne Schauspielerin werden! Sie, die nicht einmal tanzen konnte! -Es würde hübsch aussehen, sie auf der Bühne herumwackeln zu sehen mit -ihren langen, stocksteifen Stelzen --. - -Auch damals hatte Jenny mit ihren Freundinnen nicht gebrochen. -- Nein, -sie konnte nicht tanzen. Als sie ganz klein war, pflegte die Mutter ihr -Tänze vorzuspielen, während Jenny umhertrippelte, sich verneigte und -drehte, wie es ihr in den Sinn kam; Mutter lächelte dann und nannte -sie ihr kleines Linerle. Dann kam sie auf den ersten Schülerball, in -feierlicher Freude, mit einem neuen grüngeblümten Kleid angetan, -- -oh, sie entsann sich dessen so deutlich. Es reichte ihr fast bis auf -die Füße herab; Mutter hatte es nach einem alten englischen Bilde -genäht. Sie erinnerte sich dieses Kinderballes. Noch konnte sie diese -wunderliche Steifheit in allen Gliedern spüren --. Seitdem hatte dieses -Gefühl ihren weichen schlanken Körper losgelassen, er wurde wie ein -Holzstock, wenn sie den Versuch machte, selber das Tanzen zu erlernen. -Sie konnte nicht. Schließlich wollte sie in die Tanzstunde gehen, aber -dazu fehlten die Mittel. - -Sie lachte. O diese Freundinnen! Zwei von ihnen hatte sie auf der -Ausstellung wiedergesehen, als sie das erste Mal ein Bild ausgestellt -hatte -- und einige lobende Worte über sie in die Zeitung gekommen -waren. Sie stand mit einigen Malern, darunter auch Heggen, zusammen, -den sie damals aber nicht näher kannte. Da kamen die Freundinnen heran -und gratulierten: - -„Das haben wir schon in der Schule gesagt, Jenny wird Künstlerin. Wir -waren alle so überzeugt, daß aus dir noch einmal etwas werden würde.“ - -Sie hatte gelacht: - -„Ich auch, Ella.“ - -Seit jener Zeit war sie allein gewesen. -- - -Sie war wohl ungefähr zehn Jahre alt, als die Mutter Ingenieur Berner -traf. Die beiden waren zusammen in einem Büro tätig gewesen. - -So klein sie war, hatte sie es doch gleich begriffen. Der tote Vater -entglitt gleichsam dem Heim. Sein Bild hing weiterhin an seinem Platz --- aber nun war er tot. Plötzlich kam ihr das Verständnis dafür, -was der Tod bedeutete. Die Toten existierten nur in der Erinnerung -der Lebenden -- die Anderen konnten willkürlich ihr armseliges -Schattendasein auslöschen. Dann waren sie +gar nicht+ mehr vorhanden. - -Sie verstand, warum die Mutter wieder so jung, so schön und froh wurde. -Sie sah wohl den Lichtschein, der über ihr Antlitz sich breitete, -wenn Berner an ihrer Türe läutete. Sie saß und hörte die beiden -miteinander sprechen. Niemals waren es Dinge, die das Kind nicht mit -anhören durfte, sie schickten sie nie hinaus, wenn sie in der Mutter -Heim zusammen waren. Bei aller Eifersucht, die sie im Herzen trug, -fühlte Jenny, daß es so vieles gab, worüber eine Mutter nicht mit einem -kleinen Mädchen sprechen konnte. Und diese Erkenntnis rief ein starkes -Gerechtigkeitsgefühl in ihr wach -- sie wollte ihrer Mutter nicht -zürnen. Hart war es indessen doch. - -Aber das zu zeigen, war sie zu stolz. Wenn jedoch die Mutter dem Kinde -gegenüber Gewissensbisse empfand und sie nervös und ganz unvermittelt -mit Zärtlichkeit und Fürsorge überschüttete, so schwieg sie kalt und -abweisend. Und sie schwieg, als die Mutter sagte, sie solle Berner -Vater nennen, und ihr eifrig erzählte, wie lieb er die kleine Jenny -hätte. -- In den Nächten versuchte sie, zu ihrem eigenen, richtigen -Vater zu sprechen wie ehedem -- leidenschaftlich versuchte sie, ihn -am Leben zu erhalten. Sie vermochte es aber nicht allein -- sie -kannte ihn ja nur aus den Erzählungen der Mutter. Nach und nach starb -Jens Winge auch für sie. Und da er auch der Mittelpunkt all ihrer -Vorstellungen von Gott, dem Himmelreich und dem ewigen Leben gewesen -war, so verblaßten auch diese mit seinem Bilde. Sie erinnerte sich, -daß sie schon im Alter von dreizehn Jahren dem Religionsunterricht -mit vollbewußtem Unglauben zugehört hatte. Und da alle anderen in der -Klasse an Gott glaubten, und den Teufel fürchteten und dennoch feig -und grausam, schmutzig und gemein waren, jedenfalls in ihren Augen, so -wurde die Religion für sie zu etwas beinahe Verächtlichem, Feigem, das -zu ihnen gehörte. - -Gegen ihren Willen mußte sie Sympathie für Nils Berner haben. In der -ersten Zeit, nachdem er die Mutter geheiratet hatte, mochte sie ihn -eigentlich lieber als die Mutter. Er forderte nicht das Recht des -Vaters über die Stieftochter -- klug, gut und natürlich kam er ihr -entgegen. Sie war das Kind der Frau, die er liebte, und deshalb liebte -er auch Jenny. - -Was sie ihm verdankte, erkannte sie erst jetzt als Erwachsene klar. -Wieviel Krankhaftes und Verschrobenes hatte er ihr doch ausgetrieben -und an ihr bekämpft! Solange sie mit der Mutter allein in dieser -treibhausschwülen Luft von Zärtlichkeit, Fürsorge und Träumerei -gelebt hatte, war sie furchtsam gewesen, hatte Angst vor Hunden, -Straßenbahnen, Angst vor Zündhölzern, hatte vor Allem Angst. Die -Mutter wagte kaum, sie allein zur Schule gehen zu lassen. Und wie -empfindlich war sie gegen körperlichen Schmerz gewesen! - -Berners erste Tat war, das Mädel mit hinauf in die Wälder zu nehmen. -Sonntag für Sonntag zog er mit ihr in die Nordmarken. In brennender -Sommersonne, in weicher Lenzluft und strömendem Herbstregen, den -ganzen Winter über auf Schneeschuhen. Und Jenny, die es gewöhnt war, -ihre Gefühle nicht zu offenbaren, versuchte, Müdigkeit und Angst zu -verbergen. Bis sie sie nach einer Weile gar nicht mehr empfand. - -Berner lehrte sie, Karte und Kompaß zu gebrauchen. Er verhandelte mit -ihr wie mit einem Kameraden. Er lehrte sie, Zeichen für Wetterumschwung -in Wind und Wolken zu entdecken, Zeit und Richtung aus dem Stande -der Sonne zu lesen. Mit Tieren und Pflanzen machte er sie vertraut. -Sie zeichnete und malte Blumen mit Wasserfarben, Wurzel und Stengel, -Blatt und Knospe, Blüte und Frucht. Ihr Skizzenbuch und sein -Photographenapparat lagen immer im Rucksack. - -Wieviel Liebe und Güte der Stiefvater in dieses Erziehungswerk gelegt -hatte, konnte sie erst jetzt ermessen. Ein kleines unscheinbares -Mädchen hatte er zum Kameraden gemacht und erzogen, sie, die so -ungeschickt gewesen, wie ein blindes Kätzchen nach der Geburt. Er, der -namhafte Skiläufer und Bergsteiger in Jotunheim und auf den Bergzinnen -des Nordlandes! - -Er hatte ihr versprochen, sie mit dort hinaufzunehmen. Das war in dem -Sommer, als sie fünfzehn Jahre alt war, dem schwierigsten Alter. Da -hatte er sie auf Schneehühnerjagd mitgenommen. Die Mutter mußte daheim -bleiben -- sie trug damals das Kleine. - -Sie wohnten in einer einsamen kleinen Sennhütte unterhalb Rondane. Oh, -niemals war sie je so glücklich gewesen wie in jenen Morgenstunden, -wenn sie in ihrem kleinen Alkoven erwachte. Sie mußte aufstehen und für -Berner Kaffee kochen; er nahm sie dann mit hinauf auf die Rondespitzen -und in die Stygfelsen, auf Engelfahrten, oder sie gingen hinab ins -Foltal, um Proviant zu holen. Wenn er draußen war und jagte, dann -badete sie in eisigen Gebirgsbächen oder wanderte endlose Wege über -herbstlich öde Strecken. Oder sie saß in der Hüttentür, strickte und -träumte romantische Sennerinnenträume von einem Jäger, der Berner recht -ähnlich sah, nur ganz jung war und bildschön. Er sollte aber erzählen, -wie Berner es tat, des Abends am Herd, von Jagd und Gebirgsfahrten; er -sollte ihr auch ein Gewehr versprechen und sie mit hinausnehmen auf nie -erstiegene Zinnen, wie Berner es versprochen hatte. - -O ja, sie entsann sich, wie sie damals begriff, daß die Mutter ein Kind -haben sollte. Wie zerquält, beschämt, unglücklich sie war, als sie es -entdeckte. Sie suchte vor der Mutter zu verbergen, was sie empfand, -ganz gelang es ihr nicht, das wußte sie. Erst Berners Angst um sein -Weib, als die Stunde der Geburt sich näherte, brachten eine Veränderung -in ihre Gefühle. Er sprach mit Jenny darüber: „Ich habe Angst, Jenny. -Ich habe deine Mutter doch so lieb, weißt du.“ Er sprach auch davon, -wie krank sie gewesen war, als Jenny geboren wurde. - -Das Gefühl des Unnatürlichen und Unreinen an dem Zustand der -Mutter wich von ihr, während er sprach. Aber auch das Gefühl, daß -das Verhältnis zwischen ihr und der Mutter etwas Mystisches und -Uebernatürliches war. Es wurde alltäglich und selbstverständlich -- -sie war geboren worden, und die Mutter hatte Schweres erlitten um -ihretwillen, sie war sehr klein gewesen, hatte der Mutter bedurft, und -um alles dessentwillen hatte sie die Mutter geliebt. Nun aber kam ein -neues kleines Kind, das der Mutter mehr bedürfen würde. Jenny fühlte -sich mit einem Male erwachsen, sie hatte Sympathie sowohl für die -Mutter als für Berner und sie tröstete ihn altklug: „Ja, aber du weißt -doch, es pflegt doch gut auszugehen. Ich finde, sie sterben doch fast -nie daran.“ - -Dennoch hatte sie vor Verlassenheit geweint, als sie ihre Mutter mit -dem neuen kleinen Kinde sah, das all ihre Zeit und ihre Sorge in -Anspruch nahm. - -Aber sie gewann das kleine Ding lieb, besonders als Klein-Ingeborg das -erste Jahr überschritten hatte und der süßeste, schwärzeste kleine -Zigeunerkobold wurde, den man sich denken konnte, und als die Mutter -ein neues Kindchen bekam. - -Eigentlich hatte sie niemals das Gefühl gehabt, als seien die -Bernerschen Kinder ihre Geschwister. Sie glichen ganz ihrem Vater. -Jetzt bezeichnete sie ihr Verhältnis zu ihnen annähernd als tantenhaft --- sie kam sich fast wie eine ältere „vernünftige Tante“ vor, sowohl -ihrer Mutter als den Kindern gegenüber. - -Als das Unglück geschah, war die Mutter jünger und schwächer als Jenny. -Sie war wieder jung geworden, Frau Winge, in ihrer neuen glücklichen -Ehe, nur ein wenig müde und mitgenommen von den drei Wochenbetten, die -dicht aufeinander folgten. Nils war nur fünf Monate alt, als sein Vater -starb. - -Berner stürzte eines Sommers drüben von den Skagastölspitzen ab -und starb auf der Stelle. Jenny war damals sechzehn Jahre alt. Die -Verzweiflung ihrer Mutter war grenzenlos; sie liebte ihren Mann und war -von ihm vergöttert worden. Jenny versuchte, ihrer Mutter zu helfen, -so gut sie konnte. Wie sehr sie selber um ihren Stiefvater trauerte, -zeigte sie niemanden. Sie wußte nur zu gut, daß sie den einzigen -Kameraden verloren hatte, den sie je besessen. - -Nach dem Mittelschulexamen war sie auf die Zeichenschule gegangen und -hatte zu Hause geholfen. Berner hatte sich immer für ihre Zeichnungen -interessiert und war der erste gewesen, der sie einiges über -Perspektive und dergleichen lehrte, soviel, wie er selber wußte. Er -hatte geahnt, daß sie Talent hatte. - -Leddy, seine Hündin, zu behalten, dazu fehlten ihnen die Mittel. Die -beiden kleinen, dicken Jungen wurden verkauft, und die Mutter meinte -auch, Leddy müßte weggegeben werden -- es war ein kostbares Tier. Es -trauerte tief um seinen Herrn. Aber niemand anderes durfte Berners Hund -bekommen, wenn sie ihn nicht selbst behalten konnten -- das setzte -Jenny durch; einmal bekam sie aus diesem Anlaß einen hysterischen -Anfall. Sie brachte das Tier selbst an einem Abend zu Rechtsanwalt -Iversnäs, Berners altem Kameraden, der es an einem Sonntage mit über -Land nahm, es erschoß und neben einer Hütte begrub. - -Was Berner ihr gewesen war -- Kamerad und Freund -- das versuchte sie, -seinen Kindern zu sein. Zu den Stiefschwestern wurde das Verhältnis, -als sie nach und nach heranwuchsen, weniger innig, jedoch ganz -freundschaftlich -- sozusagen mit großem Abstand. Jenny machte auch -nicht den Versuch, ihnen näherzukommen. Sie waren jetzt zwei sehr -liebe, kleine Mädchen im Backfischalter, mit Bleichsucht, kleinen -Verliebtheiten, Freunden und Freundinnen und ständigen Tanzvergnügen, -munter und reichlich indolent. Doch der kleine Nils und Jenny waren -im Laufe der Jahre immer bessere Kameraden geworden. Kalfatrus hatte -Vater den kleinen Burschen getauft, und Jenny behielt den Namen bei. Er -selbst nannte die Schwester Indiana. - -In den ganzen letzten Jahren der Trübsal waren die Nordmarksfahrten mit -Kalfatrus die einzigen Stunden gewesen, in denen sie sich ausruhte. -Am liebsten zogen sie im Frühling oder Herbst hinaus, wenn nur wenig -Menschen in den Wäldern waren. Dann saß sie mit dem Jungen schweigend -da und starrte in das Feuer, das sie sich gemacht hatten -- oder sie -lagen langgestreckt auf dem Boden, in ihrem eigenen fürchterlichen -Pöbeljargon schwatzend, den sie daheim nicht hören lassen durften mit -Rücksicht auf die Gefühle der Mutter. - -Das Porträt von Kalfatrus war das erste Bild, mit dem sie zufrieden -gewesen war. Es war auch brillant, und Gunnar schwor darauf, daß es in -die Galerie hätte kommen müssen. Sie hatte seitdem auch nie wieder ein -Bild gemalt, das so gut gelungen war. - -Sie hätte Berner malen müssen, Papa. Sie hatte ihn so gerufen, als -seine Kinder zu sprechen anfingen. Damals hatte sie auch die Mutter -Mama genannt. Damit hatte sie gewissermaßen vor sich selbst die -Veränderung bestätigt, die mit der Mutter ihrer kurzen Kindheit und in -dem Verhältnis zwischen ihnen vor sich gegangen waren. - -Und dann die erste Zeit hier unten! Als endlich der wahnsinnige Druck -wich, der auf ihr gelegen hatte. Dieser Druck hatte ihr weh getan. -Jetzt fühlte sie erst, wie jeder Nerv in ihr vor Ueberanstrengung -gezittert hatte. Und sie hatte geglaubt, sie sei zu alt geworden, um -jemals die Jugend zurückzuerobern. Von Florenz erinnerte sie sich an -nichts weiter, als daß sie dort gefroren und sich verlassen gefühlt und -nicht imstande gewesen war, das Neue in sich aufzunehmen. Ab und zu sah -sie blitzartig den unendlichen Schönheitsreichtum um sich her und wurde -verrückt vor Sehnsucht danach, ihn zu erfassen, zu verstehen und jung -zu sein, zu lieben und geliebt zu werden. - -Dann die Lenztage, als Gunnar und Franziska sie mit nach Viterbo -nahmen. Sonnenschein in dem nackten Eichenwalde, wo Anemonen und -Veilchen und gelbe Aurikeln in dichten Massen zwischen dem bleichen, -welken Laube blühten. Die kochenden, stinkenden Schwefelquellen, die -draußen auf der fahlen steppenartigen Ebene vor der Stadt dampften, -das Feld rings um den klagenden Quell war leichenblaß von erstarrtem -Kalk. Der Hohlweg dort hinaus mit den Tausenden von smaragdgrünen, -blitzähnlich hin- und herschießenden Vögeln in den Steinwällen, die -Olivenbäume in den Wiesen, über denen weiße Schmetterlinge sich -wiegten. Dann die alte Stadt mit den singenden Springbrunnen, den -schwarzen mittelalterlichen Häusern und den Türmen an der Ringmauer -und über allem der Mondschein in den Nächten. Und der gelbe, leicht -prickelnde Wein, der von der vulkanischen Erde, auf der er gewachsen -war, feurig schmeckte. - -Sie hatte mit den neuen Freunden Brüderschaft getrunken. Des Nachts -vertraute Franziska ihr die Geheimnisse ihres ganzen bunten jungen -Lebens an und kroch schließlich in ihr Bett, um sich trösten zu lassen. -Während sie lag, wiederholte sie: Wie gut du bist! In der Schule hatte -ich immer Angst vor dir! Daß du so gut bist! - -Gunnar war in beide verliebt. Er war übermütig wie ein junger Faun von -Lenz und Sonne. Und Franziska ließ sich küssen und lachte und nannte -ihn einen Schwatzmichel. - -Sie aber hatte Angst -- nicht vor ihm. Aber sie wagte nicht, seinen -heißen roten Mund zu küssen, weil es sie nach etwas Sinnlosem, etwas -Berauschendem und Leichtsinnigem gelüstete, das nur diese Tage über -währen sollte, während Sonne und Lenz und Anemonen leuchteten und -sie hier waren, etwas, worüber sie sich keine Rechenschaft zu geben -brauchte. Sie wagte aber nicht, aus ihrem alten Ich zu schlüpfen, sie -fühlte, sie würde dem Leichtsinn nicht leichtsinnig ein Ende machen -können und er gewiß auch nicht. Sie hatte Gunnar Heggen des öfteren -beobachtet -- mit anderen Frauen, mit denen er kleine Liebeleien gehabt -hatte. Er war so, wie sie waren, und doch wieder nicht ganz, tief im -Innern war er er selbst, ein Mann, der besser war als die meisten -Frauen. - -Später hatte er über seine eigene Verliebtheit gelacht. Sie waren -Freunde geworden, mehr und mehr. In der herrlichen, friedvollen, -arbeitsreichen Zeit in Paris und später wieder hier unten. - -Aber dies hier mit Gram war ja etwas ganz anderes. Er weckte wahrhaftig -keine verwegenen Gelüste oder wilden Sehnsuchtsgefühle in ihr. Herrgott --- sie mochte ihn eben gern. Er war durchaus nicht dumm, wie sie -erst gedacht hatte, nur gleichsam verschüchtert war er gewesen, als -er hierher kam. Das war nun freilich etwas, das sie am besten hätte -verstehen müssen. Etwas Weiches, Junges und Frisches lag über ihm, das -sie an ihm gern mochte. Es war ihr deshalb, als sei er viel mehr als -nur zwei Jahre jünger als sie. Was er indes von seiner Verliebtheit -sagte -- war es wohl etwas anderes als nur ein kleiner Ueberschuß an -Freude, wie sie ihn bei all dem Neuen und Befreienden erfaßte? Es war -sicher ganz ungefährlich, sowohl für ihn als für sie. - -Sie hatten sie wohl lieb, die zu Hause. Franziska und Gunnar auch. Und -doch -- ob wohl einer von ihnen heute Nacht an sie dachte? Sie war ganz -und gar nicht betrübt darüber, daß sie von einem wußte, der es tat. - - - - -IX. - - -Als sie am Morgen erwachte, sagte sie zu sich selber, er würde wohl -nicht kommen, und das wäre natürlich auch das Beste. Als er aber an -ihre Türe klopfte, war sie dennoch froh. - -„Fräulein Winge, ich habe noch nicht gefrühstückt, können Sie mir nicht -ein wenig Tee geben und einen Bissen Brot?“ - -Jenny sah sich im Zimmer um. - -„Ja, hier ist aber noch nicht aufgeräumt, Gram.“ - -„Ich mache die Augen zu, und dann sperren Sie mich hinaus auf den -Balkon,“ sagte er an der Tür. „Ich bin ja so schrecklich durstig auf -Tee!“ - -„Na ja, dann warten Sie einen Augenblick.“ Jenny warf die Decke über -das ungemachte Bett und räumte den Waschtisch auf. Den Frisiermantel -vertauschte sie gegen ihren langen Kimono. - -„So, bitte. Setzen Sie sich auf den Balkon hinaus, dann werde ich Ihnen -Tee bringen.“ - -Sie stellte ein kleines Taburett hinaus und brachte Brot und Käse -herbei. Gram betrachtete ihre bloßen weißen Arme und die langen Aermel -des Kimono, die um sie herflatterten. Das Gewand war dunkelblau, mit -gelben und violetten Iris durchwirkt. - -„Wie wunderhübsch ist das Kleid -- ein echtes Geishagewand!“ - -„Ja, es ist auch echt. Franziska und ich kauften uns beide eines in -Paris -- für die Morgenstunden im Hause.“ - -„Das liebe ich an Ihnen, daß Sie so gut gekleidet umhergehen, auch -wenn Sie allein sind.“ Er zündete sich eine Zigarette an und blickte -in den Rauch. „Ach -- des Morgens daheim -- das Mädchen und Mutter und -Schwester liefen umher und sahen aus wie --. Finden Sie nicht, Frauen -müßten sich so schön machen, als es ihnen nur möglich ist?“ - -„Doch. Aber es geht nicht, wenn man des Morgens den Haushalt in Ordnung -bringen muß, Gram.“ - -„Zum Frühstück jedenfalls könnten sie sich doch das Haar machen und -ein Kleid anziehen wie dies da, nicht wahr?“ Im selben Augenblick fing -er eine Teetasse auf, die sie mit dem Zipfel ihres Aermels beinahe -heruntergerissen hätte. - -„Nun, da können Sie sehen, wie praktisch das ist -- so, trinken Sie nun -Ihren Tee, Sie waren ja so durstig.“ Sie entdeckte plötzlich Franziskas -sämtliche helle Strümpfe, die zum Trocknen draußen hingen, und raffte -sie in etwas nervöser Hast zusammen. - -Er aß und trank, während er sprach. - -„Ja, sehen Sie -- ich lag und überlegte gestern, bis fast zum Morgen. -Darum verschlief ich und hatte nicht mehr Zeit, noch in eine Latteria -zu gehen. Ich finde, wir sollten auf die Via Cassia hinauswandern, zu -dem Plätzchen, wo Ihre Anemonen stehen.“ - -„Das Anemonenplätzchen.“ Jenny lachte leise. „Als Sie ein Junge waren, -Gram, hatten Sie da auch Anemonenwinkel und Veilchenplätzchen und -dergleichen, wo Sie jedes Jahr Ihre Blumen holten, die Sie vor den -anderen Kindern verheimlichten?“ - -„Und +ob+ ich welche hatte. Ich weiß noch einen Birkenhain, wo es -duftende Veilchen gab, an dem alten Holmenkollenweg.“ - -„Oh, ich weiß,“ unterbrach sie ihn triumphierend. „wo der Sörkedalsweg -abbiegt, gleich rechts.“ - -„Richtig. Einen Ort wußte ich auch auf Bygdö, innerhalb Fredriksborg. -Und in Skaadalen.“ - -„Aber ich muß jetzt hinein und mich umziehen,“ sagte Jenny. - -„Ziehen Sie das Kleid an, das Sie gestern trugen, das wäre lieb von -Ihnen,“ rief er ihr nach. - -„Es wird so staubig.“ Aber im selben Augenblick ärgerte sie sich. Warum -sollte sie sich nicht damit putzen -- das alte schwarzseidene Kleid war -viele Jahre hindurch ihre Staatsrobe gewesen -- nun brauchte sie es -wirklich nicht mehr so ehrerbietig zu behandeln. - -„Ach, Unsinn! Ja, aber es ist im Rücken zu schließen, und Cesca ist -jetzt nicht zu Hause.“ - -„Kommen Sie, ich werde es zuknöpfen, ich bin darin Spezialist, ich -habe meine Mutter und Sofie mein ganzes Leben lang im Rücken geknöpft, -müssen Sie wissen.“ - -Es waren nur zwei Knöpfe, gerade in der Mitte, die sie nicht allein -schließen konnte. So ließ sie denn Grams Hilfe zu. - -Er spürte den schwachen, milden Duft ihres Haares und Körpers, während -sie bei ihm draußen in der Sonne stand und ihn das Kleid zuknöpfen -ließ. An der einen Seite entdeckte er plötzlich einige kleine -Bruchstellen in der Seide, die sorgsam gestopft waren. Da füllte sich -sein Herz mit einer unendlich weichen Zärtlichkeit für sie. -- - -„Finden Sie den Namen Helge nett?“ fragte er, als sie später in einer -Osteria, weit draußen in der Campagna, zusammen bei Tisch saßen und zu -Mittag speisten. - -„Ja, er ist hübsch.“ - -„Wissen Sie, daß ich mit Vornamen Helge heiße?“ - -„Ja, ich sah, daß Sie sich im Verein hatten eintragen lassen.“ -Gleichzeitig errötete sie, denn ihr fiel ein, daß er wohl denken -könnte, sie hätte danach geforscht. - -„Ja, ich glaube auch, der Name ist hübsch. Im Grunde gibt es wenige, -die hübsch oder häßlich sind, nicht wahr? Kennt man irgend jemanden, -der diesen oder jenen Namen hat, so kommt es darauf an, ob man diesen -Menschen leiden mag oder nicht. Als ich ein Knabe war, hatten wir ein -Kindermädchen, das Jenny hieß, die konnte ich nicht ausstehen. Seitdem -meinte ich immer, es sei ein häßlicher und gewöhnlicher Name und ich -fand es so unglaublich, daß Sie Jenny hießen. Jetzt dagegen finde ich -den Namen wunderhübsch, gleichsam so blond. Hören Sie nicht, daß sein -Klang ganz lichtblond ist? Jenny -- eine dunkle Frau kann so nicht -heißen, Fräulein Jahrmann zum Beispiel nicht. Franziska paßt nun wieder -genau zu ihr, nicht wahr? Der Name ist so kapriziös, Jenny aber ist so -hell, so frisch und klar.“ - -„Ich bin nach meinen Vorfahren so genannt. Es ist ein Familienname -väterlicherseits,“ erwiderte sie, nur um etwas zu sagen. - -„Was stellen Sie sich zum Beispiel unter einer Rebekka vor?“ fragte er -kurz darauf. - -„Ich weiß nicht. Ist das nicht ganz hübsch? Vielleicht ein wenig hart -und klappernd.“ - -„Meine Mutter heißt Rebekka,“ sagte Helge nach einer Weile. „Ich finde -auch, es klingt hart. Und meine Schwester heißt Sofia. Sie heiratete, -nur um von Hause fortzukommen und in ein eigenes Heim, davon bin ich -überzeugt. Ist es nicht merkwürdig, daß meine Mutter so entzückt war, -sie verheiraten zu können? selbst hat sie mit meinem Vater wie Hund und -Katze gelebt. Aber der Staat, der mit Kaplan Arnesen gemacht wurde, -war grenzenlos, als meine Schwester und er sich verlobten. Ich kann -meinen Schwager nicht ausstehen. Ich glaube auch, mein Vater kann ihn -nicht leiden. Aber Mutter. -- Meine ehemalige Verlobte hieß Katharine, -sie wurde aber immer nur Titti genannt. Ich sah, daß sie auch Titti -in die Zeitung setzen ließ, als sie sich verheiratete. Sie können mir -glauben, das war eine dumme Geschichte. Es ist jetzt drei Jahre her. -Sie hatte eine Vertretung an der Schule, wo ich Lehrer war. Hübsch war -sie nicht im geringsten, nur rasend kokett allen Männern gegenüber; ich -aber hatte es niemals erlebt, daß eine Dame sich etwas daraus machte, -mit mir zu kokettieren. Das können Sie sich vielleicht denken, wenn -Sie sich erinnern, welch eine Figur ich im Anfang hier unten machte. -Und außerdem lachte sie immer -- sie sprühte Funken, wenn sie sich nur -bewegte. Sie war erst neunzehn Jahre alt, Gott weiß, warum sie mich -eigentlich nahm --. Ja, dann war ich natürlich rasend eifersüchtig, -und das machte ihr Spaß. Je eifersüchtiger sie mich machte, desto -verliebter wurde ich. Vielleicht war es meine Männereitelkeit -- aber -ich hatte nun einmal eine Braut, die rasend umschwärmt war. Ich war -damals ja noch sehr grün. Natürlich verlangte ich, sie sollte sich -einzig um mich bekümmern, das war vermutlich ein ziemlich unbilliges -Verlangen, so wie ich damals war. Wie gesagt, der Herrgott mag wissen, -was Titti mit mir wollte. Zu Hause wollten sie, das Verlöbnis sollte -noch geheimgehalten werden, weil wir so jung waren. Titti wollte es -aber gern veröffentlichen, sie pochte darauf, daß ich fände, sie -sei zu sehr von anderen in Anspruch genommen, daß sie aber nicht -ausschließlich mit mir zusammen sein könnte, wenn wir nur heimlich -verlobt wären. Sie kam dann nach Haus zu uns. Aber Mutter und sie -zankten sich immer. Titti haßte Mutter geradezu. Im übrigen wäre es -immer genau dasselbe gewesen, mit wem ich mich auch verlobt hätte. -Mutter genügte der Umstand, daß sie meine Braut war. Ja, dann löste -Titti die Verbindung.“ - -„Waren Sie sehr unglücklich?“ fragte Jenny leise. - -„Ja, das war ich. Ich kam eigentlich nicht ganz darüber hinweg, erst, -als ich hier war. Es war sicher vor allem meine Eitelkeit, welche litt. -Wenn ich sie wirklich geliebt hätte, so hätte ich wünschen müssen, daß -sie mit dem anderen glücklich würde, den sie jetzt geheiratet hat. Das -war aber durchaus nicht der Fall.“ - -„Das wäre wohl ein bißchen zu viel Edelmut gewesen,“ sagte Jenny -lächelnd. - -„Ich weiß nicht. Dies Gefühl müßte man eigentlich haben, wenn man -wirklich liebte. Nicht wahr? Aber wissen Sie, was ich so sonderbar -finde? Daß Mütter gegen die Bräute ihrer Söhne so wenig freundlich -gestimmt sind. Das ist nämlich immer dasselbe.“ - -„Eine Mutter meint wohl, keine Frau sei gut genug für ihren Jungen.“ - -„Ja, es ist aber nicht so, wenn die Töchter sich verloben. Ich sah es -doch bei dem ekelhaften, rothaarigen, fetten Kaplan. Ich habe niemals -mit meiner Schwester sympathisiert. Wenn ich aber daran dachte, daß -dieser Kerl -- pfui. Wenn er zu Hause saß, und mit ihr koste ... Nein, -wissen Sie, ich habe manchmal überlegt: Wenn Frauen eine Zeitlang -verheiratet gewesen sind, werden sie weit zynischer als wir Männer. -Sie sagen es nicht, aber ich merke es dennoch, wie zynisch sie im -tiefsten Herzensgrunde geworden sind. Das Ganze ist ihnen nur ein -Geschäft -- wenn die Tochter sich verheiratet, so sind sie froh. -Nun hat man sie einem Kerl auf den Hals geladen, der sie mit sich -schleppen, sie ernähren und kleiden muß. Daß sie sich als Gegenleistung -in die Pflichten der Ehe zu finden hat, ist kein Grund, um die Sache -besonders feierlich zu nehmen. Wenn dagegen ein Sohn für die gleiche -Gegenleistung eine solche Last auf sich lädt, so sind sie naturgemäß -nicht so begeistert. Glauben Sie nicht, daß darin ein Körnchen Wahrheit -steckt?“ - -„Mitunter trifft es wohl zu,“ sagte Jenny. - - * * * * * - -Als Jenny abends heimkehrte, zündete sie die Lampe an und begann an -die Mutter zu schreiben -- sie wollte am liebsten gleich für die -Geburtstagsgrüße danken und berichten, wie sie den Tag verlebt hatte. - -Ueber ihre eigene Feierlichkeit am vergangenen Abend mußte sie lachen. - -Ach, Herrgott! Ja, gewiß hatte sie es bitter gehabt und war einsam -gewesen. Aber schwer hatten es eigentlich die meisten jungen Menschen, -die sie gekannt. Viele noch weit schlimmer als sie. Sie brauchte nur -an alle die alten und jungen Mädchen, Lehrerinnen auf der Volksschule, -zu denken. Beinahe die meisten hatten eine alte Mutter zu versorgen -oder Geschwister, denen sie vorwärtshelfen mußten. Auch Gunnar -- -und jetzt wieder Gram --. Sogar Cesca -- das verwöhnte Geschöpf aus -einem reichen Hause -- mit ihren einundzwanzig Jahren hatte sie alle -Brücken hinter sich abgebrochen und sich seitdem durchgehungert und -vorwärtsgearbeitet, wobei ihr nur das kleine Muttererbe ein wenig half. - -Und was ihre eigene Einsamkeit betraf, so hatte sie die ja selbst -gewählt. Stellte sie eins zum anderen, so war der Grund dafür wohl -der, daß sie ihren eigenen Fähigkeiten mißtraute. Und um den Zweifel -totzuschweigen, hatte sie sich daran geklammert, daß sie etwas -Besonderes sei, etwas ganz Anderes als ihre Umgebung. Sie hatte die -anderen selbst von sich gestoßen. Nun sie ein Stück Wegs erobert -hatte, sich bewußt war, daß sie zu etwas taugte, da war sie ja weit -umgänglicher geworden, weit menschenfreundlicher. Sie mußte zugeben, -daß sie nie versucht hatte, anderen entgegenzukommen, weder als Kind -noch als Erwachsene. Sie war zu hochmütig gewesen, den ersten Schritt -zu tun. - -Alle Freunde, die sie gehabt -- vom Stiefvater bis zu Cesca und Gunnar --- alle hatten zuerst die Hand nach ihr ausstrecken müssen. - -Dann das andere: War sie wirklich die leidenschaftliche Natur, für die -sie sich selbst hielt? Ach! Sie war achtundzwanzig Jahre alt geworden, -ohne je das kleinste Gefühl der Liebe gekannt zu haben. Und diese -Tatsache berechtigte sie zu dem Vertrauen zu sich selbst, daß sie als -Frau nicht Schiffbruch erleiden würde, sollte sie jemals einen Mann -lieben. Gesund und schön war sie auch -- mit frischen Sinnen, die noch -empfänglicher geworden durch ihre Arbeit und ihr Leben in der Fremde. -Selbstverständlich sehnte sie sich danach, zu leben und geliebt zu -werden -- leben zu dürfen. - -Sich jedoch selber weiszumachen, daß sie einer beliebigen Mannsperson -in die Arme fliegen würde, die im kritischen Augenblick ihren Weg -kreuzte -- nur weil das Blut aufsässig war ...! Einbildungen, mein -Kind! Im Grunde wollte sie sich nur nicht eingestehen, daß sie sich -hin und wieder ein wenig langweilte und ganz einfach das Verlangen -empfand, eine kleine Eroberung zu machen und ein wenig umschwärmt zu -werden wie die kleinen Mädchen -- was sie sonst eigentlich als ein -niedriges Verlangen ansah. So zog sie es vor, das Gefühl feierlich -als Lebenshunger auszulegen und sehnsüchtige Sinne vorzutäuschen, -Faseleien, auf die die armen Männer gekommen waren, weil die Aermsten -nicht wissen, daß die Frauen im allgemeinen gewöhnlich eitel und -dumm sind, so daß sie sich langweilen, wenn sie nicht einen Mann -zur Unterhaltung haben. Daher die ganze Fabel von den sinnlichen -Frauen, die ebenso selten zu finden sind wie schwarze Schwäne und -disziplinierte, guterzogene Frauen. - -Jenny stellte das Bildnis von Franziska auf die Staffelei. Die weiße -Bluse und der grüne Gürtel lagen jetzt noch hart und häßlich auf. Die -Farben mußten gedämpft werden. Das Antlitz versprach gut zu werden, die -Stellung war natürlich. -- - -Jedenfalls war kein Grund vorhanden, wegen dieser Geschichte mit Gram -feierlich zu werden. Sie mußte doch weiß Gott einmal beginnen sich -natürlich zu geben; diese Angst, die auch in den ersten Tagen ihrer -Bekanntschaft mit Gunnar in ihr war, und die sie immer empfand, wenn -ein neuer Mann in ihren Gesichtskreis trat, Angst davor, daß sie sich -in ihn verlieben könnte oder er sich in sie, mußte sie abzustreifen -suchen. Der Gedanke, daß ein Mann an ihr Gefallen finden könnte, war -ihr so ungewohnt, daß auch er ihr Angst einflößte und sie verwirrte. - -Man mußte doch gut Freund miteinander sein können; es wäre ja sonst -traurig bestellt um die Menschheit. Gunnar und sie waren ja Freunde -- -ruhig und fest. Zwischen ihr und Gram war so vieles, das die Grundlage -einer Freundschaft hätte bilden können. Sie hatten soviel Gleiches -durchgemacht. - -Etwas so Junges und Vertrauensvolles lag in seinem Wesen ihr gegenüber. -Dieses „Nicht wahr?“ und „Finden Sie nicht?“, mit dem er immer kam. - -Sein Gerede von gestern, daß er sie liebe -- oder zu lieben glaube, wie -er sich ausdrückte! Sie lachte vor sich hin. Nein, ein erwachsener -Mann sprach nicht so, wenn er eine Frau ernstlich liebte und gewinnen -wollte. - -Er war wirklich ein lieber Junge. - -Heute hatte er diese Frage gar nicht berührt. - -Ein warmes Gefühl für ihn war in ihr aufgewallt, als er sagte, wenn er -sie wirklich geliebt hätte, hätte er doch wünschen müssen, daß seine -ehemalige Braut mit dem Andern glücklich würde. - - - - -X. - - -Jenny und Helge liefen Hand in Hand die Via Magnanapoli hinab. Die -Straße bestand aus einer einzigen Treppe, die zum Trajanischen Forum -hinunterführte. Auf der letzten Stufe zog er sie an sich und gab ihr -blitzschnell einen Kuß. - -„Bist du toll, weißt du nicht, daß es hierzulande nicht erlaubt ist, -auf der Straße zu küssen?“ - -Dann lachten sie beide. An einem der ersten Abende hatten zwei Wächter -sie auf dem Lateranplatz angesprochen. Sie waren unter den Pinien an -der alten Stadtmauer auf und ab gegangen und hatten sich geküßt. - -Der letzte Sonnenstreifen berührte die Bronzestatue des Heiligen auf -der Säule und flammte an dem Mauerwerk der Häuser und an den Baumkronen -der Anhöhe auf. Der Platz mit seinen alten verfallenen Häusern rings um -das ausgegrabene Forum unterhalb des Straßenkörpers lag im Schatten. - -Jenny und Helge lehnten sich über das Geländer und versuchten, -die fetten faulen Katzen zu zählen, die sich zwischen den grauen -Säulenstümpfen drunten auf der grasüberwucherten Schuttstätte breit -machten. Jetzt bei beginnender Dämmerung erwachten sie allmählich zum -Leben. Ein rotes Tier, das auf dem Sockel der Trajanssäule gelegen -hatte, reckte sich, wetzte seine Krallen am Mauerwerk und setzte in -lautlos weichem Sprung auf das Gras, glitt wie ein heller Schatten -davon und verschwand. - -„Ich zähle nicht mehr als dreiundzwanzig,“ sagte Helge. - -„Ich fünfundzwanzig.“ Sie wandte sich halb um und verscheuchte einen -Ansichtskartenverkäufer, der herbeigekommen war und seine Ware in allen -möglichen Sprachen anbot. - -Dann beugte sie sich wieder über das Geländer und starrte -gedankenverloren in das buschige Gras, sich der leisen, glücklichen -Mattigkeit hingebend, die eines langen Sonntages unzähligen Küssen -draußen auf der mattgrünen Campagna folgte. Helge hielt ihre Hand auf -seinem Arm fest und streichelte sie; Jenny strich über seinen Aermel -und barg die Hand zwischen seine beiden Hände, während Helge leise und -froh vor sich hinlachte. - -„Lachst du, Jung?“ - -„Ich dachte nur an die Altertumsforscher.“ Da lachte sie auch -- still -und gedankenlos, wie glückliche Menschen über etwas Gleichgültiges -lachen. - -Des Morgens waren sie über das Forum gegangen, hatten eine Weile -oben auf dem hohen Sockel der Foscassäule gesessen und miteinander -geflüstert. Zu ihren Füßen breitete sich das Ruinenfeld aus, vom -Sonnenlicht vergoldet und vom Alter verwittert, während Touristen, -klein und schwarz, zwischen den Mauerresten umherkrabbelten. Aber -ein wenig abseits, inmitten der Scharen der Reisegesellschaft die -Einsamkeit suchend, schlenderte ein jungverheiratetes Paar. Er war -fettleibig, sommersprossig und blond, mit Kniehosen und Kodak, und -las seinem jungen Weibe aus dem Baedeker vor. Sie aber, ganz jung, -üppig und dunkel, mit einem angeborenen hausfraulichen Gepräge in -dem weichen, mehlweißen Gesicht, setzte sich auf einer umgestürzten -Säule in Positur, worauf der Mann sie knipste. Die beiden aber, die -oben zu Füßen der Foscassäule saßen und von ihrer Liebe flüsterten, -gedankenlos, unbekümmert darum, daß sie sich zufällig auf dem Forum -Romanum befanden, lachten. - -„Bist du hungrig?“ fragte Helge. - -„Nein. Du?“ - -„Nein. Weißt du, wozu ich Lust hätte?“ - -„Nein?“ - -„Mit dir nach Haus zu gehen, Jenny. Bei dir zu Hause heute Abend Tee zu -trinken. Geht das nicht?“ - -„Ja, natürlich.“ - -Sie schickten sich an, durch die Stadt hinabzugehen, durch die -Seitengassen, Arm in Arm. - -Auf ihrem dunklen Treppenflur riß er sie plötzlich an sich. Sein Arm -lag hart unter ihrer Brust, und er küßte sie wild und heftig, daß ihr -Herz plötzlich stark und angstvoll zu schlagen begann. Zorn über sich -selbst stieg in ihr auf, weil sie diese Furcht nicht zu überwinden -vermochte. - -„Mein lieber Junge,“ flüsterte sie in der Dunkelheit; sie wollte sich -dadurch selber zur Ruhe zwingen. - -„Wart’ noch einen Augenblick,“ flüsterte Helge, als sie drin das Licht -anzünden wollte. Er küßte sie wie vorher. „Zieh dieses Geishagewand an, -du siehst so lieb darin aus -- ich setze mich solange auf den Balkon -hinaus.“ - -Jenny zog sich im Finstern um. Dann setzte sie Teewasser auf und füllte -die Vasen mit Anemonen und Mandelzweigen, bevor sie ihn hereinrief und -die Lampe anzündete. - -„O Jenny!“ Er zog sie wieder an sich. - -„Du bist so schön. Alles ist so schön an dir. O, es ist herrlich bei -dir zu sein. Ich wünschte, ich könnte immer bei dir sein.“ - -Sie legte beide Hände um sein Gesicht. - -„Jenny, möchtest du das auch, daß wir immer beisammen sein könnten?“ - -Sie blickte ihm in die schönen, goldbraunen Augen: - -„Ja Helge. Das möchte ich auch.“ - -„Wünschst du nicht auch, daß er nie ein Ende nähme, dieser Lenz hier -unten -- unser Lenz?“ - -„Doch.“ Sie warf sich jäh im seine Arme. „O ja, Helge.“ Sie küßte ihn -und ließ ihre halbgeöffneten Lippen und ihre geschlossenen Augen um -mehr Küsse flehen. Die Worte von ihrem nimmer endenden Frühling -schienen einen leisen angstvollen Schmerz in ihr zu wecken, sie wußte, -daß dieser Frühling und ihr Traum einmal ein Ende finden +würden+. -Und im Unterbewußtsein lag eine leise Furcht, über die sie sich keine -Rechenschaft geben wollte, die aber lebendig geworden war, als er -sagte: möchtest du, daß wir immer zusammen blieben? - -„Ich wünschte, ich brauchte nicht heimzureisen,“ sagte Helge innig. - -„Ich reise doch auch,“ flüsterte sie sanft. „Wir kehren wieder hierher -zurück, Helge. Zusammen.“ - -„Du hast dich also entschlossen, nach Hause zu fahren? Und nun komme -ich dazwischen und zerstöre alle deine Pläne?“ - -Sie küßte ihn rasch und sprang fort zum kochenden Teewasser. - -„Nein, ich war schon vorher halb dazu entschlossen, siehst du, da Mama -mich ja doch sehr nötig hat.“ Sie lachte. „Fast schäme ich mich -- sie -ist ja so gerührt darüber, daß ich nach Hause komme und ihr helfen -will. Und dabei ist es nur, weil ich mit meinem Liebsten zusammen sein -möchte. Aber es ist schon gut so. Ich wohne ja billiger zu Haus, wenn -ich ihr auch beistehe, und kann vielleicht ein wenig sparen. Dann -bewahre ich das Geld auf -- bis auf später ...“ - -Helge nahm die Teetasse, die sie ihm reichte. Dann ergriff er ihre Hand. - -„Aber wenn du das nächste Mal fortreist, nimmst du mich mit! Ja, denn --- du willst doch -- du meinst doch -- daß wir uns heiraten, Jenny?“ - -Sein Antlitz war so jung und sah in so banger Frage zu ihr auf, daß sie -es wieder und wieder küssen mußte. Sie vergaß, daß sie sich vor diesem -Wort selbst gefürchtet hatte, das vorher zwischen ihnen nicht gefallen -war. - -„Es wird wohl das Praktischste sein, mein Junge. Da wir uns doch -darüber einig sind, daß wir immer zusammen bleiben wollen.“ - -Helge küßte still ihre Hand. - -„Wann?“ flüsterte er nach einer Weile. - -„Wann du willst,“ erwiderte sie ebenso leise -- und fest. - -Wieder küßte er ihre Hand. - -„Ich wünschte, es ließe sich so einrichten, daß wir uns hier unten -heiraten könnten,“ sagte er kurz darauf in einem anderen Ton. - -Sie antwortete nicht, sondern strich nur über sein Haar. - -Helge seufzte auf: „Aber es geht nicht. Wenn wir doch bald nach Hause -fahren müssen ... Es würde wohl auch deine Mutter kränken -- so eine -übereilte Hochzeit, nicht wahr?“ - -Jenny schwieg. Es war ihr noch niemals in den Sinn gekommen, daß sie -ihrer Mutter Rechenschaft schuldig war für ihre Heirat, so wenig als -ihre Mutter sie gefragt hatte, als sie wieder heiratete. - -„Ich weiß jedenfalls, daß es meine Eltern verletzen würde. Ich bin -nicht eben froh darüber, Jenny, aber ich weiß, es würde der Fall sein. -Am liebsten möchte ich nach Hause schreiben, daß ich mich verlobt habe. -Und da du etwas früher als ich nach Hause reisen willst -- würdest du -dann wohl zu uns hinaufgehen und sie begrüßen?“ - -Jenny warf den Kopf zurück, geradeso, als wollte sie ein unbehagliches -Gefühl verjagen. Dann sagte sie: - -„Ich werde tun, was du willst, mein Freund; das kannst du dir wohl -denken.“ - -„Ich denke selbst nicht gern daran, Jenny. O nein. Es ist so herrlich -gewesen, dies hier -- nur du und ich auf der ganzen Welt. Aber es -würde meine Mutter sehr verletzen, weißt du. Ich möchte ihr das Leben -nicht noch schwerer machen, als es für sie schon ist. Ich liebe meine -Mutter nicht mehr so wie früher -- das weiß sie auch, und grämt sich -sehr darüber. -- Es sind ja nur Formalitäten, aber sie würde sehr -darunter leiden, wenn sie glauben müßte, ich wollte sie übergehen. Sie -würde denken, daß es eine Rache sei für die Geschichte, du weißt.... -Wenn das dann überstanden ist, Jenny, können wir heiraten. Dann hat -uns niemand weiter dreinzureden. Ich wünschte, daß es recht bald sein -könnte. Du nicht auch?“ - -Sie küßte ihn als Antwort. - -„Ich sehne mich ja so nach dir, Jenny,“ flüsterte er. Jenny wehrte sich -nicht gegen seine Liebkosungen. Aber plötzlich ließ er sie los, scheu -und hastig ... - -Ein wenig später saßen sie am Ofen und rauchten, sie im Lehnstuhl, er -auf dem Fußboden, den Kopf in ihrem Schoß. - -„Kommt Cesca auch heute Nacht nicht nach Hause?“ fragte er plötzlich -leise. - -„Nein, sie bleibt bis Ende der Woche in Tivoli,“ sagte Jenny schnell -und ein wenig nervös. - -Helge liebkoste ihre Knöchel und Spann unter dem Saum dem Kimono. - -„Du hast so schöne, schmale Füße, Jenny!“ Er strich über die schlanke -Wade. Und plötzlich preßte er ihr Bein heftig an seine Brust. - -„Du bist ja so herrlich, so herrlich. Ich hab dich so lieb -- weißt -du, wie ich dich liebe, Jenny? Ich will hier auf dem Boden liegen, dir -zu Füßen -- setz die kleinen schmalen Schuhe auf meinen Nacken -- tu -es!“ Er warf sich plötzlich lang vor ihr nieder, versuchte, ihre Beine -hochzuheben und ihre Füße auf seinen Kopf zu legen. - -„Helge. Helge!“ Seine plötzliche Heftigkeit jagte einen kurzen Schreck -durch ihren Körper. Aber ich habe ihn doch lieb, sagte sie zu sich -selbst. Fürchte ich mich denn vor dem, was mein Geliebter will? Sie -fühlte seine brennend heißen Hände durch die dünnen Strümpfe. - -Als sie aber merkte, daß er sie unter die Schuhsohle küßte, stieg -plötzlich ein Unwillen in ihr empor. In einem verwirrten Gefühl von -Angst und Unlust lachte sie gezwungen auf. - -„Nein Helge, laß sein -- die Schuhe, mit denen ich auf den schmutzigen -Straßen umhergehe!“ - -Helge Gram richtete sich auf -- ernüchtert und gedemütigt. Sie suchte -es wegzulachen: - -„Bedenke doch, die Schuhe -- du kannst dir doch denken, daß Tausende -von ekelhaften Bakterien daran kleben.“ - -„Ach, du Pedant! Und du willst Künstlerin sein?“ Jetzt lachte er auch. -Uebertrieben lustig, um seine Verwirrung zu verbergen, nahm er sie -in seine Arme, während sie beide aus vollem Halse lachten: „Reizende -Braut, laß mich sehen -- gewiß doch. Du riechst nach Terpentin und -Oelfarben.“ - -„Unsinn, Geliebter! Ich habe bald drei Wochen lang keinen Pinsel -angerührt. Du sollst dich aber waschen, bitte sehr.“ - -„Hast du vielleicht Karbolwasser, damit ich gehörig desinfiziert -werde?“ Er überfiel sie mit eingeseiften Händen. „Frauenzimmer sind -chemisch gereinigt von aller Poesie, sagte mein Vater immer.“ - -„Ja, darin hat dein Vater Recht, Junge!“ - -„Du verstehst es, eine Kaltwasserkur zu verordnen,“ sagte Helge lachend. - -Jenny wurde plötzlich ernst. Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände -auf seine Schultern, indem sie ihn küßte: - -„Ich will nicht, daß du auf dem Erdboden zu meinen Füßen liegst, Helge!“ - - * * * * * - -Als er aber gegangen war, schämte sie sich. Es war wohl doch so, als -wenn sie eine Kaltwasserkur hätte verordnen wollen, dachte sie. Sie -wollte es aber nicht wieder tun. Sie liebte ihn doch. - -Heute Abend hatte sie eine Niederlage erlitten. Ihr war der Gedanke -gekommen, was wohl Signora Rosa sagen würde, wenn sich etwas ereignete. -Und diese Furcht vor einem Auftritt mit einer gekränkten Signora, und -ihr eigener Versuch, aus diesem Grunde das Versprechen, das sie ihrem -Jungen gegeben hatte, nicht einzulösen, demütigte sie. - -Denn, als sie seine Küsse entgegennahm, seine Küsse erwiderte, da -verpflichtete sie sich ja, ihm alles zu geben, was er von ihr erbitten -würde. Sie war ja die Letzte, die sich auf ein Spiel einlassen wollte --- Liebe annehmen und Kleinigkeiten zurückgeben, nicht mehr, als daß -sie sich ohne Verlust von dem Spiele zurückziehen könnte, wenn sie sich -anders entschieden hätte. - -Diese Angst vor etwas, das sie noch nie durchgemacht hatte, war im -Grunde nur Nervosität. - -Und doch, sie war froh gewesen, solange er sie nicht um mehr gebeten, -als sie fröhlich gewähren konnte. Die Stunde mußte ja kommen, wo sie -selbst den Wunsch hatte, ihm alles zu geben. - -Ach, es war so langsam und unmerklich gekommen, wie der Frühling hier -im Süden. Ebenso gleichmäßig und sicher, ohne schroffe Uebergänge. Es -gab keine kalten und stürmischen Tage, die das Herz wild machten vor -Sehnsucht nach Sonne und überströmendem Licht, nach verzehrender Glut. -Keinen jener unheimlich klaren, endlosen, hinreißenden Lenzabende wie -daheim. War der Sonnentag vorübergegangen, so fiel die Nacht still und -gleichmäßig hernieder, die Kühle kam im Gefolge der Finsternis und -verleitete nur zu geborgenem, ruhigem Schlummer zwischen den warmen, -schimmernden Tagen. Jeder Tag war ein wenig wärmer als der vergangene, -jeder Tag brachte einige Blumen mehr auf der Campagna, die doch nicht -grüner war als gestern und dennoch soviel grüner und weicher als vor -einer Woche. - -So war zu ihr auch die Liebe gekommen. Jeden Abend war ihre Sehnsucht -nach dem folgenden Sonntag mit ihm draußen vor den Mauern gewachsen -und ganz allmählich wandelte sich ihr Sehnen und suchte ihn selber -und seine junge, warme Liebe. Sie hatte seine Küsse hingenommen, weil -es sie glücklich machte, und Tag für Tag waren ihrer Küsse mehr, bis -endlich die Gespräche zwischen ihnen verstummt und zu lauter Küssen -geworden waren. - -Sie sah, daß er reifer und männlicher wurde, mit jedem Tage. Alle -Unsicherheit glitt von ihm ab; die plötzliche Niedergeschlagenheit -überfiel ihn jetzt nie mehr. Sie selbst wurde sicherer, wärmer, -fröhlicher. Es war nicht mehr ihrer Jugend kühle, streitbare -Selbstsicherheit, sondern eine herzliche Sorglosigkeit; sie war nicht -mehr mißtrauisch gegen das Leben, das sich ihren Träumen nicht hatte -fügen wollen. Jetzt nahm sie vertrauensvoll jeden Tag hin, in froher -Erwartung, daß das Unvorhergesehene gut werde und zum Guten gewendet -werden könne. - -Warum sollte die Liebe nicht so kommen dürfen -- langsam wie die Wärme, -die von Tag zu Tag wuchs und sich Zeit ließ, sich auszubreiten und -glühender zu werden. Weil sie früher geglaubt hatte, die Liebe käme wie -ein Unwetter, das im Nu einen anderen Menschen aus ihr schüfe, den sie -selbst nicht kannte, über den ihr alter Wille keine Macht mehr hatte? - -Helge -- er nahm dieser Liebe langsames, gesundes Erblühen so unendlich -sanft und ruhig hin. An jedem Abend, wenn sie einander Gute Nacht -gewünscht hatten, war ihr Herz von Dank für ihn erfüllt, daß er sie -nicht um mehr gebeten, als sie an diesem Tage geben konnte. - -Oh, wenn sie doch nur hierbleiben könnte, bis zum Mai, zum Sommer, den -ganzen Sommer über! Wenn ihre Liebe hier unten reifen könnte, bis sie -ganz eins geworden waren, so selbstverständlich, wie sie jetzt einander -näher traten. - -Irgendwo in den Bergen zusammen wohnen können, diesen Sommer! Die -Formalitäten der Eheschließung könnten sie dann hier in der Stadt in -Ordnung bringen oder im Herbst zu Hause. Natürlich wollten sie sich -heiraten, wie es üblich war, wenn zwei einander liebten. - -Dachte sie daran, daß sie nach Hause reisen sollte, so war es ihr, als -fürchte sie, aus einem Traum zu erwachen. - -Aber das war ja alles Unsinn. Sie hatten sich doch so unsagbar lieb. -Nein, sie konnte diese Störungen mit Verlöbnis und Besuch bei -Verwandten und dergleichen nicht leiden. Doch das waren Nichtigkeiten. - -Aber ewig Dank für diesen weichen Lenz hier unten, der sie so still -und sanft einander zugeführt hatte, Beide allein draußen zwischen den -Tausendschön der frühlingsjungen Campagna. - - * * * * * - -„Glaubst du nicht, Jenny wird es eines Tages bereuen, daß sie sich -mit diesem Gram verlobt hat,“ fragte Franziska Gunnar Heggen, als sie -einmal oben bei ihm saß. - -Heggen wendete und drehte seine Zigarre hin und her. Er bemerkte -plötzlich, daß es ihm früher niemals in den Sinn gekommen war, wie -indiskret es sei, Franziskas Angelegenheiten mit Jenny zu erörtern. -Aber über Jennys intimere Verhältnisse mit Franziska zu sprechen, war -etwas anderes. - -„Begreifst du, was sie mit ihm will?“ fragte Franziska wieder. - -„Das begreift man in den meisten Fällen nicht, Cesca. Besonders, was -ihr mit diesem oder jenem Menschen wollt. Ich glaube bei Gott,“ er -lachte leise vor sich hin, „wir bilden uns ein, daß wir wählen. Aber -wir gleichen unseren Brüdern, den unvernünftigen Tieren, mehr, als wir -zugeben wollen. Eines schönen Tages ist über unsere Liebe verfügt, -wobei unsere natürliche Veranlagung die Hauptschuld trägt, während Ort -und Gelegenheit das Uebrige tun.“ - -„Ich verstehe dich nicht, Gunnar,“ sagte Franziska und zog die -Schultern hoch. „Ist denn so über dich dauernd verfügt worden?“ - -Gunnar lachte -- ein wenig unwillig: - -„Vielleicht nie -- in genügendem Maße. Ich habe nie den kritiklosen -Glauben an eine Frau, daß sie die einzige sei, kennen gelernt. Der -gehört aber auch mit zur rechten Liebe, und wiederum ist die natürliche -Veranlagung des Menschen die Ursache dazu.“ - -Franziska starrte gedankenvoll vor sich hin: - -„Es mag häufig der Fall sein. Aber es kommt auch vor, daß man einen -bestimmten Menschen liebt, ohne daß Zeit und Umstände die Triebfeder -sind. Ich -- ich liebe jenen Mann, weil ich ihn nicht verstehe. Ich -konnte es damals nicht fassen, daß es Menschen seiner Art geben sollte. -Ich wartete auf ein Ereignis, das alles, was ich gesehen und beobachtet -hatte, ins rechte Licht rücken und erklären würde. Ich grub nach einem -verborgenen Schatz -- und da wurde ich besessen, je länger ich grub. -Und der Gedanke, daß eine andere Frau ihn finden könnte, brachte mich -schließlich an den Rand des Wahnsinns. -- Es +gibt+ Menschen, die einen -anderen lieben, weil dieser in ihren Augen vollkommen ist, weil sie -in ihm gefunden haben, wonach es sie verlangte. Hast du nie die Liebe -gekannt, die dich nur Gutes und Schönes und Edles an einem Weibe sehen -ließ, so daß du alles an ihm lieben mußtest?“ - -„Nein,“ sagte er kurz. - -„Ja, aber das ist erst die richtige Liebe. Meinst du nicht? Und ich -hätte gewünscht, daß Jenny auf diese Art lieben würde. Aber so +kann+ -sie Gram nicht lieben.“ - -„Ich kenne ihn eigentlich gar nicht, Cesca. Ich weiß nur, er ist nicht -so dumm wie er aussieht, wie man zu sagen pflegt. Das heißt, ich -glaube, er ist bedeutender, als man nach dem ersten Eindruck denken -sollte. Jenny hat wohl gemerkt, wes Geistes Kind er eigentlich ist.“ - -Cesca schwieg. Sie entzündete eine Zigarette und ließ das -Wachszündhölzchen ausbrennen, mit den Augen gedankenvoll der Flamme -folgend. - -„Hast du nicht bemerkt -- er fragt immer ‚finden Sie nicht?‘ und -‚stimmt das nicht?‘ und so. Liegt nicht etwas Feminines oder Unfertiges -über ihm?“ - -„Vielleicht. Aber es kann ja sein, daß gerade dies Jenny angezogen hat. -Sie ist ja stark und auch selbständig. Vielleicht mag sie am liebsten -gerade einen Mann, der schwächer ist als sie selber.“ - -„Ich will dir etwas sagen, Gunnar. Ich glaube gar nicht, daß Jenny -so stark und selbständig ist. Sie war aber auch auf sich selber -angewiesen. Daheim mußte sie unterstützen und helfen und selbst besaß -sie keine Seele, bei der sie Schutz suchen konnte. Als wir uns kennen -lernten, nahm sie sich meiner an, weil sie sah, daß ich viel weicher -war als sie und ihrer bedurfte. Jenny hat immer Menschen getroffen, -die bei ihr Zuflucht suchten. Auch Gram bedarf ihrer. Ja, sie +ist+ -stark und sicher, sie fühlt es auch, und niemand bittet vergebens um -ihre Hilfe. Aber kein Mensch vermag auf die Dauer immer Anderen eine -Stütze zu sein, ohne je selber zu empfangen. Begreifst du denn nicht, -daß sie furchtbar einsam werden muß, wenn sie immer die Stärkste sein -soll? Sie +ist+ allein, und heiratet sie diesen Menschen, so wird es -auch nicht anders. Alle sprechen wir mit Jenny über uns selbst, sie -aber hat niemanden, mit dem sie reden kann. Oh, Jenny sollte einen Mann -haben, zu dem sie aufsehen könnte, dessen Autorität sie fühlte, zu dem -sie sagen könnte: so und so habe ich gelebt, so habe ich gearbeitet -und so habe ich gekämpft, denn so, meinte ich, sei es recht gewesen. -Sie sollte einen Menschen haben, der über ihr Recht und Unrecht zu -entscheiden imstande ist. Gram +kann+ es nicht, er ist ihr unterlegen. -Und dann kann sie auf sein Urteil nicht vertrauen, nicht wahr? Der -Mann, den Jenny braucht, muß genügend Autorität besitzen, um ihre -Gedanken zu bestätigen oder zu verwerfen. ‚Nicht wahr?‘ und ‚finden Sie -nicht?‘ -- jetzt sollte Jenny so fragen dürfen!“ - -Sie schwiegen beide lange, dann blickte Heggen auf und sagte: - -„Es ist recht seltsam, Cesca. Gilt es deine eigenen Geschichten, -so weißt du meistens weder aus noch ein. Wenn du aber über die -Angelegenheiten anderer sprichst, so habe ich oft den Eindruck, als -sähest du am klarsten von uns allen.“ - -Franziska seufzte schwer auf: - -„Darum habe ich ja auch oft die Idee, ins Kloster zu gehen, Gunnar. -Wenn ich außerhalb des Ganzen stehe und es beschaue, so glaube ich, -alles zu begreifen. Wenn ich aber selbst mitten drin sitze, so verwirrt -es mich vollständig.“ - - - - -XI. - - -Die saftigen, blaugrünen Riesenblätter der Kaktusbüsche waren zerrissen -von Namen, Buchstaben und Herzen. Helge stand und schnitzte ein H und -ein J hinein. Jenny hatte den Arm um seine Schulter gelegt und sah ihm -zu. - -„Wenn wir hierher zurückkehren,“ sagte Helge, „so ist es eine solche -braune Narbe wie die anderen. Glaubst du, daß wir es wiederfinden, -Jenny?“ - -Sie nickte. - -„Unter all den anderen,“ sagte er mißmutig. „Es stehen so viele Namen -hier. Wir gehen dann wieder hier hinaus und suchen danach -- wollen -wir?“ - -„Ja.“ - -„Glaubst du daran, daß wir wieder hierher kommen, Jenny? Daß wir wieder -hier stehen werden wie jetzt -- oder nicht?“ Er zog sie an sich. - -„Warum sollten wir nicht, mein Freund?“ Eng umschlungen gingen sie auf -ihren Tisch zu. Und dicht aneinandergeschmiegt saßen sie und starrten -auf die Campagna hinaus. - -Der Sonnenschein des Frühlingstages rückte höher hinan und die -Schlagschatten wanderten über die Hügel. Mitunter schoß das Licht in -großen Strahlenbündeln hervor, wenn blanke Wolken, leicht und ruhig -bewegt, über den blauen Himmel dahinsegelten. Aber draußen am Horizont, -wo der dunkle Eukalyptuswald bei Tre Fontane über den entferntesten -Hügelkamm lugte, dampfte ein perlenweißer Nebel auf; gegen Abend würde -er wohl wachsen und den ganzen Himmel überfluten. - -Weit drüben in der Ebene floß die Tiber dem Meere zu, golden, wenn sie -der Sonnenschein traf, doch bleigrau mit mattem Glanz wie der Bauch -eines Fisches, wenn die Wolken sich in ihr spiegelten. - -Die Tausendschön leuchteten wie frischgefallener Schnee auf den Hügeln. -Auf dem Abhang unterhalb des Gemüsegartens der Osteria keimte der junge -Weizen empor, lichtgrün und seidenweich. Mitten auf dem Acker draußen -standen zwei Mandelbäumchen, deren Blütenkronen blaßrot schimmerten. - -„Unser letzter Tag in der Campagna,“ sagte Helge. „Ist es nicht -seltsam?“ - -„Für dieses Mal --“. Sie küßte ihn und wollte ihrem eigenen Mißmut -nicht nachgeben. - -„Ja. Denkst du niemals daran, Jenny, daß es, wenn wir wieder hier -sitzen, dann so nicht wieder sein kann wie jetzt? Man ändert sich -dauernd, Tag für Tag -- wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir wieder -hier unten sitzen. Nächstes Jahr -- nächsten Frühling -- es ist dann -nicht mehr dieser Frühling, Jenny. Wir sind dann auch nicht mehr -+genau+ dieselben. Und unsere Liebe? Wir werden uns ebenso lieben, aber -nicht auf ganz dieselbe Art.“ - -Jenny zog die Schultern hoch, als wenn es sie fröstelte: - -„So etwas würde eine Frau niemals sagen, Helge,“ und sie versuchte zu -lachen. - -„Findest du es so seltsam, daß ich das sage? Ich kann nicht von dem -Gedanken loskommen. Denn ich finde, diese Monate haben mich so sehr -verändert. Dich auch -- entsinnst du dich des ersten Morgens? Du -sagtest, alles sei dir so verändert erschienen, als du hinaustratest. -So wie ich war, als ich hierher kam, konntest du mich damals ja nicht -liebgewinnen, Jenny, nicht wahr?“ - -Sie strich ihm über die Wangen: - -„Aber Helge, mein Jung, das ist ja eben die große Veränderung -- -daß wir uns liebgewonnen haben. Und unsere Liebe wächst und wächst -beständig. Wenn wir uns jetzt verändern, so liegt das nur daran, daß -unsere Liebe wächst. Darum braucht man doch keine Furcht zu hegen? Wir -sind zwei frohe Menschen geworden -- das ist die Veränderung. Entsinnst -du dich des Tages -- meines Geburtstages -- des Tages auf der Via -Cassia? Die ersten feinen Fäden begannen damals, sich zwischen uns zu -spinnen; jetzt ist ein starkes Band daraus geworden und es wird immer -stärker. Ist das ein Grund, sich zu fürchten, Helge?“ - -Er küßte sie auf den Hals: - -„Morgen reist du --“. - -„Ja. Und in sechs Wochen kommst du nach.“ - -„Ja. Aber dann sind wir nicht hier. Wir können nicht in die Campagna -fahren. Das ist es eben, daß wir mitten im Frühling aufbrechen müssen.“ - -„Daheim haben wir auch Frühling, Helge. Auch dort gibt es Lerchen. Sieh -diese treibenden Wolken -- das ist fast wie daheim. Denk an den Vestre -Aker, Jung -- an ganz Nordmarken. Da wollen wir zusammen hinauf gehen. -Oh, der Frühling daheim, mit weißen Schneestreifen in allen Schluchten -rings um den blauen, blauen Fjord! Dann die letzten Schneeschuhfahrten -auf der Frühjahrsbahn; wir machen vielleicht in diesem Jahre auch noch -eine Skifahrt zusammen. Wenn der Schnee so naß ist, daß er nicht einmal -knirscht, wenn alle Bäche brausen und sprudeln, der Abendhimmel sich -über uns breitet, grün und klar, mit großen glitzernden Goldsternen -bestickt und die Skier in den Felsspalten schürfen und knirschen.“ - -„Ja, ja.“ Er bog sie sanft zu sich hinüber. „Vestre Aker -- Nordmarken -.... Ich bin dort soviel allein umhergegangen, daß es mir davor graut. -Ich habe das Gefühl, als müßten dort Fetzen meiner alten abgelegten -Seelen auf jedem Busche hängen.“ - -„Still, still! Es kann so schön werden. Mit meinem Freunde an all den -Orten umherzugehen, wo ich so viel allein und traurig gewesen bin, so -manchen Lenz hindurch.“ - -Hand in Hand wanderten sie über die graugrüne Campagna. Jetzt, gegen -Abend, hatte der Wolkenschleier sich über den ganzen Himmel gebreitet, -und ihnen entgegen wehte der Frühlingswind. - -Jenny sagte weh und sehnsuchtsvoll jedem einzelnen Dinge Lebewohl. -Drunten auf der Fahrstraße knirschten Heuwagen, von Ochsen gezogen, -deren weißgraue Haut in sammetweiches Braun überging, und vor den -blaubemalten Weinkarren läuteten die Glöckchen an dem roten Saumzeug -der Maultiere. - -Alles war lieb und vertraut hier draußen, alles hatte sie Tag für Tag -mit ihm zusammen hier gesehen und selber nicht gewußt, daß sie es sah; -nun fühlte sie plötzlich, daß alles in ihre Seele eingebrannt war -zugleich mit der Erinnerung an diese Tage. - -Hier der trockene, rotbraune Hügel, dessen starres, kurzes Wintergras -von Tag zu Tag weicher und grüner geworden war, die treuen Tausendschön -auf der mageren Erde, die geheimnisvollen Gruben, in die das Erdreich -zusammengestürzt war, vor denen sie verwundert gestanden hatten; die -dornigen Hecken am Rande der Wege und die blanken, saftiggrünen Blätter -der wilden Kalla unter den Büschen ... - -Der Lerchen unablässiges Trillern hoch oben unter der weißen -Himmelskuppel, die wunderlich glasartigen Töne der unzähligen -Drehorgeln, die weit draußen auf den Osterien in der Ebene zum Tanz -aufspielten und immer die gleichen kleinen italienischen Melodien hören -ließen. - -Der Gedanke, daß sie von diesem allen lassen sollte, kam ihr so sinnlos -vor. - -Sie ging mit Helge durch den flutenden Frühlingswind, der ihren Körper -durchkühlte wie ein Bad; sie fühlte sich selbst wie ein kühles, -frisches, saftgefülltes Blatt, und sie sehnte sich danach, sich ihm zu -geben. - -In ihrem dunklen Hausflur sagten sie sich zum letzten Male Lebewohl. -Sie wollten nicht voneinander lassen. - -„Könnte ich doch heute Nacht bei dir bleiben! Jenny!“ - -„Helge.“ Sie drängte sich an ihn. „Du darfst!“ - -Er umfaßte sie heftig, ihre Hüften, ihre Schultern. Aber sobald sie es -ausgesprochen hatte, erzitterte sie. Sie wußte selbst nicht, warum ihr -Angst wurde -- sie +wollte+ nicht ängstlich sein. Im selben Augenblick -bereute sie, daß sie eine Bewegung gemacht hatte, als wollte sie -sich aus seiner harten Umarmung befreien. Aber da hatte er sie schon -freigegeben. - -„Nein. Nein. Ich weiß ja, daß es unmöglich ist.“ - -„Ich will ja so gern,“ flüsterte sie gedemütigt. - -„Ja, ja.“ Er küßte sie. „Ich weiß, daß du ... aber ich weiß auch, daß -ich nicht darf --.“ - -„Dank, Jenny! Hab Dank für alles! Jenny, Jenny -- Dank für deine Liebe! -Gute Nacht.“ -- - -Die Tränen rannen kalt über ihre Wangen, als sie in ihrem Bett lag. Sie -versuchte sich selbst klarzumachen, daß es sinnlos sei, zu liegen und -so zu weinen als wäre irgend etwas Schönes zu Ende gegangen, irgend ein -Glück zersprungen. - - - - - Zweites Buch - - - - -I. - - -Als Jenny in Fredrikshald über den Bahnsteig lief, um im Warteraum -ein wenig Kaffee zu sich zu nehmen, hielt sie einen Augenblick inne. -Irgendwo über ihr tirilierte eine Lerche. - -Sie schloß die Augen, als sie dann am Abteilfenster saß. Die Sehnsucht -nach dem Süden war schon erwacht. - -Der Zug sauste an kleinen, mutwillig zerrissenen und geborstenen -Bergkuppen aus rotem Granit vorbei. Der Fjord schimmerte stellenweise -in ungebrochenem, leuchtendem Azurblau hindurch. An den Felsen hinan -klammerte sich die Föhre fest. Die Nachmittagssonne lag auf roten, -erzen schimmernden Stämmen und tiefgrünen, metallblanken Kronen; es -war, als glänzte alles vom Bade nach der Schneeschmelze. Bächlein -gurgelten den Bahnkörper entlang, und die nackten Kronen der Laubbäume -leuchteten in der klaren Luft. - -Es war hier so anders als im Lenz des Südens. Sie aber sehnte sich nach -ihm -- seinem langsamen, gesunden Atem, seiner Farben milder Freude. -Diese Farbenorgien hier erinnerten sie an andere Lenztage -- mit wilder -Sehnsucht nach heißen Freuden, die ihrem jetzigen ruhigen Glück nicht -eigen waren. - -Oh, der Frühling dort unten mit dem leise sprießenden Grün auf der -endlosen Ebene! Das Gebirge umgab sie mit strengen, festen Linien. Die -Menschen hatten den Wald gerodet und ihre mauergekrönten steingrauen -Städte auf den Felsspitzen errichtet, ihre silberfarbenen Olivenhaine -an den Hängen aufgepflanzt. Das Leben hatte sich Jahrtausende über -in den Felsen geregt, und die Berge trugen geduldig die kleine Welt -auf ihren Schultern, dennoch in ewiger Einsamkeit und Ruhe ihre -Scheitel gen Himmel hebend. Diese stolzen, strengen Linien, der Farben -gedämpftes Silbergrau, Graublau und Grüngrau, diese uralten Städte und -der langsam vorwärtsschreitende Frühling! Wie viel man auch erzählte -von des Südens schäumendem Leben, so schien dort doch der Lebensodem -in ruhigem, gesünderem Zeitmaß die Menschen zu durchströmen als hier -im Norden. Trotz des Lenzes mutwilliger Gewalt im Süden war es dort -leichter, die Frühlingswoge vorüberbrausen zu lassen. - -Ach Helge! Könnte ich doch bei dir sein! Ihr schien die Zeit, die sie -mit ihm verlebt, so unendlich fern. Kaum eine Woche war vergangen, seit -sie sich getrennt hatten, und doch war ihr alles wie ein Traum, als sei -sie nie von der Heimat fortgewesen. - -Wie dankte sie dem Schicksal, das sie von hier geführt. So hatte sie -nicht zu sehen und zu fühlen brauchen, wie der weiße, ruhevolle, -frostklare Winter wich, wie die klingende, stärkende, lichtblaue -Luft, von silberreinem, feuchtem Dunst durchtränkt, über den braunen -Erdschollen zitterte. Die Luft flimmerte, alle Linien lösten sich auf, -während die Farben scharf und brennend, gleichsam nackt, hervortraten, -bis der Abend kam, und alles unter einer Flut blaßgrünen, zehrenden -Lichtes erschauerte, das nicht weichen wollte. - -Mein kleiner Junge, was du wohl jetzt treibst. Ich sehne mich ja so -nach dir -- ich kann es fast nicht glauben, daß du mir gehörst. Ich -will bei dir sein, ich will nicht allein hier umhergehen und mich -den ganzen langen, unheimlich hellen Frühling hindurch nach dir -verzehren. -- - -Weiter hinauf in Smaalene lagen schmelzende Schneestreifen am -Waldessaum und unter den Steinwällen. Die welkbraunen Erdschollen und -umgepflügten Aecker breiteten sich in milden Farben aus, und hier, -wo die Himmelskuppel sich höher wölben konnte, erblaßte das blendend -starke Blau nach dem Horizonte zu allmählich. Die niedrige wellige -Kette der bewaldeten Bergkuppen lag weit drüben, während das feine -Geäst der einzelnen freistehenden Baumgruppen draußen im Lande sich wie -Spitzenwerk in der Luft abzeichnete. - -Altersgraue Gehöfte gleißten wie Silber, und neue rote Nebengebäude -glühten tief auf. Der Föhrenwald leuchtete olivengrün, Birkendickicht -und Espenstämme hoben sich rotviolett und lichtgrün dagegen ab. - -Ja, es war Frühling. Die hitzigen Farben brennen eine Weile, bis alles -gelbgrün schimmert und vor Lebensfreude eine Zeitlang strahlt, um ein -paar Wochen später zu dunkeln und zu reifen und dem Sommer zu weichen. - -Der Frühling des Nordens ist unersättlich -- kein Glück ist ihm -strahlend genug! -- - -Der Abend fiel hernieder, während der Zug gen Norden brauste. Die -letzten langen, roten Sonnenstrahlen blitzten über eine Felskuppe. -Dann blieb nur ein güldener Schein am wolkenlosen Himmel zurück, der -unendlich langsam hinstarb. - -Als der Zug Moß verließ, ragten die Berge kohlschwarz zum -grünlichklaren Himmel auf. Die Spiegelung lag noch tiefdunkler, -durchsichtig schwarz auf dem grasgrünen Fjord. Ein einziger großer -Stern stand über der Bergspitze, sein Bild drunten auf dem Wasser -zitterte wie ein dünner Strahl Goldes. - -Jenny mußte an Franziskas Nachtbilder denken. Das Leben der Farben nach -Sonnenuntergang war das, was Cesca am liebsten festzuhalten suchte. -Gott weiß, wie es ihr eigentlich ging. Sie arbeitete übrigens fleißig -in der letzten Zeit. Jenny hatte Gewissensbisse. Die beiden letzten -Monate hatte sie Cesca kaum gesehen und doch durchfuhr sie oftmals -der Gedanke, daß Cesca es wohl schwer hatte. Aber alle guten Vorsätze -Jennys, sich einmal mit Cesca auszusprechen, waren umsonst gewesen. - - * * * * * - -Es war Nacht, als sie in Kristiania einfuhr. Mutter, Bodil und Nils -nahmen sie auf dem Bahnhof in Empfang. - -Ihr war, als hätte sie die Mutter erst vor einer Woche gesehen. Frau -Berner weinte, als sie die Tochter küßte: „Willkommen daheim, mein -liebes Kind -- Gott segne dich!“ - -Bodil aber war groß geworden. Sie sah fesch und elegant aus in dem -fußfreien Straßenkostüm. Kalfatrus begrüßte sie ein wenig fremd. - -Diese Luft auf dem Bahnhofsmarkt war etwas für sich, die gab es in der -ganzen Welt nicht wieder -- Geruch von Seewasser und Kohlenruß und -Heringslauge. - -Die Droschke holperte über die Carl Johannstraße, an den bekannten -Häusern vorüber. Die Mutter fragte sie nach der Reise. -- Jenny überkam -ein seltsam alltägliches Gefühl. Es war ihr, als sei sie niemals fort -gewesen. Die Kinder auf dem Rücksitz sprachen kein Wort. - -Oben auf dem Wergelandswege, vor einer Gartentür, standen zwei junge -Menschen und küßten sich unter einer Gaslaterne. Ueber den nackten -Baumkronen des Schloßparkes wölbte sich der Himmel tiefblau und -klar mit wenigen mattschimmernden Sternen. Jenny spürte einen Hauch -wie von moderndem Laub durch die Nacht, einen Hauch aus vergangenen -sehnsuchtsschweren Tagen. - -Der Wagen hielt vor dem Tore daheim, ein großer ummauerter Hof zog sich -hinter dem Hause den Haegdehaug hinauf. Im Milchladen des Erdgeschosses -war Licht und die „Delikatesse“ guckte heraus, als sie den Wagen halten -hörte, rief Guten Tag und bot Jenny ein Willkommen. - -Ingeborg kam die Treppe herabgestürmt und umfing Jenny. Dann lief sie -mit dem Handkoffer der Schwester wieder nach oben. - -Im Wohnzimmer war der Teetisch gedeckt. Jenny erblickte ihre Serviette -mit dem alten Silberring, der noch vom Vater stammte, auf ihrem alten -Platz, neben Kalfatrus auf dem Sofa. - -Ingeborg stürzte in die Küche hinaus, während Bodil Jenny in ihr -Kämmerchen führte, das nach dem Hofe hinausging. Ingeborg hatte es -bewohnt, während Jenny im Auslande war, sie hatte noch nicht alle ihre -Sachen beiseite geräumt. An den Wänden hingen Schauspielerkarten; -Napoléon und Madame Recamier in Mahagonirahmen waren an jeder Seite von -Jennys altem Empirespiegel über der Kommode angebracht. - -Jenny wusch sich und ordnete ihr Haar. Sie hatte das Gefühl, als sei -ihre Haut schwarz von der Reise, und fuhr sich mit der Puderquaste -ein paar Mal über das Gesicht. Bodil schnupperte am Puder -- ob er -parfümiert sei. - -Sie gingen hinein zum Tee. Ingeborg hatte ein warmes Fischgericht -zubereitet, sie war in diesem Winter auf der Kochschule gewesen. Hier -drinnen unter der Lampe sah Jenny, daß beide Schwestern die dicken -krausen Flechten im Nacken mit weißer Seidenschleife hochgebunden -trugen. Ingeborgs kleines Mulattenfrätzchen war ein wenig schmaler und -bleicher geworden, sie hustete aber jetzt nicht. - -Und nun sah Jenny auch, daß die Mutter älter geworden war. Oder -täuschte sie sich? Hatte sie vielleicht damals, während sie daheim war -und sie jahrelang Tag für Tag sah, nur nicht bemerkt, daß der feinen -Fältchen in Mutters blondem Antlitz mehr und mehr, daß die Schultern -spitzer wurden, die hohe, mädchenhaft schlanke Gestalt gebeugter? Seit -Jenny erwachsen war, hatte sie hören müssen, daß Mama aussah wie ihre -etwas ältere, schönere Schwester. - -Es wurde von allem gesprochen, was sich im verflossenen Jahre daheim -zugetragen hatte. - -„Warum nahmen wir eigentlich kein Automobil für den Heimweg?“ fragte -Nils plötzlich. „Das wäre doch das Praktischste gewesen.“ - -„Du kommst nun allerdings reichlich spät mit deinem Vorschlag, Junge.“ -Jenny mußte lachen. - -Das Gepäck kam, und Mutter wie Schwestern folgten atemlos dem -Auspacken. Ingeborg und Bodil trugen die Sachen ins Kämmerchen und -verstauten sie in den Kommodeschiebladen. Sie befühlten fast mit -Andacht die gestickte Wäsche, die, wie Jenny erklärte, in Paris gekauft -war. Ueber die Geschenke jubelten sie -- Rohseide für Sommerkostüme und -venetianische Perlenketten. Sie standen vor dem Spiegel, warfen die -Seide prüfend über die Schulter und legten die Halsketten um die Stirn. - -Nur Kalfatrus fragte nach ihren Bildern und lüftete die Blechtrommel -mit der Leinwand. - -„Wieviel hast du da, Jenny?“ - -„Sechsundzwanzig. Es sind aber meistens kleine Bilder.“ - -„Wirst du eine Separatausstellung veranstalten?“ - -„Ich weiß noch nicht recht, gedacht habe ich daran.“ - - * * * * * - -Die Mädels hatten aufgewaschen, Nils hatte sein Bett auf dem Sofa in -der Wohnstube zurechtgemacht. Frau Berner und Jenny saßen im Zimmer der -Tochter bei einer zweiten Tasse Tee und einer Zigarette. - -„Wie findest du Ingeborg?“ fragte die Mutter ängstlich. - -„Sie ist frisch und lebhaft, sieht auch nicht schlecht aus. Aber -natürlich, in ihrem Alter ist nicht damit zu spaßen. Wir müssen sehen, -daß wir sie aufs Land hinausschicken, bis sie wieder ganz frisch ist, -Mama.“ - -„Ingeborg ist immer so lieb und gut, munter und vergnügt. Und so -tüchtig im Haushalt. Ich bange mich so um ihretwillen, Jenny. Ich -glaube, sie hat diesen Winter zu viel getanzt, ist allzu viel draußen -gewesen und zu spät ins Bett gekommen. Aber ich brachte es nicht übers -Herz, es ihr zu verbieten. Du hattest es so trübselig, Jenny, und ich -sah sehr wohl, daß du Vergnügen und Freude entbehrtest. -- Ich war -überzeugt, sowohl du wie Papa würden mir Recht geben, wenn ich dem -Kinde sein Vergnügen ließe, solange es sich bot.“ Frau Berner seufzte. -„Meine armen kleinen Mädels -- Mühsal und Arbeit, das ist es nur, was -sie erwartet. Was soll werden, Jenny, wenn ihr mir noch obendrein krank -werdet? Ich kann so wenig für euch tun, meine Kinder.“ - -Jenny beugte sich zu ihr hinüber und küßte ihr die Tränen von den -schönen, kindergroßen Augen. Sie schmiegte sich an die Mutter und -die Sehnsucht, Zärtlichkeit zu erweisen und selber zu empfangen, die -Erinnerung an vergangene Tage der Kindheit und das Bewußtsein, daß ihre -Mutter der Tochter Leben mit seinen früheren Sorgen und seiner jetzigen -Glückseligkeit nicht gekannt hatte, flossen zusammen zu dem Gefühl -schützender Liebe. Frau Berner legte ihren Kopf an der Tochter Brust. - -„Nicht weinen, Mama -- das wird alles schon werden, du sollst nur -sehen. Nun bleibe ich ja vorläufig zu Hause. Und dann haben wir doch -Gott sei Dank noch etwas von Tante Katharines Geld übrig.“ - -„Aber Jenny, das brauchst du doch für deine Ausbildung. Ich habe ja -nach und nach eingesehen, daß du an deiner Ausbildung nicht gehindert -werden darfst. Es war eine solche Freude für uns alle, als du das Bild -im letzten Herbst verkauftest.“ - -Jenny lächelte ein wenig. Jenes Bild, das verkauft wurde, und die -wenigen Worte in der Zeitung über sie -- es war, als sähe ihre ganze -Familie danach mit ganz anderen Augen auf ihre Malerei. - -„Das renkt sich noch alles ein, Mama. Alles. Ich kann etwas nebenher -verdienen, wenn ich zu Hause bin. Ein Atelier +muß+ ich haben,“ sagte -sie einen Augenblick darauf. Und sie fügte hinzu, hastig, erläuternd: -„Denn ich muß meine Bilder im Atelier vollenden.“ - -„Ja aber,“ die Mutter sah ganz entsetzt aus. „Du wohnst doch zu Hause, -Jenny?“ - -Jenny antwortete nicht gleich. - -„Ich finde, es geht nicht anders, mein Kind,“ fuhr die Mutter fort. -„Ein junges Mädchen kann nicht allein im Atelier wohnen.“ - -„Nein, gewiß, +wohnen+ kann ich hier,“ entgegnete Jenny. -- - -Sie holte Helges Photographie hervor, als sie allein war. Dann setzte -sie sich hin, um an ihn zu schreiben. - -Erst ein paar Stunden war sie jetzt zu Hause. Aber alles, was sie dort -unten erlebt hatte, schien ihr so grenzenlos fern und fremd. So ohne -Zusammenhang mit ihrem Leben hier zu Hause -- früher und jetzt. - -Der Brief wurde zu einer einzigen sehnsüchtigen Klage. - - - - -II. - - -Jenny hatte ein Atelier gemietet. Sie ging umher und räumte ein. -Nachmittags kam Kalfatrus, um ihr zu helfen. - -„Du bist ein gefährliches Langbein geworden, Kalfatrus. Ich war nahe -daran, Sie zu dir zu sagen, Bengel, als ich dich das erste Mal sah.“ - -Der Junge lachte. - -Jenny erkundigte sich nach all seinem Tun und Lassen während ihrer -Abwesenheit, und Nils erzählte. Er und Jakop und Bruseten -- zwei neue -Jungen, die im vergangenen Herbst in die Klasse gekommen waren -- -hatten eine Zeitlang oben in Nordmarken in den Holzhauerkojen als Wilde -gelebt, und ihrer Abenteuer waren unzählige. Jenny fragte sich, während -sie ihm zuhörte, ob wohl je wieder Zeit bliebe zu Nordmarksfahrten für -sie und Kalfatrus. -- - -An den Vormittagen streifte sie in der Gegend von Bygdö umher -- -allein in dem weißen Sonnenschein. Bleich lag die Erde mit dem -toten, gelblichweißen Gras da. Am Waldrande nach Norden zu fand sich -noch immer alter Schnee unter den stahlschwarzen Nadeln. Aber an -den Südhängen schimmerten die nackten Zweige der Laubbäume in der -sonnengetränkten Luft, und unter dem alten, wärmenden Laub lugten -weiche Blauanemonenknöspchen hervor. Dort draußen war die Luft schon -von Vogelgezwitscher erfüllt. -- - -Helges Briefe las sie wieder und wieder -- sie trug sie bei sich. -Sie sehnte sich nach ihm, krankhaft, ungeduldig, sehnte sich, ihn zu -schauen, ihn zu berühren, zu fühlen, daß sie ihn auch wirklich besaß. - - * * * * * - -Zwölf Tage war sie nun daheim, und noch war sie nicht dazu gekommen, zu -seinen Eltern zu gehen. Als er schließlich zum dritten Male in einem -Briefe fragte, raffte sie sich auf. Morgen sollte es Wahrheit werden. - -Das Wetter war im Laufe der Nacht umgeschlagen. Ein beißender Nordwind -fegte daher -- stechende Sonnenglut und wirbelnde Wolken von Staub und -Papier in den Straßen -- und plötzlich ein Hagelschauer, so heftig, -daß sie in einem Torweg Schutz suchen mußte. Die harten weißen Körner -spritzten rings um ihre niedrigen Schuhe und dünnen Sommerstrümpfe von -den Pflastersteinen auf. - -Dann kam die Sonne wieder hervor. - -Grams wohnten in der Welthavensstraße. Jenny stand einen Augenblick an -der Ecke still. Der Schatten lag klamm und eiskalt zwischen den beiden -Reihen schmutziggrauer Häuser. Nur auf der einen Seite fiel hoch oben -ein Sonnenstreifchen hinein. Sie wurde froh, sie wußte, daß Helges -Eltern im vierten Stock wohnten. - -Diese Straße war vier Jahre hindurch ihr Schulweg gewesen. Da waren -sie wieder, die winzig kleinen dunklen Kaufläden, die Fenster mit -Blumentöpfen in zerrissenem Seidenpapier und farbigen Majolikakrügen -und die vergilbten Modenzeitungen an den Fenstern der Näherinnen, -die Torwege, die auf kohlschwarze Hinterhöfe hinausstarrten. Noch -immer lagen hier Haufen schmutzigen Schnees und machten die Luft in -den Hofräumen rauh. Die Straßenbahnen fuhren mit schwerem Getöse die -hügelige Straße hinauf. - -Gleich daneben, an der Pilengasse, lag eine von den rußigen, grauen -Mietskasernen mit einem Hofplatz, der einer dunklen Höhle glich. Dort -hatten sie gewohnt, als der Stiefvater starb. - -Sie verweilte ein wenig draußen vor der Eingangstür mit dem -Messingschilde G. Gram. Sie hatte Herzklopfen und versuchte, über sich -selbst zu lachen. Immer ging es ihr so; sinnlos beklommen war sie, wenn -sie in eine Lage kam, die sie sich nicht Jahre im voraus hatte ausmalen -können. Herrgott -- ein Paar zukünftiger Schwiegereltern waren doch -keine besonders wichtigen Persönlichkeiten für sie. Auffressen würden -sie sie jedenfalls kaum können. Sie läutete. - -Drinnen hörte sie jemanden durch einen langen Korridor kommen, und -gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Helges Mutter. Jenny erkannte sie -von der Photographie her. - -„Frau Gram? -- Mein Name ist Winge.“ - -„Ah so -- bitte sehr, wollen Sie nicht nähertreten?“ - -Sie ging vor Jenny her durch einen langen, engen Gang, der angefüllt -war mit Schränken, Kisten und Mänteln. - -„Bitte schön,“ sagte Frau Gram wieder und öffnete die Tür zum -Wohnzimmer. Helles Sonnenlicht lag auf den schweren moosgrünen -Plüschmöbeln; der Raum war nicht groß und gestopft voll von Nippes und -Photographien. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in schillernden Farben, -vor allen Türen hingen Plüschportieren. - -„Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe hier so lange nicht Staub -wischen können,“ sagte Frau Gram. „Wir sind an Werktagen nämlich nie -in diesem Zimmer, und ich bin augenblicklich ohne Mädchen. Das letzte -mußte ich wegjagen -- die ärgste Schmutzliese, und dann konnte sie -ihren Mund nie halten. So sagte ich ihr denn, sie sollte machen, daß -sie fortkäme. Aber eine neue zu bekommen -- das ist unmöglich, und -schließlich sind sie eine wie die andere. Nein, Hausfrau, das ist der -schlimmste Beruf, den es gibt. -- Ja, Helge hatte uns ja auf Ihren -Besuch vorbereitet, jetzt hatten wir aber die Hoffnung wahrhaftig -aufgegeben, daß Sie uns die Ehre geben würden.“ - -Während sie lächelte und sprach, zeigte sie eine Reihe großer, weißer -Vorderzähne. An beiden Seiten fehlten die Augenzähne und hatten eine -dunkle Lücke hinterlassen. - -Jenny betrachtete sie, Helges Mutter. - -Sie hatte sich dies alles so ganz anders gedacht. - -Nach seinen Erzählungen hatte sie sich ein Bild von seinem Heim und -seiner Mutter gemacht. Die Mutter mit dem schönen Antlitz, das auf -der Photographie Helge ähnlich war, mochte sie gern. Sie, die der Mann -nicht liebte, die aber ihre Kinder so geliebt hatte, daß sie sich -dagegen auflehnten und rebellierten, hinaus wollten, fort von dieser -tyrannischen Mutterliebe, die es nicht ertrug, daß sie etwas anderes -seien als nur ihre Kinder. In ihrem Herzen hatte Jenny Partei ergriffen -für diese Mutter. Männer konnten kaum verstehen, wie eine Frau werden -mußte, die Liebe gab und niemals Liebe zurück empfing, außer der -Kindesliebe der ersten Jahre. Die Kinder begriffen ja die Gefühle einer -Mutter nicht, wenn sie sie heranwachsen und sich von ihr abwenden sah, -begriffen nicht, daß eine Mutter sich in Trotz und Zorn gegen das -unerbittliche Leben auflehnte, das daran Schuld war, daß die Kinder -groß wurden und nicht mehr ihr Ein und Alles in der Mutter sahen, für -die doch bis in alle Ewigkeit die Kinder das Höchste bedeuteten. - -Jenny hatte Helges Mutter lieben wollen. - -Und nun empfand sie eine rein physische Abneigung gegen diese Frau -Gram, die da vor ihr saß und unaufhörlich redete. - -Es waren wohl Helges Züge wie auf dem Bilde. Diese hohe, ein wenig -schmale Stirn, die fein gebogene Nase und die gradlinigen, dunklen -Brauen, der kleine Mund mit den feinen schmalen Lippen und das spitze -Kinn. - -Um ihren Mund lag aber ein Ausdruck, als ob alles, was sie sprach, nur -Spott sei. Ein spöttischer und bösartiger Zug war in all den feinen -Runzeln des Gesichts. Die großen Augen, selten schön geschnitten mit -ganz emailleblauem Weiß im Apfel, hatten einen harten, stechenden -Blick, diese großen, tiefbraunen Augen, die viel dunkler waren als die -Helges. - -Schön mußte sie gewesen sein, selten schön. Und dennoch wußte Jenny -ganz bestimmt, was ihr früher schon einmal eingefallen war, daß Gert -Gram diese Frau kaum aus Liebe geheiratet hatte. Dame war sie auch -durchaus nicht -- weder in Sprache noch Wesen. Es gab ja so viele -nette junge Mädchen im Mittelstande, die zu Vetteln wurden, sobald -sie eine Weile verheiratet waren und sich in der Enge des Hauses mit -Dienstmädchen- und Wirtschaftssorgen einige Jahre abgeplagt hatten. - -„Kandidat Gram bat mich, zu Ihnen zu gehen und Sie von ihm zu grüßen,“ -sagte Jenny. Sie empfand es plötzlich als eine Unmöglichkeit, Helge bei -seinem Namen zu nennen. - -„Ja, er war in der letzten Zeit nur mit Ihnen zusammen, in den letzten -Briefen erwähnt er jedenfalls niemand anderes. Uebrigens schwärmte er -im Anfang wohl ein bißchen für ein kleines Fräulein Jahrmann, glaube -ich?“ - -„Meine Freundin, Franziska -- ja, im Anfang waren wir eine ganze Schar, -die sich oft zusammenfand. Aber jetzt zuletzt war Fräulein Jahrmann mit -einer größeren Arbeit beschäftigt.“ - -„Sie ist wohl die Tochter von Oberstleutnant Jahrmann in Tegneby? Hat -sie nicht Geld?“ - -„Nein. Ihre Ausbildung bestreitet sie von dem Wenigen, was sie von -ihrer Mutter geerbt hat, sie steht nicht eben auf gutem Fuße mit ihrem -Vater, d. h. er wünschte nicht, daß sie Malerin wurde, und dann wollte -sie nichts von ihm annehmen.“ - -„Wie töricht. -- Meine Tochter, Frau Kaplan Arnesen,“ sagte Frau Gram, -„kennt sie flüchtig, sie war hier zu Weihnachten. Sie meinte übrigens, -da spielten andere Gründe mit, weshalb Oberstleutnant Jahrmann nichts -mit ihr zu tun haben wollte; sie soll ja so hübsch sein, aber einen -recht schlechten Ruf haben.“ - -„Das ist durchaus unwahr,“ sagte Jenny steif. - -„Ja, Sie Künstlerinnen haben es gut,“ Frau Gram seufzte. „Aber ich -begreife nicht, wie Helge arbeiten konnte. Ich fand, er schrieb nie -von etwas anderem, als daß er mit Ihnen hier und dort in der Campagna -herumgestreift sei.“ - -„Oh -- oh,“ sagte Jenny. -- Es war peinlich über das Leben dort unten -aus Frau Grams Munde zu hören. „Kandidat Gram war sehr fleißig, fand -ich. Einen Feiertag muß man doch hin und wieder haben.“ - -„Ja. Wir Hausfrauen müssen freilich ohne solche auskommen. Warten -Sie, bis Sie verheiratet sind, Fräulein Winge. Aber auch andere -Menschen sollen ihre freien Tage haben. Ich habe eine Nichte, die eben -Volksschullehrerin geworden ist. Sie sollte Medizin studieren, konnte -es aber nicht aushalten, sie mußte aufhören und aufs Seminar gehen. -Ja, ich finde, die hat immer frei. Du wirst dich doch wahrhaftig nicht -überanstrengen, Aagot, sage ich zu ihr.“ - -Frau Gram verschwand durch eine Tür auf den Korridor hinaus. Jenny -erhob sich und betrachtete die Malereien. - -Ueber dem Sofa hing eine große Campagnalandschaft. Man konnte wohl -sehen, daß Helges Vater in Kopenhagen gelernt hatte. Das Bild war gut -und solide gezeichnet, aber dünn und trocken in der Farbe. Besonders -der Vordergrund mit den beiden Italienerinnen in Nationaltracht und -den miniaturartig gemalten Pflanzen an einer umgestürzten Säule waren -langweilig. Die Modellstudie eines jungen Mädchens darunter war besser. - -Sie mußte lächeln. -- Man konnte beim Anblick dieser italienischen -Romantik verstehen, daß es Helge im Anfang schwer gefallen war, sich in -Rom zurechtzufinden, und daß es ihn enttäuscht hatte. - -Da waren viele kleine braune, zierlich gezeichnete Landschaften von -Italien mit Ruinen und Nationaltrachten. Aber die Studie des Priesters -dort war gut. - -Einige Kopien dagegen -- Corregios Danaë und Guido Renis Aurora -- -oh Gott! Außerdem fanden sich noch einige andere Kopien von barocken -Bildern, die sie kaum kannte. - -Dann hing an der einen Seite noch eine große hellgrüne -Sommerlandschaft. Gram hatte versucht, impressionistisch zu malen. Das -Bild war aber dünn und häßlich in den Farben. Das dort über dem Klavier -war besser. Sonnenglut über den Felsspitzen, die Luft war entzückend -wiedergegeben. - -Daneben hing ein Porträt der Frau des Hauses. Das war das beste. -Tatsächlich, es war gut. Die Gestalt plastisch modelliert. Ebenso die -Hände. Dann das hellrote Kleid mit den Verzierungen, die durchbrochenen -schwarzen Halbhandschuhe. Das olivenbleiche Gesicht mit den dunklen -Augen unter den Stirnlocken und der hohe, spitze schwarze Hut mit roter -Feder. Sie stand aber leider wie an den Hintergrund geklebt, der mit -einem säuerlichen Graublau übermalt war. - -Und dort noch ein Kinderbild „Bamse vier Jahre“, stand oben auf dem -Rahmen. Nein, Herrgott -- war das Helge, der kleine schmollende Kerl im -weißen Hemdchen? O, wie lieb er aussah! - -Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Kakes herein. Jenny -murmelte etwas von Umstände machen: - -„Ich habe mir die Bilder Ihres Gatten angesehen, Frau Gram.“ - -„Ja, ich verstehe mich ja nicht sonderlich darauf, aber ich finde -sie großartig. Mein Mann behauptet freilich, es wäre nichts an ihnen -dran, aber das ist wohl nur so hingesagt. Nein,“ sie lachte etwas -bitter. „Mein Mann ist so sonderbar. Von der Malerei konnten wir nicht -leben, als wir heirateten und Kinder bekamen, so daß er daneben etwas -Nützliches betreiben mußte. Dann hatte er aber keine Lust, so nur -nebenher zu malen, und darum behauptete er eines schönen Tages, er -hätte kein Talent. Ich finde ja seine Bilder schöner als die modernen -Sachen, aber Sie sind wohl anderer Meinung, Fräulein Winge?“ - -„Ja, die Bilder Ihres Gatten sind sehr schön,“ entgegnete Jenny. -„Besonders das Bildnis von Ihnen, Frau Gram. Das ist wirklich reizvoll.“ - -„O ja. Aber es hat freilich nicht viel Aehnlichkeit -- geschmeichelt -hat Gram mich nicht.“ Sie lachte wieder ihr kleines, bitteres, böses -Lachen. „Nein, das kann man nicht gerade behaupten. +Ich+ finde ja, -er malte viel netter, ehe er begann, all das nachzuäffen, was damals -plötzlich modern wurde -- Sie wissen, Thaulow und Krogh und Konsorten.“ - -Jenny trank ihren Rhabarberwein schweigend aus, während Frau Gram -sprach. - -„Ich würde Sie gern zu Mittag einladen, Fräulein Winge. Aber ich mache -die Wirtschaft allein und dann ist man ja nicht auf Gäste vorbereitet, -das können Sie sich wohl vorstellen. Ich kann also leider nicht. Aber -das nächste Mal, hoffe ich.“ - -Jenny verstand, daß Frau Gram sie gern los sein wollte. Das war ja auch -begreiflich, wenn sie kein Mädchen hatte. Sie war wohl gerade beim -Mittagkochen. So verabschiedete sie sich denn. - -Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so im -Vorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätte -leuchtend blaue Augen. - - - - -III. - - -Zwei Tage später, als Jenny des Nachmittags arbeitete, bekam sie Besuch -von Helges Vater. - -Jetzt, als er dastand, mit dem Hute in der Hand, sah sie, daß sein -Haar ganz grau war, so grau, daß man nicht mehr unterscheiden konnte, -welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Jung sah er aber trotzdem -aus. Die Gestalt war schlank, ein wenig gebeugt, aber nicht wie bei -einem alten Manne, eher, als sei er ein wenig zu schmächtig für seine -Größe. Seine Augen waren jung, obgleich sie trüb und müde aus dem -mageren, glattrasierten Antlitz blickten. Sie waren aber so groß und -so leuchtend blau, daß sie einen merkwürdig offenen Eindruck machten, -verwundert und grüblerisch zugleich. - -„Ja, Sie werden begreifen, daß es mich danach verlangt, Sie zu -begrüßen, Fräulein Winge,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Nein -- -ich bitte Sie, legen Sie die Schürze nicht ab. Und sagen Sie’s mir, -wenn ich Sie störe.“ - -„Nein, lieber Herr Gram,“ sagte Jenny fröhlich; seine Stimme und sein -Lächeln gefielen ihr. Sie warf die Malerschürze auf den Kohlenkasten. -„Es wird sowieso bald dunkel. Wie liebenswürdig von Ihnen, mich zu -besuchen!“ - -„Es ist eine Ewigkeit her, daß ich in einem Atelier war,“ sagte Gram -und blickte umher. Dann setzte er sich aufs Sofa. - -„Verkehren Sie mit keinem anderen der Maler -- irgend jemandem aus -Ihrer Zeit?“ fragte Jenny. - -„Nein, mit niemandem,“ antwortete er kurz. - -„Aber.“ Jenny überlegte. „Aber wie in aller Welt haben sie hierher -gefunden? Haben Sie sich bei mir zu Hause erkundigt -- oder im -Künstlerbund?“ - -Gram lachte. - -„Nein. Ich sah Sie ja vorgestern auf der Treppe. Dann gestern, als -ich in mein Geschäft ging, sah ich Sie wieder. Ich ging ein Stück -hinter Ihnen her, da ich die Absicht hatte, Sie anzuhalten und mich -Ihnen vorzustellen. Sie gingen hier hinein, und ich wußte, daß in -diesem Hause ein Atelier war. Nun ja, so bekam ich die Idee, zu Ihnen -hinaufzusteigen und Ihnen eine Visite zu machen.“ - -„Wissen Sie,“ Jenny lächelte vergnügt, „Helge lief auch auf der Straße -hinter mir her, einer Freundin und mir. Er hatte sich allerdings -verlaufen, unten in den alten Straßen am Flohmarkt. Dann kam er eben -auf uns zu und sprach uns an -- bändelte an, wie der feine Ausdruck -dafür heißt. So wurden wir bekannt. Wir fanden zuerst, daß er ein wenig -dreist war. Aber es scheint so, daß er von Ihnen seinen Mut geerbt hat.“ - -Gram runzelte die Stirn und schwieg einen Augenblick. In Jenny stieg -ein unbehagliches Gefühl auf, als hätte sie etwas Dummes gesagt. Sie -überlegte, wie sie fortfahren sollte. - -„Dürfte ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, während Sie hier sind?“ - -Sie zündete ohne weiteres den Apparat an und setzte Wasser auf. - -„Ja, ja, Fräulein Winge -- Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Helge -mir sonst irgendwie ähnelt. Ich glaube, daß er glücklicherweise nicht -das Geringste mit seinem Vater gemein hat.“ Er lachte. - -Jenny wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Sie -beschäftigte sich damit, Teetassen herbeizuholen: - -„Ja, hier ist es recht leer, wie Sie sehen. Aber ich wohne zu Haus bei -meiner Mutter.“ - -„Ah so, Sie wohnen zu Hause? -- Das Atelier ist sicher sehr gut -- -nicht wahr?“ - -„O ja, ich glaube.“ - -Er schwieg wieder und blickte geradeaus. - -„Ja, Fräulein Winge -- ich habe viel an Sie gedacht. Ich glaubte ja, -meines Sohnes Briefe so zu verstehen, daß Sie und er --“ - -„Ja, Helge und ich haben uns sehr gern,“ sagte Jenny. Sie stand -aufrecht da und sah ihn an. Gram ergriff ihre Hand und hielt sie fest. - -„Ich kenne meinen Sohn so wenig, Jenny Winge. Ich weiß im Grunde nichts -Genaues von ihm -- wie er ist. Aber wenn Sie ihn gern haben, so kennen -Sie ihn wohl sicher besser als ich. Und daß sie ihn lieben, beweist -mir, daß ich seiner froh sein darf und stolz auf ihn. Ich habe immer -geglaubt, daß er ein guter Junge sei, auch recht begabt. Daß er Sie -lieb hat, dessen bin ich sicher, jetzt, da ich Sie gesehen. Möge er Sie -nur glücklich machen, Jenny.“ - -„Ich danke Ihnen,“ sagte Jenny und reichte ihm nochmals die Hand. - -„Ja.“ Gram sah vor sich hin. „Sie können sich denken, daß ich über -meinen Jungen froh bin. Mein einziger Sohn. Ich glaube auch, Helge hat -mich im Grunde lieb.“ - -„Das hat er. Helge hat Sie sehr lieb. Sowohl Sie als seine Mutter.“ -Gleich darauf errötete sie aber, als hätte sie etwas Taktloses gesagt. - -„Ja, ich glaube wohl. Aber er sah natürlich früh ein, daß sein Vater -und seine Mutter einander nicht liebten. Helge hat ein trauriges Heim -gehabt, Jenny. Ich kann es ebensogut selbst sagen; haben Sie es noch -nicht bemerkt, so werden Sie es bald selber sehen. Sie sind ja sicher -ein kluges Mädchen. Aber eben deshalb glaube ich, Helge weiß, was -es wert ist, wenn zwei sich lieb haben. Und er wird Sie und sich -behüten --.“ - -Jenny schenkte Tee ein: - -„Helge pflegte in Rom nachmittags zum Tee zu mir zu kommen. Eigentlich -lernten wir uns gerade in diesen Nachmittagsstunden näher kennen, -glaube ich --.“ - -„Und da gewannen Sie sich lieb.“ - -„Ja -- nicht gleich. Das heißt, im Grunde vielleicht doch. Aber wir -dachten an nichts anderes, als gute Freunde zu sein -- damals. Ja, -später kam er dann natürlich auch und trank seinen Tee bei mir --.“ - -Sie lächelten beide. - -„Können Sie mir nicht ein wenig erzählen, wie Helge als Knabe war -- -als kleiner Junge, meine ich -- oder sonst etwas --?“ - -Gram schüttelte trübe lächelnd den Kopf: - -„Nein, Jenny. Ich kann Ihnen nichts von meinem Sohn erzählen. Er war -immer gut und folgsam. Fleißig auf der Schule -- nicht gerade ein -Licht, doch recht fleißig und tüchtig. Aber Helge war als Knabe sehr -verschlossen -- auch als Erwachsener -- jedenfalls mir gegenüber --. -Erzählen Sie lieber, Jenny,“ lachte er warm. - -„Wovon?“ - -„Von Helge natürlich. Ja -- zeigen Sie mir, wie mein Sohn in den -Augen des jungen Mädchens aussieht, das ihn liebt. Sie sind ja kein -gewöhnliches junges Mädchen, sondern eine tüchtige Künstlerin, und ich -glaube auch, Sie sind klug und gütig. Können Sie mir nicht erzählen, -wie es kam, daß Sie Helge liebgewannen, welche Eigenschaften an dem -Jungen Sie veranlaßt haben, ihn zu wählen? Lassen Sie mich hören!“ - -„Ja.“ Dann lachte sie. „Das ist nicht so ohne weiteres zu erklären, -- -wir hatten uns eben gern --.“ - -„So.“ Er lachte auch. „Ja, es war eine dumme Frage, Jenny. Es scheint -ja fast, als hätte ich vergessen, wie es zuging, als man jung war und -verliebt -- nicht wahr?“ - -„Nicht wahr! Wissen Sie, das sagt Helge auch so oft. Auch etwas, das -ich so gern an ihm mochte. Er war so jungenhaft. Ich sah sehr wohl, -daß er verschlossen war, dann aber öffnete er mir nach und nach sein -Herz --.“ - -„Das kann ich gut verstehen -- daß man zu Ihnen Vertrauen bekommt, -Jenny. Ja, aber erzählen Sie weiter -- aber, Sie brauchen nicht so -erschrocken auszusehen. Sie verstehen doch, ich meinte nicht, Sie -sollten mir Ihre und Helges Liebesgeschichte auseinandersetzen oder -dergleichen --. Nur ein wenig von sich selbst erzählen -- und von -Helge. Von Ihrer Arbeit, Kind. Und von Rom. Damit ich alter Mann wieder -weiß, wie es ist, Künstler zu sein. Und frei. An Dingen zu arbeiten, -die einem Freude machen. Jung zu sein. Verliebt und glücklich --.“ - - * * * * * - -Gram blieb etwa zwei Stunden bei ihr. Dann, als er gehen wollte und im -Ueberzieher, den Hut in der Hand, dastand, sagte er leise: - -„Hören Sie zu, Jenny. Es hat ja keinen Zweck, Ihnen zu verbergen, wie -die Verhältnisse in meiner Familie liegen. Es ist besser, daß, wenn wir -uns zu Hause wiedersehen, wir uns noch nicht kennen. Daß Helges Mutter -nicht erfährt, daß ich Ihre Bekanntschaft auf eigene Faust gemacht -habe. Auch Ihretwegen -- damit Sie nicht Spott und Unannehmlichkeiten -ausgesetzt sind. Es liegt nun einmal so, daß die Tatsache, daß ich -einen Menschen gern habe, besonders eine Dame, schon genügt, um meine -Frau gegen den Betreffenden aufzubringen ... Sie finden das seltsam. -Aber Sie begreifen --?“ - -„Ja,“ sagte Jenny schwach. - -„Nun, leben Sie wohl, Jenny. Ich freue mich Helges wegen -- glauben Sie -mir?“ - -Sie hatte am Abend vorher an Helge geschrieben und ihm von ihrem Besuch -bei seiner Mutter erzählt. Als sie den Brief noch einmal durchlas, -quälte es sie, daß der Abschnitt von ihrer Begegnung mit der Mutter so -armselig und trocken ausgefallen war. - -An diesem Abend schrieb sie ihm wieder und berichtete von dem Besuch -seines Vaters. Aber dann riß sie den Brief entzwei und begann von -neuem. -- Es war so peinlich zu erzählen, daß Frau Gram von dieser -Sache nichts erfahren dürfe. Widerwärtig war es, Geheimnisse mit dem -einen gegen den anderen zu haben. Helges wegen empfand sie es wie eine -Demütigung, daß sie mit einem Male Mitwisser von dem Elend geworden -war, das in seinem Vaterhause herrschte. Schließlich erwähnte sie die -Angelegenheit gar nicht. Es war leichter, ihm alles zu erklären, wenn -er kam. - - - - -IV. - - -Ende Mai hatte Jenny ungewöhnlich lange Zeit keine Post von Helge -bekommen. Sie begann ängstlich zu werden und hatte gerade beschlossen, -am nächsten Tage zu telegraphieren, falls sie bis dahin nichts hörte. -Nachmittags war sie im Atelier, als jemand an die Tür klopfte. Nachdem -sie geöffnet, wurde sie plötzlich von einem Manne, der draußen im -Dunkel des Bodenganges stand, ergriffen, umarmt und geküßt. - -„Helge!“ Sie jubelte. „Helge, Helge -- laß dich anschauen! Oh, nein, -wie du mich erschreckt hast! Laß sehen -- Helge -- bist du es denn -wirklich und gewiß?“ Sie zog ihm die Reisemütze vom Kopfe. - -„Ja, natürlich, ein anderer kann es doch kaum sein,“ lachte er -unbekümmert. - -„Aber, Liebster -- was hat denn das zu bedeuten?“ - -„Das will ich dir gleich erklären,“ sagte er, fand aber nicht die Zeit -dazu, sondern preßte sein Gesicht an ihren Hals. - -„Ich wollte dich nämlich überraschen, weißt du.“ Sie saßen Hand in Hand -auf dem Sofa und schöpften Atem nach den ersten heißen Küssen. „Und -das ist mir doch gut geglückt, nicht wahr? Laß mich sehen, Jenny. Wie -schön du bist! Zu Hause denken sie, ich bin in Berlin. Ich übernachte -heute im Hotel und bleibe einige Tage inkognito in der Stadt -- findest -du das nicht großartig? Es ist übrigens dumm, daß du zu Hause wohnst. -Sonst könnten wir den ganzen Tag über zusammen sein --.“ - -„Weißt du,“ sagte Jenny, „als du klopftest, dachte ich, es sei dein -Vater.“ - -„Vater?“ - -„Ja.“ Sie wurde im selben Augenblick ein wenig verwirrt. Es fiel ihr -plötzlich schwer, ihm den ganzen Zusammenhang zu erklären. „Ja, siehst -du, dein Vater machte mir eines Tages einen Besuch, und seitdem ist er -manchmal zum Tee zu mir gekommen. Wir haben dann gesessen und von dir -gesprochen --.“ - -„Aber Jenny -- davon hast du ja kein Wort geschrieben! Du hast ja gar -nicht erwähnt, daß du Vater getroffen hast!“ - -„Nein, das hab’ ich auch nicht. Ich wollte es dir lieber erzählen --. -Die Sache ist also die, siehst du, deine Mutter weiß nichts davon. Dein -Vater meinte, es sei besser, es nicht zu erwähnen --“. - -„Nicht mir gegenüber?“ - -„Nein, nein, davon haben wir gar nicht gesprochen. Er denkt sicher, ich -habe es dir erzählt. Nein, deine Mutter durfte nicht erfahren, daß wir -uns kennen.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich fand, es war -- nun ich -mochte dir nicht schreiben, daß ich mit deinem Vater ein Geheimnis vor -deiner Mutter hatte. Verstehst du mich?“ - -Helge schwieg. - -„Es hat mich selber recht bedrückt,“ fuhr sie fort. „Aber er kam eben -herauf und besuchte mich. Und ich finde ihn furchtbar nett, Helge; ich -habe ihn sehr gern, deinen Vater.“ - -„Ja -- Vater kann ein sehr gewinnendes Wesen haben, wenn er will. Und -daß du Malerin bist und --.“ - -„Deinetwegen, Helge, hat dein Vater mich gern. Das ist der Grund.“ - -Helge antwortete nicht. - -„Und Mutter hast du nur das eine Mal gesehen?“ - -„Ja. -- Aber liebster, bester Freund, bist du nicht hungrig? Soll ich -dir ein wenig zurecht machen?“ - -„Vielen Dank. Und heute Abend gehen wir zusammen essen!“ - -Wieder pochte jemand an die Tür. - -„Das ist dein Vater,“ flüsterte Jenny. - -„Pst -- sei still, -- nicht öffnen!“ - -Nach einem Weilchen ging jemand über den Gang wieder fort. Helge verzog -das Gesicht. - -„Aber liebster Junge, was ist dir?“ - -„Ich weiß nicht --. Wenn wir ihm nur nicht begegnen, Jenny -- wir -wollen nicht gestört werden, nicht wahr? Niemanden treffen!“ - -„Nein.“ Sie küßte seinen Mund, bog seinen Kopf zurück und küßte ihn -hinter beide Ohren. - - * * * * * - -„Und Franziska?“ sagte Jenny plötzlich, während sie nach dem Kaffee bei -einem Glase Likör saßen und plauderten. - -„Ja! Ja, du wußtest es wohl im voraus; sie hatte dir doch geschrieben?“ - -Jenny schüttelte den Kopf. - -„Nicht ein Wort. Ich fiel ja aus allen Wolken, als ich ihren Brief -bekam -- sie schrieb in aller Kürze, morgen hätte sie Hochzeit mit -Ahlin. Ich ahnte nichts.“ - -„Wir auch nicht. Die beiden waren ja viel zusammen. Daß sie sich aber -heiraten wollten, wußte nicht einmal Heggen, bis sie kam und ihn bat, -ihr Trauzeuge zu sein.“ - -„Hast du sie seither gesehen?“ - -„Nein. Sie reisten noch am selben Tage nach Rocca di Papa und waren -noch oben, als ich Rom verließ.“ - -Jenny saß eine Weile in Gedanken. - -„Ich glaubte, sie hätte nur ihre Arbeit im Kopf,“ sagte sie. - -„Heggen erzählte, daß sie das große Bild mit dem Tor beendet hätte, und -daß es sehr gut ausgefallen sei, auch, daß sie mehrere andere Arbeiten -begonnen habe.“ - -„Dann verheiratete sie sich also ganz plötzlich. Ich weiß nicht, ob sie -eine Weile verlobt gewesen sind --.“ - -„Aber du, Jenny -- du schriebst, du hättest ein neues Bild angefangen?“ - -Jenny zog ihn mit sich zur Staffelei. - -Die große Leinwand zeigte eine Straße, die sich nach links hinüber -verlor, mit einer Häuserreihe in starker Perspektive, Kontor- und -Werkstattsgebäude in graugrünen und dunklen, backsteinroten Farben. Auf -der rechten Seite der Straße standen einige Lumpenhändlerbuden, und -dahinter ragten die Brandmauern zum Himmel empor, in dessen kräftigem -Blau hier und da schwere Regenwolken, graublau wie Blei und weiß wie -Silber, standen. Greller Nachmittagssonnenschein fiel in die Straße, -auf die Buden und Hausmauern, die rotgold aufleuchteten, und auf ein -paar goldiggrüne, mit halbaufgesprungenen Knospen übersäte Baumkronen, -die auf dem Platz zwischen Buden und Brandmauer standen. Als Staffage -dienten Arbeitsleute, Karren und Geschäftswagen auf der Straße. - -„Ich verstehe ja nicht viel davon. Aber --.“ Helge hielt sie fest -umschlungen. „Ist es nicht sehr gut, du? Ich finde es wunderschön, Jenny --- herrlich!“ - -Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter: - -„Während ich hier umherlief und auf meinen Jungen wartete -- ich bin ja -im Frühling immer hier einsam und trübselig umhergeirrt. Als ich sah, -wie Bergahorn und Kastanie ihr klares, lichtes Laub vor den rußigen -Häusern und roten Mauern entfalteten -- als ich den prachtvollen -Frühlingshimmel erblickte, der sich über all den schwarzen Dächern -spannte, über Schornsteinen und Telephondrähten: da lockte es mich, -dies alles zu malen, die feinen hellen Frühlingsknospen mitten in der -schmutzigen schwarzen Stadt.“ - -„Wo liegt diese Stelle?“ fragte Helge. - -„In der Stenerstraße. -- Ja, weißt du, dein Vater sprach von einigen -Bildern von dir als kleinem Jungen, die er drüben im Büro hatte; die -sollte ich mir ansehen. Und da entdeckte ich das Motiv von seinem -Bürofenster aus und durfte dann in der Kistenfabrik nebenan arbeiten. -Von dort aus ist es gemalt; ich mußte natürlich hin und wieder einiges -umgestalten, ein wenig abändern --.“ - -„Du bist viel mit Vater zusammen gewesen?“ fragte Helge kurz darauf. -„Er interessierte sich wohl sehr für dein Bild?“ - -„Ja, gewiß. Er kam mitunter zu mir herüber und betrachtete es, gab mir -auch einige Ratschläge, die übrigens sehr gut waren. Er weiß ja eine -Menge.“ - -„Glaubst du, daß Vater als Maler Talent hatte?“ sagte Helge. - -„Ja. Das glaube ich. Die Bilder, die bei euch zu Hause hängen, waren -nicht so besonders. Er hat mir aber einige Studien gezeigt, die er -im Büro aufbewahrt. Ich glaube nicht, daß dein Vater +großes+ Talent -hatte, aber es war ganz fein und eigentümlich. Nur von allen Seiten zu -leicht zu beeinflussen. Aber das, glaube ich, hängt wieder mit seiner -großen Fähigkeit zusammen, das Gute zu werten und zu lieben, das er bei -anderen gesehen hat. Denn er hat so viel Verständnis für Kunst -- und -Liebe zu ihr --.“ - -„Armer Vater,“ sagte Helge. - -„Ja --.“ Jenny liebkoste ihren Freund. „Dein Vater leidet vielleicht -weit mehr als du und ich ahnen.“ - -Dann küßten sie sich und vergaßen, weiter von Gert Gram zu sprechen. - -„Bei dir zu Hause wissen sie nichts?“ fragte Helge. - -„Nein,“ erwiderte Jenny. - -„Aber im Anfang, als ich all meine Briefe an deine Mutter adressierte, -fragte sie nie, wer da so jeden Tag an dich schrieb?“ - -„Nein. Meine Mutter ist nicht so!“ - -„+Meine+ Mutter,“ sagte Helge plötzlich heftig. „Mutter ist durchaus -nicht so taktlos, wie du meinst. Du bist nicht gerade gerecht gegen -meine arme Mutter -- ich finde, um meinetwillen könntest du es -unterlassen, so von ihr zu reden --.“ - -„Aber Helge!“ Jenny sah zu ihm auf. „Ich habe ja doch nicht ein Wort -über deine Mutter gesagt!“ - -„Du sagtest: +Meine+ Mutter ist nicht so.“ - -„Das ist nicht wahr. Meine +Mutter+, sagte ich.“ - -„+Meine+ Mutter, sagtest du. Daß du sie nicht leiden kannst, ist eine -Sache für sich, obgleich du schließlich keinen Grund hast --. Aber -du könntest doch daran denken, daß es +meine+ Mutter ist, von der du -sprichst. Und ich habe sie lieb, wie sie auch sein mag --.“ - -„Helge! Aber Helge --.“ Sie hielt inne, denn sie fühlte, wie ihr die -Tränen in die Augen stiegen. Es war ihr so fremd, Tränen zu vergießen, -daß sie schwieg, beschämt und erschrocken. Er hatte es aber schon -bemerkt: - -„Jenny! Habe ich dir wehgetan? Herrgott! Da siehst du es selbst. -Kaum bin ich heimgekehrt, so fängt es auch schon an --.“ Er schrie -plötzlich, indem er die geballte Faust drohend erhob: „Oh, ich hasse -das, ich +hasse+ das, es wird mein Heim zerreißen.“ - -„Mein Junge, lieber Junge -- du darfst nicht --. Geliebter, nimm es -doch nicht so schwer!“ Sie zog ihn fest, fest an sich. „Helge! Hör zu, -geliebter Freund -- was hat denn das mit uns zu schaffen. Sie können -+uns+ doch nichts tun --,“ und sie küßte ihn, bis er aufhörte zu -schluchzen und zu beben. - - - - -V. - - -Helge und Jenny saßen in seinem Zimmer auf dem Sofa und hielten sich -schweigend umschlungen. - -Es war an einem Sonntag Ende Juni. Jenny hatte am Vormittag einen -Spaziergang mit Helge gemacht und bei Grams Mittag gegessen. Nach dem -Kaffee hatten sie alle vier im Wohnzimmer gesessen und sich durch den -Nachmittag gequält, bis Helge Jenny mit in sein Zimmer zog unter dem -Vorwande, sie sollte etwas durchlesen, was er geschrieben hatte. - -„Puh,“ sagte Jenny, als sie draußen waren. - -Helge fragte nicht, warum sie so sprach. Er legte seinen Kopf fest in -ihren Arm, und sie strich ihm übers Haar, stumm, ohne Aufhören. - -„Ja, du.“ Helge seufzte „Es war gemütlicher bei dir in der Via -Vantaggio -- nicht wahr, Jenny?“ - -Draußen in der Küche rasselten Teller, es brutzelte in der Bratpfanne -und roch nach Fett. Frau Gram bereitete etwas Warmes zum Abendessen. -Jenny ging an das offene Fenster und sah einen Augenblick in den -schwarzen Schacht des Hofes. Alle Fenster nach hier hinaus waren -Küchen- oder Schlafzimmerfenster mit Zuggardinen. In jeder Ecke des -Hofes befand sich ein größeres Fenster, schräg eingebaut. Oh! Wie gut -sie diese Eßzimmer kannte mit einem einzigen Fenster in der Ecke auf -den Hof hinaus, dunkel und trübe, ohne einen Streifen Sonne. Der Ruß -fegte hinein, wenn man lüftete, und der Essensgeruch setzte sich fest. - -Aus dem Fenster eines Mädchenzimmers klang Guitarrespiel und ein -kräftiger, ungeübter Sopran: - -„Such Schutz bei unserem Herrn Jesus Christus, mein Freund, du brauchst -nur anzuklopfen, und der Himmel tut sich auf.“ - -Die Guitarre erinnerte sie an die Via Vantaggio, an Cesca und Gunnar, -der in der Sofaecke zu liegen pflegte, die Beine auf einem Stuhle, auf -Cescas Guitarre zupfend und leise ihre italienischen Weisen summend. -Plötzlich überfiel sie eine wilde Sehnsucht nach all dem dort unten. - -Helge kam auf sie zu: - -„Woran denkst du?“ - -„An die Via Vantaggio.“ - -„Ja, du -- wie herrlich hatten wir es dort, Jenny!“ - -Sie umschlang plötzlich seinen Hals und barg liebkosend seinen Kopf -an ihrer Schulter. Schon als er sprach, hatte sie gemerkt, daß er den -Grund +ihrer+ Sehnsucht nicht verstanden hatte. - -Sie hob seinen Kopf wieder in die Höhe und blickte in seine -bernsteingelben Augen; sie wollte an all die sonnenhellen Tage in der -Campagna denken, als er, im Grase zwischen den Tausendschön liegend, zu -ihr aufgeblickt hatte. - -Sie +wollte+ dieses schwere, erstickende Unlustgefühl von sich -abschütteln, das jedesmal wieder Macht über sie gewann, wenn sie in -seinem Hause war. - -Alles war hier so unleidlich. Gleich vom ersten Abend an, als sie nach -Helges offizieller Ankunft eingeladen war. Wie hatte sie es gequält, -daß sie dastehen und Komödie spielen mußte, als Frau Gram sie ihrem -Manne vorstellte; und Helge war zugegen und sah zu, wie sie seine -Mutter betrogen. Es quälte sie fürchterlich. Dann geschah etwas, das -noch viel ekelhafter war. Sie war einen Augenblick mit Gram allein; da -hatte er beiläufig erwähnt, daß er an jenem Nachmittag oben an ihrer -Tür gewesen sei, sie aber nicht angetroffen habe. „Nein, ich war an dem -Tage nicht im Atelier,“ hatte sie geantwortet, war aber gleichzeitig -blutrot geworden. Dann hatte er sie so merkwürdig erstaunt angesehen, -als sie -- sie wußte nicht, warum? -- plötzlich sagte: „Doch, ich war -übrigens zu Hause. Ich konnte aber nicht öffnen, es war jemand bei mir.“ - -Gram hatte gelächelt und gesagt: „Ich habe es wohl gehört, daß jemand -im Atelier war.“ Und in ihrer Verwirrung hatte sie erzählt, daß es -Helge gewesen, und daß er sich ein paar Tage inkognito in der Stadt -aufgehalten. - -„Liebe Jenny,“ hatte Gram sichtbar unwillig erwidert: „Ihr hättet euch -doch nicht vor mir zu verstecken brauchen. Ich hätte euch wahrhaftig in -Frieden gelassen. Ja, ja. -- Aber ich muß doch sagen, daß es mich recht -gefreut haben würde, wenn Helge mich begrüßt hätte --.“ - -Sie hatte darauf nichts zu erwidern gewußt. - -„Ich werde aber achtgeben, daß Helge nicht erfährt, daß ich etwas davon -weiß.“ - -Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, Helge zu verheimlichen, daß sie -seinem Vater davon erzählt hatte. Aber jetzt sagte sie es doch nicht --- aus Furcht, daß er darüber ärgerlich sein könnte. Sie litt aber und -wurde nervös in dieser Umgebung, in die sie hineingeraten war: der eine -durfte es nicht wissen und der andere durfte es nicht wissen. - -Daheim hatten sie auch keine Ahnung. Aber das war etwas anderes. Es lag -daran, daß sie nicht gewöhnt war, mit ihrer Mutter von ihren eigenen -Angelegenheiten zu sprechen, sie hatte dort nie Verständnis gefunden, -auch niemals gesucht oder erwartet. Dabei war ihre Mutter jetzt mit der -Sorge um Ingeborg beschäftigt. Jenny hatte die Mutter dazu bestimmt, im -Bundefjord eine Sommerwohnung zu mieten; Bodil und Nils fuhren von dort -zur Schule in die Stadt, Jenny aber wohnte im Atelier und aß auswärts. - -Sie war jedoch nie so glücklich über die Mutter und ihr Heim gewesen -wie jetzt. Es kam nicht allein daher, daß die Mutter sie jetzt ein -wenig verstand. Sie merkte auch hin und wieder, daß es Jenny schwer -hatte, und zeigte dann ehrlichen Willen, zu helfen und zu trösten --- ohne zu fragen. Denn schon der Gedanke, einem ihrer Kinder eine -aufdringliche Frage zu stellen, hätte ihr die Schamröte ins Gesicht -getrieben. Aber dies hier, Helges Heim, mußte ja eine wahre Hölle für -die Kinder gewesen sein. Und es war, als würfe die Mißstimmung ihre -Schatten auf sie, auch wenn sie sonst zusammen waren. Aber sie wollte -es überwinden. Ihr armer, armer Junge! - -„Mein Helge!“ Und sie überfiel ihn plötzlich mit Liebkosungen. -- - -Jenny hatte Frau Gram angeboten, ihr mit dem Aufwaschen und dem -Abendessen behilflich zu sein, aber jedesmal hatte die Hausfrau mit -einem Lächeln erwidert: - -„Nein, meine Liebe -- dazu sind Sie doch nicht hergekommen, damit -sollen Sie wahrhaftig nichts zu tun haben, Fräulein Winge.“ - -Vielleicht war es nicht so gemeint, aber Frau Gram lächelte immer so -spöttisch, wenn sie mit ihr sprach. Die Arme, vielleicht besaß sie kein -anderes Lächeln mehr. - -Gram kehrte heim; er hatte einen Spaziergang gemacht. Jenny und Helge -setzten sich zu ihm ins Rauchzimmer. - -Die Hausfrau kam auch einen Augenblick herein: - -„Du hattest deinen Regenschirm vergessen, mein Freund -- wie -gewöhnlich. Es war tatsächlich ein Glück, daß du einem Regenschauer -entgingst. Ja diese Männer, wie man auf sie achtgeben muß --!“ Sie -lächelte zu Jenny hinüber. - -„Du bist ja außerordentlich um mich bemüht,“ sagte Gram. Stimme und -Wesen waren immer peinlich höflich, wenn er mit seiner Frau sprach. - -„Aber warum sitzt ihr denn hier drinnen?“ sagte sie zu Helge und Jenny. - -„Es ist merkwürdig,“ erwiderte Jenny, „-- ich finde, es ist in allen -Häusern dasselbe: das Herrenzimmer ist immer am gemütlichsten. Bei uns -war es auch so, als mein Vater noch lebte,“ fügte sie schnell hinzu. -„Es kommt wohl daher, daß es als Arbeitszimmer eingerichtet ist.“ - -„Dann müßte ja die Küche der allergemütlichste Raum im ganzen Hause -sein,“ lachte die Hausfrau. „Aber wo meinst du, daß am meisten -gearbeitet wird, Gert, hier in deinem Zimmer oder in meinem -- nun ja, -die kann ja als mein Arbeitszimmer gelten --.“ - -„Ich gebe zu, daß zweifellos die nützlichste Arbeit in deinem -Arbeitszimmer verrichtet wird.“ - -„Ja,“ sagte Frau Gram. „Jetzt glaube ich aber beinahe, ich muß Ihr -liebenswürdiges Anerbieten für eine Weile annehmen -- würden Sie so -lieb sein, und mir ein wenig helfen, Fräulein Winge? Sonst wird es so -spät --.“ - -Als sie beim Essen saßen, läutete es. Es war Frau Grams Nichte, Aagot -Sand. Frau Gram stellte Fräulein Winge vor. - -„Ah, Sie sind die Malerin, mit der Helge in Rom so viel zusammen war. -Ich konnte es mir beinahe denken.“ Sie lachte. „Ich sah Sie drüben in -der Stenerstraße jetzt im Frühling, Sie gingen in Begleitung von Onkel -Gert und trugen Malgerät in der Hand --.“ - -„Das ist sicher ein Irrtum, mein Kind,“ unterbrach sie Frau Gram. „Wann -sollte das gewesen sein?“ - -„Einen Tag vor Bußtag. Ich kam von der Schule.“ - -„Ja, es ist schon richtig,“ sagte Gram. „Fräulein Winge stand und hatte -ihren Malkasten auf der Straße fallen lassen, und da half ich ihr, beim -Aufsammeln.“ - -„Das kleine Abenteuer hast du deiner Frau gar nicht gebeichtet.“ Frau -Gram lachte laut. „Ich hatte keine Ahnung, daß Ihr Euch von früher her -kanntet.“ - -Gram lachte ebenfalls. - -„Fräulein Winge schien mich nicht wiederzuerkennen. Es war zwar wenig -schmeichelhaft für mich -- ich wollte sie aber nicht daran erinnern. -Hatten Sie wirklich keine Ahnung, als Sie mich trafen, daß ich der -liebenswürdige alte Herr war, der Ihnen geholfen?“ - -„Ich war meiner Sache nicht sicher,“ sagte sie leise, von tiefer Röte -übergossen. „Ich glaubte, Sie hätten mich nicht wiedererkannt.“ Sie -versuchte zu lachen, fühlte jedoch mit peinigender Deutlichkeit, wie -unsicher ihre Stimme war, wie ihre Wangen brannten. - -„Nun, das war ja ein richtiges Abenteuer,“ lachte Frau Gram. -„Tatsächlich ein drolliger Zufall.“ - - * * * * * - -„O Gott, habe ich denn schon wieder etwas Verkehrtes gesagt?“ fragte -Aagot. Sie saßen nach dem Abendessen beisammen im Wohnzimmer. Gram war -in sein Zimmer hinübergegangen, die Hausfrau machte sich in der Küche -zu schaffen. „In diesem Hause ist man gänzlich ahnungslos, bis die -Bombe plötzlich explodiert -- das ist doch wirklich schauderhaft. Aber -erkläre mir doch, ich begreife ja nicht.“ - -„Herr des Himmels, Aagot, kümmere du dich um deine eigenen -Angelegenheiten,“ sagte Helge heftig. - -„Ja, ja, lieber Freund, beiß mich nur nicht! Ist Tante Bekka jetzt auf -Fräulein Winge eifersüchtig?“ - -„Du bist doch wahrhaftig das taktloseste Wesen, das existiert.“ - -„Nächst deiner Mutter -- ja danke, das hat mir Onkel Gert einmal -gesagt.“ Sie lachte. „Aber das ist doch die größte Dummheit -- -eifersüchtig auf Fräulein Winge!“ Sie lugte neugierig zu den beiden -anderen hinüber. - -„Ich möchte dich bitten, dich nicht in Dinge zu mischen, die nur uns -hier im Hause etwas angehen, Aagot,“ schnitt Helge alles weitere ab. - -„Ja ja, -- ich dachte nur -- nun gewiß -- es ist ja schließlich -gleichgültig.“ - -„Das ist es, weiß Gott.“ - -Frau Gram kam herein und machte Licht. Jenny blickte fast ängstlich -auf ihr verschlossenes, haßerfülltes Gesicht, das mit den harten, -funkelnden Augen vor sich hinstarrte. Dann begann Frau Gram den Tisch -abzuräumen. Sie hob Jennys Stickschere auf, die auf den Boden gefallen -war: - -„Es scheint Ihre Spezialität zu sein, etwas zu verlieren. Sie dürfen -nicht so nachlässig mit Ihren Sachen umgehen, kleines Fräulein Winge. -Helge ist nicht so galant wie sein Vater, scheint es.“ Sie lachte. -„Soll ich jetzt bei dir drinnen die Lampe anzünden, mein Junge?“ Sie -ging ins Rauchzimmer und zog die Tür hinter sich ins Schloß. - -Helge lauschte einen Augenblick zum anderen Zimmer hinüber -- die -Mutter sprach leise und heftig. Dann lehnte er sich wieder zurück. - -„Kannst du denn mit deinem Gerede nicht einmal aufhören?“ ertönte Grams -Stimme deutlich von drinnen herüber. - -Jenny neigte sich zu Helge: - -„Ich gehe jetzt nach Hause -- ich habe Kopfweh.“ - -„O nicht doch, Jenny. Dann gibt es hier nur Szenen bis ins Unendliche, -wenn du gegangen bist. Sei so lieb und bleib; es geht nicht, daß du -jetzt das Feld räumst, Mutter wird nur noch gereizter.“ - -„Ich kann aber nicht mehr,“ flüsterte sie, dem Weinen nahe. - -Frau Gram ging durchs Zimmer. Gram kam und setzte sich zu ihnen. - -„Jenny ist müde -- sie will jetzt nach Hause gehen, Vater. Ich begleite -sie.“ - -„Wollen Sie schon gehen? Wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben?“ - -„Ich bin müde, ich habe Kopfschmerzen,“ murmelte Jenny. - -„Bleiben Sie doch noch etwas,“ flüsterte Gram plötzlich. „Sie“ -- -er machte eine Kopfbewegung nach der Tür -- „sagt Ihnen nichts. Und -während Sie hier sind, entgehen wir anderen Szenen.“ - -Jenny setzte sich wieder still an den Tisch und griff nach ihrer -Stickerei. Aagot häkelte eifrig an einem weißen Umlegeschal. - -Gram schritt zum Klavier. Jenny war nicht musikalisch, konnte aber -hören, daß er es war, und nach und nach kam ein wenig Ruhe über sie, -während er seine kleinen weichen Melodien spielte -- für sie, das -fühlte Jenny. - -„Kennen Sie dies, Fräulein Winge?“ - -„Nein.“ - -„Du auch nicht, Helge? Habt ihr es nicht in Rom gehört? Zu meiner Zeit -sang man es überall. Ich habe hier einige Hefte mit italienischen -Melodien.“ - -Sie stand neben ihm und blätterte in den Noten. - -„Tut mein Spiel Ihnen wohl?“ flüsterte er. - -„Ja.“ - -„Soll ich weiter spielen?“ - -„Ja. Bitte.“ - -Er strich über ihre Hand: - -„Arme kleine Jenny! Aber gehen Sie jetzt -- ehe sie kommt.“ - -Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Gebäck herein. - -„Nein, das ist aber nett, daß du ein wenig spielst, Gert! Finden Sie -nicht, daß mein Mann schön spielt, Fräulein Winge? Hat er Ihnen schon -früher etwas vorgespielt?“ fragte sie harmlos. - -Jenny schüttelte den Kopf: - -„Ich wußte gar nicht, daß Herr Gram Klavier spielen kann.“ - -„Wie wunderschön Sie sticken!“ Sie ergriff Jennys Stickerei und -betrachtete sie. „Ich dachte wirklich, Künstlerinnen hielten es für -unter ihrer Würde, sich mit derartigen Handarbeiten zu beschäftigen. -Welch bezauberndes Muster -- wo haben Sie das her? Vom Auslande?“ - -„Das habe ich mir selber ausgedacht.“ - -„Nein wirklich? Dann ist es freilich leicht schöne Muster zu arbeiten --- sieh her, Aagot, ist das nicht reizend? Sie sind sicher ein -tüchtiges Mädchen, Fräulein Winge.“ Sie streichelte Jennys Hand. - -Was für abscheuliche Hände sie doch hat, dachte Jenny. Kleine Finger, -deren Nägel breiter waren als lang und plattgedrückt. - - * * * * * - -Helge und Jenny begleiteten erst Aagot bis zu ihrer Pension oben in -der Sofienstraße. Dann gingen sie zusammen über die Pilengasse zurück, -durch die blaßblaue Juninacht. Nach den Regenschauern strömten die -weißen Blütenkerzen der Kastanien an der Hospitalsmauer einen faden -Duft aus. - -„Helge,“ sagte Jenny leise. „Du +mußt+ es so einrichten, daß wir -übermorgen nicht mit ihnen zusammen sind.“ - -„Das ist unmöglich, Jenny. Sie haben dich eingeladen und du hast Ja -gesagt. Deinetwegen ist es ja nur.“ - -„Helge, du kannst dir doch denken, daß es nur zu Unzuträglichkeiten -führt. Stell dir vor, wenn wir allein irgend wohin fahren könnten, -Helge. Ganz für uns allein, nur wir beide, Helge. Wie in Rom.“ - -„Glaub mir, Jenny, nichts würde ich lieber wollen. Es gibt nur zu -Hause so viele Unannehmlichkeiten, wenn wir diese Johannisfahrt nicht -mitmachen.“ - -„Unannehmlichkeiten bringt es auch so,“ sagte sie mit scharfem Spott. - -„Aber anders wird es viel schlimmer. Herrgott, kannst du denn nicht -versuchen, dich um meinetwillen zu überwinden? Du brauchst doch nicht -in all diesem Elend umherzugehen -- darin zu leben und zu arbeiten.“ - -Er hat Recht, dachte sie und machte sich bittere Vorwürfe, daß sie -nicht geduldiger war. Ja, ihr armer Junge, er mußte in diesem Heim -leben und arbeiten, wo sie es kaum zwei Stunden aushalten konnte. Dort -war er aufgewachsen und dort hatte er sich durch seine ganze Jugend -gekämpft. - -„Helge. Ich bin schlecht und egoistisch.“ Sie klammerte sich an ihn -- -matt und gequält und gedemütigt. Sie sehnte sich nach seinen Küssen, -nach seinem Trost. Es ging sie beide ja doch gar nichts an; sie hatten -ja sich, sie gehörten zusammen, irgendwo weit außerhalb dieser Luft -voller Haß, Mißtrauen und Schlechtigkeit. - -Der Jasmin in den alten Gärten duftete zu ihnen herüber. - -„Wir fahren einmal zusammen über Land, wir beide ganz allein, Jenny,“ -tröstete er. - -„Aber daß ihr auch so hirnverbrannt sein konntet,“ sagte er plötzlich. -„Nein, ich kann das nicht fassen! Ihr mußtet euch doch denken, daß -Mutter es erfahren würde.“ - -„Sie glaubt natürlich die Geschichte nicht, die dein Vater erzählte,“ -sagte Jenny zaghaft. - -Helge blies durch die Nase. - -„Ich wünschte, er sagte ihr, wie das Ganze zusammenhängt,“ seufzte sie. - -„Du kannst ganz sicher sein, daß er es nicht tut. Und +du+ mußt -natürlich tun, als wüßtest du nichts. Das ist das Einzige, was du -machen kannst. Es war einfach hirnverbrannt von euch.“ - -„Ich kann doch nichts dafür, Helge.“ - -„Ach, ich habe dir genug von den Verhältnissen zu Hause erzählt. Du -hättest dafür sorgen müssen, daß es bei Vaters erstem Besuch blieb -- -all die späteren Visiten im Atelier und auch die Zusammenkünfte in der -Stenerstraße hättet ihr unterlassen sollen.“ - -„Zusammenkünfte? Ich sah das Motiv und wußte, daß ich ein gutes Bild -von dort aus malen konnte -- das habe ich auch getan.“ - -„Nun ja. Es ist natürlich vor allem Vaters Schuld. -- Ach!“ Er fuhr -heftig auf. „Diese Art und Weise, wie er von ihr spricht -- ja, du -hast gehört, was er zu Aagot gesagt hat. Und heute Abend wieder zu -dir. ‚Sie!‘“ äffte er nach, „‚Ihnen sagt sie nichts!‘ Es ist aber doch -unsere Mutter.“ - -„Ich finde aber, Helge, dein Vater ist weit rücksichtsvoller und -höflicher gegen sie als sie zu ihm.“ - -„Oh, diese Rücksichtnahme von Vater, ja! Nennst du das rücksichtsvoll, -wie er vorgegangen ist, um dich auf seine Seite zu bekommen? Seine -Höflichkeit! Du solltest wissen, was ich als Kind gelitten habe und -jetzt als Erwachsener -- unter dieser Höflichkeit. Wenn er kerzengerade -dastand, ohne ein Wort zu sagen, und höflich aussah. Sprach er aber, -dann klang es so eisig, so schneidend kalt, so höflich! Er bedankte -sich fast noch für Mutters Schreien und Schelten und Toben. -- Oh!“ - -„Liebster Junge!“ - -„O Gott, Jenny. Es ist auch nicht +nur+ Mutters Schuld. Ich kann sie -auch verstehen. Alle Menschen geben Vater den Vorzug. Du jetzt auch. -Es ist verständlich. Im Grunde tue ichs ebenfalls. Aber gerade deshalb -begreife ich, daß sie so geworden ist. Sie will ja doch überall die -Erste sein, siehst du. Und sie ist es nirgends. Arme Mutter!“ - -„Ja, die Aermste!“ sagte Jenny. Doch ihr Herz blieb eiskalt gegen Frau -Gram. - -Der Abend war schwer von Duft, Laub und Blüten, als sie durch das -Studentenwäldchen schritten. In der bleichen Dämmerung der Sommernacht -raschelte es geschäftig auf den Bänken tief drinnen zwischen den Bäumen. - -Ihr einsamer Schritt hallte in den ausgestorbenen Geschäftsstraßen -wieder, deren hohe Häuser mit einem blauen Schein in den großen blanken -Fensterscheiben wie ausgestorben lagen. - -„Darf ich mit hinaufkommen?“ fragte er vor ihrer Tür. - -„Ich bin müde, du,“ sagte Jenny leise. - -„Ich möchte so gern ein wenig bei dir sitzen -- findest du nicht, daß -wir es sehr nötig haben, einmal für uns allein zu sein?“ - -Sie widersprach nicht mehr, sondern stieg die fünf Treppen vor ihm -hinan. - -Die Nacht breitete sich blau über ihren Häuptern und blickte durch -die großen schrägen Dachfenster zu ihnen hinein. Jenny entzündete den -siebenarmigen Leuchter auf dem Schreibtisch, nahm eine Zigarette und -hielt sie in die Flamme. - -„Willst du rauchen, Helge?“ - -„Danke.“ Er nahm ihr die Zigarette von den Lippen. - -„Das ist es eben, siehst du,“ sagte er plötzlich. „Da war einmal etwas -mit Vater und -- einer anderen Frau. Ich war damals zwölf Jahre alt. -Wieviel daran wahr ist, weiß ich ja nicht. Aber Mutter --. Oh, es war -eine fürchterliche Zeit. Nur unseretwegen blieben sie zusammen -- das -hat Vater selbst einmal gesagt. Der Herrgott weiß, ich danke ihm das -nicht. Mutter ist jedenfalls ehrlich und gibt zu, daß sie ihn mit -Händen und Füßen festhält, sie will ihn nicht freigeben.“ - -Er warf sich aufs Sofa. Jenny setzte sich zu ihm und küßte ihn auf Haar -und Augen. Er glitt auf die Knie nieder und legte den Kopf in ihren -Schoß. - -„Erinnerst du dich des letzten Abends in Rom, als ich Gute Nacht zu dir -sagte, Jenny? Hast du mich heute ebenso lieb wie damals?“ - -Sie erwiderte nichts. - -„Jenny?“ - -„Wir haben heute keinen guten Tag miteinander gehabt, Helge,“ flüsterte -sie. „Zum ersten Male.“ - -Er hob den Kopf: - -„Bist du mir böse?“ fragte er leise. - -„Nein, nicht böse.“ - -„Was dann?“ - -„Ach nichts. Nur --“ - -„Nur, was?“ - -„Heute Abend --.“ Sie stockte. „Jetzt auf dem Heimwege --. Wir werden -noch allein eine Reise zusammen machen -- ein andermal, sagtest du. Es -ist nicht wie in Rom, Helge. Jetzt bist du es, der bestimmt und sagt, -was ich tun soll und was nicht.“ - -„Nein, nein, Jenny!“ - -„Doch. Du mußt mich verstehen, ich +will+ ja auch, daß es so ist. Du -bestimmst. Aber dann Helge, dann mußt du mir auch helfen, über all das -Andere -- das Schwere -- hinwegzukommen.“ - -„Du meinst also, ich habe dir heute nicht geholfen?“ fragte er langsam -und richtete sich auf. - -„Lieber -- doch, du konntest ja nichts tun.“ - -„Soll ich jetzt gehen?“ flüsterte er kurz darauf und zog sie an sich. - -„Du sollst tun, was du willst“, erwiderte sie leise. - -„Du weißt, was ich will. Was möchtest du -- am liebsten?“ - -„Ich weiß nicht, was ich möchte, Helge.“ Sie brach in Tränen aus. - -„Jenny, ach Jenny!“ Er küßte sie behutsam viele, viele Male. Als sie -ruhiger geworden war, ergriff er ihre Hand. - -„Ich gehe jetzt. Schlaf gut. Du darfst nicht böse auf mich sein. Du -bist so müde, armes Kleines!“ - -„Sag mir lieb Gute Nacht,“ bat sie und hing an seinem Halse. - -„Gute Nacht, meine süße, geliebte Jenny. Du bist müde, Armes -- so -matt. Gute Nacht. Gute Nacht.“ - -Dann ging er. Und wieder weinte sie. - - - - -VI. - - -„Hier ist es, was ich dir eigentlich zeigen wollte,“ sagte Gert Gram -und erhob sich. Er hatte auf den Knien gelegen und in dem unteren Fach -des Geldschrankes gekramt. - -Jenny schob die alten Skizzenbücher beiseite und rückte die elektrische -Tischlampe zu sich hinüber. Er wischte den Staub von der großen Mappe -und reichte sie ihr. - -„Es ist viele Jahre her, seit ich dies irgend jemandem zeigte oder mir -selber angesehen habe. Aber lange habe ich gewünscht, du solltest es -sehen, seit dem ersten Male, als ich bei dir im Atelier war. An jenem -Tage, als du dir hier die Bilder von Helge als kleinen Jungen ansahst, -nahm ich mir vor, dich zu fragen, ob du die anderen sehen willst. -Und später, während du hier arbeitetest, habe ich immer wieder daran -gedacht. -- Ja, es ist sonderbar, Jenny. Wenn ich daran denke, während -ich hier den Alltag mit meiner Arbeit zubringe.“ Er blickte sich in -dem kleinen engen Büroraum um. „Hier bin ich gelandet mit all meinen -Jugendträumen. Drüben im Schrank liegen sie, wie Leichen in ihrem -Sarkophage, und hier gehe ich selbst umher -- ein toter und vergessener -Künstler.“ - -Jenny schwieg. Gram drückte sich mitunter ein wenig sentimental aus, -fand sie. Obgleich sie wußte, daß das Gefühl, das ihm die Worte gab, -bitter aufrichtig war. Einer plötzlichen Eingebung folgend, strich sie -ihm leicht über das graue Haar. - -Gram beugte den Kopf ein wenig nieder, gleichsam als wollte er ihre -flüchtige Liebkosung verlängern. Dann -- ohne aufzublicken, löste er -die Bänder an der Mappe. Seine Hand bebte leicht. - -Sie merkte mit Erstaunen, daß ihre eigenen Hände zitterten, als sie das -erste Blatt entgegennahm. Ihr war so merkwürdig beklommen ums Herz, -als fühlte sie, daß ein Unglück geschehen würde: ihr wurde plötzlich -Angst bei dem Gedanken, daß ja niemand von dem Besuch wissen durfte, -daß sie nicht wagte, es Helge zu sagen. Sie wurde mißmutig, als sie -jetzt an ihren Verlobten dachte. Seit langem hatte sie es absichtlich -unterlassen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich für ihn fühlte. -Sie wollte der Ahnung, die in dieser Sekunde in ihr aufdämmerte, nicht -Raum geben und wollte sich nicht noch mehr in Unruhe bringen durch die -Frage, was eigentlich Gert Gram für sie empfand. - -Blatt für Blatt nahm sie aus der Mappe, die seine Jugendträume -enthielt, und es wurde ihr dabei unsagbar traurig zumute. - -Er hatte ihr von diesem Werk -- Zeichnungen zu Landstads Volksliedern --- erzählt, so oft sie allein waren. Es war ihr klar geworden, daß er -um dieser einzigen Arbeit willen geglaubt, er sei zum Künstler geboren. - -Seine Bilder zu Hause hatte er selber einmal Dilettantenarbeit eines -fleißigen und gewissenhaften Schülers genannt. Aber dies hier -- das -war sein Eigen. Sie sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, diese -großen Blätter mit der reichen Umrahmung romantischen Laubwerks und den -zierlichen Mönchsbuchstaben des Textes. Die Farbenwirkung war überall -rein und fein, bei einigen sogar verblüffend. Aber die eingefügten -Vignetten und Friese mit Figuren, so sorgfältig und richtig ihre -miniaturartige Zeichnung auch war, so leblos und stillos erschienen -sie. Einige waren durchaus naturalistisch, wieder andere lehnten sich -so eng an italienisch-mittelalterliche Kunst, daß Jenny einzelne ganz -bestimmte Offenbarungsengel und Madonnen unter den Kopfbedeckungen -der Ritter und Jungfrauen wiedererkannte. Ja, sogar die Farbenwirkung -selbst, so z. B. von dem Hukaballiede mit den goldenen und rotvioletten -Tönen, erkannte sie aus einem bestimmten Meßbuch, das sie in der San -Marco-Bibliothek gesehen hatte. Wie seltsam die groben, festgeformten -Verse sich dagegen abhoben, in den zierlichen Typen des Klosterlateins -geschrieben. Bei einigen der großen, ganzseitigen Bilder waren -Formensprache und Komposition in barockem Stil gehalten, römischen -Altarbildern entlehnt. Ein Widerklang all dessen, das er gesehen, worin -er gelebt, was er geliebt, das war Gert Grams Jugendmelodie. Keiner -dieser Töne war sein eigen, es war nur ein Echo vieler Töne, wenn auch -dies Echo alles mit eigenem, weichem, melancholischem Klange wiedergab. - -„Du bist nicht damit zufrieden,“ sagte er lächelnd. „O nein, ich sehe -wohl.“ - -„Doch, natürlich. Es liegt so viel Schönes und Zartes darin. Du weißt,“ -sie suchte nach dem Ausdruck, „es wirkt auf uns etwas fremd, da wir die -gleichen Motive anders behandelt gesehen -- und so gut, daß wir sie uns -in anderer Art nicht recht vorstellen können.“ - -Er saß ihr gegenüber, das Kinn auf die Hand gestützt. Nach einer Weile -sah er auf -- ihr Herz krampfte sich bei diesem Blick zusammen: - -„Ich wußte übrigens schon damals, was daran hätte besser sein sollen,“ -sagte er still und versuchte zu lächeln. „Wie ich dir sagte, ich habe -die Mappe soviele Jahre nicht hervorgeholt.“ - -„Ich habe niemals recht verstehen können,“ sagte sie nach einer Weile -ablenkend, „daß du dich zu Spätrenaissance und Barock so hingezogen -fühltest.“ - -„Es ist auch nicht zu verlangen, kleine Jenny, daß +du+ das verstehst.“ -Er blickte ihr mit einem sonderbar wehen Lächeln ins Gesicht. „Siehst -du, es gab wohl eine Zeit, da ich felsenfest an mein eigenes Talent -glaubte. Aber doch nie so unbedingt, daß nicht ein kleiner nagender -Zweifel zurückgeblieben wäre. Nicht daran zweifelte ich, daß ich nicht -auszudrücken vermöchte, was ich sagen wollte, ich war mir nicht klar -darüber, was ich eigentlich ausdrücken wollte. Ich sah ja, daß die -romantische Kunst abgeblüht und im Begriff war, hinzuwelken. Fast auf -der ganzen Linie hatten Verfall und Unwahrhaftigkeit um sich gegriffen, -und gerade der Romantik gehörte mein ganzes Herz. Nicht nur in der -Malerei. Ich sehnte mich nach den sonntäglichen Bauern der Romantik, -trotzdem ich als Knabe lange genug auf dem Lande gelebt hatte, um zu -wissen, daß es sie nicht mehr gibt. Als ich in die Welt zog, war mein -Ziel das Italien der Romantik. Ich weiß sehr wohl, du und deine Zeit, -ihr sucht die Schönheit in dem, was +ist+, sinnlich und wirklich. -+Ich+ fand sie nur in der Umbildung der Wirklichkeit, die andere schon -vorgenommen hatten. Du weißt, die achtziger Jahre kamen mit ihrem neuen -Glaubensbekenntnis, ich machte den Versuch, zu folgen, doch mein Herz -lehnte sich auf.“ - -„Ja, aber Gert,“ Jenny richtete sich auf, „die Wirklichkeit ist doch -nicht ein bestimmter Begriff. Sie zeigt sich jedem einzelnen anders. -‚~There’s beauty in everything~,‘ sagte ein englischer Maler einmal zu -mir, ‚~only your eyes see it or see it not, little girls~‘“. - -„Ja, aber, Jenny -- ich vermochte ja die Wirklichkeit nicht zu +sehen+, -ich erfaßte nur ihren Widerschein in den Träumen Anderer. Ich war -nicht einmal fähig, aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeitswelt -+meine+ Schönheit herauszufinden. -- Ich fühlte meine eigene Ohnmacht -deutlich. Als ich dann dort hinunterkam, eroberte der Barock mein -Herz. Begreifst du die tiefe Ohnmacht und die Seelenpein, die man -unter der Unfähigkeit, der Phrase, erleidet? Nichts Persönliches, -Neues zu besitzen, um die Form damit zu erfüllen. -- Nur die Technik -vervollkommnet sich, die rauschende Bewegung der Gewänder, die -halsbrecherischen jähen Reduktionen, die gewaltigen Effekte in Licht -und Schatten, die geschraubte Komposition. Die Leere wird unter -der Ekstase verborgen -- verzerrte Gesichter, verrenkte Glieder, -Heilige, deren einzig wahre Leidenschaft die Furcht vor ihrem eigenen -hartnäckigen Zweifel ist, den sie in krankhafter Erregung ersticken -wollen. Ja, wahrhaftig, du, das ist die Verzweiflung des Niederganges, -das Werk der Epigonen, das nur blenden will -- und meist sich selbst.“ - -Jenny nickte. „Dies ist jedenfalls deine subjektive Anschauung. -Ich bin durchaus überzeugt, daß die Maler, von denen du sprichst, -außerordentlich stolz und zufrieden mit sich selber waren.“ - -Er schlug plötzlich einen anderen Ton an und lachte: „Möglich. -Vielleicht wurde dies mein Steckenpferd, weil, wie du sagtest, es nun -einmal mein subjektiver Standpunkt war.“ - -„Aber das Bild, das du von deiner Frau gemalt hast -- in Rot -- das ist -doch ganz impressionistisch, und es ist ausgezeichnet. Je öfter ich es -mir anschaue, desto besser finde ich es.“ - -„O ja. Aber das ist ja ein vereinzelter Fall.“ Er schwieg. „Als ich -malte, war sie für mich das Leben. Ich war toll verliebt in sie -- und -doch haßte ich sie schon so grenzenlos.“ - -„Daß du die Malerei aufgabst,“ fragte Jenny leise, „war das ihre -Schuld?“ - -„Nein, Jenny. Alles, was uns an Unglück zustößt, ist unsere eigene -Schuld. Ich weiß, du bist nicht, was man gläubig nennt. Darin geht -es mir ähnlich. Aber ich +glaube+ -- an Gott meinetwegen, oder eine -seelische Macht, oder was du sonst willst, die in gerechter Weise -straft. -- Sie war irgendwo draußen in der Großen Straße Kassiererin in -einem Geschäft. Ich sah sie dort zufällig. Sie war herrlich schön; das -kannst du vielleicht jetzt noch sehen. Nun ja, ich lauerte ihr eines -Abends auf, als sie aus dem Geschäft kam, und sprach sie an. Lernte sie -kennen. -- Ich verführte sie,“ sagte er leise und hart. - -„Und dann hast du sie eben geheiratet, weil sie ein Kind bekam. Das -habe ich mir gedacht. Zum Dank hat sie dich siebenundzwanzig Jahre lang -gequält und geplagt. -- Weißt du, die Gerechtigkeit, an die du da -glaubst, ist recht grausam.“ - -Er lächelte müde: „Ich bin gar nicht so altmodisch, Jenny, wie du -vielleicht denkst. Ich erblicke darin keine Sünde, daß zwei junge -Menschen, die sich lieben und fühlen, daß sie zusammengehören, sich -einander hingeben, ob nun unter gesetzlichen oder ungesetzlichen -Umständen. Ich aber habe Rebekka tatsächlich verführt. Sie war -unschuldig, als ich sie traf, nicht nur rein körperlich, meine ich. -+Ich+ sah, wie sie war -- sie ahnte es selber nicht. Ich wußte, wie -leidenschaftlich sie war, wie eifersüchtig und tyrannisch sie in ihrer -Liebe sein würde. Ich machte mir aber den Teufel etwas daraus, ich -fühlte mich geschmeichelt, daß gerade mir diese Leidenschaft galt, -daß ich dieses herrliche Mädchen so ganz mein eigen nennen durfte. -Natürlich hatte ich nie die Absicht, mich ihr ganz zu opfern, trotzdem -ich wußte, sie würde alles fordern. Ich hatte nicht gerade vor, sie -zu verlassen, glaubte aber, ich würde mich schon zu behaupten wissen. -Ich hoffte, aus unserem Verhältnis ausschalten zu können, was ich ihr -nicht geben wollte -- meine Interessen, meine Arbeit: mein eigentliches -Leben -- obwohl ich wußte, sie würde versuchen, alles an sich zu -reißen. Es war erzdumm von mir; ich wußte, ich war schwach, und sie -stark und rücksichtslos. Aber ich rechnete darauf, daß ihre stärkere -Leidenschaft mir, der ich in gewissen Punkten verhältnismäßig kalt war, -ein Uebergewicht geben würde. -- Ich entdeckte, daß sie außer ihrer -großen Fähigkeit zu lieben keine starken Eigenschaften besaß. Sie war -eitel und ungebildet, neidisch und roh. Wir hatten keine seelische -Gemeinschaft, was ich aber nicht vermißte. Ich wollte ja nur ihren -herrlichen Körper besitzen, ihre verzehrende Leidenschaft genießen.“ - -Er erhob sich und ging zu Jenny hinüber, ergriff ihre Hände und preßte -sie einen Augenblick an seine Augen. - -„Konnte ich denn wissen, daß eine Ehe mit ihr ein einziges Elend sein -würde? -- Ich mußte ernten, was ich gesät. Ich mußte sie also heiraten. -Es war eine fürchterliche Zeit. Vorher, als sie zu mir ins Atelier -kam -- wild und toll vor Uebermut -- verhöhnte sie jedes altväterische -Vorurteil. Sie war stolz, Geliebte zu sein, übermütig -- für sie gab es -nichts als dies freie Liebesleben. Als es dann eine schlimme Wendung -mit ihr nahm, blies sie aus einem anderen Horn. Ich bekam von ihrer -achtbaren Familie in Frederikshald zu hören, ihrer unbefleckten Tugend, -ihrem guten Ruf -- ich dagegen war ein Schurke, ein Wicht, wenn ich sie -nicht augenblicklich heiratete. Soundso viele Männer hatten sie auf -diese oder jene Weise haben wollen, sie aber wollte sich weder verloben -noch sich verführen lassen. - -Ich hatte nichts zum Heiraten -- ich war Student, nicht einmal tüchtig, -und hatte außer der Malerei nichts gelernt. Monate gingen hin. Ich -mußte zu meinem alten Vater gehen. Dann heirateten wir, und zwei Monate -später kam Helge. -- Meine Familie half mir, dies Geschäft zu beginnen. -Ich hatte ja einmal große Träume von einem Kunstverlag ... meine -Volksliederblätter! -- Aber die Herbeischaffung des täglichen Brotes -und meine Familie machten mir Sorge und Mühe genug. Ich mußte sogar -einmal akkordieren, wie du vielleicht gehört hast -- in den neunziger -Jahren. Sie nahm ehrlich und redlich ihr Teil an Arbeit, Entbehrung und -Armut auf ihre Schultern und hätte mit Freuden für mich und die Kinder -gehungert. Es war bei meinen Gefühlen für sie beschämender, eingestehen -zu müssen, daß sie sich für mich abarbeitete, sich aufopferte und für -mich litt. -- Ich mußte auf alles verzichten, was mir lieb war. Zoll -für Zoll zwang sie mich all das aufzugeben, was ich vor ihr voraus -hatte. Mein Vater und sie waren Todfeinde von der ersten Stunde an. -Sie war ihm unsympathisch! Und das verletzte ihre Eitelkeit. So trieb -sie einen Keil zwischen uns beide. Vater war Beamter von der alten -Schule, vielleicht ein wenig engherzig, steif und trocken -- aber so -fein und vornehm und rechtlich denkend und im Grunde so warm, so weich -und gut. Wir waren einander immer viel -- ja, Jenny, ich liebte ihn, -aber das durfte ich natürlich nicht. -- Dann die Malerei! Ich sah, daß -ich nicht die Fähigkeiten hatte, wie ich erst geglaubt. Ich vermochte -aber nicht, mich immer und immer wieder zu versuchen, da ich doch nicht -an mich selber glauben konnte, müde, wie ich war von der Jagd nach dem -täglichen Brot und von diesem Zusammenleben, das mehr und mehr zu einer -Karikatur wurde. Sie machte mir Vorwürfe, aber heimlich triumphierte -sie. -- Und dann die Kinder! Sie war eifersüchtig, wenn sie merkte, ich -freute mich über sie oder wenn sie sah, sie waren fröhlich mit mir. Sie -wollte die Kinder nicht mit mir teilen, aber sie wollte mich auch nicht -mit den Kindern teilen. Ihre Eifersucht wuchs sich mit den Jahren zu -einer Art Irrsinn aus. Nun, du hast ja selbst gesehen.“ - -Jenny blickte zu ihm auf. - -„Sie kann es kaum ertragen, daß wir in einem Raume zusammen sind, nicht -einmal, wenn Helge dabei ist.“ - -Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie auf ihn zuging und ihre Hände -auf seine Schultern legte: - -„Ich begreife nicht,“ flüsterte sie, „daß du dies Leben ausgehalten -hast.“ - -Gert Gram beugte sich vor und legte seinen Kopf auf ihre Schulter: - -„Ich verstehe es ja selber nicht, Jenny.“ - -Als er kurz darauf sein Antlitz hob und ihre Augen sich trafen, legte -sie ihre Hand um seinen Nacken, und, überwältigt von einem unendlich -verzweifelten, zarten Mitleid, küßte sie ihn auf Stirn und Wange. - -Sie erschrak hinterher selbst, als sie auf sein Gesicht mit den -geschlossenen Augen herniederblickte, wie es an ihrer Schulter ruhte. -Aber dann richtete er sich sanft auf und erhob sich. - -„Danke, kleine Jenny.“ - -Gram legte die Blätter in die Mappe zurück und räumte den Tisch ab. - -„Ja, Jenny, ich wünsche dir, du mögest recht, recht glücklich werden. -Du bist so jung und hell, so frisch und energisch und begabt. Mein -liebes Kind -- du bist so, wie ich es selbst hatte sein wollen. Ich -erreichte es aber niemals.“ Er sprach mit leiser, geistesabwesender -Stimme. - -„Ich glaube,“ sagte er kurz darauf ganz ruhig, „solange ein Verhältnis -neu ist und man sich noch nicht eingelebt hat, kann einem so vieles -begegnen, das schwer zu überwinden ist. Ich wünschte, ihr wohntet -später nicht hier in der Stadt. Ihr sollt allein sein -- in der ersten -Zeit -- fern von Verwandtschaft und dergleichen.“ - -„Helge hat ja die Stellung in Bergen beantragt, weißt du,“ sagte Jenny. -Wieder überfiel sie diese närrische Verzweiflung und Angst, wenn sie an -ihn dachte. - -„Sprichst du nie mit deiner Mutter über diese Dinge, Jenny? Warum -nicht? Hast du deine Mutter nicht lieb?“ - -„Doch, gewiß habe ich Mama lieb.“ - -„Du solltest sie um Rat fragen, mit ihr reden --“ - -„Es nützt mir nichts, andere um Rat zu bitten. Ich mag nicht über -solche Dinge mit anderen sprechen,“ sagte sie abweisend. - -„Nein, nein. Du bist --“ Er stand dem Fenster halb zugewandt, als er -plötzlich zusammenfuhr und leise und aufgeregt ihr zuflüsterte: - -„Jenny -- sie geht dort vorüber!“ - -„Wer?“ - -„Sie -- Rebekka.“ - -Jenny erhob sich. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie +schreien+, -vor Erbitterung und Ekel. Ein Zittern überfiel sie, jede Fiber in -ihr krampfte sich zusammen, lehnte sich auf. Sie +wollte+ nicht -hineingezogen werden in all das Häßliche, Schauderhafte, in dieses -Mißtrauen, diesen Hader, diese haßerfüllten Worte, Zänkereien und -Szenen ... Nein, sie wollte nicht da hinein --. - -„Jenny, du bebst ja, Kind -- du solltest keine Furcht haben, dir darf -sie nichts tun --.“ - -„Das ist es nicht -- ich bin nicht ängstlich.“ Sie wurde plötzlich kalt -und hart. „Ich bin hier gewesen, um dich zu holen -- wir haben uns die -Mappen angesehen und nun trinke ich bei euch Tee.“ - -„Es ist ja nicht sicher, daß sie etwas gesehen hat --“ - -„Das brauchen wir, weiß Gott, auch nicht zu verbergen! Weiß sie nicht, -daß ich hier gewesen bin, so erfährt sie es eben. Ich gehe mit dir -nach Hause, hörst du? Wir +müssen+ es tun, sowohl deinet- als auch -meinetwegen --.“ - -Gram blickte sie an: - -„Nun ja, nehmen wir es also auf uns.“ - -Als sie auf die Straße hinunter kamen, war Frau Gram gegangen. - -„Wir fahren mit der Straßenbahn, Gert; es ist spät.“ Sie schwieg. -Plötzlich fuhr sie auf. „Helges wegen müssen wir es auch tun; diese -Geheimniskrämerei zwischen uns muß auch um seinetwillen ein Ende haben.“ - - * * * * * - -Frau Gram öffnete ihnen selbst die Tür, als sie kamen. Während Gert -Gram seine Erklärung vorbrachte, begegnete Jenny frei ihren bösen Augen: - -„Das ist doch ärgerlich, daß Helge heute Abend nicht zu Hause ist. -Glauben Sie nicht, daß er früher zurückkommt, Frau Gram?“ - -„Es ist aber auch merkwürdig, lieber Freund, daß du nicht daran gedacht -hast,“ sagte Frau Gram zu ihrem Manne. „Es ist für Fräulein Winge -schließlich kein Vergnügen, mit uns beiden einsamen Alten den ganzen -Abend zu verbringen.“ - -„Oh, was das betrifft,“ meinte Jenny. - -„Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, daß Helge davon sprach, er -ginge heute Abend fort,“ sagte Gram. - -„Man ist es nicht gewöhnt, Sie ohne Handarbeit zu sehen,“ lächelte Frau -Gram, als sie nach dem Essen im Wohnzimmer bei einander saßen. „Sie, -die Sie immer so fleißig sind!“ - -„Nein, ich konnte nicht mehr nach Hause gehen, ich kam zu spät aus dem -Atelier. Können Sie mir nicht eine Arbeit leihen, Frau Gram?“ - -Jenny unterhielt sich mit ihr über den Preis aufgezeichneter -Handarbeiten hier und in Paris, und über die Bücher, die sie ihr -geliehen hatte. Gram saß und las. Hin und wieder fühlte Jenny seine -Augen auf ihr ruhen. - -Gegen elf Uhr kam Helge. -- - -„Was ist denn geschehen?“ fragte er, als sie dann die Treppe -hinuntergingen. „Ist zu Haus wieder eine Szene gewesen?“ - -„Durchaus nicht.“ Sie sprach heftig und nervös. „Deine Mutter nahm es -wohl ungnädig auf, daß ich mit deinem Vater zusammen zu euch nach Hause -kam.“ - -„Ich finde allerdings auch, das hättet ihr vermeiden können,“ sagte -Helge zaghaft. - -„Ich fahre mit der Straßenbahn nach Hause!“ Uebernervös, wie sie war, -riß sie sich plötzlich unbeherrscht von ihm los. „Mehr ertrage ich -heute Abend nicht, hörst du? Ich will nicht jedesmal diese Szenen mit -dir haben, wenn ich bei euch gewesen bin. Gute Nacht!“ - -„Aber Jenny! Jenny --!“ Er lief ihr nach, aber sie war bereits an der -Haltestelle. Die Bahn kam im selben Augenblick, Jenny sprang auf und -ließ ihn stehen. - - - - -VII. - - -Sie ging den ganzen Vormittag über im Atelier auf und ab, ohne zu -arbeiten. Sie hatte nicht die Kraft, etwas zu tun. - -Der Regen trommelte unaufhörlich und laut auf dem großen -Mansardenfenster. Hin und wieder hielt Jenny inne und blickte -über die regennassen Schieferdächer, die schwarzen Schornsteine -und Telephondrähte hinweg, an denen die Regentropfen wie Perlen -entlangglitten, zusammenliefen und niederfielen, um neuen Tropfen, die -schnell herbeiliefen, Platz zu machen. - -Ihr kam der Gedanke, in den Bundefjord zur Mutter und den Kindern zu -reisen, einige Tage wenigstens. Von all diesem hier +mußte+ sie fort. -Oder sie wollte die Stadt verlassen, irgendwo in einem Hotel Wohnung -nehmen, Helge bitten, nachzukommen, um mit ihm in Ruhe sprechen zu -können. - -Wenn sie beide nur eine Zeitlang allein sein könnten! Sie versuchte, -sich ihren Lenz dort unten vor Augen zu führen, sie erinnerte sich der -Wärme und der grünen Campagna, der weißen Blüten, des silberfeinen -Dunstes über dem Gebirge und ihrer eigenen Freude. Aber Helges Bild aus -jener Zeit -- wie er in ihren verliebten Augen ausgesehen hatte, schien -sie nicht zurückrufen zu können. - -Diese Tage lagen nun schon so weit hinter ihr, und sie standen so -sonderbar isoliert von ihrem übrigen Leben da. Wenn sie auch noch so -genau +wußte+, wie es gewesen, so konnte sie doch die Verbindung -zwischen damals und heute nicht mehr +fühlen+. - -Dieses Haus in der Welhavenenstraße -- nein, dort gehörte sie nicht -hin. Und es war ihr, als entschwinde Helge ihr dort gleichsam vor ihren -Augen. Es war unfaßbar, sie wollte es einfach nicht glauben, daß diese -Menschen zu ihr gehören sollten, für alle Zukunft. - -Nein. Er, Gram, hatte Recht. Sie mußten aus all diesem heraus. - -Sie wollte reisen. Sofort. Ehe Helge käme und eine Erklärung für den -gestrigen Tag forderte. - -Eben hatte sie die Handtasche gepackt und zog den Regenmantel über, als -es klopfte -- mehrmals. Sie erkannte Helges Zeichen. - -Jenny stand mäuschenstill und wartete, bis er gegangen war. Kurz darauf -ergriff sie ihre Reisetasche, verschloß das Atelier und ging. - -Als sie ein Stück die Treppe hinuntergekommen war, sah sie einen Mann -in einem der Flurfenster sitzen. Es war Helge. Er hatte sie bereits -gesehen. So ging sie denn zu ihm hinunter. Einen Augenblick starrten -sie sich an. - -„Warum wolltest du mir eben nicht öffnen?“ fragte er. - -Jenny antwortete nicht. - -„Hörtest du nicht, daß ich klopfte?“ - -„Doch. Ich hatte aber kein Verlangen mit dir zu sprechen.“ - -Er erblickte ihren Handkoffer. - -„Willst du zu deiner Mutter fahren?“ - -Jenny überlegte einen Augenblick: - -„Nein. Ich gedenke einige Tage nach Holmestrand zu reisen. Ich wollte -dir dann schreiben und dich bitten, nachzukommen. Wir konnten dann eine -Weile zusammen sein, ohne daß sich Unbeteiligte hineinmischen und uns -Szenen machen. Ich würde gern mit dir in Ruhe und Frieden reden.“ - -„Ich hätte auch gern mit dir gesprochen. Können wir nicht zu dir -hinaufgehen?“ - -Sie antwortete nicht gleich. - -„Ist jemand bei dir oben?“ fragte er. - -Jenny richtete ihre Augen auf ihn: - -„Jemand oben? Wenn ich gegangen bin?“ - -„Es könnte ja jemand sein, mit dem du nicht zusammen fortgehen magst.“ - -Sie wurde brennend rot. - -„Wie meinst du das, ich konnte ja gar nicht wissen, daß du mir hier -auflauertest.“ - -„Liebe Jenny, du kannst dir doch denken -- ich meine doch nicht, daß -von deiner Seite etwas Unrechtes darin läge.“ - -Jenny erwiderte nichts, sondern stieg die Treppe wieder hinauf. Oben -im Atelier setzte sie den Koffer nieder, blieb im Mantel stehen und -beobachtete Helge, wie er seinen Regenmantel ablegte und den Schirm in -einen Winkel stellte. - -„Vater erzählte es mir heute morgen, daß du bei ihm gewesen bist, und -daß Mutter draußen vorbeiging --.“ - -„Ja.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Es ist eine merkwürdige -Angelegenheit bei euch zu Hause -- so auf der Lauer zu liegen. Es wird -mir recht schwer, mich daran zu gewöhnen, muß ich sagen.“ - -Helge wurde rot: - -„Liebste Jenny, ich +mußte+ mit dir sprechen. Die Portierfrau sagte, -sie glaubte ganz bestimmt, du seiest oben. Du weißt doch wohl, daß ich -nicht +dir+ mißtraue --“ - -„Ich weiß bald nicht mehr aus noch ein,“ antwortete sie aufgebracht. -„Ich kann das nicht mehr aushalten -- all den Argwohn, diese -Geheimnistuerei, diesen Unfrieden und die Häßlichkeit. Herrgott, Helge --- kannst du mich denn nicht ein wenig dagegen schützen!“ - -„Arme Jenny.“ Er erhob sich und ging zum Fenster, den Rücken ihr -zugewandt. - -„Ich habe mehr darunter gelitten, Jenny, als du ahnst. Es ist zum -Verzweifeln. Denn -- begreifst du das nicht selber -- Mutters -Eifersucht ist doch nicht ganz unbegründet.“ - -Jenny zuckte zusammen. Helge wandte sich um und sah es. - -„Ich glaube natürlich nicht, daß Vater sich dessen bewußt ist. Sonst -würde er seinem Verlangen, mit dir zusammen zu sein -- nicht in diesem -Maße nachgeben. Obgleich --. Er sprach auch mit mir darüber, daß wir -beide fort müßten, fort aus dieser Stadt. Ich weiß nicht -- hat er dich -nicht überhaupt auf die Reise gebracht?“ - -„Auf diese Reise nach Holmestrand bin ich selbst gekommen. Er sprach -aber gestern mit mir davon, daß wir nicht hier in der Stadt wohnen -dürften -- wenn wir verheiratet wären --“ - -Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Schultern. Ihre -Stimme war klagend: - -„Helge, mein Freund -- ich muß ja reisen, wenn es so ist -- Helge, -Helge -- was sollen wir tun?“ - -„Ich reise,“ sagte er kurz. Er nahm ihre Hände von seinen Schultern und -preßte sie an seine Wangen. So standen sie einen Augenblick still. - -„Auch ich muß reisen. Kannst du denn nicht verstehen? Als ich noch -dachte, deine Mutter sei ungerecht -- ja, und auch unfein -- konnte -ich ihr gegenüber tun, als ginge es mich nichts an. Aber jetzt -- du -hättest das nicht sagen dürfen, Helge -- selbst wenn du dich irrtest. -Ich kann nicht mehr dorthin gehen, wenn ich darüber nachgrübeln muß, -ob sie auch nur einen leisen Schein von Recht hat; ich werde unsicher, -ich weiß, ich kann ihr gegenüber nicht meine Fassung bewahren -- ich -komme mir vor wie eine Schuldige ...“ - -„Komm.“ Er zog sie mit sich zum Sofa und setzte sich neben sie. „Ich -will dich etwas fragen.“ - -„Liebst du mich, Jenny?“ - -„Das weißt du,“ sagte sie hastig und bang. - -Er nahm ihre Hand in seine beiden: - -„Ich weiß, du hast es eine Zeitlang getan. Gott weiß, ich begriff nie, -aus welchem Grunde. Aber ich wußte, du sprachst die Wahrheit, wenn du -es sagtest. Dein ganzes Wesen gegen mich war Liebe, Güte und Freude. -Aber ich hatte immer Angst, daß der Tag kommen würde, an dem du mich -nicht mehr liebtest.“ - -Sie blickte ihm in das weiße Gesicht: - -„Ich bin dir so gut, Helge.“ - -„Ich weiß es wohl.“ Er lächelte flüchtig. „Ich weiß wohl, du bist nicht -eine von denen, deren Herz erkaltet gegen den Mann, den sie einstmals -liebten. Ich weiß auch, du willst mir nicht wehe tun -- du wirst selbst -leiden, wenn du mich nicht mehr liebst. -- Ich habe dich so grenzenlos -lieb, siehst du --“ - -Er senkte seinen Kopf und weinte. Sie zog ihn fest an sich: - -„Helge. Mein Junge. Mein lieber, lieber Junge.“ - -Er hob wieder den Kopf und schob sie sanft zurück: - -„Jenny -- damals in Rom -- ich hätte dich nehmen können. Du wolltest -mein werden -- ganz. Du hattest den guten Willen -- in deiner Seele -herrschte kein Zweifel darüber, daß unser Zusammenleben für uns Glück -bedeuten würde. Ich war nicht so sicher -- darum wohl wagte ich es -nicht --. Später, hier zu Hause ... Ich sehnte mich so unsagbar. Ich -wollte dich ganz besitzen, da ich fürchtete, dich eines Tages zu -verlieren. Aber ich merkte, wie du immer auswichest, wenn du fühltest, -daß dies Begehren in mir aufstieg.“ - -Sie blickte ihn erschrocken an. Es war so! Sie hatte es sich nicht -gestehen wollen -- aber er hatte Recht. - -„Wenn ich dich jetzt bäte. In dieser Stunde!?“ - -Jenny bewegte die Lippen. Dann sagte sie schnell und fest: - -„Ja.“ - -Helge lächelte traurig und küßte ihre Hand: - -„Willig und gern? Weil +du+ mein sein willst? Weil du dir ein Glück -ohne mich und dich nicht denken kannst? Nicht nur, weil du mir etwas -Liebes antun willst? Nicht nur, weil du nicht dein Wort brechen willst? -Antworte aufrichtig!“ - -Sie warf sich weinend über seine Knie: - -„Laß mich fortreisen! Ich will ins Gebirge fahren. Hörst du, Helge -- -ich muß mich selber wiederfinden -- ich will +deine+ Jenny werden, -wie in Rom. Ich +will+, Helge -- ich weiß weder aus noch ein, aber -ich +will+. Wenn ich ruhiger geworden bin, schreibe ich an dich; dann -kommst du nach und dann bin ich nur deine, ganz deine Jenny --.“ - -„Jenny,“ sagte Helge leise. „Ich bin meiner Mutter Sohn. Wir haben -uns voneinander entfernt -- wir haben uns schon jetzt voneinander -entfernt. Du müßtest mich davon überzeugen, daß ich dir das Höchste auf -Erden bin, das Einzige, mehr als alles andere -- aber du kannst nicht. -Ich fühle ja, daß du zu deiner Arbeit, deinen Freunden mehr gehörst -als zu mir, während du dich unter den Menschen fremd fühlst, die mir -nahestehen --.“ - -„Ich fühle mich deinem Vater gegenüber nicht so fremd,“ flüsterte Jenny -unter Tränen. - -„Nein. Aber Vater und ich sind uns fremd. Jenny -- da ist deine Arbeit, -in der ich niemals ganz eins mit dir werden kann. Ich weiß jetzt, daß -ich auch darauf eifersüchtig bin. Jenny, verstehst du nicht, ich +bin+ -ja ihr Sohn. Fühle ich nicht sicher, daß ich für dich alles auf der -Welt bedeute, so muß ich eifersüchtig sein, fürchten, daß eines Tages -einer kommt, den du ganz lieben wirst, der dich besser versteht --. -Ich bin von Natur eifersüchtig --.“ - -„Du darfst es nicht sein, Helge. Dann zerbricht alles. Ich +dulde+ kein -Mißtrauen gegen mich. Hörst du -- ich kann leichter verzeihen, wenn du -mich betrügst, als wenn du an mir zweifelst --.“ - -„Das könnte ich nicht.“ Er lachte gequält. - -Jenny strich sich das Haar aus der Stirn und trocknete die Augen: - -„Helge. Wir haben uns doch gern. Wenn wir alles um uns her verließen -und wenn wir beide den +Willen+ hätten, alles gutzumachen. Wenn zwei -Menschen einander gut sein und einander glücklich machen +wollen+ --.“ - -„Ich habe zu viel gesehen. Ich wage nicht auf meinen und deinen Willen -zu bauen. Da sind andere, die auch auf den guten Willen gehofft haben. -Ich habe gesehen, wie zwei Menschen einander das Leben zur Hölle machen -können. -- Du sollst mir auf das antworten, was ich dich fragte. Liebst -du mich? Willst du mein sein -- wie in Rom? Darf ich heute Nacht bei -dir bleiben? Ist das dein Wunsch, der höchste, den du hast?“ - -„Ich bin dir doch gut, Helge.“ Sie schluchzte verzweifelt und leise. - -„Ich danke dir,“ sagte er. Er ergriff ihre Hand und küßte sie. „Du -kannst ja nichts dafür, armes Liebes, daß du mich nicht liebst. Das -weiß ich wohl.“ - -„Helge!“ klagte sie flehend. - -„Du kannst mir nicht sagen, Jenny, daß ich bleiben soll, weil du ohne -mich nicht leben kannst. Wagst du es, die Verantwortung für alle Folgen -zu übernehmen, wenn du sagst, du liebtest mich, nur damit ich jetzt -nicht traurig von dir gehe --?“ - -Jenny starrte in ihren Schoß. - -Helge zog den Regenmantel an und griff nach seinem Schirm. - -„Leb wohl, Jenny.“ Er nahm ihre Hand. - -„Gehst du von mir, Helge?“ - -„Ja, Jenny, ich gehe.“ - -„Kommst du nicht wieder?“ - -„Nur, wenn du mir sagen kannst, was ich dich fragte.“ - -„Das kann ich jetzt nicht sagen,“ flüsterte sie verzweifelt. - -Helge strich ihr flüchtig übers Haar. Dann ging er. - - * * * * * - -Jenny blieb weinend auf dem Sofa sitzen. Sie schluchzte bitterlich und -lange -- ohne zu denken. Und inmitten der tiefen Müdigkeit, die darauf -folgte, der Mattigkeit nach der kleinlichen Quälerei, der kleinlichen -Demütigung und dem kleinlichen Hader der letzten Monate fühlte sie ihr -Herz so leer und kalt. Helge hatte Recht. - -Nach einer Weile verspürte sie Hunger. Als sie nach der Uhr sah, war es -sechs. - -Sie hatte vier Stunden so dagesessen. Als sie ihren Mantel anziehen -wollte, entdeckte sie, daß sie ihn gar nicht abgelegt hatte. - -Drüben an der Tür hatte sich eine Wasserpfütze gebildet -- zwischen -einigen Bildern im Blendrahmen. Jenny suchte nach einem Lappen und -trocknete den Boden auf. Da fiel ihr plötzlich ein, daß das Wasser von -Helges Schirm herrührte. Sie lehnte die Stirn an den Türrahmen und -weinte wieder. - - - - -VIII. - - -Das Mittagessen war schnell beendet. Sie versuchte die Zeitung zu lesen -und eine Weile ihre Gedanken auszuschalten. Es war aber umsonst. So -würde es doch besser sein, heimzugehen und sich dort hinzusetzen --. - -Als sie kam, stand ein Mann wartend auf dem obersten Treppenabsatz. Er -war groß und schmächtig. Sie sprang die letzten Stufen hinauf und rief -Helges Namen. - -Sie erkannte seinen Vater. „Es ist nicht Helge,“ entgegnete er. - -Jenny streckte ihm atemlos beide Hände entgegen: - -„Gert -- was ist -- ist etwas Schlimmes geschehen?“ - -„Still, still, Jenny.“ Er ergriff ihre Hand. „Helge ist fortgereist -nach Kongsberg zu einem Freund, einem Schulkameraden, der dort Arzt -ist. Zu Besuch. Herrgott, Kind, du fürchtest doch nichts anderes --.“ -Er lächelte ganz leise. - -„Oh, ich weiß nicht --.“ - -„Nein. Aber liebe Jenny -- du bist ja ganz außer dir --.“ - -Sie ging ihm vorauf durch den Gang und schloß das Atelier auf. Drinnen -war es taghell und Gert Gram betrachtete sie. Er war selbst bleich. - -„Ist dir so weh ums Herz, Jenny? -- Helge sagte -- ich verstand ihn -jedenfalls so -- daß ihr übereingekommen seid ... ihr fändet beide, daß -ihr nicht zueinander paßt --.“ - -Jenny schwieg. Wie sie jetzt einen Dritten es aussprechen hörte, war es -ihr, als müsse sie widersprechen. Sie hatte es vorhin nicht begriffen, -daß es vorbei sein sollte. Aber da stand er und sagte: sie seien sich -klar geworden, daß es so das Beste wäre. Helge war fortgereist, und die -Liebe, die sie einmal für ihn empfunden, war gestorben -- sie konnte -sie nicht mehr in sich finden -- und daher war es eben vorbei. Aber -Gott im Himmel, wie war es denn möglich, daß es zu Ende sein sollte, -zumal sie es ja gar nicht gewollt --. - -„Ist es so schwer für dich, Jenny?“ fragte er wieder. „Hast du ihn doch -noch lieb --?“ - -Jenny warf den Kopf zurück: - -„Natürlich bin ich Helge gut.“ Ihre Stimme bebte leise: „Man hört doch -nicht ohne weiteres auf, einen Menschen gern zu haben, den man geliebt -hat. Es ist einem doch nicht gleichgültig, ob man einem anderen -wehetut --.“ - -Gram antwortete nicht gleich. Er setzte sich aufs Sofa, drehte seinen -Hut zwischen den Händen und betrachtete ihn: - -„Ich verstehe ja, daß es schmerzlich und schlimm für euch beide ist. -Aber Jenny -- wenn du es dir überlegst -- glaubst du nicht selbst, daß -es das Beste für euch ist --?“ - -Sie entgegnete nichts. - -„Wie innig froh ich war, Jenny, als ich dich traf und sah, wie die Frau -war, die mein Sohn erwählt hatte -- das kann ich dir nicht beschreiben. -Es schien mir, als sollte mein Junge alles das besitzen, worauf ich -in meinem Leben hatte verzichten müssen. Du warst so schön und fein, -ich hatte den Eindruck, als seiest du ebenso gut, wie du klug, stark -und selbständig warst; und dann warst du eine begabte Künstlerin, die -weder an Ziel noch Mitteln zweifelte. Du sprachst froh und warm von -deiner Arbeit, und froh und warm von deinem Freunde ... Dann kam Helge -heim. Da fand ich, daß du dich verändertest -- merkwürdig schnell. -Die peinlichen Vorkommnisse, die in meinem Hause nun einmal an der -Tagesordnung sind, machten also einen zu starken Eindruck auf dich. -Ich dachte, es sei unmöglich, daß Dinge wie eine -- unbehagliche, -zukünftige Schwiegermutter einem jungen liebenden Weib vollständig -das Glück verbittern könnten. Ich begann zu fürchten, daß tiefere -Mißverhältnisse, die du jetzt nach und nach entdecktest, Schuld wären. -Daß du vielleicht sahest, daß deine Liebe zu Helge nicht so felsenfest -war, wie du geglaubt. Daß dir klar wurde, daß ihr im Grunde nicht -zusammen paßtet, wie du natürlich angenommen hattest. Daß mehr eine -Augenblicksstimmung euch zusammengeführt hatte --. Dort unten, ihr -Beide allein, losgelöst von jedem alltäglichen, heimlichen Band, allein -in der neuen Umgebung, Beide jung und frei, glücklich durch die Arbeit -und wohl Beide mit der Liebessehnsucht der Jugend im Herzen -- sollte -all das nicht vorübergehende Sympathie und Verständnis erwecken können, -selbst wenn diese Sympathie, dieses Verständnis nicht in die tiefsten -Winkel eurer beider Seelen gedrungen war?“ - -Jenny stand drüben am Fenster und blickte zu ihm hinüber. Sie empfand -einen seltsam heftigen Unwillen, als er sprach. Herrgott, vielleicht -hatte er Recht. Aber er verstand ja gar nicht, was ihr eigentlich das -Herz so schwer machte, während er ihr alles so klar auseinandersetzte: - -„Das ändert nichts an der Sache -- selbst, wenn etwas an dem ist, was -du sagst. Möglich, daß du Recht hast --.“ - -„Es ist jedenfalls besser, Jenny, daß ihr es jetzt eingesehen habt. -Besser, als wenn es später gekommen wäre, wenn die Bande fester -geknüpft waren und es schmerzlicher gewesen wäre, sie zu lösen --.“ - -„Das ist es ja nicht, ach, das ist es ja gar nicht!“ Sie unterbrach -ihn plötzlich heftig. „Ich -- ich verachte mich selbst. Man gibt einer -solchen lächerlichen Stimmung nach, lügt sie herbei. Man soll +wissen+, -daß man, ehe man sagt, man liebt, für sein Wort einstehen kann. Eine -solche Leichtfertigkeit habe ich immer am allermeisten verachtet. Nun -sitze ich selbst in der Schande.“ - -Gram blickte plötzlich scharf zu ihr hinüber. Er wurde bleich -- und -dann glühend rot. Nach einer Weile sagte er mühsam: - -„Ich sagte, es sei das Beste, daß, wenn zwei Menschen nicht zueinander -passen, sie es entdecken, ehe das Verhältnis so tief in ihr Leben -eingegriffen hat, daß Beide -- und besonders sie -- nie wieder die -Spuren auslöschen können. Ist es zu spät, so muß man eher versuchen, ob -man nicht -- mit ein wenig Resignation und viel gutem Willen von beiden -Seiten -- eine Harmonie zuwege bringen kann. Erweist sich das als eine -Unmöglichkeit, so kann man ja noch immer --. Ich weiß ja nicht, ob du -und Helge ... wie tief es gegangen ist --.“ - -Jenny lachte spöttisch: - -„Ah, ich verstehe, was du meinst. Für mich ist es ebenso bindend, daß -ich Helge habe angehören +wollen+ -- mein Wort gegeben habe und es nun -nicht halten kann. Ebenso demütigend -- vielleicht mehr als wenn ich -wirklich sein gewesen wäre --.“ - -„Du wirst das nicht sagen, wenn du einmal einem Manne begegnest, den du -mit großer, wahrer Liebe lieben kannst,“ sagte Gram leise. - -Jenny zuckte mit den Schultern: - -„Glaubst du übrigens an die große und wahre Liebe, von der du da -sprichst?“ - -„Ja, Jenny.“ Gram lächelte schwach. „-- Ich weiß, der Ausdruck kommt -euch jungen Menschen heutzutage komisch vor. Ich glaube indessen an sie --- aus guten Gründen.“ - -„Ich glaube, eines jeden Menschen Liebe ist wie er selbst. Wer -großzügig veranlagt ist und wahrhaftig gegen sich selbst, wirft sich -nicht in kleinen Liebeleien fort. Ich dachte, ich selber ... Aber ich -war achtundzwanzig Jahre alt, als ich Helge traf, und ich hatte nie -geliebt. Dessen war ich überdrüssig und wollte es gern versuchen. Er -war verliebt, warm und jung, aufrichtig, und das lockte mich. So log -ich denn mir selber etwas vor, genau wie all die anderen Frauenzimmer --- seine Wärme ging auf mich über, und ich bildete mir schleunigst ein, -ich sei warm. Obwohl ich wußte, daß man diese Illusion nicht lange -aufrecht erhalten kann, jedenfalls nur solange, als von dieser Liebe -nicht etwas verlangt wird. Andere Frauen begehen dergleichen in aller -Harmlosigkeit, weil sie zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden -können und sich immer etwas vorlügen -- so etwas kann ich aber zu -meiner Entschuldigung nicht anführen --. Ich bin also in Wirklichkeit -ebenso klein und egoistisch und verlogen wie die anderen. Daher kannst -du sicher sein, Gert, daß ich schwerlich deine große und wahrhafte -Liebe kennen lernen werde --.“ - -„Jenny,“ und wieder lächelte Gert sein melancholisches Lächeln, „+ich+, -siehst du, -- Gott weiß, ich bin weder groß noch stark, in Lüge und -Schlechtigkeit hatte ich zwölf Jahre lang gelebt, und ich war zehn -Jahre älter als du jetzt bist -- ich sah da eine, die mich an dies -Gefühl, von dem du jetzt so höhnisch sprichst, glauben lehrte -- so -fest, daß ich niemals daran zweifeln werde.“ - -Eine Weile war es still. - -„Und du -- bliebst bei ihr,“ sagte Jenny leise. - -„Wir hatten beide Kinder. Ich sah damals noch nicht ein, daß ich nicht -den geringsten Einfluß auf meine eigenen Kinder gewinnen würde. Schon -gar nicht, wenn eine andere als ihre Mutter mein ganzes Herz und meine -ganze Seele besaß. Sie war auch verheiratet. Schlecht verheiratet. -Hatte ein kleines Mädchen. Das hätte sie wohl mit sich nehmen können. -Der Mann war ein Trinker. - -Ja, das war auch ein Teil der Strafe, siehst du -- Strafe für das -Verhältnis, in das ich mich eingelassen hatte -- mit jener. Das mir -nie etwas anderes gegeben hat als Befriedigung meiner Sinne --. Unser -Verhältnis war zu schön, als daß es aus Lüge bestehen konnte. Unsere -schöne, herrliche Liebe mußten wir verbergen wie ein Verbrechen --. Oh, -kleine Jenny! -- Es gibt kein anderes Glück, siehst du --.“ - -Sie ging zu ihm hin, während er sich erhob. Sie standen dicht -beieinander, ohne sich zu rühren, und ohne zu sprechen. - -„Ich muß gehen, Kleines,“ sagte er plötzlich gezwungen und trocken. -„Ich muß zur üblichen Zeit zu Hause sein, weißt du. Sonst wird sie nur -argwöhnisch --.“ - -Jenny nickte. - -Gert Gram ging zur Tür, Jenny begleitete ihn. - -„Du darfst nicht fürchten, daß dein Herz nicht lieben kann,“ lachte er -plötzlich still. „Ich glaube, es ist ein stolzes kleines Herz, Jenny -- -und warm! Willst du mich weiter zu deinen Freunden rechnen?“ - -„Ja,“ sagte Jenny leise und reichte ihm die Hand. Er beugte sich nieder -und küßte sie lange -- länger als sonst. - - - - -IX. - - -Gunnar Heggen und Jenny Winge wollten im November zusammen eine -Ausstellung veranstalten. Aus diesem Anlaß kam er nach Kristiania. Den -Sommer hatte er in Smaalene zugebracht, roten Granit, grüne Zweige und -blauen Himmel gemalt. Später war er nach Stockholm gefahren, wo er ein -Bild verkaufte. - -„Wie geht es Cesca?“ fragte Jenny, als sie an einem Vormittag in ihrem -Atelier bei einem Glase Whisky saßen. - -„Ja -- Cesca ...“ Gunnar trank einen Schluck aus seinem Glase, rauchte -und blickte Jenny an und Jenny ihn. - -Es war so traulich, wieder mit ihm zusammen zu sitzen und von Menschen -und Dingen zu sprechen, von denen sie sich so weit entfernt hatte. Ihr -war, als habe sie ihn und Cesca einst weit, weit fort von hier in einem -Lande am Ende der Welt getroffen, dort mit ihnen gearbeitet, mit ihnen -zusammen gelebt und die Freude gesucht. - -Sie betrachtete das offene, sonnenverbrannte Gesicht vor ihr mit der -schiefen Nase. Er hatte einmal als Kind einen Schlag darüber bekommen. -„Und das hat Gunnars Physiognomie gerettet,“ pflegte Cesca zu sagen, -„sonst wäre er der schrecklichste Typ eines schönen Mannes geworden.“ -Das war damals in Viterbo gewesen. - -Im Grunde hatte sie Recht. Zug um Zug besehen war er eigentlich eine -richtige Bauernburschenschönheit mit seiner niedrigen, breiten Stirn -unter dem braungelockten Haarschopf, mit den großen stahlblauen Augen -und dem roten, vollen Munde mit der blanken Reihe weißer Zähne. Bis -herab zum runden starken Hals hatte die Sonne ihn verbrannt und seine -breite, eher gedrungene Gestalt wirkte fast brutal in ihrer gesunden, -muskulösen Schönheit. Im Gegensatz hierzu stand der merkwürdig -unschuldige, unberührte Ausdruck, der über dem sinnlichen Mund und den -vollen Augenlidern lag und das unendlich feine Lächeln, das mitunter -seine Lippen umspielte. Er hatte ein Paar richtige Arbeiterhände mit -dicken Sehnen und groben Gelenken an den kurzen Fingern; aber er konnte -sie auf eigene, lebhaft anmutige Art bewegen. - -Etwas magerer war er geworden, sah aber sonst gesund und wohl aus, -während sie sich so müde und unbefriedigt fühlte. Er hatte den ganzen -Sommer hindurch gearbeitet, daneben griechische Tragödien, Keats und -Shelley gelesen. - -„Ich habe aber Lust, die Tragödien in der Ursprache zu lesen,“ sagte -Gunnar. „Ich muß also jetzt Griechisch und Latein lernen.“ - -„Herrgott!“ sagte Jenny. „Ich fürchte, du wirst soviel zu lernen haben, -ehe deine Seele Ruhe findet, daß dir schließlich keine Zeit mehr zum -Malen bleibt, außer nach Feierabend.“ - -„Doch, Jenny, ich muß es lernen. Ich will nämlich einige Artikel -schreiben.“ - -„Du auch? Willst du jetzt auch Artikel schreiben?“ Sie lachte. - -„Ja, eine ganze Reihe über verschiedene Gegenstände. Unter anderem -will ich anregen, daß wir wieder Griechisch und Latein in den Schulen -einführen, wir müssen jetzt unbedingt etwas Kultur hier unter die Leute -bringen.“ - -„Teufel!“ sagte Jenny. - -„Ja, allerdings Teufel! Es kann nämlich so nicht weiter gehen. Zum -nationalen Symbol wird ein rosenrot gefärbter Grütztopf mit einigen -eingeritzten Schnörkeln erhoben, was dann eine ungeschickte Nachahmung -der armseligsten aller europäischen Stilarten, des Rokoko, vorstellen -soll. So sieht nämlich der Nationalismus hier oben aus. Du weißt -selbst, den größten Eindruck macht es hierzulande, wenn ein Künstler -oder gewöhnlicher Sterblicher mit der Schule oder Tradition bricht, -wenn er die Uebernahme der Volkssitte und der Begriffe, die gewöhnliche -zivilisierte Menschen von geziemender Lebensweise und Anständigkeit -haben, verweigert. Ich habe nun einmal die Absicht, meinen Landsleuten -zu erzählen, daß es unter den Verhältnissen, wie sie hier herrschen, -eigentlich notwendiger wäre, wenn man versuchte, Verbindungen -anzuknüpfen, einiges von den aufgehäuften Schätzen, die man im weiten -Europa mit Kultur bezeichnet, sich anzueignen, zu erbeuten und in die -heimatliche Höhle zu schleppen. Sie aber brechen ein kleines Glied -aus dem Zusammenhang heraus, siehst du, ein einzelnes Ornament aus -einem Stil, rein buchstäblich gesprochen, -- dasselbe gilt auch für -eine Geistesrichtung -- schnitzen und klopfen daran herum, und zwar -so ungeschickt und häßlich, bis es zuletzt unkenntlich geworden ist, -und dann behaupten sie großspurig, es sei original und norwegisches -Nationalpatent.“ - -„Nun ja. Aber diese Sünden beging man auch zu jener Zeit, als die -klassische Bildung offizielle Grundlage für die ganze Bildung in -unserem Lande war.“ - -„Ja, gewiß. Hier kannte man jedoch nur einen ganz kleinen Teil des -Klassizismus. Ein Bruchstück. Ein wenig lateinische Grammatik wurde -gepflegt. Nie hing bei uns ein Bild von dem, was man den klassischen -Geist nennt, unter den Gemälden unserer hochehrwürdigen Vorväter. -Solange das aber nicht der Fall ist, stehen wir außerhalb Europas. -Solange wir nicht in der Historie der Griechen und Römer die älteste -Geschichte unserer eigenen Kultur erkennen, haben wir auch keine -europäische Kultur. Es kommt ja nicht darauf an, wie diese Geschichte -in der Wirklichkeit aussah, sondern nur darauf, wie sie uns überliefert -worden ist. Nehmen wir als Beispiel die Kriege zwischen Sparta und -Messene: In Wirklichkeit handelte es sich nur um einige halbwilde -Hirtenstämme, die sich in grauer Vorzeit bekämpften. Aber in der -Ueberlieferung, wie sie uns überbracht ist, waren diese Kriege der -klassische Ausdruck des Triebes eines gesunden Volkes, lieber bis zum -letzten Mann unterzugehen als Gewalt an seiner Individualität und -seinem Recht der Selbständigkeit zu dulden. Herr im Himmel, wir haben -für unsere Ehre seit Jahrhunderten nicht mehr gekämpft, sondern statt -dessen den Wanst mit einigen Millionen Sandkuchen und ganzen Ladungen -von Grütze vollgepfropft. Zum Beispiel die Perserkriege: sie waren -eigentlich ganz unbedeutend, doch für ein lebensfähiges Volk bedeuten -Salamis, Thermopylae und Akropolis die Blüte aller ältesten und -gesündesten Instinkte. Die Worte fahren fort zu leuchten, solange diese -Instinkte Wert haben und solange ein Volk glaubt, seine Fähigkeiten -behaupten zu müssen und auf seine Vergangenheit, seine Gegenwart und -seine Zukunft stolz sein zu dürfen. Und solange kann ein Dichter ein -lebendiges Werk über Thermopylae schreiben und es mit seinen eigenen -lebendigen Gefühlen erfüllen. Erinnerst du dich an Leopardis Ode auf -Italien -- ich las sie dir einmal in Rom vor?“ - -Jenny nickte. - -„Etwas Rhetorik ist zwar dabei -- aber bei Gott, sie ist herrlich! -Nicht wahr? Er erzählt von Italia, der schönsten Frau, die gefesselt -im Staube liegt, mit aufgelöstem Haar, und in ihren Schoß weint. -Und dann wünscht er sich, einer der jungen Griechen zu sein, die in -Thermopylae dem Tod entgegenschritten, unerschrocken, freudig, als -ginge es zum Tanz. Ihre Namen sind geheiligt und Simonides singt -sterbend Jubelgesänge vom Gipfel des Antelos. Dann gibt es all die -alten, herrlichen Erzählungen, die wie Symbole und Parabeln wirken und -niemals alt werden. Denk nur an Orpheus und Eurydike -- wie einfach: -den Glauben der Liebe schreckt selbst nicht der Tod -- aber der Zweifel -eines kurzen Augenblicks, und alles ist verloren. Hierzulande kennt man -aber nur eine Operette darüber! - -Engländer und Franzosen haben es verstanden, die alten Symbole für -ihre neue, lebende Kunst zu verwenden. Dort draußen wurden in den -glücklichen Zeiten doch noch Menschen geboren, deren Triebe und Gefühle -so kultiviert waren, daß sie stark genug wurden, um uns der Atriden -Schicksal verständlich zu machen, so daß es uns packte, als erlebten -wir es in der Wirklichkeit. Auch die Schweden haben noch lebendige -Verbindung mit dem Klassizismus. -- Wir haben ihn nie gekannt. Was sind -es dagegen für Bücher, die hier gelesen werden und -- auch geschrieben? -Sonnenstrahlerzählungen von geschlechtslosen Maskeradefiguren in -Empiregewändern -- dänische Schmutzbücher, die einen Mann über sechzehn -nicht interessieren +können+. Oder ein grüner Bengel ereifert sich über -das Mystische, Ewigweibliche eines kleinen Laufmädels, das naseweis -ist und ihn betrügt, weil er nicht genügend gesunden Menschenverstand -besitzt, um zu erkennen, daß der ganze Rebus zumeist mit dem spanischen -Röhrchen zu lösen ist.“ - -Jenny lachte. Gunnar wanderte im Zimmer auf und ab. - -„Hjerrild arbeitet wahrscheinlich jetzt auch an einem Buch über -die Sphinx. Zufällig kenne ich die Heldin etwas näher. Nun ja, sie -stand mir nicht so nahe, daß ich es der Mühe für wert hielt, sie -durchzuprügeln. Aber immerhin hatte ich sie doch gern, und die ganze -Sache widerte mich daher an. Mir wurde übel, als ich entdeckte, daß sie -eben diese Heldin sein sollte. Aber durch die Arbeit bin ich darüber -hinweggekommen, weißt du. -- Im großen und ganzen, Jenny, gibt es kein -Leid, das nicht durch die Arbeit zu überwinden wäre, glaube ich.“ - -Jenny schwieg eine Weile. - -„Aber Cesca ...?“ fragte sie dann. - -„Ach, Cesca! Sie hat sicher, seit sie verheiratet ist, keinen Pinsel -angerührt. Als ich sie besuchte, öffnete sie mir selbst die Tür -- -sie haben kein Mädchen. Sie trug eine gestreifte Küchenschürze und -hielt einen Besen in der Hand. Ihre Wohnung besteht aus einem Atelier -und zwei kleinen Löchern, und im Atelier können sie natürlich nicht -beide zugleich arbeiten, und außerdem legt die Wirtschaft ihre ganze -Zeit mit Beschlag, wie sie sagte. Am ersten Vormittag, als ich dort -war, krabbelte sie die ganze Zeit auf dem Fußboden herum -- Ahlin war -fort. Erst fegte sie mit einem Besen aus, dann kroch sie umher und -wirtschaftete mit einer Hasenpfote unter den Möbeln, sie war nach -diesen kleinen Flocken in den Winkeln aus, weißt du. Und dann scheuerte -sie und wischte Staub, aber Herr im Himmel, wie ungeschickt sie alles -anpackte! Dann ging ich mit ihr fort und kaufte zum Mittagessen ein, -ich sollte bei ihnen essen. Später kam Ahlin; da verschwand sie in der -Küche, und als das Essen endlich fertig war, da waren ihre kleinen -Löckchen ganz naß vom Schweiß. Das Mittagessen war aber nicht schlecht. -Sie wusch dann auf -- aber wie ungeschickt und schwerfällig -- rannte -fort und spülte jedes Stück unter der Wasserleitung ab. Ahlin und ich -halfen ihr. Zum Abendessen lud ich sie in die Stadt ein -- die arme -Cesca genoß es, sie freute sich, auf diese Weise nicht kochen und -aufwaschen zu müssen. Kommen da noch Kinder hinzu -- und das wird ja -nicht ausbleiben -- so kannst du sicher sein, daß es mit Cescas Malerei -aus ist. Und das wäre bei Gott eine Schande -- ich kann mir nicht -helfen, aber es wäre sehr schade.“ - -„Ach, ich weiß nicht, Gunnar. Für eine Frau sind ja doch Mann und -Kinder die Hauptsache. Früher oder später wird man sich jedenfalls doch -danach sehnen.“ - -Gunnar blickte zu ihr hinüber. Dann seufzte er. - -„Wenn sie sich nur gern haben! Glaubst du, daß Cesca glücklich mit -Ahlin ist?“ - -„Wenn ich das wüßte, Jenny! Ja, ich glaube wohl, sie hat ihn sehr -gern. Es ging jedenfalls dauernd ‚Lennart meint‘ und ‚findest du die -Sauce gut, Lennart‘ und ‚willst du‘ und ‚soll ich‘. Sie hat sich -natürlich ein fürchterliches Halbschwedisch angeeignet, wie du dir -denken kannst. Ich muß sagen, ich verstehe das Ganze nicht recht -- er -war ja so verliebt in sie, und er ist nicht tyrannisch oder brutal, im -Gegenteil. Aber sie ist so merkwürdig gedrückt und demütig geworden, -die kleine Cesca. Daran können doch nicht nur diese Hausfrauensorgen -Schuld sein, obgleich diese sie recht bedrücken. Ihre Anlagen waren in -dieser Beziehung ja nicht gerade hervorragend, andererseits aber ist -sie auf ihre Art ein gewissenhaftes kleines Wesen. Außerdem scheinen -sie in sehr kleinen Verhältnissen zu leben. -- Vielleicht,“ er lachte -etwas frivol, „hat sie diesen oder jenen genialen Streich vollführt. -Die Brautnacht dazu benutzt, von Hans Hermann und Norman Douglas zu -erzählen, von Hjerrild und ihren anderen Erlebnissen, von Anfang bis zu -Ende. Das kann ja dann leicht überwältigend gewirkt haben.“ - -„Cesca hat nun wahrhaftig aus ihren Geschichten nie einen Hehl -gemacht, die mußte er doch von früher her kennen.“ - -„Ja gewiß. Aber es konnte sich ja um diese oder jene Pointe handeln, -die sie bisher verschwiegen hatte, jetzt aber vielleicht meinte, ihm -beichten zu müssen.“ - -„Pfui, Gunnar!“ sagte Jenny. - -„Ja, zum Teufel auch -- man weiß niemals, was man von Cesca eigentlich -halten soll. Ihre Schilderung der Freundschaft mit Hans Hermann ist -seltsam genug. Cesca hat vielleicht nichts getan, was man sozusagen -unmoralisch nennt, dessen bin ich sicher. Ich begreife zum Kuckuck -auch nicht, was das einem Manne ausmachen kann, ob seine Frau früher -ein Verhältnis oder auch mehrere gehabt hat, wenn sie dabei nur -rechtschaffen und loyal gehandelt hat. Denn diese Forderung nach -physischer Unberührtheit ist ja im Grunde gemein. Hat eine Frau -wirklich einen Mann geliebt und seine Liebe hingenommen, so ist es -nichtswürdig, sich aus diesem Verhältnis zurückzuziehen, ohne ihm das -Höchste haben opfern zu wollen. Natürlich wäre es mir am liebsten, daß -meine dereinstige Frau keinen vor mir geliebt hätte. Und man weiß ja -auch nicht, wie man bei seiner eigenen Frau urteilt. Es könnte ja sein, -daß alte Vorurteile, egoistische Eitelkeit und dergleichen plötzlich -auftauchen ...“ - -Jenny machte eine Bewegung, als wollte sie etwas sagen, schwieg dann -aber. - -Gunnar war am Fenster stehen geblieben. Er hatte die Hände in den -Hosentaschen vergraben und wandte ihr den Rücken zu: - -„Nein, Jenny. Ich will dir sagen, was ich so traurig finde. Man trifft -ganz selten einmal auf eine Frau, die wirklich in dieser oder jener -Richtung Talente hat und Freude daran, sie zu entwickeln, zu arbeiten. -Eine Frau, die Energie besitzt, die fühlt, daß sie ein Mensch ist und -selbständig über Recht und Unrecht nachdenken kann. Sie hat vielleicht -den Willen, ihre Fähigkeiten, soweit es sich lohnt, zu kultivieren, -ihre guten und wertvollen Instinkte zu pflegen, und andere, die ihr -schlecht und unwürdig erscheinen, zu unterdrücken. Und dann begegnet -sie eines schönen Tages einem Manne. Da heißt es denn: Ade Arbeit und -Entwicklung, und es ist vorbei mit der ganzen Herrlichkeit. Sie gibt -ihr Selbst auf eines elenden Mannes wegen. Jenny -- findest du das -nicht auch traurig --?“ - -„Gewiß. Aber so sind wir nun einmal alle geschaffen!“ - -„Ich begreife euch nicht. Weißt du, warum ich glaube, daß wir Männer -euch nie verstehen werden? Zu guterletzt geht es uns nicht in den Kopf, -daß Wesen, die doch Menschen sein wollen, so vollständig jeglichen -Selbstgefühls ledig sind. Und das ist bei euch der Fall. Die Frau hat -keine Seele -- wahrhaftig! Ihr gesteht ja mehr oder weniger offen ein, -daß Liebesgeschichten das Einzige sind, das euch interessiert.“ - -„Es gibt aber auch Männer, bei denen dasselbe zutrifft; jedenfalls läßt -ihr Lebenswandel darauf schließen.“ - -„Ja gewiß, aber ein vernünftiger Mann hat auch keinen Respekt vor -solchen Schürzenjägern. Offiziell soll es doch nur als eine Art -- nun -sagen wir natürlichen Zeitvertreibs aufgefaßt werden, neben unserer -Arbeit. Oder ein tüchtiger Mann will eine Familie gründen, weil er -die Kraft in sich fühlt, für mehrere Menschen zu sorgen, als für sich -allein, und einen Nachfolger für seine Arbeit haben will.“ - -„Ja, aber Gunnar, die Frau hat natürlich andere Aufgaben.“ - -„Ach still, das ist gar nicht der springende Punkt. Sie wollen ja -überhaupt nicht Menschen sein und arbeiten, sondern nur Weibchen. Was -zum Teufel soll das heißen, eine ganze Schar von Kindern in die Welt -zu setzen, wenn sie doch nicht zu Menschen heranwachsen, sondern nur -weiter fortpflanzen -- wenn die Rohprodukte nicht bearbeitet werden?“ - -„Das stimmt allerdings,“ Jenny lachte. - -„Natürlich stimmt das. Und was die Frau betrifft ... Ach, ich habe -es von Kindheit an verfolgt und beobachtet. Aus meiner Zeit auf der -Arbeiterhochschule entsinne ich mich eines Mädchens, mit dem ich -zusammen englischen Unterricht hatte. Sie lernte englisch, um mit den -ausländischen Kriegsschiffmatrosen sprechen zu können. Das Höchste, für -das sich diese Mädels einzusetzen vermochten, war die Hoffnung auf eine -Stellung in England oder Amerika. Wir Jungen, meine Kameraden und ich, -wir studierten, um zu lernen, und das Gehirn zu schulen. Wir versuchten -auf jede Art und Weise, das Wenige zu ergänzen, was wir in der Schule -gelernt hatten. Die Mädels dagegen lasen nur Unterhaltungsbücher. -Nimm zum Beispiel den Sozialismus! Kennst du eine einzige Frau, die -überhaupt eine Ahnung davon hat, was er eigentlich bedeutet? Sie wissen -es, wenn sie einen Mann haben, der ihnen diesen Begriff klargemacht -hat. Versuche aber einer Frau zu erklären, warum die menschliche -Gesellschaft verpflichtet ist, jedem Kinde, das geboren wird, die -Möglichkeit zu geben, seine Anlagen zu entwickeln, wenn solche -vorhanden sind, und das Leben in Freiheit und Schönheit zu leben, wenn -es den wahren Sinn der Freiheit begreift und Schönheitssinn besitzt. - -Was aber halten die Frauen für Freiheit? Es bedeutet für sie, daß -sie jeder Arbeit ledig sein und ihrem Hang zur Unanständigkeit die -Zügel schießen lassen dürfen. Und Schönheitssinn?! Der fehlt ihnen -vollständig! Sie staffieren sich mit dem Teuersten und Abscheulichsten -aus, was die Mode nur erfinden kann. Sieh dir doch ihre Häuser an! Je -mehr Geld vorhanden, desto schlimmer sieht es in ihnen aus. Ist jemals -eine Mode zu häßlich und schamlos, daß sie sich ihr nicht unterwerfen -würden? Nein, wenn die Mittel nur da sind, wird alles mitgemacht. Das -kannst du doch nicht abstreiten? -- Von der Moral der Frauen will ich -keine Silbe sagen, denn sie haben keine. Lassen wir es noch hingehen, -wie sie sich gegen uns betragen -- aber wenn ihr unter euch seid, so -beklascht ihr euch gegenseitig und in welchen Tonarten! Pfui Teufel!“ - -Jenny lächelte leise. Sie mußte ihm Recht geben und auch wieder nicht, -aber sie war zu einer Diskussion nicht aufgelegt. Sie fand aber, daß -sie antworten müßte, so sagte sie: - -„Das war eine grausame Salve -- die ganze Armee auf einmal ruiniert.“ - -„Du kannst es schriftlich bekommen,“ sagte er zufrieden. - -„Ja, du hast ja in vieler Beziehung Recht, Gunnar. Aber es sind -doch unter den Frauen Unterschiede zu machen und seien es auch nur -Gradunterschiede.“ - -„Natürlich sind Unterschiede zu machen. Aber laß es gut sein, Jenny, -was ich sagte, gilt bis zu einem gewissen Grade auch allen, und weißt -du, woher das kommt? Die Hauptsache ist euch allen ein Mann -- einen, -den ihr habt, oder einer, der euch fehlt. Das Einzige, das im Leben -von wirklichem Wert und wirklichem Ernst ist -- das hat für euch in -Wirklichkeit keinen Wert. Ich meine die Arbeit. Die Besten unter euch -nehmen es eine kurze Zeit hindurch ernst. Aber ich glaube wahrhaftig, -das liegt daran, daß ihr die sichere Gewißheit habt, während ihr noch -jung und schön seid, daß ‚er‘ wohl kommen wird. Geht die Zeit jedoch -hin, und er zeigt sich noch immer nicht auf dem Schauplatz, fangt ihr -dann an, betagter zu werden, so laßt ihr in der Arbeit nach, geht müde -und mißmutig umher und fühlt euch unbefriedigt.“ - -Jenny nickte. - -„Hör zu, Jenny. Ich habe dich immer ebenso hoch geschätzt wie einen -ganzen Mann. Du bist jetzt bald neunundzwanzig Jahre, und so alt muß -man sein, ehe man anfangen kann, einigermaßen selbständig zu arbeiten. -Es ist doch nicht dein Ernst, daß du jetzt, nun du endlich dein eigenes -Leben zimmern kannst, dir einen Mann und Kinder, Wirtschaft mit allem -Drum und Dran aufladen möchtest, was dir an allen Ecken und Kanten -Fesseln auferlegen, in deiner Arbeit immer nur im Wege sein würde?“ - -Jenny lachte still. - -„Herrgott, Mädel! Wenn dir nun wirklich alles das beschert wäre, und -du legtest dich hin, um zu sterben, umgeben von Mann und Kindern und -deiner Welt, so würdest du doch bereuen und trauern, daß du nicht das -Ziel erreichtest, wozu dir die Fähigkeiten zu Gebote standen, dessen -bin ich sicher, Jenny!“ - -„Ja. Aber: Gesetzt den Fall, ich habe das Aeußerste erreicht, was meine -Kraft mir gestattete, und ich weiß, in meiner Sterbestunde, daß mein -Leben und meine Arbeit mich eine Zeitlang überdauern wird, und ich bin -allein, es gibt kein lebendes Wesen, das mir innerlich nahe steht ... -Glaubst du nicht, daß ich dann erst recht trauern und bereuen werde?“ - -Heggen schwieg. - -„Ja gewiß,“ sagte er nach einer Pause. „Natürlich bedeutet Ehelosigkeit -nicht das gleiche für Frauen wie für uns Männer. Man muß wohl in -Betracht ziehen, daß sie außerhalb dessen gestanden haben, um das die -Leute nun einmal am meisten Wesen machen in diesem Leben; und daß auf -diese Weise eine ganze Reihe von seelischen wie körperlichen Organen -unberührt dahinwelken muß. -- Ach, Jenny, ich wünschte oft, daß du -ein einziges Mal nur ein wenig leichtsinnig wärest, um mit dieser -Unzufriedenheit abzurechnen und dann in Ruhe und Frieden weiterarbeiten -zu können.“ - -„Frauen, die einmal ein wenig leichtsinnig gewesen sind, wie du es -nennst, Gunnar, können nicht ohne weiteres mit dieser Unzufriedenheit -fertig werden. War es das erste Mal eine Enttäuschung, so hoffen sie -auf mehr Glück beim nächsten. Und wieder beim nächsten und immer so -fort. Man gibt sich nicht mit Enttäuschungen zufrieden. Und ehe man -sich’s versieht, ist es eine ganze Reihe von Malen geworden.“ - -„Zu denen gehörst du aber nicht,“ sagte er schnell. - -„Danke! Es ist mir übrigens neu, daß du dergleichen predigst. Du hast -früher selber gesagt, daß Frauen, die sich einmal in solche Dinge -verwickelt haben, immer untergehen!“ - -„Die meisten wohl. Aber es muß auch einige andere geben. Ich spreche -natürlich nicht von Frauen, die keine anderen Lebensinteressen haben, -als einen Mann -- man kann ja nicht dauernd seinen Lebenszweck ändern. -Ich meine die anderen, die etwas an sich bedeuten -- etwas anderes -sind als nur Weibchen. Warum solltest zum Beispiel du nicht ehrlich -und loyal an einem Manne handeln, selbst wenn ihr Beide einsähet, daß -du nicht deine Welt aufgeben und dich verpflichten kannst, für den -Rest des Lebens nur sein Weib zu sein? Denn die Liebe hört ja immer -einmal auf, früher oder später. Das darfst du um Gotteswillen nicht -anzweifeln!“ - -„Ja, das wissen wir immer genau -- und zweifeln trotzdem daran.“ Sie -lachte. „Ach nein. Entweder liebt man -- und dann glaubt man auch, es -währt ewig und es ist das Einzige, das Wert hat. Oder man liebt nicht --- und ist unglücklich, daß man es nicht tut.“ - -„Jenny, ich kann es nicht mit anhören, daß du so sprichst. Sich seiner -Kraft bewußt sein, alle Muskeln spannen, bereit sein, aufzunehmen und -zu erobern, zu formen und zu gestalten, das Letzte aus seinem Können -ans Tageslicht bringen, +arbeiten+, das ist das Einzige, das Wert -besitzt, Jenny!“ - - - - -X. - - -Jenny beugte den Kopf über Gert Grams Chrysanthemenstrauß: - -„Ich bin sehr froh, daß du meine Bilder so gut findest!“ - -„Ja, ich mag sie gern. Besonders das Bildnis von dem jungen Mädchen mit -den Korallen.“ - -Jenny schüttelte den Kopf. - -„Es ist so wunderschön in den Farben,“ sagte Gram wieder. - -„Ja. Es ist aber unzusammenhängend. Der Schal und das Kleid -- es hätte -ganz anders durchgearbeitet sein müssen. Aber gerade, als ich es malte, -kam so viel anderes dazwischen, sowohl für Cesca als für mich,“ sagte -sie leise. - -Nach einer Weile fragte sie: - -„Hört ihr etwas von Helge? Wie geht es ihm?“ - -„Er schreibt nicht viel. Augenblicklich arbeitet er an seiner -Doktorabhandlung, du weißt, zu der er die Vorarbeiten in Rom machte. -Und er sagt, es ginge ihm gut.“ - -Jenny nickte. - -„An seine Mutter schreibt er gar nicht. Und das kränkt sie natürlich -bitter. Das Zusammenleben mit ihr ist nicht gerade angenehmer -geworden. Ja, die Arme -- es geht ihr übrigens sicher recht schlecht -augenblicklich.“ - -Jenny trug die Blumen zu ihrem Schreibtisch hinüber und begann sie zu -ordnen. - -„Ich freue mich jedenfalls, daß Helge wieder arbeitet. Gott weiß, er -hatte keine Ruhe dazu diesen Sommer.“ - -„Dir ging es doch genau so, du Aermste.“ - -„Ja, allerdings. Aber das Schlimmste ist, Gert, daß ich noch immer -nicht wieder angefangen habe -- noch nicht. Und ich bin auch durchaus -nicht aufgelegt. Ich hatte ja doch die Absicht, diesen Winter radieren -zu lernen, aber --.“ - -„Es ist selbstverständlich, Jenny, daß eine solche Enttäuschung Zeit -braucht, ehe sie überwunden ist. Glaubst du nun nicht, daß deine -Ausstellung dir neue Arbeitslust geben wird, da sie doch so geglückt -ist und freundliche Aufnahme gefunden hat? Du hast ja bereits ein -Angebot auf dein Aventinerbild bekommen -- willst du es annehmen?“ - -Sie zuckte die Schultern: - -„Ich muß ja. Zu Hause brauchen sie immer Geld, wie du weißt. Außerdem --- ich muß wegreisen. Ich sehe, daß es nicht gut für mich ist, zu Hause -zu sein.“ - -„Du willst also fort.“ Gram sagte es leise und sah nieder. „Ja -natürlich. Das ist ja auch verständlich.“ - -„Ach, die Ausstellung!“ Jenny warf sich erregt in den Schaukelstuhl. -„Alle meine Bilder -- die neuesten jedenfalls ... Es ist eine Ewigkeit -her, seit ich daran arbeitete. Das Aventinerbild -- die Studie beendete -ich an jenem Tag, als ich Helge zum ersten Male sah. Das Bild malte -ich, während wir zusammen waren -- auch das von Cesca. Und das von der -Stenerstraße unten bei dir, während ich auf ihn wartete. Seitdem habe -ich nichts getan. O Gott! -- So, Helge arbeitet also wieder ...“ - -„Es ist klar, liebes Kind, daß so etwas tiefere Spuren bei einer Frau -hinterläßt --.“ - -„O gewiß. Bei einer Frau. Das ist ja gerade das ganze Elend. Man geht -umher, mürrisch und faul -- erzfaul! Um einer Liebe willen, die nicht -einmal vorhanden +ist+!“ - -„Liebe Jenny,“ sagte Gram ruhig. „Ich finde das so natürlich. Es -+muß+ seine Zeit haben, bis du ganz hindurch bist -- und auf der -anderen Seite drüben. Man +kommt+ nämlich immer auf die andere -Seite, siehst du, und dann begreift man, daß man ein solches Erlebnis -nicht umsonst gehabt hat. Auf die eine oder andere Art kann man immer -seine Seele mit solchen Erfahrungen bereichern.“ - -Jenny lachte kurz auf, antwortete aber nicht. - -„Du hast trotzdem sicher viele Erinnerungen aus jener Zeit, die -du nicht missen möchtest -- nicht wahr? Die Erinnerung an all die -glücklichen, warmen Sonnentage mit deinem Freunde, dort unten in dem -wunderbaren Lande, Jenny?“ - -„Willst du mir nicht erklären, Gert, woher du weißt, daß man seine -Seele mit derartigen Erlebnissen bereichert, wie du sagtest. Hast du -das aus eigener Erfahrung?“ - -Er fuhr zusammen, schmerzlich berührt und betroffen von ihrer -Brutalität. Es währte einen Augenblick, ehe er ihr Antwort gab: - -„Das ist etwas anderes, Jenny. Die Erfahrungen, die der Sünde Lohn -sind -- du verstehst doch, ich meine nicht die Sünde in orthodoxem -Sinne, ich meine die Folgen einer Handlungsweise, die eigenem besserem -Wissen zuwiderläuft -- die sind immer bitter. Nun, immerhin glaube ich, -zuguterletzt haben meine Erfahrungen vielleicht meinen inneren Menschen -reicher und tiefer gemacht, als ein kleineres Unglück es vermocht -hätte -- da mein Geschick mir ja nicht vergönnt hatte, das große -Glück zu erleben. Einmal in meinem Leben wird es in vielleicht noch -höherem Maße der Fall sein. Ich habe das Gefühl, Jenny, als könnten -diese Erfahrungen mich möglicherweise das rechte Verständnis dafür -lehren, was der Sinn des Lebens eigentlich ist --. Aber in bezug auf -dich meinte ich etwas anderes damit. Obwohl dein Liebesglück sich als -unbeständig herausstellte, so war es die Zeit über, die es währte, rein -und schuldlos -- soweit du vertrauensvoll und ohne Hintergedanken daran -glaubtest und niemanden betrogst außer dir selbst.“ -- - -Jenny schwieg still. Ein Sturm von Widerspruch wogte in ihr, aber sie -hatte das dunkle Gefühl, als ob Gram sie nicht verstehen würde. - -„Erinnerst du dich nicht der Worte Ibsens: - - ‚Und segelt’ ich auch meine Schute auf Grund, - So war es doch herrlich zu fahren --‘“ - -„Oh, daß du diese kindischen Worte in den Mund nehmen magst, Gert. Die -meisten von uns haben zuviel Verantwortungsgefühl und Selbstachtung, -um diesen Ausspruch gelten zu lassen. Laß mich schiffbrüchig werden -und untergehen, ich werde versuchen, nicht mit der Wimper zu zucken, -wenn ich nur die Gewißheit habe, daß ich nicht selbst meine Schute auf -Grund fuhr. Soviel ich weiß, ziehen die besten Seeleute es vor, selber -mit ihrem Schiff unterzugehen, wenn sie die Schuld an seinem Untergange -tragen.“ - -„Ich bin freilich der Ansicht, daß man alle Widerwärtigkeiten nur -sich selber zuzuschreiben hat -- jedenfalls in letzter Instanz.“ Gram -lächelte. „Aber daß man meistens auch imstande sein wird, aus seinem -Unglück selber geistige Werte zu holen --.“ - -„Ich gebe dir recht im ersten Punkte. Auch im letzten. Aber nur -insoweit, als das Unglück nicht darin besteht, daß die Selbstachtung -herabgemindert wird.“ - -„Aber, kleine Jenny, diese Sache solltest du wirklich nicht zu schwer -nehmen. Du bist ja ganz aufgebracht und bitter. Ja, ich besinne mich, -was du an jenem Tage sagtest, als Helge reiste. Aber, Herrgott, Kind, -du meinst doch nicht im Ernst, jede Verliebtheit im Entstehen ersticken -zu müssen, falls du nicht vom ersten Augenblick dafür einstehen kannst, -daß das Gefühl bis zum Tode dauert, alle Widrigkeiten erträgt, zu allen -Opfern bereit ist und die Seele des Geliebten wie in einer Vision -erfaßt und versteht, ihre geheimnisvollsten Tiefen beleuchtet, so daß -eine spätere Enttäuschung ausgeschlossen ist?“ - -„Doch,“ sagte Jenny heftig. - -„Hast du das jemals selbst empfunden?“ fragte Gert Gram leise. - -„Nein, aber ich weiß es dennoch. Ich habe immer gewußt, daß es so sein -müßte. - -Als ich aber achtundzwanzig Jahre alt geworden und noch immer alte -Jungfer war, als ich mich danach sehnte, zu lieben und geliebt zu -werden, als dann Helge kam und sich in mich verliebte, da legte ich -all meine Forderungen an mich selbst und +meine+ Liebe beiseite und -nahm, was ich bekommen konnte -- natürlich bis zu einem gewissen Grade -in gutem Glauben. Es wird schon gehen, dachte ich, es geht sicher, -aber die innerliche vertrauende Gewißheit, daß es gehen würde, weil es -anders nicht möglich war, die hatte ich nicht. - -Ich will dir erzählen, was mein Freund Heggen hier eines Tages zu -mir sagte. Er verachtet die Frauen redlich und rechtschaffen -- und -er hat Recht. Wir, wir haben nicht die Selbstachtung, und außerdem -sind wir so träge, daß wir niemals im Ernste entschlossen sind, uns -unser Leben und unser Glück selber zu zimmern, indem wir arbeiten und -kämpfen. Insgeheim hoffen wir beständig darauf, daß ein Mann kommen -und uns das Glück bescheren werde, so daß wir jeder Anstrengung -überhoben seien. Die Weiblichsten unter uns, die nur Müßiggang, Putz -und Vergnügen im Sinne haben, hängen sich dem Manne an den Hals, der -ihnen das in reichstem Maß verschaffen kann. Ist aber wirklich die -eine oder andere darunter, die wirklich menschlich fühlt und danach -strebt, ein fester und feiner Mensch zu werden, und ernstlich dieses -Ziel verfolgt, so lebt doch im Unterbewußtsein die Hoffnung, daß ein -Mann ihr auf halbem Wege begegne und ihr mit seiner Liebe helfe, -leichter zum Ziele zu gelangen. Wir können wohl eine Weile arbeiten, -durchaus ehrlich und ordentlich. Auch Freude an der Arbeit empfinden. -Aber in aller Heimlichkeit warten wir auf eine größere Freude, als wir -sie mit unserer ehrlichen Mühe erkämpfen können, auf etwas, das wie -ein Geschenk zu uns kommen soll --. Niemals werden wir Frauen dahin -gelangen, daß wir die höchste Befriedigung in unserer Arbeit finden.“ - -„Meinst du, die Arbeit allein genügt einem Manne? Niemals!“ sagte Gram -ruhig. - -„Bei Gunnar zum Beispiel ist es der Fall. Du kannst dich darauf -verlassen, er wird immer wissen, den Frauen in seinem Leben den rechten -Platz anzuweisen -- als Bagatellen.“ - -Gram lachte. - -„Wie alt ist eigentlich dein Freund Heggen? Ich will um des Mannes -Willen hoffen, daß er mit der Zeit ein wenig anders auf das -Ausschlaggebende im Leben blicken wird.“ - -„Ich aber nicht,“ sagte Jenny heftig. „Und ich will hoffen, auch ich -lerne einmal, diesem Liebesunwesen seinen rechten Platz anzuweisen --.“ - -„Herrgott, Jenny, du sprichst -- ich hätte beinahe gesagt, wie -du’s verstehst, aber du bist klüger, das weiß ich.“ Gram lächelte -schwermütig. „Soll ich dir ein wenig erzählen, was ich von der Liebe -weiß, Kleines? Glaubte ich nicht daran, wie sollte ich dann die -kleinste Spur von Glauben an die Menschen haben -- und an mich selbst? -Meinst du etwa, nur ihr Frauen findet das Leben sinnlos, fühlt euch -im Herzen kalt und leer, wenn ihr nichts anderes habt, das ihr lieben -könnt als eure Arbeit -- nur eine Ausstrahlung eures Selbst -- nichts -anderes, auf das ihr euch verlassen könnt! Glaubst du, es gibt eine -einzige Seele, die nicht Stunden kennte, in denen sie an sich selber -zweifelt? Nein, Kind, man braucht einen anderen Menschen, bei dem man -sein Bestes, seine Liebe und sein Vertrauen gleichsam deponiert, und -sieh, auf diese Bank muß man sich verlassen können. Wenn ich dir sage, -daß mein eigenes Leben seit meiner Verheiratung eine Hölle gewesen -ist, so brauche ich nicht zu starke Worte. Daß ich es schließlich -doch ausgehalten habe, liegt zum Teil daran, daß ich von dem Gedanken -ausging, Rebekkas Liebe entschuldige sie auf eine Art. Ich weiß, was -sie jetzt fühlt: eine niedrige und rohe Freude an ihrer Macht, mich zu -peinigen und zu demütigen, Eifersucht, Verbitterung, ein Zerrbild, aus -betrogener Liebe entstanden. Verstehst du nicht, daß ich daran eine -Art Befriedigung meines Gerechtigkeitsgefühls erblicke? Ein +Grund+ -für mein Unglück ist vorhanden. Ich betrog sie, als ich ihre Liebe -entgegennahm ohne die Absicht, ihr eine ganze Liebe zurückzugeben, -mit der heimlichen Berechnung, ihr einige Brocken geben zu können, -Bettelpfennige der Liebe, während sie mir das Beste bot. Straft aber -das Leben so unbarmherzig eine jede Versündigung gegen das Heiligtum -der Liebe, so ist das ein Beweis für mich, daß sie das Allerheiligste -im Leben ist und daß das Leben denjenigen, der seiner eigenen -Liebessehnsucht treu bleibt, mit der reinsten und schönsten Seligkeit -belohnen wird. Ich habe dir einmal von einer Frau erzählt, die ich -lieben lernte als es zu spät war. Sie hatte mich geliebt, seit wir -Kinder waren, ohne daß ich darauf geachtet hatte oder mir etwas daraus -machte. Als sie hörte, daß ich heiratete, nahm sie einen Mann, der -darauf schwor, daß sie ihn dadurch erretten und aufrichten könnte. Ja, -ich weiß, du spottest über derartige Rettungsversuche. Aber ich sage -dir, Kind, du kannst nicht urteilen, ehe du nicht den Mann, den du mit -deiner ganzen Seele liebst, in den Armen einer anderen gewußt hast, -so daß dein eigenes Leben dir wertlos erschien und ehe du nicht eine -verirrte Menschenseele darum betteln hörst, sie aus einem wertlosen -Leben zu erretten. Nun, Helene wurde unglücklich, und ich ebenfalls. -Wir trafen uns wieder und verstanden uns, es kam zu einer Aussprache. -Was die Menschen unter Glück verstehen, das widerfuhr uns nicht, und -dennoch --. Beide waren wir durch Bande gefesselt, die wir nicht zu -brechen wagten. Ich gestehe, als meine Hoffnung, sie einstmals zum -Weibe zu erhalten, langsam, langsam hinstarb, änderte sich meine Liebe. -Aber noch immer leuchtet wie das herrlichste Kleinod meines Lebens die -Erinnerung an sie, die jetzt weit fort in einem anderen Weltteil dafür -lebt, ihren Kindern die Last zu erleichtern, die das Leben mit einem -Vater bedeutet, der umhergeht, vom Trunk zerrüttet, wie ein Wrack. Um -ihretwillen habe ich all diese Jahre hindurch an meinem Glauben an -Reinheit, Schönheit und Kraft der Menschenseele festgehalten -- und -an meinem Glauben an die Liebe. Ich weiß, daß die Erinnerung an mich -der Frau die geheimnisvolle Kraft gibt, weit drüben jenseits der Meere -zu kämpfen und zu dulden. Denn sie liebt mich heute wie in unserer -Kindheit und glaubt an mich, an mein Talent, meine Liebe und daran, daß -ich eines besseren Schicksals würdig gewesen sei. Aber so bin ich ihr -doch heute noch etwas, nicht wahr, Jenny?“ - -Sie erwiderte nichts. - -„Das Glück bedeutet ja nicht nur, geliebt zu werden, Jenny. Der größte -Teil des Glückes ist -- zu lieben.“ - -„Es ist doch gewiß nur ein geringes Glück, Gert, zu lieben, wenn man -nicht wieder geliebt wird.“ - -Er schwieg lange und sah nieder. Bis er fast flüsternd sprach: - -„Groß oder klein -- es ist ein Glück, ein Menschenkind zu kennen, von -dem man nur Gutes denkt. Eines, um dessentwillen man zu sich selber -spricht: Herrgott, laß mich sie glücklich sehen, denn sie verdient es, -sie ist ja rein und schön, warm und fein, klug und gut. So daß man -beten kann: Gott, gib ihr alles, was ich nicht besaß. Ich halte es für -ein Glück, kleine Jenny, daß ich so für dich beten kann --. Nein, es -ist kein Grund, deswegen ängstlich aufzusehen, Kleines --.“ - -Er hatte sich erhoben, sie stand ebenfalls auf und machte eine -Bewegung, als fürchte sie, er werde sich ihr nähern. Gram hielt inne, -er lachte leise: - -„Wie konntest du etwas anderes denken, solch kluges, kleines Mädchen -wie du. Jenny, ich glaubte, du hättest es gefühlt, lange, ehe ich es -selbst recht gewußt --. Konnte es denn anders kommen? Mein Leben neigt -sich jetzt seinem Ende zu, dem Alter, der Schwäche, der Finsternis, -dem Tode. Schon weiß ich sicher, alles, wonach ich mein Leben lang -mich gesehnt -- ich erlange es nie. Da begegne ich dir. Mir ist, als -seiest du die herrlichste Frau, die ich je getroffen. Du strebst nach -alledem, wonach ich einst gestrebt, nach dem Ziele, das ich mir gesetzt -hatte. Konnte mein Herz anders als inbrünstig flehen, Gott, führ sie -zum Ziele, Gott, hilf ihr, laß sie nicht stranden, wie ich gestrandet -bin --. Und dann warst du so lieb gegen mich, Jenny. Du kamst dort -hinunter in meine Höhle, du erzähltest von dir selbst und hörtest mir -zu, du hattest so viel Verständnis, deine herrlichen Augen waren voller -Mitgefühl und so mild und warm --. Aber Herrgott, weinst du?“ - -Er ergriff ihre Hände und preßte seinen Mund darauf. - -„Das darfst du nicht, Jenny. Du darfst nicht so weinen; warum weinst -du? Du bebst ja --. Worüber weinst du nur?“ - -„Ueber alles,“ schluchzte sie. - -„Setz dich -- so.“ - -Er lag vor ihr auf den Knien und eine Sekunde senkte er seine Stirn -auf ihren Schoß. „Du darfst nicht meinetwegen so weinen, hörst du? -Um nichts auf der Welt möchte ich meine Liebe zu dir hergeben. Mein -geliebtes Mädchen, hast du einmal einen Menschen geliebt und hinterher -gewünscht, es wäre nie geschehen? -- Dann hast du dennoch nicht -geliebt, das, kannst du mir glauben, ist wahr. Jenny, ich möchte das -nicht missen, was ich für dich fühle, nicht um mein Leben! Doch auch -um deinetwillen sollst du nicht weinen. Du wirst glücklich werden, das -weiß ich. Von allen Männern, die dich lieben werden, wird eines Tages -einer, wie jetzt ich, vor dir liegen und sagen, das ist das Leben, so -vor deinen Füßen liegen zu dürfen, und du wirst selber glauben, das sei -das Leben. Dann wirst du begreifen, daß so das Glück aussieht; so mit -ihm zu sitzen, und sei es in der armseligsten Hütte, eine einzige kurze -Ruhestunde lang nach einem Tage grauester, schwerster Mühsal --. Weit -weit größeres Glück ist es dir dann, als wenn du die größte Künstlerin -wärest, die gelebt hat, als wenn du all das erreichtest, was man an -Ehren und Berühmtheit erreichen kann. Daran glaubst du selber auch, -nicht wahr?“ - -„Ja,“ flüsterte sie unter Tränen. - -„Und du sollst nicht fürchten, daß das Glück dir nicht zuteil werden -könnte. -- Nicht wahr, Jenny, die Sehnsucht fühlst auch du, nachdem -du gekämpft, um ein guter und tüchtiger Mensch und ehrlicher Künstler -zu werden, die Sehnsucht, einem Manne zu begegnen, der dir sagt, dein -Kampf war recht, und der dich darum lieb hat?“ - -Jenny nickte. Gram küßte ehrfürchtig ihre Hände. - -„Du bist ja schon so gut und fein, stolz und herrlich. Ich sage es dir, -und eines Tages wird ein Mann, der jünger und besser und stärker ist -als ich, das Gleiche sagen und du wirst froh werden, ganz froh. Bist du -nicht ein ganz klein wenig glücklich darüber, daß ich sage, du seiest -das beste, liebste und wunderbarste Mädchen auf der Welt? Blick mich -an, Jenny. Kann ich dir nicht eine kleine Freude machen, wenn ich dir -sage, ich glaube, du wirst des Lebens reichstes Glück kosten dürfen, -weil du es verdienst?“ - -Sie blickte auf sein Antlitz nieder und versuchte ein schwaches -Lächeln. Dann senkte sie den Kopf und strich mit den Händen über sein -Haar: - -„O Gert -- o Gert -- ich kann doch nichts dafür! Ich wollte dir ja -nicht wehe tun. Ich kann nichts dafür -- nicht wahr?“ - -„Darüber solltest du nicht traurig sein. Kleines -- ich habe dich lieb, -weil du dein Ziel, nach dem du strebst, ja schon erreicht hast, weil du -so bist, wie ich einmal hatte sein wollen --. Du darfst nicht traurig -sein, selbst wenn du meinst, du hättest mir Leid zugefügt. Es gibt -Leiden, die gut sind -- gesegnet gut, glaube mir.“ - -Sie fuhr fort, leise zu weinen. - -Nach einer Weile flüsterte er: - -„Darf ich hin und wieder zu dir kommen --? Wenn du traurig bist, kannst -du mich da nicht rufen lassen? Ich will gern versuchen, ob ich nicht -meinem kleinen Mädchen ein wenig helfen kann, sprich, Jenny --?“ - -„Ich wage es nicht, Gert.“ - -„Liebe kleine Freundin, ich bin ja ein alter Mann, könnte dein Vater -sein.“ - -„Deinetwegen -- meine ich. Es ist nicht recht von mir deinetwegen.“ - -„O doch, Jenny. Meinst du, ich dächte weniger an dich, wenn ich dich -nicht sähe. Ich möchte dich ja nur sehen, mit dir sprechen, versuchen, -dir ein wenig zu sein -- darf ich? -- Oh, darf ich --?“ - -„Ich weiß nicht, Gert -- ich weiß nicht. Ach, Lieber, geh jetzt, du -mußt jetzt gehen -- ich kann nicht -- es ist so hart. -- Lieber, geh.“ - -Er erhob sich still. - -„Dann gehe ich. Leb wohl, Jenny -- aber Kind, du bist ja ganz außer -dir.“ - -„Ja,“ flüsterte sie. - -„So gehe ich denn. Darf ich einmal wiederkommen? Ich will dich gern -sehen, ehe du reist. Wenn du ruhiger geworden bist und wenn es dich -nicht erregt. Es liegt ja kein Grund dafür vor, Jenny --.“ - -Sie stand einen Augenblick still. Dann zog sie ihn plötzlich hastig an -sich und streifte seine Wange mit dem Munde. - -„Geh jetzt, Gert.“ - -„Ich danke dir. Gott segne dich, Jenny.“ - - * * * * * - -Hinterher lief sie im Zimmer auf und ab. Sie begriff selber nicht, -warum sie so bebte. Aber tief im Innern -- es war vielleicht nicht -gerade Freude, aber es hatte ihr wohlgetan zu hören, was er gesagt, -während er auf den Knien vor ihr lag. - -Oh Gert, Gert! Sie hatte ihn immer für einen schwachen Menschen -gehalten, für einen, der sich hatte überwinden lassen und unterdrückt -worden war wie alle Charaktere ohne Widerstandskraft. Aber jetzt hatte -sie plötzlich erfahren, daß er ganz im Innern eine tiefe Stärke und -Sicherheit besaß. Er hatte da gestanden als der Reiche, der wußte, daß -er helfen könne und es gern wollte. Während sie verwirrt und unsicher -war -- krank vor Sehnsucht in ihrem tiefsten Innern, hinter dem -Bollwerk von Ansichten und Gedanken, das sie sich selbst geschaffen. - -Und dann hatte sie ihn gebeten zu gehen. Weshalb? Weil sie selbst so -grenzenlos arm war, weil sie ihm ihre Not geklagt, von dem sie dachte, -er sei ebenso arm wie sie, während er ihr doch gezeigt hatte, wie reich -er war, und ihr aus der Quelle seines Reichtums freudig eine kleine -Hilfe bot. Dadurch hatte sie sich gedemütigt gefühlt und ihn gebeten, -sie zu verlassen. So war es sicher. - -Hilfe von einer Liebe entgegennehmen, ohne etwas dafür geben zu können, -hatte sie immer als schändlich angesehen. Sie hatte ja nie daran -gedacht, daß sie es sein würde, die solcher Hilfe bedürfte. - -Er hatte sein Werk nicht vollenden dürfen, wie er gewollt. Die Liebe, -der er sich hingegeben, hatte nicht ein Leben hindurch gedauert, -dennoch war er nicht verzweifelt. Der nie versiegende Quell, woraus -ein solches Glück geschöpft wird, um immer aufs Neue zu blühen, war -Vertrauen und Glaube. Es bedeutete gleichviel, woran man glaubte, wenn -nur die Seele dabei nicht einsam war. Allein vermochte sie den Glauben -nicht zu nähren. Das Leben war unerträglich, wenn man außer sich selber -niemanden hatte, den man liebte, an den man glaubte. - -Mit dem Gedanken an den freiwilligen Tod hatte sie immer gespielt. Wenn -sie jetzt stürbe ... Sie besaß wohl einen Kreis von Menschen, die sie -liebten. Sie würden um sie trauern, aber es gab keinen, der sie nicht -entbehren könnte. Nicht einen, dem sie unersetzlich war, so daß sie um -seinetwillen die Pflicht hätte, ihr Leben weiterzuschleppen. Die Mutter -und Geschwister ... Wenn sie nicht erfahren würden, daß sie es selbst -getan, so würde ihr Leid nach einem Jahre zu milder Trauer geworden -sein. Cesca und Gunnar würden sie wohl am tiefsten betrauern, denn sie -würden vielleicht verstehen, daß sie unglücklich gewesen war, aber sie -stand ja nur an der Außenseite ihres Lebens. Derjenige, der sie am -meisten liebte, würde vielleicht am tiefsten getroffen sein -- aber ihm -hatte sie ja nichts zu geben. So konnte er sie ja ebenso lieb haben, -wenn sie tot war. Ja, er liebte sie, dessen Glück sie war, und dabei -trug er das Glück als eine Macht in sich. - -Wenn ihr selber wirklich diese Kraft fehlte, so half ihr nichts. Die -Arbeit konnte sie nicht in dem Maße ausfüllen, daß ihre Sehnsucht nach -einem Glücke schwieg. Und weshalb sollte sie dann leben, wenn es auch -hieß, sie sei talentvoll. Niemand konnte soviel Freude daran haben, -ihre Kunst zu schauen, wie sie dabei empfand, sie auszuüben. Aber diese -Freude war nicht so groß, daß sie ihr nichts zu wünschen übrig ließ. - -Es war auch nicht nur das, wovon Gunnar gesprochen: daß ihre Tugend -sie peinigte, um brutal zu sprechen. Dem konnte leicht abgeholfen -werden. Aber sie wagte nicht, diesen Schritt zu tun, aus Angst, daß -ihre Sehnsucht einst in späteren Jahren ihr wahres Ziel finden könnte. -Das wäre ja von allem das Schlimmste, mit einem Menschen im engsten -Zusammenhang zu leben, und tief im Innern doch wieder einsam zu sein. -O nein, nein. Einem Manne anzugehören, mit allen möglichen daraus -folgenden Intimitäten, körperlichen wie seelischen -- und dann eines -Tages vielleicht zu entdecken, daß sie ihn nie gekannt, und daß er -sie nie gekannt, daß der eine niemals ein Wort von des anderen Rede -verstanden hatte --. - -Ach nein. Sie wollte leben, weil sie noch auf etwas wartete. Sie wollte -keinen Liebhaber, denn sie erwartete ihren Gebieter. Sie wollte auch -nicht sterben, nicht jetzt, denn sie wartete. - -Nein. Sie wollte ihr Leben noch nicht von sich werfen, weder auf die -eine noch auf die andere Art. Sie konnte +so+ nicht sterben -- so arm, -daß sie nicht ein einziges geliebtes Wesen besaß, dem sie Lebewohl -sagen konnte. Sie wagte nicht, sie durfte doch hoffen, daß es einmal -anders werde. - -So mußte sie sich also mit der Malerei etwas ins Zeug legen. Sonst -würde sie auf den Hund kommen, krank wie sie war vor Verliebtheit. - -Sie lachte. - -Das war es eben. Der Gegenstand war vorläufig nicht vorhanden, aber die -Liebe, die war da. - - * * * * * - -Durch das schräge Fenster dunkelte der Himmel veilchenblau herein. -Jenny sah hinaus. Die Schieferdächer, die Schornsteine und -Telephondrähte, die ganze stille Welt dort draußen breitete sich, mit -weißem Reif bedeckt, in der Dämmerung aus. Von den Straßen leuchtete -ein rötlicher Schein auf und färbte den Frostnebel. Wagengerassel und -das Kreischen der Straßenbahn klangen jetzt so hart auf der trockenen, -gefrorenen Straße. - -Sie hatte wenig Lust, nach Hause zu gehen und bei der Mutter zu essen. -Aber so war es verabredet. Sie schraubte den Ofen zu, zog ihren Mantel -an und ging. - -Draußen herrschte rauhe, klamme Kälte -- der Nebel roch nach -Ruß, Gas und gefrorenem Staub. Wie hoffnungslos öde diese Straße -im Grunde war. Sie erstreckte sich vom Mittelpunkt der Stadt mit -seinem lärmenden Getriebe und seinen hellerleuchteten Geschäften, -wo der Menschenstrom aus- und einging, bis hinab zu den leblosen, -grauen Festungsmauern. Ihre eigenen Häuserreihen lagen düster und -ausgestorben. Neue Geschäftshäuser aus Stein und Glas, hinter deren -großen Fenstern mit dem sanften weißen Licht arbeitsames junges Volk in -stiller Geschäftigkeit den flatternden Papieren Weg und Richtung gab -und durch das Telephon ihre Mitteilungen in alle vier Winde sandte, -wechselten sich ab mit alten Gebäuden, Ueberresten aus der ältesten -Zeit Kristianias. Es waren meist niedrige, graubraune Häuser mit -glatter Front und Rolläden vor den Bürofenstern. Hier und da fand sich -auch eine kleine Scheibe, mit Gardinen und Topfpflanzen verziert, die -zu einem Kleineleuteheim gehörten, wunderlich einsamen Heimen in diesem -Stadtviertel, dessen Häuser des Nachts meist verlassen lagen. - -Aus den Läden, die sich in dieser Gegend befanden, strömte nicht das -Volk aus und ein wie unten im Zentrum. Hier gab es nur Geschäfte für -Tapeten und Gipsrosetten für Zimmerdecken. Hier fanden sich Ofen-, -Herd- und Möbellager, deren Schaufenster voller leerer Mahagonibetten -und gefirnißter Eichenstühle standen, die aussahen, als würden sie wohl -nie in Gebrauch genommen werden. - -In einem Torweg stand ein Kind -- ein kleiner blaugefrorener Junge -mit einem großen Korb am Arme. Er schaute einigen Hunden zu, die sich -mitten auf dem Damme balgten, daß der feuchte, reifkalte Staub um sie -flog. Das Kind schrie auf, als die Tiere sich zu ihm hinüberwälzten. - -„Hast du vor den Hunden Angst?“ fragte Jenny. - -Erst antwortete der Junge nichts. Da sagte sie: - -„Soll ich dich an ihnen vorüberführen?“ Da schlüpfte er an Jennys -Seite, sprach aber kein Wort. - -„Wo willst du denn hin -- wo wohnst du?“ - -„Voldstraße.“ - -„Hast du eingeholt? Ganz hier unten? Du bist ja so klein -- bist aber -ein tüchtiger Junge.“ - -„Wir kaufen bei Aases in der Strandstraße, weil Vater sie kennt,“ sagte -der Junge. „Und der Korb ist so schwer.“ - -Jenny sah die Straße hinauf und hinunter -- sie war fast menschenleer: - -„Komm, Kleiner, soll ich ihn dir ein Stück tragen?“ - -Der Knabe ließ den Korb ein wenig ängstlich fahren. - -„Gib mir die Hand, du, dann will ich dich an diesen Kötern -vorbeiführen. Nein, wie kalt du bist! Hast du denn keine Handschuhe?“ - -Der Junge schüttelte den Kopf. - -„Sieh her, steck die andere Hand in meinen Muff -- willst du nicht? Du -meinst vielleicht, es schickt sich nicht für einen Jungen, mit dem Muff -zu gehen?“ - -Sie dachte an Nils, als er klein war. Nach ihm hatte sie sich so oft -gesehnt. Jetzt war er so groß und hatte viele Kameraden -- er war in -dem Alter, wo sich ein Junge schämt, sich mit der großen Schwester -abzugeben. Selten kam er zu ihr herüber. In dem einen Jahre, das sie -draußen war, und dann in den Monaten, als sie in all dem Wirrwarr -mit Helge gelebt, hatten sie sich voneinander entfernt. Später, wenn -er größer geworden, würden sie vielleicht wieder Freunde werden wie -ehemals. Sicherlich, denn sie hatten sich lieb. Aber in seinem Alter -ging es auch ohne sie, das wußte sie wohl. Oh, wenn doch Nils jetzt ein -kleiner Junge wäre, daß sie ihn auf den Schoß nehmen und ihm Märchen -erzählen könnte, während sie ihn wusch, ihn auskleidete und ihn küßte! -Oder, wenn es noch wäre wie damals, als sie mit ihm über Nordmarken -wanderte, wo der Riese weit fort war und der Weg voller Abenteuer und -merkwürdiger Erlebnisse! -- - -„Wie heißt du denn, Kleiner?“ - -„Ausjen Torstein Mo.“ - -„Wie alt bist du, Ausjen?“ - -„Sechs Jahre.“ - -„So gehst du wohl noch nicht zur Schule?“ - -„Nein, aber ich soll im April anfangen.“ - -„Freust du dich auf die Schule?“ - -„Nein, die Fräuleins sind so böse. Der Oskar geht auch hin, aber wir -kommen nicht in dieselbe Klasse. Oskar soll in der zweiten anfangen.“ - -„Oskar, ist das dein Spielkamerad?“ fragte Jenny. - -„Ja, die wohnen in demselben Haus wie wir.“ - -Dann entstand eine kleine Pause. Jenny plauderte wieder: - -„Ist es nicht schade, daß wir keinen Schnee bekommen? Ihr habt ja den -Berg, die Piperviken hinunter, wo ihr rodeln könnt? Hast du einen -Schlitten?“ - -„Nein, aber ich habe Schneeschlittschuhe und auch Skier --.“ - -„Ja, dann freilich sollte sich der Schnee ein bißchen beeilen!“ - -Sie waren in die Stortingstraße gekommen. Jenny ließ seine Hand fahren -und dann den Korb. Er war aber so schwer und Ausjen so klein. So -behielt sie ihn denn. - -In der dunklen Voldstraße nahm sie wieder seine Hand und trug ihm den -Korb bis zu dem kleinen Haus, wo er wohnte. Zum Abschied schenkte sie -ihm zehn Oere. - -In der Homansstadt kaufte sie Schokolade und rote Fausthandschuhe, die -sie Ausjen schicken wollte. - -Herrgott, wenn sie nur einem Menschen eine kleine Freude machen könnte! -Eine kleine, unerwartete Freude. - -Sie wollte versuchen, ihn ein paar Stunden am Tage als Modell zu -bekommen. Er war wohl aber zu klein, um ihr zu stehen. - -Die arme kleine Faust, sie war in der ihren ganz warm geworden. Ihr -war, als hätte es ihr gut getan, sie festzuhalten. - -Doch. Sie wollte versuchen, ihn zu malen. Ein lebendiges Frätzchen -hatte er. Er sollte dann Milch mit einem Tropfen dünnen Kaffee und -gutes Butterbrot bekommen, und dann wollte sie arbeiten und mit Ausjen -plaudern. - - - - - Drittes Buch - - - - -I. - - -An einem lichten und lauen Maiennachmittag, der sich schon zum Abend -neigte, lag Sonnenglanz über den schwarzen Bauplätzen; die nackten -Brandmauern waren rotgolden, und die Fabrikschlote glühten lederbraun -im Sonnenbrand. Die Umrisse der Stadt mit hohen und niedrigen Dächern, -großen und kleinen Häusern zeichneten sich gegen die grauviolette Luft -scharf ab, die geschwängert war von Staub und Rauch und Dünsten. - -Das Bäumchen an der roten Mauer trug klare, gelbgrüne Blättchen, durch -die das Licht schien, in diesem Jahre wie im vergangenen. - -Jenny sah den Schimmel an den Bretterwänden der Lumpenbuden, wie -weich und leuchtend grün er war! Die Rußflocken an den Mauern der -Geschäftshäuser waren an einigen Stellen tiefschwarz und an anderen wie -von einer feinen glitzernden Silberhaut überzogen. - -Sie sah in die Luft hinaus. Den ganzen Vormittag hatte sie auf Bygdö -verbracht, dort hatte die Himmelskuppel sich dunkelblau und heiß über -den olivengoldenen Föhrenkronen und der Laubbäume bernsteinfarbenen -Knospen gewölbt. Aber hier schimmerte der Himmel über den hohen -Häusern und dem Netz der Telephondrähte fahlblau hinter einem feinen, -opalweißen Schleier von Dunst verborgen. Im Grunde war es übrigens -schöner so. Gert konnte es nicht sehen. Die Stadt war für ihn nur -immer schmutzig, häßlich und grau. Sie hatten sie alle verflucht, -diese Stadt, die Jungen aus den achtziger Jahren, die hier wie zur -Strafarbeit hergesandt waren. Jetzt stand er sicher dort oben und -blickte in die Sonne hinaus, das Spiel des Lichtes mit Linien und -Farbtönen sah er kaum, für ihn war es nur ein Sonnenstreifen vor den -Gefängnismauern. - -Sie hielt ein Stück vor seinem Torweg inne und sah gewohnheitsmäßig die -Straße hinauf und hinunter. Bekannte waren hier nicht, Arbeitsleute -strömten hinüber zum „Vaterland“ oder nach der Stadt zu. Die Uhr war -also sechs. - -Jenny lief die Treppe hinauf, die abscheulichen Stufen, von denen -es zwischen den nackten Steinwänden widerhallte, wenn sie sich von -seinem Zimmer hoch oben herunterschlichen -- in den späten Stunden der -Winternächte. Es war fast, als säße in diesen Wänden immer Kälte und -rauhe Luft. - -Sie lief schnell über den Korridor und pochte dreimal an seine Tür. - -Gram öffnete. Er zog sie mit dem einen Arm an sich, und während sie -sich küßten, verschloß er mit der freien Hand die Tür hinter ihr. - -Ueber seine Schulter hinweg erblickte sie die frischen Blumen auf -dem kleinen Tisch mit der Weinkaraffe und den ausländischen Kirschen -in einer geschliffenen Kristallschale. Ein leichter Dunst von -Zigarettenrauch lag über dem Raum. Sie wußte, daß er seit vier Uhr hier -gesessen und auf sie gewartet hatte mit all dem, was um ihretwillen -aufgebaut war. - -„Ich konnte nicht früher kommen, Gert,“ flüsterte sie. „Es tat mir so -leid, daß du warten mußtest.“ - -Als er sie freigab, ging sie zum Tisch und beugte sich über die Blumen. - -„Ich darf doch zwei davon haben und mich schmücken, darf ich? O, ich -werde so verwöhnt, Gert, wenn ich bei dir bin.“ Sie streckte ihm beide -Hände entgegen. - -„Wann mußt du hier fort, Jenny?“ fragte er, während er ihre Arme ganz -behutsam küßte. - -Jenny senkte ein wenig den Kopf. - -„Ich mußte versprechen, zum Abendessen zu Hause zu sein, du. Mama sitzt -ja immer auf und wartet auf mich, und sie ist müde vom Tage. Sie hat es -so nötig, daß ich ihr des Abends mit diesem oder jenem zur Hand gehe,“ -sagte sie schnell. - -„Es ist nicht so leicht, von Hause loszukommen, weißt du,“ setzte sie -flehend hinzu. - -Er senkte den Kopf unter ihren vielen Worten. Als sie ihm entgegenkam, -zog er sie fest an sich. Sie barg ihr Antlitz an seiner Schulter. - -Sie konnte nicht lügen, das arme Ding, nicht einmal so gut, daß er auch -nur eine einzige barmherzige Sekunde daran glaubte. Den kurzen, kurzen -Winter über, in den ersten blaugrünen Lenztagen, da hatte sie sich -immer von Hause freimachen können. - -„Es ist ja traurig für uns. Aber es ist jetzt so schwer, wo ich zu -Hause wohne, das wirst du begreifen. Und es muß sein, Mama braucht das -Geld und außerdem muß ich ihr helfen. Du gabst mir ja recht, als ich es -für das Richtigste hielt, nach Haus zu ziehen?“ - -Gert Gram nickte. Sie hatten sich aufs Sofa gesetzt, dicht aneinander -geschmiegt. Jennys Kopf lag an seiner Brust, so daß er ihr Gesicht -nicht sehen konnte. - -„Du, ich war heute auf Bygdö, Gert. Ich ging dort umher, wie wir -kürzlich zusammen. Wir fahren beide bald wieder dort hinaus, nicht -wahr? Vielleicht übermorgen, wenn das Wetter sich hält? Dann finde -ich schon eine Ausrede daheim, daß wir den ganzen Abend zusammen sein -können, willst du? Du bist sicher betrübt darüber, daß ich so schnell -wieder fort muß, nicht wahr?“ - -„Liebste Jenny, das habe ich dir doch tausendmal gesagt --,“ sie hörte -es seiner Stimme an, daß er nun wieder mit seinem trüben Lächeln dasaß: -„Ich bin dir für jede einzige Sekunde dankbar, die du deinem Freunde -schenkst.“ - -„Sprich nicht so, Gert,“ bat sie gequält. - -„Warum darf ich das nicht sagen, wenn es so ist? Mein geliebtes, -kleines Mädchen, meinst du, ich werde jemals vergessen, daß alles, was -du mir gegeben, eine fürstliche Gnade war, daß ich nie begreifen werde, -wie du es mir geben konntest?“ - -„Gert! Im Winter, als ich merkte, daß du mir gut bist, wie gut du mir -bist, sagte ich zu mir selber, daß es ein Ende haben müsse. Aber da -begriff ich auch, daß ich ohne dich nicht sein könnte, und so wurde ich -dein. War das eine Gnade? Wenn ich dich nicht lassen konnte?“ - -„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich -eine fürstliche Gnade nenne.“ - -Stumm schmiegte sie sich an ihn. - -„Du junge, herrliche kleine Jenny --.“ - -„Ich +bin+ nicht jung, Gert. Als du mich trafst, fing ich schon an, alt -zu werden, ich bin nie jung gewesen. Ich fand, +du+ warst jung, viel -jünger in deinem Herzen als ich, denn du glaubtest noch immer an alles, -was ich verlachte und Kinderträumereien nannte, bis du mich glauben -lehrtest, daß es das gab, Liebe und Wärme und all das Andere --.“ - -Gert Gram lachte still vor sich hin. Dann flüsterte er: - -„Vielleicht war mein Herz nicht älter als das deine, du. Ich fand -jedenfalls, daß ich noch keine Jugend gehabt hatte, und ich hoffte -trotzdem tief im Innern, daß sie einmal, ein einziges Mal, mich -streifen würde -- die Jugend. Doch war mein Haar inzwischen weiß -geworden.“ - -Jenny schüttelte den Kopf. Sie erhob ihre Hand und legte sie auf seinen -Scheitel. - -„Ist mein Kleines müde? Soll ich dir die Schuhe ausziehen? Willst du -dich hinlegen und ausruhen?“ - -„Nein. Ich will so liegen. Es tut so gut.“ - -Sie zog die Beine hoch und schmiegte sich in seinem Schoß. Gert legte -den Arm um sie. Mit der freien Hand schenkte er Wein ein und hielt ihr -das Glas an den Mund. Sie trank begierig. Dann reichte er ihr Kirschen, -nahm die Steine von ihren Lippen und legte sie auf den Teller. - -„Du, ich will bei dir bleiben. Ich schicke einen Boten nach Hause und -lasse sagen, daß ich Heggen getroffen habe. Er ist sicher in der -Stadt. Aber ich muß nach Hause, ehe die letzte Straßenbahn fährt. -- -Leider.“ - -„Ich werde für dich gehen.“ Er ließ sie auf das Sofa niedergleiten. „Du -sollst liegen und dich ausruhen. Oh, mein Kind!“ - -Als er gegangen, knöpfte sie die Schuhe auf und schob sie von sich. Sie -trank noch etwas von dem Wein. Dann kroch sie ganz auf das Sofa hinauf, -bohrte den Kopf tief in die Kissen und zog die Decke über sich. -- - -Sie liebte ihn ja doch. Sie wollte bei ihm sein. Wenn sie so sitzen, -sich ganz zusammenrollen und in seinen Armen ruhen durfte, dann war ihr -wohl. Er war ja der einzige Mensch auf der Welt, der sie auf den Schoß -genommen und sie gewärmt, der sie geborgen und kleines Mädchen genannt -hatte. Ja, er war der Einzige, der ihr wirklich nahe gestanden. Darum -wurde sie sein. - -Wenn er sie nur bei sich halten und sie schützen wollte, so daß sie -nichts sah, sondern nur fühlte, daß er sie umschlungen hielt und -wärmte. Dann ging es ihr gut. O nein, sie durfte ihn wohl nicht -verlieren. Und so mußte sie ihm denn das Wenige geben, das sie besaß, -wenn sie von ihm erhielt, was sie nicht entbehren konnte. - -Er durfte sie küssen, mit ihr tun, was er wollte. Wenn er nur nicht -sprach. Denn dann entfernten sie sich so weit von einander. Er sprach -von Liebe, aber ihre Liebe war nicht, wie er glaubte. Sie konnte es -aber nicht mit Worten erklären; sie klammerte sich nur an ihn -- und -das war keine Gnade, kein fürstliches Geschenk. Es war nur eine kleine, -bettelnde Liebe, für die er nicht danken durfte, er sollte sie nur -liebhaben und kein Wort sagen. - -Als er wieder heraufkam, öffnete sie weit die Augen. Sie schloß -sie aber wieder unter seinen stillen, ehrfürchtigen Liebkosungen -und lächelte leise. Dann schlang sie die Arme um seinen Körper und -klammerte sich an ihn. Das schwache Veilchenparfüm, das er an sich -hatte, duftete so mild und frisch. Und sie nickte still, als er sie -fragend aufhob. Er wollte sprechen, aber sie legte erst die Hand auf -seinen Mund und küßte ihn dann, so daß er nichts sagen konnte, während -er sie behutsam in das Nebenzimmer trug. - - * * * * * - -Gert begleitete sie zur Straßenbahn. Einen Augenblick blieb sie draußen -auf der Plattform stehen und sah ihm nach, wie er drüben auf der Straße -in der blauen Maiennacht verschwand. Dann setzte sie sich hinein. - -Gram hatte seine Frau um die Weihnachtszeit verlassen. Er wohnte jetzt -allein in der Stenerstraße. Außer dem Büro hatte er noch ein Zimmer. -Jenny wußte, daß er daran dachte, eine Scheidung herbeizuführen, wenn -einige Zeit hingegangen und Rebekka Gram eingesehen hätte, daß er nicht -zurückkehren würde. Es entsprach seiner Natur, so vorzugehen, mit -einemmale einen Bruch herbeizuführen, das vermochte er nicht. - -Was er eigentlich weiter von der Zukunft erwartete, wagte sie sich -nicht vorzustellen. Meinte er wohl, daß sie ihn heiraten würde? - -Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie nicht eine Sekunde die -Absicht gehabt hatte, sich für immer an ihn zu binden. Darum aber -empfand sie dies alles wie eine bittere, hoffnungslose Demütigung, wie -eine Schande, sobald sie nicht bei ihm war und sich mit seiner Liebe -betäuben konnte. Sie hatte ihn betrogen, die ganze Zeit über hatte sie -ihn betrogen. - -„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich -eine unbegreifliche Gnade nenne.“ - -Was konnte sie dafür, daß er es mit diesen Augen ansah? - -Er hätte sie nicht zu seiner Geliebten gemacht, wenn sie selbst es -nicht gewollt, wenn sie ihn nicht hätte fühlen lassen, daß sie es -wollte. Aber, o Gott! Sie fühlte doch, daß er sich danach sehnte, es -quälte sie, bei jedem Zusammensein sich begehrt zu wissen und zu sehen, -wie er kämpfte, um zu verbergen, was er viel zu stolz war zu zeigen. -Ja, sie hatte gesehen, daß er stolz war, zu stolz, um dort zu bitten, -wo er einstmals nur seine Hilfe geboten. Vielleicht auch zu stolz, um -sich einer Abweisung auszusetzen. Und da sie wußte, daß sie seine Liebe -nicht von sich weisen, nicht den einzigen Menschen hergeben konnte, der -sie liebte. Konnte sie wohl anders handeln, anders ehrenhaft bleiben, -als daß sie ihm bot, was sie besaß und auf diese Weise zu vergelten -suchte, was er mit seinem Reichtum an Liebe, die sie nicht missen -konnte, an ihr tat. - -Aber dann kam hinzu, daß sie Worte hatte aussprechen müssen, stärker -und heißer als ihre Gefühle. Er aber hatte ihr geglaubt und sie bei -ihrem Wort genommen. - -Es geschah wieder und wieder. Kam sie zu ihm, freudlos, mutlos, -müde vom Grübeln darüber, wie das enden solle, und sie sah, daß er -es spürte, dann sagte sie ihm wieder warme Worte und heuchelte viel -Stärkeres als sie fühlte. Und er glaubte ihr. - -Er wußte von keiner anderen Liebe als derjenigen, deren Wesen das Glück -ist. Unglück in der Liebe, das kam von außen her, von der Tücke des -Schicksals oder von einer grausamen Gerechtigkeit, die alles Unrecht -strafte. Sie wußte, was er fürchtete: daß ihre Liebe eines Tages -hinsterben könnte, wenn sie sähe, daß er zu alt sei, um ihr Geliebter -zu sein. Aber niemals hatte er ahnen können, daß ihre Liebe krank -+geboren+ war, mit dem Todeskeim in sich. - -Es würde nichts nützen, ihm das zu erklären. Er würde es nicht -verstehen: daß sie Zuflucht in seinen Armen gesucht, weil er der -Einzige war, der sie ihr geboten hatte. Sie war so todeinsam gewesen. -Als er ihr Liebe und Wärme bot, vermochte sie nicht, dies von sich zu -stoßen. Obgleich sie hätte wissen müssen, daß sie es nicht annehmen -durfte -- sie war dieser Liebe nicht würdig. Nein, er war nicht alt. -Die Leidenschaft eines Zwanzigjährigen, der kindliche Glaube und die -andächtige Anbetung, eines reifen Mannes Wärme und Güte, all die -Liebe, die ein Mannesleben fassen konnte, flammten jetzt an der Grenze -des Alters noch einmal auf. Sie hätten einer Frau zuteil werden -sollen, die mit einem gleichen Gefühl vergelten, die in den kurzen -verbleibenden Jahren ihres Zusammenseins ihn das ganze Dasein, das er -herbeigesehnt, wovon er geträumt und das er erhofft, durchleben lassen -könnte, so daß sie durch tausend glückliche Erinnerungen an seine Seite -gekettet wäre, wenn das Alter käme -- in getreuer Liebe als seiner -Jugend und seines Mannestums Gefährtin bei ihm ausharrend und nun -auch mit ihm alternd. Aber sie --. Wenn sie auch versuchen wollte, zu -bleiben, was konnte sie ihm geben, wenngleich sie wollte? Nie hatte -sie ihm je etwas darbieten können -- sie hatte nur genommen. Es nützte -ihr nichts, daß sie versuchte zu bleiben, auf die Dauer konnte sie ihn -nicht täuschen und zu dem Glauben zwingen, daß ihre Lebenssehnsucht -durch diese erste Liebe für immer gestillt sei. - -Er würde sagen, sie solle gehen. Sie habe geliebt und gegeben, jetzt -liebe sie aber nicht mehr und solle wieder frei sein. So würde es -in seinen Augen aussehen; nie würde er begreifen, daß sie deshalb -trauerte, weil sie nichts, nichts, nichts hatte geben +können+. - -Ah, er peinigte sie, wenn er von ihren Gaben sprach. Ja, sie war -Mädchen, als sie sein wurde. Er betonte es, als wenn es ihm ein Maßstab -dafür sei, wie unendlich tief und stark ihre Liebe wäre. Hatte sie ihm -doch die Reinheit ihrer Jugend geschenkt. - -Die Unberührtheit ihrer neunundzwanzig Jahre. O ja, sie hatte sie wie -ein weißes Brautgewand gehütet, das sie nicht angetastet und nicht -befleckt hatte. In Sehnsucht und Angst, daß sie es niemals tragen -würde, in Verzweiflung über ihre eisige Einsamkeit, über ihr Unvermögen -in der Liebe, hatte sie sich daran geklammert, es zerknittert und mit -ihren Gedanken befleckt. -- War die nicht reiner, die das Leben der -Liebe gelebt, als sie, die nur gegrübelt, gespäht und sich gesehnt -hatte, bis alle Kräfte von dieser Sehnsucht gelähmt waren? - -Als sie dann sein geworden -- wie wenig Eindruck hatte es auf sie -gemacht. Sie war nicht völlig kalt gewesen. Mitunter hatte seine Liebe -sie hingerissen. Aber sie heuchelte Glut und war nur lau. War sie nicht -bei ihm, so dachte sie kaum daran, sie spiegelte ihm eine erlogene -Sehnsucht vor, um ihn zu erfreuen. Ja, sie heuchelte und heuchelte -seiner ehrlichen Leidenschaft gegenüber. - -Und doch, es hatte eine Zeit gegeben, wo sie nicht nur geheuchelt hatte --- oder, belog sie Gert, so belog sie auch sich selber. Sie hatte einen -Sturm in sich gefühlt, es war wohl Mitleid mit ihm und seinem Geschick -und Auflehnung gegen ihr eigenes, weshalb sie Beide, jeder auf seine -Art, im Verlangen nach etwas Unmöglichem sich zerrissen, und dazu kam -noch die grauenhafte Angst, wohin das alles führen solle. Damals hatte -sie gejubelt, daß sie ihn liebte. Sie hatte sich ja in dieses Mannes -Arme stürzen müssen, so wahnsinnig es auch war. - -An jenem Abend hatte sie in der Straßenbahn gesessen und, auf all die -schläfrigen, ruhigen Bürger blickend, triumphiert. Sie kam von ihrem -Geliebten, um sie und ihn lag das Unwetter des Schicksals, sie hatte -da hinaus müssen und wußte nicht, wohin es sie treiben würde. Sie war -stolz auf ihr Geschick gewesen, weil Unglück und Finsternis drohten. - -Jetzt aber sehnte sie sich nur nach einem Ende. Machte Pläne für eine -Auslandsreise, Flucht vor alledem. Sie hatte Cescas Einladung, nach -Tegneby zu kommen, angenommen, um den Bruch vorzubereiten. - -Es war jedenfalls besser für Gert, daß er jetzt allein war. Hatte sie -es erreicht, daß er dem Zusammenleben mit jener ein Ende gemacht, so -hatte sie ihm doch etwas Gutes getan. - - * * * * * - -Jenny gegenüber saßen zwei junge Frauen. Sie waren vielleicht -nicht älter als sie, nur verkommen und verbraucht von dem Leben in -langjähriger Ehe. Vor drei, vier Jahren waren es vielleicht noch ein -paar hübsche Geschäftsmädchen gewesen, die sich putzten und mit ihren -Kavalieren in den Nordmarken Sport trieben. Ja, jetzt glaubte sie, -das Gesicht der einen von dort her wiederzuerkennen -- sie hatten an -einem Osterfest zusammen auf Hakloa übernachtet. Sie war Jenny sogar -aufgefallen mit ihrer geschmeidigen Gestalt und weil sie so gut Ski -lief und so keck und schick in der Sportstracht ausgesehen hatte. - -In gewisser Beziehung war sie noch heute herausgeputzt. Das -Straßenkostüm war modern, aber es saß nicht und die Figur hatte keine -Festigkeit mehr, sie war behäbig und dick geworden, während Schultern -und Hüften dabei eckig geblieben waren. Das Gesicht erschien alt, die -Zähne waren schlecht, mürrische Furchen zogen sich um den Mund. Das -Ganze krönte ein großer Hut mit vielen Straußenfedern. Sie predigte und -die Freundin hörte eifrig zu, mit gespreizten Knien träge dasitzend, -die Hände in einem Riesenmuff auf dem schwangeren Leibe vergraben. -Eigentlich war ihr Gesicht hübsch, aber fett und rotfleckig, mit einem -Doppelkinn. - -„Ja, den Käse muß ich also im Büfett verschließen; kommt er hinaus in -die Küche, dann sind am anderen Morgen nur Rinden übrig. Ein schwerer -Schweizer Käse zu fast drei Kronen das Pfund!“ - -„Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen.“ - -„Aber nun sollen sie etwas hören! Hinter Eiern ist sie her wie -- -ich weiß nicht was. Neulich komme ich ins Mädchenzimmer -- sie ist -unglaublich schmutzig -- und da riecht es in der Kammer ...! Die Betten -sind nicht gemacht -- wer weiß wie lange Zeit. Nein, aber Solveig, sage -ich, und als ich die Decke hochhebe, da hat sie drei Eier und eine -Papiertüte mit Zucker in dem schmutzigen Bett liegen -- was sagen Sie -dazu? Na, sie sagte, sie hätte alles selber gekauft, und das mag bei -dem Zucker wohl stimmen --.“ - -„Ja, das glaube ich auch,“ sagte die andere. - -„Na ja, der war ja auch in einer Tüte, aber die Eier hat sie genommen. -Ich sagte ihr das aber auch, können Sie mir glauben. Aber nun sollen -Sie etwas hören! Letzten Sonnabend komme ich in die Küche, wir sollten -Reisbrei zu Mittag haben, oho, da steht der Topf auf dem Gase und -amüsiert sich, während das Mädel in ihrer Kammer sitzt und häkelt. Und -ich rufe sie und rühre inzwischen im Topf herum -- und was glauben -Sie, was ich mit der Kelle auffische? Ein Ei, wollen Sie das glauben? -Sie kocht sich ein Ei im Reisbrei, na ich mußte lachen, aber können -Sie sich eine solche Schweinerei vorstellen? Ich sagte ihr aber meine -Meinung und zwar gehörig. Was sagen Sie nur dazu?“ - -„O Gott, Dienstmädchen. -- Ja, wissen Sie, was meine neulich gemacht -hat? ...“ - -Diese beiden hatten sich als junge Mädchen sicher auch nach Liebe -gesehnt -- auf ihre Art. Nach einem frischen und strammen Burschen -in fester Stellung, einem Manne, der sie von den einförmigen -Arbeitstagen im Büro oder Geschäft erlöste, sie in ein kleines Heim -brachte, in dessen drei Zimmern sie all ihre eigenen Kleinigkeiten -ausbreiten durften, all diese Stickereien mit Heckenröschen und blauen -Glockenblumen, in die sie ihre Mädchenträume verwoben hatten. - -Mädchenträume der Liebe hatten auch sie geträumt. Doch jetzt -belächelten sie diese überlegen. Es war ihnen eine Genugtuung denen -gegenüber, die jetzt so träumten, festzustellen, wie ganz anders die -Wirklichkeit doch war. Sie waren stolz darauf, zu den Eingeweihten zu -gehören, welche wußten, wie die Wirklichkeit aussah. Vielleicht waren -sie sogar zufrieden. - -Glücklich dennoch, wer unzufrieden. Glücklich, wer nicht abdankte und -sich damit begnügte, daß das Leben ihm ein Armeleutedasein bot. Wer -trotzdem sagte, ich glaube meinen Träumen, kein anderes Glück gibt es -für mich außer dem, das ich begehrte. Ich glaube doch, dies Glück gibt -es. Zeigt es sich mir nicht, so trage ich eben Schuld daran, ich war -dann eine schlechte Jungfrau, die nicht imstande war, zu wachen und des -Bräutigams zu harren. Doch die klugen Jungfrauen werden ihn schauen, -sie werden in seinem Haus Einzug halten zum Tanz --. - -In dem Schlafzimmer der Mutter brannte Licht, als Jenny nach Hause kam. -Sie ging hinein und mußte von der Gesellschaft auf Ahlströms Atelier -erzählen und wie es Heggen ging. - -Ingeborg und Bodil schliefen hinten im Halbdunkel, die schwarzen -Flechten hingen über die Kissen herab. - -Es rührte Jenny nicht im geringsten, dastehen und der Mutter etwas -vorlügen zu müssen. Sie hatte es immer getan, seit sie als Schulmädchen -in munterem Tone von den Kindergesellschaften berichten mußte, auf -denen sie einsam dagesessen und der Anderen Tanz zugeschaut hatte, -unglücklich und verlassen, ein kleines Mädchen, das nicht mittanzen -konnte und nichts sagte, was den Jungen Vergnügen machte. - -Wenn Ingeborg und Bodil vom Balle kamen, saß die Mutter aufrecht im -Bett, fragte und hörte zu und lachte, vom Lampenlicht mit jugendlicher -Röte übergossen. Sie konnten der Mama immer die Wahrheit sagen, denn -die war munter und lachend. Vielleicht unterschlagen sie das eine oder -andere kleine Erlebnis, das so lustig war, daß sie es für sich behalten -wollten. Was tat das, ihr Lächeln war doch echt. - -Jenny küßte die Mutter und wünschte ihr Gute Nacht. Im Wohnzimmer riß -sie aus Versehen eine Photographie herunter. Sie hob sie auf und wußte -im Dunkeln, wer es war. Sie stellte einen Bruder von Jennys rechtem -Vater dar, mit seiner Frau und seinen Töchtern. Er hatte in Amerika -gelebt, so daß sie ihn nie zu Gesicht bekamen. Jetzt war er tot, und -niemand dachte mehr an das Bild. Sie wischte dort jeden Tag Staub und -sah es gar nicht, es war wie jeder andere Nippesgegenstand. - -Als sie in ihrem Kämmerchen war, begann sie ihr Haar zu lösen. - -Sie hatte ja immer ihrer Mutter etwas vorgelogen. Wie hätte sie ihr -gegenüber denn ehrlich sein können, ohne ihr Kummer zu bereiten? Und -wozu sollte sie es auch --? - -Niemals würde die Mutter sie verstanden haben. Bei ihr hatten Glück -und Trauer sich abgelöst, seit sie ganz jung war. -- So war sie mit -Jennys Vater glücklich gewesen und weinte über seinen Tod. Dann hatte -sie mit dem Kinde allein fortgelebt und war zufrieden gewesen. Als -sie Nils Berner traf, hatte er ihr Dasein mit neuem Glück und neuem -Elend erfüllt. Und wieder lebte sie weiter in den Kindern. Die Kinder -bedeuteten das Glück des Mutterseins, das greifbare Ausgefülltsein -einer Leere, ein Glück, das mit tatsächlichen Leiden erkauft, das allzu -körperlich, klein und warm in ihrem Arme gelegen hatte, um angezweifelt -zu werden. Ja, sein Kind zu lieben, das mußte wohl tun. Diese Liebe war -so natürlich, daß man darüber nicht zu grübeln brauchte. Eine Mutter -zweifelte nicht daran, daß sie ihr Kind liebte, daß sie sein Bestes -im Auge hatte, und zu seinem Wohle handelte, auch nicht daran, daß -das Kind sie wiederliebte. So groß aber ist die Gnade der Natur gegen -die Mütter, daß der Kinder innerster Instinkt es nicht zuläßt, die -bittersten und unheilbarsten Sorgen zur Mutter zu tragen. Sie erfahren -von nicht viel Anderem als von Krankheit und Geldsorgen. Niemals von -dem Unwiederbringlichen -- der Schande, der Niederlage im Leben -- und -wenn das Kind wimmerte vor Leid -- eine Mutter glaubt nicht, daß das -Verlorene unersetzbar sei. - -Nichts dürfte die Mutter von ihrem Kummer erfahren -- die Natur selbst -hatte dort eine Mauer errichtet. Niemals würde Rebekka Gram den zehnten -Teil von dem erfahren, was ihr Kind um ihretwillen gelitten hatte. Wie -hatte Frau Lund um ihren schönen Sohn geweint, als er verunglückte. -Noch immer trauerte sie tief und wehmütig über ihren Jungen und träumte -von der reichen Zukunft, der er entrissen worden. Seine Mutter war -die Einzige, die nicht ahnte, daß er sich erschossen hatte, um nicht -irrsinnig zu werden. - -Die Mutterliebe stand auch keinem anderen Glück im Wege. Von dieser -oder jener Mutter wußte sie, daß sie Liebhaber gehabt hatte und -glaubte, die Kinder sähen es nicht. -- Da gab es solche, die sich -scheiden ließen und auf andere Art glücklich wurden. Nur, wenn die neue -Liebe eine Enttäuschung war, so jammerten sie und waren reuig. Ihre -Mutter hatte sie vergöttert, und doch hatte ihre Liebe für Berner Raum -gehabt, sie war mit ihm glücklich gewesen. Gert hatte seine Kinder -geliebt, und eines Vaters Liebe war wohl nachdenklicher, verstehender, -weniger instinktiv, als die einer Mutter. Und doch hatte er in diesem -Winter kaum an Helge gedacht. - - - - -II. - - -Jenny hatte drinnen beim Stationsvorsteher die Post geholt. Sie gab -Franziska die Zeitungen und ihren Brief und öffnete ihren eigenen. -Draußen auf dem Kiese des Bahnsteiges mitten im Sonnenbrand stehend, -überflog sie Gerts langes Schreiben. Die liebevollen Worte am Anfang -und am Schlusse las sie, während sie das Uebrige überging. Es waren nur -lange allgemeine Betrachtungen über die Liebe. - -Jenny steckte den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn in ihre -Handtasche. Oh, diese Briefe von Gert -- sie war fast nicht imstande, -sie zu lesen. Die Worte allein zeigten ihr, daß sie sich doch nicht -verstanden. Sie fühlte es, wenn sie miteinander sprachen; beim -Schreiben trat es aber klar zutage. - -Und dennoch +war+ Wesensverwandtschaft zwischen ihnen. Warum konnten -sie dann nicht harmonieren? - -War er stärker oder schwächer als sie? Er hatte verloren und verloren, -hatte resigniert und sich an allen Ecken und Kanten beugen müssen -- -und fuhr fort zu hoffen, fuhr fort zu leben und fuhr fort zu glauben. --- War das Weichheit oder Lebenskraft? Sie verstand ihn nicht. - -Vielleicht lag es doch am Altersunterschied. Er +war+ nicht alt. Aber -seine Jugend stammte aus einer anderen Zeit. Er gehörte zu eine Jugend, -die jetzt ausgestorben war, einer Jugend mit gesünderem Glauben und -mehr Naivität. Vielleicht war auch sie naiv -- mit ihrem Glauben und -ihren Zielen. Aber dann war es eine andere Art von Naivität. Die Worte -wechseln im Laufe von zwanzig Jahren ihre Bedeutung, ob es letzten -Endes das war? - -Der Kies leuchtete rotviolett und die graugelbe Farbe an der Mauer des -Stationsgebäudes platzte in der Sonnenhitze auf. Es dunkelte einen -Augenblick vor ihren Augen, als sie vom Abhang in die Höhe blickte. Es -war seltsam, aber sie vertrug die Hitze in diesem Jahre nicht gut. - -Ueber das Kirchspiel hin zitterte der heiße Dunst von Heuwiesen und -weißen Aeckern, ganz bis hinüber zum Waldrande, der sich schwarzgrün -gegen den sommerlich blauen Himmel abhob. Die wenigen Laubbäume vor den -Gehöften trugen bereits dunkle Kronen. - -Cesca las noch immer an ihrem Brief. Er war von ihrem Manne. Ihr -Leinenkleid leuchtete weiß gegen den blauen Kies des Bahnsteigs. - -Gunnar Heggen hatte sein Gepäck auf dem hinteren Sitz des Wägelchens -verstaut. Er liebkoste das Pferd und plauderte mit ihm, während er auf -die Damen wartete. - -Cesca steckte ihren Brief fort, hob den Kopf und machte eine Bewegung, -als wollte sie etwas verjagen. - -„Ja, du mußt entschuldigen, mein Junge -- jetzt können wir fahren.“ Sie -und Jenny setzten sich auf den Vordersitz; Cesca lenkte selbst. „Das -ist furchtbar gemütlich, Gunnar, daß du kommen konntest! Ist es nicht -famos, daß wir drei wieder einige Tage zusammen sein können? Ich soll -euch beide von Lennart grüßen!“ - -„Danke. Geht es ihm gut?“ - -„O ja. Er berichtet nur Gutes. Es war wirklich genial von Papa und -Borghild, daß sie wegreisten. Ich bin jetzt mit Jenny allein auf -dem Hof, siehst du, und die alte Gina steht Kopf für uns -- das ist -herrlich!“ - -„Ja, es macht Freude, euch wiederzusehen, Mädelchen!“ - -Er lachte sie beide so offenherzig an. Aber Jenny bildete sich ein, -sie hätte einen merkwürdig ernsten Schimmer dahinter gesehen. Sie -wußte, daß sie verwelkt und müde aussah, Cesca in dem billigen, -fertiggekauften Leinenkleid glich einem Backfisch, der alt zu werden -anfing, ohne erwachsen gewesen zu sein. Es war ihr, als sei Cesca -kleiner geworden in diesem Jahre, aber sie zwitscherte und plauderte in -einem fort -- was sie zum Mittagessen bekamen und zum Kaffee, ob sie -ihn im Garten trinken sollten, und von all dem Likör und Whisky und -Selterwasser, was sie eingekauft hatte. - - * * * * * - -Als Jenny in der Nacht in ihr Zimmer hinaufkam, setzte sie sich auf das -Fensterbrett und ließ sich den frischen Luftzug, der mit den Gardinen -spielte, über das Antlitz wehen. Sie war ziemlich berauscht -- ganz -unbegreiflich war es ihr, aber Tatsache. - -Sie konnte nicht verstehen, wie es zugegangen war. Anderthalb Glas -Whisky und einige Gläschen Likör war alles, was sie getrunken, und -sogar nach dem Abendessen -- allerdings hatte sie nicht viel gegessen, -aber sie hatte augenblicklich keinen Appetit. Starken Kaffee hatte es -auch gegeben. - -Vielleicht war gerade der Kaffee schuld -- und die Zigaretten. Obgleich -sie jetzt weniger rauchte als früher. - -Jedenfalls hatte sie Herzklopfen und ein widerliches Hitzegefühl -durchrann sie in großen Wogen, so daß sie in Schweiß gebadet war. Das -Bild dort draußen drehte sich langsam vor ihren Augen -- vorwärts und -zurück -- die graugefärbte Ebene, das blaßleuchtende Blumenbeet und die -dunklen Baumkronen des Gartens an dem weißlichen Sommernachtshimmel. -Das Zimmer lief rund um sie her. - -Sie wankte, als sie die Waschschüssel mit Wasser füllte. Unsicher in -den Bewegungen war sie auch. Das ist doch aber ein Skandal. Es geht -bereits bergab mit dir, mein Kind. Nun verträgst du keinen Alkohol -mehr. Früher hatte sie das Doppelte trinken können, ohne etwas zu -verspüren. - -Erst hielt sie die Hände mit dem Puls unter Wasser. Dann badete sie -lange ihr Gesicht. Riß sich die Kleider vom Körper und ließ das Wasser -von dem nassen Schwamm über den ganzen Leib rieseln. - -Gott weiß, ob Gunnar und Cesca etwas gemerkt hatten. Sie selbst hatte -zwar erst jetzt, als sie heraufkam, etwas verspürt. Wie gut, daß der -Oberstleutnant und Borghild nicht zu Hause waren. - -Es wurde besser, als sie sich eine Weile gewaschen hatte. Sie zog ihr -Nachthemd über und setzte sich wieder ans Fenster. - -Die Gedanken schwirrten ziellos zwischen Fragmenten der Gespräche des -Tages mit Gunnar und Cesca umher. Mitten drin stand ihre Verwunderung -hellwach still -- vor der Erkenntnis, daß sie sich betrunken hatte! Es -war ihr noch nie zuvor begegnet -- sie kannte das Gefühl kaum, auch -wenn sie einmal viel trank. - -Jetzt war es übrigens sicher vorbei, sie fühlte sich matt und schläfrig -und kalt. Sie stand auf und taumelte in das große Himmelbett. Wenn sie -nun erst am späten Vormittag erwachte -- jedenfalls würde es eine neue -Erfahrung sein. - -Soeben hatte sie sich in den Kissen zurechtgelegt und die Augen -geschlossen, als die widerwärtige üble Hitze sie wieder überflutete, so -daß der Schweiß aus allen Poren brach. Das Bett wankte wie ein Schiff -im Wellengang, so daß sie seekrank wurde. Sie lag eine Weile still da -und versuchte, Herr über diese widerliche Empfindung zu werden -- ich -will nicht, ich will nicht. Aber es nutzte nichts -- der Mund lief -voller Wasser. Es war gerade noch Zeit genug, zum Zimmer zu gelangen, -ehe sie sich erbrach. - -Aber du großer Gott, war sie wirklich so betrunken? Jetzt wurde es -geradezu unangenehm. Aber nun war es wohl vorüber. Sie brachte alles -wieder in Ordnung, trank einen Schluck Wasser und legte sich nieder. -Jetzt konnte sie vielleicht schlafen. - -Aber als sie kurze Zeit mit geschlossenen Augen gelegen hatte, -begann der Seegang von neuem, ebenso Schweiß und Uebelkeit. Es war -erstaunlich, da sie doch jetzt völlig klar im Kopfe war. Trotzdem mußte -sie noch einmal auf. - -Im Augenblick, als sie zum Bett zurückging, blitzte ein Gedanke in ihr -auf. -- - -Still. Sie legte sich hin und bohrte den Nacken ins Kopfkissen. Es -war ja unmöglich. Sie wollte nicht daran denken. Aber sie konnte es -nicht lassen und überlegte sich: Sie hatte sich die ganze letzte Zeit -hindurch nicht wohl gefühlt. - -Müde und zermürbt war sie natürlich. Zerquält und nervös. Deshalb -hatte sie vielleicht nicht das winzige Bißchen gestern Abend vertragen -können. Wahrhaftig, sie begriff, daß Menschen Abstinenzler wurden nach -einigen solchen Nächten. - -An das Andere +wollte+ sie nicht denken. War es traurige Wirklichkeit, -so erfuhr sie es noch zeitig genug. Nur sich nicht mit Beängstigungen -plagen, ehe es notwendig war. - -Jenny öffnete das Nachtkleid und strich sich über die Brüste. - -Sie +wollte+ schlafen. -- Jetzt könnte sie natürlich nicht aufhören, an -diesen Unsinn zu denken -- ach. Sie war doch so müde. - -In der ersten Zeit mußte sie natürlich immer daran denken, daß es wohl -Folgen haben könnte und war einige Male ängstlich gewesen. Sie hatte -aber ihre eigene Furcht beim Schopfe gepackt und sich gezwungen, sie in -vernünftigem Lichte zu sehen -- ja, wenn nun etwas geschähe? Zum großen -Teil war es ja sinnloser Aberglaube, diese Furcht davor, ein Kind zu -bekommen. Derartiges geschah eben häufig -- wollte sie schlechter sein -als alle die Arbeiterinnen, die sich allein mit dem Kind zurechtfanden? -Der größte Teil des Schrecks stammte ja von der Zeit, als eine -unverheiratete Frau in solchem Falle zum Vater oder zu Verwandten gehen -und bekennen mußte, daß sie leichtsinnigen Vergnügungen nachgegangen -war, und daß sie nun die Kosten bezahlen sollten -- sogar mit der -Aussicht, später niemals ihre Versorgung auf jemand anders abschieben -zu können. So daß diese dann mit gutem Recht erbittert waren. - -Aber niemand hatte das Recht, sich über sie zu erbittern. Schlimm -war es natürlich der Mama wegen. Aber Herrgott, wenn ein erwachsener -Mensch versuchte, sein Leben nach eigenem Gewissen zu leben, so hatten -die Eltern zu schweigen. Sie hatte versucht, ihrer Mutter so viel zu -helfen, wie es ihr möglich war, hatte sie nie mit Sorgen geplagt, -niemals ihren Ruf einer leichtsinnigen Tat wegen aufs Spiel gesetzt --- in Vergnügen oder Bummeln. Aber dort, wo ihre Ansichten über Recht -und Unrecht mit denen guter Bürger auseinander gingen, hatte sie den -eigenen zu folgen, selbst wenn es der Mutter weh tun würde, daß die -Bürger häßlich von ihr redeten. - -War ihr Verhältnis mit Gert sündig, so bestand die Sünde jedenfalls -nicht darin, daß sie zuviel gegeben hatte, sondern zu wenig. Und wie es -auch endete, so mußte sie dafür leiden und durfte nicht mucksen. - -Ein Kind zu versorgen, müßte sie eigentlich genau so gut imstande sein -wie alle die Mädchen, die nicht ein Zehntel von dem konnten, was sie -an Fähigkeiten besaß. Etwas Geld hatte sie ja auch noch übrig, so daß -sie fortreisen konnte. War es auch ein kümmerlicher Beruf, den sie sich -gewählt -- viele ihrer Kollegen mußten doch sogar Frau und Kinder damit -ernähren. Außerdem hatte sie, seit sie annähernd erwachsen war, anderen -helfen müssen. - -Natürlich wäre es ja das Beste, der Sache zu entgehen. Bisher war es ja -gut gegangen. - -Sie wollte nicht daran denken. -- - -Gert würde wohl verzweifelt sein. - -Oh, aber Herrgott -- wenn es zutraf -- jetzt! Wäre es wenigstens damals -gekommen, als sie ihn liebte -- oder ihn zu lieben glaubte. Damit sie -in diesem Glauben hätte von ihm fortreisen können. Aber jetzt, jetzt, -wo alles, was zwischen ihnen bestanden hatte, in kleine Stückchen -zerbröckelte, von ihrem Denken und Grübeln aufgezehrt. - -Sie hatte es in diesen Wochen hier auf Tegneby klar empfunden, -daß es so nicht weitergehen könne. Sie hatte sich hinausgesehnt, -nach neuen Verhältnissen, neuer Arbeit. Ja, die Arbeitssehnsucht -war zurückgekehrt. Sie hatte dieses krankhafte Verlangen von -sich abgeschüttelt, sich an einen Menschen anzuklammern, von ihm -umschmeichelt, umsorgt und „kleines Mädchen“ genannt zu werden. - -Sie hatte sich im Schmerz zusammengekrampft, wenn sie an den Bruch -dachte, und daß sie ihm wehe tun mußte. Aber Herrgott -- sie hatte -ihm doch gegeben, solange sie konnte. Gert war glücklich gewesen. -Jedenfalls war er dem erniedrigenden Sklavendasein mit ihr -- der Frau --- entronnen. - -Was sie selbst betraf, so hatte sie resigniert. Arbeit und Einsamkeit -würden ihr Leben bedeuten. Diese Monate aus ihrem Dasein auslöschen, -das wußte sie, konnte sie nicht. Sie würde die Erinnerung daran -behalten und die bittere Lehre dieser Zeit, daß die Liebe, die vielen -genügte, nicht für sie ausreichte, mit sich nehmen. Für sie schien es -besser, zu entbehren, als sich zu begnügen. - -O ja, vergessen würde sie diese Monate nicht. Aber gemildert würden -sie vor ihr stehen, und umgedichtet zu Erinnerungen an das kurze, -schmerzdurchzogene Glück und die bittere, reueerfüllte Qual. Mit der -Zeit wollte sie die Erinnerung an den Mann, gegen den sie blutiges -Unrecht verübt hatte, halbwegs auszulöschen suchen. - -Und jetzt trug sie vielleicht sein Kind. - -Aber es war ja undenkbar. Es war ja sinnlos, darüber nachzugrübeln. -Aber wenn es doch Wahrheit wurde? - - * * * * * - -Jenny schlummerte endlich ein. Draußen war es schon ganz hell. Sie -schlief traumlos und tief. Als sie aber auffuhr, hellwach, war es nicht -viel lichter. Der Himmel war drüben über den Baumkronen des Gartens ein -wenig gelblicher und die Vögel zwitscherten schläfrig. - -Die gleichen Gedanken stellten sich im selben Augenblick wieder ein. -Jenny wußte, daß sie diese Nacht kaum mehr schlafen würde. Resigniert -gab sie nach und dachte alles von neuem durch. - - - - -III. - - -Heggen reiste ab und Oberstleutnant Jahrmann kehrte mit seiner ältesten -Tochter zurück. Diese fuhren dann wieder weiter zu einer verheirateten -Schwester Franziskas. - -Cesca und Jenny waren nun wieder allein auf Tegneby. Sie gingen jede -für sich umher, in ihre Gedanken eingesponnen. - -Jenny wußte jetzt bestimmt, daß sie schwanger war. Was es aber in -Wirklichkeit bedeutete, hatte sie sich noch nicht klargemacht. -Versuchte sie, ein wenig in die Zukunft zu denken, so streikte ihre -Phantasie. Eigentlich war ihr jetzt ungleich wohler zumute, als in den -verzweifelten Wochen, als sie unablässig darauf wartete, daß es sich -als Irrtum erweisen sollte. - -Sie tröstete sich damit, daß sich wohl ein Ausweg für sie, wie für die -vielen anderen, finden würde. Von ihrer Reise ins Ausland hatte sie -ja schon seit dem Herbst gesprochen. Wie an eine schwache Möglichkeit -dachte sie an Paris -- dorthin zu fahren und zu einer ~age-femmes~ -zu gehen. Aber sie mochte es sich nicht genauer überlegen. - -Ob sie überhaupt Gert gegenüber erwähnen wollte, wie es mit ihr stand, -wußte sie nicht. Sie hatte die Absicht, es nicht zu tun. - -Wenn sie nicht mit sich selbst beschäftigt war, so dachte sie an Cesca. -Mit ihr war auch etwas nicht so, wie es sollte. Trotzdem war sie -sicher, daß Cesca Ahlin sehr gern hatte. War er es, der sich nichts -mehr aus ihr machte? - -Cesca hatte es schwer gehabt das Jahr hindurch, während sie verheiratet -gewesen, das merkte Jenny. Sie war so klein und schüchtern geworden. -Furchtbar beschränkt waren ihre Verhältnisse, und sie saß abends -eine Stunde nach der anderen auf Jennys Bettrand und klagte über ihre -häuslichen Widerwärtigkeiten. Stockholm war so teuer und billiges Essen -herzustellen war schwer, wenn man so etwas nicht gelernt hatte. Alle -Hausarbeit ging schwer von der Hand, wenn man so irrsinnig erzogen -worden war wie sie. Und es war zum Verzweifeln, daß man die Arbeit, -kaum daß sie getan war, wieder von neuem in Angriff nehmen mußte. -Sowie sie das Haus gereinigt hatte, war es wieder schmutzig, und -kaum war sie mit dem Essen fertig, mußte aufgewaschen werden -- und -dann hatte sie schon wieder Essen zu kochen und wieder abzuwaschen. --- Wenn Lennert auch versuchte, ihr zu helfen, so war er doch ebenso -ungeschickt und unpraktisch wie sie selbst. Dazu kamen ihre Sorgen -um ihn -- das Monument hatte er nicht bekommen -- niemals begegnete -er einer Anerkennung, trotzdem er doch so begabt war. Er war aber -nur zu vornehm, sowohl als Mensch wie als Künstler. Das war nun eben -nicht zu ändern, sie wünschte ja auch nicht, daß er anders wäre. Dann -diese langwierige Krankheit im Frühling -- zwei Monate hatte er an -Scharlachfieber und Lungenentzündung und anderen Krankheiten, die -eine Folge davon waren, gelegen -- diese Zeit hatte Cesca furchtbar -angegriffen. - -Da war aber etwas anderes, wovon Cesca nicht sprach -- das fühlte -Jenny. Jenny wußte auch, sie konnte nicht so gegen Cesca sein wie -früher, sie hatte nicht mehr das ruhige Herz und den offenen Sinn, um -anderer Sorgen hinnehmen und trösten zu können. Es schmerzte sie, daß -sie Cesca nicht helfen konnte. - -Cesca war eines Tages nach Moß gefahren, um Einkäufe zu machen. Jenny -wollte sie nicht begleiten, so blieb sie denn daheim und vertrieb sich -die Zeit im Garten. Sie las, um nicht zu denken, und begann, Muster zu -stricken, weil sie die Gedanken nicht bei ihrer Lektüre sammeln konnte. -Aber sie verzählte sich bei der Arbeit, mußte trennen und strickte -wieder, indem sie sich zwang, aufzupassen. - -Cesca kam nicht zum Essen nach Hause, wie sie versprochen hatte. Jenny -aß schließlich allein und beschäftigte sich den Nachmittag über, so -gut es ging. Sie rauchte, aber die Zigaretten schmeckten nicht, sie -strickte, aber die Arbeit sank ihr jeden Augenblick in den Schoß. - -Endlich gegen zehn Uhr fuhr Cesca die Allee herauf. Jenny war ihr -entgegengegangen. Gleich nachdem sie zu ihr auf das Wägelchen gestiegen -war, sah sie, daß irgendetwas vorgefallen sein mußte. Aber keine von -ihnen sprach. - -Erst gegen Ende der Mahlzeit, als sie bei der letzten Tasse Tee saßen, -sagte Franziska, ohne Jenny anzublicken, leise: - -„Weißt du, wen ich heute in der Stadt traf?“ - -„Nein?“ - -„Hans Hermann. -- Er ist zu Besuch auf Jelö. Dort lebt ein altes, -reiches Fräulein Oehrn, bei der er wohnt. Sie protegiert ihn sozusagen -in Allem.“ - -„Ist seine Frau mit?“ fragte Jenny nach einer Weile. - -„Nein, sie sind jetzt geschieden. Die Aermste, sie verlor ihren kleinen -Jungen im Frühling, ich las es in der Zeitung.“ - -Dann begann Cesca von anderen Dingen zu sprechen. - - * * * * * - -Als Jenny sich aber niedergelegt hatte, schlich sie zu ihr hinüber. -Sie kroch ins Himmelbett hinauf, setzte sich ans Fußende, zog die -Beine hoch und deckte ihren Nachtrock darüber. Die Arme über die -Knie verschränkt, saß sie in der weißen Dämmerung des Bettes; das -schwarzhaarige Köpfchen hob sich wie ein dunkler Schattenfleck gegen -die hellen Gardinen ab. - -„Du, ich reise morgen nach Hause. Ich telegraphiere morgen früh an -Lennart, und mittags fahre ich dann. Du weißt ja, Jenny, daß du -durchaus hier bleiben darfst, solange du Lust hast. Du mußt mich nicht -für rücksichtslos halten, aber ich wage es nicht, ich reise sofort.“ - -Sie atmete schwer. - -„Ich verstehe es nicht, Jenny. Ich habe mit ihm gesprochen und er hat -mich geküßt, und doch schlug ich nicht nach ihm. Ich hörte allem zu, -was er mir sagte, und ich schlug ihm nicht einmal mitten ins Gesicht. -Ich +liebe+ ihn nicht mehr, das weiß ich jetzt, und dennoch hat er -diese Macht über mich. Weißt du, daß ich Furcht habe? Ich wage nicht -hierzubleiben, denn ich weiß nicht, wozu er mich verleiten könnte. Wenn -ich jetzt an ihn +denke+, so hasse ich ihn, aber ich werde geradezu -versteinert, wenn er spricht. Ich kann nicht verstehen, daß ein Mensch -so zynisch sein kann, so brutal, so +schamlos+! Es ist geradezu, als -könne er nicht begreifen, daß es etwas gibt, was Ehre und Scham heißt. -Er rechnet nicht damit und glaubt nicht, daß es andere tun. Er geht -ohne weiteres davon aus, daß es nur aus Berechnung geschieht, wenn wir -anderen an Recht und Unrecht glauben. Es ist mir, als hypnotisierte er -mich damit. Denk dir, ich bin den ganzen Nachmittag mit ihm zusammen -gewesen, und ich hörte mir an, was er sagte. Ach Gott, er sprach davon, -daß ich jetzt verheiratet sei und daß ich nun meiner Tugend wegen nicht -so zimperlich zu sein brauchte oder wie er sagte. Uebrigens deutete -er an, daß er jetzt frei sei und daß ich mir irgendwie Hoffnungen -machen dürfte, glaube ich. Er küßte mich im Park, und mir war, als -müßte ich aus vollem Halse schreien, aber ich konnte nicht einen Laut -hervorbringen. O Gott, wie war mir Angst! Er sagte, er käme übermorgen -hier hinaus -- morgen haben sie große Gesellschaft. Und die ganze Zeit -ging er mit dem Lächeln umher, vor dem ich schon früher solche Furcht -hatte. -- - -Muß ich nicht reisen, wenn es so mit mir steht?“ - -„Doch, Cesca.“ - -„Ich bin sicher eine Gans. -- Aber du begreifst --“ rief sie plötzlich -heftig aus. „Ich wage es nicht, mich auf mich selbst zu verlassen. -Aber eines kannst du mir glauben: wäre ich Lennart untreu geworden, -weiß Gott, ich ginge geradenwegs zu ihm und erzählte es ihm, und dann -brächte ich mich sofort vor seinen Augen um --.“ - -„Liebst du deinen Mann?“ fragte Jenny leise. - -Franziska schwieg einen Augenblick. - -„Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn richtig lieb hätte, so wie man soll, -dann hätte ich keine Angst vor Hans Hermann. Meinst du nicht auch, daß -ich Hans dann hätte ohrfeigen müssen, wenn er mich so behandelte und -mich küßte? Aber jedenfalls weiß ich, daß ich nicht würde weiterleben -können, wenn ich Lennart Unrechtes angetan hätte, verstehst du. Während -ich Franziska Jahrmann war, war ich nicht weiter vorsichtig mit dem -Namen. Aber jetzt heiße ich Franziska Ahlin. Und hätte ich nur den -Schatten eines Mißtrauens auf diesen Namen fallen lassen -- seinen -Namen -- so verdiente ich, daß er mich wie eine Dirne niederschösse. -Dazu ist Lennart nicht imstande, aber ich bin es, das weiß ich --.“ - -Sie löste ihre Glieder plötzlich aus der verschlungenen Stellung und -schmiegte sich dicht an Jenny. - -„Nicht wahr, du glaubst an mich? Meinst du wohl, daß ich leben könnte, -wenn ich etwas Ehrloses getan hätte?“ - -„Nein, Cesca.“ Jenny zog sie an sich und küßte sie. „Ich glaube nicht, -daß du es könntest.“ - -„Ich weiß nicht, was Lennart denkt. Er versteht mich nicht, siehst du. -Wenn ich aber nach Hause komme, so sage ich ihm alles. Wie es ist. Das -muß sein.“ - -„Cesca,“ sagte Jenny sanft. Aber dann wollte sie doch nicht fragen, ob -Cesca glücklich war. - -Aber Cesca begann von selbst zu erzählen. - -„Ich habe es die ganze Zeit über schwer gehabt, siehst du. Es ist nicht -alles so einfach gegangen, das kannst du glauben. Ich war in vieler -Beziehung so unvernünftig, als ich mich verheiratete. Ich nahm Lennart -ja, weil Hans wieder anfing, mir zu schreiben, nachdem er geschieden -war, und weil er schrieb, daß er mich jetzt haben +wollte+. Ich hatte -aber vor ihm Angst und wollte nicht wieder mit dergleichen beginnen. -Das alles sagte ich Lennart, und er war so fein und lieb; er verstand -alles und ich fand, er sei der großartigste Mensch auf der ganzen -Welt. Das +ist+ er auch, das weiß ich sehr gut. Aber dann tat ich etwas -Entsetzliches. Lennart kann es nicht verstehen und ich weiß, er wird es -mir nie verzeihen. Vielleicht ist es verkehrt von mir, es zu erzählen, -aber ich verstehe es doch nicht, Jenny. Ich +muß+ einen Menschen -fragen, ob es so schlimm ist, daß ein Mann es nie verzeihen kann. Und -du mußt mir ganz offen antworten, ganz offen, hörst du, ob du glaubst, -daß es nie wieder gutzumachen ist .... Wir reisten nachmittags, nach -Rocca di Papa, nachdem wir getraut waren. Du weißt ja, welch furchtbare -Angst ich davor hatte und wie mir davor graute. Dann am Abend, als -Lennart mich in unser Zimmer führte und ich das große Doppelbett sah, -begann ich fürchterlich zu weinen. Lennart war aber so lieb -- ich -sollte dem entgehen, so lange ich selbst wollte. Das war an einem -Sonnabend. Wir hatten es nicht besonders gemütlich, das heißt Lennart -nicht, glaube ich. Ich wäre ja heilfroh, auf diese Art verheiratet zu -sein. Jeden Morgen, wenn ich erwachte, war ich so dankbar, aber ich -durfte fast nicht meinen eigenen Gatten küssen. Dann am Mittwoch waren -wir auf den Gipfel des Monte Cavo hinaufgestiegen. Es war so wunderbar -schön dort oben. Wir schrieben Ende Mai und die Sonne schien. Der -Kastanienwald, eben aufgesprungen, leuchtete, der Goldregen blühte wie -toll an den Hängen herab, und am Wege entlang standen unzählige weiße -Blumen und Lilien. Die Luft war ganz dunstig von der Sonne -- es hatte -einige Stunden vorher geregnet -- und der Nemisee und Albanersee lagen -silberweiß vor uns unter dem Waldabhang, umgeben von all den kleinen -weißen Städten. Drüben die ganze Campagna und Rom in einen weißen -Nebelschleier gehüllt. Und ganz fern das Mittelmeer wie ein matter -Goldrand am Horizont. O, es war so herrlich, so herrlich, und ich fand -das Leben so wunderbar, nur Lennart war traurig. -- Ich fühlte, er war -der vorzüglichste Mensch auf der Welt und ich hatte ihn so grenzenlos -lieb, das andere war nur furchtbarer Unsinn, das empfand ich plötzlich. -Da schlang ich die Arme um seinen Hals und sagte: ‚Jetzt will ich ganz -dein werden, denn ich liebe dich --.‘“ - -Cesca schwieg und atmete schwer. - -„Ach Gott, Jenny, der Junge wurde so glücklich, der Aermste.“ -Sie verschluckte ihre Tränen. „Ja, er wurde froh. ‚Jetzt,‘ sagte -er, ‚hier?‘ Er nahm mich auf den Arm und wollte mich in den Wald -hineintragen. Ich aber wehrte mich und sagte: ‚heute Nacht, heute -Nacht!‘ O, Jenny, ich verstehe ja nicht, warum ich es tat, eigentlich -wollte ich es aber doch. Es wäre schön gewesen, in dem tiefen Wald mit -der Sonne über uns. Aber ich tat, als wollte ich nicht -- Gott mag -wissen, warum. Dann am Abend, als ich mich zur Ruhe gelegt und nun -die vielen Stunden hindurch auf diesen Augenblick gewartet hatte, als -dann Lennart kam -- ja, da begann ich denn wieder zu heulen --. Doch -da raste er hinaus, siehst du, und blieb die ganze Nacht über weg. Ich -lag wach. Ich weiß nicht, wo er geblieben war. Wir reisten am nächsten -Vormittag nach Rom zurück und wohnten im Hotel. Lennart mietete zwei -Zimmer, aber ich ging zu ihm hinein. Schön war es aber dann nicht mehr. -Seitdem ist es zwischen mir und Lennart nie wieder gut geworden. Ich -verstehe wohl, daß ich ihn furchtbar gekränkt haben muß. Aber du sollst -mir sagen, Jenny, ob du glaubst, daß ein Mann so etwas vergessen oder -verzeihen kann?“ - -„Er müßte später eingesehen haben,“ sagte Jenny leise und unsicher, -„daß du es damals nicht verstandest, die Gefühle nicht kanntest, die du -gekränkt hast.“ - -„Nein.“ Cesca erschauerte. „Ich verstehe es jetzt. Ich verstehe, daß es -etwas Fleckenloses, Reines und Schönes war, das ich beschmutzte. Aber -ich wußte es damals nicht. Jenny -- kann eines Mannes Liebe das niemals -überwinden?“ - -„Sie müßte es können. Du hast ja späterhin bewiesen, daß du seine -gute, treue Frau sein wolltest. Jetzt im Winter rackertest du dich ab, -mühtest du dich ab und klagtest nicht. Im Frühling, als er krank war, -wachtest du Nacht für Nacht, pflegtest ihn Woche für Woche.“ - -„Das war ja gar nichts,“ sagte Cesca eifrig. „Er war so gut und -geduldig und half mir, so viel er konnte, bei meiner mühevollen Arbeit, -wie du es nennst. Und während seiner Krankheit kamen hin und wieder -Freunde von ihm und halfen bei der Nachtwache. In der Woche, als er -fast im Sterben lag, hatten wir übrigens auch eine Schwester, aber ich -wachte trotzdem, weil ich so gern wollte, verstehst du, aber ich hätte -es natürlich nicht nötig gehabt.“ - -Jenny küßte Cesca auf die Stirn. - -„Aber etwas habe ich dir noch nicht erzählt, Jenny. Ja, du hast mich -auch vor dem gewarnt, wofür mir der Instinkt fehlte, und Gunnar hatte -gescholten. Fräulein Linde sagte sogar einmal frei heraus, weißt du -noch, daß ein Mann, wenn man ihn aufreizte, zu einer anderen ginge --.“ - -Jenny erstarrte vor Schreck. - -Cesca nickte in die Kissen: - -„Ja, ich fragte ihn also so etwas Aehnliches -- an jenem Morgen --.“ - -Jenny lag vollkommen sprachlos da. - -„Ich kann mir denken, daß er das nicht vergessen kann. Und nicht -verzeihen. Wenn er es nur ein wenig entschuldbar fände, sich vorstellen -könnte, wie grenzenlos unerfahren ich alles ansah. Aber später --“ Sie -suchte nach Worten. „Es ist -- so unharmonisch zwischen uns geworden -- -alles. Es ist, als +wollte+ er mich nicht anrühren; geschieht es, dann -ist es gegen seinen Willen und hinterher ist er böse, sowohl auf sich -selbst als auf mich. Trotzdem ich versucht habe, es ihm zu erklären. -Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht recht, was eigentlich dabei ist. Ich -habe keinen Widerwillen mehr dagegen, wenn ich ihm eine Freude damit -machen kann. Alles, womit ich Lennart eine Freude bereiten kann, ist -gut und schön für mich. Er glaubt, es seien Opfer, aber das ist nicht -wahr, im Gegenteil. O, ich habe Nacht für Nacht in meinem Zimmer -geweint, weil ich wußte, er sehnte sich nach mir, ich habe versucht, -ihn herbeizulocken, Jenny, mit dem Bißchen, das ich konnte -- und er -stößt mich von sich --. Ich habe ihn so gern, Jenny. Sag mir, kann man -nicht sehr gut einen Mann auf diese Art liebhaben? Kann ich nicht sehr -gut sagen, ich liebe Lennart?“ - -„Doch, Cesca.“ - -„O, wie verzweifelt war ich! Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich -so geschaffen bin. Dann, wenn wir mit anderen Künstlern ausgingen, war -er schlechter Stimmung. Er sagt nichts, aber ich weiß, er findet, daß -ich mit ihnen kokettiere. Das ist sicher wahr, denn ich werde guter -Laune, wenn ich auswärts essen darf und einen Abend kein Essen zu -kochen und hinterher nicht aufzuwaschen brauche. Manchmal war ich auch -froh, nicht mit Lennart allein sein zu müssen, trotzdem ich ihn gern -habe und er mich -- das tut er, o ja, das weiß ich wohl, und frage ich -ihn danach, so sagt er: das weißt du ja, und lacht dann so seltsam und -bitter. Aber er vertraut mir nicht, weil ich ihn nicht so -- sinnlich --- lieben kann und trotzdem kokett bin. Einmal sagte er, ich ahnte ja -nicht, was Liebe bedeute, und es wäre wohl seine Schuld, daß er mich -nicht habe erwecken können, es würde aber vielleicht ein anderer kommen --- o Gott, wie ich weinte. Dann jetzt im Frühjahr. Du weißt ja, wir -haben nicht viel zum Leben. Gunnar verkaufte mir das Stilleben, das ich -vor drei Jahren ausgestellt hatte, für dreihundert Kronen. Wir lebten -viele Monate von diesem Geld, aber Lennart mochte nicht, daß wir Geld -verbrauchten, das ich verdient hatte. Ich verstehe ja nicht, was das -ausmachen soll, wenn wir uns liebhaben. Aber er sagt immer, daß er mich -ins Elend hinabgezerrt habe. Schulden haben wir auch, natürlich. Ich -wollte dann einmal an Papa schreiben und ihn bitten, mir einige hundert -Kronen zu schicken. Aber das durfte ich nicht. Ich fand es so ungerecht --- Borghild und Helga hatten zu Hause gelebt und alles von Papa -bekommen. Er hat sie ins Ausland geschickt, während ich mich von dem -kleinen Erbteil von Mama durchgespart und durchgeschlagen habe, seit -ich mündig wurde, weil ich nicht einen Oere von Papa annehmen wollte, -nachdem er das zu mir gesagt hatte, als ich mit Leutnant Kaarsen -auseinanderging und dieses Gerede über mich und Hans entstand. Aber -er hat es zurückgenommen und gibt jetzt zu, daß ich Recht hatte. Es -war gemein, sowohl von Kaarsen als von denen zu Hause, mich zwingen zu -wollen, weil er mich zu der Verlobung verleitet hatte, als ich siebzehn -Jahre alt war und nicht wußte, daß eine Ehe etwas anderes bedeutet als -das, was in den verdammten Backfischbüchern steht. Als ich anfing, es -zu verstehen, wußte ich, daß ich mich lieber umbringen würde als mich -mit ihm zu verheiraten. Hätten sie mich aber dazu gebracht -- oh, ich -wäre reizend geworden, ich hätte alle Liebhaber genommen, die ich hätte -bekommen können, nur aus Trotz, um mich an ihnen allen zu rächen. Papa -versteht es jetzt und hat gesagt, daß ich Geld von ihm bekommen könne, -wenn ich wolle --. Als aber Lennart so krank war und so elend, als sie -dann sagten, er müßte aufs Land, um gut zu leben, und als ich selbst -so müde und elend war, da sagte ich zu ihm, daß ich aufs Land müßte, -um mich auszuruhen, weil ich ein Kindchen bekäme. So durfte ich denn -an Papa schreiben und um Geld bitten, wir reisten hinauf nach Vermland -und lebten dort so herrlich, Lennart erholte sich gut und ich begann, -wieder zu malen. Aber allmählich merkte er natürlich, daß ich doch kein -Kind bekam. Als er fragte, ob ich mich nicht geirrt hätte, sagte ich -ihm, ich hätte gelogen, denn ich wollte ihn jetzt nicht wieder belügen. -Darüber ist er aber auch böse, das weiß ich. Ich glaube, er traut mir -nicht recht und das ist so schrecklich. Wenn er mich verstände, so -müßte er doch an mich glauben, meinst du nicht?“ - -„Doch, Cesca.“ - -„Ich habe es früher schon einmal gesagt, daß ich ein Kindchen bekommen -würde -- im Herbst, als er so traurig war und es uns so schlecht ging. -Damit er fröhlich werden sollte und lieb zu mir. Das war er dann auch --- o, du kannst dir nicht denken, wie herzlich es war. Ich +hatte+ -gelogen, aber denke dir, ich glaubte zum Schluß selber daran, daß es -wahr wäre. Ich meinte, Gott würde es so einrichten, damit ich ihn nicht -zu enttäuschen brauchte. Aber daraus wurde freilich nichts. Ich bin so -verzweifelt, daß ich kein Kind bekomme. Jenny, glaubst du, daß es wahr -ist: manche sagen --“ sie flüsterte bebend -- „daß eine Frau, die keine -solche -- Leidenschaft empfinden kann, keine Kinder bekommt?“ - -„Nein,“ sagte Jenny hart. „Das ist bestimmt nur Unsinn.“ - -„Ich weiß ganz sicher, daß dann alles gut würde. Lennert wünscht es so -furchtbar. Und ich -- ja, ich glaube, ich würde ein wahrer Engel werden -aus Freude, wenn ich mein eigenes Kindchen hätte. Kannst du dir so -etwas wunderbar Schönes vorstellen?“ - -„Ja,“ flüsterte Jenny mühsam. „Wenn ihr euch doch liebt. Es würde über -viele Hindernisse hinweghelfen.“ - -„Ach gewiß. Wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich einmal zu einem -Arzt gehen. Ich glaube übrigens, daß ich es eines Tages tue. Meinst -du nicht, daß ich es sollte? Wenn ich mich nur nicht so genierte -- -aber das ist dumm. Es ist ja übrigens einfach meine Pflicht, wenn -ich verheiratet bin. Ich kann ja zu einer Aerztin gehen, zu einer -verheirateten Frau, die Kinder und alles hat. O denk dir nur: ein -kleines winziges Wesen, das einem selbst gehört, wie froh würde Lennart -sein!“ - -Jenny biß in der Dunkelheit die Zähne zusammen. - -„Meinst du nicht, daß ich morgen reisen sollte?“ - -„Doch.“ - -„Ich sage Lennart alles. Ich weiß nicht, ob er es verstehen wird, wenn -ich es auch selbst nicht kann. Aber ich +will+ ihm immer die Wahrheit -sagen. Muß ich das nicht, Jenny?“ - -„Wenn du es für richtig hältst, so sollst du es tun. Ach, Cesca, man -sollte immer das tun, was man für recht hält und niemals das, wovon -man nicht sicher weiß, ob es richtig ist, Cesca.“ - -„Ja, das ist wahr! Gute Nacht, meine Jenny, ich danke dir.“ Sie drückte -plötzlich die Freundin heftig an sich. „Es ist so herrlich, sich mit -dir auszusprechen. Du verstehst es so gut, mich richtig zu nehmen. Du --- und Gunnar. Ihr bringt mich immer auf den rechten Weg. Ich wüßte -nicht, was ich ohne dich tun sollte.“ - -Sie stand einen Augenblick neben dem Bett: - -„Kannst du nicht im Herbst über Stockholm fahren? O, tu es doch! Du -kannst bei uns wohnen, ich bekomme jetzt tausend Kronen von Papa, das -soll nämlich auch Borghild für eine Pariser Reise erhalten.“ - -„Ich weiß nicht recht. Ich hätte schon Lust?“ - -„Ach tu es doch! Bist du schläfrig? Soll ich gehen?“ - -„Ja, ich bin ein wenig müde.“ Sie zog Cesca zu sich herab und küßte -sie. „Gott behüte dich!“ - -Cesca schlürfte mit den bloßen Füßen über den Fußboden. In der Tür -sagte sie mit ihrer kleinen traurigen Kinderstimme: - -„Ich wünschte so sehr, daß Lennart und ich glücklich würden, du!“ - - - - -IV. - - -Gert und Jenny gingen unter den mageren Nadelbäumen Seite an Seite über -den Weg hinab. Einmal stand er still und pflückte einige vertrocknete -Erdbeeren, sprang ihr nach und steckte sie ihr in den Mund. Sie -lächelte ein wenig zum Dank und er nahm ihre Hand, während sie hinunter -gingen, dem Wasser zu, das hinter den Bäumen unter der Sonnenbrücke -bläulich schimmerte. - -Er sah fröhlich und jung aus in dem hellen Sommeranzug. Der Panamahut -verbarg sein Haar. - -Jenny setzte sich an den Waldrand und Gert streckte sich vor ihr im -Schatten der großen Hängebirken aus. - -Es war glühend heiß und still. Der Grashügel, der am Strande auslief, -war gelbgefärbt vom Sonnenbrand. Ueber Nesodden stand eine metallblaue -Dunstwolke, hinter deren Rand einige Wölkchen hervorglitten, rauchgelb -und weißlich. Der Fjord breitete sich lichtblau aus, von quirlenden -Stromstreifen unterbrochen; die Segler weit draußen lagen still und -weiß auf der Fläche und der Rauch der Dampfschiffe stand unendlich -lange in grauen Streifen in der schwülen Luft. - -Aber zwischen den Steinen, die von der Ebbe bloßgelegt waren, rieselte -das Wasser, und die rankenartigen Zweige der Hängebirken bewegten -sich ganz sacht über ihnen, indem hin und wieder ein Blatt, in der -Trockenheit verdorrt, herniedersank. - -Gert nahm eines, das sich in ihrer lichten Haarflut verfangen hatte, -fort, sie hatte den Hut abgelegt. Er betrachtete das Blatt: - -„Ist es nicht sonderbar, daß es in diesem Jahre nicht regnen kann, du? -Ihr Frauen habt es gut, ihr dürft so dünn gekleidet gehen. Dein Kleid -sieht übrigens wie Halbtrauer aus, wenn du nicht die hellrosa Perlen -trägst, aber es steht dir außerordentlich gut!“ - -Das Kleid war weiß und durchsichtig, mit kleinen schwarzen Blumen -gemustert, überall gekräuselt und von einem strammen schwarzseidenen -Gürtelband zusammengehalten. Der Strohhut, den sie im Schoß hatte, war -ebenfalls schwarz, mit schwarzen Sammetrosen geziert. Nur die blaßroten -Krystallperlen leuchteten auf der reinen Haut des Halses. - -Er beugte sich vor, so daß er ihren Fuß gerade über dem Ausschnitt des -Schuhes küssen konnte. Dann strich er mit zwei Fingern über die feine -Biegung des Spanns mit dem durchsichtigen Strumpf und faßte um ihre -Knöchel. - -Kurz darauf schob sie behutsam seine Hand zurück, er griff nach der -ihren, hielt sie fest und lächelte zu ihr empor. Sie lächelte zurück, -dann drehte sie den Kopf nach der anderen Seite. - -„Du bist so still, Jenny, ist dir die Wärme lästig?“ - -„Ja,“ sagte sie. Dann schwiegen sie wieder. - -Ein Stück Weges von ihnen entfernt, dort wo sich ein Villengarten bis -zum Wasser erstreckte, trieben einige halbwüchsige Jungen auf der -Badehausbrücke ihr Spiel. Oben im Hause schnarrte ein Grammophon. Ab -und zu wehten Klänge der Musik vom Seebade zu ihnen herüber. - -„Du, Gert --“ Jenny hielt plötzlich seine Hand fest. „Wenn ich einige -Tage oben bei Mama gewesen und dann wieder in die Stadt zurückgekehrt -bin, reise ich fort.“ - -„Wieso?“ Er stützte sich auf seinen Ellenbogen. „Wohin willst du -reisen?“ - -„Nach Berlin,“ sagte Jenny. Sie fühlte selbst, wie ihre Stimme zitterte. - -Gert blickte ihr ins Gesicht, schwieg aber still. Auch sie sprach nicht. - -Schließlich meinte er: - -„Wann hast du dich dazu entschlossen?“ - -„Eigentlich ist es die ganze Zeit hindurch meine Absicht gewesen -- das -weißt du ja -- wieder ins Ausland zu gehen --“ - -„Ja, gewiß. Aber, wann hast du dich entschlossen, +jetzt+ zu reisen?“ - -„Im Sommer auf Tegneby.“ - -„Ich wünschte, du hättest es mir eher gesagt, Jenny,“ sagte Gram. -Obgleich seine Stimme leise und ruhig klang, schnitt sie ihr in die -Seele. - -Sie zögerte. - -„Ich wollte es dir +sagen+, Gert. Nicht schreiben, sondern sagen. Als -ich an dich schrieb und dich bat, gestern hierher zu kommen, hatte ich -es dir sagen wollen. Aber ich kam nicht dazu --.“ - -Sein Antlitz färbte sich steingrau. - -„Ich verstehe. Aber Gott des Himmels, Kind, wie mußt du es schwer -gehabt haben!“ rief er plötzlich aus. - -„Ja,“ sagte Jenny ruhig. „Am meisten deinetwegen, Gert. Ich bitte dich -nicht, mir zu verzeihen.“ - -„Ich -- dir? Ach, du großer Gott, kannst +du mir+ verzeihen, Jenny --? -Ich ahnte ja, daß dieser Tag kommen würde.“ - -„Das ahnten wir wohl beide,“ sagte sie wie vorher. - -Er warf sich plötzlich auf den Boden und bohrte das Gesicht in den -Sand. Sie beugte sich nieder und legte ihre Hand auf seinen Nacken. - -„Kleine, kleine, kleine Jenny -- oh, kleine Jenny, was habe ich dir -getan!“ - -„Lieber --“. - -„Mein weißes Vögelchen, habe ich dich mit meinen häßlichen, schmutzigen -Fäusten berührt, deine weißen Flügel befleckt?“ - -„Gert!“ Sie ergriff seine Hände und sprach schnell und heftig. „Hör zu. -Du hast mir doch nur Gutes erwiesen, ich bin es ja, die --. Ich war -so müde, und du botest mir eine Ruhestätte, ich fror, und du wärmtest -mich. Ich +mußte+ ausruhen und ich +mußte+ gewärmt werden, ich mußte -fühlen, daß ein Mensch mich liebte. Herrgott, Gert, ich wollte dich -nicht betrügen, aber du konntest es nicht verstehen, ich hätte dir -niemals erklären können, daß ich dich auf andere Art liebte, so -- -armselig. Kannst du nicht begreifen?“ - -„Nein, Jenny. Ich +glaube+ nicht daran, daß ein junges, unschuldiges -Mädchen einem Manne alles schenkt, wenn sie nicht sicher meint, ihre -Liebe würde immer dauern.“ - -„Das gerade bitte ich dich, mir zu vergeben. Ich wußte, daß du es nicht -verstehen würdest, und ich nahm dennoch alles hin, was du mir gabst. -So wurde es eine Qual für mich selbst -- schlimmer und schlimmer, und -ich fühlte, ich war nicht imstande, so fortzufahren. Ich +habe+ dich -doch gern, Gert, aber wenn ich nur annehmen soll und in Wahrheit nichts -besitze, womit ich es dir vergelten kann ...“ - -„Wolltest du mir das gestern sagen,“ fragte Gert kurz darauf. - -Jenny nickte. - -„Und statt dessen --“. - -Er wurde glühend rot. - -„Ich konnte nicht, Gert. Du kamst so froh an. Ich wußte, daß du -gewartet und dich gesehnt hattest.“ - -Er erhob brüsk den Kopf: - -„Das hättest du nicht tun sollen, Jenny. Nein. Hättest mir nicht so ein --- Almosen geben sollen.“ - -Sie bedeckte ihr Gesicht. Die qualvollen Stunden fielen ihr ein, die -sie oben in ihrem verstaubten Atelier in der sonnendurchglühten, -eingeschlossenen Luft zugebracht, in steter Ruhelosigkeit umhergehend, -aufräumend und ihn erwartend, während ihr Herz sich vor Schmerz -zusammenkrampfte. Aber sie war nicht fähig, es ihm zu sagen. - -„Ich war mir über mich selbst nicht klar, als du kamst. Ich dachte -einen Augenblick -- ich wollte versuchen.“ - -„Almosen.“ Er schüttelte einen Augenblick schmerzlich das Haupt. „Die -ganze Zeit, Jenny -- alles was du mir gabst!“ - -„Gert, ich bin es ja, die von dir Almosen entgegengenommen hat -- immer --- begreifst du denn nicht?“ - -„Nein,“ sagte er heftig. Er preßte sein Gesicht wieder in den Boden. - -Nach kurzer Zeit erhob er den Kopf: - -„Jenny, ist da -- irgend ein anderer?“ - -„Nein,“ sagte sie heftig. - -„Glaubst du, ich würde dir einen Vorwurf machen, wenn ein anderer -zwischen uns getreten wäre, ein junger Mensch -- deinesgleichen? Ich -würde +das+ besser verstehen.“ - -„Kannst du dir denn nicht denken --? Ich finde nicht, daß daran ein -anderer Schuld sein muß.“ - -„Nein, nein.“ Er glitt wieder nieder. „Ich fände es natürlicher. -- -Als mir dann einfiel, was du mir geschrieben hattest, daß Heggen auf -Tegneby gewesen und nach Berlin gefahren ist --.“ - -Jenny wurde wieder blutrot: - -„Glaubst du denn, ich hätte -- gestern --“. - -Gert schwieg. Kurz darauf sagte er müde: - -„Ich verstehe dich ja doch nicht.“ - -Da schoß plötzlich in ihr das Verlangen hoch, ihm wehe zu tun: - -„Einesteils kann man doch sagen, eine zweite oder dritte Person spielt -eine Rolle dabei.“ - -Er sah auf, fragend. Dann griff er plötzlich nach ihr: - -„Jenny, Herr Jesus -- was meinst du --!“ - -Sie bereute es schon, rot und hastig sagte sie: - -„Nun -- meine Arbeit -- also die Kunst.“ - -Gert Gram hatte sich vor ihr auf die Knie erhoben: - -„Jenny -- ist etwas -- Besonderes -- du sollst die Wahrheit sagen -- du -darfst nicht lügen. Ist etwas mit dir vorgefallen? -- Sprich --“ - -Einen Augenblick versuchte sie, ihm frei in die Augen zu schauen. Dann -senkte sie den Kopf. Gert Gram aber sank vorn über, das Gesicht in -ihrem Schoß bergend: - -„O Gott, o Gott. Ach Gott im Himmel --“ - -„Gert! Lieber, Lieber! Ach, nicht doch Gert! Du reiztest mich mit -deinen Vermutungen über einen anderen,“ sagte sie gedemütigt. „Ich -hätte es nicht sagen sollen. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zu -sagen -- vielleicht später.“ - -„Das hätte ich dir nie verziehen,“ sagte Gram. „Wenn du es mir nicht -gesagt hättest. Aber -- du mußt es doch schon eine Zeitlang gewußt -haben,“ meinte er plötzlich. „Weißt du -- wie weit du bist?“ - -„Im dritten Monat,“ sagte sie kurz. - -„Aber Jenny,“ er faßte entsetzt ihre beiden Hände, „jetzt kannst du -dich ja nicht -- von mir trennen, so ohne weiteres, meine ich. +Jetzt+ -können wir ja nicht auseinandergehen.“ - -„Doch.“ Sie strich ihm liebkosend über das Gesicht. „Doch. Wäre -es nicht so gekommen, so hätte ich es wohl noch eine Zeitlang so -weitergetrieben. Aber jetzt mußte ich der Sache in die Augen schauen -- -und alles klarstellen.“ - -Er lag eine Weile still da. - -„Hör einmal zu, Kind. Du weißt, ich wurde im vergangenen Monat -geschieden. In zwei Jahren bin ich frei. Dann komme ich zu dir. Ich -gebe dir -- und dem da -- meinen Namen. Ich verlange nichts, verstehst -du -- +nichts+. Aber ich fordere mein Recht, dich wieder aufzurichten, -wie ich es dir schuldig bin. Weiß Gott, ich werde genug darunter -leiden, daß es nicht eher sein kann. Aber ich verlange nichts, das ist -selbstverständlich. Du sollst nicht im geringsten an mich alten Mann -gebunden sein --“ - -„Gert. Ich bin froh, daß du von ihr geschieden bist. Aber ich sage -dir ein für allemal: ich heirate dich nicht, wenn ich nicht deine -richtige Frau werden kann. Es ist nicht der Jahre wegen, die zwischen -uns liegen. Hätte ich nicht das Gefühl, Gert, daß ich niemals ganz dein -gewesen bin, wie es hätte sein sollen, so bliebe ich bei dir, als dein -Weib, solange du jung wärst, als deine Freundin, wenn das Alter käme, -deine Krankenschwester, gern, willig und glücklich. Aber ich weiß, ich -kann dir nicht das sein, was eine Frau sein soll. Um der Leute willen -gehe ich aber nicht hin und verspreche etwas, was ich nicht halten -kann, weder vor dem Pfarrer, noch dem Bürgermeister.“ - -„Oh, aber Jenny, das ist doch Wahnsinn von dir.“ - -„Du bringst mich jedenfalls nicht davon ab,“ sagte sie hastig. - -„Ja, aber Kind, was willst du denn tun? Nein, ich kann es nicht -zulassen. Was soll denn mit dir werden? Kleines, du mußt verstehen -- -du mußt mich dir helfen lassen, Jenny.“ - -„Still, lieber Freund. Du siehst ja, ich trage es ganz ruhig. Wenn man -erst davorsteht, ist es eigentlich nicht so gefährlich, wie man sich -immer einbildet. Glücklicherweise habe ich noch etwas Geld.“ - -„Aber die Menschen, Jenny -- sie werden häßlich gegen dich sein -- dich -in Verruf bringen.“ - -„Das vermag niemand. Meine einzige Schande ist, Gert, daß ich dich -deine Liebe an mir verschwenden ließ.“ - -„Ach, dieser Unsinn! Nein, aber die Leute -- du weißt nicht, wie -herzlos sie sind, wie sie dich mit ihrer Bosheit mißhandeln, dich -kränken und dich verletzen werden.“ - -„Daraus mache ich mir nicht viel, Gert.“ Sie lachte ein wenig. -„Uebrigens bin ich Gott sei Dank Künstlerin. Man erwartet fast -nichts anderes von uns, als daß wir hin und wieder einen Skandal -heraufbeschwören.“ - -Er schüttelte den Kopf. Aus einem plötzlichen, verzweifelten Reuegefühl -darüber, daß sie es ihm gesagt, daß sie ihm wehgetan hatte, zog sie ihn -fest an sich: - -„Du Lieber, du +darfst+ nicht so unglücklich sein, hörst du? Ich bin -es auch nicht, wie du siehst. Im Gegenteil, manchmal bin ich froh. -Wenn ich versuche, richtig darüber nachzudenken, was es eigentlich -bedeutet, daß ich ein Kind bekomme, mein eigenes, kleines, süßes Kind, -so kann ich es gar nicht fassen. Ich glaube sicher, daß ich glücklich -werde, so glücklich, daß ich es mir noch gar nicht vorstellen kann. Ein -lebendiges, kleines Menschlein, das nur mir gehört, das ich lieben, für -das ich leben und arbeiten werde. Manchmal denke ich, daß erst jetzt -Sinn in mein Leben und meine Arbeit kommt. Glaubst du vielleicht nicht, -daß ich mir einen Namen machen könnte, der für mein Kind gut genug ist, -Gert? Nur das macht mich noch etwas mutlos, daß ich noch nicht recht -weiß, wie es wird, und dann, daß du so traurig bist. O Gert, ich bin -vielleicht arm und nüchtern, egoistisch und all so etwas, aber ich bin -schließlich eine Frau, ich +muß+ mich doch darüber freuen, daß ich -Mutter werde.“ - -„Jenny.“ Er küßte ihre Hände. „Arme, kleine tapfere Jenny. Es ist -beinahe noch schlimmer für mich, daß du es so auffaßt,“ sagte er leise. - -Jenny lächelte weh: - -„Oh, es wäre doch wohl schlimmer für dich, wenn ich es anders -auffaßte.“ - - - - -V. - - -Zehn Tage später reiste Jenny nach Kopenhagen. Die Mutter und Bodil -Berner gaben ihr in der frühen Morgenstunde das Geleite zum Bahnhof. - -„Du hast es gut, du Glückspilz,“ sagte Bodil und lachte über ihr ganzes -weiches braunes Gesichtchen. Dann gähnte sie, daß die Tränen ihr in die -Augen stiegen. - -„Es muß auch solche geben.“ Jenny lachte ebenfalls. „Dir geht es auch -nicht gerade schlecht, finde ich.“ - -Aber sie fühlte mehr und mehr, daß sie nahe daran war, in Tränen -auszubrechen, während sie ihre Mutter zum Abschied küßte. Sie stand am -Abteilfenster und starrte sie an. Ihr war, als hätte sie diese ganze -Zeit hindurch ihre Mutter niemals richtig angesehen. Diese schlanke und -schmächtige, ein wenig gebeugte Gestalt. Man sah fast nicht, wie grau -das Haar geworden, so blond war Frau Berner. In ihren Zügen lag etwas -seltsam Unberührtes, Mädchenhaftes, trotz der vielen Fältchen. Aber -es war, als ob die Jahre und nicht das Leben ihr Gesicht gezeichnet -hatten. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte. - -Wenn sie es nun einmal erführe. Nein, Jenny würde nie den Mut haben, es -zu sagen und zuzusehen, wie die Mutter den Schlag ertragen würde. Sie, -die nichts gewußt hatte und nichts verstehen würde. Hätte Jenny nicht -fortreisen können -- dann wußte sie, hätte sie es nicht überlebt. Nicht -aus Liebe, aus Feigheit. Einmal mußte sie es ja sagen, und von draußen -her war sie eher dazu imstande. - -In dem Augenblick, als der Zug anruckte und davon zu gleiten begann, -erblickte sie Gert. Er kam langsam den Bahnsteig herauf; hinter den -anderen, Mutter und Schwester, die mit ihren Taschentüchern winkten, -grüßte er herüber. Wie bleich er war. - - * * * * * - -Der erste September. Jenny saß am Fenster und sah hinaus in die -vorübergleitende Landschaft. - -Es wurde ein schöner Tag. Die Luft war so klar und frisch, der Himmel -so dunkelblau und die Wolken so weiß. Der Tau lag schwer und grau -über den saftiggrünen Wiesen, auf denen der Margueriten später Flor -schimmerte. Nach dem heißen Sommer waren die Birken am Waldrande -ganz gelb und über den Waldboden hin schlängelte sich kupferrotes -Blaubeerengebüsch. Die Büschel der Ebereschen waren blutrot, aber an -einer etwas tiefgelegenen fruchtbaren Stelle hingen sie noch dunkelgrün -im Laub. Welche Farben! - -Auf den kleinen Hügeln zwischen den Wiesen lagen die alten, -silbergrauen Gehöfte, auch neue, weißschimmernde und gelbe, mit roten -Nebengebäuden. Davor standen alte verkrüppelte Apfelbäume mit gelben -und glasgrünen Früchten in dunklem Laub. - -Immer wieder blendeten Tränen ihren Blick. Wenn sie zurückkehrte -- ob -sie jemals hierher zurückkam? - -Bei Moß trat der Fjord leuchtend blau hervor. Die Stadt zog sich -mit ihren roten Fabrikmauern am Kanal entlang, die kleinen bunten -Holzhäuser inmitten der Gärten lachten herüber. Sie hatte so oft -gedacht, wenn sie vorüberfuhr, hier wollte sie sich einen Sommer über -niederlassen und malen. - -Der Zug brauste an der kleinen ländlichen Station vorüber, wo man nach -Tegneby ausstieg. Jenny sah über die Aecker, dort lief die Fahrstraße. -Der Hof lag weit drüben hinter dem Nadelwäldchen. - -Sie erblickte den Kirchturm. Eigenartige kleine Cesca, sie ging oft -in die Kirche, fühlte sich sicher und geborgen in der alten Stimmung, -die dort überirdischen Kräften entsprang. Sie glaubte an etwas, wußte -selbst nicht, was, aber sie hatte sich eine Art Gott zurechtgemacht. - -Sie war doch froh darüber, daß Cesca jetzt besser mit ihrem Mann -zusammenzuleben schien. Er habe sie nicht verstanden, schrieb sie, -aber er sei doch so wunderbar zart und lieb gewesen, und fest davon -überzeugt, daß sie mit Willen nie etwas Schlechtes tun würde. - -Seltsame kleine Cesca. Ihr +mußte+ es ja schließlich gut gehen. Cesca -war rechtschaffen und gut. Gerade das aber war sie selber nicht, -keines von beiden im eigentlichen Sinne. - -Wenn sie nur der Mutter Tränen nicht sah, so konnte sie es eher -ertragen, ihr Kummer zu machen. -- Das hieß mit anderen Worten nur, sie -fürchtete Tränen. - -Und Gert. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ein geradezu körperlicher -Schmerz durchfuhr sie -- Verzweiflung, Widerwillen, so tief, daß sie -fast alle Kraft verlor und völlig gleichgültig wurde gegen alles. - -Diese fürchterlichen letzten Tage in Kristiania mit ihm. Schließlich -hatte sie nachgegeben. - -Er wollte nach Kopenhagen kommen. Sie hatte versprechen müssen, -irgendwo in Dänemark aufs Land zu gehen, wo er sie besuchen könnte. -Gott mochte wissen, ob sie der Sache jemals würde ein Ende machen -können. - -Schließlich blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihm das Kind zu -übergeben und ihn zu verlassen. Ja, denn alles, was sie ihm gesagt -hatte, daß sie sich darauf freute und so weiter, war Lüge. Auf Tegneby -hatte sie ein solches Gefühl des öfteren gehabt, denn dort hatte sie -nur daran gedacht, daß es ihr Kind war und nicht das seine. Sollte es -jedoch eine lebendige Fessel zwischen ihr und ihrer Schande werden, so -wollte sie es um keinen Preis behalten. Sie würde es hassen müssen -- -sie haßte es ja schon, wenn sie an die letzten Tage in der Stadt dachte. - -Das krankhafte Verlangen, aus Herzenslust zu schluchzen, war vorüber. -Sie fühlte sich trocken und hart, als ob sie niemals wieder weinen -könnte. - - * * * * * - -Eine Woche später, als Gert Gram kam, war sie so müde und gleichgültig, -daß sie gute Laune vortäuschen konnte. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte, -in sein Hotel hinüberzuziehen, so hätte sie es getan. Sie veranlaßte -ihn, mit ihr ins Theater zu gehen, außerhalb zu Abend zu essen und -eines Tages bei schönem Wetter mit ihr nach Fredensborg zu fahren. Sie -sah, daß es ihm gut tat, wenn sie sich munter und frisch gab. - -Sie dachte kaum mehr nach. Ohne Anstrengung konnte sie ihre Gedanken -ausschalten. In Wirklichkeit war ihr Gehirn kraftlos. Wie ein dauerndes -mahnendes Erinnern war es nur, daß sich ihr die Brust schmerzhaft -spannte und daß das Korsett sie behinderte. - -Jenny hatte sich bei einer Lehrerswitwe auf Westseeland eingemietet. -Gram begleitete sie dorthinaus und reiste am Abend nach Kopenhagen -zurück. So war sie endlich allein. - -Sie hatte aufs Geratewohl gemietet. Während ihres Studienaufenthaltes -in Kopenhagen war sie einen Tag über mit einigen Kameradinnen in dem -Dorfe gewesen; sie hatten im Krug gegessen und bei den Dünen gebadet. -Sie entsann sich, daß es dort schön war, und als auf ihre Anzeige eine -Frau Rasmussen dort sich erboten hatte, die junge Dame aufzunehmen, die -ihre Niederkunft erwartete, da griff sie zu. - -Eigentlich fühlte sie sich wohl. Allerdings wohnte die Lehrerswitwe -in einem elend häßlichen, winzigkleinen gelben Backsteinhaus etwas -außerhalb des Dorfes, an der Landstraße, die sich staubig und ohne Ende -zwischen offenen, bestellten Feldern hinzog. Aber Jenny mochte ihr -Zimmer gern mit der Tapete in Berlinerblau und den Lithographien nach -Exner an den Wänden, mit den weißen, gehäkelten Deckchen ringsumher, -auf dem Bett, dem amerikanischen Schaukelstuhl und der Kommode, auf die -Frau Rasmussen bei Jennys Ankunft einen großen Rosenstrauß gestellt -hatte. - -Draußen vor den beiden Fensterchen lief die Landstraße vorbei. Im -Vorgärtchen blühten Rosen, Geranien und „Christi Blutstropfen“, -ungeachtet all des Staubes, mit dem sie gepudert waren. Jenseits der -Straße erhob sich ein nackter Hügelkamm im Acker. Steinwälle, an deren -Hängen struppige, leuchtende Herbstblumen zwischen Brombeerhecken -wucherten, teilten den Hügel in weiße Stoppelfelder, blaugrüne -Rübenäcker und braungrüne Wiesen, umrändert von zackigen, zerzausten -Weidenbüschen. War die Abendsonne aus Jennys Kammer geschwunden, so -flammte der Himmel über dem Hügelkamm und den spärlichen Zweiglein der -Weiden auf. - -Hinter ihrem Zimmer ging eine kleine puppenstubenartige Küche mit -rotem Backsteinfußboden, auf den Hof hinaus, wo die Hühner der Witwe -gackerten und die Tauben gurrten. Ein kleiner Flur lief quer durch das -ganze Haus. Auf der anderen Seite lag Frau Rasmussens Stube mit Blumen -vor den Fenstern und gehäkelten Decken überall, Daguerreotypien und -Photographien an den Wänden, einem kleinen Bücherschrank mit religiösen -Schriften in schwarzem Pappeinband, einigen Jahrgängen von „Frem“ und -Gyldendals Serien in Prachtbänden. Dahinter befand sich ein Zimmerchen, -in dem die Luft immer merkwürdig dick war, und das ein unbestimmbarer -Geruch erfüllte, obgleich es vor Sauberkeit blitzte. Hier schlief sie -selbst und konnte nicht hören, wenn sich ihre Pensionärin jenseits des -Ganges Nacht für Nacht in den Schlaf weinte. - -Frau Rasmussen war übrigens nicht so schlimm. Groß und schlottrig -schlürfte sie in einer Art von Filzschuhen leise umher; immer sah sie -gleichmäßig sorgenvoll aus mit ihrem langen gelben Pferdegesicht, -unter dem graugesprenkelten Haar, das mit einem drolligen kleinen -Schwung über jedem Ohr weggestrichen war. Sie sprach fast gar nicht, -höchstens stellte sie einige besorgte Fragen, ob das gnädige Fräulein -mit dem Essen und dem Zimmer zufrieden sei. Selbst wenn Jenny nach dem -Mittagessen sich hin und wieder mit ihrer Handarbeit in das Wohnzimmer -zu Frau Rasmussen setzte, schwiegen sie still. Jenny war ihr besonders -dafür dankbar, daß Frau Rasmussen niemals ihren Zustand erwähnte; nur -ein einziges Mal hatte sie ängstlich gefragt, als Jenny mit ihrem -Malgerät hinausging, ob das wohl dem gnädigen Fräulein nicht schaden -könnte. - -Sie arbeitete in der ersten Zeit eifrig, stand hinter einem Steinwall -mit ihrer Feldstaffelei, die der scharfe Wind fast umblies. Unter dem -Wall erstreckte sich das gelbe Stoppelfeld eines endlosen Roggenackers -bis zum Moor hinab, wo sich weißes Wollgras an blauen Wasserlöchern -hinzog, wo samtschwarze Torfmieten auf saftiggrünem Wiesengrund lagen. -Hinter dem Sumpf wellte sich das Land mit grünen Rübenfeldern, Wiesen -und gemähten Roggenäckern, mit kalkweißen Bauernhöfen in üppigen, -dunkelgrünen Hainen -- bis hinüber zum frischen, blauen Fjord. Der -Strand lief in Bogen und Zungen, mit weißgelbem Sand und kurzem, -vergilbtem Gras, in die See hinaus. Gegen Norden fiel der Hügel, vom -Heidekraut braun gefärbt, mit der Windmühle auf der Spitze, in steilen, -gelben Sanddünen zum blauen Fjord ab. Schatten und Licht wechselten auf -dem offenen Lande ab, je nachdem wie die Wolken über den weißen, ewig -blauen unruhigen Himmel wanderten. - -Wenn Jenny müde wurde, legte sie sich am Walle nieder, starrte in den -Himmel und über den Fjord. Sie konnte nicht längere Zeit hintereinander -stehen, doch das reizte sie nur, weiterzuarbeiten. Zwei kleinere Bilder -vollendete sie oben auf dem Wall, und freute sich selbst an ihnen. -Eines malte sie vom Dorfe unten, wo die weißgekalkten Häuser, umgeben -von Kletterrosen und Georginen, um einen sammetgrünen Dorfteich lagen. -Ihre Strohdächer hingen bis über die Fensterscheiben hinab, die rote -Backsteinkirche erhob ihren treppengiebligen Turm über die Laubmassen -des Pfarrhausgartens. Es machte sie aber nervös, daß die Leute zu -ihr kamen und ihr zusahen; die weißhaarigen Jungen umstanden sie in -Knäueln, während sie malte. Als das Bild dann fertig war, zog sie mit -ihrer Staffelei wieder hinauf zum Wall, der See entgegen. - -Dann kam aber im Oktober der Regen; es goß ein oder zwei Wochen lang. -Ab und zu klärte es sich etwas auf und ein trüber, gelber Lichtstreifen -glitt durch die Wolken, über dem Hügel mit den traurigen Weidenbüschen -hin, und die Wasserpfützen lagen ein Weilchen blank da. Dann regnete es -wieder. - -Jenny lieh sich Frau Rasmussens Bücher und ließ sich die Muster der -gestrickten Spitzen an ihren Gardinen zeigen. Aber es wurde nicht viel, -weder mit dem Lesen noch mit dem Stricken. Sie saß den lieben langen -Tag im Schaukelstuhl am Fenster und war nicht einmal imstande, sich -ordentlich anzuziehen, sondern schlüpfte nur in ihren verwaschenen -Kimono. - -Sie litt furchtbar darunter, daß ihre Schwangerschaft nach und nach -sichtbar wurde. - - * * * * * - -Da meldete Gert Gram seinen Besuch. Schon zwei Tage später kam er am -frühen Morgen in strömendem Regen angefahren. Er blieb eine Woche, -wohnte im Bahnhofshotel, eine halbe Meile entfernt, war aber den -ganzen Tag bei ihr draußen. Als er abreiste, versprach er, bald -wiederzukommen, vielleicht schon in sechs Wochen. - -Jenny lag die Nächte hindurch bei brennender Lampe wach. Sie wußte nur, -sie konnte das nicht mehr ertragen. Es war zu furchtbar gewesen. - -Unerträglich war es -- alles -- von seinem ersten teilnehmenden, -besorgten Blick an, als er sie in dem neuen dunkelblauen Hängerkleid -erblickte, welches das Nähmädchen im Dorf für sie angefertigt hatte. -„Wie schön du bist,“ hatte er gesagt und gemeint, sie gliche einer -Madonna. Reizende Madonna! O ja. -- Sein vorsichtiger Arm um ihren -Leib, seine langen behutsamen Küsse auf ihre Stirn -- ihr war, als -sollte sie sterben vor Scham. Ja, wie er sie gepeinigt hatte mit seiner -liebevollen Besorgnis um ihre Gesundheit, mit seinen Ermahnungen, für -Bewegung zu sorgen. Als einmal eine Pause zwischen den Regenschauern -eintrat, hatte er sie mit hinaus auf einen Spaziergang geschleppt, und -sie mußte sich um jeden Preis bei ihm einhängen und sich auf seinen Arm -stützen. Eines Abends besah er verstohlen ihre Handarbeit -- er hatte -sicher erwartet, daß sie damit beschäftigt sei, Windeln zu säumen. - -Es war ja keine böse Absicht von ihm. Aber darum war auch keine -Hoffnung vorhanden, daß es besser sein würde, wenn er wiederkam, im -Gegenteil. Aber sie konnte auch nicht mehr. -- - -Eines Tages bekam sie einen Brief von ihm, in dem er unter anderem -schrieb, daß sie auf jeden Fall einen Arzt zu Rate ziehen müsse. - -Am nämlichen Abend schrieb sie einen kurzen Brief an Gunnar Heggen: -sie erwarte im Februar ein Kind; ob er ihr die Adresse eines stillen -Ortes in Deutschland verschaffen könne, wo sie bleiben könne, bis es -überstanden sei. - -Er antwortet umgehend: - - Liebe Jenny! - - Ich habe in zwei hiesigen Zeitungen annonciert und schicke dir alle - Briefe zu, wenn sie kommen; dann kannst du sie dir selbst ansehen. - Falls du willst, daß ich irgendwo hinreise und mir für dich etwas - ansehe, ehe du mietest, so weißt du, daß ich es mit Vergnügen - tue, und überhaupt kannst du in jeder Weise über mich verfügen. - Schreibe, wann du reisest und welchen Weg, ob du willst, daß ich dir - entgegenkommen, oder ob ich dir mit irgend etwas anderem helfen kann. - Was du mir erzählst, hat mich sehr betroffen, aber ich weiß ja, du - bist verhältnismäßig stark genug, um einen Stoß zu vertragen. Willst - du mir bitte schreiben, ob ich dir noch in anderen Sachen beistehen - kann? Du weißt, ich würde mich freuen, dir einen Dienst zu erweisen. - -- Ich höre, du hast ein gutes Bild auf der Staatsausstellung -- - herzlichen Glückwunsch! - - Viele Grüße von Deinem alten Freunde - - G. H. - -Einige Tage später kam ein ganzes Paket Briefe. Jenny buchstabierte -sich durch einen Teil der Schreiben hindurch, die vielfach mit -fürchterlichen Krähenfüßen bemalt waren. Dann schrieb sie an Frau -Schlessinger in der Umgegend von Warnemünde und mietete dort vom -fünfzehnten Oktober ab, teilte Gunnar ihren Entschluß mit und kündigte -Frau Rasmussen. - -Erst am letzten Abend schrieb sie an Gert Gram: - - Lieber Freund! - - Ich habe einen Entschluß gefaßt, der Dir, wie ich fürchte, wehe tun - wird. Aber Du darfst mir nicht zürnen. Ich bin so müde und nervös, - weiß selbst, daß ich ungerecht und häßlich gegen Dich war, als Du - hier warst, und das möchte ich so ungern. Daher will ich Dich nicht - eher sehen, als bis alles überstanden ist und ich wieder in normalem - Zustande bin. Ich reise morgen früh ins Ausland -- meine Adresse - gebe ich vorläufig nicht an, Briefe kannst Du mir aber durch Frau - Franziska Ahlin, Varberg, Schweden, senden; ich schreibe vorläufig - über sie an Dich. Du darfst Dich meinetwegen nicht ängstigen; ich - bin frisch und es geht mir recht gut, aber, Lieber, versuche nicht, - bis auf weiteres anders mit mir in Verbindung zu kommen, ich bitte - Dich inständig. Und sei mir nicht allzu böse, aber ich glaube, dieser - Ausweg ist für uns beide der beste. Versuche, um meinetwillen so - wenig betrübt und besorgt zu sein, wie es Dir möglich ist. - - Deine - - Jenny Winge. - -So zog sie denn zu einer neuen Witwe in ein neues Häuschen, diesmal ein -rotes mit weißgekalkten Fenstersimsen. Es lag in einem kleinen Garten -mit fliesenbedeckten Wegen und Muscheln am Rande der Beete, auf denen -schwarze, verfaulte Astern und Georginen standen. Etwa zwanzig bis -dreißig solcher Häuser lagen an einem Stückchen Straße entlang, die von -einem Bahnhof bis zu einem Fischerhafen hinabführte, wo die See sich an -langen Steinmolen brach. Eine Strecke entfernt, drüben auf dem weißen -Strand, wo der Tang in Massen hereintrieb, lag ein kleines Badehotel -mit verschlossenen Läden. Ins Land hinein erstreckten sich endlose Wege -mit nackten, struppigen Pappeln, die sich im Winde neigten, vorbei an -kleinen Steingehöften mit einem Stümpfchen Vorgarten und ein bis zwei -großen schwarzen Heumieten, über unendliche schwarze Felder und Moore. -Des Morgens war das Land mitunter von wässriggrauem frischem Schnee -bedeckt, der im Laufe des Tages schwand. - -Jenny wanderte die Straßen hinauf, so weit sie konnte, dann kam sie -nach Haus und saß in ihrem Zimmerchen, das diesmal mit den prächtigsten -Nippessachen überfüllt war, mit farbigen Gipsreliefs von Ritterburgen -und munteren Wirtshausszenen in Messingrahmen. Sie war nicht einmal -imstande, das nasse Schuhzeug zu wechseln, Frau Schlessinger -zog ihr Stiefel und Strümpfe aus, ununterbrochen schwatzend und -Jenny ermahnend, guten Mutes zu sein. Sie erzählte von all den -Leidensgenossinnen Jennys, die sie im Hause gehabt hatte -- jetzt war -die eine oder andere verheiratet und es ging ihnen gut, ja! - -Sie hatte etwa einen Monat hier gewohnt, als Frau Schlessinger -hereinkullerte, aufgeregt und strahlend -- es sei ein Herr gekommen, -der das gnädige Fräulein begrüßen wollte. - -Jenny saß gelähmt vor Angst. Dann konnte sie fragen, wie der Herr -aussähe. Ganz jung, sagte Frau Schlessinger, und sie lächelte lauernd. -Sollte es Gunnar sein? Sie erhob sich, -- aber dann warf sie das -Reiseplaid über, hüllte sich ganz darin ein und kroch in den tiefsten -Lehnstuhl. - -Frau Schlessinger wackelte entzückt hinaus, um den Herrn hereinzuholen. -Sie führte Gunnar zu Jenny hin und verweilte, glücklich lächelnd, einen -Augenblick in der Tür, ehe sie verschwand. - -Er preßte ihre Hände, daß es wehe tat. Aber er lachte strahlend: - -„Ich muß doch einmal nach dir sehen, wie es dir geht. -- Ich finde -allerdings, du hast dir ein trauriges Stück Erde ausgesucht, aber -jedenfalls ist hier frische Luft.“ Er schüttelte ein wenig Wasser von -seinem Filzhut, den er in der Hand gehalten hatte. - -Jenny machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wollte, blieb -jedoch sitzen und sagte errötend: „Vielleicht bist du so lieb und -läutest für mich. Du sollst jetzt Tee -- und Essen bekommen!“ - -Heggen aß wie ein Wolf und plauderte unterdeß beständig. Er war -begeistert von Berlin; er wohnte oben in Moabit, im Arbeiterviertel, -und sprach mit gleichem Entzücken von deutschen Sozialdemokraten wie -vom Militarismus -- „ja, an denen ist so was herrlich Maskulines, -siehst du. Das eine folgt außerdem aus dem anderen.“ Er hatte ein paar -großindustrielle Betriebe zu sehen bekommen, auch das Nachtleben hatte -er ein wenig studieren müssen, da er auf einen norwegischen Ingenieur -gestoßen war, der sich dort auf der Hochzeitsreise befand, und auf -eine norwegische Familie mit zwei reizenden, anmutigen Töchtern -- die -jungen Damen waren förmlich begeistert nachdem sie das Laster ein wenig -aus der Nähe gesehen hatten. - -„Uebrigens entzweite ich mich mit ihnen. Ich schlug nämlich Fräulein -Paulsen eines späten Abends vor, mit zu mir nach Haus zu kommen --.“ - -„Nein, aber Gunnar --“. - -„Ja, Teufel auch, ich war eben etwas betrunken, das kannst du dir wohl -denken, und dann war es doch nur Scherz, weißt du. Das hätte ja bloß -gefehlt, daß sie darauf eingegangen wäre -- dann hätte ich hübsch in -der Tinte gesessen. Hätte mich vielleicht mit einem Mädel verheiraten -müssen, das sich damit amüsiert, an solchen Dingen zu schnuppern -- -nein, danke. Es machte mir nur Spaß, zu sehen, wie sie sich sittlich -entrüstete. Nun, Gefahr war nicht vorhanden -- diese Art Mädchen gibt -nicht ihr Kleinod hin, ohne sich die Valuta zu sichern --.“ - -Er wurde plötzlich rot. Es kam ihm in den Sinn, daß Jenny es taktlos -finden könnte, wenn er so zu ihr sprach -- jetzt. Aber sie lachte nur: - -„O, bist du verrückt, Junge!“ - -Die unnatürliche, quälende Scheu war nach und nach von ihr gewichen. -Heggen fuhr fort zu plaudern. Einige Male, wenn sie es nicht sah, -hingen seine Augen ängstlich an ihrem Gesicht. Herrgott, wie war sie -mager und hohläugig geworden -- so gefurcht um den Mund. Die Sehnen am -Halse traten hervor, und ein paar häßliche Streifen zogen sich über die -Kehle. - -Es war trockenes Wetter geworden, so daß sie einen Spaziergang mit ihm -machen wollte. - -Ueber die öde Landstraße mit den verwehten Pappeln hin gingen sie durch -den Seenebel, Jenny schwerfällig und müde. - -„Nimm doch meinen Arm,“ sagte Gunnar beiläufig, was sie auch tat. - -„Ich finde es hier schrecklich trübselig, Jenny. Weißt du was, wäre es -nicht besser, du reistest nach Berlin?“ - -Jenny schüttelte den Kopf. - -„Dort hast du die Museen und so viel anderes. Jemand, mit dem du -zusammen sein kannst. Oder mach’ wenigstens eine kleine Reise dort -hinunter, um dich aufzumuntern. Ich finde, hier muß es langweilig sein.“ - -„Ach nein, Gunnar, du kannst dir doch denken -- nicht jetzt --.“ - -„In diesem Ulster siehst du so hübsch aus,“ sagte er kurz darauf -vorsichtig. - -Jenny senkte den Kopf. - -„Ich bin ein Tolpatsch,“ erklärte er plötzlich heftig. „Verzeih! Du -mußt mirs sagen, Jenny, wenn ich dich quäle.“ - -„Nein, das tust du nicht.“ Sie sah auf. „Ich bin froh, daß du kamst.“ - -„Ich verstehe ja, daß es schwer sein muß.“ Seine Stimme klang jetzt -ganz anders. „Ja, Jenny, ich verstehe es. Aber es ist mein Ernst, ich -glaube, du machst es dir noch schwerer, wenn du hier umherläufst -- in -diesem Zustand. Ich finde, du solltest an einen anderen Ort reisen, -der weniger -- trostlos ist!“ Er blickte hinaus über die dunklen -Wiesenstrecken und die Pappelreihen, die sich im Nebel verloren. - -„Frau Schlessinger ist aber so freundlich,“ sagte Jenny ausweichend. - -„Ja, Armes, das stimmt schon.“ Er begann zu lachen. „Sie verdächtigt -sicher mich, der Missetäter zu sein!“ - -„Ja,“ sagte Jenny, ebenfalls lachend. - -„Nun ja, Teufel auch.“ Sie gingen schweigend weiter. „Du -- hast du dir -schon überlegt, wie du dir dein Leben einrichten willst in Zukunft?“ - -„Ich weiß noch nicht recht. Du meinst wohl mit -- dem Kinde? Ich lasse -es vielleicht -- bis auf weiteres -- bei Frau Schlessinger. Sie wird -es sicher ordentlich pflegen. Oder es adoptieren.“ Sie lachte. „Man -adoptiert ja mitunter solche Kinder. Du weißt, ich könnte mich +Frau+ -Winge nennen und darauf pfeifen, was die Leute denken --.“ - -„Du bist also fest entschlossen, wie du schriebst, jegliche Verbindung -mit -- dem betreffenden Vater des Kindes abzubrechen?“ - -„Ja,“ sagte sie hart. „Es ist nicht der, mit dem ich -- verlobt war,“ -fügte sie nach einer Weile hinzu. - -„Na, Gott sei Dank!“ Es klang so herzlich, daß sie unwillkürlich -lächelte „Ja, weißt du was, Jenny, er war es wahrhaftig nicht wert, -reproduziert zu werden, für dich jedenfalls. Er hat übrigens seinen -Doktor gemacht, sah ich kürzlich. Nun ja, es hätte also schlimmer sein -können -- ich fürchtete ja, siehst du --.“ - -„Es ist sein Vater,“ sagte sie plötzlich. - -Heggen hielt inne. - -Als sie in Tränen ausbrach, wild und herzzerreißend, umfing er sie. -Er legte seine Hände um ihr Gesicht, während sie fortfuhr, an seiner -Schulter zu schluchzen. - -Sie begann zu erzählen, während sie so standen. Einmal blickte sie ihm -ins Antlitz -- es war ganz bleich und verzerrt -- da weinte sie aufs -neue. - -Als es vorüber war, hob er einen Augenblick ihren Kopf: - -„Herr Jesus, Jenny -- so ist es dir ergangen! Ich begreife es nicht.“ -- - - * * * * * - -Sie gingen schweigend wieder zur Stadt zurück. - -„Komm mit mir nach Berlin,“ sagte er plötzlich bestimmt. „Ich ertrage -den Gedanken nicht. Es geht nicht, daß du hier allein bleibst und über -all das nachgrübelst --.“ - -„Ich habe fast aufgehört zu grübeln,“ flüsterte sie matt. - -„Das Ganze ist überhaupt sinnlos!“ Er wurde so heftig, daß sie stehen -blieb. „Den Besten von euch geht es so! Und wir ahnen nicht, wie ihr es -tragt! Das ist sinnlos!“ - - * * * * * - -Heggen blieb drei Tage in Warnemünde. Jenny verstand es selber kaum, -warum ihr nach seinem Besuch so viel besser zumute war. Aber dieses -unleidliche Gefühl der Demütigung war geschwunden, sie sah ihr Geschick -jetzt mit viel ruhigeren und natürlicheren Augen an. - -Frau Schlessinger lief umher und lächelte froh und untertänig, obgleich -Jenny ihr erklärt hatte, daß dieser Herr ihr Vetter war. - -Er hatte ihr angeboten, ihr seine Bücher zu schicken, und bald kam eine -ganze Kiste voll an, zum Weihnachtsfest sandte er Blumen und Konfekt. -Jede Woche schrieb er lange Briefe von allen möglichen Dingen und -schickte Ausschnitte aus norwegischen Zeitungen. Zu ihrem Geburtstag -im Januar kam er selbst herauf und blieb zwei Tage, ihr einige neue -norwegische Bücher vom Fest her zurücklassend. - -Aber gleich nach seinem letzten Besuch erkrankte sie. Sie war elend, -matt, zerquält und hatte in der letzten Zeit nicht schlafen können. -Vorher hatte sie nur selten an die Geburt selbst gedacht und sich nicht -davor gefürchtet. Jetzt, bei den ständigen Schmerzen ergriff sie eine -fürchterliche Angst vor dem, was ihr bevorstand. Als sie sich dann -schließlich legen mußte, war sie von Angst und Schlaflosigkeit völlig -entkräftet. - -Es war eine schwere Geburt. Jenny war dem Tode näher als dem Leben, als -der Arzt, der von Warnemünde herbeigeholt worden war, endlich ihren -Jungen in seinen blutigen Händen hielt. - - - - -VI. - - -Jennys Knabe lebte sechs Wochen -- genau vierundvierzig und einen -halben Tag, sagte sie bitter zu sich selber, wenn sie wieder und wieder -die kurze Zeit überdachte, während der sie gewußt hatte, was es heißt, -glücklich zu sein. - -Sie weinte die ersten Tage danach nicht, ging nur um das tote Kind -herum und würgte tief in der Kehle. Sie nahm es hoch und liebkoste es: - -„Bübchen -- Mutters kleiner, kleiner, süßer Junge -- du darfst nicht --- hörst du -- Bübchen darf nicht tot sein, verstehst du mich denn -nicht --.“ - -Der Knabe war klein und schwächlich gewesen, als er zur Welt kam. Aber -Jenny wie auch Frau Schlessinger meinten, daß er gedeihen und großartig -wachsen würde. Dann wurde er eines Morgens krank und starb gegen Mittag. - -Als er begraben war, begann sie zu weinen, und jetzt konnte sie -nicht innehalten. Sie schluchzte fast andauernd, Tag und Nacht, -wochenlang. Krank wurde sie auch, bekam eine Brustentzündung, so daß -Frau Schlessinger den Arzt holen mußte, der sie dann schnitt. -- Die -körperlichen Schmerzen und die Verzweiflung ihrer Seele flossen zu -einem zusammen, den fürchterlichen Fiebernächten. - -Frau Schlessinger schlief im Zimmer nebenan. Wenn sie die merkwürdig -tierischen, erstickten Klagelaute aus dem Zimmer des jungen Mädchens -vernahm, wackelte sie entsetzt herbei und setzte sich auf einen Stuhl -vor dem Bett: „Um Gotteswillen, Fräulein --.“ - -Sie pflegte Jenny und streichelte ihre mageren, klammen Hände mit ihren -dicken, warmen. Sie redete ihr gut zu. Es sei Gottes Wille, vielleicht -das Beste für den Jungen wie für das gnädige Fräulein selber. Fräulein -sei ja noch so jung --. Frau Schlessinger hatte selbst ihre beiden -Kinder verloren, die kleine Bertha, als sie zwei Jahre alt war, und -Wilhelm mit vierzehn Jahren, so einen kecken Burschen. Sie waren doch -in gesetzlicher Ehe geboren und hatten ihre Stütze sein sollen, aber -dieser Kleine hier, er wäre ja nur eine Fessel an Fräuleins Fuß gewesen --- und Fräulein sei doch so jung und nett. Ach Gott, gewiß war er lieb -gewesen, der kleine Engel, ja, schwer genug sei es schon --. - -Ihren Mann hatte Frau Schlessinger auch verloren -- ja. Und es gab -viele Leidensgenossinnen von Jenny, die Frau Schlessinger im Hause -gehabt hatte, deren Kinder gestorben waren -- ja, einige seien froh -gewesen, einige hätten sie geradezu vernachlässigt, um sie loszuwerden --- ja, es war häßlich, aber was soll man dazu sagen? Einige hatten auch -geweint und gejammert wie jetzt Jenny, aber sie kamen mit der Zeit -darüber hinweg; die eine und die andere war jetzt verheiratet und hatte -es glücklich getroffen. Aber eine solche Verzweiflung wie beim gnädigen -Fräulein habe sie doch noch nie erlebt. Herrgott im Himmel! - -Daß der Vetter nach dem Süden gereist war, erst nach Dresden und -darauf nach Italien, gerade in jenen Tagen, als der Knabe starb, dem -schrieb Frau Schlessinger in ihrem Herzen einen großen Teil von Jennys -Verzweiflung zu. Ja, ja, so waren sie nun einmal, die Mannsleute. - -Unauflöslich verbunden mit der Erinnerung an diese wahnwitzigen, -qualerfüllten Nächte war seitdem für Jenny das Bild von Frau -Schlessinger, wie sie dort auf dem Stühlchen vor dem Bette saß, während -das Lampenlicht sich in den Tränen brach, die aus ihren freundlichen -Aeuglein sickerten und über ihre runden roten Apfelwangen tropften. -Ihr Mund, der nicht einen Augenblick still stand, ihr kleiner grauer -abstehender Zopf und ihre weiße Nachtjacke mit dem Zackenbesatz, ihr -Unterrock aus rosa und grau gestreiftem Flanell mit den gestickten -Zacken rings herum. Und das kleine Zimmer mit den Gipsreliefs in -Messingrahmen. - -Sie hatte Heggen von ihrem großen Glück geschrieben. Er hatte auch -geantwortet; er wäre gern gekommen, um sich den Buben anzuschauen, aber -die Reise war lang und teuer, außerdem war er im Begriff, nach Italien -aufzubrechen. Später sei sie mit dem Prinzen willkommen und er sende -die besten Glückwünsche! -- - -Als das Kind starb, war Heggen in Dresden: sie bekam einen langen -schönen Brief von ihm. - -An Gert hatte sie einige Zeilen geschrieben, sobald sie konnte. Sie gab -gleichzeitig ihre Adresse auf, bat ihn jedoch, nicht vor dem Frühling -herunterzukommen, dann wäre der Kleine groß und hübsch geworden. Jetzt -könnte wohl nur die Mutter sehen, wie prächtig er war. -- Als sie -wieder aufgestanden war, sandte sie ihm ein längeres Schreiben. - -Am Tage, als das Kind begraben wurde, schrieb sie wieder und teilte in -wenigen Worten seinen Tod mit. Gleichzeitig erwähnte sie, daß sie am -selben Abend nach dem Süden reise und daß er nicht erwarten dürfe, von -ihr zu hören, bis sie ruhiger geworden: „Du brauchst dich nicht um mich -zu ängstigen,“ schrieb sie, „ich bin jetzt soweit vollkommen ruhig und -gefaßt, aber natürlich grenzenlos traurig.“ - -Dieser Brief kreuzte sich mit einem von Gert Gram. Dieser lautete: - - Meine kleine Jenny! - - Ich danke Dir für Deinen letzten Brief. Zu allererst muß ich Dir - sagen, da Du Dir scheinbar Vorwürfe machst in bezug auf Dein - Verhältnis zu mir; liebes kleines Mädchen, ich mache Dir ja keine, - und darum darfst Du es auch nicht. Du bist ja immer nur gut und - weich und liebevoll gegen Deinen Freund gewesen. Nie werde ich - Deine Zärtlichkeit und Deine Wärme aus der kurzen Zeit, da Du mich - liebtest, vergessen -- Deine süße Jungfräulichkeit und feine, sanfte - Hingebung in den Tagen unseres kurzen Glücks. - - Unser Glück konnte nur kurz sein; das hätten wir beide wissen müssen. - Ich hätte es wissen +müssen+. Du hättest es wohl wissen +können+, - wenn Du nachgedacht hättest; aber was denken zwei Menschen, die sich - zu einander hingezogen fühlen? Daß Du eines Tages aufhörtest, mich - zu lieben -- glaubst Du, ich werfe Dir das vor? Wenn es mir auch das - bitterste Leid verursachte in meinem sonst nicht eben glücklichen - Leben -- doppelt bitter für mich, da ich gleichzeitig erfuhr, daß Du - für unser Verhältnis nun durch dein ganzes Leben büßen mußt. - - Aber nun sehe ich aus Deinem Briefe, daß diese Folgen, über die - ich sicher viel verzweifelter war als Du, was Du auch an Sorgen - und körperlichen Leiden durchgemacht haben magst, Dir dennoch eine - tiefere Freude, ein größeres Glück geschenkt haben, als es Dir sonst - im Leben begegnet ist. Ich sah, daß die Mutterfreude Dich ganz mit - Frieden, Lebensmut und Zufriedenheit erfüllte, so daß Du meinst, mit - Deinem Kinde im Arm genug Kraft zu besitzen, um alle Schwierigkeiten, - ökonomische wie soziale zu überwinden, die die Zukunft einer jungen - Frau in Deiner Lage bringen kann. Daß Du dies schreibst, macht mich - froher, als Du ahnen kannst. Für mich ist dies wiederum ein Beweis - für das Walten jener ewigen Gerechtigkeit, an der ich ja nicht - zweifle. Dir, die Du einen Irrtum begingst, weil Dein Herz warm und - zärtlich war und nach Zärtlichkeit dürstete, wird gerade dieser - Irrtum, der Dir so verzweifelte Stunden gebracht hat, schließlich all - das bescheren, wonach Du so brennend verlangtest, besser, schöner - und reiner, als Du es je erträumt. Schon jetzt, da dein Herz ganz - von Liebe zu Deinem Kinde erfüllt ist und später in noch höherem - Maße, wenn der kleine Bursche heranwächst, seine Mutter kennen lernt, - sich an sie hängt und ihre Liebe erwidern kann, stärker, tiefer und - bewußter mit jedem Jahre, das dahingeht. - - Und mir, der ich Deine Liebe entgegennahm, obgleich ich hätte - wissen müssen, daß ein Liebesverhältnis zwischen uns unmöglich und - unnatürlich war -- mir haben diese Monate unerträgliches Leiden - und Trauern gebracht -- und einen Verlust, Jenny, einen Verlust, - wie Du ihn Dir nicht vorstellen kannst, den Verlust Deiner Person, - Deiner Jugend, Deiner Schönheit, Deiner gesegneten Liebe. Jede - kleinste Erinnerung an diese Dinge war durch die Reue verbittert -- - diese ständig nagende Frage, wie konnte ich sie es tun lassen, wie - konnte ich es annehmen, wie konnte ich an ein Glück für mich mit ihr - glauben? Ja, Jenny, ich habe daran geglaubt, so wahnsinnig es auch - klingt, weil ich mich bei Dir so jung fühlte. Vergiß nicht, daß ich - meiner eigenen Jugend verlustig ging, und dies, als ich weit jünger - war als Du jetzt bist; der Jugend arbeitsfrohes Leben und frohes - Liebesglück durfte ich -- durch eigene Schuld -- nicht kennen lernen. - Und dies war die Strafe. Gespenstisch kehrte meine tote Jugend - zurück, als ich Dich gesehen -- mein Herz fühlte sich nicht älter als - das Deine. Oh, Jenny, nichts auf der Welt ist fürchterlicher, als - wenn ein Mann alt und sein Herz jung geblieben ist. - - Du schreibst, Du sähest es gern, wenn ich später, sobald der Knabe - größer geworden ist, Dich besuchte, um mir unser Kind anzusehen. - Unser Kind -- es ist ein so widersinniger Gedanke. Weißt Du, - woran ich dauernd denken muß? Kannst Du Dich des alten Joseph - entsinnen auf den italienischen Altarbildern, der immer abseits - oder im Hintergrunde zur Seite steht, zärtlich und wehmütig das - göttliche Kind und dessen junge, herrliche Mutter betrachtend, diese - beiden, die ganz von einander in Anspruch genommen sind, und seine - Anwesenheit gar nicht beachten. Liebe Jenny, mißverstehe mich nicht, - ich weiß ja, daß das Kindchen, das jetzt in Deinem Schoß liegt, auch - mein Fleisch und Blut ist und doch -- wenn ich jetzt an Dich denke, - die Mutter geworden ist, dann komme ich mir wie der arme alte Joseph - vor, der draußen steht. - - Aber deshalb solltest Du ebensowenig Bedenken tragen, den Namen - als meine Gattin anzunehmen und den Schutz, der für Dich und Dein - Kind darin liegt, wie Maria, als sie sich dem Joseph anvertraute. - Eigentlich finde ich, es ist nicht ganz richtig von Dir, dem Kinde - den Vatersnamen zu rauben, auf den es doch ein Anrecht hat -- Du - magst soviel Selbstvertrauen haben wie Du willst. Selbstverständlich - ist es, daß Du im Falle einer solchen Ehe ebenso frei und ungebunden - bleibst wie sonst, und daß diese Ehe auch, sobald du es wünschest, - gesetzlich aufgehoben wird. Ich bitte Dich inständig, Dir dies - zu überlegen. Wir können uns im Auslande trauen lassen, wenn Du - es wünschest, und schon einige Monate danach können Schritte - zur Trennung getan werden. Du brauchst nie wieder nach Norwegen - zurückzukehren, geschweige denn unter einem Dach mit mir zu wohnen. - - Von mir selbst ist nicht viel zu berichten. Ich habe zwei kleine - Zimmer hier oben auf dem Haegdehaug ganz in der Nähe jenes - Landhauses, in dem ich geboren bin und bis zu meinem zehnten Jahre - gelebt habe, als mein Vater im Numetal Vogt wurde. Von meinem - Fenster aus sehe ich die Spitzen der beiden großen Kastanien an der - Eingangstür meines Vaterhauses. Sie haben sich nicht sonderlich - verändert. Hier oben beginnen die Abende bereits lang und licht und - lenzhaft zu werden, die Bäume zeichnen ihre nackten braunen Kronen - in den fahlgrünen Himmel, an dem einzelne goldene Sterne durch die - scharfe klare Luft funkeln. Abend für Abend sitze ich hier an meinem - Fenster und starre in die Ferne, während mein ganzes Leben in Träumen - und Erinnerungen an mir vorüberzieht. Ach, Jenny, wie hatte ich - jemals vergessen können, daß ein ganzes Leben zwischen Dir und mir - lag, ein Leben, fast doppelt so lang wie das Deine, ein Leben, von - dem mehr als die Hälfte in ununterbrochener Demütigung, Niederlage - und Schmerz dahingeschleppt worden ist. -- - - Daß Du ohne Zorn und Bitterkeit an mich denkst, ist mehr, als ich - erhofft und erwartet habe. Das Glück, das durch jede Zeile Deines - Briefes atmet, hat mir so unsagbar wohlgetan. Gott segne und behüte - mein Kind und Dich; alles Glück der Welt wünsche ich auf Dich und - das Kind herab. Ich habe Dich so unsäglich lieb, Du kleine Jenny, die - einst mein war. - - Dein treuer - - Gert Gram. - - - - -VII. - - -Jenny blieb bei Frau Schlessinger wohnen. Dort war es billig -- und sie -wußte nicht, wohin mit sich. - -Es lag Lenzeswehen in der Luft, über die gewaltige, offene -Himmelskuppel hin segelten schwere, vom Sonnenlicht verbrämte Wolken, -die wie Gold und Blut brannten und sich an den Abenden im unruhigen -Meer spiegelten, wenn sie draußen auf der Mole war. Die trübseligen, -dunklen Flächen im Lande wurden lichtgrün, die Pappeln schimmerten -braunrot von neuem Sproß, und dufteten lind und weich. Am Eisenbahndamm -wimmelte es von Veilchen und kleinen weißen und gelben Blumen. -Schließlich war die Ebene üppig grün, es sprühte von Farben an den -Wegrainen, schwefelgelbe Iris und große weiße Doldenpflanzen spiegelten -sich in den Wasserlöchern der Torfmieten. Eines schönen Tages strömte -süßer Heuduft über Land, der sich in dem salzigen Algengeruch vom -Strande her mischte. - -Das Badehotel wurde eröffnet und Sommergäste zogen in die kleinen -Häuser an der Mole. Es wimmelte von Kindern auf dem weißen -Sandstreifen. Sie kugelten sich im Sand und platschten barfuß ins -Wasser hinaus, Mütter, Kindermädchen und Ammen in Spreewäldertracht -saßen nähend im Grase und beaufsichtigten sie. Die Badehäuschen waren -ins Wasser gerollt worden, und kleine deutsche Backfische schrien und -juchten dort draußen. Luxussegler legten an der Mole an; Besuch kam aus -der Stadt, abends war Tanz im Badehotel; die kleine Tannenplantage war -voller Spaziergänger. Hier hatte Jenny zu Beginn des Frühlings in dem -struppigen Gras gelegen, dem Wellenschlag und dem Sausen des Windes in -den zerzausten Kronen lauschend. - -Diese oder jene der Damen sandte ihr einen interessierten oder -teilnehmenden Blick nach, wenn sie den Weg am Badestrand entlang -spazierte, mit ihrem schwarzweißen Sommerkleide angetan. Die Badegäste -im Ort hatten natürlich erfahren, daß sie eine junge Norwegerin war, -die ein Kind bekommen hatte, über dessen Tod sie so furchtbar trauerte. -Einige waren auch darunter, die es mehr rührend als skandalös fanden. - -Im übrigen wanderte sie meist landeinwärts; dorthin kamen niemals -Sommergäste. Ganz selten ging sie bis hinauf zur Kirche und zum -Kirchhof, wo der Knabe lag. Sie saß dann und starrte auf das Grab, das -sie nicht hatte herrichten lassen. Sie legte dann einige wilde Blumen -nieder, die sie unterwegs gepflückt hatte, aber ihre Phantasie weigerte -sich, den kleinen, grauen Erdhügel, auf welchem Unkraut und Gräser in -die Höhe schossen, mit ihrem Bübchen in Verbindung zu bringen. - -An den Abenden saß sie in ihrem Zimmer mit einer Handarbeit, die sie -nicht anrührte, und starrte in die Lampe. Sie dachte immer an das -Gleiche, rief die Tage wieder zurück, als sie ihren Jungen besessen -hatte, die erste Zeit, das matte, friedliche Glück, während sie lag -und genas, später, wenn sie aufrecht im Bett saß und Frau Schlessinger -ihr das Baden und Wickeln, das An- und Auskleiden des Kindes zeigte, -dann, als sie zusammen nach Warnemünde reisten, um feinen Stoff, -Spitzen und Band zu kaufen, als sie heimkehrte, zuschnitt, nähte, -zeichnete und stickte -- ihr Junge sollte feine Sachen haben statt -des schlechten fertiggekauften Zeuges, das sie aus Berlin bestellt -hatte. Eine drollige Gartenspritze hatte sie gekauft mit Abziehbildern -auf dem grünbemalten Blech: ein Löwe und ein Tiger standen zwischen -Palmen an einem himmelblauen Meer und betrachteten entsetzt die -deutschen Panzerungetüme, die den afrikanischen Besitzungen des Reichs -zudampften. Sie fand das Ding so lustig -- Bübchen sollte es zum -Spielen haben, wenn er einmal groß genug geworden war. Erst mußte er -ja Mutters Brust finden, an der er sich jetzt nur blind festsog -- und -seine eigenen kleinen Finger, die er nicht voneinander bekommen konnte, -sobald er sie ineinander verfilzt hatte -- bald würde er die Mutter -kennen, nach der Lampe blinzeln und nach Mutters Uhr, die sie vor ihm -schaukeln ließ -- da war so viel, was Bübchen lernen mußte. - -In einer Schieblade lagen alle seine Sachen, sie nahm sie nie heraus. -Sie wußte ja doch, wie jedes Stück aussah und wie es sich auf der -Handfläche anfühlte -- das glatte, weiche Linnen, die rauhe Wolle und -die halbfertige Jacke aus grünem Flanell, die sie mit Butterblumen -bestickt hatte, die sollte er haben, wenn er ausgefahren wurde. -- - -Sie hatte ein Bild vom Strande angefangen mit den roten und blauen -Kindern auf dem weißen Sandstrand. Einige der teilnehmenden Damen kamen -herbei, schauten zu und versuchten, eine Bekanntschaft anzubahnen: „Wie -nett!“ Sie war aber unzufrieden mit der Skizze und mochte sie nicht -beendigen, auch eine neue wollte sie nicht anfangen. -- - - * * * * * - -Eines Tages schloß das Badehotel wieder, es stürmte auf See, und der -Sommer war vorüber. - -Gunnar schrieb aus Italien und riet ihr, herunterzukommen. Cesca wollte -sie nach Schweden haben. Die Mutter, die nichts wußte, schrieb und -begriff nicht, warum sie dort blieb. Jenny dachte daran, fortzureisen, -konnte aber zu keinem Entschluß kommen. Obgleich doch allmählich eine -unbestimmte Sehnsucht in ihr wach wurde. Sie wurde selbst dadurch -nervös, daß sie so umherging und nichts tun konnte. Sie mußte einen -Entschluß fassen -- wenn sie auch nur eines Nachts von der Mole aus in -die See spränge. - -Eines Abends hatte sie die Kiste mit Heggens Büchern hervorgeholt. -Unter ihnen befand sich ein Band italienischer Gedichte -- ~Fiori -della poesia italiana~. Eine Ausgabe, für Touristen berechnet, in -einfaches Leder gebunden. Sie blätterte darin, um zu sehen, ob sie all -ihr Italienisch vergessen hätte. - -Sie schlug das Buch zufällig bei Lorenzo von Medicis Karnevalslied -auf und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, von Gunnars Hand -beschrieben: - - „Liebe Mutter. Jetzt kann ich Dir endlich berichten, daß ich - glücklich und wohl in Italien angekommen bin, und daß es mir in jeder - Hinsicht gut geht, sowie --“ Der Rest des Bogens war mit Vokabeln - bedeckt. Bei den Verben standen zugleich die Deklinationen. Auch am - Rande des Buches standen Vokabeln -- ganz dicht, an dem tragisch - frohen Karnevalsgedicht entlang. „Wie schön ist die Jugend, die so - schnell entflieht“. - -Selbst die gewöhnlichsten Worte waren aufgeschrieben. Gunnar mußte -versucht haben, das Lied zu lesen, gleich nachdem er nach Italien -gekommen war -- ehe er etwas von der Sprache konnte. Sie sah auf dem -Titelblatt nach: G. Heggen, Firenze und die Jahreszahl stand dort. Das -war, ehe sie ihn kennengelernt hatte. - -Sie blätterte und las hier und da. Dort stand Leopardis Hymne an -Italia, für die Gunnar so begeistert war. Sie las sie. Der Rand war -schwarz von Vokabeln und Tintenflecken. - -Es schien wie ein Gruß von ihm, eindringlicher als alle seine Briefe. -Er rief sie, jung und gesund, fest und voller Tatendrang. Er bat -sie, zum Leben zurückzukehren und zur Arbeit. Ja, wenn sie sich doch -zusammennehmen und wieder anfangen könnte. Sie mußte versuchen, zu -wählen zwischen Leben -- oder Tod. Sie wollte wieder dort hinab, -wo sie sich einst frei und stark gefühlt hatte, allein, nur mit -ihrer Arbeit. Sie sehnte sich danach, und nach den Freunden, den -zuverlässigen Kameraden, die einander nicht so nahe kamen, daß Leid -daraus entstand, sondern Seite an Seite, jeder in seiner eigenen Welt, -die auch all den anderen gehörte, miteinander dahinlebten, im Vertrauen -auf ihr Können, in der Freude an ihrem Schaffen. Sie wollte das Land -wiedersehen, das felsige Land mit den stolzen, strengen Linien und den -sonnedurchtränkten Farben. - -Kurz darauf reiste sie nach Berlin. Sie lief einige Tage in der Stadt -umher, so auch in den Galerien. Aber sie fühlte sich müde, fremd und -überflüssig. So fuhr sie weiter nach München. - -In der Alten Pinakothek sah sie Rembrandts Heilige Familie. Sie -betrachtete das Bild gar nicht als Malerei an sich, sie sah nur die -junge Bauersfrau, das Hemd von der milchgefüllten Brust weggezogen und -das Kind anschauend, das eingeschlafen war. Liebkosend griff die Mutter -um sein eines bloßes Füßchen. Ein häßlicher kleiner Plebejerjunge -war es, aber strotzend vor Gesundheit, und er schlief so gut, war -so herrlich und lieb. Josef guckte über der Mutter Schulter auf ihn -nieder. Es war aber kein alter Josef, und Maria war keine weltfremde -Himmelsbraut. Es war ein kräftiger, mittelalterlicher Handwerker mit -seiner jungen Frau, und das Kind war ihrer beider Lust und Freude. - -Am Abend schrieb sie an Gert Gram. Einen langen Brief, zart und traurig --- aber es war ein Lebewohl für immer. - -Am nächsten Tage löste sie eine Karte direkt bis Florenz. Beim ersten -Morgengrauen saß sie am Abteilfenster nach einer schlaflosen Nacht -im Zuge. Wildbäche hüpften silbrig über waldbewachsene Felshänge. Es -wurde licht und lichter, die Städte, an denen sie vorüberflog, nahmen -mehr und mehr italienischen Charakter an. Rostbraune und moosgoldene -Dachziegel, Loggien an den Häusern, grüne Stabjalousien an rotgelben -Hauswänden, barocke Kirchenfassaden, die Bogenreihen der Steinbrücken -draußen im Fluß. Die Schilder auf den Stationen trugen jetzt deutschen -und italienischen Text. Weinberge zeigten sich außerhalb der Städte und -graue Burgruinen erschienen auf den Bergkuppen. - -Ala. Sie stand an der Zollschranke, die verdrießlichen Passagiere aus -der ersten und zweiten Klasse betrachtend -- und war so sinnlos froh. -Nun war sie wieder in Italien. Der Zollbeamte lächelte sie an, weil sie -blond war, und sie lächelte zurück, weil er sie für die Kammerjungfer -dieser oder jener Herrschaft hielt. - -Die Felsketten wichen zur Seite, lehmgrau mit blauen Schatten in den -Klüften, das Erdreich leuchtete rostrot, die Sonne flammte weiß und -glühend auf. - -In Florenz aber war es bitter kalt und trübe in diesen Novembertagen. -Müde und verfroren irrte sie etwa vierzehn Tage in der Stadt umher, -ihr Herz blieb kalt gegen all die Schönheit, die sie erblickte, und -melancholisch und mutlos, weil sie sich nicht wie früher an ihr wärmen -konnte. -- - -Eines Morgens fuhr sie nach Rom. Die Felder in der toskanischen -Landschaft waren von weißem Reif bedeckt. Später am Tage lichtete sich -der Nebel und die Sonne erschien. Sie sah die Stelle wieder, die sie -nie vergessen konnte: Der Trasimenische See lag fahlblau zwischen den -Felsen im Dunst. Ins Wasser hinaus schoß eine Landzunge mit den Türmen -und Zinnen einer kleinen steingrauen Stadt. Eine Zypressenallee führte -vom Bahnhof aus dort hinüber. -- - -In Rom hielt sie in strömendem Regen ihren Einzug. Gunnar war auf dem -Bahnhof und nahm sie in Empfang. Er preßte ihre Hände, als er sie -willkommen hieß. Während sie im Regen, der vom grauen Himmel auf das -Straßenpflaster niederklatschte, nach der Wohnung ratterten, die er ihr -verschafft hatte, fuhr er mutig fort zu plaudern und zu lachen. -- - - - - -VIII. - - -Heggen saß am äußersten Ende des Marmortisches und nahm an der -Unterhaltung fast nicht teil. Ab und zu schielte er zu Jenny hinüber, -die sich, Whisky und Selter vor sich, in eine Ecke geklemmt hatte. Sie -unterhielt sich übertrieben lebhaft quer über den Tisch mit einer -jungen schwedischen Frau und nahm nicht im geringsten Notiz von den -neben ihr sitzenden Dr. Broager und der kleinen dänischen Malerin, -Loulou von Schulin, die beide versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich -zu lenken. Heggen sah, sie hatte wieder zuviel getrunken. - -Sie bildeten eine kleine Schar von Skandinaviern und einigen Deutschen, -die in einer Weinkneipe zusammengetroffen und jetzt am Ende der -Nacht im hintersten Winkel eines düsteren Cafés gelandet waren. Die -Gesellschaft hatte dem Alkohol reichlich zugesprochen und war sehr -wenig gewillt, den Aufforderungen des Wirtes nachzukommen, zu gehen, da -es weit über die vorgeschriebene Polizeistunde sei und er zweihundert -Lire Strafe zu zahlen haben würde, ja sicher! - -Gunnar Heggen war der einzige, der es mehr als gern gesehen hätte, daß -das Trinkgelage ein Ende nähme. Er war der einzig Nüchterne und hatte -schlechte Laune. - -Dr. Broager brachte alle Augenblicke seinen schwarzen Schnurrbart auf -Jennys Hand an. Wenn sie diese an sich zog, versuchte er es auf ihrem -nackten Arm. Die andere Hand hatte er hinter ihr aufs Sofa gelegt. Sie -saßen zusammengedrängt im Winkel, so daß jeder Versuch, sich ihm zu -entwinden, umsonst gewesen wäre. Im übrigen war ihr Widerstand auch -ziemlich schwach, und sie lachte ohne Zorn über seine Zudringlichkeit. - -„Pfui!“ sagte Loulou von Schulin und zog die Schultern hoch. „Daß Sie -das ertragen können! Finden Sie ihn denn nicht widerlich, Jenny?“ - -„O doch, natürlich. Aber Sie sehen ja, er ist genau so wie eine -Schmeißfliege -- es nützt nichts, ihn wegzujagen. Pfui, hören Sie doch -auf, Doktor --“ - -„Pfui,“ sagte die andere wie vorher. „Daß Sie das aushalten können!“ - -„Pah! Ich kann mich ja mit Seife abwaschen, wenn ich nach Hause komme.“ - -„So?“ Loulou von Schulin warf sich über Jennys Schoß und streichelte -ihre Arme. „Wir geben jetzt auf die armen schönen Hände acht! -Sehen Sie!“ Sie hob die eine Hand in die Höhe und zeigte sie der -Tafelrunde. „Ist sie nicht entzückend?“ Dann löste sie ihren giftgrünen -Automobilschleier vom Hute und hüllte Arme und Hände darin ein. „Ins -Fliegennetz -- seht doch nur!“ Und sie streckte Broager blitzschnell -die Zunge heraus. - -Jenny blieb einen Augenblick, die Arme in den grünem Schleier -gewickelt, sitzen. Dann machte sie sich frei und zog Jacke und -Handschuhe an. - -Broager versank in einen kleinen Halbschlummer. Aber Fräulein Schulin -hob ihr Glas: - -„Prost! Herr Heggen!“ - -Er tat, als hörte er nicht. Erst, als sie es wiederholte, griff er nach -seinem Glase. „Pardon -- ich sah nicht,“ trank und sah wieder fort. - -Dieser oder jener lächelte. Da Heggen und Fräulein Winge Tür an Tür im -obersten Stockwerk irgendwo drüben zwischen Babuino und Corso wohnten, -glaubte man genug zu wissen. Was aber Fräulein von Schulin betraf, so -war sie vorübergehend mit einem norwegischen Schriftsteller legitim -verheiratet gewesen, reiste dann von ihm und dem Kinde in die weite -Welt hinaus, wo sie wieder ihren Mädchennamen, die Anrede Fräulein -und Malerin angenommen hatte, und außerdem Freundschaften mit Frauen -unterhielt, worüber besonders üble Gerüchte im Umlauf waren. - -Der Wirt kehrte wieder zur Gesellschaft zurück und parlamentierte -eindringlich, um sie zur Tür hinauszubekommen. Die beiden Kellner -löschten die Gasflammen drüben im Lokal und stellten sich abwartend am -Tische auf. Es blieb also nichts anderes übrig, als zu bezahlen und -dann zu gehen. - -Heggen gehörte zu den letzten, die das Lokal verließen. Drüben auf -dem Marktplatz im Mondenschein sah er, wie Fräulein Schulin Jennys -Arm ergriff. Sie liefen auf eine leere Droschke zu, die die anderen -im Begriff waren zu stürmen. Er sprang hinüber und hörte von weitem -Jenny rufen: „Ihr wißt, die in der Via Paneperna.“ Sie hüpfte in die -überfüllte Droschke und fiel irgend jemanden auf den Schoß. - -Aber einige Damen wollten wieder ins Freie, andere in den Wagen -- -ununterbrochen sprang jemand aus der einen Wagentür hinaus und in die -andere hinein. Der Kutscher saß unbeweglich auf dem Bock und wartete. -Der Gaul schlief, den Kopf bis fast aufs Steinpflaster gesenkt. - -Jenny stand wieder auf der Straße, aber Fräulein Schulin streckte die -Hand nach ihr aus -- es war noch Platz. - -„Es ist eine Schande um das Pferd,“ sagte Heggen kurz. So begann sie -denn zu gehen, neben ihm, als letzte in der Schar derer, die in der -Droschke nicht Platz gehabt hatten. Der Wagen rollte langsam vorauf. - -„Du willst doch nicht behaupten, daß du länger mit diesen Menschen -zusammen sein magst, ganz bis zur Via Paneperna hinaustrotten nur -deswegen?“ sagte Heggen. - -„Oh, wir werden schon unterwegs eine leere Droschke finden --“ - -„Daß du dazu Lust hast -- betrunken wie die Lumpen sind sie auch -- -alle miteinander,“ wiederholte er. - -Jenny lachte müde. - -„Das bin ich sicher auch.“ - -Heggen antwortete nicht. Sie waren bis zur Piazza di Spagna gekommen. -Da stand sie still: - -„Du willst also nicht mitgehen, Gunnar?“ - -„Wenn du es durchaus noch weiter mitmachen willst, dann ja -- sonst -nicht.“ - -„Du brauchst doch um meinetwillen nicht -- du kannst dir doch denken, -daß ich schon nach Hause finden werde.“ - -„Gehst du mit, so gehe ich auch mit. Ich erlaube dir nämlich nicht, -dich allein mit diesen betrunkenen Menschen herumzutreiben.“ - -Sie lachte, das gleiche matte und gleichgültige Lachen. - -„Zum Teufel, dann bist du morgen so müde, daß du mir auch nicht sitzen -kannst.“ - -„Oh, ich werde das schon fertigbringen.“ - -„Das glaube ich nicht. Ich kann jedenfalls nicht ordentlich arbeiten, -wenn wir so die ganze Nacht durchbummeln.“ - -Jenny zuckte mit den Schultern. Aber sie schlug die Richtung nach -Babuino ein, den anderen entgegengesetzt. - -Zwei Polizisten in ihren Umhängen gingen an ihnen vorüber. Sonst war -nicht die Spur von Leben auf dem öden Platz. Der Springbrunnen rieselte -vor der Spanischen Treppe, die inmitten der immergrünen, schwarzen und -silberblinkenden Büsche der Anlagen vom Mondenschein weiß übergossen -dalag. - -Jenny sagte plötzlich hart und spöttelnd: - -„Ich weiß, es ist gut gemeint, Gunnar. Es ist nett von dir, daß du -versuchst, auf mich aufzupassen. Aber es hat keinen Zweck.“ - -Er schwieg. - -„Nein, wenn du selbst nicht willst,“ sagte er kurz nach einer Weile. - -„Willst,“ äffte sie ihm nach. - -„Ja, ich sagte ‚willst‘.“ - -Jenny atmete kurz und heftig, als wollte sie etwas antworten, hielt -aber an sich. Ekel stieg in ihr auf -- halbbetrunken war sie, das -wußte sie selbst sehr wohl. Es fehlte ja noch, daß sie hier aufschrie, -jammerte und heulte, berauscht, wie sie war, Gunnar gegenüber. Sie biß -die Zähne zusammen. - -So kamen sie zu ihrer Haustür. Heggen schloß auf, entzündete ein -Wachshölzchen und begann, die endlos dunkle Treppe hinaufzuleuchten. - -Ihre beiden Zimmerchen lagen für sich auf einem halben Stockwerk oben -am Ende der Treppe. An den Türen vorüber lief ein kleiner Gang, der in -einer Marmortreppe zum flachen Dach des Hauses endigte. - -In ihrer Tür reichte sie ihm die Hand: - -„Gute Nacht, Gunnar -- hab Dank,“ sagte sie leise. - -„Ich danke dir. Schlaf gut --“ - -„Gleichfalls.“ - -Drinnen in seinem Zimmer öffnete er das Fenster. Gerade gegenüber -glänzte der Mondschein auf einer ockergelben Hauswand mit geschlossenen -Fensterläden und schwarzen eisernen Balkons. Der Pincio erhob dahinter -seinen Gipfel mit den scharfabstechenden dunklen Laubmassen gegen den -mondlichtblauen Himmel. Darunter lagen alte, moosbewachsene Dächer; wo -des Hauses kohlschwarzer Schatten endete, hing leichenfahle Wäsche zum -Trocknen auf einer niedrigen Terrasse. Gunnar beugte sich weit über -das Fenstersims, traurig und angewidert. Tod und Teufel, war er denn -engherzig oder -- aber Jenny in diesem Zustande zu sehen --! - -Aber gerade er hatte sie zuerst in dieses Getriebe hineingezogen. Um -sie aufzumuntern. Sie verkümmerte ja in den ersten Monaten wie ein -kranker Vogel. Er hatte geglaubt, es würde für sie Beide eine boshafte -Unterhaltung sein, die anderen zu beobachten -- diese Affen. Er hatte -ja nicht geahnt, daß es eine derartige Wirkung haben könnte. - -Er hörte sie aus ihrem Zimmer und hinauf zum Dache gehen. Heggen -zauderte einen Augenblick. Dann folgte er ihr. - - * * * * * - -Sie saß in dem einzigen Stuhl dort oben, hinter der kleinen -Wellblechlaube. Die Tauben gurrten schläfrig in ihrem Schlage, der auf -dem Laubendach angebracht war. - -„Bist du noch nicht zu Bett gegangen?“ sagte er leise. „Du wirst dich -erkälten.“ Er holte ihren Schal aus der Laube und reichte ihn ihr, dann -setzte er sich auf den Mauerrand zwischen die Blumentöpfe. - -Eine Weile starrten sie so schweigend über die Stadt, deren -Kirchenkuppeln im Mondenlicht schwammen. Die Linien der fernen -Höhenzüge waren vermischt. - -Jenny rauchte. Auch Gunnar zündete sich eine Zigarette an. - -„Ich merke übrigens, ich vertrage fast nichts mehr -- beim Trinken -meine ich. Es wirkt sofort,“ sagte sie gleichsam entschuldigend. - -Er sah, daß sie jetzt völlig nüchtern war. - -„Ich finde, du solltest es jetzt eine Weile lassen, Jenny. Auch das -Rauchen, solltest jedenfalls nur ganz wenig rauchen. Du hast ja über -dein Herz geklagt.“ - -Sie antwortete nicht. - -„Im Grunde bist du ja über diese Menschen der gleichen Meinung wie -ich. Ich begreife nicht, daß du dich dazu herablassen magst, mit ihnen -zusammen zu sein -- in dieser Art und Weise.“ - -„Mitunter,“ sagte sie leise, „braucht man -- Betäubung, gerade heraus -gesagt. Und was das Sichherablassen betrifft --.“ Er blickte ihr in -das weiße Antlitz. Das unbedeckte blonde Haar flimmerte im Mondlicht. -„Mitunter finde ich: nicht. Obgleich -- jetzt in diesem Augenblick zum -Beispiel, schäme ich mich. Jetzt bin ich also ungewöhnlich nüchtern, -siehst du.“ Sie lachte ein wenig. „Manchmal ist das nicht der Fall, -selbst wenn ich nichts getrunken habe. Dann überkommt mich das -Verlangen, mit dieser Sorte zusammen zu sein.“ - -„Es ist gefährlich, Jenny,“ flüsterte er. Und nach einer Weile: „Ich -kann mir nicht helfen, aber ich fand das heute Abend widerlich. Ich -habe manches gesehen -- wie es zugeht. Ich möchte dich doch nicht gern -sinken sehen, so enden sehen wie etwa Loulou --.“ - -„Du kannst durchaus ruhig sein, Gunnar. So ende ich nicht. Im Grunde -bin ich zu so etwas gar nicht fähig. Ich werde schon vorher einen Punkt -machen --.“ - -Er blickte still auf sie. - -„Ich weiß, was du meinst,“ sagte er schließlich leise. „Aber Jenny, -andere haben ebenso gedacht. Und wenn man dann eine Zeitlang den Strom -abwärts geschwommen ist -- so tut man es nicht mehr -- das, was du -einen Punkt machen nennst.“ - -Er glitt von der Mauerkante herab, ging auf sie zu und ergriff ihre -Hand: - -„Du Jenny, hör damit auf -- ja?“ - -Sie erhob sich und lachte kurz. - -„Vorläufig wenigstens. Ich bin sicher für eine lange Zeit von meiner -Bummelsucht geheilt, glaube ich.“ - -Sie standen einen Augenblick still. Dann schüttelte sie seine Hand: - -„Gute Nacht, mein Junge. -- Und morgen sitze ich dir,“ sagte sie auf -der Treppe. - -„Ja, danke.“ - -Heggen verweilte noch etwas, nachdenklich, während er ein wenig -fröstelte. Dann ging er in sein Zimmer hinunter. - - - - -IX. - - -Sie saß ihm am nächsten Tage nach dem Frühstück, bis es zu dämmern -begann. Ruhte sie sich aus, so wechselten sie einige gleichgültige -Worte, während er fortfuhr, am Hintergrund zu arbeiten oder die Pinsel -wusch. - -„So!“ Er legte die Palette fort und ordnete den Malkasten. „Für heute -bist du erlöst!“ - -Sie ging zu ihm, und sie betrachteten das Bild. - -„Das Schwarz ist sehr fein -- findest du nicht, Jenny?“ - -„Doch. Ich finde, es läßt sich gut an.“ - -„Ja,“ er blickte auf die Uhr. „Es ist eigentlich Essenszeit -- gehen -wir zusammen?“ - -„Ja, gern. Ich will nur mein Kostüm anziehen, wartest du so lange?“ - -Kurz darauf, als er an ihrer Tür pochte, stand sie fertig da, den Hut -vor dem Spiegel aufsetzend. - -Wie schön sie ist, dachte er, als sie sich ihm zuwandte. Schlank und -hell in dem festanliegenden stahlgrauen Kleide, wirkte sie so damenhaft -fein und zugeknöpft, kühl und stilvoll. Und er wollte nicht glauben, -was er selbst gedacht hatte --. - -„Hattest du nicht übrigens mit Fräulein Schulin verabredet, sie heute -Nachmittag zu besuchen, um dir ihre Sachen anzusehen?“ - -„Ja, ich gehe aber nicht hin.“ Sie wurde sehr rot. „Ehrlich gesagt, -habe ich keine Lust, diese Bekanntschaft zu pflegen -- an ihren Sachen -ist wohl auch nicht viel zu sehen?“ - -„Nein, das weiß der Herrgott! Ich begreife nur nicht, wie du ihre -Annäherungen gestern Abend zulassen konntest. Pfui, ich würde lieber -einen Teller mit lebenden Mehlwürmern essen.“ - -Jenny lachte. Dann sagte sie ernst: - -„Die Aermste, im Grunde ist sie wohl unglücklich.“ - -„Pah -- unglücklich! Ich begegnete ihr in Paris vor einigen Jahren. -Das Schlimmste ist ja, daß sie von Natur sicher gar nicht pervers -ist. Nur dumm und eitel. Nun war +das+ interessant. Wäre es modern -gewesen, tugendhaft zu sein, so hätte sie auf einer Empore gesessen -und Kinderstrümpfe gestopft, vielleicht sich hin und wieder damit -beschäftigt, Rosen zu malen mit Tauperlen darauf. Sie wäre die -tugendsamste aller Johanne Luisen im Danneweg gewesen -- und obendrein -fröhlich. Aber als sie den ‚Etatsrätlichen‘ entronnen war, von denen -sie stammte, da wollte sie den übrigen nicht nachgeben, befreit und -Malerin, und meinte, sie müsse sich jetzt einen Liebhaber anschaffen -um ihrer Selbstachtung willen. Unglücklicherweise erwischt sie dann -einen Tolpatsch, der sie in andere Umstände bringt. Er ist altmodisch -und will, daß sie sich -- völlig unmodern -- heiraten und verlangt, sie -solle das Kind warten und die Wirtschaft führen.“ - -„Du kannst ja gar nicht wissen -- es kann ja zum Teil auch Paulsens -Schuld gewesen sein, daß sie ihm davonlief.“ - -„Ja, natürlich war es seine Schuld. Er war altmodisch, wie gesagt, und -fand Geschmack am häuslichen Glück, er bot ihr wohl zu wenig an Liebe -und keine Prügel.“ - -„Ja ja, Gunnar. Du willst nun absolut haben, daß das Leben so verflucht -leicht zu übersehen sein soll.“ - -Heggen setzte sich rittlings über einen Stuhl und schlang die Arme um -die Lehne. - -„Das wenige Gewisse im Leben, an das wir uns halten können, ist -wahrlich leicht genug zu übersehen. Man muß seine Rechnung und seine -Ansichten danach in Ordnung bringen. Mit all dem Ungewissen aufräumen, -so gut man kann, sobald es auf dem Tapet erscheint.“ - -Jenny setzte sich aufs Sofa und stützte den Kopf in die Hand: - -„Ich habe nicht mehr das Gefühl, daß es irgend etwas im Leben gibt, -worüber ich die genügende Uebersicht habe, so daß ich es als Grundlage -für meine Anschauungen gebrauchen oder meine Rechnung danach machen -könnte,“ sagte sie ruhig. - -„Das ist nicht dein Ernst.“ - -Sie lächelte nur. - -„War es nicht immer,“ sagte Gunnar. - -„Es gibt wohl niemanden, der immer dasselbe meint.“ - -„Doch, immer, wenn man nüchtern ist. Wie du heute Nacht sagtest, man -ist nicht immer nüchtern, auch wenn man nichts getrunken hat.“ - -„Jetzt -- wenn ich mich hin und wieder nüchtern fühle --“ Sie brach ab -und schwieg. - -„Du weißt, was auch ich weiß. Du hast es immer gewußt. Im großen und -ganzen leitet der Mensch sein Geschick selbst. Man ist seines eigenen -Schicksals Herr -- in der Regel. Hin und wieder ist man es nicht. -- -doch dann tragen Umstände die Schuld, über die man nicht gebietet. Aber -es ist eine gewaltige Uebertreibung, zu behaupten, daß es oft der Fall -sei.“ - -„Gott mag wissen, mir ist es nicht ergangen, wie ich gewollt, Gunnar. -Ich habe viele Jahre hindurch den Willen gehabt und nach meinem Willen -gelebt.“ - -Sie schwiegen beide eine Weile still. - -„Eines Tages,“ sagte sie langsam, „änderte ich einen Augenblick den -Kurs. Ich fand es so kalt und hart, dieses Leben zu leben, das, wie -ich glaubte, das würdigste sei. So einsam, weißt du. So bog ich denn -einen Augenblick zur Seite, wollte jung sein und ein wenig spielen. -Und dadurch geriet ich in eine Strömung hinaus, die mich trieb -- ich -endete in Dingen, mit denen in Berührung zu kommen, ich niemals eine -Sekunde für möglich gehalten hatte.“ - -Heggen schwieg. - -„Es gibt einen Vers,“ sagte er dann leise. „Rosetti -- er ist nämlich -ein weit besserer Dichter als Maler: - - ~Was +that+ the landmark? What, -- the foolish well - Whose wave, low down, I did not stoop to drink - But sat and flung the pebbles from its brink - In sport to send its imaged skies pell-mell, - (And mine own image, had I noted well!) -- - Was that my point of turning? -- I had thought - The stations of my course should raise unsought, - As altarstone or ensigned citadel. - But lo! The path is missed, I must go back, - And thirst to drink when next I reach the spring - Which once I stained, which since may have grown black. - Yet thought no light be left nor bird now sing - As here I turn, I’ll thank God, hastening, - That the same goal is still on the same track.~“ - -Jenny erwiderte nichts. - -„~That the same goal is still on the same track~,“ wiederholte Gunnar. - -„Glaubst du,“ fragte Jenny, „daß es so leicht ist, zu seinem Ziel -zurückzufinden?“ - -„Nein. Aber müßte man es nicht?“ sagte er beinahe kindlich. - -„Was für ein Ziel hatte ich übrigens,“ sagte sie plötzlich hastig. „Ich -wollte so leben, daß ich mich niemals zu schämen brauchte, weder als -Mensch noch als Künstlerin. Niemals wollte ich etwas tun, von dem ich -wußte, daß es nicht richtig sei. Rechtschaffen wollte ich sein, fest -und gut und wollte niemals eines Menschen Schmerz auf mein Gewissen -laden. Und darin bestand dann das ganze Verbrechen, das den Anfang -bildete -- woraus alles andere folgte? Daß ich mich nach Liebe sehnte, -ohne daß ein bestimmter Mann da war, dem diese Sehnsucht galt. War -das so seltsam? Daß ich so gern glauben wollte, als Helge kam, daß er -es war, nach dem ich mich gesehnt? Daß ich es schließlich wirklich -glaubte? Das war ja der Anfang, worauf das andere folgte. Gunnar -- ich -+habe+ geglaubt, daß ich sie glücklich machen könnte -- und dann tat -ich ihnen nur weh.“ - -Sie hatte sich erhoben und wanderte im Zimmer auf und nieder: - -„Glaubst du, daß die Quelle, von der du sprichst -- glaubst du, daß -sie jemals wieder rein und klar wird bei einer, die weiß, daß sie -selber sie getrübt hat? Meinst du, es würde mir jetzt leichter, zu -resignieren? Ich sehnte mich nach dem, wonach sich alle Frauen sehnen. -Und ich sehne mich jetzt -- wieder danach. Nur mit dem Unterschied, -daß ich jetzt weiß, ich habe eine Vergangenheit. Und eine Folge davon -ist, daß ich das einzige Glück, das ich anerkenne, nicht annehmen darf --- denn es sollte frisch und gesund und rein sein -- und das alles bin -ich selbst nicht mehr. Ich muß weiter eine Sehnsucht mit mir schleppen, -deren Erfüllung -- oh, ich weiß es -- unmöglich ist. Diese Sehnsucht -ist also mein Schicksal, mein ganzes Leben ist durch sie gezeichnet.“ - -„Jenny,“ -- Gunnar erhob sich ebenfalls -- „ich behaupte dennoch, es -kommt auf dich selbst an -- es +muß+ so sein. Ob es dein Wille ist, -daß diese Erinnerungen dich vernichten oder ob du sie als ein Lehrgeld -betrachten willst, so grausam hart es sich auch anhört. Das Ziel, das -du einstmals vor dir hattest, war, glaube ich, das richtige -- für -dich.“ - -„Kannst du dir denn nicht vorstellen, daß das unmöglich ist, mein -Junge. Es hat sich etwas in mich hineingeschlichen wie eine Säure, die -alles zerfrißt, was einst mein Wesen war; ich fühle selber, wie ich -inwendig zerfalle. -- Oh. Und ich will doch nicht, ich will nicht. Und -ich habe ein Verlangen nach -- ich weiß nicht --. Will alle Gedanken -zum Stillstand bringen. Sterben --. Oder leben -- ein wahnsinniges, -abscheuliches Dasein, zugrunde gehen in einem Elend, das noch -fürchterlicher ist als dies --. Laß mich so tief in den Schmutz treten, -daß ich spüre, hiernach kommt das Ende. Oder --“ sie sprach leise und -wild, es klang wie erstickte Schreie -- „mich unter einen Eisenbahnzug -schleudern -- mit dem Bewußtsein der letzten Sekunden, daß jetzt -- -jetzt gleich -- mein ganzer Körper, Nerven und Hirn und Herz, -- alles --- zu einem einzigen zuckenden blutigen Klumpen zermalmt ist.“ - -„Jenny!“ schrie er auf. Er war fahl im Gesicht geworden. Dann flüsterte -er mühsam: „Ich kann dich nicht so sprechen hören.“ - -„Ich bin hysterisch,“ sagte sie beruhigend. Aber sie ging trotzdem zu -dem Winkel, wo ihre Leinwand stand und schleuderte sie fast die Wand -entlang: - -„Man kann doch nicht leben und bestehen, um so etwas da zu bearbeiten. -Oelfarben auf die Leinwand zu kleistern -- du siehst ja, etwas anderes -wird nicht daraus -- tote Malkleckse. Du großer Gott, du hast gesehen, -wie ich die ersten Monate hindurch gearbeitet habe, wie ein Sklave -- -ich kann überhaupt nicht mehr malen.“ - -Heggen betrachtete die Bilder. Es war ihm trotzdem, als fühle er wieder -festen Grund und Boden unter den Füßen. - -„Du darfst ruhig deine aufrichtige Meinung über diese -- Schweinerei -sagen,“ meinte sie herausfordernd. - -„Ja, es sind nicht gerade schöne Sachen -- das will ich gern zugeben.“ -Er stand, mit den Händen in den Hosentaschen, und betrachtete die -Bilder. „Aber +das+ ist doch etwas, was einem jeden von uns begegnen -kann -- Perioden, wo wir nicht können. Was das betrifft, so müßtest -du wissen, meine ich, daß es etwas Vorübergehendes ist -- für dich. -Ich glaube nicht daran, daß man sein Talent einbüßen kann, und wenn -man noch so unglücklich ist. Deine Arbeit hat übrigens zu lange -geruht. Man muß sich doch wieder erst einarbeiten, die Herrschaft über -seine Schaffensmöglichkeiten zurückgewinnen, siehst du. Allein die -Modellstudie dort, Mädel -- es ist wohl bald drei Jahre her, seit du -einen Akt zeichnetest. So etwas bleibt nicht ungestraft, das weiß ich -aus Erfahrung.“ - -Er trat an das Regal und wühlte unter Jennys alten Skizzenbüchern: - -„Denk nur daran, wie du dich in Paris hochgearbeitet hattest -- ich -werde dir Einiges zeigen.“ - -„Nein, nein -- nicht das da,“ sagte Jenny hastig und streckte die Hand -nach dem Buche aus. - -Heggen hielt es zusammengeklappt in der Hand und sah sie erstaunt an. -Sie wandte das Antlitz ab: - -„O, du darfst übrigens ruhig hineinsehen. Ich versuchte nur, eines -Tages den Jungen zu zeichnen.“ - -Heggen blätterte langsam darin herum. Jenny hatte sich wieder aufs Sofa -gesetzt. Er betrachtete eine Weile die kleinen Bleistiftzeichnungen von -dem schlafenden Kindchen. Dann legte er das Buch behutsam fort. - -„Es war traurig, daß du deinen kleinen Jungen verlorst,“ sagte er leise. - -„Ja. -- Hätte er gelebt, so wäre ja alles andere gleichgültig gewesen, -weißt du. Du sprichst vom Willen, aber eines Menschen Wille kann nicht -einmal -- seines Kindes Leben -- festhalten, und dann --. Ich bin nicht -dazu imstande, nach Höherem zu streben, Gunnar, denn ich sah, dies -war das Einzige, wozu ich etwas taugte, woraus ich mir etwas machte --- meines kleinen Knaben Mutter zu sein. Ja, ihn konnte ich lieben. -Vielleicht bin ich ein Egoist durch und durch, denn jedesmal, wenn ich -den Versuch machte, die anderen zu lieben, so erhob sich mein eigenes -Ich wie eine Mauer zwischen uns. Doch der Knabe war mein. Hätte ich -ihn, so könnte ich arbeiten -- ach, wie würde ich dann arbeiten! Ich -schmiedete Pläne. Mir fiel es wieder ein im vergangenen Herbst, als -ich hierher reiste, -- ich wollte ja den Sommer mit ihm in Bayern -verbringen. Ich fürchtete, die Seeluft würde zu scharf für ihn sein. Er -sollte im Wagen liegen und unter den Apfelbäumen schlummern, während -ich arbeitete. Siehst du, ich könnte an keinen Ort der Welt kommen, -wo ich nicht im Traum schon mit dem Kind gewesen wäre. Es gibt auf -der Welt nichts Gutes und Schönes, von dem ich nicht gedacht, daß er -es lernen oder sehen sollte. Ich besitze nichts, was nicht auch ihm -gehörte, das rote Plaid brauchte ich, um ihn darin einzuhüllen. Das -schwarze Kleid, in dem du mich malst, wurde in Warnemünde für mich -genäht, nachdem ich genesen war, ich wählte diese Form, damit es bequem -wäre, ihn zurecht zu legen. Im Futter sind noch Milchflecken. - -Ich kann nicht arbeiten, weil ich ganz von ihm beherrscht bin. Ich -sehne mich so heftig nach ihm, daß es mich fast lähmt. Des Nachts rolle -ich mein Kopfkissen zusammen, nehme es in den Arm und wimmere nach -Bübchen. Ich rufe ihn und rede mit ihm, wenn ich allein bin. Ich hatte -ihn malen wollen, so daß ich Bilder von ihm aus jedem Alter gehabt -hätte. Jetzt wäre er bald ein Jahr alt gewesen, denk nur -- hätte -Zähnchen bekommen und würde kriechen können, hätte sich aufgerichtet -und wäre vielleicht ein bißchen gelaufen. Jeden Monat, jeden Tag denke -ich, heute wäre er so und so alt gewesen -- wer weiß, wie er wohl -ausgesehen hätte. -- Alle Frauen, die mit einem ~bambino~ auf dem Arme -herumlaufen -- alle Jungen, die ich auf der Straße sehe, erinnern -mich daran, wie wohl meiner ausgesehen hätte, wenn er größer geworden -wäre --.“ - -Sie schwieg wieder. Heggen saß ganz still vornübergebeugt. - -„Ich glaubte nicht, daß es so sei, Jenny,“ sagte er leise und heiser. -„Ich sah wohl, daß es schmerzlich war, aber ich dachte, andererseits -- -wäre es besser so. Hätte ich gewußt, wie es sich wirklich verhielt, so -wäre ich zu dir gekommen --.“ - -Sie antwortete nicht und fuhr fort in ihren Gedanken: - -„Und dann starb er -- so winzig, winzig klein. Es ist ja nur Egoismus -von mir, daß ich es ihm nicht gönne -- gestorben zu sein, ehe er -anfing, das allergeringste zu verstehen. Er konnte nur nach dem Lichte -blinzeln oder schreien, wenn er zurechtgemacht werden sollte oder -hungrig war. Er suchte nach meiner Wange in dem Glauben, es sei die -Brust. Er kannte mich auch noch nicht, jedenfalls noch nicht richtig. -Ein ganz schwacher Schimmer von Bewußtsein war vielleicht in seinem -kleinen Köpfchen erwacht, aber stell dir vor, er hat nie gewußt, daß -ich seine Mutter war --. Einen Namen hat er auch nicht gehabt, der -Arme, nur Mutters Bübchen war er. Keinerlei Erinnerung habe ich an ihn, -außer dieser rein körperlichen.“ Sie erhob die Hände, als drückte sie -das Kind an sich. Dann fielen sie tot und leer auf den Tisch zurück. - -„Das erste Mal, als ich sein Gesichtchen an meine Wange legte, war -seine Haut so weich, ein wenig feucht, wie etwas Eingeschlossenes, -die Luft hatte sie ja noch kaum berührt, weißt du. Ich glaube, man -würde angewidert sein, einem neugeborenen Kinde zu nahe zu kommen, -wenn es nicht das eigene Fleisch und Blut ist. Seine Augen, sie -hatten noch keine richtige Farbe, waren dunkel, ich glaube übrigens, -sie wären graublau geworden. Sie sind so seltsam, die Augen solcher -kleinen Kinder -- mystisch, hätte ich beinahe gesagt. Und sein kleines -Köpfchen -- wenn er bei mir lag und die Brust bekam, wenn er dann seine -Nasenspitze flach drückte und es oben in der kleinen Fontanelle pochte, -das dünne, flaumige Haar -- er hatte soviel Haar, als er geboren wurde --- dunkles --. Ich fand ihn so entzückend. Ach, sein ganzer kleiner -Körper. Ich denke ja an nichts anderes. Ich kann ihn in meinen Händen -spüren. Die Lenden waren so rund -- er war am dicksten in der Mitte, -weißt du --. Und sein Hinterteilchen war so komisch zusammengeklemmt, -ein wenig spitz -- ich fand natürlich auch das wunderhübsch. O Gott, -wie süß war er, mein kleiner Junge --. Und dann starb er. -- Ich hatte -mich gefreut auf alles, was kommen sollte, so daß ich nachher meinte, -ich hätte dem, was war, nicht genügend Beachtung geschenkt, der Zeit, -als ich ihn hatte; ich hätte ihn nicht genügend geküßt oder betrachtet, -obwohl ich in all den Wochen nichts anderes tat. -- Und zurück blieb -dann nur die Lücke -- du kannst dir nicht denken, wie das war. Mir -schien, als arbeite mein ganzer Körper in der Sehnsucht nach ihm. Ich -bekam eine Entzündung in der Brust, der Schmerz und das Fieber waren -nur die Sehnsucht, die hinauswollte. Ich vermißte ihn in den Armen, -zwischen den Händen und an der Wange --. Manchmal, in den letzten -Wochen, schloß er die Hand um meinen Finger, wenn ich ihn hinstreckte. -Einmal hatte er ganz von selbst einige von meinen Haaren erwischt, die -sich gelöst hatten --. Die süßen, süßen kleinen Hände.“ - -Sie legte sich über den Tisch, schluchzte leise und heftig, daß sie -bebte. - -Gunnar war aufgestanden, zögerte, im Zweifel mit sich, ein Weinen in -der Kehle. Dann lief er plötzlich zu ihr hin, hastig und verlegen küßte -er sie heftig auf den Scheitel. - -Sie blieb eine Zeitlang liegen und weinte. Aber schließlich richtete -sie sich auf, ging zum Waschtisch und badete ihr Gesicht im Wasser: - -„O Gott, wie sehne ich mich nach ihm,“ sagte sie unvermittelt, mit -verweinter Stimme. - -„Jenny --.“ Er wußte nichts anderes zu sagen: „Jenny. -- Ich wußte ja -nicht, daß es dir so ergangen war --“. - -Sie kam zurück und legte einen Augenblick ihre Hände auf seine -Schultern: - -„Ja, ja, Gunnar. Du sollst nicht so viel an das denken, was ich -vorher sagte. Mitunter weiß ich nicht, wohin mit mir selbst. Aber du -kannst dir denken, wenn auch nur um des Jungen willen: mich geradezu -Ausschweifungen hinzugeben, das bringe ich wohl doch nicht fertig. -Eigentlich will ich natürlich selber versuchen, das Bestmöglichste aus -dem Leben zu machen -- weißt du. Versuchen, wieder zu arbeiten, wenn es -auch im Anfang nicht so leicht wird. Man hat ja immer den einen Trost, -daß man nicht länger lebt, als man selber will --.“ - -Sie setzte sich wieder den Hut auf und suchte nach einem Schleier: - -„Gehen wir also zum Essen, du mußt ja hungrig geworden sein, so spät -wie es ist --.“ - -Gunnar Heggen wurde blutrot über sein ganzes junges Gesicht. Bei ihren -Worten merkte er plötzlich, daß er einen Bärenhunger hatte, aber er -schämte sich, jetzt etwas derartiges zu empfinden. Er trocknete die -Tränen von seinen nassen, heißen Wangen und nahm seinen Hut vom Tisch. - - - - -X. - - -Ohne es verabredet zu haben, gingen sie an dem Restaurant vorüber, wo -sie sonst zu essen pflegten und immer viele Skandinavier trafen. Sie -schritten immer weiter durch die Dämmerung, nach der Tiber und über die -Brücke bis in die alten Borgo-Viertel. In einem Winkel am Petersplatz -lag ein kleines Restaurant, wo sie mitunter gegessen hatten, wenn sie -vom Vatikan kamen. Hier traten sie ein. - -Sie aßen, ohne mit einander zu sprechen. Jenny zündete sich eine -Zigarette an, als sie fertig war, nippte an ihrem Rotwein und rieb die -duftenden Mandarinenschalen zwischen ihren Fingern. - -Heggen rauchte ebenfalls und starrte vor sich hin. Sie befanden sich -fast allein im Lokal. - -„Hast du Lust, den Brief zu lesen, den ich kürzlich von Cesca bekam?“ -fragte Jenny plötzlich. - -„Danke. Ich sah es, daß ein Brief für dich gekommen war. Ist er aus -Stockholm?“ - -„Ja. Sie sind jetzt dort, werden auch den Winter über da wohnen -bleiben.“ - -Jenny holte den Brief aus ihrer Handtasche hervor und reichte ihn -Gunnar. - -Cescas Brief lautete: - - „Meine liebe, süße Jenny! - - Du darfst mir nicht böse sein, daß ich Dir noch nicht für Deinen - letzten Brief gedankt habe. Ich hatte jeden Tag die Absicht, es zu - tun, aber es wurde nichts daraus. Ich freue mich so sehr, daß Du - wieder in Rom bist und daß Du malst, besonders auch, daß Du mit - Gunnar zusammen bist. - - Wir sind jetzt also nach Stockholm zurückgekehrt und wohnen wieder in - der alten Wohnung. Es war unmöglich, in unserem Dörfchen zu bleiben, - als es wirklich kalt wurde, denn dort zog es schrecklich und wir - konnten es nur in der Küche ordentlich warm bekommen. Wenn wir es uns - doch leisten könnten, das kleine Häuschen zu kaufen, aber es wird - zu teuer, denn wir müßten zuviel daran ausbessern, die Scheune als - Atelier für Lennart umbauen und überall Oefen setzen lassen. Aber wir - haben es für den nächsten Sommer wieder gemietet, und darüber freue - ich mich, denn es ist mir der liebste Platz auf der Welt. Du kannst - Dir etwas so Schönes wie die Westküste nicht vorstellen. Sie ist so - eigentümlich, öde und verwittert mit den grauen Hügeln und dem vom - Sturm zerzausten Gestrüpp in den Felsspalten, mit den Geißblattranken - und den armseligen kleinen Häusern, dem Meer und dem wunderbaren - Himmel. Die Bilder, die ich davon gemalt habe, seien gut, sagt man, - und Lennart und ich leben dort so herrlich miteinander. Jetzt sind - wir für immer Freunde, und wenn er findet, daß ich merkwürdig bin, - so küßt er mich nur und sagt, ich sei eine kleine Seejungfrau, und - irgend sowas Nettes, und mit der Zeit schlage ich auch völlig Wurzel - bei ihm. - - Aber jetzt sind wir wieder in der Stadt. Aus der Pariser Reise - wird diesmal nichts, und das ist auch gleich. Ich finde es beinahe - herzlos, Dir darüber etwas zu schreiben, Jenny, denn Du bist viel, - viel besser als ich, und es war so bitter und fürchterlich, daß Du - Deinen kleinen Jungen hergeben mußtest und ich finde, ich habe es - nicht verdient, das Glück, meinen heißen Wunsch erfüllt zu sehen, - aber ich erwarte also ein kleines Baby. Es dauert nur noch fünf - Monate. Ich wollte es zuerst selbst nicht glauben, aber jetzt ist - es ganz sicher. Ich versuchte, es so lange wie möglich Lennart zu - verheimlichen, ich schämte mich furchtbar der beiden Male wegen, die - ich ihn damit an der Nase herumgeführt, und hatte Angst, daß ich - mich täuschen könnte, so daß ich es erst ableugnete, als er es zu - ahnen begann. Aber schließlich mußte ich mich ja zu einem Bekenntnis - bequemen, ich begreife es aber eigentlich noch nicht, daß ich - wirklich einen kleinen Buben bekomme. Lennart sagt übrigens, er will - am liebsten noch eine kleine Cesca haben, aber das tut er bloß, um - mich im voraus zu trösten, wenn es so würde, denn ich bin überzeugt, - eigentlich will er am liebsten einen Sohn haben. Aber Du weißt, wird - es ein Mädchen, so freuen wir uns ebenso sehr darüber, und außerdem, - haben wir erst eins, so können wir ja immer mehr bekommen. - - Jetzt bin ich so froh, daß es mir eigentlich gleichgültig ist, wo wir - sind; jedenfalls sehne +ich+ mich nicht nach Paris; denke Dir, Frau - Lundquist fragte, ob ich nicht ärgerlich sei, daß dieser Junge uns - nun die ganze Pariser Fahrt über den Haufen würfe; kannst Du so ein - Menschenkind begreifen, und dabei hat sie die zwei entzückendsten - Knaben von der Welt. Aber sie verwahrlosen vollständig, wenn sie - nicht bei uns sind, und Lennart sagt, sie würde sie uns gern - schenken, und könnte ich es mir leisten, so nähme ich sie auch. Dann - hätte der Kleine gleich zwei große liebe Brüder zum Spielen, wenn er - kommt; es wird einen Spaß geben, wenn wir ihnen den kleinen Vetter - zeigen -- sie sagen Tante zu mir, eine drollige Sitte, finde ich. - - Aber nun muß ich schließen. Weißt Du, worüber ich auch froh bin -- - unter diesen Umständen kann Lennart doch unmöglich eifersüchtig - werden, nicht wahr? Uebrigens glaube ich, das hat aufgehört, denn - jetzt weiß er sehr gut, daß ich eigentlich nur ihn wirklich lieb - gehabt habe. - - Findest Du das häßlich von mir, daß ich Dir soviel von all diesem - schreibe, und daß ich so glücklich bin? Aber ich weiß ja doch, daß - Du es mir so herzlich gönnst. - - Grüß alle Bekannten, die Du dort unten triffst, und Gunnar zu - allererst viele Male. Du darfst ihm dies hier ruhig erzählen, wenn Du - magst. Und nun leb wohl. Zum Sommer besuchst Du uns! - - Tausend liebe Grüße von Deiner treuen kleinen - Freundin - - Cesca. - - ~PS.~ Jetzt fällt mir plötzlich ein: Wird es ein Mädchen, so soll - es meiner Treu Jenny heißen, was auch Lennart sagen mag. Ich sollte - übrigens von ihm grüßen.“ - -Gunnar reichte Jenny den Brief zurück, die ihn wieder wegsteckte. - -„Ich +bin+ froh,“ sagte sie leise. „Ich freue mich über jeden Menschen, -den ich glücklich weiß. Diese Freude ist mir geblieben aus alter Zeit --- wenn es auch das Einzige ist.“ - - * * * * * - -Sie gingen nicht nach der Stadt zurück, sondern schlenderten über den -Petersplatz, der Kirche zu. - -Im Mondschein fielen die Schatten kohlschwarz über den Platz. -Gleißendes Licht und nächtliche Finsternis lösten sich gespenstisch in -dem einen der gewölbten Säulengänge ab. Der andere lag ganz im Dunkeln; -nur die Konturen der Statuenreihe auf dem Dache waren von flimmerndem -Licht umspielt. Auch die Fassade der Kirche lag im Schatten, während -die Kuppel hoch oben hier und da wie silbriges Wasser schimmerte. - -Die beiden Fontänen jagten ihre weißen Strahlen funkelnd und schäumend -zum mondblauen Himmel auf. Wirbelnd schoß das Wasser in die Höhe, -plätscherte gegen die Porphyrschalen, um in die Becken zurückzurieseln -und abzutropfen. - -Gunnar und Jenny gingen langsam zur Kirche hinüber, im Schatten des -Säulenganges. - -„Jenny“, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang ganz ruhig und -alltäglich. „Willst du mich heiraten?“ - -„Nein,“ sagte sie ebenso ruhig und lachte ein wenig. - -„Es ist mein Ernst.“ - -„Ja, aber du wirst wohl begreifen, daß ich das nicht will.“ - -„Warum eigentlich nicht?“ Sie gingen weiter, der Kirche zu. „Wie ich -verstanden habe, bist du augenblicklich selbst der Ansicht, dein Leben -sei nicht lebenswert. Mitunter hast du die Absicht, dich ums Leben -zu bringen, wie ich gemerkt habe. Wenn du dich aber in einem solchen -Aufruhr befindest, weshalb kannst du dich denn nicht ebenso gut mit mir -verheiraten? Du kannst es doch auf jeden Fall versuchen, meine ich!“ - -Jenny schüttelte den Kopf: - -„Ich danke dir, Gunnar, aber das heißt, finde ich, die Freundschaft -unerlaubt weit treiben.“ Sie wurde mit einem Male ernst: „Erstens mußt -du dir doch sagen, daß ich das nicht annehme. Zweitens: würdest du mich -dazu bringen, dich als Rettungsplanke anzusehen, so wäre ich nicht -wert, daß du dich bemühtest, mir nur den kleinen Finger zu reichen.“ - -„Es ist nicht Freundschaft, Jenny.“ Er zögerte einen Augenblick. -„Sondern ich habe -- dich lieb gewonnen. Ich sage es nicht, um dir -zu helfen -- natürlich will ich dir auch gern helfen. Aber mir ist -plötzlich klar geworden -- wenn es mit dir ein böses Ende nähme -- ich -weiß nicht, was ich dann täte. Ich bin nicht fähig, daran zu denken. -Nichts auf der Welt würde ich scheuen, um dir zu helfen -- weil ich dir -so gut bin, verstehst du?“ - -„O nicht doch, Gunnar.“ Sie stand still und blickte erschrocken zu ihm -auf. - -„Ja, natürlich weiß ich, daß du mich nicht liebst. Aber deshalb -könntest du dich doch gut mit mir verheiraten, dies ebenso gut wie -irgend etwas anderes tun, wenn du doch des Ganzen müde bist und meinst, -du hättest dich selber aufgegeben.“ Seine Stimme klang heiß und bewegt, -als er ausrief: „Du mußt mich ja eines Tages liebgewinnen, ich weiß es -so sicher -- weil ich dich so lieb habe!“ - -„Du weißt, daß ich dich gern mag,“ sagte sie ernst. „Aber das ist kein -Gefühl, mit dem du dich auf die Dauer begnügen könntest. Zu einem -ganzen und starken Gefühl bin ich aber nicht fähig.“ - -„Natürlich bist du das. Alle Menschen sind es. Ich war doch so -überzeugt, daß ich nie etwas anderes als diese -- Geschichtchen erleben -würde. Ich glaubte eigentlich nicht daran, daß es etwas anderes gäbe ---.“ Er senkte die Stimme. „Du bist ja die erste, die ich liebe.“ - -Sie stand stumm und still. - -„Dies Wort, Jenny, habe ich noch niemals ausgesprochen. Ich hatte eine -Art von Scheu, Ehrfurcht davor. Ich habe bisher nie eine Frau geliebt. -Etwas anderes war dieses dauernde Verliebtsein -- in dies oder jenes -an ihnen. Cescas Grübchen, wenn sie lachte -- das unbewußt Raffinierte -an ihr. Dies oder jenes, das meine Phantasie in Bewegung setzte, das -mich anregte, Märchen über sie zu dichten, Abenteuer, die ich erleben -würde. Einmal war ich in eine Frau verliebt, weil sie das erste Mal, -als ich sie sah, ein so wundervolles tiefrotes seidenes Kleid trug, -ganz schwarz in den Falten wie die dunkelsten Rosen, ich stellte sie -mir immer in diesem Kleide vor. Und du damals in Viterbo. Du warst so -fein und still, so zurückhaltend, gleichsam als trügst du Handschuhe -bis hinauf zu den Ellenbogen, sowohl innen wie außen, und du hattest -einen Schimmer in den Augen, wenn wir anderen lachten, als wolltest du -gern mit uns spielen, du konntest aber nicht und wagtest nicht. Da war -ich verliebt in den Gedanken, dich ausgelassen und lachend zu sehen. -- -Aber nie zuvor habe ich ein zweites, lebendes Wesen geliebt.“ - -Er wandte einen Augenblick die Augen von ihr und starrte zur Säule des -Springbrunnens hinauf, die im Mondlicht funkelte. So spürte er das -neue Gefühl in sich aufsteigen und funkeln, sein Sinn war voller neuer -Worte, die in Ekstase über seine Lippen sprangen: - -„Verstehst du mich, Jenny -- ich liebe dich so, daß ich finde, alles -andere ist gleichgültig. Ich trauere nicht darüber, daß du mich nicht -liebst, denn ich weiß, daß es eines Tages der Fall sein wird; ich fühle -ja, daß meine Liebe dich dahin bringen wird. Ich habe Zeit zu warten, -denn es ist wunderbar, dich so zu lieben. Als du davon sprachst, dich -niedertrampeln zu lassen, dich unter eine Lokomotive zu werfen, da -geschah etwas mit mir. Ich wußte nicht, was es war, ich wußte nur, ich -konnte es nicht mit anhören, ich wußte, ich durfte es nicht geschehen -lassen. Es war, als gelte es mein Leben. Du sprachst vom Kinde -- es -schmerzte mich so wahnsinnig, daß du so gelitten hattest, und ich -konnte dir nicht helfen, ja, ich wußte es noch nicht, aber der Wunsch -war auch schon in mir wach, daß du mir gut sein mögest. - -Ich verstand alles, Jenny, die grenzenlose Liebe und den furchtbaren -Verlust, so lieb habe ich dich. Als wir drüben in der Trattoria saßen, -als wir dann hier hinübergingen, da war mir plötzlich alles klar und -wie grenzenlos lieb und teuer du mir bist. -- Jetzt ist mir, als sei -es immer so gewesen. Alle Erinnerungen an dich gehören mit zu meiner -Liebe. Jetzt verstehe ich auch, warum ich so niedergedrückt war, seit -du hierher kamst. Ich sah, wie schwer dich dein Geschick drückte, wie -still und trostlos du in der ersten Zeit warst, und wie du später diese -wilden Anfälle bekamst. Ich besinne mich auf den Tag in Warnemünde auf -der Landstraße, als du dastandst und weintest -- auch das gehört mit -dazu, weswegen ich dich liebe. Die anderen Männer, die du gekannt hast, -Jenny, auch der Vater des Knaben -- o ich weiß, wie es gewesen ist. -Du hattest mit ihnen geredet und geredet -- über all deine Gedanken, -und es war schließlich nur ein Gerede von Gedanken. Selbst, wenn du -versuchtest, ihnen klar zu machen, wie du fühltest, sie konnten ja -nicht verstehen, wie du warst. Aber ich weiß es. Was du an jenem Tag in -Warnemünde sagtest, und auch heute, das -- du weißt, daß du darüber nur -mit mir sprechen kannst; das sind alles Dinge, die ich allein verstehen -kann. Ist es nicht so?“ - -Sie senkte überrascht, zustimmend den Kopf. - -„Ich weiß, daß ich der einzige bin, der dich von Grund auf versteht, -und ich weiß genau, wie du bist. Ach. So lieb wie ich dich habe! Wärst -du voller Flecken und blutiger Wunden in deinem Gemüt, ich möchte -nur dich haben und all das fortküssen, bis du wieder rein und gesund -wärest. Ich will dir ja mit meiner Liebe nur dazu verhelfen, Jenny, so -zu werden, wie du’s erstrebst und erreichen mußt, um dich glücklich -zu fühlen. Auf welche schlimmen Gedanken du auch kämst -- ich würde -glauben, du seiest krank, etwas Fremdes habe sich in dein Wesen -geschlichen. Wenn du mich auch betrögst, wenn ich dich betrunken im -Rinnstein fände -- du bist dennoch meine eigene geliebte Jenny. Hörst -du? Kannst du nicht mein werden -- nur mir gehören, dich in meine Arme -legen und dich zu meinem Eigen machen lassen? Du wirst wieder gesund -und glücklich werden. -- Ich weiß noch nicht recht, wie ich es anfangen -werde, aber ich weiß, meine Liebe wird einen Weg finden. Du wirst jeden -Morgen ein wenig froher erwachen, und jeder Tag wird etwas lichter und -wärmer sein als der vorhergegangene und deine Trauer etwas weniger -schwer. Können wir nicht nach Viterbo fahren, irgend wohin? -- Ach, laß -mich dich mein nennen -- ich will dich hegen wie ein krankes Kind. Und -wenn du wieder geheilt bist, dann hast du mich liebgewonnen und weißt, -wir Beide können gar nicht ohne einander leben. -- Hörst du mich, Jenny --- du bist krank, du kannst nicht allein auskommen. Schließ nur die -Augen und gib mir deine Hände, so nehme ich dich und liebe dich gesund --- ach, ich weiß, daß ich es kann.“ - -Jenny wandte ihm ihr weißes Antlitz zu. Sie hatte sich an eine Säule -gelehnt und lächelte weh in den Mondenschein hinaus: - -„Wie sollte ich diese große Bosheit und Sünde gegen Gott begehen -können.“ - -„Meinst du, weil du mich nicht liebst? Ich sage dir ja, es macht -nichts. Ich weiß, daß meine Liebe so mächtig ist, daß sie dich eines -Tages geweckt haben wird, wenn du nur eine Zeitlang von der meinen -umsponnen warst.“ - -Er umfing sie, küßte ihr ganzes Gesicht, badete es in Küssen. Sie war -willenlos. Aber nach einer Weile flüsterte sie trotzdem: - -„Tu es nicht, Gunnar -- sei lieb.“ - -Er ließ sie zögernd fahren: - -„Warum darf ich es nicht tun?“ - -„Weil du es bist. Wäre es ein anderer gewesen, der mir gleichgültig -gewesen wäre -- dann weiß ich nicht, ob ich hätte Widerstand leisten -mögen.“ - -Gunnar nahm sie bei der Hand, während sie im Licht des Mondes auf und -ab gingen. - -„Ich verstehe dich. Als du deinen kleinen Buben bekommen hattest, -sahest du in deinem Leben wieder einen Sinn -- nach all dem Sinnlosen. -Denn du liebtest ihn, und er brauchte dich. Als er dann starb, -wurdest du gleichgültig gegen dich selber, denn du fandest, du seiest -überflüssig.“ - -Jenny nickte: - -„Ich kenne einige Menschen, die ich gern habe, um deretwillen es mich -schmerzen würde, wüßte ich, daß sie traurig sind, und um deretwillen -ich froh wäre, wenn es ihnen gut ginge. Aber +ich+ vermag ihnen weder -größere Trauer noch Freude zu bringen. So ist es immer gewesen. Und -gerade das hat mich früher insgeheim so unglücklich und sehnsüchtig -gemacht, daß ich umherlief und mein Dasein keines Menschen Glück -bedeutete. Das aber wollte ich sein, Gunnar, eines anderen Menschen -Glück. Ich habe nie an ein anderes Glück geglaubt. Du sprachst von der -Arbeit, aber ich war nie davon überzeugt, daß sie uns erschöpft -- es -wäre mir auch so egoistisch vorgekommen. Die tiefste Freude, die man -dabei empfindet, ist ja die eigene -- und die kann man mit niemanden -teilen. Aber es gibt keine Freude, die zugleich Glück bedeutet, wenn -man sie nicht mit anderen teilen kann. Außer dem, was uns einzelne -Augenblicke in unserer Jugend als Glück empfinden lassen. Das habe ich -auch gefühlt, wenn ich meinte, ich hätte etwas erreicht in meinem -Streben, besser zu werden. Aber es ist ja töricht, irgendwelche -Reichtümer zu sammeln, wenn man sie nicht anwenden will. Bei einer Frau -jedenfalls. Ich finde, das Leben einer Frau hat keinen Sinn, wenn sie -nicht irgend jemandem zur Freude dient. Mir war es nie beschieden, ich -habe nur einigen Menschen Leid gebracht, die kleine, armselige Freude, -die ich gab, konnte wohl irgend eine andere auch geben, denn sie -liebten mich ja nur, weil sie etwas anderes in mir sahen, als das, was -ich wirklich war. -- Nachdem Bübchen dann gestorben war, gelangte ich -zu der Ansicht, es sei gut, daß niemand mir so nahestand, daß ich ihm -ernstlich Leid zufügen konnte. Es gab niemanden, dem ich unersetzlich -war. -- Und nun sagst du mir dies. Dich hätte ich vielleicht am -allerwenigsten in mein verwirrtes Leben hineingezogen. Eigentlich -habe ich dich immer am liebsten gehabt von allen, die ich kannte. Mir -tat es wohl, daß wir Freunde waren auf diese Art. Daß Liebe und all -dergleichen Gefährliches und Unruhiges sich nicht zwischen uns drängen -konnte! Ich hielt dich für zu gut dafür. Ach Herrgott, wie innig -wünschte ich, es hätte sich nichts geändert.“ - -„Ich habe heute nicht mehr die Empfindung, als sei es jemals anders -gewesen,“ sagte er leise. „Ich liebe dich. Und ich glaube, du brauchst -mich. Ich bin so fest überzeugt, daß ich dich wieder zum Glücke -zurückführen kann. Und wenn mir nur das gelingt, so hast du mich -glücklich gemacht.“ - -Jenny schüttelte den Kopf: - -„Wäre nur das Geringste zurückgeblieben von meinem Glauben an mich -selbst! Betrachtete ich mich nicht als so unwiederbringlich abgetan --- dann vielleicht. Aber Gunnar, wenn du davon sprichst, daß du mich -liebst, so weiß ich, daß das, was du an mir liebst, tot und vernichtet -ist. Dann aber ist es ja wieder die alte Sache, du bist verliebt in -etwas, was du dir an mir nur einbildest, vielleicht etwas, was ich -gewesen bin oder hätte sein können. Aber dennoch -- eines Tages -wirst du mich sehen, wie ich jetzt bin und dann wirst auch du nur -unglücklich.“ - -„Wie es auch endet -- niemals werde ich es als ein Unglück betrachten, -daß ich dich liebe. Ich weiß viel besser als du selbst, in dem -Zustande, in dem du jetzt bist, bedarf es nur eines Stoßes, und du -stürzest -- in etwas ganz Wahnwitziges hinaus. Aber ich fühle mich -dir nah. Denn ich kann den ganzen Weg übersehen, der dich bis hierher -gebracht hat, und wenn du stürztest, so würde ich dir folgen und -versuchen, dich auf meinem Arm zurückzutragen und dich dennoch zu -lieben.“ - - * * * * * - -Als sie nachts oben im Gang vor ihren Zimmern standen, ergriff er ihre -Hände: - -„Jenny, soll ich nicht heute Nacht lieber bei dir bleiben, anstatt dich -allein zu lassen? Glaubst du nicht, dir würde wohl sein, wenn du in den -Armen eines Menschen einschliefest, dem du alles bist -- und wenn du -morgen so erwachtest?“ - -Sie blickte auf und lächelte bedeutsam in den goldenen Schein der -Wachskerze: - -„Vielleicht heut Nacht. Aber ich glaube nicht morgen.“ - -„Ach Jenny.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Es ist vielleicht gut, daß -ich heute Nacht zu dir komme. Ich finde, ich habe das Recht -- ich täte -damit nichts Schlechtes. Ich weiß, es wäre das Beste für dich, wenn -- -du mein würdest. Wirst du böse -- wirst du traurig, wenn ich komme?“ - -„Ich glaube, ich würde traurig werden -- hinterher. Deinetwegen. -- Ach -nein, tu es nicht, Gunnar. Ich will nicht dein werden, wenn ich weiß, -daß es für mich ebenso gut ein anderer sein könnte --“ - -Er lachte kurz, mutwillig und schmerzlich zugleich: - -„Wärest du erst mein, dann würdest du dich keinem anderen geben, so gut -kenne ich dich, Jenny. Aber wenn du bittest -- ich kann warten. -- Aber -riegele deine Tür zu,“ sagte er mit demselben Lachen. - - - - -XI. - - -Den ganzen Tag hindurch war das Wetter trübe gewesen, mit kalten, -fahlgrauen Wolken hoch oben am Himmel. Jetzt gegen Abend zeigten sich -einige dünne, messinggelbe Streifen über dem westlichen Horizont. - -Jenny war am Nachmittag auf den Monte Celio gegangen, um zu zeichnen. -Es war nichts daraus geworden -- sie hatte nur auf der großen -Freitreppe vor San Gregorio gesessen und gedankenverloren in den Hain -geblickt, dessen große Bäume unter dem fahlen Himmel lenzhaft zu -knospen begannen und in dem die Tausendschön hell unter dem grünen -Grase leuchteten. - -Sie ging jetzt durch die Allee, die unter dem Südhang des Palatins -dahinläuft, wieder zurück. Ueber die Palmen des Klosters auf dem -Gipfel ragte die Masse der Ruinen grau und verwittert gen Himmel. Den -Abhang hinab zogen sich die ewiggrünen Büsche, jetzt fast schwarz mit -Kalkstaub gepudert. - -Vor dem Konstantinsbogen, auf dem Platz zwischen den Ruinen des -Colosseum, des Palatin und des Forums schlichen einige verfrorene -Ansichtskartenverkäufer umher. Nur wenig Touristen waren heute draußen. -Einige spindeldürre Damen feilschten in unmöglichem Italienisch mit -einem wandernden Mosaikkrämer. - -Ein kleiner Bursche, vielleicht drei Jahre alt, klammerte sich an -Jennys Mantel fest und hielt ihr einen Büschel Stiefmütterchen -entgegen. Er hatte seltsam schwarze Augen, war langhaarig und in -Nationaltracht herausgeputzt, mit spitzem Filzhut, Sammetjacke und -Sandalen über den weißwollenen Socken. Als er um einen Soldo bat, hörte -sie, daß er noch nicht richtig sprechen konnte. - -Jenny reichte ihm die Münze, als plötzlich seine Mutter an ihre Seite -fegte und das Geldstück dankend in Verwahrung nahm. Auch sie hatte den -Versuch gemacht, ihrer Tracht einen leichten nationalen Anstrich zu -geben, hatte ein rotes Sammetkorsett über ihre schmutzige, karierte -Bluse geschnürt und ein Tuch im Viereck über das Haar gebreitet. Im -Arme trug sie ein kleines Kind. - -Es sei drei Wochen alt, erfuhr Jenny, als sie fragte. Das arme Wesen -war krank. - -Das Kind war nicht viel größer als Jennys Knabe nach der Geburt. Seine -Haut war rot und wund und schälte sich, es atmete pfeifend, als seien -die Luftröhren voller Schleim, und die Augen blickten glanzlos unter -den entzündeten halbgeschlossenen Lidern hervor. - -Ja, sie ginge jeden Tag mit ihm zur Poliklinik, sagte die Mutter. Aber -sie meinten, es würde sterben. Es wäre auch für das arme Ding das -Beste. Die Frau sah müde und mißmutig aus, obendrein war sie häßlich -und zahnlos. - -Jenny fühlte ein Weinen in der Kehle aufsteigen. Armes, kleines Wesen. -Ja, für das Kind wäre es das Beste, wenn es stürbe. Armer kleiner -Krüppel. Sie strich liebkosend über das häßliche Gesichtchen. - -Sie hatte der Frau noch etwas Geld gegeben und wollte eben gehen. In -diesem Augenblick ging ein Herr vorüber. Er grüßte, zögerte einen -Augenblick, ging dann aber weiter, da Jenny den Gruß nicht erwiderte. -Es war Helge Gram. - -Sie hatte es gar nicht begriffen, daß sie hätte grüßen müssen. Sie -hockte sich vor den kleinen Burschen mit den Blumen und ergriff seine -Hände, zog das Kind näher zu sich heran und plauderte mit ihm, indem -sie versuchte, das wahnsinnige Beben niederzuzwingen, das durch ihren -Körper raste. - -Einmal wandte sie den Kopf und blickte in die Richtung, in der er -weitergegangen war. Drüben auf der Treppe, die zum Platz am Colosseum -führte und zur Straße hinauf, stand er und sah herüber. - -Sie fuhr fort, in hockender Stellung mit der Frau und dem Kinde zu -sprechen. Als sie wieder aufsah, war er gegangen -- aber sie wartete, -noch lange, nachdem sein grauer Hut und Mantel verschwunden war. - -Dann rannte sie förmlich nach Hause zu, durch Hintergäßchen und -Schlupfwinkel, vorsichtig um jede Ecke biegend, voller Angst, daß er -ihr hier begegnen könnte. - -Weit drüben jenseits des Pincio hielt sie inne. Sie aß dort in einer -Trattoria zu Abend, in der sie vorher nie gewesen war. - -Als sie ein wenig verweilt und einige Schluck Wein getrunken hatte, -wurde sie ruhiger. - -+Wenn+ sie nun Helge begegnete und er sie anredete, so war es natürlich -peinlich. Selbstverständlich würde sie es am liebsten vermeiden. Aber -wenn es sich nun so traf, brauchte sie deshalb eine so sinnlose Furcht -zu hegen? Sie waren ja beide fertig miteinander; für das, was geschehen -war, nachdem sie auseinander gegangen waren, hatte er sie nicht zur -Rechenschaft zu ziehen. Wenn er es tat, so kam ihm kein Recht dafür zu. -Was er auch wußte, was er auch sagen mochte, sie wußte ja selbst, was -sie getan. Sich selber hatte sie Rechenschaft ablegen müssen -- was war -alles andere dagegen! - -Brauchte sie sich vor irgendeinem Menschen zu fürchten? Niemand konnte -ihr schlimmeres Leid zufügen, als sie selbst sich angetan. - -Aber es war wieder ein böser Tag gewesen, daran lag es. Einer von den -Tagen, an denen sie nicht nüchtern war. Jetzt war es besser geworden. - -Sie war jedoch kaum wieder auf der Straße, als die tolle, verzweifelte -Angst sie wieder überfiel. Diese Angst peitschte sie, so daß sie -vorwärtsstürmte, ohne es zu wissen. Sie faltete ihre Hände und sprach -halblaut mit sich selbst. - -Einmal riß sie die Handschuhe von den Händen, denn ihr war glühend -heiß geworden. Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie einen nassen Fleck auf -dem einen bemerkt hatte, nachdem sie das kranke Kind gestreichelt. -Angewidert schleuderte sie die Handschuhe von sich. - -Als sie zu Hause ankam, stand sie im Gange still. Sie klopfte an -Gunnars Tür. Er war aber nicht daheim. Dann blickte sie auf das Dach -hinaus, aber auch dort war niemand. - -Sie ging in ihr Zimmer und zündete die Lampe an. Die Arme auf der Brust -verschränkt, saß sie und starrte in die Flamme, erhob sich, wanderte -ruhelos im Zimmer auf und ab und setzte sich schließlich nieder. - -Angespannt horchte sie auf jeden Laut im Treppenflur. Ach, wenn doch -Gunnar käme und nur der andere nicht! -- Aber er wußte ja nicht, wo -sie wohnte. Er konnte aber jemanden getroffen und gefragt haben. Ach -Gunnar, Gunnar, komm! - -Dann wollte sie gleich zu ihm gehen, sich in seine Arme werfen und ihn -bitten, sie hinzunehmen. - -Von dem Augenblick, als sie Helge Grams goldbraunen Augen begegnet -war, hatte die ganze Vergangenheit, die unter dieser Augen Blick ihren -Anfang genommen, sich gegen sie aufgelehnt. Alles überfiel sie aufs -neue, der Ekel, der Zweifel an der eigenen Fähigkeit, zu fühlen, zu -wollen und zu wählen, der Zweifel, ob sie das wirklich nicht wolle, -was sie abzulehnen sich einbildete. -- Und sie sah sich wieder, wie -sie sich damals gesehen, verlogen, verträumt, schlaff, während sie vor -sich selber tat, als fordere sie ein reines, starkes und ganzes Gefühl -von sich, während sie sagte, sie wolle ehrlich, arbeitsam, mutig, -opferwillig, diszipliniert sein. Dabei ließ sie Stimmungen und Triebe -mit sich Fangball spielen, gegen die zu kämpfen sie sich nicht die -Mühe machte, obgleich sie wußte, sie müßte es tun. Sie spiegelte Liebe -vor, um sich einen Platz unter Menschen zu erschleichen, den sie nie -gewonnen hätte, solange sie ehrlich gewesen --. - -Sie hatte sich umwandeln wollen, um sich zu den Menschen rechnen zu -können, unter denen sie, wie sie immer gewußt hatte, eine Fremde war, -weil aus anderem Holz geschnitzt. Aber sie war nicht imstande gewesen, -allein zu bleiben, eingesperrt in ihrer eigenem Natur. Sie hatte Gewalt -an ihrer Natur verübt. Widerwärtig, unnatürlich war ihr Verhältnis zu -den Menschen geworden, die ihr im tiefsten Innern wesensfremd waren. -Der Sohn und der Vater --. Und was nachfolgte -- ihr eigenes inneres -Wesen war dadurch entstellt, jeder feste Halt, den sie in sich selbst -besessen hatte, ließ sie im Stich, zerbröckelte zu einem Nichts. Sie -löste sich innerlich auf. - -Kam Helge, traf sie ihn, so würden, fühlte sie, die Verzweiflung -und ihr Lebensüberdruß sie überwältigen. Sie wußte nicht, was dann -geschehen würde, nur soviel, daß, mußte sie ihm von Angesicht zu -Angesicht gegenüberstehen, ihre Kräfte sie verlassen würden --. - -Ach, Gunnar! Ob sie ihn liebte oder nicht, daran hatte sie in diesen -Wochen, als er um sie gebettelt hatte, wie sie war, nicht nachgedacht. -Er hatte geschworen, ihr hinüberhelfen zu können, alles wieder in ihr -aufzurichten. - -Mitunter hatte sie nur den Wunsch, er nähme sie mit Gewalt. Dann -brauchte sie sich nicht selbst zu entscheiden. Denn es war, wie er -sagte; wählte sie, sein zu werden, so sagte ihr der letzte Rest von -Stolz, daß sie die Verantwortung trüge. Dann +mußte+ sie das werden, -was sie gewesen, das, wofür er sie hielt, und das, was die Zukunft aus -ihr machen sollte. Ob sie dazu imstande war oder nicht, sie mußte sich -wieder hocharbeiten aus alledem, worin sie jetzt herumwühlte -- unter -einem neuen Leben mußte sie alles begraben, was geschehen war, seit sie -Helge Gram den Kuß gegeben, mit dem sie ihren eigenen Glauben und ihr -ganzes Leben bis zu dem Frühlingstage in der Campagna verraten hatte. - -Ob sie sich Gunnar zu eigen geben wollte --? Liebte sie ihn denn, der -ganz so war, wie sie hatte werden wollen? Dessen ganzes Wesen alles in -ihr wachrief, was sie einstmals entwickeln und pflegen wollte -- jedes -Talent, das sie zu fördern für wert erachtet hatte --. - -Die Liebe, die sie auf wirren Pfaden gesucht, dort, wohin ihr -krankhaftes Sehnen und ihre heiße Ruhelosigkeit sie getrieben hatten --- bestand sie denn nur in dem Selbstverständlichen, die Augen zu -schließen und sich in die Gewalt des Mannes zu begeben, der allein -ihr Vertrauen besaß, den alle Instinkte das Gewissen und den rechten -Richter nannten --? - -Aber sie hatte es doch nicht über sich bringen können -- die ganzen -Wochen hindurch hatte sie es nicht gekonnt. Sie wollte nur erst etwas -weiter aus diesem Schlamm, in dem sie sich befand, heraus, durch eigene -Kraft. Sie wollte erst fühlen, daß ihr eigener Wille aus fernen Tagen -wieder die Herrschaft über ihr zerrissenes Gemüt ergriffen hatte. Wenn -sie dann nur wieder einen Funken Achtung und Vertrauen zu sich selbst -zurückgewinnen könnte. - -Durfte sie weiterleben, so war Gunnar als Mensch alles, was das Leben -für sie bedeutete. Ach, ein paar Worte, die er auf ein Stück Papier -gekritzelt hatte, ein Buch, das als Bote zu ihr kam, von irgend -einem Zug seines Wesens kündend -- gerade das hatte ja das letzte -aufflackernde Sehnen nach dem Leben in ihr geweckt, damals, als sie -sich nach des Kindes Tode wie ein zuschanden geschlagenes Tier durchs -Dasein schleppte --. - -Kam er jetzt, so durfte er sie nehmen. Er mußte sie das erste Stück des -Weges tragen. Später wollte sie versuchen, allein zu schreiten --. - -Und ihre Seele, die sich zerfleischte, während sie dort wartend saß, -gelangte zu diesem Ergebnis: - -Kam er, so wollte sie leben. Kam der andere, mußte sie sterben. - -Als sie dann Schritte auf der Treppe hörte und es nicht Gunnars -Schritte waren, als es an ihre Türe pochte, senkte sie das Haupt und -ging bebend, um Helge Gram zu öffnen. Ihr war es nur, als öffnete sie -dem Schicksal, das sie selbst über sich heraufbeschworen hatte. - -Sie folgte ihm mit den Blicken, während er ins Licht trat und den Hut -auf einen Stuhl warf. Auch jetzt begrüßte sie ihn nicht. - -„Ich wußte, du seiest in der Stadt,“ sagte er. „Ich kam vorgestern an. -Aus Paris. Ich sah deine Adresse im Verein -- hatte die Absicht, dich -einmal zu besuchen. Dann traf ich dich heute nachmittag auf der Straße. -Ich erkannte schon von weitem dein graues Pelzwerk.“ Er sprach schnell --- fast atemlos. „Willst du mir nicht Guten Abend wünschen, Jenny -- -bist du böse, daß ich zu dir gekommen bin?“ - -„Guten Abend, Helge,“ sagte sie und nahm die Hand, die er ihr -entgegenstreckte. „Bitte sehr, willst du nicht Platz nehmen?“ - -Sie selbst setzte sich aufs Sofa. Sie vernahm ihre eigene Stimme -- -ganz ruhig und alltäglich klang sie. Aber im Gehirn verspürte sie das -gleiche sonderbare, taumelnde Angstgefühl wie vordem. - -„Ich wollte dich gern begrüßen,“ sagte Helge und setzte sich neben sie -auf einen Stuhl. - -„Das ist nett von dir,“ entgegnete Jenny. - -Sie schwiegen wieder. - -„Du wohnst jetzt in Bergen,“ sagte sie dann. „Ich sah, daß du deinen -Doktor gemacht hast -- ich gratuliere.“ - -„Danke.“ - -Wieder entstand eine Pause. - -„Du hast jetzt sehr lange im Auslande gelebt --. Manchmal hatte ich die -Absicht, dir zu schreiben, aber dazu kam es nie. Heggen wohnt, wie ich -sah, im selben Haus wie du --.“ - -„Ja. Ich schrieb an ihn und bat ihn, etwas für mich zu mieten, ein -Atelier, aber die sind so teuer hier und so schwer zu bekommen. Dies -Zimmer hat jedoch auch ganz gutes Licht --.“ - -„Ich sehe, du hast eine ganze Anzahl Bilder stehen --.“ - -Er erhob sich plötzlich, ging durch das Zimmer, kam aber gleich darauf -zurück und setzte sich wieder hin. Jenny senkte den Kopf, sie fühlte, -wie er sie dauernd anstarrte. - -Dann sprach er wieder -- sie versuchten, sich mit einander zu -unterhalten, er fragte nach Franziska Ahlin und anderen gemeinsamen -Bekannten. Doch das Gespräch starb schnell wieder hin, und er saß stumm -da und starrte sie an wie vorher. - -„Weißt du, daß meine Eltern sich scheiden ließen?“ fragte er plötzlich. - -Sie nickte. - -„Ja.“ Er lachte kurz. „Sie hielten ja unsertwegen solange miteinander -aus. Prallten aneinander und rieben sich wie zwei Mühlsteine, bis all -unser Gut zwischen ihnen zu Pulver vermahlen war. Jetzt war wohl nichts -mehr übrig, was zerrieben werden konnte, so blieb die Mühle stehen --. -O ja. Ich besinne mich auf die Zeit, als ich ein Knabe war. Wenn sie -miteinander sprachen -- sie schlugen sich ja nicht gerade. Aber in -ihren Stimmen lag etwas --. Mutter schalt übrigens, hatte einen großen -Mund und weinte schließlich. Vater war nur ruhig und still, aber ein -Klang war in seiner Stimme, ein Haß, so kalt und hart, daß es wie mit -Messern schnitt. Ich lag drinnen im Schlafzimmer und wurde von einer -Art Zwangsvorstellung geplagt, wenn ich es so nennen darf. Welch ein -Genuß müßte es sein, eine Stricknadel zu nehmen und quer durch den Kopf -zu stechen, in das eine Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Die -Stimmen schmerzten rein physisch im Trommelfell, verursachten einen -Schmerz, der sich gewissermaßen durch den ganzen Kopf fortpflanzte, -weißt du --. Das war also der Anfang. Nun haben die beiden ihre Pflicht -als Eltern getan. Jetzt ist es aus --.“ - -Er nickte ein paar Mal vor sich hin. - -„Es ist so häßlich. Diesen Haß meine ich -- alles wird so häßlich, was -in seine Nähe kommt. Ich besuchte vergangenen Sommer meine Schwester. -Wir sympathisierten ja nie miteinander -- aber --. Es war abscheulich, -sie mit dem Manne zusammen zu beobachten. Manchmal küßte er sie, -nahm die Pfeife aus dem dicken, feuchten Munde und küßte seine Frau. -Ein Papst auf dem Predigerstuhl, und daheim praßt er --. Sofie wurde -mitunter ganz weiß, wenn er sie anrührte. Dann du und ich. Ich fand -es später so selbstverständlich, daß alles zerbrechen mußte, all das -feine, weiche Lichtgrüne zwischen uns -- erfrieren mußte in dieser -Luft. Als ich dich damals verlassen hatte, bereute ich es. Ich wollte -schreiben -- aber weißt du, warum ich es nicht tat? Ja, ich erhielt -einen Brief von meinem Vater, er erzählte, daß er bei dir gewesen -sei. Es war eine Mahnung, weißt du, daß ich versuchen sollte, die -Verbindung mit dir wieder aufzunehmen --. Darum schrieb ich nicht, ich -hatte eine abergläubische Furcht davor, einem Rat aus jener Richtung -zu folgen --. Dann habe ich mich die ganze Zeit über nach dir gesehnt -und von dir geträumt, Jenny. Alle Erinnerungen wieder und wieder -hervorgeholt. Weißt du, welchen Ort ich hier in Rom zuerst aufsuchte -- -gestern? Ich war draußen auf der Montagnola. Ich fand unsere Namen in -den Kaktusblättern wieder --.“ - -Jenny saß bleich mit geballten Händen da. - -„Du siehst genau so aus wie früher. Und hast doch drei Jahre verlebt, -von denen ich nichts weiß,“ sagte Helge leise. „Jetzt, wo ich wieder -mit dir zusammen bin, kann ich es nicht fassen. Es ist, als sei es -alles nicht wahr, was zwischen uns liegt, seit wir uns hier in Rom -trennten --. Und jetzt gehörst du vielleicht einem anderen --.“ - -Jenny erwiderte nichts. - -„Bist du -- verlobt?“ fragte er leise. - -„Nein.“ - -„Jenny!“ Helge senkte den Kopf, so daß sie sein Antlitz nicht sehen -konnte. „Weißt du -- alle diese Jahre hindurch habe ich gehofft, -geträumt, dich zurückzugewinnen. Ich habe mir ausgemalt, daß wir beide -uns wiedersehen -- und einander verstehen würden; du sagtest ja, ich -sei der Erste gewesen, den du geliebt hast. Jenny -- ist es unmöglich?“ - -„Ja,“ sagte sie. - -„Heggen?“ - -Erst antwortete sie nicht. - -„Ich bin immer eifersüchtig auf Heggen gewesen,“ sagte Helge leise. -„Ich fürchtete, er war der Rechte --. Als ich sah, daß ihr zusammen -wohnt -- --. Nun habt ihr -- euch also -- lieb?“ - -Jenny schwieg noch immer. - -„Liebst du ihn?“ fragte Helge wieder. - -„Ja. Aber ich will ihn nicht heiraten.“ - -„Ah, auf diese Art,“ sagte er hart. - -„Nein.“ Sie lächelte flüchtig. Müde und erregt senkte sie das Haupt. -„Ich bin nicht mehr zu irgend einem Verhältnis einem Menschen gegenüber -fähig -- jetzt nicht mehr. Ich bin zu nichts fähig. Ich wünschte, du -gingest, Helge.“ - -Aber er blieb sitzen. - -„Ich kann nicht fassen, daß alles wieder aus sein soll. Ich habe es nie -geglaubt, und jetzt, wo ich dich wiedersehe --. Ich habe nachgedacht, -immer und immer wieder, es war meine eigene Schuld. Ich bin so verzagt, -wußte nie, was das Richtige war. Es hätte anders sein können. Ich -dachte an den letzten Abend, als ich in Rom mit Dir zusammen war. Ich -meinte immer, dieser Augenblick müßte wiederkehren. Ich ging damals, -weil ich glaubte, es sei das Beste. Ich kann dich doch wohl nicht -deswegen verloren haben --.“ - -„Damals“ -- er blickte nieder -- „hatte ich noch nie ein Weib berührt. -Ich war scheu geworden durch die Zustände daheim. -- Träume und -Phantasien -- mitunter schufen sie eine Hölle, aber immer war die -Furcht am stärksten --. Ach. Jetzt bin ich neunundzwanzig Jahre alt. -Ich habe nichts Schönes und Glückliches erlebt -- außer dem kurzen Lenz -mit dir. Begreifst du denn nicht, daß ich den Gedanken an dich nie -aufgeben konnte? Begreifst du nicht, wie ich dich liebe -- das einzige -Glück, das ich gekannt habe? Ich kann nicht ohne dich sein -- jetzt -kann ich nicht mehr --.“ - -Sie hatte sich erhoben, bebend, und auch er war aufgestanden. Sie wich -unwillkürlich einige Schritte zurück. - -„Helge -- ein anderer ist dagewesen.“ - -Er stand still und blickte sie an. - -„So -- ein anderer ist also dagewesen. Ich hätte es sein können -- -und dann wurde es ein anderer. Aber, ich will dich haben, was kümmert -es mich. Jetzt will ich dich besitzen, denn einst hast du es mir -zugesagt --.“ - -Als sie erschrocken an ihm vorbeizuschlüpfen suchte, riß er sie mit -Gewalt an sich. - -Es dauerte einige Augenblicke, ehe es ihr recht bewußt wurde, daß er -ihren Mund küßte. Sie glaubte, Widerstand zu leisten, aber sie lag -wehrlos in seinen Armen. - -Sie wollte sagen, daß er nicht dürfe. Sie wollte ihm sagen, wer der -andere gewesen. Aber sie konnte nicht, denn sie hätte dann gesagt, daß -sie ein Kind gehabt hatte. Und in dem Augenblick, als sie an den Knaben -dachte, fühlte sie, daß sie ihn nicht zu nennen vermochte -- inmitten -dieses Kampfes. Ihr Kind mußte sie von dem Untergang fernhalten, der, -wie sie wußte, jetzt kam --. Und dieser Gedanke erschien ihr wie eine -zarte Liebkosung des toten Kleinen, die sie wärmte und ihr wohltat, -sodaß ihr Körper einen Augenblick in seinen Armen weich und nachgiebig -wurde. - -„Du bist mein -- mein bist du, Jenny -- ja, ja, ja,“ flüsterte Helge -über ihr. - -Sie sah einen Augenblick in sein Gesicht. Dann riß sie sich von ihm los -und rannte zur Tür. Gleichzeitig rief sie laut nach Gunnar. - -Er sprang ihr nach und riß sie zurück: - -„Er bekommt dich nicht -- du bist mein, du --.“ - -Dann kämpften sie wortlos an der Tür. Jenny war es, als käme alles nur -darauf an, ob sie öffnen und in Gunnars Zimmer gelangen könnte. Wie sie -aber dann Helges Körper an dem ihren spürte, heißer, stärker als ihr -eigener, wie er sie festhielt mit Armen und Knien, da war es ihr, als -sollte es so sein, als sollte sie sich ergeben. Und sie warf sich ihm -freiwillig in die Arme. - - * * * * * - -Im Dämmerlicht, während er sich ankleidete, trat er alle Augenblicke an -ihr Bett und küßte sie: - -„Herrliche du! Wie schön du bist Jenny! Jetzt bist du mein. Alles wird -wieder gut, nicht wahr? O, wie ich dich liebe! -- Du bist müde? Du -sollst schlafen ich gehe jetzt. Morgen Vormittag komme ich wieder zu -dir. Schlaf gut, süße, geliebte Jenny. Bist du so müde?“ - -„Ja, sehr müde, Helge.“ Sie lag mit halbgeschlossenen Augen da -und blickte in das fahle Morgenlicht, das Helge durch die Laden -hereingelassen hatte. - -Dann küßte er sie. Er hatte den Mantel angezogen und hielt den Hut in -der Hand. Noch einmal ließ er sich auf den Knien vor dem Bette nieder -und schob den Arm unter ihre Schultern: - -„Ich danke dir für diese Nacht, Jenny --. Besinnst du dich darauf, daß -ich dasselbe an jenem ersten Morgen in Rom sagte, draußen auf Aventin? -Erinnerst du dich dessen?“ - -Jenny nickte, in die Kissen vergraben. - -„Schlaf wohl. Gib mir noch einen Kuß -- so, Gute Nacht meine herrliche -Jenny!“ -- - -In der Tür hielt er inne: - -„Gibt es einen Schlüssel zu der Tür? Oder ist es eine von den -altmodischen mit einer Klinke innen?“ - -„Ja, es ist die gewöhnliche Art,“ sagte sie, „du öffnest ohne weiteres -von innen --.“ - - * * * * * - -Sie blieb mit geschlossenen Augen liegen. Aber sie sah ihren eigenen -Körper, wie er unter der Decke lag, weiß, nackt, schön, ein Ding, das -sie von sich geschleudert hatte, wie sie den beschmutzten Handschuh -heut Nachmittag fortgeworfen. Er gehörte ihr nicht mehr. - -Plötzlich durchfuhr sie ein Ruck. Sie hörte Heggen die Treppe -heraufkommen, langsam, hörte ihn die Türe zu seinem Zimmer öffnen. Er -ging eine Weile dort drinnen auf und ab, dann wieder hinaus, zum Dach -hinauf. Jetzt hörte sie seine eiligen Schritte über ihrem Kopfe -- auf -und ab. - -Sie war überzeugt, daß er es wußte. Aber es machte keinen Eindruck auf -ihr müdes Hirn. Sie fühlte keinen Schmerz mehr. Es war ihr, als müsse -alles ihm ebenso selbstverständlich und unabwendbar vorkommen wie ihr. - -Was sie vorhatte, war nicht ihr freier Entschluß. Es mußte geschehen -wie das andere geschehen war, -- wie eine unabänderliche Folge dessen, -daß sie gestern Helge die Türe geöffnet hatte. - -Jenny streckte einen Fuß unter der Decke hervor und betrachtete ihn wie -einen fremden Gegenstand, der nicht ihr gehörte. Er war hübsch. Sie -krümmte ihn, so daß der Spann sich straffte. Hübsch war er, weiß und -blaugeädert, mit feinem Rot an der Ferse und den Zehen. - -Sie war so müde. Diese Müdigkeit tat wohl. Als hätte sie Schmerzen -gehabt, die jetzt vorüber waren. Während er bei ihr war, hatte nur -ein Gefühl sie beherrscht, als würde sie in die Finsternis gestoßen -und sänke und sänke. Es war Wollust, so zu vergehen, seines Willens -beraubt, sich aus dem Leben treiben lassen, hinab auf den Grund, wo es -still war. Sie wußte dunkel, daß sie seine Liebkosungen erwidert, sich -an ihn geschmiegt hatte. Jetzt war sie müde, und was ihr zu tun noch -übrig blieb, tat sie mechanisch. - -Sie stand auf und kleidete sich an. Als sie Strümpfe, Leibchen -und Unterrock angezogen hatte, steckte sie die Füße in ein Paar -Goldkäferschuhe, die sie im Hause trug. Sie wusch sich und steckte das -offene Haar vor dem Spiegel hoch, ohne zu wissen, daß sie ihr eigenes -Antlitz erblickte. - -Dann ging sie zu dem kleinen Tisch, auf dem ihre Malgeräte lagen. Sie -kramte in dem Kasten mit ihrem Radierwerkzeug. An das spitze dreieckige -Schabeisen hatte sie in der Nacht denken müssen. Früher hatte sie es -manchmal halb spielerisch gegen ihre Pulsadern gehalten. - -Jenny nahm es auf und prüfte es, befühlte es mit dem Finger. Dann legte -sie es zurück und ergriff ein Taschenmesser. Sie hatte es einmal in -Paris gekauft, es hatte Korkzieher, Büchsenöffner und viele Klingen. -Die eine war kurz, spitz und breit -- diese öffnete sie. - -Dann ging sie zurück und setzte sich aufs Bett. Sie legte das -Kopfkissen über den Rand des Nachttisches, -- stützte die linke Hand -darauf und schnitt die Pulsader durch. - -Das Blut spritzte hoch auf, der Strahl schoß gegen ein kleines -Aquarell, das sie an der Wand über dem Bett aufgehängt hatte. Als -sie das sah, rückte sie die Hand zur Seite. Sie legte sich nieder --- streifte unwillkürlich mit den Füßen die Schuhe ab und legte sie -ganz aufs Bett. Als sie sah, wie das Blut spritzte, verbarg sie die -verwundete Hand unter der Decke. - -Sie hatte keinen Gedanken und keine Angst, fühlte nur, daß sie sich -dem Unabwendbaren hingab. -- Der Schmerz selbst, als sie sich schnitt, -war nicht stark -- scharf und klar, gleichsam auf die eine Stelle -konzentriert. - -Aber nach einer Weile durchrieselte sie ein unbekanntes, sonderbares -Gefühl -- eine Angst, die wuchs und wuchs. Nicht die Furcht vor etwas --- das Gefühl selbst bestand nur in einer fürchterlichen Angst in der -Herzgegend -- als würde sie erwürgt. Sie öffnete die Augen -- aber -schwarze Fetzen nisten an ihren Blicken vorüber. Sie konnte nicht atmen --- das Zimmer überfiel sie von allen Seiten --. Sie taumelte aus dem -Bett, wankte zur Tür, blindlings die Treppe zum Dach hinauf, bis sie -auf der obersten Stufe zusammenbrach -- -- - - * * * * * - -Helge war Gunnar Heggen begegnet, als er gerade aus dem Tore trat. Sie -hatten sich beide angeblickt, während sie zum Hute griffen. Dann waren -sie aneinander vorbeigegangen -- ohne ein Wort. - -Aber diese Begegnung hatte Helge nüchtern gemacht. Nach dem Rausch der -Nacht schlug seine Stimme plötzlich um. Was er erlebt hatte, erschien -ihm plötzlich unglaubhaft, unbegreiflich und unheimlich. - -Dieses Zusammentreffen mit ihr, wovon er die ganzen Jahre hindurch -geträumt hatte. Sie, von der er geträumt, sie hatte fast nicht -gesprochen, nur stumm und kalt dagesessen und sich dann plötzlich in -seine Arme geworfen. Wild und wahnsinnig, doch ohne einen Laut. Jetzt -plötzlich erinnerte er sich -- sie hatte nichts gesagt, nichts erwidert -auf alle seine Liebesworte heute Nacht. - -Eine fremde, unheimliche Frau war das -- seine Jenny? Er wußte mit -einem Male, sie war nie sein gewesen. - -Helge schritt immer weiter durch die morgenstillen Straßen. Den Corso -auf und nieder. - -Er versuchte, sie sich vorzustellen. Die Erinnerungen von den Träumen -loszulösen. Sie aus jener Zeit sich vor Augen zu führen, als sie -verlobt waren. Aber er konnte sie nicht festhalten -- er wußte mit -einem Male, daß er es nie gekonnt. Immer war etwas dahinter gewesen, -das er nicht hatte sehen können, er hatte nur gefühlt, es war da. - -Nichts wußte er von ihr. Heggen konnte jetzt bei ihr sein -- er wußte -es nicht. Ein anderer war dagewesen, hatte sie selbst gesagt -- welcher -andere -- welche anderen -- welches andere, das er nicht kannte und -doch immer gefühlt hatte? - -Nach diesem Ereignis aber konnte er sie auch nicht aufgeben, er wußte -es. Jetzt weniger als je zuvor. Und dabei kannte er sie nicht. Wer war -sie, die ihn in ihrer Gewalt hatte --? Wem hatte er angehört mit jedem -einzigen Gedanken, drei Jahre lang --? - -Furcht war es, Raserei, die ihn trieb, während er zu ihrer Tür -zurückjagte. Sie stand offen. Er lief die Treppen hinauf, sie sollte -ihm Rede stehen -- sie kam nicht frei, bis sie ihm alles gesagt --. - - * * * * * - -Ihre Türe stand offen. Helge blickte hinein -- auf das leere Bett, die -blutigen Laken und das Blut auf dem Fußboden. Er wandte sich um und sah -sie zusammengekrümmt auf der obersten Stufe liegen, sah das Blut auf -der weißen Marmortreppe. - -Er schrie auf und sprang hinzu -- riß sie hoch, hielt sie in seinen -Armen. Er spürte ihre erschlafften Brüste an seiner Hand und einen -kleinen lauen Rest von Lebenswärme, am Rande des Leibchens verborgen. -Doch Arme und Hände fielen kalt herab. Und er begriff, schaudernd, -greifbar, daß dieser Körper, den er vor wenigen Stunden in seinen Armen -gehalten hatte, heiß und bebend vor Leben, jetzt ein Leichnam war, der -bald zerfallen sein würde --. - -Er sank nieder mit ihr und schrie wild auf --. - -Heggen riß die Tür zur Terrasse auf. Sein Antlitz war weiß und -vergrämt. Da sah er Jenny --. - -Er ergriff Helge und schleuderte ihn zur Seite -- ließ sich vor ihr auf -die Knie nieder. - -„Sie lag hier -- als ich zurückkam, lag sie hier --.“ - -„Laufen Sie nach einem Arzt! -- Schnell --!“ Gunnar hatte ihr Hemd -aufgerissen -- inwendig gefühlt -- um ihren Kopf gefaßt -- die Arme -hochgehoben, da erblickte er die Wunde. Jetzt riß er das hellblaue -Seidenband von ihrem Leibchen und band es fest über ihrem Handgelenk -zusammen. - -„Ja, ja, wo wohnt --“ - -Rasend schrie Gunnar auf. Dann sagte er halblaut: - -„Ich werde gehen. Tragen Sie sie hinein --,“ aber er schlang selbst die -Arme um sie und ging auf ihre Türe zu. Als er das blutige Bett sah, -verzog er plötzlich das Gesicht. Dann wandte er sich um und stieß die -Tür zu seinem Zimmer auf. Er legte sie auf sein eigenes unberührtes -Bett nieder. Dann sprang er auf. - -Helge war neben ihm geblieben, den Mund wie in einem erstarrten Schrei -halb geöffnet. Aber in Gunnars Tür hielt er inne. Als er allein mit ihr -war, schlich er herbei und berührte mit den Fingerspitzen ihre Hand. -Dann brach er auf dem Fußboden zusammen, den Kopf an die Bettkante -gelehnt und weinte jämmerlich, sich zusammenkrampfend vor Grauen. - - - - -XII. - - -Gunnar schritt über den schmalen, grasbewachsenen Weg zwischen hohen, -weißgekalkten Gartenmauern dahin. Auf der einen Seite lag die Kaserne, -eine Terrasse mußte dort drinnen sein -- hoch über seinem Kopf standen -einige Soldaten, lachend und leise plaudernd. An der Ecke wippte ein -Büschel gelber Blumen, die in einem Mauerspalt wucherten. Doch auf der -anderen Seite des Weges ragten die gewaltigen alten Pinien an der -Cestiuspyramide und der dichte Zypressenwald auf dem neuen Teil des -Kirchhofs zum blauen, silberbewölkten Himmel empor. - -Vor dem Gittertor saß ein halberwachsenes Mädchen im Gras und häkelte. -Sie öffnete ihm und knickste dankend, als er ihr eine Münze reichte. - -Die Luft war lenzhaft feucht, klar und weich. Hier drinnen auf dem -Friedhof in dem dichten, grünen Schatten wurde sie treibhausartig warm -und naß. Die Narzissen in den Rabatten am Wege dufteten heiß und schwül. - -Die alten Zypressen umstanden dicht wie ein Hain die Gräber, die sich, -dunkelfarbig von dem kriechenden Laube des Immergrüns und der Veilchen -in Terrassen bis zur epheubewachsenen alten Stadtmauer hinzogen. -Die Gedenktafeln der Toten leuchteten -- kleine Marmortempel, weiße -Engelstatuen und schwere große Sarkophage. Moos breitete sich darüber -aus und schimmerte an den Stämmen der Zypressen. Hier und da war eine -weiße und rote Blüte in den dunkelleuchtenden Kronen der Kamelienbäume -zurückgeblieben, doch der größte Teil lag braun und welk auf dem -schwarzen, feuchten Humus, dessen herber, klammer Duft zu ihm aufstieg. -Ihm fiel etwas ein, was er einmal gelesen hatte -- die Japaner liebten -die Kamelien nicht, denn ihre Blüten fielen voll und frisch ab wie -abgehauene Köpfe. -- - -Jenny Winge war am weitesten drüben auf dem Friedhof begraben worden, -in der Nähe der Kapelle. Am äußersten Rande eines lichtgrünen, von -Tausendschön übersäten Grashügels, wo erst wenige Gräber lagen. Am -Rasenplatz entlang waren Zypressen gepflanzt worden. Sie waren aber -noch winzig klein, glichen Spielzeug mit den spitzen, schwarzgrünen -Kronen über den ranken, gezwirbelten braunen Stämmen, die an Säulen im -Kreuzgang eines Klosters gemahnten. - -Ihr Grab lag ein wenig für sich auf dem Anger. Das Gras war ringsherum -abgestochen worden, so daß der Hügel von einem Erdstreifen umgeben war. -Er war hellgrau, die Sonne schien darauf und die Zypressen erhoben -sich dahinter wie eine Mauer. - -Gunnar preßte die Hände gegen sein Gesicht und ließ sich auf die Knie -nieder, bis sein Kopf ganz auf den welken Blumenkränzen lag. - -Er fühlte die Müdigkeit des Lenzes in allen Gliedern, und das Blut rann -krank vor Trauer und Leid bei jedem schweren Schlage seines Herzens. -Jenny -- Jenny -- Jenny -- ihren lichten Namen hörte er in jedem -Vogelpfiff des Frühlings -- und sie war tot --. - -Sie lag dort drunten in der Finsternis. Eine Locke ihres blonden Haares -hatte er abgeschnitten und trug sie in seinem Taschenbuch bei sich. Er -nahm sie wohl hervor und ließ sie in der Sonne funkeln -- die kleinen -armseligen Fünkchen waren alles, was die Sonne jetzt zünden konnte von -all ihrem schweren, schimmernden Haar. - -Sie war tot und fort. Einige Bilder hatte sie hinterlassen, und ein -Abschnitt über sie stand in den Zeitungen. Eine Mutter und einige -Schwestern blieben zurück, die über +ihre+ Jenny trauerten -- die wahre -hatten sie nie gekannt, sie wußten nichts über ihr Leben und ihren Tod. -Da waren die anderen -- die starrten verzweifelt nach der Jenny, die -sie gekannt --. Sie wußten einiges, verstanden aber nichts. - -Es war nur seine Jenny, sie, die hier lag. - - * * * * * - -Helge Gram war zu ihm gekommen. Er hatte gefragt und hatte erzählt, er -hatte gejammert und gebettelt: - -„Ich verstehe ja nichts. Weißt du es -- oh, erkläre es mir, Heggen. -+Du+ weißt es. Kannst du mir nicht sagen, was du weißt!“ - -Er hatte nicht geantwortet. - -„Da war ein anderer. Sie selbst sagte es. Wer war es? Warst du es?“ - -„Nein.“ - -„Weißt du, wer es war?“ - -„Ja, aber ich will es nicht sagen. Es nützt nichts, daß du fragst, -Gram.“ - -„Ja, aber ich werde verrückt, hörst du, Heggen -- ich werde wahnsinnig, -wenn du mir nicht erklären kannst --.“ - -„Du hast kein Recht, Jennys Geheimnisse zu wissen.“ - -„Aber weshalb tat sie es denn? Meinetwegen -- seinetwegen -- -deinetwegen?“ - -„Nein. Sie tat es allein ihretwegen.“ - -Dann hatte er Gram gebeten, zu gehen. Jetzt war er fortgereist. Sie -hatten sich seitdem nicht wieder gesehen. - -Es war oben im Borghesegarten gewesen, als Gram zu ihm kam. Einige -Tage nach der Beerdigung. Er hatte dort im Sonnenschein gesessen. Er -war so müde. Er hatte alles ordnen und die nötigen Erklärungen nach -allen Richtungen abgeben müssen -- anläßlich der Untersuchung des -Selbstmordes, des Begräbnisses -- an Frau Berner hatte er geschrieben, -daß ihre Tochter plötzlich an Herzschlag verstorben sei. Aber etwas in -all dem hatte ihm gut getan. Die Tatsache, daß niemand von seinem Leide -wußte. Daß die große Erklärung, die er kannte, die einzig wahre war -- -und die behielt er für sich. Das hatte seinen Schmerz so unendlich tief -in ihn versenkt. Jetzt würde er nie zu einem Menschen davon sprechen. -Er war sein eigen, ganz allein. Er würde den innersten Kern seiner -Seele für alle Zeiten bilden. - -Er würde sein Wesen färben und von seinem Wesen seine Farbe erhalten. -Er würde seinem Leben Richtung geben -- und von ihm gelenkt werden --- würde Farbe und Form mit ihm wechseln, aber nie aus seinem Leben -getilgt werden können. Zu jeder Stunde des Tages in dieser ganzen Zeit -war er verschiedenartig -- aber immer war er da, und so würde es immer -sein. - -Gunnar entsann sich des Morgens, als er zum Arzt lief, während der -andere mit ihr allein geblieben war -- damals hatte er Helge Gram sagen -wollen, was er wußte, und es ihm sagen wollen, daß des anderen Herz zu -Asche zerfiel -- wie sein eigenes. - -Aber während der Tage, die dazwischen lagen, war alles, was er wußte, -zu einem Geheimnis zwischen der toten Frau und ihm geworden, zum -Geheimnis ihrer Liebe. Alles, was geschehen war, war geschehen, weil -sie war, wie sie war, und so, wie sie war, hatte er sie geliebt. Helge -Gram aber war ein gleichgültiger und zufälliger Fremder für ihn und -für sie, und er empfand nicht das Bedürfnis, sich an ihm zu rächen, -ebensowenig wie er Mitleid mit Helges Trauer hatte und mit seinem -Entsetzen über das Unfaßliche, was geschehen war. - -Diesen Menschen hatte ja nur der Zufall gesandt. Weil sie war, wie sie -war, geschah das alles. Ihr Sinn mußte sich eines Tages verwirrt einem -Windstoß beugen und fügen, weil er so rank und schlank emporgewachsen -war. Er selbst hatte geglaubt, sie könnte wachsen wie ein Baum, und -hatte nicht verstanden, daß sie nur wie eine Blume emporkeimte, um -Sonne zu bekommen und Blüten zu treiben mit all ihren schweren, -sehnsuchtsvollen Knospen. Auch sie war nur ein kleines Mädchen gewesen. -Und das würde als ewiger Schmerz in seinem Herzen zurückbleiben, daß er -das erst begriffen, nachdem es zu spät war. - -Sie konnte sich nicht wieder aufrichten, nachdem sie einmal geknickt -war. Sie war wie eine Lilie, die auch nicht aus der Wurzel aufs neue -treiben konnte, wenn der erste Stengel gebrochen wurde. In ihrem Wesen -lag nichts Geschmeidiges und Ueppiges. Aber er liebte sie, wie sie war. - -Und ihre Eigenart gerade verstand nur er allein. Er allein wußte, wie -blond und rein sie gewesen, wie aufstrebend, stark und rank, und doch -wie zerbrechlich und spröde mit ihrer empfindsamen Ehre, von der ein -Fleck niemals abgewaschen werden konnte, weil er seine Furchen zu tief -eingrub. - -Jetzt war sie tot. Und er war mit seiner Liebe viele Tage und Nächte -allein gewesen. Seines ganzen Lebens Tage und Nächte mußte er nun mit -ihr allein bleiben. - -Es hatte Nächte gegeben, in denen er verzweifelte Schreie in den -Kissen seines Bettes erstickte. Sie war tot, und er hatte sie nie -besessen. Ihn aber hatte sie lieben, ihm hatte sie angehören sollen, -und sie war die einzige, die er geliebt. Sie war tot, und ihren -herrlichen, schlanken weißen Körper, der ihre Seele umschloß wie eine -sammetene Scheide eine schmale und feine, spröde Klinge, hatte er nie -berührt, nie gesehen. Andere hatten ihn besessen und nie gewußt, welch -wunderbarer und seltener Schatz es war, der sich in ihre Hände verirrt -hatte. Jetzt lag er vergraben in der Erde, häßlich, häßlich würde er -verändert werden, verzehrt und aufgelöst, bis er zu einem Häuflein Erde -inmitten der Erde zerfiele. - -Gunnar lag, erschüttert von Schluchzen, auf dem Erdboden. - -Andere hatten sie besessen. Sie aber hatten sie besudelt und -vernichtet, und hatten nicht gewußt, was sie taten. Er hatte sie nie -gehabt. - -Solange er lebte, würden Stunden kommen, wo er jammerte wie jetzt, daß -es so war. - - * * * * * - -Und doch hatte nur er allein sie besessen. Nur in seiner Hand konnte -ihr goldenes Haar jetzt funkeln. Sie selbst, sie lebte jetzt in ihm, -ihre Seele und ihr Bild spiegelten sich in ihm, so klar und scharf wie -in einem stillen Wasser. Sie war tot, ihr Leid gehörte ihr nicht mehr --- es war jetzt in ihm -- dort lebte es weiter und würde nicht sterben, -bis er selbst einst starb. Weil es lebte, würde es aber wachsen und -sich verändern -- er konnte nicht wissen, wie sein Leid in zehn Jahren -aussehen würde, aber es konnte zu etwas Großem und Herrlichem wachsen. - -Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er eine merkwürdig -schwere und tiefe Freude empfinden würde, daß es so war. - - * * * * * - -Doch jene Morgenstunden, als er auf der Terrasse über ihrem Haupte auf -und ab ging, während sie ihrem Leben ein Ende machte. Er entsann sich -dunkel, welche Gefühle ihn beherrscht hatten. Ein Aufruhr hatte in -ihm getobt, sein Herz war in Harm und Zorn über ihre Tat, gegen sie -erbittert. Er hatte gebettelt und gefleht, um ihr helfen zu dürfen, -um sie aus dem Sumpf zu retten, in den sie sich verirrt -- und sie -hatte ihn von sich gewiesen und sich vor seinen Augen weggeworfen, auf -Frauenart, eigensinnig, verantwortungslos, töricht, trotzig. - -Aber als er sie dann liegen sah -- er hatte auch darüber gerast, -verzweifelt. Er würde sie dennoch nicht aufgegeben haben. Was sie auch -getan hätte -- er hätte sie freigesprochen, ihr geholfen, ihr sein -Vertrauen, seine Liebe geschenkt, trotz allem. - -Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er ihr vorwerfen -würde, daß sie den Tod gewählt hatte -- Jenny, du hättest es nicht tun -sollen. Aber es würden auch Stunden kommen, da er finden würde, sie -hatte es tun müssen, so wie sie war. Auch darum liebte er sie -- ewig, -solange er lebte. - -Nur eines würde nie eintreten -- der Wunsch, daß er sie nie geliebt -hätte. - -Wie er geweint hatte, verzweifelt, würde er wieder weinen müssen. -Darüber, daß er sie nicht eher geliebt. Ueber die Jahre, die er neben -ihr dahingelebt hatte, als sie sein Freund und Kamerad war, und er -nicht sah, daß sie das Weib war, das seines Lebens Gefährtin sein -sollte. - -Aber nie würde der Tag kommen, an dem er wünschte, er sei niemals -sehend geworden, wenn auch nur, um zu entdecken, daß es zu spät war. - - * * * * * - -Gunnar richtete sich auf den Knien auf. Er holte eine kleine flache -Pappschachtel aus der Tasche hervor und öffnete sie. Darin lag eine -kleine Perle von Jennys rosa Kristallhalskette. Als er ihre Sachen -ordnete, fand er die Kette im Nachttisch; die Schnur war zerrissen. -Eine Perle hatte er an sich genommen und verwahrte sie. - -Er nahm etwas Sand vom Grabe und legte ihn in die Schachtel. Die Perle -rollte hin und her und wurde über und über mit grauem Staub bedeckt, -aber das klare Rosa leuchtete hindurch, und die feinen Funken im -Kristall schimmerten und brachen sich im Sonnenlicht. - -All ihr Eigentum hatte er sorgfältig verpackt und an ihre Angehörigen -geschickt, sorgsam alle Briefe gesammelt und sie verbrannt. In einem -versiegelten Pappkasten lag ihr Kinderzeug. Das hatte er Franziska -geschickt, da Jenny eines Tages davon gesprochen hatte, daß sie es tun -wollte. - -Ihre Mappen und Skizzenblätter hatte er durchgeblättert und sie -darauf zusammengepackt. Aber erst hatte er vorsichtig einige Blätter -mit Zeichnungen von ihrem Buben herausgeschnitten und sie in seinem -Taschenbuch verwahrt. - -Sie waren sein. Alles, was in ihrem Leben ihr allein gehört hatte, das -war jetzt sein. - - * * * * * - -Draußen auf dem Rasen wuchsen einige rotviolette Anemonen. Er erhob -sich gedankenlos und pflückte sie. - -Ach Frühling, Frühling. - -Er entsann sich des letzten Males, als er im Frühling daheim war, es -war jetzt zwei Jahre her. - -Auf der Umsteigestation erwartete ihn ein Karren mit einer roten Mähre -davor. Der Besitzer des Gefährtes war ein alter Schulkamerad. An einem -sonnenklaren Märzvormittag fuhr er auf dem Feldweg daher. Unter dem -lichtblauen Himmel breiteten sich Felder mit gelblichfahlem altem -Grase aus. Wo der verwitterte Hügel sich über der Ebene erhob, standen -Wacholder, Birken und Ebereschen in kleinen Gruppen bei einander, -die nackten glatten Zweige in die Luft streckend. Die Düngerhaufen -auf den gepflügten Feldern glänzten wie goldbrauner Sammet. Gehöfte -tauchten auf, eines nach dem anderen, mit den bekannten Umrissen der -Scheunen, mit gelben, grauen und roten Häusern, mit Aepfelgärten -und Fliederbüschen davor. Um den Ort zog sich der Wald, olivengrün, -mit einem lenzhaften, violetten Schimmer über den Birkenästen. Ein -vereinzelter Streifen Schnee lag nordwärts grünlichweiß im Schatten. - -Ueber das ganze Kirchspiel herab rieselten an jenem Tage Triller -unsichtbarer Lerchen. - -Er nahm zwei weißschöpfige Bürschchen mit, die mit einem Eimer voll -Essen über den Weg trabten. Armselig gekleidet, in Holzschuhen -trotteten sie durch den Schmutz. - -„Wo wollt ihr hin, Jungens?“ - -Sie blieben stehen und betrachteten ihn mißtrauisch. - -„Wollt ihr vielleicht dem Vater Essen bringen?“ - -Sie gaben es zögernd zu, ein wenig überrascht, daß der fremde Mann das -wissen konnte. - -„Klettert herauf, dann dürft ihr mitfahren.“ - -Er hob sie in den Wagen. - -„Wo arbeitet euer Vater denn, was?“ - -„Auf Brustad.“ - -„Brustad -- ah so -- ist das nicht der Schule gegenüber?“ - -So ging das Gespräch hin und her. Der dumme, unwissende erwachsene -Mann fragte und fragte, wie Erwachsene immer mit Kindern sprechen. -Der Erwachsene fragt, und die Kleinen, die so viel Weisheit besitzen, -konferieren stumm mit Augenblinzeln und geben mit Vorbehalt nur so viel -zum besten, als sie für angemessen halten. - -Hand in Hand trabten sie über den Erdboden unter den rostbraunen -Palmweiden an dem brausenden Bach entlang, nachdem er sie abgesetzt -hatte. Er sah ihnen eine Weile nach, wendete den Wagen und fuhr seinem -eigenen Ziele zu. - -Daheim hatten sie abends Lesestunde. Ingeborg, seine Schwester, saß -drüben neben dem alten Eckschrank aus Birkenholz und lauschte mit -ekstatisch bleichem Antlitz und stahlblau glänzenden Augen einem -Schuhmachermeister aus Fredriksstad, der von Gnade sprach. Dann sprang -sie auf und sprach ihr Glaubensbekenntnis, zitternd vor Leidenschaft. - -Ingeborg, seine schöne, frische Schwester! Wie wild war sie einst -gewesen, wie hatte sie Tanz und Vergnügen geliebt! Und Lesen und -Lernen! Während er in der Stadt arbeitete, mußte er ihr Bücher und -Broschüren senden und den „Socialdemokraten“ in Paketen zweimal die -Woche. Alles wollte sie wissen und lernen. Dann, als sie dreißig Jahre -alt war, wurde sie erweckt. Jetzt redete sie mit Zungen. -- - -Ihre ganze Liebe hatte sie auf ihren kleinen Brudersohn Anders -geworfen, und das kleine Mädelchen, das sie in Pflege hatten, ein -uneheliches Kind aus Kristiania. Mit blitzenden Augen erzählte sie -ihnen von Jesus, dem Kinderfreund. - -Am Tage darauf schneite es. Er hatte die Kinder ins Lichtspieltheater -eingeladen, in einer kleinen Stadt eine halbe Meile von ihrem -Kirchspiel entfernt. - -Sie trabten an einem Steinwall zwischen dem Nadelwald und den Feldern -entlang. Alles war grauweiß von nassem Märzschnee -- nur ihre Fußspuren -blieben dunkel hinter ihnen zurück. Er versuchte, die Kinder zu -unterhalten; fragte, und sie gaben ihre bedächtigen, zurückhaltenden -Antworten. - -Aber auf dem Heimwege waren es die Kinder, die fragten, und -geschmeichelt antwortete er ihnen ausführlich, ohne Vorbehalt. Sie -hatten Bilder von Cowboys in Arizona gesehen, und einer Kokosernte auf -den Philippinen. Er wurde eifrig und tat sein Bestes, um ordentlich -Bescheid zu geben und sich nicht festzufahren. - -O Frühling, Frühling! - -Es war auch ein Frühlingstag, als er mit ihnen, Jenny und Franziska, -nach Viterbo gefahren war. - -Schlank hatte sie in ihrem schwarzen Kleide dagesessen und aus dem -Fenster gestarrt. Wie groß und grau ihre Augen waren -- genau erinnerte -er sich dessen. - -Ueber die Campagna -- hier, wo keine Ruinen standen, die die Touristen -an sich zogen, höchstens hin und wieder in weiten Zwischenräumen eine -zusammengestürzte, formlose und namenlose Mauermasse, oder dieser und -jener kleine Pachthof mit zwei Pinien und einigen spitzen Strohmieten -vor dem Hause -- hier fegten Sturmwolken grauschwarze, zerfetzte -Regenschleier über die öde, braune Weite hin. Die Schafherden drunten -im Tale, wo hin und wieder etwas dorniges Gebüsch an dem Bette eines -Bächleins entlang wucherte, drängten sich zusammen. - -Dann fuhr der Zug zwischen Bergrücken und Wäldern hindurch, -hochstämmigem Eichwald, wo es weiß und blau und gelb in dem alten -verwelkten Laub blühte, wie daheim. Weiße Anemonen, blaue und -schwefelgelbe Primeln. Sie sehnte sich danach, hinauszukommen und sie -zu pflücken, sagte sie -- zu sammeln und zusammenzuraffen im fallenden -Regen, unter den triefenden Zweigen, in dem nassen Laube. „Es ist wie -im Frühling daheim,“ sagte sie. - -Es hatte hier geschneit -- graunasser Frühlingsschnee lag in den Lüften --- an den herabgefallenen Zweigen schmolz er zu hellen Streifen ein. -Die Blumen senkten ihre zusammengeklebten Kelche herab, naß und schwer -vom Schlamm. - -Kleine Wildbäche sprudelten die Abhänge hinab und schlüpften unter den -Bahnkörper. Hier färbte sie der Erdboden rostrot. - -Dann peitschte ein Regenschauer gegen die Abteilfenster und blendete -sie, trieb den Rauch der Lokomotive zur Erde nieder. Später klärte es -sich ein wenig auf, ein Lichtschimmer breitete sich über Tälern und -waldbestandenen Berghalden aus, der Nebel wich über die Gebirge zurück. - -Einige seiner Sachen hatte er in einen der Koffer der jungen Mädchen -gepackt. Abends, als es ihm einfiel, hatten sie bereits begonnen -sich auszukleiden. Sie lachten und plauderten drinnen, als er kam -und an ihre Türe pochte. Jenny öffnete einen Spalt und reichte ihm -das Erbetene hinaus. -- Sie trug eine durchsichtige Frisierjacke mit -kurzen Aermeln, so daß der schmächtige, weiße Arm entblößt war. Der -hatte ihn zum Küssen verlockt, und doch wagte er nur einen einzigen so -flüchtigen, scherzhaften, daß dieser Kuß von selber um Verzeihung bat. - -Damals war er verliebt in sie gewesen. Als er berauscht war vom -Lenz, vom Wein und dem munteren, peitschenden Regen, den hastigen -Sonnenstrahlen und seiner eigenen Jugend und Lebenskraft. Er hatte das -Verlangen, sie mit zum Tanz zu nehmen, das hohe, lichte Mädchen, das so -behutsam lachte, als versuche sie eine neue Kunst, die sie nie zuvor -getrieben. Sie, die mit ihren grauen Augen hinausstarrte, ernst und -sehnsuchtsschwer, auf all die Blumen, an denen sie vorüber fuhren und -die sie so gern hatte pflücken wollen. - -Oh, Herr mein Gott, wie hätte alles sein können! Das trockene, bittere -Schluchzen erschütterte ihn von neuem. - -An jenem Tage, als sie zum Montefiascone emporstiegen, regnete es auch, -daß es um der beiden Frauen geraffte Röcke und schmale Knöchel und Füße -vom Steinpflaster hoch aufspritzte. Wie hatten sie aber gelacht, die -drei, während sie durch die steilen, schmalen Straßen wateten, wo der -Regen ihnen, Wasserfällen gleich, entgegenrauschte. - -Als sie dann auf der Rocca angelangt waren, der Burgklippe inmitten des -kleinen alten Städtchens, da teilten sich die Wolken. - -Sie beugten sich alle drei über die Brustwehr und blickten an den -Bolsenersee hernieder, der tief unter den grünen Hängen mit den -Olivenhainen und Weingärten schwarz dalag. Die Wolken schwebten -niedrig über den Bergkuppen rings um den See. Dann aber lief ein -silberschlanker Regenschauer über den dunklen Wassersspiegel, breitete -sich aus und wurde blau, der Nebel wallte zurück und glitt in Senkungen -und Klüfte, während die Linien der Gebirge hervortraten. Die Sonne -brach durch die herabsinkenden Wolken, die sich golden und bleiernblau -um den Fuß kleiner, von steingrauen Burgstädten gekrönter Berge legten. -Im Norden, weit entfernt, tauchte eine hohe, kegelförmige Spitze auf. -Cesca behauptete, es sei der Monte Amiata. - -Ueber den frisch gewaschenen, blauen Lenzhimmel hin zogen sich die -letzten Reste der Regenwolken fort, schwer und silberverbrämt, vor der -Sonne zerfließend; das Unwetter flüchtete westwärts, dunkel drohend, -dorthin, wo die etrurische Hochebene sich braunschwarz und einsam zum -fernen, weißgelben Glanzstreifen des Mittelmeeres herabsenkte. - -Oede, groß und streng war das Land weithin, wie eine -Hochgebirgslandschaft daheim, trotz der grauen Olivenhaine und -Weinranken, die sich zwischen den Reihen der Ulmen auf den grünen -Hügeln am See hinzogen. - -In den kleinen Anlagen oben rings um die Burgruine warfen die -Steineichen ihre eisenschwarzen alten Blätter von den Zweigen ab, die -schon neue Knospen trugen. Hier waren Hecken von einer Art immergrünen -Buschwerks mit lederartigem Laub. Das junge neue von diesem Frühling -glänzte in unnatürlichem Goldgrün. - -Gemeinsam mit ihr hatte er sich in den Schutz der Hecke gehockt und -seine Jacke vorgehalten, damit sie sich eine Zigarette anzünden könnte. -Der Lenzwind blies eisig scharf und rein hier oben, so daß sie in ihren -nassen Kleidern leicht erschauerte. Ihre Wangen waren rot und die Sonne -glänzte auf dem feuchten, goldenen Haar, das sie sich mit der freien -Hand aus den Augen strich. - -Dort hinauf wollte er reisen. Morgen schon. - -Dort wollte er den Lenz grüßen, den frierenden, nackten, -erwartungsvollen Lenz, dessen Blütenaugen ringsum geblendet sind von -Nässe, vor Kälte im Winde zittern und dennoch blühen. - - * * * * * - -Der Lenz und sie -- sie waren jetzt eins für ihn. O Gott -- sie, die -dort oben stand und fror und lachte, in dem unbeständigen Wetter, und -alle Blumen in ihrem Schoße sammeln wollte. - -„Ach, du meine kleine Jenny, du konntest nicht all die Blumen pflücken, -wie du gewollt, deine Träume erblühten nie -- und jetzt träume ich sie. - -Wenn ich dann lange genug gelebt habe, so daß mich Sehnsucht erfüllt -wie einst dich -- vielleicht tue ich dann wie du und spreche zu meinem -Schicksal, gib mir einige Blüten nur, ich begnüge mich mit weit -Geringerem, als ich ersehnte, da ich mein Leben begann. Und dennoch -sterbe ich nicht, wie du gestorben bist, denn dir konnte es doch nicht -genügen. Ich behalte nur die Erinnerung an dich, küsse deine Perle -und dein goldenes Haar und denke, nein, sie konnte nicht leben, wenn -sie nicht die Beste sein und das Beste als ihr Recht fordern durfte. -Dann sage ich vielleicht, dem Himmel sei Dank, daß sie lieber den Tod -wählte, als so weiterzuleben. - -Aber heute Nacht gehe ich hinaus auf den Petersplatz und lausche des -Springbrunnens ekstatischer Musik, die niemals schweigt und träume -meinen eigenen Traum. - -Ja, Jenny, denn nun bist du mein Traum, niemals habe ich einen anderen -gehabt. -- - -Ach, Träume, Träume. - -Wenn dein Kind gelebt hätte, Jenny, so wäre es nicht geworden, wie du -es dir geträumt hattest, als du den Knaben in deinen Armen hieltest und -ihm deine Brust reichtest. Gut und schön hätte er werden können -- oder -schlecht und häßlich -- nur wie du ihn erträumtest, so wäre er nicht -geworden. -- - -Keine Frau hat je das Kind geboren, von dem sie träumte, als sie -schwanger ging. Kein Künstler hat je das Werk geschaffen, das er in der -Stunde der Eingebung vor sich sah. Wir erleben Sommer auf Sommer, aber -keiner ist wie der, den wir herbeisehnten, als wir uns niederbeugten -und die ersten nassen Blüten unter den Sturmschauern des Lenzes -pflückten. - -Keine Liebe wurde so, wie sie zwei erträumten, die einander zum ersten -Male küßten. Hätten wir, du und ich, zusammen gelebt -- wir hätten -glücklich oder auch unglücklich mit einander werden können; wir konnten -einander unsagbare Freude oder unsagbares Leid zufügen. Jetzt aber -werde ich niemals erfahren, wie unsere Liebe geworden wäre, wenn du -mir angehört hättest. Das Einzige, was ich weiß, ist: so, wie ich -sie erträumte in jener Nacht, als ich mit dir zusammenstand, und der -Springbrunnen im Mondenschein plätscherte -- so wäre unsere Liebe nicht -geworden. Und das ist bitter. -- -- - -Dennoch. -- - -Herr mein Gott -- ich wünsche nicht, daß ich diesen Traum nie geträumt -hätte. Und ich möchte den Traum nicht missen, dem ich mich jetzt -hingebe. - -Jenny, mein Leben wollte ich opfern, könntest du mir droben auf der -Bergklippe begegnen wie einst, könntest du mich küssen, mir nahe sein --- einen Tag nur, eine Stunde. -- Ständig, unablässig muß ich daran -denken, wie unser beider Leben sich gestaltet hätte, wenn du nicht -von mir gegangen, wenn du mein eigen geworden wärest. Ach Jenny, ein -grenzenloses Glück ist verspielt. Du bist nicht mehr und hast mich so -arm, so arm gemacht. Nur meine armseligen Träume umweben dich und irren -ruhelos umher, dich zu suchen. -- Und dennoch. Messe ich meine Armut -an der Anderen Reichtum, so dünkt sie mich überwältigend reich und -strahlend. Sollte ich sie auch mit meinem Leben bezahlen, so würde ich -doch nimmer meine Liebe zu dir, meine Träume und meinen Gram um dich, -wie er mich jetzt zerreißt, hingeben ....“ - - * * * * * - -Gunnar Heggen wußte nicht, daß er in seines Herzens grenzenlosem -Aufruhr seine Arme gen Himmel streckte und halblaut vor sich -hinflüsterte. Die Anemonen, die er gepflückt, hielt er noch immer in -seinen Händen, aber er wußte es nicht. - -Die Soldaten auf der Kasernenmauer lachten über ihn, aber er sah es -nicht. Er preßte die Blumen gegen seine Brust und murmelte leise vor -sich hin, während er sich von dem Sonnenschein, der über dem Grabe lag, -langsam dem dunklen Zypressenhain zuwandte. - - -+Ende.+ - - - - -In demselben Verlage erschienen: - - -HARALD BERGSTEDT - -Alexandersen - -Eine Pilgerfahrt - -Roman - -327 Seiten - - Preis: broschiert M. 27.-- - geb. in starkem Pappband M. 32.-- - -Hamburger Correspondent v. 1. 3. 21: - - .... Lukians köstliche Lügen der milesischen Märchen, Swift Gullivers - Reisen, Wielands Abderiten und nicht zuletzt Andersens Mär vom - fliegenden Teppich scheinen Vorbilder zum Bau dieser prächtigen - Pilgerfahrt gewesen zu sein. Doch es scheint nur so. Das Buch ist - ganz Eigenart -- tief und voll abgeklärter Weltanschauung. .... - -Welt am Montag v. 20. 12. 20: - - .... Gedankentiefe Symbolik, gelegentlich mit heiterer Satire - gewürzt, projiziert Welt und Zeit, in der wir leben, in ein - Märchenreich. Der Skandinavier +Harald Bergstedt+ wird in Deutschland - bald zu den bekanntesten Autoren zählen. .... - - W--r. - -Vossische Zeitung v. 12. 6. 21: - - .... Dieser Roman ist mit einem ganz brillanten Witz, mit einer - ungewöhnlich scharfen Satire erzählt, mit barocken Zwischenstrophen - durchsetzt. In überraschender Fülle drängt sich Bild an Bild. Man - liest in atemloser Spannung, kommt aus dem Lachen nicht heraus, - und überlacht doch niemals den Ernst des Ganzen. Das ist die - ergötzlichste Universal-Zivilisationskarikatur, die mir seit - langem vorgekommen ist. Dieser dänische Küsterssohn hat in seiner - kleinen Provinzstadt -- Saeby -- ein Buch von europäischer Geltung - geschrieben. .... - - -JOHANNES BUCHHOLTZ - -Egholms Gott - -Roman - -224 Seiten - - Preis: broschiert M. 20.-- - geb. in starkem Pappband M. 25.-- - -München-Augsburger Ztg. v. 19. 5. 21: - - .... Tragik und schneidender satirischer Humor verbinden sich in - erschütternder Weise. .... - -Welt am Montag v. 20. 12. 20: - - .... In „Egholms Gott“ lernen wir einen Erzähler kennen, der mit - naturalistischer Schärfe die Tragödie des proletarischen Phantasten - schildert. .... - -Weser-Zeitung v. 12. 2. 21: - - .... In dem starken Werk, das ein Familienschicksal aus der Tiefe - der sozialen Schichtung schildert, einen sich tiefernste Tragik und - satirisch schneidender Humor in ergreifender Weise. - - ur. - -Neues Wiener Tageblatt v. 27. 4. 21: - - .... Buchholtz setzt die Linie der großen skandinavischen Erzähler - einer älteren Generation fort. Die Gestalt dieses Egholm, eines - Typus des nordischen Menschen, ist mit Meisterhand gezeichnet, wie - überhaupt der Roman von hohem, dichterischem Können Zeugnis gibt. - Kein falsches Wort stört, und keine Konzession an sentimentale - Herzen, und er ist von einer weltabgewandten, in sich ruhenden - Gedanklichkeit durchströmt. - - Dr. +Hugo Greinz+. - - -LAURIDS BRUUN - -OANDA - -Roman - -277 Seiten - - Preis: broschiert M. 24.-- - geb. in starkem Pappband M. 30.-- - -Hamburger Correspondent v. 6. 4. 21: - - .... alle diese Schilderungen zeugen von unübertrefflicher - Gestaltungskraft. „Oanda“ ist ein sozialer Roman im besten Sinne des - Wortes, in eigentümlicher Weise verklärt durch die fast märchenhaft - anmutende Gestalt der Heldin selbst. Die musterhafte Übersetzung - und die ausgezeichnete äußere Ausstattung erhöhen noch den Wert des - Buches. - - Dr. +Nagel+. - -Vorwärts v. 5. 6. 21: - - .... Wer Laurids Bruuns frühere Bücher, insbesondere sein van Zantens - Buch kennt, weiß, daß der Verfasser von einem Utopia der Menschengüte - träumt, weiß auch, daß er seinen Träumen Gestalt zu geben versteht. - .... - -Literarisches Echo, 23. Jahrgang, Heft 13: - - Aus den Romanen Laurids Bruuns, die wie sonnige glückliche Inseln im - trüben Meer unserer literarischen Erinnerungen liegen, kehren manche - vertrauten, edlen Menschen in diesem Buche wieder, so daß wir alsbald - in ihm heimisch sind und die Vorgänge sofort Relief und Perspektive - bekommen. .... - - -EJNAR MIKKELSEN - -Sachawachiak der Eskimo - -Ein Erlebnis aus Alaska - -180 Seiten - - Preis: broschiert M. 16.-- - geb. in starkem Pappband M. 20.-- - -Deutsche Allgemeine Zeitung v. 8. 5. 21: - - .... Dieses Buch hätte niemand schreiben können, der nicht selbst - eine Zeit seines Lebens fern von der Kultur, dem Abenteuer - hingegeben, Entbehrungen und Gefahren auf sich genommen hat; aber der - wagemutige Forscher allein hätte es ebensowenig zustande gebracht. - Es gibt in der Erzählung einige Partien, etwa die Schilderung der - rasenden Jagd, in der Sachawachiak seinen Peiniger verfolgt, die an - die grobe Volksepik, an alte Heldenlieder erinnern, an Gogols „Taras - Bulba“ oder Selma Lagerlöfs „Gösta Berling“. .... - -Weser-Zeitung v. 5. 2. 21: - - .... Da sind Urlaute, da pulst -- trotz Schnee und Eis -- ein wildes - Leben. Die Fabel ist eigentlich nur Mittel zum Zweck. Gewiß: die - Zertrümmerung einer primitiven Kultur durch Branntwein und Syphilis - soll sich gestalten, in der Hauptsache aber will der Verfasser, der - als arktischer Forscher einen guten Namen hat, den eigenartigen - Daseinsrhythmus jener nördlichen Himmelsstriche, wo Menschen wohnen, - vergegenwärtigen. .... - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENNY *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country other than the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you will have to check the laws of the country where - you are located before using this eBook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that: - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's website -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/68511-0.zip b/old/68511-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index edc3c50..0000000 --- a/old/68511-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/68511-h.zip b/old/68511-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 41d8bd7..0000000 --- a/old/68511-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/68511-h/68511-h.htm b/old/68511-h/68511-h.htm deleted file mode 100644 index b5bac94..0000000 --- a/old/68511-h/68511-h.htm +++ /dev/null @@ -1,14195 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> -<head> - <meta charset="UTF-8" /> - <title> - Jenny, by Sigrid Undset—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover" /> - <style> /* <![CDATA[ */ - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -div.titelei,div.schmal { - width: 70%; - margin: auto 15%;} - -.x-ebookmaker div.titelei,.x-ebookmaker div.schmal { - width: 90%; - margin: auto 5%;} - -h1,h2,h3 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; - font-weight: normal;} - -h1 {font-size: 450%; font-weight: bold;} -.s1 {font-size: 275%;} -h2,.s2 {font-size: 175%;} -h3,.s3 {font-size: 125%;} -.s4 {font-size: 110%;} -.s5 {font-size: 90%;} -.s6 {font-size: 70%;} - -h2 { - padding-top: 0; - page-break-before: avoid;} - -h2.nobreak { - padding-top: 3em; - margin-bottom: 1.5em;} - -h3 { - page-break-before: always; - padding-top: 2em;} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; - text-indent: 1.5em;} - -p.p0,p.center {text-indent: 0;} - -.mtop1 {margin-top: 1em;} -.mtop2 {margin-top: 2em;} -.mtop3 {margin-top: 3em;} -.mbot1 {margin-bottom: 1em;} -.mbot3 {margin-bottom: 3em;} -.mleft1 {margin-left: 1em;} -.mleft2 {margin-left: 2em;} -.mright2 {margin-right: 2em;} -.mright4 {margin-right: 4em;} -.mright5 {margin-right: 5em;} - -.padtop1 {padding-top: 1em;} -.padtop3 {padding-top: 3em;} -.padtop5 {padding-top: 5em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} - -div.chapter,div.section {page-break-before: always;} - -.break-before {page-break-before: always;} - -.tabcent { - display: block; - text-align: center;} -.csstab { - display: table; - text-align: center; - margin: auto;} -.cssrow {display: table-row;} -.csscell { - display: table-cell; - text-align: left;} - -.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ - /* visibility: hidden; */ - position: absolute; - left: 92%; - font-size: smaller; - text-align: right; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-variant: normal; - text-indent: 0; -} /* page numbers */ - -.blockquot {margin: 1.5em 5% 1.5em 5%;} - -.center {text-align: center;} - -.right {text-align: right;} - -.antiqua {font-style: italic;} - -.gesperrt -{ - letter-spacing: 0.2em; - margin-right: -0.2em; -} - -.x-ebookmaker .gesperrt { - letter-spacing: 0.15em; - margin-right: -0.25em;} - -em.gesperrt -{ - font-style: normal; -} - -.x-ebookmaker em.gesperrt { - font-family: sans-serif, serif; - font-size: 90%; - margin-right: 0;} - -/* Footnotes */ - -.footnote { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; - font-size: 0.9em;} - -.footnote p {text-indent: 0;} - -.footnote .label { - position: absolute; - right: 84%; - text-align: right;} - -.fnanchor { - vertical-align: top; - font-size: .7em; - text-decoration: none; -} - -/* Poetry */ -.poetry-container {text-align: center;} -.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} -.poetry {display: inline-block;} -.poetry .stanza {margin: 1em auto;} -.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} -/* large inline blocks don't split well on paged devices */ -@media print { .poetry {display: block;} } -.x-ebookmaker .poetry { - margin-left: 2em; - display: block;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote { - background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size: smaller; - padding: 0.5em; - margin-bottom: 5em;} - -/* Poetry indents */ -.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} - - -.nohtml {visibility: hidden; display: none;} - -.x-ebookmaker .nohtml {visibility: visible; display: inline;} - - /* ]]> */ </style> -</head> -<body> -<div lang='en' xml:lang='en'> -<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Jenny</span>, by Sigrid Undset</p> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Jenny</span></p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Sigrid Undset</p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Translator: Thyra Dohrenburg</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: July 12, 2022 [eBook #68511]<br> -[Most recently updated: July 11, 2023]</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> - <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Jens Sadowski, Reiner Ruf, and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned images of public domain material, provided by the German National Library.)</p> -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>JENNY</span> ***</div> - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von -1921 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische -Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht -mehr gebräuchliche Schreibweisen, sowie fremdsprachliche Passagen -bleiben gegenüber dem Original unverändert.</p> - -<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden als deren -Umschreibungen dargestellt (Ae, Oe, Ue).</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt, mit -Ausnahme der Buchanzeigen, welche in Antiquaschrift gedruckt -wurden. Passagen in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> -im Buchtext werden in der vorliegenden Bearbeitung kursiv dargestellt. -<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten -Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s2 center padtop3 mbot3 break-before">Jenny</p> - -<p class="s1 center break-before">Sigrid Undset</p> - -<h1>Jenny</h1> - -<p class="s3 center padtop5">Gyldendal’scher Verlag A. G. Berlin</p> - -<p class="s5 center padtop1 mtop3">Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen<br /> -von Thyra Dohrenburg</p> - -<p class="s6 center"><em class="gesperrt">Alle Rechte vorbehalten</em></p> - -<p class="center padtop5">1921<br /> -Druck: Gyldendal’scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei<br /> -Berlin SW 68</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Erstes_Buch">Erstes Buch</h2> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_I">I.</h3> - -</div> - -<p>Die Musik kam über die Via de Condotti, als Helge Gram in der -Dämmerung gerade in die Straße einbog. Die Melodie eines altbekannten -Gassenhauers ertönte in sinnlos rasendem Tempo wie eine wilde Fanfare. -Und die schwarzen kleinen Soldaten stürmten in dem kalten Nachmittag -vorüber, als seien sie mindestens eine römische Kohorte, im Begriff, -sich in fliegendem Laufschritt auf die Heerscharen der Barbaren zu -stürzen. Und sollten doch nur ganz friedlich heimwärts ziehen in -ihre nächtlichen Quartiere. Aber vielleicht war gerade das der Grund -für ihre stürmende Eile, dachte Helge und lächelte. Wie er so stand, -den Mantelkragen gegen die Kälte hochgeschlagen, wallte eine seltsam -historische Stimmung in ihm auf. Aber dann begann er, die wohlbekannte -Melodie mitzusummen, und setzte seinen Weg die Straße hinab fort, in -der Richtung, die, wie er wußte, zum Corso führte.</p> - -<p>An der Ecke blieb er stehen und schaute hinüber. — Das also war der -Corso. Ein unablässig rinnender Strom von Wagen in der engen Straße, -und ein brodelndes Gewimmel von Menschen auf dem schmalen Bürgersteig.</p> - -<p>Er stand und ließ den Strom an sich vorüberziehen und lächelte in -dem Gedanken, daß er nun Abend für Abend auf dieser Straße in der -Dunkelheit durch das Menschengewimmel würde schlendern dürfen, bis sie -ihm ebenso alltäglich geworden war wie die Carl Johannstraße daheim.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> - -<p>Und das Verlangen überkam ihn, noch in dieser Stunde durch alle -Straßen Roms zu laufen — ohne Aufhören — am liebsten die ganze Nacht -hindurch. Das Bild der Stadt stieg in ihm auf, wie sie vor kurzem zu -seinen Füßen gelegen, als er auf dem Pincio stand und dem Untergang der -Sonne zuschaute.</p> - -<p>Wolken breiteten sich über den ganzen Nachthimmel aus, dicht -zusammengedrängt, wie kleine lichtgraue Lämmer. In der Sonne, die -hinter ihm versank, erglühten ihre Ränder golden wie Bernstein. Unter -dem bleichen Himmel lag die Stadt, und plötzlich kam es Helge zum -Bewußtsein: das war Rom! Nicht, wie er es in seinen Träumen erschaut — -nein, wie es jetzt vor ihm lag.</p> - -<p>Alles, was er auf seiner Reise gesehen, hatte ihn enttäuscht, weil -es anders war, als er sich’s im Geiste ausgemalt daheim, in seiner -Sehnsucht hinauszukommen und es selbst zu schauen. Endlich, jetzt -endlich zeigte sich die Wirklichkeit, reicher als all seine Träume.</p> - -<p>Und das war Rom ...</p> - -<p>Eine weite Fläche von Dächern lag in der Talsenkung unter ihm — ein -Gewimmel von Dächern alter und neuer, hoher und niedriger Häuser, die, -wie es schien, aufs Geradewohl und so hoch gebaut worden waren, wie man -ihrer gerade bedurfte, denn nur an wenigen Stellen war die gerade Linie -einer Straße in dem Heer der Dächer deutlich erkennbar. Und diese ganze -Welt unruhiger Linien, die in Tausenden von harten Winkeln aufeinander -stießen, lag erstarrt und still unter dem fahlen Himmel, an dem eine -unsichtbare, sinkende Sonne hier und da einen kleinen Lichtrand an den -Wolken entzündete. Sie lag und träumte unter einem feinen, weißlichen -Nebeldunst, in den sich nicht eine einzige lebende geschäftige -Rauchsäule mischte. Denn ein Fabrikschlot war nicht zu entdecken, -und von den kleinen drolligen Blechschornsteinen, die in die Luft -starrten, rauchte nicht ein einziger. Auf den rotbraunen, runden alten -Dachziegeln machten sich graugelbe Flechten breit, grüne Pflanzen und -kleines Buschwerk mit gelben Blüten wucherte in den Wasserrinnen, am<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> -Rande der Terrassen reihten sich tote und schweigende Agaven in Urnen, -und von den Gesimsen flossen Schlingpflanzen in stillen und toten -Kaskaden. Wo sich das oberste Stockwerk eines höheren Hauses über die -Nachbarn erhob, starrten erstorbene und dunkle Fenster aus rotgelbem -oder grauweißem Mauerwerk — oder schliefen hinter geschlossenen Läden. -Aber aus dem Dunst ragten Altane, Stümpfen alter Wachttürme gleich, und -kleine Lauben aus Holz und Blech erhoben sich auf den Dächern.</p> - -<p>Ueber dem Ganzen schwebten die Kuppeln der Kirchen, Kuppel an Kuppel; -die gewaltige graue weit draußen, jenseits der Stelle, wo Helge den -Lauf des Flusses vermutete, das war St. Peter.</p> - -<p>Aber diesseits des Talkessels, wo die toten Dächer die Stadt -beschützten, die, wie Helge an diesem Abend empfand, mit Recht die -ewige hieß, wölbte ein niedriger Höhenzug seinen langen Rücken gen -Himmel. Er trug in weiter Ferne eine Allee von Pinien, deren Kronen -über der schlanken Säulenreihe der Stämme ineinander liefen. Weit -drüben hinter der Peterskuppel, wo der Blick seine Schranke fand, -erhob sich eine zweite Anhöhe mit lichten Villen zwischen Pinien und -Cypressen. Das mochte wohl der Monte Mario sein.</p> - -<p>Ueber Helges Haupt breitete sich schützend das dunkle, dichte -Laubdach der Steineichen, und hinter ihm plätscherte der Strahl -des Springbrunnens mit einem eigenen lebendigen Laut — das Wasser -klatschte gegen das steinerne Becken und rieselte, überfließend, in das -Bassin hinab.</p> - -<p>Ueber die Stadt seiner Träume, deren Straßen sein Fuß niemals betreten -hatte, deren Häuser nicht eine vertraute Seele bargen, flüsterte Helge -hin: „Roma, Roma, ewige Roma“. Eine Scheu erfaßte ihn vor seinem -eigenen einsamen Ich und ein Bangen vor seiner Ergriffenheit, obwohl er -wußte, hier war niemand, der ihn belauschen konnte. Er wandte sich und -eilte hinab, der Spanischen Treppe zu.</p> - -<p>Nun stand er an der Ecke der Via de Condotti und des Corso und empfand -eine wunderbar süße Beklemmung,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> sollte er doch jetzt der Straße -wimmelndes Leben durchkreuzen und versuchen, sich in der fremden Stadt -zurechtzufinden — er wollte quer hindurch, gerade auf den Petersplatz -zugehen.</p> - -<p>Indem er die Straße überschritt, gingen zwei junge Mädchen an ihm -vorüber. Das waren sicher Norwegerinnen, kam es ihm sofort in den Sinn, -und er empfand eine gewisse Freude bei dem Gedanken. Die eine war -lichtblond und trug einen hellen Pelz.</p> - -<p>Die Straße, der er folgte, mündete auf einen offenen Platz an -einer weißen Brücke. Zwei Reihen Laternen kämpften mit ihren -schwindsüchtigen, grünlichgelben Lichtern gegen den gewaltigen, -bleichen Schein, den der unruhige Himmel ausstrahlte. Am Wasser entlang -zog sich fahl schimmernd eine niedrige steinerne Brustwehr und eine -Baumreihe mit welkem Laub und Stämmen, deren Rinde sich in großen -weißen Fetzen abschälte. Auf der anderen Seite des Flusses brannten -die Gaslaternen unter den Bäumen, die Häusermasse hob sich schwarz -gegen den Himmel ab. Doch diesseits des Stromes flackerte der Schein -des Abendlichtes noch in den Fensterscheiben. Der Himmel war jetzt -fast klar und wölbte sich in durchsichtigem Blaugrün über dem Hügel, -dessen Kamm die Pinien trug; noch segelten aber einige wenige schwere -zusammengeballte Wolkenberge darüber hin, rot und gelb aufleuchtend, -als kündeten sie Sturm.</p> - -<p>Helge stand auf der Brücke still und sah in die Tiber hinab. Wie -trüb das Wasser war! Es stürzte reißend dahin, bunt aufflammend im -Widerschein der abendlich leuchtenden Wolken — riß Zweige, Planken und -Geröll mit sich in seinem weißen steinernen Bett da drunten. Seitwärts -an der Brücke führte eine kleine Treppe zum Wasser hinab. Helge kam der -Gedanke, wie leicht es doch sein müßte, sich eines Nachts, des Treibens -müde, hier aus dem Leben zu schleichen. Ob es wohl jemand tat?</p> - -<p>Er fragte, auf Deutsch, einen Konstabler nach dem Wege zur -Peterskirche; der Konstabler antwortete zunächst auf Französisch, dann -italienisch, und als Helge immer<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> wieder den Kopf schüttelte, redete er -wieder französisch und wies über den Strom. Helge schlenderte in der -gewiesenen Richtung weiter.</p> - -<p>Da stieg eine gewaltige, düstere Steinmasse vor ihm empor, ein -niedriger runder Turm mit zackigen Mauerkränzen von der tiefschwarzen -Silhouette eines Engels gekrönt. — Helge erkannte die Umrisse der -Engelsburg. Sein Weg hatte ihn gerade ihr zu Füßen geführt. Im letzten -Licht des Himmels leuchteten die Statuen drüben auf der Brücke in der -Dämmerung, noch spiegelten die Wellen der Tiber den Schein der roten -Wolken wider. Aber schon schossen die Gaslaternen ihre Lichtpfeile -auf den Strom hinaus. Hinter der Engelsbrücke surrten elektrische -Straßenbahnen mit erleuchteten Fensterscheiben über eine neue -schmiedeeiserne Brücke. Aus den Leitungsdrähten sprühten blauweiße -Funken.</p> - -<p>Helge lüftete den Hut vor einem Manne:</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">San Pietro favorisca?</span>“</p> - -<p>Der Mann zeigte geradeaus und sagte etwas, das Helge nicht verstand.</p> - -<p>Die Straße, in die er einbog, war eng und finster; so hatte er sich -eine italienische Straße oft ausgemalt, und er empfand nun geradezu ein -Gefühl der Wiedersehensfreude. Ein Antiquitätengeschäft lag hier neben -dem anderen.</p> - -<p>Helge schaute mit Interesse in die schlecht erleuchteten Fenster. Das -meiste war Schund; die schmutzigen Streifen aus groben, weißen Spitzen, -auf Schnüren aneinandergereiht — sollten dies italienische Spitzen -sein? Da lagen Scherben und Ueberreste von Tonwaren in staubigen -Schachteldeckeln aus, kleine, giftgrüne Bronzefiguren, alte und neue -Metalleuchter und Broschen mit unechten Steinen. Trotzdem wandelte ihn -unerklärlicherweise eine Lust zum Kaufen an, zu fragen, zu feilschen, -zu handeln —. Er war in einen kleinen dumpfen Laden geraten, fast ohne -selbst zu wissen, wie. Da sah es übrigens lustig aus; es gab seltsame -Dinge aus aller Welt: alte Kirchenlampen, von der Decke herabhängend, -Seidenlappen<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> mit goldgestickten Blumen auf rotem und grünem und weißem -Grunde, zerbrochene Möbel.</p> - -<p>Hinter dem Ladentisch hockte ein gelbhäutiger dunkler Bursche, das Kinn -blau von Bartstoppeln, und las. Er fragte und redete, während Helge -auf dies und jenes zeigte, und „<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">quanto</span>“ sagte. Das einzige, was -Helge begriff, war, daß die Sachen unerhört teuer waren — man müßte -jedenfalls mit dem Kaufen warten, bis man der Sprache mächtig wäre, und -dann gehörig feilschen.</p> - -<p>Drüben auf einem Regal stand Porzellan, Rokokofiguren und Vasen mit -modellierten Rosenbuketts geziert. Sie schienen neu zu sein. Helge -ergriff aufs Geratewohl einen solchen kleinen Gegenstand und setzte ihn -auf den Tisch: „<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">quanto?</span>“</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Sette</span>,“ sagte der Mann und spreizte sieben Finger.</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Quattro.</span>“ Helge streckte vier Finger in die Luft. Er hatte ein -frohes und sicheres Gefühl, als er so plötzlich in die fremde Sprache -gleichsam hinübersprang. Freilich begriff er nichts von dem Protest des -Mannes, doch jedesmal, wenn der andere ausgeredet hatte, kam er mit -seinem <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">quattro</span> und seinen vier Fingern.</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Non antica</span>,“ warf er überlegen hin.</p> - -<p>Der Ladenbesitzer beteuerte jedoch: „<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">antica</span>.“</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Quattro</span>,“ sagte Helge zum letzten Male — jetzt hatte der Mann -nur fünf Finger in der Luft. Als Helge sich zur Tür wandte, rief der -Bursche ihn zurück. Er akzeptierte. Selig nahm Helge den Gegenstand an -sich, der sorgsam in rotes Seidenpapier gehüllt worden war.</p> - -<p>Am Ausgang der Straße konnte er die dunkle Masse des Doms gegen -den Himmel unterscheiden. Er schritt kräftig aus und eilte über -den vorderen Teil des Platzes, dort, wo die Läden mit den hellen -Fenstern lagen und die Bahnen vorübersausten, — auf die beiden -halbkreisförmigen Arkaden zu, die zwei gebogenen Armen gleich sich -um einen Teil des Platzes legten und ihn hineinzogen in die Stille -der Dunkelheit. Helge flüchtete in den Schutz der gewaltigen dunklen -Kirche, die ihre breite Treppe in<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> einer muschelförmigen Zunge bis auf -die Mitte des Marktes hinausschob.</p> - -<p>Die Kuppel der Kirche und die Statuenreihe der Heiligenschar -drüben über dem Dach des Säulenganges hoben sich schwarz gegen das -Helldunkel der Himmelswölbung ab; Baumkronen und Häuser, unregelmäßig -übereinandergestapelt, breiteten sich über der Anhöhe dahinter aus. -Hier waren die Gasflammen machtlos; die Finsternis sickerte durch die -Säulen der Arkaden, ergoß sich von der offenen Vorhalle der Kirche -über die Treppe hinab. Helge ging still hinüber bis an die Kirche, -und schaute neugierig auf die verschlossenen Metalltüren. Dann kehrte -er um und schritt zum Obelisk in der Mitte des Platzes. Hier blieb -er stehen und starrte auf die dunkle Kirche. Den Kopf zurückbiegend -folgte er mit den Augen dem schlanken steinernen Pfeil, der hoch in den -Abendhimmel hinaufragte, dort, wo die letzten Wolken hinter den Dächern -verschwunden waren und die ersten Sterne ihre funkelnden Lichtnadeln -durch die sich vertiefende Dunkelheit schossen.</p> - -<p>Wieder erklang in seinen Ohren der wunderliche durchdringende Laut -von plätscherndem Wasser, das in steinerne Becken herabstürzte, und -das weiche Rieseln des strömenden Ueberflusses, der sich von Schale -zu Schale in das Bassin ergoß. Er ging bis dicht an den einen der -Springbrunnen heran und betrachtete die vollen weißen Strahlen, die wie -in hitzigem Trotz aufschossen und hoch oben zusammenbrachen; dunkel -gegen die Klarheit der Luft, sanken sie hinab in die Finsternis, in der -das bewegte Wasser weiß aufleuchtete. Helge starrte hinauf. Plötzlich -fing ein kleiner Windstoß sich in der Wassersäule und fegte sie über -ihn hinweg. Jetzt plätscherte es nicht mehr klatschend gegen das -steinerne Becken, es rieselte hinab, und Helge war bedeckt von Tropfen, -die in der kalten Abendluft zu Eis erstarrten.</p> - -<p>Dennoch blieb er stehen, lauschte und starrte — schritt vorwärts und -stand wieder — doch ganz behutsam, um das Flüstern in seinem Innern -zu vernehmen. — Jetzt<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> war er also hier, all das, von dem er sich -verzehrend fortgesehnt hatte, lag in weiter, weiter Ferne. Und er trat -noch leiser auf und schlich wie einer, der dem Gefängnis entronnen war.</p> - -<p class="mtop2">Unten an der Ecke der Straße lag ein Restaurant. Dort ging er hinüber. -Unterwegs entdeckte er einen Tabaksladen, wo er sich Zigaretten, -Ansichtskarten und Freimarken kaufte. Während er auf sein Essen wartete -und hin und wieder in langen Zügen vom Rotwein trank, schrieb er Karten -an seine Eltern: „Ich denke an diesem Abend viel an Euch hier unten -—“. Er lächelte schmerzlich — ja, Herrgott, so war es! An die Mutter -schrieb er jedoch: „Ich habe schon eine Kleinigkeit für Dich gekauft, -— das erste, was ich hier in Rom erstanden habe.“ Arme Mutter — wie -mochte es ihr wohl ergehen. Er war in den letzten Jahren oft lieblos -gegen sie gewesen —. Er packte das Geschenk aus — es war sicher eine -Eau de Cologneflasche — und betrachtete es. Dann fügte er noch einige -Zeilen hinzu, er finde sich mit der Sprache zurecht und das Handeln in -den Läden sei gar nicht so schwierig.</p> - -<p>Das Essen war gut, doch teuer. Nun, wenn er sich erst hier eingelebt -hätte, würde er schon lernen, mit Wenigem auszukommen. Gesättigt und -angeregt vom Wein ging er in einer neuen Richtung weiter, entdeckte -lange, niedrige, verfallene Häuser und hohe Gartenmauern, gelangte -durch einen zerstörten Torbogen auf eine Brücke, über die er hinweg -wollte. Ein Mann erschien in der Tür des Zollhauses, hielt ihn an und -machte ihm verständlich, daß er einen Soldo entrichten müsse. Drüben -auf der anderen Seite lag eine große dunkle Kuppelkirche.</p> - -<p>Hier geriet er in einen Wirrwarr finsterer, enger Sackgassen; in der -geheimnisvollen Dunkelheit ahnte er in den Himmel hineinragende alte -Paläste mit vorspringenden Dachgesimsen, vergitterten Fenstern — in -gleicher Front mit elenden Hütten und kleinen Kirchenfassaden. Einen<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> -Bürgersteig hatte die Straße nicht; Helge trat in verdächtigen Abfall, -der im Rinnstein lag und übel roch. Vor den schmalen erleuchteten -Herbergstüren und unter den spärlichen Gaslaternen erblickte er -undeutlich zweifelhafte menschliche Gestalten.</p> - -<p>Er war von dieser Umgebung begeistert und beklommen zugleich — voll -knabenhafter Spannung. Gleichzeitig begann er darüber nachzudenken, -wo ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden sei und wie er zu seinem -Hotel zurückgelangen sollte, das weit fort am anderen Ende der Welt -lag. Er mußte sich wohl eine Droschke leisten.</p> - -<p>So schritt er denn eine neue, enge, ganz menschenleere Gasse hinab. -Zwischen den steilaufragenden Häusern mit den schwarzen Fensterhöhlen, -die ohne Sims aus dem Mauerwerk starrten, zog sich ein Streifen -Himmels hin, klarblau und dunkelleuchtend; unten auf dem holprigen -Steinpflaster wirbelte ein leichter Windstoß Staub und Strohhalme und -Papierfetzen vor sich her.</p> - -<p>Zwei Frauen überholten ihn. Als er sie im Schein einer Laterne -betrachten konnte, durchfuhr es ihn: das waren die, die er heute -Nachmittag auf dem Corso bemerkt und für Norwegerinnen gehalten hatte. -Das helle Pelzwerk der größeren erkannte er sofort wieder.</p> - -<p>Plötzlich kam ihm ein verrückter Gedanke — er wollte ein Abenteuer -versuchen, sie nach dem Wege fragen, um zu hören, ob es Norwegerinnen -seien oder wenigstens Skandinavierinnen. Ihm klopfte aber doch das Herz -ein wenig, als er sich anschickte, ihnen nachzufolgen. Ausländerinnen -waren es sicher.</p> - -<p>Die jungen Mädchen blieben weiter unten vor einem verschlossenen Laden -stehen, setzten aber gleich darauf ihren Weg fort. Helge überlegte: -sollte er „<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">Please</span>“ oder „Bitte“ oder „<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Scusi</span>“ sagen oder -versuchsweise mit einem norwegischen „Verzeihung“ herausplatzen? Wie -lustig, wenn es wirklich Norwegerinnen waren.</p> - -<p>Die Mädchen bogen um die Ecke. Helge war ihnen dicht auf den Fersen und -auf dem Sprunge, sie anzureden.<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Da wandte sich die kleinere halb um -und sagte etwas in italienischer Sprache, leise und empört.</p> - -<p>Helge war herb enttäuscht. Er wollte eben „<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Scusi</span>“ sagen und -verschwinden, als die Große auf Norwegisch zur Freundin sagte: „Nicht -doch, Cesca, nichts sagen — es ist viel klüger, zu tun, als merke man -nichts.“</p> - -<p>„Ich ertrage aber dieses verdammte Italienerpack nicht, das nie ein -Frauenzimmer in Frieden lassen kann,“ erklärte die andere.</p> - -<p>„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte Helge. Die Mädchen blieben stehen -und wandten sich brüsk um.</p> - -<p>„Sie müssen wirklich entschuldigen.“ Helge stammelte und errötete, -ärgerte sich darüber und erglühte nur tiefer in der Dunkelheit. „Ich -bin nämlich heute aus Florenz gekommen, und jetzt habe ich mich in -diesen Winkelgassen vollständig verloren. — Nun glaubte ich, die Damen -seien Norwegerinnen — oder jedenfalls aus Skandinavien — und ich -komme so schlecht mit der italienischen Sprache zurecht — und da kam -mir die Idee —. Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, mir zu -sagen, wo ich eine Straßenbahn finde? Mein Name ist Kandidat Gram“. Er -lüftete wieder den Hut.</p> - -<p>„Ja, wo wohnen Sie denn?“ fragte die Größere.</p> - -<p>„Gleich neben dem Bahnhof, es heißt so ähnlich wie Albergo Torino“, -erklärte ihnen Helge.</p> - -<p>„Dann muß er mit der Trasteverebahn fahren vom San Carlo ai Catenari -aus,“ sagte die Kleine.</p> - -<p>„Nein, Sie steigen besser in die Linie 1 auf dem neuen Corso.“</p> - -<p>„Die geht aber nicht bis zu den Termini“, antwortete wieder die -Kleinere.</p> - -<p>„Aber natürlich. Sie nehmen die, auf der San Pietro-Stazione Termini -steht“, erklärte sie Helge.</p> - -<p>„Die — die fährt doch erst über den Capo de Case und Ludovisi und -so weiter bis ans Ende der Welt — mit der dauert es mindestens eine -Stunde bis zum Bahnhof.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> - -<p>„Nicht doch, Liebes — sie fährt direkt — den kürzesten Weg durch die -Via Nazionale.“</p> - -<p>„Nein —“, beharrte die Kleine. „Sie fährt übrigens erst um den Lateran -herum.“</p> - -<p>Die große Dame wandte sich an Helge:</p> - -<p>„Sie gehen nur die erste Straße zur Rechten hinunter bis zum Flohmarkt. -Dann halten Sie sich links an der Cancelleria, bis Sie auf den neuen -Corso hinausgelangen. Soviel ich mich entsinne, hält die Bahn an der -Cancelleria, jedenfalls gleich in der Nähe; Sie sehen schon das Schild. -Sie müssen aber darauf achten, daß Sie den Wagen bekommen, auf dem San -Pietro-Stazione Termini steht — es ist die Linie 1.“</p> - -<p>Helge blickte mutlos drein, als die jungen Mädchen neben ihm mit -den fremden Namen um sich warfen, als seien es Bälle. Er schüttelte -schließlich den Kopf.</p> - -<p>„Ich fürchte, ich finde mich da nicht zurecht, ich werde doch lieber -gehen, bis ich auf eine Droschke stoße.“</p> - -<p>„Wir begleiten Sie gern bis zur Haltestelle“, sagte die Große wieder.</p> - -<p>Die Kleine brummte mürrisch auf Italienisch etwas vor sich hin, doch -die Große antwortete in verweisendem Tone. Helges Mut sank noch um ein -Beträchtliches durch diese Bemerkungen über seinen Kopf weg, die er -nicht verstand.</p> - -<p>„Ich danke Ihnen, ich möchte Sie wirklich nicht damit belästigen — ich -finde sicher schon irgendwie nach Hause.“</p> - -<p>„Das ist durchaus keine Mühe,“ erwiderte die Große und schickte sich -zum Gehen an. „Wir haben ungefähr denselben Weg.“</p> - -<p>„Es ist recht schwierig, sich in Rom zurechtzufinden“, versuchte Helge, -ein Gespräch in Gang zu bringen. „Jedenfalls in der Dunkelheit.“</p> - -<p>„O nein, man kennt sich schnell aus.“</p> - -<p>„Ich kam also heute hierher — ich kam heute Vormittag mit dem Zuge aus -Florenz.“</p> - -<p>Die Kleine sagte halblaut etwas auf Italienisch. Die Große fragte -hierauf Helge:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> - -<p>„Es ist wohl jetzt kalt in Florenz?“</p> - -<p>„Ja, hundekalt. Ist es nicht hier in Rom milder? Ich schrieb übrigens -gestern nach Hause an meine Mutter und bat um meinen Wintermantel.“</p> - -<p>„Auch hier kann es oft recht scharf und kalt sein. Fühlten Sie sich -wohl in Florenz? Wie lange waren Sie dort?“</p> - -<p>„Vierzehn Tage“, sagte Helge. „Ich glaube, Rom wird mir doch besser -gefallen.“</p> - -<p>Das andere junge Mädchen lachte. Die ganze Zeit über hatte es auf -Italienisch vor sich hingebrummelt. Doch die Große sprach zu ihm mit -ihrer warmen ruhigen Stimme:</p> - -<p>„Ja, ich glaube, es gibt keine Stadt, die man so liebgewinnt wie Rom.“</p> - -<p>„Ihre Freundin ist Italienerin?“ fragte Helge.</p> - -<p>„Nein, Fräulein Jahrmann ist Norwegerin. Wir sprechen Italienisch -miteinander, damit ich es lerne — sie ist nämlich schon sehr weit -darin. Mein Name ist Winge“, fügte sie hinzu. „Dort liegt Cancelleria“, -und sie wies auf einen großen düsteren Palast.</p> - -<p>„Ist der Hofraum so schön, wie man sich erzählt?“</p> - -<p>„Ja, herrlich. — Nun werde ich Ihnen helfen, die richtige Straßenbahn -zu finden.“</p> - -<p>Während sie standen und warteten, kamen zwei Herren quer über die -Straße.</p> - -<p>„Hallo, finden wir Sie hier?“ sagte der eine auf Schwedisch.</p> - -<p>„Guten Abend“, begrüßte sie der andere. „Dann gehen wir doch zusammen -hinüber? Seid Ihr unten gewesen, um Euch die Korallen anzusehen?“</p> - -<p>„Der Laden war geschlossen“, erwiderte Fräulein Jahrmann mißmutig.</p> - -<p>„Wir haben einen Landsmann getroffen, dem wir auf die richtige -Straßenbahn helfen wollen“, setzte Fräulein Winge auseinander und -stellte vor: „Kandidat Gram, Maler Heggen, Bildhauer Ahlin.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> - -<p>„Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner erinnern, Herr Heggen, Gram ist -mein Name — wir lernten uns einmal auf der Mysusenne kennen, vor etwa -drei Jahren.“</p> - -<p>„Ah, ja natürlich. Und nun sind Sie also in Rom?“</p> - -<p>Ahlin und Fräulein Jahrmann hatten abseits gestanden und miteinander -geflüstert. Jetzt ging sie auf die Freundin zu:</p> - -<p>„Du, Jenny, ich gehe heim. Ich bin doch nicht dazu aufgelegt, zu -Frascati zu gehen.“</p> - -<p>„Aber liebes Kind, du hast ja selbst den Vorschlag gemacht.“</p> - -<p>„Ach nein, nicht Frascati — dazusitzen und sich mit dreißig alten -dänischen Weibern beiderlei Geschlechts abzuplagen.“</p> - -<p>„Wir können ja etwas anderes wählen — doch da ist Ihre Straßenbahn, -Kandidat Gram.“</p> - -<p>„Ja, tausend Dank für Ihre Hilfe! Vielleicht sehe ich die Damen einmal -wieder — im Skandinavischen Verein?“</p> - -<p>Die Bahn hielt vor ihnen — da sagte Fräulein Winge:</p> - -<p>„Sie haben vielleicht Lust, sich uns anzuschließen; wir hatten die -Absicht, heute Abend ein wenig zu bummeln, Wein zu trinken und Musik zu -hören.“</p> - -<p>„Ja, danke.“ Helge war unsicher und verlegen und schaute auf die -anderen. „Recht gern, aber —“ er wandte sich vertrauensvoll an -Fräulein Winge mit dem hellen Antlitz und der freundlichen Stimme: „Sie -kennen sich ja untereinander und — nun, ist es nicht am gemütlichsten -für Sie alle, ohne fremde Gesellschaft zu sein?“ Er lachte verlegen.</p> - -<p>„Aber nein, mein Lieber.“ Sie lächelte. „Im Gegenteil — sehen Sie, -dort fährt Ihre Bahn schon — und Heggen kennen Sie ja doch von früher -und jetzt uns. Wir werden schon darauf achtgeben, daß Sie richtig nach -Hause gelangen — wenn Sie also nicht zu müde sind.“</p> - -<p>„Müde! Nein. — Ich möchte sehr gern mit Ihnen zusammen sein“, -versicherte Helge eifrig und erleichtert.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p> - -<p>Die drei anderen begannen, Trattorien vorzuschlagen. Helge kannte -keinen der Namen, die fielen; es war keiner von denen darunter, -die sein Vater erwähnt hatte. Fräulein Jahrmann aber verwarf jeden -Vorschlag.</p> - -<p>„Nun gut, dann gehen wir eben nach St. Agostino. Du weißt, wo es den -roten Wein gibt, Gunnar.“ Jenny Winge schlug ohne weiteres diese -Richtung ein; Helge folgte.</p> - -<p>„Da ist keine Musik“, hatte Fräulein Jahrmann einzuwenden.</p> - -<p>„Aber natürlich — der Scheeläugige und der andere sind dort fast jeden -Abend. Laßt uns doch nur nicht hier stehen und Zeit verlieren.“</p> - -<p>Helge folgte mit Fräulein Jahrmann und dem schwedischen Bildhauer.</p> - -<p>„Sind Sie schon längere Zeit in Rom, Herr Gram?“</p> - -<p>„Nein, ich kam heute Vormittag aus Florenz.“</p> - -<p>Fräulein Jahrmann lachte leise, Helge wurde verlegen. Er überlegte -im Gehen — sollte er nicht doch lieber sagen, daß er müde sei und -dann umkehren? Während sie durch finstere enge Straßen ihren Weg -fortsetzten, plauderte Fräulein Jahrmann ununterbrochen mit dem -Bildhauer und antwortete kaum, wenn er den Versuch machte, mit ihr zu -sprechen. Ehe er sich jedoch entschlossen hatte, sah er das andere Paar -vorn durch eine schmale Tür verschwinden.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_II">II.</h3> - -</div> - -<p>„Was zum Teufel ist nun wieder in Cesca gefahren — ihre Launen kennen -ja nachgerade keine Grenzen mehr; leg Deinen Mantel ab, Jenny, sonst -erkältest Du Dich, wenn Du wieder hinauskommst.“ Heggen hängte Hut und -Frühjahrsmantel an den Ständer und ließ sich in einen Korbsessel fallen.</p> - -<p>„Das arme Ding, ihr geht es augenblicklich nicht gut — und außerdem -lief uns dieser Gram ein Stück nach, ehe er es wagte, uns anzusprechen -und nach dem Wege<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> zu fragen; dergleichen bringt sie immer in Erregung, -und dann, Du weißt ja, — ihr Herz.“</p> - -<p>„Die Aermste. — Frecher Bursche übrigens.“</p> - -<p>„O, nicht doch, er lief ja umher und wußte weder aus noch ein, glaube -ich. Er macht nicht gerade den Eindruck, als habe er Erfahrung im -Reisen. Du kennst ihn?“</p> - -<p>„Keine Ahnung. Aber deshalb kann ich ihn sehr gut mal getroffen haben. -Ah, da sind sie.“</p> - -<p>Ahlin nahm Fräulein Jahrmann den Mantel von der Schulter.</p> - -<p>„Teufel auch,“ meinte Heggen, „wie fein du heut Abend bist, Cesca.“</p> - -<p>Sie lächelte erfreut und strich mit der Hand den Rock über den Hüften -glatt, dann faßte sie Heggen bei den Schultern:</p> - -<p>„Rück’ ein wenig zur Seite — ich will neben Jenny sitzen.“</p> - -<p>„Herr des Himmels, wie ist sie schön,“ dachte Helge. Cescas Kleid war -leuchtend grün, der üppige Busen hob sich aus dem hoch gearbeiteten -Rock wie aus einem Blumenkelch. Die Sammetbluse leuchtete in den -Falten wie gleißendes Gold; aus dem tiefen Ausschnitt wuchs der runde, -mattbraune Hals empor. Sie war sehr brünett; unter der braunen Glocke -des Plüschhutes umschmeichelten kleine kohlschwarze Locken die reinen, -pfirsichroten Wangen. Das Antlitz war ganz jungmädchenhaft, schwere -Lider bedeckten die tiefen, grauschwarzen Augen, und lächelnde Grübchen -verschönten den kleinen, dunkelroten Mund.</p> - -<p>Jenny Winge, so hübsch sie auch war, fiel gegen die Freundin ganz -ab. Sie war ebenso blond wie die andere dunkel: das Haar, von der -hohen weißen Stirn zurückgestrichen, lugte goldig schimmernd unter -dem kleinen grauen Pelzbarett hervor; die Haut war schneeig weiß und -lichtrot. Selbst Augenbrauen und die Wimpern über den stahlgrauen Augen -waren hell — goldbraun. Der etwas bleiche Mund aber schien zu groß für -das schmale Gesicht mit der kurzen geraden Nase und den blaugeäderten<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> -gewölbten Schläfen; wenn sie lachte, zeigte sie eine dichte Reihe -blanker Zähne. Alles übrige an ihr war schmächtig, der lange schlanke -Hals, die Arme, von hellen feinen Härchen bedeckt, und die langen, -mageren Hände. Lang und aufgeschossen, wie sie war, erschien ihr -Körper knabenhaft — sie mußte noch erstaunlich jung sein. Sie trug -kleine weiße Aufschläge an den Ellenbogen und am Halsausschnitt des -hellgrauen, seidenen Kleides, das, leicht und wallend, über der Brust -und an den Hüften gekräuselt war — wohl um ihre Magerkeit etwas zu -verbergen. Den Hals schmückte eine Kette von kleinen mattrosa Perlen, -die sich in rosenroten Lichtpünktchen auf der Haut widerspiegelten.</p> - -<p>Helge Gram hatte sich bescheiden am Ende des Tisches niedergelassen -und folgte der Unterhaltung. Die fremde Gesellschaft sprach von einer -Frau Söderblom, die krank gewesen war. Ein alter Italiener mit einer -schmutzigweißen Schürze über dem dicken Leib kam herbei und fragte nach -ihren Wünschen.</p> - -<p>„Rot, weiß, sauer, süß — was wollen Sie trinken, Gram?“ wandte Heggen -sich an ihn.</p> - -<p>„Kandidat Gram soll sich einen halben Liter von meinem Rotwein -bestellen“, meinte Jenny Winge. „Es ist einer der besten in Rom, und -das will etwas heißen, wissen Sie!“</p> - -<p>Der Bildhauer schob den Damen eine Zigarettendose hin. Cesca griff zu.</p> - -<p>„O, nicht doch, Cesca“, bat Jenny.</p> - -<p>„Nun erst recht“, sagte Cesca „Mir wird nicht besser, auch wenn ich es -lasse. Und ich bin böse heute Abend.“</p> - -<p>„Aber weshalb denn, liebes gnädiges Fräulein?“</p> - -<p>„Ach. — Zum Beispiel weil ich die Korallen nicht bekam.“</p> - -<p>„Brauchtest du sie denn heute Abend?“ fragte Heggen.</p> - -<p>„Nein, aber ich hatte mich doch endlich entschlossen, sie zu kaufen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> - -<p>„Und morgen hast du dich für die Malachitkette entschieden?“ lachte -Heggen.</p> - -<p>„Nein, da irrst du dich, mein Lieber. Aber es ist auch abscheulich. -Jenny und ich stürzten nur der Korallen wegen dort hinüber.“</p> - -<p>„Auf diese Weise trafst du uns aber. Sonst hättet ihr zu Frascati gehen -müssen, worauf du plötzlich auch ärgerlich geworden bist.“</p> - -<p>„Ich wäre sicher nicht zu Frascati gegangen — das schwör’ ich dir, -Gunnar. Und das wäre mir viel besser gewesen. Denn nun will ich rauchen -und trinken und die ganze Nacht durchbummeln, da ihr mich nun einmal -mitgelockt habt.“</p> - -<p>„Ich glaubte, du hättest es vorgeschlagen.“</p> - -<p>„Die Malachitkette war außerordentlich schön, finde ich,“ lenkte Ahlin -ab, „und sehr billig.“</p> - -<p>„Ja, aber Malachit ist in Florenz viel billiger. Diese kostet -siebenundvierzig. Und in Florenz, dort wo Jenny ihre <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">cristallo -rosso</span> kauft, hätte ich sie für fünfunddreißig Lire haben können. -Jenny hat für ihre Kette nur achtzehn gegeben. Er muß mir die Korallen -aber für neunzig Lire lassen.“</p> - -<p>„Ich begreife nicht recht, wie du mit deinem Gelde auskommst“, sagte -Heggen und lachte.</p> - -<p>„Ich mag nicht noch länger darüber sprechen,“ sagte Cesca. „Ich habe -dieses Hin- und Hergerede satt — morgen gehe ich und kaufe die -Korallen.“</p> - -<p>„Sind aber neunzig Lire nicht furchtbar teuer für Korallen?“ wagte -Helge zu fragen.</p> - -<p>„Sie können sich denken, daß es nicht so ganz gewöhnliche sind“, -antwortete Cesca herablassend. „Es sind diese Contadinakorallen — eine -dicke Kette mit Goldverschluß und langen schweren Ohrhängern.“</p> - -<p>„Contadina — ist das eine besondere Art Korallen?“</p> - -<p>„Nein, das sind die, mit denen die Contadine gehen.“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, was eine Contadine ist.“ Helge lächelte schüchtern.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> - -<p>„Ein Bauernmädchen. Haben Sie niemals diese Ketten gesehen, die sie -tragen, diese schweren dunkelroten geschliffenen Korallen?“</p> - -<p>„Meine Perlen haben dieselbe Farbe wie Rindfleisch und die mittelste -ist so groß —“ sie bildete mit Daumen und Zeigefinger eine eigroße -Rundung.</p> - -<p>„Das muß wunderhübsch aussehen —“. Helge griff gierig den -Gesprächsfaden auf. „Ich kenne Malachit oder <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">cristalla rossa</span> -nicht — aber meiner Ansicht nach müßten solche Korallen Ihnen am -allerbesten stehen.“</p> - -<p>„Da können Sie hören, Ahlin — Sie wollten mich ja immer dazu -verleiten, die Malachitkette zu kaufen. Heggens Schlipsnadel ist aus -Malachit — bitte gib sie mir einen Augenblick, Gunnar. Und Jennys -Perlenhalsband besteht aus <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">cristallo rosso</span> — nicht <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">rossa</span> -— rotem Bergkristall, wissen Sie?“</p> - -<p>Sie reichte ihm die Nadel und die Halskette. Die Kette war warm von -ihrem Hals. Helge betrachtete sie einen Augenblick. In jeder Perle -waren gleichsam kleine Spalten, die das Licht aufsogen.</p> - -<p>„Sie müßten Korallen tragen, Fräulein Jahrmann. Wissen Sie, ich glaube, -Sie sehen dann selbst aus wie eine römische Contadina.“</p> - -<p>„Da könnt ihr’s hören.“ Sie lächelte leicht zu Helge hinüber und summte -vergnügt vor sich hin. „Da könnt ihr’s selbst hören.“</p> - -<p>„Sie haben ja auch einen italienischen Namen,“ fuhr Helge eifrig fort.</p> - -<p>„Ach, der stammt noch von der italienischen Familie, bei der ich im -vorigen Jahre wohnte, sie veränderten den häßlichen Namen, den ich von -meiner Großmutter geerbt habe, und so behielt ich den italienischen -bei.“</p> - -<p>„Francesca,“ sagte Ahlin leise.</p> - -<p>„Ich kann mir Sie nur als Francesca denken — Signorina Francesca.“</p> - -<p>„Warum denn nicht Fräulein Jahrmann. Wir können leider nicht -italienisch miteinander sprechen. Sie können ja die Sprache nicht.“ Sie -wandte sich an die<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> anderen. „Jenny und Gunnar, morgen kaufe ich also -die Korallen.“</p> - -<p>„Ja, das haben wir schon gehört,“ meinte Heggen.</p> - -<p>„Aber ich will sie für neunzig haben.“</p> - -<p>„Ja, man muß aber handeln,“ sagte Helge erfahren. „Ich war heute -Nachmittag irgendwo in der Nähe der Peterskirche in einem Laden und -erstand dies hier für meine Mutter. Er verlangte sieben Lire, ich -bekam es aber für vier. Finden Sie es nicht billig?“ Er stellte den -Gegenstand auf den Tisch.</p> - -<p>Franziska betrachtete ihn verächtlich.</p> - -<p>„Die kosten anderthalb auf dem Fischmarkt. Ich habe im vorigen -Jahre zwei von der gleichen Art für jedes unserer Mädchen zu Hause -mitgebracht.“</p> - -<p>„Der Mann behauptete, es sei antik,“ wandte Helge unsicher ein.</p> - -<p>„Das sagen sie immer, wenn sie merken, daß die Leute kein Verständnis -dafür haben. Und nicht Italienisch können.“</p> - -<p>„Es gefällt Ihnen also nicht?“ fragte Helge niedergeschlagen und hüllte -es wieder in das rosa Papier. „Finden Sie nicht, daß ich es meiner -Mutter schenken kann?“</p> - -<p>„Ich finde es greulich,“ sagte Franziska. „Aber ich kenne ja den -Geschmack Ihrer Mutter nicht.“</p> - -<p>„Was soll ich denn nun aber mit diesem Ding anfangen?“ seufzte Helge.</p> - -<p>„Schenken Sie es getrost Ihrer Mutter,“ meinte Jenny Winge. „Sie freut -sich gewiß, daß Sie ihrer gedacht haben. Und außerdem — zu Hause haben -die Leute Gefallen an solchen Dingen. Wir hier unten, wir sehen zuviel.“</p> - -<p>Franziska griff nach Ahlins Zigarettendose, aber er weigerte sich, sie -ihr zu geben. Einen Augenblick flüsterten sie heftig miteinander. Dann -schleuderte sie das Etui von sich:</p> - -<p>„Guiseppe.“</p> - -<p>Helge begriff, daß sie beim Wirt Zigaretten bestellen wollte. Ahlin -fuhr auf:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> - -<p>„Liebes Fräulein Jahrmann — ich meinte ja nur — Sie wissen doch, daß -Sie das viele Rauchen nicht vertragen.“</p> - -<p>Franziska erhob sich, Tränen in den Augen.</p> - -<p>„Das ist gleichgültig, ich gehe nach Haus.“</p> - -<p>„Fräulein Jahrmann — Francesca.“ Ahlin hielt ihr den Mantel, während -er leise bettelte. Sie trocknete ihre Augen mit dem Taschentuch.</p> - -<p>„Doch — ich will heim. Kinder — ihr seht doch, daß ich heute Abend -unmöglich bin. Nein, ich will nach Haus — allein — nein Jenny, du -darfst nicht mit mir gehen.“</p> - -<p>Heggen erhob sich ebenfalls. Helge saß verlassen am Tisch.</p> - -<p>„Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß wir dich zu nächtlicher Stunde -allein gehen lassen,“ meinte Heggen.</p> - -<p>„Ahso, du verbietest mir’s vielleicht?“</p> - -<p>„Ja, allerdings.“</p> - -<p>„Still doch, Gunnar,“ sagte Jenny Winge. Sie schob beide Herren zur -Seite — sie setzten sich schweigend nieder — während Jenny, den -Arm um Franziskas Hüfte gelegt, diese mit sich zog und leise mit ihr -sprach. Kurz darauf kamen beide wieder an den Tisch zurück.</p> - -<p>Die Gesellschaft war jedoch verstimmt. Franziska lag halb in Jennys -Arm — sie hatte ihre Zigaretten bekommen, rauchte und schüttelte den -Kopf zu Ahlins Versicherungen, daß die seinen besser wären. Jenny -hatte eine Schale mit Früchten bestellt; sie verzehrte eine Mandarine -und schob hin und wieder eine Scheibe in Franziskas Mund. Oh — wie -hübsch Franziska doch war, wie sie dalag, mit einem kleinen betrübten -Kindergesicht und sich von der Freundin füttern ließ. Ahlin starrte sie -ununterbrochen an, und Heggen zerbrach abgebrannte Zündhölzer in kleine -Stümpfchen und steckte sie in die Mandarinenschalen.</p> - -<p>„Sind Sie schon länger in Rom, Kandidat Gram?“ fragte er.</p> - -<p>Helge versuchte humorvoll zu sein:</p> - -<p>„Ich pflege zu sagen, daß ich heute Vormittag mit dem Zuge aus Florenz -kam.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> - -<p>Jenny lachte höflich — Franziska jedoch lächelte ersterbend.</p> - -<p>Im gleichen Augenblick trat ein barhäuptiges, dunkelhaariges Mädchen -mit einem frechen, fetten bleichen Gesicht zur Türe herein. In der -Hand trug sie eine Mandoline. Hinter ihr her trippelte ein kleiner, -verwitterter Bursche von schäbiger Eleganz mit einer Guitarre.</p> - -<p>Jenny plauderte — wie zu einem Kinde.</p> - -<p>„Sieh nur, Cesca, das ist Emilia — jetzt bekommen wir Musik.“</p> - -<p>„Das bringt Leben herein,“ sagte Helge. „Ziehen diese Volkssänger hier -in Rom wirklich immer noch von Osteria zu Osteria?“</p> - -<p>Die Volkssänger begannen mit einem modernen Gassenhauer. Das Mädchen -hatte eine seltsam hohe, klare, metallische Stimme.</p> - -<p>„O pfui, nicht doch!“ Franziska erwachte: „Das wollen wir doch nicht -hören — wir wollen natürlich etwas Italienisches haben — ‚<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">la luna -con palido canto</span>‘ — nicht wahr?“</p> - -<p>Sie schlüpfte zu den Musikanten hinüber und begrüßte sie wie alte -Freunde — lachte und gestikulierte, ergriff die Guitarre und schlug -ein paar Töne an, während sie die eine oder andere Melodie dazu summte.</p> - -<p>Die Italienerin sang. Süß und schmeichelnd flatterte die Melodie, -begleitet vom Klingen der Metallsaiten, durch den Raum, und Helges -Freunde sangen den Kehrreim mit. Das Lied handelte von <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">amore</span> und -<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">bacciare</span>.</p> - -<p>„Es ist ein Liebeslied, nicht wahr?“</p> - -<p>„Ein feines Liebeslied,“ lachte Franziska. „Uebersetzt darf es nicht -werden, aber auf italienisch klingt es wunderhübsch.“</p> - -<p>„Ach, so häßlich ist es doch nicht,“ sagte Jenny Winge. Sie wandte sich -mit ihrem zuvorkommenden Lächeln an Helge: „Nun, Kandidat Gram, finden -Sie es nicht gemütlich hier? Ist der Wein nicht gut?“</p> - -<p>„Ja, ausgezeichnet. Und das Lokal ist gewiß sehr charakteristisch.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> - -<p>Er hatte jedoch den Mut vollständig verloren. Jenny Winge und Heggen -wandten sich hin und wieder an ihn, er vermochte aber nicht, ein -Gespräch in Fluß zu halten. Schließlich begannen die anderen, sich -miteinander zu unterhalten — über Gemälde. Der schwedische Bildhauer -saß nur da und betrachtete Franziska. Die fremdartigen Melodien -schwirrten von den klingenden Metallsaiten auf — an ihm, Helge, -vorüber — als ein Gruß an die anderen. Der Raum, in dem er sich -befand, war, wie er sein mußte: der Fußboden aus gelbem Backstein, -die Wände und die Deckenwölbung, weißgekalkt, ruhten auf einer dicken -Mittelsäule, die Tische waren vorschriftsmäßig ungestrichen, und -die Stuhlsitze aus grünen Weiden geflochten. Die Luft war säuerlich -durchzogen von gegorenem Brodem, der aus den Weinfässern hinter dem -marmorenen Schenktisch aufstieg.</p> - -<p>Künstlerleben in Rom! Es war ungefähr, als betrachte er ein Bild oder -lese eine Beschreibung darüber in einem Buch. Nur mit dem Unterschied, -daß er sich hier überflüssig fühlte — so hoffnungslos einsam. Solange -man es in den Büchern oder auf den Bildern erlebte, konnte man im -Traume mit dabei sein. Er war jedoch davon überzeugt, daß er sich unter -diesen Leuten nie einleben würde.</p> - -<p>Zum Teufel, das war auch das Beste! Im Grunde taugte er ja gar nicht -dazu, unter Leuten zu sein — erst recht nicht unter Menschen dieser -Art. Wie gedankenlos Jenny Winge nun nach dem dicken, undurchsichtigen -Glas mit dem dunkelroten Weine griff! — Für ihn war es eine -Sehenswürdigkeit — sein Vater hatte davon erzählt — ihn auf das Glas -aufmerksam gemacht, das jenes Mädchen auf Marstrands Römischem Bilde, -im Kopenhagener Museum, in der Hand hielt. Nach Jenny Winges Ansicht -taugte das Bild sicher nichts. — Diese jungen Damen hatten sicher -niemals vom Hofraum des Bramante in der Cancelleria gelesen — „dieser -Perle der Renaissancearchitektur“. Sie hatten ihn vielleicht zufällig -eines Tages entdeckt, als sie auf dem Flohmarkt waren, um sich Perlen<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> -und anderen Staat zu kaufen — hatten wohl begeistert ihre Freunde -herbeigeholt, um ihnen diese neue Herrlichkeit zu zeigen, die sie sich -nicht hätten träumen lassen. — <em class="gesperrt">Die</em> hatten wohl kaum in den -Büchern nachgelesen über jeden Stein und jeden Ort, bis die Augen davon -schmerzten, und all der Schönheit ringsum sich verschlossen, die sie -nicht schon in den Träumen daheim erschaut. Sie konnten sich vielleicht -an irgendeiner weißen Säule erfreuen, die zum blauen Südhimmel -emporragte, ohne pedantische Neugier, welcher Tempel und welchen -vergessenen Gottes Heiligtum einst dort gestanden hatte.</p> - -<p>Geträumt hatte er — und gelesen. Und er machte die Erfahrung — -nichts sah in Wirklichkeit dem gleich, was er erwartet hatte. Alles -wurde so grau und hart in des klaren Tages Licht — der Traum hatte -sein Phantasiegebilde in ein weiches Halbdunkel gehüllt, es harmonisch -abgerundet zu einem Ganzen vereint und über die Ruinen Sommergrün -gebreitet. Er war nun gekommen, um nachzuschauen, ob all das, worüber -er gelesen, auch auf seinem rechten Platze stand. Später könnte er es -auf der Höheren Töchterschule aus den Büchern aufzählen und sagen, -daß er es gesehen — und doch würde er nichts berichten können über -Dinge, die er selbst entdeckt. Nichts würde er kennenlernen außer dem, -wovon er gelesen. Wenn er auf lebendiges Material stieß, versuchte er, -unter ihnen eine der toten, erdichteten Gestalten zu finden, wie er -sie kannte — ob einer wie sie dabei war. Wie sollte er auch etwas von -lebendigen Menschen wissen, er, der niemals gelebt ....</p> - -<p>Heggen dort, mit dem dicken roten Mund, träumte jedenfalls kaum -von romantischen Abenteuern <span class="antiqua">à la</span> Romanbibliothek aus dem -Familienjournal, wenn er Abends auf Roms Straßen mit einem kleinen -Mädchen anbändelte.</p> - -<p>Helge begann zu verspüren, daß er Wein getrunken hatte.</p> - -<p>„Wenn Sie jetzt gehen und sich zu Bett legen, so haben Sie morgen -Kopfweh,“ sagte Jenny Winge zu ihm, als sie wieder draußen auf der -finsteren Gasse standen. Die<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> drei anderen gingen voraus; Helge folgte -mit ihr in geringem Abstand.</p> - -<p>„Ehrlich gesagt, Fräulein Winge, finden Sie nicht, daß Sie da einen -schrecklich langweiligen Burschen mitbekommen haben?“</p> - -<p>„Nein, mein Lieber. Es liegt ja nur daran, daß Sie uns nicht kennen und -wir Sie nicht — noch nicht jedenfalls.“</p> - -<p>„Mir wird es so schwer, mich anzuschließen — es gelingt mir eigentlich -niemals. Ich hätte nicht mitgehen sollen, als Sie so liebenswürdig -waren, mich heute Abend einzuladen. Zum Amüsieren scheint man auch -Uebung haben zu müssen.“ Er versuchte zu lachen.</p> - -<p>„Ja gewiß.“ Helge konnte an ihrer Stimme hören, daß Jenny lächelte. -„Ich war fünfundzwanzig, ehe ich begann, mich zu üben, und weiß Gott, -der Anfang war auch für mich nicht leicht.“</p> - -<p>„Sie? Ich glaubte, daß Sie Künstlerleute immer ... Uebrigens dachte -ich, Sie hätten es noch weit bis fünfundzwanzig.“</p> - -<p>„Oh, Gott sei Dank, ich bin schon weit darüber.“</p> - -<p>„Und da sagen Sie Gott sei Dank? — Und ich dagegen als Mann. — Ich -weiß nicht — jedes Jahr, das gleichsam von mir abbröckelt, hinabsinkt -in die Ewigkeit, ohne etwas gebracht zu haben — außer der demütigen -Erkenntnis, daß die Mitmenschen mich nicht brauchen, mich nicht zu den -ihren rechnen —“ Helge hielt plötzlich erschrocken inne. Er fühlte wie -seine Stimme zitterte, hatte auch die Empfindung, als sei er ein wenig -angetrunken, da er so zu einer Dame sprach, die er nicht einmal kannte. -Er fuhr jedoch, gegen seine eigene Scheu ankämpfend, fort: „Ich finde, -es ist völlig hoffnungslos. Wenn mein Vater von der Jugend seiner Zeit -erzählte — sie führten große Worte im Munde von goldenen Illusionen -und dergleichen. Zum Teufel, ich habe in all den Jahren nicht eine -einzige Illusion gehabt, von der ich hätte Wesens machen können. Und -die Jahre sind verflossen — verloren — nicht wiederzuerlangen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> - -<p>„Das dürfen Sie nicht sagen, Kandidat Gram. Nicht ein Jahr unseres -Lebens ist verloren, solange man es nicht so weit getrieben hat, -daß Selbstmord der einzige ist. Ich glaube nicht, daß die Alten -aus der Zeit der goldenen Illusionen besser daran waren — ihre -Jugendillusionen verschlossen ihnen das Leben. Wir — die meisten -jungen, die ich kenne, begannen ohne Illusionen — wir wurden -hinausgeschleudert in den Kampf um die Existenz, fast alle, ehe wir -recht erwachsen waren. Wir waren von Anfang an auf das Schlimmste -gefaßt. Doch eines Tages lernten wir erkennen, daß wir uns dennoch -mancherlei Gutes herausholen könnten. Dies und jenes geschah, wobei wir -dachten, erträgst du das, so hältst du auch das Messer aus. Bekommt -man auf die Weise erst ein wenig Selbstvertrauen, dann gibt es keine -Illusionen, deren uns zufällige Verhältnisse und Mitmenschen berauben -können.“</p> - -<p>„Ach — Verhältnisse — oder Zufall! Wenn sie stärker sind als wir -selbst, so hilft uns auch das Selbstvertrauen nicht!“</p> - -<p>„Ja,“ sie lachte. „Natürlich — wenn ein Schiff in See geht — so kann -der Zufall wollen, daß es havariert. Ein Gußfehler im Rade und alles -zerspringt. Ein Zusammenstoß ... Aber die ziehen wir nicht in Betracht. -Und was die Verhältnisse betrifft, so müssen wir sie zu bekämpfen -suchen. Meist findet man am Schluß doch einen Ausweg.“</p> - -<p>„Sie sind also durchaus optimistisch, Fräulein Winge?“</p> - -<p>„Ja.“ Sie schwieg. „Ich bin es geworden, als ich so nach und nach die -Erfahrung machte, wieviel die Menschen wirklich ertragen können, ohne -den Mut zum Weiterkämpfen zu verlieren — und ohne schlecht zu werden.“</p> - -<p>„Das ist es ja eben — ich finde, sie werden schlecht. Verdorben — -oder jedenfalls verkleinert.“</p> - -<p>„Nicht alle. Und der Umstand, daß <em class="gesperrt">einige</em> sich vom Leben nicht -verderben oder — verkleinern lassen, finde ich, genügt, um uns -optimistisch zu machen. — Wir wollen hier einkehren,“ sagte sie.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> - -<p>„Dies gleicht eher einer Montmartrekneipe oder ähnlichem, finde ich — -nicht wahr?“ Helge sah sich um.</p> - -<p>An den Wänden des winzigkleinen Lokales entlang liefen schmale -plüschüberzogene Bänke. Kleine Marmortische standen umher, und auf dem -Schenktisch brannte eine Flamme unter zwei großen Nickelkochern.</p> - -<p>„Oh. Derartige Lokale sind wohl überall gleich,“ sagte Jenny. „Kennen -Sie Paris?“</p> - -<p>„Nein — ich dachte nur —“</p> - -<p>Er wurde plötzlich ohne jeden Anlaß verwirrt. So ein kleines -Kunstmädel, das sich natürlich nach eigenem Gutdünken in der Welt -umhertummelt — Gott übrigens mochte wissen, woher ihresgleichen das -Geld nahm. Es schien ebenso natürlich, daß man in Paris gewesen war -wie eines Abends im Café Dronningen in Kristiania. — Für diese Art -von Menschen war es weiß Gott ein Leichtes, von Selbstvertrauen zu -sprechen. Ein kleiner Liebeskummer in Paris, den sie in Rom vergaß, das -war vielleicht das Schwerste, das sie durchgemacht. Und nun fühlte sie -sich so verteufelt keck und übermütig und erfahren, daß sie meinte, das -ganze Leben ertragen zu können.</p> - -<p>Ihre Figur war eigentlich unschön, obgleich sie ein frisches Antlitz -hatte mit wunderbaren Farben.</p> - -<p>Am meisten reizte es ihn aber, mit Franziska Jahrmann zu plaudern. Sie -sprühte jetzt vor Lebendigkeit, war jedoch von Ahlin und Heggen völlig -in Anspruch genommen. Unterdes verzehrte Jenny Winge Spiegeleier mit -trockenem Brot und trank kochend heiße Milch dazu.</p> - -<p>„Hier scheint mir verdächtiges Publikum zu verkehren,“ wandte Helge -sich an sie. „Die reinen Verbrechertypen alle miteinander, finde ich.“</p> - -<p>„O ja, hier findet man Menschen von jeder Sorte. Sie dürfen nicht -vergessen, Rom ist eine moderne Großstadt. Es gibt viele Leute, die in -Nachtschicht arbeiten. Und dieses Lokal ist eines der wenigen, die um -diese Stunde noch geöffnet sind. Sind Sie nicht hungrig? Ich werde mir -jetzt schwarzen Kaffee kommen lassen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p> - -<p>„Halten Sie immer solange aus?“ Helge sah nach der Uhr. Es war um die -vierte Stunde.</p> - -<p>„Aber nein“, sie lachte. „Nur hin und wieder. Wir sehen uns den -Sonnenaufgang an und essen dann zusammen unser Frühstück. Heute Abend -ist es nun Fräulein Jahrmann, die nicht nach Hause will.“</p> - -<p>Helge wußte selber kaum, weshalb er sitzen blieb. Man trank irgendeinen -blaugrünen Likör, der ihn ganz taumelig machte, indes die anderen -lachten und plauderten. Um ihn her schwirrten Namen von Menschen und -Orten, die er nicht kannte.</p> - -<p>„Nein, hört mal, Douglas mit seinen Moralpredigten, kommt mir nicht -damit! Ihr müßt nämlich wissen — eines Morgens waren wir allein oben -im Aktsaal, er und der Finne. Ihr entsinnt euch doch, Lindberg und ich, -und wir beide gingen hinunter, um etwas Kaffee zu trinken — es war im -Juni vergangenen Jahres. Als wir zurückkamen, saß Douglas da, das Mädel -im Arm. Nun, wir taten, als sei nichts vorgefallen. Er lud mich aber -seitdem nie mehr zum Tee ein.“</p> - -<p>„Herrgott,“ meinte Jenny, „war es denn so gefährlich?“</p> - -<p>„Mitten im Frühling — in Paris,“ lachte Heggen. „Laß dir’s gesagt -sein, Cesca: Norman Douglas <em class="gesperrt">war</em> ein feiner Kerl — du darfst -nicht das Gegenteil behaupten, und geschickt; er zeigte mir einige -wunderhübsche Sachen von den Befestigungswerken draußen.“</p> - -<p>„Ja — und besinnst du dich auf das Bild vom Père Lachaise — mit den -violetten Perlenkränzen links unten?“ sagte Jenny.</p> - -<p>„Ja gewiß, das war verflucht hübsch — und das kleine Mädchen am -Klavier.“</p> - -<p>„Ach, aber stellt euch doch vor, das häßliche Modell,“ sagte Franziska -wieder. „Es war obendrein die fette, ältliche, mit dem hellen Haar. Und -dabei hat er sich doch so tugendhaft angestellt.“</p> - -<p>„Er war es auch,“ sagte Heggen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> - -<p>„Pah. Und ich war eben im Begriff, mich aus diesem Grunde in ihn zu -verlieben.“</p> - -<p>„Ah so, das ändert die Sache allerdings erheblich.“</p> - -<p>„Ja, er hatte oftmals um mich angehalten,“ sagte Franziska -gedankenvoll. „Und ich hatte mich eigentlich entschlossen, Ja zu sagen. -Nun war es freilich ein Glück, daß ich es nicht tat.“</p> - -<p>„Hättest du ihm dein Jawort gegeben,“ meinte Heggen, „so hättest du ihn -niemals mit dem Modell im Arm zu sehen bekommen.“</p> - -<p>Franziskas Antlitz veränderte sich mit einem Male vollständig. Ein -blitzartiges Zucken lief über die weichen Züge. Dann lachte sie:</p> - -<p>„Ach — ihr seid alle miteinander gleich — ich traue nicht einem von -euch, basta. <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Per bacco.</span>“</p> - -<p>„So dürfen Sie nicht denken, Francesca.“ Ahlin hob einen Augenblick den -Kopf.</p> - -<p>Sie lachte wieder.</p> - -<p>„Ach, ich will mehr Likör haben, Herrschaften.“</p> - -<p class="mtop2">Gegen Morgen ging Helge an Jennys Seite durch dunkle, ausgestorbene -Straßen. Einmal machte die Gesellschaft vorn Halt. Auf einer -Steintreppe hockten zwei halbwüchsige Burschen. Franziska und Jenny -sprachen mit den Jungen und gaben ihnen Geld.</p> - -<p>„Bettler?“ fragte Helge.</p> - -<p>„Ich weiß es nicht — der große sagte, er trüge Zeitungen aus.“</p> - -<p>„Die Bettler hierunten sind wohl im Grunde nur Simulanten?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht — einige vielleicht — oder die meisten. Viele -schlafen jedoch auf der Straße, sogar mitten im Winter. Mancher ist -verkrüppelt.“</p> - -<p>„Ich sah es in Florenz. Es ist ein Skandal, daß Leute mit so -scheußlichen Wunden oder furchtbar verunstaltet umhergehen und betteln -dürfen! Das Armenwesen müßte sich dieser Jammergestalten annehmen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> - -<p>„Ich weiß nicht recht. Es ist nun einmal so hier unten. Wir Fremden -können ja nicht darüber urteilen. Es geht ihnen vielleicht besser so — -sie verdienen mehr auf diese Art.“</p> - -<p>„Auf dem Piazzale Michelangelo beobachtete ich einen Bettler ohne Arme -— die Hände saßen ihm oben auf den Schultern. Ein deutscher Doktor, -mit dem ich zusammen wohnte, sagte, er besäße eine Villa bei Fiesole.“</p> - -<p>„Na also, ist das nicht sehr gut?“</p> - -<p>„Daheim bei uns lernen die Krüppel arbeiten,“ wandte Helge ein, „so daß -sie sich auf ehrliche Weise durchschlagen können.“</p> - -<p>„Zu einer Villa reicht es aber kaum,“ sagte sie und lachte.</p> - -<p>„Dennoch — ist etwas Demoralisierenderes denkbar, als davon zu leben, -daß man seine Verkrüppelungen zur Schau stellt?“</p> - -<p>„So oder so, das Bewußtsein, daß man ein Krüppel ist, wirkt sicher -immer demoralisierend.“</p> - -<p>„Trotzdem, — davon zu leben, daß man das Mitleid der Leute anruft —.“</p> - -<p>„Wer ein Krüppel ist, weiß ja doch, daß er bemitleidet wird und Hilfe -annehmen <em class="gesperrt">muß</em> — von Menschen oder Gott.“</p> - -<p>Jenny stieg ein paar Treppenstufen hinan und hob den Zipfel eines -Türvorhanges in die Höhe, der einer schlottrigen Matratze ähnlich sah. -Sie standen in einer winzig kleinen Kirche.</p> - -<p>Auf dem Altar brannte Licht. Der Schein brach sich mannigfaltig in -den Messingstrahlen des Glorienkranzes über dem Monstranzschrank, -flimmerte unruhig auf Leuchtern und Metallgegenständen und ließ die -Papierrosen in den Vasen auf dem Altar blutigrot und goldgelb erglühen. -Ein Priester las, mit dem Rücken gegen das Publikum, lautlos in einem -Buche; ein paar Chorknaben huschten hin und her, neigten und bekreuzten -sich und machten Bewegungen, deren Sinn Helge nicht verstand.</p> - -<p>Sonst war der kleine Kirchenraum dunkel — in zwei Seitenschiffen -flackerten winzige Nachtlämpchen, an dunkelleuchtenden<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Metallketten -vor Bildern schwebend, die noch düsterer erschienen als die Dunkelheit.</p> - -<p>Jenny Winge kniete auf einem Rohrschemel nieder. Sie legte ihre Hände -gefaltet vor sich auf das Pult und beugte den Kopf leicht hintenüber, -so daß ihr Profil sich scharf gegen den weichen Goldglanz der Lichter -abhob, der in dem hochgestrichenen Haarschopf flimmerte und sanft über -die schlanke nackte Wölbung des Halses hinfloß.</p> - -<p>Heggen und Ahlin holten sich lautlos ein paar Rohrstühle herbei, die um -eine der Säulen übereinandergestapelt waren.</p> - -<p>Dieser stille Gottesdienst vor Tagesgrauen war eigentlich seltsam -und stimmungsvoll. Gram folgte gespannt jeder Bewegung des Priesters -am Altar. Einer der Chorknaben hängte ihm ein weißes Tuch mit einem -goldenen Kreuz über die Schultern. Jetzt nahm der Priester die -Monstranz vom Schrank über dem Altar, wandte sich um und hielt sie -hoch ins Licht. Die Knaben schwenkten die Weihrauchkessel; kurz darauf -drang scharfer, süßlicher Rauch zu ihnen hinüber. Helge wartete jedoch -vergebens auf Musik oder Gesang.</p> - -<p>Jenny kokettierte augenscheinlich ein wenig mit dem Katholizismus, -indem sie niederkniete. Heggen starrte geradeaus auf den Altar, -er hatte den einen Arm um Franziskas Schulter gelegt — sie war -eingeschlummert und hatte sich an ihn geschmiegt. Ahlin konnte er nicht -sehen, er saß hinter einer Säule und schlief sicher ebenfalls.</p> - -<p>Seltsam war es, hier mit diesen wildfremden Menschen zu sitzen. Helge -fühlte sich einsam — aber jetzt schmerzte dieser Gedanke nicht. Jene -freie, glückliche Stimmung vom vergangenen Abend kehrte zurück —. Er -betrachtete die anderen, die beiden jungen Mädchen. Jenny und Franziska -— er wußte nun ihre Namen, viel mehr aber auch nicht. Und keine von -ihnen ahnte, was es für ihn bedeutete, hier zu sitzen, was er nun alles -zurückgelassen hatte, all die schmerzlichen Kämpfe daheim, vor denen -er geflohen. Niemand kannte die Hindernisse, an denen er sich müde -gearbeitet, die Fesseln, die ihn eingeschnürt<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> hatten. Eine wundersame, -fast hochmütige Freude erfüllte ihn bei diesem Gedanken, und seine -Augen ruhten mit nachsichtigem Mitleid auf den beiden Frauen. So junge -Dinger wie Cesca und Jenny, unverbraucht und frisch, mit kleinen -unumstößlichen Ansichten hinter den weißen, glatten Jungmädchenstirnen. -Zwei frische hübsche Mädels, die ihren geraden Weg durchs Leben -schritten, hier und da, wie zum Zeitvertreib, wohl ein kleines -Steinchen beiseite räumen mußten, von Schicksalen wie dem seinen aber -nichts wußten.</p> - -<p>Er fuhr auf, als Heggen seine Schultern berührte, und errötete; er war -eingenickt.</p> - -<p>„Nun, Sie haben auch einen kleinen Schlummer getan, wie ich sehe“, -sagte Heggen.</p> - -<p>Draußen standen die hohen stillen Häuser in der grauen Dämmerung — -schliefen mit geschlossenen Läden in allen Stockwerken. In einer -Seitenstraße ratterte eine klappernde Straßenbahn vorüber, eine -Droschke holperte über das Steinpflaster, und hier und da schlich eine -verfrorene, schläfrige Gestalt den Bürgersteig entlang.</p> - -<p>Sie bogen in eine Straße ein, an deren Ausgang man den Obelisk vor der -Trinitat dei-Monti-Kirche erblicken konnte — er hob sich weiß gegen -des Pincio schwarze Steineichen ab. Nicht eine Menschenseele war zu -sehen und nicht ein Laut zu hören außer ihren eigenen Schritten auf den -Steinen und dem Rieseln einer kleinen Fontäne in irgend einem Hofe. Und -weit entfernt durch die Stille plätscherte der Springbrunnen auf dem -Monte Pincio gegen das steinerne Becken. Helge erkannte den Ton wieder, -und als sie dem Laut nachgingen, schoß in ihm ein feiner zarter Strahl -von Glückseligkeit auf — es war, als erwarte ihn seine eigene Freude -vom verflossenen Abend da droben an dem springendem Quell unter den -Steineichen.</p> - -<p>Er wandte sich an Jenny, ohne zu ahnen, daß seine Augen und seine -Stimme für seine kleine Freude baten:</p> - -<p>„Hier oben stand ich gestern abend und sah die Sonne untergehen. Es -war so wunderlich. Jahrelang habe ich dafür gearbeitet — mein Wunsch -war es, Archäologe zu<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> werden. Aber nach meinem zweiten Examen mußte -ich die Lehrtätigkeit ergreifen. Immer habe ich auf den Tag gewartet, -an dem ich hierher kommen würde — mich gleichsam darauf vorbereitet. -Und doch — als ich dann hier stand, so plötzlich — war ich gänzlich -unvorbereitet.“</p> - -<p>„Ja,“ meinte Jenny, „ich verstehe das sehr gut.“</p> - -<p>„Uebrigens, als ich gestern aus dem Zug gestiegen war, da sah ich es -gleich alles vor mir liegen: die Ruinen der Termen, die schweren, -gelben, von der Sonne überfluteten Mauerreste, und mitten unter -ihnen die großartigen Neubauten mit Kaffees und Kinematographen, -die Straßenbahnen auf dem Platz, die Anlagen und die herrlichen -Springbrunnen mit ihren übervollen Wasserbecken ... Die alten Mauern -inmitten der modernen Häuserblocks und das Getriebe der Stadt -ringsumher — gerade das fand ich so schön.“</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie mit fröhlicher Stimme und nickte. „Ich liebe es auch -sehr.“</p> - -<p>„Und dann ging ich hinab. Altertum und Neuzeit vereint! Ueberall -Springbrunnen, rieselnd und rauschend und plätschernd. Ich ging -geradenwegs zum St. Peter; es dunkelte, als ich dort ankam, und ich -stand und betrachtete die beiden Fontänen auf dem Platz. Hier in der -Stadt springen sie wohl die ganze Nacht hindurch.“</p> - -<p>„Die ganze Nacht — fast überall hört man Springbrunnen. Die Straßen -hier sind ja so still des Nachts. Dort, wo wir wohnen, Franziska und -ich, ist eine kleine Fontäne unten im Hof. Wir haben einen Balkon vor -unseren Zimmern, und wenn es abends milde ist, sitzen wir draußen und -lauschen dem Rinnen bis in die tiefe Nacht hinein.“</p> - -<p>Sie hatte sich auf das Steingeländer gesetzt. Helge Gram stand am -gleichen Ort wie am Abend vorher und sah wieder über die Stadt mit -ihren Höhenzügen im Hintergrund, den grauweißen und verwitterten. -Und der Himmel spannte sich darüber so hell und klar wie über<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> dem -Hochgebirge. Er sog die reine, eiskalte Luft in vollen Zügen ein.</p> - -<p>„Nirgends auf der Welt,“ sagte Jenny, „ist der Morgen so wie hier in -Rom. Ich habe das Gefühl, als schlafe die ganze Stadt — einen Schlaf, -der leichter und leichter wird — und plötzlich ist sie erwacht, -ausgeruht und frisch. Heggen meint, es käme von den Fensterläden; da -sind keine Scheiben, die das Morgenlicht einfangen.“</p> - -<p>Sie hatten den Rücken dem Morgengrauen und dem goldenen Himmel -zugewandt, gegen den sich die Pinienkronen des Medicigartens und die -beiden kleinen Türme der Kirche mit den Wimpeln auf der Spitze hart -und scharf abzeichneten. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Die -graue Häusermasse dort unten aber begann langsam Farben auszustrahlen -— es schien, als würde das Mauerwerk auf zauberhafte Weise von innen -her mit Farben durchleuchtet; einige Häuser glühten in tiefem Rot auf, -bis dies ganz langsam in einen rosenfarbenen Schein überging, andere -schimmerten gelblich, andere wieder weiß. Die Villen draußen auf dem -dunklen Höhenzug des Monte Mario erhoben sich leuchtend aus den braunen -Grashängen und schwarzen Zypressen.</p> - -<p>Bis plötzlich draußen von den Höhen hinter der Stadt ein Blinken kam -wie von einem Stern; da war doch eine Fensterscheibe, die den ersten -Sonnenstrahl eingefangen hatte. Das dunkle Laub dort drüben flammte auf -wie das Gold von Oliven.</p> - -<p>Eine kleine Glocke drunten in der Stadt begann zu läuten.</p> - -<p>Cesca lehnte sich müde an ihre Freundin:</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Il levar del sole.</span>“</p> - -<p>Helge bog den Kopf weit zurück und starrte in das kühle Blau der -Himmelskuppel. Jetzt schoß ein Sonnenstrahl hervor, die höchste Spitze -der Wassersäule des Brunnens streifend. Die Tropfen da droben funkelten -azurblau und golden.</p> - -<p>„Ah — Gott segne Euch alle miteinander, ich bin so schauderhaft müde,“ -sagte Franziska und gähnte so<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> laut sie konnte. „Uuh, so kalt. Jenny, -erfrier dir deinen zarten Körperteil nicht auf den kalten Steinen — -nun will ich zu Bett — <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">subito</span>.“</p> - -<p>„Ja, müde.“ Heggen gähnte. „Wir wollen heim, Herrschaften. Das heißt, -ich trinke erst eine Tasse kochende Milch auf meiner Latteria. Gehen -wir also?“</p> - -<p>Sie schlenderten die Spanische Treppe hinab. Helge betrachtete all -die kleinen grünen Blättchen, die zwischen den weißen Steinstufen -hervorlugten.</p> - -<p>„Seltsam, daß sie hier gedeihen, wo so viele Menschen gehen und alles -niedertreten.“</p> - -<p>„Oh ja, es sprießt hier überall, wo sich nur ein wenig Erde zwischen -zwei Steinen findet. Sie hätten im letzten Frühjahr das Dach sehen -sollen, unter dem wir wohnen. Dort wächst ein kleines Feigenbäumchen -zwischen den Dachziegeln. Cesca macht sich solche Sorge, daß es den -Winter nicht überdauert — und wovon soll es leben, wenn es größer -wird? Sie hat es gezeichnet.“</p> - -<p>„Ihre Freundin malt auch, wie ich hörte?“</p> - -<p>„Ja, Cesca ist sehr talentvoll.“</p> - -<p>„Ich besinne mich jetzt, ich sah im vergangenen Herbst auf der -staatlichen Kunstausstellung ein Bild von Ihnen,“ sagte Helge ein wenig -zaghaft. „Rosen in einer Kupferschale.“</p> - -<p>„Ja, das hab’ ich im Frühling hier unten gemalt. Jetzt bin ich nicht -mehr damit zufrieden —. Ich war im Sommer zwei Monate in Paris und -finde, daß ich in der Zeit sehr viel gelernt habe. Ich habe es aber -verkaufen können, für dreihundert Kronen; das war der Preis, für den -ich es ausgeschrieben hatte. Ja, einiges ist übrigens ganz gut daran.“</p> - -<p>„Sie malen etwas modern — aber das tun Sie gewiß alle?“</p> - -<p>Jenny lächelte leise, antwortete aber nicht.</p> - -<p>Die anderen standen am Fuß der Treppe und warteten. Jenny reichte allen -die Hand und sagte Guten Morgen.</p> - -<p>„Das sieht dir doch wieder ähnlich,“ sagte Heggen. „Ist es dein Ernst, -jetzt hinaufzugehen und zu arbeiten?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> - -<p>„Gewiß.“</p> - -<p>„Du bist völlig irrsinnig.“</p> - -<p>„Jenny, komm’ mit nach Haus,“ jammerte Franziska.</p> - -<p>„Warum soll ich nicht arbeiten, wenn ich nicht müde bin? Ja, Kandidat -Gram, jetzt sollten Sie wohl eine Droschke haben und heimfahren.“</p> - -<p>„Ja. Uebrigens: ist das Postamt nicht um diese Zeit geöffnet? Ich weiß, -es soll nicht so weit von der Piazza di Spagna entfernt sein.“</p> - -<p>„Dort muß ich vorüber — dann können Sie ja mit mir gehen.“</p> - -<p>Sie nickte ein letztes Mal den anderen zu, die sich anschickten, -heimzuziehen. Franziska hing an Ahlins Arm, taumelnd vor Müdigkeit.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_III">III.</h3> - -</div> - -<p>„Nun, Sie haben also Post bekommen,“ sagte Jenny. Sie hatte in der -Vorhalle des Postamtes gewartet. „Jetzt werde ich Ihnen zeigen, mit -welcher Straßenbahn Sie fahren müssen.“</p> - -<p>Der Platz war vom Sonnenschein weiß überflutet, die Luft noch -morgenfrisch und rein. Doch schon wimmelten Wagen und Menschen in -geschäftiger Eile in den engen Straßen.</p> - -<p>„Wissen Sie, Fräulein Winge — ich fahre nicht nach Haus; ich bin -jetzt so wach wie nur irgend möglich. Ich hätte die größte Lust, einen -Spaziergang zu machen. Ist es aufdringlich, wenn ich frage, ob ich Sie -ein kleines Stückchen Wegs begleiten darf —?“</p> - -<p>„Aber gar nicht —. Doch wie werden Sie nachher zu Ihrem Hotel -zurückfinden?“</p> - -<p>„Pah, am hellichten Tage.“</p> - -<p>„Freilich, eine Droschke treffen Sie überall an.“</p> - -<p>Sie kamen auf den Corso hinaus. Sie nannte die Namen der Paläste, war -ihm aber jeden Augenblick ein Stück voraus, da sie schnell ausschritt -und sich geschmeidig<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> durch die vielen Menschen wandte, die sich schon -auf dem schmalen Bürgersteig drängten.</p> - -<p>„Mögen Sie Wermut?“ fragte sie; „ich will eben hier hinein und einen zu -mir nehmen.“</p> - -<p>Sie leerte das Glas in einem Zuge, während sie am marmornen Schenktisch -der Bar stand. Helge fand keinen Geschmack an dem bittersüßen Getränk, -das zur Hälfte mit Chinin gemischt war. Es war aber etwas Neues für ihn -und es gefiel ihm, so unvermittelt in eine Bar zu laufen.</p> - -<p>Jenny bog in schmale Gassen ein, wo die Luft noch nächtlich kühl und -dumpf war. Nur hoch oben streifte der Sonnenschein die Mauern der -Häuser. Helge schaute mit überwachen Sinnen um sich, betrachtete die -blaugestrichenen Karren mit Maultiergespannen, deren Sattelzeug mit -Messingbeschlägen und roten Troddeln geschmückt war, sah barhäuptige -Frauen und schwarze Kinder, kleine billige Läden und die Verkaufsstände -für Obst und Gemüse in den Torwegen. In einer Häusernische stand ein -alter Mann und briet Schmalzgebäck auf einem kleinen Herd. Jenny kaufte -einige Kuchen und bot sie Helge. Er lehnte jedoch dankend ab. Ein -Teufelsmädchen! Sie aß die Kuchen mit gesundem Appetit, ihm aber wurde -übel bei der bloßen Vorstellung, eines dieser fettriefenden Stücke -zwischen die Zähne zu bekommen, noch dazu mit dem Wermutgeschmack -im Mund und nach dem Genuß der vielen Getränke in dieser Nacht. Und -außerdem — so schmierig wie der Alte war.</p> - -<p>Seite an Seite mit verfallenen, armseligen Häusern, wo graufarbenes -Leinenzeug zum Trocknen zwischen den brüchigen Fensterläden hing, lagen -große, wuchtige Paläste mit vergitterten Fenstern und ausladenden -Gesimsen. Einmal ergriff Jenny ihn am Arm — ein brandrotes Automobil -kam tutend aus einem Barockportal, wendete schwerfällig und sauste -die schmale Straße hinauf, deren Rinnstein mit Müll und Kohlblättern -angefüllt war.</p> - -<p>Helge ging und genoß. Wie südlich fremd war hier alles .. Sein einziges -inneres Erlebnis seit vielen Jahren<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> war immer nur der Zusammenstoß -seiner phantastischen Traumwelt mit der kleinlichen Wirklichkeit -des Alltags gewesen, bis er schließlich gleichsam aus Notwehr -gelernt hatte, seine Träumereien zu belächeln und seiner Phantasie -eine Richtung ins Reale zu geben. So versuchte er auch jetzt, sich -unwillkürlich klar zu machen, daß in diesem romantischen Quartier -die gleiche Art von Menschen lebte wie in anderen großen Städten. -Ladenmädchen und Fabrikarbeiter, Typographen und Telegraphisten — -Menschen, die tagtäglich in Geschäften, auf Kontoren und an Maschinen -ihre Arbeit verrichteten und nicht anders waren wie überall auf der -Welt. — Er spann den Gedanken jedoch mit einer seltsamen Freude weiter -aus, weil diese Straßen und Häuser, die seinen Traumgebilden glichen, -doch helle Wirklichkeit waren.</p> - -<p>Sie traten auf einen offenen Platz hinaus. Hier umfing sie die Sonne -mit ihren weißen weichen Strahlen und befreite sie vom letzten Hauche -klammer, dumpfer Luft aus den kleinen Gassen, die sie durchwandert -hatten. Jenseits des Platzes war der Erdboden kreuz und quer zerwühlt, -Berge von Schutt und Müll und Stapel alten Gerölls lagen einträchtig -beieinander. Alte, verfallene Häuser, zum Teil halb niedergerissen mit -gähnenden Höhlen, vervollständigten in Gemeinschaft mit antiken Ruinen -das Bild der Verwüstung.</p> - -<p>An einigen zerstreut liegenden Gebäuden vorbei, die verlassen standen, -als habe man nur vergessen, sie niederzureißen, gelangten Jenny und -Helge auf den Platz am Vestatempel. Hier lag die große neue Dampfmühle -und dort das schöne alte Kirchlein mit seiner Säulenhalle und dem -schlanken Glockenturm. Und im Hintergrunde stieg der Aventinerhügel -klar zum sonnigen Himmel empor, mit den Klöstern auf dem Gipfel, -staubiggrauen Bogen namenloser Ruinen in den Gärten auf den Hängen, -überwuchert von schwarzem Efeu, grauem kahlen Dorngebüsch und gelbem, -winterwelken Gras.</p> - -<p>Immer wieder hatten diese Ruinen ihn enttäuscht, in Deutschland wie -in Florenz. Er hatte von ihnen gelesen<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> und sie im Geiste mit einem -romantischen Rahmen aus grünem Laub umgeben. Blumen sah er in den -Mauerspalten blühen, wie auf alten Kupferstichen oder Theaterkulissen. -In Wirklichkeit waren sie schmutzig und verstaubt; vergilbtes Papier, -zerbeulte Blechbüchsen, schmutziger Abfall hatte sich ringsum -angesammelt, rauhe, winterliche Luft entströmte dem Gemäuer. Die -einzige Vegetation des Südens bildeten grauschwarzes Immergrün, nacktes -dorniges Gebüsch und das welke, farblose Gras.</p> - -<p>An diesem sonnigen, durchsichtigen Morgen aber wurde es ihm plötzlich -klar, daß sie, betrachtete man sie mit den rechten Augen, dennoch schön -sein konnten. —</p> - -<p>Hinter der Kirche schlug Jenny einen Weg ein, der zwischen Gärten -hindurch führte. Pinien ragten dahinter auf und der Efeu fiel in losen -Ranken über die Mauern. Sie machte Halt und entzündete eine Zigarette.</p> - -<p>„Ja,“ erklärte sie, „ich bin dem Tabak verfallen, doch Cesca verträgt -das Rauchen nicht, ihres Herzens wegen, darum muß ich mich mäßigen, -wenn sie dabei ist; hier draußen dampfe ich wie eine Lokomotive — da -sind wir.“</p> - -<p>Ein kleines gelbes Haus lag vor ihnen, von einem Reisiggitter -eingezäunt. Im Garten standen ein Tisch und Bänke unter zwei großen, -kahlen Ulmen, und eine Laube, aus Binsen geflochten. Jenny begrüßte -vertraulich ein altes Weib, das in die Tür getreten war.</p> - -<p>„Wie wär’s mit einem Frühstück, Kandidat Gram —?“</p> - -<p>„Kein übler Gedanke. Vielleicht etwas starken Kaffee — und Brot und -Butter —.“</p> - -<p>„Gott segne Sie — Kaffee! und Butter! Eier und Brot und Wein — Salat -und Käse vielleicht —. Ja, sie hat Käse, sagt sie. Wieviele Eier -möchten Sie haben?“</p> - -<p>Während die Frau den Tisch deckte, brachte Jenny Staffelei und Malgerät -heraus. Ihren langen blauen Abendmantel vertauschte sie gegen eine von -Oelfarbenflecken bedeckte Wetterjacke.</p> - -<p>„Darf ich mir Ihr Bild anschauen?“ fragte Helge.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> - -<p>„Ja, — ich werde wohl das Grün abtönen müssen, es liegt so hart auf. -Bis jetzt ist kein rechtes Licht über dem Ganzen. Der Hintergrund ist, -glaube ich, gut.“</p> - -<p>Helge betrachtete das kleine Bild, auf dem die Bäume wie große grüne -Flecken standen. Er konnte nichts Besonderes daran finden.</p> - -<p>„Ah, das Essen steht bereit! Sie kriegt sie an den Kopf, wenn sie -hartgekocht sind. — Nein, Gottseigelobt!“</p> - -<p>Helge war nicht hungrig. Jedenfalls brannte ihm jetzt der Hals von dem -sauren, weißen Wein, und das ungesalzene trockene Brot konnte er kaum -herunterbringen. Jenny zermalmte große Stücke davon zwischen ihren -weißen Zähnen, stopfte kleine Bissen Parmesankäse dazu in den Mund und -trank Wein, denn drei Eiern hatte sie bereits den Garaus gemacht.</p> - -<p>„Daß Sie das gräßliche Brot so trocken essen können,“ sagte Helge.</p> - -<p>Sie lachte:</p> - -<p>„Ich finde dieses Brot so gut. Butter habe ich kaum zu sehen bekommen, -seit ich von Kristiania fort bin. Die pflegen Cesca und ich nur für -Gesellschaften zu kaufen. Wir müssen nämlich sparen, sehen Sie.“</p> - -<p>Er lachte auch:</p> - -<p>„Was nennen Sie sparen — Perlen und Korallen —.“</p> - -<p>„Ach, — das ist Luxus —. Ich finde beinahe, das ist das Notwendigste -— ein wenig jedenfalls. Nein, wir wohnen billig und essen billig, -kaufen Seidenschärpen und trinken ein paar Wochen lang des Abends Tee -und genießen trockenes Brot und Rettiche dazu.“</p> - -<p>Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und entzündete eine neue Zigarette. Das -Kinn auf die Hand gestützt, saß sie und sah hinaus:</p> - -<p>„Nein, Kandidat Gram. Sehen Sie — hungern — ja, ich habe das niemals -erleben müssen, aber es kann ja noch einmal kommen. — Heggen zum -Beispiel hat es durchgemacht — und doch gibt er mir Recht. Es ist -besser, zu wenig vom Notwendigen zu haben, als niemals etwas von dem, -was eigentlich überflüssig ist. Das<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Ueberflüssige, eben das ist es, -wofür man arbeitet, wonach man sich sehnt —.</p> - -<p>Daheim bei meiner Mutter — da hatten wir das dringend Notwendige ja -immer — freilich. Aber nichts darüber. Das mußte eben so sein — die -Kinder sollten ja Essen haben.“</p> - -<p>Helge lächelte ein wenig unsicher:</p> - -<p>„Ich kann mir Sie gar nicht als einen Menschen denken, der jemals die -Bekanntschaft mit — mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten gemacht hat!“</p> - -<p>„Wieso?“</p> - -<p>„Nein, Sie sind so unverzagt, so frei und sicher. Wenn man in engen -Verhältnissen aufgewachsen ist, wo man nichts anderes hört als Sparen, -da wagt man es bald nicht mehr, sich Anschauungen zuzulegen — in -weiterem Sinne. Es ist peinlich, zu wissen, daß der Mammon alles -regiert und daß man Mittel besitzen muß, will man sich Pläne und eine -eigene Meinung gestatten.“</p> - -<p>Jenny nickte nachdenklich.</p> - -<p>„Das braucht man nicht, wenn man gesund und frisch ist und etwas kann.“</p> - -<p>„Nun zum Beispiel ich. Ich habe immer geglaubt, ich hätte die -Fähigkeiten zu wissenschaftlicher Arbeit. Das ist das einzige Ziel, das -ich mir gesetzt. Ich habe einige kleine Bücher geschrieben — etwas -ganz Populäres natürlich; jetzt arbeite ich jedoch an einer Abhandlung: -das Bronzezeitalter in Südeuropa. Ich bin aber Lehrer und habe eine -sehr gute Stellung. Bin Leiter einer Privatschule.“</p> - -<p>„Jetzt sind Sie aber doch hierher gekommen, um zu arbeiten, wenn ich -Sie heute Morgen recht verstand,“ sagte sie lächelnd.</p> - -<p>Helge antwortete nicht darauf:</p> - -<p>„So erging es meinem Vater auch. Er wollte Maler werden — das Einzige, -wozu er Lust hatte. Er hielt sich auch ein Jahr lang hier auf. Dann -verheiratete er sich. Jetzt hat er nun eine lithographische Werkstätte -— hat sie sechsundzwanzig Jahre hindurch in Gang gehalten,<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> zum Teil -unter großen Schwierigkeiten — Ich glaube nicht, daß er der Meinung -ist, er habe viel vom Leben gehabt.“</p> - -<p>Jenny sah gedankenvoll in den Sonnenschein hinaus. In der Senkung -ihnen zu Füßen wuchsen Küchengemüse in Reihen mit kleinen bescheidenen -Blätterbüscheln über der grauen Erde. Draußen über den grünen Wiesen -leuchteten die Ruinen auf dem Palatin, gelbschimmernd in dem dunklen -Laub. Der Tag versprach warm zu werden. Die Albanerberge drüben hinter -den Pinien der fernen Villengärten lagen in dämmrigem Dunst unter dem -tauigen Blau des Himmels.</p> - -<p>„Aber — Kandidat Gram.“ Sie nippte an ihrem Glase, den Blick -noch immer in die Ferne gerichtet. Helge folgte mit den Augen dem -lichtblauen Rauch ihrer Zigarette — ein kleiner Lufthauch erfaßte -diesen und wirbelte ihn hinaus in die Sonne. Jenny hatte das eine -Bein über das andere geschlagen — über den ausgeschnittenen -perlenbestickten Schuhen erschienen die schmalen Knöchel in dünnen -violetten Strümpfen. Die Wetterjacke stand offen über dem faltigen, -silbergrauen Kleide mit dem weißen Kragen und über dem Perlenband, -welches rosenrote Lichtflecken auf ihren milchweißen Hals warf. Die -Pelzmütze auf dem blonden, welligen Haar war weit zurückgeglitten.</p> - -<p>„So haben Sie jedenfalls eine Stütze an Ihrem Vater — er versteht Sie -und weiß, daß Sie nicht an die Schule gefesselt sein dürfen, da Ihnen -eine andere Arbeit am Herzen liegt?“</p> - -<p>„Das weiß ich nicht. Er freute sich zwar sehr, daß ich Gelegenheit -hatte, ins Ausland zu kommen. Aber —“ Helge zögerte, „sehr vertraut -miteinander sind mein Vater und ich nie gewesen. Meine Mutter dagegen -quälte mich mit ihrer ständigen Sorge, daß ich mich überanstrengen -könnte, daß meine Zukunft nicht genügend gesichert sei. Und meiner -Mutter widerspricht mein Vater nicht. Sie sind grundverschieden, Vater -und Mutter. Sie hat ihn wohl nie verstanden. So überschüttete sie dann -uns Kinder mit ihrer heißen Liebe — in meiner Kindheit war<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> sie mir -unendlich viel — doch diese Liebe begleitete eine blinde Eifersucht. -Mutter fürchtete sogar, daß Vater mehr Einfluß auf mich gewinnen könne -als sie. Auch auf meine Arbeit war sie eifersüchtig, weil ich mich -abends einschloß, um zu studieren und zu schreiben, wissen Sie. Sie -sorgte sich, wie gesagt, um meine Gesundheit und fürchtete, daß ich den -Einfall bekommen könne, meinen Posten aufzugeben —.“</p> - -<p>Jenny nickte einige Male gedankenvoll.</p> - -<p>„Der Brief, den ich eben holte, war von ihnen.“ Helge zog ihn hervor -und betrachtete ihn, öffnete ihn jedoch nicht. — „Heut ist nämlich -mein Geburtstag,“ sagte er und versuchte ein Lächeln. „Ich werde heute -sechsundzwanzig.“</p> - -<p>„Ich gratuliere.“ Jenny reichte ihm die Hand.</p> - -<p>Der Blick, den sie auf ihn richtete, war so, wie wenn sie Franziska zu -betrachten pflegte, wenn diese sich an sie schmiegte.</p> - -<p>Sie hatte bisher noch nicht auf Grams Aussehen geachtet, hatte nur den -Eindruck, daß er groß und fein gebaut und dunkel war, und daß er einen -kleinen Spitzbart trug. Eigentlich hatte er hübsche regelmäßige Züge -und eine hohe, etwas schmale Stirn. Seine Augen waren hellbraun, mit -einem eigenen durchsichtigen Bernsteinglanz, der kleine Mund unter dem -Schnurrbart war weich und fein, er zeigte eine leise Wehmut.</p> - -<p>„Ich verstehe Sie so gut,“ sagte sie plötzlich „Ich kenne das. Ich -war selbst Lehrerin bis Weihnachten vorigen Jahres. Ich kam fort als -Erzieherin und blieb dabei, bis ich alt genug war, um im Seminar -anzufangen.“ Sie lachte etwas verlegen. „Ich reiste fort — gab meine -Stellung an der Volksschule auf — da ich eine Kleinigkeit von einer -Tante meines Vaters erbte. Ich habe ausgerechnet, es kann etwa drei -Jahre reichen — vielleicht auch länger — und wenn ich etwas verkaufen -kann —. Aber meine Mutter war natürlich nicht damit einverstanden, daß -ich die ganze Summe aufbrauchen wollte. Und daß ich kündigte, nachdem -ich endlich nach all den Jahren,<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> in denen ich mich mit Vertretungen -und Privatschülern abgeplagt hatte, fest angestellt worden war. Ein -festes Einkommen, — das halten die Mütter ja immer für das Wichtigste —.“</p> - -<p>„Ich glaube fast, daß ich es in Ihrer Stelle nicht gewagt hätte, so -alle Brücken hinter mir abzubrechen —. Ich weiß sehr wohl, es ist der -Einfluß meines Vaterhauses. Ich wäre die Angst nicht losgeworden, wovon -ich leben sollte, wenn das Geld verbraucht sein würde.“</p> - -<p>„Kleinigkeit,“ sagte Jenny. „Ich bin ja frisch und stark und kann -sehr viel. Nähen, kochen und plätten und waschen. Auch Sprachen. In -Amerika oder England kann ich immer Arbeit bekommen. Als Malerin, -glaube ich, wird man dort viel zu tun finden. Franziska“ — sie lachte -in die Sonne hinaus — „sie meint, wir sollten nach Südafrika reisen -und Milchmädchen werden. Und dann wollen wir Akte bei den Zulukaffern -zeichnen — es sollen ganz prachtvolle Modelle sein.“</p> - -<p>„Der Gedanke ist durchaus nicht übel. Entfernungen rechnen Sie also -nicht als wesentliches Hindernis —.“</p> - -<p>„Nein, ganz und gar nicht —. Ach ja, ich rede. Natürlich, in all den -Jahren daheim meinte ich, daß es ganz unmöglich sei, hinauszukommen -— allein nach Kopenhagen, dort sich eine kurze Zeit aufzuhalten und -nichts anderes zu tun als zu lernen und zu malen. Ich hatte natürlich -starkes Herzklopfen, als ich mich entschloß, alles aufzugeben und zu -reisen. Alle meine Angehörigen fanden es wahnsinnig. Und das wirkte -wohl auf mich. — Aber dann wollte ich erst recht. Malen ist ja das -Einzige, wozu ich immer Lust hatte, und ich begriff, daß ich zu Haus -niemals so intensiv würde arbeiten können, wie es nötig wäre — da -lenkte mich so vieles ab. Aber Mama konnte es einfach nicht begreifen, -daß ich sofort mit dem Studium beginnen müsse, wollte ich noch etwas -lernen, da ich nicht mehr die Jüngste war. Meine Mutter ist nämlich nur -neunzehn Jahre älter als ich. Als ich elf Jahre alt war, heiratete sie -zum zweiten Male, und das brachte ihre Jugend zurück —.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> - -<p>Das ist ja eben das Wunderbare, wenn man in die Welt geht — -jede Beeinflussung durch Menschen, mit denen man zufällig daheim -zusammenlebt, hört auf. Man muß mit seinen eigenen Augen sehen und -selbständig denken. Wir lernen begreifen, daß es ganz von uns selbst -abhängt, was diese Reise uns gibt — was wir zu sehen und zu erfassen -vermögen, in welche Lage wir uns bringen und unter wessen Einfluß -wir uns freiwillig begeben. Man lernt verstehen, daß es von einem -selbst abhängt, wieviel das Leben uns entgegenbringt. Ja, gewiß, ein -wenig auch von den Umständen, wie Sie vorher einmal sagten. Aber man -entdeckt bald, wie man die Hindernisse nach seiner Veranlagung am -leichtesten überwindet oder sie umgeht — sowohl auf Reisen wie auch -im allgemeinen. Man sieht ja, daß man sich all das Schwere, das einem -begegnet, immer selbst eingebrockt hat.</p> - -<p>In seinem Heim ist man ja niemals allein, nicht wahr, Gram? Das eben -ist das Beste am Reisen, finde ich — allein mit sich sein, nicht immer -jemand um sich haben, der einem helfen oder über einen bestimmen will. -— Das Gute, das man seinem Zuhause verdankt, kann man doch nicht sehen -und schätzen, ehe man nicht fort gewesen ist. Man weiß, daß man nie -wieder davon abhängig wird, wenn man erst einmal selbständig geworden -ist. Man kann nicht eher Freude daran haben — ja man kann überhaupt -keine Freude an etwas haben, von dem man abhängt?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht. Man ist doch immer abhängig von dem, das man lieb hat? -Sie sind doch abhängig von Ihrer Arbeit? — Und wenn man einen anderen -Menschen liebt,“ sagte er leise, „ist man dann nicht völlig abhängig?“</p> - -<p>„Ja, ja.“ Sie überlegte. „Aber da hat man selbst gewählt,“ sagte -sie schnell. „Ich meine, man ist dann kein Sklave, man dient dann -freiwillig irgend jemandem oder irgendeiner Sache, die man höher -bewertet als sich selbst. — Freuen Sie sich nicht, daß Sie ihr neues -Jahr allein beginnen werden, frei und frank — nur arbeiten, was Sie -selbst gern wollen?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> - -<p>Helge dachte an den vergangenen Abend auf dem Petersplatz. Er sah -hinaus über die fremde Stadt, sah die gedämpften, grauverschleierten -Farben in der Sonne, und das fremde, blonde Mädchen.</p> - -<p>„Ja,“ sagte er.</p> - -<p>„Ja.“ Sie erhob sich, knöpfte ihre Jacke zu und öffnete den Malkasten. -„Nun muß ich aber fleißig sein.“</p> - -<p>„Sie wollen mich wohl nun los sein?“</p> - -<p>Jenny lächelte: „Sie sind doch jetzt sicherlich müde?“</p> - -<p>„Oh nein. Ich möchte aber zahlen —.“</p> - -<p>Sie rief die Frau und stellte ihm seine Rechnung auf, während sie -gleichzeitig Farben auf der Palette ausdrückte.</p> - -<p>„Glauben Sie nun, daß Sie zur Stadt zurückfinden?“</p> - -<p>„Ja. Ich merkte mir genau, welchen Weg wir gingen. Und später finde ich -schon einen Wagen. — Kommen Sie jemals in den Verein?“</p> - -<p>„Oh ja, mitunter.“</p> - -<p>„Ich möchte Sie sehr gern wiedersehen, Fräulein Winge.“</p> - -<p>„Das werden Sie auch sicherlich.“ Sie überlegte einen Augenblick. „Wenn -Sie Lust haben — können Sie uns dann nicht besuchen — zum Tee? Wir -wohnen in der Via Vantaggio 111 — Cesca und ich sind des Nachmittags -immer daheim.“</p> - -<p>„Ich danke Ihnen.“ Er zauderte ein wenig. „Nun, dann schönen Guten -Morgen! Und vielen Dank für diese Nacht!“</p> - -<p>Er reichte ihr die Hand. Sie gab ihm ihre schmale, magere: „Auch ich -danke.“</p> - -<p>Als er sich in der Gartentür umwandte, stand sie und schabte mit dem -Palettmesser auf der Leinwand. Sie summte — es war die Weise von heut -Nacht, die ihm nun so vertraut schien. Er summt sie selbst, während er -zur Stadt hinunter ging.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p> - -<h3 id="I_IV">IV.</h3> - -</div> - -<p>Jenny zog die Arme unter der Decke hervor und verschränkte sie im -Nacken. Es war eiskalt im Zimmer und finster; nicht ein Streifen -Tageslicht fiel durch die Läden. Sie entzündete ein Streichholz und sah -nach der Uhr — gleich sieben. Ein wenig konnte sie noch liegen und -faulenzen; sie kroch wieder ganz unter die Decke und bohrte die Wange -ins Kopfkissen.</p> - -<p>„Jenny — schläfst du?“ Franziska öffnete die Tür, ohne anzuklopfen. -Sie kam an das Bett heran, tastete im Dunkeln nach der Freundin Gesicht -und streichelte sie: „Müde?“</p> - -<p>„Gar nicht. Jetzt werde ich aufstehen.“</p> - -<p>„Wann kamst du nach Haus?“</p> - -<p>„Gegen drei. Ich war draußen in Prati und badete vor dem Mittag, und -dann aß ich dort bei der Ripetta, weißt Du? Als ich heimkam, legte ich -mich hin. Ich bin jetzt völlig ausgeschlafen — nun will ich aufstehen!“</p> - -<p>„Wart noch ein wenig, hier ist es so kalt; ich werde etwas bei Dir -einheizen.“ Franziska zündete die Lampe auf dem Tische an.</p> - -<p>„Du brauchst doch nur nach der Signora zu rufen — nein, aber Cesca, -komm her, darf ich sehen?“ Jenny setzte sich im Bett aufrecht.</p> - -<p>Franziska stellte die Lampe auf das Nachttischchen und drehte sich im -Licht langsam um sich selbst.</p> - -<p>Sie hatte eine weiße Spitzenbluse zu ihrem grünen Rock angezogen und -eine bronzefarbene Seidenschärpe mit pfauenblauen Streifen um die -Schultern geschlungen. Rund um den Hals lagen die großen tiefroten -Korallen in doppelter Reihe und lange, geschliffene Ohrgehänge tropften -auf ihre gelblichweiße Haut herab. Lächelnd schob Franziska das Haar -zur Seite, um zu zeigen, daß sie mit einem Faden Stoffgarn an den Ohren -festgebunden waren.</p> - -<p>„Denk’ dir, ich bekam sie für sechsundachtzig Lire — ist das nicht -großartig — nun, wie stehen sie mir?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> - -<p>„Hervorragend. Das Kostüm ist fabelhaft. — Du, ich hätte Lust, dich -darin zu malen.“</p> - -<p>„Ja. Ich könnte jetzt gut für dich sitzen. Ich habe nicht die Ruhe -in mir, am Tage etwas zu tun. Ach du, Jenny —.“ Sie seufzte leise -und setzte sich auf die Bettkante. „Nein, ich muß jetzt nach dem Ofen -sehen.“</p> - -<p>Sie kam zurück mit einem steinernen Krug voll Glut und hockte sich vor -dem kleinen Ofen nieder.</p> - -<p>„Bleib nur liegen, Jenny, bis es hier warm geworden ist. Ich werde -schon das Bett machen, auch den Tisch decken und den Tee kochen. — Ah, -du hast deine Studie mit heimgebracht — laß mich sehen!“</p> - -<p>Sie stellte das Studienbrett gegen einen Stuhl und beleuchtete das Bild:</p> - -<p>„Aber, nein!“</p> - -<p>„Es ist nicht übel, findest du nicht? — Ich will noch einige Skizzen -dort draußen machen — ich plane ein großes Bild; ist das Motiv nicht -gut — mit all den Arbeitsleuten und Maultierkarren dort unten im -Ausgrabungsfeld?“</p> - -<p>„Ja, weißt du, — daraus müßtest du doch etwas machen können. Ich -freue mich darauf, Gunnar und Ahlin dies hier zu zeigen: Aber du bist -aufgestanden? Jenny, laß mich dein Haar kämmen! Gott, was hast du doch -für Haar, Mädel. Darf ich nicht einmal versuchen, es auf moderne Art zu -frisieren, so mit Locken? Bitte!“</p> - -<p>Franziska ließ das lange blonde Haar durch ihre Finger gleiten. „Sitz’ -ruhig. Ein Brief ist heut Morgen für dich gekommen — ich nahm ihn mit -herauf; fandest du ihn? Er war von deinem kleinen Bruder, nicht wahr?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Jenny und lachte.</p> - -<p>„War der Brief fröhlich — hast du dich gefreut?“</p> - -<p>„Du kannst glauben, der war vergnügt. Ach, Cesca, mitunter wünschte -ich, daß ich nur so einen Sonntag Vormittag, weißt du — einen kleinen -Abstecher nach Hause machen könnte, um mit Kalfatrus über Nordmarken<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> -spazieren zu gehen. Er ist wirklich ein guter Kerl, weißt du.“</p> - -<p>Franziska betrachtete Jennys lächelndes Gesicht im Spiegel. Darauf nahm -sie das Haar wieder herunter und begann aufs neue, es zu bürsten.</p> - -<p>„Nein, Cesca — wir haben doch keine Zeit.“</p> - -<p>„Natürlich. Kommen sie zu früh, dann können sie ja zu mir hineingehen. -Da sieht es freilich aus wie in einer Rumpelkammer, aber meinetwegen. -Uebrigens — die kommen nicht so früh. Gunnar wenigstens nicht — und -vor ihm geniere ich mich wahrhaftig nicht. Vor Ahlin übrigens auch -nicht. Ah richtig, er war heute Mittag bei mir — ich lag im Bett, -während er saß und plauderte. Als ich mich ankleiden wollte, schickte -ich ihn auf den Balkon hinaus. Wir gingen dann fort und aßen vornehm -auf <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Tre Re</span>. Den ganzen Nachmittag sind wir zusammen gewesen.“</p> - -<p>Jenny schwieg.</p> - -<p>„Wir sahen Gram drinnen auf Nazionale. Uh, Jenny, er war schauderhaft. -Ist dir etwas Schlimmeres je begegnet?“</p> - -<p>„Ich finde ihn durchaus nicht so schauderhaft. Er ist nur unbeholfen, -der arme Kerl. Genau so wie ich im Anfang war. Einer von den Menschen, -die gern fröhlich sein wollen und nicht können.“</p> - -<p>„Ich kam heute Vormittag mit dem Zug aus Florenz,“ äffte Franziska nach -und lachte. „Puh. Wäre er dann wenigstens im Flugzeug gekommen!“</p> - -<p>„Du warst recht ungezogen gegen ihn, mein Kind. Das darfst du nicht. -Eigentlich hätte ich Lust gehabt, ihn heute Abend zu uns einzuladen. -Ich wagte es aber deinetwegen nicht — ich wollte mich nicht der Gefahr -aussetzen, daß du gegen meinen Gast unhöflich bist.“</p> - -<p>„Der Gefahr hättest du dich durchaus nicht ausgesetzt. Das weißt du -sehr gut.“ Franziska war gekränkt.</p> - -<p>„Besinnst du dich auf den Abend, als ich Douglas mit zu mir genommen -hatte zum Tee?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> - -<p>„Nach der Geschichte mit dem Modell — danke ergebenst!“</p> - -<p>„Herrgott. Was ging das im übrigen dich an?“</p> - -<p>„So, meinst du nicht? Nachdem er um mich angehalten hatte? Und ich -sozusagen entschlossen war, ihn zu nehmen?“</p> - -<p>„Das konnte er schwerlich ahnen,“ sagte Jenny.</p> - -<p>„Ich hatte jedenfalls nicht bestimmt Nein gesagt. Am Tage vorher war -ich mit ihm draußen in Versailles. Und da hatte er mich viele, viele -Male küssen und unten im Park seinen Kopf in meine Arme legen dürfen. -Und wenn ich ihm sagte, daß ich ihm nicht gut sei, dann glaube er es -nicht, meinte er.“</p> - -<p>„Cesca.“ Jenny fing ihre Augen im Spiegel ein. „All das hat ja keinen -Sinn. Du bist das allerbeste kleine Ding auf der Welt, wenn du -richtig überlegst. Manchmal ist es aber, als sähest du nicht, daß es -<em class="gesperrt">Menschen</em> sind, die du vor dir hast. Menschen mit Gefühlen, auf -die du Rücksicht nehmen <em class="gesperrt">mußt</em>. Du <em class="gesperrt">würdest</em> auch Rücksicht -nehmen, wenn du nur nachdächtest. Du <em class="gesperrt">willst</em> ja doch nur lieb und -gut sein.“</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Per bacco.</span> Bist du dessen so sicher? Ach, nun sollst du aber -einen Strauß Rosen sehen. Ahlin kaufte gestern Abend ein Bukett für -mich an der Spanischen Treppe.“ Cesca lächelte trotzig.</p> - -<p>„Ich finde, du solltest dergleichen zu verhindern suchen. Unter anderem -schon, weil du weißt, Ahlin hat nicht die Mittel dazu.“</p> - -<p>„Geht denn das mich etwas an? Wenn er verliebt in mich ist, so macht -ihm das sicher Freude.“</p> - -<p>„Ich will gar nicht von deinem Ruf sprechen. Der leidet durch diese -ewigen Geschichten!“</p> - -<p>„Reden wir nicht über meinen Ruf, das lohnt nicht. Aber du hast bitter -wahr gesprochen. Meinen Ruf daheim in Kristiania — den habe ich ein -für allemal gründlich zunichtegemacht.“ Sie lachte hysterisch. „Was -schert es mich aber! Ich lache darüber.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> - -<p>„Cesca, Geliebte. Ich begreife nicht — du machst dir ja aus keinem -dieser Landsleute etwas. Warum also. Und das mit Ahlin. Kannst du denn -nicht begreifen — daß es ihm Ernst ist? Auch Norman Douglas war es -Ernst. Du weißt nicht, was du tust. Ich glaube, Gott helfe mir, du hast -keinen Instinkt, Kind.“</p> - -<p>Franziska legte Kamm und Bürste beiseite und betrachtete Jennys -frisierten Kopf im Spiegel. Sie suchte ihr herausforderndes kleines -Lächeln festzuhalten. Es welkte jedoch dahin — ihre Augen füllten sich -mit Tränen.</p> - -<p>„Auch ich bekam heute morgen einen Brief.“ Ihre Stimme zitterte. Jenny -erhob sich. „Aus Berlin — von Borghild. — Willst du dich nicht erst -fertigmachen, Jenny? Soll ich jetzt das Teewasser aufsetzen oder erst -die Artischocken kochen? Sie kommen wohl bald?“</p> - -<p>Sie huschte hin und her, und begann, das Bett in Ordnung zu bringen.</p> - -<p>„Wir könnten ja auch Marietta rufen — aber wir machen es lieber -selbst, nicht wahr Jenny?“</p> - -<p>„Also — sie schreibt, Hans Hermann hat sich verheiratet. Vorige Woche. -Es ist sicher schon sehr weit.“</p> - -<p>Jenny legte die Streichholzschachtel beiseite, während sie ängstlich zu -Franziskas weißem Gesicht hinübersah. Darauf schritt sie behutsam auf -sie zu.</p> - -<p>„Ja, es ist also die, mit der er verlobt war, weißt du. Diese Sängerin -— Berit Eck.“ Franziska sprach mit leiser erloschener Stimme. Einen -Augenblick beugte sie sich zur Freundin hinüber. Dann begann sie -wieder, mit ihren zitternden Händen das Laken wegzustopfen.</p> - -<p>Jenny rührte sich nicht.</p> - -<p>„Nun — du wußtest ja, daß sie verlobt waren — schon seit einem Jahre.“</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>Jenny deckte still den Tisch für vier Personen. Franziska breitete die -Decke über das Bett und holte die Rosen herbei. Sie stand und nestelte -an ihrem Blusenausschnitt, zog einen Briefumschlag hervor und drehte -ihn zwischen den Fingern.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> - -<p>„Sie hatte die beiden im Tiergarten getroffen, schreibt sie. Sie -schreibt ... Oh, sie kann so brutal sein, die Borghild.“ Franziska -sprang zum Ofen, riß die Tür auf — und warf den Brief ins Feuer. -Darauf sank sie in einem Lehnstuhl zusammen und brach in ein -bitterliches Weinen aus.</p> - -<p>Jenny legte ihren Arm um ihren Nacken:</p> - -<p>„Cesca, meine liebe kleine Cesca!“</p> - -<p>Franziska preßte ihr Gesicht gegen Jennys Arm.</p> - -<p>„Uebrigens sah sie so elend aus, das arme Ding. Sie ging und hing in -seinem Arm, und er schaute verärgert und böse drein. Ja, das kann ich -mir lebhaft vorstellen. Ach Gott, das arme, arme Wesen — sich in eine -solche Lage zu bringen, daß sie auf diese Weise von ihm abhängig wird -— er hat sie sicherlich auf den Knien zu sich kriechen lassen. — Daß -sie so wahnsinnig sein konnte, wo sie ihn doch kannte. Aber zu denken, -Jenny, daß er ein Kind von einer anderen haben soll — ach Gott, ach -Gott, ach Gott.“</p> - -<p>Jenny hatte sich auf die Stuhllehne gesetzt. Cesca schmiegte sich an -sie:</p> - -<p>„Nein, ich besitze scheinbar keinen Instinkt, wie du sagtest. -Vielleicht habe ich ihn nicht einmal wirklich geliebt. Und doch hätte -ich so gern ein Kind von ihm gehabt. Doch dann vermochte ich nicht, -mich dazu zu entschließen. — Mitunter wollte er, daß wir heiraten -sollten — ohne weiteres zum Standesamt gehen. Nein, ich wollte nicht. -Zu Hause wären sie böse geworden. Die Leute hätten sicher gedacht, -daß wir uns heiraten <em class="gesperrt">müßten</em>! Und das wollte ich auch nicht. -Sie glaubten ja trotzdem schon das Schlimmste. Aber das war mir -gleichgültig. Ich wußte sehr wohl, ich machte meinen Ruf zuschanden um -seinetwillen. Doch daraus machte ich mir nichts. Begreifst du das — -ich war gleichgültig. Aber Hans dachte, ich weigerte mich aus Angst, er -würde mich hinterher nicht heiraten. Dann laß uns erst zum Standesamt -gehen, verdammtes Mädel, sagte er. Aber ich wollte nicht. Er glaubte, -das Ganze sei nur Berechnung gewesen. Du<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Eiszapfen, sagte er. Aber, -bei Gott, du verstellst dich nur. Mitunter glaubte ich auch, daß ich -keiner sei. Vielleicht war ich nur deshalb so ängstlich, weil er so -brutal war. Er schlug mich oft — riß mir beinahe die Kleider vom -Körper; ich mußte kratzen und beißen, um loszukommen — heulen und -weinen.“</p> - -<p>„Und doch gingst du immer wieder zu ihm?“ fragte Jenny leise.</p> - -<p>„Ja. Die Portierfrau wollte nicht mehr bei ihm aufräumen. So ging ich -hinauf und tat es. Ich hatte die Schlüssel zu seinen Zimmern. Ich -wischte auf und machte das Bett — Gott weiß, wer dort mit ihm gelegen -hatte.“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Borghild war rasend darüber. Sie war es, die mir bewies, daß er eine -Geliebte hatte. Ich wußte wohl etwas — aber ich wollte gar keine -Gewißheit haben! Borghild behauptete, er hätte mir nur die Schlüssel -gegeben, damit ich kommen und sie überraschen sollte. Aus Eifersucht -sollte ich mich ihm geben, da ich ja doch schon kompromittiert sei. -Aber darin irrte sie. <em class="gesperrt">Mich</em> liebte er — auf seine Weise. Er -<em class="gesperrt">hatte</em> mich lieb, Jenny, so wie er es vermochte. Aber Borghild -war so erzürnt, weil ich den Diamantring von der Urgroßmutter Rustung -versetzte. Ach, das habe ich dir niemals erzählt.“</p> - -<p>Sie richtete sich auf und lachte leise.</p> - -<p>„Ja, siehst du, er <em class="gesperrt">brauchte</em> Geld. Hundert Kronen. Ich versprach -ihm, er sollte sie von mir erhalten. Ich ahnte nicht, woher sie nehmen. -Papa wagte ich nicht um einen Oere zu bitten — ich hatte schon -allzuviel verbraucht. So ging ich denn hin und versetzte — meine -Uhr und ein goldenes Kettenarmband und dann den Diamantring; einen -ganz alten, du weißt, mit vielen kleinen Diamanten auf einer größeren -Platte. Borghild war rasend, weil sie ihn nicht bekommen hatte, denn -sie war doch die älteste, aber Großmutter hatte ausdrücklich gesagt, -ich sollte ihn haben, weil ich nach ihr genannt war. Ich ging also -eines Morgens hin, gleich nachdem geöffnet worden war. Es war ein -peinlicher Augenblick. Aber<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> ich bekam doch das Geld und ging hinauf zu -Hans. Er fragte, auf welche Weise ich es beschafft hätte, und ich sagte -es ihm. Dafür küßte er mich. ‚Dann‘, sagte er, ‚gib mir den Leihschein -und das Geld, Pussel‘ — so nannte er mich immer. Ich gab ihm beides — -ich glaubte ja, er wolle die Sachen wieder einlösen, und ich sagte, das -dürfe er nicht; ich war sehr gerührt, siehst du. Ich kann es auf andere -Weise in Ordnung bringen, sagte Hans, und dann nahm er es und ging. Ich -saß bei ihm oben und wartete — oh, ich war so gerührt, denn ich wußte, -er brauchte das Geld. Ich wollte am nächsten Tage hingehen und es -wieder versetzen — ich empfand es nicht mehr als unangenehm, überhaupt -nichts würde mir peinlich sein; ich wollte ihm alles herbeischaffen, -was er brauchte. Dann kam er zurück — weißt du, was er getan hatte“ — -sie lachte unter Tränen — „es in der Volksbank eingelöst und bei einem -Privatbankier in Pfand gegeben, wie er sagte. Dort bekam er viel mehr.</p> - -<p>Wir bummelten den ganzen darauffolgenden Tag zusammen, siehst du. -Champagner und alles Mögliche! Dann blieb ich des Nachts auf, und er -spielte — spielte — du großer Gott! Ich lag auf dem Fußboden und -heulte. Mir war alles gleich, wenn er nur so spielte — und für mich -allein. Ach, du hast ihn nicht spielen hören, du — dann würdest du -alles verstehen. Aber danach! Das war eine Geschichte. Wir kämpften -auf Leben und Tod. Aber ich entkam ihm doch. Borghild lag wach, als -ich heim kam. Mein Kleid war ganz in Fetzen gerissen. — Du siehst aus -wie ein Straßenmädchen, sagte Borghild. So wirst du auch noch einmal -enden, sagte sie. Ich lachte nur. Die Uhr war fünf.</p> - -<p>Schließlich hätte ich mich ja auch ergeben, weißt du. Wäre da nicht -ein Hindernis gewesen. Mitunter sagte er: ‚Du bist, weiß der Teufel, -auch das einzige anständige Mädchen, das ich getroffen habe — es gibt, -weiß Gott, nicht einen einzigen Mann, der dich herumbringen kann.‘ War -es nicht furchtbar? ‚Ich habe Achtung vor dir, Pussel!‘ Denk dir, er -hatte Achtung vor<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> mir, weil ich das nicht tun wollte, worum er immer -gebettelt, weswegen er mir gedroht hatte. Ich, die ich immer wünschte, -ich hätte die Kraft — ich wollte ja so gern alles tun, um ihm eine -Freude zu machen. Wenn ich nur über diesen Widerwillen hinweggekommen -wäre; er war so brutal — und ich wußte, er hatte andere. Ich wünschte, -er sollte aufhören mich zu erschrecken — dann hätte ich es gekonnt. -Aber dann wäre ich in seinen Augen eine Gefallene gewesen ... Deshalb -brach ich schließlich den Verkehr ab, weil er wollte, daß ich etwas tun -sollte, um dessentwillen er mich dann verachtet hätte.“</p> - -<p>Sie schmiegte sich an Jenny und ließ sich streicheln.</p> - -<p>„Hast du mich lieb, Jenny?“</p> - -<p>„Das weißt du ja — Cesca, Liebes du!“</p> - -<p>„Du bist so gut. Gib mir noch einen Kuß! Gunnar ist auch gut. Ahlin -auch. Ich werde auf mich achten — du kannst dir doch denken — ich -will ihm kein Leid zufügen. Uebrigens — vielleicht heirate ich ihn. -Wenn er mir so gut ist! Ahlin würde nie brutal sein, das weiß ich. -Glaubst du, er würde mich quälen? Wohl kaum. Dann könnte ich Kinder -bekommen. Du weißt ja, ich erbe einmal. Und er ist so arm. Wir könnten -dann im Auslande leben. Ich würde immer arbeiten. Er auch. Du — über -allen seinen Arbeiten liegt etwas ungemein Feines. Das Relief mit den -spielenden kleinen Knaben! Und der Entwurf zum Almquistmonument! Es ist -ja nicht so original in der Komposition, aber Herrgott, wie schön, wie -vornehm und ruhig und wie echt — diese plastischen Figuren.“</p> - -<p>Jenny lächelte fein und strich Franziska über das Haar — es war an den -Seiten feucht geworden von ihren Tränen.</p> - -<p>„Wenn ich nur auch immer arbeiten könnte. Ach, aber Jenny. Diese ewigen -Stiche im Herzen. Und im Kopf. Die Augen schmerzen auch, Jenny — ich -bin ja so totmüde.“</p> - -<p>„Du weißt ja, was der Arzt sagt — alles nur Nervosität. Wenn du nur -vernünftig sein wolltest.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span></p> - -<p>„Ja — das sagen sie. Aber ich habe solche Furcht. Du sagst — ich -hätte keinen Instinkt — nicht so, wie du meinst. Aber auf andere -Weise. Ich bin häßlich gewesen in dieser Woche. Das weiß ich sehr -wohl. Aber ich ging umher und lauerte — ich <em class="gesperrt">fühlte</em>, daß etwas -Fürchterliches kommen würde. Und nun siehst du ja!“</p> - -<p>Jenny küßte sie wieder.</p> - -<p>„Ich war unten in der St. Agostino-Kirche heut Abend. Du kennst das -wunderwirkende Madonnenbild. Ich kniete nieder und versuchte zur -Jungfrau Maria zu beten. Ich glaube, mir würde wohl sein, wenn ich -katholisch würde. Eine Frau wie die Jungfrau Maria zum Beispiel würde -das alles viel besser verstehen können. Ich dürfte mich im Grunde nicht -verheiraten, so, wie ich veranlagt bin. Ich könnte ins Kloster gehen -— nach Siena zum Beispiel. Ich könnte dann in der Galerie kopieren; -das Kloster würde auf diese Weise Geld verdienen. Als ich den Engel zum -Melozzo da Forli in Florenz malte, stand dort jeden Tag eine Nonne und -kopierte. Es wäre nicht das Schlimmste.“ Sie lachte. „Ja, das heißt, es -wäre geradezu schauderhaft. Aber sie sagten ja alle, meine Kopien seien -so gut gewesen. Und das stimmt. Ich glaube, ich würde dabei glücklich -werden können. ... Ach, Jenny — wenn ich mich gesund fühlte! Wenn ich -da drinnen Frieden bekäme — nicht so wirr und eingeschüchtert wäre -innerlich! Dann würde ich frisch, und könnte arbeiten, ohne Aufhören. -Ich würde so lieb und gut werden. Gott, wie lieb ich dann sein würde -... Ich bin nicht immer gut, das weiß ich wohl. Ich lasse mich von -meinen Stimmungen hinreißen, wenn ich in einem Zustande bin wie eben -jetzt. Aber das soll ein Ende haben — wenn Ihr alle mich nur liebhaben -wollt. Besonders du. — Wir wollen diesen Gram zu uns einladen — wenn -ich ihn wiedertreffe, dann werde ich zu ihm gehen und so lieb und gut -zu ihm sein, wie du dirs gar nicht vorstellen kannst. Wir wollen ihn zu -uns einladen und ihn mitnehmen, wenn wir ausgehen; ich will gern Kopf -stehen, um ihm eine Freude zu<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> machen. Hörst du, Jenny — bist du nun -zufrieden mit mir?“</p> - -<p>„Ja, Cesca.“</p> - -<p>„Gunnar nimmt mich nicht ernst,“ sagte sie gedankenvoll.</p> - -<p>„Gewiß tut er das. Er findet nur, es ist oft so viel Kindisches an dir. -Du weißt, wie er über deine Arbeit denkt — erinnerst du dich, was er -in Paris sagte, über deine Energie — dein Talent? Fein und persönlich, -sagte er. Da nahm er dich wahrhaftig ernst genug.“</p> - -<p>„Ja, gewiß. Gunnar ist übrigens ein prächtiger Kerl. — Er war aber -doch böse über die Sache mit Douglas.“</p> - -<p>„Jeder Mann wäre das gewesen. Ich wars auch.“</p> - -<p>Franziska seufzte. Sie schwieg eine Weile.</p> - -<p>„Wie wurdest du diesen Gram gestern los? Ich glaubte, es würde dir nie -gelingen — dachte, er wäre mit dir heim gegangen und hätte sich hier -aufs Sofa gelegt — mindestens.“</p> - -<p>Jenny lachte.</p> - -<p>„Nein. Er begleitete mich hinaus auf den Aventinerhügel und frühstückte -dort, und dann fuhr er nach Hause. Im übrigen — ich mag ihn gut -leiden.“</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Dio mio!</span> Jenny, du bist abnorm in deiner Güte. Es muß doch eine -Grenze bei dir geben in deiner Rolle, Mutter für uns alle zu sein. Oder -bist du vielleicht in ihn verliebt?“</p> - -<p>Jenny lachte wieder:</p> - -<p>„Kaum. Aber er wird sich auch in dich verlieben. Wenn du nicht ein -wenig vorsichtig bist.“</p> - -<p>„Das tun sie ja alle miteinander. Gott weiß, aus welchem Grunde. Aber -es geht ja immer schnell wieder vorüber. Und hinterher werden sie dann -böse auf mich.“ Sie seufzte.</p> - -<p>Es kam jemand die Treppe herauf.</p> - -<p>„Das ist Gunnar. Ich gehe ein wenig zu mir herüber, ich muß meine Augen -kühlen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> - -<p>Sie schlüpfte hinaus und flüsterte Heggen, mit dem sie in der Tür -zusammentraf, einen „Guten Tag“ zu. Er trat ein und zog die Tür hinter -sich ins Schloß.</p> - -<p>„Du bist <span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">allright</span>, wie ich sehe, Jenny. Das bist du übrigens -immer, verteufeltes Menschenkind. Du hast natürlich den ganzen -Vormittag gearbeitet. Aber sie?“ Er machte mit dem Kopf eine -bezeichnende Bewegung gegen Cescas Zimmer.</p> - -<p>„Schlecht. Armes kleines Wesen.“</p> - -<p>„Ich sah es in der Zeitung. Ich war oben im Verein auf dem Wege -hierher. Darf ich sehen — bist du mit der Studie fertig? Aber hör mal, -die ist fein, Jenny —.“</p> - -<p>Heggen hielt das Bild gegen das Licht und betrachtete es lange.</p> - -<p>„Fein, du. Dies hier — das ist glänzend. Ich finde es sehr stark ... -Liegt sie jetzt wieder und weint?“</p> - -<p>„Ich weiß es nicht. Sie saß hier drinnen und weinte. Die Schwester -schrieb es ihr.“</p> - -<p>„Wenn ich dem Lump jemals begegne,“ sagte Heggen, „so werde ich wohl -immer einen Vorwand finden, um ihm eine gehörige Tracht Prügel zu -verabreichen.“</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_V">V.</h3> - -</div> - -<p>Helge Gram saß eines Nachmittags im Verein und brütete über den -norwegischen Zeitungen. Allein in dem dämmerigen Lesezimmer. Da kam -Franziska.</p> - -<p>Helge erhob sich und grüßte. Sie ging geradeswegs auf ihn zu und -reichte ihm lächelnd die Hand:</p> - -<p>„Nun, mein Lieber, was treiben Sie? Jenny und ich sprachen gerade von -Ihnen — wir begriffen nicht, daß man Sie nicht sieht. Wir wollten am -Sonnabend hierher gehen und nach Ihnen schauen und Sie hinterher auf -einen kleinen Bummel mitnehmen. Haben Sie schon ein Zimmer?“</p> - -<p>„Leider nein. Ich wohne noch im Hotel. Die Zimmer sind alle so teuer —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> - -<p>„Im Hotel wird es auch nicht billiger! Sie geben doch mindestens -drei Franken pro Tag? Ja, das konnte ich mir denken. Rom ist nicht -billig, wissen Sie. Im Winter muß man ein sonniges Zimmer haben. Aber -freilich, Sie sprechen ja nicht Italienisch. Wären Sie doch nur zu uns -heraufgekommen — Jenny und ich wären gern mit Ihnen gegangen, um etwas -anzusehen.“</p> - -<p>„Vielen Dank — aber damit konnte ich Sie doch wirklich nicht -behelligen!“</p> - -<p>„Behelligen — aber Gram. Doch wie geht es Ihnen — haben Sie Bekannte -getroffen?“</p> - -<p>„Nein. Ich war vergangenen Sonnabend oben im Verein, sprach aber mit -niemandem. Ich saß und guckte in die Zeitungen. Ja doch, mit Heggen -wechselte ich vorgestern in einem Café auf dem Corso ein paar Worte. -Dann habe ich zwei deutsche Doktoren wiedergetroffen, die ich von -Florenz her ein wenig kannte. Wir waren an einem dieser Tage draußen -auf der Via Appia.“</p> - -<p>„Uh. Hören Sie, sind deutsche Doktoren amüsant?“</p> - -<p>Helge lächelte etwas verlegen.</p> - -<p>„Wir haben ziemlich viel gemeinsame Interessen. Und wenn man so -umhergeht und sonst niemanden hat, mit dem man reden kann —.“</p> - -<p>„Ja, aber Sie müssen sich daran gewöhnen, Italienisch zu sprechen. Sie -haben es ja gelernt. Wollen wir einen Spaziergang zusammen machen? Wir -sprechen dann die ganze Zeit nur Italienisch miteinander. Ich werde -Ihre <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">maestra</span> sein. Furchtbar streng!“</p> - -<p>„Sie werden mich aber nicht besonders amüsant finden, Fräulein Jahrmann -— höchstens unfreiwillig.“</p> - -<p>„Still. — Nein, wissen Sie was, vorgestern reisten zwei dänische -alte Damen nach Capri, vielleicht ist ihr Zimmer noch frei — ach -sicherlich. Klein, billig und sehr nett. Ich habe den Namen der Straße -nicht behalten, aber ich weiß, wo es ist. Soll ich Sie hinbegleiten, -dann sehen wir es uns an? Kommen Sie also!“</p> - -<p>Unten auf der Treppe zögerte sie einen Augenblick und blickte mit einem -leisen, zaghaften Lächeln zu ihm auf:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p> - -<p>„Ich war furchtbar ungezogen gegen Sie neulich Abend, als wir zusammen -waren, Gram. Ich muß Sie wohl um Verzeihung bitten.“</p> - -<p>„Aber liebes Fräulein Jahrmann!“</p> - -<p>„Doch. Ich war aber krank. Oh, Sie können mir glauben, ich bekam -Schelte von Jenny. Ich hatte es aber auch verdient.“</p> - -<p>„Ich war es ja, der sich Ihnen aufdrängte. Aber es kam so von selbst — -ich sah Sie, und ich hörte Sie Norwegisch sprechen; der Versuch, Sie -anzureden, lockte zu sehr.“</p> - -<p>„Ja, natürlich. Es hätte so nett sein können — so ein kleines -Abenteuer. Wäre ich nur nicht so unartig gewesen. Aber ich war krank, -wissen Sie. Ich bin tagsüber so nervös, dann kann ich nicht schlafen -— und dann kann ich wieder nicht arbeiten. Schließlich werde ich -unleidlich.“</p> - -<p>„Geht es Ihnen augenblicklich nicht gut, Fräulein Jahrmann?“</p> - -<p>„Ach nein. Jenny und Gunnar arbeiten — alle außer mir arbeiten. Wie -geht es mit Ihrer Arbeit — gut? — Haben Sie nicht Freude daran? Ich -sitze übrigens jetzt nachmittags für Jenny. Heute habe ich frei. Ich -glaube, sie tut es nur, damit ich nicht so allein sein und grübeln -soll. Mitunter fährt sie mit mir hinaus, jenseits der Mauern. Sie ist -ganz wie eine Mutter zu mir. <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Mia cara mammina.</span>“</p> - -<p>„Sie lieben Ihre Freundin sehr?“</p> - -<p>„Sie ist so gut, so gut. Ich bin krankhaft und zerrissen. Keiner außer -Jenny hält es auf die Dauer mit mir aus. Sie ist aber so klug und so -begabt und energisch. Und schön — finden Sie sie nicht entzückend? Sie -sollten ihr Haar sehen, wenn es offen niederfällt! Wenn ich ein artiges -Kind bin, darf ich es kämmen und aufstecken —. Wir sind schon da,“ -sagte sie dann.</p> - -<p>Sie klommen eine unheimlich düstere Steintreppe hinauf: „Daraus darf -man sich aber nichts machen. Unser Aufgang ist noch schlimmer; Sie -werden es ja sehen,<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> wenn Sie kommen und uns besuchen. Kommen Sie doch -einen Abend; wir sehen dann, daß wir die anderen erwischen und gehen -auf einen gediegenen Romabummel. Den letzten habe ich ja doch völlig -verdorben.“</p> - -<p>Sie läutete im obersten Stockwerk. Eine nett und gemütlich aussehende -Frau öffnete ihnen. Sie führte sie in ein kleines Zimmer mit zwei -Betten. Das Fenster ging auf einen grauen Hinterhof hinaus, vor den -Fensterläden hing Wäsche, aber überall auf den Balkons standen Blumen, -und hoch oben auf den grauen Dächern lagen Loggien und Lauben zwischen -grünen Büschen.</p> - -<p>Franziska redete endlich mit der Wirtin, während sie gleichzeitig in -den Ofen guckte, die Betten befühlte und ihm zwischendurch Aufklärungen -gab:</p> - -<p>„Sonne ist hier den ganzen Vormittag. Wenn das eine Bett herauskommt, -so ist hier reichlich Platz. Der Ofen sieht ordentlich aus. Es kostet -vierzig Lire ohne Licht und Heizung und zwei für <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">servizio</span>. Das -ist billig. Soll ich ihr sagen, daß Sie es annehmen? Sie können morgen -einziehen, wenn Sie wollen!“ —</p> - -<p>„Nichts zu danken. Sie können sich doch vorstellen, daß es mir Freude -macht, Ihnen ein wenig zu helfen,“ sagte sie draußen auf der Treppe. -„Wenn es Ihnen nur gefällt. Signora Papi ist sehr sauber, das weiß ich.“</p> - -<p>„Gewiß eine seltene Tugend hierzulande?“</p> - -<p>„Oh nein. Sie sind nicht anders als die Vermieterinnen daheim in -Kristiania, glaube ich. Dort, wo meine Schwester und ich wohnten, in -der Holbergstraße — ich hatte ein paar neue Lackschuhe unter das -Bett gestellt — getraute mich aber nicht, sie wieder hervorzuholen. -Manchmal guckte ich nach ihnen — sie standen da und sahen aus wie zwei -weiße zottige Lämmchen.“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Helge. „Ich habe ja immer zuhause gewohnt.“</p> - -<p>Franziska lachte plötzlich laut auf:</p> - -<p>„Denken Sie, die Signora glaubte, ich sei Ihre <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">moglie</span> — daß wir -beide dort wohnen sollten. Ich sagte, ich sei Ihre Kusine; sie kaute -übrigens ein bißchen<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> drauf herum. <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Cugina</span> — das gilt sicher -gleich wenig überall auf der Welt!“</p> - -<p>Sie lachten beide einen Augenblick darüber.</p> - -<p>„Haben Sie Lust zu einem Spaziergang?“ fragte Franziska plötzlich. -„Wollen wir auf die Ponte Molle hinausgehen? Sind Sie schon dort -gewesen? Können Sie auch noch so weit laufen? Wir fahren mit der -Straßenbahn nach Hause, wissen Sie.“</p> - -<p>„Können Sie auch noch — Sie sind doch nicht wohl?“</p> - -<p>„Es tut mir gerade gut, zu laufen — bitte geh’, sagt Gunnar immer — -ich meine Heggen.“</p> - -<p>Sie plauderte ununterbrochen und lugte ab und an zu ihm hinauf, um sich -zu überzeugen, daß sie ihn gut unterhalte. Sie gingen den neuen Weg -längs des Tiber hinauf; der Strom wälzte sich gelblichgrau zwischen den -grünen Hügeln dahin. Kleine perlmuttschimmernde Wölkchen lagen über -des Monte Mario dunklem Gebüsch mit graugelben Villen zwischen den -immergrünen Bäumen.</p> - -<p>Franziska grüßte einen Konstabler und lachte zu Gram hinüber:</p> - -<p>„Denken Sie sich, dieser Bursche hat mich heiraten wollen. Ich ging -hier viel allein spazieren und dann pflegte ich mit ihm zu plaudern. -Da fragte er mich. Der Sohn unseres Tabakhändlers hat übrigens auch um -mich angehalten. Jenny schalt mich aus, sie sagte, es sei meine eigene -Schuld, und das war es vielleicht auch.“</p> - -<p>„Ich finde, Fräulein Winge schilt Sie recht oft. Sie scheint eine -strenge Mama zu sein?“</p> - -<p>„Nur, wenn ich es verdiene. Hätte es doch schon früher jemand getan,“ -— sie seufzte. „Aber daran hat leider niemand gedacht.“</p> - -<p>Helge Gram fühlte sich frei und leicht, wie er mit ihr dahinschritt. -Etwas unsagbar Weiches lag über ihr, über dem Gang, der Stimme, dem -Antlitz unter dem großen rauhen Glockenhut. Es war fast, als könne er -Jenny Winge nicht recht leiden, wenn er jetzt an sie dachte — sie -hatte so selbstsichere hellgraue Augen — und solch<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> fürchterlichen -Appetit. Cesca erzählte eben, daß sie in diesen Tagen fast nichts essen -könne.</p> - -<p>Und er sagte:</p> - -<p>„Fräulein Winge ist gewiß eine junge Dame, die ganz von ihrer Eigenart -durchdrungen ist?“</p> - -<p>„Ja, weiß Gott, sie hat Charakter. Denken Sie — sie wollte immer schon -malen. Mußte aber Lehrerin werden. Oh, wie hat sie gearbeitet! Ja, das -sieht man ihr jetzt nicht an. Sie ist so stark, daß sie sich immer -sofort wieder aufrichtet. Aber als ich sie zuerst auf der Malschule -traf, da lag etwas Hartes und Verschlossenes — etwas Gepanzertes, sagt -Gunnar, — über ihr. Sie war erschreckend zurückhaltend. Ich lernte -sie gar nicht recht kennen, ehe sie hier herunter kam. Die Mutter -ist zum zweiten Male Witwe — sie heißt jetzt Berner — drei kleine -Stiefgeschwister sind auch da. Denken Sie nur, sie hatten zwei kleine -Zimmer, und Jenny schlief in einer winzigen Mädchenkammer, arbeitete -und studierte und bildete sich nebenher aus und half der Mutter mit -Geld und auch im Hause; sie hatten kein Mädchen. Freunde oder Bekannte -besaß sie nicht, wenn sie zu kämpfen hat, schließt sie sich gleichsam -in sich ein, sie will nicht klagen; ist das Glück aber mit ihr, so ist -es, als öffne sie die Arme allen, die eine Stütze an ihr suchen.“</p> - -<p>Franziskas Wangen glühten. Sie schlug ihre großen Augen voll zu ihm auf:</p> - -<p>„Ich, sehen Sie, ich habe keine Hindernisse gehabt außer denen, die ich -mir selbst in den Weg legte. Ich bin etwas hysterisch, und dann lasse -ich meine eigenen Stimmungen mit mir durchgehen. Aber Jenny spricht mit -mir darüber; sie sagt, alles Leid, das uns begegnet, und nicht wieder -gut zu machen ist, haben wir selbst verschuldet. Wenn man seinen Willen -nicht genügend in der Gewalt hat, um seine Stimmungen und Handlungen zu -beherrschen, wenn man nicht mehr Herr über sich selber ist, tut man am -besten, sich zu erschießen, sagt Jenny.“</p> - -<p>Helge blickte lächelnd auf sie nieder: „Sagt Jenny,“ und „Gunnar sagt,“ -und „ich hatte einen Freund, der<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> zu sagen pflegte“. Wie jung und -vertrauensvoll sie doch war.</p> - -<p>„Für Fräulein Winge gelten vielleicht andere Gesetze als für Sie,“ -meinte er. „Können Sie sich das nicht denken, — so verschieden wie -Sie sind, — selbst der Begriff ‚Leben‘ hat für zwei Menschen eine -verschiedene Bedeutung.“</p> - -<p>Sie waren auf die Brücke hinaussgelangt. Franziska lehnte sich über -die Brüstung. Weiter oberhalb des Stromes am Fuße des bräunlichgrünen -Hügels lag eine Fabrik, deren hoher schlanker Schornstein das -geschäftige gelbe Wasser zitternd widerspiegelte. Weit hinter der -welligen Ebene zeigten sich die Höhen der Sabinerberge, lehmgrau und -kahl mit bläulichen Klüften und schneebedeckten Felsen im Hintergrund.</p> - -<p>„Das hat Jenny gemalt, aber in glühroter Abendsonne Fabrik und -Schornstein von rotem Lichte übergossen. Und die Stimmung, die nach -einem so heißen Tage herrscht, an dem man die Felsen vor Dunst nicht -sehen kann, höchstens einen leisen Schimmer des Schnees hoch oben in -dem schweren, metallenen Blau. Und dazu Wolken, große Wolken über dem -Schnee. Es ist schön, ich muß Jenny bitten, es Ihnen zu zeigen.“</p> - -<p>„Kann man hier etwas Wein bekommen?“ fragte er.</p> - -<p>„Es wird bald kühl, aber einen Augenblick können wir wohl draußen -sitzen.“</p> - -<p>Sie schlug den Weg über den runden Platz hinter der Brücke ein. Unter -allen Osterien wählte sie einen kleinen Garten. Hinter einer Art -Schuppen mit Tischen und Rohrstühlen stand eine Bank unter kahlen -Ulmen. Vor dem Garten lag eine grüne Wiese, dahinter erhob sich der -Hügel jenseits des Stroms dunkel gegen den fahlen bewölkten Himmel.</p> - -<p>Franziska brach einen Zweig von den Holunderbüschen längs des Gitters. -Er trug kleine, grüne, frische Knospen, deren Spitzen in der Kälte -schwarz angelaufen waren.</p> - -<p>„Sehen Sie her, so stehen sie und schlagen aus und<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> frieren den ganzen -Winter. Und wenn der Lenz kommt, hat der Winter ihnen doch nichts -anhaben können.“</p> - -<p>Als sie den Zweig beiseite legte, ergriff er ihn. Er behielt ihn die -ganze Zeit in der Hand.</p> - -<p>Sie hatten sich Weißwein bestellt. Franziska mischte den ihren mit -Wasser und nippte nur. Dann lächelte sie flehend:</p> - -<p>„Wollen Sie mir eine Zigarette geben?“</p> - -<p>„Mit Vergnügen, — wenn Sie es vertragen?“</p> - -<p>„Ach, ich rauche ja jetzt fast gar nicht mehr. Meinetwegen unterläßt es -auch Jenny fast ganz. Heute Abend übrigens vermute ich, daß sie sich -wieder etwas zu Gemüte führt. Sie ist mit Gunnar zusammen.“</p> - -<p>Das Licht des Zündhölzchens beleuchtete Franziskas lächelndes Antlitz.</p> - -<p>„Sie dürfen es aber Jenny nicht erzählen, daß ich geraucht habe, hören -Sie?“</p> - -<p>„Nein, nein.“ Er lachte.</p> - -<p>„Ja.“ Sie blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. „Ich wünschte -so sehr, daß Jenny und Gunnar sich verheirateten. Ich fürchte aber, -sie tun es nicht, — sie sind immer so gute Freunde gewesen. Dann -verliebt man sich nicht so leicht ineinander, nicht wahr? Nicht in -jemanden, den man von früher her so gut kennt. Sie sind sich im Grunde -auch so ähnlich. Es sind aber die Gegensätze, die sich anziehen, sagt -man. Ich finde, es ist dumm eingerichtet auf diese Weise — aber es -stimmt sicher. Es wäre viel besser, man liebte jemanden, mit dem man -geistesverwandt ist. Dann gäbe es die Not und das Leid nicht, die Liebe -immer begleiten. Glauben Sie nicht auch? — Denken Sie, Gunnar stammt -aus einer armen Häuslerfamilie drunten in Smaalene. Er kam aber nach -Kristiania — eine Tante von ihm auf Grünerlökken nahm ihn zu sich, -weil es bei ihm zu Hause sehr ärmlich zuging. Damals war er erst neun -Jahre alt und mußte schon Wäsche austragen, die Tante hatte nämlich -eine Plätterei, und später kam er in die Handwerkslehre. Was er kann -und weiß, hat er sich<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> selbst angeeignet. Er muß immer studieren, -alles interessiert ihn dermaßen, daß er es bis auf den Grund kennen -lernen muß. Jenny sagt, er vergißt ganz das Malen; jetzt hat er so -gründlich Italienisch gelernt, daß er alle Bücher lesen kann, auch -Verse. Jenny ist ebenso. Sie hat furchtbar viel gelernt, nur weil es -sie interessierte. Ich kann aus Büchern niemals etwas lernen — ich -bekomme Kopfschmerzen vom Lesen. Aber Jenny und Gunnar erzählen mir. -Das behalte ich dann. Sie wissen sicher auch sehr viel. — Können Sie -mir nicht ein wenig über ihr Studium erzählen? Das Schönste, das ich -kenne, ist, wenn jemand mir erzählt. Das behalte ich gut.</p> - -<p>Gunnar hat mich auch Malen gelehrt. Ich zeichnete immer als Kind — -es fiel mir so leicht. Dann traf ich ihn einmal im Gebirge vor drei -Jahren — ich war dort oben, um zu arbeiten. Ein wenig kannte ich ihn -ja von früher her. Ich war also dort und malte Bilder — furchtbar -ordentlich, aber ohne jede Spur von Kunst. Ich wußte es selbst sehr -gut, kannte aber den Grund nicht. Ich wollte etwas in meine Bilder -hineinbringen, aber ich wußte nicht recht, was, und ich ahnte nicht, -wie ich mich dabei anstellen sollte. Aber dann sprach ich mit ihm. -Zeigte ihm meine Sachen. Er konnte viel weniger als ich — ich meine -technisch. Er ist auch nur ein Jahr älter als ich. Was er aber gelernt -hatte, das beherrschte er. Ja, ich malte dann zwei Sommernachtsbilder. -Dieses wundersame <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">clairobscur</span> — alle Farben liegen so tief, -sind aber doch leuchtend stark. — Natürlich waren die Bilder nicht -gut. Aber etwas war in ihnen, wie ich es haben wollte — ich konnte -sehen, daß <em class="gesperrt">ich</em> sie gemalt hatte, und nicht irgend ein anderes -Mädel, das ein bißchen gelernt hatte —. Verstehen Sie mich? Ich habe -ein Motiv hier draußen gefunden: einen anderen Weg zur Stadt. Wir -gehen einmal da herunter. Es ist ein Weg zwischen zwei Gartenmauern -— ganz schmal. An einer Stelle stehen zwei Portale im Barockstil mit -Eisengittern. An jeder Seite erhebt sich eine Zypresse. Ich habe ein -paar<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Federzeichnungen gemacht und sie ausgetuscht. Ueber den Zypressen -schwebt eine schwere, tiefblaue Wolke, ein Schimmer von grünlicher -Luft und ein blinkender Stern; Dächer und Kuppeln der Stadt weit, weit -drinnen sind nur leise angedeutet —. Es sollte so ein gewisses Pathos -haben, wissen Sie —.“</p> - -<p>Es begann bereits stark zu dämmern. Ihr Antlitz leuchtete bleich unter -dem Hut.</p> - -<p>„Nicht wahr, finden Sie nicht — ich muß wieder gesund werden, um zu -arbeiten —.“</p> - -<p>„Ja,“ flüsterte er. „Ach ja — Liebste —.“</p> - -<p>Er hörte, wie schwer sie atmete. Ein Weilchen war es still. Dann sagte -er leise:</p> - -<p>„Wieviel Freude Sie an Ihren Freunden haben, Fräulein Jahrmann.“</p> - -<p>„— Und ich wünschte, daß alle Menschen meine Freunde wären. Ich will -allen gut sein, verstehen Sie.“ Sie sagte das ganz leis, während sie -tief aufatmete.</p> - -<p>Helge Gram beugte sich plötzlich nieder und küßte ihre Hand, die weiß -und klein auf dem Tische vor ihm lag.</p> - -<p>„Ich danke Ihnen,“ flüsterte Franziska still.</p> - -<p>Sie saßen einen Augenblick schweigend.</p> - -<p>„Wir müssen gehen, lieber Freund, es wird jetzt so kalt ...“</p> - -<p>Am nächsten Tage, als er Einzug in sein neues Zimmer hielt, stand auf -dem Tisch mitten im Sonnenschein ein Majolikakrug mit kleinen blauen -Iris. Die Signora erklärte, die Kusine hätte sie gebracht.</p> - -<p>Als Helge allein war, beugte er sich über die Blumen und küßte sie alle -— eine nach der anderen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_VI">VI.</h3> - -</div> - -<p>Helge Gram fühlte sich wohl in seinem neuen Zimmer unten an der -Ripetta. Er hatte die Empfindung, als arbeite es sich leicht und -gut an dem kleinen Tisch vor dem Fenster mit dem Blick auf den Hof, -trocknende<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Wäsche und die Blumentöpfe auf den Balkons. Die Familie -gerade gegenüber hatte zwei kleine Kinder, einen Knaben und ein -Mädchen, etwa sechs bis sieben Jahre alt. Kamen sie auf ihren kleinen -Altan heraus, so nickten und winkten sie Helge zu, und er winkte -wieder. In letzter Zeit hatte er auch der Mutter einen Gruß zugenickt. -Diese kleine Bekanntschaft aus der Ferne gab ihm ein warmes, trauliches -Gefühl. — Vor ihm stand Cescas Vase; er versäumte nicht, sie immer mit -frischen Blumen zu füllen. Signora Papi konnte sein Italienisch gut -verstehen. Es käme daher, daß sie dänische Mieter gehabt hatte, sagte -Cesca; Dänen könnten ja fremde Sprachen nicht lernen.</p> - -<p>Wenn die Signora bei ihm zu tun gehabt hatte, blieb sie immer eine -Ewigkeit in der Türe stehen und plauderte. Meist über die „Kusine“. -„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Che bella</span>“, sagte Signora Papi. Einmal war Franziska allein bei -ihm gewesen, und einmal zusammen mit Jenny — beide Male, um ihn zum -Tee einzuladen. — Wenn Frau Papi schließlich unter Entschuldigungen -wegen der Störung, selber unterbrach und verschwand, dann lehnte Helge -sich weit zurück in seinem Stuhl, die Arme im Nacken verschränkt. -Er dachte an sein Zimmer daheim — neben der Küche, wo Mutter und -Schwester während ihrer Arbeit von ihm sprachen, laut, bekümmert, -mißbilligend. Er konnte jedes Wort verstehen — was wohl auch -beabsichtigt war. Oh, jeder Tag hier unten wurde ihm zu einem kostbaren -Gnadengeschenk. Endlich, endlich hatte er Frieden, konnte arbeiten, -arbeiten.</p> - -<p>Die Nachmittage brachte er in Museen und Bibliotheken zu. Doch in der -Dämmerung, so oft er meinte, daß es anging, schaute er zu den beiden -Malerinnen hinauf in der Via Vantaggio und trank den Tee bei ihnen.</p> - -<p>Gewöhnlich waren sie beide daheim. Mitunter traf er andere Gäste — -Heggen und Ahlin sogar sehr häufig. Zweimal hatte er Jenny allein -angetroffen und einmal nur Franziska.</p> - -<p>Sie hielten sich immer in Jennys Zimmer auf.<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Dort war es warm und -gemütlich, obgleich die Fenster offen standen, bis der letzte blaue -Abendschein erloschen war.</p> - -<p>Es glühte und knisterte im Ofen und der Wasserkessel summte auf dem -Spiritusapparat. Helge kannte jetzt jeden Gegenstand im Raume — die -Studien und Photographien an den Wänden, die blumengefüllten Vasen, das -blaue Teeservice, den Bücherständer neben dem Bett und die Staffelei -mit Franziskas Bild. Ein wenig unordentlich sah es hier immer aus, -der Tisch vorm Fenster war bedeckt mit Tuben und Farbenkästchen, -Skizzenbüchern und fliegenden Blättern. Jenny schob mit dem Fuße -Pinsel und Malerlumpen, die auf dem Boden umherlagen, unter den Tisch, -während sie damit beschäftigt war, den Teetisch zurechtzumachen. Häufig -lagen Nähzeug und halbfertig gestopfte Strümpfe auf dem Sofa, die sie -beiseite räumte, wenn sie sich niedersetzte, um Keks zu streichen. -Dann erhob sie sich wieder, und stellte ein Spirituslämpchen an seinen -Platz, das immer irgendwo im Zimmer herumstand.</p> - -<p>Unterdes pflegte er mit Franziska in der Ofenecke zu sitzen und zu -erzählen. Es geschah auch, daß Cesca plötzlich die Idee hatte, häuslich -zu sein; Jenny sollte sich setzen und feiern. Jenny wollte es nicht -zugeben, aber Cesca räumte auf wie ein Wirbelwind und verstaute alle -umherliegenden Kostbarkeiten an Orten, wo Jenny sie niemals wiederfand. -Zuletzt klopfte sie fehlende Reißzwecken in die schief hängenden -Bilder, die sich auf den Wänden zusammenrollten, wobei sie ihren -eigenen Schuh als Hammer benutzte.</p> - -<p>Gram konnte nicht recht klug aus Franziska werden. Sie war immer -freundlich und liebenswürdig gegen ihn, niemals aber so von innen -heraus vertraulich wie an jenem Tage auf der Ponte Molle. Mitunter -schien sie so eigentümlich geistesabwesend — es war, als erfaßte sie -überhaupt nicht, was er sprach, obgleich sie freundlich antwortete. -Einige Male hatte er das Gefühl, als ob er sie ermüde. Fragte er, wie -es ihr ginge, so antwortete sie meist überhaupt nicht. Und als er -einmal ihr Bild<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> mit den Zypressen erwähnte, sagte sie, allerdings auf -eine sehr liebe Art:</p> - -<p>„Sie dürfen nicht böse sein, Gram, aber ich möchte nicht von meiner -Arbeit sprechen, solange sie nicht fertig ist, jedenfalls nicht jetzt.“</p> - -<p>Eine gewisse Ermunterung bedeutete es ihm, als er merkte, daß Bildhauer -Ahlin ihn nicht leiden konnte. Der Schwede sah also immerhin einen -Rivalen in ihm —. Im übrigen hatte er den Eindruck gewonnen, als ob -Franziska sich von Ahlin zurückgezogen hätte.</p> - -<p>Wenn er für sich allein war, malte Helge sich in Gedanken aus, was er -Cesca erzählen wollte und führte im Geiste lange Gespräche mit ihr. Er -sehnte sich danach, mit ihr zu sprechen wie an jenem Tage an der Ponte -Molle, er wollte ihr zum Dank für ihr Vertrauen von seinem eigenen -Leben berichten. Wenn er sie aber traf, so war er unsicher und nervös -und wußte nicht, wie er das Gespräch auf das lenken sollte, worüber -er zu sprechen wünschte. Er fürchtete, aufdringlich oder taktlos zu -erscheinen, etwas zu tun, wodurch er in ihren Augen verlieren könnte. -Sie fühlte seine Verlegenheit wohl und kam ihm zu Hilfe, verwickelte -ihn in einen Wortstreit, kicherte mit ihm, so daß es ihm ein Leichtes -wurde, auf den Neckton einzugehen und in ihr Lachen einzustimmen —. -Im Augenblick war er ihr dankbar, sie füllte leicht und behende alle -Pausen aus und half ihm, jedesmal, wenn er sich festgefahren hatte, -wieder weiter. Erst hinterher, zu Hause, empfand er die Enttäuschung. -Es war wieder nichts anderes gewesen als Geplauder über allerlei -muntere Nichtigkeiten.</p> - -<p>War er aber mit Jenny allein, so wurde immer ein vernünftiges -Gespräch über solide Dinge geführt. Hin und wieder fand er diese -ernsten Diskussionen über abstrakte Materien etwas ermüdend. Aber -häufig liebte er auch diese Unterhaltungen, weil das Gespräch von -allgemeinen Verhältnissen auf seine persönlichen überging. Nach und -nach erzählte er ihr sehr viel von sich selber, von seiner Arbeit, den -Schwierigkeiten, die sich ihm nach<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> seiner Ansicht in äußeren Umständen -wie in seinem eigenen Wesen entgegenstellten. Daß Jenny Winge nicht von -sich selbst sprach, merkte er kaum, wohl aber, daß sie es vermied, das -Problem Franziska mit ihm zu erörtern.</p> - -<p>Es fiel ihm auch nicht auf, daß er so wie mit Jenny niemals mit -Franziska würde reden können, die ihn für weit weit bedeutender, -stärker und sicherer halten würde, als er in seinen eigenen Augen war —.</p> - -<p class="mtop2">Weihnachtsabend waren sie alle im Verein gewesen und gingen darauf zur -Mitternachtsmesse in die S. Luigi dei Franchesi.</p> - -<p>Helge fand die Messe zuerst sehr stimmungsvoll. In der ganzen Kirche -herrschte Halbdunkel trotz der schimmernden Kristallkronen, die -freilich hoch oben unter der Decke schwebten. Die Altarwand war ein -einziges Lichtmeer, aus dem weichen, goldenen Schein unzähliger -Wachslichter zusammenfließend. Chorgesang und Orgelton zitterten -gedämpft durch den Kirchenraum. — Er saß neben einer schönen -Italienerin, die einem sammetgefütterten Juwelenkästchen einen -Rosenkranz aus Lapislazuli entnahm und in ein andächtiges Gebet versank.</p> - -<p>Nach einer kurzen Zeit aber begann Franziska halblaut zu murren. Sie -saß mit Jenny auf der Bank vor ihm.</p> - -<p>„Ach Jenny, wir wollen gehen. Ist das vielleicht Weihnachtsstimmung? -Das ist ja nur ein gewöhnliches Konzert. Hör doch den Burschen, der -jetzt singt; ganz ohne Ausdruck, die Stimme ist obendrein überschrieen. -Pfui!“</p> - -<p>„Still, Cesca, denk daran, daß wir in einer Kirche sind.“</p> - -<p>„Kirche — pah. Dies hier ist ja ein Konzert — wir mußten sogar -Eintrittskarten und Programme haben. Greuliches Konzert — es nimmt mir -die ganze Laune.“</p> - -<p>„Ja, ja, wir gehen, wenn diese Nummer zu Ende ist. Schweig jetzt aber, -solange wir noch hier sind.“</p> - -<p>„Nein,“ plauderte Cesca, „Sylvester im vorigen Jahre. Ich war in Gesu -— da war Stimmung. <span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">Te Deum.</span><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Ich kniete neben einem alten -Bauern aus der Campagna und einem jungen Mädchen, das krank war — und -so schön. Alle Menschen sangen, der alte Bauer konnte das ganze <span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">Te -Deum</span> auf Lateinisch. Das war stimmungsvoll!“</p> - -<p>Während sie sich leise einen Weg durch die überfüllte Kirche bahnten, -erklang das Ave Maria durch den Raum.</p> - -<p>„Ave Maria,“ Franziska blies verächtlich durch die Nase. „Hört ihr -nicht, sie denkt überhaupt nicht an das, was sie singt — wie ein -Phonograph. Ich ertrage es nicht, wenn solche Musik derartig mißhandelt -wird.“</p> - -<p>„Ave Maria,“ sagte ein Däne, der neben ihr ging. „Ich erinnere mich da -einer jungen norwegischen Dame — wie sang sie es doch herrlich. Ein -Fräulein Eck.“</p> - -<p>„Berit Eck — kennen Sie die, Hjerrild?“</p> - -<p>„Sie war vor zwei Jahren in Kopenhagen und sang mit Ellen Bech dort. -Ich kannte sie ziemlich genau. Sie kennen sie auch, Fräulein Jahrmann?“</p> - -<p>„Meine Schwester war mit ihr bekannt,“ sagte Franziska. „Richtig, Sie -trafen doch meine Schwester Borghild in Berlin. Mögen Sie Fräulein Eck -— Frau Herrmann heißt sie jetzt übrigens?“</p> - -<p>„Sie war ein ganz reizendes Mädchen — entzückend. Und ungewöhnlich -begabt.“</p> - -<p>Franziska blieb mit Hjerrild zurück.</p> - -<p class="mtop2">Es war verabredet, daß Heggen, Ahlin und Gram bei den Damen zu Abend -essen sollten — Franziska hatte eine Weihnachtskiste von zu Hause -bekommen. Man hatte norwegischen Weihnachtskäse auf den Tisch gebracht, -der mit Tausendschön aus der Campagna und Kerzen in siebenarmigen -Leuchtern geschmückt war.</p> - -<p>Franziska trat als letzte ein und hatte den Dänen mitgebracht.</p> - -<p>„Ist es nicht nett, Jenny — daß Hjerrild mit kam?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> - -<p>Es stellte sich heraus, daß es sowohl Bier wie auch Genfer Likör zu -Tisch gab. Und norwegische Butter, braunen Käse und kalten Auerhahn, -Sülze und Räucherschinken.</p> - -<p>Franziska hatte neben Hjerrild Platz genommen, und sobald das Gespräch -am Tisch sich belebte, wandte sie sich an ihn.</p> - -<p>„Kennen Sie den Pianisten Herrmann, mit dem Fräulein Eck sich -verheiratet hat?“</p> - -<p>„Ja, sehr gut. Ich habe in einem Pensionat mit ihm gewohnt, in -Kopenhagen, und jetzt in Berlin traf ich ihn wieder.“</p> - -<p>„Wie finden Sie ihn?“</p> - -<p>„Er ist ein netter Mensch. Ungeheuer begabt — er schenkte mir seine -letzten, nach meiner Meinung äußerst originellen Kompositionen. Ja. Ich -mag ihn recht gut leiden.“</p> - -<p>„Haben Sie die Kompositionen mit? Darf ich sie nicht einmal sehen? -Ich würde gern in den Verein gehen und sie durchspielen. Wir waren in -früheren Zeiten befreundet,“ sagte Franziska.</p> - -<p>„Richtig! Jetzt entsinne ich mich. Er besitzt Ihre Photographie! Er -wollte mir nicht erzählen, wer es war.“</p> - -<p>„Ja, das stimmt,“ sagte Franziska leise. „Er bekam wohl einmal ein Bild -von mir, glaube ich.“</p> - -<p>„Im übrigen —“ Hjerrild leerte sein Glas — „ist er ein wenig zu -brutal, kann unglaublich rücksichtslos sein. Aber — vielleicht ist es -eben das, was ihn bei den Frauen unwiderstehlich macht. Mir persönlich -war er mitunter etwas zu sehr — Prolet.“</p> - -<p>„Eben das ist es.“ Sie suchte nach Worten. „Das bewunderte ich gerade -so an ihm. Daß er sich von unten herauf durchgekämpft hatte zu dem, was -er jetzt ist. So ein Kampf <em class="gesperrt">muß</em> brutal machen, finde ich. Ja — -meinen Sie nicht, es entschuldigt sehr viel — fast alles?“</p> - -<p>„Halt, Cesca,“ sagte Heggen plötzlich: „Hans Herrmann wurde entdeckt, -als er dreizehn Jahre alt war — und seitdem hat man ihm geholfen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> - -<p>„Ja — aber fremde Hilfe annehmen — und für alles danken müssen! Immer -fürchten müssen, nicht genug beachtet, übersehen, <em class="gesperrt">daran erinnert</em> -zu werden, daß er — nun wie Hjerrild sagte, ein Proletarierkind war.“</p> - -<p>„Ich kann auch darauf pochen, daß ich ein Proletarierkind bin.“</p> - -<p>„Nein, das kannst du nicht, Gunnar. Du bist immer erhaben über deine -Umgebung gewesen, dessen bin ich sicher. Wenn du in einen Kreis -kamst, der in sozialer Hinsicht höher stand als der, in welchem -du geboren bist — so warst du auch dort schon der Ueberlegene, -wußtest mehr, warst klüger, dachtest vornehmer. Du hast immer in dem -starken Bewußtsein leben dürfen, daß du dir alles selbst erkämpft und -erarbeitet hast. — Du warst niemals gezwungen, anderen Menschen zu -danken, von denen du wußtest, daß sie vielleicht auf dich herabsahen -um deiner Herkunft willen — Snobs, die sich etwas darauf zugute -taten, einer Begabung hilfreiche Hand zu leisten, von deren Größe sie -keinen Dunst hatten, die dir innerlich unterlegen waren und glaubten, -über dir zu stehen; du brauchtest niemandem zu danken, gegen den du -keine Dankbarkeit empfandest. Du kannst nicht von den Gefühlen des -Proletariers reden, Gunnar. Du hast ja niemals gewußt, was das heißt.“</p> - -<p>„Ein Mensch, Cesca, der solche Hilfe annimmt — von Leuten, -denen gegenüber er Dankbarkeit nicht empfinden kann — ist ein -unverbesserliches Individuum der Unterklasse.“</p> - -<p>„Aber begreifst du denn das nicht, Junge? Man handelt so, wenn -man weiß, daß man Talent hat, vielleicht ein Genie ist, das nach -Entwicklung verlangt. Im übrigen, du: der du sagst, du seiest -Sozialdemokrat, du solltest nicht von Individuen der Unterklasse -sprechen, finde ich.“</p> - -<p>„Ein Mensch, der vor seinem eigenen Talent Achtung hat, prostituiert -es nicht. Und was den Sozialdemokraten betrifft: Sozialdemokratie, das -ist das Verlangen nach Gerechtigkeit. Aber die Gerechtigkeit fordert, -daß Leute von seiner Art unterdrückt, auf den Boden der<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> menschlichen -Gesellschaft niedergepreßt, mit Ketten und Peitschen niedergehalten -werden. Die tatsächliche, legitime Unterklasse muß gebändigt werden.“</p> - -<p>„Das ist ein eigentümlicher Sozialismus,“ lachte Hjerrild.</p> - -<p>„Es gibt keinen anderen — für reife Menschen. Ich rechne nicht mit -den hellen blauäugigen Kinderseelen, die da glauben, alle Menschen -seien gut und an dem Bösen sei die Gesellschaft schuld. Wären alle -Menschen gut, so wäre die soziale Gemeinschaft ein Paradies. Die -Proletarierseelen sind es aber gerade, die das Schlechte hineintragen. -Sie sind in allen Gesellschaftsklassen zu finden: sind sie die Herren, -so sind sie grausam und brutal; dienen sie, so sind sie kriechend -und heuchlerisch und faul. Ich habe genug von dieser Sorte in den -Reihen der Sozialdemokraten angetroffen. — Ja, Herrmann rechnet sich -ja auch zu den Sozialisten. Wenn sie ein Paar Hände finden, die sie -vorwärtsbringen wollen, so nehmen sie die Hilfe an, um hinterher auf -diesen selben Händen herumzutrampeln. Wittern sie einen Trupp, der -vorwärtsmarschiert, so schließen sie sich ihm an, um Teil an der Beute -zu haben — Loyalität aber, Kameradschaftsgefühl, das besitzen sie -nicht. Das Ziel — sie verlachen es insgeheim. Die Gerechtigkeit — -sie hassen sie im Grunde, denn sie wissen ja, wenn sie siegt, so geht -es ihnen übel. — Alle, die die Gerechtigkeit fürchten, nenne ich -eben das legitime Proletariat, das bekämpft werden muß, schonungslos. -Hat es Macht über die Armen und Schwachen, so quält und tyrannisiert -es sie und macht auch sie zu Proletariern. Ist es selber arm und -schwach, so kämpft es nicht — nein, es bettelt und heuchelt sich -vorwärts und überfällt jeden hinterrücks, wenn es seinen Vorteil -darin erblickt. — Das Ziel muß eine Gemeinschaft sein, in welcher -die Oberklassenindividuen die Führer sind. Denn diese kämpfen niemals -für sich selbst, sie sind sich ihrer eigenen unerschöpflichen Quellen -wohl bewußt, sie verschwenden sie an die Armen, kämpfen um Licht und -Luft für jedes schwache Zeichen von Gutem und Schönem, das sich bei -den<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> kleinen Seelen zeigt, die weder das eine noch das andere sind, -gut, wenn sie sichs leisten können, schlecht, wenn das Proletariat -sie dazu zwingt. Das Ziel ist, daß diejenigen zur Macht gelangen, die -ein Verantwortungsgefühl haben für jede kleinste gute Regung, die -unterdrückt wird.“</p> - -<p>„Du verstehst trotzdem Hans Herrmann nicht,“ sagte Franziska leise. -„Er war nicht nur um seiner selbst willen aufgebracht über das soziale -Unrecht. Die kleinen guten Seelen, die untergingen — <em class="gesperrt">er</em> war es, -der von ihnen sprach, oh ja. Wenn wir einen Spaziergang nach dem Osten -der Stadt machten und die kleinen blassen Kinder in den häßlichen, -trüben, überfüllten Kasernen sahen, die er, wie er sagte, am liebsten -in Brand stecken würde.“</p> - -<p>„Phrasen. Wenn er die Hausmiete zu bekommen hätte —.“</p> - -<p>„Pfui, Gunnar,“ sagte Franziska heftig.</p> - -<p>„Ja, ja, er wäre eben kein Sozialist gewesen, wenn er reich geboren -wäre. Aber ein ebenso unverfälschter Proletarier.“</p> - -<p>„Bist du dessen so sicher, daß du Sozialdemokrat gewesen wärst?“ sagte -Franziska — „wenn du — nun als Graf zum Beispiel geboren wärest?“</p> - -<p>„Heggen <em class="gesperrt">ist</em> ein Graf,“ lachte Hjerrild, „über viele luftige -Schlösser.“</p> - -<p>Heggen warf den Kopf nach hinten und schwieg einen Augenblick.</p> - -<p>„Ich habe jedenfalls niemals das Gefühl gekannt, arm geboren zu sein,“ -sagte er, mehr für sich.</p> - -<p>„Nun ja,“ ließ sich Hjerrild vernehmen. „Um auf Herrmanns Kinderliebe -zurückzukommen — um seinen eigenen kleinen Jungen kümmert er sich -nicht viel. Und die Art und Weise, wie er sich gegen sie benahm, war -auch recht häßlich. Erst drohte und bettelte er, daß sie sein wurde -und als sie dann ein Kind bekommen sollte, mußte sie sicher drohen und -betteln, daß er sie heiratete.“</p> - -<p>„Haben sie einen kleinen Jungen?“ flüsterte Franziska.</p> - -<p>„Ja ja. Der kam, als sie sechs Wochen miteinander verheiratet waren — -gerade in den Tagen, als ich Berlin<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> verließ. Herrmann war nach Dresden -gereist und hatte sie im Stich gelassen, nachdem sie einen Monat -zusammen gehaust hatten. Ich begreife nicht, warum er sie nicht etwas -früher heiraten konnte. Es war ja abgemacht, daß sie wieder geschieden -werden sollten und sogar ihr eigener Wille.“</p> - -<p>„Pfui!“ sagte Jenny. Sie hatte dem Gespräch eine ganze Zeit gelauscht. -„Daß man hingeht und sich verheiratet mit dem Vorsatz, sich hinterher -wieder scheiden zu lassen!“</p> - -<p>„Herrgott.“ Hjerrild lachte ein wenig. „Wenn man einander außen und -innen kennt, und weiß, daß man nicht miteinander fertig wird.“</p> - -<p>„Dann muß man das Heiraten lassen.“</p> - -<p>„Gewiß. Der freie Zustand ist ja weit schöner. Aber Herrgott, sie -mußte ja. Sie will nächsten Herbst ein Konzert in Kristiania geben -und muß sehen, daß sie Gesangschüler bekommt. Das würde ihr aber als -unverheirateter Frau mit einem Kinde unmöglich sein. Armes Ding!“</p> - -<p>„Mag sein. — Aber ekelhaft ist es darum doch. Wenn Sie unter freien -Zuständen das verstehen, daß sich Leute miteinander einlassen, obgleich -sie genau wissen, sie werden einander überdrüssig, so habe ich dafür -kein Verständnis. Schon die Auflösung einer so ganz alltäglichen, -platonisch bürgerlichen Verlobung .... ich finde, schon daran haftet -immer ein Makel. Ist man aber einmal so unglücklich gewesen, sich zu -irren — dann um der Leute willen noch diese abscheuliche Komödie -spielen — eine blasphemische Trauung, wo man steht und Dinge gelobt, -die man im voraus entschlossen ist, nicht zu halten! ...“</p> - -<p class="mtop2">Die Gäste gingen erst beim Morgengrauen. Heggen blieb noch einen -Augenblick zurück, nachdem die anderen fort waren.</p> - -<p>Jenny öffnete die Balkontür um den Tabakrauch herauszulassen. Sie -blieb stehen und sah hinaus. Der Himmel war schon fahlgrau mit einem -schwachen rötlichgelben<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Schein über den Häuserdächern. Es war -schneidend kalt. — Heggen trat an ihre Seite:</p> - -<p>„Ich danke dir. So wäre also wieder einmal ein Weihnachtsabend dahin. -Worüber sinnst du nach?“</p> - -<p>„Daß jetzt der Weihnachtsmorgen anbricht. ... Ich möchte wissen, ob sie -zu Hause meine Kiste rechtzeitig bekamen,“ sagte sie nach einer Weile.</p> - -<p>„Sandtest du sie nicht am elften — dann ist sie wohl zur Zeit -angekommen.“</p> - -<p>„Hoffentlich. — Es war immer eine große Freude für uns, am -Weihnachtsmorgen hineinzukommen und den Baum und die Geschenke bei -Tageslicht zu besehen. Als ich noch klein war.“ Sie lachte leise. „Es -ist viel Schnee gefallen dieses Jahr, schreiben sie. Dann sind sie wohl -oben auf den Bergen heute, die Kinder.“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Heggen. Er schaute wie sie ein Weilchen in die Weite. -„Aber, du erkältest dich, Jenny. Gute Nacht also — und für den -heutigen Abend vielen Dank.“</p> - -<p>„Gute Nacht. Fröhliche Weihnachten, Gunnar!“</p> - -<p>Sie reichten einander die Hände. Nachdem er gegangen, blieb sie noch -ein wenig stehen, ehe sie die Balkontür schloß und ins Zimmer trat.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_VII">VII.</h3> - -</div> - -<p>Eines Tages — es war in der Weihnachtswoche — kam Gram in eine -Trattoria, wo auch Jenny und Heggen saßen. Sie sahen ihn jedoch nicht, -und während er seinen Mantel an den Nagel hängte, hörte er Heggen sagen:</p> - -<p>„Er ist weiß Gott ein gefährlicher Bursche.“</p> - -<p>„Ja, abscheulich,“ seufzte Jenny.</p> - -<p>„Und dann verträgt sie das nicht, Teufel auch! In diesem -<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">scirocco</span> — morgen ist sie natürlich wieder ganz entkräftet. Ans -Arbeiten denkt sie wohl auch nicht und treibt sich nur mit diesem Kerl -herum.“</p> - -<p>„Nein, arbeiten? Aber ich kann doch nichts dazu tun. Sie marschiert -gern von hier nach Viterbo mit<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> ihm, in ihren kleinen, dünnen -Lackschuhen trotz <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">scirocco</span> und allem, nur weil der Mensch ihr -von Hans Herrmann erzählen kann.“</p> - -<p>Gram grüßte im Vorübergehen. Jenny und Heggen machten eine Bewegung, -als erwarteten sie, daß er sich zu ihnen setzen sollte. Er tat jedoch, -als sähe er nichts und ließ sich weiter oben im Lokal an einem Tisch -nieder, den Rücken ihnen zugekehrt.</p> - -<p>Er verstand, daß sie von Franziska sprachen.</p> - -<p class="mtop2">Beinahe täglich ging er hinauf zur Via Vantaggio. Er konnte es nicht -unterlassen. Jetzt saß Jenny fast immer allein zu Hause und nähte oder -las. Es schien, als freute sie sich, wenn er kam. Im übrigen fand er, -daß sie sich in letzter Zeit ein wenig verändert hatte. Sie war nicht -mehr so keck und sicher in ihren Aeußerungen, nicht mehr so aufgelegt -zum Diskutieren und Dozieren. Sie schien traurig. Eines Tages fragte -er, ob sie sich nicht wohl fühle.</p> - -<p>„Wohl — oh doch. Wieso?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht recht — ich finde, Sie sind so still geworden, -Fräulein Winge.“</p> - -<p>Sie hatte eben die Lampe angezündet, so daß er sehen konnte, daß sie -errötete.</p> - -<p>„Ich werde vielleicht bald nach Hause reisen müssen. Meine Schwester -hat Lungenspitzenkatarrh bekommen, und Mama ist so unglücklich.“ Sie -schwieg einen Augenblick. „Und da bin ich freilich etwas betrübt. -Wo ich doch so gern hier bleiben wollte — jedenfalls den Frühling -hindurch.“</p> - -<p>Sie nahm ihr Nähzeug zur Hand und begann zu arbeiten.</p> - -<p>Helge grübelte darüber nach, ob Gunnar Heggen der Anlaß sei — er -war sich niemals darüber klar geworden, ob zwischen den beiden etwas -spielte. Zurzeit war Heggen, der, wie Helge gehört hatte, ein ziemlich -leicht entzündbares Herz haben sollte, für eine junge dänische -Krankenschwester entflammt, die sich als Pflegerin einer alten<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Dame in -Rom aufhielt. — Jennys Erröten fand er so merkwürdig, es war ihm so -neu an ihr.</p> - -<p>An diesem Abend kam Franziska heim, ehe er ging. Er hatte sie seit -Weihnachten wenig zu Gesicht bekommen und er wußte nun, daß er ihr -vollkommen gleichgültig war. Von Launen oder kindischer Ungezogenheit -konnte keine Rede mehr sein. Es war, als <em class="gesperrt">sähe</em> sie andere -Menschen nicht mehr — irgend etwas erfüllte sie vollständig. Mitunter -ging sie umher wie eine Nachtwandlerin.</p> - -<p>Er fuhr dennoch fort, Jenny aufzusuchen, entweder in der Trattoria, wo -sie zu speisen pflegte, oder daheim auf ihrem Zimmer. Er wußte selber -kaum, warum er es tat. Es war ihm aber, als verlange ihn danach, sie zu -sehen.</p> - -<p>An einem Nachmittag ging Jenny in Franziskas Zimmer, um nach -einer Terpentinflasche zu suchen. Da lag Franziska auf ihrem -Bett und erstickte ihr Schluchzen in den Kissen. Sie mußte sich -heraufgeschlichen haben, Jenny hatte sie nicht kommen hören.</p> - -<p>„Aber liebes Kind — was ist geschehen? Bist du krank?“</p> - -<p>„Nein, geh nur, Jenny — liebe Jenny, geh. Nein, ich kann es dir nicht -sagen; du sagst ja doch nur, es sei meine eigene Schuld.“</p> - -<p>Jenny sah ein, daß es ihr nichts nützte, mit ihr zu reden. — Doch -am Abend, als sie im Bett lag und las, schlüpfte Franziska plötzlich -herein — im Nachthemd. Ihr Gesicht war rotfleckig und geschwollen vom -Weinen.</p> - -<p>„Darf ich heute Nacht bei dir schlafen, Jenny, ich kann nicht allein -sein.“</p> - -<p>Jenny machte Platz. Sie schwärmte nicht für diese Sitte, aber Franziska -pflegte zu kommen und zu bitten, bei ihr schlafen zu dürfen, wenn sie -ganz unglücklich war.</p> - -<p>„Nein, lies nur Jenny — ich werde dich nicht stören, ich liege ganz -still an der Wand.“</p> - -<p>Jenny tat, als lese sie eine Weile. Franziska schluchzte ab und zu -trocken auf. Dann fragte Jenny:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> - -<p>„Kann ich das Licht löschen, oder willst du lieber, daß es brennt?“</p> - -<p>„Lösch es nur!“</p> - -<p>Im Dunkeln schlang sie die Arme um Jenny und erzählte schluchzend.</p> - -<p>Sie war mit Hjerrild wieder in der Campagna gewesen. Da hatte er -sie dann geküßt. Erst hatte sie nur ein wenig gescholten, da sie -geglaubt, es wäre ein Scherz. „Aber dann wurde er verletzend in seiner -Zudringlichkeit. Und schließlich wollte er, daß ich heute Nacht mit -in sein Hotel gehen sollte. Er sagte es so, als lade er mich in eine -Konditorei ein. Da wurde ich rasend, und auch er wurde zornig. Darauf -sagte er mir dann einige gemeine, ekelhafte Dinge ins Gesicht.“ Sie -lag einen Augenblick still da, im Fieber erschauernd. „Er sagte dann -— ja, du kannst dirs wohl denken — etwas von Hans. Hans hatte -von mir erzählt, als er Hjerrild mein Bild zeigte, so daß Hjerrild -glauben mußte ... Verstehst du es, Jenny,“ sie schmiegte sich dicht -an die andere, „ja, ich tue es nicht mehr — ich will mich nicht -länger an diesen Schuft hängen — Hans hatte natürlich nicht meinen -Namen genannt, weißt du,“ sagte sie nach einer Weile. „Und er konnte -selbstverständlich nicht ahnen, daß Hjerrild mir jemals begegnen und -mich nach der Photographie wiedererkennen würde, die gemacht wurde, als -ich achtzehn Jahre alt war.“</p> - -<p class="mtop2">Am siebzehnten Januar hatte Jenny Geburtstag. Sie und Franziska wollten -eine Gesellschaft geben, ein Mittagessen draußen in der Campagna, in -einer kleinen Osteria an der Via Appianuova. Sie hatten Ahlin, Heggen, -Gram und Fräulein Palm, die dänische Krankenschwester, eingeladen.</p> - -<p>Sie gingen paarweise von der Straßenbahnhaltestelle die weiße -Landstraße hinauf, die im Sonnenschein gebadet dalag. Der Frühling -wob in der Luft und die fahle, braune Campagna war von einem -graugrünen<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> Schimmer übergossen, all die Tausendschön, die den -ganzen Winter über ihr Blühen nicht eingestellt hatten, begannen -sich in silberschimmernden Teppichen auszubreiten. Auch die Büschel -ungeduldiger lichtgrüner Knospen auf den Hollundersträuchern längs der -Gitter waren größer geworden.</p> - -<p>Lerchen schwebten zitternd hoch oben in dem blauweißen Himmel. -Die Wärme hüllte alles ein — drinnen über der Stadt und über den -häßlichen rotgelben Häuserblocks, die über die Ebene verstreut waren, -lag der Dunst. Die Felsen der Albaner Berge mit den weißen Städtchen -schimmerten hinter den gewaltigen Bogenreihen der Aquaedukte durch den -Nebel.</p> - -<p>Jenny und Gram schritten voran, er trug ihren hellgrauen Staubmantel. -Sie war strahlend schön, in schwarze Seide gekleidet — er hatte sie -vorher nie anders gesehen als in dem grauen Kleid oder in Kostüm und -Bluse. Aber heute war es ihm, als ginge er mit einer neuen fremden Frau -dahin. Die Linie des schlanken Leibes war weich und rund in dem blanken -schwarzen Kleide, das oben in einem schmalen tiefen Viereck bis auf die -Brust ausgeschnitten war. Die Haut und das Haar hoben sich leuchtend -hell dagegen ab. Sie trug auch einen großen schwarzen Hut, mit dem -Helge sie früher schon gesehen hatte, ohne jedoch weiter darauf zu -achten. Sogar ihr rosa Perlenhalsband sah anders aus zu diesem Gewand.</p> - -<p>Man speiste draußen im Sonnenschein unter den nackten Weinranken, die -ein feines, bläuliches Schattennetz auf das Tischtuch zeichneten. -Fräulein Palm und Heggen hatten den Tisch mit Tausendschön geschmückt; -die Makkaroni waren lange fertig, und die anderen hatten warten müssen, -bis die beiden mit der Dekoration kamen. Doch das Essen war gut und -der Wein vorzüglich, die Früchte hatte Franziska selbst in der Stadt -ausgewählt und mit hinausgenommen, ebenso den Kaffee, den sie selbst -zubereiten wollte, darauf bestand sie, um sicher zu gehen, daß er auch -gut würde.</p> - -<p>Nach dem Essen gingen Heggen und Fräulein Palm umher und studierten die -Marmorstümpfe — Ueberreste<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> von Reliefs und Inschriften, die auf dem -Grundstück gefunden und in die Hauswand eingemauert waren. Kurz darauf -verschwanden sie um die Ecke. Ahlin blieb am Tisch in der Sonne sitzen -und rauchte mit halbgeschlossenen Augen.</p> - -<p>Die Osteria lag am Abhang eines Hügels. Gram und Jenny klommen aufs -Geratewohl die Böschung hinauf. Sie pflückte einige von den kleinen -wildwachsenden Ringelblumen, die aus dem rotgelben Sand des Abhangs -hervorlugten.</p> - -<p>„Von diesen gibt es viele auf dem Monte Testaccio. Sind Sie dort einmal -gewesen, Gram?“</p> - -<p>„Ja, öfter. Ich war vorgestern drüben, um den protestantischen Kirchhof -zu sehen. Die Kamelienbäume sind übersät mit Blüten. Und auf dem alten -Teile fand ich Anemonen im Gras.“</p> - -<p>„Ja, die kommen jetzt hervor.“ Jenny seufzte ein wenig. „Draußen -vor der Ponte Molle, irgendwo an der Via Cassia, gibt es eine Menge -Anemonen. Ich bekam von Gunnar heute früh blühende Mandelzweige — man -hat sie schon an der Spanischen Treppe. Sie sind aber sicher künstlich -zum Blühen gebracht worden.“</p> - -<p>Sie waren auf der Höhe angelangt und gingen über Feld. Jenny sah zur -Erde. Es sproß überall auf dem kurzen, struppigen Grasboden. Rosetten -von bunten Distelblättern und irgendwelchen großen silberfarbenen -Blättern standen und ließen sichs wohl sein in der Sonne. Jenny -und Gram schlenderten auf eine einsame Mauermasse zu, die sich aus -niedergestürztem Schutt mitten auf dem Anger erhob, formlos und -namenlos.</p> - -<p>Fahl, graugrün dehnte sich die Campagna rund um sie her in sanften -Wellen unter dem hellen Lenzhimmel mit den trillernden Lerchen. Ihre -Grenzen verloren sich im Dunst des Sonnenglanzes. Die Stadt dort -hinter ihnen wurde zu einer hellen Luftspiegelung, Felsen und Wolken -liefen ineinander, und die gelben Bögen der Aquädukte ragten aus dem -Lichtnebel, um nach der Stadt zu wieder zu verschwinden. Die zahllosen -Ruinen waren nur noch kleine schimmernde Mauerreste, im Grünen -verstreut,<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> während Pinien und Eukalyptusbäume vor den rosenroten und -ockergelben Häuschen grenzenlos einsam und düster und verlassen in dem -lichten Vorfrühlingstage standen.</p> - -<p>„Erinnern Sie sich des ersten Morgens, als ich hier unten war, Fräulein -Winge? Ich war enttäuscht und ich meinte, es käme von meiner großen -Sehnsucht und meinen heißen Träumen, deren Welt so reich war, daß die -Wirklichkeit fade und armselig erscheinen müßte. — Haben Sie einmal -an einem Sommertage mit geschlossenen Augen in der Sonne gelegen? -Schlägt man sie wieder auf und blickt umher, so erscheinen alle Farben -plötzlich grau und erloschen. Die Augen sind geschwächt und daher -außerstande, die Mannigfaltigkeit der Farben aufzufangen, die sich -ihrem ersten Blick darbietet. Der erste Eindruck ist unvollkommen und -kläglich. Verstehen Sie, was ich meine?“</p> - -<p>Jenny nickte vor sich hin.</p> - -<p>„Aehnlich ging es mir hier im Anfang. Rom überwältigte mich. Da sah -ich Sie — groß, licht und fern kreuzten Sie meinen Weg. Franziska -beachtete ich nicht sogleich, erst in der Trattoria fiel sie mir auf. -Ich kam in Ihren Kreis, zu lauter mir unbekannten Menschen — es -war das erste Mal, daß ich mit Fremden zusammen war. Die flüchtigen -Begegnungen daheim auf dem Wege zwischen Schule und Haus sind nicht zu -rechnen. Mich verwirrte das Neue einen Augenblick, ich glaubte, nie -mit Menschen reden zu können. Und da überfielen mich Gedanken an die -Heimat. Fast sehnte ich mich nach ihr und nach dem Rom, von dem ich -gehört und Bilder gesehen hatte. Sie wissen, mein Vater ...“ er lachte -kurz auf. „Ich hatte geglaubt, auf andere Art mich nicht zurechtfinden -zu können. Bilder betrachten, die andere gemalt, lesen, was andere -geschrieben hatten, die Arbeiten anderer enträtseln und ordnen und mit -erdichteten Menschen aus den Büchern leben — darin lag meine Welt und -mein Können. In Ihrem Kreis fühlte ich mich so grenzenlos verlassen -... Da hörte ich Sie vom Alleinsein sprechen. Und jetzt verstehe ich -Sie. Sehen Sie den Turm da<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> draußen? Dort war ich gestern. Es ist der -Ueberrest einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter, der Ritterzeit. -Eigentlich ist eine große Anzahl solcher Türme in der Umgebung wie -in der Stadt selbst erhalten. Man kann eine in die Fassadenreihe der -Straße eingebaute Hauswand fast ohne Fenster finden — das ist so ein -kümmerlicher Rest aus dem Rom der Raubritter. Von dieser Zeit weiß man -verhältnismäßig am wenigsten. Ich beginne jetzt, mich gerade hierfür am -meisten zu interessieren. Ich finde Namen verstorbener Menschen in den -Archiven — man kennt von ihnen häufig nicht viel mehr als den Namen. -Mich verlangt, mehr über sie zu erfahren. Ich träume von dem Rom des -Mittelalters — als sie in den Straßen kämpften und aus heißen, roten -Kehlen bluteten, als die Stadt voller Raubburgen war — auf denen sie -eingesperrt waren, ihre Frauen, Töchter dieser wilden Tiere, ihres -Stammes und Blutes — und es geschah, daß auch sie ausbrachen und ins -Leben hinausstürzten, das um die schwarzroten Mauern lockte. Herrgott, -welch’ ein Strom von Leben ist doch über dieses Land hinweggebraust! -Die Wellen brachen sich an jeder Felsenspitze, die Stadt und Burg -trug. Und dennoch erheben sich die Felsen über dem Ganzen nach wie -vor nackt und öde. Allein die endlosen Massen von Ruinen nur hier -draußen in der Campagna! Und die Berge von Büchern, die über Italiens -Geschichte geschrieben sind, ja über die ganze Weltgeschichte! Das -ganze Heer toter Menschen, das wir kennen. Wie bitter, bitterwenig ist -dennoch als Rest verblieben von all den Lebenswogen, die über die Welt -hinweggegangen sind, eine nach der anderen ... Ich finde aber eben das -so wunderbar! ... Nun habe ich so viel mit Ihnen gesprochen, Jenny. -Und Sie ebenso viel mit mir. Trotzdem aber kenne ich Sie ganz und gar -nicht. Wie Sie jetzt dort stehen — Sie sollten sich selber sehen! -Wie ihr Haar schimmert! So sind auch Sie ein solcher unbekannter Turm -für mich. Und das ist gerade das Wundersame. Haben Sie jemals darüber -nachgedacht, daß Sie niemals Ihr eigenes Antlitz gesehen haben? Nur<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> -ein Spiegelbild. Unser Gesicht, wenn es schläft, wenn es die Augen -schließt — das können wir niemals sehen. Ist das nicht seltsam? Damals -war mein Geburtstag. Heute ist es der Ihre. Sie werden achtundzwanzig. -Freuen Sie sich dessen? Sie finden ja, jedes Jahr, das man durchlebt -hat, ist kostbar.“</p> - -<p>„Das sagte ich nicht. Ich meinte nur, meist hat man in den ersten -fünfundzwanzig Jahren vieles durchzukämpfen, so daß man froh sein kann, -wenn sie überstanden sind —.“</p> - -<p>„Und jetzt?“</p> - -<p>„Jetzt —“.</p> - -<p>„Ja. Wissen Sie so sicher, was Sie im kommenden Jahre erreichen werden? -Wie Sie die Zeit am besten nützen? Das Leben ist so ungeheuer reich -an Möglichkeiten — nicht einmal Sie mit all Ihrem Reichtum an Kraft -können sich alles untertan machen. Denken Sie daran nie — beunruhigt -das niemals Ihr Herz, Jenny?“</p> - -<p>Sie lächelte nur, sah nieder und zertrat ein Zigarettenstümpfchen, -das sie hingeworfen hatte. Ihre Knöchel schimmerten weiß durch den -schwarzen, durchsichtigen Strumpf. Sie folgte mit den Augen einer -grauweißen Schafherde, die die Hügelböschung gerade ihnen gegenüber -hinablief.</p> - -<p>„Aber der Kaffee, Gram! Sie warten natürlich auf uns —“.</p> - -<p>Sie gingen nach der Osteria zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Der -Hügel lief in eine steile, sandige Böschung aus, die sich gerade über -dem Tisch, an dem sie gesessen hatten, erhob.</p> - -<p>Ahlin lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch, den Kopf auf den -verschränkten Armen. Das Tischtuch war bedeckt mit Käserinden und -Obstschalen zwischen Gläsern und Tellern.</p> - -<p>Franziska, im laubgrünen Kleide, stand über ihn gebeugt — die Arme um -seinen weißen Hals geschlungen — sie versuchte, seinen Kopf in die -Höhe zu heben:</p> - -<p>„Nicht weinen, Lennart! Ich will dir auch gut sein — ich will mich -gern mit dir verheiraten — hörst du,<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Lennart, aber du darfst nicht so -weinen. Ich glaube wohl, daß ich dich liebhaben kann, Lennart, — wenn -du nur nicht so verzweifelt sein wolltest.“</p> - -<p>Ahlin schluchzte:</p> - -<p>„Nein, nein — so nicht — so will ich nicht, Cesca —“.</p> - -<p class="mtop2">Jenny wandte sich um und ging denselben Weg zurück. Gram sah, daß sie -bis auf den Hals hinab von glühender Röte übergossen war. Der Fußpfad -führte am Hügelabhang hin in den Gemüsegarten der Osteria.</p> - -<p>Rund um das kleine Wasserbassin jagte Heggen Fräulein Palm. Sie -bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, daß die Tropfen in der Sonne -funkelten, während sie lachend aufschrie.</p> - -<p>Wieder floß tiefe Röte über Jennys Hals und Nacken. Helge folgte ihr -durch die Gemüsebeete. Heggen und Fräulein Palm schlossen drunten am -Bassin Frieden miteinander.</p> - -<p>„Der Reigen schließt sich,“ sagte Helge leise.</p> - -<p>Jenny nickte schwach und versuchte zu lächeln.</p> - -<p class="mtop2">Am Kaffeetisch herrschte keine rechte Stimmung. Franziska versuchte zu -plaudern, während sie am Likör nippten. Nur Fräulein Palm war guter -Laune. Sobald es irgend anging, schlug Franziska einen Spaziergang vor.</p> - -<p>So machten sich denn die drei Paare auf den Weg über die Campagna. Der -Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer, bis sie sich zwischen -den Hügeln verloren. Jenny ging mit Gram.</p> - -<p>„Wo wollen wir eigentlich hin?“ sagte sie.</p> - -<p>„Wir können ja zum Beispiel zur Egeriagrotte gehen.“ Diese lag gerade -in entgegengesetzter Richtung des Weges, den die anderen eingeschlagen -hatten. Sie schlenderten aber doch über die sonnenbeschienenen Hügel, -auf den Bosco sacro zu; — über den dunklen Kronen der uralten -Korkeichen glühte die Sonne.</p> - -<p>„Ich sollte wohl lieber den Hut aufsetzen.“ Jenny strich sich übers -Haar.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> - -<p>Im heiligen Haine war der Erdboden überdeckt mit Papierabfällen, er -strotzte von Unreinlichkeit. Auf einem Baumstumpf am Rande saßen zwei -Damen und häkelten, ein paar kleine Jungen spielten Verstecken hinter -den gewaltigen Stämmen. Jenny und Gram verließen den Hain und wanderten -den Hügel hinab der Ruine zu.</p> - -<p>„Eigentlich,“ sagte sie, „was wollen wir da unten,“ und setzte sich auf -den Abhang, ohne eine Antwort abzuwarten.</p> - -<p>„Nein, warum auch —“, Helge streckte sich in dem trockenen kurzen -Gras zu ihren Füßen aus. Er nahm den Hut vom Kopf und, sich auf die -Ellenbogen stützend, sah er zu ihr hinauf, ohne zu sprechen.</p> - -<p>„Wie alt ist sie eigentlich? —“ fragte er plötzlich leise. „Ich meine -Cesca.“</p> - -<p>„Sechsundzwanzig Jahre.“ Sie saß still da und sah in die Weite.</p> - -<p>„Ich bin nicht traurig,“ sagte er wieder leise. „Sie verstehen mich, -— vor einem Monat wäre es etwas anderes gewesen —. Sie war einmal so -lieb, so warm und vertrauensvoll zu mir. — Nun ja, Aufforderung zum -Tanz. Aber jetzt —. Ich finde sie sehr lieb. Aber es rührt mich nicht, -daß sie mit einem anderen tanzt.“</p> - -<p>Er betrachtete sie.</p> - -<p>„Ich glaube, Sie sind es, die ich liebe, Jenny,“ sagte er plötzlich.</p> - -<p>Sie wandte sich ihm halb zu, lächelte leise und schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Doch,“ sagte Helge bestimmt. „Ich glaube es. Genau weiß ich es nicht. -Ich habe ja niemals geliebt — das weiß ich jetzt. Trotzdem ich verlobt -gewesen bin“ — er lachte leise. „Ja, diese Dummheit beging ich einmal -in meiner frühesten Jugend —. Aber, mein Gott, Jenny — es muß wohl -wahr sein. <em class="gesperrt">Sie</em> waren es, die ich an jenem Abend sah — nicht -die andere. Ich sah Sie schon am Nachmittag, Sie gingen über den -Corso. Ich stellte Betrachtungen an über das Leben, fand es so neu und -abenteuerlich, da gingen Sie an mir vorüber, licht und<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> rank und fremd. -Später, nachdem ich in der Dunkelheit rund durch die fremde Stadt -geirrt war, traf ich Sie wieder. Oh ja, ich erblickte jetzt auch Cesca, -so daß es ja nicht weiter merkwürdig war, daß ich verwirrt wurde. Aber -zuerst sah ich doch Sie. — Und nun ist es so gekommen, daß wir beide -hier zusammensitzen —“.</p> - -<p>Ihre Hand, auf die sie sich stützte, lag auf dem Erdboden dicht neben -ihm. Plötzlich strich er darüber. Da zog sie sie zurück.</p> - -<p>„Sie sind doch nicht böse? Nein, denn warum auch. — Warum sollte ich -Ihnen nicht sagen dürfen, daß ich Sie liebe? Ich konnte nicht anders, -ich mußte Ihre Hand berühren, mußte fühlen, daß sie wirklich da war. -Wie seltsam, daß Sie hier sitzen. Ich kenne Sie ja gar nicht. Trotz -all dem, wovon wir gesprochen haben — ich weiß freilich, daß Sie klug -sind, klar und energisch, gut und wahrheitsliebend, aber das wußte ich -gleich, als ich Sie sah und Ihre Stimme vernahm. Mehr weiß ich jetzt -nicht — aber natürlich ist da noch vieles andere. Darüber erfahre ich -vielleicht niemals etwas. Aber ich kann zum Beispiel sehen, daß Ihr -seidenes Kleid glühend heiß ist — wenn ich mein Gesicht an Ihre Brust -legte, so würde ich mich verbrennen —“.</p> - -<p>Sie machte mit der Hand eine unwillkürliche Bewegung über ihren Schoß.</p> - -<p>„Ja, die Seide saugt die Sonne an sich. Es knistert in Ihrem Haar. -Drinnen in Ihren Augen funkeln die Lichtstrahlen auf. Ihr Mund ist ganz -durchsichtig — wie ein Kredenzbecher in der Sonne —.“</p> - -<p>Sie lächelte, sah jedoch ein wenig gequält aus.</p> - -<p>„Küssen Sie mich, Jenny —,“ bat er plötzlich.</p> - -<p>Sie betrachtete ihn eine Sekunde.</p> - -<p>„Aufforderung zum Tanz —?“ Sie lächelte weh.</p> - -<p>„Sie dürfen nicht böse werden, nur weil ich Sie um einen einzigen Kuß -bitte. An so einem Tage. Ich erzähle Ihnen doch nur, was ich wünsche. -Im Grunde ... weshalb könnten Sie es nicht tun?“</p> - -<p>Sie rührte sich nicht.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> - -<p>„Ist da denn irgend ein Grund — Herrgott, ich will ja nicht versuchen, -Sie zu küssen, aber ich verstehe nicht, warum Sie sich nicht eine -Sekunde herabbeugen und mir einen ganz, ganz kleinen Kuß geben können, -so wie Sie dort sitzen, mit der Sonne auf den Lippen — es ist ja -nur, als klopften Sie einem Jungen auf die Schulter und gäben ihm -einen Soldo. Jenny — für Sie ist es nichts weiter, und alles, was ich -wünsche, gerade in diesem Augenblick wünsche ich es so heiß —.“ Er -lächelte, während er sprach.</p> - -<p>Plötzlich beugte sie sich nieder ... Nur eine Sekunde spürte er ihr -Haar und ihren warmen Mund an seiner Wange. Jede Bewegung ihres -Körpers unter der schwarzen Seide konnte er sehen, als sie sich -niederbeugte und wieder aufrichtete. Er sah auch, daß ihr Antlitz, das -ruhig lächelte, als sie ihn küßte, hinterher ein wenig verwirrt und -erschrocken war.</p> - -<p>Aber er rührte sich nicht — lag nur und lächelte in die Sonne hinein. -Da wurde auch sie wieder ruhig.</p> - -<p>„Sehen Sie,“ sagte er schließlich und lachte. „Nun ist ihr Mund genau -wie früher. Die Sonne scheint auf die Lippen, bis hinein ins Blut. Was -bedeutete es Ihnen? Und ich bin so froh —. Sie begreifen wohl, daß ich -nicht erwarte, Sie sollen weiter an mich denken. Ich möchte nur an Sie -denken dürfen. — Setzen Sie sich nur still hin und denken Sie an alle -möglichen Dinge. Die anderen tanzen Reigen, aber dies hier ist weit -köstlicher — wenn ich Sie nur ansehen darf.“</p> - -<p>Sie schwiegen beide. Jenny hatte das Gesicht abgewandt und sah über die -sonnige Campagna hinaus.</p> - -<p>Während sie zur Osteria zurückgingen, plauderte er leicht und munter -von allen möglichen Dingen, erzählte Geschichten von den deutschen -Gelehrten, mit denen er bei seiner Arbeit zusammengetroffen war. Jenny -lugte ab und an verstohlen zu ihm auf. Er war so anders als sonst, -so frei und sicher. Er schaute im Gehen geradeaus; eigentlich war er -schön; die hellbraunen Augen glänzten wie Bernstein in der Sonne.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p> - -<h3 id="I_VIII">VIII.</h3> - -</div> - -<p>Jenny zündete die Lampe nicht an, als sie heimgekehrt war. Im Dunkeln -griff sie nach ihrem Abendmantel und setzte sich auf den Balkon hinaus.</p> - -<p>Der Himmel erhob sich über den Dächern wie schwarzer Sammet, von dem -Gewimmel funkelnder Sterne durchwoben. Die Nacht war kalt.</p> - -<p>Er hatte gesagt, als sie sich trennten:</p> - -<p>„Ich komme morgen zu Ihnen hinauf, um Sie zu fragen, ob sie mit mir in -die Campagna fahren wollen —.“</p> - -<p>In Wirklichkeit war ja nichts geschehen. Sie hatte ihn geküßt. Es war -aber der erste Kuß, den sie einem Manne gegeben hatte. Und es war ganz -anders gekommen, als sie es sich gedacht —. Fast wie ein Scherz war es -gewesen — dieser Kuß.</p> - -<p>Sie liebte ihn keineswegs. Und hatte ihn doch geküßt. Sie hatte -gezaudert und gedacht: ich habe nie geküßt —. Doch da glitt -gewissermaßen eine fröhliche Gleichgültigkeit und süße Müdigkeit durch -ihren Körper; ach Gott, warum dies alles so lächerlich feierlich -nehmen. Sie tat es eben — warum sollte sie auch nicht —.</p> - -<p>Nein, es machte ja nichts. Er hatte ja doch ganz ehrlich darum gebeten, -weil er glaubte, er wäre verliebt in sie und weil die Sonne schien. -Er hatte sie nicht darum gebeten, ihn zu lieben — nichts hatte er -verlangt außer einem harmlosen Kuß. Und sie hatte ihn hingegeben, -schweigend. Das alles war schön gewesen. Da war nichts geschehen, um -dessentwillen sie sich hätte schämen müssen.</p> - -<p>Herrgott — achtundzwanzig Jahre war sie geworden. Sie verhehlte es -sich selbst auch nicht, daß sie sich nach einem Manne sehnte, den sie -liebte und der sie lieb hatte, an den sie sich fest anschmiegen konnte. -Jung war sie, gesund und schön — warm war sie und voller Sehnsucht -—. Aber da sie mit kalten Augen sah, und sich selber niemals etwas -vorzulügen pflegte ...</p> - -<p>Sie war dem einen oder anderen Manne begegnet und hatte sich gefragt: -ist es dieser? Diesen oder jenen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> hätte sie vielleicht lieben können, -wenn sie wirklich gewollt hätte — wenn sie nachgeholfen und die -Ohren der leisen Stimme verschlossen hätte, die immer da war — und -die einen hartnäckigen Widerspruch in ihr erweckte, den sie hätte -betäuben müssen. Aber keinen hatte sie getroffen, den sie hätte lieben -<em class="gesperrt">müssen</em>.</p> - -<p>So hatte sie es nicht gewagt —.</p> - -<p>Cesca freilich vermochte es zu ertragen, daß einer nach dem anderen sie -küßte und sie umschmeichelte. Ihr machte es nichts aus. Es berührte nur -ihre Lippen und ihre Haut. Nicht einmal Hans Herrmann, den sie doch -liebte, konnte ihr merkwürdig dünnes, erstarrtes Blut erwärmen.</p> - -<p>Sie selbst war anders. Ihr Blut war rot und warm. Das Glück, nach -dem sie sich sehnte, sollte heiß und verzehrend sein, aber rein und -fleckenfrei. Sie selbst wollte gut und treu und ehrlich gegen den sein, -dem sie sich hingab. Es mußte einer kommen, der sie ganz hinnehmen -konnte, so daß keine Regung in ihr unberührt blieb und irgendwo tief -drinnen verkam und vergiftet wurde —. Nein — sie wagte es nicht, -wollte nicht leichtsinnig sein. Sie nicht —.</p> - -<p>Dennoch — sie konnte die Menschen begreifen, die der Mühe des Wollens -aus dem Wege gingen. Einen Trieb bezähmen und ihn schlecht nennen, -einen anderen aber großziehen und ihn gutheißen. Allen kleinen billigen -Freuden entsagen, seine Kräfte aufsparen in Erwartung einer großen -Freude. Die <em class="gesperrt">vielleicht</em> — vielleicht niemals kam. Sie war -sich durchaus nicht gewiß, daß ihr Weg zu ihrem Ziele führte, daß es -ihr nicht doch einmal Eindruck machen könnte, wenn Menschen zynisch -einräumten, keinen bestimmten Weg zu gehen und keine Ziele zu haben, -während diejenigen, die sich an die Moral und ihre Ideale hielten, nach -dem Monde im Wasser fischten.</p> - -<p>Auch sie hatte es einst erlebt, vor vielen Jahren, daß ein Mann sie -in einer Nacht bat, mit ihm nach Hause zu gehen — ungefähr so, als -hätte er sie eingeladen,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> ihn in eine Konditorei zu begleiten. In -Wirklichkeit reizte es sie wohl gar nicht — außerdem wußte sie, Mama -saß oben und wartete auf sie, so daß es völlig unmöglich war. Auch -kannte sie den Menschen kaum, mochte ihn nicht leiden und war obendrein -ärgerlich, daß er sie an diesem Abend nach Haus begleiten wollte. -Sie hatte kein sinnliches Empfinden dabei, nur eine intellektuelle -Neugierde trieb sie dazu, in Gedanken einen Augenblick mit der Frage zu -experimentieren: <em class="gesperrt">Wenn</em> ich es nun täte? Was würde ich empfinden, -wenn ich Willen und Selbstbeherrschung und meinen alten Glauben über -Bord würfe? —</p> - -<p>Es war nur dieser Gedanke, der einen aufreizenden, wollüstigen Schauder -durch ihren Körper gejagt hatte. War dieses Leben besser als ihr -eigenes —?</p> - -<p>Denn mit ihrem eigenen war sie ja an diesem Abend nicht zufrieden. -Sie hatte wieder dagesessen und dem Tanz der anderen zugeschaut — -Wein hatte sie auch getrunken, die Musik umtoste sie, und sie hatte -gesessen und die bittere Einsamkeit gefühlt, zu der sie, so jung noch, -verdammt war, weil sie ja nicht tanzen, nicht die Sprache der übrigen -Jugend sprechen, nicht in ihr Lachen einstimmen konnte — dabei hatte -sie noch versucht, zu lächeln und zu plaudern und sich wieder den -Anschein zu geben, als unterhielte sie sich gut. Während sie dann in -der eiseskalten Frühlingsnacht heimging, dachte sie daran, daß sie am -nächsten Morgen um acht Uhr eine Vertretung in der Kampfschen Schule -übernehmen mußte. Sie arbeitete an ihrem großen Bilde, und es war immer -noch so tot und schwerfällig, wie sie sich auch mühte und abarbeitete -— in den freien Stunden, bis um sechs Uhr ihre Privatschülerinnen zum -Mathematikunterricht kamen. — Sie arbeitete hart zu jener Zeit, so daß -sie manchmal das Gefühl hatte, als zittere jeder Nerv vor Ueberspannung -— und doch hielt sie in dieser bewußten Ueberanstrengung aus bis zu -den Sommerferien.</p> - -<p>Und da hatte sie sich einen Augenblick gewissermaßen von seinem -Zynismus angezogen gefühlt — wohl nur<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> einen Augenblick — aber ... -Sie hatte zu dem Menschen aufgelächelt und Nein gesagt, so trocken und -geradezu, wie er gefragt hatte.</p> - -<p>Er war übrigens ein Narr, denn nun begann er, ihr Predigten zu halten -— flaue Komplimente, sentimentalen Unsinn von Jugend und Lenz, dem -Recht der Leidenschaft und dem Evangelium des Blutes. Sie lachte ihn -ganz ruhig aus und rief eine vorüberfahrende Droschke herbei.</p> - -<p>Oh nein, sie war reif genug, um die begreifen zu können, die sich -brutal weigerten, für irgend etwas im Leben zu kämpfen, und sich -statt dessen niederlegten und vom Strome treiben ließen —. Aber die -Grünschnäbel, die davon faselten, eine Mission zu erfüllen, wenn sie -sich nach ihrem Geschmack amüsierten — diese Jugend, die für das ewige -Recht der Natur zu kämpfen vorgab, während sie es nicht der Mühe wert -hielt, ihre Zähne zu putzen und ihre Nägel zu reinigen — die konnte -sie nicht irreführen.</p> - -<p>Es war wohl am besten für sie, an ihrer eigenen kleinen Moral -festzuhalten. Die baute sich im wesentlichen auf Wahrhaftigkeit und -Selbstbeherrschung auf.</p> - -<p>Diese Moral hatte sich zu formen begonnen, als Jenny auf die Schule -kam. Sie war nicht wie die anderen Kinder in der Klasse, nicht einmal -in der Kleidung. Ihre kleine Seele aber war ganz, ganz anders. Sie -lebte ja mit ihrer Mutter zusammen, die zwanzigjährig Witwe geworden -war und nichts auf der Welt besaß als ihr kleines Mädchen. Und auch mit -ihrem Vater zusammen, der gestorben war, lange bevor sie sich erinnern -konnte. Er war im Grabe und im Himmel, aber in Wirklichkeit wohnte -er daheim bei Mutter und ihr —. Sein Bild hing über dem Klavier und -seine Augen schauten auf alles herab, was Mutter und sie unternahmen, -er hörte alles, was sie sagten — die Mutter sprach beständig von ihm -und erzählte, was er zu allen Dingen meinte — dies dürften sie tun -und dies müßten sie lassen des Vaters wegen. Jenny sprach von ihm, als -kenne sie ihn,<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> und des Abends sprach sie <em class="gesperrt">mit</em> ihm und mit Gott, -der ja mit Vater zusammen war und ebenso dachte, wie der Vater.</p> - -<p>Der erste Schultag. Jenny entsann sich seiner deutlich und lächelte in -die dunkle römische Nacht hinaus.</p> - -<p>Die Mutter hatte sie unterrichtet, so daß sie mit acht Jahren in -die dritte Klasse kam. Die Mutter pflegte immer alles an Beispielen -zu erklären, die Jenny kannte. Sie wußte also sehr wohl, was ein -Vorgebirge war. Da fragte die Lehrerin in der Geographiestunde gerade -sie, ob sie ein norwegisches Vorgebirge nennen könnte. Jenny sagte -„<em class="gesperrt">Naesodden</em>.“<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Anm. der Uebersetzerin: N. ist eine Halbinsel, Kristiania -gegenüber, während die im folgenden Absatz genannten Kaps große -Vorgebirge sind.</p> - -</div> - -<p>Die Lehrerin lächelte, und die ganze Klasse lachte. „Signe,“ -sagte die Lehrerin, und ein kleines Mädchen erhob sich und sagte -prompt: „Nordkap, Stat, Lindesnes.“ Jenny aber lächelte überlegen, -gleichgültig, über der anderen Gelächter. Das war vielleicht der erste -Zusammenstoß. — Sie hatte niemals Kameraden unter den anderen Kindern -gehabt. Und sie bekam auch niemals welche.</p> - -<p>Ueberlegen und gleichgültig hatte sie zu dem Gehänsel und Gespött der -ganzen Klasse gelächelt, aus einem schweigenden und unversöhnlichen -Haßgefühl heraus, das sich zwischen sie — die nicht so war wie jene — -und alle die übrigen Kinder schob, die für sie eine einförmige Masse -waren, ein vielköpfiges Ungeheuer. Die verzehrende Wut, die unter all -ihren Quälereien in Jenny aufstieg, verschloß sie hinter höhnischem, -gleichgültigem Lächeln. Die wenigen Male, da ihre Selbstbeherrschung -sie im Stiche ließ — ein einziges Mal hatte sie in Leid und -Verbitterung gar jämmerlich geschluchzt — die wenigen Male hatte sie -bemerkt, wie die anderen triumphierten. Nur, wenn sie „hochmütig“ war, -wenn die anderen von ihrer indianischen Gefühllosigkeit ihrem Tun und -Lassen gegenüber verwirrt wurden, konnte sie sich gegen die vielen -behaupten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p> - -<p>In der obersten Klasse gewann sie ein paar Freundinnen. Das war in -dem Alter, wo kein Kind es erträgt, anders zu sein als die anderen. -Sie versuchte es den Mädchen gleich zu tun. Viel Freude hatte sie von -diesen Freundinnen übrigens nicht gehabt.</p> - -<p>Sie entsann sich, wie die Mädchen sie verspotteten, als sie entdeckten, -daß Jenny mit vierzehn Jahren noch mit Puppen spielte. Sie aber -verleugnete ihre geliebten Kinder und sagte, sie gehörten den kleinen -Schwestern.</p> - -<p>In dieser Zeit war es auch, daß sie zur Bühne gehen wollte. Sie wie -alle Freundinnen waren vollkommen versessen aufs Theater — sie -verkauften Schulbücher und Konfirmationsbroschen, um sich Billets zu -verschaffen. Abend für Abend saßen sie unten auf dem Sperrsitz für -sechzig Oere. Aber eines Tages hatte sie verspielt, als sie erzählte, -wie <em class="gesperrt">sie</em> Eline Gyldenlöve darstellen würde.</p> - -<p>Die Freundinnen lachten Sturm. Sie war also in der Tat völlig -größenwahnsinnig. — Man wußte wohl, daß sie eingebildet war, aber -nun war die Grenze erreicht. Sie bildete sich also tatsächlich ein, -sie könne Schauspielerin werden! Sie, die nicht einmal tanzen konnte! -Es würde hübsch aussehen, sie auf der Bühne herumwackeln zu sehen mit -ihren langen, stocksteifen Stelzen —.</p> - -<p>Auch damals hatte Jenny mit ihren Freundinnen nicht gebrochen. — Nein, -sie konnte nicht tanzen. Als sie ganz klein war, pflegte die Mutter ihr -Tänze vorzuspielen, während Jenny umhertrippelte, sich verneigte und -drehte, wie es ihr in den Sinn kam; Mutter lächelte dann und nannte -sie ihr kleines Linerle. Dann kam sie auf den ersten Schülerball, in -feierlicher Freude, mit einem neuen grüngeblümten Kleid angetan, — -oh, sie entsann sich dessen so deutlich. Es reichte ihr fast bis auf -die Füße herab; Mutter hatte es nach einem alten englischen Bilde -genäht. Sie erinnerte sich dieses Kinderballes. Noch konnte sie diese -wunderliche Steifheit in allen Gliedern spüren —. Seitdem hatte dieses -Gefühl ihren weichen schlanken Körper losgelassen, er wurde wie ein -Holzstock,<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> wenn sie den Versuch machte, selber das Tanzen zu erlernen. -Sie konnte nicht. Schließlich wollte sie in die Tanzstunde gehen, aber -dazu fehlten die Mittel.</p> - -<p>Sie lachte. O diese Freundinnen! Zwei von ihnen hatte sie auf der -Ausstellung wiedergesehen, als sie das erste Mal ein Bild ausgestellt -hatte — und einige lobende Worte über sie in die Zeitung gekommen -waren. Sie stand mit einigen Malern, darunter auch Heggen, zusammen, -den sie damals aber nicht näher kannte. Da kamen die Freundinnen heran -und gratulierten:</p> - -<p>„Das haben wir schon in der Schule gesagt, Jenny wird Künstlerin. Wir -waren alle so überzeugt, daß aus dir noch einmal etwas werden würde.“</p> - -<p>Sie hatte gelacht:</p> - -<p>„Ich auch, Ella.“</p> - -<p>Seit jener Zeit war sie allein gewesen. —</p> - -<p>Sie war wohl ungefähr zehn Jahre alt, als die Mutter Ingenieur Berner -traf. Die beiden waren zusammen in einem Büro tätig gewesen.</p> - -<p>So klein sie war, hatte sie es doch gleich begriffen. Der tote Vater -entglitt gleichsam dem Heim. Sein Bild hing weiterhin an seinem Platz -— aber nun war er tot. Plötzlich kam ihr das Verständnis dafür, -was der Tod bedeutete. Die Toten existierten nur in der Erinnerung -der Lebenden — die Anderen konnten willkürlich ihr armseliges -Schattendasein auslöschen. Dann waren sie <em class="gesperrt">gar nicht</em> mehr -vorhanden.</p> - -<p>Sie verstand, warum die Mutter wieder so jung, so schön und froh wurde. -Sie sah wohl den Lichtschein, der über ihr Antlitz sich breitete, -wenn Berner an ihrer Türe läutete. Sie saß und hörte die beiden -miteinander sprechen. Niemals waren es Dinge, die das Kind nicht mit -anhören durfte, sie schickten sie nie hinaus, wenn sie in der Mutter -Heim zusammen waren. Bei aller Eifersucht, die sie im Herzen trug, -fühlte Jenny, daß es so vieles gab, worüber eine Mutter nicht mit einem -kleinen Mädchen sprechen konnte. Und diese Erkenntnis rief ein starkes -Gerechtigkeitsgefühl<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> in ihr wach — sie wollte ihrer Mutter nicht -zürnen. Hart war es indessen doch.</p> - -<p>Aber das zu zeigen, war sie zu stolz. Wenn jedoch die Mutter dem Kinde -gegenüber Gewissensbisse empfand und sie nervös und ganz unvermittelt -mit Zärtlichkeit und Fürsorge überschüttete, so schwieg sie kalt und -abweisend. Und sie schwieg, als die Mutter sagte, sie solle Berner -Vater nennen, und ihr eifrig erzählte, wie lieb er die kleine Jenny -hätte. — In den Nächten versuchte sie, zu ihrem eigenen, richtigen -Vater zu sprechen wie ehedem — leidenschaftlich versuchte sie, ihn -am Leben zu erhalten. Sie vermochte es aber nicht allein — sie -kannte ihn ja nur aus den Erzählungen der Mutter. Nach und nach starb -Jens Winge auch für sie. Und da er auch der Mittelpunkt all ihrer -Vorstellungen von Gott, dem Himmelreich und dem ewigen Leben gewesen -war, so verblaßten auch diese mit seinem Bilde. Sie erinnerte sich, -daß sie schon im Alter von dreizehn Jahren dem Religionsunterricht -mit vollbewußtem Unglauben zugehört hatte. Und da alle anderen in der -Klasse an Gott glaubten, und den Teufel fürchteten und dennoch feig -und grausam, schmutzig und gemein waren, jedenfalls in ihren Augen, so -wurde die Religion für sie zu etwas beinahe Verächtlichem, Feigem, das -zu ihnen gehörte.</p> - -<p>Gegen ihren Willen mußte sie Sympathie für Nils Berner haben. In der -ersten Zeit, nachdem er die Mutter geheiratet hatte, mochte sie ihn -eigentlich lieber als die Mutter. Er forderte nicht das Recht des -Vaters über die Stieftochter — klug, gut und natürlich kam er ihr -entgegen. Sie war das Kind der Frau, die er liebte, und deshalb liebte -er auch Jenny.</p> - -<p>Was sie ihm verdankte, erkannte sie erst jetzt als Erwachsene klar. -Wieviel Krankhaftes und Verschrobenes hatte er ihr doch ausgetrieben -und an ihr bekämpft! Solange sie mit der Mutter allein in dieser -treibhausschwülen Luft von Zärtlichkeit, Fürsorge und Träumerei -gelebt hatte, war sie furchtsam gewesen, hatte Angst vor Hunden, -Straßenbahnen, Angst vor Zündhölzern, hatte vor Allem<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Angst. Die -Mutter wagte kaum, sie allein zur Schule gehen zu lassen. Und wie -empfindlich war sie gegen körperlichen Schmerz gewesen!</p> - -<p>Berners erste Tat war, das Mädel mit hinauf in die Wälder zu nehmen. -Sonntag für Sonntag zog er mit ihr in die Nordmarken. In brennender -Sommersonne, in weicher Lenzluft und strömendem Herbstregen, den -ganzen Winter über auf Schneeschuhen. Und Jenny, die es gewöhnt war, -ihre Gefühle nicht zu offenbaren, versuchte, Müdigkeit und Angst zu -verbergen. Bis sie sie nach einer Weile gar nicht mehr empfand.</p> - -<p>Berner lehrte sie, Karte und Kompaß zu gebrauchen. Er verhandelte mit -ihr wie mit einem Kameraden. Er lehrte sie, Zeichen für Wetterumschwung -in Wind und Wolken zu entdecken, Zeit und Richtung aus dem Stande -der Sonne zu lesen. Mit Tieren und Pflanzen machte er sie vertraut. -Sie zeichnete und malte Blumen mit Wasserfarben, Wurzel und Stengel, -Blatt und Knospe, Blüte und Frucht. Ihr Skizzenbuch und sein -Photographenapparat lagen immer im Rucksack.</p> - -<p>Wieviel Liebe und Güte der Stiefvater in dieses Erziehungswerk gelegt -hatte, konnte sie erst jetzt ermessen. Ein kleines unscheinbares -Mädchen hatte er zum Kameraden gemacht und erzogen, sie, die so -ungeschickt gewesen, wie ein blindes Kätzchen nach der Geburt. Er, der -namhafte Skiläufer und Bergsteiger in Jotunheim und auf den Bergzinnen -des Nordlandes!</p> - -<p>Er hatte ihr versprochen, sie mit dort hinaufzunehmen. Das war in dem -Sommer, als sie fünfzehn Jahre alt war, dem schwierigsten Alter. Da -hatte er sie auf Schneehühnerjagd mitgenommen. Die Mutter mußte daheim -bleiben — sie trug damals das Kleine.</p> - -<p>Sie wohnten in einer einsamen kleinen Sennhütte unterhalb Rondane. Oh, -niemals war sie je so glücklich gewesen wie in jenen Morgenstunden, -wenn sie in ihrem kleinen Alkoven erwachte. Sie mußte aufstehen und für -Berner Kaffee kochen; er nahm sie dann mit hinauf auf die Rondespitzen -und in die Stygfelsen, auf Engelfahrten,<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> oder sie gingen hinab ins -Foltal, um Proviant zu holen. Wenn er draußen war und jagte, dann -badete sie in eisigen Gebirgsbächen oder wanderte endlose Wege über -herbstlich öde Strecken. Oder sie saß in der Hüttentür, strickte und -träumte romantische Sennerinnenträume von einem Jäger, der Berner recht -ähnlich sah, nur ganz jung war und bildschön. Er sollte aber erzählen, -wie Berner es tat, des Abends am Herd, von Jagd und Gebirgsfahrten; er -sollte ihr auch ein Gewehr versprechen und sie mit hinausnehmen auf nie -erstiegene Zinnen, wie Berner es versprochen hatte.</p> - -<p>O ja, sie entsann sich, wie sie damals begriff, daß die Mutter ein Kind -haben sollte. Wie zerquält, beschämt, unglücklich sie war, als sie es -entdeckte. Sie suchte vor der Mutter zu verbergen, was sie empfand, -ganz gelang es ihr nicht, das wußte sie. Erst Berners Angst um sein -Weib, als die Stunde der Geburt sich näherte, brachten eine Veränderung -in ihre Gefühle. Er sprach mit Jenny darüber: „Ich habe Angst, Jenny. -Ich habe deine Mutter doch so lieb, weißt du.“ Er sprach auch davon, -wie krank sie gewesen war, als Jenny geboren wurde.</p> - -<p>Das Gefühl des Unnatürlichen und Unreinen an dem Zustand der -Mutter wich von ihr, während er sprach. Aber auch das Gefühl, daß -das Verhältnis zwischen ihr und der Mutter etwas Mystisches und -Uebernatürliches war. Es wurde alltäglich und selbstverständlich — -sie war geboren worden, und die Mutter hatte Schweres erlitten um -ihretwillen, sie war sehr klein gewesen, hatte der Mutter bedurft, und -um alles dessentwillen hatte sie die Mutter geliebt. Nun aber kam ein -neues kleines Kind, das der Mutter mehr bedürfen würde. Jenny fühlte -sich mit einem Male erwachsen, sie hatte Sympathie sowohl für die -Mutter als für Berner und sie tröstete ihn altklug: „Ja, aber du weißt -doch, es pflegt doch gut auszugehen. Ich finde, sie sterben doch fast -nie daran.“</p> - -<p>Dennoch hatte sie vor Verlassenheit geweint, als sie ihre Mutter mit -dem neuen kleinen Kinde sah, das all ihre Zeit und ihre Sorge in -Anspruch nahm.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p> - -<p>Aber sie gewann das kleine Ding lieb, besonders als Klein-Ingeborg das -erste Jahr überschritten hatte und der süßeste, schwärzeste kleine -Zigeunerkobold wurde, den man sich denken konnte, und als die Mutter -ein neues Kindchen bekam.</p> - -<p>Eigentlich hatte sie niemals das Gefühl gehabt, als seien die -Bernerschen Kinder ihre Geschwister. Sie glichen ganz ihrem Vater. -Jetzt bezeichnete sie ihr Verhältnis zu ihnen annähernd als tantenhaft -— sie kam sich fast wie eine ältere „vernünftige Tante“ vor, sowohl -ihrer Mutter als den Kindern gegenüber.</p> - -<p>Als das Unglück geschah, war die Mutter jünger und schwächer als Jenny. -Sie war wieder jung geworden, Frau Winge, in ihrer neuen glücklichen -Ehe, nur ein wenig müde und mitgenommen von den drei Wochenbetten, die -dicht aufeinander folgten. Nils war nur fünf Monate alt, als sein Vater -starb.</p> - -<p>Berner stürzte eines Sommers drüben von den Skagastölspitzen ab -und starb auf der Stelle. Jenny war damals sechzehn Jahre alt. Die -Verzweiflung ihrer Mutter war grenzenlos; sie liebte ihren Mann und war -von ihm vergöttert worden. Jenny versuchte, ihrer Mutter zu helfen, -so gut sie konnte. Wie sehr sie selber um ihren Stiefvater trauerte, -zeigte sie niemanden. Sie wußte nur zu gut, daß sie den einzigen -Kameraden verloren hatte, den sie je besessen.</p> - -<p>Nach dem Mittelschulexamen war sie auf die Zeichenschule gegangen und -hatte zu Hause geholfen. Berner hatte sich immer für ihre Zeichnungen -interessiert und war der erste gewesen, der sie einiges über -Perspektive und dergleichen lehrte, soviel, wie er selber wußte. Er -hatte geahnt, daß sie Talent hatte.</p> - -<p>Leddy, seine Hündin, zu behalten, dazu fehlten ihnen die Mittel. Die -beiden kleinen, dicken Jungen wurden verkauft, und die Mutter meinte -auch, Leddy müßte weggegeben werden — es war ein kostbares Tier. Es -trauerte tief um seinen Herrn. Aber niemand anderes durfte Berners Hund -bekommen, wenn sie ihn nicht selbst behalten konnten<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> — das setzte -Jenny durch; einmal bekam sie aus diesem Anlaß einen hysterischen -Anfall. Sie brachte das Tier selbst an einem Abend zu Rechtsanwalt -Iversnäs, Berners altem Kameraden, der es an einem Sonntage mit über -Land nahm, es erschoß und neben einer Hütte begrub.</p> - -<p>Was Berner ihr gewesen war — Kamerad und Freund — das versuchte sie, -seinen Kindern zu sein. Zu den Stiefschwestern wurde das Verhältnis, -als sie nach und nach heranwuchsen, weniger innig, jedoch ganz -freundschaftlich — sozusagen mit großem Abstand. Jenny machte auch -nicht den Versuch, ihnen näherzukommen. Sie waren jetzt zwei sehr -liebe, kleine Mädchen im Backfischalter, mit Bleichsucht, kleinen -Verliebtheiten, Freunden und Freundinnen und ständigen Tanzvergnügen, -munter und reichlich indolent. Doch der kleine Nils und Jenny waren -im Laufe der Jahre immer bessere Kameraden geworden. Kalfatrus hatte -Vater den kleinen Burschen getauft, und Jenny behielt den Namen bei. Er -selbst nannte die Schwester Indiana.</p> - -<p>In den ganzen letzten Jahren der Trübsal waren die Nordmarksfahrten mit -Kalfatrus die einzigen Stunden gewesen, in denen sie sich ausruhte. -Am liebsten zogen sie im Frühling oder Herbst hinaus, wenn nur wenig -Menschen in den Wäldern waren. Dann saß sie mit dem Jungen schweigend -da und starrte in das Feuer, das sie sich gemacht hatten — oder sie -lagen langgestreckt auf dem Boden, in ihrem eigenen fürchterlichen -Pöbeljargon schwatzend, den sie daheim nicht hören lassen durften mit -Rücksicht auf die Gefühle der Mutter.</p> - -<p>Das Porträt von Kalfatrus war das erste Bild, mit dem sie zufrieden -gewesen war. Es war auch brillant, und Gunnar schwor darauf, daß es in -die Galerie hätte kommen müssen. Sie hatte seitdem auch nie wieder ein -Bild gemalt, das so gut gelungen war.</p> - -<p>Sie hätte Berner malen müssen, Papa. Sie hatte ihn so gerufen, als -seine Kinder zu sprechen anfingen. Damals hatte sie auch die Mutter -Mama genannt. Damit hatte sie gewissermaßen vor sich selbst die -Veränderung<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> bestätigt, die mit der Mutter ihrer kurzen Kindheit und in -dem Verhältnis zwischen ihnen vor sich gegangen waren.</p> - -<p>Und dann die erste Zeit hier unten! Als endlich der wahnsinnige Druck -wich, der auf ihr gelegen hatte. Dieser Druck hatte ihr weh getan. -Jetzt fühlte sie erst, wie jeder Nerv in ihr vor Ueberanstrengung -gezittert hatte. Und sie hatte geglaubt, sie sei zu alt geworden, um -jemals die Jugend zurückzuerobern. Von Florenz erinnerte sie sich an -nichts weiter, als daß sie dort gefroren und sich verlassen gefühlt und -nicht imstande gewesen war, das Neue in sich aufzunehmen. Ab und zu sah -sie blitzartig den unendlichen Schönheitsreichtum um sich her und wurde -verrückt vor Sehnsucht danach, ihn zu erfassen, zu verstehen und jung -zu sein, zu lieben und geliebt zu werden.</p> - -<p>Dann die Lenztage, als Gunnar und Franziska sie mit nach Viterbo -nahmen. Sonnenschein in dem nackten Eichenwalde, wo Anemonen und -Veilchen und gelbe Aurikeln in dichten Massen zwischen dem bleichen, -welken Laube blühten. Die kochenden, stinkenden Schwefelquellen, die -draußen auf der fahlen steppenartigen Ebene vor der Stadt dampften, -das Feld rings um den klagenden Quell war leichenblaß von erstarrtem -Kalk. Der Hohlweg dort hinaus mit den Tausenden von smaragdgrünen, -blitzähnlich hin- und herschießenden Vögeln in den Steinwällen, die -Olivenbäume in den Wiesen, über denen weiße Schmetterlinge sich -wiegten. Dann die alte Stadt mit den singenden Springbrunnen, den -schwarzen mittelalterlichen Häusern und den Türmen an der Ringmauer -und über allem der Mondschein in den Nächten. Und der gelbe, leicht -prickelnde Wein, der von der vulkanischen Erde, auf der er gewachsen -war, feurig schmeckte.</p> - -<p>Sie hatte mit den neuen Freunden Brüderschaft getrunken. Des Nachts -vertraute Franziska ihr die Geheimnisse ihres ganzen bunten jungen -Lebens an und kroch schließlich in ihr Bett, um sich trösten zu lassen. -Während sie lag, wiederholte sie: Wie gut du bist! In<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> der Schule hatte -ich immer Angst vor dir! Daß du so gut bist!</p> - -<p>Gunnar war in beide verliebt. Er war übermütig wie ein junger Faun von -Lenz und Sonne. Und Franziska ließ sich küssen und lachte und nannte -ihn einen Schwatzmichel.</p> - -<p>Sie aber hatte Angst — nicht vor ihm. Aber sie wagte nicht, seinen -heißen roten Mund zu küssen, weil es sie nach etwas Sinnlosem, etwas -Berauschendem und Leichtsinnigem gelüstete, das nur diese Tage über -währen sollte, während Sonne und Lenz und Anemonen leuchteten und -sie hier waren, etwas, worüber sie sich keine Rechenschaft zu geben -brauchte. Sie wagte aber nicht, aus ihrem alten Ich zu schlüpfen, sie -fühlte, sie würde dem Leichtsinn nicht leichtsinnig ein Ende machen -können und er gewiß auch nicht. Sie hatte Gunnar Heggen des öfteren -beobachtet — mit anderen Frauen, mit denen er kleine Liebeleien gehabt -hatte. Er war so, wie sie waren, und doch wieder nicht ganz, tief im -Innern war er er selbst, ein Mann, der besser war als die meisten -Frauen.</p> - -<p>Später hatte er über seine eigene Verliebtheit gelacht. Sie waren -Freunde geworden, mehr und mehr. In der herrlichen, friedvollen, -arbeitsreichen Zeit in Paris und später wieder hier unten.</p> - -<p>Aber dies hier mit Gram war ja etwas ganz anderes. Er weckte wahrhaftig -keine verwegenen Gelüste oder wilden Sehnsuchtsgefühle in ihr. Herrgott -— sie mochte ihn eben gern. Er war durchaus nicht dumm, wie sie -erst gedacht hatte, nur gleichsam verschüchtert war er gewesen, als -er hierher kam. Das war nun freilich etwas, das sie am besten hätte -verstehen müssen. Etwas Weiches, Junges und Frisches lag über ihm, das -sie an ihm gern mochte. Es war ihr deshalb, als sei er viel mehr als -nur zwei Jahre jünger als sie. Was er indes von seiner Verliebtheit -sagte — war es wohl etwas anderes als nur ein kleiner Ueberschuß an -Freude, wie sie ihn bei all dem Neuen und Befreienden erfaßte? Es war -sicher ganz ungefährlich, sowohl für ihn als für sie.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> - -<p>Sie hatten sie wohl lieb, die zu Hause. Franziska und Gunnar auch. Und -doch — ob wohl einer von ihnen heute Nacht an sie dachte? Sie war ganz -und gar nicht betrübt darüber, daß sie von einem wußte, der es tat.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_IX">IX.</h3> - -</div> - -<p>Als sie am Morgen erwachte, sagte sie zu sich selber, er würde wohl -nicht kommen, und das wäre natürlich auch das Beste. Als er aber an -ihre Türe klopfte, war sie dennoch froh.</p> - -<p>„Fräulein Winge, ich habe noch nicht gefrühstückt, können Sie mir nicht -ein wenig Tee geben und einen Bissen Brot?“</p> - -<p>Jenny sah sich im Zimmer um.</p> - -<p>„Ja, hier ist aber noch nicht aufgeräumt, Gram.“</p> - -<p>„Ich mache die Augen zu, und dann sperren Sie mich hinaus auf den -Balkon,“ sagte er an der Tür. „Ich bin ja so schrecklich durstig auf -Tee!“</p> - -<p>„Na ja, dann warten Sie einen Augenblick.“ Jenny warf die Decke über -das ungemachte Bett und räumte den Waschtisch auf. Den Frisiermantel -vertauschte sie gegen ihren langen Kimono.</p> - -<p>„So, bitte. Setzen Sie sich auf den Balkon hinaus, dann werde ich Ihnen -Tee bringen.“</p> - -<p>Sie stellte ein kleines Taburett hinaus und brachte Brot und Käse -herbei. Gram betrachtete ihre bloßen weißen Arme und die langen Aermel -des Kimono, die um sie herflatterten. Das Gewand war dunkelblau, mit -gelben und violetten Iris durchwirkt.</p> - -<p>„Wie wunderhübsch ist das Kleid — ein echtes Geishagewand!“</p> - -<p>„Ja, es ist auch echt. Franziska und ich kauften uns beide eines in -Paris — für die Morgenstunden im Hause.“</p> - -<p>„Das liebe ich an Ihnen, daß Sie so gut gekleidet umhergehen, auch -wenn Sie allein sind.“ Er zündete sich<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> eine Zigarette an und blickte -in den Rauch. „Ach — des Morgens daheim — das Mädchen und Mutter und -Schwester liefen umher und sahen aus wie —. Finden Sie nicht, Frauen -müßten sich so schön machen, als es ihnen nur möglich ist?“</p> - -<p>„Doch. Aber es geht nicht, wenn man des Morgens den Haushalt in Ordnung -bringen muß, Gram.“</p> - -<p>„Zum Frühstück jedenfalls könnten sie sich doch das Haar machen und -ein Kleid anziehen wie dies da, nicht wahr?“ Im selben Augenblick fing -er eine Teetasse auf, die sie mit dem Zipfel ihres Aermels beinahe -heruntergerissen hätte.</p> - -<p>„Nun, da können Sie sehen, wie praktisch das ist — so, trinken Sie nun -Ihren Tee, Sie waren ja so durstig.“ Sie entdeckte plötzlich Franziskas -sämtliche helle Strümpfe, die zum Trocknen draußen hingen, und raffte -sie in etwas nervöser Hast zusammen.</p> - -<p>Er aß und trank, während er sprach.</p> - -<p>„Ja, sehen Sie — ich lag und überlegte gestern, bis fast zum Morgen. -Darum verschlief ich und hatte nicht mehr Zeit, noch in eine Latteria -zu gehen. Ich finde, wir sollten auf die Via Cassia hinauswandern, zu -dem Plätzchen, wo Ihre Anemonen stehen.“</p> - -<p>„Das Anemonenplätzchen.“ Jenny lachte leise. „Als Sie ein Junge waren, -Gram, hatten Sie da auch Anemonenwinkel und Veilchenplätzchen und -dergleichen, wo Sie jedes Jahr Ihre Blumen holten, die Sie vor den -anderen Kindern verheimlichten?“</p> - -<p>„Und <em class="gesperrt">ob</em> ich welche hatte. Ich weiß noch einen Birkenhain, wo es -duftende Veilchen gab, an dem alten Holmenkollenweg.“</p> - -<p>„Oh, ich weiß,“ unterbrach sie ihn triumphierend. „wo der Sörkedalsweg -abbiegt, gleich rechts.“</p> - -<p>„Richtig. Einen Ort wußte ich auch auf Bygdö, innerhalb Fredriksborg. -Und in Skaadalen.“</p> - -<p>„Aber ich muß jetzt hinein und mich umziehen,“ sagte Jenny.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> - -<p>„Ziehen Sie das Kleid an, das Sie gestern trugen, das wäre lieb von -Ihnen,“ rief er ihr nach.</p> - -<p>„Es wird so staubig.“ Aber im selben Augenblick ärgerte sie sich. Warum -sollte sie sich nicht damit putzen — das alte schwarzseidene Kleid war -viele Jahre hindurch ihre Staatsrobe gewesen — nun brauchte sie es -wirklich nicht mehr so ehrerbietig zu behandeln.</p> - -<p>„Ach, Unsinn! Ja, aber es ist im Rücken zu schließen, und Cesca ist -jetzt nicht zu Hause.“</p> - -<p>„Kommen Sie, ich werde es zuknöpfen, ich bin darin Spezialist, ich -habe meine Mutter und Sofie mein ganzes Leben lang im Rücken geknöpft, -müssen Sie wissen.“</p> - -<p>Es waren nur zwei Knöpfe, gerade in der Mitte, die sie nicht allein -schließen konnte. So ließ sie denn Grams Hilfe zu.</p> - -<p>Er spürte den schwachen, milden Duft ihres Haares und Körpers, während -sie bei ihm draußen in der Sonne stand und ihn das Kleid zuknöpfen -ließ. An der einen Seite entdeckte er plötzlich einige kleine -Bruchstellen in der Seide, die sorgsam gestopft waren. Da füllte sich -sein Herz mit einer unendlich weichen Zärtlichkeit für sie. —</p> - -<p>„Finden Sie den Namen Helge nett?“ fragte er, als sie später in einer -Osteria, weit draußen in der Campagna, zusammen bei Tisch saßen und zu -Mittag speisten.</p> - -<p>„Ja, er ist hübsch.“</p> - -<p>„Wissen Sie, daß ich mit Vornamen Helge heiße?“</p> - -<p>„Ja, ich sah, daß Sie sich im Verein hatten eintragen lassen.“ -Gleichzeitig errötete sie, denn ihr fiel ein, daß er wohl denken -könnte, sie hätte danach geforscht.</p> - -<p>„Ja, ich glaube auch, der Name ist hübsch. Im Grunde gibt es wenige, -die hübsch oder häßlich sind, nicht wahr? Kennt man irgend jemanden, -der diesen oder jenen Namen hat, so kommt es darauf an, ob man diesen -Menschen leiden mag oder nicht. Als ich ein Knabe war, hatten wir ein -Kindermädchen, das Jenny hieß, die konnte ich nicht ausstehen. Seitdem -meinte ich immer, es sei ein häßlicher und gewöhnlicher Name und ich -fand es so unglaublich, daß<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Sie Jenny hießen. Jetzt dagegen finde ich -den Namen wunderhübsch, gleichsam so blond. Hören Sie nicht, daß sein -Klang ganz lichtblond ist? Jenny — eine dunkle Frau kann so nicht -heißen, Fräulein Jahrmann zum Beispiel nicht. Franziska paßt nun wieder -genau zu ihr, nicht wahr? Der Name ist so kapriziös, Jenny aber ist so -hell, so frisch und klar.“</p> - -<p>„Ich bin nach meinen Vorfahren so genannt. Es ist ein Familienname -väterlicherseits,“ erwiderte sie, nur um etwas zu sagen.</p> - -<p>„Was stellen Sie sich zum Beispiel unter einer Rebekka vor?“ fragte er -kurz darauf.</p> - -<p>„Ich weiß nicht. Ist das nicht ganz hübsch? Vielleicht ein wenig hart -und klappernd.“</p> - -<p>„Meine Mutter heißt Rebekka,“ sagte Helge nach einer Weile. „Ich finde -auch, es klingt hart. Und meine Schwester heißt Sofia. Sie heiratete, -nur um von Hause fortzukommen und in ein eigenes Heim, davon bin ich -überzeugt. Ist es nicht merkwürdig, daß meine Mutter so entzückt war, -sie verheiraten zu können? selbst hat sie mit meinem Vater wie Hund und -Katze gelebt. Aber der Staat, der mit Kaplan Arnesen gemacht wurde, -war grenzenlos, als meine Schwester und er sich verlobten. Ich kann -meinen Schwager nicht ausstehen. Ich glaube auch, mein Vater kann ihn -nicht leiden. Aber Mutter. — Meine ehemalige Verlobte hieß Katharine, -sie wurde aber immer nur Titti genannt. Ich sah, daß sie auch Titti -in die Zeitung setzen ließ, als sie sich verheiratete. Sie können mir -glauben, das war eine dumme Geschichte. Es ist jetzt drei Jahre her. -Sie hatte eine Vertretung an der Schule, wo ich Lehrer war. Hübsch war -sie nicht im geringsten, nur rasend kokett allen Männern gegenüber; ich -aber hatte es niemals erlebt, daß eine Dame sich etwas daraus machte, -mit mir zu kokettieren. Das können Sie sich vielleicht denken, wenn -Sie sich erinnern, welch eine Figur ich im Anfang hier unten machte. -Und außerdem lachte sie immer — sie sprühte Funken, wenn sie sich nur -bewegte. Sie war erst neunzehn Jahre alt, Gott<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> weiß, warum sie mich -eigentlich nahm —. Ja, dann war ich natürlich rasend eifersüchtig, -und das machte ihr Spaß. Je eifersüchtiger sie mich machte, desto -verliebter wurde ich. Vielleicht war es meine Männereitelkeit — aber -ich hatte nun einmal eine Braut, die rasend umschwärmt war. Ich war -damals ja noch sehr grün. Natürlich verlangte ich, sie sollte sich -einzig um mich bekümmern, das war vermutlich ein ziemlich unbilliges -Verlangen, so wie ich damals war. Wie gesagt, der Herrgott mag wissen, -was Titti mit mir wollte. Zu Hause wollten sie, das Verlöbnis sollte -noch geheimgehalten werden, weil wir so jung waren. Titti wollte es -aber gern veröffentlichen, sie pochte darauf, daß ich fände, sie -sei zu sehr von anderen in Anspruch genommen, daß sie aber nicht -ausschließlich mit mir zusammen sein könnte, wenn wir nur heimlich -verlobt wären. Sie kam dann nach Haus zu uns. Aber Mutter und sie -zankten sich immer. Titti haßte Mutter geradezu. Im übrigen wäre es -immer genau dasselbe gewesen, mit wem ich mich auch verlobt hätte. -Mutter genügte der Umstand, daß sie meine Braut war. Ja, dann löste -Titti die Verbindung.“</p> - -<p>„Waren Sie sehr unglücklich?“ fragte Jenny leise.</p> - -<p>„Ja, das war ich. Ich kam eigentlich nicht ganz darüber hinweg, erst, -als ich hier war. Es war sicher vor allem meine Eitelkeit, welche litt. -Wenn ich sie wirklich geliebt hätte, so hätte ich wünschen müssen, daß -sie mit dem anderen glücklich würde, den sie jetzt geheiratet hat. Das -war aber durchaus nicht der Fall.“</p> - -<p>„Das wäre wohl ein bißchen zu viel Edelmut gewesen,“ sagte Jenny -lächelnd.</p> - -<p>„Ich weiß nicht. Dies Gefühl müßte man eigentlich haben, wenn man -wirklich liebte. Nicht wahr? Aber wissen Sie, was ich so sonderbar -finde? Daß Mütter gegen die Bräute ihrer Söhne so wenig freundlich -gestimmt sind. Das ist nämlich immer dasselbe.“</p> - -<p>„Eine Mutter meint wohl, keine Frau sei gut genug für ihren Jungen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> - -<p>„Ja, es ist aber nicht so, wenn die Töchter sich verloben. Ich sah es -doch bei dem ekelhaften, rothaarigen, fetten Kaplan. Ich habe niemals -mit meiner Schwester sympathisiert. Wenn ich aber daran dachte, daß -dieser Kerl — pfui. Wenn er zu Hause saß, und mit ihr koste ... Nein, -wissen Sie, ich habe manchmal überlegt: Wenn Frauen eine Zeitlang -verheiratet gewesen sind, werden sie weit zynischer als wir Männer. -Sie sagen es nicht, aber ich merke es dennoch, wie zynisch sie im -tiefsten Herzensgrunde geworden sind. Das Ganze ist ihnen nur ein -Geschäft — wenn die Tochter sich verheiratet, so sind sie froh. -Nun hat man sie einem Kerl auf den Hals geladen, der sie mit sich -schleppen, sie ernähren und kleiden muß. Daß sie sich als Gegenleistung -in die Pflichten der Ehe zu finden hat, ist kein Grund, um die Sache -besonders feierlich zu nehmen. Wenn dagegen ein Sohn für die gleiche -Gegenleistung eine solche Last auf sich lädt, so sind sie naturgemäß -nicht so begeistert. Glauben Sie nicht, daß darin ein Körnchen Wahrheit -steckt?“</p> - -<p>„Mitunter trifft es wohl zu,“ sagte Jenny.</p> - -<p class="mtop2">Als Jenny abends heimkehrte, zündete sie die Lampe an und begann an -die Mutter zu schreiben — sie wollte am liebsten gleich für die -Geburtstagsgrüße danken und berichten, wie sie den Tag verlebt hatte.</p> - -<p>Ueber ihre eigene Feierlichkeit am vergangenen Abend mußte sie lachen.</p> - -<p>Ach, Herrgott! Ja, gewiß hatte sie es bitter gehabt und war einsam -gewesen. Aber schwer hatten es eigentlich die meisten jungen Menschen, -die sie gekannt. Viele noch weit schlimmer als sie. Sie brauchte nur -an alle die alten und jungen Mädchen, Lehrerinnen auf der Volksschule, -zu denken. Beinahe die meisten hatten eine alte Mutter zu versorgen -oder Geschwister, denen sie vorwärtshelfen mußten. Auch Gunnar — -und jetzt wieder Gram —. Sogar Cesca — das verwöhnte Geschöpf aus -einem reichen Hause — mit ihren einundzwanzig Jahren hatte sie alle<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> -Brücken hinter sich abgebrochen und sich seitdem durchgehungert und -vorwärtsgearbeitet, wobei ihr nur das kleine Muttererbe ein wenig half.</p> - -<p>Und was ihre eigene Einsamkeit betraf, so hatte sie die ja selbst -gewählt. Stellte sie eins zum anderen, so war der Grund dafür wohl -der, daß sie ihren eigenen Fähigkeiten mißtraute. Und um den Zweifel -totzuschweigen, hatte sie sich daran geklammert, daß sie etwas -Besonderes sei, etwas ganz Anderes als ihre Umgebung. Sie hatte die -anderen selbst von sich gestoßen. Nun sie ein Stück Wegs erobert -hatte, sich bewußt war, daß sie zu etwas taugte, da war sie ja weit -umgänglicher geworden, weit menschenfreundlicher. Sie mußte zugeben, -daß sie nie versucht hatte, anderen entgegenzukommen, weder als Kind -noch als Erwachsene. Sie war zu hochmütig gewesen, den ersten Schritt -zu tun.</p> - -<p>Alle Freunde, die sie gehabt — vom Stiefvater bis zu Cesca und Gunnar -— alle hatten zuerst die Hand nach ihr ausstrecken müssen.</p> - -<p>Dann das andere: War sie wirklich die leidenschaftliche Natur, für die -sie sich selbst hielt? Ach! Sie war achtundzwanzig Jahre alt geworden, -ohne je das kleinste Gefühl der Liebe gekannt zu haben. Und diese -Tatsache berechtigte sie zu dem Vertrauen zu sich selbst, daß sie als -Frau nicht Schiffbruch erleiden würde, sollte sie jemals einen Mann -lieben. Gesund und schön war sie auch — mit frischen Sinnen, die noch -empfänglicher geworden durch ihre Arbeit und ihr Leben in der Fremde. -Selbstverständlich sehnte sie sich danach, zu leben und geliebt zu -werden — leben zu dürfen.</p> - -<p>Sich jedoch selber weiszumachen, daß sie einer beliebigen Mannsperson -in die Arme fliegen würde, die im kritischen Augenblick ihren Weg -kreuzte — nur weil das Blut aufsässig war ...! Einbildungen, mein -Kind! Im Grunde wollte sie sich nur nicht eingestehen, daß sie sich -hin und wieder ein wenig langweilte und ganz einfach das Verlangen -empfand, eine kleine Eroberung zu machen und ein wenig umschwärmt zu -werden wie die kleinen<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Mädchen — was sie sonst eigentlich als ein -niedriges Verlangen ansah. So zog sie es vor, das Gefühl feierlich -als Lebenshunger auszulegen und sehnsüchtige Sinne vorzutäuschen, -Faseleien, auf die die armen Männer gekommen waren, weil die Aermsten -nicht wissen, daß die Frauen im allgemeinen gewöhnlich eitel und -dumm sind, so daß sie sich langweilen, wenn sie nicht einen Mann -zur Unterhaltung haben. Daher die ganze Fabel von den sinnlichen -Frauen, die ebenso selten zu finden sind wie schwarze Schwäne und -disziplinierte, guterzogene Frauen.</p> - -<p>Jenny stellte das Bildnis von Franziska auf die Staffelei. Die weiße -Bluse und der grüne Gürtel lagen jetzt noch hart und häßlich auf. Die -Farben mußten gedämpft werden. Das Antlitz versprach gut zu werden, die -Stellung war natürlich. —</p> - -<p>Jedenfalls war kein Grund vorhanden, wegen dieser Geschichte mit Gram -feierlich zu werden. Sie mußte doch weiß Gott einmal beginnen sich -natürlich zu geben; diese Angst, die auch in den ersten Tagen ihrer -Bekanntschaft mit Gunnar in ihr war, und die sie immer empfand, wenn -ein neuer Mann in ihren Gesichtskreis trat, Angst davor, daß sie sich -in ihn verlieben könnte oder er sich in sie, mußte sie abzustreifen -suchen. Der Gedanke, daß ein Mann an ihr Gefallen finden könnte, war -ihr so ungewohnt, daß auch er ihr Angst einflößte und sie verwirrte.</p> - -<p>Man mußte doch gut Freund miteinander sein können; es wäre ja sonst -traurig bestellt um die Menschheit. Gunnar und sie waren ja Freunde — -ruhig und fest. Zwischen ihr und Gram war so vieles, das die Grundlage -einer Freundschaft hätte bilden können. Sie hatten soviel Gleiches -durchgemacht.</p> - -<p>Etwas so Junges und Vertrauensvolles lag in seinem Wesen ihr gegenüber. -Dieses „Nicht wahr?“ und „Finden Sie nicht?“, mit dem er immer kam.</p> - -<p>Sein Gerede von gestern, daß er sie liebe — oder zu lieben glaube, wie -er sich ausdrückte! Sie lachte vor<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> sich hin. Nein, ein erwachsener -Mann sprach nicht so, wenn er eine Frau ernstlich liebte und gewinnen -wollte.</p> - -<p>Er war wirklich ein lieber Junge.</p> - -<p>Heute hatte er diese Frage gar nicht berührt.</p> - -<p>Ein warmes Gefühl für ihn war in ihr aufgewallt, als er sagte, wenn er -sie wirklich geliebt hätte, hätte er doch wünschen müssen, daß seine -ehemalige Braut mit dem Andern glücklich würde.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_X">X.</h3> - -</div> - -<p>Jenny und Helge liefen Hand in Hand die Via Magnanapoli hinab. Die -Straße bestand aus einer einzigen Treppe, die zum Trajanischen Forum -hinunterführte. Auf der letzten Stufe zog er sie an sich und gab ihr -blitzschnell einen Kuß.</p> - -<p>„Bist du toll, weißt du nicht, daß es hierzulande nicht erlaubt ist, -auf der Straße zu küssen?“</p> - -<p>Dann lachten sie beide. An einem der ersten Abende hatten zwei Wächter -sie auf dem Lateranplatz angesprochen. Sie waren unter den Pinien an -der alten Stadtmauer auf und ab gegangen und hatten sich geküßt.</p> - -<p>Der letzte Sonnenstreifen berührte die Bronzestatue des Heiligen auf -der Säule und flammte an dem Mauerwerk der Häuser und an den Baumkronen -der Anhöhe auf. Der Platz mit seinen alten verfallenen Häusern rings um -das ausgegrabene Forum unterhalb des Straßenkörpers lag im Schatten.</p> - -<p>Jenny und Helge lehnten sich über das Geländer und versuchten, -die fetten faulen Katzen zu zählen, die sich zwischen den grauen -Säulenstümpfen drunten auf der grasüberwucherten Schuttstätte breit -machten. Jetzt bei beginnender Dämmerung erwachten sie allmählich zum -Leben. Ein rotes Tier, das auf dem Sockel der Trajanssäule gelegen -hatte, reckte sich, wetzte seine Krallen am Mauerwerk und setzte in -lautlos weichem Sprung auf das Gras, glitt wie ein heller Schatten -davon und verschwand.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p> - -<p>„Ich zähle nicht mehr als dreiundzwanzig,“ sagte Helge.</p> - -<p>„Ich fünfundzwanzig.“ Sie wandte sich halb um und verscheuchte einen -Ansichtskartenverkäufer, der herbeigekommen war und seine Ware in allen -möglichen Sprachen anbot.</p> - -<p>Dann beugte sie sich wieder über das Geländer und starrte -gedankenverloren in das buschige Gras, sich der leisen, glücklichen -Mattigkeit hingebend, die eines langen Sonntages unzähligen Küssen -draußen auf der mattgrünen Campagna folgte. Helge hielt ihre Hand auf -seinem Arm fest und streichelte sie; Jenny strich über seinen Aermel -und barg die Hand zwischen seine beiden Hände, während Helge leise und -froh vor sich hinlachte.</p> - -<p>„Lachst du, Jung?“</p> - -<p>„Ich dachte nur an die Altertumsforscher.“ Da lachte sie auch — still -und gedankenlos, wie glückliche Menschen über etwas Gleichgültiges -lachen.</p> - -<p>Des Morgens waren sie über das Forum gegangen, hatten eine Weile -oben auf dem hohen Sockel der Foscassäule gesessen und miteinander -geflüstert. Zu ihren Füßen breitete sich das Ruinenfeld aus, vom -Sonnenlicht vergoldet und vom Alter verwittert, während Touristen, -klein und schwarz, zwischen den Mauerresten umherkrabbelten. Aber -ein wenig abseits, inmitten der Scharen der Reisegesellschaft die -Einsamkeit suchend, schlenderte ein jungverheiratetes Paar. Er war -fettleibig, sommersprossig und blond, mit Kniehosen und Kodak, und -las seinem jungen Weibe aus dem Baedeker vor. Sie aber, ganz jung, -üppig und dunkel, mit einem angeborenen hausfraulichen Gepräge in -dem weichen, mehlweißen Gesicht, setzte sich auf einer umgestürzten -Säule in Positur, worauf der Mann sie knipste. Die beiden aber, die -oben zu Füßen der Foscassäule saßen und von ihrer Liebe flüsterten, -gedankenlos, unbekümmert darum, daß sie sich zufällig auf dem Forum -Romanum befanden, lachten.</p> - -<p>„Bist du hungrig?“ fragte Helge.</p> - -<p>„Nein. Du?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p> - -<p>„Nein. Weißt du, wozu ich Lust hätte?“</p> - -<p>„Nein?“</p> - -<p>„Mit dir nach Haus zu gehen, Jenny. Bei dir zu Hause heute Abend Tee zu -trinken. Geht das nicht?“</p> - -<p>„Ja, natürlich.“</p> - -<p>Sie schickten sich an, durch die Stadt hinabzugehen, durch die -Seitengassen, Arm in Arm.</p> - -<p>Auf ihrem dunklen Treppenflur riß er sie plötzlich an sich. Sein Arm -lag hart unter ihrer Brust, und er küßte sie wild und heftig, daß ihr -Herz plötzlich stark und angstvoll zu schlagen begann. Zorn über sich -selbst stieg in ihr auf, weil sie diese Furcht nicht zu überwinden -vermochte.</p> - -<p>„Mein lieber Junge,“ flüsterte sie in der Dunkelheit; sie wollte sich -dadurch selber zur Ruhe zwingen.</p> - -<p>„Wart’ noch einen Augenblick,“ flüsterte Helge, als sie drin das Licht -anzünden wollte. Er küßte sie wie vorher. „Zieh dieses Geishagewand an, -du siehst so lieb darin aus — ich setze mich solange auf den Balkon -hinaus.“</p> - -<p>Jenny zog sich im Finstern um. Dann setzte sie Teewasser auf und füllte -die Vasen mit Anemonen und Mandelzweigen, bevor sie ihn hereinrief und -die Lampe anzündete.</p> - -<p>„O Jenny!“ Er zog sie wieder an sich.</p> - -<p>„Du bist so schön. Alles ist so schön an dir. O, es ist herrlich bei -dir zu sein. Ich wünschte, ich könnte immer bei dir sein.“</p> - -<p>Sie legte beide Hände um sein Gesicht.</p> - -<p>„Jenny, möchtest du das auch, daß wir immer beisammen sein könnten?“</p> - -<p>Sie blickte ihm in die schönen, goldbraunen Augen:</p> - -<p>„Ja Helge. Das möchte ich auch.“</p> - -<p>„Wünschst du nicht auch, daß er nie ein Ende nähme, dieser Lenz hier -unten — unser Lenz?“</p> - -<p>„Doch.“ Sie warf sich jäh im seine Arme. „O ja, Helge.“ Sie küßte ihn -und ließ ihre halbgeöffneten Lippen und ihre geschlossenen Augen um -mehr Küsse flehen. Die Worte von ihrem nimmer endenden Frühling<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> -schienen einen leisen angstvollen Schmerz in ihr zu wecken, sie wußte, -daß dieser Frühling und ihr Traum einmal ein Ende finden <em class="gesperrt">würden</em>. -Und im Unterbewußtsein lag eine leise Furcht, über die sie sich keine -Rechenschaft geben wollte, die aber lebendig geworden war, als er -sagte: möchtest du, daß wir immer zusammen blieben?</p> - -<p>„Ich wünschte, ich brauchte nicht heimzureisen,“ sagte Helge innig.</p> - -<p>„Ich reise doch auch,“ flüsterte sie sanft. „Wir kehren wieder hierher -zurück, Helge. Zusammen.“</p> - -<p>„Du hast dich also entschlossen, nach Hause zu fahren? Und nun komme -ich dazwischen und zerstöre alle deine Pläne?“</p> - -<p>Sie küßte ihn rasch und sprang fort zum kochenden Teewasser.</p> - -<p>„Nein, ich war schon vorher halb dazu entschlossen, siehst du, da Mama -mich ja doch sehr nötig hat.“ Sie lachte. „Fast schäme ich mich — sie -ist ja so gerührt darüber, daß ich nach Hause komme und ihr helfen -will. Und dabei ist es nur, weil ich mit meinem Liebsten zusammen sein -möchte. Aber es ist schon gut so. Ich wohne ja billiger zu Haus, wenn -ich ihr auch beistehe, und kann vielleicht ein wenig sparen. Dann -bewahre ich das Geld auf — bis auf später ...“</p> - -<p>Helge nahm die Teetasse, die sie ihm reichte. Dann ergriff er ihre Hand.</p> - -<p>„Aber wenn du das nächste Mal fortreist, nimmst du mich mit! Ja, denn -— du willst doch — du meinst doch — daß wir uns heiraten, Jenny?“</p> - -<p>Sein Antlitz war so jung und sah in so banger Frage zu ihr auf, daß sie -es wieder und wieder küssen mußte. Sie vergaß, daß sie sich vor diesem -Wort selbst gefürchtet hatte, das vorher zwischen ihnen nicht gefallen -war.</p> - -<p>„Es wird wohl das Praktischste sein, mein Junge. Da wir uns doch -darüber einig sind, daß wir immer zusammen bleiben wollen.“</p> - -<p>Helge küßte still ihre Hand.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p> - -<p>„Wann?“ flüsterte er nach einer Weile.</p> - -<p>„Wann du willst,“ erwiderte sie ebenso leise — und fest.</p> - -<p>Wieder küßte er ihre Hand.</p> - -<p>„Ich wünschte, es ließe sich so einrichten, daß wir uns hier unten -heiraten könnten,“ sagte er kurz darauf in einem anderen Ton.</p> - -<p>Sie antwortete nicht, sondern strich nur über sein Haar.</p> - -<p>Helge seufzte auf: „Aber es geht nicht. Wenn wir doch bald nach Hause -fahren müssen ... Es würde wohl auch deine Mutter kränken — so eine -übereilte Hochzeit, nicht wahr?“</p> - -<p>Jenny schwieg. Es war ihr noch niemals in den Sinn gekommen, daß sie -ihrer Mutter Rechenschaft schuldig war für ihre Heirat, so wenig als -ihre Mutter sie gefragt hatte, als sie wieder heiratete.</p> - -<p>„Ich weiß jedenfalls, daß es meine Eltern verletzen würde. Ich bin -nicht eben froh darüber, Jenny, aber ich weiß, es würde der Fall sein. -Am liebsten möchte ich nach Hause schreiben, daß ich mich verlobt habe. -Und da du etwas früher als ich nach Hause reisen willst — würdest du -dann wohl zu uns hinaufgehen und sie begrüßen?“</p> - -<p>Jenny warf den Kopf zurück, geradeso, als wollte sie ein unbehagliches -Gefühl verjagen. Dann sagte sie:</p> - -<p>„Ich werde tun, was du willst, mein Freund; das kannst du dir wohl -denken.“</p> - -<p>„Ich denke selbst nicht gern daran, Jenny. O nein. Es ist so herrlich -gewesen, dies hier — nur du und ich auf der ganzen Welt. Aber es -würde meine Mutter sehr verletzen, weißt du. Ich möchte ihr das Leben -nicht noch schwerer machen, als es für sie schon ist. Ich liebe meine -Mutter nicht mehr so wie früher — das weiß sie auch, und grämt sich -sehr darüber. — Es sind ja nur Formalitäten, aber sie würde sehr -darunter leiden, wenn sie glauben müßte, ich wollte sie übergehen. Sie -würde denken, daß es eine Rache sei für die Geschichte, du<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> weißt.... -Wenn das dann überstanden ist, Jenny, können wir heiraten. Dann hat -uns niemand weiter dreinzureden. Ich wünschte, daß es recht bald sein -könnte. Du nicht auch?“</p> - -<p>Sie küßte ihn als Antwort.</p> - -<p>„Ich sehne mich ja so nach dir, Jenny,“ flüsterte er. Jenny wehrte sich -nicht gegen seine Liebkosungen. Aber plötzlich ließ er sie los, scheu -und hastig ...</p> - -<p>Ein wenig später saßen sie am Ofen und rauchten, sie im Lehnstuhl, er -auf dem Fußboden, den Kopf in ihrem Schoß.</p> - -<p>„Kommt Cesca auch heute Nacht nicht nach Hause?“ fragte er plötzlich -leise.</p> - -<p>„Nein, sie bleibt bis Ende der Woche in Tivoli,“ sagte Jenny schnell -und ein wenig nervös.</p> - -<p>Helge liebkoste ihre Knöchel und Spann unter dem Saum dem Kimono.</p> - -<p>„Du hast so schöne, schmale Füße, Jenny!“ Er strich über die schlanke -Wade. Und plötzlich preßte er ihr Bein heftig an seine Brust.</p> - -<p>„Du bist ja so herrlich, so herrlich. Ich hab dich so lieb — weißt -du, wie ich dich liebe, Jenny? Ich will hier auf dem Boden liegen, dir -zu Füßen — setz die kleinen schmalen Schuhe auf meinen Nacken — tu -es!“ Er warf sich plötzlich lang vor ihr nieder, versuchte, ihre Beine -hochzuheben und ihre Füße auf seinen Kopf zu legen.</p> - -<p>„Helge. Helge!“ Seine plötzliche Heftigkeit jagte einen kurzen Schreck -durch ihren Körper. Aber ich habe ihn doch lieb, sagte sie zu sich -selbst. Fürchte ich mich denn vor dem, was mein Geliebter will? Sie -fühlte seine brennend heißen Hände durch die dünnen Strümpfe.</p> - -<p>Als sie aber merkte, daß er sie unter die Schuhsohle küßte, stieg -plötzlich ein Unwillen in ihr empor. In einem verwirrten Gefühl von -Angst und Unlust lachte sie gezwungen auf.</p> - -<p>„Nein Helge, laß sein — die Schuhe, mit denen ich auf den schmutzigen -Straßen umhergehe!“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p> - -<p>Helge Gram richtete sich auf — ernüchtert und gedemütigt. Sie suchte -es wegzulachen:</p> - -<p>„Bedenke doch, die Schuhe — du kannst dir doch denken, daß Tausende -von ekelhaften Bakterien daran kleben.“</p> - -<p>„Ach, du Pedant! Und du willst Künstlerin sein?“ Jetzt lachte er auch. -Uebertrieben lustig, um seine Verwirrung zu verbergen, nahm er sie -in seine Arme, während sie beide aus vollem Halse lachten: „Reizende -Braut, laß mich sehen — gewiß doch. Du riechst nach Terpentin und -Oelfarben.“</p> - -<p>„Unsinn, Geliebter! Ich habe bald drei Wochen lang keinen Pinsel -angerührt. Du sollst dich aber waschen, bitte sehr.“</p> - -<p>„Hast du vielleicht Karbolwasser, damit ich gehörig desinfiziert -werde?“ Er überfiel sie mit eingeseiften Händen. „Frauenzimmer sind -chemisch gereinigt von aller Poesie, sagte mein Vater immer.“</p> - -<p>„Ja, darin hat dein Vater Recht, Junge!“</p> - -<p>„Du verstehst es, eine Kaltwasserkur zu verordnen,“ sagte Helge lachend.</p> - -<p>Jenny wurde plötzlich ernst. Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände -auf seine Schultern, indem sie ihn küßte:</p> - -<p>„Ich will nicht, daß du auf dem Erdboden zu meinen Füßen liegst, Helge!“</p> - -<p class="mtop2">Als er aber gegangen war, schämte sie sich. Es war wohl doch so, als -wenn sie eine Kaltwasserkur hätte verordnen wollen, dachte sie. Sie -wollte es aber nicht wieder tun. Sie liebte ihn doch.</p> - -<p>Heute Abend hatte sie eine Niederlage erlitten. Ihr war der Gedanke -gekommen, was wohl Signora Rosa sagen würde, wenn sich etwas ereignete. -Und diese Furcht vor einem Auftritt mit einer gekränkten Signora, und -ihr eigener Versuch, aus diesem Grunde das Versprechen, das<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> sie ihrem -Jungen gegeben hatte, nicht einzulösen, demütigte sie.</p> - -<p>Denn, als sie seine Küsse entgegennahm, seine Küsse erwiderte, da -verpflichtete sie sich ja, ihm alles zu geben, was er von ihr erbitten -würde. Sie war ja die Letzte, die sich auf ein Spiel einlassen wollte -— Liebe annehmen und Kleinigkeiten zurückgeben, nicht mehr, als daß -sie sich ohne Verlust von dem Spiele zurückziehen könnte, wenn sie sich -anders entschieden hätte.</p> - -<p>Diese Angst vor etwas, das sie noch nie durchgemacht hatte, war im -Grunde nur Nervosität.</p> - -<p>Und doch, sie war froh gewesen, solange er sie nicht um mehr gebeten, -als sie fröhlich gewähren konnte. Die Stunde mußte ja kommen, wo sie -selbst den Wunsch hatte, ihm alles zu geben.</p> - -<p>Ach, es war so langsam und unmerklich gekommen, wie der Frühling hier -im Süden. Ebenso gleichmäßig und sicher, ohne schroffe Uebergänge. Es -gab keine kalten und stürmischen Tage, die das Herz wild machten vor -Sehnsucht nach Sonne und überströmendem Licht, nach verzehrender Glut. -Keinen jener unheimlich klaren, endlosen, hinreißenden Lenzabende wie -daheim. War der Sonnentag vorübergegangen, so fiel die Nacht still und -gleichmäßig hernieder, die Kühle kam im Gefolge der Finsternis und -verleitete nur zu geborgenem, ruhigem Schlummer zwischen den warmen, -schimmernden Tagen. Jeder Tag war ein wenig wärmer als der vergangene, -jeder Tag brachte einige Blumen mehr auf der Campagna, die doch nicht -grüner war als gestern und dennoch soviel grüner und weicher als vor -einer Woche.</p> - -<p>So war zu ihr auch die Liebe gekommen. Jeden Abend war ihre Sehnsucht -nach dem folgenden Sonntag mit ihm draußen vor den Mauern gewachsen -und ganz allmählich wandelte sich ihr Sehnen und suchte ihn selber -und seine junge, warme Liebe. Sie hatte seine Küsse hingenommen, weil -es sie glücklich machte, und Tag für Tag waren ihrer Küsse mehr, bis -endlich die Gespräche zwischen ihnen verstummt und zu lauter Küssen -geworden waren.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p> - -<p>Sie sah, daß er reifer und männlicher wurde, mit jedem Tage. Alle -Unsicherheit glitt von ihm ab; die plötzliche Niedergeschlagenheit -überfiel ihn jetzt nie mehr. Sie selbst wurde sicherer, wärmer, -fröhlicher. Es war nicht mehr ihrer Jugend kühle, streitbare -Selbstsicherheit, sondern eine herzliche Sorglosigkeit; sie war nicht -mehr mißtrauisch gegen das Leben, das sich ihren Träumen nicht hatte -fügen wollen. Jetzt nahm sie vertrauensvoll jeden Tag hin, in froher -Erwartung, daß das Unvorhergesehene gut werde und zum Guten gewendet -werden könne.</p> - -<p>Warum sollte die Liebe nicht so kommen dürfen — langsam wie die Wärme, -die von Tag zu Tag wuchs und sich Zeit ließ, sich auszubreiten und -glühender zu werden. Weil sie früher geglaubt hatte, die Liebe käme wie -ein Unwetter, das im Nu einen anderen Menschen aus ihr schüfe, den sie -selbst nicht kannte, über den ihr alter Wille keine Macht mehr hatte?</p> - -<p>Helge — er nahm dieser Liebe langsames, gesundes Erblühen so unendlich -sanft und ruhig hin. An jedem Abend, wenn sie einander Gute Nacht -gewünscht hatten, war ihr Herz von Dank für ihn erfüllt, daß er sie -nicht um mehr gebeten, als sie an diesem Tage geben konnte.</p> - -<p>Oh, wenn sie doch nur hierbleiben könnte, bis zum Mai, zum Sommer, den -ganzen Sommer über! Wenn ihre Liebe hier unten reifen könnte, bis sie -ganz eins geworden waren, so selbstverständlich, wie sie jetzt einander -näher traten.</p> - -<p>Irgendwo in den Bergen zusammen wohnen können, diesen Sommer! Die -Formalitäten der Eheschließung könnten sie dann hier in der Stadt in -Ordnung bringen oder im Herbst zu Hause. Natürlich wollten sie sich -heiraten, wie es üblich war, wenn zwei einander liebten.</p> - -<p>Dachte sie daran, daß sie nach Hause reisen sollte, so war es ihr, als -fürchte sie, aus einem Traum zu erwachen.</p> - -<p>Aber das war ja alles Unsinn. Sie hatten sich doch so unsagbar lieb. -Nein, sie konnte diese Störungen mit<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> Verlöbnis und Besuch bei -Verwandten und dergleichen nicht leiden. Doch das waren Nichtigkeiten.</p> - -<p>Aber ewig Dank für diesen weichen Lenz hier unten, der sie so still -und sanft einander zugeführt hatte, Beide allein draußen zwischen den -Tausendschön der frühlingsjungen Campagna.</p> - -<p class="mtop2">„Glaubst du nicht, Jenny wird es eines Tages bereuen, daß sie sich -mit diesem Gram verlobt hat,“ fragte Franziska Gunnar Heggen, als sie -einmal oben bei ihm saß.</p> - -<p>Heggen wendete und drehte seine Zigarre hin und her. Er bemerkte -plötzlich, daß es ihm früher niemals in den Sinn gekommen war, wie -indiskret es sei, Franziskas Angelegenheiten mit Jenny zu erörtern. -Aber über Jennys intimere Verhältnisse mit Franziska zu sprechen, war -etwas anderes.</p> - -<p>„Begreifst du, was sie mit ihm will?“ fragte Franziska wieder.</p> - -<p>„Das begreift man in den meisten Fällen nicht, Cesca. Besonders, was -ihr mit diesem oder jenem Menschen wollt. Ich glaube bei Gott,“ er -lachte leise vor sich hin, „wir bilden uns ein, daß wir wählen. Aber -wir gleichen unseren Brüdern, den unvernünftigen Tieren, mehr, als wir -zugeben wollen. Eines schönen Tages ist über unsere Liebe verfügt, -wobei unsere natürliche Veranlagung die Hauptschuld trägt, während Ort -und Gelegenheit das Uebrige tun.“</p> - -<p>„Ich verstehe dich nicht, Gunnar,“ sagte Franziska und zog die -Schultern hoch. „Ist denn so über dich dauernd verfügt worden?“</p> - -<p>Gunnar lachte — ein wenig unwillig:</p> - -<p>„Vielleicht nie — in genügendem Maße. Ich habe nie den kritiklosen -Glauben an eine Frau, daß sie die einzige sei, kennen gelernt. Der -gehört aber auch mit zur rechten Liebe, und wiederum ist die natürliche -Veranlagung des Menschen die Ursache dazu.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p> - -<p>Franziska starrte gedankenvoll vor sich hin:</p> - -<p>„Es mag häufig der Fall sein. Aber es kommt auch vor, daß man einen -bestimmten Menschen liebt, ohne daß Zeit und Umstände die Triebfeder -sind. Ich — ich liebe jenen Mann, weil ich ihn nicht verstehe. Ich -konnte es damals nicht fassen, daß es Menschen seiner Art geben sollte. -Ich wartete auf ein Ereignis, das alles, was ich gesehen und beobachtet -hatte, ins rechte Licht rücken und erklären würde. Ich grub nach einem -verborgenen Schatz — und da wurde ich besessen, je länger ich grub. -Und der Gedanke, daß eine andere Frau ihn finden könnte, brachte mich -schließlich an den Rand des Wahnsinns. — Es <em class="gesperrt">gibt</em> Menschen, die -einen anderen lieben, weil dieser in ihren Augen vollkommen ist, weil -sie in ihm gefunden haben, wonach es sie verlangte. Hast du nie die -Liebe gekannt, die dich nur Gutes und Schönes und Edles an einem Weibe -sehen ließ, so daß du alles an ihm lieben mußtest?“</p> - -<p>„Nein,“ sagte er kurz.</p> - -<p>„Ja, aber das ist erst die richtige Liebe. Meinst du nicht? Und -ich hätte gewünscht, daß Jenny auf diese Art lieben würde. Aber so -<em class="gesperrt">kann</em> sie Gram nicht lieben.“</p> - -<p>„Ich kenne ihn eigentlich gar nicht, Cesca. Ich weiß nur, er ist nicht -so dumm wie er aussieht, wie man zu sagen pflegt. Das heißt, ich -glaube, er ist bedeutender, als man nach dem ersten Eindruck denken -sollte. Jenny hat wohl gemerkt, wes Geistes Kind er eigentlich ist.“</p> - -<p>Cesca schwieg. Sie entzündete eine Zigarette und ließ das -Wachszündhölzchen ausbrennen, mit den Augen gedankenvoll der Flamme -folgend.</p> - -<p>„Hast du nicht bemerkt — er fragt immer ‚finden Sie nicht?‘ und -‚stimmt das nicht?‘ und so. Liegt nicht etwas Feminines oder Unfertiges -über ihm?“</p> - -<p>„Vielleicht. Aber es kann ja sein, daß gerade dies Jenny angezogen hat. -Sie ist ja stark und auch selbständig. Vielleicht mag sie am liebsten -gerade einen Mann, der schwächer ist als sie selber.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span></p> - -<p>„Ich will dir etwas sagen, Gunnar. Ich glaube gar nicht, daß Jenny -so stark und selbständig ist. Sie war aber auch auf sich selber -angewiesen. Daheim mußte sie unterstützen und helfen und selbst besaß -sie keine Seele, bei der sie Schutz suchen konnte. Als wir uns kennen -lernten, nahm sie sich meiner an, weil sie sah, daß ich viel weicher -war als sie und ihrer bedurfte. Jenny hat immer Menschen getroffen, die -bei ihr Zuflucht suchten. Auch Gram bedarf ihrer. Ja, sie <em class="gesperrt">ist</em> -stark und sicher, sie fühlt es auch, und niemand bittet vergebens um -ihre Hilfe. Aber kein Mensch vermag auf die Dauer immer Anderen eine -Stütze zu sein, ohne je selber zu empfangen. Begreifst du denn nicht, -daß sie furchtbar einsam werden muß, wenn sie immer die Stärkste sein -soll? Sie <em class="gesperrt">ist</em> allein, und heiratet sie diesen Menschen, so wird -es auch nicht anders. Alle sprechen wir mit Jenny über uns selbst, sie -aber hat niemanden, mit dem sie reden kann. Oh, Jenny sollte einen Mann -haben, zu dem sie aufsehen könnte, dessen Autorität sie fühlte, zu dem -sie sagen könnte: so und so habe ich gelebt, so habe ich gearbeitet -und so habe ich gekämpft, denn so, meinte ich, sei es recht gewesen. -Sie sollte einen Menschen haben, der über ihr Recht und Unrecht zu -entscheiden imstande ist. Gram <em class="gesperrt">kann</em> es nicht, er ist ihr -unterlegen. Und dann kann sie auf sein Urteil nicht vertrauen, nicht -wahr? Der Mann, den Jenny braucht, muß genügend Autorität besitzen, -um ihre Gedanken zu bestätigen oder zu verwerfen. ‚Nicht wahr?‘ und -‚finden Sie nicht?‘ — jetzt sollte Jenny so fragen dürfen!“</p> - -<p>Sie schwiegen beide lange, dann blickte Heggen auf und sagte:</p> - -<p>„Es ist recht seltsam, Cesca. Gilt es deine eigenen Geschichten, -so weißt du meistens weder aus noch ein. Wenn du aber über die -Angelegenheiten anderer sprichst, so habe ich oft den Eindruck, als -sähest du am klarsten von uns allen.“</p> - -<p>Franziska seufzte schwer auf:</p> - -<p>„Darum habe ich ja auch oft die Idee, ins Kloster<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> zu gehen, Gunnar. -Wenn ich außerhalb des Ganzen stehe und es beschaue, so glaube ich, -alles zu begreifen. Wenn ich aber selbst mitten drin sitze, so verwirrt -es mich vollständig.“</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_XI">XI.</h3> - -</div> - -<p>Die saftigen, blaugrünen Riesenblätter der Kaktusbüsche waren zerrissen -von Namen, Buchstaben und Herzen. Helge stand und schnitzte ein H und -ein J hinein. Jenny hatte den Arm um seine Schulter gelegt und sah ihm -zu.</p> - -<p>„Wenn wir hierher zurückkehren,“ sagte Helge, „so ist es eine solche -braune Narbe wie die anderen. Glaubst du, daß wir es wiederfinden, -Jenny?“</p> - -<p>Sie nickte.</p> - -<p>„Unter all den anderen,“ sagte er mißmutig. „Es stehen so viele Namen -hier. Wir gehen dann wieder hier hinaus und suchen danach — wollen -wir?“</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>„Glaubst du daran, daß wir wieder hierher kommen, Jenny? Daß wir wieder -hier stehen werden wie jetzt — oder nicht?“ Er zog sie an sich.</p> - -<p>„Warum sollten wir nicht, mein Freund?“ Eng umschlungen gingen sie auf -ihren Tisch zu. Und dicht aneinandergeschmiegt saßen sie und starrten -auf die Campagna hinaus.</p> - -<p>Der Sonnenschein des Frühlingstages rückte höher hinan und die -Schlagschatten wanderten über die Hügel. Mitunter schoß das Licht in -großen Strahlenbündeln hervor, wenn blanke Wolken, leicht und ruhig -bewegt, über den blauen Himmel dahinsegelten. Aber draußen am Horizont, -wo der dunkle Eukalyptuswald bei Tre Fontane über den entferntesten -Hügelkamm lugte, dampfte ein perlenweißer Nebel auf; gegen Abend würde -er wohl wachsen und den ganzen Himmel überfluten.</p> - -<p>Weit drüben in der Ebene floß die Tiber dem Meere zu, golden, wenn sie -der Sonnenschein traf, doch bleigrau<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> mit mattem Glanz wie der Bauch -eines Fisches, wenn die Wolken sich in ihr spiegelten.</p> - -<p>Die Tausendschön leuchteten wie frischgefallener Schnee auf den Hügeln. -Auf dem Abhang unterhalb des Gemüsegartens der Osteria keimte der junge -Weizen empor, lichtgrün und seidenweich. Mitten auf dem Acker draußen -standen zwei Mandelbäumchen, deren Blütenkronen blaßrot schimmerten.</p> - -<p>„Unser letzter Tag in der Campagna,“ sagte Helge. „Ist es nicht -seltsam?“</p> - -<p>„Für dieses Mal —“. Sie küßte ihn und wollte ihrem eigenen Mißmut -nicht nachgeben.</p> - -<p>„Ja. Denkst du niemals daran, Jenny, daß es, wenn wir wieder hier -sitzen, dann so nicht wieder sein kann wie jetzt? Man ändert sich -dauernd, Tag für Tag — wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir wieder -hier unten sitzen. Nächstes Jahr — nächsten Frühling — es ist dann -nicht mehr dieser Frühling, Jenny. Wir sind dann auch nicht mehr -<em class="gesperrt">genau</em> dieselben. Und unsere Liebe? Wir werden uns ebenso lieben, -aber nicht auf ganz dieselbe Art.“</p> - -<p>Jenny zog die Schultern hoch, als wenn es sie fröstelte:</p> - -<p>„So etwas würde eine Frau niemals sagen, Helge,“ und sie versuchte zu -lachen.</p> - -<p>„Findest du es so seltsam, daß ich das sage? Ich kann nicht von dem -Gedanken loskommen. Denn ich finde, diese Monate haben mich so sehr -verändert. Dich auch — entsinnst du dich des ersten Morgens? Du -sagtest, alles sei dir so verändert erschienen, als du hinaustratest. -So wie ich war, als ich hierher kam, konntest du mich damals ja nicht -liebgewinnen, Jenny, nicht wahr?“</p> - -<p>Sie strich ihm über die Wangen:</p> - -<p>„Aber Helge, mein Jung, das ist ja eben die große Veränderung — -daß wir uns liebgewonnen haben. Und unsere Liebe wächst und wächst -beständig. Wenn wir uns jetzt verändern, so liegt das nur daran, daß -unsere Liebe wächst. Darum braucht man doch keine<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Furcht zu hegen? Wir -sind zwei frohe Menschen geworden — das ist die Veränderung. Entsinnst -du dich des Tages — meines Geburtstages — des Tages auf der Via -Cassia? Die ersten feinen Fäden begannen damals, sich zwischen uns zu -spinnen; jetzt ist ein starkes Band daraus geworden und es wird immer -stärker. Ist das ein Grund, sich zu fürchten, Helge?“</p> - -<p>Er küßte sie auf den Hals:</p> - -<p>„Morgen reist du —“.</p> - -<p>„Ja. Und in sechs Wochen kommst du nach.“</p> - -<p>„Ja. Aber dann sind wir nicht hier. Wir können nicht in die Campagna -fahren. Das ist es eben, daß wir mitten im Frühling aufbrechen müssen.“</p> - -<p>„Daheim haben wir auch Frühling, Helge. Auch dort gibt es Lerchen. Sieh -diese treibenden Wolken — das ist fast wie daheim. Denk an den Vestre -Aker, Jung — an ganz Nordmarken. Da wollen wir zusammen hinauf gehen. -Oh, der Frühling daheim, mit weißen Schneestreifen in allen Schluchten -rings um den blauen, blauen Fjord! Dann die letzten Schneeschuhfahrten -auf der Frühjahrsbahn; wir machen vielleicht in diesem Jahre auch noch -eine Skifahrt zusammen. Wenn der Schnee so naß ist, daß er nicht einmal -knirscht, wenn alle Bäche brausen und sprudeln, der Abendhimmel sich -über uns breitet, grün und klar, mit großen glitzernden Goldsternen -bestickt und die Skier in den Felsspalten schürfen und knirschen.“</p> - -<p>„Ja, ja.“ Er bog sie sanft zu sich hinüber. „Vestre Aker — Nordmarken -.... Ich bin dort soviel allein umhergegangen, daß es mir davor graut. -Ich habe das Gefühl, als müßten dort Fetzen meiner alten abgelegten -Seelen auf jedem Busche hängen.“</p> - -<p>„Still, still! Es kann so schön werden. Mit meinem Freunde an all den -Orten umherzugehen, wo ich so viel allein und traurig gewesen bin, so -manchen Lenz hindurch.“</p> - -<p>Hand in Hand wanderten sie über die graugrüne Campagna. Jetzt, gegen -Abend, hatte der Wolkenschleier sich über den ganzen Himmel gebreitet, -und ihnen entgegen wehte der Frühlingswind.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> - -<p>Jenny sagte weh und sehnsuchtsvoll jedem einzelnen Dinge Lebewohl. -Drunten auf der Fahrstraße knirschten Heuwagen, von Ochsen gezogen, -deren weißgraue Haut in sammetweiches Braun überging, und vor den -blaubemalten Weinkarren läuteten die Glöckchen an dem roten Saumzeug -der Maultiere.</p> - -<p>Alles war lieb und vertraut hier draußen, alles hatte sie Tag für Tag -mit ihm zusammen hier gesehen und selber nicht gewußt, daß sie es -sah; nun fühlte sie plötzlich, daß alles in ihre Seele eingebrannt war -zugleich mit der Erinnerung an diese Tage.</p> - -<p>Hier der trockene, rotbraune Hügel, dessen starres, kurzes Wintergras -von Tag zu Tag weicher und grüner geworden war, die treuen Tausendschön -auf der mageren Erde, die geheimnisvollen Gruben, in die das Erdreich -zusammengestürzt war, vor denen sie verwundert gestanden hatten; die -dornigen Hecken am Rande der Wege und die blanken, saftiggrünen Blätter -der wilden Kalla unter den Büschen ...</p> - -<p>Der Lerchen unablässiges Trillern hoch oben unter der weißen -Himmelskuppel, die wunderlich glasartigen Töne der unzähligen -Drehorgeln, die weit draußen auf den Osterien in der Ebene zum Tanz -aufspielten und immer die gleichen kleinen italienischen Melodien hören -ließen.</p> - -<p>Der Gedanke, daß sie von diesem allen lassen sollte, kam ihr so sinnlos -vor.</p> - -<p>Sie ging mit Helge durch den flutenden Frühlingswind, der ihren -Körper durchkühlte wie ein Bad; sie fühlte sich selbst wie ein kühles, -frisches, saftgefülltes Blatt, und sie sehnte sich danach, sich ihm zu -geben.</p> - -<p>In ihrem dunklen Hausflur sagten sie sich zum letzten Male Lebewohl. -Sie wollten nicht voneinander lassen.</p> - -<p>„Könnte ich doch heute Nacht bei dir bleiben! Jenny!“</p> - -<p>„Helge.“ Sie drängte sich an ihn. „Du darfst!“</p> - -<p>Er umfaßte sie heftig, ihre Hüften, ihre Schultern. Aber sobald sie es -ausgesprochen hatte, erzitterte sie. Sie<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> wußte selbst nicht, warum -ihr Angst wurde — sie <em class="gesperrt">wollte</em> nicht ängstlich sein. Im selben -Augenblick bereute sie, daß sie eine Bewegung gemacht hatte, als wollte -sie sich aus seiner harten Umarmung befreien. Aber da hatte er sie -schon freigegeben.</p> - -<p>„Nein. Nein. Ich weiß ja, daß es unmöglich ist.“</p> - -<p>„Ich will ja so gern,“ flüsterte sie gedemütigt.</p> - -<p>„Ja, ja.“ Er küßte sie. „Ich weiß, daß du ... aber ich weiß auch, daß -ich nicht darf —.“</p> - -<p>„Dank, Jenny! Hab Dank für alles! Jenny, Jenny — Dank für deine Liebe! -Gute Nacht.“ —</p> - -<p>Die Tränen rannen kalt über ihre Wangen, als sie in ihrem Bett lag. Sie -versuchte sich selbst klarzumachen, daß es sinnlos sei, zu liegen und -so zu weinen als wäre irgend etwas Schönes zu Ende gegangen, irgend ein -Glück zersprungen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch">Zweites Buch</h2> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p> - -<h3 id="II_I">I.</h3> - -</div> - -<p>Als Jenny in Fredrikshald über den Bahnsteig lief, um im Warteraum -ein wenig Kaffee zu sich zu nehmen, hielt sie einen Augenblick inne. -Irgendwo über ihr tirilierte eine Lerche.</p> - -<p>Sie schloß die Augen, als sie dann am Abteilfenster saß. Die Sehnsucht -nach dem Süden war schon erwacht.</p> - -<p>Der Zug sauste an kleinen, mutwillig zerrissenen und geborstenen -Bergkuppen aus rotem Granit vorbei. Der Fjord schimmerte stellenweise -in ungebrochenem, leuchtendem Azurblau hindurch. An den Felsen hinan -klammerte sich die Föhre fest. Die Nachmittagssonne lag auf roten, -erzen schimmernden Stämmen und tiefgrünen, metallblanken Kronen; es -war, als glänzte alles vom Bade nach der Schneeschmelze. Bächlein -gurgelten den Bahnkörper entlang, und die nackten Kronen der Laubbäume -leuchteten in der klaren Luft.</p> - -<p>Es war hier so anders als im Lenz des Südens. Sie aber sehnte sich nach -ihm — seinem langsamen, gesunden Atem, seiner Farben milder Freude. -Diese Farbenorgien hier erinnerten sie an andere Lenztage — mit wilder -Sehnsucht nach heißen Freuden, die ihrem jetzigen ruhigen Glück nicht -eigen waren.</p> - -<p>Oh, der Frühling dort unten mit dem leise sprießenden Grün auf der -endlosen Ebene! Das Gebirge umgab sie mit strengen, festen Linien. Die -Menschen hatten den Wald gerodet und ihre mauergekrönten steingrauen -Städte auf den Felsspitzen errichtet, ihre silberfarbenen Olivenhaine -an den Hängen aufgepflanzt. Das Leben hatte<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> sich Jahrtausende über -in den Felsen geregt, und die Berge trugen geduldig die kleine Welt -auf ihren Schultern, dennoch in ewiger Einsamkeit und Ruhe ihre -Scheitel gen Himmel hebend. Diese stolzen, strengen Linien, der Farben -gedämpftes Silbergrau, Graublau und Grüngrau, diese uralten Städte und -der langsam vorwärtsschreitende Frühling! Wie viel man auch erzählte -von des Südens schäumendem Leben, so schien dort doch der Lebensodem -in ruhigem, gesünderem Zeitmaß die Menschen zu durchströmen als hier -im Norden. Trotz des Lenzes mutwilliger Gewalt im Süden war es dort -leichter, die Frühlingswoge vorüberbrausen zu lassen.</p> - -<p>Ach Helge! Könnte ich doch bei dir sein! Ihr schien die Zeit, die sie -mit ihm verlebt, so unendlich fern. Kaum eine Woche war vergangen, seit -sie sich getrennt hatten, und doch war ihr alles wie ein Traum, als sei -sie nie von der Heimat fortgewesen.</p> - -<p>Wie dankte sie dem Schicksal, das sie von hier geführt. So hatte sie -nicht zu sehen und zu fühlen brauchen, wie der weiße, ruhevolle, -frostklare Winter wich, wie die klingende, stärkende, lichtblaue -Luft, von silberreinem, feuchtem Dunst durchtränkt, über den braunen -Erdschollen zitterte. Die Luft flimmerte, alle Linien lösten sich auf, -während die Farben scharf und brennend, gleichsam nackt, hervortraten, -bis der Abend kam, und alles unter einer Flut blaßgrünen, zehrenden -Lichtes erschauerte, das nicht weichen wollte.</p> - -<p>Mein kleiner Junge, was du wohl jetzt treibst. Ich sehne mich ja so -nach dir — ich kann es fast nicht glauben, daß du mir gehörst. Ich -will bei dir sein, ich will nicht allein hier umhergehen und mich den -ganzen langen, unheimlich hellen Frühling hindurch nach dir verzehren. —</p> - -<p>Weiter hinauf in Smaalene lagen schmelzende Schneestreifen am -Waldessaum und unter den Steinwällen. Die welkbraunen Erdschollen und -umgepflügten Aecker breiteten sich in milden Farben aus, und hier, -wo die Himmelskuppel sich höher wölben konnte, erblaßte das blendend -starke Blau nach dem Horizonte zu allmählich. Die niedrige<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> wellige -Kette der bewaldeten Bergkuppen lag weit drüben, während das feine -Geäst der einzelnen freistehenden Baumgruppen draußen im Lande sich wie -Spitzenwerk in der Luft abzeichnete.</p> - -<p>Altersgraue Gehöfte gleißten wie Silber, und neue rote Nebengebäude -glühten tief auf. Der Föhrenwald leuchtete olivengrün, Birkendickicht -und Espenstämme hoben sich rotviolett und lichtgrün dagegen ab.</p> - -<p>Ja, es war Frühling. Die hitzigen Farben brennen eine Weile, bis alles -gelbgrün schimmert und vor Lebensfreude eine Zeitlang strahlt, um ein -paar Wochen später zu dunkeln und zu reifen und dem Sommer zu weichen.</p> - -<p>Der Frühling des Nordens ist unersättlich — kein Glück ist ihm -strahlend genug! —</p> - -<p>Der Abend fiel hernieder, während der Zug gen Norden brauste. Die -letzten langen, roten Sonnenstrahlen blitzten über eine Felskuppe. -Dann blieb nur ein güldener Schein am wolkenlosen Himmel zurück, der -unendlich langsam hinstarb.</p> - -<p>Als der Zug Moß verließ, ragten die Berge kohlschwarz zum -grünlichklaren Himmel auf. Die Spiegelung lag noch tiefdunkler, -durchsichtig schwarz auf dem grasgrünen Fjord. Ein einziger großer -Stern stand über der Bergspitze, sein Bild drunten auf dem Wasser -zitterte wie ein dünner Strahl Goldes.</p> - -<p>Jenny mußte an Franziskas Nachtbilder denken. Das Leben der Farben nach -Sonnenuntergang war das, was Cesca am liebsten festzuhalten suchte. -Gott weiß, wie es ihr eigentlich ging. Sie arbeitete übrigens fleißig -in der letzten Zeit. Jenny hatte Gewissensbisse. Die beiden letzten -Monate hatte sie Cesca kaum gesehen und doch durchfuhr sie oftmals -der Gedanke, daß Cesca es wohl schwer hatte. Aber alle guten Vorsätze -Jennys, sich einmal mit Cesca auszusprechen, waren umsonst gewesen.</p> - -<p class="mtop2">Es war Nacht, als sie in Kristiania einfuhr. Mutter, Bodil und Nils -nahmen sie auf dem Bahnhof in Empfang.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p> - -<p>Ihr war, als hätte sie die Mutter erst vor einer Woche gesehen. Frau -Berner weinte, als sie die Tochter küßte: „Willkommen daheim, mein -liebes Kind — Gott segne dich!“</p> - -<p>Bodil aber war groß geworden. Sie sah fesch und elegant aus in dem -fußfreien Straßenkostüm. Kalfatrus begrüßte sie ein wenig fremd.</p> - -<p>Diese Luft auf dem Bahnhofsmarkt war etwas für sich, die gab es in der -ganzen Welt nicht wieder — Geruch von Seewasser und Kohlenruß und -Heringslauge.</p> - -<p>Die Droschke holperte über die Carl Johannstraße, an den bekannten -Häusern vorüber. Die Mutter fragte sie nach der Reise. — Jenny überkam -ein seltsam alltägliches Gefühl. Es war ihr, als sei sie niemals fort -gewesen. Die Kinder auf dem Rücksitz sprachen kein Wort.</p> - -<p>Oben auf dem Wergelandswege, vor einer Gartentür, standen zwei junge -Menschen und küßten sich unter einer Gaslaterne. Ueber den nackten -Baumkronen des Schloßparkes wölbte sich der Himmel tiefblau und -klar mit wenigen mattschimmernden Sternen. Jenny spürte einen Hauch -wie von moderndem Laub durch die Nacht, einen Hauch aus vergangenen -sehnsuchtsschweren Tagen.</p> - -<p>Der Wagen hielt vor dem Tore daheim, ein großer ummauerter Hof zog sich -hinter dem Hause den Haegdehaug hinauf. Im Milchladen des Erdgeschosses -war Licht und die „Delikatesse“ guckte heraus, als sie den Wagen halten -hörte, rief Guten Tag und bot Jenny ein Willkommen.</p> - -<p>Ingeborg kam die Treppe herabgestürmt und umfing Jenny. Dann lief sie -mit dem Handkoffer der Schwester wieder nach oben.</p> - -<p>Im Wohnzimmer war der Teetisch gedeckt. Jenny erblickte ihre Serviette -mit dem alten Silberring, der noch vom Vater stammte, auf ihrem alten -Platz, neben Kalfatrus auf dem Sofa.</p> - -<p>Ingeborg stürzte in die Küche hinaus, während Bodil Jenny in ihr -Kämmerchen führte, das nach dem Hofe hinausging. Ingeborg hatte es -bewohnt, während Jenny im Auslande war, sie hatte noch nicht alle ihre -Sachen<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> beiseite geräumt. An den Wänden hingen Schauspielerkarten; -Napoléon und Madame Recamier in Mahagonirahmen waren an jeder Seite von -Jennys altem Empirespiegel über der Kommode angebracht.</p> - -<p>Jenny wusch sich und ordnete ihr Haar. Sie hatte das Gefühl, als sei -ihre Haut schwarz von der Reise, und fuhr sich mit der Puderquaste -ein paar Mal über das Gesicht. Bodil schnupperte am Puder — ob er -parfümiert sei.</p> - -<p>Sie gingen hinein zum Tee. Ingeborg hatte ein warmes Fischgericht -zubereitet, sie war in diesem Winter auf der Kochschule gewesen. Hier -drinnen unter der Lampe sah Jenny, daß beide Schwestern die dicken -krausen Flechten im Nacken mit weißer Seidenschleife hochgebunden -trugen. Ingeborgs kleines Mulattenfrätzchen war ein wenig schmaler und -bleicher geworden, sie hustete aber jetzt nicht.</p> - -<p>Und nun sah Jenny auch, daß die Mutter älter geworden war. Oder -täuschte sie sich? Hatte sie vielleicht damals, während sie daheim war -und sie jahrelang Tag für Tag sah, nur nicht bemerkt, daß der feinen -Fältchen in Mutters blondem Antlitz mehr und mehr, daß die Schultern -spitzer wurden, die hohe, mädchenhaft schlanke Gestalt gebeugter? Seit -Jenny erwachsen war, hatte sie hören müssen, daß Mama aussah wie ihre -etwas ältere, schönere Schwester.</p> - -<p>Es wurde von allem gesprochen, was sich im verflossenen Jahre daheim -zugetragen hatte.</p> - -<p>„Warum nahmen wir eigentlich kein Automobil für den Heimweg?“ fragte -Nils plötzlich. „Das wäre doch das Praktischste gewesen.“</p> - -<p>„Du kommst nun allerdings reichlich spät mit deinem Vorschlag, Junge.“ -Jenny mußte lachen.</p> - -<p>Das Gepäck kam, und Mutter wie Schwestern folgten atemlos dem -Auspacken. Ingeborg und Bodil trugen die Sachen ins Kämmerchen und -verstauten sie in den Kommodeschiebladen. Sie befühlten fast mit -Andacht die gestickte Wäsche, die, wie Jenny erklärte, in Paris gekauft -war. Ueber die Geschenke jubelten sie — Rohseide für Sommerkostüme und -venetianische Perlenketten. Sie standen<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> vor dem Spiegel, warfen die -Seide prüfend über die Schulter und legten die Halsketten um die Stirn.</p> - -<p>Nur Kalfatrus fragte nach ihren Bildern und lüftete die Blechtrommel -mit der Leinwand.</p> - -<p>„Wieviel hast du da, Jenny?“</p> - -<p>„Sechsundzwanzig. Es sind aber meistens kleine Bilder.“</p> - -<p>„Wirst du eine Separatausstellung veranstalten?“</p> - -<p>„Ich weiß noch nicht recht, gedacht habe ich daran.“</p> - -<p class="mtop2">Die Mädels hatten aufgewaschen, Nils hatte sein Bett auf dem Sofa in -der Wohnstube zurechtgemacht. Frau Berner und Jenny saßen im Zimmer der -Tochter bei einer zweiten Tasse Tee und einer Zigarette.</p> - -<p>„Wie findest du Ingeborg?“ fragte die Mutter ängstlich.</p> - -<p>„Sie ist frisch und lebhaft, sieht auch nicht schlecht aus. Aber -natürlich, in ihrem Alter ist nicht damit zu spaßen. Wir müssen sehen, -daß wir sie aufs Land hinausschicken, bis sie wieder ganz frisch ist, -Mama.“</p> - -<p>„Ingeborg ist immer so lieb und gut, munter und vergnügt. Und so -tüchtig im Haushalt. Ich bange mich so um ihretwillen, Jenny. Ich -glaube, sie hat diesen Winter zu viel getanzt, ist allzu viel draußen -gewesen und zu spät ins Bett gekommen. Aber ich brachte es nicht übers -Herz, es ihr zu verbieten. Du hattest es so trübselig, Jenny, und ich -sah sehr wohl, daß du Vergnügen und Freude entbehrtest. — Ich war -überzeugt, sowohl du wie Papa würden mir Recht geben, wenn ich dem -Kinde sein Vergnügen ließe, solange es sich bot.“ Frau Berner seufzte. -„Meine armen kleinen Mädels — Mühsal und Arbeit, das ist es nur, was -sie erwartet. Was soll werden, Jenny, wenn ihr mir noch obendrein krank -werdet? Ich kann so wenig für euch tun, meine Kinder.“</p> - -<p>Jenny beugte sich zu ihr hinüber und küßte ihr die Tränen von den -schönen, kindergroßen Augen. Sie<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> schmiegte sich an die Mutter und -die Sehnsucht, Zärtlichkeit zu erweisen und selber zu empfangen, die -Erinnerung an vergangene Tage der Kindheit und das Bewußtsein, daß ihre -Mutter der Tochter Leben mit seinen früheren Sorgen und seiner jetzigen -Glückseligkeit nicht gekannt hatte, flossen zusammen zu dem Gefühl -schützender Liebe. Frau Berner legte ihren Kopf an der Tochter Brust.</p> - -<p>„Nicht weinen, Mama — das wird alles schon werden, du sollst nur -sehen. Nun bleibe ich ja vorläufig zu Hause. Und dann haben wir doch -Gott sei Dank noch etwas von Tante Katharines Geld übrig.“</p> - -<p>„Aber Jenny, das brauchst du doch für deine Ausbildung. Ich habe ja -nach und nach eingesehen, daß du an deiner Ausbildung nicht gehindert -werden darfst. Es war eine solche Freude für uns alle, als du das Bild -im letzten Herbst verkauftest.“</p> - -<p>Jenny lächelte ein wenig. Jenes Bild, das verkauft wurde, und die -wenigen Worte in der Zeitung über sie — es war, als sähe ihre ganze -Familie danach mit ganz anderen Augen auf ihre Malerei.</p> - -<p>„Das renkt sich noch alles ein, Mama. Alles. Ich kann etwas nebenher -verdienen, wenn ich zu Hause bin. Ein Atelier <em class="gesperrt">muß</em> ich haben,“ -sagte sie einen Augenblick darauf. Und sie fügte hinzu, hastig, -erläuternd: „Denn ich muß meine Bilder im Atelier vollenden.“</p> - -<p>„Ja aber,“ die Mutter sah ganz entsetzt aus. „Du wohnst doch zu Hause, -Jenny?“</p> - -<p>Jenny antwortete nicht gleich.</p> - -<p>„Ich finde, es geht nicht anders, mein Kind,“ fuhr die Mutter fort. -„Ein junges Mädchen kann nicht allein im Atelier wohnen.“</p> - -<p>„Nein, gewiß, <em class="gesperrt">wohnen</em> kann ich hier,“ entgegnete Jenny. —</p> - -<p>Sie holte Helges Photographie hervor, als sie allein war. Dann setzte -sie sich hin, um an ihn zu schreiben.</p> - -<p>Erst ein paar Stunden war sie jetzt zu Hause. Aber alles, was sie dort -unten erlebt hatte, schien ihr so<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> grenzenlos fern und fremd. So ohne -Zusammenhang mit ihrem Leben hier zu Hause — früher und jetzt.</p> - -<p>Der Brief wurde zu einer einzigen sehnsüchtigen Klage.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_II">II.</h3> - -</div> - -<p>Jenny hatte ein Atelier gemietet. Sie ging umher und räumte ein. -Nachmittags kam Kalfatrus, um ihr zu helfen.</p> - -<p>„Du bist ein gefährliches Langbein geworden, Kalfatrus. Ich war nahe -daran, Sie zu dir zu sagen, Bengel, als ich dich das erste Mal sah.“</p> - -<p>Der Junge lachte.</p> - -<p>Jenny erkundigte sich nach all seinem Tun und Lassen während ihrer -Abwesenheit, und Nils erzählte. Er und Jakop und Bruseten — zwei neue -Jungen, die im vergangenen Herbst in die Klasse gekommen waren — -hatten eine Zeitlang oben in Nordmarken in den Holzhauerkojen als Wilde -gelebt, und ihrer Abenteuer waren unzählige. Jenny fragte sich, während -sie ihm zuhörte, ob wohl je wieder Zeit bliebe zu Nordmarksfahrten für -sie und Kalfatrus. —</p> - -<p>An den Vormittagen streifte sie in der Gegend von Bygdö umher — -allein in dem weißen Sonnenschein. Bleich lag die Erde mit dem -toten, gelblichweißen Gras da. Am Waldrande nach Norden zu fand sich -noch immer alter Schnee unter den stahlschwarzen Nadeln. Aber an -den Südhängen schimmerten die nackten Zweige der Laubbäume in der -sonnengetränkten Luft, und unter dem alten, wärmenden Laub lugten -weiche Blauanemonenknöspchen hervor. Dort draußen war die Luft schon -von Vogelgezwitscher erfüllt. —</p> - -<p>Helges Briefe las sie wieder und wieder — sie trug sie bei sich. -Sie sehnte sich nach ihm, krankhaft, ungeduldig, sehnte sich, ihn zu -schauen, ihn zu berühren, zu fühlen, daß sie ihn auch wirklich besaß.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p> - -<p class="mtop2">Zwölf Tage war sie nun daheim, und noch war sie nicht dazu gekommen, zu -seinen Eltern zu gehen. Als er schließlich zum dritten Male in einem -Briefe fragte, raffte sie sich auf. Morgen sollte es Wahrheit werden.</p> - -<p>Das Wetter war im Laufe der Nacht umgeschlagen. Ein beißender Nordwind -fegte daher — stechende Sonnenglut und wirbelnde Wolken von Staub und -Papier in den Straßen — und plötzlich ein Hagelschauer, so heftig, -daß sie in einem Torweg Schutz suchen mußte. Die harten weißen Körner -spritzten rings um ihre niedrigen Schuhe und dünnen Sommerstrümpfe von -den Pflastersteinen auf.</p> - -<p>Dann kam die Sonne wieder hervor.</p> - -<p>Grams wohnten in der Welthavensstraße. Jenny stand einen Augenblick an -der Ecke still. Der Schatten lag klamm und eiskalt zwischen den beiden -Reihen schmutziggrauer Häuser. Nur auf der einen Seite fiel hoch oben -ein Sonnenstreifchen hinein. Sie wurde froh, sie wußte, daß Helges -Eltern im vierten Stock wohnten.</p> - -<p>Diese Straße war vier Jahre hindurch ihr Schulweg gewesen. Da waren -sie wieder, die winzig kleinen dunklen Kaufläden, die Fenster mit -Blumentöpfen in zerrissenem Seidenpapier und farbigen Majolikakrügen -und die vergilbten Modenzeitungen an den Fenstern der Näherinnen, -die Torwege, die auf kohlschwarze Hinterhöfe hinausstarrten. Noch -immer lagen hier Haufen schmutzigen Schnees und machten die Luft in -den Hofräumen rauh. Die Straßenbahnen fuhren mit schwerem Getöse die -hügelige Straße hinauf.</p> - -<p>Gleich daneben, an der Pilengasse, lag eine von den rußigen, grauen -Mietskasernen mit einem Hofplatz, der einer dunklen Höhle glich. Dort -hatten sie gewohnt, als der Stiefvater starb.</p> - -<p>Sie verweilte ein wenig draußen vor der Eingangstür mit dem -Messingschilde G. Gram. Sie hatte Herzklopfen und versuchte, über sich -selbst zu lachen. Immer ging es ihr so; sinnlos beklommen war sie, wenn -sie in eine Lage kam, die sie sich nicht Jahre im voraus hatte ausmalen -können. Herrgott — ein Paar zukünftiger Schwiegereltern<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> waren doch -keine besonders wichtigen Persönlichkeiten für sie. Auffressen würden -sie sie jedenfalls kaum können. Sie läutete.</p> - -<p>Drinnen hörte sie jemanden durch einen langen Korridor kommen, und -gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Helges Mutter. Jenny erkannte sie -von der Photographie her.</p> - -<p>„Frau Gram? — Mein Name ist Winge.“</p> - -<p>„Ah so — bitte sehr, wollen Sie nicht nähertreten?“</p> - -<p>Sie ging vor Jenny her durch einen langen, engen Gang, der angefüllt -war mit Schränken, Kisten und Mänteln.</p> - -<p>„Bitte schön,“ sagte Frau Gram wieder und öffnete die Tür zum -Wohnzimmer. Helles Sonnenlicht lag auf den schweren moosgrünen -Plüschmöbeln; der Raum war nicht groß und gestopft voll von Nippes und -Photographien. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in schillernden Farben, -vor allen Türen hingen Plüschportieren.</p> - -<p>„Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe hier so lange nicht Staub -wischen können,“ sagte Frau Gram. „Wir sind an Werktagen nämlich nie -in diesem Zimmer, und ich bin augenblicklich ohne Mädchen. Das letzte -mußte ich wegjagen — die ärgste Schmutzliese, und dann konnte sie -ihren Mund nie halten. So sagte ich ihr denn, sie sollte machen, daß -sie fortkäme. Aber eine neue zu bekommen — das ist unmöglich, und -schließlich sind sie eine wie die andere. Nein, Hausfrau, das ist der -schlimmste Beruf, den es gibt. — Ja, Helge hatte uns ja auf Ihren -Besuch vorbereitet, jetzt hatten wir aber die Hoffnung wahrhaftig -aufgegeben, daß Sie uns die Ehre geben würden.“</p> - -<p>Während sie lächelte und sprach, zeigte sie eine Reihe großer, weißer -Vorderzähne. An beiden Seiten fehlten die Augenzähne und hatten eine -dunkle Lücke hinterlassen.</p> - -<p>Jenny betrachtete sie, Helges Mutter.</p> - -<p>Sie hatte sich dies alles so ganz anders gedacht.</p> - -<p>Nach seinen Erzählungen hatte sie sich ein Bild von seinem Heim und -seiner Mutter gemacht. Die Mutter<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> mit dem schönen Antlitz, das auf -der Photographie Helge ähnlich war, mochte sie gern. Sie, die der Mann -nicht liebte, die aber ihre Kinder so geliebt hatte, daß sie sich -dagegen auflehnten und rebellierten, hinaus wollten, fort von dieser -tyrannischen Mutterliebe, die es nicht ertrug, daß sie etwas anderes -seien als nur ihre Kinder. In ihrem Herzen hatte Jenny Partei ergriffen -für diese Mutter. Männer konnten kaum verstehen, wie eine Frau werden -mußte, die Liebe gab und niemals Liebe zurück empfing, außer der -Kindesliebe der ersten Jahre. Die Kinder begriffen ja die Gefühle einer -Mutter nicht, wenn sie sie heranwachsen und sich von ihr abwenden sah, -begriffen nicht, daß eine Mutter sich in Trotz und Zorn gegen das -unerbittliche Leben auflehnte, das daran Schuld war, daß die Kinder -groß wurden und nicht mehr ihr Ein und Alles in der Mutter sahen, für -die doch bis in alle Ewigkeit die Kinder das Höchste bedeuteten.</p> - -<p>Jenny hatte Helges Mutter lieben wollen.</p> - -<p>Und nun empfand sie eine rein physische Abneigung gegen diese Frau -Gram, die da vor ihr saß und unaufhörlich redete.</p> - -<p>Es waren wohl Helges Züge wie auf dem Bilde. Diese hohe, ein wenig -schmale Stirn, die fein gebogene Nase und die gradlinigen, dunklen -Brauen, der kleine Mund mit den feinen schmalen Lippen und das spitze -Kinn.</p> - -<p>Um ihren Mund lag aber ein Ausdruck, als ob alles, was sie sprach, nur -Spott sei. Ein spöttischer und bösartiger Zug war in all den feinen -Runzeln des Gesichts. Die großen Augen, selten schön geschnitten mit -ganz emailleblauem Weiß im Apfel, hatten einen harten, stechenden -Blick, diese großen, tiefbraunen Augen, die viel dunkler waren als die -Helges.</p> - -<p>Schön mußte sie gewesen sein, selten schön. Und dennoch wußte Jenny -ganz bestimmt, was ihr früher schon einmal eingefallen war, daß Gert -Gram diese Frau kaum aus Liebe geheiratet hatte. Dame war sie auch -durchaus nicht — weder in Sprache noch Wesen. Es gab ja so viele -nette junge Mädchen im Mittelstande, die zu Vetteln<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> wurden, sobald -sie eine Weile verheiratet waren und sich in der Enge des Hauses mit -Dienstmädchen- und Wirtschaftssorgen einige Jahre abgeplagt hatten.</p> - -<p>„Kandidat Gram bat mich, zu Ihnen zu gehen und Sie von ihm zu grüßen,“ -sagte Jenny. Sie empfand es plötzlich als eine Unmöglichkeit, Helge bei -seinem Namen zu nennen.</p> - -<p>„Ja, er war in der letzten Zeit nur mit Ihnen zusammen, in den letzten -Briefen erwähnt er jedenfalls niemand anderes. Uebrigens schwärmte er -im Anfang wohl ein bißchen für ein kleines Fräulein Jahrmann, glaube -ich?“</p> - -<p>„Meine Freundin, Franziska — ja, im Anfang waren wir eine ganze Schar, -die sich oft zusammenfand. Aber jetzt zuletzt war Fräulein Jahrmann mit -einer größeren Arbeit beschäftigt.“</p> - -<p>„Sie ist wohl die Tochter von Oberstleutnant Jahrmann in Tegneby? Hat -sie nicht Geld?“</p> - -<p>„Nein. Ihre Ausbildung bestreitet sie von dem Wenigen, was sie von -ihrer Mutter geerbt hat, sie steht nicht eben auf gutem Fuße mit ihrem -Vater, d. h. er wünschte nicht, daß sie Malerin wurde, und dann wollte -sie nichts von ihm annehmen.“</p> - -<p>„Wie töricht. — Meine Tochter, Frau Kaplan Arnesen,“ sagte Frau Gram, -„kennt sie flüchtig, sie war hier zu Weihnachten. Sie meinte übrigens, -da spielten andere Gründe mit, weshalb Oberstleutnant Jahrmann nichts -mit ihr zu tun haben wollte; sie soll ja so hübsch sein, aber einen -recht schlechten Ruf haben.“</p> - -<p>„Das ist durchaus unwahr,“ sagte Jenny steif.</p> - -<p>„Ja, Sie Künstlerinnen haben es gut,“ Frau Gram seufzte. „Aber ich -begreife nicht, wie Helge arbeiten konnte. Ich fand, er schrieb nie -von etwas anderem, als daß er mit Ihnen hier und dort in der Campagna -herumgestreift sei.“</p> - -<p>„Oh — oh,“ sagte Jenny. — Es war peinlich über das Leben dort unten -aus Frau Grams Munde zu hören.<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> „Kandidat Gram war sehr fleißig, fand -ich. Einen Feiertag muß man doch hin und wieder haben.“</p> - -<p>„Ja. Wir Hausfrauen müssen freilich ohne solche auskommen. Warten -Sie, bis Sie verheiratet sind, Fräulein Winge. Aber auch andere -Menschen sollen ihre freien Tage haben. Ich habe eine Nichte, die eben -Volksschullehrerin geworden ist. Sie sollte Medizin studieren, konnte -es aber nicht aushalten, sie mußte aufhören und aufs Seminar gehen. -Ja, ich finde, die hat immer frei. Du wirst dich doch wahrhaftig nicht -überanstrengen, Aagot, sage ich zu ihr.“</p> - -<p>Frau Gram verschwand durch eine Tür auf den Korridor hinaus. Jenny -erhob sich und betrachtete die Malereien.</p> - -<p>Ueber dem Sofa hing eine große Campagnalandschaft. Man konnte wohl -sehen, daß Helges Vater in Kopenhagen gelernt hatte. Das Bild war gut -und solide gezeichnet, aber dünn und trocken in der Farbe. Besonders -der Vordergrund mit den beiden Italienerinnen in Nationaltracht und -den miniaturartig gemalten Pflanzen an einer umgestürzten Säule waren -langweilig. Die Modellstudie eines jungen Mädchens darunter war besser.</p> - -<p>Sie mußte lächeln. — Man konnte beim Anblick dieser italienischen -Romantik verstehen, daß es Helge im Anfang schwer gefallen war, sich in -Rom zurechtzufinden, und daß es ihn enttäuscht hatte.</p> - -<p>Da waren viele kleine braune, zierlich gezeichnete Landschaften von -Italien mit Ruinen und Nationaltrachten. Aber die Studie des Priesters -dort war gut.</p> - -<p>Einige Kopien dagegen — Corregios Danaë und Guido Renis Aurora — -oh Gott! Außerdem fanden sich noch einige andere Kopien von barocken -Bildern, die sie kaum kannte.</p> - -<p>Dann hing an der einen Seite noch eine große hellgrüne -Sommerlandschaft. Gram hatte versucht, impressionistisch zu malen. Das -Bild war aber dünn und häßlich in den Farben. Das dort über dem Klavier -war besser.<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> Sonnenglut über den Felsspitzen, die Luft war entzückend -wiedergegeben.</p> - -<p>Daneben hing ein Porträt der Frau des Hauses. Das war das beste. -Tatsächlich, es war gut. Die Gestalt plastisch modelliert. Ebenso die -Hände. Dann das hellrote Kleid mit den Verzierungen, die durchbrochenen -schwarzen Halbhandschuhe. Das olivenbleiche Gesicht mit den dunklen -Augen unter den Stirnlocken und der hohe, spitze schwarze Hut mit roter -Feder. Sie stand aber leider wie an den Hintergrund geklebt, der mit -einem säuerlichen Graublau übermalt war.</p> - -<p>Und dort noch ein Kinderbild „Bamse vier Jahre“, stand oben auf dem -Rahmen. Nein, Herrgott — war das Helge, der kleine schmollende Kerl im -weißen Hemdchen? O, wie lieb er aussah!</p> - -<p>Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Kakes herein. Jenny -murmelte etwas von Umstände machen:</p> - -<p>„Ich habe mir die Bilder Ihres Gatten angesehen, Frau Gram.“</p> - -<p>„Ja, ich verstehe mich ja nicht sonderlich darauf, aber ich finde -sie großartig. Mein Mann behauptet freilich, es wäre nichts an ihnen -dran, aber das ist wohl nur so hingesagt. Nein,“ sie lachte etwas -bitter. „Mein Mann ist so sonderbar. Von der Malerei konnten wir nicht -leben, als wir heirateten und Kinder bekamen, so daß er daneben etwas -Nützliches betreiben mußte. Dann hatte er aber keine Lust, so nur -nebenher zu malen, und darum behauptete er eines schönen Tages, er -hätte kein Talent. Ich finde ja seine Bilder schöner als die modernen -Sachen, aber Sie sind wohl anderer Meinung, Fräulein Winge?“</p> - -<p>„Ja, die Bilder Ihres Gatten sind sehr schön,“ entgegnete Jenny. -„Besonders das Bildnis von Ihnen, Frau Gram. Das ist wirklich reizvoll.“</p> - -<p>„O ja. Aber es hat freilich nicht viel Aehnlichkeit — geschmeichelt -hat Gram mich nicht.“ Sie lachte wieder ihr kleines, bitteres, böses -Lachen. „Nein, das kann man nicht gerade behaupten. <em class="gesperrt">Ich</em> finde -ja, er malte<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> viel netter, ehe er begann, all das nachzuäffen, was -damals plötzlich modern wurde — Sie wissen, Thaulow und Krogh und -Konsorten.“</p> - -<p>Jenny trank ihren Rhabarberwein schweigend aus, während Frau Gram -sprach.</p> - -<p>„Ich würde Sie gern zu Mittag einladen, Fräulein Winge. Aber ich mache -die Wirtschaft allein und dann ist man ja nicht auf Gäste vorbereitet, -das können Sie sich wohl vorstellen. Ich kann also leider nicht. Aber -das nächste Mal, hoffe ich.“</p> - -<p>Jenny verstand, daß Frau Gram sie gern los sein wollte. Das war ja auch -begreiflich, wenn sie kein Mädchen hatte. Sie war wohl gerade beim -Mittagkochen. So verabschiedete sie sich denn.</p> - -<p>Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so im -Vorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätte -leuchtend blaue Augen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_III">III.</h3> - -</div> - -<p>Zwei Tage später, als Jenny des Nachmittags arbeitete, bekam sie Besuch -von Helges Vater.</p> - -<p>Jetzt, als er dastand, mit dem Hute in der Hand, sah sie, daß sein -Haar ganz grau war, so grau, daß man nicht mehr unterscheiden konnte, -welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Jung sah er aber trotzdem -aus. Die Gestalt war schlank, ein wenig gebeugt, aber nicht wie bei -einem alten Manne, eher, als sei er ein wenig zu schmächtig für seine -Größe. Seine Augen waren jung, obgleich sie trüb und müde aus dem -mageren, glattrasierten Antlitz blickten. Sie waren aber so groß und -so leuchtend blau, daß sie einen merkwürdig offenen Eindruck machten, -verwundert und grüblerisch zugleich.</p> - -<p>„Ja, Sie werden begreifen, daß es mich danach verlangt, Sie zu -begrüßen, Fräulein Winge,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Nein — -ich bitte Sie, legen Sie<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> die Schürze nicht ab. Und sagen Sie’s mir, -wenn ich Sie störe.“</p> - -<p>„Nein, lieber Herr Gram,“ sagte Jenny fröhlich; seine Stimme und sein -Lächeln gefielen ihr. Sie warf die Malerschürze auf den Kohlenkasten. -„Es wird sowieso bald dunkel. Wie liebenswürdig von Ihnen, mich zu -besuchen!“</p> - -<p>„Es ist eine Ewigkeit her, daß ich in einem Atelier war,“ sagte Gram -und blickte umher. Dann setzte er sich aufs Sofa.</p> - -<p>„Verkehren Sie mit keinem anderen der Maler — irgend jemandem aus -Ihrer Zeit?“ fragte Jenny.</p> - -<p>„Nein, mit niemandem,“ antwortete er kurz.</p> - -<p>„Aber.“ Jenny überlegte. „Aber wie in aller Welt haben sie hierher -gefunden? Haben Sie sich bei mir zu Hause erkundigt — oder im -Künstlerbund?“</p> - -<p>Gram lachte.</p> - -<p>„Nein. Ich sah Sie ja vorgestern auf der Treppe. Dann gestern, als -ich in mein Geschäft ging, sah ich Sie wieder. Ich ging ein Stück -hinter Ihnen her, da ich die Absicht hatte, Sie anzuhalten und mich -Ihnen vorzustellen. Sie gingen hier hinein, und ich wußte, daß in -diesem Hause ein Atelier war. Nun ja, so bekam ich die Idee, zu Ihnen -hinaufzusteigen und Ihnen eine Visite zu machen.“</p> - -<p>„Wissen Sie,“ Jenny lächelte vergnügt, „Helge lief auch auf der Straße -hinter mir her, einer Freundin und mir. Er hatte sich allerdings -verlaufen, unten in den alten Straßen am Flohmarkt. Dann kam er eben -auf uns zu und sprach uns an — bändelte an, wie der feine Ausdruck -dafür heißt. So wurden wir bekannt. Wir fanden zuerst, daß er ein wenig -dreist war. Aber es scheint so, daß er von Ihnen seinen Mut geerbt hat.“</p> - -<p>Gram runzelte die Stirn und schwieg einen Augenblick. In Jenny stieg -ein unbehagliches Gefühl auf, als hätte sie etwas Dummes gesagt. Sie -überlegte, wie sie fortfahren sollte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> - -<p>„Dürfte ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, während Sie hier sind?“</p> - -<p>Sie zündete ohne weiteres den Apparat an und setzte Wasser auf.</p> - -<p>„Ja, ja, Fräulein Winge — Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Helge -mir sonst irgendwie ähnelt. Ich glaube, daß er glücklicherweise nicht -das Geringste mit seinem Vater gemein hat.“ Er lachte.</p> - -<p>Jenny wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Sie -beschäftigte sich damit, Teetassen herbeizuholen:</p> - -<p>„Ja, hier ist es recht leer, wie Sie sehen. Aber ich wohne zu Haus bei -meiner Mutter.“</p> - -<p>„Ah so, Sie wohnen zu Hause? — Das Atelier ist sicher sehr gut — -nicht wahr?“</p> - -<p>„O ja, ich glaube.“</p> - -<p>Er schwieg wieder und blickte geradeaus.</p> - -<p>„Ja, Fräulein Winge — ich habe viel an Sie gedacht. Ich glaubte ja, -meines Sohnes Briefe so zu verstehen, daß Sie und er —“</p> - -<p>„Ja, Helge und ich haben uns sehr gern,“ sagte Jenny. Sie stand -aufrecht da und sah ihn an. Gram ergriff ihre Hand und hielt sie fest.</p> - -<p>„Ich kenne meinen Sohn so wenig, Jenny Winge. Ich weiß im Grunde nichts -Genaues von ihm — wie er ist. Aber wenn Sie ihn gern haben, so kennen -Sie ihn wohl sicher besser als ich. Und daß sie ihn lieben, beweist -mir, daß ich seiner froh sein darf und stolz auf ihn. Ich habe immer -geglaubt, daß er ein guter Junge sei, auch recht begabt. Daß er Sie -lieb hat, dessen bin ich sicher, jetzt, da ich Sie gesehen. Möge er Sie -nur glücklich machen, Jenny.“</p> - -<p>„Ich danke Ihnen,“ sagte Jenny und reichte ihm nochmals die Hand.</p> - -<p>„Ja.“ Gram sah vor sich hin. „Sie können sich denken, daß ich über -meinen Jungen froh bin. Mein einziger Sohn. Ich glaube auch, Helge hat -mich im Grunde lieb.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p> - -<p>„Das hat er. Helge hat Sie sehr lieb. Sowohl Sie als seine Mutter.“ -Gleich darauf errötete sie aber, als hätte sie etwas Taktloses gesagt.</p> - -<p>„Ja, ich glaube wohl. Aber er sah natürlich früh ein, daß sein Vater -und seine Mutter einander nicht liebten. Helge hat ein trauriges Heim -gehabt, Jenny. Ich kann es ebensogut selbst sagen; haben Sie es noch -nicht bemerkt, so werden Sie es bald selber sehen. Sie sind ja sicher -ein kluges Mädchen. Aber eben deshalb glaube ich, Helge weiß, was es -wert ist, wenn zwei sich lieb haben. Und er wird Sie und sich behüten —.“</p> - -<p>Jenny schenkte Tee ein:</p> - -<p>„Helge pflegte in Rom nachmittags zum Tee zu mir zu kommen. Eigentlich -lernten wir uns gerade in diesen Nachmittagsstunden näher kennen, -glaube ich —.“</p> - -<p>„Und da gewannen Sie sich lieb.“</p> - -<p>„Ja — nicht gleich. Das heißt, im Grunde vielleicht doch. Aber wir -dachten an nichts anderes, als gute Freunde zu sein — damals. Ja, -später kam er dann natürlich auch und trank seinen Tee bei mir —.“</p> - -<p>Sie lächelten beide.</p> - -<p>„Können Sie mir nicht ein wenig erzählen, wie Helge als Knabe war — -als kleiner Junge, meine ich — oder sonst etwas —?“</p> - -<p>Gram schüttelte trübe lächelnd den Kopf:</p> - -<p>„Nein, Jenny. Ich kann Ihnen nichts von meinem Sohn erzählen. Er war -immer gut und folgsam. Fleißig auf der Schule — nicht gerade ein -Licht, doch recht fleißig und tüchtig. Aber Helge war als Knabe sehr -verschlossen — auch als Erwachsener — jedenfalls mir gegenüber —. -Erzählen Sie lieber, Jenny,“ lachte er warm.</p> - -<p>„Wovon?“</p> - -<p>„Von Helge natürlich. Ja — zeigen Sie mir, wie mein Sohn in den -Augen des jungen Mädchens aussieht, das ihn liebt. Sie sind ja kein -gewöhnliches junges Mädchen, sondern eine tüchtige Künstlerin, und ich -glaube auch, Sie sind klug und gütig. Können Sie mir nicht erzählen, -wie es kam, daß Sie Helge liebgewannen, welche<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Eigenschaften an dem -Jungen Sie veranlaßt haben, ihn zu wählen? Lassen Sie mich hören!“</p> - -<p>„Ja.“ Dann lachte sie. „Das ist nicht so ohne weiteres zu erklären, — -wir hatten uns eben gern —.“</p> - -<p>„So.“ Er lachte auch. „Ja, es war eine dumme Frage, Jenny. Es scheint -ja fast, als hätte ich vergessen, wie es zuging, als man jung war und -verliebt — nicht wahr?“</p> - -<p>„Nicht wahr! Wissen Sie, das sagt Helge auch so oft. Auch etwas, das -ich so gern an ihm mochte. Er war so jungenhaft. Ich sah sehr wohl, daß -er verschlossen war, dann aber öffnete er mir nach und nach sein Herz —.“</p> - -<p>„Das kann ich gut verstehen — daß man zu Ihnen Vertrauen bekommt, -Jenny. Ja, aber erzählen Sie weiter — aber, Sie brauchen nicht so -erschrocken auszusehen. Sie verstehen doch, ich meinte nicht, Sie -sollten mir Ihre und Helges Liebesgeschichte auseinandersetzen oder -dergleichen —. Nur ein wenig von sich selbst erzählen — und von -Helge. Von Ihrer Arbeit, Kind. Und von Rom. Damit ich alter Mann wieder -weiß, wie es ist, Künstler zu sein. Und frei. An Dingen zu arbeiten, -die einem Freude machen. Jung zu sein. Verliebt und glücklich —.“</p> - -<p class="mtop2">Gram blieb etwa zwei Stunden bei ihr. Dann, als er gehen wollte und im -Ueberzieher, den Hut in der Hand, dastand, sagte er leise:</p> - -<p>„Hören Sie zu, Jenny. Es hat ja keinen Zweck, Ihnen zu verbergen, wie -die Verhältnisse in meiner Familie liegen. Es ist besser, daß, wenn wir -uns zu Hause wiedersehen, wir uns noch nicht kennen. Daß Helges Mutter -nicht erfährt, daß ich Ihre Bekanntschaft auf eigene Faust gemacht -habe. Auch Ihretwegen — damit Sie nicht Spott und Unannehmlichkeiten -ausgesetzt sind. Es liegt nun einmal so, daß die Tatsache, daß ich -einen Menschen gern habe, besonders eine Dame, schon genügt, um meine -Frau gegen den Betreffenden aufzubringen ... Sie finden das seltsam. -Aber Sie begreifen —?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> - -<p>„Ja,“ sagte Jenny schwach.</p> - -<p>„Nun, leben Sie wohl, Jenny. Ich freue mich Helges wegen — glauben Sie -mir?“</p> - -<p>Sie hatte am Abend vorher an Helge geschrieben und ihm von ihrem Besuch -bei seiner Mutter erzählt. Als sie den Brief noch einmal durchlas, -quälte es sie, daß der Abschnitt von ihrer Begegnung mit der Mutter so -armselig und trocken ausgefallen war.</p> - -<p>An diesem Abend schrieb sie ihm wieder und berichtete von dem Besuch -seines Vaters. Aber dann riß sie den Brief entzwei und begann von -neuem. — Es war so peinlich zu erzählen, daß Frau Gram von dieser -Sache nichts erfahren dürfe. Widerwärtig war es, Geheimnisse mit dem -einen gegen den anderen zu haben. Helges wegen empfand sie es wie eine -Demütigung, daß sie mit einem Male Mitwisser von dem Elend geworden -war, das in seinem Vaterhause herrschte. Schließlich erwähnte sie die -Angelegenheit gar nicht. Es war leichter, ihm alles zu erklären, wenn -er kam.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_IV">IV.</h3> - -</div> - -<p>Ende Mai hatte Jenny ungewöhnlich lange Zeit keine Post von Helge -bekommen. Sie begann ängstlich zu werden und hatte gerade beschlossen, -am nächsten Tage zu telegraphieren, falls sie bis dahin nichts hörte. -Nachmittags war sie im Atelier, als jemand an die Tür klopfte. Nachdem -sie geöffnet, wurde sie plötzlich von einem Manne, der draußen im -Dunkel des Bodenganges stand, ergriffen, umarmt und geküßt.</p> - -<p>„Helge!“ Sie jubelte. „Helge, Helge — laß dich anschauen! Oh, nein, -wie du mich erschreckt hast! Laß sehen — Helge — bist du es denn -wirklich und gewiß?“ Sie zog ihm die Reisemütze vom Kopfe.</p> - -<p>„Ja, natürlich, ein anderer kann es doch kaum sein,“ lachte er -unbekümmert.</p> - -<p>„Aber, Liebster — was hat denn das zu bedeuten?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> - -<p>„Das will ich dir gleich erklären,“ sagte er, fand aber nicht die Zeit -dazu, sondern preßte sein Gesicht an ihren Hals.</p> - -<p>„Ich wollte dich nämlich überraschen, weißt du.“ Sie saßen Hand in Hand -auf dem Sofa und schöpften Atem nach den ersten heißen Küssen. „Und -das ist mir doch gut geglückt, nicht wahr? Laß mich sehen, Jenny. Wie -schön du bist! Zu Hause denken sie, ich bin in Berlin. Ich übernachte -heute im Hotel und bleibe einige Tage inkognito in der Stadt — findest -du das nicht großartig? Es ist übrigens dumm, daß du zu Hause wohnst. -Sonst könnten wir den ganzen Tag über zusammen sein —.“</p> - -<p>„Weißt du,“ sagte Jenny, „als du klopftest, dachte ich, es sei dein -Vater.“</p> - -<p>„Vater?“</p> - -<p>„Ja.“ Sie wurde im selben Augenblick ein wenig verwirrt. Es fiel ihr -plötzlich schwer, ihm den ganzen Zusammenhang zu erklären. „Ja, siehst -du, dein Vater machte mir eines Tages einen Besuch, und seitdem ist er -manchmal zum Tee zu mir gekommen. Wir haben dann gesessen und von dir -gesprochen —.“</p> - -<p>„Aber Jenny — davon hast du ja kein Wort geschrieben! Du hast ja gar -nicht erwähnt, daß du Vater getroffen hast!“</p> - -<p>„Nein, das hab’ ich auch nicht. Ich wollte es dir lieber erzählen —. -Die Sache ist also die, siehst du, deine Mutter weiß nichts davon. Dein -Vater meinte, es sei besser, es nicht zu erwähnen —“.</p> - -<p>„Nicht mir gegenüber?“</p> - -<p>„Nein, nein, davon haben wir gar nicht gesprochen. Er denkt sicher, ich -habe es dir erzählt. Nein, deine Mutter durfte nicht erfahren, daß wir -uns kennen.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich fand, es war — nun ich -mochte dir nicht schreiben, daß ich mit deinem Vater ein Geheimnis vor -deiner Mutter hatte. Verstehst du mich?“</p> - -<p>Helge schwieg.</p> - -<p>„Es hat mich selber recht bedrückt,“ fuhr sie fort. „Aber er kam eben -herauf und besuchte mich. Und ich<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> finde ihn furchtbar nett, Helge; ich -habe ihn sehr gern, deinen Vater.“</p> - -<p>„Ja — Vater kann ein sehr gewinnendes Wesen haben, wenn er will. Und -daß du Malerin bist und —.“</p> - -<p>„Deinetwegen, Helge, hat dein Vater mich gern. Das ist der Grund.“</p> - -<p>Helge antwortete nicht.</p> - -<p>„Und Mutter hast du nur das eine Mal gesehen?“</p> - -<p>„Ja. — Aber liebster, bester Freund, bist du nicht hungrig? Soll ich -dir ein wenig zurecht machen?“</p> - -<p>„Vielen Dank. Und heute Abend gehen wir zusammen essen!“</p> - -<p>Wieder pochte jemand an die Tür.</p> - -<p>„Das ist dein Vater,“ flüsterte Jenny.</p> - -<p>„Pst — sei still, — nicht öffnen!“</p> - -<p>Nach einem Weilchen ging jemand über den Gang wieder fort. Helge verzog -das Gesicht.</p> - -<p>„Aber liebster Junge, was ist dir?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht —. Wenn wir ihm nur nicht begegnen, Jenny — wir -wollen nicht gestört werden, nicht wahr? Niemanden treffen!“</p> - -<p>„Nein.“ Sie küßte seinen Mund, bog seinen Kopf zurück und küßte ihn -hinter beide Ohren.</p> - -<p class="mtop2">„Und Franziska?“ sagte Jenny plötzlich, während sie nach dem Kaffee bei -einem Glase Likör saßen und plauderten.</p> - -<p>„Ja! Ja, du wußtest es wohl im voraus; sie hatte dir doch geschrieben?“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Nicht ein Wort. Ich fiel ja aus allen Wolken, als ich ihren Brief -bekam — sie schrieb in aller Kürze, morgen hätte sie Hochzeit mit -Ahlin. Ich ahnte nichts.“</p> - -<p>„Wir auch nicht. Die beiden waren ja viel zusammen. Daß sie sich aber -heiraten wollten, wußte nicht einmal Heggen, bis sie kam und ihn bat, -ihr Trauzeuge zu sein.“</p> - -<p>„Hast du sie seither gesehen?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p> - -<p>„Nein. Sie reisten noch am selben Tage nach Rocca di Papa und waren -noch oben, als ich Rom verließ.“</p> - -<p>Jenny saß eine Weile in Gedanken.</p> - -<p>„Ich glaubte, sie hätte nur ihre Arbeit im Kopf,“ sagte sie.</p> - -<p>„Heggen erzählte, daß sie das große Bild mit dem Tor beendet hätte, und -daß es sehr gut ausgefallen sei, auch, daß sie mehrere andere Arbeiten -begonnen habe.“</p> - -<p>„Dann verheiratete sie sich also ganz plötzlich. Ich weiß nicht, ob sie -eine Weile verlobt gewesen sind —.“</p> - -<p>„Aber du, Jenny — du schriebst, du hättest ein neues Bild angefangen?“</p> - -<p>Jenny zog ihn mit sich zur Staffelei.</p> - -<p>Die große Leinwand zeigte eine Straße, die sich nach links hinüber -verlor, mit einer Häuserreihe in starker Perspektive, Kontor- und -Werkstattsgebäude in graugrünen und dunklen, backsteinroten Farben. Auf -der rechten Seite der Straße standen einige Lumpenhändlerbuden, und -dahinter ragten die Brandmauern zum Himmel empor, in dessen kräftigem -Blau hier und da schwere Regenwolken, graublau wie Blei und weiß wie -Silber, standen. Greller Nachmittagssonnenschein fiel in die Straße, -auf die Buden und Hausmauern, die rotgold aufleuchteten, und auf ein -paar goldiggrüne, mit halbaufgesprungenen Knospen übersäte Baumkronen, -die auf dem Platz zwischen Buden und Brandmauer standen. Als Staffage -dienten Arbeitsleute, Karren und Geschäftswagen auf der Straße.</p> - -<p>„Ich verstehe ja nicht viel davon. Aber —.“ Helge hielt sie fest -umschlungen. „Ist es nicht sehr gut, du? Ich finde es wunderschön, Jenny -— herrlich!“</p> - -<p>Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter:</p> - -<p>„Während ich hier umherlief und auf meinen Jungen wartete — ich bin ja -im Frühling immer hier einsam und trübselig umhergeirrt. Als ich sah, -wie Bergahorn und Kastanie ihr klares, lichtes Laub vor den rußigen -Häusern und roten Mauern entfalteten — als ich den prachtvollen -Frühlingshimmel erblickte, der sich über all den schwarzen Dächern -spannte, über Schornsteinen und<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Telephondrähten: da lockte es mich, -dies alles zu malen, die feinen hellen Frühlingsknospen mitten in der -schmutzigen schwarzen Stadt.“</p> - -<p>„Wo liegt diese Stelle?“ fragte Helge.</p> - -<p>„In der Stenerstraße. — Ja, weißt du, dein Vater sprach von einigen -Bildern von dir als kleinem Jungen, die er drüben im Büro hatte; die -sollte ich mir ansehen. Und da entdeckte ich das Motiv von seinem -Bürofenster aus und durfte dann in der Kistenfabrik nebenan arbeiten. -Von dort aus ist es gemalt; ich mußte natürlich hin und wieder einiges -umgestalten, ein wenig abändern —.“</p> - -<p>„Du bist viel mit Vater zusammen gewesen?“ fragte Helge kurz darauf. -„Er interessierte sich wohl sehr für dein Bild?“</p> - -<p>„Ja, gewiß. Er kam mitunter zu mir herüber und betrachtete es, gab mir -auch einige Ratschläge, die übrigens sehr gut waren. Er weiß ja eine -Menge.“</p> - -<p>„Glaubst du, daß Vater als Maler Talent hatte?“ sagte Helge.</p> - -<p>„Ja. Das glaube ich. Die Bilder, die bei euch zu Hause hängen, waren -nicht so besonders. Er hat mir aber einige Studien gezeigt, die er im -Büro aufbewahrt. Ich glaube nicht, daß dein Vater <em class="gesperrt">großes</em> Talent -hatte, aber es war ganz fein und eigentümlich. Nur von allen Seiten zu -leicht zu beeinflussen. Aber das, glaube ich, hängt wieder mit seiner -großen Fähigkeit zusammen, das Gute zu werten und zu lieben, das er bei -anderen gesehen hat. Denn er hat so viel Verständnis für Kunst — und -Liebe zu ihr —.“</p> - -<p>„Armer Vater,“ sagte Helge.</p> - -<p>„Ja —.“ Jenny liebkoste ihren Freund. „Dein Vater leidet vielleicht -weit mehr als du und ich ahnen.“</p> - -<p>Dann küßten sie sich und vergaßen, weiter von Gert Gram zu sprechen.</p> - -<p>„Bei dir zu Hause wissen sie nichts?“ fragte Helge.</p> - -<p>„Nein,“ erwiderte Jenny.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p> - -<p>„Aber im Anfang, als ich all meine Briefe an deine Mutter adressierte, -fragte sie nie, wer da so jeden Tag an dich schrieb?“</p> - -<p>„Nein. Meine Mutter ist nicht so!“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Meine</em> Mutter,“ sagte Helge plötzlich heftig. „Mutter ist -durchaus nicht so taktlos, wie du meinst. Du bist nicht gerade gerecht -gegen meine arme Mutter — ich finde, um meinetwillen könntest du es -unterlassen, so von ihr zu reden —.“</p> - -<p>„Aber Helge!“ Jenny sah zu ihm auf. „Ich habe ja doch nicht ein Wort -über deine Mutter gesagt!“</p> - -<p>„Du sagtest: <em class="gesperrt">Meine</em> Mutter ist nicht so.“</p> - -<p>„Das ist nicht wahr. Meine <em class="gesperrt">Mutter</em>, sagte ich.“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Meine</em> Mutter, sagtest du. Daß du sie nicht leiden kannst, ist -eine Sache für sich, obgleich du schließlich keinen Grund hast —. Aber -du könntest doch daran denken, daß es <em class="gesperrt">meine</em> Mutter ist, von der -du sprichst. Und ich habe sie lieb, wie sie auch sein mag —.“</p> - -<p>„Helge! Aber Helge —.“ Sie hielt inne, denn sie fühlte, wie ihr die -Tränen in die Augen stiegen. Es war ihr so fremd, Tränen zu vergießen, -daß sie schwieg, beschämt und erschrocken. Er hatte es aber schon -bemerkt:</p> - -<p>„Jenny! Habe ich dir wehgetan? Herrgott! Da siehst du es selbst. -Kaum bin ich heimgekehrt, so fängt es auch schon an —.“ Er schrie -plötzlich, indem er die geballte Faust drohend erhob: „Oh, ich hasse -das, ich <em class="gesperrt">hasse</em> das, es wird mein Heim zerreißen.“</p> - -<p>„Mein Junge, lieber Junge — du darfst nicht —. Geliebter, nimm es -doch nicht so schwer!“ Sie zog ihn fest, fest an sich. „Helge! Hör zu, -geliebter Freund — was hat denn das mit uns zu schaffen. Sie können -<em class="gesperrt">uns</em> doch nichts tun —,“ und sie küßte ihn, bis er aufhörte zu -schluchzen und zu beben.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p> - -<h3 id="II_V">V.</h3> - -</div> - -<p>Helge und Jenny saßen in seinem Zimmer auf dem Sofa und hielten sich -schweigend umschlungen.</p> - -<p>Es war an einem Sonntag Ende Juni. Jenny hatte am Vormittag einen -Spaziergang mit Helge gemacht und bei Grams Mittag gegessen. Nach dem -Kaffee hatten sie alle vier im Wohnzimmer gesessen und sich durch den -Nachmittag gequält, bis Helge Jenny mit in sein Zimmer zog unter dem -Vorwande, sie sollte etwas durchlesen, was er geschrieben hatte.</p> - -<p>„Puh,“ sagte Jenny, als sie draußen waren.</p> - -<p>Helge fragte nicht, warum sie so sprach. Er legte seinen Kopf fest in -ihren Arm, und sie strich ihm übers Haar, stumm, ohne Aufhören.</p> - -<p>„Ja, du.“ Helge seufzte „Es war gemütlicher bei dir in der Via -Vantaggio — nicht wahr, Jenny?“</p> - -<p>Draußen in der Küche rasselten Teller, es brutzelte in der Bratpfanne -und roch nach Fett. Frau Gram bereitete etwas Warmes zum Abendessen. -Jenny ging an das offene Fenster und sah einen Augenblick in den -schwarzen Schacht des Hofes. Alle Fenster nach hier hinaus waren -Küchen- oder Schlafzimmerfenster mit Zuggardinen. In jeder Ecke des -Hofes befand sich ein größeres Fenster, schräg eingebaut. Oh! Wie gut -sie diese Eßzimmer kannte mit einem einzigen Fenster in der Ecke auf -den Hof hinaus, dunkel und trübe, ohne einen Streifen Sonne. Der Ruß -fegte hinein, wenn man lüftete, und der Essensgeruch setzte sich fest.</p> - -<p>Aus dem Fenster eines Mädchenzimmers klang Guitarrespiel und ein -kräftiger, ungeübter Sopran:</p> - -<p>„Such Schutz bei unserem Herrn Jesus Christus, mein Freund, du brauchst -nur anzuklopfen, und der Himmel tut sich auf.“</p> - -<p>Die Guitarre erinnerte sie an die Via Vantaggio, an Cesca und Gunnar, -der in der Sofaecke zu liegen pflegte, die Beine auf einem Stuhle, auf -Cescas Guitarre zupfend und leise ihre italienischen Weisen summend. -Plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> überfiel sie eine wilde Sehnsucht nach all dem dort unten.</p> - -<p>Helge kam auf sie zu:</p> - -<p>„Woran denkst du?“</p> - -<p>„An die Via Vantaggio.“</p> - -<p>„Ja, du — wie herrlich hatten wir es dort, Jenny!“</p> - -<p>Sie umschlang plötzlich seinen Hals und barg liebkosend seinen Kopf -an ihrer Schulter. Schon als er sprach, hatte sie gemerkt, daß er den -Grund <em class="gesperrt">ihrer</em> Sehnsucht nicht verstanden hatte.</p> - -<p>Sie hob seinen Kopf wieder in die Höhe und blickte in seine -bernsteingelben Augen; sie wollte an all die sonnenhellen Tage in der -Campagna denken, als er, im Grase zwischen den Tausendschön liegend, zu -ihr aufgeblickt hatte.</p> - -<p>Sie <em class="gesperrt">wollte</em> dieses schwere, erstickende Unlustgefühl von sich -abschütteln, das jedesmal wieder Macht über sie gewann, wenn sie in -seinem Hause war.</p> - -<p>Alles war hier so unleidlich. Gleich vom ersten Abend an, als sie nach -Helges offizieller Ankunft eingeladen war. Wie hatte sie es gequält, -daß sie dastehen und Komödie spielen mußte, als Frau Gram sie ihrem -Manne vorstellte; und Helge war zugegen und sah zu, wie sie seine -Mutter betrogen. Es quälte sie fürchterlich. Dann geschah etwas, das -noch viel ekelhafter war. Sie war einen Augenblick mit Gram allein; da -hatte er beiläufig erwähnt, daß er an jenem Nachmittag oben an ihrer -Tür gewesen sei, sie aber nicht angetroffen habe. „Nein, ich war an dem -Tage nicht im Atelier,“ hatte sie geantwortet, war aber gleichzeitig -blutrot geworden. Dann hatte er sie so merkwürdig erstaunt angesehen, -als sie — sie wußte nicht, warum? — plötzlich sagte: „Doch, ich war -übrigens zu Hause. Ich konnte aber nicht öffnen, es war jemand bei mir.“</p> - -<p>Gram hatte gelächelt und gesagt: „Ich habe es wohl gehört, daß jemand -im Atelier war.“ Und in ihrer Verwirrung hatte sie erzählt, daß es -Helge gewesen, und<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> daß er sich ein paar Tage inkognito in der Stadt -aufgehalten.</p> - -<p>„Liebe Jenny,“ hatte Gram sichtbar unwillig erwidert: „Ihr hättet euch -doch nicht vor mir zu verstecken brauchen. Ich hätte euch wahrhaftig in -Frieden gelassen. Ja, ja. — Aber ich muß doch sagen, daß es mich recht -gefreut haben würde, wenn Helge mich begrüßt hätte —.“</p> - -<p>Sie hatte darauf nichts zu erwidern gewußt.</p> - -<p>„Ich werde aber achtgeben, daß Helge nicht erfährt, daß ich etwas davon -weiß.“</p> - -<p>Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, Helge zu verheimlichen, daß sie -seinem Vater davon erzählt hatte. Aber jetzt sagte sie es doch nicht -— aus Furcht, daß er darüber ärgerlich sein könnte. Sie litt aber und -wurde nervös in dieser Umgebung, in die sie hineingeraten war: der eine -durfte es nicht wissen und der andere durfte es nicht wissen.</p> - -<p>Daheim hatten sie auch keine Ahnung. Aber das war etwas anderes. Es lag -daran, daß sie nicht gewöhnt war, mit ihrer Mutter von ihren eigenen -Angelegenheiten zu sprechen, sie hatte dort nie Verständnis gefunden, -auch niemals gesucht oder erwartet. Dabei war ihre Mutter jetzt mit der -Sorge um Ingeborg beschäftigt. Jenny hatte die Mutter dazu bestimmt, im -Bundefjord eine Sommerwohnung zu mieten; Bodil und Nils fuhren von dort -zur Schule in die Stadt, Jenny aber wohnte im Atelier und aß auswärts.</p> - -<p>Sie war jedoch nie so glücklich über die Mutter und ihr Heim gewesen -wie jetzt. Es kam nicht allein daher, daß die Mutter sie jetzt ein -wenig verstand. Sie merkte auch hin und wieder, daß es Jenny schwer -hatte, und zeigte dann ehrlichen Willen, zu helfen und zu trösten -— ohne zu fragen. Denn schon der Gedanke, einem ihrer Kinder eine -aufdringliche Frage zu stellen, hätte ihr die Schamröte ins Gesicht -getrieben. Aber dies hier, Helges Heim, mußte ja eine wahre Hölle für -die Kinder gewesen sein. Und es war, als würfe die Mißstimmung ihre -Schatten auf sie, auch wenn sie sonst zusammen waren.<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Aber sie wollte -es überwinden. Ihr armer, armer Junge!</p> - -<p>„Mein Helge!“ Und sie überfiel ihn plötzlich mit Liebkosungen. —</p> - -<p>Jenny hatte Frau Gram angeboten, ihr mit dem Aufwaschen und dem -Abendessen behilflich zu sein, aber jedesmal hatte die Hausfrau mit -einem Lächeln erwidert:</p> - -<p>„Nein, meine Liebe — dazu sind Sie doch nicht hergekommen, damit -sollen Sie wahrhaftig nichts zu tun haben, Fräulein Winge.“</p> - -<p>Vielleicht war es nicht so gemeint, aber Frau Gram lächelte immer so -spöttisch, wenn sie mit ihr sprach. Die Arme, vielleicht besaß sie kein -anderes Lächeln mehr.</p> - -<p>Gram kehrte heim; er hatte einen Spaziergang gemacht. Jenny und Helge -setzten sich zu ihm ins Rauchzimmer.</p> - -<p>Die Hausfrau kam auch einen Augenblick herein:</p> - -<p>„Du hattest deinen Regenschirm vergessen, mein Freund — wie -gewöhnlich. Es war tatsächlich ein Glück, daß du einem Regenschauer -entgingst. Ja diese Männer, wie man auf sie achtgeben muß —!“ Sie -lächelte zu Jenny hinüber.</p> - -<p>„Du bist ja außerordentlich um mich bemüht,“ sagte Gram. Stimme und -Wesen waren immer peinlich höflich, wenn er mit seiner Frau sprach.</p> - -<p>„Aber warum sitzt ihr denn hier drinnen?“ sagte sie zu Helge und Jenny.</p> - -<p>„Es ist merkwürdig,“ erwiderte Jenny, „— ich finde, es ist in allen -Häusern dasselbe: das Herrenzimmer ist immer am gemütlichsten. Bei uns -war es auch so, als mein Vater noch lebte,“ fügte sie schnell hinzu. -„Es kommt wohl daher, daß es als Arbeitszimmer eingerichtet ist.“</p> - -<p>„Dann müßte ja die Küche der allergemütlichste Raum im ganzen Hause -sein,“ lachte die Hausfrau. „Aber wo meinst du, daß am meisten -gearbeitet wird, Gert, hier in deinem Zimmer oder in meinem — nun ja, -die kann ja als mein Arbeitszimmer gelten —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> - -<p>„Ich gebe zu, daß zweifellos die nützlichste Arbeit in deinem -Arbeitszimmer verrichtet wird.“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Frau Gram. „Jetzt glaube ich aber beinahe, ich muß Ihr -liebenswürdiges Anerbieten für eine Weile annehmen — würden Sie so -lieb sein, und mir ein wenig helfen, Fräulein Winge? Sonst wird es so -spät —.“</p> - -<p>Als sie beim Essen saßen, läutete es. Es war Frau Grams Nichte, Aagot -Sand. Frau Gram stellte Fräulein Winge vor.</p> - -<p>„Ah, Sie sind die Malerin, mit der Helge in Rom so viel zusammen war. -Ich konnte es mir beinahe denken.“ Sie lachte. „Ich sah Sie drüben in -der Stenerstraße jetzt im Frühling, Sie gingen in Begleitung von Onkel -Gert und trugen Malgerät in der Hand —.“</p> - -<p>„Das ist sicher ein Irrtum, mein Kind,“ unterbrach sie Frau Gram. „Wann -sollte das gewesen sein?“</p> - -<p>„Einen Tag vor Bußtag. Ich kam von der Schule.“</p> - -<p>„Ja, es ist schon richtig,“ sagte Gram. „Fräulein Winge stand und hatte -ihren Malkasten auf der Straße fallen lassen, und da half ich ihr, beim -Aufsammeln.“</p> - -<p>„Das kleine Abenteuer hast du deiner Frau gar nicht gebeichtet.“ Frau -Gram lachte laut. „Ich hatte keine Ahnung, daß Ihr Euch von früher her -kanntet.“</p> - -<p>Gram lachte ebenfalls.</p> - -<p>„Fräulein Winge schien mich nicht wiederzuerkennen. Es war zwar wenig -schmeichelhaft für mich — ich wollte sie aber nicht daran erinnern. -Hatten Sie wirklich keine Ahnung, als Sie mich trafen, daß ich der -liebenswürdige alte Herr war, der Ihnen geholfen?“</p> - -<p>„Ich war meiner Sache nicht sicher,“ sagte sie leise, von tiefer Röte -übergossen. „Ich glaubte, Sie hätten mich nicht wiedererkannt.“ Sie -versuchte zu lachen, fühlte jedoch mit peinigender Deutlichkeit, wie -unsicher ihre Stimme war, wie ihre Wangen brannten.</p> - -<p>„Nun, das war ja ein richtiges Abenteuer,“ lachte Frau Gram. -„Tatsächlich ein drolliger Zufall.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p> - -<p class="mtop2">„O Gott, habe ich denn schon wieder etwas Verkehrtes gesagt?“ fragte -Aagot. Sie saßen nach dem Abendessen beisammen im Wohnzimmer. Gram war -in sein Zimmer hinübergegangen, die Hausfrau machte sich in der Küche -zu schaffen. „In diesem Hause ist man gänzlich ahnungslos, bis die -Bombe plötzlich explodiert — das ist doch wirklich schauderhaft. Aber -erkläre mir doch, ich begreife ja nicht.“</p> - -<p>„Herr des Himmels, Aagot, kümmere du dich um deine eigenen -Angelegenheiten,“ sagte Helge heftig.</p> - -<p>„Ja, ja, lieber Freund, beiß mich nur nicht! Ist Tante Bekka jetzt auf -Fräulein Winge eifersüchtig?“</p> - -<p>„Du bist doch wahrhaftig das taktloseste Wesen, das existiert.“</p> - -<p>„Nächst deiner Mutter — ja danke, das hat mir Onkel Gert einmal -gesagt.“ Sie lachte. „Aber das ist doch die größte Dummheit — -eifersüchtig auf Fräulein Winge!“ Sie lugte neugierig zu den beiden -anderen hinüber.</p> - -<p>„Ich möchte dich bitten, dich nicht in Dinge zu mischen, die nur uns -hier im Hause etwas angehen, Aagot,“ schnitt Helge alles weitere ab.</p> - -<p>„Ja ja, — ich dachte nur — nun gewiß — es ist ja schließlich -gleichgültig.“</p> - -<p>„Das ist es, weiß Gott.“</p> - -<p>Frau Gram kam herein und machte Licht. Jenny blickte fast ängstlich -auf ihr verschlossenes, haßerfülltes Gesicht, das mit den harten, -funkelnden Augen vor sich hinstarrte. Dann begann Frau Gram den Tisch -abzuräumen. Sie hob Jennys Stickschere auf, die auf den Boden gefallen -war:</p> - -<p>„Es scheint Ihre Spezialität zu sein, etwas zu verlieren. Sie dürfen -nicht so nachlässig mit Ihren Sachen umgehen, kleines Fräulein Winge. -Helge ist nicht so galant wie sein Vater, scheint es.“ Sie lachte. -„Soll ich jetzt bei dir drinnen die Lampe anzünden, mein Junge?“ Sie -ging ins Rauchzimmer und zog die Tür hinter sich ins Schloß.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> - -<p>Helge lauschte einen Augenblick zum anderen Zimmer hinüber — die -Mutter sprach leise und heftig. Dann lehnte er sich wieder zurück.</p> - -<p>„Kannst du denn mit deinem Gerede nicht einmal aufhören?“ ertönte Grams -Stimme deutlich von drinnen herüber.</p> - -<p>Jenny neigte sich zu Helge:</p> - -<p>„Ich gehe jetzt nach Hause — ich habe Kopfweh.“</p> - -<p>„O nicht doch, Jenny. Dann gibt es hier nur Szenen bis ins Unendliche, -wenn du gegangen bist. Sei so lieb und bleib; es geht nicht, daß du -jetzt das Feld räumst, Mutter wird nur noch gereizter.“</p> - -<p>„Ich kann aber nicht mehr,“ flüsterte sie, dem Weinen nahe.</p> - -<p>Frau Gram ging durchs Zimmer. Gram kam und setzte sich zu ihnen.</p> - -<p>„Jenny ist müde — sie will jetzt nach Hause gehen, Vater. Ich begleite -sie.“</p> - -<p>„Wollen Sie schon gehen? Wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben?“</p> - -<p>„Ich bin müde, ich habe Kopfschmerzen,“ murmelte Jenny.</p> - -<p>„Bleiben Sie doch noch etwas,“ flüsterte Gram plötzlich. „Sie“ — -er machte eine Kopfbewegung nach der Tür — „sagt Ihnen nichts. Und -während Sie hier sind, entgehen wir anderen Szenen.“</p> - -<p>Jenny setzte sich wieder still an den Tisch und griff nach ihrer -Stickerei. Aagot häkelte eifrig an einem weißen Umlegeschal.</p> - -<p>Gram schritt zum Klavier. Jenny war nicht musikalisch, konnte aber -hören, daß er es war, und nach und nach kam ein wenig Ruhe über sie, -während er seine kleinen weichen Melodien spielte — für sie, das -fühlte Jenny.</p> - -<p>„Kennen Sie dies, Fräulein Winge?“</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Du auch nicht, Helge? Habt ihr es nicht in Rom gehört? Zu meiner Zeit -sang man es überall. Ich habe hier einige Hefte mit italienischen -Melodien.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span></p> - -<p>Sie stand neben ihm und blätterte in den Noten.</p> - -<p>„Tut mein Spiel Ihnen wohl?“ flüsterte er.</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>„Soll ich weiter spielen?“</p> - -<p>„Ja. Bitte.“</p> - -<p>Er strich über ihre Hand:</p> - -<p>„Arme kleine Jenny! Aber gehen Sie jetzt — ehe sie kommt.“</p> - -<p>Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Gebäck herein.</p> - -<p>„Nein, das ist aber nett, daß du ein wenig spielst, Gert! Finden Sie -nicht, daß mein Mann schön spielt, Fräulein Winge? Hat er Ihnen schon -früher etwas vorgespielt?“ fragte sie harmlos.</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf:</p> - -<p>„Ich wußte gar nicht, daß Herr Gram Klavier spielen kann.“</p> - -<p>„Wie wunderschön Sie sticken!“ Sie ergriff Jennys Stickerei und -betrachtete sie. „Ich dachte wirklich, Künstlerinnen hielten es für -unter ihrer Würde, sich mit derartigen Handarbeiten zu beschäftigen. -Welch bezauberndes Muster — wo haben Sie das her? Vom Auslande?“</p> - -<p>„Das habe ich mir selber ausgedacht.“</p> - -<p>„Nein wirklich? Dann ist es freilich leicht schöne Muster zu arbeiten -— sieh her, Aagot, ist das nicht reizend? Sie sind sicher ein -tüchtiges Mädchen, Fräulein Winge.“ Sie streichelte Jennys Hand.</p> - -<p>Was für abscheuliche Hände sie doch hat, dachte Jenny. Kleine Finger, -deren Nägel breiter waren als lang und plattgedrückt.</p> - -<p class="mtop2">Helge und Jenny begleiteten erst Aagot bis zu ihrer Pension oben in -der Sofienstraße. Dann gingen sie zusammen über die Pilengasse zurück, -durch die blaßblaue Juninacht. Nach den Regenschauern strömten die -weißen Blütenkerzen der Kastanien an der Hospitalsmauer einen faden -Duft aus.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> - -<p>„Helge,“ sagte Jenny leise. „Du <em class="gesperrt">mußt</em> es so einrichten, daß wir -übermorgen nicht mit ihnen zusammen sind.“</p> - -<p>„Das ist unmöglich, Jenny. Sie haben dich eingeladen und du hast Ja -gesagt. Deinetwegen ist es ja nur.“</p> - -<p>„Helge, du kannst dir doch denken, daß es nur zu Unzuträglichkeiten -führt. Stell dir vor, wenn wir allein irgend wohin fahren könnten, -Helge. Ganz für uns allein, nur wir beide, Helge. Wie in Rom.“</p> - -<p>„Glaub mir, Jenny, nichts würde ich lieber wollen. Es gibt nur zu -Hause so viele Unannehmlichkeiten, wenn wir diese Johannisfahrt nicht -mitmachen.“</p> - -<p>„Unannehmlichkeiten bringt es auch so,“ sagte sie mit scharfem Spott.</p> - -<p>„Aber anders wird es viel schlimmer. Herrgott, kannst du denn nicht -versuchen, dich um meinetwillen zu überwinden? Du brauchst doch nicht -in all diesem Elend umherzugehen — darin zu leben und zu arbeiten.“</p> - -<p>Er hat Recht, dachte sie und machte sich bittere Vorwürfe, daß sie -nicht geduldiger war. Ja, ihr armer Junge, er mußte in diesem Heim -leben und arbeiten, wo sie es kaum zwei Stunden aushalten konnte. Dort -war er aufgewachsen und dort hatte er sich durch seine ganze Jugend -gekämpft.</p> - -<p>„Helge. Ich bin schlecht und egoistisch.“ Sie klammerte sich an ihn — -matt und gequält und gedemütigt. Sie sehnte sich nach seinen Küssen, -nach seinem Trost. Es ging sie beide ja doch gar nichts an; sie hatten -ja sich, sie gehörten zusammen, irgendwo weit außerhalb dieser Luft -voller Haß, Mißtrauen und Schlechtigkeit.</p> - -<p>Der Jasmin in den alten Gärten duftete zu ihnen herüber.</p> - -<p>„Wir fahren einmal zusammen über Land, wir beide ganz allein, Jenny,“ -tröstete er.</p> - -<p>„Aber daß ihr auch so hirnverbrannt sein konntet,“ sagte er plötzlich. -„Nein, ich kann das nicht fassen! Ihr mußtet euch doch denken, daß -Mutter es erfahren würde.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> - -<p>„Sie glaubt natürlich die Geschichte nicht, die dein Vater erzählte,“ -sagte Jenny zaghaft.</p> - -<p>Helge blies durch die Nase.</p> - -<p>„Ich wünschte, er sagte ihr, wie das Ganze zusammenhängt,“ seufzte sie.</p> - -<p>„Du kannst ganz sicher sein, daß er es nicht tut. Und <em class="gesperrt">du</em> mußt -natürlich tun, als wüßtest du nichts. Das ist das Einzige, was du -machen kannst. Es war einfach hirnverbrannt von euch.“</p> - -<p>„Ich kann doch nichts dafür, Helge.“</p> - -<p>„Ach, ich habe dir genug von den Verhältnissen zu Hause erzählt. Du -hättest dafür sorgen müssen, daß es bei Vaters erstem Besuch blieb — -all die späteren Visiten im Atelier und auch die Zusammenkünfte in der -Stenerstraße hättet ihr unterlassen sollen.“</p> - -<p>„Zusammenkünfte? Ich sah das Motiv und wußte, daß ich ein gutes Bild -von dort aus malen konnte — das habe ich auch getan.“</p> - -<p>„Nun ja. Es ist natürlich vor allem Vaters Schuld. — Ach!“ Er fuhr -heftig auf. „Diese Art und Weise, wie er von ihr spricht — ja, du -hast gehört, was er zu Aagot gesagt hat. Und heute Abend wieder zu -dir. ‚Sie!‘“ äffte er nach, „‚Ihnen sagt sie nichts!‘ Es ist aber doch -unsere Mutter.“</p> - -<p>„Ich finde aber, Helge, dein Vater ist weit rücksichtsvoller und -höflicher gegen sie als sie zu ihm.“</p> - -<p>„Oh, diese Rücksichtnahme von Vater, ja! Nennst du das rücksichtsvoll, -wie er vorgegangen ist, um dich auf seine Seite zu bekommen? Seine -Höflichkeit! Du solltest wissen, was ich als Kind gelitten habe und -jetzt als Erwachsener — unter dieser Höflichkeit. Wenn er kerzengerade -dastand, ohne ein Wort zu sagen, und höflich aussah. Sprach er aber, -dann klang es so eisig, so schneidend kalt, so höflich! Er bedankte -sich fast noch für Mutters Schreien und Schelten und Toben. — Oh!“</p> - -<p>„Liebster Junge!“</p> - -<p>„O Gott, Jenny. Es ist auch nicht <em class="gesperrt">nur</em> Mutters Schuld. Ich kann -sie auch verstehen. Alle Menschen geben<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> Vater den Vorzug. Du jetzt -auch. Es ist verständlich. Im Grunde tue ichs ebenfalls. Aber gerade -deshalb begreife ich, daß sie so geworden ist. Sie will ja doch überall -die Erste sein, siehst du. Und sie ist es nirgends. Arme Mutter!“</p> - -<p>„Ja, die Aermste!“ sagte Jenny. Doch ihr Herz blieb eiskalt gegen Frau -Gram.</p> - -<p>Der Abend war schwer von Duft, Laub und Blüten, als sie durch das -Studentenwäldchen schritten. In der bleichen Dämmerung der Sommernacht -raschelte es geschäftig auf den Bänken tief drinnen zwischen den Bäumen.</p> - -<p>Ihr einsamer Schritt hallte in den ausgestorbenen Geschäftsstraßen -wieder, deren hohe Häuser mit einem blauen Schein in den großen blanken -Fensterscheiben wie ausgestorben lagen.</p> - -<p>„Darf ich mit hinaufkommen?“ fragte er vor ihrer Tür.</p> - -<p>„Ich bin müde, du,“ sagte Jenny leise.</p> - -<p>„Ich möchte so gern ein wenig bei dir sitzen — findest du nicht, daß -wir es sehr nötig haben, einmal für uns allein zu sein?“</p> - -<p>Sie widersprach nicht mehr, sondern stieg die fünf Treppen vor ihm -hinan.</p> - -<p>Die Nacht breitete sich blau über ihren Häuptern und blickte durch -die großen schrägen Dachfenster zu ihnen hinein. Jenny entzündete den -siebenarmigen Leuchter auf dem Schreibtisch, nahm eine Zigarette und -hielt sie in die Flamme.</p> - -<p>„Willst du rauchen, Helge?“</p> - -<p>„Danke.“ Er nahm ihr die Zigarette von den Lippen.</p> - -<p>„Das ist es eben, siehst du,“ sagte er plötzlich. „Da war einmal etwas -mit Vater und — einer anderen Frau. Ich war damals zwölf Jahre alt. -Wieviel daran wahr ist, weiß ich ja nicht. Aber Mutter —. Oh, es war -eine fürchterliche Zeit. Nur unseretwegen blieben sie zusammen — das -hat Vater selbst einmal gesagt. Der Herrgott weiß, ich danke ihm das -nicht. Mutter ist jedenfalls ehrlich und gibt zu, daß sie ihn mit -Händen und Füßen festhält, sie will ihn nicht freigeben.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> - -<p>Er warf sich aufs Sofa. Jenny setzte sich zu ihm und küßte ihn auf Haar -und Augen. Er glitt auf die Knie nieder und legte den Kopf in ihren -Schoß.</p> - -<p>„Erinnerst du dich des letzten Abends in Rom, als ich Gute Nacht zu dir -sagte, Jenny? Hast du mich heute ebenso lieb wie damals?“</p> - -<p>Sie erwiderte nichts.</p> - -<p>„Jenny?“</p> - -<p>„Wir haben heute keinen guten Tag miteinander gehabt, Helge,“ flüsterte -sie. „Zum ersten Male.“</p> - -<p>Er hob den Kopf:</p> - -<p>„Bist du mir böse?“ fragte er leise.</p> - -<p>„Nein, nicht böse.“</p> - -<p>„Was dann?“</p> - -<p>„Ach nichts. Nur —“</p> - -<p>„Nur, was?“</p> - -<p>„Heute Abend —.“ Sie stockte. „Jetzt auf dem Heimwege —. Wir werden -noch allein eine Reise zusammen machen — ein andermal, sagtest du. Es -ist nicht wie in Rom, Helge. Jetzt bist du es, der bestimmt und sagt, -was ich tun soll und was nicht.“</p> - -<p>„Nein, nein, Jenny!“</p> - -<p>„Doch. Du mußt mich verstehen, ich <em class="gesperrt">will</em> ja auch, daß es so ist. -Du bestimmst. Aber dann Helge, dann mußt du mir auch helfen, über all -das Andere — das Schwere — hinwegzukommen.“</p> - -<p>„Du meinst also, ich habe dir heute nicht geholfen?“ fragte er langsam -und richtete sich auf.</p> - -<p>„Lieber — doch, du konntest ja nichts tun.“</p> - -<p>„Soll ich jetzt gehen?“ flüsterte er kurz darauf und zog sie an sich.</p> - -<p>„Du sollst tun, was du willst“, erwiderte sie leise.</p> - -<p>„Du weißt, was ich will. Was möchtest du — am liebsten?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, was ich möchte, Helge.“ Sie brach in Tränen aus.</p> - -<p>„Jenny, ach Jenny!“ Er küßte sie behutsam viele,<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> viele Male. Als sie -ruhiger geworden war, ergriff er ihre Hand.</p> - -<p>„Ich gehe jetzt. Schlaf gut. Du darfst nicht böse auf mich sein. Du -bist so müde, armes Kleines!“</p> - -<p>„Sag mir lieb Gute Nacht,“ bat sie und hing an seinem Halse.</p> - -<p>„Gute Nacht, meine süße, geliebte Jenny. Du bist müde, Armes — so -matt. Gute Nacht. Gute Nacht.“</p> - -<p>Dann ging er. Und wieder weinte sie.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_VI">VI.</h3> - -</div> - -<p>„Hier ist es, was ich dir eigentlich zeigen wollte,“ sagte Gert Gram -und erhob sich. Er hatte auf den Knien gelegen und in dem unteren Fach -des Geldschrankes gekramt.</p> - -<p>Jenny schob die alten Skizzenbücher beiseite und rückte die elektrische -Tischlampe zu sich hinüber. Er wischte den Staub von der großen Mappe -und reichte sie ihr.</p> - -<p>„Es ist viele Jahre her, seit ich dies irgend jemandem zeigte oder mir -selber angesehen habe. Aber lange habe ich gewünscht, du solltest es -sehen, seit dem ersten Male, als ich bei dir im Atelier war. An jenem -Tage, als du dir hier die Bilder von Helge als kleinen Jungen ansahst, -nahm ich mir vor, dich zu fragen, ob du die anderen sehen willst. -Und später, während du hier arbeitetest, habe ich immer wieder daran -gedacht. — Ja, es ist sonderbar, Jenny. Wenn ich daran denke, während -ich hier den Alltag mit meiner Arbeit zubringe.“ Er blickte sich in -dem kleinen engen Büroraum um. „Hier bin ich gelandet mit all meinen -Jugendträumen. Drüben im Schrank liegen sie, wie Leichen in ihrem -Sarkophage, und hier gehe ich selbst umher — ein toter und vergessener -Künstler.“</p> - -<p>Jenny schwieg. Gram drückte sich mitunter ein wenig sentimental aus, -fand sie. Obgleich sie wußte, daß das Gefühl, das ihm die Worte gab, -bitter aufrichtig war.<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Einer plötzlichen Eingebung folgend, strich sie -ihm leicht über das graue Haar.</p> - -<p>Gram beugte den Kopf ein wenig nieder, gleichsam als wollte er ihre -flüchtige Liebkosung verlängern. Dann — ohne aufzublicken, löste er -die Bänder an der Mappe. Seine Hand bebte leicht.</p> - -<p>Sie merkte mit Erstaunen, daß ihre eigenen Hände zitterten, als sie das -erste Blatt entgegennahm. Ihr war so merkwürdig beklommen ums Herz, -als fühlte sie, daß ein Unglück geschehen würde: ihr wurde plötzlich -Angst bei dem Gedanken, daß ja niemand von dem Besuch wissen durfte, -daß sie nicht wagte, es Helge zu sagen. Sie wurde mißmutig, als sie -jetzt an ihren Verlobten dachte. Seit langem hatte sie es absichtlich -unterlassen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich für ihn fühlte. -Sie wollte der Ahnung, die in dieser Sekunde in ihr aufdämmerte, nicht -Raum geben und wollte sich nicht noch mehr in Unruhe bringen durch die -Frage, was eigentlich Gert Gram für sie empfand.</p> - -<p>Blatt für Blatt nahm sie aus der Mappe, die seine Jugendträume -enthielt, und es wurde ihr dabei unsagbar traurig zumute.</p> - -<p>Er hatte ihr von diesem Werk — Zeichnungen zu Landstads Volksliedern -— erzählt, so oft sie allein waren. Es war ihr klar geworden, daß er -um dieser einzigen Arbeit willen geglaubt, er sei zum Künstler geboren.</p> - -<p>Seine Bilder zu Hause hatte er selber einmal Dilettantenarbeit eines -fleißigen und gewissenhaften Schülers genannt. Aber dies hier — das -war sein Eigen. Sie sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, diese -großen Blätter mit der reichen Umrahmung romantischen Laubwerks und den -zierlichen Mönchsbuchstaben des Textes. Die Farbenwirkung war überall -rein und fein, bei einigen sogar verblüffend. Aber die eingefügten -Vignetten und Friese mit Figuren, so sorgfältig und richtig ihre -miniaturartige Zeichnung auch war, so leblos und stillos erschienen -sie. Einige waren durchaus naturalistisch, wieder andere lehnten sich -so eng an italienisch-mittelalterliche Kunst,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> daß Jenny einzelne ganz -bestimmte Offenbarungsengel und Madonnen unter den Kopfbedeckungen -der Ritter und Jungfrauen wiedererkannte. Ja, sogar die Farbenwirkung -selbst, so z. B. von dem Hukaballiede mit den goldenen und rotvioletten -Tönen, erkannte sie aus einem bestimmten Meßbuch, das sie in der San -Marco-Bibliothek gesehen hatte. Wie seltsam die groben, festgeformten -Verse sich dagegen abhoben, in den zierlichen Typen des Klosterlateins -geschrieben. Bei einigen der großen, ganzseitigen Bilder waren -Formensprache und Komposition in barockem Stil gehalten, römischen -Altarbildern entlehnt. Ein Widerklang all dessen, das er gesehen, worin -er gelebt, was er geliebt, das war Gert Grams Jugendmelodie. Keiner -dieser Töne war sein eigen, es war nur ein Echo vieler Töne, wenn auch -dies Echo alles mit eigenem, weichem, melancholischem Klange wiedergab.</p> - -<p>„Du bist nicht damit zufrieden,“ sagte er lächelnd. „O nein, ich sehe -wohl.“</p> - -<p>„Doch, natürlich. Es liegt so viel Schönes und Zartes darin. Du weißt,“ -sie suchte nach dem Ausdruck, „es wirkt auf uns etwas fremd, da wir die -gleichen Motive anders behandelt gesehen — und so gut, daß wir sie uns -in anderer Art nicht recht vorstellen können.“</p> - -<p>Er saß ihr gegenüber, das Kinn auf die Hand gestützt. Nach einer Weile -sah er auf — ihr Herz krampfte sich bei diesem Blick zusammen:</p> - -<p>„Ich wußte übrigens schon damals, was daran hätte besser sein sollen,“ -sagte er still und versuchte zu lächeln. „Wie ich dir sagte, ich habe -die Mappe soviele Jahre nicht hervorgeholt.“</p> - -<p>„Ich habe niemals recht verstehen können,“ sagte sie nach einer Weile -ablenkend, „daß du dich zu Spätrenaissance und Barock so hingezogen -fühltest.“</p> - -<p>„Es ist auch nicht zu verlangen, kleine Jenny, daß <em class="gesperrt">du</em> das -verstehst.“ Er blickte ihr mit einem sonderbar wehen Lächeln ins -Gesicht. „Siehst du, es gab wohl eine Zeit, da ich felsenfest an -mein eigenes Talent glaubte. Aber doch nie so unbedingt, daß nicht -ein kleiner nagender Zweifel<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> zurückgeblieben wäre. Nicht daran -zweifelte ich, daß ich nicht auszudrücken vermöchte, was ich sagen -wollte, ich war mir nicht klar darüber, was ich eigentlich ausdrücken -wollte. Ich sah ja, daß die romantische Kunst abgeblüht und im Begriff -war, hinzuwelken. Fast auf der ganzen Linie hatten Verfall und -Unwahrhaftigkeit um sich gegriffen, und gerade der Romantik gehörte -mein ganzes Herz. Nicht nur in der Malerei. Ich sehnte mich nach den -sonntäglichen Bauern der Romantik, trotzdem ich als Knabe lange genug -auf dem Lande gelebt hatte, um zu wissen, daß es sie nicht mehr gibt. -Als ich in die Welt zog, war mein Ziel das Italien der Romantik. Ich -weiß sehr wohl, du und deine Zeit, ihr sucht die Schönheit in dem, -was <em class="gesperrt">ist</em>, sinnlich und wirklich. <em class="gesperrt">Ich</em> fand sie nur in der -Umbildung der Wirklichkeit, die andere schon vorgenommen hatten. Du -weißt, die achtziger Jahre kamen mit ihrem neuen Glaubensbekenntnis, -ich machte den Versuch, zu folgen, doch mein Herz lehnte sich auf.“</p> - -<p>„Ja, aber Gert,“ Jenny richtete sich auf, „die Wirklichkeit ist -doch nicht ein bestimmter Begriff. Sie zeigt sich jedem einzelnen -anders. ‚<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">There’s beauty in everything</span>,‘ sagte ein englischer -Maler einmal zu mir, ‚<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">only your eyes see it or see it not, little -girls</span>‘“.</p> - -<p>„Ja, aber, Jenny — ich vermochte ja die Wirklichkeit nicht zu -<em class="gesperrt">sehen</em>, ich erfaßte nur ihren Widerschein in den Träumen -Anderer. Ich war nicht einmal fähig, aus der Mannigfaltigkeit der -Wirklichkeitswelt <em class="gesperrt">meine</em> Schönheit herauszufinden. — Ich -fühlte meine eigene Ohnmacht deutlich. Als ich dann dort hinunterkam, -eroberte der Barock mein Herz. Begreifst du die tiefe Ohnmacht und die -Seelenpein, die man unter der Unfähigkeit, der Phrase, erleidet? Nichts -Persönliches, Neues zu besitzen, um die Form damit zu erfüllen. — Nur -die Technik vervollkommnet sich, die rauschende Bewegung der Gewänder, -die halsbrecherischen jähen Reduktionen, die gewaltigen Effekte in -Licht und Schatten, die geschraubte Komposition. Die Leere wird unter -der Ekstase verborgen — verzerrte Gesichter, verrenkte Glieder, -Heilige,<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> deren einzig wahre Leidenschaft die Furcht vor ihrem eigenen -hartnäckigen Zweifel ist, den sie in krankhafter Erregung ersticken -wollen. Ja, wahrhaftig, du, das ist die Verzweiflung des Niederganges, -das Werk der Epigonen, das nur blenden will — und meist sich selbst.“</p> - -<p>Jenny nickte. „Dies ist jedenfalls deine subjektive Anschauung. -Ich bin durchaus überzeugt, daß die Maler, von denen du sprichst, -außerordentlich stolz und zufrieden mit sich selber waren.“</p> - -<p>Er schlug plötzlich einen anderen Ton an und lachte: „Möglich. -Vielleicht wurde dies mein Steckenpferd, weil, wie du sagtest, es nun -einmal mein subjektiver Standpunkt war.“</p> - -<p>„Aber das Bild, das du von deiner Frau gemalt hast — in Rot — das ist -doch ganz impressionistisch, und es ist ausgezeichnet. Je öfter ich es -mir anschaue, desto besser finde ich es.“</p> - -<p>„O ja. Aber das ist ja ein vereinzelter Fall.“ Er schwieg. „Als ich -malte, war sie für mich das Leben. Ich war toll verliebt in sie — und -doch haßte ich sie schon so grenzenlos.“</p> - -<p>„Daß du die Malerei aufgabst,“ fragte Jenny leise, „war das ihre -Schuld?“</p> - -<p>„Nein, Jenny. Alles, was uns an Unglück zustößt, ist unsere eigene -Schuld. Ich weiß, du bist nicht, was man gläubig nennt. Darin geht -es mir ähnlich. Aber ich <em class="gesperrt">glaube</em> — an Gott meinetwegen, oder -eine seelische Macht, oder was du sonst willst, die in gerechter Weise -straft. — Sie war irgendwo draußen in der Großen Straße Kassiererin in -einem Geschäft. Ich sah sie dort zufällig. Sie war herrlich schön; das -kannst du vielleicht jetzt noch sehen. Nun ja, ich lauerte ihr eines -Abends auf, als sie aus dem Geschäft kam, und sprach sie an. Lernte sie -kennen. — Ich verführte sie,“ sagte er leise und hart.</p> - -<p>„Und dann hast du sie eben geheiratet, weil sie ein Kind bekam. Das -habe ich mir gedacht. Zum Dank hat sie dich siebenundzwanzig Jahre lang -gequält und<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> geplagt. — Weißt du, die Gerechtigkeit, an die du da -glaubst, ist recht grausam.“</p> - -<p>Er lächelte müde: „Ich bin gar nicht so altmodisch, Jenny, wie du -vielleicht denkst. Ich erblicke darin keine Sünde, daß zwei junge -Menschen, die sich lieben und fühlen, daß sie zusammengehören, sich -einander hingeben, ob nun unter gesetzlichen oder ungesetzlichen -Umständen. Ich aber habe Rebekka tatsächlich verführt. Sie war -unschuldig, als ich sie traf, nicht nur rein körperlich, meine ich. -<em class="gesperrt">Ich</em> sah, wie sie war — sie ahnte es selber nicht. Ich wußte, -wie leidenschaftlich sie war, wie eifersüchtig und tyrannisch sie in -ihrer Liebe sein würde. Ich machte mir aber den Teufel etwas daraus, -ich fühlte mich geschmeichelt, daß gerade mir diese Leidenschaft galt, -daß ich dieses herrliche Mädchen so ganz mein eigen nennen durfte. -Natürlich hatte ich nie die Absicht, mich ihr ganz zu opfern, trotzdem -ich wußte, sie würde alles fordern. Ich hatte nicht gerade vor, sie -zu verlassen, glaubte aber, ich würde mich schon zu behaupten wissen. -Ich hoffte, aus unserem Verhältnis ausschalten zu können, was ich ihr -nicht geben wollte — meine Interessen, meine Arbeit: mein eigentliches -Leben — obwohl ich wußte, sie würde versuchen, alles an sich zu -reißen. Es war erzdumm von mir; ich wußte, ich war schwach, und sie -stark und rücksichtslos. Aber ich rechnete darauf, daß ihre stärkere -Leidenschaft mir, der ich in gewissen Punkten verhältnismäßig kalt war, -ein Uebergewicht geben würde. — Ich entdeckte, daß sie außer ihrer -großen Fähigkeit zu lieben keine starken Eigenschaften besaß. Sie war -eitel und ungebildet, neidisch und roh. Wir hatten keine seelische -Gemeinschaft, was ich aber nicht vermißte. Ich wollte ja nur ihren -herrlichen Körper besitzen, ihre verzehrende Leidenschaft genießen.“</p> - -<p>Er erhob sich und ging zu Jenny hinüber, ergriff ihre Hände und preßte -sie einen Augenblick an seine Augen.</p> - -<p>„Konnte ich denn wissen, daß eine Ehe mit ihr ein einziges Elend sein -würde? — Ich mußte ernten, was ich gesät. Ich mußte sie also heiraten. -Es war eine fürchterliche<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Zeit. Vorher, als sie zu mir ins Atelier -kam — wild und toll vor Uebermut — verhöhnte sie jedes altväterische -Vorurteil. Sie war stolz, Geliebte zu sein, übermütig — für sie gab es -nichts als dies freie Liebesleben. Als es dann eine schlimme Wendung -mit ihr nahm, blies sie aus einem anderen Horn. Ich bekam von ihrer -achtbaren Familie in Frederikshald zu hören, ihrer unbefleckten Tugend, -ihrem guten Ruf — ich dagegen war ein Schurke, ein Wicht, wenn ich sie -nicht augenblicklich heiratete. Soundso viele Männer hatten sie auf -diese oder jene Weise haben wollen, sie aber wollte sich weder verloben -noch sich verführen lassen.</p> - -<p>Ich hatte nichts zum Heiraten — ich war Student, nicht einmal tüchtig, -und hatte außer der Malerei nichts gelernt. Monate gingen hin. Ich -mußte zu meinem alten Vater gehen. Dann heirateten wir, und zwei Monate -später kam Helge. — Meine Familie half mir, dies Geschäft zu beginnen. -Ich hatte ja einmal große Träume von einem Kunstverlag ... meine -Volksliederblätter! — Aber die Herbeischaffung des täglichen Brotes -und meine Familie machten mir Sorge und Mühe genug. Ich mußte sogar -einmal akkordieren, wie du vielleicht gehört hast — in den neunziger -Jahren. Sie nahm ehrlich und redlich ihr Teil an Arbeit, Entbehrung und -Armut auf ihre Schultern und hätte mit Freuden für mich und die Kinder -gehungert. Es war bei meinen Gefühlen für sie beschämender, eingestehen -zu müssen, daß sie sich für mich abarbeitete, sich aufopferte und für -mich litt. — Ich mußte auf alles verzichten, was mir lieb war. Zoll -für Zoll zwang sie mich all das aufzugeben, was ich vor ihr voraus -hatte. Mein Vater und sie waren Todfeinde von der ersten Stunde an. -Sie war ihm unsympathisch! Und das verletzte ihre Eitelkeit. So trieb -sie einen Keil zwischen uns beide. Vater war Beamter von der alten -Schule, vielleicht ein wenig engherzig, steif und trocken — aber so -fein und vornehm und rechtlich denkend und im Grunde so warm, so weich -und gut. Wir waren einander immer viel — ja, Jenny, ich liebte ihn, -aber<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> das durfte ich natürlich nicht. — Dann die Malerei! Ich sah, daß -ich nicht die Fähigkeiten hatte, wie ich erst geglaubt. Ich vermochte -aber nicht, mich immer und immer wieder zu versuchen, da ich doch nicht -an mich selber glauben konnte, müde, wie ich war von der Jagd nach dem -täglichen Brot und von diesem Zusammenleben, das mehr und mehr zu einer -Karikatur wurde. Sie machte mir Vorwürfe, aber heimlich triumphierte -sie. — Und dann die Kinder! Sie war eifersüchtig, wenn sie merkte, ich -freute mich über sie oder wenn sie sah, sie waren fröhlich mit mir. Sie -wollte die Kinder nicht mit mir teilen, aber sie wollte mich auch nicht -mit den Kindern teilen. Ihre Eifersucht wuchs sich mit den Jahren zu -einer Art Irrsinn aus. Nun, du hast ja selbst gesehen.“</p> - -<p>Jenny blickte zu ihm auf.</p> - -<p>„Sie kann es kaum ertragen, daß wir in einem Raume zusammen sind, nicht -einmal, wenn Helge dabei ist.“</p> - -<p>Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie auf ihn zuging und ihre Hände -auf seine Schultern legte:</p> - -<p>„Ich begreife nicht,“ flüsterte sie, „daß du dies Leben ausgehalten -hast.“</p> - -<p>Gert Gram beugte sich vor und legte seinen Kopf auf ihre Schulter:</p> - -<p>„Ich verstehe es ja selber nicht, Jenny.“</p> - -<p>Als er kurz darauf sein Antlitz hob und ihre Augen sich trafen, legte -sie ihre Hand um seinen Nacken, und, überwältigt von einem unendlich -verzweifelten, zarten Mitleid, küßte sie ihn auf Stirn und Wange.</p> - -<p>Sie erschrak hinterher selbst, als sie auf sein Gesicht mit den -geschlossenen Augen herniederblickte, wie es an ihrer Schulter ruhte. -Aber dann richtete er sich sanft auf und erhob sich.</p> - -<p>„Danke, kleine Jenny.“</p> - -<p>Gram legte die Blätter in die Mappe zurück und räumte den Tisch ab.</p> - -<p>„Ja, Jenny, ich wünsche dir, du mögest recht, recht glücklich werden. -Du bist so jung und hell, so frisch und<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> energisch und begabt. Mein -liebes Kind — du bist so, wie ich es selbst hatte sein wollen. Ich -erreichte es aber niemals.“ Er sprach mit leiser, geistesabwesender -Stimme.</p> - -<p>„Ich glaube,“ sagte er kurz darauf ganz ruhig, „solange ein Verhältnis -neu ist und man sich noch nicht eingelebt hat, kann einem so vieles -begegnen, das schwer zu überwinden ist. Ich wünschte, ihr wohntet -später nicht hier in der Stadt. Ihr sollt allein sein — in der ersten -Zeit — fern von Verwandtschaft und dergleichen.“</p> - -<p>„Helge hat ja die Stellung in Bergen beantragt, weißt du,“ sagte Jenny. -Wieder überfiel sie diese närrische Verzweiflung und Angst, wenn sie an -ihn dachte.</p> - -<p>„Sprichst du nie mit deiner Mutter über diese Dinge, Jenny? Warum -nicht? Hast du deine Mutter nicht lieb?“</p> - -<p>„Doch, gewiß habe ich Mama lieb.“</p> - -<p>„Du solltest sie um Rat fragen, mit ihr reden —“</p> - -<p>„Es nützt mir nichts, andere um Rat zu bitten. Ich mag nicht über -solche Dinge mit anderen sprechen,“ sagte sie abweisend.</p> - -<p>„Nein, nein. Du bist —“ Er stand dem Fenster halb zugewandt, als er -plötzlich zusammenfuhr und leise und aufgeregt ihr zuflüsterte:</p> - -<p>„Jenny — sie geht dort vorüber!“</p> - -<p>„Wer?“</p> - -<p>„Sie — Rebekka.“</p> - -<p>Jenny erhob sich. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie <em class="gesperrt">schreien</em>, -vor Erbitterung und Ekel. Ein Zittern überfiel sie, jede Fiber in -ihr krampfte sich zusammen, lehnte sich auf. Sie <em class="gesperrt">wollte</em> nicht -hineingezogen werden in all das Häßliche, Schauderhafte, in dieses -Mißtrauen, diesen Hader, diese haßerfüllten Worte, Zänkereien und -Szenen ... Nein, sie wollte nicht da hinein —.</p> - -<p>„Jenny, du bebst ja, Kind — du solltest keine Furcht haben, dir darf -sie nichts tun —.“</p> - -<p>„Das ist es nicht — ich bin nicht ängstlich.“ Sie wurde plötzlich kalt -und hart. „Ich bin hier gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> um dich zu holen — wir haben uns die -Mappen angesehen und nun trinke ich bei euch Tee.“</p> - -<p>„Es ist ja nicht sicher, daß sie etwas gesehen hat —“</p> - -<p>„Das brauchen wir, weiß Gott, auch nicht zu verbergen! Weiß sie nicht, -daß ich hier gewesen bin, so erfährt sie es eben. Ich gehe mit dir nach -Hause, hörst du? Wir <em class="gesperrt">müssen</em> es tun, sowohl deinet- als auch -meinetwegen —.“</p> - -<p>Gram blickte sie an:</p> - -<p>„Nun ja, nehmen wir es also auf uns.“</p> - -<p>Als sie auf die Straße hinunter kamen, war Frau Gram gegangen.</p> - -<p>„Wir fahren mit der Straßenbahn, Gert; es ist spät.“ Sie schwieg. -Plötzlich fuhr sie auf. „Helges wegen müssen wir es auch tun; diese -Geheimniskrämerei zwischen uns muß auch um seinetwillen ein Ende haben.“</p> - -<p class="mtop2">Frau Gram öffnete ihnen selbst die Tür, als sie kamen. Während Gert -Gram seine Erklärung vorbrachte, begegnete Jenny frei ihren bösen Augen:</p> - -<p>„Das ist doch ärgerlich, daß Helge heute Abend nicht zu Hause ist. -Glauben Sie nicht, daß er früher zurückkommt, Frau Gram?“</p> - -<p>„Es ist aber auch merkwürdig, lieber Freund, daß du nicht daran gedacht -hast,“ sagte Frau Gram zu ihrem Manne. „Es ist für Fräulein Winge -schließlich kein Vergnügen, mit uns beiden einsamen Alten den ganzen -Abend zu verbringen.“</p> - -<p>„Oh, was das betrifft,“ meinte Jenny.</p> - -<p>„Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, daß Helge davon sprach, er -ginge heute Abend fort,“ sagte Gram.</p> - -<p>„Man ist es nicht gewöhnt, Sie ohne Handarbeit zu sehen,“ lächelte Frau -Gram, als sie nach dem Essen im Wohnzimmer bei einander saßen. „Sie, -die Sie immer so fleißig sind!“</p> - -<p>„Nein, ich konnte nicht mehr nach Hause gehen, ich kam zu spät aus dem -Atelier. Können Sie mir nicht eine Arbeit leihen, Frau Gram?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> - -<p>Jenny unterhielt sich mit ihr über den Preis aufgezeichneter -Handarbeiten hier und in Paris, und über die Bücher, die sie ihr -geliehen hatte. Gram saß und las. Hin und wieder fühlte Jenny seine -Augen auf ihr ruhen.</p> - -<p>Gegen elf Uhr kam Helge. —</p> - -<p>„Was ist denn geschehen?“ fragte er, als sie dann die Treppe -hinuntergingen. „Ist zu Haus wieder eine Szene gewesen?“</p> - -<p>„Durchaus nicht.“ Sie sprach heftig und nervös. „Deine Mutter nahm es -wohl ungnädig auf, daß ich mit deinem Vater zusammen zu euch nach Hause -kam.“</p> - -<p>„Ich finde allerdings auch, das hättet ihr vermeiden können,“ sagte -Helge zaghaft.</p> - -<p>„Ich fahre mit der Straßenbahn nach Hause!“ Uebernervös, wie sie war, -riß sie sich plötzlich unbeherrscht von ihm los. „Mehr ertrage ich -heute Abend nicht, hörst du? Ich will nicht jedesmal diese Szenen mit -dir haben, wenn ich bei euch gewesen bin. Gute Nacht!“</p> - -<p>„Aber Jenny! Jenny —!“ Er lief ihr nach, aber sie war bereits an der -Haltestelle. Die Bahn kam im selben Augenblick, Jenny sprang auf und -ließ ihn stehen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_VII">VII.</h3> - -</div> - -<p>Sie ging den ganzen Vormittag über im Atelier auf und ab, ohne zu -arbeiten. Sie hatte nicht die Kraft, etwas zu tun.</p> - -<p>Der Regen trommelte unaufhörlich und laut auf dem großen -Mansardenfenster. Hin und wieder hielt Jenny inne und blickte -über die regennassen Schieferdächer, die schwarzen Schornsteine -und Telephondrähte hinweg, an denen die Regentropfen wie Perlen -entlangglitten, zusammenliefen und niederfielen, um neuen Tropfen, die -schnell herbeiliefen, Platz zu machen.</p> - -<p>Ihr kam der Gedanke, in den Bundefjord zur Mutter und den Kindern zu -reisen, einige Tage wenigstens. Von all diesem hier <em class="gesperrt">mußte</em> sie -fort. Oder sie wollte die<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Stadt verlassen, irgendwo in einem Hotel -Wohnung nehmen, Helge bitten, nachzukommen, um mit ihm in Ruhe sprechen -zu können.</p> - -<p>Wenn sie beide nur eine Zeitlang allein sein könnten! Sie versuchte, -sich ihren Lenz dort unten vor Augen zu führen, sie erinnerte sich der -Wärme und der grünen Campagna, der weißen Blüten, des silberfeinen -Dunstes über dem Gebirge und ihrer eigenen Freude. Aber Helges Bild aus -jener Zeit — wie er in ihren verliebten Augen ausgesehen hatte, schien -sie nicht zurückrufen zu können.</p> - -<p>Diese Tage lagen nun schon so weit hinter ihr, und sie standen so -sonderbar isoliert von ihrem übrigen Leben da. Wenn sie auch noch so -genau <em class="gesperrt">wußte</em>, wie es gewesen, so konnte sie doch die Verbindung -zwischen damals und heute nicht mehr <em class="gesperrt">fühlen</em>.</p> - -<p>Dieses Haus in der Welhavenenstraße — nein, dort gehörte sie nicht -hin. Und es war ihr, als entschwinde Helge ihr dort gleichsam vor ihren -Augen. Es war unfaßbar, sie wollte es einfach nicht glauben, daß diese -Menschen zu ihr gehören sollten, für alle Zukunft.</p> - -<p>Nein. Er, Gram, hatte Recht. Sie mußten aus all diesem heraus.</p> - -<p>Sie wollte reisen. Sofort. Ehe Helge käme und eine Erklärung für den -gestrigen Tag forderte.</p> - -<p>Eben hatte sie die Handtasche gepackt und zog den Regenmantel über, als -es klopfte — mehrmals. Sie erkannte Helges Zeichen.</p> - -<p>Jenny stand mäuschenstill und wartete, bis er gegangen war. Kurz darauf -ergriff sie ihre Reisetasche, verschloß das Atelier und ging.</p> - -<p>Als sie ein Stück die Treppe hinuntergekommen war, sah sie einen Mann -in einem der Flurfenster sitzen. Es war Helge. Er hatte sie bereits -gesehen. So ging sie denn zu ihm hinunter. Einen Augenblick starrten -sie sich an.</p> - -<p>„Warum wolltest du mir eben nicht öffnen?“ fragte er.</p> - -<p>Jenny antwortete nicht.</p> - -<p>„Hörtest du nicht, daß ich klopfte?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> - -<p>„Doch. Ich hatte aber kein Verlangen mit dir zu sprechen.“</p> - -<p>Er erblickte ihren Handkoffer.</p> - -<p>„Willst du zu deiner Mutter fahren?“</p> - -<p>Jenny überlegte einen Augenblick:</p> - -<p>„Nein. Ich gedenke einige Tage nach Holmestrand zu reisen. Ich wollte -dir dann schreiben und dich bitten, nachzukommen. Wir konnten dann eine -Weile zusammen sein, ohne daß sich Unbeteiligte hineinmischen und uns -Szenen machen. Ich würde gern mit dir in Ruhe und Frieden reden.“</p> - -<p>„Ich hätte auch gern mit dir gesprochen. Können wir nicht zu dir -hinaufgehen?“</p> - -<p>Sie antwortete nicht gleich.</p> - -<p>„Ist jemand bei dir oben?“ fragte er.</p> - -<p>Jenny richtete ihre Augen auf ihn:</p> - -<p>„Jemand oben? Wenn ich gegangen bin?“</p> - -<p>„Es könnte ja jemand sein, mit dem du nicht zusammen fortgehen magst.“</p> - -<p>Sie wurde brennend rot.</p> - -<p>„Wie meinst du das, ich konnte ja gar nicht wissen, daß du mir hier -auflauertest.“</p> - -<p>„Liebe Jenny, du kannst dir doch denken — ich meine doch nicht, daß -von deiner Seite etwas Unrechtes darin läge.“</p> - -<p>Jenny erwiderte nichts, sondern stieg die Treppe wieder hinauf. Oben -im Atelier setzte sie den Koffer nieder, blieb im Mantel stehen und -beobachtete Helge, wie er seinen Regenmantel ablegte und den Schirm in -einen Winkel stellte.</p> - -<p>„Vater erzählte es mir heute morgen, daß du bei ihm gewesen bist, und -daß Mutter draußen vorbeiging —.“</p> - -<p>„Ja.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Es ist eine merkwürdige -Angelegenheit bei euch zu Hause — so auf der Lauer zu liegen. Es wird -mir recht schwer, mich daran zu gewöhnen, muß ich sagen.“</p> - -<p>Helge wurde rot:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> - -<p>„Liebste Jenny, ich <em class="gesperrt">mußte</em> mit dir sprechen. Die Portierfrau -sagte, sie glaubte ganz bestimmt, du seiest oben. Du weißt doch wohl, -daß ich nicht <em class="gesperrt">dir</em> mißtraue —“</p> - -<p>„Ich weiß bald nicht mehr aus noch ein,“ antwortete sie aufgebracht. -„Ich kann das nicht mehr aushalten — all den Argwohn, diese -Geheimnistuerei, diesen Unfrieden und die Häßlichkeit. Herrgott, Helge -— kannst du mich denn nicht ein wenig dagegen schützen!“</p> - -<p>„Arme Jenny.“ Er erhob sich und ging zum Fenster, den Rücken ihr -zugewandt.</p> - -<p>„Ich habe mehr darunter gelitten, Jenny, als du ahnst. Es ist zum -Verzweifeln. Denn — begreifst du das nicht selber — Mutters -Eifersucht ist doch nicht ganz unbegründet.“</p> - -<p>Jenny zuckte zusammen. Helge wandte sich um und sah es.</p> - -<p>„Ich glaube natürlich nicht, daß Vater sich dessen bewußt ist. Sonst -würde er seinem Verlangen, mit dir zusammen zu sein — nicht in diesem -Maße nachgeben. Obgleich —. Er sprach auch mit mir darüber, daß wir -beide fort müßten, fort aus dieser Stadt. Ich weiß nicht — hat er dich -nicht überhaupt auf die Reise gebracht?“</p> - -<p>„Auf diese Reise nach Holmestrand bin ich selbst gekommen. Er sprach -aber gestern mit mir davon, daß wir nicht hier in der Stadt wohnen -dürften — wenn wir verheiratet wären —“</p> - -<p>Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Schultern. Ihre -Stimme war klagend:</p> - -<p>„Helge, mein Freund — ich muß ja reisen, wenn es so ist — Helge, -Helge — was sollen wir tun?“</p> - -<p>„Ich reise,“ sagte er kurz. Er nahm ihre Hände von seinen Schultern und -preßte sie an seine Wangen. So standen sie einen Augenblick still.</p> - -<p>„Auch ich muß reisen. Kannst du denn nicht verstehen? Als ich noch -dachte, deine Mutter sei ungerecht — ja, und auch unfein — konnte -ich ihr gegenüber tun, als ginge es mich nichts an. Aber jetzt — du -hättest das nicht sagen dürfen, Helge — selbst wenn du dich irrtest. -Ich<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> kann nicht mehr dorthin gehen, wenn ich darüber nachgrübeln muß, -ob sie auch nur einen leisen Schein von Recht hat; ich werde unsicher, -ich weiß, ich kann ihr gegenüber nicht meine Fassung bewahren — ich -komme mir vor wie eine Schuldige ...“</p> - -<p>„Komm.“ Er zog sie mit sich zum Sofa und setzte sich neben sie. „Ich -will dich etwas fragen.“</p> - -<p>„Liebst du mich, Jenny?“</p> - -<p>„Das weißt du,“ sagte sie hastig und bang.</p> - -<p>Er nahm ihre Hand in seine beiden:</p> - -<p>„Ich weiß, du hast es eine Zeitlang getan. Gott weiß, ich begriff nie, -aus welchem Grunde. Aber ich wußte, du sprachst die Wahrheit, wenn du -es sagtest. Dein ganzes Wesen gegen mich war Liebe, Güte und Freude. -Aber ich hatte immer Angst, daß der Tag kommen würde, an dem du mich -nicht mehr liebtest.“</p> - -<p>Sie blickte ihm in das weiße Gesicht:</p> - -<p>„Ich bin dir so gut, Helge.“</p> - -<p>„Ich weiß es wohl.“ Er lächelte flüchtig. „Ich weiß wohl, du bist nicht -eine von denen, deren Herz erkaltet gegen den Mann, den sie einstmals -liebten. Ich weiß auch, du willst mir nicht wehe tun — du wirst selbst -leiden, wenn du mich nicht mehr liebst. — Ich habe dich so grenzenlos -lieb, siehst du —“</p> - -<p>Er senkte seinen Kopf und weinte. Sie zog ihn fest an sich:</p> - -<p>„Helge. Mein Junge. Mein lieber, lieber Junge.“</p> - -<p>Er hob wieder den Kopf und schob sie sanft zurück:</p> - -<p>„Jenny — damals in Rom — ich hätte dich nehmen können. Du wolltest -mein werden — ganz. Du hattest den guten Willen — in deiner Seele -herrschte kein Zweifel darüber, daß unser Zusammenleben für uns Glück -bedeuten würde. Ich war nicht so sicher — darum wohl wagte ich es -nicht —. Später, hier zu Hause ... Ich sehnte mich so unsagbar. Ich -wollte dich ganz besitzen, da ich fürchtete, dich eines Tages zu -verlieren. Aber ich merkte, wie du immer auswichest, wenn du fühltest, -daß dies Begehren in mir aufstieg.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> - -<p>Sie blickte ihn erschrocken an. Es war so! Sie hatte es sich nicht -gestehen wollen — aber er hatte Recht.</p> - -<p>„Wenn ich dich jetzt bäte. In dieser Stunde!?“</p> - -<p>Jenny bewegte die Lippen. Dann sagte sie schnell und fest:</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>Helge lächelte traurig und küßte ihre Hand:</p> - -<p>„Willig und gern? Weil <em class="gesperrt">du</em> mein sein willst? Weil du dir ein -Glück ohne mich und dich nicht denken kannst? Nicht nur, weil du mir -etwas Liebes antun willst? Nicht nur, weil du nicht dein Wort brechen -willst? Antworte aufrichtig!“</p> - -<p>Sie warf sich weinend über seine Knie:</p> - -<p>„Laß mich fortreisen! Ich will ins Gebirge fahren. Hörst du, Helge — -ich muß mich selber wiederfinden — ich will <em class="gesperrt">deine</em> Jenny werden, -wie in Rom. Ich <em class="gesperrt">will</em>, Helge — ich weiß weder aus noch ein, aber -ich <em class="gesperrt">will</em>. Wenn ich ruhiger geworden bin, schreibe ich an dich; -dann kommst du nach und dann bin ich nur deine, ganz deine Jenny —.“</p> - -<p>„Jenny,“ sagte Helge leise. „Ich bin meiner Mutter Sohn. Wir haben -uns voneinander entfernt — wir haben uns schon jetzt voneinander -entfernt. Du müßtest mich davon überzeugen, daß ich dir das Höchste auf -Erden bin, das Einzige, mehr als alles andere — aber du kannst nicht. -Ich fühle ja, daß du zu deiner Arbeit, deinen Freunden mehr gehörst -als zu mir, während du dich unter den Menschen fremd fühlst, die mir -nahestehen —.“</p> - -<p>„Ich fühle mich deinem Vater gegenüber nicht so fremd,“ flüsterte Jenny -unter Tränen.</p> - -<p>„Nein. Aber Vater und ich sind uns fremd. Jenny — da ist deine Arbeit, -in der ich niemals ganz eins mit dir werden kann. Ich weiß jetzt, -daß ich auch darauf eifersüchtig bin. Jenny, verstehst du nicht, ich -<em class="gesperrt">bin</em> ja ihr Sohn. Fühle ich nicht sicher, daß ich für dich alles -auf der Welt bedeute, so muß ich eifersüchtig sein, fürchten, daß eines -Tages einer kommt, den du ganz lieben wirst,<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> der dich besser versteht -—. Ich bin von Natur eifersüchtig —.“</p> - -<p>„Du darfst es nicht sein, Helge. Dann zerbricht alles. Ich <em class="gesperrt">dulde</em> -kein Mißtrauen gegen mich. Hörst du — ich kann leichter verzeihen, -wenn du mich betrügst, als wenn du an mir zweifelst —.“</p> - -<p>„Das könnte ich nicht.“ Er lachte gequält.</p> - -<p>Jenny strich sich das Haar aus der Stirn und trocknete die Augen:</p> - -<p>„Helge. Wir haben uns doch gern. Wenn wir alles um uns her verließen -und wenn wir beide den <em class="gesperrt">Willen</em> hätten, alles gutzumachen. -Wenn zwei Menschen einander gut sein und einander glücklich machen -<em class="gesperrt">wollen</em> —.“</p> - -<p>„Ich habe zu viel gesehen. Ich wage nicht auf meinen und deinen Willen -zu bauen. Da sind andere, die auch auf den guten Willen gehofft haben. -Ich habe gesehen, wie zwei Menschen einander das Leben zur Hölle machen -können. — Du sollst mir auf das antworten, was ich dich fragte. Liebst -du mich? Willst du mein sein — wie in Rom? Darf ich heute Nacht bei -dir bleiben? Ist das dein Wunsch, der höchste, den du hast?“</p> - -<p>„Ich bin dir doch gut, Helge.“ Sie schluchzte verzweifelt und leise.</p> - -<p>„Ich danke dir,“ sagte er. Er ergriff ihre Hand und küßte sie. „Du -kannst ja nichts dafür, armes Liebes, daß du mich nicht liebst. Das -weiß ich wohl.“</p> - -<p>„Helge!“ klagte sie flehend.</p> - -<p>„Du kannst mir nicht sagen, Jenny, daß ich bleiben soll, weil du ohne -mich nicht leben kannst. Wagst du es, die Verantwortung für alle Folgen -zu übernehmen, wenn du sagst, du liebtest mich, nur damit ich jetzt -nicht traurig von dir gehe —?“</p> - -<p>Jenny starrte in ihren Schoß.</p> - -<p>Helge zog den Regenmantel an und griff nach seinem Schirm.</p> - -<p>„Leb wohl, Jenny.“ Er nahm ihre Hand.</p> - -<p>„Gehst du von mir, Helge?“</p> - -<p>„Ja, Jenny, ich gehe.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p> - -<p>„Kommst du nicht wieder?“</p> - -<p>„Nur, wenn du mir sagen kannst, was ich dich fragte.“</p> - -<p>„Das kann ich jetzt nicht sagen,“ flüsterte sie verzweifelt.</p> - -<p>Helge strich ihr flüchtig übers Haar. Dann ging er.</p> - -<p class="mtop2">Jenny blieb weinend auf dem Sofa sitzen. Sie schluchzte bitterlich und -lange — ohne zu denken. Und inmitten der tiefen Müdigkeit, die darauf -folgte, der Mattigkeit nach der kleinlichen Quälerei, der kleinlichen -Demütigung und dem kleinlichen Hader der letzten Monate fühlte sie ihr -Herz so leer und kalt. Helge hatte Recht.</p> - -<p>Nach einer Weile verspürte sie Hunger. Als sie nach der Uhr sah, war es -sechs.</p> - -<p>Sie hatte vier Stunden so dagesessen. Als sie ihren Mantel anziehen -wollte, entdeckte sie, daß sie ihn gar nicht abgelegt hatte.</p> - -<p>Drüben an der Tür hatte sich eine Wasserpfütze gebildet — zwischen -einigen Bildern im Blendrahmen. Jenny suchte nach einem Lappen und -trocknete den Boden auf. Da fiel ihr plötzlich ein, daß das Wasser von -Helges Schirm herrührte. Sie lehnte die Stirn an den Türrahmen und -weinte wieder.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_VIII">VIII.</h3> - -</div> - -<p>Das Mittagessen war schnell beendet. Sie versuchte die Zeitung zu lesen -und eine Weile ihre Gedanken auszuschalten. Es war aber umsonst. So -würde es doch besser sein, heimzugehen und sich dort hinzusetzen —.</p> - -<p>Als sie kam, stand ein Mann wartend auf dem obersten Treppenabsatz. Er -war groß und schmächtig. Sie sprang die letzten Stufen hinauf und rief -Helges Namen.</p> - -<p>Sie erkannte seinen Vater. „Es ist nicht Helge,“ entgegnete er.</p> - -<p>Jenny streckte ihm atemlos beide Hände entgegen:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p> - -<p>„Gert — was ist — ist etwas Schlimmes geschehen?“</p> - -<p>„Still, still, Jenny.“ Er ergriff ihre Hand. „Helge ist fortgereist -nach Kongsberg zu einem Freund, einem Schulkameraden, der dort Arzt -ist. Zu Besuch. Herrgott, Kind, du fürchtest doch nichts anderes —.“ -Er lächelte ganz leise.</p> - -<p>„Oh, ich weiß nicht —.“</p> - -<p>„Nein. Aber liebe Jenny — du bist ja ganz außer dir —.“</p> - -<p>Sie ging ihm vorauf durch den Gang und schloß das Atelier auf. Drinnen -war es taghell und Gert Gram betrachtete sie. Er war selbst bleich.</p> - -<p>„Ist dir so weh ums Herz, Jenny? — Helge sagte — ich verstand ihn -jedenfalls so — daß ihr übereingekommen seid ... ihr fändet beide, daß -ihr nicht zueinander paßt —.“</p> - -<p>Jenny schwieg. Wie sie jetzt einen Dritten es aussprechen hörte, war es -ihr, als müsse sie widersprechen. Sie hatte es vorhin nicht begriffen, -daß es vorbei sein sollte. Aber da stand er und sagte: sie seien sich -klar geworden, daß es so das Beste wäre. Helge war fortgereist, und die -Liebe, die sie einmal für ihn empfunden, war gestorben — sie konnte -sie nicht mehr in sich finden — und daher war es eben vorbei. Aber -Gott im Himmel, wie war es denn möglich, daß es zu Ende sein sollte, -zumal sie es ja gar nicht gewollt —.</p> - -<p>„Ist es so schwer für dich, Jenny?“ fragte er wieder. „Hast du ihn doch -noch lieb —?“</p> - -<p>Jenny warf den Kopf zurück:</p> - -<p>„Natürlich bin ich Helge gut.“ Ihre Stimme bebte leise: „Man hört doch -nicht ohne weiteres auf, einen Menschen gern zu haben, den man geliebt -hat. Es ist einem doch nicht gleichgültig, ob man einem anderen wehetut —.“</p> - -<p>Gram antwortete nicht gleich. Er setzte sich aufs Sofa, drehte seinen -Hut zwischen den Händen und betrachtete ihn:</p> - -<p>„Ich verstehe ja, daß es schmerzlich und schlimm für euch beide ist. -Aber Jenny — wenn du es dir<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> überlegst — glaubst du nicht selbst, daß -es das Beste für euch ist —?“</p> - -<p>Sie entgegnete nichts.</p> - -<p>„Wie innig froh ich war, Jenny, als ich dich traf und sah, wie die Frau -war, die mein Sohn erwählt hatte — das kann ich dir nicht beschreiben. -Es schien mir, als sollte mein Junge alles das besitzen, worauf ich -in meinem Leben hatte verzichten müssen. Du warst so schön und fein, -ich hatte den Eindruck, als seiest du ebenso gut, wie du klug, stark -und selbständig warst; und dann warst du eine begabte Künstlerin, die -weder an Ziel noch Mitteln zweifelte. Du sprachst froh und warm von -deiner Arbeit, und froh und warm von deinem Freunde ... Dann kam Helge -heim. Da fand ich, daß du dich verändertest — merkwürdig schnell. -Die peinlichen Vorkommnisse, die in meinem Hause nun einmal an der -Tagesordnung sind, machten also einen zu starken Eindruck auf dich. -Ich dachte, es sei unmöglich, daß Dinge wie eine — unbehagliche, -zukünftige Schwiegermutter einem jungen liebenden Weib vollständig -das Glück verbittern könnten. Ich begann zu fürchten, daß tiefere -Mißverhältnisse, die du jetzt nach und nach entdecktest, Schuld wären. -Daß du vielleicht sahest, daß deine Liebe zu Helge nicht so felsenfest -war, wie du geglaubt. Daß dir klar wurde, daß ihr im Grunde nicht -zusammen paßtet, wie du natürlich angenommen hattest. Daß mehr eine -Augenblicksstimmung euch zusammengeführt hatte —. Dort unten, ihr -Beide allein, losgelöst von jedem alltäglichen, heimlichen Band, allein -in der neuen Umgebung, Beide jung und frei, glücklich durch die Arbeit -und wohl Beide mit der Liebessehnsucht der Jugend im Herzen — sollte -all das nicht vorübergehende Sympathie und Verständnis erwecken können, -selbst wenn diese Sympathie, dieses Verständnis nicht in die tiefsten -Winkel eurer beider Seelen gedrungen war?“</p> - -<p>Jenny stand drüben am Fenster und blickte zu ihm hinüber. Sie empfand -einen seltsam heftigen Unwillen, als er sprach. Herrgott, vielleicht -hatte er Recht. Aber<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> er verstand ja gar nicht, was ihr eigentlich das -Herz so schwer machte, während er ihr alles so klar auseinandersetzte:</p> - -<p>„Das ändert nichts an der Sache — selbst, wenn etwas an dem ist, was -du sagst. Möglich, daß du Recht hast —.“</p> - -<p>„Es ist jedenfalls besser, Jenny, daß ihr es jetzt eingesehen habt. -Besser, als wenn es später gekommen wäre, wenn die Bande fester -geknüpft waren und es schmerzlicher gewesen wäre, sie zu lösen —.“</p> - -<p>„Das ist es ja nicht, ach, das ist es ja gar nicht!“ Sie unterbrach -ihn plötzlich heftig. „Ich — ich verachte mich selbst. Man gibt -einer solchen lächerlichen Stimmung nach, lügt sie herbei. Man soll -<em class="gesperrt">wissen</em>, daß man, ehe man sagt, man liebt, für sein Wort -einstehen kann. Eine solche Leichtfertigkeit habe ich immer am -allermeisten verachtet. Nun sitze ich selbst in der Schande.“</p> - -<p>Gram blickte plötzlich scharf zu ihr hinüber. Er wurde bleich — und -dann glühend rot. Nach einer Weile sagte er mühsam:</p> - -<p>„Ich sagte, es sei das Beste, daß, wenn zwei Menschen nicht zueinander -passen, sie es entdecken, ehe das Verhältnis so tief in ihr Leben -eingegriffen hat, daß Beide — und besonders sie — nie wieder die -Spuren auslöschen können. Ist es zu spät, so muß man eher versuchen, ob -man nicht — mit ein wenig Resignation und viel gutem Willen von beiden -Seiten — eine Harmonie zuwege bringen kann. Erweist sich das als eine -Unmöglichkeit, so kann man ja noch immer —. Ich weiß ja nicht, ob du -und Helge ... wie tief es gegangen ist —.“</p> - -<p>Jenny lachte spöttisch:</p> - -<p>„Ah, ich verstehe, was du meinst. Für mich ist es ebenso bindend, daß -ich Helge habe angehören <em class="gesperrt">wollen</em> — mein Wort gegeben habe und es -nun nicht halten kann. Ebenso demütigend — vielleicht mehr als wenn -ich wirklich sein gewesen wäre —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span></p> - -<p>„Du wirst das nicht sagen, wenn du einmal einem Manne begegnest, den du -mit großer, wahrer Liebe lieben kannst,“ sagte Gram leise.</p> - -<p>Jenny zuckte mit den Schultern:</p> - -<p>„Glaubst du übrigens an die große und wahre Liebe, von der du da -sprichst?“</p> - -<p>„Ja, Jenny.“ Gram lächelte schwach. „— Ich weiß, der Ausdruck kommt -euch jungen Menschen heutzutage komisch vor. Ich glaube indessen an sie -— aus guten Gründen.“</p> - -<p>„Ich glaube, eines jeden Menschen Liebe ist wie er selbst. Wer -großzügig veranlagt ist und wahrhaftig gegen sich selbst, wirft sich -nicht in kleinen Liebeleien fort. Ich dachte, ich selber ... Aber ich -war achtundzwanzig Jahre alt, als ich Helge traf, und ich hatte nie -geliebt. Dessen war ich überdrüssig und wollte es gern versuchen. Er -war verliebt, warm und jung, aufrichtig, und das lockte mich. So log -ich denn mir selber etwas vor, genau wie all die anderen Frauenzimmer -— seine Wärme ging auf mich über, und ich bildete mir schleunigst ein, -ich sei warm. Obwohl ich wußte, daß man diese Illusion nicht lange -aufrecht erhalten kann, jedenfalls nur solange, als von dieser Liebe -nicht etwas verlangt wird. Andere Frauen begehen dergleichen in aller -Harmlosigkeit, weil sie zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden -können und sich immer etwas vorlügen — so etwas kann ich aber zu -meiner Entschuldigung nicht anführen —. Ich bin also in Wirklichkeit -ebenso klein und egoistisch und verlogen wie die anderen. Daher kannst -du sicher sein, Gert, daß ich schwerlich deine große und wahrhafte -Liebe kennen lernen werde —.“</p> - -<p>„Jenny,“ und wieder lächelte Gert sein melancholisches Lächeln, -„<em class="gesperrt">ich</em>, siehst du, — Gott weiß, ich bin weder groß noch stark, in -Lüge und Schlechtigkeit hatte ich zwölf Jahre lang gelebt, und ich war -zehn Jahre älter als du jetzt bist — ich sah da eine, die mich an dies -Gefühl, von dem du jetzt so höhnisch sprichst, glauben lehrte — so -fest, daß ich niemals daran zweifeln werde.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span></p> - -<p>Eine Weile war es still.</p> - -<p>„Und du — bliebst bei ihr,“ sagte Jenny leise.</p> - -<p>„Wir hatten beide Kinder. Ich sah damals noch nicht ein, daß ich nicht -den geringsten Einfluß auf meine eigenen Kinder gewinnen würde. Schon -gar nicht, wenn eine andere als ihre Mutter mein ganzes Herz und meine -ganze Seele besaß. Sie war auch verheiratet. Schlecht verheiratet. -Hatte ein kleines Mädchen. Das hätte sie wohl mit sich nehmen können. -Der Mann war ein Trinker.</p> - -<p>Ja, das war auch ein Teil der Strafe, siehst du — Strafe für das -Verhältnis, in das ich mich eingelassen hatte — mit jener. Das mir -nie etwas anderes gegeben hat als Befriedigung meiner Sinne —. Unser -Verhältnis war zu schön, als daß es aus Lüge bestehen konnte. Unsere -schöne, herrliche Liebe mußten wir verbergen wie ein Verbrechen —. Oh, -kleine Jenny! — Es gibt kein anderes Glück, siehst du —.“</p> - -<p>Sie ging zu ihm hin, während er sich erhob. Sie standen dicht -beieinander, ohne sich zu rühren, und ohne zu sprechen.</p> - -<p>„Ich muß gehen, Kleines,“ sagte er plötzlich gezwungen und trocken. -„Ich muß zur üblichen Zeit zu Hause sein, weißt du. Sonst wird sie nur -argwöhnisch —.“</p> - -<p>Jenny nickte.</p> - -<p>Gert Gram ging zur Tür, Jenny begleitete ihn.</p> - -<p>„Du darfst nicht fürchten, daß dein Herz nicht lieben kann,“ lachte er -plötzlich still. „Ich glaube, es ist ein stolzes kleines Herz, Jenny — -und warm! Willst du mich weiter zu deinen Freunden rechnen?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Jenny leise und reichte ihm die Hand. Er beugte sich nieder -und küßte sie lange — länger als sonst.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_IX">IX.</h3> - -</div> - -<p>Gunnar Heggen und Jenny Winge wollten im November zusammen eine -Ausstellung veranstalten. Aus diesem Anlaß kam er nach Kristiania. Den -Sommer hatte<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> er in Smaalene zugebracht, roten Granit, grüne Zweige und -blauen Himmel gemalt. Später war er nach Stockholm gefahren, wo er ein -Bild verkaufte.</p> - -<p>„Wie geht es Cesca?“ fragte Jenny, als sie an einem Vormittag in ihrem -Atelier bei einem Glase Whisky saßen.</p> - -<p>„Ja — Cesca ...“ Gunnar trank einen Schluck aus seinem Glase, rauchte -und blickte Jenny an und Jenny ihn.</p> - -<p>Es war so traulich, wieder mit ihm zusammen zu sitzen und von Menschen -und Dingen zu sprechen, von denen sie sich so weit entfernt hatte. Ihr -war, als habe sie ihn und Cesca einst weit, weit fort von hier in einem -Lande am Ende der Welt getroffen, dort mit ihnen gearbeitet, mit ihnen -zusammen gelebt und die Freude gesucht.</p> - -<p>Sie betrachtete das offene, sonnenverbrannte Gesicht vor ihr mit der -schiefen Nase. Er hatte einmal als Kind einen Schlag darüber bekommen. -„Und das hat Gunnars Physiognomie gerettet,“ pflegte Cesca zu sagen, -„sonst wäre er der schrecklichste Typ eines schönen Mannes geworden.“ -Das war damals in Viterbo gewesen.</p> - -<p>Im Grunde hatte sie Recht. Zug um Zug besehen war er eigentlich eine -richtige Bauernburschenschönheit mit seiner niedrigen, breiten Stirn -unter dem braungelockten Haarschopf, mit den großen stahlblauen Augen -und dem roten, vollen Munde mit der blanken Reihe weißer Zähne. Bis -herab zum runden starken Hals hatte die Sonne ihn verbrannt und seine -breite, eher gedrungene Gestalt wirkte fast brutal in ihrer gesunden, -muskulösen Schönheit. Im Gegensatz hierzu stand der merkwürdig -unschuldige, unberührte Ausdruck, der über dem sinnlichen Mund und den -vollen Augenlidern lag und das unendlich feine Lächeln, das mitunter -seine Lippen umspielte. Er hatte ein Paar richtige Arbeiterhände mit -dicken Sehnen und groben Gelenken an den kurzen Fingern; aber er konnte -sie auf eigene, lebhaft anmutige Art bewegen.</p> - -<p>Etwas magerer war er geworden, sah aber sonst gesund und wohl aus, -während sie sich so müde und<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> unbefriedigt fühlte. Er hatte den ganzen -Sommer hindurch gearbeitet, daneben griechische Tragödien, Keats und -Shelley gelesen.</p> - -<p>„Ich habe aber Lust, die Tragödien in der Ursprache zu lesen,“ sagte -Gunnar. „Ich muß also jetzt Griechisch und Latein lernen.“</p> - -<p>„Herrgott!“ sagte Jenny. „Ich fürchte, du wirst soviel zu lernen haben, -ehe deine Seele Ruhe findet, daß dir schließlich keine Zeit mehr zum -Malen bleibt, außer nach Feierabend.“</p> - -<p>„Doch, Jenny, ich muß es lernen. Ich will nämlich einige Artikel -schreiben.“</p> - -<p>„Du auch? Willst du jetzt auch Artikel schreiben?“ Sie lachte.</p> - -<p>„Ja, eine ganze Reihe über verschiedene Gegenstände. Unter anderem -will ich anregen, daß wir wieder Griechisch und Latein in den Schulen -einführen, wir müssen jetzt unbedingt etwas Kultur hier unter die Leute -bringen.“</p> - -<p>„Teufel!“ sagte Jenny.</p> - -<p>„Ja, allerdings Teufel! Es kann nämlich so nicht weiter gehen. Zum -nationalen Symbol wird ein rosenrot gefärbter Grütztopf mit einigen -eingeritzten Schnörkeln erhoben, was dann eine ungeschickte Nachahmung -der armseligsten aller europäischen Stilarten, des Rokoko, vorstellen -soll. So sieht nämlich der Nationalismus hier oben aus. Du weißt -selbst, den größten Eindruck macht es hierzulande, wenn ein Künstler -oder gewöhnlicher Sterblicher mit der Schule oder Tradition bricht, -wenn er die Uebernahme der Volkssitte und der Begriffe, die gewöhnliche -zivilisierte Menschen von geziemender Lebensweise und Anständigkeit -haben, verweigert. Ich habe nun einmal die Absicht, meinen Landsleuten -zu erzählen, daß es unter den Verhältnissen, wie sie hier herrschen, -eigentlich notwendiger wäre, wenn man versuchte, Verbindungen -anzuknüpfen, einiges von den aufgehäuften Schätzen, die man im weiten -Europa mit Kultur bezeichnet, sich anzueignen, zu erbeuten und in die -heimatliche Höhle zu schleppen. Sie aber brechen ein kleines Glied -aus dem<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> Zusammenhang heraus, siehst du, ein einzelnes Ornament aus -einem Stil, rein buchstäblich gesprochen, — dasselbe gilt auch für -eine Geistesrichtung — schnitzen und klopfen daran herum, und zwar -so ungeschickt und häßlich, bis es zuletzt unkenntlich geworden ist, -und dann behaupten sie großspurig, es sei original und norwegisches -Nationalpatent.“</p> - -<p>„Nun ja. Aber diese Sünden beging man auch zu jener Zeit, als die -klassische Bildung offizielle Grundlage für die ganze Bildung in -unserem Lande war.“</p> - -<p>„Ja, gewiß. Hier kannte man jedoch nur einen ganz kleinen Teil des -Klassizismus. Ein Bruchstück. Ein wenig lateinische Grammatik wurde -gepflegt. Nie hing bei uns ein Bild von dem, was man den klassischen -Geist nennt, unter den Gemälden unserer hochehrwürdigen Vorväter. -Solange das aber nicht der Fall ist, stehen wir außerhalb Europas. -Solange wir nicht in der Historie der Griechen und Römer die älteste -Geschichte unserer eigenen Kultur erkennen, haben wir auch keine -europäische Kultur. Es kommt ja nicht darauf an, wie diese Geschichte -in der Wirklichkeit aussah, sondern nur darauf, wie sie uns überliefert -worden ist. Nehmen wir als Beispiel die Kriege zwischen Sparta und -Messene: In Wirklichkeit handelte es sich nur um einige halbwilde -Hirtenstämme, die sich in grauer Vorzeit bekämpften. Aber in der -Ueberlieferung, wie sie uns überbracht ist, waren diese Kriege der -klassische Ausdruck des Triebes eines gesunden Volkes, lieber bis zum -letzten Mann unterzugehen als Gewalt an seiner Individualität und -seinem Recht der Selbständigkeit zu dulden. Herr im Himmel, wir haben -für unsere Ehre seit Jahrhunderten nicht mehr gekämpft, sondern statt -dessen den Wanst mit einigen Millionen Sandkuchen und ganzen Ladungen -von Grütze vollgepfropft. Zum Beispiel die Perserkriege: sie waren -eigentlich ganz unbedeutend, doch für ein lebensfähiges Volk bedeuten -Salamis, Thermopylae und Akropolis die Blüte aller ältesten und -gesündesten Instinkte. Die Worte fahren fort zu leuchten, solange diese -Instinkte Wert haben<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> und solange ein Volk glaubt, seine Fähigkeiten -behaupten zu müssen und auf seine Vergangenheit, seine Gegenwart und -seine Zukunft stolz sein zu dürfen. Und solange kann ein Dichter ein -lebendiges Werk über Thermopylae schreiben und es mit seinen eigenen -lebendigen Gefühlen erfüllen. Erinnerst du dich an Leopardis Ode auf -Italien — ich las sie dir einmal in Rom vor?“</p> - -<p>Jenny nickte.</p> - -<p>„Etwas Rhetorik ist zwar dabei — aber bei Gott, sie ist herrlich! -Nicht wahr? Er erzählt von Italia, der schönsten Frau, die gefesselt -im Staube liegt, mit aufgelöstem Haar, und in ihren Schoß weint. -Und dann wünscht er sich, einer der jungen Griechen zu sein, die in -Thermopylae dem Tod entgegenschritten, unerschrocken, freudig, als -ginge es zum Tanz. Ihre Namen sind geheiligt und Simonides singt -sterbend Jubelgesänge vom Gipfel des Antelos. Dann gibt es all die -alten, herrlichen Erzählungen, die wie Symbole und Parabeln wirken und -niemals alt werden. Denk nur an Orpheus und Eurydike — wie einfach: -den Glauben der Liebe schreckt selbst nicht der Tod — aber der Zweifel -eines kurzen Augenblicks, und alles ist verloren. Hierzulande kennt man -aber nur eine Operette darüber!</p> - -<p>Engländer und Franzosen haben es verstanden, die alten Symbole für -ihre neue, lebende Kunst zu verwenden. Dort draußen wurden in den -glücklichen Zeiten doch noch Menschen geboren, deren Triebe und Gefühle -so kultiviert waren, daß sie stark genug wurden, um uns der Atriden -Schicksal verständlich zu machen, so daß es uns packte, als erlebten -wir es in der Wirklichkeit. Auch die Schweden haben noch lebendige -Verbindung mit dem Klassizismus. — Wir haben ihn nie gekannt. Was sind -es dagegen für Bücher, die hier gelesen werden und — auch geschrieben? -Sonnenstrahlerzählungen von geschlechtslosen Maskeradefiguren in -Empiregewändern — dänische Schmutzbücher, die einen Mann über sechzehn -nicht interessieren <em class="gesperrt">können</em>. Oder ein grüner Bengel ereifert -sich über das Mystische, Ewigweibliche eines kleinen Laufmädels, -das naseweis ist<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> und ihn betrügt, weil er nicht genügend gesunden -Menschenverstand besitzt, um zu erkennen, daß der ganze Rebus zumeist -mit dem spanischen Röhrchen zu lösen ist.“</p> - -<p>Jenny lachte. Gunnar wanderte im Zimmer auf und ab.</p> - -<p>„Hjerrild arbeitet wahrscheinlich jetzt auch an einem Buch über -die Sphinx. Zufällig kenne ich die Heldin etwas näher. Nun ja, sie -stand mir nicht so nahe, daß ich es der Mühe für wert hielt, sie -durchzuprügeln. Aber immerhin hatte ich sie doch gern, und die ganze -Sache widerte mich daher an. Mir wurde übel, als ich entdeckte, daß sie -eben diese Heldin sein sollte. Aber durch die Arbeit bin ich darüber -hinweggekommen, weißt du. — Im großen und ganzen, Jenny, gibt es kein -Leid, das nicht durch die Arbeit zu überwinden wäre, glaube ich.“</p> - -<p>Jenny schwieg eine Weile.</p> - -<p>„Aber Cesca ...?“ fragte sie dann.</p> - -<p>„Ach, Cesca! Sie hat sicher, seit sie verheiratet ist, keinen Pinsel -angerührt. Als ich sie besuchte, öffnete sie mir selbst die Tür — -sie haben kein Mädchen. Sie trug eine gestreifte Küchenschürze und -hielt einen Besen in der Hand. Ihre Wohnung besteht aus einem Atelier -und zwei kleinen Löchern, und im Atelier können sie natürlich nicht -beide zugleich arbeiten, und außerdem legt die Wirtschaft ihre ganze -Zeit mit Beschlag, wie sie sagte. Am ersten Vormittag, als ich dort -war, krabbelte sie die ganze Zeit auf dem Fußboden herum — Ahlin war -fort. Erst fegte sie mit einem Besen aus, dann kroch sie umher und -wirtschaftete mit einer Hasenpfote unter den Möbeln, sie war nach -diesen kleinen Flocken in den Winkeln aus, weißt du. Und dann scheuerte -sie und wischte Staub, aber Herr im Himmel, wie ungeschickt sie alles -anpackte! Dann ging ich mit ihr fort und kaufte zum Mittagessen ein, -ich sollte bei ihnen essen. Später kam Ahlin; da verschwand sie in der -Küche, und als das Essen endlich fertig war, da waren ihre kleinen -Löckchen ganz naß vom Schweiß. Das Mittagessen war aber nicht schlecht. -Sie wusch dann<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> auf — aber wie ungeschickt und schwerfällig — rannte -fort und spülte jedes Stück unter der Wasserleitung ab. Ahlin und ich -halfen ihr. Zum Abendessen lud ich sie in die Stadt ein — die arme -Cesca genoß es, sie freute sich, auf diese Weise nicht kochen und -aufwaschen zu müssen. Kommen da noch Kinder hinzu — und das wird ja -nicht ausbleiben — so kannst du sicher sein, daß es mit Cescas Malerei -aus ist. Und das wäre bei Gott eine Schande — ich kann mir nicht -helfen, aber es wäre sehr schade.“</p> - -<p>„Ach, ich weiß nicht, Gunnar. Für eine Frau sind ja doch Mann und -Kinder die Hauptsache. Früher oder später wird man sich jedenfalls doch -danach sehnen.“</p> - -<p>Gunnar blickte zu ihr hinüber. Dann seufzte er.</p> - -<p>„Wenn sie sich nur gern haben! Glaubst du, daß Cesca glücklich mit -Ahlin ist?“</p> - -<p>„Wenn ich das wüßte, Jenny! Ja, ich glaube wohl, sie hat ihn sehr -gern. Es ging jedenfalls dauernd ‚Lennart meint‘ und ‚findest du die -Sauce gut, Lennart‘ und ‚willst du‘ und ‚soll ich‘. Sie hat sich -natürlich ein fürchterliches Halbschwedisch angeeignet, wie du dir -denken kannst. Ich muß sagen, ich verstehe das Ganze nicht recht — er -war ja so verliebt in sie, und er ist nicht tyrannisch oder brutal, im -Gegenteil. Aber sie ist so merkwürdig gedrückt und demütig geworden, -die kleine Cesca. Daran können doch nicht nur diese Hausfrauensorgen -Schuld sein, obgleich diese sie recht bedrücken. Ihre Anlagen waren in -dieser Beziehung ja nicht gerade hervorragend, andererseits aber ist -sie auf ihre Art ein gewissenhaftes kleines Wesen. Außerdem scheinen -sie in sehr kleinen Verhältnissen zu leben. — Vielleicht,“ er lachte -etwas frivol, „hat sie diesen oder jenen genialen Streich vollführt. -Die Brautnacht dazu benutzt, von Hans Hermann und Norman Douglas zu -erzählen, von Hjerrild und ihren anderen Erlebnissen, von Anfang bis zu -Ende. Das kann ja dann leicht überwältigend gewirkt haben.“</p> - -<p>„Cesca hat nun wahrhaftig aus ihren Geschichten<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> nie einen Hehl -gemacht, die mußte er doch von früher her kennen.“</p> - -<p>„Ja gewiß. Aber es konnte sich ja um diese oder jene Pointe handeln, -die sie bisher verschwiegen hatte, jetzt aber vielleicht meinte, ihm -beichten zu müssen.“</p> - -<p>„Pfui, Gunnar!“ sagte Jenny.</p> - -<p>„Ja, zum Teufel auch — man weiß niemals, was man von Cesca eigentlich -halten soll. Ihre Schilderung der Freundschaft mit Hans Hermann ist -seltsam genug. Cesca hat vielleicht nichts getan, was man sozusagen -unmoralisch nennt, dessen bin ich sicher. Ich begreife zum Kuckuck -auch nicht, was das einem Manne ausmachen kann, ob seine Frau früher -ein Verhältnis oder auch mehrere gehabt hat, wenn sie dabei nur -rechtschaffen und loyal gehandelt hat. Denn diese Forderung nach -physischer Unberührtheit ist ja im Grunde gemein. Hat eine Frau -wirklich einen Mann geliebt und seine Liebe hingenommen, so ist es -nichtswürdig, sich aus diesem Verhältnis zurückzuziehen, ohne ihm das -Höchste haben opfern zu wollen. Natürlich wäre es mir am liebsten, daß -meine dereinstige Frau keinen vor mir geliebt hätte. Und man weiß ja -auch nicht, wie man bei seiner eigenen Frau urteilt. Es könnte ja sein, -daß alte Vorurteile, egoistische Eitelkeit und dergleichen plötzlich -auftauchen ...“</p> - -<p>Jenny machte eine Bewegung, als wollte sie etwas sagen, schwieg dann -aber.</p> - -<p>Gunnar war am Fenster stehen geblieben. Er hatte die Hände in den -Hosentaschen vergraben und wandte ihr den Rücken zu:</p> - -<p>„Nein, Jenny. Ich will dir sagen, was ich so traurig finde. Man trifft -ganz selten einmal auf eine Frau, die wirklich in dieser oder jener -Richtung Talente hat und Freude daran, sie zu entwickeln, zu arbeiten. -Eine Frau, die Energie besitzt, die fühlt, daß sie ein Mensch ist und -selbständig über Recht und Unrecht nachdenken kann. Sie hat vielleicht -den Willen, ihre Fähigkeiten, soweit es sich lohnt, zu kultivieren, -ihre guten und wertvollen Instinkte zu pflegen, und andere, die ihr -schlecht<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> und unwürdig erscheinen, zu unterdrücken. Und dann begegnet -sie eines schönen Tages einem Manne. Da heißt es denn: Ade Arbeit und -Entwicklung, und es ist vorbei mit der ganzen Herrlichkeit. Sie gibt -ihr Selbst auf eines elenden Mannes wegen. Jenny — findest du das -nicht auch traurig —?“</p> - -<p>„Gewiß. Aber so sind wir nun einmal alle geschaffen!“</p> - -<p>„Ich begreife euch nicht. Weißt du, warum ich glaube, daß wir Männer -euch nie verstehen werden? Zu guterletzt geht es uns nicht in den Kopf, -daß Wesen, die doch Menschen sein wollen, so vollständig jeglichen -Selbstgefühls ledig sind. Und das ist bei euch der Fall. Die Frau hat -keine Seele — wahrhaftig! Ihr gesteht ja mehr oder weniger offen ein, -daß Liebesgeschichten das Einzige sind, das euch interessiert.“</p> - -<p>„Es gibt aber auch Männer, bei denen dasselbe zutrifft; jedenfalls läßt -ihr Lebenswandel darauf schließen.“</p> - -<p>„Ja gewiß, aber ein vernünftiger Mann hat auch keinen Respekt vor -solchen Schürzenjägern. Offiziell soll es doch nur als eine Art — nun -sagen wir natürlichen Zeitvertreibs aufgefaßt werden, neben unserer -Arbeit. Oder ein tüchtiger Mann will eine Familie gründen, weil er -die Kraft in sich fühlt, für mehrere Menschen zu sorgen, als für sich -allein, und einen Nachfolger für seine Arbeit haben will.“</p> - -<p>„Ja, aber Gunnar, die Frau hat natürlich andere Aufgaben.“</p> - -<p>„Ach still, das ist gar nicht der springende Punkt. Sie wollen ja -überhaupt nicht Menschen sein und arbeiten, sondern nur Weibchen. Was -zum Teufel soll das heißen, eine ganze Schar von Kindern in die Welt -zu setzen, wenn sie doch nicht zu Menschen heranwachsen, sondern nur -weiter fortpflanzen — wenn die Rohprodukte nicht bearbeitet werden?“</p> - -<p>„Das stimmt allerdings,“ Jenny lachte.</p> - -<p>„Natürlich stimmt das. Und was die Frau betrifft ... Ach, ich habe -es von Kindheit an verfolgt<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> und beobachtet. Aus meiner Zeit auf der -Arbeiterhochschule entsinne ich mich eines Mädchens, mit dem ich -zusammen englischen Unterricht hatte. Sie lernte englisch, um mit den -ausländischen Kriegsschiffmatrosen sprechen zu können. Das Höchste, für -das sich diese Mädels einzusetzen vermochten, war die Hoffnung auf eine -Stellung in England oder Amerika. Wir Jungen, meine Kameraden und ich, -wir studierten, um zu lernen, und das Gehirn zu schulen. Wir versuchten -auf jede Art und Weise, das Wenige zu ergänzen, was wir in der Schule -gelernt hatten. Die Mädels dagegen lasen nur Unterhaltungsbücher. -Nimm zum Beispiel den Sozialismus! Kennst du eine einzige Frau, die -überhaupt eine Ahnung davon hat, was er eigentlich bedeutet? Sie wissen -es, wenn sie einen Mann haben, der ihnen diesen Begriff klargemacht -hat. Versuche aber einer Frau zu erklären, warum die menschliche -Gesellschaft verpflichtet ist, jedem Kinde, das geboren wird, die -Möglichkeit zu geben, seine Anlagen zu entwickeln, wenn solche -vorhanden sind, und das Leben in Freiheit und Schönheit zu leben, wenn -es den wahren Sinn der Freiheit begreift und Schönheitssinn besitzt.</p> - -<p>Was aber halten die Frauen für Freiheit? Es bedeutet für sie, daß -sie jeder Arbeit ledig sein und ihrem Hang zur Unanständigkeit die -Zügel schießen lassen dürfen. Und Schönheitssinn?! Der fehlt ihnen -vollständig! Sie staffieren sich mit dem Teuersten und Abscheulichsten -aus, was die Mode nur erfinden kann. Sieh dir doch ihre Häuser an! Je -mehr Geld vorhanden, desto schlimmer sieht es in ihnen aus. Ist jemals -eine Mode zu häßlich und schamlos, daß sie sich ihr nicht unterwerfen -würden? Nein, wenn die Mittel nur da sind, wird alles mitgemacht. Das -kannst du doch nicht abstreiten? — Von der Moral der Frauen will ich -keine Silbe sagen, denn sie haben keine. Lassen wir es noch hingehen, -wie sie sich gegen uns betragen — aber wenn ihr unter euch seid, so -beklascht ihr euch gegenseitig und in welchen Tonarten! Pfui Teufel!“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> - -<p>Jenny lächelte leise. Sie mußte ihm Recht geben und auch wieder nicht, -aber sie war zu einer Diskussion nicht aufgelegt. Sie fand aber, daß -sie antworten müßte, so sagte sie:</p> - -<p>„Das war eine grausame Salve — die ganze Armee auf einmal ruiniert.“</p> - -<p>„Du kannst es schriftlich bekommen,“ sagte er zufrieden.</p> - -<p>„Ja, du hast ja in vieler Beziehung Recht, Gunnar. Aber es sind -doch unter den Frauen Unterschiede zu machen und seien es auch nur -Gradunterschiede.“</p> - -<p>„Natürlich sind Unterschiede zu machen. Aber laß es gut sein, Jenny, -was ich sagte, gilt bis zu einem gewissen Grade auch allen, und weißt -du, woher das kommt? Die Hauptsache ist euch allen ein Mann — einen, -den ihr habt, oder einer, der euch fehlt. Das Einzige, das im Leben -von wirklichem Wert und wirklichem Ernst ist — das hat für euch in -Wirklichkeit keinen Wert. Ich meine die Arbeit. Die Besten unter euch -nehmen es eine kurze Zeit hindurch ernst. Aber ich glaube wahrhaftig, -das liegt daran, daß ihr die sichere Gewißheit habt, während ihr noch -jung und schön seid, daß ‚er‘ wohl kommen wird. Geht die Zeit jedoch -hin, und er zeigt sich noch immer nicht auf dem Schauplatz, fangt ihr -dann an, betagter zu werden, so laßt ihr in der Arbeit nach, geht müde -und mißmutig umher und fühlt euch unbefriedigt.“</p> - -<p>Jenny nickte.</p> - -<p>„Hör zu, Jenny. Ich habe dich immer ebenso hoch geschätzt wie einen -ganzen Mann. Du bist jetzt bald neunundzwanzig Jahre, und so alt muß -man sein, ehe man anfangen kann, einigermaßen selbständig zu arbeiten. -Es ist doch nicht dein Ernst, daß du jetzt, nun du endlich dein eigenes -Leben zimmern kannst, dir einen Mann und Kinder, Wirtschaft mit allem -Drum und Dran aufladen möchtest, was dir an allen Ecken und Kanten -Fesseln auferlegen, in deiner Arbeit immer nur im Wege sein würde?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span></p> - -<p>Jenny lachte still.</p> - -<p>„Herrgott, Mädel! Wenn dir nun wirklich alles das beschert wäre, und -du legtest dich hin, um zu sterben, umgeben von Mann und Kindern und -deiner Welt, so würdest du doch bereuen und trauern, daß du nicht das -Ziel erreichtest, wozu dir die Fähigkeiten zu Gebote standen, dessen -bin ich sicher, Jenny!“</p> - -<p>„Ja. Aber: Gesetzt den Fall, ich habe das Aeußerste erreicht, was meine -Kraft mir gestattete, und ich weiß, in meiner Sterbestunde, daß mein -Leben und meine Arbeit mich eine Zeitlang überdauern wird, und ich bin -allein, es gibt kein lebendes Wesen, das mir innerlich nahe steht ... -Glaubst du nicht, daß ich dann erst recht trauern und bereuen werde?“</p> - -<p>Heggen schwieg.</p> - -<p>„Ja gewiß,“ sagte er nach einer Pause. „Natürlich bedeutet Ehelosigkeit -nicht das gleiche für Frauen wie für uns Männer. Man muß wohl in -Betracht ziehen, daß sie außerhalb dessen gestanden haben, um das die -Leute nun einmal am meisten Wesen machen in diesem Leben; und daß auf -diese Weise eine ganze Reihe von seelischen wie körperlichen Organen -unberührt dahinwelken muß. — Ach, Jenny, ich wünschte oft, daß du -ein einziges Mal nur ein wenig leichtsinnig wärest, um mit dieser -Unzufriedenheit abzurechnen und dann in Ruhe und Frieden weiterarbeiten -zu können.“</p> - -<p>„Frauen, die einmal ein wenig leichtsinnig gewesen sind, wie du es -nennst, Gunnar, können nicht ohne weiteres mit dieser Unzufriedenheit -fertig werden. War es das erste Mal eine Enttäuschung, so hoffen sie -auf mehr Glück beim nächsten. Und wieder beim nächsten und immer so -fort. Man gibt sich nicht mit Enttäuschungen zufrieden. Und ehe man -sich’s versieht, ist es eine ganze Reihe von Malen geworden.“</p> - -<p>„Zu denen gehörst du aber nicht,“ sagte er schnell.</p> - -<p>„Danke! Es ist mir übrigens neu, daß du dergleichen predigst. Du hast -früher selber gesagt, daß Frauen, die<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> sich einmal in solche Dinge -verwickelt haben, immer untergehen!“</p> - -<p>„Die meisten wohl. Aber es muß auch einige andere geben. Ich spreche -natürlich nicht von Frauen, die keine anderen Lebensinteressen haben, -als einen Mann — man kann ja nicht dauernd seinen Lebenszweck ändern. -Ich meine die anderen, die etwas an sich bedeuten — etwas anderes -sind als nur Weibchen. Warum solltest zum Beispiel du nicht ehrlich -und loyal an einem Manne handeln, selbst wenn ihr Beide einsähet, daß -du nicht deine Welt aufgeben und dich verpflichten kannst, für den -Rest des Lebens nur sein Weib zu sein? Denn die Liebe hört ja immer -einmal auf, früher oder später. Das darfst du um Gotteswillen nicht -anzweifeln!“</p> - -<p>„Ja, das wissen wir immer genau — und zweifeln trotzdem daran.“ Sie -lachte. „Ach nein. Entweder liebt man — und dann glaubt man auch, es -währt ewig und es ist das Einzige, das Wert hat. Oder man liebt nicht -— und ist unglücklich, daß man es nicht tut.“</p> - -<p>„Jenny, ich kann es nicht mit anhören, daß du so sprichst. Sich seiner -Kraft bewußt sein, alle Muskeln spannen, bereit sein, aufzunehmen und -zu erobern, zu formen und zu gestalten, das Letzte aus seinem Können -ans Tageslicht bringen, <em class="gesperrt">arbeiten</em>, das ist das Einzige, das Wert -besitzt, Jenny!“</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_X">X.</h3> - -</div> - -<p>Jenny beugte den Kopf über Gert Grams Chrysanthemenstrauß:</p> - -<p>„Ich bin sehr froh, daß du meine Bilder so gut findest!“</p> - -<p>„Ja, ich mag sie gern. Besonders das Bildnis von dem jungen Mädchen mit -den Korallen.“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Es ist so wunderschön in den Farben,“ sagte Gram wieder.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p> - -<p>„Ja. Es ist aber unzusammenhängend. Der Schal und das Kleid — es hätte -ganz anders durchgearbeitet sein müssen. Aber gerade, als ich es malte, -kam so viel anderes dazwischen, sowohl für Cesca als für mich,“ sagte -sie leise.</p> - -<p>Nach einer Weile fragte sie:</p> - -<p>„Hört ihr etwas von Helge? Wie geht es ihm?“</p> - -<p>„Er schreibt nicht viel. Augenblicklich arbeitet er an seiner -Doktorabhandlung, du weißt, zu der er die Vorarbeiten in Rom machte. -Und er sagt, es ginge ihm gut.“</p> - -<p>Jenny nickte.</p> - -<p>„An seine Mutter schreibt er gar nicht. Und das kränkt sie natürlich -bitter. Das Zusammenleben mit ihr ist nicht gerade angenehmer -geworden. Ja, die Arme — es geht ihr übrigens sicher recht schlecht -augenblicklich.“</p> - -<p>Jenny trug die Blumen zu ihrem Schreibtisch hinüber und begann sie zu -ordnen.</p> - -<p>„Ich freue mich jedenfalls, daß Helge wieder arbeitet. Gott weiß, er -hatte keine Ruhe dazu diesen Sommer.“</p> - -<p>„Dir ging es doch genau so, du Aermste.“</p> - -<p>„Ja, allerdings. Aber das Schlimmste ist, Gert, daß ich noch immer -nicht wieder angefangen habe — noch nicht. Und ich bin auch durchaus -nicht aufgelegt. Ich hatte ja doch die Absicht, diesen Winter radieren -zu lernen, aber —.“</p> - -<p>„Es ist selbstverständlich, Jenny, daß eine solche Enttäuschung Zeit -braucht, ehe sie überwunden ist. Glaubst du nun nicht, daß deine -Ausstellung dir neue Arbeitslust geben wird, da sie doch so geglückt -ist und freundliche Aufnahme gefunden hat? Du hast ja bereits ein -Angebot auf dein Aventinerbild bekommen — willst du es annehmen?“</p> - -<p>Sie zuckte die Schultern:</p> - -<p>„Ich muß ja. Zu Hause brauchen sie immer Geld, wie du weißt. Außerdem -— ich muß wegreisen. Ich sehe, daß es nicht gut für mich ist, zu Hause -zu sein.“</p> - -<p>„Du willst also fort.“ Gram sagte es leise und sah nieder. „Ja -natürlich. Das ist ja auch verständlich.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p> - -<p>„Ach, die Ausstellung!“ Jenny warf sich erregt in den Schaukelstuhl. -„Alle meine Bilder — die neuesten jedenfalls ... Es ist eine Ewigkeit -her, seit ich daran arbeitete. Das Aventinerbild — die Studie beendete -ich an jenem Tag, als ich Helge zum ersten Male sah. Das Bild malte -ich, während wir zusammen waren — auch das von Cesca. Und das von der -Stenerstraße unten bei dir, während ich auf ihn wartete. Seitdem habe -ich nichts getan. O Gott! — So, Helge arbeitet also wieder ...“</p> - -<p>„Es ist klar, liebes Kind, daß so etwas tiefere Spuren bei einer Frau -hinterläßt —.“</p> - -<p>„O gewiß. Bei einer Frau. Das ist ja gerade das ganze Elend. Man geht -umher, mürrisch und faul — erzfaul! Um einer Liebe willen, die nicht -einmal vorhanden <em class="gesperrt">ist</em>!“</p> - -<p>„Liebe Jenny,“ sagte Gram ruhig. „Ich finde das so natürlich. Es -<em class="gesperrt">muß</em> seine Zeit haben, bis du ganz hindurch bist — und auf der -anderen Seite drüben. Man <em class="gesperrt">kommt</em> nämlich immer auf die andere -Seite, siehst du, und dann begreift man, daß man ein solches Erlebnis -nicht umsonst gehabt hat. Auf die eine oder andere Art kann man immer -seine Seele mit solchen Erfahrungen bereichern.“</p> - -<p>Jenny lachte kurz auf, antwortete aber nicht.</p> - -<p>„Du hast trotzdem sicher viele Erinnerungen aus jener Zeit, die -du nicht missen möchtest — nicht wahr? Die Erinnerung an all die -glücklichen, warmen Sonnentage mit deinem Freunde, dort unten in dem -wunderbaren Lande, Jenny?“</p> - -<p>„Willst du mir nicht erklären, Gert, woher du weißt, daß man seine -Seele mit derartigen Erlebnissen bereichert, wie du sagtest. Hast du -das aus eigener Erfahrung?“</p> - -<p>Er fuhr zusammen, schmerzlich berührt und betroffen von ihrer -Brutalität. Es währte einen Augenblick, ehe er ihr Antwort gab:</p> - -<p>„Das ist etwas anderes, Jenny. Die Erfahrungen, die der Sünde Lohn -sind — du verstehst doch, ich meine nicht die Sünde in orthodoxem -Sinne, ich meine die<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Folgen einer Handlungsweise, die eigenem besserem -Wissen zuwiderläuft — die sind immer bitter. Nun, immerhin glaube ich, -zuguterletzt haben meine Erfahrungen vielleicht meinen inneren Menschen -reicher und tiefer gemacht, als ein kleineres Unglück es vermocht -hätte — da mein Geschick mir ja nicht vergönnt hatte, das große -Glück zu erleben. Einmal in meinem Leben wird es in vielleicht noch -höherem Maße der Fall sein. Ich habe das Gefühl, Jenny, als könnten -diese Erfahrungen mich möglicherweise das rechte Verständnis dafür -lehren, was der Sinn des Lebens eigentlich ist —. Aber in bezug auf -dich meinte ich etwas anderes damit. Obwohl dein Liebesglück sich als -unbeständig herausstellte, so war es die Zeit über, die es währte, rein -und schuldlos — soweit du vertrauensvoll und ohne Hintergedanken daran -glaubtest und niemanden betrogst außer dir selbst.“ —</p> - -<p>Jenny schwieg still. Ein Sturm von Widerspruch wogte in ihr, aber sie -hatte das dunkle Gefühl, als ob Gram sie nicht verstehen würde.</p> - -<p>„Erinnerst du dich nicht der Worte Ibsens:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">‚Und segelt’ ich auch meine Schute auf Grund,</div> - <div class="verse indent0">So war es doch herrlich zu fahren —‘“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Oh, daß du diese kindischen Worte in den Mund nehmen magst, Gert. Die -meisten von uns haben zuviel Verantwortungsgefühl und Selbstachtung, -um diesen Ausspruch gelten zu lassen. Laß mich schiffbrüchig werden -und untergehen, ich werde versuchen, nicht mit der Wimper zu zucken, -wenn ich nur die Gewißheit habe, daß ich nicht selbst meine Schute auf -Grund fuhr. Soviel ich weiß, ziehen die besten Seeleute es vor, selber -mit ihrem Schiff unterzugehen, wenn sie die Schuld an seinem Untergange -tragen.“</p> - -<p>„Ich bin freilich der Ansicht, daß man alle Widerwärtigkeiten nur -sich selber zuzuschreiben hat — jedenfalls in letzter Instanz.“ Gram -lächelte. „Aber daß man meistens auch imstande sein wird, aus seinem -Unglück selber geistige Werte zu holen —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p> - -<p>„Ich gebe dir recht im ersten Punkte. Auch im letzten. Aber nur -insoweit, als das Unglück nicht darin besteht, daß die Selbstachtung -herabgemindert wird.“</p> - -<p>„Aber, kleine Jenny, diese Sache solltest du wirklich nicht zu schwer -nehmen. Du bist ja ganz aufgebracht und bitter. Ja, ich besinne mich, -was du an jenem Tage sagtest, als Helge reiste. Aber, Herrgott, Kind, -du meinst doch nicht im Ernst, jede Verliebtheit im Entstehen ersticken -zu müssen, falls du nicht vom ersten Augenblick dafür einstehen kannst, -daß das Gefühl bis zum Tode dauert, alle Widrigkeiten erträgt, zu allen -Opfern bereit ist und die Seele des Geliebten wie in einer Vision -erfaßt und versteht, ihre geheimnisvollsten Tiefen beleuchtet, so daß -eine spätere Enttäuschung ausgeschlossen ist?“</p> - -<p>„Doch,“ sagte Jenny heftig.</p> - -<p>„Hast du das jemals selbst empfunden?“ fragte Gert Gram leise.</p> - -<p>„Nein, aber ich weiß es dennoch. Ich habe immer gewußt, daß es so sein -müßte.</p> - -<p>Als ich aber achtundzwanzig Jahre alt geworden und noch immer alte -Jungfer war, als ich mich danach sehnte, zu lieben und geliebt zu -werden, als dann Helge kam und sich in mich verliebte, da legte ich all -meine Forderungen an mich selbst und <em class="gesperrt">meine</em> Liebe beiseite und -nahm, was ich bekommen konnte — natürlich bis zu einem gewissen Grade -in gutem Glauben. Es wird schon gehen, dachte ich, es geht sicher, -aber die innerliche vertrauende Gewißheit, daß es gehen würde, weil es -anders nicht möglich war, die hatte ich nicht.</p> - -<p>Ich will dir erzählen, was mein Freund Heggen hier eines Tages zu -mir sagte. Er verachtet die Frauen redlich und rechtschaffen — und -er hat Recht. Wir, wir haben nicht die Selbstachtung, und außerdem -sind wir so träge, daß wir niemals im Ernste entschlossen sind, uns -unser Leben und unser Glück selber zu zimmern, indem wir arbeiten und -kämpfen. Insgeheim hoffen wir beständig darauf, daß ein Mann kommen -und uns das<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Glück bescheren werde, so daß wir jeder Anstrengung -überhoben seien. Die Weiblichsten unter uns, die nur Müßiggang, Putz -und Vergnügen im Sinne haben, hängen sich dem Manne an den Hals, der -ihnen das in reichstem Maß verschaffen kann. Ist aber wirklich die -eine oder andere darunter, die wirklich menschlich fühlt und danach -strebt, ein fester und feiner Mensch zu werden, und ernstlich dieses -Ziel verfolgt, so lebt doch im Unterbewußtsein die Hoffnung, daß ein -Mann ihr auf halbem Wege begegne und ihr mit seiner Liebe helfe, -leichter zum Ziele zu gelangen. Wir können wohl eine Weile arbeiten, -durchaus ehrlich und ordentlich. Auch Freude an der Arbeit empfinden. -Aber in aller Heimlichkeit warten wir auf eine größere Freude, als wir -sie mit unserer ehrlichen Mühe erkämpfen können, auf etwas, das wie -ein Geschenk zu uns kommen soll —. Niemals werden wir Frauen dahin -gelangen, daß wir die höchste Befriedigung in unserer Arbeit finden.“</p> - -<p>„Meinst du, die Arbeit allein genügt einem Manne? Niemals!“ sagte Gram -ruhig.</p> - -<p>„Bei Gunnar zum Beispiel ist es der Fall. Du kannst dich darauf -verlassen, er wird immer wissen, den Frauen in seinem Leben den rechten -Platz anzuweisen — als Bagatellen.“</p> - -<p>Gram lachte.</p> - -<p>„Wie alt ist eigentlich dein Freund Heggen? Ich will um des Mannes -Willen hoffen, daß er mit der Zeit ein wenig anders auf das -Ausschlaggebende im Leben blicken wird.“</p> - -<p>„Ich aber nicht,“ sagte Jenny heftig. „Und ich will hoffen, auch ich -lerne einmal, diesem Liebesunwesen seinen rechten Platz anzuweisen —.“</p> - -<p>„Herrgott, Jenny, du sprichst — ich hätte beinahe gesagt, wie -du’s verstehst, aber du bist klüger, das weiß ich.“ Gram lächelte -schwermütig. „Soll ich dir ein wenig erzählen, was ich von der Liebe -weiß, Kleines? Glaubte ich nicht daran, wie sollte ich dann die -kleinste Spur von Glauben an die Menschen haben — und an mich<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> selbst? -Meinst du etwa, nur ihr Frauen findet das Leben sinnlos, fühlt euch -im Herzen kalt und leer, wenn ihr nichts anderes habt, das ihr lieben -könnt als eure Arbeit — nur eine Ausstrahlung eures Selbst — nichts -anderes, auf das ihr euch verlassen könnt! Glaubst du, es gibt eine -einzige Seele, die nicht Stunden kennte, in denen sie an sich selber -zweifelt? Nein, Kind, man braucht einen anderen Menschen, bei dem man -sein Bestes, seine Liebe und sein Vertrauen gleichsam deponiert, und -sieh, auf diese Bank muß man sich verlassen können. Wenn ich dir sage, -daß mein eigenes Leben seit meiner Verheiratung eine Hölle gewesen -ist, so brauche ich nicht zu starke Worte. Daß ich es schließlich -doch ausgehalten habe, liegt zum Teil daran, daß ich von dem Gedanken -ausging, Rebekkas Liebe entschuldige sie auf eine Art. Ich weiß, was -sie jetzt fühlt: eine niedrige und rohe Freude an ihrer Macht, mich zu -peinigen und zu demütigen, Eifersucht, Verbitterung, ein Zerrbild, aus -betrogener Liebe entstanden. Verstehst du nicht, daß ich daran eine Art -Befriedigung meines Gerechtigkeitsgefühls erblicke? Ein <em class="gesperrt">Grund</em> -für mein Unglück ist vorhanden. Ich betrog sie, als ich ihre Liebe -entgegennahm ohne die Absicht, ihr eine ganze Liebe zurückzugeben, -mit der heimlichen Berechnung, ihr einige Brocken geben zu können, -Bettelpfennige der Liebe, während sie mir das Beste bot. Straft aber -das Leben so unbarmherzig eine jede Versündigung gegen das Heiligtum -der Liebe, so ist das ein Beweis für mich, daß sie das Allerheiligste -im Leben ist und daß das Leben denjenigen, der seiner eigenen -Liebessehnsucht treu bleibt, mit der reinsten und schönsten Seligkeit -belohnen wird. Ich habe dir einmal von einer Frau erzählt, die ich -lieben lernte als es zu spät war. Sie hatte mich geliebt, seit wir -Kinder waren, ohne daß ich darauf geachtet hatte oder mir etwas daraus -machte. Als sie hörte, daß ich heiratete, nahm sie einen Mann, der -darauf schwor, daß sie ihn dadurch erretten und aufrichten könnte. Ja, -ich weiß, du spottest über derartige Rettungsversuche. Aber ich sage -dir, Kind, du<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> kannst nicht urteilen, ehe du nicht den Mann, den du mit -deiner ganzen Seele liebst, in den Armen einer anderen gewußt hast, -so daß dein eigenes Leben dir wertlos erschien und ehe du nicht eine -verirrte Menschenseele darum betteln hörst, sie aus einem wertlosen -Leben zu erretten. Nun, Helene wurde unglücklich, und ich ebenfalls. -Wir trafen uns wieder und verstanden uns, es kam zu einer Aussprache. -Was die Menschen unter Glück verstehen, das widerfuhr uns nicht, und -dennoch —. Beide waren wir durch Bande gefesselt, die wir nicht zu -brechen wagten. Ich gestehe, als meine Hoffnung, sie einstmals zum -Weibe zu erhalten, langsam, langsam hinstarb, änderte sich meine Liebe. -Aber noch immer leuchtet wie das herrlichste Kleinod meines Lebens die -Erinnerung an sie, die jetzt weit fort in einem anderen Weltteil dafür -lebt, ihren Kindern die Last zu erleichtern, die das Leben mit einem -Vater bedeutet, der umhergeht, vom Trunk zerrüttet, wie ein Wrack. Um -ihretwillen habe ich all diese Jahre hindurch an meinem Glauben an -Reinheit, Schönheit und Kraft der Menschenseele festgehalten — und -an meinem Glauben an die Liebe. Ich weiß, daß die Erinnerung an mich -der Frau die geheimnisvolle Kraft gibt, weit drüben jenseits der Meere -zu kämpfen und zu dulden. Denn sie liebt mich heute wie in unserer -Kindheit und glaubt an mich, an mein Talent, meine Liebe und daran, daß -ich eines besseren Schicksals würdig gewesen sei. Aber so bin ich ihr -doch heute noch etwas, nicht wahr, Jenny?“</p> - -<p>Sie erwiderte nichts.</p> - -<p>„Das Glück bedeutet ja nicht nur, geliebt zu werden, Jenny. Der größte -Teil des Glückes ist — zu lieben.“</p> - -<p>„Es ist doch gewiß nur ein geringes Glück, Gert, zu lieben, wenn man -nicht wieder geliebt wird.“</p> - -<p>Er schwieg lange und sah nieder. Bis er fast flüsternd sprach:</p> - -<p>„Groß oder klein — es ist ein Glück, ein Menschenkind zu kennen, von -dem man nur Gutes denkt. Eines, um dessentwillen man zu sich selber -spricht: Herrgott, laß mich sie glücklich sehen, denn sie verdient es, -sie<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> ist ja rein und schön, warm und fein, klug und gut. So daß man -beten kann: Gott, gib ihr alles, was ich nicht besaß. Ich halte es für -ein Glück, kleine Jenny, daß ich so für dich beten kann —. Nein, es -ist kein Grund, deswegen ängstlich aufzusehen, Kleines —.“</p> - -<p>Er hatte sich erhoben, sie stand ebenfalls auf und machte eine -Bewegung, als fürchte sie, er werde sich ihr nähern. Gram hielt inne, -er lachte leise:</p> - -<p>„Wie konntest du etwas anderes denken, solch kluges, kleines Mädchen -wie du. Jenny, ich glaubte, du hättest es gefühlt, lange, ehe ich es -selbst recht gewußt —. Konnte es denn anders kommen? Mein Leben neigt -sich jetzt seinem Ende zu, dem Alter, der Schwäche, der Finsternis, -dem Tode. Schon weiß ich sicher, alles, wonach ich mein Leben lang -mich gesehnt — ich erlange es nie. Da begegne ich dir. Mir ist, als -seiest du die herrlichste Frau, die ich je getroffen. Du strebst nach -alledem, wonach ich einst gestrebt, nach dem Ziele, das ich mir gesetzt -hatte. Konnte mein Herz anders als inbrünstig flehen, Gott, führ sie -zum Ziele, Gott, hilf ihr, laß sie nicht stranden, wie ich gestrandet -bin —. Und dann warst du so lieb gegen mich, Jenny. Du kamst dort -hinunter in meine Höhle, du erzähltest von dir selbst und hörtest mir -zu, du hattest so viel Verständnis, deine herrlichen Augen waren voller -Mitgefühl und so mild und warm —. Aber Herrgott, weinst du?“</p> - -<p>Er ergriff ihre Hände und preßte seinen Mund darauf.</p> - -<p>„Das darfst du nicht, Jenny. Du darfst nicht so weinen; warum weinst -du? Du bebst ja —. Worüber weinst du nur?“</p> - -<p>„Ueber alles,“ schluchzte sie.</p> - -<p>„Setz dich — so.“</p> - -<p>Er lag vor ihr auf den Knien und eine Sekunde senkte er seine Stirn -auf ihren Schoß. „Du darfst nicht meinetwegen so weinen, hörst du? -Um nichts auf der Welt möchte ich meine Liebe zu dir hergeben. Mein -geliebtes Mädchen, hast du einmal einen Menschen geliebt und hinterher -gewünscht, es wäre nie geschehen? — Dann<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> hast du dennoch nicht -geliebt, das, kannst du mir glauben, ist wahr. Jenny, ich möchte das -nicht missen, was ich für dich fühle, nicht um mein Leben! Doch auch -um deinetwillen sollst du nicht weinen. Du wirst glücklich werden, das -weiß ich. Von allen Männern, die dich lieben werden, wird eines Tages -einer, wie jetzt ich, vor dir liegen und sagen, das ist das Leben, so -vor deinen Füßen liegen zu dürfen, und du wirst selber glauben, das sei -das Leben. Dann wirst du begreifen, daß so das Glück aussieht; so mit -ihm zu sitzen, und sei es in der armseligsten Hütte, eine einzige kurze -Ruhestunde lang nach einem Tage grauester, schwerster Mühsal —. Weit -weit größeres Glück ist es dir dann, als wenn du die größte Künstlerin -wärest, die gelebt hat, als wenn du all das erreichtest, was man an -Ehren und Berühmtheit erreichen kann. Daran glaubst du selber auch, -nicht wahr?“</p> - -<p>„Ja,“ flüsterte sie unter Tränen.</p> - -<p>„Und du sollst nicht fürchten, daß das Glück dir nicht zuteil werden -könnte. — Nicht wahr, Jenny, die Sehnsucht fühlst auch du, nachdem -du gekämpft, um ein guter und tüchtiger Mensch und ehrlicher Künstler -zu werden, die Sehnsucht, einem Manne zu begegnen, der dir sagt, dein -Kampf war recht, und der dich darum lieb hat?“</p> - -<p>Jenny nickte. Gram küßte ehrfürchtig ihre Hände.</p> - -<p>„Du bist ja schon so gut und fein, stolz und herrlich. Ich sage es dir, -und eines Tages wird ein Mann, der jünger und besser und stärker ist -als ich, das Gleiche sagen und du wirst froh werden, ganz froh. Bist du -nicht ein ganz klein wenig glücklich darüber, daß ich sage, du seiest -das beste, liebste und wunderbarste Mädchen auf der Welt? Blick mich -an, Jenny. Kann ich dir nicht eine kleine Freude machen, wenn ich dir -sage, ich glaube, du wirst des Lebens reichstes Glück kosten dürfen, -weil du es verdienst?“</p> - -<p>Sie blickte auf sein Antlitz nieder und versuchte<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> ein schwaches -Lächeln. Dann senkte sie den Kopf und strich mit den Händen über sein -Haar:</p> - -<p>„O Gert — o Gert — ich kann doch nichts dafür! Ich wollte dir ja -nicht wehe tun. Ich kann nichts dafür — nicht wahr?“</p> - -<p>„Darüber solltest du nicht traurig sein. Kleines — ich habe dich lieb, -weil du dein Ziel, nach dem du strebst, ja schon erreicht hast, weil du -so bist, wie ich einmal hatte sein wollen —. Du darfst nicht traurig -sein, selbst wenn du meinst, du hättest mir Leid zugefügt. Es gibt -Leiden, die gut sind — gesegnet gut, glaube mir.“</p> - -<p>Sie fuhr fort, leise zu weinen.</p> - -<p>Nach einer Weile flüsterte er:</p> - -<p>„Darf ich hin und wieder zu dir kommen —? Wenn du traurig bist, kannst -du mich da nicht rufen lassen? Ich will gern versuchen, ob ich nicht -meinem kleinen Mädchen ein wenig helfen kann, sprich, Jenny —?“</p> - -<p>„Ich wage es nicht, Gert.“</p> - -<p>„Liebe kleine Freundin, ich bin ja ein alter Mann, könnte dein Vater -sein.“</p> - -<p>„Deinetwegen — meine ich. Es ist nicht recht von mir deinetwegen.“</p> - -<p>„O doch, Jenny. Meinst du, ich dächte weniger an dich, wenn ich dich -nicht sähe. Ich möchte dich ja nur sehen, mit dir sprechen, versuchen, -dir ein wenig zu sein — darf ich? — Oh, darf ich —?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, Gert — ich weiß nicht. Ach, Lieber, geh jetzt, du -mußt jetzt gehen — ich kann nicht — es ist so hart. — Lieber, geh.“</p> - -<p>Er erhob sich still.</p> - -<p>„Dann gehe ich. Leb wohl, Jenny — aber Kind, du bist ja ganz außer -dir.“</p> - -<p>„Ja,“ flüsterte sie.</p> - -<p>„So gehe ich denn. Darf ich einmal wiederkommen? Ich will dich gern -sehen, ehe du reist. Wenn du ruhiger geworden bist und wenn es dich -nicht erregt. Es liegt ja kein Grund dafür vor, Jenny —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> - -<p>Sie stand einen Augenblick still. Dann zog sie ihn plötzlich hastig an -sich und streifte seine Wange mit dem Munde.</p> - -<p>„Geh jetzt, Gert.“</p> - -<p>„Ich danke dir. Gott segne dich, Jenny.“</p> - -<p class="mtop2">Hinterher lief sie im Zimmer auf und ab. Sie begriff selber nicht, -warum sie so bebte. Aber tief im Innern — es war vielleicht nicht -gerade Freude, aber es hatte ihr wohlgetan zu hören, was er gesagt, -während er auf den Knien vor ihr lag.</p> - -<p>Oh Gert, Gert! Sie hatte ihn immer für einen schwachen Menschen -gehalten, für einen, der sich hatte überwinden lassen und unterdrückt -worden war wie alle Charaktere ohne Widerstandskraft. Aber jetzt hatte -sie plötzlich erfahren, daß er ganz im Innern eine tiefe Stärke und -Sicherheit besaß. Er hatte da gestanden als der Reiche, der wußte, daß -er helfen könne und es gern wollte. Während sie verwirrt und unsicher -war — krank vor Sehnsucht in ihrem tiefsten Innern, hinter dem -Bollwerk von Ansichten und Gedanken, das sie sich selbst geschaffen.</p> - -<p>Und dann hatte sie ihn gebeten zu gehen. Weshalb? Weil sie selbst so -grenzenlos arm war, weil sie ihm ihre Not geklagt, von dem sie dachte, -er sei ebenso arm wie sie, während er ihr doch gezeigt hatte, wie reich -er war, und ihr aus der Quelle seines Reichtums freudig eine kleine -Hilfe bot. Dadurch hatte sie sich gedemütigt gefühlt und ihn gebeten, -sie zu verlassen. So war es sicher.</p> - -<p>Hilfe von einer Liebe entgegennehmen, ohne etwas dafür geben zu können, -hatte sie immer als schändlich angesehen. Sie hatte ja nie daran -gedacht, daß sie es sein würde, die solcher Hilfe bedürfte.</p> - -<p>Er hatte sein Werk nicht vollenden dürfen, wie er gewollt. Die Liebe, -der er sich hingegeben, hatte nicht ein Leben hindurch gedauert, -dennoch war er nicht verzweifelt.<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Der nie versiegende Quell, woraus -ein solches Glück geschöpft wird, um immer aufs Neue zu blühen, war -Vertrauen und Glaube. Es bedeutete gleichviel, woran man glaubte, wenn -nur die Seele dabei nicht einsam war. Allein vermochte sie den Glauben -nicht zu nähren. Das Leben war unerträglich, wenn man außer sich selber -niemanden hatte, den man liebte, an den man glaubte.</p> - -<p>Mit dem Gedanken an den freiwilligen Tod hatte sie immer gespielt. Wenn -sie jetzt stürbe ... Sie besaß wohl einen Kreis von Menschen, die sie -liebten. Sie würden um sie trauern, aber es gab keinen, der sie nicht -entbehren könnte. Nicht einen, dem sie unersetzlich war, so daß sie um -seinetwillen die Pflicht hätte, ihr Leben weiterzuschleppen. Die Mutter -und Geschwister ... Wenn sie nicht erfahren würden, daß sie es selbst -getan, so würde ihr Leid nach einem Jahre zu milder Trauer geworden -sein. Cesca und Gunnar würden sie wohl am tiefsten betrauern, denn sie -würden vielleicht verstehen, daß sie unglücklich gewesen war, aber sie -stand ja nur an der Außenseite ihres Lebens. Derjenige, der sie am -meisten liebte, würde vielleicht am tiefsten getroffen sein — aber ihm -hatte sie ja nichts zu geben. So konnte er sie ja ebenso lieb haben, -wenn sie tot war. Ja, er liebte sie, dessen Glück sie war, und dabei -trug er das Glück als eine Macht in sich.</p> - -<p>Wenn ihr selber wirklich diese Kraft fehlte, so half ihr nichts. Die -Arbeit konnte sie nicht in dem Maße ausfüllen, daß ihre Sehnsucht nach -einem Glücke schwieg. Und weshalb sollte sie dann leben, wenn es auch -hieß, sie sei talentvoll. Niemand konnte soviel Freude daran haben, -ihre Kunst zu schauen, wie sie dabei empfand, sie auszuüben. Aber diese -Freude war nicht so groß, daß sie ihr nichts zu wünschen übrig ließ.</p> - -<p>Es war auch nicht nur das, wovon Gunnar gesprochen: daß ihre Tugend -sie peinigte, um brutal zu sprechen. Dem konnte leicht abgeholfen -werden. Aber sie wagte nicht, diesen Schritt zu tun, aus Angst, daß -ihre Sehnsucht einst in späteren Jahren ihr wahres Ziel<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> finden könnte. -Das wäre ja von allem das Schlimmste, mit einem Menschen im engsten -Zusammenhang zu leben, und tief im Innern doch wieder einsam zu sein. -O nein, nein. Einem Manne anzugehören, mit allen möglichen daraus -folgenden Intimitäten, körperlichen wie seelischen — und dann eines -Tages vielleicht zu entdecken, daß sie ihn nie gekannt, und daß er -sie nie gekannt, daß der eine niemals ein Wort von des anderen Rede -verstanden hatte —.</p> - -<p>Ach nein. Sie wollte leben, weil sie noch auf etwas wartete. Sie wollte -keinen Liebhaber, denn sie erwartete ihren Gebieter. Sie wollte auch -nicht sterben, nicht jetzt, denn sie wartete.</p> - -<p>Nein. Sie wollte ihr Leben noch nicht von sich werfen, weder auf die -eine noch auf die andere Art. Sie konnte <em class="gesperrt">so</em> nicht sterben — so -arm, daß sie nicht ein einziges geliebtes Wesen besaß, dem sie Lebewohl -sagen konnte. Sie wagte nicht, sie durfte doch hoffen, daß es einmal -anders werde.</p> - -<p>So mußte sie sich also mit der Malerei etwas ins Zeug legen. Sonst -würde sie auf den Hund kommen, krank wie sie war vor Verliebtheit.</p> - -<p>Sie lachte.</p> - -<p>Das war es eben. Der Gegenstand war vorläufig nicht vorhanden, aber die -Liebe, die war da.</p> - -<p class="mtop2">Durch das schräge Fenster dunkelte der Himmel veilchenblau herein. -Jenny sah hinaus. Die Schieferdächer, die Schornsteine und -Telephondrähte, die ganze stille Welt dort draußen breitete sich, mit -weißem Reif bedeckt, in der Dämmerung aus. Von den Straßen leuchtete -ein rötlicher Schein auf und färbte den Frostnebel. Wagengerassel und -das Kreischen der Straßenbahn klangen jetzt so hart auf der trockenen, -gefrorenen Straße.</p> - -<p>Sie hatte wenig Lust, nach Hause zu gehen und bei der Mutter zu essen. -Aber so war es verabredet. Sie schraubte den Ofen zu, zog ihren Mantel -an und ging.</p> - -<p>Draußen herrschte rauhe, klamme Kälte — der Nebel<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> roch nach -Ruß, Gas und gefrorenem Staub. Wie hoffnungslos öde diese Straße -im Grunde war. Sie erstreckte sich vom Mittelpunkt der Stadt mit -seinem lärmenden Getriebe und seinen hellerleuchteten Geschäften, -wo der Menschenstrom aus- und einging, bis hinab zu den leblosen, -grauen Festungsmauern. Ihre eigenen Häuserreihen lagen düster und -ausgestorben. Neue Geschäftshäuser aus Stein und Glas, hinter deren -großen Fenstern mit dem sanften weißen Licht arbeitsames junges Volk in -stiller Geschäftigkeit den flatternden Papieren Weg und Richtung gab -und durch das Telephon ihre Mitteilungen in alle vier Winde sandte, -wechselten sich ab mit alten Gebäuden, Ueberresten aus der ältesten -Zeit Kristianias. Es waren meist niedrige, graubraune Häuser mit -glatter Front und Rolläden vor den Bürofenstern. Hier und da fand sich -auch eine kleine Scheibe, mit Gardinen und Topfpflanzen verziert, die -zu einem Kleineleuteheim gehörten, wunderlich einsamen Heimen in diesem -Stadtviertel, dessen Häuser des Nachts meist verlassen lagen.</p> - -<p>Aus den Läden, die sich in dieser Gegend befanden, strömte nicht das -Volk aus und ein wie unten im Zentrum. Hier gab es nur Geschäfte für -Tapeten und Gipsrosetten für Zimmerdecken. Hier fanden sich Ofen-, -Herd- und Möbellager, deren Schaufenster voller leerer Mahagonibetten -und gefirnißter Eichenstühle standen, die aussahen, als würden sie wohl -nie in Gebrauch genommen werden.</p> - -<p>In einem Torweg stand ein Kind — ein kleiner blaugefrorener Junge -mit einem großen Korb am Arme. Er schaute einigen Hunden zu, die sich -mitten auf dem Damme balgten, daß der feuchte, reifkalte Staub um sie -flog. Das Kind schrie auf, als die Tiere sich zu ihm hinüberwälzten.</p> - -<p>„Hast du vor den Hunden Angst?“ fragte Jenny.</p> - -<p>Erst antwortete der Junge nichts. Da sagte sie:</p> - -<p>„Soll ich dich an ihnen vorüberführen?“ Da schlüpfte er an Jennys -Seite, sprach aber kein Wort.</p> - -<p>„Wo willst du denn hin — wo wohnst du?“</p> - -<p>„Voldstraße.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p> - -<p>„Hast du eingeholt? Ganz hier unten? Du bist ja so klein — bist aber -ein tüchtiger Junge.“</p> - -<p>„Wir kaufen bei Aases in der Strandstraße, weil Vater sie kennt,“ sagte -der Junge. „Und der Korb ist so schwer.“</p> - -<p>Jenny sah die Straße hinauf und hinunter — sie war fast menschenleer:</p> - -<p>„Komm, Kleiner, soll ich ihn dir ein Stück tragen?“</p> - -<p>Der Knabe ließ den Korb ein wenig ängstlich fahren.</p> - -<p>„Gib mir die Hand, du, dann will ich dich an diesen Kötern -vorbeiführen. Nein, wie kalt du bist! Hast du denn keine Handschuhe?“</p> - -<p>Der Junge schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Sieh her, steck die andere Hand in meinen Muff — willst du nicht? Du -meinst vielleicht, es schickt sich nicht für einen Jungen, mit dem Muff -zu gehen?“</p> - -<p>Sie dachte an Nils, als er klein war. Nach ihm hatte sie sich so oft -gesehnt. Jetzt war er so groß und hatte viele Kameraden — er war in -dem Alter, wo sich ein Junge schämt, sich mit der großen Schwester -abzugeben. Selten kam er zu ihr herüber. In dem einen Jahre, das sie -draußen war, und dann in den Monaten, als sie in all dem Wirrwarr -mit Helge gelebt, hatten sie sich voneinander entfernt. Später, wenn -er größer geworden, würden sie vielleicht wieder Freunde werden wie -ehemals. Sicherlich, denn sie hatten sich lieb. Aber in seinem Alter -ging es auch ohne sie, das wußte sie wohl. Oh, wenn doch Nils jetzt ein -kleiner Junge wäre, daß sie ihn auf den Schoß nehmen und ihm Märchen -erzählen könnte, während sie ihn wusch, ihn auskleidete und ihn küßte! -Oder, wenn es noch wäre wie damals, als sie mit ihm über Nordmarken -wanderte, wo der Riese weit fort war und der Weg voller Abenteuer und -merkwürdiger Erlebnisse! —</p> - -<p>„Wie heißt du denn, Kleiner?“</p> - -<p>„Ausjen Torstein Mo.“</p> - -<p>„Wie alt bist du, Ausjen?“</p> - -<p>„Sechs Jahre.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p> - -<p>„So gehst du wohl noch nicht zur Schule?“</p> - -<p>„Nein, aber ich soll im April anfangen.“</p> - -<p>„Freust du dich auf die Schule?“</p> - -<p>„Nein, die Fräuleins sind so böse. Der Oskar geht auch hin, aber wir -kommen nicht in dieselbe Klasse. Oskar soll in der zweiten anfangen.“</p> - -<p>„Oskar, ist das dein Spielkamerad?“ fragte Jenny.</p> - -<p>„Ja, die wohnen in demselben Haus wie wir.“</p> - -<p>Dann entstand eine kleine Pause. Jenny plauderte wieder:</p> - -<p>„Ist es nicht schade, daß wir keinen Schnee bekommen? Ihr habt ja den -Berg, die Piperviken hinunter, wo ihr rodeln könnt? Hast du einen -Schlitten?“</p> - -<p>„Nein, aber ich habe Schneeschlittschuhe und auch Skier —.“</p> - -<p>„Ja, dann freilich sollte sich der Schnee ein bißchen beeilen!“</p> - -<p>Sie waren in die Stortingstraße gekommen. Jenny ließ seine Hand fahren -und dann den Korb. Er war aber so schwer und Ausjen so klein. So -behielt sie ihn denn.</p> - -<p>In der dunklen Voldstraße nahm sie wieder seine Hand und trug ihm den -Korb bis zu dem kleinen Haus, wo er wohnte. Zum Abschied schenkte sie -ihm zehn Oere.</p> - -<p>In der Homansstadt kaufte sie Schokolade und rote Fausthandschuhe, die -sie Ausjen schicken wollte.</p> - -<p>Herrgott, wenn sie nur einem Menschen eine kleine Freude machen könnte! -Eine kleine, unerwartete Freude.</p> - -<p>Sie wollte versuchen, ihn ein paar Stunden am Tage als Modell zu -bekommen. Er war wohl aber zu klein, um ihr zu stehen.</p> - -<p>Die arme kleine Faust, sie war in der ihren ganz warm geworden. Ihr -war, als hätte es ihr gut getan, sie festzuhalten.</p> - -<p>Doch. Sie wollte versuchen, ihn zu malen. Ein lebendiges Frätzchen -hatte er. Er sollte dann Milch mit einem Tropfen dünnen Kaffee und -gutes Butterbrot bekommen, und dann wollte sie arbeiten und mit Ausjen -plaudern.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Drittes_Buch">Drittes Buch</h2> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> - -<h3 id="III_I">I.</h3> -</div> - -<p>An einem lichten und lauen Maiennachmittag, der sich schon zum Abend -neigte, lag Sonnenglanz über den schwarzen Bauplätzen; die nackten -Brandmauern waren rotgolden, und die Fabrikschlote glühten lederbraun -im Sonnenbrand. Die Umrisse der Stadt mit hohen und niedrigen Dächern, -großen und kleinen Häusern zeichneten sich gegen die grauviolette Luft -scharf ab, die geschwängert war von Staub und Rauch und Dünsten.</p> - -<p>Das Bäumchen an der roten Mauer trug klare, gelbgrüne Blättchen, durch -die das Licht schien, in diesem Jahre wie im vergangenen.</p> - -<p>Jenny sah den Schimmel an den Bretterwänden der Lumpenbuden, wie -weich und leuchtend grün er war! Die Rußflocken an den Mauern der -Geschäftshäuser waren an einigen Stellen tiefschwarz und an anderen wie -von einer feinen glitzernden Silberhaut überzogen.</p> - -<p>Sie sah in die Luft hinaus. Den ganzen Vormittag hatte sie auf Bygdö -verbracht, dort hatte die Himmelskuppel sich dunkelblau und heiß über -den olivengoldenen Föhrenkronen und der Laubbäume bernsteinfarbenen -Knospen gewölbt. Aber hier schimmerte der Himmel über den hohen -Häusern und dem Netz der Telephondrähte fahlblau hinter einem feinen, -opalweißen Schleier von Dunst verborgen. Im Grunde war es übrigens -schöner so. Gert konnte es nicht sehen. Die Stadt war für ihn nur -immer schmutzig, häßlich und grau. Sie hatten sie alle verflucht, -diese Stadt, die Jungen aus den achtziger Jahren, die hier wie zur -Strafarbeit hergesandt waren. Jetzt stand<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> er sicher dort oben und -blickte in die Sonne hinaus, das Spiel des Lichtes mit Linien und -Farbtönen sah er kaum, für ihn war es nur ein Sonnenstreifen vor den -Gefängnismauern.</p> - -<p>Sie hielt ein Stück vor seinem Torweg inne und sah gewohnheitsmäßig die -Straße hinauf und hinunter. Bekannte waren hier nicht, Arbeitsleute -strömten hinüber zum „Vaterland“ oder nach der Stadt zu. Die Uhr war -also sechs.</p> - -<p>Jenny lief die Treppe hinauf, die abscheulichen Stufen, von denen -es zwischen den nackten Steinwänden widerhallte, wenn sie sich von -seinem Zimmer hoch oben herunterschlichen — in den späten Stunden der -Winternächte. Es war fast, als säße in diesen Wänden immer Kälte und -rauhe Luft.</p> - -<p>Sie lief schnell über den Korridor und pochte dreimal an seine Tür.</p> - -<p>Gram öffnete. Er zog sie mit dem einen Arm an sich, und während sie -sich küßten, verschloß er mit der freien Hand die Tür hinter ihr.</p> - -<p>Ueber seine Schulter hinweg erblickte sie die frischen Blumen auf -dem kleinen Tisch mit der Weinkaraffe und den ausländischen Kirschen -in einer geschliffenen Kristallschale. Ein leichter Dunst von -Zigarettenrauch lag über dem Raum. Sie wußte, daß er seit vier Uhr hier -gesessen und auf sie gewartet hatte mit all dem, was um ihretwillen -aufgebaut war.</p> - -<p>„Ich konnte nicht früher kommen, Gert,“ flüsterte sie. „Es tat mir so -leid, daß du warten mußtest.“</p> - -<p>Als er sie freigab, ging sie zum Tisch und beugte sich über die Blumen.</p> - -<p>„Ich darf doch zwei davon haben und mich schmücken, darf ich? O, ich -werde so verwöhnt, Gert, wenn ich bei dir bin.“ Sie streckte ihm beide -Hände entgegen.</p> - -<p>„Wann mußt du hier fort, Jenny?“ fragte er, während er ihre Arme ganz -behutsam küßte.</p> - -<p>Jenny senkte ein wenig den Kopf.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> - -<p>„Ich mußte versprechen, zum Abendessen zu Hause zu sein, du. Mama sitzt -ja immer auf und wartet auf mich, und sie ist müde vom Tage. Sie hat es -so nötig, daß ich ihr des Abends mit diesem oder jenem zur Hand gehe,“ -sagte sie schnell.</p> - -<p>„Es ist nicht so leicht, von Hause loszukommen, weißt du,“ setzte sie -flehend hinzu.</p> - -<p>Er senkte den Kopf unter ihren vielen Worten. Als sie ihm entgegenkam, -zog er sie fest an sich. Sie barg ihr Antlitz an seiner Schulter.</p> - -<p>Sie konnte nicht lügen, das arme Ding, nicht einmal so gut, daß er auch -nur eine einzige barmherzige Sekunde daran glaubte. Den kurzen, kurzen -Winter über, in den ersten blaugrünen Lenztagen, da hatte sie sich -immer von Hause freimachen können.</p> - -<p>„Es ist ja traurig für uns. Aber es ist jetzt so schwer, wo ich zu -Hause wohne, das wirst du begreifen. Und es muß sein, Mama braucht das -Geld und außerdem muß ich ihr helfen. Du gabst mir ja recht, als ich es -für das Richtigste hielt, nach Haus zu ziehen?“</p> - -<p>Gert Gram nickte. Sie hatten sich aufs Sofa gesetzt, dicht aneinander -geschmiegt. Jennys Kopf lag an seiner Brust, so daß er ihr Gesicht -nicht sehen konnte.</p> - -<p>„Du, ich war heute auf Bygdö, Gert. Ich ging dort umher, wie wir -kürzlich zusammen. Wir fahren beide bald wieder dort hinaus, nicht -wahr? Vielleicht übermorgen, wenn das Wetter sich hält? Dann finde -ich schon eine Ausrede daheim, daß wir den ganzen Abend zusammen sein -können, willst du? Du bist sicher betrübt darüber, daß ich so schnell -wieder fort muß, nicht wahr?“</p> - -<p>„Liebste Jenny, das habe ich dir doch tausendmal gesagt —,“ sie hörte -es seiner Stimme an, daß er nun wieder mit seinem trüben Lächeln dasaß: -„Ich bin dir für jede einzige Sekunde dankbar, die du deinem Freunde -schenkst.“</p> - -<p>„Sprich nicht so, Gert,“ bat sie gequält.</p> - -<p>„Warum darf ich das nicht sagen, wenn es so ist? Mein geliebtes, -kleines Mädchen, meinst du, ich werde<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> jemals vergessen, daß alles, was -du mir gegeben, eine fürstliche Gnade war, daß ich nie begreifen werde, -wie du es mir geben konntest?“</p> - -<p>„Gert! Im Winter, als ich merkte, daß du mir gut bist, wie gut du mir -bist, sagte ich zu mir selber, daß es ein Ende haben müsse. Aber da -begriff ich auch, daß ich ohne dich nicht sein könnte, und so wurde ich -dein. War das eine Gnade? Wenn ich dich nicht lassen konnte?“</p> - -<p>„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich -eine fürstliche Gnade nenne.“</p> - -<p>Stumm schmiegte sie sich an ihn.</p> - -<p>„Du junge, herrliche kleine Jenny —.“</p> - -<p>„Ich <em class="gesperrt">bin</em> nicht jung, Gert. Als du mich trafst, fing ich schon -an, alt zu werden, ich bin nie jung gewesen. Ich fand, <em class="gesperrt">du</em> warst -jung, viel jünger in deinem Herzen als ich, denn du glaubtest noch -immer an alles, was ich verlachte und Kinderträumereien nannte, bis -du mich glauben lehrtest, daß es das gab, Liebe und Wärme und all das -Andere —.“</p> - -<p>Gert Gram lachte still vor sich hin. Dann flüsterte er:</p> - -<p>„Vielleicht war mein Herz nicht älter als das deine, du. Ich fand -jedenfalls, daß ich noch keine Jugend gehabt hatte, und ich hoffte -trotzdem tief im Innern, daß sie einmal, ein einziges Mal, mich -streifen würde — die Jugend. Doch war mein Haar inzwischen weiß -geworden.“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf. Sie erhob ihre Hand und legte sie auf seinen -Scheitel.</p> - -<p>„Ist mein Kleines müde? Soll ich dir die Schuhe ausziehen? Willst du -dich hinlegen und ausruhen?“</p> - -<p>„Nein. Ich will so liegen. Es tut so gut.“</p> - -<p>Sie zog die Beine hoch und schmiegte sich in seinem Schoß. Gert legte -den Arm um sie. Mit der freien Hand schenkte er Wein ein und hielt ihr -das Glas an den Mund. Sie trank begierig. Dann reichte er ihr Kirschen, -nahm die Steine von ihren Lippen und legte sie auf den Teller.</p> - -<p>„Du, ich will bei dir bleiben. Ich schicke einen Boten nach Hause und -lasse sagen, daß ich Heggen getroffen<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> habe. Er ist sicher in der -Stadt. Aber ich muß nach Hause, ehe die letzte Straßenbahn fährt. — -Leider.“</p> - -<p>„Ich werde für dich gehen.“ Er ließ sie auf das Sofa niedergleiten. „Du -sollst liegen und dich ausruhen. Oh, mein Kind!“</p> - -<p>Als er gegangen, knöpfte sie die Schuhe auf und schob sie von sich. Sie -trank noch etwas von dem Wein. Dann kroch sie ganz auf das Sofa hinauf, -bohrte den Kopf tief in die Kissen und zog die Decke über sich. —</p> - -<p>Sie liebte ihn ja doch. Sie wollte bei ihm sein. Wenn sie so sitzen, -sich ganz zusammenrollen und in seinen Armen ruhen durfte, dann war ihr -wohl. Er war ja der einzige Mensch auf der Welt, der sie auf den Schoß -genommen und sie gewärmt, der sie geborgen und kleines Mädchen genannt -hatte. Ja, er war der Einzige, der ihr wirklich nahe gestanden. Darum -wurde sie sein.</p> - -<p>Wenn er sie nur bei sich halten und sie schützen wollte, so daß sie -nichts sah, sondern nur fühlte, daß er sie umschlungen hielt und -wärmte. Dann ging es ihr gut. O nein, sie durfte ihn wohl nicht -verlieren. Und so mußte sie ihm denn das Wenige geben, das sie besaß, -wenn sie von ihm erhielt, was sie nicht entbehren konnte.</p> - -<p>Er durfte sie küssen, mit ihr tun, was er wollte. Wenn er nur nicht -sprach. Denn dann entfernten sie sich so weit von einander. Er sprach -von Liebe, aber ihre Liebe war nicht, wie er glaubte. Sie konnte es -aber nicht mit Worten erklären; sie klammerte sich nur an ihn — und -das war keine Gnade, kein fürstliches Geschenk. Es war nur eine kleine, -bettelnde Liebe, für die er nicht danken durfte, er sollte sie nur -liebhaben und kein Wort sagen.</p> - -<p>Als er wieder heraufkam, öffnete sie weit die Augen. Sie schloß -sie aber wieder unter seinen stillen, ehrfürchtigen Liebkosungen -und lächelte leise. Dann schlang sie die Arme um seinen Körper und -klammerte sich an ihn. Das schwache Veilchenparfüm, das er an sich -hatte, duftete so mild und frisch. Und sie nickte still, als er sie -fragend aufhob. Er wollte sprechen, aber sie legte erst die Hand<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> auf -seinen Mund und küßte ihn dann, so daß er nichts sagen konnte, während -er sie behutsam in das Nebenzimmer trug.</p> - -<p class="mtop2">Gert begleitete sie zur Straßenbahn. Einen Augenblick blieb sie draußen -auf der Plattform stehen und sah ihm nach, wie er drüben auf der Straße -in der blauen Maiennacht verschwand. Dann setzte sie sich hinein.</p> - -<p>Gram hatte seine Frau um die Weihnachtszeit verlassen. Er wohnte jetzt -allein in der Stenerstraße. Außer dem Büro hatte er noch ein Zimmer. -Jenny wußte, daß er daran dachte, eine Scheidung herbeizuführen, wenn -einige Zeit hingegangen und Rebekka Gram eingesehen hätte, daß er nicht -zurückkehren würde. Es entsprach seiner Natur, so vorzugehen, mit -einemmale einen Bruch herbeizuführen, das vermochte er nicht.</p> - -<p>Was er eigentlich weiter von der Zukunft erwartete, wagte sie sich -nicht vorzustellen. Meinte er wohl, daß sie ihn heiraten würde?</p> - -<p>Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie nicht eine Sekunde die -Absicht gehabt hatte, sich für immer an ihn zu binden. Darum aber -empfand sie dies alles wie eine bittere, hoffnungslose Demütigung, wie -eine Schande, sobald sie nicht bei ihm war und sich mit seiner Liebe -betäuben konnte. Sie hatte ihn betrogen, die ganze Zeit über hatte sie -ihn betrogen.</p> - -<p>„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich -eine unbegreifliche Gnade nenne.“</p> - -<p>Was konnte sie dafür, daß er es mit diesen Augen ansah?</p> - -<p>Er hätte sie nicht zu seiner Geliebten gemacht, wenn sie selbst es -nicht gewollt, wenn sie ihn nicht hätte fühlen lassen, daß sie es -wollte. Aber, o Gott! Sie fühlte doch, daß er sich danach sehnte, es -quälte sie, bei jedem Zusammensein sich begehrt zu wissen und zu sehen, -wie er kämpfte, um zu verbergen, was er viel zu stolz war zu zeigen. -Ja, sie hatte gesehen, daß er stolz war, zu stolz,<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> um dort zu bitten, -wo er einstmals nur seine Hilfe geboten. Vielleicht auch zu stolz, um -sich einer Abweisung auszusetzen. Und da sie wußte, daß sie seine Liebe -nicht von sich weisen, nicht den einzigen Menschen hergeben konnte, der -sie liebte. Konnte sie wohl anders handeln, anders ehrenhaft bleiben, -als daß sie ihm bot, was sie besaß und auf diese Weise zu vergelten -suchte, was er mit seinem Reichtum an Liebe, die sie nicht missen -konnte, an ihr tat.</p> - -<p>Aber dann kam hinzu, daß sie Worte hatte aussprechen müssen, stärker -und heißer als ihre Gefühle. Er aber hatte ihr geglaubt und sie bei -ihrem Wort genommen.</p> - -<p>Es geschah wieder und wieder. Kam sie zu ihm, freudlos, mutlos, -müde vom Grübeln darüber, wie das enden solle, und sie sah, daß er -es spürte, dann sagte sie ihm wieder warme Worte und heuchelte viel -Stärkeres als sie fühlte. Und er glaubte ihr.</p> - -<p>Er wußte von keiner anderen Liebe als derjenigen, deren Wesen das Glück -ist. Unglück in der Liebe, das kam von außen her, von der Tücke des -Schicksals oder von einer grausamen Gerechtigkeit, die alles Unrecht -strafte. Sie wußte, was er fürchtete: daß ihre Liebe eines Tages -hinsterben könnte, wenn sie sähe, daß er zu alt sei, um ihr Geliebter -zu sein. Aber niemals hatte er ahnen können, daß ihre Liebe krank -<em class="gesperrt">geboren</em> war, mit dem Todeskeim in sich.</p> - -<p>Es würde nichts nützen, ihm das zu erklären. Er würde es nicht -verstehen: daß sie Zuflucht in seinen Armen gesucht, weil er der -Einzige war, der sie ihr geboten hatte. Sie war so todeinsam gewesen. -Als er ihr Liebe und Wärme bot, vermochte sie nicht, dies von sich zu -stoßen. Obgleich sie hätte wissen müssen, daß sie es nicht annehmen -durfte — sie war dieser Liebe nicht würdig. Nein, er war nicht alt. -Die Leidenschaft eines Zwanzigjährigen, der kindliche Glaube und die -andächtige Anbetung, eines reifen Mannes Wärme und Güte, all die -Liebe, die ein Mannesleben fassen konnte, flammten jetzt an der Grenze -des Alters noch einmal auf. Sie<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> hätten einer Frau zuteil werden -sollen, die mit einem gleichen Gefühl vergelten, die in den kurzen -verbleibenden Jahren ihres Zusammenseins ihn das ganze Dasein, das er -herbeigesehnt, wovon er geträumt und das er erhofft, durchleben lassen -könnte, so daß sie durch tausend glückliche Erinnerungen an seine Seite -gekettet wäre, wenn das Alter käme — in getreuer Liebe als seiner -Jugend und seines Mannestums Gefährtin bei ihm ausharrend und nun -auch mit ihm alternd. Aber sie —. Wenn sie auch versuchen wollte, zu -bleiben, was konnte sie ihm geben, wenngleich sie wollte? Nie hatte -sie ihm je etwas darbieten können — sie hatte nur genommen. Es nützte -ihr nichts, daß sie versuchte zu bleiben, auf die Dauer konnte sie ihn -nicht täuschen und zu dem Glauben zwingen, daß ihre Lebenssehnsucht -durch diese erste Liebe für immer gestillt sei.</p> - -<p>Er würde sagen, sie solle gehen. Sie habe geliebt und gegeben, jetzt -liebe sie aber nicht mehr und solle wieder frei sein. So würde es -in seinen Augen aussehen; nie würde er begreifen, daß sie deshalb -trauerte, weil sie nichts, nichts, nichts hatte geben <em class="gesperrt">können</em>.</p> - -<p>Ah, er peinigte sie, wenn er von ihren Gaben sprach. Ja, sie war -Mädchen, als sie sein wurde. Er betonte es, als wenn es ihm ein Maßstab -dafür sei, wie unendlich tief und stark ihre Liebe wäre. Hatte sie ihm -doch die Reinheit ihrer Jugend geschenkt.</p> - -<p>Die Unberührtheit ihrer neunundzwanzig Jahre. O ja, sie hatte sie wie -ein weißes Brautgewand gehütet, das sie nicht angetastet und nicht -befleckt hatte. In Sehnsucht und Angst, daß sie es niemals tragen -würde, in Verzweiflung über ihre eisige Einsamkeit, über ihr Unvermögen -in der Liebe, hatte sie sich daran geklammert, es zerknittert und mit -ihren Gedanken befleckt. — War die nicht reiner, die das Leben der -Liebe gelebt, als sie, die nur gegrübelt, gespäht und sich gesehnt -hatte, bis alle Kräfte von dieser Sehnsucht gelähmt waren?</p> - -<p>Als sie dann sein geworden — wie wenig Eindruck hatte es auf sie -gemacht. Sie war nicht völlig kalt<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> gewesen. Mitunter hatte seine Liebe -sie hingerissen. Aber sie heuchelte Glut und war nur lau. War sie nicht -bei ihm, so dachte sie kaum daran, sie spiegelte ihm eine erlogene -Sehnsucht vor, um ihn zu erfreuen. Ja, sie heuchelte und heuchelte -seiner ehrlichen Leidenschaft gegenüber.</p> - -<p>Und doch, es hatte eine Zeit gegeben, wo sie nicht nur geheuchelt hatte -— oder, belog sie Gert, so belog sie auch sich selber. Sie hatte einen -Sturm in sich gefühlt, es war wohl Mitleid mit ihm und seinem Geschick -und Auflehnung gegen ihr eigenes, weshalb sie Beide, jeder auf seine -Art, im Verlangen nach etwas Unmöglichem sich zerrissen, und dazu kam -noch die grauenhafte Angst, wohin das alles führen solle. Damals hatte -sie gejubelt, daß sie ihn liebte. Sie hatte sich ja in dieses Mannes -Arme stürzen müssen, so wahnsinnig es auch war.</p> - -<p>An jenem Abend hatte sie in der Straßenbahn gesessen und, auf all die -schläfrigen, ruhigen Bürger blickend, triumphiert. Sie kam von ihrem -Geliebten, um sie und ihn lag das Unwetter des Schicksals, sie hatte -da hinaus müssen und wußte nicht, wohin es sie treiben würde. Sie war -stolz auf ihr Geschick gewesen, weil Unglück und Finsternis drohten.</p> - -<p>Jetzt aber sehnte sie sich nur nach einem Ende. Machte Pläne für eine -Auslandsreise, Flucht vor alledem. Sie hatte Cescas Einladung, nach -Tegneby zu kommen, angenommen, um den Bruch vorzubereiten.</p> - -<p>Es war jedenfalls besser für Gert, daß er jetzt allein war. Hatte sie -es erreicht, daß er dem Zusammenleben mit jener ein Ende gemacht, so -hatte sie ihm doch etwas Gutes getan.</p> - -<p class="mtop2">Jenny gegenüber saßen zwei junge Frauen. Sie waren vielleicht -nicht älter als sie, nur verkommen und verbraucht von dem Leben in -langjähriger Ehe. Vor drei, vier Jahren waren es vielleicht noch ein -paar hübsche Geschäftsmädchen gewesen, die sich putzten und mit ihren -Kavalieren in den Nordmarken Sport trieben. Ja, jetzt<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> glaubte sie, -das Gesicht der einen von dort her wiederzuerkennen — sie hatten an -einem Osterfest zusammen auf Hakloa übernachtet. Sie war Jenny sogar -aufgefallen mit ihrer geschmeidigen Gestalt und weil sie so gut Ski -lief und so keck und schick in der Sportstracht ausgesehen hatte.</p> - -<p>In gewisser Beziehung war sie noch heute herausgeputzt. Das -Straßenkostüm war modern, aber es saß nicht und die Figur hatte keine -Festigkeit mehr, sie war behäbig und dick geworden, während Schultern -und Hüften dabei eckig geblieben waren. Das Gesicht erschien alt, die -Zähne waren schlecht, mürrische Furchen zogen sich um den Mund. Das -Ganze krönte ein großer Hut mit vielen Straußenfedern. Sie predigte und -die Freundin hörte eifrig zu, mit gespreizten Knien träge dasitzend, -die Hände in einem Riesenmuff auf dem schwangeren Leibe vergraben. -Eigentlich war ihr Gesicht hübsch, aber fett und rotfleckig, mit einem -Doppelkinn.</p> - -<p>„Ja, den Käse muß ich also im Büfett verschließen; kommt er hinaus in -die Küche, dann sind am anderen Morgen nur Rinden übrig. Ein schwerer -Schweizer Käse zu fast drei Kronen das Pfund!“</p> - -<p>„Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen.“</p> - -<p>„Aber nun sollen sie etwas hören! Hinter Eiern ist sie her wie — -ich weiß nicht was. Neulich komme ich ins Mädchenzimmer — sie ist -unglaublich schmutzig — und da riecht es in der Kammer ...! Die Betten -sind nicht gemacht — wer weiß wie lange Zeit. Nein, aber Solveig, sage -ich, und als ich die Decke hochhebe, da hat sie drei Eier und eine -Papiertüte mit Zucker in dem schmutzigen Bett liegen — was sagen Sie -dazu? Na, sie sagte, sie hätte alles selber gekauft, und das mag bei -dem Zucker wohl stimmen —.“</p> - -<p>„Ja, das glaube ich auch,“ sagte die andere.</p> - -<p>„Na ja, der war ja auch in einer Tüte, aber die Eier hat sie genommen. -Ich sagte ihr das aber auch, können Sie mir glauben. Aber nun sollen -Sie etwas hören! Letzten Sonnabend komme ich in die Küche, wir<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> sollten -Reisbrei zu Mittag haben, oho, da steht der Topf auf dem Gase und -amüsiert sich, während das Mädel in ihrer Kammer sitzt und häkelt. Und -ich rufe sie und rühre inzwischen im Topf herum — und was glauben -Sie, was ich mit der Kelle auffische? Ein Ei, wollen Sie das glauben? -Sie kocht sich ein Ei im Reisbrei, na ich mußte lachen, aber können -Sie sich eine solche Schweinerei vorstellen? Ich sagte ihr aber meine -Meinung und zwar gehörig. Was sagen Sie nur dazu?“</p> - -<p>„O Gott, Dienstmädchen. — Ja, wissen Sie, was meine neulich gemacht -hat? ...“</p> - -<p>Diese beiden hatten sich als junge Mädchen sicher auch nach Liebe -gesehnt — auf ihre Art. Nach einem frischen und strammen Burschen -in fester Stellung, einem Manne, der sie von den einförmigen -Arbeitstagen im Büro oder Geschäft erlöste, sie in ein kleines Heim -brachte, in dessen drei Zimmern sie all ihre eigenen Kleinigkeiten -ausbreiten durften, all diese Stickereien mit Heckenröschen und blauen -Glockenblumen, in die sie ihre Mädchenträume verwoben hatten.</p> - -<p>Mädchenträume der Liebe hatten auch sie geträumt. Doch jetzt -belächelten sie diese überlegen. Es war ihnen eine Genugtuung denen -gegenüber, die jetzt so träumten, festzustellen, wie ganz anders die -Wirklichkeit doch war. Sie waren stolz darauf, zu den Eingeweihten zu -gehören, welche wußten, wie die Wirklichkeit aussah. Vielleicht waren -sie sogar zufrieden.</p> - -<p>Glücklich dennoch, wer unzufrieden. Glücklich, wer nicht abdankte und -sich damit begnügte, daß das Leben ihm ein Armeleutedasein bot. Wer -trotzdem sagte, ich glaube meinen Träumen, kein anderes Glück gibt es -für mich außer dem, das ich begehrte. Ich glaube doch, dies Glück gibt -es. Zeigt es sich mir nicht, so trage ich eben Schuld daran, ich war -dann eine schlechte Jungfrau, die nicht imstande war, zu wachen und des -Bräutigams zu harren. Doch die klugen Jungfrauen werden ihn schauen, -sie werden in seinem Haus Einzug halten zum Tanz —.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p> - -<p>In dem Schlafzimmer der Mutter brannte Licht, als Jenny nach Hause kam. -Sie ging hinein und mußte von der Gesellschaft auf Ahlströms Atelier -erzählen und wie es Heggen ging.</p> - -<p>Ingeborg und Bodil schliefen hinten im Halbdunkel, die schwarzen -Flechten hingen über die Kissen herab.</p> - -<p>Es rührte Jenny nicht im geringsten, dastehen und der Mutter etwas -vorlügen zu müssen. Sie hatte es immer getan, seit sie als Schulmädchen -in munterem Tone von den Kindergesellschaften berichten mußte, auf -denen sie einsam dagesessen und der Anderen Tanz zugeschaut hatte, -unglücklich und verlassen, ein kleines Mädchen, das nicht mittanzen -konnte und nichts sagte, was den Jungen Vergnügen machte.</p> - -<p>Wenn Ingeborg und Bodil vom Balle kamen, saß die Mutter aufrecht im -Bett, fragte und hörte zu und lachte, vom Lampenlicht mit jugendlicher -Röte übergossen. Sie konnten der Mama immer die Wahrheit sagen, denn -die war munter und lachend. Vielleicht unterschlagen sie das eine oder -andere kleine Erlebnis, das so lustig war, daß sie es für sich behalten -wollten. Was tat das, ihr Lächeln war doch echt.</p> - -<p>Jenny küßte die Mutter und wünschte ihr Gute Nacht. Im Wohnzimmer riß -sie aus Versehen eine Photographie herunter. Sie hob sie auf und wußte -im Dunkeln, wer es war. Sie stellte einen Bruder von Jennys rechtem -Vater dar, mit seiner Frau und seinen Töchtern. Er hatte in Amerika -gelebt, so daß sie ihn nie zu Gesicht bekamen. Jetzt war er tot, und -niemand dachte mehr an das Bild. Sie wischte dort jeden Tag Staub und -sah es gar nicht, es war wie jeder andere Nippesgegenstand.</p> - -<p>Als sie in ihrem Kämmerchen war, begann sie ihr Haar zu lösen.</p> - -<p>Sie hatte ja immer ihrer Mutter etwas vorgelogen. Wie hätte sie ihr -gegenüber denn ehrlich sein können, ohne ihr Kummer zu bereiten? Und -wozu sollte sie es auch —?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p> - -<p>Niemals würde die Mutter sie verstanden haben. Bei ihr hatten Glück -und Trauer sich abgelöst, seit sie ganz jung war. — So war sie mit -Jennys Vater glücklich gewesen und weinte über seinen Tod. Dann hatte -sie mit dem Kinde allein fortgelebt und war zufrieden gewesen. Als -sie Nils Berner traf, hatte er ihr Dasein mit neuem Glück und neuem -Elend erfüllt. Und wieder lebte sie weiter in den Kindern. Die Kinder -bedeuteten das Glück des Mutterseins, das greifbare Ausgefülltsein -einer Leere, ein Glück, das mit tatsächlichen Leiden erkauft, das allzu -körperlich, klein und warm in ihrem Arme gelegen hatte, um angezweifelt -zu werden. Ja, sein Kind zu lieben, das mußte wohl tun. Diese Liebe war -so natürlich, daß man darüber nicht zu grübeln brauchte. Eine Mutter -zweifelte nicht daran, daß sie ihr Kind liebte, daß sie sein Bestes -im Auge hatte, und zu seinem Wohle handelte, auch nicht daran, daß -das Kind sie wiederliebte. So groß aber ist die Gnade der Natur gegen -die Mütter, daß der Kinder innerster Instinkt es nicht zuläßt, die -bittersten und unheilbarsten Sorgen zur Mutter zu tragen. Sie erfahren -von nicht viel Anderem als von Krankheit und Geldsorgen. Niemals von -dem Unwiederbringlichen — der Schande, der Niederlage im Leben — und -wenn das Kind wimmerte vor Leid — eine Mutter glaubt nicht, daß das -Verlorene unersetzbar sei.</p> - -<p>Nichts dürfte die Mutter von ihrem Kummer erfahren — die Natur selbst -hatte dort eine Mauer errichtet. Niemals würde Rebekka Gram den zehnten -Teil von dem erfahren, was ihr Kind um ihretwillen gelitten hatte. Wie -hatte Frau Lund um ihren schönen Sohn geweint, als er verunglückte. -Noch immer trauerte sie tief und wehmütig über ihren Jungen und träumte -von der reichen Zukunft, der er entrissen worden. Seine Mutter war -die Einzige, die nicht ahnte, daß er sich erschossen hatte, um nicht -irrsinnig zu werden.</p> - -<p>Die Mutterliebe stand auch keinem anderen Glück im Wege. Von dieser -oder jener Mutter wußte sie, daß<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> sie Liebhaber gehabt hatte und -glaubte, die Kinder sähen es nicht. — Da gab es solche, die sich -scheiden ließen und auf andere Art glücklich wurden. Nur, wenn die neue -Liebe eine Enttäuschung war, so jammerten sie und waren reuig. Ihre -Mutter hatte sie vergöttert, und doch hatte ihre Liebe für Berner Raum -gehabt, sie war mit ihm glücklich gewesen. Gert hatte seine Kinder -geliebt, und eines Vaters Liebe war wohl nachdenklicher, verstehender, -weniger instinktiv, als die einer Mutter. Und doch hatte er in diesem -Winter kaum an Helge gedacht.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_II">II.</h3> - -</div> - -<p>Jenny hatte drinnen beim Stationsvorsteher die Post geholt. Sie gab -Franziska die Zeitungen und ihren Brief und öffnete ihren eigenen. -Draußen auf dem Kiese des Bahnsteiges mitten im Sonnenbrand stehend, -überflog sie Gerts langes Schreiben. Die liebevollen Worte am Anfang -und am Schlusse las sie, während sie das Uebrige überging. Es waren nur -lange allgemeine Betrachtungen über die Liebe.</p> - -<p>Jenny steckte den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn in ihre -Handtasche. Oh, diese Briefe von Gert — sie war fast nicht imstande, -sie zu lesen. Die Worte allein zeigten ihr, daß sie sich doch nicht -verstanden. Sie fühlte es, wenn sie miteinander sprachen; beim -Schreiben trat es aber klar zutage.</p> - -<p>Und dennoch <em class="gesperrt">war</em> Wesensverwandtschaft zwischen ihnen. Warum -konnten sie dann nicht harmonieren?</p> - -<p>War er stärker oder schwächer als sie? Er hatte verloren und verloren, -hatte resigniert und sich an allen Ecken und Kanten beugen müssen — -und fuhr fort zu hoffen, fuhr fort zu leben und fuhr fort zu glauben. -— War das Weichheit oder Lebenskraft? Sie verstand ihn nicht.</p> - -<p>Vielleicht lag es doch am Altersunterschied. Er <em class="gesperrt">war</em> nicht alt. -Aber seine Jugend stammte aus einer anderen Zeit. Er gehörte zu eine -Jugend, die jetzt ausgestorben<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> war, einer Jugend mit gesünderem -Glauben und mehr Naivität. Vielleicht war auch sie naiv — mit -ihrem Glauben und ihren Zielen. Aber dann war es eine andere Art -von Naivität. Die Worte wechseln im Laufe von zwanzig Jahren ihre -Bedeutung, ob es letzten Endes das war?</p> - -<p>Der Kies leuchtete rotviolett und die graugelbe Farbe an der Mauer des -Stationsgebäudes platzte in der Sonnenhitze auf. Es dunkelte einen -Augenblick vor ihren Augen, als sie vom Abhang in die Höhe blickte. Es -war seltsam, aber sie vertrug die Hitze in diesem Jahre nicht gut.</p> - -<p>Ueber das Kirchspiel hin zitterte der heiße Dunst von Heuwiesen und -weißen Aeckern, ganz bis hinüber zum Waldrande, der sich schwarzgrün -gegen den sommerlich blauen Himmel abhob. Die wenigen Laubbäume vor den -Gehöften trugen bereits dunkle Kronen.</p> - -<p>Cesca las noch immer an ihrem Brief. Er war von ihrem Manne. Ihr -Leinenkleid leuchtete weiß gegen den blauen Kies des Bahnsteigs.</p> - -<p>Gunnar Heggen hatte sein Gepäck auf dem hinteren Sitz des Wägelchens -verstaut. Er liebkoste das Pferd und plauderte mit ihm, während er auf -die Damen wartete.</p> - -<p>Cesca steckte ihren Brief fort, hob den Kopf und machte eine Bewegung, -als wollte sie etwas verjagen.</p> - -<p>„Ja, du mußt entschuldigen, mein Junge — jetzt können wir fahren.“ Sie -und Jenny setzten sich auf den Vordersitz; Cesca lenkte selbst. „Das -ist furchtbar gemütlich, Gunnar, daß du kommen konntest! Ist es nicht -famos, daß wir drei wieder einige Tage zusammen sein können? Ich soll -euch beide von Lennart grüßen!“</p> - -<p>„Danke. Geht es ihm gut?“</p> - -<p>„O ja. Er berichtet nur Gutes. Es war wirklich genial von Papa und -Borghild, daß sie wegreisten. Ich bin jetzt mit Jenny allein auf -dem Hof, siehst du, und die alte Gina steht Kopf für uns — das ist -herrlich!“</p> - -<p>„Ja, es macht Freude, euch wiederzusehen, Mädelchen!“</p> - -<p>Er lachte sie beide so offenherzig an. Aber Jenny bildete sich ein, -sie hätte einen merkwürdig ernsten<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> Schimmer dahinter gesehen. Sie -wußte, daß sie verwelkt und müde aussah, Cesca in dem billigen, -fertiggekauften Leinenkleid glich einem Backfisch, der alt zu werden -anfing, ohne erwachsen gewesen zu sein. Es war ihr, als sei Cesca -kleiner geworden in diesem Jahre, aber sie zwitscherte und plauderte in -einem fort — was sie zum Mittagessen bekamen und zum Kaffee, ob sie -ihn im Garten trinken sollten, und von all dem Likör und Whisky und -Selterwasser, was sie eingekauft hatte.</p> - -<p class="mtop2">Als Jenny in der Nacht in ihr Zimmer hinaufkam, setzte sie sich auf das -Fensterbrett und ließ sich den frischen Luftzug, der mit den Gardinen -spielte, über das Antlitz wehen. Sie war ziemlich berauscht — ganz -unbegreiflich war es ihr, aber Tatsache.</p> - -<p>Sie konnte nicht verstehen, wie es zugegangen war. Anderthalb Glas -Whisky und einige Gläschen Likör war alles, was sie getrunken, und -sogar nach dem Abendessen — allerdings hatte sie nicht viel gegessen, -aber sie hatte augenblicklich keinen Appetit. Starken Kaffee hatte es -auch gegeben.</p> - -<p>Vielleicht war gerade der Kaffee schuld — und die Zigaretten. Obgleich -sie jetzt weniger rauchte als früher.</p> - -<p>Jedenfalls hatte sie Herzklopfen und ein widerliches Hitzegefühl -durchrann sie in großen Wogen, so daß sie in Schweiß gebadet war. Das -Bild dort draußen drehte sich langsam vor ihren Augen — vorwärts und -zurück — die graugefärbte Ebene, das blaßleuchtende Blumenbeet und die -dunklen Baumkronen des Gartens an dem weißlichen Sommernachtshimmel. -Das Zimmer lief rund um sie her.</p> - -<p>Sie wankte, als sie die Waschschüssel mit Wasser füllte. Unsicher in -den Bewegungen war sie auch. Das ist doch aber ein Skandal. Es geht -bereits bergab mit dir, mein Kind. Nun verträgst du keinen Alkohol -mehr. Früher hatte sie das Doppelte trinken können, ohne etwas zu -verspüren.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p> - -<p>Erst hielt sie die Hände mit dem Puls unter Wasser. Dann badete sie -lange ihr Gesicht. Riß sich die Kleider vom Körper und ließ das Wasser -von dem nassen Schwamm über den ganzen Leib rieseln.</p> - -<p>Gott weiß, ob Gunnar und Cesca etwas gemerkt hatten. Sie selbst hatte -zwar erst jetzt, als sie heraufkam, etwas verspürt. Wie gut, daß der -Oberstleutnant und Borghild nicht zu Hause waren.</p> - -<p>Es wurde besser, als sie sich eine Weile gewaschen hatte. Sie zog ihr -Nachthemd über und setzte sich wieder ans Fenster.</p> - -<p>Die Gedanken schwirrten ziellos zwischen Fragmenten der Gespräche des -Tages mit Gunnar und Cesca umher. Mitten drin stand ihre Verwunderung -hellwach still — vor der Erkenntnis, daß sie sich betrunken hatte! Es -war ihr noch nie zuvor begegnet — sie kannte das Gefühl kaum, auch -wenn sie einmal viel trank.</p> - -<p>Jetzt war es übrigens sicher vorbei, sie fühlte sich matt und schläfrig -und kalt. Sie stand auf und taumelte in das große Himmelbett. Wenn sie -nun erst am späten Vormittag erwachte — jedenfalls würde es eine neue -Erfahrung sein.</p> - -<p>Soeben hatte sie sich in den Kissen zurechtgelegt und die Augen -geschlossen, als die widerwärtige üble Hitze sie wieder überflutete, so -daß der Schweiß aus allen Poren brach. Das Bett wankte wie ein Schiff -im Wellengang, so daß sie seekrank wurde. Sie lag eine Weile still da -und versuchte, Herr über diese widerliche Empfindung zu werden — ich -will nicht, ich will nicht. Aber es nutzte nichts — der Mund lief -voller Wasser. Es war gerade noch Zeit genug, zum Zimmer zu gelangen, -ehe sie sich erbrach.</p> - -<p>Aber du großer Gott, war sie wirklich so betrunken? Jetzt wurde es -geradezu unangenehm. Aber nun war es wohl vorüber. Sie brachte alles -wieder in Ordnung, trank einen Schluck Wasser und legte sich nieder. -Jetzt konnte sie vielleicht schlafen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p> - -<p>Aber als sie kurze Zeit mit geschlossenen Augen gelegen hatte, -begann der Seegang von neuem, ebenso Schweiß und Uebelkeit. Es war -erstaunlich, da sie doch jetzt völlig klar im Kopfe war. Trotzdem mußte -sie noch einmal auf.</p> - -<p>Im Augenblick, als sie zum Bett zurückging, blitzte ein Gedanke in ihr -auf. —</p> - -<p>Still. Sie legte sich hin und bohrte den Nacken ins Kopfkissen. Es -war ja unmöglich. Sie wollte nicht daran denken. Aber sie konnte es -nicht lassen und überlegte sich: Sie hatte sich die ganze letzte Zeit -hindurch nicht wohl gefühlt.</p> - -<p>Müde und zermürbt war sie natürlich. Zerquält und nervös. Deshalb -hatte sie vielleicht nicht das winzige Bißchen gestern Abend vertragen -können. Wahrhaftig, sie begriff, daß Menschen Abstinenzler wurden nach -einigen solchen Nächten.</p> - -<p>An das Andere <em class="gesperrt">wollte</em> sie nicht denken. War es traurige -Wirklichkeit, so erfuhr sie es noch zeitig genug. Nur sich nicht mit -Beängstigungen plagen, ehe es notwendig war.</p> - -<p>Jenny öffnete das Nachtkleid und strich sich über die Brüste.</p> - -<p>Sie <em class="gesperrt">wollte</em> schlafen. — Jetzt könnte sie natürlich nicht -aufhören, an diesen Unsinn zu denken — ach. Sie war doch so müde.</p> - -<p>In der ersten Zeit mußte sie natürlich immer daran denken, daß es wohl -Folgen haben könnte und war einige Male ängstlich gewesen. Sie hatte -aber ihre eigene Furcht beim Schopfe gepackt und sich gezwungen, sie in -vernünftigem Lichte zu sehen — ja, wenn nun etwas geschähe? Zum großen -Teil war es ja sinnloser Aberglaube, diese Furcht davor, ein Kind zu -bekommen. Derartiges geschah eben häufig — wollte sie schlechter sein -als alle die Arbeiterinnen, die sich allein mit dem Kind zurechtfanden? -Der größte Teil des Schrecks stammte ja von der Zeit, als eine -unverheiratete Frau in solchem Falle zum Vater oder zu Verwandten gehen -und bekennen mußte,<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> daß sie leichtsinnigen Vergnügungen nachgegangen -war, und daß sie nun die Kosten bezahlen sollten — sogar mit der -Aussicht, später niemals ihre Versorgung auf jemand anders abschieben -zu können. So daß diese dann mit gutem Recht erbittert waren.</p> - -<p>Aber niemand hatte das Recht, sich über sie zu erbittern. Schlimm -war es natürlich der Mama wegen. Aber Herrgott, wenn ein erwachsener -Mensch versuchte, sein Leben nach eigenem Gewissen zu leben, so hatten -die Eltern zu schweigen. Sie hatte versucht, ihrer Mutter so viel zu -helfen, wie es ihr möglich war, hatte sie nie mit Sorgen geplagt, -niemals ihren Ruf einer leichtsinnigen Tat wegen aufs Spiel gesetzt -— in Vergnügen oder Bummeln. Aber dort, wo ihre Ansichten über Recht -und Unrecht mit denen guter Bürger auseinander gingen, hatte sie den -eigenen zu folgen, selbst wenn es der Mutter weh tun würde, daß die -Bürger häßlich von ihr redeten.</p> - -<p>War ihr Verhältnis mit Gert sündig, so bestand die Sünde jedenfalls -nicht darin, daß sie zuviel gegeben hatte, sondern zu wenig. Und wie es -auch endete, so mußte sie dafür leiden und durfte nicht mucksen.</p> - -<p>Ein Kind zu versorgen, müßte sie eigentlich genau so gut imstande sein -wie alle die Mädchen, die nicht ein Zehntel von dem konnten, was sie -an Fähigkeiten besaß. Etwas Geld hatte sie ja auch noch übrig, so daß -sie fortreisen konnte. War es auch ein kümmerlicher Beruf, den sie sich -gewählt — viele ihrer Kollegen mußten doch sogar Frau und Kinder damit -ernähren. Außerdem hatte sie, seit sie annähernd erwachsen war, anderen -helfen müssen.</p> - -<p>Natürlich wäre es ja das Beste, der Sache zu entgehen. Bisher war es ja -gut gegangen.</p> - -<p>Sie wollte nicht daran denken. —</p> - -<p>Gert würde wohl verzweifelt sein.</p> - -<p>Oh, aber Herrgott — wenn es zutraf — jetzt! Wäre es wenigstens damals -gekommen, als sie ihn liebte — oder ihn zu lieben glaubte. Damit sie -in diesem Glauben hätte von ihm fortreisen können. Aber jetzt, jetzt, -wo alles, was zwischen ihnen bestanden hatte, in kleine Stückchen<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> -zerbröckelte, von ihrem Denken und Grübeln aufgezehrt.</p> - -<p>Sie hatte es in diesen Wochen hier auf Tegneby klar empfunden, -daß es so nicht weitergehen könne. Sie hatte sich hinausgesehnt, -nach neuen Verhältnissen, neuer Arbeit. Ja, die Arbeitssehnsucht -war zurückgekehrt. Sie hatte dieses krankhafte Verlangen von -sich abgeschüttelt, sich an einen Menschen anzuklammern, von ihm -umschmeichelt, umsorgt und „kleines Mädchen“ genannt zu werden.</p> - -<p>Sie hatte sich im Schmerz zusammengekrampft, wenn sie an den Bruch -dachte, und daß sie ihm wehe tun mußte. Aber Herrgott — sie hatte -ihm doch gegeben, solange sie konnte. Gert war glücklich gewesen. -Jedenfalls war er dem erniedrigenden Sklavendasein mit ihr — der Frau -— entronnen.</p> - -<p>Was sie selbst betraf, so hatte sie resigniert. Arbeit und Einsamkeit -würden ihr Leben bedeuten. Diese Monate aus ihrem Dasein auslöschen, -das wußte sie, konnte sie nicht. Sie würde die Erinnerung daran -behalten und die bittere Lehre dieser Zeit, daß die Liebe, die vielen -genügte, nicht für sie ausreichte, mit sich nehmen. Für sie schien es -besser, zu entbehren, als sich zu begnügen.</p> - -<p>O ja, vergessen würde sie diese Monate nicht. Aber gemildert würden -sie vor ihr stehen, und umgedichtet zu Erinnerungen an das kurze, -schmerzdurchzogene Glück und die bittere, reueerfüllte Qual. Mit der -Zeit wollte sie die Erinnerung an den Mann, gegen den sie blutiges -Unrecht verübt hatte, halbwegs auszulöschen suchen.</p> - -<p>Und jetzt trug sie vielleicht sein Kind.</p> - -<p>Aber es war ja undenkbar. Es war ja sinnlos, darüber nachzugrübeln. -Aber wenn es doch Wahrheit wurde?</p> - -<p class="mtop2">Jenny schlummerte endlich ein. Draußen war es schon ganz hell. Sie -schlief traumlos und tief. Als sie aber auffuhr, hellwach, war es nicht -viel lichter. Der Himmel war drüben über den Baumkronen des Gartens ein -wenig gelblicher und die Vögel zwitscherten schläfrig.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p> - -<p>Die gleichen Gedanken stellten sich im selben Augenblick wieder ein. -Jenny wußte, daß sie diese Nacht kaum mehr schlafen würde. Resigniert -gab sie nach und dachte alles von neuem durch.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_III">III.</h3> - -</div> - -<p>Heggen reiste ab und Oberstleutnant Jahrmann kehrte mit seiner ältesten -Tochter zurück. Diese fuhren dann wieder weiter zu einer verheirateten -Schwester Franziskas.</p> - -<p>Cesca und Jenny waren nun wieder allein auf Tegneby. Sie gingen jede -für sich umher, in ihre Gedanken eingesponnen.</p> - -<p>Jenny wußte jetzt bestimmt, daß sie schwanger war. Was es aber in -Wirklichkeit bedeutete, hatte sie sich noch nicht klargemacht. -Versuchte sie, ein wenig in die Zukunft zu denken, so streikte ihre -Phantasie. Eigentlich war ihr jetzt ungleich wohler zumute, als in den -verzweifelten Wochen, als sie unablässig darauf wartete, daß es sich -als Irrtum erweisen sollte.</p> - -<p>Sie tröstete sich damit, daß sich wohl ein Ausweg für sie, wie für die -vielen anderen, finden würde. Von ihrer Reise ins Ausland hatte sie -ja schon seit dem Herbst gesprochen. Wie an eine schwache Möglichkeit -dachte sie an Paris — dorthin zu fahren und zu einer <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">age-femmes</span> -zu gehen. Aber sie mochte es sich nicht genauer überlegen.</p> - -<p>Ob sie überhaupt Gert gegenüber erwähnen wollte, wie es mit ihr stand, -wußte sie nicht. Sie hatte die Absicht, es nicht zu tun.</p> - -<p>Wenn sie nicht mit sich selbst beschäftigt war, so dachte sie an Cesca. -Mit ihr war auch etwas nicht so, wie es sollte. Trotzdem war sie -sicher, daß Cesca Ahlin sehr gern hatte. War er es, der sich nichts -mehr aus ihr machte?</p> - -<p>Cesca hatte es schwer gehabt das Jahr hindurch, während sie verheiratet -gewesen, das merkte Jenny. Sie war so klein und schüchtern geworden. -Furchtbar beschränkt<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> waren ihre Verhältnisse, und sie saß abends -eine Stunde nach der anderen auf Jennys Bettrand und klagte über ihre -häuslichen Widerwärtigkeiten. Stockholm war so teuer und billiges Essen -herzustellen war schwer, wenn man so etwas nicht gelernt hatte. Alle -Hausarbeit ging schwer von der Hand, wenn man so irrsinnig erzogen -worden war wie sie. Und es war zum Verzweifeln, daß man die Arbeit, -kaum daß sie getan war, wieder von neuem in Angriff nehmen mußte. -Sowie sie das Haus gereinigt hatte, war es wieder schmutzig, und -kaum war sie mit dem Essen fertig, mußte aufgewaschen werden — und -dann hatte sie schon wieder Essen zu kochen und wieder abzuwaschen. -— Wenn Lennert auch versuchte, ihr zu helfen, so war er doch ebenso -ungeschickt und unpraktisch wie sie selbst. Dazu kamen ihre Sorgen -um ihn — das Monument hatte er nicht bekommen — niemals begegnete -er einer Anerkennung, trotzdem er doch so begabt war. Er war aber -nur zu vornehm, sowohl als Mensch wie als Künstler. Das war nun eben -nicht zu ändern, sie wünschte ja auch nicht, daß er anders wäre. Dann -diese langwierige Krankheit im Frühling — zwei Monate hatte er an -Scharlachfieber und Lungenentzündung und anderen Krankheiten, die -eine Folge davon waren, gelegen — diese Zeit hatte Cesca furchtbar -angegriffen.</p> - -<p>Da war aber etwas anderes, wovon Cesca nicht sprach — das fühlte -Jenny. Jenny wußte auch, sie konnte nicht so gegen Cesca sein wie -früher, sie hatte nicht mehr das ruhige Herz und den offenen Sinn, um -anderer Sorgen hinnehmen und trösten zu können. Es schmerzte sie, daß -sie Cesca nicht helfen konnte.</p> - -<p>Cesca war eines Tages nach Moß gefahren, um Einkäufe zu machen. Jenny -wollte sie nicht begleiten, so blieb sie denn daheim und vertrieb sich -die Zeit im Garten. Sie las, um nicht zu denken, und begann, Muster zu -stricken, weil sie die Gedanken nicht bei ihrer Lektüre sammeln konnte. -Aber sie verzählte sich bei der Arbeit, mußte trennen und strickte -wieder, indem sie sich zwang, aufzupassen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p> - -<p>Cesca kam nicht zum Essen nach Hause, wie sie versprochen hatte. Jenny -aß schließlich allein und beschäftigte sich den Nachmittag über, so -gut es ging. Sie rauchte, aber die Zigaretten schmeckten nicht, sie -strickte, aber die Arbeit sank ihr jeden Augenblick in den Schoß.</p> - -<p>Endlich gegen zehn Uhr fuhr Cesca die Allee herauf. Jenny war ihr -entgegengegangen. Gleich nachdem sie zu ihr auf das Wägelchen gestiegen -war, sah sie, daß irgendetwas vorgefallen sein mußte. Aber keine von -ihnen sprach.</p> - -<p>Erst gegen Ende der Mahlzeit, als sie bei der letzten Tasse Tee saßen, -sagte Franziska, ohne Jenny anzublicken, leise:</p> - -<p>„Weißt du, wen ich heute in der Stadt traf?“</p> - -<p>„Nein?“</p> - -<p>„Hans Hermann. — Er ist zu Besuch auf Jelö. Dort lebt ein altes, -reiches Fräulein Oehrn, bei der er wohnt. Sie protegiert ihn sozusagen -in Allem.“</p> - -<p>„Ist seine Frau mit?“ fragte Jenny nach einer Weile.</p> - -<p>„Nein, sie sind jetzt geschieden. Die Aermste, sie verlor ihren kleinen -Jungen im Frühling, ich las es in der Zeitung.“</p> - -<p>Dann begann Cesca von anderen Dingen zu sprechen.</p> - -<p class="mtop2">Als Jenny sich aber niedergelegt hatte, schlich sie zu ihr hinüber. -Sie kroch ins Himmelbett hinauf, setzte sich ans Fußende, zog die -Beine hoch und deckte ihren Nachtrock darüber. Die Arme über die -Knie verschränkt, saß sie in der weißen Dämmerung des Bettes; das -schwarzhaarige Köpfchen hob sich wie ein dunkler Schattenfleck gegen -die hellen Gardinen ab.</p> - -<p>„Du, ich reise morgen nach Hause. Ich telegraphiere morgen früh an -Lennart, und mittags fahre ich dann. Du weißt ja, Jenny, daß du -durchaus hier bleiben darfst, solange du Lust hast. Du mußt mich nicht -für rücksichtslos halten, aber ich wage es nicht, ich reise sofort.“</p> - -<p>Sie atmete schwer.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p> - -<p>„Ich verstehe es nicht, Jenny. Ich habe mit ihm gesprochen und er hat -mich geküßt, und doch schlug ich nicht nach ihm. Ich hörte allem zu, -was er mir sagte, und ich schlug ihm nicht einmal mitten ins Gesicht. -Ich <em class="gesperrt">liebe</em> ihn nicht mehr, das weiß ich jetzt, und dennoch hat er -diese Macht über mich. Weißt du, daß ich Furcht habe? Ich wage nicht -hierzubleiben, denn ich weiß nicht, wozu er mich verleiten könnte. -Wenn ich jetzt an ihn <em class="gesperrt">denke</em>, so hasse ich ihn, aber ich werde -geradezu versteinert, wenn er spricht. Ich kann nicht verstehen, daß -ein Mensch so zynisch sein kann, so brutal, so <em class="gesperrt">schamlos</em>! Es -ist geradezu, als könne er nicht begreifen, daß es etwas gibt, was -Ehre und Scham heißt. Er rechnet nicht damit und glaubt nicht, daß es -andere tun. Er geht ohne weiteres davon aus, daß es nur aus Berechnung -geschieht, wenn wir anderen an Recht und Unrecht glauben. Es ist -mir, als hypnotisierte er mich damit. Denk dir, ich bin den ganzen -Nachmittag mit ihm zusammen gewesen, und ich hörte mir an, was er -sagte. Ach Gott, er sprach davon, daß ich jetzt verheiratet sei und daß -ich nun meiner Tugend wegen nicht so zimperlich zu sein brauchte oder -wie er sagte. Uebrigens deutete er an, daß er jetzt frei sei und daß -ich mir irgendwie Hoffnungen machen dürfte, glaube ich. Er küßte mich -im Park, und mir war, als müßte ich aus vollem Halse schreien, aber -ich konnte nicht einen Laut hervorbringen. O Gott, wie war mir Angst! -Er sagte, er käme übermorgen hier hinaus — morgen haben sie große -Gesellschaft. Und die ganze Zeit ging er mit dem Lächeln umher, vor dem -ich schon früher solche Furcht hatte. —</p> - -<p>Muß ich nicht reisen, wenn es so mit mir steht?“</p> - -<p>„Doch, Cesca.“</p> - -<p>„Ich bin sicher eine Gans. — Aber du begreifst —“ rief sie plötzlich -heftig aus. „Ich wage es nicht, mich auf mich selbst zu verlassen. -Aber eines kannst du mir glauben: wäre ich Lennart untreu geworden, -weiß Gott, ich ginge geradenwegs zu ihm und erzählte es ihm, und dann -brächte ich mich sofort vor seinen Augen um —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p> - -<p>„Liebst du deinen Mann?“ fragte Jenny leise.</p> - -<p>Franziska schwieg einen Augenblick.</p> - -<p>„Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn richtig lieb hätte, so wie man soll, -dann hätte ich keine Angst vor Hans Hermann. Meinst du nicht auch, daß -ich Hans dann hätte ohrfeigen müssen, wenn er mich so behandelte und -mich küßte? Aber jedenfalls weiß ich, daß ich nicht würde weiterleben -können, wenn ich Lennart Unrechtes angetan hätte, verstehst du. Während -ich Franziska Jahrmann war, war ich nicht weiter vorsichtig mit dem -Namen. Aber jetzt heiße ich Franziska Ahlin. Und hätte ich nur den -Schatten eines Mißtrauens auf diesen Namen fallen lassen — seinen -Namen — so verdiente ich, daß er mich wie eine Dirne niederschösse. -Dazu ist Lennart nicht imstande, aber ich bin es, das weiß ich —.“</p> - -<p>Sie löste ihre Glieder plötzlich aus der verschlungenen Stellung und -schmiegte sich dicht an Jenny.</p> - -<p>„Nicht wahr, du glaubst an mich? Meinst du wohl, daß ich leben könnte, -wenn ich etwas Ehrloses getan hätte?“</p> - -<p>„Nein, Cesca.“ Jenny zog sie an sich und küßte sie. „Ich glaube nicht, -daß du es könntest.“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, was Lennart denkt. Er versteht mich nicht, siehst du. -Wenn ich aber nach Hause komme, so sage ich ihm alles. Wie es ist. Das -muß sein.“</p> - -<p>„Cesca,“ sagte Jenny sanft. Aber dann wollte sie doch nicht fragen, ob -Cesca glücklich war.</p> - -<p>Aber Cesca begann von selbst zu erzählen.</p> - -<p>„Ich habe es die ganze Zeit über schwer gehabt, siehst du. Es ist nicht -alles so einfach gegangen, das kannst du glauben. Ich war in vieler -Beziehung so unvernünftig, als ich mich verheiratete. Ich nahm Lennart -ja, weil Hans wieder anfing, mir zu schreiben, nachdem er geschieden -war, und weil er schrieb, daß er mich jetzt haben <em class="gesperrt">wollte</em>. Ich -hatte aber vor ihm Angst und wollte nicht wieder mit dergleichen -beginnen. Das alles sagte ich Lennart, und er war so fein und lieb; er -verstand alles und ich fand, er sei der großartigste Mensch auf der<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> -ganzen Welt. Das <em class="gesperrt">ist</em> er auch, das weiß ich sehr gut. Aber dann -tat ich etwas Entsetzliches. Lennart kann es nicht verstehen und ich -weiß, er wird es mir nie verzeihen. Vielleicht ist es verkehrt von mir, -es zu erzählen, aber ich verstehe es doch nicht, Jenny. Ich <em class="gesperrt">muß</em> -einen Menschen fragen, ob es so schlimm ist, daß ein Mann es nie -verzeihen kann. Und du mußt mir ganz offen antworten, ganz offen, hörst -du, ob du glaubst, daß es nie wieder gutzumachen ist .... Wir reisten -nachmittags, nach Rocca di Papa, nachdem wir getraut waren. Du weißt -ja, welch furchtbare Angst ich davor hatte und wie mir davor graute. -Dann am Abend, als Lennart mich in unser Zimmer führte und ich das -große Doppelbett sah, begann ich fürchterlich zu weinen. Lennart war -aber so lieb — ich sollte dem entgehen, so lange ich selbst wollte. -Das war an einem Sonnabend. Wir hatten es nicht besonders gemütlich, -das heißt Lennart nicht, glaube ich. Ich wäre ja heilfroh, auf diese -Art verheiratet zu sein. Jeden Morgen, wenn ich erwachte, war ich so -dankbar, aber ich durfte fast nicht meinen eigenen Gatten küssen. Dann -am Mittwoch waren wir auf den Gipfel des Monte Cavo hinaufgestiegen. Es -war so wunderbar schön dort oben. Wir schrieben Ende Mai und die Sonne -schien. Der Kastanienwald, eben aufgesprungen, leuchtete, der Goldregen -blühte wie toll an den Hängen herab, und am Wege entlang standen -unzählige weiße Blumen und Lilien. Die Luft war ganz dunstig von der -Sonne — es hatte einige Stunden vorher geregnet — und der Nemisee und -Albanersee lagen silberweiß vor uns unter dem Waldabhang, umgeben von -all den kleinen weißen Städten. Drüben die ganze Campagna und Rom in -einen weißen Nebelschleier gehüllt. Und ganz fern das Mittelmeer wie -ein matter Goldrand am Horizont. O, es war so herrlich, so herrlich, -und ich fand das Leben so wunderbar, nur Lennart war traurig. — Ich -fühlte, er war der vorzüglichste Mensch auf der Welt und ich hatte ihn -so grenzenlos lieb, das andere war nur furchtbarer Unsinn, das empfand -ich plötzlich. Da schlang ich die Arme um<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> seinen Hals und sagte: -‚Jetzt will ich ganz dein werden, denn ich liebe dich —.‘“</p> - -<p>Cesca schwieg und atmete schwer.</p> - -<p>„Ach Gott, Jenny, der Junge wurde so glücklich, der Aermste.“ -Sie verschluckte ihre Tränen. „Ja, er wurde froh. ‚Jetzt,‘ sagte -er, ‚hier?‘ Er nahm mich auf den Arm und wollte mich in den Wald -hineintragen. Ich aber wehrte mich und sagte: ‚heute Nacht, heute -Nacht!‘ O, Jenny, ich verstehe ja nicht, warum ich es tat, eigentlich -wollte ich es aber doch. Es wäre schön gewesen, in dem tiefen Wald mit -der Sonne über uns. Aber ich tat, als wollte ich nicht — Gott mag -wissen, warum. Dann am Abend, als ich mich zur Ruhe gelegt und nun -die vielen Stunden hindurch auf diesen Augenblick gewartet hatte, als -dann Lennart kam — ja, da begann ich denn wieder zu heulen —. Doch -da raste er hinaus, siehst du, und blieb die ganze Nacht über weg. Ich -lag wach. Ich weiß nicht, wo er geblieben war. Wir reisten am nächsten -Vormittag nach Rom zurück und wohnten im Hotel. Lennart mietete zwei -Zimmer, aber ich ging zu ihm hinein. Schön war es aber dann nicht mehr. -Seitdem ist es zwischen mir und Lennart nie wieder gut geworden. Ich -verstehe wohl, daß ich ihn furchtbar gekränkt haben muß. Aber du sollst -mir sagen, Jenny, ob du glaubst, daß ein Mann so etwas vergessen oder -verzeihen kann?“</p> - -<p>„Er müßte später eingesehen haben,“ sagte Jenny leise und unsicher, -„daß du es damals nicht verstandest, die Gefühle nicht kanntest, die du -gekränkt hast.“</p> - -<p>„Nein.“ Cesca erschauerte. „Ich verstehe es jetzt. Ich verstehe, daß es -etwas Fleckenloses, Reines und Schönes war, das ich beschmutzte. Aber -ich wußte es damals nicht. Jenny — kann eines Mannes Liebe das niemals -überwinden?“</p> - -<p>„Sie müßte es können. Du hast ja späterhin bewiesen, daß du seine -gute, treue Frau sein wolltest. Jetzt im Winter rackertest du dich ab, -mühtest du dich ab und<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> klagtest nicht. Im Frühling, als er krank war, -wachtest du Nacht für Nacht, pflegtest ihn Woche für Woche.“</p> - -<p>„Das war ja gar nichts,“ sagte Cesca eifrig. „Er war so gut und -geduldig und half mir, so viel er konnte, bei meiner mühevollen Arbeit, -wie du es nennst. Und während seiner Krankheit kamen hin und wieder -Freunde von ihm und halfen bei der Nachtwache. In der Woche, als er -fast im Sterben lag, hatten wir übrigens auch eine Schwester, aber ich -wachte trotzdem, weil ich so gern wollte, verstehst du, aber ich hätte -es natürlich nicht nötig gehabt.“</p> - -<p>Jenny küßte Cesca auf die Stirn.</p> - -<p>„Aber etwas habe ich dir noch nicht erzählt, Jenny. Ja, du hast mich -auch vor dem gewarnt, wofür mir der Instinkt fehlte, und Gunnar hatte -gescholten. Fräulein Linde sagte sogar einmal frei heraus, weißt du -noch, daß ein Mann, wenn man ihn aufreizte, zu einer anderen ginge —.“</p> - -<p>Jenny erstarrte vor Schreck.</p> - -<p>Cesca nickte in die Kissen:</p> - -<p>„Ja, ich fragte ihn also so etwas Aehnliches — an jenem Morgen —.“</p> - -<p>Jenny lag vollkommen sprachlos da.</p> - -<p>„Ich kann mir denken, daß er das nicht vergessen kann. Und nicht -verzeihen. Wenn er es nur ein wenig entschuldbar fände, sich vorstellen -könnte, wie grenzenlos unerfahren ich alles ansah. Aber später —“ Sie -suchte nach Worten. „Es ist — so unharmonisch zwischen uns geworden -— alles. Es ist, als <em class="gesperrt">wollte</em> er mich nicht anrühren; geschieht -es, dann ist es gegen seinen Willen und hinterher ist er böse, sowohl -auf sich selbst als auf mich. Trotzdem ich versucht habe, es ihm zu -erklären. Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht recht, was eigentlich -dabei ist. Ich habe keinen Widerwillen mehr dagegen, wenn ich ihm eine -Freude damit machen kann. Alles, womit ich Lennart eine Freude bereiten -kann, ist gut und schön für mich. Er glaubt, es seien Opfer, aber das -ist nicht wahr, im Gegenteil. O, ich habe Nacht<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> für Nacht in meinem -Zimmer geweint, weil ich wußte, er sehnte sich nach mir, ich habe -versucht, ihn herbeizulocken, Jenny, mit dem Bißchen, das ich konnte — -und er stößt mich von sich —. Ich habe ihn so gern, Jenny. Sag mir, -kann man nicht sehr gut einen Mann auf diese Art liebhaben? Kann ich -nicht sehr gut sagen, ich liebe Lennart?“</p> - -<p>„Doch, Cesca.“</p> - -<p>„O, wie verzweifelt war ich! Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich -so geschaffen bin. Dann, wenn wir mit anderen Künstlern ausgingen, war -er schlechter Stimmung. Er sagt nichts, aber ich weiß, er findet, daß -ich mit ihnen kokettiere. Das ist sicher wahr, denn ich werde guter -Laune, wenn ich auswärts essen darf und einen Abend kein Essen zu -kochen und hinterher nicht aufzuwaschen brauche. Manchmal war ich auch -froh, nicht mit Lennart allein sein zu müssen, trotzdem ich ihn gern -habe und er mich — das tut er, o ja, das weiß ich wohl, und frage ich -ihn danach, so sagt er: das weißt du ja, und lacht dann so seltsam und -bitter. Aber er vertraut mir nicht, weil ich ihn nicht so — sinnlich -— lieben kann und trotzdem kokett bin. Einmal sagte er, ich ahnte ja -nicht, was Liebe bedeute, und es wäre wohl seine Schuld, daß er mich -nicht habe erwecken können, es würde aber vielleicht ein anderer kommen -— o Gott, wie ich weinte. Dann jetzt im Frühjahr. Du weißt ja, wir -haben nicht viel zum Leben. Gunnar verkaufte mir das Stilleben, das ich -vor drei Jahren ausgestellt hatte, für dreihundert Kronen. Wir lebten -viele Monate von diesem Geld, aber Lennart mochte nicht, daß wir Geld -verbrauchten, das ich verdient hatte. Ich verstehe ja nicht, was das -ausmachen soll, wenn wir uns liebhaben. Aber er sagt immer, daß er mich -ins Elend hinabgezerrt habe. Schulden haben wir auch, natürlich. Ich -wollte dann einmal an Papa schreiben und ihn bitten, mir einige hundert -Kronen zu schicken. Aber das durfte ich nicht. Ich fand es so ungerecht -— Borghild und Helga hatten zu Hause gelebt und alles von Papa -bekommen. Er hat<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> sie ins Ausland geschickt, während ich mich von dem -kleinen Erbteil von Mama durchgespart und durchgeschlagen habe, seit -ich mündig wurde, weil ich nicht einen Oere von Papa annehmen wollte, -nachdem er das zu mir gesagt hatte, als ich mit Leutnant Kaarsen -auseinanderging und dieses Gerede über mich und Hans entstand. Aber -er hat es zurückgenommen und gibt jetzt zu, daß ich Recht hatte. Es -war gemein, sowohl von Kaarsen als von denen zu Hause, mich zwingen zu -wollen, weil er mich zu der Verlobung verleitet hatte, als ich siebzehn -Jahre alt war und nicht wußte, daß eine Ehe etwas anderes bedeutet als -das, was in den verdammten Backfischbüchern steht. Als ich anfing, es -zu verstehen, wußte ich, daß ich mich lieber umbringen würde als mich -mit ihm zu verheiraten. Hätten sie mich aber dazu gebracht — oh, ich -wäre reizend geworden, ich hätte alle Liebhaber genommen, die ich hätte -bekommen können, nur aus Trotz, um mich an ihnen allen zu rächen. Papa -versteht es jetzt und hat gesagt, daß ich Geld von ihm bekommen könne, -wenn ich wolle —. Als aber Lennart so krank war und so elend, als sie -dann sagten, er müßte aufs Land, um gut zu leben, und als ich selbst -so müde und elend war, da sagte ich zu ihm, daß ich aufs Land müßte, -um mich auszuruhen, weil ich ein Kindchen bekäme. So durfte ich denn -an Papa schreiben und um Geld bitten, wir reisten hinauf nach Vermland -und lebten dort so herrlich, Lennart erholte sich gut und ich begann, -wieder zu malen. Aber allmählich merkte er natürlich, daß ich doch kein -Kind bekam. Als er fragte, ob ich mich nicht geirrt hätte, sagte ich -ihm, ich hätte gelogen, denn ich wollte ihn jetzt nicht wieder belügen. -Darüber ist er aber auch böse, das weiß ich. Ich glaube, er traut mir -nicht recht und das ist so schrecklich. Wenn er mich verstände, so -müßte er doch an mich glauben, meinst du nicht?“</p> - -<p>„Doch, Cesca.“</p> - -<p>„Ich habe es früher schon einmal gesagt, daß ich ein Kindchen bekommen -würde — im Herbst, als er so traurig war und es uns so schlecht ging. -Damit er<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> fröhlich werden sollte und lieb zu mir. Das war er dann auch -— o, du kannst dir nicht denken, wie herzlich es war. Ich <em class="gesperrt">hatte</em> -gelogen, aber denke dir, ich glaubte zum Schluß selber daran, daß es -wahr wäre. Ich meinte, Gott würde es so einrichten, damit ich ihn nicht -zu enttäuschen brauchte. Aber daraus wurde freilich nichts. Ich bin so -verzweifelt, daß ich kein Kind bekomme. Jenny, glaubst du, daß es wahr -ist: manche sagen —“ sie flüsterte bebend — „daß eine Frau, die keine -solche — Leidenschaft empfinden kann, keine Kinder bekommt?“</p> - -<p>„Nein,“ sagte Jenny hart. „Das ist bestimmt nur Unsinn.“</p> - -<p>„Ich weiß ganz sicher, daß dann alles gut würde. Lennert wünscht es so -furchtbar. Und ich — ja, ich glaube, ich würde ein wahrer Engel werden -aus Freude, wenn ich mein eigenes Kindchen hätte. Kannst du dir so -etwas wunderbar Schönes vorstellen?“</p> - -<p>„Ja,“ flüsterte Jenny mühsam. „Wenn ihr euch doch liebt. Es würde über -viele Hindernisse hinweghelfen.“</p> - -<p>„Ach gewiß. Wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich einmal zu einem -Arzt gehen. Ich glaube übrigens, daß ich es eines Tages tue. Meinst -du nicht, daß ich es sollte? Wenn ich mich nur nicht so genierte — -aber das ist dumm. Es ist ja übrigens einfach meine Pflicht, wenn -ich verheiratet bin. Ich kann ja zu einer Aerztin gehen, zu einer -verheirateten Frau, die Kinder und alles hat. O denk dir nur: ein -kleines winziges Wesen, das einem selbst gehört, wie froh würde Lennart -sein!“</p> - -<p>Jenny biß in der Dunkelheit die Zähne zusammen.</p> - -<p>„Meinst du nicht, daß ich morgen reisen sollte?“</p> - -<p>„Doch.“</p> - -<p>„Ich sage Lennart alles. Ich weiß nicht, ob er es verstehen wird, wenn -ich es auch selbst nicht kann. Aber ich <em class="gesperrt">will</em> ihm immer die -Wahrheit sagen. Muß ich das nicht, Jenny?“</p> - -<p>„Wenn du es für richtig hältst, so sollst du es tun. Ach, Cesca, man -sollte immer das tun, was man für<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> recht hält und niemals das, wovon -man nicht sicher weiß, ob es richtig ist, Cesca.“</p> - -<p>„Ja, das ist wahr! Gute Nacht, meine Jenny, ich danke dir.“ Sie drückte -plötzlich die Freundin heftig an sich. „Es ist so herrlich, sich mit -dir auszusprechen. Du verstehst es so gut, mich richtig zu nehmen. Du -— und Gunnar. Ihr bringt mich immer auf den rechten Weg. Ich wüßte -nicht, was ich ohne dich tun sollte.“</p> - -<p>Sie stand einen Augenblick neben dem Bett:</p> - -<p>„Kannst du nicht im Herbst über Stockholm fahren? O, tu es doch! Du -kannst bei uns wohnen, ich bekomme jetzt tausend Kronen von Papa, das -soll nämlich auch Borghild für eine Pariser Reise erhalten.“</p> - -<p>„Ich weiß nicht recht. Ich hätte schon Lust?“</p> - -<p>„Ach tu es doch! Bist du schläfrig? Soll ich gehen?“</p> - -<p>„Ja, ich bin ein wenig müde.“ Sie zog Cesca zu sich herab und küßte -sie. „Gott behüte dich!“</p> - -<p>Cesca schlürfte mit den bloßen Füßen über den Fußboden. In der Tür -sagte sie mit ihrer kleinen traurigen Kinderstimme:</p> - -<p>„Ich wünschte so sehr, daß Lennart und ich glücklich würden, du!“</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_IV">IV.</h3> - -</div> - -<p>Gert und Jenny gingen unter den mageren Nadelbäumen Seite an Seite über -den Weg hinab. Einmal stand er still und pflückte einige vertrocknete -Erdbeeren, sprang ihr nach und steckte sie ihr in den Mund. Sie -lächelte ein wenig zum Dank und er nahm ihre Hand, während sie hinunter -gingen, dem Wasser zu, das hinter den Bäumen unter der Sonnenbrücke -bläulich schimmerte.</p> - -<p>Er sah fröhlich und jung aus in dem hellen Sommeranzug. Der Panamahut -verbarg sein Haar.</p> - -<p>Jenny setzte sich an den Waldrand und Gert streckte sich vor ihr im -Schatten der großen Hängebirken aus.</p> - -<p>Es war glühend heiß und still. Der Grashügel, der am Strande auslief, -war gelbgefärbt vom Sonnenbrand.<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> Ueber Nesodden stand eine metallblaue -Dunstwolke, hinter deren Rand einige Wölkchen hervorglitten, rauchgelb -und weißlich. Der Fjord breitete sich lichtblau aus, von quirlenden -Stromstreifen unterbrochen; die Segler weit draußen lagen still und -weiß auf der Fläche und der Rauch der Dampfschiffe stand unendlich -lange in grauen Streifen in der schwülen Luft.</p> - -<p>Aber zwischen den Steinen, die von der Ebbe bloßgelegt waren, rieselte -das Wasser, und die rankenartigen Zweige der Hängebirken bewegten -sich ganz sacht über ihnen, indem hin und wieder ein Blatt, in der -Trockenheit verdorrt, herniedersank.</p> - -<p>Gert nahm eines, das sich in ihrer lichten Haarflut verfangen hatte, -fort, sie hatte den Hut abgelegt. Er betrachtete das Blatt:</p> - -<p>„Ist es nicht sonderbar, daß es in diesem Jahre nicht regnen kann, du? -Ihr Frauen habt es gut, ihr dürft so dünn gekleidet gehen. Dein Kleid -sieht übrigens wie Halbtrauer aus, wenn du nicht die hellrosa Perlen -trägst, aber es steht dir außerordentlich gut!“</p> - -<p>Das Kleid war weiß und durchsichtig, mit kleinen schwarzen Blumen -gemustert, überall gekräuselt und von einem strammen schwarzseidenen -Gürtelband zusammengehalten. Der Strohhut, den sie im Schoß hatte, war -ebenfalls schwarz, mit schwarzen Sammetrosen geziert. Nur die blaßroten -Krystallperlen leuchteten auf der reinen Haut des Halses.</p> - -<p>Er beugte sich vor, so daß er ihren Fuß gerade über dem Ausschnitt des -Schuhes küssen konnte. Dann strich er mit zwei Fingern über die feine -Biegung des Spanns mit dem durchsichtigen Strumpf und faßte um ihre -Knöchel.</p> - -<p>Kurz darauf schob sie behutsam seine Hand zurück, er griff nach der -ihren, hielt sie fest und lächelte zu ihr empor. Sie lächelte zurück, -dann drehte sie den Kopf nach der anderen Seite.</p> - -<p>„Du bist so still, Jenny, ist dir die Wärme lästig?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie. Dann schwiegen sie wieder.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p> - -<p>Ein Stück Weges von ihnen entfernt, dort wo sich ein Villengarten bis -zum Wasser erstreckte, trieben einige halbwüchsige Jungen auf der -Badehausbrücke ihr Spiel. Oben im Hause schnarrte ein Grammophon. Ab -und zu wehten Klänge der Musik vom Seebade zu ihnen herüber.</p> - -<p>„Du, Gert —“ Jenny hielt plötzlich seine Hand fest. „Wenn ich einige -Tage oben bei Mama gewesen und dann wieder in die Stadt zurückgekehrt -bin, reise ich fort.“</p> - -<p>„Wieso?“ Er stützte sich auf seinen Ellenbogen. „Wohin willst du -reisen?“</p> - -<p>„Nach Berlin,“ sagte Jenny. Sie fühlte selbst, wie ihre Stimme zitterte.</p> - -<p>Gert blickte ihr ins Gesicht, schwieg aber still. Auch sie sprach nicht.</p> - -<p>Schließlich meinte er:</p> - -<p>„Wann hast du dich dazu entschlossen?“</p> - -<p>„Eigentlich ist es die ganze Zeit hindurch meine Absicht gewesen — das -weißt du ja — wieder ins Ausland zu gehen —“</p> - -<p>„Ja, gewiß. Aber, wann hast du dich entschlossen, <em class="gesperrt">jetzt</em> zu -reisen?“</p> - -<p>„Im Sommer auf Tegneby.“</p> - -<p>„Ich wünschte, du hättest es mir eher gesagt, Jenny,“ sagte Gram. -Obgleich seine Stimme leise und ruhig klang, schnitt sie ihr in die -Seele.</p> - -<p>Sie zögerte.</p> - -<p>„Ich wollte es dir <em class="gesperrt">sagen</em>, Gert. Nicht schreiben, sondern sagen. -Als ich an dich schrieb und dich bat, gestern hierher zu kommen, hatte -ich es dir sagen wollen. Aber ich kam nicht dazu —.“</p> - -<p>Sein Antlitz färbte sich steingrau.</p> - -<p>„Ich verstehe. Aber Gott des Himmels, Kind, wie mußt du es schwer -gehabt haben!“ rief er plötzlich aus.</p> - -<p>„Ja,“ sagte Jenny ruhig. „Am meisten deinetwegen, Gert. Ich bitte dich -nicht, mir zu verzeihen.“</p> - -<p>„Ich — dir? Ach, du großer Gott, kannst <em class="gesperrt">du mir</em> verzeihen, Jenny -—? Ich ahnte ja, daß dieser Tag kommen würde.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p> - -<p>„Das ahnten wir wohl beide,“ sagte sie wie vorher.</p> - -<p>Er warf sich plötzlich auf den Boden und bohrte das Gesicht in den -Sand. Sie beugte sich nieder und legte ihre Hand auf seinen Nacken.</p> - -<p>„Kleine, kleine, kleine Jenny — oh, kleine Jenny, was habe ich dir -getan!“</p> - -<p>„Lieber —“.</p> - -<p>„Mein weißes Vögelchen, habe ich dich mit meinen häßlichen, schmutzigen -Fäusten berührt, deine weißen Flügel befleckt?“</p> - -<p>„Gert!“ Sie ergriff seine Hände und sprach schnell und heftig. „Hör zu. -Du hast mir doch nur Gutes erwiesen, ich bin es ja, die —. Ich war -so müde, und du botest mir eine Ruhestätte, ich fror, und du wärmtest -mich. Ich <em class="gesperrt">mußte</em> ausruhen und ich <em class="gesperrt">mußte</em> gewärmt werden, -ich mußte fühlen, daß ein Mensch mich liebte. Herrgott, Gert, ich -wollte dich nicht betrügen, aber du konntest es nicht verstehen, ich -hätte dir niemals erklären können, daß ich dich auf andere Art liebte, -so — armselig. Kannst du nicht begreifen?“</p> - -<p>„Nein, Jenny. Ich <em class="gesperrt">glaube</em> nicht daran, daß ein junges, -unschuldiges Mädchen einem Manne alles schenkt, wenn sie nicht sicher -meint, ihre Liebe würde immer dauern.“</p> - -<p>„Das gerade bitte ich dich, mir zu vergeben. Ich wußte, daß du es nicht -verstehen würdest, und ich nahm dennoch alles hin, was du mir gabst. So -wurde es eine Qual für mich selbst — schlimmer und schlimmer, und ich -fühlte, ich war nicht imstande, so fortzufahren. Ich <em class="gesperrt">habe</em> dich -doch gern, Gert, aber wenn ich nur annehmen soll und in Wahrheit nichts -besitze, womit ich es dir vergelten kann ...“</p> - -<p>„Wolltest du mir das gestern sagen,“ fragte Gert kurz darauf.</p> - -<p>Jenny nickte.</p> - -<p>„Und statt dessen —“.</p> - -<p>Er wurde glühend rot.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p> - -<p>„Ich konnte nicht, Gert. Du kamst so froh an. Ich wußte, daß du -gewartet und dich gesehnt hattest.“</p> - -<p>Er erhob brüsk den Kopf:</p> - -<p>„Das hättest du nicht tun sollen, Jenny. Nein. Hättest mir nicht so ein -— Almosen geben sollen.“</p> - -<p>Sie bedeckte ihr Gesicht. Die qualvollen Stunden fielen ihr ein, die -sie oben in ihrem verstaubten Atelier in der sonnendurchglühten, -eingeschlossenen Luft zugebracht, in steter Ruhelosigkeit umhergehend, -aufräumend und ihn erwartend, während ihr Herz sich vor Schmerz -zusammenkrampfte. Aber sie war nicht fähig, es ihm zu sagen.</p> - -<p>„Ich war mir über mich selbst nicht klar, als du kamst. Ich dachte -einen Augenblick — ich wollte versuchen.“</p> - -<p>„Almosen.“ Er schüttelte einen Augenblick schmerzlich das Haupt. „Die -ganze Zeit, Jenny — alles was du mir gabst!“</p> - -<p>„Gert, ich bin es ja, die von dir Almosen entgegengenommen hat — immer -— begreifst du denn nicht?“</p> - -<p>„Nein,“ sagte er heftig. Er preßte sein Gesicht wieder in den Boden.</p> - -<p>Nach kurzer Zeit erhob er den Kopf:</p> - -<p>„Jenny, ist da — irgend ein anderer?“</p> - -<p>„Nein,“ sagte sie heftig.</p> - -<p>„Glaubst du, ich würde dir einen Vorwurf machen, wenn ein anderer -zwischen uns getreten wäre, ein junger Mensch — deinesgleichen? Ich -würde <em class="gesperrt">das</em> besser verstehen.“</p> - -<p>„Kannst du dir denn nicht denken —? Ich finde nicht, daß daran ein -anderer Schuld sein muß.“</p> - -<p>„Nein, nein.“ Er glitt wieder nieder. „Ich fände es natürlicher. — -Als mir dann einfiel, was du mir geschrieben hattest, daß Heggen auf -Tegneby gewesen und nach Berlin gefahren ist —.“</p> - -<p>Jenny wurde wieder blutrot:</p> - -<p>„Glaubst du denn, ich hätte — gestern —“.</p> - -<p>Gert schwieg. Kurz darauf sagte er müde:</p> - -<p>„Ich verstehe dich ja doch nicht.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span></p> - -<p>Da schoß plötzlich in ihr das Verlangen hoch, ihm wehe zu tun:</p> - -<p>„Einesteils kann man doch sagen, eine zweite oder dritte Person spielt -eine Rolle dabei.“</p> - -<p>Er sah auf, fragend. Dann griff er plötzlich nach ihr:</p> - -<p>„Jenny, Herr Jesus — was meinst du —!“</p> - -<p>Sie bereute es schon, rot und hastig sagte sie:</p> - -<p>„Nun — meine Arbeit — also die Kunst.“</p> - -<p>Gert Gram hatte sich vor ihr auf die Knie erhoben:</p> - -<p>„Jenny — ist etwas — Besonderes — du sollst die Wahrheit sagen — du -darfst nicht lügen. Ist etwas mit dir vorgefallen? — Sprich —“</p> - -<p>Einen Augenblick versuchte sie, ihm frei in die Augen zu schauen. Dann -senkte sie den Kopf. Gert Gram aber sank vorn über, das Gesicht in -ihrem Schoß bergend:</p> - -<p>„O Gott, o Gott. Ach Gott im Himmel —“</p> - -<p>„Gert! Lieber, Lieber! Ach, nicht doch Gert! Du reiztest mich mit -deinen Vermutungen über einen anderen,“ sagte sie gedemütigt. „Ich -hätte es nicht sagen sollen. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zu -sagen — vielleicht später.“</p> - -<p>„Das hätte ich dir nie verziehen,“ sagte Gram. „Wenn du es mir nicht -gesagt hättest. Aber — du mußt es doch schon eine Zeitlang gewußt -haben,“ meinte er plötzlich. „Weißt du — wie weit du bist?“</p> - -<p>„Im dritten Monat,“ sagte sie kurz.</p> - -<p>„Aber Jenny,“ er faßte entsetzt ihre beiden Hände, „jetzt kannst -du dich ja nicht — von mir trennen, so ohne weiteres, meine ich. -<em class="gesperrt">Jetzt</em> können wir ja nicht auseinandergehen.“</p> - -<p>„Doch.“ Sie strich ihm liebkosend über das Gesicht. „Doch. Wäre -es nicht so gekommen, so hätte ich es wohl noch eine Zeitlang so -weitergetrieben. Aber jetzt mußte ich der Sache in die Augen schauen — -und alles klarstellen.“</p> - -<p>Er lag eine Weile still da.</p> - -<p>„Hör einmal zu, Kind. Du weißt, ich wurde im vergangenen Monat -geschieden. In zwei Jahren bin ich<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> frei. Dann komme ich zu dir. -Ich gebe dir — und dem da — meinen Namen. Ich verlange nichts, -verstehst du — <em class="gesperrt">nichts</em>. Aber ich fordere mein Recht, dich wieder -aufzurichten, wie ich es dir schuldig bin. Weiß Gott, ich werde genug -darunter leiden, daß es nicht eher sein kann. Aber ich verlange nichts, -das ist selbstverständlich. Du sollst nicht im geringsten an mich alten -Mann gebunden sein —“</p> - -<p>„Gert. Ich bin froh, daß du von ihr geschieden bist. Aber ich sage -dir ein für allemal: ich heirate dich nicht, wenn ich nicht deine -richtige Frau werden kann. Es ist nicht der Jahre wegen, die zwischen -uns liegen. Hätte ich nicht das Gefühl, Gert, daß ich niemals ganz dein -gewesen bin, wie es hätte sein sollen, so bliebe ich bei dir, als dein -Weib, solange du jung wärst, als deine Freundin, wenn das Alter käme, -deine Krankenschwester, gern, willig und glücklich. Aber ich weiß, ich -kann dir nicht das sein, was eine Frau sein soll. Um der Leute willen -gehe ich aber nicht hin und verspreche etwas, was ich nicht halten -kann, weder vor dem Pfarrer, noch dem Bürgermeister.“</p> - -<p>„Oh, aber Jenny, das ist doch Wahnsinn von dir.“</p> - -<p>„Du bringst mich jedenfalls nicht davon ab,“ sagte sie hastig.</p> - -<p>„Ja, aber Kind, was willst du denn tun? Nein, ich kann es nicht -zulassen. Was soll denn mit dir werden? Kleines, du mußt verstehen — -du mußt mich dir helfen lassen, Jenny.“</p> - -<p>„Still, lieber Freund. Du siehst ja, ich trage es ganz ruhig. Wenn man -erst davorsteht, ist es eigentlich nicht so gefährlich, wie man sich -immer einbildet. Glücklicherweise habe ich noch etwas Geld.“</p> - -<p>„Aber die Menschen, Jenny — sie werden häßlich gegen dich sein — dich -in Verruf bringen.“</p> - -<p>„Das vermag niemand. Meine einzige Schande ist, Gert, daß ich dich -deine Liebe an mir verschwenden ließ.“</p> - -<p>„Ach, dieser Unsinn! Nein, aber die Leute — du weißt nicht, wie -herzlos sie sind, wie sie dich mit ihrer<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> Bosheit mißhandeln, dich -kränken und dich verletzen werden.“</p> - -<p>„Daraus mache ich mir nicht viel, Gert.“ Sie lachte ein wenig. -„Uebrigens bin ich Gott sei Dank Künstlerin. Man erwartet fast -nichts anderes von uns, als daß wir hin und wieder einen Skandal -heraufbeschwören.“</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf. Aus einem plötzlichen, verzweifelten Reuegefühl -darüber, daß sie es ihm gesagt, daß sie ihm wehgetan hatte, zog sie ihn -fest an sich:</p> - -<p>„Du Lieber, du <em class="gesperrt">darfst</em> nicht so unglücklich sein, hörst du? Ich -bin es auch nicht, wie du siehst. Im Gegenteil, manchmal bin ich froh. -Wenn ich versuche, richtig darüber nachzudenken, was es eigentlich -bedeutet, daß ich ein Kind bekomme, mein eigenes, kleines, süßes Kind, -so kann ich es gar nicht fassen. Ich glaube sicher, daß ich glücklich -werde, so glücklich, daß ich es mir noch gar nicht vorstellen kann. Ein -lebendiges, kleines Menschlein, das nur mir gehört, das ich lieben, für -das ich leben und arbeiten werde. Manchmal denke ich, daß erst jetzt -Sinn in mein Leben und meine Arbeit kommt. Glaubst du vielleicht nicht, -daß ich mir einen Namen machen könnte, der für mein Kind gut genug ist, -Gert? Nur das macht mich noch etwas mutlos, daß ich noch nicht recht -weiß, wie es wird, und dann, daß du so traurig bist. O Gert, ich bin -vielleicht arm und nüchtern, egoistisch und all so etwas, aber ich bin -schließlich eine Frau, ich <em class="gesperrt">muß</em> mich doch darüber freuen, daß ich -Mutter werde.“</p> - -<p>„Jenny.“ Er küßte ihre Hände. „Arme, kleine tapfere Jenny. Es ist -beinahe noch schlimmer für mich, daß du es so auffaßt,“ sagte er leise.</p> - -<p>Jenny lächelte weh:</p> - -<p>„Oh, es wäre doch wohl schlimmer für dich, wenn ich es anders -auffaßte.“</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p> - -<h3 id="III_V">V.</h3> - -</div> - -<p>Zehn Tage später reiste Jenny nach Kopenhagen. Die Mutter und Bodil -Berner gaben ihr in der frühen Morgenstunde das Geleite zum Bahnhof.</p> - -<p>„Du hast es gut, du Glückspilz,“ sagte Bodil und lachte über ihr ganzes -weiches braunes Gesichtchen. Dann gähnte sie, daß die Tränen ihr in die -Augen stiegen.</p> - -<p>„Es muß auch solche geben.“ Jenny lachte ebenfalls. „Dir geht es auch -nicht gerade schlecht, finde ich.“</p> - -<p>Aber sie fühlte mehr und mehr, daß sie nahe daran war, in Tränen -auszubrechen, während sie ihre Mutter zum Abschied küßte. Sie stand am -Abteilfenster und starrte sie an. Ihr war, als hätte sie diese ganze -Zeit hindurch ihre Mutter niemals richtig angesehen. Diese schlanke und -schmächtige, ein wenig gebeugte Gestalt. Man sah fast nicht, wie grau -das Haar geworden, so blond war Frau Berner. In ihren Zügen lag etwas -seltsam Unberührtes, Mädchenhaftes, trotz der vielen Fältchen. Aber -es war, als ob die Jahre und nicht das Leben ihr Gesicht gezeichnet -hatten. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte.</p> - -<p>Wenn sie es nun einmal erführe. Nein, Jenny würde nie den Mut haben, es -zu sagen und zuzusehen, wie die Mutter den Schlag ertragen würde. Sie, -die nichts gewußt hatte und nichts verstehen würde. Hätte Jenny nicht -fortreisen können — dann wußte sie, hätte sie es nicht überlebt. Nicht -aus Liebe, aus Feigheit. Einmal mußte sie es ja sagen, und von draußen -her war sie eher dazu imstande.</p> - -<p>In dem Augenblick, als der Zug anruckte und davon zu gleiten begann, -erblickte sie Gert. Er kam langsam den Bahnsteig herauf; hinter den -anderen, Mutter und Schwester, die mit ihren Taschentüchern winkten, -grüßte er herüber. Wie bleich er war.</p> - -<p class="mtop2">Der erste September. Jenny saß am Fenster und sah hinaus in die -vorübergleitende Landschaft.</p> - -<p>Es wurde ein schöner Tag. Die Luft war so klar und frisch, der Himmel -so dunkelblau und die Wolken so weiß.<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> Der Tau lag schwer und grau -über den saftiggrünen Wiesen, auf denen der Margueriten später Flor -schimmerte. Nach dem heißen Sommer waren die Birken am Waldrande -ganz gelb und über den Waldboden hin schlängelte sich kupferrotes -Blaubeerengebüsch. Die Büschel der Ebereschen waren blutrot, aber an -einer etwas tiefgelegenen fruchtbaren Stelle hingen sie noch dunkelgrün -im Laub. Welche Farben!</p> - -<p>Auf den kleinen Hügeln zwischen den Wiesen lagen die alten, -silbergrauen Gehöfte, auch neue, weißschimmernde und gelbe, mit roten -Nebengebäuden. Davor standen alte verkrüppelte Apfelbäume mit gelben -und glasgrünen Früchten in dunklem Laub.</p> - -<p>Immer wieder blendeten Tränen ihren Blick. Wenn sie zurückkehrte — ob -sie jemals hierher zurückkam?</p> - -<p>Bei Moß trat der Fjord leuchtend blau hervor. Die Stadt zog sich -mit ihren roten Fabrikmauern am Kanal entlang, die kleinen bunten -Holzhäuser inmitten der Gärten lachten herüber. Sie hatte so oft -gedacht, wenn sie vorüberfuhr, hier wollte sie sich einen Sommer über -niederlassen und malen.</p> - -<p>Der Zug brauste an der kleinen ländlichen Station vorüber, wo man nach -Tegneby ausstieg. Jenny sah über die Aecker, dort lief die Fahrstraße. -Der Hof lag weit drüben hinter dem Nadelwäldchen.</p> - -<p>Sie erblickte den Kirchturm. Eigenartige kleine Cesca, sie ging oft -in die Kirche, fühlte sich sicher und geborgen in der alten Stimmung, -die dort überirdischen Kräften entsprang. Sie glaubte an etwas, wußte -selbst nicht, was, aber sie hatte sich eine Art Gott zurechtgemacht.</p> - -<p>Sie war doch froh darüber, daß Cesca jetzt besser mit ihrem Mann -zusammenzuleben schien. Er habe sie nicht verstanden, schrieb sie, -aber er sei doch so wunderbar zart und lieb gewesen, und fest davon -überzeugt, daß sie mit Willen nie etwas Schlechtes tun würde.</p> - -<p>Seltsame kleine Cesca. Ihr <em class="gesperrt">mußte</em> es ja schließlich gut gehen. -Cesca war rechtschaffen und gut. Gerade<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> das aber war sie selber nicht, -keines von beiden im eigentlichen Sinne.</p> - -<p>Wenn sie nur der Mutter Tränen nicht sah, so konnte sie es eher -ertragen, ihr Kummer zu machen. — Das hieß mit anderen Worten nur, sie -fürchtete Tränen.</p> - -<p>Und Gert. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ein geradezu körperlicher -Schmerz durchfuhr sie — Verzweiflung, Widerwillen, so tief, daß sie -fast alle Kraft verlor und völlig gleichgültig wurde gegen alles.</p> - -<p>Diese fürchterlichen letzten Tage in Kristiania mit ihm. Schließlich -hatte sie nachgegeben.</p> - -<p>Er wollte nach Kopenhagen kommen. Sie hatte versprechen müssen, -irgendwo in Dänemark aufs Land zu gehen, wo er sie besuchen könnte. -Gott mochte wissen, ob sie der Sache jemals würde ein Ende machen -können.</p> - -<p>Schließlich blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihm das Kind zu -übergeben und ihn zu verlassen. Ja, denn alles, was sie ihm gesagt -hatte, daß sie sich darauf freute und so weiter, war Lüge. Auf Tegneby -hatte sie ein solches Gefühl des öfteren gehabt, denn dort hatte sie -nur daran gedacht, daß es ihr Kind war und nicht das seine. Sollte es -jedoch eine lebendige Fessel zwischen ihr und ihrer Schande werden, so -wollte sie es um keinen Preis behalten. Sie würde es hassen müssen — -sie haßte es ja schon, wenn sie an die letzten Tage in der Stadt dachte.</p> - -<p>Das krankhafte Verlangen, aus Herzenslust zu schluchzen, war vorüber. -Sie fühlte sich trocken und hart, als ob sie niemals wieder weinen -könnte.</p> - -<p class="mtop2">Eine Woche später, als Gert Gram kam, war sie so müde und gleichgültig, -daß sie gute Laune vortäuschen konnte. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte, -in sein Hotel hinüberzuziehen, so hätte sie es getan. Sie veranlaßte -ihn, mit ihr ins Theater zu gehen, außerhalb zu Abend zu essen und -eines Tages bei schönem Wetter mit ihr nach Fredensborg zu fahren. Sie -sah, daß es ihm gut tat, wenn sie sich munter und frisch gab.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p> - -<p>Sie dachte kaum mehr nach. Ohne Anstrengung konnte sie ihre Gedanken -ausschalten. In Wirklichkeit war ihr Gehirn kraftlos. Wie ein dauerndes -mahnendes Erinnern war es nur, daß sich ihr die Brust schmerzhaft -spannte und daß das Korsett sie behinderte.</p> - -<p>Jenny hatte sich bei einer Lehrerswitwe auf Westseeland eingemietet. -Gram begleitete sie dorthinaus und reiste am Abend nach Kopenhagen -zurück. So war sie endlich allein.</p> - -<p>Sie hatte aufs Geratewohl gemietet. Während ihres Studienaufenthaltes -in Kopenhagen war sie einen Tag über mit einigen Kameradinnen in dem -Dorfe gewesen; sie hatten im Krug gegessen und bei den Dünen gebadet. -Sie entsann sich, daß es dort schön war, und als auf ihre Anzeige eine -Frau Rasmussen dort sich erboten hatte, die junge Dame aufzunehmen, die -ihre Niederkunft erwartete, da griff sie zu.</p> - -<p>Eigentlich fühlte sie sich wohl. Allerdings wohnte die Lehrerswitwe -in einem elend häßlichen, winzigkleinen gelben Backsteinhaus etwas -außerhalb des Dorfes, an der Landstraße, die sich staubig und ohne Ende -zwischen offenen, bestellten Feldern hinzog. Aber Jenny mochte ihr -Zimmer gern mit der Tapete in Berlinerblau und den Lithographien nach -Exner an den Wänden, mit den weißen, gehäkelten Deckchen ringsumher, -auf dem Bett, dem amerikanischen Schaukelstuhl und der Kommode, auf die -Frau Rasmussen bei Jennys Ankunft einen großen Rosenstrauß gestellt -hatte.</p> - -<p>Draußen vor den beiden Fensterchen lief die Landstraße vorbei. Im -Vorgärtchen blühten Rosen, Geranien und „Christi Blutstropfen“, -ungeachtet all des Staubes, mit dem sie gepudert waren. Jenseits der -Straße erhob sich ein nackter Hügelkamm im Acker. Steinwälle, an deren -Hängen struppige, leuchtende Herbstblumen zwischen Brombeerhecken -wucherten, teilten den Hügel in weiße Stoppelfelder, blaugrüne -Rübenäcker und braungrüne Wiesen, umrändert von zackigen, zerzausten -Weidenbüschen. War die Abendsonne aus Jennys Kammer geschwunden,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> so -flammte der Himmel über dem Hügelkamm und den spärlichen Zweiglein der -Weiden auf.</p> - -<p>Hinter ihrem Zimmer ging eine kleine puppenstubenartige Küche mit -rotem Backsteinfußboden, auf den Hof hinaus, wo die Hühner der Witwe -gackerten und die Tauben gurrten. Ein kleiner Flur lief quer durch das -ganze Haus. Auf der anderen Seite lag Frau Rasmussens Stube mit Blumen -vor den Fenstern und gehäkelten Decken überall, Daguerreotypien und -Photographien an den Wänden, einem kleinen Bücherschrank mit religiösen -Schriften in schwarzem Pappeinband, einigen Jahrgängen von „Frem“ und -Gyldendals Serien in Prachtbänden. Dahinter befand sich ein Zimmerchen, -in dem die Luft immer merkwürdig dick war, und das ein unbestimmbarer -Geruch erfüllte, obgleich es vor Sauberkeit blitzte. Hier schlief sie -selbst und konnte nicht hören, wenn sich ihre Pensionärin jenseits des -Ganges Nacht für Nacht in den Schlaf weinte.</p> - -<p>Frau Rasmussen war übrigens nicht so schlimm. Groß und schlottrig -schlürfte sie in einer Art von Filzschuhen leise umher; immer sah sie -gleichmäßig sorgenvoll aus mit ihrem langen gelben Pferdegesicht, -unter dem graugesprenkelten Haar, das mit einem drolligen kleinen -Schwung über jedem Ohr weggestrichen war. Sie sprach fast gar nicht, -höchstens stellte sie einige besorgte Fragen, ob das gnädige Fräulein -mit dem Essen und dem Zimmer zufrieden sei. Selbst wenn Jenny nach dem -Mittagessen sich hin und wieder mit ihrer Handarbeit in das Wohnzimmer -zu Frau Rasmussen setzte, schwiegen sie still. Jenny war ihr besonders -dafür dankbar, daß Frau Rasmussen niemals ihren Zustand erwähnte; nur -ein einziges Mal hatte sie ängstlich gefragt, als Jenny mit ihrem -Malgerät hinausging, ob das wohl dem gnädigen Fräulein nicht schaden -könnte.</p> - -<p>Sie arbeitete in der ersten Zeit eifrig, stand hinter einem Steinwall -mit ihrer Feldstaffelei, die der scharfe Wind fast umblies. Unter dem -Wall erstreckte sich das gelbe Stoppelfeld eines endlosen Roggenackers -bis zum Moor hinab, wo sich weißes Wollgras an blauen Wasserlöchern<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> -hinzog, wo samtschwarze Torfmieten auf saftiggrünem Wiesengrund lagen. -Hinter dem Sumpf wellte sich das Land mit grünen Rübenfeldern, Wiesen -und gemähten Roggenäckern, mit kalkweißen Bauernhöfen in üppigen, -dunkelgrünen Hainen — bis hinüber zum frischen, blauen Fjord. Der -Strand lief in Bogen und Zungen, mit weißgelbem Sand und kurzem, -vergilbtem Gras, in die See hinaus. Gegen Norden fiel der Hügel, vom -Heidekraut braun gefärbt, mit der Windmühle auf der Spitze, in steilen, -gelben Sanddünen zum blauen Fjord ab. Schatten und Licht wechselten auf -dem offenen Lande ab, je nachdem wie die Wolken über den weißen, ewig -blauen unruhigen Himmel wanderten.</p> - -<p>Wenn Jenny müde wurde, legte sie sich am Walle nieder, starrte in den -Himmel und über den Fjord. Sie konnte nicht längere Zeit hintereinander -stehen, doch das reizte sie nur, weiterzuarbeiten. Zwei kleinere Bilder -vollendete sie oben auf dem Wall, und freute sich selbst an ihnen. -Eines malte sie vom Dorfe unten, wo die weißgekalkten Häuser, umgeben -von Kletterrosen und Georginen, um einen sammetgrünen Dorfteich lagen. -Ihre Strohdächer hingen bis über die Fensterscheiben hinab, die rote -Backsteinkirche erhob ihren treppengiebligen Turm über die Laubmassen -des Pfarrhausgartens. Es machte sie aber nervös, daß die Leute zu -ihr kamen und ihr zusahen; die weißhaarigen Jungen umstanden sie in -Knäueln, während sie malte. Als das Bild dann fertig war, zog sie mit -ihrer Staffelei wieder hinauf zum Wall, der See entgegen.</p> - -<p>Dann kam aber im Oktober der Regen; es goß ein oder zwei Wochen lang. -Ab und zu klärte es sich etwas auf und ein trüber, gelber Lichtstreifen -glitt durch die Wolken, über dem Hügel mit den traurigen Weidenbüschen -hin, und die Wasserpfützen lagen ein Weilchen blank da. Dann regnete es -wieder.</p> - -<p>Jenny lieh sich Frau Rasmussens Bücher und ließ sich die Muster der -gestrickten Spitzen an ihren Gardinen zeigen. Aber es wurde nicht viel, -weder mit dem Lesen<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> noch mit dem Stricken. Sie saß den lieben langen -Tag im Schaukelstuhl am Fenster und war nicht einmal imstande, sich -ordentlich anzuziehen, sondern schlüpfte nur in ihren verwaschenen -Kimono.</p> - -<p>Sie litt furchtbar darunter, daß ihre Schwangerschaft nach und nach -sichtbar wurde.</p> - -<p class="mtop2">Da meldete Gert Gram seinen Besuch. Schon zwei Tage später kam er am -frühen Morgen in strömendem Regen angefahren. Er blieb eine Woche, -wohnte im Bahnhofshotel, eine halbe Meile entfernt, war aber den -ganzen Tag bei ihr draußen. Als er abreiste, versprach er, bald -wiederzukommen, vielleicht schon in sechs Wochen.</p> - -<p>Jenny lag die Nächte hindurch bei brennender Lampe wach. Sie wußte nur, -sie konnte das nicht mehr ertragen. Es war zu furchtbar gewesen.</p> - -<p>Unerträglich war es — alles — von seinem ersten teilnehmenden, -besorgten Blick an, als er sie in dem neuen dunkelblauen Hängerkleid -erblickte, welches das Nähmädchen im Dorf für sie angefertigt hatte. -„Wie schön du bist,“ hatte er gesagt und gemeint, sie gliche einer -Madonna. Reizende Madonna! O ja. — Sein vorsichtiger Arm um ihren -Leib, seine langen behutsamen Küsse auf ihre Stirn — ihr war, als -sollte sie sterben vor Scham. Ja, wie er sie gepeinigt hatte mit seiner -liebevollen Besorgnis um ihre Gesundheit, mit seinen Ermahnungen, für -Bewegung zu sorgen. Als einmal eine Pause zwischen den Regenschauern -eintrat, hatte er sie mit hinaus auf einen Spaziergang geschleppt, und -sie mußte sich um jeden Preis bei ihm einhängen und sich auf seinen Arm -stützen. Eines Abends besah er verstohlen ihre Handarbeit — er hatte -sicher erwartet, daß sie damit beschäftigt sei, Windeln zu säumen.</p> - -<p>Es war ja keine böse Absicht von ihm. Aber darum war auch keine -Hoffnung vorhanden, daß es besser sein würde, wenn er wiederkam, im -Gegenteil. Aber sie konnte auch nicht mehr. —</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span></p> - -<p>Eines Tages bekam sie einen Brief von ihm, in dem er unter anderem -schrieb, daß sie auf jeden Fall einen Arzt zu Rate ziehen müsse.</p> - -<p>Am nämlichen Abend schrieb sie einen kurzen Brief an Gunnar Heggen: -sie erwarte im Februar ein Kind; ob er ihr die Adresse eines stillen -Ortes in Deutschland verschaffen könne, wo sie bleiben könne, bis es -überstanden sei.</p> - -<p>Er antwortet umgehend:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft1 mbot1">Liebe Jenny!</p> - -<p>Ich habe in zwei hiesigen Zeitungen annonciert und schicke dir alle -Briefe zu, wenn sie kommen; dann kannst du sie dir selbst ansehen. -Falls du willst, daß ich irgendwo hinreise und mir für dich etwas -ansehe, ehe du mietest, so weißt du, daß ich es mit Vergnügen -tue, und überhaupt kannst du in jeder Weise über mich verfügen. -Schreibe, wann du reisest und welchen Weg, ob du willst, daß ich dir -entgegenkommen, oder ob ich dir mit irgend etwas anderem helfen kann. -Was du mir erzählst, hat mich sehr betroffen, aber ich weiß ja, du -bist verhältnismäßig stark genug, um einen Stoß zu vertragen. Willst -du mir bitte schreiben, ob ich dir noch in anderen Sachen beistehen -kann? Du weißt, ich würde mich freuen, dir einen Dienst zu erweisen. -— Ich höre, du hast ein gutes Bild auf der Staatsausstellung — -herzlichen Glückwunsch!</p> - -<p>Viele Grüße von Deinem alten Freunde</p> - -<div class="right mright2">G. H.</div> - -</div> - -<p>Einige Tage später kam ein ganzes Paket Briefe. Jenny buchstabierte -sich durch einen Teil der Schreiben hindurch, die vielfach mit -fürchterlichen Krähenfüßen bemalt waren. Dann schrieb sie an Frau -Schlessinger in der Umgegend von Warnemünde und mietete dort vom -fünfzehnten Oktober ab, teilte Gunnar ihren Entschluß mit und kündigte -Frau Rasmussen.</p> - -<p>Erst am letzten Abend schrieb sie an Gert Gram:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span></p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft1 mbot1">Lieber Freund!</p> - -<p>Ich habe einen Entschluß gefaßt, der Dir, wie ich fürchte, wehe tun -wird. Aber Du darfst mir nicht zürnen. Ich bin so müde und nervös, -weiß selbst, daß ich ungerecht und häßlich gegen Dich war, als Du -hier warst, und das möchte ich so ungern. Daher will ich Dich nicht -eher sehen, als bis alles überstanden ist und ich wieder in normalem -Zustande bin. Ich reise morgen früh ins Ausland — meine Adresse -gebe ich vorläufig nicht an, Briefe kannst Du mir aber durch Frau -Franziska Ahlin, Varberg, Schweden, senden; ich schreibe vorläufig -über sie an Dich. Du darfst Dich meinetwegen nicht ängstigen; ich -bin frisch und es geht mir recht gut, aber, Lieber, versuche nicht, -bis auf weiteres anders mit mir in Verbindung zu kommen, ich bitte -Dich inständig. Und sei mir nicht allzu böse, aber ich glaube, dieser -Ausweg ist für uns beide der beste. Versuche, um meinetwillen so -wenig betrübt und besorgt zu sein, wie es Dir möglich ist.</p> - -<div class="right mright2"><span class="mright4">Deine</span><br /> - -Jenny Winge.</div> - -</div> - -<p>So zog sie denn zu einer neuen Witwe in ein neues Häuschen, diesmal ein -rotes mit weißgekalkten Fenstersimsen. Es lag in einem kleinen Garten -mit fliesenbedeckten Wegen und Muscheln am Rande der Beete, auf denen -schwarze, verfaulte Astern und Georginen standen. Etwa zwanzig bis -dreißig solcher Häuser lagen an einem Stückchen Straße entlang, die von -einem Bahnhof bis zu einem Fischerhafen hinabführte, wo die See sich an -langen Steinmolen brach. Eine Strecke entfernt, drüben auf dem weißen -Strand, wo der Tang in Massen hereintrieb, lag ein kleines Badehotel -mit verschlossenen Läden. Ins Land hinein erstreckten sich endlose Wege -mit nackten, struppigen Pappeln, die sich im Winde neigten, vorbei an -kleinen Steingehöften mit einem Stümpfchen Vorgarten und ein bis zwei -großen schwarzen Heumieten, über unendliche<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> schwarze Felder und Moore. -Des Morgens war das Land mitunter von wässriggrauem frischem Schnee -bedeckt, der im Laufe des Tages schwand.</p> - -<p>Jenny wanderte die Straßen hinauf, so weit sie konnte, dann kam sie -nach Haus und saß in ihrem Zimmerchen, das diesmal mit den prächtigsten -Nippessachen überfüllt war, mit farbigen Gipsreliefs von Ritterburgen -und munteren Wirtshausszenen in Messingrahmen. Sie war nicht einmal -imstande, das nasse Schuhzeug zu wechseln, Frau Schlessinger -zog ihr Stiefel und Strümpfe aus, ununterbrochen schwatzend und -Jenny ermahnend, guten Mutes zu sein. Sie erzählte von all den -Leidensgenossinnen Jennys, die sie im Hause gehabt hatte — jetzt war -die eine oder andere verheiratet und es ging ihnen gut, ja!</p> - -<p>Sie hatte etwa einen Monat hier gewohnt, als Frau Schlessinger -hereinkullerte, aufgeregt und strahlend — es sei ein Herr gekommen, -der das gnädige Fräulein begrüßen wollte.</p> - -<p>Jenny saß gelähmt vor Angst. Dann konnte sie fragen, wie der Herr -aussähe. Ganz jung, sagte Frau Schlessinger, und sie lächelte lauernd. -Sollte es Gunnar sein? Sie erhob sich, — aber dann warf sie das -Reiseplaid über, hüllte sich ganz darin ein und kroch in den tiefsten -Lehnstuhl.</p> - -<p>Frau Schlessinger wackelte entzückt hinaus, um den Herrn hereinzuholen. -Sie führte Gunnar zu Jenny hin und verweilte, glücklich lächelnd, einen -Augenblick in der Tür, ehe sie verschwand.</p> - -<p>Er preßte ihre Hände, daß es wehe tat. Aber er lachte strahlend:</p> - -<p>„Ich muß doch einmal nach dir sehen, wie es dir geht. — Ich finde -allerdings, du hast dir ein trauriges Stück Erde ausgesucht, aber -jedenfalls ist hier frische Luft.“ Er schüttelte ein wenig Wasser von -seinem Filzhut, den er in der Hand gehalten hatte.</p> - -<p>Jenny machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wollte, blieb -jedoch sitzen und sagte errötend: „Vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> bist du so lieb und -läutest für mich. Du sollst jetzt Tee — und Essen bekommen!“</p> - -<p>Heggen aß wie ein Wolf und plauderte unterdeß beständig. Er war -begeistert von Berlin; er wohnte oben in Moabit, im Arbeiterviertel, -und sprach mit gleichem Entzücken von deutschen Sozialdemokraten wie -vom Militarismus — „ja, an denen ist so was herrlich Maskulines, -siehst du. Das eine folgt außerdem aus dem anderen.“ Er hatte ein paar -großindustrielle Betriebe zu sehen bekommen, auch das Nachtleben hatte -er ein wenig studieren müssen, da er auf einen norwegischen Ingenieur -gestoßen war, der sich dort auf der Hochzeitsreise befand, und auf -eine norwegische Familie mit zwei reizenden, anmutigen Töchtern — die -jungen Damen waren förmlich begeistert nachdem sie das Laster ein wenig -aus der Nähe gesehen hatten.</p> - -<p>„Uebrigens entzweite ich mich mit ihnen. Ich schlug nämlich Fräulein -Paulsen eines späten Abends vor, mit zu mir nach Haus zu kommen —.“</p> - -<p>„Nein, aber Gunnar —“.</p> - -<p>„Ja, Teufel auch, ich war eben etwas betrunken, das kannst du dir wohl -denken, und dann war es doch nur Scherz, weißt du. Das hätte ja bloß -gefehlt, daß sie darauf eingegangen wäre — dann hätte ich hübsch in -der Tinte gesessen. Hätte mich vielleicht mit einem Mädel verheiraten -müssen, das sich damit amüsiert, an solchen Dingen zu schnuppern — -nein, danke. Es machte mir nur Spaß, zu sehen, wie sie sich sittlich -entrüstete. Nun, Gefahr war nicht vorhanden — diese Art Mädchen gibt -nicht ihr Kleinod hin, ohne sich die Valuta zu sichern —.“</p> - -<p>Er wurde plötzlich rot. Es kam ihm in den Sinn, daß Jenny es taktlos -finden könnte, wenn er so zu ihr sprach — jetzt. Aber sie lachte nur:</p> - -<p>„O, bist du verrückt, Junge!“</p> - -<p>Die unnatürliche, quälende Scheu war nach und nach von ihr gewichen. -Heggen fuhr fort zu plaudern. Einige Male, wenn sie es nicht sah, -hingen seine Augen ängstlich an ihrem Gesicht. Herrgott, wie war sie -mager und<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> hohläugig geworden — so gefurcht um den Mund. Die Sehnen am -Halse traten hervor, und ein paar häßliche Streifen zogen sich über die -Kehle.</p> - -<p>Es war trockenes Wetter geworden, so daß sie einen Spaziergang mit ihm -machen wollte.</p> - -<p>Ueber die öde Landstraße mit den verwehten Pappeln hin gingen sie durch -den Seenebel, Jenny schwerfällig und müde.</p> - -<p>„Nimm doch meinen Arm,“ sagte Gunnar beiläufig, was sie auch tat.</p> - -<p>„Ich finde es hier schrecklich trübselig, Jenny. Weißt du was, wäre es -nicht besser, du reistest nach Berlin?“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Dort hast du die Museen und so viel anderes. Jemand, mit dem du -zusammen sein kannst. Oder mach’ wenigstens eine kleine Reise dort -hinunter, um dich aufzumuntern. Ich finde, hier muß es langweilig sein.“</p> - -<p>„Ach nein, Gunnar, du kannst dir doch denken — nicht jetzt —.“</p> - -<p>„In diesem Ulster siehst du so hübsch aus,“ sagte er kurz darauf -vorsichtig.</p> - -<p>Jenny senkte den Kopf.</p> - -<p>„Ich bin ein Tolpatsch,“ erklärte er plötzlich heftig. „Verzeih! Du -mußt mirs sagen, Jenny, wenn ich dich quäle.“</p> - -<p>„Nein, das tust du nicht.“ Sie sah auf. „Ich bin froh, daß du kamst.“</p> - -<p>„Ich verstehe ja, daß es schwer sein muß.“ Seine Stimme klang jetzt -ganz anders. „Ja, Jenny, ich verstehe es. Aber es ist mein Ernst, ich -glaube, du machst es dir noch schwerer, wenn du hier umherläufst — in -diesem Zustand. Ich finde, du solltest an einen anderen Ort reisen, -der weniger — trostlos ist!“ Er blickte hinaus über die dunklen -Wiesenstrecken und die Pappelreihen, die sich im Nebel verloren.</p> - -<p>„Frau Schlessinger ist aber so freundlich,“ sagte Jenny ausweichend.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p> - -<p>„Ja, Armes, das stimmt schon.“ Er begann zu lachen. „Sie verdächtigt -sicher mich, der Missetäter zu sein!“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Jenny, ebenfalls lachend.</p> - -<p>„Nun ja, Teufel auch.“ Sie gingen schweigend weiter. „Du — hast du dir -schon überlegt, wie du dir dein Leben einrichten willst in Zukunft?“</p> - -<p>„Ich weiß noch nicht recht. Du meinst wohl mit — dem Kinde? Ich -lasse es vielleicht — bis auf weiteres — bei Frau Schlessinger. Sie -wird es sicher ordentlich pflegen. Oder es adoptieren.“ Sie lachte. -„Man adoptiert ja mitunter solche Kinder. Du weißt, ich könnte mich -<em class="gesperrt">Frau</em> Winge nennen und darauf pfeifen, was die Leute denken —.“</p> - -<p>„Du bist also fest entschlossen, wie du schriebst, jegliche Verbindung -mit — dem betreffenden Vater des Kindes abzubrechen?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie hart. „Es ist nicht der, mit dem ich — verlobt war,“ -fügte sie nach einer Weile hinzu.</p> - -<p>„Na, Gott sei Dank!“ Es klang so herzlich, daß sie unwillkürlich -lächelte „Ja, weißt du was, Jenny, er war es wahrhaftig nicht wert, -reproduziert zu werden, für dich jedenfalls. Er hat übrigens seinen -Doktor gemacht, sah ich kürzlich. Nun ja, es hätte also schlimmer sein -können — ich fürchtete ja, siehst du —.“</p> - -<p>„Es ist sein Vater,“ sagte sie plötzlich.</p> - -<p>Heggen hielt inne.</p> - -<p>Als sie in Tränen ausbrach, wild und herzzerreißend, umfing er sie. -Er legte seine Hände um ihr Gesicht, während sie fortfuhr, an seiner -Schulter zu schluchzen.</p> - -<p>Sie begann zu erzählen, während sie so standen. Einmal blickte sie ihm -ins Antlitz — es war ganz bleich und verzerrt — da weinte sie aufs -neue.</p> - -<p>Als es vorüber war, hob er einen Augenblick ihren Kopf:</p> - -<p>„Herr Jesus, Jenny — so ist es dir ergangen! Ich begreife es nicht.“ —</p> - -<p class="mtop2">Sie gingen schweigend wieder zur Stadt zurück.</p> - -<p>„Komm mit mir nach Berlin,“ sagte er plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> bestimmt. „Ich ertrage -den Gedanken nicht. Es geht nicht, daß du hier allein bleibst und über -all das nachgrübelst —.“</p> - -<p>„Ich habe fast aufgehört zu grübeln,“ flüsterte sie matt.</p> - -<p>„Das Ganze ist überhaupt sinnlos!“ Er wurde so heftig, daß sie stehen -blieb. „Den Besten von euch geht es so! Und wir ahnen nicht, wie ihr es -tragt! Das ist sinnlos!“</p> - -<p class="mtop2">Heggen blieb drei Tage in Warnemünde. Jenny verstand es selber kaum, -warum ihr nach seinem Besuch so viel besser zumute war. Aber dieses -unleidliche Gefühl der Demütigung war geschwunden, sie sah ihr Geschick -jetzt mit viel ruhigeren und natürlicheren Augen an.</p> - -<p>Frau Schlessinger lief umher und lächelte froh und untertänig, obgleich -Jenny ihr erklärt hatte, daß dieser Herr ihr Vetter war.</p> - -<p>Er hatte ihr angeboten, ihr seine Bücher zu schicken, und bald kam eine -ganze Kiste voll an, zum Weihnachtsfest sandte er Blumen und Konfekt. -Jede Woche schrieb er lange Briefe von allen möglichen Dingen und -schickte Ausschnitte aus norwegischen Zeitungen. Zu ihrem Geburtstag -im Januar kam er selbst herauf und blieb zwei Tage, ihr einige neue -norwegische Bücher vom Fest her zurücklassend.</p> - -<p>Aber gleich nach seinem letzten Besuch erkrankte sie. Sie war elend, -matt, zerquält und hatte in der letzten Zeit nicht schlafen können. -Vorher hatte sie nur selten an die Geburt selbst gedacht und sich nicht -davor gefürchtet. Jetzt, bei den ständigen Schmerzen ergriff sie eine -fürchterliche Angst vor dem, was ihr bevorstand. Als sie sich dann -schließlich legen mußte, war sie von Angst und Schlaflosigkeit völlig -entkräftet.</p> - -<p>Es war eine schwere Geburt. Jenny war dem Tode näher als dem Leben, als -der Arzt, der von Warnemünde herbeigeholt worden war, endlich ihren -Jungen in seinen blutigen Händen hielt.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> - -<h3 id="III_VI">VI.</h3> - -</div> - -<p>Jennys Knabe lebte sechs Wochen — genau vierundvierzig und einen -halben Tag, sagte sie bitter zu sich selber, wenn sie wieder und wieder -die kurze Zeit überdachte, während der sie gewußt hatte, was es heißt, -glücklich zu sein.</p> - -<p>Sie weinte die ersten Tage danach nicht, ging nur um das tote Kind -herum und würgte tief in der Kehle. Sie nahm es hoch und liebkoste es:</p> - -<p>„Bübchen — Mutters kleiner, kleiner, süßer Junge — du darfst nicht — -hörst du — Bübchen darf nicht tot sein, verstehst du mich denn nicht —.“</p> - -<p>Der Knabe war klein und schwächlich gewesen, als er zur Welt kam. Aber -Jenny wie auch Frau Schlessinger meinten, daß er gedeihen und großartig -wachsen würde. Dann wurde er eines Morgens krank und starb gegen Mittag.</p> - -<p>Als er begraben war, begann sie zu weinen, und jetzt konnte sie -nicht innehalten. Sie schluchzte fast andauernd, Tag und Nacht, -wochenlang. Krank wurde sie auch, bekam eine Brustentzündung, so daß -Frau Schlessinger den Arzt holen mußte, der sie dann schnitt. — Die -körperlichen Schmerzen und die Verzweiflung ihrer Seele flossen zu -einem zusammen, den fürchterlichen Fiebernächten.</p> - -<p>Frau Schlessinger schlief im Zimmer nebenan. Wenn sie die merkwürdig -tierischen, erstickten Klagelaute aus dem Zimmer des jungen Mädchens -vernahm, wackelte sie entsetzt herbei und setzte sich auf einen Stuhl -vor dem Bett: „Um Gotteswillen, Fräulein —.“</p> - -<p>Sie pflegte Jenny und streichelte ihre mageren, klammen Hände mit ihren -dicken, warmen. Sie redete ihr gut zu. Es sei Gottes Wille, vielleicht -das Beste für den Jungen wie für das gnädige Fräulein selber. Fräulein -sei ja noch so jung —. Frau Schlessinger hatte selbst ihre beiden -Kinder verloren, die kleine Bertha, als sie zwei Jahre alt war, und -Wilhelm mit vierzehn Jahren,<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> so einen kecken Burschen. Sie waren doch -in gesetzlicher Ehe geboren und hatten ihre Stütze sein sollen, aber -dieser Kleine hier, er wäre ja nur eine Fessel an Fräuleins Fuß gewesen -— und Fräulein sei doch so jung und nett. Ach Gott, gewiß war er lieb -gewesen, der kleine Engel, ja, schwer genug sei es schon —.</p> - -<p>Ihren Mann hatte Frau Schlessinger auch verloren — ja. Und es gab -viele Leidensgenossinnen von Jenny, die Frau Schlessinger im Hause -gehabt hatte, deren Kinder gestorben waren — ja, einige seien froh -gewesen, einige hätten sie geradezu vernachlässigt, um sie loszuwerden -— ja, es war häßlich, aber was soll man dazu sagen? Einige hatten auch -geweint und gejammert wie jetzt Jenny, aber sie kamen mit der Zeit -darüber hinweg; die eine und die andere war jetzt verheiratet und hatte -es glücklich getroffen. Aber eine solche Verzweiflung wie beim gnädigen -Fräulein habe sie doch noch nie erlebt. Herrgott im Himmel!</p> - -<p>Daß der Vetter nach dem Süden gereist war, erst nach Dresden und -darauf nach Italien, gerade in jenen Tagen, als der Knabe starb, dem -schrieb Frau Schlessinger in ihrem Herzen einen großen Teil von Jennys -Verzweiflung zu. Ja, ja, so waren sie nun einmal, die Mannsleute.</p> - -<p>Unauflöslich verbunden mit der Erinnerung an diese wahnwitzigen, -qualerfüllten Nächte war seitdem für Jenny das Bild von Frau -Schlessinger, wie sie dort auf dem Stühlchen vor dem Bette saß, während -das Lampenlicht sich in den Tränen brach, die aus ihren freundlichen -Aeuglein sickerten und über ihre runden roten Apfelwangen tropften. -Ihr Mund, der nicht einen Augenblick still stand, ihr kleiner grauer -abstehender Zopf und ihre weiße Nachtjacke mit dem Zackenbesatz, ihr -Unterrock aus rosa und grau gestreiftem Flanell mit den gestickten -Zacken rings herum. Und das kleine Zimmer mit den Gipsreliefs in -Messingrahmen.</p> - -<p>Sie hatte Heggen von ihrem großen Glück geschrieben. Er hatte auch -geantwortet; er wäre gern gekommen, um sich den Buben anzuschauen, aber -die Reise war lang<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> und teuer, außerdem war er im Begriff, nach Italien -aufzubrechen. Später sei sie mit dem Prinzen willkommen und er sende -die besten Glückwünsche! —</p> - -<p>Als das Kind starb, war Heggen in Dresden: sie bekam einen langen -schönen Brief von ihm.</p> - -<p>An Gert hatte sie einige Zeilen geschrieben, sobald sie konnte. Sie gab -gleichzeitig ihre Adresse auf, bat ihn jedoch, nicht vor dem Frühling -herunterzukommen, dann wäre der Kleine groß und hübsch geworden. Jetzt -könnte wohl nur die Mutter sehen, wie prächtig er war. — Als sie -wieder aufgestanden war, sandte sie ihm ein längeres Schreiben.</p> - -<p>Am Tage, als das Kind begraben wurde, schrieb sie wieder und teilte in -wenigen Worten seinen Tod mit. Gleichzeitig erwähnte sie, daß sie am -selben Abend nach dem Süden reise und daß er nicht erwarten dürfe, von -ihr zu hören, bis sie ruhiger geworden: „Du brauchst dich nicht um mich -zu ängstigen,“ schrieb sie, „ich bin jetzt soweit vollkommen ruhig und -gefaßt, aber natürlich grenzenlos traurig.“</p> - -<p>Dieser Brief kreuzte sich mit einem von Gert Gram. Dieser lautete:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft2 mbot1">Meine kleine Jenny!</p> - -<p>Ich danke Dir für Deinen letzten Brief. Zu allererst muß ich Dir -sagen, da Du Dir scheinbar Vorwürfe machst in bezug auf Dein -Verhältnis zu mir; liebes kleines Mädchen, ich mache Dir ja keine, -und darum darfst Du es auch nicht. Du bist ja immer nur gut und -weich und liebevoll gegen Deinen Freund gewesen. Nie werde ich -Deine Zärtlichkeit und Deine Wärme aus der kurzen Zeit, da Du mich -liebtest, vergessen — Deine süße Jungfräulichkeit und feine, sanfte -Hingebung in den Tagen unseres kurzen Glücks.</p> - -<p>Unser Glück konnte nur kurz sein; das hätten wir beide wissen -müssen. Ich hätte es wissen <em class="gesperrt">müssen</em>. Du hättest es wohl wissen -<em class="gesperrt">können</em>, wenn Du nachgedacht<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> hättest; aber was denken zwei -Menschen, die sich zu einander hingezogen fühlen? Daß Du eines Tages -aufhörtest, mich zu lieben — glaubst Du, ich werfe Dir das vor? Wenn -es mir auch das bitterste Leid verursachte in meinem sonst nicht eben -glücklichen Leben — doppelt bitter für mich, da ich gleichzeitig -erfuhr, daß Du für unser Verhältnis nun durch dein ganzes Leben büßen -mußt.</p> - -<p>Aber nun sehe ich aus Deinem Briefe, daß diese Folgen, über die -ich sicher viel verzweifelter war als Du, was Du auch an Sorgen -und körperlichen Leiden durchgemacht haben magst, Dir dennoch eine -tiefere Freude, ein größeres Glück geschenkt haben, als es Dir sonst -im Leben begegnet ist. Ich sah, daß die Mutterfreude Dich ganz mit -Frieden, Lebensmut und Zufriedenheit erfüllte, so daß Du meinst, mit -Deinem Kinde im Arm genug Kraft zu besitzen, um alle Schwierigkeiten, -ökonomische wie soziale zu überwinden, die die Zukunft einer jungen -Frau in Deiner Lage bringen kann. Daß Du dies schreibst, macht mich -froher, als Du ahnen kannst. Für mich ist dies wiederum ein Beweis -für das Walten jener ewigen Gerechtigkeit, an der ich ja nicht -zweifle. Dir, die Du einen Irrtum begingst, weil Dein Herz warm und -zärtlich war und nach Zärtlichkeit dürstete, wird gerade dieser -Irrtum, der Dir so verzweifelte Stunden gebracht hat, schließlich all -das bescheren, wonach Du so brennend verlangtest, besser, schöner -und reiner, als Du es je erträumt. Schon jetzt, da dein Herz ganz -von Liebe zu Deinem Kinde erfüllt ist und später in noch höherem -Maße, wenn der kleine Bursche heranwächst, seine Mutter kennen lernt, -sich an sie hängt und ihre Liebe erwidern kann, stärker, tiefer und -bewußter mit jedem Jahre, das dahingeht.</p> - -<p>Und mir, der ich Deine Liebe entgegennahm, obgleich ich hätte -wissen müssen, daß ein Liebesverhältnis zwischen uns unmöglich und -unnatürlich war — mir haben diese Monate unerträgliches Leiden -und Trauern<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> gebracht — und einen Verlust, Jenny, einen Verlust, -wie Du ihn Dir nicht vorstellen kannst, den Verlust Deiner Person, -Deiner Jugend, Deiner Schönheit, Deiner gesegneten Liebe. Jede -kleinste Erinnerung an diese Dinge war durch die Reue verbittert — -diese ständig nagende Frage, wie konnte ich sie es tun lassen, wie -konnte ich es annehmen, wie konnte ich an ein Glück für mich mit ihr -glauben? Ja, Jenny, ich habe daran geglaubt, so wahnsinnig es auch -klingt, weil ich mich bei Dir so jung fühlte. Vergiß nicht, daß ich -meiner eigenen Jugend verlustig ging, und dies, als ich weit jünger -war als Du jetzt bist; der Jugend arbeitsfrohes Leben und frohes -Liebesglück durfte ich — durch eigene Schuld — nicht kennen lernen. -Und dies war die Strafe. Gespenstisch kehrte meine tote Jugend -zurück, als ich Dich gesehen — mein Herz fühlte sich nicht älter als -das Deine. Oh, Jenny, nichts auf der Welt ist fürchterlicher, als -wenn ein Mann alt und sein Herz jung geblieben ist.</p> - -<p>Du schreibst, Du sähest es gern, wenn ich später, sobald der Knabe -größer geworden ist, Dich besuchte, um mir unser Kind anzusehen. -Unser Kind — es ist ein so widersinniger Gedanke. Weißt Du, -woran ich dauernd denken muß? Kannst Du Dich des alten Joseph -entsinnen auf den italienischen Altarbildern, der immer abseits -oder im Hintergrunde zur Seite steht, zärtlich und wehmütig das -göttliche Kind und dessen junge, herrliche Mutter betrachtend, diese -beiden, die ganz von einander in Anspruch genommen sind, und seine -Anwesenheit gar nicht beachten. Liebe Jenny, mißverstehe mich nicht, -ich weiß ja, daß das Kindchen, das jetzt in Deinem Schoß liegt, auch -mein Fleisch und Blut ist und doch — wenn ich jetzt an Dich denke, -die Mutter geworden ist, dann komme ich mir wie der arme alte Joseph -vor, der draußen steht.</p> - -<p>Aber deshalb solltest Du ebensowenig Bedenken tragen, den Namen -als meine Gattin anzunehmen und den Schutz, der für Dich und Dein -Kind darin liegt,<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> wie Maria, als sie sich dem Joseph anvertraute. -Eigentlich finde ich, es ist nicht ganz richtig von Dir, dem Kinde -den Vatersnamen zu rauben, auf den es doch ein Anrecht hat — Du -magst soviel Selbstvertrauen haben wie Du willst. Selbstverständlich -ist es, daß Du im Falle einer solchen Ehe ebenso frei und ungebunden -bleibst wie sonst, und daß diese Ehe auch, sobald du es wünschest, -gesetzlich aufgehoben wird. Ich bitte Dich inständig, Dir dies -zu überlegen. Wir können uns im Auslande trauen lassen, wenn Du -es wünschest, und schon einige Monate danach können Schritte -zur Trennung getan werden. Du brauchst nie wieder nach Norwegen -zurückzukehren, geschweige denn unter einem Dach mit mir zu wohnen.</p> - -<p>Von mir selbst ist nicht viel zu berichten. Ich habe zwei kleine -Zimmer hier oben auf dem Haegdehaug ganz in der Nähe jenes -Landhauses, in dem ich geboren bin und bis zu meinem zehnten Jahre -gelebt habe, als mein Vater im Numetal Vogt wurde. Von meinem -Fenster aus sehe ich die Spitzen der beiden großen Kastanien an der -Eingangstür meines Vaterhauses. Sie haben sich nicht sonderlich -verändert. Hier oben beginnen die Abende bereits lang und licht und -lenzhaft zu werden, die Bäume zeichnen ihre nackten braunen Kronen -in den fahlgrünen Himmel, an dem einzelne goldene Sterne durch die -scharfe klare Luft funkeln. Abend für Abend sitze ich hier an meinem -Fenster und starre in die Ferne, während mein ganzes Leben in Träumen -und Erinnerungen an mir vorüberzieht. Ach, Jenny, wie hatte ich -jemals vergessen können, daß ein ganzes Leben zwischen Dir und mir -lag, ein Leben, fast doppelt so lang wie das Deine, ein Leben, von -dem mehr als die Hälfte in ununterbrochener Demütigung, Niederlage -und Schmerz dahingeschleppt worden ist. —</p> - -<p>Daß Du ohne Zorn und Bitterkeit an mich denkst, ist mehr, als ich -erhofft und erwartet habe. Das Glück, das durch jede Zeile Deines -Briefes atmet, hat mir so unsagbar wohlgetan. Gott segne und behüte -mein<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> Kind und Dich; alles Glück der Welt wünsche ich auf Dich und -das Kind herab. Ich habe Dich so unsäglich lieb, Du kleine Jenny, die -einst mein war.</p> - -<p class="right mright2"><span class="mright5">Dein treuer</span><br /> - -Gert Gram.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_VII">VII.</h3> - -</div> - -<p>Jenny blieb bei Frau Schlessinger wohnen. Dort war es billig — und sie -wußte nicht, wohin mit sich.</p> - -<p>Es lag Lenzeswehen in der Luft, über die gewaltige, offene -Himmelskuppel hin segelten schwere, vom Sonnenlicht verbrämte Wolken, -die wie Gold und Blut brannten und sich an den Abenden im unruhigen -Meer spiegelten, wenn sie draußen auf der Mole war. Die trübseligen, -dunklen Flächen im Lande wurden lichtgrün, die Pappeln schimmerten -braunrot von neuem Sproß, und dufteten lind und weich. Am Eisenbahndamm -wimmelte es von Veilchen und kleinen weißen und gelben Blumen. -Schließlich war die Ebene üppig grün, es sprühte von Farben an den -Wegrainen, schwefelgelbe Iris und große weiße Doldenpflanzen spiegelten -sich in den Wasserlöchern der Torfmieten. Eines schönen Tages strömte -süßer Heuduft über Land, der sich in dem salzigen Algengeruch vom -Strande her mischte.</p> - -<p>Das Badehotel wurde eröffnet und Sommergäste zogen in die kleinen -Häuser an der Mole. Es wimmelte von Kindern auf dem weißen -Sandstreifen. Sie kugelten sich im Sand und platschten barfuß ins -Wasser hinaus, Mütter, Kindermädchen und Ammen in Spreewäldertracht -saßen nähend im Grase und beaufsichtigten sie. Die Badehäuschen waren -ins Wasser gerollt worden, und kleine deutsche Backfische schrien und -juchten dort draußen. Luxussegler legten an der Mole an; Besuch kam aus -der Stadt, abends war Tanz im Badehotel; die kleine Tannenplantage war -voller Spaziergänger. Hier hatte Jenny zu Beginn des Frühlings in dem -struppigen Gras gelegen, dem Wellenschlag<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> und dem Sausen des Windes in -den zerzausten Kronen lauschend.</p> - -<p>Diese oder jene der Damen sandte ihr einen interessierten oder -teilnehmenden Blick nach, wenn sie den Weg am Badestrand entlang -spazierte, mit ihrem schwarzweißen Sommerkleide angetan. Die Badegäste -im Ort hatten natürlich erfahren, daß sie eine junge Norwegerin war, -die ein Kind bekommen hatte, über dessen Tod sie so furchtbar trauerte. -Einige waren auch darunter, die es mehr rührend als skandalös fanden.</p> - -<p>Im übrigen wanderte sie meist landeinwärts; dorthin kamen niemals -Sommergäste. Ganz selten ging sie bis hinauf zur Kirche und zum -Kirchhof, wo der Knabe lag. Sie saß dann und starrte auf das Grab, das -sie nicht hatte herrichten lassen. Sie legte dann einige wilde Blumen -nieder, die sie unterwegs gepflückt hatte, aber ihre Phantasie weigerte -sich, den kleinen, grauen Erdhügel, auf welchem Unkraut und Gräser in -die Höhe schossen, mit ihrem Bübchen in Verbindung zu bringen.</p> - -<p>An den Abenden saß sie in ihrem Zimmer mit einer Handarbeit, die sie -nicht anrührte, und starrte in die Lampe. Sie dachte immer an das -Gleiche, rief die Tage wieder zurück, als sie ihren Jungen besessen -hatte, die erste Zeit, das matte, friedliche Glück, während sie lag -und genas, später, wenn sie aufrecht im Bett saß und Frau Schlessinger -ihr das Baden und Wickeln, das An- und Auskleiden des Kindes zeigte, -dann, als sie zusammen nach Warnemünde reisten, um feinen Stoff, -Spitzen und Band zu kaufen, als sie heimkehrte, zuschnitt, nähte, -zeichnete und stickte — ihr Junge sollte feine Sachen haben statt -des schlechten fertiggekauften Zeuges, das sie aus Berlin bestellt -hatte. Eine drollige Gartenspritze hatte sie gekauft mit Abziehbildern -auf dem grünbemalten Blech: ein Löwe und ein Tiger standen zwischen -Palmen an einem himmelblauen Meer und betrachteten entsetzt die -deutschen Panzerungetüme, die den afrikanischen Besitzungen des Reichs -zudampften. Sie fand das Ding so lustig — Bübchen sollte es zum -Spielen haben, wenn<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> er einmal groß genug geworden war. Erst mußte er -ja Mutters Brust finden, an der er sich jetzt nur blind festsog — und -seine eigenen kleinen Finger, die er nicht voneinander bekommen konnte, -sobald er sie ineinander verfilzt hatte — bald würde er die Mutter -kennen, nach der Lampe blinzeln und nach Mutters Uhr, die sie vor ihm -schaukeln ließ — da war so viel, was Bübchen lernen mußte.</p> - -<p>In einer Schieblade lagen alle seine Sachen, sie nahm sie nie heraus. -Sie wußte ja doch, wie jedes Stück aussah und wie es sich auf der -Handfläche anfühlte — das glatte, weiche Linnen, die rauhe Wolle und -die halbfertige Jacke aus grünem Flanell, die sie mit Butterblumen -bestickt hatte, die sollte er haben, wenn er ausgefahren wurde. —</p> - -<p>Sie hatte ein Bild vom Strande angefangen mit den roten und blauen -Kindern auf dem weißen Sandstrand. Einige der teilnehmenden Damen kamen -herbei, schauten zu und versuchten, eine Bekanntschaft anzubahnen: „Wie -nett!“ Sie war aber unzufrieden mit der Skizze und mochte sie nicht -beendigen, auch eine neue wollte sie nicht anfangen. —</p> - -<p class="mtop2">Eines Tages schloß das Badehotel wieder, es stürmte auf See, und der -Sommer war vorüber.</p> - -<p>Gunnar schrieb aus Italien und riet ihr, herunterzukommen. Cesca wollte -sie nach Schweden haben. Die Mutter, die nichts wußte, schrieb und -begriff nicht, warum sie dort blieb. Jenny dachte daran, fortzureisen, -konnte aber zu keinem Entschluß kommen. Obgleich doch allmählich eine -unbestimmte Sehnsucht in ihr wach wurde. Sie wurde selbst dadurch -nervös, daß sie so umherging und nichts tun konnte. Sie mußte einen -Entschluß fassen — wenn sie auch nur eines Nachts von der Mole aus in -die See spränge.</p> - -<p>Eines Abends hatte sie die Kiste mit Heggens Büchern hervorgeholt. -Unter ihnen befand sich ein Band italienischer Gedichte — <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Fiori -della poesia italiana</span>. Eine Ausgabe,<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> für Touristen berechnet, in -einfaches Leder gebunden. Sie blätterte darin, um zu sehen, ob sie all -ihr Italienisch vergessen hätte.</p> - -<p>Sie schlug das Buch zufällig bei Lorenzo von Medicis Karnevalslied -auf und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, von Gunnars Hand -beschrieben:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Liebe Mutter. Jetzt kann ich Dir endlich berichten, daß ich -glücklich und wohl in Italien angekommen bin, und daß es mir in jeder -Hinsicht gut geht, sowie —“ Der Rest des Bogens war mit Vokabeln -bedeckt. Bei den Verben standen zugleich die Deklinationen. Auch am -Rande des Buches standen Vokabeln — ganz dicht, an dem tragisch -frohen Karnevalsgedicht entlang. „Wie schön ist die Jugend, die so -schnell entflieht“.</p> -</div> - -<p>Selbst die gewöhnlichsten Worte waren aufgeschrieben. Gunnar mußte -versucht haben, das Lied zu lesen, gleich nachdem er nach Italien -gekommen war — ehe er etwas von der Sprache konnte. Sie sah auf dem -Titelblatt nach: G. Heggen, Firenze und die Jahreszahl stand dort. Das -war, ehe sie ihn kennengelernt hatte.</p> - -<p>Sie blätterte und las hier und da. Dort stand Leopardis Hymne an -Italia, für die Gunnar so begeistert war. Sie las sie. Der Rand war -schwarz von Vokabeln und Tintenflecken.</p> - -<p>Es schien wie ein Gruß von ihm, eindringlicher als alle seine Briefe. -Er rief sie, jung und gesund, fest und voller Tatendrang. Er bat -sie, zum Leben zurückzukehren und zur Arbeit. Ja, wenn sie sich doch -zusammennehmen und wieder anfangen könnte. Sie mußte versuchen, zu -wählen zwischen Leben — oder Tod. Sie wollte wieder dort hinab, -wo sie sich einst frei und stark gefühlt hatte, allein, nur mit -ihrer Arbeit. Sie sehnte sich danach, und nach den Freunden, den -zuverlässigen Kameraden, die einander nicht so nahe kamen, daß Leid -daraus entstand, sondern Seite an Seite, jeder in seiner eigenen Welt, -die auch all den anderen gehörte, miteinander dahinlebten, im Vertrauen -auf ihr Können, in der Freude an ihrem<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Schaffen. Sie wollte das Land -wiedersehen, das felsige Land mit den stolzen, strengen Linien und den -sonnedurchtränkten Farben.</p> - -<p>Kurz darauf reiste sie nach Berlin. Sie lief einige Tage in der Stadt -umher, so auch in den Galerien. Aber sie fühlte sich müde, fremd und -überflüssig. So fuhr sie weiter nach München.</p> - -<p>In der Alten Pinakothek sah sie Rembrandts Heilige Familie. Sie -betrachtete das Bild gar nicht als Malerei an sich, sie sah nur die -junge Bauersfrau, das Hemd von der milchgefüllten Brust weggezogen und -das Kind anschauend, das eingeschlafen war. Liebkosend griff die Mutter -um sein eines bloßes Füßchen. Ein häßlicher kleiner Plebejerjunge -war es, aber strotzend vor Gesundheit, und er schlief so gut, war -so herrlich und lieb. Josef guckte über der Mutter Schulter auf ihn -nieder. Es war aber kein alter Josef, und Maria war keine weltfremde -Himmelsbraut. Es war ein kräftiger, mittelalterlicher Handwerker mit -seiner jungen Frau, und das Kind war ihrer beider Lust und Freude.</p> - -<p>Am Abend schrieb sie an Gert Gram. Einen langen Brief, zart und traurig -— aber es war ein Lebewohl für immer.</p> - -<p>Am nächsten Tage löste sie eine Karte direkt bis Florenz. Beim ersten -Morgengrauen saß sie am Abteilfenster nach einer schlaflosen Nacht -im Zuge. Wildbäche hüpften silbrig über waldbewachsene Felshänge. Es -wurde licht und lichter, die Städte, an denen sie vorüberflog, nahmen -mehr und mehr italienischen Charakter an. Rostbraune und moosgoldene -Dachziegel, Loggien an den Häusern, grüne Stabjalousien an rotgelben -Hauswänden, barocke Kirchenfassaden, die Bogenreihen der Steinbrücken -draußen im Fluß. Die Schilder auf den Stationen trugen jetzt deutschen -und italienischen Text. Weinberge zeigten sich außerhalb der Städte und -graue Burgruinen erschienen auf den Bergkuppen.</p> - -<p>Ala. Sie stand an der Zollschranke, die verdrießlichen Passagiere aus -der ersten und zweiten Klasse betrachtend<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> — und war so sinnlos froh. -Nun war sie wieder in Italien. Der Zollbeamte lächelte sie an, weil sie -blond war, und sie lächelte zurück, weil er sie für die Kammerjungfer -dieser oder jener Herrschaft hielt.</p> - -<p>Die Felsketten wichen zur Seite, lehmgrau mit blauen Schatten in den -Klüften, das Erdreich leuchtete rostrot, die Sonne flammte weiß und -glühend auf.</p> - -<p>In Florenz aber war es bitter kalt und trübe in diesen Novembertagen. -Müde und verfroren irrte sie etwa vierzehn Tage in der Stadt umher, -ihr Herz blieb kalt gegen all die Schönheit, die sie erblickte, und -melancholisch und mutlos, weil sie sich nicht wie früher an ihr wärmen -konnte. —</p> - -<p>Eines Morgens fuhr sie nach Rom. Die Felder in der toskanischen -Landschaft waren von weißem Reif bedeckt. Später am Tage lichtete sich -der Nebel und die Sonne erschien. Sie sah die Stelle wieder, die sie -nie vergessen konnte: Der Trasimenische See lag fahlblau zwischen den -Felsen im Dunst. Ins Wasser hinaus schoß eine Landzunge mit den Türmen -und Zinnen einer kleinen steingrauen Stadt. Eine Zypressenallee führte -vom Bahnhof aus dort hinüber. —</p> - -<p>In Rom hielt sie in strömendem Regen ihren Einzug. Gunnar war auf dem -Bahnhof und nahm sie in Empfang. Er preßte ihre Hände, als er sie -willkommen hieß. Während sie im Regen, der vom grauen Himmel auf das -Straßenpflaster niederklatschte, nach der Wohnung ratterten, die er ihr -verschafft hatte, fuhr er mutig fort zu plaudern und zu lachen. —</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_VIII">VIII.</h3> - -</div> - -<p>Heggen saß am äußersten Ende des Marmortisches und nahm an der -Unterhaltung fast nicht teil. Ab und zu schielte er zu Jenny hinüber, -die sich, Whisky und Selter vor sich, in eine Ecke geklemmt hatte. Sie -unterhielt sich übertrieben lebhaft quer über den Tisch mit<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> einer -jungen schwedischen Frau und nahm nicht im geringsten Notiz von den -neben ihr sitzenden Dr. Broager und der kleinen dänischen Malerin, -Loulou von Schulin, die beide versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich -zu lenken. Heggen sah, sie hatte wieder zuviel getrunken.</p> - -<p>Sie bildeten eine kleine Schar von Skandinaviern und einigen Deutschen, -die in einer Weinkneipe zusammengetroffen und jetzt am Ende der -Nacht im hintersten Winkel eines düsteren Cafés gelandet waren. Die -Gesellschaft hatte dem Alkohol reichlich zugesprochen und war sehr -wenig gewillt, den Aufforderungen des Wirtes nachzukommen, zu gehen, da -es weit über die vorgeschriebene Polizeistunde sei und er zweihundert -Lire Strafe zu zahlen haben würde, ja sicher!</p> - -<p>Gunnar Heggen war der einzige, der es mehr als gern gesehen hätte, daß -das Trinkgelage ein Ende nähme. Er war der einzig Nüchterne und hatte -schlechte Laune.</p> - -<p>Dr. Broager brachte alle Augenblicke seinen schwarzen Schnurrbart auf -Jennys Hand an. Wenn sie diese an sich zog, versuchte er es auf ihrem -nackten Arm. Die andere Hand hatte er hinter ihr aufs Sofa gelegt. Sie -saßen zusammengedrängt im Winkel, so daß jeder Versuch, sich ihm zu -entwinden, umsonst gewesen wäre. Im übrigen war ihr Widerstand auch -ziemlich schwach, und sie lachte ohne Zorn über seine Zudringlichkeit.</p> - -<p>„Pfui!“ sagte Loulou von Schulin und zog die Schultern hoch. „Daß Sie -das ertragen können! Finden Sie ihn denn nicht widerlich, Jenny?“</p> - -<p>„O doch, natürlich. Aber Sie sehen ja, er ist genau so wie eine -Schmeißfliege — es nützt nichts, ihn wegzujagen. Pfui, hören Sie doch -auf, Doktor —“</p> - -<p>„Pfui,“ sagte die andere wie vorher. „Daß Sie das aushalten können!“</p> - -<p>„Pah! Ich kann mich ja mit Seife abwaschen, wenn ich nach Hause komme.“</p> - -<p>„So?“ Loulou von Schulin warf sich über Jennys Schoß und streichelte -ihre Arme. „Wir geben jetzt auf die armen schönen Hände acht! -Sehen Sie!“ Sie hob<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> die eine Hand in die Höhe und zeigte sie der -Tafelrunde. „Ist sie nicht entzückend?“ Dann löste sie ihren giftgrünen -Automobilschleier vom Hute und hüllte Arme und Hände darin ein. „Ins -Fliegennetz — seht doch nur!“ Und sie streckte Broager blitzschnell -die Zunge heraus.</p> - -<p>Jenny blieb einen Augenblick, die Arme in den grünem Schleier -gewickelt, sitzen. Dann machte sie sich frei und zog Jacke und -Handschuhe an.</p> - -<p>Broager versank in einen kleinen Halbschlummer. Aber Fräulein Schulin -hob ihr Glas:</p> - -<p>„Prost! Herr Heggen!“</p> - -<p>Er tat, als hörte er nicht. Erst, als sie es wiederholte, griff er nach -seinem Glase. „Pardon — ich sah nicht,“ trank und sah wieder fort.</p> - -<p>Dieser oder jener lächelte. Da Heggen und Fräulein Winge Tür an Tür im -obersten Stockwerk irgendwo drüben zwischen Babuino und Corso wohnten, -glaubte man genug zu wissen. Was aber Fräulein von Schulin betraf, so -war sie vorübergehend mit einem norwegischen Schriftsteller legitim -verheiratet gewesen, reiste dann von ihm und dem Kinde in die weite -Welt hinaus, wo sie wieder ihren Mädchennamen, die Anrede Fräulein -und Malerin angenommen hatte, und außerdem Freundschaften mit Frauen -unterhielt, worüber besonders üble Gerüchte im Umlauf waren.</p> - -<p>Der Wirt kehrte wieder zur Gesellschaft zurück und parlamentierte -eindringlich, um sie zur Tür hinauszubekommen. Die beiden Kellner -löschten die Gasflammen drüben im Lokal und stellten sich abwartend am -Tische auf. Es blieb also nichts anderes übrig, als zu bezahlen und -dann zu gehen.</p> - -<p>Heggen gehörte zu den letzten, die das Lokal verließen. Drüben auf -dem Marktplatz im Mondenschein sah er, wie Fräulein Schulin Jennys -Arm ergriff. Sie liefen auf eine leere Droschke zu, die die anderen -im Begriff waren zu stürmen. Er sprang hinüber und hörte von weitem -Jenny rufen: „Ihr wißt, die in der Via Paneperna.“<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> Sie hüpfte in die -überfüllte Droschke und fiel irgend jemanden auf den Schoß.</p> - -<p>Aber einige Damen wollten wieder ins Freie, andere in den Wagen — -ununterbrochen sprang jemand aus der einen Wagentür hinaus und in die -andere hinein. Der Kutscher saß unbeweglich auf dem Bock und wartete. -Der Gaul schlief, den Kopf bis fast aufs Steinpflaster gesenkt.</p> - -<p>Jenny stand wieder auf der Straße, aber Fräulein Schulin streckte die -Hand nach ihr aus — es war noch Platz.</p> - -<p>„Es ist eine Schande um das Pferd,“ sagte Heggen kurz. So begann sie -denn zu gehen, neben ihm, als letzte in der Schar derer, die in der -Droschke nicht Platz gehabt hatten. Der Wagen rollte langsam vorauf.</p> - -<p>„Du willst doch nicht behaupten, daß du länger mit diesen Menschen -zusammen sein magst, ganz bis zur Via Paneperna hinaustrotten nur -deswegen?“ sagte Heggen.</p> - -<p>„Oh, wir werden schon unterwegs eine leere Droschke finden —“</p> - -<p>„Daß du dazu Lust hast — betrunken wie die Lumpen sind sie auch — -alle miteinander,“ wiederholte er.</p> - -<p>Jenny lachte müde.</p> - -<p>„Das bin ich sicher auch.“</p> - -<p>Heggen antwortete nicht. Sie waren bis zur Piazza di Spagna gekommen. -Da stand sie still:</p> - -<p>„Du willst also nicht mitgehen, Gunnar?“</p> - -<p>„Wenn du es durchaus noch weiter mitmachen willst, dann ja — sonst -nicht.“</p> - -<p>„Du brauchst doch um meinetwillen nicht — du kannst dir doch denken, -daß ich schon nach Hause finden werde.“</p> - -<p>„Gehst du mit, so gehe ich auch mit. Ich erlaube dir nämlich nicht, -dich allein mit diesen betrunkenen Menschen herumzutreiben.“</p> - -<p>Sie lachte, das gleiche matte und gleichgültige Lachen.</p> - -<p>„Zum Teufel, dann bist du morgen so müde, daß du mir auch nicht sitzen -kannst.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p> - -<p>„Oh, ich werde das schon fertigbringen.“</p> - -<p>„Das glaube ich nicht. Ich kann jedenfalls nicht ordentlich arbeiten, -wenn wir so die ganze Nacht durchbummeln.“</p> - -<p>Jenny zuckte mit den Schultern. Aber sie schlug die Richtung nach -Babuino ein, den anderen entgegengesetzt.</p> - -<p>Zwei Polizisten in ihren Umhängen gingen an ihnen vorüber. Sonst war -nicht die Spur von Leben auf dem öden Platz. Der Springbrunnen rieselte -vor der Spanischen Treppe, die inmitten der immergrünen, schwarzen und -silberblinkenden Büsche der Anlagen vom Mondenschein weiß übergossen -dalag.</p> - -<p>Jenny sagte plötzlich hart und spöttelnd:</p> - -<p>„Ich weiß, es ist gut gemeint, Gunnar. Es ist nett von dir, daß du -versuchst, auf mich aufzupassen. Aber es hat keinen Zweck.“</p> - -<p>Er schwieg.</p> - -<p>„Nein, wenn du selbst nicht willst,“ sagte er kurz nach einer Weile.</p> - -<p>„Willst,“ äffte sie ihm nach.</p> - -<p>„Ja, ich sagte ‚willst‘.“</p> - -<p>Jenny atmete kurz und heftig, als wollte sie etwas antworten, hielt -aber an sich. Ekel stieg in ihr auf — halbbetrunken war sie, das -wußte sie selbst sehr wohl. Es fehlte ja noch, daß sie hier aufschrie, -jammerte und heulte, berauscht, wie sie war, Gunnar gegenüber. Sie biß -die Zähne zusammen.</p> - -<p>So kamen sie zu ihrer Haustür. Heggen schloß auf, entzündete ein -Wachshölzchen und begann, die endlos dunkle Treppe hinaufzuleuchten.</p> - -<p>Ihre beiden Zimmerchen lagen für sich auf einem halben Stockwerk oben -am Ende der Treppe. An den Türen vorüber lief ein kleiner Gang, der in -einer Marmortreppe zum flachen Dach des Hauses endigte.</p> - -<p>In ihrer Tür reichte sie ihm die Hand:</p> - -<p>„Gute Nacht, Gunnar — hab Dank,“ sagte sie leise.</p> - -<p>„Ich danke dir. Schlaf gut —“</p> - -<p>„Gleichfalls.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p> - -<p>Drinnen in seinem Zimmer öffnete er das Fenster. Gerade gegenüber -glänzte der Mondschein auf einer ockergelben Hauswand mit geschlossenen -Fensterläden und schwarzen eisernen Balkons. Der Pincio erhob dahinter -seinen Gipfel mit den scharfabstechenden dunklen Laubmassen gegen den -mondlichtblauen Himmel. Darunter lagen alte, moosbewachsene Dächer; wo -des Hauses kohlschwarzer Schatten endete, hing leichenfahle Wäsche zum -Trocknen auf einer niedrigen Terrasse. Gunnar beugte sich weit über -das Fenstersims, traurig und angewidert. Tod und Teufel, war er denn -engherzig oder — aber Jenny in diesem Zustande zu sehen —!</p> - -<p>Aber gerade er hatte sie zuerst in dieses Getriebe hineingezogen. Um -sie aufzumuntern. Sie verkümmerte ja in den ersten Monaten wie ein -kranker Vogel. Er hatte geglaubt, es würde für sie Beide eine boshafte -Unterhaltung sein, die anderen zu beobachten — diese Affen. Er hatte -ja nicht geahnt, daß es eine derartige Wirkung haben könnte.</p> - -<p>Er hörte sie aus ihrem Zimmer und hinauf zum Dache gehen. Heggen -zauderte einen Augenblick. Dann folgte er ihr.</p> - -<p class="mtop2">Sie saß in dem einzigen Stuhl dort oben, hinter der kleinen -Wellblechlaube. Die Tauben gurrten schläfrig in ihrem Schlage, der auf -dem Laubendach angebracht war.</p> - -<p>„Bist du noch nicht zu Bett gegangen?“ sagte er leise. „Du wirst dich -erkälten.“ Er holte ihren Schal aus der Laube und reichte ihn ihr, dann -setzte er sich auf den Mauerrand zwischen die Blumentöpfe.</p> - -<p>Eine Weile starrten sie so schweigend über die Stadt, deren -Kirchenkuppeln im Mondenlicht schwammen. Die Linien der fernen -Höhenzüge waren vermischt.</p> - -<p>Jenny rauchte. Auch Gunnar zündete sich eine Zigarette an.</p> - -<p>„Ich merke übrigens, ich vertrage fast nichts mehr — beim Trinken -meine ich. Es wirkt sofort,“ sagte sie gleichsam entschuldigend.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p> - -<p>Er sah, daß sie jetzt völlig nüchtern war.</p> - -<p>„Ich finde, du solltest es jetzt eine Weile lassen, Jenny. Auch das -Rauchen, solltest jedenfalls nur ganz wenig rauchen. Du hast ja über -dein Herz geklagt.“</p> - -<p>Sie antwortete nicht.</p> - -<p>„Im Grunde bist du ja über diese Menschen der gleichen Meinung wie -ich. Ich begreife nicht, daß du dich dazu herablassen magst, mit ihnen -zusammen zu sein — in dieser Art und Weise.“</p> - -<p>„Mitunter,“ sagte sie leise, „braucht man — Betäubung, gerade heraus -gesagt. Und was das Sichherablassen betrifft —.“ Er blickte ihr in -das weiße Antlitz. Das unbedeckte blonde Haar flimmerte im Mondlicht. -„Mitunter finde ich: nicht. Obgleich — jetzt in diesem Augenblick zum -Beispiel, schäme ich mich. Jetzt bin ich also ungewöhnlich nüchtern, -siehst du.“ Sie lachte ein wenig. „Manchmal ist das nicht der Fall, -selbst wenn ich nichts getrunken habe. Dann überkommt mich das -Verlangen, mit dieser Sorte zusammen zu sein.“</p> - -<p>„Es ist gefährlich, Jenny,“ flüsterte er. Und nach einer Weile: „Ich -kann mir nicht helfen, aber ich fand das heute Abend widerlich. Ich -habe manches gesehen — wie es zugeht. Ich möchte dich doch nicht gern -sinken sehen, so enden sehen wie etwa Loulou —.“</p> - -<p>„Du kannst durchaus ruhig sein, Gunnar. So ende ich nicht. Im Grunde -bin ich zu so etwas gar nicht fähig. Ich werde schon vorher einen Punkt -machen —.“</p> - -<p>Er blickte still auf sie.</p> - -<p>„Ich weiß, was du meinst,“ sagte er schließlich leise. „Aber Jenny, -andere haben ebenso gedacht. Und wenn man dann eine Zeitlang den Strom -abwärts geschwommen ist — so tut man es nicht mehr — das, was du -einen Punkt machen nennst.“</p> - -<p>Er glitt von der Mauerkante herab, ging auf sie zu und ergriff ihre -Hand:</p> - -<p>„Du Jenny, hör damit auf — ja?“</p> - -<p>Sie erhob sich und lachte kurz.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span></p> - -<p>„Vorläufig wenigstens. Ich bin sicher für eine lange Zeit von meiner -Bummelsucht geheilt, glaube ich.“</p> - -<p>Sie standen einen Augenblick still. Dann schüttelte sie seine Hand:</p> - -<p>„Gute Nacht, mein Junge. — Und morgen sitze ich dir,“ sagte sie auf -der Treppe.</p> - -<p>„Ja, danke.“</p> - -<p>Heggen verweilte noch etwas, nachdenklich, während er ein wenig -fröstelte. Dann ging er in sein Zimmer hinunter.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_IX">IX.</h3> - -</div> - -<p>Sie saß ihm am nächsten Tage nach dem Frühstück, bis es zu dämmern -begann. Ruhte sie sich aus, so wechselten sie einige gleichgültige -Worte, während er fortfuhr, am Hintergrund zu arbeiten oder die Pinsel -wusch.</p> - -<p>„So!“ Er legte die Palette fort und ordnete den Malkasten. „Für heute -bist du erlöst!“</p> - -<p>Sie ging zu ihm, und sie betrachteten das Bild.</p> - -<p>„Das Schwarz ist sehr fein — findest du nicht, Jenny?“</p> - -<p>„Doch. Ich finde, es läßt sich gut an.“</p> - -<p>„Ja,“ er blickte auf die Uhr. „Es ist eigentlich Essenszeit — gehen -wir zusammen?“</p> - -<p>„Ja, gern. Ich will nur mein Kostüm anziehen, wartest du so lange?“</p> - -<p>Kurz darauf, als er an ihrer Tür pochte, stand sie fertig da, den Hut -vor dem Spiegel aufsetzend.</p> - -<p>Wie schön sie ist, dachte er, als sie sich ihm zuwandte. Schlank und -hell in dem festanliegenden stahlgrauen Kleide, wirkte sie so damenhaft -fein und zugeknöpft, kühl und stilvoll. Und er wollte nicht glauben, -was er selbst gedacht hatte —.</p> - -<p>„Hattest du nicht übrigens mit Fräulein Schulin verabredet, sie heute -Nachmittag zu besuchen, um dir ihre Sachen anzusehen?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p> - -<p>„Ja, ich gehe aber nicht hin.“ Sie wurde sehr rot. „Ehrlich gesagt, -habe ich keine Lust, diese Bekanntschaft zu pflegen — an ihren Sachen -ist wohl auch nicht viel zu sehen?“</p> - -<p>„Nein, das weiß der Herrgott! Ich begreife nur nicht, wie du ihre -Annäherungen gestern Abend zulassen konntest. Pfui, ich würde lieber -einen Teller mit lebenden Mehlwürmern essen.“</p> - -<p>Jenny lachte. Dann sagte sie ernst:</p> - -<p>„Die Aermste, im Grunde ist sie wohl unglücklich.“</p> - -<p>„Pah — unglücklich! Ich begegnete ihr in Paris vor einigen Jahren. -Das Schlimmste ist ja, daß sie von Natur sicher gar nicht pervers -ist. Nur dumm und eitel. Nun war <em class="gesperrt">das</em> interessant. Wäre es -modern gewesen, tugendhaft zu sein, so hätte sie auf einer Empore -gesessen und Kinderstrümpfe gestopft, vielleicht sich hin und wieder -damit beschäftigt, Rosen zu malen mit Tauperlen darauf. Sie wäre die -tugendsamste aller Johanne Luisen im Danneweg gewesen — und obendrein -fröhlich. Aber als sie den ‚Etatsrätlichen‘ entronnen war, von denen -sie stammte, da wollte sie den übrigen nicht nachgeben, befreit und -Malerin, und meinte, sie müsse sich jetzt einen Liebhaber anschaffen -um ihrer Selbstachtung willen. Unglücklicherweise erwischt sie dann -einen Tolpatsch, der sie in andere Umstände bringt. Er ist altmodisch -und will, daß sie sich — völlig unmodern — heiraten und verlangt, sie -solle das Kind warten und die Wirtschaft führen.“</p> - -<p>„Du kannst ja gar nicht wissen — es kann ja zum Teil auch Paulsens -Schuld gewesen sein, daß sie ihm davonlief.“</p> - -<p>„Ja, natürlich war es seine Schuld. Er war altmodisch, wie gesagt, und -fand Geschmack am häuslichen Glück, er bot ihr wohl zu wenig an Liebe -und keine Prügel.“</p> - -<p>„Ja ja, Gunnar. Du willst nun absolut haben, daß das Leben so verflucht -leicht zu übersehen sein soll.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span></p> - -<p>Heggen setzte sich rittlings über einen Stuhl und schlang die Arme um -die Lehne.</p> - -<p>„Das wenige Gewisse im Leben, an das wir uns halten können, ist -wahrlich leicht genug zu übersehen. Man muß seine Rechnung und seine -Ansichten danach in Ordnung bringen. Mit all dem Ungewissen aufräumen, -so gut man kann, sobald es auf dem Tapet erscheint.“</p> - -<p>Jenny setzte sich aufs Sofa und stützte den Kopf in die Hand:</p> - -<p>„Ich habe nicht mehr das Gefühl, daß es irgend etwas im Leben gibt, -worüber ich die genügende Uebersicht habe, so daß ich es als Grundlage -für meine Anschauungen gebrauchen oder meine Rechnung danach machen -könnte,“ sagte sie ruhig.</p> - -<p>„Das ist nicht dein Ernst.“</p> - -<p>Sie lächelte nur.</p> - -<p>„War es nicht immer,“ sagte Gunnar.</p> - -<p>„Es gibt wohl niemanden, der immer dasselbe meint.“</p> - -<p>„Doch, immer, wenn man nüchtern ist. Wie du heute Nacht sagtest, man -ist nicht immer nüchtern, auch wenn man nichts getrunken hat.“</p> - -<p>„Jetzt — wenn ich mich hin und wieder nüchtern fühle —“ Sie brach ab -und schwieg.</p> - -<p>„Du weißt, was auch ich weiß. Du hast es immer gewußt. Im großen und -ganzen leitet der Mensch sein Geschick selbst. Man ist seines eigenen -Schicksals Herr — in der Regel. Hin und wieder ist man es nicht. — -doch dann tragen Umstände die Schuld, über die man nicht gebietet. Aber -es ist eine gewaltige Uebertreibung, zu behaupten, daß es oft der Fall -sei.“</p> - -<p>„Gott mag wissen, mir ist es nicht ergangen, wie ich gewollt, Gunnar. -Ich habe viele Jahre hindurch den Willen gehabt und nach meinem Willen -gelebt.“</p> - -<p>Sie schwiegen beide eine Weile still.</p> - -<p>„Eines Tages,“ sagte sie langsam, „änderte ich einen Augenblick den -Kurs. Ich fand es so kalt und hart, dieses Leben zu leben, das, wie -ich glaubte, das würdigste sei. So einsam, weißt du. So bog ich denn -einen Augenblick<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> zur Seite, wollte jung sein und ein wenig spielen. -Und dadurch geriet ich in eine Strömung hinaus, die mich trieb — ich -endete in Dingen, mit denen in Berührung zu kommen, ich niemals eine -Sekunde für möglich gehalten hatte.“</p> - -<p>Heggen schwieg.</p> - -<p>„Es gibt einen Vers,“ sagte er dann leise. „Rosetti — er ist nämlich -ein weit besserer Dichter als Maler:</p> - -<div class="poetry-container antiqua" xml:lang="en" lang="en"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Was <em class="gesperrt">that</em> the landmark? What, — the foolish well</div> - <div class="verse indent0">Whose wave, low down, I did not stoop to drink</div> - <div class="verse indent0">But sat and flung the pebbles from its brink</div> - <div class="verse indent0">In sport to send its imaged skies pell-mell,</div> - <div class="verse indent0">(And mine own image, had I noted well!) —</div> - <div class="verse indent0">Was that my point of turning? — I had thought</div> - <div class="verse indent0">The stations of my course should raise unsought,</div> - <div class="verse indent0">As altarstone or ensigned citadel.</div> - <div class="verse indent0">But lo! The path is missed, I must go back,</div> - <div class="verse indent0">And thirst to drink when next I reach the spring</div> - <div class="verse indent0">Which once I stained, which since may have grown black.</div> - <div class="verse indent0">Yet thought no light be left nor bird now sing</div> - <div class="verse indent0">As here I turn, I’ll thank God, hastening,</div> - <div class="verse indent0">That the same goal is still on the same track.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Jenny erwiderte nichts.</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">That the same goal is still on the same track</span>,“ wiederholte -Gunnar.</p> - -<p>„Glaubst du,“ fragte Jenny, „daß es so leicht ist, zu seinem Ziel -zurückzufinden?“</p> - -<p>„Nein. Aber müßte man es nicht?“ sagte er beinahe kindlich.</p> - -<p>„Was für ein Ziel hatte ich übrigens,“ sagte sie plötzlich hastig. „Ich -wollte so leben, daß ich mich niemals zu schämen brauchte, weder als -Mensch noch als Künstlerin. Niemals wollte ich etwas tun, von dem ich -wußte, daß es nicht richtig sei. Rechtschaffen wollte ich sein, fest -und gut und wollte niemals eines Menschen Schmerz auf mein Gewissen -laden. Und darin bestand<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> dann das ganze Verbrechen, das den Anfang -bildete — woraus alles andere folgte? Daß ich mich nach Liebe sehnte, -ohne daß ein bestimmter Mann da war, dem diese Sehnsucht galt. War -das so seltsam? Daß ich so gern glauben wollte, als Helge kam, daß er -es war, nach dem ich mich gesehnt? Daß ich es schließlich wirklich -glaubte? Das war ja der Anfang, worauf das andere folgte. Gunnar — ich -<em class="gesperrt">habe</em> geglaubt, daß ich sie glücklich machen könnte — und dann -tat ich ihnen nur weh.“</p> - -<p>Sie hatte sich erhoben und wanderte im Zimmer auf und nieder:</p> - -<p>„Glaubst du, daß die Quelle, von der du sprichst — glaubst du, daß -sie jemals wieder rein und klar wird bei einer, die weiß, daß sie -selber sie getrübt hat? Meinst du, es würde mir jetzt leichter, zu -resignieren? Ich sehnte mich nach dem, wonach sich alle Frauen sehnen. -Und ich sehne mich jetzt — wieder danach. Nur mit dem Unterschied, -daß ich jetzt weiß, ich habe eine Vergangenheit. Und eine Folge davon -ist, daß ich das einzige Glück, das ich anerkenne, nicht annehmen darf -— denn es sollte frisch und gesund und rein sein — und das alles bin -ich selbst nicht mehr. Ich muß weiter eine Sehnsucht mit mir schleppen, -deren Erfüllung — oh, ich weiß es — unmöglich ist. Diese Sehnsucht -ist also mein Schicksal, mein ganzes Leben ist durch sie gezeichnet.“</p> - -<p>„Jenny,“ — Gunnar erhob sich ebenfalls — „ich behaupte dennoch, es -kommt auf dich selbst an — es <em class="gesperrt">muß</em> so sein. Ob es dein Wille -ist, daß diese Erinnerungen dich vernichten oder ob du sie als ein -Lehrgeld betrachten willst, so grausam hart es sich auch anhört. Das -Ziel, das du einstmals vor dir hattest, war, glaube ich, das richtige -— für dich.“</p> - -<p>„Kannst du dir denn nicht vorstellen, daß das unmöglich ist, mein -Junge. Es hat sich etwas in mich hineingeschlichen wie eine Säure, die -alles zerfrißt, was einst mein Wesen war; ich fühle selber, wie ich -inwendig zerfalle. — Oh. Und ich will doch nicht, ich will nicht. Und -ich habe ein Verlangen nach — ich weiß nicht —.<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> Will alle Gedanken -zum Stillstand bringen. Sterben —. Oder leben — ein wahnsinniges, -abscheuliches Dasein, zugrunde gehen in einem Elend, das noch -fürchterlicher ist als dies —. Laß mich so tief in den Schmutz treten, -daß ich spüre, hiernach kommt das Ende. Oder —“ sie sprach leise und -wild, es klang wie erstickte Schreie — „mich unter einen Eisenbahnzug -schleudern — mit dem Bewußtsein der letzten Sekunden, daß jetzt — -jetzt gleich — mein ganzer Körper, Nerven und Hirn und Herz, — alles -— zu einem einzigen zuckenden blutigen Klumpen zermalmt ist.“</p> - -<p>„Jenny!“ schrie er auf. Er war fahl im Gesicht geworden. Dann flüsterte -er mühsam: „Ich kann dich nicht so sprechen hören.“</p> - -<p>„Ich bin hysterisch,“ sagte sie beruhigend. Aber sie ging trotzdem zu -dem Winkel, wo ihre Leinwand stand und schleuderte sie fast die Wand -entlang:</p> - -<p>„Man kann doch nicht leben und bestehen, um so etwas da zu bearbeiten. -Oelfarben auf die Leinwand zu kleistern — du siehst ja, etwas anderes -wird nicht daraus — tote Malkleckse. Du großer Gott, du hast gesehen, -wie ich die ersten Monate hindurch gearbeitet habe, wie ein Sklave — -ich kann überhaupt nicht mehr malen.“</p> - -<p>Heggen betrachtete die Bilder. Es war ihm trotzdem, als fühle er wieder -festen Grund und Boden unter den Füßen.</p> - -<p>„Du darfst ruhig deine aufrichtige Meinung über diese — Schweinerei -sagen,“ meinte sie herausfordernd.</p> - -<p>„Ja, es sind nicht gerade schöne Sachen — das will ich gern zugeben.“ -Er stand, mit den Händen in den Hosentaschen, und betrachtete die -Bilder. „Aber <em class="gesperrt">das</em> ist doch etwas, was einem jeden von uns -begegnen kann — Perioden, wo wir nicht können. Was das betrifft, so -müßtest du wissen, meine ich, daß es etwas Vorübergehendes ist — für -dich. Ich glaube nicht daran, daß man sein Talent einbüßen kann, und -wenn man noch so unglücklich ist. Deine Arbeit hat übrigens zu lange -geruht. Man muß sich doch wieder erst einarbeiten, die Herrschaft über -seine Schaffensmöglichkeiten zurückgewinnen, siehst du.<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> Allein die -Modellstudie dort, Mädel — es ist wohl bald drei Jahre her, seit du -einen Akt zeichnetest. So etwas bleibt nicht ungestraft, das weiß ich -aus Erfahrung.“</p> - -<p>Er trat an das Regal und wühlte unter Jennys alten Skizzenbüchern:</p> - -<p>„Denk nur daran, wie du dich in Paris hochgearbeitet hattest — ich -werde dir Einiges zeigen.“</p> - -<p>„Nein, nein — nicht das da,“ sagte Jenny hastig und streckte die Hand -nach dem Buche aus.</p> - -<p>Heggen hielt es zusammengeklappt in der Hand und sah sie erstaunt an. -Sie wandte das Antlitz ab:</p> - -<p>„O, du darfst übrigens ruhig hineinsehen. Ich versuchte nur, eines -Tages den Jungen zu zeichnen.“</p> - -<p>Heggen blätterte langsam darin herum. Jenny hatte sich wieder aufs Sofa -gesetzt. Er betrachtete eine Weile die kleinen Bleistiftzeichnungen von -dem schlafenden Kindchen. Dann legte er das Buch behutsam fort.</p> - -<p>„Es war traurig, daß du deinen kleinen Jungen verlorst,“ sagte er leise.</p> - -<p>„Ja. — Hätte er gelebt, so wäre ja alles andere gleichgültig gewesen, -weißt du. Du sprichst vom Willen, aber eines Menschen Wille kann nicht -einmal — seines Kindes Leben — festhalten, und dann —. Ich bin nicht -dazu imstande, nach Höherem zu streben, Gunnar, denn ich sah, dies -war das Einzige, wozu ich etwas taugte, woraus ich mir etwas machte -— meines kleinen Knaben Mutter zu sein. Ja, ihn konnte ich lieben. -Vielleicht bin ich ein Egoist durch und durch, denn jedesmal, wenn ich -den Versuch machte, die anderen zu lieben, so erhob sich mein eigenes -Ich wie eine Mauer zwischen uns. Doch der Knabe war mein. Hätte ich -ihn, so könnte ich arbeiten — ach, wie würde ich dann arbeiten! Ich -schmiedete Pläne. Mir fiel es wieder ein im vergangenen Herbst, als -ich hierher reiste, — ich wollte ja den Sommer mit ihm in Bayern -verbringen. Ich fürchtete, die Seeluft würde zu scharf für ihn sein. Er -sollte im Wagen liegen und unter den Apfelbäumen schlummern, während -ich arbeitete. Siehst du, ich könnte an keinen Ort der Welt kommen, -wo ich<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> nicht im Traum schon mit dem Kind gewesen wäre. Es gibt auf -der Welt nichts Gutes und Schönes, von dem ich nicht gedacht, daß er -es lernen oder sehen sollte. Ich besitze nichts, was nicht auch ihm -gehörte, das rote Plaid brauchte ich, um ihn darin einzuhüllen. Das -schwarze Kleid, in dem du mich malst, wurde in Warnemünde für mich -genäht, nachdem ich genesen war, ich wählte diese Form, damit es bequem -wäre, ihn zurecht zu legen. Im Futter sind noch Milchflecken.</p> - -<p>Ich kann nicht arbeiten, weil ich ganz von ihm beherrscht bin. Ich -sehne mich so heftig nach ihm, daß es mich fast lähmt. Des Nachts rolle -ich mein Kopfkissen zusammen, nehme es in den Arm und wimmere nach -Bübchen. Ich rufe ihn und rede mit ihm, wenn ich allein bin. Ich hatte -ihn malen wollen, so daß ich Bilder von ihm aus jedem Alter gehabt -hätte. Jetzt wäre er bald ein Jahr alt gewesen, denk nur — hätte -Zähnchen bekommen und würde kriechen können, hätte sich aufgerichtet -und wäre vielleicht ein bißchen gelaufen. Jeden Monat, jeden Tag denke -ich, heute wäre er so und so alt gewesen — wer weiß, wie er wohl -ausgesehen hätte. — Alle Frauen, die mit einem <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">bambino</span> auf dem -Arme herumlaufen — alle Jungen, die ich auf der Straße sehe, erinnern -mich daran, wie wohl meiner ausgesehen hätte, wenn er größer geworden -wäre —.“</p> - -<p>Sie schwieg wieder. Heggen saß ganz still vornübergebeugt.</p> - -<p>„Ich glaubte nicht, daß es so sei, Jenny,“ sagte er leise und heiser. -„Ich sah wohl, daß es schmerzlich war, aber ich dachte, andererseits — -wäre es besser so. Hätte ich gewußt, wie es sich wirklich verhielt, so -wäre ich zu dir gekommen —.“</p> - -<p>Sie antwortete nicht und fuhr fort in ihren Gedanken:</p> - -<p>„Und dann starb er — so winzig, winzig klein. Es ist ja nur Egoismus -von mir, daß ich es ihm nicht gönne — gestorben zu sein, ehe er -anfing, das allergeringste zu verstehen. Er konnte nur nach dem Lichte -blinzeln oder schreien, wenn er zurechtgemacht werden sollte oder<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> -hungrig war. Er suchte nach meiner Wange in dem Glauben, es sei die -Brust. Er kannte mich auch noch nicht, jedenfalls noch nicht richtig. -Ein ganz schwacher Schimmer von Bewußtsein war vielleicht in seinem -kleinen Köpfchen erwacht, aber stell dir vor, er hat nie gewußt, daß -ich seine Mutter war —. Einen Namen hat er auch nicht gehabt, der -Arme, nur Mutters Bübchen war er. Keinerlei Erinnerung habe ich an ihn, -außer dieser rein körperlichen.“ Sie erhob die Hände, als drückte sie -das Kind an sich. Dann fielen sie tot und leer auf den Tisch zurück.</p> - -<p>„Das erste Mal, als ich sein Gesichtchen an meine Wange legte, war -seine Haut so weich, ein wenig feucht, wie etwas Eingeschlossenes, -die Luft hatte sie ja noch kaum berührt, weißt du. Ich glaube, man -würde angewidert sein, einem neugeborenen Kinde zu nahe zu kommen, -wenn es nicht das eigene Fleisch und Blut ist. Seine Augen, sie -hatten noch keine richtige Farbe, waren dunkel, ich glaube übrigens, -sie wären graublau geworden. Sie sind so seltsam, die Augen solcher -kleinen Kinder — mystisch, hätte ich beinahe gesagt. Und sein kleines -Köpfchen — wenn er bei mir lag und die Brust bekam, wenn er dann seine -Nasenspitze flach drückte und es oben in der kleinen Fontanelle pochte, -das dünne, flaumige Haar — er hatte soviel Haar, als er geboren wurde -— dunkles —. Ich fand ihn so entzückend. Ach, sein ganzer kleiner -Körper. Ich denke ja an nichts anderes. Ich kann ihn in meinen Händen -spüren. Die Lenden waren so rund — er war am dicksten in der Mitte, -weißt du —. Und sein Hinterteilchen war so komisch zusammengeklemmt, -ein wenig spitz — ich fand natürlich auch das wunderhübsch. O Gott, -wie süß war er, mein kleiner Junge —. Und dann starb er. — Ich hatte -mich gefreut auf alles, was kommen sollte, so daß ich nachher meinte, -ich hätte dem, was war, nicht genügend Beachtung geschenkt, der Zeit, -als ich ihn hatte; ich hätte ihn nicht genügend geküßt oder betrachtet, -obwohl ich in all den Wochen nichts anderes tat. — Und zurück blieb -dann nur die Lücke — du kannst dir nicht denken, wie das war. Mir -schien, als arbeite mein ganzer Körper<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> in der Sehnsucht nach ihm. Ich -bekam eine Entzündung in der Brust, der Schmerz und das Fieber waren -nur die Sehnsucht, die hinauswollte. Ich vermißte ihn in den Armen, -zwischen den Händen und an der Wange —. Manchmal, in den letzten -Wochen, schloß er die Hand um meinen Finger, wenn ich ihn hinstreckte. -Einmal hatte er ganz von selbst einige von meinen Haaren erwischt, die -sich gelöst hatten —. Die süßen, süßen kleinen Hände.“</p> - -<p>Sie legte sich über den Tisch, schluchzte leise und heftig, daß sie -bebte.</p> - -<p>Gunnar war aufgestanden, zögerte, im Zweifel mit sich, ein Weinen in -der Kehle. Dann lief er plötzlich zu ihr hin, hastig und verlegen küßte -er sie heftig auf den Scheitel.</p> - -<p>Sie blieb eine Zeitlang liegen und weinte. Aber schließlich richtete -sie sich auf, ging zum Waschtisch und badete ihr Gesicht im Wasser:</p> - -<p>„O Gott, wie sehne ich mich nach ihm,“ sagte sie unvermittelt, mit -verweinter Stimme.</p> - -<p>„Jenny —.“ Er wußte nichts anderes zu sagen: „Jenny. — Ich wußte ja -nicht, daß es dir so ergangen war —“.</p> - -<p>Sie kam zurück und legte einen Augenblick ihre Hände auf seine -Schultern:</p> - -<p>„Ja, ja, Gunnar. Du sollst nicht so viel an das denken, was ich -vorher sagte. Mitunter weiß ich nicht, wohin mit mir selbst. Aber du -kannst dir denken, wenn auch nur um des Jungen willen: mich geradezu -Ausschweifungen hinzugeben, das bringe ich wohl doch nicht fertig. -Eigentlich will ich natürlich selber versuchen, das Bestmöglichste aus -dem Leben zu machen — weißt du. Versuchen, wieder zu arbeiten, wenn es -auch im Anfang nicht so leicht wird. Man hat ja immer den einen Trost, -daß man nicht länger lebt, als man selber will —.“</p> - -<p>Sie setzte sich wieder den Hut auf und suchte nach einem Schleier:</p> - -<p>„Gehen wir also zum Essen, du mußt ja hungrig geworden sein, so spät -wie es ist —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p> - -<p>Gunnar Heggen wurde blutrot über sein ganzes junges Gesicht. Bei ihren -Worten merkte er plötzlich, daß er einen Bärenhunger hatte, aber er -schämte sich, jetzt etwas derartiges zu empfinden. Er trocknete die -Tränen von seinen nassen, heißen Wangen und nahm seinen Hut vom Tisch.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_X">X.</h3> - -</div> - -<p>Ohne es verabredet zu haben, gingen sie an dem Restaurant vorüber, wo -sie sonst zu essen pflegten und immer viele Skandinavier trafen. Sie -schritten immer weiter durch die Dämmerung, nach der Tiber und über die -Brücke bis in die alten Borgo-Viertel. In einem Winkel am Petersplatz -lag ein kleines Restaurant, wo sie mitunter gegessen hatten, wenn sie -vom Vatikan kamen. Hier traten sie ein.</p> - -<p>Sie aßen, ohne mit einander zu sprechen. Jenny zündete sich eine -Zigarette an, als sie fertig war, nippte an ihrem Rotwein und rieb die -duftenden Mandarinenschalen zwischen ihren Fingern.</p> - -<p>Heggen rauchte ebenfalls und starrte vor sich hin. Sie befanden sich -fast allein im Lokal.</p> - -<p>„Hast du Lust, den Brief zu lesen, den ich kürzlich von Cesca bekam?“ -fragte Jenny plötzlich.</p> - -<p>„Danke. Ich sah es, daß ein Brief für dich gekommen war. Ist er aus -Stockholm?“</p> - -<p>„Ja. Sie sind jetzt dort, werden auch den Winter über da wohnen -bleiben.“</p> - -<p>Jenny holte den Brief aus ihrer Handtasche hervor und reichte ihn -Gunnar.</p> - -<p>Cescas Brief lautete:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft2 mbot1">„Meine liebe, süße Jenny!</p> - -<p>Du darfst mir nicht böse sein, daß ich Dir noch nicht für Deinen -letzten Brief gedankt habe. Ich hatte jeden Tag die Absicht, es zu -tun, aber es wurde nichts<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> daraus. Ich freue mich so sehr, daß Du -wieder in Rom bist und daß Du malst, besonders auch, daß Du mit -Gunnar zusammen bist.</p> - -<p>Wir sind jetzt also nach Stockholm zurückgekehrt und wohnen wieder in -der alten Wohnung. Es war unmöglich, in unserem Dörfchen zu bleiben, -als es wirklich kalt wurde, denn dort zog es schrecklich und wir -konnten es nur in der Küche ordentlich warm bekommen. Wenn wir es uns -doch leisten könnten, das kleine Häuschen zu kaufen, aber es wird -zu teuer, denn wir müßten zuviel daran ausbessern, die Scheune als -Atelier für Lennart umbauen und überall Oefen setzen lassen. Aber wir -haben es für den nächsten Sommer wieder gemietet, und darüber freue -ich mich, denn es ist mir der liebste Platz auf der Welt. Du kannst -Dir etwas so Schönes wie die Westküste nicht vorstellen. Sie ist so -eigentümlich, öde und verwittert mit den grauen Hügeln und dem vom -Sturm zerzausten Gestrüpp in den Felsspalten, mit den Geißblattranken -und den armseligen kleinen Häusern, dem Meer und dem wunderbaren -Himmel. Die Bilder, die ich davon gemalt habe, seien gut, sagt man, -und Lennart und ich leben dort so herrlich miteinander. Jetzt sind -wir für immer Freunde, und wenn er findet, daß ich merkwürdig bin, -so küßt er mich nur und sagt, ich sei eine kleine Seejungfrau, und -irgend sowas Nettes, und mit der Zeit schlage ich auch völlig Wurzel -bei ihm.</p> - -<p>Aber jetzt sind wir wieder in der Stadt. Aus der Pariser Reise -wird diesmal nichts, und das ist auch gleich. Ich finde es beinahe -herzlos, Dir darüber etwas zu schreiben, Jenny, denn Du bist viel, -viel besser als ich, und es war so bitter und fürchterlich, daß Du -Deinen kleinen Jungen hergeben mußtest und ich finde, ich habe es -nicht verdient, das Glück, meinen heißen Wunsch erfüllt zu sehen, -aber ich erwarte also ein kleines Baby. Es dauert nur noch fünf -Monate. Ich wollte es zuerst selbst nicht glauben, aber jetzt ist<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> -es ganz sicher. Ich versuchte, es so lange wie möglich Lennart zu -verheimlichen, ich schämte mich furchtbar der beiden Male wegen, die -ich ihn damit an der Nase herumgeführt, und hatte Angst, daß ich -mich täuschen könnte, so daß ich es erst ableugnete, als er es zu -ahnen begann. Aber schließlich mußte ich mich ja zu einem Bekenntnis -bequemen, ich begreife es aber eigentlich noch nicht, daß ich -wirklich einen kleinen Buben bekomme. Lennart sagt übrigens, er will -am liebsten noch eine kleine Cesca haben, aber das tut er bloß, um -mich im voraus zu trösten, wenn es so würde, denn ich bin überzeugt, -eigentlich will er am liebsten einen Sohn haben. Aber Du weißt, wird -es ein Mädchen, so freuen wir uns ebenso sehr darüber, und außerdem, -haben wir erst eins, so können wir ja immer mehr bekommen.</p> - -<p>Jetzt bin ich so froh, daß es mir eigentlich gleichgültig ist, wo wir -sind; jedenfalls sehne <em class="gesperrt">ich</em> mich nicht nach Paris; denke Dir, -Frau Lundquist fragte, ob ich nicht ärgerlich sei, daß dieser Junge -uns nun die ganze Pariser Fahrt über den Haufen würfe; kannst Du so -ein Menschenkind begreifen, und dabei hat sie die zwei entzückendsten -Knaben von der Welt. Aber sie verwahrlosen vollständig, wenn sie -nicht bei uns sind, und Lennart sagt, sie würde sie uns gern -schenken, und könnte ich es mir leisten, so nähme ich sie auch. Dann -hätte der Kleine gleich zwei große liebe Brüder zum Spielen, wenn er -kommt; es wird einen Spaß geben, wenn wir ihnen den kleinen Vetter -zeigen — sie sagen Tante zu mir, eine drollige Sitte, finde ich.</p> - -<p>Aber nun muß ich schließen. Weißt Du, worüber ich auch froh bin — -unter diesen Umständen kann Lennart doch unmöglich eifersüchtig -werden, nicht wahr? Uebrigens glaube ich, das hat aufgehört, denn -jetzt weiß er sehr gut, daß ich eigentlich nur ihn wirklich lieb -gehabt habe.</p> - -<p>Findest Du das häßlich von mir, daß ich Dir soviel von all diesem -schreibe, und daß ich so glücklich<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> bin? Aber ich weiß ja doch, daß -Du es mir so herzlich gönnst.</p> - -<p>Grüß alle Bekannten, die Du dort unten triffst, und Gunnar zu -allererst viele Male. Du darfst ihm dies hier ruhig erzählen, wenn Du -magst. Und nun leb wohl. Zum Sommer besuchst Du uns!</p> - -<p>Tausend liebe Grüße von Deiner treuen kleinen Freundin</p> - -<div class="right mright2">Cesca.</div> - -<p><span class="antiqua">PS.</span> Jetzt fällt mir plötzlich ein: Wird es ein Mädchen, so -soll es meiner Treu Jenny heißen, was auch Lennart sagen mag. Ich -sollte übrigens von ihm grüßen.“</p> - -</div> - -<p>Gunnar reichte Jenny den Brief zurück, die ihn wieder wegsteckte.</p> - -<p>„Ich <em class="gesperrt">bin</em> froh,“ sagte sie leise. „Ich freue mich über jeden -Menschen, den ich glücklich weiß. Diese Freude ist mir geblieben aus -alter Zeit — wenn es auch das Einzige ist.“</p> - -<p class="mtop2">Sie gingen nicht nach der Stadt zurück, sondern schlenderten über den -Petersplatz, der Kirche zu.</p> - -<p>Im Mondschein fielen die Schatten kohlschwarz über den Platz. -Gleißendes Licht und nächtliche Finsternis lösten sich gespenstisch in -dem einen der gewölbten Säulengänge ab. Der andere lag ganz im Dunkeln; -nur die Konturen der Statuenreihe auf dem Dache waren von flimmerndem -Licht umspielt. Auch die Fassade der Kirche lag im Schatten, während -die Kuppel hoch oben hier und da wie silbriges Wasser schimmerte.</p> - -<p>Die beiden Fontänen jagten ihre weißen Strahlen funkelnd und schäumend -zum mondblauen Himmel auf. Wirbelnd schoß das Wasser in die Höhe, -plätscherte gegen die Porphyrschalen, um in die Becken zurückzurieseln -und abzutropfen.</p> - -<p>Gunnar und Jenny gingen langsam zur Kirche hinüber, im Schatten des -Säulenganges.</p> - -<p>„Jenny“, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang ganz ruhig und -alltäglich. „Willst du mich heiraten?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> - -<p>„Nein,“ sagte sie ebenso ruhig und lachte ein wenig.</p> - -<p>„Es ist mein Ernst.“</p> - -<p>„Ja, aber du wirst wohl begreifen, daß ich das nicht will.“</p> - -<p>„Warum eigentlich nicht?“ Sie gingen weiter, der Kirche zu. „Wie ich -verstanden habe, bist du augenblicklich selbst der Ansicht, dein Leben -sei nicht lebenswert. Mitunter hast du die Absicht, dich ums Leben -zu bringen, wie ich gemerkt habe. Wenn du dich aber in einem solchen -Aufruhr befindest, weshalb kannst du dich denn nicht ebenso gut mit mir -verheiraten? Du kannst es doch auf jeden Fall versuchen, meine ich!“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf:</p> - -<p>„Ich danke dir, Gunnar, aber das heißt, finde ich, die Freundschaft -unerlaubt weit treiben.“ Sie wurde mit einem Male ernst: „Erstens mußt -du dir doch sagen, daß ich das nicht annehme. Zweitens: würdest du mich -dazu bringen, dich als Rettungsplanke anzusehen, so wäre ich nicht -wert, daß du dich bemühtest, mir nur den kleinen Finger zu reichen.“</p> - -<p>„Es ist nicht Freundschaft, Jenny.“ Er zögerte einen Augenblick. -„Sondern ich habe — dich lieb gewonnen. Ich sage es nicht, um dir -zu helfen — natürlich will ich dir auch gern helfen. Aber mir ist -plötzlich klar geworden — wenn es mit dir ein böses Ende nähme — ich -weiß nicht, was ich dann täte. Ich bin nicht fähig, daran zu denken. -Nichts auf der Welt würde ich scheuen, um dir zu helfen — weil ich dir -so gut bin, verstehst du?“</p> - -<p>„O nicht doch, Gunnar.“ Sie stand still und blickte erschrocken zu ihm -auf.</p> - -<p>„Ja, natürlich weiß ich, daß du mich nicht liebst. Aber deshalb -könntest du dich doch gut mit mir verheiraten, dies ebenso gut wie -irgend etwas anderes tun, wenn du doch des Ganzen müde bist und meinst, -du hättest dich selber aufgegeben.“ Seine Stimme klang heiß und bewegt, -als er ausrief: „Du mußt mich ja eines Tages liebgewinnen, ich weiß es -so sicher — weil ich dich so lieb habe!“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p> - -<p>„Du weißt, daß ich dich gern mag,“ sagte sie ernst. „Aber das ist kein -Gefühl, mit dem du dich auf die Dauer begnügen könntest. Zu einem -ganzen und starken Gefühl bin ich aber nicht fähig.“</p> - -<p>„Natürlich bist du das. Alle Menschen sind es. Ich war doch so -überzeugt, daß ich nie etwas anderes als diese — Geschichtchen erleben -würde. Ich glaubte eigentlich nicht daran, daß es etwas anderes gäbe -—.“ Er senkte die Stimme. „Du bist ja die erste, die ich liebe.“</p> - -<p>Sie stand stumm und still.</p> - -<p>„Dies Wort, Jenny, habe ich noch niemals ausgesprochen. Ich hatte eine -Art von Scheu, Ehrfurcht davor. Ich habe bisher nie eine Frau geliebt. -Etwas anderes war dieses dauernde Verliebtsein — in dies oder jenes -an ihnen. Cescas Grübchen, wenn sie lachte — das unbewußt Raffinierte -an ihr. Dies oder jenes, das meine Phantasie in Bewegung setzte, das -mich anregte, Märchen über sie zu dichten, Abenteuer, die ich erleben -würde. Einmal war ich in eine Frau verliebt, weil sie das erste Mal, -als ich sie sah, ein so wundervolles tiefrotes seidenes Kleid trug, -ganz schwarz in den Falten wie die dunkelsten Rosen, ich stellte sie -mir immer in diesem Kleide vor. Und du damals in Viterbo. Du warst so -fein und still, so zurückhaltend, gleichsam als trügst du Handschuhe -bis hinauf zu den Ellenbogen, sowohl innen wie außen, und du hattest -einen Schimmer in den Augen, wenn wir anderen lachten, als wolltest du -gern mit uns spielen, du konntest aber nicht und wagtest nicht. Da war -ich verliebt in den Gedanken, dich ausgelassen und lachend zu sehen. — -Aber nie zuvor habe ich ein zweites, lebendes Wesen geliebt.“</p> - -<p>Er wandte einen Augenblick die Augen von ihr und starrte zur Säule des -Springbrunnens hinauf, die im Mondlicht funkelte. So spürte er das -neue Gefühl in sich aufsteigen und funkeln, sein Sinn war voller neuer -Worte, die in Ekstase über seine Lippen sprangen:</p> - -<p>„Verstehst du mich, Jenny — ich liebe dich so, daß ich finde, alles -andere ist gleichgültig. Ich trauere nicht<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> darüber, daß du mich nicht -liebst, denn ich weiß, daß es eines Tages der Fall sein wird; ich fühle -ja, daß meine Liebe dich dahin bringen wird. Ich habe Zeit zu warten, -denn es ist wunderbar, dich so zu lieben. Als du davon sprachst, dich -niedertrampeln zu lassen, dich unter eine Lokomotive zu werfen, da -geschah etwas mit mir. Ich wußte nicht, was es war, ich wußte nur, ich -konnte es nicht mit anhören, ich wußte, ich durfte es nicht geschehen -lassen. Es war, als gelte es mein Leben. Du sprachst vom Kinde — es -schmerzte mich so wahnsinnig, daß du so gelitten hattest, und ich -konnte dir nicht helfen, ja, ich wußte es noch nicht, aber der Wunsch -war auch schon in mir wach, daß du mir gut sein mögest.</p> - -<p>Ich verstand alles, Jenny, die grenzenlose Liebe und den furchtbaren -Verlust, so lieb habe ich dich. Als wir drüben in der Trattoria saßen, -als wir dann hier hinübergingen, da war mir plötzlich alles klar und -wie grenzenlos lieb und teuer du mir bist. — Jetzt ist mir, als sei -es immer so gewesen. Alle Erinnerungen an dich gehören mit zu meiner -Liebe. Jetzt verstehe ich auch, warum ich so niedergedrückt war, seit -du hierher kamst. Ich sah, wie schwer dich dein Geschick drückte, wie -still und trostlos du in der ersten Zeit warst, und wie du später diese -wilden Anfälle bekamst. Ich besinne mich auf den Tag in Warnemünde auf -der Landstraße, als du dastandst und weintest — auch das gehört mit -dazu, weswegen ich dich liebe. Die anderen Männer, die du gekannt hast, -Jenny, auch der Vater des Knaben — o ich weiß, wie es gewesen ist. -Du hattest mit ihnen geredet und geredet — über all deine Gedanken, -und es war schließlich nur ein Gerede von Gedanken. Selbst, wenn du -versuchtest, ihnen klar zu machen, wie du fühltest, sie konnten ja -nicht verstehen, wie du warst. Aber ich weiß es. Was du an jenem Tag in -Warnemünde sagtest, und auch heute, das — du weißt, daß du darüber nur -mit mir sprechen kannst; das sind alles Dinge, die ich allein verstehen -kann. Ist es nicht so?“</p> - -<p>Sie senkte überrascht, zustimmend den Kopf.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p> - -<p>„Ich weiß, daß ich der einzige bin, der dich von Grund auf versteht, -und ich weiß genau, wie du bist. Ach. So lieb wie ich dich habe! Wärst -du voller Flecken und blutiger Wunden in deinem Gemüt, ich möchte -nur dich haben und all das fortküssen, bis du wieder rein und gesund -wärest. Ich will dir ja mit meiner Liebe nur dazu verhelfen, Jenny, so -zu werden, wie du’s erstrebst und erreichen mußt, um dich glücklich -zu fühlen. Auf welche schlimmen Gedanken du auch kämst — ich würde -glauben, du seiest krank, etwas Fremdes habe sich in dein Wesen -geschlichen. Wenn du mich auch betrögst, wenn ich dich betrunken im -Rinnstein fände — du bist dennoch meine eigene geliebte Jenny. Hörst -du? Kannst du nicht mein werden — nur mir gehören, dich in meine Arme -legen und dich zu meinem Eigen machen lassen? Du wirst wieder gesund -und glücklich werden. — Ich weiß noch nicht recht, wie ich es anfangen -werde, aber ich weiß, meine Liebe wird einen Weg finden. Du wirst jeden -Morgen ein wenig froher erwachen, und jeder Tag wird etwas lichter und -wärmer sein als der vorhergegangene und deine Trauer etwas weniger -schwer. Können wir nicht nach Viterbo fahren, irgend wohin? — Ach, laß -mich dich mein nennen — ich will dich hegen wie ein krankes Kind. Und -wenn du wieder geheilt bist, dann hast du mich liebgewonnen und weißt, -wir Beide können gar nicht ohne einander leben. — Hörst du mich, Jenny -— du bist krank, du kannst nicht allein auskommen. Schließ nur die -Augen und gib mir deine Hände, so nehme ich dich und liebe dich gesund -— ach, ich weiß, daß ich es kann.“</p> - -<p>Jenny wandte ihm ihr weißes Antlitz zu. Sie hatte sich an eine Säule -gelehnt und lächelte weh in den Mondenschein hinaus:</p> - -<p>„Wie sollte ich diese große Bosheit und Sünde gegen Gott begehen -können.“</p> - -<p>„Meinst du, weil du mich nicht liebst? Ich sage dir ja, es macht -nichts. Ich weiß, daß meine Liebe so mächtig ist, daß sie dich eines -Tages geweckt haben wird,<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> wenn du nur eine Zeitlang von der meinen -umsponnen warst.“</p> - -<p>Er umfing sie, küßte ihr ganzes Gesicht, badete es in Küssen. Sie war -willenlos. Aber nach einer Weile flüsterte sie trotzdem:</p> - -<p>„Tu es nicht, Gunnar — sei lieb.“</p> - -<p>Er ließ sie zögernd fahren:</p> - -<p>„Warum darf ich es nicht tun?“</p> - -<p>„Weil du es bist. Wäre es ein anderer gewesen, der mir gleichgültig -gewesen wäre — dann weiß ich nicht, ob ich hätte Widerstand leisten -mögen.“</p> - -<p>Gunnar nahm sie bei der Hand, während sie im Licht des Mondes auf und -ab gingen.</p> - -<p>„Ich verstehe dich. Als du deinen kleinen Buben bekommen hattest, -sahest du in deinem Leben wieder einen Sinn — nach all dem Sinnlosen. -Denn du liebtest ihn, und er brauchte dich. Als er dann starb, -wurdest du gleichgültig gegen dich selber, denn du fandest, du seiest -überflüssig.“</p> - -<p>Jenny nickte:</p> - -<p>„Ich kenne einige Menschen, die ich gern habe, um deretwillen es mich -schmerzen würde, wüßte ich, daß sie traurig sind, und um deretwillen -ich froh wäre, wenn es ihnen gut ginge. Aber <em class="gesperrt">ich</em> vermag ihnen -weder größere Trauer noch Freude zu bringen. So ist es immer gewesen. -Und gerade das hat mich früher insgeheim so unglücklich und sehnsüchtig -gemacht, daß ich umherlief und mein Dasein keines Menschen Glück -bedeutete. Das aber wollte ich sein, Gunnar, eines anderen Menschen -Glück. Ich habe nie an ein anderes Glück geglaubt. Du sprachst von der -Arbeit, aber ich war nie davon überzeugt, daß sie uns erschöpft — es -wäre mir auch so egoistisch vorgekommen. Die tiefste Freude, die man -dabei empfindet, ist ja die eigene — und die kann man mit niemanden -teilen. Aber es gibt keine Freude, die zugleich Glück bedeutet, wenn -man sie nicht mit anderen teilen kann. Außer dem, was uns einzelne -Augenblicke in unserer Jugend als Glück empfinden lassen. Das habe ich -auch<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> gefühlt, wenn ich meinte, ich hätte etwas erreicht in meinem -Streben, besser zu werden. Aber es ist ja töricht, irgendwelche -Reichtümer zu sammeln, wenn man sie nicht anwenden will. Bei einer Frau -jedenfalls. Ich finde, das Leben einer Frau hat keinen Sinn, wenn sie -nicht irgend jemandem zur Freude dient. Mir war es nie beschieden, ich -habe nur einigen Menschen Leid gebracht, die kleine, armselige Freude, -die ich gab, konnte wohl irgend eine andere auch geben, denn sie -liebten mich ja nur, weil sie etwas anderes in mir sahen, als das, was -ich wirklich war. — Nachdem Bübchen dann gestorben war, gelangte ich -zu der Ansicht, es sei gut, daß niemand mir so nahestand, daß ich ihm -ernstlich Leid zufügen konnte. Es gab niemanden, dem ich unersetzlich -war. — Und nun sagst du mir dies. Dich hätte ich vielleicht am -allerwenigsten in mein verwirrtes Leben hineingezogen. Eigentlich -habe ich dich immer am liebsten gehabt von allen, die ich kannte. Mir -tat es wohl, daß wir Freunde waren auf diese Art. Daß Liebe und all -dergleichen Gefährliches und Unruhiges sich nicht zwischen uns drängen -konnte! Ich hielt dich für zu gut dafür. Ach Herrgott, wie innig -wünschte ich, es hätte sich nichts geändert.“</p> - -<p>„Ich habe heute nicht mehr die Empfindung, als sei es jemals anders -gewesen,“ sagte er leise. „Ich liebe dich. Und ich glaube, du brauchst -mich. Ich bin so fest überzeugt, daß ich dich wieder zum Glücke -zurückführen kann. Und wenn mir nur das gelingt, so hast du mich -glücklich gemacht.“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf:</p> - -<p>„Wäre nur das Geringste zurückgeblieben von meinem Glauben an mich -selbst! Betrachtete ich mich nicht als so unwiederbringlich abgetan -— dann vielleicht. Aber Gunnar, wenn du davon sprichst, daß du mich -liebst, so weiß ich, daß das, was du an mir liebst, tot und vernichtet -ist. Dann aber ist es ja wieder die alte Sache, du bist verliebt in -etwas, was du dir an mir nur einbildest, vielleicht etwas, was ich -gewesen bin oder hätte sein können.<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> Aber dennoch — eines Tages -wirst du mich sehen, wie ich jetzt bin und dann wirst auch du nur -unglücklich.“</p> - -<p>„Wie es auch endet — niemals werde ich es als ein Unglück betrachten, -daß ich dich liebe. Ich weiß viel besser als du selbst, in dem -Zustande, in dem du jetzt bist, bedarf es nur eines Stoßes, und du -stürzest — in etwas ganz Wahnwitziges hinaus. Aber ich fühle mich -dir nah. Denn ich kann den ganzen Weg übersehen, der dich bis hierher -gebracht hat, und wenn du stürztest, so würde ich dir folgen und -versuchen, dich auf meinem Arm zurückzutragen und dich dennoch zu -lieben.“</p> - -<p class="mtop2">Als sie nachts oben im Gang vor ihren Zimmern standen, ergriff er ihre -Hände:</p> - -<p>„Jenny, soll ich nicht heute Nacht lieber bei dir bleiben, anstatt dich -allein zu lassen? Glaubst du nicht, dir würde wohl sein, wenn du in den -Armen eines Menschen einschliefest, dem du alles bist — und wenn du -morgen so erwachtest?“</p> - -<p>Sie blickte auf und lächelte bedeutsam in den goldenen Schein der -Wachskerze:</p> - -<p>„Vielleicht heut Nacht. Aber ich glaube nicht morgen.“</p> - -<p>„Ach Jenny.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Es ist vielleicht gut, daß -ich heute Nacht zu dir komme. Ich finde, ich habe das Recht — ich täte -damit nichts Schlechtes. Ich weiß, es wäre das Beste für dich, wenn — -du mein würdest. Wirst du böse — wirst du traurig, wenn ich komme?“</p> - -<p>„Ich glaube, ich würde traurig werden — hinterher. Deinetwegen. — Ach -nein, tu es nicht, Gunnar. Ich will nicht dein werden, wenn ich weiß, -daß es für mich ebenso gut ein anderer sein könnte —“</p> - -<p>Er lachte kurz, mutwillig und schmerzlich zugleich:</p> - -<p>„Wärest du erst mein, dann würdest du dich keinem anderen geben, so gut -kenne ich dich, Jenny. Aber wenn du bittest — ich kann warten. — Aber -riegele deine Tür zu,“ sagte er mit demselben Lachen.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p> - -<h3 id="III_XI">XI.</h3> - -</div> - -<p>Den ganzen Tag hindurch war das Wetter trübe gewesen, mit kalten, -fahlgrauen Wolken hoch oben am Himmel. Jetzt gegen Abend zeigten sich -einige dünne, messinggelbe Streifen über dem westlichen Horizont.</p> - -<p>Jenny war am Nachmittag auf den Monte Celio gegangen, um zu zeichnen. -Es war nichts daraus geworden — sie hatte nur auf der großen -Freitreppe vor San Gregorio gesessen und gedankenverloren in den Hain -geblickt, dessen große Bäume unter dem fahlen Himmel lenzhaft zu -knospen begannen und in dem die Tausendschön hell unter dem grünen -Grase leuchteten.</p> - -<p>Sie ging jetzt durch die Allee, die unter dem Südhang des Palatins -dahinläuft, wieder zurück. Ueber die Palmen des Klosters auf dem -Gipfel ragte die Masse der Ruinen grau und verwittert gen Himmel. Den -Abhang hinab zogen sich die ewiggrünen Büsche, jetzt fast schwarz mit -Kalkstaub gepudert.</p> - -<p>Vor dem Konstantinsbogen, auf dem Platz zwischen den Ruinen des -Colosseum, des Palatin und des Forums schlichen einige verfrorene -Ansichtskartenverkäufer umher. Nur wenig Touristen waren heute draußen. -Einige spindeldürre Damen feilschten in unmöglichem Italienisch mit -einem wandernden Mosaikkrämer.</p> - -<p>Ein kleiner Bursche, vielleicht drei Jahre alt, klammerte sich an -Jennys Mantel fest und hielt ihr einen Büschel Stiefmütterchen -entgegen. Er hatte seltsam schwarze Augen, war langhaarig und in -Nationaltracht herausgeputzt, mit spitzem Filzhut, Sammetjacke und -Sandalen über den weißwollenen Socken. Als er um einen Soldo bat, hörte -sie, daß er noch nicht richtig sprechen konnte.</p> - -<p>Jenny reichte ihm die Münze, als plötzlich seine Mutter an ihre Seite -fegte und das Geldstück dankend in Verwahrung nahm. Auch sie hatte den -Versuch gemacht, ihrer Tracht einen leichten nationalen Anstrich zu -geben, hatte ein rotes Sammetkorsett über ihre schmutzige, karierte<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> -Bluse geschnürt und ein Tuch im Viereck über das Haar gebreitet. Im -Arme trug sie ein kleines Kind.</p> - -<p>Es sei drei Wochen alt, erfuhr Jenny, als sie fragte. Das arme Wesen -war krank.</p> - -<p>Das Kind war nicht viel größer als Jennys Knabe nach der Geburt. Seine -Haut war rot und wund und schälte sich, es atmete pfeifend, als seien -die Luftröhren voller Schleim, und die Augen blickten glanzlos unter -den entzündeten halbgeschlossenen Lidern hervor.</p> - -<p>Ja, sie ginge jeden Tag mit ihm zur Poliklinik, sagte die Mutter. Aber -sie meinten, es würde sterben. Es wäre auch für das arme Ding das -Beste. Die Frau sah müde und mißmutig aus, obendrein war sie häßlich -und zahnlos.</p> - -<p>Jenny fühlte ein Weinen in der Kehle aufsteigen. Armes, kleines Wesen. -Ja, für das Kind wäre es das Beste, wenn es stürbe. Armer kleiner -Krüppel. Sie strich liebkosend über das häßliche Gesichtchen.</p> - -<p>Sie hatte der Frau noch etwas Geld gegeben und wollte eben gehen. In -diesem Augenblick ging ein Herr vorüber. Er grüßte, zögerte einen -Augenblick, ging dann aber weiter, da Jenny den Gruß nicht erwiderte. -Es war Helge Gram.</p> - -<p>Sie hatte es gar nicht begriffen, daß sie hätte grüßen müssen. Sie -hockte sich vor den kleinen Burschen mit den Blumen und ergriff seine -Hände, zog das Kind näher zu sich heran und plauderte mit ihm, indem -sie versuchte, das wahnsinnige Beben niederzuzwingen, das durch ihren -Körper raste.</p> - -<p>Einmal wandte sie den Kopf und blickte in die Richtung, in der er -weitergegangen war. Drüben auf der Treppe, die zum Platz am Colosseum -führte und zur Straße hinauf, stand er und sah herüber.</p> - -<p>Sie fuhr fort, in hockender Stellung mit der Frau und dem Kinde zu -sprechen. Als sie wieder aufsah, war er gegangen — aber sie wartete, -noch lange, nachdem sein grauer Hut und Mantel verschwunden war.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p> - -<p>Dann rannte sie förmlich nach Hause zu, durch Hintergäßchen und -Schlupfwinkel, vorsichtig um jede Ecke biegend, voller Angst, daß er -ihr hier begegnen könnte.</p> - -<p>Weit drüben jenseits des Pincio hielt sie inne. Sie aß dort in einer -Trattoria zu Abend, in der sie vorher nie gewesen war.</p> - -<p>Als sie ein wenig verweilt und einige Schluck Wein getrunken hatte, -wurde sie ruhiger.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wenn</em> sie nun Helge begegnete und er sie anredete, so war es -natürlich peinlich. Selbstverständlich würde sie es am liebsten -vermeiden. Aber wenn es sich nun so traf, brauchte sie deshalb eine -so sinnlose Furcht zu hegen? Sie waren ja beide fertig miteinander; -für das, was geschehen war, nachdem sie auseinander gegangen waren, -hatte er sie nicht zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn er es tat, so kam -ihm kein Recht dafür zu. Was er auch wußte, was er auch sagen mochte, -sie wußte ja selbst, was sie getan. Sich selber hatte sie Rechenschaft -ablegen müssen — was war alles andere dagegen!</p> - -<p>Brauchte sie sich vor irgendeinem Menschen zu fürchten? Niemand konnte -ihr schlimmeres Leid zufügen, als sie selbst sich angetan.</p> - -<p>Aber es war wieder ein böser Tag gewesen, daran lag es. Einer von den -Tagen, an denen sie nicht nüchtern war. Jetzt war es besser geworden.</p> - -<p>Sie war jedoch kaum wieder auf der Straße, als die tolle, verzweifelte -Angst sie wieder überfiel. Diese Angst peitschte sie, so daß sie -vorwärtsstürmte, ohne es zu wissen. Sie faltete ihre Hände und sprach -halblaut mit sich selbst.</p> - -<p>Einmal riß sie die Handschuhe von den Händen, denn ihr war glühend -heiß geworden. Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie einen nassen Fleck auf -dem einen bemerkt hatte, nachdem sie das kranke Kind gestreichelt. -Angewidert schleuderte sie die Handschuhe von sich.</p> - -<p>Als sie zu Hause ankam, stand sie im Gange still. Sie klopfte an -Gunnars Tür. Er war aber nicht daheim.<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> Dann blickte sie auf das Dach -hinaus, aber auch dort war niemand.</p> - -<p>Sie ging in ihr Zimmer und zündete die Lampe an. Die Arme auf der Brust -verschränkt, saß sie und starrte in die Flamme, erhob sich, wanderte -ruhelos im Zimmer auf und ab und setzte sich schließlich nieder.</p> - -<p>Angespannt horchte sie auf jeden Laut im Treppenflur. Ach, wenn doch -Gunnar käme und nur der andere nicht! — Aber er wußte ja nicht, wo -sie wohnte. Er konnte aber jemanden getroffen und gefragt haben. Ach -Gunnar, Gunnar, komm!</p> - -<p>Dann wollte sie gleich zu ihm gehen, sich in seine Arme werfen und ihn -bitten, sie hinzunehmen.</p> - -<p>Von dem Augenblick, als sie Helge Grams goldbraunen Augen begegnet -war, hatte die ganze Vergangenheit, die unter dieser Augen Blick ihren -Anfang genommen, sich gegen sie aufgelehnt. Alles überfiel sie aufs -neue, der Ekel, der Zweifel an der eigenen Fähigkeit, zu fühlen, zu -wollen und zu wählen, der Zweifel, ob sie das wirklich nicht wolle, -was sie abzulehnen sich einbildete. — Und sie sah sich wieder, wie -sie sich damals gesehen, verlogen, verträumt, schlaff, während sie vor -sich selber tat, als fordere sie ein reines, starkes und ganzes Gefühl -von sich, während sie sagte, sie wolle ehrlich, arbeitsam, mutig, -opferwillig, diszipliniert sein. Dabei ließ sie Stimmungen und Triebe -mit sich Fangball spielen, gegen die zu kämpfen sie sich nicht die -Mühe machte, obgleich sie wußte, sie müßte es tun. Sie spiegelte Liebe -vor, um sich einen Platz unter Menschen zu erschleichen, den sie nie -gewonnen hätte, solange sie ehrlich gewesen —.</p> - -<p>Sie hatte sich umwandeln wollen, um sich zu den Menschen rechnen zu -können, unter denen sie, wie sie immer gewußt hatte, eine Fremde war, -weil aus anderem Holz geschnitzt. Aber sie war nicht imstande gewesen, -allein zu bleiben, eingesperrt in ihrer eigenem Natur. Sie hatte Gewalt -an ihrer Natur verübt. Widerwärtig, unnatürlich war ihr Verhältnis zu -den Menschen geworden, die ihr im tiefsten Innern wesensfremd waren. -Der<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> Sohn und der Vater —. Und was nachfolgte — ihr eigenes inneres -Wesen war dadurch entstellt, jeder feste Halt, den sie in sich selbst -besessen hatte, ließ sie im Stich, zerbröckelte zu einem Nichts. Sie -löste sich innerlich auf.</p> - -<p>Kam Helge, traf sie ihn, so würden, fühlte sie, die Verzweiflung -und ihr Lebensüberdruß sie überwältigen. Sie wußte nicht, was dann -geschehen würde, nur soviel, daß, mußte sie ihm von Angesicht zu -Angesicht gegenüberstehen, ihre Kräfte sie verlassen würden —.</p> - -<p>Ach, Gunnar! Ob sie ihn liebte oder nicht, daran hatte sie in diesen -Wochen, als er um sie gebettelt hatte, wie sie war, nicht nachgedacht. -Er hatte geschworen, ihr hinüberhelfen zu können, alles wieder in ihr -aufzurichten.</p> - -<p>Mitunter hatte sie nur den Wunsch, er nähme sie mit Gewalt. Dann -brauchte sie sich nicht selbst zu entscheiden. Denn es war, wie er -sagte; wählte sie, sein zu werden, so sagte ihr der letzte Rest von -Stolz, daß sie die Verantwortung trüge. Dann <em class="gesperrt">mußte</em> sie das -werden, was sie gewesen, das, wofür er sie hielt, und das, was die -Zukunft aus ihr machen sollte. Ob sie dazu imstande war oder nicht, sie -mußte sich wieder hocharbeiten aus alledem, worin sie jetzt herumwühlte -— unter einem neuen Leben mußte sie alles begraben, was geschehen war, -seit sie Helge Gram den Kuß gegeben, mit dem sie ihren eigenen Glauben -und ihr ganzes Leben bis zu dem Frühlingstage in der Campagna verraten -hatte.</p> - -<p>Ob sie sich Gunnar zu eigen geben wollte —? Liebte sie ihn denn, der -ganz so war, wie sie hatte werden wollen? Dessen ganzes Wesen alles in -ihr wachrief, was sie einstmals entwickeln und pflegen wollte — jedes -Talent, das sie zu fördern für wert erachtet hatte —.</p> - -<p>Die Liebe, die sie auf wirren Pfaden gesucht, dort, wohin ihr -krankhaftes Sehnen und ihre heiße Ruhelosigkeit sie getrieben hatten -— bestand sie denn nur in dem Selbstverständlichen, die Augen zu -schließen und sich in die Gewalt des Mannes zu begeben, der allein -ihr Vertrauen<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> besaß, den alle Instinkte das Gewissen und den rechten -Richter nannten —?</p> - -<p>Aber sie hatte es doch nicht über sich bringen können — die ganzen -Wochen hindurch hatte sie es nicht gekonnt. Sie wollte nur erst etwas -weiter aus diesem Schlamm, in dem sie sich befand, heraus, durch eigene -Kraft. Sie wollte erst fühlen, daß ihr eigener Wille aus fernen Tagen -wieder die Herrschaft über ihr zerrissenes Gemüt ergriffen hatte. Wenn -sie dann nur wieder einen Funken Achtung und Vertrauen zu sich selbst -zurückgewinnen könnte.</p> - -<p>Durfte sie weiterleben, so war Gunnar als Mensch alles, was das Leben -für sie bedeutete. Ach, ein paar Worte, die er auf ein Stück Papier -gekritzelt hatte, ein Buch, das als Bote zu ihr kam, von irgend -einem Zug seines Wesens kündend — gerade das hatte ja das letzte -aufflackernde Sehnen nach dem Leben in ihr geweckt, damals, als sie -sich nach des Kindes Tode wie ein zuschanden geschlagenes Tier durchs -Dasein schleppte —.</p> - -<p>Kam er jetzt, so durfte er sie nehmen. Er mußte sie das erste Stück des -Weges tragen. Später wollte sie versuchen, allein zu schreiten —.</p> - -<p>Und ihre Seele, die sich zerfleischte, während sie dort wartend saß, -gelangte zu diesem Ergebnis:</p> - -<p>Kam er, so wollte sie leben. Kam der andere, mußte sie sterben.</p> - -<p>Als sie dann Schritte auf der Treppe hörte und es nicht Gunnars -Schritte waren, als es an ihre Türe pochte, senkte sie das Haupt und -ging bebend, um Helge Gram zu öffnen. Ihr war es nur, als öffnete sie -dem Schicksal, das sie selbst über sich heraufbeschworen hatte.</p> - -<p>Sie folgte ihm mit den Blicken, während er ins Licht trat und den Hut -auf einen Stuhl warf. Auch jetzt begrüßte sie ihn nicht.</p> - -<p>„Ich wußte, du seiest in der Stadt,“ sagte er. „Ich kam vorgestern an. -Aus Paris. Ich sah deine Adresse im Verein — hatte die Absicht, dich -einmal zu besuchen. Dann traf ich dich heute nachmittag auf der Straße. -Ich erkannte schon von weitem dein graues Pelzwerk.“<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> Er sprach schnell -— fast atemlos. „Willst du mir nicht Guten Abend wünschen, Jenny — -bist du böse, daß ich zu dir gekommen bin?“</p> - -<p>„Guten Abend, Helge,“ sagte sie und nahm die Hand, die er ihr -entgegenstreckte. „Bitte sehr, willst du nicht Platz nehmen?“</p> - -<p>Sie selbst setzte sich aufs Sofa. Sie vernahm ihre eigene Stimme — -ganz ruhig und alltäglich klang sie. Aber im Gehirn verspürte sie das -gleiche sonderbare, taumelnde Angstgefühl wie vordem.</p> - -<p>„Ich wollte dich gern begrüßen,“ sagte Helge und setzte sich neben sie -auf einen Stuhl.</p> - -<p>„Das ist nett von dir,“ entgegnete Jenny.</p> - -<p>Sie schwiegen wieder.</p> - -<p>„Du wohnst jetzt in Bergen,“ sagte sie dann. „Ich sah, daß du deinen -Doktor gemacht hast — ich gratuliere.“</p> - -<p>„Danke.“</p> - -<p>Wieder entstand eine Pause.</p> - -<p>„Du hast jetzt sehr lange im Auslande gelebt —. Manchmal hatte ich die -Absicht, dir zu schreiben, aber dazu kam es nie. Heggen wohnt, wie ich -sah, im selben Haus wie du —.“</p> - -<p>„Ja. Ich schrieb an ihn und bat ihn, etwas für mich zu mieten, ein -Atelier, aber die sind so teuer hier und so schwer zu bekommen. Dies -Zimmer hat jedoch auch ganz gutes Licht —.“</p> - -<p>„Ich sehe, du hast eine ganze Anzahl Bilder stehen —.“</p> - -<p>Er erhob sich plötzlich, ging durch das Zimmer, kam aber gleich darauf -zurück und setzte sich wieder hin. Jenny senkte den Kopf, sie fühlte, -wie er sie dauernd anstarrte.</p> - -<p>Dann sprach er wieder — sie versuchten, sich mit einander zu -unterhalten, er fragte nach Franziska Ahlin und anderen gemeinsamen -Bekannten. Doch das Gespräch starb schnell wieder hin, und er saß stumm -da und starrte sie an wie vorher.</p> - -<p>„Weißt du, daß meine Eltern sich scheiden ließen?“ fragte er plötzlich.</p> - -<p>Sie nickte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p> - -<p>„Ja.“ Er lachte kurz. „Sie hielten ja unsertwegen solange miteinander -aus. Prallten aneinander und rieben sich wie zwei Mühlsteine, bis all -unser Gut zwischen ihnen zu Pulver vermahlen war. Jetzt war wohl nichts -mehr übrig, was zerrieben werden konnte, so blieb die Mühle stehen —. -O ja. Ich besinne mich auf die Zeit, als ich ein Knabe war. Wenn sie -miteinander sprachen — sie schlugen sich ja nicht gerade. Aber in -ihren Stimmen lag etwas —. Mutter schalt übrigens, hatte einen großen -Mund und weinte schließlich. Vater war nur ruhig und still, aber ein -Klang war in seiner Stimme, ein Haß, so kalt und hart, daß es wie mit -Messern schnitt. Ich lag drinnen im Schlafzimmer und wurde von einer -Art Zwangsvorstellung geplagt, wenn ich es so nennen darf. Welch ein -Genuß müßte es sein, eine Stricknadel zu nehmen und quer durch den Kopf -zu stechen, in das eine Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Die -Stimmen schmerzten rein physisch im Trommelfell, verursachten einen -Schmerz, der sich gewissermaßen durch den ganzen Kopf fortpflanzte, -weißt du —. Das war also der Anfang. Nun haben die beiden ihre Pflicht -als Eltern getan. Jetzt ist es aus —.“</p> - -<p>Er nickte ein paar Mal vor sich hin.</p> - -<p>„Es ist so häßlich. Diesen Haß meine ich — alles wird so häßlich, was -in seine Nähe kommt. Ich besuchte vergangenen Sommer meine Schwester. -Wir sympathisierten ja nie miteinander — aber —. Es war abscheulich, -sie mit dem Manne zusammen zu beobachten. Manchmal küßte er sie, -nahm die Pfeife aus dem dicken, feuchten Munde und küßte seine Frau. -Ein Papst auf dem Predigerstuhl, und daheim praßt er —. Sofie wurde -mitunter ganz weiß, wenn er sie anrührte. Dann du und ich. Ich fand -es später so selbstverständlich, daß alles zerbrechen mußte, all das -feine, weiche Lichtgrüne zwischen uns — erfrieren mußte in dieser -Luft. Als ich dich damals verlassen hatte, bereute ich es. Ich wollte -schreiben — aber weißt du, warum ich es nicht tat? Ja, ich erhielt -einen Brief von meinem Vater, er erzählte, daß er bei dir gewesen -sei. Es war eine Mahnung, weißt du, daß ich<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> versuchen sollte, die -Verbindung mit dir wieder aufzunehmen —. Darum schrieb ich nicht, ich -hatte eine abergläubische Furcht davor, einem Rat aus jener Richtung -zu folgen —. Dann habe ich mich die ganze Zeit über nach dir gesehnt -und von dir geträumt, Jenny. Alle Erinnerungen wieder und wieder -hervorgeholt. Weißt du, welchen Ort ich hier in Rom zuerst aufsuchte — -gestern? Ich war draußen auf der Montagnola. Ich fand unsere Namen in -den Kaktusblättern wieder —.“</p> - -<p>Jenny saß bleich mit geballten Händen da.</p> - -<p>„Du siehst genau so aus wie früher. Und hast doch drei Jahre verlebt, -von denen ich nichts weiß,“ sagte Helge leise. „Jetzt, wo ich wieder -mit dir zusammen bin, kann ich es nicht fassen. Es ist, als sei es -alles nicht wahr, was zwischen uns liegt, seit wir uns hier in Rom -trennten —. Und jetzt gehörst du vielleicht einem anderen —.“</p> - -<p>Jenny erwiderte nichts.</p> - -<p>„Bist du — verlobt?“ fragte er leise.</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Jenny!“ Helge senkte den Kopf, so daß sie sein Antlitz nicht sehen -konnte. „Weißt du — alle diese Jahre hindurch habe ich gehofft, -geträumt, dich zurückzugewinnen. Ich habe mir ausgemalt, daß wir beide -uns wiedersehen — und einander verstehen würden; du sagtest ja, ich -sei der Erste gewesen, den du geliebt hast. Jenny — ist es unmöglich?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie.</p> - -<p>„Heggen?“</p> - -<p>Erst antwortete sie nicht.</p> - -<p>„Ich bin immer eifersüchtig auf Heggen gewesen,“ sagte Helge leise. -„Ich fürchtete, er war der Rechte —. Als ich sah, daß ihr zusammen -wohnt — —. Nun habt ihr — euch also — lieb?“</p> - -<p>Jenny schwieg noch immer.</p> - -<p>„Liebst du ihn?“ fragte Helge wieder.</p> - -<p>„Ja. Aber ich will ihn nicht heiraten.“</p> - -<p>„Ah, auf diese Art,“ sagte er hart.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p> - -<p>„Nein.“ Sie lächelte flüchtig. Müde und erregt senkte sie das Haupt. -„Ich bin nicht mehr zu irgend einem Verhältnis einem Menschen gegenüber -fähig — jetzt nicht mehr. Ich bin zu nichts fähig. Ich wünschte, du -gingest, Helge.“</p> - -<p>Aber er blieb sitzen.</p> - -<p>„Ich kann nicht fassen, daß alles wieder aus sein soll. Ich habe es nie -geglaubt, und jetzt, wo ich dich wiedersehe —. Ich habe nachgedacht, -immer und immer wieder, es war meine eigene Schuld. Ich bin so verzagt, -wußte nie, was das Richtige war. Es hätte anders sein können. Ich -dachte an den letzten Abend, als ich in Rom mit Dir zusammen war. Ich -meinte immer, dieser Augenblick müßte wiederkehren. Ich ging damals, -weil ich glaubte, es sei das Beste. Ich kann dich doch wohl nicht -deswegen verloren haben —.“</p> - -<p>„Damals“ — er blickte nieder — „hatte ich noch nie ein Weib berührt. -Ich war scheu geworden durch die Zustände daheim. — Träume und -Phantasien — mitunter schufen sie eine Hölle, aber immer war die -Furcht am stärksten —. Ach. Jetzt bin ich neunundzwanzig Jahre alt. -Ich habe nichts Schönes und Glückliches erlebt — außer dem kurzen Lenz -mit dir. Begreifst du denn nicht, daß ich den Gedanken an dich nie -aufgeben konnte? Begreifst du nicht, wie ich dich liebe — das einzige -Glück, das ich gekannt habe? Ich kann nicht ohne dich sein — jetzt -kann ich nicht mehr —.“</p> - -<p>Sie hatte sich erhoben, bebend, und auch er war aufgestanden. Sie wich -unwillkürlich einige Schritte zurück.</p> - -<p>„Helge — ein anderer ist dagewesen.“</p> - -<p>Er stand still und blickte sie an.</p> - -<p>„So — ein anderer ist also dagewesen. Ich hätte es sein können — und -dann wurde es ein anderer. Aber, ich will dich haben, was kümmert es -mich. Jetzt will ich dich besitzen, denn einst hast du es mir zugesagt —.“</p> - -<p>Als sie erschrocken an ihm vorbeizuschlüpfen suchte, riß er sie mit -Gewalt an sich.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p> - -<p>Es dauerte einige Augenblicke, ehe es ihr recht bewußt wurde, daß er -ihren Mund küßte. Sie glaubte, Widerstand zu leisten, aber sie lag -wehrlos in seinen Armen.</p> - -<p>Sie wollte sagen, daß er nicht dürfe. Sie wollte ihm sagen, wer der -andere gewesen. Aber sie konnte nicht, denn sie hätte dann gesagt, daß -sie ein Kind gehabt hatte. Und in dem Augenblick, als sie an den Knaben -dachte, fühlte sie, daß sie ihn nicht zu nennen vermochte — inmitten -dieses Kampfes. Ihr Kind mußte sie von dem Untergang fernhalten, der, -wie sie wußte, jetzt kam —. Und dieser Gedanke erschien ihr wie eine -zarte Liebkosung des toten Kleinen, die sie wärmte und ihr wohltat, -sodaß ihr Körper einen Augenblick in seinen Armen weich und nachgiebig -wurde.</p> - -<p>„Du bist mein — mein bist du, Jenny — ja, ja, ja,“ flüsterte Helge -über ihr.</p> - -<p>Sie sah einen Augenblick in sein Gesicht. Dann riß sie sich von ihm los -und rannte zur Tür. Gleichzeitig rief sie laut nach Gunnar.</p> - -<p>Er sprang ihr nach und riß sie zurück:</p> - -<p>„Er bekommt dich nicht — du bist mein, du —.“</p> - -<p>Dann kämpften sie wortlos an der Tür. Jenny war es, als käme alles nur -darauf an, ob sie öffnen und in Gunnars Zimmer gelangen könnte. Wie sie -aber dann Helges Körper an dem ihren spürte, heißer, stärker als ihr -eigener, wie er sie festhielt mit Armen und Knien, da war es ihr, als -sollte es so sein, als sollte sie sich ergeben. Und sie warf sich ihm -freiwillig in die Arme.</p> - -<p class="mtop2">Im Dämmerlicht, während er sich ankleidete, trat er alle Augenblicke an -ihr Bett und küßte sie:</p> - -<p>„Herrliche du! Wie schön du bist Jenny! Jetzt bist du mein. Alles wird -wieder gut, nicht wahr? O, wie ich dich liebe! — Du bist müde? Du -sollst schlafen ich gehe jetzt. Morgen Vormittag komme ich wieder zu -dir. Schlaf gut, süße, geliebte Jenny. Bist du so müde?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span></p> - -<p>„Ja, sehr müde, Helge.“ Sie lag mit halbgeschlossenen Augen da -und blickte in das fahle Morgenlicht, das Helge durch die Laden -hereingelassen hatte.</p> - -<p>Dann küßte er sie. Er hatte den Mantel angezogen und hielt den Hut in -der Hand. Noch einmal ließ er sich auf den Knien vor dem Bette nieder -und schob den Arm unter ihre Schultern:</p> - -<p>„Ich danke dir für diese Nacht, Jenny —. Besinnst du dich darauf, daß -ich dasselbe an jenem ersten Morgen in Rom sagte, draußen auf Aventin? -Erinnerst du dich dessen?“</p> - -<p>Jenny nickte, in die Kissen vergraben.</p> - -<p>„Schlaf wohl. Gib mir noch einen Kuß — so, Gute Nacht meine herrliche -Jenny!“ —</p> - -<p>In der Tür hielt er inne:</p> - -<p>„Gibt es einen Schlüssel zu der Tür? Oder ist es eine von den -altmodischen mit einer Klinke innen?“</p> - -<p>„Ja, es ist die gewöhnliche Art,“ sagte sie, „du öffnest ohne weiteres -von innen —.“</p> - -<p class="mtop2">Sie blieb mit geschlossenen Augen liegen. Aber sie sah ihren eigenen -Körper, wie er unter der Decke lag, weiß, nackt, schön, ein Ding, das -sie von sich geschleudert hatte, wie sie den beschmutzten Handschuh -heut Nachmittag fortgeworfen. Er gehörte ihr nicht mehr.</p> - -<p>Plötzlich durchfuhr sie ein Ruck. Sie hörte Heggen die Treppe -heraufkommen, langsam, hörte ihn die Türe zu seinem Zimmer öffnen. Er -ging eine Weile dort drinnen auf und ab, dann wieder hinaus, zum Dach -hinauf. Jetzt hörte sie seine eiligen Schritte über ihrem Kopfe — auf -und ab.</p> - -<p>Sie war überzeugt, daß er es wußte. Aber es machte keinen Eindruck auf -ihr müdes Hirn. Sie fühlte keinen Schmerz mehr. Es war ihr, als müsse -alles ihm ebenso selbstverständlich und unabwendbar vorkommen wie ihr.</p> - -<p>Was sie vorhatte, war nicht ihr freier Entschluß. Es mußte geschehen -wie das andere geschehen war, — wie<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> eine unabänderliche Folge dessen, -daß sie gestern Helge die Türe geöffnet hatte.</p> - -<p>Jenny streckte einen Fuß unter der Decke hervor und betrachtete ihn wie -einen fremden Gegenstand, der nicht ihr gehörte. Er war hübsch. Sie -krümmte ihn, so daß der Spann sich straffte. Hübsch war er, weiß und -blaugeädert, mit feinem Rot an der Ferse und den Zehen.</p> - -<p>Sie war so müde. Diese Müdigkeit tat wohl. Als hätte sie Schmerzen -gehabt, die jetzt vorüber waren. Während er bei ihr war, hatte nur -ein Gefühl sie beherrscht, als würde sie in die Finsternis gestoßen -und sänke und sänke. Es war Wollust, so zu vergehen, seines Willens -beraubt, sich aus dem Leben treiben lassen, hinab auf den Grund, wo es -still war. Sie wußte dunkel, daß sie seine Liebkosungen erwidert, sich -an ihn geschmiegt hatte. Jetzt war sie müde, und was ihr zu tun noch -übrig blieb, tat sie mechanisch.</p> - -<p>Sie stand auf und kleidete sich an. Als sie Strümpfe, Leibchen -und Unterrock angezogen hatte, steckte sie die Füße in ein Paar -Goldkäferschuhe, die sie im Hause trug. Sie wusch sich und steckte das -offene Haar vor dem Spiegel hoch, ohne zu wissen, daß sie ihr eigenes -Antlitz erblickte.</p> - -<p>Dann ging sie zu dem kleinen Tisch, auf dem ihre Malgeräte lagen. Sie -kramte in dem Kasten mit ihrem Radierwerkzeug. An das spitze dreieckige -Schabeisen hatte sie in der Nacht denken müssen. Früher hatte sie es -manchmal halb spielerisch gegen ihre Pulsadern gehalten.</p> - -<p>Jenny nahm es auf und prüfte es, befühlte es mit dem Finger. Dann legte -sie es zurück und ergriff ein Taschenmesser. Sie hatte es einmal in -Paris gekauft, es hatte Korkzieher, Büchsenöffner und viele Klingen. -Die eine war kurz, spitz und breit — diese öffnete sie.</p> - -<p>Dann ging sie zurück und setzte sich aufs Bett. Sie legte das -Kopfkissen über den Rand des Nachttisches, — stützte die linke Hand -darauf und schnitt die Pulsader durch.</p> - -<p>Das Blut spritzte hoch auf, der Strahl schoß gegen ein kleines -Aquarell, das sie an der Wand über dem Bett<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> aufgehängt hatte. Als -sie das sah, rückte sie die Hand zur Seite. Sie legte sich nieder -— streifte unwillkürlich mit den Füßen die Schuhe ab und legte sie -ganz aufs Bett. Als sie sah, wie das Blut spritzte, verbarg sie die -verwundete Hand unter der Decke.</p> - -<p>Sie hatte keinen Gedanken und keine Angst, fühlte nur, daß sie sich -dem Unabwendbaren hingab. — Der Schmerz selbst, als sie sich schnitt, -war nicht stark — scharf und klar, gleichsam auf die eine Stelle -konzentriert.</p> - -<p>Aber nach einer Weile durchrieselte sie ein unbekanntes, sonderbares -Gefühl — eine Angst, die wuchs und wuchs. Nicht die Furcht vor etwas -— das Gefühl selbst bestand nur in einer fürchterlichen Angst in der -Herzgegend — als würde sie erwürgt. Sie öffnete die Augen — aber -schwarze Fetzen nisten an ihren Blicken vorüber. Sie konnte nicht atmen -— das Zimmer überfiel sie von allen Seiten —. Sie taumelte aus dem -Bett, wankte zur Tür, blindlings die Treppe zum Dach hinauf, bis sie -auf der obersten Stufe zusammenbrach — —</p> - -<p class="mtop2">Helge war Gunnar Heggen begegnet, als er gerade aus dem Tore trat. Sie -hatten sich beide angeblickt, während sie zum Hute griffen. Dann waren -sie aneinander vorbeigegangen — ohne ein Wort.</p> - -<p>Aber diese Begegnung hatte Helge nüchtern gemacht. Nach dem Rausch der -Nacht schlug seine Stimme plötzlich um. Was er erlebt hatte, erschien -ihm plötzlich unglaubhaft, unbegreiflich und unheimlich.</p> - -<p>Dieses Zusammentreffen mit ihr, wovon er die ganzen Jahre hindurch -geträumt hatte. Sie, von der er geträumt, sie hatte fast nicht -gesprochen, nur stumm und kalt dagesessen und sich dann plötzlich in -seine Arme geworfen. Wild und wahnsinnig, doch ohne einen Laut. Jetzt -plötzlich erinnerte er sich — sie hatte nichts gesagt, nichts erwidert -auf alle seine Liebesworte heute Nacht.</p> - -<p>Eine fremde, unheimliche Frau war das — seine Jenny? Er wußte mit -einem Male, sie war nie sein gewesen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span></p> - -<p>Helge schritt immer weiter durch die morgenstillen Straßen. Den Corso -auf und nieder.</p> - -<p>Er versuchte, sie sich vorzustellen. Die Erinnerungen von den Träumen -loszulösen. Sie aus jener Zeit sich vor Augen zu führen, als sie -verlobt waren. Aber er konnte sie nicht festhalten — er wußte mit -einem Male, daß er es nie gekonnt. Immer war etwas dahinter gewesen, -das er nicht hatte sehen können, er hatte nur gefühlt, es war da.</p> - -<p>Nichts wußte er von ihr. Heggen konnte jetzt bei ihr sein — er wußte -es nicht. Ein anderer war dagewesen, hatte sie selbst gesagt — welcher -andere — welche anderen — welches andere, das er nicht kannte und -doch immer gefühlt hatte?</p> - -<p>Nach diesem Ereignis aber konnte er sie auch nicht aufgeben, er wußte -es. Jetzt weniger als je zuvor. Und dabei kannte er sie nicht. Wer war -sie, die ihn in ihrer Gewalt hatte —? Wem hatte er angehört mit jedem -einzigen Gedanken, drei Jahre lang —?</p> - -<p>Furcht war es, Raserei, die ihn trieb, während er zu ihrer Tür -zurückjagte. Sie stand offen. Er lief die Treppen hinauf, sie sollte -ihm Rede stehen — sie kam nicht frei, bis sie ihm alles gesagt —.</p> - -<p class="mtop2">Ihre Türe stand offen. Helge blickte hinein — auf das leere Bett, die -blutigen Laken und das Blut auf dem Fußboden. Er wandte sich um und sah -sie zusammengekrümmt auf der obersten Stufe liegen, sah das Blut auf -der weißen Marmortreppe.</p> - -<p>Er schrie auf und sprang hinzu — riß sie hoch, hielt sie in seinen -Armen. Er spürte ihre erschlafften Brüste an seiner Hand und einen -kleinen lauen Rest von Lebenswärme, am Rande des Leibchens verborgen. -Doch Arme und Hände fielen kalt herab. Und er begriff, schaudernd, -greifbar, daß dieser Körper, den er vor wenigen Stunden in seinen Armen -gehalten hatte, heiß und bebend vor Leben, jetzt ein Leichnam war, der -bald zerfallen sein würde —.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p> - -<p>Er sank nieder mit ihr und schrie wild auf —.</p> - -<p>Heggen riß die Tür zur Terrasse auf. Sein Antlitz war weiß und -vergrämt. Da sah er Jenny —.</p> - -<p>Er ergriff Helge und schleuderte ihn zur Seite — ließ sich vor ihr auf -die Knie nieder.</p> - -<p>„Sie lag hier — als ich zurückkam, lag sie hier —.“</p> - -<p>„Laufen Sie nach einem Arzt! — Schnell —!“ Gunnar hatte ihr Hemd -aufgerissen — inwendig gefühlt — um ihren Kopf gefaßt — die Arme -hochgehoben, da erblickte er die Wunde. Jetzt riß er das hellblaue -Seidenband von ihrem Leibchen und band es fest über ihrem Handgelenk -zusammen.</p> - -<p>„Ja, ja, wo wohnt —“</p> - -<p>Rasend schrie Gunnar auf. Dann sagte er halblaut:</p> - -<p>„Ich werde gehen. Tragen Sie sie hinein —,“ aber er schlang selbst die -Arme um sie und ging auf ihre Türe zu. Als er das blutige Bett sah, -verzog er plötzlich das Gesicht. Dann wandte er sich um und stieß die -Tür zu seinem Zimmer auf. Er legte sie auf sein eigenes unberührtes -Bett nieder. Dann sprang er auf.</p> - -<p>Helge war neben ihm geblieben, den Mund wie in einem erstarrten Schrei -halb geöffnet. Aber in Gunnars Tür hielt er inne. Als er allein mit ihr -war, schlich er herbei und berührte mit den Fingerspitzen ihre Hand. -Dann brach er auf dem Fußboden zusammen, den Kopf an die Bettkante -gelehnt und weinte jämmerlich, sich zusammenkrampfend vor Grauen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_XII">XII.</h3> - -</div> - -<p>Gunnar schritt über den schmalen, grasbewachsenen Weg zwischen hohen, -weißgekalkten Gartenmauern dahin. Auf der einen Seite lag die Kaserne, -eine Terrasse mußte dort drinnen sein — hoch über seinem Kopf standen -einige Soldaten, lachend und leise plaudernd. An der Ecke wippte ein -Büschel gelber Blumen, die in einem Mauerspalt wucherten. Doch auf der -anderen Seite des<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> Weges ragten die gewaltigen alten Pinien an der -Cestiuspyramide und der dichte Zypressenwald auf dem neuen Teil des -Kirchhofs zum blauen, silberbewölkten Himmel empor.</p> - -<p>Vor dem Gittertor saß ein halberwachsenes Mädchen im Gras und häkelte. -Sie öffnete ihm und knickste dankend, als er ihr eine Münze reichte.</p> - -<p>Die Luft war lenzhaft feucht, klar und weich. Hier drinnen auf dem -Friedhof in dem dichten, grünen Schatten wurde sie treibhausartig warm -und naß. Die Narzissen in den Rabatten am Wege dufteten heiß und schwül.</p> - -<p>Die alten Zypressen umstanden dicht wie ein Hain die Gräber, die sich, -dunkelfarbig von dem kriechenden Laube des Immergrüns und der Veilchen -in Terrassen bis zur epheubewachsenen alten Stadtmauer hinzogen. -Die Gedenktafeln der Toten leuchteten — kleine Marmortempel, weiße -Engelstatuen und schwere große Sarkophage. Moos breitete sich darüber -aus und schimmerte an den Stämmen der Zypressen. Hier und da war eine -weiße und rote Blüte in den dunkelleuchtenden Kronen der Kamelienbäume -zurückgeblieben, doch der größte Teil lag braun und welk auf dem -schwarzen, feuchten Humus, dessen herber, klammer Duft zu ihm aufstieg. -Ihm fiel etwas ein, was er einmal gelesen hatte — die Japaner liebten -die Kamelien nicht, denn ihre Blüten fielen voll und frisch ab wie -abgehauene Köpfe. —</p> - -<p>Jenny Winge war am weitesten drüben auf dem Friedhof begraben worden, -in der Nähe der Kapelle. Am äußersten Rande eines lichtgrünen, von -Tausendschön übersäten Grashügels, wo erst wenige Gräber lagen. Am -Rasenplatz entlang waren Zypressen gepflanzt worden. Sie waren aber -noch winzig klein, glichen Spielzeug mit den spitzen, schwarzgrünen -Kronen über den ranken, gezwirbelten braunen Stämmen, die an Säulen im -Kreuzgang eines Klosters gemahnten.</p> - -<p>Ihr Grab lag ein wenig für sich auf dem Anger. Das Gras war ringsherum -abgestochen worden, so daß der Hügel von einem Erdstreifen umgeben war. -Er war<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> hellgrau, die Sonne schien darauf und die Zypressen erhoben -sich dahinter wie eine Mauer.</p> - -<p>Gunnar preßte die Hände gegen sein Gesicht und ließ sich auf die Knie -nieder, bis sein Kopf ganz auf den welken Blumenkränzen lag.</p> - -<p>Er fühlte die Müdigkeit des Lenzes in allen Gliedern, und das Blut rann -krank vor Trauer und Leid bei jedem schweren Schlage seines Herzens. -Jenny — Jenny — Jenny — ihren lichten Namen hörte er in jedem -Vogelpfiff des Frühlings — und sie war tot —.</p> - -<p>Sie lag dort drunten in der Finsternis. Eine Locke ihres blonden Haares -hatte er abgeschnitten und trug sie in seinem Taschenbuch bei sich. Er -nahm sie wohl hervor und ließ sie in der Sonne funkeln — die kleinen -armseligen Fünkchen waren alles, was die Sonne jetzt zünden konnte von -all ihrem schweren, schimmernden Haar.</p> - -<p>Sie war tot und fort. Einige Bilder hatte sie hinterlassen, und ein -Abschnitt über sie stand in den Zeitungen. Eine Mutter und einige -Schwestern blieben zurück, die über <em class="gesperrt">ihre</em> Jenny trauerten — die -wahre hatten sie nie gekannt, sie wußten nichts über ihr Leben und -ihren Tod. Da waren die anderen — die starrten verzweifelt nach der -Jenny, die sie gekannt —. Sie wußten einiges, verstanden aber nichts.</p> - -<p>Es war nur seine Jenny, sie, die hier lag.</p> - -<p class="mtop2">Helge Gram war zu ihm gekommen. Er hatte gefragt und hatte erzählt, er -hatte gejammert und gebettelt:</p> - -<p>„Ich verstehe ja nichts. Weißt du es — oh, erkläre es mir, Heggen. -<em class="gesperrt">Du</em> weißt es. Kannst du mir nicht sagen, was du weißt!“</p> - -<p>Er hatte nicht geantwortet.</p> - -<p>„Da war ein anderer. Sie selbst sagte es. Wer war es? Warst du es?“</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Weißt du, wer es war?“</p> - -<p>„Ja, aber ich will es nicht sagen. Es nützt nichts, daß du fragst, -Gram.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span></p> - -<p>„Ja, aber ich werde verrückt, hörst du, Heggen — ich werde wahnsinnig, -wenn du mir nicht erklären kannst —.“</p> - -<p>„Du hast kein Recht, Jennys Geheimnisse zu wissen.“</p> - -<p>„Aber weshalb tat sie es denn? Meinetwegen — seinetwegen — -deinetwegen?“</p> - -<p>„Nein. Sie tat es allein ihretwegen.“</p> - -<p>Dann hatte er Gram gebeten, zu gehen. Jetzt war er fortgereist. Sie -hatten sich seitdem nicht wieder gesehen.</p> - -<p>Es war oben im Borghesegarten gewesen, als Gram zu ihm kam. Einige -Tage nach der Beerdigung. Er hatte dort im Sonnenschein gesessen. Er -war so müde. Er hatte alles ordnen und die nötigen Erklärungen nach -allen Richtungen abgeben müssen — anläßlich der Untersuchung des -Selbstmordes, des Begräbnisses — an Frau Berner hatte er geschrieben, -daß ihre Tochter plötzlich an Herzschlag verstorben sei. Aber etwas in -all dem hatte ihm gut getan. Die Tatsache, daß niemand von seinem Leide -wußte. Daß die große Erklärung, die er kannte, die einzig wahre war — -und die behielt er für sich. Das hatte seinen Schmerz so unendlich tief -in ihn versenkt. Jetzt würde er nie zu einem Menschen davon sprechen. -Er war sein eigen, ganz allein. Er würde den innersten Kern seiner -Seele für alle Zeiten bilden.</p> - -<p>Er würde sein Wesen färben und von seinem Wesen seine Farbe erhalten. -Er würde seinem Leben Richtung geben — und von ihm gelenkt werden -— würde Farbe und Form mit ihm wechseln, aber nie aus seinem Leben -getilgt werden können. Zu jeder Stunde des Tages in dieser ganzen Zeit -war er verschiedenartig — aber immer war er da, und so würde es immer -sein.</p> - -<p>Gunnar entsann sich des Morgens, als er zum Arzt lief, während der -andere mit ihr allein geblieben war — damals hatte er Helge Gram sagen -wollen, was er wußte, und es ihm sagen wollen, daß des anderen Herz zu -Asche zerfiel — wie sein eigenes.</p> - -<p>Aber während der Tage, die dazwischen lagen, war alles, was er wußte, -zu einem Geheimnis zwischen der<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> toten Frau und ihm geworden, zum -Geheimnis ihrer Liebe. Alles, was geschehen war, war geschehen, weil -sie war, wie sie war, und so, wie sie war, hatte er sie geliebt. Helge -Gram aber war ein gleichgültiger und zufälliger Fremder für ihn und -für sie, und er empfand nicht das Bedürfnis, sich an ihm zu rächen, -ebensowenig wie er Mitleid mit Helges Trauer hatte und mit seinem -Entsetzen über das Unfaßliche, was geschehen war.</p> - -<p>Diesen Menschen hatte ja nur der Zufall gesandt. Weil sie war, wie sie -war, geschah das alles. Ihr Sinn mußte sich eines Tages verwirrt einem -Windstoß beugen und fügen, weil er so rank und schlank emporgewachsen -war. Er selbst hatte geglaubt, sie könnte wachsen wie ein Baum, und -hatte nicht verstanden, daß sie nur wie eine Blume emporkeimte, -um Sonne zu bekommen und Blüten zu treiben mit all ihren schweren, -sehnsuchtsvollen Knospen. Auch sie war nur ein kleines Mädchen gewesen. -Und das würde als ewiger Schmerz in seinem Herzen zurückbleiben, daß er -das erst begriffen, nachdem es zu spät war.</p> - -<p>Sie konnte sich nicht wieder aufrichten, nachdem sie einmal geknickt -war. Sie war wie eine Lilie, die auch nicht aus der Wurzel aufs neue -treiben konnte, wenn der erste Stengel gebrochen wurde. In ihrem Wesen -lag nichts Geschmeidiges und Ueppiges. Aber er liebte sie, wie sie war.</p> - -<p>Und ihre Eigenart gerade verstand nur er allein. Er allein wußte, wie -blond und rein sie gewesen, wie aufstrebend, stark und rank, und doch -wie zerbrechlich und spröde mit ihrer empfindsamen Ehre, von der ein -Fleck niemals abgewaschen werden konnte, weil er seine Furchen zu tief -eingrub.</p> - -<p>Jetzt war sie tot. Und er war mit seiner Liebe viele Tage und Nächte -allein gewesen. Seines ganzen Lebens Tage und Nächte mußte er nun mit -ihr allein bleiben.</p> - -<p>Es hatte Nächte gegeben, in denen er verzweifelte Schreie in den -Kissen seines Bettes erstickte. Sie war<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> tot, und er hatte sie nie -besessen. Ihn aber hatte sie lieben, ihm hatte sie angehören sollen, -und sie war die einzige, die er geliebt. Sie war tot, und ihren -herrlichen, schlanken weißen Körper, der ihre Seele umschloß wie eine -sammetene Scheide eine schmale und feine, spröde Klinge, hatte er nie -berührt, nie gesehen. Andere hatten ihn besessen und nie gewußt, welch -wunderbarer und seltener Schatz es war, der sich in ihre Hände verirrt -hatte. Jetzt lag er vergraben in der Erde, häßlich, häßlich würde er -verändert werden, verzehrt und aufgelöst, bis er zu einem Häuflein Erde -inmitten der Erde zerfiele.</p> - -<p>Gunnar lag, erschüttert von Schluchzen, auf dem Erdboden.</p> - -<p>Andere hatten sie besessen. Sie aber hatten sie besudelt und -vernichtet, und hatten nicht gewußt, was sie taten. Er hatte sie nie -gehabt.</p> - -<p>Solange er lebte, würden Stunden kommen, wo er jammerte wie jetzt, daß -es so war.</p> - -<p class="mtop2">Und doch hatte nur er allein sie besessen. Nur in seiner Hand konnte -ihr goldenes Haar jetzt funkeln. Sie selbst, sie lebte jetzt in ihm, -ihre Seele und ihr Bild spiegelten sich in ihm, so klar und scharf wie -in einem stillen Wasser. Sie war tot, ihr Leid gehörte ihr nicht mehr -— es war jetzt in ihm — dort lebte es weiter und würde nicht sterben, -bis er selbst einst starb. Weil es lebte, würde es aber wachsen und -sich verändern — er konnte nicht wissen, wie sein Leid in zehn Jahren -aussehen würde, aber es konnte zu etwas Großem und Herrlichem wachsen.</p> - -<p>Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er eine merkwürdig -schwere und tiefe Freude empfinden würde, daß es so war.</p> - -<p class="mtop2">Doch jene Morgenstunden, als er auf der Terrasse über ihrem Haupte auf -und ab ging, während sie ihrem Leben ein Ende machte. Er entsann sich -dunkel, welche Gefühle ihn beherrscht hatten. Ein Aufruhr hatte in<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> -ihm getobt, sein Herz war in Harm und Zorn über ihre Tat, gegen sie -erbittert. Er hatte gebettelt und gefleht, um ihr helfen zu dürfen, -um sie aus dem Sumpf zu retten, in den sie sich verirrt — und sie -hatte ihn von sich gewiesen und sich vor seinen Augen weggeworfen, auf -Frauenart, eigensinnig, verantwortungslos, töricht, trotzig.</p> - -<p>Aber als er sie dann liegen sah — er hatte auch darüber gerast, -verzweifelt. Er würde sie dennoch nicht aufgegeben haben. Was sie auch -getan hätte — er hätte sie freigesprochen, ihr geholfen, ihr sein -Vertrauen, seine Liebe geschenkt, trotz allem.</p> - -<p>Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er ihr vorwerfen -würde, daß sie den Tod gewählt hatte — Jenny, du hättest es nicht tun -sollen. Aber es würden auch Stunden kommen, da er finden würde, sie -hatte es tun müssen, so wie sie war. Auch darum liebte er sie — ewig, -solange er lebte.</p> - -<p>Nur eines würde nie eintreten — der Wunsch, daß er sie nie geliebt -hätte.</p> - -<p>Wie er geweint hatte, verzweifelt, würde er wieder weinen müssen. -Darüber, daß er sie nicht eher geliebt. Ueber die Jahre, die er neben -ihr dahingelebt hatte, als sie sein Freund und Kamerad war, und er -nicht sah, daß sie das Weib war, das seines Lebens Gefährtin sein -sollte.</p> - -<p>Aber nie würde der Tag kommen, an dem er wünschte, er sei niemals -sehend geworden, wenn auch nur, um zu entdecken, daß es zu spät war.</p> - -<p class="mtop2">Gunnar richtete sich auf den Knien auf. Er holte eine kleine flache -Pappschachtel aus der Tasche hervor und öffnete sie. Darin lag eine -kleine Perle von Jennys rosa Kristallhalskette. Als er ihre Sachen -ordnete, fand er die Kette im Nachttisch; die Schnur war zerrissen. -Eine Perle hatte er an sich genommen und verwahrte sie.</p> - -<p>Er nahm etwas Sand vom Grabe und legte ihn in die Schachtel. Die Perle -rollte hin und her und wurde über und über mit grauem Staub bedeckt, -aber das<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> klare Rosa leuchtete hindurch, und die feinen Funken im -Kristall schimmerten und brachen sich im Sonnenlicht.</p> - -<p>All ihr Eigentum hatte er sorgfältig verpackt und an ihre Angehörigen -geschickt, sorgsam alle Briefe gesammelt und sie verbrannt. In einem -versiegelten Pappkasten lag ihr Kinderzeug. Das hatte er Franziska -geschickt, da Jenny eines Tages davon gesprochen hatte, daß sie es tun -wollte.</p> - -<p>Ihre Mappen und Skizzenblätter hatte er durchgeblättert und sie -darauf zusammengepackt. Aber erst hatte er vorsichtig einige Blätter -mit Zeichnungen von ihrem Buben herausgeschnitten und sie in seinem -Taschenbuch verwahrt.</p> - -<p>Sie waren sein. Alles, was in ihrem Leben ihr allein gehört hatte, das -war jetzt sein.</p> - -<p class="mtop2">Draußen auf dem Rasen wuchsen einige rotviolette Anemonen. Er erhob -sich gedankenlos und pflückte sie.</p> - -<p>Ach Frühling, Frühling.</p> - -<p>Er entsann sich des letzten Males, als er im Frühling daheim war, es -war jetzt zwei Jahre her.</p> - -<p>Auf der Umsteigestation erwartete ihn ein Karren mit einer roten Mähre -davor. Der Besitzer des Gefährtes war ein alter Schulkamerad. An einem -sonnenklaren Märzvormittag fuhr er auf dem Feldweg daher. Unter dem -lichtblauen Himmel breiteten sich Felder mit gelblichfahlem altem -Grase aus. Wo der verwitterte Hügel sich über der Ebene erhob, standen -Wacholder, Birken und Ebereschen in kleinen Gruppen bei einander, -die nackten glatten Zweige in die Luft streckend. Die Düngerhaufen -auf den gepflügten Feldern glänzten wie goldbrauner Sammet. Gehöfte -tauchten auf, eines nach dem anderen, mit den bekannten Umrissen der -Scheunen, mit gelben, grauen und roten Häusern, mit Aepfelgärten -und Fliederbüschen davor. Um den Ort zog sich der Wald, olivengrün, -mit einem lenzhaften, violetten Schimmer über den Birkenästen. Ein -vereinzelter Streifen Schnee lag nordwärts grünlichweiß im Schatten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p> - -<p>Ueber das ganze Kirchspiel herab rieselten an jenem Tage Triller -unsichtbarer Lerchen.</p> - -<p>Er nahm zwei weißschöpfige Bürschchen mit, die mit einem Eimer voll -Essen über den Weg trabten. Armselig gekleidet, in Holzschuhen -trotteten sie durch den Schmutz.</p> - -<p>„Wo wollt ihr hin, Jungens?“</p> - -<p>Sie blieben stehen und betrachteten ihn mißtrauisch.</p> - -<p>„Wollt ihr vielleicht dem Vater Essen bringen?“</p> - -<p>Sie gaben es zögernd zu, ein wenig überrascht, daß der fremde Mann das -wissen konnte.</p> - -<p>„Klettert herauf, dann dürft ihr mitfahren.“</p> - -<p>Er hob sie in den Wagen.</p> - -<p>„Wo arbeitet euer Vater denn, was?“</p> - -<p>„Auf Brustad.“</p> - -<p>„Brustad — ah so — ist das nicht der Schule gegenüber?“</p> - -<p>So ging das Gespräch hin und her. Der dumme, unwissende erwachsene -Mann fragte und fragte, wie Erwachsene immer mit Kindern sprechen. -Der Erwachsene fragt, und die Kleinen, die so viel Weisheit besitzen, -konferieren stumm mit Augenblinzeln und geben mit Vorbehalt nur so viel -zum besten, als sie für angemessen halten.</p> - -<p>Hand in Hand trabten sie über den Erdboden unter den rostbraunen -Palmweiden an dem brausenden Bach entlang, nachdem er sie abgesetzt -hatte. Er sah ihnen eine Weile nach, wendete den Wagen und fuhr seinem -eigenen Ziele zu.</p> - -<p>Daheim hatten sie abends Lesestunde. Ingeborg, seine Schwester, saß -drüben neben dem alten Eckschrank aus Birkenholz und lauschte mit -ekstatisch bleichem Antlitz und stahlblau glänzenden Augen einem -Schuhmachermeister aus Fredriksstad, der von Gnade sprach. Dann sprang -sie auf und sprach ihr Glaubensbekenntnis, zitternd vor Leidenschaft.</p> - -<p>Ingeborg, seine schöne, frische Schwester! Wie wild war sie einst -gewesen, wie hatte sie Tanz und Vergnügen geliebt! Und Lesen und -Lernen! Während er in der Stadt arbeitete, mußte er ihr Bücher und -Broschüren<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> senden und den „Socialdemokraten“ in Paketen zweimal die -Woche. Alles wollte sie wissen und lernen. Dann, als sie dreißig Jahre -alt war, wurde sie erweckt. Jetzt redete sie mit Zungen. —</p> - -<p>Ihre ganze Liebe hatte sie auf ihren kleinen Brudersohn Anders -geworfen, und das kleine Mädelchen, das sie in Pflege hatten, ein -uneheliches Kind aus Kristiania. Mit blitzenden Augen erzählte sie -ihnen von Jesus, dem Kinderfreund.</p> - -<p>Am Tage darauf schneite es. Er hatte die Kinder ins Lichtspieltheater -eingeladen, in einer kleinen Stadt eine halbe Meile von ihrem -Kirchspiel entfernt.</p> - -<p>Sie trabten an einem Steinwall zwischen dem Nadelwald und den Feldern -entlang. Alles war grauweiß von nassem Märzschnee — nur ihre Fußspuren -blieben dunkel hinter ihnen zurück. Er versuchte, die Kinder zu -unterhalten; fragte, und sie gaben ihre bedächtigen, zurückhaltenden -Antworten.</p> - -<p>Aber auf dem Heimwege waren es die Kinder, die fragten, und -geschmeichelt antwortete er ihnen ausführlich, ohne Vorbehalt. Sie -hatten Bilder von Cowboys in Arizona gesehen, und einer Kokosernte auf -den Philippinen. Er wurde eifrig und tat sein Bestes, um ordentlich -Bescheid zu geben und sich nicht festzufahren.</p> - -<p>O Frühling, Frühling!</p> - -<p>Es war auch ein Frühlingstag, als er mit ihnen, Jenny und Franziska, -nach Viterbo gefahren war.</p> - -<p>Schlank hatte sie in ihrem schwarzen Kleide dagesessen und aus dem -Fenster gestarrt. Wie groß und grau ihre Augen waren — genau erinnerte -er sich dessen.</p> - -<p>Ueber die Campagna — hier, wo keine Ruinen standen, die die Touristen -an sich zogen, höchstens hin und wieder in weiten Zwischenräumen eine -zusammengestürzte, formlose und namenlose Mauermasse, oder dieser und -jener kleine Pachthof mit zwei Pinien und einigen spitzen Strohmieten -vor dem Hause — hier fegten Sturmwolken grauschwarze, zerfetzte -Regenschleier über die öde, braune Weite hin. Die Schafherden drunten -im Tale, wo hin und wieder<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> etwas dorniges Gebüsch an dem Bette eines -Bächleins entlang wucherte, drängten sich zusammen.</p> - -<p>Dann fuhr der Zug zwischen Bergrücken und Wäldern hindurch, -hochstämmigem Eichwald, wo es weiß und blau und gelb in dem alten -verwelkten Laub blühte, wie daheim. Weiße Anemonen, blaue und -schwefelgelbe Primeln. Sie sehnte sich danach, hinauszukommen und sie -zu pflücken, sagte sie — zu sammeln und zusammenzuraffen im fallenden -Regen, unter den triefenden Zweigen, in dem nassen Laube. „Es ist wie -im Frühling daheim,“ sagte sie.</p> - -<p>Es hatte hier geschneit — graunasser Frühlingsschnee lag in den Lüften -— an den herabgefallenen Zweigen schmolz er zu hellen Streifen ein. -Die Blumen senkten ihre zusammengeklebten Kelche herab, naß und schwer -vom Schlamm.</p> - -<p>Kleine Wildbäche sprudelten die Abhänge hinab und schlüpften unter den -Bahnkörper. Hier färbte sie der Erdboden rostrot.</p> - -<p>Dann peitschte ein Regenschauer gegen die Abteilfenster und blendete -sie, trieb den Rauch der Lokomotive zur Erde nieder. Später klärte es -sich ein wenig auf, ein Lichtschimmer breitete sich über Tälern und -waldbestandenen Berghalden aus, der Nebel wich über die Gebirge zurück.</p> - -<p>Einige seiner Sachen hatte er in einen der Koffer der jungen Mädchen -gepackt. Abends, als es ihm einfiel, hatten sie bereits begonnen -sich auszukleiden. Sie lachten und plauderten drinnen, als er kam -und an ihre Türe pochte. Jenny öffnete einen Spalt und reichte ihm -das Erbetene hinaus. — Sie trug eine durchsichtige Frisierjacke mit -kurzen Aermeln, so daß der schmächtige, weiße Arm entblößt war. Der -hatte ihn zum Küssen verlockt, und doch wagte er nur einen einzigen so -flüchtigen, scherzhaften, daß dieser Kuß von selber um Verzeihung bat.</p> - -<p>Damals war er verliebt in sie gewesen. Als er berauscht war vom -Lenz, vom Wein und dem munteren, peitschenden Regen, den hastigen -Sonnenstrahlen und<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> seiner eigenen Jugend und Lebenskraft. Er hatte das -Verlangen, sie mit zum Tanz zu nehmen, das hohe, lichte Mädchen, das so -behutsam lachte, als versuche sie eine neue Kunst, die sie nie zuvor -getrieben. Sie, die mit ihren grauen Augen hinausstarrte, ernst und -sehnsuchtsschwer, auf all die Blumen, an denen sie vorüber fuhren und -die sie so gern hatte pflücken wollen.</p> - -<p>Oh, Herr mein Gott, wie hätte alles sein können! Das trockene, bittere -Schluchzen erschütterte ihn von neuem.</p> - -<p>An jenem Tage, als sie zum Montefiascone emporstiegen, regnete es auch, -daß es um der beiden Frauen geraffte Röcke und schmale Knöchel und Füße -vom Steinpflaster hoch aufspritzte. Wie hatten sie aber gelacht, die -drei, während sie durch die steilen, schmalen Straßen wateten, wo der -Regen ihnen, Wasserfällen gleich, entgegenrauschte.</p> - -<p>Als sie dann auf der Rocca angelangt waren, der Burgklippe inmitten des -kleinen alten Städtchens, da teilten sich die Wolken.</p> - -<p>Sie beugten sich alle drei über die Brustwehr und blickten an den -Bolsenersee hernieder, der tief unter den grünen Hängen mit den -Olivenhainen und Weingärten schwarz dalag. Die Wolken schwebten -niedrig über den Bergkuppen rings um den See. Dann aber lief ein -silberschlanker Regenschauer über den dunklen Wassersspiegel, breitete -sich aus und wurde blau, der Nebel wallte zurück und glitt in Senkungen -und Klüfte, während die Linien der Gebirge hervortraten. Die Sonne -brach durch die herabsinkenden Wolken, die sich golden und bleiernblau -um den Fuß kleiner, von steingrauen Burgstädten gekrönter Berge legten. -Im Norden, weit entfernt, tauchte eine hohe, kegelförmige Spitze auf. -Cesca behauptete, es sei der Monte Amiata.</p> - -<p>Ueber den frisch gewaschenen, blauen Lenzhimmel hin zogen sich die -letzten Reste der Regenwolken fort, schwer und silberverbrämt, vor der -Sonne zerfließend; das Unwetter flüchtete westwärts, dunkel drohend, -dorthin, wo die etrurische Hochebene sich braunschwarz und einsam<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> zum -fernen, weißgelben Glanzstreifen des Mittelmeeres herabsenkte.</p> - -<p>Oede, groß und streng war das Land weithin, wie eine -Hochgebirgslandschaft daheim, trotz der grauen Olivenhaine und -Weinranken, die sich zwischen den Reihen der Ulmen auf den grünen -Hügeln am See hinzogen.</p> - -<p>In den kleinen Anlagen oben rings um die Burgruine warfen die -Steineichen ihre eisenschwarzen alten Blätter von den Zweigen ab, die -schon neue Knospen trugen. Hier waren Hecken von einer Art immergrünen -Buschwerks mit lederartigem Laub. Das junge neue von diesem Frühling -glänzte in unnatürlichem Goldgrün.</p> - -<p>Gemeinsam mit ihr hatte er sich in den Schutz der Hecke gehockt und -seine Jacke vorgehalten, damit sie sich eine Zigarette anzünden könnte. -Der Lenzwind blies eisig scharf und rein hier oben, so daß sie in ihren -nassen Kleidern leicht erschauerte. Ihre Wangen waren rot und die Sonne -glänzte auf dem feuchten, goldenen Haar, das sie sich mit der freien -Hand aus den Augen strich.</p> - -<p>Dort hinauf wollte er reisen. Morgen schon.</p> - -<p>Dort wollte er den Lenz grüßen, den frierenden, nackten, -erwartungsvollen Lenz, dessen Blütenaugen ringsum geblendet sind von -Nässe, vor Kälte im Winde zittern und dennoch blühen.</p> - -<p class="mtop2">Der Lenz und sie — sie waren jetzt eins für ihn. O Gott — sie, die -dort oben stand und fror und lachte, in dem unbeständigen Wetter, und -alle Blumen in ihrem Schoße sammeln wollte.</p> - -<p>„Ach, du meine kleine Jenny, du konntest nicht all die Blumen pflücken, -wie du gewollt, deine Träume erblühten nie — und jetzt träume ich sie.</p> - -<p>Wenn ich dann lange genug gelebt habe, so daß mich Sehnsucht erfüllt -wie einst dich — vielleicht tue ich dann wie du und spreche zu meinem -Schicksal, gib mir einige Blüten nur, ich begnüge mich mit weit -Geringerem, als ich ersehnte, da ich mein Leben begann.<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> Und dennoch -sterbe ich nicht, wie du gestorben bist, denn dir konnte es doch nicht -genügen. Ich behalte nur die Erinnerung an dich, küsse deine Perle -und dein goldenes Haar und denke, nein, sie konnte nicht leben, wenn -sie nicht die Beste sein und das Beste als ihr Recht fordern durfte. -Dann sage ich vielleicht, dem Himmel sei Dank, daß sie lieber den Tod -wählte, als so weiterzuleben.</p> - -<p>Aber heute Nacht gehe ich hinaus auf den Petersplatz und lausche des -Springbrunnens ekstatischer Musik, die niemals schweigt und träume -meinen eigenen Traum.</p> - -<p>Ja, Jenny, denn nun bist du mein Traum, niemals habe ich einen anderen -gehabt. —</p> - -<p>Ach, Träume, Träume.</p> - -<p>Wenn dein Kind gelebt hätte, Jenny, so wäre es nicht geworden, wie du -es dir geträumt hattest, als du den Knaben in deinen Armen hieltest und -ihm deine Brust reichtest. Gut und schön hätte er werden können — oder -schlecht und häßlich — nur wie du ihn erträumtest, so wäre er nicht -geworden. —</p> - -<p>Keine Frau hat je das Kind geboren, von dem sie träumte, als sie -schwanger ging. Kein Künstler hat je das Werk geschaffen, das er in der -Stunde der Eingebung vor sich sah. Wir erleben Sommer auf Sommer, aber -keiner ist wie der, den wir herbeisehnten, als wir uns niederbeugten -und die ersten nassen Blüten unter den Sturmschauern des Lenzes -pflückten.</p> - -<p>Keine Liebe wurde so, wie sie zwei erträumten, die einander zum ersten -Male küßten. Hätten wir, du und ich, zusammen gelebt — wir hätten -glücklich oder auch unglücklich mit einander werden können; wir konnten -einander unsagbare Freude oder unsagbares Leid zufügen. Jetzt aber -werde ich niemals erfahren, wie unsere Liebe geworden wäre, wenn du -mir angehört hättest. Das Einzige, was ich weiß, ist: so, wie ich -sie erträumte in jener Nacht, als ich mit dir zusammenstand, und der -Springbrunnen im Mondenschein plätscherte — so wäre unsere Liebe nicht -geworden. Und das ist bitter. — —</p> - -<p>Dennoch. —</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span></p> - -<p>Herr mein Gott — ich wünsche nicht, daß ich diesen Traum nie geträumt -hätte. Und ich möchte den Traum nicht missen, dem ich mich jetzt -hingebe.</p> - -<p>Jenny, mein Leben wollte ich opfern, könntest du mir droben auf der -Bergklippe begegnen wie einst, könntest du mich küssen, mir nahe sein -— einen Tag nur, eine Stunde. — Ständig, unablässig muß ich daran -denken, wie unser beider Leben sich gestaltet hätte, wenn du nicht -von mir gegangen, wenn du mein eigen geworden wärest. Ach Jenny, ein -grenzenloses Glück ist verspielt. Du bist nicht mehr und hast mich so -arm, so arm gemacht. Nur meine armseligen Träume umweben dich und irren -ruhelos umher, dich zu suchen. — Und dennoch. Messe ich meine Armut -an der Anderen Reichtum, so dünkt sie mich überwältigend reich und -strahlend. Sollte ich sie auch mit meinem Leben bezahlen, so würde ich -doch nimmer meine Liebe zu dir, meine Träume und meinen Gram um dich, -wie er mich jetzt zerreißt, hingeben ....“</p> - -<p class="mtop2">Gunnar Heggen wußte nicht, daß er in seines Herzens grenzenlosem -Aufruhr seine Arme gen Himmel streckte und halblaut vor sich -hinflüsterte. Die Anemonen, die er gepflückt, hielt er noch immer in -seinen Händen, aber er wußte es nicht.</p> - -<p>Die Soldaten auf der Kasernenmauer lachten über ihn, aber er sah es -nicht. Er preßte die Blumen gegen seine Brust und murmelte leise vor -sich hin, während er sich von dem Sonnenschein, der über dem Grabe lag, -langsam dem dunklen Zypressenhain zuwandte.</p> - -<p class="center mtop2"><em class="gesperrt">Ende.</em></p> - -<hr class="full x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="schmal break-before"> - -<p class="center mtop2">In demselben Verlage erschienen:</p> - -<p class="s2 center">HARALD BERGSTEDT</p> - -<p class="s1 center">Alexandersen</p> - -<p class="s3 center">Eine Pilgerfahrt</p> - -<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Roman</em></p> - -<p class="center">327 Seiten</p> - - <div class="tabcent"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">Preis: </div> - <div class="csscell">broschiert </div> - <div class="csscell">M. 27.—</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">geb. in starkem Pappband </div> - <div class="csscell">M. 32.—</div> - </div> -</div> - </div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Hamburger Correspondent v. 1. 3. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Lukians köstliche Lügen der milesischen Märchen, Swift Gullivers -Reisen, Wielands Abderiten und nicht zuletzt Andersens Mär vom -fliegenden Teppich scheinen Vorbilder zum Bau dieser prächtigen -Pilgerfahrt gewesen zu sein. Doch es scheint nur so. Das Buch ist -ganz Eigenart — tief und voll abgeklärter Weltanschauung. ....</p> - -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Welt am Montag v. 20. 12. 20:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Gedankentiefe Symbolik, gelegentlich mit heiterer Satire -gewürzt, projiziert Welt und Zeit, in der wir leben, in ein -Märchenreich. Der Skandinavier <em class="gesperrt">Harald Bergstedt</em> wird in -Deutschland bald zu den bekanntesten Autoren zählen. ....</p> - -<p class="right mright2">W—r.</p> - -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Vossische Zeitung v. 12. 6. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Dieser Roman ist mit einem ganz brillanten Witz, mit einer -ungewöhnlich scharfen Satire erzählt, mit barocken Zwischenstrophen -durchsetzt. In überraschender Fülle drängt sich Bild an Bild. Man -liest in atemloser Spannung, kommt aus dem Lachen nicht heraus, -und überlacht doch niemals den Ernst des Ganzen. Das ist die -ergötzlichste Universal-Zivilisationskarikatur, die mir seit -langem vorgekommen ist. Dieser dänische Küsterssohn hat in seiner -kleinen Provinzstadt — Saeby — ein Buch von europäischer Geltung -geschrieben. ....</p> - -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p class="s2 center">JOHANNES BUCHHOLTZ</p> - -</div> - -<p class="s1 center">Egholms Gott</p> - -<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Roman</em></p> - -<p class="s4 center">224 Seiten</p> - - <div class="tabcent"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">Preis: </div> - <div class="csscell">broschiert </div> - <div class="csscell">M. 20.—</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">geb. in starkem Pappband </div> - <div class="csscell">M. 25.—</div> - </div> -</div> - </div> - -<p class="p0 s3 mtop1">München-Augsburger Ztg. v. 19. 5. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Tragik und schneidender satirischer Humor verbinden sich in -erschütternder Weise. ....</p> -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Welt am Montag v. 20. 12. 20:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... In „Egholms Gott“ lernen wir einen Erzähler kennen, der mit -naturalistischer Schärfe die Tragödie des proletarischen Phantasten -schildert. ....</p> -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Weser-Zeitung v. 12. 2. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... In dem starken Werk, das ein Familienschicksal aus der Tiefe -der sozialen Schichtung schildert, einen sich tiefernste Tragik und -satirisch schneidender Humor in ergreifender Weise.</p> - -<p class="right mright2">ur.</p> - -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Neues Wiener Tageblatt v. 27. 4. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Buchholtz setzt die Linie der großen skandinavischen Erzähler -einer älteren Generation fort. Die Gestalt dieses Egholm, eines -Typus des nordischen Menschen, ist mit Meisterhand gezeichnet, wie -überhaupt der Roman von hohem, dichterischem Können Zeugnis gibt. -Kein falsches Wort stört, und keine Konzession an sentimentale -Herzen, und er ist von einer weltabgewandten, in sich ruhenden -Gedanklichkeit durchströmt.</p> - -<p class="right mright2">Dr. <em class="gesperrt">Hugo Greinz</em>.</p> - -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p class="s2 center">LAURIDS BRUUN</p> - -</div> - -<p class="s1 center">OANDA</p> - -<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Roman</em></p> - -<p class="s4 center">277 Seiten</p> - - <div class="tabcent"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">Preis: </div> - <div class="csscell">broschiert </div> - <div class="csscell">M. 24.—</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">geb. in starkem Pappband </div> - <div class="csscell">M. 30.—</div> - </div> -</div> - </div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Hamburger Correspondent v. 6. 4. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... alle diese Schilderungen zeugen von unübertrefflicher -Gestaltungskraft. „Oanda“ ist ein sozialer Roman im besten Sinne des -Wortes, in eigentümlicher Weise verklärt durch die fast märchenhaft -anmutende Gestalt der Heldin selbst. Die musterhafte Übersetzung -und die ausgezeichnete äußere Ausstattung erhöhen noch den Wert des -Buches.</p> - -<p class="right mright2">Dr. <em class="gesperrt">Nagel</em>.</p> - -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Vorwärts v. 5. 6. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Wer Laurids Bruuns frühere Bücher, insbesondere sein van Zantens -Buch kennt, weiß, daß der Verfasser von einem Utopia der Menschengüte -träumt, weiß auch, daß er seinen Träumen Gestalt zu geben versteht. ....</p> - -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Literarisches Echo, 23. Jahrgang, Heft 13:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>Aus den Romanen Laurids Bruuns, die wie sonnige glückliche Inseln im -trüben Meer unserer literarischen Erinnerungen liegen, kehren manche -vertrauten, edlen Menschen in diesem Buche wieder, so daß wir alsbald -in ihm heimisch sind und die Vorgänge sofort Relief und Perspektive -bekommen. ....</p> - -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p class="s2 center">EJNAR MIKKELSEN</p> - -</div> - -<p class="s1 center">Sachawachiak<br /> der Eskimo</p> - -<p class="s4 center">Ein Erlebnis aus Alaska</p> - -<p class="center">180 Seiten</p> - - <div class="tabcent"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">Preis: </div> - <div class="csscell">broschiert </div> - <div class="csscell">M. 16.—</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">geb. in starkem Pappband </div> - <div class="csscell">M. 20.—</div> - </div> -</div> - </div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Deutsche Allgemeine Zeitung v. 8. 5. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Dieses Buch hätte niemand schreiben können, der nicht selbst -eine Zeit seines Lebens fern von der Kultur, dem Abenteuer -hingegeben, Entbehrungen und Gefahren auf sich genommen hat; aber der -wagemutige Forscher allein hätte es ebensowenig zustande gebracht. -Es gibt in der Erzählung einige Partien, etwa die Schilderung der -rasenden Jagd, in der Sachawachiak seinen Peiniger verfolgt, die an -die grobe Volksepik, an alte Heldenlieder erinnern, an Gogols „Taras -Bulba“ oder Selma Lagerlöfs „Gösta Berling“. ....</p> -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Weser-Zeitung v. 5. 2. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Da sind Urlaute, da pulst — trotz Schnee und Eis — ein wildes -Leben. Die Fabel ist eigentlich nur Mittel zum Zweck. Gewiß: die -Zertrümmerung einer primitiven Kultur durch Branntwein und Syphilis -soll sich gestalten, in der Hauptsache aber will der Verfasser, der -als arktischer Forscher einen guten Namen hat, den eigenartigen -Daseinsrhythmus jener nördlichen Himmelsstriche, wo Menschen wohnen, -vergegenwärtigen. ....</p> -</div> - -</div> - -<hr class="full x-ebookmaker-drop" /> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>JENNY</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away—you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ -electronic works. See paragraph 1.E below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the -Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg™ mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg™ -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg™ name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg™ License when -you share it without charge with others. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg™ work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country other than the United States. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work -on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the -phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: -</div> - -<blockquote> - <div style='display:block; margin:1em 0'> - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most - other parts of the world at no cost and with almost no restrictions - whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms - of the Project Gutenberg License included with this eBook or online - at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you - are not located in the United States, you will have to check the laws - of the country where you are located before using this eBook. - </div> -</blockquote> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.2. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase “Project -Gutenberg” associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™ -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.3. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg™ License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg™. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg™ License. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format -other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg™ website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain -Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg™ License as specified in paragraph 1.E.1. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg™ electronic works -provided that: -</div> - -<div style='margin-left:0.7em;'> - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation.” - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™ - works. - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg™ works. - </div> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™ -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the “Right -of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg™ electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/68511-h/images/cover.jpg b/old/68511-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b027f28..0000000 --- a/old/68511-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/68511-0.txt b/old/old/68511-0.txt deleted file mode 100644 index 56910ee..0000000 --- a/old/old/68511-0.txt +++ /dev/null @@ -1,13626 +0,0 @@ -The Project Gutenberg eBook of Jenny, by Sigrid Undset - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Jenny - -Author: Sigrid Undset - -Translator: Thyra Dohrenburg - -Release Date: July 12, 2022 [eBook #68511] - -Language: German - -Produced by: Jens Sadowski, Reiner Ruf, and the Online Distributed - Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was - produced from scanned images of public domain material, - provided by the German National Library.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENNY *** - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1921 so weit - wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler - wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr - gebräuchliche Schreibweisen, sowie fremdsprachliche Passagen bleiben - gegenüber dem Original unverändert. - - Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden als deren Umschreibungen - dargestellt (Ae, Oe, Ue). - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt, mit Ausnahme der - Buchanzeigen, welche in Antiquaschrift gedruckt wurden. Hiervon - abweichende Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Symbole - gekennzeichnet: - - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Jenny - - - - - Sigrid Undset - - Jenny - - Gyldendal’scher Verlag A. G. Berlin - - - - - Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen - von Thyra Dohrenburg - - Alle Rechte vorbehalten - - 1921 - Druck: Gyldendal’scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei - Berlin SW 68 - - - - - Erstes Buch - - - - -I. - - -Die Musik kam über die Via de Condotti, als Helge Gram in der -Dämmerung gerade in die Straße einbog. Die Melodie eines altbekannten -Gassenhauers ertönte in sinnlos rasendem Tempo wie eine wilde Fanfare. -Und die schwarzen kleinen Soldaten stürmten in dem kalten Nachmittag -vorüber, als seien sie mindestens eine römische Kohorte, im Begriff, -sich in fliegendem Laufschritt auf die Heerscharen der Barbaren zu -stürzen. Und sollten doch nur ganz friedlich heimwärts ziehen in -ihre nächtlichen Quartiere. Aber vielleicht war gerade das der Grund -für ihre stürmende Eile, dachte Helge und lächelte. Wie er so stand, -den Mantelkragen gegen die Kälte hochgeschlagen, wallte eine seltsam -historische Stimmung in ihm auf. Aber dann begann er, die wohlbekannte -Melodie mitzusummen, und setzte seinen Weg die Straße hinab fort, in -der Richtung, die, wie er wußte, zum Corso führte. - -An der Ecke blieb er stehen und schaute hinüber. -- Das also war der -Corso. Ein unablässig rinnender Strom von Wagen in der engen Straße, -und ein brodelndes Gewimmel von Menschen auf dem schmalen Bürgersteig. - -Er stand und ließ den Strom an sich vorüberziehen und lächelte in -dem Gedanken, daß er nun Abend für Abend auf dieser Straße in der -Dunkelheit durch das Menschengewimmel würde schlendern dürfen, bis sie -ihm ebenso alltäglich geworden war wie die Carl Johannstraße daheim. - -Und das Verlangen überkam ihn, noch in dieser Stunde durch alle -Straßen Roms zu laufen -- ohne Aufhören -- am liebsten die ganze Nacht -hindurch. Das Bild der Stadt stieg in ihm auf, wie sie vor kurzem zu -seinen Füßen gelegen, als er auf dem Pincio stand und dem Untergang der -Sonne zuschaute. - -Wolken breiteten sich über den ganzen Nachthimmel aus, dicht -zusammengedrängt, wie kleine lichtgraue Lämmer. In der Sonne, die -hinter ihm versank, erglühten ihre Ränder golden wie Bernstein. Unter -dem bleichen Himmel lag die Stadt, und plötzlich kam es Helge zum -Bewußtsein: das war Rom! Nicht, wie er es in seinen Träumen erschaut -- -nein, wie es jetzt vor ihm lag. - -Alles, was er auf seiner Reise gesehen, hatte ihn enttäuscht, weil -es anders war, als er sich’s im Geiste ausgemalt daheim, in seiner -Sehnsucht hinauszukommen und es selbst zu schauen. Endlich, jetzt -endlich zeigte sich die Wirklichkeit, reicher als all seine Träume. - -Und das war Rom ... - -Eine weite Fläche von Dächern lag in der Talsenkung unter ihm -- ein -Gewimmel von Dächern alter und neuer, hoher und niedriger Häuser, die, -wie es schien, aufs Geradewohl und so hoch gebaut worden waren, wie man -ihrer gerade bedurfte, denn nur an wenigen Stellen war die gerade Linie -einer Straße in dem Heer der Dächer deutlich erkennbar. Und diese ganze -Welt unruhiger Linien, die in Tausenden von harten Winkeln aufeinander -stießen, lag erstarrt und still unter dem fahlen Himmel, an dem eine -unsichtbare, sinkende Sonne hier und da einen kleinen Lichtrand an den -Wolken entzündete. Sie lag und träumte unter einem feinen, weißlichen -Nebeldunst, in den sich nicht eine einzige lebende geschäftige -Rauchsäule mischte. Denn ein Fabrikschlot war nicht zu entdecken, -und von den kleinen drolligen Blechschornsteinen, die in die Luft -starrten, rauchte nicht ein einziger. Auf den rotbraunen, runden alten -Dachziegeln machten sich graugelbe Flechten breit, grüne Pflanzen und -kleines Buschwerk mit gelben Blüten wucherte in den Wasserrinnen, am -Rande der Terrassen reihten sich tote und schweigende Agaven in Urnen, -und von den Gesimsen flossen Schlingpflanzen in stillen und toten -Kaskaden. Wo sich das oberste Stockwerk eines höheren Hauses über die -Nachbarn erhob, starrten erstorbene und dunkle Fenster aus rotgelbem -oder grauweißem Mauerwerk -- oder schliefen hinter geschlossenen Läden. -Aber aus dem Dunst ragten Altane, Stümpfen alter Wachttürme gleich, und -kleine Lauben aus Holz und Blech erhoben sich auf den Dächern. - -Ueber dem Ganzen schwebten die Kuppeln der Kirchen, Kuppel an Kuppel; -die gewaltige graue weit draußen, jenseits der Stelle, wo Helge den -Lauf des Flusses vermutete, das war St. Peter. - -Aber diesseits des Talkessels, wo die toten Dächer die Stadt -beschützten, die, wie Helge an diesem Abend empfand, mit Recht die -ewige hieß, wölbte ein niedriger Höhenzug seinen langen Rücken gen -Himmel. Er trug in weiter Ferne eine Allee von Pinien, deren Kronen -über der schlanken Säulenreihe der Stämme ineinander liefen. Weit -drüben hinter der Peterskuppel, wo der Blick seine Schranke fand, -erhob sich eine zweite Anhöhe mit lichten Villen zwischen Pinien und -Cypressen. Das mochte wohl der Monte Mario sein. - -Ueber Helges Haupt breitete sich schützend das dunkle, dichte -Laubdach der Steineichen, und hinter ihm plätscherte der Strahl -des Springbrunnens mit einem eigenen lebendigen Laut -- das Wasser -klatschte gegen das steinerne Becken und rieselte, überfließend, in das -Bassin hinab. - -Ueber die Stadt seiner Träume, deren Straßen sein Fuß niemals betreten -hatte, deren Häuser nicht eine vertraute Seele bargen, flüsterte Helge -hin: „Roma, Roma, ewige Roma“. Eine Scheu erfaßte ihn vor seinem -eigenen einsamen Ich und ein Bangen vor seiner Ergriffenheit, obwohl er -wußte, hier war niemand, der ihn belauschen konnte. Er wandte sich und -eilte hinab, der Spanischen Treppe zu. - -Nun stand er an der Ecke der Via de Condotti und des Corso und empfand -eine wunderbar süße Beklemmung, sollte er doch jetzt der Straße -wimmelndes Leben durchkreuzen und versuchen, sich in der fremden Stadt -zurechtzufinden -- er wollte quer hindurch, gerade auf den Petersplatz -zugehen. - -Indem er die Straße überschritt, gingen zwei junge Mädchen an ihm -vorüber. Das waren sicher Norwegerinnen, kam es ihm sofort in den Sinn, -und er empfand eine gewisse Freude bei dem Gedanken. Die eine war -lichtblond und trug einen hellen Pelz. - -Die Straße, der er folgte, mündete auf einen offenen Platz an -einer weißen Brücke. Zwei Reihen Laternen kämpften mit ihren -schwindsüchtigen, grünlichgelben Lichtern gegen den gewaltigen, -bleichen Schein, den der unruhige Himmel ausstrahlte. Am Wasser entlang -zog sich fahl schimmernd eine niedrige steinerne Brustwehr und eine -Baumreihe mit welkem Laub und Stämmen, deren Rinde sich in großen -weißen Fetzen abschälte. Auf der anderen Seite des Flusses brannten -die Gaslaternen unter den Bäumen, die Häusermasse hob sich schwarz -gegen den Himmel ab. Doch diesseits des Stromes flackerte der Schein -des Abendlichtes noch in den Fensterscheiben. Der Himmel war jetzt -fast klar und wölbte sich in durchsichtigem Blaugrün über dem Hügel, -dessen Kamm die Pinien trug; noch segelten aber einige wenige schwere -zusammengeballte Wolkenberge darüber hin, rot und gelb aufleuchtend, -als kündeten sie Sturm. - -Helge stand auf der Brücke still und sah in die Tiber hinab. Wie -trüb das Wasser war! Es stürzte reißend dahin, bunt aufflammend im -Widerschein der abendlich leuchtenden Wolken -- riß Zweige, Planken und -Geröll mit sich in seinem weißen steinernen Bett da drunten. Seitwärts -an der Brücke führte eine kleine Treppe zum Wasser hinab. Helge kam der -Gedanke, wie leicht es doch sein müßte, sich eines Nachts, des Treibens -müde, hier aus dem Leben zu schleichen. Ob es wohl jemand tat? - -Er fragte, auf Deutsch, einen Konstabler nach dem Wege zur -Peterskirche; der Konstabler antwortete zunächst auf Französisch, dann -italienisch, und als Helge immer wieder den Kopf schüttelte, redete er -wieder französisch und wies über den Strom. Helge schlenderte in der -gewiesenen Richtung weiter. - -Da stieg eine gewaltige, düstere Steinmasse vor ihm empor, ein -niedriger runder Turm mit zackigen Mauerkränzen von der tiefschwarzen -Silhouette eines Engels gekrönt. -- Helge erkannte die Umrisse der -Engelsburg. Sein Weg hatte ihn gerade ihr zu Füßen geführt. Im letzten -Licht des Himmels leuchteten die Statuen drüben auf der Brücke in der -Dämmerung, noch spiegelten die Wellen der Tiber den Schein der roten -Wolken wider. Aber schon schossen die Gaslaternen ihre Lichtpfeile -auf den Strom hinaus. Hinter der Engelsbrücke surrten elektrische -Straßenbahnen mit erleuchteten Fensterscheiben über eine neue -schmiedeeiserne Brücke. Aus den Leitungsdrähten sprühten blauweiße -Funken. - -Helge lüftete den Hut vor einem Manne: - -„~San Pietro favorisca?~“ - -Der Mann zeigte geradeaus und sagte etwas, das Helge nicht verstand. - -Die Straße, in die er einbog, war eng und finster; so hatte er sich -eine italienische Straße oft ausgemalt, und er empfand nun geradezu ein -Gefühl der Wiedersehensfreude. Ein Antiquitätengeschäft lag hier neben -dem anderen. - -Helge schaute mit Interesse in die schlecht erleuchteten Fenster. Das -meiste war Schund; die schmutzigen Streifen aus groben, weißen Spitzen, -auf Schnüren aneinandergereiht -- sollten dies italienische Spitzen -sein? Da lagen Scherben und Ueberreste von Tonwaren in staubigen -Schachteldeckeln aus, kleine, giftgrüne Bronzefiguren, alte und neue -Metalleuchter und Broschen mit unechten Steinen. Trotzdem wandelte ihn -unerklärlicherweise eine Lust zum Kaufen an, zu fragen, zu feilschen, -zu handeln --. Er war in einen kleinen dumpfen Laden geraten, fast ohne -selbst zu wissen, wie. Da sah es übrigens lustig aus; es gab seltsame -Dinge aus aller Welt: alte Kirchenlampen, von der Decke herabhängend, -Seidenlappen mit goldgestickten Blumen auf rotem und grünem und weißem -Grunde, zerbrochene Möbel. - -Hinter dem Ladentisch hockte ein gelbhäutiger dunkler Bursche, das -Kinn blau von Bartstoppeln, und las. Er fragte und redete, während -Helge auf dies und jenes zeigte, und „~quanto~“ sagte. Das einzige, was -Helge begriff, war, daß die Sachen unerhört teuer waren -- man müßte -jedenfalls mit dem Kaufen warten, bis man der Sprache mächtig wäre, und -dann gehörig feilschen. - -Drüben auf einem Regal stand Porzellan, Rokokofiguren und Vasen mit -modellierten Rosenbuketts geziert. Sie schienen neu zu sein. Helge -ergriff aufs Geratewohl einen solchen kleinen Gegenstand und setzte ihn -auf den Tisch: „~quanto?~“ - -„~Sette~,“ sagte der Mann und spreizte sieben Finger. - -„~Quattro.~“ Helge streckte vier Finger in die Luft. Er hatte ein -frohes und sicheres Gefühl, als er so plötzlich in die fremde Sprache -gleichsam hinübersprang. Freilich begriff er nichts von dem Protest des -Mannes, doch jedesmal, wenn der andere ausgeredet hatte, kam er mit -seinem ~quattro~ und seinen vier Fingern. - -„~Non antica~,“ warf er überlegen hin. - -Der Ladenbesitzer beteuerte jedoch: „~antica~.“ - -„~Quattro~,“ sagte Helge zum letzten Male -- jetzt hatte der Mann -nur fünf Finger in der Luft. Als Helge sich zur Tür wandte, rief der -Bursche ihn zurück. Er akzeptierte. Selig nahm Helge den Gegenstand an -sich, der sorgsam in rotes Seidenpapier gehüllt worden war. - -Am Ausgang der Straße konnte er die dunkle Masse des Doms gegen -den Himmel unterscheiden. Er schritt kräftig aus und eilte über -den vorderen Teil des Platzes, dort, wo die Läden mit den hellen -Fenstern lagen und die Bahnen vorübersausten, -- auf die beiden -halbkreisförmigen Arkaden zu, die zwei gebogenen Armen gleich sich -um einen Teil des Platzes legten und ihn hineinzogen in die Stille -der Dunkelheit. Helge flüchtete in den Schutz der gewaltigen dunklen -Kirche, die ihre breite Treppe in einer muschelförmigen Zunge bis auf -die Mitte des Marktes hinausschob. - -Die Kuppel der Kirche und die Statuenreihe der Heiligenschar -drüben über dem Dach des Säulenganges hoben sich schwarz gegen das -Helldunkel der Himmelswölbung ab; Baumkronen und Häuser, unregelmäßig -übereinandergestapelt, breiteten sich über der Anhöhe dahinter aus. -Hier waren die Gasflammen machtlos; die Finsternis sickerte durch die -Säulen der Arkaden, ergoß sich von der offenen Vorhalle der Kirche -über die Treppe hinab. Helge ging still hinüber bis an die Kirche, -und schaute neugierig auf die verschlossenen Metalltüren. Dann kehrte -er um und schritt zum Obelisk in der Mitte des Platzes. Hier blieb -er stehen und starrte auf die dunkle Kirche. Den Kopf zurückbiegend -folgte er mit den Augen dem schlanken steinernen Pfeil, der hoch in den -Abendhimmel hinaufragte, dort, wo die letzten Wolken hinter den Dächern -verschwunden waren und die ersten Sterne ihre funkelnden Lichtnadeln -durch die sich vertiefende Dunkelheit schossen. - -Wieder erklang in seinen Ohren der wunderliche durchdringende Laut -von plätscherndem Wasser, das in steinerne Becken herabstürzte, und -das weiche Rieseln des strömenden Ueberflusses, der sich von Schale -zu Schale in das Bassin ergoß. Er ging bis dicht an den einen der -Springbrunnen heran und betrachtete die vollen weißen Strahlen, die wie -in hitzigem Trotz aufschossen und hoch oben zusammenbrachen; dunkel -gegen die Klarheit der Luft, sanken sie hinab in die Finsternis, in der -das bewegte Wasser weiß aufleuchtete. Helge starrte hinauf. Plötzlich -fing ein kleiner Windstoß sich in der Wassersäule und fegte sie über -ihn hinweg. Jetzt plätscherte es nicht mehr klatschend gegen das -steinerne Becken, es rieselte hinab, und Helge war bedeckt von Tropfen, -die in der kalten Abendluft zu Eis erstarrten. - -Dennoch blieb er stehen, lauschte und starrte -- schritt vorwärts und -stand wieder -- doch ganz behutsam, um das Flüstern in seinem Innern -zu vernehmen. -- Jetzt war er also hier, all das, von dem er sich -verzehrend fortgesehnt hatte, lag in weiter, weiter Ferne. Und er trat -noch leiser auf und schlich wie einer, der dem Gefängnis entronnen war. - - * * * * * - -Unten an der Ecke der Straße lag ein Restaurant. Dort ging er hinüber. -Unterwegs entdeckte er einen Tabaksladen, wo er sich Zigaretten, -Ansichtskarten und Freimarken kaufte. Während er auf sein Essen wartete -und hin und wieder in langen Zügen vom Rotwein trank, schrieb er Karten -an seine Eltern: „Ich denke an diesem Abend viel an Euch hier unten ---“. Er lächelte schmerzlich -- ja, Herrgott, so war es! An die Mutter -schrieb er jedoch: „Ich habe schon eine Kleinigkeit für Dich gekauft, --- das erste, was ich hier in Rom erstanden habe.“ Arme Mutter -- wie -mochte es ihr wohl ergehen. Er war in den letzten Jahren oft lieblos -gegen sie gewesen --. Er packte das Geschenk aus -- es war sicher eine -Eau de Cologneflasche -- und betrachtete es. Dann fügte er noch einige -Zeilen hinzu, er finde sich mit der Sprache zurecht und das Handeln in -den Läden sei gar nicht so schwierig. - -Das Essen war gut, doch teuer. Nun, wenn er sich erst hier eingelebt -hätte, würde er schon lernen, mit Wenigem auszukommen. Gesättigt und -angeregt vom Wein ging er in einer neuen Richtung weiter, entdeckte -lange, niedrige, verfallene Häuser und hohe Gartenmauern, gelangte -durch einen zerstörten Torbogen auf eine Brücke, über die er hinweg -wollte. Ein Mann erschien in der Tür des Zollhauses, hielt ihn an und -machte ihm verständlich, daß er einen Soldo entrichten müsse. Drüben -auf der anderen Seite lag eine große dunkle Kuppelkirche. - -Hier geriet er in einen Wirrwarr finsterer, enger Sackgassen; in der -geheimnisvollen Dunkelheit ahnte er in den Himmel hineinragende alte -Paläste mit vorspringenden Dachgesimsen, vergitterten Fenstern -- in -gleicher Front mit elenden Hütten und kleinen Kirchenfassaden. Einen -Bürgersteig hatte die Straße nicht; Helge trat in verdächtigen Abfall, -der im Rinnstein lag und übel roch. Vor den schmalen erleuchteten -Herbergstüren und unter den spärlichen Gaslaternen erblickte er -undeutlich zweifelhafte menschliche Gestalten. - -Er war von dieser Umgebung begeistert und beklommen zugleich -- voll -knabenhafter Spannung. Gleichzeitig begann er darüber nachzudenken, -wo ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden sei und wie er zu seinem -Hotel zurückgelangen sollte, das weit fort am anderen Ende der Welt -lag. Er mußte sich wohl eine Droschke leisten. - -So schritt er denn eine neue, enge, ganz menschenleere Gasse hinab. -Zwischen den steilaufragenden Häusern mit den schwarzen Fensterhöhlen, -die ohne Sims aus dem Mauerwerk starrten, zog sich ein Streifen -Himmels hin, klarblau und dunkelleuchtend; unten auf dem holprigen -Steinpflaster wirbelte ein leichter Windstoß Staub und Strohhalme und -Papierfetzen vor sich her. - -Zwei Frauen überholten ihn. Als er sie im Schein einer Laterne -betrachten konnte, durchfuhr es ihn: das waren die, die er heute -Nachmittag auf dem Corso bemerkt und für Norwegerinnen gehalten hatte. -Das helle Pelzwerk der größeren erkannte er sofort wieder. - -Plötzlich kam ihm ein verrückter Gedanke -- er wollte ein Abenteuer -versuchen, sie nach dem Wege fragen, um zu hören, ob es Norwegerinnen -seien oder wenigstens Skandinavierinnen. Ihm klopfte aber doch das Herz -ein wenig, als er sich anschickte, ihnen nachzufolgen. Ausländerinnen -waren es sicher. - -Die jungen Mädchen blieben weiter unten vor einem verschlossenen -Laden stehen, setzten aber gleich darauf ihren Weg fort. Helge -überlegte: sollte er „~Please~“ oder „Bitte“ oder „~Scusi~“ sagen oder -versuchsweise mit einem norwegischen „Verzeihung“ herausplatzen? Wie -lustig, wenn es wirklich Norwegerinnen waren. - -Die Mädchen bogen um die Ecke. Helge war ihnen dicht auf den Fersen und -auf dem Sprunge, sie anzureden. Da wandte sich die kleinere halb um -und sagte etwas in italienischer Sprache, leise und empört. - -Helge war herb enttäuscht. Er wollte eben „~Scusi~“ sagen und -verschwinden, als die Große auf Norwegisch zur Freundin sagte: „Nicht -doch, Cesca, nichts sagen -- es ist viel klüger, zu tun, als merke man -nichts.“ - -„Ich ertrage aber dieses verdammte Italienerpack nicht, das nie ein -Frauenzimmer in Frieden lassen kann,“ erklärte die andere. - -„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte Helge. Die Mädchen blieben stehen -und wandten sich brüsk um. - -„Sie müssen wirklich entschuldigen.“ Helge stammelte und errötete, -ärgerte sich darüber und erglühte nur tiefer in der Dunkelheit. „Ich -bin nämlich heute aus Florenz gekommen, und jetzt habe ich mich in -diesen Winkelgassen vollständig verloren. -- Nun glaubte ich, die Damen -seien Norwegerinnen -- oder jedenfalls aus Skandinavien -- und ich -komme so schlecht mit der italienischen Sprache zurecht -- und da kam -mir die Idee --. Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, mir zu -sagen, wo ich eine Straßenbahn finde? Mein Name ist Kandidat Gram“. Er -lüftete wieder den Hut. - -„Ja, wo wohnen Sie denn?“ fragte die Größere. - -„Gleich neben dem Bahnhof, es heißt so ähnlich wie Albergo Torino“, -erklärte ihnen Helge. - -„Dann muß er mit der Trasteverebahn fahren vom San Carlo ai Catenari -aus,“ sagte die Kleine. - -„Nein, Sie steigen besser in die Linie 1 auf dem neuen Corso.“ - -„Die geht aber nicht bis zu den Termini“, antwortete wieder die -Kleinere. - -„Aber natürlich. Sie nehmen die, auf der San Pietro-Stazione Termini -steht“, erklärte sie Helge. - -„Die -- die fährt doch erst über den Capo de Case und Ludovisi und -so weiter bis ans Ende der Welt -- mit der dauert es mindestens eine -Stunde bis zum Bahnhof.“ - -„Nicht doch, Liebes -- sie fährt direkt -- den kürzesten Weg durch die -Via Nazionale.“ - -„Nein --“, beharrte die Kleine. „Sie fährt übrigens erst um den Lateran -herum.“ - -Die große Dame wandte sich an Helge: - -„Sie gehen nur die erste Straße zur Rechten hinunter bis zum Flohmarkt. -Dann halten Sie sich links an der Cancelleria, bis Sie auf den neuen -Corso hinausgelangen. Soviel ich mich entsinne, hält die Bahn an der -Cancelleria, jedenfalls gleich in der Nähe; Sie sehen schon das Schild. -Sie müssen aber darauf achten, daß Sie den Wagen bekommen, auf dem San -Pietro-Stazione Termini steht -- es ist die Linie 1.“ - -Helge blickte mutlos drein, als die jungen Mädchen neben ihm mit -den fremden Namen um sich warfen, als seien es Bälle. Er schüttelte -schließlich den Kopf. - -„Ich fürchte, ich finde mich da nicht zurecht, ich werde doch lieber -gehen, bis ich auf eine Droschke stoße.“ - -„Wir begleiten Sie gern bis zur Haltestelle“, sagte die Große wieder. - -Die Kleine brummte mürrisch auf Italienisch etwas vor sich hin, doch -die Große antwortete in verweisendem Tone. Helges Mut sank noch um ein -Beträchtliches durch diese Bemerkungen über seinen Kopf weg, die er -nicht verstand. - -„Ich danke Ihnen, ich möchte Sie wirklich nicht damit belästigen -- ich -finde sicher schon irgendwie nach Hause.“ - -„Das ist durchaus keine Mühe,“ erwiderte die Große und schickte sich -zum Gehen an. „Wir haben ungefähr denselben Weg.“ - -„Es ist recht schwierig, sich in Rom zurechtzufinden“, versuchte Helge, -ein Gespräch in Gang zu bringen. „Jedenfalls in der Dunkelheit.“ - -„O nein, man kennt sich schnell aus.“ - -„Ich kam also heute hierher -- ich kam heute Vormittag mit dem Zuge aus -Florenz.“ - -Die Kleine sagte halblaut etwas auf Italienisch. Die Große fragte -hierauf Helge: - -„Es ist wohl jetzt kalt in Florenz?“ - -„Ja, hundekalt. Ist es nicht hier in Rom milder? Ich schrieb übrigens -gestern nach Hause an meine Mutter und bat um meinen Wintermantel.“ - -„Auch hier kann es oft recht scharf und kalt sein. Fühlten Sie sich -wohl in Florenz? Wie lange waren Sie dort?“ - -„Vierzehn Tage“, sagte Helge. „Ich glaube, Rom wird mir doch besser -gefallen.“ - -Das andere junge Mädchen lachte. Die ganze Zeit über hatte es auf -Italienisch vor sich hingebrummelt. Doch die Große sprach zu ihm mit -ihrer warmen ruhigen Stimme: - -„Ja, ich glaube, es gibt keine Stadt, die man so liebgewinnt wie Rom.“ - -„Ihre Freundin ist Italienerin?“ fragte Helge. - -„Nein, Fräulein Jahrmann ist Norwegerin. Wir sprechen Italienisch -miteinander, damit ich es lerne -- sie ist nämlich schon sehr weit -darin. Mein Name ist Winge“, fügte sie hinzu. „Dort liegt Cancelleria“, -und sie wies auf einen großen düsteren Palast. - -„Ist der Hofraum so schön, wie man sich erzählt?“ - -„Ja, herrlich. -- Nun werde ich Ihnen helfen, die richtige Straßenbahn -zu finden.“ - -Während sie standen und warteten, kamen zwei Herren quer über die -Straße. - -„Hallo, finden wir Sie hier?“ sagte der eine auf Schwedisch. - -„Guten Abend“, begrüßte sie der andere. „Dann gehen wir doch zusammen -hinüber? Seid Ihr unten gewesen, um Euch die Korallen anzusehen?“ - -„Der Laden war geschlossen“, erwiderte Fräulein Jahrmann mißmutig. - -„Wir haben einen Landsmann getroffen, dem wir auf die richtige -Straßenbahn helfen wollen“, setzte Fräulein Winge auseinander und -stellte vor: „Kandidat Gram, Maler Heggen, Bildhauer Ahlin.“ - -„Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner erinnern, Herr Heggen, Gram ist -mein Name -- wir lernten uns einmal auf der Mysusenne kennen, vor etwa -drei Jahren.“ - -„Ah, ja natürlich. Und nun sind Sie also in Rom?“ - -Ahlin und Fräulein Jahrmann hatten abseits gestanden und miteinander -geflüstert. Jetzt ging sie auf die Freundin zu: - -„Du, Jenny, ich gehe heim. Ich bin doch nicht dazu aufgelegt, zu -Frascati zu gehen.“ - -„Aber liebes Kind, du hast ja selbst den Vorschlag gemacht.“ - -„Ach nein, nicht Frascati -- dazusitzen und sich mit dreißig alten -dänischen Weibern beiderlei Geschlechts abzuplagen.“ - -„Wir können ja etwas anderes wählen -- doch da ist Ihre Straßenbahn, -Kandidat Gram.“ - -„Ja, tausend Dank für Ihre Hilfe! Vielleicht sehe ich die Damen einmal -wieder -- im Skandinavischen Verein?“ - -Die Bahn hielt vor ihnen -- da sagte Fräulein Winge: - -„Sie haben vielleicht Lust, sich uns anzuschließen; wir hatten die -Absicht, heute Abend ein wenig zu bummeln, Wein zu trinken und Musik zu -hören.“ - -„Ja, danke.“ Helge war unsicher und verlegen und schaute auf die -anderen. „Recht gern, aber --“ er wandte sich vertrauensvoll an -Fräulein Winge mit dem hellen Antlitz und der freundlichen Stimme: „Sie -kennen sich ja untereinander und -- nun, ist es nicht am gemütlichsten -für Sie alle, ohne fremde Gesellschaft zu sein?“ Er lachte verlegen. - -„Aber nein, mein Lieber.“ Sie lächelte. „Im Gegenteil -- sehen Sie, -dort fährt Ihre Bahn schon -- und Heggen kennen Sie ja doch von früher -und jetzt uns. Wir werden schon darauf achtgeben, daß Sie richtig nach -Hause gelangen -- wenn Sie also nicht zu müde sind.“ - -„Müde! Nein. -- Ich möchte sehr gern mit Ihnen zusammen sein“, -versicherte Helge eifrig und erleichtert. - -Die drei anderen begannen, Trattorien vorzuschlagen. Helge kannte -keinen der Namen, die fielen; es war keiner von denen darunter, -die sein Vater erwähnt hatte. Fräulein Jahrmann aber verwarf jeden -Vorschlag. - -„Nun gut, dann gehen wir eben nach St. Agostino. Du weißt, wo es den -roten Wein gibt, Gunnar.“ Jenny Winge schlug ohne weiteres diese -Richtung ein; Helge folgte. - -„Da ist keine Musik“, hatte Fräulein Jahrmann einzuwenden. - -„Aber natürlich -- der Scheeläugige und der andere sind dort fast jeden -Abend. Laßt uns doch nur nicht hier stehen und Zeit verlieren.“ - -Helge folgte mit Fräulein Jahrmann und dem schwedischen Bildhauer. - -„Sind Sie schon längere Zeit in Rom, Herr Gram?“ - -„Nein, ich kam heute Vormittag aus Florenz.“ - -Fräulein Jahrmann lachte leise, Helge wurde verlegen. Er überlegte -im Gehen -- sollte er nicht doch lieber sagen, daß er müde sei und -dann umkehren? Während sie durch finstere enge Straßen ihren Weg -fortsetzten, plauderte Fräulein Jahrmann ununterbrochen mit dem -Bildhauer und antwortete kaum, wenn er den Versuch machte, mit ihr zu -sprechen. Ehe er sich jedoch entschlossen hatte, sah er das andere Paar -vorn durch eine schmale Tür verschwinden. - - - - -II. - - -„Was zum Teufel ist nun wieder in Cesca gefahren -- ihre Launen kennen -ja nachgerade keine Grenzen mehr; leg Deinen Mantel ab, Jenny, sonst -erkältest Du Dich, wenn Du wieder hinauskommst.“ Heggen hängte Hut und -Frühjahrsmantel an den Ständer und ließ sich in einen Korbsessel fallen. - -„Das arme Ding, ihr geht es augenblicklich nicht gut -- und außerdem -lief uns dieser Gram ein Stück nach, ehe er es wagte, uns anzusprechen -und nach dem Wege zu fragen; dergleichen bringt sie immer in Erregung, -und dann, Du weißt ja, -- ihr Herz.“ - -„Die Aermste. -- Frecher Bursche übrigens.“ - -„O, nicht doch, er lief ja umher und wußte weder aus noch ein, glaube -ich. Er macht nicht gerade den Eindruck, als habe er Erfahrung im -Reisen. Du kennst ihn?“ - -„Keine Ahnung. Aber deshalb kann ich ihn sehr gut mal getroffen haben. -Ah, da sind sie.“ - -Ahlin nahm Fräulein Jahrmann den Mantel von der Schulter. - -„Teufel auch,“ meinte Heggen, „wie fein du heut Abend bist, Cesca.“ - -Sie lächelte erfreut und strich mit der Hand den Rock über den Hüften -glatt, dann faßte sie Heggen bei den Schultern: - -„Rück’ ein wenig zur Seite -- ich will neben Jenny sitzen.“ - -„Herr des Himmels, wie ist sie schön,“ dachte Helge. Cescas Kleid war -leuchtend grün, der üppige Busen hob sich aus dem hoch gearbeiteten -Rock wie aus einem Blumenkelch. Die Sammetbluse leuchtete in den -Falten wie gleißendes Gold; aus dem tiefen Ausschnitt wuchs der runde, -mattbraune Hals empor. Sie war sehr brünett; unter der braunen Glocke -des Plüschhutes umschmeichelten kleine kohlschwarze Locken die reinen, -pfirsichroten Wangen. Das Antlitz war ganz jungmädchenhaft, schwere -Lider bedeckten die tiefen, grauschwarzen Augen, und lächelnde Grübchen -verschönten den kleinen, dunkelroten Mund. - -Jenny Winge, so hübsch sie auch war, fiel gegen die Freundin ganz -ab. Sie war ebenso blond wie die andere dunkel: das Haar, von der -hohen weißen Stirn zurückgestrichen, lugte goldig schimmernd unter -dem kleinen grauen Pelzbarett hervor; die Haut war schneeig weiß und -lichtrot. Selbst Augenbrauen und die Wimpern über den stahlgrauen Augen -waren hell -- goldbraun. Der etwas bleiche Mund aber schien zu groß für -das schmale Gesicht mit der kurzen geraden Nase und den blaugeäderten -gewölbten Schläfen; wenn sie lachte, zeigte sie eine dichte Reihe -blanker Zähne. Alles übrige an ihr war schmächtig, der lange schlanke -Hals, die Arme, von hellen feinen Härchen bedeckt, und die langen, -mageren Hände. Lang und aufgeschossen, wie sie war, erschien ihr -Körper knabenhaft -- sie mußte noch erstaunlich jung sein. Sie trug -kleine weiße Aufschläge an den Ellenbogen und am Halsausschnitt des -hellgrauen, seidenen Kleides, das, leicht und wallend, über der Brust -und an den Hüften gekräuselt war -- wohl um ihre Magerkeit etwas zu -verbergen. Den Hals schmückte eine Kette von kleinen mattrosa Perlen, -die sich in rosenroten Lichtpünktchen auf der Haut widerspiegelten. - -Helge Gram hatte sich bescheiden am Ende des Tisches niedergelassen -und folgte der Unterhaltung. Die fremde Gesellschaft sprach von einer -Frau Söderblom, die krank gewesen war. Ein alter Italiener mit einer -schmutzigweißen Schürze über dem dicken Leib kam herbei und fragte nach -ihren Wünschen. - -„Rot, weiß, sauer, süß -- was wollen Sie trinken, Gram?“ wandte Heggen -sich an ihn. - -„Kandidat Gram soll sich einen halben Liter von meinem Rotwein -bestellen“, meinte Jenny Winge. „Es ist einer der besten in Rom, und -das will etwas heißen, wissen Sie!“ - -Der Bildhauer schob den Damen eine Zigarettendose hin. Cesca griff zu. - -„O, nicht doch, Cesca“, bat Jenny. - -„Nun erst recht“, sagte Cesca „Mir wird nicht besser, auch wenn ich es -lasse. Und ich bin böse heute Abend.“ - -„Aber weshalb denn, liebes gnädiges Fräulein?“ - -„Ach. -- Zum Beispiel weil ich die Korallen nicht bekam.“ - -„Brauchtest du sie denn heute Abend?“ fragte Heggen. - -„Nein, aber ich hatte mich doch endlich entschlossen, sie zu kaufen.“ - -„Und morgen hast du dich für die Malachitkette entschieden?“ lachte -Heggen. - -„Nein, da irrst du dich, mein Lieber. Aber es ist auch abscheulich. -Jenny und ich stürzten nur der Korallen wegen dort hinüber.“ - -„Auf diese Weise trafst du uns aber. Sonst hättet ihr zu Frascati gehen -müssen, worauf du plötzlich auch ärgerlich geworden bist.“ - -„Ich wäre sicher nicht zu Frascati gegangen -- das schwör’ ich dir, -Gunnar. Und das wäre mir viel besser gewesen. Denn nun will ich rauchen -und trinken und die ganze Nacht durchbummeln, da ihr mich nun einmal -mitgelockt habt.“ - -„Ich glaubte, du hättest es vorgeschlagen.“ - -„Die Malachitkette war außerordentlich schön, finde ich,“ lenkte Ahlin -ab, „und sehr billig.“ - -„Ja, aber Malachit ist in Florenz viel billiger. Diese kostet -siebenundvierzig. Und in Florenz, dort wo Jenny ihre ~cristallo rosso~ -kauft, hätte ich sie für fünfunddreißig Lire haben können. Jenny hat -für ihre Kette nur achtzehn gegeben. Er muß mir die Korallen aber für -neunzig Lire lassen.“ - -„Ich begreife nicht recht, wie du mit deinem Gelde auskommst“, sagte -Heggen und lachte. - -„Ich mag nicht noch länger darüber sprechen,“ sagte Cesca. „Ich habe -dieses Hin- und Hergerede satt -- morgen gehe ich und kaufe die -Korallen.“ - -„Sind aber neunzig Lire nicht furchtbar teuer für Korallen?“ wagte -Helge zu fragen. - -„Sie können sich denken, daß es nicht so ganz gewöhnliche sind“, -antwortete Cesca herablassend. „Es sind diese Contadinakorallen -- eine -dicke Kette mit Goldverschluß und langen schweren Ohrhängern.“ - -„Contadina -- ist das eine besondere Art Korallen?“ - -„Nein, das sind die, mit denen die Contadine gehen.“ - -„Ich weiß nicht, was eine Contadine ist.“ Helge lächelte schüchtern. - -„Ein Bauernmädchen. Haben Sie niemals diese Ketten gesehen, die sie -tragen, diese schweren dunkelroten geschliffenen Korallen?“ - -„Meine Perlen haben dieselbe Farbe wie Rindfleisch und die mittelste -ist so groß --“ sie bildete mit Daumen und Zeigefinger eine eigroße -Rundung. - -„Das muß wunderhübsch aussehen --“. Helge griff gierig den -Gesprächsfaden auf. „Ich kenne Malachit oder ~cristalla rossa~ -nicht -- aber meiner Ansicht nach müßten solche Korallen Ihnen am -allerbesten stehen.“ - -„Da können Sie hören, Ahlin -- Sie wollten mich ja immer dazu -verleiten, die Malachitkette zu kaufen. Heggens Schlipsnadel ist aus -Malachit -- bitte gib sie mir einen Augenblick, Gunnar. Und Jennys -Perlenhalsband besteht aus ~cristallo rosso~ -- nicht ~rossa~ -- rotem -Bergkristall, wissen Sie?“ - -Sie reichte ihm die Nadel und die Halskette. Die Kette war warm von -ihrem Hals. Helge betrachtete sie einen Augenblick. In jeder Perle -waren gleichsam kleine Spalten, die das Licht aufsogen. - -„Sie müßten Korallen tragen, Fräulein Jahrmann. Wissen Sie, ich glaube, -Sie sehen dann selbst aus wie eine römische Contadina.“ - -„Da könnt ihr’s hören.“ Sie lächelte leicht zu Helge hinüber und summte -vergnügt vor sich hin. „Da könnt ihr’s selbst hören.“ - -„Sie haben ja auch einen italienischen Namen,“ fuhr Helge eifrig fort. - -„Ach, der stammt noch von der italienischen Familie, bei der ich im -vorigen Jahre wohnte, sie veränderten den häßlichen Namen, den ich von -meiner Großmutter geerbt habe, und so behielt ich den italienischen -bei.“ - -„Francesca,“ sagte Ahlin leise. - -„Ich kann mir Sie nur als Francesca denken -- Signorina Francesca.“ - -„Warum denn nicht Fräulein Jahrmann. Wir können leider nicht -italienisch miteinander sprechen. Sie können ja die Sprache nicht.“ Sie -wandte sich an die anderen. „Jenny und Gunnar, morgen kaufe ich also -die Korallen.“ - -„Ja, das haben wir schon gehört,“ meinte Heggen. - -„Aber ich will sie für neunzig haben.“ - -„Ja, man muß aber handeln,“ sagte Helge erfahren. „Ich war heute -Nachmittag irgendwo in der Nähe der Peterskirche in einem Laden und -erstand dies hier für meine Mutter. Er verlangte sieben Lire, ich -bekam es aber für vier. Finden Sie es nicht billig?“ Er stellte den -Gegenstand auf den Tisch. - -Franziska betrachtete ihn verächtlich. - -„Die kosten anderthalb auf dem Fischmarkt. Ich habe im vorigen -Jahre zwei von der gleichen Art für jedes unserer Mädchen zu Hause -mitgebracht.“ - -„Der Mann behauptete, es sei antik,“ wandte Helge unsicher ein. - -„Das sagen sie immer, wenn sie merken, daß die Leute kein Verständnis -dafür haben. Und nicht Italienisch können.“ - -„Es gefällt Ihnen also nicht?“ fragte Helge niedergeschlagen und hüllte -es wieder in das rosa Papier. „Finden Sie nicht, daß ich es meiner -Mutter schenken kann?“ - -„Ich finde es greulich,“ sagte Franziska. „Aber ich kenne ja den -Geschmack Ihrer Mutter nicht.“ - -„Was soll ich denn nun aber mit diesem Ding anfangen?“ seufzte Helge. - -„Schenken Sie es getrost Ihrer Mutter,“ meinte Jenny Winge. „Sie freut -sich gewiß, daß Sie ihrer gedacht haben. Und außerdem -- zu Hause haben -die Leute Gefallen an solchen Dingen. Wir hier unten, wir sehen zuviel.“ - -Franziska griff nach Ahlins Zigarettendose, aber er weigerte sich, sie -ihr zu geben. Einen Augenblick flüsterten sie heftig miteinander. Dann -schleuderte sie das Etui von sich: - -„Guiseppe.“ - -Helge begriff, daß sie beim Wirt Zigaretten bestellen wollte. Ahlin -fuhr auf: - -„Liebes Fräulein Jahrmann -- ich meinte ja nur -- Sie wissen doch, daß -Sie das viele Rauchen nicht vertragen.“ - -Franziska erhob sich, Tränen in den Augen. - -„Das ist gleichgültig, ich gehe nach Haus.“ - -„Fräulein Jahrmann -- Francesca.“ Ahlin hielt ihr den Mantel, während -er leise bettelte. Sie trocknete ihre Augen mit dem Taschentuch. - -„Doch -- ich will heim. Kinder -- ihr seht doch, daß ich heute Abend -unmöglich bin. Nein, ich will nach Haus -- allein -- nein Jenny, du -darfst nicht mit mir gehen.“ - -Heggen erhob sich ebenfalls. Helge saß verlassen am Tisch. - -„Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß wir dich zu nächtlicher Stunde -allein gehen lassen,“ meinte Heggen. - -„Ahso, du verbietest mir’s vielleicht?“ - -„Ja, allerdings.“ - -„Still doch, Gunnar,“ sagte Jenny Winge. Sie schob beide Herren zur -Seite -- sie setzten sich schweigend nieder -- während Jenny, den -Arm um Franziskas Hüfte gelegt, diese mit sich zog und leise mit ihr -sprach. Kurz darauf kamen beide wieder an den Tisch zurück. - -Die Gesellschaft war jedoch verstimmt. Franziska lag halb in Jennys -Arm -- sie hatte ihre Zigaretten bekommen, rauchte und schüttelte den -Kopf zu Ahlins Versicherungen, daß die seinen besser wären. Jenny -hatte eine Schale mit Früchten bestellt; sie verzehrte eine Mandarine -und schob hin und wieder eine Scheibe in Franziskas Mund. Oh -- wie -hübsch Franziska doch war, wie sie dalag, mit einem kleinen betrübten -Kindergesicht und sich von der Freundin füttern ließ. Ahlin starrte sie -ununterbrochen an, und Heggen zerbrach abgebrannte Zündhölzer in kleine -Stümpfchen und steckte sie in die Mandarinenschalen. - -„Sind Sie schon länger in Rom, Kandidat Gram?“ fragte er. - -Helge versuchte humorvoll zu sein: - -„Ich pflege zu sagen, daß ich heute Vormittag mit dem Zuge aus Florenz -kam.“ - -Jenny lachte höflich -- Franziska jedoch lächelte ersterbend. - -Im gleichen Augenblick trat ein barhäuptiges, dunkelhaariges Mädchen -mit einem frechen, fetten bleichen Gesicht zur Türe herein. In der -Hand trug sie eine Mandoline. Hinter ihr her trippelte ein kleiner, -verwitterter Bursche von schäbiger Eleganz mit einer Guitarre. - -Jenny plauderte -- wie zu einem Kinde. - -„Sieh nur, Cesca, das ist Emilia -- jetzt bekommen wir Musik.“ - -„Das bringt Leben herein,“ sagte Helge. „Ziehen diese Volkssänger hier -in Rom wirklich immer noch von Osteria zu Osteria?“ - -Die Volkssänger begannen mit einem modernen Gassenhauer. Das Mädchen -hatte eine seltsam hohe, klare, metallische Stimme. - -„O pfui, nicht doch!“ Franziska erwachte: „Das wollen wir doch nicht -hören -- wir wollen natürlich etwas Italienisches haben -- ‚~la luna -con palido canto~‘ -- nicht wahr?“ - -Sie schlüpfte zu den Musikanten hinüber und begrüßte sie wie alte -Freunde -- lachte und gestikulierte, ergriff die Guitarre und schlug -ein paar Töne an, während sie die eine oder andere Melodie dazu summte. - -Die Italienerin sang. Süß und schmeichelnd flatterte die Melodie, -begleitet vom Klingen der Metallsaiten, durch den Raum, und Helges -Freunde sangen den Kehrreim mit. Das Lied handelte von ~amore~ und -~bacciare~. - -„Es ist ein Liebeslied, nicht wahr?“ - -„Ein feines Liebeslied,“ lachte Franziska. „Uebersetzt darf es nicht -werden, aber auf italienisch klingt es wunderhübsch.“ - -„Ach, so häßlich ist es doch nicht,“ sagte Jenny Winge. Sie wandte sich -mit ihrem zuvorkommenden Lächeln an Helge: „Nun, Kandidat Gram, finden -Sie es nicht gemütlich hier? Ist der Wein nicht gut?“ - -„Ja, ausgezeichnet. Und das Lokal ist gewiß sehr charakteristisch.“ - -Er hatte jedoch den Mut vollständig verloren. Jenny Winge und Heggen -wandten sich hin und wieder an ihn, er vermochte aber nicht, ein -Gespräch in Fluß zu halten. Schließlich begannen die anderen, sich -miteinander zu unterhalten -- über Gemälde. Der schwedische Bildhauer -saß nur da und betrachtete Franziska. Die fremdartigen Melodien -schwirrten von den klingenden Metallsaiten auf -- an ihm, Helge, -vorüber -- als ein Gruß an die anderen. Der Raum, in dem er sich -befand, war, wie er sein mußte: der Fußboden aus gelbem Backstein, -die Wände und die Deckenwölbung, weißgekalkt, ruhten auf einer dicken -Mittelsäule, die Tische waren vorschriftsmäßig ungestrichen, und -die Stuhlsitze aus grünen Weiden geflochten. Die Luft war säuerlich -durchzogen von gegorenem Brodem, der aus den Weinfässern hinter dem -marmorenen Schenktisch aufstieg. - -Künstlerleben in Rom! Es war ungefähr, als betrachte er ein Bild oder -lese eine Beschreibung darüber in einem Buch. Nur mit dem Unterschied, -daß er sich hier überflüssig fühlte -- so hoffnungslos einsam. Solange -man es in den Büchern oder auf den Bildern erlebte, konnte man im -Traume mit dabei sein. Er war jedoch davon überzeugt, daß er sich unter -diesen Leuten nie einleben würde. - -Zum Teufel, das war auch das Beste! Im Grunde taugte er ja gar nicht -dazu, unter Leuten zu sein -- erst recht nicht unter Menschen dieser -Art. Wie gedankenlos Jenny Winge nun nach dem dicken, undurchsichtigen -Glas mit dem dunkelroten Weine griff! -- Für ihn war es eine -Sehenswürdigkeit -- sein Vater hatte davon erzählt -- ihn auf das -Glas aufmerksam gemacht, das jenes Mädchen auf Marstrands Römischem -Bilde, im Kopenhagener Museum, in der Hand hielt. Nach Jenny Winges -Ansicht taugte das Bild sicher nichts. -- Diese jungen Damen hatten -sicher niemals vom Hofraum des Bramante in der Cancelleria gelesen -- -„dieser Perle der Renaissancearchitektur“. Sie hatten ihn vielleicht -zufällig eines Tages entdeckt, als sie auf dem Flohmarkt waren, um sich -Perlen und anderen Staat zu kaufen -- hatten wohl begeistert ihre -Freunde herbeigeholt, um ihnen diese neue Herrlichkeit zu zeigen, die -sie sich nicht hätten träumen lassen. -- +Die+ hatten wohl kaum in den -Büchern nachgelesen über jeden Stein und jeden Ort, bis die Augen davon -schmerzten, und all der Schönheit ringsum sich verschlossen, die sie -nicht schon in den Träumen daheim erschaut. Sie konnten sich vielleicht -an irgendeiner weißen Säule erfreuen, die zum blauen Südhimmel -emporragte, ohne pedantische Neugier, welcher Tempel und welchen -vergessenen Gottes Heiligtum einst dort gestanden hatte. - -Geträumt hatte er -- und gelesen. Und er machte die Erfahrung -- -nichts sah in Wirklichkeit dem gleich, was er erwartet hatte. Alles -wurde so grau und hart in des klaren Tages Licht -- der Traum hatte -sein Phantasiegebilde in ein weiches Halbdunkel gehüllt, es harmonisch -abgerundet zu einem Ganzen vereint und über die Ruinen Sommergrün -gebreitet. Er war nun gekommen, um nachzuschauen, ob all das, worüber -er gelesen, auch auf seinem rechten Platze stand. Später könnte er es -auf der Höheren Töchterschule aus den Büchern aufzählen und sagen, -daß er es gesehen -- und doch würde er nichts berichten können über -Dinge, die er selbst entdeckt. Nichts würde er kennenlernen außer dem, -wovon er gelesen. Wenn er auf lebendiges Material stieß, versuchte er, -unter ihnen eine der toten, erdichteten Gestalten zu finden, wie er -sie kannte -- ob einer wie sie dabei war. Wie sollte er auch etwas von -lebendigen Menschen wissen, er, der niemals gelebt .... - -Heggen dort, mit dem dicken roten Mund, träumte jedenfalls kaum von -romantischen Abenteuern ~à la~ Romanbibliothek aus dem Familienjournal, -wenn er Abends auf Roms Straßen mit einem kleinen Mädchen anbändelte. - -Helge begann zu verspüren, daß er Wein getrunken hatte. - -„Wenn Sie jetzt gehen und sich zu Bett legen, so haben Sie morgen -Kopfweh,“ sagte Jenny Winge zu ihm, als sie wieder draußen auf der -finsteren Gasse standen. Die drei anderen gingen voraus; Helge folgte -mit ihr in geringem Abstand. - -„Ehrlich gesagt, Fräulein Winge, finden Sie nicht, daß Sie da einen -schrecklich langweiligen Burschen mitbekommen haben?“ - -„Nein, mein Lieber. Es liegt ja nur daran, daß Sie uns nicht kennen und -wir Sie nicht -- noch nicht jedenfalls.“ - -„Mir wird es so schwer, mich anzuschließen -- es gelingt mir eigentlich -niemals. Ich hätte nicht mitgehen sollen, als Sie so liebenswürdig -waren, mich heute Abend einzuladen. Zum Amüsieren scheint man auch -Uebung haben zu müssen.“ Er versuchte zu lachen. - -„Ja gewiß.“ Helge konnte an ihrer Stimme hören, daß Jenny lächelte. -„Ich war fünfundzwanzig, ehe ich begann, mich zu üben, und weiß Gott, -der Anfang war auch für mich nicht leicht.“ - -„Sie? Ich glaubte, daß Sie Künstlerleute immer ... Uebrigens dachte -ich, Sie hätten es noch weit bis fünfundzwanzig.“ - -„Oh, Gott sei Dank, ich bin schon weit darüber.“ - -„Und da sagen Sie Gott sei Dank? -- Und ich dagegen als Mann. -- Ich -weiß nicht -- jedes Jahr, das gleichsam von mir abbröckelt, hinabsinkt -in die Ewigkeit, ohne etwas gebracht zu haben -- außer der demütigen -Erkenntnis, daß die Mitmenschen mich nicht brauchen, mich nicht zu den -ihren rechnen --“ Helge hielt plötzlich erschrocken inne. Er fühlte wie -seine Stimme zitterte, hatte auch die Empfindung, als sei er ein wenig -angetrunken, da er so zu einer Dame sprach, die er nicht einmal kannte. -Er fuhr jedoch, gegen seine eigene Scheu ankämpfend, fort: „Ich finde, -es ist völlig hoffnungslos. Wenn mein Vater von der Jugend seiner Zeit -erzählte -- sie führten große Worte im Munde von goldenen Illusionen -und dergleichen. Zum Teufel, ich habe in all den Jahren nicht eine -einzige Illusion gehabt, von der ich hätte Wesens machen können. Und -die Jahre sind verflossen -- verloren -- nicht wiederzuerlangen.“ - -„Das dürfen Sie nicht sagen, Kandidat Gram. Nicht ein Jahr unseres -Lebens ist verloren, solange man es nicht so weit getrieben hat, -daß Selbstmord der einzige ist. Ich glaube nicht, daß die Alten -aus der Zeit der goldenen Illusionen besser daran waren -- ihre -Jugendillusionen verschlossen ihnen das Leben. Wir -- die meisten -jungen, die ich kenne, begannen ohne Illusionen -- wir wurden -hinausgeschleudert in den Kampf um die Existenz, fast alle, ehe wir -recht erwachsen waren. Wir waren von Anfang an auf das Schlimmste -gefaßt. Doch eines Tages lernten wir erkennen, daß wir uns dennoch -mancherlei Gutes herausholen könnten. Dies und jenes geschah, wobei wir -dachten, erträgst du das, so hältst du auch das Messer aus. Bekommt -man auf die Weise erst ein wenig Selbstvertrauen, dann gibt es keine -Illusionen, deren uns zufällige Verhältnisse und Mitmenschen berauben -können.“ - -„Ach -- Verhältnisse -- oder Zufall! Wenn sie stärker sind als wir -selbst, so hilft uns auch das Selbstvertrauen nicht!“ - -„Ja,“ sie lachte. „Natürlich -- wenn ein Schiff in See geht -- so kann -der Zufall wollen, daß es havariert. Ein Gußfehler im Rade und alles -zerspringt. Ein Zusammenstoß ... Aber die ziehen wir nicht in Betracht. -Und was die Verhältnisse betrifft, so müssen wir sie zu bekämpfen -suchen. Meist findet man am Schluß doch einen Ausweg.“ - -„Sie sind also durchaus optimistisch, Fräulein Winge?“ - -„Ja.“ Sie schwieg. „Ich bin es geworden, als ich so nach und nach die -Erfahrung machte, wieviel die Menschen wirklich ertragen können, ohne -den Mut zum Weiterkämpfen zu verlieren -- und ohne schlecht zu werden.“ - -„Das ist es ja eben -- ich finde, sie werden schlecht. Verdorben -- -oder jedenfalls verkleinert.“ - -„Nicht alle. Und der Umstand, daß +einige+ sich vom Leben nicht -verderben oder -- verkleinern lassen, finde ich, genügt, um uns -optimistisch zu machen. -- Wir wollen hier einkehren,“ sagte sie. - -„Dies gleicht eher einer Montmartrekneipe oder ähnlichem, finde ich -- -nicht wahr?“ Helge sah sich um. - -An den Wänden des winzigkleinen Lokales entlang liefen schmale -plüschüberzogene Bänke. Kleine Marmortische standen umher, und auf dem -Schenktisch brannte eine Flamme unter zwei großen Nickelkochern. - -„Oh. Derartige Lokale sind wohl überall gleich,“ sagte Jenny. „Kennen -Sie Paris?“ - -„Nein -- ich dachte nur --“ - -Er wurde plötzlich ohne jeden Anlaß verwirrt. So ein kleines -Kunstmädel, das sich natürlich nach eigenem Gutdünken in der Welt -umhertummelt -- Gott übrigens mochte wissen, woher ihresgleichen das -Geld nahm. Es schien ebenso natürlich, daß man in Paris gewesen war -wie eines Abends im Café Dronningen in Kristiania. -- Für diese Art -von Menschen war es weiß Gott ein Leichtes, von Selbstvertrauen zu -sprechen. Ein kleiner Liebeskummer in Paris, den sie in Rom vergaß, das -war vielleicht das Schwerste, das sie durchgemacht. Und nun fühlte sie -sich so verteufelt keck und übermütig und erfahren, daß sie meinte, das -ganze Leben ertragen zu können. - -Ihre Figur war eigentlich unschön, obgleich sie ein frisches Antlitz -hatte mit wunderbaren Farben. - -Am meisten reizte es ihn aber, mit Franziska Jahrmann zu plaudern. Sie -sprühte jetzt vor Lebendigkeit, war jedoch von Ahlin und Heggen völlig -in Anspruch genommen. Unterdes verzehrte Jenny Winge Spiegeleier mit -trockenem Brot und trank kochend heiße Milch dazu. - -„Hier scheint mir verdächtiges Publikum zu verkehren,“ wandte Helge -sich an sie. „Die reinen Verbrechertypen alle miteinander, finde ich.“ - -„O ja, hier findet man Menschen von jeder Sorte. Sie dürfen nicht -vergessen, Rom ist eine moderne Großstadt. Es gibt viele Leute, die in -Nachtschicht arbeiten. Und dieses Lokal ist eines der wenigen, die um -diese Stunde noch geöffnet sind. Sind Sie nicht hungrig? Ich werde mir -jetzt schwarzen Kaffee kommen lassen.“ - -„Halten Sie immer solange aus?“ Helge sah nach der Uhr. Es war um die -vierte Stunde. - -„Aber nein“, sie lachte. „Nur hin und wieder. Wir sehen uns den -Sonnenaufgang an und essen dann zusammen unser Frühstück. Heute Abend -ist es nun Fräulein Jahrmann, die nicht nach Hause will.“ - -Helge wußte selber kaum, weshalb er sitzen blieb. Man trank irgendeinen -blaugrünen Likör, der ihn ganz taumelig machte, indes die anderen -lachten und plauderten. Um ihn her schwirrten Namen von Menschen und -Orten, die er nicht kannte. - -„Nein, hört mal, Douglas mit seinen Moralpredigten, kommt mir nicht -damit! Ihr müßt nämlich wissen -- eines Morgens waren wir allein oben -im Aktsaal, er und der Finne. Ihr entsinnt euch doch, Lindberg und ich, -und wir beide gingen hinunter, um etwas Kaffee zu trinken -- es war im -Juni vergangenen Jahres. Als wir zurückkamen, saß Douglas da, das Mädel -im Arm. Nun, wir taten, als sei nichts vorgefallen. Er lud mich aber -seitdem nie mehr zum Tee ein.“ - -„Herrgott,“ meinte Jenny, „war es denn so gefährlich?“ - -„Mitten im Frühling -- in Paris,“ lachte Heggen. „Laß dir’s gesagt -sein, Cesca: Norman Douglas +war+ ein feiner Kerl -- du darfst -nicht das Gegenteil behaupten, und geschickt; er zeigte mir einige -wunderhübsche Sachen von den Befestigungswerken draußen.“ - -„Ja -- und besinnst du dich auf das Bild vom Père Lachaise -- mit den -violetten Perlenkränzen links unten?“ sagte Jenny. - -„Ja gewiß, das war verflucht hübsch -- und das kleine Mädchen am -Klavier.“ - -„Ach, aber stellt euch doch vor, das häßliche Modell,“ sagte Franziska -wieder. „Es war obendrein die fette, ältliche, mit dem hellen Haar. Und -dabei hat er sich doch so tugendhaft angestellt.“ - -„Er war es auch,“ sagte Heggen. - -„Pah. Und ich war eben im Begriff, mich aus diesem Grunde in ihn zu -verlieben.“ - -„Ah so, das ändert die Sache allerdings erheblich.“ - -„Ja, er hatte oftmals um mich angehalten,“ sagte Franziska -gedankenvoll. „Und ich hatte mich eigentlich entschlossen, Ja zu sagen. -Nun war es freilich ein Glück, daß ich es nicht tat.“ - -„Hättest du ihm dein Jawort gegeben,“ meinte Heggen, „so hättest du ihn -niemals mit dem Modell im Arm zu sehen bekommen.“ - -Franziskas Antlitz veränderte sich mit einem Male vollständig. Ein -blitzartiges Zucken lief über die weichen Züge. Dann lachte sie: - -„Ach -- ihr seid alle miteinander gleich -- ich traue nicht einem von -euch, basta. ~Per bacco.~“ - -„So dürfen Sie nicht denken, Francesca.“ Ahlin hob einen Augenblick den -Kopf. - -Sie lachte wieder. - -„Ach, ich will mehr Likör haben, Herrschaften.“ - - * * * * * - -Gegen Morgen ging Helge an Jennys Seite durch dunkle, ausgestorbene -Straßen. Einmal machte die Gesellschaft vorn Halt. Auf einer -Steintreppe hockten zwei halbwüchsige Burschen. Franziska und Jenny -sprachen mit den Jungen und gaben ihnen Geld. - -„Bettler?“ fragte Helge. - -„Ich weiß es nicht -- der große sagte, er trüge Zeitungen aus.“ - -„Die Bettler hierunten sind wohl im Grunde nur Simulanten?“ - -„Ich weiß nicht -- einige vielleicht -- oder die meisten. Viele -schlafen jedoch auf der Straße, sogar mitten im Winter. Mancher ist -verkrüppelt.“ - -„Ich sah es in Florenz. Es ist ein Skandal, daß Leute mit so -scheußlichen Wunden oder furchtbar verunstaltet umhergehen und betteln -dürfen! Das Armenwesen müßte sich dieser Jammergestalten annehmen.“ - -„Ich weiß nicht recht. Es ist nun einmal so hier unten. Wir Fremden -können ja nicht darüber urteilen. Es geht ihnen vielleicht besser so -- -sie verdienen mehr auf diese Art.“ - -„Auf dem Piazzale Michelangelo beobachtete ich einen Bettler ohne Arme --- die Hände saßen ihm oben auf den Schultern. Ein deutscher Doktor, -mit dem ich zusammen wohnte, sagte, er besäße eine Villa bei Fiesole.“ - -„Na also, ist das nicht sehr gut?“ - -„Daheim bei uns lernen die Krüppel arbeiten,“ wandte Helge ein, „so daß -sie sich auf ehrliche Weise durchschlagen können.“ - -„Zu einer Villa reicht es aber kaum,“ sagte sie und lachte. - -„Dennoch -- ist etwas Demoralisierenderes denkbar, als davon zu leben, -daß man seine Verkrüppelungen zur Schau stellt?“ - -„So oder so, das Bewußtsein, daß man ein Krüppel ist, wirkt sicher -immer demoralisierend.“ - -„Trotzdem, -- davon zu leben, daß man das Mitleid der Leute anruft --.“ - -„Wer ein Krüppel ist, weiß ja doch, daß er bemitleidet wird und Hilfe -annehmen +muß+ -- von Menschen oder Gott.“ - -Jenny stieg ein paar Treppenstufen hinan und hob den Zipfel eines -Türvorhanges in die Höhe, der einer schlottrigen Matratze ähnlich sah. -Sie standen in einer winzig kleinen Kirche. - -Auf dem Altar brannte Licht. Der Schein brach sich mannigfaltig in -den Messingstrahlen des Glorienkranzes über dem Monstranzschrank, -flimmerte unruhig auf Leuchtern und Metallgegenständen und ließ die -Papierrosen in den Vasen auf dem Altar blutigrot und goldgelb erglühen. -Ein Priester las, mit dem Rücken gegen das Publikum, lautlos in einem -Buche; ein paar Chorknaben huschten hin und her, neigten und bekreuzten -sich und machten Bewegungen, deren Sinn Helge nicht verstand. - -Sonst war der kleine Kirchenraum dunkel -- in zwei Seitenschiffen -flackerten winzige Nachtlämpchen, an dunkelleuchtenden Metallketten -vor Bildern schwebend, die noch düsterer erschienen als die Dunkelheit. - -Jenny Winge kniete auf einem Rohrschemel nieder. Sie legte ihre Hände -gefaltet vor sich auf das Pult und beugte den Kopf leicht hintenüber, -so daß ihr Profil sich scharf gegen den weichen Goldglanz der Lichter -abhob, der in dem hochgestrichenen Haarschopf flimmerte und sanft über -die schlanke nackte Wölbung des Halses hinfloß. - -Heggen und Ahlin holten sich lautlos ein paar Rohrstühle herbei, die um -eine der Säulen übereinandergestapelt waren. - -Dieser stille Gottesdienst vor Tagesgrauen war eigentlich seltsam -und stimmungsvoll. Gram folgte gespannt jeder Bewegung des Priesters -am Altar. Einer der Chorknaben hängte ihm ein weißes Tuch mit einem -goldenen Kreuz über die Schultern. Jetzt nahm der Priester die -Monstranz vom Schrank über dem Altar, wandte sich um und hielt sie -hoch ins Licht. Die Knaben schwenkten die Weihrauchkessel; kurz darauf -drang scharfer, süßlicher Rauch zu ihnen hinüber. Helge wartete jedoch -vergebens auf Musik oder Gesang. - -Jenny kokettierte augenscheinlich ein wenig mit dem Katholizismus, -indem sie niederkniete. Heggen starrte geradeaus auf den Altar, -er hatte den einen Arm um Franziskas Schulter gelegt -- sie war -eingeschlummert und hatte sich an ihn geschmiegt. Ahlin konnte er nicht -sehen, er saß hinter einer Säule und schlief sicher ebenfalls. - -Seltsam war es, hier mit diesen wildfremden Menschen zu sitzen. Helge -fühlte sich einsam -- aber jetzt schmerzte dieser Gedanke nicht. Jene -freie, glückliche Stimmung vom vergangenen Abend kehrte zurück --. Er -betrachtete die anderen, die beiden jungen Mädchen. Jenny und Franziska --- er wußte nun ihre Namen, viel mehr aber auch nicht. Und keine von -ihnen ahnte, was es für ihn bedeutete, hier zu sitzen, was er nun alles -zurückgelassen hatte, all die schmerzlichen Kämpfe daheim, vor denen -er geflohen. Niemand kannte die Hindernisse, an denen er sich müde -gearbeitet, die Fesseln, die ihn eingeschnürt hatten. Eine wundersame, -fast hochmütige Freude erfüllte ihn bei diesem Gedanken, und seine -Augen ruhten mit nachsichtigem Mitleid auf den beiden Frauen. So junge -Dinger wie Cesca und Jenny, unverbraucht und frisch, mit kleinen -unumstößlichen Ansichten hinter den weißen, glatten Jungmädchenstirnen. -Zwei frische hübsche Mädels, die ihren geraden Weg durchs Leben -schritten, hier und da, wie zum Zeitvertreib, wohl ein kleines -Steinchen beiseite räumen mußten, von Schicksalen wie dem seinen aber -nichts wußten. - -Er fuhr auf, als Heggen seine Schultern berührte, und errötete; er war -eingenickt. - -„Nun, Sie haben auch einen kleinen Schlummer getan, wie ich sehe“, -sagte Heggen. - -Draußen standen die hohen stillen Häuser in der grauen Dämmerung -- -schliefen mit geschlossenen Läden in allen Stockwerken. In einer -Seitenstraße ratterte eine klappernde Straßenbahn vorüber, eine -Droschke holperte über das Steinpflaster, und hier und da schlich eine -verfrorene, schläfrige Gestalt den Bürgersteig entlang. - -Sie bogen in eine Straße ein, an deren Ausgang man den Obelisk vor der -Trinitat dei-Monti-Kirche erblicken konnte -- er hob sich weiß gegen -des Pincio schwarze Steineichen ab. Nicht eine Menschenseele war zu -sehen und nicht ein Laut zu hören außer ihren eigenen Schritten auf den -Steinen und dem Rieseln einer kleinen Fontäne in irgend einem Hofe. Und -weit entfernt durch die Stille plätscherte der Springbrunnen auf dem -Monte Pincio gegen das steinerne Becken. Helge erkannte den Ton wieder, -und als sie dem Laut nachgingen, schoß in ihm ein feiner zarter Strahl -von Glückseligkeit auf -- es war, als erwarte ihn seine eigene Freude -vom verflossenen Abend da droben an dem springendem Quell unter den -Steineichen. - -Er wandte sich an Jenny, ohne zu ahnen, daß seine Augen und seine -Stimme für seine kleine Freude baten: - -„Hier oben stand ich gestern abend und sah die Sonne untergehen. Es -war so wunderlich. Jahrelang habe ich dafür gearbeitet -- mein Wunsch -war es, Archäologe zu werden. Aber nach meinem zweiten Examen mußte -ich die Lehrtätigkeit ergreifen. Immer habe ich auf den Tag gewartet, -an dem ich hierher kommen würde -- mich gleichsam darauf vorbereitet. -Und doch -- als ich dann hier stand, so plötzlich -- war ich gänzlich -unvorbereitet.“ - -„Ja,“ meinte Jenny, „ich verstehe das sehr gut.“ - -„Uebrigens, als ich gestern aus dem Zug gestiegen war, da sah ich es -gleich alles vor mir liegen: die Ruinen der Termen, die schweren, -gelben, von der Sonne überfluteten Mauerreste, und mitten unter -ihnen die großartigen Neubauten mit Kaffees und Kinematographen, -die Straßenbahnen auf dem Platz, die Anlagen und die herrlichen -Springbrunnen mit ihren übervollen Wasserbecken ... Die alten Mauern -inmitten der modernen Häuserblocks und das Getriebe der Stadt -ringsumher -- gerade das fand ich so schön.“ - -„Ja,“ sagte sie mit fröhlicher Stimme und nickte. „Ich liebe es auch -sehr.“ - -„Und dann ging ich hinab. Altertum und Neuzeit vereint! Ueberall -Springbrunnen, rieselnd und rauschend und plätschernd. Ich ging -geradenwegs zum St. Peter; es dunkelte, als ich dort ankam, und ich -stand und betrachtete die beiden Fontänen auf dem Platz. Hier in der -Stadt springen sie wohl die ganze Nacht hindurch.“ - -„Die ganze Nacht -- fast überall hört man Springbrunnen. Die Straßen -hier sind ja so still des Nachts. Dort, wo wir wohnen, Franziska und -ich, ist eine kleine Fontäne unten im Hof. Wir haben einen Balkon vor -unseren Zimmern, und wenn es abends milde ist, sitzen wir draußen und -lauschen dem Rinnen bis in die tiefe Nacht hinein.“ - -Sie hatte sich auf das Steingeländer gesetzt. Helge Gram stand am -gleichen Ort wie am Abend vorher und sah wieder über die Stadt mit -ihren Höhenzügen im Hintergrund, den grauweißen und verwitterten. -Und der Himmel spannte sich darüber so hell und klar wie über dem -Hochgebirge. Er sog die reine, eiskalte Luft in vollen Zügen ein. - -„Nirgends auf der Welt,“ sagte Jenny, „ist der Morgen so wie hier in -Rom. Ich habe das Gefühl, als schlafe die ganze Stadt -- einen Schlaf, -der leichter und leichter wird -- und plötzlich ist sie erwacht, -ausgeruht und frisch. Heggen meint, es käme von den Fensterläden; da -sind keine Scheiben, die das Morgenlicht einfangen.“ - -Sie hatten den Rücken dem Morgengrauen und dem goldenen Himmel -zugewandt, gegen den sich die Pinienkronen des Medicigartens und die -beiden kleinen Türme der Kirche mit den Wimpeln auf der Spitze hart -und scharf abzeichneten. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Die -graue Häusermasse dort unten aber begann langsam Farben auszustrahlen --- es schien, als würde das Mauerwerk auf zauberhafte Weise von innen -her mit Farben durchleuchtet; einige Häuser glühten in tiefem Rot auf, -bis dies ganz langsam in einen rosenfarbenen Schein überging, andere -schimmerten gelblich, andere wieder weiß. Die Villen draußen auf dem -dunklen Höhenzug des Monte Mario erhoben sich leuchtend aus den braunen -Grashängen und schwarzen Zypressen. - -Bis plötzlich draußen von den Höhen hinter der Stadt ein Blinken kam -wie von einem Stern; da war doch eine Fensterscheibe, die den ersten -Sonnenstrahl eingefangen hatte. Das dunkle Laub dort drüben flammte auf -wie das Gold von Oliven. - -Eine kleine Glocke drunten in der Stadt begann zu läuten. - -Cesca lehnte sich müde an ihre Freundin: - -„~Il levar del sole.~“ - -Helge bog den Kopf weit zurück und starrte in das kühle Blau der -Himmelskuppel. Jetzt schoß ein Sonnenstrahl hervor, die höchste Spitze -der Wassersäule des Brunnens streifend. Die Tropfen da droben funkelten -azurblau und golden. - -„Ah -- Gott segne Euch alle miteinander, ich bin so schauderhaft müde,“ -sagte Franziska und gähnte so laut sie konnte. „Uuh, so kalt. Jenny, -erfrier dir deinen zarten Körperteil nicht auf den kalten Steinen -- -nun will ich zu Bett -- ~subito~.“ - -„Ja, müde.“ Heggen gähnte. „Wir wollen heim, Herrschaften. Das heißt, -ich trinke erst eine Tasse kochende Milch auf meiner Latteria. Gehen -wir also?“ - -Sie schlenderten die Spanische Treppe hinab. Helge betrachtete all -die kleinen grünen Blättchen, die zwischen den weißen Steinstufen -hervorlugten. - -„Seltsam, daß sie hier gedeihen, wo so viele Menschen gehen und alles -niedertreten.“ - -„Oh ja, es sprießt hier überall, wo sich nur ein wenig Erde zwischen -zwei Steinen findet. Sie hätten im letzten Frühjahr das Dach sehen -sollen, unter dem wir wohnen. Dort wächst ein kleines Feigenbäumchen -zwischen den Dachziegeln. Cesca macht sich solche Sorge, daß es den -Winter nicht überdauert -- und wovon soll es leben, wenn es größer -wird? Sie hat es gezeichnet.“ - -„Ihre Freundin malt auch, wie ich hörte?“ - -„Ja, Cesca ist sehr talentvoll.“ - -„Ich besinne mich jetzt, ich sah im vergangenen Herbst auf der -staatlichen Kunstausstellung ein Bild von Ihnen,“ sagte Helge ein wenig -zaghaft. „Rosen in einer Kupferschale.“ - -„Ja, das hab’ ich im Frühling hier unten gemalt. Jetzt bin ich nicht -mehr damit zufrieden --. Ich war im Sommer zwei Monate in Paris und -finde, daß ich in der Zeit sehr viel gelernt habe. Ich habe es aber -verkaufen können, für dreihundert Kronen; das war der Preis, für den -ich es ausgeschrieben hatte. Ja, einiges ist übrigens ganz gut daran.“ - -„Sie malen etwas modern -- aber das tun Sie gewiß alle?“ - -Jenny lächelte leise, antwortete aber nicht. - -Die anderen standen am Fuß der Treppe und warteten. Jenny reichte allen -die Hand und sagte Guten Morgen. - -„Das sieht dir doch wieder ähnlich,“ sagte Heggen. „Ist es dein Ernst, -jetzt hinaufzugehen und zu arbeiten?“ - -„Gewiß.“ - -„Du bist völlig irrsinnig.“ - -„Jenny, komm’ mit nach Haus,“ jammerte Franziska. - -„Warum soll ich nicht arbeiten, wenn ich nicht müde bin? Ja, Kandidat -Gram, jetzt sollten Sie wohl eine Droschke haben und heimfahren.“ - -„Ja. Uebrigens: ist das Postamt nicht um diese Zeit geöffnet? Ich weiß, -es soll nicht so weit von der Piazza di Spagna entfernt sein.“ - -„Dort muß ich vorüber -- dann können Sie ja mit mir gehen.“ - -Sie nickte ein letztes Mal den anderen zu, die sich anschickten, -heimzuziehen. Franziska hing an Ahlins Arm, taumelnd vor Müdigkeit. - - - - -III. - - -„Nun, Sie haben also Post bekommen,“ sagte Jenny. Sie hatte in der -Vorhalle des Postamtes gewartet. „Jetzt werde ich Ihnen zeigen, mit -welcher Straßenbahn Sie fahren müssen.“ - -Der Platz war vom Sonnenschein weiß überflutet, die Luft noch -morgenfrisch und rein. Doch schon wimmelten Wagen und Menschen in -geschäftiger Eile in den engen Straßen. - -„Wissen Sie, Fräulein Winge -- ich fahre nicht nach Haus; ich bin -jetzt so wach wie nur irgend möglich. Ich hätte die größte Lust, einen -Spaziergang zu machen. Ist es aufdringlich, wenn ich frage, ob ich Sie -ein kleines Stückchen Wegs begleiten darf --?“ - -„Aber gar nicht --. Doch wie werden Sie nachher zu Ihrem Hotel -zurückfinden?“ - -„Pah, am hellichten Tage.“ - -„Freilich, eine Droschke treffen Sie überall an.“ - -Sie kamen auf den Corso hinaus. Sie nannte die Namen der Paläste, war -ihm aber jeden Augenblick ein Stück voraus, da sie schnell ausschritt -und sich geschmeidig durch die vielen Menschen wandte, die sich schon -auf dem schmalen Bürgersteig drängten. - -„Mögen Sie Wermut?“ fragte sie; „ich will eben hier hinein und einen zu -mir nehmen.“ - -Sie leerte das Glas in einem Zuge, während sie am marmornen Schenktisch -der Bar stand. Helge fand keinen Geschmack an dem bittersüßen Getränk, -das zur Hälfte mit Chinin gemischt war. Es war aber etwas Neues für ihn -und es gefiel ihm, so unvermittelt in eine Bar zu laufen. - -Jenny bog in schmale Gassen ein, wo die Luft noch nächtlich kühl und -dumpf war. Nur hoch oben streifte der Sonnenschein die Mauern der -Häuser. Helge schaute mit überwachen Sinnen um sich, betrachtete die -blaugestrichenen Karren mit Maultiergespannen, deren Sattelzeug mit -Messingbeschlägen und roten Troddeln geschmückt war, sah barhäuptige -Frauen und schwarze Kinder, kleine billige Läden und die Verkaufsstände -für Obst und Gemüse in den Torwegen. In einer Häusernische stand ein -alter Mann und briet Schmalzgebäck auf einem kleinen Herd. Jenny kaufte -einige Kuchen und bot sie Helge. Er lehnte jedoch dankend ab. Ein -Teufelsmädchen! Sie aß die Kuchen mit gesundem Appetit, ihm aber wurde -übel bei der bloßen Vorstellung, eines dieser fettriefenden Stücke -zwischen die Zähne zu bekommen, noch dazu mit dem Wermutgeschmack -im Mund und nach dem Genuß der vielen Getränke in dieser Nacht. Und -außerdem -- so schmierig wie der Alte war. - -Seite an Seite mit verfallenen, armseligen Häusern, wo graufarbenes -Leinenzeug zum Trocknen zwischen den brüchigen Fensterläden hing, lagen -große, wuchtige Paläste mit vergitterten Fenstern und ausladenden -Gesimsen. Einmal ergriff Jenny ihn am Arm -- ein brandrotes Automobil -kam tutend aus einem Barockportal, wendete schwerfällig und sauste -die schmale Straße hinauf, deren Rinnstein mit Müll und Kohlblättern -angefüllt war. - -Helge ging und genoß. Wie südlich fremd war hier alles .. Sein einziges -inneres Erlebnis seit vielen Jahren war immer nur der Zusammenstoß -seiner phantastischen Traumwelt mit der kleinlichen Wirklichkeit -des Alltags gewesen, bis er schließlich gleichsam aus Notwehr -gelernt hatte, seine Träumereien zu belächeln und seiner Phantasie -eine Richtung ins Reale zu geben. So versuchte er auch jetzt, sich -unwillkürlich klar zu machen, daß in diesem romantischen Quartier -die gleiche Art von Menschen lebte wie in anderen großen Städten. -Ladenmädchen und Fabrikarbeiter, Typographen und Telegraphisten -- -Menschen, die tagtäglich in Geschäften, auf Kontoren und an Maschinen -ihre Arbeit verrichteten und nicht anders waren wie überall auf der -Welt. -- Er spann den Gedanken jedoch mit einer seltsamen Freude weiter -aus, weil diese Straßen und Häuser, die seinen Traumgebilden glichen, -doch helle Wirklichkeit waren. - -Sie traten auf einen offenen Platz hinaus. Hier umfing sie die Sonne -mit ihren weißen weichen Strahlen und befreite sie vom letzten Hauche -klammer, dumpfer Luft aus den kleinen Gassen, die sie durchwandert -hatten. Jenseits des Platzes war der Erdboden kreuz und quer zerwühlt, -Berge von Schutt und Müll und Stapel alten Gerölls lagen einträchtig -beieinander. Alte, verfallene Häuser, zum Teil halb niedergerissen mit -gähnenden Höhlen, vervollständigten in Gemeinschaft mit antiken Ruinen -das Bild der Verwüstung. - -An einigen zerstreut liegenden Gebäuden vorbei, die verlassen standen, -als habe man nur vergessen, sie niederzureißen, gelangten Jenny und -Helge auf den Platz am Vestatempel. Hier lag die große neue Dampfmühle -und dort das schöne alte Kirchlein mit seiner Säulenhalle und dem -schlanken Glockenturm. Und im Hintergrunde stieg der Aventinerhügel -klar zum sonnigen Himmel empor, mit den Klöstern auf dem Gipfel, -staubiggrauen Bogen namenloser Ruinen in den Gärten auf den Hängen, -überwuchert von schwarzem Efeu, grauem kahlen Dorngebüsch und gelbem, -winterwelken Gras. - -Immer wieder hatten diese Ruinen ihn enttäuscht, in Deutschland wie -in Florenz. Er hatte von ihnen gelesen und sie im Geiste mit einem -romantischen Rahmen aus grünem Laub umgeben. Blumen sah er in den -Mauerspalten blühen, wie auf alten Kupferstichen oder Theaterkulissen. -In Wirklichkeit waren sie schmutzig und verstaubt; vergilbtes Papier, -zerbeulte Blechbüchsen, schmutziger Abfall hatte sich ringsum -angesammelt, rauhe, winterliche Luft entströmte dem Gemäuer. Die -einzige Vegetation des Südens bildeten grauschwarzes Immergrün, nacktes -dorniges Gebüsch und das welke, farblose Gras. - -An diesem sonnigen, durchsichtigen Morgen aber wurde es ihm plötzlich -klar, daß sie, betrachtete man sie mit den rechten Augen, dennoch schön -sein konnten. -- - -Hinter der Kirche schlug Jenny einen Weg ein, der zwischen Gärten -hindurch führte. Pinien ragten dahinter auf und der Efeu fiel in losen -Ranken über die Mauern. Sie machte Halt und entzündete eine Zigarette. - -„Ja,“ erklärte sie, „ich bin dem Tabak verfallen, doch Cesca verträgt -das Rauchen nicht, ihres Herzens wegen, darum muß ich mich mäßigen, -wenn sie dabei ist; hier draußen dampfe ich wie eine Lokomotive -- da -sind wir.“ - -Ein kleines gelbes Haus lag vor ihnen, von einem Reisiggitter -eingezäunt. Im Garten standen ein Tisch und Bänke unter zwei großen, -kahlen Ulmen, und eine Laube, aus Binsen geflochten. Jenny begrüßte -vertraulich ein altes Weib, das in die Tür getreten war. - -„Wie wär’s mit einem Frühstück, Kandidat Gram --?“ - -„Kein übler Gedanke. Vielleicht etwas starken Kaffee -- und Brot und -Butter --.“ - -„Gott segne Sie -- Kaffee! und Butter! Eier und Brot und Wein -- Salat -und Käse vielleicht --. Ja, sie hat Käse, sagt sie. Wieviele Eier -möchten Sie haben?“ - -Während die Frau den Tisch deckte, brachte Jenny Staffelei und Malgerät -heraus. Ihren langen blauen Abendmantel vertauschte sie gegen eine von -Oelfarbenflecken bedeckte Wetterjacke. - -„Darf ich mir Ihr Bild anschauen?“ fragte Helge. - -„Ja, -- ich werde wohl das Grün abtönen müssen, es liegt so hart auf. -Bis jetzt ist kein rechtes Licht über dem Ganzen. Der Hintergrund ist, -glaube ich, gut.“ - -Helge betrachtete das kleine Bild, auf dem die Bäume wie große grüne -Flecken standen. Er konnte nichts Besonderes daran finden. - -„Ah, das Essen steht bereit! Sie kriegt sie an den Kopf, wenn sie -hartgekocht sind. -- Nein, Gottseigelobt!“ - -Helge war nicht hungrig. Jedenfalls brannte ihm jetzt der Hals von dem -sauren, weißen Wein, und das ungesalzene trockene Brot konnte er kaum -herunterbringen. Jenny zermalmte große Stücke davon zwischen ihren -weißen Zähnen, stopfte kleine Bissen Parmesankäse dazu in den Mund und -trank Wein, denn drei Eiern hatte sie bereits den Garaus gemacht. - -„Daß Sie das gräßliche Brot so trocken essen können,“ sagte Helge. - -Sie lachte: - -„Ich finde dieses Brot so gut. Butter habe ich kaum zu sehen bekommen, -seit ich von Kristiania fort bin. Die pflegen Cesca und ich nur für -Gesellschaften zu kaufen. Wir müssen nämlich sparen, sehen Sie.“ - -Er lachte auch: - -„Was nennen Sie sparen -- Perlen und Korallen --.“ - -„Ach, -- das ist Luxus --. Ich finde beinahe, das ist das Notwendigste --- ein wenig jedenfalls. Nein, wir wohnen billig und essen billig, -kaufen Seidenschärpen und trinken ein paar Wochen lang des Abends Tee -und genießen trockenes Brot und Rettiche dazu.“ - -Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und entzündete eine neue Zigarette. Das -Kinn auf die Hand gestützt, saß sie und sah hinaus: - -„Nein, Kandidat Gram. Sehen Sie -- hungern -- ja, ich habe das niemals -erleben müssen, aber es kann ja noch einmal kommen. -- Heggen zum -Beispiel hat es durchgemacht -- und doch gibt er mir Recht. Es ist -besser, zu wenig vom Notwendigen zu haben, als niemals etwas von dem, -was eigentlich überflüssig ist. Das Ueberflüssige, eben das ist es, -wofür man arbeitet, wonach man sich sehnt --. - -Daheim bei meiner Mutter -- da hatten wir das dringend Notwendige ja -immer -- freilich. Aber nichts darüber. Das mußte eben so sein -- die -Kinder sollten ja Essen haben.“ - -Helge lächelte ein wenig unsicher: - -„Ich kann mir Sie gar nicht als einen Menschen denken, der jemals die -Bekanntschaft mit -- mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten gemacht hat!“ - -„Wieso?“ - -„Nein, Sie sind so unverzagt, so frei und sicher. Wenn man in engen -Verhältnissen aufgewachsen ist, wo man nichts anderes hört als Sparen, -da wagt man es bald nicht mehr, sich Anschauungen zuzulegen -- in -weiterem Sinne. Es ist peinlich, zu wissen, daß der Mammon alles -regiert und daß man Mittel besitzen muß, will man sich Pläne und eine -eigene Meinung gestatten.“ - -Jenny nickte nachdenklich. - -„Das braucht man nicht, wenn man gesund und frisch ist und etwas kann.“ - -„Nun zum Beispiel ich. Ich habe immer geglaubt, ich hätte die -Fähigkeiten zu wissenschaftlicher Arbeit. Das ist das einzige Ziel, das -ich mir gesetzt. Ich habe einige kleine Bücher geschrieben -- etwas -ganz Populäres natürlich; jetzt arbeite ich jedoch an einer Abhandlung: -das Bronzezeitalter in Südeuropa. Ich bin aber Lehrer und habe eine -sehr gute Stellung. Bin Leiter einer Privatschule.“ - -„Jetzt sind Sie aber doch hierher gekommen, um zu arbeiten, wenn ich -Sie heute Morgen recht verstand,“ sagte sie lächelnd. - -Helge antwortete nicht darauf: - -„So erging es meinem Vater auch. Er wollte Maler werden -- das Einzige, -wozu er Lust hatte. Er hielt sich auch ein Jahr lang hier auf. Dann -verheiratete er sich. Jetzt hat er nun eine lithographische Werkstätte --- hat sie sechsundzwanzig Jahre hindurch in Gang gehalten, zum Teil -unter großen Schwierigkeiten -- Ich glaube nicht, daß er der Meinung -ist, er habe viel vom Leben gehabt.“ - -Jenny sah gedankenvoll in den Sonnenschein hinaus. In der Senkung -ihnen zu Füßen wuchsen Küchengemüse in Reihen mit kleinen bescheidenen -Blätterbüscheln über der grauen Erde. Draußen über den grünen Wiesen -leuchteten die Ruinen auf dem Palatin, gelbschimmernd in dem dunklen -Laub. Der Tag versprach warm zu werden. Die Albanerberge drüben hinter -den Pinien der fernen Villengärten lagen in dämmrigem Dunst unter dem -tauigen Blau des Himmels. - -„Aber -- Kandidat Gram.“ Sie nippte an ihrem Glase, den Blick -noch immer in die Ferne gerichtet. Helge folgte mit den Augen dem -lichtblauen Rauch ihrer Zigarette -- ein kleiner Lufthauch erfaßte -diesen und wirbelte ihn hinaus in die Sonne. Jenny hatte das eine -Bein über das andere geschlagen -- über den ausgeschnittenen -perlenbestickten Schuhen erschienen die schmalen Knöchel in dünnen -violetten Strümpfen. Die Wetterjacke stand offen über dem faltigen, -silbergrauen Kleide mit dem weißen Kragen und über dem Perlenband, -welches rosenrote Lichtflecken auf ihren milchweißen Hals warf. Die -Pelzmütze auf dem blonden, welligen Haar war weit zurückgeglitten. - -„So haben Sie jedenfalls eine Stütze an Ihrem Vater -- er versteht Sie -und weiß, daß Sie nicht an die Schule gefesselt sein dürfen, da Ihnen -eine andere Arbeit am Herzen liegt?“ - -„Das weiß ich nicht. Er freute sich zwar sehr, daß ich Gelegenheit -hatte, ins Ausland zu kommen. Aber --“ Helge zögerte, „sehr vertraut -miteinander sind mein Vater und ich nie gewesen. Meine Mutter dagegen -quälte mich mit ihrer ständigen Sorge, daß ich mich überanstrengen -könnte, daß meine Zukunft nicht genügend gesichert sei. Und meiner -Mutter widerspricht mein Vater nicht. Sie sind grundverschieden, Vater -und Mutter. Sie hat ihn wohl nie verstanden. So überschüttete sie dann -uns Kinder mit ihrer heißen Liebe -- in meiner Kindheit war sie mir -unendlich viel -- doch diese Liebe begleitete eine blinde Eifersucht. -Mutter fürchtete sogar, daß Vater mehr Einfluß auf mich gewinnen könne -als sie. Auch auf meine Arbeit war sie eifersüchtig, weil ich mich -abends einschloß, um zu studieren und zu schreiben, wissen Sie. Sie -sorgte sich, wie gesagt, um meine Gesundheit und fürchtete, daß ich den -Einfall bekommen könne, meinen Posten aufzugeben --.“ - -Jenny nickte einige Male gedankenvoll. - -„Der Brief, den ich eben holte, war von ihnen.“ Helge zog ihn hervor -und betrachtete ihn, öffnete ihn jedoch nicht. -- „Heut ist nämlich -mein Geburtstag,“ sagte er und versuchte ein Lächeln. „Ich werde heute -sechsundzwanzig.“ - -„Ich gratuliere.“ Jenny reichte ihm die Hand. - -Der Blick, den sie auf ihn richtete, war so, wie wenn sie Franziska zu -betrachten pflegte, wenn diese sich an sie schmiegte. - -Sie hatte bisher noch nicht auf Grams Aussehen geachtet, hatte nur den -Eindruck, daß er groß und fein gebaut und dunkel war, und daß er einen -kleinen Spitzbart trug. Eigentlich hatte er hübsche regelmäßige Züge -und eine hohe, etwas schmale Stirn. Seine Augen waren hellbraun, mit -einem eigenen durchsichtigen Bernsteinglanz, der kleine Mund unter dem -Schnurrbart war weich und fein, er zeigte eine leise Wehmut. - -„Ich verstehe Sie so gut,“ sagte sie plötzlich „Ich kenne das. Ich -war selbst Lehrerin bis Weihnachten vorigen Jahres. Ich kam fort als -Erzieherin und blieb dabei, bis ich alt genug war, um im Seminar -anzufangen.“ Sie lachte etwas verlegen. „Ich reiste fort -- gab meine -Stellung an der Volksschule auf -- da ich eine Kleinigkeit von einer -Tante meines Vaters erbte. Ich habe ausgerechnet, es kann etwa drei -Jahre reichen -- vielleicht auch länger -- und wenn ich etwas verkaufen -kann --. Aber meine Mutter war natürlich nicht damit einverstanden, daß -ich die ganze Summe aufbrauchen wollte. Und daß ich kündigte, nachdem -ich endlich nach all den Jahren, in denen ich mich mit Vertretungen -und Privatschülern abgeplagt hatte, fest angestellt worden war. -Ein festes Einkommen, -- das halten die Mütter ja immer für das -Wichtigste --.“ - -„Ich glaube fast, daß ich es in Ihrer Stelle nicht gewagt hätte, so -alle Brücken hinter mir abzubrechen --. Ich weiß sehr wohl, es ist der -Einfluß meines Vaterhauses. Ich wäre die Angst nicht losgeworden, wovon -ich leben sollte, wenn das Geld verbraucht sein würde.“ - -„Kleinigkeit,“ sagte Jenny. „Ich bin ja frisch und stark und kann -sehr viel. Nähen, kochen und plätten und waschen. Auch Sprachen. In -Amerika oder England kann ich immer Arbeit bekommen. Als Malerin, -glaube ich, wird man dort viel zu tun finden. Franziska“ -- sie lachte -in die Sonne hinaus -- „sie meint, wir sollten nach Südafrika reisen -und Milchmädchen werden. Und dann wollen wir Akte bei den Zulukaffern -zeichnen -- es sollen ganz prachtvolle Modelle sein.“ - -„Der Gedanke ist durchaus nicht übel. Entfernungen rechnen Sie also -nicht als wesentliches Hindernis --.“ - -„Nein, ganz und gar nicht --. Ach ja, ich rede. Natürlich, in all den -Jahren daheim meinte ich, daß es ganz unmöglich sei, hinauszukommen --- allein nach Kopenhagen, dort sich eine kurze Zeit aufzuhalten und -nichts anderes zu tun als zu lernen und zu malen. Ich hatte natürlich -starkes Herzklopfen, als ich mich entschloß, alles aufzugeben und zu -reisen. Alle meine Angehörigen fanden es wahnsinnig. Und das wirkte -wohl auf mich. -- Aber dann wollte ich erst recht. Malen ist ja das -Einzige, wozu ich immer Lust hatte, und ich begriff, daß ich zu Haus -niemals so intensiv würde arbeiten können, wie es nötig wäre -- da -lenkte mich so vieles ab. Aber Mama konnte es einfach nicht begreifen, -daß ich sofort mit dem Studium beginnen müsse, wollte ich noch etwas -lernen, da ich nicht mehr die Jüngste war. Meine Mutter ist nämlich nur -neunzehn Jahre älter als ich. Als ich elf Jahre alt war, heiratete sie -zum zweiten Male, und das brachte ihre Jugend zurück --. - -Das ist ja eben das Wunderbare, wenn man in die Welt geht -- -jede Beeinflussung durch Menschen, mit denen man zufällig daheim -zusammenlebt, hört auf. Man muß mit seinen eigenen Augen sehen und -selbständig denken. Wir lernen begreifen, daß es ganz von uns selbst -abhängt, was diese Reise uns gibt -- was wir zu sehen und zu erfassen -vermögen, in welche Lage wir uns bringen und unter wessen Einfluß -wir uns freiwillig begeben. Man lernt verstehen, daß es von einem -selbst abhängt, wieviel das Leben uns entgegenbringt. Ja, gewiß, ein -wenig auch von den Umständen, wie Sie vorher einmal sagten. Aber man -entdeckt bald, wie man die Hindernisse nach seiner Veranlagung am -leichtesten überwindet oder sie umgeht -- sowohl auf Reisen wie auch -im allgemeinen. Man sieht ja, daß man sich all das Schwere, das einem -begegnet, immer selbst eingebrockt hat. - -In seinem Heim ist man ja niemals allein, nicht wahr, Gram? Das eben -ist das Beste am Reisen, finde ich -- allein mit sich sein, nicht immer -jemand um sich haben, der einem helfen oder über einen bestimmen will. --- Das Gute, das man seinem Zuhause verdankt, kann man doch nicht sehen -und schätzen, ehe man nicht fort gewesen ist. Man weiß, daß man nie -wieder davon abhängig wird, wenn man erst einmal selbständig geworden -ist. Man kann nicht eher Freude daran haben -- ja man kann überhaupt -keine Freude an etwas haben, von dem man abhängt?“ - -„Ich weiß nicht. Man ist doch immer abhängig von dem, das man lieb hat? -Sie sind doch abhängig von Ihrer Arbeit? -- Und wenn man einen anderen -Menschen liebt,“ sagte er leise, „ist man dann nicht völlig abhängig?“ - -„Ja, ja.“ Sie überlegte. „Aber da hat man selbst gewählt,“ sagte -sie schnell. „Ich meine, man ist dann kein Sklave, man dient dann -freiwillig irgend jemandem oder irgendeiner Sache, die man höher -bewertet als sich selbst. -- Freuen Sie sich nicht, daß Sie ihr neues -Jahr allein beginnen werden, frei und frank -- nur arbeiten, was Sie -selbst gern wollen?“ - -Helge dachte an den vergangenen Abend auf dem Petersplatz. Er sah -hinaus über die fremde Stadt, sah die gedämpften, grauverschleierten -Farben in der Sonne, und das fremde, blonde Mädchen. - -„Ja,“ sagte er. - -„Ja.“ Sie erhob sich, knöpfte ihre Jacke zu und öffnete den Malkasten. -„Nun muß ich aber fleißig sein.“ - -„Sie wollen mich wohl nun los sein?“ - -Jenny lächelte: „Sie sind doch jetzt sicherlich müde?“ - -„Oh nein. Ich möchte aber zahlen --.“ - -Sie rief die Frau und stellte ihm seine Rechnung auf, während sie -gleichzeitig Farben auf der Palette ausdrückte. - -„Glauben Sie nun, daß Sie zur Stadt zurückfinden?“ - -„Ja. Ich merkte mir genau, welchen Weg wir gingen. Und später finde ich -schon einen Wagen. -- Kommen Sie jemals in den Verein?“ - -„Oh ja, mitunter.“ - -„Ich möchte Sie sehr gern wiedersehen, Fräulein Winge.“ - -„Das werden Sie auch sicherlich.“ Sie überlegte einen Augenblick. „Wenn -Sie Lust haben -- können Sie uns dann nicht besuchen -- zum Tee? Wir -wohnen in der Via Vantaggio 111 -- Cesca und ich sind des Nachmittags -immer daheim.“ - -„Ich danke Ihnen.“ Er zauderte ein wenig. „Nun, dann schönen Guten -Morgen! Und vielen Dank für diese Nacht!“ - -Er reichte ihr die Hand. Sie gab ihm ihre schmale, magere: „Auch ich -danke.“ - -Als er sich in der Gartentür umwandte, stand sie und schabte mit dem -Palettmesser auf der Leinwand. Sie summte -- es war die Weise von heut -Nacht, die ihm nun so vertraut schien. Er summt sie selbst, während er -zur Stadt hinunter ging. - - - - -IV. - - -Jenny zog die Arme unter der Decke hervor und verschränkte sie im -Nacken. Es war eiskalt im Zimmer und finster; nicht ein Streifen -Tageslicht fiel durch die Läden. Sie entzündete ein Streichholz und sah -nach der Uhr -- gleich sieben. Ein wenig konnte sie noch liegen und -faulenzen; sie kroch wieder ganz unter die Decke und bohrte die Wange -ins Kopfkissen. - -„Jenny -- schläfst du?“ Franziska öffnete die Tür, ohne anzuklopfen. -Sie kam an das Bett heran, tastete im Dunkeln nach der Freundin Gesicht -und streichelte sie: „Müde?“ - -„Gar nicht. Jetzt werde ich aufstehen.“ - -„Wann kamst du nach Haus?“ - -„Gegen drei. Ich war draußen in Prati und badete vor dem Mittag, und -dann aß ich dort bei der Ripetta, weißt Du? Als ich heimkam, legte ich -mich hin. Ich bin jetzt völlig ausgeschlafen -- nun will ich aufstehen!“ - -„Wart noch ein wenig, hier ist es so kalt; ich werde etwas bei Dir -einheizen.“ Franziska zündete die Lampe auf dem Tische an. - -„Du brauchst doch nur nach der Signora zu rufen -- nein, aber Cesca, -komm her, darf ich sehen?“ Jenny setzte sich im Bett aufrecht. - -Franziska stellte die Lampe auf das Nachttischchen und drehte sich im -Licht langsam um sich selbst. - -Sie hatte eine weiße Spitzenbluse zu ihrem grünen Rock angezogen und -eine bronzefarbene Seidenschärpe mit pfauenblauen Streifen um die -Schultern geschlungen. Rund um den Hals lagen die großen tiefroten -Korallen in doppelter Reihe und lange, geschliffene Ohrgehänge tropften -auf ihre gelblichweiße Haut herab. Lächelnd schob Franziska das Haar -zur Seite, um zu zeigen, daß sie mit einem Faden Stoffgarn an den Ohren -festgebunden waren. - -„Denk’ dir, ich bekam sie für sechsundachtzig Lire -- ist das nicht -großartig -- nun, wie stehen sie mir?“ - -„Hervorragend. Das Kostüm ist fabelhaft. -- Du, ich hätte Lust, dich -darin zu malen.“ - -„Ja. Ich könnte jetzt gut für dich sitzen. Ich habe nicht die Ruhe -in mir, am Tage etwas zu tun. Ach du, Jenny --.“ Sie seufzte leise -und setzte sich auf die Bettkante. „Nein, ich muß jetzt nach dem Ofen -sehen.“ - -Sie kam zurück mit einem steinernen Krug voll Glut und hockte sich vor -dem kleinen Ofen nieder. - -„Bleib nur liegen, Jenny, bis es hier warm geworden ist. Ich werde -schon das Bett machen, auch den Tisch decken und den Tee kochen. -- Ah, -du hast deine Studie mit heimgebracht -- laß mich sehen!“ - -Sie stellte das Studienbrett gegen einen Stuhl und beleuchtete das Bild: - -„Aber, nein!“ - -„Es ist nicht übel, findest du nicht? -- Ich will noch einige Skizzen -dort draußen machen -- ich plane ein großes Bild; ist das Motiv nicht -gut -- mit all den Arbeitsleuten und Maultierkarren dort unten im -Ausgrabungsfeld?“ - -„Ja, weißt du, -- daraus müßtest du doch etwas machen können. Ich -freue mich darauf, Gunnar und Ahlin dies hier zu zeigen: Aber du bist -aufgestanden? Jenny, laß mich dein Haar kämmen! Gott, was hast du doch -für Haar, Mädel. Darf ich nicht einmal versuchen, es auf moderne Art zu -frisieren, so mit Locken? Bitte!“ - -Franziska ließ das lange blonde Haar durch ihre Finger gleiten. „Sitz’ -ruhig. Ein Brief ist heut Morgen für dich gekommen -- ich nahm ihn mit -herauf; fandest du ihn? Er war von deinem kleinen Bruder, nicht wahr?“ - -„Ja,“ sagte Jenny und lachte. - -„War der Brief fröhlich -- hast du dich gefreut?“ - -„Du kannst glauben, der war vergnügt. Ach, Cesca, mitunter wünschte -ich, daß ich nur so einen Sonntag Vormittag, weißt du -- einen kleinen -Abstecher nach Hause machen könnte, um mit Kalfatrus über Nordmarken -spazieren zu gehen. Er ist wirklich ein guter Kerl, weißt du.“ - -Franziska betrachtete Jennys lächelndes Gesicht im Spiegel. Darauf nahm -sie das Haar wieder herunter und begann aufs neue, es zu bürsten. - -„Nein, Cesca -- wir haben doch keine Zeit.“ - -„Natürlich. Kommen sie zu früh, dann können sie ja zu mir hineingehen. -Da sieht es freilich aus wie in einer Rumpelkammer, aber meinetwegen. -Uebrigens -- die kommen nicht so früh. Gunnar wenigstens nicht -- und -vor ihm geniere ich mich wahrhaftig nicht. Vor Ahlin übrigens auch -nicht. Ah richtig, er war heute Mittag bei mir -- ich lag im Bett, -während er saß und plauderte. Als ich mich ankleiden wollte, schickte -ich ihn auf den Balkon hinaus. Wir gingen dann fort und aßen vornehm -auf ~Tre Re~. Den ganzen Nachmittag sind wir zusammen gewesen.“ - -Jenny schwieg. - -„Wir sahen Gram drinnen auf Nazionale. Uh, Jenny, er war schauderhaft. -Ist dir etwas Schlimmeres je begegnet?“ - -„Ich finde ihn durchaus nicht so schauderhaft. Er ist nur unbeholfen, -der arme Kerl. Genau so wie ich im Anfang war. Einer von den Menschen, -die gern fröhlich sein wollen und nicht können.“ - -„Ich kam heute Vormittag mit dem Zug aus Florenz,“ äffte Franziska nach -und lachte. „Puh. Wäre er dann wenigstens im Flugzeug gekommen!“ - -„Du warst recht ungezogen gegen ihn, mein Kind. Das darfst du nicht. -Eigentlich hätte ich Lust gehabt, ihn heute Abend zu uns einzuladen. -Ich wagte es aber deinetwegen nicht -- ich wollte mich nicht der Gefahr -aussetzen, daß du gegen meinen Gast unhöflich bist.“ - -„Der Gefahr hättest du dich durchaus nicht ausgesetzt. Das weißt du -sehr gut.“ Franziska war gekränkt. - -„Besinnst du dich auf den Abend, als ich Douglas mit zu mir genommen -hatte zum Tee?“ - -„Nach der Geschichte mit dem Modell -- danke ergebenst!“ - -„Herrgott. Was ging das im übrigen dich an?“ - -„So, meinst du nicht? Nachdem er um mich angehalten hatte? Und ich -sozusagen entschlossen war, ihn zu nehmen?“ - -„Das konnte er schwerlich ahnen,“ sagte Jenny. - -„Ich hatte jedenfalls nicht bestimmt Nein gesagt. Am Tage vorher war -ich mit ihm draußen in Versailles. Und da hatte er mich viele, viele -Male küssen und unten im Park seinen Kopf in meine Arme legen dürfen. -Und wenn ich ihm sagte, daß ich ihm nicht gut sei, dann glaube er es -nicht, meinte er.“ - -„Cesca.“ Jenny fing ihre Augen im Spiegel ein. „All das hat ja keinen -Sinn. Du bist das allerbeste kleine Ding auf der Welt, wenn du richtig -überlegst. Manchmal ist es aber, als sähest du nicht, daß es +Menschen+ -sind, die du vor dir hast. Menschen mit Gefühlen, auf die du Rücksicht -nehmen +mußt+. Du +würdest+ auch Rücksicht nehmen, wenn du nur -nachdächtest. Du +willst+ ja doch nur lieb und gut sein.“ - -„~Per bacco.~ Bist du dessen so sicher? Ach, nun sollst du aber einen -Strauß Rosen sehen. Ahlin kaufte gestern Abend ein Bukett für mich an -der Spanischen Treppe.“ Cesca lächelte trotzig. - -„Ich finde, du solltest dergleichen zu verhindern suchen. Unter anderem -schon, weil du weißt, Ahlin hat nicht die Mittel dazu.“ - -„Geht denn das mich etwas an? Wenn er verliebt in mich ist, so macht -ihm das sicher Freude.“ - -„Ich will gar nicht von deinem Ruf sprechen. Der leidet durch diese -ewigen Geschichten!“ - -„Reden wir nicht über meinen Ruf, das lohnt nicht. Aber du hast bitter -wahr gesprochen. Meinen Ruf daheim in Kristiania -- den habe ich ein -für allemal gründlich zunichtegemacht.“ Sie lachte hysterisch. „Was -schert es mich aber! Ich lache darüber.“ - -„Cesca, Geliebte. Ich begreife nicht -- du machst dir ja aus keinem -dieser Landsleute etwas. Warum also. Und das mit Ahlin. Kannst du denn -nicht begreifen -- daß es ihm Ernst ist? Auch Norman Douglas war es -Ernst. Du weißt nicht, was du tust. Ich glaube, Gott helfe mir, du hast -keinen Instinkt, Kind.“ - -Franziska legte Kamm und Bürste beiseite und betrachtete Jennys -frisierten Kopf im Spiegel. Sie suchte ihr herausforderndes kleines -Lächeln festzuhalten. Es welkte jedoch dahin -- ihre Augen füllten sich -mit Tränen. - -„Auch ich bekam heute morgen einen Brief.“ Ihre Stimme zitterte. Jenny -erhob sich. „Aus Berlin -- von Borghild. -- Willst du dich nicht erst -fertigmachen, Jenny? Soll ich jetzt das Teewasser aufsetzen oder erst -die Artischocken kochen? Sie kommen wohl bald?“ - -Sie huschte hin und her, und begann, das Bett in Ordnung zu bringen. - -„Wir könnten ja auch Marietta rufen -- aber wir machen es lieber -selbst, nicht wahr Jenny?“ - -„Also -- sie schreibt, Hans Hermann hat sich verheiratet. Vorige Woche. -Es ist sicher schon sehr weit.“ - -Jenny legte die Streichholzschachtel beiseite, während sie ängstlich zu -Franziskas weißem Gesicht hinübersah. Darauf schritt sie behutsam auf -sie zu. - -„Ja, es ist also die, mit der er verlobt war, weißt du. Diese Sängerin --- Berit Eck.“ Franziska sprach mit leiser erloschener Stimme. Einen -Augenblick beugte sie sich zur Freundin hinüber. Dann begann sie -wieder, mit ihren zitternden Händen das Laken wegzustopfen. - -Jenny rührte sich nicht. - -„Nun -- du wußtest ja, daß sie verlobt waren -- schon seit einem Jahre.“ - -„Ja.“ - -Jenny deckte still den Tisch für vier Personen. Franziska breitete die -Decke über das Bett und holte die Rosen herbei. Sie stand und nestelte -an ihrem Blusenausschnitt, zog einen Briefumschlag hervor und drehte -ihn zwischen den Fingern. - -„Sie hatte die beiden im Tiergarten getroffen, schreibt sie. Sie -schreibt ... Oh, sie kann so brutal sein, die Borghild.“ Franziska -sprang zum Ofen, riß die Tür auf -- und warf den Brief ins Feuer. -Darauf sank sie in einem Lehnstuhl zusammen und brach in ein -bitterliches Weinen aus. - -Jenny legte ihren Arm um ihren Nacken: - -„Cesca, meine liebe kleine Cesca!“ - -Franziska preßte ihr Gesicht gegen Jennys Arm. - -„Uebrigens sah sie so elend aus, das arme Ding. Sie ging und hing in -seinem Arm, und er schaute verärgert und böse drein. Ja, das kann ich -mir lebhaft vorstellen. Ach Gott, das arme, arme Wesen -- sich in eine -solche Lage zu bringen, daß sie auf diese Weise von ihm abhängig wird --- er hat sie sicherlich auf den Knien zu sich kriechen lassen. -- Daß -sie so wahnsinnig sein konnte, wo sie ihn doch kannte. Aber zu denken, -Jenny, daß er ein Kind von einer anderen haben soll -- ach Gott, ach -Gott, ach Gott.“ - -Jenny hatte sich auf die Stuhllehne gesetzt. Cesca schmiegte sich an -sie: - -„Nein, ich besitze scheinbar keinen Instinkt, wie du sagtest. -Vielleicht habe ich ihn nicht einmal wirklich geliebt. Und doch hätte -ich so gern ein Kind von ihm gehabt. Doch dann vermochte ich nicht, -mich dazu zu entschließen. -- Mitunter wollte er, daß wir heiraten -sollten -- ohne weiteres zum Standesamt gehen. Nein, ich wollte nicht. -Zu Hause wären sie böse geworden. Die Leute hätten sicher gedacht, daß -wir uns heiraten +müßten+! Und das wollte ich auch nicht. Sie glaubten -ja trotzdem schon das Schlimmste. Aber das war mir gleichgültig. Ich -wußte sehr wohl, ich machte meinen Ruf zuschanden um seinetwillen. Doch -daraus machte ich mir nichts. Begreifst du das -- ich war gleichgültig. -Aber Hans dachte, ich weigerte mich aus Angst, er würde mich hinterher -nicht heiraten. Dann laß uns erst zum Standesamt gehen, verdammtes -Mädel, sagte er. Aber ich wollte nicht. Er glaubte, das Ganze sei -nur Berechnung gewesen. Du Eiszapfen, sagte er. Aber, bei Gott, du -verstellst dich nur. Mitunter glaubte ich auch, daß ich keiner sei. -Vielleicht war ich nur deshalb so ängstlich, weil er so brutal war. Er -schlug mich oft -- riß mir beinahe die Kleider vom Körper; ich mußte -kratzen und beißen, um loszukommen -- heulen und weinen.“ - -„Und doch gingst du immer wieder zu ihm?“ fragte Jenny leise. - -„Ja. Die Portierfrau wollte nicht mehr bei ihm aufräumen. So ging ich -hinauf und tat es. Ich hatte die Schlüssel zu seinen Zimmern. Ich -wischte auf und machte das Bett -- Gott weiß, wer dort mit ihm gelegen -hatte.“ - -Jenny schüttelte den Kopf. - -„Borghild war rasend darüber. Sie war es, die mir bewies, daß er eine -Geliebte hatte. Ich wußte wohl etwas -- aber ich wollte gar keine -Gewißheit haben! Borghild behauptete, er hätte mir nur die Schlüssel -gegeben, damit ich kommen und sie überraschen sollte. Aus Eifersucht -sollte ich mich ihm geben, da ich ja doch schon kompromittiert sei. -Aber darin irrte sie. +Mich+ liebte er -- auf seine Weise. Er +hatte+ -mich lieb, Jenny, so wie er es vermochte. Aber Borghild war so erzürnt, -weil ich den Diamantring von der Urgroßmutter Rustung versetzte. Ach, -das habe ich dir niemals erzählt.“ - -Sie richtete sich auf und lachte leise. - -„Ja, siehst du, er +brauchte+ Geld. Hundert Kronen. Ich versprach ihm, -er sollte sie von mir erhalten. Ich ahnte nicht, woher sie nehmen. Papa -wagte ich nicht um einen Oere zu bitten -- ich hatte schon allzuviel -verbraucht. So ging ich denn hin und versetzte -- meine Uhr und ein -goldenes Kettenarmband und dann den Diamantring; einen ganz alten, du -weißt, mit vielen kleinen Diamanten auf einer größeren Platte. Borghild -war rasend, weil sie ihn nicht bekommen hatte, denn sie war doch die -älteste, aber Großmutter hatte ausdrücklich gesagt, ich sollte ihn -haben, weil ich nach ihr genannt war. Ich ging also eines Morgens hin, -gleich nachdem geöffnet worden war. Es war ein peinlicher Augenblick. -Aber ich bekam doch das Geld und ging hinauf zu Hans. Er fragte, -auf welche Weise ich es beschafft hätte, und ich sagte es ihm. Dafür -küßte er mich. ‚Dann‘, sagte er, ‚gib mir den Leihschein und das Geld, -Pussel‘ -- so nannte er mich immer. Ich gab ihm beides -- ich glaubte -ja, er wolle die Sachen wieder einlösen, und ich sagte, das dürfe er -nicht; ich war sehr gerührt, siehst du. Ich kann es auf andere Weise -in Ordnung bringen, sagte Hans, und dann nahm er es und ging. Ich saß -bei ihm oben und wartete -- oh, ich war so gerührt, denn ich wußte, er -brauchte das Geld. Ich wollte am nächsten Tage hingehen und es wieder -versetzen -- ich empfand es nicht mehr als unangenehm, überhaupt nichts -würde mir peinlich sein; ich wollte ihm alles herbeischaffen, was er -brauchte. Dann kam er zurück -- weißt du, was er getan hatte“ -- sie -lachte unter Tränen -- „es in der Volksbank eingelöst und bei einem -Privatbankier in Pfand gegeben, wie er sagte. Dort bekam er viel mehr. - -Wir bummelten den ganzen darauffolgenden Tag zusammen, siehst du. -Champagner und alles Mögliche! Dann blieb ich des Nachts auf, und er -spielte -- spielte -- du großer Gott! Ich lag auf dem Fußboden und -heulte. Mir war alles gleich, wenn er nur so spielte -- und für mich -allein. Ach, du hast ihn nicht spielen hören, du -- dann würdest du -alles verstehen. Aber danach! Das war eine Geschichte. Wir kämpften -auf Leben und Tod. Aber ich entkam ihm doch. Borghild lag wach, als -ich heim kam. Mein Kleid war ganz in Fetzen gerissen. -- Du siehst aus -wie ein Straßenmädchen, sagte Borghild. So wirst du auch noch einmal -enden, sagte sie. Ich lachte nur. Die Uhr war fünf. - -Schließlich hätte ich mich ja auch ergeben, weißt du. Wäre da nicht -ein Hindernis gewesen. Mitunter sagte er: ‚Du bist, weiß der Teufel, -auch das einzige anständige Mädchen, das ich getroffen habe -- es gibt, -weiß Gott, nicht einen einzigen Mann, der dich herumbringen kann.‘ War -es nicht furchtbar? ‚Ich habe Achtung vor dir, Pussel!‘ Denk dir, er -hatte Achtung vor mir, weil ich das nicht tun wollte, worum er immer -gebettelt, weswegen er mir gedroht hatte. Ich, die ich immer wünschte, -ich hätte die Kraft -- ich wollte ja so gern alles tun, um ihm eine -Freude zu machen. Wenn ich nur über diesen Widerwillen hinweggekommen -wäre; er war so brutal -- und ich wußte, er hatte andere. Ich wünschte, -er sollte aufhören mich zu erschrecken -- dann hätte ich es gekonnt. -Aber dann wäre ich in seinen Augen eine Gefallene gewesen ... Deshalb -brach ich schließlich den Verkehr ab, weil er wollte, daß ich etwas tun -sollte, um dessentwillen er mich dann verachtet hätte.“ - -Sie schmiegte sich an Jenny und ließ sich streicheln. - -„Hast du mich lieb, Jenny?“ - -„Das weißt du ja -- Cesca, Liebes du!“ - -„Du bist so gut. Gib mir noch einen Kuß! Gunnar ist auch gut. Ahlin -auch. Ich werde auf mich achten -- du kannst dir doch denken -- ich -will ihm kein Leid zufügen. Uebrigens -- vielleicht heirate ich ihn. -Wenn er mir so gut ist! Ahlin würde nie brutal sein, das weiß ich. -Glaubst du, er würde mich quälen? Wohl kaum. Dann könnte ich Kinder -bekommen. Du weißt ja, ich erbe einmal. Und er ist so arm. Wir könnten -dann im Auslande leben. Ich würde immer arbeiten. Er auch. Du -- über -allen seinen Arbeiten liegt etwas ungemein Feines. Das Relief mit den -spielenden kleinen Knaben! Und der Entwurf zum Almquistmonument! Es ist -ja nicht so original in der Komposition, aber Herrgott, wie schön, wie -vornehm und ruhig und wie echt -- diese plastischen Figuren.“ - -Jenny lächelte fein und strich Franziska über das Haar -- es war an den -Seiten feucht geworden von ihren Tränen. - -„Wenn ich nur auch immer arbeiten könnte. Ach, aber Jenny. Diese ewigen -Stiche im Herzen. Und im Kopf. Die Augen schmerzen auch, Jenny -- ich -bin ja so totmüde.“ - -„Du weißt ja, was der Arzt sagt -- alles nur Nervosität. Wenn du nur -vernünftig sein wolltest.“ - -„Ja -- das sagen sie. Aber ich habe solche Furcht. Du sagst -- ich -hätte keinen Instinkt -- nicht so, wie du meinst. Aber auf andere -Weise. Ich bin häßlich gewesen in dieser Woche. Das weiß ich sehr -wohl. Aber ich ging umher und lauerte -- ich +fühlte+, daß etwas -Fürchterliches kommen würde. Und nun siehst du ja!“ - -Jenny küßte sie wieder. - -„Ich war unten in der St. Agostino-Kirche heut Abend. Du kennst das -wunderwirkende Madonnenbild. Ich kniete nieder und versuchte zur -Jungfrau Maria zu beten. Ich glaube, mir würde wohl sein, wenn ich -katholisch würde. Eine Frau wie die Jungfrau Maria zum Beispiel würde -das alles viel besser verstehen können. Ich dürfte mich im Grunde nicht -verheiraten, so, wie ich veranlagt bin. Ich könnte ins Kloster gehen --- nach Siena zum Beispiel. Ich könnte dann in der Galerie kopieren; -das Kloster würde auf diese Weise Geld verdienen. Als ich den Engel zum -Melozzo da Forli in Florenz malte, stand dort jeden Tag eine Nonne und -kopierte. Es wäre nicht das Schlimmste.“ Sie lachte. „Ja, das heißt, es -wäre geradezu schauderhaft. Aber sie sagten ja alle, meine Kopien seien -so gut gewesen. Und das stimmt. Ich glaube, ich würde dabei glücklich -werden können. ... Ach, Jenny -- wenn ich mich gesund fühlte! Wenn ich -da drinnen Frieden bekäme -- nicht so wirr und eingeschüchtert wäre -innerlich! Dann würde ich frisch, und könnte arbeiten, ohne Aufhören. -Ich würde so lieb und gut werden. Gott, wie lieb ich dann sein würde -... Ich bin nicht immer gut, das weiß ich wohl. Ich lasse mich von -meinen Stimmungen hinreißen, wenn ich in einem Zustande bin wie eben -jetzt. Aber das soll ein Ende haben -- wenn Ihr alle mich nur liebhaben -wollt. Besonders du. -- Wir wollen diesen Gram zu uns einladen -- wenn -ich ihn wiedertreffe, dann werde ich zu ihm gehen und so lieb und gut -zu ihm sein, wie du dirs gar nicht vorstellen kannst. Wir wollen ihn zu -uns einladen und ihn mitnehmen, wenn wir ausgehen; ich will gern Kopf -stehen, um ihm eine Freude zu machen. Hörst du, Jenny -- bist du nun -zufrieden mit mir?“ - -„Ja, Cesca.“ - -„Gunnar nimmt mich nicht ernst,“ sagte sie gedankenvoll. - -„Gewiß tut er das. Er findet nur, es ist oft so viel Kindisches an dir. -Du weißt, wie er über deine Arbeit denkt -- erinnerst du dich, was er -in Paris sagte, über deine Energie -- dein Talent? Fein und persönlich, -sagte er. Da nahm er dich wahrhaftig ernst genug.“ - -„Ja, gewiß. Gunnar ist übrigens ein prächtiger Kerl. -- Er war aber -doch böse über die Sache mit Douglas.“ - -„Jeder Mann wäre das gewesen. Ich wars auch.“ - -Franziska seufzte. Sie schwieg eine Weile. - -„Wie wurdest du diesen Gram gestern los? Ich glaubte, es würde dir nie -gelingen -- dachte, er wäre mit dir heim gegangen und hätte sich hier -aufs Sofa gelegt -- mindestens.“ - -Jenny lachte. - -„Nein. Er begleitete mich hinaus auf den Aventinerhügel und frühstückte -dort, und dann fuhr er nach Hause. Im übrigen -- ich mag ihn gut -leiden.“ - -„~Dio mio!~ Jenny, du bist abnorm in deiner Güte. Es muß doch eine -Grenze bei dir geben in deiner Rolle, Mutter für uns alle zu sein. Oder -bist du vielleicht in ihn verliebt?“ - -Jenny lachte wieder: - -„Kaum. Aber er wird sich auch in dich verlieben. Wenn du nicht ein -wenig vorsichtig bist.“ - -„Das tun sie ja alle miteinander. Gott weiß, aus welchem Grunde. Aber -es geht ja immer schnell wieder vorüber. Und hinterher werden sie dann -böse auf mich.“ Sie seufzte. - -Es kam jemand die Treppe herauf. - -„Das ist Gunnar. Ich gehe ein wenig zu mir herüber, ich muß meine Augen -kühlen.“ - -Sie schlüpfte hinaus und flüsterte Heggen, mit dem sie in der Tür -zusammentraf, einen „Guten Tag“ zu. Er trat ein und zog die Tür hinter -sich ins Schloß. - -„Du bist ~allright~, wie ich sehe, Jenny. Das bist du übrigens immer, -verteufeltes Menschenkind. Du hast natürlich den ganzen Vormittag -gearbeitet. Aber sie?“ Er machte mit dem Kopf eine bezeichnende -Bewegung gegen Cescas Zimmer. - -„Schlecht. Armes kleines Wesen.“ - -„Ich sah es in der Zeitung. Ich war oben im Verein auf dem Wege -hierher. Darf ich sehen -- bist du mit der Studie fertig? Aber hör mal, -die ist fein, Jenny --.“ - -Heggen hielt das Bild gegen das Licht und betrachtete es lange. - -„Fein, du. Dies hier -- das ist glänzend. Ich finde es sehr stark ... -Liegt sie jetzt wieder und weint?“ - -„Ich weiß es nicht. Sie saß hier drinnen und weinte. Die Schwester -schrieb es ihr.“ - -„Wenn ich dem Lump jemals begegne,“ sagte Heggen, „so werde ich wohl -immer einen Vorwand finden, um ihm eine gehörige Tracht Prügel zu -verabreichen.“ - - - - -V. - - -Helge Gram saß eines Nachmittags im Verein und brütete über den -norwegischen Zeitungen. Allein in dem dämmerigen Lesezimmer. Da kam -Franziska. - -Helge erhob sich und grüßte. Sie ging geradeswegs auf ihn zu und -reichte ihm lächelnd die Hand: - -„Nun, mein Lieber, was treiben Sie? Jenny und ich sprachen gerade von -Ihnen -- wir begriffen nicht, daß man Sie nicht sieht. Wir wollten am -Sonnabend hierher gehen und nach Ihnen schauen und Sie hinterher auf -einen kleinen Bummel mitnehmen. Haben Sie schon ein Zimmer?“ - -„Leider nein. Ich wohne noch im Hotel. Die Zimmer sind alle so -teuer --.“ - -„Im Hotel wird es auch nicht billiger! Sie geben doch mindestens -drei Franken pro Tag? Ja, das konnte ich mir denken. Rom ist nicht -billig, wissen Sie. Im Winter muß man ein sonniges Zimmer haben. Aber -freilich, Sie sprechen ja nicht Italienisch. Wären Sie doch nur zu uns -heraufgekommen -- Jenny und ich wären gern mit Ihnen gegangen, um etwas -anzusehen.“ - -„Vielen Dank -- aber damit konnte ich Sie doch wirklich nicht -behelligen!“ - -„Behelligen -- aber Gram. Doch wie geht es Ihnen -- haben Sie Bekannte -getroffen?“ - -„Nein. Ich war vergangenen Sonnabend oben im Verein, sprach aber mit -niemandem. Ich saß und guckte in die Zeitungen. Ja doch, mit Heggen -wechselte ich vorgestern in einem Café auf dem Corso ein paar Worte. -Dann habe ich zwei deutsche Doktoren wiedergetroffen, die ich von -Florenz her ein wenig kannte. Wir waren an einem dieser Tage draußen -auf der Via Appia.“ - -„Uh. Hören Sie, sind deutsche Doktoren amüsant?“ - -Helge lächelte etwas verlegen. - -„Wir haben ziemlich viel gemeinsame Interessen. Und wenn man so -umhergeht und sonst niemanden hat, mit dem man reden kann --.“ - -„Ja, aber Sie müssen sich daran gewöhnen, Italienisch zu sprechen. Sie -haben es ja gelernt. Wollen wir einen Spaziergang zusammen machen? Wir -sprechen dann die ganze Zeit nur Italienisch miteinander. Ich werde -Ihre ~maestra~ sein. Furchtbar streng!“ - -„Sie werden mich aber nicht besonders amüsant finden, Fräulein Jahrmann --- höchstens unfreiwillig.“ - -„Still. -- Nein, wissen Sie was, vorgestern reisten zwei dänische -alte Damen nach Capri, vielleicht ist ihr Zimmer noch frei -- ach -sicherlich. Klein, billig und sehr nett. Ich habe den Namen der Straße -nicht behalten, aber ich weiß, wo es ist. Soll ich Sie hinbegleiten, -dann sehen wir es uns an? Kommen Sie also!“ - -Unten auf der Treppe zögerte sie einen Augenblick und blickte mit einem -leisen, zaghaften Lächeln zu ihm auf: - -„Ich war furchtbar ungezogen gegen Sie neulich Abend, als wir zusammen -waren, Gram. Ich muß Sie wohl um Verzeihung bitten.“ - -„Aber liebes Fräulein Jahrmann!“ - -„Doch. Ich war aber krank. Oh, Sie können mir glauben, ich bekam -Schelte von Jenny. Ich hatte es aber auch verdient.“ - -„Ich war es ja, der sich Ihnen aufdrängte. Aber es kam so von selbst -- -ich sah Sie, und ich hörte Sie Norwegisch sprechen; der Versuch, Sie -anzureden, lockte zu sehr.“ - -„Ja, natürlich. Es hätte so nett sein können -- so ein kleines -Abenteuer. Wäre ich nur nicht so unartig gewesen. Aber ich war krank, -wissen Sie. Ich bin tagsüber so nervös, dann kann ich nicht schlafen --- und dann kann ich wieder nicht arbeiten. Schließlich werde ich -unleidlich.“ - -„Geht es Ihnen augenblicklich nicht gut, Fräulein Jahrmann?“ - -„Ach nein. Jenny und Gunnar arbeiten -- alle außer mir arbeiten. Wie -geht es mit Ihrer Arbeit -- gut? -- Haben Sie nicht Freude daran? Ich -sitze übrigens jetzt nachmittags für Jenny. Heute habe ich frei. Ich -glaube, sie tut es nur, damit ich nicht so allein sein und grübeln -soll. Mitunter fährt sie mit mir hinaus, jenseits der Mauern. Sie ist -ganz wie eine Mutter zu mir. ~Mia cara mammina.~“ - -„Sie lieben Ihre Freundin sehr?“ - -„Sie ist so gut, so gut. Ich bin krankhaft und zerrissen. Keiner außer -Jenny hält es auf die Dauer mit mir aus. Sie ist aber so klug und so -begabt und energisch. Und schön -- finden Sie sie nicht entzückend? Sie -sollten ihr Haar sehen, wenn es offen niederfällt! Wenn ich ein artiges -Kind bin, darf ich es kämmen und aufstecken --. Wir sind schon da,“ -sagte sie dann. - -Sie klommen eine unheimlich düstere Steintreppe hinauf: „Daraus darf -man sich aber nichts machen. Unser Aufgang ist noch schlimmer; Sie -werden es ja sehen, wenn Sie kommen und uns besuchen. Kommen Sie doch -einen Abend; wir sehen dann, daß wir die anderen erwischen und gehen -auf einen gediegenen Romabummel. Den letzten habe ich ja doch völlig -verdorben.“ - -Sie läutete im obersten Stockwerk. Eine nett und gemütlich aussehende -Frau öffnete ihnen. Sie führte sie in ein kleines Zimmer mit zwei -Betten. Das Fenster ging auf einen grauen Hinterhof hinaus, vor den -Fensterläden hing Wäsche, aber überall auf den Balkons standen Blumen, -und hoch oben auf den grauen Dächern lagen Loggien und Lauben zwischen -grünen Büschen. - -Franziska redete endlich mit der Wirtin, während sie gleichzeitig in -den Ofen guckte, die Betten befühlte und ihm zwischendurch Aufklärungen -gab: - -„Sonne ist hier den ganzen Vormittag. Wenn das eine Bett herauskommt, -so ist hier reichlich Platz. Der Ofen sieht ordentlich aus. Es kostet -vierzig Lire ohne Licht und Heizung und zwei für ~servizio~. Das ist -billig. Soll ich ihr sagen, daß Sie es annehmen? Sie können morgen -einziehen, wenn Sie wollen!“ -- - -„Nichts zu danken. Sie können sich doch vorstellen, daß es mir Freude -macht, Ihnen ein wenig zu helfen,“ sagte sie draußen auf der Treppe. -„Wenn es Ihnen nur gefällt. Signora Papi ist sehr sauber, das weiß ich.“ - -„Gewiß eine seltene Tugend hierzulande?“ - -„Oh nein. Sie sind nicht anders als die Vermieterinnen daheim in -Kristiania, glaube ich. Dort, wo meine Schwester und ich wohnten, in -der Holbergstraße -- ich hatte ein paar neue Lackschuhe unter das -Bett gestellt -- getraute mich aber nicht, sie wieder hervorzuholen. -Manchmal guckte ich nach ihnen -- sie standen da und sahen aus wie zwei -weiße zottige Lämmchen.“ - -„Ja,“ sagte Helge. „Ich habe ja immer zuhause gewohnt.“ - -Franziska lachte plötzlich laut auf: - -„Denken Sie, die Signora glaubte, ich sei Ihre ~moglie~ -- daß wir -beide dort wohnen sollten. Ich sagte, ich sei Ihre Kusine; sie kaute -übrigens ein bißchen drauf herum. ~Cugina~ -- das gilt sicher gleich -wenig überall auf der Welt!“ - -Sie lachten beide einen Augenblick darüber. - -„Haben Sie Lust zu einem Spaziergang?“ fragte Franziska plötzlich. -„Wollen wir auf die Ponte Molle hinausgehen? Sind Sie schon dort -gewesen? Können Sie auch noch so weit laufen? Wir fahren mit der -Straßenbahn nach Hause, wissen Sie.“ - -„Können Sie auch noch -- Sie sind doch nicht wohl?“ - -„Es tut mir gerade gut, zu laufen -- bitte geh’, sagt Gunnar immer -- -ich meine Heggen.“ - -Sie plauderte ununterbrochen und lugte ab und an zu ihm hinauf, um sich -zu überzeugen, daß sie ihn gut unterhalte. Sie gingen den neuen Weg -längs des Tiber hinauf; der Strom wälzte sich gelblichgrau zwischen den -grünen Hügeln dahin. Kleine perlmuttschimmernde Wölkchen lagen über -des Monte Mario dunklem Gebüsch mit graugelben Villen zwischen den -immergrünen Bäumen. - -Franziska grüßte einen Konstabler und lachte zu Gram hinüber: - -„Denken Sie sich, dieser Bursche hat mich heiraten wollen. Ich ging -hier viel allein spazieren und dann pflegte ich mit ihm zu plaudern. -Da fragte er mich. Der Sohn unseres Tabakhändlers hat übrigens auch um -mich angehalten. Jenny schalt mich aus, sie sagte, es sei meine eigene -Schuld, und das war es vielleicht auch.“ - -„Ich finde, Fräulein Winge schilt Sie recht oft. Sie scheint eine -strenge Mama zu sein?“ - -„Nur, wenn ich es verdiene. Hätte es doch schon früher jemand getan,“ --- sie seufzte. „Aber daran hat leider niemand gedacht.“ - -Helge Gram fühlte sich frei und leicht, wie er mit ihr dahinschritt. -Etwas unsagbar Weiches lag über ihr, über dem Gang, der Stimme, dem -Antlitz unter dem großen rauhen Glockenhut. Es war fast, als könne er -Jenny Winge nicht recht leiden, wenn er jetzt an sie dachte -- sie -hatte so selbstsichere hellgraue Augen -- und solch fürchterlichen -Appetit. Cesca erzählte eben, daß sie in diesen Tagen fast nichts essen -könne. - -Und er sagte: - -„Fräulein Winge ist gewiß eine junge Dame, die ganz von ihrer Eigenart -durchdrungen ist?“ - -„Ja, weiß Gott, sie hat Charakter. Denken Sie -- sie wollte immer schon -malen. Mußte aber Lehrerin werden. Oh, wie hat sie gearbeitet! Ja, das -sieht man ihr jetzt nicht an. Sie ist so stark, daß sie sich immer -sofort wieder aufrichtet. Aber als ich sie zuerst auf der Malschule -traf, da lag etwas Hartes und Verschlossenes -- etwas Gepanzertes, sagt -Gunnar, -- über ihr. Sie war erschreckend zurückhaltend. Ich lernte -sie gar nicht recht kennen, ehe sie hier herunter kam. Die Mutter -ist zum zweiten Male Witwe -- sie heißt jetzt Berner -- drei kleine -Stiefgeschwister sind auch da. Denken Sie nur, sie hatten zwei kleine -Zimmer, und Jenny schlief in einer winzigen Mädchenkammer, arbeitete -und studierte und bildete sich nebenher aus und half der Mutter mit -Geld und auch im Hause; sie hatten kein Mädchen. Freunde oder Bekannte -besaß sie nicht, wenn sie zu kämpfen hat, schließt sie sich gleichsam -in sich ein, sie will nicht klagen; ist das Glück aber mit ihr, so ist -es, als öffne sie die Arme allen, die eine Stütze an ihr suchen.“ - -Franziskas Wangen glühten. Sie schlug ihre großen Augen voll zu ihm auf: - -„Ich, sehen Sie, ich habe keine Hindernisse gehabt außer denen, die ich -mir selbst in den Weg legte. Ich bin etwas hysterisch, und dann lasse -ich meine eigenen Stimmungen mit mir durchgehen. Aber Jenny spricht mit -mir darüber; sie sagt, alles Leid, das uns begegnet, und nicht wieder -gut zu machen ist, haben wir selbst verschuldet. Wenn man seinen Willen -nicht genügend in der Gewalt hat, um seine Stimmungen und Handlungen zu -beherrschen, wenn man nicht mehr Herr über sich selber ist, tut man am -besten, sich zu erschießen, sagt Jenny.“ - -Helge blickte lächelnd auf sie nieder: „Sagt Jenny,“ und „Gunnar sagt,“ -und „ich hatte einen Freund, der zu sagen pflegte“. Wie jung und -vertrauensvoll sie doch war. - -„Für Fräulein Winge gelten vielleicht andere Gesetze als für Sie,“ -meinte er. „Können Sie sich das nicht denken, -- so verschieden wie -Sie sind, -- selbst der Begriff ‚Leben‘ hat für zwei Menschen eine -verschiedene Bedeutung.“ - -Sie waren auf die Brücke hinaussgelangt. Franziska lehnte sich über -die Brüstung. Weiter oberhalb des Stromes am Fuße des bräunlichgrünen -Hügels lag eine Fabrik, deren hoher schlanker Schornstein das -geschäftige gelbe Wasser zitternd widerspiegelte. Weit hinter der -welligen Ebene zeigten sich die Höhen der Sabinerberge, lehmgrau und -kahl mit bläulichen Klüften und schneebedeckten Felsen im Hintergrund. - -„Das hat Jenny gemalt, aber in glühroter Abendsonne Fabrik und -Schornstein von rotem Lichte übergossen. Und die Stimmung, die nach -einem so heißen Tage herrscht, an dem man die Felsen vor Dunst nicht -sehen kann, höchstens einen leisen Schimmer des Schnees hoch oben in -dem schweren, metallenen Blau. Und dazu Wolken, große Wolken über dem -Schnee. Es ist schön, ich muß Jenny bitten, es Ihnen zu zeigen.“ - -„Kann man hier etwas Wein bekommen?“ fragte er. - -„Es wird bald kühl, aber einen Augenblick können wir wohl draußen -sitzen.“ - -Sie schlug den Weg über den runden Platz hinter der Brücke ein. Unter -allen Osterien wählte sie einen kleinen Garten. Hinter einer Art -Schuppen mit Tischen und Rohrstühlen stand eine Bank unter kahlen -Ulmen. Vor dem Gärten lag eine grüne Wiese, dahinter erhob sich der -Hügel jenseits des Stroms dunkel gegen den fahlen bewölkten Himmel. - -Franziska brach einen Zweig von den Holunderbüschen längs des Gitters. -Er trug kleine, grüne, frische Knospen, deren Spitzen in der Kälte -schwarz angelaufen waren. - -„Sehen Sie her, so stehen sie und schlagen aus und frieren den ganzen -Winter. Und wenn der Lenz kommt, hat der Winter ihnen doch nichts -anhaben können.“ - -Als sie den Zweig beiseite legte, ergriff er ihn. Er behielt ihn die -ganze Zeit in der Hand. - -Sie hatten sich Weißwein bestellt. Franziska mischte den ihren mit -Wasser und nippte nur. Dann lächelte sie flehend: - -„Wollen Sie mir eine Zigarette geben?“ - -„Mit Vergnügen, -- wenn Sie es vertragen?“ - -„Ach, ich rauche ja jetzt fast gar nicht mehr. Meinetwegen unterläßt es -auch Jenny fast ganz. Heute Abend übrigens vermute ich, daß sie sich -wieder etwas zu Gemüte führt. Sie ist mit Gunnar zusammen.“ - -Das Licht des Zündhölzchens beleuchtete Franziskas lächelndes Antlitz. - -„Sie dürfen es aber Jenny nicht erzählen, daß ich geraucht habe, hören -Sie?“ - -„Nein, nein.“ Er lachte. - -„Ja.“ Sie blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. „Ich wünschte -so sehr, daß Jenny und Gunnar sich verheirateten. Ich fürchte aber, -sie tun es nicht, -- sie sind immer so gute Freunde gewesen. Dann -verliebt man sich nicht so leicht ineinander, nicht wahr? Nicht in -jemanden, den man von früher her so gut kennt. Sie sind sich im Grunde -auch so ähnlich. Es sind aber die Gegensätze, die sich anziehen, sagt -man. Ich finde, es ist dumm eingerichtet auf diese Weise -- aber es -stimmt sicher. Es wäre viel besser, man liebte jemanden, mit dem man -geistesverwandt ist. Dann gäbe es die Not und das Leid nicht, die Liebe -immer begleiten. Glauben Sie nicht auch? -- Denken Sie, Gunnar stammt -aus einer armen Häuslerfamilie drunten in Smaalene. Er kam aber nach -Kristiania -- eine Tante von ihm auf Grünerlökken nahm ihn zu sich, -weil es bei ihm zu Hause sehr ärmlich zuging. Damals war er erst neun -Jahre alt und mußte schon Wäsche austragen, die Tante hatte nämlich -eine Plätterei, und später kam er in die Handwerkslehre. Was er kann -und weiß, hat er sich selbst angeeignet. Er muß immer studieren, -alles interessiert ihn dermaßen, daß er es bis auf den Grund kennen -lernen muß. Jenny sagt, er vergißt ganz das Malen; jetzt hat er so -gründlich Italienisch gelernt, daß er alle Bücher lesen kann, auch -Verse. Jenny ist ebenso. Sie hat furchtbar viel gelernt, nur weil es -sie interessierte. Ich kann aus Büchern niemals etwas lernen -- ich -bekomme Kopfschmerzen vom Lesen. Aber Jenny und Gunnar erzählen mir. -Das behalte ich dann. Sie wissen sicher auch sehr viel. -- Können Sie -mir nicht ein wenig über ihr Studium erzählen? Das Schönste, das ich -kenne, ist, wenn jemand mir erzählt. Das behalte ich gut. - -Gunnar hat mich auch Malen gelehrt. Ich zeichnete immer als Kind -- es -fiel mir so leicht. Dann traf ich ihn einmal im Gebirge vor drei Jahren --- ich war dort oben, um zu arbeiten. Ein wenig kannte ich ihn ja von -früher her. Ich war also dort und malte Bilder -- furchtbar ordentlich, -aber ohne jede Spur von Kunst. Ich wußte es selbst sehr gut, kannte -aber den Grund nicht. Ich wollte etwas in meine Bilder hineinbringen, -aber ich wußte nicht recht, was, und ich ahnte nicht, wie ich mich -dabei anstellen sollte. Aber dann sprach ich mit ihm. Zeigte ihm meine -Sachen. Er konnte viel weniger als ich -- ich meine technisch. Er -ist auch nur ein Jahr älter als ich. Was er aber gelernt hatte, das -beherrschte er. Ja, ich malte dann zwei Sommernachtsbilder. Dieses -wundersame ~clairobscur~ -- alle Farben liegen so tief, sind aber doch -leuchtend stark. -- Natürlich waren die Bilder nicht gut. Aber etwas -war in ihnen, wie ich es haben wollte -- ich konnte sehen, daß +ich+ -sie gemalt hatte, und nicht irgend ein anderes Mädel, das ein bißchen -gelernt hatte --. Verstehen Sie mich? Ich habe ein Motiv hier draußen -gefunden: einen anderen Weg zur Stadt. Wir gehen einmal da herunter. -Es ist ein Weg zwischen zwei Gartenmauern -- ganz schmal. An einer -Stelle stehen zwei Portale im Barockstil mit Eisengittern. An jeder -Seite erhebt sich eine Zypresse. Ich habe ein paar Federzeichnungen -gemacht und sie ausgetuscht. Ueber den Zypressen schwebt eine schwere, -tiefblaue Wolke, ein Schimmer von grünlicher Luft und ein blinkender -Stern; Dächer und Kuppeln der Stadt weit, weit drinnen sind nur leise -angedeutet --. Es sollte so ein gewisses Pathos haben, wissen Sie --.“ - -Es begann bereits stark zu dämmern. Ihr Antlitz leuchtete bleich unter -dem Hut. - -„Nicht wahr, finden Sie nicht -- ich muß wieder gesund werden, um zu -arbeiten --.“ - -„Ja,“ flüsterte er. „Ach ja -- Liebste --.“ - -Er hörte, wie schwer sie atmete. Ein Weilchen war es still. Dann sagte -er leise: - -„Wieviel Freude Sie an Ihren Freunden haben, Fräulein Jahrmann.“ - -„-- Und ich wünschte, daß alle Menschen meine Freunde wären. Ich will -allen gut sein, verstehen Sie.“ Sie sagte das ganz leis, während sie -tief aufatmete. - -Helge Gram beugte sich plötzlich nieder und küßte ihre Hand, die weiß -und klein auf dem Tische vor ihm lag. - -„Ich danke Ihnen,“ flüsterte Franziska still. - -Sie saßen einen Augenblick schweigend. - -„Wir müssen gehen, lieber Freund, es wird jetzt so kalt ...“ - -Am nächsten Tage, als er Einzug in sein neues Zimmer hielt, stand auf -dem Tisch mitten im Sonnenschein ein Majolikakrug mit kleinen blauen -Iris. Die Signora erklärte, die Kusine hätte sie gebracht. - -Als Helge allein war, beugte er sich über die Blumen und küßte sie alle --- eine nach der anderen. - - - - -VI. - - -Helge Gram fühlte sich wohl in seinem neuen Zimmer unten an der -Ripetta. Er hatte die Empfindung, als arbeite es sich leicht und -gut an dem kleinen Tisch vor dem Fenster mit dem Blick auf den Hof, -trocknende Wäsche und die Blumentöpfe auf den Balkons. Die Familie -gerade gegenüber hatte zwei kleine Kinder, einen Knaben und ein -Mädchen, etwa sechs bis sieben Jahre alt. Kamen sie auf ihren kleinen -Altan heraus, so nickten und winkten sie Helge zu, und er winkte -wieder. In letzter Zeit hatte er auch der Mutter einen Gruß zugenickt. -Diese kleine Bekanntschaft aus der Ferne gab ihm ein warmes, trauliches -Gefühl. -- Vor ihm stand Cescas Vase; er versäumte nicht, sie immer mit -frischen Blumen zu füllen. Signora Papi konnte sein Italienisch gut -verstehen. Es käme daher, daß sie dänische Mieter gehabt hatte, sagte -Cesca; Dänen könnten ja fremde Sprachen nicht lernen. - -Wenn die Signora bei ihm zu tun gehabt hatte, blieb sie immer eine -Ewigkeit in der Türe stehen und plauderte. Meist über die „Kusine“. -„~Che bella~“, sagte Signora Papi. Einmal war Franziska allein bei ihm -gewesen, und einmal zusammen mit Jenny -- beide Male, um ihn zum Tee -einzuladen. -- Wenn Frau Papi schließlich unter Entschuldigungen wegen -der Störung, selber unterbrach und verschwand, dann lehnte Helge sich -weit zurück in seinem Stuhl, die Arme im Nacken verschränkt. Er dachte -an sein Zimmer daheim -- neben der Küche, wo Mutter und Schwester -während ihrer Arbeit von ihm sprachen, laut, bekümmert, mißbilligend. -Er konnte jedes Wort verstehen -- was wohl auch beabsichtigt war. Oh, -jeder Tag hier unten wurde ihm zu einem kostbaren Gnadengeschenk. -Endlich, endlich hatte er Frieden, konnte arbeiten, arbeiten. - -Die Nachmittage brachte er in Museen und Bibliotheken zu. Doch in der -Dämmerung, so oft er meinte, daß es anging, schaute er zu den beiden -Malerinnen hinauf in der Via Vantaggio und trank den Tee bei ihnen. - -Gewöhnlich waren sie beide daheim. Mitunter traf er andere Gäste -- -Heggen und Ahlin sogar sehr häufig. Zweimal hatte er Jenny allein -angetroffen und einmal nur Franziska. - -Sie hielten sich immer in Jennys Zimmer auf. Dort war es warm und -gemütlich, obgleich die Fenster offen standen, bis der letzte blaue -Abendschein erloschen war. - -Es glühte und knisterte im Ofen und der Wasserkessel summte auf dem -Spiritusapparat. Helge kannte jetzt jeden Gegenstand im Raume -- die -Studien und Photographien an den Wänden, die blumengefüllten Vasen, das -blaue Teeservice, den Bücherständer neben dem Bett und die Staffelei -mit Franziskas Bild. Ein wenig unordentlich sah es hier immer aus, -der Tisch vorm Fenster war bedeckt mit Tuben und Farbenkästchen, -Skizzenbüchern und fliegenden Blättern. Jenny schob mit dem Fuße -Pinsel und Malerlumpen, die auf dem Boden umherlagen, unter den Tisch, -während sie damit beschäftigt war, den Teetisch zurechtzumachen. Häufig -lagen Nähzeug und halbfertig gestopfte Strümpfe auf dem Sofa, die sie -beiseite räumte, wenn sie sich niedersetzte, um Keks zu streichen. -Dann erhob sie sich wieder, und stellte ein Spirituslämpchen an seinen -Platz, das immer irgendwo im Zimmer herumstand. - -Unterdes pflegte er mit Franziska in der Ofenecke zu sitzen und zu -erzählen. Es geschah auch, daß Cesca plötzlich die Idee hatte, häuslich -zu sein; Jenny sollte sich setzen und feiern. Jenny wollte es nicht -zugeben, aber Cesca räumte auf wie ein Wirbelwind und verstaute alle -umherliegenden Kostbarkeiten an Orten, wo Jenny sie niemals wiederfand. -Zuletzt klopfte sie fehlende Reißzwecken in die schief hängenden -Bilder, die sich auf den Wänden zusammenrollten, wobei sie ihren -eigenen Schuh als Hammer benutzte. - -Gram konnte nicht recht klug aus Franziska werden. Sie war immer -freundlich und liebenswürdig gegen ihn, niemals aber so von innen -heraus vertraulich wie an jenem Tage auf der Ponte Molle. Mitunter -schien sie so eigentümlich geistesabwesend -- es war, als erfaßte sie -überhaupt nicht, was er sprach, obgleich sie freundlich antwortete. -Einige Male hatte er das Gefühl, als ob er sie ermüde. Fragte er, wie -es ihr ginge, so antwortete sie meist überhaupt nicht. Und als er -einmal ihr Bild mit den Zypressen erwähnte, sagte sie, allerdings auf -eine sehr liebe Art: - -„Sie dürfen nicht böse sein, Gram, aber ich möchte nicht von meiner -Arbeit sprechen, solange sie nicht fertig ist, jedenfalls nicht jetzt.“ - -Eine gewisse Ermunterung bedeutete es ihm, als er merkte, daß Bildhauer -Ahlin ihn nicht leiden konnte. Der Schwede sah also immerhin einen -Rivalen in ihm --. Im übrigen hatte er den Eindruck gewonnen, als ob -Franziska sich von Ahlin zurückgezogen hätte. - -Wenn er für sich allein war, malte Helge sich in Gedanken aus, was er -Cesca erzählen wollte und führte im Geiste lange Gespräche mit ihr. Er -sehnte sich danach, mit ihr zu sprechen wie an jenem Tage an der Ponte -Molle, er wollte ihr zum Dank für ihr Vertrauen von seinem eigenen -Leben berichten. Wenn er sie aber traf, so war er unsicher und nervös -und wußte nicht, wie er das Gespräch auf das lenken sollte, worüber -er zu sprechen wünschte. Er fürchtete, aufdringlich oder taktlos zu -erscheinen, etwas zu tun, wodurch er in ihren Augen verlieren könnte. -Sie fühlte seine Verlegenheit wohl und kam ihm zu Hilfe, verwickelte -ihn in einen Wortstreit, kicherte mit ihm, so daß es ihm ein Leichtes -wurde, auf den Neckton einzugehen und in ihr Lachen einzustimmen --. -Im Augenblick war er ihr dankbar, sie füllte leicht und behende alle -Pausen aus und half ihm, jedesmal, wenn er sich festgefahren hatte, -wieder weiter. Erst hinterher, zu Hause, empfand er die Enttäuschung. -Es war wieder nichts anderes gewesen als Geplauder über allerlei -muntere Nichtigkeiten. - -War er aber mit Jenny allein, so wurde immer ein vernünftiges -Gespräch über solide Dinge geführt. Hin und wieder fand er diese -ernsten Diskussionen über abstrakte Materien etwas ermüdend. Aber -häufig liebte er auch diese Unterhaltungen, weil das Gespräch von -allgemeinen Verhältnissen auf seine persönlichen überging. Nach und -nach erzählte er ihr sehr viel von sich selber, von seiner Arbeit, den -Schwierigkeiten, die sich ihm nach seiner Ansicht in äußeren Umständen -wie in seinem eigenen Wesen entgegenstellten. Daß Jenny Winge nicht von -sich selbst sprach, merkte er kaum, wohl aber, daß sie es vermied, das -Problem Franziska mit ihm zu erörtern. - -Es fiel ihm auch nicht auf, daß er so wie mit Jenny niemals mit -Franziska würde reden können, die ihn für weit weit bedeutender, -stärker und sicherer halten würde, als er in seinen eigenen Augen -war --. - - * * * * * - -Weihnachtsabend waren sie alle im Verein gewesen und gingen darauf zur -Mitternachtsmesse in die S. Luigi dei Franchesi. - -Helge fand die Messe zuerst sehr stimmungsvoll. In der ganzen Kirche -herrschte Halbdunkel trotz der schimmernden Kristallkronen, die -freilich hoch oben unter der Decke schwebten. Die Altarwand war ein -einziges Lichtmeer, aus dem weichen, goldenen Schein unzähliger -Wachslichter zusammenfließend. Chorgesang und Orgelton zitterten -gedämpft durch den Kirchenraum. -- Er saß neben einer schönen -Italienerin, die einem sammetgefütterten Juwelenkästchen einen -Rosenkranz aus Lapislazuli entnahm und in ein andächtiges Gebet versank. - -Nach einer kurzen Zeit aber begann Franziska halblaut zu murren. Sie -saß mit Jenny auf der Bank vor ihm. - -„Ach Jenny, wir wollen gehen. Ist das vielleicht Weihnachtsstimmung? -Das ist ja nur ein gewöhnliches Konzert. Hör doch den Burschen, der -jetzt singt; ganz ohne Ausdruck, die Stimme ist obendrein überschrieen. -Pfui!“ - -„Still, Cesca, denk daran, daß wir in einer Kirche sind.“ - -„Kirche -- pah. Dies hier ist ja ein Konzert -- wir mußten sogar -Eintrittskarten und Programme haben. Greuliches Konzert -- es nimmt mir -die ganze Laune.“ - -„Ja, ja, wir gehen, wenn diese Nummer zu Ende ist. Schweig jetzt aber, -solange wir noch hier sind.“ - -„Nein,“ plauderte Cesca, „Sylvester im vorigen Jahre. Ich war in Gesu --- da war Stimmung. ~Te Deum.~ Ich kniete neben einem alten Bauern aus -der Campagna und einem jungen Mädchen, das krank war -- und so schön. -Alle Menschen sangen, der alte Bauer konnte das ganze ~Te Deum~ auf -Lateinisch. Das war stimmungsvoll!“ - -Während sie sich leise einen Weg durch die überfüllte Kirche bahnten, -erklang das Ave Maria durch den Raum. - -„Ave Maria,“ Franziska blies verächtlich durch die Nase. „Hört ihr -nicht, sie denkt überhaupt nicht an das, was sie singt -- wie ein -Phonograph. Ich ertrage es nicht, wenn solche Musik derartig mißhandelt -wird.“ - -„Ave Maria,“ sagte ein Däne, der neben ihr ging. „Ich erinnere mich da -einer jungen norwegischen Dame -- wie sang sie es doch herrlich. Ein -Fräulein Eck.“ - -„Berit Eck -- kennen Sie die, Hjerrild?“ - -„Sie war vor zwei Jahren in Kopenhagen und sang mit Ellen Bech dort. -Ich kannte sie ziemlich genau. Sie kennen sie auch, Fräulein Jahrmann?“ - -„Meine Schwester war mit ihr bekannt,“ sagte Franziska. „Richtig, Sie -trafen doch meine Schwester Borghild in Berlin. Mögen Sie Fräulein Eck --- Frau Herrmann heißt sie jetzt übrigens?“ - -„Sie war ein ganz reizendes Mädchen -- entzückend. Und ungewöhnlich -begabt.“ - -Franziska blieb mit Hjerrild zurück. - - * * * * * - -Es war verabredet, daß Heggen, Ahlin und Gram bei den Damen zu Abend -essen sollten -- Franziska hatte eine Weihnachtskiste von zu Hause -bekommen. Man hatte norwegischen Weihnachtskäse auf den Tisch gebracht, -der mit Tausendschön aus der Campagna und Kerzen in siebenarmigen -Leuchtern geschmückt war. - -Franziska trat als letzte ein und hatte den Dänen mitgebracht. - -„Ist es nicht nett, Jenny -- daß Hjerrild mit kam?“ - -Es stellte sich heraus, daß es sowohl Bier wie auch Genfer Likör zu -Tisch gab. Und norwegische Butter, braunen Käse und kalten Auerhahn, -Sülze und Räucherschinken. - -Franziska hatte neben Hjerrild Platz genommen, und sobald das Gespräch -am Tisch sich belebte, wandte sie sich an ihn. - -„Kennen Sie den Pianisten Herrmann, mit dem Fräulein Eck sich -verheiratet hat?“ - -„Ja, sehr gut. Ich habe in einem Pensionat mit ihm gewohnt, in -Kopenhagen, und jetzt in Berlin traf ich ihn wieder.“ - -„Wie finden Sie ihn?“ - -„Er ist ein netter Mensch. Ungeheuer begabt -- er schenkte mir seine -letzten, nach meiner Meinung äußerst originellen Kompositionen. Ja. Ich -mag ihn recht gut leiden.“ - -„Haben Sie die Kompositionen mit? Darf ich sie nicht einmal sehen? -Ich würde gern in den Verein gehen und sie durchspielen. Wir waren in -früheren Zeiten befreundet,“ sagte Franziska. - -„Richtig! Jetzt entsinne ich mich. Er besitzt Ihre Photographie! Er -wollte mir nicht erzählen, wer es war.“ - -„Ja, das stimmt,“ sagte Franziska leise. „Er bekam wohl einmal ein Bild -von mir, glaube ich.“ - -„Im übrigen --“ Hjerrild leerte sein Glas -- „ist er ein wenig zu -brutal, kann unglaublich rücksichtslos sein. Aber -- vielleicht ist es -eben das, was ihn bei den Frauen unwiderstehlich macht. Mir persönlich -war er mitunter etwas zu sehr -- Prolet.“ - -„Eben das ist es.“ Sie suchte nach Worten. „Das bewunderte ich gerade -so an ihm. Daß er sich von unten herauf durchgekämpft hatte zu dem, was -er jetzt ist. So ein Kampf +muß+ brutal machen, finde ich. Ja -- meinen -Sie nicht, es entschuldigt sehr viel -- fast alles?“ - -„Halt, Cesca,“ sagte Heggen plötzlich: „Hans Herrmann wurde entdeckt, -als er dreizehn Jahre alt war -- und seitdem hat man ihm geholfen.“ - -„Ja -- aber fremde Hilfe annehmen -- und für alles danken müssen! Immer -fürchten müssen, nicht genug beachtet, übersehen, +daran erinnert+ zu -werden, daß er -- nun wie Hjerrild sagte, ein Proletarierkind war.“ - -„Ich kann auch darauf pochen, daß ich ein Proletarierkind bin.“ - -„Nein, das kannst du nicht, Gunnar. Du bist immer erhaben über deine -Umgebung gewesen, dessen bin ich sicher. Wenn du in einen Kreis -kamst, der in sozialer Hinsicht höher stand als der, in welchem -du geboren bist -- so warst du auch dort schon der Ueberlegene, -wußtest mehr, warst klüger, dachtest vornehmer. Du hast immer in dem -starken Bewußtsein leben dürfen, daß du dir alles selbst erkämpft und -erarbeitet hast. -- Du warst niemals gezwungen, anderen Menschen zu -danken, von denen du wußtest, daß sie vielleicht auf dich herabsahen -um deiner Herkunft willen -- Snobs, die sich etwas darauf zugute -taten, einer Begabung hilfreiche Hand zu leisten, von deren Größe sie -keinen Dunst hatten, die dir innerlich unterlegen waren und glaubten, -über dir zu stehen; du brauchtest niemandem zu danken, gegen den du -keine Dankbarkeit empfandest. Du kannst nicht von den Gefühlen des -Proletariers reden, Gunnar. Du hast ja niemals gewußt, was das heißt.“ - -„Ein Mensch, Cesca, der solche Hilfe annimmt -- von Leuten, -denen gegenüber er Dankbarkeit nicht empfinden kann -- ist ein -unverbesserliches Individuum der Unterklasse.“ - -„Aber begreifst du denn das nicht, Junge? Man handelt so, wenn -man weiß, daß man Talent hat, vielleicht ein Genie ist, das nach -Entwicklung verlangt. Im übrigen, du: der du sagst, du seiest -Sozialdemokrat, du solltest nicht von Individuen der Unterklasse -sprechen, finde ich.“ - -„Ein Mensch, der vor seinem eigenen Talent Achtung hat, prostituiert -es nicht. Und was den Sozialdemokraten betrifft: Sozialdemokratie, das -ist das Verlangen nach Gerechtigkeit. Aber die Gerechtigkeit fordert, -daß Leute von seiner Art unterdrückt, auf den Boden der menschlichen -Gesellschaft niedergepreßt, mit Ketten und Peitschen niedergehalten -werden. Die tatsächliche, legitime Unterklasse muß gebändigt werden.“ - -„Das ist ein eigentümlicher Sozialismus,“ lachte Hjerrild. - -„Es gibt keinen anderen -- für reife Menschen. Ich rechne nicht mit -den hellen blauäugigen Kinderseelen, die da glauben, alle Menschen -seien gut und an dem Bösen sei die Gesellschaft schuld. Wären alle -Menschen gut, so wäre die soziale Gemeinschaft ein Paradies. Die -Proletarierseelen sind es aber gerade, die das Schlechte hineintragen. -Sie sind in allen Gesellschaftsklassen zu finden: sind sie die Herren, -so sind sie grausam und brutal; dienen sie, so sind sie kriechend -und heuchlerisch und faul. Ich habe genug von dieser Sorte in den -Reihen der Sozialdemokraten angetroffen. -- Ja, Herrmann rechnet sich -ja auch zu den Sozialisten. Wenn sie ein Paar Hände finden, die sie -vorwärtsbringen wollen, so nehmen sie die Hilfe an, um hinterher auf -diesen selben Händen herumzutrampeln. Wittern sie einen Trupp, der -vorwärtsmarschiert, so schließen sie sich ihm an, um Teil an der Beute -zu haben -- Loyalität aber, Kameradschaftsgefühl, das besitzen sie -nicht. Das Ziel -- sie verlachen es insgeheim. Die Gerechtigkeit -- -sie hassen sie im Grunde, denn sie wissen ja, wenn sie siegt, so geht -es ihnen übel. -- Alle, die die Gerechtigkeit fürchten, nenne ich -eben das legitime Proletariat, das bekämpft werden muß, schonungslos. -Hat es Macht über die Armen und Schwachen, so quält und tyrannisiert -es sie und macht auch sie zu Proletariern. Ist es selber arm und -schwach, so kämpft es nicht -- nein, es bettelt und heuchelt sich -vorwärts und überfällt jeden hinterrücks, wenn es seinen Vorteil -darin erblickt. -- Das Ziel muß eine Gemeinschaft sein, in welcher -die Oberklassenindividuen die Führer sind. Denn diese kämpfen niemals -für sich selbst, sie sind sich ihrer eigenen unerschöpflichen Quellen -wohl bewußt, sie verschwenden sie an die Armen, kämpfen um Licht und -Luft für jedes schwache Zeichen von Gutem und Schönem, das sich bei -den kleinen Seelen zeigt, die weder das eine noch das andere sind, -gut, wenn sie sichs leisten können, schlecht, wenn das Proletariat -sie dazu zwingt. Das Ziel ist, daß diejenigen zur Macht gelangen, die -ein Verantwortungsgefühl haben für jede kleinste gute Regung, die -unterdrückt wird.“ - -„Du verstehst trotzdem Hans Herrmann nicht,“ sagte Franziska leise. -„Er war nicht nur um seiner selbst willen aufgebracht über das soziale -Unrecht. Die kleinen guten Seelen, die untergingen -- +er+ war es, der -von ihnen sprach, oh ja. Wenn wir einen Spaziergang nach dem Osten der -Stadt machten und die kleinen blassen Kinder in den häßlichen, trüben, -überfüllten Kasernen sahen, die er, wie er sagte, am liebsten in Brand -stecken würde.“ - -„Phrasen. Wenn er die Hausmiete zu bekommen hätte --.“ - -„Pfui, Gunnar,“ sagte Franziska heftig. - -„Ja, ja, er wäre eben kein Sozialist gewesen, wenn er reich geboren -wäre. Aber ein ebenso unverfälschter Proletarier.“ - -„Bist du dessen so sicher, daß du Sozialdemokrat gewesen wärst?“ sagte -Franziska -- „wenn du -- nun als Graf zum Beispiel geboren wärest?“ - -„Heggen +ist+ ein Graf,“ lachte Hjerrild, „über viele luftige -Schlösser.“ - -Heggen warf den Kopf nach hinten und schwieg einen Augenblick. - -„Ich habe jedenfalls niemals das Gefühl gekannt, arm geboren zu sein,“ -sagte er, mehr für sich. - -„Nun ja,“ ließ sich Hjerrild vernehmen. „Um auf Herrmanns Kinderliebe -zurückzukommen -- um seinen eigenen kleinen Jungen kümmert er sich -nicht viel. Und die Art und Weise, wie er sich gegen sie benahm, war -auch recht häßlich. Erst drohte und bettelte er, daß sie sein wurde -und als sie dann ein Kind bekommen sollte, mußte sie sicher drohen und -betteln, daß er sie heiratete.“ - -„Haben sie einen kleinen Jungen?“ flüsterte Franziska. - -„Ja ja. Der kam, als sie sechs Wochen miteinander verheiratet waren -- -gerade in den Tagen, als ich Berlin verließ. Herrmann war nach Dresden -gereist und hatte sie im Stich gelassen, nachdem sie einen Monat -zusammen gehaust hatten. Ich begreife nicht, warum er sie nicht etwas -früher heiraten konnte. Es war ja abgemacht, daß sie wieder geschieden -werden sollten und sogar ihr eigener Wille.“ - -„Pfui!“ sagte Jenny. Sie hatte dem Gespräch eine ganze Zeit gelauscht. -„Daß man hingeht und sich verheiratet mit dem Vorsatz, sich hinterher -wieder scheiden zu lassen!“ - -„Herrgott.“ Hjerrild lachte ein wenig. „Wenn man einander außen und -innen kennt, und weiß, daß man nicht miteinander fertig wird.“ - -„Dann muß man das Heiraten lassen.“ - -„Gewiß. Der freie Zustand ist ja weit schöner. Aber Herrgott, sie -mußte ja. Sie will nächsten Herbst ein Konzert in Kristiania geben -und muß sehen, daß sie Gesangschüler bekommt. Das würde ihr aber als -unverheirateter Frau mit einem Kinde unmöglich sein. Armes Ding!“ - -„Mag sein. -- Aber ekelhaft ist es darum doch. Wenn Sie unter freien -Zuständen das verstehen, daß sich Leute miteinander einlassen, obgleich -sie genau wissen, sie werden einander überdrüssig, so habe ich dafür -kein Verständnis. Schon die Auflösung einer so ganz alltäglichen, -platonisch bürgerlichen Verlobung .... ich finde, schon daran haftet -immer ein Makel. Ist man aber einmal so unglücklich gewesen, sich zu -irren -- dann um der Leute willen noch diese abscheuliche Komödie -spielen -- eine blasphemische Trauung, wo man steht und Dinge gelobt, -die man im voraus entschlossen ist, nicht zu halten! ...“ - - * * * * * - -Die Gäste gingen erst beim Morgengrauen. Heggen blieb noch einen -Augenblick zurück, nachdem die anderen fort waren. - -Jenny öffnete die Balkontür um den Tabakrauch herauszulassen. Sie -blieb stehen und sah hinaus. Der Himmel war schon fahlgrau mit einem -schwachen rötlichgelben Schein über den Häuserdächern. Es war -schneidend kalt. -- Heggen trat an ihre Seite: - -„Ich danke dir. So wäre also wieder einmal ein Weihnachtsabend dahin. -Worüber sinnst du nach?“ - -„Daß jetzt der Weihnachtsmorgen anbricht. ... Ich möchte wissen, ob sie -zu Hause meine Kiste rechtzeitig bekamen,“ sagte sie nach einer Weile. - -„Sandtest du sie nicht am elften -- dann ist sie wohl zur Zeit -angekommen.“ - -„Hoffentlich. -- Es war immer eine große Freude für uns, am -Weihnachtsmorgen hineinzukommen und den Baum und die Geschenke bei -Tageslicht zu besehen. Als ich noch klein war.“ Sie lachte leise. „Es -ist viel Schnee gefallen dieses Jahr, schreiben sie. Dann sind sie wohl -oben auf den Bergen heute, die Kinder.“ - -„Ja,“ sagte Heggen. Er schaute wie sie ein Weilchen in die Weite. -„Aber, du erkältest dich, Jenny. Gute Nacht also -- und für den -heutigen Abend vielen Dank.“ - -„Gute Nacht. Fröhliche Weihnachten, Gunnar!“ - -Sie reichten einander die Hände. Nachdem er gegangen, blieb sie noch -ein wenig stehen, ehe sie die Balkontür schloß und ins Zimmer trat. - - - - -VII. - - -Eines Tages -- es war in der Weihnachtswoche -- kam Gram in eine -Trattoria, wo auch Jenny und Heggen saßen. Sie sahen ihn jedoch nicht, -und während er seinen Mantel an den Nagel hängte, hörte er Heggen sagen: - -„Er ist weiß Gott ein gefährlicher Bursche.“ - -„Ja, abscheulich,“ seufzte Jenny. - -„Und dann verträgt sie das nicht, Teufel auch! In diesem ~scirocco~ -- -morgen ist sie natürlich wieder ganz entkräftet. Ans Arbeiten denkt sie -wohl auch nicht und treibt sich nur mit diesem Kerl herum.“ - -„Nein, arbeiten? Aber ich kann doch nichts dazu tun. Sie marschiert -gern von hier nach Viterbo mit ihm, in ihren kleinen, dünnen -Lackschuhen trotz ~scirocco~ und allem, nur weil der Mensch ihr von -Hans Herrmann erzählen kann.“ - -Gram grüßte im Vorübergehen. Jenny und Heggen machten eine Bewegung, -als erwarteten sie, daß er sich zu ihnen setzen sollte. Er tat jedoch, -als sähe er nichts und ließ sich weiter oben im Lokal an einem Tisch -nieder, den Rücken ihnen zugekehrt. - -Er verstand, daß sie von Franziska sprachen. - - * * * * * - -Beinahe täglich ging er hinauf zur Via Vantaggio. Er konnte es nicht -unterlassen. Jetzt saß Jenny fast immer allein zu Hause und nähte oder -las. Es schien, als freute sie sich, wenn er kam. Im übrigen fand er, -daß sie sich in letzter Zeit ein wenig verändert hatte. Sie war nicht -mehr so keck und sicher in ihren Aeußerungen, nicht mehr so aufgelegt -zum Diskutieren und Dozieren. Sie schien traurig. Eines Tages fragte -er, ob sie sich nicht wohl fühle. - -„Wohl -- oh doch. Wieso?“ - -„Ich weiß nicht recht -- ich finde, Sie sind so still geworden, -Fräulein Winge.“ - -Sie hatte eben die Lampe angezündet, so daß er sehen konnte, daß sie -errötete. - -„Ich werde vielleicht bald nach Hause reisen müssen. Meine Schwester -hat Lungenspitzenkatarrh bekommen, und Mama ist so unglücklich.“ Sie -schwieg einen Augenblick. „Und da bin ich freilich etwas betrübt. -Wo ich doch so gern hier bleiben wollte -- jedenfalls den Frühling -hindurch.“ - -Sie nahm ihr Nähzeug zur Hand und begann zu arbeiten. - -Helge grübelte darüber nach, ob Gunnar Heggen der Anlaß sei -- er -war sich niemals darüber klar geworden, ob zwischen den beiden etwas -spielte. Zurzeit war Heggen, der, wie Helge gehört hatte, ein ziemlich -leicht entzündbares Herz haben sollte, für eine junge dänische -Krankenschwester entflammt, die sich als Pflegerin einer alten Dame in -Rom aufhielt. -- Jennys Erröten fand er so merkwürdig, es war ihm so -neu an ihr. - -An diesem Abend kam Franziska heim, ehe er ging. Er hatte sie seit -Weihnachten wenig zu Gesicht bekommen und er wußte nun, daß er ihr -vollkommen gleichgültig war. Von Launen oder kindischer Ungezogenheit -konnte keine Rede mehr sein. Es war, als +sähe+ sie andere Menschen -nicht mehr -- irgend etwas erfüllte sie vollständig. Mitunter ging sie -umher wie eine Nachtwandlerin. - -Er fuhr dennoch fort, Jenny aufzusuchen, entweder in der Trattoria, wo -sie zu speisen pflegte, oder daheim auf ihrem Zimmer. Er wußte selber -kaum, warum er es tat. Es war ihm aber, als verlange ihn danach, sie zu -sehen. - -An einem Nachmittag ging Jenny in Franziskas Zimmer, um nach -einer Terpentinflasche zu suchen. Da lag Franziska auf ihrem -Bett und erstickte ihr Schluchzen in den Kissen. Sie mußte sich -heraufgeschlichen haben, Jenny hatte sie nicht kommen hören. - -„Aber liebes Kind -- was ist geschehen? Bist du krank?“ - -„Nein, geh nur, Jenny -- liebe Jenny, geh. Nein, ich kann es dir nicht -sagen; du sagst ja doch nur, es sei meine eigene Schuld.“ - -Jenny sah ein, daß es ihr nichts nützte, mit ihr zu reden. -- Doch -am Abend, als sie im Bett lag und las, schlüpfte Franziska plötzlich -herein -- im Nachthemd. Ihr Gesicht war rotfleckig und geschwollen vom -Weinen. - -„Darf ich heute Nacht bei dir schlafen, Jenny, ich kann nicht allein -sein.“ - -Jenny machte Platz. Sie schwärmte nicht für diese Sitte, aber Franziska -pflegte zu kommen und zu bitten, bei ihr schlafen zu dürfen, wenn sie -ganz unglücklich war. - -„Nein, lies nur Jenny -- ich werde dich nicht stören, ich liege ganz -still an der Wand.“ - -Jenny tat, als lese sie eine Weile. Franziska schluchzte ab und zu -trocken auf. Dann fragte Jenny: - -„Kann ich das Licht löschen, oder willst du lieber, daß es brennt?“ - -„Lösch es nur!“ - -Im Dunkeln schlang sie die Arme um Jenny und erzählte schluchzend. - -Sie war mit Hjerrild wieder in der Campagna gewesen. Da hatte er -sie dann geküßt. Erst hatte sie nur ein wenig gescholten, da sie -geglaubt, es wäre ein Scherz. „Aber dann wurde er verletzend in seiner -Zudringlichkeit. Und schließlich wollte er, daß ich heute Nacht mit -in sein Hotel gehen sollte. Er sagte es so, als lade er mich in eine -Konditorei ein. Da wurde ich rasend, und auch er wurde zornig. Darauf -sagte er mir dann einige gemeine, ekelhafte Dinge ins Gesicht.“ Sie -lag einen Augenblick still da, im Fieber erschauernd. „Er sagte dann --- ja, du kannst dirs wohl denken -- etwas von Hans. Hans hatte -von mir erzählt, als er Hjerrild mein Bild zeigte, so daß Hjerrild -glauben mußte ... Verstehst du es, Jenny,“ sie schmiegte sich dicht -an die andere, „ja, ich tue es nicht mehr -- ich will mich nicht -länger an diesen Schuft hängen -- Hans hatte natürlich nicht meinen -Namen genannt, weißt du,“ sagte sie nach einer Weile. „Und er konnte -selbstverständlich nicht ahnen, daß Hjerrild mir jemals begegnen und -mich nach der Photographie wiedererkennen würde, die gemacht wurde, als -ich achtzehn Jahre alt war.“ - - * * * * * - -Am siebzehnten Januar hatte Jenny Geburtstag. Sie und Franziska wollten -eine Gesellschaft geben, ein Mittagessen draußen in der Campagna, in -einer kleinen Osteria an der Via Appianuova. Sie hatten Ahlin, Heggen, -Gram und Fräulein Palm, die dänische Krankenschwester, eingeladen. - -Sie gingen paarweise von der Straßenbahnhaltestelle die weiße -Landstraße hinauf, die im Sonnenschein gebadet dalag. Der Frühling -wob in der Luft und die fahle, braune Campagna war von einem -graugrünen Schimmer übergossen, all die Tausendschön, die den -ganzen Winter über ihr Blühen nicht eingestellt hatten, begannen -sich in silberschimmernden Teppichen auszubreiten. Auch die Büschel -ungeduldiger lichtgrüner Knospen auf den Hollundersträuchern längs der -Gitter waren größer geworden. - -Lerchen schwebten zitternd hoch oben in dem blauweißen Himmel. -Die Wärme hüllte alles ein -- drinnen über der Stadt und über den -häßlichen rotgelben Häuserblocks, die über die Ebene verstreut waren, -lag der Dunst. Die Felsen der Albaner Berge mit den weißen Städtchen -schimmerten hinter den gewaltigen Bogenreihen der Aquaedukte durch den -Nebel. - -Jenny und Gram schritten voran, er trug ihren hellgrauen Staubmantel. -Sie war strahlend schön, in schwarze Seide gekleidet -- er hatte sie -vorher nie anders gesehen als in dem grauen Kleid oder in Kostüm und -Bluse. Aber heute war es ihm, als ginge er mit einer neuen fremden Frau -dahin. Die Linie des schlanken Leibes war weich und rund in dem blanken -schwarzen Kleide, das oben in einem schmalen tiefen Viereck bis auf die -Brust ausgeschnitten war. Die Haut und das Haar hoben sich leuchtend -hell dagegen ab. Sie trug auch einen großen schwarzen Hut, mit dem -Helge sie früher schon gesehen hatte, ohne jedoch weiter darauf zu -achten. Sogar ihr rosa Perlenhalsband sah anders aus zu diesem Gewand. - -Man speiste draußen im Sonnenschein unter den nackten Weinranken, die -ein feines, bläuliches Schattennetz auf das Tischtuch zeichneten. -Fräulein Palm und Heggen hatten den Tisch mit Tausendschön geschmückt; -die Makkaroni waren lange fertig, und die anderen hatten warten müssen, -bis die beiden mit der Dekoration kamen. Doch das Essen war gut und -der Wein vorzüglich, die Früchte hatte Franziska selbst in der Stadt -ausgewählt und mit hinausgenommen, ebenso den Kaffee, den sie selbst -zubereiten wollte, darauf bestand sie, um sicher zu gehen, daß er auch -gut würde. - -Nach dem Essen gingen Heggen und Fräulein Palm umher und studierten die -Marmorstümpfe -- Ueberreste von Reliefs und Inschriften, die auf dem -Grundstück gefunden und in die Hauswand eingemauert waren. Kurz darauf -verschwanden sie um die Ecke. Ahlin blieb am Tisch in der Sonne sitzen -und rauchte mit halbgeschlossenen Augen. - -Die Osteria lag am Abhang eines Hügels. Gram und Jenny klommen aufs -Geratewohl die Böschung hinauf. Sie pflückte einige von den kleinen -wildwachsenden Ringelblumen, die aus dem rotgelben Sand des Abhangs -hervorlugten. - -„Von diesen gibt es viele auf dem Monte Testaccio. Sind Sie dort einmal -gewesen, Gram?“ - -„Ja, öfter. Ich war vorgestern drüben, um den protestantischen Kirchhof -zu sehen. Die Kamelienbäume sind übersät mit Blüten. Und auf dem alten -Teile fand ich Anemonen im Gras.“ - -„Ja, die kommen jetzt hervor.“ Jenny seufzte ein wenig. „Draußen -vor der Ponte Molle, irgendwo an der Via Cassia, gibt es eine Menge -Anemonen. Ich bekam von Gunnar heute früh blühende Mandelzweige -- man -hat sie schon an der Spanischen Treppe. Sie sind aber sicher künstlich -zum Blühen gebracht worden.“ - -Sie waren auf der Höhe angelangt und gingen über Feld. Jenny sah zur -Erde. Es sproß überall auf dem kurzen, struppigen Grasboden. Rosetten -von bunten Distelblättern und irgendwelchen großen silberfarbenen -Blättern standen und ließen sichs wohl sein in der Sonne. Jenny -und Gram schlenderten auf eine einsame Mauermasse zu, die sich aus -niedergestürztem Schutt mitten auf dem Anger erhob, formlos und -namenlos. - -Fahl, graugrün dehnte sich die Campagna rund um sie her in sanften -Wellen unter dem hellen Lenzhimmel mit den trillernden Lerchen. Ihre -Grenzen verloren sich im Dunst des Sonnenglanzes. Die Stadt dort -hinter ihnen wurde zu einer hellen Luftspiegelung, Felsen und Wolken -liefen ineinander, und die gelben Bögen der Aquädukte ragten aus dem -Lichtnebel, um nach der Stadt zu wieder zu verschwinden. Die zahllosen -Ruinen waren nur noch kleine schimmernde Mauerreste, im Grünen -verstreut, während Pinien und Eukalyptusbäume vor den rosenroten und -ockergelben Häuschen grenzenlos einsam und düster und verlassen in dem -lichten Vorfrühlingstage standen. - -„Erinnern Sie sich des ersten Morgens, als ich hier unten war, Fräulein -Winge? Ich war enttäuscht und ich meinte, es käme von meiner großen -Sehnsucht und meinen heißen Träumen, deren Welt so reich war, daß die -Wirklichkeit fade und armselig erscheinen müßte. -- Haben Sie einmal -an einem Sommertage mit geschlossenen Augen in der Sonne gelegen? -Schlägt man sie wieder auf und blickt umher, so erscheinen alle Farben -plötzlich grau und erloschen. Die Augen sind geschwächt und daher -außerstande, die Mannigfaltigkeit der Farben aufzufangen, die sich -ihrem ersten Blick darbietet. Der erste Eindruck ist unvollkommen und -kläglich. Verstehen Sie, was ich meine?“ - -Jenny nickte vor sich hin. - -„Aehnlich ging es mir hier im Anfang. Rom überwältigte mich. Da sah -ich Sie -- groß, licht und fern kreuzten Sie meinen Weg. Franziska -beachtete ich nicht sogleich, erst in der Trattoria fiel sie mir auf. -Ich kam in Ihren Kreis, zu lauter mir unbekannten Menschen -- es -war das erste Mal, daß ich mit Fremden zusammen war. Die flüchtigen -Begegnungen daheim auf dem Wege zwischen Schule und Haus sind nicht zu -rechnen. Mich verwirrte das Neue einen Augenblick, ich glaubte, nie -mit Menschen reden zu können. Und da überfielen mich Gedanken an die -Heimat. Fast sehnte ich mich nach ihr und nach dem Rom, von dem ich -gehört und Bilder gesehen hatte. Sie wissen, mein Vater ...“ er lachte -kurz auf. „Ich hatte geglaubt, auf andere Art mich nicht zurechtfinden -zu können. Bilder betrachten, die andere gemalt, lesen, was andere -geschrieben hatten, die Arbeiten anderer enträtseln und ordnen und mit -erdichteten Menschen aus den Büchern leben -- darin lag meine Welt und -mein Können. In Ihrem Kreis fühlte ich mich so grenzenlos verlassen -... Da hörte ich Sie vom Alleinsein sprechen. Und jetzt verstehe ich -Sie. Sehen Sie den Turm da draußen? Dort war ich gestern. Es ist der -Ueberrest einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter, der Ritterzeit. -Eigentlich ist eine große Anzahl solcher Türme in der Umgebung wie -in der Stadt selbst erhalten. Man kann eine in die Fassadenreihe der -Straße eingebaute Hauswand fast ohne Fenster finden -- das ist so ein -kümmerlicher Rest aus dem Rom der Raubritter. Von dieser Zeit weiß man -verhältnismäßig am wenigsten. Ich beginne jetzt, mich gerade hierfür am -meisten zu interessieren. Ich finde Namen verstorbener Menschen in den -Archiven -- man kennt von ihnen häufig nicht viel mehr als den Namen. -Mich verlangt, mehr über sie zu erfahren. Ich träume von dem Rom des -Mittelalters -- als sie in den Straßen kämpften und aus heißen, roten -Kehlen bluteten, als die Stadt voller Raubburgen war -- auf denen sie -eingesperrt waren, ihre Frauen, Töchter dieser wilden Tiere, ihres -Stammes und Blutes -- und es geschah, daß auch sie ausbrachen und ins -Leben hinausstürzten, das um die schwarzroten Mauern lockte. Herrgott, -welch’ ein Strom von Leben ist doch über dieses Land hinweggebraust! -Die Wellen brachen sich an jeder Felsenspitze, die Stadt und Burg -trug. Und dennoch erheben sich die Felsen über dem Ganzen nach wie -vor nackt und öde. Allein die endlosen Massen von Ruinen nur hier -draußen in der Campagna! Und die Berge von Büchern, die über Italiens -Geschichte geschrieben sind, ja über die ganze Weltgeschichte! Das -ganze Heer toter Menschen, das wir kennen. Wie bitter, bitterwenig ist -dennoch als Rest verblieben von all den Lebenswogen, die über die Welt -hinweggegangen sind, eine nach der anderen ... Ich finde aber eben das -so wunderbar! ... Nun habe ich so viel mit Ihnen gesprochen, Jenny. -Und Sie ebenso viel mit mir. Trotzdem aber kenne ich Sie ganz und gar -nicht. Wie Sie jetzt dort stehen -- Sie sollten sich selber sehen! -Wie ihr Haar schimmert! So sind auch Sie ein solcher unbekannter Turm -für mich. Und das ist gerade das Wundersame. Haben Sie jemals darüber -nachgedacht, daß Sie niemals Ihr eigenes Antlitz gesehen haben? Nur -ein Spiegelbild. Unser Gesicht, wenn es schläft, wenn es die Augen -schließt -- das können wir niemals sehen. Ist das nicht seltsam? Damals -war mein Geburtstag. Heute ist es der Ihre. Sie werden achtundzwanzig. -Freuen Sie sich dessen? Sie finden ja, jedes Jahr, das man durchlebt -hat, ist kostbar.“ - -„Das sagte ich nicht. Ich meinte nur, meist hat man in den ersten -fünfundzwanzig Jahren vieles durchzukämpfen, so daß man froh sein kann, -wenn sie überstanden sind --.“ - -„Und jetzt?“ - -„Jetzt --“. - -„Ja. Wissen Sie so sicher, was Sie im kommenden Jahre erreichen werden? -Wie Sie die Zeit am besten nützen? Das Leben ist so ungeheuer reich -an Möglichkeiten -- nicht einmal Sie mit all Ihrem Reichtum an Kraft -können sich alles untertan machen. Denken Sie daran nie -- beunruhigt -das niemals Ihr Herz, Jenny?“ - -Sie lächelte nur, sah nieder und zertrat ein Zigarettenstümpfchen, -das sie hingeworfen hatte. Ihre Knöchel schimmerten weiß durch den -schwarzen, durchsichtigen Strumpf. Sie folgte mit den Augen einer -grauweißen Schafherde, die die Hügelböschung gerade ihnen gegenüber -hinablief. - -„Aber der Kaffee, Gram! Sie warten natürlich auf uns --“. - -Sie gingen nach der Osteria zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Der -Hügel lief in eine steile, sandige Böschung aus, die sich gerade über -dem Tisch, an dem sie gesessen hatten, erhob. - -Ahlin lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch, den Kopf auf den -verschränkten Armen. Das Tischtuch war bedeckt mit Käserinden und -Obstschalen zwischen Gläsern und Tellern. - -Franziska, im laubgrünen Kleide, stand über ihn gebeugt -- die Arme um -seinen weißen Hals geschlungen -- sie versuchte, seinen Kopf in die -Höhe zu heben: - -„Nicht weinen, Lennart! Ich will dir auch gut sein -- ich will mich -gern mit dir verheiraten -- hörst du, Lennart, aber du darfst nicht so -weinen. Ich glaube wohl, daß ich dich liebhaben kann, Lennart, -- wenn -du nur nicht so verzweifelt sein wolltest.“ - -Ahlin schluchzte: - -„Nein, nein -- so nicht -- so will ich nicht, Cesca --“. - - * * * * * - -Jenny wandte sich um und ging denselben Weg zurück. Gram sah, daß sie -bis auf den Hals hinab von glühender Röte übergossen war. Der Fußpfad -führte am Hügelabhang hin in den Gemüsegarten der Osteria. - -Rund um das kleine Wasserbassin jagte Heggen Fräulein Palm. Sie -bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, daß die Tropfen in der Sonne -funkelten, während sie lachend aufschrie. - -Wieder floß tiefe Röte über Jennys Hals und Nacken. Helge folgte ihr -durch die Gemüsebeete. Heggen und Fräulein Palm schlossen drunten am -Bassin Frieden miteinander. - -„Der Reigen schließt sich,“ sagte Helge leise. - -Jenny nickte schwach und versuchte zu lächeln. - - * * * * * - -Am Kaffeetisch herrschte keine rechte Stimmung. Franziska versuchte zu -plaudern, während sie am Likör nippten. Nur Fräulein Palm war guter -Laune. Sobald es irgend anging, schlug Franziska einen Spaziergang vor. - -So machten sich denn die drei Paare auf den Weg über die Campagna. Der -Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer, bis sie sich zwischen -den Hügeln verloren. Jenny ging mit Gram. - -„Wo wollen wir eigentlich hin?“ sagte sie. - -„Wir können ja zum Beispiel zur Egeriagrotte gehen.“ Diese lag gerade -in entgegengesetzter Richtung des Weges, den die anderen eingeschlagen -hatten. Sie schlenderten aber doch über die sonnenbeschienenen Hügel, -auf den Bosco sacro zu; -- über den dunklen Kronen der uralten -Korkeichen glühte die Sonne. - -„Ich sollte wohl lieber den Hut aufsetzen.“ Jenny strich sich übers -Haar. - -Im heiligen Haine war der Erdboden überdeckt mit Papierabfällen, er -strotzte von Unreinlichkeit. Auf einem Baumstumpf am Rande saßen zwei -Damen und häkelten, ein paar kleine Jungen spielten Verstecken hinter -den gewaltigen Stämmen. Jenny und Gram verließen den Hain und wanderten -den Hügel hinab der Ruine zu. - -„Eigentlich,“ sagte sie, „was wollen wir da unten,“ und setzte sich auf -den Abhang, ohne eine Antwort abzuwarten. - -„Nein, warum auch --“, Helge streckte sich in dem trockenen kurzen -Gras zu ihren Füßen aus. Er nahm den Hut vom Kopf und, sich auf die -Ellenbogen stützend, sah er zu ihr hinauf, ohne zu sprechen. - -„Wie alt ist sie eigentlich? --“ fragte er plötzlich leise. „Ich meine -Cesca.“ - -„Sechsundzwanzig Jahre.“ Sie saß still da und sah in die Weite. - -„Ich bin nicht traurig,“ sagte er wieder leise. „Sie verstehen mich, --- vor einem Monat wäre es etwas anderes gewesen --. Sie war einmal so -lieb, so warm und vertrauensvoll zu mir. -- Nun ja, Aufforderung zum -Tanz. Aber jetzt --. Ich finde sie sehr lieb. Aber es rührt mich nicht, -daß sie mit einem anderen tanzt.“ - -Er betrachtete sie. - -„Ich glaube, Sie sind es, die ich liebe, Jenny,“ sagte er plötzlich. - -Sie wandte sich ihm halb zu, lächelte leise und schüttelte den Kopf. - -„Doch,“ sagte Helge bestimmt. „Ich glaube es. Genau weiß ich es nicht. -Ich habe ja niemals geliebt -- das weiß ich jetzt. Trotzdem ich -verlobt gewesen bin“ -- er lachte leise. „Ja, diese Dummheit beging -ich einmal in meiner frühesten Jugend --. Aber, mein Gott, Jenny -- -es muß wohl wahr sein. +Sie+ waren es, die ich an jenem Abend sah -- -nicht die andere. Ich sah Sie schon am Nachmittag, Sie gingen über den -Corso. Ich stellte Betrachtungen an über das Leben, fand es so neu und -abenteuerlich, da gingen Sie an mir vorüber, licht und rank und fremd. -Später, nachdem ich in der Dunkelheit rund durch die fremde Stadt -geirrt war, traf ich Sie wieder. Oh ja, ich erblickte jetzt auch Cesca, -so daß es ja nicht weiter merkwürdig war, daß ich verwirrt wurde. Aber -zuerst sah ich doch Sie. -- Und nun ist es so gekommen, daß wir beide -hier zusammensitzen --“. - -Ihre Hand, auf die sie sich stützte, lag auf dem Erdboden dicht neben -ihm. Plötzlich strich er darüber. Da zog sie sie zurück. - -„Sie sind doch nicht böse? Nein, denn warum auch. -- Warum sollte ich -Ihnen nicht sagen dürfen, daß ich Sie liebe? Ich konnte nicht anders, -ich mußte Ihre Hand berühren, mußte fühlen, daß sie wirklich da war. -Wie seltsam, daß Sie hier sitzen. Ich kenne Sie ja gar nicht. Trotz -all dem, wovon wir gesprochen haben -- ich weiß freilich, daß Sie klug -sind, klar und energisch, gut und wahrheitsliebend, aber das wußte ich -gleich, als ich Sie sah und Ihre Stimme vernahm. Mehr weiß ich jetzt -nicht -- aber natürlich ist da noch vieles andere. Darüber erfahre ich -vielleicht niemals etwas. Aber ich kann zum Beispiel sehen, daß Ihr -seidenes Kleid glühend heiß ist -- wenn ich mein Gesicht an Ihre Brust -legte, so würde ich mich verbrennen --“. - -Sie machte mit der Hand eine unwillkürliche Bewegung über ihren Schoß. - -„Ja, die Seide saugt die Sonne an sich. Es knistert in Ihrem Haar. -Drinnen in Ihren Augen funkeln die Lichtstrahlen auf. Ihr Mund ist ganz -durchsichtig -- wie ein Kredenzbecher in der Sonne --.“ - -Sie lächelte, sah jedoch ein wenig gequält aus. - -„Küssen Sie mich, Jenny --,“ bat er plötzlich. - -Sie betrachtete ihn eine Sekunde. - -„Aufforderung zum Tanz --?“ Sie lächelte weh. - -„Sie dürfen nicht böse werden, nur weil ich Sie um einen einzigen Kuß -bitte. An so einem Tage. Ich erzähle Ihnen doch nur, was ich wünsche. -Im Grunde ... weshalb könnten Sie es nicht tun?“ - -Sie rührte sich nicht. - -„Ist da denn irgend ein Grund -- Herrgott, ich will ja nicht versuchen, -Sie zu küssen, aber ich verstehe nicht, warum Sie sich nicht eine -Sekunde herabbeugen und mir einen ganz, ganz kleinen Kuß geben können, -so wie Sie dort sitzen, mit der Sonne auf den Lippen -- es ist ja -nur, als klopften Sie einem Jungen auf die Schulter und gäben ihm -einen Soldo. Jenny -- für Sie ist es nichts weiter, und alles, was ich -wünsche, gerade in diesem Augenblick wünsche ich es so heiß --.“ Er -lächelte, während er sprach. - -Plötzlich beugte sie sich nieder ... Nur eine Sekunde spürte er ihr -Haar und ihren warmen Mund an seiner Wange. Jede Bewegung ihres -Körpers unter der schwarzen Seide konnte er sehen, als sie sich -niederbeugte und wieder aufrichtete. Er sah auch, daß ihr Antlitz, das -ruhig lächelte, als sie ihn küßte, hinterher ein wenig verwirrt und -erschrocken war. - -Aber er rührte sich nicht -- lag nur und lächelte in die Sonne hinein. -Da wurde auch sie wieder ruhig. - -„Sehen Sie,“ sagte er schließlich und lachte. „Nun ist ihr Mund genau -wie früher. Die Sonne scheint auf die Lippen, bis hinein ins Blut. Was -bedeutete es Ihnen? Und ich bin so froh --. Sie begreifen wohl, daß ich -nicht erwarte, Sie sollen weiter an mich denken. Ich möchte nur an Sie -denken dürfen. -- Setzen Sie sich nur still hin und denken Sie an alle -möglichen Dinge. Die anderen tanzen Reigen, aber dies hier ist weit -köstlicher -- wenn ich Sie nur ansehen darf.“ - -Sie schwiegen beide. Jenny hatte das Gesicht abgewandt und sah über die -sonnige Campagna hinaus. - -Während sie zur Osteria zurückgingen, plauderte er leicht und munter -von allen möglichen Dingen, erzählte Geschichten von den deutschen -Gelehrten, mit denen er bei seiner Arbeit zusammengetroffen war. Jenny -lugte ab und an verstohlen zu ihm auf. Er war so anders als sonst, -so frei und sicher. Er schaute im Gehen geradeaus; eigentlich war er -schön; die hellbraunen Augen glänzten wie Bernstein in der Sonne. - - - - -VIII. - - -Jenny zündete die Lampe nicht an, als sie heimgekehrt war. Im Dunkeln -griff sie nach ihrem Abendmantel und setzte sich auf den Balkon hinaus. - -Der Himmel erhob sich über den Dächern wie schwarzer Sammet, von dem -Gewimmel funkelnder Sterne durchwoben. Die Nacht war kalt. - -Er hatte gesagt, als sie sich trennten: - -„Ich komme morgen zu Ihnen hinauf, um Sie zu fragen, ob sie mit mir in -die Campagna fahren wollen --.“ - -In Wirklichkeit war ja nichts geschehen. Sie hatte ihn geküßt. Es war -aber der erste Kuß, den sie einem Manne gegeben hatte. Und es war ganz -anders gekommen, als sie es sich gedacht --. Fast wie ein Scherz war es -gewesen -- dieser Kuß. - -Sie liebte ihn keineswegs. Und hatte ihn doch geküßt. Sie hatte -gezaudert und gedacht: ich habe nie geküßt --. Doch da glitt -gewissermaßen eine fröhliche Gleichgültigkeit und süße Müdigkeit durch -ihren Körper; ach Gott, warum dies alles so lächerlich feierlich -nehmen. Sie tat es eben -- warum sollte sie auch nicht --. - -Nein, es machte ja nichts. Er hatte ja doch ganz ehrlich darum gebeten, -weil er glaubte, er wäre verliebt in sie und weil die Sonne schien. -Er hatte sie nicht darum gebeten, ihn zu lieben -- nichts hatte er -verlangt außer einem harmlosen Kuß. Und sie hatte ihn hingegeben, -schweigend. Das alles war schön gewesen. Da war nichts geschehen, um -dessentwillen sie sich hätte schämen müssen. - -Herrgott -- achtundzwanzig Jahre war sie geworden. Sie verhehlte es -sich selbst auch nicht, daß sie sich nach einem Manne sehnte, den sie -liebte und der sie lieb hatte, an den sie sich fest anschmiegen konnte. -Jung war sie, gesund und schön -- warm war sie und voller Sehnsucht ---. Aber da sie mit kalten Augen sah, und sich selber niemals etwas -vorzulügen pflegte ... - -Sie war dem einen oder anderen Manne begegnet und hatte sich gefragt: -ist es dieser? Diesen oder jenen hätte sie vielleicht lieben können, -wenn sie wirklich gewollt hätte -- wenn sie nachgeholfen und die -Ohren der leisen Stimme verschlossen hätte, die immer da war -- und -die einen hartnäckigen Widerspruch in ihr erweckte, den sie hätte -betäuben müssen. Aber keinen hatte sie getroffen, den sie hätte lieben -+müssen+. - -So hatte sie es nicht gewagt --. - -Cesca freilich vermochte es zu ertragen, daß einer nach dem anderen sie -küßte und sie umschmeichelte. Ihr machte es nichts aus. Es berührte nur -ihre Lippen und ihre Haut. Nicht einmal Hans Herrmann, den sie doch -liebte, konnte ihr merkwürdig dünnes, erstarrtes Blut erwärmen. - -Sie selbst war anders. Ihr Blut war rot und warm. Das Glück, nach -dem sie sich sehnte, sollte heiß und verzehrend sein, aber rein und -fleckenfrei. Sie selbst wollte gut und treu und ehrlich gegen den sein, -dem sie sich hingab. Es mußte einer kommen, der sie ganz hinnehmen -konnte, so daß keine Regung in ihr unberührt blieb und irgendwo tief -drinnen verkam und vergiftet wurde --. Nein -- sie wagte es nicht, -wollte nicht leichtsinnig sein. Sie nicht --. - -Dennoch -- sie konnte die Menschen begreifen, die der Mühe des Wollens -aus dem Wege gingen. Einen Trieb bezähmen und ihn schlecht nennen, -einen anderen aber großziehen und ihn gutheißen. Allen kleinen -billigen Freuden entsagen, seine Kräfte aufsparen in Erwartung einer -großen Freude. Die +vielleicht+ -- vielleicht niemals kam. Sie war -sich durchaus nicht gewiß, daß ihr Weg zu ihrem Ziele führte, daß es -ihr nicht doch einmal Eindruck machen könnte, wenn Menschen zynisch -einräumten, keinen bestimmten Weg zu gehen und keine Ziele zu haben, -während diejenigen, die sich an die Moral und ihre Ideale hielten, nach -dem Monde im Wasser fischten. - -Auch sie hatte es einst erlebt, vor vielen Jahren, daß ein Mann sie -in einer Nacht bat, mit ihm nach Hause zu gehen -- ungefähr so, als -hätte er sie eingeladen, ihn in eine Konditorei zu begleiten. In -Wirklichkeit reizte es sie wohl gar nicht -- außerdem wußte sie, Mama -saß oben und wartete auf sie, so daß es völlig unmöglich war. Auch -kannte sie den Menschen kaum, mochte ihn nicht leiden und war obendrein -ärgerlich, daß er sie an diesem Abend nach Haus begleiten wollte. -Sie hatte kein sinnliches Empfinden dabei, nur eine intellektuelle -Neugierde trieb sie dazu, in Gedanken einen Augenblick mit der Frage zu -experimentieren: +Wenn+ ich es nun täte? Was würde ich empfinden, wenn -ich Willen und Selbstbeherrschung und meinen alten Glauben über Bord -würfe? -- - -Es war nur dieser Gedanke, der einen aufreizenden, wollüstigen Schauder -durch ihren Körper gejagt hatte. War dieses Leben besser als ihr -eigenes --? - -Denn mit ihrem eigenen war sie ja an diesem Abend nicht zufrieden. -Sie hatte wieder dagesessen und dem Tanz der anderen zugeschaut -- -Wein hatte sie auch getrunken, die Musik umtoste sie, und sie hatte -gesessen und die bittere Einsamkeit gefühlt, zu der sie, so jung noch, -verdammt war, weil sie ja nicht tanzen, nicht die Sprache der übrigen -Jugend sprechen, nicht in ihr Lachen einstimmen konnte -- dabei hatte -sie noch versucht, zu lächeln und zu plaudern und sich wieder den -Anschein zu geben, als unterhielte sie sich gut. Während sie dann in -der eiseskalten Frühlingsnacht heimging, dachte sie daran, daß sie am -nächsten Morgen um acht Uhr eine Vertretung in der Kampfschen Schule -übernehmen mußte. Sie arbeitete an ihrem großen Bilde, und es war immer -noch so tot und schwerfällig, wie sie sich auch mühte und abarbeitete --- in den freien Stunden, bis um sechs Uhr ihre Privatschülerinnen zum -Mathematikunterricht kamen. -- Sie arbeitete hart zu jener Zeit, so daß -sie manchmal das Gefühl hatte, als zittere jeder Nerv vor Ueberspannung --- und doch hielt sie in dieser bewußten Ueberanstrengung aus bis zu -den Sommerferien. - -Und da hatte sie sich einen Augenblick gewissermaßen von seinem -Zynismus angezogen gefühlt -- wohl nur einen Augenblick -- aber ... -Sie hatte zu dem Menschen aufgelächelt und Nein gesagt, so trocken und -geradezu, wie er gefragt hatte. - -Er war übrigens ein Narr, denn nun begann er, ihr Predigten zu halten --- flaue Komplimente, sentimentalen Unsinn von Jugend und Lenz, dem -Recht der Leidenschaft und dem Evangelium des Blutes. Sie lachte ihn -ganz ruhig aus und rief eine vorüberfahrende Droschke herbei. - -Oh nein, sie war reif genug, um die begreifen zu können, die sich -brutal weigerten, für irgend etwas im Leben zu kämpfen, und sich -statt dessen niederlegten und vom Strome treiben ließen --. Aber die -Grünschnäbel, die davon faselten, eine Mission zu erfüllen, wenn sie -sich nach ihrem Geschmack amüsierten -- diese Jugend, die für das ewige -Recht der Natur zu kämpfen vorgab, während sie es nicht der Mühe wert -hielt, ihre Zähne zu putzen und ihre Nägel zu reinigen -- die konnte -sie nicht irreführen. - -Es war wohl am besten für sie, an ihrer eigenen kleinen Moral -festzuhalten. Die baute sich im wesentlichen auf Wahrhaftigkeit und -Selbstbeherrschung auf. - -Diese Moral hatte sich zu formen begonnen, als Jenny auf die Schule -kam. Sie war nicht wie die anderen Kinder in der Klasse, nicht einmal -in der Kleidung. Ihre kleine Seele aber war ganz, ganz anders. Sie -lebte ja mit ihrer Mutter zusammen, die zwanzigjährig Witwe geworden -war und nichts auf der Welt besaß als ihr kleines Mädchen. Und auch mit -ihrem Vater zusammen, der gestorben war, lange bevor sie sich erinnern -konnte. Er war im Grabe und im Himmel, aber in Wirklichkeit wohnte -er daheim bei Mutter und ihr --. Sein Bild hing über dem Klavier und -seine Augen schauten auf alles herab, was Mutter und sie unternahmen, -er hörte alles, was sie sagten -- die Mutter sprach beständig von ihm -und erzählte, was er zu allen Dingen meinte -- dies dürften sie tun -und dies müßten sie lassen des Vaters wegen. Jenny sprach von ihm, als -kenne sie ihn, und des Abends sprach sie +mit+ ihm und mit Gott, der -ja mit Vater zusammen war und ebenso dachte, wie der Vater. - -Der erste Schultag. Jenny entsann sich seiner deutlich und lächelte in -die dunkle römische Nacht hinaus. - -Die Mutter hatte sie unterrichtet, so daß sie mit acht Jahren in -die dritte Klasse kam. Die Mutter pflegte immer alles an Beispielen -zu erklären, die Jenny kannte. Sie wußte also sehr wohl, was ein -Vorgebirge war. Da fragte die Lehrerin in der Geographiestunde gerade -sie, ob sie ein norwegisches Vorgebirge nennen könnte. Jenny sagte -„+Naesodden+.“[1] - - [1] Anm. der Uebersetzerin: N. ist eine Halbinsel, Kristiania - gegenüber, während die im folgenden Absatz genannten Kaps große - Vorgebirge sind. - -Die Lehrerin lächelte, und die ganze Klasse lachte. „Signe,“ -sagte die Lehrerin, und ein kleines Mädchen erhob sich und sagte -prompt: „Nordkap, Stat, Lindesnes.“ Jenny aber lächelte überlegen, -gleichgültig, über der anderen Gelächter. Das war vielleicht der erste -Zusammenstoß. -- Sie hatte niemals Kameraden unter den anderen Kindern -gehabt. Und sie bekam auch niemals welche. - -Ueberlegen und gleichgültig hatte sie zu dem Gehänsel und Gespött der -ganzen Klasse gelächelt, aus einem schweigenden und unversöhnlichen -Haßgefühl heraus, das sich zwischen sie -- die nicht so war wie jene -- -und alle die übrigen Kinder schob, die für sie eine einförmige Masse -waren, ein vielköpfiges Ungeheuer. Die verzehrende Wut, die unter all -ihren Quälereien in Jenny aufstieg, verschloß sie hinter höhnischem, -gleichgültigem Lächeln. Die wenigen Male, da ihre Selbstbeherrschung -sie im Stiche ließ -- ein einziges Mal hatte sie in Leid und -Verbitterung gar jämmerlich geschluchzt -- die wenigen Male hatte sie -bemerkt, wie die anderen triumphierten. Nur, wenn sie „hochmütig“ war, -wenn die anderen von ihrer indianischen Gefühllosigkeit ihrem Tun und -Lassen gegenüber verwirrt wurden, konnte sie sich gegen die vielen -behaupten. - -In der obersten Klasse gewann sie ein paar Freundinnen. Das war in -dem Alter, wo kein Kind es erträgt, anders zu sein als die anderen. -Sie versuchte es den Mädchen gleich zu tun. Viel Freude hatte sie von -diesen Freundinnen übrigens nicht gehabt. - -Sie entsann sich, wie die Mädchen sie verspotteten, als sie entdeckten, -daß Jenny mit vierzehn Jahren noch mit Puppen spielte. Sie aber -verleugnete ihre geliebten Kinder und sagte, sie gehörten den kleinen -Schwestern. - -In dieser Zeit war es auch, daß sie zur Bühne gehen wollte. Sie wie -alle Freundinnen waren vollkommen versessen aufs Theater -- sie -verkauften Schulbücher und Konfirmationsbroschen, um sich Billets zu -verschaffen. Abend für Abend saßen sie unten auf dem Sperrsitz für -sechzig Oere. Aber eines Tages hatte sie verspielt, als sie erzählte, -wie +sie+ Eline Gyldenlöve darstellen würde. - -Die Freundinnen lachten Sturm. Sie war also in der Tat völlig -größenwahnsinnig. -- Man wußte wohl, daß sie eingebildet war, aber -nun war die Grenze erreicht. Sie bildete sich also tatsächlich ein, -sie könne Schauspielerin werden! Sie, die nicht einmal tanzen konnte! -Es würde hübsch aussehen, sie auf der Bühne herumwackeln zu sehen mit -ihren langen, stocksteifen Stelzen --. - -Auch damals hatte Jenny mit ihren Freundinnen nicht gebrochen. -- Nein, -sie konnte nicht tanzen. Als sie ganz klein war, pflegte die Mutter ihr -Tänze vorzuspielen, während Jenny umhertrippelte, sich verneigte und -drehte, wie es ihr in den Sinn kam; Mutter lächelte dann und nannte -sie ihr kleines Linerle. Dann kam sie auf den ersten Schülerball, in -feierlicher Freude, mit einem neuen grüngeblümten Kleid angetan, -- -oh, sie entsann sich dessen so deutlich. Es reichte ihr fast bis auf -die Füße herab; Mutter hatte es nach einem alten englischen Bilde -genäht. Sie erinnerte sich dieses Kinderballes. Noch konnte sie diese -wunderliche Steifheit in allen Gliedern spüren --. Seitdem hatte dieses -Gefühl ihren weichen schlanken Körper losgelassen, er wurde wie ein -Holzstock, wenn sie den Versuch machte, selber das Tanzen zu erlernen. -Sie konnte nicht. Schließlich wollte sie in die Tanzstunde gehen, aber -dazu fehlten die Mittel. - -Sie lachte. O diese Freundinnen! Zwei von ihnen hatte sie auf der -Ausstellung wiedergesehen, als sie das erste Mal ein Bild ausgestellt -hatte -- und einige lobende Worte über sie in die Zeitung gekommen -waren. Sie stand mit einigen Malern, darunter auch Heggen, zusammen, -den sie damals aber nicht näher kannte. Da kamen die Freundinnen heran -und gratulierten: - -„Das haben wir schon in der Schule gesagt, Jenny wird Künstlerin. Wir -waren alle so überzeugt, daß aus dir noch einmal etwas werden würde.“ - -Sie hatte gelacht: - -„Ich auch, Ella.“ - -Seit jener Zeit war sie allein gewesen. -- - -Sie war wohl ungefähr zehn Jahre alt, als die Mutter Ingenieur Berner -traf. Die beiden waren zusammen in einem Büro tätig gewesen. - -So klein sie war, hatte sie es doch gleich begriffen. Der tote Vater -entglitt gleichsam dem Heim. Sein Bild hing weiterhin an seinem Platz --- aber nun war er tot. Plötzlich kam ihr das Verständnis dafür, -was der Tod bedeutete. Die Toten existierten nur in der Erinnerung -der Lebenden -- die Anderen konnten willkürlich ihr armseliges -Schattendasein auslöschen. Dann waren sie +gar nicht+ mehr vorhanden. - -Sie verstand, warum die Mutter wieder so jung, so schön und froh wurde. -Sie sah wohl den Lichtschein, der über ihr Antlitz sich breitete, -wenn Berner an ihrer Türe läutete. Sie saß und hörte die beiden -miteinander sprechen. Niemals waren es Dinge, die das Kind nicht mit -anhören durfte, sie schickten sie nie hinaus, wenn sie in der Mutter -Heim zusammen waren. Bei aller Eifersucht, die sie im Herzen trug, -fühlte Jenny, daß es so vieles gab, worüber eine Mutter nicht mit einem -kleinen Mädchen sprechen konnte. Und diese Erkenntnis rief ein starkes -Gerechtigkeitsgefühl in ihr wach -- sie wollte ihrer Mutter nicht -zürnen. Hart war es indessen doch. - -Aber das zu zeigen, war sie zu stolz. Wenn jedoch die Mutter dem Kinde -gegenüber Gewissensbisse empfand und sie nervös und ganz unvermittelt -mit Zärtlichkeit und Fürsorge überschüttete, so schwieg sie kalt und -abweisend. Und sie schwieg, als die Mutter sagte, sie solle Berner -Vater nennen, und ihr eifrig erzählte, wie lieb er die kleine Jenny -hätte. -- In den Nächten versuchte sie, zu ihrem eigenen, richtigen -Vater zu sprechen wie ehedem -- leidenschaftlich versuchte sie, ihn -am Leben zu erhalten. Sie vermochte es aber nicht allein -- sie -kannte ihn ja nur aus den Erzählungen der Mutter. Nach und nach starb -Jens Winge auch für sie. Und da er auch der Mittelpunkt all ihrer -Vorstellungen von Gott, dem Himmelreich und dem ewigen Leben gewesen -war, so verblaßten auch diese mit seinem Bilde. Sie erinnerte sich, -daß sie schon im Alter von dreizehn Jahren dem Religionsunterricht -mit vollbewußtem Unglauben zugehört hatte. Und da alle anderen in der -Klasse an Gott glaubten, und den Teufel fürchteten und dennoch feig -und grausam, schmutzig und gemein waren, jedenfalls in ihren Augen, so -wurde die Religion für sie zu etwas beinahe Verächtlichem, Feigem, das -zu ihnen gehörte. - -Gegen ihren Willen mußte sie Sympathie für Nils Berner haben. In der -ersten Zeit, nachdem er die Mutter geheiratet hatte, mochte sie ihn -eigentlich lieber als die Mutter. Er forderte nicht das Recht des -Vaters über die Stieftochter -- klug, gut und natürlich kam er ihr -entgegen. Sie war das Kind der Frau, die er liebte, und deshalb liebte -er auch Jenny. - -Was sie ihm verdankte, erkannte sie erst jetzt als Erwachsene klar. -Wieviel Krankhaftes und Verschrobenes hatte er ihr doch ausgetrieben -und an ihr bekämpft! Solange sie mit der Mutter allein in dieser -treibhausschwülen Luft von Zärtlichkeit, Fürsorge und Träumerei -gelebt hatte, war sie furchtsam gewesen, hatte Angst vor Hunden, -Straßenbahnen, Angst vor Zündhölzern, hatte vor Allem Angst. Die -Mutter wagte kaum, sie allein zur Schule gehen zu lassen. Und wie -empfindlich war sie gegen körperlichen Schmerz gewesen! - -Berners erste Tat war, das Mädel mit hinauf in die Wälder zu nehmen. -Sonntag für Sonntag zog er mit ihr in die Nordmarken. In brennender -Sommersonne, in weicher Lenzluft und strömendem Herbstregen, den -ganzen Winter über auf Schneeschuhen. Und Jenny, die es gewöhnt war, -ihre Gefühle nicht zu offenbaren, versuchte, Müdigkeit und Angst zu -verbergen. Bis sie sie nach einer Weile gar nicht mehr empfand. - -Berner lehrte sie, Karte und Kompaß zu gebrauchen. Er verhandelte mit -ihr wie mit einem Kameraden. Er lehrte sie, Zeichen für Wetterumschwung -in Wind und Wolken zu entdecken, Zeit und Richtung aus dem Stande -der Sonne zu lesen. Mit Tieren und Pflanzen machte er sie vertraut. -Sie zeichnete und malte Blumen mit Wasserfarben, Wurzel und Stengel, -Blatt und Knospe, Blüte und Frucht. Ihr Skizzenbuch und sein -Photographenapparat lagen immer im Rucksack. - -Wieviel Liebe und Güte der Stiefvater in dieses Erziehungswerk gelegt -hatte, konnte sie erst jetzt ermessen. Ein kleines unscheinbares -Mädchen hatte er zum Kameraden gemacht und erzogen, sie, die so -ungeschickt gewesen, wie ein blindes Kätzchen nach der Geburt. Er, der -namhafte Skiläufer und Bergsteiger in Jotunheim und auf den Bergzinnen -des Nordlandes! - -Er hatte ihr versprochen, sie mit dort hinaufzunehmen. Das war in dem -Sommer, als sie fünfzehn Jahre alt war, dem schwierigsten Alter. Da -hatte er sie auf Schneehühnerjagd mitgenommen. Die Mutter mußte daheim -bleiben -- sie trug damals das Kleine. - -Sie wohnten in einer einsamen kleinen Sennhütte unterhalb Rondane. Oh, -niemals war sie je so glücklich gewesen wie in jenen Morgenstunden, -wenn sie in ihrem kleinen Alkoven erwachte. Sie mußte aufstehen und für -Berner Kaffee kochen; er nahm sie dann mit hinauf auf die Rondespitzen -und in die Stygfelsen, auf Engelfahrten, oder sie gingen hinab ins -Foltal, um Proviant zu holen. Wenn er draußen war und jagte, dann -badete sie in eisigen Gebirgsbächen oder wanderte endlose Wege über -herbstlich öde Strecken. Oder sie saß in der Hüttentür, strickte und -träumte romantische Sennerinnenträume von einem Jäger, der Berner recht -ähnlich sah, nur ganz jung war und bildschön. Er sollte aber erzählen, -wie Berner es tat, des Abends am Herd, von Jagd und Gebirgsfahrten; er -sollte ihr auch ein Gewehr versprechen und sie mit hinausnehmen auf nie -erstiegene Zinnen, wie Berner es versprochen hatte. - -O ja, sie entsann sich, wie sie damals begriff, daß die Mutter ein Kind -haben sollte. Wie zerquält, beschämt, unglücklich sie war, als sie es -entdeckte. Sie suchte vor der Mutter zu verbergen, was sie empfand, -ganz gelang es ihr nicht, das wußte sie. Erst Berners Angst um sein -Weib, als die Stunde der Geburt sich näherte, brachten eine Veränderung -in ihre Gefühle. Er sprach mit Jenny darüber: „Ich habe Angst, Jenny. -Ich habe deine Mutter doch so lieb, weißt du.“ Er sprach auch davon, -wie krank sie gewesen war, als Jenny geboren wurde. - -Das Gefühl des Unnatürlichen und Unreinen an dem Zustand der -Mutter wich von ihr, während er sprach. Aber auch das Gefühl, daß -das Verhältnis zwischen ihr und der Mutter etwas Mystisches und -Uebernatürliches war. Es wurde alltäglich und selbstverständlich -- -sie war geboren worden, und die Mutter hatte Schweres erlitten um -ihretwillen, sie war sehr klein gewesen, hatte der Mutter bedurft, und -um alles dessentwillen hatte sie die Mutter geliebt. Nun aber kam ein -neues kleines Kind, das der Mutter mehr bedürfen würde. Jenny fühlte -sich mit einem Male erwachsen, sie hatte Sympathie sowohl für die -Mutter als für Berner und sie tröstete ihn altklug: „Ja, aber du weißt -doch, es pflegt doch gut auszugehen. Ich finde, sie sterben doch fast -nie daran.“ - -Dennoch hatte sie vor Verlassenheit geweint, als sie ihre Mutter mit -dem neuen kleinen Kinde sah, das all ihre Zeit und ihre Sorge in -Anspruch nahm. - -Aber sie gewann das kleine Ding lieb, besonders als Klein-Ingeborg das -erste Jahr überschritten hatte und der süßeste, schwärzeste kleine -Zigeunerkobold wurde, den man sich denken konnte, und als die Mutter -ein neues Kindchen bekam. - -Eigentlich hatte sie niemals das Gefühl gehabt, als seien die -Bernerschen Kinder ihre Geschwister. Sie glichen ganz ihrem Vater. -Jetzt bezeichnete sie ihr Verhältnis zu ihnen annähernd als tantenhaft --- sie kam sich fast wie eine ältere „vernünftige Tante“ vor, sowohl -ihrer Mutter als den Kindern gegenüber. - -Als das Unglück geschah, war die Mutter jünger und schwächer als Jenny. -Sie war wieder jung geworden, Frau Winge, in ihrer neuen glücklichen -Ehe, nur ein wenig müde und mitgenommen von den drei Wochenbetten, die -dicht aufeinander folgten. Nils war nur fünf Monate alt, als sein Vater -starb. - -Berner stürzte eines Sommers drüben von den Skagastölspitzen ab -und starb auf der Stelle. Jenny war damals sechzehn Jahre alt. Die -Verzweiflung ihrer Mutter war grenzenlos; sie liebte ihren Mann und war -von ihm vergöttert worden. Jenny versuchte, ihrer Mutter zu helfen, -so gut sie konnte. Wie sehr sie selber um ihren Stiefvater trauerte, -zeigte sie niemanden. Sie wußte nur zu gut, daß sie den einzigen -Kameraden verloren hatte, den sie je besessen. - -Nach dem Mittelschulexamen war sie auf die Zeichenschule gegangen und -hatte zu Hause geholfen. Berner hatte sich immer für ihre Zeichnungen -interessiert und war der erste gewesen, der sie einiges über -Perspektive und dergleichen lehrte, soviel, wie er selber wußte. Er -hatte geahnt, daß sie Talent hatte. - -Leddy, seine Hündin, zu behalten, dazu fehlten ihnen die Mittel. Die -beiden kleinen, dicken Jungen wurden verkauft, und die Mutter meinte -auch, Leddy müßte weggegeben werden -- es war ein kostbares Tier. Es -trauerte tief um seinen Herrn. Aber niemand anderes durfte Berners Hund -bekommen, wenn sie ihn nicht selbst behalten konnten -- das setzte -Jenny durch; einmal bekam sie aus diesem Anlaß einen hysterischen -Anfall. Sie brachte das Tier selbst an einem Abend zu Rechtsanwalt -Iversnäs, Berners altem Kameraden, der es an einem Sonntage mit über -Land nahm, es erschoß und neben einer Hütte begrub. - -Was Berner ihr gewesen war -- Kamerad und Freund -- das versuchte sie, -seinen Kindern zu sein. Zu den Stiefschwestern wurde das Verhältnis, -als sie nach und nach heranwuchsen, weniger innig, jedoch ganz -freundschaftlich -- sozusagen mit großem Abstand. Jenny machte auch -nicht den Versuch, ihnen näherzukommen. Sie waren jetzt zwei sehr -liebe, kleine Mädchen im Backfischalter, mit Bleichsucht, kleinen -Verliebtheiten, Freunden und Freundinnen und ständigen Tanzvergnügen, -munter und reichlich indolent. Doch der kleine Nils und Jenny waren -im Laufe der Jahre immer bessere Kameraden geworden. Kalfatrus hatte -Vater den kleinen Burschen getauft, und Jenny behielt den Namen bei. Er -selbst nannte die Schwester Indiana. - -In den ganzen letzten Jahren der Trübsal waren die Nordmarksfahrten mit -Kalfatrus die einzigen Stunden gewesen, in denen sie sich ausruhte. -Am liebsten zogen sie im Frühling oder Herbst hinaus, wenn nur wenig -Menschen in den Wäldern waren. Dann saß sie mit dem Jungen schweigend -da und starrte in das Feuer, das sie sich gemacht hatten -- oder sie -lagen langgestreckt auf dem Boden, in ihrem eigenen fürchterlichen -Pöbeljargon schwatzend, den sie daheim nicht hören lassen durften mit -Rücksicht auf die Gefühle der Mutter. - -Das Porträt von Kalfatrus war das erste Bild, mit dem sie zufrieden -gewesen war. Es war auch brillant, und Gunnar schwor darauf, daß es in -die Galerie hätte kommen müssen. Sie hatte seitdem auch nie wieder ein -Bild gemalt, das so gut gelungen war. - -Sie hätte Berner malen müssen, Papa. Sie hatte ihn so gerufen, als -seine Kinder zu sprechen anfingen. Damals hatte sie auch die Mutter -Mama genannt. Damit hatte sie gewissermaßen vor sich selbst die -Veränderung bestätigt, die mit der Mutter ihrer kurzen Kindheit und in -dem Verhältnis zwischen ihnen vor sich gegangen waren. - -Und dann die erste Zeit hier unten! Als endlich der wahnsinnige Druck -wich, der auf ihr gelegen hatte. Dieser Druck hatte ihr weh getan. -Jetzt fühlte sie erst, wie jeder Nerv in ihr vor Ueberanstrengung -gezittert hatte. Und sie hatte geglaubt, sie sei zu alt geworden, um -jemals die Jugend zurückzuerobern. Von Florenz erinnerte sie sich an -nichts weiter, als daß sie dort gefroren und sich verlassen gefühlt und -nicht imstande gewesen war, das Neue in sich aufzunehmen. Ab und zu sah -sie blitzartig den unendlichen Schönheitsreichtum um sich her und wurde -verrückt vor Sehnsucht danach, ihn zu erfassen, zu verstehen und jung -zu sein, zu lieben und geliebt zu werden. - -Dann die Lenztage, als Gunnar und Franziska sie mit nach Viterbo -nahmen. Sonnenschein in dem nackten Eichenwalde, wo Anemonen und -Veilchen und gelbe Aurikeln in dichten Massen zwischen dem bleichen, -welken Laube blühten. Die kochenden, stinkenden Schwefelquellen, die -draußen auf der fahlen steppenartigen Ebene vor der Stadt dampften, -das Feld rings um den klagenden Quell war leichenblaß von erstarrtem -Kalk. Der Hohlweg dort hinaus mit den Tausenden von smaragdgrünen, -blitzähnlich hin- und herschießenden Vögeln in den Steinwällen, die -Olivenbäume in den Wiesen, über denen weiße Schmetterlinge sich -wiegten. Dann die alte Stadt mit den singenden Springbrunnen, den -schwarzen mittelalterlichen Häusern und den Türmen an der Ringmauer -und über allem der Mondschein in den Nächten. Und der gelbe, leicht -prickelnde Wein, der von der vulkanischen Erde, auf der er gewachsen -war, feurig schmeckte. - -Sie hatte mit den neuen Freunden Brüderschaft getrunken. Des Nachts -vertraute Franziska ihr die Geheimnisse ihres ganzen bunten jungen -Lebens an und kroch schließlich in ihr Bett, um sich trösten zu lassen. -Während sie lag, wiederholte sie: Wie gut du bist! In der Schule hatte -ich immer Angst vor dir! Daß du so gut bist! - -Gunnar war in beide verliebt. Er war übermütig wie ein junger Faun von -Lenz und Sonne. Und Franziska ließ sich küssen und lachte und nannte -ihn einen Schwatzmichel. - -Sie aber hatte Angst -- nicht vor ihm. Aber sie wagte nicht, seinen -heißen roten Mund zu küssen, weil es sie nach etwas Sinnlosem, etwas -Berauschendem und Leichtsinnigem gelüstete, das nur diese Tage über -währen sollte, während Sonne und Lenz und Anemonen leuchteten und -sie hier waren, etwas, worüber sie sich keine Rechenschaft zu geben -brauchte. Sie wagte aber nicht, aus ihrem alten Ich zu schlüpfen, sie -fühlte, sie würde dem Leichtsinn nicht leichtsinnig ein Ende machen -können und er gewiß auch nicht. Sie hatte Gunnar Heggen des öfteren -beobachtet -- mit anderen Frauen, mit denen er kleine Liebeleien gehabt -hatte. Er war so, wie sie waren, und doch wieder nicht ganz, tief im -Innern war er er selbst, ein Mann, der besser war als die meisten -Frauen. - -Später hatte er über seine eigene Verliebtheit gelacht. Sie waren -Freunde geworden, mehr und mehr. In der herrlichen, friedvollen, -arbeitsreichen Zeit in Paris und später wieder hier unten. - -Aber dies hier mit Gram war ja etwas ganz anderes. Er weckte wahrhaftig -keine verwegenen Gelüste oder wilden Sehnsuchtsgefühle in ihr. Herrgott --- sie mochte ihn eben gern. Er war durchaus nicht dumm, wie sie -erst gedacht hatte, nur gleichsam verschüchtert war er gewesen, als -er hierher kam. Das war nun freilich etwas, das sie am besten hätte -verstehen müssen. Etwas Weiches, Junges und Frisches lag über ihm, das -sie an ihm gern mochte. Es war ihr deshalb, als sei er viel mehr als -nur zwei Jahre jünger als sie. Was er indes von seiner Verliebtheit -sagte -- war es wohl etwas anderes als nur ein kleiner Ueberschuß an -Freude, wie sie ihn bei all dem Neuen und Befreienden erfaßte? Es war -sicher ganz ungefährlich, sowohl für ihn als für sie. - -Sie hatten sie wohl lieb, die zu Hause. Franziska und Gunnar auch. Und -doch -- ob wohl einer von ihnen heute Nacht an sie dachte? Sie war ganz -und gar nicht betrübt darüber, daß sie von einem wußte, der es tat. - - - - -IX. - - -Als sie am Morgen erwachte, sagte sie zu sich selber, er würde wohl -nicht kommen, und das wäre natürlich auch das Beste. Als er aber an -ihre Türe klopfte, war sie dennoch froh. - -„Fräulein Winge, ich habe noch nicht gefrühstückt, können Sie mir nicht -ein wenig Tee geben und einen Bissen Brot?“ - -Jenny sah sich im Zimmer um. - -„Ja, hier ist aber noch nicht aufgeräumt, Gram.“ - -„Ich mache die Augen zu, und dann sperren Sie mich hinaus auf den -Balkon,“ sagte er an der Tür. „Ich bin ja so schrecklich durstig auf -Tee!“ - -„Na ja, dann warten Sie einen Augenblick.“ Jenny warf die Decke über -das ungemachte Bett und räumte den Waschtisch auf. Den Frisiermantel -vertauschte sie gegen ihren langen Kimono. - -„So, bitte. Setzen Sie sich auf den Balkon hinaus, dann werde ich Ihnen -Tee bringen.“ - -Sie stellte ein kleines Taburett hinaus und brachte Brot und Käse -herbei. Gram betrachtete ihre bloßen weißen Arme und die langen Aermel -des Kimono, die um sie herflatterten. Das Gewand war dunkelblau, mit -gelben und violetten Iris durchwirkt. - -„Wie wunderhübsch ist das Kleid -- ein echtes Geishagewand!“ - -„Ja, es ist auch echt. Franziska und ich kauften uns beide eines in -Paris -- für die Morgenstunden im Hause.“ - -„Das liebe ich an Ihnen, daß Sie so gut gekleidet umhergehen, auch -wenn Sie allein sind.“ Er zündete sich eine Zigarette an und blickte -in den Rauch. „Ach -- des Morgens daheim -- das Mädchen und Mutter und -Schwester liefen umher und sahen aus wie --. Finden Sie nicht, Frauen -müßten sich so schön machen, als es ihnen nur möglich ist?“ - -„Doch. Aber es geht nicht, wenn man des Morgens den Haushalt in Ordnung -bringen muß, Gram.“ - -„Zum Frühstück jedenfalls könnten sie sich doch das Haar machen und -ein Kleid anziehen wie dies da, nicht wahr?“ Im selben Augenblick fing -er eine Teetasse auf, die sie mit dem Zipfel ihres Aermels beinahe -heruntergerissen hätte. - -„Nun, da können Sie sehen, wie praktisch das ist -- so, trinken Sie nun -Ihren Tee, Sie waren ja so durstig.“ Sie entdeckte plötzlich Franziskas -sämtliche helle Strümpfe, die zum Trocknen draußen hingen, und raffte -sie in etwas nervöser Hast zusammen. - -Er aß und trank, während er sprach. - -„Ja, sehen Sie -- ich lag und überlegte gestern, bis fast zum Morgen. -Darum verschlief ich und hatte nicht mehr Zeit, noch in eine Latteria -zu gehen. Ich finde, wir sollten auf die Via Cassia hinauswandern, zu -dem Plätzchen, wo Ihre Anemonen stehen.“ - -„Das Anemonenplätzchen.“ Jenny lachte leise. „Als Sie ein Junge waren, -Gram, hatten Sie da auch Anemonenwinkel und Veilchenplätzchen und -dergleichen, wo Sie jedes Jahr Ihre Blumen holten, die Sie vor den -anderen Kindern verheimlichten?“ - -„Und +ob+ ich welche hatte. Ich weiß noch einen Birkenhain, wo es -duftende Veilchen gab, an dem alten Holmenkollenweg.“ - -„Oh, ich weiß,“ unterbrach sie ihn triumphierend. „wo der Sörkedalsweg -abbiegt, gleich rechts.“ - -„Richtig. Einen Ort wußte ich auch auf Bygdö, innerhalb Fredriksborg. -Und in Skaadalen.“ - -„Aber ich muß jetzt hinein und mich umziehen,“ sagte Jenny. - -„Ziehen Sie das Kleid an, das Sie gestern trugen, das wäre lieb von -Ihnen,“ rief er ihr nach. - -„Es wird so staubig.“ Aber im selben Augenblick ärgerte sie sich. Warum -sollte sie sich nicht damit putzen -- das alte schwarzseidene Kleid war -viele Jahre hindurch ihre Staatsrobe gewesen -- nun brauchte sie es -wirklich nicht mehr so ehrerbietig zu behandeln. - -„Ach, Unsinn! Ja, aber es ist im Rücken zu schließen, und Cesca ist -jetzt nicht zu Hause.“ - -„Kommen Sie, ich werde es zuknöpfen, ich bin darin Spezialist, ich -habe meine Mutter und Sofie mein ganzes Leben lang im Rücken geknöpft, -müssen Sie wissen.“ - -Es waren nur zwei Knöpfe, gerade in der Mitte, die sie nicht allein -schließen konnte. So ließ sie denn Grams Hilfe zu. - -Er spürte den schwachen, milden Duft ihres Haares und Körpers, während -sie bei ihm draußen in der Sonne stand und ihn das Kleid zuknöpfen -ließ. An der einen Seite entdeckte er plötzlich einige kleine -Bruchstellen in der Seide, die sorgsam gestopft waren. Da füllte sich -sein Herz mit einer unendlich weichen Zärtlichkeit für sie. -- - -„Finden Sie den Namen Helge nett?“ fragte er, als sie später in einer -Osteria, weit draußen in der Campagna, zusammen bei Tisch saßen und zu -Mittag speisten. - -„Ja, er ist hübsch.“ - -„Wissen Sie, daß ich mit Vornamen Helge heiße?“ - -„Ja, ich sah, daß Sie sich im Verein hatten eintragen lassen.“ -Gleichzeitig errötete sie, denn ihr fiel ein, daß er wohl denken -könnte, sie hätte danach geforscht. - -„Ja, ich glaube auch, der Name ist hübsch. Im Grunde gibt es wenige, -die hübsch oder häßlich sind, nicht wahr? Kennt man irgend jemanden, -der diesen oder jenen Namen hat, so kommt es darauf an, ob man diesen -Menschen leiden mag oder nicht. Als ich ein Knabe war, hatten wir ein -Kindermädchen, das Jenny hieß, die konnte ich nicht ausstehen. Seitdem -meinte ich immer, es sei ein häßlicher und gewöhnlicher Name und ich -fand es so unglaublich, daß Sie Jenny hießen. Jetzt dagegen finde ich -den Namen wunderhübsch, gleichsam so blond. Hören Sie nicht, daß sein -Klang ganz lichtblond ist? Jenny -- eine dunkle Frau kann so nicht -heißen, Fräulein Jahrmann zum Beispiel nicht. Franziska paßt nun wieder -genau zu ihr, nicht wahr? Der Name ist so kapriziös, Jenny aber ist so -hell, so frisch und klar.“ - -„Ich bin nach meinen Vorfahren so genannt. Es ist ein Familienname -väterlicherseits,“ erwiderte sie, nur um etwas zu sagen. - -„Was stellen Sie sich zum Beispiel unter einer Rebekka vor?“ fragte er -kurz darauf. - -„Ich weiß nicht. Ist das nicht ganz hübsch? Vielleicht ein wenig hart -und klappernd.“ - -„Meine Mutter heißt Rebekka,“ sagte Helge nach einer Weile. „Ich finde -auch, es klingt hart. Und meine Schwester heißt Sofia. Sie heiratete, -nur um von Hause fortzukommen und in ein eigenes Heim, davon bin ich -überzeugt. Ist es nicht merkwürdig, daß meine Mutter so entzückt war, -sie verheiraten zu können? selbst hat sie mit meinem Vater wie Hund und -Katze gelebt. Aber der Staat, der mit Kaplan Arnesen gemacht wurde, -war grenzenlos, als meine Schwester und er sich verlobten. Ich kann -meinen Schwager nicht ausstehen. Ich glaube auch, mein Vater kann ihn -nicht leiden. Aber Mutter. -- Meine ehemalige Verlobte hieß Katharine, -sie wurde aber immer nur Titti genannt. Ich sah, daß sie auch Titti -in die Zeitung setzen ließ, als sie sich verheiratete. Sie können mir -glauben, das war eine dumme Geschichte. Es ist jetzt drei Jahre her. -Sie hatte eine Vertretung an der Schule, wo ich Lehrer war. Hübsch war -sie nicht im geringsten, nur rasend kokett allen Männern gegenüber; ich -aber hatte es niemals erlebt, daß eine Dame sich etwas daraus machte, -mit mir zu kokettieren. Das können Sie sich vielleicht denken, wenn -Sie sich erinnern, welch eine Figur ich im Anfang hier unten machte. -Und außerdem lachte sie immer -- sie sprühte Funken, wenn sie sich nur -bewegte. Sie war erst neunzehn Jahre alt, Gott weiß, warum sie mich -eigentlich nahm --. Ja, dann war ich natürlich rasend eifersüchtig, -und das machte ihr Spaß. Je eifersüchtiger sie mich machte, desto -verliebter wurde ich. Vielleicht war es meine Männereitelkeit -- aber -ich hatte nun einmal eine Braut, die rasend umschwärmt war. Ich war -damals ja noch sehr grün. Natürlich verlangte ich, sie sollte sich -einzig um mich bekümmern, das war vermutlich ein ziemlich unbilliges -Verlangen, so wie ich damals war. Wie gesagt, der Herrgott mag wissen, -was Titti mit mir wollte. Zu Hause wollten sie, das Verlöbnis sollte -noch geheimgehalten werden, weil wir so jung waren. Titti wollte es -aber gern veröffentlichen, sie pochte darauf, daß ich fände, sie -sei zu sehr von anderen in Anspruch genommen, daß sie aber nicht -ausschließlich mit mir zusammen sein könnte, wenn wir nur heimlich -verlobt wären. Sie kam dann nach Haus zu uns. Aber Mutter und sie -zankten sich immer. Titti haßte Mutter geradezu. Im übrigen wäre es -immer genau dasselbe gewesen, mit wem ich mich auch verlobt hätte. -Mutter genügte der Umstand, daß sie meine Braut war. Ja, dann löste -Titti die Verbindung.“ - -„Waren Sie sehr unglücklich?“ fragte Jenny leise. - -„Ja, das war ich. Ich kam eigentlich nicht ganz darüber hinweg, erst, -als ich hier war. Es war sicher vor allem meine Eitelkeit, welche litt. -Wenn ich sie wirklich geliebt hätte, so hätte ich wünschen müssen, daß -sie mit dem anderen glücklich würde, den sie jetzt geheiratet hat. Das -war aber durchaus nicht der Fall.“ - -„Das wäre wohl ein bißchen zu viel Edelmut gewesen,“ sagte Jenny -lächelnd. - -„Ich weiß nicht. Dies Gefühl müßte man eigentlich haben, wenn man -wirklich liebte. Nicht wahr? Aber wissen Sie, was ich so sonderbar -finde? Daß Mütter gegen die Bräute ihrer Söhne so wenig freundlich -gestimmt sind. Das ist nämlich immer dasselbe.“ - -„Eine Mutter meint wohl, keine Frau sei gut genug für ihren Jungen.“ - -„Ja, es ist aber nicht so, wenn die Töchter sich verloben. Ich sah es -doch bei dem ekelhaften, rothaarigen, fetten Kaplan. Ich habe niemals -mit meiner Schwester sympathisiert. Wenn ich aber daran dachte, daß -dieser Kerl -- pfui. Wenn er zu Hause saß, und mit ihr koste ... Nein, -wissen Sie, ich habe manchmal überlegt: Wenn Frauen eine Zeitlang -verheiratet gewesen sind, werden sie weit zynischer als wir Männer. -Sie sagen es nicht, aber ich merke es dennoch, wie zynisch sie im -tiefsten Herzensgrunde geworden sind. Das Ganze ist ihnen nur ein -Geschäft -- wenn die Tochter sich verheiratet, so sind sie froh. -Nun hat man sie einem Kerl auf den Hals geladen, der sie mit sich -schleppen, sie ernähren und kleiden muß. Daß sie sich als Gegenleistung -in die Pflichten der Ehe zu finden hat, ist kein Grund, um die Sache -besonders feierlich zu nehmen. Wenn dagegen ein Sohn für die gleiche -Gegenleistung eine solche Last auf sich lädt, so sind sie naturgemäß -nicht so begeistert. Glauben Sie nicht, daß darin ein Körnchen Wahrheit -steckt?“ - -„Mitunter trifft es wohl zu,“ sagte Jenny. - - * * * * * - -Als Jenny abends heimkehrte, zündete sie die Lampe an und begann an -die Mutter zu schreiben -- sie wollte am liebsten gleich für die -Geburtstagsgrüße danken und berichten, wie sie den Tag verlebt hatte. - -Ueber ihre eigene Feierlichkeit am vergangenen Abend mußte sie lachen. - -Ach, Herrgott! Ja, gewiß hatte sie es bitter gehabt und war einsam -gewesen. Aber schwer hatten es eigentlich die meisten jungen Menschen, -die sie gekannt. Viele noch weit schlimmer als sie. Sie brauchte nur -an alle die alten und jungen Mädchen, Lehrerinnen auf der Volksschule, -zu denken. Beinahe die meisten hatten eine alte Mutter zu versorgen -oder Geschwister, denen sie vorwärtshelfen mußten. Auch Gunnar -- -und jetzt wieder Gram --. Sogar Cesca -- das verwöhnte Geschöpf aus -einem reichen Hause -- mit ihren einundzwanzig Jahren hatte sie alle -Brücken hinter sich abgebrochen und sich seitdem durchgehungert und -vorwärtsgearbeitet, wobei ihr nur das kleine Muttererbe ein wenig half. - -Und was ihre eigene Einsamkeit betraf, so hatte sie die ja selbst -gewählt. Stellte sie eins zum anderen, so war der Grund dafür wohl -der, daß sie ihren eigenen Fähigkeiten mißtraute. Und um den Zweifel -totzuschweigen, hatte sie sich daran geklammert, daß sie etwas -Besonderes sei, etwas ganz Anderes als ihre Umgebung. Sie hatte die -anderen selbst von sich gestoßen. Nun sie ein Stück Wegs erobert -hatte, sich bewußt war, daß sie zu etwas taugte, da war sie ja weit -umgänglicher geworden, weit menschenfreundlicher. Sie mußte zugeben, -daß sie nie versucht hatte, anderen entgegenzukommen, weder als Kind -noch als Erwachsene. Sie war zu hochmütig gewesen, den ersten Schritt -zu tun. - -Alle Freunde, die sie gehabt -- vom Stiefvater bis zu Cesca und Gunnar --- alle hatten zuerst die Hand nach ihr ausstrecken müssen. - -Dann das andere: War sie wirklich die leidenschaftliche Natur, für die -sie sich selbst hielt? Ach! Sie war achtundzwanzig Jahre alt geworden, -ohne je das kleinste Gefühl der Liebe gekannt zu haben. Und diese -Tatsache berechtigte sie zu dem Vertrauen zu sich selbst, daß sie als -Frau nicht Schiffbruch erleiden würde, sollte sie jemals einen Mann -lieben. Gesund und schön war sie auch -- mit frischen Sinnen, die noch -empfänglicher geworden durch ihre Arbeit und ihr Leben in der Fremde. -Selbstverständlich sehnte sie sich danach, zu leben und geliebt zu -werden -- leben zu dürfen. - -Sich jedoch selber weiszumachen, daß sie einer beliebigen Mannsperson -in die Arme fliegen würde, die im kritischen Augenblick ihren Weg -kreuzte -- nur weil das Blut aufsässig war ...! Einbildungen, mein -Kind! Im Grunde wollte sie sich nur nicht eingestehen, daß sie sich -hin und wieder ein wenig langweilte und ganz einfach das Verlangen -empfand, eine kleine Eroberung zu machen und ein wenig umschwärmt zu -werden wie die kleinen Mädchen -- was sie sonst eigentlich als ein -niedriges Verlangen ansah. So zog sie es vor, das Gefühl feierlich -als Lebenshunger auszulegen und sehnsüchtige Sinne vorzutäuschen, -Faseleien, auf die die armen Männer gekommen waren, weil die Aermsten -nicht wissen, daß die Frauen im allgemeinen gewöhnlich eitel und -dumm sind, so daß sie sich langweilen, wenn sie nicht einen Mann -zur Unterhaltung haben. Daher die ganze Fabel von den sinnlichen -Frauen, die ebenso selten zu finden sind wie schwarze Schwäne und -disziplinierte, guterzogene Frauen. - -Jenny stellte das Bildnis von Franziska auf die Staffelei. Die weiße -Bluse und der grüne Gürtel lagen jetzt noch hart und häßlich auf. Die -Farben mußten gedämpft werden. Das Antlitz versprach gut zu werden, die -Stellung war natürlich. -- - -Jedenfalls war kein Grund vorhanden, wegen dieser Geschichte mit Gram -feierlich zu werden. Sie mußte doch weiß Gott einmal beginnen sich -natürlich zu geben; diese Angst, die auch in den ersten Tagen ihrer -Bekanntschaft mit Gunnar in ihr war, und die sie immer empfand, wenn -ein neuer Mann in ihren Gesichtskreis trat, Angst davor, daß sie sich -in ihn verlieben könnte oder er sich in sie, mußte sie abzustreifen -suchen. Der Gedanke, daß ein Mann an ihr Gefallen finden könnte, war -ihr so ungewohnt, daß auch er ihr Angst einflößte und sie verwirrte. - -Man mußte doch gut Freund miteinander sein können; es wäre ja sonst -traurig bestellt um die Menschheit. Gunnar und sie waren ja Freunde -- -ruhig und fest. Zwischen ihr und Gram war so vieles, das die Grundlage -einer Freundschaft hätte bilden können. Sie hatten soviel Gleiches -durchgemacht. - -Etwas so Junges und Vertrauensvolles lag in seinem Wesen ihr gegenüber. -Dieses „Nicht wahr?“ und „Finden Sie nicht?“, mit dem er immer kam. - -Sein Gerede von gestern, daß er sie liebe -- oder zu lieben glaube, wie -er sich ausdrückte! Sie lachte vor sich hin. Nein, ein erwachsener -Mann sprach nicht so, wenn er eine Frau ernstlich liebte und gewinnen -wollte. - -Er war wirklich ein lieber Junge. - -Heute hatte er diese Frage gar nicht berührt. - -Ein warmes Gefühl für ihn war in ihr aufgewallt, als er sagte, wenn er -sie wirklich geliebt hätte, hätte er doch wünschen müssen, daß seine -ehemalige Braut mit dem Andern glücklich würde. - - - - -X. - - -Jenny und Helge liefen Hand in Hand die Via Magnanapoli hinab. Die -Straße bestand aus einer einzigen Treppe, die zum Trajanischen Forum -hinunterführte. Auf der letzten Stufe zog er sie an sich und gab ihr -blitzschnell einen Kuß. - -„Bist du toll, weißt du nicht, daß es hierzulande nicht erlaubt ist, -auf der Straße zu küssen?“ - -Dann lachten sie beide. An einem der ersten Abende hatten zwei Wächter -sie auf dem Lateranplatz angesprochen. Sie waren unter den Pinien an -der alten Stadtmauer auf und ab gegangen und hatten sich geküßt. - -Der letzte Sonnenstreifen berührte die Bronzestatue des Heiligen auf -der Säule und flammte an dem Mauerwerk der Häuser und an den Baumkronen -der Anhöhe auf. Der Platz mit seinen alten verfallenen Häusern rings um -das ausgegrabene Forum unterhalb des Straßenkörpers lag im Schatten. - -Jenny und Helge lehnten sich über das Geländer und versuchten, -die fetten faulen Katzen zu zählen, die sich zwischen den grauen -Säulenstümpfen drunten auf der grasüberwucherten Schuttstätte breit -machten. Jetzt bei beginnender Dämmerung erwachten sie allmählich zum -Leben. Ein rotes Tier, das auf dem Sockel der Trajanssäule gelegen -hatte, reckte sich, wetzte seine Krallen am Mauerwerk und setzte in -lautlos weichem Sprung auf das Gras, glitt wie ein heller Schatten -davon und verschwand. - -„Ich zähle nicht mehr als dreiundzwanzig,“ sagte Helge. - -„Ich fünfundzwanzig.“ Sie wandte sich halb um und verscheuchte einen -Ansichtskartenverkäufer, der herbeigekommen war und seine Ware in allen -möglichen Sprachen anbot. - -Dann beugte sie sich wieder über das Geländer und starrte -gedankenverloren in das buschige Gras, sich der leisen, glücklichen -Mattigkeit hingebend, die eines langen Sonntages unzähligen Küssen -draußen auf der mattgrünen Campagna folgte. Helge hielt ihre Hand auf -seinem Arm fest und streichelte sie; Jenny strich über seinen Aermel -und barg die Hand zwischen seine beiden Hände, während Helge leise und -froh vor sich hinlachte. - -„Lachst du, Jung?“ - -„Ich dachte nur an die Altertumsforscher.“ Da lachte sie auch -- still -und gedankenlos, wie glückliche Menschen über etwas Gleichgültiges -lachen. - -Des Morgens waren sie über das Forum gegangen, hatten eine Weile -oben auf dem hohen Sockel der Foscassäule gesessen und miteinander -geflüstert. Zu ihren Füßen breitete sich das Ruinenfeld aus, vom -Sonnenlicht vergoldet und vom Alter verwittert, während Touristen, -klein und schwarz, zwischen den Mauerresten umherkrabbelten. Aber -ein wenig abseits, inmitten der Scharen der Reisegesellschaft die -Einsamkeit suchend, schlenderte ein jungverheiratetes Paar. Er war -fettleibig, sommersprossig und blond, mit Kniehosen und Kodak, und -las seinem jungen Weibe aus dem Baedeker vor. Sie aber, ganz jung, -üppig und dunkel, mit einem angeborenen hausfraulichen Gepräge in -dem weichen, mehlweißen Gesicht, setzte sich auf einer umgestürzten -Säule in Positur, worauf der Mann sie knipste. Die beiden aber, die -oben zu Füßen der Foscassäule saßen und von ihrer Liebe flüsterten, -gedankenlos, unbekümmert darum, daß sie sich zufällig auf dem Forum -Romanum befanden, lachten. - -„Bist du hungrig?“ fragte Helge. - -„Nein. Du?“ - -„Nein. Weißt du, wozu ich Lust hätte?“ - -„Nein?“ - -„Mit dir nach Haus zu gehen, Jenny. Bei dir zu Hause heute Abend Tee zu -trinken. Geht das nicht?“ - -„Ja, natürlich.“ - -Sie schickten sich an, durch die Stadt hinabzugehen, durch die -Seitengassen, Arm in Arm. - -Auf ihrem dunklen Treppenflur riß er sie plötzlich an sich. Sein Arm -lag hart unter ihrer Brust, und er küßte sie wild und heftig, daß ihr -Herz plötzlich stark und angstvoll zu schlagen begann. Zorn über sich -selbst stieg in ihr auf, weil sie diese Furcht nicht zu überwinden -vermochte. - -„Mein lieber Junge,“ flüsterte sie in der Dunkelheit; sie wollte sich -dadurch selber zur Ruhe zwingen. - -„Wart’ noch einen Augenblick,“ flüsterte Helge, als sie drin das Licht -anzünden wollte. Er küßte sie wie vorher. „Zieh dieses Geishagewand an, -du siehst so lieb darin aus -- ich setze mich solange auf den Balkon -hinaus.“ - -Jenny zog sich im Finstern um. Dann setzte sie Teewasser auf und füllte -die Vasen mit Anemonen und Mandelzweigen, bevor sie ihn hereinrief und -die Lampe anzündete. - -„O Jenny!“ Er zog sie wieder an sich. - -„Du bist so schön. Alles ist so schön an dir. O, es ist herrlich bei -dir zu sein. Ich wünschte, ich könnte immer bei dir sein.“ - -Sie legte beide Hände um sein Gesicht. - -„Jenny, möchtest du das auch, daß wir immer beisammen sein könnten?“ - -Sie blickte ihm in die schönen, goldbraunen Augen: - -„Ja Helge. Das möchte ich auch.“ - -„Wünschst du nicht auch, daß er nie ein Ende nähme, dieser Lenz hier -unten -- unser Lenz?“ - -„Doch.“ Sie warf sich jäh im seine Arme „O ja, Helge.“ Sie küßte ihn -und ließ ihre halbgeöffneten Lippen und ihre geschlossenen Augen um -mehr Küsse flehen. Die Worte von ihrem nimmer endenden Frühling -schienen einen leisen angstvollen Schmerz in ihr zu wecken, sie wußte, -daß dieser Frühling und ihr Traum einmal ein Ende finden +würden+. -Und im Unterbewußtsein lag eine leise Furcht, über die sie sich keine -Rechenschaft geben wollte, die aber lebendig geworden war, als er -sagte: möchtest du, daß wir immer zusammen blieben? - -„Ich wünschte, ich brauchte nicht heimzureisen,“ sagte Helge innig. - -„Ich reise doch auch,“ flüsterte sie sanft. „Wir kehren wieder hierher -zurück, Helge. Zusammen.“ - -„Du hast dich also entschlossen, nach Hause zu fahren? Und nun komme -ich dazwischen und zerstöre alle deine Pläne?“ - -Sie küßte ihn rasch und sprang fort zum kochenden Teewasser. - -„Nein, ich war schon vorher halb dazu entschlossen, siehst du, da Mama -mich ja doch sehr nötig hat.“ Sie lachte. „Fast schäme ich mich -- sie -ist ja so gerührt darüber, daß ich nach Hause komme und ihr helfen -will. Und dabei ist es nur, weil ich mit meinem Liebsten zusammen sein -möchte. Aber es ist schon gut so. Ich wohne ja billiger zu Haus, wenn -ich ihr auch beistehe, und kann vielleicht ein wenig sparen. Dann -bewahre ich das Geld auf -- bis auf später ...“ - -Helge nahm die Teetasse, die sie ihm reichte. Dann ergriff er ihre Hand. - -„Aber wenn du das nächste Mal fortreist, nimmst du mich mit! Ja, denn --- du willst doch -- du meinst doch -- daß wir uns heiraten, Jenny?“ - -Sein Antlitz war so jung und sah in so banger Frage zu ihr auf, daß sie -es wieder und wieder küssen mußte. Sie vergaß, daß sie sich vor diesem -Wort selbst gefürchtet hatte, das vorher zwischen ihnen nicht gefallen -war. - -„Es wird wohl das Praktischste sein, mein Junge. Da wir uns doch -darüber einig sind, daß wir immer zusammen bleiben wollen.“ - -Helge küßte still ihre Hand. - -„Wann?“ flüsterte er nach einer Weile. - -„Wann du willst,“ erwiderte sie ebenso leise -- und fest. - -Wieder küßte er ihre Hand. - -„Ich wünschte, es ließe sich so einrichten, daß wir uns hier unten -heiraten könnten,“ sagte er kurz darauf in einem anderen Ton. - -Sie antwortete nicht, sondern strich nur über sein Haar. - -Helge seufzte auf: „Aber es geht nicht. Wenn wir doch bald nach Hause -fahren müssen ... Es würde wohl auch deine Mutter kränken -- so eine -übereilte Hochzeit, nicht wahr?“ - -Jenny schwieg. Es war ihr noch niemals in den Sinn gekommen, daß sie -ihrer Mutter Rechenschaft schuldig war für ihre Heirat, so wenig als -ihre Mutter sie gefragt hatte, als sie wieder heiratete. - -„Ich weiß jedenfalls, daß es meine Eltern verletzen würde. Ich bin -nicht eben froh darüber, Jenny, aber ich weiß, es würde der Fall sein. -Am liebsten möchte ich nach Hause schreiben, daß ich mich verlobt habe. -Und da du etwas früher als ich nach Hause reisen willst -- würdest du -dann wohl zu uns hinaufgehen und sie begrüßen?“ - -Jenny warf den Kopf zurück, geradeso, als wollte sie ein unbehagliches -Gefühl verjagen. Dann sagte sie: - -„Ich werde tun, was du willst, mein Freund; das kannst du dir wohl -denken.“ - -„Ich denke selbst nicht gern daran, Jenny. O nein. Es ist so herrlich -gewesen, dies hier -- nur du und ich auf der ganzen Welt. Aber es -würde meine Mutter sehr verletzen, weißt du. Ich möchte ihr das Leben -nicht noch schwerer machen, als es für sie schon ist. Ich liebe meine -Mutter nicht mehr so wie früher -- das weiß sie auch, und grämt sich -sehr darüber. -- Es sind ja nur Formalitäten, aber sie würde sehr -darunter leiden, wenn sie glauben müßte, ich wollte sie übergehen. Sie -würde denken, daß es eine Rache sei für die Geschichte, du weißt.... -Wenn das dann überstanden ist, Jenny, können wir heiraten. Dann hat -uns niemand weiter dreinzureden. Ich wünschte, daß es recht bald sein -könnte. Du nicht auch?“ - -Sie küßte ihn als Antwort. - -„Ich sehne mich ja so nach dir, Jenny,“ flüsterte er. Jenny wehrte sich -nicht gegen seine Liebkosungen. Aber plötzlich ließ er sie los, scheu -und hastig ... - -Ein wenig später saßen sie am Ofen und rauchten, sie im Lehnstuhl, er -auf dem Fußboden, den Kopf in ihrem Schoß. - -„Kommt Cesca auch heute Nacht nicht nach Hause?“ fragte er plötzlich -leise. - -„Nein, sie bleibt bis Ende der Woche in Tivoli,“ sagte Jenny schnell -und ein wenig nervös. - -Helge liebkoste ihre Knöchel und Spann unter dem Saum dem Kimono. - -„Du hast so schöne, schmale Füße, Jenny!“ Er strich über die schlanke -Wade. Und plötzlich preßte er ihr Bein heftig an seine Brust. - -„Du bist ja so herrlich, so herrlich. Ich hab dich so lieb -- weißt -du, wie ich dich liebe, Jenny? Ich will hier auf dem Boden liegen, dir -zu Füßen -- setz die kleinen schmalen Schuhe auf meinen Nacken -- tu -es!“ Er warf sich plötzlich lang vor ihr nieder, versuchte, ihre Beine -hochzuheben und ihre Füße auf seinen Kopf zu legen. - -„Helge. Helge!“ Seine plötzliche Heftigkeit jagte einen kurzen Schreck -durch ihren Körper. Aber ich habe ihn doch lieb, sagte sie zu sich -selbst. Fürchte ich mich denn vor dem, was mein Geliebter will? Sie -fühlte seine brennend heißen Hände durch die dünnen Strümpfe. - -Als sie aber merkte, daß er sie unter die Schuhsohle küßte, stieg -plötzlich ein Unwillen in ihr empor. In einem verwirrten Gefühl von -Angst und Unlust lachte sie gezwungen auf. - -„Nein Helge, laß sein -- die Schuhe, mit denen ich auf den schmutzigen -Straßen umhergehe!“ - -Helge Gram richtete sich auf -- ernüchtert und gedemütigt. Sie suchte -es wegzulachen: - -„Bedenke doch, die Schuhe -- du kannst dir doch denken, daß Tausende -von ekelhaften Bakterien daran kleben.“ - -„Ach, du Pedant! Und du willst Künstlerin sein?“ Jetzt lachte er auch. -Uebertrieben lustig, um seine Verwirrung zu verbergen, nahm er sie -in seine Arme, während sie beide aus vollem Halse lachten: „Reizende -Braut, laß mich sehen -- gewiß doch. Du riechst nach Terpentin und -Oelfarben.“ - -„Unsinn, Geliebter! Ich habe bald drei Wochen lang keinen Pinsel -angerührt. Du sollst dich aber waschen, bitte sehr.“ - -„Hast du vielleicht Karbolwasser, damit ich gehörig desinfiziert -werde?“ Er überfiel sie mit eingeseiften Händen. „Frauenzimmer sind -chemisch gereinigt von aller Poesie, sagte mein Vater immer.“ - -„Ja, darin hat dein Vater Recht, Junge!“ - -„Du verstehst es, eine Kaltwasserkur zu verordnen,“ sagte Helge lachend. - -Jenny wurde plötzlich ernst. Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände -auf seine Schultern, indem sie ihn küßte: - -„Ich will nicht, daß du auf dem Erdboden zu meinen Füßen liegst, Helge!“ - - * * * * * - -Als er aber gegangen war, schämte sie sich. Es war wohl doch so, als -wenn sie eine Kaltwasserkur hätte verordnen wollen, dachte sie. Sie -wollte es aber nicht wieder tun. Sie liebte ihn doch. - -Heute Abend hatte sie eine Niederlage erlitten. Ihr war der Gedanke -gekommen, was wohl Signora Rosa sagen würde, wenn sich etwas ereignete. -Und diese Furcht vor einem Auftritt mit einer gekränkten Signora, und -ihr eigener Versuch, aus diesem Grunde das Versprechen, das sie ihrem -Jungen gegeben hatte, nicht einzulösen, demütigte sie. - -Denn, als sie seine Küsse entgegennahm, seine Küsse erwiderte, da -verpflichtete sie sich ja, ihm alles zu geben, was er von ihr erbitten -würde. Sie war ja die Letzte, die sich auf ein Spiel einlassen wollte --- Liebe annehmen und Kleinigkeiten zurückgeben, nicht mehr, als daß -sie sich ohne Verlust von dem Spiele zurückziehen könnte, wenn sie sich -anders entschieden hätte. - -Diese Angst vor etwas, das sie noch nie durchgemacht hatte, war im -Grunde nur Nervosität. - -Und doch, sie war froh gewesen, solange er sie nicht um mehr gebeten, -als sie fröhlich gewähren konnte. Die Stunde mußte ja kommen, wo sie -selbst den Wunsch hatte, ihm alles zu geben. - -Ach, es war so langsam und unmerklich gekommen, wie der Frühling hier -im Süden. Ebenso gleichmäßig und sicher, ohne schroffe Uebergänge. Es -gab keine kalten und stürmischen Tage, die das Herz wild machten vor -Sehnsucht nach Sonne und überströmendem Licht, nach verzehrender Glut. -Keinen jener unheimlich klaren, endlosen, hinreißenden Lenzabende wie -daheim. War der Sonnentag vorübergegangen, so fiel die Nacht still und -gleichmäßig hernieder, die Kühle kam im Gefolge der Finsternis und -verleitete nur zu geborgenem, ruhigem Schlummer zwischen den warmen, -schimmernden Tagen. Jeder Tag war ein wenig wärmer als der vergangene, -jeder Tag brachte einige Blumen mehr auf der Campagna, die doch nicht -grüner war als gestern und dennoch soviel grüner und weicher als vor -einer Woche. - -So war zu ihr auch die Liebe gekommen. Jeden Abend war ihre Sehnsucht -nach dem folgenden Sonntag mit ihm draußen vor den Mauern gewachsen -und ganz allmählich wandelte sich ihr Sehnen und suchte ihn selber -und seine junge, warme Liebe. Sie hatte seine Küsse hingenommen, weil -es sie glücklich machte, und Tag für Tag waren ihrer Küsse mehr, bis -endlich die Gespräche zwischen ihnen verstummt und zu lauter Küssen -geworden waren. - -Sie sah, daß er reifer und männlicher wurde, mit jedem Tage. Alle -Unsicherheit glitt von ihm ab; die plötzliche Niedergeschlagenheit -überfiel ihn jetzt nie mehr. Sie selbst wurde sicherer, wärmer, -fröhlicher. Es war nicht mehr ihrer Jugend kühle, streitbare -Selbstsicherheit, sondern eine herzliche Sorglosigkeit; sie war nicht -mehr mißtrauisch gegen das Leben, das sich ihren Träumen nicht hatte -fügen wollen. Jetzt nahm sie vertrauensvoll jeden Tag hin, in froher -Erwartung, daß das Unvorhergesehene gut werde und zum Guten gewendet -werden könne. - -Warum sollte die Liebe nicht so kommen dürfen -- langsam wie die Wärme, -die von Tag zu Tag wuchs und sich Zeit ließ, sich auszubreiten und -glühender zu werden. Weil sie früher geglaubt hatte, die Liebe käme wie -ein Unwetter, das im Nu einen anderen Menschen aus ihr schüfe, den sie -selbst nicht kannte, über den ihr alter Wille keine Macht mehr hatte? - -Helge -- er nahm dieser Liebe langsames, gesundes Erblühen so unendlich -sanft und ruhig hin. An jedem Abend, wenn sie einander Gute Nacht -gewünscht hatten, war ihr Herz von Dank für ihn erfüllt, daß er sie -nicht um mehr gebeten, als sie an diesem Tage geben konnte. - -Oh, wenn sie doch nur hierbleiben könnte, bis zum Mai, zum Sommer, den -ganzen Sommer über! Wenn ihre Liebe hier unten reifen könnte, bis sie -ganz eins geworden waren, so selbstverständlich, wie sie jetzt einander -näher traten. - -Irgendwo in den Bergen zusammen wohnen können, diesen Sommer! Die -Formalitäten der Eheschließung könnten sie dann hier in der Stadt in -Ordnung bringen oder im Herbst zu Hause. Natürlich wollten sie sich -heiraten, wie es üblich war, wenn zwei einander liebten. - -Dachte sie daran, daß sie nach Hause reisen sollte, so war es ihr, als -fürchte sie, aus einem Traum zu erwachen. - -Aber das war ja alles Unsinn. Sie hatten sich doch so unsagbar lieb. -Nein, sie konnte diese Störungen mit Verlöbnis und Besuch bei -Verwandten und dergleichen nicht leiden. Doch das waren Nichtigkeiten. - -Aber ewig Dank für diesen weichen Lenz hier unten, der sie so still -und sanft einander zugeführt hatte, Beide allein draußen zwischen den -Tausendschön der frühlingsjungen Campagna. - - * * * * * - -„Glaubst du nicht, Jenny wird es eines Tages bereuen, daß sie sich -mit diesem Gram verlobt hat,“ fragte Franziska Gunnar Heggen, als sie -einmal oben bei ihm saß. - -Heggen wendete und drehte seine Zigarre hin und her. Er bemerkte -plötzlich, daß es ihm früher niemals in den Sinn gekommen war, wie -indiskret es sei, Franziskas Angelegenheiten mit Jenny zu erörtern. -Aber über Jennys intimere Verhältnisse mit Franziska zu sprechen, war -etwas anderes. - -„Begreifst du, was sie mit ihm will?“ fragte Franziska wieder. - -„Das begreift man in den meisten Fällen nicht, Cesca. Besonders, was -ihr mit diesem oder jenem Menschen wollt. Ich glaube bei Gott,“ er -lachte leise vor sich hin, „wir bilden uns ein, daß wir wählen. Aber -wir gleichen unseren Brüdern, den unvernünftigen Tieren, mehr, als wir -zugeben wollen. Eines schönen Tages ist über unsere Liebe verfügt, -wobei unsere natürliche Veranlagung die Hauptschuld trägt, während Ort -und Gelegenheit das Uebrige tun.“ - -„Ich verstehe dich nicht, Gunnar,“ sagte Franziska und zog die -Schultern hoch. „Ist denn so über dich dauernd verfügt worden?“ - -Gunnar lachte -- ein wenig unwillig: - -„Vielleicht nie -- in genügendem Maße. Ich habe nie den kritiklosen -Glauben an eine Frau, daß sie die einzige sei, kennen gelernt. Der -gehört aber auch mit zur rechten Liebe, und wiederum ist die natürliche -Veranlagung des Menschen die Ursache dazu.“ - -Franziska starrte gedankenvoll vor sich hin: - -„Es mag häufig der Fall sein. Aber es kommt auch vor, daß man einen -bestimmten Menschen liebt, ohne daß Zeit und Umstände die Triebfeder -sind. Ich -- ich liebe jenen Mann, weil ich ihn nicht verstehe. Ich -konnte es damals nicht fassen, daß es Menschen seiner Art geben sollte. -Ich wartete auf ein Ereignis, das alles, was ich gesehen und beobachtet -hatte, ins rechte Licht rücken und erklären würde. Ich grub nach einem -verborgenen Schatz -- und da wurde ich besessen, je länger ich grub. -Und der Gedanke, daß eine andere Frau ihn finden könnte, brachte mich -schließlich an den Rand des Wahnsinns. -- Es +gibt+ Menschen, die einen -anderen lieben, weil dieser in ihren Augen vollkommen ist, weil sie -in ihm gefunden haben, wonach es sie verlangte. Hast du nie die Liebe -gekannt, die dich nur Gutes und Schönes und Edles an einem Weibe sehen -ließ, so daß du alles an ihm lieben mußtest?“ - -„Nein,“ sagte er kurz. - -„Ja, aber das ist erst die richtige Liebe. Meinst du nicht? Und ich -hätte gewünscht, daß Jenny auf diese Art lieben würde. Aber so +kann+ -sie Gram nicht lieben.“ - -„Ich kenne ihn eigentlich gar nicht, Cesca. Ich weiß nur, er ist nicht -so dumm wie er aussieht, wie man zu sagen pflegt. Das heißt, ich -glaube, er ist bedeutender, als man nach dem ersten Eindruck denken -sollte. Jenny hat wohl gemerkt, wes Geistes Kind er eigentlich ist.“ - -Cesca schwieg. Sie entzündete eine Zigarette und ließ das -Wachszündhölzchen ausbrennen, mit den Augen gedankenvoll der Flamme -folgend. - -„Hast du nicht bemerkt -- er fragt immer ‚finden Sie nicht?‘ und -‚stimmt das nicht?‘ und so. Liegt nicht etwas Feminines oder Unfertiges -über ihm?“ - -„Vielleicht. Aber es kann ja sein, daß gerade dies Jenny angezogen hat. -Sie ist ja stark und auch selbständig. Vielleicht mag sie am liebsten -gerade einen Mann, der schwächer ist als sie selber.“ - -„Ich will dir etwas sagen, Gunnar. Ich glaube gar nicht, daß Jenny -so stark und selbständig ist. Sie war aber auch auf sich selber -angewiesen. Daheim mußte sie unterstützen und helfen und selbst besaß -sie keine Seele, bei der sie Schutz suchen konnte. Als wir uns kennen -lernten, nahm sie sich meiner an, weil sie sah, daß ich viel weicher -war als sie und ihrer bedurfte. Jenny hat immer Menschen getroffen, -die bei ihr Zuflucht suchten. Auch Gram bedarf ihrer. Ja, sie +ist+ -stark und sicher, sie fühlt es auch, und niemand bittet vergebens um -ihre Hilfe. Aber kein Mensch vermag auf die Dauer immer Anderen eine -Stütze zu sein, ohne je selber zu empfangen. Begreifst du denn nicht, -daß sie furchtbar einsam werden muß, wenn sie immer die Stärkste sein -soll? Sie +ist+ allein, und heiratet sie diesen Menschen, so wird es -auch nicht anders. Alle sprechen wir mit Jenny über uns selbst, sie -aber hat niemanden, mit dem sie reden kann. Oh, Jenny sollte einen Mann -haben, zu dem sie aufsehen könnte, dessen Autorität sie fühlte, zu dem -sie sagen könnte: so und so habe ich gelebt, so habe ich gearbeitet -und so habe ich gekämpft, denn so, meinte ich, sei es recht gewesen. -Sie sollte einen Menschen haben, der über ihr Recht und Unrecht zu -entscheiden imstande ist. Gram +kann+ es nicht, er ist ihr unterlegen. -Und dann kann sie auf sein Urteil nicht vertrauen, nicht wahr? Der -Mann, den Jenny braucht, muß genügend Autorität besitzen, um ihre -Gedanken zu bestätigen oder zu verwerfen. ‚Nicht wahr?‘ und ‚finden Sie -nicht?‘ -- jetzt sollte Jenny so fragen dürfen!“ - -Sie schwiegen beide lange, dann blickte Heggen auf und sagte: - -„Es ist recht seltsam, Cesca. Gilt es deine eigenen Geschichten, -so weißt du meistens weder aus noch ein. Wenn du aber über die -Angelegenheiten anderer sprichst, so habe ich oft den Eindruck, als -sähest du am klarsten von uns allen.“ - -Franziska seufzte schwer auf: - -„Darum habe ich ja auch oft die Idee, ins Kloster zu gehen, Gunnar. -Wenn ich außerhalb des Ganzen stehe und es beschaue, so glaube ich, -alles zu begreifen. Wenn ich aber selbst mitten drin sitze, so verwirrt -es mich vollständig.“ - - - - -XI. - - -Die saftigen, blaugrünen Riesenblätter der Kaktusbüsche waren zerrissen -von Namen, Buchstaben und Herzen. Helge stand und schnitzte ein H und -ein J hinein. Jenny hatte den Arm um seine Schulter gelegt und sah ihm -zu. - -„Wenn wir hierher zurückkehren,“ sagte Helge, „so ist es eine solche -braune Narbe wie die anderen. Glaubst du, daß wir es wiederfinden, -Jenny?“ - -Sie nickte. - -„Unter all den anderen,“ sagte er mißmutig. „Es stehen so viele Namen -hier. Wir gehen dann wieder hier hinaus und suchen danach -- wollen -wir?“ - -„Ja.“ - -„Glaubst du daran, daß wir wieder hierher kommen, Jenny? Daß wir wieder -hier stehen werden wie jetzt -- oder nicht?“ Er zog sie an sich. - -„Warum sollten wir nicht, mein Freund?“ Eng umschlungen gingen sie auf -ihren Tisch zu. Und dicht aneinandergeschmiegt saßen sie und starrten -auf die Campagna hinaus. - -Der Sonnenschein des Frühlingstages rückte höher hinan und die -Schlagschatten wanderten über die Hügel. Mitunter schoß das Licht in -großen Strahlenbündeln hervor, wenn blanke Wolken, leicht und ruhig -bewegt, über den blauen Himmel dahinsegelten. Aber draußen am Horizont, -wo der dunkle Eukalyptuswald bei Tre Fontane über den entferntesten -Hügelkamm lugte, dampfte ein perlenweißer Nebel auf; gegen Abend würde -er wohl wachsen und den ganzen Himmel überfluten. - -Weit drüben in der Ebene floß die Tiber dem Meere zu, golden, wenn sie -der Sonnenschein traf, doch bleigrau mit mattem Glanz wie der Bauch -eines Fisches, wenn die Wolken sich in ihr spiegelten. - -Die Tausendschön leuchteten wie frischgefallener Schnee auf den Hügeln. -Auf dem Abhang unterhalb des Gemüsegartens der Osteria keimte der junge -Weizen empor, lichtgrün und seidenweich. Mitten auf dem Acker draußen -standen zwei Mandelbäumchen, deren Blütenkronen blaßrot schimmerten. - -„Unser letzter Tag in der Campagna,“ sagte Helge. „Ist es nicht -seltsam?“ - -„Für dieses Mal --“. Sie küßte ihn und wollte ihrem eigenen Mißmut -nicht nachgeben. - -„Ja. Denkst du niemals daran, Jenny, daß es, wenn wir wieder hier -sitzen, dann so nicht wieder sein kann wie jetzt? Man ändert sich -dauernd, Tag für Tag -- wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir wieder -hier unten sitzen. Nächstes Jahr -- nächsten Frühling -- es ist dann -nicht mehr dieser Frühling, Jenny. Wir sind dann auch nicht mehr -+genau+ dieselben. Und unsere Liebe? Wir werden uns ebenso lieben, aber -nicht auf ganz dieselbe Art.“ - -Jenny zog die Schultern hoch, als wenn es sie fröstelte: - -„So etwas würde eine Frau niemals sagen, Helge,“ und sie versuchte zu -lachen. - -„Findest du es so seltsam, daß ich das sage? Ich kann nicht von dem -Gedanken loskommen. Denn ich finde, diese Monate haben mich so sehr -verändert. Dich auch -- entsinnst du dich des ersten Morgens? Du -sagtest, alles sei dir so verändert erschienen, als du hinaustratest. -So wie ich war, als ich hierher kam, konntest du mich damals ja nicht -liebgewinnen, Jenny, nicht wahr?“ - -Sie strich ihm über die Wangen: - -„Aber Helge, mein Jung, das ist ja eben die große Veränderung -- -daß wir uns liebgewonnen haben. Und unsere Liebe wächst und wächst -beständig. Wenn wir uns jetzt verändern, so liegt das nur daran, daß -unsere Liebe wächst. Darum braucht man doch keine Furcht zu hegen? Wir -sind zwei frohe Menschen geworden -- das ist die Veränderung. Entsinnst -du dich des Tages -- meines Geburtstages -- des Tages auf der Via -Cassia? Die ersten feinen Fäden begannen damals, sich zwischen uns zu -spinnen; jetzt ist ein starkes Band daraus geworden und es wird immer -stärker. Ist das ein Grund, sich zu fürchten, Helge?“ - -Er küßte sie auf den Hals: - -„Morgen reist du --“. - -„Ja. Und in sechs Wochen kommst du nach.“ - -„Ja. Aber dann sind wir nicht hier. Wir können nicht in die Campagna -fahren. Das ist es eben, daß wir mitten im Frühling aufbrechen müssen.“ - -„Daheim haben wir auch Frühling, Helge. Auch dort gibt es Lerchen. Sieh -diese treibenden Wolken -- das ist fast wie daheim. Denk an den Vestre -Aker, Jung -- an ganz Nordmarken. Da wollen wir zusammen hinauf gehen. -Oh, der Frühling daheim, mit weißen Schneestreifen in allen Schluchten -rings um den blauen, blauen Fjord! Dann die letzten Schneeschuhfahrten -auf der Frühjahrsbahn; wir machen vielleicht in diesem Jahre auch noch -eine Skifahrt zusammen. Wenn der Schnee so naß ist, daß er nicht einmal -knirscht, wenn alle Bäche brausen und sprudeln, der Abendhimmel sich -über uns breitet, grün und klar, mit großen glitzernden Goldsternen -bestickt und die Skier in den Felsspalten schürfen und knirschen.“ - -„Ja, ja.“ Er bog sie sanft zu sich hinüber. „Vestre Aker -- Nordmarken -.... Ich bin dort soviel allein umhergegangen, daß es mir davor graut. -Ich habe das Gefühl, als müßten dort Fetzen meiner alten abgelegten -Seelen auf jedem Busche hängen.“ - -„Still, still! Es kann so schön werden. Mit meinem Freunde an all den -Orten umherzugehen, wo ich so viel allein und traurig gewesen bin, so -manchen Lenz hindurch.“ - -Hand in Hand wanderten sie über die graugrüne Campagna. Jetzt, gegen -Abend, hatte der Wolkenschleier sich über den ganzen Himmel gebreitet, -und ihnen entgegen wehte der Frühlingswind. - -Jenny sagte weh und sehnsuchtsvoll jedem einzelnen Dinge Lebewohl. -Drunten auf der Fahrstraße knirschten Heuwagen, von Ochsen gezogen, -deren weißgraue Haut in sammetweiches Braun überging, und vor den -blaubemalten Weinkarren läuteten die Glöckchen an dem roten Saumzeug -der Maultiere. - -Alles war lieb und vertraut hier draußen, alles hatte sie Tag für Tag -mit ihm zusammen hier gesehen und selber nicht gewußt, daß sie es sah; -nun fühlte sie plötzlich, daß alles in ihre Seele eingebrannt war -zugleich mit der Erinnerung an diese Tage. - -Hier der trockene, rotbraune Hügel, dessen starres, kurzes Wintergras -von Tag zu Tag weicher und grüner geworden war, die treuen Tausendschön -auf der mageren Erde, die geheimnisvollen Gruben, in die das Erdreich -zusammengestürzt war, vor denen sie verwundert gestanden hatten; die -dornigen Hecken am Rande der Wege und die blanken, saftiggrünen Blätter -der wilden Kalla unter den Büschen ... - -Der Lerchen unablässiges Trillern hoch oben unter der weißen -Himmelskuppel, die wunderlich glasartigen Töne der unzähligen -Drehorgeln, die weit draußen auf den Osterien in der Ebene zum Tanz -aufspielten und immer die gleichen kleinen italienischen Melodien hören -ließen. - -Der Gedanke, daß sie von diesem allen lassen sollte, kam ihr so sinnlos -vor. - -Sie ging mit Helge durch den flutenden Frühlingswind, der ihren Körper -durchkühlte wie ein Bad; sie fühlte sich selbst wie ein kühles, -frisches, saftgefülltes Blatt, und sie sehnte sich danach, sich ihm zu -geben. - -In ihrem dunklen Hausflur sagten sie sich zum letzten Male Lebewohl. -Sie wollten nicht voneinander lassen. - -„Könnte ich doch heute Nacht bei dir bleiben! Jenny!“ - -„Helge.“ Sie drängte sich an ihn. „Du darfst!“ - -Er umfaßte sie heftig, ihre Hüften, ihre Schultern. Aber sobald sie es -ausgesprochen hatte, erzitterte sie. Sie wußte selbst nicht, warum ihr -Angst wurde -- sie +wollte+ nicht ängstlich sein. Im selben Augenblick -bereute sie, daß sie eine Bewegung gemacht hatte, als wollte sie -sich aus seiner harten Umarmung befreien. Aber da hatte er sie schon -freigegeben. - -„Nein. Nein. Ich weiß ja, daß es unmöglich ist.“ - -„Ich will ja so gern,“ flüsterte sie gedemütigt. - -„Ja, ja.“ Er küßte sie. „Ich weiß, daß du ... aber ich weiß auch, daß -ich nicht darf --.“ - -„Dank, Jenny! Hab Dank für alles! Jenny, Jenny -- Dank für deine Liebe! -Gute Nacht.“ -- - -Die Tränen rannen kalt über ihre Wangen, als sie in ihrem Bett lag. Sie -versuchte sich selbst klarzumachen, daß es sinnlos sei, zu liegen und -so zu weinen als wäre irgend etwas Schönes zu Ende gegangen, irgend ein -Glück zersprungen. - - - - - Zweites Buch - - - - -I. - - -Als Jenny in Fredrikshald über den Bahnsteig lief, um im Warteraum -ein wenig Kaffee zu sich zu nehmen, hielt sie einen Augenblick inne. -Irgendwo über ihr tirilierte eine Lerche. - -Sie schloß die Augen, als sie dann am Abteilfenster saß. Die Sehnsucht -nach dem Süden war schon erwacht. - -Der Zug sauste an kleinen, mutwillig zerrissenen und geborstenen -Bergkuppen aus rotem Granit vorbei. Der Fjord schimmerte stellenweise -in ungebrochenem, leuchtendem Azurblau hindurch. An den Felsen hinan -klammerte sich die Föhre fest. Die Nachmittagssonne lag auf roten, -erzen schimmernden Stämmen und tiefgrünen, metallblanken Kronen; es -war, als glänzte alles vom Bade nach der Schneeschmelze. Bächlein -gurgelten den Bahnkörper entlang, und die nackten Kronen der Laubbäume -leuchteten in der klaren Luft. - -Es war hier so anders als im Lenz des Südens. Sie aber sehnte sich nach -ihm -- seinem langsamen, gesunden Atem, seiner Farben milder Freude. -Diese Farbenorgien hier erinnerten sie an andere Lenztage -- mit wilder -Sehnsucht nach heißen Freuden, die ihrem jetzigen ruhigen Glück nicht -eigen waren. - -Oh, der Frühling dort unten mit dem leise sprießenden Grün auf der -endlosen Ebene! Das Gebirge umgab sie mit strengen, festen Linien. Die -Menschen hatten den Wald gerodet und ihre mauergekrönten steingrauen -Städte auf den Felsspitzen errichtet, ihre silberfarbenen Olivenhaine -an den Hängen aufgepflanzt. Das Leben hatte sich Jahrtausende über -in den Felsen geregt, und die Berge trugen geduldig die kleine Welt -auf ihren Schultern, dennoch in ewiger Einsamkeit und Ruhe ihre -Scheitel gen Himmel hebend. Diese stolzen, strengen Linien, der Farben -gedämpftes Silbergrau, Graublau und Grüngrau, diese uralten Städte und -der langsam vorwärtsschreitende Frühling! Wie viel man auch erzählte -von des Südens schäumendem Leben, so schien dort doch der Lebensodem -in ruhigem, gesünderem Zeitmaß die Menschen zu durchströmen als hier -im Norden. Trotz des Lenzes mutwilliger Gewalt im Süden war es dort -leichter, die Frühlingswoge vorüberbrausen zu lassen. - -Ach Helge! Könnte ich doch bei dir sein! Ihr schien die Zeit, die sie -mit ihm verlebt, so unendlich fern. Kaum eine Woche war vergangen, seit -sie sich getrennt hatten, und doch war ihr alles wie ein Traum, als sei -sie nie von der Heimat fortgewesen. - -Wie dankte sie dem Schicksal, das sie von hier geführt. So hatte sie -nicht zu sehen und zu fühlen brauchen, wie der weiße, ruhevolle, -frostklare Winter wich, wie die klingende, stärkende, lichtblaue -Luft, von silberreinem, feuchtem Dunst durchtränkt, über den braunen -Erdschollen zitterte. Die Luft flimmerte, alle Linien lösten sich auf, -während die Farben scharf und brennend, gleichsam nackt, hervortraten, -bis der Abend kam, und alles unter einer Flut blaßgrünen, zehrenden -Lichtes erschauerte, das nicht weichen wollte. - -Mein kleiner Junge, was du wohl jetzt treibst. Ich sehne mich ja so -nach dir -- ich kann es fast nicht glauben, daß du mir gehörst. Ich -will bei dir sein, ich will nicht allein hier umhergehen und mich -den ganzen langen, unheimlich hellen Frühling hindurch nach dir -verzehren. -- - -Weiter hinauf in Smaalene lagen schmelzende Schneestreifen am -Waldessaum und unter den Steinwällen. Die welkbraunen Erdschollen und -umgepflügten Aecker breiteten sich in milden Farben aus, und hier, -wo die Himmelskuppel sich höher wölben konnte, erblaßte das blendend -starke Blau nach dem Horizonte zu allmählich. Die niedrige wellige -Kette der bewaldeten Bergkuppen lag weit drüben, während das feine -Geäst der einzelnen freistehenden Baumgruppen draußen im Lande sich wie -Spitzenwerk in der Luft abzeichnete. - -Altersgraue Gehöfte gleißten wie Silber, und neue rote Nebengebäude -glühten tief auf. Der Föhrenwald leuchtete olivengrün, Birkendickicht -und Espenstämme hoben sich rotviolett und lichtgrün dagegen ab. - -Ja, es war Frühling. Die hitzigen Farben brennen eine Weile, bis alles -gelbgrün schimmert und vor Lebensfreude eine Zeitlang strahlt, um ein -paar Wochen später zu dunkeln und zu reifen und dem Sommer zu weichen. - -Der Frühling des Nordens ist unersättlich -- kein Glück ist ihm -strahlend genug! -- - -Der Abend fiel hernieder, während der Zug gen Norden brauste. Die -letzten langen, roten Sonnenstrahlen blitzten über eine Felskuppe. -Dann blieb nur ein güldener Schein am wolkenlosen Himmel zurück, der -unendlich langsam hinstarb. - -Als der Zug Moß verließ, ragten die Berge kohlschwarz zum -grünlichklaren Himmel auf. Die Spiegelung lag noch tiefdunkler, -durchsichtig schwarz auf dem grasgrünen Fjord. Ein einziger großer -Stern stand über der Bergspitze, sein Bild drunten auf dem Wasser -zitterte wie ein dünner Strahl Goldes. - -Jenny mußte an Franziskas Nachtbilder denken. Das Leben der Farben nach -Sonnenuntergang war das, was Cesca am liebsten festzuhalten suchte. -Gott weiß, wie es ihr eigentlich ging. Sie arbeitete übrigens fleißig -in der letzten Zeit. Jenny hatte Gewissensbisse. Die beiden letzten -Monate hatte sie Cesca kaum gesehen und doch durchfuhr sie oftmals -der Gedanke, daß Cesca es wohl schwer hatte. Aber alle guten Vorsätze -Jennys, sich einmal mit Cesca auszusprechen, waren umsonst gewesen. - - * * * * * - -Es war Nacht, als sie in Kristiania einfuhr. Mutter, Bodil und Nils -nahmen sie auf dem Bahnhof in Empfang. - -Ihr war, als hätte sie die Mutter erst vor einer Woche gesehen. Frau -Berner weinte, als sie die Tochter küßte: „Willkommen daheim, mein -liebes Kind -- Gott segne dich!“ - -Bodil aber war groß geworden. Sie sah fesch und elegant aus in dem -fußfreien Straßenkostüm. Kalfatrus begrüßte sie ein wenig fremd. - -Diese Luft auf dem Bahnhofsmarkt war etwas für sich, die gab es in der -ganzen Welt nicht wieder -- Geruch von Seewasser und Kohlenruß und -Heringslauge. - -Die Droschke holperte über die Carl Johannstraße, an den bekannten -Häusern vorüber. Die Mutter fragte sie nach der Reise. -- Jenny überkam -ein seltsam alltägliches Gefühl. Es war ihr, als sei sie niemals fort -gewesen. Die Kinder auf dem Rücksitz sprachen kein Wort. - -Oben auf dem Wergelandswege, vor einer Gartentür, standen zwei junge -Menschen und küßten sich unter einer Gaslaterne. Ueber den nackten -Baumkronen des Schloßparkes wölbte sich der Himmel tiefblau und -klar mit wenigen mattschimmernden Sternen. Jenny spürte einen Hauch -wie von moderndem Laub durch die Nacht, einen Hauch aus vergangenen -sehnsuchtsschweren Tagen. - -Der Wagen hielt vor dem Tore daheim, ein großer ummauerter Hof zog sich -hinter dem Hause den Haegdehaug hinauf. Im Milchladen des Erdgeschosses -war Licht und die „Delikatesse“ guckte heraus, als sie den Wagen halten -hörte, rief Guten Tag und bot Jenny ein Willkommen. - -Ingeborg kam die Treppe herabgestürmt und umfing Jenny. Dann lief sie -mit dem Handkoffer der Schwester wieder nach oben. - -Im Wohnzimmer war der Teetisch gedeckt. Jenny erblickte ihre Serviette -mit dem alten Silberring, der noch vom Vater stammte, auf ihrem alten -Platz, neben Kalfatrus auf dem Sofa. - -Ingeborg stürzte in die Küche hinaus, während Bodil Jenny in ihr -Kämmerchen führte, das nach dem Hofe hinausging. Ingeborg hatte es -bewohnt, während Jenny im Auslande war, sie hatte noch nicht alle ihre -Sachen beiseite geräumt. An den Wänden hingen Schauspielerkarten; -Napoléon und Madame Recamier in Mahagonirahmen waren an jeder Seite von -Jennys altem Empirespiegel über der Kommode angebracht. - -Jenny wusch sich und ordnete ihr Haar. Sie hatte das Gefühl, als sei -ihre Haut schwarz von der Reise, und fuhr sich mit der Puderquaste -ein paar Mal über das Gesicht. Bodil schnupperte am Puder -- ob er -parfümiert sei. - -Sie gingen hinein zum Tee. Ingeborg hatte ein warmes Fischgericht -zubereitet, sie war in diesem Winter auf der Kochschule gewesen. Hier -drinnen unter der Lampe sah Jenny, daß beide Schwestern die dicken -krausen Flechten im Nacken mit weißer Seidenschleife hochgebunden -trugen. Ingeborgs kleines Mulattenfrätzchen war ein wenig schmaler und -bleicher geworden, sie hustete aber jetzt nicht. - -Und nun sah Jenny auch, daß die Mutter älter geworden war. Oder -täuschte sie sich? Hatte sie vielleicht damals, während sie daheim war -und sie jahrelang Tag für Tag sah, nur nicht bemerkt, daß der feinen -Fältchen in Mutters blondem Antlitz mehr und mehr, daß die Schultern -spitzer wurden, die hohe, mädchenhaft schlanke Gestalt gebeugter? Seit -Jenny erwachsen war, hatte sie hören müssen, daß Mama aussah wie ihre -etwas ältere, schönere Schwester. - -Es wurde von allem gesprochen, was sich im verflossenen Jahre daheim -zugetragen hatte. - -„Warum nahmen wir eigentlich kein Automobil für den Heimweg?“ fragte -Nils plötzlich. „Das wäre doch das Praktischste gewesen.“ - -„Du kommst nun allerdings reichlich spät mit deinem Vorschlag, Junge.“ -Jenny mußte lachen. - -Das Gepäck kam, und Mutter wie Schwestern folgten atemlos dem -Auspacken. Ingeborg und Bodil trugen die Sachen ins Kämmerchen und -verstauten sie in den Kommodeschiebladen. Sie befühlten fast mit -Andacht die gestickte Wäsche, die, wie Jenny erklärte, in Paris gekauft -war. Ueber die Geschenke jubelten sie -- Rohseide für Sommerkostüme und -venetianische Perlenketten. Sie standen vor dem Spiegel, warfen die -Seide prüfend über die Schulter und legten die Halsketten um die Stirn. - -Nur Kalfatrus fragte nach ihren Bildern und lüftete die Blechtrommel -mit der Leinwand. - -„Wieviel hast du da, Jenny?“ - -„Sechsundzwanzig. Es sind aber meistens kleine Bilder.“ - -„Wirst du eine Separatausstellung veranstalten?“ - -„Ich weiß noch nicht recht, gedacht habe ich daran.“ - - * * * * * - -Die Mädels hatten aufgewaschen, Nils hatte sein Bett auf dem Sofa in -der Wohnstube zurechtgemacht. Frau Berner und Jenny saßen im Zimmer der -Tochter bei einer zweiten Tasse Tee und einer Zigarette. - -„Wie findest du Ingeborg?“ fragte die Mutter ängstlich. - -„Sie ist frisch und lebhaft, sieht auch nicht schlecht aus. Aber -natürlich, in ihrem Alter ist nicht damit zu spaßen. Wir müssen sehen, -daß wir sie aufs Land hinausschicken, bis sie wieder ganz frisch ist, -Mama.“ - -„Ingeborg ist immer so lieb und gut, munter und vergnügt. Und so -tüchtig im Haushalt. Ich bange mich so um ihretwillen, Jenny. Ich -glaube, sie hat diesen Winter zu viel getanzt, ist allzu viel draußen -gewesen und zu spät ins Bett gekommen. Aber ich brachte es nicht übers -Herz, es ihr zu verbieten. Du hattest es so trübselig, Jenny, und ich -sah sehr wohl, daß du Vergnügen und Freude entbehrtest. -- Ich war -überzeugt, sowohl du wie Papa würden mir Recht geben, wenn ich dem -Kinde sein Vergnügen ließe, solange es sich bot.“ Frau Berner seufzte. -„Meine armen kleinen Mädels -- Mühsal und Arbeit, das ist es nur, was -sie erwartet. Was soll werden, Jenny, wenn ihr mir noch obendrein krank -werdet? Ich kann so wenig für euch tun, meine Kinder.“ - -Jenny beugte sich zu ihr hinüber und küßte ihr die Tränen von den -schönen, kindergroßen Augen. Sie schmiegte sich an die Mutter und -die Sehnsucht, Zärtlichkeit zu erweisen und selber zu empfangen, die -Erinnerung an vergangene Tage der Kindheit und das Bewußtsein, daß ihre -Mutter der Tochter Leben mit seinen früheren Sorgen und seiner jetzigen -Glückseligkeit nicht gekannt hatte, flossen zusammen zu dem Gefühl -schützender Liebe. Frau Berner legte ihren Kopf an der Tochter Brust. - -„Nicht weinen, Mama -- das wird alles schon werden, du sollst nur -sehen. Nun bleibe ich ja vorläufig zu Hause. Und dann haben wir doch -Gott sei Dank noch etwas von Tante Katharines Geld übrig.“ - -„Aber Jenny, das brauchst du doch für deine Ausbildung. Ich habe ja -nach und nach eingesehen, daß du an deiner Ausbildung nicht gehindert -werden darfst. Es war eine solche Freude für uns alle, als du das Bild -im letzten Herbst verkauftest.“ - -Jenny lächelte ein wenig. Jenes Bild, das verkauft wurde, und die -wenigen Worte in der Zeitung über sie -- es war, als sähe ihre ganze -Familie danach mit ganz anderen Augen auf ihre Malerei. - -„Das renkt sich noch alles ein, Mama. Alles. Ich kann etwas nebenher -verdienen, wenn ich zu Hause bin. Ein Atelier +muß+ ich haben,“ sagte -sie einen Augenblick darauf. Und sie fügte hinzu, hastig, erläuternd: -„Denn ich muß meine Bilder im Atelier vollenden.“ - -„Ja aber,“ die Mutter sah ganz entsetzt aus. „Du wohnst doch zu Hause, -Jenny?“ - -Jenny antwortete nicht gleich. - -„Ich finde, es geht nicht anders, mein Kind,“ fuhr die Mutter fort. -„Ein junges Mädchen kann nicht allein im Atelier wohnen.“ - -„Nein, gewiß, +wohnen+ kann ich hier,“ entgegnete Jenny. -- - -Sie holte Helges Photographie hervor, als sie allein war. Dann setzte -sie sich hin, um an ihn zu schreiben. - -Erst ein paar Stunden war sie jetzt zu Hause. Aber alles, was sie dort -unten erlebt hatte, schien ihr so grenzenlos fern und fremd. So ohne -Zusammenhang mit ihrem Leben hier zu Hause -- früher und jetzt. - -Der Brief wurde zu einer einzigen sehnsüchtigen Klage. - - - - -II. - - -Jenny hatte ein Atelier gemietet. Sie ging umher und räumte ein. -Nachmittags kam Kalfatrus, um ihr zu helfen. - -„Du bist ein gefährliches Langbein geworden, Kalfatrus. Ich war nahe -daran, Sie zu dir zu sagen, Bengel, als ich dich das erste Mal sah.“ - -Der Junge lachte. - -Jenny erkundigte sich nach all seinem Tun und Lassen während ihrer -Abwesenheit, und Nils erzählte. Er und Jakop und Bruseten -- zwei neue -Jungen, die im vergangenen Herbst in die Klasse gekommen waren -- -hatten eine Zeitlang oben in Nordmarken in den Holzhauerkojen als Wilde -gelebt, und ihrer Abenteuer waren unzählige. Jenny fragte sich, während -sie ihm zuhörte, ob wohl je wieder Zeit bliebe zu Nordmarksfahrten für -sie und Kalfatrus. -- - -An den Vormittagen streifte sie in der Gegend von Bygdö umher -- -allein in dem weißen Sonnenschein. Bleich lag die Erde mit dem -toten, gelblichweißen Gras da. Am Waldrande nach Norden zu fand sich -noch immer alter Schnee unter den stahlschwarzen Nadeln. Aber an -den Südhängen schimmerten die nackten Zweige der Laubbäume in der -sonnengetränkten Luft, und unter dem alten, wärmenden Laub lugten -weiche Blauanemonenknöspchen hervor. Dort draußen war die Luft schon -von Vogelgezwitscher erfüllt. -- - -Helges Briefe las sie wieder und wieder -- sie trug sie bei sich. -Sie sehnte sich nach ihm, krankhaft, ungeduldig, sehnte sich, ihn zu -schauen, ihn zu berühren, zu fühlen, daß sie ihn auch wirklich besaß. - - * * * * * - -Zwölf Tage war sie nun daheim, und noch war sie nicht dazu gekommen, zu -seinen Eltern zu gehen. Als er schließlich zum dritten Male in einem -Briefe fragte, raffte sie sich auf. Morgen sollte es Wahrheit werden. - -Das Wetter war im Laufe der Nacht umgeschlagen. Ein beißender Nordwind -fegte daher -- stechende Sonnenglut und wirbelnde Wolken von Staub und -Papier in den Straßen -- und plötzlich ein Hagelschauer, so heftig, -daß sie in einem Torweg Schutz suchen mußte. Die harten weißen Körner -spritzten rings um ihre niedrigen Schuhe und dünnen Sommerstrümpfe von -den Pflastersteinen auf. - -Dann kam die Sonne wieder hervor. - -Grams wohnten in der Welthavensstraße. Jenny stand einen Augenblick an -der Ecke still. Der Schatten lag klamm und eiskalt zwischen den beiden -Reihen schmutziggrauer Häuser. Nur auf der einen Seite fiel hoch oben -ein Sonnenstreifchen hinein. Sie wurde froh, sie wußte, daß Helges -Eltern im vierten Stock wohnten. - -Diese Straße war vier Jahre hindurch ihr Schulweg gewesen. Da waren -sie wieder, die winzig kleinen dunklen Kaufläden, die Fenster mit -Blumentöpfen in zerrissenem Seidenpapier und farbigen Majolikakrügen -und die vergilbten Modenzeitungen an den Fenstern der Näherinnen, -die Torwege, die auf kohlschwarze Hinterhöfe hinausstarrten. Noch -immer lagen hier Haufen schmutzigen Schnees und machten die Luft in -den Hofräumen rauh. Die Straßenbahnen fuhren mit schwerem Getöse die -hügelige Straße hinauf. - -Gleich daneben, an der Pilengasse, lag eine von den rußigen, grauen -Mietskasernen mit einem Hofplatz, der einer dunklen Höhle glich. Dort -hatten sie gewohnt, als der Stiefvater starb. - -Sie verweilte ein wenig draußen vor der Eingangstür mit dem -Messingschilde G. Gram. Sie hatte Herzklopfen und versuchte, über sich -selbst zu lachen. Immer ging es ihr so; sinnlos beklommen war sie, wenn -sie in eine Lage kam, die sie sich nicht Jahre im voraus hatte ausmalen -können. Herrgott -- ein Paar zukünftiger Schwiegereltern waren doch -keine besonders wichtigen Persönlichkeiten für sie. Auffressen würden -sie sie jedenfalls kaum können. Sie läutete. - -Drinnen hörte sie jemanden durch einen langen Korridor kommen, und -gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Helges Mutter. Jenny erkannte sie -von der Photographie her. - -„Frau Gram? -- Mein Name ist Winge.“ - -„Ah so -- bitte sehr, wollen Sie nicht nähertreten?“ - -Sie ging vor Jenny her durch einen langen, engen Gang, der angefüllt -war mit Schränken, Kisten und Mänteln. - -„Bitte schön,“ sagte Frau Gram wieder und öffnete die Tür zum -Wohnzimmer. Helles Sonnenlicht lag auf den schweren moosgrünen -Plüschmöbeln; der Raum war nicht groß und gestopft voll von Nippes und -Photographien. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in schillernden Farben, -vor allen Türen hingen Plüschportieren. - -„Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe hier so lange nicht Staub -wischen können,“ sagte Frau Gram. „Wir sind an Werktagen nämlich nie -in diesem Zimmer, und ich bin augenblicklich ohne Mädchen. Das letzte -mußte ich wegjagen -- die ärgste Schmutzliese, und dann konnte sie -ihren Mund nie halten. So sagte ich ihr denn, sie sollte machen, daß -sie fortkäme. Aber eine neue zu bekommen -- das ist unmöglich, und -schließlich sind sie eine wie die andere. Nein, Hausfrau, das ist der -schlimmste Beruf, den es gibt. -- Ja, Helge hatte uns ja auf Ihren -Besuch vorbereitet, jetzt hatten wir aber die Hoffnung wahrhaftig -aufgegeben, daß Sie uns die Ehre geben würden.“ - -Während sie lächelte und sprach, zeigte sie eine Reihe großer, weißer -Vorderzähne. An beiden Seiten fehlten die Augenzähne und hatten eine -dunkle Lücke hinterlassen. - -Jenny betrachtete sie, Helges Mutter. - -Sie hatte sich dies alles so ganz anders gedacht. - -Nach seinen Erzählungen hatte sie sich ein Bild von seinem Heim und -seiner Mutter gemacht. Die Mutter mit dem schönen Antlitz, das auf -der Photographie Helge ähnlich war, mochte sie gern. Sie, die der Mann -nicht liebte, die aber ihre Kinder so geliebt hatte, daß sie sich -dagegen auflehnten und rebellierten, hinaus wollten, fort von dieser -tyrannischen Mutterliebe, die es nicht ertrug, daß sie etwas anderes -seien als nur ihre Kinder. In ihrem Herzen hatte Jenny Partei ergriffen -für diese Mutter. Männer konnten kaum verstehen, wie eine Frau werden -mußte, die Liebe gab und niemals Liebe zurück empfing, außer der -Kindesliebe der ersten Jahre. Die Kinder begriffen ja die Gefühle einer -Mutter nicht, wenn sie sie heranwachsen und sich von ihr abwenden sah, -begriffen nicht, daß eine Mutter sich in Trotz und Zorn gegen das -unerbittliche Leben auflehnte, das daran Schuld war, daß die Kinder -groß wurden und nicht mehr ihr Ein und Alles in der Mutter sahen, für -die doch bis in alle Ewigkeit die Kinder das Höchste bedeuteten. - -Jenny hatte Helges Mutter lieben wollen. - -Und nun empfand sie eine rein physische Abneigung gegen diese Frau -Gram, die da vor ihr saß und unaufhörlich redete. - -Es waren wohl Helges Züge wie auf dem Bilde. Diese hohe, ein wenig -schmale Stirn, die fein gebogene Nase und die gradlinigen, dunklen -Brauen, der kleine Mund mit den feinen schmalen Lippen und das spitze -Kinn. - -Um ihren Mund lag aber ein Ausdruck, als ob alles, was sie sprach, nur -Spott sei. Ein spöttischer und bösartiger Zug war in all den feinen -Runzeln des Gesichts. Die großen Augen, selten schön geschnitten mit -ganz emailleblauem Weiß im Apfel, hatten einen harten, stechenden -Blick, diese großen, tiefbraunen Augen, die viel dunkler waren als die -Helges. - -Schön mußte sie gewesen sein, selten schön. Und dennoch wußte Jenny -ganz bestimmt, was ihr früher schon einmal eingefallen war, daß Gert -Gram diese Frau kaum aus Liebe geheiratet hatte. Dame war sie auch -durchaus nicht -- weder in Sprache noch Wesen. Es gab ja so viele -nette junge Mädchen im Mittelstande, die zu Vetteln wurden, sobald -sie eine Weile verheiratet waren und sich in der Enge des Hauses mit -Dienstmädchen- und Wirtschaftssorgen einige Jahre abgeplagt hatten. - -„Kandidat Gram bat mich, zu Ihnen zu gehen und Sie von ihm zu grüßen,“ -sagte Jenny. Sie empfand es plötzlich als eine Unmöglichkeit, Helge bei -seinem Namen zu nennen. - -„Ja, er war in der letzten Zeit nur mit Ihnen zusammen, in den letzten -Briefen erwähnt er jedenfalls niemand anderes. Uebrigens schwärmte er -im Anfang wohl ein bißchen für ein kleines Fräulein Jahrmann, glaube -ich?“ - -„Meine Freundin, Franziska -- ja, im Anfang waren wir eine ganze Schar, -die sich oft zusammenfand. Aber jetzt zuletzt war Fräulein Jahrmann mit -einer größeren Arbeit beschäftigt.“ - -„Sie ist wohl die Tochter von Oberstleutnant Jahrmann in Tegneby? Hat -sie nicht Geld?“ - -„Nein. Ihre Ausbildung bestreitet sie von dem Wenigen, was sie von -ihrer Mutter geerbt hat, sie steht nicht eben auf gutem Fuße mit ihrem -Vater, d. h. er wünschte nicht, daß sie Malerin wurde, und dann wollte -sie nichts von ihm annehmen.“ - -„Wie töricht. -- Meine Tochter, Frau Kaplan Arnesen,“ sagte Frau Gram, -„kennt sie flüchtig, sie war hier zu Weihnachten. Sie meinte übrigens, -da spielten andere Gründe mit, weshalb Oberstleutnant Jahrmann nichts -mit ihr zu tun haben wollte; sie soll ja so hübsch sein, aber einen -recht schlechten Ruf haben.“ - -„Das ist durchaus unwahr,“ sagte Jenny steif. - -„Ja, Sie Künstlerinnen haben es gut,“ Frau Gram seufzte. „Aber ich -begreife nicht, wie Helge arbeiten konnte. Ich fand, er schrieb nie -von etwas anderem, als daß er mit Ihnen hier und dort in der Campagna -herumgestreift sei.“ - -„Oh -- oh,“ sagte Jenny. -- Es war peinlich über das Leben dort unten -aus Frau Grams Munde zu hören. „Kandidat Gram war sehr fleißig, fand -ich. Einen Feiertag muß man doch hin und wieder haben.“ - -„Ja. Wir Hausfrauen müssen freilich ohne solche auskommen. Warten -Sie, bis Sie verheiratet sind, Fräulein Winge. Aber auch andere -Menschen sollen ihre freien Tage haben. Ich habe eine Nichte, die eben -Volksschullehrerin geworden ist. Sie sollte Medizin studieren, konnte -es aber nicht aushalten, sie mußte aufhören und aufs Seminar gehen. -Ja, ich finde, die hat immer frei. Du wirst dich doch wahrhaftig nicht -überanstrengen, Aagot, sage ich zu ihr.“ - -Frau Gram verschwand durch eine Tür auf den Korridor hinaus. Jenny -erhob sich und betrachtete die Malereien. - -Ueber dem Sofa hing eine große Campagnalandschaft. Man konnte wohl -sehen, daß Helges Vater in Kopenhagen gelernt hatte. Das Bild war gut -und solide gezeichnet, aber dünn und trocken in der Farbe. Besonders -der Vordergrund mit den beiden Italienerinnen in Nationaltracht und -den miniaturartig gemalten Pflanzen an einer umgestürzten Säule waren -langweilig. Die Modellstudie eines jungen Mädchens darunter war besser. - -Sie mußte lächeln. -- Man konnte beim Anblick dieser italienischen -Romantik verstehen, daß es Helge im Anfang schwer gefallen war, sich in -Rom zurechtzufinden, und daß es ihn enttäuscht hatte. - -Da waren viele kleine braune, zierlich gezeichnete Landschaften von -Italien mit Ruinen und Nationaltrachten. Aber die Studie des Priesters -dort war gut. - -Einige Kopien dagegen -- Corregios Danaë und Guido Renis Aurora -- -oh Gott! Außerdem fanden sich noch einige andere Kopien von barocken -Bildern, die sie kaum kannte. - -Dann hing an der einen Seite noch eine große hellgrüne -Sommerlandschaft. Gram hatte versucht, impressionistisch zu malen. Das -Bild war aber dünn und häßlich in den Farben. Das dort über dem Klavier -war besser. Sonnenglut über den Felsspitzen, die Luft war entzückend -wiedergegeben. - -Daneben hing ein Porträt der Frau des Hauses. Das war das beste. -Tatsächlich, es war gut. Die Gestalt plastisch modelliert. Ebenso die -Hände. Dann das hellrote Kleid mit den Verzierungen, die durchbrochenen -schwarzen Halbhandschuhe. Das olivenbleiche Gesicht mit den dunklen -Augen unter den Stirnlocken und der hohe, spitze schwarze Hut mit roter -Feder. Sie stand aber leider wie an den Hintergrund geklebt, der mit -einem säuerlichen Graublau übermalt war. - -Und dort noch ein Kinderbild „Bamse vier Jahre“, stand oben auf dem -Rahmen. Nein, Herrgott -- war das Helge, der kleine schmollende Kerl im -weißen Hemdchen? O, wie lieb er aussah! - -Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Kakes herein. Jenny -murmelte etwas von Umstände machen: - -„Ich habe mir die Bilder Ihres Gatten angesehen, Frau Gram.“ - -„Ja, ich verstehe mich ja nicht sonderlich darauf, aber ich finde -sie großartig. Mein Mann behauptet freilich, es wäre nichts an ihnen -dran, aber das ist wohl nur so hingesagt. Nein,“ sie lachte etwas -bitter. „Mein Mann ist so sonderbar. Von der Malerei konnten wir nicht -leben, als wir heirateten und Kinder bekamen, so daß er daneben etwas -Nützliches betreiben mußte. Dann hatte er aber keine Lust, so nur -nebenher zu malen, und darum behauptete er eines schönen Tages, er -hätte kein Talent. Ich finde ja seine Bilder schöner als die modernen -Sachen, aber Sie sind wohl anderer Meinung, Fräulein Winge?“ - -„Ja, die Bilder Ihres Gatten sind sehr schön,“ entgegnete Jenny. -„Besonders das Bildnis von Ihnen, Frau Gram. Das ist wirklich reizvoll.“ - -„O ja. Aber es hat freilich nicht viel Aehnlichkeit -- geschmeichelt -hat Gram mich nicht.“ Sie lachte wieder ihr kleines, bitteres, böses -Lachen. „Nein, das kann man nicht gerade behaupten. +Ich+ finde ja, -er malte viel netter, ehe er begann, all das nachzuäffen, was damals -plötzlich modern wurde -- Sie wissen, Thaulow und Krogh und Konsorten.“ - -Jenny trank ihren Rhabarberwein schweigend aus, während Frau Gram -sprach. - -„Ich würde Sie gern zu Mittag einladen, Fräulein Winge. Aber ich mache -die Wirtschaft allein und dann ist man ja nicht auf Gäste vorbereitet, -das können Sie sich wohl vorstellen. Ich kann also leider nicht. Aber -das nächste Mal, hoffe ich.“ - -Jenny verstand, daß Frau Gram sie gern los sein wollte. Das war ja auch -begreiflich, wenn sie kein Mädchen hatte. Sie war wohl gerade beim -Mittagkochen. So verabschiedete sie sich denn. - -Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so im -Vorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätte -leuchtend blaue Augen. - - - - -III. - - -Zwei Tage später, als Jenny des Nachmittags arbeitete, bekam sie Besuch -von Helges Vater. - -Jetzt, als er dastand, mit dem Hute in der Hand, sah sie, daß sein -Haar ganz grau war, so grau, daß man nicht mehr unterscheiden konnte, -welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Jung sah er aber trotzdem -aus. Die Gestalt war schlank, ein wenig gebeugt, aber nicht wie bei -einem alten Manne, eher, als sei er ein wenig zu schmächtig für seine -Größe. Seine Augen waren jung, obgleich sie trüb und müde aus dem -mageren, glattrasierten Antlitz blickten. Sie waren aber so groß und -so leuchtend blau, daß sie einen merkwürdig offenen Eindruck machten, -verwundert und grüblerisch zugleich. - -„Ja, Sie werden begreifen, daß es mich danach verlangt, Sie zu -begrüßen, Fräulein Winge,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Nein -- -ich bitte Sie, legen Sie die Schürze nicht ab. Und sagen Sie’s mir, -wenn ich Sie störe.“ - -„Nein, lieber Herr Gram,“ sagte Jenny fröhlich; seine Stimme und sein -Lächeln gefielen ihr. Sie warf die Malerschürze auf den Kohlenkasten. -„Es wird sowieso bald dunkel. Wie liebenswürdig von Ihnen, mich zu -besuchen!“ - -„Es ist eine Ewigkeit her, daß ich in einem Atelier war,“ sagte Gram -und blickte umher. Dann setzte er sich aufs Sofa. - -„Verkehren Sie mit keinem anderen der Maler -- irgend jemandem aus -Ihrer Zeit?“ fragte Jenny. - -„Nein, mit niemandem,“ antwortete er kurz. - -„Aber.“ Jenny überlegte. „Aber wie in aller Welt haben sie hierher -gefunden? Haben Sie sich bei mir zu Hause erkundigt -- oder im -Künstlerbund?“ - -Gram lachte. - -„Nein. Ich sah Sie ja vorgestern auf der Treppe. Dann gestern, als -ich in mein Geschäft ging, sah ich Sie wieder. Ich ging ein Stück -hinter Ihnen her, da ich die Absicht hatte, Sie anzuhalten und mich -Ihnen vorzustellen. Sie gingen hier hinein, und ich wußte, daß in -diesem Hause ein Atelier war. Nun ja, so bekam ich die Idee, zu Ihnen -hinaufzusteigen und Ihnen eine Visite zu machen.“ - -„Wissen Sie,“ Jenny lächelte vergnügt, „Helge lief auch auf der Straße -hinter mir her, einer Freundin und mir. Er hatte sich allerdings -verlaufen, unten in den alten Straßen am Flohmarkt. Dann kam er eben -auf uns zu und sprach uns an -- bändelte an, wie der feine Ausdruck -dafür heißt. So wurden wir bekannt. Wir fanden zuerst, daß er ein wenig -dreist war. Aber es scheint so, daß er von Ihnen seinen Mut geerbt hat.“ - -Gram runzelte die Stirn und schwieg einen Augenblick. In Jenny stieg -ein unbehagliches Gefühl auf, als hätte sie etwas Dummes gesagt. Sie -überlegte, wie sie fortfahren sollte. - -„Dürfte ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, während Sie hier sind?“ - -Sie zündete ohne weiteres den Apparat an und setzte Wasser auf. - -„Ja, ja, Fräulein Winge -- Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Helge -mir sonst irgendwie ähnelt. Ich glaube, daß er glücklicherweise nicht -das Geringste mit seinem Vater gemein hat.“ Er lachte. - -Jenny wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Sie -beschäftigte sich damit, Teetassen herbeizuholen: - -„Ja, hier ist es recht leer, wie Sie sehen. Aber ich wohne zu Haus bei -meiner Mutter.“ - -„Ah so, Sie wohnen zu Hause? -- Das Atelier ist sicher sehr gut -- -nicht wahr?“ - -„O ja, ich glaube.“ - -Er schwieg wieder und blickte geradeaus. - -„Ja, Fräulein Winge -- ich habe viel an Sie gedacht. Ich glaubte ja, -meines Sohnes Briefe so zu verstehen, daß Sie und er --“ - -„Ja, Helge und ich haben uns sehr gern,“ sagte Jenny. Sie stand -aufrecht da und sah ihn an. Gram ergriff ihre Hand und hielt sie fest. - -„Ich kenne meinen Sohn so wenig, Jenny Winge. Ich weiß im Grunde nichts -Genaues von ihm -- wie er ist. Aber wenn Sie ihn gern haben, so kennen -Sie ihn wohl sicher besser als ich. Und daß sie ihn lieben, beweist -mir, daß ich seiner froh sein darf und stolz auf ihn. Ich habe immer -geglaubt, daß er ein guter Junge sei, auch recht begabt. Daß er Sie -lieb hat, dessen bin ich sicher, jetzt, da ich Sie gesehen. Möge er Sie -nur glücklich machen, Jenny.“ - -„Ich danke Ihnen,“ sagte Jenny und reichte ihm nochmals die Hand. - -„Ja.“ Gram sah vor sich hin. „Sie können sich denken, daß ich über -meinen Jungen froh bin. Mein einziger Sohn. Ich glaube auch, Helge hat -mich im Grunde lieb.“ - -„Das hat er. Helge hat Sie sehr lieb. Sowohl Sie als seine Mutter.“ -Gleich darauf errötete sie aber, als hätte sie etwas Taktloses gesagt. - -„Ja, ich glaube wohl. Aber er sah natürlich früh ein, daß sein Vater -und seine Mutter einander nicht liebten. Helge hat ein trauriges Heim -gehabt, Jenny. Ich kann es ebensogut selbst sagen; haben Sie es noch -nicht bemerkt, so werden Sie es bald selber sehen. Sie sind ja sicher -ein kluges Mädchen. Aber eben deshalb glaube ich, Helge weiß, was -es wert ist, wenn zwei sich lieb haben. Und er wird Sie und sich -behüten --.“ - -Jenny schenkte Tee ein: - -„Helge pflegte in Rom nachmittags zum Tee zu mir zu kommen. Eigentlich -lernten wir uns gerade in diesen Nachmittagsstunden näher kennen, -glaube ich --.“ - -„Und da gewannen Sie sich lieb.“ - -„Ja -- nicht gleich. Das heißt, im Grunde vielleicht doch. Aber wir -dachten an nichts anderes, als gute Freunde zu sein -- damals. Ja, -später kam er dann natürlich auch und trank seinen Tee bei mir --.“ - -Sie lächelten beide. - -„Können Sie mir nicht ein wenig erzählen, wie Helge als Knabe war -- -als kleiner Junge, meine ich -- oder sonst etwas --?“ - -Gram schüttelte trübe lächelnd den Kopf: - -„Nein, Jenny. Ich kann Ihnen nichts von meinem Sohn erzählen. Er war -immer gut und folgsam. Fleißig auf der Schule -- nicht gerade ein -Licht, doch recht fleißig und tüchtig. Aber Helge war als Knabe sehr -verschlossen -- auch als Erwachsener -- jedenfalls mir gegenüber --. -Erzählen Sie lieber, Jenny,“ lachte er warm. - -„Wovon?“ - -„Von Helge natürlich. Ja -- zeigen Sie mir, wie mein Sohn in den -Augen des jungen Mädchens aussieht, das ihn liebt. Sie sind ja kein -gewöhnliches junges Mädchen, sondern eine tüchtige Künstlerin, und ich -glaube auch, Sie sind klug und gütig. Können Sie mir nicht erzählen, -wie es kam, daß Sie Helge liebgewannen, welche Eigenschaften an dem -Jungen Sie veranlaßt haben, ihn zu wählen? Lassen Sie mich hören!“ - -„Ja.“ Dann lachte sie. „Das ist nicht so ohne weiteres zu erklären, -- -wir hatten uns eben gern --.“ - -„So.“ Er lachte auch. „Ja, es war eine dumme Frage, Jenny. Es scheint -ja fast, als hätte ich vergessen, wie es zuging, als man jung war und -verliebt -- nicht wahr?“ - -„Nicht wahr! Wissen Sie, das sagt Helge auch so oft. Auch etwas, das -ich so gern an ihm mochte. Er war so jungenhaft. Ich sah sehr wohl, -daß er verschlossen war, dann aber öffnete er mir nach und nach sein -Herz --.“ - -„Das kann ich gut verstehen -- daß man zu Ihnen Vertrauen bekommt, -Jenny. Ja, aber erzählen Sie weiter -- aber, Sie brauchen nicht so -erschrocken auszusehen. Sie verstehen doch, ich meinte nicht, Sie -sollten mir Ihre und Helges Liebesgeschichte auseinandersetzen oder -dergleichen --. Nur ein wenig von sich selbst erzählen -- und von -Helge. Von Ihrer Arbeit, Kind. Und von Rom. Damit ich alter Mann wieder -weiß, wie es ist, Künstler zu sein. Und frei. An Dingen zu arbeiten, -die einem Freude machen. Jung zu sein. Verliebt und glücklich --.“ - - * * * * * - -Gram blieb etwa zwei Stunden bei ihr. Dann, als er gehen wollte und im -Ueberzieher, den Hut in der Hand, dastand, sagte er leise: - -„Hören Sie zu, Jenny. Es hat ja keinen Zweck, Ihnen zu verbergen, wie -die Verhältnisse in meiner Familie liegen. Es ist besser, daß, wenn wir -uns zu Hause wiedersehen, wir uns noch nicht kennen. Daß Helges Mutter -nicht erfährt, daß ich Ihre Bekanntschaft auf eigene Faust gemacht -habe. Auch Ihretwegen -- damit Sie nicht Spott und Unannehmlichkeiten -ausgesetzt sind. Es liegt nun einmal so, daß die Tatsache, daß ich -einen Menschen gern habe, besonders eine Dame, schon genügt, um meine -Frau gegen den Betreffenden aufzubringen ... Sie finden das seltsam. -Aber Sie begreifen --?“ - -„Ja,“ sagte Jenny schwach. - -„Nun, leben Sie wohl, Jenny. Ich freue mich Helges wegen -- glauben Sie -mir?“ - -Sie hatte am Abend vorher an Helge geschrieben und ihm von ihrem Besuch -bei seiner Mutter erzählt. Als sie den Brief noch einmal durchlas, -quälte es sie, daß der Abschnitt von ihrer Begegnung mit der Mutter so -armselig und trocken ausgefallen war. - -An diesem Abend schrieb sie ihm wieder und berichtete von dem Besuch -seines Vaters. Aber dann riß sie den Brief entzwei und begann von -neuem. -- Es war so peinlich zu erzählen, daß Frau Gram von dieser -Sache nichts erfahren dürfe. Widerwärtig war es, Geheimnisse mit dem -einen gegen den anderen zu haben. Helges wegen empfand sie es wie eine -Demütigung, daß sie mit einem Male Mitwisser von dem Elend geworden -war, das in seinem Vaterhause herrschte. Schließlich erwähnte sie die -Angelegenheit gar nicht. Es war leichter, ihm alles zu erklären, wenn -er kam. - - - - -IV. - - -Ende Mai hatte Jenny ungewöhnlich lange Zeit keine Post von Helge -bekommen. Sie begann ängstlich zu werden und hatte gerade beschlossen, -am nächsten Tage zu telegraphieren, falls sie bis dahin nichts hörte. -Nachmittags war sie im Atelier, als jemand an die Tür klopfte. Nachdem -sie geöffnet, wurde sie plötzlich von einem Manne, der draußen im -Dunkel des Bodenganges stand, ergriffen, umarmt und geküßt. - -„Helge!“ Sie jubelte. „Helge, Helge -- laß dich anschauen! Oh, nein, -wie du mich erschreckt hast! Laß sehen -- Helge -- bist du es denn -wirklich und gewiß?“ Sie zog ihm die Reisemütze vom Kopfe. - -„Ja, natürlich, ein anderer kann es doch kaum sein,“ lachte er -unbekümmert. - -„Aber, Liebster -- was hat denn das zu bedeuten?“ - -„Das will ich dir gleich erklären,“ sagte er, fand aber nicht die Zeit -dazu, sondern preßte sein Gesicht an ihren Hals. - -„Ich wollte dich nämlich überraschen, weißt du.“ Sie saßen Hand in Hand -auf dem Sofa und schöpften Atem nach den ersten heißen Küssen. „Und -das ist mir doch gut geglückt, nicht wahr? Laß mich sehen, Jenny. Wie -schön du bist! Zu Hause denken sie, ich bin in Berlin. Ich übernachte -heute im Hotel und bleibe einige Tage inkognito in der Stadt -- findest -du das nicht großartig? Es ist übrigens dumm, daß du zu Hause wohnst. -Sonst könnten wir den ganzen Tag über zusammen sein --.“ - -„Weißt du,“ sagte Jenny, „als du klopftest, dachte ich, es sei dein -Vater.“ - -„Vater?“ - -„Ja.“ Sie wurde im selben Augenblick ein wenig verwirrt. Es fiel ihr -plötzlich schwer, ihm den ganzen Zusammenhang zu erklären. „Ja, siehst -du, dein Vater machte mir eines Tages einen Besuch, und seitdem ist er -manchmal zum Tee zu mir gekommen. Wir haben dann gesessen und von dir -gesprochen --.“ - -„Aber Jenny -- davon hast du ja kein Wort geschrieben! Du hast ja gar -nicht erwähnt, daß du Vater getroffen hast!“ - -„Nein, das hab’ ich auch nicht. Ich wollte es dir lieber erzählen --. -Die Sache ist also die, siehst du, deine Mutter weiß nichts davon. Dein -Vater meinte, es sei besser, es nicht zu erwähnen --“. - -„Nicht mir gegenüber?“ - -„Nein, nein, davon haben wir gar nicht gesprochen. Er denkt sicher, ich -habe es dir erzählt. Nein, deine Mutter durfte nicht erfahren, daß wir -uns kennen.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich fand, es war -- nun ich -mochte dir nicht schreiben, daß ich mit deinem Vater ein Geheimnis vor -deiner Mutter hatte. Verstehst du mich?“ - -Helge schwieg. - -„Es hat mich selber recht bedrückt,“ fuhr sie fort. „Aber er kam eben -herauf und besuchte mich. Und ich finde ihn furchtbar nett, Helge; ich -habe ihn sehr gern, deinen Vater.“ - -„Ja -- Vater kann ein sehr gewinnendes Wesen haben, wenn er will. Und -daß du Malerin bist und --.“ - -„Deinetwegen, Helge, hat dein Vater mich gern. Das ist der Grund.“ - -Helge antwortete nicht. - -„Und Mutter hast du nur das eine Mal gesehen?“ - -„Ja. -- Aber liebster, bester Freund, bist du nicht hungrig? Soll ich -dir ein wenig zurecht machen?“ - -„Vielen Dank. Und heute Abend gehen wir zusammen essen!“ - -Wieder pochte jemand an die Tür. - -„Das ist dein Vater,“ flüsterte Jenny. - -„Pst -- sei still, -- nicht öffnen!“ - -Nach einem Weilchen ging jemand über den Gang wieder fort. Helge verzog -das Gesicht. - -„Aber liebster Junge, was ist dir?“ - -„Ich weiß nicht --. Wenn wir ihm nur nicht begegnen, Jenny -- wir -wollen nicht gestört werden, nicht wahr? Niemanden treffen!“ - -„Nein.“ Sie küßte seinen Mund, bog seinen Kopf zurück und küßte ihn -hinter beide Ohren. - - * * * * * - -„Und Franziska?“ sagte Jenny plötzlich, während sie nach dem Kaffee bei -einem Glase Likör saßen und plauderten. - -„Ja! Ja, du wußtest es wohl im voraus; sie hatte dir doch geschrieben?“ - -Jenny schüttelte den Kopf. - -„Nicht ein Wort. Ich fiel ja aus allen Wolken, als ich ihren Brief -bekam -- sie schrieb in aller Kürze, morgen hätte sie Hochzeit mit -Ahlin. Ich ahnte nichts.“ - -„Wir auch nicht. Die beiden waren ja viel zusammen. Daß sie sich aber -heiraten wollten, wußte nicht einmal Heggen, bis sie kam und ihn bat, -ihr Trauzeuge zu sein.“ - -„Hast du sie seither gesehen?“ - -„Nein. Sie reisten noch am selben Tage nach Rocca di Papa und waren -noch oben, als ich Rom verließ.“ - -Jenny saß eine Weile in Gedanken. - -„Ich glaubte, sie hätte nur ihre Arbeit im Kopf,“ sagte sie. - -„Heggen erzählte, daß sie das große Bild mit dem Tor beendet hätte, und -daß es sehr gut ausgefallen sei, auch, daß sie mehrere andere Arbeiten -begonnen habe.“ - -„Dann verheiratete sie sich also ganz plötzlich. Ich weiß nicht, ob sie -eine Weile verlobt gewesen sind --.“ - -„Aber du, Jenny -- du schriebst, du hättest ein neues Bild angefangen?“ - -Jenny zog ihn mit sich zur Staffelei. - -Die große Leinwand zeigte eine Straße, die sich nach links hinüber -verlor, mit einer Häuserreihe in starker Perspektive, Kontor- und -Werkstattsgebäude in graugrünen und dunklen, backsteinroten Farben. Auf -der rechten Seite der Straße standen einige Lumpenhändlerbuden, und -dahinter ragten die Brandmauern zum Himmel empor, in dessen kräftigem -Blau hier und da schwere Regenwolken, graublau wie Blei und weiß wie -Silber, standen. Greller Nachmittagssonnenschein fiel in die Straße, -auf die Buden und Hausmauern, die rotgold aufleuchteten, und auf ein -paar goldiggrüne, mit halbaufgesprungenen Knospen übersäte Baumkronen, -die auf dem Platz zwischen Buden und Brandmauer standen. Als Staffage -dienten Arbeitsleute, Karren und Geschäftswagen auf der Straße. - -„Ich verstehe ja nicht viel davon. Aber --.“ Helge hielt sie fest -umschlungen. „Ist es nicht sehr gut, du? Ich finde es wunderschön, Jenny --- herrlich!“ - -Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter: - -„Während ich hier umherlief und auf meinen Jungen wartete -- ich bin ja -im Frühling immer hier einsam und trübselig umhergeirrt. Als ich sah, -wie Bergahorn und Kastanie ihr klares, lichtes Laub vor den rußigen -Häusern und roten Mauern entfalteten -- als ich den prachtvollen -Frühlingshimmel erblickte, der sich über all den schwarzen Dächern -spannte, über Schornsteinen und Telephondrähten: da lockte es mich, -dies alles zu malen, die feinen hellen Frühlingsknospen mitten in der -schmutzigen schwarzen Stadt.“ - -„Wo liegt diese Stelle?“ fragte Helge. - -„In der Stenerstraße. -- Ja, weißt du, dein Vater sprach von einigen -Bildern von dir als kleinem Jungen, die er drüben im Büro hatte; die -sollte ich mir ansehen. Und da entdeckte ich das Motiv von seinem -Bürofenster aus und durfte dann in der Kistenfabrik nebenan arbeiten. -Von dort aus ist es gemalt; ich mußte natürlich hin und wieder einiges -umgestalten, ein wenig abändern --.“ - -„Du bist viel mit Vater zusammen gewesen?“ fragte Helge kurz darauf. -„Er interessierte sich wohl sehr für dein Bild?“ - -„Ja, gewiß. Er kam mitunter zu mir herüber und betrachtete es, gab mir -auch einige Ratschläge, die übrigens sehr gut waren. Er weiß ja eine -Menge.“ - -„Glaubst du, daß Vater als Maler Talent hatte?“ sagte Helge. - -„Ja. Das glaube ich. Die Bilder, die bei euch zu Hause hängen, waren -nicht so besonders. Er hat mir aber einige Studien gezeigt, die er -im Büro aufbewahrt. Ich glaube nicht, daß dein Vater +großes+ Talent -hatte, aber es war ganz fein und eigentümlich. Nur von allen Seiten zu -leicht zu beeinflussen. Aber das, glaube ich, hängt wieder mit seiner -großen Fähigkeit zusammen, das Gute zu werten und zu lieben, das er bei -anderen gesehen hat. Denn er hat so viel Verständnis für Kunst -- und -Liebe zu ihr --.“ - -„Armer Vater,“ sagte Helge. - -„Ja --.“ Jenny liebkoste ihren Freund. „Dein Vater leidet vielleicht -weit mehr als du und ich ahnen.“ - -Dann küßten sie sich und vergaßen, weiter von Gert Gram zu sprechen. - -„Bei dir zu Hause wissen sie nichts?“ fragte Helge. - -„Nein,“ erwiderte Jenny. - -„Aber im Anfang, als ich all meine Briefe an deine Mutter adressierte, -fragte sie nie, wer da so jeden Tag an dich schrieb?“ - -„Nein. Meine Mutter ist nicht so!“ - -„+Meine+ Mutter,“ sagte Helge plötzlich heftig. „Mutter ist durchaus -nicht so taktlos, wie du meinst. Du bist nicht gerade gerecht gegen -meine arme Mutter -- ich finde, um meinetwillen könntest du es -unterlassen, so von ihr zu reden --.“ - -„Aber Helge!“ Jenny sah zu ihm auf. „Ich habe ja doch nicht ein Wort -über deine Mutter gesagt!“ - -„Du sagtest: +Meine+ Mutter ist nicht so.“ - -„Das ist nicht wahr. Meine +Mutter+, sagte ich.“ - -„+Meine+ Mutter, sagtest du. Daß du sie nicht leiden kannst, ist eine -Sache für sich, obgleich du schließlich keinen Grund hast --. Aber -du könntest doch daran denken, daß es +meine+ Mutter ist, von der du -sprichst. Und ich habe sie lieb, wie sie auch sein mag --.“ - -„Helge! Aber Helge --.“ Sie hielt inne, denn sie fühlte, wie ihr die -Tränen in die Augen stiegen. Es war ihr so fremd, Tränen zu vergießen, -daß sie schwieg, beschämt und erschrocken. Er hatte es aber schon -bemerkt: - -„Jenny! Habe ich dir wehgetan? Herrgott! Da siehst du es selbst. -Kaum bin ich heimgekehrt, so fängt es auch schon an --.“ Er schrie -plötzlich, indem er die geballte Faust drohend erhob: „Oh, ich hasse -das, ich +hasse+ das, es wird mein Heim zerreißen.“ - -„Mein Junge, lieber Junge -- du darfst nicht --. Geliebter, nimm es -doch nicht so schwer!“ Sie zog ihn fest, fest an sich. „Helge! Hör zu, -geliebter Freund -- was hat denn das mit uns zu schaffen. Sie können -+uns+ doch nichts tun --,“ und sie küßte ihn, bis er aufhörte zu -schluchzen und zu beben. - - - - -V. - - -Helge und Jenny saßen in seinem Zimmer auf dem Sofa und hielten sich -schweigend umschlungen. - -Es war an einem Sonntag Ende Juni. Jenny hatte am Vormittag einen -Spaziergang mit Helge gemacht und bei Grams Mittag gegessen. Nach dem -Kaffee hatten sie alle vier im Wohnzimmer gesessen und sich durch den -Nachmittag gequält, bis Helge Jenny mit in sein Zimmer zog unter dem -Vorwande, sie sollte etwas durchlesen, was er geschrieben hatte. - -„Puh,“ sagte Jenny, als sie draußen waren. - -Helge fragte nicht, warum sie so sprach. Er legte seinen Kopf fest in -ihren Arm, und sie strich ihm übers Haar, stumm, ohne Aufhören. - -„Ja, du.“ Helge seufzte „Es war gemütlicher bei dir in der Via -Vantaggio -- nicht wahr, Jenny?“ - -Draußen in der Küche rasselten Teller, es brutzelte in der Bratpfanne -und roch nach Fett. Frau Gram bereitete etwas Warmes zum Abendessen. -Jenny ging an das offene Fenster und sah einen Augenblick in den -schwarzen Schacht des Hofes. Alle Fenster nach hier hinaus waren -Küchen- oder Schlafzimmerfenster mit Zuggardinen. In jeder Ecke des -Hofes befand sich ein größeres Fenster, schräg eingebaut. Oh! Wie gut -sie diese Eßzimmer kannte mit einem einzigen Fenster in der Ecke auf -den Hof hinaus, dunkel und trübe, ohne einen Streifen Sonne. Der Ruß -fegte hinein, wenn man lüftete, und der Essensgeruch setzte sich fest. - -Aus dem Fenster eines Mädchenzimmers klang Guitarrespiel und ein -kräftiger, ungeübter Sopran: - -„Such Schutz bei unserem Herrn Jesus Christus, mein Freund, du brauchst -nur anzuklopfen, und der Himmel tut sich auf.“ - -Die Guitarre erinnerte sie an die Via Vantaggio, an Cesca und Gunnar, -der in der Sofaecke zu liegen pflegte, die Beine auf einem Stuhle, auf -Cescas Guitarre zupfend und leise ihre italienischen Weisen summend. -Plötzlich überfiel sie eine wilde Sehnsucht nach all dem dort unten. - -Helge kam auf sie zu: - -„Woran denkst du?“ - -„An die Via Vantaggio.“ - -„Ja, du -- wie herrlich hatten wir es dort, Jenny!“ - -Sie umschlang plötzlich seinen Hals und barg liebkosend seinen Kopf -an ihrer Schulter. Schon als er sprach, hatte sie gemerkt, daß er den -Grund +ihrer+ Sehnsucht nicht verstanden hatte. - -Sie hob seinen Kopf wieder in die Höhe und blickte in seine -bernsteingelben Augen; sie wollte an all die sonnenhellen Tage in der -Campagna denken, als er, im Grase zwischen den Tausendschön liegend, zu -ihr aufgeblickt hatte. - -Sie +wollte+ dieses schwere, erstickende Unlustgefühl von sich -abschütteln, das jedesmal wieder Macht über sie gewann, wenn sie in -seinem Hause war. - -Alles war hier so unleidlich. Gleich vom ersten Abend an, als sie nach -Helges offizieller Ankunft eingeladen war. Wie hatte sie es gequält, -daß sie dastehen und Komödie spielen mußte, als Frau Gram sie ihrem -Manne vorstellte; und Helge war zugegen und sah zu, wie sie seine -Mutter betrogen. Es quälte sie fürchterlich. Dann geschah etwas, das -noch viel ekelhafter war. Sie war einen Augenblick mit Gram allein; da -hatte er beiläufig erwähnt, daß er an jenem Nachmittag oben an ihrer -Tür gewesen sei, sie aber nicht angetroffen habe. „Nein, ich war an dem -Tage nicht im Atelier,“ hatte sie geantwortet, war aber gleichzeitig -blutrot geworden. Dann hatte er sie so merkwürdig erstaunt angesehen, -als sie -- sie wußte nicht, warum? -- plötzlich sagte: „Doch, ich war -übrigens zu Hause. Ich konnte aber nicht öffnen, es war jemand bei mir.“ - -Gram hatte gelächelt und gesagt: „Ich habe es wohl gehört, daß jemand -im Atelier war.“ Und in ihrer Verwirrung hatte sie erzählt, daß es -Helge gewesen, und daß er sich ein paar Tage inkognito in der Stadt -aufgehalten. - -„Liebe Jenny,“ hatte Gram sichtbar unwillig erwidert: „Ihr hättet euch -doch nicht vor mir zu verstecken brauchen. Ich hätte euch wahrhaftig in -Frieden gelassen. Ja, ja. -- Aber ich muß doch sagen, daß es mich recht -gefreut haben würde, wenn Helge mich begrüßt hätte --.“ - -Sie hatte darauf nichts zu erwidern gewußt. - -„Ich werde aber achtgeben, daß Helge nicht erfährt, daß ich etwas davon -weiß.“ - -Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, Helge zu verheimlichen, daß sie -seinem Vater davon erzählt hatte. Aber jetzt sagte sie es doch nicht --- aus Furcht, daß er darüber ärgerlich sein könnte. Sie litt aber und -wurde nervös in dieser Umgebung, in die sie hineingeraten war: der eine -durfte es nicht wissen und der andere durfte es nicht wissen. - -Daheim hatten sie auch keine Ahnung. Aber das war etwas anderes. Es lag -daran, daß sie nicht gewöhnt war, mit ihrer Mutter von ihren eigenen -Angelegenheiten zu sprechen, sie hatte dort nie Verständnis gefunden, -auch niemals gesucht oder erwartet. Dabei war ihre Mutter jetzt mit der -Sorge um Ingeborg beschäftigt. Jenny hatte die Mutter dazu bestimmt, im -Bundefjord eine Sommerwohnung zu mieten; Bodil und Nils fuhren von dort -zur Schule in die Stadt, Jenny aber wohnte im Atelier und aß auswärts. - -Sie war jedoch nie so glücklich über die Mutter und ihr Heim gewesen -wie jetzt. Es kam nicht allein daher, daß die Mutter sie jetzt ein -wenig verstand. Sie merkte auch hin und wieder, daß es Jenny schwer -hatte, und zeigte dann ehrlichen Willen, zu helfen und zu trösten --- ohne zu fragen. Denn schon der Gedanke, einem ihrer Kinder eine -aufdringliche Frage zu stellen, hätte ihr die Schamröte ins Gesicht -getrieben. Aber dies hier, Helges Heim, mußte ja eine wahre Hölle für -die Kinder gewesen sein. Und es war, als würfe die Mißstimmung ihre -Schatten auf sie, auch wenn sie sonst zusammen waren. Aber sie wollte -es überwinden. Ihr armer, armer Junge! - -„Mein Helge!“ Und sie überfiel ihn plötzlich mit Liebkosungen. -- - -Jenny hatte Frau Gram angeboten, ihr mit dem Aufwaschen und dem -Abendessen behilflich zu sein, aber jedesmal hatte die Hausfrau mit -einem Lächeln erwidert: - -„Nein, meine Liebe -- dazu sind Sie doch nicht hergekommen, damit -sollen Sie wahrhaftig nichts zu tun haben, Fräulein Winge.“ - -Vielleicht war es nicht so gemeint, aber Frau Gram lächelte immer so -spöttisch, wenn sie mit ihr sprach. Die Arme, vielleicht besaß sie kein -anderes Lächeln mehr. - -Gram kehrte heim; er hatte einen Spaziergang gemacht. Jenny und Helge -setzten sich zu ihm ins Rauchzimmer. - -Die Hausfrau kam auch einen Augenblick herein: - -„Du hattest deinen Regenschirm vergessen, mein Freund -- wie -gewöhnlich. Es war tatsächlich ein Glück, daß du einem Regenschauer -entgingst. Ja diese Männer, wie man auf sie achtgeben muß --!“ Sie -lächelte zu Jenny hinüber. - -„Du bist ja außerordentlich um mich bemüht,“ sagte Gram. Stimme und -Wesen waren immer peinlich höflich, wenn er mit seiner Frau sprach. - -„Aber warum sitzt ihr denn hier drinnen?“ sagte sie zu Helge und Jenny. - -„Es ist merkwürdig,“ erwiderte Jenny, „-- ich finde, es ist in allen -Häusern dasselbe: das Herrenzimmer ist immer am gemütlichsten. Bei uns -war es auch so, als mein Vater noch lebte,“ fügte sie schnell hinzu. -„Es kommt wohl daher, daß es als Arbeitszimmer eingerichtet ist.“ - -„Dann müßte ja die Küche der allergemütlichste Raum im ganzen Hause -sein,“ lachte die Hausfrau. „Aber wo meinst du, daß am meisten -gearbeitet wird, Gert, hier in deinem Zimmer oder in meinem -- nun ja, -die kann ja als mein Arbeitszimmer gelten --.“ - -„Ich gebe zu, daß zweifellos die nützlichste Arbeit in deinem -Arbeitszimmer verrichtet wird.“ - -„Ja,“ sagte Frau Gram. „Jetzt glaube ich aber beinahe, ich muß Ihr -liebenswürdiges Anerbieten für eine Weile annehmen -- würden Sie so -lieb sein, und mir ein wenig helfen, Fräulein Winge? Sonst wird es so -spät --.“ - -Als sie beim Essen saßen, läutete es. Es war Frau Grams Nichte, Aagot -Sand. Frau Gram stellte Fräulein Winge vor. - -„Ah, Sie sind die Malerin, mit der Helge in Rom so viel zusammen war. -Ich konnte es mir beinahe denken.“ Sie lachte. „Ich sah Sie drüben in -der Stenerstraße jetzt im Frühling, Sie gingen in Begleitung von Onkel -Gert und trugen Malgerät in der Hand --.“ - -„Das ist sicher ein Irrtum, mein Kind,“ unterbrach sie Frau Gram. „Wann -sollte das gewesen sein?“ - -„Einen Tag vor Bußtag. Ich kam von der Schule.“ - -„Ja, es ist schon richtig,“ sagte Gram. „Fräulein Winge stand und hatte -ihren Malkasten auf der Straße fallen lassen, und da half ich ihr, beim -Aufsammeln.“ - -„Das kleine Abenteuer hast du deiner Frau gar nicht gebeichtet.“ Frau -Gram lachte laut. „Ich hatte keine Ahnung, daß Ihr Euch von früher her -kanntet.“ - -Gram lachte ebenfalls. - -„Fräulein Winge schien mich nicht wiederzuerkennen. Es war zwar wenig -schmeichelhaft für mich -- ich wollte sie aber nicht daran erinnern. -Hatten Sie wirklich keine Ahnung, als Sie mich trafen, daß ich der -liebenswürdige alte Herr war, der Ihnen geholfen?“ - -„Ich war meiner Sache nicht sicher,“ sagte sie leise, von tiefer Röte -übergossen. „Ich glaubte, Sie hätten mich nicht wiedererkannt.“ Sie -versuchte zu lachen, fühlte jedoch mit peinigender Deutlichkeit, wie -unsicher ihre Stimme war, wie ihre Wangen brannten. - -„Nun, das war ja ein richtiges Abenteuer,“ lachte Frau Gram. -„Tatsächlich ein drolliger Zufall.“ - - * * * * * - -„O Gott, habe ich denn schon wieder etwas Verkehrtes gesagt?“ fragte -Aagot. Sie saßen nach dem Abendessen beisammen im Wohnzimmer. Gram war -in sein Zimmer hinübergegangen, die Hausfrau machte sich in der Küche -zu schaffen. „In diesem Hause ist man gänzlich ahnungslos, bis die -Bombe plötzlich explodiert -- das ist doch wirklich schauderhaft. Aber -erkläre mir doch, ich begreife ja nicht.“ - -„Herr des Himmels, Aagot, kümmere du dich um deine eigenen -Angelegenheiten,“ sagte Helge heftig. - -„Ja, ja, lieber Freund, beiß mich nur nicht! Ist Tante Bekka jetzt auf -Fräulein Winge eifersüchtig?“ - -„Du bist doch wahrhaftig das taktloseste Wesen, das existiert.“ - -„Nächst deiner Mutter -- ja danke, das hat mir Onkel Gert einmal -gesagt.“ Sie lachte. „Aber das ist doch die größte Dummheit -- -eifersüchtig auf Fräulein Winge!“ Sie lugte neugierig zu den beiden -anderen hinüber. - -„Ich möchte dich bitten, dich nicht in Dinge zu mischen, die nur uns -hier im Hause etwas angehen, Aagot,“ schnitt Helge alles weitere ab. - -„Ja ja, -- ich dachte nur -- nun gewiß -- es ist ja schließlich -gleichgültig.“ - -„Das ist es, weiß Gott.“ - -Frau Gram kam herein und machte Licht. Jenny blickte fast ängstlich -auf ihr verschlossenes, haßerfülltes Gesicht, das mit den harten, -funkelnden Augen vor sich hinstarrte. Dann begann Frau Gram den Tisch -abzuräumen. Sie hob Jennys Stickschere auf, die auf den Boden gefallen -war: - -„Es scheint Ihre Spezialität zu sein, etwas zu verlieren. Sie dürfen -nicht so nachlässig mit Ihren Sachen umgehen, kleines Fräulein Winge. -Helge ist nicht so galant wie sein Vater, scheint es.“ Sie lachte. -„Soll ich jetzt bei dir drinnen die Lampe anzünden, mein Junge?“ Sie -ging ins Rauchzimmer und zog die Tür hinter sich ins Schloß. - -Helge lauschte einen Augenblick zum anderen Zimmer hinüber -- die -Mutter sprach leise und heftig. Dann lehnte er sich wieder zurück. - -„Kannst du denn mit deinem Gerede nicht einmal aufhören?“ ertönte Grams -Stimme deutlich von drinnen herüber. - -Jenny neigte sich zu Helge: - -„Ich gehe jetzt nach Hause -- ich habe Kopfweh.“ - -„O nicht doch, Jenny. Dann gibt es hier nur Szenen bis ins Unendliche, -wenn du gegangen bist. Sei so lieb und bleib; es geht nicht, daß du -jetzt das Feld räumst, Mutter wird nur noch gereizter.“ - -„Ich kann aber nicht mehr,“ flüsterte sie, dem Weinen nahe. - -Frau Gram ging durchs Zimmer. Gram kam und setzte sich zu ihnen. - -„Jenny ist müde -- sie will jetzt nach Hause gehen, Vater. Ich begleite -sie.“ - -„Wollen Sie schon gehen? Wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben?“ - -„Ich bin müde, ich habe Kopfschmerzen,“ murmelte Jenny. - -„Bleiben Sie doch noch etwas,“ flüsterte Gram plötzlich. „Sie“ -- -er machte eine Kopfbewegung nach der Tür -- „sagt Ihnen nichts. Und -während Sie hier sind, entgehen wir anderen Szenen.“ - -Jenny setzte sich wieder still an den Tisch und griff nach ihrer -Stickerei. Aagot häkelte eifrig an einem weißen Umlegeschal. - -Gram schritt zum Klavier. Jenny war nicht musikalisch, konnte aber -hören, daß er es war, und nach und nach kam ein wenig Ruhe über sie, -während er seine kleinen weichen Melodien spielte -- für sie, das -fühlte Jenny. - -„Kennen Sie dies, Fräulein Winge?“ - -„Nein.“ - -„Du auch nicht, Helge? Habt ihr es nicht in Rom gehört? Zu meiner Zeit -sang man es überall. Ich habe hier einige Hefte mit italienischen -Melodien.“ - -Sie stand neben ihm und blätterte in den Noten. - -„Tut mein Spiel Ihnen wohl?“ flüsterte er. - -„Ja.“ - -„Soll ich weiter spielen?“ - -„Ja. Bitte.“ - -Er strich über ihre Hand: - -„Arme kleine Jenny! Aber gehen Sie jetzt -- ehe sie kommt.“ - -Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Gebäck herein. - -„Nein, das ist aber nett, daß du ein wenig spielst, Gert! Finden Sie -nicht, daß mein Mann schön spielt, Fräulein Winge? Hat er Ihnen schon -früher etwas vorgespielt?“ fragte sie harmlos. - -Jenny schüttelte den Kopf: - -„Ich wußte gar nicht, daß Herr Gram Klavier spielen kann.“ - -„Wie wunderschön Sie sticken!“ Sie ergriff Jennys Stickerei und -betrachtete sie. „Ich dachte wirklich, Künstlerinnen hielten es für -unter ihrer Würde, sich mit derartigen Handarbeiten zu beschäftigen. -Welch bezauberndes Muster -- wo haben Sie das her? Vom Auslande?“ - -„Das habe ich mir selber ausgedacht.“ - -„Nein wirklich? Dann ist es freilich leicht schöne Muster zu arbeiten --- sieh her, Aagot, ist das nicht reizend? Sie sind sicher ein -tüchtiges Mädchen, Fräulein Winge.“ Sie streichelte Jennys Hand. - -Was für abscheuliche Hände sie doch hat, dachte Jenny. Kleine Finger, -deren Nägel breiter waren als lang und plattgedrückt. - - * * * * * - -Helge und Jenny begleiteten erst Aagot bis zu ihrer Pension oben in -der Sofienstraße. Dann gingen sie zusammen über die Pilengasse zurück, -durch die blaßblaue Juninacht. Nach den Regenschauern strömten die -weißen Blütenkerzen der Kastanien an der Hospitalsmauer einen faden -Duft aus. - -„Helge,“ sagte Jenny leise. „Du +mußt+ es so einrichten, daß wir -übermorgen nicht mit ihnen zusammen sind.“ - -„Das ist unmöglich, Jenny. Sie haben dich eingeladen und du hast Ja -gesagt. Deinetwegen ist es ja nur.“ - -„Helge, du kannst dir doch denken, daß es nur zu Unzuträglichkeiten -führt. Stell dir vor, wenn wir allein irgend wohin fahren könnten, -Helge. Ganz für uns allein, nur wir beide, Helge. Wie in Rom.“ - -„Glaub mir, Jenny, nichts würde ich lieber wollen. Es gibt nur zu -Hause so viele Unannehmlichkeiten, wenn wir diese Johannisfahrt nicht -mitmachen.“ - -„Unannehmlichkeiten bringt es auch so,“ sagte sie mit scharfem Spott. - -„Aber anders wird es viel schlimmer. Herrgott, kannst du denn nicht -versuchen, dich um meinetwillen zu überwinden? Du brauchst doch nicht -in all diesem Elend umherzugehen -- darin zu leben und zu arbeiten.“ - -Er hat Recht, dachte sie und machte sich bittere Vorwürfe, daß sie -nicht geduldiger war. Ja, ihr armer Junge, er mußte in diesem Heim -leben und arbeiten, wo sie es kaum zwei Stunden aushalten konnte. Dort -war er aufgewachsen und dort hatte er sich durch seine ganze Jugend -gekämpft. - -„Helge. Ich bin schlecht und egoistisch.“ Sie klammerte sich an ihn -- -matt und gequält und gedemütigt. Sie sehnte sich nach seinen Küssen, -nach seinem Trost. Es ging sie beide ja doch gar nichts an; sie hatten -ja sich, sie gehörten zusammen, irgendwo weit außerhalb dieser Luft -voller Haß, Mißtrauen und Schlechtigkeit. - -Der Jasmin in den alten Gärten duftete zu ihnen herüber. - -„Wir fahren einmal zusammen über Land, wir beide ganz allein, Jenny,“ -tröstete er. - -„Aber daß ihr auch so hirnverbrannt sein konntet,“ sagte er plötzlich. -„Nein, ich kann das nicht fassen! Ihr mußtet euch doch denken, daß -Mutter es erfahren würde.“ - -„Sie glaubt natürlich die Geschichte nicht, die dein Vater erzählte,“ -sagte Jenny zaghaft. - -Helge blies durch die Nase. - -„Ich wünschte, er sagte ihr, wie das Ganze zusammenhängt,“ seufzte sie. - -„Du kannst ganz sicher sein, daß er es nicht tut. Und +du+ mußt -natürlich tun, als wüßtest du nichts. Das ist das Einzige, was du -machen kannst. Es war einfach hirnverbrannt von euch.“ - -„Ich kann doch nichts dafür, Helge.“ - -„Ach, ich habe dir genug von den Verhältnissen zu Hause erzählt. Du -hättest dafür sorgen müssen, daß es bei Vaters erstem Besuch blieb -- -all die späteren Visiten im Atelier und auch die Zusammenkünfte in der -Stenerstraße hättet ihr unterlassen sollen.“ - -„Zusammenkünfte? Ich sah das Motiv und wußte, daß ich ein gutes Bild -von dort aus malen konnte -- das habe ich auch getan.“ - -„Nun ja. Es ist natürlich vor allem Vaters Schuld. -- Ach!“ Er fuhr -heftig auf. „Diese Art und Weise, wie er von ihr spricht -- ja, du -hast gehört, was er zu Aagot gesagt hat. Und heute Abend wieder zu -dir. ‚Sie!‘“ äffte er nach, „‚Ihnen sagt sie nichts!‘ Es ist aber doch -unsere Mutter.“ - -„Ich finde aber, Helge, dein Vater ist weit rücksichtsvoller und -höflicher gegen sie als sie zu ihm.“ - -„Oh, diese Rücksichtnahme von Vater, ja! Nennst du das rücksichtsvoll, -wie er vorgegangen ist, um dich auf seine Seite zu bekommen? Seine -Höflichkeit! Du solltest wissen, was ich als Kind gelitten habe und -jetzt als Erwachsener -- unter dieser Höflichkeit. Wenn er kerzengerade -dastand, ohne ein Wort zu sagen, und höflich aussah. Sprach er aber, -dann klang es so eisig, so schneidend kalt, so höflich! Er bedankte -sich fast noch für Mutters Schreien und Schelten und Toben. -- Oh!“ - -„Liebster Junge!“ - -„O Gott, Jenny. Es ist auch nicht +nur+ Mutters Schuld. Ich kann sie -auch verstehen. Alle Menschen geben Vater den Vorzug. Du jetzt auch. -Es ist verständlich. Im Grunde tue ichs ebenfalls. Aber gerade deshalb -begreife ich, daß sie so geworden ist. Sie will ja doch überall die -Erste sein, siehst du. Und sie ist es nirgends. Arme Mutter!“ - -„Ja, die Aermste!“ sagte Jenny. Doch ihr Herz blieb eiskalt gegen Frau -Gram. - -Der Abend war schwer von Duft, Laub und Blüten, als sie durch das -Studentenwäldchen schritten. In der bleichen Dämmerung der Sommernacht -raschelte es geschäftig auf den Bänken tief drinnen zwischen den Bäumen. - -Ihr einsamer Schritt hallte in den ausgestorbenen Geschäftsstraßen -wieder, deren hohe Häuser mit einem blauen Schein in den großen blanken -Fensterscheiben wie ausgestorben lagen. - -„Darf ich mit hinaufkommen?“ fragte er vor ihrer Tür. - -„Ich bin müde, du,“ sagte Jenny leise. - -„Ich möchte so gern ein wenig bei dir sitzen -- findest du nicht, daß -wir es sehr nötig haben, einmal für uns allein zu sein?“ - -Sie widersprach nicht mehr, sondern stieg die fünf Treppen vor ihm -hinan. - -Die Nacht breitete sich blau über ihren Häuptern und blickte durch -die großen schrägen Dachfenster zu ihnen hinein. Jenny entzündete den -siebenarmigen Leuchter auf dem Schreibtisch, nahm eine Zigarette und -hielt sie in die Flamme. - -„Willst du rauchen, Helge?“ - -„Danke.“ Er nahm ihr die Zigarette von den Lippen. - -„Das ist es eben, siehst du,“ sagte er plötzlich. „Da war einmal etwas -mit Vater und -- einer anderen Frau. Ich war damals zwölf Jahre alt. -Wieviel daran wahr ist, weiß ich ja nicht. Aber Mutter --. Oh, es war -eine fürchterliche Zeit. Nur unseretwegen blieben sie zusammen -- das -hat Vater selbst einmal gesagt. Der Herrgott weiß, ich danke ihm das -nicht. Mutter ist jedenfalls ehrlich und gibt zu, daß sie ihn mit -Händen und Füßen festhält, sie will ihn nicht freigeben.“ - -Er warf sich aufs Sofa. Jenny setzte sich zu ihm und küßte ihn auf Haar -und Augen. Er glitt auf die Knie nieder und legte den Kopf in ihren -Schoß. - -„Erinnerst du dich des letzten Abends in Rom, als ich Gute Nacht zu dir -sagte, Jenny? Hast du mich heute ebenso lieb wie damals?“ - -Sie erwiderte nichts. - -„Jenny?“ - -„Wir haben heute keinen guten Tag miteinander gehabt, Helge,“ flüsterte -sie. „Zum ersten Male.“ - -Er hob den Kopf: - -„Bist du mir böse?“ fragte er leise. - -„Nein, nicht böse.“ - -„Was dann?“ - -„Ach nichts. Nur --“ - -„Nur, was?“ - -„Heute Abend --.“ Sie stockte. „Jetzt auf dem Heimwege --. Wir werden -noch allein eine Reise zusammen machen -- ein andermal, sagtest du. Es -ist nicht wie in Rom, Helge. Jetzt bist du es, der bestimmt und sagt, -was ich tun soll und was nicht.“ - -„Nein, nein, Jenny!“ - -„Doch. Du mußt mich verstehen, ich +will+ ja auch, daß es so ist. Du -bestimmst. Aber dann Helge, dann mußt du mir auch helfen, über all das -Andere -- das Schwere -- hinwegzukommen.“ - -„Du meinst also, ich habe dir heute nicht geholfen?“ fragte er langsam -und richtete sich auf. - -„Lieber -- doch, du konntest ja nichts tun.“ - -„Soll ich jetzt gehen?“ flüsterte er kurz darauf und zog sie an sich. - -„Du sollst tun, was du willst“, erwiderte sie leise. - -„Du weißt, was ich will. Was möchtest du -- am liebsten?“ - -„Ich weiß nicht, was ich möchte, Helge.“ Sie brach in Tränen aus. - -„Jenny, ach Jenny!“ Er küßte sie behutsam viele, viele Male. Als sie -ruhiger geworden war, ergriff er ihre Hand. - -„Ich gehe jetzt. Schlaf gut. Du darfst nicht böse auf mich sein. Du -bist so müde, armes Kleines!“ - -„Sag mir lieb Gute Nacht,“ bat sie und hing an seinem Halse. - -„Gute Nacht, meine süße, geliebte Jenny. Du bist müde, Armes -- so -matt. Gute Nacht. Gute Nacht.“ - -Dann ging er. Und wieder weinte sie. - - - - -VI. - - -„Hier ist es, was ich dir eigentlich zeigen wollte,“ sagte Gert Gram -und erhob sich. Er hatte auf den Knien gelegen und in dem unteren Fach -des Geldschrankes gekramt. - -Jenny schob die alten Skizzenbücher beiseite und rückte die elektrische -Tischlampe zu sich hinüber. Er wischte den Staub von der großen Mappe -und reichte sie ihr. - -„Es ist viele Jahre her, seit ich dies irgend jemandem zeigte oder mir -selber angesehen habe. Aber lange habe ich gewünscht, du solltest es -sehen, seit dem ersten Male, als ich bei dir im Atelier war. An jenem -Tage, als du dir hier die Bilder von Helge als kleinen Jungen ansahst, -nahm ich mir vor, dich zu fragen, ob du die anderen sehen willst. -Und später, während du hier arbeitetest, habe ich immer wieder daran -gedacht. -- Ja, es ist sonderbar, Jenny. Wenn ich daran denke, während -ich hier den Alltag mit meiner Arbeit zubringe.“ Er blickte sich in -dem kleinen engen Büroraum um. „Hier bin ich gelandet mit all meinen -Jugendträumen. Drüben im Schrank liegen sie, wie Leichen in ihrem -Sarkophage, und hier gehe ich selbst umher -- ein toter und vergessener -Künstler.“ - -Jenny schwieg. Gram drückte sich mitunter ein wenig sentimental aus, -fand sie. Obgleich sie wußte, daß das Gefühl, das ihm die Worte gab, -bitter aufrichtig war. Einer plötzlichen Eingebung folgend, strich sie -ihm leicht über das graue Haar. - -Gram beugte den Kopf ein wenig nieder, gleichsam als wollte er ihre -flüchtige Liebkosung verlängern. Dann -- ohne aufzublicken, löste er -die Bänder an der Mappe. Seine Hand bebte leicht. - -Sie merkte mit Erstaunen, daß ihre eigenen Hände zitterten, als sie das -erste Blatt entgegennahm. Ihr war so merkwürdig beklommen ums Herz, -als fühlte sie, daß ein Unglück geschehen würde: ihr wurde plötzlich -Angst bei dem Gedanken, daß ja niemand von dem Besuch wissen durfte, -daß sie nicht wagte, es Helge zu sagen. Sie wurde mißmutig, als sie -jetzt an ihren Verlobten dachte. Seit langem hatte sie es absichtlich -unterlassen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich für ihn fühlte. -Sie wollte der Ahnung, die in dieser Sekunde in ihr aufdämmerte, nicht -Raum geben und wollte sich nicht noch mehr in Unruhe bringen durch die -Frage, was eigentlich Gert Gram für sie empfand. - -Blatt für Blatt nahm sie aus der Mappe, die seine Jugendträume -enthielt, und es wurde ihr dabei unsagbar traurig zumute. - -Er hatte ihr von diesem Werk -- Zeichnungen zu Landstads Volksliedern --- erzählt, so oft sie allein waren. Es war ihr klar geworden, daß er -um dieser einzigen Arbeit willen geglaubt, er sei zum Künstler geboren. - -Seine Bilder zu Hause hatte er selber einmal Dilettantenarbeit eines -fleißigen und gewissenhaften Schülers genannt. Aber dies hier -- das -war sein Eigen. Sie sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, diese -großen Blätter mit der reichen Umrahmung romantischen Laubwerks und den -zierlichen Mönchsbuchstaben des Textes. Die Farbenwirkung war überall -rein und fein, bei einigen sogar verblüffend. Aber die eingefügten -Vignetten und Friese mit Figuren, so sorgfältig und richtig ihre -miniaturartige Zeichnung auch war, so leblos und stillos erschienen -sie. Einige waren durchaus naturalistisch, wieder andere lehnten sich -so eng an italienisch-mittelalterliche Kunst, daß Jenny einzelne ganz -bestimmte Offenbarungsengel und Madonnen unter den Kopfbedeckungen -der Ritter und Jungfrauen wiedererkannte. Ja, sogar die Farbenwirkung -selbst, so z. B. von dem Hukaballiede mit den goldenen und rotvioletten -Tönen, erkannte sie aus einem bestimmten Meßbuch, das sie in der San -Marco-Bibliothek gesehen hatte. Wie seltsam die groben, festgeformten -Verse sich dagegen abhoben, in den zierlichen Typen des Klosterlateins -geschrieben. Bei einigen der großen, ganzseitigen Bilder waren -Formensprache und Komposition in barockem Stil gehalten, römischen -Altarbildern entlehnt. Ein Widerklang all dessen, das er gesehen, worin -er gelebt, was er geliebt, das war Gert Grams Jugendmelodie. Keiner -dieser Töne war sein eigen, es war nur ein Echo vieler Töne, wenn auch -dies Echo alles mit eigenem, weichem, melancholischem Klange wiedergab. - -„Du bist nicht damit zufrieden,“ sagte er lächelnd. „O nein, ich sehe -wohl.“ - -„Doch, natürlich. Es liegt so viel Schönes und Zartes darin. Du weißt,“ -sie suchte nach dem Ausdruck, „es wirkt auf uns etwas fremd, da wir die -gleichen Motive anders behandelt gesehen -- und so gut, daß wir sie uns -in anderer Art nicht recht vorstellen können.“ - -Er saß ihr gegenüber, das Kinn auf die Hand gestützt. Nach einer Weile -sah er auf -- ihr Herz krampfte sich bei diesem Blick zusammen: - -„Ich wußte übrigens schon damals, was daran hätte besser sein sollen,“ -sagte er still und versuchte zu lächeln. „Wie ich dir sagte, ich habe -die Mappe soviele Jahre nicht hervorgeholt.“ - -„Ich habe niemals recht verstehen können,“ sagte sie nach einer Weile -ablenkend, „daß du dich zu Spätrenaissance und Barock so hingezogen -fühltest.“ - -„Es ist auch nicht zu verlangen, kleine Jenny, daß +du+ das verstehst.“ -Er blickte ihr mit einem sonderbar wehen Lächeln ins Gesicht. „Siehst -du, es gab wohl eine Zeit, da ich felsenfest an mein eigenes Talent -glaubte. Aber doch nie so unbedingt, daß nicht ein kleiner nagender -Zweifel zurückgeblieben wäre. Nicht daran zweifelte ich, daß ich nicht -auszudrücken vermöchte, was ich sagen wollte, ich war mir nicht klar -darüber, was ich eigentlich ausdrücken wollte. Ich sah ja, daß die -romantische Kunst abgeblüht und im Begriff war, hinzuwelken. Fast auf -der ganzen Linie hatten Verfall und Unwahrhaftigkeit um sich gegriffen, -und gerade der Romantik gehörte mein ganzes Herz. Nicht nur in der -Malerei. Ich sehnte mich nach den sonntäglichen Bauern der Romantik, -trotzdem ich als Knabe lange genug auf dem Lande gelebt hatte, um zu -wissen, daß es sie nicht mehr gibt. Als ich in die Welt zog, war mein -Ziel das Italien der Romantik. Ich weiß sehr wohl, du und deine Zeit, -ihr sucht die Schönheit in dem, was +ist+, sinnlich und wirklich. -+Ich+ fand sie nur in der Umbildung der Wirklichkeit, die andere schon -vorgenommen hatten. Du weißt, die achtziger Jahre kamen mit ihrem neuen -Glaubensbekenntnis, ich machte den Versuch, zu folgen, doch mein Herz -lehnte sich auf.“ - -„Ja, aber Gert,“ Jenny richtete sich auf, „die Wirklichkeit ist doch -nicht ein bestimmter Begriff. Sie zeigt sich jedem einzelnen anders. -‚~There’s beauty in everything~,‘ sagte ein englischer Maler einmal zu -mir, ‚~only your eyes see it or see it not, little girls~‘“. - -„Ja, aber, Jenny -- ich vermochte ja die Wirklichkeit nicht zu +sehen+, -ich erfaßte nur ihren Widerschein in den Träumen Anderer. Ich war -nicht einmal fähig, aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeitswelt -+meine+ Schönheit herauszufinden. -- Ich fühlte meine eigene Ohnmacht -deutlich. Als ich dann dort hinunterkam, eroberte der Barock mein -Herz. Begreifst du die tiefe Ohnmacht und die Seelenpein, die man -unter der Unfähigkeit, der Phrase, erleidet? Nichts Persönliches, -Neues zu besitzen, um die Form damit zu erfüllen. -- Nur die Technik -vervollkommnet sich, die rauschende Bewegung der Gewänder, die -halsbrecherischen jähen Reduktionen, die gewaltigen Effekte in Licht -und Schatten, die geschraubte Komposition. Die Leere wird unter -der Ekstase verborgen -- verzerrte Gesichter, verrenkte Glieder, -Heilige, deren einzig wahre Leidenschaft die Furcht vor ihrem eigenen -hartnäckigen Zweifel ist, den sie in krankhafter Erregung ersticken -wollen. Ja, wahrhaftig, du, das ist die Verzweiflung des Niederganges, -das Werk der Epigonen, das nur blenden will -- und meist sich selbst.“ - -Jenny nickte. „Dies ist jedenfalls deine subjektive Anschauung. -Ich bin durchaus überzeugt, daß die Maler, von denen du sprichst, -außerordentlich stolz und zufrieden mit sich selber waren.“ - -Er schlug plötzlich einen anderen Ton an und lachte: „Möglich. -Vielleicht wurde dies mein Steckenpferd, weil, wie du sagtest, es nun -einmal mein subjektiver Standpunkt war.“ - -„Aber das Bild, das du von deiner Frau gemalt hast -- in Rot -- das ist -doch ganz impressionistisch, und es ist ausgezeichnet. Je öfter ich es -mir anschaue, desto besser finde ich es.“ - -„O ja. Aber das ist ja ein vereinzelter Fall.“ Er schwieg. „Als ich -malte, war sie für mich das Leben. Ich war toll verliebt in sie -- und -doch haßte ich sie schon so grenzenlos.“ - -„Daß du die Malerei aufgabst,“ fragte Jenny leise, „war das ihre -Schuld?“ - -„Nein, Jenny. Alles, was uns an Unglück zustößt, ist unsere eigene -Schuld. Ich weiß, du bist nicht, was man gläubig nennt. Darin geht -es mir ähnlich. Aber ich +glaube+ -- an Gott meinetwegen, oder eine -seelische Macht, oder was du sonst willst, die in gerechter Weise -straft. -- Sie war irgendwo draußen in der Großen Straße Kassiererin in -einem Geschäft. Ich sah sie dort zufällig. Sie war herrlich schön; das -kannst du vielleicht jetzt noch sehen. Nun ja, ich lauerte ihr eines -Abends auf, als sie aus dem Geschäft kam, und sprach sie an. Lernte sie -kennen. -- Ich verführte sie,“ sagte er leise und hart. - -„Und dann hast du sie eben geheiratet, weil sie ein Kind bekam. Das -habe ich mir gedacht. Zum Dank hat sie dich siebenundzwanzig Jahre lang -gequält und geplagt. -- Weißt du, die Gerechtigkeit, an die du da -glaubst, ist recht grausam.“ - -Er lächelte müde: „Ich bin gar nicht so altmodisch, Jenny, wie du -vielleicht denkst. Ich erblicke darin keine Sünde, daß zwei junge -Menschen, die sich lieben und fühlen, daß sie zusammengehören, sich -einander hingeben, ob nun unter gesetzlichen oder ungesetzlichen -Umständen. Ich aber habe Rebekka tatsächlich verführt. Sie war -unschuldig, als ich sie traf, nicht nur rein körperlich, meine ich. -+Ich+ sah, wie sie war -- sie ahnte es selber nicht. Ich wußte, wie -leidenschaftlich sie war, wie eifersüchtig und tyrannisch sie in ihrer -Liebe sein würde. Ich machte mir aber den Teufel etwas daraus, ich -fühlte mich geschmeichelt, daß gerade mir diese Leidenschaft galt, -daß ich dieses herrliche Mädchen so ganz mein eigen nennen durfte. -Natürlich hatte ich nie die Absicht, mich ihr ganz zu opfern, trotzdem -ich wußte, sie würde alles fordern. Ich hatte nicht gerade vor, sie -zu verlassen, glaubte aber, ich würde mich schon zu behaupten wissen. -Ich hoffte, aus unserem Verhältnis ausschalten zu können, was ich ihr -nicht geben wollte -- meine Interessen, meine Arbeit: mein eigentliches -Leben -- obwohl ich wußte, sie würde versuchen, alles an sich zu -reißen. Es war erzdumm von mir; ich wußte, ich war schwach, und sie -stark und rücksichtslos. Aber ich rechnete darauf, daß ihre stärkere -Leidenschaft mir, der ich in gewissen Punkten verhältnismäßig kalt war, -ein Uebergewicht geben würde. -- Ich entdeckte, daß sie außer ihrer -großen Fähigkeit zu lieben keine starken Eigenschaften besaß. Sie war -eitel und ungebildet, neidisch und roh. Wir hatten keine seelische -Gemeinschaft, was ich aber nicht vermißte. Ich wollte ja nur ihren -herrlichen Körper besitzen, ihre verzehrende Leidenschaft genießen.“ - -Er erhob sich und ging zu Jenny hinüber, ergriff ihre Hände und preßte -sie einen Augenblick an seine Augen. - -„Konnte ich denn wissen, daß eine Ehe mit ihr ein einziges Elend sein -würde? -- Ich mußte ernten, was ich gesät. Ich mußte sie also heiraten. -Es war eine fürchterliche Zeit. Vorher, als sie zu mir ins Atelier -kam -- wild und toll vor Uebermut -- verhöhnte sie jedes altväterische -Vorurteil. Sie war stolz, Geliebte zu sein, übermütig -- für sie gab es -nichts als dies freie Liebesleben. Als es dann eine schlimme Wendung -mit ihr nahm, blies sie aus einem anderen Horn. Ich bekam von ihrer -achtbaren Familie in Frederikshald zu hören, ihrer unbefleckten Tugend, -ihrem guten Ruf -- ich dagegen war ein Schurke, ein Wicht, wenn ich sie -nicht augenblicklich heiratete. Soundso viele Männer hatten sie auf -diese oder jene Weise haben wollen, sie aber wollte sich weder verloben -noch sich verführen lassen. - -Ich hatte nichts zum Heiraten -- ich war Student, nicht einmal tüchtig, -und hatte außer der Malerei nichts gelernt. Monate gingen hin. Ich -mußte zu meinem alten Vater gehen. Dann heirateten wir, und zwei Monate -später kam Helge. -- Meine Familie half mir, dies Geschäft zu beginnen. -Ich hatte ja einmal große Träume von einem Kunstverlag ... meine -Volksliederblätter! -- Aber die Herbeischaffung des täglichen Brotes -und meine Familie machten mir Sorge und Mühe genug. Ich mußte sogar -einmal akkordieren, wie du vielleicht gehört hast -- in den neunziger -Jahren. Sie nahm ehrlich und redlich ihr Teil an Arbeit, Entbehrung und -Armut auf ihre Schultern und hätte mit Freuden für mich und die Kinder -gehungert. Es war bei meinen Gefühlen für sie beschämender, eingestehen -zu müssen, daß sie sich für mich abarbeitete, sich aufopferte und für -mich litt. -- Ich mußte auf alles verzichten, was mir lieb war. Zoll -für Zoll zwang sie mich all das aufzugeben, was ich vor ihr voraus -hatte. Mein Vater und sie waren Todfeinde von der ersten Stunde an. -Sie war ihm unsympathisch! Und das verletzte ihre Eitelkeit. So trieb -sie einen Keil zwischen uns beide. Vater war Beamter von der alten -Schule, vielleicht ein wenig engherzig, steif und trocken -- aber so -fein und vornehm und rechtlich denkend und im Grunde so warm, so weich -und gut. Wir waren einander immer viel -- ja, Jenny, ich liebte ihn, -aber das durfte ich natürlich nicht. -- Dann die Malerei! Ich sah, daß -ich nicht die Fähigkeiten hatte, wie ich erst geglaubt. Ich vermochte -aber nicht, mich immer und immer wieder zu versuchen, da ich doch nicht -an mich selber glauben konnte, müde, wie ich war von der Jagd nach dem -täglichen Brot und von diesem Zusammenleben, das mehr und mehr zu einer -Karikatur wurde. Sie machte mir Vorwürfe, aber heimlich triumphierte -sie. -- Und dann die Kinder! Sie war eifersüchtig, wenn sie merkte, ich -freute mich über sie oder wenn sie sah, sie waren fröhlich mit mir. Sie -wollte die Kinder nicht mit mir teilen, aber sie wollte mich auch nicht -mit den Kindern teilen. Ihre Eifersucht wuchs sich mit den Jahren zu -einer Art Irrsinn aus. Nun, du hast ja selbst gesehen.“ - -Jenny blickte zu ihm auf. - -„Sie kann es kaum ertragen, daß wir in einem Raume zusammen sind, nicht -einmal, wenn Helge dabei ist.“ - -Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie auf ihn zuging und ihre Hände -auf seine Schultern legte: - -„Ich begreife nicht,“ flüsterte sie, „daß du dies Leben ausgehalten -hast.“ - -Gert Gram beugte sich vor und legte seinen Kopf auf ihre Schulter: - -„Ich verstehe es ja selber nicht, Jenny.“ - -Als er kurz darauf sein Antlitz hob und ihre Augen sich trafen, legte -sie ihre Hand um seinen Nacken, und, überwältigt von einem unendlich -verzweifelten, zarten Mitleid, küßte sie ihn auf Stirn und Wange. - -Sie erschrak hinterher selbst, als sie auf sein Gesicht mit den -geschlossenen Augen herniederblickte, wie es an ihrer Schulter ruhte. -Aber dann richtete er sich sanft auf und erhob sich. - -„Danke, kleine Jenny.“ - -Gram legte die Blätter in die Mappe zurück und räumte den Tisch ab. - -„Ja, Jenny, ich wünsche dir, du mögest recht, recht glücklich werden. -Du bist so jung und hell, so frisch und energisch und begabt. Mein -liebes Kind -- du bist so, wie ich es selbst hatte sein wollen. Ich -erreichte es aber niemals.“ Er sprach mit leiser, geistesabwesender -Stimme. - -„Ich glaube,“ sagte er kurz darauf ganz ruhig, „solange ein Verhältnis -neu ist und man sich noch nicht eingelebt hat, kann einem so vieles -begegnen, das schwer zu überwinden ist. Ich wünschte, ihr wohntet -später nicht hier in der Stadt. Ihr sollt allein sein -- in der ersten -Zeit -- fern von Verwandtschaft und dergleichen.“ - -„Helge hat ja die Stellung in Bergen beantragt, weißt du,“ sagte Jenny. -Wieder überfiel sie diese närrische Verzweiflung und Angst, wenn sie an -ihn dachte. - -„Sprichst du nie mit deiner Mutter über diese Dinge, Jenny? Warum -nicht? Hast du deine Mutter nicht lieb?“ - -„Doch, gewiß habe ich Mama lieb.“ - -„Du solltest sie um Rat fragen, mit ihr reden --“ - -„Es nützt mir nichts, andere um Rat zu bitten. Ich mag nicht über -solche Dinge mit anderen sprechen,“ sagte sie abweisend. - -„Nein, nein. Du bist --“ Er stand dem Fenster halb zugewandt, als er -plötzlich zusammenfuhr und leise und aufgeregt ihr zuflüsterte: - -„Jenny -- sie geht dort vorüber!“ - -„Wer?“ - -„Sie -- Rebekka.“ - -Jenny erhob sich. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie +schreien+, -vor Erbitterung und Ekel. Ein Zittern überfiel sie, jede Fiber in -ihr krampfte sich zusammen, lehnte sich auf. Sie +wollte+ nicht -hineingezogen werden in all das Häßliche, Schauderhafte, in dieses -Mißtrauen, diesen Hader, diese haßerfüllten Worte, Zänkereien und -Szenen ... Nein, sie wollte nicht da hinein --. - -„Jenny, du bebst ja, Kind -- du solltest keine Furcht haben, dir darf -sie nichts tun --.“ - -„Das ist es nicht -- ich bin nicht ängstlich.“ Sie wurde plötzlich kalt -und hart. „Ich bin hier gewesen, um dich zu holen -- wir haben uns die -Mappen angesehen und nun trinke ich bei euch Tee.“ - -„Es ist ja nicht sicher, daß sie etwas gesehen hat --“ - -„Das brauchen wir, weiß Gott, auch nicht zu verbergen! Weiß sie nicht, -daß ich hier gewesen bin, so erfährt sie es eben. Ich gehe mit dir -nach Hause, hörst du? Wir +müssen+ es tun, sowohl deinet- als auch -meinetwegen --.“ - -Gram blickte sie an: - -„Nun ja, nehmen wir es also auf uns.“ - -Als sie auf die Straße hinunter kamen, war Frau Gram gegangen. - -„Wir fahren mit der Straßenbahn, Gert; es ist spät.“ Sie schwieg. -Plötzlich fuhr sie auf. „Helges wegen müssen wir es auch tun; diese -Geheimniskrämerei zwischen uns muß auch um seinetwillen ein Ende haben.“ - - * * * * * - -Frau Gram öffnete ihnen selbst die Tür, als sie kamen. Während Gert -Gram seine Erklärung vorbrachte, begegnete Jenny frei ihren bösen Augen: - -„Das ist doch ärgerlich, daß Helge heute Abend nicht zu Hause ist. -Glauben Sie nicht, daß er früher zurückkommt, Frau Gram?“ - -„Es ist aber auch merkwürdig, lieber Freund, daß du nicht daran gedacht -hast,“ sagte Frau Gram zu ihrem Manne. „Es ist für Fräulein Winge -schließlich kein Vergnügen, mit uns beiden einsamen Alten den ganzen -Abend zu verbringen.“ - -„Oh, was das betrifft,“ meinte Jenny. - -„Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, daß Helge davon sprach, er -ginge heute Abend fort,“ sagte Gram. - -„Man ist es nicht gewöhnt, Sie ohne Handarbeit zu sehen,“ lächelte Frau -Gram, als sie nach dem Essen im Wohnzimmer bei einander saßen. „Sie, -die Sie immer so fleißig sind!“ - -„Nein, ich konnte nicht mehr nach Hause gehen, ich kam zu spät aus dem -Atelier. Können Sie mir nicht eine Arbeit leihen, Frau Gram?“ - -Jenny unterhielt sich mit ihr über den Preis aufgezeichneter -Handarbeiten hier und in Paris, und über die Bücher, die sie ihr -geliehen hatte. Gram saß und las. Hin und wieder fühlte Jenny seine -Augen auf ihr ruhen. - -Gegen elf Uhr kam Helge. -- - -„Was ist denn geschehen?“ fragte er, als sie dann die Treppe -hinuntergingen. „Ist zu Haus wieder eine Szene gewesen?“ - -„Durchaus nicht.“ Sie sprach heftig und nervös. „Deine Mutter nahm es -wohl ungnädig auf, daß ich mit deinem Vater zusammen zu euch nach Hause -kam.“ - -„Ich finde allerdings auch, das hättet ihr vermeiden können,“ sagte -Helge zaghaft. - -„Ich fahre mit der Straßenbahn nach Hause!“ Uebernervös, wie sie war, -riß sie sich plötzlich unbeherrscht von ihm los. „Mehr ertrage ich -heute Abend nicht, hörst du? Ich will nicht jedesmal diese Szenen mit -dir haben, wenn ich bei euch gewesen bin. Gute Nacht!“ - -„Aber Jenny! Jenny --!“ Er lief ihr nach, aber sie war bereits an der -Haltestelle. Die Bahn kam im selben Augenblick, Jenny sprang auf und -ließ ihn stehen. - - - - -VII. - - -Sie ging den ganzen Vormittag über im Atelier auf und ab, ohne zu -arbeiten. Sie hatte nicht die Kraft, etwas zu tun. - -Der Regen trommelte unaufhörlich und laut auf dem großen -Mansardenfenster. Hin und wieder hielt Jenny inne und blickte -über die regennassen Schieferdächer, die schwarzen Schornsteine -und Telephondrähte hinweg, an denen die Regentropfen wie Perlen -entlangglitten, zusammenliefen und niederfielen, um neuen Tropfen, die -schnell herbeiliefen, Platz zu machen. - -Ihr kam der Gedanke, in den Bundefjord zur Mutter und den Kindern zu -reisen, einige Tage wenigstens. Von all diesem hier +mußte+ sie fort. -Oder sie wollte die Stadt verlassen, irgendwo in einem Hotel Wohnung -nehmen, Helge bitten, nachzukommen, um mit ihm in Ruhe sprechen zu -können. - -Wenn sie beide nur eine Zeitlang allein sein könnten! Sie versuchte, -sich ihren Lenz dort unten vor Augen zu führen, sie erinnerte sich der -Wärme und der grünen Campagna, der weißen Blüten, des silberfeinen -Dunstes über dem Gebirge und ihrer eigenen Freude. Aber Helges Bild aus -jener Zeit -- wie er in ihren verliebten Augen ausgesehen hatte, schien -sie nicht zurückrufen zu können. - -Diese Tage lagen nun schon so weit hinter ihr, und sie standen so -sonderbar isoliert von ihrem übrigen Leben da. Wenn sie auch noch so -genau +wußte+, wie es gewesen, so konnte sie doch die Verbindung -zwischen damals und heute nicht mehr +fühlen+. - -Dieses Haus in der Welhavenenstraße -- nein, dort gehörte sie nicht -hin. Und es war ihr, als entschwinde Helge ihr dort gleichsam vor ihren -Augen. Es war unfaßbar, sie wollte es einfach nicht glauben, daß diese -Menschen zu ihr gehören sollten, für alle Zukunft. - -Nein. Er, Gram, hatte Recht. Sie mußten aus all diesem heraus. - -Sie wollte reisen. Sofort. Ehe Helge käme und eine Erklärung für den -gestrigen Tag forderte. - -Eben hatte sie die Handtasche gepackt und zog den Regenmantel über, als -es klopfte -- mehrmals. Sie erkannte Helges Zeichen. - -Jenny stand mäuschenstill und wartete, bis er gegangen war. Kurz darauf -ergriff sie ihre Reisetasche, verschloß das Atelier und ging. - -Als sie ein Stück die Treppe hinuntergekommen war, sah sie einen Mann -in einem der Flurfenster sitzen. Es war Helge. Er hatte sie bereits -gesehen. So ging sie denn zu ihm hinunter. Einen Augenblick starrten -sie sich an. - -„Warum wolltest du mir eben nicht öffnen?“ fragte er. - -Jenny antwortete nicht. - -„Hörtest du nicht, daß ich klopfte?“ - -„Doch. Ich hatte aber kein Verlangen mit dir zu sprechen.“ - -Er erblickte ihren Handkoffer. - -„Willst du zu deiner Mutter fahren?“ - -Jenny überlegte einen Augenblick: - -„Nein. Ich gedenke einige Tage nach Holmestrand zu reisen. Ich wollte -dir dann schreiben und dich bitten, nachzukommen. Wir konnten dann eine -Weile zusammen sein, ohne daß sich Unbeteiligte hineinmischen und uns -Szenen machen. Ich würde gern mit dir in Ruhe und Frieden reden.“ - -„Ich hätte auch gern mit dir gesprochen. Können wir nicht zu dir -hinaufgehen?“ - -Sie antwortete nicht gleich. - -„Ist jemand bei dir oben?“ fragte er. - -Jenny richtete ihre Augen auf ihn: - -„Jemand oben? Wenn ich gegangen bin?“ - -„Es könnte ja jemand sein, mit dem du nicht zusammen fortgehen magst.“ - -Sie wurde brennend rot. - -„Wie meinst du das, ich konnte ja gar nicht wissen, daß du mir hier -auflauertest.“ - -„Liebe Jenny, du kannst dir doch denken -- ich meine doch nicht, daß -von deiner Seite etwas Unrechtes darin läge.“ - -Jenny erwiderte nichts, sondern stieg die Treppe wieder hinauf. Oben -im Atelier setzte sie den Koffer nieder, blieb im Mantel stehen und -beobachtete Helge, wie er seinen Regenmantel ablegte und den Schirm in -einen Winkel stellte. - -„Vater erzählte es mir heute morgen, daß du bei ihm gewesen bist, und -daß Mutter draußen vorbeiging --.“ - -„Ja.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Es ist eine merkwürdige -Angelegenheit bei euch zu Hause -- so auf der Lauer zu liegen. Es wird -mir recht schwer, mich daran zu gewöhnen, muß ich sagen.“ - -Helge wurde rot: - -„Liebste Jenny, ich +mußte+ mit dir sprechen. Die Portierfrau sagte, -sie glaubte ganz bestimmt, du seiest oben. Du weißt doch wohl, daß ich -nicht +dir+ mißtraue --“ - -„Ich weiß bald nicht mehr aus noch ein,“ antwortete sie aufgebracht. -„Ich kann das nicht mehr aushalten -- all den Argwohn, diese -Geheimnistuerei, diesen Unfrieden und die Häßlichkeit. Herrgott, Helge --- kannst du mich denn nicht ein wenig dagegen schützen!“ - -„Arme Jenny.“ Er erhob sich und ging zum Fenster, den Rücken ihr -zugewandt. - -„Ich habe mehr darunter gelitten, Jenny, als du ahnst. Es ist zum -Verzweifeln. Denn -- begreifst du das nicht selber -- Mutters -Eifersucht ist doch nicht ganz unbegründet.“ - -Jenny zuckte zusammen. Helge wandte sich um und sah es. - -„Ich glaube natürlich nicht, daß Vater sich dessen bewußt ist. Sonst -würde er seinem Verlangen, mit dir zusammen zu sein -- nicht in diesem -Maße nachgeben. Obgleich --. Er sprach auch mit mir darüber, daß wir -beide fort müßten, fort aus dieser Stadt. Ich weiß nicht -- hat er dich -nicht überhaupt auf die Reise gebracht?“ - -„Auf diese Reise nach Holmestrand bin ich selbst gekommen. Er sprach -aber gestern mit mir davon, daß wir nicht hier in der Stadt wohnen -dürften -- wenn wir verheiratet wären --“ - -Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Schultern. Ihre -Stimme war klagend: - -„Helge, mein Freund -- ich muß ja reisen, wenn es so ist -- Helge, -Helge -- was sollen wir tun?“ - -„Ich reise,“ sagte er kurz. Er nahm ihre Hände von seinen Schultern und -preßte sie an seine Wangen. So standen sie einen Augenblick still. - -„Auch ich muß reisen. Kannst du denn nicht verstehen? Als ich noch -dachte, deine Mutter sei ungerecht -- ja, und auch unfein -- konnte -ich ihr gegenüber tun, als ginge es mich nichts an. Aber jetzt -- du -hättest das nicht sagen dürfen, Helge -- selbst wenn du dich irrtest. -Ich kann nicht mehr dorthin gehen, wenn ich darüber nachgrübeln muß, -ob sie auch nur einen leisen Schein von Recht hat; ich werde unsicher, -ich weiß, ich kann ihr gegenüber nicht meine Fassung bewahren -- ich -komme mir vor wie eine Schuldige ...“ - -„Komm.“ Er zog sie mit sich zum Sofa und setzte sich neben sie. „Ich -will dich etwas fragen.“ - -„Liebst du mich, Jenny?“ - -„Das weißt du,“ sagte sie hastig und bang. - -Er nahm ihre Hand in seine beiden: - -„Ich weiß, du hast es eine Zeitlang getan. Gott weiß, ich begriff nie, -aus welchem Grunde. Aber ich wußte, du sprachst die Wahrheit, wenn du -es sagtest. Dein ganzes Wesen gegen mich war Liebe, Güte und Freude. -Aber ich hatte immer Angst, daß der Tag kommen würde, an dem du mich -nicht mehr liebtest.“ - -Sie blickte ihm in das weiße Gesicht: - -„Ich bin dir so gut, Helge.“ - -„Ich weiß es wohl.“ Er lächelte flüchtig. „Ich weiß wohl, du bist nicht -eine von denen, deren Herz erkaltet gegen den Mann, den sie einstmals -liebten. Ich weiß auch, du willst mir nicht wehe tun -- du wirst selbst -leiden, wenn du mich nicht mehr liebst. -- Ich habe dich so grenzenlos -lieb, siehst du --“ - -Er senkte seinen Kopf und weinte. Sie zog ihn fest an sich: - -„Helge. Mein Junge. Mein lieber, lieber Junge.“ - -Er hob wieder den Kopf und schob sie sanft zurück: - -„Jenny -- damals in Rom -- ich hätte dich nehmen können. Du wolltest -mein werden -- ganz. Du hattest den guten Willen -- in deiner Seele -herrschte kein Zweifel darüber, daß unser Zusammenleben für uns Glück -bedeuten würde. Ich war nicht so sicher -- darum wohl wagte ich es -nicht --. Später, hier zu Hause ... Ich sehnte mich so unsagbar. Ich -wollte dich ganz besitzen, da ich fürchtete, dich eines Tages zu -verlieren. Aber ich merkte, wie du immer auswichest, wenn du fühltest, -daß dies Begehren in mir aufstieg.“ - -Sie blickte ihn erschrocken an. Es war so! Sie hatte es sich nicht -gestehen wollen -- aber er hatte Recht. - -„Wenn ich dich jetzt bäte. In dieser Stunde!?“ - -Jenny bewegte die Lippen. Dann sagte sie schnell und fest: - -„Ja.“ - -Helge lächelte traurig und küßte ihre Hand: - -„Willig und gern? Weil +du+ mein sein willst? Weil du dir ein Glück -ohne mich und dich nicht denken kannst? Nicht nur, weil du mir etwas -Liebes antun willst? Nicht nur, weil du nicht dein Wort brechen willst? -Antworte aufrichtig!“ - -Sie warf sich weinend über seine Knie: - -„Laß mich fortreisen! Ich will ins Gebirge fahren. Hörst du, Helge -- -ich muß mich selber wiederfinden -- ich will +deine+ Jenny werden, -wie in Rom. Ich +will+, Helge -- ich weiß weder aus noch ein, aber -ich +will+. Wenn ich ruhiger geworden bin, schreibe ich an dich; dann -kommst du nach und dann bin ich nur deine, ganz deine Jenny --.“ - -„Jenny,“ sagte Helge leise. „Ich bin meiner Mutter Sohn. Wir haben -uns voneinander entfernt -- wir haben uns schon jetzt voneinander -entfernt. Du müßtest mich davon überzeugen, daß ich dir das Höchste auf -Erden bin, das Einzige, mehr als alles andere -- aber du kannst nicht. -Ich fühle ja, daß du zu deiner Arbeit, deinen Freunden mehr gehörst -als zu mir, während du dich unter den Menschen fremd fühlst, die mir -nahestehen --.“ - -„Ich fühle mich deinem Vater gegenüber nicht so fremd,“ flüsterte Jenny -unter Tränen. - -„Nein. Aber Vater und ich sind uns fremd. Jenny -- da ist deine Arbeit, -in der ich niemals ganz eins mit dir werden kann. Ich weiß jetzt, daß -ich auch darauf eifersüchtig bin. Jenny, verstehst du nicht, ich +bin+ -ja ihr Sohn. Fühle ich nicht sicher, daß ich für dich alles auf der -Welt bedeute, so muß ich eifersüchtig sein, fürchten, daß eines Tages -einer kommt, den du ganz lieben wirst, der dich besser versteht --. -Ich bin von Natur eifersüchtig --.“ - -„Du darfst es nicht sein, Helge. Dann zerbricht alles. Ich +dulde+ kein -Mißtrauen gegen mich. Hörst du -- ich kann leichter verzeihen, wenn du -mich betrügst, als wenn du an mir zweifelst --.“ - -„Das könnte ich nicht.“ Er lachte gequält. - -Jenny strich sich das Haar aus der Stirn und trocknete die Augen: - -„Helge. Wir haben uns doch gern. Wenn wir alles um uns her verließen -und wenn wir beide den +Willen+ hätten, alles gutzumachen. Wenn zwei -Menschen einander gut sein und einander glücklich machen +wollen+ --.“ - -„Ich habe zu viel gesehen. Ich wage nicht auf meinen und deinen Willen -zu bauen. Da sind andere, die auch auf den guten Willen gehofft haben. -Ich habe gesehen, wie zwei Menschen einander das Leben zur Hölle machen -können. -- Du sollst mir auf das antworten, was ich dich fragte. Liebst -du mich? Willst du mein sein -- wie in Rom? Darf ich heute Nacht bei -dir bleiben? Ist das dein Wunsch, der höchste, den du hast?“ - -„Ich bin dir doch gut, Helge.“ Sie schluchzte verzweifelt und leise. - -„Ich danke dir,“ sagte er. Er ergriff ihre Hand und küßte sie. „Du -kannst ja nichts dafür, armes Liebes, daß du mich nicht liebst. Das -weiß ich wohl.“ - -„Helge!“ klagte sie flehend. - -„Du kannst mir nicht sagen, Jenny, daß ich bleiben soll, weil du ohne -mich nicht leben kannst. Wagst du es, die Verantwortung für alle Folgen -zu übernehmen, wenn du sagst, du liebtest mich, nur damit ich jetzt -nicht traurig von dir gehe --?“ - -Jenny starrte in ihren Schoß. - -Helge zog den Regenmantel an und griff nach seinem Schirm. - -„Leb wohl, Jenny.“ Er nahm ihre Hand. - -„Gehst du von mir, Helge?“ - -„Ja, Jenny, ich gehe.“ - -„Kommst du nicht wieder?“ - -„Nur, wenn du mir sagen kannst, was ich dich fragte.“ - -„Das kann ich jetzt nicht sagen,“ flüsterte sie verzweifelt. - -Helge strich ihr flüchtig übers Haar. Dann ging er. - - * * * * * - -Jenny blieb weinend auf dem Sofa sitzen. Sie schluchzte bitterlich und -lange -- ohne zu denken. Und inmitten der tiefen Müdigkeit, die darauf -folgte, der Mattigkeit nach der kleinlichen Quälerei, der kleinlichen -Demütigung und dem kleinlichen Hader der letzten Monate fühlte sie ihr -Herz so leer und kalt. Helge hatte Recht. - -Nach einer Weile verspürte sie Hunger. Als sie nach der Uhr sah, war es -sechs. - -Sie hatte vier Stunden so dagesessen. Als sie ihren Mantel anziehen -wollte, entdeckte sie, daß sie ihn gar nicht abgelegt hatte. - -Drüben an der Tür hatte sich eine Wasserpfütze gebildet -- zwischen -einigen Bildern im Blendrahmen. Jenny suchte nach einem Lappen und -trocknete den Boden auf. Da fiel ihr plötzlich ein, daß das Wasser von -Helges Schirm herrührte. Sie lehnte die Stirn an den Türrahmen und -weinte wieder. - - - - -VIII. - - -Das Mittagessen war schnell beendet. Sie versuchte die Zeitung zu lesen -und eine Weile ihre Gedanken auszuschalten. Es war aber umsonst. So -würde es doch besser sein, heimzugehen und sich dort hinzusetzen --. - -Als sie kam, stand ein Mann wartend auf dem obersten Treppenabsatz. Er -war groß und schmächtig. Sie sprang die letzten Stufen hinauf und rief -Helges Namen. - -Sie erkannte seinen Vater. „Es ist nicht Helge,“ entgegnete er. - -Jenny streckte ihm atemlos beide Hände entgegen: - -„Gert -- was ist -- ist etwas Schlimmes geschehen?“ - -„Still, still, Jenny.“ Er ergriff ihre Hand. „Helge ist fortgereist -nach Kongsberg zu einem Freund, einem Schulkameraden, der dort Arzt -ist. Zu Besuch. Herrgott, Kind, du fürchtest doch nichts anderes --.“ -Er lächelte ganz leise. - -„Oh, ich weiß nicht --.“ - -„Nein. Aber liebe Jenny -- du bist ja ganz außer dir --.“ - -Sie ging ihm vorauf durch den Gang und schloß das Atelier auf. Drinnen -war es taghell und Gert Gram betrachtete sie. Er war selbst bleich. - -„Ist dir so weh ums Herz, Jenny? -- Helge sagte -- ich verstand ihn -jedenfalls so -- daß ihr übereingekommen seid ... ihr fändet beide, daß -ihr nicht zueinander paßt --.“ - -Jenny schwieg. Wie sie jetzt einen Dritten es aussprechen hörte, war es -ihr, als müsse sie widersprechen. Sie hatte es vorhin nicht begriffen, -daß es vorbei sein sollte. Aber da stand er und sagte: sie seien sich -klar geworden, daß es so das Beste wäre. Helge war fortgereist, und die -Liebe, die sie einmal für ihn empfunden, war gestorben -- sie konnte -sie nicht mehr in sich finden -- und daher war es eben vorbei. Aber -Gott im Himmel, wie war es denn möglich, daß es zu Ende sein sollte, -zumal sie es ja gar nicht gewollt --. - -„Ist es so schwer für dich, Jenny?“ fragte er wieder. „Hast du ihn doch -noch lieb --?“ - -Jenny warf den Kopf zurück: - -„Natürlich bin ich Helge gut.“ Ihre Stimme bebte leise: „Man hört doch -nicht ohne weiteres auf, einen Menschen gern zu haben, den man geliebt -hat. Es ist einem doch nicht gleichgültig, ob man einem anderen -wehetut --.“ - -Gram antwortete nicht gleich. Er setzte sich aufs Sofa, drehte seinen -Hut zwischen den Händen und betrachtete ihn: - -„Ich verstehe ja, daß es schmerzlich und schlimm für euch beide ist. -Aber Jenny -- wenn du es dir überlegst -- glaubst du nicht selbst, daß -es das Beste für euch ist --?“ - -Sie entgegnete nichts. - -„Wie innig froh ich war, Jenny, als ich dich traf und sah, wie die Frau -war, die mein Sohn erwählt hatte -- das kann ich dir nicht beschreiben. -Es schien mir, als sollte mein Junge alles das besitzen, worauf ich -in meinem Leben hatte verzichten müssen. Du warst so schön und fein, -ich hatte den Eindruck, als seiest du ebenso gut, wie du klug, stark -und selbständig warst; und dann warst du eine begabte Künstlerin, die -weder an Ziel noch Mitteln zweifelte. Du sprachst froh und warm von -deiner Arbeit, und froh und warm von deinem Freunde ... Dann kam Helge -heim. Da fand ich, daß du dich verändertest -- merkwürdig schnell. -Die peinlichen Vorkommnisse, die in meinem Hause nun einmal an der -Tagesordnung sind, machten also einen zu starken Eindruck auf dich. -Ich dachte, es sei unmöglich, daß Dinge wie eine -- unbehagliche, -zukünftige Schwiegermutter einem jungen liebenden Weib vollständig -das Glück verbittern könnten. Ich begann zu fürchten, daß tiefere -Mißverhältnisse, die du jetzt nach und nach entdecktest, Schuld wären. -Daß du vielleicht sahest, daß deine Liebe zu Helge nicht so felsenfest -war, wie du geglaubt. Daß dir klar wurde, daß ihr im Grunde nicht -zusammen paßtet, wie du natürlich angenommen hattest. Daß mehr eine -Augenblicksstimmung euch zusammengeführt hatte --. Dort unten, ihr -Beide allein, losgelöst von jedem alltäglichen, heimlichen Band, allein -in der neuen Umgebung, Beide jung und frei, glücklich durch die Arbeit -und wohl Beide mit der Liebessehnsucht der Jugend im Herzen -- sollte -all das nicht vorübergehende Sympathie und Verständnis erwecken können, -selbst wenn diese Sympathie, dieses Verständnis nicht in die tiefsten -Winkel eurer beider Seelen gedrungen war?“ - -Jenny stand drüben am Fenster und blickte zu ihm hinüber. Sie empfand -einen seltsam heftigen Unwillen, als er sprach. Herrgott, vielleicht -hatte er Recht. Aber er verstand ja gar nicht, was ihr eigentlich das -Herz so schwer machte, während er ihr alles so klar auseinandersetzte: - -„Das ändert nichts an der Sache -- selbst, wenn etwas an dem ist, was -du sagst. Möglich, daß du Recht hast --.“ - -„Es ist jedenfalls besser, Jenny, daß ihr es jetzt eingesehen habt. -Besser, als wenn es später gekommen wäre, wenn die Bande fester -geknüpft waren und es schmerzlicher gewesen wäre, sie zu lösen --.“ - -„Das ist es ja nicht, ach, das ist es ja gar nicht!“ Sie unterbrach -ihn plötzlich heftig. „Ich -- ich verachte mich selbst. Man gibt einer -solchen lächerlichen Stimmung nach, lügt sie herbei. Man soll +wissen+, -daß man, ehe man sagt, man liebt, für sein Wort einstehen kann. Eine -solche Leichtfertigkeit habe ich immer am allermeisten verachtet. Nun -sitze ich selbst in der Schande.“ - -Gram blickte plötzlich scharf zu ihr hinüber. Er wurde bleich -- und -dann glühend rot. Nach einer Weile sagte er mühsam: - -„Ich sagte, es sei das Beste, daß, wenn zwei Menschen nicht zueinander -passen, sie es entdecken, ehe das Verhältnis so tief in ihr Leben -eingegriffen hat, daß Beide -- und besonders sie -- nie wieder die -Spuren auslöschen können. Ist es zu spät, so muß man eher versuchen, ob -man nicht -- mit ein wenig Resignation und viel gutem Willen von beiden -Seiten -- eine Harmonie zuwege bringen kann. Erweist sich das als eine -Unmöglichkeit, so kann man ja noch immer --. Ich weiß ja nicht, ob du -und Helge ... wie tief es gegangen ist --.“ - -Jenny lachte spöttisch: - -„Ah, ich verstehe, was du meinst. Für mich ist es ebenso bindend, daß -ich Helge habe angehören +wollen+ -- mein Wort gegeben habe und es nun -nicht halten kann. Ebenso demütigend -- vielleicht mehr als wenn ich -wirklich sein gewesen wäre --.“ - -„Du wirst das nicht sagen, wenn du einmal einem Manne begegnest, den du -mit großer, wahrer Liebe lieben kannst,“ sagte Gram leise. - -Jenny zuckte mit den Schultern: - -„Glaubst du übrigens an die große und wahre Liebe, von der du da -sprichst?“ - -„Ja, Jenny.“ Gram lächelte schwach. „-- Ich weiß, der Ausdruck kommt -euch jungen Menschen heutzutage komisch vor. Ich glaube indessen an sie --- aus guten Gründen.“ - -„Ich glaube, eines jeden Menschen Liebe ist wie er selbst. Wer -großzügig veranlagt ist und wahrhaftig gegen sich selbst, wirft sich -nicht in kleinen Liebeleien fort. Ich dachte, ich selber ... Aber ich -war achtundzwanzig Jahre alt, als ich Helge traf, und ich hatte nie -geliebt. Dessen war ich überdrüssig und wollte es gern versuchen. Er -war verliebt, warm und jung, aufrichtig, und das lockte mich. So log -ich denn mir selber etwas vor, genau wie all die anderen Frauenzimmer --- seine Wärme ging auf mich über, und ich bildete mir schleunigst ein, -ich sei warm. Obwohl ich wußte, daß man diese Illusion nicht lange -aufrecht erhalten kann, jedenfalls nur solange, als von dieser Liebe -nicht etwas verlangt wird. Andere Frauen begehen dergleichen in aller -Harmlosigkeit, weil sie zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden -können und sich immer etwas vorlügen -- so etwas kann ich aber zu -meiner Entschuldigung nicht anführen --. Ich bin also in Wirklichkeit -ebenso klein und egoistisch und verlogen wie die anderen. Daher kannst -du sicher sein, Gert, daß ich schwerlich deine große und wahrhafte -Liebe kennen lernen werde --.“ - -„Jenny,“ und wieder lächelte Gert sein melancholisches Lächeln, „+ich+, -siehst du, -- Gott weiß, ich bin weder groß noch stark, in Lüge und -Schlechtigkeit hatte ich zwölf Jahre lang gelebt, und ich war zehn -Jahre älter als du jetzt bist -- ich sah da eine, die mich an dies -Gefühl, von dem du jetzt so höhnisch sprichst, glauben lehrte -- so -fest, daß ich niemals daran zweifeln werde.“ - -Eine Weile war es still. - -„Und du -- bliebst bei ihr,“ sagte Jenny leise. - -„Wir hatten beide Kinder. Ich sah damals noch nicht ein, daß ich nicht -den geringsten Einfluß auf meine eigenen Kinder gewinnen würde. Schon -gar nicht, wenn eine andere als ihre Mutter mein ganzes Herz und meine -ganze Seele besaß. Sie war auch verheiratet. Schlecht verheiratet. -Hatte ein kleines Mädchen. Das hätte sie wohl mit sich nehmen können. -Der Mann war ein Trinker. - -Ja, das war auch ein Teil der Strafe, siehst du -- Strafe für das -Verhältnis, in das ich mich eingelassen hatte -- mit jener. Das mir -nie etwas anderes gegeben hat als Befriedigung meiner Sinne --. Unser -Verhältnis war zu schön, als daß es aus Lüge bestehen konnte. Unsere -schöne, herrliche Liebe mußten wir verbergen wie ein Verbrechen --. Oh, -kleine Jenny! -- Es gibt kein anderes Glück, siehst du --.“ - -Sie ging zu ihm hin, während er sich erhob. Sie standen dicht -beieinander, ohne sich zu rühren, und ohne zu sprechen. - -„Ich muß gehen, Kleines,“ sagte er plötzlich gezwungen und trocken. -„Ich muß zur üblichen Zeit zu Hause sein, weißt du. Sonst wird sie nur -argwöhnisch --.“ - -Jenny nickte. - -Gert Gram ging zur Tür, Jenny begleitete ihn. - -„Du darfst nicht fürchten, daß dein Herz nicht lieben kann,“ lachte er -plötzlich still. „Ich glaube, es ist ein stolzes kleines Herz, Jenny -- -und warm! Willst du mich weiter zu deinen Freunden rechnen?“ - -„Ja,“ sagte Jenny leise und reichte ihm die Hand. Er beugte sich nieder -und küßte sie lange -- länger als sonst. - - - - -IX. - - -Gunnar Heggen und Jenny Winge wollten im November zusammen eine -Ausstellung veranstalten. Aus diesem Anlaß kam er nach Kristiania. Den -Sommer hatte er in Smaalene zugebracht, roten Granit, grüne Zweige und -blauen Himmel gemalt. Später war er nach Stockholm gefahren, wo er ein -Bild verkaufte. - -„Wie geht es Cesca?“ fragte Jenny, als sie an einem Vormittag in ihrem -Atelier bei einem Glase Whisky saßen. - -„Ja -- Cesca ...“ Gunnar trank einen Schluck aus seinem Glase, rauchte -und blickte Jenny an und Jenny ihn. - -Es war so traulich, wieder mit ihm zusammen zu sitzen und von Menschen -und Dingen zu sprechen, von denen sie sich so weit entfernt hatte. Ihr -war, als habe sie ihn und Cesca einst weit, weit fort von hier in einem -Lande am Ende der Welt getroffen, dort mit ihnen gearbeitet, mit ihnen -zusammen gelebt und die Freude gesucht. - -Sie betrachtete das offene, sonnenverbrannte Gesicht vor ihr mit der -schiefen Nase. Er hatte einmal als Kind einen Schlag darüber bekommen. -„Und das hat Gunnars Physiognomie gerettet,“ pflegte Cesca zu sagen, -„sonst wäre er der schrecklichste Typ eines schönen Mannes geworden.“ -Das war damals in Viterbo gewesen. - -Im Grunde hatte sie Recht. Zug um Zug besehen war er eigentlich eine -richtige Bauernburschenschönheit mit seiner niedrigen, breiten Stirn -unter dem braungelockten Haarschopf, mit den großen stahlblauen Augen -und dem roten, vollen Munde mit der blanken Reihe weißer Zähne. Bis -herab zum runden starken Hals hatte die Sonne ihn verbrannt und seine -breite, eher gedrungene Gestalt wirkte fast brutal in ihrer gesunden, -muskulösen Schönheit. Im Gegensatz hierzu stand der merkwürdig -unschuldige, unberührte Ausdruck, der über dem sinnlichen Mund und den -vollen Augenlidern lag und das unendlich feine Lächeln, das mitunter -seine Lippen umspielte. Er hatte ein Paar richtige Arbeiterhände mit -dicken Sehnen und groben Gelenken an den kurzen Fingern; aber er konnte -sie auf eigene, lebhaft anmutige Art bewegen. - -Etwas magerer war er geworden, sah aber sonst gesund und wohl aus, -während sie sich so müde und unbefriedigt fühlte. Er hatte den ganzen -Sommer hindurch gearbeitet, daneben griechische Tragödien, Keats und -Shelley gelesen. - -„Ich habe aber Lust, die Tragödien in der Ursprache zu lesen,“ sagte -Gunnar. „Ich muß also jetzt Griechisch und Latein lernen.“ - -„Herrgott!“ sagte Jenny. „Ich fürchte, du wirst soviel zu lernen haben, -ehe deine Seele Ruhe findet, daß dir schließlich keine Zeit mehr zum -Malen bleibt, außer nach Feierabend.“ - -„Doch, Jenny, ich muß es lernen. Ich will nämlich einige Artikel -schreiben.“ - -„Du auch? Willst du jetzt auch Artikel schreiben?“ Sie lachte. - -„Ja, eine ganze Reihe über verschiedene Gegenstände. Unter anderem -will ich anregen, daß wir wieder Griechisch und Latein in den Schulen -einführen, wir müssen jetzt unbedingt etwas Kultur hier unter die Leute -bringen.“ - -„Teufel!“ sagte Jenny. - -„Ja, allerdings Teufel! Es kann nämlich so nicht weiter gehen. Zum -nationalen Symbol wird ein rosenrot gefärbter Grütztopf mit einigen -eingeritzten Schnörkeln erhoben, was dann eine ungeschickte Nachahmung -der armseligsten aller europäischen Stilarten, des Rokoko, vorstellen -soll. So sieht nämlich der Nationalismus hier oben aus. Du weißt -selbst, den größten Eindruck macht es hierzulande, wenn ein Künstler -oder gewöhnlicher Sterblicher mit der Schule oder Tradition bricht, -wenn er die Uebernahme der Volkssitte und der Begriffe, die gewöhnliche -zivilisierte Menschen von geziemender Lebensweise und Anständigkeit -haben, verweigert. Ich habe nun einmal die Absicht, meinen Landsleuten -zu erzählen, daß es unter den Verhältnissen, wie sie hier herrschen, -eigentlich notwendiger wäre, wenn man versuchte, Verbindungen -anzuknüpfen, einiges von den aufgehäuften Schätzen, die man im weiten -Europa mit Kultur bezeichnet, sich anzueignen, zu erbeuten und in die -heimatliche Höhle zu schleppen. Sie aber brechen ein kleines Glied -aus dem Zusammenhang heraus, siehst du, ein einzelnes Ornament aus -einem Stil, rein buchstäblich gesprochen, -- dasselbe gilt auch für -eine Geistesrichtung -- schnitzen und klopfen daran herum, und zwar -so ungeschickt und häßlich, bis es zuletzt unkenntlich geworden ist, -und dann behaupten sie großspurig, es sei original und norwegisches -Nationalpatent.“ - -„Nun ja. Aber diese Sünden beging man auch zu jener Zeit, als die -klassische Bildung offizielle Grundlage für die ganze Bildung in -unserem Lande war.“ - -„Ja, gewiß. Hier kannte man jedoch nur einen ganz kleinen Teil des -Klassizismus. Ein Bruchstück. Ein wenig lateinische Grammatik wurde -gepflegt. Nie hing bei uns ein Bild von dem, was man den klassischen -Geist nennt, unter den Gemälden unserer hochehrwürdigen Vorväter. -Solange das aber nicht der Fall ist, stehen wir außerhalb Europas. -Solange wir nicht in der Historie der Griechen und Römer die älteste -Geschichte unserer eigenen Kultur erkennen, haben wir auch keine -europäische Kultur. Es kommt ja nicht darauf an, wie diese Geschichte -in der Wirklichkeit aussah, sondern nur darauf, wie sie uns überliefert -worden ist. Nehmen wir als Beispiel die Kriege zwischen Sparta und -Messene: In Wirklichkeit handelte es sich nur um einige halbwilde -Hirtenstämme, die sich in grauer Vorzeit bekämpften. Aber in der -Ueberlieferung, wie sie uns überbracht ist, waren diese Kriege der -klassische Ausdruck des Triebes eines gesunden Volkes, lieber bis zum -letzten Mann unterzugehen als Gewalt an seiner Individualität und -seinem Recht der Selbständigkeit zu dulden. Herr im Himmel, wir haben -für unsere Ehre seit Jahrhunderten nicht mehr gekämpft, sondern statt -dessen den Wanst mit einigen Millionen Sandkuchen und ganzen Ladungen -von Grütze vollgepfropft. Zum Beispiel die Perserkriege: sie waren -eigentlich ganz unbedeutend, doch für ein lebensfähiges Volk bedeuten -Salamis, Thermopylae und Akropolis die Blüte aller ältesten und -gesündesten Instinkte. Die Worte fahren fort zu leuchten, solange diese -Instinkte Wert haben und solange ein Volk glaubt, seine Fähigkeiten -behaupten zu müssen und auf seine Vergangenheit, seine Gegenwart und -seine Zukunft stolz sein zu dürfen. Und solange kann ein Dichter ein -lebendiges Werk über Thermopylae schreiben und es mit seinen eigenen -lebendigen Gefühlen erfüllen. Erinnerst du dich an Leopardis Ode auf -Italien -- ich las sie dir einmal in Rom vor?“ - -Jenny nickte. - -„Etwas Rhetorik ist zwar dabei -- aber bei Gott, sie ist herrlich! -Nicht wahr? Er erzählt von Italia, der schönsten Frau, die gefesselt -im Staube liegt, mit aufgelöstem Haar, und in ihren Schoß weint. -Und dann wünscht er sich, einer der jungen Griechen zu sein, die in -Thermopylae dem Tod entgegenschritten, unerschrocken, freudig, als -ginge es zum Tanz. Ihre Namen sind geheiligt und Simonides singt -sterbend Jubelgesänge vom Gipfel des Antelos. Dann gibt es all die -alten, herrlichen Erzählungen, die wie Symbole und Parabeln wirken und -niemals alt werden. Denk nur an Orpheus und Eurydike -- wie einfach: -den Glauben der Liebe schreckt selbst nicht der Tod -- aber der Zweifel -eines kurzen Augenblicks, und alles ist verloren. Hierzulande kennt man -aber nur eine Operette darüber! - -Engländer und Franzosen haben es verstanden, die alten Symbole für -ihre neue, lebende Kunst zu verwenden. Dort draußen wurden in den -glücklichen Zeiten doch noch Menschen geboren, deren Triebe und Gefühle -so kultiviert waren, daß sie stark genug wurden, um uns der Atriden -Schicksal verständlich zu machen, so daß es uns packte, als erlebten -wir es in der Wirklichkeit. Auch die Schweden haben noch lebendige -Verbindung mit dem Klassizismus. -- Wir haben ihn nie gekannt. Was sind -es dagegen für Bücher, die hier gelesen werden und -- auch geschrieben? -Sonnenstrahlerzählungen von geschlechtslosen Maskeradefiguren in -Empiregewändern -- dänische Schmutzbücher, die einen Mann über sechzehn -nicht interessieren +können+. Oder ein grüner Bengel ereifert sich über -das Mystische, Ewigweibliche eines kleinen Laufmädels, das naseweis -ist und ihn betrügt, weil er nicht genügend gesunden Menschenverstand -besitzt, um zu erkennen, daß der ganze Rebus zumeist mit dem spanischen -Röhrchen zu lösen ist.“ - -Jenny lachte. Gunnar wanderte im Zimmer auf und ab. - -„Hjerrild arbeitet wahrscheinlich jetzt auch an einem Buch über -die Sphinx. Zufällig kenne ich die Heldin etwas näher. Nun ja, sie -stand mir nicht so nahe, daß ich es der Mühe für wert hielt, sie -durchzuprügeln. Aber immerhin hatte ich sie doch gern, und die ganze -Sache widerte mich daher an. Mir wurde übel, als ich entdeckte, daß sie -eben diese Heldin sein sollte. Aber durch die Arbeit bin ich darüber -hinweggekommen, weißt du. -- Im großen und ganzen, Jenny, gibt es kein -Leid, das nicht durch die Arbeit zu überwinden wäre, glaube ich.“ - -Jenny schwieg eine Weile. - -„Aber Cesca ...?“ fragte sie dann. - -„Ach, Cesca! Sie hat sicher, seit sie verheiratet ist, keinen Pinsel -angerührt. Als ich sie besuchte, öffnete sie mir selbst die Tür -- -sie haben kein Mädchen. Sie trug eine gestreifte Küchenschürze und -hielt einen Besen in der Hand. Ihre Wohnung besteht aus einem Atelier -und zwei kleinen Löchern, und im Atelier können sie natürlich nicht -beide zugleich arbeiten, und außerdem legt die Wirtschaft ihre ganze -Zeit mit Beschlag, wie sie sagte. Am ersten Vormittag, als ich dort -war, krabbelte sie die ganze Zeit auf dem Fußboden herum -- Ahlin war -fort. Erst fegte sie mit einem Besen aus, dann kroch sie umher und -wirtschaftete mit einer Hasenpfote unter den Möbeln, sie war nach -diesen kleinen Flocken in den Winkeln aus, weißt du. Und dann scheuerte -sie und wischte Staub, aber Herr im Himmel, wie ungeschickt sie alles -anpackte! Dann ging ich mit ihr fort und kaufte zum Mittagessen ein, -ich sollte bei ihnen essen. Später kam Ahlin; da verschwand sie in der -Küche, und als das Essen endlich fertig war, da waren ihre kleinen -Löckchen ganz naß vom Schweiß. Das Mittagessen war aber nicht schlecht. -Sie wusch dann auf -- aber wie ungeschickt und schwerfällig -- rannte -fort und spülte jedes Stück unter der Wasserleitung ab. Ahlin und ich -halfen ihr. Zum Abendessen lud ich sie in die Stadt ein -- die arme -Cesca genoß es, sie freute sich, auf diese Weise nicht kochen und -aufwaschen zu müssen. Kommen da noch Kinder hinzu -- und das wird ja -nicht ausbleiben -- so kannst du sicher sein, daß es mit Cescas Malerei -aus ist. Und das wäre bei Gott eine Schande -- ich kann mir nicht -helfen, aber es wäre sehr schade.“ - -„Ach, ich weiß nicht, Gunnar. Für eine Frau sind ja doch Mann und -Kinder die Hauptsache. Früher oder später wird man sich jedenfalls doch -danach sehnen.“ - -Gunnar blickte zu ihr hinüber. Dann seufzte er. - -„Wenn sie sich nur gern haben! Glaubst du, daß Cesca glücklich mit -Ahlin ist?“ - -„Wenn ich das wüßte, Jenny! Ja, ich glaube wohl, sie hat ihn sehr -gern. Es ging jedenfalls dauernd ‚Lennart meint‘ und ‚findest du die -Sauce gut, Lennart‘ und ‚willst du‘ und ‚soll ich‘. Sie hat sich -natürlich ein fürchterliches Halbschwedisch angeeignet, wie du dir -denken kannst. Ich muß sagen, ich verstehe das Ganze nicht recht -- er -war ja so verliebt in sie, und er ist nicht tyrannisch oder brutal, im -Gegenteil. Aber sie ist so merkwürdig gedrückt und demütig geworden, -die kleine Cesca. Daran können doch nicht nur diese Hausfrauensorgen -Schuld sein, obgleich diese sie recht bedrücken. Ihre Anlagen waren in -dieser Beziehung ja nicht gerade hervorragend, andererseits aber ist -sie auf ihre Art ein gewissenhaftes kleines Wesen. Außerdem scheinen -sie in sehr kleinen Verhältnissen zu leben. -- Vielleicht,“ er lachte -etwas frivol, „hat sie diesen oder jenen genialen Streich vollführt. -Die Brautnacht dazu benutzt, von Hans Hermann und Norman Douglas zu -erzählen, von Hjerrild und ihren anderen Erlebnissen, von Anfang bis zu -Ende. Das kann ja dann leicht überwältigend gewirkt haben.“ - -„Cesca hat nun wahrhaftig aus ihren Geschichten nie einen Hehl -gemacht, die mußte er doch von früher her kennen.“ - -„Ja gewiß. Aber es konnte sich ja um diese oder jene Pointe handeln, -die sie bisher verschwiegen hatte, jetzt aber vielleicht meinte, ihm -beichten zu müssen.“ - -„Pfui, Gunnar!“ sagte Jenny. - -„Ja, zum Teufel auch -- man weiß niemals, was man von Cesca eigentlich -halten soll. Ihre Schilderung der Freundschaft mit Hans Hermann ist -seltsam genug. Cesca hat vielleicht nichts getan, was man sozusagen -unmoralisch nennt, dessen bin ich sicher. Ich begreife zum Kuckuck -auch nicht, was das einem Manne ausmachen kann, ob seine Frau früher -ein Verhältnis oder auch mehrere gehabt hat, wenn sie dabei nur -rechtschaffen und loyal gehandelt hat. Denn diese Forderung nach -physischer Unberührtheit ist ja im Grunde gemein. Hat eine Frau -wirklich einen Mann geliebt und seine Liebe hingenommen, so ist es -nichtswürdig, sich aus diesem Verhältnis zurückzuziehen, ohne ihm das -Höchste haben opfern zu wollen. Natürlich wäre es mir am liebsten, daß -meine dereinstige Frau keinen vor mir geliebt hätte. Und man weiß ja -auch nicht, wie man bei seiner eigenen Frau urteilt. Es könnte ja sein, -daß alte Vorurteile, egoistische Eitelkeit und dergleichen plötzlich -auftauchen ...“ - -Jenny machte eine Bewegung, als wollte sie etwas sagen, schwieg dann -aber. - -Gunnar war am Fenster stehen geblieben. Er hatte die Hände in den -Hosentaschen vergraben und wandte ihr den Rücken zu: - -„Nein, Jenny. Ich will dir sagen, was ich so traurig finde. Man trifft -ganz selten einmal auf eine Frau, die wirklich in dieser oder jener -Richtung Talente hat und Freude daran, sie zu entwickeln, zu arbeiten. -Eine Frau, die Energie besitzt, die fühlt, daß sie ein Mensch ist und -selbständig über Recht und Unrecht nachdenken kann. Sie hat vielleicht -den Willen, ihre Fähigkeiten, soweit es sich lohnt, zu kultivieren, -ihre guten und wertvollen Instinkte zu pflegen, und andere, die ihr -schlecht und unwürdig erscheinen, zu unterdrücken. Und dann begegnet -sie eines schönen Tages einem Manne. Da heißt es denn: Ade Arbeit und -Entwicklung, und es ist vorbei mit der ganzen Herrlichkeit. Sie gibt -ihr Selbst auf eines elenden Mannes wegen. Jenny -- findest du das -nicht auch traurig --?“ - -„Gewiß. Aber so sind wir nun einmal alle geschaffen!“ - -„Ich begreife euch nicht. Weißt du, warum ich glaube, daß wir Männer -euch nie verstehen werden? Zu guterletzt geht es uns nicht in den Kopf, -daß Wesen, die doch Menschen sein wollen, so vollständig jeglichen -Selbstgefühls ledig sind. Und das ist bei euch der Fall. Die Frau hat -keine Seele -- wahrhaftig! Ihr gesteht ja mehr oder weniger offen ein, -daß Liebesgeschichten das Einzige sind, das euch interessiert.“ - -„Es gibt aber auch Männer, bei denen dasselbe zutrifft; jedenfalls läßt -ihr Lebenswandel darauf schließen.“ - -„Ja gewiß, aber ein vernünftiger Mann hat auch keinen Respekt vor -solchen Schürzenjägern. Offiziell soll es doch nur als eine Art -- nun -sagen wir natürlichen Zeitvertreibs aufgefaßt werden, neben unserer -Arbeit. Oder ein tüchtiger Mann will eine Familie gründen, weil er -die Kraft in sich fühlt, für mehrere Menschen zu sorgen, als für sich -allein, und einen Nachfolger für seine Arbeit haben will.“ - -„Ja, aber Gunnar, die Frau hat natürlich andere Aufgaben.“ - -„Ach still, das ist gar nicht der springende Punkt. Sie wollen ja -überhaupt nicht Menschen sein und arbeiten, sondern nur Weibchen. Was -zum Teufel soll das heißen, eine ganze Schar von Kindern in die Welt -zu setzen, wenn sie doch nicht zu Menschen heranwachsen, sondern nur -weiter fortpflanzen -- wenn die Rohprodukte nicht bearbeitet werden?“ - -„Das stimmt allerdings,“ Jenny lachte. - -„Natürlich stimmt das. Und was die Frau betrifft ... Ach, ich habe -es von Kindheit an verfolgt und beobachtet. Aus meiner Zeit auf der -Arbeiterhochschule entsinne ich mich eines Mädchens, mit dem ich -zusammen englischen Unterricht hatte. Sie lernte englisch, um mit den -ausländischen Kriegsschiffmatrosen sprechen zu können. Das Höchste, für -das sich diese Mädels einzusetzen vermochten, war die Hoffnung auf eine -Stellung in England oder Amerika. Wir Jungen, meine Kameraden und ich, -wir studierten, um zu lernen, und das Gehirn zu schulen. Wir versuchten -auf jede Art und Weise, das Wenige zu ergänzen, was wir in der Schule -gelernt hatten. Die Mädels dagegen lasen nur Unterhaltungsbücher. -Nimm zum Beispiel den Sozialismus! Kennst du eine einzige Frau, die -überhaupt eine Ahnung davon hat, was er eigentlich bedeutet? Sie wissen -es, wenn sie einen Mann haben, der ihnen diesen Begriff klargemacht -hat. Versuche aber einer Frau zu erklären, warum die menschliche -Gesellschaft verpflichtet ist, jedem Kinde, das geboren wird, die -Möglichkeit zu geben, seine Anlagen zu entwickeln, wenn solche -vorhanden sind, und das Leben in Freiheit und Schönheit zu leben, wenn -es den wahren Sinn der Freiheit begreift und Schönheitssinn besitzt. - -Was aber halten die Frauen für Freiheit? Es bedeutet für sie, daß -sie jeder Arbeit ledig sein und ihrem Hang zur Unanständigkeit die -Zügel schießen lassen dürfen. Und Schönheitssinn?! Der fehlt ihnen -vollständig! Sie staffieren sich mit dem Teuersten und Abscheulichsten -aus, was die Mode nur erfinden kann. Sieh dir doch ihre Häuser an! Je -mehr Geld vorhanden, desto schlimmer sieht es in ihnen aus. Ist jemals -eine Mode zu häßlich und schamlos, daß sie sich ihr nicht unterwerfen -würden? Nein, wenn die Mittel nur da sind, wird alles mitgemacht. Das -kannst du doch nicht abstreiten? -- Von der Moral der Frauen will ich -keine Silbe sagen, denn sie haben keine. Lassen wir es noch hingehen, -wie sie sich gegen uns betragen -- aber wenn ihr unter euch seid, so -beklascht ihr euch gegenseitig und in welchen Tonarten! Pfui Teufel!“ - -Jenny lächelte leise. Sie mußte ihm Recht geben und auch wieder nicht, -aber sie war zu einer Diskussion nicht aufgelegt. Sie fand aber, daß -sie antworten müßte, so sagte sie: - -„Das war eine grausame Salve -- die ganze Armee auf einmal ruiniert.“ - -„Du kannst es schriftlich bekommen,“ sagte er zufrieden. - -„Ja, du hast ja in vieler Beziehung Recht, Gunnar. Aber es sind -doch unter den Frauen Unterschiede zu machen und seien es auch nur -Gradunterschiede.“ - -„Natürlich sind Unterschiede zu machen. Aber laß es gut sein, Jenny, -was ich sagte, gilt bis zu einem gewissen Grade auch allen, und weißt -du, woher das kommt? Die Hauptsache ist euch allen ein Mann -- einen, -den ihr habt, oder einer, der euch fehlt. Das Einzige, das im Leben -von wirklichem Wert und wirklichem Ernst ist -- das hat für euch in -Wirklichkeit keinen Wert. Ich meine die Arbeit. Die Besten unter euch -nehmen es eine kurze Zeit hindurch ernst. Aber ich glaube wahrhaftig, -das liegt daran, daß ihr die sichere Gewißheit habt, während ihr noch -jung und schön seid, daß ‚er‘ wohl kommen wird. Geht die Zeit jedoch -hin, und er zeigt sich noch immer nicht auf dem Schauplatz, fangt ihr -dann an, betagter zu werden, so laßt ihr in der Arbeit nach, geht müde -und mißmutig umher und fühlt euch unbefriedigt.“ - -Jenny nickte. - -„Hör zu, Jenny. Ich habe dich immer ebenso hoch geschätzt wie einen -ganzen Mann. Du bist jetzt bald neunundzwanzig Jahre, und so alt muß -man sein, ehe man anfangen kann, einigermaßen selbständig zu arbeiten. -Es ist doch nicht dein Ernst, daß du jetzt, nun du endlich dein eigenes -Leben zimmern kannst, dir einen Mann und Kinder, Wirtschaft mit allem -Drum und Dran aufladen möchtest, was dir an allen Ecken und Kanten -Fesseln auferlegen, in deiner Arbeit immer nur im Wege sein würde?“ - -Jenny lachte still. - -„Herrgott, Mädel! Wenn dir nun wirklich alles das beschert wäre, und -du legtest dich hin, um zu sterben, umgeben von Mann und Kindern und -deiner Welt, so würdest du doch bereuen und trauern, daß du nicht das -Ziel erreichtest, wozu dir die Fähigkeiten zu Gebote standen, dessen -bin ich sicher, Jenny!“ - -„Ja. Aber: Gesetzt den Fall, ich habe das Aeußerste erreicht, was meine -Kraft mir gestattete, und ich weiß, in meiner Sterbestunde, daß mein -Leben und meine Arbeit mich eine Zeitlang überdauern wird, und ich bin -allein, es gibt kein lebendes Wesen, das mir innerlich nahe steht ... -Glaubst du nicht, daß ich dann erst recht trauern und bereuen werde?“ - -Heggen schwieg. - -„Ja gewiß,“ sagte er nach einer Pause. „Natürlich bedeutet Ehelosigkeit -nicht das gleiche für Frauen wie für uns Männer. Man muß wohl in -Betracht ziehen, daß sie außerhalb dessen gestanden haben, um das die -Leute nun einmal am meisten Wesen machen in diesem Leben; und daß auf -diese Weise eine ganze Reihe von seelischen wie körperlichen Organen -unberührt dahinwelken muß. -- Ach, Jenny, ich wünschte oft, daß du -ein einziges Mal nur ein wenig leichtsinnig wärest, um mit dieser -Unzufriedenheit abzurechnen und dann in Ruhe und Frieden weiterarbeiten -zu können.“ - -„Frauen, die einmal ein wenig leichtsinnig gewesen sind, wie du es -nennst, Gunnar, können nicht ohne weiteres mit dieser Unzufriedenheit -fertig werden. War es das erste Mal eine Enttäuschung, so hoffen sie -auf mehr Glück beim nächsten. Und wieder beim nächsten und immer so -fort. Man gibt sich nicht mit Enttäuschungen zufrieden. Und ehe man -sich’s versieht, ist es eine ganze Reihe von Malen geworden.“ - -„Zu denen gehörst du aber nicht,“ sagte er schnell. - -„Danke! Es ist mir übrigens neu, daß du dergleichen predigst. Du hast -früher selber gesagt, daß Frauen, die sich einmal in solche Dinge -verwickelt haben, immer untergehen!“ - -„Die meisten wohl. Aber es muß auch einige andere geben. Ich spreche -natürlich nicht von Frauen, die keine anderen Lebensinteressen haben, -als einen Mann -- man kann ja nicht dauernd seinen Lebenszweck ändern. -Ich meine die anderen, die etwas an sich bedeuten -- etwas anderes -sind als nur Weibchen. Warum solltest zum Beispiel du nicht ehrlich -und loyal an einem Manne handeln, selbst wenn ihr Beide einsähet, daß -du nicht deine Welt aufgeben und dich verpflichten kannst, für den -Rest des Lebens nur sein Weib zu sein? Denn die Liebe hört ja immer -einmal auf, früher oder später. Das darfst du um Gotteswillen nicht -anzweifeln!“ - -„Ja, das wissen wir immer genau -- und zweifeln trotzdem daran.“ Sie -lachte. „Ach nein. Entweder liebt man -- und dann glaubt man auch, es -währt ewig und es ist das Einzige, das Wert hat. Oder man liebt nicht --- und ist unglücklich, daß man es nicht tut.“ - -„Jenny, ich kann es nicht mit anhören, daß du so sprichst. Sich seiner -Kraft bewußt sein, alle Muskeln spannen, bereit sein, aufzunehmen und -zu erobern, zu formen und zu gestalten, das Letzte aus seinem Können -ans Tageslicht bringen, +arbeiten+, das ist das Einzige, das Wert -besitzt, Jenny!“ - - - - -X. - - -Jenny beugte den Kopf über Gert Grams Chrysanthemenstrauß: - -„Ich bin sehr froh, daß du meine Bilder so gut findest!“ - -„Ja, ich mag sie gern. Besonders das Bildnis von dem jungen Mädchen mit -den Korallen.“ - -Jenny schüttelte den Kopf. - -„Es ist so wunderschön in den Farben,“ sagte Gram wieder. - -„Ja. Es ist aber unzusammenhängend. Der Schal und das Kleid -- es hätte -ganz anders durchgearbeitet sein müssen. Aber gerade, als ich es malte, -kam so viel anderes dazwischen, sowohl für Cesca als für mich,“ sagte -sie leise. - -Nach einer Weile fragte sie: - -„Hört ihr etwas von Helge? Wie geht es ihm?“ - -„Er schreibt nicht viel. Augenblicklich arbeitet er an seiner -Doktorabhandlung, du weißt, zu der er die Vorarbeiten in Rom machte. -Und er sagt, es ginge ihm gut.“ - -Jenny nickte. - -„An seine Mutter schreibt er gar nicht. Und das kränkt sie natürlich -bitter. Das Zusammenleben mit ihr ist nicht gerade angenehmer -geworden. Ja, die Arme -- es geht ihr übrigens sicher recht schlecht -augenblicklich.“ - -Jenny trug die Blumen zu ihrem Schreibtisch hinüber und begann sie zu -ordnen. - -„Ich freue mich jedenfalls, daß Helge wieder arbeitet. Gott weiß, er -hatte keine Ruhe dazu diesen Sommer.“ - -„Dir ging es doch genau so, du Aermste.“ - -„Ja, allerdings. Aber das Schlimmste ist, Gert, daß ich noch immer -nicht wieder angefangen habe -- noch nicht. Und ich bin auch durchaus -nicht aufgelegt. Ich hatte ja doch die Absicht, diesen Winter radieren -zu lernen, aber --.“ - -„Es ist selbstverständlich, Jenny, daß eine solche Enttäuschung Zeit -braucht, ehe sie überwunden ist. Glaubst du nun nicht, daß deine -Ausstellung dir neue Arbeitslust geben wird, da sie doch so geglückt -ist und freundliche Aufnahme gefunden hat? Du hast ja bereits ein -Angebot auf dein Aventinerbild bekommen -- willst du es annehmen?“ - -Sie zuckte die Schultern: - -„Ich muß ja. Zu Hause brauchen sie immer Geld, wie du weißt. Außerdem --- ich muß wegreisen. Ich sehe, daß es nicht gut für mich ist, zu Hause -zu sein.“ - -„Du willst also fort.“ Gram sagte es leise und sah nieder. „Ja -natürlich. Das ist ja auch verständlich.“ - -„Ach, die Ausstellung!“ Jenny warf sich erregt in den Schaukelstuhl. -„Alle meine Bilder -- die neuesten jedenfalls ... Es ist eine Ewigkeit -her, seit ich daran arbeitete. Das Aventinerbild -- die Studie beendete -ich an jenem Tag, als ich Helge zum ersten Male sah. Das Bild malte -ich, während wir zusammen waren -- auch das von Cesca. Und das von der -Stenerstraße unten bei dir, während ich auf ihn wartete. Seitdem habe -ich nichts getan. O Gott! -- So, Helge arbeitet also wieder ...“ - -„Es ist klar, liebes Kind, daß so etwas tiefere Spuren bei einer Frau -hinterläßt --.“ - -„O gewiß. Bei einer Frau. Das ist ja gerade das ganze Elend. Man geht -umher, mürrisch und faul -- erzfaul! Um einer Liebe willen, die nicht -einmal vorhanden +ist+!“ - -„Liebe Jenny,“ sagte Gram ruhig. „Ich finde das so natürlich. Es -+muß+ seine Zeit haben, bis du ganz hindurch bist -- und auf der -anderen Seite drüben. Man +kommt+ nämlich immer auf die andere -Seite, siehst du, und dann begreift man, daß man ein solches Erlebnis -nicht umsonst gehabt hat. Auf die eine oder andere Art kann man immer -seine Seele mit solchen Erfahrungen bereichern.“ - -Jenny lachte kurz auf, antwortete aber nicht. - -„Du hast trotzdem sicher viele Erinnerungen aus jener Zeit, die -du nicht missen möchtest -- nicht wahr? Die Erinnerung an all die -glücklichen, warmen Sonnentage mit deinem Freunde, dort unten in dem -wunderbaren Lande, Jenny?“ - -„Willst du mir nicht erklären, Gert, woher du weißt, daß man seine -Seele mit derartigen Erlebnissen bereichert, wie du sagtest. Hast du -das aus eigener Erfahrung?“ - -Er fuhr zusammen, schmerzlich berührt und betroffen von ihrer -Brutalität. Es währte einen Augenblick, ehe er ihr Antwort gab: - -„Das ist etwas anderes, Jenny. Die Erfahrungen, die der Sünde Lohn -sind -- du verstehst doch, ich meine nicht die Sünde in orthodoxem -Sinne, ich meine die Folgen einer Handlungsweise, die eigenem besserem -Wissen zuwiderläuft -- die sind immer bitter. Nun, immerhin glaube ich, -zuguterletzt haben meine Erfahrungen vielleicht meinen inneren Menschen -reicher und tiefer gemacht, als ein kleineres Unglück es vermocht -hätte -- da mein Geschick mir ja nicht vergönnt hatte, das große -Glück zu erleben. Einmal in meinem Leben wird es in vielleicht noch -höherem Maße der Fall sein. Ich habe das Gefühl, Jenny, als könnten -diese Erfahrungen mich möglicherweise das rechte Verständnis dafür -lehren, was der Sinn des Lebens eigentlich ist --. Aber in bezug auf -dich meinte ich etwas anderes damit. Obwohl dein Liebesglück sich als -unbeständig herausstellte, so war es die Zeit über, die es währte, rein -und schuldlos -- soweit du vertrauensvoll und ohne Hintergedanken daran -glaubtest und niemanden betrogst außer dir selbst.“ -- - -Jenny schwieg still. Ein Sturm von Widerspruch wogte in ihr, aber sie -hatte das dunkle Gefühl, als ob Gram sie nicht verstehen würde. - -„Erinnerst du dich nicht der Worte Ibsens: - - ‚Und segelt’ ich auch meine Schute auf Grund, - So war es doch herrlich zu fahren --‘“ - -„Oh, daß du diese kindischen Worte in den Mund nehmen magst, Gert. Die -meisten von uns haben zuviel Verantwortungsgefühl und Selbstachtung, -um diesen Ausspruch gelten zu lassen. Laß mich schiffbrüchig werden -und untergehen, ich werde versuchen, nicht mit der Wimper zu zucken, -wenn ich nur die Gewißheit habe, daß ich nicht selbst meine Schute auf -Grund fuhr. Soviel ich weiß, ziehen die besten Seeleute es vor, selber -mit ihrem Schiff unterzugehen, wenn sie die Schuld an seinem Untergange -tragen.“ - -„Ich bin freilich der Ansicht, daß man alle Widerwärtigkeiten nur -sich selber zuzuschreiben hat -- jedenfalls in letzter Instanz.“ Gram -lächelte. „Aber daß man meistens auch imstande sein wird, aus seinem -Unglück selber geistige Werte zu holen --.“ - -„Ich gebe dir recht im ersten Punkte. Auch im letzten. Aber nur -insoweit, als das Unglück nicht darin besteht, daß die Selbstachtung -herabgemindert wird.“ - -„Aber, kleine Jenny, diese Sache solltest du wirklich nicht zu schwer -nehmen. Du bist ja ganz aufgebracht und bitter. Ja, ich besinne mich, -was du an jenem Tage sagtest, als Helge reiste. Aber, Herrgott, Kind, -du meinst doch nicht im Ernst, jede Verliebtheit im Entstehen ersticken -zu müssen, falls du nicht vom ersten Augenblick dafür einstehen kannst, -daß das Gefühl bis zum Tode dauert, alle Widrigkeiten erträgt, zu allen -Opfern bereit ist und die Seele des Geliebten wie in einer Vision -erfaßt und versteht, ihre geheimnisvollsten Tiefen beleuchtet, so daß -eine spätere Enttäuschung ausgeschlossen ist?“ - -„Doch,“ sagte Jenny heftig. - -„Hast du das jemals selbst empfunden?“ fragte Gert Gram leise. - -„Nein, aber ich weiß es dennoch. Ich habe immer gewußt, daß es so sein -müßte. - -Als ich aber achtundzwanzig Jahre alt geworden und noch immer alte -Jungfer war, als ich mich danach sehnte, zu lieben und geliebt zu -werden, als dann Helge kam und sich in mich verliebte, da legte ich -all meine Forderungen an mich selbst und +meine+ Liebe beiseite und -nahm, was ich bekommen konnte -- natürlich bis zu einem gewissen Grade -in gutem Glauben. Es wird schon gehen, dachte ich, es geht sicher, -aber die innerliche vertrauende Gewißheit, daß es gehen würde, weil es -anders nicht möglich war, die hatte ich nicht. - -Ich will dir erzählen, was mein Freund Heggen hier eines Tages zu -mir sagte. Er verachtet die Frauen redlich und rechtschaffen -- und -er hat Recht. Wir, wir haben nicht die Selbstachtung, und außerdem -sind wir so träge, daß wir niemals im Ernste entschlossen sind, uns -unser Leben und unser Glück selber zu zimmern, indem wir arbeiten und -kämpfen. Insgeheim hoffen wir beständig darauf, daß ein Mann kommen -und uns das Glück bescheren werde, so daß wir jeder Anstrengung -überhoben seien. Die Weiblichsten unter uns, die nur Müßiggang, Putz -und Vergnügen im Sinne haben, hängen sich dem Manne an den Hals, der -ihnen das in reichstem Maß verschaffen kann. Ist aber wirklich die -eine oder andere darunter, die wirklich menschlich fühlt und danach -strebt, ein fester und feiner Mensch zu werden, und ernstlich dieses -Ziel verfolgt, so lebt doch im Unterbewußtsein die Hoffnung, daß ein -Mann ihr auf halbem Wege begegne und ihr mit seiner Liebe helfe, -leichter zum Ziele zu gelangen. Wir können wohl eine Weile arbeiten, -durchaus ehrlich und ordentlich. Auch Freude an der Arbeit empfinden. -Aber in aller Heimlichkeit warten wir auf eine größere Freude, als wir -sie mit unserer ehrlichen Mühe erkämpfen können, auf etwas, das wie -ein Geschenk zu uns kommen soll --. Niemals werden wir Frauen dahin -gelangen, daß wir die höchste Befriedigung in unserer Arbeit finden.“ - -„Meinst du, die Arbeit allein genügt einem Manne? Niemals!“ sagte Gram -ruhig. - -„Bei Gunnar zum Beispiel ist es der Fall. Du kannst dich darauf -verlassen, er wird immer wissen, den Frauen in seinem Leben den rechten -Platz anzuweisen -- als Bagatellen.“ - -Gram lachte. - -„Wie alt ist eigentlich dein Freund Heggen? Ich will um des Mannes -Willen hoffen, daß er mit der Zeit ein wenig anders auf das -Ausschlaggebende im Leben blicken wird.“ - -„Ich aber nicht,“ sagte Jenny heftig. „Und ich will hoffen, auch ich -lerne einmal, diesem Liebesunwesen seinen rechten Platz anzuweisen --.“ - -„Herrgott, Jenny, du sprichst -- ich hätte beinahe gesagt, wie -du’s verstehst, aber du bist klüger, das weiß ich.“ Gram lächelte -schwermütig. „Soll ich dir ein wenig erzählen, was ich von der Liebe -weiß, Kleines? Glaubte ich nicht daran, wie sollte ich dann die -kleinste Spur von Glauben an die Menschen haben -- und an mich selbst? -Meinst du etwa, nur ihr Frauen findet das Leben sinnlos, fühlt euch -im Herzen kalt und leer, wenn ihr nichts anderes habt, das ihr lieben -könnt als eure Arbeit -- nur eine Ausstrahlung eures Selbst -- nichts -anderes, auf das ihr euch verlassen könnt! Glaubst du, es gibt eine -einzige Seele, die nicht Stunden kennte, in denen sie an sich selber -zweifelt? Nein, Kind, man braucht einen anderen Menschen, bei dem man -sein Bestes, seine Liebe und sein Vertrauen gleichsam deponiert, und -sieh, auf diese Bank muß man sich verlassen können. Wenn ich dir sage, -daß mein eigenes Leben seit meiner Verheiratung eine Hölle gewesen -ist, so brauche ich nicht zu starke Worte. Daß ich es schließlich -doch ausgehalten habe, liegt zum Teil daran, daß ich von dem Gedanken -ausging, Rebekkas Liebe entschuldige sie auf eine Art. Ich weiß, was -sie jetzt fühlt: eine niedrige und rohe Freude an ihrer Macht, mich zu -peinigen und zu demütigen, Eifersucht, Verbitterung, ein Zerrbild, aus -betrogener Liebe entstanden. Verstehst du nicht, daß ich daran eine -Art Befriedigung meines Gerechtigkeitsgefühls erblicke? Ein +Grund+ -für mein Unglück ist vorhanden. Ich betrog sie, als ich ihre Liebe -entgegennahm ohne die Absicht, ihr eine ganze Liebe zurückzugeben, -mit der heimlichen Berechnung, ihr einige Brocken geben zu können, -Bettelpfennige der Liebe, während sie mir das Beste bot. Straft aber -das Leben so unbarmherzig eine jede Versündigung gegen das Heiligtum -der Liebe, so ist das ein Beweis für mich, daß sie das Allerheiligste -im Leben ist und daß das Leben denjenigen, der seiner eigenen -Liebessehnsucht treu bleibt, mit der reinsten und schönsten Seligkeit -belohnen wird. Ich habe dir einmal von einer Frau erzählt, die ich -lieben lernte als es zu spät war. Sie hatte mich geliebt, seit wir -Kinder waren, ohne daß ich darauf geachtet hatte oder mir etwas daraus -machte. Als sie hörte, daß ich heiratete, nahm sie einen Mann, der -darauf schwor, daß sie ihn dadurch erretten und aufrichten könnte. Ja, -ich weiß, du spottest über derartige Rettungsversuche. Aber ich sage -dir, Kind, du kannst nicht urteilen, ehe du nicht den Mann, den du mit -deiner ganzen Seele liebst, in den Armen einer anderen gewußt hast, -so daß dein eigenes Leben dir wertlos erschien und ehe du nicht eine -verirrte Menschenseele darum betteln hörst, sie aus einem wertlosen -Leben zu erretten. Nun, Helene wurde unglücklich, und ich ebenfalls. -Wir trafen uns wieder und verstanden uns, es kam zu einer Aussprache. -Was die Menschen unter Glück verstehen, das widerfuhr uns nicht, und -dennoch --. Beide waren wir durch Bande gefesselt, die wir nicht zu -brechen wagten. Ich gestehe, als meine Hoffnung, sie einstmals zum -Weibe zu erhalten, langsam, langsam hinstarb, änderte sich meine Liebe. -Aber noch immer leuchtet wie das herrlichste Kleinod meines Lebens die -Erinnerung an sie, die jetzt weit fort in einem anderen Weltteil dafür -lebt, ihren Kindern die Last zu erleichtern, die das Leben mit einem -Vater bedeutet, der umhergeht, vom Trunk zerrüttet, wie ein Wrack. Um -ihretwillen habe ich all diese Jahre hindurch an meinem Glauben an -Reinheit, Schönheit und Kraft der Menschenseele festgehalten -- und -an meinem Glauben an die Liebe. Ich weiß, daß die Erinnerung an mich -der Frau die geheimnisvolle Kraft gibt, weit drüben jenseits der Meere -zu kämpfen und zu dulden. Denn sie liebt mich heute wie in unserer -Kindheit und glaubt an mich, an mein Talent, meine Liebe und daran, daß -ich eines besseren Schicksals würdig gewesen sei. Aber so bin ich ihr -doch heute noch etwas, nicht wahr, Jenny?“ - -Sie erwiderte nichts. - -„Das Glück bedeutet ja nicht nur, geliebt zu werden, Jenny. Der größte -Teil des Glückes ist -- zu lieben.“ - -„Es ist doch gewiß nur ein geringes Glück, Gert, zu lieben, wenn man -nicht wieder geliebt wird.“ - -Er schwieg lange und sah nieder. Bis er fast flüsternd sprach: - -„Groß oder klein -- es ist ein Glück, ein Menschenkind zu kennen, von -dem man nur Gutes denkt. Eines, um dessentwillen man zu sich selber -spricht: Herrgott, laß mich sie glücklich sehen, denn sie verdient es, -sie ist ja rein und schön, warm und fein, klug und gut. So daß man -beten kann: Gott, gib ihr alles, was ich nicht besaß. Ich halte es für -ein Glück, kleine Jenny, daß ich so für dich beten kann --. Nein, es -ist kein Grund, deswegen ängstlich aufzusehen, Kleines --.“ - -Er hatte sich erhoben, sie stand ebenfalls auf und machte eine -Bewegung, als fürchte sie, er werde sich ihr nähern. Gram hielt inne, -er lachte leise: - -„Wie konntest du etwas anderes denken, solch kluges, kleines Mädchen -wie du. Jenny, ich glaubte, du hättest es gefühlt, lange, ehe ich es -selbst recht gewußt --. Konnte es denn anders kommen? Mein Leben neigt -sich jetzt seinem Ende zu, dem Alter, der Schwäche, der Finsternis, -dem Tode. Schon weiß ich sicher, alles, wonach ich mein Leben lang -mich gesehnt -- ich erlange es nie. Da begegne ich dir. Mir ist, als -seiest du die herrlichste Frau, die ich je getroffen. Du strebst nach -alledem, wonach ich einst gestrebt, nach dem Ziele, das ich mir gesetzt -hatte. Konnte mein Herz anders als inbrünstig flehen, Gott, führ sie -zum Ziele, Gott, hilf ihr, laß sie nicht stranden, wie ich gestrandet -bin --. Und dann warst du so lieb gegen mich, Jenny. Du kamst dort -hinunter in meine Höhle, du erzähltest von dir selbst und hörtest mir -zu, du hattest so viel Verständnis, deine herrlichen Augen waren voller -Mitgefühl und so mild und warm --. Aber Herrgott, weinst du?“ - -Er ergriff ihre Hände und preßte seinen Mund darauf. - -„Das darfst du nicht, Jenny. Du darfst nicht so weinen; warum weinst -du? Du bebst ja --. Worüber weinst du nur?“ - -„Ueber alles,“ schluchzte sie. - -„Setz dich -- so.“ - -Er lag vor ihr auf den Knien und eine Sekunde senkte er seine Stirn -auf ihren Schoß. „Du darfst nicht meinetwegen so weinen, hörst du? -Um nichts auf der Welt möchte ich meine Liebe zu dir hergeben. Mein -geliebtes Mädchen, hast du einmal einen Menschen geliebt und hinterher -gewünscht, es wäre nie geschehen? -- Dann hast du dennoch nicht -geliebt, das, kannst du mir glauben, ist wahr. Jenny, ich möchte das -nicht missen, was ich für dich fühle, nicht um mein Leben! Doch auch -um deinetwillen sollst du nicht weinen. Du wirst glücklich werden, das -weiß ich. Von allen Männern, die dich lieben werden, wird eines Tages -einer, wie jetzt ich, vor dir liegen und sagen, das ist das Leben, so -vor deinen Füßen liegen zu dürfen, und du wirst selber glauben, das sei -das Leben. Dann wirst du begreifen, daß so das Glück aussieht; so mit -ihm zu sitzen, und sei es in der armseligsten Hütte, eine einzige kurze -Ruhestunde lang nach einem Tage grauester, schwerster Mühsal --. Weit -weit größeres Glück ist es dir dann, als wenn du die größte Künstlerin -wärest, die gelebt hat, als wenn du all das erreichtest, was man an -Ehren und Berühmtheit erreichen kann. Daran glaubst du selber auch, -nicht wahr?“ - -„Ja,“ flüsterte sie unter Tränen. - -„Und du sollst nicht fürchten, daß das Glück dir nicht zuteil werden -könnte. -- Nicht wahr, Jenny, die Sehnsucht fühlst auch du, nachdem -du gekämpft, um ein guter und tüchtiger Mensch und ehrlicher Künstler -zu werden, die Sehnsucht, einem Manne zu begegnen, der dir sagt, dein -Kampf war recht, und der dich darum lieb hat?“ - -Jenny nickte. Gram küßte ehrfürchtig ihre Hände. - -„Du bist ja schon so gut und fein, stolz und herrlich. Ich sage es dir, -und eines Tages wird ein Mann, der jünger und besser und stärker ist -als ich, das Gleiche sagen und du wirst froh werden, ganz froh. Bist du -nicht ein ganz klein wenig glücklich darüber, daß ich sage, du seiest -das beste, liebste und wunderbarste Mädchen auf der Welt? Blick mich -an, Jenny. Kann ich dir nicht eine kleine Freude machen, wenn ich dir -sage, ich glaube, du wirst des Lebens reichstes Glück kosten dürfen, -weil du es verdienst?“ - -Sie blickte auf sein Antlitz nieder und versuchte ein schwaches -Lächeln. Dann senkte sie den Kopf und strich mit den Händen über sein -Haar: - -„O Gert -- o Gert -- ich kann doch nichts dafür! Ich wollte dir ja -nicht wehe tun. Ich kann nichts dafür -- nicht wahr?“ - -„Darüber solltest du nicht traurig sein. Kleines -- ich habe dich lieb, -weil du dein Ziel, nach dem du strebst, ja schon erreicht hast, weil du -so bist, wie ich einmal hatte sein wollen --. Du darfst nicht traurig -sein, selbst wenn du meinst, du hättest mir Leid zugefügt. Es gibt -Leiden, die gut sind -- gesegnet gut, glaube mir.“ - -Sie fuhr fort, leise zu weinen. - -Nach einer Weile flüsterte er: - -„Darf ich hin und wieder zu dir kommen --? Wenn du traurig bist, kannst -du mich da nicht rufen lassen? Ich will gern versuchen, ob ich nicht -meinem kleinen Mädchen ein wenig helfen kann, sprich, Jenny --?“ - -„Ich wage es nicht, Gert.“ - -„Liebe kleine Freundin, ich bin ja ein alter Mann, könnte dein Vater -sein.“ - -„Deinetwegen -- meine ich. Es ist nicht recht von mir deinetwegen.“ - -„O doch, Jenny. Meinst du, ich dächte weniger an dich, wenn ich dich -nicht sähe. Ich möchte dich ja nur sehen, mit dir sprechen, versuchen, -dir ein wenig zu sein -- darf ich? -- Oh, darf ich --?“ - -„Ich weiß nicht, Gert -- ich weiß nicht. Ach, Lieber, geh jetzt, du -mußt jetzt gehen -- ich kann nicht -- es ist so hart. -- Lieber, geh.“ - -Er erhob sich still. - -„Dann gehe ich. Leb wohl, Jenny -- aber Kind, du bist ja ganz außer -dir.“ - -„Ja,“ flüsterte sie. - -„So gehe ich denn. Darf ich einmal wiederkommen? Ich will dich gern -sehen, ehe du reist. Wenn du ruhiger geworden bist und wenn es dich -nicht erregt. Es liegt ja kein Grund dafür vor, Jenny --.“ - -Sie stand einen Augenblick still. Dann zog sie ihn plötzlich hastig an -sich und streifte seine Wange mit dem Munde. - -„Geh jetzt, Gert.“ - -„Ich danke dir. Gott segne dich, Jenny.“ - - * * * * * - -Hinterher lief sie im Zimmer auf und ab. Sie begriff selber nicht, -warum sie so bebte. Aber tief im Innern -- es war vielleicht nicht -gerade Freude, aber es hatte ihr wohlgetan zu hören, was er gesagt, -während er auf den Knien vor ihr lag. - -Oh Gert, Gert! Sie hatte ihn immer für einen schwachen Menschen -gehalten, für einen, der sich hatte überwinden lassen und unterdrückt -worden war wie alle Charaktere ohne Widerstandskraft. Aber jetzt hatte -sie plötzlich erfahren, daß er ganz im Innern eine tiefe Stärke und -Sicherheit besaß. Er hatte da gestanden als der Reiche, der wußte, daß -er helfen könne und es gern wollte. Während sie verwirrt und unsicher -war -- krank vor Sehnsucht in ihrem tiefsten Innern, hinter dem -Bollwerk von Ansichten und Gedanken, das sie sich selbst geschaffen. - -Und dann hatte sie ihn gebeten zu gehen. Weshalb? Weil sie selbst so -grenzenlos arm war, weil sie ihm ihre Not geklagt, von dem sie dachte, -er sei ebenso arm wie sie, während er ihr doch gezeigt hatte, wie reich -er war, und ihr aus der Quelle seines Reichtums freudig eine kleine -Hilfe bot. Dadurch hatte sie sich gedemütigt gefühlt und ihn gebeten, -sie zu verlassen. So war es sicher. - -Hilfe von einer Liebe entgegennehmen, ohne etwas dafür geben zu können, -hatte sie immer als schändlich angesehen. Sie hatte ja nie daran -gedacht, daß sie es sein würde, die solcher Hilfe bedürfte. - -Er hatte sein Werk nicht vollenden dürfen, wie er gewollt. Die Liebe, -der er sich hingegeben, hatte nicht ein Leben hindurch gedauert, -dennoch war er nicht verzweifelt. Der nie versiegende Quell, woraus -ein solches Glück geschöpft wird, um immer aufs Neue zu blühen, war -Vertrauen und Glaube. Es bedeutete gleichviel, woran man glaubte, wenn -nur die Seele dabei nicht einsam war. Allein vermochte sie den Glauben -nicht zu nähren. Das Leben war unerträglich, wenn man außer sich selber -niemanden hatte, den man liebte, an den man glaubte. - -Mit dem Gedanken an den freiwilligen Tod hatte sie immer gespielt. Wenn -sie jetzt stürbe ... Sie besaß wohl einen Kreis von Menschen, die sie -liebten. Sie würden um sie trauern, aber es gab keinen, der sie nicht -entbehren könnte. Nicht einen, dem sie unersetzlich war, so daß sie um -seinetwillen die Pflicht hätte, ihr Leben weiterzuschleppen. Die Mutter -und Geschwister ... Wenn sie nicht erfahren würden, daß sie es selbst -getan, so würde ihr Leid nach einem Jahre zu milder Trauer geworden -sein. Cesca und Gunnar würden sie wohl am tiefsten betrauern, denn sie -würden vielleicht verstehen, daß sie unglücklich gewesen war, aber sie -stand ja nur an der Außenseite ihres Lebens. Derjenige, der sie am -meisten liebte, würde vielleicht am tiefsten getroffen sein -- aber ihm -hatte sie ja nichts zu geben. So konnte er sie ja ebenso lieb haben, -wenn sie tot war. Ja, er liebte sie, dessen Glück sie war, und dabei -trug er das Glück als eine Macht in sich. - -Wenn ihr selber wirklich diese Kraft fehlte, so half ihr nichts. Die -Arbeit konnte sie nicht in dem Maße ausfüllen, daß ihre Sehnsucht nach -einem Glücke schwieg. Und weshalb sollte sie dann leben, wenn es auch -hieß, sie sei talentvoll. Niemand konnte soviel Freude daran haben, -ihre Kunst zu schauen, wie sie dabei empfand, sie auszuüben. Aber diese -Freude war nicht so groß, daß sie ihr nichts zu wünschen übrig ließ. - -Es war auch nicht nur das, wovon Gunnar gesprochen: daß ihre Tugend -sie peinigte, um brutal zu sprechen. Dem konnte leicht abgeholfen -werden. Aber sie wagte nicht, diesen Schritt zu tun, aus Angst, daß -ihre Sehnsucht einst in späteren Jahren ihr wahres Ziel finden könnte. -Das wäre ja von allem das Schlimmste, mit einem Menschen im engsten -Zusammenhang zu leben, und tief im Innern doch wieder einsam zu sein. -O nein, nein. Einem Manne anzugehören, mit allen möglichen daraus -folgenden Intimitäten, körperlichen wie seelischen -- und dann eines -Tages vielleicht zu entdecken, daß sie ihn nie gekannt, und daß er -sie nie gekannt, daß der eine niemals ein Wort von des anderen Rede -verstanden hatte --. - -Ach nein. Sie wollte leben, weil sie noch auf etwas wartete. Sie wollte -keinen Liebhaber, denn sie erwartete ihren Gebieter. Sie wollte auch -nicht sterben, nicht jetzt, denn sie wartete. - -Nein. Sie wollte ihr Leben noch nicht von sich werfen, weder auf die -eine noch auf die andere Art. Sie konnte +so+ nicht sterben -- so arm, -daß sie nicht ein einziges geliebtes Wesen besaß, dem sie Lebewohl -sagen konnte. Sie wagte nicht, sie durfte doch hoffen, daß es einmal -anders werde. - -So mußte sie sich also mit der Malerei etwas ins Zeug legen. Sonst -würde sie auf den Hund kommen, krank wie sie war vor Verliebtheit. - -Sie lachte. - -Das war es eben. Der Gegenstand war vorläufig nicht vorhanden, aber die -Liebe, die war da. - - * * * * * - -Durch das schräge Fenster dunkelte der Himmel veilchenblau herein. -Jenny sah hinaus. Die Schieferdächer, die Schornsteine und -Telephondrähte, die ganze stille Welt dort draußen breitete sich, mit -weißem Reif bedeckt, in der Dämmerung aus. Von den Straßen leuchtete -ein rötlicher Schein auf und färbte den Frostnebel. Wagengerassel und -das Kreischen der Straßenbahn klangen jetzt so hart auf der trockenen, -gefrorenen Straße. - -Sie hatte wenig Lust, nach Hause zu gehen und bei der Mutter zu essen. -Aber so war es verabredet. Sie schraubte den Ofen zu, zog ihren Mantel -an und ging. - -Draußen herrschte rauhe, klamme Kälte -- der Nebel roch nach -Ruß, Gas und gefrorenem Staub. Wie hoffnungslos öde diese Straße -im Grunde war. Sie erstreckte sich vom Mittelpunkt der Stadt mit -seinem lärmenden Getriebe und seinen hellerleuchteten Geschäften, -wo der Menschenstrom aus- und einging, bis hinab zu den leblosen, -grauen Festungsmauern. Ihre eigenen Häuserreihen lagen düster und -ausgestorben. Neue Geschäftshäuser aus Stein und Glas, hinter deren -großen Fenstern mit dem sanften weißen Licht arbeitsames junges Volk in -stiller Geschäftigkeit den flatternden Papieren Weg und Richtung gab -und durch das Telephon ihre Mitteilungen in alle vier Winde sandte, -wechselten sich ab mit alten Gebäuden, Ueberresten aus der ältesten -Zeit Kristianias. Es waren meist niedrige, graubraune Häuser mit -glatter Front und Rolläden vor den Bürofenstern. Hier und da fand sich -auch eine kleine Scheibe, mit Gardinen und Topfpflanzen verziert, die -zu einem Kleineleuteheim gehörten, wunderlich einsamen Heimen in diesem -Stadtviertel, dessen Häuser des Nachts meist verlassen lagen. - -Aus den Läden, die sich in dieser Gegend befanden, strömte nicht das -Volk aus und ein wie unten im Zentrum. Hier gab es nur Geschäfte für -Tapeten und Gipsrosetten für Zimmerdecken. Hier fanden sich Ofen-, -Herd- und Möbellager, deren Schaufenster voller leerer Mahagonibetten -und gefirnißter Eichenstühle standen, die aussahen, als würden sie wohl -nie in Gebrauch genommen werden. - -In einem Torweg stand ein Kind -- ein kleiner blaugefrorener Junge -mit einem großen Korb am Arme. Er schaute einigen Hunden zu, die sich -mitten auf dem Damme balgten, daß der feuchte, reifkalte Staub um sie -flog. Das Kind schrie auf, als die Tiere sich zu ihm hinüberwälzten. - -„Hast du vor den Hunden Angst?“ fragte Jenny. - -Erst antwortete der Junge nichts. Da sagte sie: - -„Soll ich dich an ihnen vorüberführen?“ Da schlüpfte er an Jennys -Seite, sprach aber kein Wort. - -„Wo willst du denn hin -- wo wohnst du?“ - -„Voldstraße.“ - -„Hast du eingeholt? Ganz hier unten? Du bist ja so klein -- bist aber -ein tüchtiger Junge.“ - -„Wir kaufen bei Aases in der Strandstraße, weil Vater sie kennt,“ sagte -der Junge. „Und der Korb ist so schwer.“ - -Jenny sah die Straße hinauf und hinunter -- sie war fast menschenleer: - -„Komm, Kleiner, soll ich ihn dir ein Stück tragen?“ - -Der Knabe ließ den Korb ein wenig ängstlich fahren. - -„Gib mir die Hand, du, dann will ich dich an diesen Kötern -vorbeiführen. Nein, wie kalt du bist! Hast du denn keine Handschuhe?“ - -Der Junge schüttelte den Kopf. - -„Sieh her, steck die andere Hand in meinen Muff -- willst du nicht? Du -meinst vielleicht, es schickt sich nicht für einen Jungen, mit dem Muff -zu gehen?“ - -Sie dachte an Nils, als er klein war. Nach ihm hatte sie sich so oft -gesehnt. Jetzt war er so groß und hatte viele Kameraden -- er war in -dem Alter, wo sich ein Junge schämt, sich mit der großen Schwester -abzugeben. Selten kam er zu ihr herüber. In dem einen Jahre, das sie -draußen war, und dann in den Monaten, als sie in all dem Wirrwarr -mit Helge gelebt, hatten sie sich voneinander entfernt. Später, wenn -er größer geworden, würden sie vielleicht wieder Freunde werden wie -ehemals. Sicherlich, denn sie hatten sich lieb. Aber in seinem Alter -ging es auch ohne sie, das wußte sie wohl. Oh, wenn doch Nils jetzt ein -kleiner Junge wäre, daß sie ihn auf den Schoß nehmen und ihm Märchen -erzählen könnte, während sie ihn wusch, ihn auskleidete und ihn küßte! -Oder, wenn es noch wäre wie damals, als sie mit ihm über Nordmarken -wanderte, wo der Riese weit fort war und der Weg voller Abenteuer und -merkwürdiger Erlebnisse! -- - -„Wie heißt du denn, Kleiner?“ - -„Ausjen Torstein Mo.“ - -„Wie alt bist du, Ausjen?“ - -„Sechs Jahre.“ - -„So gehst du wohl noch nicht zur Schule?“ - -„Nein, aber ich soll im April anfangen.“ - -„Freust du dich auf die Schule?“ - -„Nein, die Fräuleins sind so böse. Der Oskar geht auch hin, aber wir -kommen nicht in dieselbe Klasse. Oskar soll in der zweiten anfangen.“ - -„Oskar, ist das dein Spielkamerad?“ fragte Jenny. - -„Ja, die wohnen in demselben Haus wie wir.“ - -Dann entstand eine kleine Pause. Jenny plauderte wieder: - -„Ist es nicht schade, daß wir keinen Schnee bekommen? Ihr habt ja den -Berg, die Piperviken hinunter, wo ihr rodeln könnt? Hast du einen -Schlitten?“ - -„Nein, aber ich habe Schneeschlittschuhe und auch Skier --.“ - -„Ja, dann freilich sollte sich der Schnee ein bißchen beeilen!“ - -Sie waren in die Stortingstraße gekommen. Jenny ließ seine Hand fahren -und dann den Korb. Er war aber so schwer und Ausjen so klein. So -behielt sie ihn denn. - -In der dunklen Voldstraße nahm sie wieder seine Hand und trug ihm den -Korb bis zu dem kleinen Haus, wo er wohnte. Zum Abschied schenkte sie -ihm zehn Oere. - -In der Homansstadt kaufte sie Schokolade und rote Fausthandschuhe, die -sie Ausjen schicken wollte. - -Herrgott, wenn sie nur einem Menschen eine kleine Freude machen könnte! -Eine kleine, unerwartete Freude. - -Sie wollte versuchen, ihn ein paar Stunden am Tage als Modell zu -bekommen. Er war wohl aber zu klein, um ihr zu stehen. - -Die arme kleine Faust, sie war in der ihren ganz warm geworden. Ihr -war, als hätte es ihr gut getan, sie festzuhalten. - -Doch. Sie wollte versuchen, ihn zu malen. Ein lebendiges Frätzchen -hatte er. Er sollte dann Milch mit einem Tropfen dünnen Kaffee und -gutes Butterbrot bekommen, und dann wollte sie arbeiten und mit Ausjen -plaudern. - - - - - Drittes Buch - - - - -I. - - -An einem lichten und lauen Maiennachmittag, der sich schon zum Abend -neigte, lag Sonnenglanz über den schwarzen Bauplätzen; die nackten -Brandmauern waren rotgolden, und die Fabrikschlote glühten lederbraun -im Sonnenbrand. Die Umrisse der Stadt mit hohen und niedrigen Dächern, -großen und kleinen Häusern zeichneten sich gegen die grauviolette Luft -scharf ab, die geschwängert war von Staub und Rauch und Dünsten. - -Das Bäumchen an der roten Mauer trug klare, gelbgrüne Blättchen, durch -die das Licht schien, in diesem Jahre wie im vergangenen. - -Jenny sah den Schimmel an den Bretterwänden der Lumpenbuden, wie -weich und leuchtend grün er war! Die Rußflocken an den Mauern der -Geschäftshäuser waren an einigen Stellen tiefschwarz und an anderen wie -von einer feinen glitzernden Silberhaut überzogen. - -Sie sah in die Luft hinaus. Den ganzen Vormittag hatte sie auf Bygdö -verbracht, dort hatte die Himmelskuppel sich dunkelblau und heiß über -den olivengoldenen Föhrenkronen und der Laubbäume bernsteinfarbenen -Knospen gewölbt. Aber hier schimmerte der Himmel über den hohen -Häusern und dem Netz der Telephondrähte fahlblau hinter einem feinen, -opalweißen Schleier von Dunst verborgen. Im Grunde war es übrigens -schöner so. Gert konnte es nicht sehen. Die Stadt war für ihn nur -immer schmutzig, häßlich und grau. Sie hatten sie alle verflucht, -diese Stadt, die Jungen aus den achtziger Jahren, die hier wie zur -Strafarbeit hergesandt waren. Jetzt stand er sicher dort oben und -blickte in die Sonne hinaus, das Spiel des Lichtes mit Linien und -Farbtönen sah er kaum, für ihn war es nur ein Sonnenstreifen vor den -Gefängnismauern. - -Sie hielt ein Stück vor seinem Torweg inne und sah gewohnheitsmäßig die -Straße hinauf und hinunter. Bekannte waren hier nicht, Arbeitsleute -strömten hinüber zum „Vaterland“ oder nach der Stadt zu. Die Uhr war -also sechs. - -Jenny lief die Treppe hinauf, die abscheulichen Stufen, von denen -es zwischen den nackten Steinwänden widerhallte, wenn sie sich von -seinem Zimmer hoch oben herunterschlichen -- in den späten Stunden der -Winternächte. Es war fast, als säße in diesen Wänden immer Kälte und -rauhe Luft. - -Sie lief schnell über den Korridor und pochte dreimal an seine Tür. - -Gram öffnete. Er zog sie mit dem einen Arm an sich, und während sie -sich küßten, verschloß er mit der freien Hand die Tür hinter ihr. - -Ueber seine Schulter hinweg erblickte sie die frischen Blumen auf -dem kleinen Tisch mit der Weinkaraffe und den ausländischen Kirschen -in einer geschliffenen Kristallschale. Ein leichter Dunst von -Zigarettenrauch lag über dem Raum. Sie wußte, daß er seit vier Uhr hier -gesessen und auf sie gewartet hatte mit all dem, was um ihretwillen -aufgebaut war. - -„Ich konnte nicht früher kommen, Gert,“ flüsterte sie. „Es tat mir so -leid, daß du warten mußtest.“ - -Als er sie freigab, ging sie zum Tisch und beugte sich über die Blumen. - -„Ich darf doch zwei davon haben und mich schmücken, darf ich? O, ich -werde so verwöhnt, Gert, wenn ich bei dir bin.“ Sie streckte ihm beide -Hände entgegen. - -„Wann mußt du hier fort, Jenny?“ fragte er, während er ihre Arme ganz -behutsam küßte. - -Jenny senkte ein wenig den Kopf. - -„Ich mußte versprechen, zum Abendessen zu Hause zu sein, du. Mama sitzt -ja immer auf und wartet auf mich, und sie ist müde vom Tage. Sie hat es -so nötig, daß ich ihr des Abends mit diesem oder jenem zur Hand gehe,“ -sagte sie schnell. - -„Es ist nicht so leicht, von Hause loszukommen, weißt du,“ setzte sie -flehend hinzu. - -Er senkte den Kopf unter ihren vielen Worten. Als sie ihm entgegenkam, -zog er sie fest an sich. Sie barg ihr Antlitz an seiner Schulter. - -Sie konnte nicht lügen, das arme Ding, nicht einmal so gut, daß er auch -nur eine einzige barmherzige Sekunde daran glaubte. Den kurzen, kurzen -Winter über, in den ersten blaugrünen Lenztagen, da hatte sie sich -immer von Hause freimachen können. - -„Es ist ja traurig für uns. Aber es ist jetzt so schwer, wo ich zu -Hause wohne, das wirst du begreifen. Und es muß sein, Mama braucht das -Geld und außerdem muß ich ihr helfen. Du gabst mir ja recht, als ich es -für das Richtigste hielt, nach Haus zu ziehen?“ - -Gert Gram nickte. Sie hatten sich aufs Sofa gesetzt, dicht aneinander -geschmiegt. Jennys Kopf lag an seiner Brust, so daß er ihr Gesicht -nicht sehen konnte. - -„Du, ich war heute auf Bygdö, Gert. Ich ging dort umher, wie wir -kürzlich zusammen. Wir fahren beide bald wieder dort hinaus, nicht -wahr? Vielleicht übermorgen, wenn das Wetter sich hält? Dann finde -ich schon eine Ausrede daheim, daß wir den ganzen Abend zusammen sein -können, willst du? Du bist sicher betrübt darüber, daß ich so schnell -wieder fort muß, nicht wahr?“ - -„Liebste Jenny, das habe ich dir doch tausendmal gesagt --,“ sie hörte -es seiner Stimme an, daß er nun wieder mit seinem trüben Lächeln dasaß: -„Ich bin dir für jede einzige Sekunde dankbar, die du deinem Freunde -schenkst.“ - -„Sprich nicht so, Gert,“ bat sie gequält. - -„Warum darf ich das nicht sagen, wenn es so ist? Mein geliebtes, -kleines Mädchen, meinst du, ich werde jemals vergessen, daß alles, was -du mir gegeben, eine fürstliche Gnade war, daß ich nie begreifen werde, -wie du es mir geben konntest?“ - -„Gert! Im Winter, als ich merkte, daß du mir gut bist, wie gut du mir -bist, sagte ich zu mir selber, daß es ein Ende haben müsse. Aber da -begriff ich auch, daß ich ohne dich nicht sein könnte, und so wurde ich -dein. War das eine Gnade? Wenn ich dich nicht lassen konnte?“ - -„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich -eine fürstliche Gnade nenne.“ - -Stumm schmiegte sie sich an ihn. - -„Du junge, herrliche kleine Jenny --.“ - -„Ich +bin+ nicht jung, Gert. Als du mich trafst, fing ich schon an, alt -zu werden, ich bin nie jung gewesen. Ich fand, +du+ warst jung, viel -jünger in deinem Herzen als ich, denn du glaubtest noch immer an alles, -was ich verlachte und Kinderträumereien nannte, bis du mich glauben -lehrtest, daß es das gab, Liebe und Wärme und all das Andere --.“ - -Gert Gram lachte still vor sich hin. Dann flüsterte er: - -„Vielleicht war mein Herz nicht älter als das deine, du. Ich fand -jedenfalls, daß ich noch keine Jugend gehabt hatte, und ich hoffte -trotzdem tief im Innern, daß sie einmal, ein einziges Mal, mich -streifen würde -- die Jugend. Doch war mein Haar inzwischen weiß -geworden.“ - -Jenny schüttelte den Kopf. Sie erhob ihre Hand und legte sie auf seinen -Scheitel. - -„Ist mein Kleines müde? Soll ich dir die Schuhe ausziehen? Willst du -dich hinlegen und ausruhen?“ - -„Nein. Ich will so liegen. Es tut so gut.“ - -Sie zog die Beine hoch und schmiegte sich in seinem Schoß. Gert legte -den Arm um sie. Mit der freien Hand schenkte er Wein ein und hielt ihr -das Glas an den Mund. Sie trank begierig. Dann reichte er ihr Kirschen, -nahm die Steine von ihren Lippen und legte sie auf den Teller. - -„Du, ich will bei dir bleiben. Ich schicke einen Boten nach Hause und -lasse sagen, daß ich Heggen getroffen habe. Er ist sicher in der -Stadt. Aber ich muß nach Hause, ehe die letzte Straßenbahn fährt. -- -Leider.“ - -„Ich werde für dich gehen.“ Er ließ sie auf das Sofa niedergleiten. „Du -sollst liegen und dich ausruhen. Oh, mein Kind!“ - -Als er gegangen, knöpfte sie die Schuhe auf und schob sie von sich. Sie -trank noch etwas von dem Wein. Dann kroch sie ganz auf das Sofa hinauf, -bohrte den Kopf tief in die Kissen und zog die Decke über sich. -- - -Sie liebte ihn ja doch. Sie wollte bei ihm sein. Wenn sie so sitzen, -sich ganz zusammenrollen und in seinen Armen ruhen durfte, dann war ihr -wohl. Er war ja der einzige Mensch auf der Welt, der sie auf den Schoß -genommen und sie gewärmt, der sie geborgen und kleines Mädchen genannt -hatte. Ja, er war der Einzige, der ihr wirklich nahe gestanden. Darum -wurde sie sein. - -Wenn er sie nur bei sich halten und sie schützen wollte, so daß sie -nichts sah, sondern nur fühlte, daß er sie umschlungen hielt und -wärmte. Dann ging es ihr gut. O nein, sie durfte ihn wohl nicht -verlieren. Und so mußte sie ihm denn das Wenige geben, das sie besaß, -wenn sie von ihm erhielt, was sie nicht entbehren konnte. - -Er durfte sie küssen, mit ihr tun, was er wollte. Wenn er nur nicht -sprach. Denn dann entfernten sie sich so weit von einander. Er sprach -von Liebe, aber ihre Liebe war nicht, wie er glaubte. Sie konnte es -aber nicht mit Worten erklären; sie klammerte sich nur an ihn -- und -das war keine Gnade, kein fürstliches Geschenk. Es war nur eine kleine, -bettelnde Liebe, für die er nicht danken durfte, er sollte sie nur -liebhaben und kein Wort sagen. - -Als er wieder heraufkam, öffnete sie weit die Augen. Sie schloß -sie aber wieder unter seinen stillen, ehrfürchtigen Liebkosungen -und lächelte leise. Dann schlang sie die Arme um seinen Körper und -klammerte sich an ihn. Das schwache Veilchenparfüm, das er an sich -hatte, duftete so mild und frisch. Und sie nickte still, als er sie -fragend aufhob. Er wollte sprechen, aber sie legte erst die Hand auf -seinen Mund und küßte ihn dann, so daß er nichts sagen konnte, während -er sie behutsam in das Nebenzimmer trug. - - * * * * * - -Gert begleitete sie zur Straßenbahn. Einen Augenblick blieb sie draußen -auf der Plattform stehen und sah ihm nach, wie er drüben auf der Straße -in der blauen Maiennacht verschwand. Dann setzte sie sich hinein. - -Gram hatte seine Frau um die Weihnachtszeit verlassen. Er wohnte jetzt -allein in der Stenerstraße. Außer dem Büro hatte er noch ein Zimmer. -Jenny wußte, daß er daran dachte, eine Scheidung herbeizuführen, wenn -einige Zeit hingegangen und Rebekka Gram eingesehen hätte, daß er nicht -zurückkehren würde. Es entsprach seiner Natur, so vorzugehen, mit -einemmale einen Bruch herbeizuführen, das vermochte er nicht. - -Was er eigentlich weiter von der Zukunft erwartete, wagte sie sich -nicht vorzustellen. Meinte er wohl, daß sie ihn heiraten würde? - -Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie nicht eine Sekunde die -Absicht gehabt hatte, sich für immer an ihn zu binden. Darum aber -empfand sie dies alles wie eine bittere, hoffnungslose Demütigung, wie -eine Schande, sobald sie nicht bei ihm war und sich mit seiner Liebe -betäuben konnte. Sie hatte ihn betrogen, die ganze Zeit über hatte sie -ihn betrogen. - -„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich -eine unbegreifliche Gnade nenne.“ - -Was konnte sie dafür, daß er es mit diesen Augen ansah? - -Er hätte sie nicht zu seiner Geliebten gemacht, wenn sie selbst es -nicht gewollt, wenn sie ihn nicht hätte fühlen lassen, daß sie es -wollte. Aber, o Gott! Sie fühlte doch, daß er sich danach sehnte, es -quälte sie, bei jedem Zusammensein sich begehrt zu wissen und zu sehen, -wie er kämpfte, um zu verbergen, was er viel zu stolz war zu zeigen. -Ja, sie hatte gesehen, daß er stolz war, zu stolz, um dort zu bitten, -wo er einstmals nur seine Hilfe geboten. Vielleicht auch zu stolz, um -sich einer Abweisung auszusetzen. Und da sie wußte, daß sie seine Liebe -nicht von sich weisen, nicht den einzigen Menschen hergeben konnte, der -sie liebte. Konnte sie wohl anders handeln, anders ehrenhaft bleiben, -als daß sie ihm bot, was sie besaß und auf diese Weise zu vergelten -suchte, was er mit seinem Reichtum an Liebe, die sie nicht missen -konnte, an ihr tat. - -Aber dann kam hinzu, daß sie Worte hatte aussprechen müssen, stärker -und heißer als ihre Gefühle. Er aber hatte ihr geglaubt und sie bei -ihrem Wort genommen. - -Es geschah wieder und wieder. Kam sie zu ihm, freudlos, mutlos, -müde vom Grübeln darüber, wie das enden solle, und sie sah, daß er -es spürte, dann sagte sie ihm wieder warme Worte und heuchelte viel -Stärkeres als sie fühlte. Und er glaubte ihr. - -Er wußte von keiner anderen Liebe als derjenigen, deren Wesen das Glück -ist. Unglück in der Liebe, das kam von außen her, von der Tücke des -Schicksals oder von einer grausamen Gerechtigkeit, die alles Unrecht -strafte. Sie wußte, was er fürchtete: daß ihre Liebe eines Tages -hinsterben könnte, wenn sie sähe, daß er zu alt sei, um ihr Geliebter -zu sein. Aber niemals hatte er ahnen können, daß ihre Liebe krank -+geboren+ war, mit dem Todeskeim in sich. - -Es würde nichts nützen, ihm das zu erklären. Er würde es nicht -verstehen: daß sie Zuflucht in seinen Armen gesucht, weil er der -Einzige war, der sie ihr geboten hatte. Sie war so todeinsam gewesen. -Als er ihr Liebe und Wärme bot, vermochte sie nicht, dies von sich zu -stoßen. Obgleich sie hätte wissen müssen, daß sie es nicht annehmen -durfte -- sie war dieser Liebe nicht würdig. Nein, er war nicht alt. -Die Leidenschaft eines Zwanzigjährigen, der kindliche Glaube und die -andächtige Anbetung, eines reifen Mannes Wärme und Güte, all die -Liebe, die ein Mannesleben fassen konnte, flammten jetzt an der Grenze -des Alters noch einmal auf. Sie hätten einer Frau zuteil werden -sollen, die mit einem gleichen Gefühl vergelten, die in den kurzen -verbleibenden Jahren ihres Zusammenseins ihn das ganze Dasein, das er -herbeigesehnt, wovon er geträumt und das er erhofft, durchleben lassen -könnte, so daß sie durch tausend glückliche Erinnerungen an seine Seite -gekettet wäre, wenn das Alter käme -- in getreuer Liebe als seiner -Jugend und seines Mannestums Gefährtin bei ihm ausharrend und nun -auch mit ihm alternd. Aber sie --. Wenn sie auch versuchen wollte, zu -bleiben, was konnte sie ihm geben, wenngleich sie wollte? Nie hatte -sie ihm je etwas darbieten können -- sie hatte nur genommen. Es nützte -ihr nichts, daß sie versuchte zu bleiben, auf die Dauer konnte sie ihn -nicht täuschen und zu dem Glauben zwingen, daß ihre Lebenssehnsucht -durch diese erste Liebe für immer gestillt sei. - -Er würde sagen, sie solle gehen. Sie habe geliebt und gegeben, jetzt -liebe sie aber nicht mehr und solle wieder frei sein. So würde es -in seinen Augen aussehen; nie würde er begreifen, daß sie deshalb -trauerte, weil sie nichts, nichts, nichts hatte geben +können+. - -Ah, er peinigte sie, wenn er von ihren Gaben sprach. Ja, sie war -Mädchen, als sie sein wurde. Er betonte es, als wenn es ihm ein Maßstab -dafür sei, wie unendlich tief und stark ihre Liebe wäre. Hatte sie ihm -doch die Reinheit ihrer Jugend geschenkt. - -Die Unberührtheit ihrer neunundzwanzig Jahre. O ja, sie hatte sie wie -ein weißes Brautgewand gehütet, das sie nicht angetastet und nicht -befleckt hatte. In Sehnsucht und Angst, daß sie es niemals tragen -würde, in Verzweiflung über ihre eisige Einsamkeit, über ihr Unvermögen -in der Liebe, hatte sie sich daran geklammert, es zerknittert und mit -ihren Gedanken befleckt. -- War die nicht reiner, die das Leben der -Liebe gelebt, als sie, die nur gegrübelt, gespäht und sich gesehnt -hatte, bis alle Kräfte von dieser Sehnsucht gelähmt waren? - -Als sie dann sein geworden -- wie wenig Eindruck hatte es auf sie -gemacht. Sie war nicht völlig kalt gewesen. Mitunter hatte seine Liebe -sie hingerissen. Aber sie heuchelte Glut und war nur lau. War sie nicht -bei ihm, so dachte sie kaum daran, sie spiegelte ihm eine erlogene -Sehnsucht vor, um ihn zu erfreuen. Ja, sie heuchelte und heuchelte -seiner ehrlichen Leidenschaft gegenüber. - -Und doch, es hatte eine Zeit gegeben, wo sie nicht nur geheuchelt hatte --- oder, belog sie Gert, so belog sie auch sich selber. Sie hatte einen -Sturm in sich gefühlt, es war wohl Mitleid mit ihm und seinem Geschick -und Auflehnung gegen ihr eigenes, weshalb sie Beide, jeder auf seine -Art, im Verlangen nach etwas Unmöglichem sich zerrissen, und dazu kam -noch die grauenhafte Angst, wohin das alles führen solle. Damals hatte -sie gejubelt, daß sie ihn liebte. Sie hatte sich ja in dieses Mannes -Arme stürzen müssen, so wahnsinnig es auch war. - -An jenem Abend hatte sie in der Straßenbahn gesessen und, auf all die -schläfrigen, ruhigen Bürger blickend, triumphiert. Sie kam von ihrem -Geliebten, um sie und ihn lag das Unwetter des Schicksals, sie hatte -da hinaus müssen und wußte nicht, wohin es sie treiben würde. Sie war -stolz auf ihr Geschick gewesen, weil Unglück und Finsternis drohten. - -Jetzt aber sehnte sie sich nur nach einem Ende. Machte Pläne für eine -Auslandsreise, Flucht vor alledem. Sie hatte Cescas Einladung, nach -Tegneby zu kommen, angenommen, um den Bruch vorzubereiten. - -Es war jedenfalls besser für Gert, daß er jetzt allein war. Hatte sie -es erreicht, daß er dem Zusammenleben mit jener ein Ende gemacht, so -hatte sie ihm doch etwas Gutes getan. - - * * * * * - -Jenny gegenüber saßen zwei junge Frauen. Sie waren vielleicht -nicht älter als sie, nur verkommen und verbraucht von dem Leben in -langjähriger Ehe. Vor drei, vier Jahren waren es vielleicht noch ein -paar hübsche Geschäftsmädchen gewesen, die sich putzten und mit ihren -Kavalieren in den Nordmarken Sport trieben. Ja, jetzt glaubte sie, -das Gesicht der einen von dort her wiederzuerkennen -- sie hatten an -einem Osterfest zusammen auf Hakloa übernachtet. Sie war Jenny sogar -aufgefallen mit ihrer geschmeidigen Gestalt und weil sie so gut Ski -lief und so keck und schick in der Sportstracht ausgesehen hatte. - -In gewisser Beziehung war sie noch heute herausgeputzt. Das -Straßenkostüm war modern, aber es saß nicht und die Figur hatte keine -Festigkeit mehr, sie war behäbig und dick geworden, während Schultern -und Hüften dabei eckig geblieben waren. Das Gesicht erschien alt, die -Zähne waren schlecht, mürrische Furchen zogen sich um den Mund. Das -Ganze krönte ein großer Hut mit vielen Straußenfedern. Sie predigte und -die Freundin hörte eifrig zu, mit gespreizten Knien träge dasitzend, -die Hände in einem Riesenmuff auf dem schwangeren Leibe vergraben. -Eigentlich war ihr Gesicht hübsch, aber fett und rotfleckig, mit einem -Doppelkinn. - -„Ja, den Käse muß ich also im Büfett verschließen; kommt er hinaus in -die Küche, dann sind am anderen Morgen nur Rinden übrig. Ein schwerer -Schweizer Käse zu fast drei Kronen das Pfund!“ - -„Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen.“ - -„Aber nun sollen sie etwas hören! Hinter Eiern ist sie her wie -- -ich weiß nicht was. Neulich komme ich ins Mädchenzimmer -- sie ist -unglaublich schmutzig -- und da riecht es in der Kammer ...! Die Betten -sind nicht gemacht -- wer weiß wie lange Zeit. Nein, aber Solveig, sage -ich, und als ich die Decke hochhebe, da hat sie drei Eier und eine -Papiertüte mit Zucker in dem schmutzigen Bett liegen -- was sagen Sie -dazu? Na, sie sagte, sie hätte alles selber gekauft, und das mag bei -dem Zucker wohl stimmen --.“ - -„Ja, das glaube ich auch,“ sagte die andere. - -„Na ja, der war ja auch in einer Tüte, aber die Eier hat sie genommen. -Ich sagte ihr das aber auch, können Sie mir glauben. Aber nun sollen -Sie etwas hören! Letzten Sonnabend komme ich in die Küche, wir sollten -Reisbrei zu Mittag haben, oho, da steht der Topf auf dem Gase und -amüsiert sich, während das Mädel in ihrer Kammer sitzt und häkelt. Und -ich rufe sie und rühre inzwischen im Topf herum -- und was glauben -Sie, was ich mit der Kelle auffische? Ein Ei, wollen Sie das glauben? -Sie kocht sich ein Ei im Reisbrei, na ich mußte lachen, aber können -Sie sich eine solche Schweinerei vorstellen? Ich sagte ihr aber meine -Meinung und zwar gehörig. Was sagen Sie nur dazu?“ - -„O Gott, Dienstmädchen. -- Ja, wissen Sie, was meine neulich gemacht -hat? ...“ - -Diese beiden hatten sich als junge Mädchen sicher auch nach Liebe -gesehnt -- auf ihre Art. Nach einem frischen und strammen Burschen -in fester Stellung, einem Manne, der sie von den einförmigen -Arbeitstagen im Büro oder Geschäft erlöste, sie in ein kleines Heim -brachte, in dessen drei Zimmern sie all ihre eigenen Kleinigkeiten -ausbreiten durften, all diese Stickereien mit Heckenröschen und blauen -Glockenblumen, in die sie ihre Mädchenträume verwoben hatten. - -Mädchenträume der Liebe hatten auch sie geträumt. Doch jetzt -belächelten sie diese überlegen. Es war ihnen eine Genugtuung denen -gegenüber, die jetzt so träumten, festzustellen, wie ganz anders die -Wirklichkeit doch war. Sie waren stolz darauf, zu den Eingeweihten zu -gehören, welche wußten, wie die Wirklichkeit aussah. Vielleicht waren -sie sogar zufrieden. - -Glücklich dennoch, wer unzufrieden. Glücklich, wer nicht abdankte und -sich damit begnügte, daß das Leben ihm ein Armeleutedasein bot. Wer -trotzdem sagte, ich glaube meinen Träumen, kein anderes Glück gibt es -für mich außer dem, das ich begehrte. Ich glaube doch, dies Glück gibt -es. Zeigt es sich mir nicht, so trage ich eben Schuld daran, ich war -dann eine schlechte Jungfrau, die nicht imstande war, zu wachen und des -Bräutigams zu harren. Doch die klugen Jungfrauen werden ihn schauen, -sie werden in seinem Haus Einzug halten zum Tanz --. - -In dem Schlafzimmer der Mutter brannte Licht, als Jenny nach Hause kam. -Sie ging hinein und mußte von der Gesellschaft auf Ahlströms Atelier -erzählen und wie es Heggen ging. - -Ingeborg und Bodil schliefen hinten im Halbdunkel, die schwarzen -Flechten hingen über die Kissen herab. - -Es rührte Jenny nicht im geringsten, dastehen und der Mutter etwas -vorlügen zu müssen. Sie hatte es immer getan, seit sie als Schulmädchen -in munterem Tone von den Kindergesellschaften berichten mußte, auf -denen sie einsam dagesessen und der Anderen Tanz zugeschaut hatte, -unglücklich und verlassen, ein kleines Mädchen, das nicht mittanzen -konnte und nichts sagte, was den Jungen Vergnügen machte. - -Wenn Ingeborg und Bodil vom Balle kamen, saß die Mutter aufrecht im -Bett, fragte und hörte zu und lachte, vom Lampenlicht mit jugendlicher -Röte übergossen. Sie konnten der Mama immer die Wahrheit sagen, denn -die war munter und lachend. Vielleicht unterschlagen sie das eine oder -andere kleine Erlebnis, das so lustig war, daß sie es für sich behalten -wollten. Was tat das, ihr Lächeln war doch echt. - -Jenny küßte die Mutter und wünschte ihr Gute Nacht. Im Wohnzimmer riß -sie aus Versehen eine Photographie herunter. Sie hob sie auf und wußte -im Dunkeln, wer es war. Sie stellte einen Bruder von Jennys rechtem -Vater dar, mit seiner Frau und seinen Töchtern. Er hatte in Amerika -gelebt, so daß sie ihn nie zu Gesicht bekamen. Jetzt war er tot, und -niemand dachte mehr an das Bild. Sie wischte dort jeden Tag Staub und -sah es gar nicht, es war wie jeder andere Nippesgegenstand. - -Als sie in ihrem Kämmerchen war, begann sie ihr Haar zu lösen. - -Sie hatte ja immer ihrer Mutter etwas vorgelogen. Wie hätte sie ihr -gegenüber denn ehrlich sein können, ohne ihr Kummer zu bereiten? Und -wozu sollte sie es auch --? - -Niemals würde die Mutter sie verstanden haben. Bei ihr hatten Glück -und Trauer sich abgelöst, seit sie ganz jung war. -- So war sie mit -Jennys Vater glücklich gewesen und weinte über seinen Tod. Dann hatte -sie mit dem Kinde allein fortgelebt und war zufrieden gewesen. Als -sie Nils Berner traf, hatte er ihr Dasein mit neuem Glück und neuem -Elend erfüllt. Und wieder lebte sie weiter in den Kindern. Die Kinder -bedeuteten das Glück des Mutterseins, das greifbare Ausgefülltsein -einer Leere, ein Glück, das mit tatsächlichen Leiden erkauft, das allzu -körperlich, klein und warm in ihrem Arme gelegen hatte, um angezweifelt -zu werden. Ja, sein Kind zu lieben, das mußte wohl tun. Diese Liebe war -so natürlich, daß man darüber nicht zu grübeln brauchte. Eine Mutter -zweifelte nicht daran, daß sie ihr Kind liebte, daß sie sein Bestes -im Auge hatte, und zu seinem Wohle handelte, auch nicht daran, daß -das Kind sie wiederliebte. So groß aber ist die Gnade der Natur gegen -die Mütter, daß der Kinder innerster Instinkt es nicht zuläßt, die -bittersten und unheilbarsten Sorgen zur Mutter zu tragen. Sie erfahren -von nicht viel Anderem als von Krankheit und Geldsorgen. Niemals von -dem Unwiederbringlichen -- der Schande, der Niederlage im Leben -- und -wenn das Kind wimmerte vor Leid -- eine Mutter glaubt nicht, daß das -Verlorene unersetzbar sei. - -Nichts dürfte die Mutter von ihrem Kummer erfahren -- die Natur selbst -hatte dort eine Mauer errichtet. Niemals würde Rebekka Gram den zehnten -Teil von dem erfahren, was ihr Kind um ihretwillen gelitten hatte. Wie -hatte Frau Lund um ihren schönen Sohn geweint, als er verunglückte. -Noch immer trauerte sie tief und wehmütig über ihren Jungen und träumte -von der reichen Zukunft, der er entrissen worden. Seine Mutter war -die Einzige, die nicht ahnte, daß er sich erschossen hatte, um nicht -irrsinnig zu werden. - -Die Mutterliebe stand auch keinem anderen Glück im Wege. Von dieser -oder jener Mutter wußte sie, daß sie Liebhaber gehabt hatte und -glaubte, die Kinder sähen es nicht. -- Da gab es solche, die sich -scheiden ließen und auf andere Art glücklich wurden. Nur, wenn die neue -Liebe eine Enttäuschung war, so jammerten sie und waren reuig. Ihre -Mutter hatte sie vergöttert, und doch hatte ihre Liebe für Berner Raum -gehabt, sie war mit ihm glücklich gewesen. Gert hatte seine Kinder -geliebt, und eines Vaters Liebe war wohl nachdenklicher, verstehender, -weniger instinktiv, als die einer Mutter. Und doch hatte er in diesem -Winter kaum an Helge gedacht. - - - - -II. - - -Jenny hatte drinnen beim Stationsvorsteher die Post geholt. Sie gab -Franziska die Zeitungen und ihren Brief und öffnete ihren eigenen. -Draußen auf dem Kiese des Bahnsteiges mitten im Sonnenbrand stehend, -überflog sie Gerts langes Schreiben. Die liebevollen Worte am Anfang -und am Schlusse las sie, während sie das Uebrige überging. Es waren nur -lange allgemeine Betrachtungen über die Liebe. - -Jenny steckte den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn in ihre -Handtasche. Oh, diese Briefe von Gert -- sie war fast nicht imstande, -sie zu lesen. Die Worte allein zeigten ihr, daß sie sich doch nicht -verstanden. Sie fühlte es, wenn sie miteinander sprachen; beim -Schreiben trat es aber klar zutage. - -Und dennoch +war+ Wesensverwandtschaft zwischen ihnen. Warum konnten -sie dann nicht harmonieren? - -War er stärker oder schwächer als sie? Er hatte verloren und verloren, -hatte resigniert und sich an allen Ecken und Kanten beugen müssen -- -und fuhr fort zu hoffen, fuhr fort zu leben und fuhr fort zu glauben. --- War das Weichheit oder Lebenskraft? Sie verstand ihn nicht. - -Vielleicht lag es doch am Altersunterschied. Er +war+ nicht alt. Aber -seine Jugend stammte aus einer anderen Zeit. Er gehörte zu eine Jugend, -die jetzt ausgestorben war, einer Jugend mit gesünderem Glauben und -mehr Naivität. Vielleicht war auch sie naiv -- mit ihrem Glauben und -ihren Zielen. Aber dann war es eine andere Art von Naivität. Die Worte -wechseln im Laufe von zwanzig Jahren ihre Bedeutung, ob es letzten -Endes das war? - -Der Kies leuchtete rotviolett und die graugelbe Farbe an der Mauer des -Stationsgebäudes platzte in der Sonnenhitze auf. Es dunkelte einen -Augenblick vor ihren Augen, als sie vom Abhang in die Höhe blickte. Es -war seltsam, aber sie vertrug die Hitze in diesem Jahre nicht gut. - -Ueber das Kirchspiel hin zitterte der heiße Dunst von Heuwiesen und -weißen Aeckern, ganz bis hinüber zum Waldrande, der sich schwarzgrün -gegen den sommerlich blauen Himmel abhob. Die wenigen Laubbäume vor den -Gehöften trugen bereits dunkle Kronen. - -Cesca las noch immer an ihrem Brief. Er war von ihrem Manne. Ihr -Leinenkleid leuchtete weiß gegen den blauen Kies des Bahnsteigs. - -Gunnar Heggen hatte sein Gepäck auf dem hinteren Sitz des Wägelchens -verstaut. Er liebkoste das Pferd und plauderte mit ihm, während er auf -die Damen wartete. - -Cesca steckte ihren Brief fort, hob den Kopf und machte eine Bewegung, -als wollte sie etwas verjagen. - -„Ja, du mußt entschuldigen, mein Junge -- jetzt können wir fahren.“ Sie -und Jenny setzten sich auf den Vordersitz; Cesca lenkte selbst. „Das -ist furchtbar gemütlich, Gunnar, daß du kommen konntest! Ist es nicht -famos, daß wir drei wieder einige Tage zusammen sein können? Ich soll -euch beide von Lennart grüßen!“ - -„Danke. Geht es ihm gut?“ - -„O ja. Er berichtet nur Gutes. Es war wirklich genial von Papa und -Borghild, daß sie wegreisten. Ich bin jetzt mit Jenny allein auf -dem Hof, siehst du, und die alte Gina steht Kopf für uns -- das ist -herrlich!“ - -„Ja, es macht Freude, euch wiederzusehen, Mädelchen!“ - -Er lachte sie beide so offenherzig an. Aber Jenny bildete sich ein, -sie hätte einen merkwürdig ernsten Schimmer dahinter gesehen. Sie -wußte, daß sie verwelkt und müde aussah, Cesca in dem billigen, -fertiggekauften Leinenkleid glich einem Backfisch, der alt zu werden -anfing, ohne erwachsen gewesen zu sein. Es war ihr, als sei Cesca -kleiner geworden in diesem Jahre, aber sie zwitscherte und plauderte in -einem fort -- was sie zum Mittagessen bekamen und zum Kaffee, ob sie -ihn im Garten trinken sollten, und von all dem Likör und Whisky und -Selterwasser, was sie eingekauft hatte. - - * * * * * - -Als Jenny in der Nacht in ihr Zimmer hinaufkam, setzte sie sich auf das -Fensterbrett und ließ sich den frischen Luftzug, der mit den Gardinen -spielte, über das Antlitz wehen. Sie war ziemlich berauscht -- ganz -unbegreiflich war es ihr, aber Tatsache. - -Sie konnte nicht verstehen, wie es zugegangen war. Anderthalb Glas -Whisky und einige Gläschen Likör war alles, was sie getrunken, und -sogar nach dem Abendessen -- allerdings hatte sie nicht viel gegessen, -aber sie hatte augenblicklich keinen Appetit. Starken Kaffee hatte es -auch gegeben. - -Vielleicht war gerade der Kaffee schuld -- und die Zigaretten. Obgleich -sie jetzt weniger rauchte als früher. - -Jedenfalls hatte sie Herzklopfen und ein widerliches Hitzegefühl -durchrann sie in großen Wogen, so daß sie in Schweiß gebadet war. Das -Bild dort draußen drehte sich langsam vor ihren Augen -- vorwärts und -zurück -- die graugefärbte Ebene, das blaßleuchtende Blumenbeet und die -dunklen Baumkronen des Gartens an dem weißlichen Sommernachtshimmel. -Das Zimmer lief rund um sie her. - -Sie wankte, als sie die Waschschüssel mit Wasser füllte. Unsicher in -den Bewegungen war sie auch. Das ist doch aber ein Skandal. Es geht -bereits bergab mit dir, mein Kind. Nun verträgst du keinen Alkohol -mehr. Früher hatte sie das Doppelte trinken können, ohne etwas zu -verspüren. - -Erst hielt sie die Hände mit dem Puls unter Wasser. Dann badete sie -lange ihr Gesicht. Riß sich die Kleider vom Körper und ließ das Wasser -von dem nassen Schwamm über den ganzen Leib rieseln. - -Gott weiß, ob Gunnar und Cesca etwas gemerkt hatten. Sie selbst hatte -zwar erst jetzt, als sie heraufkam, etwas verspürt. Wie gut, daß der -Oberstleutnant und Borghild nicht zu Hause waren. - -Es wurde besser, als sie sich eine Weile gewaschen hatte. Sie zog ihr -Nachthemd über und setzte sich wieder ans Fenster. - -Die Gedanken schwirrten ziellos zwischen Fragmenten der Gespräche des -Tages mit Gunnar und Cesca umher. Mitten drin stand ihre Verwunderung -hellwach still -- vor der Erkenntnis, daß sie sich betrunken hatte! Es -war ihr noch nie zuvor begegnet -- sie kannte das Gefühl kaum, auch -wenn sie einmal viel trank. - -Jetzt war es übrigens sicher vorbei, sie fühlte sich matt und schläfrig -und kalt. Sie stand auf und taumelte in das große Himmelbett. Wenn sie -nun erst am späten Vormittag erwachte -- jedenfalls würde es eine neue -Erfahrung sein. - -Soeben hatte sie sich in den Kissen zurechtgelegt und die Augen -geschlossen, als die widerwärtige üble Hitze sie wieder überflutete, so -daß der Schweiß aus allen Poren brach. Das Bett wankte wie ein Schiff -im Wellengang, so daß sie seekrank wurde. Sie lag eine Weile still da -und versuchte, Herr über diese widerliche Empfindung zu werden -- ich -will nicht, ich will nicht. Aber es nutzte nichts -- der Mund lief -voller Wasser. Es war gerade noch Zeit genug, zum Zimmer zu gelangen, -ehe sie sich erbrach. - -Aber du großer Gott, war sie wirklich so betrunken? Jetzt wurde es -geradezu unangenehm. Aber nun war es wohl vorüber. Sie brachte alles -wieder in Ordnung, trank einen Schluck Wasser und legte sich nieder. -Jetzt konnte sie vielleicht schlafen. - -Aber als sie kurze Zeit mit geschlossenen Augen gelegen hatte, -begann der Seegang von neuem, ebenso Schweiß und Uebelkeit. Es war -erstaunlich, da sie doch jetzt völlig klar im Kopfe war. Trotzdem mußte -sie noch einmal auf. - -Im Augenblick, als sie zum Bett zurückging, blitzte ein Gedanke in ihr -auf. -- - -Still. Sie legte sich hin und bohrte den Nacken ins Kopfkissen. Es -war ja unmöglich. Sie wollte nicht daran denken. Aber sie konnte es -nicht lassen und überlegte sich: Sie hatte sich die ganze letzte Zeit -hindurch nicht wohl gefühlt. - -Müde und zermürbt war sie natürlich. Zerquält und nervös. Deshalb -hatte sie vielleicht nicht das winzige Bißchen gestern Abend vertragen -können. Wahrhaftig, sie begriff, daß Menschen Abstinenzler wurden nach -einigen solchen Nächten. - -An das Andere +wollte+ sie nicht denken. War es traurige Wirklichkeit, -so erfuhr sie es noch zeitig genug. Nur sich nicht mit Beängstigungen -plagen, ehe es notwendig war. - -Jenny öffnete das Nachtkleid und strich sich über die Brüste. - -Sie +wollte+ schlafen. -- Jetzt könnte sie natürlich nicht aufhören, an -diesen Unsinn zu denken -- ach. Sie war doch so müde. - -In der ersten Zeit mußte sie natürlich immer daran denken, daß es wohl -Folgen haben könnte und war einige Male ängstlich gewesen. Sie hatte -aber ihre eigene Furcht beim Schopfe gepackt und sich gezwungen, sie in -vernünftigem Lichte zu sehen -- ja, wenn nun etwas geschähe? Zum großen -Teil war es ja sinnloser Aberglaube, diese Furcht davor, ein Kind zu -bekommen. Derartiges geschah eben häufig -- wollte sie schlechter sein -als alle die Arbeiterinnen, die sich allein mit dem Kind zurechtfanden? -Der größte Teil des Schrecks stammte ja von der Zeit, als eine -unverheiratete Frau in solchem Falle zum Vater oder zu Verwandten gehen -und bekennen mußte, daß sie leichtsinnigen Vergnügungen nachgegangen -war, und daß sie nun die Kosten bezahlen sollten -- sogar mit der -Aussicht, später niemals ihre Versorgung auf jemand anders abschieben -zu können. So daß diese dann mit gutem Recht erbittert waren. - -Aber niemand hatte das Recht, sich über sie zu erbittern. Schlimm -war es natürlich der Mama wegen. Aber Herrgott, wenn ein erwachsener -Mensch versuchte, sein Leben nach eigenem Gewissen zu leben, so hatten -die Eltern zu schweigen. Sie hatte versucht, ihrer Mutter so viel zu -helfen, wie es ihr möglich war, hatte sie nie mit Sorgen geplagt, -niemals ihren Ruf einer leichtsinnigen Tat wegen aufs Spiel gesetzt --- in Vergnügen oder Bummeln. Aber dort, wo ihre Ansichten über Recht -und Unrecht mit denen guter Bürger auseinander gingen, hatte sie den -eigenen zu folgen, selbst wenn es der Mutter weh tun würde, daß die -Bürger häßlich von ihr redeten. - -War ihr Verhältnis mit Gert sündig, so bestand die Sünde jedenfalls -nicht darin, daß sie zuviel gegeben hatte, sondern zu wenig. Und wie es -auch endete, so mußte sie dafür leiden und durfte nicht mucksen. - -Ein Kind zu versorgen, müßte sie eigentlich genau so gut imstande sein -wie alle die Mädchen, die nicht ein Zehntel von dem konnten, was sie -an Fähigkeiten besaß. Etwas Geld hatte sie ja auch noch übrig, so daß -sie fortreisen konnte. War es auch ein kümmerlicher Beruf, den sie sich -gewählt -- viele ihrer Kollegen mußten doch sogar Frau und Kinder damit -ernähren. Außerdem hatte sie, seit sie annähernd erwachsen war, anderen -helfen müssen. - -Natürlich wäre es ja das Beste, der Sache zu entgehen. Bisher war es ja -gut gegangen. - -Sie wollte nicht daran denken. -- - -Gert würde wohl verzweifelt sein. - -Oh, aber Herrgott -- wenn es zutraf -- jetzt! Wäre es wenigstens damals -gekommen, als sie ihn liebte -- oder ihn zu lieben glaubte. Damit sie -in diesem Glauben hätte von ihm fortreisen können. Aber jetzt, jetzt, -wo alles, was zwischen ihnen bestanden hatte, in kleine Stückchen -zerbröckelte, von ihrem Denken und Grübeln aufgezehrt. - -Sie hatte es in diesen Wochen hier auf Tegneby klar empfunden, -daß es so nicht weitergehen könne. Sie hatte sich hinausgesehnt, -nach neuen Verhältnissen, neuer Arbeit. Ja, die Arbeitssehnsucht -war zurückgekehrt. Sie hatte dieses krankhafte Verlangen von -sich abgeschüttelt, sich an einen Menschen anzuklammern, von ihm -umschmeichelt, umsorgt und „kleines Mädchen“ genannt zu werden. - -Sie hatte sich im Schmerz zusammengekrampft, wenn sie an den Bruch -dachte, und daß sie ihm wehe tun mußte. Aber Herrgott -- sie hatte -ihm doch gegeben, solange sie konnte. Gert war glücklich gewesen. -Jedenfalls war er dem erniedrigenden Sklavendasein mit ihr -- der Frau --- entronnen. - -Was sie selbst betraf, so hatte sie resigniert. Arbeit und Einsamkeit -würden ihr Leben bedeuten. Diese Monate aus ihrem Dasein auslöschen, -das wußte sie, konnte sie nicht. Sie würde die Erinnerung daran -behalten und die bittere Lehre dieser Zeit, daß die Liebe, die vielen -genügte, nicht für sie ausreichte, mit sich nehmen. Für sie schien es -besser, zu entbehren, als sich zu begnügen. - -O ja, vergessen würde sie diese Monate nicht. Aber gemildert würden -sie vor ihr stehen, und umgedichtet zu Erinnerungen an das kurze, -schmerzdurchzogene Glück und die bittere, reueerfüllte Qual. Mit der -Zeit wollte sie die Erinnerung an den Mann, gegen den sie blutiges -Unrecht verübt hatte, halbwegs auszulöschen suchen. - -Und jetzt trug sie vielleicht sein Kind. - -Aber es war ja undenkbar. Es war ja sinnlos, darüber nachzugrübeln. -Aber wenn es doch Wahrheit wurde? - - * * * * * - -Jenny schlummerte endlich ein. Draußen war es schon ganz hell. Sie -schlief traumlos und tief. Als sie aber auffuhr, hellwach, war es nicht -viel lichter. Der Himmel war drüben über den Baumkronen des Gartens ein -wenig gelblicher und die Vögel zwitscherten schläfrig. - -Die gleichen Gedanken stellten sich im selben Augenblick wieder ein. -Jenny wußte, daß sie diese Nacht kaum mehr schlafen würde. Resigniert -gab sie nach und dachte alles von neuem durch. - - - - -III. - - -Heggen reiste ab und Oberstleutnant Jahrmann kehrte mit seiner ältesten -Tochter zurück. Diese fuhren dann wieder weiter zu einer verheirateten -Schwester Franziskas. - -Cesca und Jenny waren nun wieder allein auf Tegneby. Sie gingen jede -für sich umher, in ihre Gedanken eingesponnen. - -Jenny wußte jetzt bestimmt, daß sie schwanger war. Was es aber in -Wirklichkeit bedeutete, hatte sie sich noch nicht klargemacht. -Versuchte sie, ein wenig in die Zukunft zu denken, so streikte ihre -Phantasie. Eigentlich war ihr jetzt ungleich wohler zumute, als in den -verzweifelten Wochen, als sie unablässig darauf wartete, daß es sich -als Irrtum erweisen sollte. - -Sie tröstete sich damit, daß sich wohl ein Ausweg für sie, wie für die -vielen anderen, finden würde. Von ihrer Reise ins Ausland hatte sie -ja schon seit dem Herbst gesprochen. Wie an eine schwache Möglichkeit -dachte sie an Paris -- dorthin zu fahren und zu einer ~age-femmes~ -zu gehen. Aber sie mochte es sich nicht genauer überlegen. - -Ob sie überhaupt Gert gegenüber erwähnen wollte, wie es mit ihr stand, -wußte sie nicht. Sie hatte die Absicht, es nicht zu tun. - -Wenn sie nicht mit sich selbst beschäftigt war, so dachte sie an Cesca. -Mit ihr war auch etwas nicht so, wie es sollte. Trotzdem war sie -sicher, daß Cesca Ahlin sehr gern hatte. War er es, der sich nichts -mehr aus ihr machte? - -Cesca hatte es schwer gehabt das Jahr hindurch, während sie verheiratet -gewesen, das merkte Jenny. Sie war so klein und schüchtern geworden. -Furchtbar beschränkt waren ihre Verhältnisse, und sie saß abends -eine Stunde nach der anderen auf Jennys Bettrand und klagte über ihre -häuslichen Widerwärtigkeiten. Stockholm war so teuer und billiges Essen -herzustellen war schwer, wenn man so etwas nicht gelernt hatte. Alle -Hausarbeit ging schwer von der Hand, wenn man so irrsinnig erzogen -worden war wie sie. Und es war zum Verzweifeln, daß man die Arbeit, -kaum daß sie getan war, wieder von neuem in Angriff nehmen mußte. -Sowie sie das Haus gereinigt hatte, war es wieder schmutzig, und -kaum war sie mit dem Essen fertig, mußte aufgewaschen werden -- und -dann hatte sie schon wieder Essen zu kochen und wieder abzuwaschen. --- Wenn Lennert auch versuchte, ihr zu helfen, so war er doch ebenso -ungeschickt und unpraktisch wie sie selbst. Dazu kamen ihre Sorgen -um ihn -- das Monument hatte er nicht bekommen -- niemals begegnete -er einer Anerkennung, trotzdem er doch so begabt war. Er war aber -nur zu vornehm, sowohl als Mensch wie als Künstler. Das war nun eben -nicht zu ändern, sie wünschte ja auch nicht, daß er anders wäre. Dann -diese langwierige Krankheit im Frühling -- zwei Monate hatte er an -Scharlachfieber und Lungenentzündung und anderen Krankheiten, die -eine Folge davon waren, gelegen -- diese Zeit hatte Cesca furchtbar -angegriffen. - -Da war aber etwas anderes, wovon Cesca nicht sprach -- das fühlte -Jenny. Jenny wußte auch, sie konnte nicht so gegen Cesca sein wie -früher, sie hatte nicht mehr das ruhige Herz und den offenen Sinn, um -anderer Sorgen hinnehmen und trösten zu können. Es schmerzte sie, daß -sie Cesca nicht helfen konnte. - -Cesca war eines Tages nach Moß gefahren, um Einkäufe zu machen. Jenny -wollte sie nicht begleiten, so blieb sie denn daheim und vertrieb sich -die Zeit im Garten. Sie las, um nicht zu denken, und begann, Muster zu -stricken, weil sie die Gedanken nicht bei ihrer Lektüre sammeln konnte. -Aber sie verzählte sich bei der Arbeit, mußte trennen und strickte -wieder, indem sie sich zwang, aufzupassen. - -Cesca kam nicht zum Essen nach Hause, wie sie versprochen hatte. Jenny -aß schließlich allein und beschäftigte sich den Nachmittag über, so -gut es ging. Sie rauchte, aber die Zigaretten schmeckten nicht, sie -strickte, aber die Arbeit sank ihr jeden Augenblick in den Schoß. - -Endlich gegen zehn Uhr fuhr Cesca die Allee herauf. Jenny war ihr -entgegengegangen. Gleich nachdem sie zu ihr auf das Wägelchen gestiegen -war, sah sie, daß irgendetwas vorgefallen sein mußte. Aber keine von -ihnen sprach. - -Erst gegen Ende der Mahlzeit, als sie bei der letzten Tasse Tee saßen, -sagte Franziska, ohne Jenny anzublicken, leise: - -„Weißt du, wen ich heute in der Stadt traf?“ - -„Nein?“ - -„Hans Hermann. -- Er ist zu Besuch auf Jelö. Dort lebt ein altes, -reiches Fräulein Oehrn, bei der er wohnt. Sie protegiert ihn sozusagen -in Allem.“ - -„Ist seine Frau mit?“ fragte Jenny nach einer Weile. - -„Nein, sie sind jetzt geschieden. Die Aermste, sie verlor ihren kleinen -Jungen im Frühling, ich las es in der Zeitung.“ - -Dann begann Cesca von anderen Dingen zu sprechen. - - * * * * * - -Als Jenny sich aber niedergelegt hatte, schlich sie zu ihr hinüber. -Sie kroch ins Himmelbett hinauf, setzte sich ans Fußende, zog die -Beine hoch und deckte ihren Nachtrock darüber. Die Arme über die -Knie verschränkt, saß sie in der weißen Dämmerung des Bettes; das -schwarzhaarige Köpfchen hob sich wie ein dunkler Schattenfleck gegen -die hellen Gardinen ab. - -„Du, ich reise morgen nach Hause. Ich telegraphiere morgen früh an -Lennart, und mittags fahre ich dann. Du weißt ja, Jenny, daß du -durchaus hier bleiben darfst, solange du Lust hast. Du mußt mich nicht -für rücksichtslos halten, aber ich wage es nicht, ich reise sofort.“ - -Sie atmete schwer. - -„Ich verstehe es nicht, Jenny. Ich habe mit ihm gesprochen und er hat -mich geküßt, und doch schlug ich nicht nach ihm. Ich hörte allem zu, -was er mir sagte, und ich schlug ihm nicht einmal mitten ins Gesicht. -Ich +liebe+ ihn nicht mehr, das weiß ich jetzt, und dennoch hat er -diese Macht über mich. Weißt du, daß ich Furcht habe? Ich wage nicht -hierzubleiben, denn ich weiß nicht, wozu er mich verleiten könnte. Wenn -ich jetzt an ihn +denke+, so hasse ich ihn, aber ich werde geradezu -versteinert, wenn er spricht. Ich kann nicht verstehen, daß ein Mensch -so zynisch sein kann, so brutal, so +schamlos+! Es ist geradezu, als -könne er nicht begreifen, daß es etwas gibt, was Ehre und Scham heißt. -Er rechnet nicht damit und glaubt nicht, daß es andere tun. Er geht -ohne weiteres davon aus, daß es nur aus Berechnung geschieht, wenn wir -anderen an Recht und Unrecht glauben. Es ist mir, als hypnotisierte er -mich damit. Denk dir, ich bin den ganzen Nachmittag mit ihm zusammen -gewesen, und ich hörte mir an, was er sagte. Ach Gott, er sprach davon, -daß ich jetzt verheiratet sei und daß ich nun meiner Tugend wegen nicht -so zimperlich zu sein brauchte oder wie er sagte. Uebrigens deutete -er an, daß er jetzt frei sei und daß ich mir irgendwie Hoffnungen -machen dürfte, glaube ich. Er küßte mich im Park, und mir war, als -müßte ich aus vollem Halse schreien, aber ich konnte nicht einen Laut -hervorbringen. O Gott, wie war mir Angst! Er sagte, er käme übermorgen -hier hinaus -- morgen haben sie große Gesellschaft. Und die ganze Zeit -ging er mit dem Lächeln umher, vor dem ich schon früher solche Furcht -hatte. -- - -Muß ich nicht reisen, wenn es so mit mir steht?“ - -„Doch, Cesca.“ - -„Ich bin sicher eine Gans. -- Aber du begreifst --“ rief sie plötzlich -heftig aus. „Ich wage es nicht, mich auf mich selbst zu verlassen. -Aber eines kannst du mir glauben: wäre ich Lennart untreu geworden, -weiß Gott, ich ginge geradenwegs zu ihm und erzählte es ihm, und dann -brächte ich mich sofort vor seinen Augen um --.“ - -„Liebst du deinen Mann?“ fragte Jenny leise. - -Franziska schwieg einen Augenblick. - -„Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn richtig lieb hätte, so wie man soll, -dann hätte ich keine Angst vor Hans Hermann. Meinst du nicht auch, daß -ich Hans dann hätte ohrfeigen müssen, wenn er mich so behandelte und -mich küßte? Aber jedenfalls weiß ich, daß ich nicht würde weiterleben -können, wenn ich Lennart Unrechtes angetan hätte, verstehst du. Während -ich Franziska Jahrmann war, war ich nicht weiter vorsichtig mit dem -Namen. Aber jetzt heiße ich Franziska Ahlin. Und hätte ich nur den -Schatten eines Mißtrauens auf diesen Namen fallen lassen -- seinen -Namen -- so verdiente ich, daß er mich wie eine Dirne niederschösse. -Dazu ist Lennart nicht imstande, aber ich bin es, das weiß ich --.“ - -Sie löste ihre Glieder plötzlich aus der verschlungenen Stellung und -schmiegte sich dicht an Jenny. - -„Nicht wahr, du glaubst an mich? Meinst du wohl, daß ich leben könnte, -wenn ich etwas Ehrloses getan hätte?“ - -„Nein, Cesca.“ Jenny zog sie an sich und küßte sie. „Ich glaube nicht, -daß du es könntest.“ - -„Ich weiß nicht, was Lennart denkt. Er versteht mich nicht, siehst du. -Wenn ich aber nach Hause komme, so sage ich ihm alles. Wie es ist. Das -muß sein.“ - -„Cesca,“ sagte Jenny sanft. Aber dann wollte sie doch nicht fragen, ob -Cesca glücklich war. - -Aber Cesca begann von selbst zu erzählen. - -„Ich habe es die ganze Zeit über schwer gehabt, siehst du. Es ist nicht -alles so einfach gegangen, das kannst du glauben. Ich war in vieler -Beziehung so unvernünftig, als ich mich verheiratete. Ich nahm Lennart -ja, weil Hans wieder anfing, mir zu schreiben, nachdem er geschieden -war, und weil er schrieb, daß er mich jetzt haben +wollte+. Ich hatte -aber vor ihm Angst und wollte nicht wieder mit dergleichen beginnen. -Das alles sagte ich Lennart, und er war so fein und lieb; er verstand -alles und ich fand, er sei der großartigste Mensch auf der ganzen -Welt. Das +ist+ er auch, das weiß ich sehr gut. Aber dann tat ich etwas -Entsetzliches. Lennart kann es nicht verstehen und ich weiß, er wird es -mir nie verzeihen. Vielleicht ist es verkehrt von mir, es zu erzählen, -aber ich verstehe es doch nicht, Jenny. Ich +muß+ einen Menschen -fragen, ob es so schlimm ist, daß ein Mann es nie verzeihen kann. Und -du mußt mir ganz offen antworten, ganz offen, hörst du, ob du glaubst, -daß es nie wieder gutzumachen ist .... Wir reisten nachmittags, nach -Rocca di Papa, nachdem wir getraut waren. Du weißt ja, welch furchtbare -Angst ich davor hatte und wie mir davor graute. Dann am Abend, als -Lennart mich in unser Zimmer führte und ich das große Doppelbett sah, -begann ich fürchterlich zu weinen. Lennart war aber so lieb -- ich -sollte dem entgehen, so lange ich selbst wollte. Das war an einem -Sonnabend. Wir hatten es nicht besonders gemütlich, das heißt Lennart -nicht, glaube ich. Ich wäre ja heilfroh, auf diese Art verheiratet zu -sein. Jeden Morgen, wenn ich erwachte, war ich so dankbar, aber ich -durfte fast nicht meinen eigenen Gatten küssen. Dann am Mittwoch waren -wir auf den Gipfel des Monte Cavo hinaufgestiegen. Es war so wunderbar -schön dort oben. Wir schrieben Ende Mai und die Sonne schien. Der -Kastanienwald, eben aufgesprungen, leuchtete, der Goldregen blühte wie -toll an den Hängen herab, und am Wege entlang standen unzählige weiße -Blumen und Lilien. Die Luft war ganz dunstig von der Sonne -- es hatte -einige Stunden vorher geregnet -- und der Nemisee und Albanersee lagen -silberweiß vor uns unter dem Waldabhang, umgeben von all den kleinen -weißen Städten. Drüben die ganze Campagna und Rom in einen weißen -Nebelschleier gehüllt. Und ganz fern das Mittelmeer wie ein matter -Goldrand am Horizont. O, es war so herrlich, so herrlich, und ich fand -das Leben so wunderbar, nur Lennart war traurig. -- Ich fühlte, er war -der vorzüglichste Mensch auf der Welt und ich hatte ihn so grenzenlos -lieb, das andere war nur furchtbarer Unsinn, das empfand ich plötzlich. -Da schlang ich die Arme um seinen Hals und sagte: ‚Jetzt will ich ganz -dein werden, denn ich liebe dich --.‘“ - -Cesca schwieg und atmete schwer. - -„Ach Gott, Jenny, der Junge wurde so glücklich, der Aermste.“ -Sie verschluckte ihre Tränen. „Ja, er wurde froh. ‚Jetzt,‘ sagte -er, ‚hier?‘ Er nahm mich auf den Arm und wollte mich in den Wald -hineintragen. Ich aber wehrte mich und sagte: ‚heute Nacht, heute -Nacht!‘ O, Jenny, ich verstehe ja nicht, warum ich es tat, eigentlich -wollte ich es aber doch. Es wäre schön gewesen, in dem tiefen Wald mit -der Sonne über uns. Aber ich tat, als wollte ich nicht -- Gott mag -wissen, warum. Dann am Abend, als ich mich zur Ruhe gelegt und nun -die vielen Stunden hindurch auf diesen Augenblick gewartet hatte, als -dann Lennart kam -- ja, da begann ich denn wieder zu heulen --. Doch -da raste er hinaus, siehst du, und blieb die ganze Nacht über weg. Ich -lag wach. Ich weiß nicht, wo er geblieben war. Wir reisten am nächsten -Vormittag nach Rom zurück und wohnten im Hotel. Lennart mietete zwei -Zimmer, aber ich ging zu ihm hinein. Schön war es aber dann nicht mehr. -Seitdem ist es zwischen mir und Lennart nie wieder gut geworden. Ich -verstehe wohl, daß ich ihn furchtbar gekränkt haben muß. Aber du sollst -mir sagen, Jenny, ob du glaubst, daß ein Mann so etwas vergessen oder -verzeihen kann?“ - -„Er müßte später eingesehen haben,“ sagte Jenny leise und unsicher, -„daß du es damals nicht verstandest, die Gefühle nicht kanntest, die du -gekränkt hast.“ - -„Nein.“ Cesca erschauerte. „Ich verstehe es jetzt. Ich verstehe, daß es -etwas Fleckenloses, Reines und Schönes war, das ich beschmutzte. Aber -ich wußte es damals nicht. Jenny -- kann eines Mannes Liebe das niemals -überwinden?“ - -„Sie müßte es können. Du hast ja späterhin bewiesen, daß du seine -gute, treue Frau sein wolltest. Jetzt im Winter rackertest du dich ab, -mühtest du dich ab und klagtest nicht. Im Frühling, als er krank war, -wachtest du Nacht für Nacht, pflegtest ihn Woche für Woche.“ - -„Das war ja gar nichts,“ sagte Cesca eifrig. „Er war so gut und -geduldig und half mir, so viel er konnte, bei meiner mühevollen Arbeit, -wie du es nennst. Und während seiner Krankheit kamen hin und wieder -Freunde von ihm und halfen bei der Nachtwache. In der Woche, als er -fast im Sterben lag, hatten wir übrigens auch eine Schwester, aber ich -wachte trotzdem, weil ich so gern wollte, verstehst du, aber ich hätte -es natürlich nicht nötig gehabt.“ - -Jenny küßte Cesca auf die Stirn. - -„Aber etwas habe ich dir noch nicht erzählt, Jenny. Ja, du hast mich -auch vor dem gewarnt, wofür mir der Instinkt fehlte, und Gunnar hatte -gescholten. Fräulein Linde sagte sogar einmal frei heraus, weißt du -noch, daß ein Mann, wenn man ihn aufreizte, zu einer anderen ginge --.“ - -Jenny erstarrte vor Schreck. - -Cesca nickte in die Kissen: - -„Ja, ich fragte ihn also so etwas Aehnliches -- an jenem Morgen --.“ - -Jenny lag vollkommen sprachlos da. - -„Ich kann mir denken, daß er das nicht vergessen kann. Und nicht -verzeihen. Wenn er es nur ein wenig entschuldbar fände, sich vorstellen -könnte, wie grenzenlos unerfahren ich alles ansah. Aber später --“ Sie -suchte nach Worten. „Es ist -- so unharmonisch zwischen uns geworden -- -alles. Es ist, als +wollte+ er mich nicht anrühren; geschieht es, dann -ist es gegen seinen Willen und hinterher ist er böse, sowohl auf sich -selbst als auf mich. Trotzdem ich versucht habe, es ihm zu erklären. -Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht recht, was eigentlich dabei ist. Ich -habe keinen Widerwillen mehr dagegen, wenn ich ihm eine Freude damit -machen kann. Alles, womit ich Lennart eine Freude bereiten kann, ist -gut und schön für mich. Er glaubt, es seien Opfer, aber das ist nicht -wahr, im Gegenteil. O, ich habe Nacht für Nacht in meinem Zimmer -geweint, weil ich wußte, er sehnte sich nach mir, ich habe versucht, -ihn herbeizulocken, Jenny, mit dem Bißchen, das ich konnte -- und er -stößt mich von sich --. Ich habe ihn so gern, Jenny. Sag mir, kann man -nicht sehr gut einen Mann auf diese Art liebhaben? Kann ich nicht sehr -gut sagen, ich liebe Lennart?“ - -„Doch, Cesca.“ - -„O, wie verzweifelt war ich! Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich -so geschaffen bin. Dann, wenn wir mit anderen Künstlern ausgingen, war -er schlechter Stimmung. Er sagt nichts, aber ich weiß, er findet, daß -ich mit ihnen kokettiere. Das ist sicher wahr, denn ich werde guter -Laune, wenn ich auswärts essen darf und einen Abend kein Essen zu -kochen und hinterher nicht aufzuwaschen brauche. Manchmal war ich auch -froh, nicht mit Lennart allein sein zu müssen, trotzdem ich ihn gern -habe und er mich -- das tut er, o ja, das weiß ich wohl, und frage ich -ihn danach, so sagt er: das weißt du ja, und lacht dann so seltsam und -bitter. Aber er vertraut mir nicht, weil ich ihn nicht so -- sinnlich --- lieben kann und trotzdem kokett bin. Einmal sagte er, ich ahnte ja -nicht, was Liebe bedeute, und es wäre wohl seine Schuld, daß er mich -nicht habe erwecken können, es würde aber vielleicht ein anderer kommen --- o Gott, wie ich weinte. Dann jetzt im Frühjahr. Du weißt ja, wir -haben nicht viel zum Leben. Gunnar verkaufte mir das Stilleben, das ich -vor drei Jahren ausgestellt hatte, für dreihundert Kronen. Wir lebten -viele Monate von diesem Geld, aber Lennart mochte nicht, daß wir Geld -verbrauchten, das ich verdient hatte. Ich verstehe ja nicht, was das -ausmachen soll, wenn wir uns liebhaben. Aber er sagt immer, daß er mich -ins Elend hinabgezerrt habe. Schulden haben wir auch, natürlich. Ich -wollte dann einmal an Papa schreiben und ihn bitten, mir einige hundert -Kronen zu schicken. Aber das durfte ich nicht. Ich fand es so ungerecht --- Borghild und Helga hatten zu Hause gelebt und alles von Papa -bekommen. Er hat sie ins Ausland geschickt, während ich mich von dem -kleinen Erbteil von Mama durchgespart und durchgeschlagen habe, seit -ich mündig wurde, weil ich nicht einen Oere von Papa annehmen wollte, -nachdem er das zu mir gesagt hatte, als ich mit Leutnant Kaarsen -auseinanderging und dieses Gerede über mich und Hans entstand. Aber -er hat es zurückgenommen und gibt jetzt zu, daß ich Recht hatte. Es -war gemein, sowohl von Kaarsen als von denen zu Hause, mich zwingen zu -wollen, weil er mich zu der Verlobung verleitet hatte, als ich siebzehn -Jahre alt war und nicht wußte, daß eine Ehe etwas anderes bedeutet als -das, was in den verdammten Backfischbüchern steht. Als ich anfing, es -zu verstehen, wußte ich, daß ich mich lieber umbringen würde als mich -mit ihm zu verheiraten. Hätten sie mich aber dazu gebracht -- oh, ich -wäre reizend geworden, ich hätte alle Liebhaber genommen, die ich hätte -bekommen können, nur aus Trotz, um mich an ihnen allen zu rächen. Papa -versteht es jetzt und hat gesagt, daß ich Geld von ihm bekommen könne, -wenn ich wolle --. Als aber Lennart so krank war und so elend, als sie -dann sagten, er müßte aufs Land, um gut zu leben, und als ich selbst -so müde und elend war, da sagte ich zu ihm, daß ich aufs Land müßte, -um mich auszuruhen, weil ich ein Kindchen bekäme. So durfte ich denn -an Papa schreiben und um Geld bitten, wir reisten hinauf nach Vermland -und lebten dort so herrlich, Lennart erholte sich gut und ich begann, -wieder zu malen. Aber allmählich merkte er natürlich, daß ich doch kein -Kind bekam. Als er fragte, ob ich mich nicht geirrt hätte, sagte ich -ihm, ich hätte gelogen, denn ich wollte ihn jetzt nicht wieder belügen. -Darüber ist er aber auch böse, das weiß ich. Ich glaube, er traut mir -nicht recht und das ist so schrecklich. Wenn er mich verstände, so -müßte er doch an mich glauben, meinst du nicht?“ - -„Doch, Cesca.“ - -„Ich habe es früher schon einmal gesagt, daß ich ein Kindchen bekommen -würde -- im Herbst, als er so traurig war und es uns so schlecht ging. -Damit er fröhlich werden sollte und lieb zu mir. Das war er dann auch --- o, du kannst dir nicht denken, wie herzlich es war. Ich +hatte+ -gelogen, aber denke dir, ich glaubte zum Schluß selber daran, daß es -wahr wäre. Ich meinte, Gott würde es so einrichten, damit ich ihn nicht -zu enttäuschen brauchte. Aber daraus wurde freilich nichts. Ich bin so -verzweifelt, daß ich kein Kind bekomme. Jenny, glaubst du, daß es wahr -ist: manche sagen --“ sie flüsterte bebend -- „daß eine Frau, die keine -solche -- Leidenschaft empfinden kann, keine Kinder bekommt?“ - -„Nein,“ sagte Jenny hart. „Das ist bestimmt nur Unsinn.“ - -„Ich weiß ganz sicher, daß dann alles gut würde. Lennert wünscht es so -furchtbar. Und ich -- ja, ich glaube, ich würde ein wahrer Engel werden -aus Freude, wenn ich mein eigenes Kindchen hätte. Kannst du dir so -etwas wunderbar Schönes vorstellen?“ - -„Ja,“ flüsterte Jenny mühsam. „Wenn ihr euch doch liebt. Es würde über -viele Hindernisse hinweghelfen.“ - -„Ach gewiß. Wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich einmal zu einem -Arzt gehen. Ich glaube übrigens, daß ich es eines Tages tue. Meinst -du nicht, daß ich es sollte? Wenn ich mich nur nicht so genierte -- -aber das ist dumm. Es ist ja übrigens einfach meine Pflicht, wenn -ich verheiratet bin. Ich kann ja zu einer Aerztin gehen, zu einer -verheirateten Frau, die Kinder und alles hat. O denk dir nur: ein -kleines winziges Wesen, das einem selbst gehört, wie froh würde Lennart -sein!“ - -Jenny biß in der Dunkelheit die Zähne zusammen. - -„Meinst du nicht, daß ich morgen reisen sollte?“ - -„Doch.“ - -„Ich sage Lennart alles. Ich weiß nicht, ob er es verstehen wird, wenn -ich es auch selbst nicht kann. Aber ich +will+ ihm immer die Wahrheit -sagen. Muß ich das nicht, Jenny?“ - -„Wenn du es für richtig hältst, so sollst du es tun. Ach, Cesca, man -sollte immer das tun, was man für recht hält und niemals das, wovon -man nicht sicher weiß, ob es richtig ist, Cesca.“ - -„Ja, das ist wahr! Gute Nacht, meine Jenny, ich danke dir.“ Sie drückte -plötzlich die Freundin heftig an sich. „Es ist so herrlich, sich mit -dir auszusprechen. Du verstehst es so gut, mich richtig zu nehmen. Du --- und Gunnar. Ihr bringt mich immer auf den rechten Weg. Ich wüßte -nicht, was ich ohne dich tun sollte.“ - -Sie stand einen Augenblick neben dem Bett: - -„Kannst du nicht im Herbst über Stockholm fahren? O, tu es doch! Du -kannst bei uns wohnen, ich bekomme jetzt tausend Kronen von Papa, das -soll nämlich auch Borghild für eine Pariser Reise erhalten.“ - -„Ich weiß nicht recht. Ich hätte schon Lust?“ - -„Ach tu es doch! Bist du schläfrig? Soll ich gehen?“ - -„Ja, ich bin ein wenig müde.“ Sie zog Cesca zu sich herab und küßte -sie. „Gott behüte dich!“ - -Cesca schlürfte mit den bloßen Füßen über den Fußboden. In der Tür -sagte sie mit ihrer kleinen traurigen Kinderstimme: - -„Ich wünschte so sehr, daß Lennart und ich glücklich würden, du!“ - - - - -IV. - - -Gert und Jenny gingen unter den mageren Nadelbäumen Seite an Seite über -den Weg hinab. Einmal stand er still und pflückte einige vertrocknete -Erdbeeren, sprang ihr nach und steckte sie ihr in den Mund. Sie -lächelte ein wenig zum Dank und er nahm ihre Hand, während sie hinunter -gingen, dem Wasser zu, das hinter den Bäumen unter der Sonnenbrücke -bläulich schimmerte. - -Er sah fröhlich und jung aus in dem hellen Sommeranzug. Der Panamahut -verbarg sein Haar. - -Jenny setzte sich an den Waldrand und Gert streckte sich vor ihr im -Schatten der großen Hängebirken aus. - -Es war glühend heiß und still. Der Grashügel, der am Strande auslief, -war gelbgefärbt vom Sonnenbrand. Ueber Nesodden stand eine metallblaue -Dunstwolke, hinter deren Rand einige Wölkchen hervorglitten, rauchgelb -und weißlich. Der Fjord breitete sich lichtblau aus, von quirlenden -Stromstreifen unterbrochen; die Segler weit draußen lagen still und -weiß auf der Fläche und der Rauch der Dampfschiffe stand unendlich -lange in grauen Streifen in der schwülen Luft. - -Aber zwischen den Steinen, die von der Ebbe bloßgelegt waren, rieselte -das Wasser, und die rankenartigen Zweige der Hängebirken bewegten -sich ganz sacht über ihnen, indem hin und wieder ein Blatt, in der -Trockenheit verdorrt, herniedersank. - -Gert nahm eines, das sich in ihrer lichten Haarflut verfangen hatte, -fort, sie hatte den Hut abgelegt. Er betrachtete das Blatt: - -„Ist es nicht sonderbar, daß es in diesem Jahre nicht regnen kann, du? -Ihr Frauen habt es gut, ihr dürft so dünn gekleidet gehen. Dein Kleid -sieht übrigens wie Halbtrauer aus, wenn du nicht die hellrosa Perlen -trägst, aber es steht dir außerordentlich gut!“ - -Das Kleid war weiß und durchsichtig, mit kleinen schwarzen Blumen -gemustert, überall gekräuselt und von einem strammen schwarzseidenen -Gürtelband zusammengehalten. Der Strohhut, den sie im Schoß hatte, war -ebenfalls schwarz, mit schwarzen Sammetrosen geziert. Nur die blaßroten -Krystallperlen leuchteten auf der reinen Haut des Halses. - -Er beugte sich vor, so daß er ihren Fuß gerade über dem Ausschnitt des -Schuhes küssen konnte. Dann strich er mit zwei Fingern über die feine -Biegung des Spanns mit dem durchsichtigen Strumpf und faßte um ihre -Knöchel. - -Kurz darauf schob sie behutsam seine Hand zurück, er griff nach der -ihren, hielt sie fest und lächelte zu ihr empor. Sie lächelte zurück, -dann drehte sie den Kopf nach der anderen Seite. - -„Du bist so still, Jenny, ist dir die Wärme lästig?“ - -„Ja,“ sagte sie. Dann schwiegen sie wieder. - -Ein Stück Weges von ihnen entfernt, dort wo sich ein Villengarten bis -zum Wasser erstreckte, trieben einige halbwüchsige Jungen auf der -Badehausbrücke ihr Spiel. Oben im Hause schnarrte ein Grammophon. Ab -und zu wehten Klänge der Musik vom Seebade zu ihnen herüber. - -„Du, Gert --“ Jenny hielt plötzlich seine Hand fest. „Wenn ich einige -Tage oben bei Mama gewesen und dann wieder in die Stadt zurückgekehrt -bin, reise ich fort.“ - -„Wieso?“ Er stützte sich auf seinen Ellenbogen. „Wohin willst du -reisen?“ - -„Nach Berlin,“ sagte Jenny. Sie fühlte selbst, wie ihre Stimme zitterte. - -Gert blickte ihr ins Gesicht, schwieg aber still. Auch sie sprach nicht. - -Schließlich meinte er: - -„Wann hast du dich dazu entschlossen?“ - -„Eigentlich ist es die ganze Zeit hindurch meine Absicht gewesen -- das -weißt du ja -- wieder ins Ausland zu gehen --“ - -„Ja, gewiß. Aber, wann hast du dich entschlossen, +jetzt+ zu reisen?“ - -„Im Sommer auf Tegneby.“ - -„Ich wünschte, du hättest es mir eher gesagt, Jenny,“ sagte Gram. -Obgleich seine Stimme leise und ruhig klang, schnitt sie ihr in die -Seele. - -Sie zögerte. - -„Ich wollte es dir +sagen+, Gert. Nicht schreiben, sondern sagen. Als -ich an dich schrieb und dich bat, gestern hierher zu kommen, hatte ich -es dir sagen wollen. Aber ich kam nicht dazu --.“ - -Sein Antlitz färbte sich steingrau. - -„Ich verstehe. Aber Gott des Himmels, Kind, wie mußt du es schwer -gehabt haben!“ rief er plötzlich aus. - -„Ja,“ sagte Jenny ruhig. „Am meisten deinetwegen, Gert. Ich bitte dich -nicht, mir zu verzeihen.“ - -„Ich -- dir? Ach, du großer Gott, kannst +du mir+ verzeihen, Jenny --? -Ich ahnte ja, daß dieser Tag kommen würde.“ - -„Das ahnten wir wohl beide,“ sagte sie wie vorher. - -Er warf sich plötzlich auf den Boden und bohrte das Gesicht in den -Sand. Sie beugte sich nieder und legte ihre Hand auf seinen Nacken. - -„Kleine, kleine, kleine Jenny -- oh, kleine Jenny, was habe ich dir -getan!“ - -„Lieber --“. - -„Mein weißes Vögelchen, habe ich dich mit meinen häßlichen, schmutzigen -Fäusten berührt, deine weißen Flügel befleckt?“ - -„Gert!“ Sie ergriff seine Hände und sprach schnell und heftig. „Hör zu. -Du hast mir doch nur Gutes erwiesen, ich bin es ja, die --. Ich war -so müde, und du botest mir eine Ruhestätte, ich fror, und du wärmtest -mich. Ich +mußte+ ausruhen und ich +mußte+ gewärmt werden, ich mußte -fühlen, daß ein Mensch mich liebte. Herrgott, Gert, ich wollte dich -nicht betrügen, aber du konntest es nicht verstehen, ich hätte dir -niemals erklären können, daß ich dich auf andere Art liebte, so -- -armselig. Kannst du nicht begreifen?“ - -„Nein, Jenny. Ich +glaube+ nicht daran, daß ein junges, unschuldiges -Mädchen einem Manne alles schenkt, wenn sie nicht sicher meint, ihre -Liebe würde immer dauern.“ - -„Das gerade bitte ich dich, mir zu vergeben. Ich wußte, daß du es nicht -verstehen würdest, und ich nahm dennoch alles hin, was du mir gabst. -So wurde es eine Qual für mich selbst -- schlimmer und schlimmer, und -ich fühlte, ich war nicht imstande, so fortzufahren. Ich +habe+ dich -doch gern, Gert, aber wenn ich nur annehmen soll und in Wahrheit nichts -besitze, womit ich es dir vergelten kann ...“ - -„Wolltest du mir das gestern sagen,“ fragte Gert kurz darauf. - -Jenny nickte. - -„Und statt dessen --“. - -Er wurde glühend rot. - -„Ich konnte nicht, Gert. Du kamst so froh an. Ich wußte, daß du -gewartet und dich gesehnt hattest.“ - -Er erhob brüsk den Kopf: - -„Das hättest du nicht tun sollen, Jenny. Nein. Hättest mir nicht so ein --- Almosen geben sollen.“ - -Sie bedeckte ihr Gesicht. Die qualvollen Stunden fielen ihr ein, die -sie oben in ihrem verstaubten Atelier in der sonnendurchglühten, -eingeschlossenen Luft zugebracht, in steter Ruhelosigkeit umhergehend, -aufräumend und ihn erwartend, während ihr Herz sich vor Schmerz -zusammenkrampfte. Aber sie war nicht fähig, es ihm zu sagen. - -„Ich war mir über mich selbst nicht klar, als du kamst. Ich dachte -einen Augenblick -- ich wollte versuchen.“ - -„Almosen.“ Er schüttelte einen Augenblick schmerzlich das Haupt. „Die -ganze Zeit, Jenny -- alles was du mir gabst!“ - -„Gert, ich bin es ja, die von dir Almosen entgegengenommen hat -- immer --- begreifst du denn nicht?“ - -„Nein,“ sagte er heftig. Er preßte sein Gesicht wieder in den Boden. - -Nach kurzer Zeit erhob er den Kopf: - -„Jenny, ist da -- irgend ein anderer?“ - -„Nein,“ sagte sie heftig. - -„Glaubst du, ich würde dir einen Vorwurf machen, wenn ein anderer -zwischen uns getreten wäre, ein junger Mensch -- deinesgleichen? Ich -würde +das+ besser verstehen.“ - -„Kannst du dir denn nicht denken --? Ich finde nicht, daß daran ein -anderer Schuld sein muß.“ - -„Nein, nein.“ Er glitt wieder nieder. „Ich fände es natürlicher. -- -Als mir dann einfiel, was du mir geschrieben hattest, daß Heggen auf -Tegneby gewesen und nach Berlin gefahren ist --.“ - -Jenny wurde wieder blutrot: - -„Glaubst du denn, ich hätte -- gestern --“. - -Gert schwieg. Kurz darauf sagte er müde: - -„Ich verstehe dich ja doch nicht.“ - -Da schoß plötzlich in ihr das Verlangen hoch, ihm wehe zu tun: - -„Einesteils kann man doch sagen, eine zweite oder dritte Person spielt -eine Rolle dabei.“ - -Er sah auf, fragend. Dann griff er plötzlich nach ihr: - -„Jenny, Herr Jesus -- was meinst du --!“ - -Sie bereute es schon, rot und hastig sagte sie: - -„Nun -- meine Arbeit -- also die Kunst.“ - -Gert Gram hatte sich vor ihr auf die Knie erhoben: - -„Jenny -- ist etwas -- Besonderes -- du sollst die Wahrheit sagen -- du -darfst nicht lügen. Ist etwas mit dir vorgefallen? -- Sprich --“ - -Einen Augenblick versuchte sie, ihm frei in die Augen zu schauen. Dann -senkte sie den Kopf. Gert Gram aber sank vorn über, das Gesicht in -ihrem Schoß bergend: - -„O Gott, o Gott. Ach Gott im Himmel --“ - -„Gert! Lieber, Lieber! Ach, nicht doch Gert! Du reiztest mich mit -deinen Vermutungen über einen anderen,“ sagte sie gedemütigt. „Ich -hätte es nicht sagen sollen. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zu -sagen -- vielleicht später.“ - -„Das hätte ich dir nie verziehen,“ sagte Gram. „Wenn du es mir nicht -gesagt hättest. Aber -- du mußt es doch schon eine Zeitlang gewußt -haben,“ meinte er plötzlich. „Weißt du -- wie weit du bist?“ - -„Im dritten Monat,“ sagte sie kurz. - -„Aber Jenny,“ er faßte entsetzt ihre beiden Hände, „jetzt kannst du -dich ja nicht -- von mir trennen, so ohne weiteres, meine ich. +Jetzt+ -können wir ja nicht auseinandergehen.“ - -„Doch.“ Sie strich ihm liebkosend über das Gesicht. „Doch. Wäre -es nicht so gekommen, so hätte ich es wohl noch eine Zeitlang so -weitergetrieben. Aber jetzt mußte ich der Sache in die Augen schauen -- -und alles klarstellen.“ - -Er lag eine Weile still da. - -„Hör einmal zu, Kind. Du weißt, ich wurde im vergangenen Monat -geschieden. In zwei Jahren bin ich frei. Dann komme ich zu dir. Ich -gebe dir -- und dem da -- meinen Namen. Ich verlange nichts, verstehst -du -- +nichts+. Aber ich fordere mein Recht, dich wieder aufzurichten, -wie ich es dir schuldig bin. Weiß Gott, ich werde genug darunter -leiden, daß es nicht eher sein kann. Aber ich verlange nichts, das ist -selbstverständlich. Du sollst nicht im geringsten an mich alten Mann -gebunden sein --“ - -„Gert. Ich bin froh, daß du von ihr geschieden bist. Aber ich sage -dir ein für allemal: ich heirate dich nicht, wenn ich nicht deine -richtige Frau werden kann. Es ist nicht der Jahre wegen, die zwischen -uns liegen. Hätte ich nicht das Gefühl, Gert, daß ich niemals ganz dein -gewesen bin, wie es hätte sein sollen, so bliebe ich bei dir, als dein -Weib, solange du jung wärst, als deine Freundin, wenn das Alter käme, -deine Krankenschwester, gern, willig und glücklich. Aber ich weiß, ich -kann dir nicht das sein, was eine Frau sein soll. Um der Leute willen -gehe ich aber nicht hin und verspreche etwas, was ich nicht halten -kann, weder vor dem Pfarrer, noch dem Bürgermeister.“ - -„Oh, aber Jenny, das ist doch Wahnsinn von dir.“ - -„Du bringst mich jedenfalls nicht davon ab,“ sagte sie hastig. - -„Ja, aber Kind, was willst du denn tun? Nein, ich kann es nicht -zulassen. Was soll denn mit dir werden? Kleines, du mußt verstehen -- -du mußt mich dir helfen lassen, Jenny.“ - -„Still, lieber Freund. Du siehst ja, ich trage es ganz ruhig. Wenn man -erst davorsteht, ist es eigentlich nicht so gefährlich, wie man sich -immer einbildet. Glücklicherweise habe ich noch etwas Geld.“ - -„Aber die Menschen, Jenny -- sie werden häßlich gegen dich sein -- dich -in Verruf bringen.“ - -„Das vermag niemand. Meine einzige Schande ist, Gert, daß ich dich -deine Liebe an mir verschwenden ließ.“ - -„Ach, dieser Unsinn! Nein, aber die Leute -- du weißt nicht, wie -herzlos sie sind, wie sie dich mit ihrer Bosheit mißhandeln, dich -kränken und dich verletzen werden.“ - -„Daraus mache ich mir nicht viel, Gert.“ Sie lachte ein wenig. -„Uebrigens bin ich Gott sei Dank Künstlerin. Man erwartet fast -nichts anderes von uns, als daß wir hin und wieder einen Skandal -heraufbeschwören.“ - -Er schüttelte den Kopf. Aus einem plötzlichen, verzweifelten Reuegefühl -darüber, daß sie es ihm gesagt, daß sie ihm wehgetan hatte, zog sie ihn -fest an sich: - -„Du Lieber, du +darfst+ nicht so unglücklich sein, hörst du? Ich bin -es auch nicht, wie du siehst. Im Gegenteil, manchmal bin ich froh. -Wenn ich versuche, richtig darüber nachzudenken, was es eigentlich -bedeutet, daß ich ein Kind bekomme, mein eigenes, kleines, süßes Kind, -so kann ich es gar nicht fassen. Ich glaube sicher, daß ich glücklich -werde, so glücklich, daß ich es mir noch gar nicht vorstellen kann. Ein -lebendiges, kleines Menschlein, das nur mir gehört, das ich lieben, für -das ich leben und arbeiten werde. Manchmal denke ich, daß erst jetzt -Sinn in mein Leben und meine Arbeit kommt. Glaubst du vielleicht nicht, -daß ich mir einen Namen machen könnte, der für mein Kind gut genug ist, -Gert? Nur das macht mich noch etwas mutlos, daß ich noch nicht recht -weiß, wie es wird, und dann, daß du so traurig bist. O Gert, ich bin -vielleicht arm und nüchtern, egoistisch und all so etwas, aber ich bin -schließlich eine Frau, ich +muß+ mich doch darüber freuen, daß ich -Mutter werde.“ - -„Jenny.“ Er küßte ihre Hände. „Arme, kleine tapfere Jenny. Es ist -beinahe noch schlimmer für mich, daß du es so auffaßt,“ sagte er leise. - -Jenny lächelte weh: - -„Oh, es wäre doch wohl schlimmer für dich, wenn ich es anders -auffaßte.“ - - - - -V. - - -Zehn Tage später reiste Jenny nach Kopenhagen. Die Mutter und Bodil -Berner gaben ihr in der frühen Morgenstunde das Geleite zum Bahnhof. - -„Du hast es gut, du Glückspilz,“ sagte Bodil und lachte über ihr ganzes -weiches braunes Gesichtchen. Dann gähnte sie, daß die Tränen ihr in die -Augen stiegen. - -„Es muß auch solche geben.“ Jenny lachte ebenfalls. „Dir geht es auch -nicht gerade schlecht, finde ich.“ - -Aber sie fühlte mehr und mehr, daß sie nahe daran war, in Tränen -auszubrechen, während sie ihre Mutter zum Abschied küßte. Sie stand am -Abteilfenster und starrte sie an. Ihr war, als hätte sie diese ganze -Zeit hindurch ihre Mutter niemals richtig angesehen. Diese schlanke und -schmächtige, ein wenig gebeugte Gestalt. Man sah fast nicht, wie grau -das Haar geworden, so blond war Frau Berner. In ihren Zügen lag etwas -seltsam Unberührtes, Mädchenhaftes, trotz der vielen Fältchen. Aber -es war, als ob die Jahre und nicht das Leben ihr Gesicht gezeichnet -hatten. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte. - -Wenn sie es nun einmal erführe. Nein, Jenny würde nie den Mut haben, es -zu sagen und zuzusehen, wie die Mutter den Schlag ertragen würde. Sie, -die nichts gewußt hatte und nichts verstehen würde. Hätte Jenny nicht -fortreisen können -- dann wußte sie, hätte sie es nicht überlebt. Nicht -aus Liebe, aus Feigheit. Einmal mußte sie es ja sagen, und von draußen -her war sie eher dazu imstande. - -In dem Augenblick, als der Zug anruckte und davon zu gleiten begann, -erblickte sie Gert. Er kam langsam den Bahnsteig herauf; hinter den -anderen, Mutter und Schwester, die mit ihren Taschentüchern winkten, -grüßte er herüber. Wie bleich er war. - - * * * * * - -Der erste September. Jenny saß am Fenster und sah hinaus in die -vorübergleitende Landschaft. - -Es wurde ein schöner Tag. Die Luft war so klar und frisch, der Himmel -so dunkelblau und die Wolken so weiß. Der Tau lag schwer und grau -über den saftiggrünen Wiesen, auf denen der Margueriten später Flor -schimmerte. Nach dem heißen Sommer waren die Birken am Waldrande -ganz gelb und über den Waldboden hin schlängelte sich kupferrotes -Blaubeerengebüsch. Die Büschel der Ebereschen waren blutrot, aber an -einer etwas tiefgelegenen fruchtbaren Stelle hingen sie noch dunkelgrün -im Laub. Welche Farben! - -Auf den kleinen Hügeln zwischen den Wiesen lagen die alten, -silbergrauen Gehöfte, auch neue, weißschimmernde und gelbe, mit roten -Nebengebäuden. Davor standen alte verkrüppelte Apfelbäume mit gelben -und glasgrünen Früchten in dunklem Laub. - -Immer wieder blendeten Tränen ihren Blick. Wenn sie zurückkehrte -- ob -sie jemals hierher zurückkam? - -Bei Moß trat der Fjord leuchtend blau hervor. Die Stadt zog sich -mit ihren roten Fabrikmauern am Kanal entlang, die kleinen bunten -Holzhäuser inmitten der Gärten lachten herüber. Sie hatte so oft -gedacht, wenn sie vorüberfuhr, hier wollte sie sich einen Sommer über -niederlassen und malen. - -Der Zug brauste an der kleinen ländlichen Station vorüber, wo man nach -Tegneby ausstieg. Jenny sah über die Aecker, dort lief die Fahrstraße. -Der Hof lag weit drüben hinter dem Nadelwäldchen. - -Sie erblickte den Kirchturm. Eigenartige kleine Cesca, sie ging oft -in die Kirche, fühlte sich sicher und geborgen in der alten Stimmung, -die dort überirdischen Kräften entsprang. Sie glaubte an etwas, wußte -selbst nicht, was, aber sie hatte sich eine Art Gott zurechtgemacht. - -Sie war doch froh darüber, daß Cesca jetzt besser mit ihrem Mann -zusammenzuleben schien. Er habe sie nicht verstanden, schrieb sie, -aber er sei doch so wunderbar zart und lieb gewesen, und fest davon -überzeugt, daß sie mit Willen nie etwas Schlechtes tun würde. - -Seltsame kleine Cesca. Ihr +mußte+ es ja schließlich gut gehen. Cesca -war rechtschaffen und gut. Gerade das aber war sie selber nicht, -keines von beiden im eigentlichen Sinne. - -Wenn sie nur der Mutter Tränen nicht sah, so konnte sie es eher -ertragen, ihr Kummer zu machen. -- Das hieß mit anderen Worten nur, sie -fürchtete Tränen. - -Und Gert. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ein geradezu körperlicher -Schmerz durchfuhr sie -- Verzweiflung, Widerwillen, so tief, daß sie -fast alle Kraft verlor und völlig gleichgültig wurde gegen alles. - -Diese fürchterlichen letzten Tage in Kristiania mit ihm. Schließlich -hatte sie nachgegeben. - -Er wollte nach Kopenhagen kommen. Sie hatte versprechen müssen, -irgendwo in Dänemark aufs Land zu gehen, wo er sie besuchen könnte. -Gott mochte wissen, ob sie der Sache jemals würde ein Ende machen -können. - -Schließlich blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihm das Kind zu -übergeben und ihn zu verlassen. Ja, denn alles, was sie ihm gesagt -hatte, daß sie sich darauf freute und so weiter, war Lüge. Auf Tegneby -hatte sie ein solches Gefühl des öfteren gehabt, denn dort hatte sie -nur daran gedacht, daß es ihr Kind war und nicht das seine. Sollte es -jedoch eine lebendige Fessel zwischen ihr und ihrer Schande werden, so -wollte sie es um keinen Preis behalten. Sie würde es hassen müssen -- -sie haßte es ja schon, wenn sie an die letzten Tage in der Stadt dachte. - -Das krankhafte Verlangen, aus Herzenslust zu schluchzen, war vorüber. -Sie fühlte sich trocken und hart, als ob sie niemals wieder weinen -könnte. - - * * * * * - -Eine Woche später, als Gert Gram kam, war sie so müde und gleichgültig, -daß sie gute Laune vortäuschen konnte. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte, -in sein Hotel hinüberzuziehen, so hätte sie es getan. Sie veranlaßte -ihn, mit ihr ins Theater zu gehen, außerhalb zu Abend zu essen und -eines Tages bei schönem Wetter mit ihr nach Fredensborg zu fahren. Sie -sah, daß es ihm gut tat, wenn sie sich munter und frisch gab. - -Sie dachte kaum mehr nach. Ohne Anstrengung konnte sie ihre Gedanken -ausschalten. In Wirklichkeit war ihr Gehirn kraftlos. Wie ein dauerndes -mahnendes Erinnern war es nur, daß sich ihr die Brust schmerzhaft -spannte und daß das Korsett sie behinderte. - -Jenny hatte sich bei einer Lehrerswitwe auf Westseeland eingemietet. -Gram begleitete sie dorthinaus und reiste am Abend nach Kopenhagen -zurück. So war sie endlich allein. - -Sie hatte aufs Geratewohl gemietet. Während ihres Studienaufenthaltes -in Kopenhagen war sie einen Tag über mit einigen Kameradinnen in dem -Dorfe gewesen; sie hatten im Krug gegessen und bei den Dünen gebadet. -Sie entsann sich, daß es dort schön war, und als auf ihre Anzeige eine -Frau Rasmussen dort sich erboten hatte, die junge Dame aufzunehmen, die -ihre Niederkunft erwartete, da griff sie zu. - -Eigentlich fühlte sie sich wohl. Allerdings wohnte die Lehrerswitwe -in einem elend häßlichen, winzigkleinen gelben Backsteinhaus etwas -außerhalb des Dorfes, an der Landstraße, die sich staubig und ohne Ende -zwischen offenen, bestellten Feldern hinzog. Aber Jenny mochte ihr -Zimmer gern mit der Tapete in Berlinerblau und den Lithographien nach -Exner an den Wänden, mit den weißen, gehäkelten Deckchen ringsumher, -auf dem Bett, dem amerikanischen Schaukelstuhl und der Kommode, auf die -Frau Rasmussen bei Jennys Ankunft einen großen Rosenstrauß gestellt -hatte. - -Draußen vor den beiden Fensterchen lief die Landstraße vorbei. Im -Vorgärtchen blühten Rosen, Geranien und „Christi Blutstropfen“, -ungeachtet all des Staubes, mit dem sie gepudert waren. Jenseits der -Straße erhob sich ein nackter Hügelkamm im Acker. Steinwälle, an deren -Hängen struppige, leuchtende Herbstblumen zwischen Brombeerhecken -wucherten, teilten den Hügel in weiße Stoppelfelder, blaugrüne -Rübenäcker und braungrüne Wiesen, umrändert von zackigen, zerzausten -Weidenbüschen. War die Abendsonne aus Jennys Kammer geschwunden, so -flammte der Himmel über dem Hügelkamm und den spärlichen Zweiglein der -Weiden auf. - -Hinter ihrem Zimmer ging eine kleine puppenstubenartige Küche mit -rotem Backsteinfußboden, auf den Hof hinaus, wo die Hühner der Witwe -gackerten und die Tauben gurrten. Ein kleiner Flur lief quer durch das -ganze Haus. Auf der anderen Seite lag Frau Rasmussens Stube mit Blumen -vor den Fenstern und gehäkelten Decken überall, Daguerreotypien und -Photographien an den Wänden, einem kleinen Bücherschrank mit religiösen -Schriften in schwarzem Pappeinband, einigen Jahrgängen von „Frem“ und -Gyldendals Serien in Prachtbänden. Dahinter befand sich ein Zimmerchen, -in dem die Luft immer merkwürdig dick war, und das ein unbestimmbarer -Geruch erfüllte, obgleich es vor Sauberkeit blitzte. Hier schlief sie -selbst und konnte nicht hören, wenn sich ihre Pensionärin jenseits des -Ganges Nacht für Nacht in den Schlaf weinte. - -Frau Rasmussen war übrigens nicht so schlimm. Groß und schlottrig -schlürfte sie in einer Art von Filzschuhen leise umher; immer sah sie -gleichmäßig sorgenvoll aus mit ihrem langen gelben Pferdegesicht, -unter dem graugesprenkelten Haar, das mit einem drolligen kleinen -Schwung über jedem Ohr weggestrichen war. Sie sprach fast gar nicht, -höchstens stellte sie einige besorgte Fragen, ob das gnädige Fräulein -mit dem Essen und dem Zimmer zufrieden sei. Selbst wenn Jenny nach dem -Mittagessen sich hin und wieder mit ihrer Handarbeit in das Wohnzimmer -zu Frau Rasmussen setzte, schwiegen sie still. Jenny war ihr besonders -dafür dankbar, daß Frau Rasmussen niemals ihren Zustand erwähnte; nur -ein einziges Mal hatte sie ängstlich gefragt, als Jenny mit ihrem -Malgerät hinausging, ob das wohl dem gnädigen Fräulein nicht schaden -könnte. - -Sie arbeitete in der ersten Zeit eifrig, stand hinter einem Steinwall -mit ihrer Feldstaffelei, die der scharfe Wind fast umblies. Unter dem -Wall erstreckte sich das gelbe Stoppelfeld eines endlosen Roggenackers -bis zum Moor hinab, wo sich weißes Wollgras an blauen Wasserlöchern -hinzog, wo samtschwarze Torfmieten auf saftiggrünem Wiesengrund lagen. -Hinter dem Sumpf wellte sich das Land mit grünen Rübenfeldern, Wiesen -und gemähten Roggenäckern, mit kalkweißen Bauernhöfen in üppigen, -dunkelgrünen Hainen -- bis hinüber zum frischen, blauen Fjord. Der -Strand lief in Bogen und Zungen, mit weißgelbem Sand und kurzem, -vergilbtem Gras, in die See hinaus. Gegen Norden fiel der Hügel, vom -Heidekraut braun gefärbt, mit der Windmühle auf der Spitze, in steilen, -gelben Sanddünen zum blauen Fjord ab. Schatten und Licht wechselten auf -dem offenen Lande ab, je nachdem wie die Wolken über den weißen, ewig -blauen unruhigen Himmel wanderten. - -Wenn Jenny müde wurde, legte sie sich am Walle nieder, starrte in den -Himmel und über den Fjord. Sie konnte nicht längere Zeit hintereinander -stehen, doch das reizte sie nur, weiterzuarbeiten. Zwei kleinere Bilder -vollendete sie oben auf dem Wall, und freute sich selbst an ihnen. -Eines malte sie vom Dorfe unten, wo die weißgekalkten Häuser, umgeben -von Kletterrosen und Georginen, um einen sammetgrünen Dorfteich lagen. -Ihre Strohdächer hingen bis über die Fensterscheiben hinab, die rote -Backsteinkirche erhob ihren treppengiebligen Turm über die Laubmassen -des Pfarrhausgartens. Es machte sie aber nervös, daß die Leute zu -ihr kamen und ihr zusahen; die weißhaarigen Jungen umstanden sie in -Knäueln, während sie malte. Als das Bild dann fertig war, zog sie mit -ihrer Staffelei wieder hinauf zum Wall, der See entgegen. - -Dann kam aber im Oktober der Regen; es goß ein oder zwei Wochen lang. -Ab und zu klärte es sich etwas auf und ein trüber, gelber Lichtstreifen -glitt durch die Wolken, über dem Hügel mit den traurigen Weidenbüschen -hin, und die Wasserpfützen lagen ein Weilchen blank da. Dann regnete es -wieder. - -Jenny lieh sich Frau Rasmussens Bücher und ließ sich die Muster der -gestrickten Spitzen an ihren Gardinen zeigen. Aber es wurde nicht viel, -weder mit dem Lesen noch mit dem Stricken. Sie saß den lieben langen -Tag im Schaukelstuhl am Fenster und war nicht einmal imstande, sich -ordentlich anzuziehen, sondern schlüpfte nur in ihren verwaschenen -Kimono. - -Sie litt furchtbar darunter, daß ihre Schwangerschaft nach und nach -sichtbar wurde. - - * * * * * - -Da meldete Gert Gram seinen Besuch. Schon zwei Tage später kam er am -frühen Morgen in strömendem Regen angefahren. Er blieb eine Woche, -wohnte im Bahnhofshotel, eine halbe Meile entfernt, war aber den -ganzen Tag bei ihr draußen. Als er abreiste, versprach er, bald -wiederzukommen, vielleicht schon in sechs Wochen. - -Jenny lag die Nächte hindurch bei brennender Lampe wach. Sie wußte nur, -sie konnte das nicht mehr ertragen. Es war zu furchtbar gewesen. - -Unerträglich war es -- alles -- von seinem ersten teilnehmenden, -besorgten Blick an, als er sie in dem neuen dunkelblauen Hängerkleid -erblickte, welches das Nähmädchen im Dorf für sie angefertigt hatte. -„Wie schön du bist,“ hatte er gesagt und gemeint, sie gliche einer -Madonna. Reizende Madonna! O ja. -- Sein vorsichtiger Arm um ihren -Leib, seine langen behutsamen Küsse auf ihre Stirn -- ihr war, als -sollte sie sterben vor Scham. Ja, wie er sie gepeinigt hatte mit seiner -liebevollen Besorgnis um ihre Gesundheit, mit seinen Ermahnungen, für -Bewegung zu sorgen. Als einmal eine Pause zwischen den Regenschauern -eintrat, hatte er sie mit hinaus auf einen Spaziergang geschleppt, und -sie mußte sich um jeden Preis bei ihm einhängen und sich auf seinen Arm -stützen. Eines Abends besah er verstohlen ihre Handarbeit -- er hatte -sicher erwartet, daß sie damit beschäftigt sei, Windeln zu säumen. - -Es war ja keine böse Absicht von ihm. Aber darum war auch keine -Hoffnung vorhanden, daß es besser sein würde, wenn er wiederkam, im -Gegenteil. Aber sie konnte auch nicht mehr. -- - -Eines Tages bekam sie einen Brief von ihm, in dem er unter anderem -schrieb, daß sie auf jeden Fall einen Arzt zu Rate ziehen müsse. - -Am nämlichen Abend schrieb sie einen kurzen Brief an Gunnar Heggen: -sie erwarte im Februar ein Kind; ob er ihr die Adresse eines stillen -Ortes in Deutschland verschaffen könne, wo sie bleiben könne, bis es -überstanden sei. - -Er antwortet umgehend: - - Liebe Jenny! - - Ich habe in zwei hiesigen Zeitungen annonciert und schicke dir alle - Briefe zu, wenn sie kommen; dann kannst du sie dir selbst ansehen. - Falls du willst, daß ich irgendwo hinreise und mir für dich etwas - ansehe, ehe du mietest, so weißt du, daß ich es mit Vergnügen - tue, und überhaupt kannst du in jeder Weise über mich verfügen. - Schreibe, wann du reisest und welchen Weg, ob du willst, daß ich dir - entgegenkommen, oder ob ich dir mit irgend etwas anderem helfen kann. - Was du mir erzählst, hat mich sehr betroffen, aber ich weiß ja, du - bist verhältnismäßig stark genug, um einen Stoß zu vertragen. Willst - du mir bitte schreiben, ob ich dir noch in anderen Sachen beistehen - kann? Du weißt, ich würde mich freuen, dir einen Dienst zu erweisen. - -- Ich höre, du hast ein gutes Bild auf der Staatsausstellung -- - herzlichen Glückwunsch! - - Viele Grüße von Deinem alten Freunde - - G. H. - -Einige Tage später kam ein ganzes Paket Briefe. Jenny buchstabierte -sich durch einen Teil der Schreiben hindurch, die vielfach mit -fürchterlichen Krähenfüßen bemalt waren. Dann schrieb sie an Frau -Schlessinger in der Umgegend von Warnemünde und mietete dort vom -fünfzehnten Oktober ab, teilte Gunnar ihren Entschluß mit und kündigte -Frau Rasmussen. - -Erst am letzten Abend schrieb sie an Gert Gram: - - Lieber Freund! - - Ich habe einen Entschluß gefaßt, der Dir, wie ich fürchte, wehe tun - wird. Aber Du darfst mir nicht zürnen. Ich bin so müde und nervös, - weiß selbst, daß ich ungerecht und häßlich gegen Dich war, als Du - hier warst, und das möchte ich so ungern. Daher will ich Dich nicht - eher sehen, als bis alles überstanden ist und ich wieder in normalem - Zustande bin. Ich reise morgen früh ins Ausland -- meine Adresse - gebe ich vorläufig nicht an, Briefe kannst Du mir aber durch Frau - Franziska Ahlin, Varberg, Schweden, senden; ich schreibe vorläufig - über sie an Dich. Du darfst Dich meinetwegen nicht ängstigen; ich - bin frisch und es geht mir recht gut, aber, Lieber, versuche nicht, - bis auf weiteres anders mit mir in Verbindung zu kommen, ich bitte - Dich inständig. Und sei mir nicht allzu böse, aber ich glaube, dieser - Ausweg ist für uns beide der beste. Versuche, um meinetwillen so - wenig betrübt und besorgt zu sein, wie es Dir möglich ist. - - Deine - - Jenny Winge. - -So zog sie denn zu einer neuen Witwe in ein neues Häuschen, diesmal ein -rotes mit weißgekalkten Fenstersimsen. Es lag in einem kleinen Garten -mit fliesenbedeckten Wegen und Muscheln am Rande der Beete, auf denen -schwarze, verfaulte Astern und Georginen standen. Etwa zwanzig bis -dreißig solcher Häuser lagen an einem Stückchen Straße entlang, die von -einem Bahnhof bis zu einem Fischerhafen hinabführte, wo die See sich an -langen Steinmolen brach. Eine Strecke entfernt, drüben auf dem weißen -Strand, wo der Tang in Massen hereintrieb, lag ein kleines Badehotel -mit verschlossenen Läden. Ins Land hinein erstreckten sich endlose Wege -mit nackten, struppigen Pappeln, die sich im Winde neigten, vorbei an -kleinen Steingehöften mit einem Stümpfchen Vorgarten und ein bis zwei -großen schwarzen Heumieten, über unendliche schwarze Felder und Moore. -Des Morgens war das Land mitunter von wässriggrauem frischem Schnee -bedeckt, der im Laufe des Tages schwand. - -Jenny wanderte die Straßen hinauf, so weit sie konnte, dann kam sie -nach Haus und saß in ihrem Zimmerchen, das diesmal mit den prächtigsten -Nippessachen überfüllt war, mit farbigen Gipsreliefs von Ritterburgen -und munteren Wirtshausszenen in Messingrahmen. Sie war nicht einmal -imstande, das nasse Schuhzeug zu wechseln, Frau Schlessinger -zog ihr Stiefel und Strümpfe aus, ununterbrochen schwatzend und -Jenny ermahnend, guten Mutes zu sein. Sie erzählte von all den -Leidensgenossinnen Jennys, die sie im Hause gehabt hatte -- jetzt war -die eine oder andere verheiratet und es ging ihnen gut, ja! - -Sie hatte etwa einen Monat hier gewohnt, als Frau Schlessinger -hereinkullerte, aufgeregt und strahlend -- es sei ein Herr gekommen, -der das gnädige Fräulein begrüßen wollte. - -Jenny saß gelähmt vor Angst. Dann konnte sie fragen, wie der Herr -aussähe. Ganz jung, sagte Frau Schlessinger, und sie lächelte lauernd. -Sollte es Gunnar sein? Sie erhob sich, -- aber dann warf sie das -Reiseplaid über, hüllte sich ganz darin ein und kroch in den tiefsten -Lehnstuhl. - -Frau Schlessinger wackelte entzückt hinaus, um den Herrn hereinzuholen. -Sie führte Gunnar zu Jenny hin und verweilte, glücklich lächelnd, einen -Augenblick in der Tür, ehe sie verschwand. - -Er preßte ihre Hände, daß es wehe tat. Aber er lachte strahlend: - -„Ich muß doch einmal nach dir sehen, wie es dir geht. -- Ich finde -allerdings, du hast dir ein trauriges Stück Erde ausgesucht, aber -jedenfalls ist hier frische Luft.“ Er schüttelte ein wenig Wasser von -seinem Filzhut, den er in der Hand gehalten hatte. - -Jenny machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wollte, blieb -jedoch sitzen und sagte errötend: „Vielleicht bist du so lieb und -läutest für mich. Du sollst jetzt Tee -- und Essen bekommen!“ - -Heggen aß wie ein Wolf und plauderte unterdeß beständig. Er war -begeistert von Berlin; er wohnte oben in Moabit, im Arbeiterviertel, -und sprach mit gleichem Entzücken von deutschen Sozialdemokraten wie -vom Militarismus -- „ja, an denen ist so was herrlich Maskulines, -siehst du. Das eine folgt außerdem aus dem anderen.“ Er hatte ein paar -großindustrielle Betriebe zu sehen bekommen, auch das Nachtleben hatte -er ein wenig studieren müssen, da er auf einen norwegischen Ingenieur -gestoßen war, der sich dort auf der Hochzeitsreise befand, und auf -eine norwegische Familie mit zwei reizenden, anmutigen Töchtern -- die -jungen Damen waren förmlich begeistert nachdem sie das Laster ein wenig -aus der Nähe gesehen hatten. - -„Uebrigens entzweite ich mich mit ihnen. Ich schlug nämlich Fräulein -Paulsen eines späten Abends vor, mit zu mir nach Haus zu kommen --.“ - -„Nein, aber Gunnar --“. - -„Ja, Teufel auch, ich war eben etwas betrunken, das kannst du dir wohl -denken, und dann war es doch nur Scherz, weißt du. Das hätte ja bloß -gefehlt, daß sie darauf eingegangen wäre -- dann hätte ich hübsch in -der Tinte gesessen. Hätte mich vielleicht mit einem Mädel verheiraten -müssen, das sich damit amüsiert, an solchen Dingen zu schnuppern -- -nein, danke. Es machte mir nur Spaß, zu sehen, wie sie sich sittlich -entrüstete. Nun, Gefahr war nicht vorhanden -- diese Art Mädchen gibt -nicht ihr Kleinod hin, ohne sich die Valuta zu sichern --.“ - -Er wurde plötzlich rot. Es kam ihm in den Sinn, daß Jenny es taktlos -finden könnte, wenn er so zu ihr sprach -- jetzt. Aber sie lachte nur: - -„O, bist du verrückt, Junge!“ - -Die unnatürliche, quälende Scheu war nach und nach von ihr gewichen. -Heggen fuhr fort zu plaudern. Einige Male, wenn sie es nicht sah, -hingen seine Augen ängstlich an ihrem Gesicht. Herrgott, wie war sie -mager und hohläugig geworden -- so gefurcht um den Mund. Die Sehnen am -Halse traten hervor, und ein paar häßliche Streifen zogen sich über die -Kehle. - -Es war trockenes Wetter geworden, so daß sie einen Spaziergang mit ihm -machen wollte. - -Ueber die öde Landstraße mit den verwehten Pappeln hin gingen sie durch -den Seenebel, Jenny schwerfällig und müde. - -„Nimm doch meinen Arm,“ sagte Gunnar beiläufig, was sie auch tat. - -„Ich finde es hier schrecklich trübselig, Jenny. Weißt du was, wäre es -nicht besser, du reistest nach Berlin?“ - -Jenny schüttelte den Kopf. - -„Dort hast du die Museen und so viel anderes. Jemand, mit dem du -zusammen sein kannst. Oder mach’ wenigstens eine kleine Reise dort -hinunter, um dich aufzumuntern. Ich finde, hier muß es langweilig sein.“ - -„Ach nein, Gunnar, du kannst dir doch denken -- nicht jetzt --.“ - -„In diesem Ulster siehst du so hübsch aus,“ sagte er kurz darauf -vorsichtig. - -Jenny senkte den Kopf. - -„Ich bin ein Tolpatsch,“ erklärte er plötzlich heftig. „Verzeih! Du -mußt mirs sagen, Jenny, wenn ich dich quäle.“ - -„Nein, das tust du nicht.“ Sie sah auf. „Ich bin froh, daß du kamst.“ - -„Ich verstehe ja, daß es schwer sein muß.“ Seine Stimme klang jetzt -ganz anders. „Ja, Jenny, ich verstehe es. Aber es ist mein Ernst, ich -glaube, du machst es dir noch schwerer, wenn du hier umherläufst -- in -diesem Zustand. Ich finde, du solltest an einen anderen Ort reisen, -der weniger -- trostlos ist!“ Er blickte hinaus über die dunklen -Wiesenstrecken und die Pappelreihen, die sich im Nebel verloren. - -„Frau Schlessinger ist aber so freundlich,“ sagte Jenny ausweichend. - -„Ja, Armes, das stimmt schon.“ Er begann zu lachen. „Sie verdächtigt -sicher mich, der Missetäter zu sein!“ - -„Ja,“ sagte Jenny, ebenfalls lachend. - -„Nun ja, Teufel auch.“ Sie gingen schweigend weiter. „Du -- hast du dir -schon überlegt, wie du dir dein Leben einrichten willst in Zukunft?“ - -„Ich weiß noch nicht recht. Du meinst wohl mit -- dem Kinde? Ich lasse -es vielleicht -- bis auf weiteres -- bei Frau Schlessinger. Sie wird -es sicher ordentlich pflegen. Oder es adoptieren.“ Sie lachte. „Man -adoptiert ja mitunter solche Kinder. Du weißt, ich könnte mich +Frau+ -Winge nennen und darauf pfeifen, was die Leute denken --.“ - -„Du bist also fest entschlossen, wie du schriebst, jegliche Verbindung -mit -- dem betreffenden Vater des Kindes abzubrechen?“ - -„Ja,“ sagte sie hart. „Es ist nicht der, mit dem ich -- verlobt war,“ -fügte sie nach einer Weile hinzu. - -„Na, Gott sei Dank!“ Es klang so herzlich, daß sie unwillkürlich -lächelte „Ja, weißt du was, Jenny, er war es wahrhaftig nicht wert, -reproduziert zu werden, für dich jedenfalls. Er hat übrigens seinen -Doktor gemacht, sah ich kürzlich. Nun ja, es hätte also schlimmer sein -können -- ich fürchtete ja, siehst du --.“ - -„Es ist sein Vater,“ sagte sie plötzlich. - -Heggen hielt inne. - -Als sie in Tränen ausbrach, wild und herzzerreißend, umfing er sie. -Er legte seine Hände um ihr Gesicht, während sie fortfuhr, an seiner -Schulter zu schluchzen. - -Sie begann zu erzählen, während sie so standen. Einmal blickte sie ihm -ins Antlitz -- es war ganz bleich und verzerrt -- da weinte sie aufs -neue. - -Als es vorüber war, hob er einen Augenblick ihren Kopf: - -„Herr Jesus, Jenny -- so ist es dir ergangen! Ich begreife es nicht.“ -- - - * * * * * - -Sie gingen schweigend wieder zur Stadt zurück. - -„Komm mit mir nach Berlin,“ sagte er plötzlich bestimmt. „Ich ertrage -den Gedanken nicht. Es geht nicht, daß du hier allein bleibst und über -all das nachgrübelst --.“ - -„Ich habe fast aufgehört zu grübeln,“ flüsterte sie matt. - -„Das Ganze ist überhaupt sinnlos!“ Er wurde so heftig, daß sie stehen -blieb. „Den Besten von euch geht es so! Und wir ahnen nicht, wie ihr es -tragt! Das ist sinnlos!“ - - * * * * * - -Heggen blieb drei Tage in Warnemünde. Jenny verstand es selber kaum, -warum ihr nach seinem Besuch so viel besser zumute war. Aber dieses -unleidliche Gefühl der Demütigung war geschwunden, sie sah ihr Geschick -jetzt mit viel ruhigeren und natürlicheren Augen an. - -Frau Schlessinger lief umher und lächelte froh und untertänig, obgleich -Jenny ihr erklärt hatte, daß dieser Herr ihr Vetter war. - -Er hatte ihr angeboten, ihr seine Bücher zu schicken, und bald kam eine -ganze Kiste voll an, zum Weihnachtsfest sandte er Blumen und Konfekt. -Jede Woche schrieb er lange Briefe von allen möglichen Dingen und -schickte Ausschnitte aus norwegischen Zeitungen. Zu ihrem Geburtstag -im Januar kam er selbst herauf und blieb zwei Tage, ihr einige neue -norwegische Bücher vom Fest her zurücklassend. - -Aber gleich nach seinem letzten Besuch erkrankte sie. Sie war elend, -matt, zerquält und hatte in der letzten Zeit nicht schlafen können. -Vorher hatte sie nur selten an die Geburt selbst gedacht und sich nicht -davor gefürchtet. Jetzt, bei den ständigen Schmerzen ergriff sie eine -fürchterliche Angst vor dem, was ihr bevorstand. Als sie sich dann -schließlich legen mußte, war sie von Angst und Schlaflosigkeit völlig -entkräftet. - -Es war eine schwere Geburt. Jenny war dem Tode näher als dem Leben, als -der Arzt, der von Warnemünde herbeigeholt worden war, endlich ihren -Jungen in seinen blutigen Händen hielt. - - - - -VI. - - -Jennys Knabe lebte sechs Wochen -- genau vierundvierzig und einen -halben Tag, sagte sie bitter zu sich selber, wenn sie wieder und wieder -die kurze Zeit überdachte, während der sie gewußt hatte, was es heißt, -glücklich zu sein. - -Sie weinte die ersten Tage danach nicht, ging nur um das tote Kind -herum und würgte tief in der Kehle. Sie nahm es hoch und liebkoste es: - -„Bübchen -- Mutters kleiner, kleiner, süßer Junge -- du darfst nicht --- hörst du -- Bübchen darf nicht tot sein, verstehst du mich denn -nicht --.“ - -Der Knabe war klein und schwächlich gewesen, als er zur Welt kam. Aber -Jenny wie auch Frau Schlessinger meinten, daß er gedeihen und großartig -wachsen würde. Dann wurde er eines Morgens krank und starb gegen Mittag. - -Als er begraben war, begann sie zu weinen, und jetzt konnte sie -nicht innehalten. Sie schluchzte fast andauernd, Tag und Nacht, -wochenlang. Krank wurde sie auch, bekam eine Brustentzündung, so daß -Frau Schlessinger den Arzt holen mußte, der sie dann schnitt. -- Die -körperlichen Schmerzen und die Verzweiflung ihrer Seele flossen zu -einem zusammen, den fürchterlichen Fiebernächten. - -Frau Schlessinger schlief im Zimmer nebenan. Wenn sie die merkwürdig -tierischen, erstickten Klagelaute aus dem Zimmer des jungen Mädchens -vernahm, wackelte sie entsetzt herbei und setzte sich auf einen Stuhl -vor dem Bett: „Um Gotteswillen, Fräulein --.“ - -Sie pflegte Jenny und streichelte ihre mageren, klammen Hände mit ihren -dicken, warmen. Sie redete ihr gut zu. Es sei Gottes Wille, vielleicht -das Beste für den Jungen wie für das gnädige Fräulein selber. Fräulein -sei ja noch so jung --. Frau Schlessinger hatte selbst ihre beiden -Kinder verloren, die kleine Bertha, als sie zwei Jahre alt war, und -Wilhelm mit vierzehn Jahren, so einen kecken Burschen. Sie waren doch -in gesetzlicher Ehe geboren und hatten ihre Stütze sein sollen, aber -dieser Kleine hier, er wäre ja nur eine Fessel an Fräuleins Fuß gewesen --- und Fräulein sei doch so jung und nett. Ach Gott, gewiß war er lieb -gewesen, der kleine Engel, ja, schwer genug sei es schon --. - -Ihren Mann hatte Frau Schlessinger auch verloren -- ja. Und es gab -viele Leidensgenossinnen von Jenny, die Frau Schlessinger im Hause -gehabt hatte, deren Kinder gestorben waren -- ja, einige seien froh -gewesen, einige hätten sie geradezu vernachlässigt, um sie loszuwerden --- ja, es war häßlich, aber was soll man dazu sagen? Einige hatten auch -geweint und gejammert wie jetzt Jenny, aber sie kamen mit der Zeit -darüber hinweg; die eine und die andere war jetzt verheiratet und hatte -es glücklich getroffen. Aber eine solche Verzweiflung wie beim gnädigen -Fräulein habe sie doch noch nie erlebt. Herrgott im Himmel! - -Daß der Vetter nach dem Süden gereist war, erst nach Dresden und -darauf nach Italien, gerade in jenen Tagen, als der Knabe starb, dem -schrieb Frau Schlessinger in ihrem Herzen einen großen Teil von Jennys -Verzweiflung zu. Ja, ja, so waren sie nun einmal, die Mannsleute. - -Unauflöslich verbunden mit der Erinnerung an diese wahnwitzigen, -qualerfüllten Nächte war seitdem für Jenny das Bild von Frau -Schlessinger, wie sie dort auf dem Stühlchen vor dem Bette saß, während -das Lampenlicht sich in den Tränen brach, die aus ihren freundlichen -Aeuglein sickerten und über ihre runden roten Apfelwangen tropften. -Ihr Mund, der nicht einen Augenblick still stand, ihr kleiner grauer -abstehender Zopf und ihre weiße Nachtjacke mit dem Zackenbesatz, ihr -Unterrock aus rosa und grau gestreiftem Flanell mit den gestickten -Zacken rings herum. Und das kleine Zimmer mit den Gipsreliefs in -Messingrahmen. - -Sie hatte Heggen von ihrem großen Glück geschrieben. Er hatte auch -geantwortet; er wäre gern gekommen, um sich den Buben anzuschauen, aber -die Reise war lang und teuer, außerdem war er im Begriff, nach Italien -aufzubrechen. Später sei sie mit dem Prinzen willkommen und er sende -die besten Glückwünsche! -- - -Als das Kind starb, war Heggen in Dresden: sie bekam einen langen -schönen Brief von ihm. - -An Gert hatte sie einige Zeilen geschrieben, sobald sie konnte. Sie gab -gleichzeitig ihre Adresse auf, bat ihn jedoch, nicht vor dem Frühling -herunterzukommen, dann wäre der Kleine groß und hübsch geworden. Jetzt -könnte wohl nur die Mutter sehen, wie prächtig er war. -- Als sie -wieder aufgestanden war, sandte sie ihm ein längeres Schreiben. - -Am Tage, als das Kind begraben wurde, schrieb sie wieder und teilte in -wenigen Worten seinen Tod mit. Gleichzeitig erwähnte sie, daß sie am -selben Abend nach dem Süden reise und daß er nicht erwarten dürfe, von -ihr zu hören, bis sie ruhiger geworden: „Du brauchst dich nicht um mich -zu ängstigen,“ schrieb sie, „ich bin jetzt soweit vollkommen ruhig und -gefaßt, aber natürlich grenzenlos traurig.“ - -Dieser Brief kreuzte sich mit einem von Gert Gram. Dieser lautete: - - Meine kleine Jenny! - - Ich danke Dir für Deinen letzten Brief. Zu allererst muß ich Dir - sagen, da Du Dir scheinbar Vorwürfe machst in bezug auf Dein - Verhältnis zu mir; liebes kleines Mädchen, ich mache Dir ja keine, - und darum darfst Du es auch nicht. Du bist ja immer nur gut und - weich und liebevoll gegen Deinen Freund gewesen. Nie werde ich - Deine Zärtlichkeit und Deine Wärme aus der kurzen Zeit, da Du mich - liebtest, vergessen -- Deine süße Jungfräulichkeit und feine, sanfte - Hingebung in den Tagen unseres kurzen Glücks. - - Unser Glück konnte nur kurz sein; das hätten wir beide wissen müssen. - Ich hätte es wissen +müssen+. Du hättest es wohl wissen +können+, - wenn Du nachgedacht hättest; aber was denken zwei Menschen, die sich - zu einander hingezogen fühlen? Daß Du eines Tages aufhörtest, mich - zu lieben -- glaubst Du, ich werfe Dir das vor? Wenn es mir auch das - bitterste Leid verursachte in meinem sonst nicht eben glücklichen - Leben -- doppelt bitter für mich, da ich gleichzeitig erfuhr, daß Du - für unser Verhältnis nun durch dein ganzes Leben büßen mußt. - - Aber nun sehe ich aus Deinem Briefe, daß diese Folgen, über die - ich sicher viel verzweifelter war als Du, was Du auch an Sorgen - und körperlichen Leiden durchgemacht haben magst, Dir dennoch eine - tiefere Freude, ein größeres Glück geschenkt haben, als es Dir sonst - im Leben begegnet ist. Ich sah, daß die Mutterfreude Dich ganz mit - Frieden, Lebensmut und Zufriedenheit erfüllte, so daß Du meinst, mit - Deinem Kinde im Arm genug Kraft zu besitzen, um alle Schwierigkeiten, - ökonomische wie soziale zu überwinden, die die Zukunft einer jungen - Frau in Deiner Lage bringen kann. Daß Du dies schreibst, macht mich - froher, als Du ahnen kannst. Für mich ist dies wiederum ein Beweis - für das Walten jener ewigen Gerechtigkeit, an der ich ja nicht - zweifle. Dir, die Du einen Irrtum begingst, weil Dein Herz warm und - zärtlich war und nach Zärtlichkeit dürstete, wird gerade dieser - Irrtum, der Dir so verzweifelte Stunden gebracht hat, schließlich all - das bescheren, wonach Du so brennend verlangtest, besser, schöner - und reiner, als Du es je erträumt. Schon jetzt, da dein Herz ganz - von Liebe zu Deinem Kinde erfüllt ist und später in noch höherem - Maße, wenn der kleine Bursche heranwächst, seine Mutter kennen lernt, - sich an sie hängt und ihre Liebe erwidern kann, stärker, tiefer und - bewußter mit jedem Jahre, das dahingeht. - - Und mir, der ich Deine Liebe entgegennahm, obgleich ich hätte - wissen müssen, daß ein Liebesverhältnis zwischen uns unmöglich und - unnatürlich war -- mir haben diese Monate unerträgliches Leiden - und Trauern gebracht -- und einen Verlust, Jenny, einen Verlust, - wie Du ihn Dir nicht vorstellen kannst, den Verlust Deiner Person, - Deiner Jugend, Deiner Schönheit, Deiner gesegneten Liebe. Jede - kleinste Erinnerung an diese Dinge war durch die Reue verbittert -- - diese ständig nagende Frage, wie konnte ich sie es tun lassen, wie - konnte ich es annehmen, wie konnte ich an ein Glück für mich mit ihr - glauben? Ja, Jenny, ich habe daran geglaubt, so wahnsinnig es auch - klingt, weil ich mich bei Dir so jung fühlte. Vergiß nicht, daß ich - meiner eigenen Jugend verlustig ging, und dies, als ich weit jünger - war als Du jetzt bist; der Jugend arbeitsfrohes Leben und frohes - Liebesglück durfte ich -- durch eigene Schuld -- nicht kennen lernen. - Und dies war die Strafe. Gespenstisch kehrte meine tote Jugend - zurück, als ich Dich gesehen -- mein Herz fühlte sich nicht älter als - das Deine. Oh, Jenny, nichts auf der Welt ist fürchterlicher, als - wenn ein Mann alt und sein Herz jung geblieben ist. - - Du schreibst, Du sähest es gern, wenn ich später, sobald der Knabe - größer geworden ist, Dich besuchte, um mir unser Kind anzusehen. - Unser Kind -- es ist ein so widersinniger Gedanke. Weißt Du, - woran ich dauernd denken muß? Kannst Du Dich des alten Joseph - entsinnen auf den italienischen Altarbildern, der immer abseits - oder im Hintergrunde zur Seite steht, zärtlich und wehmütig das - göttliche Kind und dessen junge, herrliche Mutter betrachtend, diese - beiden, die ganz von einander in Anspruch genommen sind, und seine - Anwesenheit gar nicht beachten. Liebe Jenny, mißverstehe mich nicht, - ich weiß ja, daß das Kindchen, das jetzt in Deinem Schoß liegt, auch - mein Fleisch und Blut ist und doch -- wenn ich jetzt an Dich denke, - die Mutter geworden ist, dann komme ich mir wie der arme alte Joseph - vor, der draußen steht. - - Aber deshalb solltest Du ebensowenig Bedenken tragen, den Namen - als meine Gattin anzunehmen und den Schutz, der für Dich und Dein - Kind darin liegt, wie Maria, als sie sich dem Joseph anvertraute. - Eigentlich finde ich, es ist nicht ganz richtig von Dir, dem Kinde - den Vatersnamen zu rauben, auf den es doch ein Anrecht hat -- Du - magst soviel Selbstvertrauen haben wie Du willst. Selbstverständlich - ist es, daß Du im Falle einer solchen Ehe ebenso frei und ungebunden - bleibst wie sonst, und daß diese Ehe auch, sobald du es wünschest, - gesetzlich aufgehoben wird. Ich bitte Dich inständig, Dir dies - zu überlegen. Wir können uns im Auslande trauen lassen, wenn Du - es wünschest, und schon einige Monate danach können Schritte - zur Trennung getan werden. Du brauchst nie wieder nach Norwegen - zurückzukehren, geschweige denn unter einem Dach mit mir zu wohnen. - - Von mir selbst ist nicht viel zu berichten. Ich habe zwei kleine - Zimmer hier oben auf dem Haegdehaug ganz in der Nähe jenes - Landhauses, in dem ich geboren bin und bis zu meinem zehnten Jahre - gelebt habe, als mein Vater im Numetal Vogt wurde. Von meinem - Fenster aus sehe ich die Spitzen der beiden großen Kastanien an der - Eingangstür meines Vaterhauses. Sie haben sich nicht sonderlich - verändert. Hier oben beginnen die Abende bereits lang und licht und - lenzhaft zu werden, die Bäume zeichnen ihre nackten braunen Kronen - in den fahlgrünen Himmel, an dem einzelne goldene Sterne durch die - scharfe klare Luft funkeln. Abend für Abend sitze ich hier an meinem - Fenster und starre in die Ferne, während mein ganzes Leben in Träumen - und Erinnerungen an mir vorüberzieht. Ach, Jenny, wie hatte ich - jemals vergessen können, daß ein ganzes Leben zwischen Dir und mir - lag, ein Leben, fast doppelt so lang wie das Deine, ein Leben, von - dem mehr als die Hälfte in ununterbrochener Demütigung, Niederlage - und Schmerz dahingeschleppt worden ist. -- - - Daß Du ohne Zorn und Bitterkeit an mich denkst, ist mehr, als ich - erhofft und erwartet habe. Das Glück, das durch jede Zeile Deines - Briefes atmet, hat mir so unsagbar wohlgetan. Gott segne und behüte - mein Kind und Dich; alles Glück der Welt wünsche ich auf Dich und - das Kind herab. Ich habe Dich so unsäglich lieb, Du kleine Jenny, die - einst mein war. - - Dein treuer - - Gert Gram. - - - - -VII. - - -Jenny blieb bei Frau Schlessinger wohnen. Dort war es billig -- und sie -wußte nicht, wohin mit sich. - -Es lag Lenzeswehen in der Luft, über die gewaltige, offene -Himmelskuppel hin segelten schwere, vom Sonnenlicht verbrämte Wolken, -die wie Gold und Blut brannten und sich an den Abenden im unruhigen -Meer spiegelten, wenn sie draußen auf der Mole war. Die trübseligen, -dunklen Flächen im Lande wurden lichtgrün, die Pappeln schimmerten -braunrot von neuem Sproß, und dufteten lind und weich. Am Eisenbahndamm -wimmelte es von Veilchen und kleinen weißen und gelben Blumen. -Schließlich war die Ebene üppig grün, es sprühte von Farben an den -Wegrainen, schwefelgelbe Iris und große weiße Doldenpflanzen spiegelten -sich in den Wasserlöchern der Torfmieten. Eines schönen Tages strömte -süßer Heuduft über Land, der sich in dem salzigen Algengeruch vom -Strande her mischte. - -Das Badehotel wurde eröffnet und Sommergäste zogen in die kleinen -Häuser an der Mole. Es wimmelte von Kindern auf dem weißen -Sandstreifen. Sie kugelten sich im Sand und platschten barfuß ins -Wasser hinaus, Mütter, Kindermädchen und Ammen in Spreewäldertracht -saßen nähend im Grase und beaufsichtigten sie. Die Badehäuschen waren -ins Wasser gerollt worden, und kleine deutsche Backfische schrien und -juchten dort draußen. Luxussegler legten an der Mole an; Besuch kam aus -der Stadt, abends war Tanz im Badehotel; die kleine Tannenplantage war -voller Spaziergänger. Hier hatte Jenny zu Beginn des Frühlings in dem -struppigen Gras gelegen, dem Wellenschlag und dem Sausen des Windes in -den zerzausten Kronen lauschend. - -Diese oder jene der Damen sandte ihr einen interessierten oder -teilnehmenden Blick nach, wenn sie den Weg am Badestrand entlang -spazierte, mit ihrem schwarzweißen Sommerkleide angetan. Die Badegäste -im Ort hatten natürlich erfahren, daß sie eine junge Norwegerin war, -die ein Kind bekommen hatte, über dessen Tod sie so furchtbar trauerte. -Einige waren auch darunter, die es mehr rührend als skandalös fanden. - -Im übrigen wanderte sie meist landeinwärts; dorthin kamen niemals -Sommergäste. Ganz selten ging sie bis hinauf zur Kirche und zum -Kirchhof, wo der Knabe lag. Sie saß dann und starrte auf das Grab, das -sie nicht hatte herrichten lassen. Sie legte dann einige wilde Blumen -nieder, die sie unterwegs gepflückt hatte, aber ihre Phantasie weigerte -sich, den kleinen, grauen Erdhügel, auf welchem Unkraut und Gräser in -die Höhe schossen, mit ihrem Bübchen in Verbindung zu bringen. - -An den Abenden saß sie in ihrem Zimmer mit einer Handarbeit, die sie -nicht anrührte, und starrte in die Lampe. Sie dachte immer an das -Gleiche, rief die Tage wieder zurück, als sie ihren Jungen besessen -hatte, die erste Zeit, das matte, friedliche Glück, während sie lag -und genas, später, wenn sie aufrecht im Bett saß und Frau Schlessinger -ihr das Baden und Wickeln, das An- und Auskleiden des Kindes zeigte, -dann, als sie zusammen nach Warnemünde reisten, um feinen Stoff, -Spitzen und Band zu kaufen, als sie heimkehrte, zuschnitt, nähte, -zeichnete und stickte -- ihr Junge sollte feine Sachen haben statt -des schlechten fertiggekauften Zeuges, das sie aus Berlin bestellt -hatte. Eine drollige Gartenspritze hatte sie gekauft mit Abziehbildern -auf dem grünbemalten Blech: ein Löwe und ein Tiger standen zwischen -Palmen an einem himmelblauen Meer und betrachteten entsetzt die -deutschen Panzerungetüme, die den afrikanischen Besitzungen des Reichs -zudampften. Sie fand das Ding so lustig -- Bübchen sollte es zum -Spielen haben, wenn er einmal groß genug geworden war. Erst mußte er -ja Mutters Brust finden, an der er sich jetzt nur blind festsog -- und -seine eigenen kleinen Finger, die er nicht voneinander bekommen konnte, -sobald er sie ineinander verfilzt hatte -- bald würde er die Mutter -kennen, nach der Lampe blinzeln und nach Mutters Uhr, die sie vor ihm -schaukeln ließ -- da war so viel, was Bübchen lernen mußte. - -In einer Schieblade lagen alle seine Sachen, sie nahm sie nie heraus. -Sie wußte ja doch, wie jedes Stück aussah und wie es sich auf der -Handfläche anfühlte -- das glatte, weiche Linnen, die rauhe Wolle und -die halbfertige Jacke aus grünem Flanell, die sie mit Butterblumen -bestickt hatte, die sollte er haben, wenn er ausgefahren wurde. -- - -Sie hatte ein Bild vom Strande angefangen mit den roten und blauen -Kindern auf dem weißen Sandstrand. Einige der teilnehmenden Damen kamen -herbei, schauten zu und versuchten, eine Bekanntschaft anzubahnen: „Wie -nett!“ Sie war aber unzufrieden mit der Skizze und mochte sie nicht -beendigen, auch eine neue wollte sie nicht anfangen. -- - - * * * * * - -Eines Tages schloß das Badehotel wieder, es stürmte auf See, und der -Sommer war vorüber. - -Gunnar schrieb aus Italien und riet ihr, herunterzukommen. Cesca wollte -sie nach Schweden haben. Die Mutter, die nichts wußte, schrieb und -begriff nicht, warum sie dort blieb. Jenny dachte daran, fortzureisen, -konnte aber zu keinem Entschluß kommen. Obgleich doch allmählich eine -unbestimmte Sehnsucht in ihr wach wurde. Sie wurde selbst dadurch -nervös, daß sie so umherging und nichts tun konnte. Sie mußte einen -Entschluß fassen -- wenn sie auch nur eines Nachts von der Mole aus in -die See spränge. - -Eines Abends hatte sie die Kiste mit Heggens Büchern hervorgeholt. -Unter ihnen befand sich ein Band italienischer Gedichte -- ~Fiori -della poesia italiana~. Eine Ausgabe, für Touristen berechnet, in -einfaches Leder gebunden. Sie blätterte darin, um zu sehen, ob sie all -ihr Italienisch vergessen hätte. - -Sie schlug das Buch zufällig bei Lorenzo von Medicis Karnevalslied -auf und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, von Gunnars Hand -beschrieben: - - „Liebe Mutter. Jetzt kann ich Dir endlich berichten, daß ich - glücklich und wohl in Italien angekommen bin, und daß es mir in jeder - Hinsicht gut geht, sowie --“ Der Rest des Bogens war mit Vokabeln - bedeckt. Bei den Verben standen zugleich die Deklinationen. Auch am - Rande des Buches standen Vokabeln -- ganz dicht, an dem tragisch - frohen Karnevalsgedicht entlang. „Wie schön ist die Jugend, die so - schnell entflieht“. - -Selbst die gewöhnlichsten Worte waren aufgeschrieben. Gunnar mußte -versucht haben, das Lied zu lesen, gleich nachdem er nach Italien -gekommen war -- ehe er etwas von der Sprache konnte. Sie sah auf dem -Titelblatt nach: G. Heggen, Firenze und die Jahreszahl stand dort. Das -war, ehe sie ihn kennengelernt hatte. - -Sie blätterte und las hier und da. Dort stand Leopardis Hymne an -Italia, für die Gunnar so begeistert war. Sie las sie. Der Rand war -schwarz von Vokabeln und Tintenflecken. - -Es schien wie ein Gruß von ihm, eindringlicher als alle seine Briefe. -Er rief sie, jung und gesund, fest und voller Tatendrang. Er bat -sie, zum Leben zurückzukehren und zur Arbeit. Ja, wenn sie sich doch -zusammennehmen und wieder anfangen könnte. Sie mußte versuchen, zu -wählen zwischen Leben -- oder Tod. Sie wollte wieder dort hinab, -wo sie sich einst frei und stark gefühlt hatte, allein, nur mit -ihrer Arbeit. Sie sehnte sich danach, und nach den Freunden, den -zuverlässigen Kameraden, die einander nicht so nahe kamen, daß Leid -daraus entstand, sondern Seite an Seite, jeder in seiner eigenen Welt, -die auch all den anderen gehörte, miteinander dahinlebten, im Vertrauen -auf ihr Können, in der Freude an ihrem Schaffen. Sie wollte das Land -wiedersehen, das felsige Land mit den stolzen, strengen Linien und den -sonnedurchtränkten Farben. - -Kurz darauf reiste sie nach Berlin. Sie lief einige Tage in der Stadt -umher, so auch in den Galerien. Aber sie fühlte sich müde, fremd und -überflüssig. So fuhr sie weiter nach München. - -In der Alten Pinakothek sah sie Rembrandts Heilige Familie. Sie -betrachtete das Bild gar nicht als Malerei an sich, sie sah nur die -junge Bauersfrau, das Hemd von der milchgefüllten Brust weggezogen und -das Kind anschauend, das eingeschlafen war. Liebkosend griff die Mutter -um sein eines bloßes Füßchen. Ein häßlicher kleiner Plebejerjunge -war es, aber strotzend vor Gesundheit, und er schlief so gut, war -so herrlich und lieb. Josef guckte über der Mutter Schulter auf ihn -nieder. Es war aber kein alter Josef, und Maria war keine weltfremde -Himmelsbraut. Es war ein kräftiger, mittelalterlicher Handwerker mit -seiner jungen Frau, und das Kind war ihrer beider Lust und Freude. - -Am Abend schrieb sie an Gert Gram. Einen langen Brief, zart und traurig --- aber es war ein Lebewohl für immer. - -Am nächsten Tage löste sie eine Karte direkt bis Florenz. Beim ersten -Morgengrauen saß sie am Abteilfenster nach einer schlaflosen Nacht -im Zuge. Wildbäche hüpften silbrig über waldbewachsene Felshänge. Es -wurde licht und lichter, die Städte, an denen sie vorüberflog, nahmen -mehr und mehr italienischen Charakter an. Rostbraune und moosgoldene -Dachziegel, Loggien an den Häusern, grüne Stabjalousien an rotgelben -Hauswänden, barocke Kirchenfassaden, die Bogenreihen der Steinbrücken -draußen im Fluß. Die Schilder auf den Stationen trugen jetzt deutschen -und italienischen Text. Weinberge zeigten sich außerhalb der Städte und -graue Burgruinen erschienen auf den Bergkuppen. - -Ala. Sie stand an der Zollschranke, die verdrießlichen Passagiere aus -der ersten und zweiten Klasse betrachtend -- und war so sinnlos froh. -Nun war sie wieder in Italien. Der Zollbeamte lächelte sie an, weil sie -blond war, und sie lächelte zurück, weil er sie für die Kammerjungfer -dieser oder jener Herrschaft hielt. - -Die Felsketten wichen zur Seite, lehmgrau mit blauen Schatten in den -Klüften, das Erdreich leuchtete rostrot, die Sonne flammte weiß und -glühend auf. - -In Florenz aber war es bitter kalt und trübe in diesen Novembertagen. -Müde und verfroren irrte sie etwa vierzehn Tage in der Stadt umher, -ihr Herz blieb kalt gegen all die Schönheit, die sie erblickte, und -melancholisch und mutlos, weil sie sich nicht wie früher an ihr wärmen -konnte. -- - -Eines Morgens fuhr sie nach Rom. Die Felder in der toskanischen -Landschaft waren von weißem Reif bedeckt. Später am Tage lichtete sich -der Nebel und die Sonne erschien. Sie sah die Stelle wieder, die sie -nie vergessen konnte: Der Trasimenische See lag fahlblau zwischen den -Felsen im Dunst. Ins Wasser hinaus schoß eine Landzunge mit den Türmen -und Zinnen einer kleinen steingrauen Stadt. Eine Zypressenallee führte -vom Bahnhof aus dort hinüber. -- - -In Rom hielt sie in strömendem Regen ihren Einzug. Gunnar war auf dem -Bahnhof und nahm sie in Empfang. Er preßte ihre Hände, als er sie -willkommen hieß. Während sie im Regen, der vom grauen Himmel auf das -Straßenpflaster niederklatschte, nach der Wohnung ratterten, die er ihr -verschafft hatte, fuhr er mutig fort zu plaudern und zu lachen. -- - - - - -VIII. - - -Heggen saß am äußersten Ende des Marmortisches und nahm an der -Unterhaltung fast nicht teil. Ab und zu schielte er zu Jenny hinüber, -die sich, Whisky und Selter vor sich, in eine Ecke geklemmt hatte. Sie -unterhielt sich übertrieben lebhaft quer über den Tisch mit einer -jungen schwedischen Frau und nahm nicht im geringsten Notiz von den -neben ihr sitzenden Dr. Broager und der kleinen dänischen Malerin, -Loulou von Schulin, die beide versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich -zu lenken. Heggen sah, sie hatte wieder zuviel getrunken. - -Sie bildeten eine kleine Schar von Skandinaviern und einigen Deutschen, -die in einer Weinkneipe zusammengetroffen und jetzt am Ende der -Nacht im hintersten Winkel eines düsteren Cafés gelandet waren. Die -Gesellschaft hatte dem Alkohol reichlich zugesprochen und war sehr -wenig gewillt, den Aufforderungen des Wirtes nachzukommen, zu gehen, da -es weit über die vorgeschriebene Polizeistunde sei und er zweihundert -Lire Strafe zu zahlen haben würde, ja sicher! - -Gunnar Heggen war der einzige, der es mehr als gern gesehen hätte, daß -das Trinkgelage ein Ende nähme. Er war der einzig Nüchterne und hatte -schlechte Laune. - -Dr. Broager brachte alle Augenblicke seinen schwarzen Schnurrbart auf -Jennys Hand an. Wenn sie diese an sich zog, versuchte er es auf ihrem -nackten Arm. Die andere Hand hatte er hinter ihr aufs Sofa gelegt. Sie -saßen zusammengedrängt im Winkel, so daß jeder Versuch, sich ihm zu -entwinden, umsonst gewesen wäre. Im übrigen war ihr Widerstand auch -ziemlich schwach, und sie lachte ohne Zorn über seine Zudringlichkeit. - -„Pfui!“ sagte Loulou von Schulin und zog die Schultern hoch. „Daß Sie -das ertragen können! Finden Sie ihn denn nicht widerlich, Jenny?“ - -„O doch, natürlich. Aber Sie sehen ja, er ist genau so wie eine -Schmeißfliege -- es nützt nichts, ihn wegzujagen. Pfui, hören Sie doch -auf, Doktor --“ - -„Pfui,“ sagte die andere wie vorher. „Daß Sie das aushalten können!“ - -„Pah! Ich kann mich ja mit Seife abwaschen, wenn ich nach Hause komme.“ - -„So?“ Loulou von Schulin warf sich über Jennys Schoß und streichelte -ihre Arme. „Wir geben jetzt auf die armen schönen Hände acht! -Sehen Sie!“ Sie hob die eine Hand in die Höhe und zeigte sie der -Tafelrunde. „Ist sie nicht entzückend?“ Dann löste sie ihren giftgrünen -Automobilschleier vom Hute und hüllte Arme und Hände darin ein. „Ins -Fliegennetz -- seht doch nur!“ Und sie streckte Broager blitzschnell -die Zunge heraus. - -Jenny blieb einen Augenblick, die Arme in den grünem Schleier -gewickelt, sitzen. Dann machte sie sich frei und zog Jacke und -Handschuhe an. - -Broager versank in einen kleinen Halbschlummer. Aber Fräulein Schulin -hob ihr Glas: - -„Prost! Herr Heggen!“ - -Er tat, als hörte er nicht. Erst, als sie es wiederholte, griff er nach -seinem Glase. „Pardon -- ich sah nicht,“ trank und sah wieder fort. - -Dieser oder jener lächelte. Da Heggen und Fräulein Winge Tür an Tür im -obersten Stockwerk irgendwo drüben zwischen Babuino und Corso wohnten, -glaubte man genug zu wissen. Was aber Fräulein von Schulin betraf, so -war sie vorübergehend mit einem norwegischen Schriftsteller legitim -verheiratet gewesen, reiste dann von ihm und dem Kinde in die weite -Welt hinaus, wo sie wieder ihren Mädchennamen, die Anrede Fräulein -und Malerin angenommen hatte, und außerdem Freundschaften mit Frauen -unterhielt, worüber besonders üble Gerüchte im Umlauf waren. - -Der Wirt kehrte wieder zur Gesellschaft zurück und parlamentierte -eindringlich, um sie zur Tür hinauszubekommen. Die beiden Kellner -löschten die Gasflammen drüben im Lokal und stellten sich abwartend am -Tische auf. Es blieb also nichts anderes übrig, als zu bezahlen und -dann zu gehen. - -Heggen gehörte zu den letzten, die das Lokal verließen. Drüben auf -dem Marktplatz im Mondenschein sah er, wie Fräulein Schulin Jennys -Arm ergriff. Sie liefen auf eine leere Droschke zu, die die anderen -im Begriff waren zu stürmen. Er sprang hinüber und hörte von weitem -Jenny rufen: „Ihr wißt, die in der Via Paneperna.“ Sie hüpfte in die -überfüllte Droschke und fiel irgend jemanden auf den Schoß. - -Aber einige Damen wollten wieder ins Freie, andere in den Wagen -- -ununterbrochen sprang jemand aus der einen Wagentür hinaus und in die -andere hinein. Der Kutscher saß unbeweglich auf dem Bock und wartete. -Der Gaul schlief, den Kopf bis fast aufs Steinpflaster gesenkt. - -Jenny stand wieder auf der Straße, aber Fräulein Schulin streckte die -Hand nach ihr aus -- es war noch Platz. - -„Es ist eine Schande um das Pferd,“ sagte Heggen kurz. So begann sie -denn zu gehen, neben ihm, als letzte in der Schar derer, die in der -Droschke nicht Platz gehabt hatten. Der Wagen rollte langsam vorauf. - -„Du willst doch nicht behaupten, daß du länger mit diesen Menschen -zusammen sein magst, ganz bis zur Via Paneperna hinaustrotten nur -deswegen?“ sagte Heggen. - -„Oh, wir werden schon unterwegs eine leere Droschke finden --“ - -„Daß du dazu Lust hast -- betrunken wie die Lumpen sind sie auch -- -alle miteinander,“ wiederholte er. - -Jenny lachte müde. - -„Das bin ich sicher auch.“ - -Heggen antwortete nicht. Sie waren bis zur Piazza di Spagna gekommen. -Da stand sie still: - -„Du willst also nicht mitgehen, Gunnar?“ - -„Wenn du es durchaus noch weiter mitmachen willst, dann ja -- sonst -nicht.“ - -„Du brauchst doch um meinetwillen nicht -- du kannst dir doch denken, -daß ich schon nach Hause finden werde.“ - -„Gehst du mit, so gehe ich auch mit. Ich erlaube dir nämlich nicht, -dich allein mit diesen betrunkenen Menschen herumzutreiben.“ - -Sie lachte, das gleiche matte und gleichgültige Lachen. - -„Zum Teufel, dann bist du morgen so müde, daß du mir auch nicht sitzen -kannst.“ - -„Oh, ich werde das schon fertigbringen.“ - -„Das glaube ich nicht. Ich kann jedenfalls nicht ordentlich arbeiten, -wenn wir so die ganze Nacht durchbummeln.“ - -Jenny zuckte mit den Schultern. Aber sie schlug die Richtung nach -Babuino ein, den anderen entgegengesetzt. - -Zwei Polizisten in ihren Umhängen gingen an ihnen vorüber. Sonst war -nicht die Spur von Leben auf dem öden Platz. Der Springbrunnen rieselte -vor der Spanischen Treppe, die inmitten der immergrünen, schwarzen und -silberblinkenden Büsche der Anlagen vom Mondenschein weiß übergossen -dalag. - -Jenny sagte plötzlich hart und spöttelnd: - -„Ich weiß, es ist gut gemeint, Gunnar. Es ist nett von dir, daß du -versuchst, auf mich aufzupassen. Aber es hat keinen Zweck.“ - -Er schwieg. - -„Nein, wenn du selbst nicht willst,“ sagte er kurz nach einer Weile. - -„Willst,“ äffte sie ihm nach. - -„Ja, ich sagte ‚willst‘.“ - -Jenny atmete kurz und heftig, als wollte sie etwas antworten, hielt -aber an sich. Ekel stieg in ihr auf -- halbbetrunken war sie, das -wußte sie selbst sehr wohl. Es fehlte ja noch, daß sie hier aufschrie, -jammerte und heulte, berauscht, wie sie war, Gunnar gegenüber. Sie biß -die Zähne zusammen. - -So kamen sie zu ihrer Haustür. Heggen schloß auf, entzündete ein -Wachshölzchen und begann, die endlos dunkle Treppe hinaufzuleuchten. - -Ihre beiden Zimmerchen lagen für sich auf einem halben Stockwerk oben -am Ende der Treppe. An den Türen vorüber lief ein kleiner Gang, der in -einer Marmortreppe zum flachen Dach des Hauses endigte. - -In ihrer Tür reichte sie ihm die Hand: - -„Gute Nacht, Gunnar -- hab Dank,“ sagte sie leise. - -„Ich danke dir. Schlaf gut --“ - -„Gleichfalls.“ - -Drinnen in seinem Zimmer öffnete er das Fenster. Gerade gegenüber -glänzte der Mondschein auf einer ockergelben Hauswand mit geschlossenen -Fensterläden und schwarzen eisernen Balkons. Der Pincio erhob dahinter -seinen Gipfel mit den scharfabstechenden dunklen Laubmassen gegen den -mondlichtblauen Himmel. Darunter lagen alte, moosbewachsene Dächer; wo -des Hauses kohlschwarzer Schatten endete, hing leichenfahle Wäsche zum -Trocknen auf einer niedrigen Terrasse. Gunnar beugte sich weit über -das Fenstersims, traurig und angewidert. Tod und Teufel, war er denn -engherzig oder -- aber Jenny in diesem Zustande zu sehen --! - -Aber gerade er hatte sie zuerst in dieses Getriebe hineingezogen. Um -sie aufzumuntern. Sie verkümmerte ja in den ersten Monaten wie ein -kranker Vogel. Er hatte geglaubt, es würde für sie Beide eine boshafte -Unterhaltung sein, die anderen zu beobachten -- diese Affen. Er hatte -ja nicht geahnt, daß es eine derartige Wirkung haben könnte. - -Er hörte sie aus ihrem Zimmer und hinauf zum Dache gehen. Heggen -zauderte einen Augenblick. Dann folgte er ihr. - - * * * * * - -Sie saß in dem einzigen Stuhl dort oben, hinter der kleinen -Wellblechlaube. Die Tauben gurrten schläfrig in ihrem Schlage, der auf -dem Laubendach angebracht war. - -„Bist du noch nicht zu Bett gegangen?“ sagte er leise. „Du wirst dich -erkälten.“ Er holte ihren Schal aus der Laube und reichte ihn ihr, dann -setzte er sich auf den Mauerrand zwischen die Blumentöpfe. - -Eine Weile starrten sie so schweigend über die Stadt, deren -Kirchenkuppeln im Mondenlicht schwammen. Die Linien der fernen -Höhenzüge waren vermischt. - -Jenny rauchte. Auch Gunnar zündete sich eine Zigarette an. - -„Ich merke übrigens, ich vertrage fast nichts mehr -- beim Trinken -meine ich. Es wirkt sofort,“ sagte sie gleichsam entschuldigend. - -Er sah, daß sie jetzt völlig nüchtern war. - -„Ich finde, du solltest es jetzt eine Weile lassen, Jenny. Auch das -Rauchen, solltest jedenfalls nur ganz wenig rauchen. Du hast ja über -dein Herz geklagt.“ - -Sie antwortete nicht. - -„Im Grunde bist du ja über diese Menschen der gleichen Meinung wie -ich. Ich begreife nicht, daß du dich dazu herablassen magst, mit ihnen -zusammen zu sein -- in dieser Art und Weise.“ - -„Mitunter,“ sagte sie leise, „braucht man -- Betäubung, gerade heraus -gesagt. Und was das Sichherablassen betrifft --.“ Er blickte ihr in -das weiße Antlitz. Das unbedeckte blonde Haar flimmerte im Mondlicht. -„Mitunter finde ich: nicht. Obgleich -- jetzt in diesem Augenblick zum -Beispiel, schäme ich mich. Jetzt bin ich also ungewöhnlich nüchtern, -siehst du.“ Sie lachte ein wenig. „Manchmal ist das nicht der Fall, -selbst wenn ich nichts getrunken habe. Dann überkommt mich das -Verlangen, mit dieser Sorte zusammen zu sein.“ - -„Es ist gefährlich, Jenny,“ flüsterte er. Und nach einer Weile: „Ich -kann mir nicht helfen, aber ich fand das heute Abend widerlich. Ich -habe manches gesehen -- wie es zugeht. Ich möchte dich doch nicht gern -sinken sehen, so enden sehen wie etwa Loulou --.“ - -„Du kannst durchaus ruhig sein, Gunnar. So ende ich nicht. Im Grunde -bin ich zu so etwas gar nicht fähig. Ich werde schon vorher einen Punkt -machen --.“ - -Er blickte still auf sie. - -„Ich weiß, was du meinst,“ sagte er schließlich leise. „Aber Jenny, -andere haben ebenso gedacht. Und wenn man dann eine Zeitlang den Strom -abwärts geschwommen ist -- so tut man es nicht mehr -- das, was du -einen Punkt machen nennst.“ - -Er glitt von der Mauerkante herab, ging auf sie zu und ergriff ihre -Hand: - -„Du Jenny, hör damit auf -- ja?“ - -Sie erhob sich und lachte kurz. - -„Vorläufig wenigstens. Ich bin sicher für eine lange Zeit von meiner -Bummelsucht geheilt, glaube ich.“ - -Sie standen einen Augenblick still. Dann schüttelte sie seine Hand: - -„Gute Nacht, mein Junge. -- Und morgen sitze ich dir,“ sagte sie auf -der Treppe. - -„Ja, danke.“ - -Heggen verweilte noch etwas, nachdenklich, während er ein wenig -fröstelte. Dann ging er in sein Zimmer hinunter. - - - - -IX. - - -Sie saß ihm am nächsten Tage nach dem Frühstück, bis es zu dämmern -begann. Ruhte sie sich aus, so wechselten sie einige gleichgültige -Worte, während er fortfuhr, am Hintergrund zu arbeiten oder die Pinsel -wusch. - -„So!“ Er legte die Palette fort und ordnete den Malkasten. „Für heute -bist du erlöst!“ - -Sie ging zu ihm, und sie betrachteten das Bild. - -„Das Schwarz ist sehr fein -- findest du nicht, Jenny?“ - -„Doch. Ich finde, es läßt sich gut an.“ - -„Ja,“ er blickte auf die Uhr. „Es ist eigentlich Essenszeit -- gehen -wir zusammen?“ - -„Ja, gern. Ich will nur mein Kostüm anziehen, wartest du so lange?“ - -Kurz darauf, als er an ihrer Tür pochte, stand sie fertig da, den Hut -vor dem Spiegel aufsetzend. - -Wie schön sie ist, dachte er, als sie sich ihm zuwandte. Schlank und -hell in dem festanliegenden stahlgrauen Kleide, wirkte sie so damenhaft -fein und zugeknöpft, kühl und stilvoll. Und er wollte nicht glauben, -was er selbst gedacht hatte --. - -„Hattest du nicht übrigens mit Fräulein Schulin verabredet, sie heute -Nachmittag zu besuchen, um dir ihre Sachen anzusehen?“ - -„Ja, ich gehe aber nicht hin.“ Sie wurde sehr rot. „Ehrlich gesagt, -habe ich keine Lust, diese Bekanntschaft zu pflegen -- an ihren Sachen -ist wohl auch nicht viel zu sehen?“ - -„Nein, das weiß der Herrgott! Ich begreife nur nicht, wie du ihre -Annäherungen gestern Abend zulassen konntest. Pfui, ich würde lieber -einen Teller mit lebenden Mehlwürmern essen.“ - -Jenny lachte. Dann sagte sie ernst: - -„Die Aermste, im Grunde ist sie wohl unglücklich.“ - -„Pah -- unglücklich! Ich begegnete ihr in Paris vor einigen Jahren. -Das Schlimmste ist ja, daß sie von Natur sicher gar nicht pervers -ist. Nur dumm und eitel. Nun war +das+ interessant. Wäre es modern -gewesen, tugendhaft zu sein, so hätte sie auf einer Empore gesessen -und Kinderstrümpfe gestopft, vielleicht sich hin und wieder damit -beschäftigt, Rosen zu malen mit Tauperlen darauf. Sie wäre die -tugendsamste aller Johanne Luisen im Danneweg gewesen -- und obendrein -fröhlich. Aber als sie den ‚Etatsrätlichen‘ entronnen war, von denen -sie stammte, da wollte sie den übrigen nicht nachgeben, befreit und -Malerin, und meinte, sie müsse sich jetzt einen Liebhaber anschaffen -um ihrer Selbstachtung willen. Unglücklicherweise erwischt sie dann -einen Tolpatsch, der sie in andere Umstände bringt. Er ist altmodisch -und will, daß sie sich -- völlig unmodern -- heiraten und verlangt, sie -solle das Kind warten und die Wirtschaft führen.“ - -„Du kannst ja gar nicht wissen -- es kann ja zum Teil auch Paulsens -Schuld gewesen sein, daß sie ihm davonlief.“ - -„Ja, natürlich war es seine Schuld. Er war altmodisch, wie gesagt, und -fand Geschmack am häuslichen Glück, er bot ihr wohl zu wenig an Liebe -und keine Prügel.“ - -„Ja ja, Gunnar. Du willst nun absolut haben, daß das Leben so verflucht -leicht zu übersehen sein soll.“ - -Heggen setzte sich rittlings über einen Stuhl und schlang die Arme um -die Lehne. - -„Das wenige Gewisse im Leben, an das wir uns halten können, ist -wahrlich leicht genug zu übersehen. Man muß seine Rechnung und seine -Ansichten danach in Ordnung bringen. Mit all dem Ungewissen aufräumen, -so gut man kann, sobald es auf dem Tapet erscheint.“ - -Jenny setzte sich aufs Sofa und stützte den Kopf in die Hand: - -„Ich habe nicht mehr das Gefühl, daß es irgend etwas im Leben gibt, -worüber ich die genügende Uebersicht habe, so daß ich es als Grundlage -für meine Anschauungen gebrauchen oder meine Rechnung danach machen -könnte,“ sagte sie ruhig. - -„Das ist nicht dein Ernst.“ - -Sie lächelte nur. - -„War es nicht immer,“ sagte Gunnar. - -„Es gibt wohl niemanden, der immer dasselbe meint.“ - -„Doch, immer, wenn man nüchtern ist. Wie du heute Nacht sagtest, man -ist nicht immer nüchtern, auch wenn man nichts getrunken hat.“ - -„Jetzt -- wenn ich mich hin und wieder nüchtern fühle --“ Sie brach ab -und schwieg. - -„Du weißt, was auch ich weiß. Du hast es immer gewußt. Im großen und -ganzen leitet der Mensch sein Geschick selbst. Man ist seines eigenen -Schicksals Herr -- in der Regel. Hin und wieder ist man es nicht. -- -doch dann tragen Umstände die Schuld, über die man nicht gebietet. Aber -es ist eine gewaltige Uebertreibung, zu behaupten, daß es oft der Fall -sei.“ - -„Gott mag wissen, mir ist es nicht ergangen, wie ich gewollt, Gunnar. -Ich habe viele Jahre hindurch den Willen gehabt und nach meinem Willen -gelebt.“ - -Sie schwiegen beide eine Weile still. - -„Eines Tages,“ sagte sie langsam, „änderte ich einen Augenblick den -Kurs. Ich fand es so kalt und hart, dieses Leben zu leben, das, wie -ich glaubte, das würdigste sei. So einsam, weißt du. So bog ich denn -einen Augenblick zur Seite, wollte jung sein und ein wenig spielen. -Und dadurch geriet ich in eine Strömung hinaus, die mich trieb -- ich -endete in Dingen, mit denen in Berührung zu kommen, ich niemals eine -Sekunde für möglich gehalten hatte.“ - -Heggen schwieg. - -„Es gibt einen Vers,“ sagte er dann leise. „Rosetti -- er ist nämlich -ein weit besserer Dichter als Maler: - - ~Was +that+ the landmark? What, -- the foolish well - Whose wave, low down, I did not stoop to drink - But sat and flung the pebbles from its brink - In sport to send its imaged skies pell-mell, - (And mine own image, had I noted well!) -- - Was that my point of turning? -- I had thought - The stations of my course should raise unsought, - As altarstone or ensigned citadel. - But lo! The path is missed, I must go back, - And thirst to drink when next I reach the spring - Which once I stained, which since may have grown black. - Yet thought no light be left nor bird now sing - As here I turn, I’ll thank God, hastening, - That the same goal is still on the same track.~“ - -Jenny erwiderte nichts. - -„~That the same goal is still on the same track~,“ wiederholte Gunnar. - -„Glaubst du,“ fragte Jenny, „daß es so leicht ist, zu seinem Ziel -zurückzufinden?“ - -„Nein. Aber müßte man es nicht?“ sagte er beinahe kindlich. - -„Was für ein Ziel hatte ich übrigens,“ sagte sie plötzlich hastig. „Ich -wollte so leben, daß ich mich niemals zu schämen brauchte, weder als -Mensch noch als Künstlerin. Niemals wollte ich etwas tun, von dem ich -wußte, daß es nicht richtig sei. Rechtschaffen wollte ich sein, fest -und gut und wollte niemals eines Menschen Schmerz auf mein Gewissen -laden. Und darin bestand dann das ganze Verbrechen, das den Anfang -bildete -- woraus alles andere folgte? Daß ich mich nach Liebe sehnte, -ohne daß ein bestimmter Mann da war, dem diese Sehnsucht galt. War -das so seltsam? Daß ich so gern glauben wollte, als Helge kam, daß er -es war, nach dem ich mich gesehnt? Daß ich es schließlich wirklich -glaubte? Das war ja der Anfang, worauf das andere folgte. Gunnar -- ich -+habe+ geglaubt, daß ich sie glücklich machen könnte -- und dann tat -ich ihnen nur weh.“ - -Sie hatte sich erhoben und wanderte im Zimmer auf und nieder: - -„Glaubst du, daß die Quelle, von der du sprichst -- glaubst du, daß -sie jemals wieder rein und klar wird bei einer, die weiß, daß sie -selber sie getrübt hat? Meinst du, es würde mir jetzt leichter, zu -resignieren? Ich sehnte mich nach dem, wonach sich alle Frauen sehnen. -Und ich sehne mich jetzt -- wieder danach. Nur mit dem Unterschied, -daß ich jetzt weiß, ich habe eine Vergangenheit. Und eine Folge davon -ist, daß ich das einzige Glück, das ich anerkenne, nicht annehmen darf --- denn es sollte frisch und gesund und rein sein -- und das alles bin -ich selbst nicht mehr. Ich muß weiter eine Sehnsucht mit mir schleppen, -deren Erfüllung -- oh, ich weiß es -- unmöglich ist. Diese Sehnsucht -ist also mein Schicksal, mein ganzes Leben ist durch sie gezeichnet.“ - -„Jenny,“ -- Gunnar erhob sich ebenfalls -- „ich behaupte dennoch, es -kommt auf dich selbst an -- es +muß+ so sein. Ob es dein Wille ist, -daß diese Erinnerungen dich vernichten oder ob du sie als ein Lehrgeld -betrachten willst, so grausam hart es sich auch anhört. Das Ziel, das -du einstmals vor dir hattest, war, glaube ich, das richtige -- für -dich.“ - -„Kannst du dir denn nicht vorstellen, daß das unmöglich ist, mein -Junge. Es hat sich etwas in mich hineingeschlichen wie eine Säure, die -alles zerfrißt, was einst mein Wesen war; ich fühle selber, wie ich -inwendig zerfalle. -- Oh. Und ich will doch nicht, ich will nicht. Und -ich habe ein Verlangen nach -- ich weiß nicht --. Will alle Gedanken -zum Stillstand bringen. Sterben --. Oder leben -- ein wahnsinniges, -abscheuliches Dasein, zugrunde gehen in einem Elend, das noch -fürchterlicher ist als dies --. Laß mich so tief in den Schmutz treten, -daß ich spüre, hiernach kommt das Ende. Oder --“ sie sprach leise und -wild, es klang wie erstickte Schreie -- „mich unter einen Eisenbahnzug -schleudern -- mit dem Bewußtsein der letzten Sekunden, daß jetzt -- -jetzt gleich -- mein ganzer Körper, Nerven und Hirn und Herz, -- alles --- zu einem einzigen zuckenden blutigen Klumpen zermalmt ist.“ - -„Jenny!“ schrie er auf. Er war fahl im Gesicht geworden. Dann flüsterte -er mühsam: „Ich kann dich nicht so sprechen hören.“ - -„Ich bin hysterisch,“ sagte sie beruhigend. Aber sie ging trotzdem zu -dem Winkel, wo ihre Leinwand stand und schleuderte sie fast die Wand -entlang: - -„Man kann doch nicht leben und bestehen, um so etwas da zu bearbeiten. -Oelfarben auf die Leinwand zu kleistern -- du siehst ja, etwas anderes -wird nicht daraus -- tote Malkleckse. Du großer Gott, du hast gesehen, -wie ich die ersten Monate hindurch gearbeitet habe, wie ein Sklave -- -ich kann überhaupt nicht mehr malen.“ - -Heggen betrachtete die Bilder. Es war ihm trotzdem, als fühle er wieder -festen Grund und Boden unter den Füßen. - -„Du darfst ruhig deine aufrichtige Meinung über diese -- Schweinerei -sagen,“ meinte sie herausfordernd. - -„Ja, es sind nicht gerade schöne Sachen -- das will ich gern zugeben.“ -Er stand, mit den Händen in den Hosentaschen, und betrachtete die -Bilder. „Aber +das+ ist doch etwas, was einem jeden von uns begegnen -kann -- Perioden, wo wir nicht können. Was das betrifft, so müßtest -du wissen, meine ich, daß es etwas Vorübergehendes ist -- für dich. -Ich glaube nicht daran, daß man sein Talent einbüßen kann, und wenn -man noch so unglücklich ist. Deine Arbeit hat übrigens zu lange -geruht. Man muß sich doch wieder erst einarbeiten, die Herrschaft über -seine Schaffensmöglichkeiten zurückgewinnen, siehst du. Allein die -Modellstudie dort, Mädel -- es ist wohl bald drei Jahre her, seit du -einen Akt zeichnetest. So etwas bleibt nicht ungestraft, das weiß ich -aus Erfahrung.“ - -Er trat an das Regal und wühlte unter Jennys alten Skizzenbüchern: - -„Denk nur daran, wie du dich in Paris hochgearbeitet hattest -- ich -werde dir Einiges zeigen.“ - -„Nein, nein -- nicht das da,“ sagte Jenny hastig und streckte die Hand -nach dem Buche aus. - -Heggen hielt es zusammengeklappt in der Hand und sah sie erstaunt an. -Sie wandte das Antlitz ab: - -„O, du darfst übrigens ruhig hineinsehen. Ich versuchte nur, eines -Tages den Jungen zu zeichnen.“ - -Heggen blätterte langsam darin herum. Jenny hatte sich wieder aufs Sofa -gesetzt. Er betrachtete eine Weile die kleinen Bleistiftzeichnungen von -dem schlafenden Kindchen. Dann legte er das Buch behutsam fort. - -„Es war traurig, daß du deinen kleinen Jungen verlorst,“ sagte er leise. - -„Ja. -- Hätte er gelebt, so wäre ja alles andere gleichgültig gewesen, -weißt du. Du sprichst vom Willen, aber eines Menschen Wille kann nicht -einmal -- seines Kindes Leben -- festhalten, und dann --. Ich bin nicht -dazu imstande, nach Höherem zu streben, Gunnar, denn ich sah, dies -war das Einzige, wozu ich etwas taugte, woraus ich mir etwas machte --- meines kleinen Knaben Mutter zu sein. Ja, ihn konnte ich lieben. -Vielleicht bin ich ein Egoist durch und durch, denn jedesmal, wenn ich -den Versuch machte, die anderen zu lieben, so erhob sich mein eigenes -Ich wie eine Mauer zwischen uns. Doch der Knabe war mein. Hätte ich -ihn, so könnte ich arbeiten -- ach, wie würde ich dann arbeiten! Ich -schmiedete Pläne. Mir fiel es wieder ein im vergangenen Herbst, als -ich hierher reiste, -- ich wollte ja den Sommer mit ihm in Bayern -verbringen. Ich fürchtete, die Seeluft würde zu scharf für ihn sein. Er -sollte im Wagen liegen und unter den Apfelbäumen schlummern, während -ich arbeitete. Siehst du, ich könnte an keinen Ort der Welt kommen, -wo ich nicht im Traum schon mit dem Kind gewesen wäre. Es gibt auf -der Welt nichts Gutes und Schönes, von dem ich nicht gedacht, daß er -es lernen oder sehen sollte. Ich besitze nichts, was nicht auch ihm -gehörte, das rote Plaid brauchte ich, um ihn darin einzuhüllen. Das -schwarze Kleid, in dem du mich malst, wurde in Warnemünde für mich -genäht, nachdem ich genesen war, ich wählte diese Form, damit es bequem -wäre, ihn zurecht zu legen. Im Futter sind noch Milchflecken. - -Ich kann nicht arbeiten, weil ich ganz von ihm beherrscht bin. Ich -sehne mich so heftig nach ihm, daß es mich fast lähmt. Des Nachts rolle -ich mein Kopfkissen zusammen, nehme es in den Arm und wimmere nach -Bübchen. Ich rufe ihn und rede mit ihm, wenn ich allein bin. Ich hatte -ihn malen wollen, so daß ich Bilder von ihm aus jedem Alter gehabt -hätte. Jetzt wäre er bald ein Jahr alt gewesen, denk nur -- hätte -Zähnchen bekommen und würde kriechen können, hätte sich aufgerichtet -und wäre vielleicht ein bißchen gelaufen. Jeden Monat, jeden Tag denke -ich, heute wäre er so und so alt gewesen -- wer weiß, wie er wohl -ausgesehen hätte. -- Alle Frauen, die mit einem ~bambino~ auf dem Arme -herumlaufen -- alle Jungen, die ich auf der Straße sehe, erinnern -mich daran, wie wohl meiner ausgesehen hätte, wenn er größer geworden -wäre --.“ - -Sie schwieg wieder. Heggen saß ganz still vornübergebeugt. - -„Ich glaubte nicht, daß es so sei, Jenny,“ sagte er leise und heiser. -„Ich sah wohl, daß es schmerzlich war, aber ich dachte, andererseits -- -wäre es besser so. Hätte ich gewußt, wie es sich wirklich verhielt, so -wäre ich zu dir gekommen --.“ - -Sie antwortete nicht und fuhr fort in ihren Gedanken: - -„Und dann starb er -- so winzig, winzig klein. Es ist ja nur Egoismus -von mir, daß ich es ihm nicht gönne -- gestorben zu sein, ehe er -anfing, das allergeringste zu verstehen. Er konnte nur nach dem Lichte -blinzeln oder schreien, wenn er zurechtgemacht werden sollte oder -hungrig war. Er suchte nach meiner Wange in dem Glauben, es sei die -Brust. Er kannte mich auch noch nicht, jedenfalls noch nicht richtig. -Ein ganz schwacher Schimmer von Bewußtsein war vielleicht in seinem -kleinen Köpfchen erwacht, aber stell dir vor, er hat nie gewußt, daß -ich seine Mutter war --. Einen Namen hat er auch nicht gehabt, der -Arme, nur Mutters Bübchen war er. Keinerlei Erinnerung habe ich an ihn, -außer dieser rein körperlichen.“ Sie erhob die Hände, als drückte sie -das Kind an sich. Dann fielen sie tot und leer auf den Tisch zurück. - -„Das erste Mal, als ich sein Gesichtchen an meine Wange legte, war -seine Haut so weich, ein wenig feucht, wie etwas Eingeschlossenes, -die Luft hatte sie ja noch kaum berührt, weißt du. Ich glaube, man -würde angewidert sein, einem neugeborenen Kinde zu nahe zu kommen, -wenn es nicht das eigene Fleisch und Blut ist. Seine Augen, sie -hatten noch keine richtige Farbe, waren dunkel, ich glaube übrigens, -sie wären graublau geworden. Sie sind so seltsam, die Augen solcher -kleinen Kinder -- mystisch, hätte ich beinahe gesagt. Und sein kleines -Köpfchen -- wenn er bei mir lag und die Brust bekam, wenn er dann seine -Nasenspitze flach drückte und es oben in der kleinen Fontanelle pochte, -das dünne, flaumige Haar -- er hatte soviel Haar, als er geboren wurde --- dunkles --. Ich fand ihn so entzückend. Ach, sein ganzer kleiner -Körper. Ich denke ja an nichts anderes. Ich kann ihn in meinen Händen -spüren. Die Lenden waren so rund -- er war am dicksten in der Mitte, -weißt du --. Und sein Hinterteilchen war so komisch zusammengeklemmt, -ein wenig spitz -- ich fand natürlich auch das wunderhübsch. O Gott, -wie süß war er, mein kleiner Junge --. Und dann starb er. -- Ich hatte -mich gefreut auf alles, was kommen sollte, so daß ich nachher meinte, -ich hätte dem, was war, nicht genügend Beachtung geschenkt, der Zeit, -als ich ihn hatte; ich hätte ihn nicht genügend geküßt oder betrachtet, -obwohl ich in all den Wochen nichts anderes tat. -- Und zurück blieb -dann nur die Lücke -- du kannst dir nicht denken, wie das war. Mir -schien, als arbeite mein ganzer Körper in der Sehnsucht nach ihm. Ich -bekam eine Entzündung in der Brust, der Schmerz und das Fieber waren -nur die Sehnsucht, die hinauswollte. Ich vermißte ihn in den Armen, -zwischen den Händen und an der Wange --. Manchmal, in den letzten -Wochen, schloß er die Hand um meinen Finger, wenn ich ihn hinstreckte. -Einmal hatte er ganz von selbst einige von meinen Haaren erwischt, die -sich gelöst hatten --. Die süßen, süßen kleinen Hände.“ - -Sie legte sich über den Tisch, schluchzte leise und heftig, daß sie -bebte. - -Gunnar war aufgestanden, zögerte, im Zweifel mit sich, ein Weinen in -der Kehle. Dann lief er plötzlich zu ihr hin, hastig und verlegen küßte -er sie heftig auf den Scheitel. - -Sie blieb eine Zeitlang liegen und weinte. Aber schließlich richtete -sie sich auf, ging zum Waschtisch und badete ihr Gesicht im Wasser: - -„O Gott, wie sehne ich mich nach ihm,“ sagte sie unvermittelt, mit -verweinter Stimme. - -„Jenny --.“ Er wußte nichts anderes zu sagen: „Jenny. -- Ich wußte ja -nicht, daß es dir so ergangen war --“. - -Sie kam zurück und legte einen Augenblick ihre Hände auf seine -Schultern: - -„Ja, ja, Gunnar. Du sollst nicht so viel an das denken, was ich -vorher sagte. Mitunter weiß ich nicht, wohin mit mir selbst. Aber du -kannst dir denken, wenn auch nur um des Jungen willen: mich geradezu -Ausschweifungen hinzugeben, das bringe ich wohl doch nicht fertig. -Eigentlich will ich natürlich selber versuchen, das Bestmöglichste aus -dem Leben zu machen -- weißt du. Versuchen, wieder zu arbeiten, wenn es -auch im Anfang nicht so leicht wird. Man hat ja immer den einen Trost, -daß man nicht länger lebt, als man selber will --.“ - -Sie setzte sich wieder den Hut auf und suchte nach einem Schleier: - -„Gehen wir also zum Essen, du mußt ja hungrig geworden sein, so spät -wie es ist --.“ - -Gunnar Heggen wurde blutrot über sein ganzes junges Gesicht. Bei ihren -Worten merkte er plötzlich, daß er einen Bärenhunger hatte, aber er -schämte sich, jetzt etwas derartiges zu empfinden. Er trocknete die -Tränen von seinen nassen, heißen Wangen und nahm seinen Hut vom Tisch. - - - - -X. - - -Ohne es verabredet zu haben, gingen sie an dem Restaurant vorüber, wo -sie sonst zu essen pflegten und immer viele Skandinavier trafen. Sie -schritten immer weiter durch die Dämmerung, nach der Tiber und über die -Brücke bis in die alten Borgo-Viertel. In einem Winkel am Petersplatz -lag ein kleines Restaurant, wo sie mitunter gegessen hatten, wenn sie -vom Vatikan kamen. Hier traten sie ein. - -Sie aßen, ohne mit einander zu sprechen. Jenny zündete sich eine -Zigarette an, als sie fertig war, nippte an ihrem Rotwein und rieb die -duftenden Mandarinenschalen zwischen ihren Fingern. - -Heggen rauchte ebenfalls und starrte vor sich hin. Sie befanden sich -fast allein im Lokal. - -„Hast du Lust, den Brief zu lesen, den ich kürzlich von Cesca bekam?“ -fragte Jenny plötzlich. - -„Danke. Ich sah es, daß ein Brief für dich gekommen war. Ist er aus -Stockholm?“ - -„Ja. Sie sind jetzt dort, werden auch den Winter über da wohnen -bleiben.“ - -Jenny holte den Brief aus ihrer Handtasche hervor und reichte ihn -Gunnar. - -Cescas Brief lautete: - - „Meine liebe, süße Jenny! - - Du darfst mir nicht böse sein, daß ich Dir noch nicht für Deinen - letzten Brief gedankt habe. Ich hatte jeden Tag die Absicht, es zu - tun, aber es wurde nichts daraus. Ich freue mich so sehr, daß Du - wieder in Rom bist und daß Du malst, besonders auch, daß Du mit - Gunnar zusammen bist. - - Wir sind jetzt also nach Stockholm zurückgekehrt und wohnen wieder in - der alten Wohnung. Es war unmöglich, in unserem Dörfchen zu bleiben, - als es wirklich kalt wurde, denn dort zog es schrecklich und wir - konnten es nur in der Küche ordentlich warm bekommen. Wenn wir es uns - doch leisten könnten, das kleine Häuschen zu kaufen, aber es wird - zu teuer, denn wir müßten zuviel daran ausbessern, die Scheune als - Atelier für Lennart umbauen und überall Oefen setzen lassen. Aber wir - haben es für den nächsten Sommer wieder gemietet, und darüber freue - ich mich, denn es ist mir der liebste Platz auf der Welt. Du kannst - Dir etwas so Schönes wie die Westküste nicht vorstellen. Sie ist so - eigentümlich, öde und verwittert mit den grauen Hügeln und dem vom - Sturm zerzausten Gestrüpp in den Felsspalten, mit den Geißblattranken - und den armseligen kleinen Häusern, dem Meer und dem wunderbaren - Himmel. Die Bilder, die ich davon gemalt habe, seien gut, sagt man, - und Lennart und ich leben dort so herrlich miteinander. Jetzt sind - wir für immer Freunde, und wenn er findet, daß ich merkwürdig bin, - so küßt er mich nur und sagt, ich sei eine kleine Seejungfrau, und - irgend sowas Nettes, und mit der Zeit schlage ich auch völlig Wurzel - bei ihm. - - Aber jetzt sind wir wieder in der Stadt. Aus der Pariser Reise - wird diesmal nichts, und das ist auch gleich. Ich finde es beinahe - herzlos, Dir darüber etwas zu schreiben, Jenny, denn Du bist viel, - viel besser als ich, und es war so bitter und fürchterlich, daß Du - Deinen kleinen Jungen hergeben mußtest und ich finde, ich habe es - nicht verdient, das Glück, meinen heißen Wunsch erfüllt zu sehen, - aber ich erwarte also ein kleines Baby. Es dauert nur noch fünf - Monate. Ich wollte es zuerst selbst nicht glauben, aber jetzt ist - es ganz sicher. Ich versuchte, es so lange wie möglich Lennart zu - verheimlichen, ich schämte mich furchtbar der beiden Male wegen, die - ich ihn damit an der Nase herumgeführt, und hatte Angst, daß ich - mich täuschen könnte, so daß ich es erst ableugnete, als er es zu - ahnen begann. Aber schließlich mußte ich mich ja zu einem Bekenntnis - bequemen, ich begreife es aber eigentlich noch nicht, daß ich - wirklich einen kleinen Buben bekomme. Lennart sagt übrigens, er will - am liebsten noch eine kleine Cesca haben, aber das tut er bloß, um - mich im voraus zu trösten, wenn es so würde, denn ich bin überzeugt, - eigentlich will er am liebsten einen Sohn haben. Aber Du weißt, wird - es ein Mädchen, so freuen wir uns ebenso sehr darüber, und außerdem, - haben wir erst eins, so können wir ja immer mehr bekommen. - - Jetzt bin ich so froh, daß es mir eigentlich gleichgültig ist, wo wir - sind; jedenfalls sehne +ich+ mich nicht nach Paris; denke Dir, Frau - Lundquist fragte, ob ich nicht ärgerlich sei, daß dieser Junge uns - nun die ganze Pariser Fahrt über den Haufen würfe; kannst Du so ein - Menschenkind begreifen, und dabei hat sie die zwei entzückendsten - Knaben von der Welt. Aber sie verwahrlosen vollständig, wenn sie - nicht bei uns sind, und Lennart sagt, sie würde sie uns gern - schenken, und könnte ich es mir leisten, so nähme ich sie auch. Dann - hätte der Kleine gleich zwei große liebe Brüder zum Spielen, wenn er - kommt; es wird einen Spaß geben, wenn wir ihnen den kleinen Vetter - zeigen -- sie sagen Tante zu mir, eine drollige Sitte, finde ich. - - Aber nun muß ich schließen. Weißt Du, worüber ich auch froh bin -- - unter diesen Umständen kann Lennart doch unmöglich eifersüchtig - werden, nicht wahr? Uebrigens glaube ich, das hat aufgehört, denn - jetzt weiß er sehr gut, daß ich eigentlich nur ihn wirklich lieb - gehabt habe. - - Findest Du das häßlich von mir, daß ich Dir soviel von all diesem - schreibe, und daß ich so glücklich bin? Aber ich weiß ja doch, daß - Du es mir so herzlich gönnst. - - Grüß alle Bekannten, die Du dort unten triffst, und Gunnar zu - allererst viele Male. Du darfst ihm dies hier ruhig erzählen, wenn Du - magst. Und nun leb wohl. Zum Sommer besuchst Du uns! - - Tausend liebe Grüße von Deiner treuen kleinen - Freundin - - Cesca. - - ~PS.~ Jetzt fällt mir plötzlich ein: Wird es ein Mädchen, so soll - es meiner Treu Jenny heißen, was auch Lennart sagen mag. Ich sollte - übrigens von ihm grüßen.“ - -Gunnar reichte Jenny den Brief zurück, die ihn wieder wegsteckte. - -„Ich +bin+ froh,“ sagte sie leise. „Ich freue mich über jeden Menschen, -den ich glücklich weiß. Diese Freude ist mir geblieben aus alter Zeit --- wenn es auch das Einzige ist.“ - - * * * * * - -Sie gingen nicht nach der Stadt zurück, sondern schlenderten über den -Petersplatz, der Kirche zu. - -Im Mondschein fielen die Schatten kohlschwarz über den Platz. -Gleißendes Licht und nächtliche Finsternis lösten sich gespenstisch in -dem einen der gewölbten Säulengänge ab. Der andere lag ganz im Dunkeln; -nur die Konturen der Statuenreihe auf dem Dache waren von flimmerndem -Licht umspielt. Auch die Fassade der Kirche lag im Schatten, während -die Kuppel hoch oben hier und da wie silbriges Wasser schimmerte. - -Die beiden Fontänen jagten ihre weißen Strahlen funkelnd und schäumend -zum mondblauen Himmel auf. Wirbelnd schoß das Wasser in die Höhe, -plätscherte gegen die Porphyrschalen, um in die Becken zurückzurieseln -und abzutropfen. - -Gunnar und Jenny gingen langsam zur Kirche hinüber, im Schatten des -Säulenganges. - -„Jenny“, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang ganz ruhig und -alltäglich. „Willst du mich heiraten?“ - -„Nein,“ sagte sie ebenso ruhig und lachte ein wenig. - -„Es ist mein Ernst.“ - -„Ja, aber du wirst wohl begreifen, daß ich das nicht will.“ - -„Warum eigentlich nicht?“ Sie gingen weiter, der Kirche zu. „Wie ich -verstanden habe, bist du augenblicklich selbst der Ansicht, dein Leben -sei nicht lebenswert. Mitunter hast du die Absicht, dich ums Leben -zu bringen, wie ich gemerkt habe. Wenn du dich aber in einem solchen -Aufruhr befindest, weshalb kannst du dich denn nicht ebenso gut mit mir -verheiraten? Du kannst es doch auf jeden Fall versuchen, meine ich!“ - -Jenny schüttelte den Kopf: - -„Ich danke dir, Gunnar, aber das heißt, finde ich, die Freundschaft -unerlaubt weit treiben.“ Sie wurde mit einem Male ernst: „Erstens mußt -du dir doch sagen, daß ich das nicht annehme. Zweitens: würdest du mich -dazu bringen, dich als Rettungsplanke anzusehen, so wäre ich nicht -wert, daß du dich bemühtest, mir nur den kleinen Finger zu reichen.“ - -„Es ist nicht Freundschaft, Jenny.“ Er zögerte einen Augenblick. -„Sondern ich habe -- dich lieb gewonnen. Ich sage es nicht, um dir -zu helfen -- natürlich will ich dir auch gern helfen. Aber mir ist -plötzlich klar geworden -- wenn es mit dir ein böses Ende nähme -- ich -weiß nicht, was ich dann täte. Ich bin nicht fähig, daran zu denken. -Nichts auf der Welt würde ich scheuen, um dir zu helfen -- weil ich dir -so gut bin, verstehst du?“ - -„O nicht doch, Gunnar.“ Sie stand still und blickte erschrocken zu ihm -auf. - -„Ja, natürlich weiß ich, daß du mich nicht liebst. Aber deshalb -könntest du dich doch gut mit mir verheiraten, dies ebenso gut wie -irgend etwas anderes tun, wenn du doch des Ganzen müde bist und meinst, -du hättest dich selber aufgegeben.“ Seine Stimme klang heiß und bewegt, -als er ausrief: „Du mußt mich ja eines Tages liebgewinnen, ich weiß es -so sicher -- weil ich dich so lieb habe!“ - -„Du weißt, daß ich dich gern mag,“ sagte sie ernst. „Aber das ist kein -Gefühl, mit dem du dich auf die Dauer begnügen könntest. Zu einem -ganzen und starken Gefühl bin ich aber nicht fähig.“ - -„Natürlich bist du das. Alle Menschen sind es. Ich war doch so -überzeugt, daß ich nie etwas anderes als diese -- Geschichtchen erleben -würde. Ich glaubte eigentlich nicht daran, daß es etwas anderes gäbe ---.“ Er senkte die Stimme. „Du bist ja die erste, die ich liebe.“ - -Sie stand stumm und still. - -„Dies Wort, Jenny, habe ich noch niemals ausgesprochen. Ich hatte eine -Art von Scheu, Ehrfurcht davor. Ich habe bisher nie eine Frau geliebt. -Etwas anderes war dieses dauernde Verliebtsein -- in dies oder jenes -an ihnen. Cescas Grübchen, wenn sie lachte -- das unbewußt Raffinierte -an ihr. Dies oder jenes, das meine Phantasie in Bewegung setzte, das -mich anregte, Märchen über sie zu dichten, Abenteuer, die ich erleben -würde. Einmal war ich in eine Frau verliebt, weil sie das erste Mal, -als ich sie sah, ein so wundervolles tiefrotes seidenes Kleid trug, -ganz schwarz in den Falten wie die dunkelsten Rosen, ich stellte sie -mir immer in diesem Kleide vor. Und du damals in Viterbo. Du warst so -fein und still, so zurückhaltend, gleichsam als trügst du Handschuhe -bis hinauf zu den Ellenbogen, sowohl innen wie außen, und du hattest -einen Schimmer in den Augen, wenn wir anderen lachten, als wolltest du -gern mit uns spielen, du konntest aber nicht und wagtest nicht. Da war -ich verliebt in den Gedanken, dich ausgelassen und lachend zu sehen. -- -Aber nie zuvor habe ich ein zweites, lebendes Wesen geliebt.“ - -Er wandte einen Augenblick die Augen von ihr und starrte zur Säule des -Springbrunnens hinauf, die im Mondlicht funkelte. So spürte er das -neue Gefühl in sich aufsteigen und funkeln, sein Sinn war voller neuer -Worte, die in Ekstase über seine Lippen sprangen: - -„Verstehst du mich, Jenny -- ich liebe dich so, daß ich finde, alles -andere ist gleichgültig. Ich trauere nicht darüber, daß du mich nicht -liebst, denn ich weiß, daß es eines Tages der Fall sein wird; ich fühle -ja, daß meine Liebe dich dahin bringen wird. Ich habe Zeit zu warten, -denn es ist wunderbar, dich so zu lieben. Als du davon sprachst, dich -niedertrampeln zu lassen, dich unter eine Lokomotive zu werfen, da -geschah etwas mit mir. Ich wußte nicht, was es war, ich wußte nur, ich -konnte es nicht mit anhören, ich wußte, ich durfte es nicht geschehen -lassen. Es war, als gelte es mein Leben. Du sprachst vom Kinde -- es -schmerzte mich so wahnsinnig, daß du so gelitten hattest, und ich -konnte dir nicht helfen, ja, ich wußte es noch nicht, aber der Wunsch -war auch schon in mir wach, daß du mir gut sein mögest. - -Ich verstand alles, Jenny, die grenzenlose Liebe und den furchtbaren -Verlust, so lieb habe ich dich. Als wir drüben in der Trattoria saßen, -als wir dann hier hinübergingen, da war mir plötzlich alles klar und -wie grenzenlos lieb und teuer du mir bist. -- Jetzt ist mir, als sei -es immer so gewesen. Alle Erinnerungen an dich gehören mit zu meiner -Liebe. Jetzt verstehe ich auch, warum ich so niedergedrückt war, seit -du hierher kamst. Ich sah, wie schwer dich dein Geschick drückte, wie -still und trostlos du in der ersten Zeit warst, und wie du später diese -wilden Anfälle bekamst. Ich besinne mich auf den Tag in Warnemünde auf -der Landstraße, als du dastandst und weintest -- auch das gehört mit -dazu, weswegen ich dich liebe. Die anderen Männer, die du gekannt hast, -Jenny, auch der Vater des Knaben -- o ich weiß, wie es gewesen ist. -Du hattest mit ihnen geredet und geredet -- über all deine Gedanken, -und es war schließlich nur ein Gerede von Gedanken. Selbst, wenn du -versuchtest, ihnen klar zu machen, wie du fühltest, sie konnten ja -nicht verstehen, wie du warst. Aber ich weiß es. Was du an jenem Tag in -Warnemünde sagtest, und auch heute, das -- du weißt, daß du darüber nur -mit mir sprechen kannst; das sind alles Dinge, die ich allein verstehen -kann. Ist es nicht so?“ - -Sie senkte überrascht, zustimmend den Kopf. - -„Ich weiß, daß ich der einzige bin, der dich von Grund auf versteht, -und ich weiß genau, wie du bist. Ach. So lieb wie ich dich habe! Wärst -du voller Flecken und blutiger Wunden in deinem Gemüt, ich möchte -nur dich haben und all das fortküssen, bis du wieder rein und gesund -wärest. Ich will dir ja mit meiner Liebe nur dazu verhelfen, Jenny, so -zu werden, wie du’s erstrebst und erreichen mußt, um dich glücklich -zu fühlen. Auf welche schlimmen Gedanken du auch kämst -- ich würde -glauben, du seiest krank, etwas Fremdes habe sich in dein Wesen -geschlichen. Wenn du mich auch betrögst, wenn ich dich betrunken im -Rinnstein fände -- du bist dennoch meine eigene geliebte Jenny. Hörst -du? Kannst du nicht mein werden -- nur mir gehören, dich in meine Arme -legen und dich zu meinem Eigen machen lassen? Du wirst wieder gesund -und glücklich werden. -- Ich weiß noch nicht recht, wie ich es anfangen -werde, aber ich weiß, meine Liebe wird einen Weg finden. Du wirst jeden -Morgen ein wenig froher erwachen, und jeder Tag wird etwas lichter und -wärmer sein als der vorhergegangene und deine Trauer etwas weniger -schwer. Können wir nicht nach Viterbo fahren, irgend wohin? -- Ach, laß -mich dich mein nennen -- ich will dich hegen wie ein krankes Kind. Und -wenn du wieder geheilt bist, dann hast du mich liebgewonnen und weißt, -wir Beide können gar nicht ohne einander leben. -- Hörst du mich, Jenny --- du bist krank, du kannst nicht allein auskommen. Schließ nur die -Augen und gib mir deine Hände, so nehme ich dich und liebe dich gesund --- ach, ich weiß, daß ich es kann.“ - -Jenny wandte ihm ihr weißes Antlitz zu. Sie hatte sich an eine Säule -gelehnt und lächelte weh in den Mondenschein hinaus: - -„Wie sollte ich diese große Bosheit und Sünde gegen Gott begehen -können.“ - -„Meinst du, weil du mich nicht liebst? Ich sage dir ja, es macht -nichts. Ich weiß, daß meine Liebe so mächtig ist, daß sie dich eines -Tages geweckt haben wird, wenn du nur eine Zeitlang von der meinen -umsponnen warst.“ - -Er umfing sie, küßte ihr ganzes Gesicht, badete es in Küssen. Sie war -willenlos. Aber nach einer Weile flüsterte sie trotzdem: - -„Tu es nicht, Gunnar -- sei lieb.“ - -Er ließ sie zögernd fahren: - -„Warum darf ich es nicht tun?“ - -„Weil du es bist. Wäre es ein anderer gewesen, der mir gleichgültig -gewesen wäre -- dann weiß ich nicht, ob ich hätte Widerstand leisten -mögen.“ - -Gunnar nahm sie bei der Hand, während sie im Licht des Mondes auf und -ab gingen. - -„Ich verstehe dich. Als du deinen kleinen Buben bekommen hattest, -sahest du in deinem Leben wieder einen Sinn -- nach all dem Sinnlosen. -Denn du liebtest ihn, und er brauchte dich. Als er dann starb, -wurdest du gleichgültig gegen dich selber, denn du fandest, du seiest -überflüssig.“ - -Jenny nickte: - -„Ich kenne einige Menschen, die ich gern habe, um deretwillen es mich -schmerzen würde, wüßte ich, daß sie traurig sind, und um deretwillen -ich froh wäre, wenn es ihnen gut ginge. Aber +ich+ vermag ihnen weder -größere Trauer noch Freude zu bringen. So ist es immer gewesen. Und -gerade das hat mich früher insgeheim so unglücklich und sehnsüchtig -gemacht, daß ich umherlief und mein Dasein keines Menschen Glück -bedeutete. Das aber wollte ich sein, Gunnar, eines anderen Menschen -Glück. Ich habe nie an ein anderes Glück geglaubt. Du sprachst von der -Arbeit, aber ich war nie davon überzeugt, daß sie uns erschöpft -- es -wäre mir auch so egoistisch vorgekommen. Die tiefste Freude, die man -dabei empfindet, ist ja die eigene -- und die kann man mit niemanden -teilen. Aber es gibt keine Freude, die zugleich Glück bedeutet, wenn -man sie nicht mit anderen teilen kann. Außer dem, was uns einzelne -Augenblicke in unserer Jugend als Glück empfinden lassen. Das habe ich -auch gefühlt, wenn ich meinte, ich hätte etwas erreicht in meinem -Streben, besser zu werden. Aber es ist ja töricht, irgendwelche -Reichtümer zu sammeln, wenn man sie nicht anwenden will. Bei einer Frau -jedenfalls. Ich finde, das Leben einer Frau hat keinen Sinn, wenn sie -nicht irgend jemandem zur Freude dient. Mir war es nie beschieden, ich -habe nur einigen Menschen Leid gebracht, die kleine, armselige Freude, -die ich gab, konnte wohl irgend eine andere auch geben, denn sie -liebten mich ja nur, weil sie etwas anderes in mir sahen, als das, was -ich wirklich war. -- Nachdem Bübchen dann gestorben war, gelangte ich -zu der Ansicht, es sei gut, daß niemand mir so nahestand, daß ich ihm -ernstlich Leid zufügen konnte. Es gab niemanden, dem ich unersetzlich -war. -- Und nun sagst du mir dies. Dich hätte ich vielleicht am -allerwenigsten in mein verwirrtes Leben hineingezogen. Eigentlich -habe ich dich immer am liebsten gehabt von allen, die ich kannte. Mir -tat es wohl, daß wir Freunde waren auf diese Art. Daß Liebe und all -dergleichen Gefährliches und Unruhiges sich nicht zwischen uns drängen -konnte! Ich hielt dich für zu gut dafür. Ach Herrgott, wie innig -wünschte ich, es hätte sich nichts geändert.“ - -„Ich habe heute nicht mehr die Empfindung, als sei es jemals anders -gewesen,“ sagte er leise. „Ich liebe dich. Und ich glaube, du brauchst -mich. Ich bin so fest überzeugt, daß ich dich wieder zum Glücke -zurückführen kann. Und wenn mir nur das gelingt, so hast du mich -glücklich gemacht.“ - -Jenny schüttelte den Kopf: - -„Wäre nur das Geringste zurückgeblieben von meinem Glauben an mich -selbst! Betrachtete ich mich nicht als so unwiederbringlich abgetan --- dann vielleicht. Aber Gunnar, wenn du davon sprichst, daß du mich -liebst, so weiß ich, daß das, was du an mir liebst, tot und vernichtet -ist. Dann aber ist es ja wieder die alte Sache, du bist verliebt in -etwas, was du dir an mir nur einbildest, vielleicht etwas, was ich -gewesen bin oder hätte sein können. Aber dennoch -- eines Tages -wirst du mich sehen, wie ich jetzt bin und dann wirst auch du nur -unglücklich.“ - -„Wie es auch endet -- niemals werde ich es als ein Unglück betrachten, -daß ich dich liebe. Ich weiß viel besser als du selbst, in dem -Zustande, in dem du jetzt bist, bedarf es nur eines Stoßes, und du -stürzest -- in etwas ganz Wahnwitziges hinaus. Aber ich fühle mich -dir nah. Denn ich kann den ganzen Weg übersehen, der dich bis hierher -gebracht hat, und wenn du stürztest, so würde ich dir folgen und -versuchen, dich auf meinem Arm zurückzutragen und dich dennoch zu -lieben.“ - - * * * * * - -Als sie nachts oben im Gang vor ihren Zimmern standen, ergriff er ihre -Hände: - -„Jenny, soll ich nicht heute Nacht lieber bei dir bleiben, anstatt dich -allein zu lassen? Glaubst du nicht, dir würde wohl sein, wenn du in den -Armen eines Menschen einschliefest, dem du alles bist -- und wenn du -morgen so erwachtest?“ - -Sie blickte auf und lächelte bedeutsam in den goldenen Schein der -Wachskerze: - -„Vielleicht heut Nacht. Aber ich glaube nicht morgen.“ - -„Ach Jenny.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Es ist vielleicht gut, daß -ich heute Nacht zu dir komme. Ich finde, ich habe das Recht -- ich täte -damit nichts Schlechtes. Ich weiß, es wäre das Beste für dich, wenn -- -du mein würdest. Wirst du böse -- wirst du traurig, wenn ich komme?“ - -„Ich glaube, ich würde traurig werden -- hinterher. Deinetwegen. -- Ach -nein, tu es nicht, Gunnar. Ich will nicht dein werden, wenn ich weiß, -daß es für mich ebenso gut ein anderer sein könnte --“ - -Er lachte kurz, mutwillig und schmerzlich zugleich: - -„Wärest du erst mein, dann würdest du dich keinem anderen geben, so gut -kenne ich dich, Jenny. Aber wenn du bittest -- ich kann warten. -- Aber -riegele deine Tür zu,“ sagte er mit demselben Lachen. - - - - -XI. - - -Den ganzen Tag hindurch war das Wetter trübe gewesen, mit kalten, -fahlgrauen Wolken hoch oben am Himmel. Jetzt gegen Abend zeigten sich -einige dünne, messinggelbe Streifen über dem westlichen Horizont. - -Jenny war am Nachmittag auf den Monte Celio gegangen, um zu zeichnen. -Es war nichts daraus geworden -- sie hatte nur auf der großen -Freitreppe vor San Gregorio gesessen und gedankenverloren in den Hain -geblickt, dessen große Bäume unter dem fahlen Himmel lenzhaft zu -knospen begannen und in dem die Tausendschön hell unter dem grünen -Grase leuchteten. - -Sie ging jetzt durch die Allee, die unter dem Südhang des Palatins -dahinläuft, wieder zurück. Ueber die Palmen des Klosters auf dem -Gipfel ragte die Masse der Ruinen grau und verwittert gen Himmel. Den -Abhang hinab zogen sich die ewiggrünen Büsche, jetzt fast schwarz mit -Kalkstaub gepudert. - -Vor dem Konstantinsbogen, auf dem Platz zwischen den Ruinen des -Colosseum, des Palatin und des Forums schlichen einige verfrorene -Ansichtskartenverkäufer umher. Nur wenig Touristen waren heute draußen. -Einige spindeldürre Damen feilschten in unmöglichem Italienisch mit -einem wandernden Mosaikkrämer. - -Ein kleiner Bursche, vielleicht drei Jahre alt, klammerte sich an -Jennys Mantel fest und hielt ihr einen Büschel Stiefmütterchen -entgegen. Er hatte seltsam schwarze Augen, war langhaarig und in -Nationaltracht herausgeputzt, mit spitzem Filzhut, Sammetjacke und -Sandalen über den weißwollenen Socken. Als er um einen Soldo bat, hörte -sie, daß er noch nicht richtig sprechen konnte. - -Jenny reichte ihm die Münze, als plötzlich seine Mutter an ihre Seite -fegte und das Geldstück dankend in Verwahrung nahm. Auch sie hatte den -Versuch gemacht, ihrer Tracht einen leichten nationalen Anstrich zu -geben, hatte ein rotes Sammetkorsett über ihre schmutzige, karierte -Bluse geschnürt und ein Tuch im Viereck über das Haar gebreitet. Im -Arme trug sie ein kleines Kind. - -Es sei drei Wochen alt, erfuhr Jenny, als sie fragte. Das arme Wesen -war krank. - -Das Kind war nicht viel größer als Jennys Knabe nach der Geburt. Seine -Haut war rot und wund und schälte sich, es atmete pfeifend, als seien -die Luftröhren voller Schleim, und die Augen blickten glanzlos unter -den entzündeten halbgeschlossenen Lidern hervor. - -Ja, sie ginge jeden Tag mit ihm zur Poliklinik, sagte die Mutter. Aber -sie meinten, es würde sterben. Es wäre auch für das arme Ding das -Beste. Die Frau sah müde und mißmutig aus, obendrein war sie häßlich -und zahnlos. - -Jenny fühlte ein Weinen in der Kehle aufsteigen. Armes, kleines Wesen. -Ja, für das Kind wäre es das Beste, wenn es stürbe. Armer kleiner -Krüppel. Sie strich liebkosend über das häßliche Gesichtchen. - -Sie hatte der Frau noch etwas Geld gegeben und wollte eben gehen. In -diesem Augenblick ging ein Herr vorüber. Er grüßte, zögerte einen -Augenblick, ging dann aber weiter, da Jenny den Gruß nicht erwiderte. -Es war Helge Gram. - -Sie hatte es gar nicht begriffen, daß sie hätte grüßen müssen. Sie -hockte sich vor den kleinen Burschen mit den Blumen und ergriff seine -Hände, zog das Kind näher zu sich heran und plauderte mit ihm, indem -sie versuchte, das wahnsinnige Beben niederzuzwingen, das durch ihren -Körper raste. - -Einmal wandte sie den Kopf und blickte in die Richtung, in der er -weitergegangen war. Drüben auf der Treppe, die zum Platz am Colosseum -führte und zur Straße hinauf, stand er und sah herüber. - -Sie fuhr fort, in hockender Stellung mit der Frau und dem Kinde zu -sprechen. Als sie wieder aufsah, war er gegangen -- aber sie wartete, -noch lange, nachdem sein grauer Hut und Mantel verschwunden war. - -Dann rannte sie förmlich nach Hause zu, durch Hintergäßchen und -Schlupfwinkel, vorsichtig um jede Ecke biegend, voller Angst, daß er -ihr hier begegnen könnte. - -Weit drüben jenseits des Pincio hielt sie inne. Sie aß dort in einer -Trattoria zu Abend, in der sie vorher nie gewesen war. - -Als sie ein wenig verweilt und einige Schluck Wein getrunken hatte, -wurde sie ruhiger. - -+Wenn+ sie nun Helge begegnete und er sie anredete, so war es natürlich -peinlich. Selbstverständlich würde sie es am liebsten vermeiden. Aber -wenn es sich nun so traf, brauchte sie deshalb eine so sinnlose Furcht -zu hegen? Sie waren ja beide fertig miteinander; für das, was geschehen -war, nachdem sie auseinander gegangen waren, hatte er sie nicht zur -Rechenschaft zu ziehen. Wenn er es tat, so kam ihm kein Recht dafür zu. -Was er auch wußte, was er auch sagen mochte, sie wußte ja selbst, was -sie getan. Sich selber hatte sie Rechenschaft ablegen müssen -- was war -alles andere dagegen! - -Brauchte sie sich vor irgendeinem Menschen zu fürchten? Niemand konnte -ihr schlimmeres Leid zufügen, als sie selbst sich angetan. - -Aber es war wieder ein böser Tag gewesen, daran lag es. Einer von den -Tagen, an denen sie nicht nüchtern war. Jetzt war es besser geworden. - -Sie war jedoch kaum wieder auf der Straße, als die tolle, verzweifelte -Angst sie wieder überfiel. Diese Angst peitschte sie, so daß sie -vorwärtsstürmte, ohne es zu wissen. Sie faltete ihre Hände und sprach -halblaut mit sich selbst. - -Einmal riß sie die Handschuhe von den Händen, denn ihr war glühend -heiß geworden. Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie einen nassen Fleck auf -dem einen bemerkt hatte, nachdem sie das kranke Kind gestreichelt. -Angewidert schleuderte sie die Handschuhe von sich. - -Als sie zu Hause ankam, stand sie im Gange still. Sie klopfte an -Gunnars Tür. Er war aber nicht daheim. Dann blickte sie auf das Dach -hinaus, aber auch dort war niemand. - -Sie ging in ihr Zimmer und zündete die Lampe an. Die Arme auf der Brust -verschränkt, saß sie und starrte in die Flamme, erhob sich, wanderte -ruhelos im Zimmer auf und ab und setzte sich schließlich nieder. - -Angespannt horchte sie auf jeden Laut im Treppenflur. Ach, wenn doch -Gunnar käme und nur der andere nicht! -- Aber er wußte ja nicht, wo -sie wohnte. Er konnte aber jemanden getroffen und gefragt haben. Ach -Gunnar, Gunnar, komm! - -Dann wollte sie gleich zu ihm gehen, sich in seine Arme werfen und ihn -bitten, sie hinzunehmen. - -Von dem Augenblick, als sie Helge Grams goldbraunen Augen begegnet -war, hatte die ganze Vergangenheit, die unter dieser Augen Blick ihren -Anfang genommen, sich gegen sie aufgelehnt. Alles überfiel sie aufs -neue, der Ekel, der Zweifel an der eigenen Fähigkeit, zu fühlen, zu -wollen und zu wählen, der Zweifel, ob sie das wirklich nicht wolle, -was sie abzulehnen sich einbildete. -- Und sie sah sich wieder, wie -sie sich damals gesehen, verlogen, verträumt, schlaff, während sie vor -sich selber tat, als fordere sie ein reines, starkes und ganzes Gefühl -von sich, während sie sagte, sie wolle ehrlich, arbeitsam, mutig, -opferwillig, diszipliniert sein. Dabei ließ sie Stimmungen und Triebe -mit sich Fangball spielen, gegen die zu kämpfen sie sich nicht die -Mühe machte, obgleich sie wußte, sie müßte es tun. Sie spiegelte Liebe -vor, um sich einen Platz unter Menschen zu erschleichen, den sie nie -gewonnen hätte, solange sie ehrlich gewesen --. - -Sie hatte sich umwandeln wollen, um sich zu den Menschen rechnen zu -können, unter denen sie, wie sie immer gewußt hatte, eine Fremde war, -weil aus anderem Holz geschnitzt. Aber sie war nicht imstande gewesen, -allein zu bleiben, eingesperrt in ihrer eigenem Natur. Sie hatte Gewalt -an ihrer Natur verübt. Widerwärtig, unnatürlich war ihr Verhältnis zu -den Menschen geworden, die ihr im tiefsten Innern wesensfremd waren. -Der Sohn und der Vater --. Und was nachfolgte -- ihr eigenes inneres -Wesen war dadurch entstellt, jeder feste Halt, den sie in sich selbst -besessen hatte, ließ sie im Stich, zerbröckelte zu einem Nichts. Sie -löste sich innerlich auf. - -Kam Helge, traf sie ihn, so würden, fühlte sie, die Verzweiflung -und ihr Lebensüberdruß sie überwältigen. Sie wußte nicht, was dann -geschehen würde, nur soviel, daß, mußte sie ihm von Angesicht zu -Angesicht gegenüberstehen, ihre Kräfte sie verlassen würden --. - -Ach, Gunnar! Ob sie ihn liebte oder nicht, daran hatte sie in diesen -Wochen, als er um sie gebettelt hatte, wie sie war, nicht nachgedacht. -Er hatte geschworen, ihr hinüberhelfen zu können, alles wieder in ihr -aufzurichten. - -Mitunter hatte sie nur den Wunsch, er nähme sie mit Gewalt. Dann -brauchte sie sich nicht selbst zu entscheiden. Denn es war, wie er -sagte; wählte sie, sein zu werden, so sagte ihr der letzte Rest von -Stolz, daß sie die Verantwortung trüge. Dann +mußte+ sie das werden, -was sie gewesen, das, wofür er sie hielt, und das, was die Zukunft aus -ihr machen sollte. Ob sie dazu imstande war oder nicht, sie mußte sich -wieder hocharbeiten aus alledem, worin sie jetzt herumwühlte -- unter -einem neuen Leben mußte sie alles begraben, was geschehen war, seit sie -Helge Gram den Kuß gegeben, mit dem sie ihren eigenen Glauben und ihr -ganzes Leben bis zu dem Frühlingstage in der Campagna verraten hatte. - -Ob sie sich Gunnar zu eigen geben wollte --? Liebte sie ihn denn, der -ganz so war, wie sie hatte werden wollen? Dessen ganzes Wesen alles in -ihr wachrief, was sie einstmals entwickeln und pflegen wollte -- jedes -Talent, das sie zu fördern für wert erachtet hatte --. - -Die Liebe, die sie auf wirren Pfaden gesucht, dort, wohin ihr -krankhaftes Sehnen und ihre heiße Ruhelosigkeit sie getrieben hatten --- bestand sie denn nur in dem Selbstverständlichen, die Augen zu -schließen und sich in die Gewalt des Mannes zu begeben, der allein -ihr Vertrauen besaß, den alle Instinkte das Gewissen und den rechten -Richter nannten --? - -Aber sie hatte es doch nicht über sich bringen können -- die ganzen -Wochen hindurch hatte sie es nicht gekonnt. Sie wollte nur erst etwas -weiter aus diesem Schlamm, in dem sie sich befand, heraus, durch eigene -Kraft. Sie wollte erst fühlen, daß ihr eigener Wille aus fernen Tagen -wieder die Herrschaft über ihr zerrissenes Gemüt ergriffen hatte. Wenn -sie dann nur wieder einen Funken Achtung und Vertrauen zu sich selbst -zurückgewinnen könnte. - -Durfte sie weiterleben, so war Gunnar als Mensch alles, was das Leben -für sie bedeutete. Ach, ein paar Worte, die er auf ein Stück Papier -gekritzelt hatte, ein Buch, das als Bote zu ihr kam, von irgend -einem Zug seines Wesens kündend -- gerade das hatte ja das letzte -aufflackernde Sehnen nach dem Leben in ihr geweckt, damals, als sie -sich nach des Kindes Tode wie ein zuschanden geschlagenes Tier durchs -Dasein schleppte --. - -Kam er jetzt, so durfte er sie nehmen. Er mußte sie das erste Stück des -Weges tragen. Später wollte sie versuchen, allein zu schreiten --. - -Und ihre Seele, die sich zerfleischte, während sie dort wartend saß, -gelangte zu diesem Ergebnis: - -Kam er, so wollte sie leben. Kam der andere, mußte sie sterben. - -Als sie dann Schritte auf der Treppe hörte und es nicht Gunnars -Schritte waren, als es an ihre Türe pochte, senkte sie das Haupt und -ging bebend, um Helge Gram zu öffnen. Ihr war es nur, als öffnete sie -dem Schicksal, das sie selbst über sich heraufbeschworen hatte. - -Sie folgte ihm mit den Blicken, während er ins Licht trat und den Hut -auf einen Stuhl warf. Auch jetzt begrüßte sie ihn nicht. - -„Ich wußte, du seiest in der Stadt,“ sagte er. „Ich kam vorgestern an. -Aus Paris. Ich sah deine Adresse im Verein -- hatte die Absicht, dich -einmal zu besuchen. Dann traf ich dich heute nachmittag auf der Straße. -Ich erkannte schon von weitem dein graues Pelzwerk.“ Er sprach schnell --- fast atemlos. „Willst du mir nicht Guten Abend wünschen, Jenny -- -bist du böse, daß ich zu dir gekommen bin?“ - -„Guten Abend, Helge,“ sagte sie und nahm die Hand, die er ihr -entgegenstreckte. „Bitte sehr, willst du nicht Platz nehmen?“ - -Sie selbst setzte sich aufs Sofa. Sie vernahm ihre eigene Stimme -- -ganz ruhig und alltäglich klang sie. Aber im Gehirn verspürte sie das -gleiche sonderbare, taumelnde Angstgefühl wie vordem. - -„Ich wollte dich gern begrüßen,“ sagte Helge und setzte sich neben sie -auf einen Stuhl. - -„Das ist nett von dir,“ entgegnete Jenny. - -Sie schwiegen wieder. - -„Du wohnst jetzt in Bergen,“ sagte sie dann. „Ich sah, daß du deinen -Doktor gemacht hast -- ich gratuliere.“ - -„Danke.“ - -Wieder entstand eine Pause. - -„Du hast jetzt sehr lange im Auslande gelebt --. Manchmal hatte ich die -Absicht, dir zu schreiben, aber dazu kam es nie. Heggen wohnt, wie ich -sah, im selben Haus wie du --.“ - -„Ja. Ich schrieb an ihn und bat ihn, etwas für mich zu mieten, ein -Atelier, aber die sind so teuer hier und so schwer zu bekommen. Dies -Zimmer hat jedoch auch ganz gutes Licht --.“ - -„Ich sehe, du hast eine ganze Anzahl Bilder stehen --.“ - -Er erhob sich plötzlich, ging durch das Zimmer, kam aber gleich darauf -zurück und setzte sich wieder hin. Jenny senkte den Kopf, sie fühlte, -wie er sie dauernd anstarrte. - -Dann sprach er wieder -- sie versuchten, sich mit einander zu -unterhalten, er fragte nach Franziska Ahlin und anderen gemeinsamen -Bekannten. Doch das Gespräch starb schnell wieder hin, und er saß stumm -da und starrte sie an wie vorher. - -„Weißt du, daß meine Eltern sich scheiden ließen?“ fragte er plötzlich. - -Sie nickte. - -„Ja.“ Er lachte kurz. „Sie hielten ja unsertwegen solange miteinander -aus. Prallten aneinander und rieben sich wie zwei Mühlsteine, bis all -unser Gut zwischen ihnen zu Pulver vermahlen war. Jetzt war wohl nichts -mehr übrig, was zerrieben werden konnte, so blieb die Mühle stehen --. -O ja. Ich besinne mich auf die Zeit, als ich ein Knabe war. Wenn sie -miteinander sprachen -- sie schlugen sich ja nicht gerade. Aber in -ihren Stimmen lag etwas --. Mutter schalt übrigens, hatte einen großen -Mund und weinte schließlich. Vater war nur ruhig und still, aber ein -Klang war in seiner Stimme, ein Haß, so kalt und hart, daß es wie mit -Messern schnitt. Ich lag drinnen im Schlafzimmer und wurde von einer -Art Zwangsvorstellung geplagt, wenn ich es so nennen darf. Welch ein -Genuß müßte es sein, eine Stricknadel zu nehmen und quer durch den Kopf -zu stechen, in das eine Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Die -Stimmen schmerzten rein physisch im Trommelfell, verursachten einen -Schmerz, der sich gewissermaßen durch den ganzen Kopf fortpflanzte, -weißt du --. Das war also der Anfang. Nun haben die beiden ihre Pflicht -als Eltern getan. Jetzt ist es aus --.“ - -Er nickte ein paar Mal vor sich hin. - -„Es ist so häßlich. Diesen Haß meine ich -- alles wird so häßlich, was -in seine Nähe kommt. Ich besuchte vergangenen Sommer meine Schwester. -Wir sympathisierten ja nie miteinander -- aber --. Es war abscheulich, -sie mit dem Manne zusammen zu beobachten. Manchmal küßte er sie, -nahm die Pfeife aus dem dicken, feuchten Munde und küßte seine Frau. -Ein Papst auf dem Predigerstuhl, und daheim praßt er --. Sofie wurde -mitunter ganz weiß, wenn er sie anrührte. Dann du und ich. Ich fand -es später so selbstverständlich, daß alles zerbrechen mußte, all das -feine, weiche Lichtgrüne zwischen uns -- erfrieren mußte in dieser -Luft. Als ich dich damals verlassen hatte, bereute ich es. Ich wollte -schreiben -- aber weißt du, warum ich es nicht tat? Ja, ich erhielt -einen Brief von meinem Vater, er erzählte, daß er bei dir gewesen -sei. Es war eine Mahnung, weißt du, daß ich versuchen sollte, die -Verbindung mit dir wieder aufzunehmen --. Darum schrieb ich nicht, ich -hatte eine abergläubische Furcht davor, einem Rat aus jener Richtung -zu folgen --. Dann habe ich mich die ganze Zeit über nach dir gesehnt -und von dir geträumt, Jenny. Alle Erinnerungen wieder und wieder -hervorgeholt. Weißt du, welchen Ort ich hier in Rom zuerst aufsuchte -- -gestern? Ich war draußen auf der Montagnola. Ich fand unsere Namen in -den Kaktusblättern wieder --.“ - -Jenny saß bleich mit geballten Händen da. - -„Du siehst genau so aus wie früher. Und hast doch drei Jahre verlebt, -von denen ich nichts weiß,“ sagte Helge leise. „Jetzt, wo ich wieder -mit dir zusammen bin, kann ich es nicht fassen. Es ist, als sei es -alles nicht wahr, was zwischen uns liegt, seit wir uns hier in Rom -trennten --. Und jetzt gehörst du vielleicht einem anderen --.“ - -Jenny erwiderte nichts. - -„Bist du -- verlobt?“ fragte er leise. - -„Nein.“ - -„Jenny!“ Helge senkte den Kopf, so daß sie sein Antlitz nicht sehen -konnte. „Weißt du -- alle diese Jahre hindurch habe ich gehofft, -geträumt, dich zurückzugewinnen. Ich habe mir ausgemalt, daß wir beide -uns wiedersehen -- und einander verstehen würden; du sagtest ja, ich -sei der Erste gewesen, den du geliebt hast. Jenny -- ist es unmöglich?“ - -„Ja,“ sagte sie. - -„Heggen?“ - -Erst antwortete sie nicht. - -„Ich bin immer eifersüchtig auf Heggen gewesen,“ sagte Helge leise. -„Ich fürchtete, er war der Rechte --. Als ich sah, daß ihr zusammen -wohnt -- --. Nun habt ihr -- euch also -- lieb?“ - -Jenny schwieg noch immer. - -„Liebst du ihn?“ fragte Helge wieder. - -„Ja. Aber ich will ihn nicht heiraten.“ - -„Ah, auf diese Art,“ sagte er hart. - -„Nein.“ Sie lächelte flüchtig. Müde und erregt senkte sie das Haupt. -„Ich bin nicht mehr zu irgend einem Verhältnis einem Menschen gegenüber -fähig -- jetzt nicht mehr. Ich bin zu nichts fähig. Ich wünschte, du -gingest, Helge.“ - -Aber er blieb sitzen. - -„Ich kann nicht fassen, daß alles wieder aus sein soll. Ich habe es nie -geglaubt, und jetzt, wo ich dich wiedersehe --. Ich habe nachgedacht, -immer und immer wieder, es war meine eigene Schuld. Ich bin so verzagt, -wußte nie, was das Richtige war. Es hätte anders sein können. Ich -dachte an den letzten Abend, als ich in Rom mit Dir zusammen war. Ich -meinte immer, dieser Augenblick müßte wiederkehren. Ich ging damals, -weil ich glaubte, es sei das Beste. Ich kann dich doch wohl nicht -deswegen verloren haben --.“ - -„Damals“ -- er blickte nieder -- „hatte ich noch nie ein Weib berührt. -Ich war scheu geworden durch die Zustände daheim. -- Träume und -Phantasien -- mitunter schufen sie eine Hölle, aber immer war die -Furcht am stärksten --. Ach. Jetzt bin ich neunundzwanzig Jahre alt. -Ich habe nichts Schönes und Glückliches erlebt -- außer dem kurzen Lenz -mit dir. Begreifst du denn nicht, daß ich den Gedanken an dich nie -aufgeben konnte? Begreifst du nicht, wie ich dich liebe -- das einzige -Glück, das ich gekannt habe? Ich kann nicht ohne dich sein -- jetzt -kann ich nicht mehr --.“ - -Sie hatte sich erhoben, bebend, und auch er war aufgestanden. Sie wich -unwillkürlich einige Schritte zurück. - -„Helge -- ein anderer ist dagewesen.“ - -Er stand still und blickte sie an. - -„So -- ein anderer ist also dagewesen. Ich hätte es sein können -- -und dann wurde es ein anderer. Aber, ich will dich haben, was kümmert -es mich. Jetzt will ich dich besitzen, denn einst hast du es mir -zugesagt --.“ - -Als sie erschrocken an ihm vorbeizuschlüpfen suchte, riß er sie mit -Gewalt an sich. - -Es dauerte einige Augenblicke, ehe es ihr recht bewußt wurde, daß er -ihren Mund küßte. Sie glaubte, Widerstand zu leisten, aber sie lag -wehrlos in seinen Armen. - -Sie wollte sagen, daß er nicht dürfe. Sie wollte ihm sagen, wer der -andere gewesen. Aber sie konnte nicht, denn sie hätte dann gesagt, daß -sie ein Kind gehabt hatte. Und in dem Augenblick, als sie an den Knaben -dachte, fühlte sie, daß sie ihn nicht zu nennen vermochte -- inmitten -dieses Kampfes. Ihr Kind mußte sie von dem Untergang fernhalten, der, -wie sie wußte, jetzt kam --. Und dieser Gedanke erschien ihr wie eine -zarte Liebkosung des toten Kleinen, die sie wärmte und ihr wohltat, -sodaß ihr Körper einen Augenblick in seinen Armen weich und nachgiebig -wurde. - -„Du bist mein -- mein bist du, Jenny -- ja, ja, ja,“ flüsterte Helge -über ihr. - -Sie sah einen Augenblick in sein Gesicht. Dann riß sie sich von ihm los -und rannte zur Tür. Gleichzeitig rief sie laut nach Gunnar. - -Er sprang ihr nach und riß sie zurück: - -„Er bekommt dich nicht -- du bist mein, du --.“ - -Dann kämpften sie wortlos an der Tür. Jenny war es, als käme alles nur -darauf an, ob sie öffnen und in Gunnars Zimmer gelangen könnte. Wie sie -aber dann Helges Körper an dem ihren spürte, heißer, stärker als ihr -eigener, wie er sie festhielt mit Armen und Knien, da war es ihr, als -sollte es so sein, als sollte sie sich ergeben. Und sie warf sich ihm -freiwillig in die Arme. - - * * * * * - -Im Dämmerlicht, während er sich ankleidete, trat er alle Augenblicke an -ihr Bett und küßte sie: - -„Herrliche du! Wie schön du bist Jenny! Jetzt bist du mein. Alles wird -wieder gut, nicht wahr? O, wie ich dich liebe! -- Du bist müde? Du -sollst schlafen ich gehe jetzt. Morgen Vormittag komme ich wieder zu -dir. Schlaf gut, süße, geliebte Jenny. Bist du so müde?“ - -„Ja, sehr müde, Helge.“ Sie lag mit halbgeschlossenen Augen da -und blickte in das fahle Morgenlicht, das Helge durch die Laden -hereingelassen hatte. - -Dann küßte er sie. Er hatte den Mantel angezogen und hielt den Hut in -der Hand. Noch einmal ließ er sich auf den Knien vor dem Bette nieder -und schob den Arm unter ihre Schultern: - -„Ich danke dir für diese Nacht, Jenny --. Besinnst du dich darauf, daß -ich dasselbe an jenem ersten Morgen in Rom sagte, draußen auf Aventin? -Erinnerst du dich dessen?“ - -Jenny nickte, in die Kissen vergraben. - -„Schlaf wohl. Gib mir noch einen Kuß -- so, Gute Nacht meine herrliche -Jenny!“ -- - -In der Tür hielt er inne: - -„Gibt es einen Schlüssel zu der Tür? Oder ist es eine von den -altmodischen mit einer Klinke innen?“ - -„Ja, es ist die gewöhnliche Art,“ sagte sie, „du öffnest ohne weiteres -von innen --.“ - - * * * * * - -Sie blieb mit geschlossenen Augen liegen. Aber sie sah ihren eigenen -Körper, wie er unter der Decke lag, weiß, nackt, schön, ein Ding, das -sie von sich geschleudert hatte, wie sie den beschmutzten Handschuh -heut Nachmittag fortgeworfen. Er gehörte ihr nicht mehr. - -Plötzlich durchfuhr sie ein Ruck. Sie hörte Heggen die Treppe -heraufkommen, langsam, hörte ihn die Türe zu seinem Zimmer öffnen. Er -ging eine Weile dort drinnen auf und ab, dann wieder hinaus, zum Dach -hinauf. Jetzt hörte sie seine eiligen Schritte über ihrem Kopfe -- auf -und ab. - -Sie war überzeugt, daß er es wußte. Aber es machte keinen Eindruck auf -ihr müdes Hirn. Sie fühlte keinen Schmerz mehr. Es war ihr, als müsse -alles ihm ebenso selbstverständlich und unabwendbar vorkommen wie ihr. - -Was sie vorhatte, war nicht ihr freier Entschluß. Es mußte geschehen -wie das andere geschehen war, -- wie eine unabänderliche Folge dessen, -daß sie gestern Helge die Türe geöffnet hatte. - -Jenny streckte einen Fuß unter der Decke hervor und betrachtete ihn wie -einen fremden Gegenstand, der nicht ihr gehörte. Er war hübsch. Sie -krümmte ihn, so daß der Spann sich straffte. Hübsch war er, weiß und -blaugeädert, mit feinem Rot an der Ferse und den Zehen. - -Sie war so müde. Diese Müdigkeit tat wohl. Als hätte sie Schmerzen -gehabt, die jetzt vorüber waren. Während er bei ihr war, hatte nur -ein Gefühl sie beherrscht, als würde sie in die Finsternis gestoßen -und sänke und sänke. Es war Wollust, so zu vergehen, seines Willens -beraubt, sich aus dem Leben treiben lassen, hinab auf den Grund, wo es -still war. Sie wußte dunkel, daß sie seine Liebkosungen erwidert, sich -an ihn geschmiegt hatte. Jetzt war sie müde, und was ihr zu tun noch -übrig blieb, tat sie mechanisch. - -Sie stand auf und kleidete sich an. Als sie Strümpfe, Leibchen -und Unterrock angezogen hatte, steckte sie die Füße in ein Paar -Goldkäferschuhe, die sie im Hause trug. Sie wusch sich und steckte das -offene Haar vor dem Spiegel hoch, ohne zu wissen, daß sie ihr eigenes -Antlitz erblickte. - -Dann ging sie zu dem kleinen Tisch, auf dem ihre Malgeräte lagen. Sie -kramte in dem Kasten mit ihrem Radierwerkzeug. An das spitze dreieckige -Schabeisen hatte sie in der Nacht denken müssen. Früher hatte sie es -manchmal halb spielerisch gegen ihre Pulsadern gehalten. - -Jenny nahm es auf und prüfte es, befühlte es mit dem Finger. Dann legte -sie es zurück und ergriff ein Taschenmesser. Sie hatte es einmal in -Paris gekauft, es hatte Korkzieher, Büchsenöffner und viele Klingen. -Die eine war kurz, spitz und breit -- diese öffnete sie. - -Dann ging sie zurück und setzte sich aufs Bett. Sie legte das -Kopfkissen über den Rand des Nachttisches, -- stützte die linke Hand -darauf und schnitt die Pulsader durch. - -Das Blut spritzte hoch auf, der Strahl schoß gegen ein kleines -Aquarell, das sie an der Wand über dem Bett aufgehängt hatte. Als -sie das sah, rückte sie die Hand zur Seite. Sie legte sich nieder --- streifte unwillkürlich mit den Füßen die Schuhe ab und legte sie -ganz aufs Bett. Als sie sah, wie das Blut spritzte, verbarg sie die -verwundete Hand unter der Decke. - -Sie hatte keinen Gedanken und keine Angst, fühlte nur, daß sie sich -dem Unabwendbaren hingab. -- Der Schmerz selbst, als sie sich schnitt, -war nicht stark -- scharf und klar, gleichsam auf die eine Stelle -konzentriert. - -Aber nach einer Weile durchrieselte sie ein unbekanntes, sonderbares -Gefühl -- eine Angst, die wuchs und wuchs. Nicht die Furcht vor etwas --- das Gefühl selbst bestand nur in einer fürchterlichen Angst in der -Herzgegend -- als würde sie erwürgt. Sie öffnete die Augen -- aber -schwarze Fetzen nisten an ihren Blicken vorüber. Sie konnte nicht atmen --- das Zimmer überfiel sie von allen Seiten --. Sie taumelte aus dem -Bett, wankte zur Tür, blindlings die Treppe zum Dach hinauf, bis sie -auf der obersten Stufe zusammenbrach -- -- - - * * * * * - -Helge war Gunnar Heggen begegnet, als er gerade aus dem Tore trat. Sie -hatten sich beide angeblickt, während sie zum Hute griffen. Dann waren -sie aneinander vorbeigegangen -- ohne ein Wort. - -Aber diese Begegnung hatte Helge nüchtern gemacht. Nach dem Rausch der -Nacht schlug seine Stimme plötzlich um. Was er erlebt hatte, erschien -ihm plötzlich unglaubhaft, unbegreiflich und unheimlich. - -Dieses Zusammentreffen mit ihr, wovon er die ganzen Jahre hindurch -geträumt hatte. Sie, von der er geträumt, sie hatte fast nicht -gesprochen, nur stumm und kalt dagesessen und sich dann plötzlich in -seine Arme geworfen. Wild und wahnsinnig, doch ohne einen Laut. Jetzt -plötzlich erinnerte er sich -- sie hatte nichts gesagt, nichts erwidert -auf alle seine Liebesworte heute Nacht. - -Eine fremde, unheimliche Frau war das -- seine Jenny? Er wußte mit -einem Male, sie war nie sein gewesen. - -Helge schritt immer weiter durch die morgenstillen Straßen. Den Corso -auf und nieder. - -Er versuchte, sie sich vorzustellen. Die Erinnerungen von den Träumen -loszulösen. Sie aus jener Zeit sich vor Augen zu führen, als sie -verlobt waren. Aber er konnte sie nicht festhalten -- er wußte mit -einem Male, daß er es nie gekonnt. Immer war etwas dahinter gewesen, -das er nicht hatte sehen können, er hatte nur gefühlt, es war da. - -Nichts wußte er von ihr. Heggen konnte jetzt bei ihr sein -- er wußte -es nicht. Ein anderer war dagewesen, hatte sie selbst gesagt -- welcher -andere -- welche anderen -- welches andere, das er nicht kannte und -doch immer gefühlt hatte? - -Nach diesem Ereignis aber konnte er sie auch nicht aufgeben, er wußte -es. Jetzt weniger als je zuvor. Und dabei kannte er sie nicht. Wer war -sie, die ihn in ihrer Gewalt hatte --? Wem hatte er angehört mit jedem -einzigen Gedanken, drei Jahre lang --? - -Furcht war es, Raserei, die ihn trieb, während er zu ihrer Tür -zurückjagte. Sie stand offen. Er lief die Treppen hinauf, sie sollte -ihm Rede stehen -- sie kam nicht frei, bis sie ihm alles gesagt --. - - * * * * * - -Ihre Türe stand offen. Helge blickte hinein -- auf das leere Bett, die -blutigen Laken und das Blut auf dem Fußboden. Er wandte sich um und sah -sie zusammengekrümmt auf der obersten Stufe liegen, sah das Blut auf -der weißen Marmortreppe. - -Er schrie auf und sprang hinzu -- riß sie hoch, hielt sie in seinen -Armen. Er spürte ihre erschlafften Brüste an seiner Hand und einen -kleinen lauen Rest von Lebenswärme, am Rande des Leibchens verborgen. -Doch Arme und Hände fielen kalt herab. Und er begriff, schaudernd, -greifbar, daß dieser Körper, den er vor wenigen Stunden in seinen Armen -gehalten hatte, heiß und bebend vor Leben, jetzt ein Leichnam war, der -bald zerfallen sein würde --. - -Er sank nieder mit ihr und schrie wild auf --. - -Heggen riß die Tür zur Terrasse auf. Sein Antlitz war weiß und -vergrämt. Da sah er Jenny --. - -Er ergriff Helge und schleuderte ihn zur Seite -- ließ sich vor ihr auf -die Knie nieder. - -„Sie lag hier -- als ich zurückkam, lag sie hier --.“ - -„Laufen Sie nach einem Arzt! -- Schnell --!“ Gunnar hatte ihr Hemd -aufgerissen -- inwendig gefühlt -- um ihren Kopf gefaßt -- die Arme -hochgehoben, da erblickte er die Wunde. Jetzt riß er das hellblaue -Seidenband von ihrem Leibchen und band es fest über ihrem Handgelenk -zusammen. - -„Ja, ja, wo wohnt --“ - -Rasend schrie Gunnar auf. Dann sagte er halblaut: - -„Ich werde gehen. Tragen Sie sie hinein --,“ aber er schlang selbst die -Arme um sie und ging auf ihre Türe zu. Als er das blutige Bett sah, -verzog er plötzlich das Gesicht. Dann wandte er sich um und stieß die -Tür zu seinem Zimmer auf. Er legte sie auf sein eigenes unberührtes -Bett nieder. Dann sprang er auf. - -Helge war neben ihm geblieben, den Mund wie in einem erstarrten Schrei -halb geöffnet. Aber in Gunnars Tür hielt er inne. Als er allein mit ihr -war, schlich er herbei und berührte mit den Fingerspitzen ihre Hand. -Dann brach er auf dem Fußboden zusammen, den Kopf an die Bettkante -gelehnt und weinte jämmerlich, sich zusammenkrampfend vor Grauen. - - - - -XII. - - -Gunnar schritt über den schmalen, grasbewachsenen Weg zwischen hohen, -weißgekalkten Gartenmauern dahin. Auf der einen Seite lag die Kaserne, -eine Terrasse mußte dort drinnen sein -- hoch über seinem Kopf standen -einige Soldaten, lachend und leise plaudernd. An der Ecke wippte ein -Büschel gelber Blumen, die in einem Mauerspalt wucherten. Doch auf der -anderen Seite des Weges ragten die gewaltigen alten Pinien an der -Cestiuspyramide und der dichte Zypressenwald auf dem neuen Teil des -Kirchhofs zum blauen, silberbewölkten Himmel empor. - -Vor dem Gittertor saß ein halberwachsenes Mädchen im Gras und häkelte. -Sie öffnete ihm und knickste dankend, als er ihr eine Münze reichte. - -Die Luft war lenzhaft feucht, klar und weich. Hier drinnen auf dem -Friedhof in dem dichten, grünen Schatten wurde sie treibhausartig warm -und naß. Die Narzissen in den Rabatten am Wege dufteten heiß und schwül. - -Die alten Zypressen umstanden dicht wie ein Hain die Gräber, die sich, -dunkelfarbig von dem kriechenden Laube des Immergrüns und der Veilchen -in Terrassen bis zur epheubewachsenen alten Stadtmauer hinzogen. -Die Gedenktafeln der Toten leuchteten -- kleine Marmortempel, weiße -Engelstatuen und schwere große Sarkophage. Moos breitete sich darüber -aus und schimmerte an den Stämmen der Zypressen. Hier und da war eine -weiße und rote Blüte in den dunkelleuchtenden Kronen der Kamelienbäume -zurückgeblieben, doch der größte Teil lag braun und welk auf dem -schwarzen, feuchten Humus, dessen herber, klammer Duft zu ihm aufstieg. -Ihm fiel etwas ein, was er einmal gelesen hatte -- die Japaner liebten -die Kamelien nicht, denn ihre Blüten fielen voll und frisch ab wie -abgehauene Köpfe. -- - -Jenny Winge war am weitesten drüben auf dem Friedhof begraben worden, -in der Nähe der Kapelle. Am äußersten Rande eines lichtgrünen, von -Tausendschön übersäten Grashügels, wo erst wenige Gräber lagen. Am -Rasenplatz entlang waren Zypressen gepflanzt worden. Sie waren aber -noch winzig klein, glichen Spielzeug mit den spitzen, schwarzgrünen -Kronen über den ranken, gezwirbelten braunen Stämmen, die an Säulen im -Kreuzgang eines Klosters gemahnten. - -Ihr Grab lag ein wenig für sich auf dem Anger. Das Gras war ringsherum -abgestochen worden, so daß der Hügel von einem Erdstreifen umgeben war. -Er war hellgrau, die Sonne schien darauf und die Zypressen erhoben -sich dahinter wie eine Mauer. - -Gunnar preßte die Hände gegen sein Gesicht und ließ sich auf die Knie -nieder, bis sein Kopf ganz auf den welken Blumenkränzen lag. - -Er fühlte die Müdigkeit des Lenzes in allen Gliedern, und das Blut rann -krank vor Trauer und Leid bei jedem schweren Schlage seines Herzens. -Jenny -- Jenny -- Jenny -- ihren lichten Namen hörte er in jedem -Vogelpfiff des Frühlings -- und sie war tot --. - -Sie lag dort drunten in der Finsternis. Eine Locke ihres blonden Haares -hatte er abgeschnitten und trug sie in seinem Taschenbuch bei sich. Er -nahm sie wohl hervor und ließ sie in der Sonne funkeln -- die kleinen -armseligen Fünkchen waren alles, was die Sonne jetzt zünden konnte von -all ihrem schweren, schimmernden Haar. - -Sie war tot und fort. Einige Bilder hatte sie hinterlassen, und ein -Abschnitt über sie stand in den Zeitungen. Eine Mutter und einige -Schwestern blieben zurück, die über +ihre+ Jenny trauerten -- die wahre -hatten sie nie gekannt, sie wußten nichts über ihr Leben und ihren Tod. -Da waren die anderen -- die starrten verzweifelt nach der Jenny, die -sie gekannt --. Sie wußten einiges, verstanden aber nichts. - -Es war nur seine Jenny, sie, die hier lag. - - * * * * * - -Helge Gram war zu ihm gekommen. Er hatte gefragt und hatte erzählt, er -hatte gejammert und gebettelt: - -„Ich verstehe ja nichts. Weißt du es -- oh, erkläre es mir, Heggen. -+Du+ weißt es. Kannst du mir nicht sagen, was du weißt!“ - -Er hatte nicht geantwortet. - -„Da war ein anderer. Sie selbst sagte es. Wer war es? Warst du es?“ - -„Nein.“ - -„Weißt du, wer es war?“ - -„Ja, aber ich will es nicht sagen. Es nützt nichts, daß du fragst, -Gram.“ - -„Ja, aber ich werde verrückt, hörst du, Heggen -- ich werde wahnsinnig, -wenn du mir nicht erklären kannst --.“ - -„Du hast kein Recht, Jennys Geheimnisse zu wissen.“ - -„Aber weshalb tat sie es denn? Meinetwegen -- seinetwegen -- -deinetwegen?“ - -„Nein. Sie tat es allein ihretwegen.“ - -Dann hatte er Gram gebeten, zu gehen. Jetzt war er fortgereist. Sie -hatten sich seitdem nicht wieder gesehen. - -Es war oben im Borghesegarten gewesen, als Gram zu ihm kam. Einige -Tage nach der Beerdigung. Er hatte dort im Sonnenschein gesessen. Er -war so müde. Er hatte alles ordnen und die nötigen Erklärungen nach -allen Richtungen abgeben müssen -- anläßlich der Untersuchung des -Selbstmordes, des Begräbnisses -- an Frau Berner hatte er geschrieben, -daß ihre Tochter plötzlich an Herzschlag verstorben sei. Aber etwas in -all dem hatte ihm gut getan. Die Tatsache, daß niemand von seinem Leide -wußte. Daß die große Erklärung, die er kannte, die einzig wahre war -- -und die behielt er für sich. Das hatte seinen Schmerz so unendlich tief -in ihn versenkt. Jetzt würde er nie zu einem Menschen davon sprechen. -Er war sein eigen, ganz allein. Er würde den innersten Kern seiner -Seele für alle Zeiten bilden. - -Er würde sein Wesen färben und von seinem Wesen seine Farbe erhalten. -Er würde seinem Leben Richtung geben -- und von ihm gelenkt werden --- würde Farbe und Form mit ihm wechseln, aber nie aus seinem Leben -getilgt werden können. Zu jeder Stunde des Tages in dieser ganzen Zeit -war er verschiedenartig -- aber immer war er da, und so würde es immer -sein. - -Gunnar entsann sich des Morgens, als er zum Arzt lief, während der -andere mit ihr allein geblieben war -- damals hatte er Helge Gram sagen -wollen, was er wußte, und es ihm sagen wollen, daß des anderen Herz zu -Asche zerfiel -- wie sein eigenes. - -Aber während der Tage, die dazwischen lagen, war alles, was er wußte, -zu einem Geheimnis zwischen der toten Frau und ihm geworden, zum -Geheimnis ihrer Liebe. Alles, was geschehen war, war geschehen, weil -sie war, wie sie war, und so, wie sie war, hatte er sie geliebt. Helge -Gram aber war ein gleichgültiger und zufälliger Fremder für ihn und -für sie, und er empfand nicht das Bedürfnis, sich an ihm zu rächen, -ebensowenig wie er Mitleid mit Helges Trauer hatte und mit seinem -Entsetzen über das Unfaßliche, was geschehen war. - -Diesen Menschen hatte ja nur der Zufall gesandt. Weil sie war, wie sie -war, geschah das alles. Ihr Sinn mußte sich eines Tages verwirrt einem -Windstoß beugen und fügen, weil er so rank und schlank emporgewachsen -war. Er selbst hatte geglaubt, sie könnte wachsen wie ein Baum, und -hatte nicht verstanden, daß sie nur wie eine Blume emporkeimte, um -Sonne zu bekommen und Blüten zu treiben mit all ihren schweren, -sehnsuchtsvollen Knospen. Auch sie war nur ein kleines Mädchen gewesen. -Und das würde als ewiger Schmerz in seinem Herzen zurückbleiben, daß er -das erst begriffen, nachdem es zu spät war. - -Sie konnte sich nicht wieder aufrichten, nachdem sie einmal geknickt -war. Sie war wie eine Lilie, die auch nicht aus der Wurzel aufs neue -treiben konnte, wenn der erste Stengel gebrochen wurde. In ihrem Wesen -lag nichts Geschmeidiges und Ueppiges. Aber er liebte sie, wie sie war. - -Und ihre Eigenart gerade verstand nur er allein. Er allein wußte, wie -blond und rein sie gewesen, wie aufstrebend, stark und rank, und doch -wie zerbrechlich und spröde mit ihrer empfindsamen Ehre, von der ein -Fleck niemals abgewaschen werden konnte, weil er seine Furchen zu tief -eingrub. - -Jetzt war sie tot. Und er war mit seiner Liebe viele Tage und Nächte -allein gewesen. Seines ganzen Lebens Tage und Nächte mußte er nun mit -ihr allein bleiben. - -Es hatte Nächte gegeben, in denen er verzweifelte Schreie in den -Kissen seines Bettes erstickte. Sie war tot, und er hatte sie nie -besessen. Ihn aber hatte sie lieben, ihm hatte sie angehören sollen, -und sie war die einzige, die er geliebt. Sie war tot, und ihren -herrlichen, schlanken weißen Körper, der ihre Seele umschloß wie eine -sammetene Scheide eine schmale und feine, spröde Klinge, hatte er nie -berührt, nie gesehen. Andere hatten ihn besessen und nie gewußt, welch -wunderbarer und seltener Schatz es war, der sich in ihre Hände verirrt -hatte. Jetzt lag er vergraben in der Erde, häßlich, häßlich würde er -verändert werden, verzehrt und aufgelöst, bis er zu einem Häuflein Erde -inmitten der Erde zerfiele. - -Gunnar lag, erschüttert von Schluchzen, auf dem Erdboden. - -Andere hatten sie besessen. Sie aber hatten sie besudelt und -vernichtet, und hatten nicht gewußt, was sie taten. Er hatte sie nie -gehabt. - -Solange er lebte, würden Stunden kommen, wo er jammerte wie jetzt, daß -es so war. - - * * * * * - -Und doch hatte nur er allein sie besessen. Nur in seiner Hand konnte -ihr goldenes Haar jetzt funkeln. Sie selbst, sie lebte jetzt in ihm, -ihre Seele und ihr Bild spiegelten sich in ihm, so klar und scharf wie -in einem stillen Wasser. Sie war tot, ihr Leid gehörte ihr nicht mehr --- es war jetzt in ihm -- dort lebte es weiter und würde nicht sterben, -bis er selbst einst starb. Weil es lebte, würde es aber wachsen und -sich verändern -- er konnte nicht wissen, wie sein Leid in zehn Jahren -aussehen würde, aber es konnte zu etwas Großem und Herrlichem wachsen. - -Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er eine merkwürdig -schwere und tiefe Freude empfinden würde, daß es so war. - - * * * * * - -Doch jene Morgenstunden, als er auf der Terrasse über ihrem Haupte auf -und ab ging, während sie ihrem Leben ein Ende machte. Er entsann sich -dunkel, welche Gefühle ihn beherrscht hatten. Ein Aufruhr hatte in -ihm getobt, sein Herz war in Harm und Zorn über ihre Tat, gegen sie -erbittert. Er hatte gebettelt und gefleht, um ihr helfen zu dürfen, -um sie aus dem Sumpf zu retten, in den sie sich verirrt -- und sie -hatte ihn von sich gewiesen und sich vor seinen Augen weggeworfen, auf -Frauenart, eigensinnig, verantwortungslos, töricht, trotzig. - -Aber als er sie dann liegen sah -- er hatte auch darüber gerast, -verzweifelt. Er würde sie dennoch nicht aufgegeben haben. Was sie auch -getan hätte -- er hätte sie freigesprochen, ihr geholfen, ihr sein -Vertrauen, seine Liebe geschenkt, trotz allem. - -Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er ihr vorwerfen -würde, daß sie den Tod gewählt hatte -- Jenny, du hättest es nicht tun -sollen. Aber es würden auch Stunden kommen, da er finden würde, sie -hatte es tun müssen, so wie sie war. Auch darum liebte er sie -- ewig, -solange er lebte. - -Nur eines würde nie eintreten -- der Wunsch, daß er sie nie geliebt -hätte. - -Wie er geweint hatte, verzweifelt, würde er wieder weinen müssen. -Darüber, daß er sie nicht eher geliebt. Ueber die Jahre, die er neben -ihr dahingelebt hatte, als sie sein Freund und Kamerad war, und er -nicht sah, daß sie das Weib war, das seines Lebens Gefährtin sein -sollte. - -Aber nie würde der Tag kommen, an dem er wünschte, er sei niemals -sehend geworden, wenn auch nur, um zu entdecken, daß es zu spät war. - - * * * * * - -Gunnar richtete sich auf den Knien auf. Er holte eine kleine flache -Pappschachtel aus der Tasche hervor und öffnete sie. Darin lag eine -kleine Perle von Jennys rosa Kristallhalskette. Als er ihre Sachen -ordnete, fand er die Kette im Nachttisch; die Schnur war zerrissen. -Eine Perle hatte er an sich genommen und verwahrte sie. - -Er nahm etwas Sand vom Grabe und legte ihn in die Schachtel. Die Perle -rollte hin und her und wurde über und über mit grauem Staub bedeckt, -aber das klare Rosa leuchtete hindurch, und die feinen Funken im -Kristall schimmerten und brachen sich im Sonnenlicht. - -All ihr Eigentum hatte er sorgfältig verpackt und an ihre Angehörigen -geschickt, sorgsam alle Briefe gesammelt und sie verbrannt. In einem -versiegelten Pappkasten lag ihr Kinderzeug. Das hatte er Franziska -geschickt, da Jenny eines Tages davon gesprochen hatte, daß sie es tun -wollte. - -Ihre Mappen und Skizzenblätter hatte er durchgeblättert und sie -darauf zusammengepackt. Aber erst hatte er vorsichtig einige Blätter -mit Zeichnungen von ihrem Buben herausgeschnitten und sie in seinem -Taschenbuch verwahrt. - -Sie waren sein. Alles, was in ihrem Leben ihr allein gehört hatte, das -war jetzt sein. - - * * * * * - -Draußen auf dem Rasen wuchsen einige rotviolette Anemonen. Er erhob -sich gedankenlos und pflückte sie. - -Ach Frühling, Frühling. - -Er entsann sich des letzten Males, als er im Frühling daheim war, es -war jetzt zwei Jahre her. - -Auf der Umsteigestation erwartete ihn ein Karren mit einer roten Mähre -davor. Der Besitzer des Gefährtes war ein alter Schulkamerad. An einem -sonnenklaren Märzvormittag fuhr er auf dem Feldweg daher. Unter dem -lichtblauen Himmel breiteten sich Felder mit gelblichfahlem altem -Grase aus. Wo der verwitterte Hügel sich über der Ebene erhob, standen -Wacholder, Birken und Ebereschen in kleinen Gruppen bei einander, -die nackten glatten Zweige in die Luft streckend. Die Düngerhaufen -auf den gepflügten Feldern glänzten wie goldbrauner Sammet. Gehöfte -tauchten auf, eines nach dem anderen, mit den bekannten Umrissen der -Scheunen, mit gelben, grauen und roten Häusern, mit Aepfelgärten -und Fliederbüschen davor. Um den Ort zog sich der Wald, olivengrün, -mit einem lenzhaften, violetten Schimmer über den Birkenästen. Ein -vereinzelter Streifen Schnee lag nordwärts grünlichweiß im Schatten. - -Ueber das ganze Kirchspiel herab rieselten an jenem Tage Triller -unsichtbarer Lerchen. - -Er nahm zwei weißschöpfige Bürschchen mit, die mit einem Eimer voll -Essen über den Weg trabten. Armselig gekleidet, in Holzschuhen -trotteten sie durch den Schmutz. - -„Wo wollt ihr hin, Jungens?“ - -Sie blieben stehen und betrachteten ihn mißtrauisch. - -„Wollt ihr vielleicht dem Vater Essen bringen?“ - -Sie gaben es zögernd zu, ein wenig überrascht, daß der fremde Mann das -wissen konnte. - -„Klettert herauf, dann dürft ihr mitfahren.“ - -Er hob sie in den Wagen. - -„Wo arbeitet euer Vater denn, was?“ - -„Auf Brustad.“ - -„Brustad -- ah so -- ist das nicht der Schule gegenüber?“ - -So ging das Gespräch hin und her. Der dumme, unwissende erwachsene -Mann fragte und fragte, wie Erwachsene immer mit Kindern sprechen. -Der Erwachsene fragt, und die Kleinen, die so viel Weisheit besitzen, -konferieren stumm mit Augenblinzeln und geben mit Vorbehalt nur so viel -zum besten, als sie für angemessen halten. - -Hand in Hand trabten sie über den Erdboden unter den rostbraunen -Palmweiden an dem brausenden Bach entlang, nachdem er sie abgesetzt -hatte. Er sah ihnen eine Weile nach, wendete den Wagen und fuhr seinem -eigenen Ziele zu. - -Daheim hatten sie abends Lesestunde. Ingeborg, seine Schwester, saß -drüben neben dem alten Eckschrank aus Birkenholz und lauschte mit -ekstatisch bleichem Antlitz und stahlblau glänzenden Augen einem -Schuhmachermeister aus Fredriksstad, der von Gnade sprach. Dann sprang -sie auf und sprach ihr Glaubensbekenntnis, zitternd vor Leidenschaft. - -Ingeborg, seine schöne, frische Schwester! Wie wild war sie einst -gewesen, wie hatte sie Tanz und Vergnügen geliebt! Und Lesen und -Lernen! Während er in der Stadt arbeitete, mußte er ihr Bücher und -Broschüren senden und den „Socialdemokraten“ in Paketen zweimal die -Woche. Alles wollte sie wissen und lernen. Dann, als sie dreißig Jahre -alt war, wurde sie erweckt. Jetzt redete sie mit Zungen. -- - -Ihre ganze Liebe hatte sie auf ihren kleinen Brudersohn Anders -geworfen, und das kleine Mädelchen, das sie in Pflege hatten, ein -uneheliches Kind aus Kristiania. Mit blitzenden Augen erzählte sie -ihnen von Jesus, dem Kinderfreund. - -Am Tage darauf schneite es. Er hatte die Kinder ins Lichtspieltheater -eingeladen, in einer kleinen Stadt eine halbe Meile von ihrem -Kirchspiel entfernt. - -Sie trabten an einem Steinwall zwischen dem Nadelwald und den Feldern -entlang. Alles war grauweiß von nassem Märzschnee -- nur ihre Fußspuren -blieben dunkel hinter ihnen zurück. Er versuchte, die Kinder zu -unterhalten; fragte, und sie gaben ihre bedächtigen, zurückhaltenden -Antworten. - -Aber auf dem Heimwege waren es die Kinder, die fragten, und -geschmeichelt antwortete er ihnen ausführlich, ohne Vorbehalt. Sie -hatten Bilder von Cowboys in Arizona gesehen, und einer Kokosernte auf -den Philippinen. Er wurde eifrig und tat sein Bestes, um ordentlich -Bescheid zu geben und sich nicht festzufahren. - -O Frühling, Frühling! - -Es war auch ein Frühlingstag, als er mit ihnen, Jenny und Franziska, -nach Viterbo gefahren war. - -Schlank hatte sie in ihrem schwarzen Kleide dagesessen und aus dem -Fenster gestarrt. Wie groß und grau ihre Augen waren -- genau erinnerte -er sich dessen. - -Ueber die Campagna -- hier, wo keine Ruinen standen, die die Touristen -an sich zogen, höchstens hin und wieder in weiten Zwischenräumen eine -zusammengestürzte, formlose und namenlose Mauermasse, oder dieser und -jener kleine Pachthof mit zwei Pinien und einigen spitzen Strohmieten -vor dem Hause -- hier fegten Sturmwolken grauschwarze, zerfetzte -Regenschleier über die öde, braune Weite hin. Die Schafherden drunten -im Tale, wo hin und wieder etwas dorniges Gebüsch an dem Bette eines -Bächleins entlang wucherte, drängten sich zusammen. - -Dann fuhr der Zug zwischen Bergrücken und Wäldern hindurch, -hochstämmigem Eichwald, wo es weiß und blau und gelb in dem alten -verwelkten Laub blühte, wie daheim. Weiße Anemonen, blaue und -schwefelgelbe Primeln. Sie sehnte sich danach, hinauszukommen und sie -zu pflücken, sagte sie -- zu sammeln und zusammenzuraffen im fallenden -Regen, unter den triefenden Zweigen, in dem nassen Laube. „Es ist wie -im Frühling daheim,“ sagte sie. - -Es hatte hier geschneit -- graunasser Frühlingsschnee lag in den Lüften --- an den herabgefallenen Zweigen schmolz er zu hellen Streifen ein. -Die Blumen senkten ihre zusammengeklebten Kelche herab, naß und schwer -vom Schlamm. - -Kleine Wildbäche sprudelten die Abhänge hinab und schlüpften unter den -Bahnkörper. Hier färbte sie der Erdboden rostrot. - -Dann peitschte ein Regenschauer gegen die Abteilfenster und blendete -sie, trieb den Rauch der Lokomotive zur Erde nieder. Später klärte es -sich ein wenig auf, ein Lichtschimmer breitete sich über Tälern und -waldbestandenen Berghalden aus, der Nebel wich über die Gebirge zurück. - -Einige seiner Sachen hatte er in einen der Koffer der jungen Mädchen -gepackt. Abends, als es ihm einfiel, hatten sie bereits begonnen -sich auszukleiden. Sie lachten und plauderten drinnen, als er kam -und an ihre Türe pochte. Jenny öffnete einen Spalt und reichte ihm -das Erbetene hinaus. -- Sie trug eine durchsichtige Frisierjacke mit -kurzen Aermeln, so daß der schmächtige, weiße Arm entblößt war. Der -hatte ihn zum Küssen verlockt, und doch wagte er nur einen einzigen so -flüchtigen, scherzhaften, daß dieser Kuß von selber um Verzeihung bat. - -Damals war er verliebt in sie gewesen. Als er berauscht war vom -Lenz, vom Wein und dem munteren, peitschenden Regen, den hastigen -Sonnenstrahlen und seiner eigenen Jugend und Lebenskraft. Er hatte das -Verlangen, sie mit zum Tanz zu nehmen, das hohe, lichte Mädchen, das so -behutsam lachte, als versuche sie eine neue Kunst, die sie nie zuvor -getrieben. Sie, die mit ihren grauen Augen hinausstarrte, ernst und -sehnsuchtsschwer, auf all die Blumen, an denen sie vorüber fuhren und -die sie so gern hatte pflücken wollen. - -Oh, Herr mein Gott, wie hätte alles sein können! Das trockene, bittere -Schluchzen erschütterte ihn von neuem. - -An jenem Tage, als sie zum Montefiascone emporstiegen, regnete es auch, -daß es um der beiden Frauen geraffte Röcke und schmale Knöchel und Füße -vom Steinpflaster hoch aufspritzte. Wie hatten sie aber gelacht, die -drei, während sie durch die steilen, schmalen Straßen wateten, wo der -Regen ihnen, Wasserfällen gleich, entgegenrauschte. - -Als sie dann auf der Rocca angelangt waren, der Burgklippe inmitten des -kleinen alten Städtchens, da teilten sich die Wolken. - -Sie beugten sich alle drei über die Brustwehr und blickten an den -Bolsenersee hernieder, der tief unter den grünen Hängen mit den -Olivenhainen und Weingärten schwarz dalag. Die Wolken schwebten -niedrig über den Bergkuppen rings um den See. Dann aber lief ein -silberschlanker Regenschauer über den dunklen Wassersspiegel, breitete -sich aus und wurde blau, der Nebel wallte zurück und glitt in Senkungen -und Klüfte, während die Linien der Gebirge hervortraten. Die Sonne -brach durch die herabsinkenden Wolken, die sich golden und bleiernblau -um den Fuß kleiner, von steingrauen Burgstädten gekrönter Berge legten. -Im Norden, weit entfernt, tauchte eine hohe, kegelförmige Spitze auf. -Cesca behauptete, es sei der Monte Amiata. - -Ueber den frisch gewaschenen, blauen Lenzhimmel hin zogen sich die -letzten Reste der Regenwolken fort, schwer und silberverbrämt, vor der -Sonne zerfließend; das Unwetter flüchtete westwärts, dunkel drohend, -dorthin, wo die etrurische Hochebene sich braunschwarz und einsam zum -fernen, weißgelben Glanzstreifen des Mittelmeeres herabsenkte. - -Oede, groß und streng war das Land weithin, wie eine -Hochgebirgslandschaft daheim, trotz der grauen Olivenhaine und -Weinranken, die sich zwischen den Reihen der Ulmen auf den grünen -Hügeln am See hinzogen. - -In den kleinen Anlagen oben rings um die Burgruine warfen die -Steineichen ihre eisenschwarzen alten Blätter von den Zweigen ab, die -schon neue Knospen trugen. Hier waren Hecken von einer Art immergrünen -Buschwerks mit lederartigem Laub. Das junge neue von diesem Frühling -glänzte in unnatürlichem Goldgrün. - -Gemeinsam mit ihr hatte er sich in den Schutz der Hecke gehockt und -seine Jacke vorgehalten, damit sie sich eine Zigarette anzünden könnte. -Der Lenzwind blies eisig scharf und rein hier oben, so daß sie in ihren -nassen Kleidern leicht erschauerte. Ihre Wangen waren rot und die Sonne -glänzte auf dem feuchten, goldenen Haar, das sie sich mit der freien -Hand aus den Augen strich. - -Dort hinauf wollte er reisen. Morgen schon. - -Dort wollte er den Lenz grüßen, den frierenden, nackten, -erwartungsvollen Lenz, dessen Blütenaugen ringsum geblendet sind von -Nässe, vor Kälte im Winde zittern und dennoch blühen. - - * * * * * - -Der Lenz und sie -- sie waren jetzt eins für ihn. O Gott -- sie, die -dort oben stand und fror und lachte, in dem unbeständigen Wetter, und -alle Blumen in ihrem Schoße sammeln wollte. - -„Ach, du meine kleine Jenny, du konntest nicht all die Blumen pflücken, -wie du gewollt, deine Träume erblühten nie -- und jetzt träume ich sie. - -Wenn ich dann lange genug gelebt habe, so daß mich Sehnsucht erfüllt -wie einst dich -- vielleicht tue ich dann wie du und spreche zu meinem -Schicksal, gib mir einige Blüten nur, ich begnüge mich mit weit -Geringerem, als ich ersehnte, da ich mein Leben begann. Und dennoch -sterbe ich nicht, wie du gestorben bist, denn dir konnte es doch nicht -genügen. Ich behalte nur die Erinnerung an dich, küsse deine Perle -und dein goldenes Haar und denke, nein, sie konnte nicht leben, wenn -sie nicht die Beste sein und das Beste als ihr Recht fordern durfte. -Dann sage ich vielleicht, dem Himmel sei Dank, daß sie lieber den Tod -wählte, als so weiterzuleben. - -Aber heute Nacht gehe ich hinaus auf den Petersplatz und lausche des -Springbrunnens ekstatischer Musik, die niemals schweigt und träume -meinen eigenen Traum. - -Ja, Jenny, denn nun bist du mein Traum, niemals habe ich einen anderen -gehabt. -- - -Ach, Träume, Träume. - -Wenn dein Kind gelebt hätte, Jenny, so wäre es nicht geworden, wie du -es dir geträumt hattest, als du den Knaben in deinen Armen hieltest und -ihm deine Brust reichtest. Gut und schön hätte er werden können -- oder -schlecht und häßlich -- nur wie du ihn erträumtest, so wäre er nicht -geworden. -- - -Keine Frau hat je das Kind geboren, von dem sie träumte, als sie -schwanger ging. Kein Künstler hat je das Werk geschaffen, das er in der -Stunde der Eingebung vor sich sah. Wir erleben Sommer auf Sommer, aber -keiner ist wie der, den wir herbeisehnten, als wir uns niederbeugten -und die ersten nassen Blüten unter den Sturmschauern des Lenzes -pflückten. - -Keine Liebe wurde so, wie sie zwei erträumten, die einander zum ersten -Male küßten. Hätten wir, du und ich, zusammen gelebt -- wir hätten -glücklich oder auch unglücklich mit einander werden können; wir konnten -einander unsagbare Freude oder unsagbares Leid zufügen. Jetzt aber -werde ich niemals erfahren, wie unsere Liebe geworden wäre, wenn du -mir angehört hättest. Das Einzige, was ich weiß, ist: so, wie ich -sie erträumte in jener Nacht, als ich mit dir zusammenstand, und der -Springbrunnen im Mondenschein plätscherte -- so wäre unsere Liebe nicht -geworden. Und das ist bitter. -- -- - -Dennoch. -- - -Herr mein Gott -- ich wünsche nicht, daß ich diesen Traum nie geträumt -hätte. Und ich möchte den Traum nicht missen, dem ich mich jetzt -hingebe. - -Jenny, mein Leben wollte ich opfern, könntest du mir droben auf der -Bergklippe begegnen wie einst, könntest du mich küssen, mir nahe sein --- einen Tag nur, eine Stunde. -- Ständig, unablässig muß ich daran -denken, wie unser beider Leben sich gestaltet hätte, wenn du nicht -von mir gegangen, wenn du mein eigen geworden wärest. Ach Jenny, ein -grenzenloses Glück ist verspielt. Du bist nicht mehr und hast mich so -arm, so arm gemacht. Nur meine armseligen Träume umweben dich und irren -ruhelos umher, dich zu suchen. -- Und dennoch. Messe ich meine Armut -an der Anderen Reichtum, so dünkt sie mich überwältigend reich und -strahlend. Sollte ich sie auch mit meinem Leben bezahlen, so würde ich -doch nimmer meine Liebe zu dir, meine Träume und meinen Gram um dich, -wie er mich jetzt zerreißt, hingeben ....“ - - * * * * * - -Gunnar Heggen wußte nicht, daß er in seines Herzens grenzenlosem -Aufruhr seine Arme gen Himmel streckte und halblaut vor sich -hinflüsterte. Die Anemonen, die er gepflückt, hielt er noch immer in -seinen Händen, aber er wußte es nicht. - -Die Soldaten auf der Kasernenmauer lachten über ihn, aber er sah es -nicht. Er preßte die Blumen gegen seine Brust und murmelte leise vor -sich hin, während er sich von dem Sonnenschein, der über dem Grabe lag, -langsam dem dunklen Zypressenhain zuwandte. - - -+Ende.+ - - - - -In demselben Verlage erschienen: - - -HARALD BERGSTEDT - -Alexandersen - -Eine Pilgerfahrt - -Roman - -327 Seiten - - Preis: broschiert M. 27.-- - geb. in starkem Pappband M. 32.-- - -Hamburger Correspondent v. 1. 3. 21: - - .... Lukians köstliche Lügen der milesischen Märchen, Swift Gullivers - Reisen, Wielands Abderiten und nicht zuletzt Andersens Mär vom - fliegenden Teppich scheinen Vorbilder zum Bau dieser prächtigen - Pilgerfahrt gewesen zu sein. Doch es scheint nur so. Das Buch ist - ganz Eigenart -- tief und voll abgeklärter Weltanschauung. .... - -Welt am Montag v. 20. 12. 20: - - .... Gedankentiefe Symbolik, gelegentlich mit heiterer Satire - gewürzt, projiziert Welt und Zeit, in der wir leben, in ein - Märchenreich. Der Skandinavier +Harald Bergstedt+ wird in Deutschland - bald zu den bekanntesten Autoren zählen. .... - - W--r. - -Vossische Zeitung v. 12. 6. 21: - - .... Dieser Roman ist mit einem ganz brillanten Witz, mit einer - ungewöhnlich scharfen Satire erzählt, mit barocken Zwischenstrophen - durchsetzt. In überraschender Fülle drängt sich Bild an Bild. Man - liest in atemloser Spannung, kommt aus dem Lachen nicht heraus, - und überlacht doch niemals den Ernst des Ganzen. Das ist die - ergötzlichste Universal-Zivilisationskarikatur, die mir seit - langem vorgekommen ist. Dieser dänische Küsterssohn hat in seiner - kleinen Provinzstadt -- Saeby -- ein Buch von europäischer Geltung - geschrieben. .... - - -JOHANNES BUCHHOLTZ - -Egholms Gott - -Roman - -224 Seiten - - Preis: broschiert M. 20.-- - geb. in starkem Pappband M. 25.-- - -München-Augsburger Ztg. v. 19. 5. 21: - - .... Tragik und schneidender satirischer Humor verbinden sich in - erschütternder Weise. .... - -Welt am Montag v. 20. 12. 20: - - .... In „Egholms Gott“ lernen wir einen Erzähler kennen, der mit - naturalistischer Schärfe die Tragödie des proletarischen Phantasten - schildert. .... - -Weser-Zeitung v. 12. 2. 21: - - .... In dem starken Werk, das ein Familienschicksal aus der Tiefe - der sozialen Schichtung schildert, einen sich tiefernste Tragik und - satirisch schneidender Humor in ergreifender Weise. - - ur. - -Neues Wiener Tageblatt v. 27. 4. 21: - - .... Buchholtz setzt die Linie der großen skandinavischen Erzähler - einer älteren Generation fort. Die Gestalt dieses Egholm, eines - Typus des nordischen Menschen, ist mit Meisterhand gezeichnet, wie - überhaupt der Roman von hohem, dichterischem Können Zeugnis gibt. - Kein falsches Wort stört, und keine Konzession an sentimentale - Herzen, und er ist von einer weltabgewandten, in sich ruhenden - Gedanklichkeit durchströmt. - - Dr. +Hugo Greinz+. - - -LAURIDS BRUUN - -OANDA - -Roman - -277 Seiten - - Preis: broschiert M. 24.-- - geb. in starkem Pappband M. 30.-- - -Hamburger Correspondent v. 6. 4. 21: - - .... alle diese Schilderungen zeugen von unübertrefflicher - Gestaltungskraft. „Oanda“ ist ein sozialer Roman im besten Sinne des - Wortes, in eigentümlicher Weise verklärt durch die fast märchenhaft - anmutende Gestalt der Heldin selbst. Die musterhafte Übersetzung - und die ausgezeichnete äußere Ausstattung erhöhen noch den Wert des - Buches. - - Dr. +Nagel+. - -Vorwärts v. 5. 6. 21: - - .... Wer Laurids Bruuns frühere Bücher, insbesondere sein van Zantens - Buch kennt, weiß, daß der Verfasser von einem Utopia der Menschengüte - träumt, weiß auch, daß er seinen Träumen Gestalt zu geben versteht. - .... - -Literarisches Echo, 23. Jahrgang, Heft 13: - - Aus den Romanen Laurids Bruuns, die wie sonnige glückliche Inseln im - trüben Meer unserer literarischen Erinnerungen liegen, kehren manche - vertrauten, edlen Menschen in diesem Buche wieder, so daß wir alsbald - in ihm heimisch sind und die Vorgänge sofort Relief und Perspektive - bekommen. .... - - -EJNAR MIKKELSEN - -Sachawachiak der Eskimo - -Ein Erlebnis aus Alaska - -180 Seiten - - Preis: broschiert M. 16.-- - geb. in starkem Pappband M. 20.-- - -Deutsche Allgemeine Zeitung v. 8. 5. 21: - - .... Dieses Buch hätte niemand schreiben können, der nicht selbst - eine Zeit seines Lebens fern von der Kultur, dem Abenteuer - hingegeben, Entbehrungen und Gefahren auf sich genommen hat; aber der - wagemutige Forscher allein hätte es ebensowenig zustande gebracht. - Es gibt in der Erzählung einige Partien, etwa die Schilderung der - rasenden Jagd, in der Sachawachiak seinen Peiniger verfolgt, die an - die grobe Volksepik, an alte Heldenlieder erinnern, an Gogols „Taras - Bulba“ oder Selma Lagerlöfs „Gösta Berling“. .... - -Weser-Zeitung v. 5. 2. 21: - - .... Da sind Urlaute, da pulst -- trotz Schnee und Eis -- ein wildes - Leben. Die Fabel ist eigentlich nur Mittel zum Zweck. Gewiß: die - Zertrümmerung einer primitiven Kultur durch Branntwein und Syphilis - soll sich gestalten, in der Hauptsache aber will der Verfasser, der - als arktischer Forscher einen guten Namen hat, den eigenartigen - Daseinsrhythmus jener nördlichen Himmelsstriche, wo Menschen wohnen, - vergegenwärtigen. .... - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENNY *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country other than the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you will have to check the laws of the country where - you are located before using this eBook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that: - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's website -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/old/68511-0.zip b/old/old/68511-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index dd85a3d..0000000 --- a/old/old/68511-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/old/68511-h.zip b/old/old/68511-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index c110064..0000000 --- a/old/old/68511-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/old/68511-h/68511-h.htm b/old/old/68511-h/68511-h.htm deleted file mode 100644 index 2f494e1..0000000 --- a/old/old/68511-h/68511-h.htm +++ /dev/null @@ -1,14194 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> -<head> - <meta charset="UTF-8" /> - <title> - Jenny, by Sigrid Undset—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover" /> - <style> /* <![CDATA[ */ - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -div.titelei,div.schmal { - width: 70%; - margin: auto 15%;} - -.x-ebookmaker div.titelei,.x-ebookmaker div.schmal { - width: 90%; - margin: auto 5%;} - -h1,h2,h3 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; - font-weight: normal;} - -h1 {font-size: 450%; font-weight: bold;} -.s1 {font-size: 275%;} -h2,.s2 {font-size: 175%;} -h3,.s3 {font-size: 125%;} -.s4 {font-size: 110%;} -.s5 {font-size: 90%;} -.s6 {font-size: 70%;} - -h2 { - padding-top: 0; - page-break-before: avoid;} - -h2.nobreak { - padding-top: 3em; - margin-bottom: 1.5em;} - -h3 { - page-break-before: always; - padding-top: 2em;} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; - text-indent: 1.5em;} - -p.p0,p.center {text-indent: 0;} - -.mtop1 {margin-top: 1em;} -.mtop2 {margin-top: 2em;} -.mtop3 {margin-top: 3em;} -.mbot1 {margin-bottom: 1em;} -.mbot3 {margin-bottom: 3em;} -.mleft1 {margin-left: 1em;} -.mleft2 {margin-left: 2em;} -.mright2 {margin-right: 2em;} -.mright4 {margin-right: 4em;} -.mright5 {margin-right: 5em;} - -.padtop1 {padding-top: 1em;} -.padtop3 {padding-top: 3em;} -.padtop5 {padding-top: 5em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} - -div.chapter,div.section {page-break-before: always;} - -.break-before {page-break-before: always;} - -.tabcent { - display: block; - text-align: center;} -.csstab { - display: table; - text-align: center; - margin: auto;} -.cssrow {display: table-row;} -.csscell { - display: table-cell; - text-align: left;} - -.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ - /* visibility: hidden; */ - position: absolute; - left: 92%; - font-size: smaller; - text-align: right; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-variant: normal; - text-indent: 0; -} /* page numbers */ - -.blockquot {margin: 1.5em 5% 1.5em 5%;} - -.center {text-align: center;} - -.right {text-align: right;} - -.antiqua {font-style: italic;} - -.gesperrt -{ - letter-spacing: 0.2em; - margin-right: -0.2em; -} - -.x-ebookmaker .gesperrt { - letter-spacing: 0.15em; - margin-right: -0.25em;} - -em.gesperrt -{ - font-style: normal; -} - -.x-ebookmaker em.gesperrt { - font-family: sans-serif, serif; - font-size: 90%; - margin-right: 0;} - -/* Footnotes */ - -.footnote { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; - font-size: 0.9em;} - -.footnote p {text-indent: 0;} - -.footnote .label { - position: absolute; - right: 84%; - text-align: right;} - -.fnanchor { - vertical-align: top; - font-size: .7em; - text-decoration: none; -} - -/* Poetry */ -.poetry-container {text-align: center;} -.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} -.poetry {display: inline-block;} -.poetry .stanza {margin: 1em auto;} -.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} -/* large inline blocks don't split well on paged devices */ -@media print { .poetry {display: block;} } -.x-ebookmaker .poetry { - margin-left: 2em; - display: block;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote { - background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size: smaller; - padding: 0.5em; - margin-bottom: 5em;} - -/* Poetry indents */ -.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} - - -.nohtml {visibility: hidden; display: none;} - -.x-ebookmaker .nohtml {visibility: visible; display: inline;} - - /* ]]> */ </style> -</head> -<body> -<div lang='en' xml:lang='en'> -<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Jenny</span>, by Sigrid Undset</p> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Jenny</span></p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Sigrid Undset</p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Translator: Thyra Dohrenburg</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: July 12, 2022 [eBook #68511]</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> - <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Jens Sadowski, Reiner Ruf, and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned images of public domain material, provided by the German National Library.)</p> -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>JENNY</span> ***</div> - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von -1921 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische -Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht -mehr gebräuchliche Schreibweisen, sowie fremdsprachliche Passagen -bleiben gegenüber dem Original unverändert.</p> - -<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden als deren -Umschreibungen dargestellt (Ae, Oe, Ue).</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt, mit -Ausnahme der Buchanzeigen, welche in Antiquaschrift gedruckt -wurden. Passagen in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> -im Buchtext werden in der vorliegenden Bearbeitung kursiv dargestellt. -<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten -Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s2 center padtop3 mbot3 break-before">Jenny</p> - -<p class="s1 center break-before">Sigrid Undset</p> - -<h1>Jenny</h1> - -<p class="s3 center padtop5">Gyldendal’scher Verlag A. G. Berlin</p> - -<p class="s5 center padtop1 mtop3">Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen<br /> -von Thyra Dohrenburg</p> - -<p class="s6 center"><em class="gesperrt">Alle Rechte vorbehalten</em></p> - -<p class="center padtop5">1921<br /> -Druck: Gyldendal’scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei<br /> -Berlin SW 68</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Erstes_Buch">Erstes Buch</h2> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_I">I.</h3> - -</div> - -<p>Die Musik kam über die Via de Condotti, als Helge Gram in der -Dämmerung gerade in die Straße einbog. Die Melodie eines altbekannten -Gassenhauers ertönte in sinnlos rasendem Tempo wie eine wilde Fanfare. -Und die schwarzen kleinen Soldaten stürmten in dem kalten Nachmittag -vorüber, als seien sie mindestens eine römische Kohorte, im Begriff, -sich in fliegendem Laufschritt auf die Heerscharen der Barbaren zu -stürzen. Und sollten doch nur ganz friedlich heimwärts ziehen in -ihre nächtlichen Quartiere. Aber vielleicht war gerade das der Grund -für ihre stürmende Eile, dachte Helge und lächelte. Wie er so stand, -den Mantelkragen gegen die Kälte hochgeschlagen, wallte eine seltsam -historische Stimmung in ihm auf. Aber dann begann er, die wohlbekannte -Melodie mitzusummen, und setzte seinen Weg die Straße hinab fort, in -der Richtung, die, wie er wußte, zum Corso führte.</p> - -<p>An der Ecke blieb er stehen und schaute hinüber. — Das also war der -Corso. Ein unablässig rinnender Strom von Wagen in der engen Straße, -und ein brodelndes Gewimmel von Menschen auf dem schmalen Bürgersteig.</p> - -<p>Er stand und ließ den Strom an sich vorüberziehen und lächelte in -dem Gedanken, daß er nun Abend für Abend auf dieser Straße in der -Dunkelheit durch das Menschengewimmel würde schlendern dürfen, bis sie -ihm ebenso alltäglich geworden war wie die Carl Johannstraße daheim.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> - -<p>Und das Verlangen überkam ihn, noch in dieser Stunde durch alle -Straßen Roms zu laufen — ohne Aufhören — am liebsten die ganze Nacht -hindurch. Das Bild der Stadt stieg in ihm auf, wie sie vor kurzem zu -seinen Füßen gelegen, als er auf dem Pincio stand und dem Untergang der -Sonne zuschaute.</p> - -<p>Wolken breiteten sich über den ganzen Nachthimmel aus, dicht -zusammengedrängt, wie kleine lichtgraue Lämmer. In der Sonne, die -hinter ihm versank, erglühten ihre Ränder golden wie Bernstein. Unter -dem bleichen Himmel lag die Stadt, und plötzlich kam es Helge zum -Bewußtsein: das war Rom! Nicht, wie er es in seinen Träumen erschaut — -nein, wie es jetzt vor ihm lag.</p> - -<p>Alles, was er auf seiner Reise gesehen, hatte ihn enttäuscht, weil -es anders war, als er sich’s im Geiste ausgemalt daheim, in seiner -Sehnsucht hinauszukommen und es selbst zu schauen. Endlich, jetzt -endlich zeigte sich die Wirklichkeit, reicher als all seine Träume.</p> - -<p>Und das war Rom ...</p> - -<p>Eine weite Fläche von Dächern lag in der Talsenkung unter ihm — ein -Gewimmel von Dächern alter und neuer, hoher und niedriger Häuser, die, -wie es schien, aufs Geradewohl und so hoch gebaut worden waren, wie man -ihrer gerade bedurfte, denn nur an wenigen Stellen war die gerade Linie -einer Straße in dem Heer der Dächer deutlich erkennbar. Und diese ganze -Welt unruhiger Linien, die in Tausenden von harten Winkeln aufeinander -stießen, lag erstarrt und still unter dem fahlen Himmel, an dem eine -unsichtbare, sinkende Sonne hier und da einen kleinen Lichtrand an den -Wolken entzündete. Sie lag und träumte unter einem feinen, weißlichen -Nebeldunst, in den sich nicht eine einzige lebende geschäftige -Rauchsäule mischte. Denn ein Fabrikschlot war nicht zu entdecken, -und von den kleinen drolligen Blechschornsteinen, die in die Luft -starrten, rauchte nicht ein einziger. Auf den rotbraunen, runden alten -Dachziegeln machten sich graugelbe Flechten breit, grüne Pflanzen und -kleines Buschwerk mit gelben Blüten wucherte in den Wasserrinnen, am<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> -Rande der Terrassen reihten sich tote und schweigende Agaven in Urnen, -und von den Gesimsen flossen Schlingpflanzen in stillen und toten -Kaskaden. Wo sich das oberste Stockwerk eines höheren Hauses über die -Nachbarn erhob, starrten erstorbene und dunkle Fenster aus rotgelbem -oder grauweißem Mauerwerk — oder schliefen hinter geschlossenen Läden. -Aber aus dem Dunst ragten Altane, Stümpfen alter Wachttürme gleich, und -kleine Lauben aus Holz und Blech erhoben sich auf den Dächern.</p> - -<p>Ueber dem Ganzen schwebten die Kuppeln der Kirchen, Kuppel an Kuppel; -die gewaltige graue weit draußen, jenseits der Stelle, wo Helge den -Lauf des Flusses vermutete, das war St. Peter.</p> - -<p>Aber diesseits des Talkessels, wo die toten Dächer die Stadt -beschützten, die, wie Helge an diesem Abend empfand, mit Recht die -ewige hieß, wölbte ein niedriger Höhenzug seinen langen Rücken gen -Himmel. Er trug in weiter Ferne eine Allee von Pinien, deren Kronen -über der schlanken Säulenreihe der Stämme ineinander liefen. Weit -drüben hinter der Peterskuppel, wo der Blick seine Schranke fand, -erhob sich eine zweite Anhöhe mit lichten Villen zwischen Pinien und -Cypressen. Das mochte wohl der Monte Mario sein.</p> - -<p>Ueber Helges Haupt breitete sich schützend das dunkle, dichte -Laubdach der Steineichen, und hinter ihm plätscherte der Strahl -des Springbrunnens mit einem eigenen lebendigen Laut — das Wasser -klatschte gegen das steinerne Becken und rieselte, überfließend, in das -Bassin hinab.</p> - -<p>Ueber die Stadt seiner Träume, deren Straßen sein Fuß niemals betreten -hatte, deren Häuser nicht eine vertraute Seele bargen, flüsterte Helge -hin: „Roma, Roma, ewige Roma“. Eine Scheu erfaßte ihn vor seinem -eigenen einsamen Ich und ein Bangen vor seiner Ergriffenheit, obwohl er -wußte, hier war niemand, der ihn belauschen konnte. Er wandte sich und -eilte hinab, der Spanischen Treppe zu.</p> - -<p>Nun stand er an der Ecke der Via de Condotti und des Corso und empfand -eine wunderbar süße Beklemmung,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> sollte er doch jetzt der Straße -wimmelndes Leben durchkreuzen und versuchen, sich in der fremden Stadt -zurechtzufinden — er wollte quer hindurch, gerade auf den Petersplatz -zugehen.</p> - -<p>Indem er die Straße überschritt, gingen zwei junge Mädchen an ihm -vorüber. Das waren sicher Norwegerinnen, kam es ihm sofort in den Sinn, -und er empfand eine gewisse Freude bei dem Gedanken. Die eine war -lichtblond und trug einen hellen Pelz.</p> - -<p>Die Straße, der er folgte, mündete auf einen offenen Platz an -einer weißen Brücke. Zwei Reihen Laternen kämpften mit ihren -schwindsüchtigen, grünlichgelben Lichtern gegen den gewaltigen, -bleichen Schein, den der unruhige Himmel ausstrahlte. Am Wasser entlang -zog sich fahl schimmernd eine niedrige steinerne Brustwehr und eine -Baumreihe mit welkem Laub und Stämmen, deren Rinde sich in großen -weißen Fetzen abschälte. Auf der anderen Seite des Flusses brannten -die Gaslaternen unter den Bäumen, die Häusermasse hob sich schwarz -gegen den Himmel ab. Doch diesseits des Stromes flackerte der Schein -des Abendlichtes noch in den Fensterscheiben. Der Himmel war jetzt -fast klar und wölbte sich in durchsichtigem Blaugrün über dem Hügel, -dessen Kamm die Pinien trug; noch segelten aber einige wenige schwere -zusammengeballte Wolkenberge darüber hin, rot und gelb aufleuchtend, -als kündeten sie Sturm.</p> - -<p>Helge stand auf der Brücke still und sah in die Tiber hinab. Wie -trüb das Wasser war! Es stürzte reißend dahin, bunt aufflammend im -Widerschein der abendlich leuchtenden Wolken — riß Zweige, Planken und -Geröll mit sich in seinem weißen steinernen Bett da drunten. Seitwärts -an der Brücke führte eine kleine Treppe zum Wasser hinab. Helge kam der -Gedanke, wie leicht es doch sein müßte, sich eines Nachts, des Treibens -müde, hier aus dem Leben zu schleichen. Ob es wohl jemand tat?</p> - -<p>Er fragte, auf Deutsch, einen Konstabler nach dem Wege zur -Peterskirche; der Konstabler antwortete zunächst auf Französisch, dann -italienisch, und als Helge immer<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> wieder den Kopf schüttelte, redete er -wieder französisch und wies über den Strom. Helge schlenderte in der -gewiesenen Richtung weiter.</p> - -<p>Da stieg eine gewaltige, düstere Steinmasse vor ihm empor, ein -niedriger runder Turm mit zackigen Mauerkränzen von der tiefschwarzen -Silhouette eines Engels gekrönt. — Helge erkannte die Umrisse der -Engelsburg. Sein Weg hatte ihn gerade ihr zu Füßen geführt. Im letzten -Licht des Himmels leuchteten die Statuen drüben auf der Brücke in der -Dämmerung, noch spiegelten die Wellen der Tiber den Schein der roten -Wolken wider. Aber schon schossen die Gaslaternen ihre Lichtpfeile -auf den Strom hinaus. Hinter der Engelsbrücke surrten elektrische -Straßenbahnen mit erleuchteten Fensterscheiben über eine neue -schmiedeeiserne Brücke. Aus den Leitungsdrähten sprühten blauweiße -Funken.</p> - -<p>Helge lüftete den Hut vor einem Manne:</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">San Pietro favorisca?</span>“</p> - -<p>Der Mann zeigte geradeaus und sagte etwas, das Helge nicht verstand.</p> - -<p>Die Straße, in die er einbog, war eng und finster; so hatte er sich -eine italienische Straße oft ausgemalt, und er empfand nun geradezu ein -Gefühl der Wiedersehensfreude. Ein Antiquitätengeschäft lag hier neben -dem anderen.</p> - -<p>Helge schaute mit Interesse in die schlecht erleuchteten Fenster. Das -meiste war Schund; die schmutzigen Streifen aus groben, weißen Spitzen, -auf Schnüren aneinandergereiht — sollten dies italienische Spitzen -sein? Da lagen Scherben und Ueberreste von Tonwaren in staubigen -Schachteldeckeln aus, kleine, giftgrüne Bronzefiguren, alte und neue -Metalleuchter und Broschen mit unechten Steinen. Trotzdem wandelte ihn -unerklärlicherweise eine Lust zum Kaufen an, zu fragen, zu feilschen, -zu handeln —. Er war in einen kleinen dumpfen Laden geraten, fast ohne -selbst zu wissen, wie. Da sah es übrigens lustig aus; es gab seltsame -Dinge aus aller Welt: alte Kirchenlampen, von der Decke herabhängend, -Seidenlappen<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> mit goldgestickten Blumen auf rotem und grünem und weißem -Grunde, zerbrochene Möbel.</p> - -<p>Hinter dem Ladentisch hockte ein gelbhäutiger dunkler Bursche, das Kinn -blau von Bartstoppeln, und las. Er fragte und redete, während Helge -auf dies und jenes zeigte, und „<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">quanto</span>“ sagte. Das einzige, was -Helge begriff, war, daß die Sachen unerhört teuer waren — man müßte -jedenfalls mit dem Kaufen warten, bis man der Sprache mächtig wäre, und -dann gehörig feilschen.</p> - -<p>Drüben auf einem Regal stand Porzellan, Rokokofiguren und Vasen mit -modellierten Rosenbuketts geziert. Sie schienen neu zu sein. Helge -ergriff aufs Geratewohl einen solchen kleinen Gegenstand und setzte ihn -auf den Tisch: „<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">quanto?</span>“</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Sette</span>,“ sagte der Mann und spreizte sieben Finger.</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Quattro.</span>“ Helge streckte vier Finger in die Luft. Er hatte ein -frohes und sicheres Gefühl, als er so plötzlich in die fremde Sprache -gleichsam hinübersprang. Freilich begriff er nichts von dem Protest des -Mannes, doch jedesmal, wenn der andere ausgeredet hatte, kam er mit -seinem <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">quattro</span> und seinen vier Fingern.</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Non antica</span>,“ warf er überlegen hin.</p> - -<p>Der Ladenbesitzer beteuerte jedoch: „<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">antica</span>.“</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Quattro</span>,“ sagte Helge zum letzten Male — jetzt hatte der Mann -nur fünf Finger in der Luft. Als Helge sich zur Tür wandte, rief der -Bursche ihn zurück. Er akzeptierte. Selig nahm Helge den Gegenstand an -sich, der sorgsam in rotes Seidenpapier gehüllt worden war.</p> - -<p>Am Ausgang der Straße konnte er die dunkle Masse des Doms gegen -den Himmel unterscheiden. Er schritt kräftig aus und eilte über -den vorderen Teil des Platzes, dort, wo die Läden mit den hellen -Fenstern lagen und die Bahnen vorübersausten, — auf die beiden -halbkreisförmigen Arkaden zu, die zwei gebogenen Armen gleich sich -um einen Teil des Platzes legten und ihn hineinzogen in die Stille -der Dunkelheit. Helge flüchtete in den Schutz der gewaltigen dunklen -Kirche, die ihre breite Treppe in<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> einer muschelförmigen Zunge bis auf -die Mitte des Marktes hinausschob.</p> - -<p>Die Kuppel der Kirche und die Statuenreihe der Heiligenschar -drüben über dem Dach des Säulenganges hoben sich schwarz gegen das -Helldunkel der Himmelswölbung ab; Baumkronen und Häuser, unregelmäßig -übereinandergestapelt, breiteten sich über der Anhöhe dahinter aus. -Hier waren die Gasflammen machtlos; die Finsternis sickerte durch die -Säulen der Arkaden, ergoß sich von der offenen Vorhalle der Kirche -über die Treppe hinab. Helge ging still hinüber bis an die Kirche, -und schaute neugierig auf die verschlossenen Metalltüren. Dann kehrte -er um und schritt zum Obelisk in der Mitte des Platzes. Hier blieb -er stehen und starrte auf die dunkle Kirche. Den Kopf zurückbiegend -folgte er mit den Augen dem schlanken steinernen Pfeil, der hoch in den -Abendhimmel hinaufragte, dort, wo die letzten Wolken hinter den Dächern -verschwunden waren und die ersten Sterne ihre funkelnden Lichtnadeln -durch die sich vertiefende Dunkelheit schossen.</p> - -<p>Wieder erklang in seinen Ohren der wunderliche durchdringende Laut -von plätscherndem Wasser, das in steinerne Becken herabstürzte, und -das weiche Rieseln des strömenden Ueberflusses, der sich von Schale -zu Schale in das Bassin ergoß. Er ging bis dicht an den einen der -Springbrunnen heran und betrachtete die vollen weißen Strahlen, die wie -in hitzigem Trotz aufschossen und hoch oben zusammenbrachen; dunkel -gegen die Klarheit der Luft, sanken sie hinab in die Finsternis, in der -das bewegte Wasser weiß aufleuchtete. Helge starrte hinauf. Plötzlich -fing ein kleiner Windstoß sich in der Wassersäule und fegte sie über -ihn hinweg. Jetzt plätscherte es nicht mehr klatschend gegen das -steinerne Becken, es rieselte hinab, und Helge war bedeckt von Tropfen, -die in der kalten Abendluft zu Eis erstarrten.</p> - -<p>Dennoch blieb er stehen, lauschte und starrte — schritt vorwärts und -stand wieder — doch ganz behutsam, um das Flüstern in seinem Innern -zu vernehmen. — Jetzt<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> war er also hier, all das, von dem er sich -verzehrend fortgesehnt hatte, lag in weiter, weiter Ferne. Und er trat -noch leiser auf und schlich wie einer, der dem Gefängnis entronnen war.</p> - -<p class="mtop2">Unten an der Ecke der Straße lag ein Restaurant. Dort ging er hinüber. -Unterwegs entdeckte er einen Tabaksladen, wo er sich Zigaretten, -Ansichtskarten und Freimarken kaufte. Während er auf sein Essen wartete -und hin und wieder in langen Zügen vom Rotwein trank, schrieb er Karten -an seine Eltern: „Ich denke an diesem Abend viel an Euch hier unten -—“. Er lächelte schmerzlich — ja, Herrgott, so war es! An die Mutter -schrieb er jedoch: „Ich habe schon eine Kleinigkeit für Dich gekauft, -— das erste, was ich hier in Rom erstanden habe.“ Arme Mutter — wie -mochte es ihr wohl ergehen. Er war in den letzten Jahren oft lieblos -gegen sie gewesen —. Er packte das Geschenk aus — es war sicher eine -Eau de Cologneflasche — und betrachtete es. Dann fügte er noch einige -Zeilen hinzu, er finde sich mit der Sprache zurecht und das Handeln in -den Läden sei gar nicht so schwierig.</p> - -<p>Das Essen war gut, doch teuer. Nun, wenn er sich erst hier eingelebt -hätte, würde er schon lernen, mit Wenigem auszukommen. Gesättigt und -angeregt vom Wein ging er in einer neuen Richtung weiter, entdeckte -lange, niedrige, verfallene Häuser und hohe Gartenmauern, gelangte -durch einen zerstörten Torbogen auf eine Brücke, über die er hinweg -wollte. Ein Mann erschien in der Tür des Zollhauses, hielt ihn an und -machte ihm verständlich, daß er einen Soldo entrichten müsse. Drüben -auf der anderen Seite lag eine große dunkle Kuppelkirche.</p> - -<p>Hier geriet er in einen Wirrwarr finsterer, enger Sackgassen; in der -geheimnisvollen Dunkelheit ahnte er in den Himmel hineinragende alte -Paläste mit vorspringenden Dachgesimsen, vergitterten Fenstern — in -gleicher Front mit elenden Hütten und kleinen Kirchenfassaden. Einen<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> -Bürgersteig hatte die Straße nicht; Helge trat in verdächtigen Abfall, -der im Rinnstein lag und übel roch. Vor den schmalen erleuchteten -Herbergstüren und unter den spärlichen Gaslaternen erblickte er -undeutlich zweifelhafte menschliche Gestalten.</p> - -<p>Er war von dieser Umgebung begeistert und beklommen zugleich — voll -knabenhafter Spannung. Gleichzeitig begann er darüber nachzudenken, -wo ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden sei und wie er zu seinem -Hotel zurückgelangen sollte, das weit fort am anderen Ende der Welt -lag. Er mußte sich wohl eine Droschke leisten.</p> - -<p>So schritt er denn eine neue, enge, ganz menschenleere Gasse hinab. -Zwischen den steilaufragenden Häusern mit den schwarzen Fensterhöhlen, -die ohne Sims aus dem Mauerwerk starrten, zog sich ein Streifen -Himmels hin, klarblau und dunkelleuchtend; unten auf dem holprigen -Steinpflaster wirbelte ein leichter Windstoß Staub und Strohhalme und -Papierfetzen vor sich her.</p> - -<p>Zwei Frauen überholten ihn. Als er sie im Schein einer Laterne -betrachten konnte, durchfuhr es ihn: das waren die, die er heute -Nachmittag auf dem Corso bemerkt und für Norwegerinnen gehalten hatte. -Das helle Pelzwerk der größeren erkannte er sofort wieder.</p> - -<p>Plötzlich kam ihm ein verrückter Gedanke — er wollte ein Abenteuer -versuchen, sie nach dem Wege fragen, um zu hören, ob es Norwegerinnen -seien oder wenigstens Skandinavierinnen. Ihm klopfte aber doch das Herz -ein wenig, als er sich anschickte, ihnen nachzufolgen. Ausländerinnen -waren es sicher.</p> - -<p>Die jungen Mädchen blieben weiter unten vor einem verschlossenen Laden -stehen, setzten aber gleich darauf ihren Weg fort. Helge überlegte: -sollte er „<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">Please</span>“ oder „Bitte“ oder „<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Scusi</span>“ sagen oder -versuchsweise mit einem norwegischen „Verzeihung“ herausplatzen? Wie -lustig, wenn es wirklich Norwegerinnen waren.</p> - -<p>Die Mädchen bogen um die Ecke. Helge war ihnen dicht auf den Fersen und -auf dem Sprunge, sie anzureden.<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Da wandte sich die kleinere halb um -und sagte etwas in italienischer Sprache, leise und empört.</p> - -<p>Helge war herb enttäuscht. Er wollte eben „<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Scusi</span>“ sagen und -verschwinden, als die Große auf Norwegisch zur Freundin sagte: „Nicht -doch, Cesca, nichts sagen — es ist viel klüger, zu tun, als merke man -nichts.“</p> - -<p>„Ich ertrage aber dieses verdammte Italienerpack nicht, das nie ein -Frauenzimmer in Frieden lassen kann,“ erklärte die andere.</p> - -<p>„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte Helge. Die Mädchen blieben stehen -und wandten sich brüsk um.</p> - -<p>„Sie müssen wirklich entschuldigen.“ Helge stammelte und errötete, -ärgerte sich darüber und erglühte nur tiefer in der Dunkelheit. „Ich -bin nämlich heute aus Florenz gekommen, und jetzt habe ich mich in -diesen Winkelgassen vollständig verloren. — Nun glaubte ich, die Damen -seien Norwegerinnen — oder jedenfalls aus Skandinavien — und ich -komme so schlecht mit der italienischen Sprache zurecht — und da kam -mir die Idee —. Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, mir zu -sagen, wo ich eine Straßenbahn finde? Mein Name ist Kandidat Gram“. Er -lüftete wieder den Hut.</p> - -<p>„Ja, wo wohnen Sie denn?“ fragte die Größere.</p> - -<p>„Gleich neben dem Bahnhof, es heißt so ähnlich wie Albergo Torino“, -erklärte ihnen Helge.</p> - -<p>„Dann muß er mit der Trasteverebahn fahren vom San Carlo ai Catenari -aus,“ sagte die Kleine.</p> - -<p>„Nein, Sie steigen besser in die Linie 1 auf dem neuen Corso.“</p> - -<p>„Die geht aber nicht bis zu den Termini“, antwortete wieder die -Kleinere.</p> - -<p>„Aber natürlich. Sie nehmen die, auf der San Pietro-Stazione Termini -steht“, erklärte sie Helge.</p> - -<p>„Die — die fährt doch erst über den Capo de Case und Ludovisi und -so weiter bis ans Ende der Welt — mit der dauert es mindestens eine -Stunde bis zum Bahnhof.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> - -<p>„Nicht doch, Liebes — sie fährt direkt — den kürzesten Weg durch die -Via Nazionale.“</p> - -<p>„Nein —“, beharrte die Kleine. „Sie fährt übrigens erst um den Lateran -herum.“</p> - -<p>Die große Dame wandte sich an Helge:</p> - -<p>„Sie gehen nur die erste Straße zur Rechten hinunter bis zum Flohmarkt. -Dann halten Sie sich links an der Cancelleria, bis Sie auf den neuen -Corso hinausgelangen. Soviel ich mich entsinne, hält die Bahn an der -Cancelleria, jedenfalls gleich in der Nähe; Sie sehen schon das Schild. -Sie müssen aber darauf achten, daß Sie den Wagen bekommen, auf dem San -Pietro-Stazione Termini steht — es ist die Linie 1.“</p> - -<p>Helge blickte mutlos drein, als die jungen Mädchen neben ihm mit -den fremden Namen um sich warfen, als seien es Bälle. Er schüttelte -schließlich den Kopf.</p> - -<p>„Ich fürchte, ich finde mich da nicht zurecht, ich werde doch lieber -gehen, bis ich auf eine Droschke stoße.“</p> - -<p>„Wir begleiten Sie gern bis zur Haltestelle“, sagte die Große wieder.</p> - -<p>Die Kleine brummte mürrisch auf Italienisch etwas vor sich hin, doch -die Große antwortete in verweisendem Tone. Helges Mut sank noch um ein -Beträchtliches durch diese Bemerkungen über seinen Kopf weg, die er -nicht verstand.</p> - -<p>„Ich danke Ihnen, ich möchte Sie wirklich nicht damit belästigen — ich -finde sicher schon irgendwie nach Hause.“</p> - -<p>„Das ist durchaus keine Mühe,“ erwiderte die Große und schickte sich -zum Gehen an. „Wir haben ungefähr denselben Weg.“</p> - -<p>„Es ist recht schwierig, sich in Rom zurechtzufinden“, versuchte Helge, -ein Gespräch in Gang zu bringen. „Jedenfalls in der Dunkelheit.“</p> - -<p>„O nein, man kennt sich schnell aus.“</p> - -<p>„Ich kam also heute hierher — ich kam heute Vormittag mit dem Zuge aus -Florenz.“</p> - -<p>Die Kleine sagte halblaut etwas auf Italienisch. Die Große fragte -hierauf Helge:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> - -<p>„Es ist wohl jetzt kalt in Florenz?“</p> - -<p>„Ja, hundekalt. Ist es nicht hier in Rom milder? Ich schrieb übrigens -gestern nach Hause an meine Mutter und bat um meinen Wintermantel.“</p> - -<p>„Auch hier kann es oft recht scharf und kalt sein. Fühlten Sie sich -wohl in Florenz? Wie lange waren Sie dort?“</p> - -<p>„Vierzehn Tage“, sagte Helge. „Ich glaube, Rom wird mir doch besser -gefallen.“</p> - -<p>Das andere junge Mädchen lachte. Die ganze Zeit über hatte es auf -Italienisch vor sich hingebrummelt. Doch die Große sprach zu ihm mit -ihrer warmen ruhigen Stimme:</p> - -<p>„Ja, ich glaube, es gibt keine Stadt, die man so liebgewinnt wie Rom.“</p> - -<p>„Ihre Freundin ist Italienerin?“ fragte Helge.</p> - -<p>„Nein, Fräulein Jahrmann ist Norwegerin. Wir sprechen Italienisch -miteinander, damit ich es lerne — sie ist nämlich schon sehr weit -darin. Mein Name ist Winge“, fügte sie hinzu. „Dort liegt Cancelleria“, -und sie wies auf einen großen düsteren Palast.</p> - -<p>„Ist der Hofraum so schön, wie man sich erzählt?“</p> - -<p>„Ja, herrlich. — Nun werde ich Ihnen helfen, die richtige Straßenbahn -zu finden.“</p> - -<p>Während sie standen und warteten, kamen zwei Herren quer über die -Straße.</p> - -<p>„Hallo, finden wir Sie hier?“ sagte der eine auf Schwedisch.</p> - -<p>„Guten Abend“, begrüßte sie der andere. „Dann gehen wir doch zusammen -hinüber? Seid Ihr unten gewesen, um Euch die Korallen anzusehen?“</p> - -<p>„Der Laden war geschlossen“, erwiderte Fräulein Jahrmann mißmutig.</p> - -<p>„Wir haben einen Landsmann getroffen, dem wir auf die richtige -Straßenbahn helfen wollen“, setzte Fräulein Winge auseinander und -stellte vor: „Kandidat Gram, Maler Heggen, Bildhauer Ahlin.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> - -<p>„Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner erinnern, Herr Heggen, Gram ist -mein Name — wir lernten uns einmal auf der Mysusenne kennen, vor etwa -drei Jahren.“</p> - -<p>„Ah, ja natürlich. Und nun sind Sie also in Rom?“</p> - -<p>Ahlin und Fräulein Jahrmann hatten abseits gestanden und miteinander -geflüstert. Jetzt ging sie auf die Freundin zu:</p> - -<p>„Du, Jenny, ich gehe heim. Ich bin doch nicht dazu aufgelegt, zu -Frascati zu gehen.“</p> - -<p>„Aber liebes Kind, du hast ja selbst den Vorschlag gemacht.“</p> - -<p>„Ach nein, nicht Frascati — dazusitzen und sich mit dreißig alten -dänischen Weibern beiderlei Geschlechts abzuplagen.“</p> - -<p>„Wir können ja etwas anderes wählen — doch da ist Ihre Straßenbahn, -Kandidat Gram.“</p> - -<p>„Ja, tausend Dank für Ihre Hilfe! Vielleicht sehe ich die Damen einmal -wieder — im Skandinavischen Verein?“</p> - -<p>Die Bahn hielt vor ihnen — da sagte Fräulein Winge:</p> - -<p>„Sie haben vielleicht Lust, sich uns anzuschließen; wir hatten die -Absicht, heute Abend ein wenig zu bummeln, Wein zu trinken und Musik zu -hören.“</p> - -<p>„Ja, danke.“ Helge war unsicher und verlegen und schaute auf die -anderen. „Recht gern, aber —“ er wandte sich vertrauensvoll an -Fräulein Winge mit dem hellen Antlitz und der freundlichen Stimme: „Sie -kennen sich ja untereinander und — nun, ist es nicht am gemütlichsten -für Sie alle, ohne fremde Gesellschaft zu sein?“ Er lachte verlegen.</p> - -<p>„Aber nein, mein Lieber.“ Sie lächelte. „Im Gegenteil — sehen Sie, -dort fährt Ihre Bahn schon — und Heggen kennen Sie ja doch von früher -und jetzt uns. Wir werden schon darauf achtgeben, daß Sie richtig nach -Hause gelangen — wenn Sie also nicht zu müde sind.“</p> - -<p>„Müde! Nein. — Ich möchte sehr gern mit Ihnen zusammen sein“, -versicherte Helge eifrig und erleichtert.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p> - -<p>Die drei anderen begannen, Trattorien vorzuschlagen. Helge kannte -keinen der Namen, die fielen; es war keiner von denen darunter, -die sein Vater erwähnt hatte. Fräulein Jahrmann aber verwarf jeden -Vorschlag.</p> - -<p>„Nun gut, dann gehen wir eben nach St. Agostino. Du weißt, wo es den -roten Wein gibt, Gunnar.“ Jenny Winge schlug ohne weiteres diese -Richtung ein; Helge folgte.</p> - -<p>„Da ist keine Musik“, hatte Fräulein Jahrmann einzuwenden.</p> - -<p>„Aber natürlich — der Scheeläugige und der andere sind dort fast jeden -Abend. Laßt uns doch nur nicht hier stehen und Zeit verlieren.“</p> - -<p>Helge folgte mit Fräulein Jahrmann und dem schwedischen Bildhauer.</p> - -<p>„Sind Sie schon längere Zeit in Rom, Herr Gram?“</p> - -<p>„Nein, ich kam heute Vormittag aus Florenz.“</p> - -<p>Fräulein Jahrmann lachte leise, Helge wurde verlegen. Er überlegte -im Gehen — sollte er nicht doch lieber sagen, daß er müde sei und -dann umkehren? Während sie durch finstere enge Straßen ihren Weg -fortsetzten, plauderte Fräulein Jahrmann ununterbrochen mit dem -Bildhauer und antwortete kaum, wenn er den Versuch machte, mit ihr zu -sprechen. Ehe er sich jedoch entschlossen hatte, sah er das andere Paar -vorn durch eine schmale Tür verschwinden.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_II">II.</h3> - -</div> - -<p>„Was zum Teufel ist nun wieder in Cesca gefahren — ihre Launen kennen -ja nachgerade keine Grenzen mehr; leg Deinen Mantel ab, Jenny, sonst -erkältest Du Dich, wenn Du wieder hinauskommst.“ Heggen hängte Hut und -Frühjahrsmantel an den Ständer und ließ sich in einen Korbsessel fallen.</p> - -<p>„Das arme Ding, ihr geht es augenblicklich nicht gut — und außerdem -lief uns dieser Gram ein Stück nach, ehe er es wagte, uns anzusprechen -und nach dem Wege<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> zu fragen; dergleichen bringt sie immer in Erregung, -und dann, Du weißt ja, — ihr Herz.“</p> - -<p>„Die Aermste. — Frecher Bursche übrigens.“</p> - -<p>„O, nicht doch, er lief ja umher und wußte weder aus noch ein, glaube -ich. Er macht nicht gerade den Eindruck, als habe er Erfahrung im -Reisen. Du kennst ihn?“</p> - -<p>„Keine Ahnung. Aber deshalb kann ich ihn sehr gut mal getroffen haben. -Ah, da sind sie.“</p> - -<p>Ahlin nahm Fräulein Jahrmann den Mantel von der Schulter.</p> - -<p>„Teufel auch,“ meinte Heggen, „wie fein du heut Abend bist, Cesca.“</p> - -<p>Sie lächelte erfreut und strich mit der Hand den Rock über den Hüften -glatt, dann faßte sie Heggen bei den Schultern:</p> - -<p>„Rück’ ein wenig zur Seite — ich will neben Jenny sitzen.“</p> - -<p>„Herr des Himmels, wie ist sie schön,“ dachte Helge. Cescas Kleid war -leuchtend grün, der üppige Busen hob sich aus dem hoch gearbeiteten -Rock wie aus einem Blumenkelch. Die Sammetbluse leuchtete in den -Falten wie gleißendes Gold; aus dem tiefen Ausschnitt wuchs der runde, -mattbraune Hals empor. Sie war sehr brünett; unter der braunen Glocke -des Plüschhutes umschmeichelten kleine kohlschwarze Locken die reinen, -pfirsichroten Wangen. Das Antlitz war ganz jungmädchenhaft, schwere -Lider bedeckten die tiefen, grauschwarzen Augen, und lächelnde Grübchen -verschönten den kleinen, dunkelroten Mund.</p> - -<p>Jenny Winge, so hübsch sie auch war, fiel gegen die Freundin ganz -ab. Sie war ebenso blond wie die andere dunkel: das Haar, von der -hohen weißen Stirn zurückgestrichen, lugte goldig schimmernd unter -dem kleinen grauen Pelzbarett hervor; die Haut war schneeig weiß und -lichtrot. Selbst Augenbrauen und die Wimpern über den stahlgrauen Augen -waren hell — goldbraun. Der etwas bleiche Mund aber schien zu groß für -das schmale Gesicht mit der kurzen geraden Nase und den blaugeäderten<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> -gewölbten Schläfen; wenn sie lachte, zeigte sie eine dichte Reihe -blanker Zähne. Alles übrige an ihr war schmächtig, der lange schlanke -Hals, die Arme, von hellen feinen Härchen bedeckt, und die langen, -mageren Hände. Lang und aufgeschossen, wie sie war, erschien ihr -Körper knabenhaft — sie mußte noch erstaunlich jung sein. Sie trug -kleine weiße Aufschläge an den Ellenbogen und am Halsausschnitt des -hellgrauen, seidenen Kleides, das, leicht und wallend, über der Brust -und an den Hüften gekräuselt war — wohl um ihre Magerkeit etwas zu -verbergen. Den Hals schmückte eine Kette von kleinen mattrosa Perlen, -die sich in rosenroten Lichtpünktchen auf der Haut widerspiegelten.</p> - -<p>Helge Gram hatte sich bescheiden am Ende des Tisches niedergelassen -und folgte der Unterhaltung. Die fremde Gesellschaft sprach von einer -Frau Söderblom, die krank gewesen war. Ein alter Italiener mit einer -schmutzigweißen Schürze über dem dicken Leib kam herbei und fragte nach -ihren Wünschen.</p> - -<p>„Rot, weiß, sauer, süß — was wollen Sie trinken, Gram?“ wandte Heggen -sich an ihn.</p> - -<p>„Kandidat Gram soll sich einen halben Liter von meinem Rotwein -bestellen“, meinte Jenny Winge. „Es ist einer der besten in Rom, und -das will etwas heißen, wissen Sie!“</p> - -<p>Der Bildhauer schob den Damen eine Zigarettendose hin. Cesca griff zu.</p> - -<p>„O, nicht doch, Cesca“, bat Jenny.</p> - -<p>„Nun erst recht“, sagte Cesca „Mir wird nicht besser, auch wenn ich es -lasse. Und ich bin böse heute Abend.“</p> - -<p>„Aber weshalb denn, liebes gnädiges Fräulein?“</p> - -<p>„Ach. — Zum Beispiel weil ich die Korallen nicht bekam.“</p> - -<p>„Brauchtest du sie denn heute Abend?“ fragte Heggen.</p> - -<p>„Nein, aber ich hatte mich doch endlich entschlossen, sie zu kaufen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> - -<p>„Und morgen hast du dich für die Malachitkette entschieden?“ lachte -Heggen.</p> - -<p>„Nein, da irrst du dich, mein Lieber. Aber es ist auch abscheulich. -Jenny und ich stürzten nur der Korallen wegen dort hinüber.“</p> - -<p>„Auf diese Weise trafst du uns aber. Sonst hättet ihr zu Frascati gehen -müssen, worauf du plötzlich auch ärgerlich geworden bist.“</p> - -<p>„Ich wäre sicher nicht zu Frascati gegangen — das schwör’ ich dir, -Gunnar. Und das wäre mir viel besser gewesen. Denn nun will ich rauchen -und trinken und die ganze Nacht durchbummeln, da ihr mich nun einmal -mitgelockt habt.“</p> - -<p>„Ich glaubte, du hättest es vorgeschlagen.“</p> - -<p>„Die Malachitkette war außerordentlich schön, finde ich,“ lenkte Ahlin -ab, „und sehr billig.“</p> - -<p>„Ja, aber Malachit ist in Florenz viel billiger. Diese kostet -siebenundvierzig. Und in Florenz, dort wo Jenny ihre <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">cristallo -rosso</span> kauft, hätte ich sie für fünfunddreißig Lire haben können. -Jenny hat für ihre Kette nur achtzehn gegeben. Er muß mir die Korallen -aber für neunzig Lire lassen.“</p> - -<p>„Ich begreife nicht recht, wie du mit deinem Gelde auskommst“, sagte -Heggen und lachte.</p> - -<p>„Ich mag nicht noch länger darüber sprechen,“ sagte Cesca. „Ich habe -dieses Hin- und Hergerede satt — morgen gehe ich und kaufe die -Korallen.“</p> - -<p>„Sind aber neunzig Lire nicht furchtbar teuer für Korallen?“ wagte -Helge zu fragen.</p> - -<p>„Sie können sich denken, daß es nicht so ganz gewöhnliche sind“, -antwortete Cesca herablassend. „Es sind diese Contadinakorallen — eine -dicke Kette mit Goldverschluß und langen schweren Ohrhängern.“</p> - -<p>„Contadina — ist das eine besondere Art Korallen?“</p> - -<p>„Nein, das sind die, mit denen die Contadine gehen.“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, was eine Contadine ist.“ Helge lächelte schüchtern.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> - -<p>„Ein Bauernmädchen. Haben Sie niemals diese Ketten gesehen, die sie -tragen, diese schweren dunkelroten geschliffenen Korallen?“</p> - -<p>„Meine Perlen haben dieselbe Farbe wie Rindfleisch und die mittelste -ist so groß —“ sie bildete mit Daumen und Zeigefinger eine eigroße -Rundung.</p> - -<p>„Das muß wunderhübsch aussehen —“. Helge griff gierig den -Gesprächsfaden auf. „Ich kenne Malachit oder <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">cristalla rossa</span> -nicht — aber meiner Ansicht nach müßten solche Korallen Ihnen am -allerbesten stehen.“</p> - -<p>„Da können Sie hören, Ahlin — Sie wollten mich ja immer dazu -verleiten, die Malachitkette zu kaufen. Heggens Schlipsnadel ist aus -Malachit — bitte gib sie mir einen Augenblick, Gunnar. Und Jennys -Perlenhalsband besteht aus <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">cristallo rosso</span> — nicht <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">rossa</span> -— rotem Bergkristall, wissen Sie?“</p> - -<p>Sie reichte ihm die Nadel und die Halskette. Die Kette war warm von -ihrem Hals. Helge betrachtete sie einen Augenblick. In jeder Perle -waren gleichsam kleine Spalten, die das Licht aufsogen.</p> - -<p>„Sie müßten Korallen tragen, Fräulein Jahrmann. Wissen Sie, ich glaube, -Sie sehen dann selbst aus wie eine römische Contadina.“</p> - -<p>„Da könnt ihr’s hören.“ Sie lächelte leicht zu Helge hinüber und summte -vergnügt vor sich hin. „Da könnt ihr’s selbst hören.“</p> - -<p>„Sie haben ja auch einen italienischen Namen,“ fuhr Helge eifrig fort.</p> - -<p>„Ach, der stammt noch von der italienischen Familie, bei der ich im -vorigen Jahre wohnte, sie veränderten den häßlichen Namen, den ich von -meiner Großmutter geerbt habe, und so behielt ich den italienischen -bei.“</p> - -<p>„Francesca,“ sagte Ahlin leise.</p> - -<p>„Ich kann mir Sie nur als Francesca denken — Signorina Francesca.“</p> - -<p>„Warum denn nicht Fräulein Jahrmann. Wir können leider nicht -italienisch miteinander sprechen. Sie können ja die Sprache nicht.“ Sie -wandte sich an die<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> anderen. „Jenny und Gunnar, morgen kaufe ich also -die Korallen.“</p> - -<p>„Ja, das haben wir schon gehört,“ meinte Heggen.</p> - -<p>„Aber ich will sie für neunzig haben.“</p> - -<p>„Ja, man muß aber handeln,“ sagte Helge erfahren. „Ich war heute -Nachmittag irgendwo in der Nähe der Peterskirche in einem Laden und -erstand dies hier für meine Mutter. Er verlangte sieben Lire, ich -bekam es aber für vier. Finden Sie es nicht billig?“ Er stellte den -Gegenstand auf den Tisch.</p> - -<p>Franziska betrachtete ihn verächtlich.</p> - -<p>„Die kosten anderthalb auf dem Fischmarkt. Ich habe im vorigen -Jahre zwei von der gleichen Art für jedes unserer Mädchen zu Hause -mitgebracht.“</p> - -<p>„Der Mann behauptete, es sei antik,“ wandte Helge unsicher ein.</p> - -<p>„Das sagen sie immer, wenn sie merken, daß die Leute kein Verständnis -dafür haben. Und nicht Italienisch können.“</p> - -<p>„Es gefällt Ihnen also nicht?“ fragte Helge niedergeschlagen und hüllte -es wieder in das rosa Papier. „Finden Sie nicht, daß ich es meiner -Mutter schenken kann?“</p> - -<p>„Ich finde es greulich,“ sagte Franziska. „Aber ich kenne ja den -Geschmack Ihrer Mutter nicht.“</p> - -<p>„Was soll ich denn nun aber mit diesem Ding anfangen?“ seufzte Helge.</p> - -<p>„Schenken Sie es getrost Ihrer Mutter,“ meinte Jenny Winge. „Sie freut -sich gewiß, daß Sie ihrer gedacht haben. Und außerdem — zu Hause haben -die Leute Gefallen an solchen Dingen. Wir hier unten, wir sehen zuviel.“</p> - -<p>Franziska griff nach Ahlins Zigarettendose, aber er weigerte sich, sie -ihr zu geben. Einen Augenblick flüsterten sie heftig miteinander. Dann -schleuderte sie das Etui von sich:</p> - -<p>„Guiseppe.“</p> - -<p>Helge begriff, daß sie beim Wirt Zigaretten bestellen wollte. Ahlin -fuhr auf:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> - -<p>„Liebes Fräulein Jahrmann — ich meinte ja nur — Sie wissen doch, daß -Sie das viele Rauchen nicht vertragen.“</p> - -<p>Franziska erhob sich, Tränen in den Augen.</p> - -<p>„Das ist gleichgültig, ich gehe nach Haus.“</p> - -<p>„Fräulein Jahrmann — Francesca.“ Ahlin hielt ihr den Mantel, während -er leise bettelte. Sie trocknete ihre Augen mit dem Taschentuch.</p> - -<p>„Doch — ich will heim. Kinder — ihr seht doch, daß ich heute Abend -unmöglich bin. Nein, ich will nach Haus — allein — nein Jenny, du -darfst nicht mit mir gehen.“</p> - -<p>Heggen erhob sich ebenfalls. Helge saß verlassen am Tisch.</p> - -<p>„Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß wir dich zu nächtlicher Stunde -allein gehen lassen,“ meinte Heggen.</p> - -<p>„Ahso, du verbietest mir’s vielleicht?“</p> - -<p>„Ja, allerdings.“</p> - -<p>„Still doch, Gunnar,“ sagte Jenny Winge. Sie schob beide Herren zur -Seite — sie setzten sich schweigend nieder — während Jenny, den -Arm um Franziskas Hüfte gelegt, diese mit sich zog und leise mit ihr -sprach. Kurz darauf kamen beide wieder an den Tisch zurück.</p> - -<p>Die Gesellschaft war jedoch verstimmt. Franziska lag halb in Jennys -Arm — sie hatte ihre Zigaretten bekommen, rauchte und schüttelte den -Kopf zu Ahlins Versicherungen, daß die seinen besser wären. Jenny -hatte eine Schale mit Früchten bestellt; sie verzehrte eine Mandarine -und schob hin und wieder eine Scheibe in Franziskas Mund. Oh — wie -hübsch Franziska doch war, wie sie dalag, mit einem kleinen betrübten -Kindergesicht und sich von der Freundin füttern ließ. Ahlin starrte sie -ununterbrochen an, und Heggen zerbrach abgebrannte Zündhölzer in kleine -Stümpfchen und steckte sie in die Mandarinenschalen.</p> - -<p>„Sind Sie schon länger in Rom, Kandidat Gram?“ fragte er.</p> - -<p>Helge versuchte humorvoll zu sein:</p> - -<p>„Ich pflege zu sagen, daß ich heute Vormittag mit dem Zuge aus Florenz -kam.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> - -<p>Jenny lachte höflich — Franziska jedoch lächelte ersterbend.</p> - -<p>Im gleichen Augenblick trat ein barhäuptiges, dunkelhaariges Mädchen -mit einem frechen, fetten bleichen Gesicht zur Türe herein. In der -Hand trug sie eine Mandoline. Hinter ihr her trippelte ein kleiner, -verwitterter Bursche von schäbiger Eleganz mit einer Guitarre.</p> - -<p>Jenny plauderte — wie zu einem Kinde.</p> - -<p>„Sieh nur, Cesca, das ist Emilia — jetzt bekommen wir Musik.“</p> - -<p>„Das bringt Leben herein,“ sagte Helge. „Ziehen diese Volkssänger hier -in Rom wirklich immer noch von Osteria zu Osteria?“</p> - -<p>Die Volkssänger begannen mit einem modernen Gassenhauer. Das Mädchen -hatte eine seltsam hohe, klare, metallische Stimme.</p> - -<p>„O pfui, nicht doch!“ Franziska erwachte: „Das wollen wir doch nicht -hören — wir wollen natürlich etwas Italienisches haben — ‚<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">la luna -con palido canto</span>‘ — nicht wahr?“</p> - -<p>Sie schlüpfte zu den Musikanten hinüber und begrüßte sie wie alte -Freunde — lachte und gestikulierte, ergriff die Guitarre und schlug -ein paar Töne an, während sie die eine oder andere Melodie dazu summte.</p> - -<p>Die Italienerin sang. Süß und schmeichelnd flatterte die Melodie, -begleitet vom Klingen der Metallsaiten, durch den Raum, und Helges -Freunde sangen den Kehrreim mit. Das Lied handelte von <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">amore</span> und -<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">bacciare</span>.</p> - -<p>„Es ist ein Liebeslied, nicht wahr?“</p> - -<p>„Ein feines Liebeslied,“ lachte Franziska. „Uebersetzt darf es nicht -werden, aber auf italienisch klingt es wunderhübsch.“</p> - -<p>„Ach, so häßlich ist es doch nicht,“ sagte Jenny Winge. Sie wandte sich -mit ihrem zuvorkommenden Lächeln an Helge: „Nun, Kandidat Gram, finden -Sie es nicht gemütlich hier? Ist der Wein nicht gut?“</p> - -<p>„Ja, ausgezeichnet. Und das Lokal ist gewiß sehr charakteristisch.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> - -<p>Er hatte jedoch den Mut vollständig verloren. Jenny Winge und Heggen -wandten sich hin und wieder an ihn, er vermochte aber nicht, ein -Gespräch in Fluß zu halten. Schließlich begannen die anderen, sich -miteinander zu unterhalten — über Gemälde. Der schwedische Bildhauer -saß nur da und betrachtete Franziska. Die fremdartigen Melodien -schwirrten von den klingenden Metallsaiten auf — an ihm, Helge, -vorüber — als ein Gruß an die anderen. Der Raum, in dem er sich -befand, war, wie er sein mußte: der Fußboden aus gelbem Backstein, -die Wände und die Deckenwölbung, weißgekalkt, ruhten auf einer dicken -Mittelsäule, die Tische waren vorschriftsmäßig ungestrichen, und -die Stuhlsitze aus grünen Weiden geflochten. Die Luft war säuerlich -durchzogen von gegorenem Brodem, der aus den Weinfässern hinter dem -marmorenen Schenktisch aufstieg.</p> - -<p>Künstlerleben in Rom! Es war ungefähr, als betrachte er ein Bild oder -lese eine Beschreibung darüber in einem Buch. Nur mit dem Unterschied, -daß er sich hier überflüssig fühlte — so hoffnungslos einsam. Solange -man es in den Büchern oder auf den Bildern erlebte, konnte man im -Traume mit dabei sein. Er war jedoch davon überzeugt, daß er sich unter -diesen Leuten nie einleben würde.</p> - -<p>Zum Teufel, das war auch das Beste! Im Grunde taugte er ja gar nicht -dazu, unter Leuten zu sein — erst recht nicht unter Menschen dieser -Art. Wie gedankenlos Jenny Winge nun nach dem dicken, undurchsichtigen -Glas mit dem dunkelroten Weine griff! — Für ihn war es eine -Sehenswürdigkeit — sein Vater hatte davon erzählt — ihn auf das Glas -aufmerksam gemacht, das jenes Mädchen auf Marstrands Römischem Bilde, -im Kopenhagener Museum, in der Hand hielt. Nach Jenny Winges Ansicht -taugte das Bild sicher nichts. — Diese jungen Damen hatten sicher -niemals vom Hofraum des Bramante in der Cancelleria gelesen — „dieser -Perle der Renaissancearchitektur“. Sie hatten ihn vielleicht zufällig -eines Tages entdeckt, als sie auf dem Flohmarkt waren, um sich Perlen<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> -und anderen Staat zu kaufen — hatten wohl begeistert ihre Freunde -herbeigeholt, um ihnen diese neue Herrlichkeit zu zeigen, die sie sich -nicht hätten träumen lassen. — <em class="gesperrt">Die</em> hatten wohl kaum in den -Büchern nachgelesen über jeden Stein und jeden Ort, bis die Augen davon -schmerzten, und all der Schönheit ringsum sich verschlossen, die sie -nicht schon in den Träumen daheim erschaut. Sie konnten sich vielleicht -an irgendeiner weißen Säule erfreuen, die zum blauen Südhimmel -emporragte, ohne pedantische Neugier, welcher Tempel und welchen -vergessenen Gottes Heiligtum einst dort gestanden hatte.</p> - -<p>Geträumt hatte er — und gelesen. Und er machte die Erfahrung — -nichts sah in Wirklichkeit dem gleich, was er erwartet hatte. Alles -wurde so grau und hart in des klaren Tages Licht — der Traum hatte -sein Phantasiegebilde in ein weiches Halbdunkel gehüllt, es harmonisch -abgerundet zu einem Ganzen vereint und über die Ruinen Sommergrün -gebreitet. Er war nun gekommen, um nachzuschauen, ob all das, worüber -er gelesen, auch auf seinem rechten Platze stand. Später könnte er es -auf der Höheren Töchterschule aus den Büchern aufzählen und sagen, -daß er es gesehen — und doch würde er nichts berichten können über -Dinge, die er selbst entdeckt. Nichts würde er kennenlernen außer dem, -wovon er gelesen. Wenn er auf lebendiges Material stieß, versuchte er, -unter ihnen eine der toten, erdichteten Gestalten zu finden, wie er -sie kannte — ob einer wie sie dabei war. Wie sollte er auch etwas von -lebendigen Menschen wissen, er, der niemals gelebt ....</p> - -<p>Heggen dort, mit dem dicken roten Mund, träumte jedenfalls kaum -von romantischen Abenteuern <span class="antiqua">à la</span> Romanbibliothek aus dem -Familienjournal, wenn er Abends auf Roms Straßen mit einem kleinen -Mädchen anbändelte.</p> - -<p>Helge begann zu verspüren, daß er Wein getrunken hatte.</p> - -<p>„Wenn Sie jetzt gehen und sich zu Bett legen, so haben Sie morgen -Kopfweh,“ sagte Jenny Winge zu ihm, als sie wieder draußen auf der -finsteren Gasse standen. Die<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> drei anderen gingen voraus; Helge folgte -mit ihr in geringem Abstand.</p> - -<p>„Ehrlich gesagt, Fräulein Winge, finden Sie nicht, daß Sie da einen -schrecklich langweiligen Burschen mitbekommen haben?“</p> - -<p>„Nein, mein Lieber. Es liegt ja nur daran, daß Sie uns nicht kennen und -wir Sie nicht — noch nicht jedenfalls.“</p> - -<p>„Mir wird es so schwer, mich anzuschließen — es gelingt mir eigentlich -niemals. Ich hätte nicht mitgehen sollen, als Sie so liebenswürdig -waren, mich heute Abend einzuladen. Zum Amüsieren scheint man auch -Uebung haben zu müssen.“ Er versuchte zu lachen.</p> - -<p>„Ja gewiß.“ Helge konnte an ihrer Stimme hören, daß Jenny lächelte. -„Ich war fünfundzwanzig, ehe ich begann, mich zu üben, und weiß Gott, -der Anfang war auch für mich nicht leicht.“</p> - -<p>„Sie? Ich glaubte, daß Sie Künstlerleute immer ... Uebrigens dachte -ich, Sie hätten es noch weit bis fünfundzwanzig.“</p> - -<p>„Oh, Gott sei Dank, ich bin schon weit darüber.“</p> - -<p>„Und da sagen Sie Gott sei Dank? — Und ich dagegen als Mann. — Ich -weiß nicht — jedes Jahr, das gleichsam von mir abbröckelt, hinabsinkt -in die Ewigkeit, ohne etwas gebracht zu haben — außer der demütigen -Erkenntnis, daß die Mitmenschen mich nicht brauchen, mich nicht zu den -ihren rechnen —“ Helge hielt plötzlich erschrocken inne. Er fühlte wie -seine Stimme zitterte, hatte auch die Empfindung, als sei er ein wenig -angetrunken, da er so zu einer Dame sprach, die er nicht einmal kannte. -Er fuhr jedoch, gegen seine eigene Scheu ankämpfend, fort: „Ich finde, -es ist völlig hoffnungslos. Wenn mein Vater von der Jugend seiner Zeit -erzählte — sie führten große Worte im Munde von goldenen Illusionen -und dergleichen. Zum Teufel, ich habe in all den Jahren nicht eine -einzige Illusion gehabt, von der ich hätte Wesens machen können. Und -die Jahre sind verflossen — verloren — nicht wiederzuerlangen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> - -<p>„Das dürfen Sie nicht sagen, Kandidat Gram. Nicht ein Jahr unseres -Lebens ist verloren, solange man es nicht so weit getrieben hat, -daß Selbstmord der einzige ist. Ich glaube nicht, daß die Alten -aus der Zeit der goldenen Illusionen besser daran waren — ihre -Jugendillusionen verschlossen ihnen das Leben. Wir — die meisten -jungen, die ich kenne, begannen ohne Illusionen — wir wurden -hinausgeschleudert in den Kampf um die Existenz, fast alle, ehe wir -recht erwachsen waren. Wir waren von Anfang an auf das Schlimmste -gefaßt. Doch eines Tages lernten wir erkennen, daß wir uns dennoch -mancherlei Gutes herausholen könnten. Dies und jenes geschah, wobei wir -dachten, erträgst du das, so hältst du auch das Messer aus. Bekommt -man auf die Weise erst ein wenig Selbstvertrauen, dann gibt es keine -Illusionen, deren uns zufällige Verhältnisse und Mitmenschen berauben -können.“</p> - -<p>„Ach — Verhältnisse — oder Zufall! Wenn sie stärker sind als wir -selbst, so hilft uns auch das Selbstvertrauen nicht!“</p> - -<p>„Ja,“ sie lachte. „Natürlich — wenn ein Schiff in See geht — so kann -der Zufall wollen, daß es havariert. Ein Gußfehler im Rade und alles -zerspringt. Ein Zusammenstoß ... Aber die ziehen wir nicht in Betracht. -Und was die Verhältnisse betrifft, so müssen wir sie zu bekämpfen -suchen. Meist findet man am Schluß doch einen Ausweg.“</p> - -<p>„Sie sind also durchaus optimistisch, Fräulein Winge?“</p> - -<p>„Ja.“ Sie schwieg. „Ich bin es geworden, als ich so nach und nach die -Erfahrung machte, wieviel die Menschen wirklich ertragen können, ohne -den Mut zum Weiterkämpfen zu verlieren — und ohne schlecht zu werden.“</p> - -<p>„Das ist es ja eben — ich finde, sie werden schlecht. Verdorben — -oder jedenfalls verkleinert.“</p> - -<p>„Nicht alle. Und der Umstand, daß <em class="gesperrt">einige</em> sich vom Leben nicht -verderben oder — verkleinern lassen, finde ich, genügt, um uns -optimistisch zu machen. — Wir wollen hier einkehren,“ sagte sie.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> - -<p>„Dies gleicht eher einer Montmartrekneipe oder ähnlichem, finde ich — -nicht wahr?“ Helge sah sich um.</p> - -<p>An den Wänden des winzigkleinen Lokales entlang liefen schmale -plüschüberzogene Bänke. Kleine Marmortische standen umher, und auf dem -Schenktisch brannte eine Flamme unter zwei großen Nickelkochern.</p> - -<p>„Oh. Derartige Lokale sind wohl überall gleich,“ sagte Jenny. „Kennen -Sie Paris?“</p> - -<p>„Nein — ich dachte nur —“</p> - -<p>Er wurde plötzlich ohne jeden Anlaß verwirrt. So ein kleines -Kunstmädel, das sich natürlich nach eigenem Gutdünken in der Welt -umhertummelt — Gott übrigens mochte wissen, woher ihresgleichen das -Geld nahm. Es schien ebenso natürlich, daß man in Paris gewesen war -wie eines Abends im Café Dronningen in Kristiania. — Für diese Art -von Menschen war es weiß Gott ein Leichtes, von Selbstvertrauen zu -sprechen. Ein kleiner Liebeskummer in Paris, den sie in Rom vergaß, das -war vielleicht das Schwerste, das sie durchgemacht. Und nun fühlte sie -sich so verteufelt keck und übermütig und erfahren, daß sie meinte, das -ganze Leben ertragen zu können.</p> - -<p>Ihre Figur war eigentlich unschön, obgleich sie ein frisches Antlitz -hatte mit wunderbaren Farben.</p> - -<p>Am meisten reizte es ihn aber, mit Franziska Jahrmann zu plaudern. Sie -sprühte jetzt vor Lebendigkeit, war jedoch von Ahlin und Heggen völlig -in Anspruch genommen. Unterdes verzehrte Jenny Winge Spiegeleier mit -trockenem Brot und trank kochend heiße Milch dazu.</p> - -<p>„Hier scheint mir verdächtiges Publikum zu verkehren,“ wandte Helge -sich an sie. „Die reinen Verbrechertypen alle miteinander, finde ich.“</p> - -<p>„O ja, hier findet man Menschen von jeder Sorte. Sie dürfen nicht -vergessen, Rom ist eine moderne Großstadt. Es gibt viele Leute, die in -Nachtschicht arbeiten. Und dieses Lokal ist eines der wenigen, die um -diese Stunde noch geöffnet sind. Sind Sie nicht hungrig? Ich werde mir -jetzt schwarzen Kaffee kommen lassen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p> - -<p>„Halten Sie immer solange aus?“ Helge sah nach der Uhr. Es war um die -vierte Stunde.</p> - -<p>„Aber nein“, sie lachte. „Nur hin und wieder. Wir sehen uns den -Sonnenaufgang an und essen dann zusammen unser Frühstück. Heute Abend -ist es nun Fräulein Jahrmann, die nicht nach Hause will.“</p> - -<p>Helge wußte selber kaum, weshalb er sitzen blieb. Man trank irgendeinen -blaugrünen Likör, der ihn ganz taumelig machte, indes die anderen -lachten und plauderten. Um ihn her schwirrten Namen von Menschen und -Orten, die er nicht kannte.</p> - -<p>„Nein, hört mal, Douglas mit seinen Moralpredigten, kommt mir nicht -damit! Ihr müßt nämlich wissen — eines Morgens waren wir allein oben -im Aktsaal, er und der Finne. Ihr entsinnt euch doch, Lindberg und ich, -und wir beide gingen hinunter, um etwas Kaffee zu trinken — es war im -Juni vergangenen Jahres. Als wir zurückkamen, saß Douglas da, das Mädel -im Arm. Nun, wir taten, als sei nichts vorgefallen. Er lud mich aber -seitdem nie mehr zum Tee ein.“</p> - -<p>„Herrgott,“ meinte Jenny, „war es denn so gefährlich?“</p> - -<p>„Mitten im Frühling — in Paris,“ lachte Heggen. „Laß dir’s gesagt -sein, Cesca: Norman Douglas <em class="gesperrt">war</em> ein feiner Kerl — du darfst -nicht das Gegenteil behaupten, und geschickt; er zeigte mir einige -wunderhübsche Sachen von den Befestigungswerken draußen.“</p> - -<p>„Ja — und besinnst du dich auf das Bild vom Père Lachaise — mit den -violetten Perlenkränzen links unten?“ sagte Jenny.</p> - -<p>„Ja gewiß, das war verflucht hübsch — und das kleine Mädchen am -Klavier.“</p> - -<p>„Ach, aber stellt euch doch vor, das häßliche Modell,“ sagte Franziska -wieder. „Es war obendrein die fette, ältliche, mit dem hellen Haar. Und -dabei hat er sich doch so tugendhaft angestellt.“</p> - -<p>„Er war es auch,“ sagte Heggen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> - -<p>„Pah. Und ich war eben im Begriff, mich aus diesem Grunde in ihn zu -verlieben.“</p> - -<p>„Ah so, das ändert die Sache allerdings erheblich.“</p> - -<p>„Ja, er hatte oftmals um mich angehalten,“ sagte Franziska -gedankenvoll. „Und ich hatte mich eigentlich entschlossen, Ja zu sagen. -Nun war es freilich ein Glück, daß ich es nicht tat.“</p> - -<p>„Hättest du ihm dein Jawort gegeben,“ meinte Heggen, „so hättest du ihn -niemals mit dem Modell im Arm zu sehen bekommen.“</p> - -<p>Franziskas Antlitz veränderte sich mit einem Male vollständig. Ein -blitzartiges Zucken lief über die weichen Züge. Dann lachte sie:</p> - -<p>„Ach — ihr seid alle miteinander gleich — ich traue nicht einem von -euch, basta. <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Per bacco.</span>“</p> - -<p>„So dürfen Sie nicht denken, Francesca.“ Ahlin hob einen Augenblick den -Kopf.</p> - -<p>Sie lachte wieder.</p> - -<p>„Ach, ich will mehr Likör haben, Herrschaften.“</p> - -<p class="mtop2">Gegen Morgen ging Helge an Jennys Seite durch dunkle, ausgestorbene -Straßen. Einmal machte die Gesellschaft vorn Halt. Auf einer -Steintreppe hockten zwei halbwüchsige Burschen. Franziska und Jenny -sprachen mit den Jungen und gaben ihnen Geld.</p> - -<p>„Bettler?“ fragte Helge.</p> - -<p>„Ich weiß es nicht — der große sagte, er trüge Zeitungen aus.“</p> - -<p>„Die Bettler hierunten sind wohl im Grunde nur Simulanten?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht — einige vielleicht — oder die meisten. Viele -schlafen jedoch auf der Straße, sogar mitten im Winter. Mancher ist -verkrüppelt.“</p> - -<p>„Ich sah es in Florenz. Es ist ein Skandal, daß Leute mit so -scheußlichen Wunden oder furchtbar verunstaltet umhergehen und betteln -dürfen! Das Armenwesen müßte sich dieser Jammergestalten annehmen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> - -<p>„Ich weiß nicht recht. Es ist nun einmal so hier unten. Wir Fremden -können ja nicht darüber urteilen. Es geht ihnen vielleicht besser so — -sie verdienen mehr auf diese Art.“</p> - -<p>„Auf dem Piazzale Michelangelo beobachtete ich einen Bettler ohne Arme -— die Hände saßen ihm oben auf den Schultern. Ein deutscher Doktor, -mit dem ich zusammen wohnte, sagte, er besäße eine Villa bei Fiesole.“</p> - -<p>„Na also, ist das nicht sehr gut?“</p> - -<p>„Daheim bei uns lernen die Krüppel arbeiten,“ wandte Helge ein, „so daß -sie sich auf ehrliche Weise durchschlagen können.“</p> - -<p>„Zu einer Villa reicht es aber kaum,“ sagte sie und lachte.</p> - -<p>„Dennoch — ist etwas Demoralisierenderes denkbar, als davon zu leben, -daß man seine Verkrüppelungen zur Schau stellt?“</p> - -<p>„So oder so, das Bewußtsein, daß man ein Krüppel ist, wirkt sicher -immer demoralisierend.“</p> - -<p>„Trotzdem, — davon zu leben, daß man das Mitleid der Leute anruft —.“</p> - -<p>„Wer ein Krüppel ist, weiß ja doch, daß er bemitleidet wird und Hilfe -annehmen <em class="gesperrt">muß</em> — von Menschen oder Gott.“</p> - -<p>Jenny stieg ein paar Treppenstufen hinan und hob den Zipfel eines -Türvorhanges in die Höhe, der einer schlottrigen Matratze ähnlich sah. -Sie standen in einer winzig kleinen Kirche.</p> - -<p>Auf dem Altar brannte Licht. Der Schein brach sich mannigfaltig in -den Messingstrahlen des Glorienkranzes über dem Monstranzschrank, -flimmerte unruhig auf Leuchtern und Metallgegenständen und ließ die -Papierrosen in den Vasen auf dem Altar blutigrot und goldgelb erglühen. -Ein Priester las, mit dem Rücken gegen das Publikum, lautlos in einem -Buche; ein paar Chorknaben huschten hin und her, neigten und bekreuzten -sich und machten Bewegungen, deren Sinn Helge nicht verstand.</p> - -<p>Sonst war der kleine Kirchenraum dunkel — in zwei Seitenschiffen -flackerten winzige Nachtlämpchen, an dunkelleuchtenden<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Metallketten -vor Bildern schwebend, die noch düsterer erschienen als die Dunkelheit.</p> - -<p>Jenny Winge kniete auf einem Rohrschemel nieder. Sie legte ihre Hände -gefaltet vor sich auf das Pult und beugte den Kopf leicht hintenüber, -so daß ihr Profil sich scharf gegen den weichen Goldglanz der Lichter -abhob, der in dem hochgestrichenen Haarschopf flimmerte und sanft über -die schlanke nackte Wölbung des Halses hinfloß.</p> - -<p>Heggen und Ahlin holten sich lautlos ein paar Rohrstühle herbei, die um -eine der Säulen übereinandergestapelt waren.</p> - -<p>Dieser stille Gottesdienst vor Tagesgrauen war eigentlich seltsam -und stimmungsvoll. Gram folgte gespannt jeder Bewegung des Priesters -am Altar. Einer der Chorknaben hängte ihm ein weißes Tuch mit einem -goldenen Kreuz über die Schultern. Jetzt nahm der Priester die -Monstranz vom Schrank über dem Altar, wandte sich um und hielt sie -hoch ins Licht. Die Knaben schwenkten die Weihrauchkessel; kurz darauf -drang scharfer, süßlicher Rauch zu ihnen hinüber. Helge wartete jedoch -vergebens auf Musik oder Gesang.</p> - -<p>Jenny kokettierte augenscheinlich ein wenig mit dem Katholizismus, -indem sie niederkniete. Heggen starrte geradeaus auf den Altar, -er hatte den einen Arm um Franziskas Schulter gelegt — sie war -eingeschlummert und hatte sich an ihn geschmiegt. Ahlin konnte er nicht -sehen, er saß hinter einer Säule und schlief sicher ebenfalls.</p> - -<p>Seltsam war es, hier mit diesen wildfremden Menschen zu sitzen. Helge -fühlte sich einsam — aber jetzt schmerzte dieser Gedanke nicht. Jene -freie, glückliche Stimmung vom vergangenen Abend kehrte zurück —. Er -betrachtete die anderen, die beiden jungen Mädchen. Jenny und Franziska -— er wußte nun ihre Namen, viel mehr aber auch nicht. Und keine von -ihnen ahnte, was es für ihn bedeutete, hier zu sitzen, was er nun alles -zurückgelassen hatte, all die schmerzlichen Kämpfe daheim, vor denen -er geflohen. Niemand kannte die Hindernisse, an denen er sich müde -gearbeitet, die Fesseln, die ihn eingeschnürt<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> hatten. Eine wundersame, -fast hochmütige Freude erfüllte ihn bei diesem Gedanken, und seine -Augen ruhten mit nachsichtigem Mitleid auf den beiden Frauen. So junge -Dinger wie Cesca und Jenny, unverbraucht und frisch, mit kleinen -unumstößlichen Ansichten hinter den weißen, glatten Jungmädchenstirnen. -Zwei frische hübsche Mädels, die ihren geraden Weg durchs Leben -schritten, hier und da, wie zum Zeitvertreib, wohl ein kleines -Steinchen beiseite räumen mußten, von Schicksalen wie dem seinen aber -nichts wußten.</p> - -<p>Er fuhr auf, als Heggen seine Schultern berührte, und errötete; er war -eingenickt.</p> - -<p>„Nun, Sie haben auch einen kleinen Schlummer getan, wie ich sehe“, -sagte Heggen.</p> - -<p>Draußen standen die hohen stillen Häuser in der grauen Dämmerung — -schliefen mit geschlossenen Läden in allen Stockwerken. In einer -Seitenstraße ratterte eine klappernde Straßenbahn vorüber, eine -Droschke holperte über das Steinpflaster, und hier und da schlich eine -verfrorene, schläfrige Gestalt den Bürgersteig entlang.</p> - -<p>Sie bogen in eine Straße ein, an deren Ausgang man den Obelisk vor der -Trinitat dei-Monti-Kirche erblicken konnte — er hob sich weiß gegen -des Pincio schwarze Steineichen ab. Nicht eine Menschenseele war zu -sehen und nicht ein Laut zu hören außer ihren eigenen Schritten auf den -Steinen und dem Rieseln einer kleinen Fontäne in irgend einem Hofe. Und -weit entfernt durch die Stille plätscherte der Springbrunnen auf dem -Monte Pincio gegen das steinerne Becken. Helge erkannte den Ton wieder, -und als sie dem Laut nachgingen, schoß in ihm ein feiner zarter Strahl -von Glückseligkeit auf — es war, als erwarte ihn seine eigene Freude -vom verflossenen Abend da droben an dem springendem Quell unter den -Steineichen.</p> - -<p>Er wandte sich an Jenny, ohne zu ahnen, daß seine Augen und seine -Stimme für seine kleine Freude baten:</p> - -<p>„Hier oben stand ich gestern abend und sah die Sonne untergehen. Es -war so wunderlich. Jahrelang habe ich dafür gearbeitet — mein Wunsch -war es, Archäologe zu<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> werden. Aber nach meinem zweiten Examen mußte -ich die Lehrtätigkeit ergreifen. Immer habe ich auf den Tag gewartet, -an dem ich hierher kommen würde — mich gleichsam darauf vorbereitet. -Und doch — als ich dann hier stand, so plötzlich — war ich gänzlich -unvorbereitet.“</p> - -<p>„Ja,“ meinte Jenny, „ich verstehe das sehr gut.“</p> - -<p>„Uebrigens, als ich gestern aus dem Zug gestiegen war, da sah ich es -gleich alles vor mir liegen: die Ruinen der Termen, die schweren, -gelben, von der Sonne überfluteten Mauerreste, und mitten unter -ihnen die großartigen Neubauten mit Kaffees und Kinematographen, -die Straßenbahnen auf dem Platz, die Anlagen und die herrlichen -Springbrunnen mit ihren übervollen Wasserbecken ... Die alten Mauern -inmitten der modernen Häuserblocks und das Getriebe der Stadt -ringsumher — gerade das fand ich so schön.“</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie mit fröhlicher Stimme und nickte. „Ich liebe es auch -sehr.“</p> - -<p>„Und dann ging ich hinab. Altertum und Neuzeit vereint! Ueberall -Springbrunnen, rieselnd und rauschend und plätschernd. Ich ging -geradenwegs zum St. Peter; es dunkelte, als ich dort ankam, und ich -stand und betrachtete die beiden Fontänen auf dem Platz. Hier in der -Stadt springen sie wohl die ganze Nacht hindurch.“</p> - -<p>„Die ganze Nacht — fast überall hört man Springbrunnen. Die Straßen -hier sind ja so still des Nachts. Dort, wo wir wohnen, Franziska und -ich, ist eine kleine Fontäne unten im Hof. Wir haben einen Balkon vor -unseren Zimmern, und wenn es abends milde ist, sitzen wir draußen und -lauschen dem Rinnen bis in die tiefe Nacht hinein.“</p> - -<p>Sie hatte sich auf das Steingeländer gesetzt. Helge Gram stand am -gleichen Ort wie am Abend vorher und sah wieder über die Stadt mit -ihren Höhenzügen im Hintergrund, den grauweißen und verwitterten. -Und der Himmel spannte sich darüber so hell und klar wie über<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> dem -Hochgebirge. Er sog die reine, eiskalte Luft in vollen Zügen ein.</p> - -<p>„Nirgends auf der Welt,“ sagte Jenny, „ist der Morgen so wie hier in -Rom. Ich habe das Gefühl, als schlafe die ganze Stadt — einen Schlaf, -der leichter und leichter wird — und plötzlich ist sie erwacht, -ausgeruht und frisch. Heggen meint, es käme von den Fensterläden; da -sind keine Scheiben, die das Morgenlicht einfangen.“</p> - -<p>Sie hatten den Rücken dem Morgengrauen und dem goldenen Himmel -zugewandt, gegen den sich die Pinienkronen des Medicigartens und die -beiden kleinen Türme der Kirche mit den Wimpeln auf der Spitze hart -und scharf abzeichneten. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Die -graue Häusermasse dort unten aber begann langsam Farben auszustrahlen -— es schien, als würde das Mauerwerk auf zauberhafte Weise von innen -her mit Farben durchleuchtet; einige Häuser glühten in tiefem Rot auf, -bis dies ganz langsam in einen rosenfarbenen Schein überging, andere -schimmerten gelblich, andere wieder weiß. Die Villen draußen auf dem -dunklen Höhenzug des Monte Mario erhoben sich leuchtend aus den braunen -Grashängen und schwarzen Zypressen.</p> - -<p>Bis plötzlich draußen von den Höhen hinter der Stadt ein Blinken kam -wie von einem Stern; da war doch eine Fensterscheibe, die den ersten -Sonnenstrahl eingefangen hatte. Das dunkle Laub dort drüben flammte auf -wie das Gold von Oliven.</p> - -<p>Eine kleine Glocke drunten in der Stadt begann zu läuten.</p> - -<p>Cesca lehnte sich müde an ihre Freundin:</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Il levar del sole.</span>“</p> - -<p>Helge bog den Kopf weit zurück und starrte in das kühle Blau der -Himmelskuppel. Jetzt schoß ein Sonnenstrahl hervor, die höchste Spitze -der Wassersäule des Brunnens streifend. Die Tropfen da droben funkelten -azurblau und golden.</p> - -<p>„Ah — Gott segne Euch alle miteinander, ich bin so schauderhaft müde,“ -sagte Franziska und gähnte so<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> laut sie konnte. „Uuh, so kalt. Jenny, -erfrier dir deinen zarten Körperteil nicht auf den kalten Steinen — -nun will ich zu Bett — <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">subito</span>.“</p> - -<p>„Ja, müde.“ Heggen gähnte. „Wir wollen heim, Herrschaften. Das heißt, -ich trinke erst eine Tasse kochende Milch auf meiner Latteria. Gehen -wir also?“</p> - -<p>Sie schlenderten die Spanische Treppe hinab. Helge betrachtete all -die kleinen grünen Blättchen, die zwischen den weißen Steinstufen -hervorlugten.</p> - -<p>„Seltsam, daß sie hier gedeihen, wo so viele Menschen gehen und alles -niedertreten.“</p> - -<p>„Oh ja, es sprießt hier überall, wo sich nur ein wenig Erde zwischen -zwei Steinen findet. Sie hätten im letzten Frühjahr das Dach sehen -sollen, unter dem wir wohnen. Dort wächst ein kleines Feigenbäumchen -zwischen den Dachziegeln. Cesca macht sich solche Sorge, daß es den -Winter nicht überdauert — und wovon soll es leben, wenn es größer -wird? Sie hat es gezeichnet.“</p> - -<p>„Ihre Freundin malt auch, wie ich hörte?“</p> - -<p>„Ja, Cesca ist sehr talentvoll.“</p> - -<p>„Ich besinne mich jetzt, ich sah im vergangenen Herbst auf der -staatlichen Kunstausstellung ein Bild von Ihnen,“ sagte Helge ein wenig -zaghaft. „Rosen in einer Kupferschale.“</p> - -<p>„Ja, das hab’ ich im Frühling hier unten gemalt. Jetzt bin ich nicht -mehr damit zufrieden —. Ich war im Sommer zwei Monate in Paris und -finde, daß ich in der Zeit sehr viel gelernt habe. Ich habe es aber -verkaufen können, für dreihundert Kronen; das war der Preis, für den -ich es ausgeschrieben hatte. Ja, einiges ist übrigens ganz gut daran.“</p> - -<p>„Sie malen etwas modern — aber das tun Sie gewiß alle?“</p> - -<p>Jenny lächelte leise, antwortete aber nicht.</p> - -<p>Die anderen standen am Fuß der Treppe und warteten. Jenny reichte allen -die Hand und sagte Guten Morgen.</p> - -<p>„Das sieht dir doch wieder ähnlich,“ sagte Heggen. „Ist es dein Ernst, -jetzt hinaufzugehen und zu arbeiten?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> - -<p>„Gewiß.“</p> - -<p>„Du bist völlig irrsinnig.“</p> - -<p>„Jenny, komm’ mit nach Haus,“ jammerte Franziska.</p> - -<p>„Warum soll ich nicht arbeiten, wenn ich nicht müde bin? Ja, Kandidat -Gram, jetzt sollten Sie wohl eine Droschke haben und heimfahren.“</p> - -<p>„Ja. Uebrigens: ist das Postamt nicht um diese Zeit geöffnet? Ich weiß, -es soll nicht so weit von der Piazza di Spagna entfernt sein.“</p> - -<p>„Dort muß ich vorüber — dann können Sie ja mit mir gehen.“</p> - -<p>Sie nickte ein letztes Mal den anderen zu, die sich anschickten, -heimzuziehen. Franziska hing an Ahlins Arm, taumelnd vor Müdigkeit.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_III">III.</h3> - -</div> - -<p>„Nun, Sie haben also Post bekommen,“ sagte Jenny. Sie hatte in der -Vorhalle des Postamtes gewartet. „Jetzt werde ich Ihnen zeigen, mit -welcher Straßenbahn Sie fahren müssen.“</p> - -<p>Der Platz war vom Sonnenschein weiß überflutet, die Luft noch -morgenfrisch und rein. Doch schon wimmelten Wagen und Menschen in -geschäftiger Eile in den engen Straßen.</p> - -<p>„Wissen Sie, Fräulein Winge — ich fahre nicht nach Haus; ich bin -jetzt so wach wie nur irgend möglich. Ich hätte die größte Lust, einen -Spaziergang zu machen. Ist es aufdringlich, wenn ich frage, ob ich Sie -ein kleines Stückchen Wegs begleiten darf —?“</p> - -<p>„Aber gar nicht —. Doch wie werden Sie nachher zu Ihrem Hotel -zurückfinden?“</p> - -<p>„Pah, am hellichten Tage.“</p> - -<p>„Freilich, eine Droschke treffen Sie überall an.“</p> - -<p>Sie kamen auf den Corso hinaus. Sie nannte die Namen der Paläste, war -ihm aber jeden Augenblick ein Stück voraus, da sie schnell ausschritt -und sich geschmeidig<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> durch die vielen Menschen wandte, die sich schon -auf dem schmalen Bürgersteig drängten.</p> - -<p>„Mögen Sie Wermut?“ fragte sie; „ich will eben hier hinein und einen zu -mir nehmen.“</p> - -<p>Sie leerte das Glas in einem Zuge, während sie am marmornen Schenktisch -der Bar stand. Helge fand keinen Geschmack an dem bittersüßen Getränk, -das zur Hälfte mit Chinin gemischt war. Es war aber etwas Neues für ihn -und es gefiel ihm, so unvermittelt in eine Bar zu laufen.</p> - -<p>Jenny bog in schmale Gassen ein, wo die Luft noch nächtlich kühl und -dumpf war. Nur hoch oben streifte der Sonnenschein die Mauern der -Häuser. Helge schaute mit überwachen Sinnen um sich, betrachtete die -blaugestrichenen Karren mit Maultiergespannen, deren Sattelzeug mit -Messingbeschlägen und roten Troddeln geschmückt war, sah barhäuptige -Frauen und schwarze Kinder, kleine billige Läden und die Verkaufsstände -für Obst und Gemüse in den Torwegen. In einer Häusernische stand ein -alter Mann und briet Schmalzgebäck auf einem kleinen Herd. Jenny kaufte -einige Kuchen und bot sie Helge. Er lehnte jedoch dankend ab. Ein -Teufelsmädchen! Sie aß die Kuchen mit gesundem Appetit, ihm aber wurde -übel bei der bloßen Vorstellung, eines dieser fettriefenden Stücke -zwischen die Zähne zu bekommen, noch dazu mit dem Wermutgeschmack -im Mund und nach dem Genuß der vielen Getränke in dieser Nacht. Und -außerdem — so schmierig wie der Alte war.</p> - -<p>Seite an Seite mit verfallenen, armseligen Häusern, wo graufarbenes -Leinenzeug zum Trocknen zwischen den brüchigen Fensterläden hing, lagen -große, wuchtige Paläste mit vergitterten Fenstern und ausladenden -Gesimsen. Einmal ergriff Jenny ihn am Arm — ein brandrotes Automobil -kam tutend aus einem Barockportal, wendete schwerfällig und sauste -die schmale Straße hinauf, deren Rinnstein mit Müll und Kohlblättern -angefüllt war.</p> - -<p>Helge ging und genoß. Wie südlich fremd war hier alles .. Sein einziges -inneres Erlebnis seit vielen Jahren<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> war immer nur der Zusammenstoß -seiner phantastischen Traumwelt mit der kleinlichen Wirklichkeit -des Alltags gewesen, bis er schließlich gleichsam aus Notwehr -gelernt hatte, seine Träumereien zu belächeln und seiner Phantasie -eine Richtung ins Reale zu geben. So versuchte er auch jetzt, sich -unwillkürlich klar zu machen, daß in diesem romantischen Quartier -die gleiche Art von Menschen lebte wie in anderen großen Städten. -Ladenmädchen und Fabrikarbeiter, Typographen und Telegraphisten — -Menschen, die tagtäglich in Geschäften, auf Kontoren und an Maschinen -ihre Arbeit verrichteten und nicht anders waren wie überall auf der -Welt. — Er spann den Gedanken jedoch mit einer seltsamen Freude weiter -aus, weil diese Straßen und Häuser, die seinen Traumgebilden glichen, -doch helle Wirklichkeit waren.</p> - -<p>Sie traten auf einen offenen Platz hinaus. Hier umfing sie die Sonne -mit ihren weißen weichen Strahlen und befreite sie vom letzten Hauche -klammer, dumpfer Luft aus den kleinen Gassen, die sie durchwandert -hatten. Jenseits des Platzes war der Erdboden kreuz und quer zerwühlt, -Berge von Schutt und Müll und Stapel alten Gerölls lagen einträchtig -beieinander. Alte, verfallene Häuser, zum Teil halb niedergerissen mit -gähnenden Höhlen, vervollständigten in Gemeinschaft mit antiken Ruinen -das Bild der Verwüstung.</p> - -<p>An einigen zerstreut liegenden Gebäuden vorbei, die verlassen standen, -als habe man nur vergessen, sie niederzureißen, gelangten Jenny und -Helge auf den Platz am Vestatempel. Hier lag die große neue Dampfmühle -und dort das schöne alte Kirchlein mit seiner Säulenhalle und dem -schlanken Glockenturm. Und im Hintergrunde stieg der Aventinerhügel -klar zum sonnigen Himmel empor, mit den Klöstern auf dem Gipfel, -staubiggrauen Bogen namenloser Ruinen in den Gärten auf den Hängen, -überwuchert von schwarzem Efeu, grauem kahlen Dorngebüsch und gelbem, -winterwelken Gras.</p> - -<p>Immer wieder hatten diese Ruinen ihn enttäuscht, in Deutschland wie -in Florenz. Er hatte von ihnen gelesen<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> und sie im Geiste mit einem -romantischen Rahmen aus grünem Laub umgeben. Blumen sah er in den -Mauerspalten blühen, wie auf alten Kupferstichen oder Theaterkulissen. -In Wirklichkeit waren sie schmutzig und verstaubt; vergilbtes Papier, -zerbeulte Blechbüchsen, schmutziger Abfall hatte sich ringsum -angesammelt, rauhe, winterliche Luft entströmte dem Gemäuer. Die -einzige Vegetation des Südens bildeten grauschwarzes Immergrün, nacktes -dorniges Gebüsch und das welke, farblose Gras.</p> - -<p>An diesem sonnigen, durchsichtigen Morgen aber wurde es ihm plötzlich -klar, daß sie, betrachtete man sie mit den rechten Augen, dennoch schön -sein konnten. —</p> - -<p>Hinter der Kirche schlug Jenny einen Weg ein, der zwischen Gärten -hindurch führte. Pinien ragten dahinter auf und der Efeu fiel in losen -Ranken über die Mauern. Sie machte Halt und entzündete eine Zigarette.</p> - -<p>„Ja,“ erklärte sie, „ich bin dem Tabak verfallen, doch Cesca verträgt -das Rauchen nicht, ihres Herzens wegen, darum muß ich mich mäßigen, -wenn sie dabei ist; hier draußen dampfe ich wie eine Lokomotive — da -sind wir.“</p> - -<p>Ein kleines gelbes Haus lag vor ihnen, von einem Reisiggitter -eingezäunt. Im Garten standen ein Tisch und Bänke unter zwei großen, -kahlen Ulmen, und eine Laube, aus Binsen geflochten. Jenny begrüßte -vertraulich ein altes Weib, das in die Tür getreten war.</p> - -<p>„Wie wär’s mit einem Frühstück, Kandidat Gram —?“</p> - -<p>„Kein übler Gedanke. Vielleicht etwas starken Kaffee — und Brot und -Butter —.“</p> - -<p>„Gott segne Sie — Kaffee! und Butter! Eier und Brot und Wein — Salat -und Käse vielleicht —. Ja, sie hat Käse, sagt sie. Wieviele Eier -möchten Sie haben?“</p> - -<p>Während die Frau den Tisch deckte, brachte Jenny Staffelei und Malgerät -heraus. Ihren langen blauen Abendmantel vertauschte sie gegen eine von -Oelfarbenflecken bedeckte Wetterjacke.</p> - -<p>„Darf ich mir Ihr Bild anschauen?“ fragte Helge.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> - -<p>„Ja, — ich werde wohl das Grün abtönen müssen, es liegt so hart auf. -Bis jetzt ist kein rechtes Licht über dem Ganzen. Der Hintergrund ist, -glaube ich, gut.“</p> - -<p>Helge betrachtete das kleine Bild, auf dem die Bäume wie große grüne -Flecken standen. Er konnte nichts Besonderes daran finden.</p> - -<p>„Ah, das Essen steht bereit! Sie kriegt sie an den Kopf, wenn sie -hartgekocht sind. — Nein, Gottseigelobt!“</p> - -<p>Helge war nicht hungrig. Jedenfalls brannte ihm jetzt der Hals von dem -sauren, weißen Wein, und das ungesalzene trockene Brot konnte er kaum -herunterbringen. Jenny zermalmte große Stücke davon zwischen ihren -weißen Zähnen, stopfte kleine Bissen Parmesankäse dazu in den Mund und -trank Wein, denn drei Eiern hatte sie bereits den Garaus gemacht.</p> - -<p>„Daß Sie das gräßliche Brot so trocken essen können,“ sagte Helge.</p> - -<p>Sie lachte:</p> - -<p>„Ich finde dieses Brot so gut. Butter habe ich kaum zu sehen bekommen, -seit ich von Kristiania fort bin. Die pflegen Cesca und ich nur für -Gesellschaften zu kaufen. Wir müssen nämlich sparen, sehen Sie.“</p> - -<p>Er lachte auch:</p> - -<p>„Was nennen Sie sparen — Perlen und Korallen —.“</p> - -<p>„Ach, — das ist Luxus —. Ich finde beinahe, das ist das Notwendigste -— ein wenig jedenfalls. Nein, wir wohnen billig und essen billig, -kaufen Seidenschärpen und trinken ein paar Wochen lang des Abends Tee -und genießen trockenes Brot und Rettiche dazu.“</p> - -<p>Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und entzündete eine neue Zigarette. Das -Kinn auf die Hand gestützt, saß sie und sah hinaus:</p> - -<p>„Nein, Kandidat Gram. Sehen Sie — hungern — ja, ich habe das niemals -erleben müssen, aber es kann ja noch einmal kommen. — Heggen zum -Beispiel hat es durchgemacht — und doch gibt er mir Recht. Es ist -besser, zu wenig vom Notwendigen zu haben, als niemals etwas von dem, -was eigentlich überflüssig ist. Das<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Ueberflüssige, eben das ist es, -wofür man arbeitet, wonach man sich sehnt —.</p> - -<p>Daheim bei meiner Mutter — da hatten wir das dringend Notwendige ja -immer — freilich. Aber nichts darüber. Das mußte eben so sein — die -Kinder sollten ja Essen haben.“</p> - -<p>Helge lächelte ein wenig unsicher:</p> - -<p>„Ich kann mir Sie gar nicht als einen Menschen denken, der jemals die -Bekanntschaft mit — mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten gemacht hat!“</p> - -<p>„Wieso?“</p> - -<p>„Nein, Sie sind so unverzagt, so frei und sicher. Wenn man in engen -Verhältnissen aufgewachsen ist, wo man nichts anderes hört als Sparen, -da wagt man es bald nicht mehr, sich Anschauungen zuzulegen — in -weiterem Sinne. Es ist peinlich, zu wissen, daß der Mammon alles -regiert und daß man Mittel besitzen muß, will man sich Pläne und eine -eigene Meinung gestatten.“</p> - -<p>Jenny nickte nachdenklich.</p> - -<p>„Das braucht man nicht, wenn man gesund und frisch ist und etwas kann.“</p> - -<p>„Nun zum Beispiel ich. Ich habe immer geglaubt, ich hätte die -Fähigkeiten zu wissenschaftlicher Arbeit. Das ist das einzige Ziel, das -ich mir gesetzt. Ich habe einige kleine Bücher geschrieben — etwas -ganz Populäres natürlich; jetzt arbeite ich jedoch an einer Abhandlung: -das Bronzezeitalter in Südeuropa. Ich bin aber Lehrer und habe eine -sehr gute Stellung. Bin Leiter einer Privatschule.“</p> - -<p>„Jetzt sind Sie aber doch hierher gekommen, um zu arbeiten, wenn ich -Sie heute Morgen recht verstand,“ sagte sie lächelnd.</p> - -<p>Helge antwortete nicht darauf:</p> - -<p>„So erging es meinem Vater auch. Er wollte Maler werden — das Einzige, -wozu er Lust hatte. Er hielt sich auch ein Jahr lang hier auf. Dann -verheiratete er sich. Jetzt hat er nun eine lithographische Werkstätte -— hat sie sechsundzwanzig Jahre hindurch in Gang gehalten,<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> zum Teil -unter großen Schwierigkeiten — Ich glaube nicht, daß er der Meinung -ist, er habe viel vom Leben gehabt.“</p> - -<p>Jenny sah gedankenvoll in den Sonnenschein hinaus. In der Senkung -ihnen zu Füßen wuchsen Küchengemüse in Reihen mit kleinen bescheidenen -Blätterbüscheln über der grauen Erde. Draußen über den grünen Wiesen -leuchteten die Ruinen auf dem Palatin, gelbschimmernd in dem dunklen -Laub. Der Tag versprach warm zu werden. Die Albanerberge drüben hinter -den Pinien der fernen Villengärten lagen in dämmrigem Dunst unter dem -tauigen Blau des Himmels.</p> - -<p>„Aber — Kandidat Gram.“ Sie nippte an ihrem Glase, den Blick -noch immer in die Ferne gerichtet. Helge folgte mit den Augen dem -lichtblauen Rauch ihrer Zigarette — ein kleiner Lufthauch erfaßte -diesen und wirbelte ihn hinaus in die Sonne. Jenny hatte das eine -Bein über das andere geschlagen — über den ausgeschnittenen -perlenbestickten Schuhen erschienen die schmalen Knöchel in dünnen -violetten Strümpfen. Die Wetterjacke stand offen über dem faltigen, -silbergrauen Kleide mit dem weißen Kragen und über dem Perlenband, -welches rosenrote Lichtflecken auf ihren milchweißen Hals warf. Die -Pelzmütze auf dem blonden, welligen Haar war weit zurückgeglitten.</p> - -<p>„So haben Sie jedenfalls eine Stütze an Ihrem Vater — er versteht Sie -und weiß, daß Sie nicht an die Schule gefesselt sein dürfen, da Ihnen -eine andere Arbeit am Herzen liegt?“</p> - -<p>„Das weiß ich nicht. Er freute sich zwar sehr, daß ich Gelegenheit -hatte, ins Ausland zu kommen. Aber —“ Helge zögerte, „sehr vertraut -miteinander sind mein Vater und ich nie gewesen. Meine Mutter dagegen -quälte mich mit ihrer ständigen Sorge, daß ich mich überanstrengen -könnte, daß meine Zukunft nicht genügend gesichert sei. Und meiner -Mutter widerspricht mein Vater nicht. Sie sind grundverschieden, Vater -und Mutter. Sie hat ihn wohl nie verstanden. So überschüttete sie dann -uns Kinder mit ihrer heißen Liebe — in meiner Kindheit war<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> sie mir -unendlich viel — doch diese Liebe begleitete eine blinde Eifersucht. -Mutter fürchtete sogar, daß Vater mehr Einfluß auf mich gewinnen könne -als sie. Auch auf meine Arbeit war sie eifersüchtig, weil ich mich -abends einschloß, um zu studieren und zu schreiben, wissen Sie. Sie -sorgte sich, wie gesagt, um meine Gesundheit und fürchtete, daß ich den -Einfall bekommen könne, meinen Posten aufzugeben —.“</p> - -<p>Jenny nickte einige Male gedankenvoll.</p> - -<p>„Der Brief, den ich eben holte, war von ihnen.“ Helge zog ihn hervor -und betrachtete ihn, öffnete ihn jedoch nicht. — „Heut ist nämlich -mein Geburtstag,“ sagte er und versuchte ein Lächeln. „Ich werde heute -sechsundzwanzig.“</p> - -<p>„Ich gratuliere.“ Jenny reichte ihm die Hand.</p> - -<p>Der Blick, den sie auf ihn richtete, war so, wie wenn sie Franziska zu -betrachten pflegte, wenn diese sich an sie schmiegte.</p> - -<p>Sie hatte bisher noch nicht auf Grams Aussehen geachtet, hatte nur den -Eindruck, daß er groß und fein gebaut und dunkel war, und daß er einen -kleinen Spitzbart trug. Eigentlich hatte er hübsche regelmäßige Züge -und eine hohe, etwas schmale Stirn. Seine Augen waren hellbraun, mit -einem eigenen durchsichtigen Bernsteinglanz, der kleine Mund unter dem -Schnurrbart war weich und fein, er zeigte eine leise Wehmut.</p> - -<p>„Ich verstehe Sie so gut,“ sagte sie plötzlich „Ich kenne das. Ich -war selbst Lehrerin bis Weihnachten vorigen Jahres. Ich kam fort als -Erzieherin und blieb dabei, bis ich alt genug war, um im Seminar -anzufangen.“ Sie lachte etwas verlegen. „Ich reiste fort — gab meine -Stellung an der Volksschule auf — da ich eine Kleinigkeit von einer -Tante meines Vaters erbte. Ich habe ausgerechnet, es kann etwa drei -Jahre reichen — vielleicht auch länger — und wenn ich etwas verkaufen -kann —. Aber meine Mutter war natürlich nicht damit einverstanden, daß -ich die ganze Summe aufbrauchen wollte. Und daß ich kündigte, nachdem -ich endlich nach all den Jahren,<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> in denen ich mich mit Vertretungen -und Privatschülern abgeplagt hatte, fest angestellt worden war. Ein -festes Einkommen, — das halten die Mütter ja immer für das Wichtigste —.“</p> - -<p>„Ich glaube fast, daß ich es in Ihrer Stelle nicht gewagt hätte, so -alle Brücken hinter mir abzubrechen —. Ich weiß sehr wohl, es ist der -Einfluß meines Vaterhauses. Ich wäre die Angst nicht losgeworden, wovon -ich leben sollte, wenn das Geld verbraucht sein würde.“</p> - -<p>„Kleinigkeit,“ sagte Jenny. „Ich bin ja frisch und stark und kann -sehr viel. Nähen, kochen und plätten und waschen. Auch Sprachen. In -Amerika oder England kann ich immer Arbeit bekommen. Als Malerin, -glaube ich, wird man dort viel zu tun finden. Franziska“ — sie lachte -in die Sonne hinaus — „sie meint, wir sollten nach Südafrika reisen -und Milchmädchen werden. Und dann wollen wir Akte bei den Zulukaffern -zeichnen — es sollen ganz prachtvolle Modelle sein.“</p> - -<p>„Der Gedanke ist durchaus nicht übel. Entfernungen rechnen Sie also -nicht als wesentliches Hindernis —.“</p> - -<p>„Nein, ganz und gar nicht —. Ach ja, ich rede. Natürlich, in all den -Jahren daheim meinte ich, daß es ganz unmöglich sei, hinauszukommen -— allein nach Kopenhagen, dort sich eine kurze Zeit aufzuhalten und -nichts anderes zu tun als zu lernen und zu malen. Ich hatte natürlich -starkes Herzklopfen, als ich mich entschloß, alles aufzugeben und zu -reisen. Alle meine Angehörigen fanden es wahnsinnig. Und das wirkte -wohl auf mich. — Aber dann wollte ich erst recht. Malen ist ja das -Einzige, wozu ich immer Lust hatte, und ich begriff, daß ich zu Haus -niemals so intensiv würde arbeiten können, wie es nötig wäre — da -lenkte mich so vieles ab. Aber Mama konnte es einfach nicht begreifen, -daß ich sofort mit dem Studium beginnen müsse, wollte ich noch etwas -lernen, da ich nicht mehr die Jüngste war. Meine Mutter ist nämlich nur -neunzehn Jahre älter als ich. Als ich elf Jahre alt war, heiratete sie -zum zweiten Male, und das brachte ihre Jugend zurück —.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> - -<p>Das ist ja eben das Wunderbare, wenn man in die Welt geht — -jede Beeinflussung durch Menschen, mit denen man zufällig daheim -zusammenlebt, hört auf. Man muß mit seinen eigenen Augen sehen und -selbständig denken. Wir lernen begreifen, daß es ganz von uns selbst -abhängt, was diese Reise uns gibt — was wir zu sehen und zu erfassen -vermögen, in welche Lage wir uns bringen und unter wessen Einfluß -wir uns freiwillig begeben. Man lernt verstehen, daß es von einem -selbst abhängt, wieviel das Leben uns entgegenbringt. Ja, gewiß, ein -wenig auch von den Umständen, wie Sie vorher einmal sagten. Aber man -entdeckt bald, wie man die Hindernisse nach seiner Veranlagung am -leichtesten überwindet oder sie umgeht — sowohl auf Reisen wie auch -im allgemeinen. Man sieht ja, daß man sich all das Schwere, das einem -begegnet, immer selbst eingebrockt hat.</p> - -<p>In seinem Heim ist man ja niemals allein, nicht wahr, Gram? Das eben -ist das Beste am Reisen, finde ich — allein mit sich sein, nicht immer -jemand um sich haben, der einem helfen oder über einen bestimmen will. -— Das Gute, das man seinem Zuhause verdankt, kann man doch nicht sehen -und schätzen, ehe man nicht fort gewesen ist. Man weiß, daß man nie -wieder davon abhängig wird, wenn man erst einmal selbständig geworden -ist. Man kann nicht eher Freude daran haben — ja man kann überhaupt -keine Freude an etwas haben, von dem man abhängt?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht. Man ist doch immer abhängig von dem, das man lieb hat? -Sie sind doch abhängig von Ihrer Arbeit? — Und wenn man einen anderen -Menschen liebt,“ sagte er leise, „ist man dann nicht völlig abhängig?“</p> - -<p>„Ja, ja.“ Sie überlegte. „Aber da hat man selbst gewählt,“ sagte -sie schnell. „Ich meine, man ist dann kein Sklave, man dient dann -freiwillig irgend jemandem oder irgendeiner Sache, die man höher -bewertet als sich selbst. — Freuen Sie sich nicht, daß Sie ihr neues -Jahr allein beginnen werden, frei und frank — nur arbeiten, was Sie -selbst gern wollen?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> - -<p>Helge dachte an den vergangenen Abend auf dem Petersplatz. Er sah -hinaus über die fremde Stadt, sah die gedämpften, grauverschleierten -Farben in der Sonne, und das fremde, blonde Mädchen.</p> - -<p>„Ja,“ sagte er.</p> - -<p>„Ja.“ Sie erhob sich, knöpfte ihre Jacke zu und öffnete den Malkasten. -„Nun muß ich aber fleißig sein.“</p> - -<p>„Sie wollen mich wohl nun los sein?“</p> - -<p>Jenny lächelte: „Sie sind doch jetzt sicherlich müde?“</p> - -<p>„Oh nein. Ich möchte aber zahlen —.“</p> - -<p>Sie rief die Frau und stellte ihm seine Rechnung auf, während sie -gleichzeitig Farben auf der Palette ausdrückte.</p> - -<p>„Glauben Sie nun, daß Sie zur Stadt zurückfinden?“</p> - -<p>„Ja. Ich merkte mir genau, welchen Weg wir gingen. Und später finde ich -schon einen Wagen. — Kommen Sie jemals in den Verein?“</p> - -<p>„Oh ja, mitunter.“</p> - -<p>„Ich möchte Sie sehr gern wiedersehen, Fräulein Winge.“</p> - -<p>„Das werden Sie auch sicherlich.“ Sie überlegte einen Augenblick. „Wenn -Sie Lust haben — können Sie uns dann nicht besuchen — zum Tee? Wir -wohnen in der Via Vantaggio 111 — Cesca und ich sind des Nachmittags -immer daheim.“</p> - -<p>„Ich danke Ihnen.“ Er zauderte ein wenig. „Nun, dann schönen Guten -Morgen! Und vielen Dank für diese Nacht!“</p> - -<p>Er reichte ihr die Hand. Sie gab ihm ihre schmale, magere: „Auch ich -danke.“</p> - -<p>Als er sich in der Gartentür umwandte, stand sie und schabte mit dem -Palettmesser auf der Leinwand. Sie summte — es war die Weise von heut -Nacht, die ihm nun so vertraut schien. Er summt sie selbst, während er -zur Stadt hinunter ging.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p> - -<h3 id="I_IV">IV.</h3> - -</div> - -<p>Jenny zog die Arme unter der Decke hervor und verschränkte sie im -Nacken. Es war eiskalt im Zimmer und finster; nicht ein Streifen -Tageslicht fiel durch die Läden. Sie entzündete ein Streichholz und sah -nach der Uhr — gleich sieben. Ein wenig konnte sie noch liegen und -faulenzen; sie kroch wieder ganz unter die Decke und bohrte die Wange -ins Kopfkissen.</p> - -<p>„Jenny — schläfst du?“ Franziska öffnete die Tür, ohne anzuklopfen. -Sie kam an das Bett heran, tastete im Dunkeln nach der Freundin Gesicht -und streichelte sie: „Müde?“</p> - -<p>„Gar nicht. Jetzt werde ich aufstehen.“</p> - -<p>„Wann kamst du nach Haus?“</p> - -<p>„Gegen drei. Ich war draußen in Prati und badete vor dem Mittag, und -dann aß ich dort bei der Ripetta, weißt Du? Als ich heimkam, legte ich -mich hin. Ich bin jetzt völlig ausgeschlafen — nun will ich aufstehen!“</p> - -<p>„Wart noch ein wenig, hier ist es so kalt; ich werde etwas bei Dir -einheizen.“ Franziska zündete die Lampe auf dem Tische an.</p> - -<p>„Du brauchst doch nur nach der Signora zu rufen — nein, aber Cesca, -komm her, darf ich sehen?“ Jenny setzte sich im Bett aufrecht.</p> - -<p>Franziska stellte die Lampe auf das Nachttischchen und drehte sich im -Licht langsam um sich selbst.</p> - -<p>Sie hatte eine weiße Spitzenbluse zu ihrem grünen Rock angezogen und -eine bronzefarbene Seidenschärpe mit pfauenblauen Streifen um die -Schultern geschlungen. Rund um den Hals lagen die großen tiefroten -Korallen in doppelter Reihe und lange, geschliffene Ohrgehänge tropften -auf ihre gelblichweiße Haut herab. Lächelnd schob Franziska das Haar -zur Seite, um zu zeigen, daß sie mit einem Faden Stoffgarn an den Ohren -festgebunden waren.</p> - -<p>„Denk’ dir, ich bekam sie für sechsundachtzig Lire — ist das nicht -großartig — nun, wie stehen sie mir?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> - -<p>„Hervorragend. Das Kostüm ist fabelhaft. — Du, ich hätte Lust, dich -darin zu malen.“</p> - -<p>„Ja. Ich könnte jetzt gut für dich sitzen. Ich habe nicht die Ruhe -in mir, am Tage etwas zu tun. Ach du, Jenny —.“ Sie seufzte leise -und setzte sich auf die Bettkante. „Nein, ich muß jetzt nach dem Ofen -sehen.“</p> - -<p>Sie kam zurück mit einem steinernen Krug voll Glut und hockte sich vor -dem kleinen Ofen nieder.</p> - -<p>„Bleib nur liegen, Jenny, bis es hier warm geworden ist. Ich werde -schon das Bett machen, auch den Tisch decken und den Tee kochen. — Ah, -du hast deine Studie mit heimgebracht — laß mich sehen!“</p> - -<p>Sie stellte das Studienbrett gegen einen Stuhl und beleuchtete das Bild:</p> - -<p>„Aber, nein!“</p> - -<p>„Es ist nicht übel, findest du nicht? — Ich will noch einige Skizzen -dort draußen machen — ich plane ein großes Bild; ist das Motiv nicht -gut — mit all den Arbeitsleuten und Maultierkarren dort unten im -Ausgrabungsfeld?“</p> - -<p>„Ja, weißt du, — daraus müßtest du doch etwas machen können. Ich -freue mich darauf, Gunnar und Ahlin dies hier zu zeigen: Aber du bist -aufgestanden? Jenny, laß mich dein Haar kämmen! Gott, was hast du doch -für Haar, Mädel. Darf ich nicht einmal versuchen, es auf moderne Art zu -frisieren, so mit Locken? Bitte!“</p> - -<p>Franziska ließ das lange blonde Haar durch ihre Finger gleiten. „Sitz’ -ruhig. Ein Brief ist heut Morgen für dich gekommen — ich nahm ihn mit -herauf; fandest du ihn? Er war von deinem kleinen Bruder, nicht wahr?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Jenny und lachte.</p> - -<p>„War der Brief fröhlich — hast du dich gefreut?“</p> - -<p>„Du kannst glauben, der war vergnügt. Ach, Cesca, mitunter wünschte -ich, daß ich nur so einen Sonntag Vormittag, weißt du — einen kleinen -Abstecher nach Hause machen könnte, um mit Kalfatrus über Nordmarken<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> -spazieren zu gehen. Er ist wirklich ein guter Kerl, weißt du.“</p> - -<p>Franziska betrachtete Jennys lächelndes Gesicht im Spiegel. Darauf nahm -sie das Haar wieder herunter und begann aufs neue, es zu bürsten.</p> - -<p>„Nein, Cesca — wir haben doch keine Zeit.“</p> - -<p>„Natürlich. Kommen sie zu früh, dann können sie ja zu mir hineingehen. -Da sieht es freilich aus wie in einer Rumpelkammer, aber meinetwegen. -Uebrigens — die kommen nicht so früh. Gunnar wenigstens nicht — und -vor ihm geniere ich mich wahrhaftig nicht. Vor Ahlin übrigens auch -nicht. Ah richtig, er war heute Mittag bei mir — ich lag im Bett, -während er saß und plauderte. Als ich mich ankleiden wollte, schickte -ich ihn auf den Balkon hinaus. Wir gingen dann fort und aßen vornehm -auf <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Tre Re</span>. Den ganzen Nachmittag sind wir zusammen gewesen.“</p> - -<p>Jenny schwieg.</p> - -<p>„Wir sahen Gram drinnen auf Nazionale. Uh, Jenny, er war schauderhaft. -Ist dir etwas Schlimmeres je begegnet?“</p> - -<p>„Ich finde ihn durchaus nicht so schauderhaft. Er ist nur unbeholfen, -der arme Kerl. Genau so wie ich im Anfang war. Einer von den Menschen, -die gern fröhlich sein wollen und nicht können.“</p> - -<p>„Ich kam heute Vormittag mit dem Zug aus Florenz,“ äffte Franziska nach -und lachte. „Puh. Wäre er dann wenigstens im Flugzeug gekommen!“</p> - -<p>„Du warst recht ungezogen gegen ihn, mein Kind. Das darfst du nicht. -Eigentlich hätte ich Lust gehabt, ihn heute Abend zu uns einzuladen. -Ich wagte es aber deinetwegen nicht — ich wollte mich nicht der Gefahr -aussetzen, daß du gegen meinen Gast unhöflich bist.“</p> - -<p>„Der Gefahr hättest du dich durchaus nicht ausgesetzt. Das weißt du -sehr gut.“ Franziska war gekränkt.</p> - -<p>„Besinnst du dich auf den Abend, als ich Douglas mit zu mir genommen -hatte zum Tee?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> - -<p>„Nach der Geschichte mit dem Modell — danke ergebenst!“</p> - -<p>„Herrgott. Was ging das im übrigen dich an?“</p> - -<p>„So, meinst du nicht? Nachdem er um mich angehalten hatte? Und ich -sozusagen entschlossen war, ihn zu nehmen?“</p> - -<p>„Das konnte er schwerlich ahnen,“ sagte Jenny.</p> - -<p>„Ich hatte jedenfalls nicht bestimmt Nein gesagt. Am Tage vorher war -ich mit ihm draußen in Versailles. Und da hatte er mich viele, viele -Male küssen und unten im Park seinen Kopf in meine Arme legen dürfen. -Und wenn ich ihm sagte, daß ich ihm nicht gut sei, dann glaube er es -nicht, meinte er.“</p> - -<p>„Cesca.“ Jenny fing ihre Augen im Spiegel ein. „All das hat ja keinen -Sinn. Du bist das allerbeste kleine Ding auf der Welt, wenn du -richtig überlegst. Manchmal ist es aber, als sähest du nicht, daß es -<em class="gesperrt">Menschen</em> sind, die du vor dir hast. Menschen mit Gefühlen, auf -die du Rücksicht nehmen <em class="gesperrt">mußt</em>. Du <em class="gesperrt">würdest</em> auch Rücksicht -nehmen, wenn du nur nachdächtest. Du <em class="gesperrt">willst</em> ja doch nur lieb und -gut sein.“</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Per bacco.</span> Bist du dessen so sicher? Ach, nun sollst du aber -einen Strauß Rosen sehen. Ahlin kaufte gestern Abend ein Bukett für -mich an der Spanischen Treppe.“ Cesca lächelte trotzig.</p> - -<p>„Ich finde, du solltest dergleichen zu verhindern suchen. Unter anderem -schon, weil du weißt, Ahlin hat nicht die Mittel dazu.“</p> - -<p>„Geht denn das mich etwas an? Wenn er verliebt in mich ist, so macht -ihm das sicher Freude.“</p> - -<p>„Ich will gar nicht von deinem Ruf sprechen. Der leidet durch diese -ewigen Geschichten!“</p> - -<p>„Reden wir nicht über meinen Ruf, das lohnt nicht. Aber du hast bitter -wahr gesprochen. Meinen Ruf daheim in Kristiania — den habe ich ein -für allemal gründlich zunichtegemacht.“ Sie lachte hysterisch. „Was -schert es mich aber! Ich lache darüber.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> - -<p>„Cesca, Geliebte. Ich begreife nicht — du machst dir ja aus keinem -dieser Landsleute etwas. Warum also. Und das mit Ahlin. Kannst du denn -nicht begreifen — daß es ihm Ernst ist? Auch Norman Douglas war es -Ernst. Du weißt nicht, was du tust. Ich glaube, Gott helfe mir, du hast -keinen Instinkt, Kind.“</p> - -<p>Franziska legte Kamm und Bürste beiseite und betrachtete Jennys -frisierten Kopf im Spiegel. Sie suchte ihr herausforderndes kleines -Lächeln festzuhalten. Es welkte jedoch dahin — ihre Augen füllten sich -mit Tränen.</p> - -<p>„Auch ich bekam heute morgen einen Brief.“ Ihre Stimme zitterte. Jenny -erhob sich. „Aus Berlin — von Borghild. — Willst du dich nicht erst -fertigmachen, Jenny? Soll ich jetzt das Teewasser aufsetzen oder erst -die Artischocken kochen? Sie kommen wohl bald?“</p> - -<p>Sie huschte hin und her, und begann, das Bett in Ordnung zu bringen.</p> - -<p>„Wir könnten ja auch Marietta rufen — aber wir machen es lieber -selbst, nicht wahr Jenny?“</p> - -<p>„Also — sie schreibt, Hans Hermann hat sich verheiratet. Vorige Woche. -Es ist sicher schon sehr weit.“</p> - -<p>Jenny legte die Streichholzschachtel beiseite, während sie ängstlich zu -Franziskas weißem Gesicht hinübersah. Darauf schritt sie behutsam auf -sie zu.</p> - -<p>„Ja, es ist also die, mit der er verlobt war, weißt du. Diese Sängerin -— Berit Eck.“ Franziska sprach mit leiser erloschener Stimme. Einen -Augenblick beugte sie sich zur Freundin hinüber. Dann begann sie -wieder, mit ihren zitternden Händen das Laken wegzustopfen.</p> - -<p>Jenny rührte sich nicht.</p> - -<p>„Nun — du wußtest ja, daß sie verlobt waren — schon seit einem Jahre.“</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>Jenny deckte still den Tisch für vier Personen. Franziska breitete die -Decke über das Bett und holte die Rosen herbei. Sie stand und nestelte -an ihrem Blusenausschnitt, zog einen Briefumschlag hervor und drehte -ihn zwischen den Fingern.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> - -<p>„Sie hatte die beiden im Tiergarten getroffen, schreibt sie. Sie -schreibt ... Oh, sie kann so brutal sein, die Borghild.“ Franziska -sprang zum Ofen, riß die Tür auf — und warf den Brief ins Feuer. -Darauf sank sie in einem Lehnstuhl zusammen und brach in ein -bitterliches Weinen aus.</p> - -<p>Jenny legte ihren Arm um ihren Nacken:</p> - -<p>„Cesca, meine liebe kleine Cesca!“</p> - -<p>Franziska preßte ihr Gesicht gegen Jennys Arm.</p> - -<p>„Uebrigens sah sie so elend aus, das arme Ding. Sie ging und hing in -seinem Arm, und er schaute verärgert und böse drein. Ja, das kann ich -mir lebhaft vorstellen. Ach Gott, das arme, arme Wesen — sich in eine -solche Lage zu bringen, daß sie auf diese Weise von ihm abhängig wird -— er hat sie sicherlich auf den Knien zu sich kriechen lassen. — Daß -sie so wahnsinnig sein konnte, wo sie ihn doch kannte. Aber zu denken, -Jenny, daß er ein Kind von einer anderen haben soll — ach Gott, ach -Gott, ach Gott.“</p> - -<p>Jenny hatte sich auf die Stuhllehne gesetzt. Cesca schmiegte sich an -sie:</p> - -<p>„Nein, ich besitze scheinbar keinen Instinkt, wie du sagtest. -Vielleicht habe ich ihn nicht einmal wirklich geliebt. Und doch hätte -ich so gern ein Kind von ihm gehabt. Doch dann vermochte ich nicht, -mich dazu zu entschließen. — Mitunter wollte er, daß wir heiraten -sollten — ohne weiteres zum Standesamt gehen. Nein, ich wollte nicht. -Zu Hause wären sie böse geworden. Die Leute hätten sicher gedacht, -daß wir uns heiraten <em class="gesperrt">müßten</em>! Und das wollte ich auch nicht. -Sie glaubten ja trotzdem schon das Schlimmste. Aber das war mir -gleichgültig. Ich wußte sehr wohl, ich machte meinen Ruf zuschanden um -seinetwillen. Doch daraus machte ich mir nichts. Begreifst du das — -ich war gleichgültig. Aber Hans dachte, ich weigerte mich aus Angst, er -würde mich hinterher nicht heiraten. Dann laß uns erst zum Standesamt -gehen, verdammtes Mädel, sagte er. Aber ich wollte nicht. Er glaubte, -das Ganze sei nur Berechnung gewesen. Du<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Eiszapfen, sagte er. Aber, -bei Gott, du verstellst dich nur. Mitunter glaubte ich auch, daß ich -keiner sei. Vielleicht war ich nur deshalb so ängstlich, weil er so -brutal war. Er schlug mich oft — riß mir beinahe die Kleider vom -Körper; ich mußte kratzen und beißen, um loszukommen — heulen und -weinen.“</p> - -<p>„Und doch gingst du immer wieder zu ihm?“ fragte Jenny leise.</p> - -<p>„Ja. Die Portierfrau wollte nicht mehr bei ihm aufräumen. So ging ich -hinauf und tat es. Ich hatte die Schlüssel zu seinen Zimmern. Ich -wischte auf und machte das Bett — Gott weiß, wer dort mit ihm gelegen -hatte.“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Borghild war rasend darüber. Sie war es, die mir bewies, daß er eine -Geliebte hatte. Ich wußte wohl etwas — aber ich wollte gar keine -Gewißheit haben! Borghild behauptete, er hätte mir nur die Schlüssel -gegeben, damit ich kommen und sie überraschen sollte. Aus Eifersucht -sollte ich mich ihm geben, da ich ja doch schon kompromittiert sei. -Aber darin irrte sie. <em class="gesperrt">Mich</em> liebte er — auf seine Weise. Er -<em class="gesperrt">hatte</em> mich lieb, Jenny, so wie er es vermochte. Aber Borghild -war so erzürnt, weil ich den Diamantring von der Urgroßmutter Rustung -versetzte. Ach, das habe ich dir niemals erzählt.“</p> - -<p>Sie richtete sich auf und lachte leise.</p> - -<p>„Ja, siehst du, er <em class="gesperrt">brauchte</em> Geld. Hundert Kronen. Ich versprach -ihm, er sollte sie von mir erhalten. Ich ahnte nicht, woher sie nehmen. -Papa wagte ich nicht um einen Oere zu bitten — ich hatte schon -allzuviel verbraucht. So ging ich denn hin und versetzte — meine -Uhr und ein goldenes Kettenarmband und dann den Diamantring; einen -ganz alten, du weißt, mit vielen kleinen Diamanten auf einer größeren -Platte. Borghild war rasend, weil sie ihn nicht bekommen hatte, denn -sie war doch die älteste, aber Großmutter hatte ausdrücklich gesagt, -ich sollte ihn haben, weil ich nach ihr genannt war. Ich ging also -eines Morgens hin, gleich nachdem geöffnet worden war. Es war ein -peinlicher Augenblick. Aber<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> ich bekam doch das Geld und ging hinauf zu -Hans. Er fragte, auf welche Weise ich es beschafft hätte, und ich sagte -es ihm. Dafür küßte er mich. ‚Dann‘, sagte er, ‚gib mir den Leihschein -und das Geld, Pussel‘ — so nannte er mich immer. Ich gab ihm beides — -ich glaubte ja, er wolle die Sachen wieder einlösen, und ich sagte, das -dürfe er nicht; ich war sehr gerührt, siehst du. Ich kann es auf andere -Weise in Ordnung bringen, sagte Hans, und dann nahm er es und ging. Ich -saß bei ihm oben und wartete — oh, ich war so gerührt, denn ich wußte, -er brauchte das Geld. Ich wollte am nächsten Tage hingehen und es -wieder versetzen — ich empfand es nicht mehr als unangenehm, überhaupt -nichts würde mir peinlich sein; ich wollte ihm alles herbeischaffen, -was er brauchte. Dann kam er zurück — weißt du, was er getan hatte“ — -sie lachte unter Tränen — „es in der Volksbank eingelöst und bei einem -Privatbankier in Pfand gegeben, wie er sagte. Dort bekam er viel mehr.</p> - -<p>Wir bummelten den ganzen darauffolgenden Tag zusammen, siehst du. -Champagner und alles Mögliche! Dann blieb ich des Nachts auf, und er -spielte — spielte — du großer Gott! Ich lag auf dem Fußboden und -heulte. Mir war alles gleich, wenn er nur so spielte — und für mich -allein. Ach, du hast ihn nicht spielen hören, du — dann würdest du -alles verstehen. Aber danach! Das war eine Geschichte. Wir kämpften -auf Leben und Tod. Aber ich entkam ihm doch. Borghild lag wach, als -ich heim kam. Mein Kleid war ganz in Fetzen gerissen. — Du siehst aus -wie ein Straßenmädchen, sagte Borghild. So wirst du auch noch einmal -enden, sagte sie. Ich lachte nur. Die Uhr war fünf.</p> - -<p>Schließlich hätte ich mich ja auch ergeben, weißt du. Wäre da nicht -ein Hindernis gewesen. Mitunter sagte er: ‚Du bist, weiß der Teufel, -auch das einzige anständige Mädchen, das ich getroffen habe — es gibt, -weiß Gott, nicht einen einzigen Mann, der dich herumbringen kann.‘ War -es nicht furchtbar? ‚Ich habe Achtung vor dir, Pussel!‘ Denk dir, er -hatte Achtung vor<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> mir, weil ich das nicht tun wollte, worum er immer -gebettelt, weswegen er mir gedroht hatte. Ich, die ich immer wünschte, -ich hätte die Kraft — ich wollte ja so gern alles tun, um ihm eine -Freude zu machen. Wenn ich nur über diesen Widerwillen hinweggekommen -wäre; er war so brutal — und ich wußte, er hatte andere. Ich wünschte, -er sollte aufhören mich zu erschrecken — dann hätte ich es gekonnt. -Aber dann wäre ich in seinen Augen eine Gefallene gewesen ... Deshalb -brach ich schließlich den Verkehr ab, weil er wollte, daß ich etwas tun -sollte, um dessentwillen er mich dann verachtet hätte.“</p> - -<p>Sie schmiegte sich an Jenny und ließ sich streicheln.</p> - -<p>„Hast du mich lieb, Jenny?“</p> - -<p>„Das weißt du ja — Cesca, Liebes du!“</p> - -<p>„Du bist so gut. Gib mir noch einen Kuß! Gunnar ist auch gut. Ahlin -auch. Ich werde auf mich achten — du kannst dir doch denken — ich -will ihm kein Leid zufügen. Uebrigens — vielleicht heirate ich ihn. -Wenn er mir so gut ist! Ahlin würde nie brutal sein, das weiß ich. -Glaubst du, er würde mich quälen? Wohl kaum. Dann könnte ich Kinder -bekommen. Du weißt ja, ich erbe einmal. Und er ist so arm. Wir könnten -dann im Auslande leben. Ich würde immer arbeiten. Er auch. Du — über -allen seinen Arbeiten liegt etwas ungemein Feines. Das Relief mit den -spielenden kleinen Knaben! Und der Entwurf zum Almquistmonument! Es ist -ja nicht so original in der Komposition, aber Herrgott, wie schön, wie -vornehm und ruhig und wie echt — diese plastischen Figuren.“</p> - -<p>Jenny lächelte fein und strich Franziska über das Haar — es war an den -Seiten feucht geworden von ihren Tränen.</p> - -<p>„Wenn ich nur auch immer arbeiten könnte. Ach, aber Jenny. Diese ewigen -Stiche im Herzen. Und im Kopf. Die Augen schmerzen auch, Jenny — ich -bin ja so totmüde.“</p> - -<p>„Du weißt ja, was der Arzt sagt — alles nur Nervosität. Wenn du nur -vernünftig sein wolltest.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span></p> - -<p>„Ja — das sagen sie. Aber ich habe solche Furcht. Du sagst — ich -hätte keinen Instinkt — nicht so, wie du meinst. Aber auf andere -Weise. Ich bin häßlich gewesen in dieser Woche. Das weiß ich sehr -wohl. Aber ich ging umher und lauerte — ich <em class="gesperrt">fühlte</em>, daß etwas -Fürchterliches kommen würde. Und nun siehst du ja!“</p> - -<p>Jenny küßte sie wieder.</p> - -<p>„Ich war unten in der St. Agostino-Kirche heut Abend. Du kennst das -wunderwirkende Madonnenbild. Ich kniete nieder und versuchte zur -Jungfrau Maria zu beten. Ich glaube, mir würde wohl sein, wenn ich -katholisch würde. Eine Frau wie die Jungfrau Maria zum Beispiel würde -das alles viel besser verstehen können. Ich dürfte mich im Grunde nicht -verheiraten, so, wie ich veranlagt bin. Ich könnte ins Kloster gehen -— nach Siena zum Beispiel. Ich könnte dann in der Galerie kopieren; -das Kloster würde auf diese Weise Geld verdienen. Als ich den Engel zum -Melozzo da Forli in Florenz malte, stand dort jeden Tag eine Nonne und -kopierte. Es wäre nicht das Schlimmste.“ Sie lachte. „Ja, das heißt, es -wäre geradezu schauderhaft. Aber sie sagten ja alle, meine Kopien seien -so gut gewesen. Und das stimmt. Ich glaube, ich würde dabei glücklich -werden können. ... Ach, Jenny — wenn ich mich gesund fühlte! Wenn ich -da drinnen Frieden bekäme — nicht so wirr und eingeschüchtert wäre -innerlich! Dann würde ich frisch, und könnte arbeiten, ohne Aufhören. -Ich würde so lieb und gut werden. Gott, wie lieb ich dann sein würde -... Ich bin nicht immer gut, das weiß ich wohl. Ich lasse mich von -meinen Stimmungen hinreißen, wenn ich in einem Zustande bin wie eben -jetzt. Aber das soll ein Ende haben — wenn Ihr alle mich nur liebhaben -wollt. Besonders du. — Wir wollen diesen Gram zu uns einladen — wenn -ich ihn wiedertreffe, dann werde ich zu ihm gehen und so lieb und gut -zu ihm sein, wie du dirs gar nicht vorstellen kannst. Wir wollen ihn zu -uns einladen und ihn mitnehmen, wenn wir ausgehen; ich will gern Kopf -stehen, um ihm eine Freude zu<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> machen. Hörst du, Jenny — bist du nun -zufrieden mit mir?“</p> - -<p>„Ja, Cesca.“</p> - -<p>„Gunnar nimmt mich nicht ernst,“ sagte sie gedankenvoll.</p> - -<p>„Gewiß tut er das. Er findet nur, es ist oft so viel Kindisches an dir. -Du weißt, wie er über deine Arbeit denkt — erinnerst du dich, was er -in Paris sagte, über deine Energie — dein Talent? Fein und persönlich, -sagte er. Da nahm er dich wahrhaftig ernst genug.“</p> - -<p>„Ja, gewiß. Gunnar ist übrigens ein prächtiger Kerl. — Er war aber -doch böse über die Sache mit Douglas.“</p> - -<p>„Jeder Mann wäre das gewesen. Ich wars auch.“</p> - -<p>Franziska seufzte. Sie schwieg eine Weile.</p> - -<p>„Wie wurdest du diesen Gram gestern los? Ich glaubte, es würde dir nie -gelingen — dachte, er wäre mit dir heim gegangen und hätte sich hier -aufs Sofa gelegt — mindestens.“</p> - -<p>Jenny lachte.</p> - -<p>„Nein. Er begleitete mich hinaus auf den Aventinerhügel und frühstückte -dort, und dann fuhr er nach Hause. Im übrigen — ich mag ihn gut -leiden.“</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Dio mio!</span> Jenny, du bist abnorm in deiner Güte. Es muß doch eine -Grenze bei dir geben in deiner Rolle, Mutter für uns alle zu sein. Oder -bist du vielleicht in ihn verliebt?“</p> - -<p>Jenny lachte wieder:</p> - -<p>„Kaum. Aber er wird sich auch in dich verlieben. Wenn du nicht ein -wenig vorsichtig bist.“</p> - -<p>„Das tun sie ja alle miteinander. Gott weiß, aus welchem Grunde. Aber -es geht ja immer schnell wieder vorüber. Und hinterher werden sie dann -böse auf mich.“ Sie seufzte.</p> - -<p>Es kam jemand die Treppe herauf.</p> - -<p>„Das ist Gunnar. Ich gehe ein wenig zu mir herüber, ich muß meine Augen -kühlen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> - -<p>Sie schlüpfte hinaus und flüsterte Heggen, mit dem sie in der Tür -zusammentraf, einen „Guten Tag“ zu. Er trat ein und zog die Tür hinter -sich ins Schloß.</p> - -<p>„Du bist <span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">allright</span>, wie ich sehe, Jenny. Das bist du übrigens -immer, verteufeltes Menschenkind. Du hast natürlich den ganzen -Vormittag gearbeitet. Aber sie?“ Er machte mit dem Kopf eine -bezeichnende Bewegung gegen Cescas Zimmer.</p> - -<p>„Schlecht. Armes kleines Wesen.“</p> - -<p>„Ich sah es in der Zeitung. Ich war oben im Verein auf dem Wege -hierher. Darf ich sehen — bist du mit der Studie fertig? Aber hör mal, -die ist fein, Jenny —.“</p> - -<p>Heggen hielt das Bild gegen das Licht und betrachtete es lange.</p> - -<p>„Fein, du. Dies hier — das ist glänzend. Ich finde es sehr stark ... -Liegt sie jetzt wieder und weint?“</p> - -<p>„Ich weiß es nicht. Sie saß hier drinnen und weinte. Die Schwester -schrieb es ihr.“</p> - -<p>„Wenn ich dem Lump jemals begegne,“ sagte Heggen, „so werde ich wohl -immer einen Vorwand finden, um ihm eine gehörige Tracht Prügel zu -verabreichen.“</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_V">V.</h3> - -</div> - -<p>Helge Gram saß eines Nachmittags im Verein und brütete über den -norwegischen Zeitungen. Allein in dem dämmerigen Lesezimmer. Da kam -Franziska.</p> - -<p>Helge erhob sich und grüßte. Sie ging geradeswegs auf ihn zu und -reichte ihm lächelnd die Hand:</p> - -<p>„Nun, mein Lieber, was treiben Sie? Jenny und ich sprachen gerade von -Ihnen — wir begriffen nicht, daß man Sie nicht sieht. Wir wollten am -Sonnabend hierher gehen und nach Ihnen schauen und Sie hinterher auf -einen kleinen Bummel mitnehmen. Haben Sie schon ein Zimmer?“</p> - -<p>„Leider nein. Ich wohne noch im Hotel. Die Zimmer sind alle so teuer —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> - -<p>„Im Hotel wird es auch nicht billiger! Sie geben doch mindestens -drei Franken pro Tag? Ja, das konnte ich mir denken. Rom ist nicht -billig, wissen Sie. Im Winter muß man ein sonniges Zimmer haben. Aber -freilich, Sie sprechen ja nicht Italienisch. Wären Sie doch nur zu uns -heraufgekommen — Jenny und ich wären gern mit Ihnen gegangen, um etwas -anzusehen.“</p> - -<p>„Vielen Dank — aber damit konnte ich Sie doch wirklich nicht -behelligen!“</p> - -<p>„Behelligen — aber Gram. Doch wie geht es Ihnen — haben Sie Bekannte -getroffen?“</p> - -<p>„Nein. Ich war vergangenen Sonnabend oben im Verein, sprach aber mit -niemandem. Ich saß und guckte in die Zeitungen. Ja doch, mit Heggen -wechselte ich vorgestern in einem Café auf dem Corso ein paar Worte. -Dann habe ich zwei deutsche Doktoren wiedergetroffen, die ich von -Florenz her ein wenig kannte. Wir waren an einem dieser Tage draußen -auf der Via Appia.“</p> - -<p>„Uh. Hören Sie, sind deutsche Doktoren amüsant?“</p> - -<p>Helge lächelte etwas verlegen.</p> - -<p>„Wir haben ziemlich viel gemeinsame Interessen. Und wenn man so -umhergeht und sonst niemanden hat, mit dem man reden kann —.“</p> - -<p>„Ja, aber Sie müssen sich daran gewöhnen, Italienisch zu sprechen. Sie -haben es ja gelernt. Wollen wir einen Spaziergang zusammen machen? Wir -sprechen dann die ganze Zeit nur Italienisch miteinander. Ich werde -Ihre <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">maestra</span> sein. Furchtbar streng!“</p> - -<p>„Sie werden mich aber nicht besonders amüsant finden, Fräulein Jahrmann -— höchstens unfreiwillig.“</p> - -<p>„Still. — Nein, wissen Sie was, vorgestern reisten zwei dänische -alte Damen nach Capri, vielleicht ist ihr Zimmer noch frei — ach -sicherlich. Klein, billig und sehr nett. Ich habe den Namen der Straße -nicht behalten, aber ich weiß, wo es ist. Soll ich Sie hinbegleiten, -dann sehen wir es uns an? Kommen Sie also!“</p> - -<p>Unten auf der Treppe zögerte sie einen Augenblick und blickte mit einem -leisen, zaghaften Lächeln zu ihm auf:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p> - -<p>„Ich war furchtbar ungezogen gegen Sie neulich Abend, als wir zusammen -waren, Gram. Ich muß Sie wohl um Verzeihung bitten.“</p> - -<p>„Aber liebes Fräulein Jahrmann!“</p> - -<p>„Doch. Ich war aber krank. Oh, Sie können mir glauben, ich bekam -Schelte von Jenny. Ich hatte es aber auch verdient.“</p> - -<p>„Ich war es ja, der sich Ihnen aufdrängte. Aber es kam so von selbst — -ich sah Sie, und ich hörte Sie Norwegisch sprechen; der Versuch, Sie -anzureden, lockte zu sehr.“</p> - -<p>„Ja, natürlich. Es hätte so nett sein können — so ein kleines -Abenteuer. Wäre ich nur nicht so unartig gewesen. Aber ich war krank, -wissen Sie. Ich bin tagsüber so nervös, dann kann ich nicht schlafen -— und dann kann ich wieder nicht arbeiten. Schließlich werde ich -unleidlich.“</p> - -<p>„Geht es Ihnen augenblicklich nicht gut, Fräulein Jahrmann?“</p> - -<p>„Ach nein. Jenny und Gunnar arbeiten — alle außer mir arbeiten. Wie -geht es mit Ihrer Arbeit — gut? — Haben Sie nicht Freude daran? Ich -sitze übrigens jetzt nachmittags für Jenny. Heute habe ich frei. Ich -glaube, sie tut es nur, damit ich nicht so allein sein und grübeln -soll. Mitunter fährt sie mit mir hinaus, jenseits der Mauern. Sie ist -ganz wie eine Mutter zu mir. <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Mia cara mammina.</span>“</p> - -<p>„Sie lieben Ihre Freundin sehr?“</p> - -<p>„Sie ist so gut, so gut. Ich bin krankhaft und zerrissen. Keiner außer -Jenny hält es auf die Dauer mit mir aus. Sie ist aber so klug und so -begabt und energisch. Und schön — finden Sie sie nicht entzückend? Sie -sollten ihr Haar sehen, wenn es offen niederfällt! Wenn ich ein artiges -Kind bin, darf ich es kämmen und aufstecken —. Wir sind schon da,“ -sagte sie dann.</p> - -<p>Sie klommen eine unheimlich düstere Steintreppe hinauf: „Daraus darf -man sich aber nichts machen. Unser Aufgang ist noch schlimmer; Sie -werden es ja sehen,<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> wenn Sie kommen und uns besuchen. Kommen Sie doch -einen Abend; wir sehen dann, daß wir die anderen erwischen und gehen -auf einen gediegenen Romabummel. Den letzten habe ich ja doch völlig -verdorben.“</p> - -<p>Sie läutete im obersten Stockwerk. Eine nett und gemütlich aussehende -Frau öffnete ihnen. Sie führte sie in ein kleines Zimmer mit zwei -Betten. Das Fenster ging auf einen grauen Hinterhof hinaus, vor den -Fensterläden hing Wäsche, aber überall auf den Balkons standen Blumen, -und hoch oben auf den grauen Dächern lagen Loggien und Lauben zwischen -grünen Büschen.</p> - -<p>Franziska redete endlich mit der Wirtin, während sie gleichzeitig in -den Ofen guckte, die Betten befühlte und ihm zwischendurch Aufklärungen -gab:</p> - -<p>„Sonne ist hier den ganzen Vormittag. Wenn das eine Bett herauskommt, -so ist hier reichlich Platz. Der Ofen sieht ordentlich aus. Es kostet -vierzig Lire ohne Licht und Heizung und zwei für <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">servizio</span>. Das -ist billig. Soll ich ihr sagen, daß Sie es annehmen? Sie können morgen -einziehen, wenn Sie wollen!“ —</p> - -<p>„Nichts zu danken. Sie können sich doch vorstellen, daß es mir Freude -macht, Ihnen ein wenig zu helfen,“ sagte sie draußen auf der Treppe. -„Wenn es Ihnen nur gefällt. Signora Papi ist sehr sauber, das weiß ich.“</p> - -<p>„Gewiß eine seltene Tugend hierzulande?“</p> - -<p>„Oh nein. Sie sind nicht anders als die Vermieterinnen daheim in -Kristiania, glaube ich. Dort, wo meine Schwester und ich wohnten, in -der Holbergstraße — ich hatte ein paar neue Lackschuhe unter das -Bett gestellt — getraute mich aber nicht, sie wieder hervorzuholen. -Manchmal guckte ich nach ihnen — sie standen da und sahen aus wie zwei -weiße zottige Lämmchen.“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Helge. „Ich habe ja immer zuhause gewohnt.“</p> - -<p>Franziska lachte plötzlich laut auf:</p> - -<p>„Denken Sie, die Signora glaubte, ich sei Ihre <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">moglie</span> — daß wir -beide dort wohnen sollten. Ich sagte, ich sei Ihre Kusine; sie kaute -übrigens ein bißchen<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> drauf herum. <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Cugina</span> — das gilt sicher -gleich wenig überall auf der Welt!“</p> - -<p>Sie lachten beide einen Augenblick darüber.</p> - -<p>„Haben Sie Lust zu einem Spaziergang?“ fragte Franziska plötzlich. -„Wollen wir auf die Ponte Molle hinausgehen? Sind Sie schon dort -gewesen? Können Sie auch noch so weit laufen? Wir fahren mit der -Straßenbahn nach Hause, wissen Sie.“</p> - -<p>„Können Sie auch noch — Sie sind doch nicht wohl?“</p> - -<p>„Es tut mir gerade gut, zu laufen — bitte geh’, sagt Gunnar immer — -ich meine Heggen.“</p> - -<p>Sie plauderte ununterbrochen und lugte ab und an zu ihm hinauf, um sich -zu überzeugen, daß sie ihn gut unterhalte. Sie gingen den neuen Weg -längs des Tiber hinauf; der Strom wälzte sich gelblichgrau zwischen den -grünen Hügeln dahin. Kleine perlmuttschimmernde Wölkchen lagen über -des Monte Mario dunklem Gebüsch mit graugelben Villen zwischen den -immergrünen Bäumen.</p> - -<p>Franziska grüßte einen Konstabler und lachte zu Gram hinüber:</p> - -<p>„Denken Sie sich, dieser Bursche hat mich heiraten wollen. Ich ging -hier viel allein spazieren und dann pflegte ich mit ihm zu plaudern. -Da fragte er mich. Der Sohn unseres Tabakhändlers hat übrigens auch um -mich angehalten. Jenny schalt mich aus, sie sagte, es sei meine eigene -Schuld, und das war es vielleicht auch.“</p> - -<p>„Ich finde, Fräulein Winge schilt Sie recht oft. Sie scheint eine -strenge Mama zu sein?“</p> - -<p>„Nur, wenn ich es verdiene. Hätte es doch schon früher jemand getan,“ -— sie seufzte. „Aber daran hat leider niemand gedacht.“</p> - -<p>Helge Gram fühlte sich frei und leicht, wie er mit ihr dahinschritt. -Etwas unsagbar Weiches lag über ihr, über dem Gang, der Stimme, dem -Antlitz unter dem großen rauhen Glockenhut. Es war fast, als könne er -Jenny Winge nicht recht leiden, wenn er jetzt an sie dachte — sie -hatte so selbstsichere hellgraue Augen — und solch<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> fürchterlichen -Appetit. Cesca erzählte eben, daß sie in diesen Tagen fast nichts essen -könne.</p> - -<p>Und er sagte:</p> - -<p>„Fräulein Winge ist gewiß eine junge Dame, die ganz von ihrer Eigenart -durchdrungen ist?“</p> - -<p>„Ja, weiß Gott, sie hat Charakter. Denken Sie — sie wollte immer schon -malen. Mußte aber Lehrerin werden. Oh, wie hat sie gearbeitet! Ja, das -sieht man ihr jetzt nicht an. Sie ist so stark, daß sie sich immer -sofort wieder aufrichtet. Aber als ich sie zuerst auf der Malschule -traf, da lag etwas Hartes und Verschlossenes — etwas Gepanzertes, sagt -Gunnar, — über ihr. Sie war erschreckend zurückhaltend. Ich lernte -sie gar nicht recht kennen, ehe sie hier herunter kam. Die Mutter -ist zum zweiten Male Witwe — sie heißt jetzt Berner — drei kleine -Stiefgeschwister sind auch da. Denken Sie nur, sie hatten zwei kleine -Zimmer, und Jenny schlief in einer winzigen Mädchenkammer, arbeitete -und studierte und bildete sich nebenher aus und half der Mutter mit -Geld und auch im Hause; sie hatten kein Mädchen. Freunde oder Bekannte -besaß sie nicht, wenn sie zu kämpfen hat, schließt sie sich gleichsam -in sich ein, sie will nicht klagen; ist das Glück aber mit ihr, so ist -es, als öffne sie die Arme allen, die eine Stütze an ihr suchen.“</p> - -<p>Franziskas Wangen glühten. Sie schlug ihre großen Augen voll zu ihm auf:</p> - -<p>„Ich, sehen Sie, ich habe keine Hindernisse gehabt außer denen, die ich -mir selbst in den Weg legte. Ich bin etwas hysterisch, und dann lasse -ich meine eigenen Stimmungen mit mir durchgehen. Aber Jenny spricht mit -mir darüber; sie sagt, alles Leid, das uns begegnet, und nicht wieder -gut zu machen ist, haben wir selbst verschuldet. Wenn man seinen Willen -nicht genügend in der Gewalt hat, um seine Stimmungen und Handlungen zu -beherrschen, wenn man nicht mehr Herr über sich selber ist, tut man am -besten, sich zu erschießen, sagt Jenny.“</p> - -<p>Helge blickte lächelnd auf sie nieder: „Sagt Jenny,“ und „Gunnar sagt,“ -und „ich hatte einen Freund, der<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> zu sagen pflegte“. Wie jung und -vertrauensvoll sie doch war.</p> - -<p>„Für Fräulein Winge gelten vielleicht andere Gesetze als für Sie,“ -meinte er. „Können Sie sich das nicht denken, — so verschieden wie -Sie sind, — selbst der Begriff ‚Leben‘ hat für zwei Menschen eine -verschiedene Bedeutung.“</p> - -<p>Sie waren auf die Brücke hinaussgelangt. Franziska lehnte sich über -die Brüstung. Weiter oberhalb des Stromes am Fuße des bräunlichgrünen -Hügels lag eine Fabrik, deren hoher schlanker Schornstein das -geschäftige gelbe Wasser zitternd widerspiegelte. Weit hinter der -welligen Ebene zeigten sich die Höhen der Sabinerberge, lehmgrau und -kahl mit bläulichen Klüften und schneebedeckten Felsen im Hintergrund.</p> - -<p>„Das hat Jenny gemalt, aber in glühroter Abendsonne Fabrik und -Schornstein von rotem Lichte übergossen. Und die Stimmung, die nach -einem so heißen Tage herrscht, an dem man die Felsen vor Dunst nicht -sehen kann, höchstens einen leisen Schimmer des Schnees hoch oben in -dem schweren, metallenen Blau. Und dazu Wolken, große Wolken über dem -Schnee. Es ist schön, ich muß Jenny bitten, es Ihnen zu zeigen.“</p> - -<p>„Kann man hier etwas Wein bekommen?“ fragte er.</p> - -<p>„Es wird bald kühl, aber einen Augenblick können wir wohl draußen -sitzen.“</p> - -<p>Sie schlug den Weg über den runden Platz hinter der Brücke ein. Unter -allen Osterien wählte sie einen kleinen Garten. Hinter einer Art -Schuppen mit Tischen und Rohrstühlen stand eine Bank unter kahlen -Ulmen. Vor dem Gärten lag eine grüne Wiese, dahinter erhob sich der -Hügel jenseits des Stroms dunkel gegen den fahlen bewölkten Himmel.</p> - -<p>Franziska brach einen Zweig von den Holunderbüschen längs des Gitters. -Er trug kleine, grüne, frische Knospen, deren Spitzen in der Kälte -schwarz angelaufen waren.</p> - -<p>„Sehen Sie her, so stehen sie und schlagen aus und<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> frieren den ganzen -Winter. Und wenn der Lenz kommt, hat der Winter ihnen doch nichts -anhaben können.“</p> - -<p>Als sie den Zweig beiseite legte, ergriff er ihn. Er behielt ihn die -ganze Zeit in der Hand.</p> - -<p>Sie hatten sich Weißwein bestellt. Franziska mischte den ihren mit -Wasser und nippte nur. Dann lächelte sie flehend:</p> - -<p>„Wollen Sie mir eine Zigarette geben?“</p> - -<p>„Mit Vergnügen, — wenn Sie es vertragen?“</p> - -<p>„Ach, ich rauche ja jetzt fast gar nicht mehr. Meinetwegen unterläßt es -auch Jenny fast ganz. Heute Abend übrigens vermute ich, daß sie sich -wieder etwas zu Gemüte führt. Sie ist mit Gunnar zusammen.“</p> - -<p>Das Licht des Zündhölzchens beleuchtete Franziskas lächelndes Antlitz.</p> - -<p>„Sie dürfen es aber Jenny nicht erzählen, daß ich geraucht habe, hören -Sie?“</p> - -<p>„Nein, nein.“ Er lachte.</p> - -<p>„Ja.“ Sie blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. „Ich wünschte -so sehr, daß Jenny und Gunnar sich verheirateten. Ich fürchte aber, -sie tun es nicht, — sie sind immer so gute Freunde gewesen. Dann -verliebt man sich nicht so leicht ineinander, nicht wahr? Nicht in -jemanden, den man von früher her so gut kennt. Sie sind sich im Grunde -auch so ähnlich. Es sind aber die Gegensätze, die sich anziehen, sagt -man. Ich finde, es ist dumm eingerichtet auf diese Weise — aber es -stimmt sicher. Es wäre viel besser, man liebte jemanden, mit dem man -geistesverwandt ist. Dann gäbe es die Not und das Leid nicht, die Liebe -immer begleiten. Glauben Sie nicht auch? — Denken Sie, Gunnar stammt -aus einer armen Häuslerfamilie drunten in Smaalene. Er kam aber nach -Kristiania — eine Tante von ihm auf Grünerlökken nahm ihn zu sich, -weil es bei ihm zu Hause sehr ärmlich zuging. Damals war er erst neun -Jahre alt und mußte schon Wäsche austragen, die Tante hatte nämlich -eine Plätterei, und später kam er in die Handwerkslehre. Was er kann -und weiß, hat er sich<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> selbst angeeignet. Er muß immer studieren, -alles interessiert ihn dermaßen, daß er es bis auf den Grund kennen -lernen muß. Jenny sagt, er vergißt ganz das Malen; jetzt hat er so -gründlich Italienisch gelernt, daß er alle Bücher lesen kann, auch -Verse. Jenny ist ebenso. Sie hat furchtbar viel gelernt, nur weil es -sie interessierte. Ich kann aus Büchern niemals etwas lernen — ich -bekomme Kopfschmerzen vom Lesen. Aber Jenny und Gunnar erzählen mir. -Das behalte ich dann. Sie wissen sicher auch sehr viel. — Können Sie -mir nicht ein wenig über ihr Studium erzählen? Das Schönste, das ich -kenne, ist, wenn jemand mir erzählt. Das behalte ich gut.</p> - -<p>Gunnar hat mich auch Malen gelehrt. Ich zeichnete immer als Kind — -es fiel mir so leicht. Dann traf ich ihn einmal im Gebirge vor drei -Jahren — ich war dort oben, um zu arbeiten. Ein wenig kannte ich ihn -ja von früher her. Ich war also dort und malte Bilder — furchtbar -ordentlich, aber ohne jede Spur von Kunst. Ich wußte es selbst sehr -gut, kannte aber den Grund nicht. Ich wollte etwas in meine Bilder -hineinbringen, aber ich wußte nicht recht, was, und ich ahnte nicht, -wie ich mich dabei anstellen sollte. Aber dann sprach ich mit ihm. -Zeigte ihm meine Sachen. Er konnte viel weniger als ich — ich meine -technisch. Er ist auch nur ein Jahr älter als ich. Was er aber gelernt -hatte, das beherrschte er. Ja, ich malte dann zwei Sommernachtsbilder. -Dieses wundersame <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">clairobscur</span> — alle Farben liegen so tief, -sind aber doch leuchtend stark. — Natürlich waren die Bilder nicht -gut. Aber etwas war in ihnen, wie ich es haben wollte — ich konnte -sehen, daß <em class="gesperrt">ich</em> sie gemalt hatte, und nicht irgend ein anderes -Mädel, das ein bißchen gelernt hatte —. Verstehen Sie mich? Ich habe -ein Motiv hier draußen gefunden: einen anderen Weg zur Stadt. Wir -gehen einmal da herunter. Es ist ein Weg zwischen zwei Gartenmauern -— ganz schmal. An einer Stelle stehen zwei Portale im Barockstil mit -Eisengittern. An jeder Seite erhebt sich eine Zypresse. Ich habe ein -paar<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Federzeichnungen gemacht und sie ausgetuscht. Ueber den Zypressen -schwebt eine schwere, tiefblaue Wolke, ein Schimmer von grünlicher -Luft und ein blinkender Stern; Dächer und Kuppeln der Stadt weit, weit -drinnen sind nur leise angedeutet —. Es sollte so ein gewisses Pathos -haben, wissen Sie —.“</p> - -<p>Es begann bereits stark zu dämmern. Ihr Antlitz leuchtete bleich unter -dem Hut.</p> - -<p>„Nicht wahr, finden Sie nicht — ich muß wieder gesund werden, um zu -arbeiten —.“</p> - -<p>„Ja,“ flüsterte er. „Ach ja — Liebste —.“</p> - -<p>Er hörte, wie schwer sie atmete. Ein Weilchen war es still. Dann sagte -er leise:</p> - -<p>„Wieviel Freude Sie an Ihren Freunden haben, Fräulein Jahrmann.“</p> - -<p>„— Und ich wünschte, daß alle Menschen meine Freunde wären. Ich will -allen gut sein, verstehen Sie.“ Sie sagte das ganz leis, während sie -tief aufatmete.</p> - -<p>Helge Gram beugte sich plötzlich nieder und küßte ihre Hand, die weiß -und klein auf dem Tische vor ihm lag.</p> - -<p>„Ich danke Ihnen,“ flüsterte Franziska still.</p> - -<p>Sie saßen einen Augenblick schweigend.</p> - -<p>„Wir müssen gehen, lieber Freund, es wird jetzt so kalt ...“</p> - -<p>Am nächsten Tage, als er Einzug in sein neues Zimmer hielt, stand auf -dem Tisch mitten im Sonnenschein ein Majolikakrug mit kleinen blauen -Iris. Die Signora erklärte, die Kusine hätte sie gebracht.</p> - -<p>Als Helge allein war, beugte er sich über die Blumen und küßte sie alle -— eine nach der anderen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_VI">VI.</h3> - -</div> - -<p>Helge Gram fühlte sich wohl in seinem neuen Zimmer unten an der -Ripetta. Er hatte die Empfindung, als arbeite es sich leicht und -gut an dem kleinen Tisch vor dem Fenster mit dem Blick auf den Hof, -trocknende<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Wäsche und die Blumentöpfe auf den Balkons. Die Familie -gerade gegenüber hatte zwei kleine Kinder, einen Knaben und ein -Mädchen, etwa sechs bis sieben Jahre alt. Kamen sie auf ihren kleinen -Altan heraus, so nickten und winkten sie Helge zu, und er winkte -wieder. In letzter Zeit hatte er auch der Mutter einen Gruß zugenickt. -Diese kleine Bekanntschaft aus der Ferne gab ihm ein warmes, trauliches -Gefühl. — Vor ihm stand Cescas Vase; er versäumte nicht, sie immer mit -frischen Blumen zu füllen. Signora Papi konnte sein Italienisch gut -verstehen. Es käme daher, daß sie dänische Mieter gehabt hatte, sagte -Cesca; Dänen könnten ja fremde Sprachen nicht lernen.</p> - -<p>Wenn die Signora bei ihm zu tun gehabt hatte, blieb sie immer eine -Ewigkeit in der Türe stehen und plauderte. Meist über die „Kusine“. -„<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Che bella</span>“, sagte Signora Papi. Einmal war Franziska allein bei -ihm gewesen, und einmal zusammen mit Jenny — beide Male, um ihn zum -Tee einzuladen. — Wenn Frau Papi schließlich unter Entschuldigungen -wegen der Störung, selber unterbrach und verschwand, dann lehnte Helge -sich weit zurück in seinem Stuhl, die Arme im Nacken verschränkt. -Er dachte an sein Zimmer daheim — neben der Küche, wo Mutter und -Schwester während ihrer Arbeit von ihm sprachen, laut, bekümmert, -mißbilligend. Er konnte jedes Wort verstehen — was wohl auch -beabsichtigt war. Oh, jeder Tag hier unten wurde ihm zu einem kostbaren -Gnadengeschenk. Endlich, endlich hatte er Frieden, konnte arbeiten, -arbeiten.</p> - -<p>Die Nachmittage brachte er in Museen und Bibliotheken zu. Doch in der -Dämmerung, so oft er meinte, daß es anging, schaute er zu den beiden -Malerinnen hinauf in der Via Vantaggio und trank den Tee bei ihnen.</p> - -<p>Gewöhnlich waren sie beide daheim. Mitunter traf er andere Gäste — -Heggen und Ahlin sogar sehr häufig. Zweimal hatte er Jenny allein -angetroffen und einmal nur Franziska.</p> - -<p>Sie hielten sich immer in Jennys Zimmer auf.<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Dort war es warm und -gemütlich, obgleich die Fenster offen standen, bis der letzte blaue -Abendschein erloschen war.</p> - -<p>Es glühte und knisterte im Ofen und der Wasserkessel summte auf dem -Spiritusapparat. Helge kannte jetzt jeden Gegenstand im Raume — die -Studien und Photographien an den Wänden, die blumengefüllten Vasen, das -blaue Teeservice, den Bücherständer neben dem Bett und die Staffelei -mit Franziskas Bild. Ein wenig unordentlich sah es hier immer aus, -der Tisch vorm Fenster war bedeckt mit Tuben und Farbenkästchen, -Skizzenbüchern und fliegenden Blättern. Jenny schob mit dem Fuße -Pinsel und Malerlumpen, die auf dem Boden umherlagen, unter den Tisch, -während sie damit beschäftigt war, den Teetisch zurechtzumachen. Häufig -lagen Nähzeug und halbfertig gestopfte Strümpfe auf dem Sofa, die sie -beiseite räumte, wenn sie sich niedersetzte, um Keks zu streichen. -Dann erhob sie sich wieder, und stellte ein Spirituslämpchen an seinen -Platz, das immer irgendwo im Zimmer herumstand.</p> - -<p>Unterdes pflegte er mit Franziska in der Ofenecke zu sitzen und zu -erzählen. Es geschah auch, daß Cesca plötzlich die Idee hatte, häuslich -zu sein; Jenny sollte sich setzen und feiern. Jenny wollte es nicht -zugeben, aber Cesca räumte auf wie ein Wirbelwind und verstaute alle -umherliegenden Kostbarkeiten an Orten, wo Jenny sie niemals wiederfand. -Zuletzt klopfte sie fehlende Reißzwecken in die schief hängenden -Bilder, die sich auf den Wänden zusammenrollten, wobei sie ihren -eigenen Schuh als Hammer benutzte.</p> - -<p>Gram konnte nicht recht klug aus Franziska werden. Sie war immer -freundlich und liebenswürdig gegen ihn, niemals aber so von innen -heraus vertraulich wie an jenem Tage auf der Ponte Molle. Mitunter -schien sie so eigentümlich geistesabwesend — es war, als erfaßte sie -überhaupt nicht, was er sprach, obgleich sie freundlich antwortete. -Einige Male hatte er das Gefühl, als ob er sie ermüde. Fragte er, wie -es ihr ginge, so antwortete sie meist überhaupt nicht. Und als er -einmal ihr Bild<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> mit den Zypressen erwähnte, sagte sie, allerdings auf -eine sehr liebe Art:</p> - -<p>„Sie dürfen nicht böse sein, Gram, aber ich möchte nicht von meiner -Arbeit sprechen, solange sie nicht fertig ist, jedenfalls nicht jetzt.“</p> - -<p>Eine gewisse Ermunterung bedeutete es ihm, als er merkte, daß Bildhauer -Ahlin ihn nicht leiden konnte. Der Schwede sah also immerhin einen -Rivalen in ihm —. Im übrigen hatte er den Eindruck gewonnen, als ob -Franziska sich von Ahlin zurückgezogen hätte.</p> - -<p>Wenn er für sich allein war, malte Helge sich in Gedanken aus, was er -Cesca erzählen wollte und führte im Geiste lange Gespräche mit ihr. Er -sehnte sich danach, mit ihr zu sprechen wie an jenem Tage an der Ponte -Molle, er wollte ihr zum Dank für ihr Vertrauen von seinem eigenen -Leben berichten. Wenn er sie aber traf, so war er unsicher und nervös -und wußte nicht, wie er das Gespräch auf das lenken sollte, worüber -er zu sprechen wünschte. Er fürchtete, aufdringlich oder taktlos zu -erscheinen, etwas zu tun, wodurch er in ihren Augen verlieren könnte. -Sie fühlte seine Verlegenheit wohl und kam ihm zu Hilfe, verwickelte -ihn in einen Wortstreit, kicherte mit ihm, so daß es ihm ein Leichtes -wurde, auf den Neckton einzugehen und in ihr Lachen einzustimmen —. -Im Augenblick war er ihr dankbar, sie füllte leicht und behende alle -Pausen aus und half ihm, jedesmal, wenn er sich festgefahren hatte, -wieder weiter. Erst hinterher, zu Hause, empfand er die Enttäuschung. -Es war wieder nichts anderes gewesen als Geplauder über allerlei -muntere Nichtigkeiten.</p> - -<p>War er aber mit Jenny allein, so wurde immer ein vernünftiges -Gespräch über solide Dinge geführt. Hin und wieder fand er diese -ernsten Diskussionen über abstrakte Materien etwas ermüdend. Aber -häufig liebte er auch diese Unterhaltungen, weil das Gespräch von -allgemeinen Verhältnissen auf seine persönlichen überging. Nach und -nach erzählte er ihr sehr viel von sich selber, von seiner Arbeit, den -Schwierigkeiten, die sich ihm nach<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> seiner Ansicht in äußeren Umständen -wie in seinem eigenen Wesen entgegenstellten. Daß Jenny Winge nicht von -sich selbst sprach, merkte er kaum, wohl aber, daß sie es vermied, das -Problem Franziska mit ihm zu erörtern.</p> - -<p>Es fiel ihm auch nicht auf, daß er so wie mit Jenny niemals mit -Franziska würde reden können, die ihn für weit weit bedeutender, -stärker und sicherer halten würde, als er in seinen eigenen Augen war —.</p> - -<p class="mtop2">Weihnachtsabend waren sie alle im Verein gewesen und gingen darauf zur -Mitternachtsmesse in die S. Luigi dei Franchesi.</p> - -<p>Helge fand die Messe zuerst sehr stimmungsvoll. In der ganzen Kirche -herrschte Halbdunkel trotz der schimmernden Kristallkronen, die -freilich hoch oben unter der Decke schwebten. Die Altarwand war ein -einziges Lichtmeer, aus dem weichen, goldenen Schein unzähliger -Wachslichter zusammenfließend. Chorgesang und Orgelton zitterten -gedämpft durch den Kirchenraum. — Er saß neben einer schönen -Italienerin, die einem sammetgefütterten Juwelenkästchen einen -Rosenkranz aus Lapislazuli entnahm und in ein andächtiges Gebet versank.</p> - -<p>Nach einer kurzen Zeit aber begann Franziska halblaut zu murren. Sie -saß mit Jenny auf der Bank vor ihm.</p> - -<p>„Ach Jenny, wir wollen gehen. Ist das vielleicht Weihnachtsstimmung? -Das ist ja nur ein gewöhnliches Konzert. Hör doch den Burschen, der -jetzt singt; ganz ohne Ausdruck, die Stimme ist obendrein überschrieen. -Pfui!“</p> - -<p>„Still, Cesca, denk daran, daß wir in einer Kirche sind.“</p> - -<p>„Kirche — pah. Dies hier ist ja ein Konzert — wir mußten sogar -Eintrittskarten und Programme haben. Greuliches Konzert — es nimmt mir -die ganze Laune.“</p> - -<p>„Ja, ja, wir gehen, wenn diese Nummer zu Ende ist. Schweig jetzt aber, -solange wir noch hier sind.“</p> - -<p>„Nein,“ plauderte Cesca, „Sylvester im vorigen Jahre. Ich war in Gesu -— da war Stimmung. <span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">Te Deum.</span><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Ich kniete neben einem alten -Bauern aus der Campagna und einem jungen Mädchen, das krank war — und -so schön. Alle Menschen sangen, der alte Bauer konnte das ganze <span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">Te -Deum</span> auf Lateinisch. Das war stimmungsvoll!“</p> - -<p>Während sie sich leise einen Weg durch die überfüllte Kirche bahnten, -erklang das Ave Maria durch den Raum.</p> - -<p>„Ave Maria,“ Franziska blies verächtlich durch die Nase. „Hört ihr -nicht, sie denkt überhaupt nicht an das, was sie singt — wie ein -Phonograph. Ich ertrage es nicht, wenn solche Musik derartig mißhandelt -wird.“</p> - -<p>„Ave Maria,“ sagte ein Däne, der neben ihr ging. „Ich erinnere mich da -einer jungen norwegischen Dame — wie sang sie es doch herrlich. Ein -Fräulein Eck.“</p> - -<p>„Berit Eck — kennen Sie die, Hjerrild?“</p> - -<p>„Sie war vor zwei Jahren in Kopenhagen und sang mit Ellen Bech dort. -Ich kannte sie ziemlich genau. Sie kennen sie auch, Fräulein Jahrmann?“</p> - -<p>„Meine Schwester war mit ihr bekannt,“ sagte Franziska. „Richtig, Sie -trafen doch meine Schwester Borghild in Berlin. Mögen Sie Fräulein Eck -— Frau Herrmann heißt sie jetzt übrigens?“</p> - -<p>„Sie war ein ganz reizendes Mädchen — entzückend. Und ungewöhnlich -begabt.“</p> - -<p>Franziska blieb mit Hjerrild zurück.</p> - -<p class="mtop2">Es war verabredet, daß Heggen, Ahlin und Gram bei den Damen zu Abend -essen sollten — Franziska hatte eine Weihnachtskiste von zu Hause -bekommen. Man hatte norwegischen Weihnachtskäse auf den Tisch gebracht, -der mit Tausendschön aus der Campagna und Kerzen in siebenarmigen -Leuchtern geschmückt war.</p> - -<p>Franziska trat als letzte ein und hatte den Dänen mitgebracht.</p> - -<p>„Ist es nicht nett, Jenny — daß Hjerrild mit kam?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> - -<p>Es stellte sich heraus, daß es sowohl Bier wie auch Genfer Likör zu -Tisch gab. Und norwegische Butter, braunen Käse und kalten Auerhahn, -Sülze und Räucherschinken.</p> - -<p>Franziska hatte neben Hjerrild Platz genommen, und sobald das Gespräch -am Tisch sich belebte, wandte sie sich an ihn.</p> - -<p>„Kennen Sie den Pianisten Herrmann, mit dem Fräulein Eck sich -verheiratet hat?“</p> - -<p>„Ja, sehr gut. Ich habe in einem Pensionat mit ihm gewohnt, in -Kopenhagen, und jetzt in Berlin traf ich ihn wieder.“</p> - -<p>„Wie finden Sie ihn?“</p> - -<p>„Er ist ein netter Mensch. Ungeheuer begabt — er schenkte mir seine -letzten, nach meiner Meinung äußerst originellen Kompositionen. Ja. Ich -mag ihn recht gut leiden.“</p> - -<p>„Haben Sie die Kompositionen mit? Darf ich sie nicht einmal sehen? -Ich würde gern in den Verein gehen und sie durchspielen. Wir waren in -früheren Zeiten befreundet,“ sagte Franziska.</p> - -<p>„Richtig! Jetzt entsinne ich mich. Er besitzt Ihre Photographie! Er -wollte mir nicht erzählen, wer es war.“</p> - -<p>„Ja, das stimmt,“ sagte Franziska leise. „Er bekam wohl einmal ein Bild -von mir, glaube ich.“</p> - -<p>„Im übrigen —“ Hjerrild leerte sein Glas — „ist er ein wenig zu -brutal, kann unglaublich rücksichtslos sein. Aber — vielleicht ist es -eben das, was ihn bei den Frauen unwiderstehlich macht. Mir persönlich -war er mitunter etwas zu sehr — Prolet.“</p> - -<p>„Eben das ist es.“ Sie suchte nach Worten. „Das bewunderte ich gerade -so an ihm. Daß er sich von unten herauf durchgekämpft hatte zu dem, was -er jetzt ist. So ein Kampf <em class="gesperrt">muß</em> brutal machen, finde ich. Ja — -meinen Sie nicht, es entschuldigt sehr viel — fast alles?“</p> - -<p>„Halt, Cesca,“ sagte Heggen plötzlich: „Hans Herrmann wurde entdeckt, -als er dreizehn Jahre alt war — und seitdem hat man ihm geholfen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> - -<p>„Ja — aber fremde Hilfe annehmen — und für alles danken müssen! Immer -fürchten müssen, nicht genug beachtet, übersehen, <em class="gesperrt">daran erinnert</em> -zu werden, daß er — nun wie Hjerrild sagte, ein Proletarierkind war.“</p> - -<p>„Ich kann auch darauf pochen, daß ich ein Proletarierkind bin.“</p> - -<p>„Nein, das kannst du nicht, Gunnar. Du bist immer erhaben über deine -Umgebung gewesen, dessen bin ich sicher. Wenn du in einen Kreis -kamst, der in sozialer Hinsicht höher stand als der, in welchem -du geboren bist — so warst du auch dort schon der Ueberlegene, -wußtest mehr, warst klüger, dachtest vornehmer. Du hast immer in dem -starken Bewußtsein leben dürfen, daß du dir alles selbst erkämpft und -erarbeitet hast. — Du warst niemals gezwungen, anderen Menschen zu -danken, von denen du wußtest, daß sie vielleicht auf dich herabsahen -um deiner Herkunft willen — Snobs, die sich etwas darauf zugute -taten, einer Begabung hilfreiche Hand zu leisten, von deren Größe sie -keinen Dunst hatten, die dir innerlich unterlegen waren und glaubten, -über dir zu stehen; du brauchtest niemandem zu danken, gegen den du -keine Dankbarkeit empfandest. Du kannst nicht von den Gefühlen des -Proletariers reden, Gunnar. Du hast ja niemals gewußt, was das heißt.“</p> - -<p>„Ein Mensch, Cesca, der solche Hilfe annimmt — von Leuten, -denen gegenüber er Dankbarkeit nicht empfinden kann — ist ein -unverbesserliches Individuum der Unterklasse.“</p> - -<p>„Aber begreifst du denn das nicht, Junge? Man handelt so, wenn -man weiß, daß man Talent hat, vielleicht ein Genie ist, das nach -Entwicklung verlangt. Im übrigen, du: der du sagst, du seiest -Sozialdemokrat, du solltest nicht von Individuen der Unterklasse -sprechen, finde ich.“</p> - -<p>„Ein Mensch, der vor seinem eigenen Talent Achtung hat, prostituiert -es nicht. Und was den Sozialdemokraten betrifft: Sozialdemokratie, das -ist das Verlangen nach Gerechtigkeit. Aber die Gerechtigkeit fordert, -daß Leute von seiner Art unterdrückt, auf den Boden der<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> menschlichen -Gesellschaft niedergepreßt, mit Ketten und Peitschen niedergehalten -werden. Die tatsächliche, legitime Unterklasse muß gebändigt werden.“</p> - -<p>„Das ist ein eigentümlicher Sozialismus,“ lachte Hjerrild.</p> - -<p>„Es gibt keinen anderen — für reife Menschen. Ich rechne nicht mit -den hellen blauäugigen Kinderseelen, die da glauben, alle Menschen -seien gut und an dem Bösen sei die Gesellschaft schuld. Wären alle -Menschen gut, so wäre die soziale Gemeinschaft ein Paradies. Die -Proletarierseelen sind es aber gerade, die das Schlechte hineintragen. -Sie sind in allen Gesellschaftsklassen zu finden: sind sie die Herren, -so sind sie grausam und brutal; dienen sie, so sind sie kriechend -und heuchlerisch und faul. Ich habe genug von dieser Sorte in den -Reihen der Sozialdemokraten angetroffen. — Ja, Herrmann rechnet sich -ja auch zu den Sozialisten. Wenn sie ein Paar Hände finden, die sie -vorwärtsbringen wollen, so nehmen sie die Hilfe an, um hinterher auf -diesen selben Händen herumzutrampeln. Wittern sie einen Trupp, der -vorwärtsmarschiert, so schließen sie sich ihm an, um Teil an der Beute -zu haben — Loyalität aber, Kameradschaftsgefühl, das besitzen sie -nicht. Das Ziel — sie verlachen es insgeheim. Die Gerechtigkeit — -sie hassen sie im Grunde, denn sie wissen ja, wenn sie siegt, so geht -es ihnen übel. — Alle, die die Gerechtigkeit fürchten, nenne ich -eben das legitime Proletariat, das bekämpft werden muß, schonungslos. -Hat es Macht über die Armen und Schwachen, so quält und tyrannisiert -es sie und macht auch sie zu Proletariern. Ist es selber arm und -schwach, so kämpft es nicht — nein, es bettelt und heuchelt sich -vorwärts und überfällt jeden hinterrücks, wenn es seinen Vorteil -darin erblickt. — Das Ziel muß eine Gemeinschaft sein, in welcher -die Oberklassenindividuen die Führer sind. Denn diese kämpfen niemals -für sich selbst, sie sind sich ihrer eigenen unerschöpflichen Quellen -wohl bewußt, sie verschwenden sie an die Armen, kämpfen um Licht und -Luft für jedes schwache Zeichen von Gutem und Schönem, das sich bei -den<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> kleinen Seelen zeigt, die weder das eine noch das andere sind, -gut, wenn sie sichs leisten können, schlecht, wenn das Proletariat -sie dazu zwingt. Das Ziel ist, daß diejenigen zur Macht gelangen, die -ein Verantwortungsgefühl haben für jede kleinste gute Regung, die -unterdrückt wird.“</p> - -<p>„Du verstehst trotzdem Hans Herrmann nicht,“ sagte Franziska leise. -„Er war nicht nur um seiner selbst willen aufgebracht über das soziale -Unrecht. Die kleinen guten Seelen, die untergingen — <em class="gesperrt">er</em> war es, -der von ihnen sprach, oh ja. Wenn wir einen Spaziergang nach dem Osten -der Stadt machten und die kleinen blassen Kinder in den häßlichen, -trüben, überfüllten Kasernen sahen, die er, wie er sagte, am liebsten -in Brand stecken würde.“</p> - -<p>„Phrasen. Wenn er die Hausmiete zu bekommen hätte —.“</p> - -<p>„Pfui, Gunnar,“ sagte Franziska heftig.</p> - -<p>„Ja, ja, er wäre eben kein Sozialist gewesen, wenn er reich geboren -wäre. Aber ein ebenso unverfälschter Proletarier.“</p> - -<p>„Bist du dessen so sicher, daß du Sozialdemokrat gewesen wärst?“ sagte -Franziska — „wenn du — nun als Graf zum Beispiel geboren wärest?“</p> - -<p>„Heggen <em class="gesperrt">ist</em> ein Graf,“ lachte Hjerrild, „über viele luftige -Schlösser.“</p> - -<p>Heggen warf den Kopf nach hinten und schwieg einen Augenblick.</p> - -<p>„Ich habe jedenfalls niemals das Gefühl gekannt, arm geboren zu sein,“ -sagte er, mehr für sich.</p> - -<p>„Nun ja,“ ließ sich Hjerrild vernehmen. „Um auf Herrmanns Kinderliebe -zurückzukommen — um seinen eigenen kleinen Jungen kümmert er sich -nicht viel. Und die Art und Weise, wie er sich gegen sie benahm, war -auch recht häßlich. Erst drohte und bettelte er, daß sie sein wurde -und als sie dann ein Kind bekommen sollte, mußte sie sicher drohen und -betteln, daß er sie heiratete.“</p> - -<p>„Haben sie einen kleinen Jungen?“ flüsterte Franziska.</p> - -<p>„Ja ja. Der kam, als sie sechs Wochen miteinander verheiratet waren — -gerade in den Tagen, als ich Berlin<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> verließ. Herrmann war nach Dresden -gereist und hatte sie im Stich gelassen, nachdem sie einen Monat -zusammen gehaust hatten. Ich begreife nicht, warum er sie nicht etwas -früher heiraten konnte. Es war ja abgemacht, daß sie wieder geschieden -werden sollten und sogar ihr eigener Wille.“</p> - -<p>„Pfui!“ sagte Jenny. Sie hatte dem Gespräch eine ganze Zeit gelauscht. -„Daß man hingeht und sich verheiratet mit dem Vorsatz, sich hinterher -wieder scheiden zu lassen!“</p> - -<p>„Herrgott.“ Hjerrild lachte ein wenig. „Wenn man einander außen und -innen kennt, und weiß, daß man nicht miteinander fertig wird.“</p> - -<p>„Dann muß man das Heiraten lassen.“</p> - -<p>„Gewiß. Der freie Zustand ist ja weit schöner. Aber Herrgott, sie -mußte ja. Sie will nächsten Herbst ein Konzert in Kristiania geben -und muß sehen, daß sie Gesangschüler bekommt. Das würde ihr aber als -unverheirateter Frau mit einem Kinde unmöglich sein. Armes Ding!“</p> - -<p>„Mag sein. — Aber ekelhaft ist es darum doch. Wenn Sie unter freien -Zuständen das verstehen, daß sich Leute miteinander einlassen, obgleich -sie genau wissen, sie werden einander überdrüssig, so habe ich dafür -kein Verständnis. Schon die Auflösung einer so ganz alltäglichen, -platonisch bürgerlichen Verlobung .... ich finde, schon daran haftet -immer ein Makel. Ist man aber einmal so unglücklich gewesen, sich zu -irren — dann um der Leute willen noch diese abscheuliche Komödie -spielen — eine blasphemische Trauung, wo man steht und Dinge gelobt, -die man im voraus entschlossen ist, nicht zu halten! ...“</p> - -<p class="mtop2">Die Gäste gingen erst beim Morgengrauen. Heggen blieb noch einen -Augenblick zurück, nachdem die anderen fort waren.</p> - -<p>Jenny öffnete die Balkontür um den Tabakrauch herauszulassen. Sie -blieb stehen und sah hinaus. Der Himmel war schon fahlgrau mit einem -schwachen rötlichgelben<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Schein über den Häuserdächern. Es war -schneidend kalt. — Heggen trat an ihre Seite:</p> - -<p>„Ich danke dir. So wäre also wieder einmal ein Weihnachtsabend dahin. -Worüber sinnst du nach?“</p> - -<p>„Daß jetzt der Weihnachtsmorgen anbricht. ... Ich möchte wissen, ob sie -zu Hause meine Kiste rechtzeitig bekamen,“ sagte sie nach einer Weile.</p> - -<p>„Sandtest du sie nicht am elften — dann ist sie wohl zur Zeit -angekommen.“</p> - -<p>„Hoffentlich. — Es war immer eine große Freude für uns, am -Weihnachtsmorgen hineinzukommen und den Baum und die Geschenke bei -Tageslicht zu besehen. Als ich noch klein war.“ Sie lachte leise. „Es -ist viel Schnee gefallen dieses Jahr, schreiben sie. Dann sind sie wohl -oben auf den Bergen heute, die Kinder.“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Heggen. Er schaute wie sie ein Weilchen in die Weite. -„Aber, du erkältest dich, Jenny. Gute Nacht also — und für den -heutigen Abend vielen Dank.“</p> - -<p>„Gute Nacht. Fröhliche Weihnachten, Gunnar!“</p> - -<p>Sie reichten einander die Hände. Nachdem er gegangen, blieb sie noch -ein wenig stehen, ehe sie die Balkontür schloß und ins Zimmer trat.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_VII">VII.</h3> - -</div> - -<p>Eines Tages — es war in der Weihnachtswoche — kam Gram in eine -Trattoria, wo auch Jenny und Heggen saßen. Sie sahen ihn jedoch nicht, -und während er seinen Mantel an den Nagel hängte, hörte er Heggen sagen:</p> - -<p>„Er ist weiß Gott ein gefährlicher Bursche.“</p> - -<p>„Ja, abscheulich,“ seufzte Jenny.</p> - -<p>„Und dann verträgt sie das nicht, Teufel auch! In diesem -<span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">scirocco</span> — morgen ist sie natürlich wieder ganz entkräftet. Ans -Arbeiten denkt sie wohl auch nicht und treibt sich nur mit diesem Kerl -herum.“</p> - -<p>„Nein, arbeiten? Aber ich kann doch nichts dazu tun. Sie marschiert -gern von hier nach Viterbo mit<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> ihm, in ihren kleinen, dünnen -Lackschuhen trotz <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">scirocco</span> und allem, nur weil der Mensch ihr -von Hans Herrmann erzählen kann.“</p> - -<p>Gram grüßte im Vorübergehen. Jenny und Heggen machten eine Bewegung, -als erwarteten sie, daß er sich zu ihnen setzen sollte. Er tat jedoch, -als sähe er nichts und ließ sich weiter oben im Lokal an einem Tisch -nieder, den Rücken ihnen zugekehrt.</p> - -<p>Er verstand, daß sie von Franziska sprachen.</p> - -<p class="mtop2">Beinahe täglich ging er hinauf zur Via Vantaggio. Er konnte es nicht -unterlassen. Jetzt saß Jenny fast immer allein zu Hause und nähte oder -las. Es schien, als freute sie sich, wenn er kam. Im übrigen fand er, -daß sie sich in letzter Zeit ein wenig verändert hatte. Sie war nicht -mehr so keck und sicher in ihren Aeußerungen, nicht mehr so aufgelegt -zum Diskutieren und Dozieren. Sie schien traurig. Eines Tages fragte -er, ob sie sich nicht wohl fühle.</p> - -<p>„Wohl — oh doch. Wieso?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht recht — ich finde, Sie sind so still geworden, -Fräulein Winge.“</p> - -<p>Sie hatte eben die Lampe angezündet, so daß er sehen konnte, daß sie -errötete.</p> - -<p>„Ich werde vielleicht bald nach Hause reisen müssen. Meine Schwester -hat Lungenspitzenkatarrh bekommen, und Mama ist so unglücklich.“ Sie -schwieg einen Augenblick. „Und da bin ich freilich etwas betrübt. -Wo ich doch so gern hier bleiben wollte — jedenfalls den Frühling -hindurch.“</p> - -<p>Sie nahm ihr Nähzeug zur Hand und begann zu arbeiten.</p> - -<p>Helge grübelte darüber nach, ob Gunnar Heggen der Anlaß sei — er -war sich niemals darüber klar geworden, ob zwischen den beiden etwas -spielte. Zurzeit war Heggen, der, wie Helge gehört hatte, ein ziemlich -leicht entzündbares Herz haben sollte, für eine junge dänische -Krankenschwester entflammt, die sich als Pflegerin einer alten<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Dame in -Rom aufhielt. — Jennys Erröten fand er so merkwürdig, es war ihm so -neu an ihr.</p> - -<p>An diesem Abend kam Franziska heim, ehe er ging. Er hatte sie seit -Weihnachten wenig zu Gesicht bekommen und er wußte nun, daß er ihr -vollkommen gleichgültig war. Von Launen oder kindischer Ungezogenheit -konnte keine Rede mehr sein. Es war, als <em class="gesperrt">sähe</em> sie andere -Menschen nicht mehr — irgend etwas erfüllte sie vollständig. Mitunter -ging sie umher wie eine Nachtwandlerin.</p> - -<p>Er fuhr dennoch fort, Jenny aufzusuchen, entweder in der Trattoria, wo -sie zu speisen pflegte, oder daheim auf ihrem Zimmer. Er wußte selber -kaum, warum er es tat. Es war ihm aber, als verlange ihn danach, sie zu -sehen.</p> - -<p>An einem Nachmittag ging Jenny in Franziskas Zimmer, um nach -einer Terpentinflasche zu suchen. Da lag Franziska auf ihrem -Bett und erstickte ihr Schluchzen in den Kissen. Sie mußte sich -heraufgeschlichen haben, Jenny hatte sie nicht kommen hören.</p> - -<p>„Aber liebes Kind — was ist geschehen? Bist du krank?“</p> - -<p>„Nein, geh nur, Jenny — liebe Jenny, geh. Nein, ich kann es dir nicht -sagen; du sagst ja doch nur, es sei meine eigene Schuld.“</p> - -<p>Jenny sah ein, daß es ihr nichts nützte, mit ihr zu reden. — Doch -am Abend, als sie im Bett lag und las, schlüpfte Franziska plötzlich -herein — im Nachthemd. Ihr Gesicht war rotfleckig und geschwollen vom -Weinen.</p> - -<p>„Darf ich heute Nacht bei dir schlafen, Jenny, ich kann nicht allein -sein.“</p> - -<p>Jenny machte Platz. Sie schwärmte nicht für diese Sitte, aber Franziska -pflegte zu kommen und zu bitten, bei ihr schlafen zu dürfen, wenn sie -ganz unglücklich war.</p> - -<p>„Nein, lies nur Jenny — ich werde dich nicht stören, ich liege ganz -still an der Wand.“</p> - -<p>Jenny tat, als lese sie eine Weile. Franziska schluchzte ab und zu -trocken auf. Dann fragte Jenny:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> - -<p>„Kann ich das Licht löschen, oder willst du lieber, daß es brennt?“</p> - -<p>„Lösch es nur!“</p> - -<p>Im Dunkeln schlang sie die Arme um Jenny und erzählte schluchzend.</p> - -<p>Sie war mit Hjerrild wieder in der Campagna gewesen. Da hatte er -sie dann geküßt. Erst hatte sie nur ein wenig gescholten, da sie -geglaubt, es wäre ein Scherz. „Aber dann wurde er verletzend in seiner -Zudringlichkeit. Und schließlich wollte er, daß ich heute Nacht mit -in sein Hotel gehen sollte. Er sagte es so, als lade er mich in eine -Konditorei ein. Da wurde ich rasend, und auch er wurde zornig. Darauf -sagte er mir dann einige gemeine, ekelhafte Dinge ins Gesicht.“ Sie -lag einen Augenblick still da, im Fieber erschauernd. „Er sagte dann -— ja, du kannst dirs wohl denken — etwas von Hans. Hans hatte -von mir erzählt, als er Hjerrild mein Bild zeigte, so daß Hjerrild -glauben mußte ... Verstehst du es, Jenny,“ sie schmiegte sich dicht -an die andere, „ja, ich tue es nicht mehr — ich will mich nicht -länger an diesen Schuft hängen — Hans hatte natürlich nicht meinen -Namen genannt, weißt du,“ sagte sie nach einer Weile. „Und er konnte -selbstverständlich nicht ahnen, daß Hjerrild mir jemals begegnen und -mich nach der Photographie wiedererkennen würde, die gemacht wurde, als -ich achtzehn Jahre alt war.“</p> - -<p class="mtop2">Am siebzehnten Januar hatte Jenny Geburtstag. Sie und Franziska wollten -eine Gesellschaft geben, ein Mittagessen draußen in der Campagna, in -einer kleinen Osteria an der Via Appianuova. Sie hatten Ahlin, Heggen, -Gram und Fräulein Palm, die dänische Krankenschwester, eingeladen.</p> - -<p>Sie gingen paarweise von der Straßenbahnhaltestelle die weiße -Landstraße hinauf, die im Sonnenschein gebadet dalag. Der Frühling -wob in der Luft und die fahle, braune Campagna war von einem -graugrünen<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> Schimmer übergossen, all die Tausendschön, die den -ganzen Winter über ihr Blühen nicht eingestellt hatten, begannen -sich in silberschimmernden Teppichen auszubreiten. Auch die Büschel -ungeduldiger lichtgrüner Knospen auf den Hollundersträuchern längs der -Gitter waren größer geworden.</p> - -<p>Lerchen schwebten zitternd hoch oben in dem blauweißen Himmel. -Die Wärme hüllte alles ein — drinnen über der Stadt und über den -häßlichen rotgelben Häuserblocks, die über die Ebene verstreut waren, -lag der Dunst. Die Felsen der Albaner Berge mit den weißen Städtchen -schimmerten hinter den gewaltigen Bogenreihen der Aquaedukte durch den -Nebel.</p> - -<p>Jenny und Gram schritten voran, er trug ihren hellgrauen Staubmantel. -Sie war strahlend schön, in schwarze Seide gekleidet — er hatte sie -vorher nie anders gesehen als in dem grauen Kleid oder in Kostüm und -Bluse. Aber heute war es ihm, als ginge er mit einer neuen fremden Frau -dahin. Die Linie des schlanken Leibes war weich und rund in dem blanken -schwarzen Kleide, das oben in einem schmalen tiefen Viereck bis auf die -Brust ausgeschnitten war. Die Haut und das Haar hoben sich leuchtend -hell dagegen ab. Sie trug auch einen großen schwarzen Hut, mit dem -Helge sie früher schon gesehen hatte, ohne jedoch weiter darauf zu -achten. Sogar ihr rosa Perlenhalsband sah anders aus zu diesem Gewand.</p> - -<p>Man speiste draußen im Sonnenschein unter den nackten Weinranken, die -ein feines, bläuliches Schattennetz auf das Tischtuch zeichneten. -Fräulein Palm und Heggen hatten den Tisch mit Tausendschön geschmückt; -die Makkaroni waren lange fertig, und die anderen hatten warten müssen, -bis die beiden mit der Dekoration kamen. Doch das Essen war gut und -der Wein vorzüglich, die Früchte hatte Franziska selbst in der Stadt -ausgewählt und mit hinausgenommen, ebenso den Kaffee, den sie selbst -zubereiten wollte, darauf bestand sie, um sicher zu gehen, daß er auch -gut würde.</p> - -<p>Nach dem Essen gingen Heggen und Fräulein Palm umher und studierten die -Marmorstümpfe — Ueberreste<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> von Reliefs und Inschriften, die auf dem -Grundstück gefunden und in die Hauswand eingemauert waren. Kurz darauf -verschwanden sie um die Ecke. Ahlin blieb am Tisch in der Sonne sitzen -und rauchte mit halbgeschlossenen Augen.</p> - -<p>Die Osteria lag am Abhang eines Hügels. Gram und Jenny klommen aufs -Geratewohl die Böschung hinauf. Sie pflückte einige von den kleinen -wildwachsenden Ringelblumen, die aus dem rotgelben Sand des Abhangs -hervorlugten.</p> - -<p>„Von diesen gibt es viele auf dem Monte Testaccio. Sind Sie dort einmal -gewesen, Gram?“</p> - -<p>„Ja, öfter. Ich war vorgestern drüben, um den protestantischen Kirchhof -zu sehen. Die Kamelienbäume sind übersät mit Blüten. Und auf dem alten -Teile fand ich Anemonen im Gras.“</p> - -<p>„Ja, die kommen jetzt hervor.“ Jenny seufzte ein wenig. „Draußen -vor der Ponte Molle, irgendwo an der Via Cassia, gibt es eine Menge -Anemonen. Ich bekam von Gunnar heute früh blühende Mandelzweige — man -hat sie schon an der Spanischen Treppe. Sie sind aber sicher künstlich -zum Blühen gebracht worden.“</p> - -<p>Sie waren auf der Höhe angelangt und gingen über Feld. Jenny sah zur -Erde. Es sproß überall auf dem kurzen, struppigen Grasboden. Rosetten -von bunten Distelblättern und irgendwelchen großen silberfarbenen -Blättern standen und ließen sichs wohl sein in der Sonne. Jenny -und Gram schlenderten auf eine einsame Mauermasse zu, die sich aus -niedergestürztem Schutt mitten auf dem Anger erhob, formlos und -namenlos.</p> - -<p>Fahl, graugrün dehnte sich die Campagna rund um sie her in sanften -Wellen unter dem hellen Lenzhimmel mit den trillernden Lerchen. Ihre -Grenzen verloren sich im Dunst des Sonnenglanzes. Die Stadt dort -hinter ihnen wurde zu einer hellen Luftspiegelung, Felsen und Wolken -liefen ineinander, und die gelben Bögen der Aquädukte ragten aus dem -Lichtnebel, um nach der Stadt zu wieder zu verschwinden. Die zahllosen -Ruinen waren nur noch kleine schimmernde Mauerreste, im Grünen -verstreut,<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> während Pinien und Eukalyptusbäume vor den rosenroten und -ockergelben Häuschen grenzenlos einsam und düster und verlassen in dem -lichten Vorfrühlingstage standen.</p> - -<p>„Erinnern Sie sich des ersten Morgens, als ich hier unten war, Fräulein -Winge? Ich war enttäuscht und ich meinte, es käme von meiner großen -Sehnsucht und meinen heißen Träumen, deren Welt so reich war, daß die -Wirklichkeit fade und armselig erscheinen müßte. — Haben Sie einmal -an einem Sommertage mit geschlossenen Augen in der Sonne gelegen? -Schlägt man sie wieder auf und blickt umher, so erscheinen alle Farben -plötzlich grau und erloschen. Die Augen sind geschwächt und daher -außerstande, die Mannigfaltigkeit der Farben aufzufangen, die sich -ihrem ersten Blick darbietet. Der erste Eindruck ist unvollkommen und -kläglich. Verstehen Sie, was ich meine?“</p> - -<p>Jenny nickte vor sich hin.</p> - -<p>„Aehnlich ging es mir hier im Anfang. Rom überwältigte mich. Da sah -ich Sie — groß, licht und fern kreuzten Sie meinen Weg. Franziska -beachtete ich nicht sogleich, erst in der Trattoria fiel sie mir auf. -Ich kam in Ihren Kreis, zu lauter mir unbekannten Menschen — es -war das erste Mal, daß ich mit Fremden zusammen war. Die flüchtigen -Begegnungen daheim auf dem Wege zwischen Schule und Haus sind nicht zu -rechnen. Mich verwirrte das Neue einen Augenblick, ich glaubte, nie -mit Menschen reden zu können. Und da überfielen mich Gedanken an die -Heimat. Fast sehnte ich mich nach ihr und nach dem Rom, von dem ich -gehört und Bilder gesehen hatte. Sie wissen, mein Vater ...“ er lachte -kurz auf. „Ich hatte geglaubt, auf andere Art mich nicht zurechtfinden -zu können. Bilder betrachten, die andere gemalt, lesen, was andere -geschrieben hatten, die Arbeiten anderer enträtseln und ordnen und mit -erdichteten Menschen aus den Büchern leben — darin lag meine Welt und -mein Können. In Ihrem Kreis fühlte ich mich so grenzenlos verlassen -... Da hörte ich Sie vom Alleinsein sprechen. Und jetzt verstehe ich -Sie. Sehen Sie den Turm da<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> draußen? Dort war ich gestern. Es ist der -Ueberrest einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter, der Ritterzeit. -Eigentlich ist eine große Anzahl solcher Türme in der Umgebung wie -in der Stadt selbst erhalten. Man kann eine in die Fassadenreihe der -Straße eingebaute Hauswand fast ohne Fenster finden — das ist so ein -kümmerlicher Rest aus dem Rom der Raubritter. Von dieser Zeit weiß man -verhältnismäßig am wenigsten. Ich beginne jetzt, mich gerade hierfür am -meisten zu interessieren. Ich finde Namen verstorbener Menschen in den -Archiven — man kennt von ihnen häufig nicht viel mehr als den Namen. -Mich verlangt, mehr über sie zu erfahren. Ich träume von dem Rom des -Mittelalters — als sie in den Straßen kämpften und aus heißen, roten -Kehlen bluteten, als die Stadt voller Raubburgen war — auf denen sie -eingesperrt waren, ihre Frauen, Töchter dieser wilden Tiere, ihres -Stammes und Blutes — und es geschah, daß auch sie ausbrachen und ins -Leben hinausstürzten, das um die schwarzroten Mauern lockte. Herrgott, -welch’ ein Strom von Leben ist doch über dieses Land hinweggebraust! -Die Wellen brachen sich an jeder Felsenspitze, die Stadt und Burg -trug. Und dennoch erheben sich die Felsen über dem Ganzen nach wie -vor nackt und öde. Allein die endlosen Massen von Ruinen nur hier -draußen in der Campagna! Und die Berge von Büchern, die über Italiens -Geschichte geschrieben sind, ja über die ganze Weltgeschichte! Das -ganze Heer toter Menschen, das wir kennen. Wie bitter, bitterwenig ist -dennoch als Rest verblieben von all den Lebenswogen, die über die Welt -hinweggegangen sind, eine nach der anderen ... Ich finde aber eben das -so wunderbar! ... Nun habe ich so viel mit Ihnen gesprochen, Jenny. -Und Sie ebenso viel mit mir. Trotzdem aber kenne ich Sie ganz und gar -nicht. Wie Sie jetzt dort stehen — Sie sollten sich selber sehen! -Wie ihr Haar schimmert! So sind auch Sie ein solcher unbekannter Turm -für mich. Und das ist gerade das Wundersame. Haben Sie jemals darüber -nachgedacht, daß Sie niemals Ihr eigenes Antlitz gesehen haben? Nur<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> -ein Spiegelbild. Unser Gesicht, wenn es schläft, wenn es die Augen -schließt — das können wir niemals sehen. Ist das nicht seltsam? Damals -war mein Geburtstag. Heute ist es der Ihre. Sie werden achtundzwanzig. -Freuen Sie sich dessen? Sie finden ja, jedes Jahr, das man durchlebt -hat, ist kostbar.“</p> - -<p>„Das sagte ich nicht. Ich meinte nur, meist hat man in den ersten -fünfundzwanzig Jahren vieles durchzukämpfen, so daß man froh sein kann, -wenn sie überstanden sind —.“</p> - -<p>„Und jetzt?“</p> - -<p>„Jetzt —“.</p> - -<p>„Ja. Wissen Sie so sicher, was Sie im kommenden Jahre erreichen werden? -Wie Sie die Zeit am besten nützen? Das Leben ist so ungeheuer reich -an Möglichkeiten — nicht einmal Sie mit all Ihrem Reichtum an Kraft -können sich alles untertan machen. Denken Sie daran nie — beunruhigt -das niemals Ihr Herz, Jenny?“</p> - -<p>Sie lächelte nur, sah nieder und zertrat ein Zigarettenstümpfchen, -das sie hingeworfen hatte. Ihre Knöchel schimmerten weiß durch den -schwarzen, durchsichtigen Strumpf. Sie folgte mit den Augen einer -grauweißen Schafherde, die die Hügelböschung gerade ihnen gegenüber -hinablief.</p> - -<p>„Aber der Kaffee, Gram! Sie warten natürlich auf uns —“.</p> - -<p>Sie gingen nach der Osteria zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Der -Hügel lief in eine steile, sandige Böschung aus, die sich gerade über -dem Tisch, an dem sie gesessen hatten, erhob.</p> - -<p>Ahlin lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch, den Kopf auf den -verschränkten Armen. Das Tischtuch war bedeckt mit Käserinden und -Obstschalen zwischen Gläsern und Tellern.</p> - -<p>Franziska, im laubgrünen Kleide, stand über ihn gebeugt — die Arme um -seinen weißen Hals geschlungen — sie versuchte, seinen Kopf in die -Höhe zu heben:</p> - -<p>„Nicht weinen, Lennart! Ich will dir auch gut sein — ich will mich -gern mit dir verheiraten — hörst du,<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Lennart, aber du darfst nicht so -weinen. Ich glaube wohl, daß ich dich liebhaben kann, Lennart, — wenn -du nur nicht so verzweifelt sein wolltest.“</p> - -<p>Ahlin schluchzte:</p> - -<p>„Nein, nein — so nicht — so will ich nicht, Cesca —“.</p> - -<p class="mtop2">Jenny wandte sich um und ging denselben Weg zurück. Gram sah, daß sie -bis auf den Hals hinab von glühender Röte übergossen war. Der Fußpfad -führte am Hügelabhang hin in den Gemüsegarten der Osteria.</p> - -<p>Rund um das kleine Wasserbassin jagte Heggen Fräulein Palm. Sie -bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, daß die Tropfen in der Sonne -funkelten, während sie lachend aufschrie.</p> - -<p>Wieder floß tiefe Röte über Jennys Hals und Nacken. Helge folgte ihr -durch die Gemüsebeete. Heggen und Fräulein Palm schlossen drunten am -Bassin Frieden miteinander.</p> - -<p>„Der Reigen schließt sich,“ sagte Helge leise.</p> - -<p>Jenny nickte schwach und versuchte zu lächeln.</p> - -<p class="mtop2">Am Kaffeetisch herrschte keine rechte Stimmung. Franziska versuchte zu -plaudern, während sie am Likör nippten. Nur Fräulein Palm war guter -Laune. Sobald es irgend anging, schlug Franziska einen Spaziergang vor.</p> - -<p>So machten sich denn die drei Paare auf den Weg über die Campagna. Der -Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer, bis sie sich zwischen -den Hügeln verloren. Jenny ging mit Gram.</p> - -<p>„Wo wollen wir eigentlich hin?“ sagte sie.</p> - -<p>„Wir können ja zum Beispiel zur Egeriagrotte gehen.“ Diese lag gerade -in entgegengesetzter Richtung des Weges, den die anderen eingeschlagen -hatten. Sie schlenderten aber doch über die sonnenbeschienenen Hügel, -auf den Bosco sacro zu; — über den dunklen Kronen der uralten -Korkeichen glühte die Sonne.</p> - -<p>„Ich sollte wohl lieber den Hut aufsetzen.“ Jenny strich sich übers -Haar.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> - -<p>Im heiligen Haine war der Erdboden überdeckt mit Papierabfällen, er -strotzte von Unreinlichkeit. Auf einem Baumstumpf am Rande saßen zwei -Damen und häkelten, ein paar kleine Jungen spielten Verstecken hinter -den gewaltigen Stämmen. Jenny und Gram verließen den Hain und wanderten -den Hügel hinab der Ruine zu.</p> - -<p>„Eigentlich,“ sagte sie, „was wollen wir da unten,“ und setzte sich auf -den Abhang, ohne eine Antwort abzuwarten.</p> - -<p>„Nein, warum auch —“, Helge streckte sich in dem trockenen kurzen -Gras zu ihren Füßen aus. Er nahm den Hut vom Kopf und, sich auf die -Ellenbogen stützend, sah er zu ihr hinauf, ohne zu sprechen.</p> - -<p>„Wie alt ist sie eigentlich? —“ fragte er plötzlich leise. „Ich meine -Cesca.“</p> - -<p>„Sechsundzwanzig Jahre.“ Sie saß still da und sah in die Weite.</p> - -<p>„Ich bin nicht traurig,“ sagte er wieder leise. „Sie verstehen mich, -— vor einem Monat wäre es etwas anderes gewesen —. Sie war einmal so -lieb, so warm und vertrauensvoll zu mir. — Nun ja, Aufforderung zum -Tanz. Aber jetzt —. Ich finde sie sehr lieb. Aber es rührt mich nicht, -daß sie mit einem anderen tanzt.“</p> - -<p>Er betrachtete sie.</p> - -<p>„Ich glaube, Sie sind es, die ich liebe, Jenny,“ sagte er plötzlich.</p> - -<p>Sie wandte sich ihm halb zu, lächelte leise und schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Doch,“ sagte Helge bestimmt. „Ich glaube es. Genau weiß ich es nicht. -Ich habe ja niemals geliebt — das weiß ich jetzt. Trotzdem ich verlobt -gewesen bin“ — er lachte leise. „Ja, diese Dummheit beging ich einmal -in meiner frühesten Jugend —. Aber, mein Gott, Jenny — es muß wohl -wahr sein. <em class="gesperrt">Sie</em> waren es, die ich an jenem Abend sah — nicht -die andere. Ich sah Sie schon am Nachmittag, Sie gingen über den -Corso. Ich stellte Betrachtungen an über das Leben, fand es so neu und -abenteuerlich, da gingen Sie an mir vorüber, licht und<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> rank und fremd. -Später, nachdem ich in der Dunkelheit rund durch die fremde Stadt -geirrt war, traf ich Sie wieder. Oh ja, ich erblickte jetzt auch Cesca, -so daß es ja nicht weiter merkwürdig war, daß ich verwirrt wurde. Aber -zuerst sah ich doch Sie. — Und nun ist es so gekommen, daß wir beide -hier zusammensitzen —“.</p> - -<p>Ihre Hand, auf die sie sich stützte, lag auf dem Erdboden dicht neben -ihm. Plötzlich strich er darüber. Da zog sie sie zurück.</p> - -<p>„Sie sind doch nicht böse? Nein, denn warum auch. — Warum sollte ich -Ihnen nicht sagen dürfen, daß ich Sie liebe? Ich konnte nicht anders, -ich mußte Ihre Hand berühren, mußte fühlen, daß sie wirklich da war. -Wie seltsam, daß Sie hier sitzen. Ich kenne Sie ja gar nicht. Trotz -all dem, wovon wir gesprochen haben — ich weiß freilich, daß Sie klug -sind, klar und energisch, gut und wahrheitsliebend, aber das wußte ich -gleich, als ich Sie sah und Ihre Stimme vernahm. Mehr weiß ich jetzt -nicht — aber natürlich ist da noch vieles andere. Darüber erfahre ich -vielleicht niemals etwas. Aber ich kann zum Beispiel sehen, daß Ihr -seidenes Kleid glühend heiß ist — wenn ich mein Gesicht an Ihre Brust -legte, so würde ich mich verbrennen —“.</p> - -<p>Sie machte mit der Hand eine unwillkürliche Bewegung über ihren Schoß.</p> - -<p>„Ja, die Seide saugt die Sonne an sich. Es knistert in Ihrem Haar. -Drinnen in Ihren Augen funkeln die Lichtstrahlen auf. Ihr Mund ist ganz -durchsichtig — wie ein Kredenzbecher in der Sonne —.“</p> - -<p>Sie lächelte, sah jedoch ein wenig gequält aus.</p> - -<p>„Küssen Sie mich, Jenny —,“ bat er plötzlich.</p> - -<p>Sie betrachtete ihn eine Sekunde.</p> - -<p>„Aufforderung zum Tanz —?“ Sie lächelte weh.</p> - -<p>„Sie dürfen nicht böse werden, nur weil ich Sie um einen einzigen Kuß -bitte. An so einem Tage. Ich erzähle Ihnen doch nur, was ich wünsche. -Im Grunde ... weshalb könnten Sie es nicht tun?“</p> - -<p>Sie rührte sich nicht.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> - -<p>„Ist da denn irgend ein Grund — Herrgott, ich will ja nicht versuchen, -Sie zu küssen, aber ich verstehe nicht, warum Sie sich nicht eine -Sekunde herabbeugen und mir einen ganz, ganz kleinen Kuß geben können, -so wie Sie dort sitzen, mit der Sonne auf den Lippen — es ist ja -nur, als klopften Sie einem Jungen auf die Schulter und gäben ihm -einen Soldo. Jenny — für Sie ist es nichts weiter, und alles, was ich -wünsche, gerade in diesem Augenblick wünsche ich es so heiß —.“ Er -lächelte, während er sprach.</p> - -<p>Plötzlich beugte sie sich nieder ... Nur eine Sekunde spürte er ihr -Haar und ihren warmen Mund an seiner Wange. Jede Bewegung ihres -Körpers unter der schwarzen Seide konnte er sehen, als sie sich -niederbeugte und wieder aufrichtete. Er sah auch, daß ihr Antlitz, das -ruhig lächelte, als sie ihn küßte, hinterher ein wenig verwirrt und -erschrocken war.</p> - -<p>Aber er rührte sich nicht — lag nur und lächelte in die Sonne hinein. -Da wurde auch sie wieder ruhig.</p> - -<p>„Sehen Sie,“ sagte er schließlich und lachte. „Nun ist ihr Mund genau -wie früher. Die Sonne scheint auf die Lippen, bis hinein ins Blut. Was -bedeutete es Ihnen? Und ich bin so froh —. Sie begreifen wohl, daß ich -nicht erwarte, Sie sollen weiter an mich denken. Ich möchte nur an Sie -denken dürfen. — Setzen Sie sich nur still hin und denken Sie an alle -möglichen Dinge. Die anderen tanzen Reigen, aber dies hier ist weit -köstlicher — wenn ich Sie nur ansehen darf.“</p> - -<p>Sie schwiegen beide. Jenny hatte das Gesicht abgewandt und sah über die -sonnige Campagna hinaus.</p> - -<p>Während sie zur Osteria zurückgingen, plauderte er leicht und munter -von allen möglichen Dingen, erzählte Geschichten von den deutschen -Gelehrten, mit denen er bei seiner Arbeit zusammengetroffen war. Jenny -lugte ab und an verstohlen zu ihm auf. Er war so anders als sonst, -so frei und sicher. Er schaute im Gehen geradeaus; eigentlich war er -schön; die hellbraunen Augen glänzten wie Bernstein in der Sonne.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p> - -<h3 id="I_VIII">VIII.</h3> - -</div> - -<p>Jenny zündete die Lampe nicht an, als sie heimgekehrt war. Im Dunkeln -griff sie nach ihrem Abendmantel und setzte sich auf den Balkon hinaus.</p> - -<p>Der Himmel erhob sich über den Dächern wie schwarzer Sammet, von dem -Gewimmel funkelnder Sterne durchwoben. Die Nacht war kalt.</p> - -<p>Er hatte gesagt, als sie sich trennten:</p> - -<p>„Ich komme morgen zu Ihnen hinauf, um Sie zu fragen, ob sie mit mir in -die Campagna fahren wollen —.“</p> - -<p>In Wirklichkeit war ja nichts geschehen. Sie hatte ihn geküßt. Es war -aber der erste Kuß, den sie einem Manne gegeben hatte. Und es war ganz -anders gekommen, als sie es sich gedacht —. Fast wie ein Scherz war es -gewesen — dieser Kuß.</p> - -<p>Sie liebte ihn keineswegs. Und hatte ihn doch geküßt. Sie hatte -gezaudert und gedacht: ich habe nie geküßt —. Doch da glitt -gewissermaßen eine fröhliche Gleichgültigkeit und süße Müdigkeit durch -ihren Körper; ach Gott, warum dies alles so lächerlich feierlich -nehmen. Sie tat es eben — warum sollte sie auch nicht —.</p> - -<p>Nein, es machte ja nichts. Er hatte ja doch ganz ehrlich darum gebeten, -weil er glaubte, er wäre verliebt in sie und weil die Sonne schien. -Er hatte sie nicht darum gebeten, ihn zu lieben — nichts hatte er -verlangt außer einem harmlosen Kuß. Und sie hatte ihn hingegeben, -schweigend. Das alles war schön gewesen. Da war nichts geschehen, um -dessentwillen sie sich hätte schämen müssen.</p> - -<p>Herrgott — achtundzwanzig Jahre war sie geworden. Sie verhehlte es -sich selbst auch nicht, daß sie sich nach einem Manne sehnte, den sie -liebte und der sie lieb hatte, an den sie sich fest anschmiegen konnte. -Jung war sie, gesund und schön — warm war sie und voller Sehnsucht -—. Aber da sie mit kalten Augen sah, und sich selber niemals etwas -vorzulügen pflegte ...</p> - -<p>Sie war dem einen oder anderen Manne begegnet und hatte sich gefragt: -ist es dieser? Diesen oder jenen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> hätte sie vielleicht lieben können, -wenn sie wirklich gewollt hätte — wenn sie nachgeholfen und die -Ohren der leisen Stimme verschlossen hätte, die immer da war — und -die einen hartnäckigen Widerspruch in ihr erweckte, den sie hätte -betäuben müssen. Aber keinen hatte sie getroffen, den sie hätte lieben -<em class="gesperrt">müssen</em>.</p> - -<p>So hatte sie es nicht gewagt —.</p> - -<p>Cesca freilich vermochte es zu ertragen, daß einer nach dem anderen sie -küßte und sie umschmeichelte. Ihr machte es nichts aus. Es berührte nur -ihre Lippen und ihre Haut. Nicht einmal Hans Herrmann, den sie doch -liebte, konnte ihr merkwürdig dünnes, erstarrtes Blut erwärmen.</p> - -<p>Sie selbst war anders. Ihr Blut war rot und warm. Das Glück, nach -dem sie sich sehnte, sollte heiß und verzehrend sein, aber rein und -fleckenfrei. Sie selbst wollte gut und treu und ehrlich gegen den sein, -dem sie sich hingab. Es mußte einer kommen, der sie ganz hinnehmen -konnte, so daß keine Regung in ihr unberührt blieb und irgendwo tief -drinnen verkam und vergiftet wurde —. Nein — sie wagte es nicht, -wollte nicht leichtsinnig sein. Sie nicht —.</p> - -<p>Dennoch — sie konnte die Menschen begreifen, die der Mühe des Wollens -aus dem Wege gingen. Einen Trieb bezähmen und ihn schlecht nennen, -einen anderen aber großziehen und ihn gutheißen. Allen kleinen billigen -Freuden entsagen, seine Kräfte aufsparen in Erwartung einer großen -Freude. Die <em class="gesperrt">vielleicht</em> — vielleicht niemals kam. Sie war -sich durchaus nicht gewiß, daß ihr Weg zu ihrem Ziele führte, daß es -ihr nicht doch einmal Eindruck machen könnte, wenn Menschen zynisch -einräumten, keinen bestimmten Weg zu gehen und keine Ziele zu haben, -während diejenigen, die sich an die Moral und ihre Ideale hielten, nach -dem Monde im Wasser fischten.</p> - -<p>Auch sie hatte es einst erlebt, vor vielen Jahren, daß ein Mann sie -in einer Nacht bat, mit ihm nach Hause zu gehen — ungefähr so, als -hätte er sie eingeladen,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> ihn in eine Konditorei zu begleiten. In -Wirklichkeit reizte es sie wohl gar nicht — außerdem wußte sie, Mama -saß oben und wartete auf sie, so daß es völlig unmöglich war. Auch -kannte sie den Menschen kaum, mochte ihn nicht leiden und war obendrein -ärgerlich, daß er sie an diesem Abend nach Haus begleiten wollte. -Sie hatte kein sinnliches Empfinden dabei, nur eine intellektuelle -Neugierde trieb sie dazu, in Gedanken einen Augenblick mit der Frage zu -experimentieren: <em class="gesperrt">Wenn</em> ich es nun täte? Was würde ich empfinden, -wenn ich Willen und Selbstbeherrschung und meinen alten Glauben über -Bord würfe? —</p> - -<p>Es war nur dieser Gedanke, der einen aufreizenden, wollüstigen Schauder -durch ihren Körper gejagt hatte. War dieses Leben besser als ihr -eigenes —?</p> - -<p>Denn mit ihrem eigenen war sie ja an diesem Abend nicht zufrieden. -Sie hatte wieder dagesessen und dem Tanz der anderen zugeschaut — -Wein hatte sie auch getrunken, die Musik umtoste sie, und sie hatte -gesessen und die bittere Einsamkeit gefühlt, zu der sie, so jung noch, -verdammt war, weil sie ja nicht tanzen, nicht die Sprache der übrigen -Jugend sprechen, nicht in ihr Lachen einstimmen konnte — dabei hatte -sie noch versucht, zu lächeln und zu plaudern und sich wieder den -Anschein zu geben, als unterhielte sie sich gut. Während sie dann in -der eiseskalten Frühlingsnacht heimging, dachte sie daran, daß sie am -nächsten Morgen um acht Uhr eine Vertretung in der Kampfschen Schule -übernehmen mußte. Sie arbeitete an ihrem großen Bilde, und es war immer -noch so tot und schwerfällig, wie sie sich auch mühte und abarbeitete -— in den freien Stunden, bis um sechs Uhr ihre Privatschülerinnen zum -Mathematikunterricht kamen. — Sie arbeitete hart zu jener Zeit, so daß -sie manchmal das Gefühl hatte, als zittere jeder Nerv vor Ueberspannung -— und doch hielt sie in dieser bewußten Ueberanstrengung aus bis zu -den Sommerferien.</p> - -<p>Und da hatte sie sich einen Augenblick gewissermaßen von seinem -Zynismus angezogen gefühlt — wohl nur<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> einen Augenblick — aber ... -Sie hatte zu dem Menschen aufgelächelt und Nein gesagt, so trocken und -geradezu, wie er gefragt hatte.</p> - -<p>Er war übrigens ein Narr, denn nun begann er, ihr Predigten zu halten -— flaue Komplimente, sentimentalen Unsinn von Jugend und Lenz, dem -Recht der Leidenschaft und dem Evangelium des Blutes. Sie lachte ihn -ganz ruhig aus und rief eine vorüberfahrende Droschke herbei.</p> - -<p>Oh nein, sie war reif genug, um die begreifen zu können, die sich -brutal weigerten, für irgend etwas im Leben zu kämpfen, und sich -statt dessen niederlegten und vom Strome treiben ließen —. Aber die -Grünschnäbel, die davon faselten, eine Mission zu erfüllen, wenn sie -sich nach ihrem Geschmack amüsierten — diese Jugend, die für das ewige -Recht der Natur zu kämpfen vorgab, während sie es nicht der Mühe wert -hielt, ihre Zähne zu putzen und ihre Nägel zu reinigen — die konnte -sie nicht irreführen.</p> - -<p>Es war wohl am besten für sie, an ihrer eigenen kleinen Moral -festzuhalten. Die baute sich im wesentlichen auf Wahrhaftigkeit und -Selbstbeherrschung auf.</p> - -<p>Diese Moral hatte sich zu formen begonnen, als Jenny auf die Schule -kam. Sie war nicht wie die anderen Kinder in der Klasse, nicht einmal -in der Kleidung. Ihre kleine Seele aber war ganz, ganz anders. Sie -lebte ja mit ihrer Mutter zusammen, die zwanzigjährig Witwe geworden -war und nichts auf der Welt besaß als ihr kleines Mädchen. Und auch mit -ihrem Vater zusammen, der gestorben war, lange bevor sie sich erinnern -konnte. Er war im Grabe und im Himmel, aber in Wirklichkeit wohnte -er daheim bei Mutter und ihr —. Sein Bild hing über dem Klavier und -seine Augen schauten auf alles herab, was Mutter und sie unternahmen, -er hörte alles, was sie sagten — die Mutter sprach beständig von ihm -und erzählte, was er zu allen Dingen meinte — dies dürften sie tun -und dies müßten sie lassen des Vaters wegen. Jenny sprach von ihm, als -kenne sie ihn,<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> und des Abends sprach sie <em class="gesperrt">mit</em> ihm und mit Gott, -der ja mit Vater zusammen war und ebenso dachte, wie der Vater.</p> - -<p>Der erste Schultag. Jenny entsann sich seiner deutlich und lächelte in -die dunkle römische Nacht hinaus.</p> - -<p>Die Mutter hatte sie unterrichtet, so daß sie mit acht Jahren in -die dritte Klasse kam. Die Mutter pflegte immer alles an Beispielen -zu erklären, die Jenny kannte. Sie wußte also sehr wohl, was ein -Vorgebirge war. Da fragte die Lehrerin in der Geographiestunde gerade -sie, ob sie ein norwegisches Vorgebirge nennen könnte. Jenny sagte -„<em class="gesperrt">Naesodden</em>.“<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Anm. der Uebersetzerin: N. ist eine Halbinsel, Kristiania -gegenüber, während die im folgenden Absatz genannten Kaps große -Vorgebirge sind.</p> - -</div> - -<p>Die Lehrerin lächelte, und die ganze Klasse lachte. „Signe,“ -sagte die Lehrerin, und ein kleines Mädchen erhob sich und sagte -prompt: „Nordkap, Stat, Lindesnes.“ Jenny aber lächelte überlegen, -gleichgültig, über der anderen Gelächter. Das war vielleicht der erste -Zusammenstoß. — Sie hatte niemals Kameraden unter den anderen Kindern -gehabt. Und sie bekam auch niemals welche.</p> - -<p>Ueberlegen und gleichgültig hatte sie zu dem Gehänsel und Gespött der -ganzen Klasse gelächelt, aus einem schweigenden und unversöhnlichen -Haßgefühl heraus, das sich zwischen sie — die nicht so war wie jene — -und alle die übrigen Kinder schob, die für sie eine einförmige Masse -waren, ein vielköpfiges Ungeheuer. Die verzehrende Wut, die unter all -ihren Quälereien in Jenny aufstieg, verschloß sie hinter höhnischem, -gleichgültigem Lächeln. Die wenigen Male, da ihre Selbstbeherrschung -sie im Stiche ließ — ein einziges Mal hatte sie in Leid und -Verbitterung gar jämmerlich geschluchzt — die wenigen Male hatte sie -bemerkt, wie die anderen triumphierten. Nur, wenn sie „hochmütig“ war, -wenn die anderen von ihrer indianischen Gefühllosigkeit ihrem Tun und -Lassen gegenüber verwirrt wurden, konnte sie sich gegen die vielen -behaupten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p> - -<p>In der obersten Klasse gewann sie ein paar Freundinnen. Das war in -dem Alter, wo kein Kind es erträgt, anders zu sein als die anderen. -Sie versuchte es den Mädchen gleich zu tun. Viel Freude hatte sie von -diesen Freundinnen übrigens nicht gehabt.</p> - -<p>Sie entsann sich, wie die Mädchen sie verspotteten, als sie entdeckten, -daß Jenny mit vierzehn Jahren noch mit Puppen spielte. Sie aber -verleugnete ihre geliebten Kinder und sagte, sie gehörten den kleinen -Schwestern.</p> - -<p>In dieser Zeit war es auch, daß sie zur Bühne gehen wollte. Sie wie -alle Freundinnen waren vollkommen versessen aufs Theater — sie -verkauften Schulbücher und Konfirmationsbroschen, um sich Billets zu -verschaffen. Abend für Abend saßen sie unten auf dem Sperrsitz für -sechzig Oere. Aber eines Tages hatte sie verspielt, als sie erzählte, -wie <em class="gesperrt">sie</em> Eline Gyldenlöve darstellen würde.</p> - -<p>Die Freundinnen lachten Sturm. Sie war also in der Tat völlig -größenwahnsinnig. — Man wußte wohl, daß sie eingebildet war, aber -nun war die Grenze erreicht. Sie bildete sich also tatsächlich ein, -sie könne Schauspielerin werden! Sie, die nicht einmal tanzen konnte! -Es würde hübsch aussehen, sie auf der Bühne herumwackeln zu sehen mit -ihren langen, stocksteifen Stelzen —.</p> - -<p>Auch damals hatte Jenny mit ihren Freundinnen nicht gebrochen. — Nein, -sie konnte nicht tanzen. Als sie ganz klein war, pflegte die Mutter ihr -Tänze vorzuspielen, während Jenny umhertrippelte, sich verneigte und -drehte, wie es ihr in den Sinn kam; Mutter lächelte dann und nannte -sie ihr kleines Linerle. Dann kam sie auf den ersten Schülerball, in -feierlicher Freude, mit einem neuen grüngeblümten Kleid angetan, — -oh, sie entsann sich dessen so deutlich. Es reichte ihr fast bis auf -die Füße herab; Mutter hatte es nach einem alten englischen Bilde -genäht. Sie erinnerte sich dieses Kinderballes. Noch konnte sie diese -wunderliche Steifheit in allen Gliedern spüren —. Seitdem hatte dieses -Gefühl ihren weichen schlanken Körper losgelassen, er wurde wie ein -Holzstock,<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> wenn sie den Versuch machte, selber das Tanzen zu erlernen. -Sie konnte nicht. Schließlich wollte sie in die Tanzstunde gehen, aber -dazu fehlten die Mittel.</p> - -<p>Sie lachte. O diese Freundinnen! Zwei von ihnen hatte sie auf der -Ausstellung wiedergesehen, als sie das erste Mal ein Bild ausgestellt -hatte — und einige lobende Worte über sie in die Zeitung gekommen -waren. Sie stand mit einigen Malern, darunter auch Heggen, zusammen, -den sie damals aber nicht näher kannte. Da kamen die Freundinnen heran -und gratulierten:</p> - -<p>„Das haben wir schon in der Schule gesagt, Jenny wird Künstlerin. Wir -waren alle so überzeugt, daß aus dir noch einmal etwas werden würde.“</p> - -<p>Sie hatte gelacht:</p> - -<p>„Ich auch, Ella.“</p> - -<p>Seit jener Zeit war sie allein gewesen. —</p> - -<p>Sie war wohl ungefähr zehn Jahre alt, als die Mutter Ingenieur Berner -traf. Die beiden waren zusammen in einem Büro tätig gewesen.</p> - -<p>So klein sie war, hatte sie es doch gleich begriffen. Der tote Vater -entglitt gleichsam dem Heim. Sein Bild hing weiterhin an seinem Platz -— aber nun war er tot. Plötzlich kam ihr das Verständnis dafür, -was der Tod bedeutete. Die Toten existierten nur in der Erinnerung -der Lebenden — die Anderen konnten willkürlich ihr armseliges -Schattendasein auslöschen. Dann waren sie <em class="gesperrt">gar nicht</em> mehr -vorhanden.</p> - -<p>Sie verstand, warum die Mutter wieder so jung, so schön und froh wurde. -Sie sah wohl den Lichtschein, der über ihr Antlitz sich breitete, -wenn Berner an ihrer Türe läutete. Sie saß und hörte die beiden -miteinander sprechen. Niemals waren es Dinge, die das Kind nicht mit -anhören durfte, sie schickten sie nie hinaus, wenn sie in der Mutter -Heim zusammen waren. Bei aller Eifersucht, die sie im Herzen trug, -fühlte Jenny, daß es so vieles gab, worüber eine Mutter nicht mit einem -kleinen Mädchen sprechen konnte. Und diese Erkenntnis rief ein starkes -Gerechtigkeitsgefühl<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> in ihr wach — sie wollte ihrer Mutter nicht -zürnen. Hart war es indessen doch.</p> - -<p>Aber das zu zeigen, war sie zu stolz. Wenn jedoch die Mutter dem Kinde -gegenüber Gewissensbisse empfand und sie nervös und ganz unvermittelt -mit Zärtlichkeit und Fürsorge überschüttete, so schwieg sie kalt und -abweisend. Und sie schwieg, als die Mutter sagte, sie solle Berner -Vater nennen, und ihr eifrig erzählte, wie lieb er die kleine Jenny -hätte. — In den Nächten versuchte sie, zu ihrem eigenen, richtigen -Vater zu sprechen wie ehedem — leidenschaftlich versuchte sie, ihn -am Leben zu erhalten. Sie vermochte es aber nicht allein — sie -kannte ihn ja nur aus den Erzählungen der Mutter. Nach und nach starb -Jens Winge auch für sie. Und da er auch der Mittelpunkt all ihrer -Vorstellungen von Gott, dem Himmelreich und dem ewigen Leben gewesen -war, so verblaßten auch diese mit seinem Bilde. Sie erinnerte sich, -daß sie schon im Alter von dreizehn Jahren dem Religionsunterricht -mit vollbewußtem Unglauben zugehört hatte. Und da alle anderen in der -Klasse an Gott glaubten, und den Teufel fürchteten und dennoch feig -und grausam, schmutzig und gemein waren, jedenfalls in ihren Augen, so -wurde die Religion für sie zu etwas beinahe Verächtlichem, Feigem, das -zu ihnen gehörte.</p> - -<p>Gegen ihren Willen mußte sie Sympathie für Nils Berner haben. In der -ersten Zeit, nachdem er die Mutter geheiratet hatte, mochte sie ihn -eigentlich lieber als die Mutter. Er forderte nicht das Recht des -Vaters über die Stieftochter — klug, gut und natürlich kam er ihr -entgegen. Sie war das Kind der Frau, die er liebte, und deshalb liebte -er auch Jenny.</p> - -<p>Was sie ihm verdankte, erkannte sie erst jetzt als Erwachsene klar. -Wieviel Krankhaftes und Verschrobenes hatte er ihr doch ausgetrieben -und an ihr bekämpft! Solange sie mit der Mutter allein in dieser -treibhausschwülen Luft von Zärtlichkeit, Fürsorge und Träumerei -gelebt hatte, war sie furchtsam gewesen, hatte Angst vor Hunden, -Straßenbahnen, Angst vor Zündhölzern, hatte vor Allem<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Angst. Die -Mutter wagte kaum, sie allein zur Schule gehen zu lassen. Und wie -empfindlich war sie gegen körperlichen Schmerz gewesen!</p> - -<p>Berners erste Tat war, das Mädel mit hinauf in die Wälder zu nehmen. -Sonntag für Sonntag zog er mit ihr in die Nordmarken. In brennender -Sommersonne, in weicher Lenzluft und strömendem Herbstregen, den -ganzen Winter über auf Schneeschuhen. Und Jenny, die es gewöhnt war, -ihre Gefühle nicht zu offenbaren, versuchte, Müdigkeit und Angst zu -verbergen. Bis sie sie nach einer Weile gar nicht mehr empfand.</p> - -<p>Berner lehrte sie, Karte und Kompaß zu gebrauchen. Er verhandelte mit -ihr wie mit einem Kameraden. Er lehrte sie, Zeichen für Wetterumschwung -in Wind und Wolken zu entdecken, Zeit und Richtung aus dem Stande -der Sonne zu lesen. Mit Tieren und Pflanzen machte er sie vertraut. -Sie zeichnete und malte Blumen mit Wasserfarben, Wurzel und Stengel, -Blatt und Knospe, Blüte und Frucht. Ihr Skizzenbuch und sein -Photographenapparat lagen immer im Rucksack.</p> - -<p>Wieviel Liebe und Güte der Stiefvater in dieses Erziehungswerk gelegt -hatte, konnte sie erst jetzt ermessen. Ein kleines unscheinbares -Mädchen hatte er zum Kameraden gemacht und erzogen, sie, die so -ungeschickt gewesen, wie ein blindes Kätzchen nach der Geburt. Er, der -namhafte Skiläufer und Bergsteiger in Jotunheim und auf den Bergzinnen -des Nordlandes!</p> - -<p>Er hatte ihr versprochen, sie mit dort hinaufzunehmen. Das war in dem -Sommer, als sie fünfzehn Jahre alt war, dem schwierigsten Alter. Da -hatte er sie auf Schneehühnerjagd mitgenommen. Die Mutter mußte daheim -bleiben — sie trug damals das Kleine.</p> - -<p>Sie wohnten in einer einsamen kleinen Sennhütte unterhalb Rondane. Oh, -niemals war sie je so glücklich gewesen wie in jenen Morgenstunden, -wenn sie in ihrem kleinen Alkoven erwachte. Sie mußte aufstehen und für -Berner Kaffee kochen; er nahm sie dann mit hinauf auf die Rondespitzen -und in die Stygfelsen, auf Engelfahrten,<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> oder sie gingen hinab ins -Foltal, um Proviant zu holen. Wenn er draußen war und jagte, dann -badete sie in eisigen Gebirgsbächen oder wanderte endlose Wege über -herbstlich öde Strecken. Oder sie saß in der Hüttentür, strickte und -träumte romantische Sennerinnenträume von einem Jäger, der Berner recht -ähnlich sah, nur ganz jung war und bildschön. Er sollte aber erzählen, -wie Berner es tat, des Abends am Herd, von Jagd und Gebirgsfahrten; er -sollte ihr auch ein Gewehr versprechen und sie mit hinausnehmen auf nie -erstiegene Zinnen, wie Berner es versprochen hatte.</p> - -<p>O ja, sie entsann sich, wie sie damals begriff, daß die Mutter ein Kind -haben sollte. Wie zerquält, beschämt, unglücklich sie war, als sie es -entdeckte. Sie suchte vor der Mutter zu verbergen, was sie empfand, -ganz gelang es ihr nicht, das wußte sie. Erst Berners Angst um sein -Weib, als die Stunde der Geburt sich näherte, brachten eine Veränderung -in ihre Gefühle. Er sprach mit Jenny darüber: „Ich habe Angst, Jenny. -Ich habe deine Mutter doch so lieb, weißt du.“ Er sprach auch davon, -wie krank sie gewesen war, als Jenny geboren wurde.</p> - -<p>Das Gefühl des Unnatürlichen und Unreinen an dem Zustand der -Mutter wich von ihr, während er sprach. Aber auch das Gefühl, daß -das Verhältnis zwischen ihr und der Mutter etwas Mystisches und -Uebernatürliches war. Es wurde alltäglich und selbstverständlich — -sie war geboren worden, und die Mutter hatte Schweres erlitten um -ihretwillen, sie war sehr klein gewesen, hatte der Mutter bedurft, und -um alles dessentwillen hatte sie die Mutter geliebt. Nun aber kam ein -neues kleines Kind, das der Mutter mehr bedürfen würde. Jenny fühlte -sich mit einem Male erwachsen, sie hatte Sympathie sowohl für die -Mutter als für Berner und sie tröstete ihn altklug: „Ja, aber du weißt -doch, es pflegt doch gut auszugehen. Ich finde, sie sterben doch fast -nie daran.“</p> - -<p>Dennoch hatte sie vor Verlassenheit geweint, als sie ihre Mutter mit -dem neuen kleinen Kinde sah, das all ihre Zeit und ihre Sorge in -Anspruch nahm.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p> - -<p>Aber sie gewann das kleine Ding lieb, besonders als Klein-Ingeborg das -erste Jahr überschritten hatte und der süßeste, schwärzeste kleine -Zigeunerkobold wurde, den man sich denken konnte, und als die Mutter -ein neues Kindchen bekam.</p> - -<p>Eigentlich hatte sie niemals das Gefühl gehabt, als seien die -Bernerschen Kinder ihre Geschwister. Sie glichen ganz ihrem Vater. -Jetzt bezeichnete sie ihr Verhältnis zu ihnen annähernd als tantenhaft -— sie kam sich fast wie eine ältere „vernünftige Tante“ vor, sowohl -ihrer Mutter als den Kindern gegenüber.</p> - -<p>Als das Unglück geschah, war die Mutter jünger und schwächer als Jenny. -Sie war wieder jung geworden, Frau Winge, in ihrer neuen glücklichen -Ehe, nur ein wenig müde und mitgenommen von den drei Wochenbetten, die -dicht aufeinander folgten. Nils war nur fünf Monate alt, als sein Vater -starb.</p> - -<p>Berner stürzte eines Sommers drüben von den Skagastölspitzen ab -und starb auf der Stelle. Jenny war damals sechzehn Jahre alt. Die -Verzweiflung ihrer Mutter war grenzenlos; sie liebte ihren Mann und war -von ihm vergöttert worden. Jenny versuchte, ihrer Mutter zu helfen, -so gut sie konnte. Wie sehr sie selber um ihren Stiefvater trauerte, -zeigte sie niemanden. Sie wußte nur zu gut, daß sie den einzigen -Kameraden verloren hatte, den sie je besessen.</p> - -<p>Nach dem Mittelschulexamen war sie auf die Zeichenschule gegangen und -hatte zu Hause geholfen. Berner hatte sich immer für ihre Zeichnungen -interessiert und war der erste gewesen, der sie einiges über -Perspektive und dergleichen lehrte, soviel, wie er selber wußte. Er -hatte geahnt, daß sie Talent hatte.</p> - -<p>Leddy, seine Hündin, zu behalten, dazu fehlten ihnen die Mittel. Die -beiden kleinen, dicken Jungen wurden verkauft, und die Mutter meinte -auch, Leddy müßte weggegeben werden — es war ein kostbares Tier. Es -trauerte tief um seinen Herrn. Aber niemand anderes durfte Berners Hund -bekommen, wenn sie ihn nicht selbst behalten konnten<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> — das setzte -Jenny durch; einmal bekam sie aus diesem Anlaß einen hysterischen -Anfall. Sie brachte das Tier selbst an einem Abend zu Rechtsanwalt -Iversnäs, Berners altem Kameraden, der es an einem Sonntage mit über -Land nahm, es erschoß und neben einer Hütte begrub.</p> - -<p>Was Berner ihr gewesen war — Kamerad und Freund — das versuchte sie, -seinen Kindern zu sein. Zu den Stiefschwestern wurde das Verhältnis, -als sie nach und nach heranwuchsen, weniger innig, jedoch ganz -freundschaftlich — sozusagen mit großem Abstand. Jenny machte auch -nicht den Versuch, ihnen näherzukommen. Sie waren jetzt zwei sehr -liebe, kleine Mädchen im Backfischalter, mit Bleichsucht, kleinen -Verliebtheiten, Freunden und Freundinnen und ständigen Tanzvergnügen, -munter und reichlich indolent. Doch der kleine Nils und Jenny waren -im Laufe der Jahre immer bessere Kameraden geworden. Kalfatrus hatte -Vater den kleinen Burschen getauft, und Jenny behielt den Namen bei. Er -selbst nannte die Schwester Indiana.</p> - -<p>In den ganzen letzten Jahren der Trübsal waren die Nordmarksfahrten mit -Kalfatrus die einzigen Stunden gewesen, in denen sie sich ausruhte. -Am liebsten zogen sie im Frühling oder Herbst hinaus, wenn nur wenig -Menschen in den Wäldern waren. Dann saß sie mit dem Jungen schweigend -da und starrte in das Feuer, das sie sich gemacht hatten — oder sie -lagen langgestreckt auf dem Boden, in ihrem eigenen fürchterlichen -Pöbeljargon schwatzend, den sie daheim nicht hören lassen durften mit -Rücksicht auf die Gefühle der Mutter.</p> - -<p>Das Porträt von Kalfatrus war das erste Bild, mit dem sie zufrieden -gewesen war. Es war auch brillant, und Gunnar schwor darauf, daß es in -die Galerie hätte kommen müssen. Sie hatte seitdem auch nie wieder ein -Bild gemalt, das so gut gelungen war.</p> - -<p>Sie hätte Berner malen müssen, Papa. Sie hatte ihn so gerufen, als -seine Kinder zu sprechen anfingen. Damals hatte sie auch die Mutter -Mama genannt. Damit hatte sie gewissermaßen vor sich selbst die -Veränderung<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> bestätigt, die mit der Mutter ihrer kurzen Kindheit und in -dem Verhältnis zwischen ihnen vor sich gegangen waren.</p> - -<p>Und dann die erste Zeit hier unten! Als endlich der wahnsinnige Druck -wich, der auf ihr gelegen hatte. Dieser Druck hatte ihr weh getan. -Jetzt fühlte sie erst, wie jeder Nerv in ihr vor Ueberanstrengung -gezittert hatte. Und sie hatte geglaubt, sie sei zu alt geworden, um -jemals die Jugend zurückzuerobern. Von Florenz erinnerte sie sich an -nichts weiter, als daß sie dort gefroren und sich verlassen gefühlt und -nicht imstande gewesen war, das Neue in sich aufzunehmen. Ab und zu sah -sie blitzartig den unendlichen Schönheitsreichtum um sich her und wurde -verrückt vor Sehnsucht danach, ihn zu erfassen, zu verstehen und jung -zu sein, zu lieben und geliebt zu werden.</p> - -<p>Dann die Lenztage, als Gunnar und Franziska sie mit nach Viterbo -nahmen. Sonnenschein in dem nackten Eichenwalde, wo Anemonen und -Veilchen und gelbe Aurikeln in dichten Massen zwischen dem bleichen, -welken Laube blühten. Die kochenden, stinkenden Schwefelquellen, die -draußen auf der fahlen steppenartigen Ebene vor der Stadt dampften, -das Feld rings um den klagenden Quell war leichenblaß von erstarrtem -Kalk. Der Hohlweg dort hinaus mit den Tausenden von smaragdgrünen, -blitzähnlich hin- und herschießenden Vögeln in den Steinwällen, die -Olivenbäume in den Wiesen, über denen weiße Schmetterlinge sich -wiegten. Dann die alte Stadt mit den singenden Springbrunnen, den -schwarzen mittelalterlichen Häusern und den Türmen an der Ringmauer -und über allem der Mondschein in den Nächten. Und der gelbe, leicht -prickelnde Wein, der von der vulkanischen Erde, auf der er gewachsen -war, feurig schmeckte.</p> - -<p>Sie hatte mit den neuen Freunden Brüderschaft getrunken. Des Nachts -vertraute Franziska ihr die Geheimnisse ihres ganzen bunten jungen -Lebens an und kroch schließlich in ihr Bett, um sich trösten zu lassen. -Während sie lag, wiederholte sie: Wie gut du bist! In<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> der Schule hatte -ich immer Angst vor dir! Daß du so gut bist!</p> - -<p>Gunnar war in beide verliebt. Er war übermütig wie ein junger Faun von -Lenz und Sonne. Und Franziska ließ sich küssen und lachte und nannte -ihn einen Schwatzmichel.</p> - -<p>Sie aber hatte Angst — nicht vor ihm. Aber sie wagte nicht, seinen -heißen roten Mund zu küssen, weil es sie nach etwas Sinnlosem, etwas -Berauschendem und Leichtsinnigem gelüstete, das nur diese Tage über -währen sollte, während Sonne und Lenz und Anemonen leuchteten und -sie hier waren, etwas, worüber sie sich keine Rechenschaft zu geben -brauchte. Sie wagte aber nicht, aus ihrem alten Ich zu schlüpfen, sie -fühlte, sie würde dem Leichtsinn nicht leichtsinnig ein Ende machen -können und er gewiß auch nicht. Sie hatte Gunnar Heggen des öfteren -beobachtet — mit anderen Frauen, mit denen er kleine Liebeleien gehabt -hatte. Er war so, wie sie waren, und doch wieder nicht ganz, tief im -Innern war er er selbst, ein Mann, der besser war als die meisten -Frauen.</p> - -<p>Später hatte er über seine eigene Verliebtheit gelacht. Sie waren -Freunde geworden, mehr und mehr. In der herrlichen, friedvollen, -arbeitsreichen Zeit in Paris und später wieder hier unten.</p> - -<p>Aber dies hier mit Gram war ja etwas ganz anderes. Er weckte wahrhaftig -keine verwegenen Gelüste oder wilden Sehnsuchtsgefühle in ihr. Herrgott -— sie mochte ihn eben gern. Er war durchaus nicht dumm, wie sie -erst gedacht hatte, nur gleichsam verschüchtert war er gewesen, als -er hierher kam. Das war nun freilich etwas, das sie am besten hätte -verstehen müssen. Etwas Weiches, Junges und Frisches lag über ihm, das -sie an ihm gern mochte. Es war ihr deshalb, als sei er viel mehr als -nur zwei Jahre jünger als sie. Was er indes von seiner Verliebtheit -sagte — war es wohl etwas anderes als nur ein kleiner Ueberschuß an -Freude, wie sie ihn bei all dem Neuen und Befreienden erfaßte? Es war -sicher ganz ungefährlich, sowohl für ihn als für sie.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> - -<p>Sie hatten sie wohl lieb, die zu Hause. Franziska und Gunnar auch. Und -doch — ob wohl einer von ihnen heute Nacht an sie dachte? Sie war ganz -und gar nicht betrübt darüber, daß sie von einem wußte, der es tat.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_IX">IX.</h3> - -</div> - -<p>Als sie am Morgen erwachte, sagte sie zu sich selber, er würde wohl -nicht kommen, und das wäre natürlich auch das Beste. Als er aber an -ihre Türe klopfte, war sie dennoch froh.</p> - -<p>„Fräulein Winge, ich habe noch nicht gefrühstückt, können Sie mir nicht -ein wenig Tee geben und einen Bissen Brot?“</p> - -<p>Jenny sah sich im Zimmer um.</p> - -<p>„Ja, hier ist aber noch nicht aufgeräumt, Gram.“</p> - -<p>„Ich mache die Augen zu, und dann sperren Sie mich hinaus auf den -Balkon,“ sagte er an der Tür. „Ich bin ja so schrecklich durstig auf -Tee!“</p> - -<p>„Na ja, dann warten Sie einen Augenblick.“ Jenny warf die Decke über -das ungemachte Bett und räumte den Waschtisch auf. Den Frisiermantel -vertauschte sie gegen ihren langen Kimono.</p> - -<p>„So, bitte. Setzen Sie sich auf den Balkon hinaus, dann werde ich Ihnen -Tee bringen.“</p> - -<p>Sie stellte ein kleines Taburett hinaus und brachte Brot und Käse -herbei. Gram betrachtete ihre bloßen weißen Arme und die langen Aermel -des Kimono, die um sie herflatterten. Das Gewand war dunkelblau, mit -gelben und violetten Iris durchwirkt.</p> - -<p>„Wie wunderhübsch ist das Kleid — ein echtes Geishagewand!“</p> - -<p>„Ja, es ist auch echt. Franziska und ich kauften uns beide eines in -Paris — für die Morgenstunden im Hause.“</p> - -<p>„Das liebe ich an Ihnen, daß Sie so gut gekleidet umhergehen, auch -wenn Sie allein sind.“ Er zündete sich<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> eine Zigarette an und blickte -in den Rauch. „Ach — des Morgens daheim — das Mädchen und Mutter und -Schwester liefen umher und sahen aus wie —. Finden Sie nicht, Frauen -müßten sich so schön machen, als es ihnen nur möglich ist?“</p> - -<p>„Doch. Aber es geht nicht, wenn man des Morgens den Haushalt in Ordnung -bringen muß, Gram.“</p> - -<p>„Zum Frühstück jedenfalls könnten sie sich doch das Haar machen und -ein Kleid anziehen wie dies da, nicht wahr?“ Im selben Augenblick fing -er eine Teetasse auf, die sie mit dem Zipfel ihres Aermels beinahe -heruntergerissen hätte.</p> - -<p>„Nun, da können Sie sehen, wie praktisch das ist — so, trinken Sie nun -Ihren Tee, Sie waren ja so durstig.“ Sie entdeckte plötzlich Franziskas -sämtliche helle Strümpfe, die zum Trocknen draußen hingen, und raffte -sie in etwas nervöser Hast zusammen.</p> - -<p>Er aß und trank, während er sprach.</p> - -<p>„Ja, sehen Sie — ich lag und überlegte gestern, bis fast zum Morgen. -Darum verschlief ich und hatte nicht mehr Zeit, noch in eine Latteria -zu gehen. Ich finde, wir sollten auf die Via Cassia hinauswandern, zu -dem Plätzchen, wo Ihre Anemonen stehen.“</p> - -<p>„Das Anemonenplätzchen.“ Jenny lachte leise. „Als Sie ein Junge waren, -Gram, hatten Sie da auch Anemonenwinkel und Veilchenplätzchen und -dergleichen, wo Sie jedes Jahr Ihre Blumen holten, die Sie vor den -anderen Kindern verheimlichten?“</p> - -<p>„Und <em class="gesperrt">ob</em> ich welche hatte. Ich weiß noch einen Birkenhain, wo es -duftende Veilchen gab, an dem alten Holmenkollenweg.“</p> - -<p>„Oh, ich weiß,“ unterbrach sie ihn triumphierend. „wo der Sörkedalsweg -abbiegt, gleich rechts.“</p> - -<p>„Richtig. Einen Ort wußte ich auch auf Bygdö, innerhalb Fredriksborg. -Und in Skaadalen.“</p> - -<p>„Aber ich muß jetzt hinein und mich umziehen,“ sagte Jenny.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> - -<p>„Ziehen Sie das Kleid an, das Sie gestern trugen, das wäre lieb von -Ihnen,“ rief er ihr nach.</p> - -<p>„Es wird so staubig.“ Aber im selben Augenblick ärgerte sie sich. Warum -sollte sie sich nicht damit putzen — das alte schwarzseidene Kleid war -viele Jahre hindurch ihre Staatsrobe gewesen — nun brauchte sie es -wirklich nicht mehr so ehrerbietig zu behandeln.</p> - -<p>„Ach, Unsinn! Ja, aber es ist im Rücken zu schließen, und Cesca ist -jetzt nicht zu Hause.“</p> - -<p>„Kommen Sie, ich werde es zuknöpfen, ich bin darin Spezialist, ich -habe meine Mutter und Sofie mein ganzes Leben lang im Rücken geknöpft, -müssen Sie wissen.“</p> - -<p>Es waren nur zwei Knöpfe, gerade in der Mitte, die sie nicht allein -schließen konnte. So ließ sie denn Grams Hilfe zu.</p> - -<p>Er spürte den schwachen, milden Duft ihres Haares und Körpers, während -sie bei ihm draußen in der Sonne stand und ihn das Kleid zuknöpfen -ließ. An der einen Seite entdeckte er plötzlich einige kleine -Bruchstellen in der Seide, die sorgsam gestopft waren. Da füllte sich -sein Herz mit einer unendlich weichen Zärtlichkeit für sie. —</p> - -<p>„Finden Sie den Namen Helge nett?“ fragte er, als sie später in einer -Osteria, weit draußen in der Campagna, zusammen bei Tisch saßen und zu -Mittag speisten.</p> - -<p>„Ja, er ist hübsch.“</p> - -<p>„Wissen Sie, daß ich mit Vornamen Helge heiße?“</p> - -<p>„Ja, ich sah, daß Sie sich im Verein hatten eintragen lassen.“ -Gleichzeitig errötete sie, denn ihr fiel ein, daß er wohl denken -könnte, sie hätte danach geforscht.</p> - -<p>„Ja, ich glaube auch, der Name ist hübsch. Im Grunde gibt es wenige, -die hübsch oder häßlich sind, nicht wahr? Kennt man irgend jemanden, -der diesen oder jenen Namen hat, so kommt es darauf an, ob man diesen -Menschen leiden mag oder nicht. Als ich ein Knabe war, hatten wir ein -Kindermädchen, das Jenny hieß, die konnte ich nicht ausstehen. Seitdem -meinte ich immer, es sei ein häßlicher und gewöhnlicher Name und ich -fand es so unglaublich, daß<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Sie Jenny hießen. Jetzt dagegen finde ich -den Namen wunderhübsch, gleichsam so blond. Hören Sie nicht, daß sein -Klang ganz lichtblond ist? Jenny — eine dunkle Frau kann so nicht -heißen, Fräulein Jahrmann zum Beispiel nicht. Franziska paßt nun wieder -genau zu ihr, nicht wahr? Der Name ist so kapriziös, Jenny aber ist so -hell, so frisch und klar.“</p> - -<p>„Ich bin nach meinen Vorfahren so genannt. Es ist ein Familienname -väterlicherseits,“ erwiderte sie, nur um etwas zu sagen.</p> - -<p>„Was stellen Sie sich zum Beispiel unter einer Rebekka vor?“ fragte er -kurz darauf.</p> - -<p>„Ich weiß nicht. Ist das nicht ganz hübsch? Vielleicht ein wenig hart -und klappernd.“</p> - -<p>„Meine Mutter heißt Rebekka,“ sagte Helge nach einer Weile. „Ich finde -auch, es klingt hart. Und meine Schwester heißt Sofia. Sie heiratete, -nur um von Hause fortzukommen und in ein eigenes Heim, davon bin ich -überzeugt. Ist es nicht merkwürdig, daß meine Mutter so entzückt war, -sie verheiraten zu können? selbst hat sie mit meinem Vater wie Hund und -Katze gelebt. Aber der Staat, der mit Kaplan Arnesen gemacht wurde, -war grenzenlos, als meine Schwester und er sich verlobten. Ich kann -meinen Schwager nicht ausstehen. Ich glaube auch, mein Vater kann ihn -nicht leiden. Aber Mutter. — Meine ehemalige Verlobte hieß Katharine, -sie wurde aber immer nur Titti genannt. Ich sah, daß sie auch Titti -in die Zeitung setzen ließ, als sie sich verheiratete. Sie können mir -glauben, das war eine dumme Geschichte. Es ist jetzt drei Jahre her. -Sie hatte eine Vertretung an der Schule, wo ich Lehrer war. Hübsch war -sie nicht im geringsten, nur rasend kokett allen Männern gegenüber; ich -aber hatte es niemals erlebt, daß eine Dame sich etwas daraus machte, -mit mir zu kokettieren. Das können Sie sich vielleicht denken, wenn -Sie sich erinnern, welch eine Figur ich im Anfang hier unten machte. -Und außerdem lachte sie immer — sie sprühte Funken, wenn sie sich nur -bewegte. Sie war erst neunzehn Jahre alt, Gott<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> weiß, warum sie mich -eigentlich nahm —. Ja, dann war ich natürlich rasend eifersüchtig, -und das machte ihr Spaß. Je eifersüchtiger sie mich machte, desto -verliebter wurde ich. Vielleicht war es meine Männereitelkeit — aber -ich hatte nun einmal eine Braut, die rasend umschwärmt war. Ich war -damals ja noch sehr grün. Natürlich verlangte ich, sie sollte sich -einzig um mich bekümmern, das war vermutlich ein ziemlich unbilliges -Verlangen, so wie ich damals war. Wie gesagt, der Herrgott mag wissen, -was Titti mit mir wollte. Zu Hause wollten sie, das Verlöbnis sollte -noch geheimgehalten werden, weil wir so jung waren. Titti wollte es -aber gern veröffentlichen, sie pochte darauf, daß ich fände, sie -sei zu sehr von anderen in Anspruch genommen, daß sie aber nicht -ausschließlich mit mir zusammen sein könnte, wenn wir nur heimlich -verlobt wären. Sie kam dann nach Haus zu uns. Aber Mutter und sie -zankten sich immer. Titti haßte Mutter geradezu. Im übrigen wäre es -immer genau dasselbe gewesen, mit wem ich mich auch verlobt hätte. -Mutter genügte der Umstand, daß sie meine Braut war. Ja, dann löste -Titti die Verbindung.“</p> - -<p>„Waren Sie sehr unglücklich?“ fragte Jenny leise.</p> - -<p>„Ja, das war ich. Ich kam eigentlich nicht ganz darüber hinweg, erst, -als ich hier war. Es war sicher vor allem meine Eitelkeit, welche litt. -Wenn ich sie wirklich geliebt hätte, so hätte ich wünschen müssen, daß -sie mit dem anderen glücklich würde, den sie jetzt geheiratet hat. Das -war aber durchaus nicht der Fall.“</p> - -<p>„Das wäre wohl ein bißchen zu viel Edelmut gewesen,“ sagte Jenny -lächelnd.</p> - -<p>„Ich weiß nicht. Dies Gefühl müßte man eigentlich haben, wenn man -wirklich liebte. Nicht wahr? Aber wissen Sie, was ich so sonderbar -finde? Daß Mütter gegen die Bräute ihrer Söhne so wenig freundlich -gestimmt sind. Das ist nämlich immer dasselbe.“</p> - -<p>„Eine Mutter meint wohl, keine Frau sei gut genug für ihren Jungen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> - -<p>„Ja, es ist aber nicht so, wenn die Töchter sich verloben. Ich sah es -doch bei dem ekelhaften, rothaarigen, fetten Kaplan. Ich habe niemals -mit meiner Schwester sympathisiert. Wenn ich aber daran dachte, daß -dieser Kerl — pfui. Wenn er zu Hause saß, und mit ihr koste ... Nein, -wissen Sie, ich habe manchmal überlegt: Wenn Frauen eine Zeitlang -verheiratet gewesen sind, werden sie weit zynischer als wir Männer. -Sie sagen es nicht, aber ich merke es dennoch, wie zynisch sie im -tiefsten Herzensgrunde geworden sind. Das Ganze ist ihnen nur ein -Geschäft — wenn die Tochter sich verheiratet, so sind sie froh. -Nun hat man sie einem Kerl auf den Hals geladen, der sie mit sich -schleppen, sie ernähren und kleiden muß. Daß sie sich als Gegenleistung -in die Pflichten der Ehe zu finden hat, ist kein Grund, um die Sache -besonders feierlich zu nehmen. Wenn dagegen ein Sohn für die gleiche -Gegenleistung eine solche Last auf sich lädt, so sind sie naturgemäß -nicht so begeistert. Glauben Sie nicht, daß darin ein Körnchen Wahrheit -steckt?“</p> - -<p>„Mitunter trifft es wohl zu,“ sagte Jenny.</p> - -<p class="mtop2">Als Jenny abends heimkehrte, zündete sie die Lampe an und begann an -die Mutter zu schreiben — sie wollte am liebsten gleich für die -Geburtstagsgrüße danken und berichten, wie sie den Tag verlebt hatte.</p> - -<p>Ueber ihre eigene Feierlichkeit am vergangenen Abend mußte sie lachen.</p> - -<p>Ach, Herrgott! Ja, gewiß hatte sie es bitter gehabt und war einsam -gewesen. Aber schwer hatten es eigentlich die meisten jungen Menschen, -die sie gekannt. Viele noch weit schlimmer als sie. Sie brauchte nur -an alle die alten und jungen Mädchen, Lehrerinnen auf der Volksschule, -zu denken. Beinahe die meisten hatten eine alte Mutter zu versorgen -oder Geschwister, denen sie vorwärtshelfen mußten. Auch Gunnar — -und jetzt wieder Gram —. Sogar Cesca — das verwöhnte Geschöpf aus -einem reichen Hause — mit ihren einundzwanzig Jahren hatte sie alle<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> -Brücken hinter sich abgebrochen und sich seitdem durchgehungert und -vorwärtsgearbeitet, wobei ihr nur das kleine Muttererbe ein wenig half.</p> - -<p>Und was ihre eigene Einsamkeit betraf, so hatte sie die ja selbst -gewählt. Stellte sie eins zum anderen, so war der Grund dafür wohl -der, daß sie ihren eigenen Fähigkeiten mißtraute. Und um den Zweifel -totzuschweigen, hatte sie sich daran geklammert, daß sie etwas -Besonderes sei, etwas ganz Anderes als ihre Umgebung. Sie hatte die -anderen selbst von sich gestoßen. Nun sie ein Stück Wegs erobert -hatte, sich bewußt war, daß sie zu etwas taugte, da war sie ja weit -umgänglicher geworden, weit menschenfreundlicher. Sie mußte zugeben, -daß sie nie versucht hatte, anderen entgegenzukommen, weder als Kind -noch als Erwachsene. Sie war zu hochmütig gewesen, den ersten Schritt -zu tun.</p> - -<p>Alle Freunde, die sie gehabt — vom Stiefvater bis zu Cesca und Gunnar -— alle hatten zuerst die Hand nach ihr ausstrecken müssen.</p> - -<p>Dann das andere: War sie wirklich die leidenschaftliche Natur, für die -sie sich selbst hielt? Ach! Sie war achtundzwanzig Jahre alt geworden, -ohne je das kleinste Gefühl der Liebe gekannt zu haben. Und diese -Tatsache berechtigte sie zu dem Vertrauen zu sich selbst, daß sie als -Frau nicht Schiffbruch erleiden würde, sollte sie jemals einen Mann -lieben. Gesund und schön war sie auch — mit frischen Sinnen, die noch -empfänglicher geworden durch ihre Arbeit und ihr Leben in der Fremde. -Selbstverständlich sehnte sie sich danach, zu leben und geliebt zu -werden — leben zu dürfen.</p> - -<p>Sich jedoch selber weiszumachen, daß sie einer beliebigen Mannsperson -in die Arme fliegen würde, die im kritischen Augenblick ihren Weg -kreuzte — nur weil das Blut aufsässig war ...! Einbildungen, mein -Kind! Im Grunde wollte sie sich nur nicht eingestehen, daß sie sich -hin und wieder ein wenig langweilte und ganz einfach das Verlangen -empfand, eine kleine Eroberung zu machen und ein wenig umschwärmt zu -werden wie die kleinen<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Mädchen — was sie sonst eigentlich als ein -niedriges Verlangen ansah. So zog sie es vor, das Gefühl feierlich -als Lebenshunger auszulegen und sehnsüchtige Sinne vorzutäuschen, -Faseleien, auf die die armen Männer gekommen waren, weil die Aermsten -nicht wissen, daß die Frauen im allgemeinen gewöhnlich eitel und -dumm sind, so daß sie sich langweilen, wenn sie nicht einen Mann -zur Unterhaltung haben. Daher die ganze Fabel von den sinnlichen -Frauen, die ebenso selten zu finden sind wie schwarze Schwäne und -disziplinierte, guterzogene Frauen.</p> - -<p>Jenny stellte das Bildnis von Franziska auf die Staffelei. Die weiße -Bluse und der grüne Gürtel lagen jetzt noch hart und häßlich auf. Die -Farben mußten gedämpft werden. Das Antlitz versprach gut zu werden, die -Stellung war natürlich. —</p> - -<p>Jedenfalls war kein Grund vorhanden, wegen dieser Geschichte mit Gram -feierlich zu werden. Sie mußte doch weiß Gott einmal beginnen sich -natürlich zu geben; diese Angst, die auch in den ersten Tagen ihrer -Bekanntschaft mit Gunnar in ihr war, und die sie immer empfand, wenn -ein neuer Mann in ihren Gesichtskreis trat, Angst davor, daß sie sich -in ihn verlieben könnte oder er sich in sie, mußte sie abzustreifen -suchen. Der Gedanke, daß ein Mann an ihr Gefallen finden könnte, war -ihr so ungewohnt, daß auch er ihr Angst einflößte und sie verwirrte.</p> - -<p>Man mußte doch gut Freund miteinander sein können; es wäre ja sonst -traurig bestellt um die Menschheit. Gunnar und sie waren ja Freunde — -ruhig und fest. Zwischen ihr und Gram war so vieles, das die Grundlage -einer Freundschaft hätte bilden können. Sie hatten soviel Gleiches -durchgemacht.</p> - -<p>Etwas so Junges und Vertrauensvolles lag in seinem Wesen ihr gegenüber. -Dieses „Nicht wahr?“ und „Finden Sie nicht?“, mit dem er immer kam.</p> - -<p>Sein Gerede von gestern, daß er sie liebe — oder zu lieben glaube, wie -er sich ausdrückte! Sie lachte vor<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> sich hin. Nein, ein erwachsener -Mann sprach nicht so, wenn er eine Frau ernstlich liebte und gewinnen -wollte.</p> - -<p>Er war wirklich ein lieber Junge.</p> - -<p>Heute hatte er diese Frage gar nicht berührt.</p> - -<p>Ein warmes Gefühl für ihn war in ihr aufgewallt, als er sagte, wenn er -sie wirklich geliebt hätte, hätte er doch wünschen müssen, daß seine -ehemalige Braut mit dem Andern glücklich würde.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_X">X.</h3> - -</div> - -<p>Jenny und Helge liefen Hand in Hand die Via Magnanapoli hinab. Die -Straße bestand aus einer einzigen Treppe, die zum Trajanischen Forum -hinunterführte. Auf der letzten Stufe zog er sie an sich und gab ihr -blitzschnell einen Kuß.</p> - -<p>„Bist du toll, weißt du nicht, daß es hierzulande nicht erlaubt ist, -auf der Straße zu küssen?“</p> - -<p>Dann lachten sie beide. An einem der ersten Abende hatten zwei Wächter -sie auf dem Lateranplatz angesprochen. Sie waren unter den Pinien an -der alten Stadtmauer auf und ab gegangen und hatten sich geküßt.</p> - -<p>Der letzte Sonnenstreifen berührte die Bronzestatue des Heiligen auf -der Säule und flammte an dem Mauerwerk der Häuser und an den Baumkronen -der Anhöhe auf. Der Platz mit seinen alten verfallenen Häusern rings um -das ausgegrabene Forum unterhalb des Straßenkörpers lag im Schatten.</p> - -<p>Jenny und Helge lehnten sich über das Geländer und versuchten, -die fetten faulen Katzen zu zählen, die sich zwischen den grauen -Säulenstümpfen drunten auf der grasüberwucherten Schuttstätte breit -machten. Jetzt bei beginnender Dämmerung erwachten sie allmählich zum -Leben. Ein rotes Tier, das auf dem Sockel der Trajanssäule gelegen -hatte, reckte sich, wetzte seine Krallen am Mauerwerk und setzte in -lautlos weichem Sprung auf das Gras, glitt wie ein heller Schatten -davon und verschwand.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p> - -<p>„Ich zähle nicht mehr als dreiundzwanzig,“ sagte Helge.</p> - -<p>„Ich fünfundzwanzig.“ Sie wandte sich halb um und verscheuchte einen -Ansichtskartenverkäufer, der herbeigekommen war und seine Ware in allen -möglichen Sprachen anbot.</p> - -<p>Dann beugte sie sich wieder über das Geländer und starrte -gedankenverloren in das buschige Gras, sich der leisen, glücklichen -Mattigkeit hingebend, die eines langen Sonntages unzähligen Küssen -draußen auf der mattgrünen Campagna folgte. Helge hielt ihre Hand auf -seinem Arm fest und streichelte sie; Jenny strich über seinen Aermel -und barg die Hand zwischen seine beiden Hände, während Helge leise und -froh vor sich hinlachte.</p> - -<p>„Lachst du, Jung?“</p> - -<p>„Ich dachte nur an die Altertumsforscher.“ Da lachte sie auch — still -und gedankenlos, wie glückliche Menschen über etwas Gleichgültiges -lachen.</p> - -<p>Des Morgens waren sie über das Forum gegangen, hatten eine Weile -oben auf dem hohen Sockel der Foscassäule gesessen und miteinander -geflüstert. Zu ihren Füßen breitete sich das Ruinenfeld aus, vom -Sonnenlicht vergoldet und vom Alter verwittert, während Touristen, -klein und schwarz, zwischen den Mauerresten umherkrabbelten. Aber -ein wenig abseits, inmitten der Scharen der Reisegesellschaft die -Einsamkeit suchend, schlenderte ein jungverheiratetes Paar. Er war -fettleibig, sommersprossig und blond, mit Kniehosen und Kodak, und -las seinem jungen Weibe aus dem Baedeker vor. Sie aber, ganz jung, -üppig und dunkel, mit einem angeborenen hausfraulichen Gepräge in -dem weichen, mehlweißen Gesicht, setzte sich auf einer umgestürzten -Säule in Positur, worauf der Mann sie knipste. Die beiden aber, die -oben zu Füßen der Foscassäule saßen und von ihrer Liebe flüsterten, -gedankenlos, unbekümmert darum, daß sie sich zufällig auf dem Forum -Romanum befanden, lachten.</p> - -<p>„Bist du hungrig?“ fragte Helge.</p> - -<p>„Nein. Du?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p> - -<p>„Nein. Weißt du, wozu ich Lust hätte?“</p> - -<p>„Nein?“</p> - -<p>„Mit dir nach Haus zu gehen, Jenny. Bei dir zu Hause heute Abend Tee zu -trinken. Geht das nicht?“</p> - -<p>„Ja, natürlich.“</p> - -<p>Sie schickten sich an, durch die Stadt hinabzugehen, durch die -Seitengassen, Arm in Arm.</p> - -<p>Auf ihrem dunklen Treppenflur riß er sie plötzlich an sich. Sein Arm -lag hart unter ihrer Brust, und er küßte sie wild und heftig, daß ihr -Herz plötzlich stark und angstvoll zu schlagen begann. Zorn über sich -selbst stieg in ihr auf, weil sie diese Furcht nicht zu überwinden -vermochte.</p> - -<p>„Mein lieber Junge,“ flüsterte sie in der Dunkelheit; sie wollte sich -dadurch selber zur Ruhe zwingen.</p> - -<p>„Wart’ noch einen Augenblick,“ flüsterte Helge, als sie drin das Licht -anzünden wollte. Er küßte sie wie vorher. „Zieh dieses Geishagewand an, -du siehst so lieb darin aus — ich setze mich solange auf den Balkon -hinaus.“</p> - -<p>Jenny zog sich im Finstern um. Dann setzte sie Teewasser auf und füllte -die Vasen mit Anemonen und Mandelzweigen, bevor sie ihn hereinrief und -die Lampe anzündete.</p> - -<p>„O Jenny!“ Er zog sie wieder an sich.</p> - -<p>„Du bist so schön. Alles ist so schön an dir. O, es ist herrlich bei -dir zu sein. Ich wünschte, ich könnte immer bei dir sein.“</p> - -<p>Sie legte beide Hände um sein Gesicht.</p> - -<p>„Jenny, möchtest du das auch, daß wir immer beisammen sein könnten?“</p> - -<p>Sie blickte ihm in die schönen, goldbraunen Augen:</p> - -<p>„Ja Helge. Das möchte ich auch.“</p> - -<p>„Wünschst du nicht auch, daß er nie ein Ende nähme, dieser Lenz hier -unten — unser Lenz?“</p> - -<p>„Doch.“ Sie warf sich jäh im seine Arme „O ja, Helge.“ Sie küßte ihn -und ließ ihre halbgeöffneten Lippen und ihre geschlossenen Augen um -mehr Küsse flehen. Die Worte von ihrem nimmer endenden Frühling<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> -schienen einen leisen angstvollen Schmerz in ihr zu wecken, sie wußte, -daß dieser Frühling und ihr Traum einmal ein Ende finden <em class="gesperrt">würden</em>. -Und im Unterbewußtsein lag eine leise Furcht, über die sie sich keine -Rechenschaft geben wollte, die aber lebendig geworden war, als er -sagte: möchtest du, daß wir immer zusammen blieben?</p> - -<p>„Ich wünschte, ich brauchte nicht heimzureisen,“ sagte Helge innig.</p> - -<p>„Ich reise doch auch,“ flüsterte sie sanft. „Wir kehren wieder hierher -zurück, Helge. Zusammen.“</p> - -<p>„Du hast dich also entschlossen, nach Hause zu fahren? Und nun komme -ich dazwischen und zerstöre alle deine Pläne?“</p> - -<p>Sie küßte ihn rasch und sprang fort zum kochenden Teewasser.</p> - -<p>„Nein, ich war schon vorher halb dazu entschlossen, siehst du, da Mama -mich ja doch sehr nötig hat.“ Sie lachte. „Fast schäme ich mich — sie -ist ja so gerührt darüber, daß ich nach Hause komme und ihr helfen -will. Und dabei ist es nur, weil ich mit meinem Liebsten zusammen sein -möchte. Aber es ist schon gut so. Ich wohne ja billiger zu Haus, wenn -ich ihr auch beistehe, und kann vielleicht ein wenig sparen. Dann -bewahre ich das Geld auf — bis auf später ...“</p> - -<p>Helge nahm die Teetasse, die sie ihm reichte. Dann ergriff er ihre Hand.</p> - -<p>„Aber wenn du das nächste Mal fortreist, nimmst du mich mit! Ja, denn -— du willst doch — du meinst doch — daß wir uns heiraten, Jenny?“</p> - -<p>Sein Antlitz war so jung und sah in so banger Frage zu ihr auf, daß sie -es wieder und wieder küssen mußte. Sie vergaß, daß sie sich vor diesem -Wort selbst gefürchtet hatte, das vorher zwischen ihnen nicht gefallen -war.</p> - -<p>„Es wird wohl das Praktischste sein, mein Junge. Da wir uns doch -darüber einig sind, daß wir immer zusammen bleiben wollen.“</p> - -<p>Helge küßte still ihre Hand.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p> - -<p>„Wann?“ flüsterte er nach einer Weile.</p> - -<p>„Wann du willst,“ erwiderte sie ebenso leise — und fest.</p> - -<p>Wieder küßte er ihre Hand.</p> - -<p>„Ich wünschte, es ließe sich so einrichten, daß wir uns hier unten -heiraten könnten,“ sagte er kurz darauf in einem anderen Ton.</p> - -<p>Sie antwortete nicht, sondern strich nur über sein Haar.</p> - -<p>Helge seufzte auf: „Aber es geht nicht. Wenn wir doch bald nach Hause -fahren müssen ... Es würde wohl auch deine Mutter kränken — so eine -übereilte Hochzeit, nicht wahr?“</p> - -<p>Jenny schwieg. Es war ihr noch niemals in den Sinn gekommen, daß sie -ihrer Mutter Rechenschaft schuldig war für ihre Heirat, so wenig als -ihre Mutter sie gefragt hatte, als sie wieder heiratete.</p> - -<p>„Ich weiß jedenfalls, daß es meine Eltern verletzen würde. Ich bin -nicht eben froh darüber, Jenny, aber ich weiß, es würde der Fall sein. -Am liebsten möchte ich nach Hause schreiben, daß ich mich verlobt habe. -Und da du etwas früher als ich nach Hause reisen willst — würdest du -dann wohl zu uns hinaufgehen und sie begrüßen?“</p> - -<p>Jenny warf den Kopf zurück, geradeso, als wollte sie ein unbehagliches -Gefühl verjagen. Dann sagte sie:</p> - -<p>„Ich werde tun, was du willst, mein Freund; das kannst du dir wohl -denken.“</p> - -<p>„Ich denke selbst nicht gern daran, Jenny. O nein. Es ist so herrlich -gewesen, dies hier — nur du und ich auf der ganzen Welt. Aber es -würde meine Mutter sehr verletzen, weißt du. Ich möchte ihr das Leben -nicht noch schwerer machen, als es für sie schon ist. Ich liebe meine -Mutter nicht mehr so wie früher — das weiß sie auch, und grämt sich -sehr darüber. — Es sind ja nur Formalitäten, aber sie würde sehr -darunter leiden, wenn sie glauben müßte, ich wollte sie übergehen. Sie -würde denken, daß es eine Rache sei für die Geschichte, du<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> weißt.... -Wenn das dann überstanden ist, Jenny, können wir heiraten. Dann hat -uns niemand weiter dreinzureden. Ich wünschte, daß es recht bald sein -könnte. Du nicht auch?“</p> - -<p>Sie küßte ihn als Antwort.</p> - -<p>„Ich sehne mich ja so nach dir, Jenny,“ flüsterte er. Jenny wehrte sich -nicht gegen seine Liebkosungen. Aber plötzlich ließ er sie los, scheu -und hastig ...</p> - -<p>Ein wenig später saßen sie am Ofen und rauchten, sie im Lehnstuhl, er -auf dem Fußboden, den Kopf in ihrem Schoß.</p> - -<p>„Kommt Cesca auch heute Nacht nicht nach Hause?“ fragte er plötzlich -leise.</p> - -<p>„Nein, sie bleibt bis Ende der Woche in Tivoli,“ sagte Jenny schnell -und ein wenig nervös.</p> - -<p>Helge liebkoste ihre Knöchel und Spann unter dem Saum dem Kimono.</p> - -<p>„Du hast so schöne, schmale Füße, Jenny!“ Er strich über die schlanke -Wade. Und plötzlich preßte er ihr Bein heftig an seine Brust.</p> - -<p>„Du bist ja so herrlich, so herrlich. Ich hab dich so lieb — weißt -du, wie ich dich liebe, Jenny? Ich will hier auf dem Boden liegen, dir -zu Füßen — setz die kleinen schmalen Schuhe auf meinen Nacken — tu -es!“ Er warf sich plötzlich lang vor ihr nieder, versuchte, ihre Beine -hochzuheben und ihre Füße auf seinen Kopf zu legen.</p> - -<p>„Helge. Helge!“ Seine plötzliche Heftigkeit jagte einen kurzen Schreck -durch ihren Körper. Aber ich habe ihn doch lieb, sagte sie zu sich -selbst. Fürchte ich mich denn vor dem, was mein Geliebter will? Sie -fühlte seine brennend heißen Hände durch die dünnen Strümpfe.</p> - -<p>Als sie aber merkte, daß er sie unter die Schuhsohle küßte, stieg -plötzlich ein Unwillen in ihr empor. In einem verwirrten Gefühl von -Angst und Unlust lachte sie gezwungen auf.</p> - -<p>„Nein Helge, laß sein — die Schuhe, mit denen ich auf den schmutzigen -Straßen umhergehe!“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p> - -<p>Helge Gram richtete sich auf — ernüchtert und gedemütigt. Sie suchte -es wegzulachen:</p> - -<p>„Bedenke doch, die Schuhe — du kannst dir doch denken, daß Tausende -von ekelhaften Bakterien daran kleben.“</p> - -<p>„Ach, du Pedant! Und du willst Künstlerin sein?“ Jetzt lachte er auch. -Uebertrieben lustig, um seine Verwirrung zu verbergen, nahm er sie -in seine Arme, während sie beide aus vollem Halse lachten: „Reizende -Braut, laß mich sehen — gewiß doch. Du riechst nach Terpentin und -Oelfarben.“</p> - -<p>„Unsinn, Geliebter! Ich habe bald drei Wochen lang keinen Pinsel -angerührt. Du sollst dich aber waschen, bitte sehr.“</p> - -<p>„Hast du vielleicht Karbolwasser, damit ich gehörig desinfiziert -werde?“ Er überfiel sie mit eingeseiften Händen. „Frauenzimmer sind -chemisch gereinigt von aller Poesie, sagte mein Vater immer.“</p> - -<p>„Ja, darin hat dein Vater Recht, Junge!“</p> - -<p>„Du verstehst es, eine Kaltwasserkur zu verordnen,“ sagte Helge lachend.</p> - -<p>Jenny wurde plötzlich ernst. Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände -auf seine Schultern, indem sie ihn küßte:</p> - -<p>„Ich will nicht, daß du auf dem Erdboden zu meinen Füßen liegst, Helge!“</p> - -<p class="mtop2">Als er aber gegangen war, schämte sie sich. Es war wohl doch so, als -wenn sie eine Kaltwasserkur hätte verordnen wollen, dachte sie. Sie -wollte es aber nicht wieder tun. Sie liebte ihn doch.</p> - -<p>Heute Abend hatte sie eine Niederlage erlitten. Ihr war der Gedanke -gekommen, was wohl Signora Rosa sagen würde, wenn sich etwas ereignete. -Und diese Furcht vor einem Auftritt mit einer gekränkten Signora, und -ihr eigener Versuch, aus diesem Grunde das Versprechen, das<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> sie ihrem -Jungen gegeben hatte, nicht einzulösen, demütigte sie.</p> - -<p>Denn, als sie seine Küsse entgegennahm, seine Küsse erwiderte, da -verpflichtete sie sich ja, ihm alles zu geben, was er von ihr erbitten -würde. Sie war ja die Letzte, die sich auf ein Spiel einlassen wollte -— Liebe annehmen und Kleinigkeiten zurückgeben, nicht mehr, als daß -sie sich ohne Verlust von dem Spiele zurückziehen könnte, wenn sie sich -anders entschieden hätte.</p> - -<p>Diese Angst vor etwas, das sie noch nie durchgemacht hatte, war im -Grunde nur Nervosität.</p> - -<p>Und doch, sie war froh gewesen, solange er sie nicht um mehr gebeten, -als sie fröhlich gewähren konnte. Die Stunde mußte ja kommen, wo sie -selbst den Wunsch hatte, ihm alles zu geben.</p> - -<p>Ach, es war so langsam und unmerklich gekommen, wie der Frühling hier -im Süden. Ebenso gleichmäßig und sicher, ohne schroffe Uebergänge. Es -gab keine kalten und stürmischen Tage, die das Herz wild machten vor -Sehnsucht nach Sonne und überströmendem Licht, nach verzehrender Glut. -Keinen jener unheimlich klaren, endlosen, hinreißenden Lenzabende wie -daheim. War der Sonnentag vorübergegangen, so fiel die Nacht still und -gleichmäßig hernieder, die Kühle kam im Gefolge der Finsternis und -verleitete nur zu geborgenem, ruhigem Schlummer zwischen den warmen, -schimmernden Tagen. Jeder Tag war ein wenig wärmer als der vergangene, -jeder Tag brachte einige Blumen mehr auf der Campagna, die doch nicht -grüner war als gestern und dennoch soviel grüner und weicher als vor -einer Woche.</p> - -<p>So war zu ihr auch die Liebe gekommen. Jeden Abend war ihre Sehnsucht -nach dem folgenden Sonntag mit ihm draußen vor den Mauern gewachsen -und ganz allmählich wandelte sich ihr Sehnen und suchte ihn selber -und seine junge, warme Liebe. Sie hatte seine Küsse hingenommen, weil -es sie glücklich machte, und Tag für Tag waren ihrer Küsse mehr, bis -endlich die Gespräche zwischen ihnen verstummt und zu lauter Küssen -geworden waren.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p> - -<p>Sie sah, daß er reifer und männlicher wurde, mit jedem Tage. Alle -Unsicherheit glitt von ihm ab; die plötzliche Niedergeschlagenheit -überfiel ihn jetzt nie mehr. Sie selbst wurde sicherer, wärmer, -fröhlicher. Es war nicht mehr ihrer Jugend kühle, streitbare -Selbstsicherheit, sondern eine herzliche Sorglosigkeit; sie war nicht -mehr mißtrauisch gegen das Leben, das sich ihren Träumen nicht hatte -fügen wollen. Jetzt nahm sie vertrauensvoll jeden Tag hin, in froher -Erwartung, daß das Unvorhergesehene gut werde und zum Guten gewendet -werden könne.</p> - -<p>Warum sollte die Liebe nicht so kommen dürfen — langsam wie die Wärme, -die von Tag zu Tag wuchs und sich Zeit ließ, sich auszubreiten und -glühender zu werden. Weil sie früher geglaubt hatte, die Liebe käme wie -ein Unwetter, das im Nu einen anderen Menschen aus ihr schüfe, den sie -selbst nicht kannte, über den ihr alter Wille keine Macht mehr hatte?</p> - -<p>Helge — er nahm dieser Liebe langsames, gesundes Erblühen so unendlich -sanft und ruhig hin. An jedem Abend, wenn sie einander Gute Nacht -gewünscht hatten, war ihr Herz von Dank für ihn erfüllt, daß er sie -nicht um mehr gebeten, als sie an diesem Tage geben konnte.</p> - -<p>Oh, wenn sie doch nur hierbleiben könnte, bis zum Mai, zum Sommer, den -ganzen Sommer über! Wenn ihre Liebe hier unten reifen könnte, bis sie -ganz eins geworden waren, so selbstverständlich, wie sie jetzt einander -näher traten.</p> - -<p>Irgendwo in den Bergen zusammen wohnen können, diesen Sommer! Die -Formalitäten der Eheschließung könnten sie dann hier in der Stadt in -Ordnung bringen oder im Herbst zu Hause. Natürlich wollten sie sich -heiraten, wie es üblich war, wenn zwei einander liebten.</p> - -<p>Dachte sie daran, daß sie nach Hause reisen sollte, so war es ihr, als -fürchte sie, aus einem Traum zu erwachen.</p> - -<p>Aber das war ja alles Unsinn. Sie hatten sich doch so unsagbar lieb. -Nein, sie konnte diese Störungen mit<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> Verlöbnis und Besuch bei -Verwandten und dergleichen nicht leiden. Doch das waren Nichtigkeiten.</p> - -<p>Aber ewig Dank für diesen weichen Lenz hier unten, der sie so still -und sanft einander zugeführt hatte, Beide allein draußen zwischen den -Tausendschön der frühlingsjungen Campagna.</p> - -<p class="mtop2">„Glaubst du nicht, Jenny wird es eines Tages bereuen, daß sie sich -mit diesem Gram verlobt hat,“ fragte Franziska Gunnar Heggen, als sie -einmal oben bei ihm saß.</p> - -<p>Heggen wendete und drehte seine Zigarre hin und her. Er bemerkte -plötzlich, daß es ihm früher niemals in den Sinn gekommen war, wie -indiskret es sei, Franziskas Angelegenheiten mit Jenny zu erörtern. -Aber über Jennys intimere Verhältnisse mit Franziska zu sprechen, war -etwas anderes.</p> - -<p>„Begreifst du, was sie mit ihm will?“ fragte Franziska wieder.</p> - -<p>„Das begreift man in den meisten Fällen nicht, Cesca. Besonders, was -ihr mit diesem oder jenem Menschen wollt. Ich glaube bei Gott,“ er -lachte leise vor sich hin, „wir bilden uns ein, daß wir wählen. Aber -wir gleichen unseren Brüdern, den unvernünftigen Tieren, mehr, als wir -zugeben wollen. Eines schönen Tages ist über unsere Liebe verfügt, -wobei unsere natürliche Veranlagung die Hauptschuld trägt, während Ort -und Gelegenheit das Uebrige tun.“</p> - -<p>„Ich verstehe dich nicht, Gunnar,“ sagte Franziska und zog die -Schultern hoch. „Ist denn so über dich dauernd verfügt worden?“</p> - -<p>Gunnar lachte — ein wenig unwillig:</p> - -<p>„Vielleicht nie — in genügendem Maße. Ich habe nie den kritiklosen -Glauben an eine Frau, daß sie die einzige sei, kennen gelernt. Der -gehört aber auch mit zur rechten Liebe, und wiederum ist die natürliche -Veranlagung des Menschen die Ursache dazu.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p> - -<p>Franziska starrte gedankenvoll vor sich hin:</p> - -<p>„Es mag häufig der Fall sein. Aber es kommt auch vor, daß man einen -bestimmten Menschen liebt, ohne daß Zeit und Umstände die Triebfeder -sind. Ich — ich liebe jenen Mann, weil ich ihn nicht verstehe. Ich -konnte es damals nicht fassen, daß es Menschen seiner Art geben sollte. -Ich wartete auf ein Ereignis, das alles, was ich gesehen und beobachtet -hatte, ins rechte Licht rücken und erklären würde. Ich grub nach einem -verborgenen Schatz — und da wurde ich besessen, je länger ich grub. -Und der Gedanke, daß eine andere Frau ihn finden könnte, brachte mich -schließlich an den Rand des Wahnsinns. — Es <em class="gesperrt">gibt</em> Menschen, die -einen anderen lieben, weil dieser in ihren Augen vollkommen ist, weil -sie in ihm gefunden haben, wonach es sie verlangte. Hast du nie die -Liebe gekannt, die dich nur Gutes und Schönes und Edles an einem Weibe -sehen ließ, so daß du alles an ihm lieben mußtest?“</p> - -<p>„Nein,“ sagte er kurz.</p> - -<p>„Ja, aber das ist erst die richtige Liebe. Meinst du nicht? Und -ich hätte gewünscht, daß Jenny auf diese Art lieben würde. Aber so -<em class="gesperrt">kann</em> sie Gram nicht lieben.“</p> - -<p>„Ich kenne ihn eigentlich gar nicht, Cesca. Ich weiß nur, er ist nicht -so dumm wie er aussieht, wie man zu sagen pflegt. Das heißt, ich -glaube, er ist bedeutender, als man nach dem ersten Eindruck denken -sollte. Jenny hat wohl gemerkt, wes Geistes Kind er eigentlich ist.“</p> - -<p>Cesca schwieg. Sie entzündete eine Zigarette und ließ das -Wachszündhölzchen ausbrennen, mit den Augen gedankenvoll der Flamme -folgend.</p> - -<p>„Hast du nicht bemerkt — er fragt immer ‚finden Sie nicht?‘ und -‚stimmt das nicht?‘ und so. Liegt nicht etwas Feminines oder Unfertiges -über ihm?“</p> - -<p>„Vielleicht. Aber es kann ja sein, daß gerade dies Jenny angezogen hat. -Sie ist ja stark und auch selbständig. Vielleicht mag sie am liebsten -gerade einen Mann, der schwächer ist als sie selber.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span></p> - -<p>„Ich will dir etwas sagen, Gunnar. Ich glaube gar nicht, daß Jenny -so stark und selbständig ist. Sie war aber auch auf sich selber -angewiesen. Daheim mußte sie unterstützen und helfen und selbst besaß -sie keine Seele, bei der sie Schutz suchen konnte. Als wir uns kennen -lernten, nahm sie sich meiner an, weil sie sah, daß ich viel weicher -war als sie und ihrer bedurfte. Jenny hat immer Menschen getroffen, die -bei ihr Zuflucht suchten. Auch Gram bedarf ihrer. Ja, sie <em class="gesperrt">ist</em> -stark und sicher, sie fühlt es auch, und niemand bittet vergebens um -ihre Hilfe. Aber kein Mensch vermag auf die Dauer immer Anderen eine -Stütze zu sein, ohne je selber zu empfangen. Begreifst du denn nicht, -daß sie furchtbar einsam werden muß, wenn sie immer die Stärkste sein -soll? Sie <em class="gesperrt">ist</em> allein, und heiratet sie diesen Menschen, so wird -es auch nicht anders. Alle sprechen wir mit Jenny über uns selbst, sie -aber hat niemanden, mit dem sie reden kann. Oh, Jenny sollte einen Mann -haben, zu dem sie aufsehen könnte, dessen Autorität sie fühlte, zu dem -sie sagen könnte: so und so habe ich gelebt, so habe ich gearbeitet -und so habe ich gekämpft, denn so, meinte ich, sei es recht gewesen. -Sie sollte einen Menschen haben, der über ihr Recht und Unrecht zu -entscheiden imstande ist. Gram <em class="gesperrt">kann</em> es nicht, er ist ihr -unterlegen. Und dann kann sie auf sein Urteil nicht vertrauen, nicht -wahr? Der Mann, den Jenny braucht, muß genügend Autorität besitzen, -um ihre Gedanken zu bestätigen oder zu verwerfen. ‚Nicht wahr?‘ und -‚finden Sie nicht?‘ — jetzt sollte Jenny so fragen dürfen!“</p> - -<p>Sie schwiegen beide lange, dann blickte Heggen auf und sagte:</p> - -<p>„Es ist recht seltsam, Cesca. Gilt es deine eigenen Geschichten, -so weißt du meistens weder aus noch ein. Wenn du aber über die -Angelegenheiten anderer sprichst, so habe ich oft den Eindruck, als -sähest du am klarsten von uns allen.“</p> - -<p>Franziska seufzte schwer auf:</p> - -<p>„Darum habe ich ja auch oft die Idee, ins Kloster<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> zu gehen, Gunnar. -Wenn ich außerhalb des Ganzen stehe und es beschaue, so glaube ich, -alles zu begreifen. Wenn ich aber selbst mitten drin sitze, so verwirrt -es mich vollständig.“</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="I_XI">XI.</h3> - -</div> - -<p>Die saftigen, blaugrünen Riesenblätter der Kaktusbüsche waren zerrissen -von Namen, Buchstaben und Herzen. Helge stand und schnitzte ein H und -ein J hinein. Jenny hatte den Arm um seine Schulter gelegt und sah ihm -zu.</p> - -<p>„Wenn wir hierher zurückkehren,“ sagte Helge, „so ist es eine solche -braune Narbe wie die anderen. Glaubst du, daß wir es wiederfinden, -Jenny?“</p> - -<p>Sie nickte.</p> - -<p>„Unter all den anderen,“ sagte er mißmutig. „Es stehen so viele Namen -hier. Wir gehen dann wieder hier hinaus und suchen danach — wollen -wir?“</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>„Glaubst du daran, daß wir wieder hierher kommen, Jenny? Daß wir wieder -hier stehen werden wie jetzt — oder nicht?“ Er zog sie an sich.</p> - -<p>„Warum sollten wir nicht, mein Freund?“ Eng umschlungen gingen sie auf -ihren Tisch zu. Und dicht aneinandergeschmiegt saßen sie und starrten -auf die Campagna hinaus.</p> - -<p>Der Sonnenschein des Frühlingstages rückte höher hinan und die -Schlagschatten wanderten über die Hügel. Mitunter schoß das Licht in -großen Strahlenbündeln hervor, wenn blanke Wolken, leicht und ruhig -bewegt, über den blauen Himmel dahinsegelten. Aber draußen am Horizont, -wo der dunkle Eukalyptuswald bei Tre Fontane über den entferntesten -Hügelkamm lugte, dampfte ein perlenweißer Nebel auf; gegen Abend würde -er wohl wachsen und den ganzen Himmel überfluten.</p> - -<p>Weit drüben in der Ebene floß die Tiber dem Meere zu, golden, wenn sie -der Sonnenschein traf, doch bleigrau<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> mit mattem Glanz wie der Bauch -eines Fisches, wenn die Wolken sich in ihr spiegelten.</p> - -<p>Die Tausendschön leuchteten wie frischgefallener Schnee auf den Hügeln. -Auf dem Abhang unterhalb des Gemüsegartens der Osteria keimte der junge -Weizen empor, lichtgrün und seidenweich. Mitten auf dem Acker draußen -standen zwei Mandelbäumchen, deren Blütenkronen blaßrot schimmerten.</p> - -<p>„Unser letzter Tag in der Campagna,“ sagte Helge. „Ist es nicht -seltsam?“</p> - -<p>„Für dieses Mal —“. Sie küßte ihn und wollte ihrem eigenen Mißmut -nicht nachgeben.</p> - -<p>„Ja. Denkst du niemals daran, Jenny, daß es, wenn wir wieder hier -sitzen, dann so nicht wieder sein kann wie jetzt? Man ändert sich -dauernd, Tag für Tag — wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir wieder -hier unten sitzen. Nächstes Jahr — nächsten Frühling — es ist dann -nicht mehr dieser Frühling, Jenny. Wir sind dann auch nicht mehr -<em class="gesperrt">genau</em> dieselben. Und unsere Liebe? Wir werden uns ebenso lieben, -aber nicht auf ganz dieselbe Art.“</p> - -<p>Jenny zog die Schultern hoch, als wenn es sie fröstelte:</p> - -<p>„So etwas würde eine Frau niemals sagen, Helge,“ und sie versuchte zu -lachen.</p> - -<p>„Findest du es so seltsam, daß ich das sage? Ich kann nicht von dem -Gedanken loskommen. Denn ich finde, diese Monate haben mich so sehr -verändert. Dich auch — entsinnst du dich des ersten Morgens? Du -sagtest, alles sei dir so verändert erschienen, als du hinaustratest. -So wie ich war, als ich hierher kam, konntest du mich damals ja nicht -liebgewinnen, Jenny, nicht wahr?“</p> - -<p>Sie strich ihm über die Wangen:</p> - -<p>„Aber Helge, mein Jung, das ist ja eben die große Veränderung — -daß wir uns liebgewonnen haben. Und unsere Liebe wächst und wächst -beständig. Wenn wir uns jetzt verändern, so liegt das nur daran, daß -unsere Liebe wächst. Darum braucht man doch keine<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Furcht zu hegen? Wir -sind zwei frohe Menschen geworden — das ist die Veränderung. Entsinnst -du dich des Tages — meines Geburtstages — des Tages auf der Via -Cassia? Die ersten feinen Fäden begannen damals, sich zwischen uns zu -spinnen; jetzt ist ein starkes Band daraus geworden und es wird immer -stärker. Ist das ein Grund, sich zu fürchten, Helge?“</p> - -<p>Er küßte sie auf den Hals:</p> - -<p>„Morgen reist du —“.</p> - -<p>„Ja. Und in sechs Wochen kommst du nach.“</p> - -<p>„Ja. Aber dann sind wir nicht hier. Wir können nicht in die Campagna -fahren. Das ist es eben, daß wir mitten im Frühling aufbrechen müssen.“</p> - -<p>„Daheim haben wir auch Frühling, Helge. Auch dort gibt es Lerchen. Sieh -diese treibenden Wolken — das ist fast wie daheim. Denk an den Vestre -Aker, Jung — an ganz Nordmarken. Da wollen wir zusammen hinauf gehen. -Oh, der Frühling daheim, mit weißen Schneestreifen in allen Schluchten -rings um den blauen, blauen Fjord! Dann die letzten Schneeschuhfahrten -auf der Frühjahrsbahn; wir machen vielleicht in diesem Jahre auch noch -eine Skifahrt zusammen. Wenn der Schnee so naß ist, daß er nicht einmal -knirscht, wenn alle Bäche brausen und sprudeln, der Abendhimmel sich -über uns breitet, grün und klar, mit großen glitzernden Goldsternen -bestickt und die Skier in den Felsspalten schürfen und knirschen.“</p> - -<p>„Ja, ja.“ Er bog sie sanft zu sich hinüber. „Vestre Aker — Nordmarken -.... Ich bin dort soviel allein umhergegangen, daß es mir davor graut. -Ich habe das Gefühl, als müßten dort Fetzen meiner alten abgelegten -Seelen auf jedem Busche hängen.“</p> - -<p>„Still, still! Es kann so schön werden. Mit meinem Freunde an all den -Orten umherzugehen, wo ich so viel allein und traurig gewesen bin, so -manchen Lenz hindurch.“</p> - -<p>Hand in Hand wanderten sie über die graugrüne Campagna. Jetzt, gegen -Abend, hatte der Wolkenschleier sich über den ganzen Himmel gebreitet, -und ihnen entgegen wehte der Frühlingswind.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> - -<p>Jenny sagte weh und sehnsuchtsvoll jedem einzelnen Dinge Lebewohl. -Drunten auf der Fahrstraße knirschten Heuwagen, von Ochsen gezogen, -deren weißgraue Haut in sammetweiches Braun überging, und vor den -blaubemalten Weinkarren läuteten die Glöckchen an dem roten Saumzeug -der Maultiere.</p> - -<p>Alles war lieb und vertraut hier draußen, alles hatte sie Tag für Tag -mit ihm zusammen hier gesehen und selber nicht gewußt, daß sie es -sah; nun fühlte sie plötzlich, daß alles in ihre Seele eingebrannt war -zugleich mit der Erinnerung an diese Tage.</p> - -<p>Hier der trockene, rotbraune Hügel, dessen starres, kurzes Wintergras -von Tag zu Tag weicher und grüner geworden war, die treuen Tausendschön -auf der mageren Erde, die geheimnisvollen Gruben, in die das Erdreich -zusammengestürzt war, vor denen sie verwundert gestanden hatten; die -dornigen Hecken am Rande der Wege und die blanken, saftiggrünen Blätter -der wilden Kalla unter den Büschen ...</p> - -<p>Der Lerchen unablässiges Trillern hoch oben unter der weißen -Himmelskuppel, die wunderlich glasartigen Töne der unzähligen -Drehorgeln, die weit draußen auf den Osterien in der Ebene zum Tanz -aufspielten und immer die gleichen kleinen italienischen Melodien hören -ließen.</p> - -<p>Der Gedanke, daß sie von diesem allen lassen sollte, kam ihr so sinnlos -vor.</p> - -<p>Sie ging mit Helge durch den flutenden Frühlingswind, der ihren -Körper durchkühlte wie ein Bad; sie fühlte sich selbst wie ein kühles, -frisches, saftgefülltes Blatt, und sie sehnte sich danach, sich ihm zu -geben.</p> - -<p>In ihrem dunklen Hausflur sagten sie sich zum letzten Male Lebewohl. -Sie wollten nicht voneinander lassen.</p> - -<p>„Könnte ich doch heute Nacht bei dir bleiben! Jenny!“</p> - -<p>„Helge.“ Sie drängte sich an ihn. „Du darfst!“</p> - -<p>Er umfaßte sie heftig, ihre Hüften, ihre Schultern. Aber sobald sie es -ausgesprochen hatte, erzitterte sie. Sie<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> wußte selbst nicht, warum -ihr Angst wurde — sie <em class="gesperrt">wollte</em> nicht ängstlich sein. Im selben -Augenblick bereute sie, daß sie eine Bewegung gemacht hatte, als wollte -sie sich aus seiner harten Umarmung befreien. Aber da hatte er sie -schon freigegeben.</p> - -<p>„Nein. Nein. Ich weiß ja, daß es unmöglich ist.“</p> - -<p>„Ich will ja so gern,“ flüsterte sie gedemütigt.</p> - -<p>„Ja, ja.“ Er küßte sie. „Ich weiß, daß du ... aber ich weiß auch, daß -ich nicht darf —.“</p> - -<p>„Dank, Jenny! Hab Dank für alles! Jenny, Jenny — Dank für deine Liebe! -Gute Nacht.“ —</p> - -<p>Die Tränen rannen kalt über ihre Wangen, als sie in ihrem Bett lag. Sie -versuchte sich selbst klarzumachen, daß es sinnlos sei, zu liegen und -so zu weinen als wäre irgend etwas Schönes zu Ende gegangen, irgend ein -Glück zersprungen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch">Zweites Buch</h2> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p> - -<h3 id="II_I">I.</h3> - -</div> - -<p>Als Jenny in Fredrikshald über den Bahnsteig lief, um im Warteraum -ein wenig Kaffee zu sich zu nehmen, hielt sie einen Augenblick inne. -Irgendwo über ihr tirilierte eine Lerche.</p> - -<p>Sie schloß die Augen, als sie dann am Abteilfenster saß. Die Sehnsucht -nach dem Süden war schon erwacht.</p> - -<p>Der Zug sauste an kleinen, mutwillig zerrissenen und geborstenen -Bergkuppen aus rotem Granit vorbei. Der Fjord schimmerte stellenweise -in ungebrochenem, leuchtendem Azurblau hindurch. An den Felsen hinan -klammerte sich die Föhre fest. Die Nachmittagssonne lag auf roten, -erzen schimmernden Stämmen und tiefgrünen, metallblanken Kronen; es -war, als glänzte alles vom Bade nach der Schneeschmelze. Bächlein -gurgelten den Bahnkörper entlang, und die nackten Kronen der Laubbäume -leuchteten in der klaren Luft.</p> - -<p>Es war hier so anders als im Lenz des Südens. Sie aber sehnte sich nach -ihm — seinem langsamen, gesunden Atem, seiner Farben milder Freude. -Diese Farbenorgien hier erinnerten sie an andere Lenztage — mit wilder -Sehnsucht nach heißen Freuden, die ihrem jetzigen ruhigen Glück nicht -eigen waren.</p> - -<p>Oh, der Frühling dort unten mit dem leise sprießenden Grün auf der -endlosen Ebene! Das Gebirge umgab sie mit strengen, festen Linien. Die -Menschen hatten den Wald gerodet und ihre mauergekrönten steingrauen -Städte auf den Felsspitzen errichtet, ihre silberfarbenen Olivenhaine -an den Hängen aufgepflanzt. Das Leben hatte<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> sich Jahrtausende über -in den Felsen geregt, und die Berge trugen geduldig die kleine Welt -auf ihren Schultern, dennoch in ewiger Einsamkeit und Ruhe ihre -Scheitel gen Himmel hebend. Diese stolzen, strengen Linien, der Farben -gedämpftes Silbergrau, Graublau und Grüngrau, diese uralten Städte und -der langsam vorwärtsschreitende Frühling! Wie viel man auch erzählte -von des Südens schäumendem Leben, so schien dort doch der Lebensodem -in ruhigem, gesünderem Zeitmaß die Menschen zu durchströmen als hier -im Norden. Trotz des Lenzes mutwilliger Gewalt im Süden war es dort -leichter, die Frühlingswoge vorüberbrausen zu lassen.</p> - -<p>Ach Helge! Könnte ich doch bei dir sein! Ihr schien die Zeit, die sie -mit ihm verlebt, so unendlich fern. Kaum eine Woche war vergangen, seit -sie sich getrennt hatten, und doch war ihr alles wie ein Traum, als sei -sie nie von der Heimat fortgewesen.</p> - -<p>Wie dankte sie dem Schicksal, das sie von hier geführt. So hatte sie -nicht zu sehen und zu fühlen brauchen, wie der weiße, ruhevolle, -frostklare Winter wich, wie die klingende, stärkende, lichtblaue -Luft, von silberreinem, feuchtem Dunst durchtränkt, über den braunen -Erdschollen zitterte. Die Luft flimmerte, alle Linien lösten sich auf, -während die Farben scharf und brennend, gleichsam nackt, hervortraten, -bis der Abend kam, und alles unter einer Flut blaßgrünen, zehrenden -Lichtes erschauerte, das nicht weichen wollte.</p> - -<p>Mein kleiner Junge, was du wohl jetzt treibst. Ich sehne mich ja so -nach dir — ich kann es fast nicht glauben, daß du mir gehörst. Ich -will bei dir sein, ich will nicht allein hier umhergehen und mich den -ganzen langen, unheimlich hellen Frühling hindurch nach dir verzehren. —</p> - -<p>Weiter hinauf in Smaalene lagen schmelzende Schneestreifen am -Waldessaum und unter den Steinwällen. Die welkbraunen Erdschollen und -umgepflügten Aecker breiteten sich in milden Farben aus, und hier, -wo die Himmelskuppel sich höher wölben konnte, erblaßte das blendend -starke Blau nach dem Horizonte zu allmählich. Die niedrige<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> wellige -Kette der bewaldeten Bergkuppen lag weit drüben, während das feine -Geäst der einzelnen freistehenden Baumgruppen draußen im Lande sich wie -Spitzenwerk in der Luft abzeichnete.</p> - -<p>Altersgraue Gehöfte gleißten wie Silber, und neue rote Nebengebäude -glühten tief auf. Der Föhrenwald leuchtete olivengrün, Birkendickicht -und Espenstämme hoben sich rotviolett und lichtgrün dagegen ab.</p> - -<p>Ja, es war Frühling. Die hitzigen Farben brennen eine Weile, bis alles -gelbgrün schimmert und vor Lebensfreude eine Zeitlang strahlt, um ein -paar Wochen später zu dunkeln und zu reifen und dem Sommer zu weichen.</p> - -<p>Der Frühling des Nordens ist unersättlich — kein Glück ist ihm -strahlend genug! —</p> - -<p>Der Abend fiel hernieder, während der Zug gen Norden brauste. Die -letzten langen, roten Sonnenstrahlen blitzten über eine Felskuppe. -Dann blieb nur ein güldener Schein am wolkenlosen Himmel zurück, der -unendlich langsam hinstarb.</p> - -<p>Als der Zug Moß verließ, ragten die Berge kohlschwarz zum -grünlichklaren Himmel auf. Die Spiegelung lag noch tiefdunkler, -durchsichtig schwarz auf dem grasgrünen Fjord. Ein einziger großer -Stern stand über der Bergspitze, sein Bild drunten auf dem Wasser -zitterte wie ein dünner Strahl Goldes.</p> - -<p>Jenny mußte an Franziskas Nachtbilder denken. Das Leben der Farben nach -Sonnenuntergang war das, was Cesca am liebsten festzuhalten suchte. -Gott weiß, wie es ihr eigentlich ging. Sie arbeitete übrigens fleißig -in der letzten Zeit. Jenny hatte Gewissensbisse. Die beiden letzten -Monate hatte sie Cesca kaum gesehen und doch durchfuhr sie oftmals -der Gedanke, daß Cesca es wohl schwer hatte. Aber alle guten Vorsätze -Jennys, sich einmal mit Cesca auszusprechen, waren umsonst gewesen.</p> - -<p class="mtop2">Es war Nacht, als sie in Kristiania einfuhr. Mutter, Bodil und Nils -nahmen sie auf dem Bahnhof in Empfang.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p> - -<p>Ihr war, als hätte sie die Mutter erst vor einer Woche gesehen. Frau -Berner weinte, als sie die Tochter küßte: „Willkommen daheim, mein -liebes Kind — Gott segne dich!“</p> - -<p>Bodil aber war groß geworden. Sie sah fesch und elegant aus in dem -fußfreien Straßenkostüm. Kalfatrus begrüßte sie ein wenig fremd.</p> - -<p>Diese Luft auf dem Bahnhofsmarkt war etwas für sich, die gab es in der -ganzen Welt nicht wieder — Geruch von Seewasser und Kohlenruß und -Heringslauge.</p> - -<p>Die Droschke holperte über die Carl Johannstraße, an den bekannten -Häusern vorüber. Die Mutter fragte sie nach der Reise. — Jenny überkam -ein seltsam alltägliches Gefühl. Es war ihr, als sei sie niemals fort -gewesen. Die Kinder auf dem Rücksitz sprachen kein Wort.</p> - -<p>Oben auf dem Wergelandswege, vor einer Gartentür, standen zwei junge -Menschen und küßten sich unter einer Gaslaterne. Ueber den nackten -Baumkronen des Schloßparkes wölbte sich der Himmel tiefblau und -klar mit wenigen mattschimmernden Sternen. Jenny spürte einen Hauch -wie von moderndem Laub durch die Nacht, einen Hauch aus vergangenen -sehnsuchtsschweren Tagen.</p> - -<p>Der Wagen hielt vor dem Tore daheim, ein großer ummauerter Hof zog sich -hinter dem Hause den Haegdehaug hinauf. Im Milchladen des Erdgeschosses -war Licht und die „Delikatesse“ guckte heraus, als sie den Wagen halten -hörte, rief Guten Tag und bot Jenny ein Willkommen.</p> - -<p>Ingeborg kam die Treppe herabgestürmt und umfing Jenny. Dann lief sie -mit dem Handkoffer der Schwester wieder nach oben.</p> - -<p>Im Wohnzimmer war der Teetisch gedeckt. Jenny erblickte ihre Serviette -mit dem alten Silberring, der noch vom Vater stammte, auf ihrem alten -Platz, neben Kalfatrus auf dem Sofa.</p> - -<p>Ingeborg stürzte in die Küche hinaus, während Bodil Jenny in ihr -Kämmerchen führte, das nach dem Hofe hinausging. Ingeborg hatte es -bewohnt, während Jenny im Auslande war, sie hatte noch nicht alle ihre -Sachen<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> beiseite geräumt. An den Wänden hingen Schauspielerkarten; -Napoléon und Madame Recamier in Mahagonirahmen waren an jeder Seite von -Jennys altem Empirespiegel über der Kommode angebracht.</p> - -<p>Jenny wusch sich und ordnete ihr Haar. Sie hatte das Gefühl, als sei -ihre Haut schwarz von der Reise, und fuhr sich mit der Puderquaste -ein paar Mal über das Gesicht. Bodil schnupperte am Puder — ob er -parfümiert sei.</p> - -<p>Sie gingen hinein zum Tee. Ingeborg hatte ein warmes Fischgericht -zubereitet, sie war in diesem Winter auf der Kochschule gewesen. Hier -drinnen unter der Lampe sah Jenny, daß beide Schwestern die dicken -krausen Flechten im Nacken mit weißer Seidenschleife hochgebunden -trugen. Ingeborgs kleines Mulattenfrätzchen war ein wenig schmaler und -bleicher geworden, sie hustete aber jetzt nicht.</p> - -<p>Und nun sah Jenny auch, daß die Mutter älter geworden war. Oder -täuschte sie sich? Hatte sie vielleicht damals, während sie daheim war -und sie jahrelang Tag für Tag sah, nur nicht bemerkt, daß der feinen -Fältchen in Mutters blondem Antlitz mehr und mehr, daß die Schultern -spitzer wurden, die hohe, mädchenhaft schlanke Gestalt gebeugter? Seit -Jenny erwachsen war, hatte sie hören müssen, daß Mama aussah wie ihre -etwas ältere, schönere Schwester.</p> - -<p>Es wurde von allem gesprochen, was sich im verflossenen Jahre daheim -zugetragen hatte.</p> - -<p>„Warum nahmen wir eigentlich kein Automobil für den Heimweg?“ fragte -Nils plötzlich. „Das wäre doch das Praktischste gewesen.“</p> - -<p>„Du kommst nun allerdings reichlich spät mit deinem Vorschlag, Junge.“ -Jenny mußte lachen.</p> - -<p>Das Gepäck kam, und Mutter wie Schwestern folgten atemlos dem -Auspacken. Ingeborg und Bodil trugen die Sachen ins Kämmerchen und -verstauten sie in den Kommodeschiebladen. Sie befühlten fast mit -Andacht die gestickte Wäsche, die, wie Jenny erklärte, in Paris gekauft -war. Ueber die Geschenke jubelten sie — Rohseide für Sommerkostüme und -venetianische Perlenketten. Sie standen<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> vor dem Spiegel, warfen die -Seide prüfend über die Schulter und legten die Halsketten um die Stirn.</p> - -<p>Nur Kalfatrus fragte nach ihren Bildern und lüftete die Blechtrommel -mit der Leinwand.</p> - -<p>„Wieviel hast du da, Jenny?“</p> - -<p>„Sechsundzwanzig. Es sind aber meistens kleine Bilder.“</p> - -<p>„Wirst du eine Separatausstellung veranstalten?“</p> - -<p>„Ich weiß noch nicht recht, gedacht habe ich daran.“</p> - -<p class="mtop2">Die Mädels hatten aufgewaschen, Nils hatte sein Bett auf dem Sofa in -der Wohnstube zurechtgemacht. Frau Berner und Jenny saßen im Zimmer der -Tochter bei einer zweiten Tasse Tee und einer Zigarette.</p> - -<p>„Wie findest du Ingeborg?“ fragte die Mutter ängstlich.</p> - -<p>„Sie ist frisch und lebhaft, sieht auch nicht schlecht aus. Aber -natürlich, in ihrem Alter ist nicht damit zu spaßen. Wir müssen sehen, -daß wir sie aufs Land hinausschicken, bis sie wieder ganz frisch ist, -Mama.“</p> - -<p>„Ingeborg ist immer so lieb und gut, munter und vergnügt. Und so -tüchtig im Haushalt. Ich bange mich so um ihretwillen, Jenny. Ich -glaube, sie hat diesen Winter zu viel getanzt, ist allzu viel draußen -gewesen und zu spät ins Bett gekommen. Aber ich brachte es nicht übers -Herz, es ihr zu verbieten. Du hattest es so trübselig, Jenny, und ich -sah sehr wohl, daß du Vergnügen und Freude entbehrtest. — Ich war -überzeugt, sowohl du wie Papa würden mir Recht geben, wenn ich dem -Kinde sein Vergnügen ließe, solange es sich bot.“ Frau Berner seufzte. -„Meine armen kleinen Mädels — Mühsal und Arbeit, das ist es nur, was -sie erwartet. Was soll werden, Jenny, wenn ihr mir noch obendrein krank -werdet? Ich kann so wenig für euch tun, meine Kinder.“</p> - -<p>Jenny beugte sich zu ihr hinüber und küßte ihr die Tränen von den -schönen, kindergroßen Augen. Sie<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> schmiegte sich an die Mutter und -die Sehnsucht, Zärtlichkeit zu erweisen und selber zu empfangen, die -Erinnerung an vergangene Tage der Kindheit und das Bewußtsein, daß ihre -Mutter der Tochter Leben mit seinen früheren Sorgen und seiner jetzigen -Glückseligkeit nicht gekannt hatte, flossen zusammen zu dem Gefühl -schützender Liebe. Frau Berner legte ihren Kopf an der Tochter Brust.</p> - -<p>„Nicht weinen, Mama — das wird alles schon werden, du sollst nur -sehen. Nun bleibe ich ja vorläufig zu Hause. Und dann haben wir doch -Gott sei Dank noch etwas von Tante Katharines Geld übrig.“</p> - -<p>„Aber Jenny, das brauchst du doch für deine Ausbildung. Ich habe ja -nach und nach eingesehen, daß du an deiner Ausbildung nicht gehindert -werden darfst. Es war eine solche Freude für uns alle, als du das Bild -im letzten Herbst verkauftest.“</p> - -<p>Jenny lächelte ein wenig. Jenes Bild, das verkauft wurde, und die -wenigen Worte in der Zeitung über sie — es war, als sähe ihre ganze -Familie danach mit ganz anderen Augen auf ihre Malerei.</p> - -<p>„Das renkt sich noch alles ein, Mama. Alles. Ich kann etwas nebenher -verdienen, wenn ich zu Hause bin. Ein Atelier <em class="gesperrt">muß</em> ich haben,“ -sagte sie einen Augenblick darauf. Und sie fügte hinzu, hastig, -erläuternd: „Denn ich muß meine Bilder im Atelier vollenden.“</p> - -<p>„Ja aber,“ die Mutter sah ganz entsetzt aus. „Du wohnst doch zu Hause, -Jenny?“</p> - -<p>Jenny antwortete nicht gleich.</p> - -<p>„Ich finde, es geht nicht anders, mein Kind,“ fuhr die Mutter fort. -„Ein junges Mädchen kann nicht allein im Atelier wohnen.“</p> - -<p>„Nein, gewiß, <em class="gesperrt">wohnen</em> kann ich hier,“ entgegnete Jenny. —</p> - -<p>Sie holte Helges Photographie hervor, als sie allein war. Dann setzte -sie sich hin, um an ihn zu schreiben.</p> - -<p>Erst ein paar Stunden war sie jetzt zu Hause. Aber alles, was sie dort -unten erlebt hatte, schien ihr so<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> grenzenlos fern und fremd. So ohne -Zusammenhang mit ihrem Leben hier zu Hause — früher und jetzt.</p> - -<p>Der Brief wurde zu einer einzigen sehnsüchtigen Klage.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_II">II.</h3> - -</div> - -<p>Jenny hatte ein Atelier gemietet. Sie ging umher und räumte ein. -Nachmittags kam Kalfatrus, um ihr zu helfen.</p> - -<p>„Du bist ein gefährliches Langbein geworden, Kalfatrus. Ich war nahe -daran, Sie zu dir zu sagen, Bengel, als ich dich das erste Mal sah.“</p> - -<p>Der Junge lachte.</p> - -<p>Jenny erkundigte sich nach all seinem Tun und Lassen während ihrer -Abwesenheit, und Nils erzählte. Er und Jakop und Bruseten — zwei neue -Jungen, die im vergangenen Herbst in die Klasse gekommen waren — -hatten eine Zeitlang oben in Nordmarken in den Holzhauerkojen als Wilde -gelebt, und ihrer Abenteuer waren unzählige. Jenny fragte sich, während -sie ihm zuhörte, ob wohl je wieder Zeit bliebe zu Nordmarksfahrten für -sie und Kalfatrus. —</p> - -<p>An den Vormittagen streifte sie in der Gegend von Bygdö umher — -allein in dem weißen Sonnenschein. Bleich lag die Erde mit dem -toten, gelblichweißen Gras da. Am Waldrande nach Norden zu fand sich -noch immer alter Schnee unter den stahlschwarzen Nadeln. Aber an -den Südhängen schimmerten die nackten Zweige der Laubbäume in der -sonnengetränkten Luft, und unter dem alten, wärmenden Laub lugten -weiche Blauanemonenknöspchen hervor. Dort draußen war die Luft schon -von Vogelgezwitscher erfüllt. —</p> - -<p>Helges Briefe las sie wieder und wieder — sie trug sie bei sich. -Sie sehnte sich nach ihm, krankhaft, ungeduldig, sehnte sich, ihn zu -schauen, ihn zu berühren, zu fühlen, daß sie ihn auch wirklich besaß.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p> - -<p class="mtop2">Zwölf Tage war sie nun daheim, und noch war sie nicht dazu gekommen, zu -seinen Eltern zu gehen. Als er schließlich zum dritten Male in einem -Briefe fragte, raffte sie sich auf. Morgen sollte es Wahrheit werden.</p> - -<p>Das Wetter war im Laufe der Nacht umgeschlagen. Ein beißender Nordwind -fegte daher — stechende Sonnenglut und wirbelnde Wolken von Staub und -Papier in den Straßen — und plötzlich ein Hagelschauer, so heftig, -daß sie in einem Torweg Schutz suchen mußte. Die harten weißen Körner -spritzten rings um ihre niedrigen Schuhe und dünnen Sommerstrümpfe von -den Pflastersteinen auf.</p> - -<p>Dann kam die Sonne wieder hervor.</p> - -<p>Grams wohnten in der Welthavensstraße. Jenny stand einen Augenblick an -der Ecke still. Der Schatten lag klamm und eiskalt zwischen den beiden -Reihen schmutziggrauer Häuser. Nur auf der einen Seite fiel hoch oben -ein Sonnenstreifchen hinein. Sie wurde froh, sie wußte, daß Helges -Eltern im vierten Stock wohnten.</p> - -<p>Diese Straße war vier Jahre hindurch ihr Schulweg gewesen. Da waren -sie wieder, die winzig kleinen dunklen Kaufläden, die Fenster mit -Blumentöpfen in zerrissenem Seidenpapier und farbigen Majolikakrügen -und die vergilbten Modenzeitungen an den Fenstern der Näherinnen, -die Torwege, die auf kohlschwarze Hinterhöfe hinausstarrten. Noch -immer lagen hier Haufen schmutzigen Schnees und machten die Luft in -den Hofräumen rauh. Die Straßenbahnen fuhren mit schwerem Getöse die -hügelige Straße hinauf.</p> - -<p>Gleich daneben, an der Pilengasse, lag eine von den rußigen, grauen -Mietskasernen mit einem Hofplatz, der einer dunklen Höhle glich. Dort -hatten sie gewohnt, als der Stiefvater starb.</p> - -<p>Sie verweilte ein wenig draußen vor der Eingangstür mit dem -Messingschilde G. Gram. Sie hatte Herzklopfen und versuchte, über sich -selbst zu lachen. Immer ging es ihr so; sinnlos beklommen war sie, wenn -sie in eine Lage kam, die sie sich nicht Jahre im voraus hatte ausmalen -können. Herrgott — ein Paar zukünftiger Schwiegereltern<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> waren doch -keine besonders wichtigen Persönlichkeiten für sie. Auffressen würden -sie sie jedenfalls kaum können. Sie läutete.</p> - -<p>Drinnen hörte sie jemanden durch einen langen Korridor kommen, und -gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Helges Mutter. Jenny erkannte sie -von der Photographie her.</p> - -<p>„Frau Gram? — Mein Name ist Winge.“</p> - -<p>„Ah so — bitte sehr, wollen Sie nicht nähertreten?“</p> - -<p>Sie ging vor Jenny her durch einen langen, engen Gang, der angefüllt -war mit Schränken, Kisten und Mänteln.</p> - -<p>„Bitte schön,“ sagte Frau Gram wieder und öffnete die Tür zum -Wohnzimmer. Helles Sonnenlicht lag auf den schweren moosgrünen -Plüschmöbeln; der Raum war nicht groß und gestopft voll von Nippes und -Photographien. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in schillernden Farben, -vor allen Türen hingen Plüschportieren.</p> - -<p>„Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe hier so lange nicht Staub -wischen können,“ sagte Frau Gram. „Wir sind an Werktagen nämlich nie -in diesem Zimmer, und ich bin augenblicklich ohne Mädchen. Das letzte -mußte ich wegjagen — die ärgste Schmutzliese, und dann konnte sie -ihren Mund nie halten. So sagte ich ihr denn, sie sollte machen, daß -sie fortkäme. Aber eine neue zu bekommen — das ist unmöglich, und -schließlich sind sie eine wie die andere. Nein, Hausfrau, das ist der -schlimmste Beruf, den es gibt. — Ja, Helge hatte uns ja auf Ihren -Besuch vorbereitet, jetzt hatten wir aber die Hoffnung wahrhaftig -aufgegeben, daß Sie uns die Ehre geben würden.“</p> - -<p>Während sie lächelte und sprach, zeigte sie eine Reihe großer, weißer -Vorderzähne. An beiden Seiten fehlten die Augenzähne und hatten eine -dunkle Lücke hinterlassen.</p> - -<p>Jenny betrachtete sie, Helges Mutter.</p> - -<p>Sie hatte sich dies alles so ganz anders gedacht.</p> - -<p>Nach seinen Erzählungen hatte sie sich ein Bild von seinem Heim und -seiner Mutter gemacht. Die Mutter<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> mit dem schönen Antlitz, das auf -der Photographie Helge ähnlich war, mochte sie gern. Sie, die der Mann -nicht liebte, die aber ihre Kinder so geliebt hatte, daß sie sich -dagegen auflehnten und rebellierten, hinaus wollten, fort von dieser -tyrannischen Mutterliebe, die es nicht ertrug, daß sie etwas anderes -seien als nur ihre Kinder. In ihrem Herzen hatte Jenny Partei ergriffen -für diese Mutter. Männer konnten kaum verstehen, wie eine Frau werden -mußte, die Liebe gab und niemals Liebe zurück empfing, außer der -Kindesliebe der ersten Jahre. Die Kinder begriffen ja die Gefühle einer -Mutter nicht, wenn sie sie heranwachsen und sich von ihr abwenden sah, -begriffen nicht, daß eine Mutter sich in Trotz und Zorn gegen das -unerbittliche Leben auflehnte, das daran Schuld war, daß die Kinder -groß wurden und nicht mehr ihr Ein und Alles in der Mutter sahen, für -die doch bis in alle Ewigkeit die Kinder das Höchste bedeuteten.</p> - -<p>Jenny hatte Helges Mutter lieben wollen.</p> - -<p>Und nun empfand sie eine rein physische Abneigung gegen diese Frau -Gram, die da vor ihr saß und unaufhörlich redete.</p> - -<p>Es waren wohl Helges Züge wie auf dem Bilde. Diese hohe, ein wenig -schmale Stirn, die fein gebogene Nase und die gradlinigen, dunklen -Brauen, der kleine Mund mit den feinen schmalen Lippen und das spitze -Kinn.</p> - -<p>Um ihren Mund lag aber ein Ausdruck, als ob alles, was sie sprach, nur -Spott sei. Ein spöttischer und bösartiger Zug war in all den feinen -Runzeln des Gesichts. Die großen Augen, selten schön geschnitten mit -ganz emailleblauem Weiß im Apfel, hatten einen harten, stechenden -Blick, diese großen, tiefbraunen Augen, die viel dunkler waren als die -Helges.</p> - -<p>Schön mußte sie gewesen sein, selten schön. Und dennoch wußte Jenny -ganz bestimmt, was ihr früher schon einmal eingefallen war, daß Gert -Gram diese Frau kaum aus Liebe geheiratet hatte. Dame war sie auch -durchaus nicht — weder in Sprache noch Wesen. Es gab ja so viele -nette junge Mädchen im Mittelstande, die zu Vetteln<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> wurden, sobald -sie eine Weile verheiratet waren und sich in der Enge des Hauses mit -Dienstmädchen- und Wirtschaftssorgen einige Jahre abgeplagt hatten.</p> - -<p>„Kandidat Gram bat mich, zu Ihnen zu gehen und Sie von ihm zu grüßen,“ -sagte Jenny. Sie empfand es plötzlich als eine Unmöglichkeit, Helge bei -seinem Namen zu nennen.</p> - -<p>„Ja, er war in der letzten Zeit nur mit Ihnen zusammen, in den letzten -Briefen erwähnt er jedenfalls niemand anderes. Uebrigens schwärmte er -im Anfang wohl ein bißchen für ein kleines Fräulein Jahrmann, glaube -ich?“</p> - -<p>„Meine Freundin, Franziska — ja, im Anfang waren wir eine ganze Schar, -die sich oft zusammenfand. Aber jetzt zuletzt war Fräulein Jahrmann mit -einer größeren Arbeit beschäftigt.“</p> - -<p>„Sie ist wohl die Tochter von Oberstleutnant Jahrmann in Tegneby? Hat -sie nicht Geld?“</p> - -<p>„Nein. Ihre Ausbildung bestreitet sie von dem Wenigen, was sie von -ihrer Mutter geerbt hat, sie steht nicht eben auf gutem Fuße mit ihrem -Vater, d. h. er wünschte nicht, daß sie Malerin wurde, und dann wollte -sie nichts von ihm annehmen.“</p> - -<p>„Wie töricht. — Meine Tochter, Frau Kaplan Arnesen,“ sagte Frau Gram, -„kennt sie flüchtig, sie war hier zu Weihnachten. Sie meinte übrigens, -da spielten andere Gründe mit, weshalb Oberstleutnant Jahrmann nichts -mit ihr zu tun haben wollte; sie soll ja so hübsch sein, aber einen -recht schlechten Ruf haben.“</p> - -<p>„Das ist durchaus unwahr,“ sagte Jenny steif.</p> - -<p>„Ja, Sie Künstlerinnen haben es gut,“ Frau Gram seufzte. „Aber ich -begreife nicht, wie Helge arbeiten konnte. Ich fand, er schrieb nie -von etwas anderem, als daß er mit Ihnen hier und dort in der Campagna -herumgestreift sei.“</p> - -<p>„Oh — oh,“ sagte Jenny. — Es war peinlich über das Leben dort unten -aus Frau Grams Munde zu hören.<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> „Kandidat Gram war sehr fleißig, fand -ich. Einen Feiertag muß man doch hin und wieder haben.“</p> - -<p>„Ja. Wir Hausfrauen müssen freilich ohne solche auskommen. Warten -Sie, bis Sie verheiratet sind, Fräulein Winge. Aber auch andere -Menschen sollen ihre freien Tage haben. Ich habe eine Nichte, die eben -Volksschullehrerin geworden ist. Sie sollte Medizin studieren, konnte -es aber nicht aushalten, sie mußte aufhören und aufs Seminar gehen. -Ja, ich finde, die hat immer frei. Du wirst dich doch wahrhaftig nicht -überanstrengen, Aagot, sage ich zu ihr.“</p> - -<p>Frau Gram verschwand durch eine Tür auf den Korridor hinaus. Jenny -erhob sich und betrachtete die Malereien.</p> - -<p>Ueber dem Sofa hing eine große Campagnalandschaft. Man konnte wohl -sehen, daß Helges Vater in Kopenhagen gelernt hatte. Das Bild war gut -und solide gezeichnet, aber dünn und trocken in der Farbe. Besonders -der Vordergrund mit den beiden Italienerinnen in Nationaltracht und -den miniaturartig gemalten Pflanzen an einer umgestürzten Säule waren -langweilig. Die Modellstudie eines jungen Mädchens darunter war besser.</p> - -<p>Sie mußte lächeln. — Man konnte beim Anblick dieser italienischen -Romantik verstehen, daß es Helge im Anfang schwer gefallen war, sich in -Rom zurechtzufinden, und daß es ihn enttäuscht hatte.</p> - -<p>Da waren viele kleine braune, zierlich gezeichnete Landschaften von -Italien mit Ruinen und Nationaltrachten. Aber die Studie des Priesters -dort war gut.</p> - -<p>Einige Kopien dagegen — Corregios Danaë und Guido Renis Aurora — -oh Gott! Außerdem fanden sich noch einige andere Kopien von barocken -Bildern, die sie kaum kannte.</p> - -<p>Dann hing an der einen Seite noch eine große hellgrüne -Sommerlandschaft. Gram hatte versucht, impressionistisch zu malen. Das -Bild war aber dünn und häßlich in den Farben. Das dort über dem Klavier -war besser.<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> Sonnenglut über den Felsspitzen, die Luft war entzückend -wiedergegeben.</p> - -<p>Daneben hing ein Porträt der Frau des Hauses. Das war das beste. -Tatsächlich, es war gut. Die Gestalt plastisch modelliert. Ebenso die -Hände. Dann das hellrote Kleid mit den Verzierungen, die durchbrochenen -schwarzen Halbhandschuhe. Das olivenbleiche Gesicht mit den dunklen -Augen unter den Stirnlocken und der hohe, spitze schwarze Hut mit roter -Feder. Sie stand aber leider wie an den Hintergrund geklebt, der mit -einem säuerlichen Graublau übermalt war.</p> - -<p>Und dort noch ein Kinderbild „Bamse vier Jahre“, stand oben auf dem -Rahmen. Nein, Herrgott — war das Helge, der kleine schmollende Kerl im -weißen Hemdchen? O, wie lieb er aussah!</p> - -<p>Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Kakes herein. Jenny -murmelte etwas von Umstände machen:</p> - -<p>„Ich habe mir die Bilder Ihres Gatten angesehen, Frau Gram.“</p> - -<p>„Ja, ich verstehe mich ja nicht sonderlich darauf, aber ich finde -sie großartig. Mein Mann behauptet freilich, es wäre nichts an ihnen -dran, aber das ist wohl nur so hingesagt. Nein,“ sie lachte etwas -bitter. „Mein Mann ist so sonderbar. Von der Malerei konnten wir nicht -leben, als wir heirateten und Kinder bekamen, so daß er daneben etwas -Nützliches betreiben mußte. Dann hatte er aber keine Lust, so nur -nebenher zu malen, und darum behauptete er eines schönen Tages, er -hätte kein Talent. Ich finde ja seine Bilder schöner als die modernen -Sachen, aber Sie sind wohl anderer Meinung, Fräulein Winge?“</p> - -<p>„Ja, die Bilder Ihres Gatten sind sehr schön,“ entgegnete Jenny. -„Besonders das Bildnis von Ihnen, Frau Gram. Das ist wirklich reizvoll.“</p> - -<p>„O ja. Aber es hat freilich nicht viel Aehnlichkeit — geschmeichelt -hat Gram mich nicht.“ Sie lachte wieder ihr kleines, bitteres, böses -Lachen. „Nein, das kann man nicht gerade behaupten. <em class="gesperrt">Ich</em> finde -ja, er malte<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> viel netter, ehe er begann, all das nachzuäffen, was -damals plötzlich modern wurde — Sie wissen, Thaulow und Krogh und -Konsorten.“</p> - -<p>Jenny trank ihren Rhabarberwein schweigend aus, während Frau Gram -sprach.</p> - -<p>„Ich würde Sie gern zu Mittag einladen, Fräulein Winge. Aber ich mache -die Wirtschaft allein und dann ist man ja nicht auf Gäste vorbereitet, -das können Sie sich wohl vorstellen. Ich kann also leider nicht. Aber -das nächste Mal, hoffe ich.“</p> - -<p>Jenny verstand, daß Frau Gram sie gern los sein wollte. Das war ja auch -begreiflich, wenn sie kein Mädchen hatte. Sie war wohl gerade beim -Mittagkochen. So verabschiedete sie sich denn.</p> - -<p>Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so im -Vorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätte -leuchtend blaue Augen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_III">III.</h3> - -</div> - -<p>Zwei Tage später, als Jenny des Nachmittags arbeitete, bekam sie Besuch -von Helges Vater.</p> - -<p>Jetzt, als er dastand, mit dem Hute in der Hand, sah sie, daß sein -Haar ganz grau war, so grau, daß man nicht mehr unterscheiden konnte, -welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Jung sah er aber trotzdem -aus. Die Gestalt war schlank, ein wenig gebeugt, aber nicht wie bei -einem alten Manne, eher, als sei er ein wenig zu schmächtig für seine -Größe. Seine Augen waren jung, obgleich sie trüb und müde aus dem -mageren, glattrasierten Antlitz blickten. Sie waren aber so groß und -so leuchtend blau, daß sie einen merkwürdig offenen Eindruck machten, -verwundert und grüblerisch zugleich.</p> - -<p>„Ja, Sie werden begreifen, daß es mich danach verlangt, Sie zu -begrüßen, Fräulein Winge,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Nein — -ich bitte Sie, legen Sie<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> die Schürze nicht ab. Und sagen Sie’s mir, -wenn ich Sie störe.“</p> - -<p>„Nein, lieber Herr Gram,“ sagte Jenny fröhlich; seine Stimme und sein -Lächeln gefielen ihr. Sie warf die Malerschürze auf den Kohlenkasten. -„Es wird sowieso bald dunkel. Wie liebenswürdig von Ihnen, mich zu -besuchen!“</p> - -<p>„Es ist eine Ewigkeit her, daß ich in einem Atelier war,“ sagte Gram -und blickte umher. Dann setzte er sich aufs Sofa.</p> - -<p>„Verkehren Sie mit keinem anderen der Maler — irgend jemandem aus -Ihrer Zeit?“ fragte Jenny.</p> - -<p>„Nein, mit niemandem,“ antwortete er kurz.</p> - -<p>„Aber.“ Jenny überlegte. „Aber wie in aller Welt haben sie hierher -gefunden? Haben Sie sich bei mir zu Hause erkundigt — oder im -Künstlerbund?“</p> - -<p>Gram lachte.</p> - -<p>„Nein. Ich sah Sie ja vorgestern auf der Treppe. Dann gestern, als -ich in mein Geschäft ging, sah ich Sie wieder. Ich ging ein Stück -hinter Ihnen her, da ich die Absicht hatte, Sie anzuhalten und mich -Ihnen vorzustellen. Sie gingen hier hinein, und ich wußte, daß in -diesem Hause ein Atelier war. Nun ja, so bekam ich die Idee, zu Ihnen -hinaufzusteigen und Ihnen eine Visite zu machen.“</p> - -<p>„Wissen Sie,“ Jenny lächelte vergnügt, „Helge lief auch auf der Straße -hinter mir her, einer Freundin und mir. Er hatte sich allerdings -verlaufen, unten in den alten Straßen am Flohmarkt. Dann kam er eben -auf uns zu und sprach uns an — bändelte an, wie der feine Ausdruck -dafür heißt. So wurden wir bekannt. Wir fanden zuerst, daß er ein wenig -dreist war. Aber es scheint so, daß er von Ihnen seinen Mut geerbt hat.“</p> - -<p>Gram runzelte die Stirn und schwieg einen Augenblick. In Jenny stieg -ein unbehagliches Gefühl auf, als hätte sie etwas Dummes gesagt. Sie -überlegte, wie sie fortfahren sollte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> - -<p>„Dürfte ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, während Sie hier sind?“</p> - -<p>Sie zündete ohne weiteres den Apparat an und setzte Wasser auf.</p> - -<p>„Ja, ja, Fräulein Winge — Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Helge -mir sonst irgendwie ähnelt. Ich glaube, daß er glücklicherweise nicht -das Geringste mit seinem Vater gemein hat.“ Er lachte.</p> - -<p>Jenny wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Sie -beschäftigte sich damit, Teetassen herbeizuholen:</p> - -<p>„Ja, hier ist es recht leer, wie Sie sehen. Aber ich wohne zu Haus bei -meiner Mutter.“</p> - -<p>„Ah so, Sie wohnen zu Hause? — Das Atelier ist sicher sehr gut — -nicht wahr?“</p> - -<p>„O ja, ich glaube.“</p> - -<p>Er schwieg wieder und blickte geradeaus.</p> - -<p>„Ja, Fräulein Winge — ich habe viel an Sie gedacht. Ich glaubte ja, -meines Sohnes Briefe so zu verstehen, daß Sie und er —“</p> - -<p>„Ja, Helge und ich haben uns sehr gern,“ sagte Jenny. Sie stand -aufrecht da und sah ihn an. Gram ergriff ihre Hand und hielt sie fest.</p> - -<p>„Ich kenne meinen Sohn so wenig, Jenny Winge. Ich weiß im Grunde nichts -Genaues von ihm — wie er ist. Aber wenn Sie ihn gern haben, so kennen -Sie ihn wohl sicher besser als ich. Und daß sie ihn lieben, beweist -mir, daß ich seiner froh sein darf und stolz auf ihn. Ich habe immer -geglaubt, daß er ein guter Junge sei, auch recht begabt. Daß er Sie -lieb hat, dessen bin ich sicher, jetzt, da ich Sie gesehen. Möge er Sie -nur glücklich machen, Jenny.“</p> - -<p>„Ich danke Ihnen,“ sagte Jenny und reichte ihm nochmals die Hand.</p> - -<p>„Ja.“ Gram sah vor sich hin. „Sie können sich denken, daß ich über -meinen Jungen froh bin. Mein einziger Sohn. Ich glaube auch, Helge hat -mich im Grunde lieb.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p> - -<p>„Das hat er. Helge hat Sie sehr lieb. Sowohl Sie als seine Mutter.“ -Gleich darauf errötete sie aber, als hätte sie etwas Taktloses gesagt.</p> - -<p>„Ja, ich glaube wohl. Aber er sah natürlich früh ein, daß sein Vater -und seine Mutter einander nicht liebten. Helge hat ein trauriges Heim -gehabt, Jenny. Ich kann es ebensogut selbst sagen; haben Sie es noch -nicht bemerkt, so werden Sie es bald selber sehen. Sie sind ja sicher -ein kluges Mädchen. Aber eben deshalb glaube ich, Helge weiß, was es -wert ist, wenn zwei sich lieb haben. Und er wird Sie und sich behüten —.“</p> - -<p>Jenny schenkte Tee ein:</p> - -<p>„Helge pflegte in Rom nachmittags zum Tee zu mir zu kommen. Eigentlich -lernten wir uns gerade in diesen Nachmittagsstunden näher kennen, -glaube ich —.“</p> - -<p>„Und da gewannen Sie sich lieb.“</p> - -<p>„Ja — nicht gleich. Das heißt, im Grunde vielleicht doch. Aber wir -dachten an nichts anderes, als gute Freunde zu sein — damals. Ja, -später kam er dann natürlich auch und trank seinen Tee bei mir —.“</p> - -<p>Sie lächelten beide.</p> - -<p>„Können Sie mir nicht ein wenig erzählen, wie Helge als Knabe war — -als kleiner Junge, meine ich — oder sonst etwas —?“</p> - -<p>Gram schüttelte trübe lächelnd den Kopf:</p> - -<p>„Nein, Jenny. Ich kann Ihnen nichts von meinem Sohn erzählen. Er war -immer gut und folgsam. Fleißig auf der Schule — nicht gerade ein -Licht, doch recht fleißig und tüchtig. Aber Helge war als Knabe sehr -verschlossen — auch als Erwachsener — jedenfalls mir gegenüber —. -Erzählen Sie lieber, Jenny,“ lachte er warm.</p> - -<p>„Wovon?“</p> - -<p>„Von Helge natürlich. Ja — zeigen Sie mir, wie mein Sohn in den -Augen des jungen Mädchens aussieht, das ihn liebt. Sie sind ja kein -gewöhnliches junges Mädchen, sondern eine tüchtige Künstlerin, und ich -glaube auch, Sie sind klug und gütig. Können Sie mir nicht erzählen, -wie es kam, daß Sie Helge liebgewannen, welche<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Eigenschaften an dem -Jungen Sie veranlaßt haben, ihn zu wählen? Lassen Sie mich hören!“</p> - -<p>„Ja.“ Dann lachte sie. „Das ist nicht so ohne weiteres zu erklären, — -wir hatten uns eben gern —.“</p> - -<p>„So.“ Er lachte auch. „Ja, es war eine dumme Frage, Jenny. Es scheint -ja fast, als hätte ich vergessen, wie es zuging, als man jung war und -verliebt — nicht wahr?“</p> - -<p>„Nicht wahr! Wissen Sie, das sagt Helge auch so oft. Auch etwas, das -ich so gern an ihm mochte. Er war so jungenhaft. Ich sah sehr wohl, daß -er verschlossen war, dann aber öffnete er mir nach und nach sein Herz —.“</p> - -<p>„Das kann ich gut verstehen — daß man zu Ihnen Vertrauen bekommt, -Jenny. Ja, aber erzählen Sie weiter — aber, Sie brauchen nicht so -erschrocken auszusehen. Sie verstehen doch, ich meinte nicht, Sie -sollten mir Ihre und Helges Liebesgeschichte auseinandersetzen oder -dergleichen —. Nur ein wenig von sich selbst erzählen — und von -Helge. Von Ihrer Arbeit, Kind. Und von Rom. Damit ich alter Mann wieder -weiß, wie es ist, Künstler zu sein. Und frei. An Dingen zu arbeiten, -die einem Freude machen. Jung zu sein. Verliebt und glücklich —.“</p> - -<p class="mtop2">Gram blieb etwa zwei Stunden bei ihr. Dann, als er gehen wollte und im -Ueberzieher, den Hut in der Hand, dastand, sagte er leise:</p> - -<p>„Hören Sie zu, Jenny. Es hat ja keinen Zweck, Ihnen zu verbergen, wie -die Verhältnisse in meiner Familie liegen. Es ist besser, daß, wenn wir -uns zu Hause wiedersehen, wir uns noch nicht kennen. Daß Helges Mutter -nicht erfährt, daß ich Ihre Bekanntschaft auf eigene Faust gemacht -habe. Auch Ihretwegen — damit Sie nicht Spott und Unannehmlichkeiten -ausgesetzt sind. Es liegt nun einmal so, daß die Tatsache, daß ich -einen Menschen gern habe, besonders eine Dame, schon genügt, um meine -Frau gegen den Betreffenden aufzubringen ... Sie finden das seltsam. -Aber Sie begreifen —?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> - -<p>„Ja,“ sagte Jenny schwach.</p> - -<p>„Nun, leben Sie wohl, Jenny. Ich freue mich Helges wegen — glauben Sie -mir?“</p> - -<p>Sie hatte am Abend vorher an Helge geschrieben und ihm von ihrem Besuch -bei seiner Mutter erzählt. Als sie den Brief noch einmal durchlas, -quälte es sie, daß der Abschnitt von ihrer Begegnung mit der Mutter so -armselig und trocken ausgefallen war.</p> - -<p>An diesem Abend schrieb sie ihm wieder und berichtete von dem Besuch -seines Vaters. Aber dann riß sie den Brief entzwei und begann von -neuem. — Es war so peinlich zu erzählen, daß Frau Gram von dieser -Sache nichts erfahren dürfe. Widerwärtig war es, Geheimnisse mit dem -einen gegen den anderen zu haben. Helges wegen empfand sie es wie eine -Demütigung, daß sie mit einem Male Mitwisser von dem Elend geworden -war, das in seinem Vaterhause herrschte. Schließlich erwähnte sie die -Angelegenheit gar nicht. Es war leichter, ihm alles zu erklären, wenn -er kam.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_IV">IV.</h3> - -</div> - -<p>Ende Mai hatte Jenny ungewöhnlich lange Zeit keine Post von Helge -bekommen. Sie begann ängstlich zu werden und hatte gerade beschlossen, -am nächsten Tage zu telegraphieren, falls sie bis dahin nichts hörte. -Nachmittags war sie im Atelier, als jemand an die Tür klopfte. Nachdem -sie geöffnet, wurde sie plötzlich von einem Manne, der draußen im -Dunkel des Bodenganges stand, ergriffen, umarmt und geküßt.</p> - -<p>„Helge!“ Sie jubelte. „Helge, Helge — laß dich anschauen! Oh, nein, -wie du mich erschreckt hast! Laß sehen — Helge — bist du es denn -wirklich und gewiß?“ Sie zog ihm die Reisemütze vom Kopfe.</p> - -<p>„Ja, natürlich, ein anderer kann es doch kaum sein,“ lachte er -unbekümmert.</p> - -<p>„Aber, Liebster — was hat denn das zu bedeuten?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> - -<p>„Das will ich dir gleich erklären,“ sagte er, fand aber nicht die Zeit -dazu, sondern preßte sein Gesicht an ihren Hals.</p> - -<p>„Ich wollte dich nämlich überraschen, weißt du.“ Sie saßen Hand in Hand -auf dem Sofa und schöpften Atem nach den ersten heißen Küssen. „Und -das ist mir doch gut geglückt, nicht wahr? Laß mich sehen, Jenny. Wie -schön du bist! Zu Hause denken sie, ich bin in Berlin. Ich übernachte -heute im Hotel und bleibe einige Tage inkognito in der Stadt — findest -du das nicht großartig? Es ist übrigens dumm, daß du zu Hause wohnst. -Sonst könnten wir den ganzen Tag über zusammen sein —.“</p> - -<p>„Weißt du,“ sagte Jenny, „als du klopftest, dachte ich, es sei dein -Vater.“</p> - -<p>„Vater?“</p> - -<p>„Ja.“ Sie wurde im selben Augenblick ein wenig verwirrt. Es fiel ihr -plötzlich schwer, ihm den ganzen Zusammenhang zu erklären. „Ja, siehst -du, dein Vater machte mir eines Tages einen Besuch, und seitdem ist er -manchmal zum Tee zu mir gekommen. Wir haben dann gesessen und von dir -gesprochen —.“</p> - -<p>„Aber Jenny — davon hast du ja kein Wort geschrieben! Du hast ja gar -nicht erwähnt, daß du Vater getroffen hast!“</p> - -<p>„Nein, das hab’ ich auch nicht. Ich wollte es dir lieber erzählen —. -Die Sache ist also die, siehst du, deine Mutter weiß nichts davon. Dein -Vater meinte, es sei besser, es nicht zu erwähnen —“.</p> - -<p>„Nicht mir gegenüber?“</p> - -<p>„Nein, nein, davon haben wir gar nicht gesprochen. Er denkt sicher, ich -habe es dir erzählt. Nein, deine Mutter durfte nicht erfahren, daß wir -uns kennen.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich fand, es war — nun ich -mochte dir nicht schreiben, daß ich mit deinem Vater ein Geheimnis vor -deiner Mutter hatte. Verstehst du mich?“</p> - -<p>Helge schwieg.</p> - -<p>„Es hat mich selber recht bedrückt,“ fuhr sie fort. „Aber er kam eben -herauf und besuchte mich. Und ich<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> finde ihn furchtbar nett, Helge; ich -habe ihn sehr gern, deinen Vater.“</p> - -<p>„Ja — Vater kann ein sehr gewinnendes Wesen haben, wenn er will. Und -daß du Malerin bist und —.“</p> - -<p>„Deinetwegen, Helge, hat dein Vater mich gern. Das ist der Grund.“</p> - -<p>Helge antwortete nicht.</p> - -<p>„Und Mutter hast du nur das eine Mal gesehen?“</p> - -<p>„Ja. — Aber liebster, bester Freund, bist du nicht hungrig? Soll ich -dir ein wenig zurecht machen?“</p> - -<p>„Vielen Dank. Und heute Abend gehen wir zusammen essen!“</p> - -<p>Wieder pochte jemand an die Tür.</p> - -<p>„Das ist dein Vater,“ flüsterte Jenny.</p> - -<p>„Pst — sei still, — nicht öffnen!“</p> - -<p>Nach einem Weilchen ging jemand über den Gang wieder fort. Helge verzog -das Gesicht.</p> - -<p>„Aber liebster Junge, was ist dir?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht —. Wenn wir ihm nur nicht begegnen, Jenny — wir -wollen nicht gestört werden, nicht wahr? Niemanden treffen!“</p> - -<p>„Nein.“ Sie küßte seinen Mund, bog seinen Kopf zurück und küßte ihn -hinter beide Ohren.</p> - -<p class="mtop2">„Und Franziska?“ sagte Jenny plötzlich, während sie nach dem Kaffee bei -einem Glase Likör saßen und plauderten.</p> - -<p>„Ja! Ja, du wußtest es wohl im voraus; sie hatte dir doch geschrieben?“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Nicht ein Wort. Ich fiel ja aus allen Wolken, als ich ihren Brief -bekam — sie schrieb in aller Kürze, morgen hätte sie Hochzeit mit -Ahlin. Ich ahnte nichts.“</p> - -<p>„Wir auch nicht. Die beiden waren ja viel zusammen. Daß sie sich aber -heiraten wollten, wußte nicht einmal Heggen, bis sie kam und ihn bat, -ihr Trauzeuge zu sein.“</p> - -<p>„Hast du sie seither gesehen?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p> - -<p>„Nein. Sie reisten noch am selben Tage nach Rocca di Papa und waren -noch oben, als ich Rom verließ.“</p> - -<p>Jenny saß eine Weile in Gedanken.</p> - -<p>„Ich glaubte, sie hätte nur ihre Arbeit im Kopf,“ sagte sie.</p> - -<p>„Heggen erzählte, daß sie das große Bild mit dem Tor beendet hätte, und -daß es sehr gut ausgefallen sei, auch, daß sie mehrere andere Arbeiten -begonnen habe.“</p> - -<p>„Dann verheiratete sie sich also ganz plötzlich. Ich weiß nicht, ob sie -eine Weile verlobt gewesen sind —.“</p> - -<p>„Aber du, Jenny — du schriebst, du hättest ein neues Bild angefangen?“</p> - -<p>Jenny zog ihn mit sich zur Staffelei.</p> - -<p>Die große Leinwand zeigte eine Straße, die sich nach links hinüber -verlor, mit einer Häuserreihe in starker Perspektive, Kontor- und -Werkstattsgebäude in graugrünen und dunklen, backsteinroten Farben. Auf -der rechten Seite der Straße standen einige Lumpenhändlerbuden, und -dahinter ragten die Brandmauern zum Himmel empor, in dessen kräftigem -Blau hier und da schwere Regenwolken, graublau wie Blei und weiß wie -Silber, standen. Greller Nachmittagssonnenschein fiel in die Straße, -auf die Buden und Hausmauern, die rotgold aufleuchteten, und auf ein -paar goldiggrüne, mit halbaufgesprungenen Knospen übersäte Baumkronen, -die auf dem Platz zwischen Buden und Brandmauer standen. Als Staffage -dienten Arbeitsleute, Karren und Geschäftswagen auf der Straße.</p> - -<p>„Ich verstehe ja nicht viel davon. Aber —.“ Helge hielt sie fest -umschlungen. „Ist es nicht sehr gut, du? Ich finde es wunderschön, Jenny -— herrlich!“</p> - -<p>Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter:</p> - -<p>„Während ich hier umherlief und auf meinen Jungen wartete — ich bin ja -im Frühling immer hier einsam und trübselig umhergeirrt. Als ich sah, -wie Bergahorn und Kastanie ihr klares, lichtes Laub vor den rußigen -Häusern und roten Mauern entfalteten — als ich den prachtvollen -Frühlingshimmel erblickte, der sich über all den schwarzen Dächern -spannte, über Schornsteinen und<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Telephondrähten: da lockte es mich, -dies alles zu malen, die feinen hellen Frühlingsknospen mitten in der -schmutzigen schwarzen Stadt.“</p> - -<p>„Wo liegt diese Stelle?“ fragte Helge.</p> - -<p>„In der Stenerstraße. — Ja, weißt du, dein Vater sprach von einigen -Bildern von dir als kleinem Jungen, die er drüben im Büro hatte; die -sollte ich mir ansehen. Und da entdeckte ich das Motiv von seinem -Bürofenster aus und durfte dann in der Kistenfabrik nebenan arbeiten. -Von dort aus ist es gemalt; ich mußte natürlich hin und wieder einiges -umgestalten, ein wenig abändern —.“</p> - -<p>„Du bist viel mit Vater zusammen gewesen?“ fragte Helge kurz darauf. -„Er interessierte sich wohl sehr für dein Bild?“</p> - -<p>„Ja, gewiß. Er kam mitunter zu mir herüber und betrachtete es, gab mir -auch einige Ratschläge, die übrigens sehr gut waren. Er weiß ja eine -Menge.“</p> - -<p>„Glaubst du, daß Vater als Maler Talent hatte?“ sagte Helge.</p> - -<p>„Ja. Das glaube ich. Die Bilder, die bei euch zu Hause hängen, waren -nicht so besonders. Er hat mir aber einige Studien gezeigt, die er im -Büro aufbewahrt. Ich glaube nicht, daß dein Vater <em class="gesperrt">großes</em> Talent -hatte, aber es war ganz fein und eigentümlich. Nur von allen Seiten zu -leicht zu beeinflussen. Aber das, glaube ich, hängt wieder mit seiner -großen Fähigkeit zusammen, das Gute zu werten und zu lieben, das er bei -anderen gesehen hat. Denn er hat so viel Verständnis für Kunst — und -Liebe zu ihr —.“</p> - -<p>„Armer Vater,“ sagte Helge.</p> - -<p>„Ja —.“ Jenny liebkoste ihren Freund. „Dein Vater leidet vielleicht -weit mehr als du und ich ahnen.“</p> - -<p>Dann küßten sie sich und vergaßen, weiter von Gert Gram zu sprechen.</p> - -<p>„Bei dir zu Hause wissen sie nichts?“ fragte Helge.</p> - -<p>„Nein,“ erwiderte Jenny.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p> - -<p>„Aber im Anfang, als ich all meine Briefe an deine Mutter adressierte, -fragte sie nie, wer da so jeden Tag an dich schrieb?“</p> - -<p>„Nein. Meine Mutter ist nicht so!“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Meine</em> Mutter,“ sagte Helge plötzlich heftig. „Mutter ist -durchaus nicht so taktlos, wie du meinst. Du bist nicht gerade gerecht -gegen meine arme Mutter — ich finde, um meinetwillen könntest du es -unterlassen, so von ihr zu reden —.“</p> - -<p>„Aber Helge!“ Jenny sah zu ihm auf. „Ich habe ja doch nicht ein Wort -über deine Mutter gesagt!“</p> - -<p>„Du sagtest: <em class="gesperrt">Meine</em> Mutter ist nicht so.“</p> - -<p>„Das ist nicht wahr. Meine <em class="gesperrt">Mutter</em>, sagte ich.“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Meine</em> Mutter, sagtest du. Daß du sie nicht leiden kannst, ist -eine Sache für sich, obgleich du schließlich keinen Grund hast —. Aber -du könntest doch daran denken, daß es <em class="gesperrt">meine</em> Mutter ist, von der -du sprichst. Und ich habe sie lieb, wie sie auch sein mag —.“</p> - -<p>„Helge! Aber Helge —.“ Sie hielt inne, denn sie fühlte, wie ihr die -Tränen in die Augen stiegen. Es war ihr so fremd, Tränen zu vergießen, -daß sie schwieg, beschämt und erschrocken. Er hatte es aber schon -bemerkt:</p> - -<p>„Jenny! Habe ich dir wehgetan? Herrgott! Da siehst du es selbst. -Kaum bin ich heimgekehrt, so fängt es auch schon an —.“ Er schrie -plötzlich, indem er die geballte Faust drohend erhob: „Oh, ich hasse -das, ich <em class="gesperrt">hasse</em> das, es wird mein Heim zerreißen.“</p> - -<p>„Mein Junge, lieber Junge — du darfst nicht —. Geliebter, nimm es -doch nicht so schwer!“ Sie zog ihn fest, fest an sich. „Helge! Hör zu, -geliebter Freund — was hat denn das mit uns zu schaffen. Sie können -<em class="gesperrt">uns</em> doch nichts tun —,“ und sie küßte ihn, bis er aufhörte zu -schluchzen und zu beben.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p> - -<h3 id="II_V">V.</h3> - -</div> - -<p>Helge und Jenny saßen in seinem Zimmer auf dem Sofa und hielten sich -schweigend umschlungen.</p> - -<p>Es war an einem Sonntag Ende Juni. Jenny hatte am Vormittag einen -Spaziergang mit Helge gemacht und bei Grams Mittag gegessen. Nach dem -Kaffee hatten sie alle vier im Wohnzimmer gesessen und sich durch den -Nachmittag gequält, bis Helge Jenny mit in sein Zimmer zog unter dem -Vorwande, sie sollte etwas durchlesen, was er geschrieben hatte.</p> - -<p>„Puh,“ sagte Jenny, als sie draußen waren.</p> - -<p>Helge fragte nicht, warum sie so sprach. Er legte seinen Kopf fest in -ihren Arm, und sie strich ihm übers Haar, stumm, ohne Aufhören.</p> - -<p>„Ja, du.“ Helge seufzte „Es war gemütlicher bei dir in der Via -Vantaggio — nicht wahr, Jenny?“</p> - -<p>Draußen in der Küche rasselten Teller, es brutzelte in der Bratpfanne -und roch nach Fett. Frau Gram bereitete etwas Warmes zum Abendessen. -Jenny ging an das offene Fenster und sah einen Augenblick in den -schwarzen Schacht des Hofes. Alle Fenster nach hier hinaus waren -Küchen- oder Schlafzimmerfenster mit Zuggardinen. In jeder Ecke des -Hofes befand sich ein größeres Fenster, schräg eingebaut. Oh! Wie gut -sie diese Eßzimmer kannte mit einem einzigen Fenster in der Ecke auf -den Hof hinaus, dunkel und trübe, ohne einen Streifen Sonne. Der Ruß -fegte hinein, wenn man lüftete, und der Essensgeruch setzte sich fest.</p> - -<p>Aus dem Fenster eines Mädchenzimmers klang Guitarrespiel und ein -kräftiger, ungeübter Sopran:</p> - -<p>„Such Schutz bei unserem Herrn Jesus Christus, mein Freund, du brauchst -nur anzuklopfen, und der Himmel tut sich auf.“</p> - -<p>Die Guitarre erinnerte sie an die Via Vantaggio, an Cesca und Gunnar, -der in der Sofaecke zu liegen pflegte, die Beine auf einem Stuhle, auf -Cescas Guitarre zupfend und leise ihre italienischen Weisen summend. -Plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> überfiel sie eine wilde Sehnsucht nach all dem dort unten.</p> - -<p>Helge kam auf sie zu:</p> - -<p>„Woran denkst du?“</p> - -<p>„An die Via Vantaggio.“</p> - -<p>„Ja, du — wie herrlich hatten wir es dort, Jenny!“</p> - -<p>Sie umschlang plötzlich seinen Hals und barg liebkosend seinen Kopf -an ihrer Schulter. Schon als er sprach, hatte sie gemerkt, daß er den -Grund <em class="gesperrt">ihrer</em> Sehnsucht nicht verstanden hatte.</p> - -<p>Sie hob seinen Kopf wieder in die Höhe und blickte in seine -bernsteingelben Augen; sie wollte an all die sonnenhellen Tage in der -Campagna denken, als er, im Grase zwischen den Tausendschön liegend, zu -ihr aufgeblickt hatte.</p> - -<p>Sie <em class="gesperrt">wollte</em> dieses schwere, erstickende Unlustgefühl von sich -abschütteln, das jedesmal wieder Macht über sie gewann, wenn sie in -seinem Hause war.</p> - -<p>Alles war hier so unleidlich. Gleich vom ersten Abend an, als sie nach -Helges offizieller Ankunft eingeladen war. Wie hatte sie es gequält, -daß sie dastehen und Komödie spielen mußte, als Frau Gram sie ihrem -Manne vorstellte; und Helge war zugegen und sah zu, wie sie seine -Mutter betrogen. Es quälte sie fürchterlich. Dann geschah etwas, das -noch viel ekelhafter war. Sie war einen Augenblick mit Gram allein; da -hatte er beiläufig erwähnt, daß er an jenem Nachmittag oben an ihrer -Tür gewesen sei, sie aber nicht angetroffen habe. „Nein, ich war an dem -Tage nicht im Atelier,“ hatte sie geantwortet, war aber gleichzeitig -blutrot geworden. Dann hatte er sie so merkwürdig erstaunt angesehen, -als sie — sie wußte nicht, warum? — plötzlich sagte: „Doch, ich war -übrigens zu Hause. Ich konnte aber nicht öffnen, es war jemand bei mir.“</p> - -<p>Gram hatte gelächelt und gesagt: „Ich habe es wohl gehört, daß jemand -im Atelier war.“ Und in ihrer Verwirrung hatte sie erzählt, daß es -Helge gewesen, und<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> daß er sich ein paar Tage inkognito in der Stadt -aufgehalten.</p> - -<p>„Liebe Jenny,“ hatte Gram sichtbar unwillig erwidert: „Ihr hättet euch -doch nicht vor mir zu verstecken brauchen. Ich hätte euch wahrhaftig in -Frieden gelassen. Ja, ja. — Aber ich muß doch sagen, daß es mich recht -gefreut haben würde, wenn Helge mich begrüßt hätte —.“</p> - -<p>Sie hatte darauf nichts zu erwidern gewußt.</p> - -<p>„Ich werde aber achtgeben, daß Helge nicht erfährt, daß ich etwas davon -weiß.“</p> - -<p>Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, Helge zu verheimlichen, daß sie -seinem Vater davon erzählt hatte. Aber jetzt sagte sie es doch nicht -— aus Furcht, daß er darüber ärgerlich sein könnte. Sie litt aber und -wurde nervös in dieser Umgebung, in die sie hineingeraten war: der eine -durfte es nicht wissen und der andere durfte es nicht wissen.</p> - -<p>Daheim hatten sie auch keine Ahnung. Aber das war etwas anderes. Es lag -daran, daß sie nicht gewöhnt war, mit ihrer Mutter von ihren eigenen -Angelegenheiten zu sprechen, sie hatte dort nie Verständnis gefunden, -auch niemals gesucht oder erwartet. Dabei war ihre Mutter jetzt mit der -Sorge um Ingeborg beschäftigt. Jenny hatte die Mutter dazu bestimmt, im -Bundefjord eine Sommerwohnung zu mieten; Bodil und Nils fuhren von dort -zur Schule in die Stadt, Jenny aber wohnte im Atelier und aß auswärts.</p> - -<p>Sie war jedoch nie so glücklich über die Mutter und ihr Heim gewesen -wie jetzt. Es kam nicht allein daher, daß die Mutter sie jetzt ein -wenig verstand. Sie merkte auch hin und wieder, daß es Jenny schwer -hatte, und zeigte dann ehrlichen Willen, zu helfen und zu trösten -— ohne zu fragen. Denn schon der Gedanke, einem ihrer Kinder eine -aufdringliche Frage zu stellen, hätte ihr die Schamröte ins Gesicht -getrieben. Aber dies hier, Helges Heim, mußte ja eine wahre Hölle für -die Kinder gewesen sein. Und es war, als würfe die Mißstimmung ihre -Schatten auf sie, auch wenn sie sonst zusammen waren.<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Aber sie wollte -es überwinden. Ihr armer, armer Junge!</p> - -<p>„Mein Helge!“ Und sie überfiel ihn plötzlich mit Liebkosungen. —</p> - -<p>Jenny hatte Frau Gram angeboten, ihr mit dem Aufwaschen und dem -Abendessen behilflich zu sein, aber jedesmal hatte die Hausfrau mit -einem Lächeln erwidert:</p> - -<p>„Nein, meine Liebe — dazu sind Sie doch nicht hergekommen, damit -sollen Sie wahrhaftig nichts zu tun haben, Fräulein Winge.“</p> - -<p>Vielleicht war es nicht so gemeint, aber Frau Gram lächelte immer so -spöttisch, wenn sie mit ihr sprach. Die Arme, vielleicht besaß sie kein -anderes Lächeln mehr.</p> - -<p>Gram kehrte heim; er hatte einen Spaziergang gemacht. Jenny und Helge -setzten sich zu ihm ins Rauchzimmer.</p> - -<p>Die Hausfrau kam auch einen Augenblick herein:</p> - -<p>„Du hattest deinen Regenschirm vergessen, mein Freund — wie -gewöhnlich. Es war tatsächlich ein Glück, daß du einem Regenschauer -entgingst. Ja diese Männer, wie man auf sie achtgeben muß —!“ Sie -lächelte zu Jenny hinüber.</p> - -<p>„Du bist ja außerordentlich um mich bemüht,“ sagte Gram. Stimme und -Wesen waren immer peinlich höflich, wenn er mit seiner Frau sprach.</p> - -<p>„Aber warum sitzt ihr denn hier drinnen?“ sagte sie zu Helge und Jenny.</p> - -<p>„Es ist merkwürdig,“ erwiderte Jenny, „— ich finde, es ist in allen -Häusern dasselbe: das Herrenzimmer ist immer am gemütlichsten. Bei uns -war es auch so, als mein Vater noch lebte,“ fügte sie schnell hinzu. -„Es kommt wohl daher, daß es als Arbeitszimmer eingerichtet ist.“</p> - -<p>„Dann müßte ja die Küche der allergemütlichste Raum im ganzen Hause -sein,“ lachte die Hausfrau. „Aber wo meinst du, daß am meisten -gearbeitet wird, Gert, hier in deinem Zimmer oder in meinem — nun ja, -die kann ja als mein Arbeitszimmer gelten —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> - -<p>„Ich gebe zu, daß zweifellos die nützlichste Arbeit in deinem -Arbeitszimmer verrichtet wird.“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Frau Gram. „Jetzt glaube ich aber beinahe, ich muß Ihr -liebenswürdiges Anerbieten für eine Weile annehmen — würden Sie so -lieb sein, und mir ein wenig helfen, Fräulein Winge? Sonst wird es so -spät —.“</p> - -<p>Als sie beim Essen saßen, läutete es. Es war Frau Grams Nichte, Aagot -Sand. Frau Gram stellte Fräulein Winge vor.</p> - -<p>„Ah, Sie sind die Malerin, mit der Helge in Rom so viel zusammen war. -Ich konnte es mir beinahe denken.“ Sie lachte. „Ich sah Sie drüben in -der Stenerstraße jetzt im Frühling, Sie gingen in Begleitung von Onkel -Gert und trugen Malgerät in der Hand —.“</p> - -<p>„Das ist sicher ein Irrtum, mein Kind,“ unterbrach sie Frau Gram. „Wann -sollte das gewesen sein?“</p> - -<p>„Einen Tag vor Bußtag. Ich kam von der Schule.“</p> - -<p>„Ja, es ist schon richtig,“ sagte Gram. „Fräulein Winge stand und hatte -ihren Malkasten auf der Straße fallen lassen, und da half ich ihr, beim -Aufsammeln.“</p> - -<p>„Das kleine Abenteuer hast du deiner Frau gar nicht gebeichtet.“ Frau -Gram lachte laut. „Ich hatte keine Ahnung, daß Ihr Euch von früher her -kanntet.“</p> - -<p>Gram lachte ebenfalls.</p> - -<p>„Fräulein Winge schien mich nicht wiederzuerkennen. Es war zwar wenig -schmeichelhaft für mich — ich wollte sie aber nicht daran erinnern. -Hatten Sie wirklich keine Ahnung, als Sie mich trafen, daß ich der -liebenswürdige alte Herr war, der Ihnen geholfen?“</p> - -<p>„Ich war meiner Sache nicht sicher,“ sagte sie leise, von tiefer Röte -übergossen. „Ich glaubte, Sie hätten mich nicht wiedererkannt.“ Sie -versuchte zu lachen, fühlte jedoch mit peinigender Deutlichkeit, wie -unsicher ihre Stimme war, wie ihre Wangen brannten.</p> - -<p>„Nun, das war ja ein richtiges Abenteuer,“ lachte Frau Gram. -„Tatsächlich ein drolliger Zufall.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p> - -<p class="mtop2">„O Gott, habe ich denn schon wieder etwas Verkehrtes gesagt?“ fragte -Aagot. Sie saßen nach dem Abendessen beisammen im Wohnzimmer. Gram war -in sein Zimmer hinübergegangen, die Hausfrau machte sich in der Küche -zu schaffen. „In diesem Hause ist man gänzlich ahnungslos, bis die -Bombe plötzlich explodiert — das ist doch wirklich schauderhaft. Aber -erkläre mir doch, ich begreife ja nicht.“</p> - -<p>„Herr des Himmels, Aagot, kümmere du dich um deine eigenen -Angelegenheiten,“ sagte Helge heftig.</p> - -<p>„Ja, ja, lieber Freund, beiß mich nur nicht! Ist Tante Bekka jetzt auf -Fräulein Winge eifersüchtig?“</p> - -<p>„Du bist doch wahrhaftig das taktloseste Wesen, das existiert.“</p> - -<p>„Nächst deiner Mutter — ja danke, das hat mir Onkel Gert einmal -gesagt.“ Sie lachte. „Aber das ist doch die größte Dummheit — -eifersüchtig auf Fräulein Winge!“ Sie lugte neugierig zu den beiden -anderen hinüber.</p> - -<p>„Ich möchte dich bitten, dich nicht in Dinge zu mischen, die nur uns -hier im Hause etwas angehen, Aagot,“ schnitt Helge alles weitere ab.</p> - -<p>„Ja ja, — ich dachte nur — nun gewiß — es ist ja schließlich -gleichgültig.“</p> - -<p>„Das ist es, weiß Gott.“</p> - -<p>Frau Gram kam herein und machte Licht. Jenny blickte fast ängstlich -auf ihr verschlossenes, haßerfülltes Gesicht, das mit den harten, -funkelnden Augen vor sich hinstarrte. Dann begann Frau Gram den Tisch -abzuräumen. Sie hob Jennys Stickschere auf, die auf den Boden gefallen -war:</p> - -<p>„Es scheint Ihre Spezialität zu sein, etwas zu verlieren. Sie dürfen -nicht so nachlässig mit Ihren Sachen umgehen, kleines Fräulein Winge. -Helge ist nicht so galant wie sein Vater, scheint es.“ Sie lachte. -„Soll ich jetzt bei dir drinnen die Lampe anzünden, mein Junge?“ Sie -ging ins Rauchzimmer und zog die Tür hinter sich ins Schloß.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> - -<p>Helge lauschte einen Augenblick zum anderen Zimmer hinüber — die -Mutter sprach leise und heftig. Dann lehnte er sich wieder zurück.</p> - -<p>„Kannst du denn mit deinem Gerede nicht einmal aufhören?“ ertönte Grams -Stimme deutlich von drinnen herüber.</p> - -<p>Jenny neigte sich zu Helge:</p> - -<p>„Ich gehe jetzt nach Hause — ich habe Kopfweh.“</p> - -<p>„O nicht doch, Jenny. Dann gibt es hier nur Szenen bis ins Unendliche, -wenn du gegangen bist. Sei so lieb und bleib; es geht nicht, daß du -jetzt das Feld räumst, Mutter wird nur noch gereizter.“</p> - -<p>„Ich kann aber nicht mehr,“ flüsterte sie, dem Weinen nahe.</p> - -<p>Frau Gram ging durchs Zimmer. Gram kam und setzte sich zu ihnen.</p> - -<p>„Jenny ist müde — sie will jetzt nach Hause gehen, Vater. Ich begleite -sie.“</p> - -<p>„Wollen Sie schon gehen? Wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben?“</p> - -<p>„Ich bin müde, ich habe Kopfschmerzen,“ murmelte Jenny.</p> - -<p>„Bleiben Sie doch noch etwas,“ flüsterte Gram plötzlich. „Sie“ — -er machte eine Kopfbewegung nach der Tür — „sagt Ihnen nichts. Und -während Sie hier sind, entgehen wir anderen Szenen.“</p> - -<p>Jenny setzte sich wieder still an den Tisch und griff nach ihrer -Stickerei. Aagot häkelte eifrig an einem weißen Umlegeschal.</p> - -<p>Gram schritt zum Klavier. Jenny war nicht musikalisch, konnte aber -hören, daß er es war, und nach und nach kam ein wenig Ruhe über sie, -während er seine kleinen weichen Melodien spielte — für sie, das -fühlte Jenny.</p> - -<p>„Kennen Sie dies, Fräulein Winge?“</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Du auch nicht, Helge? Habt ihr es nicht in Rom gehört? Zu meiner Zeit -sang man es überall. Ich habe hier einige Hefte mit italienischen -Melodien.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span></p> - -<p>Sie stand neben ihm und blätterte in den Noten.</p> - -<p>„Tut mein Spiel Ihnen wohl?“ flüsterte er.</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>„Soll ich weiter spielen?“</p> - -<p>„Ja. Bitte.“</p> - -<p>Er strich über ihre Hand:</p> - -<p>„Arme kleine Jenny! Aber gehen Sie jetzt — ehe sie kommt.“</p> - -<p>Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Gebäck herein.</p> - -<p>„Nein, das ist aber nett, daß du ein wenig spielst, Gert! Finden Sie -nicht, daß mein Mann schön spielt, Fräulein Winge? Hat er Ihnen schon -früher etwas vorgespielt?“ fragte sie harmlos.</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf:</p> - -<p>„Ich wußte gar nicht, daß Herr Gram Klavier spielen kann.“</p> - -<p>„Wie wunderschön Sie sticken!“ Sie ergriff Jennys Stickerei und -betrachtete sie. „Ich dachte wirklich, Künstlerinnen hielten es für -unter ihrer Würde, sich mit derartigen Handarbeiten zu beschäftigen. -Welch bezauberndes Muster — wo haben Sie das her? Vom Auslande?“</p> - -<p>„Das habe ich mir selber ausgedacht.“</p> - -<p>„Nein wirklich? Dann ist es freilich leicht schöne Muster zu arbeiten -— sieh her, Aagot, ist das nicht reizend? Sie sind sicher ein -tüchtiges Mädchen, Fräulein Winge.“ Sie streichelte Jennys Hand.</p> - -<p>Was für abscheuliche Hände sie doch hat, dachte Jenny. Kleine Finger, -deren Nägel breiter waren als lang und plattgedrückt.</p> - -<p class="mtop2">Helge und Jenny begleiteten erst Aagot bis zu ihrer Pension oben in -der Sofienstraße. Dann gingen sie zusammen über die Pilengasse zurück, -durch die blaßblaue Juninacht. Nach den Regenschauern strömten die -weißen Blütenkerzen der Kastanien an der Hospitalsmauer einen faden -Duft aus.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> - -<p>„Helge,“ sagte Jenny leise. „Du <em class="gesperrt">mußt</em> es so einrichten, daß wir -übermorgen nicht mit ihnen zusammen sind.“</p> - -<p>„Das ist unmöglich, Jenny. Sie haben dich eingeladen und du hast Ja -gesagt. Deinetwegen ist es ja nur.“</p> - -<p>„Helge, du kannst dir doch denken, daß es nur zu Unzuträglichkeiten -führt. Stell dir vor, wenn wir allein irgend wohin fahren könnten, -Helge. Ganz für uns allein, nur wir beide, Helge. Wie in Rom.“</p> - -<p>„Glaub mir, Jenny, nichts würde ich lieber wollen. Es gibt nur zu -Hause so viele Unannehmlichkeiten, wenn wir diese Johannisfahrt nicht -mitmachen.“</p> - -<p>„Unannehmlichkeiten bringt es auch so,“ sagte sie mit scharfem Spott.</p> - -<p>„Aber anders wird es viel schlimmer. Herrgott, kannst du denn nicht -versuchen, dich um meinetwillen zu überwinden? Du brauchst doch nicht -in all diesem Elend umherzugehen — darin zu leben und zu arbeiten.“</p> - -<p>Er hat Recht, dachte sie und machte sich bittere Vorwürfe, daß sie -nicht geduldiger war. Ja, ihr armer Junge, er mußte in diesem Heim -leben und arbeiten, wo sie es kaum zwei Stunden aushalten konnte. Dort -war er aufgewachsen und dort hatte er sich durch seine ganze Jugend -gekämpft.</p> - -<p>„Helge. Ich bin schlecht und egoistisch.“ Sie klammerte sich an ihn — -matt und gequält und gedemütigt. Sie sehnte sich nach seinen Küssen, -nach seinem Trost. Es ging sie beide ja doch gar nichts an; sie hatten -ja sich, sie gehörten zusammen, irgendwo weit außerhalb dieser Luft -voller Haß, Mißtrauen und Schlechtigkeit.</p> - -<p>Der Jasmin in den alten Gärten duftete zu ihnen herüber.</p> - -<p>„Wir fahren einmal zusammen über Land, wir beide ganz allein, Jenny,“ -tröstete er.</p> - -<p>„Aber daß ihr auch so hirnverbrannt sein konntet,“ sagte er plötzlich. -„Nein, ich kann das nicht fassen! Ihr mußtet euch doch denken, daß -Mutter es erfahren würde.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> - -<p>„Sie glaubt natürlich die Geschichte nicht, die dein Vater erzählte,“ -sagte Jenny zaghaft.</p> - -<p>Helge blies durch die Nase.</p> - -<p>„Ich wünschte, er sagte ihr, wie das Ganze zusammenhängt,“ seufzte sie.</p> - -<p>„Du kannst ganz sicher sein, daß er es nicht tut. Und <em class="gesperrt">du</em> mußt -natürlich tun, als wüßtest du nichts. Das ist das Einzige, was du -machen kannst. Es war einfach hirnverbrannt von euch.“</p> - -<p>„Ich kann doch nichts dafür, Helge.“</p> - -<p>„Ach, ich habe dir genug von den Verhältnissen zu Hause erzählt. Du -hättest dafür sorgen müssen, daß es bei Vaters erstem Besuch blieb — -all die späteren Visiten im Atelier und auch die Zusammenkünfte in der -Stenerstraße hättet ihr unterlassen sollen.“</p> - -<p>„Zusammenkünfte? Ich sah das Motiv und wußte, daß ich ein gutes Bild -von dort aus malen konnte — das habe ich auch getan.“</p> - -<p>„Nun ja. Es ist natürlich vor allem Vaters Schuld. — Ach!“ Er fuhr -heftig auf. „Diese Art und Weise, wie er von ihr spricht — ja, du -hast gehört, was er zu Aagot gesagt hat. Und heute Abend wieder zu -dir. ‚Sie!‘“ äffte er nach, „‚Ihnen sagt sie nichts!‘ Es ist aber doch -unsere Mutter.“</p> - -<p>„Ich finde aber, Helge, dein Vater ist weit rücksichtsvoller und -höflicher gegen sie als sie zu ihm.“</p> - -<p>„Oh, diese Rücksichtnahme von Vater, ja! Nennst du das rücksichtsvoll, -wie er vorgegangen ist, um dich auf seine Seite zu bekommen? Seine -Höflichkeit! Du solltest wissen, was ich als Kind gelitten habe und -jetzt als Erwachsener — unter dieser Höflichkeit. Wenn er kerzengerade -dastand, ohne ein Wort zu sagen, und höflich aussah. Sprach er aber, -dann klang es so eisig, so schneidend kalt, so höflich! Er bedankte -sich fast noch für Mutters Schreien und Schelten und Toben. — Oh!“</p> - -<p>„Liebster Junge!“</p> - -<p>„O Gott, Jenny. Es ist auch nicht <em class="gesperrt">nur</em> Mutters Schuld. Ich kann -sie auch verstehen. Alle Menschen geben<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> Vater den Vorzug. Du jetzt -auch. Es ist verständlich. Im Grunde tue ichs ebenfalls. Aber gerade -deshalb begreife ich, daß sie so geworden ist. Sie will ja doch überall -die Erste sein, siehst du. Und sie ist es nirgends. Arme Mutter!“</p> - -<p>„Ja, die Aermste!“ sagte Jenny. Doch ihr Herz blieb eiskalt gegen Frau -Gram.</p> - -<p>Der Abend war schwer von Duft, Laub und Blüten, als sie durch das -Studentenwäldchen schritten. In der bleichen Dämmerung der Sommernacht -raschelte es geschäftig auf den Bänken tief drinnen zwischen den Bäumen.</p> - -<p>Ihr einsamer Schritt hallte in den ausgestorbenen Geschäftsstraßen -wieder, deren hohe Häuser mit einem blauen Schein in den großen blanken -Fensterscheiben wie ausgestorben lagen.</p> - -<p>„Darf ich mit hinaufkommen?“ fragte er vor ihrer Tür.</p> - -<p>„Ich bin müde, du,“ sagte Jenny leise.</p> - -<p>„Ich möchte so gern ein wenig bei dir sitzen — findest du nicht, daß -wir es sehr nötig haben, einmal für uns allein zu sein?“</p> - -<p>Sie widersprach nicht mehr, sondern stieg die fünf Treppen vor ihm -hinan.</p> - -<p>Die Nacht breitete sich blau über ihren Häuptern und blickte durch -die großen schrägen Dachfenster zu ihnen hinein. Jenny entzündete den -siebenarmigen Leuchter auf dem Schreibtisch, nahm eine Zigarette und -hielt sie in die Flamme.</p> - -<p>„Willst du rauchen, Helge?“</p> - -<p>„Danke.“ Er nahm ihr die Zigarette von den Lippen.</p> - -<p>„Das ist es eben, siehst du,“ sagte er plötzlich. „Da war einmal etwas -mit Vater und — einer anderen Frau. Ich war damals zwölf Jahre alt. -Wieviel daran wahr ist, weiß ich ja nicht. Aber Mutter —. Oh, es war -eine fürchterliche Zeit. Nur unseretwegen blieben sie zusammen — das -hat Vater selbst einmal gesagt. Der Herrgott weiß, ich danke ihm das -nicht. Mutter ist jedenfalls ehrlich und gibt zu, daß sie ihn mit -Händen und Füßen festhält, sie will ihn nicht freigeben.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> - -<p>Er warf sich aufs Sofa. Jenny setzte sich zu ihm und küßte ihn auf Haar -und Augen. Er glitt auf die Knie nieder und legte den Kopf in ihren -Schoß.</p> - -<p>„Erinnerst du dich des letzten Abends in Rom, als ich Gute Nacht zu dir -sagte, Jenny? Hast du mich heute ebenso lieb wie damals?“</p> - -<p>Sie erwiderte nichts.</p> - -<p>„Jenny?“</p> - -<p>„Wir haben heute keinen guten Tag miteinander gehabt, Helge,“ flüsterte -sie. „Zum ersten Male.“</p> - -<p>Er hob den Kopf:</p> - -<p>„Bist du mir böse?“ fragte er leise.</p> - -<p>„Nein, nicht böse.“</p> - -<p>„Was dann?“</p> - -<p>„Ach nichts. Nur —“</p> - -<p>„Nur, was?“</p> - -<p>„Heute Abend —.“ Sie stockte. „Jetzt auf dem Heimwege —. Wir werden -noch allein eine Reise zusammen machen — ein andermal, sagtest du. Es -ist nicht wie in Rom, Helge. Jetzt bist du es, der bestimmt und sagt, -was ich tun soll und was nicht.“</p> - -<p>„Nein, nein, Jenny!“</p> - -<p>„Doch. Du mußt mich verstehen, ich <em class="gesperrt">will</em> ja auch, daß es so ist. -Du bestimmst. Aber dann Helge, dann mußt du mir auch helfen, über all -das Andere — das Schwere — hinwegzukommen.“</p> - -<p>„Du meinst also, ich habe dir heute nicht geholfen?“ fragte er langsam -und richtete sich auf.</p> - -<p>„Lieber — doch, du konntest ja nichts tun.“</p> - -<p>„Soll ich jetzt gehen?“ flüsterte er kurz darauf und zog sie an sich.</p> - -<p>„Du sollst tun, was du willst“, erwiderte sie leise.</p> - -<p>„Du weißt, was ich will. Was möchtest du — am liebsten?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, was ich möchte, Helge.“ Sie brach in Tränen aus.</p> - -<p>„Jenny, ach Jenny!“ Er küßte sie behutsam viele,<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> viele Male. Als sie -ruhiger geworden war, ergriff er ihre Hand.</p> - -<p>„Ich gehe jetzt. Schlaf gut. Du darfst nicht böse auf mich sein. Du -bist so müde, armes Kleines!“</p> - -<p>„Sag mir lieb Gute Nacht,“ bat sie und hing an seinem Halse.</p> - -<p>„Gute Nacht, meine süße, geliebte Jenny. Du bist müde, Armes — so -matt. Gute Nacht. Gute Nacht.“</p> - -<p>Dann ging er. Und wieder weinte sie.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_VI">VI.</h3> - -</div> - -<p>„Hier ist es, was ich dir eigentlich zeigen wollte,“ sagte Gert Gram -und erhob sich. Er hatte auf den Knien gelegen und in dem unteren Fach -des Geldschrankes gekramt.</p> - -<p>Jenny schob die alten Skizzenbücher beiseite und rückte die elektrische -Tischlampe zu sich hinüber. Er wischte den Staub von der großen Mappe -und reichte sie ihr.</p> - -<p>„Es ist viele Jahre her, seit ich dies irgend jemandem zeigte oder mir -selber angesehen habe. Aber lange habe ich gewünscht, du solltest es -sehen, seit dem ersten Male, als ich bei dir im Atelier war. An jenem -Tage, als du dir hier die Bilder von Helge als kleinen Jungen ansahst, -nahm ich mir vor, dich zu fragen, ob du die anderen sehen willst. -Und später, während du hier arbeitetest, habe ich immer wieder daran -gedacht. — Ja, es ist sonderbar, Jenny. Wenn ich daran denke, während -ich hier den Alltag mit meiner Arbeit zubringe.“ Er blickte sich in -dem kleinen engen Büroraum um. „Hier bin ich gelandet mit all meinen -Jugendträumen. Drüben im Schrank liegen sie, wie Leichen in ihrem -Sarkophage, und hier gehe ich selbst umher — ein toter und vergessener -Künstler.“</p> - -<p>Jenny schwieg. Gram drückte sich mitunter ein wenig sentimental aus, -fand sie. Obgleich sie wußte, daß das Gefühl, das ihm die Worte gab, -bitter aufrichtig war.<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Einer plötzlichen Eingebung folgend, strich sie -ihm leicht über das graue Haar.</p> - -<p>Gram beugte den Kopf ein wenig nieder, gleichsam als wollte er ihre -flüchtige Liebkosung verlängern. Dann — ohne aufzublicken, löste er -die Bänder an der Mappe. Seine Hand bebte leicht.</p> - -<p>Sie merkte mit Erstaunen, daß ihre eigenen Hände zitterten, als sie das -erste Blatt entgegennahm. Ihr war so merkwürdig beklommen ums Herz, -als fühlte sie, daß ein Unglück geschehen würde: ihr wurde plötzlich -Angst bei dem Gedanken, daß ja niemand von dem Besuch wissen durfte, -daß sie nicht wagte, es Helge zu sagen. Sie wurde mißmutig, als sie -jetzt an ihren Verlobten dachte. Seit langem hatte sie es absichtlich -unterlassen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich für ihn fühlte. -Sie wollte der Ahnung, die in dieser Sekunde in ihr aufdämmerte, nicht -Raum geben und wollte sich nicht noch mehr in Unruhe bringen durch die -Frage, was eigentlich Gert Gram für sie empfand.</p> - -<p>Blatt für Blatt nahm sie aus der Mappe, die seine Jugendträume -enthielt, und es wurde ihr dabei unsagbar traurig zumute.</p> - -<p>Er hatte ihr von diesem Werk — Zeichnungen zu Landstads Volksliedern -— erzählt, so oft sie allein waren. Es war ihr klar geworden, daß er -um dieser einzigen Arbeit willen geglaubt, er sei zum Künstler geboren.</p> - -<p>Seine Bilder zu Hause hatte er selber einmal Dilettantenarbeit eines -fleißigen und gewissenhaften Schülers genannt. Aber dies hier — das -war sein Eigen. Sie sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, diese -großen Blätter mit der reichen Umrahmung romantischen Laubwerks und den -zierlichen Mönchsbuchstaben des Textes. Die Farbenwirkung war überall -rein und fein, bei einigen sogar verblüffend. Aber die eingefügten -Vignetten und Friese mit Figuren, so sorgfältig und richtig ihre -miniaturartige Zeichnung auch war, so leblos und stillos erschienen -sie. Einige waren durchaus naturalistisch, wieder andere lehnten sich -so eng an italienisch-mittelalterliche Kunst,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> daß Jenny einzelne ganz -bestimmte Offenbarungsengel und Madonnen unter den Kopfbedeckungen -der Ritter und Jungfrauen wiedererkannte. Ja, sogar die Farbenwirkung -selbst, so z. B. von dem Hukaballiede mit den goldenen und rotvioletten -Tönen, erkannte sie aus einem bestimmten Meßbuch, das sie in der San -Marco-Bibliothek gesehen hatte. Wie seltsam die groben, festgeformten -Verse sich dagegen abhoben, in den zierlichen Typen des Klosterlateins -geschrieben. Bei einigen der großen, ganzseitigen Bilder waren -Formensprache und Komposition in barockem Stil gehalten, römischen -Altarbildern entlehnt. Ein Widerklang all dessen, das er gesehen, worin -er gelebt, was er geliebt, das war Gert Grams Jugendmelodie. Keiner -dieser Töne war sein eigen, es war nur ein Echo vieler Töne, wenn auch -dies Echo alles mit eigenem, weichem, melancholischem Klange wiedergab.</p> - -<p>„Du bist nicht damit zufrieden,“ sagte er lächelnd. „O nein, ich sehe -wohl.“</p> - -<p>„Doch, natürlich. Es liegt so viel Schönes und Zartes darin. Du weißt,“ -sie suchte nach dem Ausdruck, „es wirkt auf uns etwas fremd, da wir die -gleichen Motive anders behandelt gesehen — und so gut, daß wir sie uns -in anderer Art nicht recht vorstellen können.“</p> - -<p>Er saß ihr gegenüber, das Kinn auf die Hand gestützt. Nach einer Weile -sah er auf — ihr Herz krampfte sich bei diesem Blick zusammen:</p> - -<p>„Ich wußte übrigens schon damals, was daran hätte besser sein sollen,“ -sagte er still und versuchte zu lächeln. „Wie ich dir sagte, ich habe -die Mappe soviele Jahre nicht hervorgeholt.“</p> - -<p>„Ich habe niemals recht verstehen können,“ sagte sie nach einer Weile -ablenkend, „daß du dich zu Spätrenaissance und Barock so hingezogen -fühltest.“</p> - -<p>„Es ist auch nicht zu verlangen, kleine Jenny, daß <em class="gesperrt">du</em> das -verstehst.“ Er blickte ihr mit einem sonderbar wehen Lächeln ins -Gesicht. „Siehst du, es gab wohl eine Zeit, da ich felsenfest an -mein eigenes Talent glaubte. Aber doch nie so unbedingt, daß nicht -ein kleiner nagender Zweifel<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> zurückgeblieben wäre. Nicht daran -zweifelte ich, daß ich nicht auszudrücken vermöchte, was ich sagen -wollte, ich war mir nicht klar darüber, was ich eigentlich ausdrücken -wollte. Ich sah ja, daß die romantische Kunst abgeblüht und im Begriff -war, hinzuwelken. Fast auf der ganzen Linie hatten Verfall und -Unwahrhaftigkeit um sich gegriffen, und gerade der Romantik gehörte -mein ganzes Herz. Nicht nur in der Malerei. Ich sehnte mich nach den -sonntäglichen Bauern der Romantik, trotzdem ich als Knabe lange genug -auf dem Lande gelebt hatte, um zu wissen, daß es sie nicht mehr gibt. -Als ich in die Welt zog, war mein Ziel das Italien der Romantik. Ich -weiß sehr wohl, du und deine Zeit, ihr sucht die Schönheit in dem, -was <em class="gesperrt">ist</em>, sinnlich und wirklich. <em class="gesperrt">Ich</em> fand sie nur in der -Umbildung der Wirklichkeit, die andere schon vorgenommen hatten. Du -weißt, die achtziger Jahre kamen mit ihrem neuen Glaubensbekenntnis, -ich machte den Versuch, zu folgen, doch mein Herz lehnte sich auf.“</p> - -<p>„Ja, aber Gert,“ Jenny richtete sich auf, „die Wirklichkeit ist -doch nicht ein bestimmter Begriff. Sie zeigt sich jedem einzelnen -anders. ‚<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">There’s beauty in everything</span>,‘ sagte ein englischer -Maler einmal zu mir, ‚<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">only your eyes see it or see it not, little -girls</span>‘“.</p> - -<p>„Ja, aber, Jenny — ich vermochte ja die Wirklichkeit nicht zu -<em class="gesperrt">sehen</em>, ich erfaßte nur ihren Widerschein in den Träumen -Anderer. Ich war nicht einmal fähig, aus der Mannigfaltigkeit der -Wirklichkeitswelt <em class="gesperrt">meine</em> Schönheit herauszufinden. — Ich -fühlte meine eigene Ohnmacht deutlich. Als ich dann dort hinunterkam, -eroberte der Barock mein Herz. Begreifst du die tiefe Ohnmacht und die -Seelenpein, die man unter der Unfähigkeit, der Phrase, erleidet? Nichts -Persönliches, Neues zu besitzen, um die Form damit zu erfüllen. — Nur -die Technik vervollkommnet sich, die rauschende Bewegung der Gewänder, -die halsbrecherischen jähen Reduktionen, die gewaltigen Effekte in -Licht und Schatten, die geschraubte Komposition. Die Leere wird unter -der Ekstase verborgen — verzerrte Gesichter, verrenkte Glieder, -Heilige,<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> deren einzig wahre Leidenschaft die Furcht vor ihrem eigenen -hartnäckigen Zweifel ist, den sie in krankhafter Erregung ersticken -wollen. Ja, wahrhaftig, du, das ist die Verzweiflung des Niederganges, -das Werk der Epigonen, das nur blenden will — und meist sich selbst.“</p> - -<p>Jenny nickte. „Dies ist jedenfalls deine subjektive Anschauung. -Ich bin durchaus überzeugt, daß die Maler, von denen du sprichst, -außerordentlich stolz und zufrieden mit sich selber waren.“</p> - -<p>Er schlug plötzlich einen anderen Ton an und lachte: „Möglich. -Vielleicht wurde dies mein Steckenpferd, weil, wie du sagtest, es nun -einmal mein subjektiver Standpunkt war.“</p> - -<p>„Aber das Bild, das du von deiner Frau gemalt hast — in Rot — das ist -doch ganz impressionistisch, und es ist ausgezeichnet. Je öfter ich es -mir anschaue, desto besser finde ich es.“</p> - -<p>„O ja. Aber das ist ja ein vereinzelter Fall.“ Er schwieg. „Als ich -malte, war sie für mich das Leben. Ich war toll verliebt in sie — und -doch haßte ich sie schon so grenzenlos.“</p> - -<p>„Daß du die Malerei aufgabst,“ fragte Jenny leise, „war das ihre -Schuld?“</p> - -<p>„Nein, Jenny. Alles, was uns an Unglück zustößt, ist unsere eigene -Schuld. Ich weiß, du bist nicht, was man gläubig nennt. Darin geht -es mir ähnlich. Aber ich <em class="gesperrt">glaube</em> — an Gott meinetwegen, oder -eine seelische Macht, oder was du sonst willst, die in gerechter Weise -straft. — Sie war irgendwo draußen in der Großen Straße Kassiererin in -einem Geschäft. Ich sah sie dort zufällig. Sie war herrlich schön; das -kannst du vielleicht jetzt noch sehen. Nun ja, ich lauerte ihr eines -Abends auf, als sie aus dem Geschäft kam, und sprach sie an. Lernte sie -kennen. — Ich verführte sie,“ sagte er leise und hart.</p> - -<p>„Und dann hast du sie eben geheiratet, weil sie ein Kind bekam. Das -habe ich mir gedacht. Zum Dank hat sie dich siebenundzwanzig Jahre lang -gequält und<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> geplagt. — Weißt du, die Gerechtigkeit, an die du da -glaubst, ist recht grausam.“</p> - -<p>Er lächelte müde: „Ich bin gar nicht so altmodisch, Jenny, wie du -vielleicht denkst. Ich erblicke darin keine Sünde, daß zwei junge -Menschen, die sich lieben und fühlen, daß sie zusammengehören, sich -einander hingeben, ob nun unter gesetzlichen oder ungesetzlichen -Umständen. Ich aber habe Rebekka tatsächlich verführt. Sie war -unschuldig, als ich sie traf, nicht nur rein körperlich, meine ich. -<em class="gesperrt">Ich</em> sah, wie sie war — sie ahnte es selber nicht. Ich wußte, -wie leidenschaftlich sie war, wie eifersüchtig und tyrannisch sie in -ihrer Liebe sein würde. Ich machte mir aber den Teufel etwas daraus, -ich fühlte mich geschmeichelt, daß gerade mir diese Leidenschaft galt, -daß ich dieses herrliche Mädchen so ganz mein eigen nennen durfte. -Natürlich hatte ich nie die Absicht, mich ihr ganz zu opfern, trotzdem -ich wußte, sie würde alles fordern. Ich hatte nicht gerade vor, sie -zu verlassen, glaubte aber, ich würde mich schon zu behaupten wissen. -Ich hoffte, aus unserem Verhältnis ausschalten zu können, was ich ihr -nicht geben wollte — meine Interessen, meine Arbeit: mein eigentliches -Leben — obwohl ich wußte, sie würde versuchen, alles an sich zu -reißen. Es war erzdumm von mir; ich wußte, ich war schwach, und sie -stark und rücksichtslos. Aber ich rechnete darauf, daß ihre stärkere -Leidenschaft mir, der ich in gewissen Punkten verhältnismäßig kalt war, -ein Uebergewicht geben würde. — Ich entdeckte, daß sie außer ihrer -großen Fähigkeit zu lieben keine starken Eigenschaften besaß. Sie war -eitel und ungebildet, neidisch und roh. Wir hatten keine seelische -Gemeinschaft, was ich aber nicht vermißte. Ich wollte ja nur ihren -herrlichen Körper besitzen, ihre verzehrende Leidenschaft genießen.“</p> - -<p>Er erhob sich und ging zu Jenny hinüber, ergriff ihre Hände und preßte -sie einen Augenblick an seine Augen.</p> - -<p>„Konnte ich denn wissen, daß eine Ehe mit ihr ein einziges Elend sein -würde? — Ich mußte ernten, was ich gesät. Ich mußte sie also heiraten. -Es war eine fürchterliche<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Zeit. Vorher, als sie zu mir ins Atelier -kam — wild und toll vor Uebermut — verhöhnte sie jedes altväterische -Vorurteil. Sie war stolz, Geliebte zu sein, übermütig — für sie gab es -nichts als dies freie Liebesleben. Als es dann eine schlimme Wendung -mit ihr nahm, blies sie aus einem anderen Horn. Ich bekam von ihrer -achtbaren Familie in Frederikshald zu hören, ihrer unbefleckten Tugend, -ihrem guten Ruf — ich dagegen war ein Schurke, ein Wicht, wenn ich sie -nicht augenblicklich heiratete. Soundso viele Männer hatten sie auf -diese oder jene Weise haben wollen, sie aber wollte sich weder verloben -noch sich verführen lassen.</p> - -<p>Ich hatte nichts zum Heiraten — ich war Student, nicht einmal tüchtig, -und hatte außer der Malerei nichts gelernt. Monate gingen hin. Ich -mußte zu meinem alten Vater gehen. Dann heirateten wir, und zwei Monate -später kam Helge. — Meine Familie half mir, dies Geschäft zu beginnen. -Ich hatte ja einmal große Träume von einem Kunstverlag ... meine -Volksliederblätter! — Aber die Herbeischaffung des täglichen Brotes -und meine Familie machten mir Sorge und Mühe genug. Ich mußte sogar -einmal akkordieren, wie du vielleicht gehört hast — in den neunziger -Jahren. Sie nahm ehrlich und redlich ihr Teil an Arbeit, Entbehrung und -Armut auf ihre Schultern und hätte mit Freuden für mich und die Kinder -gehungert. Es war bei meinen Gefühlen für sie beschämender, eingestehen -zu müssen, daß sie sich für mich abarbeitete, sich aufopferte und für -mich litt. — Ich mußte auf alles verzichten, was mir lieb war. Zoll -für Zoll zwang sie mich all das aufzugeben, was ich vor ihr voraus -hatte. Mein Vater und sie waren Todfeinde von der ersten Stunde an. -Sie war ihm unsympathisch! Und das verletzte ihre Eitelkeit. So trieb -sie einen Keil zwischen uns beide. Vater war Beamter von der alten -Schule, vielleicht ein wenig engherzig, steif und trocken — aber so -fein und vornehm und rechtlich denkend und im Grunde so warm, so weich -und gut. Wir waren einander immer viel — ja, Jenny, ich liebte ihn, -aber<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> das durfte ich natürlich nicht. — Dann die Malerei! Ich sah, daß -ich nicht die Fähigkeiten hatte, wie ich erst geglaubt. Ich vermochte -aber nicht, mich immer und immer wieder zu versuchen, da ich doch nicht -an mich selber glauben konnte, müde, wie ich war von der Jagd nach dem -täglichen Brot und von diesem Zusammenleben, das mehr und mehr zu einer -Karikatur wurde. Sie machte mir Vorwürfe, aber heimlich triumphierte -sie. — Und dann die Kinder! Sie war eifersüchtig, wenn sie merkte, ich -freute mich über sie oder wenn sie sah, sie waren fröhlich mit mir. Sie -wollte die Kinder nicht mit mir teilen, aber sie wollte mich auch nicht -mit den Kindern teilen. Ihre Eifersucht wuchs sich mit den Jahren zu -einer Art Irrsinn aus. Nun, du hast ja selbst gesehen.“</p> - -<p>Jenny blickte zu ihm auf.</p> - -<p>„Sie kann es kaum ertragen, daß wir in einem Raume zusammen sind, nicht -einmal, wenn Helge dabei ist.“</p> - -<p>Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie auf ihn zuging und ihre Hände -auf seine Schultern legte:</p> - -<p>„Ich begreife nicht,“ flüsterte sie, „daß du dies Leben ausgehalten -hast.“</p> - -<p>Gert Gram beugte sich vor und legte seinen Kopf auf ihre Schulter:</p> - -<p>„Ich verstehe es ja selber nicht, Jenny.“</p> - -<p>Als er kurz darauf sein Antlitz hob und ihre Augen sich trafen, legte -sie ihre Hand um seinen Nacken, und, überwältigt von einem unendlich -verzweifelten, zarten Mitleid, küßte sie ihn auf Stirn und Wange.</p> - -<p>Sie erschrak hinterher selbst, als sie auf sein Gesicht mit den -geschlossenen Augen herniederblickte, wie es an ihrer Schulter ruhte. -Aber dann richtete er sich sanft auf und erhob sich.</p> - -<p>„Danke, kleine Jenny.“</p> - -<p>Gram legte die Blätter in die Mappe zurück und räumte den Tisch ab.</p> - -<p>„Ja, Jenny, ich wünsche dir, du mögest recht, recht glücklich werden. -Du bist so jung und hell, so frisch und<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> energisch und begabt. Mein -liebes Kind — du bist so, wie ich es selbst hatte sein wollen. Ich -erreichte es aber niemals.“ Er sprach mit leiser, geistesabwesender -Stimme.</p> - -<p>„Ich glaube,“ sagte er kurz darauf ganz ruhig, „solange ein Verhältnis -neu ist und man sich noch nicht eingelebt hat, kann einem so vieles -begegnen, das schwer zu überwinden ist. Ich wünschte, ihr wohntet -später nicht hier in der Stadt. Ihr sollt allein sein — in der ersten -Zeit — fern von Verwandtschaft und dergleichen.“</p> - -<p>„Helge hat ja die Stellung in Bergen beantragt, weißt du,“ sagte Jenny. -Wieder überfiel sie diese närrische Verzweiflung und Angst, wenn sie an -ihn dachte.</p> - -<p>„Sprichst du nie mit deiner Mutter über diese Dinge, Jenny? Warum -nicht? Hast du deine Mutter nicht lieb?“</p> - -<p>„Doch, gewiß habe ich Mama lieb.“</p> - -<p>„Du solltest sie um Rat fragen, mit ihr reden —“</p> - -<p>„Es nützt mir nichts, andere um Rat zu bitten. Ich mag nicht über -solche Dinge mit anderen sprechen,“ sagte sie abweisend.</p> - -<p>„Nein, nein. Du bist —“ Er stand dem Fenster halb zugewandt, als er -plötzlich zusammenfuhr und leise und aufgeregt ihr zuflüsterte:</p> - -<p>„Jenny — sie geht dort vorüber!“</p> - -<p>„Wer?“</p> - -<p>„Sie — Rebekka.“</p> - -<p>Jenny erhob sich. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie <em class="gesperrt">schreien</em>, -vor Erbitterung und Ekel. Ein Zittern überfiel sie, jede Fiber in -ihr krampfte sich zusammen, lehnte sich auf. Sie <em class="gesperrt">wollte</em> nicht -hineingezogen werden in all das Häßliche, Schauderhafte, in dieses -Mißtrauen, diesen Hader, diese haßerfüllten Worte, Zänkereien und -Szenen ... Nein, sie wollte nicht da hinein —.</p> - -<p>„Jenny, du bebst ja, Kind — du solltest keine Furcht haben, dir darf -sie nichts tun —.“</p> - -<p>„Das ist es nicht — ich bin nicht ängstlich.“ Sie wurde plötzlich kalt -und hart. „Ich bin hier gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> um dich zu holen — wir haben uns die -Mappen angesehen und nun trinke ich bei euch Tee.“</p> - -<p>„Es ist ja nicht sicher, daß sie etwas gesehen hat —“</p> - -<p>„Das brauchen wir, weiß Gott, auch nicht zu verbergen! Weiß sie nicht, -daß ich hier gewesen bin, so erfährt sie es eben. Ich gehe mit dir nach -Hause, hörst du? Wir <em class="gesperrt">müssen</em> es tun, sowohl deinet- als auch -meinetwegen —.“</p> - -<p>Gram blickte sie an:</p> - -<p>„Nun ja, nehmen wir es also auf uns.“</p> - -<p>Als sie auf die Straße hinunter kamen, war Frau Gram gegangen.</p> - -<p>„Wir fahren mit der Straßenbahn, Gert; es ist spät.“ Sie schwieg. -Plötzlich fuhr sie auf. „Helges wegen müssen wir es auch tun; diese -Geheimniskrämerei zwischen uns muß auch um seinetwillen ein Ende haben.“</p> - -<p class="mtop2">Frau Gram öffnete ihnen selbst die Tür, als sie kamen. Während Gert -Gram seine Erklärung vorbrachte, begegnete Jenny frei ihren bösen Augen:</p> - -<p>„Das ist doch ärgerlich, daß Helge heute Abend nicht zu Hause ist. -Glauben Sie nicht, daß er früher zurückkommt, Frau Gram?“</p> - -<p>„Es ist aber auch merkwürdig, lieber Freund, daß du nicht daran gedacht -hast,“ sagte Frau Gram zu ihrem Manne. „Es ist für Fräulein Winge -schließlich kein Vergnügen, mit uns beiden einsamen Alten den ganzen -Abend zu verbringen.“</p> - -<p>„Oh, was das betrifft,“ meinte Jenny.</p> - -<p>„Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, daß Helge davon sprach, er -ginge heute Abend fort,“ sagte Gram.</p> - -<p>„Man ist es nicht gewöhnt, Sie ohne Handarbeit zu sehen,“ lächelte Frau -Gram, als sie nach dem Essen im Wohnzimmer bei einander saßen. „Sie, -die Sie immer so fleißig sind!“</p> - -<p>„Nein, ich konnte nicht mehr nach Hause gehen, ich kam zu spät aus dem -Atelier. Können Sie mir nicht eine Arbeit leihen, Frau Gram?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> - -<p>Jenny unterhielt sich mit ihr über den Preis aufgezeichneter -Handarbeiten hier und in Paris, und über die Bücher, die sie ihr -geliehen hatte. Gram saß und las. Hin und wieder fühlte Jenny seine -Augen auf ihr ruhen.</p> - -<p>Gegen elf Uhr kam Helge. —</p> - -<p>„Was ist denn geschehen?“ fragte er, als sie dann die Treppe -hinuntergingen. „Ist zu Haus wieder eine Szene gewesen?“</p> - -<p>„Durchaus nicht.“ Sie sprach heftig und nervös. „Deine Mutter nahm es -wohl ungnädig auf, daß ich mit deinem Vater zusammen zu euch nach Hause -kam.“</p> - -<p>„Ich finde allerdings auch, das hättet ihr vermeiden können,“ sagte -Helge zaghaft.</p> - -<p>„Ich fahre mit der Straßenbahn nach Hause!“ Uebernervös, wie sie war, -riß sie sich plötzlich unbeherrscht von ihm los. „Mehr ertrage ich -heute Abend nicht, hörst du? Ich will nicht jedesmal diese Szenen mit -dir haben, wenn ich bei euch gewesen bin. Gute Nacht!“</p> - -<p>„Aber Jenny! Jenny —!“ Er lief ihr nach, aber sie war bereits an der -Haltestelle. Die Bahn kam im selben Augenblick, Jenny sprang auf und -ließ ihn stehen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_VII">VII.</h3> - -</div> - -<p>Sie ging den ganzen Vormittag über im Atelier auf und ab, ohne zu -arbeiten. Sie hatte nicht die Kraft, etwas zu tun.</p> - -<p>Der Regen trommelte unaufhörlich und laut auf dem großen -Mansardenfenster. Hin und wieder hielt Jenny inne und blickte -über die regennassen Schieferdächer, die schwarzen Schornsteine -und Telephondrähte hinweg, an denen die Regentropfen wie Perlen -entlangglitten, zusammenliefen und niederfielen, um neuen Tropfen, die -schnell herbeiliefen, Platz zu machen.</p> - -<p>Ihr kam der Gedanke, in den Bundefjord zur Mutter und den Kindern zu -reisen, einige Tage wenigstens. Von all diesem hier <em class="gesperrt">mußte</em> sie -fort. Oder sie wollte die<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Stadt verlassen, irgendwo in einem Hotel -Wohnung nehmen, Helge bitten, nachzukommen, um mit ihm in Ruhe sprechen -zu können.</p> - -<p>Wenn sie beide nur eine Zeitlang allein sein könnten! Sie versuchte, -sich ihren Lenz dort unten vor Augen zu führen, sie erinnerte sich der -Wärme und der grünen Campagna, der weißen Blüten, des silberfeinen -Dunstes über dem Gebirge und ihrer eigenen Freude. Aber Helges Bild aus -jener Zeit — wie er in ihren verliebten Augen ausgesehen hatte, schien -sie nicht zurückrufen zu können.</p> - -<p>Diese Tage lagen nun schon so weit hinter ihr, und sie standen so -sonderbar isoliert von ihrem übrigen Leben da. Wenn sie auch noch so -genau <em class="gesperrt">wußte</em>, wie es gewesen, so konnte sie doch die Verbindung -zwischen damals und heute nicht mehr <em class="gesperrt">fühlen</em>.</p> - -<p>Dieses Haus in der Welhavenenstraße — nein, dort gehörte sie nicht -hin. Und es war ihr, als entschwinde Helge ihr dort gleichsam vor ihren -Augen. Es war unfaßbar, sie wollte es einfach nicht glauben, daß diese -Menschen zu ihr gehören sollten, für alle Zukunft.</p> - -<p>Nein. Er, Gram, hatte Recht. Sie mußten aus all diesem heraus.</p> - -<p>Sie wollte reisen. Sofort. Ehe Helge käme und eine Erklärung für den -gestrigen Tag forderte.</p> - -<p>Eben hatte sie die Handtasche gepackt und zog den Regenmantel über, als -es klopfte — mehrmals. Sie erkannte Helges Zeichen.</p> - -<p>Jenny stand mäuschenstill und wartete, bis er gegangen war. Kurz darauf -ergriff sie ihre Reisetasche, verschloß das Atelier und ging.</p> - -<p>Als sie ein Stück die Treppe hinuntergekommen war, sah sie einen Mann -in einem der Flurfenster sitzen. Es war Helge. Er hatte sie bereits -gesehen. So ging sie denn zu ihm hinunter. Einen Augenblick starrten -sie sich an.</p> - -<p>„Warum wolltest du mir eben nicht öffnen?“ fragte er.</p> - -<p>Jenny antwortete nicht.</p> - -<p>„Hörtest du nicht, daß ich klopfte?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> - -<p>„Doch. Ich hatte aber kein Verlangen mit dir zu sprechen.“</p> - -<p>Er erblickte ihren Handkoffer.</p> - -<p>„Willst du zu deiner Mutter fahren?“</p> - -<p>Jenny überlegte einen Augenblick:</p> - -<p>„Nein. Ich gedenke einige Tage nach Holmestrand zu reisen. Ich wollte -dir dann schreiben und dich bitten, nachzukommen. Wir konnten dann eine -Weile zusammen sein, ohne daß sich Unbeteiligte hineinmischen und uns -Szenen machen. Ich würde gern mit dir in Ruhe und Frieden reden.“</p> - -<p>„Ich hätte auch gern mit dir gesprochen. Können wir nicht zu dir -hinaufgehen?“</p> - -<p>Sie antwortete nicht gleich.</p> - -<p>„Ist jemand bei dir oben?“ fragte er.</p> - -<p>Jenny richtete ihre Augen auf ihn:</p> - -<p>„Jemand oben? Wenn ich gegangen bin?“</p> - -<p>„Es könnte ja jemand sein, mit dem du nicht zusammen fortgehen magst.“</p> - -<p>Sie wurde brennend rot.</p> - -<p>„Wie meinst du das, ich konnte ja gar nicht wissen, daß du mir hier -auflauertest.“</p> - -<p>„Liebe Jenny, du kannst dir doch denken — ich meine doch nicht, daß -von deiner Seite etwas Unrechtes darin läge.“</p> - -<p>Jenny erwiderte nichts, sondern stieg die Treppe wieder hinauf. Oben -im Atelier setzte sie den Koffer nieder, blieb im Mantel stehen und -beobachtete Helge, wie er seinen Regenmantel ablegte und den Schirm in -einen Winkel stellte.</p> - -<p>„Vater erzählte es mir heute morgen, daß du bei ihm gewesen bist, und -daß Mutter draußen vorbeiging —.“</p> - -<p>„Ja.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Es ist eine merkwürdige -Angelegenheit bei euch zu Hause — so auf der Lauer zu liegen. Es wird -mir recht schwer, mich daran zu gewöhnen, muß ich sagen.“</p> - -<p>Helge wurde rot:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> - -<p>„Liebste Jenny, ich <em class="gesperrt">mußte</em> mit dir sprechen. Die Portierfrau -sagte, sie glaubte ganz bestimmt, du seiest oben. Du weißt doch wohl, -daß ich nicht <em class="gesperrt">dir</em> mißtraue —“</p> - -<p>„Ich weiß bald nicht mehr aus noch ein,“ antwortete sie aufgebracht. -„Ich kann das nicht mehr aushalten — all den Argwohn, diese -Geheimnistuerei, diesen Unfrieden und die Häßlichkeit. Herrgott, Helge -— kannst du mich denn nicht ein wenig dagegen schützen!“</p> - -<p>„Arme Jenny.“ Er erhob sich und ging zum Fenster, den Rücken ihr -zugewandt.</p> - -<p>„Ich habe mehr darunter gelitten, Jenny, als du ahnst. Es ist zum -Verzweifeln. Denn — begreifst du das nicht selber — Mutters -Eifersucht ist doch nicht ganz unbegründet.“</p> - -<p>Jenny zuckte zusammen. Helge wandte sich um und sah es.</p> - -<p>„Ich glaube natürlich nicht, daß Vater sich dessen bewußt ist. Sonst -würde er seinem Verlangen, mit dir zusammen zu sein — nicht in diesem -Maße nachgeben. Obgleich —. Er sprach auch mit mir darüber, daß wir -beide fort müßten, fort aus dieser Stadt. Ich weiß nicht — hat er dich -nicht überhaupt auf die Reise gebracht?“</p> - -<p>„Auf diese Reise nach Holmestrand bin ich selbst gekommen. Er sprach -aber gestern mit mir davon, daß wir nicht hier in der Stadt wohnen -dürften — wenn wir verheiratet wären —“</p> - -<p>Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Schultern. Ihre -Stimme war klagend:</p> - -<p>„Helge, mein Freund — ich muß ja reisen, wenn es so ist — Helge, -Helge — was sollen wir tun?“</p> - -<p>„Ich reise,“ sagte er kurz. Er nahm ihre Hände von seinen Schultern und -preßte sie an seine Wangen. So standen sie einen Augenblick still.</p> - -<p>„Auch ich muß reisen. Kannst du denn nicht verstehen? Als ich noch -dachte, deine Mutter sei ungerecht — ja, und auch unfein — konnte -ich ihr gegenüber tun, als ginge es mich nichts an. Aber jetzt — du -hättest das nicht sagen dürfen, Helge — selbst wenn du dich irrtest. -Ich<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> kann nicht mehr dorthin gehen, wenn ich darüber nachgrübeln muß, -ob sie auch nur einen leisen Schein von Recht hat; ich werde unsicher, -ich weiß, ich kann ihr gegenüber nicht meine Fassung bewahren — ich -komme mir vor wie eine Schuldige ...“</p> - -<p>„Komm.“ Er zog sie mit sich zum Sofa und setzte sich neben sie. „Ich -will dich etwas fragen.“</p> - -<p>„Liebst du mich, Jenny?“</p> - -<p>„Das weißt du,“ sagte sie hastig und bang.</p> - -<p>Er nahm ihre Hand in seine beiden:</p> - -<p>„Ich weiß, du hast es eine Zeitlang getan. Gott weiß, ich begriff nie, -aus welchem Grunde. Aber ich wußte, du sprachst die Wahrheit, wenn du -es sagtest. Dein ganzes Wesen gegen mich war Liebe, Güte und Freude. -Aber ich hatte immer Angst, daß der Tag kommen würde, an dem du mich -nicht mehr liebtest.“</p> - -<p>Sie blickte ihm in das weiße Gesicht:</p> - -<p>„Ich bin dir so gut, Helge.“</p> - -<p>„Ich weiß es wohl.“ Er lächelte flüchtig. „Ich weiß wohl, du bist nicht -eine von denen, deren Herz erkaltet gegen den Mann, den sie einstmals -liebten. Ich weiß auch, du willst mir nicht wehe tun — du wirst selbst -leiden, wenn du mich nicht mehr liebst. — Ich habe dich so grenzenlos -lieb, siehst du —“</p> - -<p>Er senkte seinen Kopf und weinte. Sie zog ihn fest an sich:</p> - -<p>„Helge. Mein Junge. Mein lieber, lieber Junge.“</p> - -<p>Er hob wieder den Kopf und schob sie sanft zurück:</p> - -<p>„Jenny — damals in Rom — ich hätte dich nehmen können. Du wolltest -mein werden — ganz. Du hattest den guten Willen — in deiner Seele -herrschte kein Zweifel darüber, daß unser Zusammenleben für uns Glück -bedeuten würde. Ich war nicht so sicher — darum wohl wagte ich es -nicht —. Später, hier zu Hause ... Ich sehnte mich so unsagbar. Ich -wollte dich ganz besitzen, da ich fürchtete, dich eines Tages zu -verlieren. Aber ich merkte, wie du immer auswichest, wenn du fühltest, -daß dies Begehren in mir aufstieg.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> - -<p>Sie blickte ihn erschrocken an. Es war so! Sie hatte es sich nicht -gestehen wollen — aber er hatte Recht.</p> - -<p>„Wenn ich dich jetzt bäte. In dieser Stunde!?“</p> - -<p>Jenny bewegte die Lippen. Dann sagte sie schnell und fest:</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>Helge lächelte traurig und küßte ihre Hand:</p> - -<p>„Willig und gern? Weil <em class="gesperrt">du</em> mein sein willst? Weil du dir ein -Glück ohne mich und dich nicht denken kannst? Nicht nur, weil du mir -etwas Liebes antun willst? Nicht nur, weil du nicht dein Wort brechen -willst? Antworte aufrichtig!“</p> - -<p>Sie warf sich weinend über seine Knie:</p> - -<p>„Laß mich fortreisen! Ich will ins Gebirge fahren. Hörst du, Helge — -ich muß mich selber wiederfinden — ich will <em class="gesperrt">deine</em> Jenny werden, -wie in Rom. Ich <em class="gesperrt">will</em>, Helge — ich weiß weder aus noch ein, aber -ich <em class="gesperrt">will</em>. Wenn ich ruhiger geworden bin, schreibe ich an dich; -dann kommst du nach und dann bin ich nur deine, ganz deine Jenny —.“</p> - -<p>„Jenny,“ sagte Helge leise. „Ich bin meiner Mutter Sohn. Wir haben -uns voneinander entfernt — wir haben uns schon jetzt voneinander -entfernt. Du müßtest mich davon überzeugen, daß ich dir das Höchste auf -Erden bin, das Einzige, mehr als alles andere — aber du kannst nicht. -Ich fühle ja, daß du zu deiner Arbeit, deinen Freunden mehr gehörst -als zu mir, während du dich unter den Menschen fremd fühlst, die mir -nahestehen —.“</p> - -<p>„Ich fühle mich deinem Vater gegenüber nicht so fremd,“ flüsterte Jenny -unter Tränen.</p> - -<p>„Nein. Aber Vater und ich sind uns fremd. Jenny — da ist deine Arbeit, -in der ich niemals ganz eins mit dir werden kann. Ich weiß jetzt, -daß ich auch darauf eifersüchtig bin. Jenny, verstehst du nicht, ich -<em class="gesperrt">bin</em> ja ihr Sohn. Fühle ich nicht sicher, daß ich für dich alles -auf der Welt bedeute, so muß ich eifersüchtig sein, fürchten, daß eines -Tages einer kommt, den du ganz lieben wirst,<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> der dich besser versteht -—. Ich bin von Natur eifersüchtig —.“</p> - -<p>„Du darfst es nicht sein, Helge. Dann zerbricht alles. Ich <em class="gesperrt">dulde</em> -kein Mißtrauen gegen mich. Hörst du — ich kann leichter verzeihen, -wenn du mich betrügst, als wenn du an mir zweifelst —.“</p> - -<p>„Das könnte ich nicht.“ Er lachte gequält.</p> - -<p>Jenny strich sich das Haar aus der Stirn und trocknete die Augen:</p> - -<p>„Helge. Wir haben uns doch gern. Wenn wir alles um uns her verließen -und wenn wir beide den <em class="gesperrt">Willen</em> hätten, alles gutzumachen. -Wenn zwei Menschen einander gut sein und einander glücklich machen -<em class="gesperrt">wollen</em> —.“</p> - -<p>„Ich habe zu viel gesehen. Ich wage nicht auf meinen und deinen Willen -zu bauen. Da sind andere, die auch auf den guten Willen gehofft haben. -Ich habe gesehen, wie zwei Menschen einander das Leben zur Hölle machen -können. — Du sollst mir auf das antworten, was ich dich fragte. Liebst -du mich? Willst du mein sein — wie in Rom? Darf ich heute Nacht bei -dir bleiben? Ist das dein Wunsch, der höchste, den du hast?“</p> - -<p>„Ich bin dir doch gut, Helge.“ Sie schluchzte verzweifelt und leise.</p> - -<p>„Ich danke dir,“ sagte er. Er ergriff ihre Hand und küßte sie. „Du -kannst ja nichts dafür, armes Liebes, daß du mich nicht liebst. Das -weiß ich wohl.“</p> - -<p>„Helge!“ klagte sie flehend.</p> - -<p>„Du kannst mir nicht sagen, Jenny, daß ich bleiben soll, weil du ohne -mich nicht leben kannst. Wagst du es, die Verantwortung für alle Folgen -zu übernehmen, wenn du sagst, du liebtest mich, nur damit ich jetzt -nicht traurig von dir gehe —?“</p> - -<p>Jenny starrte in ihren Schoß.</p> - -<p>Helge zog den Regenmantel an und griff nach seinem Schirm.</p> - -<p>„Leb wohl, Jenny.“ Er nahm ihre Hand.</p> - -<p>„Gehst du von mir, Helge?“</p> - -<p>„Ja, Jenny, ich gehe.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p> - -<p>„Kommst du nicht wieder?“</p> - -<p>„Nur, wenn du mir sagen kannst, was ich dich fragte.“</p> - -<p>„Das kann ich jetzt nicht sagen,“ flüsterte sie verzweifelt.</p> - -<p>Helge strich ihr flüchtig übers Haar. Dann ging er.</p> - -<p class="mtop2">Jenny blieb weinend auf dem Sofa sitzen. Sie schluchzte bitterlich und -lange — ohne zu denken. Und inmitten der tiefen Müdigkeit, die darauf -folgte, der Mattigkeit nach der kleinlichen Quälerei, der kleinlichen -Demütigung und dem kleinlichen Hader der letzten Monate fühlte sie ihr -Herz so leer und kalt. Helge hatte Recht.</p> - -<p>Nach einer Weile verspürte sie Hunger. Als sie nach der Uhr sah, war es -sechs.</p> - -<p>Sie hatte vier Stunden so dagesessen. Als sie ihren Mantel anziehen -wollte, entdeckte sie, daß sie ihn gar nicht abgelegt hatte.</p> - -<p>Drüben an der Tür hatte sich eine Wasserpfütze gebildet — zwischen -einigen Bildern im Blendrahmen. Jenny suchte nach einem Lappen und -trocknete den Boden auf. Da fiel ihr plötzlich ein, daß das Wasser von -Helges Schirm herrührte. Sie lehnte die Stirn an den Türrahmen und -weinte wieder.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_VIII">VIII.</h3> - -</div> - -<p>Das Mittagessen war schnell beendet. Sie versuchte die Zeitung zu lesen -und eine Weile ihre Gedanken auszuschalten. Es war aber umsonst. So -würde es doch besser sein, heimzugehen und sich dort hinzusetzen —.</p> - -<p>Als sie kam, stand ein Mann wartend auf dem obersten Treppenabsatz. Er -war groß und schmächtig. Sie sprang die letzten Stufen hinauf und rief -Helges Namen.</p> - -<p>Sie erkannte seinen Vater. „Es ist nicht Helge,“ entgegnete er.</p> - -<p>Jenny streckte ihm atemlos beide Hände entgegen:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p> - -<p>„Gert — was ist — ist etwas Schlimmes geschehen?“</p> - -<p>„Still, still, Jenny.“ Er ergriff ihre Hand. „Helge ist fortgereist -nach Kongsberg zu einem Freund, einem Schulkameraden, der dort Arzt -ist. Zu Besuch. Herrgott, Kind, du fürchtest doch nichts anderes —.“ -Er lächelte ganz leise.</p> - -<p>„Oh, ich weiß nicht —.“</p> - -<p>„Nein. Aber liebe Jenny — du bist ja ganz außer dir —.“</p> - -<p>Sie ging ihm vorauf durch den Gang und schloß das Atelier auf. Drinnen -war es taghell und Gert Gram betrachtete sie. Er war selbst bleich.</p> - -<p>„Ist dir so weh ums Herz, Jenny? — Helge sagte — ich verstand ihn -jedenfalls so — daß ihr übereingekommen seid ... ihr fändet beide, daß -ihr nicht zueinander paßt —.“</p> - -<p>Jenny schwieg. Wie sie jetzt einen Dritten es aussprechen hörte, war es -ihr, als müsse sie widersprechen. Sie hatte es vorhin nicht begriffen, -daß es vorbei sein sollte. Aber da stand er und sagte: sie seien sich -klar geworden, daß es so das Beste wäre. Helge war fortgereist, und die -Liebe, die sie einmal für ihn empfunden, war gestorben — sie konnte -sie nicht mehr in sich finden — und daher war es eben vorbei. Aber -Gott im Himmel, wie war es denn möglich, daß es zu Ende sein sollte, -zumal sie es ja gar nicht gewollt —.</p> - -<p>„Ist es so schwer für dich, Jenny?“ fragte er wieder. „Hast du ihn doch -noch lieb —?“</p> - -<p>Jenny warf den Kopf zurück:</p> - -<p>„Natürlich bin ich Helge gut.“ Ihre Stimme bebte leise: „Man hört doch -nicht ohne weiteres auf, einen Menschen gern zu haben, den man geliebt -hat. Es ist einem doch nicht gleichgültig, ob man einem anderen wehetut —.“</p> - -<p>Gram antwortete nicht gleich. Er setzte sich aufs Sofa, drehte seinen -Hut zwischen den Händen und betrachtete ihn:</p> - -<p>„Ich verstehe ja, daß es schmerzlich und schlimm für euch beide ist. -Aber Jenny — wenn du es dir<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> überlegst — glaubst du nicht selbst, daß -es das Beste für euch ist —?“</p> - -<p>Sie entgegnete nichts.</p> - -<p>„Wie innig froh ich war, Jenny, als ich dich traf und sah, wie die Frau -war, die mein Sohn erwählt hatte — das kann ich dir nicht beschreiben. -Es schien mir, als sollte mein Junge alles das besitzen, worauf ich -in meinem Leben hatte verzichten müssen. Du warst so schön und fein, -ich hatte den Eindruck, als seiest du ebenso gut, wie du klug, stark -und selbständig warst; und dann warst du eine begabte Künstlerin, die -weder an Ziel noch Mitteln zweifelte. Du sprachst froh und warm von -deiner Arbeit, und froh und warm von deinem Freunde ... Dann kam Helge -heim. Da fand ich, daß du dich verändertest — merkwürdig schnell. -Die peinlichen Vorkommnisse, die in meinem Hause nun einmal an der -Tagesordnung sind, machten also einen zu starken Eindruck auf dich. -Ich dachte, es sei unmöglich, daß Dinge wie eine — unbehagliche, -zukünftige Schwiegermutter einem jungen liebenden Weib vollständig -das Glück verbittern könnten. Ich begann zu fürchten, daß tiefere -Mißverhältnisse, die du jetzt nach und nach entdecktest, Schuld wären. -Daß du vielleicht sahest, daß deine Liebe zu Helge nicht so felsenfest -war, wie du geglaubt. Daß dir klar wurde, daß ihr im Grunde nicht -zusammen paßtet, wie du natürlich angenommen hattest. Daß mehr eine -Augenblicksstimmung euch zusammengeführt hatte —. Dort unten, ihr -Beide allein, losgelöst von jedem alltäglichen, heimlichen Band, allein -in der neuen Umgebung, Beide jung und frei, glücklich durch die Arbeit -und wohl Beide mit der Liebessehnsucht der Jugend im Herzen — sollte -all das nicht vorübergehende Sympathie und Verständnis erwecken können, -selbst wenn diese Sympathie, dieses Verständnis nicht in die tiefsten -Winkel eurer beider Seelen gedrungen war?“</p> - -<p>Jenny stand drüben am Fenster und blickte zu ihm hinüber. Sie empfand -einen seltsam heftigen Unwillen, als er sprach. Herrgott, vielleicht -hatte er Recht. Aber<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> er verstand ja gar nicht, was ihr eigentlich das -Herz so schwer machte, während er ihr alles so klar auseinandersetzte:</p> - -<p>„Das ändert nichts an der Sache — selbst, wenn etwas an dem ist, was -du sagst. Möglich, daß du Recht hast —.“</p> - -<p>„Es ist jedenfalls besser, Jenny, daß ihr es jetzt eingesehen habt. -Besser, als wenn es später gekommen wäre, wenn die Bande fester -geknüpft waren und es schmerzlicher gewesen wäre, sie zu lösen —.“</p> - -<p>„Das ist es ja nicht, ach, das ist es ja gar nicht!“ Sie unterbrach -ihn plötzlich heftig. „Ich — ich verachte mich selbst. Man gibt -einer solchen lächerlichen Stimmung nach, lügt sie herbei. Man soll -<em class="gesperrt">wissen</em>, daß man, ehe man sagt, man liebt, für sein Wort -einstehen kann. Eine solche Leichtfertigkeit habe ich immer am -allermeisten verachtet. Nun sitze ich selbst in der Schande.“</p> - -<p>Gram blickte plötzlich scharf zu ihr hinüber. Er wurde bleich — und -dann glühend rot. Nach einer Weile sagte er mühsam:</p> - -<p>„Ich sagte, es sei das Beste, daß, wenn zwei Menschen nicht zueinander -passen, sie es entdecken, ehe das Verhältnis so tief in ihr Leben -eingegriffen hat, daß Beide — und besonders sie — nie wieder die -Spuren auslöschen können. Ist es zu spät, so muß man eher versuchen, ob -man nicht — mit ein wenig Resignation und viel gutem Willen von beiden -Seiten — eine Harmonie zuwege bringen kann. Erweist sich das als eine -Unmöglichkeit, so kann man ja noch immer —. Ich weiß ja nicht, ob du -und Helge ... wie tief es gegangen ist —.“</p> - -<p>Jenny lachte spöttisch:</p> - -<p>„Ah, ich verstehe, was du meinst. Für mich ist es ebenso bindend, daß -ich Helge habe angehören <em class="gesperrt">wollen</em> — mein Wort gegeben habe und es -nun nicht halten kann. Ebenso demütigend — vielleicht mehr als wenn -ich wirklich sein gewesen wäre —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span></p> - -<p>„Du wirst das nicht sagen, wenn du einmal einem Manne begegnest, den du -mit großer, wahrer Liebe lieben kannst,“ sagte Gram leise.</p> - -<p>Jenny zuckte mit den Schultern:</p> - -<p>„Glaubst du übrigens an die große und wahre Liebe, von der du da -sprichst?“</p> - -<p>„Ja, Jenny.“ Gram lächelte schwach. „— Ich weiß, der Ausdruck kommt -euch jungen Menschen heutzutage komisch vor. Ich glaube indessen an sie -— aus guten Gründen.“</p> - -<p>„Ich glaube, eines jeden Menschen Liebe ist wie er selbst. Wer -großzügig veranlagt ist und wahrhaftig gegen sich selbst, wirft sich -nicht in kleinen Liebeleien fort. Ich dachte, ich selber ... Aber ich -war achtundzwanzig Jahre alt, als ich Helge traf, und ich hatte nie -geliebt. Dessen war ich überdrüssig und wollte es gern versuchen. Er -war verliebt, warm und jung, aufrichtig, und das lockte mich. So log -ich denn mir selber etwas vor, genau wie all die anderen Frauenzimmer -— seine Wärme ging auf mich über, und ich bildete mir schleunigst ein, -ich sei warm. Obwohl ich wußte, daß man diese Illusion nicht lange -aufrecht erhalten kann, jedenfalls nur solange, als von dieser Liebe -nicht etwas verlangt wird. Andere Frauen begehen dergleichen in aller -Harmlosigkeit, weil sie zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden -können und sich immer etwas vorlügen — so etwas kann ich aber zu -meiner Entschuldigung nicht anführen —. Ich bin also in Wirklichkeit -ebenso klein und egoistisch und verlogen wie die anderen. Daher kannst -du sicher sein, Gert, daß ich schwerlich deine große und wahrhafte -Liebe kennen lernen werde —.“</p> - -<p>„Jenny,“ und wieder lächelte Gert sein melancholisches Lächeln, -„<em class="gesperrt">ich</em>, siehst du, — Gott weiß, ich bin weder groß noch stark, in -Lüge und Schlechtigkeit hatte ich zwölf Jahre lang gelebt, und ich war -zehn Jahre älter als du jetzt bist — ich sah da eine, die mich an dies -Gefühl, von dem du jetzt so höhnisch sprichst, glauben lehrte — so -fest, daß ich niemals daran zweifeln werde.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span></p> - -<p>Eine Weile war es still.</p> - -<p>„Und du — bliebst bei ihr,“ sagte Jenny leise.</p> - -<p>„Wir hatten beide Kinder. Ich sah damals noch nicht ein, daß ich nicht -den geringsten Einfluß auf meine eigenen Kinder gewinnen würde. Schon -gar nicht, wenn eine andere als ihre Mutter mein ganzes Herz und meine -ganze Seele besaß. Sie war auch verheiratet. Schlecht verheiratet. -Hatte ein kleines Mädchen. Das hätte sie wohl mit sich nehmen können. -Der Mann war ein Trinker.</p> - -<p>Ja, das war auch ein Teil der Strafe, siehst du — Strafe für das -Verhältnis, in das ich mich eingelassen hatte — mit jener. Das mir -nie etwas anderes gegeben hat als Befriedigung meiner Sinne —. Unser -Verhältnis war zu schön, als daß es aus Lüge bestehen konnte. Unsere -schöne, herrliche Liebe mußten wir verbergen wie ein Verbrechen —. Oh, -kleine Jenny! — Es gibt kein anderes Glück, siehst du —.“</p> - -<p>Sie ging zu ihm hin, während er sich erhob. Sie standen dicht -beieinander, ohne sich zu rühren, und ohne zu sprechen.</p> - -<p>„Ich muß gehen, Kleines,“ sagte er plötzlich gezwungen und trocken. -„Ich muß zur üblichen Zeit zu Hause sein, weißt du. Sonst wird sie nur -argwöhnisch —.“</p> - -<p>Jenny nickte.</p> - -<p>Gert Gram ging zur Tür, Jenny begleitete ihn.</p> - -<p>„Du darfst nicht fürchten, daß dein Herz nicht lieben kann,“ lachte er -plötzlich still. „Ich glaube, es ist ein stolzes kleines Herz, Jenny — -und warm! Willst du mich weiter zu deinen Freunden rechnen?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Jenny leise und reichte ihm die Hand. Er beugte sich nieder -und küßte sie lange — länger als sonst.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_IX">IX.</h3> - -</div> - -<p>Gunnar Heggen und Jenny Winge wollten im November zusammen eine -Ausstellung veranstalten. Aus diesem Anlaß kam er nach Kristiania. Den -Sommer hatte<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> er in Smaalene zugebracht, roten Granit, grüne Zweige und -blauen Himmel gemalt. Später war er nach Stockholm gefahren, wo er ein -Bild verkaufte.</p> - -<p>„Wie geht es Cesca?“ fragte Jenny, als sie an einem Vormittag in ihrem -Atelier bei einem Glase Whisky saßen.</p> - -<p>„Ja — Cesca ...“ Gunnar trank einen Schluck aus seinem Glase, rauchte -und blickte Jenny an und Jenny ihn.</p> - -<p>Es war so traulich, wieder mit ihm zusammen zu sitzen und von Menschen -und Dingen zu sprechen, von denen sie sich so weit entfernt hatte. Ihr -war, als habe sie ihn und Cesca einst weit, weit fort von hier in einem -Lande am Ende der Welt getroffen, dort mit ihnen gearbeitet, mit ihnen -zusammen gelebt und die Freude gesucht.</p> - -<p>Sie betrachtete das offene, sonnenverbrannte Gesicht vor ihr mit der -schiefen Nase. Er hatte einmal als Kind einen Schlag darüber bekommen. -„Und das hat Gunnars Physiognomie gerettet,“ pflegte Cesca zu sagen, -„sonst wäre er der schrecklichste Typ eines schönen Mannes geworden.“ -Das war damals in Viterbo gewesen.</p> - -<p>Im Grunde hatte sie Recht. Zug um Zug besehen war er eigentlich eine -richtige Bauernburschenschönheit mit seiner niedrigen, breiten Stirn -unter dem braungelockten Haarschopf, mit den großen stahlblauen Augen -und dem roten, vollen Munde mit der blanken Reihe weißer Zähne. Bis -herab zum runden starken Hals hatte die Sonne ihn verbrannt und seine -breite, eher gedrungene Gestalt wirkte fast brutal in ihrer gesunden, -muskulösen Schönheit. Im Gegensatz hierzu stand der merkwürdig -unschuldige, unberührte Ausdruck, der über dem sinnlichen Mund und den -vollen Augenlidern lag und das unendlich feine Lächeln, das mitunter -seine Lippen umspielte. Er hatte ein Paar richtige Arbeiterhände mit -dicken Sehnen und groben Gelenken an den kurzen Fingern; aber er konnte -sie auf eigene, lebhaft anmutige Art bewegen.</p> - -<p>Etwas magerer war er geworden, sah aber sonst gesund und wohl aus, -während sie sich so müde und<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> unbefriedigt fühlte. Er hatte den ganzen -Sommer hindurch gearbeitet, daneben griechische Tragödien, Keats und -Shelley gelesen.</p> - -<p>„Ich habe aber Lust, die Tragödien in der Ursprache zu lesen,“ sagte -Gunnar. „Ich muß also jetzt Griechisch und Latein lernen.“</p> - -<p>„Herrgott!“ sagte Jenny. „Ich fürchte, du wirst soviel zu lernen haben, -ehe deine Seele Ruhe findet, daß dir schließlich keine Zeit mehr zum -Malen bleibt, außer nach Feierabend.“</p> - -<p>„Doch, Jenny, ich muß es lernen. Ich will nämlich einige Artikel -schreiben.“</p> - -<p>„Du auch? Willst du jetzt auch Artikel schreiben?“ Sie lachte.</p> - -<p>„Ja, eine ganze Reihe über verschiedene Gegenstände. Unter anderem -will ich anregen, daß wir wieder Griechisch und Latein in den Schulen -einführen, wir müssen jetzt unbedingt etwas Kultur hier unter die Leute -bringen.“</p> - -<p>„Teufel!“ sagte Jenny.</p> - -<p>„Ja, allerdings Teufel! Es kann nämlich so nicht weiter gehen. Zum -nationalen Symbol wird ein rosenrot gefärbter Grütztopf mit einigen -eingeritzten Schnörkeln erhoben, was dann eine ungeschickte Nachahmung -der armseligsten aller europäischen Stilarten, des Rokoko, vorstellen -soll. So sieht nämlich der Nationalismus hier oben aus. Du weißt -selbst, den größten Eindruck macht es hierzulande, wenn ein Künstler -oder gewöhnlicher Sterblicher mit der Schule oder Tradition bricht, -wenn er die Uebernahme der Volkssitte und der Begriffe, die gewöhnliche -zivilisierte Menschen von geziemender Lebensweise und Anständigkeit -haben, verweigert. Ich habe nun einmal die Absicht, meinen Landsleuten -zu erzählen, daß es unter den Verhältnissen, wie sie hier herrschen, -eigentlich notwendiger wäre, wenn man versuchte, Verbindungen -anzuknüpfen, einiges von den aufgehäuften Schätzen, die man im weiten -Europa mit Kultur bezeichnet, sich anzueignen, zu erbeuten und in die -heimatliche Höhle zu schleppen. Sie aber brechen ein kleines Glied -aus dem<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> Zusammenhang heraus, siehst du, ein einzelnes Ornament aus -einem Stil, rein buchstäblich gesprochen, — dasselbe gilt auch für -eine Geistesrichtung — schnitzen und klopfen daran herum, und zwar -so ungeschickt und häßlich, bis es zuletzt unkenntlich geworden ist, -und dann behaupten sie großspurig, es sei original und norwegisches -Nationalpatent.“</p> - -<p>„Nun ja. Aber diese Sünden beging man auch zu jener Zeit, als die -klassische Bildung offizielle Grundlage für die ganze Bildung in -unserem Lande war.“</p> - -<p>„Ja, gewiß. Hier kannte man jedoch nur einen ganz kleinen Teil des -Klassizismus. Ein Bruchstück. Ein wenig lateinische Grammatik wurde -gepflegt. Nie hing bei uns ein Bild von dem, was man den klassischen -Geist nennt, unter den Gemälden unserer hochehrwürdigen Vorväter. -Solange das aber nicht der Fall ist, stehen wir außerhalb Europas. -Solange wir nicht in der Historie der Griechen und Römer die älteste -Geschichte unserer eigenen Kultur erkennen, haben wir auch keine -europäische Kultur. Es kommt ja nicht darauf an, wie diese Geschichte -in der Wirklichkeit aussah, sondern nur darauf, wie sie uns überliefert -worden ist. Nehmen wir als Beispiel die Kriege zwischen Sparta und -Messene: In Wirklichkeit handelte es sich nur um einige halbwilde -Hirtenstämme, die sich in grauer Vorzeit bekämpften. Aber in der -Ueberlieferung, wie sie uns überbracht ist, waren diese Kriege der -klassische Ausdruck des Triebes eines gesunden Volkes, lieber bis zum -letzten Mann unterzugehen als Gewalt an seiner Individualität und -seinem Recht der Selbständigkeit zu dulden. Herr im Himmel, wir haben -für unsere Ehre seit Jahrhunderten nicht mehr gekämpft, sondern statt -dessen den Wanst mit einigen Millionen Sandkuchen und ganzen Ladungen -von Grütze vollgepfropft. Zum Beispiel die Perserkriege: sie waren -eigentlich ganz unbedeutend, doch für ein lebensfähiges Volk bedeuten -Salamis, Thermopylae und Akropolis die Blüte aller ältesten und -gesündesten Instinkte. Die Worte fahren fort zu leuchten, solange diese -Instinkte Wert haben<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> und solange ein Volk glaubt, seine Fähigkeiten -behaupten zu müssen und auf seine Vergangenheit, seine Gegenwart und -seine Zukunft stolz sein zu dürfen. Und solange kann ein Dichter ein -lebendiges Werk über Thermopylae schreiben und es mit seinen eigenen -lebendigen Gefühlen erfüllen. Erinnerst du dich an Leopardis Ode auf -Italien — ich las sie dir einmal in Rom vor?“</p> - -<p>Jenny nickte.</p> - -<p>„Etwas Rhetorik ist zwar dabei — aber bei Gott, sie ist herrlich! -Nicht wahr? Er erzählt von Italia, der schönsten Frau, die gefesselt -im Staube liegt, mit aufgelöstem Haar, und in ihren Schoß weint. -Und dann wünscht er sich, einer der jungen Griechen zu sein, die in -Thermopylae dem Tod entgegenschritten, unerschrocken, freudig, als -ginge es zum Tanz. Ihre Namen sind geheiligt und Simonides singt -sterbend Jubelgesänge vom Gipfel des Antelos. Dann gibt es all die -alten, herrlichen Erzählungen, die wie Symbole und Parabeln wirken und -niemals alt werden. Denk nur an Orpheus und Eurydike — wie einfach: -den Glauben der Liebe schreckt selbst nicht der Tod — aber der Zweifel -eines kurzen Augenblicks, und alles ist verloren. Hierzulande kennt man -aber nur eine Operette darüber!</p> - -<p>Engländer und Franzosen haben es verstanden, die alten Symbole für -ihre neue, lebende Kunst zu verwenden. Dort draußen wurden in den -glücklichen Zeiten doch noch Menschen geboren, deren Triebe und Gefühle -so kultiviert waren, daß sie stark genug wurden, um uns der Atriden -Schicksal verständlich zu machen, so daß es uns packte, als erlebten -wir es in der Wirklichkeit. Auch die Schweden haben noch lebendige -Verbindung mit dem Klassizismus. — Wir haben ihn nie gekannt. Was sind -es dagegen für Bücher, die hier gelesen werden und — auch geschrieben? -Sonnenstrahlerzählungen von geschlechtslosen Maskeradefiguren in -Empiregewändern — dänische Schmutzbücher, die einen Mann über sechzehn -nicht interessieren <em class="gesperrt">können</em>. Oder ein grüner Bengel ereifert -sich über das Mystische, Ewigweibliche eines kleinen Laufmädels, -das naseweis ist<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> und ihn betrügt, weil er nicht genügend gesunden -Menschenverstand besitzt, um zu erkennen, daß der ganze Rebus zumeist -mit dem spanischen Röhrchen zu lösen ist.“</p> - -<p>Jenny lachte. Gunnar wanderte im Zimmer auf und ab.</p> - -<p>„Hjerrild arbeitet wahrscheinlich jetzt auch an einem Buch über -die Sphinx. Zufällig kenne ich die Heldin etwas näher. Nun ja, sie -stand mir nicht so nahe, daß ich es der Mühe für wert hielt, sie -durchzuprügeln. Aber immerhin hatte ich sie doch gern, und die ganze -Sache widerte mich daher an. Mir wurde übel, als ich entdeckte, daß sie -eben diese Heldin sein sollte. Aber durch die Arbeit bin ich darüber -hinweggekommen, weißt du. — Im großen und ganzen, Jenny, gibt es kein -Leid, das nicht durch die Arbeit zu überwinden wäre, glaube ich.“</p> - -<p>Jenny schwieg eine Weile.</p> - -<p>„Aber Cesca ...?“ fragte sie dann.</p> - -<p>„Ach, Cesca! Sie hat sicher, seit sie verheiratet ist, keinen Pinsel -angerührt. Als ich sie besuchte, öffnete sie mir selbst die Tür — -sie haben kein Mädchen. Sie trug eine gestreifte Küchenschürze und -hielt einen Besen in der Hand. Ihre Wohnung besteht aus einem Atelier -und zwei kleinen Löchern, und im Atelier können sie natürlich nicht -beide zugleich arbeiten, und außerdem legt die Wirtschaft ihre ganze -Zeit mit Beschlag, wie sie sagte. Am ersten Vormittag, als ich dort -war, krabbelte sie die ganze Zeit auf dem Fußboden herum — Ahlin war -fort. Erst fegte sie mit einem Besen aus, dann kroch sie umher und -wirtschaftete mit einer Hasenpfote unter den Möbeln, sie war nach -diesen kleinen Flocken in den Winkeln aus, weißt du. Und dann scheuerte -sie und wischte Staub, aber Herr im Himmel, wie ungeschickt sie alles -anpackte! Dann ging ich mit ihr fort und kaufte zum Mittagessen ein, -ich sollte bei ihnen essen. Später kam Ahlin; da verschwand sie in der -Küche, und als das Essen endlich fertig war, da waren ihre kleinen -Löckchen ganz naß vom Schweiß. Das Mittagessen war aber nicht schlecht. -Sie wusch dann<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> auf — aber wie ungeschickt und schwerfällig — rannte -fort und spülte jedes Stück unter der Wasserleitung ab. Ahlin und ich -halfen ihr. Zum Abendessen lud ich sie in die Stadt ein — die arme -Cesca genoß es, sie freute sich, auf diese Weise nicht kochen und -aufwaschen zu müssen. Kommen da noch Kinder hinzu — und das wird ja -nicht ausbleiben — so kannst du sicher sein, daß es mit Cescas Malerei -aus ist. Und das wäre bei Gott eine Schande — ich kann mir nicht -helfen, aber es wäre sehr schade.“</p> - -<p>„Ach, ich weiß nicht, Gunnar. Für eine Frau sind ja doch Mann und -Kinder die Hauptsache. Früher oder später wird man sich jedenfalls doch -danach sehnen.“</p> - -<p>Gunnar blickte zu ihr hinüber. Dann seufzte er.</p> - -<p>„Wenn sie sich nur gern haben! Glaubst du, daß Cesca glücklich mit -Ahlin ist?“</p> - -<p>„Wenn ich das wüßte, Jenny! Ja, ich glaube wohl, sie hat ihn sehr -gern. Es ging jedenfalls dauernd ‚Lennart meint‘ und ‚findest du die -Sauce gut, Lennart‘ und ‚willst du‘ und ‚soll ich‘. Sie hat sich -natürlich ein fürchterliches Halbschwedisch angeeignet, wie du dir -denken kannst. Ich muß sagen, ich verstehe das Ganze nicht recht — er -war ja so verliebt in sie, und er ist nicht tyrannisch oder brutal, im -Gegenteil. Aber sie ist so merkwürdig gedrückt und demütig geworden, -die kleine Cesca. Daran können doch nicht nur diese Hausfrauensorgen -Schuld sein, obgleich diese sie recht bedrücken. Ihre Anlagen waren in -dieser Beziehung ja nicht gerade hervorragend, andererseits aber ist -sie auf ihre Art ein gewissenhaftes kleines Wesen. Außerdem scheinen -sie in sehr kleinen Verhältnissen zu leben. — Vielleicht,“ er lachte -etwas frivol, „hat sie diesen oder jenen genialen Streich vollführt. -Die Brautnacht dazu benutzt, von Hans Hermann und Norman Douglas zu -erzählen, von Hjerrild und ihren anderen Erlebnissen, von Anfang bis zu -Ende. Das kann ja dann leicht überwältigend gewirkt haben.“</p> - -<p>„Cesca hat nun wahrhaftig aus ihren Geschichten<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> nie einen Hehl -gemacht, die mußte er doch von früher her kennen.“</p> - -<p>„Ja gewiß. Aber es konnte sich ja um diese oder jene Pointe handeln, -die sie bisher verschwiegen hatte, jetzt aber vielleicht meinte, ihm -beichten zu müssen.“</p> - -<p>„Pfui, Gunnar!“ sagte Jenny.</p> - -<p>„Ja, zum Teufel auch — man weiß niemals, was man von Cesca eigentlich -halten soll. Ihre Schilderung der Freundschaft mit Hans Hermann ist -seltsam genug. Cesca hat vielleicht nichts getan, was man sozusagen -unmoralisch nennt, dessen bin ich sicher. Ich begreife zum Kuckuck -auch nicht, was das einem Manne ausmachen kann, ob seine Frau früher -ein Verhältnis oder auch mehrere gehabt hat, wenn sie dabei nur -rechtschaffen und loyal gehandelt hat. Denn diese Forderung nach -physischer Unberührtheit ist ja im Grunde gemein. Hat eine Frau -wirklich einen Mann geliebt und seine Liebe hingenommen, so ist es -nichtswürdig, sich aus diesem Verhältnis zurückzuziehen, ohne ihm das -Höchste haben opfern zu wollen. Natürlich wäre es mir am liebsten, daß -meine dereinstige Frau keinen vor mir geliebt hätte. Und man weiß ja -auch nicht, wie man bei seiner eigenen Frau urteilt. Es könnte ja sein, -daß alte Vorurteile, egoistische Eitelkeit und dergleichen plötzlich -auftauchen ...“</p> - -<p>Jenny machte eine Bewegung, als wollte sie etwas sagen, schwieg dann -aber.</p> - -<p>Gunnar war am Fenster stehen geblieben. Er hatte die Hände in den -Hosentaschen vergraben und wandte ihr den Rücken zu:</p> - -<p>„Nein, Jenny. Ich will dir sagen, was ich so traurig finde. Man trifft -ganz selten einmal auf eine Frau, die wirklich in dieser oder jener -Richtung Talente hat und Freude daran, sie zu entwickeln, zu arbeiten. -Eine Frau, die Energie besitzt, die fühlt, daß sie ein Mensch ist und -selbständig über Recht und Unrecht nachdenken kann. Sie hat vielleicht -den Willen, ihre Fähigkeiten, soweit es sich lohnt, zu kultivieren, -ihre guten und wertvollen Instinkte zu pflegen, und andere, die ihr -schlecht<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> und unwürdig erscheinen, zu unterdrücken. Und dann begegnet -sie eines schönen Tages einem Manne. Da heißt es denn: Ade Arbeit und -Entwicklung, und es ist vorbei mit der ganzen Herrlichkeit. Sie gibt -ihr Selbst auf eines elenden Mannes wegen. Jenny — findest du das -nicht auch traurig —?“</p> - -<p>„Gewiß. Aber so sind wir nun einmal alle geschaffen!“</p> - -<p>„Ich begreife euch nicht. Weißt du, warum ich glaube, daß wir Männer -euch nie verstehen werden? Zu guterletzt geht es uns nicht in den Kopf, -daß Wesen, die doch Menschen sein wollen, so vollständig jeglichen -Selbstgefühls ledig sind. Und das ist bei euch der Fall. Die Frau hat -keine Seele — wahrhaftig! Ihr gesteht ja mehr oder weniger offen ein, -daß Liebesgeschichten das Einzige sind, das euch interessiert.“</p> - -<p>„Es gibt aber auch Männer, bei denen dasselbe zutrifft; jedenfalls läßt -ihr Lebenswandel darauf schließen.“</p> - -<p>„Ja gewiß, aber ein vernünftiger Mann hat auch keinen Respekt vor -solchen Schürzenjägern. Offiziell soll es doch nur als eine Art — nun -sagen wir natürlichen Zeitvertreibs aufgefaßt werden, neben unserer -Arbeit. Oder ein tüchtiger Mann will eine Familie gründen, weil er -die Kraft in sich fühlt, für mehrere Menschen zu sorgen, als für sich -allein, und einen Nachfolger für seine Arbeit haben will.“</p> - -<p>„Ja, aber Gunnar, die Frau hat natürlich andere Aufgaben.“</p> - -<p>„Ach still, das ist gar nicht der springende Punkt. Sie wollen ja -überhaupt nicht Menschen sein und arbeiten, sondern nur Weibchen. Was -zum Teufel soll das heißen, eine ganze Schar von Kindern in die Welt -zu setzen, wenn sie doch nicht zu Menschen heranwachsen, sondern nur -weiter fortpflanzen — wenn die Rohprodukte nicht bearbeitet werden?“</p> - -<p>„Das stimmt allerdings,“ Jenny lachte.</p> - -<p>„Natürlich stimmt das. Und was die Frau betrifft ... Ach, ich habe -es von Kindheit an verfolgt<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> und beobachtet. Aus meiner Zeit auf der -Arbeiterhochschule entsinne ich mich eines Mädchens, mit dem ich -zusammen englischen Unterricht hatte. Sie lernte englisch, um mit den -ausländischen Kriegsschiffmatrosen sprechen zu können. Das Höchste, für -das sich diese Mädels einzusetzen vermochten, war die Hoffnung auf eine -Stellung in England oder Amerika. Wir Jungen, meine Kameraden und ich, -wir studierten, um zu lernen, und das Gehirn zu schulen. Wir versuchten -auf jede Art und Weise, das Wenige zu ergänzen, was wir in der Schule -gelernt hatten. Die Mädels dagegen lasen nur Unterhaltungsbücher. -Nimm zum Beispiel den Sozialismus! Kennst du eine einzige Frau, die -überhaupt eine Ahnung davon hat, was er eigentlich bedeutet? Sie wissen -es, wenn sie einen Mann haben, der ihnen diesen Begriff klargemacht -hat. Versuche aber einer Frau zu erklären, warum die menschliche -Gesellschaft verpflichtet ist, jedem Kinde, das geboren wird, die -Möglichkeit zu geben, seine Anlagen zu entwickeln, wenn solche -vorhanden sind, und das Leben in Freiheit und Schönheit zu leben, wenn -es den wahren Sinn der Freiheit begreift und Schönheitssinn besitzt.</p> - -<p>Was aber halten die Frauen für Freiheit? Es bedeutet für sie, daß -sie jeder Arbeit ledig sein und ihrem Hang zur Unanständigkeit die -Zügel schießen lassen dürfen. Und Schönheitssinn?! Der fehlt ihnen -vollständig! Sie staffieren sich mit dem Teuersten und Abscheulichsten -aus, was die Mode nur erfinden kann. Sieh dir doch ihre Häuser an! Je -mehr Geld vorhanden, desto schlimmer sieht es in ihnen aus. Ist jemals -eine Mode zu häßlich und schamlos, daß sie sich ihr nicht unterwerfen -würden? Nein, wenn die Mittel nur da sind, wird alles mitgemacht. Das -kannst du doch nicht abstreiten? — Von der Moral der Frauen will ich -keine Silbe sagen, denn sie haben keine. Lassen wir es noch hingehen, -wie sie sich gegen uns betragen — aber wenn ihr unter euch seid, so -beklascht ihr euch gegenseitig und in welchen Tonarten! Pfui Teufel!“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> - -<p>Jenny lächelte leise. Sie mußte ihm Recht geben und auch wieder nicht, -aber sie war zu einer Diskussion nicht aufgelegt. Sie fand aber, daß -sie antworten müßte, so sagte sie:</p> - -<p>„Das war eine grausame Salve — die ganze Armee auf einmal ruiniert.“</p> - -<p>„Du kannst es schriftlich bekommen,“ sagte er zufrieden.</p> - -<p>„Ja, du hast ja in vieler Beziehung Recht, Gunnar. Aber es sind -doch unter den Frauen Unterschiede zu machen und seien es auch nur -Gradunterschiede.“</p> - -<p>„Natürlich sind Unterschiede zu machen. Aber laß es gut sein, Jenny, -was ich sagte, gilt bis zu einem gewissen Grade auch allen, und weißt -du, woher das kommt? Die Hauptsache ist euch allen ein Mann — einen, -den ihr habt, oder einer, der euch fehlt. Das Einzige, das im Leben -von wirklichem Wert und wirklichem Ernst ist — das hat für euch in -Wirklichkeit keinen Wert. Ich meine die Arbeit. Die Besten unter euch -nehmen es eine kurze Zeit hindurch ernst. Aber ich glaube wahrhaftig, -das liegt daran, daß ihr die sichere Gewißheit habt, während ihr noch -jung und schön seid, daß ‚er‘ wohl kommen wird. Geht die Zeit jedoch -hin, und er zeigt sich noch immer nicht auf dem Schauplatz, fangt ihr -dann an, betagter zu werden, so laßt ihr in der Arbeit nach, geht müde -und mißmutig umher und fühlt euch unbefriedigt.“</p> - -<p>Jenny nickte.</p> - -<p>„Hör zu, Jenny. Ich habe dich immer ebenso hoch geschätzt wie einen -ganzen Mann. Du bist jetzt bald neunundzwanzig Jahre, und so alt muß -man sein, ehe man anfangen kann, einigermaßen selbständig zu arbeiten. -Es ist doch nicht dein Ernst, daß du jetzt, nun du endlich dein eigenes -Leben zimmern kannst, dir einen Mann und Kinder, Wirtschaft mit allem -Drum und Dran aufladen möchtest, was dir an allen Ecken und Kanten -Fesseln auferlegen, in deiner Arbeit immer nur im Wege sein würde?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span></p> - -<p>Jenny lachte still.</p> - -<p>„Herrgott, Mädel! Wenn dir nun wirklich alles das beschert wäre, und -du legtest dich hin, um zu sterben, umgeben von Mann und Kindern und -deiner Welt, so würdest du doch bereuen und trauern, daß du nicht das -Ziel erreichtest, wozu dir die Fähigkeiten zu Gebote standen, dessen -bin ich sicher, Jenny!“</p> - -<p>„Ja. Aber: Gesetzt den Fall, ich habe das Aeußerste erreicht, was meine -Kraft mir gestattete, und ich weiß, in meiner Sterbestunde, daß mein -Leben und meine Arbeit mich eine Zeitlang überdauern wird, und ich bin -allein, es gibt kein lebendes Wesen, das mir innerlich nahe steht ... -Glaubst du nicht, daß ich dann erst recht trauern und bereuen werde?“</p> - -<p>Heggen schwieg.</p> - -<p>„Ja gewiß,“ sagte er nach einer Pause. „Natürlich bedeutet Ehelosigkeit -nicht das gleiche für Frauen wie für uns Männer. Man muß wohl in -Betracht ziehen, daß sie außerhalb dessen gestanden haben, um das die -Leute nun einmal am meisten Wesen machen in diesem Leben; und daß auf -diese Weise eine ganze Reihe von seelischen wie körperlichen Organen -unberührt dahinwelken muß. — Ach, Jenny, ich wünschte oft, daß du -ein einziges Mal nur ein wenig leichtsinnig wärest, um mit dieser -Unzufriedenheit abzurechnen und dann in Ruhe und Frieden weiterarbeiten -zu können.“</p> - -<p>„Frauen, die einmal ein wenig leichtsinnig gewesen sind, wie du es -nennst, Gunnar, können nicht ohne weiteres mit dieser Unzufriedenheit -fertig werden. War es das erste Mal eine Enttäuschung, so hoffen sie -auf mehr Glück beim nächsten. Und wieder beim nächsten und immer so -fort. Man gibt sich nicht mit Enttäuschungen zufrieden. Und ehe man -sich’s versieht, ist es eine ganze Reihe von Malen geworden.“</p> - -<p>„Zu denen gehörst du aber nicht,“ sagte er schnell.</p> - -<p>„Danke! Es ist mir übrigens neu, daß du dergleichen predigst. Du hast -früher selber gesagt, daß Frauen, die<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> sich einmal in solche Dinge -verwickelt haben, immer untergehen!“</p> - -<p>„Die meisten wohl. Aber es muß auch einige andere geben. Ich spreche -natürlich nicht von Frauen, die keine anderen Lebensinteressen haben, -als einen Mann — man kann ja nicht dauernd seinen Lebenszweck ändern. -Ich meine die anderen, die etwas an sich bedeuten — etwas anderes -sind als nur Weibchen. Warum solltest zum Beispiel du nicht ehrlich -und loyal an einem Manne handeln, selbst wenn ihr Beide einsähet, daß -du nicht deine Welt aufgeben und dich verpflichten kannst, für den -Rest des Lebens nur sein Weib zu sein? Denn die Liebe hört ja immer -einmal auf, früher oder später. Das darfst du um Gotteswillen nicht -anzweifeln!“</p> - -<p>„Ja, das wissen wir immer genau — und zweifeln trotzdem daran.“ Sie -lachte. „Ach nein. Entweder liebt man — und dann glaubt man auch, es -währt ewig und es ist das Einzige, das Wert hat. Oder man liebt nicht -— und ist unglücklich, daß man es nicht tut.“</p> - -<p>„Jenny, ich kann es nicht mit anhören, daß du so sprichst. Sich seiner -Kraft bewußt sein, alle Muskeln spannen, bereit sein, aufzunehmen und -zu erobern, zu formen und zu gestalten, das Letzte aus seinem Können -ans Tageslicht bringen, <em class="gesperrt">arbeiten</em>, das ist das Einzige, das Wert -besitzt, Jenny!“</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="II_X">X.</h3> - -</div> - -<p>Jenny beugte den Kopf über Gert Grams Chrysanthemenstrauß:</p> - -<p>„Ich bin sehr froh, daß du meine Bilder so gut findest!“</p> - -<p>„Ja, ich mag sie gern. Besonders das Bildnis von dem jungen Mädchen mit -den Korallen.“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Es ist so wunderschön in den Farben,“ sagte Gram wieder.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p> - -<p>„Ja. Es ist aber unzusammenhängend. Der Schal und das Kleid — es hätte -ganz anders durchgearbeitet sein müssen. Aber gerade, als ich es malte, -kam so viel anderes dazwischen, sowohl für Cesca als für mich,“ sagte -sie leise.</p> - -<p>Nach einer Weile fragte sie:</p> - -<p>„Hört ihr etwas von Helge? Wie geht es ihm?“</p> - -<p>„Er schreibt nicht viel. Augenblicklich arbeitet er an seiner -Doktorabhandlung, du weißt, zu der er die Vorarbeiten in Rom machte. -Und er sagt, es ginge ihm gut.“</p> - -<p>Jenny nickte.</p> - -<p>„An seine Mutter schreibt er gar nicht. Und das kränkt sie natürlich -bitter. Das Zusammenleben mit ihr ist nicht gerade angenehmer -geworden. Ja, die Arme — es geht ihr übrigens sicher recht schlecht -augenblicklich.“</p> - -<p>Jenny trug die Blumen zu ihrem Schreibtisch hinüber und begann sie zu -ordnen.</p> - -<p>„Ich freue mich jedenfalls, daß Helge wieder arbeitet. Gott weiß, er -hatte keine Ruhe dazu diesen Sommer.“</p> - -<p>„Dir ging es doch genau so, du Aermste.“</p> - -<p>„Ja, allerdings. Aber das Schlimmste ist, Gert, daß ich noch immer -nicht wieder angefangen habe — noch nicht. Und ich bin auch durchaus -nicht aufgelegt. Ich hatte ja doch die Absicht, diesen Winter radieren -zu lernen, aber —.“</p> - -<p>„Es ist selbstverständlich, Jenny, daß eine solche Enttäuschung Zeit -braucht, ehe sie überwunden ist. Glaubst du nun nicht, daß deine -Ausstellung dir neue Arbeitslust geben wird, da sie doch so geglückt -ist und freundliche Aufnahme gefunden hat? Du hast ja bereits ein -Angebot auf dein Aventinerbild bekommen — willst du es annehmen?“</p> - -<p>Sie zuckte die Schultern:</p> - -<p>„Ich muß ja. Zu Hause brauchen sie immer Geld, wie du weißt. Außerdem -— ich muß wegreisen. Ich sehe, daß es nicht gut für mich ist, zu Hause -zu sein.“</p> - -<p>„Du willst also fort.“ Gram sagte es leise und sah nieder. „Ja -natürlich. Das ist ja auch verständlich.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p> - -<p>„Ach, die Ausstellung!“ Jenny warf sich erregt in den Schaukelstuhl. -„Alle meine Bilder — die neuesten jedenfalls ... Es ist eine Ewigkeit -her, seit ich daran arbeitete. Das Aventinerbild — die Studie beendete -ich an jenem Tag, als ich Helge zum ersten Male sah. Das Bild malte -ich, während wir zusammen waren — auch das von Cesca. Und das von der -Stenerstraße unten bei dir, während ich auf ihn wartete. Seitdem habe -ich nichts getan. O Gott! — So, Helge arbeitet also wieder ...“</p> - -<p>„Es ist klar, liebes Kind, daß so etwas tiefere Spuren bei einer Frau -hinterläßt —.“</p> - -<p>„O gewiß. Bei einer Frau. Das ist ja gerade das ganze Elend. Man geht -umher, mürrisch und faul — erzfaul! Um einer Liebe willen, die nicht -einmal vorhanden <em class="gesperrt">ist</em>!“</p> - -<p>„Liebe Jenny,“ sagte Gram ruhig. „Ich finde das so natürlich. Es -<em class="gesperrt">muß</em> seine Zeit haben, bis du ganz hindurch bist — und auf der -anderen Seite drüben. Man <em class="gesperrt">kommt</em> nämlich immer auf die andere -Seite, siehst du, und dann begreift man, daß man ein solches Erlebnis -nicht umsonst gehabt hat. Auf die eine oder andere Art kann man immer -seine Seele mit solchen Erfahrungen bereichern.“</p> - -<p>Jenny lachte kurz auf, antwortete aber nicht.</p> - -<p>„Du hast trotzdem sicher viele Erinnerungen aus jener Zeit, die -du nicht missen möchtest — nicht wahr? Die Erinnerung an all die -glücklichen, warmen Sonnentage mit deinem Freunde, dort unten in dem -wunderbaren Lande, Jenny?“</p> - -<p>„Willst du mir nicht erklären, Gert, woher du weißt, daß man seine -Seele mit derartigen Erlebnissen bereichert, wie du sagtest. Hast du -das aus eigener Erfahrung?“</p> - -<p>Er fuhr zusammen, schmerzlich berührt und betroffen von ihrer -Brutalität. Es währte einen Augenblick, ehe er ihr Antwort gab:</p> - -<p>„Das ist etwas anderes, Jenny. Die Erfahrungen, die der Sünde Lohn -sind — du verstehst doch, ich meine nicht die Sünde in orthodoxem -Sinne, ich meine die<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Folgen einer Handlungsweise, die eigenem besserem -Wissen zuwiderläuft — die sind immer bitter. Nun, immerhin glaube ich, -zuguterletzt haben meine Erfahrungen vielleicht meinen inneren Menschen -reicher und tiefer gemacht, als ein kleineres Unglück es vermocht -hätte — da mein Geschick mir ja nicht vergönnt hatte, das große -Glück zu erleben. Einmal in meinem Leben wird es in vielleicht noch -höherem Maße der Fall sein. Ich habe das Gefühl, Jenny, als könnten -diese Erfahrungen mich möglicherweise das rechte Verständnis dafür -lehren, was der Sinn des Lebens eigentlich ist —. Aber in bezug auf -dich meinte ich etwas anderes damit. Obwohl dein Liebesglück sich als -unbeständig herausstellte, so war es die Zeit über, die es währte, rein -und schuldlos — soweit du vertrauensvoll und ohne Hintergedanken daran -glaubtest und niemanden betrogst außer dir selbst.“ —</p> - -<p>Jenny schwieg still. Ein Sturm von Widerspruch wogte in ihr, aber sie -hatte das dunkle Gefühl, als ob Gram sie nicht verstehen würde.</p> - -<p>„Erinnerst du dich nicht der Worte Ibsens:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">‚Und segelt’ ich auch meine Schute auf Grund,</div> - <div class="verse indent0">So war es doch herrlich zu fahren —‘“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Oh, daß du diese kindischen Worte in den Mund nehmen magst, Gert. Die -meisten von uns haben zuviel Verantwortungsgefühl und Selbstachtung, -um diesen Ausspruch gelten zu lassen. Laß mich schiffbrüchig werden -und untergehen, ich werde versuchen, nicht mit der Wimper zu zucken, -wenn ich nur die Gewißheit habe, daß ich nicht selbst meine Schute auf -Grund fuhr. Soviel ich weiß, ziehen die besten Seeleute es vor, selber -mit ihrem Schiff unterzugehen, wenn sie die Schuld an seinem Untergange -tragen.“</p> - -<p>„Ich bin freilich der Ansicht, daß man alle Widerwärtigkeiten nur -sich selber zuzuschreiben hat — jedenfalls in letzter Instanz.“ Gram -lächelte. „Aber daß man meistens auch imstande sein wird, aus seinem -Unglück selber geistige Werte zu holen —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p> - -<p>„Ich gebe dir recht im ersten Punkte. Auch im letzten. Aber nur -insoweit, als das Unglück nicht darin besteht, daß die Selbstachtung -herabgemindert wird.“</p> - -<p>„Aber, kleine Jenny, diese Sache solltest du wirklich nicht zu schwer -nehmen. Du bist ja ganz aufgebracht und bitter. Ja, ich besinne mich, -was du an jenem Tage sagtest, als Helge reiste. Aber, Herrgott, Kind, -du meinst doch nicht im Ernst, jede Verliebtheit im Entstehen ersticken -zu müssen, falls du nicht vom ersten Augenblick dafür einstehen kannst, -daß das Gefühl bis zum Tode dauert, alle Widrigkeiten erträgt, zu allen -Opfern bereit ist und die Seele des Geliebten wie in einer Vision -erfaßt und versteht, ihre geheimnisvollsten Tiefen beleuchtet, so daß -eine spätere Enttäuschung ausgeschlossen ist?“</p> - -<p>„Doch,“ sagte Jenny heftig.</p> - -<p>„Hast du das jemals selbst empfunden?“ fragte Gert Gram leise.</p> - -<p>„Nein, aber ich weiß es dennoch. Ich habe immer gewußt, daß es so sein -müßte.</p> - -<p>Als ich aber achtundzwanzig Jahre alt geworden und noch immer alte -Jungfer war, als ich mich danach sehnte, zu lieben und geliebt zu -werden, als dann Helge kam und sich in mich verliebte, da legte ich all -meine Forderungen an mich selbst und <em class="gesperrt">meine</em> Liebe beiseite und -nahm, was ich bekommen konnte — natürlich bis zu einem gewissen Grade -in gutem Glauben. Es wird schon gehen, dachte ich, es geht sicher, -aber die innerliche vertrauende Gewißheit, daß es gehen würde, weil es -anders nicht möglich war, die hatte ich nicht.</p> - -<p>Ich will dir erzählen, was mein Freund Heggen hier eines Tages zu -mir sagte. Er verachtet die Frauen redlich und rechtschaffen — und -er hat Recht. Wir, wir haben nicht die Selbstachtung, und außerdem -sind wir so träge, daß wir niemals im Ernste entschlossen sind, uns -unser Leben und unser Glück selber zu zimmern, indem wir arbeiten und -kämpfen. Insgeheim hoffen wir beständig darauf, daß ein Mann kommen -und uns das<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Glück bescheren werde, so daß wir jeder Anstrengung -überhoben seien. Die Weiblichsten unter uns, die nur Müßiggang, Putz -und Vergnügen im Sinne haben, hängen sich dem Manne an den Hals, der -ihnen das in reichstem Maß verschaffen kann. Ist aber wirklich die -eine oder andere darunter, die wirklich menschlich fühlt und danach -strebt, ein fester und feiner Mensch zu werden, und ernstlich dieses -Ziel verfolgt, so lebt doch im Unterbewußtsein die Hoffnung, daß ein -Mann ihr auf halbem Wege begegne und ihr mit seiner Liebe helfe, -leichter zum Ziele zu gelangen. Wir können wohl eine Weile arbeiten, -durchaus ehrlich und ordentlich. Auch Freude an der Arbeit empfinden. -Aber in aller Heimlichkeit warten wir auf eine größere Freude, als wir -sie mit unserer ehrlichen Mühe erkämpfen können, auf etwas, das wie -ein Geschenk zu uns kommen soll —. Niemals werden wir Frauen dahin -gelangen, daß wir die höchste Befriedigung in unserer Arbeit finden.“</p> - -<p>„Meinst du, die Arbeit allein genügt einem Manne? Niemals!“ sagte Gram -ruhig.</p> - -<p>„Bei Gunnar zum Beispiel ist es der Fall. Du kannst dich darauf -verlassen, er wird immer wissen, den Frauen in seinem Leben den rechten -Platz anzuweisen — als Bagatellen.“</p> - -<p>Gram lachte.</p> - -<p>„Wie alt ist eigentlich dein Freund Heggen? Ich will um des Mannes -Willen hoffen, daß er mit der Zeit ein wenig anders auf das -Ausschlaggebende im Leben blicken wird.“</p> - -<p>„Ich aber nicht,“ sagte Jenny heftig. „Und ich will hoffen, auch ich -lerne einmal, diesem Liebesunwesen seinen rechten Platz anzuweisen —.“</p> - -<p>„Herrgott, Jenny, du sprichst — ich hätte beinahe gesagt, wie -du’s verstehst, aber du bist klüger, das weiß ich.“ Gram lächelte -schwermütig. „Soll ich dir ein wenig erzählen, was ich von der Liebe -weiß, Kleines? Glaubte ich nicht daran, wie sollte ich dann die -kleinste Spur von Glauben an die Menschen haben — und an mich<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> selbst? -Meinst du etwa, nur ihr Frauen findet das Leben sinnlos, fühlt euch -im Herzen kalt und leer, wenn ihr nichts anderes habt, das ihr lieben -könnt als eure Arbeit — nur eine Ausstrahlung eures Selbst — nichts -anderes, auf das ihr euch verlassen könnt! Glaubst du, es gibt eine -einzige Seele, die nicht Stunden kennte, in denen sie an sich selber -zweifelt? Nein, Kind, man braucht einen anderen Menschen, bei dem man -sein Bestes, seine Liebe und sein Vertrauen gleichsam deponiert, und -sieh, auf diese Bank muß man sich verlassen können. Wenn ich dir sage, -daß mein eigenes Leben seit meiner Verheiratung eine Hölle gewesen -ist, so brauche ich nicht zu starke Worte. Daß ich es schließlich -doch ausgehalten habe, liegt zum Teil daran, daß ich von dem Gedanken -ausging, Rebekkas Liebe entschuldige sie auf eine Art. Ich weiß, was -sie jetzt fühlt: eine niedrige und rohe Freude an ihrer Macht, mich zu -peinigen und zu demütigen, Eifersucht, Verbitterung, ein Zerrbild, aus -betrogener Liebe entstanden. Verstehst du nicht, daß ich daran eine Art -Befriedigung meines Gerechtigkeitsgefühls erblicke? Ein <em class="gesperrt">Grund</em> -für mein Unglück ist vorhanden. Ich betrog sie, als ich ihre Liebe -entgegennahm ohne die Absicht, ihr eine ganze Liebe zurückzugeben, -mit der heimlichen Berechnung, ihr einige Brocken geben zu können, -Bettelpfennige der Liebe, während sie mir das Beste bot. Straft aber -das Leben so unbarmherzig eine jede Versündigung gegen das Heiligtum -der Liebe, so ist das ein Beweis für mich, daß sie das Allerheiligste -im Leben ist und daß das Leben denjenigen, der seiner eigenen -Liebessehnsucht treu bleibt, mit der reinsten und schönsten Seligkeit -belohnen wird. Ich habe dir einmal von einer Frau erzählt, die ich -lieben lernte als es zu spät war. Sie hatte mich geliebt, seit wir -Kinder waren, ohne daß ich darauf geachtet hatte oder mir etwas daraus -machte. Als sie hörte, daß ich heiratete, nahm sie einen Mann, der -darauf schwor, daß sie ihn dadurch erretten und aufrichten könnte. Ja, -ich weiß, du spottest über derartige Rettungsversuche. Aber ich sage -dir, Kind, du<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> kannst nicht urteilen, ehe du nicht den Mann, den du mit -deiner ganzen Seele liebst, in den Armen einer anderen gewußt hast, -so daß dein eigenes Leben dir wertlos erschien und ehe du nicht eine -verirrte Menschenseele darum betteln hörst, sie aus einem wertlosen -Leben zu erretten. Nun, Helene wurde unglücklich, und ich ebenfalls. -Wir trafen uns wieder und verstanden uns, es kam zu einer Aussprache. -Was die Menschen unter Glück verstehen, das widerfuhr uns nicht, und -dennoch —. Beide waren wir durch Bande gefesselt, die wir nicht zu -brechen wagten. Ich gestehe, als meine Hoffnung, sie einstmals zum -Weibe zu erhalten, langsam, langsam hinstarb, änderte sich meine Liebe. -Aber noch immer leuchtet wie das herrlichste Kleinod meines Lebens die -Erinnerung an sie, die jetzt weit fort in einem anderen Weltteil dafür -lebt, ihren Kindern die Last zu erleichtern, die das Leben mit einem -Vater bedeutet, der umhergeht, vom Trunk zerrüttet, wie ein Wrack. Um -ihretwillen habe ich all diese Jahre hindurch an meinem Glauben an -Reinheit, Schönheit und Kraft der Menschenseele festgehalten — und -an meinem Glauben an die Liebe. Ich weiß, daß die Erinnerung an mich -der Frau die geheimnisvolle Kraft gibt, weit drüben jenseits der Meere -zu kämpfen und zu dulden. Denn sie liebt mich heute wie in unserer -Kindheit und glaubt an mich, an mein Talent, meine Liebe und daran, daß -ich eines besseren Schicksals würdig gewesen sei. Aber so bin ich ihr -doch heute noch etwas, nicht wahr, Jenny?“</p> - -<p>Sie erwiderte nichts.</p> - -<p>„Das Glück bedeutet ja nicht nur, geliebt zu werden, Jenny. Der größte -Teil des Glückes ist — zu lieben.“</p> - -<p>„Es ist doch gewiß nur ein geringes Glück, Gert, zu lieben, wenn man -nicht wieder geliebt wird.“</p> - -<p>Er schwieg lange und sah nieder. Bis er fast flüsternd sprach:</p> - -<p>„Groß oder klein — es ist ein Glück, ein Menschenkind zu kennen, von -dem man nur Gutes denkt. Eines, um dessentwillen man zu sich selber -spricht: Herrgott, laß mich sie glücklich sehen, denn sie verdient es, -sie<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> ist ja rein und schön, warm und fein, klug und gut. So daß man -beten kann: Gott, gib ihr alles, was ich nicht besaß. Ich halte es für -ein Glück, kleine Jenny, daß ich so für dich beten kann —. Nein, es -ist kein Grund, deswegen ängstlich aufzusehen, Kleines —.“</p> - -<p>Er hatte sich erhoben, sie stand ebenfalls auf und machte eine -Bewegung, als fürchte sie, er werde sich ihr nähern. Gram hielt inne, -er lachte leise:</p> - -<p>„Wie konntest du etwas anderes denken, solch kluges, kleines Mädchen -wie du. Jenny, ich glaubte, du hättest es gefühlt, lange, ehe ich es -selbst recht gewußt —. Konnte es denn anders kommen? Mein Leben neigt -sich jetzt seinem Ende zu, dem Alter, der Schwäche, der Finsternis, -dem Tode. Schon weiß ich sicher, alles, wonach ich mein Leben lang -mich gesehnt — ich erlange es nie. Da begegne ich dir. Mir ist, als -seiest du die herrlichste Frau, die ich je getroffen. Du strebst nach -alledem, wonach ich einst gestrebt, nach dem Ziele, das ich mir gesetzt -hatte. Konnte mein Herz anders als inbrünstig flehen, Gott, führ sie -zum Ziele, Gott, hilf ihr, laß sie nicht stranden, wie ich gestrandet -bin —. Und dann warst du so lieb gegen mich, Jenny. Du kamst dort -hinunter in meine Höhle, du erzähltest von dir selbst und hörtest mir -zu, du hattest so viel Verständnis, deine herrlichen Augen waren voller -Mitgefühl und so mild und warm —. Aber Herrgott, weinst du?“</p> - -<p>Er ergriff ihre Hände und preßte seinen Mund darauf.</p> - -<p>„Das darfst du nicht, Jenny. Du darfst nicht so weinen; warum weinst -du? Du bebst ja —. Worüber weinst du nur?“</p> - -<p>„Ueber alles,“ schluchzte sie.</p> - -<p>„Setz dich — so.“</p> - -<p>Er lag vor ihr auf den Knien und eine Sekunde senkte er seine Stirn -auf ihren Schoß. „Du darfst nicht meinetwegen so weinen, hörst du? -Um nichts auf der Welt möchte ich meine Liebe zu dir hergeben. Mein -geliebtes Mädchen, hast du einmal einen Menschen geliebt und hinterher -gewünscht, es wäre nie geschehen? — Dann<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> hast du dennoch nicht -geliebt, das, kannst du mir glauben, ist wahr. Jenny, ich möchte das -nicht missen, was ich für dich fühle, nicht um mein Leben! Doch auch -um deinetwillen sollst du nicht weinen. Du wirst glücklich werden, das -weiß ich. Von allen Männern, die dich lieben werden, wird eines Tages -einer, wie jetzt ich, vor dir liegen und sagen, das ist das Leben, so -vor deinen Füßen liegen zu dürfen, und du wirst selber glauben, das sei -das Leben. Dann wirst du begreifen, daß so das Glück aussieht; so mit -ihm zu sitzen, und sei es in der armseligsten Hütte, eine einzige kurze -Ruhestunde lang nach einem Tage grauester, schwerster Mühsal —. Weit -weit größeres Glück ist es dir dann, als wenn du die größte Künstlerin -wärest, die gelebt hat, als wenn du all das erreichtest, was man an -Ehren und Berühmtheit erreichen kann. Daran glaubst du selber auch, -nicht wahr?“</p> - -<p>„Ja,“ flüsterte sie unter Tränen.</p> - -<p>„Und du sollst nicht fürchten, daß das Glück dir nicht zuteil werden -könnte. — Nicht wahr, Jenny, die Sehnsucht fühlst auch du, nachdem -du gekämpft, um ein guter und tüchtiger Mensch und ehrlicher Künstler -zu werden, die Sehnsucht, einem Manne zu begegnen, der dir sagt, dein -Kampf war recht, und der dich darum lieb hat?“</p> - -<p>Jenny nickte. Gram küßte ehrfürchtig ihre Hände.</p> - -<p>„Du bist ja schon so gut und fein, stolz und herrlich. Ich sage es dir, -und eines Tages wird ein Mann, der jünger und besser und stärker ist -als ich, das Gleiche sagen und du wirst froh werden, ganz froh. Bist du -nicht ein ganz klein wenig glücklich darüber, daß ich sage, du seiest -das beste, liebste und wunderbarste Mädchen auf der Welt? Blick mich -an, Jenny. Kann ich dir nicht eine kleine Freude machen, wenn ich dir -sage, ich glaube, du wirst des Lebens reichstes Glück kosten dürfen, -weil du es verdienst?“</p> - -<p>Sie blickte auf sein Antlitz nieder und versuchte<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> ein schwaches -Lächeln. Dann senkte sie den Kopf und strich mit den Händen über sein -Haar:</p> - -<p>„O Gert — o Gert — ich kann doch nichts dafür! Ich wollte dir ja -nicht wehe tun. Ich kann nichts dafür — nicht wahr?“</p> - -<p>„Darüber solltest du nicht traurig sein. Kleines — ich habe dich lieb, -weil du dein Ziel, nach dem du strebst, ja schon erreicht hast, weil du -so bist, wie ich einmal hatte sein wollen —. Du darfst nicht traurig -sein, selbst wenn du meinst, du hättest mir Leid zugefügt. Es gibt -Leiden, die gut sind — gesegnet gut, glaube mir.“</p> - -<p>Sie fuhr fort, leise zu weinen.</p> - -<p>Nach einer Weile flüsterte er:</p> - -<p>„Darf ich hin und wieder zu dir kommen —? Wenn du traurig bist, kannst -du mich da nicht rufen lassen? Ich will gern versuchen, ob ich nicht -meinem kleinen Mädchen ein wenig helfen kann, sprich, Jenny —?“</p> - -<p>„Ich wage es nicht, Gert.“</p> - -<p>„Liebe kleine Freundin, ich bin ja ein alter Mann, könnte dein Vater -sein.“</p> - -<p>„Deinetwegen — meine ich. Es ist nicht recht von mir deinetwegen.“</p> - -<p>„O doch, Jenny. Meinst du, ich dächte weniger an dich, wenn ich dich -nicht sähe. Ich möchte dich ja nur sehen, mit dir sprechen, versuchen, -dir ein wenig zu sein — darf ich? — Oh, darf ich —?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, Gert — ich weiß nicht. Ach, Lieber, geh jetzt, du -mußt jetzt gehen — ich kann nicht — es ist so hart. — Lieber, geh.“</p> - -<p>Er erhob sich still.</p> - -<p>„Dann gehe ich. Leb wohl, Jenny — aber Kind, du bist ja ganz außer -dir.“</p> - -<p>„Ja,“ flüsterte sie.</p> - -<p>„So gehe ich denn. Darf ich einmal wiederkommen? Ich will dich gern -sehen, ehe du reist. Wenn du ruhiger geworden bist und wenn es dich -nicht erregt. Es liegt ja kein Grund dafür vor, Jenny —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> - -<p>Sie stand einen Augenblick still. Dann zog sie ihn plötzlich hastig an -sich und streifte seine Wange mit dem Munde.</p> - -<p>„Geh jetzt, Gert.“</p> - -<p>„Ich danke dir. Gott segne dich, Jenny.“</p> - -<p class="mtop2">Hinterher lief sie im Zimmer auf und ab. Sie begriff selber nicht, -warum sie so bebte. Aber tief im Innern — es war vielleicht nicht -gerade Freude, aber es hatte ihr wohlgetan zu hören, was er gesagt, -während er auf den Knien vor ihr lag.</p> - -<p>Oh Gert, Gert! Sie hatte ihn immer für einen schwachen Menschen -gehalten, für einen, der sich hatte überwinden lassen und unterdrückt -worden war wie alle Charaktere ohne Widerstandskraft. Aber jetzt hatte -sie plötzlich erfahren, daß er ganz im Innern eine tiefe Stärke und -Sicherheit besaß. Er hatte da gestanden als der Reiche, der wußte, daß -er helfen könne und es gern wollte. Während sie verwirrt und unsicher -war — krank vor Sehnsucht in ihrem tiefsten Innern, hinter dem -Bollwerk von Ansichten und Gedanken, das sie sich selbst geschaffen.</p> - -<p>Und dann hatte sie ihn gebeten zu gehen. Weshalb? Weil sie selbst so -grenzenlos arm war, weil sie ihm ihre Not geklagt, von dem sie dachte, -er sei ebenso arm wie sie, während er ihr doch gezeigt hatte, wie reich -er war, und ihr aus der Quelle seines Reichtums freudig eine kleine -Hilfe bot. Dadurch hatte sie sich gedemütigt gefühlt und ihn gebeten, -sie zu verlassen. So war es sicher.</p> - -<p>Hilfe von einer Liebe entgegennehmen, ohne etwas dafür geben zu können, -hatte sie immer als schändlich angesehen. Sie hatte ja nie daran -gedacht, daß sie es sein würde, die solcher Hilfe bedürfte.</p> - -<p>Er hatte sein Werk nicht vollenden dürfen, wie er gewollt. Die Liebe, -der er sich hingegeben, hatte nicht ein Leben hindurch gedauert, -dennoch war er nicht verzweifelt.<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Der nie versiegende Quell, woraus -ein solches Glück geschöpft wird, um immer aufs Neue zu blühen, war -Vertrauen und Glaube. Es bedeutete gleichviel, woran man glaubte, wenn -nur die Seele dabei nicht einsam war. Allein vermochte sie den Glauben -nicht zu nähren. Das Leben war unerträglich, wenn man außer sich selber -niemanden hatte, den man liebte, an den man glaubte.</p> - -<p>Mit dem Gedanken an den freiwilligen Tod hatte sie immer gespielt. Wenn -sie jetzt stürbe ... Sie besaß wohl einen Kreis von Menschen, die sie -liebten. Sie würden um sie trauern, aber es gab keinen, der sie nicht -entbehren könnte. Nicht einen, dem sie unersetzlich war, so daß sie um -seinetwillen die Pflicht hätte, ihr Leben weiterzuschleppen. Die Mutter -und Geschwister ... Wenn sie nicht erfahren würden, daß sie es selbst -getan, so würde ihr Leid nach einem Jahre zu milder Trauer geworden -sein. Cesca und Gunnar würden sie wohl am tiefsten betrauern, denn sie -würden vielleicht verstehen, daß sie unglücklich gewesen war, aber sie -stand ja nur an der Außenseite ihres Lebens. Derjenige, der sie am -meisten liebte, würde vielleicht am tiefsten getroffen sein — aber ihm -hatte sie ja nichts zu geben. So konnte er sie ja ebenso lieb haben, -wenn sie tot war. Ja, er liebte sie, dessen Glück sie war, und dabei -trug er das Glück als eine Macht in sich.</p> - -<p>Wenn ihr selber wirklich diese Kraft fehlte, so half ihr nichts. Die -Arbeit konnte sie nicht in dem Maße ausfüllen, daß ihre Sehnsucht nach -einem Glücke schwieg. Und weshalb sollte sie dann leben, wenn es auch -hieß, sie sei talentvoll. Niemand konnte soviel Freude daran haben, -ihre Kunst zu schauen, wie sie dabei empfand, sie auszuüben. Aber diese -Freude war nicht so groß, daß sie ihr nichts zu wünschen übrig ließ.</p> - -<p>Es war auch nicht nur das, wovon Gunnar gesprochen: daß ihre Tugend -sie peinigte, um brutal zu sprechen. Dem konnte leicht abgeholfen -werden. Aber sie wagte nicht, diesen Schritt zu tun, aus Angst, daß -ihre Sehnsucht einst in späteren Jahren ihr wahres Ziel<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> finden könnte. -Das wäre ja von allem das Schlimmste, mit einem Menschen im engsten -Zusammenhang zu leben, und tief im Innern doch wieder einsam zu sein. -O nein, nein. Einem Manne anzugehören, mit allen möglichen daraus -folgenden Intimitäten, körperlichen wie seelischen — und dann eines -Tages vielleicht zu entdecken, daß sie ihn nie gekannt, und daß er -sie nie gekannt, daß der eine niemals ein Wort von des anderen Rede -verstanden hatte —.</p> - -<p>Ach nein. Sie wollte leben, weil sie noch auf etwas wartete. Sie wollte -keinen Liebhaber, denn sie erwartete ihren Gebieter. Sie wollte auch -nicht sterben, nicht jetzt, denn sie wartete.</p> - -<p>Nein. Sie wollte ihr Leben noch nicht von sich werfen, weder auf die -eine noch auf die andere Art. Sie konnte <em class="gesperrt">so</em> nicht sterben — so -arm, daß sie nicht ein einziges geliebtes Wesen besaß, dem sie Lebewohl -sagen konnte. Sie wagte nicht, sie durfte doch hoffen, daß es einmal -anders werde.</p> - -<p>So mußte sie sich also mit der Malerei etwas ins Zeug legen. Sonst -würde sie auf den Hund kommen, krank wie sie war vor Verliebtheit.</p> - -<p>Sie lachte.</p> - -<p>Das war es eben. Der Gegenstand war vorläufig nicht vorhanden, aber die -Liebe, die war da.</p> - -<p class="mtop2">Durch das schräge Fenster dunkelte der Himmel veilchenblau herein. -Jenny sah hinaus. Die Schieferdächer, die Schornsteine und -Telephondrähte, die ganze stille Welt dort draußen breitete sich, mit -weißem Reif bedeckt, in der Dämmerung aus. Von den Straßen leuchtete -ein rötlicher Schein auf und färbte den Frostnebel. Wagengerassel und -das Kreischen der Straßenbahn klangen jetzt so hart auf der trockenen, -gefrorenen Straße.</p> - -<p>Sie hatte wenig Lust, nach Hause zu gehen und bei der Mutter zu essen. -Aber so war es verabredet. Sie schraubte den Ofen zu, zog ihren Mantel -an und ging.</p> - -<p>Draußen herrschte rauhe, klamme Kälte — der Nebel<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> roch nach -Ruß, Gas und gefrorenem Staub. Wie hoffnungslos öde diese Straße -im Grunde war. Sie erstreckte sich vom Mittelpunkt der Stadt mit -seinem lärmenden Getriebe und seinen hellerleuchteten Geschäften, -wo der Menschenstrom aus- und einging, bis hinab zu den leblosen, -grauen Festungsmauern. Ihre eigenen Häuserreihen lagen düster und -ausgestorben. Neue Geschäftshäuser aus Stein und Glas, hinter deren -großen Fenstern mit dem sanften weißen Licht arbeitsames junges Volk in -stiller Geschäftigkeit den flatternden Papieren Weg und Richtung gab -und durch das Telephon ihre Mitteilungen in alle vier Winde sandte, -wechselten sich ab mit alten Gebäuden, Ueberresten aus der ältesten -Zeit Kristianias. Es waren meist niedrige, graubraune Häuser mit -glatter Front und Rolläden vor den Bürofenstern. Hier und da fand sich -auch eine kleine Scheibe, mit Gardinen und Topfpflanzen verziert, die -zu einem Kleineleuteheim gehörten, wunderlich einsamen Heimen in diesem -Stadtviertel, dessen Häuser des Nachts meist verlassen lagen.</p> - -<p>Aus den Läden, die sich in dieser Gegend befanden, strömte nicht das -Volk aus und ein wie unten im Zentrum. Hier gab es nur Geschäfte für -Tapeten und Gipsrosetten für Zimmerdecken. Hier fanden sich Ofen-, -Herd- und Möbellager, deren Schaufenster voller leerer Mahagonibetten -und gefirnißter Eichenstühle standen, die aussahen, als würden sie wohl -nie in Gebrauch genommen werden.</p> - -<p>In einem Torweg stand ein Kind — ein kleiner blaugefrorener Junge -mit einem großen Korb am Arme. Er schaute einigen Hunden zu, die sich -mitten auf dem Damme balgten, daß der feuchte, reifkalte Staub um sie -flog. Das Kind schrie auf, als die Tiere sich zu ihm hinüberwälzten.</p> - -<p>„Hast du vor den Hunden Angst?“ fragte Jenny.</p> - -<p>Erst antwortete der Junge nichts. Da sagte sie:</p> - -<p>„Soll ich dich an ihnen vorüberführen?“ Da schlüpfte er an Jennys -Seite, sprach aber kein Wort.</p> - -<p>„Wo willst du denn hin — wo wohnst du?“</p> - -<p>„Voldstraße.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p> - -<p>„Hast du eingeholt? Ganz hier unten? Du bist ja so klein — bist aber -ein tüchtiger Junge.“</p> - -<p>„Wir kaufen bei Aases in der Strandstraße, weil Vater sie kennt,“ sagte -der Junge. „Und der Korb ist so schwer.“</p> - -<p>Jenny sah die Straße hinauf und hinunter — sie war fast menschenleer:</p> - -<p>„Komm, Kleiner, soll ich ihn dir ein Stück tragen?“</p> - -<p>Der Knabe ließ den Korb ein wenig ängstlich fahren.</p> - -<p>„Gib mir die Hand, du, dann will ich dich an diesen Kötern -vorbeiführen. Nein, wie kalt du bist! Hast du denn keine Handschuhe?“</p> - -<p>Der Junge schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Sieh her, steck die andere Hand in meinen Muff — willst du nicht? Du -meinst vielleicht, es schickt sich nicht für einen Jungen, mit dem Muff -zu gehen?“</p> - -<p>Sie dachte an Nils, als er klein war. Nach ihm hatte sie sich so oft -gesehnt. Jetzt war er so groß und hatte viele Kameraden — er war in -dem Alter, wo sich ein Junge schämt, sich mit der großen Schwester -abzugeben. Selten kam er zu ihr herüber. In dem einen Jahre, das sie -draußen war, und dann in den Monaten, als sie in all dem Wirrwarr -mit Helge gelebt, hatten sie sich voneinander entfernt. Später, wenn -er größer geworden, würden sie vielleicht wieder Freunde werden wie -ehemals. Sicherlich, denn sie hatten sich lieb. Aber in seinem Alter -ging es auch ohne sie, das wußte sie wohl. Oh, wenn doch Nils jetzt ein -kleiner Junge wäre, daß sie ihn auf den Schoß nehmen und ihm Märchen -erzählen könnte, während sie ihn wusch, ihn auskleidete und ihn küßte! -Oder, wenn es noch wäre wie damals, als sie mit ihm über Nordmarken -wanderte, wo der Riese weit fort war und der Weg voller Abenteuer und -merkwürdiger Erlebnisse! —</p> - -<p>„Wie heißt du denn, Kleiner?“</p> - -<p>„Ausjen Torstein Mo.“</p> - -<p>„Wie alt bist du, Ausjen?“</p> - -<p>„Sechs Jahre.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p> - -<p>„So gehst du wohl noch nicht zur Schule?“</p> - -<p>„Nein, aber ich soll im April anfangen.“</p> - -<p>„Freust du dich auf die Schule?“</p> - -<p>„Nein, die Fräuleins sind so böse. Der Oskar geht auch hin, aber wir -kommen nicht in dieselbe Klasse. Oskar soll in der zweiten anfangen.“</p> - -<p>„Oskar, ist das dein Spielkamerad?“ fragte Jenny.</p> - -<p>„Ja, die wohnen in demselben Haus wie wir.“</p> - -<p>Dann entstand eine kleine Pause. Jenny plauderte wieder:</p> - -<p>„Ist es nicht schade, daß wir keinen Schnee bekommen? Ihr habt ja den -Berg, die Piperviken hinunter, wo ihr rodeln könnt? Hast du einen -Schlitten?“</p> - -<p>„Nein, aber ich habe Schneeschlittschuhe und auch Skier —.“</p> - -<p>„Ja, dann freilich sollte sich der Schnee ein bißchen beeilen!“</p> - -<p>Sie waren in die Stortingstraße gekommen. Jenny ließ seine Hand fahren -und dann den Korb. Er war aber so schwer und Ausjen so klein. So -behielt sie ihn denn.</p> - -<p>In der dunklen Voldstraße nahm sie wieder seine Hand und trug ihm den -Korb bis zu dem kleinen Haus, wo er wohnte. Zum Abschied schenkte sie -ihm zehn Oere.</p> - -<p>In der Homansstadt kaufte sie Schokolade und rote Fausthandschuhe, die -sie Ausjen schicken wollte.</p> - -<p>Herrgott, wenn sie nur einem Menschen eine kleine Freude machen könnte! -Eine kleine, unerwartete Freude.</p> - -<p>Sie wollte versuchen, ihn ein paar Stunden am Tage als Modell zu -bekommen. Er war wohl aber zu klein, um ihr zu stehen.</p> - -<p>Die arme kleine Faust, sie war in der ihren ganz warm geworden. Ihr -war, als hätte es ihr gut getan, sie festzuhalten.</p> - -<p>Doch. Sie wollte versuchen, ihn zu malen. Ein lebendiges Frätzchen -hatte er. Er sollte dann Milch mit einem Tropfen dünnen Kaffee und -gutes Butterbrot bekommen, und dann wollte sie arbeiten und mit Ausjen -plaudern.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Drittes_Buch">Drittes Buch</h2> - -</div> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> - -<h3 id="III_I">I.</h3> -</div> - -<p>An einem lichten und lauen Maiennachmittag, der sich schon zum Abend -neigte, lag Sonnenglanz über den schwarzen Bauplätzen; die nackten -Brandmauern waren rotgolden, und die Fabrikschlote glühten lederbraun -im Sonnenbrand. Die Umrisse der Stadt mit hohen und niedrigen Dächern, -großen und kleinen Häusern zeichneten sich gegen die grauviolette Luft -scharf ab, die geschwängert war von Staub und Rauch und Dünsten.</p> - -<p>Das Bäumchen an der roten Mauer trug klare, gelbgrüne Blättchen, durch -die das Licht schien, in diesem Jahre wie im vergangenen.</p> - -<p>Jenny sah den Schimmel an den Bretterwänden der Lumpenbuden, wie -weich und leuchtend grün er war! Die Rußflocken an den Mauern der -Geschäftshäuser waren an einigen Stellen tiefschwarz und an anderen wie -von einer feinen glitzernden Silberhaut überzogen.</p> - -<p>Sie sah in die Luft hinaus. Den ganzen Vormittag hatte sie auf Bygdö -verbracht, dort hatte die Himmelskuppel sich dunkelblau und heiß über -den olivengoldenen Föhrenkronen und der Laubbäume bernsteinfarbenen -Knospen gewölbt. Aber hier schimmerte der Himmel über den hohen -Häusern und dem Netz der Telephondrähte fahlblau hinter einem feinen, -opalweißen Schleier von Dunst verborgen. Im Grunde war es übrigens -schöner so. Gert konnte es nicht sehen. Die Stadt war für ihn nur -immer schmutzig, häßlich und grau. Sie hatten sie alle verflucht, -diese Stadt, die Jungen aus den achtziger Jahren, die hier wie zur -Strafarbeit hergesandt waren. Jetzt stand<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> er sicher dort oben und -blickte in die Sonne hinaus, das Spiel des Lichtes mit Linien und -Farbtönen sah er kaum, für ihn war es nur ein Sonnenstreifen vor den -Gefängnismauern.</p> - -<p>Sie hielt ein Stück vor seinem Torweg inne und sah gewohnheitsmäßig die -Straße hinauf und hinunter. Bekannte waren hier nicht, Arbeitsleute -strömten hinüber zum „Vaterland“ oder nach der Stadt zu. Die Uhr war -also sechs.</p> - -<p>Jenny lief die Treppe hinauf, die abscheulichen Stufen, von denen -es zwischen den nackten Steinwänden widerhallte, wenn sie sich von -seinem Zimmer hoch oben herunterschlichen — in den späten Stunden der -Winternächte. Es war fast, als säße in diesen Wänden immer Kälte und -rauhe Luft.</p> - -<p>Sie lief schnell über den Korridor und pochte dreimal an seine Tür.</p> - -<p>Gram öffnete. Er zog sie mit dem einen Arm an sich, und während sie -sich küßten, verschloß er mit der freien Hand die Tür hinter ihr.</p> - -<p>Ueber seine Schulter hinweg erblickte sie die frischen Blumen auf -dem kleinen Tisch mit der Weinkaraffe und den ausländischen Kirschen -in einer geschliffenen Kristallschale. Ein leichter Dunst von -Zigarettenrauch lag über dem Raum. Sie wußte, daß er seit vier Uhr hier -gesessen und auf sie gewartet hatte mit all dem, was um ihretwillen -aufgebaut war.</p> - -<p>„Ich konnte nicht früher kommen, Gert,“ flüsterte sie. „Es tat mir so -leid, daß du warten mußtest.“</p> - -<p>Als er sie freigab, ging sie zum Tisch und beugte sich über die Blumen.</p> - -<p>„Ich darf doch zwei davon haben und mich schmücken, darf ich? O, ich -werde so verwöhnt, Gert, wenn ich bei dir bin.“ Sie streckte ihm beide -Hände entgegen.</p> - -<p>„Wann mußt du hier fort, Jenny?“ fragte er, während er ihre Arme ganz -behutsam küßte.</p> - -<p>Jenny senkte ein wenig den Kopf.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> - -<p>„Ich mußte versprechen, zum Abendessen zu Hause zu sein, du. Mama sitzt -ja immer auf und wartet auf mich, und sie ist müde vom Tage. Sie hat es -so nötig, daß ich ihr des Abends mit diesem oder jenem zur Hand gehe,“ -sagte sie schnell.</p> - -<p>„Es ist nicht so leicht, von Hause loszukommen, weißt du,“ setzte sie -flehend hinzu.</p> - -<p>Er senkte den Kopf unter ihren vielen Worten. Als sie ihm entgegenkam, -zog er sie fest an sich. Sie barg ihr Antlitz an seiner Schulter.</p> - -<p>Sie konnte nicht lügen, das arme Ding, nicht einmal so gut, daß er auch -nur eine einzige barmherzige Sekunde daran glaubte. Den kurzen, kurzen -Winter über, in den ersten blaugrünen Lenztagen, da hatte sie sich -immer von Hause freimachen können.</p> - -<p>„Es ist ja traurig für uns. Aber es ist jetzt so schwer, wo ich zu -Hause wohne, das wirst du begreifen. Und es muß sein, Mama braucht das -Geld und außerdem muß ich ihr helfen. Du gabst mir ja recht, als ich es -für das Richtigste hielt, nach Haus zu ziehen?“</p> - -<p>Gert Gram nickte. Sie hatten sich aufs Sofa gesetzt, dicht aneinander -geschmiegt. Jennys Kopf lag an seiner Brust, so daß er ihr Gesicht -nicht sehen konnte.</p> - -<p>„Du, ich war heute auf Bygdö, Gert. Ich ging dort umher, wie wir -kürzlich zusammen. Wir fahren beide bald wieder dort hinaus, nicht -wahr? Vielleicht übermorgen, wenn das Wetter sich hält? Dann finde -ich schon eine Ausrede daheim, daß wir den ganzen Abend zusammen sein -können, willst du? Du bist sicher betrübt darüber, daß ich so schnell -wieder fort muß, nicht wahr?“</p> - -<p>„Liebste Jenny, das habe ich dir doch tausendmal gesagt —,“ sie hörte -es seiner Stimme an, daß er nun wieder mit seinem trüben Lächeln dasaß: -„Ich bin dir für jede einzige Sekunde dankbar, die du deinem Freunde -schenkst.“</p> - -<p>„Sprich nicht so, Gert,“ bat sie gequält.</p> - -<p>„Warum darf ich das nicht sagen, wenn es so ist? Mein geliebtes, -kleines Mädchen, meinst du, ich werde<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> jemals vergessen, daß alles, was -du mir gegeben, eine fürstliche Gnade war, daß ich nie begreifen werde, -wie du es mir geben konntest?“</p> - -<p>„Gert! Im Winter, als ich merkte, daß du mir gut bist, wie gut du mir -bist, sagte ich zu mir selber, daß es ein Ende haben müsse. Aber da -begriff ich auch, daß ich ohne dich nicht sein könnte, und so wurde ich -dein. War das eine Gnade? Wenn ich dich nicht lassen konnte?“</p> - -<p>„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich -eine fürstliche Gnade nenne.“</p> - -<p>Stumm schmiegte sie sich an ihn.</p> - -<p>„Du junge, herrliche kleine Jenny —.“</p> - -<p>„Ich <em class="gesperrt">bin</em> nicht jung, Gert. Als du mich trafst, fing ich schon -an, alt zu werden, ich bin nie jung gewesen. Ich fand, <em class="gesperrt">du</em> warst -jung, viel jünger in deinem Herzen als ich, denn du glaubtest noch -immer an alles, was ich verlachte und Kinderträumereien nannte, bis -du mich glauben lehrtest, daß es das gab, Liebe und Wärme und all das -Andere —.“</p> - -<p>Gert Gram lachte still vor sich hin. Dann flüsterte er:</p> - -<p>„Vielleicht war mein Herz nicht älter als das deine, du. Ich fand -jedenfalls, daß ich noch keine Jugend gehabt hatte, und ich hoffte -trotzdem tief im Innern, daß sie einmal, ein einziges Mal, mich -streifen würde — die Jugend. Doch war mein Haar inzwischen weiß -geworden.“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf. Sie erhob ihre Hand und legte sie auf seinen -Scheitel.</p> - -<p>„Ist mein Kleines müde? Soll ich dir die Schuhe ausziehen? Willst du -dich hinlegen und ausruhen?“</p> - -<p>„Nein. Ich will so liegen. Es tut so gut.“</p> - -<p>Sie zog die Beine hoch und schmiegte sich in seinem Schoß. Gert legte -den Arm um sie. Mit der freien Hand schenkte er Wein ein und hielt ihr -das Glas an den Mund. Sie trank begierig. Dann reichte er ihr Kirschen, -nahm die Steine von ihren Lippen und legte sie auf den Teller.</p> - -<p>„Du, ich will bei dir bleiben. Ich schicke einen Boten nach Hause und -lasse sagen, daß ich Heggen getroffen<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> habe. Er ist sicher in der -Stadt. Aber ich muß nach Hause, ehe die letzte Straßenbahn fährt. — -Leider.“</p> - -<p>„Ich werde für dich gehen.“ Er ließ sie auf das Sofa niedergleiten. „Du -sollst liegen und dich ausruhen. Oh, mein Kind!“</p> - -<p>Als er gegangen, knöpfte sie die Schuhe auf und schob sie von sich. Sie -trank noch etwas von dem Wein. Dann kroch sie ganz auf das Sofa hinauf, -bohrte den Kopf tief in die Kissen und zog die Decke über sich. —</p> - -<p>Sie liebte ihn ja doch. Sie wollte bei ihm sein. Wenn sie so sitzen, -sich ganz zusammenrollen und in seinen Armen ruhen durfte, dann war ihr -wohl. Er war ja der einzige Mensch auf der Welt, der sie auf den Schoß -genommen und sie gewärmt, der sie geborgen und kleines Mädchen genannt -hatte. Ja, er war der Einzige, der ihr wirklich nahe gestanden. Darum -wurde sie sein.</p> - -<p>Wenn er sie nur bei sich halten und sie schützen wollte, so daß sie -nichts sah, sondern nur fühlte, daß er sie umschlungen hielt und -wärmte. Dann ging es ihr gut. O nein, sie durfte ihn wohl nicht -verlieren. Und so mußte sie ihm denn das Wenige geben, das sie besaß, -wenn sie von ihm erhielt, was sie nicht entbehren konnte.</p> - -<p>Er durfte sie küssen, mit ihr tun, was er wollte. Wenn er nur nicht -sprach. Denn dann entfernten sie sich so weit von einander. Er sprach -von Liebe, aber ihre Liebe war nicht, wie er glaubte. Sie konnte es -aber nicht mit Worten erklären; sie klammerte sich nur an ihn — und -das war keine Gnade, kein fürstliches Geschenk. Es war nur eine kleine, -bettelnde Liebe, für die er nicht danken durfte, er sollte sie nur -liebhaben und kein Wort sagen.</p> - -<p>Als er wieder heraufkam, öffnete sie weit die Augen. Sie schloß -sie aber wieder unter seinen stillen, ehrfürchtigen Liebkosungen -und lächelte leise. Dann schlang sie die Arme um seinen Körper und -klammerte sich an ihn. Das schwache Veilchenparfüm, das er an sich -hatte, duftete so mild und frisch. Und sie nickte still, als er sie -fragend aufhob. Er wollte sprechen, aber sie legte erst die Hand<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> auf -seinen Mund und küßte ihn dann, so daß er nichts sagen konnte, während -er sie behutsam in das Nebenzimmer trug.</p> - -<p class="mtop2">Gert begleitete sie zur Straßenbahn. Einen Augenblick blieb sie draußen -auf der Plattform stehen und sah ihm nach, wie er drüben auf der Straße -in der blauen Maiennacht verschwand. Dann setzte sie sich hinein.</p> - -<p>Gram hatte seine Frau um die Weihnachtszeit verlassen. Er wohnte jetzt -allein in der Stenerstraße. Außer dem Büro hatte er noch ein Zimmer. -Jenny wußte, daß er daran dachte, eine Scheidung herbeizuführen, wenn -einige Zeit hingegangen und Rebekka Gram eingesehen hätte, daß er nicht -zurückkehren würde. Es entsprach seiner Natur, so vorzugehen, mit -einemmale einen Bruch herbeizuführen, das vermochte er nicht.</p> - -<p>Was er eigentlich weiter von der Zukunft erwartete, wagte sie sich -nicht vorzustellen. Meinte er wohl, daß sie ihn heiraten würde?</p> - -<p>Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie nicht eine Sekunde die -Absicht gehabt hatte, sich für immer an ihn zu binden. Darum aber -empfand sie dies alles wie eine bittere, hoffnungslose Demütigung, wie -eine Schande, sobald sie nicht bei ihm war und sich mit seiner Liebe -betäuben konnte. Sie hatte ihn betrogen, die ganze Zeit über hatte sie -ihn betrogen.</p> - -<p>„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich -eine unbegreifliche Gnade nenne.“</p> - -<p>Was konnte sie dafür, daß er es mit diesen Augen ansah?</p> - -<p>Er hätte sie nicht zu seiner Geliebten gemacht, wenn sie selbst es -nicht gewollt, wenn sie ihn nicht hätte fühlen lassen, daß sie es -wollte. Aber, o Gott! Sie fühlte doch, daß er sich danach sehnte, es -quälte sie, bei jedem Zusammensein sich begehrt zu wissen und zu sehen, -wie er kämpfte, um zu verbergen, was er viel zu stolz war zu zeigen. -Ja, sie hatte gesehen, daß er stolz war, zu stolz,<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> um dort zu bitten, -wo er einstmals nur seine Hilfe geboten. Vielleicht auch zu stolz, um -sich einer Abweisung auszusetzen. Und da sie wußte, daß sie seine Liebe -nicht von sich weisen, nicht den einzigen Menschen hergeben konnte, der -sie liebte. Konnte sie wohl anders handeln, anders ehrenhaft bleiben, -als daß sie ihm bot, was sie besaß und auf diese Weise zu vergelten -suchte, was er mit seinem Reichtum an Liebe, die sie nicht missen -konnte, an ihr tat.</p> - -<p>Aber dann kam hinzu, daß sie Worte hatte aussprechen müssen, stärker -und heißer als ihre Gefühle. Er aber hatte ihr geglaubt und sie bei -ihrem Wort genommen.</p> - -<p>Es geschah wieder und wieder. Kam sie zu ihm, freudlos, mutlos, -müde vom Grübeln darüber, wie das enden solle, und sie sah, daß er -es spürte, dann sagte sie ihm wieder warme Worte und heuchelte viel -Stärkeres als sie fühlte. Und er glaubte ihr.</p> - -<p>Er wußte von keiner anderen Liebe als derjenigen, deren Wesen das Glück -ist. Unglück in der Liebe, das kam von außen her, von der Tücke des -Schicksals oder von einer grausamen Gerechtigkeit, die alles Unrecht -strafte. Sie wußte, was er fürchtete: daß ihre Liebe eines Tages -hinsterben könnte, wenn sie sähe, daß er zu alt sei, um ihr Geliebter -zu sein. Aber niemals hatte er ahnen können, daß ihre Liebe krank -<em class="gesperrt">geboren</em> war, mit dem Todeskeim in sich.</p> - -<p>Es würde nichts nützen, ihm das zu erklären. Er würde es nicht -verstehen: daß sie Zuflucht in seinen Armen gesucht, weil er der -Einzige war, der sie ihr geboten hatte. Sie war so todeinsam gewesen. -Als er ihr Liebe und Wärme bot, vermochte sie nicht, dies von sich zu -stoßen. Obgleich sie hätte wissen müssen, daß sie es nicht annehmen -durfte — sie war dieser Liebe nicht würdig. Nein, er war nicht alt. -Die Leidenschaft eines Zwanzigjährigen, der kindliche Glaube und die -andächtige Anbetung, eines reifen Mannes Wärme und Güte, all die -Liebe, die ein Mannesleben fassen konnte, flammten jetzt an der Grenze -des Alters noch einmal auf. Sie<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> hätten einer Frau zuteil werden -sollen, die mit einem gleichen Gefühl vergelten, die in den kurzen -verbleibenden Jahren ihres Zusammenseins ihn das ganze Dasein, das er -herbeigesehnt, wovon er geträumt und das er erhofft, durchleben lassen -könnte, so daß sie durch tausend glückliche Erinnerungen an seine Seite -gekettet wäre, wenn das Alter käme — in getreuer Liebe als seiner -Jugend und seines Mannestums Gefährtin bei ihm ausharrend und nun -auch mit ihm alternd. Aber sie —. Wenn sie auch versuchen wollte, zu -bleiben, was konnte sie ihm geben, wenngleich sie wollte? Nie hatte -sie ihm je etwas darbieten können — sie hatte nur genommen. Es nützte -ihr nichts, daß sie versuchte zu bleiben, auf die Dauer konnte sie ihn -nicht täuschen und zu dem Glauben zwingen, daß ihre Lebenssehnsucht -durch diese erste Liebe für immer gestillt sei.</p> - -<p>Er würde sagen, sie solle gehen. Sie habe geliebt und gegeben, jetzt -liebe sie aber nicht mehr und solle wieder frei sein. So würde es -in seinen Augen aussehen; nie würde er begreifen, daß sie deshalb -trauerte, weil sie nichts, nichts, nichts hatte geben <em class="gesperrt">können</em>.</p> - -<p>Ah, er peinigte sie, wenn er von ihren Gaben sprach. Ja, sie war -Mädchen, als sie sein wurde. Er betonte es, als wenn es ihm ein Maßstab -dafür sei, wie unendlich tief und stark ihre Liebe wäre. Hatte sie ihm -doch die Reinheit ihrer Jugend geschenkt.</p> - -<p>Die Unberührtheit ihrer neunundzwanzig Jahre. O ja, sie hatte sie wie -ein weißes Brautgewand gehütet, das sie nicht angetastet und nicht -befleckt hatte. In Sehnsucht und Angst, daß sie es niemals tragen -würde, in Verzweiflung über ihre eisige Einsamkeit, über ihr Unvermögen -in der Liebe, hatte sie sich daran geklammert, es zerknittert und mit -ihren Gedanken befleckt. — War die nicht reiner, die das Leben der -Liebe gelebt, als sie, die nur gegrübelt, gespäht und sich gesehnt -hatte, bis alle Kräfte von dieser Sehnsucht gelähmt waren?</p> - -<p>Als sie dann sein geworden — wie wenig Eindruck hatte es auf sie -gemacht. Sie war nicht völlig kalt<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> gewesen. Mitunter hatte seine Liebe -sie hingerissen. Aber sie heuchelte Glut und war nur lau. War sie nicht -bei ihm, so dachte sie kaum daran, sie spiegelte ihm eine erlogene -Sehnsucht vor, um ihn zu erfreuen. Ja, sie heuchelte und heuchelte -seiner ehrlichen Leidenschaft gegenüber.</p> - -<p>Und doch, es hatte eine Zeit gegeben, wo sie nicht nur geheuchelt hatte -— oder, belog sie Gert, so belog sie auch sich selber. Sie hatte einen -Sturm in sich gefühlt, es war wohl Mitleid mit ihm und seinem Geschick -und Auflehnung gegen ihr eigenes, weshalb sie Beide, jeder auf seine -Art, im Verlangen nach etwas Unmöglichem sich zerrissen, und dazu kam -noch die grauenhafte Angst, wohin das alles führen solle. Damals hatte -sie gejubelt, daß sie ihn liebte. Sie hatte sich ja in dieses Mannes -Arme stürzen müssen, so wahnsinnig es auch war.</p> - -<p>An jenem Abend hatte sie in der Straßenbahn gesessen und, auf all die -schläfrigen, ruhigen Bürger blickend, triumphiert. Sie kam von ihrem -Geliebten, um sie und ihn lag das Unwetter des Schicksals, sie hatte -da hinaus müssen und wußte nicht, wohin es sie treiben würde. Sie war -stolz auf ihr Geschick gewesen, weil Unglück und Finsternis drohten.</p> - -<p>Jetzt aber sehnte sie sich nur nach einem Ende. Machte Pläne für eine -Auslandsreise, Flucht vor alledem. Sie hatte Cescas Einladung, nach -Tegneby zu kommen, angenommen, um den Bruch vorzubereiten.</p> - -<p>Es war jedenfalls besser für Gert, daß er jetzt allein war. Hatte sie -es erreicht, daß er dem Zusammenleben mit jener ein Ende gemacht, so -hatte sie ihm doch etwas Gutes getan.</p> - -<p class="mtop2">Jenny gegenüber saßen zwei junge Frauen. Sie waren vielleicht -nicht älter als sie, nur verkommen und verbraucht von dem Leben in -langjähriger Ehe. Vor drei, vier Jahren waren es vielleicht noch ein -paar hübsche Geschäftsmädchen gewesen, die sich putzten und mit ihren -Kavalieren in den Nordmarken Sport trieben. Ja, jetzt<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> glaubte sie, -das Gesicht der einen von dort her wiederzuerkennen — sie hatten an -einem Osterfest zusammen auf Hakloa übernachtet. Sie war Jenny sogar -aufgefallen mit ihrer geschmeidigen Gestalt und weil sie so gut Ski -lief und so keck und schick in der Sportstracht ausgesehen hatte.</p> - -<p>In gewisser Beziehung war sie noch heute herausgeputzt. Das -Straßenkostüm war modern, aber es saß nicht und die Figur hatte keine -Festigkeit mehr, sie war behäbig und dick geworden, während Schultern -und Hüften dabei eckig geblieben waren. Das Gesicht erschien alt, die -Zähne waren schlecht, mürrische Furchen zogen sich um den Mund. Das -Ganze krönte ein großer Hut mit vielen Straußenfedern. Sie predigte und -die Freundin hörte eifrig zu, mit gespreizten Knien träge dasitzend, -die Hände in einem Riesenmuff auf dem schwangeren Leibe vergraben. -Eigentlich war ihr Gesicht hübsch, aber fett und rotfleckig, mit einem -Doppelkinn.</p> - -<p>„Ja, den Käse muß ich also im Büfett verschließen; kommt er hinaus in -die Küche, dann sind am anderen Morgen nur Rinden übrig. Ein schwerer -Schweizer Käse zu fast drei Kronen das Pfund!“</p> - -<p>„Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen.“</p> - -<p>„Aber nun sollen sie etwas hören! Hinter Eiern ist sie her wie — -ich weiß nicht was. Neulich komme ich ins Mädchenzimmer — sie ist -unglaublich schmutzig — und da riecht es in der Kammer ...! Die Betten -sind nicht gemacht — wer weiß wie lange Zeit. Nein, aber Solveig, sage -ich, und als ich die Decke hochhebe, da hat sie drei Eier und eine -Papiertüte mit Zucker in dem schmutzigen Bett liegen — was sagen Sie -dazu? Na, sie sagte, sie hätte alles selber gekauft, und das mag bei -dem Zucker wohl stimmen —.“</p> - -<p>„Ja, das glaube ich auch,“ sagte die andere.</p> - -<p>„Na ja, der war ja auch in einer Tüte, aber die Eier hat sie genommen. -Ich sagte ihr das aber auch, können Sie mir glauben. Aber nun sollen -Sie etwas hören! Letzten Sonnabend komme ich in die Küche, wir<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> sollten -Reisbrei zu Mittag haben, oho, da steht der Topf auf dem Gase und -amüsiert sich, während das Mädel in ihrer Kammer sitzt und häkelt. Und -ich rufe sie und rühre inzwischen im Topf herum — und was glauben -Sie, was ich mit der Kelle auffische? Ein Ei, wollen Sie das glauben? -Sie kocht sich ein Ei im Reisbrei, na ich mußte lachen, aber können -Sie sich eine solche Schweinerei vorstellen? Ich sagte ihr aber meine -Meinung und zwar gehörig. Was sagen Sie nur dazu?“</p> - -<p>„O Gott, Dienstmädchen. — Ja, wissen Sie, was meine neulich gemacht -hat? ...“</p> - -<p>Diese beiden hatten sich als junge Mädchen sicher auch nach Liebe -gesehnt — auf ihre Art. Nach einem frischen und strammen Burschen -in fester Stellung, einem Manne, der sie von den einförmigen -Arbeitstagen im Büro oder Geschäft erlöste, sie in ein kleines Heim -brachte, in dessen drei Zimmern sie all ihre eigenen Kleinigkeiten -ausbreiten durften, all diese Stickereien mit Heckenröschen und blauen -Glockenblumen, in die sie ihre Mädchenträume verwoben hatten.</p> - -<p>Mädchenträume der Liebe hatten auch sie geträumt. Doch jetzt -belächelten sie diese überlegen. Es war ihnen eine Genugtuung denen -gegenüber, die jetzt so träumten, festzustellen, wie ganz anders die -Wirklichkeit doch war. Sie waren stolz darauf, zu den Eingeweihten zu -gehören, welche wußten, wie die Wirklichkeit aussah. Vielleicht waren -sie sogar zufrieden.</p> - -<p>Glücklich dennoch, wer unzufrieden. Glücklich, wer nicht abdankte und -sich damit begnügte, daß das Leben ihm ein Armeleutedasein bot. Wer -trotzdem sagte, ich glaube meinen Träumen, kein anderes Glück gibt es -für mich außer dem, das ich begehrte. Ich glaube doch, dies Glück gibt -es. Zeigt es sich mir nicht, so trage ich eben Schuld daran, ich war -dann eine schlechte Jungfrau, die nicht imstande war, zu wachen und des -Bräutigams zu harren. Doch die klugen Jungfrauen werden ihn schauen, -sie werden in seinem Haus Einzug halten zum Tanz —.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p> - -<p>In dem Schlafzimmer der Mutter brannte Licht, als Jenny nach Hause kam. -Sie ging hinein und mußte von der Gesellschaft auf Ahlströms Atelier -erzählen und wie es Heggen ging.</p> - -<p>Ingeborg und Bodil schliefen hinten im Halbdunkel, die schwarzen -Flechten hingen über die Kissen herab.</p> - -<p>Es rührte Jenny nicht im geringsten, dastehen und der Mutter etwas -vorlügen zu müssen. Sie hatte es immer getan, seit sie als Schulmädchen -in munterem Tone von den Kindergesellschaften berichten mußte, auf -denen sie einsam dagesessen und der Anderen Tanz zugeschaut hatte, -unglücklich und verlassen, ein kleines Mädchen, das nicht mittanzen -konnte und nichts sagte, was den Jungen Vergnügen machte.</p> - -<p>Wenn Ingeborg und Bodil vom Balle kamen, saß die Mutter aufrecht im -Bett, fragte und hörte zu und lachte, vom Lampenlicht mit jugendlicher -Röte übergossen. Sie konnten der Mama immer die Wahrheit sagen, denn -die war munter und lachend. Vielleicht unterschlagen sie das eine oder -andere kleine Erlebnis, das so lustig war, daß sie es für sich behalten -wollten. Was tat das, ihr Lächeln war doch echt.</p> - -<p>Jenny küßte die Mutter und wünschte ihr Gute Nacht. Im Wohnzimmer riß -sie aus Versehen eine Photographie herunter. Sie hob sie auf und wußte -im Dunkeln, wer es war. Sie stellte einen Bruder von Jennys rechtem -Vater dar, mit seiner Frau und seinen Töchtern. Er hatte in Amerika -gelebt, so daß sie ihn nie zu Gesicht bekamen. Jetzt war er tot, und -niemand dachte mehr an das Bild. Sie wischte dort jeden Tag Staub und -sah es gar nicht, es war wie jeder andere Nippesgegenstand.</p> - -<p>Als sie in ihrem Kämmerchen war, begann sie ihr Haar zu lösen.</p> - -<p>Sie hatte ja immer ihrer Mutter etwas vorgelogen. Wie hätte sie ihr -gegenüber denn ehrlich sein können, ohne ihr Kummer zu bereiten? Und -wozu sollte sie es auch —?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p> - -<p>Niemals würde die Mutter sie verstanden haben. Bei ihr hatten Glück -und Trauer sich abgelöst, seit sie ganz jung war. — So war sie mit -Jennys Vater glücklich gewesen und weinte über seinen Tod. Dann hatte -sie mit dem Kinde allein fortgelebt und war zufrieden gewesen. Als -sie Nils Berner traf, hatte er ihr Dasein mit neuem Glück und neuem -Elend erfüllt. Und wieder lebte sie weiter in den Kindern. Die Kinder -bedeuteten das Glück des Mutterseins, das greifbare Ausgefülltsein -einer Leere, ein Glück, das mit tatsächlichen Leiden erkauft, das allzu -körperlich, klein und warm in ihrem Arme gelegen hatte, um angezweifelt -zu werden. Ja, sein Kind zu lieben, das mußte wohl tun. Diese Liebe war -so natürlich, daß man darüber nicht zu grübeln brauchte. Eine Mutter -zweifelte nicht daran, daß sie ihr Kind liebte, daß sie sein Bestes -im Auge hatte, und zu seinem Wohle handelte, auch nicht daran, daß -das Kind sie wiederliebte. So groß aber ist die Gnade der Natur gegen -die Mütter, daß der Kinder innerster Instinkt es nicht zuläßt, die -bittersten und unheilbarsten Sorgen zur Mutter zu tragen. Sie erfahren -von nicht viel Anderem als von Krankheit und Geldsorgen. Niemals von -dem Unwiederbringlichen — der Schande, der Niederlage im Leben — und -wenn das Kind wimmerte vor Leid — eine Mutter glaubt nicht, daß das -Verlorene unersetzbar sei.</p> - -<p>Nichts dürfte die Mutter von ihrem Kummer erfahren — die Natur selbst -hatte dort eine Mauer errichtet. Niemals würde Rebekka Gram den zehnten -Teil von dem erfahren, was ihr Kind um ihretwillen gelitten hatte. Wie -hatte Frau Lund um ihren schönen Sohn geweint, als er verunglückte. -Noch immer trauerte sie tief und wehmütig über ihren Jungen und träumte -von der reichen Zukunft, der er entrissen worden. Seine Mutter war -die Einzige, die nicht ahnte, daß er sich erschossen hatte, um nicht -irrsinnig zu werden.</p> - -<p>Die Mutterliebe stand auch keinem anderen Glück im Wege. Von dieser -oder jener Mutter wußte sie, daß<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> sie Liebhaber gehabt hatte und -glaubte, die Kinder sähen es nicht. — Da gab es solche, die sich -scheiden ließen und auf andere Art glücklich wurden. Nur, wenn die neue -Liebe eine Enttäuschung war, so jammerten sie und waren reuig. Ihre -Mutter hatte sie vergöttert, und doch hatte ihre Liebe für Berner Raum -gehabt, sie war mit ihm glücklich gewesen. Gert hatte seine Kinder -geliebt, und eines Vaters Liebe war wohl nachdenklicher, verstehender, -weniger instinktiv, als die einer Mutter. Und doch hatte er in diesem -Winter kaum an Helge gedacht.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_II">II.</h3> - -</div> - -<p>Jenny hatte drinnen beim Stationsvorsteher die Post geholt. Sie gab -Franziska die Zeitungen und ihren Brief und öffnete ihren eigenen. -Draußen auf dem Kiese des Bahnsteiges mitten im Sonnenbrand stehend, -überflog sie Gerts langes Schreiben. Die liebevollen Worte am Anfang -und am Schlusse las sie, während sie das Uebrige überging. Es waren nur -lange allgemeine Betrachtungen über die Liebe.</p> - -<p>Jenny steckte den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn in ihre -Handtasche. Oh, diese Briefe von Gert — sie war fast nicht imstande, -sie zu lesen. Die Worte allein zeigten ihr, daß sie sich doch nicht -verstanden. Sie fühlte es, wenn sie miteinander sprachen; beim -Schreiben trat es aber klar zutage.</p> - -<p>Und dennoch <em class="gesperrt">war</em> Wesensverwandtschaft zwischen ihnen. Warum -konnten sie dann nicht harmonieren?</p> - -<p>War er stärker oder schwächer als sie? Er hatte verloren und verloren, -hatte resigniert und sich an allen Ecken und Kanten beugen müssen — -und fuhr fort zu hoffen, fuhr fort zu leben und fuhr fort zu glauben. -— War das Weichheit oder Lebenskraft? Sie verstand ihn nicht.</p> - -<p>Vielleicht lag es doch am Altersunterschied. Er <em class="gesperrt">war</em> nicht alt. -Aber seine Jugend stammte aus einer anderen Zeit. Er gehörte zu eine -Jugend, die jetzt ausgestorben<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> war, einer Jugend mit gesünderem -Glauben und mehr Naivität. Vielleicht war auch sie naiv — mit -ihrem Glauben und ihren Zielen. Aber dann war es eine andere Art -von Naivität. Die Worte wechseln im Laufe von zwanzig Jahren ihre -Bedeutung, ob es letzten Endes das war?</p> - -<p>Der Kies leuchtete rotviolett und die graugelbe Farbe an der Mauer des -Stationsgebäudes platzte in der Sonnenhitze auf. Es dunkelte einen -Augenblick vor ihren Augen, als sie vom Abhang in die Höhe blickte. Es -war seltsam, aber sie vertrug die Hitze in diesem Jahre nicht gut.</p> - -<p>Ueber das Kirchspiel hin zitterte der heiße Dunst von Heuwiesen und -weißen Aeckern, ganz bis hinüber zum Waldrande, der sich schwarzgrün -gegen den sommerlich blauen Himmel abhob. Die wenigen Laubbäume vor den -Gehöften trugen bereits dunkle Kronen.</p> - -<p>Cesca las noch immer an ihrem Brief. Er war von ihrem Manne. Ihr -Leinenkleid leuchtete weiß gegen den blauen Kies des Bahnsteigs.</p> - -<p>Gunnar Heggen hatte sein Gepäck auf dem hinteren Sitz des Wägelchens -verstaut. Er liebkoste das Pferd und plauderte mit ihm, während er auf -die Damen wartete.</p> - -<p>Cesca steckte ihren Brief fort, hob den Kopf und machte eine Bewegung, -als wollte sie etwas verjagen.</p> - -<p>„Ja, du mußt entschuldigen, mein Junge — jetzt können wir fahren.“ Sie -und Jenny setzten sich auf den Vordersitz; Cesca lenkte selbst. „Das -ist furchtbar gemütlich, Gunnar, daß du kommen konntest! Ist es nicht -famos, daß wir drei wieder einige Tage zusammen sein können? Ich soll -euch beide von Lennart grüßen!“</p> - -<p>„Danke. Geht es ihm gut?“</p> - -<p>„O ja. Er berichtet nur Gutes. Es war wirklich genial von Papa und -Borghild, daß sie wegreisten. Ich bin jetzt mit Jenny allein auf -dem Hof, siehst du, und die alte Gina steht Kopf für uns — das ist -herrlich!“</p> - -<p>„Ja, es macht Freude, euch wiederzusehen, Mädelchen!“</p> - -<p>Er lachte sie beide so offenherzig an. Aber Jenny bildete sich ein, -sie hätte einen merkwürdig ernsten<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> Schimmer dahinter gesehen. Sie -wußte, daß sie verwelkt und müde aussah, Cesca in dem billigen, -fertiggekauften Leinenkleid glich einem Backfisch, der alt zu werden -anfing, ohne erwachsen gewesen zu sein. Es war ihr, als sei Cesca -kleiner geworden in diesem Jahre, aber sie zwitscherte und plauderte in -einem fort — was sie zum Mittagessen bekamen und zum Kaffee, ob sie -ihn im Garten trinken sollten, und von all dem Likör und Whisky und -Selterwasser, was sie eingekauft hatte.</p> - -<p class="mtop2">Als Jenny in der Nacht in ihr Zimmer hinaufkam, setzte sie sich auf das -Fensterbrett und ließ sich den frischen Luftzug, der mit den Gardinen -spielte, über das Antlitz wehen. Sie war ziemlich berauscht — ganz -unbegreiflich war es ihr, aber Tatsache.</p> - -<p>Sie konnte nicht verstehen, wie es zugegangen war. Anderthalb Glas -Whisky und einige Gläschen Likör war alles, was sie getrunken, und -sogar nach dem Abendessen — allerdings hatte sie nicht viel gegessen, -aber sie hatte augenblicklich keinen Appetit. Starken Kaffee hatte es -auch gegeben.</p> - -<p>Vielleicht war gerade der Kaffee schuld — und die Zigaretten. Obgleich -sie jetzt weniger rauchte als früher.</p> - -<p>Jedenfalls hatte sie Herzklopfen und ein widerliches Hitzegefühl -durchrann sie in großen Wogen, so daß sie in Schweiß gebadet war. Das -Bild dort draußen drehte sich langsam vor ihren Augen — vorwärts und -zurück — die graugefärbte Ebene, das blaßleuchtende Blumenbeet und die -dunklen Baumkronen des Gartens an dem weißlichen Sommernachtshimmel. -Das Zimmer lief rund um sie her.</p> - -<p>Sie wankte, als sie die Waschschüssel mit Wasser füllte. Unsicher in -den Bewegungen war sie auch. Das ist doch aber ein Skandal. Es geht -bereits bergab mit dir, mein Kind. Nun verträgst du keinen Alkohol -mehr. Früher hatte sie das Doppelte trinken können, ohne etwas zu -verspüren.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p> - -<p>Erst hielt sie die Hände mit dem Puls unter Wasser. Dann badete sie -lange ihr Gesicht. Riß sich die Kleider vom Körper und ließ das Wasser -von dem nassen Schwamm über den ganzen Leib rieseln.</p> - -<p>Gott weiß, ob Gunnar und Cesca etwas gemerkt hatten. Sie selbst hatte -zwar erst jetzt, als sie heraufkam, etwas verspürt. Wie gut, daß der -Oberstleutnant und Borghild nicht zu Hause waren.</p> - -<p>Es wurde besser, als sie sich eine Weile gewaschen hatte. Sie zog ihr -Nachthemd über und setzte sich wieder ans Fenster.</p> - -<p>Die Gedanken schwirrten ziellos zwischen Fragmenten der Gespräche des -Tages mit Gunnar und Cesca umher. Mitten drin stand ihre Verwunderung -hellwach still — vor der Erkenntnis, daß sie sich betrunken hatte! Es -war ihr noch nie zuvor begegnet — sie kannte das Gefühl kaum, auch -wenn sie einmal viel trank.</p> - -<p>Jetzt war es übrigens sicher vorbei, sie fühlte sich matt und schläfrig -und kalt. Sie stand auf und taumelte in das große Himmelbett. Wenn sie -nun erst am späten Vormittag erwachte — jedenfalls würde es eine neue -Erfahrung sein.</p> - -<p>Soeben hatte sie sich in den Kissen zurechtgelegt und die Augen -geschlossen, als die widerwärtige üble Hitze sie wieder überflutete, so -daß der Schweiß aus allen Poren brach. Das Bett wankte wie ein Schiff -im Wellengang, so daß sie seekrank wurde. Sie lag eine Weile still da -und versuchte, Herr über diese widerliche Empfindung zu werden — ich -will nicht, ich will nicht. Aber es nutzte nichts — der Mund lief -voller Wasser. Es war gerade noch Zeit genug, zum Zimmer zu gelangen, -ehe sie sich erbrach.</p> - -<p>Aber du großer Gott, war sie wirklich so betrunken? Jetzt wurde es -geradezu unangenehm. Aber nun war es wohl vorüber. Sie brachte alles -wieder in Ordnung, trank einen Schluck Wasser und legte sich nieder. -Jetzt konnte sie vielleicht schlafen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p> - -<p>Aber als sie kurze Zeit mit geschlossenen Augen gelegen hatte, -begann der Seegang von neuem, ebenso Schweiß und Uebelkeit. Es war -erstaunlich, da sie doch jetzt völlig klar im Kopfe war. Trotzdem mußte -sie noch einmal auf.</p> - -<p>Im Augenblick, als sie zum Bett zurückging, blitzte ein Gedanke in ihr -auf. —</p> - -<p>Still. Sie legte sich hin und bohrte den Nacken ins Kopfkissen. Es -war ja unmöglich. Sie wollte nicht daran denken. Aber sie konnte es -nicht lassen und überlegte sich: Sie hatte sich die ganze letzte Zeit -hindurch nicht wohl gefühlt.</p> - -<p>Müde und zermürbt war sie natürlich. Zerquält und nervös. Deshalb -hatte sie vielleicht nicht das winzige Bißchen gestern Abend vertragen -können. Wahrhaftig, sie begriff, daß Menschen Abstinenzler wurden nach -einigen solchen Nächten.</p> - -<p>An das Andere <em class="gesperrt">wollte</em> sie nicht denken. War es traurige -Wirklichkeit, so erfuhr sie es noch zeitig genug. Nur sich nicht mit -Beängstigungen plagen, ehe es notwendig war.</p> - -<p>Jenny öffnete das Nachtkleid und strich sich über die Brüste.</p> - -<p>Sie <em class="gesperrt">wollte</em> schlafen. — Jetzt könnte sie natürlich nicht -aufhören, an diesen Unsinn zu denken — ach. Sie war doch so müde.</p> - -<p>In der ersten Zeit mußte sie natürlich immer daran denken, daß es wohl -Folgen haben könnte und war einige Male ängstlich gewesen. Sie hatte -aber ihre eigene Furcht beim Schopfe gepackt und sich gezwungen, sie in -vernünftigem Lichte zu sehen — ja, wenn nun etwas geschähe? Zum großen -Teil war es ja sinnloser Aberglaube, diese Furcht davor, ein Kind zu -bekommen. Derartiges geschah eben häufig — wollte sie schlechter sein -als alle die Arbeiterinnen, die sich allein mit dem Kind zurechtfanden? -Der größte Teil des Schrecks stammte ja von der Zeit, als eine -unverheiratete Frau in solchem Falle zum Vater oder zu Verwandten gehen -und bekennen mußte,<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> daß sie leichtsinnigen Vergnügungen nachgegangen -war, und daß sie nun die Kosten bezahlen sollten — sogar mit der -Aussicht, später niemals ihre Versorgung auf jemand anders abschieben -zu können. So daß diese dann mit gutem Recht erbittert waren.</p> - -<p>Aber niemand hatte das Recht, sich über sie zu erbittern. Schlimm -war es natürlich der Mama wegen. Aber Herrgott, wenn ein erwachsener -Mensch versuchte, sein Leben nach eigenem Gewissen zu leben, so hatten -die Eltern zu schweigen. Sie hatte versucht, ihrer Mutter so viel zu -helfen, wie es ihr möglich war, hatte sie nie mit Sorgen geplagt, -niemals ihren Ruf einer leichtsinnigen Tat wegen aufs Spiel gesetzt -— in Vergnügen oder Bummeln. Aber dort, wo ihre Ansichten über Recht -und Unrecht mit denen guter Bürger auseinander gingen, hatte sie den -eigenen zu folgen, selbst wenn es der Mutter weh tun würde, daß die -Bürger häßlich von ihr redeten.</p> - -<p>War ihr Verhältnis mit Gert sündig, so bestand die Sünde jedenfalls -nicht darin, daß sie zuviel gegeben hatte, sondern zu wenig. Und wie es -auch endete, so mußte sie dafür leiden und durfte nicht mucksen.</p> - -<p>Ein Kind zu versorgen, müßte sie eigentlich genau so gut imstande sein -wie alle die Mädchen, die nicht ein Zehntel von dem konnten, was sie -an Fähigkeiten besaß. Etwas Geld hatte sie ja auch noch übrig, so daß -sie fortreisen konnte. War es auch ein kümmerlicher Beruf, den sie sich -gewählt — viele ihrer Kollegen mußten doch sogar Frau und Kinder damit -ernähren. Außerdem hatte sie, seit sie annähernd erwachsen war, anderen -helfen müssen.</p> - -<p>Natürlich wäre es ja das Beste, der Sache zu entgehen. Bisher war es ja -gut gegangen.</p> - -<p>Sie wollte nicht daran denken. —</p> - -<p>Gert würde wohl verzweifelt sein.</p> - -<p>Oh, aber Herrgott — wenn es zutraf — jetzt! Wäre es wenigstens damals -gekommen, als sie ihn liebte — oder ihn zu lieben glaubte. Damit sie -in diesem Glauben hätte von ihm fortreisen können. Aber jetzt, jetzt, -wo alles, was zwischen ihnen bestanden hatte, in kleine Stückchen<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> -zerbröckelte, von ihrem Denken und Grübeln aufgezehrt.</p> - -<p>Sie hatte es in diesen Wochen hier auf Tegneby klar empfunden, -daß es so nicht weitergehen könne. Sie hatte sich hinausgesehnt, -nach neuen Verhältnissen, neuer Arbeit. Ja, die Arbeitssehnsucht -war zurückgekehrt. Sie hatte dieses krankhafte Verlangen von -sich abgeschüttelt, sich an einen Menschen anzuklammern, von ihm -umschmeichelt, umsorgt und „kleines Mädchen“ genannt zu werden.</p> - -<p>Sie hatte sich im Schmerz zusammengekrampft, wenn sie an den Bruch -dachte, und daß sie ihm wehe tun mußte. Aber Herrgott — sie hatte -ihm doch gegeben, solange sie konnte. Gert war glücklich gewesen. -Jedenfalls war er dem erniedrigenden Sklavendasein mit ihr — der Frau -— entronnen.</p> - -<p>Was sie selbst betraf, so hatte sie resigniert. Arbeit und Einsamkeit -würden ihr Leben bedeuten. Diese Monate aus ihrem Dasein auslöschen, -das wußte sie, konnte sie nicht. Sie würde die Erinnerung daran -behalten und die bittere Lehre dieser Zeit, daß die Liebe, die vielen -genügte, nicht für sie ausreichte, mit sich nehmen. Für sie schien es -besser, zu entbehren, als sich zu begnügen.</p> - -<p>O ja, vergessen würde sie diese Monate nicht. Aber gemildert würden -sie vor ihr stehen, und umgedichtet zu Erinnerungen an das kurze, -schmerzdurchzogene Glück und die bittere, reueerfüllte Qual. Mit der -Zeit wollte sie die Erinnerung an den Mann, gegen den sie blutiges -Unrecht verübt hatte, halbwegs auszulöschen suchen.</p> - -<p>Und jetzt trug sie vielleicht sein Kind.</p> - -<p>Aber es war ja undenkbar. Es war ja sinnlos, darüber nachzugrübeln. -Aber wenn es doch Wahrheit wurde?</p> - -<p class="mtop2">Jenny schlummerte endlich ein. Draußen war es schon ganz hell. Sie -schlief traumlos und tief. Als sie aber auffuhr, hellwach, war es nicht -viel lichter. Der Himmel war drüben über den Baumkronen des Gartens ein -wenig gelblicher und die Vögel zwitscherten schläfrig.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p> - -<p>Die gleichen Gedanken stellten sich im selben Augenblick wieder ein. -Jenny wußte, daß sie diese Nacht kaum mehr schlafen würde. Resigniert -gab sie nach und dachte alles von neuem durch.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_III">III.</h3> - -</div> - -<p>Heggen reiste ab und Oberstleutnant Jahrmann kehrte mit seiner ältesten -Tochter zurück. Diese fuhren dann wieder weiter zu einer verheirateten -Schwester Franziskas.</p> - -<p>Cesca und Jenny waren nun wieder allein auf Tegneby. Sie gingen jede -für sich umher, in ihre Gedanken eingesponnen.</p> - -<p>Jenny wußte jetzt bestimmt, daß sie schwanger war. Was es aber in -Wirklichkeit bedeutete, hatte sie sich noch nicht klargemacht. -Versuchte sie, ein wenig in die Zukunft zu denken, so streikte ihre -Phantasie. Eigentlich war ihr jetzt ungleich wohler zumute, als in den -verzweifelten Wochen, als sie unablässig darauf wartete, daß es sich -als Irrtum erweisen sollte.</p> - -<p>Sie tröstete sich damit, daß sich wohl ein Ausweg für sie, wie für die -vielen anderen, finden würde. Von ihrer Reise ins Ausland hatte sie -ja schon seit dem Herbst gesprochen. Wie an eine schwache Möglichkeit -dachte sie an Paris — dorthin zu fahren und zu einer <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">age-femmes</span> -zu gehen. Aber sie mochte es sich nicht genauer überlegen.</p> - -<p>Ob sie überhaupt Gert gegenüber erwähnen wollte, wie es mit ihr stand, -wußte sie nicht. Sie hatte die Absicht, es nicht zu tun.</p> - -<p>Wenn sie nicht mit sich selbst beschäftigt war, so dachte sie an Cesca. -Mit ihr war auch etwas nicht so, wie es sollte. Trotzdem war sie -sicher, daß Cesca Ahlin sehr gern hatte. War er es, der sich nichts -mehr aus ihr machte?</p> - -<p>Cesca hatte es schwer gehabt das Jahr hindurch, während sie verheiratet -gewesen, das merkte Jenny. Sie war so klein und schüchtern geworden. -Furchtbar beschränkt<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> waren ihre Verhältnisse, und sie saß abends -eine Stunde nach der anderen auf Jennys Bettrand und klagte über ihre -häuslichen Widerwärtigkeiten. Stockholm war so teuer und billiges Essen -herzustellen war schwer, wenn man so etwas nicht gelernt hatte. Alle -Hausarbeit ging schwer von der Hand, wenn man so irrsinnig erzogen -worden war wie sie. Und es war zum Verzweifeln, daß man die Arbeit, -kaum daß sie getan war, wieder von neuem in Angriff nehmen mußte. -Sowie sie das Haus gereinigt hatte, war es wieder schmutzig, und -kaum war sie mit dem Essen fertig, mußte aufgewaschen werden — und -dann hatte sie schon wieder Essen zu kochen und wieder abzuwaschen. -— Wenn Lennert auch versuchte, ihr zu helfen, so war er doch ebenso -ungeschickt und unpraktisch wie sie selbst. Dazu kamen ihre Sorgen -um ihn — das Monument hatte er nicht bekommen — niemals begegnete -er einer Anerkennung, trotzdem er doch so begabt war. Er war aber -nur zu vornehm, sowohl als Mensch wie als Künstler. Das war nun eben -nicht zu ändern, sie wünschte ja auch nicht, daß er anders wäre. Dann -diese langwierige Krankheit im Frühling — zwei Monate hatte er an -Scharlachfieber und Lungenentzündung und anderen Krankheiten, die -eine Folge davon waren, gelegen — diese Zeit hatte Cesca furchtbar -angegriffen.</p> - -<p>Da war aber etwas anderes, wovon Cesca nicht sprach — das fühlte -Jenny. Jenny wußte auch, sie konnte nicht so gegen Cesca sein wie -früher, sie hatte nicht mehr das ruhige Herz und den offenen Sinn, um -anderer Sorgen hinnehmen und trösten zu können. Es schmerzte sie, daß -sie Cesca nicht helfen konnte.</p> - -<p>Cesca war eines Tages nach Moß gefahren, um Einkäufe zu machen. Jenny -wollte sie nicht begleiten, so blieb sie denn daheim und vertrieb sich -die Zeit im Garten. Sie las, um nicht zu denken, und begann, Muster zu -stricken, weil sie die Gedanken nicht bei ihrer Lektüre sammeln konnte. -Aber sie verzählte sich bei der Arbeit, mußte trennen und strickte -wieder, indem sie sich zwang, aufzupassen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p> - -<p>Cesca kam nicht zum Essen nach Hause, wie sie versprochen hatte. Jenny -aß schließlich allein und beschäftigte sich den Nachmittag über, so -gut es ging. Sie rauchte, aber die Zigaretten schmeckten nicht, sie -strickte, aber die Arbeit sank ihr jeden Augenblick in den Schoß.</p> - -<p>Endlich gegen zehn Uhr fuhr Cesca die Allee herauf. Jenny war ihr -entgegengegangen. Gleich nachdem sie zu ihr auf das Wägelchen gestiegen -war, sah sie, daß irgendetwas vorgefallen sein mußte. Aber keine von -ihnen sprach.</p> - -<p>Erst gegen Ende der Mahlzeit, als sie bei der letzten Tasse Tee saßen, -sagte Franziska, ohne Jenny anzublicken, leise:</p> - -<p>„Weißt du, wen ich heute in der Stadt traf?“</p> - -<p>„Nein?“</p> - -<p>„Hans Hermann. — Er ist zu Besuch auf Jelö. Dort lebt ein altes, -reiches Fräulein Oehrn, bei der er wohnt. Sie protegiert ihn sozusagen -in Allem.“</p> - -<p>„Ist seine Frau mit?“ fragte Jenny nach einer Weile.</p> - -<p>„Nein, sie sind jetzt geschieden. Die Aermste, sie verlor ihren kleinen -Jungen im Frühling, ich las es in der Zeitung.“</p> - -<p>Dann begann Cesca von anderen Dingen zu sprechen.</p> - -<p class="mtop2">Als Jenny sich aber niedergelegt hatte, schlich sie zu ihr hinüber. -Sie kroch ins Himmelbett hinauf, setzte sich ans Fußende, zog die -Beine hoch und deckte ihren Nachtrock darüber. Die Arme über die -Knie verschränkt, saß sie in der weißen Dämmerung des Bettes; das -schwarzhaarige Köpfchen hob sich wie ein dunkler Schattenfleck gegen -die hellen Gardinen ab.</p> - -<p>„Du, ich reise morgen nach Hause. Ich telegraphiere morgen früh an -Lennart, und mittags fahre ich dann. Du weißt ja, Jenny, daß du -durchaus hier bleiben darfst, solange du Lust hast. Du mußt mich nicht -für rücksichtslos halten, aber ich wage es nicht, ich reise sofort.“</p> - -<p>Sie atmete schwer.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p> - -<p>„Ich verstehe es nicht, Jenny. Ich habe mit ihm gesprochen und er hat -mich geküßt, und doch schlug ich nicht nach ihm. Ich hörte allem zu, -was er mir sagte, und ich schlug ihm nicht einmal mitten ins Gesicht. -Ich <em class="gesperrt">liebe</em> ihn nicht mehr, das weiß ich jetzt, und dennoch hat er -diese Macht über mich. Weißt du, daß ich Furcht habe? Ich wage nicht -hierzubleiben, denn ich weiß nicht, wozu er mich verleiten könnte. -Wenn ich jetzt an ihn <em class="gesperrt">denke</em>, so hasse ich ihn, aber ich werde -geradezu versteinert, wenn er spricht. Ich kann nicht verstehen, daß -ein Mensch so zynisch sein kann, so brutal, so <em class="gesperrt">schamlos</em>! Es -ist geradezu, als könne er nicht begreifen, daß es etwas gibt, was -Ehre und Scham heißt. Er rechnet nicht damit und glaubt nicht, daß es -andere tun. Er geht ohne weiteres davon aus, daß es nur aus Berechnung -geschieht, wenn wir anderen an Recht und Unrecht glauben. Es ist -mir, als hypnotisierte er mich damit. Denk dir, ich bin den ganzen -Nachmittag mit ihm zusammen gewesen, und ich hörte mir an, was er -sagte. Ach Gott, er sprach davon, daß ich jetzt verheiratet sei und daß -ich nun meiner Tugend wegen nicht so zimperlich zu sein brauchte oder -wie er sagte. Uebrigens deutete er an, daß er jetzt frei sei und daß -ich mir irgendwie Hoffnungen machen dürfte, glaube ich. Er küßte mich -im Park, und mir war, als müßte ich aus vollem Halse schreien, aber -ich konnte nicht einen Laut hervorbringen. O Gott, wie war mir Angst! -Er sagte, er käme übermorgen hier hinaus — morgen haben sie große -Gesellschaft. Und die ganze Zeit ging er mit dem Lächeln umher, vor dem -ich schon früher solche Furcht hatte. —</p> - -<p>Muß ich nicht reisen, wenn es so mit mir steht?“</p> - -<p>„Doch, Cesca.“</p> - -<p>„Ich bin sicher eine Gans. — Aber du begreifst —“ rief sie plötzlich -heftig aus. „Ich wage es nicht, mich auf mich selbst zu verlassen. -Aber eines kannst du mir glauben: wäre ich Lennart untreu geworden, -weiß Gott, ich ginge geradenwegs zu ihm und erzählte es ihm, und dann -brächte ich mich sofort vor seinen Augen um —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p> - -<p>„Liebst du deinen Mann?“ fragte Jenny leise.</p> - -<p>Franziska schwieg einen Augenblick.</p> - -<p>„Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn richtig lieb hätte, so wie man soll, -dann hätte ich keine Angst vor Hans Hermann. Meinst du nicht auch, daß -ich Hans dann hätte ohrfeigen müssen, wenn er mich so behandelte und -mich küßte? Aber jedenfalls weiß ich, daß ich nicht würde weiterleben -können, wenn ich Lennart Unrechtes angetan hätte, verstehst du. Während -ich Franziska Jahrmann war, war ich nicht weiter vorsichtig mit dem -Namen. Aber jetzt heiße ich Franziska Ahlin. Und hätte ich nur den -Schatten eines Mißtrauens auf diesen Namen fallen lassen — seinen -Namen — so verdiente ich, daß er mich wie eine Dirne niederschösse. -Dazu ist Lennart nicht imstande, aber ich bin es, das weiß ich —.“</p> - -<p>Sie löste ihre Glieder plötzlich aus der verschlungenen Stellung und -schmiegte sich dicht an Jenny.</p> - -<p>„Nicht wahr, du glaubst an mich? Meinst du wohl, daß ich leben könnte, -wenn ich etwas Ehrloses getan hätte?“</p> - -<p>„Nein, Cesca.“ Jenny zog sie an sich und küßte sie. „Ich glaube nicht, -daß du es könntest.“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, was Lennart denkt. Er versteht mich nicht, siehst du. -Wenn ich aber nach Hause komme, so sage ich ihm alles. Wie es ist. Das -muß sein.“</p> - -<p>„Cesca,“ sagte Jenny sanft. Aber dann wollte sie doch nicht fragen, ob -Cesca glücklich war.</p> - -<p>Aber Cesca begann von selbst zu erzählen.</p> - -<p>„Ich habe es die ganze Zeit über schwer gehabt, siehst du. Es ist nicht -alles so einfach gegangen, das kannst du glauben. Ich war in vieler -Beziehung so unvernünftig, als ich mich verheiratete. Ich nahm Lennart -ja, weil Hans wieder anfing, mir zu schreiben, nachdem er geschieden -war, und weil er schrieb, daß er mich jetzt haben <em class="gesperrt">wollte</em>. Ich -hatte aber vor ihm Angst und wollte nicht wieder mit dergleichen -beginnen. Das alles sagte ich Lennart, und er war so fein und lieb; er -verstand alles und ich fand, er sei der großartigste Mensch auf der<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> -ganzen Welt. Das <em class="gesperrt">ist</em> er auch, das weiß ich sehr gut. Aber dann -tat ich etwas Entsetzliches. Lennart kann es nicht verstehen und ich -weiß, er wird es mir nie verzeihen. Vielleicht ist es verkehrt von mir, -es zu erzählen, aber ich verstehe es doch nicht, Jenny. Ich <em class="gesperrt">muß</em> -einen Menschen fragen, ob es so schlimm ist, daß ein Mann es nie -verzeihen kann. Und du mußt mir ganz offen antworten, ganz offen, hörst -du, ob du glaubst, daß es nie wieder gutzumachen ist .... Wir reisten -nachmittags, nach Rocca di Papa, nachdem wir getraut waren. Du weißt -ja, welch furchtbare Angst ich davor hatte und wie mir davor graute. -Dann am Abend, als Lennart mich in unser Zimmer führte und ich das -große Doppelbett sah, begann ich fürchterlich zu weinen. Lennart war -aber so lieb — ich sollte dem entgehen, so lange ich selbst wollte. -Das war an einem Sonnabend. Wir hatten es nicht besonders gemütlich, -das heißt Lennart nicht, glaube ich. Ich wäre ja heilfroh, auf diese -Art verheiratet zu sein. Jeden Morgen, wenn ich erwachte, war ich so -dankbar, aber ich durfte fast nicht meinen eigenen Gatten küssen. Dann -am Mittwoch waren wir auf den Gipfel des Monte Cavo hinaufgestiegen. Es -war so wunderbar schön dort oben. Wir schrieben Ende Mai und die Sonne -schien. Der Kastanienwald, eben aufgesprungen, leuchtete, der Goldregen -blühte wie toll an den Hängen herab, und am Wege entlang standen -unzählige weiße Blumen und Lilien. Die Luft war ganz dunstig von der -Sonne — es hatte einige Stunden vorher geregnet — und der Nemisee und -Albanersee lagen silberweiß vor uns unter dem Waldabhang, umgeben von -all den kleinen weißen Städten. Drüben die ganze Campagna und Rom in -einen weißen Nebelschleier gehüllt. Und ganz fern das Mittelmeer wie -ein matter Goldrand am Horizont. O, es war so herrlich, so herrlich, -und ich fand das Leben so wunderbar, nur Lennart war traurig. — Ich -fühlte, er war der vorzüglichste Mensch auf der Welt und ich hatte ihn -so grenzenlos lieb, das andere war nur furchtbarer Unsinn, das empfand -ich plötzlich. Da schlang ich die Arme um<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> seinen Hals und sagte: -‚Jetzt will ich ganz dein werden, denn ich liebe dich —.‘“</p> - -<p>Cesca schwieg und atmete schwer.</p> - -<p>„Ach Gott, Jenny, der Junge wurde so glücklich, der Aermste.“ -Sie verschluckte ihre Tränen. „Ja, er wurde froh. ‚Jetzt,‘ sagte -er, ‚hier?‘ Er nahm mich auf den Arm und wollte mich in den Wald -hineintragen. Ich aber wehrte mich und sagte: ‚heute Nacht, heute -Nacht!‘ O, Jenny, ich verstehe ja nicht, warum ich es tat, eigentlich -wollte ich es aber doch. Es wäre schön gewesen, in dem tiefen Wald mit -der Sonne über uns. Aber ich tat, als wollte ich nicht — Gott mag -wissen, warum. Dann am Abend, als ich mich zur Ruhe gelegt und nun -die vielen Stunden hindurch auf diesen Augenblick gewartet hatte, als -dann Lennart kam — ja, da begann ich denn wieder zu heulen —. Doch -da raste er hinaus, siehst du, und blieb die ganze Nacht über weg. Ich -lag wach. Ich weiß nicht, wo er geblieben war. Wir reisten am nächsten -Vormittag nach Rom zurück und wohnten im Hotel. Lennart mietete zwei -Zimmer, aber ich ging zu ihm hinein. Schön war es aber dann nicht mehr. -Seitdem ist es zwischen mir und Lennart nie wieder gut geworden. Ich -verstehe wohl, daß ich ihn furchtbar gekränkt haben muß. Aber du sollst -mir sagen, Jenny, ob du glaubst, daß ein Mann so etwas vergessen oder -verzeihen kann?“</p> - -<p>„Er müßte später eingesehen haben,“ sagte Jenny leise und unsicher, -„daß du es damals nicht verstandest, die Gefühle nicht kanntest, die du -gekränkt hast.“</p> - -<p>„Nein.“ Cesca erschauerte. „Ich verstehe es jetzt. Ich verstehe, daß es -etwas Fleckenloses, Reines und Schönes war, das ich beschmutzte. Aber -ich wußte es damals nicht. Jenny — kann eines Mannes Liebe das niemals -überwinden?“</p> - -<p>„Sie müßte es können. Du hast ja späterhin bewiesen, daß du seine -gute, treue Frau sein wolltest. Jetzt im Winter rackertest du dich ab, -mühtest du dich ab und<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> klagtest nicht. Im Frühling, als er krank war, -wachtest du Nacht für Nacht, pflegtest ihn Woche für Woche.“</p> - -<p>„Das war ja gar nichts,“ sagte Cesca eifrig. „Er war so gut und -geduldig und half mir, so viel er konnte, bei meiner mühevollen Arbeit, -wie du es nennst. Und während seiner Krankheit kamen hin und wieder -Freunde von ihm und halfen bei der Nachtwache. In der Woche, als er -fast im Sterben lag, hatten wir übrigens auch eine Schwester, aber ich -wachte trotzdem, weil ich so gern wollte, verstehst du, aber ich hätte -es natürlich nicht nötig gehabt.“</p> - -<p>Jenny küßte Cesca auf die Stirn.</p> - -<p>„Aber etwas habe ich dir noch nicht erzählt, Jenny. Ja, du hast mich -auch vor dem gewarnt, wofür mir der Instinkt fehlte, und Gunnar hatte -gescholten. Fräulein Linde sagte sogar einmal frei heraus, weißt du -noch, daß ein Mann, wenn man ihn aufreizte, zu einer anderen ginge —.“</p> - -<p>Jenny erstarrte vor Schreck.</p> - -<p>Cesca nickte in die Kissen:</p> - -<p>„Ja, ich fragte ihn also so etwas Aehnliches — an jenem Morgen —.“</p> - -<p>Jenny lag vollkommen sprachlos da.</p> - -<p>„Ich kann mir denken, daß er das nicht vergessen kann. Und nicht -verzeihen. Wenn er es nur ein wenig entschuldbar fände, sich vorstellen -könnte, wie grenzenlos unerfahren ich alles ansah. Aber später —“ Sie -suchte nach Worten. „Es ist — so unharmonisch zwischen uns geworden -— alles. Es ist, als <em class="gesperrt">wollte</em> er mich nicht anrühren; geschieht -es, dann ist es gegen seinen Willen und hinterher ist er böse, sowohl -auf sich selbst als auf mich. Trotzdem ich versucht habe, es ihm zu -erklären. Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht recht, was eigentlich -dabei ist. Ich habe keinen Widerwillen mehr dagegen, wenn ich ihm eine -Freude damit machen kann. Alles, womit ich Lennart eine Freude bereiten -kann, ist gut und schön für mich. Er glaubt, es seien Opfer, aber das -ist nicht wahr, im Gegenteil. O, ich habe Nacht<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> für Nacht in meinem -Zimmer geweint, weil ich wußte, er sehnte sich nach mir, ich habe -versucht, ihn herbeizulocken, Jenny, mit dem Bißchen, das ich konnte — -und er stößt mich von sich —. Ich habe ihn so gern, Jenny. Sag mir, -kann man nicht sehr gut einen Mann auf diese Art liebhaben? Kann ich -nicht sehr gut sagen, ich liebe Lennart?“</p> - -<p>„Doch, Cesca.“</p> - -<p>„O, wie verzweifelt war ich! Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich -so geschaffen bin. Dann, wenn wir mit anderen Künstlern ausgingen, war -er schlechter Stimmung. Er sagt nichts, aber ich weiß, er findet, daß -ich mit ihnen kokettiere. Das ist sicher wahr, denn ich werde guter -Laune, wenn ich auswärts essen darf und einen Abend kein Essen zu -kochen und hinterher nicht aufzuwaschen brauche. Manchmal war ich auch -froh, nicht mit Lennart allein sein zu müssen, trotzdem ich ihn gern -habe und er mich — das tut er, o ja, das weiß ich wohl, und frage ich -ihn danach, so sagt er: das weißt du ja, und lacht dann so seltsam und -bitter. Aber er vertraut mir nicht, weil ich ihn nicht so — sinnlich -— lieben kann und trotzdem kokett bin. Einmal sagte er, ich ahnte ja -nicht, was Liebe bedeute, und es wäre wohl seine Schuld, daß er mich -nicht habe erwecken können, es würde aber vielleicht ein anderer kommen -— o Gott, wie ich weinte. Dann jetzt im Frühjahr. Du weißt ja, wir -haben nicht viel zum Leben. Gunnar verkaufte mir das Stilleben, das ich -vor drei Jahren ausgestellt hatte, für dreihundert Kronen. Wir lebten -viele Monate von diesem Geld, aber Lennart mochte nicht, daß wir Geld -verbrauchten, das ich verdient hatte. Ich verstehe ja nicht, was das -ausmachen soll, wenn wir uns liebhaben. Aber er sagt immer, daß er mich -ins Elend hinabgezerrt habe. Schulden haben wir auch, natürlich. Ich -wollte dann einmal an Papa schreiben und ihn bitten, mir einige hundert -Kronen zu schicken. Aber das durfte ich nicht. Ich fand es so ungerecht -— Borghild und Helga hatten zu Hause gelebt und alles von Papa -bekommen. Er hat<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> sie ins Ausland geschickt, während ich mich von dem -kleinen Erbteil von Mama durchgespart und durchgeschlagen habe, seit -ich mündig wurde, weil ich nicht einen Oere von Papa annehmen wollte, -nachdem er das zu mir gesagt hatte, als ich mit Leutnant Kaarsen -auseinanderging und dieses Gerede über mich und Hans entstand. Aber -er hat es zurückgenommen und gibt jetzt zu, daß ich Recht hatte. Es -war gemein, sowohl von Kaarsen als von denen zu Hause, mich zwingen zu -wollen, weil er mich zu der Verlobung verleitet hatte, als ich siebzehn -Jahre alt war und nicht wußte, daß eine Ehe etwas anderes bedeutet als -das, was in den verdammten Backfischbüchern steht. Als ich anfing, es -zu verstehen, wußte ich, daß ich mich lieber umbringen würde als mich -mit ihm zu verheiraten. Hätten sie mich aber dazu gebracht — oh, ich -wäre reizend geworden, ich hätte alle Liebhaber genommen, die ich hätte -bekommen können, nur aus Trotz, um mich an ihnen allen zu rächen. Papa -versteht es jetzt und hat gesagt, daß ich Geld von ihm bekommen könne, -wenn ich wolle —. Als aber Lennart so krank war und so elend, als sie -dann sagten, er müßte aufs Land, um gut zu leben, und als ich selbst -so müde und elend war, da sagte ich zu ihm, daß ich aufs Land müßte, -um mich auszuruhen, weil ich ein Kindchen bekäme. So durfte ich denn -an Papa schreiben und um Geld bitten, wir reisten hinauf nach Vermland -und lebten dort so herrlich, Lennart erholte sich gut und ich begann, -wieder zu malen. Aber allmählich merkte er natürlich, daß ich doch kein -Kind bekam. Als er fragte, ob ich mich nicht geirrt hätte, sagte ich -ihm, ich hätte gelogen, denn ich wollte ihn jetzt nicht wieder belügen. -Darüber ist er aber auch böse, das weiß ich. Ich glaube, er traut mir -nicht recht und das ist so schrecklich. Wenn er mich verstände, so -müßte er doch an mich glauben, meinst du nicht?“</p> - -<p>„Doch, Cesca.“</p> - -<p>„Ich habe es früher schon einmal gesagt, daß ich ein Kindchen bekommen -würde — im Herbst, als er so traurig war und es uns so schlecht ging. -Damit er<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> fröhlich werden sollte und lieb zu mir. Das war er dann auch -— o, du kannst dir nicht denken, wie herzlich es war. Ich <em class="gesperrt">hatte</em> -gelogen, aber denke dir, ich glaubte zum Schluß selber daran, daß es -wahr wäre. Ich meinte, Gott würde es so einrichten, damit ich ihn nicht -zu enttäuschen brauchte. Aber daraus wurde freilich nichts. Ich bin so -verzweifelt, daß ich kein Kind bekomme. Jenny, glaubst du, daß es wahr -ist: manche sagen —“ sie flüsterte bebend — „daß eine Frau, die keine -solche — Leidenschaft empfinden kann, keine Kinder bekommt?“</p> - -<p>„Nein,“ sagte Jenny hart. „Das ist bestimmt nur Unsinn.“</p> - -<p>„Ich weiß ganz sicher, daß dann alles gut würde. Lennert wünscht es so -furchtbar. Und ich — ja, ich glaube, ich würde ein wahrer Engel werden -aus Freude, wenn ich mein eigenes Kindchen hätte. Kannst du dir so -etwas wunderbar Schönes vorstellen?“</p> - -<p>„Ja,“ flüsterte Jenny mühsam. „Wenn ihr euch doch liebt. Es würde über -viele Hindernisse hinweghelfen.“</p> - -<p>„Ach gewiß. Wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich einmal zu einem -Arzt gehen. Ich glaube übrigens, daß ich es eines Tages tue. Meinst -du nicht, daß ich es sollte? Wenn ich mich nur nicht so genierte — -aber das ist dumm. Es ist ja übrigens einfach meine Pflicht, wenn -ich verheiratet bin. Ich kann ja zu einer Aerztin gehen, zu einer -verheirateten Frau, die Kinder und alles hat. O denk dir nur: ein -kleines winziges Wesen, das einem selbst gehört, wie froh würde Lennart -sein!“</p> - -<p>Jenny biß in der Dunkelheit die Zähne zusammen.</p> - -<p>„Meinst du nicht, daß ich morgen reisen sollte?“</p> - -<p>„Doch.“</p> - -<p>„Ich sage Lennart alles. Ich weiß nicht, ob er es verstehen wird, wenn -ich es auch selbst nicht kann. Aber ich <em class="gesperrt">will</em> ihm immer die -Wahrheit sagen. Muß ich das nicht, Jenny?“</p> - -<p>„Wenn du es für richtig hältst, so sollst du es tun. Ach, Cesca, man -sollte immer das tun, was man für<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> recht hält und niemals das, wovon -man nicht sicher weiß, ob es richtig ist, Cesca.“</p> - -<p>„Ja, das ist wahr! Gute Nacht, meine Jenny, ich danke dir.“ Sie drückte -plötzlich die Freundin heftig an sich. „Es ist so herrlich, sich mit -dir auszusprechen. Du verstehst es so gut, mich richtig zu nehmen. Du -— und Gunnar. Ihr bringt mich immer auf den rechten Weg. Ich wüßte -nicht, was ich ohne dich tun sollte.“</p> - -<p>Sie stand einen Augenblick neben dem Bett:</p> - -<p>„Kannst du nicht im Herbst über Stockholm fahren? O, tu es doch! Du -kannst bei uns wohnen, ich bekomme jetzt tausend Kronen von Papa, das -soll nämlich auch Borghild für eine Pariser Reise erhalten.“</p> - -<p>„Ich weiß nicht recht. Ich hätte schon Lust?“</p> - -<p>„Ach tu es doch! Bist du schläfrig? Soll ich gehen?“</p> - -<p>„Ja, ich bin ein wenig müde.“ Sie zog Cesca zu sich herab und küßte -sie. „Gott behüte dich!“</p> - -<p>Cesca schlürfte mit den bloßen Füßen über den Fußboden. In der Tür -sagte sie mit ihrer kleinen traurigen Kinderstimme:</p> - -<p>„Ich wünschte so sehr, daß Lennart und ich glücklich würden, du!“</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_IV">IV.</h3> - -</div> - -<p>Gert und Jenny gingen unter den mageren Nadelbäumen Seite an Seite über -den Weg hinab. Einmal stand er still und pflückte einige vertrocknete -Erdbeeren, sprang ihr nach und steckte sie ihr in den Mund. Sie -lächelte ein wenig zum Dank und er nahm ihre Hand, während sie hinunter -gingen, dem Wasser zu, das hinter den Bäumen unter der Sonnenbrücke -bläulich schimmerte.</p> - -<p>Er sah fröhlich und jung aus in dem hellen Sommeranzug. Der Panamahut -verbarg sein Haar.</p> - -<p>Jenny setzte sich an den Waldrand und Gert streckte sich vor ihr im -Schatten der großen Hängebirken aus.</p> - -<p>Es war glühend heiß und still. Der Grashügel, der am Strande auslief, -war gelbgefärbt vom Sonnenbrand.<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> Ueber Nesodden stand eine metallblaue -Dunstwolke, hinter deren Rand einige Wölkchen hervorglitten, rauchgelb -und weißlich. Der Fjord breitete sich lichtblau aus, von quirlenden -Stromstreifen unterbrochen; die Segler weit draußen lagen still und -weiß auf der Fläche und der Rauch der Dampfschiffe stand unendlich -lange in grauen Streifen in der schwülen Luft.</p> - -<p>Aber zwischen den Steinen, die von der Ebbe bloßgelegt waren, rieselte -das Wasser, und die rankenartigen Zweige der Hängebirken bewegten -sich ganz sacht über ihnen, indem hin und wieder ein Blatt, in der -Trockenheit verdorrt, herniedersank.</p> - -<p>Gert nahm eines, das sich in ihrer lichten Haarflut verfangen hatte, -fort, sie hatte den Hut abgelegt. Er betrachtete das Blatt:</p> - -<p>„Ist es nicht sonderbar, daß es in diesem Jahre nicht regnen kann, du? -Ihr Frauen habt es gut, ihr dürft so dünn gekleidet gehen. Dein Kleid -sieht übrigens wie Halbtrauer aus, wenn du nicht die hellrosa Perlen -trägst, aber es steht dir außerordentlich gut!“</p> - -<p>Das Kleid war weiß und durchsichtig, mit kleinen schwarzen Blumen -gemustert, überall gekräuselt und von einem strammen schwarzseidenen -Gürtelband zusammengehalten. Der Strohhut, den sie im Schoß hatte, war -ebenfalls schwarz, mit schwarzen Sammetrosen geziert. Nur die blaßroten -Krystallperlen leuchteten auf der reinen Haut des Halses.</p> - -<p>Er beugte sich vor, so daß er ihren Fuß gerade über dem Ausschnitt des -Schuhes küssen konnte. Dann strich er mit zwei Fingern über die feine -Biegung des Spanns mit dem durchsichtigen Strumpf und faßte um ihre -Knöchel.</p> - -<p>Kurz darauf schob sie behutsam seine Hand zurück, er griff nach der -ihren, hielt sie fest und lächelte zu ihr empor. Sie lächelte zurück, -dann drehte sie den Kopf nach der anderen Seite.</p> - -<p>„Du bist so still, Jenny, ist dir die Wärme lästig?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie. Dann schwiegen sie wieder.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p> - -<p>Ein Stück Weges von ihnen entfernt, dort wo sich ein Villengarten bis -zum Wasser erstreckte, trieben einige halbwüchsige Jungen auf der -Badehausbrücke ihr Spiel. Oben im Hause schnarrte ein Grammophon. Ab -und zu wehten Klänge der Musik vom Seebade zu ihnen herüber.</p> - -<p>„Du, Gert —“ Jenny hielt plötzlich seine Hand fest. „Wenn ich einige -Tage oben bei Mama gewesen und dann wieder in die Stadt zurückgekehrt -bin, reise ich fort.“</p> - -<p>„Wieso?“ Er stützte sich auf seinen Ellenbogen. „Wohin willst du -reisen?“</p> - -<p>„Nach Berlin,“ sagte Jenny. Sie fühlte selbst, wie ihre Stimme zitterte.</p> - -<p>Gert blickte ihr ins Gesicht, schwieg aber still. Auch sie sprach nicht.</p> - -<p>Schließlich meinte er:</p> - -<p>„Wann hast du dich dazu entschlossen?“</p> - -<p>„Eigentlich ist es die ganze Zeit hindurch meine Absicht gewesen — das -weißt du ja — wieder ins Ausland zu gehen —“</p> - -<p>„Ja, gewiß. Aber, wann hast du dich entschlossen, <em class="gesperrt">jetzt</em> zu -reisen?“</p> - -<p>„Im Sommer auf Tegneby.“</p> - -<p>„Ich wünschte, du hättest es mir eher gesagt, Jenny,“ sagte Gram. -Obgleich seine Stimme leise und ruhig klang, schnitt sie ihr in die -Seele.</p> - -<p>Sie zögerte.</p> - -<p>„Ich wollte es dir <em class="gesperrt">sagen</em>, Gert. Nicht schreiben, sondern sagen. -Als ich an dich schrieb und dich bat, gestern hierher zu kommen, hatte -ich es dir sagen wollen. Aber ich kam nicht dazu —.“</p> - -<p>Sein Antlitz färbte sich steingrau.</p> - -<p>„Ich verstehe. Aber Gott des Himmels, Kind, wie mußt du es schwer -gehabt haben!“ rief er plötzlich aus.</p> - -<p>„Ja,“ sagte Jenny ruhig. „Am meisten deinetwegen, Gert. Ich bitte dich -nicht, mir zu verzeihen.“</p> - -<p>„Ich — dir? Ach, du großer Gott, kannst <em class="gesperrt">du mir</em> verzeihen, Jenny -—? Ich ahnte ja, daß dieser Tag kommen würde.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p> - -<p>„Das ahnten wir wohl beide,“ sagte sie wie vorher.</p> - -<p>Er warf sich plötzlich auf den Boden und bohrte das Gesicht in den -Sand. Sie beugte sich nieder und legte ihre Hand auf seinen Nacken.</p> - -<p>„Kleine, kleine, kleine Jenny — oh, kleine Jenny, was habe ich dir -getan!“</p> - -<p>„Lieber —“.</p> - -<p>„Mein weißes Vögelchen, habe ich dich mit meinen häßlichen, schmutzigen -Fäusten berührt, deine weißen Flügel befleckt?“</p> - -<p>„Gert!“ Sie ergriff seine Hände und sprach schnell und heftig. „Hör zu. -Du hast mir doch nur Gutes erwiesen, ich bin es ja, die —. Ich war -so müde, und du botest mir eine Ruhestätte, ich fror, und du wärmtest -mich. Ich <em class="gesperrt">mußte</em> ausruhen und ich <em class="gesperrt">mußte</em> gewärmt werden, -ich mußte fühlen, daß ein Mensch mich liebte. Herrgott, Gert, ich -wollte dich nicht betrügen, aber du konntest es nicht verstehen, ich -hätte dir niemals erklären können, daß ich dich auf andere Art liebte, -so — armselig. Kannst du nicht begreifen?“</p> - -<p>„Nein, Jenny. Ich <em class="gesperrt">glaube</em> nicht daran, daß ein junges, -unschuldiges Mädchen einem Manne alles schenkt, wenn sie nicht sicher -meint, ihre Liebe würde immer dauern.“</p> - -<p>„Das gerade bitte ich dich, mir zu vergeben. Ich wußte, daß du es nicht -verstehen würdest, und ich nahm dennoch alles hin, was du mir gabst. So -wurde es eine Qual für mich selbst — schlimmer und schlimmer, und ich -fühlte, ich war nicht imstande, so fortzufahren. Ich <em class="gesperrt">habe</em> dich -doch gern, Gert, aber wenn ich nur annehmen soll und in Wahrheit nichts -besitze, womit ich es dir vergelten kann ...“</p> - -<p>„Wolltest du mir das gestern sagen,“ fragte Gert kurz darauf.</p> - -<p>Jenny nickte.</p> - -<p>„Und statt dessen —“.</p> - -<p>Er wurde glühend rot.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p> - -<p>„Ich konnte nicht, Gert. Du kamst so froh an. Ich wußte, daß du -gewartet und dich gesehnt hattest.“</p> - -<p>Er erhob brüsk den Kopf:</p> - -<p>„Das hättest du nicht tun sollen, Jenny. Nein. Hättest mir nicht so ein -— Almosen geben sollen.“</p> - -<p>Sie bedeckte ihr Gesicht. Die qualvollen Stunden fielen ihr ein, die -sie oben in ihrem verstaubten Atelier in der sonnendurchglühten, -eingeschlossenen Luft zugebracht, in steter Ruhelosigkeit umhergehend, -aufräumend und ihn erwartend, während ihr Herz sich vor Schmerz -zusammenkrampfte. Aber sie war nicht fähig, es ihm zu sagen.</p> - -<p>„Ich war mir über mich selbst nicht klar, als du kamst. Ich dachte -einen Augenblick — ich wollte versuchen.“</p> - -<p>„Almosen.“ Er schüttelte einen Augenblick schmerzlich das Haupt. „Die -ganze Zeit, Jenny — alles was du mir gabst!“</p> - -<p>„Gert, ich bin es ja, die von dir Almosen entgegengenommen hat — immer -— begreifst du denn nicht?“</p> - -<p>„Nein,“ sagte er heftig. Er preßte sein Gesicht wieder in den Boden.</p> - -<p>Nach kurzer Zeit erhob er den Kopf:</p> - -<p>„Jenny, ist da — irgend ein anderer?“</p> - -<p>„Nein,“ sagte sie heftig.</p> - -<p>„Glaubst du, ich würde dir einen Vorwurf machen, wenn ein anderer -zwischen uns getreten wäre, ein junger Mensch — deinesgleichen? Ich -würde <em class="gesperrt">das</em> besser verstehen.“</p> - -<p>„Kannst du dir denn nicht denken —? Ich finde nicht, daß daran ein -anderer Schuld sein muß.“</p> - -<p>„Nein, nein.“ Er glitt wieder nieder. „Ich fände es natürlicher. — -Als mir dann einfiel, was du mir geschrieben hattest, daß Heggen auf -Tegneby gewesen und nach Berlin gefahren ist —.“</p> - -<p>Jenny wurde wieder blutrot:</p> - -<p>„Glaubst du denn, ich hätte — gestern —“.</p> - -<p>Gert schwieg. Kurz darauf sagte er müde:</p> - -<p>„Ich verstehe dich ja doch nicht.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span></p> - -<p>Da schoß plötzlich in ihr das Verlangen hoch, ihm wehe zu tun:</p> - -<p>„Einesteils kann man doch sagen, eine zweite oder dritte Person spielt -eine Rolle dabei.“</p> - -<p>Er sah auf, fragend. Dann griff er plötzlich nach ihr:</p> - -<p>„Jenny, Herr Jesus — was meinst du —!“</p> - -<p>Sie bereute es schon, rot und hastig sagte sie:</p> - -<p>„Nun — meine Arbeit — also die Kunst.“</p> - -<p>Gert Gram hatte sich vor ihr auf die Knie erhoben:</p> - -<p>„Jenny — ist etwas — Besonderes — du sollst die Wahrheit sagen — du -darfst nicht lügen. Ist etwas mit dir vorgefallen? — Sprich —“</p> - -<p>Einen Augenblick versuchte sie, ihm frei in die Augen zu schauen. Dann -senkte sie den Kopf. Gert Gram aber sank vorn über, das Gesicht in -ihrem Schoß bergend:</p> - -<p>„O Gott, o Gott. Ach Gott im Himmel —“</p> - -<p>„Gert! Lieber, Lieber! Ach, nicht doch Gert! Du reiztest mich mit -deinen Vermutungen über einen anderen,“ sagte sie gedemütigt. „Ich -hätte es nicht sagen sollen. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zu -sagen — vielleicht später.“</p> - -<p>„Das hätte ich dir nie verziehen,“ sagte Gram. „Wenn du es mir nicht -gesagt hättest. Aber — du mußt es doch schon eine Zeitlang gewußt -haben,“ meinte er plötzlich. „Weißt du — wie weit du bist?“</p> - -<p>„Im dritten Monat,“ sagte sie kurz.</p> - -<p>„Aber Jenny,“ er faßte entsetzt ihre beiden Hände, „jetzt kannst -du dich ja nicht — von mir trennen, so ohne weiteres, meine ich. -<em class="gesperrt">Jetzt</em> können wir ja nicht auseinandergehen.“</p> - -<p>„Doch.“ Sie strich ihm liebkosend über das Gesicht. „Doch. Wäre -es nicht so gekommen, so hätte ich es wohl noch eine Zeitlang so -weitergetrieben. Aber jetzt mußte ich der Sache in die Augen schauen — -und alles klarstellen.“</p> - -<p>Er lag eine Weile still da.</p> - -<p>„Hör einmal zu, Kind. Du weißt, ich wurde im vergangenen Monat -geschieden. In zwei Jahren bin ich<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> frei. Dann komme ich zu dir. -Ich gebe dir — und dem da — meinen Namen. Ich verlange nichts, -verstehst du — <em class="gesperrt">nichts</em>. Aber ich fordere mein Recht, dich wieder -aufzurichten, wie ich es dir schuldig bin. Weiß Gott, ich werde genug -darunter leiden, daß es nicht eher sein kann. Aber ich verlange nichts, -das ist selbstverständlich. Du sollst nicht im geringsten an mich alten -Mann gebunden sein —“</p> - -<p>„Gert. Ich bin froh, daß du von ihr geschieden bist. Aber ich sage -dir ein für allemal: ich heirate dich nicht, wenn ich nicht deine -richtige Frau werden kann. Es ist nicht der Jahre wegen, die zwischen -uns liegen. Hätte ich nicht das Gefühl, Gert, daß ich niemals ganz dein -gewesen bin, wie es hätte sein sollen, so bliebe ich bei dir, als dein -Weib, solange du jung wärst, als deine Freundin, wenn das Alter käme, -deine Krankenschwester, gern, willig und glücklich. Aber ich weiß, ich -kann dir nicht das sein, was eine Frau sein soll. Um der Leute willen -gehe ich aber nicht hin und verspreche etwas, was ich nicht halten -kann, weder vor dem Pfarrer, noch dem Bürgermeister.“</p> - -<p>„Oh, aber Jenny, das ist doch Wahnsinn von dir.“</p> - -<p>„Du bringst mich jedenfalls nicht davon ab,“ sagte sie hastig.</p> - -<p>„Ja, aber Kind, was willst du denn tun? Nein, ich kann es nicht -zulassen. Was soll denn mit dir werden? Kleines, du mußt verstehen — -du mußt mich dir helfen lassen, Jenny.“</p> - -<p>„Still, lieber Freund. Du siehst ja, ich trage es ganz ruhig. Wenn man -erst davorsteht, ist es eigentlich nicht so gefährlich, wie man sich -immer einbildet. Glücklicherweise habe ich noch etwas Geld.“</p> - -<p>„Aber die Menschen, Jenny — sie werden häßlich gegen dich sein — dich -in Verruf bringen.“</p> - -<p>„Das vermag niemand. Meine einzige Schande ist, Gert, daß ich dich -deine Liebe an mir verschwenden ließ.“</p> - -<p>„Ach, dieser Unsinn! Nein, aber die Leute — du weißt nicht, wie -herzlos sie sind, wie sie dich mit ihrer<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> Bosheit mißhandeln, dich -kränken und dich verletzen werden.“</p> - -<p>„Daraus mache ich mir nicht viel, Gert.“ Sie lachte ein wenig. -„Uebrigens bin ich Gott sei Dank Künstlerin. Man erwartet fast -nichts anderes von uns, als daß wir hin und wieder einen Skandal -heraufbeschwören.“</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf. Aus einem plötzlichen, verzweifelten Reuegefühl -darüber, daß sie es ihm gesagt, daß sie ihm wehgetan hatte, zog sie ihn -fest an sich:</p> - -<p>„Du Lieber, du <em class="gesperrt">darfst</em> nicht so unglücklich sein, hörst du? Ich -bin es auch nicht, wie du siehst. Im Gegenteil, manchmal bin ich froh. -Wenn ich versuche, richtig darüber nachzudenken, was es eigentlich -bedeutet, daß ich ein Kind bekomme, mein eigenes, kleines, süßes Kind, -so kann ich es gar nicht fassen. Ich glaube sicher, daß ich glücklich -werde, so glücklich, daß ich es mir noch gar nicht vorstellen kann. Ein -lebendiges, kleines Menschlein, das nur mir gehört, das ich lieben, für -das ich leben und arbeiten werde. Manchmal denke ich, daß erst jetzt -Sinn in mein Leben und meine Arbeit kommt. Glaubst du vielleicht nicht, -daß ich mir einen Namen machen könnte, der für mein Kind gut genug ist, -Gert? Nur das macht mich noch etwas mutlos, daß ich noch nicht recht -weiß, wie es wird, und dann, daß du so traurig bist. O Gert, ich bin -vielleicht arm und nüchtern, egoistisch und all so etwas, aber ich bin -schließlich eine Frau, ich <em class="gesperrt">muß</em> mich doch darüber freuen, daß ich -Mutter werde.“</p> - -<p>„Jenny.“ Er küßte ihre Hände. „Arme, kleine tapfere Jenny. Es ist -beinahe noch schlimmer für mich, daß du es so auffaßt,“ sagte er leise.</p> - -<p>Jenny lächelte weh:</p> - -<p>„Oh, es wäre doch wohl schlimmer für dich, wenn ich es anders -auffaßte.“</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p> - -<h3 id="III_V">V.</h3> - -</div> - -<p>Zehn Tage später reiste Jenny nach Kopenhagen. Die Mutter und Bodil -Berner gaben ihr in der frühen Morgenstunde das Geleite zum Bahnhof.</p> - -<p>„Du hast es gut, du Glückspilz,“ sagte Bodil und lachte über ihr ganzes -weiches braunes Gesichtchen. Dann gähnte sie, daß die Tränen ihr in die -Augen stiegen.</p> - -<p>„Es muß auch solche geben.“ Jenny lachte ebenfalls. „Dir geht es auch -nicht gerade schlecht, finde ich.“</p> - -<p>Aber sie fühlte mehr und mehr, daß sie nahe daran war, in Tränen -auszubrechen, während sie ihre Mutter zum Abschied küßte. Sie stand am -Abteilfenster und starrte sie an. Ihr war, als hätte sie diese ganze -Zeit hindurch ihre Mutter niemals richtig angesehen. Diese schlanke und -schmächtige, ein wenig gebeugte Gestalt. Man sah fast nicht, wie grau -das Haar geworden, so blond war Frau Berner. In ihren Zügen lag etwas -seltsam Unberührtes, Mädchenhaftes, trotz der vielen Fältchen. Aber -es war, als ob die Jahre und nicht das Leben ihr Gesicht gezeichnet -hatten. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte.</p> - -<p>Wenn sie es nun einmal erführe. Nein, Jenny würde nie den Mut haben, es -zu sagen und zuzusehen, wie die Mutter den Schlag ertragen würde. Sie, -die nichts gewußt hatte und nichts verstehen würde. Hätte Jenny nicht -fortreisen können — dann wußte sie, hätte sie es nicht überlebt. Nicht -aus Liebe, aus Feigheit. Einmal mußte sie es ja sagen, und von draußen -her war sie eher dazu imstande.</p> - -<p>In dem Augenblick, als der Zug anruckte und davon zu gleiten begann, -erblickte sie Gert. Er kam langsam den Bahnsteig herauf; hinter den -anderen, Mutter und Schwester, die mit ihren Taschentüchern winkten, -grüßte er herüber. Wie bleich er war.</p> - -<p class="mtop2">Der erste September. Jenny saß am Fenster und sah hinaus in die -vorübergleitende Landschaft.</p> - -<p>Es wurde ein schöner Tag. Die Luft war so klar und frisch, der Himmel -so dunkelblau und die Wolken so weiß.<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> Der Tau lag schwer und grau -über den saftiggrünen Wiesen, auf denen der Margueriten später Flor -schimmerte. Nach dem heißen Sommer waren die Birken am Waldrande -ganz gelb und über den Waldboden hin schlängelte sich kupferrotes -Blaubeerengebüsch. Die Büschel der Ebereschen waren blutrot, aber an -einer etwas tiefgelegenen fruchtbaren Stelle hingen sie noch dunkelgrün -im Laub. Welche Farben!</p> - -<p>Auf den kleinen Hügeln zwischen den Wiesen lagen die alten, -silbergrauen Gehöfte, auch neue, weißschimmernde und gelbe, mit roten -Nebengebäuden. Davor standen alte verkrüppelte Apfelbäume mit gelben -und glasgrünen Früchten in dunklem Laub.</p> - -<p>Immer wieder blendeten Tränen ihren Blick. Wenn sie zurückkehrte — ob -sie jemals hierher zurückkam?</p> - -<p>Bei Moß trat der Fjord leuchtend blau hervor. Die Stadt zog sich -mit ihren roten Fabrikmauern am Kanal entlang, die kleinen bunten -Holzhäuser inmitten der Gärten lachten herüber. Sie hatte so oft -gedacht, wenn sie vorüberfuhr, hier wollte sie sich einen Sommer über -niederlassen und malen.</p> - -<p>Der Zug brauste an der kleinen ländlichen Station vorüber, wo man nach -Tegneby ausstieg. Jenny sah über die Aecker, dort lief die Fahrstraße. -Der Hof lag weit drüben hinter dem Nadelwäldchen.</p> - -<p>Sie erblickte den Kirchturm. Eigenartige kleine Cesca, sie ging oft -in die Kirche, fühlte sich sicher und geborgen in der alten Stimmung, -die dort überirdischen Kräften entsprang. Sie glaubte an etwas, wußte -selbst nicht, was, aber sie hatte sich eine Art Gott zurechtgemacht.</p> - -<p>Sie war doch froh darüber, daß Cesca jetzt besser mit ihrem Mann -zusammenzuleben schien. Er habe sie nicht verstanden, schrieb sie, -aber er sei doch so wunderbar zart und lieb gewesen, und fest davon -überzeugt, daß sie mit Willen nie etwas Schlechtes tun würde.</p> - -<p>Seltsame kleine Cesca. Ihr <em class="gesperrt">mußte</em> es ja schließlich gut gehen. -Cesca war rechtschaffen und gut. Gerade<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> das aber war sie selber nicht, -keines von beiden im eigentlichen Sinne.</p> - -<p>Wenn sie nur der Mutter Tränen nicht sah, so konnte sie es eher -ertragen, ihr Kummer zu machen. — Das hieß mit anderen Worten nur, sie -fürchtete Tränen.</p> - -<p>Und Gert. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ein geradezu körperlicher -Schmerz durchfuhr sie — Verzweiflung, Widerwillen, so tief, daß sie -fast alle Kraft verlor und völlig gleichgültig wurde gegen alles.</p> - -<p>Diese fürchterlichen letzten Tage in Kristiania mit ihm. Schließlich -hatte sie nachgegeben.</p> - -<p>Er wollte nach Kopenhagen kommen. Sie hatte versprechen müssen, -irgendwo in Dänemark aufs Land zu gehen, wo er sie besuchen könnte. -Gott mochte wissen, ob sie der Sache jemals würde ein Ende machen -können.</p> - -<p>Schließlich blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihm das Kind zu -übergeben und ihn zu verlassen. Ja, denn alles, was sie ihm gesagt -hatte, daß sie sich darauf freute und so weiter, war Lüge. Auf Tegneby -hatte sie ein solches Gefühl des öfteren gehabt, denn dort hatte sie -nur daran gedacht, daß es ihr Kind war und nicht das seine. Sollte es -jedoch eine lebendige Fessel zwischen ihr und ihrer Schande werden, so -wollte sie es um keinen Preis behalten. Sie würde es hassen müssen — -sie haßte es ja schon, wenn sie an die letzten Tage in der Stadt dachte.</p> - -<p>Das krankhafte Verlangen, aus Herzenslust zu schluchzen, war vorüber. -Sie fühlte sich trocken und hart, als ob sie niemals wieder weinen -könnte.</p> - -<p class="mtop2">Eine Woche später, als Gert Gram kam, war sie so müde und gleichgültig, -daß sie gute Laune vortäuschen konnte. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte, -in sein Hotel hinüberzuziehen, so hätte sie es getan. Sie veranlaßte -ihn, mit ihr ins Theater zu gehen, außerhalb zu Abend zu essen und -eines Tages bei schönem Wetter mit ihr nach Fredensborg zu fahren. Sie -sah, daß es ihm gut tat, wenn sie sich munter und frisch gab.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p> - -<p>Sie dachte kaum mehr nach. Ohne Anstrengung konnte sie ihre Gedanken -ausschalten. In Wirklichkeit war ihr Gehirn kraftlos. Wie ein dauerndes -mahnendes Erinnern war es nur, daß sich ihr die Brust schmerzhaft -spannte und daß das Korsett sie behinderte.</p> - -<p>Jenny hatte sich bei einer Lehrerswitwe auf Westseeland eingemietet. -Gram begleitete sie dorthinaus und reiste am Abend nach Kopenhagen -zurück. So war sie endlich allein.</p> - -<p>Sie hatte aufs Geratewohl gemietet. Während ihres Studienaufenthaltes -in Kopenhagen war sie einen Tag über mit einigen Kameradinnen in dem -Dorfe gewesen; sie hatten im Krug gegessen und bei den Dünen gebadet. -Sie entsann sich, daß es dort schön war, und als auf ihre Anzeige eine -Frau Rasmussen dort sich erboten hatte, die junge Dame aufzunehmen, die -ihre Niederkunft erwartete, da griff sie zu.</p> - -<p>Eigentlich fühlte sie sich wohl. Allerdings wohnte die Lehrerswitwe -in einem elend häßlichen, winzigkleinen gelben Backsteinhaus etwas -außerhalb des Dorfes, an der Landstraße, die sich staubig und ohne Ende -zwischen offenen, bestellten Feldern hinzog. Aber Jenny mochte ihr -Zimmer gern mit der Tapete in Berlinerblau und den Lithographien nach -Exner an den Wänden, mit den weißen, gehäkelten Deckchen ringsumher, -auf dem Bett, dem amerikanischen Schaukelstuhl und der Kommode, auf die -Frau Rasmussen bei Jennys Ankunft einen großen Rosenstrauß gestellt -hatte.</p> - -<p>Draußen vor den beiden Fensterchen lief die Landstraße vorbei. Im -Vorgärtchen blühten Rosen, Geranien und „Christi Blutstropfen“, -ungeachtet all des Staubes, mit dem sie gepudert waren. Jenseits der -Straße erhob sich ein nackter Hügelkamm im Acker. Steinwälle, an deren -Hängen struppige, leuchtende Herbstblumen zwischen Brombeerhecken -wucherten, teilten den Hügel in weiße Stoppelfelder, blaugrüne -Rübenäcker und braungrüne Wiesen, umrändert von zackigen, zerzausten -Weidenbüschen. War die Abendsonne aus Jennys Kammer geschwunden,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> so -flammte der Himmel über dem Hügelkamm und den spärlichen Zweiglein der -Weiden auf.</p> - -<p>Hinter ihrem Zimmer ging eine kleine puppenstubenartige Küche mit -rotem Backsteinfußboden, auf den Hof hinaus, wo die Hühner der Witwe -gackerten und die Tauben gurrten. Ein kleiner Flur lief quer durch das -ganze Haus. Auf der anderen Seite lag Frau Rasmussens Stube mit Blumen -vor den Fenstern und gehäkelten Decken überall, Daguerreotypien und -Photographien an den Wänden, einem kleinen Bücherschrank mit religiösen -Schriften in schwarzem Pappeinband, einigen Jahrgängen von „Frem“ und -Gyldendals Serien in Prachtbänden. Dahinter befand sich ein Zimmerchen, -in dem die Luft immer merkwürdig dick war, und das ein unbestimmbarer -Geruch erfüllte, obgleich es vor Sauberkeit blitzte. Hier schlief sie -selbst und konnte nicht hören, wenn sich ihre Pensionärin jenseits des -Ganges Nacht für Nacht in den Schlaf weinte.</p> - -<p>Frau Rasmussen war übrigens nicht so schlimm. Groß und schlottrig -schlürfte sie in einer Art von Filzschuhen leise umher; immer sah sie -gleichmäßig sorgenvoll aus mit ihrem langen gelben Pferdegesicht, -unter dem graugesprenkelten Haar, das mit einem drolligen kleinen -Schwung über jedem Ohr weggestrichen war. Sie sprach fast gar nicht, -höchstens stellte sie einige besorgte Fragen, ob das gnädige Fräulein -mit dem Essen und dem Zimmer zufrieden sei. Selbst wenn Jenny nach dem -Mittagessen sich hin und wieder mit ihrer Handarbeit in das Wohnzimmer -zu Frau Rasmussen setzte, schwiegen sie still. Jenny war ihr besonders -dafür dankbar, daß Frau Rasmussen niemals ihren Zustand erwähnte; nur -ein einziges Mal hatte sie ängstlich gefragt, als Jenny mit ihrem -Malgerät hinausging, ob das wohl dem gnädigen Fräulein nicht schaden -könnte.</p> - -<p>Sie arbeitete in der ersten Zeit eifrig, stand hinter einem Steinwall -mit ihrer Feldstaffelei, die der scharfe Wind fast umblies. Unter dem -Wall erstreckte sich das gelbe Stoppelfeld eines endlosen Roggenackers -bis zum Moor hinab, wo sich weißes Wollgras an blauen Wasserlöchern<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> -hinzog, wo samtschwarze Torfmieten auf saftiggrünem Wiesengrund lagen. -Hinter dem Sumpf wellte sich das Land mit grünen Rübenfeldern, Wiesen -und gemähten Roggenäckern, mit kalkweißen Bauernhöfen in üppigen, -dunkelgrünen Hainen — bis hinüber zum frischen, blauen Fjord. Der -Strand lief in Bogen und Zungen, mit weißgelbem Sand und kurzem, -vergilbtem Gras, in die See hinaus. Gegen Norden fiel der Hügel, vom -Heidekraut braun gefärbt, mit der Windmühle auf der Spitze, in steilen, -gelben Sanddünen zum blauen Fjord ab. Schatten und Licht wechselten auf -dem offenen Lande ab, je nachdem wie die Wolken über den weißen, ewig -blauen unruhigen Himmel wanderten.</p> - -<p>Wenn Jenny müde wurde, legte sie sich am Walle nieder, starrte in den -Himmel und über den Fjord. Sie konnte nicht längere Zeit hintereinander -stehen, doch das reizte sie nur, weiterzuarbeiten. Zwei kleinere Bilder -vollendete sie oben auf dem Wall, und freute sich selbst an ihnen. -Eines malte sie vom Dorfe unten, wo die weißgekalkten Häuser, umgeben -von Kletterrosen und Georginen, um einen sammetgrünen Dorfteich lagen. -Ihre Strohdächer hingen bis über die Fensterscheiben hinab, die rote -Backsteinkirche erhob ihren treppengiebligen Turm über die Laubmassen -des Pfarrhausgartens. Es machte sie aber nervös, daß die Leute zu -ihr kamen und ihr zusahen; die weißhaarigen Jungen umstanden sie in -Knäueln, während sie malte. Als das Bild dann fertig war, zog sie mit -ihrer Staffelei wieder hinauf zum Wall, der See entgegen.</p> - -<p>Dann kam aber im Oktober der Regen; es goß ein oder zwei Wochen lang. -Ab und zu klärte es sich etwas auf und ein trüber, gelber Lichtstreifen -glitt durch die Wolken, über dem Hügel mit den traurigen Weidenbüschen -hin, und die Wasserpfützen lagen ein Weilchen blank da. Dann regnete es -wieder.</p> - -<p>Jenny lieh sich Frau Rasmussens Bücher und ließ sich die Muster der -gestrickten Spitzen an ihren Gardinen zeigen. Aber es wurde nicht viel, -weder mit dem Lesen<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> noch mit dem Stricken. Sie saß den lieben langen -Tag im Schaukelstuhl am Fenster und war nicht einmal imstande, sich -ordentlich anzuziehen, sondern schlüpfte nur in ihren verwaschenen -Kimono.</p> - -<p>Sie litt furchtbar darunter, daß ihre Schwangerschaft nach und nach -sichtbar wurde.</p> - -<p class="mtop2">Da meldete Gert Gram seinen Besuch. Schon zwei Tage später kam er am -frühen Morgen in strömendem Regen angefahren. Er blieb eine Woche, -wohnte im Bahnhofshotel, eine halbe Meile entfernt, war aber den -ganzen Tag bei ihr draußen. Als er abreiste, versprach er, bald -wiederzukommen, vielleicht schon in sechs Wochen.</p> - -<p>Jenny lag die Nächte hindurch bei brennender Lampe wach. Sie wußte nur, -sie konnte das nicht mehr ertragen. Es war zu furchtbar gewesen.</p> - -<p>Unerträglich war es — alles — von seinem ersten teilnehmenden, -besorgten Blick an, als er sie in dem neuen dunkelblauen Hängerkleid -erblickte, welches das Nähmädchen im Dorf für sie angefertigt hatte. -„Wie schön du bist,“ hatte er gesagt und gemeint, sie gliche einer -Madonna. Reizende Madonna! O ja. — Sein vorsichtiger Arm um ihren -Leib, seine langen behutsamen Küsse auf ihre Stirn — ihr war, als -sollte sie sterben vor Scham. Ja, wie er sie gepeinigt hatte mit seiner -liebevollen Besorgnis um ihre Gesundheit, mit seinen Ermahnungen, für -Bewegung zu sorgen. Als einmal eine Pause zwischen den Regenschauern -eintrat, hatte er sie mit hinaus auf einen Spaziergang geschleppt, und -sie mußte sich um jeden Preis bei ihm einhängen und sich auf seinen Arm -stützen. Eines Abends besah er verstohlen ihre Handarbeit — er hatte -sicher erwartet, daß sie damit beschäftigt sei, Windeln zu säumen.</p> - -<p>Es war ja keine böse Absicht von ihm. Aber darum war auch keine -Hoffnung vorhanden, daß es besser sein würde, wenn er wiederkam, im -Gegenteil. Aber sie konnte auch nicht mehr. —</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span></p> - -<p>Eines Tages bekam sie einen Brief von ihm, in dem er unter anderem -schrieb, daß sie auf jeden Fall einen Arzt zu Rate ziehen müsse.</p> - -<p>Am nämlichen Abend schrieb sie einen kurzen Brief an Gunnar Heggen: -sie erwarte im Februar ein Kind; ob er ihr die Adresse eines stillen -Ortes in Deutschland verschaffen könne, wo sie bleiben könne, bis es -überstanden sei.</p> - -<p>Er antwortet umgehend:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft1 mbot1">Liebe Jenny!</p> - -<p>Ich habe in zwei hiesigen Zeitungen annonciert und schicke dir alle -Briefe zu, wenn sie kommen; dann kannst du sie dir selbst ansehen. -Falls du willst, daß ich irgendwo hinreise und mir für dich etwas -ansehe, ehe du mietest, so weißt du, daß ich es mit Vergnügen -tue, und überhaupt kannst du in jeder Weise über mich verfügen. -Schreibe, wann du reisest und welchen Weg, ob du willst, daß ich dir -entgegenkommen, oder ob ich dir mit irgend etwas anderem helfen kann. -Was du mir erzählst, hat mich sehr betroffen, aber ich weiß ja, du -bist verhältnismäßig stark genug, um einen Stoß zu vertragen. Willst -du mir bitte schreiben, ob ich dir noch in anderen Sachen beistehen -kann? Du weißt, ich würde mich freuen, dir einen Dienst zu erweisen. -— Ich höre, du hast ein gutes Bild auf der Staatsausstellung — -herzlichen Glückwunsch!</p> - -<p>Viele Grüße von Deinem alten Freunde</p> - -<div class="right mright2">G. H.</div> - -</div> - -<p>Einige Tage später kam ein ganzes Paket Briefe. Jenny buchstabierte -sich durch einen Teil der Schreiben hindurch, die vielfach mit -fürchterlichen Krähenfüßen bemalt waren. Dann schrieb sie an Frau -Schlessinger in der Umgegend von Warnemünde und mietete dort vom -fünfzehnten Oktober ab, teilte Gunnar ihren Entschluß mit und kündigte -Frau Rasmussen.</p> - -<p>Erst am letzten Abend schrieb sie an Gert Gram:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span></p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft1 mbot1">Lieber Freund!</p> - -<p>Ich habe einen Entschluß gefaßt, der Dir, wie ich fürchte, wehe tun -wird. Aber Du darfst mir nicht zürnen. Ich bin so müde und nervös, -weiß selbst, daß ich ungerecht und häßlich gegen Dich war, als Du -hier warst, und das möchte ich so ungern. Daher will ich Dich nicht -eher sehen, als bis alles überstanden ist und ich wieder in normalem -Zustande bin. Ich reise morgen früh ins Ausland — meine Adresse -gebe ich vorläufig nicht an, Briefe kannst Du mir aber durch Frau -Franziska Ahlin, Varberg, Schweden, senden; ich schreibe vorläufig -über sie an Dich. Du darfst Dich meinetwegen nicht ängstigen; ich -bin frisch und es geht mir recht gut, aber, Lieber, versuche nicht, -bis auf weiteres anders mit mir in Verbindung zu kommen, ich bitte -Dich inständig. Und sei mir nicht allzu böse, aber ich glaube, dieser -Ausweg ist für uns beide der beste. Versuche, um meinetwillen so -wenig betrübt und besorgt zu sein, wie es Dir möglich ist.</p> - -<div class="right mright2"><span class="mright4">Deine</span><br /> - -Jenny Winge.</div> - -</div> - -<p>So zog sie denn zu einer neuen Witwe in ein neues Häuschen, diesmal ein -rotes mit weißgekalkten Fenstersimsen. Es lag in einem kleinen Garten -mit fliesenbedeckten Wegen und Muscheln am Rande der Beete, auf denen -schwarze, verfaulte Astern und Georginen standen. Etwa zwanzig bis -dreißig solcher Häuser lagen an einem Stückchen Straße entlang, die von -einem Bahnhof bis zu einem Fischerhafen hinabführte, wo die See sich an -langen Steinmolen brach. Eine Strecke entfernt, drüben auf dem weißen -Strand, wo der Tang in Massen hereintrieb, lag ein kleines Badehotel -mit verschlossenen Läden. Ins Land hinein erstreckten sich endlose Wege -mit nackten, struppigen Pappeln, die sich im Winde neigten, vorbei an -kleinen Steingehöften mit einem Stümpfchen Vorgarten und ein bis zwei -großen schwarzen Heumieten, über unendliche<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> schwarze Felder und Moore. -Des Morgens war das Land mitunter von wässriggrauem frischem Schnee -bedeckt, der im Laufe des Tages schwand.</p> - -<p>Jenny wanderte die Straßen hinauf, so weit sie konnte, dann kam sie -nach Haus und saß in ihrem Zimmerchen, das diesmal mit den prächtigsten -Nippessachen überfüllt war, mit farbigen Gipsreliefs von Ritterburgen -und munteren Wirtshausszenen in Messingrahmen. Sie war nicht einmal -imstande, das nasse Schuhzeug zu wechseln, Frau Schlessinger -zog ihr Stiefel und Strümpfe aus, ununterbrochen schwatzend und -Jenny ermahnend, guten Mutes zu sein. Sie erzählte von all den -Leidensgenossinnen Jennys, die sie im Hause gehabt hatte — jetzt war -die eine oder andere verheiratet und es ging ihnen gut, ja!</p> - -<p>Sie hatte etwa einen Monat hier gewohnt, als Frau Schlessinger -hereinkullerte, aufgeregt und strahlend — es sei ein Herr gekommen, -der das gnädige Fräulein begrüßen wollte.</p> - -<p>Jenny saß gelähmt vor Angst. Dann konnte sie fragen, wie der Herr -aussähe. Ganz jung, sagte Frau Schlessinger, und sie lächelte lauernd. -Sollte es Gunnar sein? Sie erhob sich, — aber dann warf sie das -Reiseplaid über, hüllte sich ganz darin ein und kroch in den tiefsten -Lehnstuhl.</p> - -<p>Frau Schlessinger wackelte entzückt hinaus, um den Herrn hereinzuholen. -Sie führte Gunnar zu Jenny hin und verweilte, glücklich lächelnd, einen -Augenblick in der Tür, ehe sie verschwand.</p> - -<p>Er preßte ihre Hände, daß es wehe tat. Aber er lachte strahlend:</p> - -<p>„Ich muß doch einmal nach dir sehen, wie es dir geht. — Ich finde -allerdings, du hast dir ein trauriges Stück Erde ausgesucht, aber -jedenfalls ist hier frische Luft.“ Er schüttelte ein wenig Wasser von -seinem Filzhut, den er in der Hand gehalten hatte.</p> - -<p>Jenny machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wollte, blieb -jedoch sitzen und sagte errötend: „Vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> bist du so lieb und -läutest für mich. Du sollst jetzt Tee — und Essen bekommen!“</p> - -<p>Heggen aß wie ein Wolf und plauderte unterdeß beständig. Er war -begeistert von Berlin; er wohnte oben in Moabit, im Arbeiterviertel, -und sprach mit gleichem Entzücken von deutschen Sozialdemokraten wie -vom Militarismus — „ja, an denen ist so was herrlich Maskulines, -siehst du. Das eine folgt außerdem aus dem anderen.“ Er hatte ein paar -großindustrielle Betriebe zu sehen bekommen, auch das Nachtleben hatte -er ein wenig studieren müssen, da er auf einen norwegischen Ingenieur -gestoßen war, der sich dort auf der Hochzeitsreise befand, und auf -eine norwegische Familie mit zwei reizenden, anmutigen Töchtern — die -jungen Damen waren förmlich begeistert nachdem sie das Laster ein wenig -aus der Nähe gesehen hatten.</p> - -<p>„Uebrigens entzweite ich mich mit ihnen. Ich schlug nämlich Fräulein -Paulsen eines späten Abends vor, mit zu mir nach Haus zu kommen —.“</p> - -<p>„Nein, aber Gunnar —“.</p> - -<p>„Ja, Teufel auch, ich war eben etwas betrunken, das kannst du dir wohl -denken, und dann war es doch nur Scherz, weißt du. Das hätte ja bloß -gefehlt, daß sie darauf eingegangen wäre — dann hätte ich hübsch in -der Tinte gesessen. Hätte mich vielleicht mit einem Mädel verheiraten -müssen, das sich damit amüsiert, an solchen Dingen zu schnuppern — -nein, danke. Es machte mir nur Spaß, zu sehen, wie sie sich sittlich -entrüstete. Nun, Gefahr war nicht vorhanden — diese Art Mädchen gibt -nicht ihr Kleinod hin, ohne sich die Valuta zu sichern —.“</p> - -<p>Er wurde plötzlich rot. Es kam ihm in den Sinn, daß Jenny es taktlos -finden könnte, wenn er so zu ihr sprach — jetzt. Aber sie lachte nur:</p> - -<p>„O, bist du verrückt, Junge!“</p> - -<p>Die unnatürliche, quälende Scheu war nach und nach von ihr gewichen. -Heggen fuhr fort zu plaudern. Einige Male, wenn sie es nicht sah, -hingen seine Augen ängstlich an ihrem Gesicht. Herrgott, wie war sie -mager und<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> hohläugig geworden — so gefurcht um den Mund. Die Sehnen am -Halse traten hervor, und ein paar häßliche Streifen zogen sich über die -Kehle.</p> - -<p>Es war trockenes Wetter geworden, so daß sie einen Spaziergang mit ihm -machen wollte.</p> - -<p>Ueber die öde Landstraße mit den verwehten Pappeln hin gingen sie durch -den Seenebel, Jenny schwerfällig und müde.</p> - -<p>„Nimm doch meinen Arm,“ sagte Gunnar beiläufig, was sie auch tat.</p> - -<p>„Ich finde es hier schrecklich trübselig, Jenny. Weißt du was, wäre es -nicht besser, du reistest nach Berlin?“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Dort hast du die Museen und so viel anderes. Jemand, mit dem du -zusammen sein kannst. Oder mach’ wenigstens eine kleine Reise dort -hinunter, um dich aufzumuntern. Ich finde, hier muß es langweilig sein.“</p> - -<p>„Ach nein, Gunnar, du kannst dir doch denken — nicht jetzt —.“</p> - -<p>„In diesem Ulster siehst du so hübsch aus,“ sagte er kurz darauf -vorsichtig.</p> - -<p>Jenny senkte den Kopf.</p> - -<p>„Ich bin ein Tolpatsch,“ erklärte er plötzlich heftig. „Verzeih! Du -mußt mirs sagen, Jenny, wenn ich dich quäle.“</p> - -<p>„Nein, das tust du nicht.“ Sie sah auf. „Ich bin froh, daß du kamst.“</p> - -<p>„Ich verstehe ja, daß es schwer sein muß.“ Seine Stimme klang jetzt -ganz anders. „Ja, Jenny, ich verstehe es. Aber es ist mein Ernst, ich -glaube, du machst es dir noch schwerer, wenn du hier umherläufst — in -diesem Zustand. Ich finde, du solltest an einen anderen Ort reisen, -der weniger — trostlos ist!“ Er blickte hinaus über die dunklen -Wiesenstrecken und die Pappelreihen, die sich im Nebel verloren.</p> - -<p>„Frau Schlessinger ist aber so freundlich,“ sagte Jenny ausweichend.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p> - -<p>„Ja, Armes, das stimmt schon.“ Er begann zu lachen. „Sie verdächtigt -sicher mich, der Missetäter zu sein!“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Jenny, ebenfalls lachend.</p> - -<p>„Nun ja, Teufel auch.“ Sie gingen schweigend weiter. „Du — hast du dir -schon überlegt, wie du dir dein Leben einrichten willst in Zukunft?“</p> - -<p>„Ich weiß noch nicht recht. Du meinst wohl mit — dem Kinde? Ich -lasse es vielleicht — bis auf weiteres — bei Frau Schlessinger. Sie -wird es sicher ordentlich pflegen. Oder es adoptieren.“ Sie lachte. -„Man adoptiert ja mitunter solche Kinder. Du weißt, ich könnte mich -<em class="gesperrt">Frau</em> Winge nennen und darauf pfeifen, was die Leute denken —.“</p> - -<p>„Du bist also fest entschlossen, wie du schriebst, jegliche Verbindung -mit — dem betreffenden Vater des Kindes abzubrechen?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie hart. „Es ist nicht der, mit dem ich — verlobt war,“ -fügte sie nach einer Weile hinzu.</p> - -<p>„Na, Gott sei Dank!“ Es klang so herzlich, daß sie unwillkürlich -lächelte „Ja, weißt du was, Jenny, er war es wahrhaftig nicht wert, -reproduziert zu werden, für dich jedenfalls. Er hat übrigens seinen -Doktor gemacht, sah ich kürzlich. Nun ja, es hätte also schlimmer sein -können — ich fürchtete ja, siehst du —.“</p> - -<p>„Es ist sein Vater,“ sagte sie plötzlich.</p> - -<p>Heggen hielt inne.</p> - -<p>Als sie in Tränen ausbrach, wild und herzzerreißend, umfing er sie. -Er legte seine Hände um ihr Gesicht, während sie fortfuhr, an seiner -Schulter zu schluchzen.</p> - -<p>Sie begann zu erzählen, während sie so standen. Einmal blickte sie ihm -ins Antlitz — es war ganz bleich und verzerrt — da weinte sie aufs -neue.</p> - -<p>Als es vorüber war, hob er einen Augenblick ihren Kopf:</p> - -<p>„Herr Jesus, Jenny — so ist es dir ergangen! Ich begreife es nicht.“ —</p> - -<p class="mtop2">Sie gingen schweigend wieder zur Stadt zurück.</p> - -<p>„Komm mit mir nach Berlin,“ sagte er plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> bestimmt. „Ich ertrage -den Gedanken nicht. Es geht nicht, daß du hier allein bleibst und über -all das nachgrübelst —.“</p> - -<p>„Ich habe fast aufgehört zu grübeln,“ flüsterte sie matt.</p> - -<p>„Das Ganze ist überhaupt sinnlos!“ Er wurde so heftig, daß sie stehen -blieb. „Den Besten von euch geht es so! Und wir ahnen nicht, wie ihr es -tragt! Das ist sinnlos!“</p> - -<p class="mtop2">Heggen blieb drei Tage in Warnemünde. Jenny verstand es selber kaum, -warum ihr nach seinem Besuch so viel besser zumute war. Aber dieses -unleidliche Gefühl der Demütigung war geschwunden, sie sah ihr Geschick -jetzt mit viel ruhigeren und natürlicheren Augen an.</p> - -<p>Frau Schlessinger lief umher und lächelte froh und untertänig, obgleich -Jenny ihr erklärt hatte, daß dieser Herr ihr Vetter war.</p> - -<p>Er hatte ihr angeboten, ihr seine Bücher zu schicken, und bald kam eine -ganze Kiste voll an, zum Weihnachtsfest sandte er Blumen und Konfekt. -Jede Woche schrieb er lange Briefe von allen möglichen Dingen und -schickte Ausschnitte aus norwegischen Zeitungen. Zu ihrem Geburtstag -im Januar kam er selbst herauf und blieb zwei Tage, ihr einige neue -norwegische Bücher vom Fest her zurücklassend.</p> - -<p>Aber gleich nach seinem letzten Besuch erkrankte sie. Sie war elend, -matt, zerquält und hatte in der letzten Zeit nicht schlafen können. -Vorher hatte sie nur selten an die Geburt selbst gedacht und sich nicht -davor gefürchtet. Jetzt, bei den ständigen Schmerzen ergriff sie eine -fürchterliche Angst vor dem, was ihr bevorstand. Als sie sich dann -schließlich legen mußte, war sie von Angst und Schlaflosigkeit völlig -entkräftet.</p> - -<p>Es war eine schwere Geburt. Jenny war dem Tode näher als dem Leben, als -der Arzt, der von Warnemünde herbeigeholt worden war, endlich ihren -Jungen in seinen blutigen Händen hielt.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> - -<h3 id="III_VI">VI.</h3> - -</div> - -<p>Jennys Knabe lebte sechs Wochen — genau vierundvierzig und einen -halben Tag, sagte sie bitter zu sich selber, wenn sie wieder und wieder -die kurze Zeit überdachte, während der sie gewußt hatte, was es heißt, -glücklich zu sein.</p> - -<p>Sie weinte die ersten Tage danach nicht, ging nur um das tote Kind -herum und würgte tief in der Kehle. Sie nahm es hoch und liebkoste es:</p> - -<p>„Bübchen — Mutters kleiner, kleiner, süßer Junge — du darfst nicht — -hörst du — Bübchen darf nicht tot sein, verstehst du mich denn nicht —.“</p> - -<p>Der Knabe war klein und schwächlich gewesen, als er zur Welt kam. Aber -Jenny wie auch Frau Schlessinger meinten, daß er gedeihen und großartig -wachsen würde. Dann wurde er eines Morgens krank und starb gegen Mittag.</p> - -<p>Als er begraben war, begann sie zu weinen, und jetzt konnte sie -nicht innehalten. Sie schluchzte fast andauernd, Tag und Nacht, -wochenlang. Krank wurde sie auch, bekam eine Brustentzündung, so daß -Frau Schlessinger den Arzt holen mußte, der sie dann schnitt. — Die -körperlichen Schmerzen und die Verzweiflung ihrer Seele flossen zu -einem zusammen, den fürchterlichen Fiebernächten.</p> - -<p>Frau Schlessinger schlief im Zimmer nebenan. Wenn sie die merkwürdig -tierischen, erstickten Klagelaute aus dem Zimmer des jungen Mädchens -vernahm, wackelte sie entsetzt herbei und setzte sich auf einen Stuhl -vor dem Bett: „Um Gotteswillen, Fräulein —.“</p> - -<p>Sie pflegte Jenny und streichelte ihre mageren, klammen Hände mit ihren -dicken, warmen. Sie redete ihr gut zu. Es sei Gottes Wille, vielleicht -das Beste für den Jungen wie für das gnädige Fräulein selber. Fräulein -sei ja noch so jung —. Frau Schlessinger hatte selbst ihre beiden -Kinder verloren, die kleine Bertha, als sie zwei Jahre alt war, und -Wilhelm mit vierzehn Jahren,<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> so einen kecken Burschen. Sie waren doch -in gesetzlicher Ehe geboren und hatten ihre Stütze sein sollen, aber -dieser Kleine hier, er wäre ja nur eine Fessel an Fräuleins Fuß gewesen -— und Fräulein sei doch so jung und nett. Ach Gott, gewiß war er lieb -gewesen, der kleine Engel, ja, schwer genug sei es schon —.</p> - -<p>Ihren Mann hatte Frau Schlessinger auch verloren — ja. Und es gab -viele Leidensgenossinnen von Jenny, die Frau Schlessinger im Hause -gehabt hatte, deren Kinder gestorben waren — ja, einige seien froh -gewesen, einige hätten sie geradezu vernachlässigt, um sie loszuwerden -— ja, es war häßlich, aber was soll man dazu sagen? Einige hatten auch -geweint und gejammert wie jetzt Jenny, aber sie kamen mit der Zeit -darüber hinweg; die eine und die andere war jetzt verheiratet und hatte -es glücklich getroffen. Aber eine solche Verzweiflung wie beim gnädigen -Fräulein habe sie doch noch nie erlebt. Herrgott im Himmel!</p> - -<p>Daß der Vetter nach dem Süden gereist war, erst nach Dresden und -darauf nach Italien, gerade in jenen Tagen, als der Knabe starb, dem -schrieb Frau Schlessinger in ihrem Herzen einen großen Teil von Jennys -Verzweiflung zu. Ja, ja, so waren sie nun einmal, die Mannsleute.</p> - -<p>Unauflöslich verbunden mit der Erinnerung an diese wahnwitzigen, -qualerfüllten Nächte war seitdem für Jenny das Bild von Frau -Schlessinger, wie sie dort auf dem Stühlchen vor dem Bette saß, während -das Lampenlicht sich in den Tränen brach, die aus ihren freundlichen -Aeuglein sickerten und über ihre runden roten Apfelwangen tropften. -Ihr Mund, der nicht einen Augenblick still stand, ihr kleiner grauer -abstehender Zopf und ihre weiße Nachtjacke mit dem Zackenbesatz, ihr -Unterrock aus rosa und grau gestreiftem Flanell mit den gestickten -Zacken rings herum. Und das kleine Zimmer mit den Gipsreliefs in -Messingrahmen.</p> - -<p>Sie hatte Heggen von ihrem großen Glück geschrieben. Er hatte auch -geantwortet; er wäre gern gekommen, um sich den Buben anzuschauen, aber -die Reise war lang<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> und teuer, außerdem war er im Begriff, nach Italien -aufzubrechen. Später sei sie mit dem Prinzen willkommen und er sende -die besten Glückwünsche! —</p> - -<p>Als das Kind starb, war Heggen in Dresden: sie bekam einen langen -schönen Brief von ihm.</p> - -<p>An Gert hatte sie einige Zeilen geschrieben, sobald sie konnte. Sie gab -gleichzeitig ihre Adresse auf, bat ihn jedoch, nicht vor dem Frühling -herunterzukommen, dann wäre der Kleine groß und hübsch geworden. Jetzt -könnte wohl nur die Mutter sehen, wie prächtig er war. — Als sie -wieder aufgestanden war, sandte sie ihm ein längeres Schreiben.</p> - -<p>Am Tage, als das Kind begraben wurde, schrieb sie wieder und teilte in -wenigen Worten seinen Tod mit. Gleichzeitig erwähnte sie, daß sie am -selben Abend nach dem Süden reise und daß er nicht erwarten dürfe, von -ihr zu hören, bis sie ruhiger geworden: „Du brauchst dich nicht um mich -zu ängstigen,“ schrieb sie, „ich bin jetzt soweit vollkommen ruhig und -gefaßt, aber natürlich grenzenlos traurig.“</p> - -<p>Dieser Brief kreuzte sich mit einem von Gert Gram. Dieser lautete:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft2 mbot1">Meine kleine Jenny!</p> - -<p>Ich danke Dir für Deinen letzten Brief. Zu allererst muß ich Dir -sagen, da Du Dir scheinbar Vorwürfe machst in bezug auf Dein -Verhältnis zu mir; liebes kleines Mädchen, ich mache Dir ja keine, -und darum darfst Du es auch nicht. Du bist ja immer nur gut und -weich und liebevoll gegen Deinen Freund gewesen. Nie werde ich -Deine Zärtlichkeit und Deine Wärme aus der kurzen Zeit, da Du mich -liebtest, vergessen — Deine süße Jungfräulichkeit und feine, sanfte -Hingebung in den Tagen unseres kurzen Glücks.</p> - -<p>Unser Glück konnte nur kurz sein; das hätten wir beide wissen -müssen. Ich hätte es wissen <em class="gesperrt">müssen</em>. Du hättest es wohl wissen -<em class="gesperrt">können</em>, wenn Du nachgedacht<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> hättest; aber was denken zwei -Menschen, die sich zu einander hingezogen fühlen? Daß Du eines Tages -aufhörtest, mich zu lieben — glaubst Du, ich werfe Dir das vor? Wenn -es mir auch das bitterste Leid verursachte in meinem sonst nicht eben -glücklichen Leben — doppelt bitter für mich, da ich gleichzeitig -erfuhr, daß Du für unser Verhältnis nun durch dein ganzes Leben büßen -mußt.</p> - -<p>Aber nun sehe ich aus Deinem Briefe, daß diese Folgen, über die -ich sicher viel verzweifelter war als Du, was Du auch an Sorgen -und körperlichen Leiden durchgemacht haben magst, Dir dennoch eine -tiefere Freude, ein größeres Glück geschenkt haben, als es Dir sonst -im Leben begegnet ist. Ich sah, daß die Mutterfreude Dich ganz mit -Frieden, Lebensmut und Zufriedenheit erfüllte, so daß Du meinst, mit -Deinem Kinde im Arm genug Kraft zu besitzen, um alle Schwierigkeiten, -ökonomische wie soziale zu überwinden, die die Zukunft einer jungen -Frau in Deiner Lage bringen kann. Daß Du dies schreibst, macht mich -froher, als Du ahnen kannst. Für mich ist dies wiederum ein Beweis -für das Walten jener ewigen Gerechtigkeit, an der ich ja nicht -zweifle. Dir, die Du einen Irrtum begingst, weil Dein Herz warm und -zärtlich war und nach Zärtlichkeit dürstete, wird gerade dieser -Irrtum, der Dir so verzweifelte Stunden gebracht hat, schließlich all -das bescheren, wonach Du so brennend verlangtest, besser, schöner -und reiner, als Du es je erträumt. Schon jetzt, da dein Herz ganz -von Liebe zu Deinem Kinde erfüllt ist und später in noch höherem -Maße, wenn der kleine Bursche heranwächst, seine Mutter kennen lernt, -sich an sie hängt und ihre Liebe erwidern kann, stärker, tiefer und -bewußter mit jedem Jahre, das dahingeht.</p> - -<p>Und mir, der ich Deine Liebe entgegennahm, obgleich ich hätte -wissen müssen, daß ein Liebesverhältnis zwischen uns unmöglich und -unnatürlich war — mir haben diese Monate unerträgliches Leiden -und Trauern<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> gebracht — und einen Verlust, Jenny, einen Verlust, -wie Du ihn Dir nicht vorstellen kannst, den Verlust Deiner Person, -Deiner Jugend, Deiner Schönheit, Deiner gesegneten Liebe. Jede -kleinste Erinnerung an diese Dinge war durch die Reue verbittert — -diese ständig nagende Frage, wie konnte ich sie es tun lassen, wie -konnte ich es annehmen, wie konnte ich an ein Glück für mich mit ihr -glauben? Ja, Jenny, ich habe daran geglaubt, so wahnsinnig es auch -klingt, weil ich mich bei Dir so jung fühlte. Vergiß nicht, daß ich -meiner eigenen Jugend verlustig ging, und dies, als ich weit jünger -war als Du jetzt bist; der Jugend arbeitsfrohes Leben und frohes -Liebesglück durfte ich — durch eigene Schuld — nicht kennen lernen. -Und dies war die Strafe. Gespenstisch kehrte meine tote Jugend -zurück, als ich Dich gesehen — mein Herz fühlte sich nicht älter als -das Deine. Oh, Jenny, nichts auf der Welt ist fürchterlicher, als -wenn ein Mann alt und sein Herz jung geblieben ist.</p> - -<p>Du schreibst, Du sähest es gern, wenn ich später, sobald der Knabe -größer geworden ist, Dich besuchte, um mir unser Kind anzusehen. -Unser Kind — es ist ein so widersinniger Gedanke. Weißt Du, -woran ich dauernd denken muß? Kannst Du Dich des alten Joseph -entsinnen auf den italienischen Altarbildern, der immer abseits -oder im Hintergrunde zur Seite steht, zärtlich und wehmütig das -göttliche Kind und dessen junge, herrliche Mutter betrachtend, diese -beiden, die ganz von einander in Anspruch genommen sind, und seine -Anwesenheit gar nicht beachten. Liebe Jenny, mißverstehe mich nicht, -ich weiß ja, daß das Kindchen, das jetzt in Deinem Schoß liegt, auch -mein Fleisch und Blut ist und doch — wenn ich jetzt an Dich denke, -die Mutter geworden ist, dann komme ich mir wie der arme alte Joseph -vor, der draußen steht.</p> - -<p>Aber deshalb solltest Du ebensowenig Bedenken tragen, den Namen -als meine Gattin anzunehmen und den Schutz, der für Dich und Dein -Kind darin liegt,<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> wie Maria, als sie sich dem Joseph anvertraute. -Eigentlich finde ich, es ist nicht ganz richtig von Dir, dem Kinde -den Vatersnamen zu rauben, auf den es doch ein Anrecht hat — Du -magst soviel Selbstvertrauen haben wie Du willst. Selbstverständlich -ist es, daß Du im Falle einer solchen Ehe ebenso frei und ungebunden -bleibst wie sonst, und daß diese Ehe auch, sobald du es wünschest, -gesetzlich aufgehoben wird. Ich bitte Dich inständig, Dir dies -zu überlegen. Wir können uns im Auslande trauen lassen, wenn Du -es wünschest, und schon einige Monate danach können Schritte -zur Trennung getan werden. Du brauchst nie wieder nach Norwegen -zurückzukehren, geschweige denn unter einem Dach mit mir zu wohnen.</p> - -<p>Von mir selbst ist nicht viel zu berichten. Ich habe zwei kleine -Zimmer hier oben auf dem Haegdehaug ganz in der Nähe jenes -Landhauses, in dem ich geboren bin und bis zu meinem zehnten Jahre -gelebt habe, als mein Vater im Numetal Vogt wurde. Von meinem -Fenster aus sehe ich die Spitzen der beiden großen Kastanien an der -Eingangstür meines Vaterhauses. Sie haben sich nicht sonderlich -verändert. Hier oben beginnen die Abende bereits lang und licht und -lenzhaft zu werden, die Bäume zeichnen ihre nackten braunen Kronen -in den fahlgrünen Himmel, an dem einzelne goldene Sterne durch die -scharfe klare Luft funkeln. Abend für Abend sitze ich hier an meinem -Fenster und starre in die Ferne, während mein ganzes Leben in Träumen -und Erinnerungen an mir vorüberzieht. Ach, Jenny, wie hatte ich -jemals vergessen können, daß ein ganzes Leben zwischen Dir und mir -lag, ein Leben, fast doppelt so lang wie das Deine, ein Leben, von -dem mehr als die Hälfte in ununterbrochener Demütigung, Niederlage -und Schmerz dahingeschleppt worden ist. —</p> - -<p>Daß Du ohne Zorn und Bitterkeit an mich denkst, ist mehr, als ich -erhofft und erwartet habe. Das Glück, das durch jede Zeile Deines -Briefes atmet, hat mir so unsagbar wohlgetan. Gott segne und behüte -mein<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> Kind und Dich; alles Glück der Welt wünsche ich auf Dich und -das Kind herab. Ich habe Dich so unsäglich lieb, Du kleine Jenny, die -einst mein war.</p> - -<p class="right mright2"><span class="mright5">Dein treuer</span><br /> - -Gert Gram.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_VII">VII.</h3> - -</div> - -<p>Jenny blieb bei Frau Schlessinger wohnen. Dort war es billig — und sie -wußte nicht, wohin mit sich.</p> - -<p>Es lag Lenzeswehen in der Luft, über die gewaltige, offene -Himmelskuppel hin segelten schwere, vom Sonnenlicht verbrämte Wolken, -die wie Gold und Blut brannten und sich an den Abenden im unruhigen -Meer spiegelten, wenn sie draußen auf der Mole war. Die trübseligen, -dunklen Flächen im Lande wurden lichtgrün, die Pappeln schimmerten -braunrot von neuem Sproß, und dufteten lind und weich. Am Eisenbahndamm -wimmelte es von Veilchen und kleinen weißen und gelben Blumen. -Schließlich war die Ebene üppig grün, es sprühte von Farben an den -Wegrainen, schwefelgelbe Iris und große weiße Doldenpflanzen spiegelten -sich in den Wasserlöchern der Torfmieten. Eines schönen Tages strömte -süßer Heuduft über Land, der sich in dem salzigen Algengeruch vom -Strande her mischte.</p> - -<p>Das Badehotel wurde eröffnet und Sommergäste zogen in die kleinen -Häuser an der Mole. Es wimmelte von Kindern auf dem weißen -Sandstreifen. Sie kugelten sich im Sand und platschten barfuß ins -Wasser hinaus, Mütter, Kindermädchen und Ammen in Spreewäldertracht -saßen nähend im Grase und beaufsichtigten sie. Die Badehäuschen waren -ins Wasser gerollt worden, und kleine deutsche Backfische schrien und -juchten dort draußen. Luxussegler legten an der Mole an; Besuch kam aus -der Stadt, abends war Tanz im Badehotel; die kleine Tannenplantage war -voller Spaziergänger. Hier hatte Jenny zu Beginn des Frühlings in dem -struppigen Gras gelegen, dem Wellenschlag<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> und dem Sausen des Windes in -den zerzausten Kronen lauschend.</p> - -<p>Diese oder jene der Damen sandte ihr einen interessierten oder -teilnehmenden Blick nach, wenn sie den Weg am Badestrand entlang -spazierte, mit ihrem schwarzweißen Sommerkleide angetan. Die Badegäste -im Ort hatten natürlich erfahren, daß sie eine junge Norwegerin war, -die ein Kind bekommen hatte, über dessen Tod sie so furchtbar trauerte. -Einige waren auch darunter, die es mehr rührend als skandalös fanden.</p> - -<p>Im übrigen wanderte sie meist landeinwärts; dorthin kamen niemals -Sommergäste. Ganz selten ging sie bis hinauf zur Kirche und zum -Kirchhof, wo der Knabe lag. Sie saß dann und starrte auf das Grab, das -sie nicht hatte herrichten lassen. Sie legte dann einige wilde Blumen -nieder, die sie unterwegs gepflückt hatte, aber ihre Phantasie weigerte -sich, den kleinen, grauen Erdhügel, auf welchem Unkraut und Gräser in -die Höhe schossen, mit ihrem Bübchen in Verbindung zu bringen.</p> - -<p>An den Abenden saß sie in ihrem Zimmer mit einer Handarbeit, die sie -nicht anrührte, und starrte in die Lampe. Sie dachte immer an das -Gleiche, rief die Tage wieder zurück, als sie ihren Jungen besessen -hatte, die erste Zeit, das matte, friedliche Glück, während sie lag -und genas, später, wenn sie aufrecht im Bett saß und Frau Schlessinger -ihr das Baden und Wickeln, das An- und Auskleiden des Kindes zeigte, -dann, als sie zusammen nach Warnemünde reisten, um feinen Stoff, -Spitzen und Band zu kaufen, als sie heimkehrte, zuschnitt, nähte, -zeichnete und stickte — ihr Junge sollte feine Sachen haben statt -des schlechten fertiggekauften Zeuges, das sie aus Berlin bestellt -hatte. Eine drollige Gartenspritze hatte sie gekauft mit Abziehbildern -auf dem grünbemalten Blech: ein Löwe und ein Tiger standen zwischen -Palmen an einem himmelblauen Meer und betrachteten entsetzt die -deutschen Panzerungetüme, die den afrikanischen Besitzungen des Reichs -zudampften. Sie fand das Ding so lustig — Bübchen sollte es zum -Spielen haben, wenn<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> er einmal groß genug geworden war. Erst mußte er -ja Mutters Brust finden, an der er sich jetzt nur blind festsog — und -seine eigenen kleinen Finger, die er nicht voneinander bekommen konnte, -sobald er sie ineinander verfilzt hatte — bald würde er die Mutter -kennen, nach der Lampe blinzeln und nach Mutters Uhr, die sie vor ihm -schaukeln ließ — da war so viel, was Bübchen lernen mußte.</p> - -<p>In einer Schieblade lagen alle seine Sachen, sie nahm sie nie heraus. -Sie wußte ja doch, wie jedes Stück aussah und wie es sich auf der -Handfläche anfühlte — das glatte, weiche Linnen, die rauhe Wolle und -die halbfertige Jacke aus grünem Flanell, die sie mit Butterblumen -bestickt hatte, die sollte er haben, wenn er ausgefahren wurde. —</p> - -<p>Sie hatte ein Bild vom Strande angefangen mit den roten und blauen -Kindern auf dem weißen Sandstrand. Einige der teilnehmenden Damen kamen -herbei, schauten zu und versuchten, eine Bekanntschaft anzubahnen: „Wie -nett!“ Sie war aber unzufrieden mit der Skizze und mochte sie nicht -beendigen, auch eine neue wollte sie nicht anfangen. —</p> - -<p class="mtop2">Eines Tages schloß das Badehotel wieder, es stürmte auf See, und der -Sommer war vorüber.</p> - -<p>Gunnar schrieb aus Italien und riet ihr, herunterzukommen. Cesca wollte -sie nach Schweden haben. Die Mutter, die nichts wußte, schrieb und -begriff nicht, warum sie dort blieb. Jenny dachte daran, fortzureisen, -konnte aber zu keinem Entschluß kommen. Obgleich doch allmählich eine -unbestimmte Sehnsucht in ihr wach wurde. Sie wurde selbst dadurch -nervös, daß sie so umherging und nichts tun konnte. Sie mußte einen -Entschluß fassen — wenn sie auch nur eines Nachts von der Mole aus in -die See spränge.</p> - -<p>Eines Abends hatte sie die Kiste mit Heggens Büchern hervorgeholt. -Unter ihnen befand sich ein Band italienischer Gedichte — <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">Fiori -della poesia italiana</span>. Eine Ausgabe,<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> für Touristen berechnet, in -einfaches Leder gebunden. Sie blätterte darin, um zu sehen, ob sie all -ihr Italienisch vergessen hätte.</p> - -<p>Sie schlug das Buch zufällig bei Lorenzo von Medicis Karnevalslied -auf und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, von Gunnars Hand -beschrieben:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Liebe Mutter. Jetzt kann ich Dir endlich berichten, daß ich -glücklich und wohl in Italien angekommen bin, und daß es mir in jeder -Hinsicht gut geht, sowie —“ Der Rest des Bogens war mit Vokabeln -bedeckt. Bei den Verben standen zugleich die Deklinationen. Auch am -Rande des Buches standen Vokabeln — ganz dicht, an dem tragisch -frohen Karnevalsgedicht entlang. „Wie schön ist die Jugend, die so -schnell entflieht“.</p> -</div> - -<p>Selbst die gewöhnlichsten Worte waren aufgeschrieben. Gunnar mußte -versucht haben, das Lied zu lesen, gleich nachdem er nach Italien -gekommen war — ehe er etwas von der Sprache konnte. Sie sah auf dem -Titelblatt nach: G. Heggen, Firenze und die Jahreszahl stand dort. Das -war, ehe sie ihn kennengelernt hatte.</p> - -<p>Sie blätterte und las hier und da. Dort stand Leopardis Hymne an -Italia, für die Gunnar so begeistert war. Sie las sie. Der Rand war -schwarz von Vokabeln und Tintenflecken.</p> - -<p>Es schien wie ein Gruß von ihm, eindringlicher als alle seine Briefe. -Er rief sie, jung und gesund, fest und voller Tatendrang. Er bat -sie, zum Leben zurückzukehren und zur Arbeit. Ja, wenn sie sich doch -zusammennehmen und wieder anfangen könnte. Sie mußte versuchen, zu -wählen zwischen Leben — oder Tod. Sie wollte wieder dort hinab, -wo sie sich einst frei und stark gefühlt hatte, allein, nur mit -ihrer Arbeit. Sie sehnte sich danach, und nach den Freunden, den -zuverlässigen Kameraden, die einander nicht so nahe kamen, daß Leid -daraus entstand, sondern Seite an Seite, jeder in seiner eigenen Welt, -die auch all den anderen gehörte, miteinander dahinlebten, im Vertrauen -auf ihr Können, in der Freude an ihrem<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Schaffen. Sie wollte das Land -wiedersehen, das felsige Land mit den stolzen, strengen Linien und den -sonnedurchtränkten Farben.</p> - -<p>Kurz darauf reiste sie nach Berlin. Sie lief einige Tage in der Stadt -umher, so auch in den Galerien. Aber sie fühlte sich müde, fremd und -überflüssig. So fuhr sie weiter nach München.</p> - -<p>In der Alten Pinakothek sah sie Rembrandts Heilige Familie. Sie -betrachtete das Bild gar nicht als Malerei an sich, sie sah nur die -junge Bauersfrau, das Hemd von der milchgefüllten Brust weggezogen und -das Kind anschauend, das eingeschlafen war. Liebkosend griff die Mutter -um sein eines bloßes Füßchen. Ein häßlicher kleiner Plebejerjunge -war es, aber strotzend vor Gesundheit, und er schlief so gut, war -so herrlich und lieb. Josef guckte über der Mutter Schulter auf ihn -nieder. Es war aber kein alter Josef, und Maria war keine weltfremde -Himmelsbraut. Es war ein kräftiger, mittelalterlicher Handwerker mit -seiner jungen Frau, und das Kind war ihrer beider Lust und Freude.</p> - -<p>Am Abend schrieb sie an Gert Gram. Einen langen Brief, zart und traurig -— aber es war ein Lebewohl für immer.</p> - -<p>Am nächsten Tage löste sie eine Karte direkt bis Florenz. Beim ersten -Morgengrauen saß sie am Abteilfenster nach einer schlaflosen Nacht -im Zuge. Wildbäche hüpften silbrig über waldbewachsene Felshänge. Es -wurde licht und lichter, die Städte, an denen sie vorüberflog, nahmen -mehr und mehr italienischen Charakter an. Rostbraune und moosgoldene -Dachziegel, Loggien an den Häusern, grüne Stabjalousien an rotgelben -Hauswänden, barocke Kirchenfassaden, die Bogenreihen der Steinbrücken -draußen im Fluß. Die Schilder auf den Stationen trugen jetzt deutschen -und italienischen Text. Weinberge zeigten sich außerhalb der Städte und -graue Burgruinen erschienen auf den Bergkuppen.</p> - -<p>Ala. Sie stand an der Zollschranke, die verdrießlichen Passagiere aus -der ersten und zweiten Klasse betrachtend<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> — und war so sinnlos froh. -Nun war sie wieder in Italien. Der Zollbeamte lächelte sie an, weil sie -blond war, und sie lächelte zurück, weil er sie für die Kammerjungfer -dieser oder jener Herrschaft hielt.</p> - -<p>Die Felsketten wichen zur Seite, lehmgrau mit blauen Schatten in den -Klüften, das Erdreich leuchtete rostrot, die Sonne flammte weiß und -glühend auf.</p> - -<p>In Florenz aber war es bitter kalt und trübe in diesen Novembertagen. -Müde und verfroren irrte sie etwa vierzehn Tage in der Stadt umher, -ihr Herz blieb kalt gegen all die Schönheit, die sie erblickte, und -melancholisch und mutlos, weil sie sich nicht wie früher an ihr wärmen -konnte. —</p> - -<p>Eines Morgens fuhr sie nach Rom. Die Felder in der toskanischen -Landschaft waren von weißem Reif bedeckt. Später am Tage lichtete sich -der Nebel und die Sonne erschien. Sie sah die Stelle wieder, die sie -nie vergessen konnte: Der Trasimenische See lag fahlblau zwischen den -Felsen im Dunst. Ins Wasser hinaus schoß eine Landzunge mit den Türmen -und Zinnen einer kleinen steingrauen Stadt. Eine Zypressenallee führte -vom Bahnhof aus dort hinüber. —</p> - -<p>In Rom hielt sie in strömendem Regen ihren Einzug. Gunnar war auf dem -Bahnhof und nahm sie in Empfang. Er preßte ihre Hände, als er sie -willkommen hieß. Während sie im Regen, der vom grauen Himmel auf das -Straßenpflaster niederklatschte, nach der Wohnung ratterten, die er ihr -verschafft hatte, fuhr er mutig fort zu plaudern und zu lachen. —</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_VIII">VIII.</h3> - -</div> - -<p>Heggen saß am äußersten Ende des Marmortisches und nahm an der -Unterhaltung fast nicht teil. Ab und zu schielte er zu Jenny hinüber, -die sich, Whisky und Selter vor sich, in eine Ecke geklemmt hatte. Sie -unterhielt sich übertrieben lebhaft quer über den Tisch mit<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> einer -jungen schwedischen Frau und nahm nicht im geringsten Notiz von den -neben ihr sitzenden Dr. Broager und der kleinen dänischen Malerin, -Loulou von Schulin, die beide versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich -zu lenken. Heggen sah, sie hatte wieder zuviel getrunken.</p> - -<p>Sie bildeten eine kleine Schar von Skandinaviern und einigen Deutschen, -die in einer Weinkneipe zusammengetroffen und jetzt am Ende der -Nacht im hintersten Winkel eines düsteren Cafés gelandet waren. Die -Gesellschaft hatte dem Alkohol reichlich zugesprochen und war sehr -wenig gewillt, den Aufforderungen des Wirtes nachzukommen, zu gehen, da -es weit über die vorgeschriebene Polizeistunde sei und er zweihundert -Lire Strafe zu zahlen haben würde, ja sicher!</p> - -<p>Gunnar Heggen war der einzige, der es mehr als gern gesehen hätte, daß -das Trinkgelage ein Ende nähme. Er war der einzig Nüchterne und hatte -schlechte Laune.</p> - -<p>Dr. Broager brachte alle Augenblicke seinen schwarzen Schnurrbart auf -Jennys Hand an. Wenn sie diese an sich zog, versuchte er es auf ihrem -nackten Arm. Die andere Hand hatte er hinter ihr aufs Sofa gelegt. Sie -saßen zusammengedrängt im Winkel, so daß jeder Versuch, sich ihm zu -entwinden, umsonst gewesen wäre. Im übrigen war ihr Widerstand auch -ziemlich schwach, und sie lachte ohne Zorn über seine Zudringlichkeit.</p> - -<p>„Pfui!“ sagte Loulou von Schulin und zog die Schultern hoch. „Daß Sie -das ertragen können! Finden Sie ihn denn nicht widerlich, Jenny?“</p> - -<p>„O doch, natürlich. Aber Sie sehen ja, er ist genau so wie eine -Schmeißfliege — es nützt nichts, ihn wegzujagen. Pfui, hören Sie doch -auf, Doktor —“</p> - -<p>„Pfui,“ sagte die andere wie vorher. „Daß Sie das aushalten können!“</p> - -<p>„Pah! Ich kann mich ja mit Seife abwaschen, wenn ich nach Hause komme.“</p> - -<p>„So?“ Loulou von Schulin warf sich über Jennys Schoß und streichelte -ihre Arme. „Wir geben jetzt auf die armen schönen Hände acht! -Sehen Sie!“ Sie hob<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> die eine Hand in die Höhe und zeigte sie der -Tafelrunde. „Ist sie nicht entzückend?“ Dann löste sie ihren giftgrünen -Automobilschleier vom Hute und hüllte Arme und Hände darin ein. „Ins -Fliegennetz — seht doch nur!“ Und sie streckte Broager blitzschnell -die Zunge heraus.</p> - -<p>Jenny blieb einen Augenblick, die Arme in den grünem Schleier -gewickelt, sitzen. Dann machte sie sich frei und zog Jacke und -Handschuhe an.</p> - -<p>Broager versank in einen kleinen Halbschlummer. Aber Fräulein Schulin -hob ihr Glas:</p> - -<p>„Prost! Herr Heggen!“</p> - -<p>Er tat, als hörte er nicht. Erst, als sie es wiederholte, griff er nach -seinem Glase. „Pardon — ich sah nicht,“ trank und sah wieder fort.</p> - -<p>Dieser oder jener lächelte. Da Heggen und Fräulein Winge Tür an Tür im -obersten Stockwerk irgendwo drüben zwischen Babuino und Corso wohnten, -glaubte man genug zu wissen. Was aber Fräulein von Schulin betraf, so -war sie vorübergehend mit einem norwegischen Schriftsteller legitim -verheiratet gewesen, reiste dann von ihm und dem Kinde in die weite -Welt hinaus, wo sie wieder ihren Mädchennamen, die Anrede Fräulein -und Malerin angenommen hatte, und außerdem Freundschaften mit Frauen -unterhielt, worüber besonders üble Gerüchte im Umlauf waren.</p> - -<p>Der Wirt kehrte wieder zur Gesellschaft zurück und parlamentierte -eindringlich, um sie zur Tür hinauszubekommen. Die beiden Kellner -löschten die Gasflammen drüben im Lokal und stellten sich abwartend am -Tische auf. Es blieb also nichts anderes übrig, als zu bezahlen und -dann zu gehen.</p> - -<p>Heggen gehörte zu den letzten, die das Lokal verließen. Drüben auf -dem Marktplatz im Mondenschein sah er, wie Fräulein Schulin Jennys -Arm ergriff. Sie liefen auf eine leere Droschke zu, die die anderen -im Begriff waren zu stürmen. Er sprang hinüber und hörte von weitem -Jenny rufen: „Ihr wißt, die in der Via Paneperna.“<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> Sie hüpfte in die -überfüllte Droschke und fiel irgend jemanden auf den Schoß.</p> - -<p>Aber einige Damen wollten wieder ins Freie, andere in den Wagen — -ununterbrochen sprang jemand aus der einen Wagentür hinaus und in die -andere hinein. Der Kutscher saß unbeweglich auf dem Bock und wartete. -Der Gaul schlief, den Kopf bis fast aufs Steinpflaster gesenkt.</p> - -<p>Jenny stand wieder auf der Straße, aber Fräulein Schulin streckte die -Hand nach ihr aus — es war noch Platz.</p> - -<p>„Es ist eine Schande um das Pferd,“ sagte Heggen kurz. So begann sie -denn zu gehen, neben ihm, als letzte in der Schar derer, die in der -Droschke nicht Platz gehabt hatten. Der Wagen rollte langsam vorauf.</p> - -<p>„Du willst doch nicht behaupten, daß du länger mit diesen Menschen -zusammen sein magst, ganz bis zur Via Paneperna hinaustrotten nur -deswegen?“ sagte Heggen.</p> - -<p>„Oh, wir werden schon unterwegs eine leere Droschke finden —“</p> - -<p>„Daß du dazu Lust hast — betrunken wie die Lumpen sind sie auch — -alle miteinander,“ wiederholte er.</p> - -<p>Jenny lachte müde.</p> - -<p>„Das bin ich sicher auch.“</p> - -<p>Heggen antwortete nicht. Sie waren bis zur Piazza di Spagna gekommen. -Da stand sie still:</p> - -<p>„Du willst also nicht mitgehen, Gunnar?“</p> - -<p>„Wenn du es durchaus noch weiter mitmachen willst, dann ja — sonst -nicht.“</p> - -<p>„Du brauchst doch um meinetwillen nicht — du kannst dir doch denken, -daß ich schon nach Hause finden werde.“</p> - -<p>„Gehst du mit, so gehe ich auch mit. Ich erlaube dir nämlich nicht, -dich allein mit diesen betrunkenen Menschen herumzutreiben.“</p> - -<p>Sie lachte, das gleiche matte und gleichgültige Lachen.</p> - -<p>„Zum Teufel, dann bist du morgen so müde, daß du mir auch nicht sitzen -kannst.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p> - -<p>„Oh, ich werde das schon fertigbringen.“</p> - -<p>„Das glaube ich nicht. Ich kann jedenfalls nicht ordentlich arbeiten, -wenn wir so die ganze Nacht durchbummeln.“</p> - -<p>Jenny zuckte mit den Schultern. Aber sie schlug die Richtung nach -Babuino ein, den anderen entgegengesetzt.</p> - -<p>Zwei Polizisten in ihren Umhängen gingen an ihnen vorüber. Sonst war -nicht die Spur von Leben auf dem öden Platz. Der Springbrunnen rieselte -vor der Spanischen Treppe, die inmitten der immergrünen, schwarzen und -silberblinkenden Büsche der Anlagen vom Mondenschein weiß übergossen -dalag.</p> - -<p>Jenny sagte plötzlich hart und spöttelnd:</p> - -<p>„Ich weiß, es ist gut gemeint, Gunnar. Es ist nett von dir, daß du -versuchst, auf mich aufzupassen. Aber es hat keinen Zweck.“</p> - -<p>Er schwieg.</p> - -<p>„Nein, wenn du selbst nicht willst,“ sagte er kurz nach einer Weile.</p> - -<p>„Willst,“ äffte sie ihm nach.</p> - -<p>„Ja, ich sagte ‚willst‘.“</p> - -<p>Jenny atmete kurz und heftig, als wollte sie etwas antworten, hielt -aber an sich. Ekel stieg in ihr auf — halbbetrunken war sie, das -wußte sie selbst sehr wohl. Es fehlte ja noch, daß sie hier aufschrie, -jammerte und heulte, berauscht, wie sie war, Gunnar gegenüber. Sie biß -die Zähne zusammen.</p> - -<p>So kamen sie zu ihrer Haustür. Heggen schloß auf, entzündete ein -Wachshölzchen und begann, die endlos dunkle Treppe hinaufzuleuchten.</p> - -<p>Ihre beiden Zimmerchen lagen für sich auf einem halben Stockwerk oben -am Ende der Treppe. An den Türen vorüber lief ein kleiner Gang, der in -einer Marmortreppe zum flachen Dach des Hauses endigte.</p> - -<p>In ihrer Tür reichte sie ihm die Hand:</p> - -<p>„Gute Nacht, Gunnar — hab Dank,“ sagte sie leise.</p> - -<p>„Ich danke dir. Schlaf gut —“</p> - -<p>„Gleichfalls.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p> - -<p>Drinnen in seinem Zimmer öffnete er das Fenster. Gerade gegenüber -glänzte der Mondschein auf einer ockergelben Hauswand mit geschlossenen -Fensterläden und schwarzen eisernen Balkons. Der Pincio erhob dahinter -seinen Gipfel mit den scharfabstechenden dunklen Laubmassen gegen den -mondlichtblauen Himmel. Darunter lagen alte, moosbewachsene Dächer; wo -des Hauses kohlschwarzer Schatten endete, hing leichenfahle Wäsche zum -Trocknen auf einer niedrigen Terrasse. Gunnar beugte sich weit über -das Fenstersims, traurig und angewidert. Tod und Teufel, war er denn -engherzig oder — aber Jenny in diesem Zustande zu sehen —!</p> - -<p>Aber gerade er hatte sie zuerst in dieses Getriebe hineingezogen. Um -sie aufzumuntern. Sie verkümmerte ja in den ersten Monaten wie ein -kranker Vogel. Er hatte geglaubt, es würde für sie Beide eine boshafte -Unterhaltung sein, die anderen zu beobachten — diese Affen. Er hatte -ja nicht geahnt, daß es eine derartige Wirkung haben könnte.</p> - -<p>Er hörte sie aus ihrem Zimmer und hinauf zum Dache gehen. Heggen -zauderte einen Augenblick. Dann folgte er ihr.</p> - -<p class="mtop2">Sie saß in dem einzigen Stuhl dort oben, hinter der kleinen -Wellblechlaube. Die Tauben gurrten schläfrig in ihrem Schlage, der auf -dem Laubendach angebracht war.</p> - -<p>„Bist du noch nicht zu Bett gegangen?“ sagte er leise. „Du wirst dich -erkälten.“ Er holte ihren Schal aus der Laube und reichte ihn ihr, dann -setzte er sich auf den Mauerrand zwischen die Blumentöpfe.</p> - -<p>Eine Weile starrten sie so schweigend über die Stadt, deren -Kirchenkuppeln im Mondenlicht schwammen. Die Linien der fernen -Höhenzüge waren vermischt.</p> - -<p>Jenny rauchte. Auch Gunnar zündete sich eine Zigarette an.</p> - -<p>„Ich merke übrigens, ich vertrage fast nichts mehr — beim Trinken -meine ich. Es wirkt sofort,“ sagte sie gleichsam entschuldigend.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p> - -<p>Er sah, daß sie jetzt völlig nüchtern war.</p> - -<p>„Ich finde, du solltest es jetzt eine Weile lassen, Jenny. Auch das -Rauchen, solltest jedenfalls nur ganz wenig rauchen. Du hast ja über -dein Herz geklagt.“</p> - -<p>Sie antwortete nicht.</p> - -<p>„Im Grunde bist du ja über diese Menschen der gleichen Meinung wie -ich. Ich begreife nicht, daß du dich dazu herablassen magst, mit ihnen -zusammen zu sein — in dieser Art und Weise.“</p> - -<p>„Mitunter,“ sagte sie leise, „braucht man — Betäubung, gerade heraus -gesagt. Und was das Sichherablassen betrifft —.“ Er blickte ihr in -das weiße Antlitz. Das unbedeckte blonde Haar flimmerte im Mondlicht. -„Mitunter finde ich: nicht. Obgleich — jetzt in diesem Augenblick zum -Beispiel, schäme ich mich. Jetzt bin ich also ungewöhnlich nüchtern, -siehst du.“ Sie lachte ein wenig. „Manchmal ist das nicht der Fall, -selbst wenn ich nichts getrunken habe. Dann überkommt mich das -Verlangen, mit dieser Sorte zusammen zu sein.“</p> - -<p>„Es ist gefährlich, Jenny,“ flüsterte er. Und nach einer Weile: „Ich -kann mir nicht helfen, aber ich fand das heute Abend widerlich. Ich -habe manches gesehen — wie es zugeht. Ich möchte dich doch nicht gern -sinken sehen, so enden sehen wie etwa Loulou —.“</p> - -<p>„Du kannst durchaus ruhig sein, Gunnar. So ende ich nicht. Im Grunde -bin ich zu so etwas gar nicht fähig. Ich werde schon vorher einen Punkt -machen —.“</p> - -<p>Er blickte still auf sie.</p> - -<p>„Ich weiß, was du meinst,“ sagte er schließlich leise. „Aber Jenny, -andere haben ebenso gedacht. Und wenn man dann eine Zeitlang den Strom -abwärts geschwommen ist — so tut man es nicht mehr — das, was du -einen Punkt machen nennst.“</p> - -<p>Er glitt von der Mauerkante herab, ging auf sie zu und ergriff ihre -Hand:</p> - -<p>„Du Jenny, hör damit auf — ja?“</p> - -<p>Sie erhob sich und lachte kurz.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span></p> - -<p>„Vorläufig wenigstens. Ich bin sicher für eine lange Zeit von meiner -Bummelsucht geheilt, glaube ich.“</p> - -<p>Sie standen einen Augenblick still. Dann schüttelte sie seine Hand:</p> - -<p>„Gute Nacht, mein Junge. — Und morgen sitze ich dir,“ sagte sie auf -der Treppe.</p> - -<p>„Ja, danke.“</p> - -<p>Heggen verweilte noch etwas, nachdenklich, während er ein wenig -fröstelte. Dann ging er in sein Zimmer hinunter.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_IX">IX.</h3> - -</div> - -<p>Sie saß ihm am nächsten Tage nach dem Frühstück, bis es zu dämmern -begann. Ruhte sie sich aus, so wechselten sie einige gleichgültige -Worte, während er fortfuhr, am Hintergrund zu arbeiten oder die Pinsel -wusch.</p> - -<p>„So!“ Er legte die Palette fort und ordnete den Malkasten. „Für heute -bist du erlöst!“</p> - -<p>Sie ging zu ihm, und sie betrachteten das Bild.</p> - -<p>„Das Schwarz ist sehr fein — findest du nicht, Jenny?“</p> - -<p>„Doch. Ich finde, es läßt sich gut an.“</p> - -<p>„Ja,“ er blickte auf die Uhr. „Es ist eigentlich Essenszeit — gehen -wir zusammen?“</p> - -<p>„Ja, gern. Ich will nur mein Kostüm anziehen, wartest du so lange?“</p> - -<p>Kurz darauf, als er an ihrer Tür pochte, stand sie fertig da, den Hut -vor dem Spiegel aufsetzend.</p> - -<p>Wie schön sie ist, dachte er, als sie sich ihm zuwandte. Schlank und -hell in dem festanliegenden stahlgrauen Kleide, wirkte sie so damenhaft -fein und zugeknöpft, kühl und stilvoll. Und er wollte nicht glauben, -was er selbst gedacht hatte —.</p> - -<p>„Hattest du nicht übrigens mit Fräulein Schulin verabredet, sie heute -Nachmittag zu besuchen, um dir ihre Sachen anzusehen?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p> - -<p>„Ja, ich gehe aber nicht hin.“ Sie wurde sehr rot. „Ehrlich gesagt, -habe ich keine Lust, diese Bekanntschaft zu pflegen — an ihren Sachen -ist wohl auch nicht viel zu sehen?“</p> - -<p>„Nein, das weiß der Herrgott! Ich begreife nur nicht, wie du ihre -Annäherungen gestern Abend zulassen konntest. Pfui, ich würde lieber -einen Teller mit lebenden Mehlwürmern essen.“</p> - -<p>Jenny lachte. Dann sagte sie ernst:</p> - -<p>„Die Aermste, im Grunde ist sie wohl unglücklich.“</p> - -<p>„Pah — unglücklich! Ich begegnete ihr in Paris vor einigen Jahren. -Das Schlimmste ist ja, daß sie von Natur sicher gar nicht pervers -ist. Nur dumm und eitel. Nun war <em class="gesperrt">das</em> interessant. Wäre es -modern gewesen, tugendhaft zu sein, so hätte sie auf einer Empore -gesessen und Kinderstrümpfe gestopft, vielleicht sich hin und wieder -damit beschäftigt, Rosen zu malen mit Tauperlen darauf. Sie wäre die -tugendsamste aller Johanne Luisen im Danneweg gewesen — und obendrein -fröhlich. Aber als sie den ‚Etatsrätlichen‘ entronnen war, von denen -sie stammte, da wollte sie den übrigen nicht nachgeben, befreit und -Malerin, und meinte, sie müsse sich jetzt einen Liebhaber anschaffen -um ihrer Selbstachtung willen. Unglücklicherweise erwischt sie dann -einen Tolpatsch, der sie in andere Umstände bringt. Er ist altmodisch -und will, daß sie sich — völlig unmodern — heiraten und verlangt, sie -solle das Kind warten und die Wirtschaft führen.“</p> - -<p>„Du kannst ja gar nicht wissen — es kann ja zum Teil auch Paulsens -Schuld gewesen sein, daß sie ihm davonlief.“</p> - -<p>„Ja, natürlich war es seine Schuld. Er war altmodisch, wie gesagt, und -fand Geschmack am häuslichen Glück, er bot ihr wohl zu wenig an Liebe -und keine Prügel.“</p> - -<p>„Ja ja, Gunnar. Du willst nun absolut haben, daß das Leben so verflucht -leicht zu übersehen sein soll.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span></p> - -<p>Heggen setzte sich rittlings über einen Stuhl und schlang die Arme um -die Lehne.</p> - -<p>„Das wenige Gewisse im Leben, an das wir uns halten können, ist -wahrlich leicht genug zu übersehen. Man muß seine Rechnung und seine -Ansichten danach in Ordnung bringen. Mit all dem Ungewissen aufräumen, -so gut man kann, sobald es auf dem Tapet erscheint.“</p> - -<p>Jenny setzte sich aufs Sofa und stützte den Kopf in die Hand:</p> - -<p>„Ich habe nicht mehr das Gefühl, daß es irgend etwas im Leben gibt, -worüber ich die genügende Uebersicht habe, so daß ich es als Grundlage -für meine Anschauungen gebrauchen oder meine Rechnung danach machen -könnte,“ sagte sie ruhig.</p> - -<p>„Das ist nicht dein Ernst.“</p> - -<p>Sie lächelte nur.</p> - -<p>„War es nicht immer,“ sagte Gunnar.</p> - -<p>„Es gibt wohl niemanden, der immer dasselbe meint.“</p> - -<p>„Doch, immer, wenn man nüchtern ist. Wie du heute Nacht sagtest, man -ist nicht immer nüchtern, auch wenn man nichts getrunken hat.“</p> - -<p>„Jetzt — wenn ich mich hin und wieder nüchtern fühle —“ Sie brach ab -und schwieg.</p> - -<p>„Du weißt, was auch ich weiß. Du hast es immer gewußt. Im großen und -ganzen leitet der Mensch sein Geschick selbst. Man ist seines eigenen -Schicksals Herr — in der Regel. Hin und wieder ist man es nicht. — -doch dann tragen Umstände die Schuld, über die man nicht gebietet. Aber -es ist eine gewaltige Uebertreibung, zu behaupten, daß es oft der Fall -sei.“</p> - -<p>„Gott mag wissen, mir ist es nicht ergangen, wie ich gewollt, Gunnar. -Ich habe viele Jahre hindurch den Willen gehabt und nach meinem Willen -gelebt.“</p> - -<p>Sie schwiegen beide eine Weile still.</p> - -<p>„Eines Tages,“ sagte sie langsam, „änderte ich einen Augenblick den -Kurs. Ich fand es so kalt und hart, dieses Leben zu leben, das, wie -ich glaubte, das würdigste sei. So einsam, weißt du. So bog ich denn -einen Augenblick<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> zur Seite, wollte jung sein und ein wenig spielen. -Und dadurch geriet ich in eine Strömung hinaus, die mich trieb — ich -endete in Dingen, mit denen in Berührung zu kommen, ich niemals eine -Sekunde für möglich gehalten hatte.“</p> - -<p>Heggen schwieg.</p> - -<p>„Es gibt einen Vers,“ sagte er dann leise. „Rosetti — er ist nämlich -ein weit besserer Dichter als Maler:</p> - -<div class="poetry-container antiqua" xml:lang="en" lang="en"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Was <em class="gesperrt">that</em> the landmark? What, — the foolish well</div> - <div class="verse indent0">Whose wave, low down, I did not stoop to drink</div> - <div class="verse indent0">But sat and flung the pebbles from its brink</div> - <div class="verse indent0">In sport to send its imaged skies pell-mell,</div> - <div class="verse indent0">(And mine own image, had I noted well!) —</div> - <div class="verse indent0">Was that my point of turning? — I had thought</div> - <div class="verse indent0">The stations of my course should raise unsought,</div> - <div class="verse indent0">As altarstone or ensigned citadel.</div> - <div class="verse indent0">But lo! The path is missed, I must go back,</div> - <div class="verse indent0">And thirst to drink when next I reach the spring</div> - <div class="verse indent0">Which once I stained, which since may have grown black.</div> - <div class="verse indent0">Yet thought no light be left nor bird now sing</div> - <div class="verse indent0">As here I turn, I’ll thank God, hastening,</div> - <div class="verse indent0">That the same goal is still on the same track.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Jenny erwiderte nichts.</p> - -<p>„<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">That the same goal is still on the same track</span>,“ wiederholte -Gunnar.</p> - -<p>„Glaubst du,“ fragte Jenny, „daß es so leicht ist, zu seinem Ziel -zurückzufinden?“</p> - -<p>„Nein. Aber müßte man es nicht?“ sagte er beinahe kindlich.</p> - -<p>„Was für ein Ziel hatte ich übrigens,“ sagte sie plötzlich hastig. „Ich -wollte so leben, daß ich mich niemals zu schämen brauchte, weder als -Mensch noch als Künstlerin. Niemals wollte ich etwas tun, von dem ich -wußte, daß es nicht richtig sei. Rechtschaffen wollte ich sein, fest -und gut und wollte niemals eines Menschen Schmerz auf mein Gewissen -laden. Und darin bestand<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> dann das ganze Verbrechen, das den Anfang -bildete — woraus alles andere folgte? Daß ich mich nach Liebe sehnte, -ohne daß ein bestimmter Mann da war, dem diese Sehnsucht galt. War -das so seltsam? Daß ich so gern glauben wollte, als Helge kam, daß er -es war, nach dem ich mich gesehnt? Daß ich es schließlich wirklich -glaubte? Das war ja der Anfang, worauf das andere folgte. Gunnar — ich -<em class="gesperrt">habe</em> geglaubt, daß ich sie glücklich machen könnte — und dann -tat ich ihnen nur weh.“</p> - -<p>Sie hatte sich erhoben und wanderte im Zimmer auf und nieder:</p> - -<p>„Glaubst du, daß die Quelle, von der du sprichst — glaubst du, daß -sie jemals wieder rein und klar wird bei einer, die weiß, daß sie -selber sie getrübt hat? Meinst du, es würde mir jetzt leichter, zu -resignieren? Ich sehnte mich nach dem, wonach sich alle Frauen sehnen. -Und ich sehne mich jetzt — wieder danach. Nur mit dem Unterschied, -daß ich jetzt weiß, ich habe eine Vergangenheit. Und eine Folge davon -ist, daß ich das einzige Glück, das ich anerkenne, nicht annehmen darf -— denn es sollte frisch und gesund und rein sein — und das alles bin -ich selbst nicht mehr. Ich muß weiter eine Sehnsucht mit mir schleppen, -deren Erfüllung — oh, ich weiß es — unmöglich ist. Diese Sehnsucht -ist also mein Schicksal, mein ganzes Leben ist durch sie gezeichnet.“</p> - -<p>„Jenny,“ — Gunnar erhob sich ebenfalls — „ich behaupte dennoch, es -kommt auf dich selbst an — es <em class="gesperrt">muß</em> so sein. Ob es dein Wille -ist, daß diese Erinnerungen dich vernichten oder ob du sie als ein -Lehrgeld betrachten willst, so grausam hart es sich auch anhört. Das -Ziel, das du einstmals vor dir hattest, war, glaube ich, das richtige -— für dich.“</p> - -<p>„Kannst du dir denn nicht vorstellen, daß das unmöglich ist, mein -Junge. Es hat sich etwas in mich hineingeschlichen wie eine Säure, die -alles zerfrißt, was einst mein Wesen war; ich fühle selber, wie ich -inwendig zerfalle. — Oh. Und ich will doch nicht, ich will nicht. Und -ich habe ein Verlangen nach — ich weiß nicht —.<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> Will alle Gedanken -zum Stillstand bringen. Sterben —. Oder leben — ein wahnsinniges, -abscheuliches Dasein, zugrunde gehen in einem Elend, das noch -fürchterlicher ist als dies —. Laß mich so tief in den Schmutz treten, -daß ich spüre, hiernach kommt das Ende. Oder —“ sie sprach leise und -wild, es klang wie erstickte Schreie — „mich unter einen Eisenbahnzug -schleudern — mit dem Bewußtsein der letzten Sekunden, daß jetzt — -jetzt gleich — mein ganzer Körper, Nerven und Hirn und Herz, — alles -— zu einem einzigen zuckenden blutigen Klumpen zermalmt ist.“</p> - -<p>„Jenny!“ schrie er auf. Er war fahl im Gesicht geworden. Dann flüsterte -er mühsam: „Ich kann dich nicht so sprechen hören.“</p> - -<p>„Ich bin hysterisch,“ sagte sie beruhigend. Aber sie ging trotzdem zu -dem Winkel, wo ihre Leinwand stand und schleuderte sie fast die Wand -entlang:</p> - -<p>„Man kann doch nicht leben und bestehen, um so etwas da zu bearbeiten. -Oelfarben auf die Leinwand zu kleistern — du siehst ja, etwas anderes -wird nicht daraus — tote Malkleckse. Du großer Gott, du hast gesehen, -wie ich die ersten Monate hindurch gearbeitet habe, wie ein Sklave — -ich kann überhaupt nicht mehr malen.“</p> - -<p>Heggen betrachtete die Bilder. Es war ihm trotzdem, als fühle er wieder -festen Grund und Boden unter den Füßen.</p> - -<p>„Du darfst ruhig deine aufrichtige Meinung über diese — Schweinerei -sagen,“ meinte sie herausfordernd.</p> - -<p>„Ja, es sind nicht gerade schöne Sachen — das will ich gern zugeben.“ -Er stand, mit den Händen in den Hosentaschen, und betrachtete die -Bilder. „Aber <em class="gesperrt">das</em> ist doch etwas, was einem jeden von uns -begegnen kann — Perioden, wo wir nicht können. Was das betrifft, so -müßtest du wissen, meine ich, daß es etwas Vorübergehendes ist — für -dich. Ich glaube nicht daran, daß man sein Talent einbüßen kann, und -wenn man noch so unglücklich ist. Deine Arbeit hat übrigens zu lange -geruht. Man muß sich doch wieder erst einarbeiten, die Herrschaft über -seine Schaffensmöglichkeiten zurückgewinnen, siehst du.<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> Allein die -Modellstudie dort, Mädel — es ist wohl bald drei Jahre her, seit du -einen Akt zeichnetest. So etwas bleibt nicht ungestraft, das weiß ich -aus Erfahrung.“</p> - -<p>Er trat an das Regal und wühlte unter Jennys alten Skizzenbüchern:</p> - -<p>„Denk nur daran, wie du dich in Paris hochgearbeitet hattest — ich -werde dir Einiges zeigen.“</p> - -<p>„Nein, nein — nicht das da,“ sagte Jenny hastig und streckte die Hand -nach dem Buche aus.</p> - -<p>Heggen hielt es zusammengeklappt in der Hand und sah sie erstaunt an. -Sie wandte das Antlitz ab:</p> - -<p>„O, du darfst übrigens ruhig hineinsehen. Ich versuchte nur, eines -Tages den Jungen zu zeichnen.“</p> - -<p>Heggen blätterte langsam darin herum. Jenny hatte sich wieder aufs Sofa -gesetzt. Er betrachtete eine Weile die kleinen Bleistiftzeichnungen von -dem schlafenden Kindchen. Dann legte er das Buch behutsam fort.</p> - -<p>„Es war traurig, daß du deinen kleinen Jungen verlorst,“ sagte er leise.</p> - -<p>„Ja. — Hätte er gelebt, so wäre ja alles andere gleichgültig gewesen, -weißt du. Du sprichst vom Willen, aber eines Menschen Wille kann nicht -einmal — seines Kindes Leben — festhalten, und dann —. Ich bin nicht -dazu imstande, nach Höherem zu streben, Gunnar, denn ich sah, dies -war das Einzige, wozu ich etwas taugte, woraus ich mir etwas machte -— meines kleinen Knaben Mutter zu sein. Ja, ihn konnte ich lieben. -Vielleicht bin ich ein Egoist durch und durch, denn jedesmal, wenn ich -den Versuch machte, die anderen zu lieben, so erhob sich mein eigenes -Ich wie eine Mauer zwischen uns. Doch der Knabe war mein. Hätte ich -ihn, so könnte ich arbeiten — ach, wie würde ich dann arbeiten! Ich -schmiedete Pläne. Mir fiel es wieder ein im vergangenen Herbst, als -ich hierher reiste, — ich wollte ja den Sommer mit ihm in Bayern -verbringen. Ich fürchtete, die Seeluft würde zu scharf für ihn sein. Er -sollte im Wagen liegen und unter den Apfelbäumen schlummern, während -ich arbeitete. Siehst du, ich könnte an keinen Ort der Welt kommen, -wo ich<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> nicht im Traum schon mit dem Kind gewesen wäre. Es gibt auf -der Welt nichts Gutes und Schönes, von dem ich nicht gedacht, daß er -es lernen oder sehen sollte. Ich besitze nichts, was nicht auch ihm -gehörte, das rote Plaid brauchte ich, um ihn darin einzuhüllen. Das -schwarze Kleid, in dem du mich malst, wurde in Warnemünde für mich -genäht, nachdem ich genesen war, ich wählte diese Form, damit es bequem -wäre, ihn zurecht zu legen. Im Futter sind noch Milchflecken.</p> - -<p>Ich kann nicht arbeiten, weil ich ganz von ihm beherrscht bin. Ich -sehne mich so heftig nach ihm, daß es mich fast lähmt. Des Nachts rolle -ich mein Kopfkissen zusammen, nehme es in den Arm und wimmere nach -Bübchen. Ich rufe ihn und rede mit ihm, wenn ich allein bin. Ich hatte -ihn malen wollen, so daß ich Bilder von ihm aus jedem Alter gehabt -hätte. Jetzt wäre er bald ein Jahr alt gewesen, denk nur — hätte -Zähnchen bekommen und würde kriechen können, hätte sich aufgerichtet -und wäre vielleicht ein bißchen gelaufen. Jeden Monat, jeden Tag denke -ich, heute wäre er so und so alt gewesen — wer weiß, wie er wohl -ausgesehen hätte. — Alle Frauen, die mit einem <span class="antiqua" xml:lang="it" lang="it">bambino</span> auf dem -Arme herumlaufen — alle Jungen, die ich auf der Straße sehe, erinnern -mich daran, wie wohl meiner ausgesehen hätte, wenn er größer geworden -wäre —.“</p> - -<p>Sie schwieg wieder. Heggen saß ganz still vornübergebeugt.</p> - -<p>„Ich glaubte nicht, daß es so sei, Jenny,“ sagte er leise und heiser. -„Ich sah wohl, daß es schmerzlich war, aber ich dachte, andererseits — -wäre es besser so. Hätte ich gewußt, wie es sich wirklich verhielt, so -wäre ich zu dir gekommen —.“</p> - -<p>Sie antwortete nicht und fuhr fort in ihren Gedanken:</p> - -<p>„Und dann starb er — so winzig, winzig klein. Es ist ja nur Egoismus -von mir, daß ich es ihm nicht gönne — gestorben zu sein, ehe er -anfing, das allergeringste zu verstehen. Er konnte nur nach dem Lichte -blinzeln oder schreien, wenn er zurechtgemacht werden sollte oder<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> -hungrig war. Er suchte nach meiner Wange in dem Glauben, es sei die -Brust. Er kannte mich auch noch nicht, jedenfalls noch nicht richtig. -Ein ganz schwacher Schimmer von Bewußtsein war vielleicht in seinem -kleinen Köpfchen erwacht, aber stell dir vor, er hat nie gewußt, daß -ich seine Mutter war —. Einen Namen hat er auch nicht gehabt, der -Arme, nur Mutters Bübchen war er. Keinerlei Erinnerung habe ich an ihn, -außer dieser rein körperlichen.“ Sie erhob die Hände, als drückte sie -das Kind an sich. Dann fielen sie tot und leer auf den Tisch zurück.</p> - -<p>„Das erste Mal, als ich sein Gesichtchen an meine Wange legte, war -seine Haut so weich, ein wenig feucht, wie etwas Eingeschlossenes, -die Luft hatte sie ja noch kaum berührt, weißt du. Ich glaube, man -würde angewidert sein, einem neugeborenen Kinde zu nahe zu kommen, -wenn es nicht das eigene Fleisch und Blut ist. Seine Augen, sie -hatten noch keine richtige Farbe, waren dunkel, ich glaube übrigens, -sie wären graublau geworden. Sie sind so seltsam, die Augen solcher -kleinen Kinder — mystisch, hätte ich beinahe gesagt. Und sein kleines -Köpfchen — wenn er bei mir lag und die Brust bekam, wenn er dann seine -Nasenspitze flach drückte und es oben in der kleinen Fontanelle pochte, -das dünne, flaumige Haar — er hatte soviel Haar, als er geboren wurde -— dunkles —. Ich fand ihn so entzückend. Ach, sein ganzer kleiner -Körper. Ich denke ja an nichts anderes. Ich kann ihn in meinen Händen -spüren. Die Lenden waren so rund — er war am dicksten in der Mitte, -weißt du —. Und sein Hinterteilchen war so komisch zusammengeklemmt, -ein wenig spitz — ich fand natürlich auch das wunderhübsch. O Gott, -wie süß war er, mein kleiner Junge —. Und dann starb er. — Ich hatte -mich gefreut auf alles, was kommen sollte, so daß ich nachher meinte, -ich hätte dem, was war, nicht genügend Beachtung geschenkt, der Zeit, -als ich ihn hatte; ich hätte ihn nicht genügend geküßt oder betrachtet, -obwohl ich in all den Wochen nichts anderes tat. — Und zurück blieb -dann nur die Lücke — du kannst dir nicht denken, wie das war. Mir -schien, als arbeite mein ganzer Körper<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> in der Sehnsucht nach ihm. Ich -bekam eine Entzündung in der Brust, der Schmerz und das Fieber waren -nur die Sehnsucht, die hinauswollte. Ich vermißte ihn in den Armen, -zwischen den Händen und an der Wange —. Manchmal, in den letzten -Wochen, schloß er die Hand um meinen Finger, wenn ich ihn hinstreckte. -Einmal hatte er ganz von selbst einige von meinen Haaren erwischt, die -sich gelöst hatten —. Die süßen, süßen kleinen Hände.“</p> - -<p>Sie legte sich über den Tisch, schluchzte leise und heftig, daß sie -bebte.</p> - -<p>Gunnar war aufgestanden, zögerte, im Zweifel mit sich, ein Weinen in -der Kehle. Dann lief er plötzlich zu ihr hin, hastig und verlegen küßte -er sie heftig auf den Scheitel.</p> - -<p>Sie blieb eine Zeitlang liegen und weinte. Aber schließlich richtete -sie sich auf, ging zum Waschtisch und badete ihr Gesicht im Wasser:</p> - -<p>„O Gott, wie sehne ich mich nach ihm,“ sagte sie unvermittelt, mit -verweinter Stimme.</p> - -<p>„Jenny —.“ Er wußte nichts anderes zu sagen: „Jenny. — Ich wußte ja -nicht, daß es dir so ergangen war —“.</p> - -<p>Sie kam zurück und legte einen Augenblick ihre Hände auf seine -Schultern:</p> - -<p>„Ja, ja, Gunnar. Du sollst nicht so viel an das denken, was ich -vorher sagte. Mitunter weiß ich nicht, wohin mit mir selbst. Aber du -kannst dir denken, wenn auch nur um des Jungen willen: mich geradezu -Ausschweifungen hinzugeben, das bringe ich wohl doch nicht fertig. -Eigentlich will ich natürlich selber versuchen, das Bestmöglichste aus -dem Leben zu machen — weißt du. Versuchen, wieder zu arbeiten, wenn es -auch im Anfang nicht so leicht wird. Man hat ja immer den einen Trost, -daß man nicht länger lebt, als man selber will —.“</p> - -<p>Sie setzte sich wieder den Hut auf und suchte nach einem Schleier:</p> - -<p>„Gehen wir also zum Essen, du mußt ja hungrig geworden sein, so spät -wie es ist —.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p> - -<p>Gunnar Heggen wurde blutrot über sein ganzes junges Gesicht. Bei ihren -Worten merkte er plötzlich, daß er einen Bärenhunger hatte, aber er -schämte sich, jetzt etwas derartiges zu empfinden. Er trocknete die -Tränen von seinen nassen, heißen Wangen und nahm seinen Hut vom Tisch.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_X">X.</h3> - -</div> - -<p>Ohne es verabredet zu haben, gingen sie an dem Restaurant vorüber, wo -sie sonst zu essen pflegten und immer viele Skandinavier trafen. Sie -schritten immer weiter durch die Dämmerung, nach der Tiber und über die -Brücke bis in die alten Borgo-Viertel. In einem Winkel am Petersplatz -lag ein kleines Restaurant, wo sie mitunter gegessen hatten, wenn sie -vom Vatikan kamen. Hier traten sie ein.</p> - -<p>Sie aßen, ohne mit einander zu sprechen. Jenny zündete sich eine -Zigarette an, als sie fertig war, nippte an ihrem Rotwein und rieb die -duftenden Mandarinenschalen zwischen ihren Fingern.</p> - -<p>Heggen rauchte ebenfalls und starrte vor sich hin. Sie befanden sich -fast allein im Lokal.</p> - -<p>„Hast du Lust, den Brief zu lesen, den ich kürzlich von Cesca bekam?“ -fragte Jenny plötzlich.</p> - -<p>„Danke. Ich sah es, daß ein Brief für dich gekommen war. Ist er aus -Stockholm?“</p> - -<p>„Ja. Sie sind jetzt dort, werden auch den Winter über da wohnen -bleiben.“</p> - -<p>Jenny holte den Brief aus ihrer Handtasche hervor und reichte ihn -Gunnar.</p> - -<p>Cescas Brief lautete:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="mleft2 mbot1">„Meine liebe, süße Jenny!</p> - -<p>Du darfst mir nicht böse sein, daß ich Dir noch nicht für Deinen -letzten Brief gedankt habe. Ich hatte jeden Tag die Absicht, es zu -tun, aber es wurde nichts<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> daraus. Ich freue mich so sehr, daß Du -wieder in Rom bist und daß Du malst, besonders auch, daß Du mit -Gunnar zusammen bist.</p> - -<p>Wir sind jetzt also nach Stockholm zurückgekehrt und wohnen wieder in -der alten Wohnung. Es war unmöglich, in unserem Dörfchen zu bleiben, -als es wirklich kalt wurde, denn dort zog es schrecklich und wir -konnten es nur in der Küche ordentlich warm bekommen. Wenn wir es uns -doch leisten könnten, das kleine Häuschen zu kaufen, aber es wird -zu teuer, denn wir müßten zuviel daran ausbessern, die Scheune als -Atelier für Lennart umbauen und überall Oefen setzen lassen. Aber wir -haben es für den nächsten Sommer wieder gemietet, und darüber freue -ich mich, denn es ist mir der liebste Platz auf der Welt. Du kannst -Dir etwas so Schönes wie die Westküste nicht vorstellen. Sie ist so -eigentümlich, öde und verwittert mit den grauen Hügeln und dem vom -Sturm zerzausten Gestrüpp in den Felsspalten, mit den Geißblattranken -und den armseligen kleinen Häusern, dem Meer und dem wunderbaren -Himmel. Die Bilder, die ich davon gemalt habe, seien gut, sagt man, -und Lennart und ich leben dort so herrlich miteinander. Jetzt sind -wir für immer Freunde, und wenn er findet, daß ich merkwürdig bin, -so küßt er mich nur und sagt, ich sei eine kleine Seejungfrau, und -irgend sowas Nettes, und mit der Zeit schlage ich auch völlig Wurzel -bei ihm.</p> - -<p>Aber jetzt sind wir wieder in der Stadt. Aus der Pariser Reise -wird diesmal nichts, und das ist auch gleich. Ich finde es beinahe -herzlos, Dir darüber etwas zu schreiben, Jenny, denn Du bist viel, -viel besser als ich, und es war so bitter und fürchterlich, daß Du -Deinen kleinen Jungen hergeben mußtest und ich finde, ich habe es -nicht verdient, das Glück, meinen heißen Wunsch erfüllt zu sehen, -aber ich erwarte also ein kleines Baby. Es dauert nur noch fünf -Monate. Ich wollte es zuerst selbst nicht glauben, aber jetzt ist<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> -es ganz sicher. Ich versuchte, es so lange wie möglich Lennart zu -verheimlichen, ich schämte mich furchtbar der beiden Male wegen, die -ich ihn damit an der Nase herumgeführt, und hatte Angst, daß ich -mich täuschen könnte, so daß ich es erst ableugnete, als er es zu -ahnen begann. Aber schließlich mußte ich mich ja zu einem Bekenntnis -bequemen, ich begreife es aber eigentlich noch nicht, daß ich -wirklich einen kleinen Buben bekomme. Lennart sagt übrigens, er will -am liebsten noch eine kleine Cesca haben, aber das tut er bloß, um -mich im voraus zu trösten, wenn es so würde, denn ich bin überzeugt, -eigentlich will er am liebsten einen Sohn haben. Aber Du weißt, wird -es ein Mädchen, so freuen wir uns ebenso sehr darüber, und außerdem, -haben wir erst eins, so können wir ja immer mehr bekommen.</p> - -<p>Jetzt bin ich so froh, daß es mir eigentlich gleichgültig ist, wo wir -sind; jedenfalls sehne <em class="gesperrt">ich</em> mich nicht nach Paris; denke Dir, -Frau Lundquist fragte, ob ich nicht ärgerlich sei, daß dieser Junge -uns nun die ganze Pariser Fahrt über den Haufen würfe; kannst Du so -ein Menschenkind begreifen, und dabei hat sie die zwei entzückendsten -Knaben von der Welt. Aber sie verwahrlosen vollständig, wenn sie -nicht bei uns sind, und Lennart sagt, sie würde sie uns gern -schenken, und könnte ich es mir leisten, so nähme ich sie auch. Dann -hätte der Kleine gleich zwei große liebe Brüder zum Spielen, wenn er -kommt; es wird einen Spaß geben, wenn wir ihnen den kleinen Vetter -zeigen — sie sagen Tante zu mir, eine drollige Sitte, finde ich.</p> - -<p>Aber nun muß ich schließen. Weißt Du, worüber ich auch froh bin — -unter diesen Umständen kann Lennart doch unmöglich eifersüchtig -werden, nicht wahr? Uebrigens glaube ich, das hat aufgehört, denn -jetzt weiß er sehr gut, daß ich eigentlich nur ihn wirklich lieb -gehabt habe.</p> - -<p>Findest Du das häßlich von mir, daß ich Dir soviel von all diesem -schreibe, und daß ich so glücklich<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> bin? Aber ich weiß ja doch, daß -Du es mir so herzlich gönnst.</p> - -<p>Grüß alle Bekannten, die Du dort unten triffst, und Gunnar zu -allererst viele Male. Du darfst ihm dies hier ruhig erzählen, wenn Du -magst. Und nun leb wohl. Zum Sommer besuchst Du uns!</p> - -<p>Tausend liebe Grüße von Deiner treuen kleinen Freundin</p> - -<div class="right mright2">Cesca.</div> - -<p><span class="antiqua">PS.</span> Jetzt fällt mir plötzlich ein: Wird es ein Mädchen, so -soll es meiner Treu Jenny heißen, was auch Lennart sagen mag. Ich -sollte übrigens von ihm grüßen.“</p> - -</div> - -<p>Gunnar reichte Jenny den Brief zurück, die ihn wieder wegsteckte.</p> - -<p>„Ich <em class="gesperrt">bin</em> froh,“ sagte sie leise. „Ich freue mich über jeden -Menschen, den ich glücklich weiß. Diese Freude ist mir geblieben aus -alter Zeit — wenn es auch das Einzige ist.“</p> - -<p class="mtop2">Sie gingen nicht nach der Stadt zurück, sondern schlenderten über den -Petersplatz, der Kirche zu.</p> - -<p>Im Mondschein fielen die Schatten kohlschwarz über den Platz. -Gleißendes Licht und nächtliche Finsternis lösten sich gespenstisch in -dem einen der gewölbten Säulengänge ab. Der andere lag ganz im Dunkeln; -nur die Konturen der Statuenreihe auf dem Dache waren von flimmerndem -Licht umspielt. Auch die Fassade der Kirche lag im Schatten, während -die Kuppel hoch oben hier und da wie silbriges Wasser schimmerte.</p> - -<p>Die beiden Fontänen jagten ihre weißen Strahlen funkelnd und schäumend -zum mondblauen Himmel auf. Wirbelnd schoß das Wasser in die Höhe, -plätscherte gegen die Porphyrschalen, um in die Becken zurückzurieseln -und abzutropfen.</p> - -<p>Gunnar und Jenny gingen langsam zur Kirche hinüber, im Schatten des -Säulenganges.</p> - -<p>„Jenny“, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang ganz ruhig und -alltäglich. „Willst du mich heiraten?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> - -<p>„Nein,“ sagte sie ebenso ruhig und lachte ein wenig.</p> - -<p>„Es ist mein Ernst.“</p> - -<p>„Ja, aber du wirst wohl begreifen, daß ich das nicht will.“</p> - -<p>„Warum eigentlich nicht?“ Sie gingen weiter, der Kirche zu. „Wie ich -verstanden habe, bist du augenblicklich selbst der Ansicht, dein Leben -sei nicht lebenswert. Mitunter hast du die Absicht, dich ums Leben -zu bringen, wie ich gemerkt habe. Wenn du dich aber in einem solchen -Aufruhr befindest, weshalb kannst du dich denn nicht ebenso gut mit mir -verheiraten? Du kannst es doch auf jeden Fall versuchen, meine ich!“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf:</p> - -<p>„Ich danke dir, Gunnar, aber das heißt, finde ich, die Freundschaft -unerlaubt weit treiben.“ Sie wurde mit einem Male ernst: „Erstens mußt -du dir doch sagen, daß ich das nicht annehme. Zweitens: würdest du mich -dazu bringen, dich als Rettungsplanke anzusehen, so wäre ich nicht -wert, daß du dich bemühtest, mir nur den kleinen Finger zu reichen.“</p> - -<p>„Es ist nicht Freundschaft, Jenny.“ Er zögerte einen Augenblick. -„Sondern ich habe — dich lieb gewonnen. Ich sage es nicht, um dir -zu helfen — natürlich will ich dir auch gern helfen. Aber mir ist -plötzlich klar geworden — wenn es mit dir ein böses Ende nähme — ich -weiß nicht, was ich dann täte. Ich bin nicht fähig, daran zu denken. -Nichts auf der Welt würde ich scheuen, um dir zu helfen — weil ich dir -so gut bin, verstehst du?“</p> - -<p>„O nicht doch, Gunnar.“ Sie stand still und blickte erschrocken zu ihm -auf.</p> - -<p>„Ja, natürlich weiß ich, daß du mich nicht liebst. Aber deshalb -könntest du dich doch gut mit mir verheiraten, dies ebenso gut wie -irgend etwas anderes tun, wenn du doch des Ganzen müde bist und meinst, -du hättest dich selber aufgegeben.“ Seine Stimme klang heiß und bewegt, -als er ausrief: „Du mußt mich ja eines Tages liebgewinnen, ich weiß es -so sicher — weil ich dich so lieb habe!“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p> - -<p>„Du weißt, daß ich dich gern mag,“ sagte sie ernst. „Aber das ist kein -Gefühl, mit dem du dich auf die Dauer begnügen könntest. Zu einem -ganzen und starken Gefühl bin ich aber nicht fähig.“</p> - -<p>„Natürlich bist du das. Alle Menschen sind es. Ich war doch so -überzeugt, daß ich nie etwas anderes als diese — Geschichtchen erleben -würde. Ich glaubte eigentlich nicht daran, daß es etwas anderes gäbe -—.“ Er senkte die Stimme. „Du bist ja die erste, die ich liebe.“</p> - -<p>Sie stand stumm und still.</p> - -<p>„Dies Wort, Jenny, habe ich noch niemals ausgesprochen. Ich hatte eine -Art von Scheu, Ehrfurcht davor. Ich habe bisher nie eine Frau geliebt. -Etwas anderes war dieses dauernde Verliebtsein — in dies oder jenes -an ihnen. Cescas Grübchen, wenn sie lachte — das unbewußt Raffinierte -an ihr. Dies oder jenes, das meine Phantasie in Bewegung setzte, das -mich anregte, Märchen über sie zu dichten, Abenteuer, die ich erleben -würde. Einmal war ich in eine Frau verliebt, weil sie das erste Mal, -als ich sie sah, ein so wundervolles tiefrotes seidenes Kleid trug, -ganz schwarz in den Falten wie die dunkelsten Rosen, ich stellte sie -mir immer in diesem Kleide vor. Und du damals in Viterbo. Du warst so -fein und still, so zurückhaltend, gleichsam als trügst du Handschuhe -bis hinauf zu den Ellenbogen, sowohl innen wie außen, und du hattest -einen Schimmer in den Augen, wenn wir anderen lachten, als wolltest du -gern mit uns spielen, du konntest aber nicht und wagtest nicht. Da war -ich verliebt in den Gedanken, dich ausgelassen und lachend zu sehen. — -Aber nie zuvor habe ich ein zweites, lebendes Wesen geliebt.“</p> - -<p>Er wandte einen Augenblick die Augen von ihr und starrte zur Säule des -Springbrunnens hinauf, die im Mondlicht funkelte. So spürte er das -neue Gefühl in sich aufsteigen und funkeln, sein Sinn war voller neuer -Worte, die in Ekstase über seine Lippen sprangen:</p> - -<p>„Verstehst du mich, Jenny — ich liebe dich so, daß ich finde, alles -andere ist gleichgültig. Ich trauere nicht<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> darüber, daß du mich nicht -liebst, denn ich weiß, daß es eines Tages der Fall sein wird; ich fühle -ja, daß meine Liebe dich dahin bringen wird. Ich habe Zeit zu warten, -denn es ist wunderbar, dich so zu lieben. Als du davon sprachst, dich -niedertrampeln zu lassen, dich unter eine Lokomotive zu werfen, da -geschah etwas mit mir. Ich wußte nicht, was es war, ich wußte nur, ich -konnte es nicht mit anhören, ich wußte, ich durfte es nicht geschehen -lassen. Es war, als gelte es mein Leben. Du sprachst vom Kinde — es -schmerzte mich so wahnsinnig, daß du so gelitten hattest, und ich -konnte dir nicht helfen, ja, ich wußte es noch nicht, aber der Wunsch -war auch schon in mir wach, daß du mir gut sein mögest.</p> - -<p>Ich verstand alles, Jenny, die grenzenlose Liebe und den furchtbaren -Verlust, so lieb habe ich dich. Als wir drüben in der Trattoria saßen, -als wir dann hier hinübergingen, da war mir plötzlich alles klar und -wie grenzenlos lieb und teuer du mir bist. — Jetzt ist mir, als sei -es immer so gewesen. Alle Erinnerungen an dich gehören mit zu meiner -Liebe. Jetzt verstehe ich auch, warum ich so niedergedrückt war, seit -du hierher kamst. Ich sah, wie schwer dich dein Geschick drückte, wie -still und trostlos du in der ersten Zeit warst, und wie du später diese -wilden Anfälle bekamst. Ich besinne mich auf den Tag in Warnemünde auf -der Landstraße, als du dastandst und weintest — auch das gehört mit -dazu, weswegen ich dich liebe. Die anderen Männer, die du gekannt hast, -Jenny, auch der Vater des Knaben — o ich weiß, wie es gewesen ist. -Du hattest mit ihnen geredet und geredet — über all deine Gedanken, -und es war schließlich nur ein Gerede von Gedanken. Selbst, wenn du -versuchtest, ihnen klar zu machen, wie du fühltest, sie konnten ja -nicht verstehen, wie du warst. Aber ich weiß es. Was du an jenem Tag in -Warnemünde sagtest, und auch heute, das — du weißt, daß du darüber nur -mit mir sprechen kannst; das sind alles Dinge, die ich allein verstehen -kann. Ist es nicht so?“</p> - -<p>Sie senkte überrascht, zustimmend den Kopf.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p> - -<p>„Ich weiß, daß ich der einzige bin, der dich von Grund auf versteht, -und ich weiß genau, wie du bist. Ach. So lieb wie ich dich habe! Wärst -du voller Flecken und blutiger Wunden in deinem Gemüt, ich möchte -nur dich haben und all das fortküssen, bis du wieder rein und gesund -wärest. Ich will dir ja mit meiner Liebe nur dazu verhelfen, Jenny, so -zu werden, wie du’s erstrebst und erreichen mußt, um dich glücklich -zu fühlen. Auf welche schlimmen Gedanken du auch kämst — ich würde -glauben, du seiest krank, etwas Fremdes habe sich in dein Wesen -geschlichen. Wenn du mich auch betrögst, wenn ich dich betrunken im -Rinnstein fände — du bist dennoch meine eigene geliebte Jenny. Hörst -du? Kannst du nicht mein werden — nur mir gehören, dich in meine Arme -legen und dich zu meinem Eigen machen lassen? Du wirst wieder gesund -und glücklich werden. — Ich weiß noch nicht recht, wie ich es anfangen -werde, aber ich weiß, meine Liebe wird einen Weg finden. Du wirst jeden -Morgen ein wenig froher erwachen, und jeder Tag wird etwas lichter und -wärmer sein als der vorhergegangene und deine Trauer etwas weniger -schwer. Können wir nicht nach Viterbo fahren, irgend wohin? — Ach, laß -mich dich mein nennen — ich will dich hegen wie ein krankes Kind. Und -wenn du wieder geheilt bist, dann hast du mich liebgewonnen und weißt, -wir Beide können gar nicht ohne einander leben. — Hörst du mich, Jenny -— du bist krank, du kannst nicht allein auskommen. Schließ nur die -Augen und gib mir deine Hände, so nehme ich dich und liebe dich gesund -— ach, ich weiß, daß ich es kann.“</p> - -<p>Jenny wandte ihm ihr weißes Antlitz zu. Sie hatte sich an eine Säule -gelehnt und lächelte weh in den Mondenschein hinaus:</p> - -<p>„Wie sollte ich diese große Bosheit und Sünde gegen Gott begehen -können.“</p> - -<p>„Meinst du, weil du mich nicht liebst? Ich sage dir ja, es macht -nichts. Ich weiß, daß meine Liebe so mächtig ist, daß sie dich eines -Tages geweckt haben wird,<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> wenn du nur eine Zeitlang von der meinen -umsponnen warst.“</p> - -<p>Er umfing sie, küßte ihr ganzes Gesicht, badete es in Küssen. Sie war -willenlos. Aber nach einer Weile flüsterte sie trotzdem:</p> - -<p>„Tu es nicht, Gunnar — sei lieb.“</p> - -<p>Er ließ sie zögernd fahren:</p> - -<p>„Warum darf ich es nicht tun?“</p> - -<p>„Weil du es bist. Wäre es ein anderer gewesen, der mir gleichgültig -gewesen wäre — dann weiß ich nicht, ob ich hätte Widerstand leisten -mögen.“</p> - -<p>Gunnar nahm sie bei der Hand, während sie im Licht des Mondes auf und -ab gingen.</p> - -<p>„Ich verstehe dich. Als du deinen kleinen Buben bekommen hattest, -sahest du in deinem Leben wieder einen Sinn — nach all dem Sinnlosen. -Denn du liebtest ihn, und er brauchte dich. Als er dann starb, -wurdest du gleichgültig gegen dich selber, denn du fandest, du seiest -überflüssig.“</p> - -<p>Jenny nickte:</p> - -<p>„Ich kenne einige Menschen, die ich gern habe, um deretwillen es mich -schmerzen würde, wüßte ich, daß sie traurig sind, und um deretwillen -ich froh wäre, wenn es ihnen gut ginge. Aber <em class="gesperrt">ich</em> vermag ihnen -weder größere Trauer noch Freude zu bringen. So ist es immer gewesen. -Und gerade das hat mich früher insgeheim so unglücklich und sehnsüchtig -gemacht, daß ich umherlief und mein Dasein keines Menschen Glück -bedeutete. Das aber wollte ich sein, Gunnar, eines anderen Menschen -Glück. Ich habe nie an ein anderes Glück geglaubt. Du sprachst von der -Arbeit, aber ich war nie davon überzeugt, daß sie uns erschöpft — es -wäre mir auch so egoistisch vorgekommen. Die tiefste Freude, die man -dabei empfindet, ist ja die eigene — und die kann man mit niemanden -teilen. Aber es gibt keine Freude, die zugleich Glück bedeutet, wenn -man sie nicht mit anderen teilen kann. Außer dem, was uns einzelne -Augenblicke in unserer Jugend als Glück empfinden lassen. Das habe ich -auch<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> gefühlt, wenn ich meinte, ich hätte etwas erreicht in meinem -Streben, besser zu werden. Aber es ist ja töricht, irgendwelche -Reichtümer zu sammeln, wenn man sie nicht anwenden will. Bei einer Frau -jedenfalls. Ich finde, das Leben einer Frau hat keinen Sinn, wenn sie -nicht irgend jemandem zur Freude dient. Mir war es nie beschieden, ich -habe nur einigen Menschen Leid gebracht, die kleine, armselige Freude, -die ich gab, konnte wohl irgend eine andere auch geben, denn sie -liebten mich ja nur, weil sie etwas anderes in mir sahen, als das, was -ich wirklich war. — Nachdem Bübchen dann gestorben war, gelangte ich -zu der Ansicht, es sei gut, daß niemand mir so nahestand, daß ich ihm -ernstlich Leid zufügen konnte. Es gab niemanden, dem ich unersetzlich -war. — Und nun sagst du mir dies. Dich hätte ich vielleicht am -allerwenigsten in mein verwirrtes Leben hineingezogen. Eigentlich -habe ich dich immer am liebsten gehabt von allen, die ich kannte. Mir -tat es wohl, daß wir Freunde waren auf diese Art. Daß Liebe und all -dergleichen Gefährliches und Unruhiges sich nicht zwischen uns drängen -konnte! Ich hielt dich für zu gut dafür. Ach Herrgott, wie innig -wünschte ich, es hätte sich nichts geändert.“</p> - -<p>„Ich habe heute nicht mehr die Empfindung, als sei es jemals anders -gewesen,“ sagte er leise. „Ich liebe dich. Und ich glaube, du brauchst -mich. Ich bin so fest überzeugt, daß ich dich wieder zum Glücke -zurückführen kann. Und wenn mir nur das gelingt, so hast du mich -glücklich gemacht.“</p> - -<p>Jenny schüttelte den Kopf:</p> - -<p>„Wäre nur das Geringste zurückgeblieben von meinem Glauben an mich -selbst! Betrachtete ich mich nicht als so unwiederbringlich abgetan -— dann vielleicht. Aber Gunnar, wenn du davon sprichst, daß du mich -liebst, so weiß ich, daß das, was du an mir liebst, tot und vernichtet -ist. Dann aber ist es ja wieder die alte Sache, du bist verliebt in -etwas, was du dir an mir nur einbildest, vielleicht etwas, was ich -gewesen bin oder hätte sein können.<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> Aber dennoch — eines Tages -wirst du mich sehen, wie ich jetzt bin und dann wirst auch du nur -unglücklich.“</p> - -<p>„Wie es auch endet — niemals werde ich es als ein Unglück betrachten, -daß ich dich liebe. Ich weiß viel besser als du selbst, in dem -Zustande, in dem du jetzt bist, bedarf es nur eines Stoßes, und du -stürzest — in etwas ganz Wahnwitziges hinaus. Aber ich fühle mich -dir nah. Denn ich kann den ganzen Weg übersehen, der dich bis hierher -gebracht hat, und wenn du stürztest, so würde ich dir folgen und -versuchen, dich auf meinem Arm zurückzutragen und dich dennoch zu -lieben.“</p> - -<p class="mtop2">Als sie nachts oben im Gang vor ihren Zimmern standen, ergriff er ihre -Hände:</p> - -<p>„Jenny, soll ich nicht heute Nacht lieber bei dir bleiben, anstatt dich -allein zu lassen? Glaubst du nicht, dir würde wohl sein, wenn du in den -Armen eines Menschen einschliefest, dem du alles bist — und wenn du -morgen so erwachtest?“</p> - -<p>Sie blickte auf und lächelte bedeutsam in den goldenen Schein der -Wachskerze:</p> - -<p>„Vielleicht heut Nacht. Aber ich glaube nicht morgen.“</p> - -<p>„Ach Jenny.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Es ist vielleicht gut, daß -ich heute Nacht zu dir komme. Ich finde, ich habe das Recht — ich täte -damit nichts Schlechtes. Ich weiß, es wäre das Beste für dich, wenn — -du mein würdest. Wirst du böse — wirst du traurig, wenn ich komme?“</p> - -<p>„Ich glaube, ich würde traurig werden — hinterher. Deinetwegen. — Ach -nein, tu es nicht, Gunnar. Ich will nicht dein werden, wenn ich weiß, -daß es für mich ebenso gut ein anderer sein könnte —“</p> - -<p>Er lachte kurz, mutwillig und schmerzlich zugleich:</p> - -<p>„Wärest du erst mein, dann würdest du dich keinem anderen geben, so gut -kenne ich dich, Jenny. Aber wenn du bittest — ich kann warten. — Aber -riegele deine Tür zu,“ sagte er mit demselben Lachen.</p> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p> - -<h3 id="III_XI">XI.</h3> - -</div> - -<p>Den ganzen Tag hindurch war das Wetter trübe gewesen, mit kalten, -fahlgrauen Wolken hoch oben am Himmel. Jetzt gegen Abend zeigten sich -einige dünne, messinggelbe Streifen über dem westlichen Horizont.</p> - -<p>Jenny war am Nachmittag auf den Monte Celio gegangen, um zu zeichnen. -Es war nichts daraus geworden — sie hatte nur auf der großen -Freitreppe vor San Gregorio gesessen und gedankenverloren in den Hain -geblickt, dessen große Bäume unter dem fahlen Himmel lenzhaft zu -knospen begannen und in dem die Tausendschön hell unter dem grünen -Grase leuchteten.</p> - -<p>Sie ging jetzt durch die Allee, die unter dem Südhang des Palatins -dahinläuft, wieder zurück. Ueber die Palmen des Klosters auf dem -Gipfel ragte die Masse der Ruinen grau und verwittert gen Himmel. Den -Abhang hinab zogen sich die ewiggrünen Büsche, jetzt fast schwarz mit -Kalkstaub gepudert.</p> - -<p>Vor dem Konstantinsbogen, auf dem Platz zwischen den Ruinen des -Colosseum, des Palatin und des Forums schlichen einige verfrorene -Ansichtskartenverkäufer umher. Nur wenig Touristen waren heute draußen. -Einige spindeldürre Damen feilschten in unmöglichem Italienisch mit -einem wandernden Mosaikkrämer.</p> - -<p>Ein kleiner Bursche, vielleicht drei Jahre alt, klammerte sich an -Jennys Mantel fest und hielt ihr einen Büschel Stiefmütterchen -entgegen. Er hatte seltsam schwarze Augen, war langhaarig und in -Nationaltracht herausgeputzt, mit spitzem Filzhut, Sammetjacke und -Sandalen über den weißwollenen Socken. Als er um einen Soldo bat, hörte -sie, daß er noch nicht richtig sprechen konnte.</p> - -<p>Jenny reichte ihm die Münze, als plötzlich seine Mutter an ihre Seite -fegte und das Geldstück dankend in Verwahrung nahm. Auch sie hatte den -Versuch gemacht, ihrer Tracht einen leichten nationalen Anstrich zu -geben, hatte ein rotes Sammetkorsett über ihre schmutzige, karierte<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> -Bluse geschnürt und ein Tuch im Viereck über das Haar gebreitet. Im -Arme trug sie ein kleines Kind.</p> - -<p>Es sei drei Wochen alt, erfuhr Jenny, als sie fragte. Das arme Wesen -war krank.</p> - -<p>Das Kind war nicht viel größer als Jennys Knabe nach der Geburt. Seine -Haut war rot und wund und schälte sich, es atmete pfeifend, als seien -die Luftröhren voller Schleim, und die Augen blickten glanzlos unter -den entzündeten halbgeschlossenen Lidern hervor.</p> - -<p>Ja, sie ginge jeden Tag mit ihm zur Poliklinik, sagte die Mutter. Aber -sie meinten, es würde sterben. Es wäre auch für das arme Ding das -Beste. Die Frau sah müde und mißmutig aus, obendrein war sie häßlich -und zahnlos.</p> - -<p>Jenny fühlte ein Weinen in der Kehle aufsteigen. Armes, kleines Wesen. -Ja, für das Kind wäre es das Beste, wenn es stürbe. Armer kleiner -Krüppel. Sie strich liebkosend über das häßliche Gesichtchen.</p> - -<p>Sie hatte der Frau noch etwas Geld gegeben und wollte eben gehen. In -diesem Augenblick ging ein Herr vorüber. Er grüßte, zögerte einen -Augenblick, ging dann aber weiter, da Jenny den Gruß nicht erwiderte. -Es war Helge Gram.</p> - -<p>Sie hatte es gar nicht begriffen, daß sie hätte grüßen müssen. Sie -hockte sich vor den kleinen Burschen mit den Blumen und ergriff seine -Hände, zog das Kind näher zu sich heran und plauderte mit ihm, indem -sie versuchte, das wahnsinnige Beben niederzuzwingen, das durch ihren -Körper raste.</p> - -<p>Einmal wandte sie den Kopf und blickte in die Richtung, in der er -weitergegangen war. Drüben auf der Treppe, die zum Platz am Colosseum -führte und zur Straße hinauf, stand er und sah herüber.</p> - -<p>Sie fuhr fort, in hockender Stellung mit der Frau und dem Kinde zu -sprechen. Als sie wieder aufsah, war er gegangen — aber sie wartete, -noch lange, nachdem sein grauer Hut und Mantel verschwunden war.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p> - -<p>Dann rannte sie förmlich nach Hause zu, durch Hintergäßchen und -Schlupfwinkel, vorsichtig um jede Ecke biegend, voller Angst, daß er -ihr hier begegnen könnte.</p> - -<p>Weit drüben jenseits des Pincio hielt sie inne. Sie aß dort in einer -Trattoria zu Abend, in der sie vorher nie gewesen war.</p> - -<p>Als sie ein wenig verweilt und einige Schluck Wein getrunken hatte, -wurde sie ruhiger.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wenn</em> sie nun Helge begegnete und er sie anredete, so war es -natürlich peinlich. Selbstverständlich würde sie es am liebsten -vermeiden. Aber wenn es sich nun so traf, brauchte sie deshalb eine -so sinnlose Furcht zu hegen? Sie waren ja beide fertig miteinander; -für das, was geschehen war, nachdem sie auseinander gegangen waren, -hatte er sie nicht zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn er es tat, so kam -ihm kein Recht dafür zu. Was er auch wußte, was er auch sagen mochte, -sie wußte ja selbst, was sie getan. Sich selber hatte sie Rechenschaft -ablegen müssen — was war alles andere dagegen!</p> - -<p>Brauchte sie sich vor irgendeinem Menschen zu fürchten? Niemand konnte -ihr schlimmeres Leid zufügen, als sie selbst sich angetan.</p> - -<p>Aber es war wieder ein böser Tag gewesen, daran lag es. Einer von den -Tagen, an denen sie nicht nüchtern war. Jetzt war es besser geworden.</p> - -<p>Sie war jedoch kaum wieder auf der Straße, als die tolle, verzweifelte -Angst sie wieder überfiel. Diese Angst peitschte sie, so daß sie -vorwärtsstürmte, ohne es zu wissen. Sie faltete ihre Hände und sprach -halblaut mit sich selbst.</p> - -<p>Einmal riß sie die Handschuhe von den Händen, denn ihr war glühend -heiß geworden. Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie einen nassen Fleck auf -dem einen bemerkt hatte, nachdem sie das kranke Kind gestreichelt. -Angewidert schleuderte sie die Handschuhe von sich.</p> - -<p>Als sie zu Hause ankam, stand sie im Gange still. Sie klopfte an -Gunnars Tür. Er war aber nicht daheim.<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> Dann blickte sie auf das Dach -hinaus, aber auch dort war niemand.</p> - -<p>Sie ging in ihr Zimmer und zündete die Lampe an. Die Arme auf der Brust -verschränkt, saß sie und starrte in die Flamme, erhob sich, wanderte -ruhelos im Zimmer auf und ab und setzte sich schließlich nieder.</p> - -<p>Angespannt horchte sie auf jeden Laut im Treppenflur. Ach, wenn doch -Gunnar käme und nur der andere nicht! — Aber er wußte ja nicht, wo -sie wohnte. Er konnte aber jemanden getroffen und gefragt haben. Ach -Gunnar, Gunnar, komm!</p> - -<p>Dann wollte sie gleich zu ihm gehen, sich in seine Arme werfen und ihn -bitten, sie hinzunehmen.</p> - -<p>Von dem Augenblick, als sie Helge Grams goldbraunen Augen begegnet -war, hatte die ganze Vergangenheit, die unter dieser Augen Blick ihren -Anfang genommen, sich gegen sie aufgelehnt. Alles überfiel sie aufs -neue, der Ekel, der Zweifel an der eigenen Fähigkeit, zu fühlen, zu -wollen und zu wählen, der Zweifel, ob sie das wirklich nicht wolle, -was sie abzulehnen sich einbildete. — Und sie sah sich wieder, wie -sie sich damals gesehen, verlogen, verträumt, schlaff, während sie vor -sich selber tat, als fordere sie ein reines, starkes und ganzes Gefühl -von sich, während sie sagte, sie wolle ehrlich, arbeitsam, mutig, -opferwillig, diszipliniert sein. Dabei ließ sie Stimmungen und Triebe -mit sich Fangball spielen, gegen die zu kämpfen sie sich nicht die -Mühe machte, obgleich sie wußte, sie müßte es tun. Sie spiegelte Liebe -vor, um sich einen Platz unter Menschen zu erschleichen, den sie nie -gewonnen hätte, solange sie ehrlich gewesen —.</p> - -<p>Sie hatte sich umwandeln wollen, um sich zu den Menschen rechnen zu -können, unter denen sie, wie sie immer gewußt hatte, eine Fremde war, -weil aus anderem Holz geschnitzt. Aber sie war nicht imstande gewesen, -allein zu bleiben, eingesperrt in ihrer eigenem Natur. Sie hatte Gewalt -an ihrer Natur verübt. Widerwärtig, unnatürlich war ihr Verhältnis zu -den Menschen geworden, die ihr im tiefsten Innern wesensfremd waren. -Der<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> Sohn und der Vater —. Und was nachfolgte — ihr eigenes inneres -Wesen war dadurch entstellt, jeder feste Halt, den sie in sich selbst -besessen hatte, ließ sie im Stich, zerbröckelte zu einem Nichts. Sie -löste sich innerlich auf.</p> - -<p>Kam Helge, traf sie ihn, so würden, fühlte sie, die Verzweiflung -und ihr Lebensüberdruß sie überwältigen. Sie wußte nicht, was dann -geschehen würde, nur soviel, daß, mußte sie ihm von Angesicht zu -Angesicht gegenüberstehen, ihre Kräfte sie verlassen würden —.</p> - -<p>Ach, Gunnar! Ob sie ihn liebte oder nicht, daran hatte sie in diesen -Wochen, als er um sie gebettelt hatte, wie sie war, nicht nachgedacht. -Er hatte geschworen, ihr hinüberhelfen zu können, alles wieder in ihr -aufzurichten.</p> - -<p>Mitunter hatte sie nur den Wunsch, er nähme sie mit Gewalt. Dann -brauchte sie sich nicht selbst zu entscheiden. Denn es war, wie er -sagte; wählte sie, sein zu werden, so sagte ihr der letzte Rest von -Stolz, daß sie die Verantwortung trüge. Dann <em class="gesperrt">mußte</em> sie das -werden, was sie gewesen, das, wofür er sie hielt, und das, was die -Zukunft aus ihr machen sollte. Ob sie dazu imstande war oder nicht, sie -mußte sich wieder hocharbeiten aus alledem, worin sie jetzt herumwühlte -— unter einem neuen Leben mußte sie alles begraben, was geschehen war, -seit sie Helge Gram den Kuß gegeben, mit dem sie ihren eigenen Glauben -und ihr ganzes Leben bis zu dem Frühlingstage in der Campagna verraten -hatte.</p> - -<p>Ob sie sich Gunnar zu eigen geben wollte —? Liebte sie ihn denn, der -ganz so war, wie sie hatte werden wollen? Dessen ganzes Wesen alles in -ihr wachrief, was sie einstmals entwickeln und pflegen wollte — jedes -Talent, das sie zu fördern für wert erachtet hatte —.</p> - -<p>Die Liebe, die sie auf wirren Pfaden gesucht, dort, wohin ihr -krankhaftes Sehnen und ihre heiße Ruhelosigkeit sie getrieben hatten -— bestand sie denn nur in dem Selbstverständlichen, die Augen zu -schließen und sich in die Gewalt des Mannes zu begeben, der allein -ihr Vertrauen<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> besaß, den alle Instinkte das Gewissen und den rechten -Richter nannten —?</p> - -<p>Aber sie hatte es doch nicht über sich bringen können — die ganzen -Wochen hindurch hatte sie es nicht gekonnt. Sie wollte nur erst etwas -weiter aus diesem Schlamm, in dem sie sich befand, heraus, durch eigene -Kraft. Sie wollte erst fühlen, daß ihr eigener Wille aus fernen Tagen -wieder die Herrschaft über ihr zerrissenes Gemüt ergriffen hatte. Wenn -sie dann nur wieder einen Funken Achtung und Vertrauen zu sich selbst -zurückgewinnen könnte.</p> - -<p>Durfte sie weiterleben, so war Gunnar als Mensch alles, was das Leben -für sie bedeutete. Ach, ein paar Worte, die er auf ein Stück Papier -gekritzelt hatte, ein Buch, das als Bote zu ihr kam, von irgend -einem Zug seines Wesens kündend — gerade das hatte ja das letzte -aufflackernde Sehnen nach dem Leben in ihr geweckt, damals, als sie -sich nach des Kindes Tode wie ein zuschanden geschlagenes Tier durchs -Dasein schleppte —.</p> - -<p>Kam er jetzt, so durfte er sie nehmen. Er mußte sie das erste Stück des -Weges tragen. Später wollte sie versuchen, allein zu schreiten —.</p> - -<p>Und ihre Seele, die sich zerfleischte, während sie dort wartend saß, -gelangte zu diesem Ergebnis:</p> - -<p>Kam er, so wollte sie leben. Kam der andere, mußte sie sterben.</p> - -<p>Als sie dann Schritte auf der Treppe hörte und es nicht Gunnars -Schritte waren, als es an ihre Türe pochte, senkte sie das Haupt und -ging bebend, um Helge Gram zu öffnen. Ihr war es nur, als öffnete sie -dem Schicksal, das sie selbst über sich heraufbeschworen hatte.</p> - -<p>Sie folgte ihm mit den Blicken, während er ins Licht trat und den Hut -auf einen Stuhl warf. Auch jetzt begrüßte sie ihn nicht.</p> - -<p>„Ich wußte, du seiest in der Stadt,“ sagte er. „Ich kam vorgestern an. -Aus Paris. Ich sah deine Adresse im Verein — hatte die Absicht, dich -einmal zu besuchen. Dann traf ich dich heute nachmittag auf der Straße. -Ich erkannte schon von weitem dein graues Pelzwerk.“<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> Er sprach schnell -— fast atemlos. „Willst du mir nicht Guten Abend wünschen, Jenny — -bist du böse, daß ich zu dir gekommen bin?“</p> - -<p>„Guten Abend, Helge,“ sagte sie und nahm die Hand, die er ihr -entgegenstreckte. „Bitte sehr, willst du nicht Platz nehmen?“</p> - -<p>Sie selbst setzte sich aufs Sofa. Sie vernahm ihre eigene Stimme — -ganz ruhig und alltäglich klang sie. Aber im Gehirn verspürte sie das -gleiche sonderbare, taumelnde Angstgefühl wie vordem.</p> - -<p>„Ich wollte dich gern begrüßen,“ sagte Helge und setzte sich neben sie -auf einen Stuhl.</p> - -<p>„Das ist nett von dir,“ entgegnete Jenny.</p> - -<p>Sie schwiegen wieder.</p> - -<p>„Du wohnst jetzt in Bergen,“ sagte sie dann. „Ich sah, daß du deinen -Doktor gemacht hast — ich gratuliere.“</p> - -<p>„Danke.“</p> - -<p>Wieder entstand eine Pause.</p> - -<p>„Du hast jetzt sehr lange im Auslande gelebt —. Manchmal hatte ich die -Absicht, dir zu schreiben, aber dazu kam es nie. Heggen wohnt, wie ich -sah, im selben Haus wie du —.“</p> - -<p>„Ja. Ich schrieb an ihn und bat ihn, etwas für mich zu mieten, ein -Atelier, aber die sind so teuer hier und so schwer zu bekommen. Dies -Zimmer hat jedoch auch ganz gutes Licht —.“</p> - -<p>„Ich sehe, du hast eine ganze Anzahl Bilder stehen —.“</p> - -<p>Er erhob sich plötzlich, ging durch das Zimmer, kam aber gleich darauf -zurück und setzte sich wieder hin. Jenny senkte den Kopf, sie fühlte, -wie er sie dauernd anstarrte.</p> - -<p>Dann sprach er wieder — sie versuchten, sich mit einander zu -unterhalten, er fragte nach Franziska Ahlin und anderen gemeinsamen -Bekannten. Doch das Gespräch starb schnell wieder hin, und er saß stumm -da und starrte sie an wie vorher.</p> - -<p>„Weißt du, daß meine Eltern sich scheiden ließen?“ fragte er plötzlich.</p> - -<p>Sie nickte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p> - -<p>„Ja.“ Er lachte kurz. „Sie hielten ja unsertwegen solange miteinander -aus. Prallten aneinander und rieben sich wie zwei Mühlsteine, bis all -unser Gut zwischen ihnen zu Pulver vermahlen war. Jetzt war wohl nichts -mehr übrig, was zerrieben werden konnte, so blieb die Mühle stehen —. -O ja. Ich besinne mich auf die Zeit, als ich ein Knabe war. Wenn sie -miteinander sprachen — sie schlugen sich ja nicht gerade. Aber in -ihren Stimmen lag etwas —. Mutter schalt übrigens, hatte einen großen -Mund und weinte schließlich. Vater war nur ruhig und still, aber ein -Klang war in seiner Stimme, ein Haß, so kalt und hart, daß es wie mit -Messern schnitt. Ich lag drinnen im Schlafzimmer und wurde von einer -Art Zwangsvorstellung geplagt, wenn ich es so nennen darf. Welch ein -Genuß müßte es sein, eine Stricknadel zu nehmen und quer durch den Kopf -zu stechen, in das eine Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Die -Stimmen schmerzten rein physisch im Trommelfell, verursachten einen -Schmerz, der sich gewissermaßen durch den ganzen Kopf fortpflanzte, -weißt du —. Das war also der Anfang. Nun haben die beiden ihre Pflicht -als Eltern getan. Jetzt ist es aus —.“</p> - -<p>Er nickte ein paar Mal vor sich hin.</p> - -<p>„Es ist so häßlich. Diesen Haß meine ich — alles wird so häßlich, was -in seine Nähe kommt. Ich besuchte vergangenen Sommer meine Schwester. -Wir sympathisierten ja nie miteinander — aber —. Es war abscheulich, -sie mit dem Manne zusammen zu beobachten. Manchmal küßte er sie, -nahm die Pfeife aus dem dicken, feuchten Munde und küßte seine Frau. -Ein Papst auf dem Predigerstuhl, und daheim praßt er —. Sofie wurde -mitunter ganz weiß, wenn er sie anrührte. Dann du und ich. Ich fand -es später so selbstverständlich, daß alles zerbrechen mußte, all das -feine, weiche Lichtgrüne zwischen uns — erfrieren mußte in dieser -Luft. Als ich dich damals verlassen hatte, bereute ich es. Ich wollte -schreiben — aber weißt du, warum ich es nicht tat? Ja, ich erhielt -einen Brief von meinem Vater, er erzählte, daß er bei dir gewesen -sei. Es war eine Mahnung, weißt du, daß ich<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> versuchen sollte, die -Verbindung mit dir wieder aufzunehmen —. Darum schrieb ich nicht, ich -hatte eine abergläubische Furcht davor, einem Rat aus jener Richtung -zu folgen —. Dann habe ich mich die ganze Zeit über nach dir gesehnt -und von dir geträumt, Jenny. Alle Erinnerungen wieder und wieder -hervorgeholt. Weißt du, welchen Ort ich hier in Rom zuerst aufsuchte — -gestern? Ich war draußen auf der Montagnola. Ich fand unsere Namen in -den Kaktusblättern wieder —.“</p> - -<p>Jenny saß bleich mit geballten Händen da.</p> - -<p>„Du siehst genau so aus wie früher. Und hast doch drei Jahre verlebt, -von denen ich nichts weiß,“ sagte Helge leise. „Jetzt, wo ich wieder -mit dir zusammen bin, kann ich es nicht fassen. Es ist, als sei es -alles nicht wahr, was zwischen uns liegt, seit wir uns hier in Rom -trennten —. Und jetzt gehörst du vielleicht einem anderen —.“</p> - -<p>Jenny erwiderte nichts.</p> - -<p>„Bist du — verlobt?“ fragte er leise.</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Jenny!“ Helge senkte den Kopf, so daß sie sein Antlitz nicht sehen -konnte. „Weißt du — alle diese Jahre hindurch habe ich gehofft, -geträumt, dich zurückzugewinnen. Ich habe mir ausgemalt, daß wir beide -uns wiedersehen — und einander verstehen würden; du sagtest ja, ich -sei der Erste gewesen, den du geliebt hast. Jenny — ist es unmöglich?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie.</p> - -<p>„Heggen?“</p> - -<p>Erst antwortete sie nicht.</p> - -<p>„Ich bin immer eifersüchtig auf Heggen gewesen,“ sagte Helge leise. -„Ich fürchtete, er war der Rechte —. Als ich sah, daß ihr zusammen -wohnt — —. Nun habt ihr — euch also — lieb?“</p> - -<p>Jenny schwieg noch immer.</p> - -<p>„Liebst du ihn?“ fragte Helge wieder.</p> - -<p>„Ja. Aber ich will ihn nicht heiraten.“</p> - -<p>„Ah, auf diese Art,“ sagte er hart.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p> - -<p>„Nein.“ Sie lächelte flüchtig. Müde und erregt senkte sie das Haupt. -„Ich bin nicht mehr zu irgend einem Verhältnis einem Menschen gegenüber -fähig — jetzt nicht mehr. Ich bin zu nichts fähig. Ich wünschte, du -gingest, Helge.“</p> - -<p>Aber er blieb sitzen.</p> - -<p>„Ich kann nicht fassen, daß alles wieder aus sein soll. Ich habe es nie -geglaubt, und jetzt, wo ich dich wiedersehe —. Ich habe nachgedacht, -immer und immer wieder, es war meine eigene Schuld. Ich bin so verzagt, -wußte nie, was das Richtige war. Es hätte anders sein können. Ich -dachte an den letzten Abend, als ich in Rom mit Dir zusammen war. Ich -meinte immer, dieser Augenblick müßte wiederkehren. Ich ging damals, -weil ich glaubte, es sei das Beste. Ich kann dich doch wohl nicht -deswegen verloren haben —.“</p> - -<p>„Damals“ — er blickte nieder — „hatte ich noch nie ein Weib berührt. -Ich war scheu geworden durch die Zustände daheim. — Träume und -Phantasien — mitunter schufen sie eine Hölle, aber immer war die -Furcht am stärksten —. Ach. Jetzt bin ich neunundzwanzig Jahre alt. -Ich habe nichts Schönes und Glückliches erlebt — außer dem kurzen Lenz -mit dir. Begreifst du denn nicht, daß ich den Gedanken an dich nie -aufgeben konnte? Begreifst du nicht, wie ich dich liebe — das einzige -Glück, das ich gekannt habe? Ich kann nicht ohne dich sein — jetzt -kann ich nicht mehr —.“</p> - -<p>Sie hatte sich erhoben, bebend, und auch er war aufgestanden. Sie wich -unwillkürlich einige Schritte zurück.</p> - -<p>„Helge — ein anderer ist dagewesen.“</p> - -<p>Er stand still und blickte sie an.</p> - -<p>„So — ein anderer ist also dagewesen. Ich hätte es sein können — und -dann wurde es ein anderer. Aber, ich will dich haben, was kümmert es -mich. Jetzt will ich dich besitzen, denn einst hast du es mir zugesagt —.“</p> - -<p>Als sie erschrocken an ihm vorbeizuschlüpfen suchte, riß er sie mit -Gewalt an sich.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p> - -<p>Es dauerte einige Augenblicke, ehe es ihr recht bewußt wurde, daß er -ihren Mund küßte. Sie glaubte, Widerstand zu leisten, aber sie lag -wehrlos in seinen Armen.</p> - -<p>Sie wollte sagen, daß er nicht dürfe. Sie wollte ihm sagen, wer der -andere gewesen. Aber sie konnte nicht, denn sie hätte dann gesagt, daß -sie ein Kind gehabt hatte. Und in dem Augenblick, als sie an den Knaben -dachte, fühlte sie, daß sie ihn nicht zu nennen vermochte — inmitten -dieses Kampfes. Ihr Kind mußte sie von dem Untergang fernhalten, der, -wie sie wußte, jetzt kam —. Und dieser Gedanke erschien ihr wie eine -zarte Liebkosung des toten Kleinen, die sie wärmte und ihr wohltat, -sodaß ihr Körper einen Augenblick in seinen Armen weich und nachgiebig -wurde.</p> - -<p>„Du bist mein — mein bist du, Jenny — ja, ja, ja,“ flüsterte Helge -über ihr.</p> - -<p>Sie sah einen Augenblick in sein Gesicht. Dann riß sie sich von ihm los -und rannte zur Tür. Gleichzeitig rief sie laut nach Gunnar.</p> - -<p>Er sprang ihr nach und riß sie zurück:</p> - -<p>„Er bekommt dich nicht — du bist mein, du —.“</p> - -<p>Dann kämpften sie wortlos an der Tür. Jenny war es, als käme alles nur -darauf an, ob sie öffnen und in Gunnars Zimmer gelangen könnte. Wie sie -aber dann Helges Körper an dem ihren spürte, heißer, stärker als ihr -eigener, wie er sie festhielt mit Armen und Knien, da war es ihr, als -sollte es so sein, als sollte sie sich ergeben. Und sie warf sich ihm -freiwillig in die Arme.</p> - -<p class="mtop2">Im Dämmerlicht, während er sich ankleidete, trat er alle Augenblicke an -ihr Bett und küßte sie:</p> - -<p>„Herrliche du! Wie schön du bist Jenny! Jetzt bist du mein. Alles wird -wieder gut, nicht wahr? O, wie ich dich liebe! — Du bist müde? Du -sollst schlafen ich gehe jetzt. Morgen Vormittag komme ich wieder zu -dir. Schlaf gut, süße, geliebte Jenny. Bist du so müde?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span></p> - -<p>„Ja, sehr müde, Helge.“ Sie lag mit halbgeschlossenen Augen da -und blickte in das fahle Morgenlicht, das Helge durch die Laden -hereingelassen hatte.</p> - -<p>Dann küßte er sie. Er hatte den Mantel angezogen und hielt den Hut in -der Hand. Noch einmal ließ er sich auf den Knien vor dem Bette nieder -und schob den Arm unter ihre Schultern:</p> - -<p>„Ich danke dir für diese Nacht, Jenny —. Besinnst du dich darauf, daß -ich dasselbe an jenem ersten Morgen in Rom sagte, draußen auf Aventin? -Erinnerst du dich dessen?“</p> - -<p>Jenny nickte, in die Kissen vergraben.</p> - -<p>„Schlaf wohl. Gib mir noch einen Kuß — so, Gute Nacht meine herrliche -Jenny!“ —</p> - -<p>In der Tür hielt er inne:</p> - -<p>„Gibt es einen Schlüssel zu der Tür? Oder ist es eine von den -altmodischen mit einer Klinke innen?“</p> - -<p>„Ja, es ist die gewöhnliche Art,“ sagte sie, „du öffnest ohne weiteres -von innen —.“</p> - -<p class="mtop2">Sie blieb mit geschlossenen Augen liegen. Aber sie sah ihren eigenen -Körper, wie er unter der Decke lag, weiß, nackt, schön, ein Ding, das -sie von sich geschleudert hatte, wie sie den beschmutzten Handschuh -heut Nachmittag fortgeworfen. Er gehörte ihr nicht mehr.</p> - -<p>Plötzlich durchfuhr sie ein Ruck. Sie hörte Heggen die Treppe -heraufkommen, langsam, hörte ihn die Türe zu seinem Zimmer öffnen. Er -ging eine Weile dort drinnen auf und ab, dann wieder hinaus, zum Dach -hinauf. Jetzt hörte sie seine eiligen Schritte über ihrem Kopfe — auf -und ab.</p> - -<p>Sie war überzeugt, daß er es wußte. Aber es machte keinen Eindruck auf -ihr müdes Hirn. Sie fühlte keinen Schmerz mehr. Es war ihr, als müsse -alles ihm ebenso selbstverständlich und unabwendbar vorkommen wie ihr.</p> - -<p>Was sie vorhatte, war nicht ihr freier Entschluß. Es mußte geschehen -wie das andere geschehen war, — wie<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> eine unabänderliche Folge dessen, -daß sie gestern Helge die Türe geöffnet hatte.</p> - -<p>Jenny streckte einen Fuß unter der Decke hervor und betrachtete ihn wie -einen fremden Gegenstand, der nicht ihr gehörte. Er war hübsch. Sie -krümmte ihn, so daß der Spann sich straffte. Hübsch war er, weiß und -blaugeädert, mit feinem Rot an der Ferse und den Zehen.</p> - -<p>Sie war so müde. Diese Müdigkeit tat wohl. Als hätte sie Schmerzen -gehabt, die jetzt vorüber waren. Während er bei ihr war, hatte nur -ein Gefühl sie beherrscht, als würde sie in die Finsternis gestoßen -und sänke und sänke. Es war Wollust, so zu vergehen, seines Willens -beraubt, sich aus dem Leben treiben lassen, hinab auf den Grund, wo es -still war. Sie wußte dunkel, daß sie seine Liebkosungen erwidert, sich -an ihn geschmiegt hatte. Jetzt war sie müde, und was ihr zu tun noch -übrig blieb, tat sie mechanisch.</p> - -<p>Sie stand auf und kleidete sich an. Als sie Strümpfe, Leibchen -und Unterrock angezogen hatte, steckte sie die Füße in ein Paar -Goldkäferschuhe, die sie im Hause trug. Sie wusch sich und steckte das -offene Haar vor dem Spiegel hoch, ohne zu wissen, daß sie ihr eigenes -Antlitz erblickte.</p> - -<p>Dann ging sie zu dem kleinen Tisch, auf dem ihre Malgeräte lagen. Sie -kramte in dem Kasten mit ihrem Radierwerkzeug. An das spitze dreieckige -Schabeisen hatte sie in der Nacht denken müssen. Früher hatte sie es -manchmal halb spielerisch gegen ihre Pulsadern gehalten.</p> - -<p>Jenny nahm es auf und prüfte es, befühlte es mit dem Finger. Dann legte -sie es zurück und ergriff ein Taschenmesser. Sie hatte es einmal in -Paris gekauft, es hatte Korkzieher, Büchsenöffner und viele Klingen. -Die eine war kurz, spitz und breit — diese öffnete sie.</p> - -<p>Dann ging sie zurück und setzte sich aufs Bett. Sie legte das -Kopfkissen über den Rand des Nachttisches, — stützte die linke Hand -darauf und schnitt die Pulsader durch.</p> - -<p>Das Blut spritzte hoch auf, der Strahl schoß gegen ein kleines -Aquarell, das sie an der Wand über dem Bett<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> aufgehängt hatte. Als -sie das sah, rückte sie die Hand zur Seite. Sie legte sich nieder -— streifte unwillkürlich mit den Füßen die Schuhe ab und legte sie -ganz aufs Bett. Als sie sah, wie das Blut spritzte, verbarg sie die -verwundete Hand unter der Decke.</p> - -<p>Sie hatte keinen Gedanken und keine Angst, fühlte nur, daß sie sich -dem Unabwendbaren hingab. — Der Schmerz selbst, als sie sich schnitt, -war nicht stark — scharf und klar, gleichsam auf die eine Stelle -konzentriert.</p> - -<p>Aber nach einer Weile durchrieselte sie ein unbekanntes, sonderbares -Gefühl — eine Angst, die wuchs und wuchs. Nicht die Furcht vor etwas -— das Gefühl selbst bestand nur in einer fürchterlichen Angst in der -Herzgegend — als würde sie erwürgt. Sie öffnete die Augen — aber -schwarze Fetzen nisten an ihren Blicken vorüber. Sie konnte nicht atmen -— das Zimmer überfiel sie von allen Seiten —. Sie taumelte aus dem -Bett, wankte zur Tür, blindlings die Treppe zum Dach hinauf, bis sie -auf der obersten Stufe zusammenbrach — —</p> - -<p class="mtop2">Helge war Gunnar Heggen begegnet, als er gerade aus dem Tore trat. Sie -hatten sich beide angeblickt, während sie zum Hute griffen. Dann waren -sie aneinander vorbeigegangen — ohne ein Wort.</p> - -<p>Aber diese Begegnung hatte Helge nüchtern gemacht. Nach dem Rausch der -Nacht schlug seine Stimme plötzlich um. Was er erlebt hatte, erschien -ihm plötzlich unglaubhaft, unbegreiflich und unheimlich.</p> - -<p>Dieses Zusammentreffen mit ihr, wovon er die ganzen Jahre hindurch -geträumt hatte. Sie, von der er geträumt, sie hatte fast nicht -gesprochen, nur stumm und kalt dagesessen und sich dann plötzlich in -seine Arme geworfen. Wild und wahnsinnig, doch ohne einen Laut. Jetzt -plötzlich erinnerte er sich — sie hatte nichts gesagt, nichts erwidert -auf alle seine Liebesworte heute Nacht.</p> - -<p>Eine fremde, unheimliche Frau war das — seine Jenny? Er wußte mit -einem Male, sie war nie sein gewesen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span></p> - -<p>Helge schritt immer weiter durch die morgenstillen Straßen. Den Corso -auf und nieder.</p> - -<p>Er versuchte, sie sich vorzustellen. Die Erinnerungen von den Träumen -loszulösen. Sie aus jener Zeit sich vor Augen zu führen, als sie -verlobt waren. Aber er konnte sie nicht festhalten — er wußte mit -einem Male, daß er es nie gekonnt. Immer war etwas dahinter gewesen, -das er nicht hatte sehen können, er hatte nur gefühlt, es war da.</p> - -<p>Nichts wußte er von ihr. Heggen konnte jetzt bei ihr sein — er wußte -es nicht. Ein anderer war dagewesen, hatte sie selbst gesagt — welcher -andere — welche anderen — welches andere, das er nicht kannte und -doch immer gefühlt hatte?</p> - -<p>Nach diesem Ereignis aber konnte er sie auch nicht aufgeben, er wußte -es. Jetzt weniger als je zuvor. Und dabei kannte er sie nicht. Wer war -sie, die ihn in ihrer Gewalt hatte —? Wem hatte er angehört mit jedem -einzigen Gedanken, drei Jahre lang —?</p> - -<p>Furcht war es, Raserei, die ihn trieb, während er zu ihrer Tür -zurückjagte. Sie stand offen. Er lief die Treppen hinauf, sie sollte -ihm Rede stehen — sie kam nicht frei, bis sie ihm alles gesagt —.</p> - -<p class="mtop2">Ihre Türe stand offen. Helge blickte hinein — auf das leere Bett, die -blutigen Laken und das Blut auf dem Fußboden. Er wandte sich um und sah -sie zusammengekrümmt auf der obersten Stufe liegen, sah das Blut auf -der weißen Marmortreppe.</p> - -<p>Er schrie auf und sprang hinzu — riß sie hoch, hielt sie in seinen -Armen. Er spürte ihre erschlafften Brüste an seiner Hand und einen -kleinen lauen Rest von Lebenswärme, am Rande des Leibchens verborgen. -Doch Arme und Hände fielen kalt herab. Und er begriff, schaudernd, -greifbar, daß dieser Körper, den er vor wenigen Stunden in seinen Armen -gehalten hatte, heiß und bebend vor Leben, jetzt ein Leichnam war, der -bald zerfallen sein würde —.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p> - -<p>Er sank nieder mit ihr und schrie wild auf —.</p> - -<p>Heggen riß die Tür zur Terrasse auf. Sein Antlitz war weiß und -vergrämt. Da sah er Jenny —.</p> - -<p>Er ergriff Helge und schleuderte ihn zur Seite — ließ sich vor ihr auf -die Knie nieder.</p> - -<p>„Sie lag hier — als ich zurückkam, lag sie hier —.“</p> - -<p>„Laufen Sie nach einem Arzt! — Schnell —!“ Gunnar hatte ihr Hemd -aufgerissen — inwendig gefühlt — um ihren Kopf gefaßt — die Arme -hochgehoben, da erblickte er die Wunde. Jetzt riß er das hellblaue -Seidenband von ihrem Leibchen und band es fest über ihrem Handgelenk -zusammen.</p> - -<p>„Ja, ja, wo wohnt —“</p> - -<p>Rasend schrie Gunnar auf. Dann sagte er halblaut:</p> - -<p>„Ich werde gehen. Tragen Sie sie hinein —,“ aber er schlang selbst die -Arme um sie und ging auf ihre Türe zu. Als er das blutige Bett sah, -verzog er plötzlich das Gesicht. Dann wandte er sich um und stieß die -Tür zu seinem Zimmer auf. Er legte sie auf sein eigenes unberührtes -Bett nieder. Dann sprang er auf.</p> - -<p>Helge war neben ihm geblieben, den Mund wie in einem erstarrten Schrei -halb geöffnet. Aber in Gunnars Tür hielt er inne. Als er allein mit ihr -war, schlich er herbei und berührte mit den Fingerspitzen ihre Hand. -Dann brach er auf dem Fußboden zusammen, den Kopf an die Bettkante -gelehnt und weinte jämmerlich, sich zusammenkrampfend vor Grauen.</p> - -<div class="section"> - -<h3 id="III_XII">XII.</h3> - -</div> - -<p>Gunnar schritt über den schmalen, grasbewachsenen Weg zwischen hohen, -weißgekalkten Gartenmauern dahin. Auf der einen Seite lag die Kaserne, -eine Terrasse mußte dort drinnen sein — hoch über seinem Kopf standen -einige Soldaten, lachend und leise plaudernd. An der Ecke wippte ein -Büschel gelber Blumen, die in einem Mauerspalt wucherten. Doch auf der -anderen Seite des<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> Weges ragten die gewaltigen alten Pinien an der -Cestiuspyramide und der dichte Zypressenwald auf dem neuen Teil des -Kirchhofs zum blauen, silberbewölkten Himmel empor.</p> - -<p>Vor dem Gittertor saß ein halberwachsenes Mädchen im Gras und häkelte. -Sie öffnete ihm und knickste dankend, als er ihr eine Münze reichte.</p> - -<p>Die Luft war lenzhaft feucht, klar und weich. Hier drinnen auf dem -Friedhof in dem dichten, grünen Schatten wurde sie treibhausartig warm -und naß. Die Narzissen in den Rabatten am Wege dufteten heiß und schwül.</p> - -<p>Die alten Zypressen umstanden dicht wie ein Hain die Gräber, die sich, -dunkelfarbig von dem kriechenden Laube des Immergrüns und der Veilchen -in Terrassen bis zur epheubewachsenen alten Stadtmauer hinzogen. -Die Gedenktafeln der Toten leuchteten — kleine Marmortempel, weiße -Engelstatuen und schwere große Sarkophage. Moos breitete sich darüber -aus und schimmerte an den Stämmen der Zypressen. Hier und da war eine -weiße und rote Blüte in den dunkelleuchtenden Kronen der Kamelienbäume -zurückgeblieben, doch der größte Teil lag braun und welk auf dem -schwarzen, feuchten Humus, dessen herber, klammer Duft zu ihm aufstieg. -Ihm fiel etwas ein, was er einmal gelesen hatte — die Japaner liebten -die Kamelien nicht, denn ihre Blüten fielen voll und frisch ab wie -abgehauene Köpfe. —</p> - -<p>Jenny Winge war am weitesten drüben auf dem Friedhof begraben worden, -in der Nähe der Kapelle. Am äußersten Rande eines lichtgrünen, von -Tausendschön übersäten Grashügels, wo erst wenige Gräber lagen. Am -Rasenplatz entlang waren Zypressen gepflanzt worden. Sie waren aber -noch winzig klein, glichen Spielzeug mit den spitzen, schwarzgrünen -Kronen über den ranken, gezwirbelten braunen Stämmen, die an Säulen im -Kreuzgang eines Klosters gemahnten.</p> - -<p>Ihr Grab lag ein wenig für sich auf dem Anger. Das Gras war ringsherum -abgestochen worden, so daß der Hügel von einem Erdstreifen umgeben war. -Er war<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> hellgrau, die Sonne schien darauf und die Zypressen erhoben -sich dahinter wie eine Mauer.</p> - -<p>Gunnar preßte die Hände gegen sein Gesicht und ließ sich auf die Knie -nieder, bis sein Kopf ganz auf den welken Blumenkränzen lag.</p> - -<p>Er fühlte die Müdigkeit des Lenzes in allen Gliedern, und das Blut rann -krank vor Trauer und Leid bei jedem schweren Schlage seines Herzens. -Jenny — Jenny — Jenny — ihren lichten Namen hörte er in jedem -Vogelpfiff des Frühlings — und sie war tot —.</p> - -<p>Sie lag dort drunten in der Finsternis. Eine Locke ihres blonden Haares -hatte er abgeschnitten und trug sie in seinem Taschenbuch bei sich. Er -nahm sie wohl hervor und ließ sie in der Sonne funkeln — die kleinen -armseligen Fünkchen waren alles, was die Sonne jetzt zünden konnte von -all ihrem schweren, schimmernden Haar.</p> - -<p>Sie war tot und fort. Einige Bilder hatte sie hinterlassen, und ein -Abschnitt über sie stand in den Zeitungen. Eine Mutter und einige -Schwestern blieben zurück, die über <em class="gesperrt">ihre</em> Jenny trauerten — die -wahre hatten sie nie gekannt, sie wußten nichts über ihr Leben und -ihren Tod. Da waren die anderen — die starrten verzweifelt nach der -Jenny, die sie gekannt —. Sie wußten einiges, verstanden aber nichts.</p> - -<p>Es war nur seine Jenny, sie, die hier lag.</p> - -<p class="mtop2">Helge Gram war zu ihm gekommen. Er hatte gefragt und hatte erzählt, er -hatte gejammert und gebettelt:</p> - -<p>„Ich verstehe ja nichts. Weißt du es — oh, erkläre es mir, Heggen. -<em class="gesperrt">Du</em> weißt es. Kannst du mir nicht sagen, was du weißt!“</p> - -<p>Er hatte nicht geantwortet.</p> - -<p>„Da war ein anderer. Sie selbst sagte es. Wer war es? Warst du es?“</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Weißt du, wer es war?“</p> - -<p>„Ja, aber ich will es nicht sagen. Es nützt nichts, daß du fragst, -Gram.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span></p> - -<p>„Ja, aber ich werde verrückt, hörst du, Heggen — ich werde wahnsinnig, -wenn du mir nicht erklären kannst —.“</p> - -<p>„Du hast kein Recht, Jennys Geheimnisse zu wissen.“</p> - -<p>„Aber weshalb tat sie es denn? Meinetwegen — seinetwegen — -deinetwegen?“</p> - -<p>„Nein. Sie tat es allein ihretwegen.“</p> - -<p>Dann hatte er Gram gebeten, zu gehen. Jetzt war er fortgereist. Sie -hatten sich seitdem nicht wieder gesehen.</p> - -<p>Es war oben im Borghesegarten gewesen, als Gram zu ihm kam. Einige -Tage nach der Beerdigung. Er hatte dort im Sonnenschein gesessen. Er -war so müde. Er hatte alles ordnen und die nötigen Erklärungen nach -allen Richtungen abgeben müssen — anläßlich der Untersuchung des -Selbstmordes, des Begräbnisses — an Frau Berner hatte er geschrieben, -daß ihre Tochter plötzlich an Herzschlag verstorben sei. Aber etwas in -all dem hatte ihm gut getan. Die Tatsache, daß niemand von seinem Leide -wußte. Daß die große Erklärung, die er kannte, die einzig wahre war — -und die behielt er für sich. Das hatte seinen Schmerz so unendlich tief -in ihn versenkt. Jetzt würde er nie zu einem Menschen davon sprechen. -Er war sein eigen, ganz allein. Er würde den innersten Kern seiner -Seele für alle Zeiten bilden.</p> - -<p>Er würde sein Wesen färben und von seinem Wesen seine Farbe erhalten. -Er würde seinem Leben Richtung geben — und von ihm gelenkt werden -— würde Farbe und Form mit ihm wechseln, aber nie aus seinem Leben -getilgt werden können. Zu jeder Stunde des Tages in dieser ganzen Zeit -war er verschiedenartig — aber immer war er da, und so würde es immer -sein.</p> - -<p>Gunnar entsann sich des Morgens, als er zum Arzt lief, während der -andere mit ihr allein geblieben war — damals hatte er Helge Gram sagen -wollen, was er wußte, und es ihm sagen wollen, daß des anderen Herz zu -Asche zerfiel — wie sein eigenes.</p> - -<p>Aber während der Tage, die dazwischen lagen, war alles, was er wußte, -zu einem Geheimnis zwischen der<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> toten Frau und ihm geworden, zum -Geheimnis ihrer Liebe. Alles, was geschehen war, war geschehen, weil -sie war, wie sie war, und so, wie sie war, hatte er sie geliebt. Helge -Gram aber war ein gleichgültiger und zufälliger Fremder für ihn und -für sie, und er empfand nicht das Bedürfnis, sich an ihm zu rächen, -ebensowenig wie er Mitleid mit Helges Trauer hatte und mit seinem -Entsetzen über das Unfaßliche, was geschehen war.</p> - -<p>Diesen Menschen hatte ja nur der Zufall gesandt. Weil sie war, wie sie -war, geschah das alles. Ihr Sinn mußte sich eines Tages verwirrt einem -Windstoß beugen und fügen, weil er so rank und schlank emporgewachsen -war. Er selbst hatte geglaubt, sie könnte wachsen wie ein Baum, und -hatte nicht verstanden, daß sie nur wie eine Blume emporkeimte, -um Sonne zu bekommen und Blüten zu treiben mit all ihren schweren, -sehnsuchtsvollen Knospen. Auch sie war nur ein kleines Mädchen gewesen. -Und das würde als ewiger Schmerz in seinem Herzen zurückbleiben, daß er -das erst begriffen, nachdem es zu spät war.</p> - -<p>Sie konnte sich nicht wieder aufrichten, nachdem sie einmal geknickt -war. Sie war wie eine Lilie, die auch nicht aus der Wurzel aufs neue -treiben konnte, wenn der erste Stengel gebrochen wurde. In ihrem Wesen -lag nichts Geschmeidiges und Ueppiges. Aber er liebte sie, wie sie war.</p> - -<p>Und ihre Eigenart gerade verstand nur er allein. Er allein wußte, wie -blond und rein sie gewesen, wie aufstrebend, stark und rank, und doch -wie zerbrechlich und spröde mit ihrer empfindsamen Ehre, von der ein -Fleck niemals abgewaschen werden konnte, weil er seine Furchen zu tief -eingrub.</p> - -<p>Jetzt war sie tot. Und er war mit seiner Liebe viele Tage und Nächte -allein gewesen. Seines ganzen Lebens Tage und Nächte mußte er nun mit -ihr allein bleiben.</p> - -<p>Es hatte Nächte gegeben, in denen er verzweifelte Schreie in den -Kissen seines Bettes erstickte. Sie war<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> tot, und er hatte sie nie -besessen. Ihn aber hatte sie lieben, ihm hatte sie angehören sollen, -und sie war die einzige, die er geliebt. Sie war tot, und ihren -herrlichen, schlanken weißen Körper, der ihre Seele umschloß wie eine -sammetene Scheide eine schmale und feine, spröde Klinge, hatte er nie -berührt, nie gesehen. Andere hatten ihn besessen und nie gewußt, welch -wunderbarer und seltener Schatz es war, der sich in ihre Hände verirrt -hatte. Jetzt lag er vergraben in der Erde, häßlich, häßlich würde er -verändert werden, verzehrt und aufgelöst, bis er zu einem Häuflein Erde -inmitten der Erde zerfiele.</p> - -<p>Gunnar lag, erschüttert von Schluchzen, auf dem Erdboden.</p> - -<p>Andere hatten sie besessen. Sie aber hatten sie besudelt und -vernichtet, und hatten nicht gewußt, was sie taten. Er hatte sie nie -gehabt.</p> - -<p>Solange er lebte, würden Stunden kommen, wo er jammerte wie jetzt, daß -es so war.</p> - -<p class="mtop2">Und doch hatte nur er allein sie besessen. Nur in seiner Hand konnte -ihr goldenes Haar jetzt funkeln. Sie selbst, sie lebte jetzt in ihm, -ihre Seele und ihr Bild spiegelten sich in ihm, so klar und scharf wie -in einem stillen Wasser. Sie war tot, ihr Leid gehörte ihr nicht mehr -— es war jetzt in ihm — dort lebte es weiter und würde nicht sterben, -bis er selbst einst starb. Weil es lebte, würde es aber wachsen und -sich verändern — er konnte nicht wissen, wie sein Leid in zehn Jahren -aussehen würde, aber es konnte zu etwas Großem und Herrlichem wachsen.</p> - -<p>Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er eine merkwürdig -schwere und tiefe Freude empfinden würde, daß es so war.</p> - -<p class="mtop2">Doch jene Morgenstunden, als er auf der Terrasse über ihrem Haupte auf -und ab ging, während sie ihrem Leben ein Ende machte. Er entsann sich -dunkel, welche Gefühle ihn beherrscht hatten. Ein Aufruhr hatte in<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> -ihm getobt, sein Herz war in Harm und Zorn über ihre Tat, gegen sie -erbittert. Er hatte gebettelt und gefleht, um ihr helfen zu dürfen, -um sie aus dem Sumpf zu retten, in den sie sich verirrt — und sie -hatte ihn von sich gewiesen und sich vor seinen Augen weggeworfen, auf -Frauenart, eigensinnig, verantwortungslos, töricht, trotzig.</p> - -<p>Aber als er sie dann liegen sah — er hatte auch darüber gerast, -verzweifelt. Er würde sie dennoch nicht aufgegeben haben. Was sie auch -getan hätte — er hätte sie freigesprochen, ihr geholfen, ihr sein -Vertrauen, seine Liebe geschenkt, trotz allem.</p> - -<p>Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er ihr vorwerfen -würde, daß sie den Tod gewählt hatte — Jenny, du hättest es nicht tun -sollen. Aber es würden auch Stunden kommen, da er finden würde, sie -hatte es tun müssen, so wie sie war. Auch darum liebte er sie — ewig, -solange er lebte.</p> - -<p>Nur eines würde nie eintreten — der Wunsch, daß er sie nie geliebt -hätte.</p> - -<p>Wie er geweint hatte, verzweifelt, würde er wieder weinen müssen. -Darüber, daß er sie nicht eher geliebt. Ueber die Jahre, die er neben -ihr dahingelebt hatte, als sie sein Freund und Kamerad war, und er -nicht sah, daß sie das Weib war, das seines Lebens Gefährtin sein -sollte.</p> - -<p>Aber nie würde der Tag kommen, an dem er wünschte, er sei niemals -sehend geworden, wenn auch nur, um zu entdecken, daß es zu spät war.</p> - -<p class="mtop2">Gunnar richtete sich auf den Knien auf. Er holte eine kleine flache -Pappschachtel aus der Tasche hervor und öffnete sie. Darin lag eine -kleine Perle von Jennys rosa Kristallhalskette. Als er ihre Sachen -ordnete, fand er die Kette im Nachttisch; die Schnur war zerrissen. -Eine Perle hatte er an sich genommen und verwahrte sie.</p> - -<p>Er nahm etwas Sand vom Grabe und legte ihn in die Schachtel. Die Perle -rollte hin und her und wurde über und über mit grauem Staub bedeckt, -aber das<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> klare Rosa leuchtete hindurch, und die feinen Funken im -Kristall schimmerten und brachen sich im Sonnenlicht.</p> - -<p>All ihr Eigentum hatte er sorgfältig verpackt und an ihre Angehörigen -geschickt, sorgsam alle Briefe gesammelt und sie verbrannt. In einem -versiegelten Pappkasten lag ihr Kinderzeug. Das hatte er Franziska -geschickt, da Jenny eines Tages davon gesprochen hatte, daß sie es tun -wollte.</p> - -<p>Ihre Mappen und Skizzenblätter hatte er durchgeblättert und sie -darauf zusammengepackt. Aber erst hatte er vorsichtig einige Blätter -mit Zeichnungen von ihrem Buben herausgeschnitten und sie in seinem -Taschenbuch verwahrt.</p> - -<p>Sie waren sein. Alles, was in ihrem Leben ihr allein gehört hatte, das -war jetzt sein.</p> - -<p class="mtop2">Draußen auf dem Rasen wuchsen einige rotviolette Anemonen. Er erhob -sich gedankenlos und pflückte sie.</p> - -<p>Ach Frühling, Frühling.</p> - -<p>Er entsann sich des letzten Males, als er im Frühling daheim war, es -war jetzt zwei Jahre her.</p> - -<p>Auf der Umsteigestation erwartete ihn ein Karren mit einer roten Mähre -davor. Der Besitzer des Gefährtes war ein alter Schulkamerad. An einem -sonnenklaren Märzvormittag fuhr er auf dem Feldweg daher. Unter dem -lichtblauen Himmel breiteten sich Felder mit gelblichfahlem altem -Grase aus. Wo der verwitterte Hügel sich über der Ebene erhob, standen -Wacholder, Birken und Ebereschen in kleinen Gruppen bei einander, -die nackten glatten Zweige in die Luft streckend. Die Düngerhaufen -auf den gepflügten Feldern glänzten wie goldbrauner Sammet. Gehöfte -tauchten auf, eines nach dem anderen, mit den bekannten Umrissen der -Scheunen, mit gelben, grauen und roten Häusern, mit Aepfelgärten -und Fliederbüschen davor. Um den Ort zog sich der Wald, olivengrün, -mit einem lenzhaften, violetten Schimmer über den Birkenästen. Ein -vereinzelter Streifen Schnee lag nordwärts grünlichweiß im Schatten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p> - -<p>Ueber das ganze Kirchspiel herab rieselten an jenem Tage Triller -unsichtbarer Lerchen.</p> - -<p>Er nahm zwei weißschöpfige Bürschchen mit, die mit einem Eimer voll -Essen über den Weg trabten. Armselig gekleidet, in Holzschuhen -trotteten sie durch den Schmutz.</p> - -<p>„Wo wollt ihr hin, Jungens?“</p> - -<p>Sie blieben stehen und betrachteten ihn mißtrauisch.</p> - -<p>„Wollt ihr vielleicht dem Vater Essen bringen?“</p> - -<p>Sie gaben es zögernd zu, ein wenig überrascht, daß der fremde Mann das -wissen konnte.</p> - -<p>„Klettert herauf, dann dürft ihr mitfahren.“</p> - -<p>Er hob sie in den Wagen.</p> - -<p>„Wo arbeitet euer Vater denn, was?“</p> - -<p>„Auf Brustad.“</p> - -<p>„Brustad — ah so — ist das nicht der Schule gegenüber?“</p> - -<p>So ging das Gespräch hin und her. Der dumme, unwissende erwachsene -Mann fragte und fragte, wie Erwachsene immer mit Kindern sprechen. -Der Erwachsene fragt, und die Kleinen, die so viel Weisheit besitzen, -konferieren stumm mit Augenblinzeln und geben mit Vorbehalt nur so viel -zum besten, als sie für angemessen halten.</p> - -<p>Hand in Hand trabten sie über den Erdboden unter den rostbraunen -Palmweiden an dem brausenden Bach entlang, nachdem er sie abgesetzt -hatte. Er sah ihnen eine Weile nach, wendete den Wagen und fuhr seinem -eigenen Ziele zu.</p> - -<p>Daheim hatten sie abends Lesestunde. Ingeborg, seine Schwester, saß -drüben neben dem alten Eckschrank aus Birkenholz und lauschte mit -ekstatisch bleichem Antlitz und stahlblau glänzenden Augen einem -Schuhmachermeister aus Fredriksstad, der von Gnade sprach. Dann sprang -sie auf und sprach ihr Glaubensbekenntnis, zitternd vor Leidenschaft.</p> - -<p>Ingeborg, seine schöne, frische Schwester! Wie wild war sie einst -gewesen, wie hatte sie Tanz und Vergnügen geliebt! Und Lesen und -Lernen! Während er in der Stadt arbeitete, mußte er ihr Bücher und -Broschüren<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> senden und den „Socialdemokraten“ in Paketen zweimal die -Woche. Alles wollte sie wissen und lernen. Dann, als sie dreißig Jahre -alt war, wurde sie erweckt. Jetzt redete sie mit Zungen. —</p> - -<p>Ihre ganze Liebe hatte sie auf ihren kleinen Brudersohn Anders -geworfen, und das kleine Mädelchen, das sie in Pflege hatten, ein -uneheliches Kind aus Kristiania. Mit blitzenden Augen erzählte sie -ihnen von Jesus, dem Kinderfreund.</p> - -<p>Am Tage darauf schneite es. Er hatte die Kinder ins Lichtspieltheater -eingeladen, in einer kleinen Stadt eine halbe Meile von ihrem -Kirchspiel entfernt.</p> - -<p>Sie trabten an einem Steinwall zwischen dem Nadelwald und den Feldern -entlang. Alles war grauweiß von nassem Märzschnee — nur ihre Fußspuren -blieben dunkel hinter ihnen zurück. Er versuchte, die Kinder zu -unterhalten; fragte, und sie gaben ihre bedächtigen, zurückhaltenden -Antworten.</p> - -<p>Aber auf dem Heimwege waren es die Kinder, die fragten, und -geschmeichelt antwortete er ihnen ausführlich, ohne Vorbehalt. Sie -hatten Bilder von Cowboys in Arizona gesehen, und einer Kokosernte auf -den Philippinen. Er wurde eifrig und tat sein Bestes, um ordentlich -Bescheid zu geben und sich nicht festzufahren.</p> - -<p>O Frühling, Frühling!</p> - -<p>Es war auch ein Frühlingstag, als er mit ihnen, Jenny und Franziska, -nach Viterbo gefahren war.</p> - -<p>Schlank hatte sie in ihrem schwarzen Kleide dagesessen und aus dem -Fenster gestarrt. Wie groß und grau ihre Augen waren — genau erinnerte -er sich dessen.</p> - -<p>Ueber die Campagna — hier, wo keine Ruinen standen, die die Touristen -an sich zogen, höchstens hin und wieder in weiten Zwischenräumen eine -zusammengestürzte, formlose und namenlose Mauermasse, oder dieser und -jener kleine Pachthof mit zwei Pinien und einigen spitzen Strohmieten -vor dem Hause — hier fegten Sturmwolken grauschwarze, zerfetzte -Regenschleier über die öde, braune Weite hin. Die Schafherden drunten -im Tale, wo hin und wieder<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> etwas dorniges Gebüsch an dem Bette eines -Bächleins entlang wucherte, drängten sich zusammen.</p> - -<p>Dann fuhr der Zug zwischen Bergrücken und Wäldern hindurch, -hochstämmigem Eichwald, wo es weiß und blau und gelb in dem alten -verwelkten Laub blühte, wie daheim. Weiße Anemonen, blaue und -schwefelgelbe Primeln. Sie sehnte sich danach, hinauszukommen und sie -zu pflücken, sagte sie — zu sammeln und zusammenzuraffen im fallenden -Regen, unter den triefenden Zweigen, in dem nassen Laube. „Es ist wie -im Frühling daheim,“ sagte sie.</p> - -<p>Es hatte hier geschneit — graunasser Frühlingsschnee lag in den Lüften -— an den herabgefallenen Zweigen schmolz er zu hellen Streifen ein. -Die Blumen senkten ihre zusammengeklebten Kelche herab, naß und schwer -vom Schlamm.</p> - -<p>Kleine Wildbäche sprudelten die Abhänge hinab und schlüpften unter den -Bahnkörper. Hier färbte sie der Erdboden rostrot.</p> - -<p>Dann peitschte ein Regenschauer gegen die Abteilfenster und blendete -sie, trieb den Rauch der Lokomotive zur Erde nieder. Später klärte es -sich ein wenig auf, ein Lichtschimmer breitete sich über Tälern und -waldbestandenen Berghalden aus, der Nebel wich über die Gebirge zurück.</p> - -<p>Einige seiner Sachen hatte er in einen der Koffer der jungen Mädchen -gepackt. Abends, als es ihm einfiel, hatten sie bereits begonnen -sich auszukleiden. Sie lachten und plauderten drinnen, als er kam -und an ihre Türe pochte. Jenny öffnete einen Spalt und reichte ihm -das Erbetene hinaus. — Sie trug eine durchsichtige Frisierjacke mit -kurzen Aermeln, so daß der schmächtige, weiße Arm entblößt war. Der -hatte ihn zum Küssen verlockt, und doch wagte er nur einen einzigen so -flüchtigen, scherzhaften, daß dieser Kuß von selber um Verzeihung bat.</p> - -<p>Damals war er verliebt in sie gewesen. Als er berauscht war vom -Lenz, vom Wein und dem munteren, peitschenden Regen, den hastigen -Sonnenstrahlen und<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> seiner eigenen Jugend und Lebenskraft. Er hatte das -Verlangen, sie mit zum Tanz zu nehmen, das hohe, lichte Mädchen, das so -behutsam lachte, als versuche sie eine neue Kunst, die sie nie zuvor -getrieben. Sie, die mit ihren grauen Augen hinausstarrte, ernst und -sehnsuchtsschwer, auf all die Blumen, an denen sie vorüber fuhren und -die sie so gern hatte pflücken wollen.</p> - -<p>Oh, Herr mein Gott, wie hätte alles sein können! Das trockene, bittere -Schluchzen erschütterte ihn von neuem.</p> - -<p>An jenem Tage, als sie zum Montefiascone emporstiegen, regnete es auch, -daß es um der beiden Frauen geraffte Röcke und schmale Knöchel und Füße -vom Steinpflaster hoch aufspritzte. Wie hatten sie aber gelacht, die -drei, während sie durch die steilen, schmalen Straßen wateten, wo der -Regen ihnen, Wasserfällen gleich, entgegenrauschte.</p> - -<p>Als sie dann auf der Rocca angelangt waren, der Burgklippe inmitten des -kleinen alten Städtchens, da teilten sich die Wolken.</p> - -<p>Sie beugten sich alle drei über die Brustwehr und blickten an den -Bolsenersee hernieder, der tief unter den grünen Hängen mit den -Olivenhainen und Weingärten schwarz dalag. Die Wolken schwebten -niedrig über den Bergkuppen rings um den See. Dann aber lief ein -silberschlanker Regenschauer über den dunklen Wassersspiegel, breitete -sich aus und wurde blau, der Nebel wallte zurück und glitt in Senkungen -und Klüfte, während die Linien der Gebirge hervortraten. Die Sonne -brach durch die herabsinkenden Wolken, die sich golden und bleiernblau -um den Fuß kleiner, von steingrauen Burgstädten gekrönter Berge legten. -Im Norden, weit entfernt, tauchte eine hohe, kegelförmige Spitze auf. -Cesca behauptete, es sei der Monte Amiata.</p> - -<p>Ueber den frisch gewaschenen, blauen Lenzhimmel hin zogen sich die -letzten Reste der Regenwolken fort, schwer und silberverbrämt, vor der -Sonne zerfließend; das Unwetter flüchtete westwärts, dunkel drohend, -dorthin, wo die etrurische Hochebene sich braunschwarz und einsam<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> zum -fernen, weißgelben Glanzstreifen des Mittelmeeres herabsenkte.</p> - -<p>Oede, groß und streng war das Land weithin, wie eine -Hochgebirgslandschaft daheim, trotz der grauen Olivenhaine und -Weinranken, die sich zwischen den Reihen der Ulmen auf den grünen -Hügeln am See hinzogen.</p> - -<p>In den kleinen Anlagen oben rings um die Burgruine warfen die -Steineichen ihre eisenschwarzen alten Blätter von den Zweigen ab, die -schon neue Knospen trugen. Hier waren Hecken von einer Art immergrünen -Buschwerks mit lederartigem Laub. Das junge neue von diesem Frühling -glänzte in unnatürlichem Goldgrün.</p> - -<p>Gemeinsam mit ihr hatte er sich in den Schutz der Hecke gehockt und -seine Jacke vorgehalten, damit sie sich eine Zigarette anzünden könnte. -Der Lenzwind blies eisig scharf und rein hier oben, so daß sie in ihren -nassen Kleidern leicht erschauerte. Ihre Wangen waren rot und die Sonne -glänzte auf dem feuchten, goldenen Haar, das sie sich mit der freien -Hand aus den Augen strich.</p> - -<p>Dort hinauf wollte er reisen. Morgen schon.</p> - -<p>Dort wollte er den Lenz grüßen, den frierenden, nackten, -erwartungsvollen Lenz, dessen Blütenaugen ringsum geblendet sind von -Nässe, vor Kälte im Winde zittern und dennoch blühen.</p> - -<p class="mtop2">Der Lenz und sie — sie waren jetzt eins für ihn. O Gott — sie, die -dort oben stand und fror und lachte, in dem unbeständigen Wetter, und -alle Blumen in ihrem Schoße sammeln wollte.</p> - -<p>„Ach, du meine kleine Jenny, du konntest nicht all die Blumen pflücken, -wie du gewollt, deine Träume erblühten nie — und jetzt träume ich sie.</p> - -<p>Wenn ich dann lange genug gelebt habe, so daß mich Sehnsucht erfüllt -wie einst dich — vielleicht tue ich dann wie du und spreche zu meinem -Schicksal, gib mir einige Blüten nur, ich begnüge mich mit weit -Geringerem, als ich ersehnte, da ich mein Leben begann.<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> Und dennoch -sterbe ich nicht, wie du gestorben bist, denn dir konnte es doch nicht -genügen. Ich behalte nur die Erinnerung an dich, küsse deine Perle -und dein goldenes Haar und denke, nein, sie konnte nicht leben, wenn -sie nicht die Beste sein und das Beste als ihr Recht fordern durfte. -Dann sage ich vielleicht, dem Himmel sei Dank, daß sie lieber den Tod -wählte, als so weiterzuleben.</p> - -<p>Aber heute Nacht gehe ich hinaus auf den Petersplatz und lausche des -Springbrunnens ekstatischer Musik, die niemals schweigt und träume -meinen eigenen Traum.</p> - -<p>Ja, Jenny, denn nun bist du mein Traum, niemals habe ich einen anderen -gehabt. —</p> - -<p>Ach, Träume, Träume.</p> - -<p>Wenn dein Kind gelebt hätte, Jenny, so wäre es nicht geworden, wie du -es dir geträumt hattest, als du den Knaben in deinen Armen hieltest und -ihm deine Brust reichtest. Gut und schön hätte er werden können — oder -schlecht und häßlich — nur wie du ihn erträumtest, so wäre er nicht -geworden. —</p> - -<p>Keine Frau hat je das Kind geboren, von dem sie träumte, als sie -schwanger ging. Kein Künstler hat je das Werk geschaffen, das er in der -Stunde der Eingebung vor sich sah. Wir erleben Sommer auf Sommer, aber -keiner ist wie der, den wir herbeisehnten, als wir uns niederbeugten -und die ersten nassen Blüten unter den Sturmschauern des Lenzes -pflückten.</p> - -<p>Keine Liebe wurde so, wie sie zwei erträumten, die einander zum ersten -Male küßten. Hätten wir, du und ich, zusammen gelebt — wir hätten -glücklich oder auch unglücklich mit einander werden können; wir konnten -einander unsagbare Freude oder unsagbares Leid zufügen. Jetzt aber -werde ich niemals erfahren, wie unsere Liebe geworden wäre, wenn du -mir angehört hättest. Das Einzige, was ich weiß, ist: so, wie ich -sie erträumte in jener Nacht, als ich mit dir zusammenstand, und der -Springbrunnen im Mondenschein plätscherte — so wäre unsere Liebe nicht -geworden. Und das ist bitter. — —</p> - -<p>Dennoch. —</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span></p> - -<p>Herr mein Gott — ich wünsche nicht, daß ich diesen Traum nie geträumt -hätte. Und ich möchte den Traum nicht missen, dem ich mich jetzt -hingebe.</p> - -<p>Jenny, mein Leben wollte ich opfern, könntest du mir droben auf der -Bergklippe begegnen wie einst, könntest du mich küssen, mir nahe sein -— einen Tag nur, eine Stunde. — Ständig, unablässig muß ich daran -denken, wie unser beider Leben sich gestaltet hätte, wenn du nicht -von mir gegangen, wenn du mein eigen geworden wärest. Ach Jenny, ein -grenzenloses Glück ist verspielt. Du bist nicht mehr und hast mich so -arm, so arm gemacht. Nur meine armseligen Träume umweben dich und irren -ruhelos umher, dich zu suchen. — Und dennoch. Messe ich meine Armut -an der Anderen Reichtum, so dünkt sie mich überwältigend reich und -strahlend. Sollte ich sie auch mit meinem Leben bezahlen, so würde ich -doch nimmer meine Liebe zu dir, meine Träume und meinen Gram um dich, -wie er mich jetzt zerreißt, hingeben ....“</p> - -<p class="mtop2">Gunnar Heggen wußte nicht, daß er in seines Herzens grenzenlosem -Aufruhr seine Arme gen Himmel streckte und halblaut vor sich -hinflüsterte. Die Anemonen, die er gepflückt, hielt er noch immer in -seinen Händen, aber er wußte es nicht.</p> - -<p>Die Soldaten auf der Kasernenmauer lachten über ihn, aber er sah es -nicht. Er preßte die Blumen gegen seine Brust und murmelte leise vor -sich hin, während er sich von dem Sonnenschein, der über dem Grabe lag, -langsam dem dunklen Zypressenhain zuwandte.</p> - -<p class="center mtop2"><em class="gesperrt">Ende.</em></p> - -<hr class="full x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="schmal break-before"> - -<p class="center mtop2">In demselben Verlage erschienen:</p> - -<p class="s2 center">HARALD BERGSTEDT</p> - -<p class="s1 center">Alexandersen</p> - -<p class="s3 center">Eine Pilgerfahrt</p> - -<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Roman</em></p> - -<p class="center">327 Seiten</p> - - <div class="tabcent"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">Preis: </div> - <div class="csscell">broschiert </div> - <div class="csscell">M. 27.—</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">geb. in starkem Pappband </div> - <div class="csscell">M. 32.—</div> - </div> -</div> - </div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Hamburger Correspondent v. 1. 3. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Lukians köstliche Lügen der milesischen Märchen, Swift Gullivers -Reisen, Wielands Abderiten und nicht zuletzt Andersens Mär vom -fliegenden Teppich scheinen Vorbilder zum Bau dieser prächtigen -Pilgerfahrt gewesen zu sein. Doch es scheint nur so. Das Buch ist -ganz Eigenart — tief und voll abgeklärter Weltanschauung. ....</p> - -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Welt am Montag v. 20. 12. 20:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Gedankentiefe Symbolik, gelegentlich mit heiterer Satire -gewürzt, projiziert Welt und Zeit, in der wir leben, in ein -Märchenreich. Der Skandinavier <em class="gesperrt">Harald Bergstedt</em> wird in -Deutschland bald zu den bekanntesten Autoren zählen. ....</p> - -<p class="right mright2">W—r.</p> - -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Vossische Zeitung v. 12. 6. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Dieser Roman ist mit einem ganz brillanten Witz, mit einer -ungewöhnlich scharfen Satire erzählt, mit barocken Zwischenstrophen -durchsetzt. In überraschender Fülle drängt sich Bild an Bild. Man -liest in atemloser Spannung, kommt aus dem Lachen nicht heraus, -und überlacht doch niemals den Ernst des Ganzen. Das ist die -ergötzlichste Universal-Zivilisationskarikatur, die mir seit -langem vorgekommen ist. Dieser dänische Küsterssohn hat in seiner -kleinen Provinzstadt — Saeby — ein Buch von europäischer Geltung -geschrieben. ....</p> - -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p class="s2 center">JOHANNES BUCHHOLTZ</p> - -</div> - -<p class="s1 center">Egholms Gott</p> - -<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Roman</em></p> - -<p class="s4 center">224 Seiten</p> - - <div class="tabcent"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">Preis: </div> - <div class="csscell">broschiert </div> - <div class="csscell">M. 20.—</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">geb. in starkem Pappband </div> - <div class="csscell">M. 25.—</div> - </div> -</div> - </div> - -<p class="p0 s3 mtop1">München-Augsburger Ztg. v. 19. 5. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Tragik und schneidender satirischer Humor verbinden sich in -erschütternder Weise. ....</p> -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Welt am Montag v. 20. 12. 20:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... In „Egholms Gott“ lernen wir einen Erzähler kennen, der mit -naturalistischer Schärfe die Tragödie des proletarischen Phantasten -schildert. ....</p> -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Weser-Zeitung v. 12. 2. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... In dem starken Werk, das ein Familienschicksal aus der Tiefe -der sozialen Schichtung schildert, einen sich tiefernste Tragik und -satirisch schneidender Humor in ergreifender Weise.</p> - -<p class="right mright2">ur.</p> - -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Neues Wiener Tageblatt v. 27. 4. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Buchholtz setzt die Linie der großen skandinavischen Erzähler -einer älteren Generation fort. Die Gestalt dieses Egholm, eines -Typus des nordischen Menschen, ist mit Meisterhand gezeichnet, wie -überhaupt der Roman von hohem, dichterischem Können Zeugnis gibt. -Kein falsches Wort stört, und keine Konzession an sentimentale -Herzen, und er ist von einer weltabgewandten, in sich ruhenden -Gedanklichkeit durchströmt.</p> - -<p class="right mright2">Dr. <em class="gesperrt">Hugo Greinz</em>.</p> - -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p class="s2 center">LAURIDS BRUUN</p> - -</div> - -<p class="s1 center">OANDA</p> - -<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Roman</em></p> - -<p class="s4 center">277 Seiten</p> - - <div class="tabcent"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">Preis: </div> - <div class="csscell">broschiert </div> - <div class="csscell">M. 24.—</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">geb. in starkem Pappband </div> - <div class="csscell">M. 30.—</div> - </div> -</div> - </div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Hamburger Correspondent v. 6. 4. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... alle diese Schilderungen zeugen von unübertrefflicher -Gestaltungskraft. „Oanda“ ist ein sozialer Roman im besten Sinne des -Wortes, in eigentümlicher Weise verklärt durch die fast märchenhaft -anmutende Gestalt der Heldin selbst. Die musterhafte Übersetzung -und die ausgezeichnete äußere Ausstattung erhöhen noch den Wert des -Buches.</p> - -<p class="right mright2">Dr. <em class="gesperrt">Nagel</em>.</p> - -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Vorwärts v. 5. 6. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Wer Laurids Bruuns frühere Bücher, insbesondere sein van Zantens -Buch kennt, weiß, daß der Verfasser von einem Utopia der Menschengüte -träumt, weiß auch, daß er seinen Träumen Gestalt zu geben versteht. ....</p> - -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Literarisches Echo, 23. Jahrgang, Heft 13:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>Aus den Romanen Laurids Bruuns, die wie sonnige glückliche Inseln im -trüben Meer unserer literarischen Erinnerungen liegen, kehren manche -vertrauten, edlen Menschen in diesem Buche wieder, so daß wir alsbald -in ihm heimisch sind und die Vorgänge sofort Relief und Perspektive -bekommen. ....</p> - -</div> - -<div class="section mtop3"> - -<p class="s2 center">EJNAR MIKKELSEN</p> - -</div> - -<p class="s1 center">Sachawachiak<br /> der Eskimo</p> - -<p class="s4 center">Ein Erlebnis aus Alaska</p> - -<p class="center">180 Seiten</p> - - <div class="tabcent"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell">Preis: </div> - <div class="csscell">broschiert </div> - <div class="csscell">M. 16.—</div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell"> </div> - <div class="csscell">geb. in starkem Pappband </div> - <div class="csscell">M. 20.—</div> - </div> -</div> - </div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Deutsche Allgemeine Zeitung v. 8. 5. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Dieses Buch hätte niemand schreiben können, der nicht selbst -eine Zeit seines Lebens fern von der Kultur, dem Abenteuer -hingegeben, Entbehrungen und Gefahren auf sich genommen hat; aber der -wagemutige Forscher allein hätte es ebensowenig zustande gebracht. -Es gibt in der Erzählung einige Partien, etwa die Schilderung der -rasenden Jagd, in der Sachawachiak seinen Peiniger verfolgt, die an -die grobe Volksepik, an alte Heldenlieder erinnern, an Gogols „Taras -Bulba“ oder Selma Lagerlöfs „Gösta Berling“. ....</p> -</div> - -<p class="p0 s3 mtop1">Weser-Zeitung v. 5. 2. 21:</p> - -<div class="mleft1"> - -<p>.... Da sind Urlaute, da pulst — trotz Schnee und Eis — ein wildes -Leben. Die Fabel ist eigentlich nur Mittel zum Zweck. Gewiß: die -Zertrümmerung einer primitiven Kultur durch Branntwein und Syphilis -soll sich gestalten, in der Hauptsache aber will der Verfasser, der -als arktischer Forscher einen guten Namen hat, den eigenartigen -Daseinsrhythmus jener nördlichen Himmelsstriche, wo Menschen wohnen, -vergegenwärtigen. ....</p> -</div> - -</div> - -<hr class="full x-ebookmaker-drop" /> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>JENNY</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away—you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ -electronic works. See paragraph 1.E below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the -Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg™ mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg™ -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg™ name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg™ License when -you share it without charge with others. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg™ work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country other than the United States. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work -on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the -phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: -</div> - -<blockquote> - <div style='display:block; margin:1em 0'> - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most - other parts of the world at no cost and with almost no restrictions - whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms - of the Project Gutenberg License included with this eBook or online - at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you - are not located in the United States, you will have to check the laws - of the country where you are located before using this eBook. - </div> -</blockquote> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.2. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase “Project -Gutenberg” associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™ -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.3. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg™ License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg™. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg™ License. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format -other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg™ website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain -Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg™ License as specified in paragraph 1.E.1. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg™ electronic works -provided that: -</div> - -<div style='margin-left:0.7em;'> - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation.” - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™ - works. - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - </div> - - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg™ works. - </div> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™ -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the “Right -of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg™ electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/old/68511-h/images/cover.jpg b/old/old/68511-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b027f28..0000000 --- a/old/old/68511-h/images/cover.jpg +++ /dev/null |
